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Information Comingout oder Die erste Liebe
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 09:58 AM - No Replies

Warum das mir? Warum trifft es keinen anderen? WARUM ICH????
Mein Leben war ein CHAOS und ich wollte nur noch raus aus diesem Leben. Leben was ist Leben? Wenn einem mit 15 bewusst wird das man nicht wie die anderen ist und Gedanken in sich trägt die nicht normal sind. Tränen rannen meine Wange herunter und ich sah auf die Zeitschrift, die vor mir lag. Das Leben ist nicht fair zu mir und was sollte ich machen? Was sollte ich tun?


Kevin

Mein Geburtstag stand vor der Tür. Mein bester Freund Patrick war da und wir saßen wie immer in meinem Zimmer. Ich hatte mit ihm zusammen meinen Geburtstag geplant.
„He Kevin und wen laden wir ein?“ Patrick sah mich grinsend an.
„Man Patrick, die Liste haben wir doch schon vor Wochen aufgestellt, wer kommen soll.“ Ich rollte dabei mit den Augen, man typisch Patrick hatte seine Gedanken immer woanders. Aber das war eben Patrick..
„Ja stimmt! Man bin ich blöd!!!“
Ich musste grinsen und sah Patrick dabei an. Patrick sah echt super aus, seine Haut war etwas gebräunt, das hatte er von seinem Vater, der vor drei Jahren bei einem Unfall ums Leben kam. Sein Vater war ein waschechter Italiener, daher auch seine gebräunte Haut. Seine schwarzen Haare passten zu ihm und dann seine Augen. Die waren fast schwarz und immer wenn ich in diese sah, blitzte es darin. Ja er ist mein bester Freund und ich erzählte ihm alles. Ich selber habe blondes Haar und fand mein Gesicht nicht so toll wie Patricks. Auch meine Nase fand ich zu lang und ich hatte nicht so tolle Lippen wie Patrick. Patrick war der Mädchenschwarm in unserer Schule. Ich selber war eher das graue Mäuschen, obwohl Patrick genau das Gegenteil meinte, nämlich das ich der Mädchenschwarm der Schule war.
Heute hatte ich mir vorgenommen Patrick von mir zu erzählen und was in mir vorging. Schon seit ein paar Wochen zog ich mich immer mehr in mein Schneckenhaus zurück. Ich wollte Patrick heute mein größtes Geheimnis anvertrauen.
„Patrick?“
„MMMHH“ fragend sah er mich an.
Ich holte tief Luft und fing zögernd an zu sprechen: „Ich muss Dir was sagen!“
Der Satz stand in der Luft wie eine große Mauer und ich wusste nicht wie ich meinem besten Freund sagen sollte was in mir vorging.
Mauer war ein falsches Wort dafür. Aber es sagte alles aus was in mir vorging.
„Kevin was ist?“
Als ob Patrick, spürte dass etwas in der Luft lag, sah er mich direkt an. Ich versuchte seinem Blick auszuweichen, aber es gelang nicht.
„Patrick! Du wirst mich hassen!“ flüsterte ich tonlos.
Der Satz stand in der Luft und ich sah die Mauer auf mich fallen. Die Mauer wurde größer und größer und dann stürzte sie auf mich.
„Patrick ich….“ Wie sollte ich den Satz beenden, vorsichtig sah ich Patrick von der Seite an.
„Kevin was ist mit Dir? Nun sag es doch einfach und ich werde Dich nicht hassen!“
Patrick sah mich dabei etwas nervös an: „Und so schlimm kann es gar nicht sein! Oder?“
„Doch Du wirst es…“
Patrick sah mich an und nahm meine Hand. Ich sah auf diese Hand die ich seit einem Jahr liebte, die mir Schauer über den Rücken jagte. Jede Berührung von ihm war wie ein Stromschlag, der mich in diesen Wahnsinn weiter führte.
Zaghaft öffnete ich meinen Mund, der trocken wie die Wüste wurde.
„Patrick ich bin SCHWUL. Ich liebe Jungs und ich…. Weiß nicht weiter..“
Ich merkte wie eine Träne mein Auge verließ und den Weg über mein Gesicht nahm.
Patrick sah mich nicht an, sondern hatte seinen Blick auf den Boden gesenkt. Aber dann wie in Zeitlupe hob sich sein Gesicht, in meine Richtung. Seine Augen trafen auf meine und ich sah, tiefes Entsetzen und Furcht.
Patrick sprang auf und stammelte etwas, was nicht zu mir drang.
Dann saß ich alleine in meinem Zimmer.
Ich wusste, dass eine Welt zusammenbrach und mich begrub.

Patrick

Ich saß auf meinem Bett und dachte über das, was Kevin mir gesagt hatte nach. Kevin und schwul! Ich konnte es nicht fassen. Kevin, sein Gesicht tauchte in meinen Gedanken auf und ich sah seine braunen Augen. Wir waren seitdem Kindergarten beste Freunde und nun seine Beichte. Was sollte ich machen? War es richtig einfach wegzurennen, ohne ihm etwas zu sagen? Aber ich konnte nichts sagen. Der Satz, war wie ein Schlag ins Gesicht und es tat weh.
„Patrick?“
Meine Mutter hatte die Tür, zu meinem Zimmer geöffnet und sah mich fragend an.
„Kann ich reinkommen?“
Ich nickte nur und sah zum Boden, auf dem einige Legobausteine lagen.
„Patrick ist etwas passiert?“
„Mam, ich weiß nicht was ich tun soll! Kevin…“
„Kevin? Was ist mit Kevin?“
Langsam suchten meine Augen die Augen meiner Mutter.
Als sie sich trafen, sah wohl meine Mutter den Schmerz in meinen Augen.
„Patrick was ist?“
„Kevin… er hat … gesagt…er sei …SCHWUL!“
Das Wort war aus meinem Mund entwichen, bevor ich diesen zumachen konnte.
„Und ist es so schlimm, dass er es ist?“
Verwundert sah ich sie an.
„Ich weiß es nicht, aber alle in der Schule benutzen das Wort schwul nur als Schimpfwort!“
„Junge komm ich zeig Dir etwas!“
Meine Mutter nahm meine Hand und zog mich von meinem Bett fort.

KEVIN

Ich saß noch auf meinem Bett und sah aus dem Fenster, das mir gegenüber lag. Mein Leben zerbrach in meinem Kopf, in tausend Scherben. Ich erhob mich langsam und ging zu meinem Kleiderschrank. Langsam öffnete ich diesen und zog eine Schachtel Tabletten, unter meinen Pullovern hervor. Ich sah die Schachtel an und ging mit ihr zu meinem Bett. Vorsichtig legte ich sie auf meinen Nachtschrank. Dann setzte ich mich auf mein Bett und sah diese Schachtel an.
Die Schachtel leuchtete im Licht, wie die Erlösung, auf die ich wartete. Was und wer bin ich?
Wie in einem Spiegel sah ich Patrick und mich. Patrick der immer für mich da war und dann sah ich das Bild von einem Patrick der mein Zimmer, fluchtartig verließ.
Ich wollte dem allen ein Ende setzen. Meinen Gefühlen und meinen Gedanken ein Ende setzen. Ich nahm die Schachtel in meine Hände und öffnete sie mit zitternden Händen. Ich wusste, ich hielt das Ende meines Lebens in meinen Händen. Langsam öffnete ich die Packung und dann lagen die Tabletten in meiner Hand. Ich sah in Gedanken Patrick, wie er aus meinem Zimmer rannte. Ich hörte in meinem Kopf die Sprüche, die über Schwule in der Schule gerufen wurden und ich sah mich. Ich sah keinen Ausweg! Ausweg? Was gab es da für einen Ausweg, wenn man verstand, dass man nicht wie die anderen war.
Zitternd hob ich meine Hand und stopfte die Tabletten in meinen Mund, Als ich sie in meinem Mund spürte, griff meine Hand automatisch nach unten, wo eine Wasserflasche stand. Langsam hob ich sie auf und führte sie an meinen Mund.
Das runter schlucken war nicht so einfach, aber es gelang. Ich legte mich langsam auf mein Bett und sah zur Decke. Dort hatte mein Vater mit mir ein Poster mit Sternen befestigt. Die Sterne leuchteten im Licht mir entgegen und ich hatte das Gefühl, das ein einzelner Stern heller leuchtete als die anderen. Dann schloss ich meine Augen und wartete auf das Ende.
Auf den Schlaf und auf das Ende.

Patrick

Meine Mutter zog mich in unser Wohnzimmer.
„Setz Dich!“
Ich setzte mich auf unser Sofa und sah meiner Mutter zu, wie sie etwas aus einen der Schränke herauszog.
Kurz darauf kam sie auf mich zu und in ihren Händen hielt sie ein altes Fotoalbum.
„Was ist das?“
„Das hier in diesem Album sind Bilder von Deinem Großonkel Albert!“
Sie setzte sich langsam neben mich und öffnete das Fotoalbum.
„Hier…“ dabei zeigte ihr Finger auf ein Foto, wo mein Großonkel mit einem mir fremden Mann zusammenstand.
„Der Mann neben Albrecht ist Wilhelm und war sein Lebenspartner.“
„Was? Davon hast Du mir nie etwas erzählt!“
„Junge, als die beiden bei dem Unfall damals auf der Autobahn ums Leben kamen, warst Du erst vier Jahre alt.“
„Ja, aber Du hast doch immer soviel von Albert erzählt, wenn wir uns Fotos angesehen haben. Aber nicht davon das er schwul war.“
„Es ergab sich nie, dies Dir zu erzählen. Also Albert war glücklich mit seinem Wilhelm und unsere Familie stand hinter den beiden. Damals war es viel schwerere dazu zu stehen. Sie haben viel durchgemacht, aber ihre Liebe zueinander hat gereicht, dies alles durchzustehen. Heute ist es zwar etwas anders, besser geworden, aber Vorurteile gibt es immer noch. Was ich Dir nur sagen will ist, es ist doch nicht schlimm das Kevin schwul ist. Er ist doch trotzdem der gleiche Mensch wie vorher nur mit einem kleinen Unterschied. Patrick, gerade jetzt braucht er einen Freund und ihr beide seid so lange schon befreundet, hilf ihm und stehe zu ihm.“
Irgendwie hatte meine Mutter ja recht und Kevin war mein bester Freund, dem ich alles anvertraute. Kevin hatte sich mir gegenüber geoutet, weil er mir vertraute und ich Idiot rannte weg. Ließ meinen besten Freund im Stich, gerade wo er mich als Freund am meisten brauchte.
„Mam ich verstehe und ich werde sofort zu ihm gehen!“
„Tu das und wenn Kevin oder Du Hilfe benötigst dann kommt zu mir.“
„Das mach ich versprochen.“
Ich erhob mich vom Sofa und lief in den Flur und zog mich an.
Kurz darauf rannte ich schon die Strasse entlang. Als ich an dem Haus angekommen war, in dem Kevin mit seiner Familie wohnte, klingelte ich Sturm und seine Mutter machte kurz darauf die Tür auf.
„Patrick? Was ist denn los? Weißt Du nicht wie spät es schon ist?“ verwundert sah sie mich dabei an.
„Entschuldigung aber ich muss ganz dringend Kevin sprechen! Es ist wichtig!“
„Na dann komm rein, du weißt ja wo Kevins Zimmer ist.“ Dabei trat sie zur Seite, so dass ich in den Flur schlüpfen konnte.
Ich zog mir im Flur die Schuhe aus und rannte zu Kevins Zimmer.
Vor der Tür blieb ich stehen und klopfte an die Tür.
Es kam keine Antwort aus Kevins Zimmer, so dass ich vorsichtig die Türklinke runterdrückte und die Tür öffnete.
„Kevin?“
Ich sah automatisch zu seinem Bett, wo ich Kevin liegen sah. Aber irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Er hatte die Nachttischlampe nicht ausgeschaltet, so dass ich sein schlafendes Gesicht sehen konnte. Sein Gesicht sah im Licht der Lampe sehr bleich aus. Ich ging vorsichtig auf das Bett zu. Als mein Blick von Kevin auf den Nachttisch wanderte, sah ich dort eine Tablettenpackung liegen.
Ich ging leise zum Nachttisch und nahm die Packung in die Hand. Auf der Packung stand in kleinen Buchstaben Schlaftabletten drauf und als ich die Packung öffnete sah ich dass sie leer war.
Um Himmelswillen was hatte ich nur gemacht? Er hat doch nicht die Tabletten eingenommen?
„Kevin…“ brüllte ich und rüttelte an seiner Schulter, doch es kam keine Reaktion von ihm.
„KKKEEEVVVIIINNN NNNEEEIIINN….HHHILLLFFFEEE!!!!“
Ich brüllte so lange bis ich merkte das Kevins Eltern im Zimmer standen.
Kevins Vater kam auf mich zu: „Patrick was schreist Du denn so?“
Ich drehte mich zu ihm um: „Er hat das hier genommen!“
Dabei hob ich die Hand, in der ich immer noch die leere Packung hielt.

Patrick

Ich saß mit Kevins Eltern, Karola und Sven in der Notaufnahme und wartete auf die erlösenden Worte des Arztes, dass Kevin überlebte. Wir saßen jetzt schon zwei Stunden in der Notaufnahme, aber kein Arzt und auch kein anderer vom Personal, die hier heute Dienst hatten, kamen auf uns zu, um uns zu sagen wie es um Kevin stand. In der Notaufnahme selbst war hektischer Betrieb, gerade war ein Rettungswagen angekommen und einige der Pfleger rannten auf diesen zu um die Trage aus dem Wagen zu ziehen. Ansonsten gab es nicht viel zu sehen, es war eben eine Notaufnahme, die wie in allen Krankenhäusern spartanisch eingerichtet war.
„Patrick ich rufe Deine Mutter an!“
Kevins Mutter stand auf und ging zu der Schwester, die an einem Schreibtisch saß.
Kurz darauf kam sie wieder zurück und setzte sich.
„Patrick Deine Mutter kommt her, um Dich abzuholen. Junge was ist mit Kevin los? Du weißt doch was!“
Ich sah zu Karola auf und dann als ob ich erst jetzt verstand, dass ich Kevin eventuell nie mehr sehen würde, nie mehr mit ihm reden werde, fing ich an zu weinen. Karola nahm mich in den Arm und streichelte mir über mein Haar.
„Patrick glaub mir er wird es schaffen. Es wird alles wieder gut.“
Unter schluchzen antwortete ich ihr: „Nein es wird nie wieder wie früher sein. Kevin braucht Eure Hilfe und auch meine. Er hat mir heute etwas gesagt, worauf ich falsch reagiert habe. Ich bin an allem SCHULD…“
„Warum sollst Du Schuld daran haben? Patrick nun sag doch, was ist mit Kevin….“
„Er hat …mir heute gesagt…dass er…schwul ist….und ich…ICH bin einfach weggerannt..“
Für einen kurzen Moment drückte mich Karola wieder an sich.
„Jetzt wird mir einiges klar!“ kam es von Sven.
„Er war in der letzten Zeit so ruhig und ich hatte immer das Gefühl, als ob er etwas uns sagen wollte, aber sich nicht traute.“
„Sven was machen wir jetzt? Ich weiß nicht wie wir Kevin helfen sollen?“
„Karola wenn Kevin das hier überlebt, werden wir ihm zeigen, dass wir zu ihm halten und was ist mit Dir Patrick?“
Ich schniefte kurz: „Ich wollte Kevin auch sagen, dass ich zu ihm stehe und es mir leid tut das ich weggerannt bin. Er ist doch mein bester Freund!“
In Gedanken sah ich Kevin wie er lachte und dann erinnerte ich mich an den Spaß den wir immer miteinander hatten und wie er mir beigestanden hatte, als mein Vater starb. Man war ich ein Blödmann, einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben hatte ich vor den Kopf gestoßen. Ihn einfach sitzen gelassen, ohne darüber nachzudenken was es für Kevin bedeutet hat, mir sein größtes Geheimnis anzuvertrauen.
In meinen Gedanken an Kevin gefangen, merkte ich nicht wie die Zeit weiter verstrich.

„Patrick? Hallo Sven und Karola, was ist denn passiert?“ das war definitiv die Stimme meiner Mutter und ich hob meinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam
„Kevin hat versucht sich umzubringen und Patrick hat uns gerade den Grund dafür genannt. OHHH hätte ich das doch nur gewusst. Ich hätte doch meinen einzigen Sohn nicht fallen gelassen!“
Karola fing dabei an zu weinen und ließ mich los. Ich hatte gar nicht gemerkt, das sie die ganze Zeit mich im Arm gehalten hatte.
Meine Mutter kniete sich vor mich hin und ich sah ihr in die Augen.
„Mam wenn Kevin das nicht überlebt, dann bin ich daran schuld! Ich habe mich falsch verhalten, aber auch nur weil ich so geschockt war das er schwul ist. Kevin und schwul das konnte ich mir nicht vorstellen. Er der Schwarm der Mädchen in der Schule.“
Ich fing wieder an zu weinen.
„Junge glaub mir, er wird es schaffen und dann kannst Du es ihm selber sagen und Schuld bist Du daran nicht!“
Während meine Mutter das zu mir sagte, nahm sie mich in ihre Arme.
„Entschuldigung sind Sie die Eltern, von dem Jungen der versucht hat sich das Leben zu nehmen?“
Wir hatten den Arzt gar nicht kommen gesehen.
„Ja das sind wir!“
Kevins Eltern waren dabei aufgestanden und sahen den Arzt ängstlich an.
„Was ist mit Kevin?“ wollte Sven wissen.
„Also er wird es überleben. Er schläft jetzt. Ich weiß nicht warum er versucht hat sich das Leben zu nehmen, aber ich würde vorschlagen, dass ihr Sohn in eine Therapie geht. Wir haben hier in unserer Klinik eine Gruppe junger Leute, die sich hier regelmäßig treffen. Es sind alles Jugendliche die versucht haben ihrem Leben ein Ende zu setzen. Es tut mir leid das Sie das durchmachen müssen, aber manchmal kommen junge Leute mit bestimmten Tatsachen nicht klar.“
Der Arzt hörte sich an, als ob er so etwas schon öfter erlebt hatte.
„Ich glaube ich verstehe Sie, aber können wir unseren Sohn jetzt sehen?“ fragte Karola.
„Natürlich kommen Sie mit!“
„Entschuldigung, darf ich Kevin morgen besuchen?“ ich sah fragend Kevins Eltern an.
„Natürlich Patrick, wenn der Arzt das erlaubt und wir würden uns freuen wenn Du Kevin ein noch besserer Freund werden würdest. Er braucht Dich!“ dabei sah Sven mich an.
Ich nickte und Tränen traten mir in die Augen: „Das werde ich. Ich werde Kevin nicht alleine lassen!“
Es war ein Versprechen an mich und an die Freundschaft zu Kevin.
„Ich bin stolz auf Dich Patrick! So nun komm wir fahren nach Hause.“ Vorsichtig fasste meine Mutter meine Hand und zog mich von dem Stuhl, auf dem ich saß.
„Und Danke Patrick, wenn Du nicht gewesen wärst, dann hätten wir Kevin verloren!“ kam es leise von Karola und sie trat auf mich zu und drückte mich an sich.
„DANKE….“

Kevin

Oh man tat mir mein Kopf weh. Wo war ich überhaupt? Vorsichtig öffnete ich die Augen. Nachdem ich mich vorsichtig umgesehen hatte, da mein Kopf ziemlich schmerzte, musste ich feststellen dass ich mich in einem Krankenzimmer befand. Na ja wie sollte wohl ein Krankenzimmer aussehen, es stand ein Tisch und zwei Stühle in diesem und ein weiteres Bett, dass aber nicht besetzt war. Also hatte das mit den Tabletten nicht geklappt. Oh man mir wurde jetzt richtig schlecht. Ich wusste nicht was ich meinen Eltern sagen sollte, wenn Sie mich fragen würden, warum ich das getan hatte.
Ich war am Ende und dann noch Patrick, wenn der meinen Eltern erzählt was ich ihm gesagt hatte, dann war ich geliefert. Bevor ich mir noch weitere Gedanken machen konnte, ging die Tür zu meinem Zimmer, in dem ich lag, auf und ein Krankenpfleger kam herein.
„Na junger Mann endlich ausgeschlafen?“ dabei sah er mich etwas traurig an.
Na der sah ja ganz nett aus und ich hatte schon Angst, der würde mir jetzt die Leviten lesen.
„Und kann ich etwas für Dich tun? Du bist ziemlich weiß um die Nase, tut Dir was weh?“
Ich nickte: „ Mein Kopf tut so weh!“
„Na warte ich hole nur etwas dagegen.“ Mit diesen Worten verschwand er aus dem Zimmer, um kurz darauf wieder zu erscheinen.
„So hier nimm das.“ dabei legte er mir eine Tablette in die Hand und stellte ein Glas Wasser auf den Tisch der an meinem Bett stand.
Ich sah ihn dankbar an und steckte mir die Tablette in den Mund. Ich nahm das Glas Wasser von dem Tisch und schluckte damit die Tablette runter.
„Danke!“ dankbar sah ich ihn dabei an.
„Keine Ursache. So und jetzt versuchst Du zu schlafen und wenn Du wieder wach bist dann drück auf diesen Knopf. Dann bin ich wieder zur Stelle. OK?“
Er zeigte dabei auf einen Schalter, der an meinem Bett befestigt war.
„So jetzt versuche zu schlafen und wenn was ist, wie gesagt einfach den Knopf drücken.“
Ich nickte und der Pfleger drehte sich zur Tür.
„Entschuldige nur eine Frage, wie ist Dein Name?“ vorsichtig sah ich ihn an.
Der Pfleger drehte sich noch einmal um und lächelte mich an.
„Mein Name ist Paul.“
„Danke Paul.“
„Keine Ursache junger Mann, wird schon alles wieder und mach Dir keine Sorgen, es wird alles wieder gut. So nun versuche zu schlafen.“
Er ging aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Die Tablette begann auch zu wirken und ich schlief wieder ein.

Patrick

Ich war immer noch müde, aber saß trotzdem jetzt in der Schule und paukte gerade Englisch. Natürlich fiel es auf das ich ohne Kevin in der Schule erschien, also fragte auch jeder aus unserer Klasse nach ihm. Ich sagte immer nur dass Kevin krank sei und er zu Hause im Bett lag. Was wirklich los war, wusste nur unsere Klassenlehrerin Frau Wendland. Diese rief mich dann auch zu sich, nachdem die Englischstunde um war.
Frau Wendland war Achtundvierzig Jahre alt und eine echt tolle Lehrerin. Jedenfalls hielten die Schüler große Stücke auf Sie. Sie hatte ein etwas kantiges Gesicht und Ihr Haar war schon etwas angegraut, aber Ihre Augen strahlten etwas Mütterliches aus, was auch dazu führte, dass man zu Ihr sofort Vertrauen fasste. Sie hatte für jeden ein offenes Ohr, hörte zu wenn man Probleme hatte und wenn man Mist gebaut hatte wurde nicht sofort ein großes Theater bei Ihr veranstaltet. Eher das Gegenteil, sie war eben etwas besonderes, zu der man einfach nur Vertrauen haben konnte.
Nachdem ich mit ihr alleine war, sah sie mich etwas traurig an.
„Na Patrick wie geht es Dir?“
„Nicht so gut Frau Wendland..“
„Patrick ich bin jetzt über zwanzig Jahre lang Lehrerin und ich habe in dieser Zeit Fünf Schüler auf die gleiche Art verloren. Ich habe nicht gewusst, dass Kevin Probleme hatte. Ich mache mir deswegen auch Vorwürfe, aber ich kann nicht überall meine Augen haben.“
Frau Wendland sah dabei nicht gerade glücklich aus, ich sah da einen Schmerz in Ihrem Blick den ich nicht verstand. Aber bald verstehen sollte.
„Ich wusste ja bis gestern auch nichts von seinem Problem und nachdem er es mir gesagt hatte…bin ich Blödmann weggerannt anstatt bei ihm zu bleiben und ihm zuzuhören…“
Ich schluckte bei diesen Worten und sah wieder Kevin in seinem Bett liegen.
„Möchtest Du mir sagen was für Probleme Kevin hat?“
„Ich kann nicht, ich möchte dass es Kevin erst mal besser geht. Ich denke er sollte es Ihnen dann selbst sagen, wenn er es möchte.“ und etwas leiser: „Es tut mir leid aber ich kann es nicht sagen.“
„Es ist in Ordnung Patrick und ich finde das es richtig ist das Du es mir nicht sagst. Ich möchte Dir etwas zeigen!“ dabei strich Sie kurz über meinen Arm.
Frau Wendland bückte sich kurz zu ihrer Aktentasche, die am Boden stand und kramte darin herum.
„Ja hier das ist es..“ dabei zog sie vorsichtig eine Mappe heraus und öffnete diese. Ich sah neugierig auf die geöffnete Mappe, in der einige Dokumente lagen und auch ein Bild von einem Mädchen.
„Wer ist das?“ fragend sah ich zu Frau Wendland auf.
„Das Mädchen hieß Klara. Sie war in Deinem Alter als sie sich das Leben nahm. Sie sprang vor einen Zug. Zum Glück musste sie nicht leiden.“
Ich sah den Schmerz in Ihrem Blick.
„Und warum ist sie, ist Klara vor den Zug gesprungen?“
„Patrick sie kam mit ihrem Leben nicht mehr klar. In ihrem Abschiedsbrief an ihre Eltern, schrieb sie darüber. Sie hat… wie soll ich es sagen, sie hat festgestellt das sie Mädchen interessanter fand als Jungs. Verstehst Du?“ dabei hielt mir Frau Wendland, das Bild von Klara hin. Ich nahm es vorsichtig in die Hände.
Ich verstand, meine Augen füllten sich mit Tränen und ich sah verschwommen das Bild von Klara an. Mich strahlte auf dem Foto ein normales Mädchen an. Sie lächelte auf dem Foto und zwei Grübchen auf den Wangen waren zu sehen. Sie hatte niemanden der ihr beiseite stand, keiner der ihr zugehört hatte und das war ihr Ausweg daraus, so wie es auch Kevin versucht hatte. Nur der Unterschied war, dass ich ihm hätte zuhören können als sein Freund und es nicht getan hatte.
„Ich…bin Schuld. Ich habe… nicht zugehört was er mir noch sagen wollte… Ich bin einfach feige davon gerannt…“ Ich fing an zu weinen und was tat meine Lehrerin sie nahm mich in den Arm und drückte mich an sich.
„Nein Du bist nicht Schuld. Patrick es war Kevins Entscheidung auch wenn sie nicht die Richtige war. Für Ihn war es der einfachste Weg mit diesem Problem fertig zu werden..“
Sie ließ mich wieder los und ich sah sie an:“ Und was soll ich jetzt machen?“
„Patrick zu ihm stehen und ihm helfen. Wegrennen hilft nicht, er muss lernen mit seinem Problem umzugehen und Du als sein Freund kannst ihn dabei helfen.“
Ich nickte: „Wie lange ist das mit Klara her?“
„Fünf Jahre… sie war meine Tochter….“ dabei strichen ihre Finger vorsichtig über das Bild.
„Ja Patrick sie war meine Tochter und ich habe ihr nicht zugehört als sie Hilfe brauchte.“
„Ich habe nicht gewusst, dass Sie eine Tochter hatten. Es tut mir leid.“
„Ist schon gut Patrick, aber nun zu Dir wenn Du Probleme hast oder was anderes auf dem Herzen hast, kannst Du jederzeit zu mir kommen.“ Dabei sah Sie mich durchdringend an.
„Ja mach ich und Danke das Sie mir von Klara erzählt haben.“
„So nun aber los, die nächste Stunde hat schon begonnen und ich denke Du kannst die letzte Stunde kaum noch erwarten. Ach und bitte das mit Klara bleibt unter uns!“
Frau Wendland sah mich lächelnd an und ich nickte Ihr zu.
„Klar ich schweige wie ein Grab.“ Mit diesen Worten verließ ich den Raum.

Patrick

Die Schule war endlich aus und ich rannte nach Hause. Zu Hause wartete schon meine Mutter auf mich.
„Na mein Junge, soll ich Dich zum Krankenhaus fahren?“
„Oh man das wäre echt toll von Dir!“
„Kein Problem. Beeil Dich, dann können wir gleich los.“
Kurz darauf saß ich mit meiner Mutter im Auto und fuhren zum Krankenhaus.
Nachdem meine Mutter vor diesem hielt drückte Sie meine Hand kurz.
„Viel Glück mein Großer!“
„Danke Mam, ich werde das schon schaffen!“
Ich stieg aus dem Wagen aus und ging auf den Eingang des Krankenhauses zu.

Kevin

Ich wurde wieder wach, aber diesmal ohne Kopfschmerzen. Dafür hatte ich Durst und ich drückte den Knopf.
Kurz darauf kam Paul in mein Zimmer.
„Na alles ok und was machen die Kopfschmerzen?“
„Die sind weg dafür habe ich jetzt aber gewaltigen Durst.“
„Na das hört sich doch gut an. Warte ich hole Dir etwas zum trinken.“
Paul verschwand aus meinem Zimmer, um kurz darauf mit einer Wasserflasche zurück zu kommen.
„So hier trink erst mal etwas und dann wartet noch Besuch auf Dich!“
„Besuch?“ ängstlich sah ich Paul an.
„Ja ein Junge er sagt er sei Patrick und Du würdest ihn kennen!“
Patrick, was sollte ich ihm sagen und was machte er hier. Paul sah wohl mir an, dass es in meinem Gehirn ziemlich ratterte.
„Soll ich ihm sagen, dass Du ihn nicht sehen möchtest?“ fragend sah er mich an.
Ich überlegte kurz, aber was hatte ich schon zu verlieren?
„Nein. Ich möchte ihn sehen.“
„Warte ich mach Dir das Kopfteil hoch, dann kannst Du besser mit ihm sprechen!“
Paul zog das Kopfteil etwas nach oben.
„Danke Paul!“
„Keine Ursache. So ich schick dann Patrick zu Dir.“ Dabei hielt er einen Daumen hoch und ich musste grinsen.
Paul verschwand wieder und kurz darauf klopfte es zaghaft an der Tür zu meinem Zimmer.
„Ja kannst reinkommen.“ Etwas verunsichert sah ich zu dieser Tür, hinter der Patrick nun stand. Ich erinnerte mich an sein Gesicht, nachdem ich ihm gesagt hatte dass ich schwul bin und sein Entsetzen, das sich in seinen Augen sah. Was wollte er hier, mir sagen das ich ein Stück Dreck bin? Angst machte sich in mir breit und die Scham vor dem was ich mir angetan hatte. Was Patrick wohl von mir, nach meiner Aktion mit den Schlaftabletten hielt? Bestimmt hatten mein Eltern mit ihm geredet. OH sch… wenn er es meine Eltern erzählt hat. Aber jetzt konnte ich nicht mehr Paul sagen, dass ich ihn nicht sehen wollte. Also musste ich wohl da durch.
Die Tür ging langsam auf und Patricks Kopf erschien.
„Hallo Kevin. Wie geht’s Dir?“ ängstlich sah er in meine Richtung.
Langsam kam er auf mich zu, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Es geht soo…..“ kam es leise von mir, dabei sah ich auf meine Bettdecke.
„Kevin es tut mir leid, wie ich mich gestern verhalten hatte. Ich wusste… nur nicht. . wie ich damit umgehen soll…“
Ich hob meinen Kopf und sah Patrick mit großen Augen an. In Patricks Gesicht sah ich Tränen die sich ihren Weg durch sein Gesicht bahnten. Was war denn jetzt los, gestern war er weggerannt vor mir und meiner Beichte und jetzt das.
Ich atmete tief durch: „Ich habe von Dir zuviel verlangt. Ich wollte doch nur mit jemanden über meine Gefühle und was in mir vorgeht sprechen. Patrick und Du bist mein bester Freund, dem ich alles erzählen wollte. Weil wir uns doch sonst auch alles erzählt haben.“
„Und ich habe Dich enttäuscht!“ kam es leise von ihm.
„Ja und dann sah…ich keinen anderen Ausweg, als dem ganzen ein Ende zu setzen.“
Vor meinen Augen verschwamm Patricks Gesicht und ich fing leise an zu weinen. Ja gestern hatte er unsere Freundschaft verraten, aber ich erkannte auch dass es Patrick genauso ging wie mir. Das er erkannt hatte, dass er falsch reagiert hatte.
Plötzlich spürte ich zwei Arme, die mich in den Arm nahmen.
„Kevin Du bist mein bester Freund und ich werde Dich nie wieder im Stich lassen. Das verspreche ich Dir.“ Flüsterte er mir in mein Ohr.
„Danke. Weißt Du wie ich hierher gekommen bin?“ fragte ich zaghaft. Natürlich wollte ich wissen was gestern passiert war, nachdem ich die Tabletten genommen hatte. Denn erinnern konnte ich mich nicht daran, wie ich hierher kam.
„Ich habe Dich gefunden. Meine Mutter hatte wohl gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt und kam zu mir. Da habe ich ihr erzählt was Du mir gesagt hattest und wie ich mich verhalten hatte.“
„Du hast mich gefunden? Was wolltest Du denn noch. Ich bin schwul Patrick…“ dabei versuchte ich Patrick anzusehen. Der merkte das wohl und ließ mich los. Dann sah ich Patricks Augen und ich sah den Schmerz darin.
„Kevin, es ist für mich nicht einfach das zu akzeptieren, aber ich akzeptiere Dich so wie Du bist. Ich werde zu Dir stehen und immer Dein Freund bleiben.“
Ganz langsam sickerten die Worte von Patrick zu mir durch und dann verstand ich. Ich hatte Patrick als Freund nicht verloren und was das wichtigste für mich war er akzeptierte es.
„Warum auf einmal? Patrick ich verstehe es nicht!“ fragend sah ich ihn an. Ich verstand noch nicht alles, aber irgendetwas hatte sich bei Patrick verändert. Aber was es war, konnte ich noch nicht greifen um es zu verstehen.
„Meine Mutter hat mir etwas über einen meiner Verwandten erzählt. Er war auch schwul und lebte mit einem Mann zusammen. Sie hat mir zu verstehen gegeben, das der Kevin den ich kenne sich nicht verändert hat. Nur der Unterschied wird sein das Du irgendwann mal einen Freund haben wirst und keine Freundin.“
„Danke Patrick.“
Patrick sah mich an und der Schmerz in seinen Augen verschwand, dafür fingen diese wieder an zu glitzern, was ich an diesen Augen so liebte.
„Aber eins musst Du mir versprechen, nie mehr so eine Aktion, das stehe ich nicht noch einmal durch.“
Patrick fing an zu grinsen und ich konnte nicht anders und begann auch zu Lächeln.
„Siehste es geht doch.“
„Wissen meine Eltern warum ich….“
Der Satz den ich sagen wollte blieb mir Hals stecken und Patrick nickte langsam.
„Wie haben sie darauf reagiert?“ vorsichtig sah ich Patrick an, um seine Reaktion auf meine Frage zu sehen.
„Sie haben sich Vorwürfe gemacht, dass sie davon nichts mitbekommen haben. Besser gesagt das Du ein gewaltiges Problem mit Dir herumträgst. Aber keine Bange, beide haben gesagt das sie zu Dir stehen und das das nichts ändert an ihren Gefühlen zu Dir. Du bleibst also ihr Sohn und wirst nicht verstoßen.“
„PUUUHHH dann habe ich ja noch mal Glück gehabt.“ Erleichtert atmete ich auf und sah dankbar Patrick an.
„Quatschkopf. Ich hätte Deinen Eltern sowieso nicht zugetraut das sie Dich verstoßen.“
„Jetzt wo Du es sagst. Ja im Nachhinein ist man immer schlauer.“ Wir beide mussten grinsen.
„Na es ist ja alles noch glimpflich abgelaufen und mein bester Freund weilt noch unter den Lebenden. So nun erzähl mal, was wollen die mit Dir hier noch machen und wann kommst Du wieder nach Hause?“ Neugierig sah Patrick zu mir.
Ich zuckte mit den Schultern: „Bis jetzt war außer dem Krankenpfleger noch niemand hier. Also kann ich Dir die Fragen nicht beantworten!“
„Na ich hoffe mal, dass Du schnell hier rauskommst und wir zusammen was unternehmen können. Wir müssen ja schließlich für Dich einen Freund suchen und den werde ich erst begutachten, ob er auch würdig ist Dich zu bekommen.“ Ich sah den Schalk in Patricks Augen glitzern.
„Patrick Tegrini habe ich Dir schon mal gesagt, dass Du manchmal unmöglich bist?“
Patrick fing an zu lachen und ich fiel mit ein.
„Man Kevin, meinen Nachnamen wirst Du nie richtig aussprechen. Das müssen wir wohl noch üben.“
„Man wer hat schon so einen merkwürdigen Nachnamen? Ist doch kein Wunder das ich den nicht aussprechen kann und zum anderen Du kannst ja italienisch. Ist ja auch kein Wunder, Du hast ja auch Verwandtschaft in Italien.“ Grummelte ich aber fing gleich wieder an zu lachen.
Wir saßen noch eine ganze Weile zusammen, dabei erzählte mir Patrick noch von unserer Klassenleiterin Frau Wendland und von ihrer Tochter.
OHH man nicht einmal ich wusste etwas darüber.
Plötzlich ging die Tür auf und Paul betrat in den Raum.
„So Jungs ich muss Euch leider stören, aber der Arzt ist auf dem Weg und will Dich Kevin sehen. Patrick Du musst leider das Zimmer verlassen.“
„OK! Kevin ich komme morgen wieder vorbei!“
Ich nickte Patrick zu.
„Tschau Patrick bis Morgen.“
Patrick verließ mein Krankenzimmer und Paul grinste mich kurz an und ging auch hinaus.
Kurz darauf stand der Arzt besser gesagt eine Ärztin im Zimmer und zog sich einen Stuhl an mein Bett. Nett sah Sie ja aus, mit der Brille in Ihrem Gesicht hatte Sie etwas Mütterliches an sich.
„Hallo Kevin mein Name ist Ilona Hundertmark und Du kannst mich Ilona nennen. Wie geht’s Dir denn?“
„Jetzt etwas besser.“
„Wer war der Junge, der Dich besucht hat?“
„Das war Patrick, mein Bester Freund. Wir kennen uns seit dem Kindergarten.“
„Ja es ist gut wenn man Freunde hat. Man braucht sie ein ganzes Leben lang, also kümmere Dich um diese Freundschaft. So jetzt zu Dir, wie ich sehe und höre geht es Dir schon besser. Ich weiß, es ist nicht leicht darüber zu sprechen, warum man etwas getan hat. Aber Kevin wir müssen darüber sprechen und auch wie ich Dir helfen kann. So nun bist Du an der Reihe und keine Bange was Du mir erzählst bleibt unter uns und nur wenn Du es möchtest das es andere erfahren sollen, dann bist Du derjenige der es ihnen erzählt!“
Ich schluckte kurz und begann zu erzählen und ich merkte dabei, dass es mir immer besser ging. Man der Stein der die ganze Zeit in meinem Bauch lag, verschwand mit jedem Satz, Stück für Stück und es fühlte sich richtig gut an. Nachdem dann Ilona mich wieder alleine gelassen hatte, stand ich vorsichtig auf und ging zu dem Fenster. Draußen war es schon dunkel geworden und ich sah unten Leute vorbeigehen. Mein Blick wanderte zum Himmel an dem der Mond hell leuchtete. Ich gab mir in Gedanken ein Versprechen, so etwas nie mehr zu tun. Mein Leben würde ich nicht noch mal wegwerfen, es war zu kostbar und Patricks Reaktion hatte ich auch Missverstanden, hätte ich etwas nachgedacht, dann hätte ich verstanden warum Patrick erst weg gerannt war.

