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Meeresrauschen - Frenuyum - 12-06-2025 Freitag, 10.04. Ich liebe ja eigentlich spontane Aktionen, aber, um diesen Unternehmungen auch mein Wohlwollen zukommen zu lassen, bedarf es doch schon eines gewissen Maßes an Planung. Die Aktion, die mein Flo an diesem Wochenende mit mir vorhatte, entbehrte jedweder Grundlage auch nur eines logischen Gedankens, jedenfalls aus meiner Sicht der Dinge. Als er um kurz nach zwölf in mein Büro stürmte, war ich eigentlich schon auf dem Sprung zu einem meiner wichtigsten Kunden. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dem Besuch meines Liebsten. „Schatz. Was ist?” „Rate mal, wo wir heute Abend sind?” „Im Bett?” „Du denkst auch immer nur an das eine!” „Wenn ich dich sehe, …”, ich ließ den Satz unvollendet und schlüpfte in meine Jacke. „Was machst du?” „Ich ziehe mir meine Jacke an und fahre zu Deppermann. Der will heute noch den Vorentwurf für seine Schreinerei sehen.” Er zog einen Schmollmund. Erst da bemerkte ich eine gepackte Reisetasche neben ihm. „Willst du verreisen?” „Nein, wir!” Ich war leicht irritiert. „Äh, hab ich was vergessen?” Ich kratzte mich an der Stirn. „Marius, ausnahmsweise hast du diesmal nichts vergessen, ich wollte dich überraschen!” „Und womit?” „Menno! Ich wollte mit dir nach Borkum, ein Wochenende ausspannen. Um vier geht die Fähre. Nächste Woche gehe ich ja in Trainingslager und da dachte ich, …” Ich ging auf ihn zu, nahm seinen Kopf in meine Hände und küsste ihn zärtlich auf die Lippen. Sofort öffnete er seinen Mund und meine Zunge spielte mit der seinen. „Tja, was machen wir nun?” Er schaute mich fragend an. „Hättest Du angerufen! Ich kann den Termin nicht mehr verlegen. Deppermann ist nur noch heute Nachmittag greifbar, fährt morgen zu seinem kleinen Parteitag und du weißt, wenn der Job klappt, habe ich den Stadtauftrag so gut wie sicher.” Wir leben zwar offiziell in einer – der kommunalen Neugliederung der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts sei Dank – Großstadt, aber die Strukturen der Macht sind dennoch eher ländlich geprägt, und was das bedeutet, kann sich jeder an fünf Fingern abzählen. „Pass auf, ich beeile mich, und dann nehmen wir halt die letzte Fähre. Die geht gegen sechs, wenn ich mich nicht irre. Außerdem kannst du dann in der Zwischenzeit ja schon für mich packen, den Wagen tanken, Simon anrufen, dass wir morgen nicht kommen, die Blumen gießen, …” „Ja, Massa!” Er grinste. „Packen brauche ich nicht mehr, deine Klamotten hab’ ich schon hier!” „Ach ja?” „Wir fahren nur zu Onkel Henning. Da brauchen wir eh nicht viel. Wir sind ja alleine!” „Wieso? Ist er nicht da?” „Doch, aber die Handwerker sind im Haus. Er rief heute früh an und fragte mich, ob ich ihm ein paar Rohre verlegen kann. Und du wolltest ja eh am Wochenende für unser wertes Stadtoberhaupt arbeiten. Da dachte ich, wir verbinden das angenehme mit dem nützlichen und fahren zusammen. Du kannst im Atelier arbeiten und ich quäle mich mit Muffen und den Wasserleitungen.” Er schaute mich mit seinem Dackelblick an, dem ich einfach nicht widerstehen konnte, auch nach mittlerweile drei Jahren unserer engeren Beziehung. Ich versank immer noch in die tiefblauen Augen, die jede Frau in Verzückung gebracht hätten. Ich nahm meinen Aktenkoffer, er die Reisetasche und wir gingen hinaus in den Laden. „So, Felix, ich bin dann weg!” „Deppermann?” „Jepp!” „Kommst du nachher noch mal rein?”; wollte mein Kompagnon wissen. „Nein! Höhere Umstände! Meine bessere Hälfte will mich auf die Insel entführen!”, ich grinste. „Dann mal viel Spaß auf Borkum und grüß mir Henning. Wir fahren ja nächste Woche mit den Zwillingen zu ihm. Zwei Wochen Ruhe!” „Äh? Hab ich was vergessen?” „Nein Marius, hast du nicht! Ich bring Claudia und die Kinder nur hin, bleibe übers Wochenende und bin dann am 20.sten, das ist der Montag deiner Prüfungsklausur, wieder hier, um aufzuschließen. Steht auf jeden Fall so in meinem Terminkalender.” „Und zwei Wochen Ruhe?” „Zwei Wochen ohne meine Frauen? Was ist das denn? Ruhe PUR für einen 36-jährigen Mann!” Ich lachte, nahm meinen Spatz an die Hand und verließ die Räumlichkeiten von FM Computer, wie unser gemeinsames Geschäft heißt. Felix (das F) ist Hauptgesellschafter und der Hardwarespezialist bei uns, ich (das M) mache als Juniorpartner in Software und treibe, mehr oder minder erfolgreich, mein Informatikstudium an der Uni voran. „Wie bist du hier?” „Mit Knut.” Nicht wundern, mein blondgelockter Gatte gibt seinen Autos Namen, verstehe wer will. Für mich sind Autos Gerätschaften, die mich von A nach B zu transportieren haben, mehr nicht, eine Seele? Na ja, war es nicht Sokrates, der Steinen Leben verlieh? Auch egal, irgend so ein alter Grieche halt. „OK, dann nehmen wir den Firmenwagen. Du kannst mich bei Deppermann rauslassen und fährst dann zu mir. Pack bitte Linus (mein Laptop mit Linux) und Schröder (meinen Notebookdrucker) und die Kabeltasche ein. Ich brauch auch noch die Unterlagen, die auf dem rechten Sideboard liegen, nur für alle Fälle. Dann bringst du Felix den Wagen wieder und nimmst Knut.” Ich gebe nur meinen Rechnern Namen, denn die bringen mich, wie mancher Mensch, auch oftmals zur Verzweiflung. Wir stiegen ein und mein Schatz setzte seine Brille auf. Eigentlich braucht er sie nur zum Autofahren, aber ich finde, die Nickelbrille steht ihm. Er sieht damit besser, intelligenter, süßer und spitzbübischer aus. Aber er meint, wenn er auf dem Eis steht oder an irgendwelchen Toiletten rumhantiert, würden die Augengläser nur stören. Seiner Ansicht nach wäre es ein unüberbrückbarer Gegensatz: Klempner und Brillenträger, na ja, was soll’s? Wir fuhren mit dem silberfarbenen Meriva in Richtung des neuen Gewerbegebiets. Hier hatte unser OB seinen, d.h. den elterlichen Schreinerbetrieb, angesiedelt. Der Bauantrag dauerte nur drei Monate und er konnte bauen! Nicht wundern, er ist das Stadtoberhaupt. Der Wagen hielt vor der der Schreinerei Wilhelm Deppermann und Söhne. Ich warf meinem Kleinen, der eigentlich 5 cm größer ist als ich, einen angehauchten Kuss zu und stieg aus, nahm meinen Koffer vom Rücksitz und rückte die Krawatte zurecht. „Das schaffst du mit Links, Großer!” Diese Augen! Nein, konzentrier dich, dachte ich. „Ich bin dann in einer Stunde wieder hier.” „Gut. Denkst du an die Sachen? Musst du tanken?” „Mama, ich bin schon groß!” Diese Stimme! „Ich liebe dich!” „Geht mir auch so! Und zeig’s den Affen!” „Mach ich!” „Schön, dass du es einrichten konntest. Komm mit!” Der OB kam mir entgegen und schüttelte mir die Hand. „Was macht Vattern?” „Dem geht’s gut. Er lässt dich grüßen und fragen, ob du auch zur Antrittskneipe kommst.” „Braucht er wieder mal eine Mitfahrgelegenheit?” „Du kennst ja deinen Leibburschen! Du bist immer noch sein Fux, auch wenn du jetzt 52 bist.” Ich grinste den OB an und er fing auch an zu schmunzeln. Ja, ja, die Studentenzeit. Um fragenden Blicken vorzubeugen, der OB Klaus Deppermann, mein Vater Dr. med. dent. Urban van Aarp und meiner einer waren und sind Mitglieder ein und derselben Verbindung. Also herrscht zwischen uns das uneingeschränkte Du, jedenfalls wenn man unter sich ist. Ich blickte auf die Uhr. Es war mittlerweile kurz vor drei, der Termin hat länger gedauert, als eigentlich beabsichtigt, Flo musste wütend auf mich sein, wie lange wartete er mittlerweile auf mich? Eine Stunde?. Die Deppermänner, also unser allseits beliebter OB Klaus und sein arbeitender Bruder Wolfgang, waren sofort mit dem Vorschlag einverstanden, aber der dem Internet vollkommen auf Kriegsfuß stehende Prokurist , Stachowinsky hieß er, glaube ich zumindest, stellte immer wieder eine dämliche Frage nach er anderen. Es zog sich wie Kaugummi. Es war dann Klaus, der dann dem Spuk ein Ende machte. „Herr van Aarp, der Worte sind genug gewechselt, es sollen Taten folgen! Sie haben den Auftrag!” Ein Stein größeren Ausmaßes fiel mir vom Herzen. Den beiden Deppermännern wohl auch, sie hatten noch anderes vor. Im Hinausgehen meinte dann unser OB, er legte schon wieder die Hand um meine Schultern: „So, das hätten wir. Marius, bist du Montag auf dem Konvent?” „Denke schon. Wieso fragst du?” „Peter, er …” „Was ist mit deinem Sohn?” „Nun, er will unbedingt Senior…” „Klaus, ich hätte sowieso für ihn gestimmt.” „Gut!” War der Auftrag Stimmenkauf? Mir soll’s egal sein. Geld stinkt nicht. Verbindungen öffnen zwar Türen, aber eintreten muss man selber. Ich verabschiedete mich und ging die Treppe hinunter. Auf der anderen Straßenseite sah ich Knut. Ich lief auf den kleinen roten Sportwagen mit der Regenbogenflagge am Heck zu und konnte es nicht erwarten, den Fahrer in meine Arme zu schließen. „Das hat ja Ewigkeiten gedauert!” „Tut mir leid, Flo. aber ich musste erst deinen Parteigenossen überzeugen, der war ja so anstrengend.” Ich grinste ob des eingeheimsten Auftrags und konnte es nicht lassen, meinen Geliebten mit seiner Parteipräferenz aufzuziehen. Na ja, ich weiß ja nicht genau, wo er sein Kreuz in der Wahlkabine macht (eines der ungeklärten Geheimnisse zwischen uns), aber er als GWS (Gas-Wasser-Scheiße) Spezialist ist er doch eher einer anderen Richtung zuzuordnen als der Spross einer Zahnarzt- (väterlicherseits) und Apothekerfamilie (mütterlicherseits). Um eventuellen Unklarheiten vorzubeugen, ich bin, wie bereits erwähnt der Marius, gerade 26 geworden, trage Brille über meinen dunkelbraunen Augen, habe ebensolches Haar, obwohl, ich muss es ja zugeben, dass schon an einigen Stellen ergraut ist. Aber nur leicht! Und die sieht man nur, wenn die Haare lang sind. Vielleicht liegt es daran, dass ich Kurzhaarfrisuren bevorzuge, ich weiß es nicht. Aber wenn ich meinen Vater und meinen vier Jahre älteren Bruder so betrachte. Bei Alexander ist das mittlerweile ein mittelgroßer Fliegenlandeplatz, in Airportgröße gerechnet, ist die Glatze meines Produzenten mit dem Flughafen Heathrow vergleichbar. Alexander ist wie mein Vater Zahnarzt und meine Schwester, die drei Jahre älter ist als meine Wenigkeit, hat nach der Babypause ihr Pharmaziestudium wieder aufgenommen und wird eines Tages die Apotheke meiner Mutter übernehmen. Ich bin daher der jüngste Spross der Familie van Aarp und das alte Gerücht, das das jüngste Kind schwul ist, bewahrheitet sich wieder einmal. Und da ich eh aus der Art geschlagen bin, bin ich weder das eine oder das andere, sprich Dentist oder Pillendreher, sondern habe mein Hobby zum Beruf gemacht. OK, es dauert noch etwas, bis ich mein Diplom als Informatiker in der Tasche habe, aber bald wird es soweit sein, da bin ich mir sicher. Schließlich arbeite ich ja auch nebenbei und das nicht zu wenig. Ich bin wirklich kein Student, der erst um zwölf aufsteht. Das musste ich mal loswerden. Was soll ich großartig über mich berichten? So ganz aus der Art geschlagen bin ich dann aber auch doch nicht, denn ich bin ja immerhin während meines Studiums in eine Verbindung eingetreten (aus eigener Überzeugung wohl gemerkt!) und habe da so zumindest mit der Familientradition nicht gebrochen. Familie hat sowieso einen ganz besonderen Stellenwert für mich. Nicht das ich aus einer Bilderbuchfamilie entstamme, auch bei uns hängt manchmal der Haussegen schief, aber es ist der Zusammenhalt, der mir vorgelebt wird und den ich so schätze. Auf meine Leute kann ich mich stets verlassen, mein gesicherter Rückzugspunkt, wenn man so will. Genau wie ich alles für sie tun würde, würde sie mich, egal in welche Situation ich gerate, mit all in ihren Kräften unterstützen. Es ist fast wie bei den berühmten Musketieren: Alle für einen, einer für alle. Ehe man mich jetzt falsch versteht: Wir glucken aber nicht aufeinander und jeder von uns hat seinen eigenen Freundes- und Bekanntenkreis und ist ein freier Mensch, der machen kann, was er (oder sie) will. Aber es gibt da den gewissen Rückhalt, der einem das Leben einfacher macht. Und diesen Punkt möchte ich nicht missen, denn er hat mir und uns, d.h. meinem Flo und mir, schon viel geholfen. Ich wüsste nicht, ob wir die Reaktion seiner Mutter auf sein Coming Out damals so gut überstanden hätten, wenn wir allein auf uns gestellt gewesen wären und es da nicht die speziellen Familienbande derer van Aarps gegeben hätte. „Hast du alles?” „JA!” Hörte ich da eine gewisse Gereiztheit aus seiner Stimme? OK, ich gebe es ja zu, es war nicht die feine Englische, ihn warten zu lassen ohne Nachricht, aber ich hatte immerhin einen Auftrag im Wert von 3.500 Euro für FM Computer an Land gezogen. Würde die nächsten vier Ladenmieten sichern. Und was bedeutet eine Stunde Wartezeit dagegen? „Dann mal los! Ich will raus aus den Klamotten, und Flo, …” Ich schaute ihn an und legte meine Linke auf seinen Oberschenkel und fing ganz langsam an, den Jeansstoff zu massieren. „Verzeih mir!” Er schaute nur kurz nach links, denn der einsetzende Berufverkehr, in den wir hineingerieten, wurde zunehmend dichter und erforderte seine ganze Konzentration. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Schon gut, mein Engel. Wir sind quitt. Ich habe dich überfallen und entführ dich nun. Was macht die eine Stunde?” Meine Hand wanderte höher. „Danke, dass du mir meine Sünde vergibst.” Meine Finger hatten seinen Reisverschluss erreicht. „Na ja, vergeben? Du kannst sie ja abblasen!” Ich öffnete das Tor. „Marius! Was machst du?” „Ich tue Buße!”, sprach’s und ließ meinen Fingern freien Lauf. Ich spürte die kurzen, erst vorgestern gestutzten Haare, und ließ meinen kleinen Finger an der Wurzel liegen. Habe ich erwähnt, dass mein Florian im normalen Leben auf Unterhosen verzichtet? Nur im Eishockeydress trägt er die Liebestöter, wie er selbst Calvin Kleins Erzeugnisse bezeichnet. „Marius van Aarp! Willst du uns umbringen?” „Du weißt doch, ich will in deinen Armen vergehen, mein Schatz!” „Ich ja auch in deinen, aber bitte erst in fünfzig Jahren und nicht mit vierundzwanzig. Das ist definitiv zu jung!” Ich fing an zu lachen. „Stimmt.” Ich zog meine Finger heraus und brachte den Verschluss wieder in Ausgangsposition. „Was soll das denn jetzt?” „Du wolltest doch nicht!”, ich tat entrüstet. „Komm her, du kleiner Nimmersatt!” Da wir gerade eh vor einer roten Ampel standen, beugte er den Kopf zu mir herüber und küsste mich. Sofort begann das Zungenspiel. Er fuhr erst los, als der LKW hinter uns zum zweiten Mal hupte. Ich nahm meine Krawatte ab und kramte nach meinem Mobilknochen. „Felix! Wir haben den Auftrag!” „Gut, dann kann ich ja auch mit Claudia heute Abend groß Essen gehen.” „Aber nur in die Frittenschmiede!” „Ekel. Aber immerhin. Ach, da kommt Kundschaft! Viel Spaß euch beiden und Gruß an Henning!” „Danke, werde ich machen!” „Ach Marius.” „Ja?” „Dein Schlüsselbund.” „Was ist mit dem?” „Der liegt hier auf deinem Schreibtisch, hab ihn gerade gefunden.” „Shit!” „Ja, ja, das Alter. Mit 26 setzt der Verfall ein!” „Arsch!” „Angenehm, Bärwald.” „Schmeiß ihn bei mir in den Kasten, wenn du gleich nach Hause fährst.” „Werde ich machen, Flo hat ja, Gott sei Dank, auch einen Schlüssel zu deinem Briefkasten. Du musst ja Montag den Laden aufmachen. Ich bin ja bei deinem Vater.” „Ich ruf ihn an, er soll dich ohne Spritze behandeln!” „Untersteh dich!” „Überleg ich mir.” „Mach das, ich muss los.” „Gute Geschäfte noch.” „Euch auch und kommt gesund wieder. Nicht nur Flo braucht dich, der Laden auch.” „Grüß deine Holde!” „Werde deine Schwester grüßen. Bis Montag dann.” Er legte auf. Habe ich erwähnt, dass Felix mein Schwager ist? Ich legte das Handy weg und widmete mich meinem Spatz. „Du entführst mich also!” Er nickte. „So mit allem drum und dran?” „Jepp. Shit, ich hab die Handschellen vergessen.” Wir lachten beide los und konnten uns kaum halten. Wäre jetzt ein Weiß-Grün Chargierter der verehrlichten Verbindung der Polizia zu … – wo waren wir gerade – aha , kurz hinter Münster, also Steinfurt, hinter uns gefahren, er hätte ob des Schlenkers eine sofortige Alkoholkontrolle angeordnet. Der Verkehr war zähflüssig. Wir kamen nur langsam voran. Staumeldungen gab es zwar nicht, aber es war Wochenende, viel Ausflugsverkehr. Flo hatte die Strecke jenseits der Autobahn gewählt, landschaftlich sicherlich reizvoll, wäre da nicht der Punkt gewesen, dass wir die Fähre erreichen wollten, die uns zu seinem Patenonkel Henning auf die schöne Insel Borkum bringen sollte. Na ja, er fährt, er muss es wissen, welche Strecke er fährt; er hat ja geplant. Ich fing an zu dösen. Freute mich schon auf das Wochenende mit dem Mann meiner Träume, auf einen langen Strandsparziergang, auf Möwen und das Meeresrauschen. Auf Flo freute ich mich auch, aber das brauche ich ja wohl nicht gesondert zu erwähnen, oder? Ich wachte abrupt auf. „Shit!” Der Wagen fing an zu stottern. „Was is’ los?”; frage ich zugekniffenen Augen. „Sprit!? „Kein Benzin mehr!” „Hast du denn nicht getankt?” „Ne, die Tankanzeige war dreiviertel, als ich losfuhr.” „Die ist kaputt!” „Seit wann?” Ich war jetzt wieder klar. „Seit letzter Woche. Ist mir auf der Strecke nach Essen aufgefallen. Hab ich das nicht gesagt?” „NEIN!” „Shit! Hab ich wohl vergessen?” „Was hast du denn in Essen gemacht? Claudio besucht?” Himmel, konnte er eifersüchtig sein, dabei war das damals mit Claudio nur ein, sagen wir es einmal so, ein lustiger Zwischenfall gewesen, mehr nicht. „Nein, mein Engel! Ich war nicht bei Claudio. Ich war bei meinem Bohrer!” Claudio, die 170 Zentimeter große braunhaarige Promenadenmischung aus Rom. Der Vater aus dem tiefsten Sizilien und die Mutter aus Bozen. Er sang jetzt in irgendeiner Musicalproduktion in Essen. Wir hatten uns, kurz bevor mein eheähnlicher Zustand mit Florian anfing, im Chat kennen gelernt, uns getroffen und gemeinsam das Wort Begehren buchstabiert, wie es so schön heißt. Na ja, für mich war es nur eine gegenseitige Reduktion des Druckes eines bestimmten Körperteils, für ihn anscheinend mehr als ein One Night Stand. Er war Anlass des einzigen großen Streites zwischen meinem Liebsten und mir, als er kurz nach Florians Einzug in meine Behausung ebensolches auch tun wollte. Weder hatte ich mich in dieser Richtung geäußert noch ihn in sonstiger Weise zu diesem Schritt ermutigt. Der feurige Italiener halt, der Sex und Liebe nicht voneinander trennen kann. Diese Zäsur sollte man, allein wegen seines eigenen Seelenheils, ziehen. Der Mensch ist halt kein vollkommenes Wesen und beileibe nicht engelshaft. Welcher Theologe hat das denn nun wieder der Menschheit überliefert? Plötzlich war wieder die Sanftheit in seiner Stimme. „Sag das doch gleich, dass du bei Stefan warst. Dann sei der Trip nach Essen vergeben und vergessen.” „Danke mein Herz.” „Stimmt ja, du wolltest dir den neuen Ball bohren lassen. Wie ist der denn?” „Äußerst gewöhnungsbedürftig. Ich hab den richtigen Punkt zwar noch nicht gefunden, aber der kann schon was. Wir arbeiten dran.” „Du und Reinhard?” „Ja, ich und mein Trainer.” Um fragenden Blicken auszuweichen, ich spiele Bowling, immerhin einer Liga höher (jedenfalls vom Namen her) als mein kleiner Eishockeygott, der gerade mit seinem Sprit haderte, und in Essen hat der wohl beste Ballbohrer im nördlichen Ruhrgebiet oder südlichem Münsterland, je nach Standpunkt betrachtet, seinen Pro-Shop. Der Wagen rollte aus. Ich schaute fragend in das liebste Gesicht auf Erden. „Nu?” „Tja, kennst du die blaue Tankstellenreklame von früher noch?” Ich stutze. Er pfiff nur eine Melodie: We are walking. „Sorry, my angel, but that’s your turn!” Er schaute irritiert. „Im Ernst! Du brauchst jetzt nicht deinen Dackelblick aufzusetzen, nützt dir gar nichts!” Ein Wimpernschlag. „Äh, du brauchst jetzt nicht so zu gucken.” Er hielt die Augen geschlossen. „Du wolltest mich entführen, also sorg auch dafür, das die Karre fährt.” „Komm doch mit!” „Nichts da! Meinst du, ich lass Linus, Schröder, Snoopy (Laptop mit Windows) und Peppermint Petty (mein PalmTop) allein?” „Du und deine Rechner!”, kam es nur, „Sind die wichtiger als ich?” „NEIN! Aber ich lass doch keine Ausrüstung für die Hälfte deines Jahresgehalts mitten in der Pampa.” Ich grinste. „Hast du keinen Reservekanister?” „Ne, leider!” „Tja, dann ist wohl laufen angesagt.” Diesmal pfiff ich die Melodie. „Aber ich bin ja nicht so!” „Du kommst also doch mit?” „Nein, aber ich gebe Dir eine Wegzehrung mit.” Ich löste den Gurt und beugte mich vor, nahm sein Gesicht in beide Hände und führte meine Lippen zu den seinen. Er schlug die Lider nieder und gewährte meiner Zunge sofortigen Einlass. Während unsere Zungen einander umrundeten, wanderte meine Hand eine Etage tiefer. Ich drückte an dem, was der Reisverschluss verbarg. Ein leises Stöhnen kam aus seinem Mundwinkel. Ich nahm abrupt Zunge und Hand weg. „So! Und nun Abmarsch! Wir wollen ja noch die Fähre erreichen!” Habe ich schon erwähnt, dass ich ab und an richtig fies werden kann? Er öffnete missgelaunt die Tür und stieg aus. „Schlüssel lass ich stecken! Nicht weglaufen!” „Schatz, ich laufe nicht weg, dazu bin ich viel zu faul und wegfahren kann ich ja nicht! Ich werde hier auf Dich warten, denn ich werde ja entführt. Aber tu mir einen Gefallen, ja?” „Ich würde für dich durchs Feuer gehen, dass weißt du doch. Also?” „Über glühende Kohlen brauchst du jetzt nicht zu laufen. Aber nimm deine Beine in die Hand, die letzte Tankstelle ist knapp drei Kilometer hinter uns gewesen und wir haben heute noch was vor!” „Du denkst ja immer nur an das eine!” „Ausnahmsweise nicht, auch wenn ich dich jetzt liebend gerne wieder von innen erforschen würde. Aber wir müssen die Fähre erreichen!” „Jaja, Papa, ich geh ja schon.” Er beugte sich noch einmal zu mir herab und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Bis gleich, ich wollte eh heute noch laufen.” „Also, laufe er geschwinde.” Ich blickte diesem 191 cm großen Blondschopf hinterher, diesem Mann, der nicht nur mein Herz geraubt hat, sondern auch meinen Verstand. „Und was machen wir jetzt schönes?”, sagte ich zu mir selber. Ich nahm Peppermint Petty in die Hand und wollte eine der Nickstories lesen, die ich mir heute Vormittag aus dem Internet gezogen hatte. Ich liebe diese Geschichten und lese sie für mein Leben gern, eine Eigenschaft, die mein Flo leider nicht mit mir teilt. Er liest sowieso nicht viel, außer den Berichten in der Lokalzeitung, und da hauptsächlich auch nur den Sportteil, und den auch dann nur, wenn er etwas mit „unserer” Mannschaft, den Ice Phantoms, zu tun hat. Ich führte mir gerade die neuste Story meines Lieblingsautors zu Gemüte und hatte gerade die ersten zwei Seiten gelesen, als es an der Scheibe klopfte. „Kann ich Ihnen helfen?”, wollte der Frager wissen. Ich öffnete das Fenster und blickte in ein rundes, aber wohlgeformtes Gesicht. Dunkelbraune Haare und ebensolche Augen sahen mich an, einzig der Oberlippenbart störte mein Empfinden dieser ostfriesischen Naturschönheit. „Danke, aber das können sie nur, wenn sie zufälligerweise Super bei sich haben.” „Kein Sprit mehr?” „Jepp!” „Moment, das haben wir gleich!”, tönte er mit dem schönsten Bariton. Ich schaute etwas ungläubig, aber da kam er schon wieder mit einem schwarzen Kanister. Ich zog den Schlüssel aus dem Zündschloss, öffnete die Beifahrertür und ging zur Tankklappe. Ohne große Worte schraubte er den Einfüllstutzen auf das Plastikgefäß und kurze Zeit später hörte ich das Gluckern des Antriebsstoffes von Knut. „Wie kann ich das wieder gut machen?”, wollte ich wissen. „Hier!” Ich griff an meine Gesäßtasche und holte mein Portemonnaie heraus und reichte ihm einen Zehner. „Reicht das?” „Dicke! Wäre aber nicht notwendig gewesen, ich helfe gerne Leuten aus der Patsche.” Ich grinste. „Ja, meine bessere Hälfte wollte mich nach Borkum entführen und hat vergessen, vorher zu tanken. Wir wollen die letzte Fähre noch erreichen.” „Das wird knapp. Wo ist die holde Schönheit denn?” „Zurückgelaufen zur Tankstelle!” „Die hat aber dicht! Gehört meinem Onkel und der liegt besoffen im Büro, ist heute Vater geworden.” Er mochte in meinem Alter sein. „Dann Glückwunsch! Was ist es denn? Junge oder Mädchen?” „Endlich ein Stammhalter, nach drei Mädchen!” Sein Grinsen wurde breiter. „Der Familienname bleibt also erhalten!” Es war mittlerweile mehr als eine Viertelstunde seit dem unfreiwilligen Stopp vergangen, als an der Wegbiegung hinter uns eine Gestalt, die meinem Flo ziemlich ähnlich sah, auftauchte. „Ah, da kommt er ja!” Ich schaute Jost, wie er sich vorgestellt hat, fragend an. „Wer?” „Na, dein Freund, sieht etwas abgekämpft aus!” Erstaunen machte sich in meinem Gesicht breit. „Auch wenn ich auf dem Land lebe, die Regenbogenflagge am Auto habe ich sofort erkannt. Was meinst du, weshalb ich gestoppt habe?” Ich lachte nur und er fiel mit ein. Der durchtrainierte Kapitän der Phantoms kam außer Atem bei uns an. „Shit!” „Die Tanke hatte zu!” „Woher weißt du?” Er schaute wie der ungläubige Thomas. Ich grinste und klärte die Situation auf. Es sah komisch aus, aber auch er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „So, mein Engel. Jost hat uns mit Sprit ausgeholfen, steig ein und ich fahre. Wir müssen die Fähre erreichen.” Noch immer außer Atem stieg er ein. „Ich glaub zwar nicht mehr, dass ihr sie kriegt, aber probieren könnt ihr es ja. Da kommt gleich noch ne Baustelle. Viel Glück!” Er ging zu seinem Wagen. „Kurze Frage noch!” „Ja?” „Was machen wir, wenn wir sie verpassen?” „Tja, kommt in den Anker, da sind noch Zimmer frei.” „Hotel?” „Ne, Kneipe und Pension, gehört meinem Vater und ich hab heute Dienst.” „Danke!” „Da nicht für!” Er stieg in seinen Mercedes und ich in Knut. Ich fuhr schweigend los, mein Florian japste immer noch nach Luft. Die Baustelle, die Jost genannt hatte, war wirklich ein Verkehrshindernis erster Kajüte. Um kurz vor sechs erreichten wir den Parkplatz am Emdener Hafen. Am Pier mit unserem gesammelten Gepäck angekommen sahen wir aber nur noch, wie die letzte Fähre des Tages bereits losdampfte. Zwei fragende Augen blickten mich an. „Shit! Was machen wir nu?” Ich zuckte mit den Schultern. „Tja, die nächste Fähre geht erst morgen früh. Wir können entweder warten, zurückfahren oder ein Lufttaxi nehmen. Du musst entscheiden, denn ich bin ja nur das Entführungsopfer und füge mich bedingungslos deinem Willen!” „Also, zurückfahren will ich nicht, dazu habe ich mich zu sehr auf das Wochenende mit dir gefreut! Außerdem will ich ja Henning bei seiner Renovierung helfen. Back to town scheidet also aus. Lufttaxi kann ich mir nicht leisten bei meinem Gehalt! Also pennen wir im Auto und fahren morgen früh. Ich ruf gleich meinen Onkel an und sag ihm Bescheid.” „Falsch!” „Was?” „Schatz, ich lieb dich zwar abgöttisch, aber aus dem Alter, mit einem Typen, auch wenn er noch so schnuckelig, sexy und geil ist wie du, im Auto zu nächtigen, also, aus dem Alter bin ich raus. Ich brauche ein Bett!” „Aber soviel Geld habe ich nicht mit!” „Na ja, betrachte es als Teil des Lösegeldes! Das Zimmer zahl ich und ein Essen dürfte nach dem Abschluss von heute auch noch drinnen sein!” Er grinste über beide Backen. Ich nahm mein Gepäck auf. „Also komm!” Ich steuerte wieder in Richtung Parkplatz. Flo hinter mir her. „Schatz!” „Ja?” „Weißt du was?” „Was?” „Ich liebe dich!” „Ich dich auch, mein Engel, auch wenn du mich entführt hast.” Ich öffnete gerade Knut und legte meine Taschen auf den Rücksitz. „Aber mal ne ganz andere Frage! Kennst du ein Hotel hier?” „Ja! Den Anker, da kann man sogar essen.” Flo schaute mich an und fing an zu grinsen. „Weißt du auch, wo der ist?” „Nein, aber das dürfte ja das kleinste Problem werden, Süßer, oder?” „Stimmt, wir können ja fragen!” „Genau, aber das überlasse mir.” „Wieso?” „Weil du mit Henning telefonieren musst. Erklär ihm mal, dass wir aufgrund deiner Vergesslichkeit zu tanken, die Fähre verpasst haben.” „Hmpfff!” „Genau! Von mir ist man ja Alzheimer light gewöhnt, aber von dir? Schatz, auch an dir nagt der Zahn der Zeit.” Er blieb an der Tür stehen. Ich ging um den Wagen herum und zog ihn an mich. „Ich werde dich immer lieben, auch wenn du alt und grau bist!” Wir küssten uns, die Möwen kreischten. Ich erkundigte ich beim Parkplatzwächter nach einer Tankstelle und dem Weg zum Anker. Beides lag auf einem Weg. Während ich den Mazda durch den abendlichen Emdener Verkehr lenkte telefonierte er mit seinem Onkel. Es war ihm sichtlich unangenehm, aber da musste mein Spatz durch. Sicherheitshalber erkundigte ich mich an der Tankstelle nochmals nach dem Weg. Wir fuhren um kurz vor sieben auf den Parkplatz vor dem Anker. „So, da wären wir.” Wir stiegen aus und nahmen unser Gepäck in die Hand. Na ja, ich meine Technik, er die Sporttasche mit unseren Klamotten. Ich drückte auf die Rezeptionsglocke. Kurze Zeit späte kam Jost aus dem dahinter liegenden Büro. „Ah, ihr habt sie doch verpasst.” „Jepp, haben wir. Hast du ein Zimmer für uns?” „Immer doch! Einzel oder Doppel?” „Egal!” „Stimmt, ihr braucht ja eh nur ein Bett.” Er sah uns herzlich an. „Ich gebe euch die 12, französisches Bett mit eigenem Bad. Eine Nacht?” Ich nickte. „Danke! Ach, können wir hier essen?” „Kein Problem. Ich reservier euch einen Tisch und buch euch auf HP, dann kostet das Essen nur zehn mehr pro Nase. Ich will ja den Entführer nicht beuteln.” Er lachte und dieses Lachen war ansteckend. „Wann wollt ihr essen? Halb?” „Gute Idee das. Dann kann ich mich noch etwas frisch machen.” „Oki, aber ne Altbausanierung habt ihr beide wirklich nicht nötig.” Ich grinste und Flo wurde leicht rot. Wir nahmen also unsere Gepäckstücke auf und gingen in den ersten Stock. Ein normales, nicht allzu großes Zimmer empfing uns, nett und fast rustikal eingerichtet. Ich stellte meine Sachen in die Ecke und zündete mir erst einmal eine an. Ich hatte ja in den letzten fünf Stunden keine Zigarette angepackt. Bei Kunden rauche ich nicht und auch im Auto wird auf den Nikotingenuss verzichtet, da aber eher aufgrund des dann höheren Wiederverkaufswertes. Flo war mit der Sporttasche beschäftigt und brachte die Kulturtasche ins Bad. „Willst du duschen?” tönte es aus dem kleinen Raum. „Nein, aber ich muss was anderes.” Ich drückte die Zigarette aus und ging ins Bad. Ich sah, dass er nackt in der Dusche stand. „Wenn du klein musst, kannst du auch hier!” Er grinste mich an. So schnell ich konnte, hatte ich mich ausgezogen und stieg zu ihm in die weiße Emailleschüssel, er war mittlerweile auf seinen Knien. „Ahhhh” Ich ließ es laufen. „Göttlich!”, grunzte mein Flo, „Mehr!” Wir mussten dann aber beide doch duschen. Ich hoffe, es schockiert nicht. Wir haben diese Spielart ganz zu Anfang unserer Beziehung, mehr oder minder unfreiwillig, entdeckt. Nach unserer ersten gemeinsamen intimen Nacht im dritten Jahrzehnt unseres Lebens, standen wir beide mit unseren Molas in meiner Dusche. Ich wollte eigentlich nicht, dass er mir einen bläst, denn ich verspürte schon einen gewissen Druck in der unteren Gegend. Ich warnte ihn, aber er ließ sich von nichts abhalten. Na ja, und da habe ich … Er liebt es und ich? Ich auch, jedenfalls von ihm. Es gab in unserer Beziehung oftmals Momente, wo wir so Intimitäten austauschen konnten, ohne das es auffällig wurde. Aber dazu später. Frisch geduscht gingen wir wieder gegen kurz vor acht nach unten. Jost erwartete uns schon und führte uns gleich zu einem der hinteren Tische. „Hier seid ihr etwas ungestörter als vorne, falls …” Er grinste und gab uns die Karten. „Was wollt ihr trinken?” „Für mich erst mal ein Bier!”, meinte mein Spatz. „Groß oder klein?” „Groß!” „Notiert und du?” „Habt ihr Weizen da?” „Ja. Hell, Dunkel oder Kristall?” „Dunkel.” „OK!”, sagte, sprachs und verschwand in Richtung Tresen. „Was nimmst du?” Die Karte war nicht allzu umfangreich, eher ländlich rustikal, wie auch unser Zimmer. „Marius? Was ist ein Ostfriesen Schnitzel?” „Gute Frage, kann ich dir auch nicht sagen. Frag doch Jost gleich. Der dürfte das wissen. Aber ehrlich, schon wieder Schnitzel? Flo, du und deine Schnitzelmanie!” Ich grinste, denn anders als beim Sex war mein Liebling beim essen eher konservativ. Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht, oder wie heißt es? „Und? Schon was ausgesucht?” Jost war wieder an den Tisch getreten und brachte die Getränke. „Was ist ein Ostfriesen Schnitzel?” Jost grinste, das konnte nichts Gutes bedeuten. „Panierte Scholle. Echt lecker!” Flo zog einen Flunsch, Fisch war nicht so sein Metier. Er war eher ein Fleischmagen. Jost konnte die Reaktion meines Liebsten richtig deuten. „Nehmt doch die Ostfriesenplatte, da ist für jeden was dabei!” „Nehmen wir!”, ich entschied einfach, denn so langsam hatte ich richtigen Hunger, ich hatte außer zwei Toasts zum Frühstück und einem kleinen Salat um zwölf noch nichts zu mir genommen. „In Ordnung. Ich bring euch gleich die Suppe. Die gehört dazu!” Er grinste wieder. Ich lag richtig mit meiner Vermutung, dass es sich um eine Fischsuppe handeln würde, aber Flo merkte das erst, als er auf eine Krabbe biss. Das Essen verlief ohne besondere Vorkommnisse. Ab und an legen wir eine Pause ein, die Platte war wirklich reichhaltig. Irgendwie haben wir sie dann aber doch aufgekriegt, wir waren pappsatt, wie man so schön sagt. Ich griff nach meinen Zigaretten. „Gibst du mir auch eine?” Ich steckte mir zwei Glimmstängel in den Mund und reichte, nachdem angezündet, eine davon meinem Liebsten. Im Gegensatz zu meinem Konsum kommt Flo mit einer Schachtel fast eine Woche aus. Er raucht nur eine nach dem Training oder einem Spiel, die berühmte Zigarette danach und nach einem guten Essen. Und das Essen war gut. Jost brachte zwei Küstennebel. „So, zur Verdauung.” „Danke!” Er fing an abzuräumen. „Wo kann man denn hier noch hingehen?” „Kommt darauf an, was ihr machen wollt. Aber viel Warmes gibt es hier nicht, leider!” Er seufzte hörbar. „Keine Szene?” „Nur eine sehr kleine, ein angehauchter Laden, eine Klappe am Hafen, aber sonst nichts. Ist halt ziemlich verstockt hier. Der nächste richtige Laden ist in Oldenburg.” Ich schaute auf Flo, er schüttelte den Kopf. „Ich fahre heute keinen Meter mehr.” „Und wo ist der angehauchte Laden?” „Ihr seid schon drin.” Er grinste. Außer uns waren noch drei, vier Leute am Tresen, aber sonst niemand. Und die Herren um den Schanktisch sahen auch nicht aus, als ob. Auch die Ausstattung wirkte nicht wie üblich, hier regierte eher Eckkneipenambiente das Outfit der Lokalität. „Das ist doch nicht dein Ernst.” „Doch!”, er wurde ganz ernst. „Hier in den altehrwürdigen Hallen des Ankers trifft sich einmal im Monat die schwule Jugend der Gegend.” Flo grinste und deutete auf die Ansammlung der doch etwas gesetzt wirkenden Herren am Tresen. „Und die trifft sich heute!” Jost lachte. „Nee, das ist der Kirchenvorstand! Das Treffen war letzte Woche, aber ab und an verirrt sich dann doch einer. Ihr entschuldigt mich, ich muss wieder.” Ich blickte auf meinen Flo. „Was machen wir? Stürzen wir uns in Bett, in den Hafen oder in den Trubel?” „Einverstanden, aber andere Reihenfolge!” Ich blickte leicht irritiert. „Erst zum Hafen, ich muss etwas laufen, nach diesem Essen.” Er tätschelte sich den Bauch, an dem ich kein Gramm Fett zuviel entdecken konnte, wohl aber er. „Dann können wir ja noch ein Bier in diesem Szeneladen nehmen und dann ab in die Heia. Wir müssen morgen früh raus, wir haben ja noch was vor!” „Jepp. Verbum carum factum est!” Er verstand und stand auf. Hab ich schon gesagt, dass ich lateinische Sprüche liebe? Wir schlenderten zum Tresen rüber. „Wir drehen jetzt ne Runde. Können wir dann nachher zahlen?” „Kein Problem, ich hab eure Getränke eh auf die Zimmerrechnung geschrieben. Lauft nicht zu weit, es wird bald was geben.” Ich blickte zu Flo. „Jacke?” „Ne, ist warm genug und wenn ich friere, kannst du mich ja wärmen.” Während dieses Satzes hatte er die Augen geschlossen. „Mach ich doch glatt, mein Herz!” „Hab auch nichts anderes erwartet.” Wir gingen hinaus und lenkten unsere Schritte in Richtung des nahe gelegenen alten Hafens, in dem nur noch ein paar kleinere Kutter lagen. Es ging ein lauer Wind, der die Wolken nur langsam bewegte. Wir spazierten an der Wasserkante händchenhaltend und schweigend in die angefangene Nacht. Nicht, das wir uns nichts zu sagen gehabt hätten, aber es ist schon ein erhabenes Gefühl, mit seinem Geliebten auch schweigen zu können und nur die Wärme und Körperlichkeit seiner Hand zu spüren. So etwas nennt man wohl Verstehen ohne große Worte. Oder auch Liebe! Nach knapp einer halben Stunde wurde es mir dann doch etwas kühl. Der Wind hatte aufgefrischt und trieb die Wolken jetzt vor sich her, auf uns zu. „Engelchen, lass uns wieder zurück.” „Mir ist auch frisch, aber Danke!” Ich stutzte. „Du bist die Frostbeule von uns, du wolltest zuerst.” Er kniff mich in die Seite. Ich zog ihn zu mir und wir küssten uns so knapp fünf Minuten. Das etwas lautere Gepöbel dreier Dorfjugendlicher überhörten wir geflissentlich. Wir beeilten uns dann, denn es setzte ein leichter Regen ein, der, je näher wir dem Anker kamen, immer heftiger wurde. „Da seid ihr ja wieder.” Der Tresen hatte sich geleert, der Kirchenvorstand musste gegangen sein. Jost stand da und polierte Gläser. „Setzt euch. Was wollt ihr trinken? Das gleiche wie vorhin?” Die Antwort kam unisono: „Jepp!” Er zapfte das Bier für Flo an und nahm sich dann meines Weizens an. „Scheint sich ja keiner mehr verirrt zu haben.” „Ne, aber heute ist auch Sommerfest in Oldenburg. Ich wollte ja eigentlich auch hin, aber ich musste ja arbeiten.” Er stellte unsere Getränke auf den Tresen, als ein knapp 25-jähriger gut aussehender Türke aus der Küche trat. Ich stutze leicht. „Darf ich euch vorstellen: Erkan, unser Koch.” Er nickte uns freundlich zu und reichte uns seine rechte Hand, die samtig aussah, anders als man sich sonst Kochhände vorstellt. „Bier, mein Schatz?” „Hab ich mir wohl verdient! Und dann mach mal vier Raki. Ihr trinkt doch einen mit?” Mein Erstaunen wuchs immer mehr. Erkan erkannte wohl die Fragezeichen auf meiner Stirn und fing an zu lachen. „Um dir die Verwunderung zu nehmen, meine Eltern stammen zwar aus der Türkei, sind aber orthodoxe Christen. Daher darf ich trinken und auch Schweinefleisch anfassen.” Wir lachten. „Na dann. Sherife!”, eines der wenigen türkischen Wörter die ich kannte. Jost gesellte sich zu uns und nahm seinen Erkan liebevoll in die Arme. Flo konnte es nicht lassen. „Muss Liebe schön sein!” Wir alle grinsten. „Ist sie auch, aber macht auch nur Probleme!” Jost wurde plötzlich ernst. „Ist nicht einfach, Erkan ist ungeoutet und soll nach dem Willen seiner Eltern nächsten Monat heiraten. Eine Frau, die er mit sechs Jahren zuletzt gesehen hat, die er nicht kennt und auch nicht liebt!” Eine gewisse Resignation lag in seiner Stimme. „Na ja, meine Eltern haben sich ja mit meinem Schwulsein abgefunden, aber einen Türken zum Freund?” Wir schauten uns alle etwas betroffen an. „Aber lasst uns kein Trübsal blasen, sondern Spaß haben. Weg damit!” Er stieß mit seinem halbvollen Glas an und wir tranken alle. Flo schüttelte sich etwas. „Noch einen?” „Gerne, aber der geht auf uns!” Die Stimmung hob sich wieder etwas. Während Jost die Gläser wieder füllte, meinte er: „Wie lange kennt ihr beiden euch schon?” Mein Schatz schaute mich an und fing lauthals an zu lachen. Ich ließ mich von diesem Lachen anstecken und prustete, denn ich hatte gerade das Weizen angesetzt, als die Frage in den Raum gestellt wurde. Wir ernteten fragende Blicke. „Äh, was ist denn an dieser Frage so lustig?” „Na, welches Kennen lernen meinst du denn?” „Na, wann ihr zusammengekommen seid?” Wir lachten wieder, aber diesmal alle, denn die Frage war ja eindeutig zweideutig. „Jost, ich sehe schon, wir müssen einiges aufklären.” „Ich bitte drum!” Er stellte die Gläser hin. „Willst du oder soll ich?”, meine Frage richtete sich an meinen Spatz. „Mach du, ich mach dann die Berichtigungen.” „Wie immer du es haben willst, meine Eisprinzessin. Aber nicht ohne zuvor …” Ich nahm das volle Glas Raki und stieß an. „Also, kennen gelernt haben wir uns vor 15 Jahren.” „Also, im Sandkasten.” „Wenn du so willst, Erkan ja, aber der Sandkasten war der Strand von Borkum. Flo war bei seinem Onkel, zu dem wir auch morgen früh fahren, in Ferien und ich mit meiner Oma. Wir logierten im Nachbarhaus. Ich hatte es stark mit den Bronchien und da soll ja Seeluft bekanntlich Wunder wirken.” „Hat es gewirkt!” „Kann man so sagen.”, und nahm mir eine Zigarette. „Wir haben am Strand gespielt, Wasserschlachten veranstaltet, Sandburgen gebaut. Also alles, was zehnjährige Kinder so machen.” „Da kann ich dir nur zustimmen. Bis dahin ist alles richtig.” „Danke, mein Kapitän!” Jost schaute fragend. „Wieso ist er dein Kapitän? Ich kenn ja eine Menge Kosenamen, aber Kapitän?” „Einfach! Er …”, ich deutete auf meinen Flo, „..er spielt Eishockey und das gar nicht mal so schlecht und ist gerade zum neuen Kapitän der Ice Phantoms bestimmt worden. Ich bin der Webmaster des Vereins. Und von daher …” Zustimmendes Nicken. „Den Verein kenn ich aber nicht. Wo spielt ihr denn?” „Regionalliga NRW.” „Regionalliga?” „Tja, die letzte halbprofessionelle Institution der schnellsten Mannschaftssportart der Welt. Alles darüber, sprich Ober- und zweite Bundesliga und die DEL sowieso, sind Kapitalgesellschaften, da richtest du mir blankem Idealismus nichts mehr aus. Da zählt nur, was in den Bilanzen steht und es interessiert keinen mehr, wie das da hineingekommen ist.” Allgemeines Nicken. Jost meinte, dass würde er zwar nur vom Fußball kennen, aber er könne es sich ohne Weiteres vorstellen. „Und dann ist aus der Sandkastenfreundschaft Liebe geworden?”, wollte Erkan wissen. „Nicht ganz, so auf Umwegen. Marius hab ich ja nur in den Ferien gesehen. Meine Eltern, Na ja, meine Mutter und ihr zweiter Mann, wohnten damals in Dorsten, so knappe 80 Kilometer von Marius entfernt. Viel Geld hatten wir nicht und so war dann das Reiseziel in den Sommerferien immer das Ostland auf Borkum bei meinem Onkel. Also nichts mit Sandkasten um die Ecke.” „Stimmt, und um ehrlich zu sein, er war der einzige in meinem Alter im Ostland, da war es dann zwangsläufig, dass man miteinander spielte.” Erkan musste bei dem Begriff grinsen, dabei war wirklich nur der Sandburgenbau gemeint, jedenfalls in den ersten Jahren. „Ach, ich war nur eine Notlösung?”, konnte Flo zickich sein. „Schatz, falls du dich erinnern kannst, wie viel Häuser gab es denn damals im Ostland. Wenn es hochkommt drei und die beiden Lokale. Da ist die Auswahl an Spielkameraden nicht gerade groß. Da muss man, um in der Einöde nicht zu versauern, miteinander umgehen.” Schön umschifft, ich wollte Erkan nicht schon wieder das Grinsen ermöglichen. „Aber dann, wie lange ist das jetzt her? Stimmt! Vor zehn Jahren hat er mich verführt und ich musste seinen Schwanz in den Mund nehmen.” „Ach so ist das? Ich hab dich verführt? Du musstest? Hab ich dich gezwungen, mir einen zu blasen oder hast du es freiwillig gemacht? Die Wahrheit, mein Engel, die Wahrheit bitte!” „Ist ja in Ordnung. Ich musste doch, schließlich musste ich ja meine Schulden einlösen.” Er griente und hauchte mir einen Kuss zu. Erkan und Jost schauten uns fragend an. Es würde sicherlich lustig werden, wenn wir die Geschichte, die Flo und mich verband, den beiden erzählen würden. „Wir haben diese üblichen Jungenspiele gemacht. Zeigst du mir deinen, zeig ich dir meinen. Du rubbelst mir einen, ich rubbele dir einen. Hat ja wohl fast jeder gemacht. Ich war damals 16 und Flo gerade unschuldige 15, als wir …” „Wie groß ist denn der Altersunterschied zwischen Euch?” Erkan wieder. „So knappe anderthalb Jahre.” Wieder allgemeines Kopfnicken. Flo gluckste: „Na ja, der Sommer mit meinem ersten schwulen Sex, dem ersten Sex überhaupt in meinem Leben, war irgendwie, ich weiß auch nicht, Na ja es war ein komischer Urlaub. Tante Ingrid, die Frau von Henning, war gerade an Krebs gestorben, er war ziemlich fertig deswegen. Ich war zwar bei ihm aber er nahm mich nicht wahr. Als dann Marius mit seiner Oma kam, schob er mich irgendwie ab zu denen ab. Er war wohl froh, mich los zu sein, um seinen Schmerz besser allein verarbeiten zu können. Ja, mein Onkel hat mich in die Arme dieses Sexmonsters getrieben!” Er küsste mich zärtlich auf die Stirn. „Wir haben zwar keine Sandburgen mehr gebaut, aber so ziemlich allen Blödsinn getrieben, den man treiben konnte. Heimlich geraucht und das ganze. Wir haben uns dann ein paar mal in den Dünen einen runtergeholt, aber nur so zum Spaß. Ernst wurde die Situation erst im Wellenbad.” „Ihr habt es im Wellenbad getrieben?” „Ja und Nein. Getrieben nicht. Shit. Schatz, klär du das mal.” Ich lachte, die alten Bilder kamen wieder in mein Gedächtnis. „Flo und ich sind dann eines Tages zum Wellenbad gelaufen, am Strand entlang. Ich war irgendwie sauer, meine Oma hatte meine Zigaretten entdeckt und mir eine Standpauke gehalten, so von wegen Gesundheit. Ich war genervt und der Kleine hier war nicht gerade pflegeleicht damals, konnte ein richtiger Quälgeist sein. Ich weiß auch nicht mehr, was es genau war, aber …” Ich drückte die Zigarette aus. „Leck mich am Arsch, kam es von ihm. Ich darauf: Lass die Hose runter! Er: Bist ja eh zu feige! Ich: Ach küss doch meinen Schwanz. Und was meint ihr, was dann kam? Mein Flo ganz keck: Ich küsse die hier auf dem Rückweg den Schwanz, wenn du mich im Wellenbad am Arsch leckst.” Alle grinsten und mein Kufenflitzer wurde rot. „Hätte ich auch nur geringsten geahnt, was du machen würdest, hätte ich das nie im Leben gesagt.” „Was hast du gemacht?” „Mein Engel meinte, Umkleidekabine und Dusche würden nicht gelten, da wären wir ja alleine. Es sollte vor allen Leuten sein.” Ich legte soviel Unschuld in meine Stimme, wie ich konnte. „Was tun, sprach Zeus? Ich konnte ihm ja schlecht die Hose runterziehen, mich hinknien und dann seinen Arsch lecken vor all den Müttern, die mit ihren Kindern da m Bad waren, obwohl diese Idee auch einen gewissen Reiz gehabt hätte. Es musste mir aber gelingen, denn ich wollte ja, das er meinen Schwanz küsst, von blasen habe ich nur zu träumen gewagt. Ich grübelte, wie ich es denn anstellen könnte und hatte plötzlich eine Eingebung. – Wir haben mit ein paar anderen Jungs Wasserball gespielt, wohlgemerkt in unterschiedlichen Mannschaften und das kurz vor der Wellenphase. Na ja, beim Balgen im Wasser hab ich dann irgendwie das Band seiner Badehose zu fassen gekriegt und es einfach herausgezogen. Er war so konzentriert auf das Spiel, das er das mit dem Band gar nicht wahrgenommen. Ja, und dann kamen die ersten Wellen. Flo vor mir, sprang in die erste Welle hinein und da war es geschehen. Die Hose war unten, er war wohl geschockt, stand regungslos da. Jeder konnte sein blankes Hinterteil sehen, die Vorderseite war mir verborgen. Da kam auch schon die nächste Welle. Ich tat, als würde ich den Halt verlieren und hab mich dann auf oder besser hinter Flo fallen lassen und ihn dabei am Arsch geleckt. Ich hatte gewonnen.” Ich grinste. Erkan konnte sich vor Lachen nicht mehr halten. „Das muss ja ein Bild für die Götter gewesen sein. Für alle eine lustige Situation, und so unzweideutig, kann ja spielenden Kindern passieren, dass sie Hose und Halt verlieren.” Flo schüttelte den Kopf. „Ihr könnt euch denken, ich stand da wie der begossene Pudel, alle hatten es gesehen und gelacht. Und dann kommt dieser Kerl und meint mit einem fetten Grinsen, seinen Teil der Abmachung hätte er erfüllt. Ich hab ja was am Hintern gefühlt, aber ich dachte nicht, dass das Marius war, der da die Zunge ausgefahren hatte. Auf dem Rückweg wurde sein Grinsen immer breiter und fetter, je näher wir der Stelle in den Dünen kamen. Er legte sich dann in den Sand, öffnete seine Hose, holte sein Ding raus und meinte: Nu bist du dran. Ich stand erst mal ziemlich perplex da. Er fing an zu wichsen, sein Teil wurde härter und stand schließlich, so lange hab ich gewartet. Komm, meinte er, Spielschulden sind Ehrenschulden und ich wäre ja ein Ehrenmann. Tja, ich bin dann runter auf die Knie und hab mich über ihn gebeugt und dann mit geschlossenen Lippen sein Prengel berührt, ungefähr so.” Er presse die Lippen fest aufeinander und nahm sein Bierglas als Demonstrationsobjekt. „Mein Schatz dann: Das soll küssen sein? Wenn dann richtig! Öffne die Lippen und dann noch mal. Machte ich auch, nur er hatte in dem Moment seine Vorhaut zurückgezogen und sein Becken nach vorn gestemmt. Ich hatte plötzlich die ganze Eichel im Mund. Ein irres Gefühl, schrecklich aber auch angenehm. Ich weiß nicht, wie lange ich das Ding im Mund hatte, es fühlte sich gut an. Ich bin dann mit der Zunge über seine Ritze gefahren und er stöhnt nur, meiner war auch schon hart, so fing auch ich an, mit ihm zu spielen. Er nahm den meinen Kopf und meinte dann, er würde mir helfen, ihn zu küssen. Na ja, so hab ich ihm dann einen geküsst, wie ich dachte. Dass das Blasen war, wusste ich ja nicht, mit naiven 15. Aber er kam ja auch ziemlich schnell. Ich hatte das ganze Zeug im Mund und es war einfach nur geil.” Mein Schatz strahlte mich an. „Das war also unser erstes Mal. Nun, ich war damals 16 und ziemlicher Einzelgänger. Ich wusste, nein, besser ahnte, dass da was mit mir war. Aber ich dachte, dass ist nur so eine Phase, die jeder durchmacht. Na ja, die Spielereien mit den anderen Jungs haben mir Spaß gemacht und die Spiele mit Flo im Besonderen. Er war ja auch der erste, der meinen Schwanz im Mund hatte. Ich hatte zwar schon etliche Phantasien diesbezüglich, aber die Sache dann auch mit einem Freund gemeinsam zu erleben, ist doch ganz was anderes. Und Schatz!” „Ja?” „Ich danke dir für mein erstes Mal.” Ich küsste ihn zärtlich auf den und forderte mit meiner Zunge Einlass, den er allerdings nicht gewährte. „Ich glaube, du solltest weitererzählen, unser Gastgeber guckt schon so komisch!” „Ich?”, Jost tat erschrocken, „Nein! Nichts Natürliches ist mir fremd und ein Kuss ist die natürlichste Sache von der Welt. Aber warte mal, ich sperr eben ab, ist ja schon nach elf. Kommt eh keiner mehr bei dem Regen, der da draußen herrscht. Falls doch, muss er ja nicht sehen, was hier so abgeht, im altehrwürdigen Anker.” Erkan hatte es sich auch bequem gemacht und seine Kochjacke ausgezogen und saß nur noch im schwarzen Rippshirt da. Kein einziges Brusthaar störte den Anblick. Jost kam wieder und füllte erneut die Gläser. „Der geht jetzt auf mich! Weiter!” „Na ja, nachdem Erlebnis war mir klar, das ich schwul bin. Was soll ich sagen? Ich hab zwar oft an Florian gedacht und hab mir dauernd darauf einen runter geholt, aber gesehen haben wir uns dann erst wieder nach drei Jahren zufällig in der Eishalle.” „Stimmt, nach dem Erlebnis damals ließ sich meine Mutter sich zum zweiten mal scheiden, meinen eigentlichen Vater kannte ich damals gar nicht, und ich bin dann mit ihr zu ihren Eltern gezogen, in den Ruhrpott. Ich hab schon mit dreizehn Eishockey gespielt und hab dann halt in der Jugend der Phantoms angeheuert.” „Und da ha es dann Wumm gemacht?” „Nein, Jost. Ich hab Flo gar nicht wahrgenommen. Wie auch? Ich war damals voll mit meinem Coming out beschäftigt und machte gerade Abi. Ich ging zwar zum Eishockey, aber hab mir nur die Spiele der Ersten angeschaut. Und wer kennt den schon Jugendspieler? Nur die Eltern, die ihre Kidies zum Training bringen. Und Eishockey und Schwul? Das gab es gar nicht in meiner Vorstellung. Flo und die Jugend hab ich gar nicht beachtet. Sie waren nicht existent für mich.” „Seht ihr, ich bin nur gut zum Sex für meinen Schatz. Mein Arsch reicht ihm.” Flo konnte so herrlich übertreiben. „Nu ist aber genug, Herr Stockmann, was sollen die anderen denken?” Auch ich kann vorwurfsvoll klingen. „Ich hab dann irgendwann mal einen Bericht über ein Jugendspiel im Stadionheft gelesen. Da war von einem Naturtalent namens Florian Stockmann die Rede. Der Name kam mir bekannt vor. Ich hab dann mal einen Ordner, der auch Vater von zwei Eishockey spielenden Kindern war, gefragt, wer denn dieser Stockmann sei? Er schwärmte in den höchsten Tönen von Flo und deutet auf einen der Leute, die da am Zeitnehmertisch standen. Der hatte so gar nichts mit dem Flo von damals zu tun, sah ihm nicht mal ähnlich. Der Typ war größer als ich, breites Kreuz und Bizeps zum schwach werden. Überhaupt nicht der Körperbau des Flos, der mir damals einen geblasen hatte. Ich dachte, das ist nur eine Namensgleichheit und das war es dann auch für mich! Denn ich habe Flo nach dem Urlaub erst einmal Jahre lang nicht mehr gesehen und gehört.” Ich griff nach den Zigaretten und bot den anderen eine an. „Na ja, ich bin nach dem Abi zum Bund und hab da Johnny kennen und lieben gelernt. Aber …” mir stockte die Stimme und ich kämpfte mit den Tränen. Flo nahm meine Hand und drückte sie zärtlich. Ich hatte ihm eigentlich nie viel von der Zeit damals erzählt, als ich in Hannover war. Wie ich mich gefühlt habe, als der Mann meines Lebens, sprich Johnny plötzlich nicht mehr da war. So für immer weg aus meinem Leben; von jetzt auf gleich hatte er aufgehört, mit mir zu lachen, zu weinen, zu liebe, Späße zu machen, zu leben. Mein durchtrainierter Flo hat es einfach als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass ich schwieg, und auch nicht großartig nachgefragt. Vielleicht wusste er nicht, wie er mit damit umgehen sollte, mit der Liebe und dem Tod. Dafür danke ich diesem Knaben von ganzem Herzen. „Wir haben uns dann vor drei Jahren dann noch mal gleich dreifach kennen gelernt und sind seit dem Zeitpunkt zusammen. Na ja, mit einigen Schwierigkeiten zwar, aber wir haben uns letzten Endes doch gefunden.” „Macht es nicht so spannend.” Ich trank einen Schluck, meine Stimme und meine Stimmung hatten sich wieder etwas beruhigt. „Tja, wir sind uns das erste Mal dann im Gaychat begegnet. Ich hab ihn angetickert wegen seines Nicks.” Ich grinste und Flo musste lachen. „OK, der war nicht gut, aber mir ist kein besserer eingefallen.” „Wie war der denn?” „Eisprinzessin!” Wir lachten alle. „Und du?” „Lonesome Rider.” „Und ihr habt euch verabredet?” Erkan war wirklich neugierig. „Nein, um Himmels Willen. Ich war gerade in die erste Mannschaft aufgestiegen, dass, von dem ich Jahre geträumt hatte. Zwar nur erst einmal als Ersatzspieler, aber immerhin. Flo Stockmann in der Regionalliga! Und eine Schwuppe beim Eishockey? Unmöglich! Ich konnte mich vor sexgierigen Damen nicht retten. Jede wollte nur das eine.” Flo schüttelte sich, „Das ging nicht, soweit war ich noch nicht. Ich konnte mich unmöglich outen, das hätte da Aus für mich bedeutet, jedenfalls im Sport.” „Wir haben eine ganze Zeit lang, so zwei, drei Monate, miteinander getickert und es entwickelte sich eine nette Beziehung, wenn man das so nennen kann.” „Habt ihr denn keine Bilder ausgetauscht?” „Nein, ich wollte nicht. Es hätte mich ja jemand erkennen können, das aufstrebende Eishockeytalent. Ich könnte mich noch heute dafür in den Arsch beißen, so dumm war ich damals.” „Schatz, das kannst du nicht, dafür bist selbst du nicht gelenkig genug.” „Dann darfst du mich beißen, bitte!” Er öffnete die Hose und präsentierte mir sein Hinterteil. Ich bis sanft in die Backe. „Aua!” „Bitte!” Erkan und Jost staunten nicht schlecht, denn sie erkannten, dass er nichts unter seiner Jeans anhatte. Jost hatte mittlerweile seine Weste abgelegt und sein Hemd geöffnet. Hier waren zwar ein paar Haare auf der Brust, aber nicht zuviel. „Und dann hatte mein Schatz plötzlich eine Idee. Er wollte Sex!” „Also doch getroffen!” „Nee Jost. Er hat sich eine Webcam geholt und meinte, wir sollten doch mal …” Erkan nickte verschmitzt, „Sowas kenn ich auch.” „Na ja, ich hatte mich eh schon in die Eisprinzessin verguckt. Ich konnte es kaum abwarten, bis wir uns im Chat trafen. Wir machen dann aber meistens einen Privaten Raum auf und quatschten da über alles Mögliche. Über ihn dachte ich nicht mehr soviel an Johnny. Er hat mich über eine schwere Zeit getragen. Wir lagen fast in Allem auf einer Wellenlänge. Ich wollte einfach mehr.” Zustimmendes Nicken auf der Gegenseite. „Also, hab ich mir dann auch eine Webcam gekauft. Mir ging es ähnlich wie Marius, auch ich mochte ihn ziemlich doll, aber ich traute mich nicht, ich Doofmann. Und da dachte ich, eigentlich keine schlechte Idee. Du magst ihn, du willst mit ihm, nur du kannst irgendwie nicht aus deiner Haut. Warum also nicht! Wir haben dann öfter nach dem Chat via Cam uns jeder für sich einen runtergeholt, jeder für sich aber dennoch mit dem wissen, es gemeinsam getan zu haben. Irgendwie krank, aber ich kam nicht aus meinem Schrank.” „Ja, das Gefühl kenne ich. Aber Frage zwischendurch. Noch jemand was zu trinken?”, der Kneipier hat gesprochen. „Ich nehme noch einen, du auch ein Weizen, Großer?” „Eh ich mich schlagen lasse!”, ich grinste, „Aber ich muss erst mal das andere wegbringen.” Ich erhob mich und schaute meinen Göttergatten an. Flo grinste. „Marius ist unheimlich schüchtern, er geht nicht gerne alleine.” Er folgte mir. Ich stand am Pinkelbecken und holte meinen Schwengel raus und erleichterte mich. Flos Hand streichelte mein Schwanz. Ich lächelte ihn nur dankbar an, ohne große Worte vereinigten sich unsere Lippen. „Ich glaube, wir sollten wieder rein!” „Jepp!” Wir gingen zum Waschbecken und wuschen unsere Hände. „Die beiden sind irgendwie süß, findest du nicht?” „Doch, ziemlich nett anzuschauen. Hast du Erkans Brust gesehen?” „Dein Blick ist mir nicht entgangen, aber wir sollten es nicht drauf anlegen.” „Stimmt, aber …” „Aber wenn es passiert, auch egal.” Wir blickten uns tief in die Augen. Ich liebe diesen Mann. Um falschen Eindrücken vorzubeugen, wir, Flo und ich, führen keine dieser offenen Beziehungen, wo jeder der Partner rumpoppen kann, wie er will und dann die Geschehnisse der Nacht am Frühstückstisch dem anderen brühwarm erzählt. Nein, ab und an, spielen wir mal halt zu dritt oder auch zu viert. Wenn man es so sagen will, wir leben unsere Phantasien aus anstatt an ihnen zu vergehen. Vor allen Dingen, wir reden darüber, was uns gefällt und was nicht. Wenn wir was machen, dann nur gemeinsam, denn das ist dann nur ein Spiel, ein Abreagieren, mehr nicht, Gefühle werden in solche Aktivitäten nicht gelegt. Dazu lieben wir uns zu sehr, um für fünf Minuten Spaß unsere Beziehung aufs Spiel zu setzen. Jost hatte uns verlagert. „Wir sind hier hinten! Auf dem Sofa sitzt es sich doch gemütlicher als auf den Barhockern, oder?” „Wo er Recht hat, hat er Recht!” Wir ließen uns den beiden gegenüber auf dem parallel stehenden Sofa nieder. Florian fläzte sich hin und mein Bein lag auf den Seinen. Erkans Blick fiel auf meinen Schritt, ich hatte vergessen, den Reisverschluss nach dem Wasserlassen zuzumachen, ich Schelm ich. „Also, wo waren wir?” „Beim Schütteln vor der Cam!” Erkan hatte ein breites Grinsen. „Gut! Tja, da hatte ich eine Beziehung und hatte gleichzeitig keine. Ich kannte Flo zwar vom Tickern, wusste wie sein Schwanz aussah und seinen Hintern hat er mir auch gezeigt, aber Gesicht? Fehlanzeige! Irgendwie verklemmt dieser Typ, dachte ich damals, aber …” Ich kam mit dem Oberkörper hoch, griff zu meinem Weizen und trank etwas. „Aber dann hat mein Kleiner einen Fehler gemacht.” Ich grinste. „Welchen?”, wollte Jost wissen, „Hast du sein Gesicht gesehen?” „Nein, sein Gesicht nicht, aber sein Tribal auf der Brust. Die Cam war wohl verrutscht. Ich war hin und weg.” „Darf ich mal sehen?”, Erkan wieder. „Bitte!” Flo zog sein Shirt aus und legte es neben sich. „Wow, sieht echt geil aus!” „Hab ich auch gedacht. Ich hab dann das Bild ausgedruckt und war dann in einigen Studios, ich wollte unbedingt wissen, wer der Typ war.” „Du hast es ausgedruckt?” „Habe ich, mein Engel. Ich hab nämlich immer auf Aufnahme gedrückt, wenn wir …” „Ferkel! Hätte ich mir denken können, du süßes, liebes Sexmonster.” Er haute mir auf das Bein, aber nicht brutal, sondern eher zärtlich. „Schlimm?” „Nein, Marius, nach dem ersten Mal vor der Cam war ich auch nicht besser.” Er zog mich an sich und drückte mir seine Zunge auf die Lippen, die sich sofort öffneten. Das hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gewusst und er von mir auch nicht. „Das war das erste Kennen lernen. Das zweite war dann offizieller Natur!” „Was kommt denn jetzt?” Flo übernahm die Gesprächsleitung. „Die Phantome kamen zu Saisonende in finanzielle Schieflage. Der Vorstand hat nicht so gut gearbeitet, wie er sollte. Es gab Krach, Spielerstreik, eine Versammlung folgte der nächsten, es war stressig. Es wurde dann schließlich kurz vor zwölf ein neuer Vorstand gewählt. Detlef Entenmann übernahm damals das Ruder.” „Und was hat das mit euch zu tun?” „Tja, mit Entenmann kam Marius offiziell wieder in mein Blickfeld.” „Ich glaube, ich übernehme jetzt diesen Part. Darf ich?” „Du darfst alles!” „Detlef Entenmann ist ein Bekannter meines Vaters, die kennen sich seit ihrer Bundeswehrzeit. Entenmann ist ehemaliger Oberstleutnant der Panzergenis. Na ja, Detlef wollte Vorsitzender werden und wurde es dann in einer ziemlich heftigen Sitzung auch. Er hatte zwar eine Vorstandsmannschaft hinter sich, aber keinen Webmaster, da der auf der Seite des alten Vorstandes war. Da kam ich ins Spiel. Entenmann ließ durch meinen Vater fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Webseite zu machen, ich würde das Zeugs ja studieren. Ich sagte JA. Aber daran ist Flo nicht ganz unschuldig.” Jost schaute fragend. „Du studierst das?” „Jepp, ich bin Informatiker und ein Steckenpferd von mir ist die Gestaltung von Homepages, zwar nicht professionell, aber für mehr als den Hausgebrauch reicht es.” „Die vier Preise, die mein Schatz damit schon gewonnen hat, verschweigt er, er ist ja so schüchtern!” Flo griente, machte er mich doch wieder einmal verlegen. Ich stelle meine Leistungen eher in den Dienst der Sache und nicht in den Vordergrund. Ich glaube, es war Bismarck, der mal sagte: PRO PATRIA CONSUMOR (Übersetzt soviel wie: Fürs Vaterland verzehre ich mich). „Na ja, er war nicht zu finden und da musste ich mich irgendwie ablenken. Ich konnte ja nicht alle Tätowierläden im Revier nach ihm abklappern. Also ran an den Rechner und basteln. Den ersten Entwurf hat er dann auch angenommen und ich machte mich dann gleich ans Programmieren. Tja, so bin ich Webmaster geworden und kam mit den Spielern direkt in Kontakt.” „Und dann hat es WUMM gemacht?” Erkan rekelte sich mittlerweile auch und hatte seine Beine auf den Schoß von Jost gelegt. „Ne, noch lange nicht. Wo denkst du hin?” Flos Hand kroch langsam meinen Oberschenkel hoch. „Er war verklemmt und ich traute mich auch nicht so richtig.” Jost hatte seinem Freund inzwischen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und spielte an seinen Zehen. „Entenmann ist damals angetreten unter dem Schlagwort OFFENHEIT. Also wurde berichtet, was das Zeug hält. Ich hab dann eine Vorstellung der ersten Mannschaft aufgebaut, so mit Fragebogen und Bildern und allem Möglichen.” „Er hat seine Digi missbraucht, sage ich Euch. Spieler in Alltagoutfit, im Dress, beim Training, überall!” „Auch in der Kabine?” „Nein, da war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Also keine Nacktaufnahmen unter der Dusche.” Flo grinste. „Die kamen später!” „Na ja, ich hatte ja die Mailadressen aller Spieler. Ich traf dann Flo unter seinem normalen Nick Florian20 im Chat wieder. Wir tickerten über Belanglosigkeiten, alles aus und um den Verein. Das komische war nur, war Flo unter Flo im Netz, war die Eisprinzessin nicht da. War die da, gab es keinen Flo. Irgendwie merkwürdig, aber ich dachte damals noch nichts Schlimmes. Hätte ja auch Zufall sein können.” „Aber wie konntest du das wissen?”, Erkans Neugier war geweckt. „Ich hab nicht nur einen Rechner. Auf dem einen lief der normale Chat, auf dem anderen der Gaychat.” Flos Hand war mittlerweile in meiner Hose verschwunden und verharrte dort aber erst einmal regungslos. Auch Jost spielte nicht mehr mit den Zehen sondern ließ seine Hand ebenfalls auf Wanderschaft gehen. „Tja, aber dann hatte ich Glück. Es war beim ersten Sommertraining, dass ich beobachtete. Flo hatte kein Shirt an und ich sah das Tribal wieder. Oups, das kennst du doch!” Ich streichelte liebevoll die Brust meines Kleinen, der immer noch oben ohne saß. „Gut, hätte auch wieder ein Zufall sein können, aber das war dann doch irgendwie zuviel Zufall, oder? Ich hab dann etliche Bilder von ihm gemacht, sollte ja ein Bericht werden, also nichts Anzügliches.” „Ich dachte nur, der schon wieder mit seiner Cam. Irgendwie lästig der Typ, aber er gehört nun einmal dazu und wenn der Verein schon Kohle zahlt, dann musst du auch das in Kauf nehmen.” „Und dann?” „Ich hab dann mal in einer Nachtsitzung die Bilder übereinander gelegt und siehe da, es passte alles. Meine Eisprinzessin ist Flo, das stand für mich so fest wie das Amen in der Kirche.” „Da hat es dann aber WUMM gemacht?” „Ne, immer noch nicht. Ich wusste zwar nun einiges mehr, aber wie sollte ich mich ihm nähern, dem Mädchenschwarm, der mit seinen Weibergeschichten permanent angab. Eishockey ist nun mal keine Schwulensportart. Ich kam mir verloren vor!” „Aber wie kamt ihr letztlich zusammen?” „Du meinst unser drittes Kennen lernen, lieber Erkan?” „Ja!” Mittlerweile hatte Jost Hand seinen Schritt erreicht und lag dort wie fest verankert. „Da hat er mich wieder einmal überrumpelt.” „Flo, nicht überrumpelt, ich hab dich zu deinem Glück gezwungen.” „Ja, ja. Aber bevor du weitererzählst, gibt es noch Raki. Ich könnte mich an das Zeug gewöhnen.” Jost war sichtlich ungehalten, musste er doch seine Hand von dem Ort lösen. Er ging zum Tresen zurück und holte die Flasche zu uns an den Tisch. Er füllte die Gläser und wir stießen an. Eine Tür fiel ins Schloss, wir erschraken. „Keine Aufregung. Das sind die letzten Gäste, dann liegen alle auf ihren Zimmern, bis auf euch. Und hier kommt eh keiner rein, ich hab nämlich die Zwischentür gerade abgeschlossen, damit man uns nicht stört.” „Ah, der Herr schließt uns ein. Was soll das denn bedeuten?” „Nichts, mein kleiner Türke, ich will jetzt nur nicht gestört werden. Es ist gerade so gemütlich. Wir liegen so schön hier …” „Wenn das so ist, …”, meinte Erkan mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, „dann kann ich ja auch …” Er stand auf und zog sich die Hose aus und rekelte sich nur in Unterwäsche auf dem Sofa, seine Füße wieder auf Jostens Schoß. „Endlich bequem!” Auch keine Haare auf den Beinen, echt nett, dachte ich. Flo grinste nur, er dachte wohl das gleiche. „Erkan, dein Fuß liegt auf meiner Blase. Warte mal.” Jost öffnete sich den Hosenbund. „So, jetzt geht’s.” Flo hatte mittlerweile auch meine Schuhe auf den Boden geworfen und umklammerte mit seiner Linken meine Fersen, die Rechte war in meiner Hose. „Alle bequem? Kann ich weitermachen?” „Ich bitte darum.” „Gut. Ich wusste also, dass Flo meine Eisprinzessin war, aber wie sollte ich mich ihm zu erkennen geben? Das war die Frage aller Fragen. Ich wusste erst keine Antwort. Aber dann kam mir die Idee beim Lesen der BLÖD-Zeitung. Die hatten ein persönliches Spielerinterview von irgendeinem Fußballheini gebracht. Ich schlussfolgerte: Entenmann will OFFENHEIT, also warum sollte man nicht auf der Homepage, die ja mein Baby war, ein Interview mit einem Spieler machen. So als Infos für die Fans, die Stars quasi zum anfassen. Kurz und Gut, ich stellte die Idee dem Vorstand vor und sie wurde angenommen. Aber ich konnte ja schlecht mit einem Neuling in der Mannschaft die Reihe anfangen. Und die Frage: Florian Stockmann, bist du schwul, in einem normalen Interview ging ja wohl auch nicht. Tja, und dann kam Todd.” Fragende Blicke auf der anderen Seite. Flo lachte. „Todd Thorne, der schwulste Eishockeyspieler Kanadas. Lebt offen und hat keine Probleme damit. Ich bewunderte ihn vom ersten Tag an, als ich ihn sah.” „Das müsst ihr genauer erklären.” „Jost, ganz einfach, jede Mannschaft der Regionalliga durfte zum damaligen Zeitpunkt zwei Ausländer haben. Und bei den Phantoms war einer von denen Todd. Man kannte ihn nicht persönlich, als man ihm den Vertrag anbot, man kannte lediglich seine Statistiken. Er wurde verpflichtet und kam dann über den großen Teich.” „So geht das?” „Jepp. Ihr müsst wissen, Eishockeyspieler sind wie Nutten. Nie treu und ihre Sympathie gehört im Moment dem, der am meisten zahlt.” „Ich bin also eine Nutte?” Flo kniff in mir in mein Gemächte. „Schatz, ist es denn nicht so! Spieler gehen doch zu 99% dahin, wo sie das meiste Geld zu kriegen glauben, oder?” „In der Regel schon, aber wenn ich eine Nutte bin, dann nur die deine.” Er lockerte den Griff und küsste mich. „Aber wie ging es denn weiter?” „Tja, Entenmann spricht kein Wort Englisch, also fragte er mich, ob ich Zeit und Lust hätte, Todd abzuholen. Ich hatte, denn Eisprinzessin war ja nicht greifbar. Ich traute mich immer noch nicht, ihn direkt zu fragen, ob Flo Eisprinzessin ist. Ich also nach Amsterdam und holte diesen kanadischen Collegeboy ab. Wir fuhren durch Holland und redeten und redeten. Na ja, was soll ich sagen? Ich mochte ihn und er war ganz offen zu mir. Er war etwas traurig, hatte er doch seinen Freund wegen des Vertrages hier in Deutschland verlassen müssen. Kurz vor Enschede ist es dann passiert. Ich musste tanken und wir sind dann aufs Klo. Ich schaute ihm auf den Schwanz beim Pissen, er bemerkte das wohl und fragte dann ganz direkt ins Gesicht, ob ich die volle Sicht haben wolle. Ich grinste nur und wir sind ab in die nächste Kabine. Ich hab ihm dann einen geblasen und er revanchierte sich.” „Du hast was?”, hörte ich da Eifersucht aus der Stimme meines Liebsten? „Wir haben uns gegenseitig einen geblasen! Ja, was ist dabei?” „Nichts, aber wir haben wieder eine Gemeinsamkeit mehr, mein Engel!” „Ich klärte Todd dann auf, er solle nicht so freizügig hier damit umgehen. Er sollte ja die Rolle des Charmingboy hier übernehmen und sich die Leute, denen er sich hier offenbarte, genau aussuchen. Ich hab dann die Fragerei im Auto zu meinem ersten Spielerinterview zusammengestellt. Na ja, die Episode in Enschede ließ ich außen vor.” „Kann ich verstehen. Aber wieso spielt den dieser Todd eine so wichtige Rolle?” „Frag Flo!” Flo wurde verlegen. „Können wir das später abhandeln? Die Sprünge würden sonst zu groß.” „Nein, bleiben wir in der Chronologie, mein Engel.” „Wie du willst. Marius kam mit Todd an und ich war hin und weg, Todd war mir von Anfang an sympathisch. Die Anziehung war da aber eher sportlicher Art, er kann mit dem Puck umgehen, da wird einem schwindelig. Wie gesagt, das Sommertraining findet in einer normalen Turnhalle statt. Wir schwitzen wie die Affen. Ich versuchte immer, eben Todd zu duschen, um so wenigstens einen Blick zu erhaschen. Ich wusste mittlerweile, dass ich auf Jungs stehe und ich hatte ja meine Erlebnisse mit Lonesome Rider, aber Todd fing an mich auch körperlich zu interessieren. In mir erwachte der sportliche Ehrgeiz. Flo, du musst es schaffen, mit diesem Kanuken in einer Reihe zu spielen. Ich wollte unbedingt, aber ich als Neuling in der Mannschaft hatte wohl kaum eine Chance in die Paradereihe aufgenommen zu werden.” Er seufzte und trank einen Schluck. „Todd sind meine sportlichen Versuche, zu ihm aufzuschließen, wohl auch aufgefallen. Er ermutigte mich immer wieder und half mir oft aus dümmlichen Situationen in den Spielübungen, aber es fehlte irgendwie etwas. Er meinte, wenn wir ein Team werden wollen, müssen wir uns blind verstehen und miteinander harmonieren. Ich fragte mich, wie das gehen sollte?” „Und, habt ihr es geschafft?” „Haben wir. Ich fragte dann im Chat meinen Lonesome Rider, dem ich eh alles anvertrauen konnte, bis auf meinen Namen und mein Gesicht, wie ein Paar im Sport miteinander harmonieren könnte. Und wisst ihr, was er gesagt hat? Fahrt Tandem!” Erkan und Jost schauten sich fragend an. „Das war auch meine Reaktion.” „Ich kenn das vom Tanzen her. Habe mal vor der Bundeswehr meine Zeit im Tanzsportclub zugebracht. Wenn du mit einer Partnerin Erfolg haben willst, musst du mit ihr harmonieren, eure Bewegungen müssen gleich sein, und um das zu erreichen, musst du gleich laufen können und das, diesen Gleichschritt, lernt man am besten, wenn man zusammen Tandem fährt. So einfach!” Sie wirkten leicht perplex. „Und dann sind Todd und Flo eines nachmittags mit dem Tandem zum Training gekommen. Das hatte nicht nur ein lautstarkes Gejaule des Teams zu Folge, sondern mir waren auch die letzten Zweifel an der Identität der Eisprinzessin genommen worden.” Ich grinste meinen Spatz an. „Was soll ich sagen, durch das Tandemfahren wurden Todd und ich wirklich ein Team. Wir harmonierten miteinander und verstanden uns beinahe blind. Das Eistraining hatte begonnen, allerdings nicht bei uns in der Halle, sondern in Unna. Dem Trainer fiel auf, dass Todd und ich miteinander gut konnten, Ich hab ja auch für ihn immer den Übersetzer in der Kabine gespielt. Und nach der letzen Eiseinheit kam er in die Kabine und legte sein Vorstellungen über die Zusammensetzung der einzelnen Reihen vor. Und dann platzte die Bombe. Er meinte, während der anstehenden Testspiele solle ich neben Todd und dem Kapitän, der eher Center ist, in den Sturm. Er wolle sehen, ob wir auch im Spiel unsere Harmonie umsetzen konnten. Man war ich Happy!” „Kann ich mir vorstellen.” „Ja, aber da gibt es ein Problem, ein ungeschriebenes Gesetz im Hockey.” „Welches denn?” Erkan war wirklich neugierig. „Die Haare am Sack!” Ich lachte und schaute auf Erkann, der ein riesiges Fragezeichen auf der Stirn hatte. „Kommt ein Frischling fest in die Mannschaft gibt es so eine Art Aufnahmeritual. Dabei werden ihm, so quasi als Zeichen der Jungfräulichkeit in der Mannschaft, die Sackhaare abrasiert.” Auch Jost musste nun lachen. „Matthias, unser Torwart, dieser Schuft, wollte mich gleich auf den Kabinenboden werfen und loslegen, aber Gott sei Dank waren wir ja in Unna und nicht bei uns in der Kabine. Es hatte zum Glück niemand ein Rasierer dabei. Und Todd? Er stand auf und meinte nur laut in die Runde: ‚Sorry guys, but he will be my partner and so i will shave him, you will see the result next time.’ Es wagte keiner ihm zu widersprechen, denn er war auf dem Eis der geborene Führer, man konnte der das Eis lesen. Matthias machte noch eine abfällige Bemerkung, so nach dem Motto, wenn es euch Spaß macht, macht es doch alleine, ihr Spielverderber. Man wollte mich ja sich winden sehen!” Er griff sich eine Zigarette, seine dritte am heutigen Abend, und fuhr dann fort. „Na ja, das hatte ich überstanden. Wir fuhren nach Hause und er meinte nur, wir sollten doch noch ne Runde mit dem Tandem drehen, es war Samstag Nachmittag und die Mannschaft wollte sich abends zum Grillen treffen. Das Tandem stand bei meiner Mutter in der Garage, wir also zu mir und ich erst einmal hoch, die Klamotten abstellen. Er kam hinter mir her und meinte nur, wir könnten die Rasur ja auch gleich machen, dann hätte ich es hinter mir. Ich war verwirrt, aber was sollte ich machen? Wollte ich zur Mannschaft gehören, musste das sein und dann besser hier bei mir als in der Kabine vor allen anderen. Todd ging ins Bad und kam mit Handtuch, Rasierer und Schaum wieder, selbst an mein After Shave Balsam hatte die Ratte gedacht.” Ich konnte mir die Situation gut vorstellen, die anderen wohl auch, wenn man ihre Blicke so deuten konnte. „Ich zog meine Hose aus und legte mich aufs Bett. Er mit einem Waschlappen mein Schamhaar angefeuchtet und schmierte mich dann oben und am Sack mit Schaum ein. Er setzte den Rasierer an und legte los. Also, was soll ich sage? Während er da so hantierte und meinen Schwanz in der Hand hatte, um den Sack glatt zu kriegen, regte sich was. Der kleine Flo wurde hart und steif und stand wie eine eins. Na ja, er beschäftigte sich dann eher mit meinem Schwanz als mit dem Rasierer. Er zog mir die Vorhaut zurück und ließ seiner Zunge freien Lauf. Ich genoss es und er wohl auch. Ich kam allerdings ziemlich schnell und hatte ihm das ganze Zeug ins Gesicht gespritzt, so geil war ich. Er beugte sich über mich und meinte nur, ich solle es ablecken, was ich dann auch tat, war ja eh mein eigenes. Ich war ziemlich abgekämpft aber es sollte noch besser kommen.” Er drückte die Zigarette aus. „Ich dachte eigentlich, wir sind fertig, da meinte er nur, er müsse die Rasur vollenden, da wären noch ein paar Haare. Er also wieder den Schaum raus und nochmals eingeschmiert, diesmal auch am Arsch. Ich verstand erst gar nicht richtig, aber egal. Er kratzte die letzten Haare weg und spielte dann mit seinem Finger an meiner Rosette. Ich war immer noch oder schon wieder geil, ich weiß es nicht. Er fingerte mich und deutete mein Stöhnen wohl richtig. Er fragte mich, ob er dürfte, ich sagte ja und dann hatte ich auch schon seinen beschnittenen Schwanz in meinem Arsch. Man, ich kann euch sagen, er hat mich entjungfert und fragt nicht wie!” Seine Augen strahlten. Ich kannte die Geschichte der Rasur zwar schon, aber das es dabei auch zum Analverkehr gekommen ist, war selbst mir neu. Anscheinend hatte ich den Ausspruch von Todd damals falsch verstanden. Gut, Flo war keine Jungfrau mehr, als wir ein Paar wurden, aber er hatte auch eine gute Wahl getroffen mit demjenigen, der ihn da zum ersten mal…. Was soll es, dass ich nicht der erste in ihm gewesen bin? Wichtig zwischen zwei Menschen, die sich lieben ist, ist doch letztendlich nur das, was ist und nichts das, was in grauer Vorzeit mal war, oder? Flo setzte den Exkurs mit Todd fort. „Wir sind dann hinterher zum Grillen mit den anderen gefahren, Marius war als Berichterstatter auch eingeladen. Und ich sage euch, allein wenn ich daran denke, werde ich rot. Ich stehe gerade am Grill und will mir ein Würstchen holen, da kommt Todd von hinten und zieht mir die Trainingshose und Shorts runter, jeder konnte die glatte Haut um meinen Schwanz sehen. Alles lachte und feixte, man war mir das peinlich. Todd ganz cool: ‚Dear friends!’ und deutete auf meine nicht vorhandene Schambehaarung, ‚As I promised!’ Der Trainer, Konrad Klünter, meinte nur lakonisch: ‚Na, dann Flo: Herzlich Willkommen in der Mannschaft. Komm, darauf trinken wir einen’ Alles lachte weiter und man beglückwünschte mich, immer noch mit heruntergelassener Hose. Bei einem Bier mit Klünter ist es allerdings nicht geblieben, wir ließen uns vollaufen, ich besonders wegen Todd und meinem Kerl hier. Am nächsten Tag ich hatte Kopfschmerzen, und der Trainer keinen Führerschein mehr.” Natürlich war die Rasur Thema am Abend. Todd fragte mich im Verlauf der Fete, was ich davon halten würde und ich sagte nur: ‚Smooth like a virgin!’ Seine Antwort: ‚But he is not a virgin!’ muss ich wohl falsch verstanden haben. Aber sei es drum, ich verzeihe den beiden Beteiligten an dieser Sache. So brauche ich mir ja auch kein schlechtes Gewissen zu machen, dass ich damals Flo keine Morgengabe kredenzt habe, als wir uns das erste Mal auf die se Art näher gekommen sind. Jost Hand lag mittlerweile in Erkans Unterhose. Der, ganz frech, meinte nur trocken. „Ich hab da auch keine Haare mehr! Hier:” Er schob den Bund nach unten und gab den Blick auf ein glattes Stück Haut frei. Flo pfiff leise. „Ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren. Engel, sei du ein Engel und mach weiter!” „Also, mein erstes Interview hatte ich also. Wer sollte als zweites ran? Ich wollte eigentlich die Hackordnung im Team einhalten, sprich die Ausländer, der Kapitän, den Trainer und die Assistenten. Also folgte in der nächsten Woche das Interview mit dem Kapitän, dann kam der zweite Ausländer an die Reihe und kurz vor Saisonbeginn Konrad Klünter, der Trainer. Und von der Saisoneröffnung der Mannschaft beim Grillen musste ich ja auch noch berichten. Da hätte es Ewigkeiten gedauert, bis mein Flo an der Reihe wäre. Da kam dann nach der Grillaktion die Zweite Vorsitzende in einer Sitzung auf mich zu. Elke meinte, ich sollte nach einem Fremden und Trainer doch ein Eigengewächs aus der eigenen Jugend zum Helden machen. Ratet mal, wen ich genommen habe?” „Deinen Flo?” Eigentlich eine rhetorische Frage, aber egal. „Genau. Ich hab Flo also eingeladen. War ja ein offizieller Auftrag seitens des Vorstandes, also nichts Verfängliches bei der Einladung. Es war Anfang September und ziemlich heiß. Er kam, nur im Muscleshirt, ich war hin und weg, als ich ihn sah. Er ist halt eine Sahneschnitte.” Er strich sanft über meinen Schritt. Ich löste Gürtel und obersten Knopf und sah meinen Gatten intensiv an. Er nickte nur: „Ist einfacher!” „Tja, mein Spatz war da, allerdings zu früh. Ich kam gerade vom Training und war entsprechend verschwitzt.” „Du spielst auch Eishockey?” „Gott bewahre, ich halte es lieber mit Bällen. Allerdings sind die schwerer. Ich spiele Bowling.” „In der zweiten Bundesliga!”, hörte ich da einen gewissen Stolz in der Stimme meines Liebsten? „Lenk nicht ab. Also er zu früh, ich verschwitzt, was fragt man? Wollen wir schwimmen gehen? Er: ‚Ich hab keine Badehose!’ So prüde war er! Ich: ‚Egal, ist eh keiner da und wir haben den Pool meiner Eltern für uns.’ Er ziert sich. Ich spring nackt in die Fluten und er? Er wartet und kommt dann schließlich doch hinterher. Das er keine Unterhosen trägt, wusste ich nicht von Flo, wohl aber von Eisprinzessin. Beim Grillen hatte Flo ja auch ne Shorts drunter, vermutlich wegen der frischen Rasur, aber das war mir in dem Moment auch egal. Wir schwimmen ein paar Runden und haben uns dann auf die Liegen gelegt.” „Nackt?” „Nein Erkan, ich gab ihm ein Handtuch und wir lagen dann ganz züchtig da. Wir fingen an zu quatschen und er fragte, ob ich mir keine Notizen machen wollte, es wäre ja ein Interview. Ich sagte nein, ich wolle Eindrücke sammeln und sie ihm dann zur Veröffentlichung vorlegen. Ich wollte ja nicht den gleichen Fragebogen durchgehen, den er schon bei der Spielervorstellung durchgehechelt hat.” Ich verlagerte mich. Erkan tat es mir nach und wir lagen, beide mit den Füßen auf den Oberschenkeln unserer Freunde, nun Aug in Aug. „Bei dem Gespräch kam dann das Thema auch auf Borkum. Irgendwie kam mir Flos Name ja bekannt vor, aber ich wusste nicht, woher? Wo sollte ich ihn hinstecken? Wir hatten uns in all den Jahren verändert, besonders körperlich. Aber je länger wir sprachen, desto deutlicher wurde der Eindruck bei mir. Ich meinte dann schließlich, ich hab da so ein paar Bilder in irgendeinem Album, ob er sich die mal anschauen wollte. Er: Können wir machen. Wir also in meinen Bungalow.” „Bungalow? Ich dachte, du wohntest bei deinen Eltern.” „Tue ich ja auch. Als ich von Hannover und der Geschichte mit Johnny wieder nach Hause kam, hatten meine Eltern mein Zimmer in ein Gästezimmer umgewandelt. Ich musste, wohl oder übel, ins alte Gärtnerhaus ziehen. Ich hab mein eigenes Reich und dennoch die Vorzüge von Hotel Mama.” Alles grinste. „Wir also rein und ich fange an zu suchen und was macht er? Er sitzt am Schreibtisch und liest meine Schreibtischunterlage. Was stand da? Lonesome Rider liebt Eisprinzessin und ein Herz darum herum. Kitschig, nicht? So eine Kritzelei während einer unserer Chats. Was macht Flo? Er nimmt einen Kuli und schreibt was. Ich hab das vor lauter Suchen erst nicht registriert. Er dann: Marius, ich hab da mal ne Frage. Ist nicht einfach und sehr schwierig. Aber bitte eine ehrliche Antwort. Ich: Ich bin die Ehrlichkeit in Person. Er: Gut. Bist du schwul? Ich war von den Socken. Stammle nur: Ja. Er. Dann komm mal her! Ich ging auf ihn zu und er zeigte mir, was er da geschrieben hat.” „Was denn? Mach es doch nicht so spannend!” „Na, da stand neben dem Herz: Und Eisprinzessin liebt den Lonesome Rider. Da hat es dann wirklich WUMM gemacht.” „Stimmt. Aber darf ich mal aus meiner Sicht was beitragen.” Zustimmendes Nicken. „Ich war mir sicher schwul zu sein. Ich hab mich in die Chatgestalt Lonesome Rider verknallt, war hin und weg von ihm. Er war ganz lieb und hat mich nie gedrängt. Ich wollte mein Gesicht nicht zeigen und er hat es akzeptiert. Einfach so. Na ja, ich sehnte mich nach Gebogenheit, Wärme, Liebe und Lust. Gut, die Lust konnte ich mit Marius via Cam befriedigen, aber das andere? Da war eine Leere. Nach dem Fick mit Todd wusste ich aber, ich will nicht mehr alleine sein, ich brauchte jemanden. Zuerst dachte ich, ich hätte mich in ihn verschossen, denn er nahm mich ziemlich sanft. Da waren zwar Wärme des Anderen und Lust, aber Geborgenheit? Eher weniger und vor allem, es war keine Liebe? Ich mochte ihn als Sportskamerad, als Eishockeyspieler, als guten Freund, aber nicht als Liebhaber. Das wurde mir klar, als ich die beiden, Marius und Todd, beim Grillen beobachtet hatte. Sie tuschelten und deuteten mehrmals auf mich und lachten dann. Ich dachte, so ein Arsch. Erst entjungfert er dich und dann erzählt er anderen von der Herrlichkeit dieses Moments. Ich war echt sauer, als die beiden dann noch recht früh sich vom Grillen verabschiedet haben und gemeinsam gefahren sind.” „Engelchen, wir sind in die Disco abgerauscht und haben abgetanzt. Da war nicht mehr!” Er streichelte meine Füße weiter. Na ja, die Episode in der Sauna lasse ich lieber außen vor. Flo darf ja alles essen, braucht aber nicht alles zu wissen und wie gesagt, dass war vor der Zeit, als wir zusammenfanden. „Na ja, wem sollte ich was sagen, mit wem über meine Gefühle reden? Und dann kam der Anruf von meinem Gatten hier! Ich sollte zum Interview und über mich was sagen. Ich war verknallt in meine Chatgestalt, aber die war ja nicht real. Ich hab hin und her überlegt, sagst du es ihm oder nicht. Wir kannten uns ja nur vom Sport her, hatten zwar über viel, aber über nichts Persönliches gesprochen. Nur, der Kerl hier aber war mir sympathisch. Ich hab dann allen Mut zusammengenommen und dachte, wenn der so gut mit Todd kann, dann könnte der vielleicht auch verzaubert sein, so wie die zusammengegluckt haben. Dann wird er dich verstehen und nicht gleich rausschmeißen. Na ja, dann ist mir auch noch aufgefallen, dass Lonesome und er oftmals identische Redewendungen gebrauchten, auch von der Figur her gab es eine gewisse Ähnlichkeit, aber ich hatte es nicht zu hoffen gewagt. Ich also mit einem Riesenbammel zu ihm hin und was schlägt mir der Kerl vor? Nackt baden! Ich war fassungslos, wollte er mich vorführen? Was hatte Todd erzählt. Wollte er mich auch ficken? Ich war erst verdattert und brauchte eine Weile, um wieder klar zu werden. Aber dann hab ich zu mir selbst gesagt. Quatsch keine Opern. Was kann dir passieren, außer das es gleich zu einem geilen Erlebnis kommt. Also, trau dich, raus aus dem Schrank. Auch wenn es keine Liebe wird, ein geiles Erlebnis wird es werden. Ich bin dann in den Pool nach. Aber dann? Als er sagte, komm, wir legen uns in die Sonne, dachte ich, jetzt ist es soweit! Die Szenen am Pool kennt man ja von den Filmen her, zwei Jünglinge, nackt, jung, geil und niemand da! Aber dann? Der gibt mir ein Handtuch und will quatschen. Auch gut, dachte ich, er ist der Hausherr. Wir fingen an zu reden und das Gespräch wurde immer intensiver. Wir kamen auf Borkum und da fielen mir die ganzen Sachen wieder ein, Konnte es sein? Konnte es wirklich war sein? Aus meiner Sympathie zu ihm wurde, je länger wir da lagen, immer mehr. Ich fühlte Geborgenheit, Angst, Zärtlichkeit. Viel von dem, was er das sagte, hatte ja auch schon Lonesome zu mir gesagt und in den war ich ja verknallt. Ich war aufgeregt, als er mich in sein Zimmer mitnahm, um die Bilder zu suchen. Zuerst dachte ich, jetzt geht’s ans eingemachte, jetzt lässt er das Handtuch fallen und ab in die Kiste. Aber er? Er fängt an zu suchen, als ob er nichts Besseres in dieser Situation tun könnte. Ich setze mich an den Schreibtisch und schau auf die Unterlage? Was las ich da? Seinen Nick und meinen? Ich traute meinen Augen erst gar nicht, aber es war wohl wirklich war. Das war er! Ich nahm einen Kuli und schrieb mein Geständnis. Er war die ganze Zeit offen zu mir, also stellte ich ihm die Frage ob er auch. Und bei seiner gestammelten Antwort hat es bei mir WUMM gemacht!” Jost hatte Tränen in den Augen, so gerührt war er. „Tja, und seit diesem Tag sind wir ein Paar. Ich hab ihn nicht mehr von meiner Seite gelassen.” „Kann ich verstehen, ihr passt auch gut zusammen.” Erkan erhob sich aus seiner bequemen Position und warf mir einen angedeuteten Kuss zu. „Kannst ihn aber auch direkt küssen, wenn du willst. Ist doch nichts dabei, oder?” Mein Flo wieder. „Was sagte dein Jost gerade? Ist doch das Natürlichste von der Welt!” Erkan war baff und schaute seinen Jost an, er war auch verwirrt. „Also Leute, ich bin ja im Allgemeinen keine Spaßbremse, aber wir müssen morgen früh raus und es ist jetzt kurz nach zwölf. Ich würde ja liebend gerne weiterquatschen, aber bitte nicht hier auf dem Besuchersofa.” Manchmal kann ich wirklich fies sein. „Verlegen wir auf unser Zimmer?” Erkan schaute seinen Jost an, ihm war wohl nicht so richtig wohl in seiner Haut. „Geht schon mal vor. Ich räum nur noch etwas auf, damit Vater morgen nicht der Schlag trifft, und komm dann nach. Hier mein kleiner Türe, deine Hose.” Wir erhoben uns und Flo nahm mich an die Hand. Wir verließen den Vorraum, nachdem Erkan die Zwischentür aufgeschlossen hatte und schlichen uns wie Diebe auf Zimmer 12. Dort angekommen öffnete Flo und machte Licht an. Wir traten ein. Ich warf meine Klamotten ab, meine Hose war ja eh offen und ging ins Bad, Flo hinter mir her. Ich setzte mich aufs Klo. Flo kniete sich vor mir und betrachtete meinen Schwanz. „Du!” „Ja?” „Ich liebe dich mit jeder Faser meines Herzens!” „Ich dich auch!” Wir küssten uns innig und leidenschaftlich. „Was macht ihr da drinnen?” „Nichts, was du nicht kennst. Komm rein!” Erkan öffnete langsam die Tür, er war ob des Anblicks wohl erstaunt. Flo hatte sich erhoben und sich seiner Jeans entledigt. Er setze sich auf mich und drücke seinen Prengel zwischen meine Beine. „Darf ich?” „Immer.” Man hörte, wie Wasser auf Wasser plätscherte. „Was macht ihr denn da?” „Vertrauen austauschen!” „Wow, so was hab ich noch nie …” Flo wurde schelmisch. „Willst du mal versuchen?” „Darf ich denn?” „Hätte ich sonst gefragt?” Flo erhob sich, ich nahm seinen Schwanz in meinen Mund und leckte ihn trocken. Erkan nahm die gleiche Stellung ein wie Flo, der mittlerweile hinter ihm stand und seine Schultern massierte. Es rieselte und Flo grinste wie ein Honigkuchenpferd. Auch Erkan Schwanz erlebte die gleiche Trocknungsprozedur, er stand fast senkrecht von ihm ab und die beschnittene Kuppe leuchtete glänzend. Ich putzte mir erst einmal die Zähne, ehe ich den beiden ins Schlafzimmer folgte. Sie lagen bereits schon im Bett, als ich die Deckenbeleuchtung löscht und zu den beiden ins Bett stieg. „Ich fass es nicht, was ich gerade erlebt habe. Es ist einfach … geil!” „Siehst du, wenn wir, Marius und ich, in der Öffentlichkeit zusammen sind, kann man sich nicht immer küssen, wie man will. Aber komischerweise hat keiner der Heten, die unsere Liebe eh nie verstehen werden, was dagegen, wenn zwei Männer gemeinsam am Pinkelbecken stehen. Nur, wenn ich dann meine Hand ausstrecke und ich einen Tropfen meines Liebsten ergattere, dann ist das wie ein innerer Orgasmus für mich.” „So hab ich das noch nie gesehen!” „Aber wie habt ihr das entdeckt?” „Unsere gelbe Seite?” „Wenn man das so nennt? Ich hab das noch nicht gemacht, es ist völlig unbekannt für mich. Unbekannt und neu! Aber auch unheimlich geil, so was habe ich noch nie erlebt, man könnte es wiederholen. Allein der Gedanke macht mich ganz verrückt, so intensiv…” Man sah die Regung, die der Gedankengang bei ihm bewirkte. „Also, wie habt ihr das entdeckt? Hat das nicht Überwindung gekostet?” „Willst du, Kleiner? Denn dir verdanken wir das ganze ja schließlich und endlich?” „Du konntest dich wieder mal nicht beherrschen, liebster Marius. Ich war wie beim Blasen auf Borkum dein Versuchskaninchen. Also aus Opfersicht.” Er rückte sich in eine bequeme Stellung und stützte seinen Kopf mit der Hand. „Marius und ich waren seit dem siebten September ja zusammen. Aber ich war noch nicht soweit, dass ich mich meiner Mutter offenbaren konnte, geschweige sonst jemanden. Wir waren so knapp einen Monat zusammen, hatten aber noch nie zusammen geschlafen.” „Wie? Wart ihr enthaltsam?” „Nein, Erkan, geschlafen im Sinne von gemeinsam sich gemeinsam in den Schlaf zu kuscheln und am nächsten morgen in das Gesicht seines Liebsten zu blicken. Mein lieber Flo stellte mich erst mal als einen Freund vom Eishockey bei seiner Mutter vor. Ich hab dann ihm zuliebe dieses Theater mitgemacht, obwohl ich eigentlich dieses selbst auferlegte Schneckenhaus hasse wie die Pest.” „Kenn ich von mir. Meine Eltern kennen Jost auch nur als den Sohn meines Chefs, wenn die wüssten …” „Tja, und dann kam der 3. Oktober! Ich hab zu meiner Mutter gesagt, dass mich Marius zu einer Feier seiner Verbindung eingeladen hatte. Stell dir vor, ich musste mit zwanzig mich immer noch bei Mama abmelden. Na ja, ich hatte die Erlaubnis, ganz offiziell bei ihm zu übernachten.” „Ihr wart dann aber wohl nicht bei der Feier, oder?” „Nein, wir haben allein zu zweit unsere Vereinigung gefeiert. Was wir gemacht haben, kannst du dir ja denken. Der Anblick meines Kleinen am nächsten Morgen war grandios, so verschlafen wie er aussah, einfach nur süß!” Ich küsste Flo. „Tja, wir kuschelten noch ein wenig und sind dann mit unseren Molas unter die Dusche, wir wurden ja von seinen Eltern zum Frühstück erwartet. Wir in der Dusche etwas gefummelt und ich wollte ihm den Schwanz besonders waschen …” „Besonders waschen?” „Waschen mit meiner Zunge. OK, ich gebe es zu: Ich wollte ihm einen blasen, zufrieden?” „Jepp, schon besser!” „Ich also auf die Knie und bearbeite seinen Prügel. Und was macht der Kerl? ‚Schatz, hör auf!’ Ich dachte, ich spinne. In der Nacht konnte er gar nicht genug davon bekommen, drückte er doch meinen Kopf immer wieder tiefer nach unten, ich musste wirklich mehr als einmal schlucken, so tief war der drinnen. Seine Eichel mit meinen Mandeln auf Du und Du.” „Muss nicht einfach sein, den ganz reinzukriegen, so groß wie der ist.” Erkan wieder einmal. „Du hast mein Mitgefühl! Ich glaube bei spätestens zweidrittel müsste ich passen.” „Wirklich?” „Ja, ich beweis es dir, Flo. Darf ich Marius?” „Tu dir keinen Zwang an.” Er beugte sich über mich und musste nach etwas mehr als der Hälfte schon würgen. Flo grinste. „Ist gut, ich glaub dir ja!” Er packte ihn am Nacken, zog ihn zu sich hoch und drückte seine Lippen auf die des Kochs. „Na ja, ich mache weiter, halte mich an seinem Becken fest. Er wieder: ‚Hör auf, ich muss gleich.’ Ich verstand, ihm käme es gleich, also machte ich weiter und bearbeite mit meiner Hand seine Nippel. Er wieder: ‚Schatz! Stopp! Ich muss gleich!’ Ich hörte nicht auf ihn und dann kam es tatsächlich. Er hat mir voll in den Mund gepisst.” „Oups!” „Ne, Erkan, nicht oups. Ich hatte ihn ja mehr als einmal gewarnt. Ich wollte es eigentlich nicht, aber ich kenn mich morgens. Auch wenn ich da eine Latte habe, ich muss immer erst meine Blase entleeren, bevor man das Ding zu was anderem gebrauchen kann. Flo kannte das ja noch nicht. Aber meinst du, er hätte meinen Schwanz aus dem Mund genommen?” „Im ersten Moment war ich voll perplex. Was machte der Kerl da mit mir? Das fand ich unmöglich, aber, was soll ich sagen? Es war gleichzeitig geil und ich fühlte mich einem Menschen noch nie so nah, wie just in diesem Moment. Ich war so geil, ich konnte gar nicht anders. Und als er mich hinterher küsste, hatte ich meinen ersten Megaorgasmus!” „Wow!” „Genau das richtige Wort. Ich hatte ihn ja gewarnt und dachte, wer nicht hören will, der muss fühlen. Ich rechnete damit, dass er nach dem ersten Tropfen meinen Schwanz ausspuckt und mir eine knallt. Aber Flo? Er ließ nicht locker. Eine Explosion war nichts dagegen, so heftig hatte es ihn geschüttelt, als er hinterher kam.” Flo kraulte meinen Kopf und schnurrte. „Es war göttlich. Von dem Zeitpunkt an wusste ich, dass ich der Kerl deines Lebens. Mit dem gehst du durch dick und dünn!” „Kann ich mir vorstellen. Aber Marius, was dachtest du in dem Moment?” „Ich konnte nicht denken, ich war fertig. Gut, erst war es ein Spaß, so wie man ihm nach dem Sport unter der Dusche macht. Aber dann wurde mir schlagartig klar, dass ist der Mann fürs Leben.” „Aber sagt mal, macht ihr das immer?” „Nein, Erkan, das ist eine Spielart von uns. Eine von Vielen. Und, um ehrlich zu sein, man braucht da gewisse Räumlichkeiten für, allein der Hygiene wegen. Ich will ja schließlich nicht darin schlafen!” Wir lachten alle, ein befreiendes Lachen erfüllte den Raum. Flo meinte dann in etwas ernsterem Ton. „Mit ihm das zu machen ist was Besonderes für mich. Ich erinnere mich an das erste Testspiel damals gegen Ratingen. Wir lagen nach zwei Dritteln mit zwei Toren hinten, ich habe schlecht gespielt und nichts wollte so richtig klappen. Marius war ja mittlerweile bekannt und auch während der Drittelpausen in der Kabine, er wollte mich wohl in den Arm nehmen. Aber das ging ja nicht! Er konnte mich ja schlecht vor versammelter Mannschaft trösten, obwohl ich das gebraucht hätte. Klünter hat gemeckert wie ein Rohrspatz. Der Trainer dann zu Marius: ‚Und was sagt der Vorstand zu der Vorstellung hier?’ Marius war ja in offizieller Mission in der Kabine. Was macht mein Kerl? Grinste nur und tönte dann: ‚Konrad, ich gehör nicht dem Vorstand an, ich bin nur der Webmaster. Was der Vorstand macht, weiß ich nicht, aber das Internet geht jetzt erst mal pissen und sagt euch dann, was Ambach ist.’ Er ins Klo, man hörte es plätschern, kam zurück und meinte dann: ‚Nach der neusten Netzumfrage dreht ihr das Spiel, ihr gewinnt! Spielt so, wie ihr noch nie gespielt habt, nämlich gut! Und vor allem, spielt miteinander!’ Alles lachte und er dann zu mir: ‚Flo, du kannst ja auch nicht treffen. Du hast einen Fleck am Visier, warte mal!’ Er auf mich zu, kratzte mit vier Fingern am Plexiglas und hielt mir dabei seinen Daumen vor den Mund. Was soll ich sagen? Nach sechzig Minuten stand es vier zu fünf für uns. Ich hab zwei Tore gemacht, so sehr hat mich das aufgebaut. Die Nähe zu ihm, obwohl es ganz normal aussah und sich keiner dabei was gedacht hat. Für die anderen war es Spaß, für mich war es intensive Zuneigung und Liebe.” Es klopfte. Jost kam mit einem Tablett herein. Vier Gläser und eine Flasche Sekt. Er schaute auf uns drei, die wir da unter der Bettdecke lagen. Er schien im ersten Moment irritiert zu sein, aber ließ sich nichts anmerken. „Ich glaube, es ist eine angenehme Freundschaft geboren. Da müssen wir anstoßen, dachte ich.” Er goss ein. „Jost, mein Schatz, komm her zu uns.” Erkan stand auf, kam ihm nackt entgegen und nahm ihm die Gläser ab und reichte sie uns. Jost war mehr als verwundert, denn, wie es sich später herausstellte, so locker kannte er seinen Erkan nicht. Jedenfalls nicht im ungezwungenen Umgang mit Schwulen und seiner eigenen Nacktheit. Sie hatten sich zu Anfang ihrer Beziehung nur im Dunkeln geliebt. Er zog sich aus und schlüpfte unter die Decke. Wir stießen an und sahen uns in die Augen. Flo küsste mich und meine Zunge beantwortete seinen Zugangswunsch diesmal mit einem eindeutigen JA. Jost kam aus seiner Verwunderung wohl nicht ganz heraus schaute in die Runde. Erkan zog ihn zu sich: „Was die können, können wir auch.” Mit der Linken nahm er den Kopf seines Liebsten und drückte ihm sanft einen Kuss auf die Lippen. „Tja, und was habt ihr dann am 3. Oktober gemacht?” Jost war immer noch konfus. „Nicht wundern, lieber Jost, wir haben gerade deinem Spatz von unserer ersten gemeinsamen Nacht erzählt.” Flo grinste und Erkan hatte ein gewisses Leuchten in den Augen. Flo trank einen Schluck. „Na ja, ich wusste ja jetzt, dass ist der Typ, mit dem du alt und grau werden willst, aber wie, dass war die Frage. Ich musste die Probleme mit meiner Mutter erst einmal in den Griff kriegen und der Rest würde sich dann auch finden. Ich wollte endlich raus aus meinem Schrank.” „Und wie hast du es dann angestellt?”, wieder einmal Erkan. „Tja, das wusste ich erst auch nicht so Recht, aber Urban hat den Ausschlag gegeben, damals beim ersten Frühstück.” Ich musste schmunzeln, die Szene war wirklich zu komisch und mein Produzent hat Flo wirklich überrumpelt, scheint irgendwie in der Familie zu liegen. Mein eigenes Outing war dagegen eigentlich ziemlich unspektakulär, ich war in der elften Klasse und hatte mich mal wieder unsterblich verliebt. Objekt meiner Begierde war damals Torben, der Sohn unseres neuen Pfarrers. Wir verbrachten unheimlich viel Zeit miteinander, was keinen entging, zumal Religion in meiner Familie eher eine untergeordnete Rolle spielte. Na ja, eines Tages lag beim Abendessen ein Brief und ein kleines Päckchen mit dem Aufdruck ihrer Apotheke auf meinem Platz. Ich war irritiert. Meine Mutter nur: ‚Marius, der Brief ist von Torben, den hat er heute Nachmittag vorbeigebracht, er war ziemlich aufgekratzt. Und das Päcken ist von mir!’ Ich verstand nichts und machte erst das Paket auf, eine Großpackung Kondome, ich wurde rot. ‚Schatz, mir ist es egal, mit wem du glücklich wirst, es ist dein Leben, ich kann dir zwar raten, aber ich kann es nicht für dich führen. Aber wem auch immer du deine Liebe schenkst, wirf dein Leben dabei nicht weg! Ich hätte ja gerne eine Schwiegertochter gehabt, nehme aber auch einen Schwiegersohn!’ Und mein lieber Vater? ‚Deine Mutter hat Recht. Aber komm nie mit einem Burschenschafter nach Haus, dass würde ich nie ertragen!’ ‚Ihr wisst, dass ich …’ ‚Das du schwul bist? Schatz, du bist unser Sohn, wir sind zwar nicht mehr die Jüngsten, aber so verkalkt sind wir auch nicht! Ich wusste es schon lange, eine Mutter merkt so was immer als erste, nur dein Vater war mal wieder etwas begriffsstutziger. Nu lies mal den Brief, was schreibt Torben denn?’ Meine Muter wieder! Ich las das Geschreibsel und schob die Packung Kondome in Richtung Mutter. ‚Was ist?’ ‚Er macht Schluss!’ Sie wieder die Lümmeltüten zu mir. ‚Ne, ne, mein Sohn, die sind für dich! Auch andere Mütter haben schöne Söhne! Auch wenn du sie jetzt nicht brauchst, irgendwann vielleicht erfüllen sie ihren Zweck’ Das war’s. Der Umgang mit meinen Produzenten war unverkrampft von da an, ich hatte mir umsonst Sorgen und Ängste gemacht. Sie wollten nur an meinem Leben teilnehmen und es nicht reglementieren. Ich konnte jeden meiner Freunde mitbringen, er wurde nie schief angesehen, wohl aber beäugt, ob er denn auch zu mir passen würde und somit auch in die Familie und die wird im Hause van Aarp ziemlich groß geschrieben. Sie standen, so gut sie es konnten, mir in der Zeit nach Johnnys Tod bei. Nach diesem tragischen Verlust hatte ich eigentlich keine Lust mehr, mich irgendwie fest zu binden. Meine Mutter überlegte eine zeitlang ernsthaft, ob sie nicht eine Kontaktanzeige für mich schalten sollte! Mütter eben. Um wieder zu besagtem Frühstück zurückzukommen: Ihnen und dem Rest der Familie war nicht entgangen, dass ich die ganze Zeit mit Flo zusammenhing und wieder so richtig aufblühte, wieder ganz der alte wurde. Es gab von ihrer Seite keine anzüglichen Bemerkungen. Sie freuten sich mit mir, sie sind halt ein Teil meines Lebens, ein unheimlich wichtiger sogar, aber das sagte ich ja bereits. „Urban? Wer ist denn das?” „Urban ist mein Vater. Wir sind dann zum Frühstück rüber zu meinen Eltern, wo schon die ganze Familie versammelt war. Meine Mutter, ganz unschuldig: ‚Hattet ihr einen schönen Abend?’ Mein Vater: ‚Hiltrud, frag doch nicht so doof. Die grinsen ja immer noch, also war auch die Nacht schön. Gibst du mir bitte mal die Butter rüber!’ Felix, mein Schwager: ‚Kriegen wir jetzt eigentlich verbilligten Eintritt in die Eishalle?’ Flos Gesichtsfarbe änderte sich. Meine Schwester Svenja: ‚Ach wie niedlich, unsere Eisprinzessin wird rot!’ Flo wird tatsächlich rot. Mein Bruder: ‚Ich hoffe, er hat noch Kondition für das nächste Spiel gegen Herford, so mitgenommen sieht er aus!’ Meine Schwägerin Mareike: ‚Ach lass mal Alexander, er ist noch jung und da kann man so was abhaben! Du machst doch schon nach zweimal in der Nacht schlapp!’ Flo mittlerweile dunkelrot. Mutter wieder: ‚Florian, ich weiß nicht, ob Marius ihnen das gesagt hat, aber wenn sie ihn nehmen, kriegen sie die ganze Sippschaft gleich dazu. Wollen sie?’ Flo mittlerweile röter als rot. Mein kleine Nichte Vicky, die Tochter meines vier Jahre älteren Bruders Alexander mit ihren damals vier Jahren: ‚Ist das jetzt mein neuer Onkel?’ Und mein Flo? Stammelte nur ein JA. Mein Vater dann: ‚Dann herzlich willkommen in der Familie. Ich bin der Urban und das sie schenken wir uns. Ach ja, hier ist ein Haustürschlüssel, ich werde nur ungern gestört! Hiltrud, ist noch Kaffee da?’ Ich frag mich bis heute, wo er den so schnell herhatte.” Allgemeines Lachen machte sich breit. Flo grinste nur. „Na ja, ich war perplex. Ich hatte ja mit allem gerechnet, aber damit? Gut, mein Schatz hatte mir zwar vorher schon erzählt, dass es keine Probleme geben würde, wenn wir da Hand in Hand zum Frühstück gehen würden, aber mulmig war mir schon. Ich kannte zwar alle schon, jedenfalls mehr oder minder, aber neben meinem Schatz auch gleich ne ganze Familie zu bekommen? Und so herzlich aufgenommen zu werden, als würde man schon seit Jahren dazu gehören? Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen, nicht in meinen kühnsten Träumen!” „Und, hast du es bereut?” „Im Leben nicht! Wenn ich da an meine Mutter denke und wie die reagiert hat.” Erkan scheint Jungfrau vom Sternzeichen zu sein, so neugierig wie er ist. „Wieso? Wie hat sie denn reagiert?” Herr im Himmel hilf, dachte ich bei mir. Flo erkannte meine Sorge. „Marius, lass gut sein, es geht schon.” Er trank dann aber einen ziemlich großen Schluck und hielt Jost das Glas zum Auffüllen hin. „Du willst wirklich wissen, wie sie reagiert hat? Nach dem Frühstück habe ich beschlossen, zuhause reinen Tisch zu machen. Ich nahm Marius bei der Hand und wir sind dann zu meiner Mutter. Ich wollte, dass sie teilnimmt an meinem Leben, wie seine Eltern an seinem Leben. Aber sie? Nun, sie meinte lapidar: ‚Wie der Vater, so der Sohn! Deinen Vater habe ich an einen Mann verloren und nun auch dich!’” Eine Träne kullerte seine Wange herunter, mit stockender Stimme fuhr er fort. „Ich wüsste ja, sie würde verlorenen Dingen nie im Leben nachtrauern. Kurz gesagt: Ich solle doch meine Sachen packen und sehen, dass ich glücklich werde, allerdings ohne sie! Ich hätte drei Stunden, dann würde sie wiederkommen und mich nötigenfalls mit der Polizei rauswerfen lassen. Sie hat die Tür ganz leise zugemacht, als sie aus der Wohnung ging und nichts mehr gesagt.” Stille, ich küsste die Träne weg und nahm meinen Kleinen fest in den Arm. Diesmal war es jedoch Jost, der nach Minuten das Schweigen brach. „Und wie ging es dann weiter?” Ich legte meinem Spatz den Finger auf den Mund. „Nun, ich hatte das ganze ja live mitgekriegt. Flo war wie versteinert. Er lag heulend auf dem Bett und ich konnte nichts machen. Ich fragte ihn, was er machen will und er meinte nur, er will weg, so schnell wie möglich. Ich ging zum Telefon und rief meine Eltern an. Ich sagte nur: ‚Paps, komm bitte sofort! Wir brauchen deine Hilfe.’ Er: ‚Was ist los?’ Ich: ‚Flos Mutter hat ihn rausgeschmissen. Wir haben drei Stunden Zeit, dann kommt sie mit der Polizei!’ Er: ‚Erklärungen später! Bis gleich!’ Tja, und dann kam die ganze Familie van Aarp mit drei Wagen, mein Schwager sogar mit seinem Mercedestransporter. Meine Eltern standen in der Wohnung, meine Mutter wollte anfangen, ein paar Sachen zu packen, mein Vater aber nur: ‚Hiltrud, lass den Quatsch! Kümmere dich um den Kleinen, der ist fertig mit den Nerven und der Welt. Flo, sind alle deine Sachen in deinem Zimmer?’ Mein Spatz schüttelte den Kopf. Die Zeugnisse und andere Papiere sind im Wohnzimmerschrank in den Schubladen und dann hab ich noch was im Keller.’ Urban wieder: ‚Mareike, du übernimmst den Keller und Svenja, du kramst ja eh überall rum. Das Wohnzimmer wartet auf dich! Jungs, wir räumen das Zimmer komplett aus, aussortieren können wir später bei uns.’ Tja, nach zwei Stunden waren wir fertig, das Zimmer war sozusagen besenrein als wir gingen. Aber auch der Wohnzimmerschrank war nicht mehr das, was er vorher war.” „Wie das?” Erkan wieder. „Tja, wenn meine Schwester erst einmal kramt, dann kramt sie auch richtig. Flo hat zwar durch die Aktion seine Mutter verloren, aber seinen Vater gefunden.” Staunen stand in den Gesichtern. Ich trank einen Schluck und drückte meinen Schatz. „Tja, meine liebe Schwester hat einen ganzen Stapel Briefe gefunden, die Heiner, sein Vater, ihm geschrieben hat über all die Jahre. Seine Mutter hatte sie nie geöffnet, aber dennoch aufgehoben. Na ja, und dadurch fanden wir ihn.” „Paps lebt seit über zwanzig Jahren mit Günther, seinem Freund, in der Nähe von Nürnberg und wir besuchen die beiden oft. Sie führen da eine Jugendherberge, lustig nicht? Schwule Herbergseltern.” Er lächelte wieder, Gott sei Dank. Das Gewitter draußen hatte mittlerweile zum Sturm mutiert. Blitz und Donner wechselten sich gegenseitig ab. Ich kuschelte mich näher an meinen Flo und mein Fuß wanderte in Richtung von Erkans unterer Extremität. „Und was hast du gemacht, als du rausgeschmissen wurdest? Seid ihr zusammengezogen?” Dreimal darf man raten, wer die Frage gesellt hat. „Die Frage kann man mit einem glatten JEIN beantworten, Erkan. Ich bezog zuerst das Gästezimmer der Familie, Na ja, da standen erst mal meine ganzen Sachen drinnen. Das Gärtnerhaus, wo Marius hauste, war ja nur auf eine Person ausgelegt. Wir haben dann das Dach ausgebaut und leben jetzt auf knappen 120 Quadratmetern.” „Ist das nicht etwas groß für zwei?” „Nein, jeder hat seine eigene Rückzugsmöglichkeit, wo er die Tür zumachen kann, wenn er will, aber unsere Türen stehen eh meistens offen.” „Bis auf die Episode mit Claudio, mein Schatz. Da war meine zu.” „Ja, lieber Flo, da war sie zu, aber auch nur einen halben Tag!” „Äh, wie? Wer ist denn Claudio?” Erkan wieder mal wissbegierig. „Ich gebe es ja zu, Claudio war ein One Night Stand von mir. Wir haben uns damals Ende August mal im Chat getroffen und dann, na du weißt schon. Für mich war es nichts anderes als Sex, ich hatte Bock, er hatte Bock und was macht man da?” „Man steigt zusammen in die Kiste!” Jost fasste die Lage in treffende Worte. „Genau, für mich eigentlich als Single eine ganz normale Sache, man hat Spaß miteinander. Mehr nicht, aber Claudio sah halt mehr darinnen.” „Ihr könnt euch vorstellen, ich gerade von meiner Mutter rausgeworfen, ziemlich mitgenommen, und da kommt dieser schnuckelige Italiener und will mir Marius wegnehmen.” „Wie das?” „Ach, er stand eine Woche, nachdem mein Kleiner bei mir eingezogen ist, mit zwei gepackten Koffern vor der Tür. Ich war baff erstaunt, könnt ihr euch vorstellen. Claudio begrüßte mich stürmisch, schmiss die Koffer in die Ecke und frage, wo er seine Sachen einräumen könne. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Jedwede Frage von mir erstickte er mir Küssen. Er liebe mich ja so und er könne nicht mehr ohne mich leben.” „Tja, als ich diese Szene sah, habe ich die Tür zugeschmissen und erst einmal in meinem Zimmer geheult. Marius klopfte an, ich wollte ihn aber nicht sehen, diesen Betrüger!” „Erste Krise?” „Jepp, aber die einzige, die wir hatten. Gott sei Dank!” Ich knuffte Flo. „Und? Wie habt ihr sie gelöst?” „Ich hatte laut Musik an, ich wollte ja niemanden sehen und hören. Er hat mir den Strom abgedreht, ganz einfach. Ich musste dann ja zwangsläufig mithören, was die beiden da im anderen Zimmer besprachen. Und eigentlich, war meine erste Reaktion falsch gewesen.” „Wie das?” „Ach Erkan, ich bin ins Wohnzimmer rein und hab die beiden knutschend da stehen sehen, dachte ich jedenfalls, aber Claudio hat Marius geküsst, er aber nicht ihn. Das erkannte ich nicht vor lauter Wut und bin dann ab. Nachdem ich nicht rauskommen wollte, stellte mein Gatte den Strom ab. Ich musste oder sollte hören, was da gesagt wurde.” „Was wurde denn gesagt?” „Marius hat diesem kleinen Itaker dann ziemlich schnell und vor allem deutlich klar gemacht, dass er auf dem Holzweg sei. Das das Erlebnis mit ihm zwar schön gewesen sei, aber nicht mehr, und sein Herz jetzt jemand anders, nämlich mir, gehören würde. Ich hab voreilig reagiert und geurteilt, ohne alle Fakten zu kennen. Ich wusste ja, dass mein Schatz einiges an Beziehungserfahrung besitzt und auch nicht gerade als Mönch gelebt hat, aber da habe ich erkannt, dass ich im Jetzt und nicht in der Vergangenheit leben muss, wenn ich mein Leben meistern will. Wenn ich eine Person liebe, dann muss ich auch ihre Vorgeschichte in Kauf nehmen. Er kann sie, seine Erfahrungen, ja nicht in die Altkleidersammlung werfen, oder?” „Stimmt.” „Siehst du, hinterher tat mir Claudio fast leid, so sehr hatte er sich in die Idee verrannt, da könne mehr sein. Und kann man es ihm verdenken, dass man sich in meinen Schnubbel verlieben kann?” „Eigentlich nicht, da könnte man mehr als Appetit kriegen, wenn man ihn so sieht.” „Erkan, jetzt werde ich aber rot. Trotzdem Danke für das Angebot. Die Idee aber lege mal ganz schnell ad acta und ganz weit, weit weg. Mein Herz gehört meinem Flo und das ist auch gut so.” „Schatz?” „Ja?” „Ich liebe dich!” „Ich dich auch, meine Eisprinzessin, ich dich auch!” „Aber Flo, das war ja mehr oder minder nur eine Bagatelle. Hat das denn keine anderen Probleme gegeben? Ich meine mit deinem Sport, deiner Arbeit?” „Erkan, ich hatte gerade meine Gesellenprüfung abgeschlossen.” „Was hast du gelernt?” „GWS!” „GWS?” „Gas-Wasser-Scheiße. Ich bin Klempner!” Flo grinste. „Also auf der Arbeit gab es keine Probleme. Ich hab einfach nur meine neue Adresse angegeben und das war es dann. Ich hab weiter eine Arbeit gemacht, bin zum Training und das war es. Ich hab aufgrund des Eishockeys eh kaum was mit meinen Arbeitskollegen gemacht. Wenn die faul in der Sonne lagen oder mit ihren Kindern was unternahmen, war ich in der Eishalle und hab trainiert. Die Sache mit dem Sport war da schon weitaus schwieriger.” „Wem sagst du das? Ehrlich gesagt, ich bin froh, dass wir da nicht noch einmal durchstehen müssen.” „Äh, darf man fragen, was daran so schwierig war?” „Erkan, wenn ich das erzähle, brauche ich noch was zu trinken.” Jost hob die Flasche Sekt in die Luft, sie war leer. Er stand auf. „Das will ich jetzt auch wissen. Ich geh mal eben …” Er wollte sich schon anziehen, da meinte Flo: „Lass die ruhig Hose aus. Du brauchst nur in die Sporttasche zu greifen, da ist eine Flasche Sherry drinnen. Eigentlich ein Mitbringsel für Henning, aber wir können ja morgen, ähh, heute, noch was Neues einkaufen.” Jost tat wie ihm geheißen und kam mit einer schwarzen Flasche wieder. „Soll ich die Gläser spülen?” „Jost, du hast frei, also leg dich wieder hin. Ist zwar nicht stilecht, aber dem Sherry ist es egal, woraus er getrunken wird. Und nu komm zu deinem Türken und beschütze ihn vor dem Gewitter!”, sprach er in Richtung seinen Liebsten und setzte dabei das Spiel seines linken Fußes mit meinem rechten Fuß fort. Der Angesprochene tat, was Erkan von ihm wollte, schüttete aber dennoch den Sherry ein. „Bei der ganzen Sache mit dem Einzug bei mir habe ich mir da erst keine Gedanken gemacht. Es ging ja erst einmal um Flo, dass er wieder hergestellt wurde.” Ich trank etwas. „Wir haben dann hin und her überlegt, wie wir die Sache angehen sollten. Ich wollte mich ja nicht mehr verstecken, aber sie betraf ja mich nicht allein, sondern uns beide, meinen Marius und mich!” „Mein Produzent meinte nur zu Flo, er solle aus seinem Coming Out kein Runing Out machen. In der Ruhe läge die Kraft und er hatte wieder einmal Recht.” „Was habt ihr gemacht?” „Erst mal das gleiche, wie auf der Arbeit, die Adressenänderung mitgeteilt.” „Aber dann wussten sie ja, dass du bei Marius wohnst.” „Nein, Erkan, das Gärtnerhaus hat die Zufahrt zum Waldmannskotten, das Haupthaus liegt an der Essener Straße. Gut, wer sich bei uns auskennt, der weiß, dass das zusammengehört, aber für die anderen sah das nur aus wie Nachbarschaft. Das sollte für die erst einmal genügen. Ich hatte da so meine Vorstellungen, und vor allem, ich hatte ja das Internet hinter mir, dass machte ich ja selber!” „Mein Schatz war ganz perfide. Als erstes änderte er meine Vorstellungsseite auf der HP. Unter Familienstand war da plötzlich FEST VERGEBEN zu lesen. Das gab zwar eine gewisse Aufregung unter den weiblichen Fans, besonders den Teenies, im Forum, aber das war es schon.” „Bei meiner persönlichen Vorstellung stand das gleiche, aber wer interessiert sich schon für den Webmaster?” „Ich!” „Will ich dir auch geraten haben.” Ich küsste ihn. „Tja, da waren aber dann auch noch die Mannschaft, der Vorstand und der Trainer. Gut, man kannte mich mittlerweile, es war also nichts Besonderes mehr, wenn ich mit zum Training kam und Flo hinterher wieder mitnahm. Es war halt Nachbarschaft. Einigen ist es zwar aufgefallen, dass wir permanent zusammenhingen, aber das war es dann auch. Auch die Frage nach seiner Freundin und wo die stecken würde, ja, auch Eishockeyspieler können lesen, wurde hingenommen. Flo meinte nur, wenn er seine bessere Hälfte ihnen vorstellen würde, würde man sie ihm nur ausspannen und das Risiko wolle er nicht eingehen. Auch müsse er sie, also mich, vor den weiblichen Fans beschützen, was ja auch stimmte, denn im Forum war unter anderem zu lesen: „Der Schlampe, die sich den süßen Flo gekrallt hat, der kratz ich die Augen aus!” „Hätte sie ruhig machen können, dann wärst du immer auf meine Hilfe angewiesen.” Ich stupste Flo in die Seite. „Über Behinderte macht man keine Späße.”, tadelte ich ihn. „Wie gesagt, man hatte so etwas wie Einsehen mit meinem Kleinen und seiner Lage. Für Todd war die Sache eh klar, wir haben es ihm und seinem Matthias (Genau der Torwart, der meinen Flo damals rasieren wollte! Die hatten sich mittlerweile auch gefunden!), bereits am folgenden Wochenende gesagt. Die Sache wäre eigentlich glimpflich abgelaufen, wenn da nicht ein nicht Klünter beim Tanken auf Flos Mutter gestoßen wäre und es den großen Knall gegeben hätte.” „Der Trainer?” „Jepp, genau ebenjener Konrad Klünter. Flos Mutter arbeitete an der Tankstelle unweit der Eishalle und wie der Zufall es wollte, die beiden trafen sich und sprachen miteinander. Der Trainer frage wohl, wie es ihr nach dem Auszug gehen würde, sie aber erzählte alles!” Erkans Arm bewegte sich und seine Hand kroch langsam in meine Richtung. „Und dann?” „Klünter rief mich vor dem nächsten Training zu sich in die Kabine und fragte, ob das stimmen würde, was meine Mutter erzählt hat. Ich schluckte und sagte leise JA und fragte, ob er damit ein Problem hätte, wir hätten uns ja immer gut verstanden. Er fing an zu schreien, wegen einem Schwulen wäre er seinen Führerschein los! Ich solle mich zum Teufel scheren! Schwuppen würde er nicht trainieren. Er rannte raus, knallte die Tür und ist ab in Richtung Vorstandtrakt. Ich stand da wie ein begossener Pudel. In der Kabine starrte mich alles an, ich glaube, jeder hat es mitgekriegt. Todd fragte, was los sei. Ich konnte nicht mehr und fing an zu weinen. Matthias übersetzte ihm wohl das, was da vorher aus der geschlossenen Trainierkabine gedrungen ist. Was macht Todd? Fängt an, sich wieder anzuziehen und Matthias tat das gleiche, das ist bei einem Torwart etwas schwieriger. Gunnar, einer der beiden Assistenten, fragt, was das solle. Und Todd? ‚If he does not coach gays he can’t coach me! I am gay and I am proud of it!’ Stille in der Kabine. Und Dennis, der Kapitän: ‚Jungs, ich bin zwar nur bi, aber das geht nicht! Der kann mich mal!’ Und rafft ebenfalls seine Klamotten. Stefan, der Ersatzgoali: ‚Mein Bruder ist schwul und er ist der beste Bruder, den man sich vorstellen kann.’ Frank (Bester Verteidiger der Liga): ‚Warte, ich helfe dir bei deinen Schonern ehe ich auch die Segel streiche.’ Gunnar: ‚Bist du auch schwul?’ Frank: ‚Ich wüsste zwar nicht, was dich das angeht! Nur, wenn beide Torleute weg sind, was soll ich da noch verteidigen, du Kleinhirn! Etwa den?’ Er zeigte auf den Dritten der Torleute, den Sohn von Klünter. Sean Denburry (der zweite Kanadier, ebenfalls Verteidiger): ‚Sorry, but if one canadian has to go the second will follow!’ In diesem Moment kam Sebi, der Co-Trainer, in die Kabine. ‚Jungs, was ist denn hier los? Warum seid ihr noch nicht auf dem Eis?’ Man erklärte es kurz und er nur: ‚Oups, jetzt haben wir ein kleines Problemchen. Also, Schuhe an und alle, die damit nicht einverstanden sind, mit ab zum Vorstand.’ Mit soviel Unterstützung und Solidarität hatte ich nicht gerechnet.” „Wir saßen gerade in der Besprechung der Weihnachtsfeier, als die Tür aufflog und der Trainer wutschnaubend in den Saal stürmte. Entenmann: ‚Konrad! Was ist los? Was schreist du so?’ ‚Ich hab den Stockmann rausgeschmissen, den trainier ich nicht mehr!’ ‚Warum?’ ‚Der ist ein elendiger Schwanzlutscher! Ein Arschficker! Der ist schwul!’ Stille. ‚Ich lass mir doch den Sport nicht von diesen Warmduschern kaputtmachen. Der ist draußen für immer und ewig. Der ist nicht ausgezogen, der ist rausgeflogen wegen so einer studierenden Schwullete’ Man hätte ne Stecknadel fallen hören können. Entenmann war wirklich verlegen. ‚Tja, wenn das so ist, dann … äh … dann …’ Ich stand auf: ‚Was ist DANN? Detlef? Ich höre?’ ‚Tja, ein Schwuler im Eishockey? Hier bei uns?’ Ich wurde lauter: ‚Ja, was wäre denn ein Schwuler beim Eishockey? Ein Mensch wie Du und ich, mit Gefühlen, Freuden und Ängsten. Und warum sollte es in diesem Raum keine Homosexuellen geben? Weißt du, was ich im Bett mache? Was Elke macht?’ ‚Ich?’. Die Zweite Vorsitzende, seit Jahren unbemannt, wurde rot. ‚Entschuldige bitte, wenn ich dich gerade als Beispiel missbrauche, aber du sitzt direkt in meiner Schusslinie. Nichts für Ungut.’ ‚OK, aber du hast Recht, Marius. Also, Detlef, nu mal Butter bei die Fische. Was wäre, wenn ein so genannter Rückwärtseinparker hier im Raum wäre?’ ‚Äh…’ ‚Wo bleibt deine Offenheit? Deine Stellvertreterin will es wissen!’ In diesem Moment klopfte es und Sebi trat in den Raum. Entenmann blickte erleichtert, kam er doch so um eine Antwort herum. ‚Will ja nicht stören, aber es gibt da ein kleines Problem mit der Mannschaft.’ Entenmann, wieder Herr der Lage: ‚Ich weiß, der Trainer hat Stockmann rausgeschmissen. Wir beraten gerade!’ ‚Wenn es das nur wäre, …’ ‚Was ist denn noch?’ ‚Nun, wenn der geht, gehen beide Kanadier, beide Torhüter, eine komplette Verteidigung und … äh … einem neuen Kapitän bräuchten wir dann auch noch.’ Sebi kann süffisant sein, wenn er will, aber manchmal auch ein Arsch auf dem Eis. Klünter: ‚Das ist Meuterei! Ich spiel mit keiner Schwulentruppe! Die sollen alle gehen, am besten dahin, wo der Pfeffer wächst!’ Entenmann brach zusammen: ‚Die wollen gehen? Dann brauchen wir ja ne halbe Mannschaft!’ Ich konnte nicht mehr. ‚Nein, Detlef, du brauchst dann nicht nur ne neue Mannschaft, du bräuchtest dann auch einen neuen Webmaster, denn DER ist die studierende Schwulette, die Konrad meinte.’ Ich klappte meinen Laptop lauter zu, als ich es wollte. Entenmann schaute mich fragend an: ‚Du bist …’ ‚Detlef, Mund zu. Marius ist schwul, na und? Er ist der beste Webmaster, den die Phantoms je hatten. Und das sage ich als deine nicht-lesbische Vertreterin.’ Dann Gudrun, ehemalige Chefbuchhalterin der Schreinerei Wilhelm Deppermann und Söhne, die Schatzmeisterin unseres Vereins, die bisher geschwiegen hatte: ‚Mein Enkel ist auch … Egal, wenn Marius geht, gehe ich auch. Soviel Intoleranz kann ich nicht ertragen. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!’ ‚Darf ich mich anschließen?’, das war Sebi, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte. Entenmann stand immer noch mitten im Raum und wusste weder ein noch aus.” Ich genehmigte mir einen Schluck, ehe ich weiter sprach. „Mittlerweile waren auch die Meuterer der Mannschaft in den Saal gekommen. Ich sah Flo und war froh, er sah zwar verstört aus, aber nicht gebrochen. Dennis, der damalige Kapitän, brach das Schweigen: ‚Was ist denn hier los?’ Sebi ganz unschuldig: ‚Nicht viel, nur die Meuterei hat sich auf der Brücke fortgesetzt.’ Entenmann sah aus wie ein Häuflein Elend, sollte ich zum Todesstoß ansetzen? Ich überlegte kurz und dachte, schlimmer kann es eh nicht mehr werden. Aber ich kam nicht mehr dazu, Wilhelm Hahnenkamp, seines Zeichens ehemaliger Spieß unter Entenmann und jetzt Mannschaftsführer (der kümmert sich um Pässe, Schiedsrichter und sonstiges mit dem Verband), kam mir zuvor. ‚Oberstleutnant Entenmann. Wenn ich das mal zusammenfassen darf! Wenn du dieser schwachsinnigen Entlassung zustimmst, dann verlierst du auf einen Schlag die halbe Mannschaft auf dem Eis und die Hälfte der Truppe hier im Hintergrund. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie Presse und Öffentlichkeit reagieren werden und wie hoch der finanzielle Verlust wäre, aber das ist deine Entscheidung, du bist der Kommandeur hier. Ich frage dich jetzt als dein ehemaliger Spieß. Würdest du, um ein altes, verfallenes Haus zu halten, dein halbes Panzerbattallion sinnlos opfern?’ Totenstille. Dann regt sich was in Entenmann: ‚Herr Klünter, es tut mir Leid. Mir sind die Hände gebunden, aber sie sehen selber.’ Klünter: ‚Bitte? Sie lassen sich was von diesen perversen Schwanzlutschern was sagen? Sie sind doch ein Mann!’ ‚Das bin ich, aber das Ergebnis von fünf minus zwei ist immer drei, egal ob der, der es sagt, homo- oder heterosexuell ist, und wo mein Spieß Recht hat, hat er Recht, dass war schon immer so. Ich glaube, sie sollten jetzt ihre Sachen packen und gehen.’ ‚Mit größter Freude, ich will in diesem Homopuff eh nicht bleiben, sie Schlappschwanz. Aber wir sprechen uns, das verspreche ich ihnen.’ ‚Rufen Sie meinen Anwalt an und nun RAUS! Sebi, übernimmst du das Training bis auf weiteres? Wir haben hier noch viel zu besprechen und Eiszeit ist teuer, also ab!’ ‚Verstanden. Kommt Jungs, wir gehen dahin, wohin wir gehören. Ich will alle in zehn Minuten auf dem Eis sehen! Abmarsch!’ Die Truppe dampfte ab und wir waren alleine.” Erkans Hand hatte mittlerweile meinen Schwanz erreicht. Er spielte mit meiner Vorhaut und sah dabei ganz unschuldig aus. „Tja, damit endete die Ära Klünter bei den Phantoms. Offiziell hieß es, man hätte sich in Gegenseitigem Einvernehmen getrennt, der eigentliche Grund, seine Homophobie, wurde nicht erwähnt.” „Ist ja lustig. Und was ist dann aus ihm geworden.” „Erst einmal war er ein geschasster Trainer, wie es sie viele gibt.” Flo nickte zustimmend. „Nun, die Saison war ja gerade angefangen und da hatten alle Mannschaften einen Coach. Er war arbeitslos und heuerte dann kurzfristig in Solingen an, als die ihren Trainer wegen Erfolglosigkeit in die Wüste geschickt haben, als es um die Teilnahme an den Play-Offs ging. Das war sein letztes Engagement in NRW, aber auch nur kurz. Die Solinger schafften es nicht, obwohl das letzte Zusammentreffen mit Klünter ja auch nicht ohne war.” „Du meinst das, wo der erste Kuss zweier Männer auf dem Eis als positiv empfunden wurde?” „Genau das, mein Schatz.” „Äh, ihr habt doch gesagt, Schwul und Eishockey passt nicht zusammen. Wie soll ich das denn verstehen?” Erkans Finger hatten mittlerweile meinen Hintern erreicht und stießen da mit Flos Hand zusammen. „Richtig. Schwuler ist ein Schimpfwort um den Gegner zu unüberlegten Handlungen zu reizen und die werden halt mit Strafzeiten geahndet, zwei Minuten Kühlbox um die Gemüter zu beruhigen.” „Na ja, und gegen Solingen ging das ziemlich hoch her. Von den Spielern und deren Fans besonders, da war Schwuler noch das angenehmste, was die da so skandierten.” „Ruppig ist gar kein Ausdruck, so haben die geholzt.” „Stimmt, da hat sich Flo die erste Diszi seiner Karriere eingehandelt. Aber was sollte ein Schwuler machen, wenn er das Wort als Schimpfwort hört? Eigentlich abprallen lassen, oder?” „Wenn das mal so einfach wäre. Ich hab das aber auch erst nach dem ersten Drittel damals verstanden, als Sebi mich in der Pause zur Seite nahm.” „Was hat der denn zu dir gesagt?” „Er meinte: ‚Flo, wenn du das nächste mal gegen die Nummer 14 beim Bully stehst, frag ihn, ob er immer noch zur Ruhrtalbrücke fährt.’ Ich: ‚Wieso? Ist der auch?’ ‚Was weiß ich, aber vergelte gleiches mit gleichem!’ Na ja, es hat geklappt, wir gewannen das Bully, ich passte zu Todd und der sofort ins Tor. Wir gingen dann mit Unentschieden in die letzte Pause.” „Aber wo bleibt der Kuss?” Erkan hatte seine Hand wieder in Richtung Sack bewegt. „Du meinst die Krönung? Die kam eine Minute vor Schluss! Es deutete alles auf ein Remis hin und Klünter hat dann in den letzten zwei Minuten noch den Torwart rausgenommen, um einen sechsten Feldspieler zu bringen. Wir waren in Unterzahl, da konnte Matthias nicht aus dem Kasten. Von den Fans waren nur SCHWULENTRUPPE, SCHWULENTRUPPE; HAHAHA! zu hören, das ganze Drittel lang. Echt nervig, aber da standen die meisten von uns ja drüber. Wir schaffen es, den Puck aus unserem Drittel zu befördern, die Solinger mussten daher neu aufbauen und wir gewannen so etwas Zeit. Die 14 von denen stand an der blauen Linie, ich auf sie zu und ich streckte ihr die Zunge raus und tat so, als ob ich sie lecken würde. Er starrt einen Augenblick zu lang auf mich und ich kann ihm die Scheibe wegkratzen. Ich wusste, Todd müsste mittlerweile fast die Mittellinie erreicht haben, ich passe blind zu ihm. Er umkurvt einen der Verteidiger und schießt ins leere Tor. Erst Totenstille in der Halle und dann wieder: SCHWULENTRUPPE, SCHWULENTRUPPE; HAHAHA! Und was macht Todd, der Verrückte? Ich wollte gerade auf ihn zu, er aber lässt mich links stehen, nimmt sich im Fahren den Helm ab, Stinkefinger in Richtung Solinger Fans und auf Matthias zu. Der reagiert sofort und ebenfalls ohne Helm auf Todd zu. Am Mittelkreis treffen sich die beiden, fallen sich in die Arme und küssen sich. Unsere Fans kreischen vor Begeisterung.” „Flo, wohl aber eher, weil es ein Tor für uns war. Die Bedeutung, die das Spiel für uns Betroffene hatte, war eine andere. Wir waren jetzt eine Mannschaft, die allen Anfeindungen widerstehen konnte. Ich habe den Bericht der EISNEWS noch irgendwo im Schrank liegen. Was stand da? ‚Nach dem Siegtreffer fuhr der Spieler Thorne auf seinen Torhüter zu und zeigte es allen pöbelnden Fans, dass er als Führungsspieler seiner Mannschaft über ihren üblen Anfeindungen und persönlichen Angriffen gegen sich und die Phantoms steht, indem er das tat, was die Krakeeler von ihm über sechzig Minuten behauptet haben. Besser kann man den Spieß nicht umdrehen und denen, die sich nur durch Unrühmlichkeiten Aufmerksamkeit verschaffen, den Spiegel vorhalten.” Ich griff über Erkan und Jost zur Flasche Sherry. Das mein Schwanz dabei auf Erkans Brust zum liegen kam, war völlig unbeabsichtigt. Na ja, nicht ganz, gebe ich ja zu. Ich schenkte mir noch etwas ein und fragte, ob noch jemand was wollte. Man bejahte und ich musste die angenehme Stellung dann auch leider wieder aufgeben. Wir saßen jetzt mehr oder minder in dem Bett an die Rückwand gelehnt. „Also, den Abend nenne ich gelungen. Ich hatte lange nicht mehr soviel Spaß. Was meint ihr?” „Stimmt, äußerst angenehm.” Erkan wieder, der seine Hand schon wieder in meinem Schritt hatte, diesmal allerdings für alle sichtbar auf der Bettdecke. „Aber ich bin mal wieder die Spaßbremse. Schaut mal auf die Uhr, wir haben es kurz vor zwei und wenn wir morgen früh die Fähre erreichen wollen, müssen wir gleich wieder raus. Und ich brauche wenigstens eine Mütze voll Schlaf, sonst bin ich unausstehlich.” „Ist er wirklich so schlimm?” Diesmal kam die Frage von Jost. „Jost, du weißt nicht, wie mein Hintern leiden muss, wenn ich ihn um seinen Schönheitsschlaf bringe.” Flo grinste. „Ach, da würde ich dir schon helfend zur Seite stehen oder auch liegen.” Erkan grinste über beide Backen. „Jungs, wir könnten ja, Lust hätte ich ja auch, aber was wird dann morgen sein? Ich weiß nicht so recht!” Flo erkannte wohl die Skrupel, die Jost allein bei der Vorstellung dessen, was passieren könnte, plagten. „Ich hab einen besseren Vorschlag. Lasst uns austrinken und wir kuscheln uns dann in den Schlaf. Ich glaube nämlich nicht, dass das Bett einer Orgie standhalten würde.” Wir lachten alle und taten, wie uns geheißen. Jost löschte das Licht der Nachttischlampe. Ich schlief selig ein, Flo vor mir und Erkan in meinem Rücken. Was will man mehr haben? Als der Wecker um viertel nach sechs klingelte, waren wir alleine. Die beiden musste sich irgendwann in der Nacht aufgemacht haben, wohl um nicht von anderen Gästen beim Verlassen unseres Zimmers am Morgen beobachtet zu werden. Ich hatte nichts bemerkt und Flo schläft ja eh immer wie ein Stein. Auf dem Nachttisch fand ich einen Zettel. Herzlichen Dank für die tolle Nacht, auf eine baldige Wiederholung, dann allerdings in privaterem Rahmen, oder wie seht ihr das? Liebe Grüße – Erkan und Jost. Ich küsste meinen Schatz aus dem Schlaf. Er schaute mir in die Augen. „Da ist ja der Mann meiner Träume. Komm zu mir und noch fünf Minuten kuscheln, ja?” Er zog meinen Kopf zu sich runter, presste seine Lippen auf die meinen. „Äh, Engelchen?” „Ja, Großer?” „Du siehst süß aus, so verschlafen, allerdings …” „Allerdings was?” „Ich liebe dich auch mit Mundgeruch!” Ich lachte. „Arsch!” „Angenehm: van Aarp, Marius van Aarp, der gerade neben dem schönsten Mann der Welt aufgewacht ist.” „Hört sich schon besser an. Keine fünf Minuten mehr? Müssen wir wirklich raus?” „Müssen müssen wir gar nichts, mein Kleiner, aber wenn wir Borkum heute noch erreichen wollen, dann sollten wir das jetzt besser. Oder willst du Henning anrufen und sagen, wir haben die Fähre wegen deiner Schlafmützigkeit verpasst?” „Besser nicht!” „Also?” „Also in drei Teufels Namen: Raus aus den Armen meines Liebsten und ab in das kalte Bad. Kommst du mit?” „Immer doch, aber wir duschen getrennt, ich will ja noch ankommen.” Ich glaube, ich hab schon gesagt, dass ich fies sein kann, oder? Wir erledigten züchtig voneinander getrennt die Morgentoilette und sind dann runter zum Frühstück. Erkan hatte das Frühstücksbuffet gerade aufgebaut und begrüßte mich herzlich. „Also, an dein leichtes Schnurren im Schlaf könnte ich mich gewöhnen!” „Lass das besser nicht Flo hören und vor allem, was soll dein Jost davon denken?” „Was soll ich nicht hören?” Flo machte sich gerade auf zu uns als sein Mobilteil zu surren begann. „Stockmann!” – „Was? Ich versteh nichts. Ich geh mal raus, vielleicht ist da der Empfang besser. Moment Henning!” Er ging raus und ließ mich mit Erkan allein. In diesem Moment kam Jost auf uns zu. „Na, gut geschlafen?” „Jepp, mit zwei Wärmflaschen wohl auch kein Problem, oder?” „Ne, was möchtet ihr? Kaffee oder Tee? Tasse oder Pott?” „Kaffee im Pott, einmal mit viel Milch für meinen Kleinen, und ich nehme ihn schwarz mit fünf Süßstoff.” „Fünf? Bist wohl ein ganz Süßer?” „Jepp, jedenfalls meint das mein Kleiner, und der hat schließlich Geschmack!” „Wieso?” „Na, hätte er sonst sich für mich entschieden?” Jost lachte und dackelte ab in Richtung Küche, wo Erkan ebenfalls bereits verschwunden war. Ich ging zum Tisch zurück und wartete auf meinen Gatten. Er telefonierte wohl noch, so dass die Aufgabe des Brötchenaufschneidens wieder mal an mir hängen blieb. Na ja, was macht man nicht alles für seinen Liebsten. Email Find Rate Reply Quote null [b]WMASG[/b] null Moderator nullnullnullnullnull Posts: 2,499 Threads: 1,367 Joined: 2025 05 Reputation: 0 Location: Russland Gender: Male #2 2025-05-30, 12:09 PM Samstag, 11.04. Jost brachte gerade die beiden Tassen an, als mein Kleiner mit einem Gesicht ankam, mit der er bei jedem Milchverarbeitungsbetrieb in der Sauermilchproduktion hätte anfangen können. „Was ist los?“ „Das war gerade Henning.“ „Und was wollte er? Wissen, ob wir schon wach sind, damit wir die Fähre nicht verpassen?“ „Ne, schlimmer. Wir brauchen nicht mehr …“ „Schatz, bitte, du weißt, ich liebe dich, aber bitte sprich nicht so in Rätseln. Wieso können wir wieder fahren? Ich dachte, du solltest ihm die Leitungen machen?“ „Eigentlich ja, aber das ist auf später verschoben, er braucht jetzt dringender erst einmal ein neues Dach?“ „Äh?“ „Das Gewitter von gestern Abend, du erinnerst dich?“ „Schwach! Ich weiß nur noch, wie du geklammert hast, als es donnerte.“ „Du schon wieder! Da draußen muss es wohl noch schlimmer gewesen sein. Auf jeden Fall hat gestern der Blitz bei ihm eingeschlagen und nun fast ist der gesamte Dachstuhl weg. Henning meint, das Studio sieht aus wie nach einem Bombenangriff. Alles schwarz und verkohlt.“ „Oups, da haben wir ja wohl noch mal Glück gehabt, wir hätten ja da wohnen sollen.“ Flo wurde bleich, daran hatte er wohl im Moment auch nicht gedacht. Jost hatte die ganze Zeit daneben gestanden. „Aber ich dache, für so etwas gibt es Blitzableiter?“ „Normalerweise schon, aber du siehst es ja! Anscheinend hat die Technik nicht funktioniert, oder weiß der Henker! Henning meinte, es würde heute Mittag ein Brandsachverständiger von der Feuerwehr und von seiner Versicherung rauskommen und sich den Schaden ansehen. Wir könnten im Moment eh nichts machen und würden nur stören.“ „Ist klar, er hat jetzt wohl alles andere im Kopf.“ Ich schaute ihn mitfühlend an, ich wusste, wie er an seinem Onkel hing. „Aber was sollen wir denn jetzt machen, mein Kleiner?“ „Gute Frage, Großer. Ich weiß es auch nicht! Du musst ja noch was tun, damit wir uns das Wochenende hier leisten können.“ „Äh?“ „Du wolltest das Zimmer bezahlen, wenn ich dich erinnern darf?“ „Hab ich das gesagt?“ Jost grinste. „Hast du, ich bin Zeuge!“ Ich zuckte mit den Schultern und gab mich geschlagen. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich genau, was ich in meinem Portemonnaie hatte: Genau 145 Euronen und etwas Klimpergeld. Gut, ich hatte ja noch die stille Reserve in der Brieftasche von 150 für Notfälle, also genug, um die Übernachtung zahlen zu können. Was mein Gatte im Geldbeutel hat, wusste ich nicht, er aber meistens auch nicht! Es ist schon mehr als öfters vorgekommen, dass er mich jovial zum Essen eingeladen hat, ich aber hinterher die Zeche übernehmen musste. Männer! Um Missverständnissen vorzubeugen, ich weiß immer, was ich mit mir führe. Obwohl in einer modernen Branche arbeitend, bin ich, was Zahlungsmittel angeht, doch eher altmodisch. Bargeld lacht und wenn man in einem Laden steht, und dem Typen an der Kasse beides hinhält, Bargeld und Plastik, gibt es bei Ersterem meistens noch Rabatt. Ich muss es ja zugeben, ich verfüge auch über zwei Kreditkarten. Aber die eine läuft über die Firma und die andere wurde mir – für alle Fälle – von meiner Mutter aufgenötigt. Gut, Mama hätte bestimmt nichts dagegen, wenn ich sie für uns nutzen würde, aber wenn wir schon losziehen, dann bitteschön auf eigene Rechnung! Mir ist eine selbst bezahlte Mantaplatte lieber, als Kaviar auf Pump. Bin ich altmodisch? „Gut, also dann …“ „Also was?“ „Also dann frühstücken wir erst mal in aller Ruhe, denn das ist ja im Preis drinnen. Wir können uns dann immer noch überlegen, was wir mit dem Wochenende anfangen. werden. Ich brauche erst einmal eine vernünftige Unterlage, um überhaupt denken zu können. Jost, bringst du uns noch mal zwei Kaffee?“ Er tat, wie ihm geheißen. Flo schaute mich fragend an. „Was denkst du?“ „Tja, du bist der Entführer. Mach du einen Vorschlag.“ „Immer ich! Aber gut, ich hab mich so auf das Wochenende mit dir gefreut, mal weg von zu Hause, mal nur wir allein, nur wir beide.“ In diese Augen könnte ich mich verlieben, wenn ich ihnen nicht schon längst verfallen wäre. „Können wir denn nicht hier bleiben? Ich hab doch eh alles für heute Abend abgesagt und vor morgen Nachmittag werden wir sowieso nicht erwartet.“ „Können könnten wir schon, nur …“ „Nur was, Marius? Wo ist das Haar in der Suppe?