Liebe spürt keine Last
Schwierigkeiten stören sie nicht
Sie sucht keine Entschuldigung für das Unmögliche
Denn sie denkt, dass alles rechtens ist
Und alles möglich ist.
– Thomas Kemp
Nordland
Acht Monate Winter. Acht Monate Schnee und Eis, Stürme und sibirische Kälte. Mit einer mattgelben Sonne, die selbst mittags so tief steht, dass man beim Autofahren die Sonnenblende herunterklappen muss. So ist es hier Jahr für Jahr. Auf kurze, mäßig warme Sommer folgen viel zu lange Winter. Aber dunkel sind sie niemals, nicht wirklich, denn absolute Dunkelheit gibt es nicht, dort wo das Land monatelang in einen dicken Mantel aus Schnee gehüllt ist. Selbst während der langen Polarnacht, wenn es die Sonne hier oben kaum über den Horizont hinausschafft, erscheint unsere Welt silberweiß und golden, in Nuancen von Kobalt und Veilchenblau, und man kann um Mitternacht aus dem Haus gehen, ohne dass man eine Taschenlampe braucht.
Es hatte mir immer gefallen, aus dem Fenster zu sehen und den nordländischen Winter zu beobachten. An jenem Tag im November aber machte mich der fallende Schnee aus irgendeinem Grund nervös. Ich setzte mich zu meinen jüngeren Geschwistern an den Küchentisch und fragte Marta über das Geschnatter hinweg: »Hat er dich nicht angerufen?«
In diesem Haus herrschte praktisch rund um die Uhr Trubel, was bei fünf Kindern und drei Erwachsenen kaum ein Wunder war.
Unsere Haushälterin stand am Herd, schüttelte ihren perfekt frisierten, silbergrauen Kopf, wirkte jedoch wie gewohnt zuversichtlich: »Ich bin sicher, Ihr Vater wird jeden Moment nach Hause kommen. Vielleicht es gab Notfall in der Klinik oder Auto ist nicht angesprungen.«
Obwohl sie nun schon einige Jahre in diesem Haus arbeitete, hörte man ihren russischen Akzent immer noch deutlich heraus. Er zeigte sich stets in dem rollenden R, den harten Betonungen und an der Art, wie sie beim Sprechen hier und da Wörter verdrehte oder wegfallen ließ. Es wirkte ungelenk, manchmal fast ein wenig kindlich und trotzdem klang das, was sie sagte, stets überzeugend.
Sie rührte mit ihrer Kelle in dem riesigen Topf herum, füllte auch meinen Teller mit dampfender Krabbensuppe und brachte ihn mir.
Nachdenklich lehnte ich mich zurück. »Ich weiß nicht. Eigentlich sagt Pappa immer Bescheid, wenn er sich verspätet.«
Genau genommen war Dan gar nicht mein richtiger Vater, auch wenn ich ihn meistens so nannte. Wie alle anderen an diesem Tisch war ich ein Pflegekind, auch wenn die Bezeichnung Kind mittlerweile nicht mehr wirklich auf mich zutraf. Immerhin hatte ich inzwischen meinen einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Älter war nur noch meine Pflegeschwester Vanjessa, die letztes Jahr nach Bodø gezogen war, um dort Architektur zu studieren. Sie kam allerdings immer noch oft und gern hierher. Wenn man Vanjessa noch einrechnete, waren wir also momentan zu fünft: sie und ich, die quirligen, neunjährigen Zwillinge Linn und Tore, und der sechs Jahre alte Henrik, unser Nesthäkchen.
Als Landarzt pendelte Dan ständig zwischen seiner Praxis und dem Krankenhaus in der Stadt. Für ihn waren fünfzig-Stunden-Wochen die Norm und auch Hanna, unsere Pflegemutter, arbeitete als Kinderkrankenschwester in drei Schichten, deshalb war Marta zu einem unverzichtbaren Bindeglied dieser Familie geworden. Wenn Dan und Hanna nicht da waren, sorgte sie dafür, dass wir etwas Warmes auf den Tisch bekamen, dass die viele Wäsche gewaschen wurde und die Jüngeren ihre Hausaufgaben machten. So wie auch an diesem Tag.
Hannas Platz blieb heute Abend leer, weil sie die Nachtschicht im Krankenhaus hatte und Vanjessa war noch unterwegs, aber Dan hätte längst zurück sein müssen. Er verspätete sich ab und zu, in seinem Beruf passierte das natürlich, doch er kam nicht vier Stunden zu spät, ohne Bescheid zu sagen und so langsam beschlich mich das ungute Gefühl, dass mehr dahintersteckte. Ich betrachtete Martas ovales Gesicht, als sie sich zu uns an den Tisch setzte. Es zeigte keinerlei Sorge, aber ich spürte, dass auch sie überlegte, was der Grund für seine Verspätung sein mochte. Ich versuchte es ihr gleichzutun und sagte mir, er würde schon auftauchen.
Doch Dan kam nicht.
Und nachdem alle ihre Teller geleert hatten, reichte es mir. »Ich ruf mal in der Praxis an und frage, ob er noch da ist.«
Die Zwillinge waren inzwischen verschwunden, genau wie Henrik, und Marta erhob sich mit einem energischen Seufzer vom Tisch. Dann begann sie, das Geschirr zusammenzustellen und zur Spüle hinüberzutragen. Dass die voll ausgestattete Küche dieses Hauses einen Geschirrspüler hatte, interessierte sie kein bisschen.
