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Glückliche unglückliche Umstände

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(This post was last modified: 12-06-2025, 10:18 AM by Frenuyum.)

Glückliche unglückliche Umstände – Teil 1

Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich um eine reale Fiktion. Viele der wesentlichen Handlungspunkte sind mir wirklich passiert. Allerdings sind es zwei (reale) Handlungsstränge, die miteinander zu einem einzigen verwoben und in einen etwas anderen Background gepackt wurden, natürlich auch unter Veränderung der Namen und auch dezente andere Verfremdungen sind hinzugekommen.

Dieser Beitrag ist mein erster Versuch, etwas zu Papier zu bringen. Bitte seid nicht zu streng mit mir. Zum Schriftsteller werde ich es sicher nie bringen. Natürlich freue ich mich sehr über jedes Feedback. Sowohl konstruktive Kritik als auch aufbauende Worte sind herzlich willkommen und erbeten.

Das Ende der vorliegenden Kurzgeschichte ist bewusst offen gehalten; es könnte sich sowohl um eine abgeschlossene Erzählung wie auch um eine Fortsetzungsstory handeln, beides ist möglich, ersteres wahrscheinlich.

1. Teil: Der Fremde

Piep piep piep piep piep…

Unangenehm und unerbittlich drang dieses nervige Geräusch in meine Ohren. Mit einem Seufzen streckte ich meinen linken Arm aus und tastete nach dem Wecker. Nach mir endlos erscheinender Zeit ergriff ich das schwarze Ungetüm und es gelang mir, den Störenfried zum Verstummen zu bringen. Es musste also acht Uhr sein. Im Zeitlupentempo öffnete ich meine leicht tränenden Augen und seufzte erneut.

Den gestrigen Abend hatte ich mit meiner besten Freundin Jessica verbracht. Wir hatten uns im Fox, einer gemütlichen Kneipe in unserem Ortsteil, getroffen und waren völlig versackt. Mit Jessica musste man einfach Spaß haben, ich liebte sie heiß und innig, natürlich rein platonisch; physische Anziehungskraft hatten dann doch nur hübsche Jungs auf mich. Jessica wusste das, sie war die typische beste Freundin eines schwulen Mannes. Ich hatte lediglich zwei Radler getrunken, zumindest sonst keinen Alkohol mehr, darum wunderten mich meine Kopfschmerzen, ein ganzer Bienenschwarm war da oben unterwegs. Aber es half nichts, ich musste aus den Federn, auch wenn mein geschundener Körper sich mit vier Stunden Schlaf begnügen musste. Schließlich war heute der 24. Dezember, Heiligabend, und ich hatte noch einiges zu erledigen.

Erschöpft saß ich auf der Bettkante, den Kopf auf meine Arme gestützt. Meine Gedanken schweiften noch einmal zu Jessica. Mit ihr hatte ich die Schulbank gedrückt bis zum Abitur. Das war die Zeit, wo ich ihr mein Schwulsein gebeichtet habe. Gebeichtet? Ja, denn ich hatte damals ein wahnsinnig schlechtes Gefühl, schwul und somit anders zu sein. Jeder Betroffene kennt das, auch in meiner Umgebung waren Schwulenwitze und dumme Sprüche über ‚Tucken’ an der Tagesordnung. Natürlich hatte mich das geprägt, zumal ich ein eher schüchterner und introvertierter Mensch bin. An einem gemütlichen Abend zu zweit habe ich es ihr dann gesagt. Erst hatten wir zusammen ein paar Videos angeschaut und sie wollte bei mir übernachten, denn wir hatten feine Sachen getrunken, Sekt mit Pfirsichlikör halbe halbe, und so haben wir es uns schließlich in meinem Doppelbett – ich brauche nachts immer viel Platz – gemütlich gemacht und plauderten über Gott und die Welt. Irgendwann rutschte es mir einfach raus, plump und plötzlich, ehe ich es mir wieder anders überlegen konnte. Jessica krabbelte zu mir rüber und nahm mich ganz fest in den Arm. Wir haben den Rest der Nacht gekuschelt und seitdem ist unsere Freundschaft noch besser geworden.

Zwölf Jahre war das jetzt schon her. Wie wahnsinnig schnell doch die Zeit verging. Selbst mein Diplom habe ich seit fünf Jahren in der Tasche, ich hatte in Tübingen Chemie und BWL studiert und arbeitete seitdem in München. Mit meiner Stelle hatte ich seinerzeit großes Glück, ich fühle mich sehr wohl an meinem Arbeitsplatz. Im Studium habe ich mich mit meinem Outing in den ersten Semestern zunächst zurückgehalten, mir fehlte schlicht der Mut. Zunächst wollte ich meine Eltern aufklären, sie verdienten doch, die Wahrheit zu erfahren. Im vierten Semester dann ergab sich eine gute Gelegenheit. Meine Eltern nahmen es verhältnismäßig gelassen auf, dass ihr jüngster Sohn schwul ist und sie von ihm keine Enkelkinder zu erwarten haben. Etwas später erzählte ich auch meinen Geschwistern von meiner Homosexualität. Meine Schwester freute sich regelrecht für mich, als wäre Schwulsein etwas hervorragend Tolles. Die Reaktion meines älteren Bruders wunderte mich nicht wirklich, ihm war es einfach gleichgültig, wir verstehen uns bis heute nicht besonders gut und es war schon immer so. Für ihn war ich immer der kleine dumme Bruder, der von nichts richtig eine Ahnung hat und sowieso nicht ernst zu nehmen ist. Meine besten Freunde erfuhren nach und nach von mir, meine Arbeitskollegen wissen nun auch Bescheid. In Tübingen hatte ich die ein oder andere feste Beziehung zu einem Mann, aber der Traumprinz war noch nicht dabei, von kurzen Affären zum reinen Spaß hielt ich mich bewusst fern und daran wird sich für mich auch weiterhin nichts ändern.

Erschrocken blickte ich in den Spiegel und musterte den, der mich da aus tiefen Augenhöhlen, mit schwarzen Ringen unter den Augen und bleicher Haut anstarrte. Meine dunkelbraunen Haare konnte man nur als dunklen Schatten erahnen, denn ich rasiere mir regelmäßig den Schädel, was zum Glück seit ein paar Jahren nicht mehr unbedingt mit einer gewissen politischen Gesinnung identifiziert wird. Ich mag es einfach, außerdem sagt man mir nach, dass ich eine sehr schöne Kopfform habe. Meine dunklen braunen Augen und ein markantes, kantiges Gesicht mit gerader wohlgeformter Nase treten dadurch noch mehr hervor. Mein sinnlicher voller Mund lächelt gern und ein paar Grübchen zeichnen sich dabei ab. In dieser Hinsicht darf ich mit mir zufrieden sein, mein Gesicht ist wirklich recht hübsch. Dafür bin ich mit meiner Figur wiederum gar nicht zufrieden. Zwar ist mein Körper durchaus wohlgeformt, aber er ist seit jeher viel zu dünn.