“ Er war leicht gereizt, jedenfalls seine Stimme klang so. „Die Übernachtung wäre ja kein Problem, Schatz, aber ich muss für mindestens sechs, sieben Stunden an den Rechner, und wahrscheinlich auch online gehen. Kannst du dir vorstellen, wie viel die hier für eine Einheit nehmen? Ich bin meinem Geld ja nicht böse, du bist jeden einzelnen Cent wert! Aber zum Fenster rauswerfen will ich es auch nicht. Und ehrlich gesagt, ich habe keine Lust, mehr als das Doppelte für Telefon auszugeben, als unbedingt nötig. Du weißt, wie lange es dauert, die Seite zum testen auf den Server zu laden, und ich hab nur ein Modem an den Rechnern. Du weißt, was ich von Internetcafes halte. Ich glaube nicht, dass ich da einen Laptop anschließen kann.“ „Danke, dass ich dir was wert bin!“ Er warf mir einen Kuss zu. „Aber daran hab ich gar nicht gedacht! Bei Henning hättest du ja einfach den Laptop ans Netzwerk anschließen können.“ Er biss in sein Brötchen. „Dann lass uns zu Ende frühstücken und dann ganz langsam los.“ „Wie du befiehlst, mein Entführer, wie du befiehlst.“ Jost brachte frischen Kaffee. „Und? Wie habt ihr euch entschieden?“ „Marius muss ja noch was tun für unseren Lebensunterhalt. Ihm dürfe die Telefonrechnung zu hoch werden.“ „Jaja, jetzt bin ich wieder der Buhmann.“ „Telefon? Was willst du mit Telefon?“ Ich erklärte ihm kurz den Sachverhalt und er nickte nur. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat, denn er ging ohne ein Wort wieder in die Küche. „Was war das denn für ein Abgang?“ „Gute Frage, die Nächste bitte. Gibst du mir bitte noch ein Brötchen?“ „Hier sind gleich Zwei!“ „Zwei? Flo, sehe ich so verhungert aus?“ „Das nicht, aber wozu hab ich dich denn entführt? Da kannst du mir auch mein Frühstück machen.“ „Ja, Kind, die Mami schmiert dir gleich ein Brötchen. Was möchte der Kleine denn drauf haben? Leberwurst und Rübenkraut? Oder doch lieber Gauda mit Senf? Sag’s fein der Mami!“ Ich grinste. Jost kam mit Erkan zum Tisch. „Wir haben euch einen Vorschlag zu machen. Ihr müsst ihn aber nicht annehmen, wenn ihr nicht wollt.“ Flo grinste: „Das haben Vorschläge nun mal so an sich, man kann sie annehmen, man kann es aber auch sein lassen. Nur …“ „… man sollte den Vorschlag erst einmal kennen, ehe man sich positiv oder negativ entscheidet!“, vollendete ich den Satz. „Also, wenn ihr nichts dagegen habt, könnt ihr gerne bleiben, allerdings nicht hier im Hotel, sondern bei uns. Erkan hat DSL in seiner Bude und wenn du Internet brauchst, dann kannst du seinen Anschluss nutzen.“ „Äh, ich dachte, ihr lebt nicht zusammen!“ „Tun wir auch nicht, aber wir wohnen! Im gleichen Apartmenthaus.“ Jost lachte und Erkan fiel ein. „Hat sich halt so ergeben, wir haben, wie ihr, die gleiche Adresse.“ „Erkan wohnt Parterre und ich hab meine Gemächer im ersten Stock, von daher fällt es auch telefonmässig nicht auf, wenn er bei mir ist oder ich bei ihm! Schnurlos sei Dank! Wenn ihr wollt, könnt ihr heute Nacht bei Erkan schlafen.“ „Äh, Danke. Aber was macht ihr?“ „Wir? Das gleiche wie ihr, allerdings ein Stockwerk höher.“ Diesmal grinsten wir alle. „Nein, das meinte ich nicht. Aber überlasst du jedem Fremden so mir nichts dir nichts deine Wohnung? Ich kenne zwar die Gastfreundlichkeit der Türken, aber das die soweit geht, war mir neu.“ Diesmal musste Erkan lachen. „Marius, du und Flo, ihr seid keine Fremden! Nicht mehr! Ich hab euch schon nackt gesehen und ihr mich auch! Und wir haben ja schon schließlich eine gemeinsame Nacht in einem viel zu engen Bett hinter uns!“ Er grinste über beide Backen. „Nein, ist wirklich kein Problem. Ob Jost und ich nun unseren freien Abend bei mir oder ihm verbringen, ist egal. Wir würden eh zusammen sein, also wo soll das Problem liegen?“ „Ihr habt heue Abend frei?“ „Haben wir! Wir wollten eh zusammen kochen und dann ins Kino. Aber wenn ihr bleibt, dann machen wir was gemeinsam? Also, was ist nun? Nehmt ihr an?“ Ich schaute meinen Flo an, auch sein Grinsen wurde breiter. „Also, lieber Erkan, ich bin hier nur das Entführungsopfer, mich darfst du nicht fragen! Stell die Frage dem Banditen hier, der muss entscheiden, ich in ja nur die Geisel.“ „Wenn das so ist, Marius, dann bleibt mir nur eins zu sagen!“ Flo räusperte sich. „Lieber Erkan! Lieber Jost! Wir nehmen die Einladung gerne und dankend an, aber das Essen heute Abend geht auf uns!“ Ich rechnete im Stillen nach, ob ich dann doch noch an die Reserve gehen müsste, bei meinem Gatten weiß man ja nie. Er kennt zwar seine Scorerpunkte und seine Strafzeiten aus dem Eff-Eff, aber fragt man ihm nach seinem Kontostand, so erntet man, wenn nicht gerade der Erste ist, lediglich ein klägliches Schulterzucken. „Kommt gar nicht in die Tüte. Wir gehen nicht essen, wir kochen selber, d.h. Erkan steht am Herd und schwingt die Töpfe. Wozu habe ich mir einen Koch angelacht?“ Flo wurde etwas ernster: „OK, aber dann ist der Einkauf unsere Sache, wir haben schließlich kein Gastgeschenk mitgebracht.“ Jost nickte. „Stimmt, wo du es sagst, fällt es mir auch auf.“ Er zwinkerte mit den Augen in Richtung Flo. „Vorschlag: Ihr holt uns hier um zwei ab, da haben wir Feierabend. Dann gehen wir zwei beiden einkaufen und unsere Gatten arbeiten. Wir kochen bei Erkan, er hat die bessere Küche!“ Wie logisch! „Also, abgemacht. Äh, Jost, bis wann müssen wir das Zimmer geräumt haben?“ „Bis zehn.“ Ich schaute auf die Uhr, es war kurz nach acht. „Na, Schatz, was machen wir beiden denn dann bis zwei?“ „Genießen wir erst einmal unser Frühstück. Denn es lohnt sich nicht mehr, sich hinzulegen, würde ja nur ne Stunde Schlaf bedeuten und dann ist man hinterher müder als vorher.“ „Stimmt, mein Engel, auch wenn ich deinen verschlafenen Blick so liebe. Aber den ganzen Tag dich und dein verknattertes Gesicht ertragen zu müssen, wäre einfach zuviel.“ „Danke, werde ich mir merken!“ „Hier!“ Ich reichte ihm einen Kugelschreiber. „Was soll ich damit?“ „Es dir aufschreiben, Flo, es dir aufschreiben!“ Ich kann auch manchmal schnippisch sein, sagte ich dass schon? Wir frühstückten in aller Ruhe, gönnten uns jeder noch ein zweites Ei und zum Abschluss ein Glas Sekt und eine Zigarette danach. Ich blickte auf meine Uhr, es war viertel nach neun. „Sollen wir?“ „Jepp, gehen wir packen.“ Erkan kam aus der Küche. „Na, hat’s geschmeckt?“ „Jepp, hat es, mein Lieber. Mein Gatte hat lange nicht mehr soviel gefrühstückt, er beschränkt sich normalerweise auf Kaffee und Zigaretten.“ Flo hatte sich mittlerweile erhoben und tätschelte mir meinen Bauch. „Äh, Erkan!“ „Ja?“ „Ein Problem habe ich noch?“ „Wo drückt der Schuh, Marius?“ „Was soll ich mit meinen Sachen machen?“ „Welchen Sachen?“ „Na, ich habe zwei Laptops und so einiges andere an Computerklamotten bei mir. Die würde ich nur ungern den ganzen Tag mit mir rumschleppen oder im Auto lassen.“ „Ach so!“ Er griff in die Tasche und gab mir einen Schlüsselbund. „Hier! Der mit der roten Plastikumrandung ist für die Haustür, der Blaue für die Haustür. Wenn ihr reinkommt, den Flur rechts und dann die zweite Tür links. Hängt ne türkische Fahne an der Tür, könnt ihr also nicht verfehlen!“ „Danke, mein Lieber!“ „Da nicht für, Melek!“ Mich wunderte bei diesem Türken überhaupt nichts mehr. Jost störte die traute Runde. „Schatz, irgendwas fiept in der Küche.“ „Na, dann werde ich mal. Der Ofen ist soweit, ich werde dann mit den Vorbereitungen für das Mittagessen anfangen. Falls wir uns nicht mehr sehen sollten, wir treffen uns dann später bei mir. Den Schlüssel habt ihr ja.“ „Danke nochmals, ich könnt Dich knutschen!“ „Ich dich auch, Marius, aber der Senior ist da, da kommt das nicht so gut.“ Er zwinkerte mir zu und verschwand in Richtung Küche. „Äh, was ist denn los?“ „Schatz, erklär du ihm das mal, ich muss mal eben dringend irgendwo hin. Ihr entschuldigt mich kurz!“ Ich nahm die Beine in die Hand und machte, dass ich zum Klo kam. Als ich meine Notdurft beendet hatte, waren die beiden immer noch ins Gespräch vertieft. Nicht, dass ich eifersüchtig war, aber mein Flo braucht normalerweise etwas länger, um mit Fremden warm zu werden. „Na, ihr zwei! Alles geklärt?“ „Ja, Schatz, haben wir. Sollen wir hoch und packen?“ „Jepp. Dann las uns mal!“ Er zwinkerte Jost zu, nahm mich am Arm und wir gingen zur Treppe, hoch zu Zimmer 12, allerdings nicht wie das letzte Mal, als wir wie Diebe in der Nacht die Stiege hoch schlichen. Ich ging ins Bad, um mich zu rasieren. „Willst du dich schick machen?“ „Wieso?“ „Na, es ist Samstag und du rasierst dich? Zuhause läufst du kratzig rum um diese Uhrzeit!“ „Engelchen!“ Ich ging auf Flo zu und drückte ihm einen rasierschaumgeschwängerten Kuss auf die Wange. „Engelchen! Wir sind aber nicht im Waldmannskotten und außerdem, wenn wir eingeladen sind, mache ich das auch samstags!“ Ich ging wieder zurück zum Spiegel und setzte gerade die Klinge an, als mein Flo von hinten ankam und mich umpackte. Er ließ seinen Händen freien Lauf und wohin die beiden wanderten, brauche ich ja wohl nicht zu verraten, oder? „Flo, willst du, dass ich mich schneide?“ „Besser nicht, du weißt, ich kann kein Blut sehen. Ich könnte dir keine Erste Hilfe leisten.“ „Würdest mich also verbluten lassen?“ „Im Leben nicht, ich würde Erkan rufen.“ Ich knuffte ihn. „Mach nur so weiter, vielleicht tausche ich dich ja ein!“ „Gib es zu! Du machst das nur wegen dem kleinen Türken und nicht wegen mir! Ich habe doch deine Blicke gesehen!“ „Schatz, was soll das? Du weißt, ich liebe nur dich, gut Erkan ist lieb und nett, aber kein Vergleich mit dir. Er wird dir nie das Wasser reichen können, und außerdem ….“ „Was?“ „Außerdem sind wir eingeladen und da geht man ordentlich hin, hat mir jedenfalls meine Mutter beigebracht. Wo soll ich mich denn rasieren, wenn nicht hier? Etwa auf dem Bahnhofsklo?“ Mein Gatte grummelte. „Aber Flo! Es ist schön!“ „Was?“ „Dass du ohne Grund nach fast drei Jahren immer noch so schnell eifersüchtig wirst!“ Diesmal zog ich ihn an mich und küsste ihn leidenschaftlich. Ich hatte Zeit und Raum vergessen, tauchte nur in seine Augen und ließ mich treiben. Irgendwann war es Flo’s Stimme, die mich in die Realität zurückholte. „Wenn wir bis zehn hier raus sein sollen, solltest du dich beeilen, oder willst du doch unrasiert?“ „Wenn du mich so mitnimmst?“ „Dich würde ich überall mit hinnehmen, egal wie du aussiehst. Aber rasiert gefällst du mir noch besser!“ Er knuffte mich und überließ mich dann doch um kurz nach halb dem Badezimmerspiegel. Wir verließen das Zimmer so wie wir gekommen waren. Mein Gatte schleppte die Reisetasche, ich die Technik. „Ich wollte ja schon immer mal!“, Flo grinste mich schelmisch an und drückte die Rezeptionsglocke. Kurze Zeit darauf erschien ein Mittfünfziger, der gewisse Ähnlichkeit mit Jost hatte. Die Wahrscheinlichkeit lag nahe, dass es sich um seinen Vater handelte, den besagten Senior. Etwas Goldenes blitzte an seinem Revers auf. Ich glaube, es war ein Abzeichen, dass ich irgendwo schon einmal gesehen hatte, aber ich konnte es im Moment nicht zuordnen. „Ich hoffe, die Herren hatten einen angenehmen Aufenthalt.“ „Hatten wir!“ „Können wir sonst noch etwas für Sie tun?“ „Nichts, außer der Rechnung.“ „Wird erledigt! Jost, kommst du mal.“ Er schaute mich an. „Sie müssen entschuldigen, aber seitdem wir so einen Abrechnungscomputer haben, brauche ich immer zehn Versuche für eine Rechnung. Ich muss mich erst noch an das Dingen gewöhnen, früher reichte ja eine Quittung, aber heute …“ Er ließ den Satz unvollendet und starrte mehr oder minder durch mich hindurch ins Leere. „Jost, wo steckst du denn schon wieder?“ „Bin schon unterwegs Papa! Habe gerade das Leergut und das Altglas ins Auto gebracht.“ Der Gerufene kam leicht zerzaust aus der Küche, sah uns erst freudig an, dann jedoch etwas ernster in Richtung seines Vaters. „Ah, die Herren wollen abreisen.“ Ich erkannte den Blick und wurde etwas förmlich. „Leider ja, wir wollen heute Nachmittag noch zu lieben Freunden weiter.“ „Ich verstehe.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen, Flo konnte sich das Grinsen auch nicht verkneifen: „Sehr liebe Freunde sogar!“ „Wenn das so ist, dann! Was haben wir? Zimmer 12, eine Übernachtung, die Halbpension und die Getränke von gestern. Moment.“ Ich rechnete im Stillen mit. Von der Preisliste, die oben im Zimmer an der Tür hing, wusste ich, dass das Doppelzimmer 70 Euro die Nacht ohne und 80 mit Frühstück kostete, Halbpension – sagte er ja gestern – 10 Euro mehr pro Nase, macht Hundert, plus die Getränke, ich rechnete noch mal mit so 20 bis 25 Euronen. Mit dem Inhalt des Portemonnaies dürfte es knapp werden, also doch ran an die Brieftasche und das Gedrückte. „So, da macht dann genau 91 Euro!“ Ich stutzte. Meine Hand fuhr dann von der Innen- zur Gesäßtasche hinunter. Soviel hatte ich noch! Jost fuhr unbeirrt fort. „Da Sie via Internet gebucht haben, macht das zweimal 37,50 und für gestern Abend stehen hier 16 Euro.“ Na ja, dachte ich, er muss das verbuchen, mir soll es egal sein. „Den Sekt von heute morgen haben Sie?“ „Ach, den Piccolo?“ „Genau eben jenen welchen!“ Ich grinste. „Oh, den hätte ich glatt vergessen. Dann sind es 94,50.“ Ich reichte ihm zwei Fünfziger. „Stimmt so, der Rest ist für die Kaffeekasse.“ „Danke, dann wünsche ich Ihnen viel Spaß mit ihren Freunden!“ „Den werden wir haben!“ Mit einem Lächeln auf den Lippen verließ ich die Rezeption, oder besser, den Teil des Tresen, der die Rezeption darstellte. Flo schnappte sich die Tasche und war schon durch die Tür. Ich hatte zwar Erkans Schlüssel in der Tasche, aber für welches Schloss der bestimmt war, konnte ich nicht sagen. Ich hatte vergessen, ihn nach der Adresse zu fragen. Auch Emden verfügt über mehr als zwei Wohnhäuser, wie sich allein beim Anblick des Straßenzuges rund um den „altehrwürdigen“ Anker schließen ließ. Wir verstauten unsere Sachen, vielleicht wusste ja mein Eishockeygott, wohin er seine Mühle zu steuern hätte, denn er hatte sich, während ich nach dem Frühstück mal für kleine Königstiger, ja mit Jost unterhalten. Allerdings mussten sie über alles, aber nicht über das Wesentliche, sprich die Unterkunft für die kommende Nacht, gesprochen haben. Denn sein Blick war ebenso fragend wie meiner. „Na, dann wird ich mal wieder rein und fragen.“ Ich stieg aus und ging wieder in Richtung Anker. Im Schankraum war nur der alte Jost, von seinem Sohn und seinem Liebsten keine Spur. „Haben Sie etwas vergessen?“ „Äh, ja.“ Himmel, was sollte ich sagen? Ich war für den Alten ja ein normaler Hotelgast, ich konnte ihn ja schlecht nach der Adresse seines Sohnes fragen, bei dessen Freund wir die Nacht verbringen sollten oder besser selbiges auch wollten. Ich kam allerdings nur leicht ins stottern. „Äh, wir wollen ja heute Nachmittag noch zu Freunden und irgendwie müssen wir die Zeit bis dahin ja totschlagen. Die Ärmsten müssen samstags arbeiten.“ Ich schaute mitleidig. „Machen Sie und ihr Begleiter doch einen Stadtrundgang mit. Die Führungen beginnen um elf in der Nähe vom Rathausplatz, der ist ganz einfach zu finden. Da müssen Sie …“ Gut, der Plan an sich war zwar nicht unbrauchbar, denn ich kannte Emden bis dahin ja nur von der Durchfahrt zur oder von der Insel, aber der wohlgemeinte Rat half mir aber in meiner Situation auch nicht viel weiter. Unhöflich fiel ich ihm ins Wort. „Die Idee ist ja nicht schlecht, aber der Herr von gerade, ich glaube, dass war Ihr Sohn, …“ „Sie meinen Jost!“ „Genau. Der sprach gestern Abend …“ „Tut mir leid, da muss ich Sie enttäuschen. Den können wir jetzt nicht fragen, der ist zum Getränkemarkt, der ist erst in einer Stunde wieder da.“ Mist, wie kam ich jetzt an Erkan bzw. seine Adresse ran? Ich hatte nämlich keine Lust, mich mehr als nötig als Colombo zu betätigen. Von Erkan kannte ich ja nicht einmal seinen Nachnamen, den von Jost schon, der war ja auf der Rechnung. Aber ob er oder Jost auch im Telefonbuch eingetragen waren? Auf stundenlanges Warten im Auto hatte ich auch keine wirkliche Lust, eine Tätigkeit, die – laut Aussage eines Herren Matula – 90% der Detektivarbeit ausmacht. Neuer Anlauf. „Na, er und der Koch stritten sich noch darüber, ob es sich lohnen würde oder nicht. Vielleicht weiß der ja … “ „Erich?“ „Erich? Nein, wie ein Erich sah der aber nicht aus.“ ‚Eher wie ein Erkan!’, ergänzte ich im Stillen. „Moment mal.“ Er ging in Richtung Küchentür. „Erich, kommst du mal!“ Einen Augenblick später erschien Erkan. „Was ist, Chef?“ Ich war leicht erstaunt, Erkan grinste. „Erich, der junge Mann fragt, worüber ihr gestern Abend gestritten habt und wo er jetzt hin …, äh?“ Er starrte in meine Richtung. Bis jetzt war ja noch kein einziges Wort über irgendeine Örtlichkeit gefallen und wenn Erkan jetzt nicht blitzschnell reagieren würde, stünde ich da wie ein begossener Pudel. Aber Gott, Jehova, Allah, Buddha oder wem auch immer sei Dank, der kleine Türke schaltete. „Ach Chef, das meinen Sie! Ich dachte, sie sollten zur Kesselschleuse, die ist ja einmalig in Europa. Der Junior wollte sie in die Kunsthalle schicken. Er meinte, da wäre es auch besser wegen des möglichen Regens, den sie angesagt haben.“ Beim Wort Kunsthalle musste der Alte schlucken, anscheinend mochte er das Geschenk des Verlegers an seine Heimatstadt nicht besonders. Die Situation war gerettet, ich blickte mich um und entdeckte, neben der Rezeptionsglocke, einen Aufsteller mit kleinen Stadtplänen von Emden. Ich nahm mir einen Solchen, holte einen Kugelschreiber aus meiner Innentasche hervor und reichte beides dem fast brusthaarlosen Türken. Mein Blick fiel auf den Alten. Die Sonne, die durchs Fenster hereinfiel, spiegelte sich an der Nadel in seinem Revers. „Wenn Sie mal so freundlich wären, und beides einzeichnen könnten?“ Ich kniff ihm ein Auge zu. „Aber selbstverständlich. Augenblick!“ Der Alte beäugte ihn, während er den Plan auseinander faltete. Er hatte anscheinend verstanden, denn er malte drei Kreise und schrieb eine Nummer. „So, dass wären zum einen die Kunsthalle und zum anderen die Schleuse. Und wenn Sie doch lieber was gutes Essen wollen, nehmen Sie die Mitte.“ Er drückte mir den Plan zusammengefaltet in die Hand. „Vielen Dank. Was kriegen Sie für den Plan?“ „Nichts, ist ein Werbegeschenk der Stadtverwaltung für Fremdengäste.“ Ich verließ den Anker und ging Richtung Knut. Mein Göttergatte war schon ganz ungeduldig. „Was hat das denn schon wieder so lange gedauert?“ „Jost war nicht da und ich musste eine Klippe umschiffen.“ „Eine Klippe? Du sprichst wieder einmal in Rätseln, mein Liebster!“ Ich zog sein Gesicht zu mir und drückte ihm einen Kuss auf den Mund, um ihn ruhig zu stellen. Ich klärte ihn auf und er konnte, nachdem ich geendet hatte, sich auch eines Lachens nicht erwähren. „Und, was machen wir?“ „Tja, ich würde vorschlagen, wir steuern erst einmal in Richtung Bett!“ „Du denkst immer nur an das EINE!“ „Wenn ich dich sehe!“, ich grinste, „Nein, aber ich habe keine Lust, den ganzen Computerkram den ganzen Tag mit mir rumzuschleppen oder im Wagen zu lassen.“ „Stimmt auch wieder! Also, auf zu Erkan.“ Er drehte den Schlüssel um und brauste los. Ich nahm den Plan und dirigierte ihn durch die Stadt und das ohne größere Schwierigkeiten, Na ja, die zwei Einbahnstraßen waren auf dem Plan ja nicht eingezeichnet gewesen, also woher konnte ich das wissen? Wir kamen schließlich und endlich doch an, zwar auf einigen Umwegen, aber wir waren schlussendlich am Ziel. Mein Göttergatte parkte gerade vor dem Haus Nummer 17 ein, als mein Mobilknochen klingelte. Ich drückte die grüne Taste. „Hier ich! Wer da?“ Die Nummer war unterdrückt. „Schwesterchen! Wie ist die Lage?“ Flo blickte zu mir. „Claudia?“, flüsterte er, ich nickte. „Nein, Claudia, wir sind nicht bei Henning und wir werden auch nicht zu ihm fahren. Ich glaube, ihr müsst euch einen neuen Urlaubsort suchen.“ – „Nein, bei Henning hat der Blitz eingeschlagen, das Dach ist weg!“ – „Weiß ich auch nicht, er hat einen Dachschaden!“ – „Svenja, nun mal halblang. Ich weiß auch nichts Genaues – ich gib dich mal weiter!“ Ich reichte Flo das Teil. „Flo hier!“ – „Kann ich auch nicht genau sagen! Ich habe heute Morgen mit Henning telefoniert.“ – „Claudia, wir haben gestern die letzte Fähre verpasst und mussten in Emden übernachten. Es gab ein Gewitter und da hat bei Henning der Blitz eingeschlagen. Ich werde gleich noch mal mit ihm sprechen.“ – „Ob euer Urlaub gefährdet ist, weiß ich auch nicht.“ – „Svenja!“ – „Claudia Svenja Bärwald! Nu schrei mich nicht so an! Ich werde gleich telefonieren und dich dann nachher anrufen, wenn ich was Neues weiß.“ – „Ja, tschüss!“ Er drückte die rote Taste. „FRAUEN!“ Ich blickte ihn mitleidsvoll an. „Was hat sie denn?“ „Frag mich was Leichteres!“ Ich legte meine Hand auf seinen Schenkel. „Flo!“ „Ach Schatz, deine Schwester ist wirklich kompliziert. Sie meint tatsächlich, es wäre Absicht, dass ihr Urlaub torpediert wird.“ „Bitte?“ „Ich weiß es doch auch nicht, aber dein Schwesterherz muss mal wieder allein sein, die Zwillinge quäken, Felix im Laden, und ich glaube, sie hat ihre Tage!“ „Dann ist Svenja unausstehlich!“ Um fragenden Blicken entgegenzustehen, meine Schwester heißt mit vollem Namen Claudia Svenja Bärwald geborene van Aarp. Normalerweise ist sie Claudia, die gutgelaunte, lebenslustige und äußerst liebenswerte, familienorientierte Frau. Aber wehe, sie hat ihre Launen (und die kriegt sie normalerweise mindestens einmal im Monat), dann mutiert die liebe Claudia zur wehrhaften Svenja. Svenja ist aufmüpfig, egoistisch, auf sich bezogen, die geborene Emanze halt, die hinter allem und jedem das Übel vermutet. Der Name Svenja kommt dabei übrigens von ihrer Patentante, der ersten Frau unseres vielgeliebten Oberbürgermeisters. Damals war er noch Student und sie eine kleine, städtische Schreibkraft, die ihn mit einer Scheinschwangerschaft mehr oder minder zur Ehe nötigte. Wenn mein Bruder oder ich als Kinder etwas ausgefressen hatten, wurden wir beim vollen Namen gerufen. Wenn es hieß: Alexander-Günther (Großvater mütterlicherseits) oder Marius-Friedrich (Großvater väterlicherseits). Dann wussten wir, dass irgendetwas im Busche war, aber Claudia war immer Claudia, egal was sie angestellt hatte. Sie wurde nie zur Claudia-Svenja, sondern mutierte gleich zu Svenja, dem Biest. Und dann war Holland sprichwörtlich in Not. Wir packten Knut aus und trotteten über die Straße. Wir hatten Glück, es kam gerade jemand aus der Haustür, das leidige Suchen nach dem richtigen Schlüssel entfiel also. Ich stellte Linus ab und kramte nach dem richtigen Schlüssel – der Blaue passte auf Anhieb. Vielleicht sollte ich heute Lotto spielen. Ich drückte die Klinke herunter und wir betraten Erkans Reich. Die Wohnung war, sagen wir einmal, sehr übersichtlich, zwar nur etwas über vierzig Meter im Quadrat, aber nett und gut geschnitten. Vom ungefähr drei Quadratmeter großen Flur ging es links in eine Art Wandschrank, rechts in Badezimmer. Der Architekt hatte sich was einfallen lassen, denn in dem knapp zweieinhalb mal drei Meter großem Nassbereich waren die normalen Badezimmerutensilien so geschickt angeordnet, man konnte mit zwei Mann bequem nebeneinander hantieren und hatte sogar noch Platz für eine Waschmaschine. Folgte man dem Flur, so trat man in den Wohnbereich, der, ich schätze einmal, so dreieinhalb mal sechs Meter maß. Man lief auf eine große Ottomane zu, die vor dem Panoramafenster stand, daneben der Ausgang zur Terrasse. Auf der linken Seite befanden sich nach- oder besser nebeneinander Bücherregal, Schreibtisch, Computer, Stereoanlage, Fernseher und was der moderne Mensch noch so an Kommunikationsdingen benötigt. Diese Schreibtisch-Technik-Wand endete an einer halben Mauer. Ich spähte über selbige und fand die halboffene Küche. Man hatte wohl diese Bauweise gewählt, damit die innenliegende Küche besser mit Frischluft versorgt werden konnte. In der Mitte der rechts liegenden Wand befand sich ein durch einen Vorhang aus den späten Sechzigern oder frühen Siebzigern geschützter Bogen, der ins Allerheiligste, sprich Erkans Schlafzimmer, führte. Über Geschmack lässt sich ja bekannter weise trefflich streiten, obwohl man es ja eigentlich nicht tun sollte, aber was man an braunen Strickkordeln mit beige eingewebten Holzperlen schön finden kann, bleibt mir ein Rätsel. Flo dachte anscheinend das Gleiche, als er, die Schnüre beiseite schiebend, unsere Reisetasche auf Erkans Bett schmiss. Im Gegensatz zur Küche, die von all möglichen Gerätschaften fast überquoll, war das Schlafzimmer eher griechisch, sprich spartanisch, eingerichtet. Ein Schrank, der die ganze Breite der rechten Wand einnahm, ein anderthalb Meter breites Bett, ein Nachtisch mit Lampe und Radiowecker und vor der linken Fensterecke ein „Stummer Diener“, die Wände waren kahl und hätten einen neuen Anstrich ruhig vertragen können. Ich schaute auf die Uhr, es war viertel vor elf. „Und was machen wir zwei Hübschen mit dem angefangenen Vormittag?“ „Gute Frage? Irgendwelche Vorschläge? Jetzt fang bitte nicht wieder mit dem Entführungskram an.“ Mein Gatte grinste. Ich zog den Plan, den ich mir im Anker eingesteckt hatte, aus der Gesäßtasche. Nachdem ich ihn ausgebreitet hatte, brabbelte ich vor mich her bzw. in meinen nicht vorhandenen Bart: „OK, also, wir hätten da zum einen Stadtrundgang im Angebot. Des Weiteren entnehme ich diesem lustigen Faltblatt der Stadttouristik, dass es auch eine Kanalfahrt, also quasi Emden vom Wasser aus gibt. Man kann dann aber auch in die Kunsthalle, zur Kesselschleuse oder …“ Ich schaute in die wundervollsten blauen Augen, die ich kenne. „… Oder wir machen nichts und gehen ins Bett und machen dann da was. Das sind, zusammengefasst, die Möglichkeiten, die wir bis zwei haben, mein Engel.“ Ich grinste meinen blondgelockten Göttergatten schelmisch an, ich gab’s ja zu, gelockt ist übertrieben, so lang wurden sie nie, dass man darin richtig wuseln konnte. Schade eigentlich, aber diesem Fetisch konnte ich bisher bei noch keinem Mann, der mehr war als eine flüchtige Bettbekanntschaft, so richtig ausleben. Meine bisherigen Beziehungen, gut, jetzt rechnen wir die Jugendschwärmeiereien mal nicht mit, denn Beziehungen waren dass ja nicht, jedenfalls von meiner heutigen Sichtweise dies Thema betreffend aus gesehen, konnte man an einer Hand, eher an zwei Fingern, abzählen. Da waren Johnny während der Bundeswehrzeit und jetzt Flo. Lars, der mich mehr oder minder seelisch unterstützend durch das ABI brachte und Stefan, der mich zu Beginn meines Studiums unter seine Fittiche nahm, waren zwar mehr als so genannte Lebensabschnittsgefährten, aber mein Herz besaßen sie nie zu 100%. Aber zurück zu den Haaren, ich schweife mal wieder ab. Es war keine Saison und da durften die Haare schon etwas länger sein und man konnte sie wachsen lassen. Flo ging nur noch alle zwei Monate zum Frisör und nicht mehr alle zwei Wochen, wie während der Liga. Sobald es wieder aufs Eis ging, fielen die Haare, sehr zu meinem Leidwesen. Ich müsste wohl noch bis an sein Karriereende warten, um eine Prinz-Eisenherz-Ausgabe in Blond zu kriegen. „Irgendwelche besonderen Wünsche, Marius? Sag aber jetzt nicht Bett!“ „Also, den Stadtrundgang können wir wohl vergessen. Der startet normalerweise um 11:00.“ Ich blickte auf meine Uhr. „Ich habe keine Lust, mich jetzt abzuhetzen und durch die halbe Stadt zu laufen, damit wir pünktlich am Stadtgarten sind.“ „Stimmt, alte Männer kommen ja schnell aus der Puste. Solltest weniger rauchen, mein Schatz!“ Manchmal konnte er schnippisch sein, mein kleiner Kufenflitzer. „Und eine Bootsfahrt dürfte ebenfalls nicht so prall sein, bei den Temperaturen.“ Flo hatte Recht, das Thermometer zeigte nicht einmal 19 Grad und von See kam ein leichter Wind auf. Ich wusste zwar nicht, in welchen Booten man durch die Kanäle schipperte, aber Rückzugsmöglichkeiten gab es auf solchen Wasserfahrzeugen eher weniger. „Also bleiben Kunsthalle und Schleuse!“ „Stimmt!“ „Wir nehmen dann die Schleuse!“, entschied ich. Mein Flo war leicht irritiert. „Meinst du, nur weil ich Klempner bin, hätte ich keinen Sinn für so was?“ „Schatz, du bist sehr kunstsinnig, aber erstens weiß ich nicht, welche Ausstellung gerade läuft und auf finnische Industrieruinenfotographie der 50er habe ich wirklich keine große Lust, oder Du?“ Er schüttelte ebenfalls den Kopf. „Außerdem hätten wir für das Museum nur eine gute Stunde Zeit, wenn wir zu Fuß gehen. Lohnt sich also nicht!“ „Wieso nur eine Stunde?“ „Irgendwo hab ich mal gelesen, dass man beim Museumsbau schlicht die Parkplätze vergessen hat oder so. Die Besucher müssen in ein nahe gelegenes Parkhaus ausweichen, also Wagen lohnt sich nicht. Wenn wir dann noch eine Kleinigkeit essen wollen und dann noch mal eine halbe Stunde Rückmarsch einkalkulieren, müssten wir spätestens um kurz vor eins wieder da raus, wenn wir vor den beiden wieder hier sein wollen.“ Mein Gatte nickte zustimmend. „Und die Schleuse?“ „Liegt auf dem Weg in Richtung Innenstadt, von hier aus gesehen. Ich würde sagen, wir besichtigen das Wunderwerk der Technik und bummeln dann durch die Stadt.“ „Dann machen wir das so.“ Er kam auf mich zu und zog mich an sich. Seine Lippen vereinigten sich mit den meinen und seine Zunge umspielte die meinige. „Schatz!“ „Ja?“ „Dürfte auch besser sein?“ „Wieso?“ „Weil wir dann noch etwas Zeit für uns haben.“ Er grinste und ließ seine Hand in Richtung meines Schritts fahren und drückte zu. „Den hab ich heute Nacht richtig vermisst.“ Er zog einen leichten Flunsch und erstickte meine mögliche Antwort mit einem langen Kuss. Es war dann doch viertel nach elf, als wir das Apartmenthaus verließen. Es dauerte keine zehn Minuten und wir kamen bei der einzigen in Betrieb befindlichen Kesselschleuse Europas an. Es ist schon imposant zu sehen, was da von einem eher unbekannten Berliner Regierungsbaumeister namens Germelmann entworfen worden war und nach nur zehnmonatiger Bauzeit im Februar 1887 in Betrieb ging. Das Wunderwerk an technischer Errungenschaft der wilhelminischen Ära verbindet den Ems-Jade-Kanal, den Emder Stadtgraben, das Fentjer Tief sowie das Faldendelft miteinander und wird jährlich von 2800 Schiffen, größtenteils Sportboote, genutzt. Ihre endgültige Form mit vier Kammern erhielt sie aber erst bei ihrer ersten Renovierung von 1911 bis 13, denn Germelmanns Werk erreichte schon bald nach Fertigstellung seine Kapazitätsgrenze, er ging vielleicht deshalb nicht in die Architekturgeschichte ein. Die Schleuse besteht aus einer Zentralkammer, dem so genannten 33 Meter breiten Kessel (daher auch der Name), und vier weiteren, etwas kleineren Schleusenkammern. Man fährt in die erste Kammer und wartet, bis der Wasserstand dieser Kammer dem des Kessels entspricht, fährt dann in den Kessel ein, dreht in die richtige Richtung, und man fährt wieder raus – so einfach. Na ja, die Entwässerung des Ems-Jade-Kanals steht heute im Vordergrund, ansonsten würde es dort öfter heißen: Land unter im Hinterland. Wir liefen in der Anlage herum und schauten uns um, wobei das größere Interesse an der Technik eindeutig bei Flo lag als bei mir. Während er immer die Arbeits- und Funktionsweise verstehen und nachvollziehen will, egal ob es sich um eine Mikrowelle oder, wie in diesem Falle, um Schleusen handelt, bin ich eher daran interessiert, was zum Schluss hinten rauskommt. Ich geh mal zum Schleusenhaus, mein Engel! Kommst du mit?“ „Ne, alte Männer brauchen Ruhe. Ich werde mich hier auf die Bank setzen, eine rauchen und mich erst mal von dem Schuh im Stein befreien.“ Während ich mich also setzte und dem Fremdkörper in der Fußbekleidung meiner rechten unteren Extremität widmete, zog er von dannen. Ich blickte ihm nach, am Himmel zogen dunklere Wolken auf. Ich steckte mir eine an und starrte ins Leere. Irgendwie fühlte ich mich matt und ausgelaugt, die Nacht war wohl doch zu kurz. Ich dachte an den Auftrag von Deppermann, die bevorstehenden Klausuren, unsere beiden neuen Emder Freunde, an Alles und an Nichts. Ich hatte die Augen wohl halbgeschlossen, als mein Kapitän mich aus diesen wirren Gedanken riss. „Schatz, ich habe mit dem Schleusenwärter gesprochen, wir können die nächste Schleusung vom Fahrstand oder wie das heißt aus beobachten, wenn wir wollen. Wollen wir?“ Ich blickte in seine Augen. „Wir wollen!“ Ich erhob mich gemächlich und wir gingen in Richtung des Wärterhäuschens. Eigentlich wollte ich ja nicht, aber was macht man nicht alles für seinen Liebsten? Flo klopfte an der einfach aussehenden Holztür, die den Eingang zum Schleusenhaus bildete, ich vermutete eine Auflage des Denkmalschutzes, unter dem die ganze Anlage seit ihrer Komplettrenovierung in den 80 Jahren stand. Ich stand schräg hinter ihm und blickte durch das Fenster in das innere des Fahrstandes. Die Gestalt, die sich da jetzt zur Tür aufmachte, kam mir irgendwie bekannt vor, ich wusste allerdings nicht, woher. Die Tür sprang auf. „Ah, da sind Sie ja! Ihren Bekannte gefunden?“, tönte der Bass des weißbehemdeten Mannes. „Ja, Herr Schulze-Pelkmann, darf ich Ihnen vorstellen?“ Flo trat einen Schritt beiseite und gab so den Blick auf mich frei. Ich erstarrte genau wie mein Gegenüber. Der Mittfünfziger fand allerdings schneller seine Stimme wieder. „Sie? – Raus, Sie Schwein. Sehen sie zu, dass sie Land gewinnen, Sie perverser Kinderschänder oder ich ruf die Polizei!“ Er drehte sich um, schmiss die Tür Flo vor der Nase zu und fluchte auf Platt. „Was war das denn?“ Flo blickte mich mitfühlend an. Mittlerweile hatte ich mich auch einigermaßen wieder gefangen, allerdings muss ich immer noch kreideweiß gewesen sein, denn Flo griff nach meinem Ellenbogen und führte mich vom Ort des Geschehens. „Marius, wer war das? Und wieso bezeichnet er dich als Kinderschänder? Ich dachte, du würdest hier niemand kennen!“ „Dachte ich auch, aber Flo …“ „Ja?“ „Ich brauch jetzt erst einmal was zu trinken!“ Flo schaute sich um und dirigierte mich in Richtung des nahe gelegenen Kaffees, das wir auf dem Weg zur Schleuse entdeckt hatten. Wir ließen uns an einem der freien Tische nieder, mir ging es wirklich nicht blendend. „Ich bestell dann mal.“ Flo entschwand ins Innere des Lokals und kam nach kurzer Zeit mit zwei vollen Cognacschwenkern wieder. „Die Bedienung meint, wir sollten besser reinkommen, es würde gleich regnen. Aber ich sagte, du bräuchtest frische Luft. Hier! Der Kaffee kommt gleich“ Er stellte beide Gläser ab. Ich nahm eines, setzte an und kippte das Zeug in einem Schluck hinunter. Es brannte auf meiner Zunge, ich schüttelte mich. „Das tat gut!“ Flo nickte. „Kriegst jetzt wenigstens wieder etwas Farbe ins Gesicht. Hier!“ Er schob mir auch das zweite Glas herüber. Ich stoppte ihn allerdings auf halben Weg. „Ne, gleich, ich bin doch kein Alki!“ „Und kein Kinderschänder! Also! Was war das gerade?“ In diesem Moment brachte die Kellnerin zwei Tassen Kaffee. Sie deutete auf das leere Glas. „Ja, noch einen, bitte!“ Nachdem ich den Inhalt des Zuckerpäckchens in den Türkentrank gerührt hatte, nippte ich an dem Kaffee. Auch er brannte, jedenfalls war das der Eindruck, den meine Geschmackspupillen von dem Bohnentrunk hatten. Flo sagte nichts, ließ mich gewähren. Er wusste, ich musste erst einmal verdauen und würde dann von selbst anfangen. „Also, mein Engel. Das … Das war gerade mein ehemaliger Schwiegervater!