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Information Elfengeschichte
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:10 AM - No Replies

Elfengeschichte
Dankt seinem Bruderherz für die geniale Idee zu der Geschichte!

Ausgelaugt lag er auf dem Bett. Seine Blicke hingen auf den drei Goldstücken, die der Fremde da gelassen hatte. Es waren zwei ausgemacht gewesen, aber der Fremde meinte, er wäre gut gewesen und hatte ihn mit drei belohnt.

Wie tief war Golradier Calafalas nur gesunken.

Aber was machte man nicht alles um zu überleben. Mühsam richtete er sich auf. Es tat alles weh, jeder einzelne Knochen schmerzte und seine Handgelenke waren wund. Der Idiot hatte die Seile zu fest gezogen.

„Darf ich dich auch fesseln?“, hatte der Fremde gefragt. Und Golradier hatte zugestimmt.

Er lächelte müde und versuchte sich aufrecht hinzusetzen. Danach schloss er seine Augen und konzentrierte sich auf seine Nudra. Nudra – die Lebensenergie eines Elfen. Sie war sehr wichtig, sie konstant zuhalten, war lebenswichtig. Sofort durchstrahlte Wärme seinen Körper und ein wohliges Gefühl machte sich in ihm breit. Vorbei waren die Schmerzen und verflogen die Müdigkeit. Golradier stand auf, zog seinen Umhang über und richtete das Bett.

Mit dem einen Goldstück mehr konnte er sich etwas zu essen kaufen und seine Schulden tilgen. Nachdenklich schaute er sich in seinem Zimmer um. Es gehörte wenigstens ihm. Er griff nach seinem Medaillon an der silbernen Kette, die immer um seinem Hals lag.

Eigentlich war es auch alles was er besaß. Er dachte an früher, als er noch bei seinen Eltern auf dem Land gewohnt hatte. Doch jetzt schämte er sich. Wie groß waren seine Sprüche gewesen, äußerst untypisch für einen Elfen.

Und wo war er gelandet… in der Gosse. Er blies die Kerzen aus und verließ das Zimmer endgültig. Draußen vor der Tür hob er die Hand und konzentrierte sich auf das Schloss, bis ein leises Knacken zu hören war. Einiges, was ihm sein Dorflehrer beigebracht hatte, war auch hängen geblieben. Aber er konnte keinen großen Nutzen davon ziehen.

Auf seinem Weg durch die Nacht fiel ihm auf, dass aus einigen Fenstern noch gedämpftes Licht auf die Straße drang. Das war aber auch alles, was daran erinnerte, dass hier noch andere lebten.

Golradier lief dicht an der Wand entlang, aus Angst, es könnte ihn jemand sehen. Zu bekannt waren seine Dienste und in der Nachbarschaft war er deswegen wenig beliebt. Wie oft war seine Tür mit Elfenschwuchtel beschmiert worden. Er versuchte deshalb, immer im Verborgenen zu bleiben, was jedoch durch seine Größe gar nicht so einfach war.

Nach kurzer Zeit in der Dunkelheit sah er erleichtert, dass der kleine Laden an der Ecke noch geöffnet hatte. Langsam schob er die schwere Holztür, die endlich mit einem Knarren nachgab. Er bemerkte freudig, dass sonst niemand im Laden stand, also lief er direkt bis zum Verkaufstisch und wartete dort. Bereits wenige Sekunden später wurde am hinteren Ende des Raumes ein Vorhang zur Seite geschoben und ein alter Elf trat dahinter hervor.

„Wer stört zu so später Stunde?“, fragte der Alte und hustete.

„Golradier, werter Elrond.“

„Oh, hallo mein Junge. Was kann ich für dich tun?“

„Ich möchte bei Euch eine Schuld begleichen und wenn Ihr euch gnädig zeigt, etwas Essbares einkaufen.“

„Das hört man immer gerne. Und wie viel möchtest du begleichen?“

Golradier zog die drei Goldstücke unter seinem Umhang hervor.

„Für ein Goldstück möchte ich etwas kaufen und mit den beiden anderen die Schulden abtragen.“

Elrond zog unter dem Tisch ein großes Buch hervor und ließ es mit einem Knall auf den Tisch fallen, wodurch viel Staub aufgewirbelt wurde.

„So, da wollen wir doch mal sehen.“

Er zog eine kleine Brille hervor und setzte sie auf seine Nase. Dann erst schlug er ohne zu Blättern das Buch auf, als wüsste er genau, wo er zu suchen hatte. Mit dem Finger fuhr er über die Seite und murmelte etwas Unverständliches.

„Ja, hier haben wir es. Golradier Calafalas. Die Schuld beträgt zwei Goldstücke.“

Golradier lächelte. Endlich hatte er es geschafft. Elrond Eärfalas hatte ihm damals als einziger geholfen, seine große Schuld bei Maranwe Helyanwe zu bezahlen.

Mit einem Fingerzeig verschwand Golradiers Name von der Liste und ebenso seine Schulden. Elrond schloss das Buch, setzte die Brille ab und schaute zu Golradier, der ihm die beiden Goldstücke reicht. Elrond nahm es an sich und ließ es in einen Beutel fallen, den er unter seinem Unhang hervor gezogen hatte.

„Hör mir gut zu junger Elf. Du hast noch einmal Glück gehabt. Aus den Fängen von Maranwe kommt man normalerweise nicht mehr frei. Handle dieses Mal weise und lass dich auf keinen krummen Handel ein.“

„Seid Euch gewiss Elrond, dieses Bestreben habe ich schon lange abgelegt. Es liegt mir fern die Mauern des Gefängnisses von der anderen Seite her zu betrachten.“

„Dann sei auf der Hut, junger Golradier. Draußen herrscht das Dunkel. Schnell hat es dich umhüllt und verführt. Einen Vorschlag unterbreite ich dir, den du vielleicht annehmen solltest.“

Golradier lauschte den Worten des Alten.

„Bring weiterhin dein Gold zu mir, ich werde es für dich verwahren und zu gegebener Zeit kannst du es wieder holen.“

„Euer Einfall verheißt Gutes, so werde ich annehmen und Euch mein Gold bringen.“

Wenig später verließ Golradier den Laden mit einem Beutel gefüllt mit leckeren Essbarkeiten. Unbedacht und in Freude, seine Schulden beglichen zu haben, lief er die Straße hinunter. Die Lichter an den Häusern waren weniger geworden und das Dunkel der Nacht hatte die Macht an sich gerissen. Plötzlich wurde Golradier von etwas umgerissen.

Erschrocken landete er unsanft auf der Erde und er blickte sich hektisch um. Seine Augen waren dorthin gerichtet, von wo er die Geräusche vernommen hatte und er klammerte sich ängstlich an seinen Beutel. Da hörte er plötzlich ein Pferd wiehern und wunderte sich darüber, da er keine Hufschläge gehört hatte. Doch wenn es denn ein Pferd gewesen war, das ihn zu Boden gerissen hatte, hätte er doch irgendwas hören müssen.

„Ist dir etwas passiert?“, erklang plötzlich eine Stimme über sich.

Erschrocken fuhr Golradier zusammen, so hatte er doch angestrengt in die Nacht gehört, aber nichts bemerkt.

„Hast du keine Stimme?“

Die Stimme erklang jetzt viel deutlicher und lauter. Der Fremde musste sich also unmittelbar bei ihm befinden.

„Verzeiht, ich habe Euch nicht kommen hören, werter Herr!“, sprach Golradier leise.

Irgendwo wurde eine Tür geöffnet und ein Lichtschein fiel auf die Straße. Golradier konnte ein schwarzes Pferd erkennen, das dicht neben ihm stand. Unmittelbar vor ihm kniete jemand, dessen Gestalt und ebenso Gesicht in einem Umhang verhüllt waren.

„Ich hätte besser aufpassen müssen. Ist dir wirklich nichts passiert?“

Die Stimme war plötzlich viel angenehmer, so sanft und weich.

„Nein, sicher nicht. Es war mehr der Schreck.“

„Kann ich etwas für dich tun?“

Golradier musterte sein Gegenüber. War heute so etwas wie ein Glückstag? Sollte sein Leben gleich zweimal an einem Tag etwas Freude erfahren? Golradier versuchte aufzustehen und spürte, wie er von einer starken unterstützt und nach oben gezogen wurde.

„Ich bringe Euch wenigstens nach Hause“, sagte nun die Stimme.

In Golradiers Kopf hallte die Stimme von Elrond nach.

Schnell hat es dich umhüllt und verführt.*

„Nein danke werter Herr. Ich habe es nicht mehr weit.“

„Bist du sicher?“, fragte die Stimme.

„Ja.“

„So nehme dies, als Zeichen meiner Entschuldigung.“

Golradier spürte, wie ihm etwas in die Hand gesteckt wurde. Dann spürte er, wie sich sein Gegenüber von ihm entfernte.

„Meldet Euch“, hörte er plötzlich die Stimme oberhalb von sich. Dann spürte er einen Luftzug und es war Stille.

Langsam und auch verwirrt lief Golradier weiter, diesmal wieder dicht an den Wänden entlang gedrängt und froh, als endlich an der Tür zu seinem kleinen Reich angelangt war.

Unsicher schaute er nach beiden Seiten, bevor er mit einer Handbewegung das Schloss öffnete. Als er dann endlich drinnen und die Tür hinter ihm verschlossen war, lehnte er sich gegen diese und atmete tief durch. Erst dann lief er zu seinem Bett und stolperte auch gleich über einen Stuhl.

„Aua… der stand doch vorhin noch nicht da.“

Er rieb sich sein schmerzendes Knie. Was war nur los, dachte er sich. Mit den Zündhölzern in der Hand ging er zu den Kerzen und entflammte sie.

Langsam durchflutete das warme Licht den Raum und noch immer hielt Golradier in der Hand, was ihm der Fremde zugesteckt hatte. Nun im Kerzenschein konnte er eine kleine Karte erkennen und versuchte das darauf Geschriebene zu entziffern.

*Caranthir Ringeril* *Fenvar* *Bewahrer der elfischen Träume*.

Golradier runzelte die Stirn. Was wollte ein Mann von so edler Herkunft von ihm? Ganz sicher hatte er Golradier in der Dunkelheit nicht erkannt. Er legte die Karte auf die kleine Kiste, die neben seinem Bett stand und verstaute die Lebensmittel. Nachdem er noch eine Kleinigkeit gegessen hatte, legte er sich in sein Bett und versuchte zu schlafen.

Es sollte eine traumreiche und unruhige Nacht werden.

*.*.*

Erschrocken fuhr Golradier hoch und brauchte einen Augenblick, um sich wieder zu Recht zu finden. Die vergangene Nacht mit all ihren Ereignissen tauchte plötzlich wieder in seinen Gedanken auf und sein Blick fiel automatisch auf die kleine Kiste, auf der noch immer die Karte des Fremden lag.

Caranthir Ringeril

Das war ein schöner Name. Ein leichtes Lächeln huschte über Golradiers Gesicht, welches aber gleich wieder verschwand. Was sollte es bringen, zu ihm zu gehen.

Spätestens wenn Caranthir das eingebrannte Zeichen auf seiner Schulter sehen würde, würde er nichts mehr von Golradier wissen wollen. Schon alleine durch das Aussprechen des Zeichens galt man selbst als unrein… *badoc*.

Golradier trat an das kleine Becken heran und wusch sich. Dann zog er einen neuen Umhang über und betrachtete sich in der Spiegelscherbe, die an der Wand hing.

Seit ihm die Hexe Maranwe Helyanwe das Zeichen verpasst hatte, wurde er von jedermann gemieden. Außer jenen natürlich, die seine Dienste in Anspruch nahmen, denn dafür war er scheinbar noch gut genug.

‚Bewahrer der Elfischen Träume’. Diese Worte gingen ihm durch den Kopf. Seine Träume. Die hatte er schon vor langer Zeit aufgegeben oder vergessen, weil es für ihn nichts mehr zu träumen gab.

Was hatte er sich damals nicht alles vorgenommen, als er das elterliche Haus verlassen hatte. Er hatte sogar Übersetzer werden wollen, da er die beiden Sprachen Isdira und Sindarin fließend sprechen und schreiben konnte. Mit diesem Talent war nicht jeder gesegnet, so hätte er sich durchaus einen Namen machen können.

Sollte er diesen Caranthir vielleicht doch aufsuchen? Nacheinander starrte er erst auf das Kärtchen, dann zu seinen Umhängen und schließlich auf die kleine Kiste, die verschlossen unter der Kommode stand. Er gab sich einen Ruck und lief zu eben dieser Kommode, um die kleine Kiste darunter hervorzuziehen, dann stellte er sie vorsichtig wie einen Schatz auf den Tisch. Seine Eltern hatten ihm die Kiste damals zum Abschied geschenkt.

Langsam öffnete er den Deckel und es kam ein in Papier gewickeltes Bündel zum Vorschein. Seine Mutter hatte gemeint, er würde doch einen besonderen Umhang brauchen, damit er diesen zu festlichen Anlässen tragen könne.

Vorsichtig griff er an den Seiten in die Kiste, zog das Bündel heraus und wickelte das Papier auseinander. Dann breitete er den Umhang vor sich aus.

Bisher hatte er ihn noch nie betrachtet und war jetzt natürlich überrascht, solch etwas Edles zu besitzen. Der Umhang bestand aus einem sehr kostbaren Stoff in einer edlen Farbe und die feinen Stickereien seiner Mutter säumten den kompletten Saum.

Unschlüssig stand Golradier da und wusste nicht, was er machen sollte. Trotzdem schälte er sich langsam aus dem Umhang, den er sich erst kurz zuvor umgelegt hatte und warf diesen auf das Bett. Dann zog er sich vorsichtig den neuen Umhang über.

Er trat erneut vor die Glasscherbe und betrachtete sich eingehend. Das Bild, das sich ihm bot, überraschte ihn, denn so hatte er sich noch nie gesehen. Das war irgendwie nicht er. Noch immer ungläubig nahm er seine Bürste zur Hand und kämmte sein langes braunes Haar.

Was sollte denn schon groß passieren, außer dass man ihn vielleicht hinauswarf? Fast schon trotzig nahm er die Karte wieder an sich und verließ seine kleine Wohnung.

Auf den Straßen herrschte mittlerweile ein reges Treiben und allerlei verschiedene Leute waren zu sehen. Da waren Händler, die ihre Ware durch die Gassen schoben oder auch einfach Leute, die hier wohnten und teils hektisch, teils gemächlich ihrem jeweiligen Weg folgten.

Golradier fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut. Und obwohl ihn niemand direkt angesehen hatte, war es ihm, als seien sämtliche Blicke auf ihn gerichtet. Er lief leicht gesenkten Hauptes durch die Straßen und bemühte sich, möglichst nicht aufzufallen.

Auf dem Weg zu seinem Ziel wurden die Straßen wurden zusehends leerer, nur vereinzelt fuhr noch eine Kutsche an ihm vorbei oder ritt jemand mit dem Pferd an ihm vorüber.

Als er an einem alten Haus, das schlicht zwischen zwei alten Eichen gebaut war, angekommen war, zog er abermals die Karte hervor. Hier schien er richtig zu sein.

Golradier atmete noch einmal tief durch und trat näher an die Haustür heran. Um sich bemerkbar machen zu können, war an ihr ein großer Klopfring, der an einem Drachenkopf befestigt war, angebracht. Zögernd fasste er nach dem Ring und klopfte zaghaft dreimal hintereinander. Sofort ließ er den Ring wieder los und trat einen Schritt zurück.

Golradier schaute sich nervös nach allen Seiten um, es kam ihm unheimlich still hier vor. Plötzlich öffnete sich die Tür und Golradier blickte ein alter Mann entgegen.

„Sie wünschen?“, fragte dieser.

Man sprach Golradier mit ‚Sie’ an, das hatte schon was.

„Ich werde erwartet“, antwortete Golradier, weil ihm nichts anderes einfiel.

„Und wen darf ich melden?“

„Golradier Calafalas.“

„Würden Sie mir bitte folgen?“

Der alte Mann zog die Tür weiter auf, damit Golradier das Haus betreten konnte. Hinter ihm wurde die Tür abrupt wieder verschlossen und das unbehagliche Gefühl verstärkte sich dadurch. Golradier konnte regelrecht sein Blut in seinen Ohren rauschen hören, dennoch versuchte er, nach außen hin ruhig zu erscheinen. Innerlich wollte er allerdings auf der Stelle umdrehen, aber jetzt gab es kein zurück mehr. Alles in ihm begann sich plötzlich zu sträuben. Er konnte eine Präsenz fühlen, wie er es noch nie in seinem Leben erfahren hatte und es war ihm, als würde er gescannt. Als würde jemand versuchen, sein Innerstes zu durchsuchen und zu durchwühlen.

Dann öffnete sich wie von Geisterhand eine Tür vor ihm und dem Alten. Doch statt dass der alte Mann ihn durch die Tür begleitete, blieb dieser stehen und wies nur mit der Hand in den dahinter liegenden Raum.

Golradier lief unsicher weiter. Die Angst vor dem Unbekannten verstärkte sich und er war einer Panik nahe. Der Raum, den er nun betrat, wirkte einschüchternd. Noch nie hatte er solch eine gewaltige Atmosphäre gespürt. Dann entdeckte er Bücherregale, die bis unter die hohe Decke reichten und vergessen war das Gefühl von eben. Staunend lief er bis an die Mitte des Raumes, seine Blicke wanderten stetig von einer Seite auf die andere. So viele Bücher wie hier hatte er noch nie auf einem Fleck gesehen und obwohl er die Titel nicht erkennen konnte, ging von ihnen eine starke Aura von Macht und Wissen aus. Schließlich kam er an einem großen Schreibtisch zum Stehen, der am anderen Ende des Raumes stand. Der Tisch war sehr wuchtig und von kretonischer Bauart, aber dennoch wirkte er sehr leicht und auch nicht protzig. Ein edles Stück.

Plötzlich fiel die Tür, durch die er den Raum betreten hatte, mit einem lauten Knall zu und ließ ihn erschrocken zusammen zucken. Nach ein paar Sekunden stellte Golradier aber fest, dass er sich noch immer alleine in dem Zimmer befand und beruhigte sich schnell wieder. Erneut wandte er sich dem Schreibtisch zu und ließ sanft, fast schon ehrfürchtig seine Hand über dessen glatte Oberfläche gleiten. Da erklang abermals das Geräusch der Tür.

„Golradier?“

Er drehte sich um und sah den jungen Elfen, der ihn angesprochen hatte, auf sich zukommen. Die Stimme kam ihm bekannt vor und er wusste auch, woher. Es war die Stimme von gestern Nacht gewesen und Golradier nickte.

„Es freut mich, dass du den Weg zu mir gefunden hast“, sprach der Elf weiter.

Doch Golradier konnte nichts erwidern, seine Kehle war wie zugeschnürt und kein Wort drang aus seinem Mund. Zu umwerfend sah sein Gegenüber aus, fast schon engelsgleich.

„Bist du irgendwie verletzt… hast du Schmerzen?“

Golradier schüttelte den Kopf.

„Deine Stimme?“

Golradier blickte dem Fremden geradewegs in die Augen, aus denen ihm ein magisches tiefes Blau entgegen funkelte. Wie ein Strudel zog ihn dieses Blau in seinen Bann.

„Caranthir“, stammelte Golradier leise.

„Ja, so ist mein Name – Caranthir Ringeril.“

„Ein schöner… Name.“

„Danke!“

Hatte er das eben wirklich von sich gegeben? Irritiert über sich selbst stand er immer noch da und sah Caranthir an.

„Komm mit, wir haben hier auch noch gemütlichere Orte zum verweilen“, sprach Caranthir.

Golradier folgte dem Elfen aus dem Zimmer. Er bemerkte dabei, dass es nicht die Tür war, durch die er den Raum betreten hatte und doch hatte er zuvor nur die eine Tür gesehen.

Diese Tür führte direkt aus dem Haus heraus in einen kleinen Innenhof, den ein paar kleine Bäume und Blumenbeete zierten. Mittig des Hofes befand sich ein Tisch und mehrere Stühle.

„Setz dich und erzähl mir von dir.“

Golradier nahm Platz, wie ihm geheißen wurde.

„Da gibt… es nicht viel… zu erzählen“, stammelte er.

„Aber doch natürlich, jeder trägt eine Geschichte in sich.“

„Meine Geschichte… hat vielleicht noch nicht begonnen…“

„Unsinn. Jede Geschichte beginnt mit dem Leben“, sprach Caranthir.

„Habt Ihr denn eine Geschichte?“, fragte Golradier.

„Ja, ich habe eine Geschichte. Aber sag junger Freund, warum redest du mich so förmlich an?“

Golradier ließ seine Blicke durch den Innenhof wandern.

„All das hier gehört doch sicher euch?“

„Ja, aber was hat das damit zu tun?“, fragte Caranthir.

„Weil ich nichts dergleichen besitze. Alles was ich habe, trage ich an meinem Körper und ist mein Körper selbst. Und nicht mal dieser… gehört mir noch alleine.“

Beschämt über soviel Reichtum schob Golradier den Kragen seines Umhanges zur Seite und offenbarte damit das Zeichen Badoc. Golradier hatte die Lust daran verloren, etwas vorzugeben, was er nicht war.

„Diesen Umhang hat mir meine Mutter genäht… sie meinte für einen festlichen Anlass…“

Er wartete im Grunde nur noch darauf, dass ihn dieser edle Herr hinaus werfen oder gar seine Dienste in Anspruch nehmen würde.

„Nicht so!“, sagte Caranthir in diesem Moment.

Golradier fuhr zusammen, da es doch gerade eine Antwort auf seine Gedanken war.

„Glaubst du wirklich ich gehöre zu jenen, die dir Leid antun, indem sie deinen Körper missbrauchen und ausnutzen?“

Ungläubig schaute Golradier zu Caranthir.

„Ich weiß nicht, warum ich hierher gekommen bin. Es wäre vielleicht besser, ich gehe wieder. Es war nett eure Bekanntschaft gemacht zu haben…“

„Nein bleib!“, fiel ihm Caranthir ins Wort.

Dieser stand auf und trat neben Golradier.

„Gib mir bitte deine Hand…“, sagte Caranthir in einem ungewohnt sanften Ton.

Verschüchtert hob Golradier seinen Arm und Caranthir ergriff seine Hand.

„Und nun schließe die Augen, höre auf dich selbst.“

Golradier tat wieder, wie ihm geheißen wurde und langsam entstand vor seinem geistigen Auge ein Bild. Ein Bild mit grünen Wiesen, großen Bäumen und einem Dorf.

Es war sein Dorf. Das, in dem er aufgewachsen war. Im Gedanken durchschritt er das Dorf, sah die spielenden Kinder auf den Wegen. Bis er vor seinem Elternhaus ankam.

Die Tür öffnete sich und ein junger Mann trat heraus, gefolgt von Golradiers Eltern. Er erkannte sich selbst in diesem jungen Mann. Wie hätte er diesen Abschied je vergessen können.

Doch die Neugier auf das Weite, der Übermut, der in ihm steckte, trieben ihn fort. Weg von zuhause, weg von seinen Wurzeln. Je mehr er in Traurigkeit versank, desto mehr verblich das Bild.

„Es ist deine Geschichte, Golradier. Erinnere dich ihrer, denn sie zeigt dir auch deine Träume“, hörte er Caranthirs Stimme und er öffnete die Augen wieder.

Dieser kniete nun vor ihm. Er verstand nicht, warum dieser Elf so nett zu ihm war, da er doch anscheinend alles über ihn wusste. Man gab sich nicht mit einem Unreinen ab.

„Vergiss diesen Gedanken sehr schnell. Denn was einst war, zählt heute nicht mehr.“

Was? Er sollte vergessen, dass er wie eine Ware von Bett zu Bett gereicht worden war, nur um eine Schuld zu sühnen, die er sich selbst aufgeladen hatte?

So etwas konnte man doch nicht vergessen. Das alles saß so tief in ihm, es hatte sich in seiner Seele eingebrannt. Doch trotzdem schenkte er seinem Gastgeber ein Lächeln.

Er wunderte sich nicht mehr darüber, dass dieser wohl alles über seine Gedanken wusste. Er saß regungslos da und starrte auf Caranthir.

„Wieso, was wird sich schon groß ändern? Heute Abend gehe ich nach Hause und morgen ist wieder alles beim Alten“, sagte Golradier, der langsam wieder an Selbstsicherheit gewann.

„Du irrst, ab morgen wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.“

Golradier hielt den Kopf schief und musterte sein Gegenüber genauer. Dann schüttelte er den Kopf und stand auf.

„Ich werde jetzt nach Hause gehen, dieses Gespräch beginnt mich zu langweilen.“

Caranthir schaute ihn schockiert an. Als von ihm keine Silbe kam, drehte sich Golradier um und lief den Weg zurück, den sie vorhin gekommen waren.

„Bitte… Golradier… bleib, … ich brauche dich.“

Hatte er gerade richtig gehört? Dieser Caranthir sollte ihn brauchen? Das konnte wohl nur ein schlechter Scherz sein. Golradier drehte sich abrupt um und schaute zu Caranthir zurück, der mittlerweile wieder aufgestanden war. Golradiers Blick wanderte zu den wunderschönen blauen Augen, die nun aber nicht mehr strahlten. Er war verwirrt darüber und verstand nun nichts mehr.

Was war denn jetzt geschehen? Noch vor Minuten war er ängstlich und traurig gewesen, doch nun fühlte er sich stark und seine Laune stieg stetig.

Caranthir dagegen, vorhin noch ein Strahlen in Person, sah jetzt aus wie ein Häufchen Elend. Golradier lief ein paar Schritte zurück und schaute sich sein Gegenüber genauer an.

Caranthir hatte Tränen in den Augen.

„Verstehst du denn immer noch nicht?“, fragte ihn Caranthir mit leiser Stimme.

„Nein ich verstehe überhaupt nichts. Du siehst plötzlich so schlecht aus, soll ich deinen Diener rufen?“

Golradier war im ersten Moment gar nicht aufgefallen, dass er Caranthir direkt direkt angesprochen hatte. Er war davon abgekommen, ihn als höhere Person zu sehen. Und es tat ihm unendlich leid, wie es Caranthir plötzlich ging, auch wenn er nicht verstand, warum dieser so traurig war.

Er selbst fühlte sich prächtig und er hatte das Gefühl, Berge versetzen zu können. Er dachte nicht mehr an sein bisheriges Leben, sondern schaute nur noch nach vorne.

Caranthir indes stütze sich mittlerweile an die Stuhllehne und Golradier fing nun wirklich an sich Sorgen zu machen. Er trat näher, um Caranthir zu stützen und griff sanft nach dessen Arm. Doch bei der ersten Berührung zuckte Golradier zurück, als hätte er einen Schlag ins Gesicht bekommen. Was war das? Was hatte er gerade in sich gesehen?

Fassungslos schaute er Caranthir an.

„Du scheinst langsam zu verstehen. Aber fass mich jetzt bitte nicht an, es würde dir nicht gut tun.“

Golradier ließ die Worte in sich nachwirken. Etwas anderes kam ihn noch in den Sinn und er zog die Karte hervor, die ihm Caranthir am vorigen Abend zugesteckt hatte.

*Hüter der Elfischen Träume* stand da in goldenen Lettern unter Caranthirs Namen. Sollte es wirklich so sein, wie er vermutete? Er blickte auf und schaute noch immer fassungslos in Caranthirs gequälte Augen.

„Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“, fragte Golradier, der langsam wirklich zu verstehen begann, „du zerstörst dich doch damit selbst!“

Caranthir schüttelte den Kopf.

„Nein, das tue ich nicht. Wenn dem so wäre, könnte ich dies alles nicht machen und nichts bewirken.“

„Aber wenn du das Leid anderer auf dich lädst, bricht es dich auf kurz oder lang.“

„Nein, meine Kraft zu helfen ist viel zu groß, als dass ich daran zerbrechen könnte. Selbst wenn nur ein Bruchteil jener negativen Kraft durchsickern würde, so würde es meine Kraft sofort auffangen.“

„Welche Kraft?“

„Meine Liebe zu den Nächsten.“

Golradier merkte, dass sich Caranthir langsam wieder in den Griff bekam. Er hob seine Hand und machte sich an Golradiers Kragen zu schaffen.

Ein kurzer Blick auf Golradiers Schultern und über Caranthirs Gesicht huschte ein Lächeln.

„Was ist?“, fragte Golradier verwundert.

„Sieh selbst!“

Golradier zog nun ebenfalls seinen Kragen zur Seite und seine Augen wurden groß. Das Mal, welches die ganze Zeit an seiner Schulter geprangt hatte, war verschwunden.

Ungläubig fuhr er mit den Fingern über die Stelle, wo sich das Zeichen noch am Morgen tief in sein Fleisch verwurzelt hatte. Nun war dort nichts als seine reine Haut zu sehen.

„Warst das du?“, fragte Golradier überrascht.

Caranthir nickte.

„Aber warum… ich verstehe nicht…“

„Deine Träume… schon vergessen?“

„Meine Träume…“, begann Golradier und atmete tief aus.

„Ja, deine Träume sind wichtig. Wichtig für dich und wichtig für deinen Weg!“

„Was für einen Weg?“

„Den Weg, den du jetzt beschreiten wirst… an unserer Seite.“

Verwirrt schaute ihn Golradier an.

„An eurer Seite?“

Caranthir nickte.

Ich möchte, dass du bei mir bleibst. Dass heißt, nicht nur bei mir, sondern dass du dich unserer Gruppe anschließt.“

„Aber ich kenne dich doch überhaupt nicht. Also ich meine…“

„Golradier, höre in dich. Bist du so sicher, mich nicht zu kennen?“, unterbrach ihn Caranthir.

Golradier verstand nicht. Was meinte er mit ‚in sich hören’? Er spürte etwas in sich, aber keinen Hinweis darauf, dass er diesen Elf kennen würde.

„Die Kraft, die du besitzt… spürst du sie nicht?“

Golradier schüttelte automatisch seinen Kopf, obwohl er sich nicht sicher war, was er da eigentlich spürte.

„Welche Kraft?“, fragte Golradier und trat einen Schritt zurück.

Caranthir kam auf ihn zu, hob seine Hand und legte sie auf Golradiers Brust. Kaum hatten sie Kontakt, änderte sich Golradiers Befinden.

Er fühlte sich plötzlich stark und mächtig. Aber er sah auch Bilder in seinen Gedanken, die ihm Sorgen bereiteten, nein sogar Angst. Er sah die mächtige Hexe Maranwe Helyanwe.

Sie, die alle Elfen unterworfen hatte und für ihre Dienste missbrauchte. Er sah aber auch zwei junge Männer, die gefangen wurden. Dann brachen die Bilder ab.

„Die Kraft in dir ist stärker als ich angenommen hatte“, sagte Caranthir leise und drehte sich weg.

„Kannst du mir bitte erklären, was das eben war? Ich verstehe nicht was das alles zu bedeuten hat.“

Caranthir schaute Golradier lange an, bevor er schließlich zu reden begann.

„Vor ungefähr 500 Jahren schrieb ein alter weiser Mann einen Traum auf. In diesem Traum fanden sich zwei Elfen, die sich ineinander verliebten. Gemeinsam hatten sie durch ihre Liebe die Kraft, Wunder zu bewirken, zu helfen und das Land aus seinem Schicksal zu führen.“

„Und was hat das bitte mit mir zu tun?“

Caranthir schwieg abermals eine Weile, bevor er diese Frage beantwortete.

„Könntest du dir vorstellen, einen Elfen zu lieben. Dein Leben mit ihm zu verbringen?“

„Was soll die Frage?“

„Ein einfaches Ja oder Nein würde mir schon genügen.“

Golradiers Blick senkte sich zu Boden.

„Ja, ich könnte mir das vorstellen. Einen Mann an meiner Seite, der mich liebt. Als Lebewesen und nicht als einen Gegenstand, für den man bezahlt.“

Caranthir hob erneut seine Hand und streichelte sanft über Golradiers Wange.

„Das musst du nicht mehr tun“, begann er sanft zu sprechen, „deine Zeit ist gekommen. Auch du wirst endlich das Glück erfahren, das du verdienst.“

„Aber…“

Caranthir legte seine Hand auf Golradiers Mund.

„Schhhhh… glaube mir, es ist alles nur zu deinem Besten.“

Golradier nickte, wenn er auch noch nicht alles verstand und Caranthir kam näher, um ihn in den Arm zu nehmen. Der erneute Kontakt zwischen den Elfen ließ bei beiden eine innere tiefe Ruhe erwachen.

„Wird das jetzt immer so sein?“, fragte Golradier.

„Was meinst du?“

„Dieses schöne Gefühl, wenn du mich in den Arm nimmst?“

Caranthir lief wieder zum Tisch zurück.

„Wenn wir uns sehen sicher, aber du wirst zuerst eine kleine Reise antreten.“

„Eine Reise? Aber ich dachte, du und ich…

Caranthirs Gesicht wurde ernst.

„Oh Golradier, da hast du etwas falsch verstanden… nicht ich bin derjenige welcher… nicht ich verliebe mich in dich… mir ist ein anderes Schicksal vorher bestimmt.“

Golradier Gesichtsfarbe veränderte sich ins tiefe Rot.

„Dein Gedanke ehrt mich Golradier, sehr sogar. Aber ich habe bereits meine große Liebe gefunden, auch wenn es mir verwährt bleibt, nach ihr zu greifen.“

„Ich verstehe nicht“, kam es von Golradier, der seine Sprache wieder gefunden hatte.

„Du wirst es verstehen, wenn die Zeit dafür bereit ist. Aber jetzt müssen wir uns beeilen. Gelmir hat schon einige Sachen für deine Reise zusammen gepackt.“

„Gelmir?“, fragte Golradier verwundert.

„Gelmir ist mein Diener, aber eigentlich ein väterlicher Freund. Er wird dich auch zu deinem Begleiter bringen, der auf der Reise über dich wachen wird.“

„Ein Begleiter? Caranthir, ich weiß nicht mal, ob ich das möchte.“

„Ja, einen Begleiter, der dich führt und beschützt. Findecàno Calmcacil genießt mein volles Vertrauen. Golradier, die Zeit drängt. Viel zu lange hast du in diesem Leben dahin vegetiert. Alles was bisher war, wird Vergangenheit sein. Diese Vergangenheit erlöscht in diesem Augenblick. Dein Zimmer wird geleert und deine Habseligkeiten werden zu mir gebracht.“

„Aber das geht nicht, ich…“

„Golradier, glaube mir. Es ist besser so! Vertrau mir bitte!“

Golradier nickte. Caranthir hatte Recht. Was hatte er denn schon zu verlieren? Dieses Leben, das er bisher geführt hatte, war kein Leben. Er war eine Geisel seiner selbst.

„Klar habe ich Recht“, strahlte ihm Caranthir entgegen und wies ihm den Weg zurück.

Beide gingen wieder zur Tür, die sich wie von Geisterhand alleine öffnete. Dahinter wartete Gelmir mit einem Rucksack in der Hand.

„Findecàno steht mit den Pferden bereit, Caranthir“, sagte Gelmir.

„Sagt ihm einen Gruß von mir, werter Freund!“

„Kommst du nicht mit nach draußen?“, fragte Golradier verwundert.

„Nein…, auch etwas, was du später verstehen wirst.“

Noch einmal nahm Caranthir Golradier in den Arm und drückte ihn fest.

„Pass auf dich auf Golradier… wir werden uns wieder sehen, versprochen!“

Der junge Elf nickte ihm zu und folgte Gelmir nach draußen, wo er zwei Pferde vorfand. Auf einem davon saß eine verhüllte Gestalt.

„Junger Herr, es wäre gut, würdet ihr diesen anziehen!“, meinte Gelmir neben Golradier und reichte ihm einen dunklen Umhang.

„Danke Gelmir und Ihr braucht mich nicht mit ‚jungem Herrn’ anzusprechen. Golradier reicht schon!“

„Danke junger Herr, aber ich bleibe bei meinen Bräuchen“, meinte Gelmir und Golradier schien ein leichtes Lächeln in dessen Gesicht zu erkennen.

Er legte sich wie geheißen den Umhang an und zog auch die Kapuze über den Kopf. Gelmir befestigte derweil den Rucksack am Sattel des Pferdes, dann half er Golradier in den Sattel.

„Danke!“, sprach Golradier.

„Seid ihr schon einmal geritten?“, fragte der Fremde namens Findecàno.

„Ja, als ich noch bei meinen El….“

„Ein ‚ja’ reicht mir schon! Dann mal los!“

Findecàno hieb seinem Pferd sanft in die Flanke und schon setzte es sich in Bewegung. Golradier dagegen hatte Probleme, seinen Braunen zum Bewegen zu animieren.

Leicht verärgert über Findecànos Tonfall ging er wie dieser gleich in Trab über, um ihm folgen zu können. So hatten sie schnell die Stadtgrenze hinter sich gelassen und ritten nun fortan bergauf.

Auf dieser Seite der Stadt war Golradier noch nie vorher gewesen und so kannte er sich auch nicht aus. Blind folgte er einfach Findecàno, der sehr zügig voran ritt, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

Als sie dann endlich ein Waldstück erreicht hatten, verlangsamte Findecàno seinen Galopp bis sein Pferd fast schon zum Stehen kam. Er griff nach oben und zog die Kapuze herunter.

„So, jetzt dürften wir sicherer sein“, meinte er und blieb stehen.

Zum ersten Mal nun sah Golradier Findecànos Gesicht. Es wirkte fast etwas zierlich, aber seine grünen Augen zeigten Kraft, die durch die kurzen schwarzen Haare noch verstärkt wurde.

Auch wunderte er sich, dass sich Findecànos Mundwinkel etwas nach oben hoben und er leicht lächelte. Sein vorheriger Tonfall hatte Golradier auf anderes schließen lassen, doch nun streckte er Golradier seine Hand entgegen.

„Findecàno Calmcacil, Sohn des Caranthir Ringeril…“

„Sohn?“

Golradier konnte sich das nicht vorstellen, Caranthir sah doch noch so jung aus. Aber Elfen waren schon immer schwer zu schätzen gewesen. Dann war Findecàno auch sicher jünger als er selbst, dachte sich Golradier weiter.

„Ja, ich bin der Sohn, wusstest du das nicht?”

Golradier schüttelte den Kopf.

„Gut, dann werden wir jetzt langsam weiter reiten. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“

„Und wohin genau reiten wir?“

„Falsche Frage, Golradier.“

„Wieso?“, fragte Golradier etwas verstimmt.

„Du wirst nie eine direkte Antwort auf eine direkte Frage bekommen.“

Golradiers Gedanken begannen zu rotieren. Keine direkte Frage stellen.

„Sind dort, wo wir hin reiten, Freunde?“

„Das will ich wohl hoffen, sonst müsste ich jemanden lynchen“, antwortete Findecàno lächelnd.

Golradier schaute ihn fragend an.

„Du wirst Maeglin schon noch kennen lernen. Aber ich muss sagen, du lernst schnell!“

Mit diesen Worten endete die Unterhaltung. Beide ritten sie den Waldweg weiter, ohne ein weiteres Wort zu wechseln.

*-*-*

Es war schon dunkel, als Golradier nach einer Biegung plötzlich Lichter entdeckte. Er wusste nicht mehr, wie lange oder wo entlang sie geritten waren, denn Findecàno hatte mehrere Umwege in Kauf genommen. Diese Vorsicht fand Golradier zwar etwas übertrieben, aber Findecàno musste ja wissen, was er tat. Die Lichter entpuppten sich als Fackeln, die am Wegesrand aufgestellt worden waren.

„Halt! Wer da?“, hörte Golradier eine Stimme und fuhr zusammen.

Er sah, dass Findecàno kurz lächelte, denn seine Augen funkelten im Fackellicht.

„Findecàno Calmcacil.“

Dann wurde es kurz ruhig und nichts weiter passierte, bis plötzlich zwei Männer aus dem Gebüsch hervor traten.

„Findecàno, Ihr kommt spät, was hat Euch so lange aufgehalten? Maeglin hat schon ein paar Mal nach euch fragen lassen.“

„Seid beruhigt Agnetor, ich wollte nur ganz sicher gehen, dass uns niemand folgt. Deshalb bin ich einige Umwege geritten, weg von den öffentlichen Wegen.“

Dieser Agnetor nickte den beiden Reitern zu und so bewegte Findecàno sein Pferd Richtung Büsche. Golradier beeilte sich, ihm zu folgen. Wie von Zauberhand öffnete sich ein Holztor, wo vorher noch Bäume gestanden hatten.

Vor Golradiers Augen tat sich ein kleines Dorf auf. Trotz der vorgerückten Stunde war noch ein geschäftiges Treiben auf den Wegen. Findecàno hob ab und zu seine Hand zum Gruß.

Golradier hatte wie auch Findecàno seine Kapuze abgezogen, doch fühlte er sich sehr beobachtet. Vor einem größeren Haus hielt nun sein Begleiter an und stieg vom Pferd, um das sich sofort jemand kümmerte.

„Komm, Golradier, wir werden erwartet!“, sprach Findecàno und machte eine einladende Geste.

Golradier stieg nun ebenfalls ab und betrat mit Findecàno das Haus, wo ihn eine mollige Wärme empfing. Die Nacht war kühl geworden und seine Gelenke schmerzten vom langen Ritt.

„Findecàno“, hörte Golradier jemanden rufen und wenig später sah er einen Elfen in langem Umhang auf Findecàno zustürmen.

Die beiden fielen sich in die Arme und schienen auch nicht mehr loslassen zu wollen.

„Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. Warum hast du so lange gebraucht? Hat dich dein Vater aufgehalten?“

„Maeglin, du weißt doch, wenn ich mit Feanàro unterwegs bin, passiert mir nichts!“, antwortete Findecàno, „und nein, ich habe meinen Vater nicht einmal gesehen. Er hat es immer noch nicht verwunden.“

„Lass ihm Zeit. Glaub mir bitte, es wird alles gut.“

Findecàno gab Maeglin einen langen Kuss, wobei sich Golradier etwas störend vorkam. Dennoch konnte er seine Augen nicht von den beiden abwenden. Maeglin war um einiges größer als Findecàno, doch fand Golradier, dass die beiden gut zusammen passten.

Maeglins Gesicht war markant, aber strahlte Ruhe aus. Genauso wie seine Stimme, deren angenehmer, sanfter Ton beruhigend auf Golradiers Seele wirkte. Seine Augen aber funkelten und strahlten.

Erst jetzt bemerkte Maeglin den Gast und lächelte. Beherzt lief er auf Golradier zu und reichte ihm die Hand.

„Du musst Golradier sein. Genauso wurdest du mir beschrieben“, sprach er ihn an.

„Ja… bin ich. … mich beschrieben?“, fragte Golradier verwundert.

„Maeglin, hör auf, unseren Gast nervös zu machen. Ich werde ihm sein Zimmer zeigen, damit er sich frisch machen kann. Das wird ihm nach dem langen Ritt sicher angenehm sein.“

„Liebster Findecàno, genau das wäre mein nächster Vorschlag gewesen. Oder dachtest du, ich würde bei unserem jungen Freund meine guten Manieren vergessen?“

Findecàno fing an zu kichern.

„Gut, mein Liebster wird dir deine Gemächer zeigen. Ich würde mich aber freuen, wenn wir uns nachher zu einem kleinen Essen wieder treffen würden. Ihr habt doch sicher beide Hunger.“

Da begann Findecàno zu lachen und meinte: „Es verbietet mir mein Anstand laut zu äußern, auf was ich Hunger habe.“ Er bedachte seinen Maeglin dabei mit einem frechen Blick und fügte hinzu: „Aber du hast Recht. Ich werde mich ebenso frisch machen und komme mit unserem Freund wieder herunter.“

Golradier indes stand nur starr da und brachte keine Silbe hervor. Maeglin schien dies zu merken und bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. Golradier war fasziniert von seinen wachen Augen, die in einem geheimnisvollen grün-gold funkelten. Sie ließen einen sehr intelligenten Mann erahnen.

„Was ist? Hast du die Sprache verloren?“, fragte Maeglin.

„Ihr… Ihr müsst entschuldigen. Heute Morgen, als ich aufstand, war ein ganz normaler Tag für mich gewesen, wie jeder andere auch. Aber nun ist soviel passiert, ich weiß nicht… ich kann das alles noch gar nicht erfassen.“

Maeglin legte einen Arm um Golradiers Schulter.

„Ich weiß, du hast sehr viele Fragen und glaube mir, ich werde sie dir noch alle beantworten. Nur eins noch, länger hättest du nicht mehr in diesem Loch bleiben können.“

„Dieses Loch war bisher mein zu Hause“, sagte Golradier leicht gekränkt.

„Das habe ich auch nicht gemeint. Aber es bestand die Gefahr, dass dich Maranwes dunkle Häscher bald aufgegriffen hätten.“

„Aber wieso? Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen?“

„Ruhig junger Freund, hier wird dir auf alle Fälle nichts passieren.“

„Aber ich verstehe nicht…“

„Du wirst… du wirst…“, sagte Maeglin mit sanfter Stimme und Golradier beruhigte sich wieder.

*-*-*

Golradier fühlte sich frisch. Das warme Wasser, welches er auf der kleinen Kommode vorgefunden hatte, hatte seinen Dienst verrichtet. Nun aber stand er verwundert vor dem Schrank in seinem Zimmer. Findecàno hatte ihm erzählt, dass alle Kleidungsstücke nach seiner Größe angefertigt worden waren und er fragte sich plötzlich, was wohl gewesen wäre, wenn Caranthir ihn nicht umgestoßen hätte.

Golradier schüttelte sich und verdrängte diesen Gedanken schnell wieder. Sein Blick blieb am Spiegel der Schranktür hängen, aus dem er sich selbst gegenüber stand. Sein Körper hatte sich sehr verändert. Seine braunen Haare hingen matt über die Schultern und auch der Rest machte keinen guten Eindruck. Seine Gesichtzüge waren traurig. Wieder zog er die Schranktür auf und betrachtete noch einmal, was da hing.

Er entschloss sich für die dunkle Hose und für das weiße Hemd darin. Nachdem er sich wieder angekleidet hatte, betrachtete er sich abermals im Spiegel und lächelte nun leicht. Jetzt gefiel er sich wieder besser.

Als er aus dem Zimmer getreten war, hob er aus Gewohnheit die Hand, um die Tür zu verschließen.

„Gib dir keine Mühe, hier wird das nicht funktionieren.“

Golradier fuhr zusammen, hatte er doch Findecàno nicht kommen gehört.

„Da ist kein Schloss drin“, sprach Findecàno weiter.

„Tut mir Leid… eine alte Angewohntheit.“

Findecàno trat zu ihm und nahm ihn in den Arm.

„He, schau nicht so traurig, du hast noch ganz viel vor dir.“

Golradier nickte, auch wenn er noch nicht verstand. Er folgte Findecàno die Treppe hinunter in den Wohnraum, wo Maeglin mit einem ihm unbekannten Mann am Tisch saß. Die beiden schienen sich über etwas zu amüsieren, denn sie lachten herzhaft.

„Na ihr zwei, schon wieder eifrig am Lästern?“, sprach Findecàno neben mir.

Beide Köpfe flogen herum und die zwei sahen zu uns. Der Fremde lächelte und stand auf.

„Findecàno, schön dich zu sehen!“, sagte der Elf, streckte seine Arme aus um Findecàno zu umarmen.

„Amras Tîwele, schön dass du hier bist. Was führt dich in unsere bescheidene Hütte?“

„Ach, ich weiß auch nicht recht. Eine Stimme riet mir, herzukommen.“

„Meine war es nicht.“, unterbrach Maeglin diese Unterhaltung, „Amras, darf ich dir unseren Gast vorstellen… Golradier Calafalas…“

„Oh, der Golradier Calafalas?“

„Ihr kennt mich?“, fragte Golradier.

„Nicht direkt, aber man redet viel über Euch.“

„Über mich?“

„Amras, hör auf unseren Gast zu verwirren“, unterbrach Maeglin dieses aufkeimende Gespräch.