Nach einer erfrischenden und ausdauernden Dusche konnte ich mich im Spiegel wiedererkennen und lächelte versonnen vor mich hin. Ich freute mich auf Weihnachten, es ist ein schönes Fest, welches ich mir durch nichts und niemanden zerstören lasse. Zwar lief es bei meinen Eltern, wo sich meine Familie immer traf, nicht immer nach meinen Wünschen ab, aber davon ließ ich mich nicht weiter beirren und machte einfach das beste daraus. Weihnachten ist das Fest von Liebe, Frieden, Romantik, kuscheliger Atmosphäre und Gemütlichkeit. Draußen tobt der Wind, schneidende Kälte, glitzernde Schneeflocken irren durch die Luft, im Haus ist es mollig warm, Kerzen brennen, passende ruhige Musik, ein guter Weihnachtstee oder heiße Schokolade, Zimtsterne und Marzipan… diese und andere Gedankenfetzen ließen es mir warm werden. Leider sah die Realität oft anders aus und es liegt schließlich in jedermanns Verantwortung, dafür verdammt noch mal was zu tun, auch mal zurückzustecken, damit es trotz aller Ungleichheit der Menschen harmonisch und schön wird. Ihr merkt schon, ich bin ein Idealist und ein Optimist dazu. Aber beneidet mich nicht, ich musste hart daran arbeiten, mich nicht hängen zu lassen und weiß sehr gut, was es heißt, durch düstere Täler marschieren zu müssen. Aber genug davon.

Schnell schlüpfte ich in meine Retro, zog wohl oder übel meine lange Sportunterhose an, da ich es nicht ausstehen kann, frieren zu müssen, meine dicken Socken, enge dunkelblaue Jeans mit Schlag und meine schweren schwarzen Wanderschuhe, schon war ich unten herum komplett. Eigentlich finde ich Jungs in Jeans mit nacktem Oberkörper total erotisch, aber ich bin nun einmal dazu verdammt, mit meiner Statur eben nicht den Speichelfluss anderer Männer anzuregen, zumindest nicht meinen eigenen. Wie war das noch mit dem positiven Denken? Also einfach in das enge schwarze T-Shirt schlüpfen und den dicken silbergrauen Wollpullover mit Rollkragen und Zipper drüberziehen, fertig. „Immer diese Überbetonung der Äußerlichkeiten“, grummelte ich in mich hinein, „Muskeln sind nicht alles im Leben…“

Nach einem ausgiebigen Frühstück, bestehend aus zwei dicken Scheiben Weißbrot, Butter, selbstgemachter Erdbeermarmelade, Schokocreme und einer großen Tasse Milchkaffee, überlegte ich mir den weiteren Tagesablauf. Es standen einige Besorgungen an, für meine Familie brauchte ich noch das eine oder andere Geschenk und für mich selbst ein paar Lebensmittel. Nach einem Blick auf die Uhr, es war schon halb zehn durch, beschloss ich, aufzubrechen.

Als ich gerade meine knallrote Daunenjacke anzog und mir Handy und Geldbörse einsteckte, klingelte das Telefon.

„Hallo Nathanael…“, erklang die Stimme meiner Mutter aus dem Hörer.

„Hallo Mama!“

Nun, meine Mutter mit 32 Jahren auf dem Buckel noch ‚Mama’ zu nennen, mag den einen oder anderen befremden, aber wir verstanden uns schon immer gut und ich hatte mir diese Gewohnheit schlicht und einfach bewahrt.

„Sag mal, wann kommst du denn heute zu uns? Magst du zum Kaffeetrinken kommen oder schon zum Mittagessen?“

„Mama, warum rufst du schon so früh an? Ich war gestern noch mit Jessi unterwegs, hast Glück, dass ich überhaupt schon auf bin“, kam es etwas vorwurfsvoll über meine Lippen. Meine Mutter würde es nie lernen, ich bleibe wohl bis in Ewigkeit ihr ‚Junge’. Sie begreift nicht, dass es Leute gibt, die nicht Tag für Tag abends um zehn im Bett verschwunden sind.

„Nathanael, es ist gleich viertel vor zehn, da kann man wohl aufgestanden sein“, beharrte sie weiterhin auf ihrem Standpunkt.

Schweigen. Natürlich war es das beste, ich sagte nichts weiter, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt, ein Themenwechsel war fällig.

„Ich muss noch in die Stadt, Mama, einiges erledigen. Keine Ahnung, wann ich wieder zurück bin. Sobald ich wieder hier bin melde ich mich bei euch und sage, wann ich komme.“

„Ja, ist gut, dann bis später“, seufzte meine Mutter, es schien ihr nicht wirklich zu passen, aber das konnte ich nicht ändern. Schon hatte sie aufgelegt.

Puh, war das draußen kalt heute, regelrecht unerbittlich blies ein eiskalter Wind und rötete die Wangen derer, die es sich noch antaten, sich vor dem Fest ins Getümmel zu stürzen. Zum Glück hatte ich meine Fleece-Mütze aufgesetzt, das war ein guter Kauf gewesen, stellte ich zufrieden fest. Der Himmel war Wolkenverhangen und prüfend ging mein Blick nach oben. Ob es noch schneien würde?

Die Sparkasse war nicht weit, ein paar hundert Meter um zwei Ecken, schon war ich da. Es handelte sich um eine kleine Zweigstelle. Als ich das Gebäude betrat, schluckte ich. Zwei Bankautomaten waren in Betrieb, der übrige Bereich war noch nicht fertig renoviert. Eigentlich sollten zum 1. Dezember alle Arbeiten abgeschlossen sein, aber es war zu immer neuen Verzögerungen gekommen. Zu allem Überfluss klebte vor einem der beiden eigentlich intakten Automaten noch ein Schild mit großen schwarzen Lettern: ‚Defekt‘. Könnt ihr euch vorstellen, wie lang die Schlange vor dem einen Automaten war? Was blieb mir anderes übrig, als zu warten. „Nathanael“, sagte ich zu mir selbst in Gedanken, „du bleibst jetzt hier und entspannst dich, es gibt keinen Grund sich aufzuregen oder zu hetzen, nimm es als Training, ganz gelassen zu sein.“ Fast gelang mir das auch.

Dann wurde ich auf einen Mann vor mir aufmerksam, als dieser sich kurz umdrehte. Mein Blick fiel in ein sehr hübsches Gesicht, große braune Augen, markante Gesichtszüge, strubbelige schwarze etwas längere Haare, ein unglaublich hübsches Gesicht, aber es strahlte nichts als Traurigkeit aus. Es stach mir regelrecht ins Herz und ich malte mir bereits aus, was diesen Mann bewegen mochte. Wie alt er wohl war? Vielleicht Mitte bis Ende zwanzig. Also gar nicht so sehr viel jünger als ich. Etwas kleiner als ich war mein schöner, trauriger Unbekannter, aber deutlich kräftiger. Ob er eine gute Figur hat? Ein wenig ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich mal wieder über derlei Oberflächlichkeiten stolperte. Dummerweise schaute er sich nicht mehr zu mir um, was ich äußerst bedauerte. Sein übriges Erscheinungsbild war schlicht und ärmlich. Sein olivgrüner Parka zeigte deutliche Abnutzungserscheinungen und sah nicht gerade nach teurer Kleidung aus, um es freundlich zu sagen. Auch seine blaue Jeans war abgetragen, die Schuhe ungepflegt und ziemlich hinüber. Komischerweise machte mir das gar nichts aus, im Gegenteil, nachdem ich in sein schönes Gesicht geblickt hatte, konnte mich das alles nicht einen Funken negativ stimmen, höchstens ein wenig Mitleid regte sich in meiner Mitte, da ich das Gefühl hatte, dass es diesem Menschen nicht gerade glücklich zumute war im Leben.