Patrick

Als ich nach Hause kam, erwartete mich schon meine Mutter in der Küche.
Erwartungsvoll sah Sie mich an.
„Und wie geht es Kevin? Hat er mit Dir gesprochen?“
„Ja wir haben miteinander gesprochen und es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Er hat sogar gelacht. Danke Mam das Du mir geholfen hast.“
„He Junge Du bist mein Sohn und das einzige was mich an Deinen Vater erinnert. Immer wenn Du mich anschaust, sehe ich Deinen Vater vor mir. Er fehlt mir so!“
Ich trat zu meiner Mutter und drückte Sie an mich.
„Mir fehlt er auch Mam, aber ich habe ja noch Dich und das wir zusammen halten ist doch Ehrensache.“
Meine Mutter drückte mich kurz und stand dann auf.
„Na Du musst doch jetzt richtig Hunger haben und ich habe uns Spaghetti gemacht.“
Habe ich schon erwähnt das ich Spaghetti über alles Liebe?

Kevin

Nun waren drei Tage vergangen und ich war immer noch im Krankenhaus. Patrick hatte mich an allen drei Tage besucht und meine Eltern hatten mit mir auch gesprochen. Das Gespräch mit meinen Eltern verlief ganz gut und ich musste wieder mal feststellen, dass ich meine Eltern falsch eingeschätzt hatte.
Heute hatte ich mein erstes Treffen mit der Gruppe die Ilona betreute. So wie Ilona mir gesagt hatte, waren alle so ungefähr in meinem Alter. Ich war ziemlich aufgeregt. Paul der Krankenpfleger musste schon über meine Nervosität lachen. Soviel ich von Paul erfuhr, kannte er wohl die meisten aus der Gruppe. Paul selbst, er sah ja nicht schlecht aus, erzählte mir das er sich mit einem der Mädchen aus der Gruppe auch privat traf. Na ja er war ja auch erst Neunzehn und leistete hier seinen Zivildienst ab. Aber den Namen verriet er mir nicht. Schade auch, hätte ja schon gern gewusst auf welchen Typ Frau er abfuhr.
Ja mir ging es besser und die Treffen mit Ilona halfen mir unbeschreiblich. Patrick hatte sogar stundenlang gesurft um für mich Informationen zu sammeln. Dabei hatte er sogar eine Seite gefunden, wo Jungs in unserem Alter sogar Hilfe bekamen. Will hier aber keine Werbung machen, jedenfalls hatte Patrick einiges für mich ausgedruckt und ich hatte damit genug Lesestoff zur Verfügung.
Ich sah auf meine Uhr und diese zeigte mir, dass es soweit war und ich in den angegebenen Gruppenraum musste. Auf dem Weg dahin, hatte ich plötzlich doch etwas Muffensausen, aber was soll’s, da musste ich wohl jetzt durch.
Kurz darauf stand ich vor der Tür und atmete tief durch.
„Hey willst Du auch darein?“
Die Stimme war einfach atemberaubend und ich drehte mich zu dieser um, da die Person die das gesagt hatte hinter mir stand.
Da stand ein Junge mit fast schwarzen Haaren und Augen die einem zum Schmelzen brachten. Zwei grüne Smaragde strahlten mich an und ich versank in Ihnen. Ansonsten war der Junge ziemlich schlank und hatte abgetragene Sachen an. Sein Gesicht war schmal und ein süßer Schmollmund lächelte mich an. Der Junge gefiel mir und ich konnte meinen Blick nicht von ihm wenden.
„Alles in Ordnung mit Dir?“
Erst jetzt wurde mir bewusst wie ich den Jungen anstarrte. Oh Shit und das mir. Was sollte der von mir denken. Man mir war das so was peinlich und dann wurde mein Gesicht ganz heiß. Nee oder ich musste jetzt ja wie eine Tomate aussehen und der Junge strahlte mich immer noch an.
„Ich bin der Peter und wie ist Dein Name? Oder haste Deine Sprache verloren?“
„Ich …ich ..ich bin der Kevin.“ Stotterte ich und sah dann zu Boden. Man das auch noch.
„Na dann komm mal!“ und er ergriff meine Hand und zog mich in den Raum.
„Hey Peter wen haste denn da aufgegabelt?“ kam es von einem Mädchen das auf einen der Stühle die in einem Kreis aufgestellt waren saß.
„Das ist Kevin!“
„Man der sieht ja richtig süß aus und Du bist ihm doch nicht an die Wäsche gegangen? Der arme Junge ist ja rot wie eine Tomate!“ kicherte Sie.
„Man Melissa kannst Du einmal Deinen Mund halten.“
Was wie habe ich da richtig gehört? Konnte es sein das dieser Peter schwul ist. Oh bitte lieber Gott mach das es so ist und ich sah Peter von der Seite an. Dieser sah ziemlich wütend aus und sah immer noch in die Richtung wo Melissa saß. Melissa selber hatte schulterlanges braunes Haar und sah belustigt immer noch zu Peter. Na das konnte ja noch was werden. Ich war schon gespannt wer noch alles zu der Gruppe gehörte. Dann sah ich mich in dem Raum um, da war aber nicht soviel zu sehen. Die Wände strahlten in einem kalten Weiß und kein Bild verschönerte den Raum. Na das konnte ja noch was werden.
Da ging auch schon die Tür auf und zwei Mädels traten in den Raum.
„Hi Leute!“ kam es fast synchron von den beiden.
„He Du musst der neue sein, den Ilona schon angekündigt hatte. Und wie geht’s Dir?“ interessiert sahen mich die Mädchen an.
„MMHH ganz gut. Wie ist denn euer Name? Meiner ist Kevin!“
„Ich bin die Melanie und das neben mir ist Steffi.“
Die beiden sahen wirklich echt nett aus und diese Melanie, konnte schon in das Beuteraster von Paul passen. Nach und nach trafen auch die anderen ein.
Da waren dann noch Gabi, Frank, Jasper und Sieglinde. Wir setzten uns dann auch auf die Stühle und Peter setzte sich gleich neben mich.
Da ging auch schon die Tür auf und Ilona trat in den Raum.
Ilona setzte sich dann auf einen der freien Stühle und sah in die Runde.
„Na wie ich sehe sind wir vollständig und Kevin ist auch da.“
Sie sah dabei mich direkt an.
„Kevin würdest Du Dich den anderen erstmal vorstellen? Du musst nichts sagen, wozu Du noch nicht bereit bist. Aber ich denke ein bisschen sollten die anderen schon über Dich wissen.“
Oh man was sollte ich sagen? Meine Gedanken kreisten wie ein Wirbelsturm dahin und ich merkte wie mich die anderen fixierten.
Na gut ich holte tief Luft und begann: „Also meinen Namen kennt ihr ja! Ich bin 15 und werde morgen 16 Jahre alt. Vor vier Tagen habe ich Mist gebaut und seitdem bin ich hier im Krankenhaus…..“
„Mist. Man Kevin wir haben alle hier das durchgemacht wie Du und es ist kein Mist den Du da getan hast. Es ist nur Schade das niemand da war in dem Moment und uns zugehört hat.“
Die Stimme die mich unterbrochen hatte, war die von Peter, der neben mir saß. Ich wandte mein Gesicht zu ihm und sah ihn an. Dieser sah auch in meine Richtung und in seinen Augen sah ich Zorn und auch etwas undefinierbares, was ich nicht zuordnen konnte.
„Ich weiß. Du hast ja Recht. Aber ich denke das ich in dem Moment nicht überlegt habe, sondern einfach das tat was das einfachste war. Nämlich aus diesem Leben zu verschwinden.“
Ich sprach etwas leiser und ich merkte wie die anderen mich ansahen.
„Nun gut das reicht erst mal. Peter, wie geht es Dir in der Wohngemeinschaft?“ kam es von Ilona.
„Es ist in Ordnung. Die anderen lassen mich in Ruhe und mehr möchte ich auch nicht.“
Peters Stimme hörte sich dabei ziemlich traurig an. Ich wusste ja nichts von ihm und hoffte doch mehr zu erfahren, von ihm.
Mein Blick wanderte zu den anderen und dann meldete sich Melissa.
„Ja Melissa was gibt’s?“ Ilona sah Melissa dabei aufmunternd an.
„Also bei mir geht es langsam Bergauf, in der neuen Schule habe ich schon zwei neue Freundinnen und auch meine Zensuren haben sich verbessert.“
„Melissa das ist schön, aber würdest Du Kevin vielleicht mehr von Dir erzählen? Die anderen kennen ja Deine Geschichte schon, aber vielleicht kannst Du Kevin diese auch erzählen!“
„Ich mache es aber kurz und knapp, da ich mit dieser Zeit abgeschlossen habe. Also ich wurde auf meiner alten Schule gemoppt und ich habe irgendwann dem Druck nicht mehr standgehalten. Tja dann habe ich Tabletten geschluckt und aufgewacht bin ich dann hier im Krankenhaus. Meine Eltern hatten von dem was in der Schule vor sich ging keine Ahnung und nachdem ich mit Ilona gesprochen hatte, über meine Probleme, hat diese mit meinen Eltern gesprochen. Auf jeden Fall wurde ich, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, in eine andere Schule versetzt. Seitdem geht es wieder und ich habe wie eben schon gesagt auch neue Freunde gefunden.“
Melissa die ich dabei ansah, sah glücklich aus.
„Danke Melissa und ich denke ich spreche für alle, wenn ich Dir sage dass ich mich für Dich freue.“
Die weitere Stunde verlief dann genauso alle stellten sich mir kurz vor. Melanie und Steffi hatte wie fast alle auch Probleme in der Schule gehabt entweder mit den Zensuren oder wie Melissa, dass sie gemoppt wurden. Nur Peter ging mir nicht aus dem Kopf, er war der einzige der nicht zu Hause wohnte und als er einmal seinen Ärmel vom Pullover hochschob sah ich mehrere Narben auf seinem Arm. Als ob er meine Blicke gemerkt hatte, zog er sofort den Ärmel wieder runter. Als die Stunde dann vorbei war und wir uns aufmachten das Zimmer zu verlassen, lief Peter hinter mir her.
„Warte doch mal Kevin. Musst Du gleich wieder auf Deine Station, oder haste Lust noch in die Krankenhauskantine zu gehen? Ich gebe auch eine Cola aus.“
Er sah mich dabei mit einem Lächeln an, dass mir ganz anders wurde. Warum nicht, ich wollte ja diesen Peter etwas näher kennen lernen und auch mehr von ihm wissen.
„Klar die werden mich schon nicht gleich auf die Fahndungsliste setzen.“
Wir gingen gemeinsam zur Kantine und Peter holte uns zwei Colaflaschen. Ich selber suchte uns einen freien Tisch und setzte mich, um auf Peter zu warten. Die Kantine selbst war ganz nett eingerichtet, es hingen Gardinen vor den Fenstern und die Tische waren mit Tischtüchern bedeckt und auf diesen stand jeweils eine Vase mit Blumen.
Zwei ältere Damen bedienten die Leute und das auf sehr herzliche Art und Weise. Wie es von weitem aussah kannten die beiden Peter, denn die eine kam hinter den Tresen hervor und drückte ihn an sich. Peter fand das wohl toll denn auch er drückte sie und dann fragte sie ihn wohl etwas, denn er zeigte auf mich. Die Dame drehte sich zu mir und lächelte mich an, danach drehte sie sich wieder zu Peter und sagte wohl etwas zu ihm. Jedenfalls wechselte seine Gesichtsfarbe ziemlich ins Rote. Ich musste dabei grinsen, denn ich fand dass er mit der Farbe im Gesicht noch besser aussah.
Man was hatte ich nur für Gedanken, aber ich musste zugeben dass ich mich zu diesem Jungen hingezogen fühlte und ich wollte alles über ihn wissen. Auch über die Narben auf seinen Arm. Ich war wohl so in Gedanken, dass ich gar nicht mitbekam das Peter sich an den Tisch gesetzt hatte und mir die Cola hinhielt.
„Hallo Erde an Kevin!“
„Was?“ erschrocken sah ich auf und dann Peter direkt in die Augen. Wauuu diese Augen, ich hätte stundenlang in diese Augen schauen können. Aber halt ich wusste ja nicht mal ob er schwul war und zum andern was tat ich hier eigentlich. Ich merkte wie mein Kopf heiß wurde. Oohh nein nicht schon wieder. Das hatte ich doch erst vor kurzem gehabt.
„Weißt Du Kevin, als Tomate würdest Du Dich ganz gut verkaufen lassen.“
Peter fing dabei an zu lachen und ich fiel mit ein. Nachdem wir uns beruhigt hatten, tranken wir unsere Cola.
„Sorry Kevin, ich bin ein neugieriges Kerlchen. Was war eigentlich der Grund warum Du das gemacht hast?“
Peter sah mich dabei an und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er auf eine bestimmte Antwort lauerte. Jedenfalls blitzten seine Augen ziemlich verräterisch. Ich sah auf meine Colaflasche und fing an, seine Frage zu beantworten.
„Ich… ääähhhh na was soll’s mehr als wegrennen kannste ja nicht. Ich bin schwul und kam mit meinen Gefühlen nicht mehr klar und….“
Mir kam es vor, als ob alle Geräusche im Umkreis, gleichzeitig aufhörten. Jedenfalls hörte ich nur noch mein Herz bummern und dachte nur hoffentlich rennt er nicht weg.
„Kevin hallooooo…..“
Peters Stimme drang an mein Ohr, er war also noch da. Ich wollte meinen Kopf heben, aber leider merkte ich auch, dass mir Tränen in die Augen stiegen. Leise fing ich an zu schluchzen, man ich wollte das nicht.
Plötzlich spürte ich zwei Hände die mich an den Schultern fassten.
„Es ist in Ordnung. Ich weiß wie es ist zu merken, dass man nicht wie die anderen ist. Aber es ist nur ein kleiner Unterschied. Kevin glaub mir.“
Peters Stimme drang leise an mein Ohr und dann zog er mich an sich. Wie sehr ich das genoss. Man war das ein Gefühl, von den Armen eines Jungen gehalten zu werden. Langsam beruhigte ich mich und Peter ließ mich vorsichtig los.
„Und geht es jetzt wieder?“
Ich nickte und wischte mir die letzten Tränen, mit dem Handrücken aus dem Gesicht.
„Ja Danke. Peter habe ich das richtig verstanden? Du bist auch schwul???“
Peter grinste mich frech an und nickte dann.
„Ja bin ich und ich mag Dich Kevin.“
Dabei verdrehte er die Augen und ich prustete los. Das sah aber auch zu komisch aus.
„Was ist daran jetzt soooo klustig?“ kam es von Peter etwas eingeschnappt.
„DDDeeeiinnnee Auugge… HIHIHIHIHI..“
Ich bekam einen regelrechten Lachanfall und Peter fiel dann auch mit ein. Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, sah ich Peter wieder ernst an.
„Peter meintest Du das vorhin ernst, dass Du mich magst?“
„Ja! Du siehst echt niedlich aus…“ dabei sah er mich mit einem verträumten Blick an.
„Und Deine Eltern, wie haben Sie es aufgenommen, dass Du schwul bist?“
Peter sah mich verträumt und zugleich fragend an.
„Sie haben es gut aufgenommen und klar ist es für Sie wie für mich nicht einfach! Aber ich denke, dass wir das hinbekommen. Schließlich steht mein bester Freund Patrick auch voll hinter mir.“
„Ach Du hast einen FREUND?“ dabei sah er mich traurig an.
„Nein nicht mein FREUND sondern nur mein bester Freund. Wenn Du verstehst. Ich bin noch zu haben.“
Ich sah wie sich ein Grinsen auf Peters Gesicht stahl und dann setzte ich leise noch hinzu: „Vielleicht habe ich denjenigen gefunden!“
„WAAAUUU heißt das ich hätte da Chancen?“ dabei blitzten Peters Augen kurz auf.
„Lass mich überlegen, wenn ich Dich so ansehe könntest Du in mein Beuteraster passen!“
Was dann kam, darauf war ich nicht gefasst, denn plötzlich trafen zwei Lippen auf meine.
Man das war mehr als ein Blitz der in dem Moment mich traf, bei der Berührung.
Als Peter schon längst wieder auf seinem Platz saß, starrte ich immer noch in die Luft. Mein erster Kuss von einem Jungen.
„Soll ich den Notarzt holen?“
„WAAASSSS…“ aufgeschreckt sah ich Peter an: „Ich brauche keinen Notarzt. Peter das war einfach bombastisch.“
Verträumt sah ich ihn an und Peter selber sah auch nicht anders aus.
„Peter würdest Du mir auch von Dir erzählen?“
Ich wollte ja gerne mehr wissen und war schon gespannt darauf, was er mir erzählen würde.
Aber es kam ganz anders, denn Peters Gesichtszüge veränderten sich bei meiner Frage, binnen weniger Sekunden. Er sah plötzlich so unnahbar aus und irgendwie hatten seine Augen etwas Eiskaltes an sich. Jedenfalls wurde mir bei dem Blick eiskalt.
„Nein!“ abrupt stand er vom Tisch auf und rannte aus der Kantine.
Was hatte ich denn jetzt falsch gemacht? Ich wollte doch nur mehr über ihn wissen.
Ich wollte gerade aufstehen, als die ältere Dame vom Tresen auf mich zukam.
„Was ist denn mit Peter los?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe nur gefragt ob er mir etwas über sich erzählen würde und dann ist er weggerannt.“
„Na Kleiner das ist auch nicht einfach. Erstmal ich bin die Lilo und ich kenne Peter. Er lag hier über ein halbes Jahr im Krankenhaus. Er hat es nicht einfach und was er durchgemacht hat, dass wünsche ich niemanden.“
Lilo setzte sich dabei auf einen der Stühle und sah mich mitfühlend an.
„Wie heißt Du überhaupt Junge?“
„Mein Name ist Kevin und ich wusste nichts davon! Hätte ich es gewusst hätte ich gar nicht erst gefragt.“ Traurig sah ich Lilo an.
„Na er wird sich schon beruhigen. Wie gesagt er hatte es in seinem Leben nicht leicht. Sag mal hab ich das vorhin richtig mitbekommen, oder war das eine Fatamorgana?“ fragend, mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen, sah Lilo mich an.
„Was meinen Sie?“ ich wusste wirklich im ersten Moment nicht was sie meinte.
„Hat Peter Dich geküsst?“
„Ichh.., glaube ja…“ ängstlich sah ich sie an. Ich wusste ja nicht wo das jetzt hinführte. Aber stattdessen fing lächelte sie mich aufmunternd an.
„Na nach Deiner Gesichtsfarbe zu urteilen hat es Dich verdammt doll erwischt. Man wie ich mich freue für Dich und glaube mir, ich kenne Peter sehr gut den hat es genauso erwischt. Kevin gib ihm etwas Zeit dann wird er Dir schon alles erzählen und glaub mir es wird nicht leicht sein das zu verdauen, was er zu erzählen hat. Aber nun Kopf hoch und ab auf Deine Station, gibt gleich Abendbrot.“
Sie stand daraufhin langsam auf und ging zum Tresen zurück und ich machte mich auf die Socken um zu meiner Station zurückzukommen, ehe die eine Vermisstenanzeige aufgaben.
In dieser Nacht ging mir Peter nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder sah ich die Narben auf seinem Arm und dann diesen eiskalten Blick den er mir zugeworfen hatte.

Peter

Ich rannte die Strasse entlang, ohne auf die Passanten und den Verkehr zu achten. Immer noch hatte ich Kevins Gesicht vor meinen Augen. Nein ich wollte und war auch noch nicht bereit alles über mich zu erzählen, auch nicht Kevin. Die einzigen die ahnten was ich durchlebt hatte, waren die Ärzte die mich nach meinem Selbstmordversuch untersucht hatten und Ilona. Der hatte ich irgendwann vertraut und mein beschissenes Leben erzählt, genauso wie Lilo die zu mir wie eine Oma war. Lilo war auch diejenige die oft bei mir saß in der Kantine und auch manchmal im Park des Krankenhauses. Ilona und Lilo waren es, die mir halfen in eine Jugendgruppe zu kommen, die mit zwei Erziehern in einer Wohngemeinschaft lebten. Die Truppe war auch ganz nett und klar gab es da auch mal Stunk, aber ansonsten war es ganz passabel.
Ich rannte immer noch wie ein wilder durch die Strassen, dann sah ich endlich den Park vor mir und ich stürmte in diesen hinein. In diesem Park hatte ich mich immer versteckt wenn es zu Hause überhaupt nicht mehr ging. Ich hatte dort am See ein altes Bootshaus entdeckt, in dem ich mich dann immer verkroch. Zielstrebig rannte ich den Weg entlang, runter zum See wo das Haus stand. Von weitem sah ich es dann. Na ja sah jetzt wirklich nicht Klasse aus der Schuppen. Aber immerhin war das Dach noch dicht, so dass es einem vor Regen und Wind schützte. Einige alte Weiden die dort standen verdeckten im Sommer den Schuppen so gut, dass man diesen nicht sofort entdeckte. Vor dem Schuppen angekommen ging ich zur linken Seite und zog ein Brett aus der Wand, dadurch entstand eine Lücke in der Wand, durch die ich kroch. Nachdem ich in dem Schuppen war, setzte ich mich auf den Boden und starrte vor mich hin.
Kevins Worte gingen mir im Kopf rum.
„Peter würdest Du mir auch von Dir erzählen?“
Ich merkte wie mir Tränen in die Augen traten und dann sah ich meinen Stiefvater, wie er in mein Zimmer schlich und mir den Mund zu hielt, damit ich nicht schreien konnte.
Ich wollte diesen Mist nicht mehr sehen, nie mehr daran denken. Aber wie schaltete man den Kasten da oben ab? Ilona sagte ich müsse darüber sprechen, aber ich konnte nicht. Die Narben auf meinen Armen, hatte ich mir selbst zugefügt. Jeder Besuch meines Stiefvaters war mit einer Narbe auf meinen Armen festgehalten. Jedes Mal zog ich mir mit der Schneide meines Taschenmessers eine dazu. Nur um durch den Schmerz festzustellen das ich immer noch lebte und auch nie vergaß wie oft er in mein Zimmer gekommen war. Ilona meinte, dass ich Strafanzeige stellen musste, aber ich war noch nicht bereit dazu.
Ich brüllte meinen Schmerz und meine Wut heraus. In Gedanken sah ich Kevin und wie seine Augen geleuchtet hatten, nachdem ich ihn geküsst hatte. Kevin man ich konnte es nicht fassen, ich hatte ihn im Gang vor der Tür stehen sehen und war gleich hin und weg.
Tränen liefen mir das Gesicht herab und ich legte mich auf eine der Decken die ich hier zu liegen hatte. Irgendwann umfing mich angenehme Dunkelheit und ich träumte von Kevin.

Kevin

Ich hatte gerade mein Abendessen hinter mir, als es an die Tür klopfte.
„Herein!“
Die Tür ging auf und Patricks Kopf kam zum Vorschein.
„Hi Kevin wollte nur noch kurz nach Dir sehen!“
„Komm rein, ich muss Dir was erzählen.“
Patrick schloss die Tür hinter sich und kam auf mich zu, er setzte sich auf mein Bett und sah mich strahlend an.
„Na was haste mir zu erzählen? Und wie war eigentlich Deine erste Sitzung mit den anderen?“
„Also die anderen sind alle in Ordnung und ich dachte nie, dass andere auch Probleme haben und nicht damit fertig werden. Aber einer der wollte nicht mal mir sagen, was er durchgemacht hatte.“
Bei diesen Worten stahlen sich doch Tränen in meine Augen.
„Hee da ist doch noch mehr?“
Ich nickte: „Ich habe meinen ersten Kuss von einem Jungen bekommen! Eben von demjenigen, der von sich nichts erzählen wollte.“ flüsterte ich.
„Wau und deswegen weinst Du jetzt?“
„Nein danach habe ich ihn gefragt, ob er mir was von sich erzählen würde. Patrick er ist, kaum war die Frage gestellt, aufgestanden und hat mich wie einen Blödmann sitzen gelassen. Er hat mich nur mit einem eiskalten Blick angesehen und das hat so wehgetan.“
Ich schluchzte und Patrick nahm mich in den Arm.
„Da hat es wohl jemanden ganz schön getroffen. Mein kleiner Kevin ist verliebt.“
„Patrick was soll ich bloß machen?“
„MMHH ich weiß ja nicht was der Junge durchgemacht hat, aber vielleicht solltest Du ihm Zeit geben, damit er Dir das erzählen kann.“
„Der Junge heißt Peter.“
Bevor Patrick mir antworten konnte, ging die Tür zu meinem Krankenzimmer auf.
„Kevin ?“
Ich sah auf und sah Ilona in der Tür stehen. Hinter ihr stand Lilo die ein besorgtes Gesicht machte.
„Ja?“ fragend schaute ich Ilona an.
„Kevin Peter ist verschwunden und Lilo sagte mir das Du und Peter zusammen in der Kantine gesessen habt. Hat er Dir vielleicht gesagt wohin er noch wollte?“
Ich schüttelte den Kopf: „Nein er ist plötzlich aufgesprungen und weggerannt.“
„HMMM.. das hört sich nicht gut an!“
Ilona sah besorgt und nachdenklich aus.
„Ilona warte mal, wo hat man damals Peter gefunden?“
Lilo sah fragend Ilona an.
„Na am See im Stadtpark. In diesem alten Bootsschuppen der da am See steht.“
„Vielleicht ist er dort?“ Lilo sah Ilona immer noch an.
„Ja dann werden wir dort nachsehen!“
Ilona wollte sich gerade umdrehen, da meldete ich mich zu Wort.
„Ilona kann ich mitkommen? Bitte…“
Ilona sah mich direkt an und nickte.
„Sollte er nicht etwas mehr wissen? Ilona ich glaube, Du solltest es ihm erzählen…“
Der Satz den Lilo ausgesprochen hatte, stand in der Luft und keiner wagte ein Ton zu sagen.
Patrick der immer noch neben mir stand drückte mich an sich. Als ob eine Sintflut auf mich herabströmte, fing Ilona an zu erzählen.
„Peter hatte keine leichte Kindheit. Sein Stiefvater hat ihn missbraucht und seine Mutter hat ihm nicht geholfen. Sie hat dann lieber die Flasche zum Vergessen genommen, als ihn zu beschützen. Peter hat versucht sein Leben zu beenden und man hat ihn unten am See, in diesem Bootshaus gefunden. Als ich ihn kennenlernte, lag er hier in diesem Krankenhaus und ich kam die erste Zeit nicht an ihn heran. Lilo hat es dann geschafft das Eis zwischen uns zu brechen. Ich habe ihm dann geholfen und ihn in dieses betreute Wohnen untergebracht.“
Ich lauschte Ilonas Worte und ich begriff nur zu einem Bruchteil was Peter durchgemacht hatte.
„Was ist aus seinem Stiefvater geworden?“ Kevins Stimme war leise aber mit einer Menge Wut darinnen.
„Der ist noch auf freiem Fuß. Peter ist noch nicht soweit, sich anderen zu öffnen, um diesen Mistkerl anzeigen zu können. So nun kommt wir werden ihn dort suchen an diesem See.“
Patrick ließ mich los und ging zu meinem Schrank, aus dem er meine Jacke holte.
„Hier Kevin zieh die an und vergesse Deine Schuhe nicht!“
Ich nickte und zog mir die Schuhe an, die unter meinem Krankenbett standen.
Kurz darauf verließen wir das Krankenhaus und liefen zum Stadtpark. Ilona hatte sich bei Lilo eingehackt. Sie gingen einige Schritte vor uns. Patricks Hand hielt meine fest und zog mich hinter den beiden Frauen hinterher.
Im Park angekommen, holte Ilona eine Taschenlampe aus ihrer Tasche und schaltete diese an.
„Es ist nicht mehr weit.“
Wir folgten den beiden Frauen, den Weg entlang. Mittlerweile war es dunkel geworden und da im Park keine Laternen an den Wegen standen, war es echt schwer den Weg zu erkennen.
„Da vorne muss der Schuppen sein.“ hörte ich Ilonas Stimme.
Tatsächlich der Lichtkegel der Taschenlampe beleuchtet kurz darauf eine Holzwand an, die wohl zu dem Bootshaus gehörte.
„Ah hier ist eine Tür! Mist die ist auch noch zugeschlossen, wie kommen wir jetzt rein?“
Die Tür sah schon ziemlich ramponiert aus, denn sie hing etwas schief in den Angeln. Die Tür war mit einem großen Vorhängeschloss versehen.
„Halt mal, so wie der Schuppen aussieht, sind bestimmt Bretter lose. Wir müssten die Wände uns näher ansehen.“ kam es von Patrick.
Ilona fing daraufhin an die Holzwand des Bootshauses abzuleuchten und tatsächlich kurz darauf hatte Ilona etwas entdeckt.
„Hier unten sind einige Bretter lose. Da pass ich bloß nicht durch. Wenn man die Bretter etwas beiseite schiebt, könnte es aber klappen.“
„Kevin los da passt Du bestimmt durch!“ meinte Patrick.
„Los Kevin ab rein und wenn er da drinnen ist sagst Du uns bescheid.“
Kurz entschlossen bückte sich Patrick und zog die untersten zwei Bretter nach vorne.
„Los Kevin ab rein da.“
Ich bückte mich und sah mir die Lücke an, die Ilona mit der Taschenlampe anleuchtete.
Au man da musste ich aber auf allen vieren rein robben. Also legte ich mich auf den Boden und kroch mit dem Kopf zuerst in die entstandene Lücke. Nachdem mein Kopf durch die Lücke war, bekam ich erst mal keine Luft. War das ein Gestank. Es stank regelrecht nach verfaultem Holz und dann stieß ich mir auch noch den Kopf. Da ich in der Dunkelheit nicht erkennen konnte an was, tastete ich unter leisem fluchen mit den Händen den Boden ab. Nachdem ich dann endlich im Bootshaus war, flüsterte Patrick leise, dass ich aufpassen sollte.
So kroch ich vorsichtig auf allen vieren am Boden lang. Meine Hände tasteten den Boden vor mir immer wieder ab, bevor ich weiter kroch. Irgendwann fühlte ich etwas, dass sich wie Stoff anfühlte. Ganz langsam tastete ich mich vor und plötzlich hatte ich eine Hand mit meinen Fingern berührt.
„Peter?“ flüsterte ich leise und tastete mich weiter bis ich eine Schulter fühlte. Vorsichtig rüttelte ich die Person und hoffte nur das es auch tatsächlich Peter war, der hier im Dunkeln lag.
„Was ist…“ kam es plötzlich von der Person. An der Stimme erkannte ich, dass es sich um Peter handelte. Aber ehe ich etwas erwidern konnte, sah ich auch schon Sterne.
„Scheisse…“ heulte ich auf und hielt automatisch meine Hand an die rechte Wange.
„Kevin? Mist das wollte ich nicht… Ich dachte doch.. Was machst Du hier?“ kam es von Peter stockend.
„Ja super ich habe Dich gesucht. Ilona und Lilo stehen draußen. Wir haben uns um Dich Sorgen gemacht.“
„Du hast Dich um mich gesorgt? Wieso? So wie ich Dich habe stehen lassen?“ kam es leise von ihm.
„Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht! Zum anderen wollte ich den Kuss noch mal wiederholen…“ ich grinste in die Dunkelheit und stellte mir Peters Gesicht vor wie es sich langsam meinen näherte und mich dann küsste. Plötzlich fühlte ich zwei Hände die mein Gesicht abtasteten und dann spürte ich zwei Lippen die mich zärtlich küssten. WAU was für ein Gefühl.
„Kevin alles OK? Ist Peter da drinnen?“ kam es von draußen. Ilonas Stimme hörte sich nicht danach an, als ob sie noch lange auf eine Antwort warten würde. Ganz behutsam löste ich meine Lippen von Peters und flüsterte ihm dann zu: „Ich glaube wir sollten jetzt gehen, sonst garantiere ich für nichts…“
„Hast recht also los, auf geht’s.“
„Ich habe ihn gefunden! Es ist alles ok mit ihm… Wir kommen jetzt raus!“ rief ich und nahm Peters Hand in die meine und wir robbten wieder zurück zu den losen Brettern.
Kurz danach standen wir im freien und Ilona drückte Peter an sich.
„Junge das machst Du nie wieder verstanden!?“ dann drückte Ilona Peter noch fester an sich.
„Ja habe ich verstanden.“ Kam es von ihm zerknirscht.
Peter sah dabei in meine Richtung und lächelte.