Ihm war nicht entgangen, wie die beiden sich ansahen. Er spürte aber auch das Unbehagen, mit dem sich Golradier das Leben schwer machte. Zu groß war die Last, die durch seine Vergangenheit seinen Lebensmut minderte.

Aber dies sollte ja jetzt ein Ende haben. Endlich sollte Golradier seiner wahren Bestimmung zugeführt werden. Aber wie erklärt man einem Elfen, dass man ihn jahrelang vergessen hatte? Maeglin senkte seinen Blick. An Golradier hing alles.

*-*-*

Golradier fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. Zu viert saßen sie am Tisch, hatten gut gegessen und unterhielten sich. Amras saß nun deutlich näher an ihm und lehnte sich regelrecht an ihn. Die Energie, die Golradier dabei durchströmte, war so unfassbar. So voller Kraft. Maeglin erzählte etwas von Prophezeiungen und Vorahnungen, aber Golradier bekam von all dem nicht viel mit. Er hing an Amras’ dunkelbraunen Augen, die geheimnisvoll funkelten und dabei soviel Zuversicht ausstrahlten.

„Hörst du überhaupt zu?“, fragte Maeglin plötzlich und Golradier zuckte zusammen, als er feststellte, dass Maeglin ihn gemeint hatte.

„Golradier, es ist sehr wichtig, dass du aufmerksam zuhörst, in Ordnung?“

Golradier nickte.

„Ich weiß nicht wie viel dir Caranthir erzählt hat.“

„Eigentlich gar nichts. Das, was er mir erzählte, habe ich nicht verstanden. Er meinte, das würde ich alles später verstehen.“

„Du weißt also absolut gar nichts?“, fragte Maeglin erneut.

„Ihr sprecht alle in Rätseln!“

„Das ist nicht so gut“, mischte sich Amras ein.

„Ich habe doch gesagt, mir blieb keine Zeit ihn auf irgendetwas vorzubereiten“, verteidigte sich Findecàno.

„Das hat dir auch keiner vorgeworfen, mein Engel!“, beruhigte ihn Maeglin und nahm ihn in den Arm.

„Könntet ihr mir jetzt bitte sagen, um was es geht?“, fragte Golradier etwas missgelaunt.

Für einen Augenblick sahen sich die drei Männer schweigend an, bevor sie sich Golradier wieder zuwandten.

„Ich weiß“, begann Maeglin, „wir werden dich jetzt regelrecht überfahren, aber es ist dein Weg und deine Bestimmung.“

Golradier bekam auf einmal ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

„Du hast sicher von Caranthir gehört, dass es da einen 500 Jahren alten Elfen gibt…“

„Der lebt noch?“, fragte Golradier verwundert.

„Camthalion Cúthalion befindet sich bei bester Gesundheit, ja! Er ist der Prophet der fünf Hügel von Nargonsel. Er hat vorhergesagt, dass ein gebranntmarkter junger Elf erscheinen wird. Der Träger des Siegels der Liebe.“

„Siegels?“, fragte Golradier.

„Du hast von deiner Mutter zum zehnten Geburtstag ein Medaillon bekommen.“

Golradier war fassungslos. Woher konnte Maeglin das wissen? Automatisch griff er an seine Brust und umfasste das Medaillon durch das Hemd hindurch.

„Du trägst es bei dir?“, fragte Findecàno aufgeregt.

„Ich… ich trage es immer bei mir… es ist das einzige, was ich noch von meiner Mutter habe.“

Golradier senkte den Kopf und wurde unheimlich traurig. Plötzlich keimte ein Gefühl von Sehnsucht in ihm auf. Er sah seine Mutter… seinen Vater. Er sehnte sich nach den starken Armen seines Vaters. Golradier spürte, wie sich langsam Tränen ihren Weg über seine Wangen bahnten. Sie fehlten ihm und es tat schrecklich weh.

„He Golradier… nicht weinen…“, hörte er Amras neben sich sagen und bemerkte, wie dieser seinen Arm um ihn legte und ihn zu sich ran zog.

Golradier griff nun nach der Kette an seinem Hals und öffnete den Verschluss. Langsam zog er das Medaillon hervor und legte es vorsichtig auf den Tisch. Die anderen betrachteten es ehrfürchtig.

„Du hast die Macht, der Schreckensherrschaft ein Ende zu setzen – du bist der Erwählte“, sprach Maeglin mit tiefer Stimme.

Golradier hob seinen Kopf und schaute in die Runde.

„Der Traum… erzählt von zwei… Elfen…, doch ich bin alleine.“

„Diesen Gedanken vergisst du ganz schnell wieder“, begann Findecàno, „du bist nicht alleine, du hast uns!“

„Habe ich das?“, fragte ich leise.

„Ja hast du!“

„Tut mir Leid…, ich war die ganze Zeit alleine…“

„Jetzt nicht mehr, also gewöhne dich daran.“

Ein kleines Lächeln huschte über Golradiers Lippen. Immer noch lag Amras’ Arm um seinen Schultern und er fühlte sich wohl dabei. Sein Blick fiel wieder auf das Medaillon.

„Wie hast du vorhin mein Medaillon genannt… Siegel?“

„Ja, es ist das Siegel des mächtigen Dreigestirns. Ein jeder Stern steht für eine Macht“, erklärte Maeglin.

„Einmal das Licht. Das Licht, das uns täglich umgibt und welches wir in uns tragen, damit sich die Dunkelheit nicht ausbreitet. Dann wäre da die Freiheit. Jeder braucht seine Freiheit und jeder sollte frei und ohne Zwang leben können.“

Das verstand Golradier.

„Und die wichtigste Macht ist die Liebe! Sie vereint das Licht und die Freiheit. Sie steht für alles, an das wir glauben. Ohne Liebe geht alles zu Grunde.“

„Liebe kann schmerzen!“, warf Amras ein.

„Du irrst werter Freund. Liebe schmerzt nicht, sie macht nicht unglücklich. Liebe begeht keine Fehler und vor allem macht Liebe nicht einsam! Alles Schlechte, was man der Liebe nachsagt, kommt von uns selbst. Diese Gedanken sind die Folgen aus Fehlern, die wir selbst begehen. Aber die Liebe bleibt dabei unantastbar.“

Golradier schaute zu Amras. Hatte er schon so geliebt, dass ihn deswegen solch ein Schmerz ereilte, durch Verlust oder gar einer Trennung? Im selbigen Augenblick trafen sich ihre Blicke und Amras Lippen verzogen sich zu einem liebenswürdigen Lächeln. Das Braun seiner Augen strahlte dabei wie ein Teller voller Kerzen.

„Ertha alnaud-lain, gail a sîdh. Leithian mín tûr“, sprach Maeglin.

Golradier verstand nur wenig von dieser alten Sprache, zu viel hatte er seit damals vergessen. Doch er brauchte nicht lange zu warten.

„Vereine die Freiheit, strahlendes Licht und die Liebe. Entfesselung unserer Macht!“

„Von welcher Macht sprichst du?“, fragte Golradier.

„Die Macht, die die alte Ordnung wieder herzustellen vermag, in der es nur eines gleichen gab und keiner über den anderen herrschte“, antwortete Maeglin.

„Maranwe Helyanwe“, sagte Amras leise.

„Sie ist das Böse, das unser Land in den Untergang treibt. Wenn wir tatenlos zusehen, wird bald nichts mehr davon übrig bleiben“, sprach Maeglin weiter und seine grünen Augen wurden starr.

Sein Gesicht wurde blass und er lehnte sich etwas zurück. Mit fremder tiefer Stimme sprach er weiter.

„Es werden noch viele Opfer folgen, sie wird das Land aussaugen, bis es keine freien Seelen mehr gibt…, das Land wird bluten. Wohl denen, die dem Bösen den Kampf ansagen, denn sie werden Höllenqualen erleiden…“

Ehrfürchtig schauten alle drei auf Maeglin. Sein Äußeres veränderte sich wieder.

„Alles in Ordnung mit dir werter Gefährte?“, fragte Findecàno besorgt.

Maeglins Augen wurden traurig und feucht.

„Soviel Leid und Schmerz…“, antwortete Maeglin leise.

„Maeglin, verschließe deinen Geist…“, sprach nun Findecàno fast flehend.

Golradier verstand nicht was sich vor ihm abspielte. Maeglin schien immer noch abwesend und viele Tränen rannen über seine Wangen, sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Maeglin… komm zu dir, bitte“, sagte Findecàno leise und nahm seinen Liebsten in den Arm.

Fragend schaute ich zu Amras.

„Maeglin hat die Gabe, die Gefühle anderer zu spüren. Dies bedeutet aber auch, dass er ihr Leid und ihren Schmerz fühlen kann“, erklärte er.

Maeglin atmete tief durch und senkte seinen Kopf. Findecàno, der neben Maeglin doch etwas kleiner wirkte, nahm ihn in den Arm und strich ihm sanft über das Haar.

„Wäre es eigentlich möglich für heute Nacht bei euch unterzukommen?“, fragte Amras plötzlich.

„Tut mir Leid, aber Golradier liegt in unserem freien Zimmer“, antwortete Findecàno.

„Mein… mein Zimmer ist doch groß genug. Wenn es Amras nichts ausmacht…“ Golradier brach seinen Satz ab und senkte verlegen seinen Kopf.

„Was ist Golradier?“, fragte Findecàno.

„… wenn er nichts gegen so einen wie mich hat…“

Maeglin schaute ihn mit feuchten Augen an und griff nach seiner Hand.

„Golradier, höre mir zu. Was du warst oder was du für andere bist, interessiert keinen. Wichtig ist nur, was du fühlst. Dass du weißt, wer du wirklich bist!“

Golradier nickte.

„Ich denke es wird Zeit, dass wir uns zurück ziehen“, sagte Findecàno und alle nickten ihm zu.

„Ich werde meine Sachen holen“, meinte Amras und verließ den Raum.

Die anderen erhoben sich ebenfalls und Golradier machte sich auf den Weg nach oben, während Maeglin und Findecàno die Lichter löschten. Es dauerte etwas bis Amras wieder erschien. Er hatte eine Satteltasche über der Schulter hängen, die er neben dem kleinen Tisch auf den Boden stellte.

„Auf welcher Seite schläfst du?“, fragte Amras und riss Golradier damit aus den Gedanken. Er bedachte Amras mit einem fragenden Blick und dieser wies auf das große Bett.

„Welche Seite?“

Golradier zuckte als Antwort nur mit den Schultern und begann sich langsam zu entkleiden. Auch Amras zog sich ohne ein weiteres Wort zu verlieren aus und legte alles fein säuberlich über eine Stuhllehne. Obwohl Amras ihn nicht beobachtete, schämte sich Golradier und drehte sich zur Wand. Sollte er sich wirklich nackt ausziehen, so schlafen wir er es gewohnt war? Ein Seufzen durchfuhr seinen Körper und er ließ nun auch seine letzten Hüllen fallen.

„Golradier…“, hörte er Amras’ Stimme direkt hinter sich und fuhr leicht zusammen, „weißt du eigentlich, wie schön du bist?“

Noch immer stand Golradier zur Wand gedreht und erschauderte, als er Amras’ Hand auf seiner Schulter spürte und wie sie sanft nach unten strich.

„Als ich dich vorhin die Treppe herunter kommen sah, habe ich schon gespürt, was von dir ausgeht… welche Macht von mir Besitz ergreift.“

Golradier war keines Wortes mächtig. Er schloss seine Augen und genoss jede Zärtlichkeit, die von Amras ausging.

„Hat dir schon mal jemand gesagt, wie schön du bist?“

Golradier schüttelte verschüchtert den Kopf, drehte sich aber dennoch zaghaft um und gerade, als er Amras in die Augen schauen wollte, wurde die Zimmertür aufgerissen.

„Packt eure Sachen und… oh.“

Amras grinste frech und Golradier versuchte seine Nacktheit zu verhüllen.

„Es tut mir ja leid, aber ihr müsst euch schnell anziehen. Wir müssen weg“, meinte Findecàno.

„Weshalb?“, kam es von Amras.

„Unser Lager ist entdeckt worden… und ich dachte Maeglins Verdunklungszauber würde uns dies ersparen… ich muss dringend wieder zu ihm.“

Und schon war Findecàno wieder verschwunden. Golradier stand bewegungslos da und starrte auf die Stelle, an der Findecàno eben noch gestanden hatte. Er war sich seiner Nacktheit bewusst, doch rührte sich keinen Millimeter.

„Dann mal los mein Engel der Liebe, du hast Findecàno gehört.“

Golradier riss die Augen auf. Wie hatte Amras ihn gerade genannt – Engel der Liebe?

Nur langsam kam sein motorisches Wesen wieder in Gang und mühsam zog er seine Kleidung wieder an.

Von draußen war plötzlich Geschrei zu hören und Golradier bestärkte sein Bemühen, seine Habseligkeiten zusammen zu suchen. Traurig schaute er zum Schrank, in dem mehr Kleidungsstücke hingen, als er je in seinem kurzen Leben besessen hatte.

Er griff nach seinem Anhänger, der sich plötzlich leicht erwärmte, doch Amras holte ihn in die Wirklichkeit zurück.

„Können wir aufbrechen mein Engel, es wird Zeit!“

Golradier nickte und griff nach der in seine Richtung ausgestreckten Hand. Amras zog ihn zum Zimmer hinaus, aber anstatt den direkten Weg die Treppe hinunter zu nehmen, lief er mit ihm den Gang hinunter in ein anderes Zimmer. Golradier kannte sich hier nicht aus und so blieb ihm nichts anderes übrig, als Amras zu vertrauen.

„Hier gibt es noch eine kleine Treppe ins Freie“, meinte Amras, der Golradiers Gedanken dem Anschein nach lesen konnte.

Draußen angekommen wurde den beiden erst bewusst, in welcher Gefahr sie schwebten. Vom Eingang des Lagers her hörte man das Klingen der Schwerter, die hart aufeinander schlugen.

„Kommt hier her“, hörten die zwei Maeglin rufen.

Maeglin stand mit Findecàno bei einer kleinen Baumgruppe neben dem Haus und sie liefen eilig los. Amras’ Hand umschloss dabei immer noch kräftig die Golradiers’, wodurch sich Golradier trotz der anbahnenden Gefahr sicher fühlte.

Maeglin sprach indes pausenlos einen Zauber nach dem anderen aus.

„Lûth brethil“, flüsterte Maeglin, worauf eine Gruppe kleiner Birken damit begann wild um sich zu schlagen. Alleine dadurch wurden gleich drei der Angreifenden außer Gefecht gesetzt. Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, so hätte Golradier bei diesem Anblick laut gelacht.

Endlich ereichten sie die beiden. Findecàno hatte hinter sich vier Pferde stehen. Golradier erkannte darunter Feanàro, Findecànos geliebtes Pferd. Das Pferd hob den Kopf und wieherte kurz, als es Golradier bemerkte.

„Es ist zu spät, das Lager ist bereits von Maranwes Truppen umlagert und sie ist sich sehr siegesgewiss“, sagte Maeglin.

„Du scheinst aber offensichtlich vom Gegenteil überzeugt zu sein, werter Freund“, kam es von Amras.

„Maranwe ist gut, aber nicht gut genug.“

Maeglins Mund verzog sich zu einem teuflischen Grinsen, bevor er sich niederkniete und mit der linken Hand den Boden berührte. Er sprach dabei die Worte ‚fae-hithu‘ und der geheimnisvolle Seelennebel breitete sich langsam aus. Währendessen griff Maeglin unter seinen Umhang und zog drei Seile hervor.

„Hier, bindet euch an mir fest… Ja, ich weiß, ich bin schon eine fesselnde Persönlichkeit‘, grinste er dabei frech.

Die anderen zögerten nicht. Während sie sich mit dem Magier verbanden stand dieser wieder auf und führte seine Hand seine Stirn.

Thia-fae!

Seine Augen wurden von grauen Schleiern überlagert.

„Los geht es!“

Amras nahm zwei Pferde und folgte mit den anderen Maeglin durch die anwachsende Nebelwand. Golradier hatte plötzlich wieder Angst und drängte sich dicht an Amras, um Schritt halten zu können.

Maeglin legte ein mächtiges Tempo vor und Golradier hatte seine Schwierigkeiten, dem nach zu kommen. Besonders problematisch auch dadurch, weil er rein gar nichts sehen konnte. Plötzlich liefen sie bei Maeglin auf, als dieser stehen geblieben war.

„Kein Wort!“, zischte Maeglin leise.

„Heltha ar echuida meleth!“

Golradier wunderte sich, weil diese Worte eher schon belustigt von Maeglin ausgesprochen wurden.

„Es funktioniert doch immer wieder“, kicherte er gehässig.

„Was meint Maeglin damit?“, fragte Golradier.

„Das willst du nicht wissen“, meinte Amras.

*-*-*

Golradier wusste nicht, wie lange sie schon unterwegs gewesen waren. Ihm tat alles weh, denn ohne die kurze Pause in Maeglins Haus war es schon die zweite lange Reise an diesem Tag.

Seit sie dem Nebel von Maeglin entronnen waren, ritten sie ohne Rast. Über das Ziel wurde nicht geredet. Überhaupt wurde nicht viel geredet und das ließ Golradier nervös werden.

„Golradier, es ist nicht mehr weit, bald kannst du deinen verdienten Schlaf nachholen.“

Golradier lächelte. Er hatte vergessen, dass Maeglin seine Gedanken lesen konnte. Das änderte aber nichts daran, dass er sich müde und matt fühlte. Er ritt dicht neben Amras und seine Nervosität legte sich langsam wieder. Immer wieder sah er zu dem großen Elfen, der schräg versetzt vor ihm ritt. Sollte er wirklich der sein, den er immer in seinen Träumen gesehen hatte?

Aber wenn er es wirklich war, würde dann auch all das andere geschehen, woran er sich in den Träumen erinnern konnte?

Plötzlich hielt Maeglin an.

„Warum hast du mir das nicht früher mitgeteilt?“, fragte Maeglin und schaute Golradier an.

„Was… was meinst du.“

„Dass du die Gabe besitzt in die Zukunft zu schauen.“

„Golradier kann in die Zukunft schauen?“, fragte Findecàno erstaunt.

„Wir müssen uns beeilen“, sprach Maeglin weiter, „die Zeit drängt.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, trieb er sein Pferd heftig an, das darauf leicht hoch stieg. Die anderen folgten ihm ohne zu fragen. Der Weg stieg an und der Wald verdichtete sich wieder, als Maeglin das Tempo drosselte.

„Wartet hier bitte einen Augenblick“, sprach er und ritt langsam alleine auf eine Lichtung.

Dort angekommen stieg er vom Pferd und legte erneut seine Hand auf den Boden.

„Thia le ion en brôg.“

Einige Minuten geschah nichts, doch plötzlich hörten die drei zurück Gebliebenen ein tiefes Brummen. Es wurde lauter und stärker. Dazu kamen schwere Schritte, die den Boden mehr und mehr erzittern ließen.

Die Bäume vor Maeglin begannen sich zu bewegen und er stand auf. Die Pferde wurden etwas unruhig, als ein riesiger brauner Bär vor ihnen erschien. Maeglin jedoch blieb ruhig stehen und neigte seinen Kopf.

„No suila arode brôg!“, sprach er mit ruhiger Stimme.

Der Bär stellte sich daraufhin auf die Hinterbeine, was ihn noch mächtiger wirken ließ. Golradier bekam nur soviel mit, dass Maeglin diesen Bären gerufen hatte und jetzt auch begrüßte.

„Arode curunir man din lin mael?“, brummte der Bär mit so tiefer Stimme, dass der Boden wieder erzitterte.

„Er fragt, was Maeglin will“, flüsterte Golradier den anderen beiden zu.

„Du verstehst das?“, fragte Amras leise verwundert.

„Etwas… habe es mal gelernt.“

„Liebster, du überrascht mich immer mehr!“

„Liebster? Habe ich etwas verpasst?“, mischte sich nun Findecàno ein.

Amras lächelte, schwieg aber.

„Hartha pol am hobas?“, fragte nun Maeglin.

Der Bär nickte. Seine Gestalt fing an zu schrumpfen und wurde immer kleiner, bis er Maeglins Größe erreicht hatte. Maeglin stand immer noch ruhig an derselben Stelle.

„Was hat er gefragt?“, kam es von Amras leise.

Das Schauspiel der Verwandlung des Bären faszinierte Golradier derart, dass er die Frage gar nicht wahrnahm. Zu gefangen war er von dem Bären, der sich langsam in einen Waldelf verwandelte.

„Seid gegrüßt mächtiger Maeglin. Folget mir mit Euren Freunden. Euer Lager steht bereit“

Auch wenn dessen Stimme noch immer tief klang hatte sie ihre Wucht verloren. Die drei stiegen nun ebenso ab und folgten dem Waldelf und Maeglin.

*-*-*

„Du nichtsnutziger Bastard einer Ausgeburt, wie konntet ihr sie nur entkommen lassen“, schrie Maranwe.

„Herrin, es tut mir Leid, aber der dichte Nebel…“

„Schweig!“, durchschnitt Maranwes Stimme scharf den Saal.

Kein Laut war mehr zu hören, lediglich der Hall von Maranwes Kreischen zog sich durch den Saal.

„Celgorm!“

„Ja Schwester?“, erwiderte dieser.

„Kümmere du dich um die Sache und nimm Finwe Nòlatàri mit!“

„Wie Ihr wünscht, Schwester.“

Celgorms Gesicht verfinsterte sich. Es war eines, seiner Schwester Gehorsam Dienst leisten zu müssen, aber sich mit Finwe zusammen zu tun, war etwas anderes. Er hasste diesen Elfen abgrundtief.

Finwe stand unweit der großen Holztür und hatte wie immer dieses widerwärtige Grinsen auf den Lippen. Celgorm verließ Maranwe ohne ein weiteres Wort zu sagen und durchschritt den großen Eingang.

„Wohin so schnell werter Freund?“, kam es von Finwe, „hat Euch Eure Schwester nicht klare Anweisungen gegeben?“

Celgorm stoppte abrupt, griff Finwe an den Hals und packte zu.

„Sagt Ihr mir nicht, was ich zu tun habe!“

Dann ließ er Finwe wieder los, der immer noch hässlich lächelte. Celgorm verließ grimmig den Saal, ohne sich nochmals umzudrehen und gab seinen Leuten ein Zeichen, die ihm sodann folgten. Draußen angekommen, bestieg er sein schwarzes Pferd.

„Seth und Hambras, haltet mir diesen giftigen Zwerg vom Leib, verstanden?“

Die zwei Reiter neben Celgorm nickten stumm.

*-*-*

„Ich habe deinem Vater eine Nachricht zukommen lassen“, sprach Maeglin, während er einer seiner Satteltaschen entleerte.

„Das hättest du nicht brauchen, er kann gut genug auf sich selbst aufpassen“, erwiderte Findecàno.

„Höre ich da etwa so etwas wie Trotzigkeit?“

„Maeglin, du weißt genau wie ich dazu stehe…“

Maeglin nahm Findecàno sanft in den Arm und küsste ihn innig.

„Ja, mein Engel, ich weiß. Wäre es aber nicht an der Zeit, deinem Vater mit etwas Nachsicht zu begegnen?“

„Er hätte jeden haben können…“

„Mich nicht!“, lächelte Maeglin.

Nun umspielte auch Findecànos Lippen ein kleines Lächeln.

„Du weißt“, sprach Maeglin weiter, „man kann nie erahnen, wo einen die Liebe hinführt. Und dein Vater liebt nun einmal Celgorm.“

*-*-*

Caranthir hatte die Botschaft erhalten und sich bereits auf den Weg gemacht. Die Mitteilung enthielt auch noch eine Bitte, der Caranthir nun folgen wollte. Er ritt den schmalen Pfad unweit der Stadt hinauf.

Nach einer Weile öffnete sich der Pfad zu einer Lichtung, die still vor ihm lag. Lediglich das Knistern des Feuers am Lager war zu hören, das sich vor Caranthir auftat.

„Keinen Schritt weiter, wenn Euch Euer Leben lieb ist!“, hörte Caranthir aus dem Gebüsch und bremste sein Pferd.

Seinen Mund umspielte ein Lächeln.

„Werte Aredhrel, ich reite und schreite nicht.“

Eine junge Kriegerin trat hinter einem Baum hervor.

„Caranthir, welch göttliche Fügung, dass ich dich an deiner Stimme erkannt habe.

„Immer zu Scherzen aufgelegt Aredhrel“, lächelte Caranthir, „wo sind deine Mitstreiterinnen?“

Aredhrel ließ ihr Schwert sinken.

„Da uns Maeglin einen Boten geschickt hat, ist Marayne bereits am Packen und Celebriän holt ihre Brüder. Sie möchte sie in Sicherheit wissen, wenn wir in den Kampf ziehen.“

„Die Zeit drängt, das wisst ihr!“

„Ja, Caranthir. Sobald Celebriän wieder hier ist, können wir aufbrechen. Aber erzähl. Wie ist es dir ergangen? Wir haben uns schon seit Ustavs Geburtstag nicht mehr gesehen.“

„Es hat sich nichts geändert und alles ist beim Alten geblieben.“

Aredhrel schaute ihn etwas mitleidig an. Dann schüttelte sie kurz den Kopf, als wolle sie ihre Gedanken vertreiben.

„Komm, du hast sicher Durst und Marayne wird sich freuen dich wieder zu sehen.“

Caranthir stieg von seinem Pferd ab und umarmte Aredhrel nochmals zur Begrüßung. Gemeinsam liefen sie zur alten Hütte, die die Kriegerinnen ihr Heim nannten, doch plötzlich blieb Aredhrel stehen und horchte angestrengt Richtung Wald.

„Drei Reiter… Celebriän kehrt zurück.“

Caranthir war immer wieder fasziniert über Aredhrel gutes Gehör und ihre Gabe, Dinge nach ihren Geräuschen bestimmen zu können. In diesem Moment wurde die Tür der alten Hütte aufgezogen und Marayne trat heraus.

„Caranthir Ringeril… Hüter der elfischen Träume – seid willkommen!“, sprach sie und breitete ihre Arme aus.

„Marayne Telenmar – Kriegerin des goldenen Turms – es ist mir immer wieder eine Freude!“

Beide fielen sich stürmisch in die Arme und als sie sich wieder voneinander lösten, schauten sie sich für einen kurzen Augenblick in die Augen. Ein kurzes Nicken beider unterbrach diese Blickverbindung.

Man konnte das Wiehern dreier Pferde hören und so drehten sich beide Richtung Pfad. Dort sah man drei Elfen den Berg heraufkommen. Der erste Reiter löste sich und galoppierte den anderen voraus.

„Marayne… Aredhrel hallo ich bin wieder da“, rief ihnen Elwè entgegen.

Der junge Elf strahlte über das ganze Gesicht und winkte den beiden wild zu.

Er hat sich gut gemacht, seit er mit Lonàn zusammen lebt“, sprach Caranthir zu Marayne.

„Es war deine Idee, die beiden zusammen zu bringen. Und niemand hat einen Verdacht geschöpft, für die Nachbarn sind sie Brüder“, entgegnete Marayne.

„Caranthir, du bist ja auch da“, rief nun Elwè, der sie fast erreicht hatte.

Er sprang vom Pferd und rannte auf Caranthir zu, der Mühe hatte diesen Wirbelsturm aufzufangen.

„Hallo Elwè, wie geht es dir?“

„Gut, weil ich wieder bei euch sein kann.“

Elwè löste sich aus der Umarmung von Caranthir und wandte sich den ankommenden Celebriän und Lonàn zu.

„Lonàn schau, Caranthir ist auch hier!“

Lonàn lächelte Caranthir zu und nickte.

„Hallo Marayne“, rief nun Elwè und beide unterbrachen ihren Blickkontakt.

Auch Marayne hatte, trotz ihrer Kraft, Mühe dem Kleinen gegenüber standhaft zu bleiben.

Alle standen sie da und lächelten, bis Caranthir zum Aufbruch mahnte.

„Wir bleiben nicht hier?“, fragte Elwè erstaunt.

„Nein Elwè und nun halt dich mal etwas zurück. Jeder im Umkreis von fünf Meilen hört dich und weiß, dass wir hier sind“, sprach Lonàn seinem jungen Freund ins Gewissen.

„Ich freue mich doch aber so“, widersprach Elwè.

„Dann freu dich bitte etwas ruhiger“, sprach Lonàn weiter.

„Ich hole nur noch meine Sachen aus der Hütte, dann können wir los“, unterbrach Marayne das Gespräch.

„Wenn du nichts dagegen hast helfe ich dir“, kam es von Elwè und stürmte ohne eine Antwort abzuwarten mit in die Hütte.

*-*-*

Aus dem Blickwinkel heraus sah Celgorm Finwe in gebührendem Abstand zu ihm reiten. Endlich waren sie aus den Fesseln seiner Schwester entbunden, denn ihre Macht über ihn hielt nur so lange, wie er sich in ihrer Nähe aufhielt.

Fliehen wäre dennoch zwecklos gewesen, denn Maranwes Macht war zu groß. Nun aber bot sich endlich eine Gelegenheit, da der Krieg unmittelbar bevorstand. Er hatte sich über Maeglin Narmolanya Auskünfte einholen lassen und war sich sicher, dass dieser Mann ihm helfen konnte.

Schwermütig dachte er an Caranthir, den er jetzt schon seit der Sonnenwende nicht mehr gesehen hatte. Wie es ihm wohl gehen mochte, dachte sich Celgorm. Doch so lange er Finwe am Hals hatte, konnte er überhaupt nichts machen.

Seine Schwester würde sofort davon erfahren. So musste sich Celgorm überlegen, wie er diesen Mistad [Fehltritt] eines Elfen los bekommen würde. Seth und Hambras bemühten sich sehr, um ihrem Anführer genügend Ruhe zu verschaffen.

Dank des Fährtenlesers waren sie schon sehr weit gekommen und hatten auch ein Lager gefunden, welches natürlich schon geräumt worden war. Sie folgten nun einfach den Spuren Richtung Norden. Es würde bald felsiger werden und für die Pferde anstrengender, das hieß, sie würden bald Rast machen müssen. Einige Pferde zeigten bereits erste Erschöpfungsanzeichen. Celgorm hob die Hand.

„Wir machen eine Pause!“, sagte er laut und stieg von seinem Pferd ab.

Und wenn wir ihre Fährte verlieren?“, hörte er Finwe eindringlich fragen.

„Wir haben die besten Fährtensucher weit und breit, die gehen uns schon nicht verloren“, antwortete Hambras an Celgorms Stelle.

Celgorm war froh, dass er sich auf seine Leute verlassen konnte und Finwe hatte dem anscheinend nichts mehr hinzu zu fügen, denn er schwieg. Celgorm band sein Pferd an einer Wurzel fest und lief ein Stück auf dem Pfad weiter.

Warum hatte er seiner Mutter nie geglaubt… Sie hatte ihm vorausgesagt, dass Maranwe alles an sich reißen würde, sogar den Vatermord hatte sie vorausgesehen. Nachdenklich hielt er inne und blickte gen Himmel, an dem nur vereinzelt ein paar Wolken zu sehen waren. Sein Blick wanderte weiter zu dem Gebirge hinauf, auf dessen Pfaden sie sich später befinden würden. Ein schmaler Rauchstreifen verriet ihm, dass da oben jemand sein musste.

Bestimmt die, nach denen sie suchten.

*-*-*

„Wir müssen vorsichtig sein, ich kenne diesen Wald nicht“, sprach Caranthir leise und zügelte das Tempo.

Marayne zog ihr Schwert.

„Du hast Recht, auch ich habe ein ungutes Gefühl“, sagte sie.

Langsam ritten sie den immer enger werdenden Pfad weiter.

„Da kommt jemand“, sagte Aredhrel plötzlich.

Alle stoppten. Sogar Elwè war ruhig geworden.

„Aus welcher Richtung?“, fragte Celebriän, die mittlerweile ihren Bogen hervorgezogen hatte und nun mit einem Pfeil versah.

„Von vorne“, antwortete Aredhrel knapp.

Noch konnte sie weder jemanden sehen noch hören. Eine Spannung lag in der Luft, die fast nicht zu ertragen war.

„Wir haben schon auf euch gewartet!“, erklangen plötzlich Stimmen vor ihnen.

Elwè zuckte dabei zusammen und ging hinter dem Pferdkopf in Deckung, als schließlich ein junger Elf zwischen zwei Bäumen hervor trat.

„Findecàno, freut mich dich zu sehen“, sagte Marayne und ließ ihr Schwert wieder sinken.

Ein erleichtertes Durchatmen ging durch die kleine Gruppe. Findecàno führte alle durch ein wahres Labyrinth von Wegen, bis sich vor ihnen eine große Felsgruppe auftat. Diese war von mehreren Bauten durchzogen, die weit bis in die oberen Spitzen des Gebirges reichten.

„Wo sind wir hier?“, fragte Lonàn.

„Orod i rin!“, sprach Maeglin, „der Berg der Erinnerung. Hier ist alles Wissen der Elfen vereint. Jedes auch noch so unscheinbares Wissen wurde hier zusammengetragen.“

„Maeglin“, rief plötzlich Elwè, sprang vom Pferd und fiel Maeglin um den Hals.

„Hallo Elwè“, lächelte Maeglin und wirbelte den Kleinen herum, der das mit einem lauten Lachen quittierte.

„Ehrenwerter Maeglin“, wurde er auch von Marayne begrüßt, die sich dabei leicht verbeugte.

Einer nach dem anderen stieg von seinem Pferd ab und Maeglin begrüßte jeden herzlich. Als letztes Stand er vor Caranthir.

„Caranthir… wie lange ist es her…?“, fragte Maeglin.

„Zu lange… leider.“

Maeglins Blick wanderte zu seinem Liebsten, der etwas abseits stand.

„Er hat mir noch immer nicht verziehen, oder?“, fragte Caranthir seinen Gegenüber leise.

„Das kann ich dir leider nicht beantworten, alter Freund. Aber vielleicht solltet ihr eines dieser berühmten Vater und Sohn Gespräche führen.“

„Ist es dafür nicht schon zu spät?“

„Caranthir, es ist nie zu spät.“

Traurig schaute Caranthir zu seinem Sohn und Maeglin legte seine Hand auf dessen Schulter. Ermutigend sprach er leise weiter: „Versuch es einfach…, dein Sohn ist etwas Besonderes!“

Caranthir atmete tief durch. Er reichte Maeglin die Zügel seines Pferdes und schritt langsam auf Findecàno zu.

*-*-*

Celgorm saß nachdenklich am Lagerfeuer, als ihm Hambras ein Stück Fleisch reichte.

„Danke Hambras“, meinte er und starrte wieder ins Feuer.

Karanthir fehlte ihm sehr. Er hatte ihm immer die nötige Ruhe und Kraft gegeben. Aber seit seine Schwester dahinter gekommen war, dass sich ihr innigst geliebter Bruder in den Hüter der elfischen Träume verliebt hatte, tat sie alles in ihrer Macht stehende, um das zu unterbinden.

Celgorm verstand nicht, warum seine eigene Schwester etwas gegen diese Verbindung hatte. Er kam auch nicht dahinter, welchen Plan sie verfolgte. Warum war sie so gegen das Waldvolk?

Sein Vater hatte sich immer um gute Verbindungen zu den Waldvölkern bemüht, die an seinem Reich angrenzten. Stets hielt er die diplomatischen Verbindungen am Laufen. Doch das hatte sich leider nach seinem Tod geändert, als Celgorms ältere Schwester den Thron übernommen hatte.

Auch im eigenen Reich verschlechterte sich der Zustand des Volkes zusehends. Das Volk verarmte, während die Reichen, die sich um Maranwe scharrten noch mehr Geld anhäuften.

Jeder Versuch seitens Celgorm, seine Schwester milde zu stimmen, schlug fehl. Cûrontalf war nicht mehr das, was es einmal verkörpert hatte. In seinen Gedanken versunken beobachtete Celgorm seine Männer, die ausgelassen am Feuer saßen und ihren Gwin tranken.

Sie wussten nicht, dass Maranwe sie als verzichtbare Opfer eingeplant hatte. Celgorm überzog eine Gänsehaut und es schüttelte ihn leicht. Sein Blick wanderte Richtung Finwe, der etwas abseits an einen Baum gelehnt saß und irgendetwas mit einem Buch zu schaffen hatte.

Einzig dieser Mann konnte seine Pläne durchkreuzen. Wenn er Caranthir helfen wollte, so musste er ihn loswerden. Seine Augen funkelten finster und er bekam Angst vor sich selbst.

*-*-*

„Hallo Vater“, sprach Findecàno leise.

„Findecàno…“, erwiderte Caranthir und nickte kurz.

Ihre Blicke trafen sich und verharrten eine Weile. Bis Findecàno tief durchatmete und seinen Kopf beugte.

„Ich habe dich wohl sehr verletzt?“, fragte Findecàno.

„Nein mein Junge, das hast du nicht! Du hattest ja recht, weil ich mich wie ein liebeskranker Jüngling benahm.“

„Nein Vater, es gibt mir kein Recht dich zu kritisieren. Liebe ist zeitlos. Und wenn du mit Celgorm glücklich werden willst, dann wäre ich der Letzte, der dir im Wege stehen würde.“

„Wirklich? Ist das dein Ernst? Ich will meinen Sohn nicht verlieren, weil ich eine neue Liebe gefunden habe, mit der er nicht einverstanden ist.“

„Vater, du hast dein eigenes Leben und ich meines. Und wenn ich daran denke, wie du mich unterstützt hast, um mit Maeglin zusammen zu kommen, bereue ich es zutiefst, dir solche Vorwürfe gemacht zu haben.“

Ein schwaches Lächeln huschte über Caranthirs Lippen, doch sein Blick verfinstere sich gleich wieder.

„Was ist Vater, dein Blick ist so betrübt.“

„Es ist wegen Celgorm“, antwortete Caranthir und schaute seinem Sohn wieder in die Augen, „seit Maranwe ihn unter ihren Bann gestellt hat, habe ich nicht mehr mit ihm gesprochen. Ich befürchte, dass sie seinen Geist gegen mich wendet.“

„Celgorm ist ein Mann mit starkem Charakter. Ich denke sie hat keine Chance ihn irgendwie zu etwas anderem zu bekehren.“

„Du weißt selbst, zu was Maranwe alles fähig ist.“

Das wusste wohl jeder dieser Gruppe, weil er es irgendwann einmal selbst zu spüren bekommen hatte.

„Was machen wir hier, Maeglin?“, fragte Elwè.

„Wir suchen nach dem Buch *Parf il galad*“

„Und was ist das für ein Buch?“

„Das wüsste ich auch gerne“, meinte Maeglin mehr zu sich selbst denn als Antwort.

„Und warum suchen wir es dann?“, fragte Elwè weiter.

„Weil wir eine Antwort brauchen. Eine Antwort auf das, was auf uns zukommen wird.“

„Das Buch kann hellsehen?“

„Nein, das kann es nicht, Elwè. Aber ich denke, wenn es meine Fragen beantwortet, wissen wir, welchen Weg wir einschlagen müssen“, antwortete Maeglin und streichelte Elwè durchs Haar.

„Das verstehe ich jetzt nicht.“

„Das musst du auch nicht verstehen.“

„Und wo finden wir das Buch?“

Lonàn verdrehte indes die Augen, weil sein junger Freund Maeglin immer noch mit Fragen löcherte.

*-*-*

Celgorms Männer hatten das Lager abgebrochen und befanden sich nun auf dem schmalen Pfad den Berg hinauf. Keiner sagte ein Wort und alle konzentrierten sich auf den Weg, um nicht die steile Felswand hinunter zu stürzen.

In Celgorms Gedanken zogen dunkle Wolken zusammen. Sein Plan, Finwe zu töten, verstärkte seinen Hass auf diesen Mann. Doch wie konnte er es anstellen, ohne dass es jeder mitbekommen würde?

Er schaute leicht über die Schulter und sah, dass trotz der Bemühungen seiner Leute Finwe dicht hinter ihm ritt. Celgorms Gesicht verzog sich zu einem widerlichen Grinsen.

Er dachte angestrengt nach, als er über sich leise Geräusche hörte. Sein Blick wanderte nach oben und er sah noch, wie ein paar kleinere Steine die Felswand hinunter fielen.

Er war gewarnt worden, dass die Magie seiner Schwester auch in ihm existiere. Nie wollte er davon Gebrauch machen, doch jetzt spürte er diese Macht in sich wachsen. Celgorm dachte an den steilen Feldvorsprung über ihnen und konzentrierte sich fest auf ihn.

Der Boden schien plötzlich unter ihnen nachzugeben, alles fing an zu beben. Die Schreie seiner Männer nahm Celgorm nicht wahr, zu sehr war er von diesen Kräften gefangen.

Die ersten Felsbrocken lösten sich und stürzten in die Tiefe. Nicht nur Finwe, auch andere wurden mit in die Tiefe gerissen. Und plötzlich war wieder alles still, nur der feine Staub, den die Lawine hinterließ, trübte noch die Luft.

Celgorm selbst stand mit seinem Pferd am gleichen Platz wie vor dem Beben. Was hatte er da gerade getan? Er hatte andere seinesgleichen in den Tod geschickt! Verzweifelt und betrübt ließ er den Kopf sinken und begann zu schluchzen.

*-*-*

„Maeglin, was ist los? Du schaust so finster…“, fragte Findecàno seinen Liebsten besorgt.

„Jemand hat sich der Macht bedient und es sind Unschuldige dabei gestorben…“, antwortete Maeglin leise.

In der Halle wurde es plötzlich ruhig. Jeder hielt inne und Maeglins Worte hallten leise nach.

„Es hilft nichts Maeglin, wir müssen diese Schriften finden“, kam es von Caranthir, „irgendwo müssen doch diese alten Überlieferungen stehen.“

„Was für Überlieferungen genau sind es denn“, meldete sich nun Golradier zu Wort, der die ganze Zeit nur geschwiegen hatte.

„Ich habe dir schon erzählt, es geht um dein Siegel der Liebe und das goldene Schild der Freundschaft, welches Amras trägt, sowie um den Sonnenanhänger des Lichts“, antwortete Maeglin.

Nach dem Golradier verwundert zu Amras geschaute hatte, der Träger des goldenen Schilds sein sollte, wandte er sich wieder zu Maeglin.

„Und wer besitzt diesen Sonnenanhänger?“, fragte er.

„Das weiß ich eben nicht. Deswegen suche ich die Schriften des Aikanáro Elendil.“

„Hast du wenigstens einen Hinweis, ob es Schriftrollen oder ein Buch oder sonst was ist?“, fragte Findecàno.

„Ist es ein Buch mit drei Sonnen drauf?“, fragte Elwè plötzlich.

„Elwè, misch dich bitte nicht ein“, sagte Lonàn, der Elwè auf der Schulter trug.

„Ist schon in Ordnung, Lonàn“, meinte Maeglin, „wieso fragst du Elwè?“

„Ich hab hier so ein Buch, da sind drei Sonnen drauf gemalt.“

Alle hörten auf bei ihrer Suche und traten zu den beiden Jungelfen.

„Kannst du mir das bitte geben?“, fragte Maeglin.

Elwè beugte sich herunter und reichte Maeglin das alte Buch. Dieser begann sofort darin zu blättern.

„Was hat es mit den Schriften des Aikanáro Elendil auf sich?“, fragte Findecàno.

„Aikanáro war jahrelang damit beschäftigt, die Verbindungen der Häuser zu Papier zubringen.“

„Und was erhoffst du dir zu finden?“

„Im Hause des Huor wurde damals der Sonnenanhänger aus weißem Metall gefertigt. Und ich möchte wissen in welchem Haus er sich jetzt befindet.“

„Was ist so Besonderes an diesem Anhänger?“, fragte Golradier.

„Dem Schmied war damals ein kleines Missgeschick passiert. Ihm fiel ein Glas mit Wasser auf den Anhänger. Der Anhänger war jedoch noch so heiß, dass Teile des Glases sofort schmolzen und sich mit dem Metall verbanden.“

*-*-*

Celgorms Atmung beruhigte sich nicht und der Schmerz in seiner Brust wurde immer stärker. Was hatte er nur getan? Er verlor sein Gleichgewicht und fiel vom Sattel seines Pferdes.

Hart schlug er gegen den felsigen Boden.

„Herr?“, hörte er es noch irgendwo her rufen, dann schloss sich die Dunkelheit um ihn.

Als er später wieder zu sich kam, fühlte er eine mollige Wärme.

*-*-*

„Ich kann es nicht glauben…“, flüsterte Caranthir und ließ sich auf den Stuhl sinken.

„Es steht aber so geschrieben“, sprach Maeglin, „… an das Haus Helyanwe weiter gereicht, Herrscher über Bruchtal.“

Sie hatten die Halle wieder verlassen und standen zusammen unter freiem Himmel. Jeder schwieg und sogar Elwè traute sich nicht etwas zu sagen.

„Ich höre Reiter… vier oder fünf… Ein Pferd ist schwer beladen“, kam es von Aredhrel, die bereits ihr Schwert gezogen hatte.

„Erwartet ihr jemanden?“, fragte Maeglin den Waldelf, der sie die ganze Zeit begleitet hatte.

Doch dieser schüttelte nur den Kopf. Er schloss seine Augen und sog tief Luft ein. Alle konnten nun die Verwandlung des Waldelfen in einen Bären beobachten.

„So etwas habe ich noch nie gesehen…“, kam es von Elwè begeistert.

Die anderen reagierten nicht auf Elwè, sondern zogen schweigend ihre Waffen.

„Findecàno und Amras, ihr bleibt hier bei den Jungs und Golradier. Der Rest kommt mit mir!“

Keiner widersprach.

„Ich habe Angst Lonàn“, meinte Elwè und versteckte sich hinter diesem.

„Dir wird nichts passieren. Schau, alle passen auf uns auf“, sprach Lonàn beruhigend und nahm ihn in den Arm.

Golradier fühlte sich ebenfalls unbehaglich. Auch er suchte nun die Nähe von Amras, der ihn kurz anlächelte und sich dann wieder auf den Eingang zur Stadt konzentrierte.

Doch nichts war zu hören. Keine Schreie und auch keine Kampfgeräusche. Golradier fing an zu zittern. Zu unheimlich war diese Situation. Amras schien dies zu bemerken und nahm ihn in den Arm.

„Keine Angst, ich bin bei dir“, flüsterte er in Golradiers Ohr und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

Plötzlich aber waren doch Stimmen zu hören und alle wandten sich in deren Richtung. Als erstes erschien der Bär, der nun noch imposanter als zuvor aussah, gefolgt von Maeglin und den drei Kriegerinnen.

Dann tauchten Reiter und schließlich auch Caranthir auf. Dieser lief neben einem Pferd her, auf dessen Rücken zwei Reiter saßen, wobei der eine davon eher leblos in den Armen des anderen Reiters hing.

„Celgorm?“, rief Amras erstaunt.

Golradier sah zu den Reitern, wusste aber nicht, wen von ihnen Amras gemeint hatte. Dieser ließ ihn plötzlich los und lief zusammen mit Findecàno zu den beiden Reitern. Sie halfen ihnen, die leblose Gestalt vom Pferd zu ziehen.

„Celgorm… hörst du mich?“, sprach Caranthir leise.

Nun war auch Golradier klar, wer Celgorm sein musste.

*-*-*

Celgorm hörte wie durch einen Nebel eine ihm bekannte Stimme. Doch er traute seinen Sinnen nicht. Niemals konnte Caranthir in seiner Nähe sein. Wenn er herausfand, was Celgorm getan hatte, würden ihre zarte Bande der Liebe für immer zerbrechen.

„Ich glaube, da ist jemand erwacht“, meinte Maeglin.

Caranthir eilte zum Bett und kniete sich daneben.

„Celgorm… Geliebter, hörst du mich?“

Celgorm fühlte sich schlecht und schämte sich.

„Warum… bist du hier?“, fragte er Caranthir.

Caranthir verstand nicht, schaute zu Maeglin.

„Kann es sein, dass dein junger Freund ein großes Problem mit sich hat?“, fragte Maeglin

„Inwiefern?“, kam es von Caranthir.