Er hatte mich gar nicht richtig angesehen, er schaute mit einem leeren Blick durch mich hindurch…; ich zuckte bei diesem Gedanken zusammen. Am liebsten hätte ich diesen Kerl in den Arm genommen und ganz fest an mich gedrückt, um ihm ein wenig Trost und menschliche Wärme zu spenden. Kennt ihr solche Situationen? Der Mann war mir spontan sympathisch und ich spürte eine gewisse Seelenverwandtschaft, zumindest bildete ich mir das ein. „Nathanael, du bist zu lange solo, kein Wunder, dass dir derart blödsinnige Gedanken kommen“, versuchte ich meine Gefühle zu verscheuchen. Aber wie Fliegen im Sommer, so aufdringlich kamen sie wieder zurück, unerbittlich und hartnäckig umkreisten sie mein Gemüt.

Ganz in Gedanken hätte ich fast verpasst, dass ich an der Reihe war, mein Geld abzuheben. Schnell schob ich meine Karte in den Schlitz und tippte meine Geheimnummer ein. Als ich mein Geld verstaute, mich umdrehte und das Gebäude verließ, fiel mir mein schöner Vordermann auf. Er stand draußen in der bitteren Kälte – Passanten liefen hektisch vorbei – und weinte, da bestand kein Zweifel. Es schien ihm zwar einigermaßen unangenehm zu sein, doch liefen ihm die Tränen nur so sein Gesicht hinab. Ich wusste sofort, dass ich nicht einfach weitergehen würde; das konnte ich nicht, durfte ich nicht. Etwas unsicher stockte ich in meiner Bewegung und setzte erst einmal wieder meine Mütze auf, um Zeit zu gewinnen, dann ging ich, meinen ganzen Mut zusammennehmend, auf ihn zu und sprach ihn an.

„Hallo, kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich möglichst diskret und behutsam. Das ‚Du’ wählte ich bewusst, um einen persönlicheren Kontakt zu forcieren.

Der junge Mann schaute mich abgestumpft an, Verzweiflung konnte ich spüren, ihm schien es in diesem Moment nicht einmal sonderlich peinlich zu sein, hier vor den Leuten zu stehen und zu heulen, vielleicht, weil er so sehr in seinem Kummer gefangen war?

„Was willst du überhaupt von mir?“, fragte er nur tonlos. Vergeblich versuchte ich, aus seiner Reaktion zu erforschen, was er empfand.

„Dir helfen?“, fragte ich etwas blöde, weil mir nichts besseres zu entgegnen einfiel. Natürlich klang das abgedroschen und unpassend, aber doch spiegelte es meine innerste Sehnsucht wider, die schon in der Sparkasse in mir aufgekeimt war. Es ‚Liebe auf den ersten Blick’ zu nennen, wäre (noch?) weit übertrieben gewesen, aber spontan hatte ich mich schon ein wenig in den guten Jungen ‚verguckt’.

„Ach lass mich in Ruhe und hau ab!“, zischte es mir entgegen. Aber sogleich war mir klar, dass diese Reaktion durchaus eine Art des Selbstschutzes und Ausdruck der Verzweiflung sein konnte; oder ich war wirklich an der falschen Adresse. Was hatte ich zu verlieren?

„Oh, dir scheint es aber wirklich dreckig zu gehen, ist es das? Vielleicht freust du dich ja einfach über einen Menschen, der es gut mit dir meint? Man muss nicht Albert Einstein sein, um zu kapieren, dass es dir so richtig beschissen geht. Und in Tränen wirst du sicher auch nicht ständig ausbrechen, wenn du unterwegs bist. Kann ich was für dich tun?“ Eigentlich verwendete ich keine Kraftausdrücke, aber das Wort ‚beschissen’ traf den Nagel auf den Kopf.

Anstatt mir zu antworten, weinte der arme Kerl noch herzzerreißender und schlug sich inzwischen die Hände vor das Gesicht. Ich war erschüttert; so einen Ausbruch des Leidens hatte ich zuvor nur selten in der Öffentlichkeit erlebt. Traurig auch, dass die Situation sonst niemanden zu berühren schien, im Gegenteil, die vorbeieilenden Menschen wandten ihre Köpfe absichtlich in eine andere Richtung, manche starrten auch einfach dümmlich herüber; wie mich das wütend machte!

Nach ein paar Minuten schien sich mein Gesprächspartner etwas zu beruhigen, er wühlte in seinen Taschen, zog eine Packung Taschentücher hervor, die auch schon mal bessere Zeiten erlebt hatte, nahm sich ein Taschentuch und schnäuzte sich ausgiebig. Seine Augen waren gerötet und sein ganzes Gesicht tränenverschmiert, schließlich sprach er doch mit mir:

„Ach, ich habe nur Pech, es nimmt gar kein Ende, meinen Job bin ich seit Jahren los, wer will mich schon noch, bin ja quasi schon ausrangiert, mein Vater ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben, mein Bruder hatte kurze Zeit später einen tödlichen Motorradunfall, meine Mutter hat sich daraufhin das Leben genommen, sie hat meinen Vater sehr geliebt und mein Bruder war ihr ein und alles, ich bin total abgerutscht, Depressionen, hab meine Freunde verloren, niemand wollte mehr was mit mir zu tun haben, nun lebe ich von Hartz 4, bin doch der letzte Dreck, neulich habe ich 200 Euro verloren, ich wollte mir davon ein paar Sachen zum Anziehen kaufen und meine Lebensmittel auffüllen, so eine Scheiße, jetzt hat eine Versicherung Geld abgebucht und ich bin blank, ich hab nicht mal was abheben können, um über die Feiertage zu kommen, ich habe nichts mehr, ich habe mich total zurückgezogen, weiß niemanden, den ich anpumpen könnte, was für ein tolles Weihnachten, was für ein tolles Leben…“, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Überdeutlich artikulierte er all seinen Frust, all seine Verzweiflung, all seine Not, und währenddessen flossen erneut Tränen über sein Gesicht. Dann verstummte er und schniefte erneut in sein Taschentuch.

Das, was ich da eben gehört hatte, erschütterte mich zutiefst, meine eigenen Sorgen verflüchtigten sich in diesem Moment zu einem unbedeutenden Nichts und ich nahm mir fest vor, ein dankbarerer Mensch zu werden. Was musste dieser junge Mann für ein Elend durchleiden, und ich beschwerte mich zuweilen über Kleinigkeiten. Aber was war nun zu tun?

„Ich heiße Nathanael“, versuchte ich erst einmal eine Brücke von mir zu ihm zu schlagen.

„Heiße Daniel.“ Und er verstummte auch schon wieder und schaute mich aus großen traurigen Augen verzagt an.

„Wo willst du nun hin?“, fragte ich, selbst etwas unsicher.