Patrick

Na das war vielleicht eine verrückte Geschichte. Zum Glück ging diese dann aber glimpflich aus und nun war ich zu Hause in meinem Zimmer und lag in meinem Bett. Überglücklich dachte ich an die Blicke, die Peter und Kevin sich zugeworfen hatten.

Peter

Ilona und ich waren, nachdem wir Kevin ins Krankenhaus gebracht hatten, auf dem Weg zu meiner Unterkunft. Es war eine Wohngemeinschaft, die aus sieben Jugendlichen bestand, einschließlich meiner Person. Dazu kamen dann noch zwei Erzieher, die über uns wachten und uns bei den täglichen Aufgaben unterstützten. Für mich war diese Gemeinschaft etwas ganz besonderes, da alle aus zerrütteten Familien stammten.
„Peter?“ kam es plötzlich fragend von Ilona.
„MMHH.. ja?“
Ilona hielt plötzlich auf dem Gehweg an.
„Sieh mich bitte an.“
Langsam hob ich meinen Blick und sah Ilona ängstlich an.
„Peter so kann es nicht weitergehen. Du musst endlich darüber sprechen, was dein Stiefvater dir angetan hat.“
„Aber ..ich kann das nicht….Ich schäme mich dafür und was soll Kevin von mir denken…“
Ich merkte wie mir die Tränen in die Augen schossen und blinzelte.
„Es wird Zeit, die Dämonen zu bekämpfen und glaube mir es ist für dich das Beste.“
Ilona hatte ja recht. Wenn ich ein neues Leben anfangen wollte, musste ich das alte beenden. Ich musste mit dem ganzen abschließen und dazu gehörte auch meinen Stiefvater anzuzeigen.
Es machte irgendwie klick in meinem Kopf. Ich sah Kevins Gesicht, das mir aufmunternd zulächelte und irgendwie erkannte ich in dem Moment, wenn ich jetzt nichts unternahm, dann würde es nicht besser werden.
„Ilona..“#
„Was ist?“
„Ich tue es jetzt! Ich will eine Chance haben und ich möchte Kevin nicht verlieren und ich will ein neues Leben beginnen“
„Na Bitte so gefällst Du mir besser..“
„Ilona ich möchte das wir jetzt zur Polizei gehen. Ich habe Angst das ich sonst nie wieder den Mut aufbringen werde darüber zu sprechen.“
Ilona hob eine Augenbraue und holte dann aus ihrer Tasche ihr Handy heraus.
Kurz darauf sprach sie mit einem der Erzieher aus meiner WG, um bescheid zu sagen das ich später kommen würde, da ich endlich bereit war meinen Stiefvater anzuzeigen.
Danach gingen wir zum nächsten Polizeirevier, damit ich dort das tun konnte was ich schon längst hätte tun sollen.
Es wurde eine lange Nacht.
Wir saßen noch bis in den Morgen mit einem Staatsanwalt zusammen, der sich die Unterlagen vom Krankenhaus ansah und meine Geschichte anhörte.
Als wir dann aus dem Polizeirevier herauskamen, ging gerade die Sonne auf.
„Ilona Danke..“ ich sah Ilona dabei in die Augen.
„Peter du musst mir nicht danken. Das warst Du der endlich darüber gesprochen und den Mut gefunden hat, endlich damit abzuschließen.“
Sie nahm meine Hand und wir gingen zusammen die Strasse entlang. Als ob etwas von mir heute Nacht abgefallen war, sah ich die Welt plötzlich mit anderen Augen. Das erste Mal seit langem hatte ich das Gefühl, endlich einer neuen Zukunft entgegenzugehen und dort wartet auch Kevin auf mich.

Kevin

Ich konnte es kaum abwarten, dass es endlich Neun Uhr wurde, denn da begann die zweite Runde mit der Gruppe und ich sah endlich Peter wieder. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht mitbekam das jemand an meine Tür klopfte.
„Hallo Kev sag mal wie lange soll ich denn noch an Deine Tür klopfen?“
Erschrocken sah ich in die Richtung aus der die Stimme kam. An der Tür stand Peter und strahlte mich an.
„Peter…“ dabei stand ich auf und rannte auf ihn zu. Kurz darauf lagen wir uns in den Armen.
„Ist alles in Ordnung und gab es noch viel Ärger??“ fragte ich ihn.
„Nee gar nicht Ilona hat sich um alles gekümmert, wegen der WG. Na und wir waren gestern noch bei der Polizei..“ kam es leise von ihm.
„Wieso Polizei? Versteh ich jetzt nicht??“
„Komm wir setzen uns auf Dein Bett. Dann erzähle ich Dir alles. Na ja fast alles…“
Wir lösten uns voneinander und setzten uns auf mein Bett.
Peter sah nach unten auf dem Boden und seufzte.
„Es ist nicht einfach, aber Du hattest mich gestern etwas gefragt und gestern Abend habe ich den ersten Schritt getan und habe darüber gesprochen. Ja und jetzt bin hier um Dir Deine Frage zu beantworten…“
Ich merkte, dass ich jetzt nichts sagen durfte und nahm dafür seine Hand und drückte sie ganz fest.
„Mein Vater hatte sich vor Fünf Jahren von meiner Mutter getrennt und seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. Meine Mutter lernte dann einen neuen kennen und er zog bei uns ein.“
Peters Stimme war leise dabei geworden.
„Weißt Du am Anfang war er total nett. Kaufte mir Spielzeug und alles Mögliche von Klamotten angefangen bis hin zu einem neuen Fahrrad. Es war unbeschreiblich. Das einzige was mich immer störte an ihm war, dass er mich ständig an sich drückte und das nicht mal nur so. Nein er fasste mir manchmal zwischen meine Beine und knetete mein Ding. Ich mochte das nicht, aber wagte nichts zu sagen, da meine Mutter so glücklich mit ihm war. Tja und dann wurde ich etwas älter und dann stand er eines Tages in meinem Zimmer. Meine Mutter…“
Peter fing neben mir an zu zittern und holte tief Luft. Vorsichtig hob ich meinen Arm und legte ihn auf seine Schulter.
„Sie war einkaufen gegangen. Jedenfalls ..stand er da in meinem Zimmer und kam auf mich zu. Zuerst wusste ich nicht was er in meinem Zimmer wollte… Ich NAIVLING.. und fragte ihn daraufhin was er in meinem Zimmer wollte. Die Frage beantwortete er nicht! Dafür tat er etwas und zwar mit mir….“
Peter fing an zu weinen und vergrub sein Gesicht an meiner Schulter.
„Du hattest… gefragt… was das hier für Narben sind……“
Er hob den Kopf und zog den linken Ärmel seines Hemdes hoch.
„Jeder dieser…..“ dabei strich er mit seinen Fingern, vorsichtig über eine der Narben, ist eine Erinnerung für jeden seiner Besuche in meinem Zimmer.“
Entsetzt sah ich auf seinen Armen der bis zum Ellenbogen, von Narben übersäht war.
Vorsichtig hob ich meine Hand und strich über eine seiner Narben. Mein Gott, was wusste ich schon von der Welt da draußen. Meine Sorgen und Ängste waren plötzlich so klein wie ein Staubkorn. Ich sah Peter an, dem die Tränen vom Kinn tropften.
„Peter ich… hätte ich das gewusst….hätte ..ich nie danach gefragt.“
„Ist schon gut Kev. Ich habe gestern Nacht das ganze, einem Staatsanwalt, erzählt. Ilona meinte, ich sollte es dir auch erzählen.“ Peter schniefte kurz und sah mich dann an.
„Ich wollte es Dir erzählen und nun hab Ichs ja wohl???“
Ja das hatte er und ich drückte ihn fest an mich.
„Ich werde dich nie im Stich lassen Peter.. Ich hab mich in dich verliebt……..“
„OHH man und ich hätte gestern beinahe alles kaputt gemacht..“ kam es leise von Peter.
Er drückte sich an mich und ich nahm ihn in die Arme. Wie lange wir so da saßen konnte ich nachher nicht mehr sagen. Jedenfalls war es draußen schon dunkel geworden.
„He geht’s jetzt Peter?“
„Ja.. Kev??“
„mmhh..“
„Ich Liebe Dich auch…“ hauchte er mir ins Ohr.“

Ich stand hier vor seinem Sarg, an seinem Grab.
Peter hatte seine Dämonen nie besiegen können. Er hatte nie eine Chance dazu gehabt. Zwei Jahre hatten wir Zeit, bis das Kartenhaus zusammenbrach.
Wie vielen da draußen geht es genauso?
Ich stand vor Peters Sarg und Tränen, rollten an meiner Wange hinunter.
Sein Stiefvater war wieder frei. Er hatte nur zwei Jahre bekommen, für das was er Peter angetan hatte. Zwei lächerliche Jahre und die bekam dieses Monster dafür, dass er sich für schuldig erklärte. Peter sah ihn dann, zwei Jahre später, auf der Strasse und damit begann wieder sein persönlicher Alptraum. Sein ganz persönlicher. In Gedanken strich ich über seine Narben, jede einzelne die nie verheilten. Seine Qualen und seine Leiden habe ich mit durchlitten.
Patrick der neben mit stand, nahm meine Hand und drückte sie. Als ob er verstand was ich hier durchmachte.
Wind strich durch die Bäume und Blätter fielen wie Tränen auf den Sarg von Peter. Ich sah in Gedanken sein Gesicht das lachte, obwohl das lachen aus seinem Gesicht für immer verschwunden war. Warum taten Menschen einem anderen so etwas an? Warum?
Ich habe mal gelesen, dass der Dämon den man nie besiegt, Dich immer wieder heimsuchen würde. Der der in den Abgrund gesehen hat, der wird nie wieder diesen Anblick vergessen und nie die Qualen und Schmerzen. Er hatte die Qualen und die Schmerzen gesehen und gespürt und diese nie vergessen. Peter hatte nie eine Chance. Er hatte es nie geschafft diesen Dämonen zu besiegen. Warum? Warum musste so ein junges Leben zerstört werden. Warum?

Regentropfen fielen auf den Boden und ich sah zu wie diese auf dem Boden aufschlugen.
„Kev komm…“
Patrick versuchte mich vom Grab wegzuziehen. Aber ich wollte nicht. Immer noch sah ich Peters lachendes Gesicht.
„Patrick?“
„Was?“
„Warum war ich nicht bei ihm, als er es getan hat?“
„Kev du änderst gar nichts an all dem. Peter war am Ende. Du warst der einzige der es nicht sehen wollte. Seitdem er seinem Vater auf der Strasse begegnete, war er nicht mehr er selbst. Du hast nicht mal bemerkt, dass er kaum noch raus ging.“
„Ich … ich habe ihn so geliebt und ich wollte nur das er glücklich ist..“ ich fing an zu heulen und Patrick drückte mich an sich.
„Komm Kev gehen wir nach Hause. Peter hat seinen Frieden gefunden. Lass ihn diesen!“
Langsam gingen wir auf dem Sandweg zurück zum Friedhofstor.
Ich schaute noch einmal zurück zu Peters Grab. Verschwommen durch den Regen sah ich sein Grab.

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Information Austauschschüler
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 09:56 AM - No Replies

„Na toll“, schimpfte ich lautstark „IHR entscheidet das einfach mal so, weil’s euch grad passt und ICH darf dann den Babysitter spielen … das habt ihr euch ja wieder fein ausgedacht!“

Meine Mam wirkte nicht sonderlich erfreut und wollte gerade etwas erwidern, als sich mein Vater in den Streit einbrachte: „Jetzt übertreib mal nicht so … du sollst dich ja nur um ihn kümmern, bis er sich eingelebt hat … außerdem … von Babysitten kann wohl nicht die Rede sein … er ist immerhin schon 17!“

„SCHON siebzehn?“, äffte ich ihn nach … „was soll ich denn mit dem anstellen?! Und AUßERDEM! An dem Tag, hätte ich eigentlich schon was vorgehabt! … ihr hättet zumindest mal FRAGEN können!“

Jetzt meldete sich auch meine Mutter verärgert zu Wort: „Also, junger Mann, es ist mir schon klar, warum du dich so aufregst, aber es handelt sich doch erst mal nur um ein paar Stunden! Außerdem kann man es jetzt nicht mehr ändern … es ist schon alles geregelt und der Junge kommt am Freitag … da kannst dich aufführen wie du willst, es bleibt dabei.“

Als ich dazwischenfahren wollte, hob sie nur die Hand: „Lass mich ausreden … du wirst ihn also vom Flughafen abholen und dann fährst du ihn zu uns nach Haus … bis dahin sind dein Vater und ich auch von der Arbeit da und dann kannst du machen, was du willst …“

Ich schaute sie einfach nur wartend an … ich spürte es förmlich … das war noch nicht alles … irgendein Haken kommt bestimmt noch nach, denn so glimpflich war eine Diskussion mit meinen Eltern noch nie ausgegangen. Als die beiden mich einfach nur anstarrten, maulte ich noch: „wenn ihr meint“ und wollte gerade die Küche verlassen, als meine Mutter noch ansetzte, etwas zu sagen … genervt blieb ich stehen und drehte mich fragend noch mal um.

„Ich finde es übrigens schade, dass du uns in dieser Situation so wenig Verständnis entgegenbringst. Wir sind im Moment sehr eingespannt im Betrieb und haben aber in der Vergangenheit immer versucht, dir zu helfen, wenn mal wieder …“ Sie stockte und sagte dann auch nichts mehr und ich wär innerlich am liebsten in die Luft gegangen.

Toll war das wieder … immer dieselbe Tour, wenn ich mal meinen eigenen Kopf durchsetzen wollte. Erst einfach hinter meinem Rücken entscheiden und dann so tun, als hätte ICH ihnen nie geholfen, nur weil ich EIN Mal anderes im Sinn hatte.

Das war wieder mal typisch … sind eigentlich alle Eltern so?

Ich schaute sie also nun direkt an und versuchte dabei ein möglichst Hypergenervtes Gesicht aufzusetzen. Um einen ruhigen Ton bemüht sagte ich: „Ich hol den Bengel vom Flughafen ab DANN fahr ich ihn hierher und DANN fahr ich zu den anderen.“

Meine Mutter lächelte dankbar und mit einem solchen Strahlen im Gesicht, als hätten

wir nicht gerade genau darüber gestritten und ich ging endlich meiner Wege.

Mit einer sagenhaften Wut im Bauch ließ ich die Tür meines Zimmers zuknallen, warf mich aufs Bett und zündete mir erst mal ne Zigarette an …

Was soll denn das eigentlich? Meinen lieben Eltern fällt nichts besseres ein, als dass wir einen Austausch-Schüler aufnehmen sollten … weil das hebt nämlich das Ansehen in der Schule ungemein, schließlich ist mein Vater im Schulrat tätig und so weiter und so fort.

Toll, DIE haben ja auch nichts weiter zu tun, als dem Typen drei Monate lang ein Dach über dem Kopf und was zu Essen zu geben … ICH hab doch dann die Arbeit mit dem. ICH soll dem die Gegend zeigen und ICH soll dafür sorgen, dass er sich bei uns wohl fühlt und sich gut einlebt.

Die haben doch wohl komplett ne Meise.

DREI Monate lang soll ich den Babysitter spielen für den Kerl.

Also, jetzt erst mal zur Info: Meine Eltern sind oft hypernervend … beide im eigenen Betrieb berufstätig, mein Vater ist zudem noch im Schulrat, im Stadtrat … was das heißt, brauch ich ja wohl nicht dazu sagen. Ständig irgendwelche Grillpartys, bei denen wir heile Welt vorspielten, oder irgendwelche Veranstaltungen oder was auch immer.

Meine gewisse Neigung hatten meine Eltern zwar mit Murren, aber dennoch hingenommen … allerdings mit dem Hintergedanken, dass diese „Phase“ irgendwann mal wieder vorbeigeht.

Ja, nun zu mir: mein Name ist Maik … also, das ist keine Abkürzung oder so, ich heiße wirklich Maik. Genauer Maik-Pascal, aber so genau will ich es ja dann doch nicht nehmen … für Freunde einfach nur Maik. Ich bin 21 Jahre alt, hab mein Abi als Jahrgangsbester abgelegt und gönn mir jetzt grad ein Jahr Pause … ab nächstem Jahr will ich dann mein Studium „Mediendesign“ starten.

Ja, aber bis dahin ist ja noch lang hin.

So zu meiner Optik: Ich bin relativ groß, um die 1,90, sehr sportlich, hab dunkelblonde Haare, braune Augen. Bart trage ich kaum … höchstens mal so Dreitage-Stoppeln.

Was ich vielleicht noch hinzufügen möchte: Ich bin ziemlich schwul, soviel also zu meiner vorhin genannten „Neigung“ … also, ich hab schon auch Erfahrungen mit Frauen, aber das war noch nie so mein Ding … seit ich meine ersten Erfahrungen mit Männern gesammelt habe, erst recht nicht mehr. Einen festen Freund hab ich zurzeit nicht … meine letzte Beziehung liegt auch schon etwas zurück.

Also, ich hätte schon gern einen festen Partner, aber na ja, es sollte wenn, dann schon was dauerhaftes sein und solang ich des Gefühl nicht bei nem Kerl hab, solang werd ich wohl auf Solopfaden rumpirschen … und mal ehrlich, so schlecht ist das ja auch nicht.

Ich komm und geh wann es mir passt, brauch niemanden ne Rechenschaft abgeben und auf körperlicher Ebene kann man auch so seinen Spaß haben. Oft zwar allein, aber hin und wieder geh ich auch mal mit einem heim – zu IHM heim allerdings nur. Das müssen meine Eltern ja nicht immer mitbekommen, schließlich ist ihnen das auch schon so schwer genug gefallen, das zu schlucken.

Sollt ich wirklich meinen Traummann kennen lernen, dann werd ich ihn schon vorstellen, aber momentan seh ich das ziemlich locker.

Über diesen Austausch-Schüler weiß ich bis jetzt noch gar nichts … hab ja schließlich grad erst erfahren, dass da überhaupt einer kommt.

Aber is sowieso egal … ich zeig dem ein bisschen die Gegend und der Fall hat sich. Werd mich doch nicht drei Monate lang mit so nem pubertierenden, nervenden Teenie abgeben … hab ja schließlich auch meine Bedürfnisse, die ich auf keinen Fall so lang zurückstellen werde.

1. F l i e g e n d e U n g e h e u e r

So, nun war also der ominöse Freitag angerückt … unaufhaltsam wie ich leider feststellen musste. Dementsprechend mies war auch meine Laune an diesem Morgen. Vor Wut über die Ungerechtigkeit des ganzen Universums hätte ich auch beinah meinen Wecker ums Leben gebracht, als dieser einfach nicht mehr aufhören wollte, dieses nervige Geräusch von sich zu geben. Noch übler gelaunt wackelte ich ins Bad, wo ich mir erst mal das Knie am Wannenrand anhaute, als ich mich während dem Zähneputzen umdrehte und mich draufsetzen wollte.

Als ich mich endlich einigermaßen zivilisiert hatte, stampfte ich unüberhörbar die Treppe hinunter, wo meine Eltern grad noch ihren Kaffee tranken, bevor sie in den Betrieb fuhren … ja, ja, dachte ich nur … fahrt ihr nur in euren Betrieb und lasst mich babysitten.

Wortlos nahm ich mir eine Tasse aus dem Schrank und schenkte mir frischen Kaffee ein, an dem ich mir auch gleich die Zunge verbrannte. Meine Mutter konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Tja, frischer Kaffee ist heiß, mein Sohn“, meinte dann auch noch mein Vater schadenfroh, als just in dem Moment das Telefon klingelte … ich wurde gleich hellhörig … womöglich meinte es das Schicksal gnädig und der Gast taucht doch nicht auf?

Genau das waren mein erster Gedanke und gleichzeitig auch mein sehnlichster Wunsch und sogleich verfinsterte sich die Miene von Dad zusehends. Als er aufgelegt hatte, holte er noch mal tief Luft und meinte dann kleinlaut: „Es gab ein Problem in der Firma“

Oh, oh, mir schwante nichts Gutes. „Maik, hör mal, es ist wirklich ein Notfall und ich brauche Deine Mutter in der Firma.“

„Es wird wohl heute spät werden.“

Nein, nicht auch das noch, die Krone folgte sofort: „Du müsstest heut bei unserem Gast bleiben“, auf meinen entsetzten Blick fügte er schnell hinzu „wir können ihn doch nicht einfach in der Fremde allein hocken lassen … es ist immerhin der erste Tag!“

Ich nahm wortlos meine Kaffeetasse und ging ebenso wortlos in mein Zimmer hinauf.

Dort angekommen blieb ich stehen und knallte mit einem Schlag die Tür zu und zwar so laut, dass es wahrscheinlich die ganze Straße entlang zu hören war.

Nach ein paar Minuten kam dann meine Mutter hoch und nach einem leisen Klopfen betrat sie mein Zimmer. „Maik, ich versteh dich ja … du hast dein eigenes Leben und du bist alt genug. Aber ich kann es nicht ändern. Bitte lass deinen Ärger nicht an Julien aus“ …

„Oh, Julien … was für ein edler Name“, schmollte ich nur.

„Maik, jetzt hör aber mal auf … vielleicht mögt ihr euch ja sogar … wär doch toll … außerdem sollst du dich ja nicht andauernd um ihn kümmern. Nur halt, bis er sich etwas eingelebt hat. Und … eben heute…“

Als ich einfach nicht mehr antwortete, meinte sie: „Ich muss jetzt zur Arbeit … Juliens Flieger landet um 13:30“

„Wie soll ich denn den Typen überhaupt erkennen?“, maulte ich dann doch noch nach.

„Warte einfach an der Gepäckausgabe mit einem Schild … wir geben ihm telefonisch Bescheid, dass DU ihn abholen kommst, also schreib bloß Maik drauf … ich muss jetzt wirklich los.“

Mit einem letzten bittenden Blick ging sie aus meinem Zimmer und ich war allein. Das würd ich auch bleiben, bis ich diesen Bengel holen musste, denn meinen Kumpels durfte ich ja absagen.

13:35

Mann, ist hier ein Betrieb … selbst an der Gepäckausgabe war alles voller Leute und so ging ich noch mal nach draußen, um eine zu rauchen … weglaufen kann er ja schlecht, dachte ich sarkastisch bei mir.

Als ich wieder kam, hatte sich die Menschenmasse schon etwas gelichtet und so hielt ich gelangweilt mein Schild hoch. Nichts.

Auch nach zehn Minuten kam kein pubertierendes nerviges Etwas auf mich zu und so begann ich mich langsam wirklich zu langweilen und musste so auch diesen gewissen Blick nicht mehr spielen.

Nach weiteren zehn Minuten wurde ich dann schon etwas nervös … war ich vielleicht an der falschen Gepäckausgabe? Ich schaute noch einmal auf die Tafel, dann auf die Schilder … nein, ich war richtig hier. Mittlerweile waren vielleicht noch 20 Leute da, was angesichts der Menge von eben wie nichts wirkte.

Ich ließ meinen Blick über die Gesichter der Leute streifen, aber keiner, der auch nur halbwegs in dem fraglichen Alter war, war zu sehen.

Mist! Meine Eltern würden mir was erzählen, wenn ich ohne ihn zu Hause ankam … ich beschloss noch mal nach draußen zu gehen, um ne Zigarette zur Beruhigung zu rauchen.

Draußen angelangt stellte ich mein Schild ab und lehnte es an meinen Beinen an und gerade in dem Moment, als ich die Zigarette anzündete, hörte ich hinter mir eine schüchterne Stimme: „’ello Maik?“

Ich drehte mich hastig um und ließ erst mal die Zigarette vor Schreck fallen. Schnell bückte ich mich danach und sah ihn dann noch mal an.

„Isch bin Julien“, stellte er sich schüchtern und mit dem absolut süßesten Lächeln, das ich jemals gesehen habe, vor und hielt mir seine Hand hin. Als ich sie immer noch total perplex nicht ergriff, ließ er sie enttäuscht sinken.

O je, toller Start, dachte ich und so bemühte ich mich, ein nicht allzu dämliches Lächeln aufzusetzen und sagte: „Hi, ich bin Maik.“

Er lächelte leicht und schien darauf zu warten, dass ich irgendwas sagte. „Ahm, ja … bringen wir deine Sachen zum Auto“ … ich bückte mich nach zwei der größeren Koffer und überließ ihm die zwei kleineren. Als wir das ganze Zeug ins Auto geladen hatten, war mir schleierhaft, wie er, ohne von mir gesehen zu werden, aus der Gepäckausgabe an mir vorbei gekommen war. Und das allein.

Ich setzte mich ans Steuer und wartete, bis er sich angeschnallt hatte und fuhr dann los.

Wir würden etwa 20 Minuten bis nach Hause brauchen, und da er von sich aus keine Anstalten machte, ein Gespräch zu beginnen, sagte auch ich nichts.

Ich warf nur hin und wieder einen verstohlenen Blick in seine Richtung.

Er saß ganz ruhig da, die Schenkel leicht geöffnet, die Hände ruhend auf seinem Schoß … ich merkte, wie er sich zwar die Gegend ansah, aber trotzdem oft traurig den Blick senkte.

Auf meine aufmunternd gemeinte Frage, ob er schon Heimweh hätte, reagierte er etwas verspätet … er schüttelte nur den Kopf und lächelte dabei.

Ich musste während der Fahrt zumindest innerlich grinsen … da hatte ich einen nervenden pubertären Teenie erwartet, war die ganze Zeit auf ein fliegendes Ungeheuer gewappnet … und dann saß neben mir der süßeste Typ, der mir jemals begegnet ist.

2. S c h w a n o d e r E n t l e i n ?

Als wir bei meinem Elternhaus angekommen waren, war tatsächlich niemand da und meine Eltern waren wohl wirklich im Betrieb eingespannt, so luden wir zu zweit das ganze Gepäck aus und schafften es in das Zimmer, das von nun an sein eigenes Reich darstellen sollte.

Ich zeigte ihm das komplette Haus, zeigte ihm, wo sich Toilette und Bad befanden, führte ihn in die Küche, in das Wohnzimmer und zeigte ihm zuletzt auch mein Zimmer.

Unsere Zimmer befanden sich nebeneinander und gegenüber war das Bad. Er musterte alles sehr zügig, zeigte dabei aber nicht allzu viel Interesse … nicht einmal in meinem Zimmer wollte er sich umsehen.

Als wir schließlich unseren Rundgang beendet hatten, fragte ich ihn: „Was möchtest du tun? Erst auspacken oder hast du Hunger oder möchtest du duschen?“

Er wollte erst auf sein Zimmer und gleich ein paar Sachen auspacken und so ließ ich ihn ungestört dabei und machte es mir in meinem eigenen Zimmer vorm PC bequem. Dabei ließ ich meine Zimmertür offen, um ihm nicht das Gefühl zu geben, dass ich ihn ausgrenzen wollte, falls er rüber kommen wolle … aber er kam nicht.

Stattdessen hörte ich nach etwa einer halben Stunde Wasser aus dem Bad. Nach einer weiteren halben Stunde klopfte er dann zaghaft an meine Tür und teilte mir schüchtern mit, dass das Bad wieder frei sei.

Aha, dachte ich mir … nun, das hätte ich zwar auch so mitbekommen, aber ich lächelte und bedankte mich für die Auskunft.

Er sagte nichts mehr und ging rüber in sein Zimmer.

Hmm … komischer Kauz, dachte ich so bei mir … zwar süß, aber seltsam. Ich zündete mir eine Kippe an und ging ans Fenster, um es zu öffnen.

Als ich fertig geraucht hatte, beschloss ich, doch mal zu dem Gast rüber zu gehen.

Auch er hatte die Zimmertür offen stehen lassen und so konnte ich ihn dabei beobachten, wie er am Fenster stand und irgendwie sehr, sehr traurig aussah. Ich klopfte und wartete gar nicht auf das Herein, sondern steuerte gleich auf ihn zu … in dem Zimmer sah es noch ziemlich chaotisch aus. Im offenen Schrank sah ich, dass er schon einige Kleidungsstücke verstaut hatte und auf dem Nachttisch stand ein Bild von ihm mit einem Pferd. Das Pferd stand hinter ihm und blickte quasi über seine Schulter in die Kamera … wobei über seine Schulter gut gesagt ist, denn es war riesig. Julien sah unbeschreiblich glücklich aus und lachte dem Photographen entgegen … womit der ihn wohl so zum Lachen gebracht hatte?

Julien sah mich erwartungsvoll an und so suchte ich irgendeinen Grund, um ein Gespräch anzufangen … da mir nix Besseres einfiel, sprach ich ihn auf das Bild an aber er erzählte nicht viel darüber … nur dass es sein eigenes Pferd sei und er mit einem Freund unterwegs gewesen war.

Und schon kippte das „Gespräch“, wenn man es so nennen wollte wieder und wir standen uns schweigend gegenüber. Ich fragte dann, ob er Hunger habe oder ich ihm die Gegend ein bisschen zeigen soll, aber er schüttelte nur den Kopf und meinte, er sei vom Flug noch sehr müde und wolle sich lieber etwas hinlegen.

Ok, das war dann wohl eindeutig ein Rauswurf aus seinem Zimmer und so wünschte ich ihm einen guten Schlaf und verließ … ein bisschen beleidigt, muss ich zugeben … das Zimmer. Klar, so eine Ausrede könnte man schon hinnehmen … aber nach 3 Stunden Flug so erschöpft sein? Das kaufte ich ihm einfach nicht ganz ab.

Er schloss die Tür auch diesmal nicht und so sah ich, als ich ein paar Minuten später in die Küche runter ging, dass er sich tatsächlich hingelegt hatte und mit samt den Klamotten und ohne Decke auf dem Bett eingeschlafen war. Zumindest sah es so aus, weil er die Augen geschlossen hatte … um ihn herum noch immer jede Menge Klamotten und andere Sachen liegend.

Etwas leiser als ich gerade noch vorhatte, holte ich mir was zu trinken und nahm auch für ihn sicherheitshalber ein Glas mit. Als ich wieder nach oben kam, hatte er sich auf die Seite gedreht und so konnte ich sein Gesicht zwar nicht mehr erkennen, aber ich sah deutlich dass er zitterte … so als würde er weinen.

Als ich näher kam, hörte ich ihn auch schon leise schluchzen.

Ich überlegte noch einen Moment, ob ich zu ihm gehen sollte oder ihn lieber ungestört lassen sollte, aber eigentlich … wenn er hätte allein sein wollen, dann hätte er doch wohl die Tür geschlossen und so ging ich zielstrebig auf die andere Seite des Bettes, damit er mich sehen konnte.

Erschrocken wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und sah mich dann trotzig an. ich ging in die Hocke und fragte, ob ich ihm helfen könne, da schüttelte er nur wortlos den Kopf … auch die Frage, ob er reden wolle, verneinte er wortlos.

Etwas ratlos fragte ich dann, was denn eigentlich los war und — oohoooh —- sein Blick sprach daraufhin Bände … na ja, was heißt Bände, eigentlich las ich nur den einen einzigen Satz darin, nämlich „Was geht DICH das an“.

„Falls du doch reden möchtest, ich bin in meinem Zimmer drüben … kannst jederzeit kommen“, bot ich ihm aber trotzdem an und erhob mich.

Ich sah ihn noch einmal an und er schloss genervt die Augen. Kann mich ja schlecht aufdrängen, war mein Gedanke und so verließ ich sein Zimmer.

Vielleicht hat der Kleine ja Heimweh, dachte ich noch gehässig … ok, war zwar unfair, schließlich hab ich keine Ahnung von seinem Leben … aber das ganze hatte mich tierisch genervt.

Der tut ja gerade so, als wär ich schuld an allem … an was auch immer.

Er kam jedenfalls nicht in mein Zimmer … er lag auf seinem Bett, ich saß allein am Schreibtisch … eigentlich ganz so, als wäre gar kein Besuch da.

Trotzdem konnte ich mich nicht richtig konzentrieren … auch wenn er sich äußerst still verhielt, ich wusste doch, dass er da war … und das war ein äußerst seltsames Gefühl.

Ob ich noch mal rüber gehen sollte? Ich entschied mich eindeutig dagegen, aufdrängen wollte ich mich schließlich auch nicht. Als ich durchs noch immer offene Fenster hörte, wie ein Auto in die Garage gefahren wurde, stand ich auf und blickte erst mal in den Hof … meine Mutter.

Ich ging also doch zu Julien ins rüber, klopfte artig an den Türrahmen, denn auch seine Tür war noch immer offen. Er reagierte aber nicht darauf und so trat ich einfach so in den Raum. Erst als ich vor seinem Bett stand, schien er mich überhaupt zu bemerken und jetzt sah ich auch wieso … er hatte sich nen Musikplayer eingestöpselt und hörte lautstark Musik. Als er mich also sah, nahm er die Ohrenstöpsel heraus und schaute mich fragend an.

„Meine Mutter ist gerade heimgekommen … ich möchte sie dir kurz vorstellen.“

Er nickte und stand sofort auf, ich ging voran die Treppe hinunter. In dem Moment schloss Mam auch schon die Tür auf und rief durchs ganze Haus: „Hi Jungs!“

Unten angekommen begrüßte sie Julien äußerst herzlich und quetschte ihn auch gleich aus … wie der Flug war, ob ihm sein Zimmer gefiele, was er heute Abend essen wolle und so weiter und so fort.

Da ich mich schlecht davonschleichen konnte, blieb mir nix anderes übrig den beiden gelangweilt zuzuhören … und diese Langeweile war mir wohl extrem ins Gesicht geschrieben, denn meine Mutter warf mir einen eisigen Blick zu, bevor wir alle nacheinander in die Küche gingen, wo erst mal jeder ne Tasse Kaffee bekam.

Julien blieb aber auch meiner Mutter gegenüber äußerst einsilbig, zwar höflich aber er erzählte kaum von sich.

Meine Mutter meinte dann übertrieben fröhlich zu mir: „Maik, warum zeigst du Julien nicht den Park? Ist doch großartig bei dem Wetter heut und vielleicht trefft ihr ja ein paar deiner Freunde?“

Ja toll … dräng mir den Typen nur auf, dachte ich aufgebracht und genau selbigen Satz legte ich unmissverständlich in meinen Blick.

Meine Mam reagierte allerdings nicht darauf, sondern meinte nur mit einem süffisanten Grinsen, wir sollten um acht wieder zurück sein, denn dann würden wir zusammen mit Dad Essen gehen.

Julien schien übrigens genauso begeistert zu sein wie ich, als ich noch kurz meine Zigaretten und den Autoschlüssel aus meinem Zimmer holte und mit ihm das Haus verließ.

Gut, dann fahren wir halt in den Park, dachte ich pampig.

Dort angekommen, es war nicht mal ne Viertelstunde vergangen, stellte ich den Wagen auf dem zugehörigen Parkplatz ab, stieg aus und zündete mir gleich ne neue Kippe an. Als auch er ausgestiegen war, stand er wieder nur da und wartete, dass ich irgendwas machte, so meinte ich leicht genervt: „Komm mit.“

Während er so neben mir herlief sagte er kein Wort und ich erzählte ihm ein paar Dinge aus dem Park: „Etwa in der Mitte vom Park befindet sich ein etwas größerer See, an dem die Leute im Sommer auch baden, Außenrum sind jede Menge Feuerstellen verteilt und es wird auch oft gegrillt hier. Im Großen und Ganzen bildet der Park DEN Treffpunkt für jedermann … hier findest du jung und alt, Sportler, Poeten sogar Maler. Also, wenn du Anschluss suchst, dann findest den am ehesten hier. Aber auch, wenn du nur nachdenken willst, ist das genauso der richtige Ort … is ja groß genug … setzen wir uns da vorne auf die Bank?“

Er nickte wortlos und hob gleichzeitig die Schultern … Mann, wenn ich dem die ganze Zeit immer so die Worte aus der Nase ziehen musste, wird das nie was mit ner Unterhaltung.