„Er hat große Schuld auf sich geladen.“

Caranthir schaute wieder zu Celgorm und griff nach dessen Hand. Dieser entzog sie aber gleich wieder.

„Ich… ich habe… getötet.“

Caranthir atmete durch, denn er hatte sich etwas anderes vorgestellt.

„Liebster, es ist Krieg… und es gibt Opfer.“

„Aber…, aber nicht so.“

„Das verstehe ich nicht, erkläre es mir bitte Celgorm.“

„Ich… habe Durst…“

„Hier Caranthir, gib ihm davon“, meinte Maeglin und gab Caranthir eine kleine Flasche, „langsam trinken. Ich lasse euch nun alleine.“

*-*-*

Golradier stand am Fenster und schaute auf den Wald vor der Stadt. Seine Stimmung war ins Unermessliche gesunken. Was passierte hier? Vor ein paar Tagen war er noch in seiner Welt gewesen und nun hatte sich alles so unbegreiflich und rasant verändert.

Gut, es war nicht die beste Welt, aber er war für sich gewesen und hatte auf niemanden Rücksicht nehmen müssen. Aber nun hatte er so viele nette Menschen kennen gelernt, die ihn so akzeptierten wie er war.

„Wo sind deine Gedanken geliebter Golradier“, riss ihn Amras aus den Gedanken, was Golradier zusammen zucken ließ.

„Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht erschrecken. Soll ich dich alleine lassen?“

„Nein Amras, bleib bitte bei mir. Es ist nur…, vor ein paar Tagen noch, da war mein Leben noch stumpf und auch irgendwie sinnlos gewesen. Und jetzt? Alles ändert sich, plötzlich gibt es jemanden, dem ich wichtig bin.“

„Das kann ich verstehen.“

„Und… und es gibt dich. Du liebst mich, obwohl du mich noch nicht richtig kennst.“

„Ich sehe und fühle, lieber Golradier. Ich kann dir nicht sagen, warum mein Herz so voller Liebe für dich ist. Aber in deiner Nähe fängt es an wie wild zu schlagen. Ein Wort von dir reicht aus, um meinen Körper erzittern zu lassen… eine Berührung von dir lässt mich alles um mich herum vergessen.“

Golradier lächelte. Die trüben Gedanken über sein Leben verschwanden und er sah nur noch Amras vor sich.

„Ich liebe dich auch!“, flüsterte er, glitt vom Fenster herunter und trat näher an Amras heran.

„Egal was passiert, Golradier. Ich verspreche dir nicht mehr von deiner Seite zu weichen, denn du bist meine Zukunft und auch mein Leben.“

Beide fielen sich in die Arme und ergaben sich in einen Kuss voll Leidenschaft.

*-*-*

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du einen Elfen lieben kannst, an dessen Händen Blut klebt“, meinte Celgorm verbittert.

„Nein, das kannst du nicht, weil du nicht weißt, wie sehr ich dich liebe.“

Caranthir hatte Celgorms Hand in die seine genommen und streichelte sanft dessen Handrücken. Er schaute tief in Celgorms traurige Augen.

„Unser Weg ist schwierig, Celgorm. Und ich weiß auch, dass es noch mehr Opfer geben wird… auf beiden Seiten. Dass du dich von Finwe befreien musstest, ist mir klar.“

„Du hasst mich nicht?“, fragte Celgorm mit leiser Stimme.

„Würde ich sonst hier an deinem Lager sitzen?“

Ein winziges Lächeln zierte Celgorm Lippen.

„Und warum geht es mir jetzt trotzdem nicht besser?“

„Das liegt wohl an dem Kampf, den dein Herz führt. Die Macht deiner Schwester hat schon mehr Besitz von dir ergriffen als ich gedacht hatte.“

„Die Macht meiner Schwester?“

Caranthir machte sich an Celgorms Hemd zu schaffen und öffnete es. Zum Vorschein kam ein Amulett.

„Ich hoffte es so sehr“, meinte Caranthir und hob das Amulett an. „Weißt du, was du am Hals trägst?“

„Ja, das habe ich von meinem Vater überreicht bekommen. Es soll die Familie verkörpern.“

„Nein Celgorm, es ist das Amulett des Lichtes und deine Familie war Hüter dieses Schatzes.“

„Ich verstehe nicht, Caranthir.“

„Du bist das Licht… Amras die Freiheit und Golradier vereint euch beide mit Liebe.“

„Du sprichst in Rätseln.“

„Du kennst das Beleg Neled Gîl?“

„Ja, die drei Sonnen an unserem Himmel.“

„Ja und diese Sonnen stehen für Licht, Freiheit und Liebe. Eben wie dein Amulett, Golradiers Siegel der Liebe und Amras’ goldenes Schild der Freiheit. Alle drei vereint können sie eine Macht entfesseln, die weit über unsere Vorstellungskraft hinaus reicht.“

„Du meinst also, wenn… wie auch immer… wir drei zusammentreffen, entsteht eine Macht, die allem Übel ein Ende setzt?“

„Ja.“

„Aber ich verstehe nicht. Wenn dem so ist, wie du mir berichtest, warum weiß Maranwe nichts darüber? Es wäre doch ein Leichtes für sie gewesen, sich meines Amuletts zu bemächtigen.“

„Weil es alleine keinen großen Wert besitzt. Nur zusammen mit den beiden anderen kann es die Macht erwecken.“

„Sie hätte sich der anderen auch bemächtigen können…“

„Du verstehst mein Reden immer noch nicht. Nicht das Amulett oder die anderen Artefakte zusammen erwecken die Macht, sondern nur gemeinsam mit den Trägern wird dies geschaffen.“

„Und was bringt es Maranwe nach Golradier zu jagen?“

„Sie will sich nicht der Macht bedienen, Celgorm. Sie möchte sie endlich vernichtet wissen. Wenn Golradier nicht mehr am Leben ist, wäre die Macht für immer verloren.“

„Erst jetzt sehe ich die Dinge klarer. Ich konnte Maranwes Beweggründe, einen nichts sagenden Elfen zu jagen, nicht verstehen. Aber damit ist meine Frage immer noch nicht beantwortet. Warum fühle ich mich so schwach?“

„Das Amulett.“

Celgorm schaute Caranthir fragend an.

„Du trägst das Amulett des Lichts an dir, verfügst über die Kräfte der Helyanwes. Aber du hast die dunkle Seite deiner Kräfte benutzt, welches im Gegensatz zu deinem Amulett steht. Ich vermute, es wird sich dagegen gewehrt haben.“

„Ich weiß nur noch, dass mir schlecht und schwarz vor Augen wurde…, dann muss ich wohl vom Pferd gekippt sein.“

„Und wie geht es dir jetzt?“

„Besser, auch wenn mir immer noch etwas schwindlig ist.“

„Ich frage deshalb, weil wir morgen recht früh aufbrechen müssen.“

„Das bisschen Ruhe wird mir schon helfen…“

„Ich liebe dich Celgorm…“

Celgorms Augen wurden wieder feucht.

„Ich dich auch… Caranthir… ich dachte, ich werde dich nie wieder…“

„Nein, nicht… du bist jetzt hier bei mir und gemeinsam schaffen wir das!“

„Ist… ist dein Sohn auch hier?“

„Findecàno? Ja, er ist auch hier.“

„Ich weiß, dass er mich nicht mag…“

„Er kennt dich nicht richtig. Lass ihm Zeit, bitte. Mein Sohn ist mir wichtig und ich möchte, dass ihr euch gut versteht.“

*-*-*

Amras Hand strich sanft über den nackten Rücken seines geliebten Golradiers. Er war ganz vernarrt in diesen Elf. Sie hatten sich geliebt, zum ersten Mal und für Golradier war ein Wunsch in Erfüllung gegangen.

Es war das erste Mal gewesen, dass er diese Liebe spüren durfte. Die Leidenschaft Amras’ hatte ihn völlig mitgerissen. Wild rieben sich ihre Körper aneinander, bis tief in sich hatte Golradier Amras’ Liebe spüren dürfen.

Er drehte den Kopf zu Amras und lächelte ihn an. Sanft erhob er sich und gab ihm einen innigen Kuss. Golradiers Hände wanderten dabei über Amras’ weiche Haut, der wieder leise zu stöhnen begann.

Amras ließ sich nach hinten fallen und zog Golradier auf sich. Seine Hände strichen weiter über Golradiers Rücken, der sich vor Lust wieder kräftig anschmiegte.

„Willst du…?“, fragte Amras fast nicht hörbar.

Mit großen Augen sah Golradier Amras an. Bisher war er nur benutzt worden, doch nun lag ein Mann unter ihm, der ihn über alles liebte und ihn diese Liebe spüren ließ.

„Du meinst…?“

Amras nickte.

*-*-*

„Was ist süßer Engel? Du schaust so nachdenklich“, fragte Maeglin, der sich zu Findecàno ins Bett kuschelte.

„Ich denke an meinen Vater.“

„Hast du Angst um ihn?“

„Nein, das nicht gerade…“

„Aber?“

„Ich weiß nicht, was Celgorm vor hat.“

„Celgorm ist in seinem Herzen gut. Seinen inneren Kampf mit der falschen Seite wird er gewinnen – mit der Hilfe deines Vaters und auch mit unserer.“

„Bist du sicher?“

„Findecàno, ich kann nicht in die Zukunft sehen, aber in meinem Herzen spüre ich, dass alles gut wird.“

Findecàno schaute in die Augen seines Freundes und lächelte.

*-*-*

Elwè gähnte herzhaft und hatte Mühe sich aufrecht auf dem Pferd zu halten. Er war es nicht gewohnt, so früh aufstehen zu müssen und dementsprechend war auch seine Laune.

Lonàn hatte vorsichtshalber eine Leine am Pferd befestigt, die er nun hinter sich herzog, damit Elwè nicht völlig vom Weg abkommen konnte

„Wann glaubst du, werden Maranwes Männer uns eingeholt haben?“, fragte Maeglin und schaute zu Caranthir.

„Ich weiß es nicht. Da sie nicht gewarnt werden konnte, wird sie noch niemanden losgeschickt haben. Ich denke schon, dass wir ein paar Meilen Vorsprung haben.“

„Wir müssen unbedingt vor Anbruch der Dunkelheit die Burg von Ustav erreichen. Dort haben wir etwas Schutz vor Maranwes Lakaien.“

„Da hast du sicher Recht, aber dann dürfen wir keine großen Pausen machen.“

„Meinst du Elwè und Lonàn halten das durch?“

„Wir werden sehen.“

Die Gruppe hatte den Pass erreicht und ritt, einer nach dem anderen, durch den schmalen Durchlass. Elwè schaute ängstlich die steilen Felswände hinauf, als würde er darauf warten, dass Teile der Wände auf sie herab stürzten.

Aredhrel hob den Kopf und horchte in die Luft, aber außer dem Hufschlag ihrer eigenen Pferde war nichts zu hören. Eine gedrückte Stimmung machte sich breit. Der schmale Pfad wurde noch enger, so dass zwischen den Reitern und den Felswänden nur noch wenige Fingerbreit übrig waren.

Maeglin schien in Gedanken versunken zu sein, denn er bemerkte nicht, wie ihn sein Geliebter fixierte. Findecàno liebte diesen Mann und er hatte ihm so viel zu verdanken. Maeglin hob nun doch den Kopf, blickte zu Findecàno und lächelte.

Nach der letzten sehr engen Biegung tat sich vor ihnen endlich das große Tal in sattem Grün auf. Inmitten dieses verwunschenen Ortes ragten die Türme der Burg Ustav dem Himmel entgegen. Eine Weile später erreichten sie die Tore der Festung.

Es war seltsam, dass keinerlei Wachen am Tor postiert waren und auch, dass das Tor weit offen stand. Caranthir ritt voraus. Keiner von ihnen sprach ein Wort, denn auch sonst lag über diesem Ort eine seltsame Stille.

Auf den Wegen innerhalb der Burg war kein einziger Elf zu sehen und auch sonst keine Wachen oder Soldaten. Caranthir schaute besorgt zu Maeglin, der diesen Blick nur mit einen Schulterzucken erwiderte. Am Hauptgebäude angekommen hielten alle kurz inne.

„Ich schlage vor ihr wartet hier und Maeglin und ich suchen Ustav auf“, sprach Caranthir leise, aber doch bestimmend.

Wie geheißen stiegen alle ab und Caranthir betrat gemeinsam mit seinem Freund den großen Saal. Wo sonst Leben und großes Treiben herrschte, war nun Stille und Einsamkeit.

„Ich spüre große Traurigkeit“, meinte Maeglin leise.

„Aber wo sind alle?“, wollte Caranthir wissen.

„Frage mich etwas Leichteres. Als wäre alles Hals über Kopf verlassen worden. Ich spüre nicht einmal Magie, keinerlei Kräfte, nur große Traurigkeit.“

„Lass uns zu Ustavs Gemächern gehen…“

Gemeinsam schritten sie die große Treppe empor, die sich wie eine Schlange an den Mauern hinauf wand. Oben angekommen fanden sie jedoch das gleiche Bild vor, das sich ihnen auch schon in den unteren Räumen geboten hatte.

Jedoch aus einem der Zimmer schien ein schwaches Licht und Maeglin steuerte sogleich darauf zu. Caranthir hatte längst sein Schwert gezogen und folgte ihm.

*-*-*

„Lonàn, mir ist kalt“, sagte Elwè leise.

„Maeglin kommt gleich wieder, dann können wir auch hinein.“

„Braucht Maeglin noch lange?“

„Ich weiß es nicht Elwè.“

Wie Lonàn machten sich auch die anderen Gedanken darüber, was hier wohl geschehen sein mag, doch widersetzte sich keiner den Worten Caranthirs. Und so stand jeder bei seinem Pferd und wartete.

Golradier blickte zu Amras, der etwas in seiner Satteltasche suchte und näherte sich ihm langsam, dabei sein Pferd hinter sich her ziehend.

„Warum ich?“, fragte er leise, als er dicht neben Amras stand.

Amras, leicht aus den Gedanken gerissen, drehte sich um.

„Was meinst du?“

„Warum bin ich der Auserwählte? Ich versteh das nicht. Ich habe eine ganz normale Familie und soweit ich weiß, gab es nie große Elfen in unserer Ahnenlinie.“

„Zweifelst du etwa an dir selbst? Golradier höre mir zu. Es ist nicht wichtig, welchen Stand man begleitet, ob du ein Fürst oder ein einfacher Handwerker bist. Jeder ist etwas Besonderes in seiner Art.“

„Aber ich,…“

„Da gibt es kein wenn und aber, Golradier. Du bist, wer du bist! Und ich liebe dich von ganzem Herzen, mit jeder Faser meines Körpers.“

„Du… du kennst mich doch noch gar nicht richtig.“

„Ich kenne dich Golradier Calafalas. Das, was ich wissen muss, weiß ich und das genügt mir auch.“

Golradier errötete leicht und ein sanftes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab.

*-*-*

Maeglin zeigte schweigend auf die zweite Tür des Raumes und Caranthir schlich leise zu ihr. Auf ein weiteres Zeichen hin stießen sie beide die Tür auf und stürmten in den dahinter liegenden Raum. Maeglin war bereit sofort einen Zauberfluch zu brüllen, doch der Raum war leer. Das schwache Licht stammte von dem Feuer, das im Kamin vor sich hinloderte.

„Was ist hier nur passiert? Ustavs Burg galt als uneinnehmbar“, kam es von Caranthir.

„Bis Maranwe ihre Leute hier eingeschleust hat“, hörten sie eine tiefe Stimme und fuhren zusammen.

Die Stimme erklang aus dem Sessel, der mit der Rückenlehne zu ihnen am Fenster stand.

„Ustav?“, fragte Maeglin.

„Ja, der war ich einmal…“

Sie umrundeten den großen Sessel und fanden Ustav halb liegend im Sessel vor. Aus einer klaffenden Wunde an der Schulter floss das Blut über seine Brust und Caranthir zog sofort seinen kleinen Beutel hervor.

„Caranthir, du brauchst dich nicht zu bemühen… es ist zu spät. Das Gift hat sich schon im ganzen Körper verteilt…“

„Ach Quatsch, mit Hilfe von Maeglin haben wir dich ruckzuck wieder auf den Beinen!“

Caranthir schaute fragend, fast flehend zu Maeglin, doch dieser schüttelte nur schweigend den Kopf.

„Caranthir, ich weiß wann meine Stunde geschlagen hat…“

„Ustav, was ist hier passiert?“, wollte Maeglin wissen.

„Ich war zu vertrauensselig. Maranwe muss ihre Leute schon vor Wochen eingeschleust haben. Sie hatten uns ohne jede Vorwarnung überrumpelt. Alles was fliehen konnte, verließ die Stadt.“

„Wo ist euere Leibwache.“

„Weggeschickt…“

„Aber warum,…“, begann Caranthir zu fragen.

„Schweig, Caranthir. Ihr müsst weiter ziehen, ihr seid hier nicht sicher.“

„Aber wir können dich doch hier nicht zurücklassen“, sprach Maeglin.

„Ihr müsst gehen, ich habe meine Aufgabe auf dieser Welt erfüllt.“

Ustav begann zu husten, sein Gesicht verzog sich dabei vor Schmerzen.

„Maeglin… Caranthir… hört mir zu…“

„Ustav nicht…“

„Ich… ich muss euch noch etwas sagen…“

Beide schoben ihre Köpfe näher heran, um Ustav besser zu verstehen zu können. Dieser zog unter seinem Hemd eine Kette hervor, an der ein Schlüssel befestigt war.

„… des Kinder waren es… drei, doch der König… aus Angst vor Ireth of Dorthonion…“

„Die böse Hexe des Nordens…“, sprach Maeglin leise.

„Ja…“, gab Ustav nur noch im Flüsterton von sich, „… die Älteste Tochter gab… er weg… sie zu finden… eure Aufgabe ist, denn nur sie…“

Ustav atmete schwer durch.

„Was kann sie? Und welchen König meinst du?“, fragte Caranthir.

„Sie… kann… gegen… Maranwe…, frag… deinen… Gelieb…“

Ustavs Stimme erstarb. Sein Blick wurde starr und kalt. Maeglin strich mit seiner Hand über Ustavs Augen, um sie zu schließen.

„Ein großer Krieger hat uns verlassen …“, flüsterte Maeglin.

„Was hat er damit gemeint ‚frage deinen Geliebten’?“, fragte Caranthir.

„Frag Celgorm…“

„Aber was?“

Maeglin zuckte mit den Schultern.

„Und was machen wir jetzt?“

„Wir geben Ustav seine letzte Ehre.“

„Du willst ihn verbrennen?“

Maeglin nickte und Caranthir trat etwas zurück, während Maeglin seine Augen schloss und seine Arme erhob.

„Ad an Ceven, man ennas din boe, lith na ast e ast na Ceven”, sprach Maeglin und augenblicklich ging Ustav in Flammen auf.

Aber es waren keine Flammen, wie Caranthir sie kannte. Sie strahlten in einem gold roten Ton und schienen sich auf Ustavs Körper zu beschränken. Der große Stuhl blieb davon gänzlich unversehrt. Langsam zog sich Ustavs Körper immer mehr zusammen und blaue Funken stoben durch den Raum, bis letztendlich nur noch etwas Asche übrig blieb.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte Caranthir erneut.

„Seine Asche in die vier Winde streuen, wie es sich für einen König und wahren Krieger gehört.“

Maeglin nahm eine Schüssel vom Tisch und beförderte die Asche hinein. Ein kurzer Blick zu Caranthir und sie verließen diesen Ort.

*-*-*

Golradier spürte einen feinen Stich in seinem Herzen, sein Anhänger fing an leicht zu glühen.

„Was ist mit dir?“, fragte Amras besorgt.

„Ich weiß es nicht, aber ich habe das Gefühl, etwas ist verloren gegangen.“

In diesem Moment traten Caranthir und Maeglin aus dem Haus und alle Blicke ruhten auf ihnen.

„Was hast du da, Maeglin?“, fragte Elwè neugierig.

„Die Asche Ustavs…“

Elwès Augen wurden groß. Caranthir lief zu seinem Sohn, der Celgorm stütze.

„Celgorm, hast du noch eine Schwester?“

Celgorm hob den Kopf und schaute Caranthir fragend an.

„Nein…, warum fragst du?“

„Dann könnt ihr nicht gemeint sein…“

„Meine älteste Schwester starb, als ich noch jung war…, “ sprach Celgorm weiter.

Caranthir schaute ihn verwundert an.

„Das hast du mir nie erzählt…“

„Du hast nie danach gefragt.“

„Maeglin, er hat eine ältere Schwester“, rief Caranthir Maeglin zu.

Die tot ist“, fügte Findecàno hinzu.

„Nein, dass ist sie nicht“, sprach Maeglin, „sie lebt im Turm des lebenden Holzes.“

Caranthir blickte erstaunt zu ihm.

„Woher weißt du das?“

„Schau dir den Schlüssel an, den uns Ustav gegeben hat.“

„Meine Schwester lebt?“, fragte Celgorm.

„Ja und jetzt fügt sich das Puzzle auch zusammen. Nicht Celgorm alleine trägt das Amulett, seine Schwester hat den anderen Teil.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Findecàno.

„Hätte Celgorm das ganze Amulett besessen, hätte er sich Finwe nicht entledigen können. Die Kraft des Amuletts hätte ihn vernichtet. So aber hat es ihn nur sehr geschwächt.“

Caranthir war indes noch immer mit dem Schlüssel beschäftigt.

„Schau dir die Inschrift an. *Cuin Tawar*.“

Caranthir nickte.

„Dann wissen wir, wohin wir müssen“, sprach Maeglin mit funkelnden Augen.

*-*-*

Nach wie vor sprach keiner der Gruppe auch nur ein Wort. Ustavs Tod hatte eine große Lücke in den Kreis der Verbündeten gerissen und ohne ihn würden sich sicher viele zurückziehen, die bisher zahlreich zur Hilfe gestanden waren.

Ustavs Burg war zur Todesburg geworden. Es würde sich für lange Zeit niemand mehr an diesen Ort zurück wagen. Und ohne Ustav war der Glanz der vergangenen Jahre verschwunden.

Auch in der Gruppe wurde getrauert, denn einige hatten einen guten Freund und Verbündeten verloren. Maeglin wusste, dass sich ihre Chancen im Kampf gegen Maranwe sehr verringert hatten.

Er schaute nachdenklich zu Elwè und Lonàn, den Jüngsten in ihrer Gruppe. Sie hatten noch so viele Jahre vor sich und nun würde ein einziger großer Kampf über ihr weiteres Leben entscheiden. Maeglin hätte die beiden mit ihrer Schwester wegschicken können, aber das hätte das Unvermeidliche nur hinaus gezögert.

Irgendwann werden auch sie Maranwes Häscher erreicht werden.

„Deine Gedanken so fern?“, fragte Caranthir.

„Ja“, antwortete Maeglin.

„Was trüben deine Gedanken?“

Maeglin schaute auf und betrachtete die vor ihm reitende Gruppe.

„Wir sind so wenige…“

„Das ist nicht der Maeglin, den ich kenne, guter Freund. Wo ist deine Überzeugung, dein unerschütterlicher Glauben an das Gute geblieben?“

„Verbrannt und in alle Richtungen verstreut.“

„Glaubst du wirklich, dass Ustavs Tod zu einem Ungleichgewicht der Kräfte beigetragen hat? Schau da vorne, Golradier. Ich sage dir, an ihm hängt die Hoffnung aller, die sich gegen Maranwe zu Wehr setzen.“

„Hoffnung? Hoffnung heißt etwas nicht zu wissen und darauf zu bangen, dass es vielleicht doch geschieht. Nur das Wissen über etwas beruhigt.“

„Maeglin du klingst so bitter…“

„Ja tu ich Caranthir. Ich weiß, was ich kann und doch ist es, als wäre es nicht genug. Schau zu deinem Sohn. Ich liebe ihn und doch denke ich oft, ich zeige ihm nicht genug von dieser Liebe, die so übermächtig in meinem Herz verankert ist.“

„Das glaube ich jetzt nicht Maeglin. Mein Sohn weiß sicher, wie sehr du ihn liebst, was du für ihn alles tust und auch tun würdest.“

„Ist das genug?“

„Gegenfrage! Findest du es richtig, jemanden nach dem zu bewerten, was er kann und leistet? Ist es nicht vielmehr richtig in jedem das zu sehen, was er ist? Ist es nicht viel mehr so, dass man den Wert eines jeden überhaupt nicht erahnen kann?“

„Da magst du Recht haben, aber…“

„Da gibt es kein Aber, Maeglin!“, fiel ihm Caranthir ins Wort, „solange nicht jeder so denkt, wird jemand wie Maranwe immer die Gelegenheit haben, über andere Macht auszuüben.“

„Du als Hüter der elfischen Träume hast gut reden.“

„Was habe ich denn noch zu behüten? Schau wie tief unser Volk gesunken ist. Wenn nicht bald eine neue Zeit antritt…“

Caranthir brach ab und atmete tief durch.

„Siehst du in Golradier einen Gefallenen, der seinen Körper für Gold an andere verkauft hat?“, setzte Caranthir neu an.

„Nein, das tu ich nicht. Das ist etwas ganz Anderes.“

„Warum ist es etwas Anderes? Weil du Golradier kennst?“

Maeglin schaute ihn an.

*-*-*

„Der, der mir meinen Bruder wieder bringt, lebendig oder tot, bekommt diesen Goldbeutel von mir“, sagte Maranwe und hob einen kleinen Beutel gefüllt mit Goldstücken in die Höhe.“

„Wäre lebend nicht besser?“, fragte Finwe.

Er saß etwas gebückt auf einem Stuhl neben Maranwe, die von ihrem Thron auf ihn hinab blickte.

„Das sagst gerade du, den er fast umgebracht hat? Finwe, ich muss mich sehr über dich wundern. Hat dich der Umgang mit meinem Bruder weich gemacht?“

„Nein, aber ich würde gerne selbst Hand anlegen und deinen Bruder ins ardh i gorthrim schicken.“

„Mein Guter, du bist wirklich weich geworden. Ins Reich der Toten ist viel zu wenig für meinen Bruder. Ich wüsste etwas Besseres.“

„Ich bin ganz Ohr!“

„I themais en mengui gorthrim!“

Finwe schaute erstaunt.

„Diesen Ort gibt es wirklich?”

„Die Halle der tausend Tode?“

„Ja, ich dachte das sei nur eine Legende.“

„Mein lieber Finwe, es gibt so vieles, was du nicht weißt. Aber egal, was mit meinem Bruder passiert. Er muss vernichtet werden.“

„Und was ist mit diesem Golradier?“

„Den werde ich mir persönlich vornehmen!“

*-*-*

Golradier stocherte in der Glut des Feuers. Er war nicht müde und sein Blick wanderte zu Amras, der schlafend neben ihm lag. Dass Amras ihn liebte, war für ihn wie ein Traum und unbeschreibbar.

Jemand, der ihn so annahm, wie er wirklich war und ihn nicht wegen seiner Vergangenheit verurteilte. Zu oft hatte er dies erleben müssen und war immer tiefer in den Sog der Selbstzerstörung gerutscht.

Zweimal hatte er schon versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen und jedes Mal war er gefunden und gerettet worden. Damals hätte Golradier gerne darauf verzichten können, doch jetzt hatte sein Leben wieder einen Sinn bekommen.

Amras schien nun sein Leben zu bestimmen, aber nicht so wie er es von früher gekannt hatte. Er hatte sich in Golradiers Herz breit gemacht. Das erste Mal in seinem noch jungen Leben spürte er so etwas wie richtige Liebe.

Es musste Liebe sein, denn sein ganzer Körper, sein Geist, alles an ihm hing an Amras. Nie hätte er es für möglich gehalten, so fühlen zu dürfen.

„Kannst du nicht schlafen?“, flüsterte eine Stimme neben ihm.

Golradier fuhr zusammen, als er aus seinen Gedanken gerissen wurde. Zwei funkelnde Augen, erhellt durch das Feuer, schauten ihn an. Amras schien aufgewacht zu sein und blickte ihn immer noch fragend an.

„Ich kann nicht schlafen…“

„Wie wäre es denn, wenn du unter meine Decke kriechst, dich in meinen Arm legst und dann versuchst etwas zu schlafen?“

„Guter Vorschlag“, meinte Golradier lächelnd.

Er beugte sich hinunter, während Amras seine Decke anhob. Eng aneinander gelehnt legte Amras seinen Arm um Golradier und zog ihn noch enger an sich heran.

Der feine Geruch von Golradiers Haar stieg Amras in die Nase und er lächelte.

„Besser?“, fragte Amras.

„Ja“, hauchte Golradier und bald darauf schliefen sie ein.

Fast lautlos schlich der Fremde aus seinem Versteck zurück zu seinem Pferd. Er hatte genug gesehen und wollte Maranwe Bericht erstatten. Ein dreckiges Grinsen zierte sein Gesicht, denn der Belohnung von Maranwe konnte er sich sicher sein.

*-*-*

„Los Männer, nicht so lahm!“

Huor Culnàmo war sich seiner fast aussichtslosen Lage bewusst. Zu spät hatte er begriffen, was der Handel mit Maranwe ihm und seinem Volk bescherte. Sie saugte es regelrecht mit immer neuen Forderungen aus.

Die einzige Chance, die er noch hatte war, diesen Golradier vor Maranwes Häschern zu finden. Nein, er wollte nicht die Belohnung, Gold hatte er selbst genug von dem Maranwe nichts wusste.

Nein, er wollte sich Golradier und seiner Gruppe anschließen, von der er schon gehört hatte, denn gegen Maranwe konnte man jeden Mann gut gebrauchen. Was geschieht, wenn man sich mit ihr anlegte, hatte er in Ustavs Festung gesehen.

Wurde dieser Kampf verloren, würde es seinem Volk schlecht ergehen. Aber daran wollte er jetzt nicht denken. Diese dunkle Zeit der Verzweiflung musste ein Ende haben.

*-*-*

„Ich spüre die Anwesenheit eines Fremden in der Nähe“, sagte Lonàn plötzlich.

Golradier sah zu Amras, der, wie er selbst auch, den Sattel belud. Seit langem hatte er etwas geschlafen und war nicht von Alpträumen heimgesucht worden. Golradier hoffte, dass ihm auch Amras bald seine ganze Geschichte erzählen würde.

Er wusste bisher nur, dass Amras etwas Schlimmes widerfahren sein musste. Etwas, das ihn ständig quälte und nicht zur Ruhe kommen ließ.

„Dann wird es Zeit, dass wir weiter reiten“, meinte Caranthir.

Alles sattelte auf und machte sich auf den weiteren Weg über den schmalen Bergpfad hinunter zum Broichental. Wie auch am Vortag war es sehr ruhig in der Gruppe. Fast keiner sprach ein Wort. Nicht einmal Elwè, der sonst pausenlos am Reden war.

„Wenn die Sonne im Zenit des großen Adlers steht, werden wir Cuin Tawar erreicht haben“, sprach Maeglin zu Caranthir.

„Was wird uns da erwarten?“

„Denkst du, Maranwe wird vor uns dort sein?“

„Ich traue ihr einiges zu.“

„Es ist nicht so, dass ich sie nicht akzeptiere oder sie unterschätze.“

„Aber Maeglin, ich verstehe nicht, wie kannst du so jemanden akzeptieren?“

„Du verwechselst da etwas. Ich akzeptiere sie als Gegner, aber ich respektiere sie nicht! Das ist ein großer Unterschied. Wenn du deinen Feind nicht unterschätzt und ihn akzeptierst, hast du schon halb gewonnen.“

„Das ist mir verständlich, aber nicht leicht zu erfüllen.“

„Nur wenn du eins mit dir selbst bist, deine Energie nicht durch Negatives blockiert wird, dann fließt deine Kraft ungehindert durch deinen Körper.“

„Entschuldigt, dass ich mich in eure Unterhaltung einmische. Ist es denn nicht ein Verrat an sich selbst, wenn man den Gegner akzeptiert?“, fragte Golradier, der die ganze Unterhaltung mitbekommen hatte.

„Junger Freund, mir ist verständlich, dass dir meine Worte ein Rätsel sein müssen, denn du wurdest lange Zeit weder akzeptiert, noch respektiert. Schau aber zurück auf unsere Gruppe. Jeder einzelne hier akzeptiert und respektiert dich. Amras liebt dich sogar.“

Bei diesen Worten Maeglins senkte Golradier seinen Kopf, leichte Scham überkam ihn.

„Maranwe dagegen akzeptiert dich weder, noch respektiert sie dein Dasein. Und das ist ihre Schwäche, die sie irgendwann zu Fall bringen wird. Ihr Übermut und ihre Gier werden sie selbst vernichten.“

Golradier hob wieder den Kopf.

„Und indem ich meine Feinde akzeptiere, bewahrt es mich vor diesem Schicksal?“

„Ja, weil du deinen Streit mit dir selbst, welcher dir nur Schmerz und Leid bringt, beigelegt hast.“

„Meinen Streit mit mir?“

„Entschuldige junger Freund, wenn ich dir jetzt zu nahe trete, aber dachtest du nicht oft seit unserer ersten Begegnung, du wärst nichts wert und hast dich gefragt, wieso jemand an dir auch nur etwas Interesse zeigt?“

Betrübt ließ Golradier den Kopf wieder sinken und nickte.

„Und so verhält es sich auch mit deinen Feinden. Du hast Angst vor ihnen, aber das ist gut. Angst hält den Geist wach. Aber…“, Maeglin atmete tief durch, „Angst kann sich auch ins Gegenteil verwandeln. Deine Angst kann dich behindern, indem du zulässt, dass andere Macht über dich gewinnen. Aber wenn du akzeptierst, dass deine Feinde real sind, dass du sie aus eigener Kraft oder mit der Hilfe durch uns besiegen kannst, so werden sie keine Macht über dich erlangen können.“

Golradier verstand langsam, was ihm Maeglin beibringen wollte.

„Wir werden verfolgt…, ungefähr zehn Reiter“, sagte Aredhrel.

„Was denkst du?“, fragte Findecàno, „Feind oder Freund?“

Maeglin atmete tief durch und schaute in die Augen seines Geliebten.

„Ich sehe viel, aber weiß nicht alles zu deuten. Ob Feind oder Freund, vermag ich nicht zu sagen. Zu viele Eindrücke überfluten meine Sinne.“

„Ich kann nur sagen, dass sie sehr schnell näher kommen und wir auf diesem Pfad recht ungeschützt sind“, meinte Aredhrel.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Elwè ängstlich.

„Weiter reiten“, sagte Caranthir bestimmend, „es bringt uns nichts, wenn wir Halt machen. Dort vorne wird der Pfad breiter und wir können Schutz bei den Bäumen suchen.“

Wie Caranthir gesagt hatte erreichten sie bald die breitere Stelle des Pfades. Er selbst zog Celgorms Pferd hinter die schützenden Bäume, der immer noch nicht recht bei sich war.

Lonàn und Elwè folgten ihnen. Die anderen stiegen von ihren Pferden ab und zogen ihre Waffen.

„Ich dachte eigentlich, wir kämen bis zum lebenden Turm… war wohl nicht so“, kam es von Amras.

„Golradier, du gehst wohl besser zu den anderen hinter die Bäume“, sagte Maeglin.

„Wieso? Sie sind doch sicher hinter mir her, warum sollte ich mich dann nicht auch selbst verteidigen?

„Und wie viel Kampferfahrung hast du?“

Auf diese Frage hin musste Golradier verlegen den Kopf senken.

„Bitte Golradier, folge den Weißungen von Maeglin“, sprach Amras.

Golradier sah den besorgten Blick Amras’ und zog nun doch an der Leine seines Pferdes, um den anderen hinter die Bäume zu folgen.

„Sie kommen!“, hörte man Aredhrel sagen.

In diesem Moment kamen tatsächlich Reiter an der letzten Biegung des Pfades zum Vorschein, die plötzlich inne hielten. Ein einzelner Reiter aber ritt weiter mit gehobener Hand auf sie zu.

„Seid gegrüßt. Ich bin Huor Culnàmo, Sohn des Brigtorn Culnàmo. Herrscher des Fingolfin Míriel.“

„Was ist dein Begehr?“, fragte Maeglin und ließ sein Schwert sinken.

„Mich euch anschließen. Ihr seid doch die Gruppe um Golradier?“

Caranthir schaute Maeglin verwundert an.

„Wenn es Huor so leicht gelungen ist, uns zu finden, dann werden die Häscher Maranwes nicht mehr weit sein“, meinte Marayne.

„Da magst du wohl recht haben“, kam es von Amras.

„Wir waren bemüht, unsere und auch eure Spuren zu verwischen“, gab Huor von sich.

„Und wie wissen wir, dass man Euch und Euren Männer vertrauen kann?“, fragte Findecàno, der immer noch in seiner Abwehrhaltung verweilte.

„Ich habe da etwas, was euch helfen kann.“

„Und was?“, fragte Maeglin verwundert.

Huor stieg nun ab und knotete seinen Umhang auf. Wenig später zog er einen Gegenstand unter seinem Kittel hervor, der dem von Celgorm sehr ähnelte. Ein leises Aufstöhnen war aus dem Hintergrund zu hören.

„Celgorm?“, rief Caranthir besorgt.

„Alles in Ordnung“, hörte man aus dem Versteck der anderen.

Obwohl keiner Entwarnung gegeben hatte, kamen nach und nach alle hinter den Bäumen hervor. Celgorm sah nicht gut aus und lief an seinem Pferd angelehnt.

Maeglin nickte Huor zu, der wiederum seinen Männern das Zeichen gab, näher kommen zu können. Diese ritten daraufhin langsam näher und stiegen hinter Huor ab. Celgorm stand nun direkt neben Caranthir, der ebenso wie Huor das Amulett unter seinem Hemd hervor zog. Augenblicklich begann es leicht zu glühen.

„Ich weiß nicht, wie viel Ihr über das Amulett wisst“, sprach Huor weiter.

„Gerade soviel, dass es meinem Weggefährten durch das Amulett schlecht ergeht“, antwortete Caranthir.

„Es ist nicht gut, nur einen Teil des Amuletts zu tragen. Es wurde geteilt, damit die gute und die schlechte Seite bestehen konnten. Ich für meinen Teil habe die Hälfte mit der positiven Kraft bekommen…“

„Von wem?“, fragte Maeglin.

„Mein Vater hat es mir kurz vor seinem Tode überreicht. Er sagte mir aber nicht, dass ich, wenn ich das Amulett trage, immer die Wahrheit sage. Auch nicht, dass ich nicht misstrauisch bin…“

„Das kann einen großen Nachteil bringen“, meinte Maeglin.

„Stimmt, so ist mein Volk nun auch den Fängen von Maranwe ausgeliefert. Ich sehe, eurem Freund geht es nicht sehr gut. Wurde das Amulett einmal genutzt, so entzieht es dem Träger die positive Energie.“

„Geht es mir deswegen so schlecht?“, kam es von Celgorm.

Huor antwortete nicht auf diese Frage, sondern schritt zu Celgorm. Er hob die beiden Teile zusammen, die sogleich mit einem kurzen Lichtblitz verschmolzen. Celgorm richtete sich langsam auf.

„Alles in Ordnung mit dir Cel?“, fragte Caranthir.

„Die Schmerzen sind weg…“

„Das Gute und das Schlechte wirken gegeneinander und bringen dadurch ein Gleichgewicht zustande“, erklärte Huor, „es wird sicher nicht lange dauern und deinem Freund geht es wieder besser.“

„Ich möchte euch ja nur ungern unterbrechen, aber die Zeit drängt“, meinte Marayne.

„Marayne hat Recht, wir sollten weiter reiten“, kam es von Maeglin.

„Darf ich dem ehrenwerten Golradier Calafalas noch ein Geschenk machen?“, äußerte Huor noch einen Wunsch.

Alle schauten sich an.

„Ja natürlich“, meinte Caranthir, „aber wo ist das Problem?“

Huor schaute etwas verlegen.

„Ich… ich kenne hier niemanden außer Maeglin… vom hören sagen.“

Maeglin grinste leicht, hob seine Hand und wies zu Golradier, der seinen Kopf zum Gruß neigte. Huor gab einem seiner Männer die Zügel seines Pferdes in die Hand und schritt zu Golradier.

„Lieber Golradier, ich möchte Euch mein Leben schenken und Euch dienen.“

Huor verneigte sich tief.

„Aber…“, Golradiers Stimme versagte.

„Was unser junger damit Freund sagen möchte ist, dass er Euch zu Dank verpflichtet ist, werter Huor“, half Caranthir.

Golradier sah erst zu Caranthir, dann wieder zu Huor.

„Danke!“, brachte er leise über die Lippen.

„So Leute, aufsitzen! Maranwes Truppen werden nicht schlafen“, kam es von Maeglin und wenig später befand sich die Gruppe um Golradier weiter auf dem Weg zum lebenden Holz.

*-*-*

„Aber Herrin, wollt ihr Euch wirklich in die Gefahr begeben und mit dem mächtigen Zauberer Maeglin zusammen treffen?“, sprach Finwe.

„Du kleiner Ungläubiger. Maeglin ist nichts weiter als ein billiger Straßenkomödiant! Er hat nichts, rein gar nichts, was er mir entgegen setzen könnte“, antwortete Maranwe, die ihr Pferd den steilen Bergpfad hinunter lenkte.

Da kam ihnen ein einzelner Reiter auf dem Bergpfad entgegen. Maranwe hob die Hand und ihr Trupp stoppte augenblicklich. Der Fremde stieg ab und eilte zu Maranwe, wobei er von Finwe argwöhnisch beobachtet wurde.

Nachdem der Reiter Maranwe etwas mitgeteilt hatte, zeichnete sich auf ihren Lippen ein breites Grinsen ab.

„Das trifft sich gut, so übernehme ich auch gleich die Herrschaft über das Fingolfin Míriel.“

Maranwe schien sich siegessicher, was aber Finwe keineswegs beruhigte.

*-*-*

„Das ist doch nur ein alter Baum“, meinte Golradier zu Amras.

„Und doch birgt er viele Geheimnisse in sich“, erwiderte Maeglin, der dicht hinter ihnen ritt, „und du hast den Schlüssel, um ihn zu öffnen.“

„Nur ein Mensch mit reiner Seele und der Liebe aller in sich vereint, kann das Geheimnis des lebenden Holzes offenbaren“, sagte Caranthir.

Golradier war verunsichert. Reine Seele, dazu zählte er wohl kaum. Zuviel Last hatte er auf sich geladen, begonnen bei seinen Eltern. Maeglin schaute ihn an und schüttelte den Kopf.

Maeglin schien sich seiner Sache so sicher zu sein und doch zweifelte Golradier an seinen Worten. Trotz Caranthirs Befürchtungen waren sie als erstes am Cuin Tawar angekommen.

Huors und Celgorms Männer versorgten die Pferde und schlugen ein Lager auf, während der Rest an den Baum heran schritt. Je näher sie dem Baum kamen, umso riesiger kam Golradier das Gehölz vor.

Maeglin reichte ihm einen Gegenstand. Eben welchen, den er nach Ustavs Tod an sich genommen hatte.

„Versuch dein Glück…“, sprach Maeglin leise.

Unsicher lief Golradier nun alleine weiter auf den Baum zu, dessen Blätter sich sanft im Wind wogen. Doch etwas fehlte. Golradier konnte außer dem Geräusch der arbeitenden Männer keine anderen Geräusche hören.

Wo waren die Vögel, die sie während ihrer Reise mit ihrem Gezwitscher begleitet hatten? Wo waren die Geräusche fließender Gewässer, die sie zu Hauf überquert hatten?

Irgendetwas in seinem Inneren sagte Golradier, dass es nicht richtig war, was er hier tat. Ein Fehler, den sie alle bereuen würden. Doch bevor Golradier seine Bedenken äußern konnte, brach wildes Geschrei um sie herum los.

Aus allen Teilen des umliegenden Waldes stürmten Krieger auf sie zu. Maeglin, Caranthir, genauso überrascht wie die anderen, zogen sofort ihre Waffen. Amras nahm sich schützend den beiden jungen Elfen an, die verängstigt zu Boden gegangen waren.

„Das ist eine Falle“, schrie Celgorm und zog ebenfalls sein Schwert.

Sekunden später war die große Lichtung von Geschrei und Schwerterklingen erfüllt.

„Golradier, öffne den Baum“, rief Maeglin.

Ängstlich und unsicher schritt Golradier weiter, immer auf der Hut nicht von einem der niederprasselenden Pfeile getroffen zu werden. Sein Blick fiel auf Amras, der sein Schild schützend über Elwè und Lonàn hielt.

„Amar ortha pron“, schallte es über die Lichtung und augenblicklich fing die Erde an unter Golradiers Beinen zu beben.

Sein Blick folgte der Richtung, aus dem der Ruf geklungen war und konnte eine Frau auf einem schwarzen Pferd ausmachen. Es musste Maranwe sein, denn wer sonst außer Maeglin sollte solch eine Macht über die Erde besitzen.

Wie auch die anderen wurde Golradier zu Boden geworfen. Lediglich Maeglin stand noch auf seinen Beinen. Er hatte seine Hände gen Himmel erhoben.

„Gwelwen leb lin tir nif“, rief Maeglin.

Ein kräftiger Wind kam auf und erschwerte jede Bewegung. Maranwe jedoch schien das nicht zu stören, ihr Pferd scheute nicht einmal. Golradier kroch indes mühsam weiter Richtung Baum.

„Oh nein, du nichtsnutziger Elf aus der Gosse, diesen Triumph gönne ich dir nicht!“, hörte Golradier Maranwe schreien.

Wenige Augenblicke später wurde Golradier durch die Luft geschleudert und blieb stöhnend auf dem Boden liegen. Amras Wut entbrannte, als er dies gesehen hatte und er rannte schreiend, mit gezogenem Schwert zu Maranwe.

Diese hob lediglich ihre Hand und nach ein paar unverständlichen Worten schoss ein Lichtball auf Amras zu, der ihn hart traf.

„Neeeeeeeeeein“, schrie Golradier.

Tränen traten in seine Augen, als Amras regungslos auf dem Boden liegen blieb. Elwè und Lonàn hatten sich zu Golradier geflüchtet, auch wenn sie da nicht viel Schutz erwarten konnten.

Maranwe und Maeglin bekämpften sich mit aller Macht ihrer Magie. Immer wieder streckte der Zauber einige Krieger nieder, Maranwes – und auch einige der eigenen Leute. Golradier sah mit weinenden Augen zu, wie einer nach dem anderen seiner Freunde zu Boden ging.

„Elwè, nimm du den Schlüssel, versuche du dein Glück und öffne den Baum!“, rief Golradier.

Der junge Elf kauerte total verängstigt an Lonàn.

„Ich kann das nicht“, schrie Elwè.

„Doch du kannst“, schrie Lonàn, der kurz darauf ebenso wie Amras von einem Lichtblitz getroffen und stöhnend zu Boden ging.

Mit weit aufgerissenen Augen stürzte sich Elwè auf Lonàn und schrie immer wieder seinen Namen. Findecàno wollte Elwè zu Hilfe kommen, doch auch ihn ereilte dasselbe Schicksal wie die anderen.

Maeglin, von diesem Anblick sichtlich geschockt, wurde unvorsichtig, auch ihn traf ein Lichtblitz. Ein schrilles, kreischendes Lachen war von Maranwe zu hören. Golradier kroch zu Elwè.

„Bitte Elwè… öffne den Baum!“, sagte Golradier.

Elwè saß abwesend bei Lonàn und weinte.

„Willst du dass Lonàn stirbt?“, schrie Golradier mit letzter Kraft.

Bei diesen Worten erwachte Elwè aus seiner Trance. Er griff nach dem Schlüssel und rannte zum Baum. Maranwe erkannte dies zu spät und konnte mit ihren Lichtblitzen nichts mehr ausrichten.

Elwè erreichte den Baum. Er nahm den Schlüssel und suchte nach einem Loch, in den er ihn stecken konnte. Doch er fand kein Loch, schon gar nicht eins, in das dieser seltsam geformte Schlüssel aus Holz gepasst hätte.