„Weiß nicht, kann mich ja irgendwo besaufen, aber nicht mal dafür reicht es. Ich gehe nach Hause.“

„Komm, ich gehe ein Stück mit, okay?“, schlug ich vor, einfach, um Zeit zu gewinnen.

„Von mir aus…“, kam es von ihm. Etwas enttäuschend, so eine Reaktion, aber ich vermutete, dass er einfach nur total fertig war und daher so reagierte. Woher ich diesen Optimismus nahm, weiß ich bis heute nicht.

Ein paar hundert Meter schlenderte ich neben ihm her, als Daniel auf eine überfrorene Stelle getreten sein musste, jedenfalls rutschte er aus, knickte mit seinem Fuss um und wäre gestürzt, wenn ich ihn nicht zu fassen bekommen und aufgerichtet hätte. Es ging zu schnell, als dass ich diese Nähe zu ihm hätte genießen können.

„Hey, Daniel, nicht so stürmisch, willst ja nicht Weihnachten im Krankenhaus feiern, oder?“, zwinkerte ich ihn an.

„Autsch“, jammerte er und humpelte ein wenig. „Verdammter Mist!“, setzte er hinterher.

„Was ist los?“

„Ich bin ordentlich umgeknickt, das tut ganz schön weh, kann im Moment kaum auftreten. Was ist nur los? Warum schon wieder ich?“

„Willst du damit zum Arzt, was denkst du? Wie schlimm ist es? Soll ich dir etwas helfen? Komm, ich begleite dich bis nach Hause, das heißt, wo wohnst du überhaupt?“

„In einem dieser Asi-Blocks in der Margaretenstraße. Wäre echt nett, wenn du mir ein klein wenig hilfst, ist ja zum Glück nicht weit, zum Arzt geh ich auf keinen Fall!“

Das klang doch schon etwas netter, immerhin wollte er meine Hilfe annehmen.

„Kennst du dieses Hausmittel mit den Quarkumschlägen? Vielleicht kannst du dir damit ein bisschen helfen? Hast du Quark im Haus?“

„Ja, hab ich schon von gehört. Quark hab ich aber keinen da“, meinte Daniel achselzuckend.

„Komm, wir gehen, da drüben ist eh der Spar, da kauf ich dir geschwind ein Päckchen und keine Widerrede, das ist wirklich eine gute Sache, wird dir gut tun.“ Ich bemühte mich dabei um einen angenehmen auflockernden Ton.

Er wechselte die Seite und stützte sich dann etwas auf mich auf. So gingen beziehungsweise humpelten wir los. Im Supermarkt kaufte ich ihm gleich zwei große Packungen Quark, ich meinte es eben gut, und bekam es dann sogar hin, mich an der Kasse geschickt durchzudrängeln, indem ich etwas von einem Notfall und einem verunfallten Freund nuschelte.

Ein paar Minuten später kamen wir bei Daniel an. Margaretenstrasse 39, das merkte ich mir. „Wie heißt du mit Nachnamen?“, fragte ich möglichst unauffällig.

„Niehoff“, kam es knapp von Daniel. „Ich wohne im dritten Stock.“

Als wir oben an seiner Etagentür angelangt waren, seufzte Daniel erleichtert auf und kramte seinen Schlüssel hervor.

„Sag mal, Daniel, wie verbringst du denn Weihnachten, was machst du heute noch so?“

„Nichts, ich bin allein. Werde wohl irgendwas im Fernsehen anschauen oder was weiß ich.“ Die Antwort kam äußerst knapp und leicht schneidend; seine Situation musste ihm zusetzen.

„Na dann, eine möglichst schöne Zeit!“, wünschte ich ihm und kam mir vor wie ein Arschloch, weil ich mit dem Messer in seiner Wunde bohrte. Sogleich biss ich mir auf die Lippe und schwieg.

„Oh, vielen Dank, werde ich sicher haben“, triefte es nur so vor Sarkasmus und Verbitterung. Zumindest glaubte ich, das zu spüren.

„Ich feiere mit meiner Familie…“, und schon wieder verfluchte ich meine Worte, ich machte es doch nur noch schlimmer. Derweil lief ich leicht rot an und schämte mich, wie taktlos und unpassend ich daherschwafelte. Aber was sollte ich denn bitte sagen?

„Daniel…“, sprach ich weiter, „es tut mir Leid, das alles tut mir echt Leid, ich weiß leider nicht, was ich kluges sagen soll, ruf mich an, wenn du magst, ich denke, du bist ein netter Kerl. Komm raus aus deinem Schneckenhaus.“, sprach es, zog eine Visitenkarte aus meinem Portemonnaie und drückte sie ihm in die Hand. „Ach, und hier, der Quark, ist ein kleines Weihnachtsgeschenk. Nimm ein Tuch, zwei bis drei Esslöffel Quark drauf verteilen und das Ganze um das Fußgelenk binden; bin auch kein Profi, irgendwie so…“

„Danke, Nathanael, ich hab schon lange nicht mehr so viel mit einem Menschen am Stück gesprochen…“ Und schon war die Tür geschlossen und Daniel hinter ihr verschwunden.

Nachdenklich stieg ich die Treppen hinab und ging ein Stück. Stopp, wohin führte eigentlich mein Weg, wohin lief ich da eigentlich? Ich blieb stehen und dachte einen Moment lang nach, wobei ich sogar die schneidende Kälte vergaß. Plötzlich ging ein Lächeln über mein Gesicht und ich tippte eine Nummer in mein Handy


Nun musste ich mich aber beeilen. Es gab noch viel zu tun. Um halb drei war ich wieder daheim und hatte alles soweit vorbereitet. Ein wenig erschöpft kochte ich mir erst einmal einen Milchkaffee und nahm mir die Zeit, ihn in aller Ruhe gemütlich zu trinken. Aus dem Radio erklangen weihnachtliche Lieder und draußen tobte der Wind, ein paar Schneeflocken wehten durch die Luft; ob es noch weiße Weihnachten geben würde? Wie sehr ich das liebe!

Bevor ich aufbrechen würde, wollte ich nochmals duschen und mich passend kleiden. Schwer bepackt verließ ich gegen 16 Uhr meine Wohnung und stieg ins Auto. Der Weg war nicht all zu weit. Nachdem ich zweimal eine Runde gedreht hatte, fand ich in der Margaretenstrasse einen Parkplatz, ein Stück weit von Hausnummer 39 entfernt. Ich fluchte. Mit all den Sachen war es ein ganz schöner Akt… Schließlich stand ich vor der Eingangstür und drückte die Klingel mit dem etwas verblichenen Namensschild; D. Niehoff war dort zu lesen. Einige Zeit tat sich gar nichts und ich wurde etwas nervös. Was, wenn Daniel doch nicht daheim war oder erst gar nicht öffnete? Zweifel drängten sich an die Oberfläche meines Bewusstseins und plötzlich fand ich es einfach nur lächerlich, was für eine Show ich hier abzog. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich hatte mich mit meiner Mutter mehr oder weniger gestritten, hatte die Familie versetzt, so etwas tut man doch nicht zu Weihnachten? Was glaubte ich eigentlich, wer ich war? Und Daniel kannte ich auch kein Stück. Oh mein Gott. Was hatte mich getrieben? All mein Mut, all meine Courage zerfielen zu einem jämmerlichen Häuflein Staub. Wie lange stand ich hier nun? Was hatte ich zu verlieren? Die Kälte kroch mir gnadenlos in den Leib und lange konnte ich die ganzen Sachen auch nicht mehr tragen.