“ Flo zog die Stirn in Falten. „Der Vater von Johnny?“ Ich nickte schweigend, mein Gegenüber allerdings hatte wohl mehr als nur eine Frage auf den Lippen. „Ich weiß, ich hab dir von damals nie viel erzählt, vielleicht war das ein Fehler, ich weiß es nicht. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich den Kerl je wieder treffen würde.“ Ich setzte die Tasse ab und steckte mir eine neue Zigarette in den Mundwinkel. Ich hielt ihm die Packung hin, er nahm auch eine. Wir rauchten schweigend. „Du weißt, Johnny kam damals bei einem Autounfall ums Leben.“ Mein Kapitän nickte. „Und der Kerl von eben wollte mich damals vom Friedhof schmeißen!“ Ich schüttelte mich, diesmal allerdings vor Ekel. „Kanntest du ihn denn nicht?“ „Nein, Gott bewahre. Als ich Johnny damals kennen gelernt habe, waren seine Eltern schon lange geschieden. Seinen Vater hab ich das erste Mal auf der Beerdigung gesehen. Das einzige, was ich wusste, dass er nach der Scheidung zurückgegangen ist nach Ostfriesland. Ich wusste allerdings nicht wohin, über ihn wurde nie gesprochen und, ehrlich gesagt, es hat mich auch nicht besonders interessiert.“ Ich drückte die Kippe aus. „Johnny und ich, wir lebten ja in der Einliegerwohnung seiner Mutter in Hannover. Gut, während wir beim Bund waren ging das, aber Johnny war ja schon entlassen und meine Dienstzeit war auch kurz vor ihrem Ende. Drei Tage vor seinem Tod haben wir dann den Mietvertrag für eine gemeinsame, größere Wohnung unterschrieben. Ich hatte meinen Studienplatz in Hannover und er ist wieder angefangen zu arbeiten in seiner alten Firma als Groß- und Außenhandelskaufmann. Eigentlich lief alles prima, …“ „Willst du mir die Geschichte erzählen?“ Diesmal stutze ich. „Haben wir soviel Zeit?“ „Wir haben alle Zeit der Welt, mein Engel. Und was zu essen kriegen wir hier auch. Aber wenn, bitte klar und deutlich und nicht so viele Sprünge, ja?“ Er hatte gesprochen und ich fügte mich. „Wo soll ich anfangen?“ „Am Anfang! Wie habt ihr euch kennen gelernt?“ „An einem regnerischen Samstagnachmittag in der Teeküche.“ Ich grinste. „Ich hab in der Grundi ja Fernschreiber gelernt und bin dann zum Fliegerhorst versetzt worden. Johnny hat da als Dispatcher Dienst geschoben. Na ja, wir haben uns bei meinem ersten Wochenenddienst zum ersten Mal gesehen. Wir kamen so ins quatschen während der Kaffeepause. Was soll ich sagen, er war mir sympathisch, aber Schwul beim Bund?“ Ich schüttelte auch im Nachhinein den Kopf. Die Situation für Schwule beim Bund ist irgendwie Schizophren. Man wird nicht mehr wegen seiner Homosexualität ausgemustert, wie es früher der Fall war, sondern nur noch wegen der psychologischen Folgen, die das „Anders-Sein“ mit sich bringt. Das kommt zwar auf das gleiche raus, ist aber offiziell nicht dasselbe. Das verstehe wer will. „Ich wusste ja nicht, ob er auch. Gut, da waren einige Anzeichen, aber Nichts Genaues weiß man nicht. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt und haben die Pause lang überzogen, ich kriegte von meinem Feldwebel meinen ersten Anschiss.“ „Komm zum Wesentlichen!“ „Gut. Er fragte, was ich an dem freien Abend machen wollte. Ich sagte, nach Hannover fahren und mal die Kneipenszene abchecken, vielleicht Disco oder so. Er fragte mich, ob ich ihn mitnehmen könnte, sein Wagen wäre in der Werkstatt und die Zugverbindungen wären samstags die Hölle. Na ja, ich hab ihn nach dem Dienst mit nach Hannover genommen und ihn am Hauptbahnhof abgesetzt.“ „Und dann!“ „Na, ich bin in die Sauna gefahren.“ Ich trank den letzten Schluck Kaffee. „Nach knapp einer halben Stunde dachte ich, ich träume. Ich traute meinen Augen nicht. Er lief mir über den Weg, in der Sauna! Er blieb stehen, ich blieb stehen, er guckte, ich guckte. Er fing an zu lachen, ich fing an zu lachen und wir fielen uns in die Arme. Na ja, von Stund an waren wir ein Paar.“ Ich trank den zweiten Weinbrand wieder in einem Zug, ich wollte wohl die aufkommenden Gefühle betäuben, die mich bei dem Thema überkamen. Mein Flo, der an seinem Glas nur genippt hatte, schob mir das Produkt aus billigem Bleikristall rüber. Ich danke ihm auch heute noch für das Verständnis, dass er mir nicht nur da entgegenbrachte. „Wir brauchten uns nur anzuschauen, und wir wussten, was der andere gerade denkt, wie er gleich reagieren wird, was er sagen wird. Irgendwie …“ „Das perfekte Paar?“ „So ungefähr. Es war, als wären wir füreinander bestimmt gewesen. Mehr als eineiige Zwillinge, wenn du so willst. Wir machten alles zusammen, waren fast symbiotisch.“ Ich kramte nach meinen Zigaretten. „Die freie Zeit während des Dienstes verbrachten wir dann meistens bei ihm und seiner Mutter. Er hatte die Einliegerwohnung im Haus von Katharina gehabt. Für die kurze Zeit ging das ja, aber wenn man mal mehr als zwei Tage zusammen war, ging man sich dennoch gehörig auf die Nerven. Es war einfach zu klein.“ „Aber wir hängen doch auch die ganze Zeit aufeinander, Marius.“ „Nein Schatz, du gehst deinem Beruf nach und ich meinem Studium. Aber Johnny und ich machten alles zusammen, er brachte mich ins Theater, ich ihn zum Bowling. Also…“ Erst jetzt zündete ich mir den Glimmstengel an. „Na ja, was wir gemacht haben, brauche ich wohl nicht zu sagen. Wir waren die Harmonie schlechthin. Wir haben dann beschlossen, gemeinsam was aufzubauen. Ich hab mich in Hannover um einen Studienplatz beworben und ihn auch gekriegt. Da war aber klar, das die Behausung zu klein sein würde.“ „Ja, aber wir sind, wenn wir daheim sind, ja auch meistens in einem Zimmer, mein Engel.“ „Ach Flo, ja, aber du hast dein eigenes Zimmer und ich habe auch mein eigenes Reich. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber wir hätten eine Rückzugsmöglichkeit, wenn wir sie denn nutzen wollten. Allein die Tatsache, dass es diese Örtlichkeit gibt, bedeutet doch viel; jedenfalls mir. Und du weißt, wenn ich für Klausuren lerne, bin ich unausstehlich. Du bist dann beim Training oder lässt mich in Ruhe, aber wir wohnten damals auf weniger als 35 Quadratmetern in Langenhagen. Allein die räumliche Nähe hätte uns irgendwann umgebracht, da bin ich mir sicher. Und wenn nicht die, dann zumindest seine Schwester Stefanie, die mehr bei uns rumhing als mit ihren Freundinnen.“ Ich griente bei dem Gedanken an die kleine Brünette. „Es ist ja so cool, einen schwulen Bruder zu haben, der mit seinem Freund zusammenlebt. Schwule sind ja soooo interessant!“ Ich trank jetzt auch Flos Glas aus. „Ich hab da drinnen belegte Brötchen gesehen? Auch eins?“ Mein Flo, ich liebe ihn. Ich nickte nur und er verschwand und kam, als ich gerade die Zigarette ausdrückte, mit zwei Käsebrötchen und zwei Weinbrand an. Voll Heißhunger biss ich in das Teil. Die Kellnerin brachte noch einen Kaffee. So gestärkt fuhr ich fort. „Das Schlimmste kommt aber erst noch!“ Ich steckte mir noch eine Zigarette an und überlegte kurz, ob ich den vierten Wienbrand auch noch kippen sollte. Ich entschied mich dann doch dagegen, obwohl der Gedanke verlockend war. Irgendwie wollte ich vergessen, aber ich wollte die Geschichte, die mich lange Jahre so bewegt hat, auch endlich loswerden. „Das Dumme war, wir konnten uns nicht einigen, in welchen Farben wir die Küche einrichten wollten.“ Ich schaute meinen Gemahl an. „Ich war für Rot und Grau, Johnny wollte Blau und Weiß. Wir waren am Tag vor seinem Tod in etlichen Möbelgeschäften, von IKEA bis Porta und haben nach Küchen gesucht. Zuhause ging die Diskussion weiter. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und bin ins Bett, denn ich musste ja um halb sechs raus, Sieben war Dienstbeginn und ne halbe Stunde musste man rechnen. Es goss in Strömen den Morgen. War keine angenehme Fahrt zur Kaserne.“ Ich trank den Rest Kaffee und starrte ins Leere. „Wir hatten uns für den Nachmittag in Garbsen verabredet. Ich nach dem Dienst zum Möbelhaus und hab gewartet und gewartet. Über eine Stunde, als er nicht kam, war ich richtig sauer, ans Handy ging niemand und bei seiner Mutter konnte ich auch keinen erreichen. Ich bin dann zu uns gefahren und wollte ihm gehörig den Marsch blasen“ Ich stockte. „Vor dem Haus sah ich den Notarzt stehen und bin sofort rein. Unten fand ich niemanden. Ich dann hoch, Stefanie nahm mich heulend in die Arme und stammelte, Johnny sei Tod! Unfall! Auf dem Weg nach Garbsen! Katharina war zusammengebrochen, daher der Notarzt. Ich versuchte, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, ging aber schlecht. Ich hatte an dem Morgen alleine gefrühstückt und ihn pennen lassen, denn ich wollte den Tag nicht mit der Fortsetzung der Küchenstreitigkeiten beginnen. Wir sind also im wütend auseinander …“ Meine Stimme stockte, jetzt brauchte ich doch den Cognac. Flo sah mich teilnahmsvoll an. „Deshalb willst du immer so lange reden, wenn wir uns mal in der Wolle haben?“ Ich nickte. „Du!“ „Ja?“ „Ich mag das auch nicht! Auch wenn mir manchmal die Augen bei deinem ganzen Gerede zufallen, aber wer im Streit Schlafen geht, steht mit Streit auch wieder auf, und dazu liebe ich dich viel zu sehr, um mir das selber anzutun.“ Er nahm meine Hand und drückte sie. „Stefanie ist dann bei ihrer Mutter geblieben und ich bin dann ins Krankenhaus, um ihn zu identifizieren. War kein sehr schöner Anblick!“ „Kann ich mir vorstellen. Wie ging’s weiter?“ „Nun ja, ich hab erst mal in der Kaserne angerufen und mir frei genommen, das war das kleinste Problem. Dann musste ja die Beerdigung vorbereitet werden und das ganze. Katharina konnte man zu nichts gebrauchen, so fertig war sie und Stefanie war ja gerade erst achtzehn, als das passierte. Mehr oder minder die ganze Sache blieb an mir kleben!“ „Aber konnte dir denn keiner helfen? Wo waren Hiltrud und Urban?“ „Schatz, meine Eltern hätten mir sicherlich geholfen, aber die waren aus Anlass ihres dreißigsten Hochzeitstages irgendwo in Namibia auf Elefantensafari. Meine Schwester war im achten Monat mit den Zwillingen schwanger und Alexander stand mitten im Examen und musste sich um die Kleine kümmern, da seine Liebste mit Beinbruch im Krankenhaus lag. Es kam eins zum Anderen.“ „Wenn es kommt, dann meistens Dicke. Sorry, der Spruch ist platt.“ Er verzog leicht das Gesicht. „Stimmt, aber er trifft zu. Frag mich bitte nicht wie, aber irgendwie haben wir die ganze Sache dann doch irgendwie geschafft. Nur mit einem hab ich nicht gerechnet.“ „Mit was?“ „Mit Johnnys Vater!“ „Dem Typ von eben?“ „Jepp. Ich kannte ihn ja nicht und er wurde auch mit keiner Silbe erwähnt. Johnny und ich waren ja schon ein Jahr lang zusammen und ich habe mir nichts dabei gedacht. Na ja, er blockte immer ab, wenn es um seinen Vater ging und auch Katharina und Stefanie wurden immer einsilbig, wenn er erwähnt wurde. Ich konnte zwar ahnen, dass da was nicht stimmte, aber ich hab nicht weiter nachgehakt. Wie alt war ich damals auch? Gerade mal knappe zwanzig!“ Ich blickte meine Kleinen an. „Ich brauch etwas Bewegung.“ „Gut, gehen wir, du kannst ja auch beim Laufen erzählen.“ „Stimmt, bin ja multitaskingfähig!“ So langsam kamen die Lebensgeister wieder, auch trotz der hochgeistigen Getränke, die ich intus hatte. Flo ging in den Laden und kam nach kurzer Zeit wieder. „Wir können!“ Ich erhob mich und folgte ihm, denn er bestimmte die Richtung. „Wo war ich?“ „Bei Johnnys Vater! Aber mal eine ganz andere Frage. Wie hieß er eigentlich richtig?“ „Wer?“ „Na, Johnny! Ich glaube nicht, dass Johnny sein Geburtsname war!“ „Stimmt.“ Ich grinste. „Johann Clemens Schultze genannt Pelkmann, gesprochen mit Bindestrich.“ „Wirklich nicht gut, irgendwie – bäuerlich!“ „Wieder richtig. Sein Vater war Bauer, im wahrsten Sinne des Wortes.“ „Wie das?“ „Hab ich auch erst später erfahren. Johnnys Großeltern wollten die Hofnachfolge geregelt wissen, bevor sie seinem Vater oder seinem Onkel den Hof überschreiben wollten. Es muss einen echten Wettlauf unter den beiden Brüdern gegeben haben, wer als erster heiratet und einen männlichen Erben präsentiert.“ Wir passierten die Feuerwehr und standen wieder einmal vor Wasser. Ich glaube, der Abschnitt hieß Falderndelft, aber ich kann mich auch irren. „Du, da ist ein kleiner Park, sollen wir uns nicht lieber setzen?“ Mein Gatte kann mitfühlend sein, wenn er will. Er konnte ahnen, dass es jetzt ans Eingemachte ging, wie man so schön sagt. Wir erreichten eine Bank und setzten uns. Ich zückte die Schachtel. „Du rauchst zuviel!“ „Ich weiß!“ „Was soll ich sagen? Es gab ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Brüdern. Der eine heiratete zwar früher, aber dafür kam bei dem anderen das Kind eher. Also mehr oder minder Gleichstand. Allerdings hat Johnnys Vater die Rechnung ohne seine Frau gemacht. Katharina kam aus Hannover, war ein Kind der Stadt, war jung und hatte was anderes im Kopf, als morgens um fünf die Kühe zu versorgen. Sie hatte ja ihren Sohn und zwei Jahre später kam dann Stefanie. Sie meinte, es würde reichen, wenn sie für die Kinder sorgen würde und sie wollte auch noch was vom Leben haben. Aber auf dem Land? Na ja, sie hatte wohl auch ihre Schwierigkeiten mit ihren Schwiegereltern, jedenfalls, Johnnys Eltern haben sich dann scheiden lassen, als er gerade mal elf war. Sie ist dann zurück nach Hannover, zurück zu ihren Eltern.“ Ich drückte den Glimmstengel aus. „Es hat dann noch erheblichen Streit ums Sorgerecht gegeben. Er hat mal Stefanies Ballettlehrer verprügelt, weil er beim Training angeblich seine Tochter begrabscht hat, was allerdings nicht stimmte. Und ganz ausgeflippt ist er, als Johnny dann auch noch mit dem Theaterspielen begann und Gesangsunterricht genommen hat.“ „Kann ich mir vorstellen!“ „Na ja, er hat dann nochmals kräftig Hand angelegt, als Johnny dann in den letzten Schulferien nicht zu ihm auf den Bauernhof wollte sondern lieber ins Theatercamp nach Amsterdam. Der Schauspiellehrer bekam ein sattes Schmerzensgeld wegen eines gebrochenen Kiefers und sein Vater eine Bewährungsstrafe. Von da an war jedweder Kontakt abgebrochen und er Persona non grata in Hannover!“ „Aber zur Beerdigung kam er?“ „Ja, es war ja sein Sohn, der da zu Grabe getragen wurde. Ich habe Katharina mehr oder minder noch dazu überredet, sie wollte erst nicht. Hätte ich besser auf sie gehört, wäre das Ganze nicht passiert!“ „Was?“ Ich blickte in seine Augen und umklammerte seine Hand. „Er kam mit seiner gesamten Sippschaft in einem Bulli angefahren, erst zum Haus in Hannover, eine Stunde vor der Beerdigung. Ich öffnete ihm die Tür und roch schon die Fahne, die er hatte. Aber ich kannte ihn ja nicht und ließ die Leute rein.“ Ich blickte stumm vor mich hin. „Der erste Klops kam dann im Flur bei der Vorstellung. Wer ich denn sei? Der neue Liebhaber seiner Ex-Frau vielleicht?“ Ich schüttelte mich, denn die alten, längst vergessenen Erinnerungen kamen wieder hoch. „Ich verneinte diese dämliche Frage und stellte mich als der vor, der ich war, nämlich Johnnys Freund. Er muss mich da allerdings nicht richtig verstanden haben, denn in dem Moment kam Stefanie und sagte nur: ‚Papa!’, da wusste ich, wen ich da ins Haus gelassen hatte.“ Ich strich Flo über den Kopf. „Dann bei der Trauerfeier fing er an zu lachen, als die Altistin anfing mit „Morning has broken“, er rülpste bei „So nimm denn meine Hände“ und pfiff bei „Candle in the Wind“. Wirklich peinlich!“ „Kann ich mir vorstellen.“ „Als der Sarg dann aus der Kapelle getragen wurde und wir, d.h. Katharina, Stefanie und ich am Ausgang standen und die ganze Gemeinde uns kondolierte, fing er an zu Pöbeln. Was ich denn da machen würde? Er müsse da stehen, denn er hätte ja seinen Sohn verloren! Was ich mich erdreisten würde, seine Stelle einzunehmen. Ich hätte ja seinen Sohn verführt und hätte kein Recht, zu trauern, ich sei ja nur ein perverses Arschloch! Ich solle am besten verschwinden!“ Er nahm mich in den Arm und wir blieben minutenlang still neben einander sitzen. Nach einer Weile drückte er meine Schulter. „Ich glaube, wir sollten langsam los!“ Ich blickte auf die Uhr. „Du hast Recht!“ Es war kurz nach eins. „Hast du Hunger?“ Ich zuckte nur mit den Schultern. „Komm, du musst was essen, oder du pennst mir am Rechner gleich ein. Außerdem müssen wir was gegen deine Fahne tun.“ Er grinste mich an. Es war komisch, aber Flo ging einfach zur Tagesordnung über, so, als ob nichts geschehen wäre, als ob ich da gerade keinen Seelenstriptease vor ihm vollführt hätte. Gut, Flo kannte mich wohl besser als ich mich selbst. Er wusste, ich würde jetzt nichts mehr sagen, würde mich einigeln. Ich kann mir zwar die Probleme anderer anhören und meistens auch die richtigen Ratschläge erteilen, aber ich auf der Couch? Nein, ich war immer der Mensch auf dem Sessel, ich war die seelische Müllhalde, auf die man seine Probleme werfen konnte. Er ahnte wohl, dass ich irgendwann darüber weiter reden müsste, aber er drängte mich nicht. Das würde er nie machen, er fing mich diesmal auf und ich hatte keine Angst, mich fallen zu lassen, denn ich wusste, er ist da. Für dieses, nennen wir es Verständnis, bin ich ihm heute noch unheimlich dankbar. Hab ich schon gesagt, dass ich diesen Kufenflitzer über alles liebe? Mein Kapitän dirigierte mich durch die Straßen. Wir kamen an einem kleinen holländischen Imbiss vorbei. „Lust auf Frikadeln?“ Ich nickte und er holte zwei dieser Fleischprodukte, die in Größe und Form an Bratwürste erinnern, aber keine sind, da sie ohne Darm in eine gerade Form gepresst werden. Sie bestehen eigentlich aus einer Mischung aus gemahlenem Schweine-, Rind- oder Geflügelfleisch und werden mit Weizen- oder Sojamehl gebunden. Sie werden frittiert und nach Wunsch mit verschiedenen Saucen und Beilagen serviert, ich bevorzugte die Variante „speciaal“ mit Curry-Ketchup, Flo hat nimmt sie lieber mit „Frietsaus“, einer speziell gewürzte Mayonnaise, aber gehackte, rohe Zwiebeln dürfen auf keinen Fall fehlen. Ich hatte dieses Fastfood-Erlebnis der besonderen Art zum ersten Mal, als ich mit beim Auswärtsspiel in Grefrath war und meinen kleinen Hunger in der Frittenschmiede der dortigen Eissporthalle stillen wollte. Ich machte wohl den gleichen Fehler wie die meisten Leute, die nicht an der niederländischen Grenze wohnten. Ich dachte, als ich das Wort nur las, mir würde eine gewöhnliche Frikadelle serviert, aber vertan, vertan sprach der Hahn und stieg von der Ente. Etymologisch haben sie zwar den gleichen italienischen Ursprung, aber Art und Weise der Herstellung stehen doch diametral gegenüber. So gestärkt machten wir uns auf den Heimweg in die fremde Wohnung, die heute Nacht unsere Schlafstätte sein sollte. Ich packte meine Gerätschaften aus, als Flo mich auf ein Bild im Regal aufmerksam machte. „Du, wer ist denn der Typ im weißen Gewand hier auf dem Bild?“ Er deutete auf einen Bilderrahmen, der drei ältere Herren zeigte, einen davon in weißem Priesterornat, und drei jüngere Männer. Einen erkannte ich als Erkan. „Gute Frage, die nächste bitte!“ Wir waren gerade mit dem Aufbau fertig. Flo hatte mir geholfen, meine kleine Peanuts-Lösung mit Spike, dem kleinen Bruder von Woodstock (für Uneingeweihte: gemeint sind Router), als sich ein Schlüssel in der Tür umdrehte und unsere Gastgeber in selbiger standen. Die beiden kamen auf uns zu und wir begrüßten uns, als ob wir uns Jahre nicht gesehen hätten, dabei waren nicht einmal vier Stunden seit unserem letzten Zusammentreffen vergangen. „Erkan?“ „Ja?“ „Wie soll ich ins Internet?“ „Äh?“ „Soll ich über deinen Rechner oder kann ich direkt ans Modem?“ „Mir egal, du bist der Experte.“ „Wenn ich selbst rein soll, dann brauch ich für Spike die Zugangsdaten von deinen Provider.“ „Spike?“ „Der kleine silberne Kasten mit den beiden Strippen, auch Router genannt.“ Flo half mir aus der Patsche. „Warte mal!“ Erkan ging zum Rollcontainer unter dem Schreibtisch und gab mir einen Schnellhefter. „Hier. Das sind die Internetunterlagen. Das Passwort findest du da auch irgendwo!“ Er gab mir den Ordner, einfach so. Jost drängte zum Aufbruch. „Ich will ja nicht euren Technik-Talk stören, aber wenn wir heute Abend essen wollen, müssen wir zum Einkaufen. Auch wenn wir keine Kleinstadt mehr sind, aber bis vier müssen wir spätestens die Liste abgehakt haben, denn da machen die meisten Geschäfte hier zu. Wir brauchen noch ein Huhn, Krabben und vor allen Dingen Feigen?“ „Was gibt es denn?“ „Lasst euch überraschen!“ Erkan wieder. „Wir machen einen Ausflug durch die drittgrößte Küche der Welt – ich koche türkisch!“ Eigentlich eine logische Konsequenz bei einem vom Bosporus stammenden Koch, wie ich fand. Gut, ich kenne Döner in allen Variationen vom Türken um die Ecke, aber der blank rasierte Koch führte mich, als unsere Gatten das Appartement zwecks Einkauf verlassen hatten, in die Geheimnisse der türkischen Küche ein. Er meinte, es sei in der Türkei üblich, dreimal am Tag sitzend zu essen. Man fängt wie überall üblich mit dem Frühstück – „Kahvalti“ an. Das bestünde typischerweise aus Brot, Schafskäse, grüne und schwarze Oliven, Tomaten, Gurken, Konfitüre und Tee. Den Lunch isst man entweder zu Hause oder in einem „Lokanta“, wo man kleinere heiße Gerichte isst, z.B. Suppen, und traditionelle Gerichte, wie „Lahmacun“, verschiedene „Döner“-Arten und viele gegrillte Fleischsorten mit Salat, als Beilage und Desserts inklusive frisches Obst. Das Abendessen beginnt, wenn alle Familienmitglieder nach Hause kommen und ihre Tageserlebnisse am Tisch austauschen. Das Menü besteht aus drei oder mehr verschiedenen Gerichten nach einander und beginnt in der Regel um Acht; Nahe Verwandte, beste Freunde oder Nachbarn essen öfters mit, ohne direkt Eingeladen zu sein. Meistens fängt das Diner mit kleinen Aperitifs, „Meze“ genannt an. Man trinkt Wein oder das Nationalgetränk „Raki“. Ansonsten fängt das Abendessen mit Suppe, gefolgt von Fleisch- und Gemüsegerichten mit Salat an. Danach werden Olivenöl-Gerichte wie „Dolma“ – gefülltes Gemüse oder gefüllte Weinblätter serviert, gefolgt von süßen Desserts und frischem Obst. Nach dem Essen wird Tee und Türkischer Kaffe genossen. Er hatte für den Abend geplant: Raki – Rote Linsensuppe – Krabben in Öl – Gefüllte Weinblätter – Tscherkessen-Hühnchen und zum Nachtisch, vor dem Mokka, gefüllte Feigen. Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen. Während er anfing, in der Küche Ordnung zu schaffen, obwohl? Unordentlich sah sie eigentlich nicht aus! Da bin ich von Flo und mir im Waldmannskotten schlimmeres gewohnt. Na ja, ich startete Snoopy, der mit der Meldung: „Kann CHARLIE BROWN (d.h. den Server) nicht finden“ aufwartete. Ich mag die Figuren von Charles Monroe Shulz und habe nicht von ungefähr die am heimischen Netzwerk beteiligten Gerätschaften nach Figuren aus der wohl berühmtesten Comicserie der Welt – jedenfalls meiner Ansicht nach – benannt. „Ach Erkan?“ Ich klickte die Meldung weg. „Ja, mein Lieber?“ „Wieso nennt Dich Josts Vater eigentlich Erich?“ „Ganz einfach, er war froh, einen Koch gefunden zu haben, der etwas mehr kann als Schnitzel und Bratkartoffeln. Aber …“ „Aber was?“ Er kam auf mich zu und umfasste mich. „Na ja, kannst du dir das nicht denken?“ „Nein!“ Ich blickte in fast zwei schwarze Augen, die sich den meinigen in diesem Augenblick näherten. Er küsste mich leidenschaftlich, ich wollte eigentlich nicht, aber ließ es doch geschehen. „Erich!“ „Nein, bitte nicht du auch!“ „Also, erkläre es mir!“ Er räusperte sich. „Na ja, der Alte meinte, es sei nicht gut für ein deutsches Geschäft wie dem Anker einen türkischen Koch zu haben, auch wenn der auf dem Petersberg bei einem Sternekoch gelernt hat und seine Lehre als Landesbester abgeschlossen hat, mit Urkunde von der Landeshandwerkskammer Nordrhein-Westfalen.“ Ich war verwundert, der kleine Türke überraschte mich immer wieder. „Jost Vater ist etwas – sagen wir radikaler, auch in seinen Ansichten. Wenn der wüsste, dich ich schwul bin und mit seinem Sohn mehr teile, als nur die Adresse, dann wüsste ich, was ich machen würde.“ „Und was wäre das?“ „So schnell wie möglich weg hier.“ „Und warum?“ Er starrte mich an. „Gut, er würde dir und euch das Leben zur Hölle machen, aber es gibt doch mehr als den Anker. Ihr könnt doch überall anfangen.“ „Wir? Das ist ja gerade das Problem, das ich habe.“ „Äh?“ „Jost und ich haben zusammen in Königswinter gelernt und uns da ineinander verliebt. Ich war dann nach der Lehre ein Jahr im Vierjahreszeiten in München, habe es aber vor lauter Sehnsucht nach ihm nicht ausgehalten und bin dann hier nach Emden. Kannst du dir das vorstellen? Von München hierher?“ Ich nickte. „Für Jost war von Anfang an alles klar, er würde nach der Lehre zurückgehen, als Junior anfangen und irgendwann den Laden hier übernehmen und ausbauen. Aber es ist sein Plan, nicht meiner oder unserer.“ Eine nicht zu überhörende Resignation lag in seiner Stimme. Diesmal stand ich auf und zog ihn an mich. Unsere Lippen vereinigten sich und meine Zunge spielte mit der seinen. „So, ehe wir was machen, was wir beide bereuen könnten, machen wir das, was mir machen sollen: arbeiten. Also, ab in die Küche und ich sehe auch zu, dass ich fertig werde.“ Ich fütterte Spike mit den entsprechenden Daten und schon war ich im Netz. Ich baute eine Verbindung mit Charlie Brown auf und schon war ich auf dem heimischen Server. Aber anstatt sofort mit der Arbeit anzufangen, checkte ich erst mal meine Mails. Während ich da so die geistigen Ergüsse mancher Absender, man könnte auch Werbemüll zu diesen Elaboraten sagen, mehr oder minder überflog, ging mein Blick auf Wanderschaft und blieb wieder bei dem Bild auf dem Regal stehen. „Du, wer ist eigentlich der Herr in der weißen Soutane?“ „Wo?“ „Das Bild da, auf dem Regal!“ Erkan kam näher und nahm das Bild in beide Hände. Er reichte es mir und zeigte auf den Bildmittelpunkt. „Das ist seine Allheiligkeit, Bartholomios der Erste.“ Ich stutze. „Ich kenne zwar seine Heiligkeit, den Papst, aber eine Allheiligkeit?“ Erkan grinste. „Na, das ist der offizielle Titel des Patriarchen von Konstantinopel. Seine Allheiligkeit Bartholomios, durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch. Er ist fast ein Papst, aber nur fast.“ Ich blickte ihn fragend an. „Na, dann werde ich dich mal in die Welt von uns Orthodoxen einführen. So gut wie die drei hier …“ Er deutete auf die Personen, die auf dem Bild um ihn herum standen, „ … kann ich das zwar nicht, aber versuchen werde ich es.“ „Wer sind die denn?“ „Mein Onkel und mein Bruder. Der neben meinem Onkel ist mein Vater.“ Er verschwand wieder in Richtung Küche. „Wo soll ich anfangen?“ „Am Anfang bitte!“ „Gut, am Anfang war das Wort …“ „Na, etwas später kann es schon sein!“ „Wie du willst. Also …“ Während er mir mehr oder minder die Geschichte der Kirche insgesamt und die der Ost-Kirche im Besonderen erzählte, schnitt er Zwiebeln, hackte Knoblauch, setzte die Brühe an, rührte einen Teig, und, und… und. Ehrlich gesagt, ich hatte bis dahin nicht soviel Ahnung von der Materie, von der Kirche im Allgemeinen und der Orthodoxie und ihrem Leben in der westeuropäischen Diaspora im Besonderen. Er brachte die ganze Sache jedoch allgemeinverständlich gut rüber. Ich wusste hinterher, dass seine Allheiligkeit wohl Ehrenoberhaupt aller Orthodoxen ist, aber nicht die Gewalt seines römischen Kollegen hat. Während der oberste Brückenbauer an der Spitze einer Organisation steht und entsprechend Macht über alle kirchlichen Mannen unter ihm hat, ist der Patriarch nur Primus inter Pares (Erster unter Gleichen). „Aber sag mal, woher weißt du das alles?“ „Wieso?“ „Tja, ich bin zwar auch Christ und hab auch immer brav den Konfirmandenunterricht besucht, aber du hast ja mehr oder minder die gesamte Kirchengeschichte runtergebetet, wenn man das so sagen kann!“ Er musste lachen. „Na ja, ist halt familiär bedingt. Mein Onkel war früher so was wie der Chefbuchhalter der Verwaltung des Patriarchen, mein Opa ist Priester, mein Bruder auch und zwar als persönlicher Sekretär des Vorsitzenden der Finanzsynode und mein Vater ist mittlerweile stellvertretender Leiter der Metropolitenverwaltung hier in Deutschland. Du siehst, ich bin ziemlich klerikal vorbelastet.“ Wir lachten beide. Während des Vortrages hat sich seine Stimmung gebessert. „Aber sag mal, wieso ist denn dein Opa Priester. Der darf doch keine Kinder haben, oder gibt es kein Zölibat bei euch?“ Hätte ich bloß mal nichts gefragt, es folgte ein zweiter Vortrag. Ich erfuhr, dass das Sakrament der Weihe ist in drei Stufen aufgeteilt ist. Die erste Stufe ist das Diakonat, die zweite das Priestertum und die dritte die des Bischofs. Es können zwar nur Männer geweiht werden, aber nur Bischöfe, die zugleich auch immer Mönche sind, sind zum Zölibat verpflichtet. Aber: Keine Regel ohne Ausnahmen. Bischöfe kommen nicht zwangsläufig aus dem unverheirateten Klerus, denn es werden häufig verwitwete Priester zum Hirten geweiht. Priester und Diakone dürfen verehelicht sein, allerdings müssen sie dieses vor ihrer Weihe tun und bei einer Trennung sich nicht wieder verheiraten. Wer jedoch Karriere machen will, der sollte unbeweibt bleiben, genau wie bei den Katholen. „Und dein Bruder?“ „Der ist mit Kirche verheiratet. Der wird seinen Weg machen und ganz nach oben!“ „Will der mal Patriarch werden?“ Ich meinte das eher im Spaß, aber Erkan wurde ernst. „Ja. Er ist einer der wenigen, die es ohne Schwierigkeiten mit der Regierung werden können!“ „Wie das?“ Ich war erstaunt. „Na ja, das Patriarchat von Konstantinopel ist zwar in der orthodoxen Welt mehr oder minder das wichtigste, hat aber nur 3,5 Millionen Gläubige, und die Wenigsten leben in der Türkei, die meisten im Osten von Griechenland. Das ist nur eine Folge des Türkisch-Griechischen Krieges.“ „Wann war der denn?“ „Der letzte? Von 1920 bis 1922.“ „Aha.“ „Nachdem das osmanische Reich mehr oder minder zerstückelt wurde, …“ „Es gab ein türkisches Versailles?“ „So in der Art. Nur war das der Vertrag von Sèvres. Gebietsmäßig wurde ziemlich abgespeckt: der Irak, die arabische Halbinsel, Syrien, der Sinai, Jordanien, der Libanon, Armenien, Kurdistan wurden eigenständig oder gingen an andere. Thrakien und Smyrna, die Gegend um Izmir, sollten selbstständige Staaten werden. Na ja, der Sultan unterschrieb, um seinen Thron zu retten, aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Mustafa Kemal, der spätere Atatürk, rief die Republik aus und es kam zum Krieg.“ „Bürgerkrieg?“ „Wie man will, wir nennen es Befreiungskrieg. Atatürk mobilisierte und koordinierte. Seine Truppen haben es geschafft, die schon im Land stehenden fremden Armeen zu schlagen. Sèvres wurde ja ne ratifiziert und durch den Vertrag von Lausanne ersetzt. Ostthrakien, Armenien, Kurdistan und Smyrna blieben türkisch. Es kam allerdings zu einem gewollten Massenumzug. Die in Kleinasien ansässigen Griechen mussten nach Griechenland, die dort wohnenden Türken zurück in die Türkei. Meine Familie ist dann von Izmir nach Istanbul gezogen, um näher bei ihrem geistigen Führer zu sein. Sie waren schon immer sehr kirchlich eingestellt.“ „Aber ich verstehe immer noch nicht, warum das deinen Bruder dazu prädestinieren sollte, Patriarch zu werden.“ „Ach, der Vertrag von Lausanne besagt, dass Ihre Allheilichkeit türkischer Staatsbürger sein muss. Errol ist sogar in Istanbul geboren. Deswegen!“ „Aber für dich ist es Izmir und nicht Smyrna, Istanbul und nicht Konstantinopel, oder?“ „Für mich? Gute Frage? Was bin ich?“ „Ein sehr liebenswertes Wesen, mein Engel.“ „Danke für die Blumen, aber im Ernst. Was bin ich? Ich bin in Bonn geboren, als Sohn türkischer Eltern. Ich bin Türke für die Deutschen, für die Türken bin ich Deutscher. In Deutschland und der Türkei gehöre ich einer religiösen Minderheit an. Und ich bin schwul. Ich bin also ein Vertreter der Minderheit der Minderheit in der Minderheit.“ Ich war baff erstaunt, irgendwie eine logische Konsequenz, die er da zog. „Aber du bist du, ein Mensch! Und nur das zählt!“ „Marius, ich bitte dich! Wo lebst du?“ „Im Hier und Jetzt!“ „Im Hier und Jetzt? Ich bitte Dich! Meine Eltern wollen mich im nächsten Monat verheiraten, weil sie denken, dass es das Beste für mich und die Familie sei! Mein Chef ist ein rassistisches Arschloch, das mich unter Wert bezahlt! Mein Freund verfolgt seine eigenen Ziele. Ich sitze zwischen allen Stühlen!“ Ich blickte ihn schweigend an. „Erkan. Mal eine Frage. Wie haben deine Eltern reagiert, als du von München nach Emden gezogen bist?“ „Wieso willst du das wissen?“ „Keine Gegenfragen! Wie haben sie reagiert?“ „Marius, ich bin sowieso der Verlierer in unserer Familie. Ich war das Nesthäkchen! Meine Schwestern und mein Bruder haben studiert, sind gemachte Menschen. Ich aber habe mit Ach und Krach nur meine Mittlere Reife gemacht. Mein Vater hat mir dann die Lehrstelle auf dem Petersberg besorgt, selbst dazu war ich selbst nicht in der Lage. Das einzige Mal, wo er stolz auf mich war, war, als ich die Auszeichnung gekriegt habe zum Abschluss. Als ich dann aus München weg bin, dachten sie, München wäre zu groß, ich war alleine. Ich brauche Überschaubarkeit, auch in meinem Umfeld. Mutter meinte, es wäre sicherlich eine unglückliche Affäre, ein Mädchen, was mich vertrieben hätte, weshalb ich weg wollte. Für meinen Vater war es nur eine Enttäuschung mehr, eine von vielen, die ich ihm bereitet habe. Wenn ich keine Kinder haben werde, wird unser Name aussterben. Und das schmerzt meine Leute!“ Ich war wie versteinert. „Und was wäre, wenn du deinen Eltern die Wahrheit sagen würdest?“ Ich bereute die Frage schon, als ich sie ausgesprochen hatte. „Die Wahrheit? Wer will die denn wissen? Was aus mir wird, ist mir egal, aber wenn ich vor der Hochzeit kneife, dann ist meine Familie entehrt. Und wenn ich offen sagen würde, dass ich schwul bin, dann könnte mein Bruder seine Karriere vergessen, der Bruder eines möglichen Patriarchen eine Schwester? Meine Mutter würde vielleicht noch zu mir halten, aber alle anderen würden sich nur noch von mir abwenden, und das mit Recht. Ich bin eine einzige Enttäuschung. Auch wenn es in der Türkei Schwule gibt, aber man wird, wenn überhaupt, nur geachtet, wenn man der ist, der fickt. Ich aber bin der Passive, die Frau, der Gefickte. Dafür wird keiner Verständnis haben.“ Er schluchzte. „Das Beste ist wohl, ich bring mich um!“ Ich nahm ihn in die Arme und streichelte über seinen Kopf. „Psst. Alles wird gut. Mir wird schon was einfallen, mach keine unüberlegten Sachen!“ Ich drückte ihn fester an mich. In meinem Kopf reifte eine Idee, nein, Idee wäre zuviel gesagt, eher ein Gedanke kam mir in den Sinn. „Erkan?“ „Ja?“ „Wann bist du weg aus München?“ „Vor anderthalb Jahren, wieso?“ „Wann genau?“ „Mitte August. Im September bin ich hier angefangen.“ „War jemand vom weiblichen Personal schwanger, zur damaligen Zeit?“ „Wieso willst du das wissen?“ „Antworte einfach!“ „Cordula war schwanger, aber was soll das?“ „Cordula Wer?“ „Strauß!“ Ich grinste ob des Namens. „Wer war sie?“ „Eine von der Rezeption! Marius, was soll das?“ „Wie alt war sie? War sie verheiratet?