„Schließe deine Augen und vertraue deinem Herzen!“, hörte er Maeglins Stimme in seinem Kopf.

Erschrocken schaute Elwè zu Maeglin, der jedoch noch immer regungslos am Boden lag.

„Schließ deine Augen!“

Elwè befolgte die Worte, schloss seine Augen und streckte die Hand aus. Er hörte vor sich ein leises knisterndes Geräusch. Die Augen langsam öffnend sah er, wie der Schlüssel mit dem Baum verschmolz.

Erneut bebte der Boden, aber diesmal nicht auf einen Fluch Maranwes hin. Es ging vom dem Baum aus. Er fing an regelrecht zu leuchten. Die Schreie und die Kämpfe verstummten, alles wich von dem Baum zurück.

„Kämpft weiter, ich will keinen mehr lebend sehen“, schrie Maranwe.

Ihr Pferd scheute nun ebenfalls und sie hatte Mühe, sich auf dessen Rücken zu halten. Das Licht wurde stärker, fast konnte man den Baum nicht mehr erkennen. Elwè war zu Lonàn gerannt und hatte diesen schützend in seine Arme genommen.

Golradier nahm unter Schmerzen wahr, wie dem Baum eine Frau entstieg.

„Ich Silmarwen, Göttin von Beleg Neled Gîl, bringe in Ordnung, was du Maranwe ins Unheil getaucht hast.“

„Schwester, du hast dich gut gehalten. Das weiße Kleid steht dir gut.“

„Schweig!“

„Du hast mir nichts zu sagen, Silmarwen. Das bisschen Leuchten beeindruckt nicht!“

„Du wirst sehen, wo dich deine Gier und deine Habsucht hinführen werden.“

Silmarwen hob die Arme.

„Erthad alle i hên en galad!“

Vereint euch ihr Kinder des Lichts? Golradiers Schmerzen ließen ihn diese Worte nur am Rande mitbekommen. Doch er spürte, dass in ihm etwas vorging.

„Nein Schwesterherz, das werde ich nicht zulassen!“, schrie Maranwe.

„I dûr conui o i galad!“

In Golradier wuchs eine Kraft, die unermesslich schien. Maranwes Spruch, die Dunkelheit herrsche über das Licht, schien keine Wirkung zu haben. Er richtete sich langsam auf und merkte, dass er ebenso von diesem Licht eingehüllt wurde wie Silmarwen.

„Ich habe dich schon einmal mit einem Bann belegt, dann wird es mir auch diesmal wieder gelingen“, schrie Maranwe weiter.

Golradier nahm wahr, dass auch Amras und Celgorm von diesem Licht umhüllt waren. Langsam gingen sie aufeinander zu.

„Du hast verloren, Maranwe, sieh es ein… gib auf!“

Trotz der Wut von Maranwe gegen ihre Schwester blieb Silmarwen sehr ruhig. Ihre Stimme klang warm und sanft.

„Niemals werde ich aufgeben. Zuviel habe ich schon erreicht!“

„Dann kann ich dir nicht helfen, Maranwe. Ergib dich deinem Schicksal!“

Maranwe fing nach diesen Worten laut an zu lachen.

„Banad no le, gwerth i mitias en dûr!“

„Man kann das Dunkel nicht als Wahrheit bezeichnen, Maranwe, doch du hast das Leben verraten und die Liebe!”

Golradier spürte, wie sich eine fremde Macht über seinen Geist legte. Er gehorchte, weil er daran keinen Fehler sah. Wir er selbst hoben auch Amras und Celgorm ihren rechten Arm, bis sich ihre Hände dabei berührten.

Maranwe schrie auf. War sie bisher so sicher auf ihrem Pferd gewesen, so kam sie nun ins Wanken und stürzte zu Boden. Auch Maeglin und die anderen erhoben sich, keiner von ihnen schien Schaden vom Kampf davon getragen zu haben.

„Die Prophezeiung erfüllt sich! Die Macht der drei Gestirne gebündelt in der Liebe… vernichtet das Dunkel aus unseren Herzen!“, rief Maeglin.

Golradier hatte seine Augen geschlossen, er spürte diese ungeheure Kraft, die durch seinen Körper floss. Er glaubte, sein Verstand müsse zerbersten, doch er blieb weiterhin stehen. Er spürte Amras, dessen Geist, ebenso wie der von Celgorm mit ihm verbunden war.

Durch sie hindurch floss reine Energie des Lichts. Caranthir konnte seinen Geliebten fast nicht mehr sehen, so hell war nun das Licht um ihn. Findecàno hielt seinen Vater zurück, als er versuchte näher heran zu treten.

„Nicht Vater, störe nicht die Wiederkunft des Lichts!“, sprach er leise.

„Schon gut mein Sohn, darauf habe auch ich schon so lange gewartet.“

Findecàno lächelte seinen Vater an, der ihn fest in seine Arme nahm.

„Gail conui pân lû, bartha i môr, edlenn I ogol! Badhrone I Nin alpuig gûr ar noast I pant ninpa ar methel!”

„Licht, herrsche alle Zeit, verdamme die Dunkelheit, verbanne das Böse. Richte die mit unreinem Herzen und empfange die volle Reinheit und Liebe!“, sprach Maeglin leise nach.

Golradier und die beiden anderen fuhren zusammen und wie eine Welle breitete sich das Licht aus. Unzählige Schreie waren zu hören. Und mit einem Male war alles vorbei und still.

Maranwe und ihre Häscher waren verschwunden. Keiner sagte ein Wort, keiner bewegte sich.

„Ist es vorbei?“, fragte plötzlich Elwè und durchbrach damit die Stille.

„Ja“, sagte Maeglin und schaute sich um.

„Schwester?“, kam es von Celgorm.

„Bruder“, sagte Silmarwen und ihre Lippen zierte ein Lächeln.

„Ich wusste wirklich nicht, dass du noch am Leben bist. Immer wieder erzählte mir Maranwe von deinem Tod.“

„Sie wird nie wieder ein Wort erheben und die Herzen vergiften. All ihre Untertanen werden für immer gerichtet sein.“

„Sie wird nie wieder kommen?“, fragte Elwè unsicher.

„Nein, mein Sohn!“, antwortete Silmarwen.

„Sohn?“, fragte Caranthir verwundert.

„Ja, Elwè ist mein Sohn, nur er konnte mich befreien.“

„Aber ich dachte Golradier wäre der Auserwählte…“

„Ist er auch, denn nur er konnte Elwè hier her führen.“

„Du bist meine Mutter?“, fragte Elwè ungläubig.

Silmarwen nickte und streckte ihre Arme aus, schon rannte Elwè los und fiel in ihre Arme. Lonàn stand lächelnd da und freute sich für seinen Freund.

*-*-*

„Wie wird es jetzt weiter gehen?“, fragte Golradier.

„Ich weiß es nicht. Aber in einem bin ich mir sehr sicher. Ich werde dich nie mehr alleine lassen“, antwortete Amras.

Golradier lächelte.

„Ich liebe dich, Amras.“

„Ich liebe dich auch.“

Amras schaute Golradier lange an.

„Was ist?“

„Du musst noch etwas erledigen…“

„Was denn?“, fragte Golradier.

„Wir sollten in ein kleines Dorf reiten und jemanden besuchen.“

„Ich weiß nicht wen du meinst?“

„Deine Eltern…“

„Meine Eltern? Aber…“

„Nichts aber, geliebter Golradier. Wir werden das schon schaffen.“

„Wir?“

„Ja. Nicht du und ich, sondern WIR! Gemeinsam werden wir alles vollbringen, was wir uns erträumen.“

Golradier gab Amras einen langen innigen Kuss.

„Danke, dass es dich gibt!“

„Danke, dass ich bei dir sein darf“, erwiderte Amras und küsste Golradier.

*-* Ende *-*

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Information Einmal nach Husum bitte
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:10 AM - No Replies

„So, Herr Stadelhofer, wenn sie hier nun noch unterschreiben, dann haben wir alles. Ich möchte ihnen jedoch nicht all zu sehr Hoffnung machen. Wenn Sie Glück haben, findet jemand die Brieftasche und gibt sie bei uns ab. Das kommt hier jedoch eher recht selten vor.“

Der Mann, zu dem der Beamte gesprochen hatte, sieht irgendwie recht witzig aus. Scheint wohl ein Touri aus Bayern zu sein. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass ich mir so etwas je anziehen würde. Ich nutze die Gelegenheit noch einmal und mustere den jungen Mann ganz genau.

Er scheint so etwa 25 Jahre alt zu sein. Er ist groß, schätze mal so fast 1,90 Meter, hat recht breite Schultern und dunkle Haare unter einem hellgrauen Filzhut. Ja genau, so einen witzigen Hut mit einem dunkelgrünen Band hinter dem etwas Ähnliches klemmt wie ein Rasierpinsel. Er trägt eine Jacke in der gleichen Farbe mit ziemlich viel Geschnörkel. Und nun der absolute Hammer: über dunkelgrünen Kniestrümpfen eine Kniebundhose aus braunem Leder mit einiger Stickerei.

Es besteht kein Zweifel. Auch ohne den urigen Dialekt, kann ich diesen Burschen einwandfrei als Tourist aus den südlichen Gefilden identifizieren.

So witzig er auch aussieht, ein bisschen tut er mir auch leid. Doch so ist es hier immer. Ich glaube die Mehrheit der „Kundschaft“ in dieser Polizeistation sind Besucher, die einmal die weltberühmte Reeperbahn erleben wollten.

„Moin moin, Sören! Na, willst Du mal wieder Deine Mutter abholen?“ werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Früher bin ich öfter in dieser Situation rot geworden. Heute ist es schon Routine.

„Moin Herr Friedrichs! Ja, schaut so aus, oder?“

Längst ist die Zeit vorbei, wo mir so etwas noch peinlich war.

Herr Friedrichs führt mich den bekannten Gang zu den Ausnüchterungszellen der Davidswache.

Teilnahmslos wankt meine Erziehungsberechtigte neben mir her und spricht irgendwelche Verwünschungen vor sich hin.

Oh, wie ich das hasse.

Dann vielleicht doch lieber in bayerischer Tracht, beklaut und fast mittellos auf dem Heimweg nach München?

Ich habe schon öfter daran gedacht einfach meine Sachen zu packen und abzuhauen.

„Heimweg“, „Zuhause“, alles nur Worte. Worte, die in mir keine rechte Zuordnung finden.

Genau dort angekommen, verfrachte ich die Frau, die einmal meine Mutter war, in ihr Bett.

Im Flur entdecke ich im großen Spiegel meine Gestalt. Groß, schlank, strähnige schulterlange Haare, die mir etwas ungepflegt ins Gesicht fallen. Eigentlich müsste ich dringend mal zum Friseur, doch wovon bezahlen?

Ich gehe ins Bad und versuche vor dem aufgeklappten Spiegelschrank die dunkelbraune Haartracht näher zu betrachten. Also eigentlich müsste das gehen.

Ich fasse allen Mut zusammen und greife zur Schere. Mehr und mehr fallen lange Haarbüschel zu Boden. Am schwierigsten ist es am Hinterkopf, da ich im Spiegel ja alles seitenverkehrt sehe.

Nach einer Weile bekomme ich aber dann doch Form in die ganze Sache.

Frisur möchte ich lieber nicht sagen, aber mit etwas Gel wird es wohl nicht mehr auffallen.

Unter der Dusche spüle ich alles von mir, was mich belastet. Fast alles.

Immer mehr festigt sich der Entschluss. Ich gehe weg von hier.

Ich fühle mich schon besser bei dem Gedanken und trockne meinen Körper ab. Ich glaube ich sehe nun eigentlich wieder ganz gut aus.

In meinem Zimmer suche ich mir frische Wäsche zusammen. Viel finde ich nicht. Die Dame des Hauses kümmert sich schon lange nicht mehr darum und ich bin in den letzten Tagen auch nicht dazu gekommen, die Waschmaschine zu bestücken.

Fertig angekleidet mit einer Jeans, die auch schon bessere Tage erlebt hat und einem ausgeleierten Kapuzenshirt gehe ich zurück ins Bad und versuche mit Gel meiner Haarpracht etwas Form zu verleihen.

Klappt eigentlich besser als ich befürchtet hatte. Ohne Gel sah es noch aus, als hätten sich Schwalben ein Nest gebaut. Jetzt erblicken meine rehbraunen Augen jedoch ein freches Gestrüpp, das wild, aber nun kurz vom Kopf absteht.

Ja, so geht es und sieht ehrlich gesagt, gar nicht mal schlecht aus.

Zurück in meinem Zimmer suche ich nach meinem großen Rucksack. Mit dem war ich noch letztes Jahr zum Plattensee getrampt. Da war ich gerade 16 geworden und hatte meinen Schulabschluss mit einem Kameraden dort gefeiert. Ich habe Matthias seit dem nicht mehr gesehen.

Schade eigentlich. Ich konnte ihn ganz gut leiden. Na ja, eigentlich war ich schon etwas verliebt in ihn, aber das sollte wohl nicht sein.

Er war es, der mir in den letzten Jahren immer den Mut und die Kraft gegeben hatte, wenn ich einmal nicht weiter wusste.

Doch wir haben uns aus den Augen verloren, als er eine Berufsausbildung in Leverkusen antrat. Ich habe zwar seine E-Mail-Adresse, aber keinen Internetzugang.

So lebt er nun dort unten am Rhein und ich hier, immer noch in Hamburg an der Elbe.

Was er wohl gerade so macht?

Ich lege auf meinem Bett nun zurecht, was ich an Habseligkeiten zusammenkramen kann.

Ganz wichtig ist mir mein Laptop. Ich habe ihn von Matthias bekommen. Er ist schon etwas älter und wurde bei ihm zu Hause durch ein Superteil von Aldi zum Schulabschluss ersetzt.

Für mich ist es nicht nur eine schöne Erinnerung an Matthias, nein es ist auch das Einzige, was ich an moderner Technik besitze. Ich gebe jedoch zu, dass ich noch lange nicht alles beherrsche, was man mit so einem Teil alles machen kann.

Ich lege nun auch alles hinzu, was ich an sauberer Wäsche finden kann. Zum Schluss kommt noch der gebrauchte Schlafsack dazu, der im Original mal bei der US-Army gedient hatte.

Mit einem letzten Blick streife ich durch mein winziges Zimmer. Aus der alten Zigarrenkiste im Bücherregal nehme ich die persönlichen Papiere und meine gesamten Ersparnisse. Fast alles stammt noch von meiner Konfirmation vor ein paar Jahren.

Es war das letzte Mal, wo sich die ganze Verwandtschaft noch einmal traf. Wir haben jedoch nie einen hohen Stellenwert in dieser Sippschaft genossen.

Nur mein Patenonkel ließ sich damals nicht lumpen und steckte mir in einem unauffälligen Moment € 500 in die Tasche meines Sakkos.

Meine Mutter hat davon, Gott sei Dank, nie erfahren…

Nach und nach habe ich nun alles in dem Rucksack verstaut.

Draußen weht ein kalter Frühjahrswind. Zum Glück ist es heute trocken, aber ich ziehe mir trotzdem den alten, aber schön warmen Bundeswehrparka über.

Ein letztes Mal ziehe ich leise die Wohnungstür hinter mir zu. Nun gibt es kein Zurück mehr. Den Schlüssel habe ich in der Küche zwischen vielen leeren Flaschen und vollen Aschenbechern zurückgelassen. Einen Moment lang trug ich mich mit dem Gedanken, dort ein wenig mit dem Nudelholz für Ordnung zu sorgen. Ich hatte mit ihm auch schon ausgeholt, es dann aber in das Chaos zurückgelegt.

Nein, Gewalt ist absolut nicht mein Ding.

Ich bin frei. Ja, endlich frei, frei wie ein Vogel, für den es keine Grenzen gibt!

Nur bekommt ein Vogel wohl keine kalten Hände und Ohren.

Die Kapuzen vom Sweater und Parka schützen nun meinen Kopf, aber die Taschen an der Seite des Parkas bieten nur wenig Schutz für die Hände. Langsam bahnen sich meine Boots ihren Weg und die Gurte vom Rucksack drücken auf den Schultern.

Es ist später Nachmittag, als ich in der Wandelhalle vom Hauptbahnhof meinen Rucksack absetze und auf den Boden gekauert eine Weile dem Treiben dort zuschaue.

Ein Gefühl von Hunger beschleicht mich, als ich eine Gruppe von Jugendlichen entdecke, die jeder ein Brötchen mit einer Bratwurst drinnen vertilgen.

Darauf habe ich nun auch Appetit. Ich schnappe mir meinen Rucksack und mache mich auf die Suche. Immer der Nase nach ist der Würstchengrill leicht gefunden.

Der Verkäufer mustert mich eingehend. Ich mache wohl eher weniger den Eindruck eines der übliche Bahnreisenden, die er wohl sonst bedienen darf.

„Na, Junge, hast´ Hunger? Komm her, die hier ist mir durchgebrochen, die kann ich eh nicht mehr verkaufen!“

Wow, der scheint ja echt nett zu sein. Schnell nicke ich und versuche es mit meinem durchtrainierten Dackelblick.

Als Belohnung erhalte ich ein schönes Brötchen, in dem eine paar Bruchstücke einer Grillwurst unter einer Senfschicht eingeklemmt sind.

„Danke, das ist sehr nett von Ihnen!“ sage ich artig meinen Spruch auf.

„Wo willst Du denn heute Nacht pennen? So wie Du ausschaust, hast Du wohl noch nichts, oder?“

Etwas misstrauisch blicke ich ihm in die dunklen Augen. Ich lese allerdings nur ehrliche Gedanken.

„Weiß noch nicht…“ versuche ich nun, zwischen zwei Schluckern, zu erklären.

„Ich wüsste da etwas. Ist natürlich nicht ganz legal, aber für eine Nacht wird es wohl gehen.“

Er grinst mich ein wenig an und ich verstehe was er wohl damit meint.

„Bis vor einem Monat habe ich selbst noch da gehaust, bis ich hier diesen Job bekam. Jetzt habe ich wieder ein festes Dach über dem Kopf“, erklärt er mir weiter.

Er macht auf mich einen wirklich netten Eindruck. Man sieht ihm gar nicht an, dass er bis vor kurzem kein Obdach hatte.

„In zwei Stunden werde ich abgelöst, dann kann ich Dich da hinbringen…“

„Ja, das geht in Ordnung, ich habe eh noch nichts weiter vor!“ antworte ich.

Na toll, besonders intelligent war mein Ausspruch ja nun nicht gerade. Besseres wollte mir aber auf die Schnelle auch nicht einfallen.

Ich verspreche ihm, zur genannten Zeit wieder hier zu sein und streune noch ein wenig über den Bahnhof.

An einem der Ausgänge fallen mir ein paar Jungs auf.

Nein, nicht eine Gruppe.

Sie stehen da jeder für sich separat. So etwa, wie einige Frauen an der Reeperbahn und deren Seitenstraßen.

Kein Zweifel, es sind Stricher.

Leichte Übelkeit macht sich in mir breit.

Gut, einige der Jungs sehen ja ganz niedlich aus, aber allein der Gedanke…

NEIN! Nein, Sören Eggers, so weit wirst Du es niemals kommen lassen, egal was passiert.

Ich werde niemals die Dienste eines solchen Jungen in Anspruch nehmen, oder gar mich selbst verkaufen! Nein, niemals.

Tränen wollen sich ihren Weg über meine Wangen suchen, doch ich wische sie schnell weg. Nur ganz kurz kam da gerade die Erinnerung an meine Frau Mutter.

Nein, lieber würde ich für € 5 am Tag Mülltonnen sauber machen, als so mein Geld zu verdienen.

Aus geringer Entfernung beobachte ich, wie MEIN Würstchenverkäufer seine Arbeit an einen anderen Mann übergibt. Er hat mich auch schon entdeckt, denn er erwidert meinen Blick mit einem Lächeln.

Keine drei Minuten später bahnt er sich seinen Weg durch die vielen Reisenden zu mir.

Freudestrahlend reicht er mir noch ein Brötchen mit einem Griller drin und sagt „Na Du, lass es Dir schmecken! Ich bin übrigens der Ali“.

„Sören“ entgleitet es mir unhöflich mit vollem Mund.

„Bist Du abgehauen?“

Ich muss wohl ganz schön doof geguckt haben, jedenfalls setze er gleich nach.

„Vergiss die Frage. Geht mich ja auch nichts an. Komm, lass uns zur U-Bahn gehen. Wir müssen Richtung Billstedt!“

Mein Vertrauen findet wieder Boden unter den Füßen und ich folge ihm. Jedoch gilt meine Konzentration überwiegend dem Brötchen, welches sich quasi in Luft aufzulösen schien.

„Danke Ali, für das Brötchen und überhaupt…“

„Och, Junge, nicht dafür. Ich kenne es nur zu gut wie es ist, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.

Mir hat auch mal Einer geholfen.

Jetzt wo es bei mir wieder bergauf geht, kann ich mich so am besten revanchieren, in dem ich anderen helfe. Verstehst Du?“

Ja, ich glaube ich verstehe, was er meint.

Wir steigen in die U-Bahn.

„Es sind nur vier Haltestellen. Dann allerdings noch ein paar Minuten zu Fuß…“ vernehme ich von Ali.

Als wir den U-Bahnhof verlassen, steuert Ali in eine Richtung, die wie ein Industriegebiet aussieht. Wir gehen eine viertel Stunde stumm nebeneinander her. Wie gerne würde ich etwas mehr von ihm erfahren. Schließlich ist er doch ganz nett.

Aber ich frage lieber nicht.

Was sollte ich denn antworten, wenn er mir die gleichen Fragen stellt?

Wir kommen an eine Umzäunung, als er anhält. Sie ist sehr hoch und zu allem Überfluss ganz oben auch noch mit Stacheldraht verziert.

Der Zaun umfriedet augenscheinlich einen Schrottplatz für ausgediente Bahnfahrzeuge. Gleich ganz vorn kann ich in der Dunkelheit das Fragment einer alten Dampflokomotive wahrnehmen. Das so etwas früher mal gefahren ist…

Leider kenne ich diese Ungetüme nur aus Fernsehsendungen.

Ali macht sich derweil an einem Kasten zu schaffen, der wohl irgendwelche Verteiler der Telecom beinhaltet. Zwischen diesem und dem Zaun zaubert er etwas hervor, was wie eine Strickleiter aussieht.

Ja, tatsächlich, es ist eine.

Gekonnt schleudert er das eine Ende über den Zaun.

Auf der anderen Straßenseite höre ich irgendwo einen Hund bellen.

„So Sören, nun rüber mit Dir, ich komme dann nach. Aber gib Acht, dass Du nirgends hängen bleibst!“ flüstert Ali.

Der hat gut reden. Eine Strickleiter allein hochzuklettern ist schon ein Kunststück für sich, aber mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken…

Mir erscheint die Zeit unendlich, aber ich komme tatsächlich oben an. Doch jetzt wird es richtig kompliziert.

Schon spüre ich ein unangenehmes Stechen in der linken Kniekehle. Ich halt sofort inne und versuche die Hose von den Dornen zu befreien.

Es klappt.

Kaum habe ich mein Bein wieder frei, will ich schon wieder straucheln. Das Übergewicht auf meinem Rücken macht es mir wirklich nicht gerade einfach.

Geschafft!

Nun kommt Ali nach. Wie ein Äffchen klettert er geschickt nach oben, schwingt sich auf meine Seite und hangelt sich in einem Atem beraubendem Tempo wieder nach unten, ganz als wäre es der normale Heimweg, den er täglich geht.

Dabei hat er auch noch eine Schnur mit sich genommen, mit deren Hilfe er nun die Strickleiter auf unsere Seite rüberziehen kann.

Das scheint wohl Routine für ihn zu sein.

Ali rollt die Strickleiter zusammen und versteckt sie unter der alten Dampflok.

„Komm Sören, zur Rezeption geht es hier entlang.“ Grinsend deutet er mitten in die Dunkelheit.

Alles hier riecht nach altem Öl und Teer. Ich habe Mühe ihm über die Gleise und dem Schotter zu folgen.

Nur schemenhaft erkenne ich nun ein paar alte Waggons. Zunächst einige verrostete Güterwagen, aber dann auch schon Waggons, die früher einmal Passagiere durch die Lande transportierten.

„Raucher, oder Nichtraucher?“ vernehme ich Alis Frage.

Meine Gedanken schweifen ab. Der Dunkelheit wegen sind meine Eindrücke beschränkt und ich erinnere mich plötzlich an den Spielfilm „Das fliegende Klassenzimmer“. Wohnte da nicht jemand in einem Eisenbahnwaggon, den man den „Nichtraucher“ nannte?

„Vergiss die Frage, da hinten müsste noch ein alter Schlafwagen stehen. Letztes Mal war der noch ganz gut in Schuss…“

Seine Worte holen mich aus der Phantasiewelt zurück.

„Du meinst einen richtigen Schlafwagen, so mit Bett und so?“ frage ich nur ungläubig.

„Na ja, Sören, zuviel darfst Du natürlich nicht erwarten, aber eine Matratze werden wir wohl noch finden. Geblümte Bettwäsche mit dem Duft eines Weichspülers ist heute jedoch gerade ausgegangen!“

Obwohl der Finsternis, glaube ich ein fieses Grinsen erkennen zu können.

Ali hielt vor einem ausgemusterten Schlafwagen an. Mit gezielten Griffen hangelte er sich an den Führungen neben der Tür nach oben und versucht die Tür zu öffnen, doch sie ist abgeschlossen.

All mein Hochmut versinkt in der mich umgebenden Nacht.

„Die lernen es wohl nie! Als wenn diese Vierkantschlösser ein Hindernis wären…“ lacht Ali leise.

Erste Ansätze für die Rückkehr meines Selbstvertrauens werden überrannt, als Ali einen entsprechenden Schlüssel aus seiner Hosentasche zieht. Dieser schwarzhaarige Junge schafft es immer wieder aufs Neue mich zu verwundern.

Mittlerweile steht er in der geöffneten Tür. „Komm, reich mir Deinen Rucksack hoch, oder willst Du draußen pennen? Und pass auf, wenn Du nachkommst, die unterste Stufe ist durchgerostet!“

Endlich bin ich befreit von der Last auf meinem Rücken.

Ist wohl schon zu lange her, als das meine Schultern solche Gewichte gewohnt waren.

Ich kann mich aber auch nicht daran erinnern, dass der Rucksack im Urlaub je so schwer war.

Umsichtig klettere ich meinen Weg in den Schlafwagen. Meinen Schlafwagen.

„Ali? Ali, wo steckst Du?“ Es ist wirklich nicht einfach in dieser Finsternis, aber ein Stück weiter kann ich ein wenig Licht ausmachen.

„Ich bin hier. Sören? Kannst du das Licht sehen?“

„Ja, bin schon unterwegs…“ es wird immer heller.

Nun bin ich aber platt. Ich blicke in ein Schlafwagenabteil, das noch recht gut erhalten ist.

Es liegt sogar ein Teppich drin. Nein, nicht die Auslegeware der Bahn. Es sieht eher aus als hätte hier ein echter Orientteppich vom Sperrmüll eine neue – oder besser – letzte Heimat gefunden.

Auch die Matratze auf dem Bett hatte wohl den gleichen Ursprung, denn sie war für die Schlafkoje ein wenig zu breit und steht an der Vorderkante etwas hoch.

Darauf liegt noch völlig verwuschelt eine durchlöcherte Wolldecke und eine pinkfarbene Bettflasche.

Ali hat eine Kerze auf dem kleinen Tisch am Fenster platziert, welche ausreichend Licht spendet.

Er schaut mich fragend an. „Na, was meinst Du?“

Ich schaue noch ein wenig umher und lege zufrieden ein Lächeln auf, als schließlich mein Blick wieder am Bett hängen bleibt.

„Hier hat wohl jemand gewohnt, der kalte Füße hatte?“ grinse ich.

„Tja, weißt Du, ich habe hier den ganzen Winter überlebt. Da war die Bettflasche ganz brauchbar. Ich habe sie mir, nicht weit von hier, in einer Kneipe immer mit heißem Wasser füllen lassen. So war es dann doch etwas leichter.

So, nun aber Schluss. Hier kannst du wenigsten schlafen. Bitte mache die Kerze nachher aus, bevor Du Dich hinlegst.

Jetzt muss ich wieder raus. Da brauche ich Deine Hilfe. Schließlich musst Du die Strickleiter ja wieder zurückholen, sonst kannst Du hier nicht mehr raus…“

Glücklich und zufrieden begleite ich Ali wieder zum Zaun und helfe ihm auf seinem Heimweg.

Es ist hell in meinem Abteil. Nur widerwillig schäle ich mich aus meinem warmen Schlafsack. Irgendwo in meiner Nähe vernehme ich Geräusche, kann sie aber nicht richtig zuordnen.

Dann sehe ich sie.

Eine kleine Maus läuft über die Fensterbank.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo mich solch Ungeziefer angeekelt hat.

Jetzt empfinde ich es eigentlich nicht mehr so.

Ich schau ihr zu, wie sie ein wenig an der Kerze nagt und sich dann zu putzen beginnt.

Als ich mich nach unten beuge um meine Boots zuzubinden verschwindet sie mit ein paar gekonnten Sätzen.

Nachdem ich meine sieben Sachen wieder gut im Rucksack verstaut habe, begebe ich mich wieder auf den Weg zum Zaun. Vorsichtig schaue ich mich um. Da es Wochenende ist, bin ich jedoch immer noch allein auf dem Gelände und auch auf der Straße herrscht friedliche Einsamkeit.

Der Rückzug über den Zaun fiel mir jetzt etwas leichter.

Es ist doch ein Unterschied, ob man die Kletterei bei Nacht, oder bei Tag vollzieht.

Es ist fast Mittag, als ich mich wieder im Hauptbahnhof einfinde.

Ich habe gestern vorm Einschlafen lange überlegt, wie es wohl weitergehen könnte…

Eine richtige Idee kam mir allerdings nicht. Nur eines hatte ich beschlossen.

Ich will weg aus Hamburg.

Früher oder später würde mich hier ja doch die Polizei aufgreifen und dorthin zurückbringen, wo ich herkam, aber nun nicht mehr zu Hause bin.

„Husum, die graue Stadt am Meer“ lese ich im Schaufenster eines Buchladens.

Ja, warum eigentlich nicht?

Da war ich mal vor Jahren auf Klassenfahrt.

Ist doch auch egal, wo ich hinfahre, Hauptsache weg aus Hamburg.

Husum ist ganz nett und ein wenig kenne ich mich da ja vielleicht noch aus.

Beinahe ziellos und doch bewusst führen mich meine Schritte durch diese endlose Wandelhalle.

Ich komme auch an dem Würstchengrill vorbei, aber Ali ist leider nicht da.

Ich gehe zu einem Zeitungsladen, der auch eine Lottoannahme hat.

Ich nehme irgendein Los und einen Schreiber und male ganz groß darauf:

„DANKE Gruß Sören“,

ich falte es einmal zusammen und schreibe auf die Vorderseite

„für Ali“.

Zurück beim Würstchengrill frage ich den Jungen, ob er Ali kennt.

„Klar, der löst mich in drei Stunden hier ab!“

Ich gebe ihm das Los und bitte ihn es Ali zu geben.

Erst schaut er etwas verwundert. Dann scheint er mich von oben bis unten zu scannen. Schließlich lächelt er wieder „geht klar, kannst Dich auf mich verlassen!“.

Ich will gerade wieder verhindern, dass eine Träne meine Wange einnässt, da werde ich mir über die stachelige Haut im Gesicht bewusst.

Ich kenne hier eine Toilette, wo es auch warmes Wasser gibt und Anschlüsse für einen Rasierer. Also losgestiefelt.

Ja, jetzt fühle ich mich schon wieder besser. Zum Schluss noch wieder etwas Gel in die Haare und keiner erkennt diesen Amateurschnitt.

Fest entschlossen trabe ich nun mit meinem Rucksack in den Abschnitt mit den ´zig Fahrkartenschaltern.

Wie es aussieht bin ich nicht der einzige Rucksacktourist.

Zumindest steht vor mir ein Bursche, der mir vorhin schon einmal kurz aufgefallen war.

Er ist blond. Er hat ebenfalls wild gegelte Haare und auch sonst ist er wohl ein recht heller Typ.

Vorhin sind mir jedenfalls auch ein paar lustige Sommersprossen um eine ausgesprochen hübsche Stupsnase aufgefallen.

Jetzt, wo ich ihn nur von hinten bewundern darf, fallen mir seine recht kleinen Ohrmuscheln auf. Ich werde nun fast neidisch.

Schon seit Beginn meiner Schulzeit wurde ich stets gehänselt, wegen meiner leicht abstehenden Ohren. Auch das war ein Grund, warum ich in der Vergangenheit mein Haar lieber etwas länger trug.

Auch sonst erschien mir an diesem Jungen nahezu alles perfekt.

Vom Körperbau her dürfte er in etwa mein Alter haben.

Auch er ist hoch aufgeschossen, hat aber noch recht schmale Schultern, was auf die noch vorhandene Jugend hindeutet.

Das Sweatshirt hat er sich lässig über die Schulter gelegt und trägt darunter nur ein knallrotes T-Shirt. Seine Arme haben eine fast weiße Hautfarbe und wirken recht dünn.

Zusammen mit den wadenlangen Bermudas aus Jeansstoff und den Sneaker, ist er doch recht nett anzuschauen.

Das, was ich von seinen Schenkeln sehen kann, ist eher schlaksig ausgelegt, ganz wie meine auch.

Kaum ist eine viertel Stunde um und auch ich komme auch an die Reihe.

„Einmal nach Husum bitte!“ bete ich lakonisch meinen Satz dahin.

„Einfache Fahrt, oder mit Rückfahrt, erster, oder zweiter Klasse? Haben Sie eine Bahncard?“ werde ich mit Fragen bombardiert.

„Ja, zweiter Klasse, nein“ gebe ich frech und genervt zurück.

„Ja, wie, was nun?“

„Ja, einfache Fahrt in der zweiten Klasse und ich habe keine Bahncard!“

Die ist doch selber Schuld, wenn sie drei Fragen auf einmal loslässt.

Ich bezahle für mein Zugticket und stecke das Wechselgeld schnell wieder in den ledernen Brustbeutel, der mir um den Hals hängt.

Mir fällt auf, dass Blondi mich dabei interessiert beobachtet, wie ich unter meinem hochgezogenen Sweater hantiere.

Hoffentlich ist ihm mein Gürtel nicht aufgefallen. Die Regenbogenfarben sprechen schließlich eine eigene Sprache.

Oh man, jetzt kommt er tatsächlich auf mich zu und lächelt dabei auch noch recht hinterhältig.

„Hallo, habe ich das eben richtig gehört, Du willst auch nach Husum fahren?“

„Wüsste nicht, was Dich das angeht!“ erwidere ich schroff und noch immer von der Verkäuferin aufgebracht.

Blondi reagiert sichtlich erschrocken und seine Mundwinkel versuchen einen Bereich anzusteuern, der schon weit unterhalb des ausgesprochen hübschen Kinns liegen sollte.

Oh man, wie blöd kann ich eigentlich sein? Hätte man mich doch bloß schon als Säugling mit dem Nudelholz erschlagen…

„Äh, entschuldige bitte! Die Tante da am Schalter hat mich nur gerade ziemlich genervt und außerdem ist alles um mich herum nicht gerade Frühling…“

„Ist schon verstanden. Wollte Dich auch nicht stören. Dachte nur halt…“ und will sich schon von mir abwenden.

„Hey, so warte doch. Ja, ich fahre auch nach Husum. Wollen wir gemeinsam fahren?“ setze ich schnell nach, bevor er sich ganz abwenden kann.

Ich glaube die Sonne geht heute zum zweiten Mal auf.

Schneller als ich es erwartet habe, kann ich wieder in dieses wunderschöne Antlitz schauen.

Regenbogenhäute wie Türkis funkeln mir aus verträumten Augen entgegen.

Die Mundwinkel haben wieder ihren vertrauten Platz gefunden und dieser scheint wohl ganz deutlich sichtbar in der Region Lächeln zu liegen.

WOW, einen ganz kurzen Moment wird mir richtig schwindelig. Dieses Lächeln will mich fast um den Verstand bringen.

„Ja, wirklich gerne! Weißt Du, ich bin nicht gern allein. Und im Zug unter lauter fremden Menschen fühle ich mich schnell ziemlich einsam. Ich heiße übrigens Finn!“

Ich greife nach der angebotenen Hand. „Hi Finn, ich heiße Sören, und bitte entschuldige noch einmal, aber ich bin wirklich ein wenig durch den Wind.“

„Schon vergessen!“ strahlt der Junge.

Auf der nach oben offenen Richterskala für Erdbeben hätte man jetzt vermutlich eine 7,0 gemessen. So groß jedenfalls, ist wohl der Stein gewesen, der mir gerade vom Herzen fiel.

Immer mehr werde ich jetzt nervös. Bloß nicht noch so ein Fettnäpfchen, bloß das nicht.

„Weißt du schon, zu welchem Bahnsteig wir müssen?“

„Ja, ich fahre jeden Monat einmal mit diesem Zug, wenn ich meinen Vater besucht habe.

Wir müssen zu Gleis 11. Abfahrt ist um 13:30 Uhr, dann sind wir um halb Vier in Husum.

Es fährt zwar auch schon einer um 12:43 Uhr, der geht aber nach Rendsburg. Dort müssten wir umsteigen, lange warten und sind dann erst zur gleichen Zeit in Husum.“

Immer noch sind seine süßen Mundwinkel weit nach oben gezogen…

„Tja, dann haben wir ja noch mehr als eine Stunde Zeit. Ich könnte ein wenig zu Essen vertragen. Hast Du auch Lust…?“

„Klar, aber lass uns dann lieber die Rucksäcke loswerden. Einverstanden?“

Schließfächer gibt es hier wie Sand am Meer. Also ist es kein Problem die großen Rucksäcke zu verstauen.

„Wonach ist denn Dir? Auf das übliche Fastfood habe ich eigentlich keine Lust. Magst Du chinesisch?“ führe ich nun die Konversation fort.

„Du Sören, ob Du es glaubst, oder nicht, aber mir fällt momentan nichts ein, was ich nicht mag. Ich kann alles essen… und das rund um die Uhr!“

„He, das sieht man Dir aber nicht an, so schlank wie Du bist!“ lobe ich den süßen Blondschopf.

„Ach, lass das lieber. Ich finde ich bin viel zu mager. Wenn ich das T-Shirt hochziehe kannst Du jede Rippe zählen…“

Irgendwie klingt er jetzt ein wenig traurig.

Zielsicher führe ich Finn zu dem Chinaimbiss, mit dem ich schon gestern ein wenig geliebäugelt habe. Nur wollte ich mit meinen geringen Ersparnissen schon ein wenig haushalten.

„Na. was meinst Du Finn? Ist das etwas für zwei Teenager, die richtig Hunger haben?“

Finn studiert die Fotos von Speisen, welche im Schaufenster ausgehängt sind.

„Tja, Sören, ich denke, die Speisefolge, so wie die Bilder hier untereinander hängen würde als Mittagessen erst einmal ausreichen…“

Finn hat nun das Eis in mir gänzlich gebrochen. Ich lache wie schon lange nicht mehr.

Schnell gehen wir rein und bestellen etwas, um unsere inzwischen knurrenden Mägen zu füllen.

Schon nach wenigen Minuten erhält Finn eine Portion gebratenen Tofu (diesem Sojabohnenquark) mit einer bunten Vielfalt an Gemüse und Reis.

Mir stellt man einen Teller mit gebratenen Nudeln hin, der mit Hähnchenfleisch und Sojabohnenkeimlingen bereichert ist.

Als ich beim Essen so um mich schaue, überkommt mich irgendwie das Gefühl, dass unsere Portionen deutlich größer ausgefallen sind, als die der anderen Kunden.

Sehen wir denn wirklich so verhungert aus?

Egal, es schmeckt total lecker. Ich probiere auch mal bei Finn und er ebenso von meinem Teller. Ja wirklich, wir haben gut gewählt. Alles schmeckt fantastisch und wird restlos vertilgt.

Schon lange nicht mehr hat mir ein Essen so viel Spaß gemacht, und wann wurde ich das letzte Mal wirklich richtig satt?

„Komm Sören, wir sollten jetzt lieber wieder unser Gepäck holen…“ holt mich Finn aus den Gedanken.

„Ja, Du hast Recht, lass uns gehen.“

Am Gleis 11 stehen nicht wirklich viele Reisende. Der Blick auf die Anzeigetafel bestätigt aber die richte Zugfahrt.

Umso besser, vielleicht bekommen wir ja sogar ein Abteil ganz für uns allein.

Etwa eine viertel Stunde später fährt der Zug ein. Eigentlich sogar früher als ich erwartet habe.

Finn klärt mich auf, dass der Zug hier immer 10 Minuten steht, bevor es weiter geht.

In aller Ruhe streifen wir von einem Waggon in den nächsten. Tatsächlich finden wir ein leeres Abteil. Auch an der Tür hängt kein Hinweis auf Reservierung.

Klasse. Genau das habe ich mir gewünscht.

Finn kramt noch etwas in seinem Rucksack, hält kurz ein Paar Ohrhörer und einen MP3-Player in den Händen, verstaut seine Musikmaschine aber wieder genauso schnell, wie er sie gefunden hat.

Da setzt sich der Zug auch schon in Bewegung.

Langsam wird mir klar, so wie die einzelnen Stadteile an mir vorbeifliegen, dass ich jetzt wirklich Abschied von meiner Vergangenheit nehme.

„Sag mal Sören, wo kommst Du eigentlich her? Dein Name klingt ziemlich nordisch.“

Finn hatte direkt neben mir Platz genommen und ich musste mich ein wenig zurechtrücken, um ihm ins Gesicht schauen zu können.

„Ja, so ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber ein Teil meiner Verwandtschaft lebt in Dänemark. Ich selbst wurde in Hamburg geboren.“

„Und da lebst Du also heute, ja?“

Autsch! Das ist mein Nerv, den ich lieber nicht getroffen fühle…

„Habe ich da was Falsches gefragt?“ wundert sich Finn.

„ne,… ach, lass mal…“

Ein paar Minuten Funkstille vergehen und ich finde zurück.

„Und was ist mit Dir? Den Namen Finn habe ich, glaube ich zumindest, noch nie zuvor gehört. Ist das eine Abkürzung?“

Finn findet sein vertrautes Lachen wieder. „Ne Du, Finn ist ein ganz normaler Name. Da wo ich herkomme heißen viele Jungs so!“ lacht er noch immer.

„Dann kommst Du also nicht aus Husum?“

„Ja und nein. Also, ich lebe zwar seit vier Jahren in Husum, aber ich stamme von Island. Ja, Island, die schönste Insel der Welt!“ Ich blicke nun wieder in diese Augen. Augen, wie sie verträumter nicht aussehen könnten.

„Erzählst du mir mehr davon?

„Gerne! Also, alles begann damit, dass meine Urgroßeltern, wir sind schon seit Generationen Fischer, irgendwann einmal von Deutschland nach Island auswanderten. Dort gab es schon damals bessere Fanggründe. Und so blieben… “

Finn erzählt mir recht ausführlich seine ganze Familiengeschichte und wie es kam, dass er heute nun in Husum lebt. Es ist toll, ihm einfach nur zuzuhören.

Wie ein ausgetrockneter Schwamm sauge ich jede Silbe von ihm in mir auf. Aber nicht nur das. Auch sein Aussehen, jede Bewegung von ihm, einfach alles, ja, sogar seinen Geruch. Alles sauge ich in mich hinein. Ganz so, als würde ich genau wissen, dass ich diese Gelegenheit nie wieder bekomme.

„… und mein Paps lebt nun in Hamburg und arbeitet dort jetzt bei einer Reederei im Kontor. Leider kann ich ihn dort nur einmal im Monat besuchen.“

Ich brauche einige Zeit um alles zu verarbeiten, was mir der Junge da alles von sich erzählt hat.

Ich beginne zu überlegen, ob ich von mir nun auch was erzählen soll, aber Finn steht mit einem Mal auf und sammelt seinen Rucksack, Sweater und Schuhe wieder ein, die er ausgezogen hatte.

„Komm schon, Sören, wir sind gleich da.“

Jetzt wurde ich ganz aus den Gedanken gerissen und finde mich zurück in der Gegenwart.

„Wie, schon in Husum?“

„Ja, was denkst Du denn. Husum ist doch nicht am anderen Ende der Welt.“

Wo nimmt der Junge bloß diese Lebenslust und Heiterkeit her? Ein fröhliches Gesicht steht mir gegenüber und lacht.

Ja, er lacht so intensiv, dass er mich wirklich ansteckt. Ich fühle mich richtig gut in seiner Gesellschaft.

Kaum ist der Zug in den kleinen Bahnhof eingefahren, stehen wir auch schon auf dem Bahnsteig. Es war wirklich eine schöne Fahrt mit Finn.

Die Rucksäcke geschultert gehen wir die Treppe runter und dann zum Bahnhofsvorplatz.

„Du, Sören, sehen wir uns wieder? Ich meine…

Na ja, weißt Du, also …

Ja, also eigentlich habe ich hier gar keine richtigen Freunde und Du bist mir irgendwie sehr sympathisch…“ stottert Finn da vor sich hin.

Ehrlich, ich wäre fast in die Luft gesprungen. Spricht er doch direkt das aus, was auch ich empfinde!

„Klar Finn, mir geht es genauso. Ich mag Dich auch… sehr sogar!“

Kaum waren die Worte raus, sehnte ich mich erneut nach der versäumten Nudelholzaktion.

Mein Gott Sören, was hast Du doch für ein Geschick, in jeder Situation das weit und breit einzig verfügbare Fettnäpfchen zu finden.

Dem scheint aber nicht so. Finn schaut mich lange an. Langsam nur stellt er seinen Rucksack ab. Ebenfalls sehr bedacht begibt er sich die zwei Schritte auf mich zu und ehe ich mich darauf vorbereiten kann, bekommen ich einen Kuss von ihm mitten auf die Stirn.

Das alles auch noch in aller Öffentlichkeit.

Meine Sinne versagen nun total.

Ich empfinde es, als würden Stunden vergehen.

Alles in mir verkrampft sich, um im gleichen Moment einem Glücksgefühl den Weg zu bereiten, welches ich noch nie in meinem Leben zuvor, so empfunden habe.

Alles um mich herum existierte nun nicht mehr. Wirklich alles, alles außer Finn.

Wie von Geisterhand gesteuert greifen meine Hände nach diesem wunderschönen Gesicht.

Er lässt mich gewähren und erhält einen ebensolchen Kuss.

Diesmal jedoch direkt auf die Lippen.

Es war mir egal, wie er reagiert. Einmal wenigstens wollte ich diesen Genuss erleben.

Hatte ich nicht heimlich die ganze Fahrt über, genau davon geträumt?

Erst allmählich spüre ich, wie seine Arme sich um meinen Oberkörper winden und immer fester an ihn herandrücken. Jetzt beginnen sich auch ganz langsam seine Lippen zu öffnen und es entwickelt sich für mich ein Erlebnis, wie eine Begegnung der dritten Art.

Ich spüre ganz deutlich, wie Finn nur sehr zögerlich die Umklammerung wieder löst.

Nur mit reichlich Verspätung nehme auch ich wieder die ganze Umgebung um uns wahr.

Scheinbar hat niemand unseren Ansturm zur Kenntnis genommen, oder falls doch, jedenfalls keine Reaktion gezeigt.

„Finn, ich glaube ich habe mich ein wenig in dich verguckt.“ versuche ich zu erklären, was ich da gerade getan habe.

So richtig weiß ich auch nicht, was ich anderes hätte sagen sollen.

Ist doch schließlich das erste Mal, dass ich mich richtig zu jemandem hingezogen fühle.

Ich meine damit, dass ich zwar schon etwas länger weiß, dass mir Jungs lieber sind als Mädchen. Genauer gesagt, mit Mädchen kann ich nun überhaupt nichts anfangen.