Ich drückte noch einmal lang und ausdauernd auf die Klingel. Letzter Versuch, sagte ich mir. Nach einer Weile hörte ich Daniels Stimme durch die Sprechanlage.

„Ja bitte?“ Fast könnte ich schwören, er hatte geweint.

„Hallo, ich bin es, Nathanael!“, rief ich möglichst fröhlich. „Hast du ein bisschen Zeit? Ich hab eine kleine Überraschung für dich.“ Puh, ich war schon ziemlich nervös. Wie würde Daniel reagieren?

Schon stand ich vor seiner Tür und wir musterten uns gegenseitig. Seine Augen wurden ganz groß, als er sah, mit wie viel Tüten und Taschen und Kartons ich bepackt war.

„Darf ich hereinkommen?“, fragte ich etwas verlegen.

„Was willst du hier? Bitte versteh es nicht falsch, ich freue mich schon, dich wiederzusehen, du warst wirklich sehr nett zu mir, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was das jetzt hier werden soll. Kommst du wegen mir?“

Daniel war ein großes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben und ich fand, dass er in seiner Unsicherheit noch viel niedlicher aussah als heute morgen. Er trug einen abgetragenen, schlichten, grauen Jogging-Anzug, aber sein Gesicht strahlte trotz seiner Blässe und Traurigkeit eine Schönheit aus, die mich – ganz persönlich mich – wie ein brennender Pfeil ins Herz traf und ein Feuer entfachte, dem ich mich nicht mehr zu entziehen vermochte. Wenn nun noch der Rest passte, der Charakter von annähernder Schönheit wie sein Gesicht wäre, würde ich mich vermutlich Hals über Kopf verlieben. Oh mein Gott, ich fürchtete mich ernsthaft, denn wie immer kam mir die Floskel in den Sinn: Der ist sicher nicht schwul; ihr kennt das alle doch nur zu gut!

Dennoch glaube ich an ein Schicksal, an eine Fügung, daran, dass irgendwie letztlich alles gut wird. Ich hatte heute morgen schon das Gefühl der Seelenverwandtschaft gespürt. Je mehr ich nachdachte, desto mehr schöpfte ich Hoffnung und begann, zu lächeln. Ich stand einfach dort in der Tür und lächelte ihn an, versuchte, all meine Sympathie, all meine Hoffnung und meinen Optimismus in dieses Lächeln hineinzulegen.

Daniel stand vor mir und ich hatte den Eindruck, er schmolz wie Eis in der Sonne. Er war wie ein trockener Schwamm, der jede Feuchtigkeit um sich herum aufsog, er litt unter Einsamkeit und vielen anderen Widrigkeiten. Jeder andere Mensch hätte ihm ein wenig davon geben können, was ich ihm in diesem Moment geben durfte. Es war so wenig, und doch so viel.

Schon ein wenig froher klang seine Stimme: „Mensch, ich Idiot, ich lasse dich hier einfach stehen, verzeih mir, ich bin total überrumpelt. Komm einfach rein. Herzlich willkommen. Allerdings… es ist nicht gerade toll hier, ich kann mir nichts besseres leisten und… ich habe nicht einmal etwas geeignetes im Haus, was ich dir anbieten könnte.“ Er schämte sich offensichtlich, und das tat mir richtig weh. „Wie lange willst du eigentlich bleiben, Nathanael? Deine Familie erwartet dich doch sicher bereits.“ Und schon zeichnete sich erneut das Unglück auf seinem Gesicht ab.

„Daniel, bitte, wenn ich das mal ganz schlicht so sagen darf: Ich bin wegen deiner Person da, nicht, um eine exklusive Wohnung zu besichtigen, und anbieten musst du mir auch nichts…“ Ich zwinkerte ihm vielversprechend zu. „Und wenn du mich so lange erträgst, dann feiere ich mit dir gemeinsam Weihnachten. Das war eine spontane Idee und meine Familie weiß Bescheid. Es tat mir so Leid, dass du alleine sein sollst und da dachte ich, ich kann dir eine kleine Freude damit machen. Vielleicht können wir sogar Freunde werden, wer weiß, ich denke, wir haben uns bisher ganz gut verstanden.“ Wieder lächelte ich ihm aufmunternd zu und hoffte, dass er sich ein wenig freuen würde.

Daniel war erst mal sprachlos. „Echt? Du willst….. Ehrlich?… Mit mir?“, stotterte er ungläubig. „Das kann ich doch nicht annehmen. Weihnachten ist das Fest der Familie! Stört es deine Angehörigen denn gar nicht, dass du heute bei einem Fremden deine Zeit verbringst? Also ich bin echt baff, damit hätte ich nie im Leben gerechnet…“ Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Nathanael, deine überaus liebenswürdige Art macht mir Mut, ich kann dir sagen, dass ich mich mehr als freue, dass du da bist und auch ich finde dich wirklich sehr nett, sehr nett… Es wäre mir eine große Freude, wenn wir vielleicht so etwas wie Freunde werden könnten.“

Diese Worte hatten Daniel enorme Überwindung gekostet, dessen war ich mir ganz gewiss. Sicher, jeder Mensch riskiert sich ein Stück weit, indem er dem anderen etwas von sich offenbart, vor allem, wenn er ihm seine Sympathie oder gar Liebe schenkt, so ist er dem Gegenüber völlig ausgeliefert, auf Gedeih und Verderb, um von ihm emporgehoben oder hinabgeworfen zu werden, was für eine Chance, was für ein Wagnis. Daniel erschien mir in diesem Moment noch verletzlicher, noch zerbrechlicher, ich musste mich äußerst zusammenreißen, um nicht alle Tüten und Kartons fallenzulassen und ihn an mein Herz zu drücken.

Apropos Tüten und Kartons, die konnte ich nicht länger mit mir herumschleppen und mit einer gemurmelten Entschuldigung ließ ich sie am nächstbesten Ort mehr oder weniger sanft auf den Boden purzeln. „Sorry, ich musste das mal loswerden“, grinste ich. „Ansonsten kann ich nur sagen, dass meine Familie zugestimmt hat…“ – das war die halbe Wahrheit – „und dass ich mich freue, hier zu sein, ich bin mir sicher, dass wir uns einen richtig schönen Abend machen werden.“ Ich lächelte schon wieder, aber es fiel mir bei meinem Gegenüber auch nicht schwer, zumal er es einfach brauchte.

„Entschuldige, ich bin einfach überrascht…“ Daniel schloss die Tür und nahm mir meine Daunenjacke ab. Ich hatte mich entsprechend gekleidet, wollte ihn nicht beschämen mit edler Kleidung, sondern hatte schlichte, aber ordentliche Sachen gewählt, eine schwarze enge Jeans mit Schlag, meine schwarzen klobigen Wanderschuhe, die ich heute morgen schon getragen hatte, silbergrauer Rolli und schwarze Fleece-Jacke.