Also setzten wir uns auf meine Lieblingsbank … ich war ja auch so öfter hier … man hatte einen wunderbaren Blick auf den weitläufigen Park und konnte aber auch den See beobachten. Die Bank lag zwischen drei großen, dickstämmigen Bäumen, sodass man auch mit Schatten gesegnet war.

Während ich mich ziemlich auf die Bank lümmelte und beide Arme auf die Lehne legte, saß Julien sehr aufrecht neben mir, hatte seine Hände auf seinem Schoß ruhen und beobachtete still die Enten und auch einzelne Schwäne, die sich auf dem See treiben ließen. Ich sah ihn eine Weile schweigend an und auch er sagte nichts … war der tatsächlich so verklemmt oder einfach nur schüchtern? Aber sollte er tatsächlich so schüchtern sein, wie hatte der sich jemals alleine in den Flieger getraut?

Ich schaute dann auch ne Zeit lang den Vögel auf dem Wasser zu, konnte aber nicht verhindern, dass mein Blick immer wieder in seine Richtung wanderte.

Mir fiel auf, dass ich ihn noch gar nicht richtig angesehen hatte … also, schon, aber nicht so mit der Ruhe. Er war auf den zweiten Blick noch mindestens genauso süß wie auf den ersten und außergewöhnlich hübsch war er zudem.

Er war nicht besonders groß … vielleicht knapp 1,70 … aller- wirklich allerhöchstens … dabei aber sehr schlank, schon fast zierlich. Kaum zu glauben, dass der auf so ein großes Pferd rauf kam, wie ich es auf seinem Bild gesehen hatte. Er hatte blonde Haare, etwas heller als meine und trug sie relativ lang, nämlich bis übers Kinn, aber nach hinten in den Nacken gekämmt. Er hatte grüne Augen und auffallend dunkle Wimpern und Augenbrauen, aber das schien von Natur aus so zu sein. Also, er war nicht geschminkt oder so und auch seine Haarfarbe sah sehr natürlich aus.

Seine Haut war leicht gebräunt und wirkte weich und … hmm … irgendwie edel, so wie Samt. Und erst sein Blick … Mann, ich denk da könnt wohl jeder schwach werden, Männlein wie Weiblein, höchstwahrscheinlich sogar Heten, dachte ich mit einem Grinsen.

Julien wirkte insgesamt sehr zerbrechlich irgendwie … auch sah sein Blick unsagbar traurig aus und eine unüberwindbare Sehnsucht schien aus ihnen zu strahlen.

Als hätte er das Paradies gesehen und wieder verloren.

Seine Lippen strahlten eine geheimnisvolle Leidenschaft aus, der ich mich kaum entziehen konnte und seine Hände … er hatte schlanke Hände und trug am linken Daumen und Mittelfinger je einen silbernen Ring … ich glaube, diese Hände konnten unheimlich zärtlich sein.

Mir kam langsam in den Sinn, dass neben mir ein richtiger Traummann saß … na ja, wenn man das von einem Siebzehnjährigen schon sagen kann … tja, wenn er halt bloß auch reden könnte.

Wir saßen bestimmt schon ne halbe Stunde da, aber er sagte kein Wort, sondern starrte immer noch mit dieser unübersehbaren Sehnsucht auf den See … er wirkte total gedankenverloren, so als wäre er Lichtjahre entfernt.

Ich wandte meinen Blick wieder ab, kramte meine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche und zündete mir eine Kippe an … da fragte er mit diesem schnuckeligen französischen Dialekt, ob ich eine für ihn übrig hätte.

Überrascht hielt ich ihm die offene Schachtel hin und er zog sich eine raus und sah mich dann an … da ich nicht reagierte, fragte er „Feuer?“ …

„Ähm klar“, verdattert hielt ich im die Flamme vom Feuerzeug vor die Kippe und er zog fest daran.

„Hab nich mitbekommen, dass du rauchst“, bemerkte ich verwundert.

„Die erste in Deutschland“, meinte er mit einem Lächeln, das die Bezeichnung Lächeln nicht im Mindesten verdiente … er verzog eigentlich nur die Mundwinkel nach oben und es sah einfach nur unheimlich traurig aus. Ich nickte nur.

Und wieder kehrte diese drückende Stille ein, aber er lehnte sich zumindest etwas entspannter an die Bank an … vertieft in seine Gedanken zog er hin und wieder an der Zigarette und beobachtete den Rauch, wie der sich langsam verflüchtigte.

Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass wir langsam wieder los sollten … ich wollt vorm Essen noch duschen. Schweigend machten wir uns also auf den Weg zurück zum Auto und dabei kam mir doch tatsächlich ein bekanntes Gesicht entgegen … allerdings wusste ich nicht, ob ich mich da drüber freuen sollte oder nicht. Also, wäre ich allein gewesen, hätte ich mich mit Sicherheit wahnsinnig gefreut, aber so in Begleitung …

Ich hoffte nur, dass es nicht allzu peinlich wurde.

Ich konnte mir ein Grinsen aber nicht verkneifen, als wir auf ihn zugingen und auch Michael grinste übers ganze Gesicht … auf gleicher Höhe angelangt riss er mich gleich in seine Arme und küsste mich links und rechts auf die Wange.

„Hey Maik, du altes Haus … wo steckst denn immer?“, meinte er lachend und wir kamen sofort wieder ins Gespräch … ja, mit Michael konnte man jede Menge Spaß haben, nicht nur verbal. Wir hatten schon die eine oder andere Nacht miteinander verbracht, aber was Festes ist irgendwie nie draus geworden. Wir redeten da auch nicht groß darüber … er wollte nichts Festes und mir war es im Bezug auf ihn auch lieber so. Ich fand es ok, so wie es war.

Mitten im Gespräch meinte er dann: „Was hast denn da für nen Schnuckel dabei?“ und grinste in Juliens Richtung, was mich natürlich knallrot anlaufen ließ.

„Ahm … das ist Julien … er wohnt die nächsten Monate bei uns als Austausch-Schüler“

„Oha“, meinte Michael nur mit einem Zwinkern in Juliens Richtung und reichte ihm galant die Hand. Julien begrüßte ihn höflich, aber mit seiner typischen Distanz und Michael verabschiedete sich dann auch ziemlich schnell, allerdings nicht, ohne mir einen Klaps auf den Hintern zu geben.

Ok, das war jetzt eindeutig gewesen … jetzt MUSSTE Julien eigentlich mitbekommen haben, was Sache ist, aber er sagte keinen Ton dazu.

Ich fing natürlich auch nicht an mit dem Thema … geht ihn ja schließlich gar nix an.

3. N e r v i g e r T e e n i e ?

Als wir an diesem Abend bei unserem Lieblingsitaliener essen waren, mussten auch meine herzallerliebsten Eltern feststellen, wie schwer es war, mit Julien eine Unterhaltung am Laufen zu halten.

Auf sämtliche Fragen antwortete er zwar sehr freundlich, aber eben immer nur einsilbig und so knapp wie möglich.

So aßen wir gezwungenermaßen ziemlich wortkarg, wobei das eigentlich nicht so unsere Art ist. Bei uns gibt es eigentlich immer irgendwas zu bereden, aber so in Gegenwart von nem doch ziemlich Fremden, der außerdem selbst ziemlich redefaul war, ist das halt auch nicht so einfach.

Dieser Abend zog sich dahin, wie Kaugummi, der auf der Straße klebend langsam zäh wird und am Schuh kleben bleibt.

Und kaum waren wir endlich wieder zu Haus, wünschte er uns allen eine gute Nacht und verschwand augenblicklich auf sein Zimmer.

Ich guckte meine Eltern fragend an und die zuckten aber nur mit den Schultern.

„Er muss sich bestimmt erst noch an alles gewöhnen“, meinte meine Mutter hoffnungsvoll.

Ich hob nur kurz die Augenbrauen ohne Antwort und so dürfte wohl ziemlich klar sein, was ich davon hielt.

„Nu denn, ich hau mich auch in die Falle“, meinte ich dann.

So wünschten wir uns auch noch eine gute Nacht und ich stieg langsam die Treppe hinauf. Als ich an Juliens Zimmer vorbeikam, sah ich, dass die Tür einen Spalt offen stand und so wollte ich ihm auch noch mal eine gute Nacht wünschen. Als ich klopfte, reagierte er allerdings nicht und so schob ich die Tür ungefragt auf.

Er hatte das Licht ausgeschaltet, stand mit nacktem Oberkörper am Fenster und rauchte noch eine. Als er mich bemerkte, drehte er sich nur kurz zu mir um, sagte aber nichts.

„Kann ich eine mitrauchen?“, fragte ich dann, ging ohne eine Antwort abzuwarten auf ihn zu und er hielt mir die Schachtel hin, worauf ich mir dankend eine herausnahm.

Er starrte weiterhin aus dem Fenster und schwieg mich beharrlich an.

„Warum machst du das eigentlich?“ fragte ich und als er mich verwundert anschaute, fügte ich noch hinzu „Ich mein, diesen Aufenthalt hier … ich denk, du sprichst ziemlich gut Deutsch und verstehst uns auch gut.“

Er sah mich wieder nur traurig an und ich befürchtete schon, er würde gar nicht erst antworten, schließlich senkte er den Blick und sprach leise: „Das war die Idee von meinen Eltern … sie meinten, es tät mir gut, mal woanders hinzukommen … was anderes zu erleben.“

„Aha … aber gleich drei Monate? Du hättest ja auch irgendwohin in Urlaub fahren können?“

Diesmal sagte er tatsächlich nichts mehr darauf, sondern starrte nur hinaus.

Nachdem mir nach ein paar Minuten klar wurde, dass er offenbar nicht reden wollte, bedankte ich mich noch mal für die Zigarette und wünschte ihm eine gute Nacht, er nickte darauf nur und ich verließ das Zimmer.

Ich schloss meine Zimmertür auch diesmal gegen meine sonstige Gewohnheit nicht ganz, sondern ließ sie einen Spalt offen stehen, dann löschte ich das Licht, zog mich aus und warf mich aufs Bett. Ich legte die Arme unter den Kopf und starrte an die Decke, während ich über Julien nachgrübelte.

Ich fand ihn mittlerweile mehr als seltsam. Klar, er sah wahnsinnig toll aus … richtig zum Verlieben … wirkte auch total sympathisch irgendwie … aber er war so verschlossen, wie ich noch nie einen Menschen erlebt habe. Ich glaubte auch nicht an die Theorie meiner Mutter, von wegen, er müsste sich erst einleben.

Nein, ich war sicher, da steckte mehr dahinter … schließlich fiel mir dieses Bild auf seinem Nachttisch ein … darauf sah er so unendlich glücklich aus … und irgendwie dachte ich, das passte viel mehr zu seiner Ausstrahlung … dieses Lachen war dazu da, in seinem Gesicht zu leben. Aber was war bloß mit ihm los?

Vielleicht war er sauer auf seine Eltern, weil die ihn hierher geschickt hatten? Vielleicht wollte er gar nicht hier sein? Vielleicht konnte er auch einfach uns bzw. mich nicht leiden? Fragen über Fragen …

Ich muss irgendwann eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufmachte, war es fünf Uhr morgens. Verschlafen streckte ich mich erstmal und gähnte herzhaft und sprang dann aus dem Bett. Ich zog mir nur Shorts über und machte mich auf den Weg ins Bad, wo ich die nächsten zehn Minuten damit verbrachte, mich irgendwie tageslichttauglich zu gestalten. Rasieren ließ ich für heute sein, die Stoppeln waren eh kaum sichtbar.

Als ich das Badezimmer wieder verließ, hörte ich aus Juliens Zimmer leise Musik. War der etwa auch schon wach? Ich schlich zu seiner Tür, die noch immer einen Spalt offen stand und sah ihn am Fenster stehen, fast an derselben Stelle wie gestern und immer noch mit derselben Jeans. Als ich leise klopfte, drehte er sich zur Tür und …

und er lächelte! Er lächelte mich tatsächlich an. Etwas verlegen kam ich ins Zimmer und er warf die Zigarettenschachtel gleich in meine Richtung.

Ich grinste, nahm eine Kippe und das Feuerzeug heraus und gesellte mich zu ihm ans Fenster.

„Guten Morgen“, meinte ich, als ich meine Zigarette angezündet hatte und ihm die Schachtel zurückgab.

„Bonjour Monsieur“, erwiderte er mit diesem zuckersüßen französischen Dialekt. „Hast du gut geschlafen?“, wollte ich wissen, aber er schüttelte nur den Kopf.

„Oh, das tut mir leid … lag es am Bett?“, fragte ich und er schüttelte auch auf diese Frage nur den Kopf. Diesmal fragte ich nicht weiter … wenn er darüber was sagten wollte, würde er es wohl von selbst tun.

Als ich fertig geraucht hatte, fragte ich, ob er gleich frühstücken wolle und er nickte. „Ok, ich bin gleich wieder da, ich zieh mir nur was an.“

Als ich fertig angezogen aus meinem Zimmer stürmte, stand er bereits auf dem Gang und wartete auf mich. Zur Jeans trug er jetzt ein weißes Shirt, war aber immer noch barfuss und so gingen wir gemeinsam zur Küche runter.

„Kaffee?“

„Oui.“

Ok, ich schaltete erst mal den Kaffee ein und begann dann, das Frühstück herzurichten … Butter, Croissants (wie solls auch anders sein, für unseren französischen Gast) … dazu Marmelade und Käse und verschiedene Obstsorten. Während ich das Tablett mit dem Frühstück darauf nahm, trug er die Tassen und Teller mit nach draußen, wo wir alles auf der Veranda aufbauten. Ich ging noch mal rein und holte die Kaffeekanne und goss uns beiden ein.

Er nahm dazu nur Zucker, keine Milch wie mir gleich auffiel …

„Und ich dachte, in Frankreich trinkt man nur Milchkaffee“, bemerkte ich mit einem Grinsen.

Er hob kokett die Augenbrauen und machte dazu einen Schmollmund, bevor er erwiderte: „Und ich dachte, in Bayern isst man nur Weißwurst zum Frühstück?“

Hey, der Kleine hatte ja Humor und ich lachte: „Touché“

So saßen wir da und frühstückten dann aber schweigend … recht viel gesprächiger als gestern war er nämlich nicht, auch wenn er wohl bessere Laune zu haben schien. Gerade als wir fertig waren, kamen dann meine Eltern hinzu … natürlich auch beide bewaffnet mit Kaffeetassen und einer strahlend guter Laune

Sie wünschten uns einen guten Morgen und während sie sich zu uns setzten fragte mein Vater Julien, ob alles in Ordnung sei soweit und dieser nickte nur schweigend … aber immerhin mit einem kleinen Lächeln.

„Maik, was machst du heute noch?“, wollte meine Mutter ganz unverfänglich wissen … allerdings konnte sie mich nicht täuschen … sie wusste ganz genau, was ich heute noch vorhabe und heckt bestimmt schon wieder irgendwas aus und so antwortete ich

„Wir haben für heut nen Grillabend geplant … kommen jede Menge Leute hin“

Mit einem unschuldigen Lächeln meinte sie dann gleich: „Ach das ist ja ne tolle Sache … da könntest du doch Julien mitnehmen, damit er schon mal ein paar nette Leute kennen lernt.“

Ich nahm langsam einen Schluck Kaffee und ließ meine Mutter dabei nicht aus den Augen und nachdem ich sie auf diese Weise erst mal gehörig nervös gemacht hatte, meinte ich grinsend:

„Klar … das heißt, wenn du überhaupt Lust dazu hast“, fragte ich in Juliens Richtung.

Der schien irgendwie wieder in ner anderer Galaxie gewesen zu sein, denn er sah mich so erschrocken an, dass allen klar sein musste, er hatte kein Wort mitbekommen.

Und so erklärte ich ihm: „Ich hab für heut mit Freunden eine Grillparty geplant … wenn du möchtest, kannst du gern mitkommen.“

Er sah erst mich an, dann meine Eltern, die beide zustimmend und ermutigend lächelten und nickte dann langsam.

Für mich sah er eher so aus, als hätten wir ihm gerade angeboten, dass er zusammen mit mir über glühend heiße Kohlen laufen dürfe. Er hatte null Bock drauf, wollte aber wohl nur nicht unhöflich wirken und stimmte deshalb zu … Aber hey, ich hatte schließlich auch nicht allzu viel Bock, meine gesamte Zeit mit nem Fremden zu verbringen … Ok, mit IHM vielleicht schon, aber ich war trotzdem von Anfang gegen diese Idee gewesen.

Julien verschwand gleich nach dem Frühstück wieder in seinem Zimmer und ich zog es vor, auf der Veranda ein Buch zu lesen, während meine Eltern in die Stadt zum Einkaufen fuhren. Zwischendurch lief ich barfuss durch den Garten und genoss die warmen Sonnenstrahlen.

Als ich zufällig mal nach oben guckte, sah ich Julien am Fenster stehen und winkte zu ihm hoch … er hob nur kurz die Hand und verschwand dann aus meinem Blickfeld. Was machte er da bloß die ganze Zeit da oben?

Ich mag Neugier nicht, deshalb versuche immer alles gleich herauszubekommen, bevor ich sinnlos rumgrüble. Kurzerhand lief ich also einfach zu ihm rauf und klopfte an … obwohl die Tür weit offen stand. Er hatte sich aufs Bett gelegt und starrte an die Decke.

Als ich ins Zimmer kam, hob er nur fragend die Augenbrauen und ich meinte: „Ich dachte, die willst vielleicht mit runter in den Garten kommen … ist echt tolles Wetter heut.“

Er sah mich forschend an und schüttelte dann den Kopf: „Nein, ich … ich bleib lieber hier im Zimmer.“

„Warum eigentlich?“, rutschte es mir raus … eigentlich ist es ja seine Sache, aber mir ging das halt auf die Nerven. Das kann doch nicht die ganzen drei Monate so weitergehen.

Er stützte sich jetzt auf die Ellbogen und schaute mich einfach nur an und sagte: „Ich denke nach.“

„Und worüber, wenn ich fragen darf?“

„Nein.“

„Was?“

„Nein … du darfst nicht fragen.“

„Aha“, meinte ich nur noch säuerlich und machte auf der Stelle kehrt. Soll er doch hier im Zimmer versauern, wenn er meint. Ich für meinen Teil werd ganz bestimmt nicht in der Bude hocken und mich um nen nervigen Teenie kümmern.

So schnappte ich mir mein Buch und eine Decke und legte mich mitten in den Garten auf den Rasen … und zwar so, dass er mich sehen musste, sollte er ans Fenster kommen.

Als ich nach einer halben Stunde zufällig nach oben sah, stand er tatsächlich dort und schien mich zu beobachten. Überaus fröhlich winkte ich wieder zu ihm hoch, er aber schüttelte nur den Kopf und zündete sich ne Zigarette an. „Eingebildeter Chauvie“, dachte ich nur und widmete mich wieder meinem Buch.

4. N a c h t s, w e n n e s d r a u ß e n d u n k e l i s t …

Um acht machte ich mich mit Julien auf den Weg zur Party, die bestimmt schon am laufen war.

Wir fuhren etwa zwanzig Minuten und sprachen während der ganzen Zeit kein Wort miteinander … warum er nichts sagte, keine Ahnung … ich für meinen Teil war jedenfalls beleidigt ohne Ende.

Als ich den Wagen parkte, fielen mir schon die unzähligen Autos auf … ja, die Party war tatsächlich schon am Laufen.

Auf dem Weg zum Haus merkte ich, wie er immer langsamer wurde, und so versuchte ich, nicht allzu genervt zu wirken, als ich mich nach ihm umdrehte und ihn fragend anschaute.

Er sagte nichts, aber er wirkte ziemlich ängstlich und so ging ich zu ihm zurück und versuchte ihn aufzumuntern: „Die sind alle ganz nett … keine Angst.“

Er sah mich wieder nur wortlos an und schüttelte den Kopf.

„Was meinst du?“

„Ich will da nicht rein“, sagte er kleinlaut.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst!“, rutschte es mir raus, doch er nickte nur.

„Und das sagst du JETZT? Nachdem wir schon da sind?“

Er zuckte zusammen und starrte auf den Boden und ich bekam sofort das Gefühl, als hätte ich ihn geschlagen oder so und so legte ich meinen Arm auf seine Schulter und wollte irgendwas sagen … na ja, eigentlich VERSUCHTE ich, meinen Arm um seine Schultern zulegen, denn er wich sofort zurück und bekam einen panischen Ausdruck in den Augen.

Verdammt, was war denn bloß mit dem Kerl los?

Ich sah ihn jetzt mindestens genauso erschrocken an, wie er mich und wusste nicht, was ich machen soll … er fasste sich als erster wieder und meinte leise: „Wenn du mir den Autoschlüssel gibst, dann warte ich im Auto auf dich … du kannst deine Freunde treffen, deine Eltern sind beruhigt und ich kann wenigstens alleine sein.“

„Sonst noch was? Ich lass dich doch nicht stundenlang alleine im Auto sitzen … so eine Party kann lang dauern!“, meinte ich aufgebracht.

Mein schroffer Ton tat mir aber sofort leid, als ich sah, wie eine einzelne Träne über seine Wange lief. Ich ging wieder auf ihn zu, diesmal ohne ihn zu berühren und meinte leise: „Es tut mir leid, Julien … ich wollte dich nicht anschreien.“

Er wischte sich schnell die Träne weg und nickte trotzig und blieb bei seiner Meinung: „Ich will da nicht rein.“

„Aber kannst du mir nicht wenigstens einen Grund sagen?“, fragte ich in bemüht ruhigem Ton und er schüttelte langsam den Kopf.

Genervt zündete ich zwei Zigaretten an und reichte ihm einfach eine … er nahm sie an, sagte aber nichts.

So standen wir erst mal schweigend da, bis er sich doch noch dazu durchringen konnte, einen Ton dazu zu sagen: „Ich hab keine Ahnung, was ich hier soll … ich kenn hier niemanden und hab auch keine Lust jemanden kennenzulernen …“

Als ich nichts dazu sagte, fuhr er fort: „Und der einzige DEN ich kenne, kann mich nicht leiden … was soll ich denn dass“ … „Ich würd lieber im Auto Musik hören.“

Jetzt war ich aber schon leicht geschockt … wie kommt der drauf, dass ich ihn nicht leiden kann? Ich mein … ok, er nervt mich manchmal gewaltig … und zwar richtig gewaltig, was normal schon selten bei mir ist, vor allem, wenn ich jemanden gerade mal zwei Tage kenn. Aber immerhin war ER doch selbst schuld daran, so wie er sich die ganze Zeit aufführt.

Was wollte er denn jetzt hören? Soll ich mich vielleicht einschmeicheln und erzählen, alles halb so schlimm? Ne, so bin ich ganz bestimmt nicht drauf … wenn, dann sollte er sich schon wie ein normaler Mensch benehmen. Basta!

Ich reichte ihm wortlos die Schlüssel und drehte mich dann einfach zum Haus und ließ ihn stehen.

Als ich bei der Tür war, wandte ich mich dann doch noch mal um … er war schon in Richtung Auto unterwegs und so klingelte ich trotzig.

Mein Kumpel war reichlich überrascht, mich alleine zu sehen, schließlich hatte ich telefonisch angekündigt, dass ich jemanden mitbringe und ich meinte nur giftig: „Der Monsieur wünscht alleine zu sein.“

Wie man sich denken kann, kam bei mir nicht allzu viel Stimmung auf … immer wieder sah ich auf die Uhr und wartete irgendwie darauf, dass Julien vielleicht doch noch reinkommen würde. Aber nach geschlagenen zwei Stunden war immer noch nichts von ihm zu sehen und so beschloss ich, für heute nach Hause zu fahren. Hat doch auch keinen Sinn, wenn man gar nicht richtig da ist. Mein Zorn auf ihn wuchs dadurch enorm … die Party war schon seit zwei Wochen geplant und ich hatte mich echt drauf gefreut … und dieser Kerl vermasselt mir einfach so den Abend … nur weil er zu feige oder was weiß ich ist, mit rein zukommen. Da hätte er sich doch gleich zu Hause in seinem Zimmer verkriechen können.

Reichlich angesäuert machte ich mich also auf den Weg zum Auto … als ich an der Beifahrerseite vorbeikam, sah ich, dass er eingeschlafen war.

Wow, egal, wie sehr mich der Typ nervte … er sah megasüß aus … aber mir fiel auch auf, dass er geweint haben musste … seine Augen waren leicht geschwollen, hatte eine rote Nase und hielt außerdem noch immer ein Taschentuch in der Hand.

Als ich an die Fensterscheibe klopfte schreckte er benommen auf und brauchte einen Moment, um sich zu Recht zu finden.

Dann entsperrte er die Tür und stieg aus. Er begrüßte mich nicht und sah mich noch nicht einmal an.

Ich stand da und musterte ihn genau, aber er wich meinem Blick aus und so fragte ich: „Alles in Ordnung?“

Nun sah er mich doch an, hob nur eine Augenbraue und schüttelte den Kopf … ob als Antwort oder über meine Frage, konnte ich nicht ganz erkennen.

„Lass uns heimfahren, ok?“

Er schaute mich überrascht an und meinte: „Jetzt schon? du warst doch kaum drinnen?“

„Denkst du, des macht Spaß, wenn ich weiß, dass du hier alleine rumhockst?“, keifte ich ihn säuerlich an und er zuckte erschrocken zusammen und starrte auf den Boden.

Ich schnaufte ärgerlich durch und fragte: „Willst du noch in den Park?“

Zu meiner Überraschung nickte er leicht und so fuhren wir zusammen in den Park und gingen auch gleich zu meiner Lieblingsbank … in dieser Nacht war rein gar nichts los und so saßen wir allein da und blickten auf den See … Es wirkte alles schon leicht gespenstisch im zarten Mondlicht, aber auch sehr friedlich. Wir redeten nicht miteinander sondern saßen einfach nur da. Schließlich zog ich meine Zigaretten heraus und bot ihm eine an, er nahm sie und wartete, bis ich ihm Feuer gegeben hatte.

In die Stille hinein sagte ich dann leise: „Es stimmt nicht, dass ich dich nicht leiden kann.“

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er sich überrascht zu mir drehte und so sah ich auch ihm direkt ins Gesicht. Ich zog an meiner Zigarette und fügte hinzu: „Aber du kannst furchtbar nerven, weißt du?“

Ich setzte dem Satz noch ein Grinsen nach, als er mich schockiert ansah und siehe da, ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ich kann nichts dafür“, meinte er leise und ich lachte etwas lauter: „Ach ja? Bist du vielleicht ferngesteuert?“

Verwirrt guckte er mich einen Moment an und schüttelte dann den Kopf, er schnippte seine Kippe weg und zündete sich gleich eine neue an, schließlich fing er leise an: „Meine Eltern haben diesen Aufenthalt in Deutschland arrangiert, ohne mich zu fragen … ich stand einfach vor vollendeten Tatsachen…“

„Ging mir doch genauso“, unterbrach ich ihn und er fuhr fort.

„Aber deine Eltern machen das nicht, weil sie denken, du solltest mehr Zeit mit anderen verbringen …“ er holte noch einmal tief Luft und fuhr dann fort

„Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wollte ich mit niemandem etwas zu tun haben … ich wollte einfach nur meine Ruhe haben … und dass man mich alleine lässt …“

Ich sah, wie er wieder zu weinen anfing und reichte ihm eine ganze Packung Taschentücher worauf er dankbar lächelte.

„Aber alle anderen wissen natürlich viel besser, was gut für mich ist … die haben mich einfach gezwungen hierher zu kommen … denn mit irgendjemandem müsste ich mich ja abgeben die drei Monate.“

„Ich …“ er schüttelte den Kopf, „ich will das alles doch gar nicht.“

Hilfesuchend sah er mich kurz an und wandte aber sofort den Blick ab.

Auf sowas war ich nicht ganz gefasst und so fragte ich ihn leise: „Was ist passiert? Warum willst du denn alleine sein?“

Zuerst sah er mich wieder mit diesem genervten Blick an … den, der da sagt, was geht DICH das an … dann aber wurde er weicher, ich sah, dass er nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte und nur noch in der Lage war, den Kopf zu schütteln.

Was hatte der Kleine bloß erlebt, dass er so verzweifelt war?

„Ist schon gut … du kannst jederzeit mit mir reden … aber du musst es nicht, hörst du?“

Er nickte leicht und stand dann auf und ging ein paar Schritte auf den See zu, dann drehte er sich zu mir um und ich erhob mich ebenfalls.

Er wartete, bis ich neben ihm war und wir spazierten schweigend ein Stück am See entlang. Julien schien sich wieder beruhigt zu haben, zumindest weinte er nicht mehr.

Schließlich blieb er stehen und bat mich, ihn heimzubringen. „Du kannst ja dann doch noch auf die Party, so spät ist es noch nicht.“

„Nein, schon gut … ich bleib daheim.“

Meine Eltern staunten nicht schlecht, als wir um halb zwölf schon durch die Tür marschierten. Julien grüßte die beiden freundlich … man sah ihm nicht mehr an, wie verzweifelt er eben noch gewesen war. Wir blieben beide noch ne halbe Stunde unten und gingen dann beide hoch … er in sein und ich in mein Zimmer, nachdem wir uns eine gute Nacht gewünscht hatten.

Ich zog mich wie gewohnt ganz aus und verkroch mich unter der Decke, schlief jedoch nicht ein, sondern starrte an die Decke. Ich hatte das kleine Schranklicht eingeschaltet und grübelte nun so vor mich hin, als ich ein leises Geräusch von der Tür her vernahm.

Ich blickte auf und da stand Julien still da … Gott, war der süß, wie er da so dastand, schüchtern und im nem quietschbunten Schlafanzug.

Ich lächelte und setzte mich auf: „Komm doch rein.“

Er drehte sich noch mal um und schloss die Tür, kam dann näher und blieb neben meinem Bett stehen … allerdings ohne ein Wort zu sagen.

„Was ist los?“

„Nichts“, meinte er und wollte sich schon wieder abwenden.

„Hey, hey … jetzt bleib doch mal da“, als er innehielt, fragte ich „möchtest du reden?“. Er schaute mich traurig an und schüttelte nur den Kopf, ich wartete vergeblich auf eine Erklärung und meinte schließlich:

„Komm her und setz dich“. Dabei klopfte ich leicht aufs Bett.

Schüchtern setzte er sich zu mir ans Bett und als er immer noch keinen Ton von sich gab, fragte ich erneut und in sanfterem Ton: „Was ist los, hmm?“

Er saß da, schaute nur traurig und spielte mit seinen Händen … aber eine Antwort bekam ich nicht. Der Typ wurde immer seltsamer, fand ich … warum war er in meinem Zimmer, wenn er nichts sagen wollte? Er saß wirklich einfach nur da, starrte auf seine Hände und sagte kein Wort.

Ok … dachte ich mit einem leichten Anflug von Gereiztheit … neuer Versuch: „Möchtest du nicht darüber reden?“

Er sah kurz auf und schüttelte den Kopf … ansonsten keine Reaktion … einfach nur Schweigen. Ich atmete tief ein und überlegte, was bei dem Jungen eigentlich verkehrt lief. Neuer Versuch? Oder sollte ich gar nichts mehr sagen und einfach abwarten, ob ihm irgendwann mal ein Wort von selbst rausrutscht? Aufstehen und eine rauchen wollt ich jetzt auch nicht, schließlich saß ich nackt unter der Decke …

Als er nach ein paar Minuten immer noch beharrlich schwieg, fragte ich schließlich: „Fühlst du dich einsam?“

DA! Eine Reaktion … er sah mich mit großen Augen an und nickte dann leicht … das blieb allerdings die einzige Reaktion seinerseits … er blickte wieder äußerst gespannt auf seine Hände.

Ich habs gestern schon bemerkt … seltsamer Kauz … äußerst seltsam.

Dann sah er mich mit einem undefinierbaren Blick an, stand auf und wandte sich zum gehen.

Total perplex rief ich aus: „Hey, was is denn jetzt los? Wo willst du hin?

Er drehte sich zu mir: „Auf mein Zimmer.“

Total verdattert schaute ich ihn an und hob die Augenbrauen: „Und warum?“

„Weil ich müde bin.“

„Ja … aber … was wolltest du überhaupt hier?“

Er beantwortete … wie zu erwarten … auch diese Frage nicht und wünschte mir stattdessen eine gute Nacht.

Als er mein Zimmer verlassen hatte, schüttelte ich erst mal den Kopf und schwang mich dann aus dem Bett, um mir noch ne Zigarette zu gönnen.

Als ich also am Fenster stand und gedankenverloren rauchte, hörte ich wieder ein Geräusch an der Tür und drehte mich um … Julien war noch mal rein gekommen und starrte mich schockiert an … als er meinem Blick begegnete, stolperte er fast rückwärts und war auch gleich wieder verschwunden.

Abermals schüttelte ich nur den Kopf … Ok, ich stand da nackt … aber is ja nicht so, als hätte ich irgendwelche außerirdischen Körperteile an mir … deswegen gleich so ausflippen?

Ich rauchte fertig, zog mir dann noch mal die Jeans über und ging zu ihm rüber … die Tür war wie immer einen Spalt offen … als ich eintrat, konnte ich ihn allerdings nicht finden … da ich aber die Badtür ich auch nicht gehört hatte, MUßTE er eigentlich hier drin sein. Ich trat ans Fenster und da sah ich ihn … er saß auf dem Boden an der von der Tür abgewandten Seite des Bettes, die Beine angezogen und das Gesicht zwischen seinen Armen versteckt.

„Hey“, sagte ich leise, um ihn dazu zu bringen, mal aufzuschauen … er musste mich gehört haben, aber reagierte trotzdem nicht.

„Hey, jetzt hör aber mal auf … warum warst du noch mal bei mir drüben?“

Er sah mich nun doch an … schüttelte aber nur den Kopf … als ich ihn weiter ansah, sagte er leise: „Ich will weg von hier!“

„Darf ich?“, fragte ich mit einem Blick auf seine Zigarettenschachtel und er nickte … „Du auch?“ … wieder ein Nicken. Also zündete ich gleich zwei an und reichte ihm dann eine. Er stand auf und ging ans Fenster.

Ich fragte dann leise: „Liegt es an mir?“

Als er mich darauf nur ratlos anschaute, fügte ich hinzu: „Dass du weg willst? Hab ich dir was getan?“

Er sah jetzt fast verzweifelt aus, sagte aber nichts weiter, sondern schüttelte nur den Kopf.

Als wir beide fertig geraucht hatten, machte er immer noch keine Anstalten, irgendwas zu sagen und so meinte ich leise: „Ich werd jetzt wieder rüber gehen … wenn du möchtest … du kannst jederzeit rüberkommen, ok?“

Er nickte schweigend und so wünschte ich ihm eine gute Nacht ging in mein Zimmer … ich legte mich gleich hin, ließ aber das schwache Schranklicht an … nur, falls Julien doch noch kam. Was soll ich sagen … er kam natürlich nicht und ich schlief dann doch bald ein.

5. J u s t a n o t h e r m a n i c S u n d a y

Heut war wieder strahlender Sonnenschein und ich genoss die Wärme schon so früh am Morgen. Da noch keiner im Haus wach war, machte ich es mir alleine auf der Veranda gemütlich, natürlich nicht, ohne vorher Kaffee gemacht zu haben.