Aber jetzt? Ja, was war das jetzt?

Da steht ein bildhübscher Junge vor mir. Seine Gesichtsfarbe ist ein ganz klein bisschen gerötet.

Sein Blick wirkt aber eher weniger irritiert!

So, wie es aussieht, bin ich mehr verwirrt als er…

„Hey Sören, das war gerade wunderschön. Auch ich habe mich schon in Hamburg in dich verguckt.

Als ich deinen Gürtel gesehen habe, bin ich fast verrückt geworden.

Es stand für mich fest, diesen Fisch, ziehst du an Land, egal wie!“

„So, so, für Dich bin ich also nur ein glibberiger Fisch?“ empöre ich mich gespielt, worauf er mich noch einmal in den Arm nimmt und kräftig drückt.

„Nein, ganz gewiss nicht, meine kleine Krabbe!“

Jetzt war das Maß voll und ich versuche ihn zu kitzeln, was mir auch bestens gelingt.

Nur ungern lassen wir voneinander ab.

„Sag mal Sören, wo wohnst Du hier eigentlich?“ fragte mich Finn, noch immer etwas außer Atem.

Nun bin ich an der Reihe, für eine neue Gesichtsfarbe.

„Ja, weißt Du, es ist so…

Also, so genau weiß ich das noch nicht…

Also gut. Ich bin zu Hause abgehauen. Und nun bin ich auf der Straße!“

Die letzten Worte kommen schon etwas von Tränen erstickt.

„Echt? Ist das wahr? Cool…“

„Na ja, so cool ist das nun auch wieder nicht.

Ich bin auf der Straße, habe kein Dach, kein Bett, und muss sehen, wie ich zu etwas zu Essen komme…“ schniefe ich so dahin.

„Also für Dach, Bett und Essen kann ich Dir vielleicht behilflich sein. All dieses gibt es bei meiner Oma!“ sprudelt Finn glücklich aus sich heraus.

Kaum gesagt, zieht er schon an meinem Ärmel und zwingt mich so zur Bewegung in eine bestimmte Richtung.

„Und was wird Deine Oma dazu sagen?“

„Och, die ist schon sehr alt. Die bekommt das vermutlich gar nicht mit…“ vermutet Finn.

Mir kann es im Moment ja egal sein. Hauptsache ich finde einen trockenen Platz zum Schlafen.

Doch der Gedanke, dass dieser Platz ganz nahe bei Finn sein wird, lässt mich fast überdrehen.

Dieser Junge bringt meinen Verstand total durcheinander. Kein klarer Gedanke kommt mehr ins Großhirn durch.

„Du Sören, magst Du eigentlich Krabben?“

„Wie kommst Du denn jetzt darauf?“ frage ich völlig irritiert.

„Na dann schau mal etwas nach links. Da am Hafen gehen wir gleich lang. Da sind die Fressbuden, wo die Touristen sich voll futtern. Ich denke mal, so ein klitzekleines Krabbenbrötchen findet auch bei uns noch seinen Platz, oder?“

„Was für eine Frage, natürlich mag ich Krabben!“ Und wie Finn schon sagte, ein wenig Platz wird sich in meinem Magen ganz bestimmt schon noch dafür finden.

Bestens gestärkt begeben wir uns nun auf die letzten Meter zur Höhle der Löwin. Genauer gesagt, zur Großmutter von Finn.

Als Finn die Haustür aufschließt, habe ich gar nicht den Eindruck die Wohnung einer alten Oma zu betreten.

Nein, absolut nicht. Alles ist modern und macht einen überaus gepflegten Eindruck.

„Finn, zieh´ die Schuhe aus! Hörst Du?“ nehme ich ganz nebenbei wahr.

„Ja doch Granni, bin schon dabei.“ erwidert Finn nun mit leicht verstelltem Gesichtszug. Dabei deutet er aber auch auf meine Füße, womit mir sofort klar ist, was er meint.

Kein Problem. So sauber wie es hier aussieht, ist das doch wohl das geringste Problem.

Jetzt kommt uns eine Gestalt entgegen, die rein vom Aussehen schon fast jünger erscheint als meine eigene Mutter. Na, ja, kein Kunststück, bei dem Lebenswandel meiner Erzeugerin…

„Na Finni, wie war es bei Paps? Habt ihr ein schönes Wochenende verbracht?

Oh, da ist ja noch jemand. Ist das Dein Freund?“

„Granni! Das ist Sören, wir habe uns zufällig im Zug kennen gelernt“ lügt Finn.

„Ach Finn, warum sagst Du nur nicht die Wahrheit. Denkst Du etwa, ich weiß nicht was in Dir vorgeht?“

Finn wird etwas verlegen. Ja eigentlich nicht nur etwas.

„Woher…, ich meine, seit wann weißt Du es, Granni?“

„Och, Jungchen, das ist schon eine Weile her. Aber es fiel mir halt auf, wenn wir Einkaufen gingen. Ich brauchte bloß Deinen Blicken zu folgen…“

Mir wird die Situation allmählich peinlich. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie elend sich Finn im Moment fühlt.

„Hey, Finn, siehe es doch mal positiv. Ein Coming Out hast Du Dir nun schon mal gespart!“

„Ja, ich glaube Du hast Recht. Und es wäre das Schwierigste überhaupt geworden!“

„Na, nun ist aber Schluss! Denkt Ihr etwa ich bin schon so verkalkt wie die alte Waschmaschine?“ lacht Granni nun fröhlich vor sich hin.

„Aber, wo ich gerade von ALT spreche. Sag mal, Finni, könntest Du für mich heute Abend zum Theater gehen und den Fundus aufschließen. Ich habe die Kostüme gestern noch umgenäht und die Aufführung ist heute.“

„Klar Granni. Was wird denn heute gespielt?“

„Es ist ‚Opa ward veküppt‘!“ [Anmerkung des Autors: Opa wird verkauft]

„Oh super, das Stück ist total gut, ist das nicht das, was sie auch schon letztes Jahr zu Ostern gespielt haben?“

„Aber ja doch! Und es war ein riesiger Erfolg. Es gab da zwölf Vorhänge!“ wobei ich nun absolut keine Ahnung habe was das sein soll…

Finn erblickt meine Unsicherheit und fragt mich ganz aufgeregt „Sören, was meinst Du? Kommst Du mit? Das ist da voll spannend. Sowohl im Fundus, als auch im Theater hinter der Bühne!“

Wie könnte ich diesem Jungen auch nur eine Bitte abschlagen? Davon einmal ganz abgesehen. Was weiß ich denn schon von Theater?

„Sag, Granni, wann müssen wir denn da sein?“

„Also spätestens um 18:00 Uhr. Die Vorstellung beginnt um Acht!“

„Ja, dann würde ich sagen, gehen wir besser schon jetzt los. Dann kann ich Sören noch etwas im Fundus herumführen.“

„Aber, dass Du mir da ja nichts kaputt machst, hörst Du?“ wendet Granni besorgt ein.

„Klar Granni, Du kennst mich doch…“

„Ja, genau deswegen mache ich mir ja Sorgen!“ fügt sie noch lächelnd hinzu.

So eine Oma hätte ich wohl auch gern.

Finn schnappt sich nun auch meinen Rucksack und läuft schnell die Treppe ins Obergeschoss, um gleich darauf schon wieder neben mir zu stehen um sich die Schuhe anzuziehen.

„Was ist los, hast Du keine Lust, oder was?“

Sein Tatendrang hatte schon wieder etwas Verwirrung in mir ausgelöst.

Doch auch ich schnappe mir meine Boots und ziehe sie wieder an.

Gemütlich ziehen wir durch die alten Gassen von Husum. Weiß der Himmel, warum Theodor Storm, also dieser Dichter damals, diese als eine „graue Stadt“ titulierte?

Kaum 20 Minuten später erreichen wir den Seiteneingang des Stadttheaters.

Ein schon etwas älterer Herr öffnet uns und fragt auch gleich sehr besorgt nach der Oma von Finn. Dieser beruhigt ihn und erzählt, dass sie einfach nur ein wenig müde sei.

Finn nimmt mich am Arm und führt mich nun durch einige nur mäßig beleuchtete Gänge, bis wir an eine Treppe zum Keller kommen. Direkt neben einem überdimensionalen Lastenfahrstuhl führt uns die enge Wendeltreppe nach unten. Finn stoppt vor einer riesigen Stahlschiebetür und macht sich mit dem Schlüsselbund vom Pförtner an der Tür zu schaffen.

Mit lautem Rumpeln schiebt Finn nun die Tür ein Stück zu Seite.

„Warte hier, der Lichtschalter ist ein Stück weiter drinnen.“ fordert Finn mich auf.

Mir schlägt derweil ein seltsamer Geruch entgegen.

Genau kann ich ihn nicht beschreiben.

Es riecht irgendwie ein wenig abgestanden, ja halt eben wie schlecht gelüftet.

Ich hatte eigentlich eher den Geruch von Mottenkugeln erwartet.

Ich vernehme das typische Geräusch von Leuchtstoffröhren aber die Halle, die sich vor mir auftut, erhellt sich nicht wie erwartet im grellen Neonlicht, sondern nur diffus im Licht einiger weniger bunter Leuchtstoffröhren.

Finn kann ich nirgends entdecken.

Es ist schon etwas länger her, dass ich so eine Gänsehaut bekam. Alles, was ich sehe wirkt mit einem mal ein wenig gespenstisch auf mich ein. Ja fast mystisch erlebe ich diese Eindrücke.

Gleich vorne rechts, da wo Finn eben noch hinein ging, hängt eine große Holztafel, an der alle erdenklichen Arten und Formen von Schwertern und Schilden aufgehängt sind.

Direkt im Anschluss folgen Messer, Pistolen und andere Handwaffen.

Ich gehe den Gang etwas weiter und komme in einen Bereich voller Perücken, Kopfbedeckungen und skurrilen Masken jeglicher Art, als Finn mit genau so einer im Gesicht vor mich springt.

Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte mich beinahe nass gemacht.

Schon als kleiner Junge konnte ich beim Lesen von Geschichten so tief abtauchen, dass ich mit dem Hauptakteur fast Eins wurde.

Meine Mutter sagte immer ich hätte einfach zuviel Phantasie.

Finn erkennt meinen Anflug von Ohnmacht und nimmt mich rasch in den Arm.

„Hey, Kleiner, das wollt ich nicht. Es sollte doch bloß ein Spaß sein!“ Noch immer besorgt lässt er mich sanft zu Boden gleiten und setzt sich ganz dicht dazu.

„Bist Du jetzt sauer?“ fragt er mich noch immer sehr besorgt.

„Ne, ist schon in Ordnung. Ich habe mich nur wirklich erschrocken, weil ich ein wenig in Gedanken war…“

Finn gewinnt langsam sein Lächeln zurück.

„Na, dann werde ich jetzt mal das Licht richtig anmachen. Schließlich sollst Du ja auch Deinen Spaß haben“ erwidert er und springt schon wieder auf.

Wieder vernehme ich in der Stille des Kellers das obligatorische „Pling“ für die hellen Neonröhren, die nun ihr Licht dem Gewölbe bereitstellen.

Erst jetzt werde ich gewahr, welche Ausmaße dieser Keller hat. Nun verstehe ich auch, warum eine so riesige Schiebetür den Raum verschließt. Ganze Bühnebilder haben an der linken Wand ihren Platz gefunden, um für eine erneute Aufführung bereit zu sein.

Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit erregt jedoch sogleich die vordere Hälfte eines Piratenschiffes.

Ja, das war schon mein Traum, als ich noch wirklich klein war.

Einmal ein richtiger Pirat sein.

Langsam und ehrfurchtsvoll führen mich meine Schritte näher an den Rumpf, von dem zerfetzte Segel und andere Takelage herunter hängen.

„Sag mal, Sören, kann es sein, dass Du ein ganz klein wenig ein romantischer Träumer bist?“ fragt Finn während er mir von hinten seine Arme auf die Schultern legt.

Schon wieder ist er unbemerkt an mich herangekommen. Und schon wieder zucke ich kurz zusammen.

„Erwischt!“ ist alles was mir sofort einfällt.

„Du Finn, warst Du denn niemals in der Phantasie auf der Bounty, oder Kapitän Blaubart. Auf der Schatzinsel, oder hast Du Moby Dick gejagt, oder warst Du sogar Robinson?“

Ein scheinbar unwissendes Gesicht schaut mich an. „Hey, Sören, das sind doch bloß Geschichten…?“

„Nein Finn, für mich nicht! Ich habe sie erlebt. Ja, alle! Für mich sind sie real gewesen. Es war das einzige, in meiner Kindheit, was wirklich real war!“

Wieder suchen sich einige Tränen ihren Weg und ich lasse ihnen diesmal ihren freien Lauf.

Entweder Finn versteht mich jetzt, oder niemals.

„Komm Sören, ich glaube ich kann Dir helfen.“ Finn zog mich mal wieder am Ärmel und ich folge völlig willenlos.

„Schau mal, das sind die Garderoben für das Piratenstück. Die meisten werden wohl viel zu groß sein, aber die Klamotten sind ja eh immer weit geschnitten getragen worden.“

Meine Augen beginnen zu leuchten. Ja, sie leuchten jetzt wie 100 Watt-Kerzen!

„Meinst Du, ich darf eins davon mal anziehen?“

„Klar, warum nicht? Und es wäre lieb von Dir, wenn Du auch ein Kostüm für mich aussuchst! Wäre doch sonst langweilig. Ich muss jetzt nur kurz nach vorne, die Requisiteure kommen wohl in jedem Moment.“

Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst. Zu fast jedem Kostüm fällt mir eine Geschichte ein.

Immer tiefer versinke ich zurück in meine ganz eigene Traumwelt. Genau dazu passend finde ich auch tatsächlich die Kleidung, die meiner Vorstellung eines Piraten am meisten entspricht.

Nach und nach entledige ich mich meiner gewohnten Gegenwartsmode und schlüpfe Stück für Stück in die Hüllen dessen, wie in meiner Phantasie wohl einmal ein Pirat ausgesehen haben mag.

Ich mache mich auf die Suche nach einem Spiegel und werde prompt von einem der Requisiteure entdeckt.

„He, das muss ein Irrtum sein, wir spielen doch heute den plattdütschen Dorfschwank!“

„Ist schon gut…“ beruhigt ihn Finn, „das ist eine Anprobe für ein anderes Stück, das auswärts gespielt werden soll!“

Ich habe keine Ahnung wie Finn das macht, aber ich könnte das nicht. Erstens kann ich nicht Lügen und zweitens bin ich nicht so spontan.

Endlich finde ich den Spiegel und stelle fest, dass der weite Federhut absolut gar nicht dazu passt. Nein, hier muss ein Kopftuch her und, verdammt noch mal, eine Augenklappe.

Ein deutliches Rumpeln kündigt mir an, dass Finn die Schiebetür schließt. Umso besser. Kann ich diesem Barbaren doch endlich zeigen, von wem auf dieser Insel Ebbe und Flut befohlen wird!

Ich begebe mich weiter zum Eingang und finde auch noch einen passenden Säbel.

Er sieht recht echt aus und doch ist er aus so einem Latexzeug.

Jetzt ist mir klar, warum die Schauspieler sich nie wirklich verletzen.

„Sören? Hast Du auch was für mich gefunden?“ höre ich Finn rufen.

„Ja, klar! Bist Du schon fertig?“

„Ja“ spricht nun Finn wieder mit normaler Lautstärke, da er mich gefunden hat.

„Also den Hut würde ich nicht nehmen…“

„Stimmt, den habe ich auch schon abgeschrieben. Was hältst Du von einem Kopftuch und Augenbinde?“

„Ja, das könnte eher passen. Und was hast Du für mich auserkoren?“

Wir gehen gemeinsam den Gang runter zu dem Abschnitt, wo ich meine Verkleidung begann.

„Nein, nein bitte nicht das“ protestiert Finn nun heftig, als er das Kostüm einer Piratenbraut vorbereitet auffindet.

„Sören, bitte, das kannst Du mir nicht antun“ klingt es fast bedauerlich aus seinem süßen Mund.

Ich koste den Moment voll aus. Schließlich soll es eine kleine Rache sein. Auch wenn ich so etwas normaler Weise nicht gut drauf habe, aber dieses Mal scheint es mir voll gelungen zu sein.

Finn windet sich wie ein Regenwurm im Salzbett.

Ich konnte es gar nicht genug auskosten, bis ich ihn endlich erlöse und ihm sage, dass es nur ein Scherz war.

„Komm, such Dir selbst etwas aus.“

„Oh ja, ich habe schon etwas gefunden!“ Er stürzt sich auf mich und ich weiß plötzlich nicht mehr was mit mir geschieht.

Finn streckt mich nieder und beginnt mich an allen Körperteile zu liebkosen.

Ich liege flach auf dem Rücken und Finn hat sich auf meine Taille gesetzt. Vorsichtig streift er mir das Piratenhemd über den Kopf und erkundet mit seinen Lippen meine Brust.

Nach und nach finden wir immer neue Stellen, an denen unsere Lippen und Zungen noch nicht waren.



Ich habe mir ja schon so manche Vorstellungen gemacht.

Doch bislang war auch Boysex für mich nur kühnste Phantasie. Wie sollte ich ohne Internet auch Vorstellungen haben, wie es eben wirklich ist.

Eines weiß ich jetzt jedenfalls genau. Es ist ´zigmal, ja sogar tausendfach schöner, als es mir jede Phantasie jemals ausmalen konnte.

Es gibt wohl halt doch einen kleinen Unterschied zwischen Phantasie und Realität…

Ab sofort liebe ich die Realität. Und ich liebe Finn!

Von oben, von der Bühne höre ich jetzt den Applaus.

Wieder und wieder. Immer wieder Applaus

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Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:08 AM - No Replies

Oh the weather outside is frightful

But the fire is so delightful

And since we’ve no place to go:

Let it snow, let it snow, let it snow!

Wäh… Meine rechte Hand zuckte zum Autoradio, und kurz darauf wurde das vorweihnachtliche Gedudel des lokalen Rundfunks vom sommerlichen Mix der selbstgebrannten CD im CD-Wechsler ersetzt. Schon besser. Auch wenn das »sommerlich« nicht unbedingt zu Wetter und Jahreszeit passte, und schon gar nicht zu den Straßenbedingungen. Vorsichtig lenkte ich den schweren Geländewagen die schmale Nebenstraße entlang, von der irgendwann im weißen Dickicht die Zufahrt zu unserer Berghütte abzweigen würde. Wenn ich die Zufahrt bei dem herrschenden Schneefall überhaupt erkennen würde.

Vielleicht war es ja gar keine so gute Idee gewesen, dem Familienstreß unbedingt auf der einsamen Hütte entkommen zu wollen. Aber ich hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. Noch vier Tage bis zum ach so heiligen Abend, und das Haus lief bereits über vor lauter Verwandtschaft, die es sich nicht entgehen lassen wollte, die Feiertage im tief verschneiten Bergland zu verbringen. Ich hatte ja eigentlich nichts gegen die Familie, aber ein Set Großeltern, dazu drei Tanten, zwei Onkel, zwei Neffen und eine Nichte waren eine harte Prüfung für meine eigentlich auf Erholung eingerichteten Nerven. Das Fass zum Überlaufen brachte dann der elterliche Befehl, mein Heiligtum (sprich: mein Zimmer) für die nächsten Tage mit meinem kleinen Bruder zu teilen. Okay, Tom war nur ein gutes Jahr jünger als ich, wir kamen meist gut miteinander aus – aber das lag nur daran, dass wir uns nicht ständig auf der Pelle hockten. Eine Woche oder länger in einem Zimmer? Das würde in Mord und Totschlag enden.

Ich erkämpfte mir also die Freiheit, mich vorläufig auf unsere Hütte zurückziehen zu dürfen. Erst wollte man mir meine beiden Neffen noch aufdrängen, die ganz scharf auf Wald und Schnee waren, aber das konnte ich abblocken. Ich wurde vergattert, unbedingt zum 24. zurück zu sein, und dann durfte ich mich verdrücken.

Das Wetter hatte mir noch ein glückliches Zugeständnis serviert: ich durfte den Mazda Tribute meines Vaters benutzen, mit meinem kleinen 3er wäre die Fahrt noch abenteuerlicher geworden. Den Kofferraum des großen Geländewagens hatte ich mit Fressalien und Klamotten vollgepackt, so stand erholsamen Tagen nichts mehr im Wege. Nichts außer dem Wetter, aber länger als eine halbe Stunde würde ich nun sicher nicht mehr brauchen.

Ein Teil meines Gehirns war bereits damit beschäftigt, was ich in den nächsten Tagen mit mir und der Welt anfangen würde. Ein wenig Skifahren, etwas Wandern, Lesen, und ganz allgemein Faulenzen fernab von der Zivilisation. Auf der Hütte gab es kein Telefon, kein Fernsehen, keinen Computer – für das bißchen Strom, das gebraucht wurde, sorgte ein Dieselgenerator. Zwar hatte meine Mutter darauf bestanden, dass ich mein Handy mitnahm, aber ich hatte nicht vor, es einzuschalten. Außer für den abendlichen Kontrollanruf, aber das sollte für die nächsten Tage mein einziger Kontakt zur Außenwelt sein. Was für eine herrliche Vorstellung…

Aber was war das? War das schon meine Hüttenzufahrt? Und warum hing da ein Kleinwagen im Straßengraben, schön eingekeilt zwischen einem Baum und einer Schneewehe? Ich hielt an und stieg aus. Nein, das war noch nicht die Zufahrt zu unserer Hütte, das war nur ein Forstweg. Und warum der Kleinwagen da so unpassend herumhing, wurde mir nach einem kurzen Blick auf die Reifen klar. Sommerschlappen. Aber die alte Kiste hatte doch Kennzeichen aus unserer Gegend! Welcher Einheimische war denn so doof?

Der Wagen war nicht sonderlich zerbeult, er war wohl nicht schnell gefahren und einfach seitlich weggerutscht. Im Schnee waren deutlich die Spuren der Versuche zu sehen, den Wagen wieder freizubekommen. Tja, keine Chance, aus eigener Kraft kam die Kiste frühestens im Frühjahr wieder weg. Ich ging noch näher heran und spähte in das Auto, welches ich mittlerweile als Ford Fiesta identizifiert hatte, hinein. Leer. Ich warf einen Blick in die Umgebung.

»Hallo? Jemand da?«

Keine Antwort. Die Sache wurde immer seltsamer. Ein Eingeborener würde sich niemals mit Sommerreifen auf diese Fahrt begeben. Und er würde sich nach einem Unfall in der Wildnis auch nicht vom Auto entfernen, sondern vor Ort auf Hilfe warten.

Wenn er allerdings kein Handy dabei hatte… Hm. Mir war seit dem Verlassen der Hauptstraße kein Auto mehr begegnet. Da konnte man lange auf Hilfe warten. Ich legte eine Hand auf die Motorhaube. Schon ziemlich kalt. Wer weiß, wie lange die Kiste schon hier rumstand. Andererseits war bisher kaum Schnee auf der Karosserie liegengeblieben. Ich wurde jedenfalls nicht so recht schlau aus der Situation. Und was macht man in einem solchen Falle? Richtig. Man fragt jemanden, der sich besser auskennt. Ich ging zurück zu meinem Wagen, stieg ein und griff zum Hörer am Armaturenbrett.

»Wolf Eins für Wolf Eins-Siebzehn – kommen!«

»Wolf Eins hört – mensch, Fabian, ich hab dir doch gesagt, dass du die Finger vom Funkgerät lassen sollst!«

Hehe, das hatte er tatsächlich. Ich hätte ja auch das Handy benutzen können, aber der Funk war irgendwie cooler.

»Sorry, Paps, es ist wichtig. Ist euch ein Unfall auf der Kreisstraße 87 bekannt?«

»Ein Unfall? Ist mit dir alles okay?«

»Ja, mir geht es gut. Aber hier klebt ein Auto an einem Baum, und keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen.«

»Moment…«

Ich wartete und schaute noch ein wenig in alle Richtungen. Es war wirklich außer mir kein lebendes Wesen in Sicht.

»Ich hab gerade noch mal bei der Frühschicht gefragt – uns ist kein Unfall gemeldet worden. Kannst du mir mal das Kennzeichen geben?«

»X Trennung YZ 32.«

»Ich prüfe. Und du sagst, es ist niemand vor Ort?«

»Nein, nur das leere Auto. War wohl kein schwerer Crash, aber die Karre hat nur Sommerreifen drauf und hängt fest.«

»Hm. Laut Kennzeichen ist das ein Ford, Saisonkennzeichen, eigentlich von November bis April stillgelegt. Ich versuche mal, den Halter zu erreichen. Bleibst du bitte noch vor Ort?«

»Alles klar. Ich schau mich mal um, ob ich irgendwelche Spuren entdecken kann.«

»Gut. Ich melde mich gleich wieder. Wolf Eins Ende.«

Zur Erklärung: Bei Wolf Eins handelte es sich um das Rufzeichen der Polizei-Einsatzzentrale des Kreises. Mein Erzeuger hatte dort momentan Dienst, er hatte als Polizei-Hauptkommissar den Hut auf. Und damit war er in meinen Augen genau der richtige Ansprechpartner für Unfälle und andere Mysterien.

Ich stieg also wieder aus und begab mich zum verunglückten Ford zurück. Es waren einige Fußspuren um das Auto herum zu sehen, aber eine davon war die interessanteste: sie führte anscheinend vom Auto weg, den Forstweg entlang in den Wald. Wegen des Schneefalls war davon nicht mehr viel

zu sehen, aber dort, wo der Weg besonders gut von Bäumen geschützt

war, konnte ich eindeutig Fußabdrücke entdecken. Ziemlich große Fußabdrücke…

»Wolf Eins-Siebzehn für Wolf Eins – kommen!«

Ich sprintete zurück zum Wagen.

»Eins-Siebzehn hört.«

»Faby, beim Halter erreiche ich niemanden. Hast du noch irgendwas gefunden?«

»Ja, Fußspuren, die in den Wald hineinführen. Forstweg 12a ist das übrigens.«

»In den Wald hinein? Was ist das denn für ein Idiot!«

»Wolf Eins, Funkdisziplin!«

»Klappe, Stift.«

»Paps, vielleicht dachte er, es wäre die 14a? Dann würde er über den Weg zur Steintalbaude kommen. Das wäre nicht mal halb so weit wie die K87 zurück zur Hauptstraße.«

»Dann erwartet ihn aber eine unangenehme Überraschung.«

Allerdings. Forstweg 12a führte in einem weiten Bogen quer durch den Wald, mit nur einem einzigen Abzweig, welcher über einige steile Anstiege hinweg zu unserer Hütte führte. Bei diesem Wetter und der aktuellen Schneelage bräuchte man dafür mehrere Stunden.

»Was soll ich machen? Schickst du jemanden her?«

»Muß ich ja wohl. Ich alarmiere die Bergrettung und schicke einen Streifenwagen zu dir. Kommt man mit einem normalen Auto noch durch, oder muß ich einen Allradler schicken?«

Ich schaute mich schnell um. Die Straße war schon ziemlich schneebedeckt, und es schneite weiterhin. Zwar nicht sonderlich stark, aber kontinuierlich.

»Bis hierher würde es ein normaler Wagen wohl noch schaffen – wenn er aber auch wieder zurück soll, wäre ein Allradler sicherer.«

»Klugscheißer. Okay, ich leite alles ein.«

»Soll ich mal der Fußspur folgen?«

»Fabian, das ist kein Abenteuerspiel. Ich möchte nicht, dass meine Leute dann nicht nur den Unfallfahrer sondern auch noch dich suchen müssen.«

»Ich kann mit dem Wagen in den Forstweg reinfahren, durch die Bäume ist der Schnee hier nicht so hoch.«

Die Antwort dauerte einen Moment, da war wohl jemand schwer am Überlegen.

»Gut. Aber nur so weit, wie du mit dem Auto kommst, ich möchte nicht, dass du versuchst, den Fahrer zu Fuß zu finden! Versprich mir das!«

»Versprochen.«

»Gut. Melde dich alle Viertelstunde, egal ob du was gefunden hast oder nicht. Wolf Eins Ende.«

Ich legte den Hörer in seine Halterung, stieg aus, ging ums Auto herum und setzte mich auf den Fahrersitz. Sobald der Motor lief, ließ ich beide vorderen Seitenscheiben hinunterfahren und schaltete das Funkgerät aus – vielleicht würde ich ja irgendwelche Hilferufe hören. Dann bugsierte ich den Geländewagen vorsichtig von der Straße auf den Forstweg hinunter. Zum Glück hatte ich schon etwas Erfahrung mit solchen Fahrsituationen. Zwar hatte ich meinen Führerschein erst seit meinem gerade mal sechs Monate zurückliegenden 18. Geburtstag, aber meine besorgten Eltern hatten mir ein Fahrsicherheitstraining spendiert – und zwar bei dem Profi, welcher auch die örtlichen Polizei- und Rettungsdienste ausbildete. Zum Kurs gehörten auch einige Stunden Geländefahrten, die mir jetzt zugute kamen.

Erfreulicherweise befand sich unter dem lockeren Neuschnee eine festgefahrene Schneedecke – offensichtlich war der Forstweg in den letzten Tagen öfters benutzt worden. Trotzdem rollte ich mehr oder weniger nur im Schrittempo voran, ich wollte keinerlei Risiko eingehen.

Hinter der ersten Wegbiegung fand ich – nichts. Hinter der zweiten ebenso, und auch als ich um die dritte herumkam, sah ich nichts als Schnee und Bäume. Auch zu hören war außer dem Motor nichts – der Schnee dämpfte alle Geräusche. Da jedoch neben den immer wieder auftauchenden menschlichen Fußspuren auch die von Tieren zu sehen waren, war klar, dass ich doch nicht so ganz alleine im Wald unterwegs war.

Wie weit ich mittlerweile in den Wald hineingefahren war wußte ich nicht, ich hatte vergessen, auf den Kilometerzähler zu schauen. Aber ich war schon gut 20 Minuten unterwegs und erinnerte mich zum Glück noch daran, dass ich ja eigentlich meinem Vater regelmäßig Meldung machen sollte. Ich schaltete den Funk wieder ein.

»Wolf Eins für Wolf Eins-Siebzehn, kommen.«

»Wolf Eins hört.«

»Sorry, bisher hab ich noch nichts entdecken können. Aber die Spuren führen weiter in den Wald.«

»Okay, fahr weiter, aber schön vorsichtig. Wir haben hier noch ein and…«

»Moment!«

»Was ist, Faby?!?«

Interessante Frage. Ich hatte jemanden gefunden – oder besser gesagt: jemand hatte mich gefunden. Allerdings konnte es sich kaum um den verunglückten Fahrer handeln.

»Paps, hier kommt ein Hund auf mich zugerannt.«

»Ein Hund?«

»Ja, er kam um eine Wegecke herum, und jetzt steht er vor dem Auto und wedelt mit dem Schwanz.«

»Paß bloß auf, nicht dass das ein Streuner mit Tollwut oder was auch immer ist.«

Ein Streuner, mitten im Winter? Wohl eher nicht. Außerdem sah das Tierchen viel zu gepflegt dafür aus.

»Sieht nicht so aus, Paps. Ein Golden Retriever, und der steht gut in Futter und Pflege. Jetzt bellt er das Auto an.«

Der Hund bellte, wedelte, drehte sich immer wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. Vielleicht wollte er, dass ich ihm folge? Tatsächlich, er lief ein paar Schritte weg, drehte sich um, bellte wieder und wartete. Das war ja fast wie in Lassie.

»Paps, ich fahr dem Hund hinterher und melde mich dann wieder.«

»Tu das, aber wie gesagt: paß auf dich auf.«

»Mach ich. Ende.«

Ich wandte mich wieder voll der Fahrerei und der Verfolgung des Vierbeiners zu, der nun, als er merkte, dass ich ihm hinterher kam, in einen gleichmäßigen Trott verfiel. Nach zwei weiteren Wegbiegungen raste er plötzlich davon, um etwa hundert Meter weiter um einen Menschen herumzutollen, der auf einem Stapel gefällter Bäume saß. Der Mensch umarmte den Hund und streichelte ihn – war also vermutlich noch nicht erfroren. Langsam rollte ich näher.

»Wolf Eins für Wolf Eins-Siebzehn, kommen!«

»Wolf Eins hört.«

»Ich glaube, ich hab den Fahrer. Hockt hier auf einem Stapel Baumstämme und sieht noch recht lebendig aus. Ich steige jetzt aus.«

»Empfangen.«

Ich war in der Zwischenzeit am Holzstapel angekommen, hielt den Wagen an und stieg aus. Der Hundebesitzer erhob sich von seiner Sitzgelegenheit, und ich musterte ihn von oben bis unten. Jeans, Anorak, Stiefel, Schal, Handschuhe und Mütze – naja, zumindest sich selbst hatte er Winterausstattung spendiert, wenn schon nicht seinem Auto. Er war jung und – soweit das durch die dicken Klamotten erkennbar war – sportlich, und unter der Mütze hervor schauten mich braune Augen groß an.

Ach du scheiße… Nein! Nicht der! Warum gerade ich? Das durfte doch nicht wahr sein…

Ich hatte plötzlich erkannt, wer mir da gegenüberstand, und auch der Hund fügte sich nunmehr nahtlos ins Bild ein. Und auch meinem Gegenüber wurde klar, mit wem er es zu tun hatte, die eben noch grinsend nach oben gezogenen Mundwinkel fielen in sich zusammen, und die Kinnlade klappte herunter.

»Du?«

»Du?!?«

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Unglaublich. Ausgerechnet Fabian. Okay, ich war mächtig froh, dass mich überhaupt jemand gefunden hatte, noch dazu jemand mit einem verlockend warm aussehenden Auto, aber mußte das nun unbedingt gerade Fabian sein?

Aber mal von Anfang an. Vor ein paar Stunden war mein Leben noch in Ordnung, und ich war auf dem Weg zu meiner Freundin Melanie. Ich war einen Tag früher als geplant von einer Ausbildungsfahrt des DRK, wo ich seit Jahren in der Jugendgruppe mitarbeitete, heimgekommen, und wollte Melanie mit meinem Besuch überraschen. Wir hatten in letzter Zeit öfters mal Streß gehabt, und ich hoffte, mit einem Blumenstrauß und einem kleinen Geschenk die Dinge etwas verbessern zu können. Die Überraschung gelang – allerdings war es keine schöne Überraschung. Sagen wir mal so: die Freundin mit dem bis dahin besten Freund im Bett vorzufinden, gehörte nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Als Ergebnis fehlte mir jetzt eine Freundin, und meinem bis dahin besten Freund fehlten zwei Zähne.

Nachdem ich dafür gesorgt hatte, dass unser örtlicher Zahnklempner Arbeit bekam, rannte ich nach Hause. Ich war wie im Tran, und wußte gar nicht so recht, was ich eigentlich tat. Als mich zuhause dann auch noch meine Schwester blöd anmachte von wegen »Sturm im Liebesland« oder so war mir klar, dass ich weg mußte. Tante Resa in Rabach lag mir eh schon lange in den Ohren, ich solle sie doch mal besuchen (und bei der Gelegenheit doch ihre Duschkabine reparieren), also beschloß ich, mich dorthin auf den Weg zu machen. Ich packte schnell ein paar Sachen zusammen, schnappte mir Arko, unseren (genaugenommen meinen) Golden Retriever, und machte mich auf den Weg. Blöderweise war mein Auto in der Werkstatt, aber da stand ja noch der alte Fiesta meiner Mutter in der Garage. Den fuhr eh kaum noch jemand.

Dummerweise befand sich das Auto in einem entsprechenden Zustand, was mir erst auffiel, als ich die geräumten Straßen des Ortes hinter mir gelassen hatte. Ich konnte den Wagen kaum in der Spur halten, aber zum Glück war kaum Verkehr, sodass ich fast immer die ganze Straßenbreite zu meiner Verfügung hatte. Wäre ich bei klarem Verstand gewesen, wäre ich wohl trotzdem umgekehrt, aber so kam was kommen mußte.

Ich kämpfte mich gerade die K87 entlang, als plötzlich die Räder den letzten Halt verloren und ich samt Auto steuerungslos in den Straßengraben rutschte. Zum Glück war ich eh sehr langsam unterwegs, sodass alles fast wie in Zeitlupe ablief und sich weder Arko noch ich verletzten. Auch das Auto schien keine größeren Schäden erlitten zu haben, allerdings war mir nach wenigen glücklosen Versuchen klar, dass ich es auf keinen Fall alleine wieder flottbekommen würde.

Ich saß also fest. Nachdem ich einige Minuten gewartet und gehofft hatte, dass irgendein anderes Auto auftauchen und Hilfe bringen würde, sah ich ein, dass ich mir wohl würde selbst helfen müssen. Nun ja, ich hatte ja mein Handy dabei…

…oder etwa nicht? Mir fiel es wie Schuppen aus den Haaren. Das Handy war in meinem Rucksack. Mein Rucksack war dort, wo ich ihn das letzte Mal abgestellt hatte: im Flur von Melanies Wohnung. Der Tag wurde wirklich immer besser!

Nach weiteren fünf Minuten ohne dass irgendeine Menschenseele auftauchte wurde mir klar, dass ich mich wohl besser auf den Weg zurück in die Zivilisation machen sollte. Ich schaute mich um und erkannte die Gegend. Oder glaubte zumindest, die Gegend zu erkennen. Von hier aus wären es rund 10 Kilometer die Straße entlang zurück zur Hauptstraße – über diesen Waldweg jedoch käme ich zur Steintalbaude, nur drei oder vier Kilometer, immer schön bergab, und von dort konnte ich telefonieren. Ist ja wohl klar, für welchen Weg ich mich entschied, oder?

Also stapften Arko und ich durch den verschneiten Winterwald. Dem Hund schien das alles einen Riesenspaß zu machen, jedenfalls raste er begeistert in großen Runden um mich herum.

Anfangs kam ich sogar ganz gut voran, unter dem Neuschnee befand sich fester Boden, sodass ich nicht sonderlich tief einsank. Die klare Luft sorgte außerdem dafür, dass langsam aber sicher auch mein Verstand aufklarte, was mir aber die Verarbeitung der Sache mit Melanie und René nicht wirklich einfacher machte. Wie gesagt, zwischen Melanie und mir hatte es Probleme gegeben, aber ich dachte eigentlich, dass es kleine Probleme wären, die wir gemeinsam hätten lösen können. Offenbar war Melanie da anderer Meinung gewesen…

Wann ich zum ersten Mal merkte, dass mit meinem Weg irgendwas nicht in Ordnung war, kann ich nicht mehr sagen. Ich war bestimmt schon eine Dreiviertelstunde unterwegs, als meine Zweifel immer größer wurden. Irgendwie hatte ich den Weg anders in Erinnerung, er ging vor allem nicht ständig bergab wie es eigentlich hätte sein müssen. Aber vielleicht ja hinter der nächsten Ecke…

Pustekuchen. Nach der nächsten Ecke kam nur eine weitere Ecke, und mir wurde immer deutlicher, dass dies nicht der Weg zur Steintalbaude war. Was nun? Sollte ich zurück zum Auto marschieren und hoffen, dass dort doch noch jemand langkommen würde? Während ich überlegte und nur noch langsam weiterlief, rutschte ich plötzlich aus, und im nächsten Moment lag ich auf dem Waldboden.

Zum Glück war es kein harter Sturz, ich konnte mich einigermaßen abfangen, und der weiche Schnee half auch. Trotzdem mußte ich beim Aufstehen feststellen, dass meine rechte Hüfte etwas abbekommen hatte, und ich nur mit Mühe laufen konnte. Da kam der Holzstapel am Wegrand gerade richtig, und ich setzte mich hin, um erstmal meine Gedanken zu sammeln und zu überlegen, wie es jetzt weitergehen sollte.

Arko hatte bemerkt, dass etwas mit mir nicht in Ordnung war, und setzte sich vor mir in den Schnee.

»Na, Großer, da hab ich mich ja schön in die Scheiße geritten.«

»Wuff!«

Das sollte wohl heißen »Allerdings, du Blödmann!«. Ich streichelte ihm sanft über das seidige Fell auf seinem Kopf. Plötzlich zuckte dieser Kopf hoch, und Arko stellte die Ohren an.

»Hörst du was, Arko?«

»Wuffwuff!«

Übersetzung: »Na klar, du taube Nuß!«

Als ob ich etwas dafür konnte, dass Hunde soviel besser hören als Menschen. Nach einer Weile hörte ich es aber auch: Motorengeräusch! Irgendein Fahrzeug kam den Weg entlang, langsam aber stetig kam es näher. Es war ein schwerer Motor, naja, ein Kleinwagen würde den Weg auch nicht bewältigen.

»Lauf, Arko, schau nach und hol Hilfe!«

Der Hund hatte mich anscheinend verstanden, denn er raste fort, in Richtung der Lärmquelle. Einige Minuten später tauchte er wieder an der Wegbiegung auf, gefolgt von einem großen, roten Geländewagen, der sich langsam den Weg entlangtastete. Gerettet. Gott sei Dank!

Als Arko mich erblickte, stürzte er zu mir und sprang mich an, und kurz darauf spürte ich seine Zunge in meinem Gesicht. Der war wohl auch froh darüber, dass wir nicht mehr alleine in der Wildnis waren.

In der Zwischenzeit kam der Geländewagen immer näher, bis er in drei oder vier Metern Abstand von meinem Holzstapel anhielt. Die Fahrertür ging auf, der Fahrer sprang aus dem Wagen und kam auf mich zu. Ein großer, schlanker, junger Mann mit einer Fellmütze mit Ohrenklappen näherte sich mir bis auf einen Meter, um dann völlig verdutzt und verdattert stehenzubleiben.

»Du!«

Und auch ich hatte ihn mittlerweile erkannt.

»Du?!?«

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Reiko. Reiko Heilmann. Eishockeystar unseres Städtchens, ständig von Weibern umflattert, mit ziemlicher Sicherheit dumm wie Bohnenstroh (ich sage nur: Sommerreifen) und ganz allgemein jemand, auf dessen Rettung ich durchaus hätte verzichten können.

Während ich ihn und er mich anstarrte, sprang sein Hund fröhlich um uns herum, und ich konnte nicht widerstehen, ich mußte ihn einfach streicheln. Ich ging in die Knie und fing an, ihn durchzuknuddeln. Der konnte ja schließlich nichts für sein dämliches Herrchen.

»Na du schlaues Kerlchen, hast mich aber schön hergelockt.«

»Ja, Arko ist ein ganz Kluger.«

Ich schaute nach oben in Reikos Gesicht, wo die Überraschung einem leichten Grinsen Platz gemacht hatte.

»Muß er ja auch sein, er muß ja für dich mitdenken.«

Das Grinsen verwandelte sich wieder in eine starre Maske.

»Wieso fährst du mit Sommerreifen durch den Schnee, und wieso latscht du dann völlig orientierungslos in der Wildnis herum?«

»Das geht dich nichts an!«

»Ja, klar. Aber dich aus der Scheiße zu holen, das geht mich was an, oder?«

»Ich hab nicht darum gebeten, von dir gerettet zu werden!«

»Na prima, dann kann ich ja wieder verschwinden!«

Wir standen uns dicht gegenüber und starrten uns wütend gegenseitig in die Augen. Dann ertönte ein tiefes, drohendes Knurren. Arko schien von unserer Streiterei nicht begeistert zu sein.

Ganz langsam enstpannten wir uns wieder, und wir würden uns diesmal wohl (noch?) nicht an die Gurgel springen.

»Kannst du mich irgendwohin bringen, wo ich telefonieren und darauf warten kann, dass mich jemand abholt?«

Ich seufzte. Nunja, wo ich schonmal hier war…

»Steigt erstmal ins Auto.«

»Soll Arko hinten rein?«

»Nein, den mußt du zu dir nehmen, der Kofferraum ist voll.«

»Okay.«

Als Reiko nun zur Beifahrertür ging, sah ich zum ersten Mal, dass er humpelte.

»Hast du dich beim Unfall verletzt?«

»Nein, ich bin vorhin ausgerutscht.«

»Schlimm?«

»Nein. Wieso die plötzliche Sorge um mich?«

»Ich will bloß keine halbe Leiche im Auto haben, die mir unterwegs dann komplett abkrepelt.«

»Keine Bange, so leicht wirst du mich nicht los.«

Mist. Ich stieg auf der Fahrerseite ein. Der Motor lief noch, ich ließ die Fenster hochsurren und drehte die Heizung auf volle Kraft. Reiko saß neben mir, der Hund vor ihm im Fußraum. Ich griff zum Funkgerät.

»Wolf Eins für Wolf Eins-Siebzehn, kommen!«

»Wolf Eins hört.«

»Ich hab den Fahrer gefunden.«

»Irgendwelche Verletzungen?«

»Nur eine leichte Prellung von einem Ausrutscher und ein angeknackstes Ego.«

»Na dann ist ja gut. Ich habe mittlerweile die Eltern erreicht, die sind ziemlich in Sorge.«

»Wie gesagt, alles okay. Fahrer und – viel wichtiger – Hund sind wohlauf. Ich bring die beiden jetzt runter in die Stadt, das kann aber ein Weilchen dauern.«

»Faby, da gibt es ein Problem. Die K87 ist in beiden Richtungen dicht. Schneeverwehungen und umgeknickte Bäume, da ist vorläufig auch nichts dran zu ändern.«

Ohoh, das hörte sich gar nicht gut an.

»Und was bedeutet das jetzt für mich?«

»Für euch bedeutet das jetzt, dass ihr am besten zur Hütte fahrt. Und zwar möglichst schnell, nicht dass der Weg dorthin auch noch blockiert ist. Dort könnt ihr gemütlich im Warmen abwarten bis sich die Lage wieder entspannt hat.«

Hilfe! Nicht das auch noch. Ich schaute rüber zu Reiko, welcher mich ebenfalls gequält anblickte.

»Meinst du nicht, dass wir mit dem Geländewagen in den Ort durchkommen?«

»Nein! Die Gefahr, dass ihr liegenbleibt, ist viel zu groß, und dann müßte ich noch mehr Leute in das Schneechaos rausschicken, um euch zu retten. Also los jetzt, sputet euch! Meldet euch, wenn ihr an der Hütte angekommen seid. Wolf Eins, Ende!«

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Ausgerechnet die Schul-Schwulette mußte mich finden! Fabian Dingsbums hatte vor zwei Jahren an unserem Gumminasium für den Skandal der neueren Schulgeschichte gesorgt, als er auf das hingeworfene »Bissu schwul, Alter?« eines Achtklässlers mit »Ja, bin ich. Noch ne Frage?« geantwortet hatte.

Okay, wie er das so furztrocken rausgeknallt und damit 50 Leute in der näheren Umgebung abrupt zum Schweigen gebracht hatte, dafür mußte ich ihm irgendwie Respekt zollen. Hätte ich ihm nicht zugetraut. Ich hatte ja eigentlich auch nichts gegen Schwule, aber was danach von ihm kam, fand ich trotzdem doof. Als ihn jemand fragte, was ihn zu diesem völlig überraschenden Coming Out gebracht hatte, antwortete er sowas in der Art wie »Jetzt kann ich endlich ganz offiziell den geilen Typen hinterhergucken.« Und genau das tat er von da an auch ausführlich. Es gab wohl keinen einigermaßen gutaussehenden Jungen über 14 in der Schule, den er nicht angeflirtet hätte.

Dies und sein Status als Schulgenie (er hatte sogar eine Klasse übersprungen und war daher ein Jahr früher mit dem Abi fertig gewesen als ich, obwohl wir gleich alt waren) trugen dazu bei, dass wir uns immer mehr entfremdeten. Im Kindergarten waren wir die besten Freunde gewesen, in der Grundschule bis zu seinem Klassenwechsel auch noch recht gute Freunde, aber ab dann ging es bergab. Ich konnte mit seiner »hochintellektuellen« Welt nicht viel anfangen – und er nichts mit meiner Eishockeywelt. Nach einer Weile hielt ich ihn nur noch für einen Streber-Bücherwurm und ließ ihn das auch spüren. Im Gegenzug machte er es sehr deutlich, dass er mich für eine gehirnamputierte Sportskanone hielt. Von da an gingen wir uns tunlichst nur noch aus dem Wege. Und nun mußte ausgerechnet er mich finden…

Fabian machte mir auch jetzt wieder ganz schnell klar, dass ich in seinen Augen ein absoluter Blödmann war. Okay, einfach so in den Wald hineinzulaufen, noch dazu in den falschen Weg, war sicherlich keine Glanzleistung – aber einfach an der menschenleeren Straße zu warten wäre wohl auch nicht ideal gewesen.