„Gut siehst du aus“, rutschte es Daniel heraus und er lief sogleich leicht rötlich an. Ich setzte mein strahlendstes Lächeln auf und war auf der Stelle glücklich. „Komm, wir gehen rüber, setz dich doch erst mal“, meinte Daniel und schob mich in einen der beiden kleinen Räume, die sich dem Flur angliederten. Die Wohnung schien aus einem winzigen Badezimmer, einem kleinen Schlafraum und einer etwas größeren Wohnküche zu bestehen. Sicher, es gab wahrlich nicht viel Platz und eine Renovierung hätte auch nicht geschadet, aber gemütlich war es dennoch, zumal Daniel da war. Die Möbel waren alt und nicht besonders teuer, das konnte man nach dem ersten Blick feststellen. Neben der Küchenzeile stand ein kleiner Tisch mit vier Stühlen und gegenüber eine Sitzgruppe bestehend aus einem Sofa und zwei Sesseln, zur linken ein längeres Regal mit ein paar Büchern, einem Fernseher und einigen anderen Kleinigkeiten. Das war alles.

Die Küche sah einigermaßen ordentlich aus, aber ansonsten schien Daniel nicht gerade der König der Ordnung zu sein, überall lag etwas herum. Ich musste grinsen und ich denke, er wusste warum. „Nathanael, es tut mir Leid, ich bin echt unordentlich und es ist armselig hier, es tut mir Leid.“

„Daniel, ich möchte von solchen Dingen nichts mehr hören, hast du kapiert? Du musst dich nicht für so etwas entschuldigen. Begreif das bitte endlich! Ich bin wegen dir da und nur wegen dir, deine Wohnung ist mir unwichtig und dein Chaos stört mich auch nicht“, lachte ich und ließ mich in einen der Sessel fallen.

„Okay, ich habe verstanden…“ ‚Mein’ Daniel lächelte mich an! Er reichte mir die Hand, als wolle er einen Handel besiegeln. Der Händedruck tat mir gut und ich genoss diese Berührung. Ich ließ nicht wieder los – und er ließ nicht wieder los. Ich meine, wir beide genossen diesen Moment und schauten uns lange in die Augen. Das Eis war endgültig gebrochen. Neue Hoffnung machte sich in mir breit. Vielleicht ist er doch……? Noch ließ sich dazu natürlich nichts sagen.

„Wie hast du dir den weiteren Tagesverlauf vorgestellt, Nathanael?“, fragte Daniel mich, indem er sich aus meiner Hand löste und es sich auf dem Sofa gemütlich machte.

„Lass mich überlegen…, ich würde vorschlagen, wenn du mir soweit vertraust und mich hier ein wenig allein lässt, dann geh du doch ganz in Ruhe rüber zum Duschen, zieh dir was an, äh, worin du dich wohl fühlst oder was du halt so hast, und in der Zeit kümmere ich mich etwas um die Wohnung, lass dich überraschen…“, ich grinste ihn an und zwinkerte ihm zu, „… und dann können wir uns einen netten Abend machen. Oh mann, da fällt mir ein, kann ich mal einiges bei dir im Kühlschrank unterbringen?“

„Klar kannst du das, ganz links die einzige Tür in Augenhöhe.“ Daniel zeigte in Richtung seiner Küche „Und natürlich können wir das so machen, was habe ich schon zu verlieren? Ich geh dann mal duschen.“ Ein wenig Bitterkeit kehrte in seine Stimme zurück, aber schon versuchte er ein Lächeln, erhob sich und verließ den Raum.

„Moment…, Daniel?“

„Ja?“

„Hast du eine Gelegenheit, Musik zu hören, einen CD-Spieler oder so etwas?“

Daniel blickte beschämt zu Boden. „Nein, leider nicht, nichts dergleichen.“

„Ist doch kein Problem. Ich hab an alles gedacht. Warte, ich lauf schnell noch mal runter zum Auto, machst du mir gleich wieder auf?“

Natürlich war letzteres nur eine rhetorische Frage gewesen. Im Vorbeigehen bemerkte ich, wie Daniel mich ein wenig erstaunt ansah. Ich hoffte, er würde sich freuen und Musik zumindest einen Bruchteil so lieben wie ich. Eine gute CD gehörte zu einem gemütlichen Abend einfach dazu. Darauf konnte ich nicht verzichten.

Wenige Minuten später betrat ich etwas außer Atem erneut Daniels Wohnung. Die Jacke hatte ich nicht extra übergezogen, das bereute ich bereits bitter und zitterte am ganzen Leib. „Puh, schnell rein in die gute Stube, sonst kannst du mich gleich zu Eiswürfeln verarbeiten.“ Wir lachten beide. „Wo wir schon einmal von frieren sprechen, sag mal Daniel, wie hälst du das hier aus in so einem arktischen Klima?“ Natürlich konnte ich mir denken, dass er sparen musste. So fügte ich mit fester Stimme hinzu: „Jetzt werden erst mal die Heizkörper richtig aufgedreht, ich leg dir einen Geldschein hin, und ich dulde keine Widerrede!“ Das meinte ich ernst, aber grinste Daniel dabei freundlich an. Er zögerte, nuschelte dann aber etwas wie „In Ordnung“ und verschwand im Schlafzimmer.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und tat alles, um für ein erträgliches Klima zu sorgen, die zwei Heizkörper im Wohnraum wurden bis zum Anschlag aufgedreht. Dann verstaute ich alle temperaturempfindlichen Vorräte im Kühlschrank, der bis auf den Quark, den ich heute morgen für Daniel gekauft hatte, fast leer war.

Es war dringend nötig, ein wenig den Wohnbereich in Ordnung zu bringen, also baute ich zunächst meine Kompaktanlage auf, die sonst bei mir im Schlafzimmer stand, und legte eine von meinen mitgebrachten CDs ein.

Die Sache begann, mir Spaß zu machen. Ich hatte eine Menge Kerzen und Teelichter mitgebracht. Aber erst einmal musste etwas Ordnung geschafft werden. Gesagt – getan…

Der Tisch wurde mit einer kleinen weißen Decke versehen, dort stellte ich auch meinen Adventskranz mit den Kerzen auf; noch ein paar sternenförmige Teelichter auf der anderen Seite des Tisches, fertig. In einem Duftlämpchen ließ ich ein wenig Duftöl verdunsten, es handelte sich dabei um eine sehr appetitlich riechende Melange aus Zimt, Orange, Zitrone, etwas Nelke und all diese guten Sachen. Der kleine künstliche, fertig geschmückte Tannenbaum fand seinen Platz auf dem Couchtisch. Ich weiß, ich weiß, ich bekenne mich schuldig, Kitsch ist absolut meine Sache, ich liebe das. Daneben gesellte sich noch mein antiker fünfarmiger Kerzenleuchter und eine Minikrippe mit total süßen Flausch-Schäflein. Dann drapierte ich noch möglichst geschickt einige Lichterketten im Raum, ganz locker, wie es sich ergab, nach einiger Zeit war ich damit zufrieden. Im Regal stellte ich noch ein paar Kitschfiguren auf. Aus einem Karton kramte ich einen großen tönernen Engel hervor, der viele Sternchen-Löcher hatte und in den man ein Teelicht stellen konnte. Der passte ideal in das Regal, in Augenhöhe. Den Stapel Zeitschriften nahm ich dafür heraus, einige der unteren Exemplare rutschten mir aus den Händen und fielen zu Boden. Als ich sie aufhob, breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus.