Ich hatte mir die Zeitung aus dem Briefkasten geholt und belegte beinah den ganzen Tisch damit, auf Frühstück hatte ich nicht so Recht Lust.

Es dauerte nicht lange und auch Julien kam verschlafen aus dem Haus … ich musste erst mal grinsen, weil er gar so ein verknautschtes Gesicht aufsetzte und fragte lachend: „Was hast DU denn getrieben letzte Nacht? Schaust aus, als hättest wochenlang nicht geschlafen…“

Er schien nicht gerade bester Laune zu sein, denn er lächelte nicht mal und meinte, er hätte ja auch nicht geschlafen.

Wortlos ging ich nach drinnen und holte ihm ne Tasse Kaffee … mit Zucker, ohne Milch, die er auch dankend annahm.

Als wir so dasaßen fragte ich ihn, ob er Hunger hätte … Kopfschütteln.

Er zündete sich ne Zigarette an und trank noch mal vom Kaffee … meinen Kommentar dazu konnte ich mir gerade noch verkneifen … war das nicht das typische Nuttenfrühstück? Kaffee und Zigaretten … so nannten es zumindest immer meine Kumpels.

Aber Julien dürfte das wohl nicht allzu witzig finden.

Er redete kein Wort mit mir und verschwand nach seiner ersten Zigarette gleich wieder … außer zum Essen bekam ich ihn heut gar nicht mehr zu Gesicht. Nun, da er nicht von sich aus runterkommen wollte, ging ich auch nicht zu ihm rauf ins Zimmer. Der wird wohl seine Gründe haben, warum er allein sein wollte.

Ich fuhr an diesem Tag auch nicht weg, sondern lag den ganzen Tag im Garten rum und ließ Gott nen guten Menschen sein.

Zwischendurch rief mal mein Kumpel an, bei dem gestern die Party lief … er erzählte mir, dass die Stimmung immer bombastischer wurde, je mehr der Abend vorrückte und ging aber freundlicherweise nicht auf Details ein … er wusste ja haargenau, dass ich nur wegen Julien so früh abgedampft war. Ich für meinen Teil wär wahrscheinlich die ganze Nacht geblieben.

So fragte er mich dann auch ein bisschen über „meinen Franzosen-Heini“ aus, aber da er nicht mal mit mir sonderlich viel redete, konnte ich nicht viel über ihn sagen. „Bin froh, wenn übernächste Woche die Schule beginnt“, meinte ich dann noch, „denn dann wär er zumindest den ganzen Vormittag aus dem Haus.“

Christian quittierte das mit einem so lauten Lachen, dass ich das Telefon ein paar Zentimeter von mir weg hielt … dabei sah ich gerade noch einen Schatten durch die Glastür verschwinden.

„Oh Shit … ich glaub, das hat er jetzt mitbekommen“, jammerte ich Chris gleich vor und verabschiedete mich schnell von ihm … ich war schon an der Tür und wollte zu Julien rauf laufen, aber im letzten Moment überlegte ich es mir anders.

War es denn MEINE Schuld, dass ER so seltsam war? Der brauchte sich doch gar

nicht wundern, dass ich so genervt von ihm war!

Also ging ich wieder auf meinen Platz … konnte allerdings jetzt nicht mehr ruhig sitzen … so stand ich schon nach wenigen Minuten wieder auf und ging in mein Zimmer, um mir ein Buch zu holen … zu IHM reinzuschauen, fiel mir ja im Traum nicht ein.

Bis … ja, bis ich ein leises Schluchzen aus seinem Zimmer kommend hörte. Ich spürte einen Stich in der Magengegend und mir wurde ganz schlecht … Mist! Hatte ich ihn so sehr verletzt? Ich bekam ein schlechtes Gewissen und versuchte mich, in seine Lage zu versetzen … seine Eltern hatten ihn immerhin gegen seinen Willen hierher geschickt, damit er gezwungen war, Anschluss zu suchen. ER wollte das ja gar nicht. Und anstatt es ihm so leicht wie möglich zu machen, machte ich mich am Telefon über ihn lustig und war genervt von ihm. Was musste der bloß von mir denken?

Leise öffnete ich die Tür ohne anzuklopfen und fand ihn neben dem Bett kauernd … wieder so, dass man ihn von der Tür aus nicht sehen konnte.

Sein Gesicht war tränenüberströmt und als er mich bemerkte, starrte er mich nur hasserfüllt an.

Ich ging neben ihm in die Hocke und legte meine Hand leicht auf seine Schulter … da er sprang plötzlich auf und schrie mit tränenerstickter Stimme, ich solle ihn bloß nicht anfassen!

Dann lief er ins Bad, knallte die Tür zu und ich hörte sogar, wie er sie abschloss.

Ich stand ohne jedes Gefühl da … ich hatte keine Ahnung, was in ihn gefahren war … langsam ließ ich mich auf sein Bett sinken und war zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig … mir wurde wieder schlecht.

Nach ein paar Minuten klopfte ich leise an die Badezimmertür … als sich nichts rührte, klopfte ich etwas lauter … wieder nichts … auch auf mein Rufen reagierte er nicht.

„Julien, mach die Tür auf!“, rief ich nun, nur um gegen eine verschlossene Tür ohne jeden Laut dahinter zu starren.

Der Typ macht mich noch wahnsinnig!

Ich ging in mein Zimmer und beschloss, dort einfach auf ihn zu warten, irgendwann musste er ja auch mal wieder rauskommen.

Allerdings schien er das nicht so zu sehen … denn nach fast zwei Stunden war die Badezimmertür immer noch fest verschlossen.

Ich machte noch einen Versuch und klopfte leise an die Tür … wie zu erwarten keine Reaktion, auch nicht auf ein erneutes lauteres Klopfen.

Ich wand mich wieder um und wollte gerade zurück in mein Zimmer gehen, als ich plötzlich hörte, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde … die Tür selbst öffnete er zwar nicht, aber er hatte zumindest schon mal aufgeschlossen.

Ich ging also zur Tür zurück, öffnete sie langsam und betrat das Badezimmer. Drinnen schloss ich die Tür wieder, aber ohne abzuschließen … nicht, dass er noch auf den Gedanken kam, ich wolle über ihn herfallen.

Er saß geknickt auf dem Badewannenrand, sah mich nicht mal an … aber er weinte zumindest nicht mehr.

Wortlos setzte ich mich in gebührendem Abstand neben ihn und wartete, dass er was sagte … schien ihn nicht großartig zu stören, denn er sagte keinen Ton.

Schließlich atmete ich hörbar ein und begann: „Jetzt sag mir endlich, was mit dir los ist … ich hab dieses Gehabe echt satt.“

Er wandte mir langsam sein Gesicht zu, setzte einen trotzigen Blick auf und meinte dann gehässig: „Du Armer!“

Was in Gottes Namen sollte DAS jetzt schon wieder?!

Genervt blies ich Luft aus … „Was soll das? Wieso bist du mir gegenüber so feindselig?“

Er starrte wieder auf den Boden und sagte nichts mehr … wie konnte so ein süßer Mensch nur so starrsinnig sein?

„Gehen wir eine rauchen?“, fragte ich dann noch, um wenigstens meinen guten Willen zu einem näheren Gespräch zu zeigen und er stand sogar auf und verließ das Badezimmer. Ich folgte ihm und in seinem Zimmer trafen wir uns zum Rauchen.

„Können wir in den Park fahren?“, fragte er mich plötzlich und ich starrte ihn erstmal nur überrascht an … tatsächlich eine Frage kommend aus seinem Mund …

schließlich nickte ich: „Klar, können wir machen.“

Nicht mal zwanzig Minuten später saßen wir auf „unserer“ Bank und schwiegen uns erst mal ne Zigarettenlänge lang an, bevor er kleinlaut und kaum hörbar sagte: „Es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe.“

Ich sah ihn an: „Und sagst du mir auch, warum?“

„Warum es mir leid tut?“

Gereizt meinte ich dann: „Nein … ich will wissen, WARUM du so drauf bist … das passt irgendwie nicht zur dir…“

„Als ob DU beurteilen könntest, was zu mir passt!“, maulte er dann auch schon wieder, aber als er meinen Blick sah, sagte er erst mal gar nichts mehr.

Nachdem er sich eine neue Zigarette angezündet hatte, begann er leise: „Es ist nicht leicht, weißt du … ich …“, er atmete tief durch und sprach weiter, „nachdem ich entlassen wurde …“, er stockte und ich war nicht sicher, ob er überhaupt weiter sprechen würde, aber er tat es, „ich war fast ein Jahr im Krankenhaus … genauer gesagt elf Monate …“, sein Blick wurde leer, seine Stimme versagte und er schüttelte nur noch den Kopf.

Ich fühlte mich in dem Moment so hilflos wie noch nie … ich hatte ja keine Ahnung, was da passiert war … warum er im Krankenhaus war und warum so lange … ich konnte ihn nicht trösten … konnte ihn nicht mal in den Arm nehmen, denn ich hatte Angst, dass er wieder abhauen würde.

So saß ich einfach nur da und wartete, dass er von sich aus weiter sprechen konnte.

Julien zündete sich derweil schon wieder eine Zigarette an und meinte mit zittriger Stimme: „Sie haben es dir nicht erzählt, oder?“

Ratlos schaute ich ihn an, „Nein, was denn?“

Er sah mich kurz an und ließ seinen Blick über mich hinweg durch den Park schweifen … er blieb am See hängen, wo er traurig die Schwäne beobachtete. Er schien mit sich selbst zu ringen, ob er das überhaupt erzählen wollte oder nicht. Schließlich richtete er sich auf, holte noch einmal tief Luft und begann dann:

„Es war kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag … wir … also, mein Freund und ich, waren ausreiten …“, mir fiel sofort auf, er hatte Freund gesagt … gut, ich achtete da vielleicht zu sehr drauf … mein Freund konnte genauso gut mein bester Freund sein und ich fragte auch gar nicht danach … ich wollte ihn nicht unterbrechen, wenn er sich endlich mal dazu durchringen konnte, etwas über sich zu erzählen.

Er schien sich dabei auch weit in der Vergangenheit zu befinden, „es war ein sonniger Tag, so wie heute, und wir waren mit Artax und Sammy unterwegs … unsere Pferde“, fügte er mit einem Lächeln in meine Richtung hinzu.

„Wir waren noch nicht lange unterwegs gewesen, wir mussten ja erst mal zum Wald reiten, bevor wir unsere richtige Tour beginnen konnten … dabei mussten wir auch einige Straßen überqueren …“

Er senkte den Blick und schwieg, ich drängte ihn nicht, weiterzureden … er musste entscheiden, was und wie viel er mir erzählen wollte.

Ich hörte wie er schwer atmete … er konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten und sah mich Hilfe suchend an … er schüttelte den Kopf und konnte gerade noch flüstern: „Ich kann nicht!“, bevor die Trauer ihn übermannte.

Er brach in sich zusammen und fing an zu schluchzen … ich überwand mich dann doch, rutschte näher und legte meinen Arm um ihn … ich spürte, wie er sich im ersten Moment anspannte, dann aber komplett in sich zusammensank.

Er zitterte am ganzen Körper, während er in meinen Armen weinte und ich versuchte, ihn einfach durch meine Gegenwart zu trösten. Er klammerte sich an mich und ich hielt ihn einfach nur fest … es dauerte lange, sehr lange bis seine Tränen versiegt waren und auch dann ließ ich ihn noch nicht los, sondern streichelte im Gegenteil noch seinen Rücken.

Nach einer kleinen Ewigkeit löste er sich von mir und sah mich verlegen an … sein Gefühlsausbruch schien ihm total peinlich zu sein.

Er versuchte ein Lächeln auf seine Lippen zu zwingen und meinte, er würde gern heimfahren und mit sich alleine sein.

Ich nickte und so fuhren wir heim, wo er sich dann den ganzen Tag allein in seinem Zimmer verkroch … er hatte sogar die Tür verschlossen.

Auch die nächsten Tage bekam ich ihn selten zu Gesicht, außer zu den Mahlzeiten natürlich … seine Zimmertür war immer geschlossen und nur manchmal sah ich ihn am Fenster stehen. Ich konnte die Trauer spüren, die in seinem Inneren wütete … sah die Verzweiflung in seinen Augen.

Von der Schule hatte er sich mit Einverständnis seiner Eltern, die das Ganze telefonisch geregelt hatten, erst mal freistellen lassen. Sie hatten wohl eingesehen, dass der Schmerz ihres Sohnes nicht durch neue Kontakte gelindert werden konnte.

Das konnten nur die Zeit und sein eigener Wille.

Ich persönlich bezweifelte ja sowieso, dass er überhaupt jemals auf die deutsche Schule gehen würde.

6. N e u a n f a n g ?

Julien hatte sich mittlerweile geschlagene drei Wochen total zurückgezogen … man bekam ihn kaum zu Gesicht und wenn, dann schwieg er beharrlich.

Ich war in den drei Wochen fast täglich zu Hause geblieben, hatte nebenbei mein Zimmer umgeräumt, Gartenarbeiten erledigt oder lag einfach nur in der Sonne. Nach diesem Erlebnis im Park wollte ich für ihn einfach immer greifbar sein … nur falls er jemanden zum Reden haben wollte.

Eines Tages, ich war wieder mal besonders früh am Morgen fit und saß schon auf der Veranda mit meinem Kaffee, meinen Zigaretten und der Zeitung, da stand Julien auf einmal hinter der Glastür … er klopfte leise an die Verandatür und kam zu mir raus, als ich aufsah, in der Hand hielt er bereits selbst einen Kaffee.

Mit einem freudigen Lächeln wünschte ich ihm einen wunderschönen guten Morgen und legte die Zeitung weg, als er sich zu mir setzte.

Ich freute mich ehrlich, dass er zu mir raus kam.

Er schien das nicht direkt erwartet zu haben und fragte mich zaghaft, was ich heute machen würde.

Ha, ha, dachte ich amüsiert … nachdem ich die letzten drei Wochen zu Hause gehockt war, damit ich in seiner Nähe bleiben konnte, werd ich ausgerechnet heute bestimmt nicht unterwegs sein. Laut sagte ich aber nur: „Hmm … keine Ahnung, hab noch nicht drüber nachgedacht … warum fragst du?“

Mit einem traurigen … oder … nein, eher mit einem schüchternen Blick erforschte er die Kaffeetasse, bevor er mich direkt ansah und fragte: „Hast du Lust, dass wir in den Park fahren?“

Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen, als ich antwortete: „Ahm … ja klar … warum nicht?“

Er stand auf und meinte noch: „In einer Stunde?“

Ich nickte und er lächelte erleichtert, bevor er mitsamt seiner Kaffeetasse wieder im Haus verschwand.

Genau eine Stunde klopfte ich an seine Zimmertür und er riss sie auf, als wäre er direkt dahinter gestanden und hätte gewartet. Schon seltsam … da wohnen wir im selben Haus nebeneinander und ich fühlte mich, als würd ich ihn bei sich zu Hause abholen … na ja, im Prinzip war sein Zimmer sein zu Hause … er hatte sein Reich in den letzten drei Wochen immer verschlossen und so hatte ich keine Ahnung, wie es da drin jetzt aussah.

Er lächelte mich an und wir gingen zusammen runter … als ich meinen Eltern noch kurz Bescheid gab, dass wir in den Park wollten, sahen die mich nur überrascht an, konnten sich aber dann doch noch dazu durchringen uns viel Spaß zu wünschen.

Angekommen beim Park machten wir uns gleich auf zu „unserer“ Bank, wo wir beide erst mal eine Zigarette zur Entspannung rauchten.

„Es ist sehr schön hier“, bemerkte Julien nach ein paar Minuten.

Lächelnd stimmte ich ihm zu: „Ja, ich komm seit Jahren regelmäßig hierher … eigentlich egal, warum … wenn ich allein sein will, oder Freunde treffe.“

Er sah mich an und lächelte kurz, sagte aber darauf nichts.

Nach einer Weile flüsterte er, kaum hörbar: „Danke Maik!“

Überrascht sah ich ihn an „Wofür denn?“

„Na, dass du da warst … die ganze Zeit.“ Auf meinen belämmerten Blick hin lachte er und meinte: „Denkst du, ich bin aufm Mond aufgewachsen? Ich weiß, warum du die letzten Wochen jeden Tag zu Hause warst. Und dafür danke ich dir … auch dafür, dass du mich nie gedrängt hast, was zu sagen.“

Es war ihm tatsächlich aufgefallen … jetzt war ich es, der den Tränen nahe war und so konnte ich nur nicken und dabei versuchen, ein Lächeln zustande zu bringen.

Nach einigen weiteren Minuten Schweigen meinte er dann: „Ich war früher oft in solchen Parks ausreiten … Artax liebte es, durch flaches Wasser zu galoppieren.“

„Wer kümmert sich um ihn, während du hier in Deutschland bist?“

Autsch! Falsche Frage … ich merkte es schon, als ich die Frage noch nicht einmal ganz ausgesprochen hatte.

Er zuckte zusammen und ich sah, wie er tapfer die Tränen zurückdrängte … er lächelte gequält und meinte dann: „Artax wurde bei dem Unfall getötet.“

„Das tut mir leid, Julien.“

Er senkte seinen Blick und sagte leise: „Du kannst nichts dafür.“

Julien schien sich gut im Griff zu haben … ohne ein weiteres Wort zündete er zwei Zigaretten an und reichte mir davon eine … mit einem Grinsen nahm ich sie dankend an und meinte: „Du kannst Gedanken lesen, wie?“

Er grinste mindestens genauso frech, nahm seine Kippe zwischen die Lippen und stand dann auf … allerdings nicht um zum See rüber zugehen, wie ich vermutet hatte, sondern um seine Geldbörse aus der Hosentasche zu ziehen. Er öffnete sie und setzte sich wieder neben mich.

Dann zog er einige Bilder daraus hervor und ich rückte neugierig näher. Mit einem Lächeln zeigte er mir das erste Bild, es waren zwei Pferde darauf zu sehen … das große schwarze kannte ich von dem Bild aus seinem Zimmer

„Das ist Artax“, meinte er und zeigte eben auf dieses Pferd. Das zweite darauf war rotbraun-weiß gescheckt „und das ist Sammy … er gehörte meinem damaligen Freund“

„Deinem damaligen Freund?“

Er guckte mich überrascht an und meinte „Ja, von dem ich dir doch erzählt habe … na ja, is ja schon ganze drei Wochen her … kein Problem, wenn du’s vergessen hast.“

„Nein, nein … so meinte ich das nicht. Ich … weil … ach, nicht so wichtig.“

War das jetzt sein damaliger Freund oder EIN damaliger Freund? Ich traute mich das dann doch nicht zu fragen, schließlich war das nicht der Grund, warum er mir die Bilder zeigte.

Er guckte mich noch recht seltsam an und steckte das erste Bild nach hinten. Auf dem zweiten sah man ihn mit seinen Eltern … seine Mutter war genauso blond wie er und ungefähr in der gleichen Größe, sein Vater hatte eher dunkelblonde Haare und überragte die beiden um bestimmt einen Kopf. „Meine Mutter, sie heißt Marie und mein Vater Pierre“, erklärte er.

Damit kam er zum dritten und letzten Bild … allerdings schien ihm das ein bisschen peinlich zu sein. „Das ist mein Freund von damals, Pascal“, meinte er.

„Pascal? So ein Zufall … das ist der zweite Teil von meinem Vornamen“, sagte ich und auf seinen fragenden Blick meinte ich noch dazu „Ich heiße eigentlich Maik-Pascal … aber des is immer so lang, deshalb stell ich meistens nur mit Maik vor.“

Nun lächelte auch Julien und ich besah mir das Bild genauer. Er schien auf dem Bild sehr, sehr glücklich zu sein … Pascal stand hinter Julien und hatte beide Arme um ihn geschlungen … er lachte mindestens genauso breit wie Julien selbst.

„Pascal war ein sehr fröhlicher Mensch … man hatte immer irgendwas zum Lachen mit ihm … leider war er auch sehr leichtsinnig“, fügte Julien mit einem traurigen Blick hinzu.

„Wie meinst du das?“, konnte ich mir daraufhin nicht verkneifen.

Er sah mich kurz an, lächelte müde und steckte die Bilder wieder zurück in die Geldbörse, die er dann wieder in die Hosentasche stopfte.

Dann zuckte er mit den Schultern und erklärte: „Er hat ständig irgendeinen Mist gebaut, in der Schule, zu Hause, sogar im Stall konnte er sich so manches nicht verkneifen“, Julien schüttelte kurz den Kopf und sagte dann: „Der Unfall damals … es war SEINE Schuld … er wollte nicht auf mich hören und fing an mit Sammy einen steilen Abhang runterzugaloppieren … ich … ich bin ihm mit Artax einfach hinterher.“

Julien zündete sich eine weitere Zigarette an und fuhr fort „Wir wussten beide nicht dass am Ende des Abhangs eine Straße kam … und wir wurden beide von einem LKW erfasst.“

Er senkte den Blick und sprach auch nicht weiter … ich wusste nicht recht, wie ich mit der Geschichte umgehen sollte … sollte ich ihn irgendwas dazu fragen oder würde ihm die Erinnerung nur unnötig wehtun? Sollte ich gar nichts dazu sagen oder würde er dann denken, dass mich sein Leben nicht interessiert?

Er schien meine Unsicherheit zu bemerken und lächelte kurz „Gehen wir ein Stück?“

Ich nickte und so erhoben wir uns und gingen in Richtung des Sees, um den wir dann einfach herumgingen … man muss dazu sagen, der See ist schon ziemlich groß, man ist da schon ne Stunde unterwegs, bis man ihn umrundet hat. Nach einigen Metern fragte ich schließlich, was mit dem LKW-Fahrer passiert ist.

„Nichts … er kam zwar von der Straße ab, als er das Lenkrad verriss, aber dabei passierte ihm nichts. Belangen konnte man ihn natürlich auch nicht … er konnte ja nichts dafür und hätte uns vorher auch gar nicht sehen können.“

„Und … und mit dir?“

Julien blieb kurz stehen und sah mich an, dann senkte er den Blick und starrte auf den Boden: „Ich lag vier Monate lang im Koma … als ich aufwachte, musste ich so ziemlich alles neu lernen, was eigentlich selbstverständlich ist für andere … selbst das essen.“

„Das ist ja furchtbar“, rutschte es mir raus.

„Nun, ich lebe“, meinte er mit einem Schulterzucken … „mein Pferd allerdings nicht mehr … ebenso wie Sammy. Pascal wurde beim Aufprall ein paar Meter den Abhang zurückgeschleudert … außer ein einigen Knochenbrüchen und einer Gehirnerschütterung fehlte ihm nichts.“

„Und … wo ist er dann jetzt? Warum bist du nicht bei ihm in Frankreich?“, fragte ich verwundert … ich hatte erst angenommen, dass er bei dem Unfall getötet wurde.

Leise antwortete Julien: „Ich will ihn nicht sehen … ich konnte ihm das einfach nicht verzeihen … ich“, verzweifelt suchte er nach Worten „ständig musste ICH für ihn geradestehen … und immer und immer wieder habe ich ihm verziehen … egal, welchen Mist er wieder ausgefressen hatte … ich konnte einfach nicht mehr … Artax war mein ein und alles …“

Nach kurzem Schweigen meinte Julien dann: „Ich hab mich die Zeit danach immer mehr von den anderen zurückgezogen … mir kam das alles so lächerlich vor … ich wollte lieber für mich sein und dann meinten meine Eltern plötzlich, so kann es nicht weitergehen … und dann haben sie mich einfach nach Deutschland verfrachtet. Mein Vater kennt den Direktor der örtlichen Schule ziemlich gut … und ja … hier bin ich also.“

„Ich … so ungern ich es zugebe … aber ich hab mittlerweile selbst eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Die Geschichte mit Pascal hab ich abgeschlossen … wir haben sogar ein paar Mal telefoniert, seit ich hier bin“, Julien lächelte erleichtert … ich allerdings spürte einen kleinen Stich in der Magengegend.

Würde er mir jetzt mitteilen, dass ihm meine Gegenwart zwar sehr geholfen hätte, er aber jetzt lieber mit Pascal einen Neuanfang wagen wollte?

Und tatsächlich, gleich darauf meinte er: „Wir haben uns ausgesprochen … es war von ihm genauso wenig gewollt damals … egal, welchen Mist er immer angezettelt hatte, es war nie mit böser Absicht. Und er wollte auch im Leben nicht, dass unsren Pferden … oder mir … irgendetwas passiert. Er konnte sich das selbst nie verzeihen. Wie gesagt, wir haben die letzten Wochen oft und lange telefoniert … wir haben uns dabei sogar über andere Dinge unterhalten.

Es hat wahnsinnig gut getan, vor allem mit IHM über dieses Thema zu reden und ich denke, ich kann das endlich abschließen für mich.

gut, ich würde trotzdem nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen … also … näher mein ich. Also … schon … aber nicht mehr in der Weise wie damals.“

7. W i e s a g t m a n i n F r a n k r e i s c h ?

Wir fuhren erst nachmittags wieder heim und meine Eltern guckten reichlich erstaunt, als Julien und ich lachend in den Garten kamen.

Als wir sie bemerkten, verstummten wir erst mal, mussten aber dann gleich wieder loslachen.

„Was ist denn bei euch so komisch?“, meinte meine Mam und wir antworteten gleichzeitig „Ach nix!“, was schon wieder für nen Lacher sorgte.

„Sagt mal, habt ihr heut schon was vor?“, fragte ich äußerst unschuldig und als meine Eltern verneinten, schlug ich ein Grillfest vor … bei uns im Garten. Da ich ja wusste, dass meine Eltern total auf solche Party abfuhren, konnte ich natürlich sicher sein, dass sie zustimmen würden. Während die beiden noch schnell Einkaufen fuhren, lud ich drei meiner besten Freunde ein … ich wollte ihnen unbedingt Julien vorstellen.

Der Abend wurde der totale Hit … Chris, Steffi und Daniel mochten Julien auf Anhieb und meine Eltern hatten noch ein paar Nachbarn eingeladen … weil sie wollten ja nicht den ganzen Abend „mit dem jungen Gemüse“ verbringen, wie uns mein Dad allen Ernstes aber mit einem gespielt fiesen Lachen mitteilte.

Einzig und allein Steffi hätte es beinah geschafft, mir die Laune zu verderben, als sie die Frage stellte, was wir eigentlich dann in zwei Monaten machen würden … nämlich dann, wenn Julien wieder nach Frankreich ginge.

Auf einen Schlag war Schweigen im Garten angesagt und sämtliche Augenpaare waren auf uns gerichtet … nun, darüber hatte ich mir gar keine Gedanken gemacht … ich war halt einfach froh, dass Julien nun doch Vertrauen zu mir zu fassen schien.

Zögerlich antwortete ER dann auf die Frage: „Nun … ich …“, er guckte nervös zwischen meinen Eltern und mir hin und her, schluckte kurz und meinte dann, „also, wenn’s denn soweit ist … dann … also, man könnte es bestimmt arrangieren, dass ich für ne längere Zeit hier bleiben kann.“

Julien sah mir ganz kurz in die Augen und wandte dann sofort seinen Blick ab.

Ich sah meine Eltern an, die beide von einem Ohr zum anderen grinsten und dann wieder Julien: „Du meinst …?“

Erst da schaute er wieder zu mir hoch: „Ich wollte nichts davon erzählen … ich weiß ja nicht … ahm … wie du dazu stehst…“

Ich begann zu lachen: „DU weißt nicht, wie ich dazu stehe? … ich hab mich schon am ersten Tag total in dich verliebt!“

Julien lächelte erleichtert und ich fiel ihm erst mal um den Hals und ließ ihn minutenlang nicht mehr los.

Als ich ihm ins Gesicht sah, sah ich wieder diese Sehnsucht in seinen Augen und er flüsterte: „J’aimerais bien t’embrasser.“

Auf meinen belämmerten Blick hin flüsterte er dann mit einem hämischen Grinsen: „Bitte küss mich, Maik!“

Dieser Aufforderung kam ich nur zu gern nach und unsere Lippen berührten sich schon in der nächsten Sekunde voller Zärtlichkeit und Vertrauen.

Im Garten war es still geblieben und ich dachte noch glücklich … jetzt muss ich meinen Eltern meinen Traummann wohl nicht mehr vorstellen … sie kennen ihn ja schon seit fast einem Monat

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  Amnesie
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 09:55 AM - No Replies

Alles ist weiß.
Die Wände wirken kalt und lieblos.
Ich schließe wieder die Augen. Geht das eigentlich, wenn man träumt?
Ich schlucke den angesammelten Speichel und es tut weh.
Ja, jede Schluckbewegung tut weh.
Ich will mich ein wenig rekeln, aber es geht nicht. Wie gefesselt liege ich auf dem Rücken und kann mich nicht drehen und der Hals tut immer noch weh.