Und nun saß ich also neben ihm im Auto, Arko zu meinen Füßen, darauf hoffend, dass die Heizung bald für eine angenehme Temperatur sorgen würde. Mein Retter griff zum Wählhebel der Automatik, und der Wagen rollte los. Komischerweise weiter in die Richtung, in die ich marschiert war, und die uns nur noch weiter weg von der Straße führen würde.

»Wo willst du denn hin?«

»Einen Platz zum Wenden suchen? Oder soll ich die ganze Strecke rückwärts fahren?«

Womit ich ihm wohl meine Doofheit mal wieder bewiesen hätte. Nach etwa zweihundert Metern erreichten wir eine Weggabelung, die Fabian jetzt nutzte, um das Auto zu wenden. Da erinnerte ich mich an etwas.

»Sag mal, führt dieser Weg hier nicht auch zu eurer Hütte?«

Ich war zwar nie dort gewesen, wußte aber in etwa, wo sie sich befand.

»Ja.«

»Warum fahren wir dann nicht hier lang?«

»Der Weg ist zu steil, jedenfalls bei den Wetterbedingungen. Wir fahren zurück zur Straße und nehmen dann die richtige Zufahrt.«

»Okay. Dann kann ich ja noch meine Tasche aus dem Auto rausnehmen, die wollte ich vorhin nicht mitschleppen.«

»Wow. Eine vernünftige Idee. Du machst dich…«

»Arschloch!«

»Angenehm, Röcker.«

Ich wollte es nicht, aber ich mußte ein wenig grinsen. Schlagfertig war Fabian schon immer gewesen, das war etwas, was ich schon als kleiner Junge an ihm bewundert hatte.

Wir fuhren schweigend weiter durch die weiße Pracht, und eine Viertelstunde später hatten wir den unkonventionellen Parkplatz meines armen kleinen Autos erreicht. Fabian hielt an, und ich machte mich daran auszusteigen.

»Autsch…«

»Was ist?«

»Nichts weiter, nur meine Hüfte tut etwas weh.«

»Bleib sitzen und gib mir die Schlüssel, ich hole deine Tasche.«

Ich schaute Fabian verwundert an. Er wollte mir helfen? Ganz freiwillig, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte? Meine Überraschung muß wohl deutlich erkennbar gewesen sein, denn er zuckte mit den Schultern und hielt mir die rechte Hand hin, die Autoschlüssel fordernd. Ich kramte in meiner Jackentasche und gab sie ihm.

»Hier. Die große Sporttasche aus dem Kofferraum, und den Beutel daneben. Da ist Futter und so für Arko drin.«

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Hm. Der Vierbeiner schien ihm sehr am Herzen zu liegen, was mich ein wenig in Schwierigkeiten brachte. Einerseits war ich der Überzeugung, dass jemand, der Tiere liebte, kein wirklich schlechter Mensch sein konnte – andererseits: Reiko war halt Reiko.

Ich stieg aus und ging zu dem unglücklichen Sommer-Ford. Je schneller ich das über die Bühne brachte, umso schneller wären wir an der Hütte – und ein wenig machte mir die Vorstellung, irgendwo eingeschneit im Auto festzusitzen, doch Angst.

Das Schloß der Kofferhaube war eingefroren, aber ich hatte als erfahrener, winterharter Bergbewohner natürlich ein Fläschchen Enteiser-Spray in der Jackentasche. Kurz darauf packte ich die geforderte Sporttasche und den Beutel mit Hundeutensilien in den Mazda-Kofferraum.

»Brauchst du sonst noch was aus dem Auto?«

»Nein, danke, das ist alles. Ich reise mit kleinem Gepäck.«

Auch gut. Ich verschloß den Fiesta wieder, zog meine dicke Jacke aus, die ich im nunmehr gut geheizten Auto nicht mehr brauchte, stieg ein, und los ging die Fahrt, die uns nun hoffentlich endlich zur Hütte bringen würde. Beim Anfahren drehten die Räder ein wenig durch, dann aber griffen die elektronischen Helferlein ein, und es ging einigermaßen zügig voran.

Es schneite immer heftiger, von der festgefahrenen Schneedecke auf der Straße war nicht mehr viel übrig. Nach etwa einem Kilometer entdeckte ich die Hüttenzufahrt und lenkte den Wagen vorsichtig in den tief verschneiten Weg hinein. Reiko schaute etwas zweifelnd durch die Frontscheibe.

»Kommen wir da durch?«

»Ja, kein Problem. Hier ist kein normaler Waldboden drunter sondern ein Schotterweg.«

Da wir die Hütte auch vermieteten, war eine vernünftige Zufahrt zwingend erforderlich gewesen. Nicht dass uns irgendein Großstadtfuzzi mit tiefergelegtem Proll-Golf wegen Schäden an seiner Karre verklagen könnte.

Der Weg führte etwa zwei Kilometer durch den Wald, immer leicht bergauf, und nach einer größeren Anzahl an Kurven öffnete sich vor uns die Bäume, und auf einer Lichtung erblickten wir die Hütte.

»Kneif mich mal!«

»Wieso? Damit dein Hund mich beißt oder wie?«

»Das ist eure Hütte?«

»Ja?«

Mittlerweile waren wir angekommen, und ich griff zum Funkgerät.

»Wolf Eins für Wolf Eins-Siebzehn – kommen!«

»Wolf Eins hört.«

»Wir sind wohlbehalten bei der Hütte angekommen, Paps.«

»Danke für die Info, ich werde das an deine Mutter und Reikos Eltern weiterleiten, damit alle beruhigt sind.«

»Sag Mutti einen schönen Gruß von mir.«

»Mache ich. Die wird sehr traurig sein, dass du Heiligabend wohl nicht da sein wirst, ich glaube kaum, dass die Straßen bis dahin wieder alle frei sind.«

Und ich bedauerte das erst, die schöööööööne Familienfeier! Allerdings…

»Paps, das sind doch noch vier Tage! Meinst du, dass das Wetter so schlimm wird?«

»Wir haben gerade eine Unwetterwarnung vom Wetterdienst reinbekommen, in den nächsten zwei bis drei Tagen ist mit Neuschnee bis zu einem Meter zu rechnen. Dazu kommt starker Wind mit den entsprechenden Verwehungen. Rechne also lieber nicht mit einer baldigen Rückkehr.«

Das hörte sich nicht so gut an, heute vormittag hatte der Wetterbericht noch ganz anders geklungen. Aber so war das halt in den Bergen, das Wetter änderte sich manchmal zwischen dem Zuschnüren des linken und des rechten Schuhes.

»Okay, Paps, wir werden es überleben.«

Hoffentlich. Mit Reiko auf der Hütte. Tagelang.

»Na das denk ich doch auch, ihr seid doch beide alt genug. So, ich muß mich um andere Dinge kümmern. Wenn irgendwas ist, ruf an oder melde dich im Notfall über Funk. Deine Mutter wird heute abend garantiert anrufen, also schalte das Handy ein!«

»Mach ich.«

»Gut. Wolf Eins – Ende!«

Ich legte den Hörer vom Funkgerät wieder auf, und wir stiegen aus dem Wagen aus. Reiko glotzte immer noch mit großen Augen in der Gegend herum.

»Hütte nennt ihr das?«

»Wie sonst?«

»Mensch, das ist ein ausgewachsenen Haus!«

Nun ja, so konnte man es wohl auch sehen. Ich ging zur Tür und schloß auf.

»Komm rein, ich werf erstmal schnell den Generator und die Heizung an.«

In der Hütte war es dunkel, was daran lag, dass die Fensterläden geschlossen waren und nur durch die geöffnete Tür Licht hinein fiel. Ich schnappte mir eine griffbereit liegende Taschenlampe und marschierte zum Technikraum. Hinter einer schweren, dick gepolsterten Tür verbarg sich der Dieselgenerator, den ich nun mit einem Knopfdruck startete. Erfreulicherweise sprang er sofort an. Ich verließ den Technikraum, und nach dem Schließen der Dämmtür war kaum noch etwas vom Generator zu hören.

»Es werde Licht!«

Mit diesen Worten betätigte ich den Lichtschalter des Hauptzimmers. Dieses war eine Kombination aus Wohnraum und Küche, wobei unter »Küche« ein flaschenbetriebener Gasherd mit drei Brennern und Backröhre, eine Spüle, eine Kaffeemaschine und eine Mikrowelle zu verstehen war. Eine kleine Theke mit drei Barhockern trennte den Küchen- vom Wohnbereich, in welchem vor einem Kamin zwei Sessel, ein Zwei- und ein Dreisitzer herumstanden. Zu Füßen der Sitzgelegenheiten fand sich das sprichwörtliche Bärenfell – allerdings ein künstliches solches. Ansonsten war der Raum – wie auch der gesamte Rest der Hütte – mit Holzbohlen ausgelegt.

»Wow, ein Palast.«

»Nun übertreib mal nicht…«

»Gibt es noch mehr Räume?«

»Ja, oder glaubst du, wir schlafen hier auf dem Bärenfell?«

»Klingt romantisch…«

Da mußte ich Reiko zustimmen. Sollte ich bei Gelegenheit vielleicht mal mit einem passenden Schnuckel ausprobieren.

»Es gibt noch zwei Schlafräume, einen großen mit einem Doppel- und zwei Einzelbetten, und einen kleinen mit einem Doppelbett.«

»Wie sieht es mit einem Bad aus?«

»Ist auch vorhanden, inklusive Dusche.«

»Puh, gut das zu hören. Ich hab da draußen das Klohäuschen gesehen und schon das Schlimmste befürchtet.«

Na das wäre ja wirklich extrem unangenehm gewesen, besonders jetzt im Winter!

»Nee, das ist schon ewig nicht mehr in Benutzung, das ist nur noch Dekoration.«

»Also doch ein Palast. Wie kommt ihr eigentlich zu der Hütte? Hier draußen darf doch offiziell gar nicht gebaut werden.«

»Das ganze Ding gehörte ursprünglich dem Bundesgrenzschutz, die hatten hier eine Basis für Grenzpatroullien. Nach der Wiedervereinigung wurde das natürlich nicht mehr gebraucht, und da konnten wir die Hütte preiswert erwerben. Den Generator haben sie auch gleich dagelassen, wir haben dann noch die Sanitärinstallation erneuert und ein wenig renoviert, und das wars dann auch schon.«

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Hier ein wenig renoviert, da ein wenig erneuert, das wars dann auch schon. Das konnte man wohl als die Untertreibung des Jahres bezeichnen. Ich mußte zugeben, dass ich von dem Haus im Wald beeindruckt war.

»Ich hab gehört, dass ihr die Hütte auch vermietet. Wieso ist dann jetzt zur besten Saisonzeit alles leer?«

»Eigentlich wäre die Hütte belegt, aber wir haben vor zwei Tagen eine Absage bekommen. Die Leute haben einen Todesfall in der Familie und mußten nach Australien fliegen. Jetzt kommt erst am 29. eine Familie, die dann bis zum 5. Januar bleibt.«

»Dann muß ich mich wohl bei den Absagern dafür bedanken, dass du jetzt überhaupt hierher unterwegs warst und mich finden konntest.«

»Retten. Nicht finden. Großer Unterschied. Ja, bedank dich bei denen.«

Blablabla… Das würde er mir wohl jetzt mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder aufs Brot schmieren.

»Hilfst du mir dabei, die Fensterläden zu öffnen?«

Naja, das war ja wohl das mindeste, was ich tun konnte.

»Klar.«

»Okay, du machst von innen die Fenster und die Verriegelung der Läden auf, ich geh außen rum und befestige die Läden.«

Cool, da brauchte ich nichtmal wieder raus in die Kälte.

»Nur hier in diesem Raum?«

»Nein, dort durch die Tür geht es zu den Schlafräumen. Fang aber hier im Wohnzimmer mit dem Fenster ganz links an.«

»Wie du willst.«

Fabian ging wieder nach draußen, Arko guckte zwischen der Tür und mir hin und her, dann entschied er sich, meinem Gastgeber zu folgen. Untreuer Geselle. Naja, der Hund war regelrecht schneegeil, kein Wunder, dass er jede Chance nutzte um rauszukommen.

Ich ging zum ersten Fenster, öffnete es, löste die Verriegelung der Holzläden und schubste diese auf.

»Autsch! Sag mal, willst du mich erschlagen oder wie?«

Ups… Fabian hatte schon vor dem Fenster gestanden und darauf gewartet, dass ich es öffnen würde. Mit meinem Schwung hatte er wohl nicht gerechnet.

»Sorry! Ich kann ja nicht ahnen, dass du direkt davor stehst. Alles okay?«

»Ja, nichts passiert, war wohl mehr der Schreck.«

Ich mußte leicht grinsen. In meinem Kopf sah ich die Schlagzeile der morgigen BLÖD-Zeitung: Tod durch Fensterladen! Exklusivbericht auf Seite 2 bis 5!

In der Zwischenzeit hatte Fabian die Fensterläden an der Hauswand festgehakt, und wir gingen zum nächsten Fenster. Dort war ich beim Aufdrücken der Fensterläden wesentlich vorsichtiger, aber auch Fabian hatte reichlich Abstand gehalten.

»Ganz so weit brauchst du nicht in den Wald zu verschwinden, oder hast du Angst vor mir?«

»Reiko, du bist unberechenbar, vor dir muß man Angst haben.«

Hmpf. Wollte der mir das jetzt ständig vorhalten?

»Da bin ich wohl nicht der einzigste, so von wegen unberechenbar.«

»Wie meinst du das?«

»Wie war das doch gleich mit deiner völlig überraschenden Antwort auf eine gewisse Frage eines gewissen Achtklässlers? Das war ja wohl auch nicht unbedingt berechenbar!«

Das schien Fabian etwas nachdenklich zu stimmen, jedenfalls hängte er schweigend die Fensterläden ein, und wir wanderten weiter zum nächsten Fenster. Auch dieses arbeiteten wir schweigend ab, und ich machte mich auf den Weg ins erste Schlafzimmer, wo mein erster Griff zum Lichtschalter ging. Hier fand sich ein relativ schmales Doppelbett in der einen Ecke, und in einem anderen Teil des Raumes standen zwei Einzelbetten über Eck. Dazu gab es einen großen Kleiderschrank, einen kleinen Tisch und zwei Stühle – das wars an Einrichtung. Nachdem ich mich umgeschaut hatte, ging ich zum ersten der beiden Fenster, öffnete es und hakte die Fensterläden aus. Draußen wartete schon ein ungeduldiger Fabian auf mich.

»Was dauert denn da so lange? Mach hin, ich will auch wieder rein.«

»Immer mit der Ruhe, ein alter Mann ist kein D-Zug!«

So ging es dann zügig weiter, und wenige Minuten später hatten wir alle Fenster in den Zustand »bewohnt« versetzt. Ich hatte ein wenig Mühe, Arko davon zu überzeugen ins Haus zu kommen, aber irgendwann hatte auch er genug herumgetollt und kam hineingetrottet. Was mich vor ein kleines Problem stellte.

»Fabian, hast du zufällig ein großes Handtuch, um den Hund trockenzurubbeln? Ich hab nichts mit, ich hatte ja nicht geplant, mit ihm durch den Schnee zu wandern.«

»Moment, ich hol eins.«

Mein Gastgeber verschwand, nur um wenige Augenblicke später mit einem riesigen Badetuch aufzutauchen.

»Reicht das?«

»Ja, danke, da könnte man ja glatt zwei von Arkos Sorte einwickeln.«

Ich machte mich daran, den Hund trockenzulegen, in dessen Fell sich einige Schneeklumpen verfangen hatten. Das gehörte nicht gerade zu Arkos Lieblingsbeschäftigungen, aber trotzdem ließ er es gehorsam über sich ergehen.

Fabian hatte sich inzwischen von Jacke und Stiefeln befreit und machte sich daran, im offenen Kamin ein Feuer zu entzünden.

»Sag mal, Reiko, kann ich ein Feuer machen, oder gibt das Probleme mit deinem Hund?«

»Nee, der weiß ganz genau, dass Feuer gefährlich ist, der geht da nicht ran.«

»Dann ist ja gut.«

»Hehe, ein Feuer im Kamin? Steht dir der Sinn nach einem romantischen Abend?«

»Nee, aber das spart Strom. Die Elektroheizung frißt einem sonst die Haare vom Kopf.«

»Na dann ist ja gut. Ich hätte dich sonst eh enttäuschen müssen.«

»Enttäuschen? Womit?«

»In Bezug auf einen romantischen Abend – ich steh nicht zur Verfügung.«

»Als ob ich Interesse daran hätte, mit dir einen romantischen Abend zu verbringen…«

»Haha, gibs nur zu.«

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Also eingebildet schien der Typ ja überhaupt nicht zu sein! Als ob ich die erste beste Gelegenheit nutzen würde, um mich an ihn ranzumachen! An ihn! Also wirklich…

Wobei… So übel sah Reiko gar nicht aus. Durchtrainierter Körper, nettes Gesicht, wuschelig-braune Haare – ich stand zwar eigentlich eher auf blond, aber ich war durchaus in der Lage, Ausnahmen zu machen. Aber halt, es war Reiko, und er hatte es ziemlich deutlich gemacht, dass er absolut nicht interessiert war. Und zugeben würde ich das ihm gegenüber sowieso niemals!

»So, Arko ist trocken.«

Reiko entließ seinen Hund aus dem Badetuch, und dieser nutzte die gewonnene Freiheit, um erstmal ausgiebig in der ganzen Hütte herumzuschnüffeln. Mein zweibeiniger Gast zog jetzt auch Jacke und Schuhe aus und kam dann zu mir zum Kamin, wo mittlerweile kleine Flämmchen auf dem Holz flackerten.

»Ich merke gerade, dass eure Hütte doch kein Palast ist. Es fehlt was ganz entscheidendes.«

Na sowas, kaum angekommen fing er auch noch an, rumzukritisieren!

»So? Was fehlt denn noch?«

»Fußbodenheizung.«

Reiko zeigte auf seine besockten Füße, mit denen er auf dem garantiert mächtig kalten Holzboden stand. Ich hatte mir gleich warme Hausschuhe angezogen und war somit geschützt.

»Dort im Schränkchen sind noch Hausschuhe, bedien dich. Wird noch eine ganze Weile dauern, bis es hier richtig warm ist.«

»Danke.«

Das Feuer im Kamin brannte mittlerweile recht ordentlich, das würde wohl nicht wieder so einfach ausgehen. Zeit, sich auch noch von innen aufzuwärmen. Mal schaun, was ich so Schönes mitgebracht hatte.

»Scheiße!«

Reiko schaute verwundert in meine Richtung.

»Was ist los?«

»Mein ganzes Gepäck liegt noch im Auto, jetzt kann ich mich nochmal anziehen und es reinholen.«

Jetzt brach Reiko in Gelächter aus.

»Hahaha! Und mir vorwerfen, dass ich nicht nachdenke, bevor ich was mache.«

»Blablabla…«

Ich griff zu meinen Stiefeln, zog sie an und schlüpfte in die Jacke. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Reiko das gleiche tat.

»Du mußt nicht nochmal mit raus, sind ja meine Sachen, die ich vergessen habe.«

»Für wie undankbar hältst du mich eigentlich? Du hast mir geholfen, ich helfe dir.«

Hm. Klang vernünftig. Und anders, als ich mir Reiko vorgestellt hatte.

»Okay, danke.«

Mit etwas Mühe gelang es uns, Arko daran zu hindern, gleich wieder raus in den Schnee zu stürzen. Ich öffnete den Kofferraum, und Reiko schaute staunend hinein.

»Sag mal, was schleppst du denn alles mit! Willst du eine ganze Armee verpflegen oder was?«

»Sei froh, dass ich soviel mitschleppe. Ansonsten müßtest du jetzt verhungern.«

»Ich müßte verhunger? Wir müßten verhungern!«

»Nee, nicht wir, nur du. Für mich hätte ich ja in jedem Fall genug mitgebracht.«

»Hach wie selbstlos du doch bist.«

»Ist eine meiner großen Stärken!«

»Wäre ich nie drauf gekommen.«

Bevor jetzt hier ein falscher Eindruck aufkommt: das war schon eher eine freundschaftliche Frotzelei, kein richtiger Streit. Keine Ahnung wieso, aber irgendwie fand ich die Vorstellung, die nächsten paar Tage mit Reiko auf der Hütte festzusitzen, längst nicht mehr so furchtbar wie zu Anfang.

Wir mußten zweimal gehen, um alles in die Hütte zu bekommen, naja, ich hatte auch eine Menge Konserven und Getränke dabei, die eingelagert werden sollten. Als wir endlich alles verstaut und uns von den Winterklamotten befreit hatten, war es in der Hütte unterdessen schon angenehm warm geworden. Das Feuer im Kamin prasselte, und ich drehte die Elektroheizung ab.

»Ich brauch jetzt was Warmes zu trinken und irgendwas zu essen. Wie siehts mit dir aus? Tee, Kaffee, Kakao, Glühwein?«

»Was trinkst du?«

»Ich hab hier so eine Weihnachts-Tee-Mischung.«

»Für mich auch, danke. Für Glühwein ist es noch etwas zeitig.«

»Angst, dass ich dich besoffen mache und dann schlimme Dinge mit dir anstelle?«

»Hahaha… Du und welche Armee?«

»Pah… Halt dich nicht für stärker als du bist.«

»Tu ich nicht. Und ich halte vor allem dich nicht für stärker als du bist.«

Reiko hatte sich in der Zwischenzeit in einen Sessel fallen lassen und grinste mich jetzt frech an. Arko lag zu seinen Füßen und döste vor sich hin. Ich beschloß, das Thema erstmal nicht weiter zu vertiefen, und begab mich zur Küchenzeile.

Dort angekommen lud ich den Wasserkocher und startete ihn. Während dieser nun seine Arbeit verrichtete, bereitete ich die Teekanne vor, holte Tassen und Teller aus dem Schrank, stellte Zucker und Zitrone bereit usw. usf.

»Stück Stolle gefällig?«

»Gerne. Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Nee, bleib lieber sitzen, ich weiß wo alles steht und komme gut alleine klar.«

»War nur ein Angebot.«

»Auf das ich dankend beim Abwasch zurückkommen werde.«

»Ist gebongt.«

Ich drehte mich wieder zur Arbeitsplatte um und setzte mit dem inzwischen kochenden Wasser den Tee an. Plötzlich spürte ich, wie jemand neben mir stand.

»Kannst du hier mal etwas Wasser für Arko reinlassen? Möglichst nicht eiskalt.«

Reiko reichte mir einen Wassernapf aus Aluminium, den ich nun mit Wasser aus der Leitung und ein wenig aus dem Kocher füllte.

»Hier. Bekommt er auch irgendwas zu fressen?«

»Nein, jetzt nicht, der bekommt nachher sein Futter. So gegen 19 Uhr ist seine Zeit.«

Ich schaute auf die Uhr: es war mittlerweile halb fünf durch, was auch durch die hereingebrochene Dunkelheit verdeutlicht wurde.

»Auch kein Stück Stolle?«

»Bloß nicht, das würde ihm viel zu schwer im Magen liegen! Also geh bitte nicht drauf ein, wenn er anfängt zu betteln.«

»Ach, er bettelt?«

»Ja, das konnten wir ihm bisher nicht abgewöhnen. Zumindest bei Fremden – bei uns weiß er ganz genau, dass er nichts vom Tisch bekommt.«

Na ob ich bettelnden, niedlichen Hundeaugen würde widerstehen können? Das mußte sich erst zeigen. Arko schlapperte mittlerweile an seinem Wassernapf, und Reiko trug die Teller mit der Stolle zur Sitzecke.

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Endlich mal gemütlich sitzen, einfach wunderbar. Leicht in Gedanken lehnte ich mich im Sessel zurück und bemerkte gar nicht so richtig, wie Fabian noch den Tee brachte, das elektrische Licht fast völlig runterdrehte und sich dann mir gegenüber in den zweiten Sessel setzte. Ich mußte wohl eine Weile so geistesabwesend herumgessen haben, jedenfalls wurde ich durch meinen Gastgeber aufgeschreckt.

»Hallo? Jemand zuhause im Oberstübchen?«

»Häh, was? Ach so. Sorry, war wohl kurz irgendwo anders mit meinen Gedanken.«

»Greif zu und trink, bevor der Tee zu Eistee wird.«

Gute Idee, ich hatte Durst und konnte außerdem etwas Warmes für die Innereien gut gebrauchen. Noch immer steckte mir die lange Schneewanderung etwas in den Knochen, und ich wurde nur langsam wieder richtig warm. Der Tee schmeckte gut, noch zwei Spritzer Zitrone dran und er war perfekt. Und die Stolle … wie von einer anderen Welt.

»HmDieMhStolHmStolleMhisthmmmmmlecker!«

»Das will ich doch hoffen, die hab ich selbst gebacken.«

Wie bitte? Ich kaute schnell runter.

»Du hast die Stolle gebacken?«

»Jep. Also sei dir der Ehre bewußt, von ihr essen zu dürfen. Normalerweise bekommen davon nur die Familie und ein paar enge Freunde was ab.«

Das erinnerte mich an etwas.

»Das waren wir auch mal…«

»Was?«

»Enge Freunde.«

Das hatte Fabian wohl mehr getroffen als ich beabsichtigt hatte, jedenfalls sah er mich gequält an.

»Ja… Das waren wir auch mal…«

Um ehrlich zu sein: ich vermißte diese Zeit. Vor der großen Entfremdung hatten wir unheimlich viel gemeinsam unternommen und jede Menge Spaß zusammen gehabt. Wir waren fast schon unzertrennlich gewesen. Vielleicht…

»Fabian?«

»Ja?«

»Wir müssen wohl die nächsten Tage hier miteinander auskommen. Was hältst du davon, wenn wir zumindest für diese Zeit mal versuchen, wieder Freunde zu sein. Würde die Sache hier gewaltig erleichtern. Wenn es nicht klappt, vergessen wir es hinterher einfach und gehen wieder unserer getrennten Wege. Falls es klappt – umso besser.«

Mein Gastgeber schaute mich nachdenklich an, dann nippte er an seiner Teetasse.

»War nur so eine Idee, wenn du nicht willst…«

»Doch, doch, hast schon recht. Dein Vorschlag hat mich nur überrascht. Ich dachte, du kannst mich nicht ausstehen.«

Ich seufzte.

»Fabian, ich kann manchmal nicht ausstehen, wie du dich aufführst. Ganz allgemein hab ich aber nichts gegen dich, überhaupt nicht.«

Fabian sah leicht zweifelnd in meine Richtung. Dann schien er sich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben.

»Okay, versuchen wir es. Und nur fürs Protokoll: Ich hab auch nichts gegen dich. Jedenfalls meistens nicht. Ich hab nur etwas gegen einige der Idioten, mit denen du dich in den letzten Jahren umgeben hast. Ich hab ständig Angst, denen mal alleine im Dunkeln über den Weg zu laufen.«

Das konnte ich so nicht einfach unkommentiert stehenlassen. Klar, einige aus meinem Freundeskreis zählten weder zu den hellsten Köpfen noch zu den freundlichsten Menschen, aber das galt leicht abgewandelt auch für Fabians Clique.

»Naja, also einige deiner Intelligenzkumpel sind in ihrer Arroganz auch nicht besser als die schlimmsten Gehirnamputierten aus meiner Umgebung.«

Jetzt grinste mein Gastgeber mich an – war das ein gutes Zeichen?

»Stimmt. Und beim Thema Arroganz sollte ich wohl selbst auch lieber etwas in mich gehen.«

»Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung…«

»Na hoffentlich beziehst du das auch ein wenig auf dich.«

Ich verzichtete auf eine Antwort und prostete Fabian mit meiner Teetasse zu.

»Also dann, auf gute Freundschaft.«

»Dito.«

Wir tranken Tee, futterten Stolle, und ich mußte mich wieder über Fabians Backkünste wundern.

»Sag mal, hast du die Stolle wirklich selber gebacken?«

»Zum dritten Mal: ja, hab ich.«

»Cool. In dir schlummern ja anscheinend wirklich viele Talente. Da wirst du sicher irgendwann einem Mann eine wirklich gute Hausfrau sein.«

Ich grinste ihn freundlich an, um den Worten die eventuelle Schärfe zu nehmen.

»Idiot!«

»Sorry, konnte ich mir nicht verkneifen.«

»Du bekommst nichts mehr von der Stolle!«

Oh. Also das war hart. Eine so schlimme Strafe hatte ich eigentlich nicht verdient.

»Oooooccchhhh… Faby… Bitte, bitte, verzeih mir nochmal!«

»Faby?!?«

Ups…

»So hast du mich früher immer genannt…«

Das hatte ich tatsächlich. Lang, lang war es her.

»Und schon damals konnte ich dir keine Bitte abschlagen, wenn du so gebettelt hast.«

Ah! Geschafft!

»Danke, danke, danke! Kann ich irgendwas für dich tun? Abwaschen? Die Hütte wischen? Schnee schippen? Sag es und ich tu es!«

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Interessantes Angebot. Ich schaute meinen Gast herausfordernd an.

»Du würdest alles tun?«

»Ja!«

»Hast du dir das auch ganz genau überlegt?«

In diesem Moment wurde Reiko wohl klar, dass er mit solchen Versprechungen lieber vorsichtig sein sollte. Jedenfalls wurde er knallrot im Gesicht und fing an zu stammeln.

»Nein! Äh… Ich… So habe ich das nicht gemeint… Du weißt schon!«

Wie er zappelte! Aber ich wollte mal nicht so sein und ihn wieder von der Leine lassen.

»Schon klar. Ich will ja auch nicht, dass du Ärger mit deiner Freundin bekommst.«

Damit war ich wohl gewaltig ins Fettnäpfchen getreten, Reikos Gesicht verfinsterte sich, und er sackte in seinem Sessel regelrecht zusammen. Ups…

»Reiko? Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?«

Er seufzte und schaute mich traurig an.

»Ich hab Melanie vorhin mit einem anderen Kerl im Bett erwischt…«

»Scheiße. Sorry, ich wollte da nicht drin rumrühren.«

»Schon okay, konntest du ja nicht wissen.«

»Warst du deshalb so durch den Wind, dass du mit Sommerreifen losgefahren und dann durch den Wald geirrt bist?«

»Ja, vermutlich. Ich wollte nur noch weg von zuhause. Als mir langsam klar wurde, dass die Karre nicht winterfest ist, war es schon zu spät.«

Mein Gott, Reiko fing an, mir tatsächlich leid zu tun. Ich wurde wohl weich auf meine alten Tage.

»Gerade eine Woche war ich weg, auf DRK-Lehrgang, und schon springt sie mit René in die Kiste.«

Autsch. Momentmal!

»Sag mal, ist René nicht dein bester Kumpel?«

Gequält schaute Reiko zu mir.

»Ja, toll, nicht wahr? Meine Freundin und mein bester Freund. Und sie haben nicht einmal den Anstand, mir das ins Gesicht zu sagen, sie treiben es einfach hinter meinem Rücken. Wer weiß, wie lange das schon so läuft – und wie lange es noch so weitergelaufen wäre, wenn mein Lehrgang nicht einen Tag kürzer ausgefallen wäre als geplant.«

Tja, dumm gelaufen, für alle Beteiligten.

»Und, lebt René noch?«

»Ja, leider.«

Nanu, Reiko hatte sich seinen »besten Kumpel« nicht vorgeknöpft?

»Allerdings wird er dieses Weihnachten wohl einige Probleme damit haben, Lebkuchen zu knabbern.«

Ah ja. Hätte mich aber auch irgendwie verwundert, wenn Reiko das so einfach hätte auf sich sitzen lassen.

»Hast ihn also ordentlich verprügelt.«

»Nein, nur ein einziges Mal habe ich zugelangt. Und meine rechte Hand tut mir immer noch etwas weh davon.«

Sowas kommt von Sowas.

»Und deine Freundin?«

»Die dumme Kuh hat die ganze Zeit kein Wort gesagt. Als das mit René geklärt war, bin ich rausgestürzt und nach Hause. Sogar meinen Rucksack mit dem Handy hab ich bei ihr liegenlassen.«

»Und deshalb bist du dann in den Wald gelaufen?«

»Ja, ich hatte keine Lust, untätig rumzusitzen und am Ende zu erfrieren – mir war die ganze Zeit kein anderes Auto auf der Straße begegnet.«

Okay, das erklärte zumindest, warum er als jemand, der es eigentlich hätte besser wissen müssen, sich von der Straße entfernt hatte.

»Blöderweise hab ich den falschen Weg genommen. Die sehen im Schnee alle so gleich aus.«

Ich mußte zugeben, dass das der Wahrheit entsprach. Hätte ich mich wegen unserer Hütte nicht besonders gut ausgekannt, hätte ich die einzelnen Forstwege wohl auch nicht unterscheiden können.

»Fabian?«

»Ja?«

»Danke. Wenn du nicht gekommen wärst, wer weiß, was aus mir geworden wäre.«

Eine Kleinstadtausgabe von Ötzi vermutlich.

»Kein Problem. Ich wollte mir unterwegs eh jemanden wegfangen, der hier für mich abwaschen und saubermachen kann, während ich mich amüsiere.«

Reiko kicherte, naja, wenigstens war er nicht mehr ganz so down wie eben noch beim Thema seiner treulosen Freundin.

»Ja klar, ich spiel jetzt deinen Haussklaven.«

Nette Vorstellung.

»Meine Pläne für Weihnachten haben sich eh zerschlagen. Ich wollte ein paar schöne Tage mit Melanie verbringen – Pustekuchen.«

Und damit war seine Stimmungsverbesserung wieder hinüber.

»He, mir ist klar, dass das momentan sehr weh tut. Aber sei froh, dass du es überhaupt rausbekommen hast. Und außerdem: du findest garantiert was Besseres für dich. Bei deinem Aussehen solltest du damit nun wirklich keine Probleme haben. Und dann findest du sicher eine, die zu schätzen weiß, was sie an dir hat.«

Könnte mich mal wer kneifen? Oder eventuell könnte mich ja Arko mal beißen! Ich machte hier Reiko Komplimente!

»Das sagst du so einfach. Aber ich war mit Melanie über anderthalb Jahre zusammen. Und das ist es auch, was ich will. Ich will eine feste, dauerhafte Beziehung, nicht nur ein Häschen fürs Bett. Ich bin ja nicht du.«

Moment!

»Wie soll ich das verstehen?«

Reiko schaute ernst zu mir herüber.

»Naja, ich hoffe, du wirfst mich nicht gleich wieder raus aus der Hütte, aber du hast halt nen ziemlichen Ruf in der Beziehung. Springst von einer Affäre zur nächsten.«

Aua, das tat weh. War mein Ruf wirklich so schlecht?

»Was ist, du springst mir ja gar nicht an die Kehle.«

»Siehst du mich wirklich so?«

»So sehen dich viele. Du flirtest doch mit allem, was einen Schwanz und wenigstens drei Haare drumherum hat.«

Ich starrte Reiko durchdringend an.

»Sorry, Faby, aber ich dachte, wenn wir wieder Freunde sind, dann sage ich dir auch die Wahrheit.«

Na super. Aber was sagte er gerade? Wenn wir wieder Freunde sind, sagen wir uns auch die Wahrheit? Nun, dann sollte ich es vielleicht mal damit versuchen.

»Reiko, das mag so aussehen, in Wirklichkeit ist es doch etwas anders.«

Zweifelnd blickte mein alter, neuer Freund in meine Richtung.

»Wie meinst du das?«

Okay, Karten auf den Tisch.

»Reiko, es stimmt, ich flirte gerne, aber mehr ist da nicht.«

»Was willst du damit sagen?«

Ich seufzte. Aber ich hatte angefangen, nun mußte ich das auch durchziehen.

»Ich hatte noch nie eine Beziehung mit nem Jungen, geschweige denn Sex. Naja, und mit nem Mädel eh nicht, aber das ist ja klar.«

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Das… Also… Also das meinte Fabian doch jetzt nicht ernst! Oder etwa doch? Ich musterte meinen Gegenüber scharf.

»Du willst mich verarschen, oder?«

Schweigend schüttelte er den Kopf, und mir wurde schlagartig klar, dass Fabian mich nicht angelogen hatte!

»Das gibt es ja nicht! Fabian, Mr. Sex auf Beinen, ist noch Jungfrau!«

»Ja prima, ich hoffe du amüsierst dich gut!«

Ich sollte mich wohl lieber etwas zusammenreißen, obwohl mich dieses Geständnis jetzt wirklich von den Socken gerissen hatte.

»Sorry, aber das überrascht mich jetzt wirklich.«

»Reiko, sei mal realistisch. Okay, ich flirte ziemlich viel, aber das bedeutet noch lange nicht, dass dabei auch irgendwas rauskommt. Überleg mal, wir sind hier in ner Kleinstadt. Wieviele Schwule in unserem Alter kennst du hier?«

Da brauchte ich nicht groß zu überlegen.

»Drei. Dich, Markus Zimmermann und Ralf Vollmer.«

»Tja, und Markus und Ralf sind dermaßen ineinander verknallt und absolut monogam, dass ich von denen in der Beziehung nichts zu erwarten habe.«

Stimmt, die beiden waren nun auch schon seit zwei Jahren oder so ein Paar. Die waren dermaßen ineinander verliebt, dass es schon regelrecht kitschig wirkte.

»Die zwei haben nur Augen füreinander.«

»Na siehste. Und bisher sind leider alle meine Versuche gescheitert, ne schnucklige Hete umzupolen.«

Nun ja… Umpolen vielleicht nicht, aber da waren noch diese Gerüchte…

»Aber in der Schule wurde immer gemunkelt, dass jeder zu dir gehen könnte, der mal einen geblasen bekommen wollte.«

Ohoh. Dem schmerzverzerrten Gesicht von Fabian zufolge, war ich gerade in ein riesiges Fettnäpfchen getapst.

»Ja, von diesen Gerüchten habe ich auch gehört. Aber glaub mir, das sind wirklich nur Gerüchte. So tief würde selbst ich nicht sinken, einfach irgendnem Kerl auf dem Schulklo einen zu blasen. So verzweifelt auf der Suche nach Sex bin ich nun auch wieder nicht!«

Das verkniffene Gesicht zeigte mir, dass Fabian auch hier wieder die reine Wahrheit sagte. Wie man sich doch in jemandem täuschen konnte, wenn man sich am »Ruf« desjenigen orientierte, ohne mal genauer hinzuschauen.

»Ich wünsche mir auch nen Jungen für mich ganz alleine, für eine lange Beziehung, nicht nur für den Sex. Der wäre sicher geil, aber nur wegen Sex würde ich mit keinem in die Kiste hüpfen. Da muß schon mehr sein.«

Offensichtlich waren wir uns in dieser Beziehung ähnlicher, als ich je gedacht hätte.

»Sorry, Faby, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Tut mir leid, dass ich überhaupt so über dich denken konnte.«

Oh mein Gott, er hatte tatsächlich Tränen in den Augen!

»Schon okay, Reiko. Ist ja nicht so, als hätten wir die letzten Jahre als die besten Kumpel verbracht. Auch ich hab wohl mehr das Bild gesehen, das du in der Öffentlichkeit abgibst, und nicht die Person hinter dem Bild.«

So langsam wurde er wieder hochintellektuell. Aber er hatte Recht.

»Du, Faby?«

»Ja?«

»Ich würde dich gerne wieder kennenlernen. Also so richtig dich, nicht die Äußerlichkeiten, sondern direkt dich.«

Lange schaute er mich schweigend an, dann machte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit.

»Okay, ich glaube, das würde mir auch gefallen. Wir haben ja wohl auch ne ganze Menge Zeit dafür in den nächsten Tagen.«

Oh Gott. Und die ganze Zeit ohne Fernseher und Computer, wie sollte ich das überleben?

»Gibt es hier wenigstens ein Radio oder so?«

»Ich hab eins mitgebracht, und dazu meinen MP3-Player.«

Na wenigstens etwas.

»Und was kann man hier sonst noch so unternehmen?«

»Wandern. Skifahren – obwohl: bei dem vielen Neuschnee dürfte das problematisch werden. Und irgendwo in nem Schrank sind eine Menge Bücher und Spiele.«

»Spiele?«

»Ja. Solche Dinger mit Spielfiguren usw. usf., falls du dich an diesen altmodischen Kram aus dem Vorcomputer-Zeitalter erinnerst.«

»Haha, tu nicht so, als ob du nicht genauso technikverwöhnt wärst wie ich.«

»Okay, hast mich ertappt. Aber genau darauf hatte ich mich um ehrlich zu sein gefreut: hier mal weit weg von Computer und Glotze zu sein. Mal etwas von der Reizüberflutung des Alltags abbauen. Und ich denke mal, nach deinen Erlebnissen heute kannst du etwas Ruhe auch gebrauchen.«

Da mußte ich ihm wohl zustimmen.

»Und was machen wir heute noch mit dem angebrochenen Tag?«

Fabian schaute auf die Uhr, und reflexartig tat ich das gleiche. Es war mittlerweile schon halb sechs durch.

»Also ich zieh jetzt erstmal die warmen Klamotten aus, dann leg ich mich für ne Stunde lang. Reicht es dir, wenn wir nach sieben Abendbrot essen?«

»Kein Problem, deine Stolle war sehr sättigend.«

Fabian grinste mich frech an.

»Hast ja auch genug davon verdrückt.«

»Hehe, sorry, konnte ich mir nicht verkneifen. Die ist wirklich sehr gut.«

»Danke. Gut, dann machen wir das so, erstmal ein Päuschen, dann Abendbrot, dann bereite ich die Betten vor.«

»Okay. Und du hast recht, jetzt ist es hier schon schön warm geworden, ich glaub, ich zieh mich auch gleich mal um.«

»Du kannst ins große Schlafzimmer gehen, ich nehm das kleine.«

Ich nickte, griff mir meine Tasche und verschwand ins genannte Zimmer. Dort entledigte ich mich meiner Jeans und des Sweatshirts, dann kam mir eine Idee. Ich verließ den Raum, klopfte am kleinen Schlafzimmer und trat ein. Fabian kramte gerade in einer seiner Taschen.

»Du, Faby?«

Er drehte sich zu mir um.

»Ja?«

»Du sagtest vorhin was von einer Dusche…«

»Ja. Willst du duschen?«

»Wäre das möglich? Ich bin bei der Stapferei durch den Schnee ziemlich ins Schwitzen geraten.«

»Ich hab vorhin gleich den Warmwasserbereiter angeworfen, es sollte also warmes Wasser da sein. Handtücher liegen im Kleiderschrank bei dir im Zimmer. Brauchst du sonst noch was?«

Ich überlegte kurz.

»Nee, danke, alles andere sollte ich dabei haben.«

»Na dann viel Spaß.«

»Danke, ich glaube, so eine warme Dusche kann ich jetzt gut gebrauchen.«

Ich drehte mich um und schickte mich an, das Zimmer zu verlassen.

»Ach, und Reiko?«

Ich drehte mich nochmal zu Fabian um.

»Ja?«

»Wenn Du mich mit deinem Aufzug anmachen wolltest: sorry, es hat nicht geklappt. Das sieht eher lächerlich aus.«

Ups… Okay, ich sah in meiner langen Bundeswehr-Unterwäsche wohl wirklich nicht sonderlich attraktiv aus. Ich zeigte Fabian den Stinkefinger, dann machte ich mich auf den Weg in den warmen Regen der Dusche…

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Also mal ehrlich, das war doch typisch stilloser Hetero. Wie konnte man seinen Körper nur dermaßen unvorteilhaft verpacken. Besonders wenn man – wie Reiko, was ich zugeben mußte – durchaus über einen nett anzusehenden Körper verfügte. Gut, hier bei uns in den Bergen war man im Winter auf warme Klamotten angewiesen. Aber da gab es ja auch andere Möglichkeiten als diese schlapprigen Bundeswehrdinger.

Naja, das mußte Reiko selber wissen. Ich suchte mir noch mein Buch aus der Tasche, dann zog auch ich mich aus. Also nicht ganz aus! So warm war es in der Hütte nun auch wieder nicht. Ich entledigte mich meiner Funktionsunterwäsche, dann zog ich wieder Jeans und T-Shirt an und ging zurück ins Wohnzimmer.

Dort erwartete mich bereits Reikos Vierbeiner, der immer noch vor dem Sessel lag, in dem sein Herrchen bis vor ein paar Minuten gesessen hatte. Jetzt klopfte sein Schwanz rhythmisch auf den Fußboden.

»Na, Arko, hatten dich alle verlassen?«

Der Hund stand auf und kam zu mir getrottet, also tat ich, was er wohl von mir erwartete und streichelte ihn. In der Ferne hörte ich das Wasser der Dusche rauschen. Jeden weiteren Gedanken daran, dass mein Gast keine

10 Meter von mir nackt unterm Wasser stand, verkniff ich mir dann doch lieber. Zum Glück hatte ich etwas, womit ich mich ablenken konnte.

»Arko, dein faules Herrchen hat sich verdrückt, und ich darf mich ums Geschirr kümmern.«

Der Vierbeiner schaute mich freundlich an und wedelte mit dem Schwanz. Vielleicht kannte der das ja auch von seinem Herrchen.

Naja, abwaschen hatte eh noch keinen Sinn, es kam ja nachher noch das Abendbrot-Geschirr dazu, also räumte ich nur schnell die Tassen und Teller weg, dann machte ich es mir auf der Couch bequem. Weiter als zwei Seiten kam ich in meinem Buch nicht, dann fielen mir die Augen zu…

…und wurde durch klapperndes Geschirr geweckt. Ich zwinkerte ein paarmal, dann konnte ich sehen, was mich da geweckt hatte. Reiko war damit beschäftigt, Teller und Gläser auf dem Tisch zu verteilen. Ich gähnte herzhaft.

»Ah, guten Abend der Herr, weilen wir auch wieder unter den Lebenden?«

»Ja, du mußtest mich ja aufwecken mit dem Geklapper.«

»Sorry, aber ich dachte mir, ich bereite mal das Abendessen vor. Und das geht halt leider nicht ganz geräuschlos.«

»Wie spät ist es denn?«

»Viertel nach Sieben.«

Doch schon so spät. Ich schwang meine Beine auf den Boden und wollte aufstehen.

»Ich helfe dir, Reiko.«

»Nichts ist, du bleibst schön sitzen, es ist fast schon alles fertig. Arko hat sein Futter bekommen, ich hab Brot und Wurst und so weiter gefunden und auch nochmal Tee angesetzt. Oder wolltest du was anderes trinken?«

»Nee, Tee ist okay. Was Kaltes können wir ja nachher noch trinken.«

»Das dachte ich mir auch. Also lehn dich zurück, es kann gleich losgehen.«

Nun, wenn er es so wollte, würde ich ihn bestimmt nicht von der alleinigen Arbeit abhalten. Ich schaute Reiko dabei zu, wie er den Tee aufgoß und noch Besteck zusammensuchte. Er trug jetzt einen dunkelblauen Hausanzug aus Fleece – worin er deutlich besser wirkte als vorher in den olivgrünen langen Kameraden. Wenige Minuten später war alles vorbereitet, er setzte sich zu mir an den Tisch, und wir ließen uns die Köstlichkeiten schmecken, die meine Eltern für die Hütte eingepackt hatten.