“ „Mensch, Cordula war 23 und ledig. Es hat einen großen Aufstand gegeben, sie ist dann gefeuert worden. Sie hat mir richtig leid getan.“ „Hast du noch ihre Nummer?“ „Wieso fragst du?“ „Weil du sie anrufen wirst!“ „Wieso sollte ich?“ „Weil wir ein paar Informationen brauchen!“ „Welche Informationen?“ „Nun, wir müssen herausfinden, wann sie ihrem Kind das Leben geschenkt hat, welches Geschlecht es hat und ob ein Vater angegeben wurde, in der Geburtsurkunde.“ „Wieso willst du das wissen?“ „Tu mir und dir bitte den Gefallen und ruf sie einfach an.“ „Aber was soll ich ihr sagen?“ „Na, du hättest aufgeräumt und wärst über ihre Adresse gestolpert. Da wäre dir die ganze Geschichte wieder eingefallen und du wolltest dich mal erkundigen.“ „Ja, aber welchen Sinn soll das haben?“ „Den Sinn kann ich jetzt noch nicht genau sagen, aber vertrau mir einfach und ruf sie an. Ja?“ „Ich weiß zwar nicht, was du damit willst, aber bitte.“ Er drehte sich um, ging zum Regal und holte ein kleines ledernes Notizbuch vor. Er nahm das Telefon und wählte eine Nummer. Er stellte den Lautsprecher auf Mithören. Ich setzte mich auf die Ottomane, mit Zettel und Stift bewaffnet. Ich formulierte einige Zettel vor, auf einem stand Name, auf dem anderen Geburtsdatum, der dritte Bogen trug die Aufschrift Vater, versehen mit einem großen Fragezeichen. Ich konnte die Stimme besagter Cordula hören, wie sie mit Erkan sprach. Er brachte die kleine Notlüge, er hätte ihre Nummer beim Aufräumen wieder gefunden, glaubwürdig vor. Nach acht, neun Minuten hatten wir die notwendigen Informationen. Ich bedeutete meinem kleinen Türken das Gespräch zu beenden, was er dann auch schlussendlich nach drei Versuchen tat. Diese Cordula hätte sicherlich noch gerne weiter gesprochen, aber die Zeit drängte. „Kannst du mir jetzt sagen, was das Ganze soll?“ „Sofort. Gib mir mal bitte das Telefon.“ „Hier!“ Er schaute mich an wie der ungläubige Thomas. „Was machst du?“ „Ich liefere dir den Grund, die Hochzeit abzusagen, ganz ohne Gesichtsverlust, für dich und deine Familie.“ Ich wählte eine Nummer in München. Ich hörte eine Bandansage. Nach dem ominösen Pfeifton schrie ich nur in den Hörer: „V4 an V3 – brauche Hilfe! Jemand da?“ Ich hatte Glück, denn es rappelte tatsächlich in der Leitung. „Marius, mein Lieber. Wie ist es?“ „Jessica, bist du es?“ „Ja, bin ich. Was gibt es?“ „Ich brauche mal Thomas!“ „Der ist in der Wanne. Moment, ich bring ihm mal das Telefon.“ Ich hörte Schritte und eine sich öffnende Tür und Jessicas Stimme, die meine Anwesenheit am anderen Ende der Leitung verkündete. „Schatz, dein Leibfux.“ Gegrummel im Hintergrund. „Einstein, altes Haus. Was gibt’s so wichtiges, dass du mich beim Baden störst?“ „Äskulap! Gut, das ich dich erreiche. Ich brauch deine Hilfe.“ „Was liegt an? Steckst du in Schwierigkeiten?“ „Ich nicht, lieber Thomas, aber ein sehr guter Freund von mir.“ Ich schaute auf Erkan. „Schieß los! Wie kann ich helfen?“ „Kannst du es mit deinem ärztlichen Ethos vereinbaren und eine Bescheinigung ausstellen, dass jemand nicht der Vater eines Kindes sein kann und du demjenigen rätst, sich wegen seiner Qualität des Spermas in ärztliche Untersuchung zu begeben?“ „Ein Spermiogramm! Kein Problem, aber ohne Untersuchung? Nu erklär mir das mal!“ „Thomas, ich habe hier ein Bild der Mutter und des Kleinen vor mir liegen, aufgenommen kurz nach der Geburt. Das Baby ist eindeutig ein Mischling, Vater offensichtlich ein Mensch schwarzer Hautfarbe. Aber derjenige, um den es geht, hat die gleiche Haut wie du und ich!“ Auch ich kann lügen, aber lüge ich, wenn ich ein nicht vorhandenes Bild beschreibe und lediglich meiner Phantasie freien Lauf lasse? „Wenn das so ist, kein Problem. Schick mir am besten die Daten und ich mache das fertig und jage es Montag mit der Post raus.“ „Gut, werde ich machen, aber du müsstest mir noch einen Gefallen tun!“ „Welchen?“ „Könntest du die letzte Ziffer der Jahreszahl falsch schreiben? Eine Position weiter links?“ „Du meinst, wenn ich dich richtig verstehe, nur mal so als Beispiel, aus einer Neun eine Acht machen?“ „Genau!“ „Einstein. Du weißt, ich stehe mit den Dingern auf Kriegsfuß. Ich kann mich gerne mal vertippen. Sonst noch was?“ „Nein, im Moment erst einmal nicht. Ich, besser wir, danken dir. Ich melde mich dann nach meiner Klausur“. „Mach das“ „Und Thomas, nochmals Danke!“ „Da nicht für! So, und nu lass mich weiterbaden. Ich erwarte dann deine Mail und ich mach das Ganze noch dieses Wochenende fertig. Bis die Tage!“ Thomas legte auf. „Was war das denn?“ „Das war Teil eins!“ Ich nahm den Hörer und wählte erneut, diesmal eine Mobilnummer. „Kahr! Wer stört?“ „Wilhelm! Ich bin es, dein Einstein!“ „Marius, altes Haus, ich bin im Dienst. Du kannst mich auch billiger erreichen. Hast du die Nummer?“ „Nein, leider nicht griffbereit! Gib sie mir noch einmal, bitte!“ Ich notierte eine Nummer der Uniklinik in Mainz, wo mein lieber Freund und Zipfelbruder gerade seinen Dienst schob. „Rechtsmedizinisches Institut Mainz, Dr. Kahr!“ „Willi?“ „Ja!“ „Marius hier!“ „Altes Haus, was liegt an? Ewigkeiten nichts mehr von meinem besten Präsiden gehört! Was macht die Homepage des Verbandes?“ „Willi, jetzt nicht. Ich hab ein kleines Problem, das ich allein nicht lösen kann!“ „Was hast du gemacht?“ „Ich nichts. Es geht um einen guten Freund von mir. Der ist in argen Schwierigkeiten!“ „Was ist los?“ „Nun, Erkan, dass ist der mit den Problemen, ist im letzten Jahr von München aus nach Emden, eine Freundin von ihm wurde schwanger und er sollte der Vater sein. Aber der Vaterschaftstest war negativ, nur die Frau lässt nicht locker, die will an sein Geld!“ „Genau wie meine Verflossene, die will auch immer nur an mein Bestes.“ „Wie, mit Susanne ist Schluss?“ „Ja, ich hab sie in flagranti erwischt und rausgeschmissen!“ „Wann?“ „Vor knapp zwei Monaten, du hattest Recht mit deinem Verdacht an Sylvester. Und ich hab dich deshalb noch angeschrieen, ich Idiot! Die angemessene Entschuldigung kommt persönlich auf der Verbandstagung im Mai.“ „Brauchst du nicht!“ „Werde ich aber, ist doch Ehrensache! Aber zurück zum Problem. Ich brauche eine Speichelprobe von allen Beteiligten.“ „Muss das sein?“ „Ja, da kann ich nichts machen! Ist vorgeschrieben!“ „Mist, dann wird er wohl zahlen müssen. Wir kommen nämlich nicht an das Kind ran, dass ist das Problem!“ „Tja, er muss er erstmal zahlen und es dann auf den Prozess ankommen lassen, leider.“ „Was soll’s? Na ja, uns Äskulap hat den privaten Vaterschaftstest durchgeführt und ihm geraten, ein Spermiogramm zu machen.“ „Unser Thomas? Unser V3?“ „Ja, er war in München bei meinem Leibburschen in Behandlung. Ich hab ihn erst später kennen gelernt.“ Was ja auch stimmte. „Ja, sag das doch gleich! Was schreibt er denn?“ „Warte mal!“ Ich raschelte mit Papier. „Erkan Charagüzel stellte sich am blablabla in meiner Praxis vor. Er verlangte Aufklärung, ob er Vater des am 21.08.2003 geborenen Connor Josef Strauß, Sohn der Cordula Franziska Strauß, wohnhaft blablabla sein kann. Nach den durchgeführten Untersuchungen kann medizinisch eindeutig festgestellt werden, dass der o.g. Patient nicht Vater des Kindes ist. Dann kommt euer Kauderwelsch und dann der letzte Absatz: Dem Patienten wird darüber hinaus angeraten, ein Spermiogramm anfertigen zu lassen. München – Datum – Unterschrift Dr. med. Thomas Busiol.“ „Das reicht mir, wenn Äskulap das gemacht hat, dann brauch ich nichts Weiteres. Frag mal deinen Freund, wann er irgendwann nach dem Gutachten eine Woche Zeit hatte.“ Ich schaute Erkan an. Der zuckte mit den Schultern. „Ich hatte zwischen den Jahren frei. Musste erst an 6. Januar wieder anfangen.“ „Hast du gehört, Willi?“ „Ja, hab ich. Bin ja nicht taub. Ich brauch noch seinen genauen Namen, Anschrift, Geburtsdatum, Krankenkasse und Versichertennummer.“ „Warte, ich gebe ihn dir selber.“ Ich reichte Erkan den Hörer. Er gab bereitwillig Auskunft. „Herr Doktor, ich danke Ihnen.“ „Lass mal den Doktor weg, ich bin der Willi. Wenn du ein Freund von Marius bist, dann bist du auch mein Freund. Grüß ihn schön von mir, da kommt gerade ein Kalter rein! Sag ihm, ich trinke heute Abend einen auf ihn und melde mich Montag.“ Erkan war verwirrt, mein Willi wieder. Ein sehr guter Freund und Bundesbruder, mit dem ich mehr als eine Nacht durchgemacht habe, ohne allerdings was zu machen. Er war eine Hete durch und durch, aber trotzdem konnte man mit ihm Pferde stehlen. Er war einer der Wenigen, die in meiner Verbindung wussten, dass ich schwul bin, aber er machte nie ein Aufheben darum, er ging einfach zur Tagesordnung über. Ich werde nie vergessen, wie er extra für meinen 25.sten Geburtstag seine Susanne in Italien im Urlaub zurückließ und mit seiner Maschine, einer alten BMW, über die Alpen nach Westfalen gebrettert ist, nur um sein Versprechen zu erfüllen, mit mir ein Bier auf mein „Vierteljahrhundert“ zu trinken. Das hatte er mir nach achtzehn Bier auf unserer ersten gemeinsamen Kneipe gegeben. „So, mein Schatz, ich glaube, wir brauchen was zu trinken!“ Erkan zuckte mit den Achseln und ging in die Küche. Ich hatte ja die Daten, die der kleine Türke Willi gegeben hatte, mitgeschrieben. Ich machte die Mail an Thomas fertig und schickte sie ab. Erkan kam mit zwei Gläsern Raki zurück. „So, jetzt erkläre mir mal, was das ganze sollte. Ich hab nur Bahnhof verstanden.“ Er reichte mir eins der Gläser und wir stießen an. „Das war gerade dein Alibi für die Absage der Hochzeit.“ „Wie das?“ „Ganz einfach! Willst du die Frau heiraten, die dein Vater für dich ausgesucht hat?“ „Nein, natürlich nicht! Ich kenn sie ja noch nicht einmal.“ „Also!“ „Also was? Sprich deutlich, ich bin Türke.“ Er grinste. „Nun, ich spare mir jetzt jeden Kommentar, was ich von dieser Art der Verbindung halte.“ Ich würgte. „Eine solche Ehe wird in der Regel dann abgesprochen, wenn sie beiden beteiligten Familien irgendwelche Vorteile bringt. Der Hauptgrund für deinen Vater dürfte wohl gewesen sein, dass sein Name nicht ausstirbt. Dein Bruder darf ja nicht, wegen des Zölibats, deine Schwestern gehen ja auch nicht, die haben ja wahrscheinlich die Namen ihrer Männer angenommen, also bleibst nur du als Stammhalter. Logisch?“ „Ja.“ „Also, wenn dein Vater unbedingt Enkel haben will, du aber keine kriegen kannst, weil du unfruchtbar bist …“ „Bin ich aber nicht!“ „Auf dem Papier schon! Deine Unfruchtbarkeit wird von Spezialisten in München und von einem Rechtsmedizinischen Institut bestätigt. Also: Keine Kinder für Erkan.“ Er nickte. „Da du das weißt, wäre es dem anderen Teil gegenüber äußerst schäbig, wenn die Heirat doch stattfinden würde. Sobald die Schreiben eintreffen, wirst du sie deinen Eltern zeigen. Dann wird sich dein Vater wohl oder übel damit abfinden müssen, dass es mit einer Namensvererbung nichts wird, deine Mutter wird ihre Vermutungen bestätigt wissen und alle leben glücklich und zufrieden. Wenn ich deinen Vater richtig einschätze, wird er zwar etwas brauchen, aber er wird deine Entscheidung, nicht zu heiraten, verstehen. Im Gegenteil, du würdest die Ehre der Familie eher beflecken, wenn du an der Heirat festhalten würdest.“ „Ich könnte dich knutschen!“ „Dann tue es doch!“ Er kam auf mich zu und seine Lippen senkten sich. „Aber warum tust du das alles für mich? Wir kennen uns doch kaum!“ „Du kleiner dummer Türke! Ich mag dich! Deshalb tue ich das. Na ja, ich habe es ja lediglich nur angeleiert, ausführen und mit den Konsequenzen leben, musst du. Auf jeden Fall gewinnst du so die Zeit, die du brauchst, um nachzudenken! Nachzudenken über dich, deine Zukunft und deinen Jost!“ Ich küsste ihn. „Du?“ „Ja?“ „Was riecht da so komisch?“ Aus der Küche drang ein leichter Geruch zu uns herüber. „Mist! Die Milch!“ Erkan rannte in die Küche und versuchte zu retten, was zu retten war. Aber es war leider ein Satz mit X. „Ich werde wohl improvisieren müssen!“ „Macht nichts, wird bestimmt gut!“ Ich machte mich wieder an den Rechner. „Erkan!“ „Marius?“ „Wie spät haben wir eigentlich?“ „Wieso? Hast du noch was Bestimmtes vor?“ „Nein, aber ich frage mich langsam, wo unsere beiden Geliebten bleiben! Es ist kurz vor fünf.“ In dem Moment rumpelte es an der Tür und die beiden kamen mit einigen Tüten herein. „Ihr habt ja anscheinend ganz Emden aufgekauft!“ „Hör auf. Wir waren in vier Läden, um den Gockel hier zu kriegen! Im türkischen Supermarkt wurden wir dann fündig. Hier Schatz!“ Jost drückte seinem Liebsten einen Kuss auf den Mund und das Federvieh in die Hand. „Bitte, dein Turn!“ „Und, was habt ihr so gemacht!“ Flo kam auf mich zu und küsste mich. „Viel, aber zum Programmieren bin ich nicht gekommen. Na ja, jedenfalls nicht soweit, wie ich sein wollte.“ „Was habt ihr denn gespielt? Tetris?“ „Nein, was viel wichtigeres haben wir gemacht, d.h. eigentlich hat Marius gemacht, ich hab nur dabei gesessen. Aber das erzählen wir euch später. Jemand Tee?“ Flo kniff mir in die Seite. „Gerne!“ Erkan servierte den Tee in türkischen Gläsern und die drei setzten sich auf die Ottomane, ich rollte mit dem Schreibtischstuhl zum Tisch. „Was machen wir jetzt?“ „Ich wollte noch ne Runde Joggen gehen. Kommt jemand mit?“ Flo schaute in die Runde. „Auf mich musst du verzichten, Schatz, ich mach lieber Gehirnjogging.“ Er grinste mich an und warf mir einen Kuss zu. „Außerdem muss ich noch etwas tun. Ihr entschuldigt mich.“ Ich rollte Richtung Schreibtisch und fing an zu tippen. „Was ist mit dir, Erkan?“ „Ne, besser nicht. Ich hab ja noch das Huhn, daran kann ich auch meine überschüssigen Energien auslassen!“ Er grinste. „Na ja, ich muss sowieso noch was ausbügeln!“ „Was denn?“ „Mir ist da ein kleines Missgeschick passiert!“ Jost schaute fragend seinen Liebsten an. „Warst du mit was anderem beschäftigt?“ „Ja, mit dem Telefon. Mir ist dabei die Milch angebrannt, oder wieso sollte ich denn bei den Temperaturen die Terrassentür offen haben?“ „Sorry.“ „Wie es aussieht, werden wir wohl oder übel alleine laufen müssen. Du kommst doch mit, Jost, oder hast du auch was anderes vor?“ „Ne, einer muss dir ja den Weg zeigen. Aber bitte nicht so schnell, ja?“ „Versprochen. Ich werde extra langsam laufen.“ „Na, dann werde ich mich mal umziehen.“ Sagte, sprachs und ging. „Ich wird mich dann auch mal fertig machen.“ Mein Schatz eilte in Schlafzimmer und hantierte mit der Reisetasche. Es dauerte keine drei Minuten, und er stand in seinem dunkelblauen Laufanzug aus Lyra vor uns im Wohnzimmer. Erkan schmunzelte. „Man könnte meinen, du wärst …“ „Sei froh, dass er nur den anhat. Sein Neongelber in der Wäsche!“ Wir mussten alle lachen. „Hier mein Schatz!“ Ich reichte Flo das Telefon. „Was soll ich damit?“ „Na, erst einmal Onkel Henning anrufen und dann Claudia. Hast du ihr versprochen!“ „Kannst du nicht mit deiner Schwester?“ „Kann ich, aber auch dazu musst du erst einmal mit Henning sprechen.“ Er wählte und sein Gesicht wurde immer strahlender, je länger er sprach. „Leute. Es gibt gleich was zu feiern. Die Brandschau war gut, wenn man das so sagen kann. Henning braucht zwar ein komplett neues Dach, aber am Haus selbst sind keine Schäden. Er meint, in zwei Wochen wäre alles wieder wie neu. Claudia und die Zwilling können also kommen. Sie werden allerdings bei Oma im Haus nächtigen müssen. Er weiß nicht, ob der Innenausbau bis dahin auch fertig ist. Die Bauarbeiter kommen Montag und fangen mit dem Abriss des Dachs an.“ „Na, dass ist doch mal ne gute Nachricht. Schwitzende, muskelbepackte Bauarbeiter!“ Ich grinste. „Du schon wieder. Du denkst doch immer nur an das eine!“ „Wenn ich dich sehe!“ Ich zog meinen Flo an mich und küsste ihn leidenschaftlich. Wir wurden unsanft unterbrochen. „Na, dann kann ich mich ja wieder umziehen, wenn ihr …“ Jost stand in der Tür. „Nein, ich komm schon, der Lüstling hier wollte sich nur verabschieden.“ „Muss Liebe schön sein!“ „Ist sie Jost! Ist sie!“ Mein Flo wieder. Nachdem die beiden abgedackelt waren, widmete ich mich meiner Arbeit und Erkan dem Huhn. Er hatte in Nullkommanix das Huhn in Salzwasser gekocht, das Fleisch vom Knochen gelöst und quer zur Faser eingeschnitten. Er zerstieß gerade Knoblauch und die Nüsse. „Du, Marius?“ „Ja?“ „Aber was soll ich machen, wenn mein Vater noch so ein Test verlangt?“ Ich war etwas perplex. Ich stand auf und ging in die Küche und umfasste den am Herd stehenden von hinten. „Dann mein Lieber, brauche ich nur deine Versichertenkarte und den Termin.“ „Äh?“ Ich drehte ihn zu mir um, wir sahen uns an. „Mein lieber Erkan, das einzige Risiko an der ganzen Geschichte ist, der Arzt darf dich nicht kennen! Ich werde dann als Erkan Charagüzel in die Praxis, ins Röhrchen wichsen und das war es dann!“ „Du willst für mich?“ „Ja, wir haben ungefähr die gleiche Statur und mit einem Frisörbesuch deinerseits …“ Ich grinste ihn an und gab ihm einen Kuss. „Ich weiß, dass ich nie Vater werden kann. Schon seit ich sechzehn bin.“ „Du bist …?“ „Ja, ich bin unfruchtbar. Habe leider nur einen zu 10% normal arbeitenden Hoden, der andere hängt da nur so mit sich rum. Daher ist meine Spermienanzahl weit unter Normalniveau und die Schwimmfähigkeit der kleinen Freunde ist fast gleich Null!“ „Aber woher weißt du?“ „Ach, ich war damals auf Klassenfahrt, wir machten eine Schnitzeljagd und waren relativ früh fertig. Henrik, Marc, Nadja und ich. Na ja, wir haben dann unseren Sieg gefeiert und sind in der Kiste gelandet.“ „Alle miteinander?“ „Nein, alle nacheinander über Nadja rüber. Ich könnte heute noch kotzen, das Wichsen und knutschen mit Marc, als Henrik auf ihr lag und sich abmühte, war viel besser …“ „Und dann?“ „Dann wurde Nadja schwanger und wir alle mussten zum Test. Damals war man noch nicht so weit wir heute, wir mussten noch ins Röhrchen … Na ja, das Ergebnis kennst du.“ „Du Ärmster!“ „Wieso? Was will ich mit Kindern? Ich hab meine Nichten und Neffen und wenn ich die ab und an sehe, dann reicht das völlig.“ „Magst du keine Kinder?“ „Doch! Am liebsten gut durchgebraten!“ Ich grinste und küsste ihn. „Nein, Marius, jetzt mal im Ernst! Stört dich das nicht?“ „Ja, es stört mich was daran!“ „Und was?“ „Na, ich krieg immer Komplexe, wenn ich mir einen Porno anschaue.“ „Wie das?“ „Na, die Hengste spritzen über eine Unmenge und das meterweit und bei mir? Zwei, drei Tröpfchen und das war es dann!“ „Du Ärmster!“ Diesmal nahm er mich in den Arm und küsste mich. „Du!“ „Ja?“ „Ich glaube, wir sollten mal wieder zu unseren Tätigkeiten zurück.“ „Meinst du?“ „Ja, ich meine, lieber Erkan. Unsere Gatten können jederzeit hier auftauchen und wir sollten ihnen doch keinen Grund zur Eifersucht geben, oder?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ach ich weiß auch nicht!“ „Was denn?“ „Na. Ich sehe euch beiden, Flo und dich. Ihr seid irgendwie … Da ist eine Vertrautheit, die ich bei euch spüre. Darum beneide ich euch. Das ist anders als bei Jost und mir.“ Die Sache wurde brenzlig. „Hast du mal mit Jost darüber gesprochen?“ „Über was?“ „Na, über das wir uns die ganze Zeit unterhalten. Das du wegen ihm München aufgegeben hast, wie du dich hier fühlst und das Alles!“ Ich drückte ihn. „Und vor allen Dingen, was du bei ihm fühlst oder halt nicht!“ „Nein, leider. Ich wollte ja immer, aber wenn ich den Mut dazu hatte, ergab sich keine Gelegenheit. Es kam immer was dazwischen. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt könnte. Ihn vor die Wahl zu stellen? Was mache ich, wenn er nein sagt?“ „Tja, das ist das Risiko, dass du eingehen musst. Das ist das Leben! Wenn er dich so liebt, wie du ihn, dann wird er zu dir stehen und mit dir kommen! Wenn nicht, dann musst du alleine sehen, wie du klar kommst.“ „Ich hab Angst!“ „Ich weiß!“ Ich schloss ihn fest in meine Arme, seinen Tränen ließ er freien Lauf. „Störe ich?“ Flo stand plötzlich im Raum. „Schatz, schon wieder hier?“ „Ja, und wie mir scheint, gerade noch im rechten Augenblick!“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Nein Kleiner, du störst nicht. Gib mir mal dein Mobilteil. Ich muss mal eben telefonieren.“ Er reichte es mir wortlos und sah Erkan an, direkt in sein verweintes Gesicht. Er zog ein Taschentuch aus seiner kleinen Hosentasche und ging auf Erkan zu. „Hier! Putz dir erst mal die Nase, du Heulsuse!“ Er stupste ihn in die Seite. „Was hat der böse Mann mit dir gemacht?“ „Gar nichts und doch alles. Alles ist anders, seid ihr hier seid!“ Ich ging auf die Terrasse und steckte mir erst einmal eine an. Ich sog den Rauch tief in mich und drückte die Kurzwahltaste zwei. Mein Mobilteil war unter eins gespeichert, Sebi, sein Trainer unter der Drei. Die Zwei war Heiner, sein Vater. Es bimmelte. „Schatz, was ist los, dass du deinen alten Vater an einem Samstagabend anrufst? Krach mit Marius?“ Ich grinste. „Nein, lieber Schwiegerpapa, dein Sohn, was mein Gatte ist, hat keinen Stress mit mir!“ „Marius! War ja auch nur Spaß.“ „Ich weiß!“ „Was verschafft mir denn die Ehre?“ „Heiner, es kann sein, dass ich deine Hilfe brauche!“ „Wie soll ich dir hier von Franken aus helfen? Was ist los? Rede schon, du westfälischer Dickschädel!“ „Den verbitte ich mir! Aber Spaß beiseite. Kennst du jemanden, der einen Koch gebrauchen kann?“ „Einen Koch?“ „Ja, einen Koch!“ „Na ja?“ „Was?“ „Wo hat er denn gelernt?“ „Auf dem Petersberg, war Bester Lehrling seines Jahrgangs in NRW. Ist dann nach München ins Vierjahreszeiten und der Liebe wegen zurück zu seinem Hotelfachmann nach Emden.“ „Schwul?“ „Jepp!“ „Na, ich wer mich mal umhören, was sich machen lässt. Bis wann brauchst du eine Antwort?“ „Am besten bis gestern!“ „So schlimm?“ „Ja, so schlimm. Ist ne längere Geschichte, denn ich weiß nicht, ob diese Liebe das Wochenende überstehen wird.“ „Nicht gut! Einen Koch könnte ich erst in zwei Monaten gebrauchen, denn da geht meine Hauswirtschafterin in Mutterschutz. Aber nach Günthers Herzinfarkt suchen wir eher ein Paar, das uns entlasten kann, also Hotel und Küche. Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten.“ „Ja, Papa! Du bist alt, ich weiß!“ „Ich warne dich, Bursche. Mit dir nehme ich es noch alle mal auf. Aber ich werde mich mal gleich umhören. Ich glaube, das Kurhotel im Nachbarort sucht einen Koch, aber Genaues kann ich dir nicht sagen.“ „Danke dir trotzdem. Aber tu mir einen Gefallen, ja?“ „Welchen?“ „Schick die Antwort bitte auf mein Handy. Flo muss ja nicht unbedingt mitkriegen, dass ich …“ „Das du mal wieder Schicksal spielst?“ „Genau!“ „Kein Problem und grüß mir meinen Sohn. Marius?“ „Ja?“ „Hab dich lieb!“ „Ich dich auch, Schwiegerpapa. Und die besten Wünsche von uns beiden an Günther!“ „Werde ich ausrichten. Ich melde mich, spätestens morgen.“ „Danke.“ „Schönen Abend noch, ihr beiden!“ Ich schnippte den Zigarettenstummel in die Büsche und machte mich auf ins Wohnzimmer. Erkan schien sich gefangen zu haben. Er hielt zwar noch immer Flos Taschentuch in der Hand, aber es rannen keine Tränen mehr. „Na, ihr zwei Hübschen!“ Beide schauten mich an. „Schatz, schöne Grüße von deinem Erzeuger!“ Flo grinste. „Großer, ich hätte dir auch so die Nummer gegeben, du hättest nicht auf meine Kosten mit meinem Paps telefonieren müssen.“ „Du bist charmant wie immer!“ „Ich weiß!“ „Aber damit es dir nicht so geht wie Günther, geh besser duschen. Du bist verschwitzt mein Schatz, und dich habe keine Lust, Krankenschwester zu spielen, obwohl das sicherlich einen gewissen Reiz hätte. Du völlig wehrlos in meinen Händen!“ Ich grinste verschmitzt. „Du kannst es nicht lassen! Aber wo du recht hast, hast du recht.“ Er ließ von Erkan ab und ging ins Schlafzimmer. Ich ging auf Erkan zu. „Alles wird gut! Vertrau mir!“ Ich legte meine Hand um seine Schulter. Er zitterte immer noch. Flo schob den Vorhang zurück. Er stand da, wie Gott ihn erschaffen. „Ich geh jetzt duschen!“ Er taperte in Richtung Badezimmer. „Kann ich dich allein lassen?“ „Ja, ich muss eh noch was machen, wir wollen ja gleich essen.“ Ich küsste Erkan und folgte Flo ins Bad. Ich schmiss meine Klamotten auf den Boden und bin zu meinem Schatz unter die Dusche. Ich zog den Vorhang hinter mir zu und umarmte meinen Schatz. Flo sah mich liebevoll an und nahm mich in seine Arme. „Großer! Du zitterst ja!“ „Vor Glück, mein Engel. Ich habe dich und bin ich froh, dass es so ist!“ Wir küssten uns. „So, und nun klär mich mal auf. Was habt ihr gemacht und wieso hat Erkan geweint?“ Ich fasste, so gut es ging, die Geschehnisse des Nachmittags zusammen. Der kleine Türke tat mir leid. Ich mochte ihn irgendwie und erkannte, dass er innerlich zerrissen sein musste. Seine Situation war nicht einfach. Ich hatte ja erfahren, dass der nach seiner Ehrenrunde vom Gymnasium runter ist und dann die Realschule auch nur mit Ach und Krach gemeistert hat. Er hat da wohl gemerkt, mit sechzehn, siebzehn, dass er anders ist, anders als die Anderen. Und bei dem ganzen klerikalen Hintergrund ist seine Einstellung, die quasi einer Selbstzerfleischung gleichkommt, wohl nachzuvollziehen. „Hattest du wirklich den Eindruck, er könnte sich was antun?“ „Ehrlich gesagt, Flo, ich weiß es nicht genau. Er liebt Jost, aber er ist sich nicht sicher, ob die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Es scheint mir, als ob er auf einen Beweis dieser Liebe wartet.“ „Meinst du wirklich?“ „Ja, und wir sind daran nicht ganz unschuldig, mein Engel!“ „Wieso?“ „Na, die beiden sind hier in der schwulen Diaspora. Erkan mag keine Fernbeziehung, da geht es ihm wie mir. Er ist dann nach einem Jahr der Trennung zurück zu seinem Jost, seiner Jugendliebe. Er hat die Möglichkeiten, die München ihm bot, nicht genutzt, vermutlich weil er sie nicht nutzen wollte. Oder zumindest zum damaligen Zeitpunkt nicht nutzen konnte. Und dann kommen zwei, die ganz natürlich mit sich selbst und ihrer Liebe umgehen.“ „Wir also!“ „Genau. Für uns zwei beiden, die wir wissen, was wir von- und aneinander haben, ist es ganz natürlich, einen anderen mal zu küssen, ihn in den Arm zu nehmen, zu Shakern, ohne daraus eine Staatsaffäre zu machen.“ „Du meinst, wir haben ihm einen Garten gezeigt, und er will unbedingt die Früchte …“ „So ungefähr. Das Problem ist nur, es geht nicht allein um die Früchte in Nachbars Garten. Er weiß nicht, wie er mit dem Wissen um diesen Garten richtig umgehen soll. Wenn er ihn betritt, wird es kein Zurück mehr geben. Er muss das, was er kannte, zurücklassen. Aber er hat gerade erst erkannt, dass es da noch was anderes gibt.“ „Und die Aktion mit Thomas und Willi?“ „Die wird ihm erst einmal Zeit verschaffen. Auch wenn es eine Notlüge und keine Lösung ist, aber der erste Druck, nämlich die bevorstehende Hochzeit, ist erstmal weg. Wir müssen Zeit gewinnen, alles andere wird sich zeigen!“ „Wir …?“ „Ja, wir. Denn wir haben die Geister gerufen. Er hätte sich ohne uns nie so weit vorgewagt. Also sind wir irgendwie verantwortlich.“ „Großer, das ich glaube auch. Jost meinte nämlich heute beim Einkauf, wir wären wie eine Droge für Erkan. So frei und ungezwungen hätte er ihn nie gesehen, wie in den letzten Stunden.“ „Und?“ „Nichts, aber eines ist merkwürdig. Er scheint irgendwie besorgt zu sein. Kannst du dir vorstellen, er und Erkan haben sich zu Anfang ihrer Beziehung nur im Dunkeln geliebt. Erkan wollte das nicht. Jost meinte, es hätte Jahre gedauert, ehe er Erkan zum ersten Mal nackt im Hellen gesehen hat.“ Mir fiel die Szene von gestern Abend wieder ein. „Was machen wir nun?“ „Erst mal abtrocknen“ Ich krieg langsam Schwimmhäute zwischen den Zehen, Kleiner! Dann essen und abwarten, wie sich die Sache entwickelt. Wir können Erkan nur helfen, aber er muss diese Hilfe auch wollen.“ „Stimmt. Hast du eigentlich ein Handtuch mitgebracht?“ „Nein, ich dachte, …“ Wir lachten und riefen unisono: „Erkan!“ Der kleine Türke kam nach einer Minute ins sein Badezimmer. „Na, habt ihr es unter der Dusche getrieben?“ Ich grinste Flo an. „Leider nicht, wir brauchen aber was von dir!“ „Was?“ „Handtücher!“ „Moment!“ Er verließ das Bad und war kurze Zeit später wieder da. Flo hatte inzwischen den Vorhang zurückgezogen, als Erkan mit den Frottees wieder zurückkam. Der kleine Türke konnte den Blick von uns nicht abwenden. „Wenn ich das so sehe, hätte ich gerne mitgeduscht, aber einer muss sich ja ums Essen kümmern, leider!“ „Du Ärmster!“ Flo trat aus der Dusche heraus und drückte Erkan an sich. „Aber du kannst mir ja den Rücken trocken rubbeln. Der alte Mann da kann das ja schon selber!“ Er grinste und Erkan warf mir das andere Handtuch zu und widmete sich Flos Rückseite. Allerdings kam er nicht weit, denn nach kurzen Schlüsselgeräuschen an der Haustür stand Jost in der Tür. „Na, was macht ihr denn da?“ „Die türkische Gastfreundschaft genießen!“ Mein Flo wieder. Erkan verschwand schweigend in Richtung Küche, gefolgt von Jost, der etwas ungläubig guckte. Flo und ich beeilten uns und sind, nur mit den Handtüchern bekleidet, ins Schlafzimmer. Flo warf mir meinen Jogginganzug entgegen und stieg selber in seinen. Jost war ja auch ziemlich leger bekleidet, in seinen braunen Leggings. Ich verstaute meine Jeans und sonstigen körperlichen Habseeligkeiten in die Reisetasche und kämmte mich. Na ja, kämmen war zuviel, ich strich einfach mein Haar nach hinten und das war es dann mit der Stylingprozedur. Ich blickte auf die Uhr. Es war zehn vor acht. „Erkan, wie lange brauchst du noch?“ „Viertelstunde!“ „Dann kann ich mir ja noch Zigaretten holen. Jost, weißt du, wo hier eine Bude ist?“ „Bude?“ „Kiosk.“ „Ach so, warte, ich komm mit. Denn wenn ich dir den Weg beschreiben würde, würdest du ihn nie finden. Ist etwas kompliziert hier. Schatz! Wo ist mein Handy?“ Er schaute sich um. „Ach da! Im Anker ist heute eine kleine Feier und falls Paps anruft, ich steck’s mal besser ein.“ Ich ging zurück ins Schlafzimmer und holte mein Portemonnaie. „Wir können!“ Draußen vor der Tür steckte ich mir erst mal eine an. „Auch eine?“ „Gerne!“ Ich gab Jost Feuer. „So! Welche Richtung?“ „Hier entlang!“ Ich folgte ihm. „Die Luft tut gut.“ „Kann ich mir vorstellen, nach deinen ganzen Weinbränden, und den ein oder anderen Raki hattest du heute Nachmittag auch schon!“ „Woher weißt du?“ „Ich hab Erkans Spezialabfüllung in der Küche gesehen. Und die war gestern noch voller als gerade!“ „Na ja, brauchte einfach einen!“ „Hast du den Schock mit deinem Ex-Schwiegervater gut verdaut?“ „Hat Flo erzählt?“ „Hat er. Muss ja nicht einfach gewesen sein für dich. Ich glaube, ich wäre ausgerastet.“ „Na ja, ich war baff erstaunt. Ich hätte nie gerechnet, den Kerl ausgerechnet hier wieder zu sehen.“ „Kann ich mir vorstellen. Wir müssen jetzt links.“ Wir gingen um die Ecke. „Na ja, man kann nicht alles haben!“ „Was meinst du?“ „Na, in der Beziehung zu Johnny hatte ich in Katharina eine hervorragende Schwiegermutter und einen beschissenen Schwiegervater, bei Flo ist es umgekehrt. Heiner und ich verstehen uns blendend.“ „Weil er auch schwul ist?“ „Das auch, aber nicht ausschließlich! Menschlich klappt es. Und mit seinem Onkel Henning verstehe ich mich auch. Also, Familienanschluss ist gegeben.“ „So, da wären wir!“ Ich kaufte gleich zwei Päckchen, man wusste ja nie, wie lange der Abend dauern würde. Nachdem Jost auch seinen Einkauf getätigt hatte, machten wir uns auf den Rückweg. „Und wie sieht es bei dir aus?“ „Wie meinst du?“ „Na, dein Verhältnis zu Erkans Eltern.“ „Äh …“ „Falsches Thema?“ „Nein, aber seine Eltern habe ich damals in der Lehre kennen gelernt, war ab und an bei ihnen. Sie wohnten ja in Bonn, nicht weit vom Petersberg entfernt. Ich mochte sie, aber sie durften ja nicht wissen, dass wir ein Paar sind, bei ihrem Hintergrund!“ „Gut, aber kommst du damit klar?“ „Das wir unsere Liebe vor ihnen verstecken müssen?“ „Das auch!“ „Na, es ist genauso wie mit meinen Eltern. Die haben zwar toleriert, dass es von mir keinen Nachwuchs geben wird, aber akzeptiert haben sie es nie. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher, aber mein Vater würde der Schlag treffen, wenn ich ihm Erkan als Schwiegersohn präsentieren würde!“ „Warum?“ „Na ja, mein Produzent ist, sagen wir, sehr konservativ. Gegen ihn war Franz-Josef Strauß ne linke Socke.“ Ich grinste, denn den Namen Strauß hatte ich an diesem Nachmittag bereits schon einmal gehört. „Als Paps dann in den Stadtrat kam, war klar, dass ich sofort nach der Lehre zurück muss! Es war von vorneherein klar, dass ich eines Tages den Anker übernehmen werde, nur der Tag kam früher als gedacht.“ „Wie das?“ „Na ja, es fehlte eine Kraft hier und als Erbe muss man ja wohl in den saueren Apfel beißen. Ich hab dann München sausen lassen und bin zurück.“ „Du hast München sausen lassen?“ „Ja, Erkan und ich haben uns damals gemeinsam im Vierjahreszeiten beworben, er als Koch und ich als Assistent des Direktors. Wir sind auch beide genommen worden. Nur, ich habe die Stelle nie angetreten.“ „Warum?“ „Ich folgte dem Ruf der Familie, als guter Sohn! Was meinst du, wie es mir ging? Weit weg von meinem Liebsten!“ „Beschissen?“ „Das ist noch gestrunzt! Ich hasse Fernbeziehungen!“ „Nicht nur du!“ „Stimmt, die sind bescheiden.“ „Aber wie kam Erkan dann wieder zu dir hier nach Emden?“ „Nun, das war komisch. Ich brauchte einige Zeit, um mich hier einzuarbeiten. Na, ich hab einige, Na ja, besser etliche Unregelmäßigkeiten in der Küche entdeckt und musste dann, so nach knapp einem Jahr, den Koch entlassen. Ich schrieb das Erkan und drei Tage später stand er hier auf Matte. Ich war einfach nur happy!“ „Kann ich mir vorstellen!“ Wir gingen rechts um die Ecke, wieder Richtung des Appartementhauses. „Jost, mal ne kurze Frage.“ „Welche?“ „Ist aber sehr intim!“ „Kein Problem! Ich muss ja nicht antworten!“ „Stimmt auch wieder. Also: Hast du Erkan mal nach seinen Motiven gefragt?“ „Wie meinst du?“ „Na ja, ich habe zwar keine Ahnung von der Gastronomie, aber ich kann mir vorstellen, dass eine Anstellung in einem renommierten Hotel ein Sprungbrett für die eigene Karriere darstellt.“ „Stimmt!“ „Also, dein Erkan gibt seine Stellung im berühmten „Vierjahreszeiten“ – mir nichts, dir nichts – von heute auf morgen auf und kommt hier nach Emden, um im Anker zu arbeiten. Und der Anker ist ja wirklich kein Haus, um Staat in seinem Lebenslauf zu machen, oder?“ „Du meinst …“ „Genau, ich meine! Erkan mag auch keine Fernbeziehungen, genau wie du. Er litt unter der Trennung und war froh, dir helfen zu können. Er wollte es und tat es auch, er pfiff auf seine eigene Karriere. Und jetzt bedenk mal seinen Hintergrund! Er musste sich und seiner Familie auch etwas beweisen. Was meinst du, wie seine Familie den Umzug aufnahm?“ „Du, Marius?“ „Ja?“ „So hab ich das noch nie gesehen!“ „Solltest aber mal darüber nachdenken!“ „Werde ich gleich machen, aber erst nach dem Raki!“ Er steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür zur Nummer 17. „Na, ihr beiden! Irgendwas angebrannt?“ „Großer! Alles gekriegt?“ Ich grinste ihn an, ging auf ihn zu, küsste ihn. Er strahlte mich an. „Der Abend dürfte gerettet sein!“ Er grinste und unsere Zungen spielten miteinander. „So, nun mal Pause!“ Jost verteilte vier Gläser Raki. „Danke!“ „Thanks!“ Wir stießen an. „Auf einen netten Abend!“ „Cherrio!“ Erkan wurde ernst. „So, nun mal alle um den Tisch!