Widerwillig öffne ich wieder die Augen.
Immer noch alles so eintönig und weiß.
’Bin ich im Himmel?
Also – Hand aufs Herz – so richtig glaube ich eigentlich gar nicht an diesen Lieben Gott, aber wie es scheint…’
„Hallo Matthias, wie geht’s es uns denn so?“ werde ich aus meinen Gedanken gerissen.
Die Stimme klingt zwar freundlich, aber auch etwas rau und betagt und die Frau ist eine Raucherin.
Deutlich rieche ich ihren Atem. Sie muss erst vor einem Augenblick die letzte Kippe ausgemacht haben.
Sie spricht im Plural – woher soll ich denn wissen, wie es ihr geht und vor allem wo bin ich hier?
„Hast du Schmerzen?“ werde ich erneut attackiert.
„Mmei… (hust), mein Hals ist so trocken und tut weh…“
„Einen Moment noch und du bekommst einen Tee. Magst Du ihn lieber heiß, oder kalt?“
Es dauert einen Augenblick bis ich das Gehörte verarbeitet habe und all die anderen Eindrücke, die mir noch nicht richtig bewusst werden.
„Ich glaube kalt ist mir jetzt lieber“ erwidere ich und weiß eigentlich gar nicht wieso.
Ist der Raum nicht schon kalt genug?
Ich bin wohl noch ein wenig weggedämmert. Jedenfalls ist es jetzt richtig hell und die Sonne scheint durch das Fenster.
Die Tür wird geöffnet und eine ganze Schar von Weißkitteln kommt mich besuchen.
Wie es scheint liege ich also in einem Krankenhaus.
„Guten Morgen Herr Lorenzen, na wie fühlen wir uns heute Morgen?“ fragt der Anführer.
Schon wieder Plural. Reden diese Leute immer so?
„Wo bin ich hier – und was ist mit mir?“ Gedanken, die eigentlich nur beiläufig aufgekommen sind, aber mich doch irgendwie brennend interessieren.
„Tja Herr Lorenzen, sie hatten Glück im Unglück und ich kann ihnen versichern, es wird alles wieder gut!“
Er studiert irgendein Faltblatt, gibt noch ein paar Anweisungen, die ich nicht verstehe und die Heerschar zieht wieder ab.
Ganz allmählich fühle ich jetzt ein Pochen. Es kommt vom Bein. Das rechte Bein.
Ich versuch mich anders hinzulegen, aber es geht nicht.
Die Raucherin betritt wieder mein Zimmer und reicht mir ein kleines Becherchen mit zwei Pillen drin.
„Hier, Matthias, schlucke die Mal und es geht dir gleich wieder gut!“ Sie reicht mir noch den Teepott dazu und ich schlucke brav die Medikamentation.
*
Ich habe geschlafen – traumlos. Ich war einfach weg, ja, sehr weit weg.
Erneut keimen die Fragen auf. Was ist passiert? Und wieso jucken die Haare so?
Ich verspüre diesen gewissen Drang um meine Blase zu entleeren, aber ich kann mich nicht rühren.
Es ist mir unheimlich peinlich, aber wie es aussieht habe ich wohl keine andere Chance.
Ich angele nach der Schnur und finde einen Klingelknopf.
„Guten Abend Herr Lorenzen, kann ich ihnen helfen?“ fragt eine nette, junge Stimme.
Der Pfleger wirkt irgendwie viel freundlicher als die Raucherin.
„Ich müsste mal, verstehen sie?“
Er kann sich ein Lachen nicht verkneifen und deutet auf eine komische Flasche welche rechts an meinem Bett hängt.
„Oh, Entschuldigung, aber das wusste ich nicht.“
„Soll ich ihnen ein wenig helfen?“
Ich laufe rot an und es ist mir unheimlich peinlich.
Doch es ist wohl noch etwas Vernunft in meinem Hirn und ich willige ein.
„Ja, wenn es keine Umstände macht, aber ich kann mich so schlecht bewegen…“
„Tut das Bein wieder weh?“ fragt der Pfleger und führt derweil mein Glied in diese merkwürdige Flasche ein.
„Eigentlich nicht wirklich. Aber, alles um mich ist irgendwie nicht wirklich!?!“
„Also ich bin echt und ich habe hier heute die Nachtschicht! Ich heiße übrigens Robin – Herr Lorenzen, sie müssen sich jetzt mal entspannen, sonst läuft hier nichts – also in die Flasche meine ich!“
Ich versuche mein Bestes und nach einem Moment kommt tatsächlich die erwünschte Erleichterung.
„Ich heiße Matthias. Bitte sage Du zu mir!“
„Hallo Matthias, wie fühlst du dich?“ „Die Schwestern haben aufgeschrieben, dass du noch nichts gegessen hast. Hast Du Hunger?“
Hm, also ein klein wenig was zu Essen wäre nicht gerade abzulehnen.
„Du Robin, mir tut der Hals irgendwie weh. Habt ihr eine Suppe oder so?“
„Ich schau mal was ich organisieren kann, okay?“
Robin zieht mit der Bettflasche ab und schließt leise die Tür.
Ich war wohl schon wieder eingenickt. Weiß der Himmel was die bunten Pillen bewirken, die ich da heute geschluckt habe, aber sie hinterlassen jedenfalls eine lang anhaltende Wirkung.
Robin betritt wieder das Zimmer und ich bekomme direkt das Aroma einer Hühnerbrühe zu riechen.
Er setzt sich zu mir an die Bettkante und beginnt mich zu füttern.
„Ich glaube das kann ich auch alleine. Kannst du nicht mein Kopfende ein wenig steiler stellen?“
„Ne, ausgeschlossen. Der Chefarzt hat gesagt, dass du ganz flach liegen sollst, bis der Kopf wieder in Ordnung ist!“
Wie jetzt, mein Kopf auch? Ich dachte, da wäre nur etwas mit dem Bein. Jetzt verstehe ich auch warum meine Haare so jucken. Vorsichtig taste ich mit der linken Hand den Kopf ab und fühle etwas aus Stoff und auch kaltes Metall. Erst jetzt merke ich, dass ich auch den Kopf nicht bewegen kann.
Es wird wieder dunkel um mich.
*
Schon wieder muss ich pinkeln und vielleicht auch ein wenig mehr.
Mutig drücke ich wieder den Knopf.
„Guten Morgen Matthias, na, gut geschlafen?“
Endlich mal nicht im Plural…
„Hallo Robin, du noch hier? Ich dachte, du hattest Nachtschicht?“
„Ja, aber eine Schwester ist ausgefallen – Grippe“
„Du Robin, ich muss mal, also groß meine ich.“
„Ach kein Problem, ist vielleicht anfangs etwas ungewohnt, aber das kriegst du schon hin, okay?“
Aufmunternd lacht er mich an und macht mir Mut.
Es dauert eine ganze Weile bis ich mich an das kalte Metall gewöhne, aber irgendwann klappt es dann doch.
Robin hilft beherzt bei der anschließenden Körperreinigung, lüftet das Zimmer und er rasiert mich sogar.
Irgendwie ist er ein ganz Netter und auch auf seine Art so unkompliziert.
Ich mag ihn.
Visite.
„Ah, sie sehen ja schon viel besser aus und haben auch schon wieder etwas Farbe im Gesicht. Also Herr Lorenzen, ich versichere ihnen, sie werden bald wieder Bäume ausreißen können!“
Punkt.
Der Chefarzt hat gesprochen.
Aber was ist eigentlich passiert?
Ich habe null Peilung und sowieso ist alles leer.
Also ich weiß nur ich liege im Krankenhaus und ich heiße Matthias Lorenzen. Aber sonst…
Da ist irgendwie wie ein graues Rauschen.
Ab und zu kommen ein paar farbige Bilder. Da ist ein Hund. Eine Wiese und ein kleiner Bach.
Der Hund löst eine Unruhe in mir aus und ich werde richtig nervös.
Ja, da kommen mehr bunte Bilder und ich weiß auf einem mal den Namen des Hundes.
Leika!
Ja, das ist mein Hund.
Oh mein Gott, der muss allein zu Hause sein und keiner versorgt ihn.
„Ich drücke wieder die Klingel.“
„Na Matthias, was darf ich dir bringen?“ klingt diese schöne Stimme von Robin.
„Du Robin, habt ihr in meinen Klamotten einen Haustürschlüssel gefunden?“
„Keine Ahnung, die Sachen hängen aber hier im Schrank, soweit sie der Notarzt nicht zerschnippelt hat? Soll ich nachschauen?“
„Ja Robin, bitte. Ich glaube ich habe daheim einen Hund und da muss dringend jemand nachsehen!!!“
„He, du hast einen Hund? Was für einen?“
„Ich glaube, es ist eine Golden Retriever, aber ich sehe die Bilder noch nicht richtig klar. Aber sie heißt Leika – soviel bin ich mir ganz sicher!!!“
Robin findet tatsächlich einen Schlüssel und auch meinen Personalausweis.
„Soll ich da mal nach dem Rechten sehen? Also das würde mir nichts ausmachen! Aber nur, wenn du wirklich willst!“
„Oh Robin, das wäre echt nett von Dir. Ich habe mit einem mal so ein richtig schlechtes Gewissen. Bitte, kannst du dich um Leika kümmern?“
Immer mehr bunte Bilder kommen mir ins Gedächtnis zurück und es sind immer mehr mit diesem Hund und wie wir irgendwo in einem Park auf einer Wiese toben.
Robin streicht mir behutsam über den linken Arm und lächelt mich an.
„Mach dir keine Sorgen, ich kann gut mit Hunden und deine Leika wird es bei mir gut haben.“
So, wie Robin mein Zimmer wieder verlassen will betritt jemand anderes mein Zimmer.
Ein Mann.
Schon etwas älter.
Ein paar graue Haare erkenne ich an den Schläfen.
Er trägt ein ausgeleiertes Jackett.
„Guten Morgen Herr Lorenzen! Ich bin Hauptkommissar Adomat, Kripo Erfurt.“
„Guten Morgen.“ krächze ich.
„Geht es ihnen schon etwas besser und können sie mir ein paar Fragen beantworten?“
„Ich fürchte, daraus wird wohl nichts, wenn es darum geht warum ich hier bin.“ gebe ich bekannt.
„Ach, machen sie sich keine Sorgen. Ich frage einfach und sie erzählen mir dann, was sie wissen, ja?“
Ich versuche zu nicken, aber es geht nicht.
„Also, Passanten haben Sie auf dem Domplatz gefunden und die Rettung verständigt.
Können sie mir sagen, wer Sie so zugerichtet hat?“
Ich überlege ein wenig, aber da ist nur graues Rauschen.
„Nein, ich kann mich an nichts erinnern. An gar nichts. Es ist, als wenn der Computer abgestürzt ist.“
„Ja, das habe ich befürchtet. Ich habe natürlich zuvor schon mit den Ärzten hier gesprochen, aber die meinten auch, dass es wohl noch ein wenig dauert, bis die Erinnerung zurückkommt.
Ich lasse Ihnen mal meine Karte da. Auf der Handynummer können Sie mich jederzeit erreichen. Bitte rufen Sie mich an, sobald ihnen etwas einfällt, was zur Ermittlung des, oder der Täter hilfreich sein könnte. Versprechen Sie mir das?“
„Ja, gern. Aber ich kann nicht sagen, wann das sein wird.“
Er lächelt mich an, drückt ganz vorsichtig meine rechte Hand und wendet sich zur Tür.
„Gute Besserung, Herr Lorenzen!“
*
Ich bin wohl noch einmal eingenickt, aber ich erinnere mich an ein gutes Mittagessen, welches nun wieder meinen Körper verlassen will.
Diesmal ist es wieder die Oberschwester, die sich meiner annimmt.
Mittlerweile entwickle ich ein wenig Routine und es klappt schon etwas besser als am Morgen.
Aber irgendwie ist es mir immer noch peinlich. Und dann die Prozedur der Körperreinigung durch die Schwester.
Das ganze habe ich jedoch schnell vergessen, dank dieser bunten Pillen.
Ich habe keine Ahnung wie spät es ist. Ja genau genommen weiß ich nicht einmal welcher Tag ist. Draußen jedoch ist es dunkel und jemand sitzt an meinem Bett. Ich höre den leisen Atem. Nein, es ist mehr ein Hecheln.
Also jetzt höre ich es genau. Ein Hecheln und ein Atmen.
„Bitte verpetz mich nicht. Das könnte mich meinen Job kosten!“
Das sind ganz klar Worte von Robin.
Ich öffne die Augen und es ist kein Traum.
Robin sitzt neben mir auf einem Stuhl und hält Leika auf dem Schoß.
Sie versucht zwar zu mir vorzudringen, aber Robin hält sie zurück.
Ich strecke den Arm aus um sie ein wenig zu kraulen, aber Robin zieht sie noch weiter zurück.
„Nein, Matthias, noch nicht. Es ist zu gefährlich, du hast noch nicht verheilte Wunden!“
„Aber glaube mir, sie ist bei mir in guten Händen und sie akzeptiert mich.“
Zufrieden sinke ich zurück und ergebe mich der Kraft dieser Medikamente.
*
Ich habe einen Traum. Es ist mir fasst so, als sei es mein erster Traum überhaupt, denn alles ist so leer.
Doch als ich erwache kann ich mich an den Inhalt des Traumes nicht erinnern.
Aber es war irgendwie schrecklich.
Jedenfalls ist die Oberschwester ganz schön sauer, denn ich bin total nass geschwitzt.
Auch das Bett ist feucht und muss neu bezogen werden.
„Was war den los Herr Lorenzen?“
Ich weiß keine Antwort und versuche mit den Schultern zu zucken.
Es gelingt mir nur kläglich und ich bekomme ein wenig Kopfschmerzen.
*
Das erste Mal in diesem Etablissement bekomme ich eine Mahlzeit, die ich richtig genießen kann. Ich glaube ich bin aber auch schon zwei Wochen hier.
Robin kümmert sich sehr intensiv um mich und ab und zu bringt er des Nachts auch mal Leika mit.
Robin ist für mich schon so etwas wie ein Freund geworden.
Er ist wirklich sehr nett.
Dieses blöde Eisengestell um meinen Schädel wurde mir heute abgenommen.
Auch mein rechtes Bein ist endlich von solch Eisengestänge befreit und ruht nun in einem Gips.
Na, ja, bequemer ist der zwar auch nicht aber ich darf jetzt schon mal aufstehen und kann auch auf die Toilette gehen, obwohl ich da noch den Rollstuhl für brauche.
*
Es ist 14 Uhr und Robin kommt mich besuchen. Heute in Zivil, denn er hat heute einen freien Tag.
„Hi Matthias, komm, steh auf, unten im Park wartet Leika auf dich!“
Ich lasse mich kein zweites Mal auffordern und hüpfe, so schnell es halt geht, aus dem Bett.
Robin hilft mir etwas und ich bin ausgehbereit.
Wow, was für eine Freude. Die Hündin kommt angerast und wirft mich fast um. Ich spüre deutlich wie sie mich vermisst. Ich habe nicht viel Ahnung, aber diese Rasse ist so etwas von anhänglich, ich kann es kaum beschreiben.
Gemeinsam spazieren wir durch den Park.
„Du, Robin, hast Du eigentlich rausbekommen, was mir da passiert ist?“
„Ne, nicht die Bohne. In deiner Akte steht nur am Domplatz aufgefunden, nicht ansprechbar.“
Hm, mir gehen einige Gedanken durch den Kopf, aber die Hündin holt mich in die Wirklichkeit zurück.
„Du Matthias, ich hab da mal eine Frage.
Aber bitte sei mir nicht böse und verstehe mich nicht falsch!
Könnte es sein, dass Du homosexuell bist?“
Oh man, ich laufe total rot an und mir wird ganz anders. Zum Glück ist da gerade eine Bank und ich suche mir den Platz um ein wenig auszuruhen.
„Wie kommst du denn darauf?“
Das waren die ersten Worte, die mir so eingefallen sind. Eigentlich weiß ich gar nicht wie ich ehrlich antworten soll. Also, na ja, es ist irgendwie nicht ganz einfach. Und ich bin mir da doch selbst noch nicht richtig klar drüber.
Robin schaut mir direkt in die Augen.
Oh man, jetzt auch noch das. Also er ist wirklich total nett und ich mag ihn. Ja eigentlich mag ich ihn sogar sehr. Keiner ist so nett zu mir wie er.
„Matthias, ich habe mich natürlich auch ein wenig in deiner Wohnung umgesehen. Da hängen überall Bilder von Männern an den Wänden.“
Noch roter kann ich wohl kaum noch werden.
„Na und?“ ist alles was mir einfällt.
„Ist schon gut. Ich wollte nur halt mal fragen. Komm, es wird langsam doch etwas kalt. Ich bringe dich wieder hoch.“
Leika scheint etwas zu ahnen und schmiegt sich ganz dicht an mein linkes Bein.
Auf Robin gestützt erreiche ich wieder mein Zimmer und lege mich auch gleich wieder hin.
Mir ist ein wenig schwindelig.
Nein, es ist nicht die Kopfverletzung.
Robin ist es, der mich ganz durcheinander bringt.
Zuerst diese komische Frage.
Dann diese Wärme, die mich fast elektrisiert, als er mich zurückführt.
Ja, ich weiß selbst nicht, was in mir vorgeht.
*
„Ja hervorragend“ sagt der Chefarzt bei der Visite. Er legt das neue Röntgenbild zur Seite und veranlasst, dass mir der Kopfverband abgenommen wird.
„Wenn es so weiter geht, Herr Lorenzen, dann werde ich sie Dienstag entlassen. Zuvor verpassen wir ihnen dann einen Gehgips und in sechs Wochen ist alles vergessen!“
Vergessen!?!
Ja genau. Ich weiß immer noch nicht, was genau in der besagten Nacht passiert ist.
Aber die Träume sind wieder gekommen. Immer öfter und immer mehr Details sind da.
Da sind Skinheads.
Ich glaube vier.
Einer hat einen Baseballschläger.
Dann ist es wieder dunkel.
Ich versuche eins und eins zusammen zu zählen.
Offensichtlich wurde ich verprügelt.
Doch da sind noch so viele Grauzonen in der Erinnerung.
Nicht einmal meine Wohnung kann ich mir vorstellen. Irgendwie ist da unheimlich viel einfach gelöscht.
*
Es ist Dienstag und Robin kommt und holt mich ab. Oh man, ist der nett.
Leika sitzt auch schon im Auto und schleckt mich ab.
Robin fährt mich in eine Seitenstraße die ich nicht kenne.
„So, Matthias willkommen zu Hause.“
„Was, hier wohne ich?“
Irgendwie komme ich mir vor wie im falschen Film.
„Sag mal, Matthias, ist es echt so schlimm mit deiner Amnesie?“
Ich schweige und schaue mich um. Da ist nichts, was mir bekannt vorkommt. Kein Baum, kein Haus, keine Mülltonne – einfach nichts.
Leika hat ihre Begrüßungsrunde an den Bäumen beendet und trottet vor mir her zum Eingang.
Sie scheint den Weg zu kennen.
Robin schließt für mich auf und wir gehen hinter Leika die Treppe hoch. Mit Krücken ist das gar nicht so einfach. Im Krankenhaus hatte ich ja den Fahrstuhl.
Endlich komme ich in eine schön eingerichtete Wohnung – aber alles erscheint mir fremd.
Und tatsächlich, da sind überall Bilder. Ziemlich groß und alle mit Jungs.
Nackten Jungs!
Es ist mir peinlich, aber so richtig kriege ich das im Moment nicht auf die Reihe. Es sind einfach zu viele Eindrücke, die da auf mich wirken.
Keine Ahnung, wie viele Minuten vergangen sind. Ich sitze auf dem Sofa und die Hündin hat es sich direkt vor meinen Füßen bequem gemacht.
Robin kommt aus der Küche und reicht auch mir einen Becher Kaffee.
Zaghaft legt er einen Arm um meine Schulter und flüstert:
„Du, Matthias, das wird schon. Wirst sehen, in ein paar Wochen hast Du wieder alle sieben Sinne beisammen!“
Ich fahre hoch und bin tierisch erregt.
„Ich bin nicht verrückt!!!“ schreie ich ihn an.
Ich hole aus, doch bevor ich einer weiteren Handlung fähig bin, hat sich Robin schon meiner Reichweite entzogen und verlässt meine Wohnung.
Oh mein Gott, was habe ich denn nun schon wieder angestellt.
Robin ist doch eigentlich ein ganz netter Kerl.
Vor allen Dingen jedoch ist er wohl zurzeit der einzige Freund, den ich kenne?!?!
Freund?
Ja ich glaube schon. Ja ich bin mir sogar sicher, dass Robin jetzt ein Freund von mir ist.
Und ich Esel habe ihn gerade vergrault.
Ich könnte mich sonst wo hintreten, wenn es der Gips zulassen würde.
Ich fühle mich total erbärmlich.
Und beginne die Hündin ein wenig zu streicheln.
Da kommen wieder ein paar Farbbilder.
Diesmal direkt in Folge.
Und sogar mit Ton.
Es ist schrecklich und tut wieder unbeschreiblich weh.
Sie haben mich mit einem Knüppel, oder so, niedergeschlagen und treten auf mich ein.
Ich höre Worte wie Arschficker und Hinterlader und einiges mehr. Ich sehe eine Bomberjacke in oliv mit einem roten Sticker am Ärmel. Auf dem Sticker ist so was wie ein Hundekopf. Und ich höre Ketten rasseln.
Dann wird es wieder dunkel.
Als nächstes kommt mir wieder das Gesicht von Robin in Erinnerung.
Man, was bin ich bloß für ein Idiot.
Der Junge hat es wirklich gut gemeint mit mir und er weiß, dass ich schwul bin.
Ja, jetzt bin ich mir wirklich sicher.
„Ich bin schwul!“ rufe ich laut in meine Wohnung und Leika hebt gelangweilt den Kopf.
Ich muss unbedingt die Adresse von Robin rauskriegen. Verflixt, er hat niemals seinen Nachnamen genannt.
Ich rufe im Krankenhaus an, aber die antworten nur lapidar, dass sie keine Informationen über das Personal weitergeben dürften.
Ich bin am Ende. Aus. Schluss. Nichts geht mehr.
Ich gehe in den Flur und suche meine Geldbörse. Da muss doch irgendwo die Karte sein von diesem Kommissar.
Ich rufe bei der Kripo an und nach einer Minute habe ich dann auch Kommissar Adomat am Apparat.
Ich schildere, was mir wieder eingefallen ist und der Polizist scheint da etwas mit anfangen zu können. Er bedankt sich und bittet mich noch einmal, wieder anzurufen, sobald ich mich an noch mehr erinnern kann.
Nun klingelt das Telefon bei mir.
„Ja hallo!“
„Hallo Matthias, sag, wo steckst du denn? Ich versuche Dich seit mehreren Wochen zu erreichen!“
Die weibliche Stimme klingt zwar irgendwie vertraut aber ich kann sie nirgends zuordnen.
„Entschuldigung, aber wer spricht denn da?“
„Willst du mich jetzt verarschen, oder was? Erkennst du deine Zwillingsschwester etwa nicht mehr???“
Empört klingt, nein, lärmt es aus meinem Handy und dennoch finde ich kein Gesicht zu der Stimme!
„Du bitte entschuldige, aber ich hatte einen Unfall und ich habe wohl etwas von meinem Gedächtnis verloren!“ antworte ich widerwillig.
„Oh mein Gott, ich komme sofort vorbei. Bist Du zu Hause?“
„Ja, und bring bitte Hundefutter mit, hier ist alles alle.“ ergänze ich noch ein wenig geistesgegenwärtig.
*
„Hallo Matthias, oh, das sieht ja schlimm aus. Aber ein Gipsbein führt nicht zum Verlust der Erinnerung?!?“
Ich fühle mich irgendwie unwohl, obgleich das Mädchen da mir sehr vertraut erscheint.
„Komm Junge, du weißt, dass du mit mir über alles sprechen kannst!“
Meine Gedanken sammeln sich.
Ja, es ist meine Schwester. Meine Zwillingsschwester. Es ist Nina.
„Hallo Nina, toll dass du da bist.“
Mehr kriege ich im Moment nicht rüber.
„Sag, Brüderchen, was ist passiert und wieso erfahre ich erst jetzt davon?“
So viele Fragen auf einmal…
„Also, genau bekomme ich das auch noch nicht zusammen. Ich habe wohl einen ziemlich starken Schlag auf den Kopf bekommen. Jedenfalls kann ich mich an kaum etwas erinnern.
Ich lag fast vier Wochen im Krankenhaus und wusste eigentlich gar nicht, wer und was ich bin.“
„Hast Du denn wenigstens mich wieder erkannt?“ höre ich vorwurfsvoll.
„Ja, also jetzt ja, aber ehrlich gesagt, also vorhin am Telefon – nicht wirklich…“
Ich handele mir einen Knuff ein und spüre sofort, dass all die Rippenprellungen auch noch nicht richtig auskuriert sind.
Nina merkt, dass sie da wohl etwas Falsches gemacht hat und tröstet mich sogleich wieder.
„Oh, entschuldige, da ist wohl noch etwas kaputt außer Schädel und Bein?“
„Ehrlich gesagt, ich habe noch gar nicht richtig Inventur gemacht. Aber ich glaube, es sind wenigstens noch alle Zähne und Finger vorhanden.“
Ich versuche ein Lachen, aber so richtig überzeugend gelingt es mir nicht.
„Sage mal Matthias, kann man dich denn nicht mal wenigstens eine Woche alleine lassen?“
Tja, so ist sie, meine liebe Schwester. Bis vor kurzem wohnten wir noch zusammen.
Aber dann hat sie einen Lover kennen gelernt und ich habe es vorgezogen mir meine eigenen vier Wände zu suchen.
So langsam kommt alles wieder.
Ich glaube 10 Wochen wohnen Leika und ich jetzt hier.
Leika – genau. Das ist das Stichwort. Es wird Zeit und wir beide sollten mal wieder dem Park einen Besuch abstatten.
Kaum habe ich im Flur die Hundeleine aufgenommen, da steht sie auch schon mit wedelnder Rute bei mir und schaut mich flehend an.
„Nina, kommst du mit? Leika muss vor die Tür und mir täte etwas frische Luft wohl auch ganz gut.“
Nina springt sofort auf und begleitet uns in den nahen Park.
Es ist schön hier und ich lasse Leika von der Leine los. Ich brauche mir da keine Sorgen machen. Mir fällt wieder ein, das dieser Hund nie jemanden etwas zu leide tun könnte.
Doch Leika tobt nicht los.
Sie bleibt ganz dicht an meiner Seite.
Vielleicht spürt sie, dass mit mir nicht alles in Ordnung ist.
Aber ich bin nicht verrückt, oder schwachsinnig, oder so!!!
Langsam sammele ich mich wieder. Nina hat zum Glück nicht mitbekommen was in mir vorging.
War es wirklich mein Glück?
Keine Ahnung.
Wir spazieren zurück zu meiner Wohnung.
Leika weicht keinen Schritt von meinem linken Bein.
Ich bin in Gedanken und mir schwirrt das Antlitz von Robin wieder durch das Hirn.
„Woran denkst du?“ fragt Nina.
„An nichts.“ lüge ich.
„Ach so, deshalb eine halbe Stunde Stille!?!“
Erwischt, aber nicht entlarvt.
Ja, aber eigentlich doch schon ein bisschen mehr als nur erwischt.
Irgendwie fühle ich mich unwohl und meine Schwester spürt es genau.
„Du, Nina, kann es sein das wir uns ein wenig unterscheiden?“
„Wie meinst Du das?“
„Na, ja, also jetzt mal die Kurzform, Nina, ich glaube ich stehe auf Jungs…“
„Nö, also demnach unterscheiden wir uns echt nicht. Ich stehe nämlich auch auf Jungs!“ lacht sie und drückt mir ein kleines Küsschen auf die Wange.
Oh, man, warum sind Schwestern immer so schwierig?
Doch es entpuppt sich anders.
Nina nimmt mich in den Arm und drückt mich ganz fest.
„He, Großer, das weiß ich doch schon lange – und? Wo ist das Problem?“
„Echt, du wusstest es? Warum hast du mir das nie erzählt?“ erwidere ich empört.
„Hast Du es denn mir erzählt?“
Total betroffen schaue ich runter auf meinen Sneaker und den Gips.
Irgendwie fühle ich mich schon wieder absolut Scheiße, aber der Impuls, dass Nina über mich Bescheid weiß gibt mir ein kleines bisschen Kraft.
*
Nach und nach kommen immer mehr Erinnerungen und Gedanken zurück.
Die letzten allerdings als sehr schmerzliche.
Die Realität holt mich auch wieder ein. Ich wurde fristlos gekündigt. Mein ehemaliger Arbeitgeber schreibt, dass er die ersten Tage meiner unentschuldigten Abwesendheit zwar hätte akzeptieren können, aber, dass ich mich nicht einmal gemeldet hatte, wäre für ihn inakzeptabel.
Ich mache mich sofort auf ins Krankenhaus und versuche ein Attest zu bekommen.
So leicht lasse ich mir meinen Job nicht wegnehmen, obwohl ich im Augenblick gar nicht richtig weiß, was ich da eigentlich gemacht habe.
Ich komme den Flur entlang auf der Etage, wo ich gelegen habe und die Oberschwester erkennt mich schon von weitem.
„Hallo Matthias, na geht es ihnen wieder gut? Sie waren ja so ein lieber Patient. Also wirklich!“
Ich schaue etwas verlegen aus der Wäsche, fühle mich aber doch auch ganz gut bei so viel Anerkennung.
„Sagen sie, Oberschwester, ich brauche eine Bescheinigung mit Befund und so, weil mein Arbeitgeber mich kündigen will!“
„Oh mein Gott, schon wieder. Das haben wir hier laufend. Sie glauben gar nicht wie das hier abgeht!“
Sie führt mich in das Vorzimmer vom Oberarzt und die Dame dort sagte, es würde nur ein, oder zwei Minuten dauern.
Gut zehn Minuten wurden es doch, aber dann war ich an der Reihe.
Ich bekomme eine Bescheinigung, die auch meine Amnesie attestiert.
So, das wäre schon mal geschafft. Jetzt geht es erstmal wieder nach Hause um kurz Nina
anzurufen.
*
Ich bin fest entschlossen. Hiermit finde ich bestimmt ein offenes Gehör.
Mit der Bescheinigung vom Krankenhaus gehen wir gemeinsam zu meinem Arbeitgeber.
Diesem ist die ganze Sache sehr peinlich. Schließlich wusste er ja nichts von dem Überfall auf mich und meinem anschließenden Aufenthalt im Krankenhaus.
Er hat sich zigfach entschuldigt und selbstverständlich die Kündigung zurückgezogen.
Na also, geht doch!
Ganz nebenbei weiß ich jetzt auch, dass ich Drucker in einem Verlag bin.
Richtig wohl fühle ich mich aber dennoch nicht.
Da fehlt etwas.
*
Heute ist Mittwoch.
Hat heute nicht Robin seinen freien Tag nach der Nachtschicht?
Schon wieder geht mir dieser Junge durch den Kopf.
Den Gips bin ich seit gestern nun auch endlich los, fühle mich aber ganz schön wackelig auf dem Bein.
Nina und ich gehen in ein Cafe.
Ah, so ein Espresso tut richtig gut.
Meine Gedanken sind wieder klar, obwohl diese Leere sich immer noch komisch anfühlt.
In einem Kaufhaus finde ich eine tolle Jeans. Sie gefällt mir auf Anhieb und ich brauche auch nicht lange zu suchen und finde meine Größe. 29/32 inch, die müsste passen und ich gehe in die Umkleide.
Ja, echt genial, die passt wie für mich gemacht. Und sieht unheimlich geil aus.
Da sind so ein paar Patches am rechten Bein und sehr viele Taschen. Echt cool.
Nina und ich verabschieden uns, nicht ohne uns noch einmal zu umarmen und ganz doll zu knuddeln.
Sie ist wirklich das Beste, was mir je passieren konnte. Ja, sie ist halt meine Schwester.
Irgendwie liebe ich sie!
Ich mache mich auf den Weg und freue mich schon auf meine Hündin.
*
Sie ist es, die mich immer wieder die Einsamkeit vergessen lässt.
Wie kam es eigentlich dazu?
Nur ganz allmählich kommt die Erinnerung wieder, und der Tag als mich mein Erzeuger so grausam vergewaltigt hatte.
Jetzt, ja jetzt im Moment wünsche ich mir mit einem Mal, dass die Amnesie doch etwas länger angehalten hätte.
Mir ist schlecht und ich würde am liebsten alles auskotzen.
Aber mein Körper ist stärker und mein Gehirn erbarmungslos.
Wieder kommt die Erinnerung. Und wie er mich damals gefesselt hatte.
Oh man, es tut wieder fast genauso weh wie damals. Hätte ich doch bloß niemals diese verdammten Bilder aus dem Internet runter geladen.
Endlich stehe ich vor meiner Wohnungstür und ich höre, wie Leika winselt.
„Na, meine Kleine. Hast Du Lust auf eine Runde um den Block?“
Leika springt um mich herum, als hätte sie mich wochenlang nicht gesehen.
Sie schnappt sich die Leine und umrundet mich unaufhörlich.
Ich suche noch den uralten Tennisball und öffne wieder die Tür.
Wie ein geölter Blitz flitzt Leika raus und ist nun nicht mehr zu bändigen.
Unten an der Haustür springt sie noch einmal an mir hoch und schleckt mir durchs Gesicht.
Ich öffne die Tür und Leika bleibt brav an meiner Seite, bis wir im Park sind.
Ich werfe den Tennisball und nun ist sie nicht mehr sie selbst.
Wie ein kleines Kind tobt sie durch den Park und ich habe das Gefühl, sie hat sich selbst vergessen.
Nur ab und zu schaut sie sich um und prüft, ob ich noch da bin.
„Hallo Matthias, ich dachte mir schon, dass ich dich hier finde. Das ist doch Leika da, die da so rumtobt?“.
Robin hat sich neben mich gesetzt.
Sogar ziemlich dicht neben mich.
Es fühlt sich echt gut an – zu gut.
„Hallo Robin! Was machst du denn hier?“
Schmetterlinge, oder so, kitzeln in meinem Bauch.
„Ja, ich weiß auch nicht, ich bin einfach spazieren gegangen. Ja und eigentlich wollte ich dich auch mal besuchen.“
„Echt?“
Ich könnte mich schon fast selbst ohrfeigen wegen dieser blöden Frage. Aber ich bin doch ein wenig verwirrt.
„Na, dann komm doch einfach mal mit hoch.“ „Leika!!!“
Ein Ruf reicht und das liebe Tier trollt sich geschwind an mein linkes Bein. Im Maul hält sie den kleinen Tennisball und übergibt ihn mir.
Sie ist wirklich ein sehr gehorsamer Hund. Ich habe keine Ahnung ob andere Rassen auch so sind, aber Leika ist einfach fantastisch.
Ich stehe auf und lenke unseren Weg zu meiner Wohnung. Robin bleibt eng an meiner Seite und es fühlt sich richtig gut an.
Ja überhaupt fühle ich mich gut, seit er da ist.
*
„Magst Du lieber Kaffe oder Tee?“
Leika schleicht gemütlich zur Balkontür und macht es sich auf ihrer Decke dort bequem.
„Hast Du auch was Kaltes? Also ich habe eigentlich Appetit auf ein Glas Bier.“ antwortet Robin.
„Entschuldige, aber Bier habe ich nicht. Tut es auch eine Limo?“
Robin nickt mir zu und ich schenke uns zwei Gläser ein.
„Robin, es tut mir leid, also das von neulich. Du weißt schon.“ Betroffen schaue ich nach unten und studiere seine Socken.
„Ach, komm, das ist Schnee von gestern.“ vernehme ich und er rutscht etwas näher zu mir.
Wieder kann ich diese Wärme spüren, die von seinem Körper ausgeht. Es fühlt sich fantastisch an.
„Robin, du machst mich ganz nervös.“
Er lächelt und legt den Kopf ein klein wenig schief.
Ein paar Minuten verstreichen und keine Silbe verlässt unsere Lippen.
Etwas zögerlich ergreift nun Robin die Initiative und legt vorsichtig seine Hand auf mein rechtes Knie.
„Seit wann ist der Gips denn schon ab?“ lenkt er ab.
Das Gefühl ist unbeschreiblich. Ein klein wenig läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Er will gerade seine Hand wieder zurückziehen, aber ich bin schneller und lege nun meine Hand auf seine.
Seine Haut ist ganz weich. Es fühlt sich so unglaublich an.
Jetzt schaut er mir in die Augen und, ja ich glaube ich habe mir seine zuvor noch gar nicht richtig angeschaut.
Ich nehme meine Hand hoch und streiche ihm behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Auch hier ist die Haut so glatt und weich. Ich spüre seinen Atem.
„Was hast Du eben gefragt?“ Die Worte gehen mir über die Lippen, doch eigentlich sind sie recht unbedeutend.
„Matthias, es ist das erste Mal, dass mich ein Junge berührt. Aber es fühlt sich irgendwie ganz toll an.“
„Ich bin da auch noch neu darin. Also, bisher habe ich mich noch nie getraut.“
Etwas entspannter lehnen wir uns nun zurück und rutschen ganz dicht zusammen.
Unsere Köpfe berühren sich und wir genießen gegenseitig einfach nur die Wärme des Anderen.
Ein wenig spüre ich die Spannung in meiner Jeans, aber ich versuche einfach nicht daran zu denken. Nein, das will ich nicht. Jedenfalls noch nicht.
Mein Kopf findet einen schönen Platz auf seiner warmen Schulter und ich schließe die Augen.
Es ist schon lange dunkel geworden und Leika sitzt nun direkt vor meinen Füßen und winselt ganz leise.
Robin scheint auch geschlafen zu haben, jedenfalls reibt er sich die Augen. Ich gehe zur Balkontür und öffne sie. Die frische Luft tut gut.
„Du Robin, es muss wohl geregnet haben, aber die Luft ist herrlich. Gehen wir noch etwas spazieren? Leika muss noch mal raus.“
„Ja gern, danach muss ich aber heim, sonst verpenne ich morgen.“
Leika steht mit ihrer Leine bereit und beobachtet ungeduldig, wie wir unsere Jacken anziehen.
Wir sind wohl schon zehn, oder fünfzehn Minuten unterwegs, als wir die Einkaufsstraßen erreichen. Hier gehe ich nicht so oft mit Leika entlang. Robin hat uns hierher geführt.
Immer öfter markiert die Hündin jetzt die Bäume, bleibt aber dennoch recht dicht bei uns.
Robin hat sich jetzt bei mir eingehakelt und im ersten Moment ist mir nicht ganz wohl dabei. Also so hier in der Öffentlichkeit.
Aber man nimmt keine Notiz von uns.
Nur eine ältere Frau mit einem kleinen Dackel schaut zu uns, aber ich glaube die hatte nur Angst um ihren Hund.
Vor der hell beleuchteten Auslage bei einem Juwelier bleiben wir stehen und ich frage Robin, ob er das Spiel kennt, wer das Schmuckstück mit dem höchsten Preis findet.
„Das haben Nina und ich immer gespielt, als wir noch klein waren!“
„Wer ist Nina?“ fragt Robin und schaut mich skeptisch an.
„Da, schau mal die Kette. 12000 Euro. Nina, das ist meine Schwester. Wir sind Zwillinge.
Du wirst sie noch kennen lernen. Wir sehen uns übrigens sehr ähnlich. Zum verwechseln ähnlich!“ grinse ich.
„Ich wette ich werde Dich aber immer am Geruch erkennen, außerdem schminken sich Mädchen doch.“
„Na, ich weiß nicht. Bunt anmalen tut Nina sich eigentlich nicht. Etwas Rouge vielleicht mal und ab und zu auch schon mal etwas Lidschatten. Aber das auch erst, seit sie einen festen Freund hat. Sie sieht auch ohne schon echt gut aus.“
„Wenn sie dir wirklich so ähnlich ist, dann glaube ich es gern.“
Es kam einfach über mich, aber für diese Worte musste ich es einfach tun.
Flink drücke ich ihm ganz schnell ein Küsschen auf die Wange.
Es war die Art wie er es sagte.
Oh man, ich bin ganz weg.
Wir kommen um die Ecke und erreichen den Domplatz. Eigentlich sieht es toll aus. Also der mächtige Turm und daneben die Severikirche in dieser Nachtbeleuchtung.
Doch ich kann es heute nicht richtig genießen.
Dieser Platz macht mich unruhig.
Nein, er macht mir Angst!
Ein Schauer läuft mir über den Rücken und aufgeregt scannen meine Augen den Platz.
Robin spürt, dass etwas mit mir nicht stimmt.
Auch Leika hat es mitbekommen und kommt wieder ganz dicht an meine Seite und winselt.
„Ist es hier passiert?“
’Gnadenlos sehe ich jetzt wieder die Bilder.
Immer und immer wieder werde ich getreten.
Ich liege schon längst am Boden und sie lassen nicht von mir ab.
Dann das Knirschen und dieser stechende Schmerz im Bein.
Ich sehe wieder den Typ mit dem Baseballschläger.
Er trägt wieder diese Jacke.
Über dem rechten Auge hat er ein Piercing und auf der Stirn darüber eine senkrechte Narbe und es wird wieder dunkel.’
„Können wir uns ein wenig setzen?“ Mir ist schwindelig.
Der Schweiß läuft mir den Rücken runter.
Ich glaube ich habe auch ein paar Tränen im Gesicht.
Robin führt mich zu einem Geländer und hält mich immer noch fest im Arm.
Er reicht mir ein Taschentuch.
„Eigentlich wollte ich von hier aus zu mir nach Hause gehen, aber so lasse ich Dich jetzt nicht allein!“
„Matthias, du solltest unbedingt noch einmal zu einem Arzt gehen. Du brauchst Hilfe. Fachmännische Hilfe!“
„Ach, so schlimm ist es nun auch nicht und ich glaube das vergeht mit der Zeit.“ erwidere ich und mein Atem beruhigt sich auch schon wieder etwas.
„Ne, Matthias, Zeit heilt nicht alle Wunden. Was Du brauchst, das ist eine richtige Therapie. Glaub’s mir.“
Ich verstaue das Taschentuch und rappele mich wieder auf. Jetzt schmiegt sich Robin noch enger an mich.
Oh, es tut so verdammt gut.
Leika hat sich auch wieder ein wenig beruhigt und läuft nur wenige Schritte vor uns.
Wir waren fast eineinhalb Stunden unterwegs. Robin zieht mir den Schlüssel aus der Jacke und sperrt auf.
„Kann ich heute Nacht hier bleiben? Ich möchte Dich nicht allein lassen. Es würde mir eh keine Ruhe lassen.“
„Okay, das lässt sich einrichten. Willst Du hier im Wohnzimmer schlafen, oder im Schlafzimmer?“
Robin schaut sichtlich verunsichert.
„Keine Sorge, ich habe ein richtig großes Ehebett. Also mit getrennten Decken und so.“
Robin folgt mir und wirft einen Blick auf das riesige Bett.
„Also bequemer ist sicherlich das Bett. Aber du musst versprechen, dass da nichts läuft.
Das würde mir dann doch zu schnell gehen!“
„Da kannst du ganz beruhigt sein. Ich könnte das auch nicht so schnell. Mir war´s schon ein bisschen peinlich, als ich Dich vorhin mit dem Kuss überfallen habe.“
„Kannst Du einen Wecker stellen? Ich muss morgen um sechs im Krankenhaus sein.“
„Ist fünf Uhr genug Vorlauf?“
„Ich denke schon.“
Ich krame etwas in meiner Vorratskammer und finde sogar noch eine neue Zahnbürste für Robin.
„Also mit einem Schlafanzug kann ich dir leider nicht dienen. Ich schlafe immer nur mit Shirt und Shorts.“
„Kein Problem, ich mag im Bett auch nicht gern zuviel anhaben. Aber könntest Du mir morgen früh mit frischer Wäsche aushelfen?“
„Klar, hier findest du alles!“ Ich öffne den großen Spiegelschrank und Robin greift sich zielsicher Socken, Unterwäsche und, ja, meinen Lieblingssweater und legt sie auf einem Schränkchen bereit.
Robin verschwindet im Bad und ich höre sogar die Dusche laufen.
Also schüchtern ist er nicht und wie es scheint fühlt er sich ganz wohl hier.
Ein kurzer Anruf auf die Mailbox vom Kommissar und ich bin sicher, er wird morgen zurückrufen.
Ich habe noch eine heiße Schokolade getrunken, als Robin sich aus dem Bad schleicht.
„Bist du fertig?“ frage ich prüfend.
„Ja, danke das hat gut getan.“
Auch ich begebe mich zur abendlichen Körperpflege.
Ab und zu kommt es vor, dass ich unter dem heißen Wasserstrahl schon mal die Zeit vergesse. Aber heute reiße ich mich doch ein wenig zusammen.
So spüle ich von mir, was mich heute so alles belastet hat und finde dann auch endlich den Weg in mein Bett, nicht ohne noch einmal Leika zu streicheln.
Ein bisschen aufgeregt bin ich schon.
Es ist das erste Mal, dass hier ein Junge bei mir schläft.
Ja, und er schläft wirklich schon. Er muss wohl ganz schön müde gewesen sein.
Mit diesen Gedanken finde auch ich endlich Ruhe.
*
Es ist dunkel. Ich höre kein Auto oder sonst irgendwas. Doch halt ein paar Vögel sind da, die mit den ersten Lockrufen beginnen.
Es ist nicht viel Licht, was durch das geöffnete Fenster eindringt, aber ich erkenne das Gesicht und ich kann den Jungen auch riechen.
Es ist jetzt schon fast ein ganzer Monat und Robin schläft jede Nacht hier. Ja, eigentlich wohnt er jetzt schon hier.
Immer wieder gönne ich es mir und beobachte ihn, wie er schläft.
Alles ist so friedlich, ja und er sieht so süß aus. Richtig unschuldig, wie ein Kind.
Seine Gesichtszüge sind ganz entspannt und der leicht geöffnete Mund lädt geradezu zum Küssen ein.
Das Kribbeln im Bauch nimmt zu.
Ja, es ist immer noch so wie damals im Krankenhaus, als ich ihn kennen lernte.
So richtig fallen mir keine Worte ein. Wie soll ich das Gefühl nur beschreiben?
Ach, ich weiß auch nicht. Es ist einfach nur genial.
Ich fühle mich gut und irgendwie gibt Robin mir so ein Gefühl der Geborgenheit.
Seit er da ist habe ich einiges an Selbstvertrauen zurück gewonnen.
Seit zwei Wochen gehen wir gemeinsam auch in so einem Selbstverteidigungskurs.
Eigentlich wollte ich nicht. Ich mag keine körperliche Gewalt.
Aber Robin hat darauf bestanden.
Und, Hand aufs Herz, kann man so einem Schnuckel etwas ablehnen?
Er hat sich gerade umgedreht. Jetzt liegt seine Hand auf meinem Bauch. Ziemlich weit unten. Man, ich werde fast wahnsinnig.
Ich traue mich nicht mich zu bewegen.
Gleichmäßig dringt seine Wärme in mich ein.
Das fühlt sich so toll an.
Mir kommt kein klarer Gedanke mehr.
Ich fühle Robin und sonst ist da nichts mehr.
Aber es fühlt sich so gut an.
Bis heute ist noch nichts zwischen uns gelaufen.
Also Sex, oder so.
Gut, zugegeben, wir küssen uns, aber das ist ja schließlich was anderes als Sex.
Wir waren uns einig, dass wir es ganz langsam angehen wollen.
Und ich bin mir selbst auch noch nicht ganz sicher wie das funktionieren soll.
Also ich habe da immer wieder diese Erinnerung.
’Damals.
Ich glaube ich war da fünfzehn.
Wie eine Perle kullert wieder eine Träne und versickert im Kopfkissen.
Mein Vater. Mein eigener Vater.
Ja er hatte es getan.
Wie ein X hatte er mich irgendwie festgebunden.
Ich lag auf dem Bauch.’
Oh, Scheiße. Es tut mir wieder so weh.
Weitere Tränen suchen sich ihren Weg und versickern.
„Hey, Matthias! Du weinst ja!“
Behutsam streicht er über meine Wange.
„Hattest Du wieder diesen Traum?“
Ich nicke und Robin weiß, dass es nicht nur ein Traum ist, sondern eine ganz schlimme Erinnerung.
Ich habe es ihm irgendwann einmal erzählt und ich weiß, dass er sich deshalb auch nicht an mich ranwagen würde bevor ich es nicht ausdrücklich will.
Er ist so lieb.
Immer noch streicht er mit diesen zarten Fingern über mein Gesicht.
Mein Atem beruhigt sich und ich rücke etwas dichter zu ihm.
Deutlich kann ich ihn riechen und ich kuschele mich ganz eng an ihn.
Scheiße, ausgerechnet jetzt geht das Radio an.
Heute bin ich es, der so früh hoch muss. Robin hat erst gegen Mittag seine Pflichten zu erfüllen.
Nur ungern löse ich mich von diesem hübschen Jungen. Ich gebe ihm noch einen kurzen Kuss und krabbele aus dem warmen Bett.
Ich mache das Radio wieder aus, suche mir frische Wäsche und schließe leise die Schlafzimmertür.
Leika ist sofort an meiner Seite und versteht es immer noch nicht, dass ich morgens erst ins Bad gehe, bevor ich mit ihr eine Runde im Park mache.
Endlich ist es soweit. Ich schalte die Kaffeemaschine ein und schnappe mir dann die Hundeleine.
Das Signal ist eindeutig und nicht rückgängig zu machen. Leika umkreist mich aufgeregt und entfleucht sowie ich die Wohnungstür geöffnet habe.
Fast eine halbe Stunde nehme ich mir. Das bin ich dieser treuen Hündin schuldig.
Ein paar Bäume hat sie gefunden und jetzt hat sie auch Lust dem Tennisball nach zu springen.
Leika ist so was von lieb. Auch Robin hat sie jetzt schon fest in ihr Herz geschlossen und behandelt ihn nicht anders als mich.
Ja, sie behandelt uns, nicht etwa wir sie.
Aber sie gehorcht absolut und ist unheimlich anhänglich. Auch der Beschützerinstinkt ist sehr gut ausgeprägt.
Es kommt schon mal vor und sie geht zur Wohnungstür und knurrt, sobald sie Schritte von Fremden im Treppenhaus hört. Dabei kann sie sogar richtig die Zähne fletschen.
Bellen tut sie fast gar nicht. Nur ab und zu, wenn sie richtig ausgelassen tobt.
In der Wohnung hat sie noch nie gebellt.
Zurück daheim kommt mir Robin mit einem Kaffeebecher entgegen.
„Guten Morgen, mein Kleiner!“
„Guten Morgen Robin, warum bist Du schon aufgestanden?“
Ich hauche ihm wieder ein Küsschen auf.
„Ich hätte es bis heute Abend nicht ausgehalten, ohne Dich noch einmal zu sehen.“
Gemeinsam trinken wir unseren Kaffee und die Hündin macht es sich auf ihrer Decke wieder bequem.
„Kommst Du heute Abend mit, eine Runde Joggen? Leika muss das auch mal wieder haben.“
Robin nickt und streicht sich prüfend über den Bauch.
„Ja, gerne. Die große Runde?
„Warum nicht?“ stimme ich ihm zu.
*
Wieder vergeht eine Woche.
Leika ist jetzt so etwa ein halbes Jahr alt.
Ich habe beschlossen sie für drei Wochen in eine Hundeerziehung zu geben.
Das ist zwar nicht gerade billig, aber irgendwie verspreche ich mir etwas davon.
Robin und ich wollen die Zeit für einen Urlaub nutzen. Aber nur zwei Wochen.
Ich wäre ja gern in den Süden. Also irgendwo ans Mittelmeer, aber Robin erinnert mich an unsere mittlerweile gemeinsame Haushaltskasse.
Habe ich schon erzählt, dass Robin jetzt fest bei mir wohnt? Also ganz fest. Seine Wohnung hat er aufgegeben.
Wir sind so richtig glücklich zusammen.
Nina hat er auch schon kennen und lieben gelernt.
Nein, nicht so wie ihr jetzt denkt. Er mag sie halt auch einfach nur sehr gern.
Ist ja auch nicht schwer, da wir fast den gleichen Charakter haben.
Ihr Lover, also Martin ist übrigens auch ein ganz netter. Jedenfalls hat er kein Problem damit, dass wir schwul sind. Auf alle Fälle geht er total locker damit um.
Schon öfter haben wir mal gemeinsam etwas unternommen.
Donnerstag war ich beim Gericht. Ich hatte eine Vorladung um in einem Strafprozess gegen vier Skinheads auszusagen.
Einen davon habe ich definitiv wieder erkannt.
Mein Anwalt und ich sind aber nur Nebenkläger. Es werden sieben Straftaten zur Last gelegt, davon lautet eine auf Totschlag laut Staatsanwaltschaft.
Der Prozess wird sich sicher noch eine Weile hinziehen.
Ich bin froh, dass ich nach meiner Aussage sofort wieder entlassen bin und nicht an den weiteren Verhandlungen teilnehmen zu brauche.
*
Jetzt ist endlich Urlaub angesagt.
Robin hat da über sieben Ecken Verwandschaft in der Lüneburger Heide.
Es soll ein Bauernhof sein. So mit Heidschnucken und so.
Ich habe ja schon erwähnt, dass ich mir eigentlich was anderes vorgestellt habe, aber als wir endlich da sind, bin ich doch etwas überrascht.
Es ist wohl so ein Biohof.
Und wir haben ein richtiges Apartment.
Also sind wir ganz für uns.
Nur das Essen findet mit der gastgebenden Familie statt.
Sie haben zwei Kinder. Ein Mädchen, Claudia, sie ist 14.
Der Junge ist 12 und heißt Andreas.
Er ist noch ein richtiger Wildfang und er spielt gerne Fußball.
Nur zu oft überredet er uns und wir kicken auf dem Hof, was das Zeug hält.
Es kommt auch schon mal vor und der Vater mischt sich in die Runde mit ein.
Seine Frau und die Oma sitzen dann auf einer Bank vor dem modernen Wohnhaus und feuern uns an.
Heute war auch wieder so ein Tag und wir sind richtig geschafft. Aber es hat auch wirklich Spaß gemacht.
Fasziniert beobachte ich wie dann später die Oma das Essen auffährt.
Es gibt Lammkeule und sie verrät mir nur soviel, dass die jetzt 4 Stunden bei nur 70 Grad in der Backröhre war.
So richtig kann ich mir das gar nicht vorstellen, aber das Fleisch ist noch rosa und total saftig.
Es gibt wie immer viel frisches Gemüse dazu und einen Serviettenknödel. Den kannte ich auch noch nicht.
Also Robin und ich kochen daheim natürlich auch.
Aber bei uns gibt es viel Reis und Nudeln und oft auch so einfach diese Fertigsoßen aus der Tüte.
An die richtig große Küche traue ich mich ehrlich gesagt nicht ran.
Vielleicht kommt das ja mal.
Vielleicht muss es mir auch nur mal jemand beibringen.
Aber da meine Mutter so früh verstarb…
Tags darauf lasse ich nicht locker und frage die Oma, ob ich mir das Rezept einmal abschreiben darf.
Diese lacht herzhaft und gibt mir zu verstehen, dass es da nichts gibt, was man abschreiben kann.
Sie hat alle Rezepte von ihrer Mutter hier auf dem Hof gelernt und hat alles im Kopf.
Also geht die Fragerei los. Nach und nach ziehe ich ihr so ziemlich alle Einzelheiten heraus.
Ich glaube es macht sie sogar ein wenig stolz.
Ich habe keine Ahnung, ob ich das auch einmal nachkochen kann.
Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich meinen Backofen so niedrig einstellen kann.
Also Tiefkühlpizza, da muss ich meistens 200 oder 220 Grad einstellen; Das weiß ich.
Robin ist auch wieder da. Heute hat er mal Andreas von der Schule abgeholt.
Normalerweise erledigt das die Mutter, aber die ist heute in die Stadt gefahren. Da hat sie einiges zu erledigen.
Andreas ist schon wieder ganz gut aufgelegt und überredet uns mit ihm an einem nahen gelegenen Weiher ein paar Würmer zu baden.
Er versichert uns zigmal, dass er keine Hausaufgaben auf hat und wir lassen uns tatsächlich breitschlagen.
Gemeinsam ziehen wir los. Andreas versorgt uns mit der Ausrüstung und zeigt vor allem mir, wie das geht. Also ehrlich, ich habe so was noch nie gemacht.
Aber auch ich hocke mich in das ein wenig feuchte Gras. Geduldig beobachte ich, wie Andreas mir so einen ekeligen Wurm am Haken befestigt und mir zeigt, wie ich nun mit der Rute auswerfen soll.
Ich versuche mein Glück und schaue aber auch zu Robin, der da deutlich mehr Geschick zeigt.
Es vergeht eine ganze Weile.
Aber so im Sonnenschein und dann dieser hübsche Junge da ganz nah bei mir…
Mit einem Mal ist Andreas ganz aufgeregt.
„Matthias, schnell! Da hat einer angebissen bei dir.“ Ich weiß jetzt echt nicht was ich machen soll, aber Robin greift rasch zu meiner Angelrute.
Er führt einen Ruck aus und fängt an zu kurbeln.
Auch Andreas ist mit seiner Rute ziemlich hektisch.
Kann das wirklich sein, an zwei Angeln auf einmal?
Ziemlich skeptisch beobachte ich die beiden. Okay, eigentlich mehr meinen Robin.
Robin hat es fast geschafft und fragt nach dem Kescher.
„Dem was?“
„Da, dieses Netz da. Halte das mal unter den Fisch.“
Ich folge seiner Anweisung und ziehe mit ihm gemeinsam das arme Tier aus dem Wasser.
Es ist recht groß. Ja ich glaube zu erkennen, das es ein Karpfen ist, oder irgend ein anderer großer Barsch. Keine Ahnung.
Jedenfalls zappelt er wie wild und es spritz Wasser durch die Gegend.
Brutal schlägt Robin zu und das Tier ist erlegt.
Ich kann das irgendwie nicht mit ansehen.
Auch Andreas ist jetzt soweit und zieht ein ebensolchen Fisch an Land.
Robin hilft nun ihm und ich wende mich ab.
Das Abschlachten möchte ich nicht sehen.
Ne, ich glaube das ist absolut nicht mein Ding.
Ich esse zwar gerne Fischstäbchen, ja eigentlich überhaupt mag ich Fisch gerne.
Aber schlachten, ne, das muss ich mir nun echt nicht ansehen.
Die beiden sind richtig aufgeregt. Angeblich sind die Fische sehr groß.
Ich habe da keine Ahnung von, weil ich meistens den Fisch erst in der Tiefkühltruhe fange,
aber mir kommt schon so eine gewisse Vorahnung, was heute Abend auf dem Teller liegt.
Meine Befürchtung bestätigt sich nicht.
Die Fische stellen sich als ungenießbar raus.
Das Fleisch ist angeblich von irgendwelchen Würmern durchsetzt.
So richtig habe ich es nicht verstanden, aber ich bin auch gar nicht traurig.
Ich kann mich ganz wage an ein Weihnachten erinnern. Da gab es mal Karpfen und der hatte mir überhaupt nicht geschmeckt.
Irgendwie schmeckte der so brackig.
Seefisch ist mir da wirklich lieber.
*
Wieder sind ein paar Tage um und wir haben noch nicht ein Mal den Fernseher angehabt.
Unser Apartment hat sogar eine eigene Satellitenschüssel, aber die Flimmerkiste blieb eigentlich immer aus.
Na ja, daheim schauen wir auch nur selten fern. Aber da ist ja auch Leika und wir drehen meist so um die Zeit unsere Abendrunde mit ihr, wenn andere Leute den Fernseher anhaben.
Gestern haben wir mit unseren Gastgebern ein paar Stunden Karten gespielt.
Die Kinder waren schon im Bett, oder zumindest hatten sie sich in ihre Zimmer zurückgezogen.
Herr Christiansen hatte eine Flasche Wein geöffnet und es wurde ein recht lustiger Abend.
Selbst die Oma, ich mag sie echt gern, war richtig gut aufgelegt.
Ich bekam schon beim zweiten Glas einen Schwips und Robin verhinderte, dass ich noch eines trank.
Gut, das er auf mich aufgepasst hat. Ich vertrage echt nichts.
Zum Glück gab es keine Peinlichkeiten.
Heute fühle ich mich wieder gut und ich bin auch wieder ganz klar im Kopf.
Es ist total geiles Wetter und wir wollen uns die Fahrräder ausleihen.
Wir bekommen noch eine Landkarte, Regenklamotten und ein paar Brotstullen verpasst.
Die sind echt total nett und so gastfreundlich.
Wir verpacken alles in einer Fahrradtasche und machen uns auf den Weg.
Kein Lüftchen weht und wir kommen prima voran.
Es ist einfach toll hier und ich habe längst vergessen, dass ich lieber mit meinem Schatz am Meer gewesen wäre.
Ab und zu müssen wir die Räder zwar schieben, weil lockerer Sandboden das Fahren unmöglich macht, aber es ist nicht weiter schlimm.
So gegen Mittag finden wir eine Bank mit einer tollen Aussicht.
Wir setzen uns und genießen den Sonnenschein.
Robin hat einen Arm um mich gelegt und ich schmiege mich an.
Es ist einfach nur schön.
Ich fummle ein wenig und bringe die Stullen heraus.
Zwei mit Schinken, zwei mit Käse.
Das Brot ist ganz frisch und auch der Belag bezeugt die ländliche Herkunft.
Also so schmecken die Sachen aus unserem Supermarkt nicht.
Ich bin richtig verträumt.
Ich glaube Robin fühlt auch so, jedenfalls ist er ganz still.
Ich versuche jedes Detail der schönen Aussicht in mich aufzunehmen.
Ganz hinten am Horizont zieht ein Hirte seinen Weg und ist von einer großen Schafsherde umgeben.
Mir geht etwas durch den Kopf. Hatte ich damals in der Schule nicht so ein langes Gedicht lernen müssen, von Hermann Löns?
Zu lang ist es her und auch der Titel fällt mir nicht mehr ein. Aber diese ganze Stimmung hat mich jetzt doch irgendwie daran erinnert.
Von Westen kommen kleine Quellwolken auf und ermahnen uns vielleicht doch langsam den Heimweg anzutreten. Gut wir haben Regenzeug dabei, aber man muss es ja nicht gerade herausfordern, oder?
Wir setzen uns wieder auf die Räder und navigieren zurück zum Heidehof.
Glück im Unglück.
Aber nur noch ein kurzes Stück vor dem Hof fahre ich plötzlich auf der Felge.
Eigentlich habe ich darauf geachtet, wo ich lang fahre und ich habe nichts gesehen, was mir nun den Platten bereitet haben hätte können.
Robin lacht und klopft mir Mut machend auf die Schulter.
„Sei froh, dass es erst hier passiert ist. Wäre es heute Mittag bei der Bank passiert, dann wären wir wohl ganz schön gelackmeiert gewesen!“ und deutet nach oben, wo sich die Wolken jetzt schon recht bedrohlich entwickelt haben.
Und tatsächlich es beginnt zu tröpfeln.
Wir halten kurz an, Schuhe aus, Regenhose an, Schuhe wieder an und zum Schluss die Regenjacke übergezogen.
Man bin ich froh, dass wir die Sachen mitgenommen haben, denn der Regenschauer nimmt zügig an Stärke zu.
Zum Glück ist es nicht mehr weit und wir erreichen das Gehöft gerade, als wir den ersten Donner in etwas Entfernung hören.
„Oh, gut, dass ihr wieder da seid. Wir haben uns schon ein klein wenig Sorgen gemacht. Im Radio haben die eine Unwetterwarnung gebracht.“
„Eigentlich hätten wir sogar eher hier sein können, aber das Rad von Matthias hat vorn einen Platten. Zum Glück war es nicht mehr weit bis hierher.“
„Kommt erstmal rein ihr seid ja ganz nass.“
„Habt ihr Lust auf einen Kaffee? Oma hat einen Zwetschgenkuchen gebacken. Das ist immer noch eigene Ernte vom letzten Jahr. Sie kocht ja alles Mögliche ein und da leben wir das ganze Jahr von.“ schwärmt Frau Christiansen.
Wir lassen uns kein zweites Mal fragen und streifen die Regensachen ab.
Ich suche mir den Weg ins Badezimmer. Durch die Panne sind mein Hände doch etwas unsauber, aber das ist schnell geregelt.
Ich rieche schon den Kaffee.
Und dann dieser Duft vom Kuchen. Absolut betörend.
Der muss noch warm sein, so wie der riecht.
Die Oma lässt es sich nehmen und schneidet den Kuchen selber an.
Nach dem ersten Schnitt hält sie das Messer gegen ihre Oberlippe.
„Der ist noch zu warm. Wartet bitte noch fünf Minuten, sonst bekommt ihr Bauchweh!“
„Das hat meine Oma damals auch immer gesagt.“ gibt Robin bekannt.
„Siehst du, da ist also was Wahres dran!“ bestätigt diese Oma nun noch einmal.
„Hefekuchen darf man nicht warm essen!“
Sie schneidet aber weiter auf und verteilt die Kuchenstücke.
Ich gebe zu, ich muss mich echt zurückhalten. Es duftet so lecker!
Aber wenigstens streue ich mir auch schon etwas Zucker auf mein Stück.
Der Kaffee schmeckt echt gut und draußen bricht ein echtes Inferno los.
Zweige und Äste fliegen umher und die Blitze schlagen immer näher ein. Der Donner ist sehr laut und kommt in immer kürzerer Abfolge.
Bin ich froh hier in der Stube zu sitzen.
Laut prasselt der Regen gegen die Scheiben.
Ich glaube, bei dem was da jetzt runterkommt, hätte das Regenzeug auch nur noch das Gröbste abgehalten. Wir wären bestimmt nass geworden. Dass ich unheimlich Schiss vor Gewitter habe, lasse ich wohl sowieso besser weg.
Ja, es ist wirklich so. Da habe ich Angst. Schon seit meiner Kindheit. Na und?
Wieder blitz es und im gleichen Moment der grollende Knall.
„Uih, das war aber ganz nah!“ kommt es von Frau Christiansen.
Ich bekomme noch Robins Hand zu fassen und eine Gänsehaut läuft mir über den Rücken.
Ich habe mich wirklich richtig erschrocken.
Die Oma sieht, dass wir Händchen halten und lächelt.
Schnell lasse ich wieder los und starre auf den Kuchen.
„Ich glaube jetzt können wir ihn essen.“ lacht sie mich an.
„Du brauchst dich nicht zu schämen!“ fährt sie fort und schaut mich gezielt an.
„Wir wissen, dass ihr schwul seid. Wir alle. Schon am ersten Tag war es mir klar. Ich bin zwar schon alt, aber nicht blind!“
Noch eine Gänsehaut folgt und er werde total verlegen.
„Ach Jungs, ihr müsst wissen, mein Mann war auch schwul. Ich kenne diesen Blick.“
„Ihr Mann?“ frage ich ungläubig.
„Ja, das war damals halt so. Die Eltern haben damals die Schwiegertochter ausgesucht und man wurde einfach verheiratet. Im Dorf war es nun einmal nie anders und man hatte keine Wahl. Irgendwann fand ich dann heraus, dass Heinrich sich oft mit einem jungen Mann aus dem Nachbardorf traf. Es hat mir aber nie etwas ausgemacht. Nein, eigentlich war ich sogar glücklich, dass er jemanden gefunden hatte, den er liebt. Wir haben nie darüber gesprochen. Ich weiß auch nicht, ob der andere Mann noch lebt.
Auf der Beerdigung von Heinrich habe ich ihn das letzte Mal gesehen, aber das ist nun auch schon über zehn Jahre her.“
Sie schaut nach unten und ich glaube, nun ist sie es, die ein wenig weint.
Frau Christiansen streicht über ihren Arm und gibt ihr etwas Trost.
Ich gebe zu, die Geschichte berührt mich unheimlich.
Ich schaue zu Robin, aber er legt den gestreckten Zeigefinger vor die Lippen und ich gehorche.
Ich steche mit der Gabel in den Zwetschgenkuchen und lasse mir das erste Stück schmecken.
Langsam heitern sich die Gesichter auch wieder auf und der Kuchen schmeckt echt gut. Ja, eben hausgemacht nach einem uralten Rezept, das schmeckt man!
„Also Matthias, es macht uns nichts aus, und du darfst Deinen Liebling auch ruhig mal küssen, wenn wir dabei sind. Die Kinder wissen es auch, aber es hat sie eigentlich gar nicht richtig interessiert.“
Erstaunt blicke ich wieder zu Robin, aber er lächelt nur etwas verlegen.
Wo bin ich hier bloß gelandet?
Und ich dachte immer, dass gerade auf dem Dorf alles viel komplizierter laufen würde.
Also, irgendwie bin ich total irritiert, lasse mir aber gern vom Kuchen nachlegen.
Draußen kommt wieder die Sonne durch und auf dem Backblech fehlt etwa ein Drittel (grins).
Robin und ich beschließen nach draußen zu gehen und wir sammeln die Zweige und Äste ein, die es aus den Bäumen gehauen hat.
Danach machen wir uns an dem Fahrrad zu schaffen. Aber der Schlauch ist so mürbe, da hat ein Flicken echt keinen Sinn mehr.
Wir fahren also mit dem Auto in die nahe gelegene Stadt und besorgen einen neuen. Es ist wieder richtig schön geworden und wir schlecken noch ein Eis bevor wir zurückfahren.
Das Fahrrad ist nun auch wieder betriebsbereit und wir können morgen wieder eine Tour machen.
*
Leider geht auch dieser Urlaub zu Ende und wir müssen uns auf den Heimweg machen.
Wir haben zwar noch beide eine Woche frei, aber die dritte Woche von Leikas Ausbildung soll und will ich dabei sein.
Sie hat viel gelernt, obwohl sie schon vorher sehr gehorsam war.
Aber jetzt, also ich bin richtig begeistert. Sie springt auch nicht mehr an mir hoch und schleckt durchs Gesicht. Gut, es hat mich zwar nie gestört, aber vielleicht könnten es Andere abstoßend empfinden.
Es macht richtig Spaß mit ihr zu trainieren.
Ich glaube das versteht nur jemand, der selbst einen so treuen Vierbeiner sein Eigen nennt.
Ich habe jetzt so einen Klicker. Also so ein kleines Teil aus Metall, das Klickgeräusche machen kann.
Egal, wie weit Leika entfernt ist. Ich brauche nur einmal zu klicken und sie steht sofort an meiner Seite.
Ich bin mir sicher, diese Ausbildung hat sich gelohnt.
Jedenfalls brauche ich nirgends mehr eine Hundeleine.
Da können noch so viele andere Hunde sein.
Nur wenn ich den Tennisball werfe, lässt sie sich richtig gehen und tobt sich aus.
Auch Robin gehorcht sie genau wie mir.
Zwei Tage unserer letzten Urlaubswoche war er auch mit beim Hundetrainer und hat die neuen Befehle für das treue Tier gelernt.
Wenn er mit ihr jetzt mal rausgeht weicht sie auch ihm nicht mehr vom Fuß.
Doch nun ist der Urlaub zu Ende und der Alltag fängt uns wieder ein.
Fast.
Also es war letzte Nacht.
Ich wollte es so.
Wir haben noch ein wenig gekuschelt im Bett und ich führte seine Hand in meine Shorts.
Anfangs war er noch etwas ängstlich, aber dann hat er mich angefasst, ja und er hat mich dann tatsächlich gewichst.
Es war das erste Mal, aber es war unbeschreiblich. Er war so vorsichtig, aber trotzdem auch bestimmend.
Er hat sich echt Mühe gegeben und ich kam zu dem erhofften Erfolg.
Noch eine ganze Zeit wuselte er mir durchs Haar, bis wir gemeinsam in den Schlaf fanden.
Diese Nacht hatte ich einen ganz tollen Traum. Es war einfach nur toll.
Der erste Traum, den ich gerne noch oft wieder träumen möchte.
Noch beim Frühstück geht mir der Traum nicht aus dem Sinn und ich bekomme gar nicht richtig mit, womit ich mir da meine Brötchen belegt habe.
„Du Matthias, schau mal,“ er schiebt die Zeitung zu mir rüber „sind das nicht die Typen die Dich damals überfallen haben?“
„Ja, das sind sie. Und weißt Du auch, wer sie auf mich angesetzt hatte?“
Alle vier wurden zu sieben Jahren verurteilt steht da, das sei die Höchststrafe.
„Ne, weißt Du da mehr, als da steht?“
„Ja, gestern kam ein Brief von meinem Anwalt. Es ist mein eigener Vater gewesen.
Ihm haben sie 3 Jahre aufgebrummt wegen Anstiftung, ohne Bewährung.
Auf eine Klage wegen der Vergewaltigung habe ich dann verzichtet. Ich könnte es eh nicht beweisen. Nina hatte es damals nicht mitbekommen.“
*
Jetzt sind wir schon etwas über ein Jahr zusammen.
Ich habe auch im Winter diese Therapie gemacht. Die ging fast sechs Wochen und hat viel Geld gekostet. Die Krankenkasse hat das nicht übernommen.
Robin und ich haben zusammengelegt und es hat sich gelohnt.
Also dieser Alptraum aus meiner Jugend kam seit dem nicht mehr wieder.
Mit Robin und Leika ist das Leben nun einfach nur noch schön.
Ja auch Nina kommt mit ihrem Freund oft zu Besuch und wir gehen auch gern gemeinsam ins Kino.
Der Sex mit Robin macht richtig Spaß. Er versteht es unheimlich auf mich einzugehen. Und ich habe auch immer Lust auf ihn.
Ach was erzähle ich. Wir sind doch einfach nur rundum glücklich.
*
Es wird bald Pfingsten und da fahren wir wieder in die Lüneburger Heide.
Ratet mal wohin. Diesmal kommt Leika aber mit!
Aber das ist dann vielleicht einmal Thema einer anderen Story