»Oder was meinst du?« Ich stand auf, ging zum Fenster und schaute noch einmal hinunter auf die gepflasterte, kreisrunde Einfahrt, die schon seit Wochen unter einer dicken Schicht von alabasterweißem Schnee verschwunden war. Die Lichter der zwei Laternen, die den Vorplatz erhellten, wirkten in dem dichten, feinen Geriesel trüb und gespenstisch. Als hätte jemand ihr Licht gedimmt.
»Das wäre sicher eine gute Idee.«
Ich wartete noch einen Augenblick, dann ging ich in Dans Arbeitszimmer, auch um Martas arbeitswütigem Geschirrgeklapper zu entkommen.
In seiner Praxis meldete sich nur der Anrufbeantworter. Danach versuchte ich es erfolglos auf dem Handy meines Pflegevaters. Ebenfalls die Mailbox. Und als ich in die Küche zurückkehrte, war ich vollends überzeugt davon, dass etwas passiert sein musste. »In der Praxis kriege ich nur den AB und so wie es aussieht, hat er sein Telefon ausgeschaltet.«
Doch plötzlich erhellten zwei Scheinwerfer die Düsternis draußen vor den Fenstern.
»Sehen Sie, da kommt er ja«, sagte Marta und deutete mit spülwassernassen Fingern hinaus.
Ich seufzte, aber das ungute Gefühl blieb, deshalb nahm ich den Weg über den langen Flur und erreichte die Diele gerade, als er die Haustür aufschloss. Der Wind brachte eine ganze Ladung Schnee herein und Dan fluchte. Er war außer Atem und trug etwas vor der Brust, weshalb er versuchte, die Tür mit dem Fuß festzuhalten, aber eine Böe drückte sie auf und warf sie krachend gegen die holzvertäfelte Wand.
»Adam«, keuchte er, als er mich sah. »Schnell, geh zum Auto, ja? Und hol die zwei Kartons, die im Kofferraum sind.«
Doch ich hörte gar nicht richtig hin. Ich konnte nur auf das starren, was er da, eingewickelt in eine karierte, grüne Decke vor der Brust trug. »Was … ist das?«
Es hätte ein Hund sein können, ein verletztes Bündel, das Dan in irgendeinem Straßengraben aufgelesen hatte, aber ich kannte ihn besser und ich wusste, dass dieses Büschel dunkler, glänzender Haare da unter der Wolldecke nicht irgendein Tier war. Es war ein Mensch.
Ein Kind.
»Ist das dein Ernst? Weiß Hanna davon?«
Zum ersten Mal sah er mich richtig an. »Komm schon, hol die Kisten und dann schließ das Auto ab. Der Sturm wird immer schlimmer.« Mit einem seltsamen Blick marschierte er an mir vorbei.
Sprachlos schaute ich ihm hinterher.
Scheiße, hatten Hanna und er nicht entschieden, keine Kinder mehr aufzunehmen? Ich drehte mich um, blickte hinaus in den Schnee, wo sein aschgrauer BMW mit eingeschalteten Scheinwerfern und offener Fahrertür stand und dachte an den letzten Winter zurück und wie schwierig er für uns alle gewesen war. In dieser Familie stand längst nicht alles zum Besten. Hanna war krank, auch wenn sie nicht so aussah.
Vor knapp einem Jahr, es war kurz vor Weihnachten gewesen, da hatten die Ärzte bei einer Routineuntersuchung einen Tumor in ihrem Gehirn entdeckt. Ein kleiner Zellklumpen nur, von der Größe eines Kirschkerns, aufgrund seiner Lage dennoch inoperabel. Die Nachricht war für uns alle ein Schock gewesen, daran erinnerte ich mich noch viel zu gut. Der Diagnose waren unzählige Untersuchungen gefolgt, doch irgendwann hatten Hanna und vor allem Dan kapitulieren müssen. Das war der Moment gewesen, in dem sie beschlossen hatten, keine weiteren Kinder mehr zu sich zu holen. Denn im Augenblick ging es ihr gut und dank der Bestrahlung und den Medikamenten wuchs der Tumor nur langsam. Dennoch wuchs er und eines stand fest: Irgendwann würde es ihr nicht mehr gutgehen.
Hanna würde sterben und darauf mussten wir uns alle vorbereiten, auch wenn niemand so recht wusste wie. Wir alle fürchteten uns vor dem Tag, an dem das Lachen in diesem Hause verstummen würde, das Echo der Sorglosigkeit verhallte, ebenso wie Hannas Wärme. Uns stand eine schwere Zeit bevor, was zum Teufel hatte Dan also geritten, ein weiteres Kind hierherzubringen?
Der Schnee schmolz bereits auf dem Eichenparkett und hinterließ eine unansehnliche Pfütze, deshalb lief ich mit eingezogenem Kopf in den Schnee hinaus. Ich öffnete die Kofferraumklappe und griff mir die Kartons, die nicht viel wogen. Dann schloss ich eilig den Wagen ab und folgte Dan mit dem festen Entschluss, eine Erklärung von ihm zu verlangen.
Vom Korridor aus zweigten mehrere Türen ab und in einem der hinteren Zimmer war das Licht eingeschaltet worden. Es stand seit ein paar Jahren leer, die Zwillinge nutzten es bloß ab und an zum Spielen. Dort musste er sein. Ich hielt darauf zu und lief an der offenen Küche vorbei. Marta stand schon nicht mehr an der Spüle. Vermutlich war sie bereits dabei, Dan die Leviten zu lesen. Sie hatte sich mit ihrer Meinung noch nie zurückgehalten und ich betete, dass sie es auch diesmal nicht tun würde. Er hörte auf sie, möglicherweise würde er es auch heute tun.
»Pappa?« Am Ende des Flurs schob ich mich mit den Kartons durch die Tür und ließ sie auf den Holzfußboden fallen.