Fast hätte ich vor Freude aufgeschrieen, aber das verkniff ich mir mühsam. Nun, was war mir da in die Hände gefallen? Ein schwules Magazin. Der gute Daniel war also genauso schwul wie ich oder hatte schlechtestenfalls zumindest keinerlei Berührungsängste mit Homosexualität. Mein Herz begann zu schlagen bis zum Hals, denn ich merkte wohl, dass ich Daniel schon zu diesem Zeitpunkt anziehender fand als mir lieb war; und ich war dankbar für dieses Zeichen. Schnell räumte ich den Stapel ordentlich zusammen und legte ihn neben das Regal auf den Boden. Der große Engel nahm seinen Platz ein und machte sich prächtig…

Nachdem alle Kerzen entzündet waren, schaute ich mich wohlwollend im Raum um, das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Erst jetzt fiel mir auf, dass schon einige Zeit vergangen sein musste und Daniel gar nicht vom Duschen zurückkam. Zögernd trat ich in Richtung Schlafzimmer und lugte um die Ecke. Da saß mein Held auf seinem Bett und schaute ganz unsicher in die Gegend.

„Hi, ich wollte dich nicht stören…“, murmelte er und schaute zu Boden.

Ach, wie niedlich, Daniel konnte ja richtig schüchtern sein; ich grinste ihn an und fand ihn schrecklich anziehend. Er hatte sich richtig schick gemacht, ordentliche blaue Jeans, enges weißes T-Shirt und einen dunkelblauen Pulli, nur umgehängt. Wow, was hatte dieser Kerl für eine tolle Figur, recht kräftig und durchaus gut proportioniert, wenn ich es genauer betrachtete. Mein Blick blieb an ihm kleben und wollte sich gar nicht mehr freiwillig von ihm lösen. Als Daniel das bemerkte, zuckte ich zusammen und meine Wangen röteten sich fatal, das konnte ich deutlich spüren.

„Kommst du?“, versuchte ich, abzulenken und verließ hastig den Raum in Richtung Wohnzimmer.

Dieses Mal wählte ich die Couch und beobachtete Daniels Reaktion, als er den Raum betrat. Er schwieg – und machte große Kulleraugen. Feucht begann es um seine Augen zu schimmern und er hielt die Tränen nicht auf, sie liefen über sein Gesicht und tropften zu Boden. Ich war wie gelähmt und brachte es nicht über’s Herz, zu ihm zu gehen und ihn zu umarmen, hatte regelrecht Angst, ihn zu überrumpeln, zu überfordern, ihn zu bedrängen, wahrscheinlich war ich einfach zu feige.

„Weißt du, Nathanael“, seine Stimme zitterte, „ich bin seit Jahren ziemlich einsam, seit Jahren sitze ich hier zu Weihnachten herum, allein, heule mir die Augen aus dem Kopf, einfach, weil ich so eine Sehnsucht habe, eine unbestimmte Sehnsucht, …, vielleicht doch nicht so unbestimmt, Sehnsucht nach Geborgenheit, Nähe, einem Freund, Sehnsucht nach Liebe und Sinn, so kitschig sich das alles anhören mag… Nun, ich bin sehr gerührt, du hast dir offensichtlich viel Mühe gegeben, es ist wunderschön hier. … – Ich, … ich habe schon lange aufgehört, mir irgendwie Mühe zu geben, habe längst aufgegeben…“, seine Stimme war immer leiser geworden und erstarb. Er ging zu einer Schublade, holte sich ein Taschentuch heraus und schnäuzte sich lautstark die Nase.

Dann kam er zu mir hinüber. Einen Moment hatte ich die Hoffnung, er würde sich zu mir setzen, doch er ließ sich im Sessel neben mir nieder.

„Was hast du nun vor, Nathanael?“

„Ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Hast du Lust, etwas zu kochen? Dann können wir in aller Ruhe gemeinsam essen, ein Glas Wein trinken, und dann sehen wir weiter, mh?“

„Fein“, strahlte Daniel, „das hört sich gut an und da ich sowieso keine Chance gegen dich habe, werde ich mich bemühen, mich einfach fallen zu lassen.“

Fallen lassen klang SEHR gut, am besten in meine Arme… Konnte man mir meine Gedanken übel nehmen?

„Okay, dann legen wir mal los. Was hälst du von einer selbstgemachten Rindfleischsuppe mit Mark-Klössen und Gemüse, die habe ich bereits gestern Abend zubereitet, meine Familie wird heute ohne auskommen müssen, jeder von uns bringt immer etwas mit; Nudelauflauf mit Hackfleisch, Champignons, Tomaten-Sahnecreme-Soße mit Wein abgeschmeckt, zum Dessert eine Dr. Oetker Mousse au Chocolat“, dabei musste ich lachen, jedoch hätte ich wohl kaum selbst eine zubereiten können, da hätte ich schließlich nur noch in der Küche gestanden, „und ich habe auch noch selbstgebackenen Kuchen mitgebracht, auf den meine Familie auch verzichten muss“, grinste ich unverschämt. „Akzeptiert? … Ach, Daniel, dir bleibt gar nichts anderes übrig.“

„Na dann, muss ich wohl damit leben. Klingt aber so, als wenn ich mich nicht besonders arg überwinden müsste“, witzelte Daniel und klang sehr locker und recht froh.

Was war ich erleichtert! Er taute wirklich auf und wir verstanden uns prima. Ich fühlte mich neben ihm wie zu Hause, mein Verlangen stieg ins Unermessliche, diesen Kerl in meine Arme zu schließen und nie wieder loszulassen. Ich weiß, ihr denkt, wie ich so etwas sagen konnte, obwohl ich Daniel noch nicht einmal richtig kannte. Schon richtig. Aber erst einmal hat man seine Gefühle nicht immer im Griff, wie man sollte, weiterhin war mir dieser Mann einfach nur sympathisch und attraktiv noch dazu, zuletzt denkt bitte darüber nach, was ich mit der „Seelenverwandtschaft“ sagen wollte. Nun werfe der, der ohne Schuld ist, den ersten Stein…

„Gut, Daniel, du hast frei, ich bekoche dich, allerdings darfst du mir das ‚Werkzeug’ reichen, denn in deiner Küche kenne ich mich nicht aus.“

Da die Heizung inzwischen ganz gut bollerte, ließ Daniel seinen Pulli vorsichtshalber im Sessel liegen und wuselte mit seinem engen T-Shirt vor mir herum. Mir wurde ganz schlecht und ich bildete mir ein, es immerzu knistern zu hören. Er sagte kein Wort, lächelte mich bloß ständig an und ich musste mich zusammenreißen, mich auf das Kochen zu konzentrieren, anstatt ihn anzuschauen und seine Nähe zu genießen. Ungefähr eine dreiviertel Stunde später brutzelte der Auflauf im Ofen, zum Glück hatte ich meine Überbackform mitgebracht. Dann deckten wir gemeinsam den Tisch und setzten uns.