»Also Fabian, mit den Vorräten könnten wir eine halbe Armee durchfüttern. Wer soll denn die ganzen Konserven vertilgen?«

»Wir haben hier immer einen Notvorrat an haltbaren Lebensmitteln. Man weiß ja nie, ob nicht die Hüttenbewohner eine Weile nicht zum Einkaufen kommen.«

»So wie wir jetzt?«

»Ja, ist nicht das erste Mal, dass die Hütte eingeschneit ist. Wenn dann eine größere Familie hier festsitzt, sollen die uns ja auch nicht verhungern. Es ist immer so aufwendig, hinterher die ganzen Leichen loszuwerden.«

Reiko lachte herzhaft, beruhigte sich aber recht schnell wieder.

»Klingt logisch – wir zwei werden wohl aufpassen müssen, dass wir uns nicht völlig überfressen.«

»Also ich hab da genügend Selbstbeherrschung – du etwa nicht?«

»Hehe, nicht, wenn ich all die guten Sachen sehe. Da hab ich sehr mit mir zu kämpfen.«

Sah man ihm nicht an.

»Ach übrigens, wenn das alles hier vorbei ist, bezahle ich natürlich, was ich euch hier weggefuttert habe. Und auch meinen Anteil an den Dieselkosten.«

Da war wirklich deutlich mehr Grips in seiner Birne, als ich ihm noch vor ein paar Stunden zugetraut hätte. Wäre er wirklich so ein egoistischer Hohlkopf wie ich anfänglich dachte, wäre er nie auf so eine Idee gekommen.

»Brauchst du nicht.«

»Will ich aber, keine Diskussion!«

Okay, okay, wegen so einer Kleinigkeit würde ich mich nicht mit ihm anlegen. Wir aßen weiter bis wir so richtig schön abgefüttert waren. Auch Arko schien satt zu sein, jedenfalls versuchte er gar nicht erst, irgendwas vom Tisch zu erbetteln.

»So, dann werde ich mal wie versprochen den Abwasch machen. Bin ja schließlich dein Haussklave.«

Das konnte ich nun doch nicht so stehenlassen.

»Laß mal, du hast das Essen vorbereitet, ich mache den Abwasch.«

Reiko schaute sich kurz um.

»Hier ist genug Platz. Ich wasche ab, du trocknest ab. Deal?«

Damit konnte ich leben.

»Okay, Deal.«

Genauso taten wir es dann auch, und innerhalb kürzester Zeit waren die Spuren unserer Mahlzeit verschwunden. Während sich Reiko nun setzte, fiel mir ein, dass ich etwas ganz Wichtiges beinahe vergessen hätte. Ich schnappte mir mein Handy, klappte es auf und schaltete es ein. Nach einigen Sekunden leuchteten drei Balken der Netzanzeige auf – nicht berauschend, aber immerhin, es funktionierte, sogar hier draußen in der Wildnis.

»Hast du hier draußen etwa Empfang?«

»Ja, leider.«

»Wieso leider?«

In diesem Moment begann ein ständiges Gedudel damit, auf den Eingang von einem ganzen Haufen SMS hinzuweisen. Ich setzte mich auch wieder in meinen Sessel und zeigte auf das Handy.

»Deshalb.«

»Hehe, Faby, du scheinst ein gefragter Mann zu sein!«

»Es sind bloß leider immer die Falschen, die nach mir fragen.«

Ich sah die SMS-Liste durch – alles Mitteilungen über entgangene Anrufe. Und alle kamen von einer mir gut bekannten Nummer, der meiner Eltern. Meine Mutter würde wohl nie kapieren, dass ich nicht mehr ihr kleiner Junge war, auf den sie jede freie Minute ein Auge haben mußte.

»Ach, wer fragt denn immer nach dir?«

»Meine Mutter. Ich werde mir ganz schön was anhören dürfen, weil das Handy so lange aus war.«

»Haha, klingt fast wie meine eigene.«

»Glaub mir, so schlimm kann deine nicht sein.«

Ich löschte die nächste Mitteilung, die Liste rutschte eine Position weiter, und siehe da: eine Nummer tauchte auf, die ich nicht kannte!

»Hm… Wer war das denn?«

»Was ist?«

»Hier hat jemand versucht mich zu erreichen, dessen Nummer ich nicht kenne.«

»Hehe, hast du nen heimlichen Verehrer?«

»Schön wärs. Moment mal!«

Mir fiel etwas ein.

»Welche Nummer haben denn deine Eltern?«

»Wieso?«

»Vielleicht waren die das ja. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Vater denen meine Nummer gegeben hat. Er mußte ihnen ja eh erklären, wo du abgeblieben bist.«

»Hast recht, das könnte sein.«

»Und?«

»Was und?«

»Deine Nummer!«

»Oh. Klar. *****.«

»Glückwunsch, ein Volltreffer. Willst du gleich mal anrufen?«

»Nee, nee, ruf du lieber erstmal bei dir an, bevor sich deine Mutter noch die Finger wund wählt.«

Das hätte zumindest den Vorteil, dass sie nicht mehr ständig versuchen könnte, mich zu erreichen. Aber naja, ich sollte wohl mal nicht so sein, also betätigte ich die mir wohlbekannte Kurzwahl.

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Fabians Mutter schien tatsächlich noch schlimmer zu sein als meine, wenn ich mal die Anzahl ihrer erfolglosen Anrufversuche zum Maßstab nahm. Während sich der brave Sohn nunmehr seinem Schicksal stellte und genannte Mutter anrief, griff ich zu dem Buch, welches Fabian auf dem Couchtisch abgelegt hatte.

Peter Conrad – Der Neuanfang (ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen und im gutsortieren Buchhandel unter der ISBN 3-937290-97-4 zu beziehen). Was das wohl sein sollte? Ich las den Rückseitentext. Naja, ne schwule Jugendstory. Nicht wirklich überraschend, dass Fabian auf sowas stand, für mich war das aber nicht unbedingt etwas. Aber halt, hatte er nicht irgendwas von einem Schrank voller Bücher gesagt? Vielleicht fand sich darin ja etwas Passendes für mich.

»Hallo Mutti, ich bins.«

Ah, er hatte die Heimatbasis erreicht.

»Ja, ich weiß, aber ich ha…«

Och, der Ärmste schien nicht wirklich zu Wort zu kommen!

»Ja, Mut…«

Grinsend studierte ich das Bücherangebot und fand ziemlich schnell etwas für mich – den neuesten Harry-Potter-Band. Und wenn das irgendwer meinen Eishockeykumpels verrät, dann komm ich den mal bei Nacht besuchen!

»Ja, wir sind gut versorgt, die Speisekammer ist voll, der Dieseltank auch.«

Der Handyakku wohl bald nicht mehr.

»Außerdem werden wir möglichst nur mit dem Kamin heizen, Holz ist ja mehr als genug da.«

Ich setzte mich wieder in meinen Sessel, dabei vorsichtig über Arko steigend, der es sich direkt davor gemütlich gemacht hatte und keinerlei Anstalten tat, meinen Füßen etwas mehr Platz zu geben.

»Ja, Mutti, ich werde Reiko sagen, dass er seine Eltern anrufen soll.«

Oh, da hatten die wohl schon bei Fabians Eltern angerufen.

»Und deshalb muß ich jetzt auch Schluß machen, damit Reiko das nun bald erledigen kann und seine Eltern nicht mehr so lange auf ein Lebenszeichen warten müssen.«

Was natürlich der einzige Grund bzw. der willkommene Anlaß dafür war, das Gespräch mit seiner eigenen Mutter abzukürzen.

»Sag Paps und den anderen einen schönen Gruß von mir.«

Mit entnervt hochgezogenen Augenbrauen schaute Fabian zu mir herüber.

»Ja, Mutti, morgen Abend telefonieren wir wieder. Aber am Tag laß ich das Handy aus, sonst ist der Akku zu schnell runter.«

Da gab es ja noch das Ladegerät, aber das brauchte man ja nicht unbedingt in die mütterliche Erinnerung zu bringen.

»Also dann, tschüß!«

Mein Gastgeber beendete das Gespräch und sank erleichtert in seinem Sessel zusammen.

»Anstrengend?«

»Das kannst du laut sagen! Für diese Frau bin ich keine 18 sondern höchstens 8. Wenn überhaupt schon so alt.«

»Hehe, tja, typisch Mutter halt. Für die wird man nie wirklich erwachsen.«

»So wird es wohl sein. Stichwort Mutter: hier, jetzt bist du dran. Deine Mutter hat schon zweimal bei meiner Mutter angerufen, ob sie irgendwas von dir gehört hat.«

Oh Gott, jetzt durfte ich mir vermutlich ganz schön was anhören, so von wegen einfach abhauen, noch dazu mit dem sommerbereiften Auto. Aber ewig vermeiden konnte ich das sowieso nicht, also war es wohl besser, es gleich hinter mich zu bringen. Fabian reichte mir das Handy.

»Wie ist das eigentlich mit Arko, der muß doch nachher auch nochmal raus, oder?«

Ich überlegte kurz, eigentlich hatte ich keine Lust auf einen weiteren Waldspaziergang, noch dazu im Dunkeln.

»Ja, aber den schicken wir einfach kurz vor die Tür, das reicht.«

»Okay, dann telefonier mal schön. Ich spring jetzt auch schnell unter die Dusche, also bis später.«

»Tu das, viel Spaß.«

Ich würde lieber nicht groß drüber nachdenken, was für Spaß Fabian eventuell unter der Dusche haben würde!

Während er nun in die rückwärtigen Räume verschwand, wählte ich die heimatliche Nummer, und schon nach zweimaligem Rufen wurde der Anruf angenommen.

»Heilmann.«

»Hallo Nicole, ich bins.«

»Reiko!«

»Genau der.«

»Endlich rufst du an! Ist mit dir alles okay? Mom und Dad machen sich die größten Sorgen!«

Das »Mom« und das »Dad« hatte sie sich neuerdings angewöhnt, wohl um damit cool zu wirken. Sie wirkte damit allerdings in meinen Augen eher lächerlich.

»Ach, und du hast dir keine Sorgen gemacht?«

»Nee, eher Hoffnungen auf dein Zimmer!«

Typisch meine Schwester. Irgendwie hackte sie immer auf mir herum. Aber ich dafür auch auf ihr – hehe!

»Wieso bist du Idiot eigentlich so weggerannt?«

Andererseits verstanden wir uns meistens sehr gut und hatten recht wenige Geheimnisse voreinander.

»Ich hab Melanie mit nem anderen Kerl im Bett erwischt.«

»Autsch! Da war wohl mein Kommentar von wegen Sturm im Liebesland ziemlich daneben, oder?«

»Allerdings, der hat das Faß zum Überlaufen gebracht.«

»Sorry, tut mir leid, wenn ich das gewußt hätte, dann hätte ich mir den Spruch verkniffen.«

»Es wird dir gleich noch vielmehr leidtun.«

»Wieso das denn?«

»Der andere Kerl war René.«

»Was?!?!?!?!???«

Diesen überraschten Aufschrei hatte ich erwartet. Nicht nur, weil Nicole natürlich wußte, dass René eigentlich mein bester Freund war, sondern auch deshalb, weil ich wußte, dass sie heimlich beziehungsweise unheimlich in ihn verschossen war.

»Dieses Arschloch!«

»Das kannst du laut sagen.«

»Prima, da kam ja für dich alles zusammen. Aber paß auf, du findest garantiert ne bessere als diese untreue Zicke Melanie, eine, der wirklich was an dir liegt.«

»Komisch, so ziemlich genau das gleiche hat Fabian auch gesagt.«

»Ach ja, stimmt, du bist ja bei der Schwuchtel untergekommen.«

»Nenn ihn bitte nicht so.«

»Wieso? Du hast ihn doch auch oft genug so genannt!«

»Ja, und dafür schäme ich mich mittlerweile, okay? Also laß du das bitte auch.«

»Nanu? Das sind ja ganz neue Töne!«

»Eigentlich nicht, eigentlich sind es eher ganz alte Töne. Fabian und ich waren mal die besten Freunde, und er hat mich nie so hintergangen wie René.«

»Ähem… Reiko?«

»Ja?«

»Du hast dich doch nicht etwa in ihn verknallt?«

»Ich? In Fabian? Nee, Schwesterherz, niemals! Ich bin durch und durch hetero und habe auch vor, das zu bleiben. Aber das heißt ja nicht, dass Fabian und ich nicht wieder Freunde sein können.«

»Na dann ist ja gut. Du, Mom reißt mir fast den Hörer aus der Hand, also bis später! Und denk dran: schlaf lieber mit dem Rücken zur Wand!«

»Hahaha…«

Ich hörte noch Nicoles Gekicher, dann ertönte die Stimme meiner Mutter.

»Reiko! Schön, dass du endlich anrufst!«

»Hallo Mutti, ging leider nicht eher.«

Wäre schon gegangen, aber das brauchte sie ja nicht unbedingt zu wissen.

»Und, Junge, wie geht es dir so? Hast du den Unfall gut überstanden? Herr Röcker sagte etwas von einer Prellung!«

»Ja, Mutti, mir geht es gut. Die Prellung hab ich auch nicht vom Unfall, ich bin dann im Wald ausgerutscht, aber ich merke kaum noch was davon.«

»Na dann ist ja gut. Verträgst du dich mit Fabian? Ihr zwei wart ja in den letzten Jahren nicht gerade die besten Kumpel.«

»Ich weiß, waren wir nicht, aber wir arbeiten daran. Wir haben einige Mißverständnisse geklärt, und ich denke mal, dass wir wieder richtig gute Freunde werden können.«

Das dachte ich nicht nur, das hoffte ich sogar. Komisch, wie man seine Einstellung zu einem Menschen innerhalb weniger Stunden komplett ändern kann.

»Freut mich das zu hören, erinnert mich irgendwie an früher, da wart ihr kaum mal einzeln irgendwo anzutreffen.«

Tja, lang, lang ists her.

»Und da ihr laut Herrn Röcker wohl eine ganze Weile alleine dort oben aushalten müßt, wäre es wirklich gut, wenn ihr einigermaßen gut miteinander auskommt.«

»Ich weiß. Wie gesagt, es sieht recht positiv aus. Hat Fabians Vater schon gesagt, wie lange wir hier abgeschnitten sein werden?«

»Er glaubt jedenfalls nicht daran, dass ihr zu Weihnachten schon wieder befreit seid.«

»Er sagte im Funk etwas von einer Unwetterwarnung.«

»Ja, es wird wohl noch einiges an Schnee runterkommen. Und selbst wenn der Schneefall aufgehört hat, sind erstmal die Hauptstraßen mit der Beräumung dran. Aber er hat mir versichert, dass ihr oben in der Hütte genügend Vorräte habt, um notfalls einen ganzen Monat zu überleben.«

Solange würde es hoffentlich nicht dauern, das mit den Vorräten kam aber wohl hin.

»Ja, Mutti, wir müssen weder verhungern noch erfrieren.«

»Dann ist ja gut. So, ich denke, wir sollten das Gespräch beenden, das kostet ja alles Fabians Telefongeld.«

»Okay, hast recht. Sag bitte den anderen noch einen schönen Gruß von mir, und morgen könnt ihr ja hier auf Fabians Handy anrufen, die Nummer habt ihr ja schon.«

»Genau so machen wir das. Ach übrigens, René war vorhin da, der hat aber nur deinen Rucksack abgegeben und ist sofort wieder verschwunden.«

Dieses Arschloch traute sich tatsächlich noch zu mir nach Hause!

»Wieso hatte der den überhaupt?«

»Mutti, laß dir das von Nicole erzählen, ja? Wir sollten jetzt wirklich schlußmachen.«

»Gut, wie du meinst. Also dann, benimm dich anständig und hilf Fabian, wenn du bei irgendwas helfen kannst. Und paß schön auf Arko auf!«

»Keine Bange, mache ich alles. Also dann, bis morgen abend. Tschüß.«

»Tschüß Großer.«

Damit endete das Gespräch. Und es war ganz ohne Vorwürfe wegen meines überstürzten Aufbruchs abgegangen! Einigermaßen erleichtert lehnte ich mich im Sessel zurück und vertiefte mich in mein Buch.

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Nachdem ich Reiko mit dem Handy alleingelassen hatte, ging ich ins Bad und probierte erst einmal aus, ob denn schon wieder heißes Wasser vorhanden war. War es, also konnte ich mir jetzt auch ein kleines Duschvergnügen gönnen. Nach einem Blick auf die Uhr, die schon kurz nach acht anzeigte, entschied ich mich dafür, mich anschließend gleich in den Schlafanzug zu stürzen, also nahm ich selbigen gleich mit ins Bad, zusammen mit meinen schönen dicken ABS-Socken.

Im Bad zog ich mich aus, und da ich keine Lust hatte, mir schon wieder die Haare zu waschen und diese dann hinterher auch wieder trocknen zu müssen, setzte ich eine Duschhaube auf, dann stieg ich in den warmen Wasserstrahl. Während ich mich dann einseifte, mußte ich plötzlich daran denken, dass vor gar nicht so langer Zeit ein anderer nackter Junge an genau derselben Stelle gestanden hatte – und sofort regte sich etwas in meiner Körpermitte. Ob es Reiko wohl auch so gegangen war? Naja, nach seinem Erlebnis mit Melanie und René wohl eher nicht. Aber mich sollte das nicht abhalten! Vor allem, wo ich es ja die nächsten Tage in der Nähe dieses durchaus ansehnlichen Kerlchens aushalten mußte. Also tat ich, was man(n) in einem solchen Falle nunmal so tut, und hoffte, dass ich dadurch von feuchten Träumen und ähnlich peinlichen Ereignissen in Reikos Gegenwart verschont bleiben würde. War schon immer peinlich genug, wenn Tom sowas mitbekam – wobei sich die Situationen, in denen er mich beim Wichsen oder solchen Sachen erwischte und diejenigen, in denen ich bei ihm gleiches erlebte, in etwa die Waage hielten. Aber weg mit den Gedanken an meinen Bruder. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Ich gab mich diesen wundervollen Gefühlen hin…

…und just wo ich dem Höhepunkt zustrebte, wurde das Wasser deutlich kälter, und mir wurde sämtliche Stimmung versaut! Verdammter Mist! Ich hatte nicht daran gedacht, dass der Inhalt des Warmwasserbehälters durchaus begrenzt war, und nun erwischte es mich voll, das Wasser wurde langsam richtig kalt!

Tja, kleine Sünden bestraft der liebe Gott wohl doch sofort. Alle Gedanken an schnucklige Jungs waren mit einem Schlag aus meinem Kopf vertrieben, und ebenfalls vertrieben war das Blut aus einem anderen nicht ganz unwichtigen Körperteil. So schnell ich konnte, spülte ich mir mit der mittlerweile fast schon eisigen Brühe den Schaum vom Körper, dann rettete mich nur noch ein schneller Sprung aus dem Wassertrahl vorm jämmerlichen Erfrierungstod. Schönen Dank auch.

Bibbernd trocknete ich mich ab, auch die Heizung half da nicht sonderlich, sodass ich mich beeilte, in meinen Schlafanzug zu schlüpfen. Nachdem ich auch noch die gleichzeitig als Hausschuhe dienenden ABS-Socken angezogen hatte, warf ich einen letzten wütenden Blick auf die Duschkabine und wanderte – unterwegs meine Tagesklamotten im kleinen Schlafzimmer ablegend – zurück in den Wohnraum. Dort saß Reiko gemütlich im Sessel und las in … Harry Potter? Also das hätte ich nun nicht gedacht, vor allem wo wir auch reichlich »erwachsene« Literatur im Schrank hatten.

»So, bin wieder da. Wie ich sehe, hast du ja ein Buch gefunden.«

»Ja, hab ich, ihr habt ne wirklich große Auswahl hier.«

»Tja, wenn es kein Fernsehen gibt, dann braucht es wenigstens ausreichend Alternativen. Und, hast du deine Eltern erreicht?«

»Ja, hab ich.«

Reiko schaute zu mir hoch, glotzte mich groß an, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Was war denn nun schon wieder los!

»Was ist so lustig?«

Immer noch lachend zeigte Reiko nach oben. Was meinte er damit?

»Schick … hihihi … schick siehst du aus!«

Hä?

»Dein Kopf, Faby!«

Mein Kopf? Ich griff mit beiden Händen nach oben und wußte sofort, worüber sich Reiko so köstlich amüsierte. Durch den überraschenden Kälteeinbruch hatte ich vollkommen vergessen, dass ich ja immer noch die Duschhaube auf dem Kopf hatte! Und das war zu allem Überfluß so eine komische pinkfarbene mit lauter Blümchen drauf. Argh!

»Steht dir wirklich gut … hahaha … ist das etwa das Coming-Out-Modell?«

So schnell es ging riß ich mir die noch etwas nasse Duschhaube vom Kopf, wobei ja eigentlich eh alles zu spät war.

»Hahaha. Das ist nicht meine, die stammt von jemand anderem!«

»Ach, von deinem Bruder?«

»Quatsch. Die haben mal Gäste hier vergessen, und seitdem drückt die sich bei uns rum.«

»Jaja, das kann jeder behaupten.«

»Blablabla, glaub es mir oder halt nicht.«

Ich flitzte zurück ins Bad und beseitigte das häßliche Foliendings. Als ich ins Wohnzimmer zurück kam, hatte sich Reiko endgültig beruhigt.

»Sorry, Fabian, ich wollte mich nicht über dich lustig machen.«

Wie großzügig. Aber naja…

»Schon gut. Um ehrlich zu sein, hätte ich an deiner Stelle wohl auch gelacht.«

»Das will ich meinen.«

»Ich werde mich mal um die Betten kümmern, die müssen noch bezogen werden.«

»Warte, ich helfe dir dabei.«

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, zu zweit machte sich das sicher besser. Eine Sache war da aber noch zu klären.

»Wo möchtest du schlafen, im großen oder im kleinen Schlafzimmer?«

»Ich dachte, wir schlafen im großen, da ist mehr Platz, oder?«

Wir? Wollte er wirklich mit mir in einem Zimmer schlafen?

»Können wir machen, du kannst aber auch ein Zimmer für dich alleine bekommen.«

»Warum sollte ich das wollen?«

Reiko schaute mich mit schiefgelegtem Kopf an, und ich wußte nicht so recht, was ich darauf antworten sollte.

»Naja… Ich dachte… Ich dachte, du würdest nicht so gerne…«

»Du dachtest, ich würde lieber in einem anderen Raum schlafen als du, weil es mir unangenehm sein könnte, mit nem Schwulen das Zimmer zu teilen?«

Genau das hatte ich mir gedacht, aber ich brachte kein Wort heraus, nur mit dem Kopf konnte ich leicht nicken.

»Fabian, du Depp, dass du schwul bist macht mir nichts aus, kapiert? Du wirst ja nicht nachts über mich herfallen!«

Nicht? Mist…

»Außerdem hab ich ja noch meinen Wachhund dabei.«

Damit wäre auch gleich geklärt, dass Arko mit im Schlafzimmer übernachten würde.

»Okay, Reiko, wie du meinst. Ich wollte bloß nicht, dass du dich irgendwie unwohl fühlst.«

»Das laß mal meine Sorge sein.«

Während dieses Wortwechsels waren wir im großen Schlafraum angekommen. Dass wir beide dort schlafen würden war recht praktisch, denn das gesamte Bettzeug befand sich in einem großen Schrank in diesem Zimmer. Zu diesem ging ich jetzt und suchte zwei Laken, zwei Bett- und zwei Kissenbezüge heraus. Und dann ritt mich der Teufel.

»Also, Schatz, nehmen wir das Doppelbett, oder wie?«

Reiko starrte mich mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund an, dann machte sich ein Grinsen in seinem Gesicht breit.

»Hehe, eben noch getrennte Zimmer, und dann gleich ein Doppelbett? Du mußt doch wissen was du willst.«

Ich grinste frech zurück.

»Ich weiß, was ich will. Weißt du auch, was du willst?«

»Allerdings.«

Oh, nun war ich aber gespannt!

»Ich will das Einzelbett dort unterm Fenster.«

Schade. Na gut. Ich nahm eine komplette Bettausstattung und ging zu dem genannten Bett.

»Na dann los, ich denke, du wolltest mir helfen?«

Genau das tat Reiko dann auch, und schnell war sein Bett bezogen.

»Na mal schaun, ob ich hier werde schlafen können. Ich hoffe, die Matratze ist nicht zu weich.«

Auch noch Ansprüche stellte der feine Herr! Reiko setzte sich auf das frischbezogene Bett und wippte ein wenig darauf herum.

»Na, entspricht es deinen Anforderungen?«

»Ja, scheint genau richtig zu sein.«

»Da haben wir ja nochmal Glück gehabt, nicht dass du dich am Ende noch bei der Reiseleitung beschwert hättest.«

Reiko kicherte leise vor sich hin.

»Nee, das Bett ist in Ordnung. Ich hätte allerdings doch eine kleine Beschwerde an die Reiseleitung.«

Nanu?

»Ja? Was gibt denn zu Beschwerden Anlaß?«

»Ach weißt du, da ist dieser freche Reiseleiter, der schon wieder schamlos mit den Gästen flirtet.«

Ups. Hatte ich wirklich mit ihm geflirtet? War mir gar nicht aufgefallen – so im Nachhinein mußte ich allerdings zugeben, dass er da wohl nicht ganz unrecht hatte.

»Oh, das tut mir aber sehr leid. Was könnte denn die Reiseleitung unternehmen, um den geschätzten Gast zu besänftigen?«

»Setz dich, laß uns gemeinsam darüber nachdenken.«

Was ging da in Reikos Kopf vor? Aber als wohlerzogener Gastgeber setzte ich mich neben ihn aufs Bett.

»Na, Reiko, hast du schon eine Idee?«

»Hm… Ich denke… Also ich glaube… Ja, ich weiß es jetzt!«

»So? Was denn?«

»Da dem Personal das Flirten mit den Gästen untersagt ist, wird eine Vertragsstrafe fällig.«

Komisch, ich wußte gar nicht, dass wir einen Vertrag hatten. Und bezahlt hatte Reiko ja auch nichts für seine Unterbringung. Aber gut.

»Und wie sieht diese Vertragsstrafe aus?«

»Ganz einfach, so!«

Mit diesen Worten griff sein rechter Arm hinter mich, er zerrte meinen Oberkörper erst nach vorn, dann zu ihm herüber, und im nächsten Moment fand ich mich über seinen Knien wieder.

»Was soll das?«

»Klein Fabian bekommt jetzt eine Abreibung!«

Eine Abreibung? Aber meine diesbezügliche Frage konnte ich mir sparen, denn im nächsten Moment tat er das, was mein Vater seit bestimmt fünf Jahren nicht mehr getan hatte: er versohlte mir den Hintern!

»Au, was soll das!«

»Ich möchte bloß was klarstellen, nicht dass du doch noch nachts über mich herfällst!«

Bei diesen Worten klopfte er weiter auf mein armes Hinterteil ein, erst nach etwa 10 nicht gerade sanften Schlägen hörte er damit auf.

»So, ich hoffe, das wird dir eine Lehre sein!«

Er ließ mich los, und so schnell ich konnte, brachte ich mich wieder in die Senkrechte und vor allem in eine sichere Entfernung von ihm.

Reiko saß grinsend auf der Bettkante und schien sehr zufrieden mit sich zu sein. Ich hingegen rieb mir meinen armen Po, der nur durch die Schlafanzughose geschützt gewesen war.

So ganz wurde ich nicht schlau aus ihm. Okay, früher, als wir noch dicke Freunde gewesen waren, gab es öfters auch mal solche Kampeleien. Allerdings waren seitdem einige Jahre ins Land gegangen, in denen wir überhaupt nichts mehr miteinander zu tun hatten – und nun verfiel er gleich am ersten Tag wieder in die Verhaltensweisen aus unseren Kindertagen?

»Reiko, du spinnst!«

»Ich weiß, Faby. Aber wir hatten eh noch eine Rechnung offen.«

Was meinte er damit?

»Eine Rechnung offen? Was für eine Rechnung?«

»Erinnerst du dich noch an die Nacht nach deinem siebenten Geburtstag?«

Häh?

»Ich sehe schon, das tust du nicht. Ich habe damals bei dir übernachtet, und da hast du zusammen mit Tom mir was ganz Gemeines angetan, wofür ich mich später nie richtig rächen konnte.«

Was ganz Gemeines hatten wir ihm angetan? Moment mal! Da kroch eine Erinnerung durch mein Gehirn!

»Ah, schaut so aus, als würdest du dich jetzt erinnern!«

Das tat ich tatsächlich.

»Du wirst zugeben müssen, dass die paar Schläge dagegen absolut harmlos waren.«

Wie mans nimmt. Schmerzhaft war das damals für Reiko überhaupt nicht gewesen, ganz im Gegensatz zu dem, was ich gerade miterleben mußte.

»Das war dermaßen peinlich damals, vor allem, als das dann eure Mutter bemerkt hat.«

Was für eine wunderschöne Erinnerung, da tat mir meine rückwärtige Gegend gleich gar nicht mehr so doll weh. Was war damals passiert? Tja, Tom und ich hatten mal ausprobieren wollen, ob der uralte Trick funktionierte, bei dem man die Hand eines Schlafenden in eine Schüssel mit warmem Wasser tunkte und dieser dann ins Bett machte.

Und was soll ich sagen: der Trick hatte tatsächlich funktioniert! Reiko war in einem nassen Bett aufgewacht, was natürlich bei ihm für einen hochroten Kopf und bei Tom und mir für großes Gelächter gesorgt hatte. Unsere Mutter hingegen war darüber gar nicht so begeistert gewesen, obwohl unterm Bettlaken eh noch eine Gummimatte lag, weil auch Tom ab und an noch nächtliche Unfälle hatte. Und Tom war es auch, der sich ein paar Tage später verquatschte, sodass Reiko rausbekam, dass sein Unfall halt gar kein echter Unfall gewesen war. Er hatte uns fürchterliche Rache geschworen, allerdings war nie etwas passiert. Bis heute…

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Tja, damit hatte der gute Fabian wohl nicht gerechnet! Man konnte ja einiges über mich behaupten, aber sicherlich nicht, dass ich ein schlechtes Gedächtnis hätte. Und der Vorfall damals zählte auch heute noch zum Peinlichsten, was mir in meinem ganzen Leben passiert war. Nun mußte ich mich nur noch an Tom rächen, aber auch da würde sich bestimmt eine Gelegenheit ergeben. Besonders, wo ich ja jetzt wieder ein Freund seines großen Bruders war.

Allerdings war nicht nur Fabian von meiner Aktion überrascht – irgendwie war ich es auch selber. Hätte mir vor zwölf Stunden jemand gesagt, dass ich mit Fabian dermaßen »intim« werden würde, dann hätte ich ihn für verrückt erklärt. Nun aber? Ich fühlte mich irgendwie wohl in seiner Umgebung (Nein! Nicht so, wie jetzt vielleicht einige denken mögen!). Es war fast schon wie früher, als wir gemeinsam durch dick und dünn gegangen waren, es kam mir vor, als wären die letzten sechs bis acht Jahre der Entfremdung regelrecht weggewischt.

»Ich hoffe, du hast nicht vor, dich auch noch an Tom zu rächen.«

»Klar, der kommt auch noch dran! Wieso sollte ich nicht?«

»Weil das mein kleiner Bruder ist, und wenn du bei ihm was versuchst, müßte ich dich leider Gottes mit allen Mitteln davon abhalten.«

Hach wie niedlich, da kam ja bei Fabian ein richtiger Beschützerinstinkt durch.

»Faby? Realitätscheck. Dein kleiner Bruder ist einen halben Kopf größer als du und außerdem trainiert er Judo. Ich glaube nicht, dass der auf deinen Schutz angewiesen ist.«

Eher sollte ich wohl froh sein, dass Tom bei meiner Rache an seinem Bruder nicht anwesend gewesen war, sonst hätte er wohl Fabian gegen mich beschützt.

»So, wie siehts aus, soll ich dir bei deinem Bett auch helfen?«

Leicht zweifelnd schaute Fabian mich an.

»Okay, aber nur, wenn deine ‚Hilfe‘ nicht wieder so endet wie eben!«

Ich mußte lachen.

»Versprochen, ich hab meine Rache gehabt, du bist sicher vor mir.«

Gemeinsam machten wir uns ans Werk, und kurz darauf war auch das zweite Bett komplett bezogen. Mein Gastgeber gähnte herzhaft.

»Also Reiko, um ehrlich zu sein, ich könnte mich gleich reinlegen und einschlafen. Der Tag war ziemlich ereignisreich und anstrengend.«

Da konnte ich ihm nur zustimmen, ich hatte auch nicht vor, noch lange auf den Beinen zu bleiben.

»Dann tu es doch. Ich lasse noch kurz den Hund vor die Tür, und dann mache ich auch Schluß für heute.«

»Nee, so einfach ist das nicht. Ich muß noch den Generator ausschalten und so.«

Daran hatte ich gar nicht gedacht, es wäre wohl ziemliche Dieselverschwendung, wenn das Ding die ganze Nacht durchlaufen würde. Aber momentmal…

»Sag mal, wenn der aus ist, dann haben wir doch gar keinen Strom, oder?«

»Stimmt. Wieso?«

»Naja, dann haben wir ja auch kein Licht!«

»Hehe, du bist ein richtiger Blitzmerker. Hast du Angst, dass du dich dann nicht ins Bett findest?«

»Blödmann.«

»Also nur die Ruhe, schau mal, die Petroleumlampen auf den Nachttischchen sind keine Attrappen sondern echt und einsatzbereit. Außerdem zeige ich dir dann noch, wo wir für den Notfall Taschenlampen haben.«

Petroleumlampen. Das war ja wie ein Ausflug ins Mittelalter!

»So, dann mal los. Du läßt den Hund raus, ich schau in der Zwischenzeit, dass alle Elektrogeräte ausgeschaltet sind.«

Genau das taten wir dann auch, ich scheuchte Arko in die dunkle Nacht (die durch den Schnee und den ab und an durch die Wolken blitzenden Mond gar nicht so dunkel war) und bereitete schon das große Badetuch zum Trockenrubbeln des Vierbeiners vor. Der hatte wohl selbst auch gar keine große Lust mehr darauf, draußen herumzutollen, jedenfalls erschien er schon nach zwei oder drei Minuten wieder an der Hüttentür, wo ich ihn gebührend in Empfang nahm. Durch die Kürze seines Ausflugs war zum Glück nicht viel trockenzurubbeln, sodass auch diese Aufgabe schon bald erledigt war.

»Na, hat sich Arko für heute ausgepinkelt?«

»Ich hoffe es doch sehr.«

»Und wie lange hält der jetzt durch?«

»Naja, so spätestens gegen acht wird er mal raus müssen.«

»Das geht ja noch, ich hatte schon befürchtet, dass der uns um sechs oder so weckt.«

Na das wollte ich dem Hundchen aber auch nicht raten! Um acht war schlimm bzw. zeitig genug.

»Hier, nimm mal die Taschenlampe und komm dann mit. Ich zeige dir, wie man den Generator bedient.«

Während Fabian dies sagte, drückte er mir eine hell leuchtende Taschenlampe in die Hand, knipste dann das Licht im Wohnzimmer aus, sodass der Raum nur noch durch das langsam ausbrennende Kaminfeuer beleuchtet war, und ging dann voran in Richtung des Raumes, hinter dem sich die Stromerzeugung befand. Ich folgte ihm im Schein von Feuer und Taschenlampen, und kurz darauf standen wir im Lärm des Dieselgenerators.

»So, ist eigentlich ganz einfach.«

Fabian mußte ziemlich laut sprechen, damit ich ihn verstehen konnte, dann jedoch betätigte er einen Knopf, und das Wummern des Diesels erstarb langsam.

»Das Ding hat eigentlich nur zwei Knöpfe: Ein und Aus. Wenn du auf ‚Ein‘ drückst, dauert es ein paar Sekunden, dann springt die Maschine an, und kurz danach steht die volle Stromleistung zur Verfügung.«

»Laß mich raten, wenn ich auf ‚Aus‘ drücke, geht die Maschine aus.«

»Ich hoffe, du erwartest jetzt von mir keinen Applaus für diese denkerische Meisterleistung.«

»Hehe. Ich glaube, das kapiere sogar ich.«

»Prima. Merk dir das bitte auch gut, du wirst es bald gebrauchen können.«

»Wieso?«

»Ganz einfach: wenn du morgen früh aufstehst, um den Hund rauszulassen, kannst du gleich den Generator anwerfen, damit wir dann möglichst bald auch warmes Wasser und Heizung haben.«

Daher wehte der Wind.

»Und ich dachte, ich wäre hier Gast!«

»Nee, du bist der Haussklave, hast du ja selber gesagt.«

»Okay, okay, ich kümmere mich morgen früh drum.«

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Na hoffentlich. Und ich würde mich darum kümmern, morgen früh der erste zu sein, der das warme Wasser nutzte. Vielleicht, und wirklich nur vielleicht, würde ich Reiko dann ein paar Liter zum Zähneputzen usw. übrig lassen.

»So, damit wäre eigentlich schon alles erledigt und geklärt, und wir können in die Falle.«

Ich war mittlerweile wirklich hundemüde und sehnte mich nach einem weichen, warmen Bett. Vielleicht noch ein paar Seiten lesen, wenn mir nicht vorher die Augen von alleine zufallen würden.

»Müssen wir noch irgendwas mit dem Kamin unternehmen?«

Wir waren unterdessen wieder im Wohnzimmer angekommen, wo nur noch wenige kleine Flämmchen in der Holzglut flackerten.

»Nein, ich habe vorhin noch ein paar kleine Scheite nachgelegt, die können jetzt noch langsam vor sich hinglühen, da kühlt die Bude über Nacht nicht völlig aus.«

»Okay. Ich geh dann nochmal aufs Klo. Moment mal. Funktioniert das jetzt überhaupt noch? So ohne Strom arbeitet doch auch keine Wasserpumpe, oder?«

»Stimmt, aber die Klospülung arbeitet auch so, durch die Schwerkraft, der Tank befindet sich oben.«

»Ach so. Aber friert das Wasser nicht ein?«

Huch, Reiko stellte wirklich intelligente Fragen! Er war wohl wirklich lange nicht so dumm, wie ich es mir immer vorgestellt hatte.

»Der Diesel hat einen großen Akkusatz geladen, und dieser betreibt eine kleine elektrische Heizung und eine kleine Umwälzpumpe. Das reicht, damit das Wasser über Nacht nicht einfriert.«

»Und was ist, wenn die Hütte im Winter mal ein paar Tage hintereinander leersteht? Halten die Akkus solange durch?«

»Nein, aber dafür hat der Generator eine Zeitschaltuhr, er läuft jeden Tag gegen Mittag automatisch für eine Stunde, heizt mal kurz durch und lädt die Akkus auf.«

»Scheint ja alles wirklich ganz clever eingerichtet zu sein.«

»Das stammt auch zum größten Teil noch vom Bundesgrenzschutz. Die sind aber auch erst schlauer geworden, nachdem ihnen mal in einem Winter die gesamte Installation geplatzt ist.«

»Hehe, kann mir vorstellen, dass das nicht sonderlich angenehm war. So, ich verschwinde mal aufs Klo. Mal schaun, wie ich das im Lichte der Taschenlampe hinbekomme.«

Sollte ich es ihm sagen oder nicht? Naja. Gut. Er war ja wieder mein Freund, da wollte ich mal nicht so sein, also rief ich ihm hinterher.

»Reiko?«

»Ja?«

»Du kannst es natürlich mit der Taschenlampe versuchen, schlauer wäre es aber, wenn du einfach den Lichtschalter betätigen würdest.«

Er schaute mich groß an.

»Hä? Ich denke, der Strom ist abges… Halt. Sag es nicht, ich weiß schon. Die Lampe im Bad hängt auch mit an den Akkus.«

Ich grinste.

»Genau.«

»Ah. Danke für den Tip, das macht einiges leichter.«

Er verschwand im Bad, und ich ging ins Schlafzimmer, verfolgt vom Kratzen der Krallen von Arko auf dem harten Holzboden. Im Schein meiner Taschenlampe entzündete ich mit einem bereitliegenden Feuerzeug nacheinander die Petroleumlampen, und schon war das Schlafzimmer in das flackernde Licht der offenen Flammen getaucht. Die Taschenlampe landete auf meinem Nachttisch, ebenso mein mitgebrachtes Buch, ich schlug meine Bettdecke zurück und machte es mir gemütlich. Hach tat das gut…

Ich schloß die Augen, irgendwie hatte ich keine rechte Lust noch zu lesen. Im Hintergrund hörte ich die Klospülung, gleich würde Reiko hier auftauchen, und ich konnte ihm beim Ausziehen zuschauen. Ups. Weg mit diesen Gedanken!

Genau in diesem Augenblick spürte ich plötzlich ein schweres Gewicht auf meinen Füßen! Was war denn nun schon wieder los? Ich riß die Augen auf, hob meinen Kopf etwas, sah zum Fußende meines Bettes – und schaute in die braunen Augen von Arko, der es sich dort gemütlich hatte! Also das ging nun wirklich nicht!

»Husch! Runter da! Das ist mein Bett!«

Genausogut konnte ich wohl mit einer Wand reden, der Hund rührte sich nicht von der Stelle.

»Runter mit dir, Arko! Nerv gefälligst dein Herrchen!«

»Der weiß ganz genau, dass er das bei mir nicht darf, deshalb probiert er es wohl bei dir.«

Unbemerkt war Reiko wieder ins Zimmer gekommen und schaute amüsiert auf die vorgefundene Bettsituation.

»Also bei irgendwem muß er das ja dürfen, sonst würde er es gar nicht erst probieren, oder?«

»Oh, Faby, ich wußte gar nicht, dass du auch ein Hundekenner bist! Aber du hast vollkommen recht, Nicole läßt ihn oft mit ins Bett, wenn er bei ihr schläft.«

Na prima, und ich durfte jetzt die Inkonsequenz seiner Schwester ausbaden.

»Na los, Arko, runter da!«

Oh, die Stimme seines Herrn schien zu wirken, jedenfalls stieg der Hund langsam und widerwillig von seinem auserkorenen Schlafplatz herunter – worüber sich meine Beine freuten, der war ganz schön schwer!

»Aber da haben wir jetzt ein kleines Problem, Fabian.«

Probleme um eine solche Uhrzeit mochte ich nun überhaupt nicht.

»Was für eins?«

»Ich habe keine Decke für ihn mit, bei meiner Tante hätte er eine eigene Schlafdecke gehabt. Und ich möchte eigentlich nicht, dass er auf dem kalten Fußboden schläft.«

Hm, das klang allerdings vernünftig. Genauso widerwillig, wie Arko mein Bett verlassen hatte, quälte auch ich mich nun wieder aus den Federn. Im Schrank mit dem Bettzeug hatte ich vorhin etwas liegensehen, woran ich mich jetzt erinnerte. Die alte Bundeswehrdecke würde dafür sorgen, dass Arko einen warmen Schlafplatz hatte.

»Ich glaube, ich habe da eine Lösung.«

Ich ging zum Schrank und holte die Decke heraus.

»Reicht die aus?«

Reiko lächelte mich erleichtert an.

»Ja, super, die ist prima!«

Na also, wer sagts denn. Ich breitete die Decke zwischen unseren beiden Betten aus und zeigte sie Arko.

»Hier kannst du schlafen, sollst ja nicht leben wie ein Hund.«

Der Vierbeiner schien verstanden zu haben, was ich von ihm wollte, er lief jedenfalls auf die Decke, schnüffelte ein wenig herum, drehte sich dreimal im Kreise und ließ sich dann mit einem deutlich hörbaren Schniefen nieder.

»So, Reiko, noch irgendwelche Probleme zu lösen? Oder kann ich mich wieder hinlegen?«

»Vielen Dank, der Herr, ich denke mal, dass jetzt alle Probleme gelöst sind.«

Das wollte ich auch hoffen, und mit diesem erfreulichen Gedanken legte ich mich wieder ins Bett. Unterdessen schlug Reiko die Decke seines Bettes zurück und begann dann damit, sich aus seinem Hausanzug zu schälen. Und ich schaute natürlich überhaupt nicht hin! Sein nackter, muskulöser Oberkörper wurde sichtbar, und das war etwas, wofür er sich nun wirklich nicht zu schämen brauchte!

»Willst du nicht ein Foto machen, da hast du länger was von.«

Mist! Er hatte mich ertappt!

»Ähm… Sorry… Ich dreh mich um.«

»Haha, brauchst du nicht, wir haben uns ja oft genug schon nackt gesehn.«

Allerdings war das viele Jahre her, und zum damaligen Zeitpunkt waren nackte Jungenkörper noch nicht so interessant für mich gewesen.

Reiko schlüpfte ins Oberteil seines Schlafanzuges, und ich war schon sehr gespannt darauf, was nun folgen würde. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Reiko das genau wußte und auch ausnutzte, jedenfalls bemühte er sich nicht im geringsten, sein nacktes Hinterteil vor mir zu verbergen, als er die Hausanzughose und seine Retroshorts aus- und danach die Schlafanzughose anzog. Nur den Gefallen, sich zwischendurch auch einmal umzudrehen, tat er mir nicht.

»So, Herr Röcker, das war genug Peepshow für heute!«

Wie bedauerlich. Allerdings rächte es sich jetzt, dass ich vorhin unter der Dusche nicht zum Zuge gekommen war, meine eigene Schlafanzughose war plötzlich sehr eng geworden.

Reiko legte seine Tagesklamotten auf einen Stuhl, dann kam er grinsend in meine Richtung! Was würde jetzt wohl passieren?

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Der arme Fabian, den hatte ich wohl ziemlich aufgeheizt. Naja, war vielleicht gar nicht so schlecht, in dem doch recht kalten Schlafzimmer. Wie ich jetzt auf ihn zukam, schaute er mich mit großen Augen an. Was der wohl jetzt dachte was passieren würde?

Zwei Schritte vor seinem Bett blieb ich stehen und ging in die Hocke.

»So, Arko, nun schlaf schön.«

Ich streichelte dem Hund über das seidige Fell auf seinem Kopf und schaute dabei mit einem Auge zu meinem Gastgeber herüber. Der schien ein wenig enttäuscht zu sein, dass es nicht sein Kopf war, über den ich streichelte, aber da zog ich nun doch eine Grenze. Ich stand auf, ging zu meinem eigenen Bett und ließ mich hineinsinken.

»Das tut gut!«

Endlich ausstrecken, endlich Feierabend, der Tag war wirklich ziemlich extrem gewesen.

»Liest du noch, Fabian?«

»Nee, mir reichts für heute, ich mach jetzt auch meine Lampe aus. Aber du kannst ruhig noch lesen, es stört mich nicht.«

»Danke, aber ich glaube, ich hab dazu auch keine Lust mehr. Wie macht man die Lampen aus?«

»Du mußt nur an dem kleinen Rädchen drehen bis der Docht verschwindet, dann geht auch die Flamme aus.«

Ich tat genau das, und fast im gleichen Moment verloschen unsere beiden Petroleumfunzeln.

»Ah, das tut gut. Endlich mal die Augen erholen.«

Stimmt, auch ich empfand die Dunkelheit, die nur durch etwas Mondlicht bzw. dessen Reflektionen durch den Schnee etwas aufgehellt wurde, als sehr angenehm.

»Also gute Nacht, Reiko.«

»Gute Nacht, Faby.«

Stille kehrte ein, ab und an war aus Richtung Wohnzimmer noch das Knacken von Holz im Kamin zu hören, ansonsten nahm ich nur noch Atemgeräusche von Fabian und Arko wahr.

»Ach, und Reiko?«

Nanu?

»Ja?«

»Ich bin froh, dass ich dich gefunden hab.«

Vor ein paar Stunden hörte sich das noch ganz anders an.