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  Abendträume
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 09:55 AM - No Replies

Abendträume
Es war einmal ein junger Mann. Er lief jeden Abend hinaus zu den Klippen. Immer wieder stand er dort und schaute der untergehenden Sonne zu, wie sie im Meer versank. War einmal schlechtes Wetter, so trotzte er Wind und Regen.
Er ließ sich den scharfen Wind durch sein langes, braunes Haar wehen und schaute sehnsüchtig in die Ferne. Dann schloss er die Augen und träumte von einer schöneren Zeit. Dieser Ort gehörte ihm alleine, er wollte ihn mit niemand teilen.
Als er eines Tages wieder den einsamen Bergpfad hinauf stieg, hielt er erschrocken inne. Auf seinem Platz stand ein Anderer. Umhüllt von einem schwarzen Mantel, der wehend im Wind flatterte.
Der junge Mann überlegte, ob er wieder gehen sollte, er wollte nicht stören. Doch da drehte sich der Fremde um und schaute ihn an. Sie wechselten kurz zum Gruß ein Nicken, dann schaute der Fremde wieder nach vorne.
Sollte er sich neben ihn stellen? Ohne weiter nach zudenken, lief der junge Mann den kleine Bergpfad zu ende und stellte sich neben den Fremden.
Nun schauten sie gemeinsam der untergehenden Sonne zu. Sie verschwand langsam in den Fluten und verwandelten den Himmel in ein gleißendes Lichtermeer. Was mit einem hellem gelb begann, endete in einem tiefen Rot, bis auch das letzte Stück der Sonne verschwunden war.
Die Blicke der Beiden trafen sich. Der junge Mann erschrak, denn er sah sich in dessen Augen, als alten Mann, der immer noch einsam auf den Klippen stand.
„Wer bist du?“, fragte der junge Mann, „wie ist dein Name?“
„Ich habe keinen Namen… ich bin ein Engel.“
„Es gibt keine Engel!“
„Und warum seihst du mich dann vor dir?“
Der junge Mann wusste keine Antwort.
„Ich bin gekommen um dich zu retten“, sprach der Engel weiter?“
„Mich retten? Vor was?“
„Ich will dich retten, vor dir selbst.“
„Vor mir, ich verstehe nicht… Wieso solltest du mich vor mir retten? Bin ich denn verloren?“
„Ja!“ Du hast dich in dir verloren. Schau in deine Seele und du findest dich verkümmert und einsam da sitzen.
Der junge Mann schwieg. Verkümmert und einsam er ist, damit hatte er Recht. Aber wie sollte er ihn retten?
„Ich schenke dir etwas was dir fehlt“, sagte der Fremde, obwohl kein Laut über seine Lippen drang.
Er schaute auf und sah vor sich einen Engel schweben.
„Ich schenke dir Liebe!“
„Liebe?“, fragte der junge Mann.
„Ja, Liebe! Die fehlt dir und du hast sie so nötig.“
„Aber wie kann ich Liebe empfinden, wenn niemand da ist um meine Liebe zu erfahren?“
„Wenn du jeden Abend hier stehst, kannst du das nicht“, sagte der Engel.
„Aber ich fühle mich wohl an dem Ort und geborgen.
„Und trotzdem zieht es dich in die Ferne“, sagte der Engel.
„Die Ferne mir so unbekannt ist, sie ängstigt mich“, meinte der junge Mann.
„Du brauchst keine Angst vor der Welt da draußen zu haben. Sie ist angefüllt mit Liebe!“
Der junge Mann lachte sarkastisch.
„Mit Liebe… da wo Hass und Gier regieren?“
„Da gibt es auch Liebe, du siehst sie nur nicht.“
„Wie kann es sein das so etwas Edles sich vor mir verbergen?“
„Weil du nicht mit den Augen der Liebe schaust.“
„Wie kann ich sie spüren, wenn ich nicht einmal weiß, was Liebe ist?“
Jetzt erst bemerkte er das Gesicht des Engels. Es war ein warmes freundliches Gesicht eines jungen Mannes. Die Haut so zart und weiß, die Lippen voll, die Augen groß, sie funkelten in der Nacht.
Ein silberner Schein ging von ihnen aus.
„Warum sagst du mir das alles? Warum willst du mir Liebe schenken?“
„Weil ich niemanden hatte, der dies für mich tat und mein Herz erstarb, bevor ich diese Liebe erfahren durfte. Deshalb will ich dich retten vor dir selbst, bevor du den Fehler begehst, den ich einst begannen habe.“
Der junge Mann sah auf das Meer hinaus und sah die vielen Sterne am Himmel.
„Jeder Stern steht für einen Engel. Jeder Mensch hat einen Stern und ich bin der Stern für dich
der dir die Liebe gibt, nach der du dich sehnst.“
Der Engel hob die Hand und strich dem jungen Mann über die Wange. Dieser spürte die Wärme, die von diesem Engel ausging, spürte wie diese in sein Herz floss. Er sah aber auch das Leid, dass der Engel mit sich trug.
„Bleibt dir die Liebe für immer versagt?“, fragte der junge Mann den Engel.
„Das kommt auf dich an.“
„Auf mich?“
„Ja auf dich. Denn du kannst mit deiner liebe nun auch mich erretten.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das kannst du auch nicht verstehen, denn ich bin der Engel des Todes.“
„Der Tod verschenkt Liebe?“
„Ja an Menschen, der ihres Lebens überdrüssig sind. Du kannst sie annehmen und etwas daraus machen oder kannst sie ablehne und ich nehme dich mit mir.“
Der junge Mann sah den traurigen Schein in den Augen des Engels.
„Wenn ich es ablehne kann ich mit dir zusammen sein“, meinte der junge Mann nach kurzen überlegen, „dann bist du auch nicht mehr einsam.“
Der Engel lächelte.
„Nein dann wirst du so wie ich.“
„Du willst mir also Liebe schenken und mich retten, aber willst nicht selbst gerettet werden
mich braucht niemand zu retten.“
„Ich bin schon ein Engel, mehr als ich erwarten durfte.“
Der junge Mann trat auf den Engel zu. Seine Lippen näherten sich denen des Engels. Ein kleines Licht entstand zwischen ihnen, das immer heller wurde, je länger sie sich sanft küssten. Der junge Mann schlang seine Arme um den Engel und zog ihn näher an sich heran.
Die Flügel verschwanden, ebenso das Licht. Nun standen sie beieinander im Mondschein. Zwei junge Männer, die sich küssten und gegenseitig durch ihre Liebe gerettet hatten
* Ende *

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  Das Flüstern
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 09:54 AM - No Replies

Die Sonne ging gerade unter und der Mond war schon auf der anderen Seite zu sehen. Es waren kaum noch Leute unterwegs und er saß allein im Park auf einer Bank. Er beobachtete, wie die Sonne unterging und hing dabei seinen Gedanken nach.
Wie oft schon hatte er hier gesessen und wie oft schon war er danach einfach nach Hause gegangen, ohne sich noch einmal um zudrehen und zu sehen wer ihn jedes Mal dabei beobachtete. Er hatte sich längst an die Gegenwart des anderen gewöhnt, dass er sie nicht mehr wahrnahm.
Es war ihm mitweile schon so, als wäre es nur Einbildung. Denn wer würde noch um diese Zeit jemanden beobachten, wenn er andere Möglichkeiten hätte, wie mit seinen Bekannten und Freunden unterwegs zu sein, wie zu Hause zu sein und einfach das übliche zu machen, was ein Haushalt erfordert.
Wer würde schon in einem völlig verlassenen Park sein, um ihn zu beobachten, als gäbe es nichts anderes. Law fühlte wie es kühler wurde, spürte die herannahende Nacht. Er würde gleich wieder aufstehen und gehen und wieder wird er nicht zurückblicken, um zu sehen wer ihn beobachtet hatte.
Er würde einfach gehen, wie schon die Nächte zuvor. Oder blieb er diesmal sitzen? Wollte er diesmal doch wissen wer ihn zu dieser Zeit beobachtete? Wollte er sehen, was er insgeheim wusste?