Inzwischen lauschten wir der Musik, ich hatte Enigma eingelegt, beruhigend, vitalisierend und erotisch zugleich. Daniel mochte die Musik, sagte er zumindest, und das freute mich sehr, denn bei Enigma fühlte ich mich pudelwohl. Wir saßen uns gegenüber und schauten uns einfach nur an. Ich genoss den Zauber dieser Situation; ich spürte Daniels Nähe, wenngleich mich die Entfernung schmerzte, ihn nicht mit ganzem Leib zu spüren. Es war keine unangenehme Stille, auch Daniel lächelte. Eine Atmosphäre des Vertrauens wurde immer greifbarer, obwohl wir uns noch gar nicht so gut kannten.

Nach dem Essen, welches wir schweigend einnahmen, wohlig schweigend, uns immerzu unausgesprochene Botschaften der Zuneigung mit den Augen zuspielend, machten wir es uns in der Sitzgruppe gemütlich. Angenehme Wärme umgab uns, die Luft war geschwängert vom dezenten Geruch des Weihnachtsöls und leise drang der enigmatische Klang in unsere Ohren. Fast wagte ich es überhaupt nicht mehr, diesen Zauber mit einem gesprochenen Wort zu zerstören, doch war mir das Gespräch mit Daniel einfach wichtig, wir konnten ja nicht fortwährend schweigen, das war mir klar.

„Daniel? …“, fragte ich sanft.

„Ja?“ Immer noch umspielte ein leichtes warmes Lächeln Daniels Mund.

„Ich möchte dich kennenlernen, würde gern mehr von dir erfahren, es macht mir nichts aus, dass du arbeitslos bist, Trauriges zu berichten hast, nicht viel Geld hast, ich bin an dir interessiert, an deiner Person, ich möchte dich verstehen, mit dir lachen und weinen…“ War ich zu weit gegangen? Klang das nicht abgehoben, einfach doof, verriet ich zu viel? Besonders sicher war ich meiner Sache nicht.

Daraufhin belohnte mich Daniel mit einem überaus dankbaren, warmen Lächeln und wir redeten und redeten und redeten, tauschten uns aus über unsere Erfahrungen und erzählten uns unser ganzes Leben. Stop… Ein Thema wurde geflissentlich ausgelassen, nämlich unser beider Liebesleben und damit verbundene Sehnsüchte. Daher fühlte ich bald, dass in unserem persönlichen Austausch ein Loch klaffte, denn meine Homosexualität stellte in meinem Leben etwas dar, womit viele meiner Gefühle, inneren Kämpfe, Freud und Leid verbunden war.

„Daniel, ich habe in meinen bisherigen Erzählungen etwas Wichtiges ausgelassen, was ich Dir nicht vorenthalten möchte. Es waren nie Frauen, in die ich verliebt war, sondern stets haben mich Männer angezogen… ich bin schwul, das weiß ich im Prinzip schon mein ganzes Leben.“ Dabei schaute ich ihm fest in die Augen. Der Fund des Heftes stimmte mich optimistisch, und ich hatte nichts zu verlieren, nur zu gewinnen.

Einen Moment lang erwiderte Daniel nichts und schaute mich bloß verträumt an. „Oh mann, Nathanael, das gibt’s doch nicht. Nach so viel Pech fühle ich mich seit langem wieder glücklich, wirklich glücklich. Auch ich bin schwul und ich glaube, es ist mir nie etwas besseres passiert, als dir zu begegnen. Du hast mich bereits jetzt sehr glücklich gemacht… Es ist der schönste Abend seit langem, deine Gegenwart tut so unsagbar gut, ich fühlte mich wie ausgedörrt und genieße seit Stunden jede Sekunde, die du da bist, deine Gegenwart erfüllt mich mit Hoffnung und echter Freude, ich fühle mich einfach wohl. Das meine ich sehr ehrlich, bitte glaub mir das! Wie in einem Gefängnis habe ich mich gefühlt, aus dem ich mich nicht befreien konnte, war versackt in einem tiefen dunklen Loch, und nun ist mir, als hättest du den Schlüssel zu diesem Gefängnis, als würdest du mir ein Seil herablassen in die Tiefe… Du denkst sicher, ich trage dick auf, doch das tue ich gar nicht, der Mensch braucht den Menschen, deine liebevolle Zuneigung ist wie Wasser, was den gebrochenen verdorrten Boden aufweicht und neu belebt. Ein bisschen fühle ich mich wie neu geboren, zumindest ist es ein Anfang, ein Neubeginn, der mir Grund zur Hoffnung gibt, dass alles wieder gut werden kann.“ Tränen glänzten in Daniels Augen, ach was heißt in Daniels Augen, in meinen genauso, ich war gerührt.

Er stand auf und kam zu mir hinüber zum Sofa.

„Darf ich mich zu Dir setzen?“

„Natürlich!“

Zu meiner übergroßen Freude setzte er sich ganz nah zu mir und legte – zunächst zögernd – beide Arme um mich herum, was ich mir gern gefallen ließ. In dieser Position verharrten wir eine ganze Ewigkeit. Wenn doch die Zeit anhalten würde, dieser Moment sollte nie vergehen. Wir lehnten uns zurück und kuschelten uns ganz nah aneinander. Dann erzählten wir uns gegenseitig alle Lücken, über die wir bisher beide geschwiegen hatten, teilten unsere Erfahrungen und Sehnsüchte, was uns im Innersten bewegte. Da war sie wieder, diese Seelenverwandtschaft. Wir vertrauten uns, kannten uns scheinbar seit 100 Jahren, wir waren wohl beide glücklich wie nie. Keiner wagte es, weiterzugehen, den anderen gar zu streicheln, weil schon der Zauber dieses Moments ausgekostet werden wollte, förmlich danach schrie, wie ein tiefer unerschöpflicher Brunnen ausgetrunken zu werden. Die Nähe dieses Mannes war einfach wunderbar, ich spürte seinen starken warmen Körper, seinen ruhigen Herzschlag, eine beglückende Geborgenheit, konnte mich total fallen lassen. Am liebsten wäre ich auf der Stelle eins mit ihm geworden, hätte mich nie wieder aus dieser Umarmung gelöst.

Drei Ewigkeiten später näherten sich unsere Lippen einander, es muss mehrere Minuten gedauert haben, und in diesem Moment der Berührung durchfuhr es mich wie 30000 Volt, nur nicht tödlich, sondern im Gegenteil belebend, wahrhaft elektrisierend, unglaublich. Daniels Lippen waren warm und weich wie Samt, angenehm feucht, ich konnte kaum mehr an mich halten. Unsere Zeit lief nicht mehr in Sekunden und Minuten ab, alles stand still, endlos, das Universum begann, den Atem anzuhalten. Dort wollte ich verweilen, an Daniels Lippen hängend, diese Süßigkeit kosten, nie mehr aufhören.

Und ich begriff, dass dies erst der Anfang war, die äußere Schale der Frucht war freigelegt. Der Duft war betörend, aber die Frucht selbst lag noch vor mir…

ENDE
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Glückliche unglückliche Umstände - by Frenuyum - 12-06-2025, 10:14 AM



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