“ Flo und er hatten während unserer Abwesenheit die Möglichkeit zum Abendmahl aufgebaut. Es gab chilenischen Rotwein zur Roten Linsensuppe, die herrlich duftete und noch besser schmeckte. Ich hätte nie gedacht, dass Linsen so gut schmecken können. Es war fast biblisch. Wir brachen das Fladenbrot und aßen es während der Suppe. Der zweite Gang, die in Öl gebackenen Krabben, waren nicht so nach Flos Geschmack, er ist halt kein Fischmagen. Dafür entschädigten ihn die anschließenden mit Pinienkernen und Reis gefüllten Weinblätter und das Huhn mit der Walnusssauce. Es waren, wenn man in ein Restaurant geht, zwar alles in allem nur Vorspeisen, aber auch vier Vorspeisen hintereinander können satt machen. „Ich glaube, ich brauche eine Pause!“ „Die kommt sowieso! Ich muss mich jetzt um die Feigen kümmern. Kann etwas dauern!“ Erkan erhob sich und marschierte in Richtung Küche. Flo stapelte die Teller und dackelte hinterher. „Na, dann können wir uns ja religiös betätigen?“ „Wie meinst du, Marius?“ „Na, wir bringen ein Rauchopfer dar!“ Jost lachte. „Warte, ich hole mal den Aschenbecher!“ Er ging an den Schreibtisch und setzte sich dann hinterher neben mich, während des Essens hatte er mir gegenüber gesessen. Er schaute mich an. „Du!“ „Ja?“ „Ich hab über das, was wir draußen besprochen haben, nachgedacht.“ „Hab ich mitgekriegt, du hast ja kaum was gesagt.“ „Ja, ich war in Gedanken immer noch draußen.“ „Und, schon ein Ergebnis gefunden?“ „Nein, leider“. „Nicht so gut. Ich glaube, dein Erkan möchte endlich von dir wissen, woran er bei dir ist!“ „Hat er was gesagt?“ „Nicht direkt. Er ist nicht dumm. Er sieht uns, mich und Flo, und spürt da eine Vertrautheit, die er bei euch vermisst.“ „Darüber hat er nie gesprochen!“ „Du aber auch nicht!“ „Stimmt, ich war einfach nur happy, als er hier aufschlug und Zeit war nicht gerade einfach für mich und uns hier.“ „Na, was führt ihr denn so wichtige Gespräche?“ „Flo, nichts besonderes. Dein Marius wollte gerade anfangen, über den heutigen Nachmittag zu sprechen.“ Ich war erstaunt. Ich überlegte, ob ich ihm in die Parade fahren sollte oder nicht. Ich entschied mich für letzteres, denn es war ja schlussendlich eine Sache zwischen ihm und seinem Türken. „Aber verraten habe ich noch nichts, den die Hauptperson fehlte ja!“ Während wir uns über die noch warmen, nach Rotwein duftenden Feigen hermachten, erzählte ich von der Idee, wie man meiner Meinung nach Erkan vor seiner bevorstehenden Hochzeit bewahren könnte. „Und wenn ich seinen Vater richtig einschätze, wird er das Geständnis positiv auffassen.“ „Hoffe ich auch. Mir ist zwar nicht wohl bei dem Gedanken, meine Eltern belügen zu müssen, aber was soll es! Auf eine Lüge mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an!“ Ich grinste den kleinen Türken an. „Stimmt. Mundus vult decipi, ergo decipiatur!“ Leichtes Erstauen auf Emder Seite. „Die Welt will betrogen werden, also sei sie betrogen.“ Flo grinste, er kannte meine Vorliebe für lateinische Floskeln. Es war mittlerweile kurz vor elf und es lag eine gewisse Anspannung in der Luft, fast wie vor einem Gewitter. Ich wusste nicht, ob es gut sein würde, wenn es zwischen den beiden hier und jetzt zu einer Aussprache kommen würde. Gut, manchmal können solche klärenden Gespräche reinigenden Charakter haben, aber oftmals tragen sie nur zur Verhärtung der Fronten bei. Irgendwie waren wir in einer Zwickmühle. Durch das Auftauchen von Flo und mir hat es in der Beziehung von Jost und seinem Erkan erkennbare Risse gegeben. Gut, diese Spannungen mussten zwar schon vorher vorhanden gewesen sein, aber bis dato waren sie unter einer dicken, selbst angelegten Schicht Putz verborgen, die jetzt langsam zu bröckeln begann. Es galt, eine Klippe zu umschiffen und erst einmal Zeit gewinnen. Denn beide mussten für sich und ihre eventuell gemeinsame Zukunft nachdenken. „Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich könnte jetzt etwas Bewegung vertragen! Wer kommt mit auf einen kleinen Spaziergang um den Block?“ „Marius, Schatz, bist du krank? Du willst freiwillig laufen?“ „Nein, Flo, nur faul und voll!“ Ich grinste meinen Kufenflitzer an, zog dabei aber die Augenbrauen hoch. „Na, was ist nun? Muss ich allein in die Nacht?“ „Nicht böse sein, mein Engel, aber ich war ja schon joggen und noch mal raus? Lieber nicht!“ Den gleichen Blick warf ich Erkan zu. „Ne, lass mal. Flo und ich werden dann hier klar Schiff machen, und außerdem wollt ich gleich noch unter die Dusche. Ich fang langsam an zu müffeln.“ Er verzog sein Gesicht. „Na Jost, dann bleiben wir zwei ja nur noch übrig!“ „Jepp, aber willst du so raus?“ „Wie?“ „In Jogginghose?“ „Stimmt, ist ja nicht gerade eine laue Sommernacht da draußen. Werde dann mal eben …“ Ich stand auf und ging in Richtung Schlafzimmer. „Bin in fünf Minuten wieder da.“ Ich hatte die Hose schon gewechselt, als ich die Tür zufallen hörte. Ich zog mein Handy aus der Jogginghose, ich hatte eine SMS. „Hallo Dickschädel! Stelle ist noch frei, er kann sich im Laufe der Woche vorstellen. Daten folgen morgen. Aber wir würden auch beide nehmen, falls …! Grüß meinen Sohn und dicken Kuss von uns beiden. H & G“ „Das hast du ja wieder gut hingekriegt!“ Flo stand hinter mir. „Was?“ „Na, du gehst spazieren und ich darf abwaschen.“ Er zog einen liebenswerten Flunsch. „So was nennt man Arbeitsteilung!“ Ich grinste und küsste ihn. „Ne, aber ist auch besser so. Nimm dir mal Jost zur Brust, der war so schweigsam den ganzen Abend über. Zwischen den beiden ist so Einiges nicht in Ordnung, wie ich finde.“ „Sehe ich genauso. Was meinst du, sollen wir es zum Gewitter kommen lassen?“ „Klärendes Gespräch wäre besser, ich mag nämlich nicht im Regen stehen.“ Unsere Lippen vereinigten sich noch einmal. Ich blickte ihm tief in die Augen. „Was haben wir nur gemacht?“ „Gute Frage, ich nehme den Publikumsjoker!“ „Gibt es nicht!“ Er legte die Stirn in Falten. „Na, das Einzige, was man uns vorwerfen könnte, ist, dass wir Erkan wachgerüttelt haben. Seine Probleme waren ja schon vor uns da, wir haben ihn nur damit konfrontiert. Was er daraus macht, wie er damit umgeht, ist letztlich seine ureigenste Sache.“ „Wo du Recht hast, hast du wahr! Das gleiche gilt allerdings auch für Jost, da scheint auch nicht alles Gold zu sein, was da glänzt.“ „Gut, du nimmst dir Jost vor und ich red mit Erkan. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht wieder hinkriegen, mein Großer!“ Ich hatte Shirt und Pullover übergezogen und wandte mich schon wieder Richtung Vorhang. „Aber Flo, kurze Frage noch?“ „Bitte?“ „Wie tauschen wir die Ergebnisse unserer äh Einzelgespräche aus? Wir können ja schlecht erst ins Schlafzimmer und Kriegsrat halten.“ „Stimmt auch wieder! Aber warte! Wir bauen es in die Begrüßung ein. Wenn wir mit Schatz anfangen, ist die Stimmung positiv, beim Vornamen neutral, und ohne Anrede sollten wir zusehen, dass wir Land gewinnen.“ „So wird es gemacht! Der Rest wird sich finden! Ach, ich hätte da eine Stelle für ihn, nur so zur Info!“ „Du?“ „Nicht ich. Ein Kurhotel in Franken!“ „Ach, deswegen der Anruf bei Paps!“ Ich nickte und küsste ihn noch einmal auf die Stirn. Wir gingen zu Erkan ins Wohnzimmer. „Warum macht ihr das alles?“ „Was?“ „Na, das Alles! Flo und du, ihr tretet in mein Leben und von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr so, wie es gestern noch war. Ich hatte noch nie eine Begegnung mit solchen Folgen!“ „Das ist vielleicht der Grund, warum! Flo und ich sind ja nicht ganz unschuldig daran, wie dir jetzt zumute ist. Wir mögen dich und daher versuchen wir, was zu machen.“ „Aber die Probleme waren ja schon vorher da, nur …“ Ich nahm ihn in die Arme. „Ich weiß, aber wir waren diejenigen welchen, die die Geister riefen. Und uns soll’s ja nicht so gehen, wie dem Zauberlehrling.“ „Zauberlehrling?“ Flo stand mittlerweile hinter mir. „Und sie laufen! Nass und nässer, wirds im Saal und auf den Stufen: welch entsetzliches Gewässer! Herr und Meister, hör mich rufen! Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Ballade von Goethe, durfte ich mal auswendig lernen.“ Es rumpelte an der Tür, Jost stand in selbiger und spielte mit seinem Schlüssel. „Bin schon fertig.“ Ich zog mir nur noch die Jacke an und bin auf ihn los. „Bis gleich, Engelchen.“ „Bleibt nicht zu lange weg – so lange brauchen wir ja auch nicht, um die Spülmaschine einzuräumen.“ Er warf mir einen Kuss zu und wandte sich dann wieder Erkan zu, der regungslos in der Küche stand. „Große Runde oder kleine?“ „Jost, nehmen wir die mittlere Tour.“ Wir verließen das Haus Nummer siebzehn und machten uns auf den Weg. „So, jetzt mal Butter bei die Fische! Du wolltest mit mir reden! Also! Hier bin ich! Der Spaziergang ist ja nicht rein zufällig, oder? Und sag jetzt nicht, du machst immer einen Abendsparziergang!“ Im Schein der Straßenlaterne konnte ich ein Grinsen auf dem Gesicht meines Gegenübers erkennen. „Nein, es stimmt, ich wollte mit dir reden. Vor Erkan wäre es … Na ja, sagen wir, es hätte peinlich werden können. Aber das können wir gleich machen, aber erst einmal …“ Ich kramte nach einer Zigarette. „Mist!“ „Was?“ „Suchtstengel vergessen!“ „Hier!“ Er bot mir eine an. Der Sparziergang war gerettet. „Jost, kommen wir gleich zur Sache. Es ist was faul im Staate Dänemark, um mal klassisch anzufangen. Du solltest, wenn dir was an Erkan liegt, baldmöglichst was unternehmen.“ „Jetzt sag mir mal, was ich machen soll, Marius!“ Ich blickte mein Gegenüber starr an und sog den Rauch tief ein. „Jost, wenn ich die passende Antwort wüsste, wären wir jetzt nicht hier!“ „Wie?“ „Na ja, ich hab heute lange mit Erkan gesprochen. Er ist, sagen wir es mal so, verzweifelt!“ „Wie das?“ „Verzweifelt ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber …“ Jost schaute mich an. „Du, da ist eine Bank, wir brauchen nicht laufen!“ „Auch gut, oder besser!“ Ich setzte mich und rang nach Worten. „Wieso ist Erkan verzweifelt?“ „Na, er hat wohl größere Panik, als er zugeben mag.“ „Kann ich verstehen. Eine bevorstehende Hochzeit wäre auch nicht nach meinem Geschmack!“ „Stimmt, aber das ist nicht der Hauptgrund meiner Ansicht nach!“ „Sondern welcher?“ „Nun, wenn man mich fragen würde, würde ich sagen, der Grund liegt tiefer. Ich bin zwar nicht Freud, aber ich meine von mir sagen zu können, dass ich über eine gewisse Menschenkenntnis verfüge.“ „Und was sagt Siegmund?“ „Was der Wiener sagen würde, weiß ich nicht. Aber der Westfale sagt folgendes: Lassen wir jetzt mal seine Religion und seine Herkunft außen vor. Seine Geschwister haben alle Abi und studiert. Sein Bruder könnte Kirchenkarriere machen, seine Schwestern sind erfolgreich und verheiratet mit Kindern. Was hat er? Gerade mal die Mittlere Reife und eine Lehre als Koch!“ „Aber immerhin als Bester seines Jahrgangs!“ „Gut, aber was macht er mit der größten Chance seines Lebens?“ „Du meinst München?“ „Genau! Du hast hier Schwierigkeiten und er kommt! So einfach über Nacht! Hast du dich mal nach seinen Gründen gefragt?“ „Er meinte, er hätte sich nicht so wohl gefühlt. So alleine in München.“ „Du Dummerchen! Das hast du ihm geglaubt?“ „Ja, …“ „Quatsch mit Soße! Er liebt dich. Er hat aus Liebe zu dir darauf verzichtet. Er fand die Trennung unerträglich.“ „Oups!“ „Genau das richtige Wort! Und was hat er hier vorgefunden?“ „Na mich!“ „Gut, und wen noch?“ „Du meinst, …“ „Ja, ich meine deinen Vater! Der scheint ja nicht gerade auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung herumzulaufen.“ „Wie kommst du darauf?“ „Nun, ich hab Augen im Kopf und kann logisch denken.“ Mein Gegenüber stutzte. „Noch eine?“ „Gerne!“ Ich nahm mir noch eine Zigarette. Ich sollte wirklich weniger rauchen! „Ich hab Anstecker am Revers deines Vaters gesehen. Ich brauchte eine Weile, aber nun weiß ich, wo ich schon mal gesehen habe! Das war das interne Parteiabzeichen der Reps in Gold!“ „Äh? Woher weißt du?“ „Jost. Ich hatte mal eine kleine Affäre mit dem Sohn des Kreisvorsitzenden der Braunen in Steinfurt. Daher! Aber das ist ne andere Geschichte, die hier und jetzt nicht hingehört!“ „Also?“ „Nun, ich zähle eins und eins zusammen! Die Abneigung deines Vaters gegenüber Ausländern, Erkan Erich zu nennen? Was soll das! Und dann dein Ausspruch von gestern: Dein Schwulsein wäre OK, aber Erkan als Freund?“ „Du meinst also, es liegt an mir und meiner Familie?“ „Wenn du so willst. Ja! Aber eigentlich …“ Ich stand auf und ging ein paar Schritte. „Jost, der Punkt ist der….“ „Ja?“ „Ne, lass mich es mal anders formulieren. Liebst du Erkan?“ „Ja! Eindeutig. Ohne ihn könnte ich mir ein Leben nicht mehr vorstellen!“ „Hast du ihm das einmal gesagt?“ „Nicht direkt!“ „Warum nicht?“ „Weiß ich eigentlich auch nicht, ich dachte eigentlich, …“ „Was?“ „Ach, ich weiß auch nicht!“ „Jost, der Punkt ist der, Erkan wartet verzweifelt auf ein Zeichen!“ „Auf ein Zeichen?“ „Ja, ich möchte es mal so ausdrücken. Er wartet auf ein äußerliches Zeichen der inneren Verbundenheit!“ Ich warf die Zigarette in die Nacht. „Marius, nun kläre mich mal auf!“ „Ach Jost! Du liebst Erkan und Erkan liebt dich!“ „Ja, das kann man sagen!“ „Gut, das hätten wir geklärt. Aber dein Erkan ist von Zweifeln geplagt!“ „Inwiefern?“ „Du zeigst es ihm nicht!“ „Wie?“ „Na ja, Er kommt hierher, um dir zu helfen.“ „Das hatten wir schon!“ „Gut, aber für dich!“ „Wie?“ „Jost! War es für dich klar, den Anker eines Tages zu übernehmen?“ „Eindeutig JA.“ „Gut. Aber Erkan hat den Eindruck, und unter uns gesagt, kann ich ihn da in seiner Ansicht nach verstehen! Erkan hat den Eindruck, es ist DEIN Plan, nicht euer Plan, und das ist der Punkt, der ihn zur Verzweifelung bringt.“ „Du meinst, ich sollte ihm zeigen, dass er mir wichtig ist.“ „Ja, und wenn Du mich ganz persönlich fragst, solltest du noch einen Schritt weitergehen.“ „Wie weit?“ „Jost, Geschwister hast du nicht, oder?“ „Nein.“ „Also, der Anker wird dir erhalten bleiben, egal .was passieren wird.“ „Worauf willst du hinaus?“ „Wieso bist du damals nach deiner Lehre zurück? Nichts gegen Emden, aber das ist doch Provinz hier. Du wolltest doch auch nach München?“ „Na, meine Mutter hatte Brustkrebs und fiel aus und mein Vater machte ja in Politik. Da musste ich einfach.“ „Kann ich verstehen. Wie geht es ihr heute?“ „Besser. Aber die ist froh, weniger mit meinem Vater zusammen zu sein. Sie mag seine Ansichten nicht so besonders. Ich hab aus Versehen mal einen ihrer Arztbriefe gelesen.“ „Und?“ „Du kannst lachen. Der Tumor war gutartig, also kein großer Grund zur Aufregung. Aber sie nutzt das immer noch zu ihren Rückzügen. Ich war ja froh, nach vier Wochen mal einen Samstag frei zu haben.“ „Und den verbringst du ausgerechnet mit uns!“ Ich lachte, er fiel ein. „Bin halt masochistisch veranlagt!“ Er hielt mir erneut die Packung hin, ich griff zu. „Wusstest du, dass dein Erkan mal mit dem Gedanken an Selbstmord spielte?“ Er starrte mich an. „Bitte?“ „Ja. Ich hatte jedenfalls den Eindruck. Er ist wirklich verzweifelt!“ Ich nahm ihm das Feuerzeug ab und steckte mir die Kippe an. „Aber warum?“ „Na, ich denke mal, er sah keinen anderen Ausweg! Wie ein Kurzschluss klang mir das nicht“ „Aber warum nur? Ich bin doch für ihn da!“ „Jost, er hat zwar dich, aber wen hat er sonst? Auf seine Familie kann er nicht hoffen und du warst ja auch nicht immer da! Jedenfalls nicht in dem Maße, dass er für sich selbst, für sein eigenes Seelenheil brauchte.“ „Aber …“ „Nichts aber. Jetzt kommt seine Erziehung, sein Werdegang, hinzu – zwangsläufig! Er kann nicht aus seiner Haut. Er ist in seinen Augen ein Verlierer und …“ „Nein, er ist kein Verlierer!“ „Dann zeig ihm das!“ „Marius! Wie soll ich ihm das denn zeigen?“ Ich setze mich wieder neben den Emder. „Das ist ja die Frage, die mir die ganze Zeit im Kopf herumspukt. Aber eine Lösung habe ich noch nicht gefunden, jedenfalls keine so einfache, wie die für Erkans Problem mit seiner Hochzeit.“ „Das nennst du einfach?“ „Ja!“ „Dann möchte ich nicht wissen, wie bei dir eine schwere Lösung aussieht! Aber Spaß beiseite. Irgendwelche Ansätze?“ „Keine, die dir auf Anhieb gefallen dürften!“ „Du, wer sagte heute morgen eigentlich, dass man die Vorschläge erst kennen muss, ehe man positiv oder negativ beantwortet?“ Ich grinste. „Flöt!“ „Also!“ „Na ja, es hängt alles in allem von dir ab, lieber Jost.“ „Inwiefern?“ „Du hast keine Geschwister?“ „Nein, wieso fragst du?“ „Betrachtest du den Anker als deine Lebensaufgabe?“ „Lebensaufgabe? So weit würde ich nicht gehen, aber …“ „Aber was?“ „Ich bin der einzige Erbe, quasi Familientradition. Schließlich gehört uns der Anker seit über achtzig Jahren.“ „Also kam nichts anderes für dich in Frage?“ „Marius! Woher soll ich das wissen? Ich hatte mich ja auch in München beworben, und wenn das damals nicht mit meinen Eltern gewesen wäre, wer weiß, wo ich jetzt sein würde?“ „Du oder ihr?“ „Erkan und ich! Ich hätte damals auch nach Berlin gehen können, hatte sogar eine Stelle in Wien und ein Angebot aus Venedig. Aber mein kleiner Türke mag Berlin nicht und im Ausland hätte es sicherlich Schwierigkeiten mit der Aufenthaltsgenehmigung gegeben, also blieb München über.“ „Das ist ja schon mal was!“ „Was?“ Ich grinste über alle beiden Backen, wenn jetzt gleich noch die richtige Antwort kam, dann konnte man den Sekt aufmachen. „Kann ich das so zusammenfassen, dass du, wenn es eine entsprechende Möglichkeit geben würde, dass ihr beiden zusammen an einem Ort, in einem Beherbergungsbetrieb, arbeiten, leben und lieben und so weiter?“ „Äh. Jetzt mal langsam! Ich bin vom Land!“ „Also, ganz langsam zum Mitschreiben: Würdest du zusammen mit Erkan von hier weggehen und irgendwo zusammen neu anfangen wollen?“ Er starrte mich an. Ganz langsam und fast unbeholfen kam ein „Ja!“ an mein Ohr. Ich brauchte einen Moment, um das Gehörte zu verarbeiten. „Super! Annuntio vobis gaudium magnum, habemus papam!“ „Äh? Was?“ „Ich verkünde euch große Freude, wir haben einen Papst!“ „Äh?“ „Um es anders zu sagen, wir haben des Rätsels Lösung gefunden!“ „Das erklär mir mal!“ „Ganz einfach. Ich hab heute nicht nur mit meinen Freunden telefoniert, sondern auch noch mit meinem Schwiegervater.“ „Ja und?“ „Na, ich habe Heiner gefragt, ob er eine Stelle für Erkan wüsste, falls er von hier weg …“ Ich musste jetzt auf der Hut sein. „Äh? Du wolltest, dass Erkan geht?“ „Nein! Es war nur, um ihn nicht ins bodenlose fallen zu lassen. Aber weißt du, was Heiner mir noch sagte?“ „Nein, woher!“ „Stimmt auch wieder. Also, er meinte, er und sein Günther wollten kürzer treten und suchten eigentlich ein Paar. Einen Koch und einen Assistenten.“ „Du meinst, für ihre Jugendherberge?“ „Nein, keine gewöhnliche Jugendherberge, sondern das größte Jugendhotel in Franken mit Sauna, Solarium, Schwimmbad, Tennisplätzen, Konferenzräumen und.. und… und. OK! Es ist zwar nicht das Vierjahreszeiten oder das Adlon, aber immerhin etwas, wo ihr beide anfangen könnt. Gemeinsam eine Zukunft aufbauen. Und bei den Chefs dürfte euer Liebesleben auch kein Problem sein.“ Ich grinste. „Mit dem Gedanken könnte ich mich anfreunden. Was sagt Erkan? Weiß er das schon?“ „Kann ich nicht sagen. Ich habe mit ihm noch nicht gesprochen, jedenfalls noch nicht über die Möglichkeit, dass ihr zusammen …“ „Äh?“ Ich klärte ihn kurz über das Jobangebot des Kurhotels auf. Den weiteren Rückweg verbrachten wir schweigend. An der Tür angekommen zog Jost mich am Ärmel. „Marius, sag bitte noch nichts. Ich muss erst eine Nacht darüber nachdenken. Es ist alles etwas viel auf einmal. Versprichst du mir das?“ „Natürlich. Nicht einfach, von jetzt auf gleich sein ganzes Leben umzukrempeln.“ Er öffnete die Haustür und blieb aber zögernd im Eingang stehen. „Ich kann nicht!“ Eine gewisse Resignation lag in seiner Stimme. „Was?“ „Jetzt wieder da rein. Ich will allein sein und nachdenken. Ich brauche einfach Zeit!“ Ich nickte stumm. „Was soll ich Erkan sagen?“ „Sag ihm, meine Mutter hätte angerufen und ich müsste noch in den Anker. Ich werde mich dann gleich bei ihm melden.“ „Versprochen?“ „Versprochen!“ Er ließ mich in der Tür stehen und ging in Richtung seines Wagens. Ich wartete noch, bis er in selbigem saß und den Motor startete und machte mich dann auf zu Erkans Wohnung. Ich kam mir vor wie der arme Heinrich auf seinem Gang nach Canossa. Ich kramte in meiner Hosentasche, fand aber keinen Schlüssel, also klingelte ich. Flo öffnete. „Schatz, das hat ja gedauert.“ Ich umarmte ihn und drückte ihn am mich. „Ich bin etwas durchgefroren.“ „Merke ich. Erkan ist noch in der Dusche. Wo ist …!“ Ich legte meinen Zeigefinger auf seinen Mund. Ich zog die Jacke auf und hängte sie an die Garderobe. Im Wohnzimmer setzte ich mich wieder auf den Schreibtischstuhl und starrte ins Leere. Flo umfasste meine Schultern von hinten. „Was ist passiert? Fehlschlag?“ „Kann ich noch nicht sagen, Schatz. Jost will allein sein und nachdenken. Er scheint auf dem richtigen Weg zu sein, aber er muss die Entscheidung von sich aus treffen.“ Flo nickte verständnisvoll und setzte sich auf meinen Schoß. „Ach, mein Großer, was haben wir nur gemacht?“ „Gute Frage! Ich weiß es nicht!“ Ich schüttelte den Kopf, meine Hand wanderte sein Bein entlang und blieb auf seinem Schritt liegen. Ich fühlte sein drittes Bein. Meine Finger wanderten weiter in Richtung Hosenbund und begehrten Einlass, schließlich umfasste den nicht so kleinen „Kleinen Flo“. „Wo hast du Jost gelassen?“ Erkan war mittlerweile im Bademantel aus dem Bad gekommen und starrte wohl schon eine zeitlang uns, besser meine Hand bzw. deren Ruheort, an. Ich blickte ihn an. „Äh, seine Mutter hat angerufen. Er musste noch mal in den Anker. Er will sich aber gleich melden, wie lange es dauert.“ „Das braucht der nicht! Ich werde jetzt da anrufen. Die sollen ja erfahren, dass sie ab nächsten Ersten einen neuen Koch brauchen. Ich geh nach Franken.“ Er kramte auf dem Sofa nach seinem Telefon. „Nein, Erkan, dass dürfte jetzt schwer werden. Da scheint viel zuviel Stress zu sein im Moment.“ „Er und der verfluchte Anker. Wenn er Stress will, kann er ihn haben!“ Er ging auf uns zu und baute sich vor unseren Gesichtern auf. „Es wird endlich Zeit, dass ich für mich meine Entscheidungen treffe!“ Er öffnete den Gürtel und entblößte sein nicht mehr ganz schlaffes Teil. Flo, wahrscheinlich ob des Spiels meiner Hände, griff es sich und fing an, den kleinen Türken zu blasen. Ich wollte es eigentlich nicht, denn nach einem Dreier war mir in der Situation wirklich nicht zumute, aber: halb zog sie ihn, halb sank er nieder. Mein Mund folgte dem meines Gatten und ich hatte plötzlich Erkans Eier im Mund. Ein Telefon störte das Blaskonzert. „Das wird Jost sein!“ „Von mir aus, der AB kann ja rangehen.“ „Erkan, sprich wenigstens mit ihm.“ „Gut, aber ihr bewegt euch keinen Zentimeter!“ Flo nickte. „Keine Angst, wir bleiben hier.“ Er grinste mich an. „Charagüzel!“ – „Jost, was ist?“ – „Ach!“ – „Gut, dann musst du da wohl durch.“ – „Ja, ich werde unseren Besuch von dir grüßen.“ – „Dann sehen wir uns also zum Frühstück!“ – „Dann bis um elf. Ach, und sag deiner Mutter, ich komme morgen zwei Stunden später. Ich muss mich ja um unsere Westfalen kümmern.“ – „OK, dann soll Heiko gleich die Mittagsschicht mit übernehmen und ich mach dann morgen ab fünf für ihn.“ – „OK, ja, dann bis morgen!“ Er legte auf, steckte den Schlüssel in die Tür und drehte halb um. „So, jetzt sind wir ganz ungestört, keine Überraschung mehr möglich.“ Auf dem Weg zu uns entledigte er sich seines Bademantels und grinste uns an. „Ich glaube, du solltest besser mal die Jalousien runterlassen, bevor wir weitermachen.“ Flo wieder! Erkan tat wie ihm geheißen. Flo erhob sich und da meine Hand immer noch an seinem Schanz fest verwurzelt war, rutsche seine Jogginghose runter. „Na, die brauch ich ja wohl jetzt nicht mehr.“ Mit einem Ruck war sie unten und er strampelte sich aus dem Stück Baumwolle, wobei er gleich die Socken mitnahm, denn meine kleine Eisprinzessin mag alles, aber keine Intimitäten mit Socken. Erkan trat an ihn heran und half ihm, sich seines Shirts zu entledigen. Ich sah die beiden Nackten und konnte mich eines Lächelns nicht erwähren. Mittlerweile war auch ich so erhitzt, dass ich mir keine großen Sorgen um das Morgen machte, ich war einfach nur noch geil. „Marius. Ist es dir nicht unbequem in der Hose?“ „Doch, etwas!“ „Dann runter damit.“ „Ach ne, dazu bin ich viel zu faul.“ Flo grinste mich an. „Immer diese Paschas! Na warte!“ Er beugte sich zu mir herunter und öffnete Gürtel und Hose. Ich rutschte auf dem Schreibtischstuhl nach vorne und streckte ihm mein Becken entgegen. In diesem Moment kam es von dem kleinen Koch. „Nicht bewegen, Flo!“ „Was?“ Erkan ging erst in die Küche und dann zum Tisch und stellte dann den Teller mit den gefüllten Feigen und eine Tube Honig neben meine Eisprinzessin. „Darf ich?“ „Alles, was du willst. Aber ich helfe dem Kerl erst mal aus seinen Kleidern.“ Mein Kleiner zog mir erst die Hose samt Boxer aus, danach die Socken und dann folgten Pullover und Shirt. Erkan trat hinter ihn und kniete sich hin. Er nahm die Tube mit Honig und drückte etwas von dem Bienenprodukt auf die Fingerspitzen seiner rechten Hand. „So, und nun zeige ich euch mal eine ganz besondere Art, Feigen zu essen. Kommt aus dem Serail.“ Er grinste, spreizte die Backen meines Kleinen mit seiner linken Hand auseinander, rieb dann das Loch mit Honig ein und angelte sich vom Teller eine der köstlich zubereiteten Scheinfrüchte und drückte sie in die beschmierte Öffnung. „So, es ist angerichtet!“ Ich lachte. „Das will ich sehen!“ Ich krabbelte unter Flo hindurch, der sich auf die Lehnen des Schreibtischstuhls stützte und uns seinen Allerwertesten präsentierte. „Sieht echt nett aus.“ Ich beugte mich zu ihm und biss ein Stück ab. „Willst du auch mal?“ Ich brauchte den kleinen Türken nicht großartig aufzufordern, er nahm sich gleich ein großes Stück, nur noch wenige Millimeter ragten heraus. Ich machte mich an den Rest. Der Geschmack der Dattel und des Honigs waren herrlich, die ich da aufsaugte und ableckte. Flo grunzte zufrieden, wie da meine Zunge um ihn spielte. „Wow! Die Art zu essen, lass ich mir gefallen. Ich kenne zwar schon Sahne, Marmelade und Nuss-Nougat-Creme vom Schwanz zu lutschen, aber das war wirklich geil. WOW.“ Er schüttelte sich. „Aber Schatz, mach mir jetzt keine Dummheiten. Ich geh jetzt mal eben kurz unter die Dusche.“ Ich blickte Flo an und nickte nur, während er in Richtung Bad verschwand. Erkan schaute mich an. „Während Flo wahrscheinlich das macht, was ich gerade gemacht habe, kann ich dir ja auch die Erweiterung zeigen!“ Er grinste wie ein Honigkuchenpferd. Er nahm die Utensilien und verlagerte uns in Richtung Ottomane. Mit seinem Bauch legte er sich auf die Sitzfläche und reckte mir sein Hinterteil entgegen. „Den Honig!“ Ich tat, wie mir geheißen und schmierte sein Hintern mit dem dünnflüssigen Zeug ein. Vorsichtig drückte ich die Feige in das Loch. Ein insgesamt herrlicher Anblick. „Warte eben, ich will den Teppich nicht dreckig machen. Ich wasch mir mal eben kurz die Finger, die kleben.“ Ich erhob mich und ging in die Küche. Nachdem ich mit sauberen Fingern meine Ausgangsposition wieder erreicht hatte, war ich etwas verdutzt, ich sah alles, aber keine Frucht des Ficus Carica mehr. „Äh! Wo ..“ „Rate mal!“ Ich musste lachen. „Ferkel! Mit Essen spielt man nicht!“ „Tut mir leid, Feigen werden schon seit der Antike häufig gegen Verstopfung verabreicht! Also ist das kein Essen, sondern eher Medizin, oder?“ „Ja, aber kann man eine Verstopfung auch rektal bekämpfen?“ „Weiß ich nicht, aber so geht’s auch.“ „Na dann wird ich mal.“ Ich kniete mich zwischen seine Beine und fing an zu lecken und zu saugen. Es dauerte einige Zeit, aber schließlich und endlich hatte ich die Frucht zwischen meinen Zähnen. In diesem Moment kam Flo aus dem Bad. „Was macht ihr denn da?“ „Gefüllte Feigen a la Erkan. Schatz, musst du unbedingt kosten.“ „Na, probieren geht über studieren.“ Mein Schatz kniete sich neben mich. Ich wiederholte die Prozedur, drückte aber diesmal die Dattel gleich ganz hinein. „So, nun mal guten Appetit.“ Ich erhob mich und überließ die beiden ihrem Treiben. Ich ging erst mal ins Bad und wusch mir die verklebten Hände, danach führten mich meine Schritte erst mal in Richtung unserer Reisetasche, um die Nahkampfsocken und das Gleitgel zu holen. Aus dem geöffneten Schrank entnahm ich noch zwei Badetücher. Ich konnte mir spielend leicht ausrechnen, was als nächstes folgen würde. Die Schilderungen, wer jetzt wen und wie, möchte ich mir ersparen, denn dafür gibt es sicherlich andere Seiten im Netz und, werter Leser, etwas soll ja auch Deine Phantasie angeregt werden, aber soviel kann ich sagen, Flo und ich verdanken Erkan unseren ersten (und bisher einzigen) Doppeldecker (oder wie immer das auch heißt J )! Ermattet saßen wir alle nebeneinander auf dem Badelaken vor der Ottomane und rauchten die berühmte Zigarette danach. Es war mittlerweile eins durch. „Ich hoffe, ihr kommt mich in Franken besuchen, wenn ich da arbeite und wir wiederholen das.“ „Aber klar, du kleiner Türke. Da Jugendhotel, das mein Vater mit seinem Freund führt, ist ja keine drei Kilometer entfernt. Und Paps besuche ich mindestens alle zwei Monate!“ „Ich freu mich schon!“ Erkan wirkte glücklich und zufrieden. „Wir uns auch, Erkan, aber die Frage ist, ob wir Dich oder Euch besuchen!“ „Äh, Marius, wie meinst du das denn jetzt.“ „Nun, ganz einfach, aber … Wo ist der Aschenbecher?“ „Hier!“ Flo reichte ihn mir. Ich drückte die Kippe aus, erhob mich und ging in die Küche. „Erkan, wo steht der Raki?“ „Warte!“ Er folgte mir und schenkte drei Gläser voll ein. „Was ist los? Nun mache es nicht so spannend. Was meinst du?“ „Sofort, setzen wir uns wieder.“ Flo blickte mich an. Ich pflanzte mich neben ihm und legte meinen Arm um seine Schultern. Erkan zu meiner Linken. „Also. Ich habe ja heute einige Telefonate geführt. Soweit so gut. Meine Eisprinzessin wird dir sicherlich von der Stelle in dem Kurhotel erzählt haben.“ „Ja, darüber haben wir gesprochen und …“ „Du wirst sie annehmen!“ „Woher weißt du?“ „Flo sprach mich mit Schatz an, als ich reinkam!“ „Äh?“ Flo klärte ihn kurz über unseren Verständigungscode auf. „Gut, aber trotzdem verstehe ich immer noch nicht, wieso ihr uns besuchen wollt!“ „Erkan, ganz einfach. Ich hab meinem Schatz über die Stelle in dem Kurhotel erzählt, aber von der anderen Sache weiß er auch noch nichts.“ „Was hast du wieder angestellt, Marius-Friedrich?“ „Nichts Schatz, ich bin unschuldig wie der Engel Gabriel, als er der Jungfrau Maria die Geburt des Erlösers prophezeite.“ Ich griff nach den Zigaretten. „Bei dem Telefonat mit deinem Vater erfuhr ich von Heiner, dass er selbst erst in zwei Monaten einen Koch gebrauchen könnte, denn ab da an wäre seine Hauswirtschafterin in Mutterschutz. Sie suchen aber eher ein Paar, das sie unterstützen könnte, da nach Günthers Herzinfarkt beide etwas kürzer treten wollen.“ „Stimmt, so was hatte er mal erwähnt.“ „Na ja, und die SMS, die Heiner mir heute Abend geschickt hat, sagt, dass sie auch euch zwei nehmen würden. Das ist alles!“ Ich trank mein Glas aus und griff nach der Flasche Rotwein. Sie war leer. Ich erhob mich erneut und ging in die Küche, diesmal war es einfach, der Chilene stand auf dem Küchentisch. Ich entkorkte und ging zu den beiden, die sich aneinander gekuschelt hatten, zurück. „Noch jemand?“ Da die beiden mit dem Kopf schüttelten, goss ich mir nur selbst ein Glas ein. Ich setzte mich im Schneidersitz vor die beiden. „Du wusstest also, dass es für Jost und mich eine Chance geben würde?“ „Ja!“ „Wusste Jost von der Möglichkeit?“ Ich überlegte kurz, ob ich der Bitte des Ostfriesen folgen und meinen Mund halten sollte, aber ich entschied mich schlussendlich doch für totale Offenheit gegenüber unserem lieb gewonnenen Gastgeber. „Schuldig im Sinne der Anklage!“ „Und da lässt du mich mit euch?“ „Ja!“ Er trank sein Glas Raki in einem Zug. „Erkan, dass wir uns richtig verstehen. Den Entschluss, hier Schicht im Schacht zu machen, den hast du alleine getroffen.“ „Stimmt. Nachdem ich mit Flo gesprochen habe und nach dem Nachmittag. Hast ja recht!“ „Und den Auslöser zum Dreier haben wir ja nicht gegeben, oder?“ „Nein, auch wieder wahr, aber als ich euch beiden da so gesehen habe, da konnte ich einfach nicht mehr. Der Anblick war zuviel für mich! Ich war so geil…“ Flo grinste. „Erkan, aber du hättest das Spiel ja nach dem Telefonat beenden können. Mein Großer hat dich ja mehr oder minder zum Telefon prügeln müssen.“ Der Koch blickte verlegen. „Was soll ich sagen? Entweder mache ich das alleine oder zusammen mit Jost. Meine Entscheidung steht! Auch wenn ich es begrüßen würde, er würde mit mir kommen, aber ich will nur eins, weg von hier! Zwar am liebsten mit ihm, aber wenn nicht anders, dann auch ohne ihn. Ich will mein Leben hier nicht verplempern.“ „Nun, Melek, bist du mir böse? Flo wusste ja nichts davon. Er ist unschuldig. Der Böse sitzt dir gegenüber!“ Anstelle einer Antwort beugte er sich vor, küsste mich leidenschaftlich und sein Mund wanderte dann abwärts. „Stopp!“ Der brusthaarlose Osmane blickte mich an. „Was ist?“ „Nichts! Nur vor einer zweiten Runde müsste ich mal für Königstiger.“ Ich erhob mich und machte mich auf in Richtung Bad. Die beiden schauten sich an, grinsten und folgten mir nach. Es ging auf drei Uhr zu, als wir mit geputzten Zähnen den weißgekachelten Sanitärbereich der Wohnung wieder verließen. Wir räumten noch kurz auf, rauchten noch eine und verschwanden dann im Schlafzimmer, wo wir uns dem Schlaf der Gerechten hingaben. Irgendwann wurde mir kalt im Rücken. Schlaftrunken blickte ich auf den Wecker. Kurz nach neun. Ich tastete mit meiner rechten Hand nach hinten, wo der kleine Osmane geschlafen hat, aber da war keiner mehr. Ich umfasste wieder meinen Flo und schlief sofort wieder ein. Gegen zehn wurde uns dann die Bettdecke weggezogen. „Aufstehen, ihr zwei Hübschen!“ Wie kann ein Mensch nur so fröhlich sein am frühen morgen? „Äh?“ „Raus mit euch. In einer Stunde gibt es Frühstück, jedenfalls wollte Jost da kommen. Und wir sollten noch die Spuren der Nacht beseitigen, wenn ihr versteht.“ Flo war mittlerweile ebenfalls aus den Federn und anscheinend schon putzmunter. „Aufstehen!“ „Lass mich schlafen!“ „Weniger trinken, mein Engel! Raus aus den Federn!“ Ich blickte in vier Augen. Nein, ich sah nicht doppelt, aber meine Eisprinzessin und der Koch hatten sich anscheinend verbündet, mich aus dem Bett zu kriegen. Ihre Köpfe waren dicht beieinander. Flo wollte schon anfangen, mich zu kitzeln, etwas, das ich morgens überhaupt nicht abkann. „OK, Waffenstillstand. Gib mir ne Tasse Kaffee um die Lebensgeister zu wecken und ich steh auf. Freiwillig!“ „Darauf kann ich mich einlassen.“ Der Hausherr verschwand aus dem Schlafgemach und brachte mir das Gewünschte, es duftete nach gerösteten Bohnen. Ich trank zwei Schlucke und stand senkrecht im Bett. Erkan brachte mir einen Pott türkischen Mokka! Der Tag konnte ja heiter werden. |