Law schloss die Augen und verdrängte einen Moment alle seine Gedanken und ließ die nahende Nacht auf sich wirken. Er hörte die letzten Vögel zwitschern. Er fühlte den lauen Wind über seinen Körper gleiten, fühlte wie er kühler wurde. Er roch den süßen Duft der Kirschblüten, spürte wie sie nach und nach vom Wind hinfort und über ihn hinweg getragen wurden.
Er nahm das leichte Rauschen des Windes war, wenn er durch die Blätter zog. Ein leichtes Flüstern ließ ihn all dies vergessen. Ließ ihn nichts mehr hören, nichts mehr spüren, nichts mehr riechen. Nahm seine ganzen Sinne ein.

„Warum bist du immer allein hier?“, fragte das Flüstern.

Es war dicht und die Stimme war rau. Ein leichter Akzent verriet, dass er nicht aus der Gegend war, dass er von weiter weg herkam.

„Bin ich das denn?“, fragte Law leise und blieb ruhig sitzen.

Er hatte keine Angst. Er wusste wer da bei ihm war, auch wenn er ihn nicht kannte. Er wusste der andere würde ihm nichts tun. Law spürte plötzlich eine Hand auf seiner Wange. Nur leicht berührte sie ihn. Ein Finger berührte seine Lippen und tastete sein Kinn ab, glitt langsam an seinem Hals entlang.
Law öffnete langsam die Augen, nur einen Spalt weit. Er sah in sanfte blaue Augen, die ihn musterten. Die Gestalt war schwarz und rot gekleidet. Nicht größer als Law selbst war sie.

„Wer bist du?“, wollte Law wissen.

„Du kennst mich aus deinen Träumen.“

Law schwieg einen Moment.

„Ich muss gehen“, sagte er daraufhin leise.

„Ich weiß. Dein Fall wartet.“

„Ja“, bestätigte Law kurz.

„Bleib nicht zu lang im Büro“, bat ihn der Junge.

„Nein, ich werde versuchen früher nach Hause zu gehen, als die letzten Nächte.“

„Danke“, sagte der Junge flüsternd und lächelte, daraufhin war er auch schon wieder verschwunden.

Law wunderte sich nicht über das plötzliche verschwinden, sondern stand auf und ging ins Revier zurück. Es war bereits dunkel, als Law endlich auf dem Weg nach Hause war. Seine Uhr zeigte 3 Uhr morgens an und es war kaum noch jemand unterwegs, nur noch sehr wenige Lichter brannten in den Fenstern und über ihm war der Himmel Schwarz von den Regenwolken.
Es würde nicht mehr lange dauern bis es in Strömen regnen würde. Der Wind kroch kalt unter seine Kleidung und ließ ihn frieren. Aber das war nicht allein der Grund für sein Zittern. Es gab in letzter Zeit viele Fälle in seiner Abteilung die Rätselhaft waren.

Ein Punkt der an dieser Stelle vielleicht gesagt werden sollte, wäre, das Law bei der Kriminalpolizei arbeitete und mit seinen 25 Jahren der jüngste in seinem Revier war, der eine ganze Einheit leitete. Man sah ihm nicht an, das er Polizist war, was ihm schon oft geholfen hatte bei seinen Ermittlungen.
Er konnte schnell in die Rollen einer anderen Person schlüpfen und verdeckt ermitteln oder er wurde einfach nicht als Polizist erkannt und die Täter unterschätzten ihn. Was nicht zuletzt an seinem Alter lag. Viele würden meinen einen Polizeichef wäre bereits in die 30 oder 40 Jahre alt, aber genug dazu.

Was die Rätselhaftigkeit der Fälle anging, so hatte er noch keinen Schimmer, was da eigentlich vor sich ging. Ein Mann sprang aus dem 10. Stock, ohne einen Grund für einen Selbstmord zu haben. Ein anderer erschoss sich, ohne Anzeichen jemals eine Waffe in der Hand gehabt zu haben, selbst als er sich erschoss, fand man keine Waffe.
Wieder jemand anderes ertrank ohne äußeren Einfluss in der Badewanne. Solche und ähnliche Fälle beschäftigten seine Abteilung seit Anfang der Woche und es war gerade erst Mittwoch. Das einzige, was sich gleich, war ein kleines Stück eines Anhängers, welches jedes Mal wie ein kleines Dreieck.
Immer fand sich dies auf der Brust der Toten wieder. Law wusste nicht was noch kommt, aber er wusste, wenn nicht bald irgendwo eine Spur gefunden wird, wird’s eng.

Zuhause angekommen, ließ er seine Tasche gleich im Flur fallen und schmiss seine Jacke auf die Hacken. Sein Schlüssel fand sich in der nächsten Ecke wieder. Er ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen und schloss einen Moment die Augen.
Er fuhr mit beiden Händen über sein Gesicht und sah daraufhin auf. Er nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein um zu sehen ob noch etwas lief. Bei einem interessant wirkenden Film legte er die Fernbedienung zur Seite und legte sich bequem hin.
Er schlief nach einiger Zeit ein, ohne noch etwas von dem Film mitzubekommen. Der Film lief auch nicht mehr lange bis die üblichen Werbesendungen bis zum frühen morgen begannen.

Law schlief bereits tief und fest und war längst in einen Traum versunken. Vor Morgen wurde er auch nicht mehr wach, dafür aber auf unangenehme Weise. Als er aufschrie beim Aufwachen, schreckte er so schnell hoch das er gleich neben der Couch landete und sich am Tisch stieß.

„Na das nenn ich mal wach werden“, brummt Law leise.

Er sah sich eine Weile orientierungslos um, ehe er wusste, wo er war. Er erinnerte sich an seinen Traum nur Bruchstückhaft, aber er wusste noch, dass ihn jemand um Hilfe gebeten hatte. Er schüttelte den Traum ab und ging ins Bad um zu duschen, entschied sich jedoch um und ließ sich Wasser in die Wanne ein.
Daraufhin zog er sich aus und stieg in die Wanne. Er lehnte sich an und schloss dabei die Augen. Er schlief ein wenig ein und schlummerte vor sich hin, um noch ein wenig über seinen aktuellen Fall nachzudenken. Dabei kam ihm sein Traum plötzlich in den Sinn. Er entspannte sich etwas und ließ den Traum noch einmal vor sich abspielen.

Der Junge, den er schon so oft in seinen Träumen und im Park gesehen hatte, stand bei ihm im Zimmer und beobachtete ihn, wie Law im Bett lag und schlief. Als er wach wurde und zur Seite blickte, trafen sich ihre Blicke. Law sah in dem Blick des Jungen Angst, aber auch einen kleinen Schimmer Hoffnung, nur wusste Law nicht, worauf diese Gefühle bezogen waren.
Er bot dem Jungen an, sich zu ihm zu setzen und setzte sich selbst auch auf. Der Junge folgte der Aufforderung und senkte dabei seinen Blick. Er wollte nicht, dass Law ihm in die Augen sah, wenn er so dicht bei ihm war.

„Was hast du? Du wirkst so verschüchtert“, sagte Law leise zu dem Jungen.

Doch als er die Tränen sah zog er ihn nur zu sich und nahm ihn in den Arm. Dabei legte er sich wieder hin und zog den Jungen mit sich. Der Junge legte sich auf Laws Brust und dieser spürte wie die Tränen auf seine Brust tropften. Nach einiger Zeit sah Law ihm wieder in die Augen und erschrak bei dem Anblick der blutroten Augen so sehr, das er aufschreckt und erst jetzt bemerkte, das er ein stück unter Wasser gerutscht war.
Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und blieb einen Moment still sitzen, ehe er sich wusch und dann aus der Wanne kletterte und sich abtrocknete. Er ließ das Wasser ablaufen und sammelte noch seine Sachen ein, die er gleich in den Wäschekorb schmiss mit samt seinem Handtuch.
Nackt lief er ins Schlafzimmer und zog sich frische Kleidung an. Als auch der Rest der morgendlichen Aufgaben erledigt war setzte er sich an den Tisch in der Küche und kochte sich Kaffee, den er daraufhin langsam trank und dabei aus dem Fenster sah.
Sein Fall ließ ihn nicht los. Wie konnten all diese Fälle zusammenhängen, wo doch die Tatsachen völlig unterschiedliche waren und nur ein Hinweis sie doch alle zusammenbrachte.

Law trank seinen Kaffee aus und machte sich langsam fertig zum gehen. Er sammelte seine Sachen zusammen, die er noch an Akten zu Hause hatte und zog Jacke und Schuhe an. Daraufhin hob er die Schlüssel auf, die er am Abend in die erst beste Ecke geworfen hatte und ging zur Tür raus.
Nach dem er abgeschlossen hatte, machte er sich auf den Weg zum Revier, welches nur 10 Minuten von seiner Wohnung entfernt war. Was auch der Grund war, weshalb sein Auto meinst daheim blieb, wenn er nur ins Büro ging. Dort angekommen, zog ihn sein Kollege jedoch gleich wieder mit.

„Du brauchst gar nicht erst was auspacken. Wir sollen sofort zum nächsten Tatort“, sagte Drake, sein Kollege, zu ihm.

„Wohin denn?“, fragte Law verwirrt und lief blind hinter Drake her.

„Zum alten Stadttor. Da gibt es ne Wohnsiedlung.“

„Oh man, so weit? Ich bin gerade aufgestanden.“

„Man sieht’s. Du bist noch völlig verschlafen, aber da musst du durch. Kriegst unterwegs einen Kaffee.“

„Ob der mich wach macht ist noch ein anderes Kapitel“, meinte Law leise und stieg in Drakes wagen auf dem Beifahrersitz ein. Sie brauchte mehr als eine Stunde, bis sie ankamen wo sie hinwollten. Es war seltsam still in der Gegend, fand Law. Kaum jemand war unterwegs, obwohl Hauptgeschäftszeit war.
Die Läden hatten zum Teil geschlossen. Er folgte Drake, nachdem dieser den Wagen abgeschlossen hatte und beobachtete die Gegend weiterhin. Als er durch die Tür des Hauseingangs ging, hatte er das Gesicht des Jungen aus seinem Traum vor sich. Blutrote Augen und mit Tränen noch auf den Wangen.

„Hey, Law! Alles in Ordnung?“, fragte Drake ihn besorgt, als Law mitten in der Tür stehen geblieben war.

„Ja, ich war nur kurz in Gedanken“, antwortete Law kurz und ging in das angrenzende Zimmer.

Ein Mann von der Spurensicherung hielt ihm gleich Handschuhe hin und daraufhin ein kleine Tütchen mit einem kleinen glitzernden Stein darin. Er betrachtete das Steinchen eine Weile und wandte sich dann and en Mann der Spurensicherung.

„Lag der auch wie bei den anderen, auf der Brust?“

„Ja“, sagte der Mann knapp und führte seine Arbeit weiter.

Law sah sich den Toten gar nicht erst noch mal an, sondern ging gleich zum Wagen zurück. Er wusste dass er nichts weiter finden würde, was auf die anderen Fälle hinweist. Er ging zurück zum Wagen und wartete auf Drake, der auch bald darauf erschien.

„Du hast dir nichts weiter angesehen?“, fragte Drake verwundert.

„Wozu? Ich werde nichts finden, was mir nützlich wäre.“

Law stieg in den Wagen ein und sie fuhren los. Zurück im Präsidium legte Law sich alle Teile des Anhängers, wo er hoffte, dass es ein und der selbe Anhänger war, bei allen Stücken, auf seinen Tisch und schob sie eine Weile hin und her, bis er das Muster eines Kreuzes hatte, in dem nur noch drei Teile fehlten.
Er betrachtete es eine Weile und klebte sie dann zusammen. Als er sich darauf hin umdrehte und an die Karte sah, viel ihm das Muster der Pinnnadeln auf. Er stand auf und legte das Kreuz hinein. An jedem Pinn war ein Stück des Anhängers. Er bemerkte nicht wie sein Kollege ins Büro kam und erschrak umso mehr, als dieser ihn ansprach.
Als er die Stimme von Drake vernahm, fuhr er herum und sah Drake erschrocken an. Er hatte plötzlich das Gefühl, als würde etwas weg sein, was vor ein paar Sekunden noch da war, wie als hätte er plötzlich auf gehört zu denken und hätte jetzt vollkommene Stille im Kopf.

„Alles in Ordnung?“ fragte Drake, nachdem Law ihn nur anstarrte.

Law schüttelte kurz mit dem Kopf und rang sich zu einem Ja durch. Er war noch ziemlich durcheinander und immer wieder spukte ihm dieser Junge im Kopf umher, dabei war es nur ein Traum.

„Was machst du da?“

„Nichts, hab nur etwas ausprobiert.“

„Und funktioniert, was du ausprobieren wolltest?“

„Ja, was wenn es ein Muster gibt und ich dir die nächsten und letzten drei Orte sage?“

„Wäre schön, damit wir endlich fertig werden.“

„Aber zwischen den Fällen muss doch noch ne andere Verbindung sein, außer diesem Kreuz“, sagte Law nachdenklich.

„Er wird doch nicht wahlweise Leute herausgesucht haben.“

„Was wenn doch, wenn er nur diesem Muster dort folgt.“

„Ich denke das ist zu einfach. Gib mir mal die Akte des neuen Falls“, bat Law und nahm sie entgegen als Drake sie ihm reichte.

Er schlug sie auf und las eine Weile, ehe er wieder auf die Karte sah und dann wieder auf die Akte. Daraufhin nahm er die von dem ersten Fall und verglich es mit dem letzten.

„Gab es da in der Nähe dieses Musters ein Labor?“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil viele dieser Menschen mit Labormedizin, Labortechnik und Geheimdienst zu tun haben, oder auch Verwaltung.“

Plötzlich wurde Law schwindlig und er setzte sich.

„Wirklich alles in Ordnung? Du bist so oft abwesend die letzte Zeit.“

„Geht mir gut. Nur lässt mich ein Traum nicht mehr los“, sagte Law leise und erzählte Drake seinen Traum kurz.

„Hey warte mal“, sagte Law daraufhin und drehte sich zu seinem Rechner um.

Er tippte einen Namen ein, der ihm gerade einfiel und klickte auf Enter. Der Computer spukte ihm zwei Personendaten aus, aber nur eine der beiden verlangte Laws Interesse. Er klickte den anderen weg und sah sich den Jungen mal etwas genau an.
Er wirkte auf dem Bild ganz normal. Blaue Augen, bisschen längliches Haar, etwas dünn, aber nicht übermäßig und keine Angst lag in seinen Augen. Er sah sich die Daten an und drehte sich nach einer Weile zu Drake um, der recht dicht gekommen war und ihm über die Schulter geguckt hatte.

„Woher weißt du von ihm?“

„Das ist der Junge von dem ich dir eben erzählt habe.“

„Sieht ganz normal aus der Kleine.“

„Ja, ich weiß, aber hier steht, er wurde 1982 geboren und ist aufgewachsen in der Nachbarstadt, also nicht hier. Er lebte letztlich allein, weil seine Eltern beide ins Ausland gingen. Er zog dann hierher und hat sich bei der Forschung beworben. Nach drei Jahren, die er hier lebte, wurde er von Freunden als Vermisst gemeldet, was jetzt schon fast zwei Jahre her ist und er wurde bisher noch nicht gefunden.“

„Meinst du, er hat was mit den ganzen Fällen zu tun?“

„Ich weiß nicht, auf jeden Fall träum ich nun schon fast jede Nacht von ihm, als ob er nach mir ruft.“

„Wir sollten mal sehen, wo das Labor ist, vielleicht finden wir da etwas.“

„Gut Idee. Lass uns gleich los“, meinte Law nur noch und schnappte sich seine Jacke, die er zuvor auf einen Stuhl geworfen hatte.

Sie mussten recht lange suchen, um überhaupt ein Gebäude zu finden, dass einem Labor annähernd ähnlich sah. Aber es bestand nur aus einem kleinen Gebäudekomplex, was Drake etwas stutzig machte.

„Das kann nicht alles sein. Da fehlt garantiert noch was. Die Forschung die hier betrieben worden ist, brauchte mehr umfang“, sprach Drake seine Zweifel aus.

„Lass uns doch den Pförtner mal fragen, wie der Grundriss hier aussieht, vielleicht lässt sich daraus was machen.“

Der Pförtner sah die beiden etwas verwirrt und auch ein wenig misstrauisch an, gab dann aber Pläne von dem gesamten Gebäudekomplex heraus. Wie sich herausstellte, war dies hier zwar das Hauptgebäude, aber längst nicht der Zentrale Punkt für die Forschen.
Es verliefen mehrere Tunnel unterhalb der Erde zu verschiedenen Häusern, wo noch mehr kleine Laboreinrichtungen eingezeichnet waren. Es verlief wie ein Spinnennetz durch die Stadt verlief. Selbst außerhalb ihres Untersuchungsbereiches gab es noch kleine Forschungseinrichtungen.

„Könnte man sich in diesem Kellersystem umsehen?“

„Wenn sie wert darauf legen noch etwas länger zu leben, dann schnüffeln sie hier lieber nicht herum.“

„Na ja, uns wird nicht anderes übrig bleiben, weil wir die ganze Ermittlung für unsere Mordfälle brauchen.“

Law starrte eine ganze Weile auf das Netz aus Gängen und Tunneln und Gebäuden. Bis ihm etwas auffiel.

„Was ist das dort?“, fragte er leise und zeigte in die Mitte eines größeren Kreises, der ein Stück außerhalb des eigentlichen Mitteltrackts entfernt lag.

„Das ist das eigentliche Hauptgebäude“, sagte der Mann missbilligend, als er bemerkte, dass seine Worte Law nicht umstimmen konnten.

Wie kommen da hin?“, fragte Law weiter.

Er hörte wieder das Flüstern, welches vorhin, als Drake ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte, plötzlich verschwunden war. Es war, als wären es die wirre Gedanken des Jungen, der verwirrt war und nicht mehr wusste, was er tun sollte.
Hass schwang in dem Flüstern mit, aber auch Angst. Angst vor etwas was Law sich nicht vorstellen konnte. Er wusste, dass dort etwas war, was für ihn selbst wichtig war, jedoch aber auch den Fall weiterbringen könnte, vielleicht sogar den Fall lösen konnte.

„Ich rate ihnen noch einmal, sich da raus zuhalten“, sagte der Mann nachdrücklich.

Als er aber Laws Blick sah, der ihm sagte, wie ernst er es meinte, sagte er gar nichts mehr und schrieb einfach die Adresse auf und übergab Drake den Zettel.

„Das ist die Adresse, wo sie das Labor finden, aber sie werden dort niemanden antreffen, der sie hineinlässt. Mister Karlson ist vor kurzem verstorben.“

„Das wissen wir bereits, er steht mit auf unserer Liste der Fälle. Wir werden schon hineinkommen. Wie gelangen wir von dort in das Labor?“

„Über den Keller. Es existiert eine geheime Tür, die in ein weiteres Untergeschoss führt, von da aus führt nur ein Weg ins Labor, sie können es nicht verfehlen. Das einzige was ihnen auf dem Weg dorthin passieren kann, ist das ihnen ihr Bewusstsein abhanden kommt“, meinte der Mann abfällig.

„Wie kommt es das sie so gut Bescheid wissen?“, fragte Drake misstrauisch.

„Ganz einfach, ich bin einer der engsten Angestellten vom Mister Karlson gewesen. Ich hab dort unten oft mit ihm im Labor gearbeitet.“

„Dann könnten sie uns praktisch hinführen?“

„Nein, bedauere, ich kenne den Weg nicht. Mister Karlson war sehr vorsichtig, er hat mich nie wissen lassen, wo er mich hinbrachte.“

„Na gut wir finden den Weg auch allein. Ihre Adresse brauchen wir noch, falls wir noch fragen haben.“

Widerwillig schrieb der Mann seine Adresse samt Telefonnummer auf und gab den Zettel an Law weiter. Dieser packte den Zettel ein und sah zu Drake, welcher nickte und sich schon verabschiedete um zum Wagen zurück zugehen.

„In Ordnung, ich denke wir werden uns auf jeden Fall noch einmal melden und noch ein paar Fragen stellen, aber für den Moment wissen wir erst mal was wir wissen wollten. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag und passen sie die nächste Zeit besonders auf, sie leben in keiner ungefährlichen Gegend“, sagte Law noch und drehte sich um, um zu gehen.

„Ich weiß was sie meinen, sie brauchen keinen Hehl daraus machen.“

„So? Was wissen sie denn?“, wollte Law nun wissen und drehte sich wieder um.

Der Mann sah ihn ärgerlich an. Law wusste, dass der Mann dies nicht sagen wollte und blieb gerade deshalb hartnäckig. Er sah dem Mann starr in die Augen. Das Flüstern in Laws Kopf wurde ein wenig lauter, drängender. Er versuchte es zu ignorieren.
Bis er den Jungen hinter dem Mann stehen sah. Blutrote Augen, Tränen die seine Wangen hinunterliefen und noch dünner, als wie er ihn das erste Mal sah. Als der Junge den Mann grimmig und voller Hass ansah, drängte Law ihn zurück.
Versuchte über seine Gedanken, den Jungen von seinem Tun abzubringen. Der Junge sah Law einen Moment an und zog sich zurück. Law wusste innerlich, dass es den Jungen wirklich gab, das es kein Traum war, jedoch konnte er nicht sagen, wie dies gehen sollte.
Er sah wieder den Mann an, dem der kalte Angstschweiß auf der Stirn stand.

„Sie haben es gespürt, habe ich Recht? Sie spüren die Anwesenheit des Jungen.“

Der Mann nickte.

„Wer ist dieser Junge?“

„Ich weiß es nicht. Mister Karlson erzählte mir mal etwas von einem Sohn, der vor mehr als zwei Jahren gestorben sein soll, aber er hat nicht über ihn gesprochen, weder vor dem Vorfall, noch danach.“

„Dieser Junge war sein Sohn?“

„Ja.“

„Wissen sie, warum er nie darüber sprach?“

„Er war immer in seine Arbeit vertieft und hatte keine Zeit für seine Kinder. Die Tochter ist seit Jahren ausgezogen, seine Frau hat ihn verlassen, doch von dem Sohn wusste keiner, bis zu dem Tag, an dem er erzählte, das sein Sohn gestorben sei.“

„Wissen sie woran der Junge gestorben ist?“

„Wahrscheinlich an einer seltenen Krankheit, auf jeden Fall hatte Mister Karlson immer fieberhaft nach einem Medikament geforscht.“

„Wie hieß der Junge?“

„Dean. Er war gerade 17 Jahre alt geworden, wurde uns erzählt.“

„Begleiten sie uns in das Labor. Ich will wissen was sich da unten abspielt und das können nur sie mir erzählen.“

„In Ordnung“, sagte der Mann resignierend.

Law spürte, wie in dem Mann etwas zerbrach. Er hörte es klirren. Das Flüstern wurde leiser, als Law in den Wagen stieg und Drake anwies loszufahren. Law lehnte sich an und schloss die Augen.

„Was ist los? Du siehst blass aus, als hättest du die letzten Nächte durchgemacht“, stellte Drake fest.

„Das hab ich“, sagte Law leise und schlief einen Moment ein.

Dean, der Junge, stand wieder vor ihm, berührte seine Lippen sanft mit den Fingern. Das Rot seiner Augen war einem sanften Blau gewichen, die Tränen waren getrocknet und der Hass aus seinen Augen war verschwunden und wurde durch Sanftmut ersetzt. Law lächelte leicht und gab dem Jungen zu verstehen, das er verstanden hatte, was er von ihm wollte. Er strich dem Jungen sanft durchs Haar und öffnete die Augen wieder.

„Befrei mich bitte“, hörte Law die Stimme Deans noch nachhallen in seinem Kopf.

Law sah kurz zu dem Mann, der völlig verstört auf dem Rücksitz saß. Es war schon komisch. Eben noch wollte er sie schnellstmöglich loswerden und jetzt wollte er plötzlich nicht mehr allein sein. Er hatte Panik in den Augen stehen, Panik vor dem was ihn erwartete, wenn der Junge die Möglichkeit bekam, mit ihm allein zu sein.

„Wir sind da“, riss Drake ihn wieder aus seinen Gedanken.

Law sah auf. Das Haus wirkte leer und ein wenig bedrohlich auf ihn. Als er das letzte Mal hier war, hatte er nichts von all dem gespürt. Es war ein ganz normales Haus. Doch jetzt. Jetzt war dort drinnen etwas, was ihn ängstigte, was den Jungen ängstigte.

„Kommen sie, sie müssen uns begleiten“, sagte Law durchdringlich und wandte sich an den Mann auf dem Rücksitz.

Dieser erschrak, als er Laws Stimme vernahm und sah ihn aus angsterfüllten Augen an.

„Was verdammt ist in diesem Haus, was ihnen solche Angst einflösst?“, fragte Law nun laut.

„Sie können sich nicht vorstellen, womit er geforscht hat. Es sind einfach die Erinnerungen an dieses Labor“, sagte Mann leise und erschrak als Law ihm in die Augen sah.

Für einen Moment überschnitten sich Laws Augen mit denen Deans. Der Mann wich zurück und stieg aus. Law kletterte ebenfalls aus dem Auto.

„Vor dem Jungen können sie nicht davon laufen. Er ist seit Jahren ein Teil von mir. Seit ich ihn damals in dem Park traf, besuchte er mich jeden Tag, jede Nacht“, sagte Law leise und beobachtete den Mann.

„Glauben sie wirklich sie können den Jungen aufhalten? Glauben sie wirklich, nur weil er ein Teil von ihnen ist, können sie ihn davon abhalten weiter zumachen?“

„Es ist nicht der Junge, der dies verursach und deswegen will ich wissen, was dort unten ist.“

„Ich übrigens auch und dann hätte ich gern ein paar Erklärungen, über welchen Jungen ihr da sprecht“, sagte Drake nun und ging zur Eingangstür.

Law schob den Mann vor sich her und ging als letzter ins Haus. Als er diesmal das Haus betrat, wurde das Flüstern in seinem Kopf für einen Moment unerträglich laut, so dass er kurz das Gleichgewicht verlor und gegen die Couch fiel, sich aber im letzten Moment wieder fing.

„Law? Alles in Ordnung?“, fragte Drake etwas besorgt.

„Ja, es geht schon.“

Beinahe wie ein Streit erschien ihm das Flüstern nun, nur zwischen wem. Mit wem stritt Dean? In dem Keller angekommen, suchten der Mann und Drake nach einem Hebel oder Schalter, während Law sich umsah. Mit einem lauren Surren schwang eine Tür dicht neben Law auf.
Er sah Drake einen Moment an und ging dann hindurch. Als er sah, das der Tunnel immer dunkler wurde, nahm er die Taschenlampe am Eingang mit, welche er jedoch nach kurzen Schritten nicht mehr brauchte, denn ab einer bestimmten Stufe die sie noch hinunter mussten, flackerten die Fackeln den Wänden auf und erhellten en Tunnel.
Der Mann ging voran, dann Drake und Law folgte beiden als letzter. Law hörte noch immer das Flüstern doch war es auf erträgliches Maß abgeschrumpft. Er spürte, wie Dean ihn umarmte und begleitete. Sich an ihm festhielt und Schutz suchte. Law gewährte ihm diesen Schutz und hielt ihn gedanklich fest.

Als sie in das Labor kamen, stockte Law der Atem. Was er da sah, war kaum vorstellbar. Es war ein riesiges Labor, mit den teuersten Einrichtungen und Elementen zur Forschung. An den Wänden waren Regale aufgereiht in denen viele Gefäße mit eingelagerten Organen standen.
Missbildungen aber auch einfach unvorstellbare Formen, wo er nicht zu deuten vermochte was dies sein sollte. Er ging langsam durch den Raum, sah sich alles genau an und beobachtete dabei den Mann, der mittlerweile kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.
Drake fragte ihn über die Dinge aus, die hier von statten gegangen sind und versuchte herauszufinden was hier alles passiert ist. Law hingegen versuchte einen Grund für Deans Erregung zu finden. Was war hier unten, was dem Jungen solche Angst machte, was ihn nicht frei ließ.
Eine ganze Weile fand Law nichts, dann entdeckte er einen Hebel der eine Weitere, leicht versteckte und nicht gleich sichtbare Tür, öffnete. Law betätigte den Hebel und konnte sehen, wie Drake und der Mann erschraken. Law kümmerte dies nicht, er ging in den Raum und sah sich wie beiläufig das riesige Gefäß in der Mitte des Raums an.
Es war mit einer Flüssigkeit gefüllt, welches wie Wasser wirkte, jedoch etwas anderes war. In der Gefäßmitte war ein Junge, welchen Law als Dean erkannte, an kleine Mirkofäden angeschlossen, die ihn mit Sauerstoff und Nahrung versorgten. Doch dieser Junge war anders, als der Dean der Law die ganzen letzten Jahre begleitet hatte. Der Junge in dem Gefäß wirkte böser und produzierte den Hass, den Law schon die ganze Zeit über spürte.
Trotz des Wassers, der Lösung, sah man die roten Tränen aus den Augen laufen.

Law spürte wieder Deans Umarmung.

„Bitte befrei mich, mach das er verschwindet und mich in Ruhe lässt“, sagte Dean leise zu ihm.

„Du bist dieser Junge, hab ich Recht?“

„Ja, aber ich bin es auch nicht. Wir waren immer zwei. Ich und er“, sprach Dean leise.
„Dieser Körper ist nicht meiner. Vater hat ihn erschaffen um mich zu heilen, weil mein eigener Körper nicht mehr stark genug war zu leben. Doch das Einzige was er tat, war mich in diesen Körper zu sperren und das mit dem Geist zusammen, der diesem Körper angehört, der so wütend über das alles war.“

„Er bringt all die um, die je mit der Sache zu tun hatten. Richtig?“

„Ja!“ , sagte Dean leise und sah Law traurig an.

„Wie kann ich dir helfen?“

„Stell die Maschinen ab, wies mein Vater versucht hat.“

„Warum hat er’s nicht geschafft?“

„Er war zu schwach um sich gegen ihn zu wehren. Doch ich weiß, dass du es kannst. Bitte. Befrei mich von ihm!“, bat Dean verzweifelt.

Law ging auf die Geräte zu und sah sie sich einen Moment an, dann wandte er sich an den Mann und Drake, die ihn beide beobachtete hatten. Sie konnten Dean nicht sehen, für sie führte Law Selbstgespräche.

„Wie stell ich diese Geräte ab?“, fragte Law den Mann.

Dieser ging auf ihn zu und sah sich selbst die Geräte an.

„Warum wollen sie das tun?“

„Weil ich jemandem helfen muss der hier festhängt und gerne frei wäre“, meinte Law durchdringlich und sah den Mann an.

Dieser resignierte und erklärte ihm alles. Während sie die Geräte ausstellten, wurde das Flüstern in Laws Kopf wieder unerträglich laut, doch kämpfte er dagegen an, das Bewusstsein zu verlieren. Drake sah den beiden zu und wusste nicht was da geschah.
Als auch die letzte Maschine aus war, konnte Law einen Ruck durch seinen Körper spüren und sank zu Boden. Drake fing ihn auf und hielt ihn im Arm. Law sah noch wie der Geist des Körpers sich von diesem lossagte und auch den Hass abschüttelte, während Dean zu ihm kam und ihn lächelnd ansah. Auch Drake sah ihn nun.

„Danke“, sagte Dean leise und küsste Law sanft auf die Lippen, ehe er sich verabschiedete.

Law verlor kurz darauf sein Bewusstsein und wurde erst im Krankenhaus wieder wach. Die Mordfälle waren von dann ziemlich schnell zur Seite gelegt worden und alle auf Selbstmorde erklärt worden.

„Na, wie geht es dir?“, fragte Drake ihn, als Law ihn ansah.

„Wieder besser, aber jetzt vermiss ich Dean“, sagte Law traurig.

„Ihm geht es gut. Er hat gelächelt“, sagte Drake sanft.

„Du musst noch eine Weile hier bleiben im Krankenhaus zur Beobachtung. Schlaf noch etwas.“

„Ja“, meinte Law nur noch und schlief ein.

Und noch während er zum Teil im Wachzustand war, sah er Dean lächelnd vor ihm stehen.

„Jetzt pass ich auf dich auf“, sagte Dean leise und verschwand.

Law schlief ein.

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