»Faby?«

»Ja?«

»Ich auch.«

»Fein. Also schlaf gut.«

»Gleichfalls.«

Kaum zu glauben, wie dieser Tag mein Leben verändert hatte. Noch vor wenigen Stunden hatte ich eine Freundin und einen besten Kumpel, und war eigentlich mit meinem Leben ganz zufrieden gewesen. Nun, einen halben Tag später, hatte ich keine Freundin mehr und auch keinen besten Kumpel, dafür aber wohl meinen alten besten Freund wieder. Und irgendwie, so schwer es mir auch fiel, mir das einzugestehen, war ich jetzt noch etwas zufriedener als vorher. Versteh mir einer die menschliche Psyche. Über diesen tiefschürfenden Gedanken schlief ich, begleitet von den gleichmäßigen Atemzügen Fabians, der wohl schon in Morpheus Armen schlummerte, ein…

Wach wurde ich durch eine ziemlich unangenehme Kälte an meinem linken Fuß. Schnell zog ich diesen wieder unter die warme Decke, dann öffnete ich langsam und vorsichtig die Augen. Das Zimmer lag in leichtem Dämmerlicht, und ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es kurz vor acht Uhr morgens war. Also an der Zeit, dafür zu sorgen, dass Arko das erste Mal am Tag vor die Tür kam. Ich schaute zur Hundedecke – aber da war kein Arko zu sehen!

Wo trieb der sich denn nun schon rum, um diese frühe Uhrzeit? Meine Augen wanderten durchs Zimmer und brachten mir sehr schnell die Antwort auf meine Frage. Meinem verwöhnten Vierbeiner war wohl seine Decke doch noch etwas zu unbequem gewesen, jedenfalls lag er wieder zusammengerollt am Fußende von Fabians Bett! Unter dessen Decke war zu erkennen, dass mein Gastgeber seine Beine etwas angezogen hatte, sodass Arko nicht direkt auf ihm lag. Ich mußte grinsen, dann sprach ich den Hund ganz leise an, um Fabian nicht aufzuwecken.

»Arko. Los, runter da!«

Der Hund rührte sich nicht von der Stelle.

»Na mach schon, bevor Fabian das mitbekommt!«

»Der hat das schon lange mitbekommen, oder was glaubst du, warum der so zusammengekauert im Bett liegt?«

Ups.

»Sorry, Fabian, hab ich dich geweckt?«

»Nee, ich bin schon ein Weilchen nur noch im Halbschlaf und döse vor mich hin.«

»Warum hast du Arko nicht aus dem Bett geschmissen?«

»Hahaha. Das habe ich heute Nacht schon zweimal gemacht, aber kaum war ich eingeschlafen, ist der jedesmal wieder hochgesprungen. Beim dritten Mal hab ichs dann einfach aufgegeben.«

»Tut mir wirklich leid, das habe ich gar nicht mitbekommen.«

»Wie denn auch, so fest wie du geschlafen hast. Dich hätte wohl nicht einmal ein Elefant geweckt, der in dein eigenes Bett gesprungen wäre.«

»Hehe. Stimmt, ich schlafe immer sehr fest.«

»Na super. Aber wo du jetzt endlich wach bist, könntest du das Tierchen vielleicht dazu überreden, wieder runterzuspringen.«

Na gut, ich wollte mal nicht so sein. Außerdem kannte ich das Zauberwort, mit welchem ich Arko vom Bett vertreiben konnte.

Ich arbeitete mich unter der Bettdecke hervor, mittlerweile nicht nur von Fabian sondern auch von Arko neugierig beobachtet. Mein Gott, waren die Hausschuhe kalt! Die sollte ich wohl zukünftig lieber mit unter die Decke nehmen. Mit einem herzhaften Gähnen stand ich auf und ging zur Zimmertür.

»Arko, Gassi!«

Mit einem riesigen Satz sprang der gerufene Schwanzwedler vom Bett und hatte mich überholt, bevor ich überhaupt die Tür erreicht hatte.

»Das muß ich mir merken, einfach ‚Gassi‘ sagen, schon bin ich den Quälgeist los.«

Ich drehte mich kurz zurück zu Fabian, der mittlerweile seinen Kopf auf den Ellenbogen gestützt hatte.

»Tja, aber freu dich nicht zu früh, wenn du das Wort in den Mund nimmst, mußt du ihn dann auch rauslassen, ansonsten wird er ungemütlich.«

Dann konnte es passieren, dass er nicht mehr ruhig am Fußende des Bettes lag, sondern regelrecht auf dem eigentlichen Bettbesitzer herumtrampelte, bis sich dieser endlich bequemte, den Worten Taten folgen zu lassen. Ich hatte es selbst erlebt…

»Dafür hab ich ja dann dich. Ach ja, und vergiß bitte nicht, den Generator anzuwerfen.«

So ein oller Antreiber.

»Okay, okay, ich kümmere mich drum.«

Hätte ich aber auch so getan, schließlich wollte auch ich möglichst bald über warmes Wasser und die anderen Annehmlichkeiten der Stromversorgung verfügen.

Das Wohnzimmer war erfreulicherweise gar nicht so kalt, wie ich erwartet hatte, da hatte wohl das Kaminfeuer noch eine ganze Weile gebrannt, auch wenn es jetzt völlig aus zu sein schien. Ich ging zur Haustür, um Arko rauszulassen, und im nächsten Moment war ich froh, dass diese Tür nach innen aufging. Ansonsten wären wir wohl komplett eingesperrt gewesen!

Vor der Tür lagen gut und gerne 25 Zentimeter Neuschnee, Arko guggte erst etwas verwundert, dann sprang er mit Anlauf nach draußen, bloß um sofort bis zum Bauch im Schnee zu versinken. Das schien ihn allerdings nicht weiter zu stören, er sprang fröhlich bellend herum und machte sich auf den Weg zum nächsten Baum, um seinen morgendlichen Verrichtungen nachzugehen. Was mich daran erinnerte, dass ich ja auch noch etwas zu erledigen hatte, also begab ich mich in den Technikraum, drückte auf den berühmten roten Knopf, und kurz darauf erwachte der Diesel zum Leben. Und zwar so laut, dass ich mich ganz schnell wieder zurückzog und die schalldämmende Tür schloß.

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»Ganz schön laut, das Ding, nicht wahr?«

Reiko hatte wohl nicht mit mir gerechnet, jedenfalls erschrak er etwas bei meinen Worten.

»Schleich dich doch nicht so an!«

»Was hätte ich machen sollen? Bei dem Lärm hättest du doch höchstens noch ne Alarmsirene gehört.«

»Stimmt auch wieder. Zum Glück ist die Geräuschdämmung wirklich gut.«

Allerdings, ansonsten wäre es wohl auch nur schwer auszuhalten gewesen.

»Wieso bist du eigentlich auch schon aufgestanden, ich dachte, du wolltest noch etwas im Bett bleiben?«

Das hatte ich eigentlich tatsächlich vorgehabt, aber irgendwie hatte es mich nicht mehr länger in den Federn gehalten.

»Ich wollte erstmal schnell den Kamin wieder anheizen, damit wir es nachher schon etwas wärmer haben.«

»Gute Idee, obwohl ich finde, dass es hier gar nicht so ausgekühlt ist. Ich hatte befürchtet, in eine Eisgrotte zu kommen.«

Da mußte ich Reiko zustimmen, es war wirklich noch ganz angenehm. Aber das war kein Grund, es nicht noch etwas zu verbessern, also verbrachte ich die nächsten Minuten damit, wieder ein Feuerchen in Gang zu bringen. Mein Gast rief unterdessen den Bettbelagerer wieder ins Haus und rubbelte ihn trocken.

Anschließend besuchten wir die Toilette (einzeln!), richteten die Betten her (zusammen!), dann war es auch schon an der Zeit, sich ums Frühstück zu kümmern. Kurz nach halb neun saßen wir dann gemütlich am Tisch, tranken Kaffee und vertilgten frisch aufgebackene Brötchen mit Nutella.

»Hast du schon gesehn, wieviel das letzte Nacht noch geschneit hat?«

Das hatte ich allerdings, ein Blick aus dem Fenster war eine meiner ersten Amtshandlungen des Tages gewesen.

»Ja, ich schätze mal, seit wir gestern hier angekommen sind, hat es noch gut 30 Zentimeter zugelegt.«

Im Moment krümelte es nur noch leicht, aber wenn man der Unwetterwarnung glauben konnte, war das nur eine kurze Verschnaufpause.

»Und was machen wir da heute?«

Das war eine gute Frage. Meine erste Idee war Skilaufen, aber bei dem vielen Pulverschnee hatte das wohl nicht viel Sinn.

»Ich weiß es noch nicht so richtig.«

»Also eines sag ich dir, Faby, noch so eine Schneewanderung wie gestern brauch ich heute nicht.«

Hm, wieso eigentlich nicht? Mit der passenden Ausrüstung wäre das vielleicht sogar eine ganz nette Sache.

»Mit normalen Schuhen hab ich da auch keine Lust drauf, aber wir haben hier auch Schneeschuhe! Damit sollte das eigentlich kein Problem sein.«

»Schneeschuhe? Diese großen Dinger, mit denen man im Schnee nicht einsinkt?«

»Genau die.«

»Das wäre eine Überlegung wert.«

»Allerdings. Eins ist klar, den ganzen Tag hier in der Bude rumhocken geht auch nicht, da springen wir uns spätestens nach zwei Tagen an die Gurgel. Mal davon abgesehen, dass dein Hund doch sicher auch immer mal raus muß. Und auch mal länger als drei Minuten.«

»Hast recht. Also gehen wir nachher wandern?«

»Wenn du nicht noch eine bessere Idee hast, sollten wir das tun.«

»Okay. So, was meinst du, ist jetzt schon etwas warmes Wasser da?«

Wir hatten jetzt seit einer Dreiviertelstunde wieder Strom, entsprechend lange lief die Warmwasserbereitung.

»Ja, es wird wohl noch nicht ganz heiß sein, aber warm genug zum Zähneputzen und so weiter sollte es mittlerweile schon sein.«

»Schön, dann werde ich mich mal schnell fertigmachen, wenn du nichts dagegen hast.«

Hmpf. Also eigentlich wollte ich ja diesmal der erste sein, der vom warmen Wasser profitierte.

»Geh ruhig. Aber ich warne dich! Wenn du das ganze warme Wasser verbrauchst und ich mich dann eiskalt waschen muß, sabotiere ich deine Schneeschuhe, auf dass du jämmerlich versinkst!«

Frech grinste Reiko mich an.

»Okay, ich werde versuchen, mich beim Wasserverbrauch zurückzuhalten.«

Das wollte ich ihm auch sehr raten. Während Reiko nun ins Bad verschwand, räumte ich den Tisch ab und schaute nochmal nach dem Feuer im Kamin. Das loderte mittlerweile fröhlich vor sich hin. Ich legte noch zwei Scheite nach, damit es nachher während unserer Abwesenheit nicht ausging, dann setzte ich mich in einen Sessel und spielte ein wenig mit Arko, der von irgendwoher einen Beißring angeschleppt brachte. Bei dieser Beschäftigung fand uns auch das Hundeherrchen vor, als es in seiner schicken langen Unterwäsche wieder ins Wohnzimmer kam.

»Arko scheint dich zu mögen, seinen Beißring bringt er nicht zu jedem.«

»Tja, der durchschaut mich halt. Was ist an einem wie mir auch nicht zu mögen?«

»Haha, Einbildung ist auch ne Bildung. So, das Bad ist frei, und ein paar Tropfen warmes Wasser sollten auch noch übrig sein.«

»Das will ich für dich hoffen!«

»Jetzt hab ich aber Angst!«

»Solltest du auch!«

Mit diesen Worten zog ich mich zurück, holte meine Tagesklamotten und erledigte im Bad all die Dinge, die man frühmorgens halt so erledigen sollte. Und auch Reikos Leben war – für den Moment jedenfalls – in Sicherheit, er hatte mir tatsächlich warmes Wasser übrig gelassen.

Nachdem ich meine Thermowäsche angezogen hatte, verstaute ich noch den Schlafanzug im Bett, dann gesellte ich mich zu Reiko ins Wohnzimmer, der im Sessel saß und im Harry-Potter-Buch las.

»So, ich wär dann auch soweit. Wollen wir gleich los, oder noch ein wenig warten?«

Reiko schaute auf die Uhr.

»Zehn nach halb zehn. Was hältst du davon, dass wir um zehn aufbrechen?«

»Okay, uns drängt ja nichts.«

Also ließ auch ich mich nieder und griff zu meinem Buch. Eine Viertelstunde später rafften wir uns dann auf.

»Sag mal, Reiko, was hast du eigentlich an Klamotten mit? Nur Jeans und so?«

»Ja, leider, ich war nicht davon ausgegangen, großartig im Schnee rumzutollen.«

Das war nun nicht unbedingt die günstigste Winterausrüstung, aber andererseits auch kein wirkliches Problem.

»Komm mit, ich glaube, ich habe da was passendes für dich.«

Wir gingen zusammen ins kleine Schlafzimmer, wo ich zielstrebig den Kleiderschrank öffnete.

»Wir haben hier ein paar Schneeanzüge, die Tom und mir zu klein geworden sind, hauptsächlich noch unsere alten Kinderanzüge. Manche Flachlandindianer unter unseren Gästen denken gar nicht so weit und sind dann froh, dass sie wenigstens für die Kids was vorfinden.«

»Naja, ich bin genauso groß wie du, was dir nicht mehr paßt dürfte auch mir nicht passen.«

»Stimmt, aber hier ist auch noch einer von Tom, der ihm bis vor kurzem noch gepaßt hat, der also etwa deine und meine Größe hat. Der blaue dort, probier ihn einfach mal an.«

Reiko griff in den Schrank, breitete den leuchtendblauen Overall aus und stieg hinein.

»Ein bißchen eng ist er, aber ansonsten paßt er ganz gut.«

»Naja, Tom ist Judoka, kein aufgemotzter Eishockey-Krieger. Was meinst du, wird es trotzdem gehen?«

»Klar, ist auf jeden Fall viel besser als einfach nur Jeans.«

Das war es mit Sicherheit.

»Machen wir jetzt los? Dann behalte ich den gleich an – ansonsten zieh ich ihn lieber nochmal aus, der scheint mir nämlich sehr schön warm zu sein.«

»Ja, ich zieh mich auch gleich an. Du kannst ja schonmal in den Lagerraum gehen, dort sind die Schneeschuhe.«

»Lagerraum? Wo ist der?«

»Gleiche Richtung wie zum Generatorraum, nur nicht die zweite sondern gleich die erste Tür. Der Lagerraum dient als zusätzliche Geräuschdämmung zum Wohnbereich.«

Reiko nickte und zog von dannen, und auch ich verließ das kleine Schlafzimmer, um gegenüber ins große zu gehen, wo ich aus dem Kleiderschrank meinen eigenen, knallroten Skioverall herausholte, den ich sodann mit meinem Götterkörper füllte.

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Fabians Familie hatte anscheinend wirklich an alle Eventualitäten gedacht. Sogar mit einem Schneeanzug konnte mein Gastgeber aufwarten, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Verfolgt von Arko suchte und fand ich den Lagerraum, in welchem sich dann meine Vermutung von soeben erneut bestätigte. Skischuhe und Tourenski samt Skistöcken für eine halbe Kompanie waren hier eingelagert, dazu Decken, Schlafsäcke, Schneeschieber und -schaufeln füllten den Raum, ja sogar eine kleine Schneefräse stand in einer Ecke! Auch ein ganzes Regal voller Dosenfutter und Getränke war vorhanden. Das mußte ich neidlos anerkennen: Wenn Röckers etwas anpackten, dann taten sie das anscheinend richtig!

Und da hinten, das waren wohl die Schneeschuhe, die Fabian und mir die Fortbewegung im Neuschnee erleichtern sollten. Große Korbgeflechte mit einfachen Bindungen zum Festschnallen der Schuhe, so richtig wie man es in Filmen z.B. über Polarexpeditionen sehen konnte. Ich nahm zwei Paar von ihren Wandhalterungen ab, und Arko nieste wegen das davonstiebenden Staubes.

»Tut mir leid, die sind ewig nicht benutzt und daher auch ewig nicht abgestaubt worden.«

Wieder hatte sich Fabian regelrecht an mich angeschlichen, und wieder zuckte ich vor Schreck zusammen.

»Weißt du was, Faby? Ich werde dir wohl ne Kuhglocke um den Hals hängen, damit du mich nicht mehr so erschrecken kannst!«

»Haha, da wäre erst noch zu klären, wer hier das Rindviech ist!«

Das Lächeln in Fabians Gesicht nahm seinen Worten die Schärfe, sodass auch ich darüber lachen konnte.

»Schon gut, schon gut. Hier, nimm dir ein Paar. Brauchen wir dazu sonst noch was?«

»Ja, Skistöcke.«

Davon waren reichlich vorhanden, also suchten wir uns jeder ein passendes Paar aus. Wenige Minuten später, nachdem wir noch unsere Schuhe angezogen und Fabian den Generator ausgeschaltet hatte, verließen wir die Hütte. Noch im Haus schnallten wir uns die Schneeschuhe unter, und traten dann regelrecht eine Stufe hinauf in den frisch gefallenen Schnee.

Es war das erste Mal, dass ich mich so fortbewegte, und ich war überrascht, dass ich tatsächlich kaum einsank. Ganz im Gegensatz zu Arko, der zwar begeistert herumsprang, aber jedesmal bis zum Bauch in der weißen Pracht versank.

Auch Fabian sah das und erkannte das Problem, das damit auf uns zu kam.

»Mist, daran habe ich nicht gedacht. Für deinen Hund hab ich leider keine Schneeschuhe.«

Das hätte sicherlich extrem drollig ausgesehn.

»Ich sehe, was du meinst. Das Rumspringen hält er eine Weile durch, aber irgendwann ist er davon so erledigt, dass er nicht mehr weiter kann. Und dann wird es schwer, ihn vom Fleck zu bekommen.«

»Schwer ist genau das richtige Wort. Ich möchte den nicht unbedingt weit tragen müssen.«

Ich auch nicht. Arko wog gute 30 Kilo, den eine längere Strecke zu schleppen konnte man niemandem zumuten. Aber momentmal…

»Sag mal, Fabian, im Lagerraum stand doch auch so ein Schalenschlitten aus Plaste, oder?«

»Stimmt. Du meinst, wir nehmen den mit und ziehen Arko dann damit durch den Schnee, wenn er nicht mehr kann?«

»Ja. Das gibt zwar dem Wort ‚Schlittenhund‘ eine ganz neue Bedeutung, aber die einzige Alternative wäre, Arko hier alleine in der Hütte zu lassen. Und das möchte ich eigentlich nicht, er würde zwar nichts anstellen, aber sich extrem langweilen.«

Fabian überlegte kurz, dann nickte er.

»Hast recht, das ist eine gute Idee. Der Schlitten ist sehr leicht, den kann sich einer auf den Rücken binden, solange er nicht gebraucht wird. Dazu noch eine Decke, damit der Hund dann gut in dem Ding liegen kann, und damit sollte das Problem gelöst sein.«

Wir waren uns also einig, und kurz darauf trug ich den roten Schlitten auf dem Rücken und Fabian hatte sich eine zusammengerollte Decke umgeschnallt. So ausgerüstet stapften wir los, nachdem Faby noch die Hütte verschlossen hatte.

»Sag mal, wie sollen wir hier überhaupt vor dem Frühling wieder wegkommen? Bei dem vielen Schnee kommt doch garantiert auch der Jeep nicht durch.«

Dieser hatte sich seit dem Vortag in einen großen Schneehügel verwandelt, dessen Formen nur noch ansatzweise verrieten, dass sich darunter ein Auto verbarg.

»Keine Bange, solange sitzen wir hier nicht fest. Wir haben einen Vertrag mit dem Winterdienst, sobald die Hauptstraßen frei sind, schicken die eine Schneefräse hier rauf.«

Das beruhigte mich einigermaßen, bei aller alter/neuer Freundschaft mit Fabian war die Aussicht, hier nicht nur für Tage sondern vielleicht gar für Wochen festzusitzen, doch nicht sonderlich verlockend.

»Wo gehen wir jetzt überhaupt hin?«

»Wir gehen nirgendwohin, wir drehen nur eine schöne Runde durch den Wald. Ich such uns eine Strecke mit möglichst wenig Höhenänderungen, da machen sich die Schneeschuhe am besten.«

Das klang vernünftig, und so stapften wir durch die weiße Pracht. Wir kamen ganz gut voran, und ich genoß die zwar kalte, aber klare und saubere Winterluft. Es krümelte sanft vor sich hin, ab und an waren im Schnee Spuren von Tieren zu sehen, aber es war sehr still im Wald, außer unseren eigenen Geräuschen war kaum etwas zu hören.

Die erste Zeit kamen wir recht flott voran, und auch Arko schien gar nicht genug vom Herumtollen im Schnee zu bekommen. Ein Gedanke nagte allerdings in mir, und ich wurde ihn einfach nicht los.

»Sag mal, findest du dich auch wieder zurück zur Hütte?«

»Klar, wir brauchen doch notfalls nur unseren eigenen Spuren zu folgen.«

Das klang zwar logisch, aber da konnte ja durchaus was dazwischenkommen.

»Und was ist, wenn es wieder anfängt stark zu schneien und der Neuschnee unsere Spuren verdeckt?«

»Tja, dann…«

Was dann?

»Dann werden wir es wohl damit versuchen müssen.«

Fabian war stehengeblieben, griff in eine Tasche seines Overalls und zeigte mir ein etwa handygroßes Gerät.

»Was ist das?«

»Ein GPS-Empfänger.«

Ich wußte sofort, was damit gemeint war, hatte mein Vater in seinem Auto doch selbst ein GPS-Navigationssystem, und auch beim DRK setzten wir solche Dinger ein.

»Und das funktioniert hier im Wald?«

»Nicht besonders gut, aber es reicht aus, um zurück zur Hütte zu finden.«

»Sag mal, du bist nicht zufällig bei den Pfadfindern, oder?«

»Wieso?«

»Weil du irgendwie auf alles vorbereitet zu sein scheinst.«

»Mein Paps besteht drauf. Erinnerst du dich an den Fall Vormüller?«

Vormüller, Vormüller… Da war mal was. Ah!

»War das nicht der Bergwacht-Typ, der sich bei einer Suchaktion selber verlaufen hat?«

»Genau den meine ich.«

Das war jetzt drei oder vier Jahre her. Alois Vormüller suchte auf eigene Faust einen vermißten Skiwanderer und wurde von einem Schneesturm überrascht. Er fand nicht mehr aus dem Wald heraus und blieb völlig entkräftet an einem Baum liegen. Seine Kollegen fanden ihn zwar noch lebendig vor, allerdings mußten ihm danach mehrere Zehen wegen Erfrierungen amputiert werden.

»Und der Typ kannte sich hier wirklich verdammt gut aus. Wenn das so einem Profi passieren kann, dann kann das jedem passieren. Deshalb hab ich hier im Winter immer das Ding mit dabei.«

Damit gehörten natürlich auch meine kleinen Ängste bezüglich des möglichen Verirrens im verschneiten Wald, in dem irgendwie alles irgendwie gleich aussah, der Vergangenheit an.

»Und, Reiko, kannst du noch?«

»Ja, kein Problem. Das läuft sich wirklich gut mit den Schneeschuhen, kein Vergleich zu meinem mühsamen Stapfen durch den Schnee gestern.«

»Prima, dann können wir ja weiter.«

»Jup. Abmarsch.«

Oder etwa nicht? Während Fabian und ich noch vollkommen fit waren, schien Arko nicht mehr gewillt, sich auf den eigenen Pfoten weiterzubewegen. Dass ich das mal erleben durfte, mein vierbeiniges Energiebündel war müde!

»Schau mal, Reiko, sieht so aus, als müßte der Hundeschlitten zum Einsatz kommen.«

Fabian hatte es also auch bemerkt. Ich schnallte mir den Schlitten ab, Fabian legte die Decke in die Plastikschale, und als hätte Arko nur darauf gewartet und genau gewußt, was geplant war, sprang er auf die Decke. Schwanzwedelnd schaute er uns an und schien dabei fast ein wenig zu lachen. So nach dem Motto »So, nun aber los, zieht mich!«. Seufzend legte ich mir den Schlittengurt um, und dann marschierten wir weiter. Durch die zusätzliche Last waren wir nun natürlich um einiges langsamer als zuvor.

Während wir so durch den Wald stapften, unterhielten wir uns über alles mögliche, ganz besonders über die letzten Jahre, in denen wir uns dermaßen fremd gewesen waren. Fabian erzählte von seinem Studium, ich von meiner Hoffnung, dieses Schuljahr das Abi einigermaßen ordentlich hinzubekommen, wir tauschten uns darüber aus, was so in den Familien abgelaufen war, und ganz allgemein machten wir einen großen Schritt auf dem Weg des Einander-Wieder-Kennenlernens.

Nach etwa einer halben Stunde blieb Fabian stehen.

»So, Reiko, ich nehm dir jetzt mal den Schlitten ab.«

»Brauchst du nicht, das faule Stück da hinten ist schließlich mein Hund.«

»Nichts ist. Ich wäre ja ein schöner Freund, wenn ich die ganze Arbeit dir überlassen würde.«

Nun gut, ich würde mich bestimmt nicht mit Händen und Füßen dagegen wehren. Ich befreite mich vom Schlittengurt und schaute zu Arko.

»Nun sieh dir mal den Faulpelz an, Faby!«

Dieser (also der Faulpelz!) wußte natürlich ganz genau, dass von ihm die Rede war, er hob den Kopf und wedelte wieder mit dem Schwanz. Dieses Gezogenwerden schien ihm ganz gut zu gefallen!

»Hehe, wie Graf Koks von der Kuchengabel.«

»Der soll bloß nicht glauben, dass er sich den ganzen Tag nur noch auf fremde Kraft verlassen kann!«

»Naja, jetzt kann er sich erstmal noch eine Weile auf meine Kraft verlassen, und dann sehen wir mal weiter. Die Strecke, die ich mir ausgedacht habe, führt uns in einem Bogen zurück zur Hütte, beim jetzigen Tempo werden wir noch gut eine Stunde dafür brauchen.«

Das sollte kein Problem sein, ich jedenfalls fühlte mich noch richtig fit, und auch der geliehene Overall hielt mich wunderbar warm und trocken.

Nachdem Fabian den Schlittengurt von mir übernommen und sich über die Schulter geschlungen hatte, setzten wir unsere Wanderung und unser Gespräch wieder fort. Diesmal war ich es, der nach vielleicht zehn Minuten anhielt.

»Sag mal, Faby, riechst du das auch?«

Auch das Schlittengespann war stehengeblieben.

»Was meinst du?«

»Riech doch mal! Das riecht hier irgendwie verbrannt, oder nicht?«

Fabian reckte die Nase in die Luft und schnüffelte. Ich war mir absolut sicher, einen leichten Brandgeruch wahrzunehmen.

»Stimmt, irgendwas kokelt hier. Riecht nach verbrennendem Holz.«

Sehr komisch.

»Ein Waldbrand? Mitten im Winter?«

»Glaub ich nicht, Reiko. Bei dem vielen Schnee wäre jede Flamme ganz schnell wieder verloschen.«

»Denke ich eigentlich auch, deshalb auch meine Verwunderung.«

Wir hielten weiter unsere Nasen in die Luft.

»Kannst du ausmachen, woher das kommt, Reiko?«

»Gute Frage. Ich würde sagen, etwa von dort, zehn Uhr oder so.«

»Könnte hinkommen. Ich denke, wir sollten uns das mal näher ansehen.«

Da konnte ich Fabian nur zustimmen. Wenn im Wald irgendetwas brenzlig roch, dann tat man gut daran, den Grund dafür herauszufinden. Wir änderten also unseren Kurs und marschierten in Richtung des Brandgeruchs. Daran, dass dieser langsam stärker wurde, erkannten wir, dass wir wohl auf dem richtigen Wege waren.

»Reiko, schau mal, ist das Rauch da vorne?«

Ich starrte angestrengt in die weiße Schneelandschaft. Erst konnte ich nichts erkennen, dann aber sah ich tatsächlich eine blasse Rauchwolke zwischen den Bäumen!

»Ja, ganz eindeutig! Hast du eine Ahnung, was sich dort befindet?«

Fabian dachte angestrengt nach.

»Irgendwo hier haben im Herbst Holzfäller einen Wagen abgestellt, aber die sind vor ein paar Tagen für dieses Jahr abgerückt.«

Das wurde immer mysteriöser. Wir hielten weiter auf die Rauchquelle zu, und zwei Hügelkuppen später erkannten wir, dass der Brandgeruch tatsächlich aus dem von Fabian angesprochenen Holzfällerwagen kam. Um genauer zu sein, kamen Rauch und Brandgeruch aus dessen Schornstein!

»Sehr seltsam. Irgendwer hat sich da im Wagen eingenistet.«

»Verirrte Wanderer?«

»Tja, Reiko, es gibt nur einen Weg, um das herauszufinden. Allerdings scheint mir das im Moment noch die einleuchtendste Erklärung zu sein.«

»Okay, schauen wir nach.«

Noch bevor wir uns wieder in Bewegung setzen konnten, sprang bereits Arko an uns vorbei und flitzte (so schnell das halt im tiefen Schnee ging) in Richtung Holzfällerwagen davon.

»Sieh dir den an, wie schnell der plötzlich wieder auf den Pfoten ist!«

»Tja, seine Faulheit wird nur noch durch eins übertroffen: durch seine Neugier.«

»Du mußt es ja wissen, du Faultierherrchen.«

»Haha. Also los, sehen wir uns das mal aus der Nähe an.«

Von Arkos Last befreit, ging es nun auch bei Fabian und mir wieder schneller voran, und zielstrebig näherten wir uns dem Objekt unserer Neugier. Arko war bereits dort eingetroffen und sprang laut bellend um den Wagen herum, allerdings vorerst ohne irgendeine Reaktion zu bekommen.

»Also entweder sind die da drinnen taub, oder sie haben Angst vor deinem Hund.«

»So taub kann man gar nicht sein, dass man das Gekläffe nicht mitbekommt.«

Schnell legten wir die letzten Meter zurück, und gerade als wir an dem anscheinend gut beheizten Wagen ankamen, öffnete sich zaghaft dessen Tür…

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Das war ja fast wie in einem Horrorfilm. Quietschend und knarrend öffnete sich die Tür des Holzfällerwagens. Wer würde uns wohl gleich gegenüberstehen? Der Yeti? Oder viel schlimmer noch: der Messner?

Was jetzt jedoch da in der Türöffnung erschien, hatte eindeutig zuwenig Haare, um ein Yeti zu sein, und selbst für Reinhold Messner war der Bartwuchs noch zu gering weil gar nicht vorhanden. Nein, die Gestalt, die jetzt mit einem verwunderten, aber auch erleichterten Gesichtsausdruck auf uns herabschaute, war eindeutig jüngeren Baujahres, wenn überhaupt dann nicht viel älter als Reiko und ich.

»Ihr habt uns gefunden, Gott sei Dank!«

Allerdings, wir hatten sie gefunden. Aber wer waren »sie«? Und was machten »sie« hier?

»Wer bist du, und was machst du hier in dem ollen Holzfällerwagen? Und sind da noch mehr drin?«

Überrascht schaute der junge Mann Reiko an.

»Wieso fragst du das? Seid ihr nicht ein Suchtrupp von der Polizei oder so?«

Also so niedlich wie der Typ aussah, hätte ich mich garantiert zu jedem Suchtrupp freiwillig gemeldet, aber genau wie Reiko stand ich weiterhin völlig auf dem Schlauch.

»Nein, wir sind kein Suchtrupp, wir waren einfach auf einer kleinen Waldwanderung, als Reiko hier den Rauch von eurem Ofen gerochen hat. Und weil wir uns keinen rechten Reim darauf machen konnten, wollten wir nachschauen, wer hier Holz verfeuert, und nun sind wir hier.«

»Oh. Und ich dachte, ihr hättet uns gesucht.«

»Ja wer seid ihr denn überhaupt, und warum sollte euch jemand suchen?«

Noch während Reiko diese Frage stellte, drängelte sich ein weiterer Wageninsasse am schnuckligen Türöffner vorbei.

»Ich bin Jasmin, und das ist mein Bruder Jonas. Wir wollten gestern mit ein paar Kindern von Gästen der Steintalbaude einen kleinen Waldspaziergang machen, und dabei haben wir uns verlaufen.«

Das durfte doch nicht wahr sein!

»Ihr habt auch noch Kinder dabei? Wieviele? Und wie alt sind die?«

»Wollt ihr nicht reinkommen, damit nicht die ganze Wärme durch die offene Tür verschwindet?«

Jasmin hatte recht, also legten Reiko und ich die Schneeschuhe und die Stöcke ab, dann folgten wir ihr und ihrem Bruder in den Wagen. Zwischen unseren Beinen drängelte sich der Hund durch, dessen Auftauchen im Wagen mit einem mehrstimmigen Freudenruf aus Kinderkehlen kommentiert wurde.

Als Quelle der Jubelrufe machte ich sehr schnell fünf Kinder aus, etwa im Alter von zehn, zwölf Jahren, ein Junge sah noch etwas älter aus. Die fünf hockten auf dem Boden des Holzfällerwagens, eng aneinandergedrängt, wohl um sich noch gegenseitig etwas zu wärmen. Zwar schien der gußeiserne Ofen regelrecht zu glühen, trotzdem war es im Wagen nicht sonderlich warm.

Zwischen diesen Kids wuselte nun Arko herum und ließ sich knuddeln und streicheln. Reiko war von all dem wohl noch mehr überrascht als ich, jedenfalls stand er mit offenem Mund mitten im Wagen und brachte kein Wort heraus. Ich hingegen konnte langsam wieder klar denken.

»Ihr seid gestern von der Steintalbaude aufgebrochen? Und habt euch dann verlaufen?«

»Ja, wie meine Schwester schon sagte, wollten wir mit den Kids von ein paar Gästen einen Winterspaziergang machen. Ich mache in der Steintalbaude eine Ausbildung zum Hotelkaufmann und wurde zur Kinderbetreuung eingeteilt. Jasmin besucht mich gerade über Weihnachten und ist deshalb mitgegangen.«

Der Einäugige führt den Blinden, oder wie?

»Am Anfang gab es auch keine Probleme, es schneite nur ein wenig, und wir hatten viel Spaß. Dann schneite es langsam immer mehr, und es kam auch noch Wind auf. Wir wollten umkehren und unseren eigenen Spuren zurück folgen, aber plötzlich fanden wir keine Spuren mehr.«

Mit einem wissenden Nicken schaute Reiko zu mir herüber. Tja, die GPS-Idee von meinem Vater war wohl wirklich eine verdammt sinnvolle Sache.

»Aber wie seid ihr dann ausgerechnet hier gelandet? Ihr seid verdammt weit weg von der Steintalbaude.«

»Wirklich? Ich weiß es nicht, wir sind so weitergelaufen, wie wir dachten, dass wir laufen müßten. Aber da haben wir uns wohl ganz gewaltig verfranst.«

Das war fast noch eine Untertreibung. Die Truppe hatte anscheinend eine große Kurve gedreht und sich dabei immer mehr von ihrem eigentlichen Ausgangspunkt entfernt. Wahrscheinlich waren sie sogar in ziemlicher Nähe unserer Hütte vorbeigezogen, ohne diese aber bemerkt zu haben.

»Tja, wir wurden langsam panisch, es schneite immer heftiger und es wurde langsam dunkel, dann hat Jonas zum Glück diesen Wagen hier gesehen. Wir wußten uns nicht anders zu helfen, wir haben die Tür aufgebrochen und es uns so warm wie möglich gemacht.«

Naja, dafür würde ihnen wohl niemand einen Vorwurf machen, das war so ungefähr die einzige vernünftige Tat in dem ganzen Schlamassel.

»Seid ihr alle in Ordnung, oder gibt es irgendwelche Wehwehchen?«

»Nein, zum Glück sind wir alle okay, nur die Kinder bekamen es, als es dunkel wurde, etwas mit der Angst zu tun.«

Durchaus verständlich

»Wir haben uns über Nacht aneinandergekuschelt und warmgehalten, und immer gedacht, dass man uns sicher bald finden würde.«

Sehr optimistisch…

»Als wir dann vorhin den Hund hörten, dachten wir, dass uns ein Suchtrupp gefunden hätte.«

»Falsch gedacht, wir hatten gar keine Ahnung davon, dass irgendwer vermißt wird.«

»Aber die müssen uns doch eigentlich vermissen und suchen!«

»Tja, Jasmin, das ist bestimmt auch der Fall, aber wir haben das letzte Mal gestern abend mit der Zivilisation telefoniert, und deshalb gar nichts von eurem Verschwinden mitbekommen.«

Reiko traf den Nagel auf den Kopf, und auch ich wunderte mich nur sehr kurz darüber, dass wir nichts von einer Suchaktion mitbekommen hatten. Erstens würde man die Gruppe wohl nicht so weit weg von der Steintalbaude suchen, und zweitens konnten sich bei der niedrigen Wolkendecke bestimmt auch keine Hubschrauber an der Suche (die garantiert stattfand!) beteiligen. Dann fiel mir noch etwas ein.

»Sagt mal, habt ihr nicht einmal ein Handy dabei?«

Jonas schaute zerknirscht auf seine Füße.

»Doch, ich hab meins dabei. Aber ich bin schon kurz nachdem wir von der Steintalbaude aufgebrochen waren gestolpert und draufgefallen, seitdem gibt es keinen Mucks mehr von sich.«

Na prima, zu allem Unglück kam auch noch Pech dazu. Ich warf einen Blick in die Runde, die Kids waren immer noch begeistert mit Arko zugange, der all die kindliche Zuwendung klaglos über sich ergehen lies.

»Los, ihr zwei, zieht eure Jacken drüber, wir beratschlagen draußen, wie es weitergeht.«

Die Kleinen brauchten nicht alles mitzubekommen, ich war froh, dass die erstmal von der bescheidenen Lage abgelenkt waren. Kurz darauf standen wir zu viert draußen in der klaren Winterluft. Naja, in der nicht ganz so klaren Winterluft, der Kohleofen spuckte doch einiges an stinkendem Qualm aus.

»Und was machen wir jetzt? Könnt ihr uns den Weg zurück zur Steintalbaude zeigen?«

»Jonas, du hast anscheinend keinen blassen Schimmer, wie weit ihr euch von der entfernt habt!«

»Wie weit denn? Wie lange wären wir unterwegs?«

Um diese Frage zu beantworten, mußte ich nicht erst das Satellitenwunder bemühen.

»Auf dem direkten Weg sind es etwa anderthalb Stunden, bei diesen Schneeverhältnissen eher zwei.«

»Naja, das geht ja noch.«

»Nein, Jasmin, tut es nicht. Der direkte Weg führt durchs Teufelsloch, und dort könnt ihr mit den Kids nicht lang.«

Das Teufelsloch war ein tiefer Taleinschnitt, durch den zwar auch Wege führten, diese jedoch waren alle sehr steil. Und wo man wegen des Schnees eh nicht sehen konnte, wo genau man hintrat, war eine Durchquerung ausgeschlossen. Erst recht mit Kindern.

»Wieso?«

Bevor ich antworten konnte, erklärte Reiko bereits den beiden Verirrten den Grund.

»Mist. Und der indirekte Weg?«

»Der führt um das Teufelsloch herum und dauert bei diesen Bedingungen mindestens drei Stunden.«

Ich wunderte mich immer noch, wie die Truppe überhaupt soweit hatte kommen können. Aber darüber nachzugrübeln führte erstmal zu nichts.

»Ist hier irgendwo eine Straße in der Nähe, an der man uns mit einem Auto abholen könnte?«

Reiko und ich lachten.

»Eine Straße gibt es schon, aber auf der rollt in den nächsten Tagen erstmal kein Auto. Hier ist alles im Schnee versunken, wir sitzen auch in unserer Hütte fest.«

»Verdammt, und das ist alles meine Schuld! Wir hätten gleich umkehren müssen, als der Schneefall stärker wurde!«

Das hätten sie allerdings wirklich tun müssen, aber es war müßig, ihm jetzt deswegen irgendwelche Vorwürfe zu machen. Die machte er sich garantiert schon selber zur Genüge – und die würde er auch am Ende der Geschichte noch von einigen Seiten zu hören bekommen.

»Kleine Denkpause, ich rufe erstmal meinen Vater an, dass er die Suchaktion abbrechen kann.«

»Deinen Vater?«

»Sein alter Herr ist hier in der Gegend der Oberbulle … ups … sorry, Fabian. Der Polizeichef. Und der hat garantiert bei der Suche nach euch den Hut auf. Ach ja, ich bin übrigens Reiko.«

Während Reiko dies alles erläuterte, hatte ich mein Handy aus der Brusttasche des Overalls gezogen und eingeschaltet. Tatsächlich, es fand das Netz, zwar recht schwach, aber es sollte reichen. Es wiederholte sich die Zeremonie, die sich schon am Vorabend beim Einschalten abgespielt hatte: es kamen mehrere Meldungen über entgangene Anrufe herein, sowohl von unsere Heimnummer als auch vom Handy meines Vaters. Dieses war es auch, das ich nun anwählte. Nach dreimaligem Klingeln hörte ich die Stimme meines Erzeugers.

»Fabian, tut mir leid, ich hab jetzt keine Zeit für dich, wir haben hier gerade ein totales Chaos.«

Da konnte ich ja froh sein, dass er überhaupt rangegangen war. Ich sollte wohl bei Gelegenheit die Rufnummernübermittlung ausschalten. Aber jetzt schnell, bevor er wieder auflegte!

»Ich weiß, Paps, die Gründe für das totale Chaos stehen hier neben mir.«

Sekundenlanges Schweigen.

»Wie meinst du das?«

»Paps, ich denke mal, dass das Chaos herrscht, weil sieben Leute aus der Steintalbaude vermißt werden, darunter fünf Kinder. Und genau diese sieben Leute befinden sich in einem Fünf-Meter-Umkreis von mir.«

»Sag das nochmal!«

»Ich hab hier einen ziemlich zerknirschten Hotel-Azubi von der Steintalbaude, seine Schwester und fünf Kiddies.«

»Mein Gott!«

»Ja, mein Sohn, was wünschest du?«

»Hör auf mit den Späßen! Haben die unsere Hütte gefunden oder wie?«

»Nicht ganz, wir haben die Truppe gefunden. Sie hatten sich vor der Nacht in einem Holzfällerwagen breitgemacht. Wir haben sie auf einer kleinen Wanderung entdeckt, genaugenommen hat Reiko ihren Ofen gerochen.«

»Wie geht es ihnen, sind alle wohl auf?«

»Sieht so aus, sind wohl nur durch das Erlebte etwas mitgenommen. Körperlich scheinen alle okay zu sein.«

»Na Gott sei Dank! Du hast ja keine Ahnung, was hier seit gestern Abend los ist!«

Och, ich hatte da durchaus so meine Ahnungen und Vorstellungen.

»Die Vermißtenmeldung kam erst ziemlich spät, da konnten wir wegen der Dunkelheit kaum noch Leute losschicken. Hubschrauber konnten die ganze Zeit nicht fliegen, für 14 Uhr hat die Luftwaffe versprochen, wenn es irgendwie geht ein paar Tornados mit Wärmebildkameras loszuschicken. Aber das kann ich ja zum Glück alles abblasen.«

»Ja, kannst du machen. Aber nun sag mal, wie soll das jetzt weitergehen?«

»Das ist wirklich ein Problem. Wo genau ist dieser Holzfällerwagen?«

»Zu Fuß zur Steintalbaude sind es gut drei Stunden.«

»Mist, das ist aber verdammt weit, besonders für die Kinder.«

Tja, soweit waren wir auch schon.

»Zur Straße ist es nur halb so weit, Paps.«

»Das nützt uns nichts, da müßte ich momentan nen Panzer losschicken, um dorthin durchzukommen.«

»Ist es so schlimm?«

»Ja, der Schnee ist ziemlich schwer und hat ne Menge Bäume umgeknickt. Kein Durchkommen mit normaler Technik, und das bleibt auch noch ein Weilchen so. Aber sag mal… Wie weit ist es bis zur Hütte?«

Autsch. Irgendwie hatte ich befürchtet, dass diese Frage kommen würde.

»Etwa eine Stunde querfeldein, anderthalb auf nem erträglichen Weg. Aber keiner von denen hat Schneeschuhe!«

»Hätten sie für den Weg zur Straße auch nicht. Du, Faby, es tut mir wirklich leid, ich weiß, dass du ein paar ruhige Tage verbringen wolltest. Aber das hier geht vor. Schafft die ganze Gesellschaft zur Hütte, es wird zwar etwas eng, aber ansonsten ist dort von allem reichlich vorhanden.«

Jup. Genau das hatte ich befürchtet.

»Okay, Paps, scheint ja wirklich die einzige Möglichkeit zu sein.«

»Ja, ist es. Ich werde versuchen, dass so schnell es geht eine Möglichkeit gefunden wird, zu euch vorzudringen, aber ich kann nicht versprechen, ob das morgen, übermorgen oder erst in drei Tagen oder noch später was wird.«

Wunderschöne Aussichten. Aber da war nichts dran zu rütteln.

»Alles klar. Wir melden uns dann, wenn wir alle in der Hütte angekommen sind.«

»Prima. Ich informiere in der Zwischenzeit die Angehörigen, dass sie sich keine Sorgen mehr zu machen brauchen. Wenn sich alles etwas beruhigt hat, kannst du die Geretteten mal bei ihren Leuten anrufen lassen. Deine Handyrechnung bezahle diesen Monat übrigens ich, keine Bange.«

Die hätte ich ihm sowieso serviert.

»Okay, also bis später, kann aber zwei Stunden oder so dauern.«

»Kein Problem. Und Faby?«

»Ja?«

»Ich bin stolz auf dich, mein Junge.«

Was für angenehme Töne. Aber ich sollte wohl ehrlich bleiben.

»Reiko hat den Rauch gerochen und mich drauf aufmerksam gemacht.«

»Dann sag ihm von mir einen schönen Gruß und Dank, und dass ich auch auf ihn stolz bin. So, ich hab hier jetzt einiges zu tun, also tschüß!«

Mit diesen Worten beendete mein Vater das Gespräch, und ich schaute in die Runde.

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Obwohl ich ja immer nur einen Teil des Telefonats hörte, bekam ich ziemlich genau mit, was geplant war.

»Wir bringen alle zurück in die Hütte?«

»Ja, Reiko. Ich soll dir heiße Kampfesgrüße von meinem Vater ausrichten und seinen Dank dafür, dass du die Sonntagswanderer erschnüffelt hast. Er sagt, er wäre stolz auf dich.«

Sowas hört man doch gerne.

»Ähem, ich will euch ja nicht unterbrechen, aber könntet ihr uns verraten, was jetzt genau passieren soll?«

Jasmins Neugier war verständlich, aber Fabian wollte wohl nicht alles doppelt und dreifach erklären.

»Gehen wir wieder in den Wagen, da erzähle ich euch allen zusammen, wie es weitergehen wird.«

Wir gingen zurück in den Wagen, und während Fabian den Anwesenden die weiteren Pläne erläuterte, fiel mir so langsam auf, dass diese Jasmin eigentlich ganz nett aussah. Dunkelbraune, lange Haare, nettes, offenes Gesicht, vielleicht zehn Zentimeter kleiner als ich, und (soweit ich das unter den dicken Klamotten erkennen konnte) gut gebaut. Mit dem Mädel ein paar Tage in der gleichen Hütte? Interessante Vorstellung…

»Hütte hört sich so klein an, haben wir denn da überhaupt alle Platz?«

Ich mußte kurz auflachen.

»Keine Bange, Kleiner. Die nennen das zwar Hütte, aber das ist ein ausgewachsenes Haus, da kommen wir alle unter. Und es sind auch ausreichend Vorräte an Fressalien, Feuerholz und Diesel für die Stromerzeugung da.«

Fabian grinste mich an.

»Was Reiko sagt stimmt, da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Aber mal noch was anderes, es wäre ganz nützlich, wenn wir alle wüßten, mit wem wir es zu tun haben. Also das da ist Reiko, ich bin Fabian. Der Vierbeiner hört auf den Namen Arko – wenn er denn drauf hört. Jasmin und Jonas kennen wir schon, aber die Namen der Kids wissen wir noch nicht.«

Vernünftige Idee, immer nur »Kleiner« war als Anrede wohl nicht so berauschend. Kurz darauf wußten wir, dass die beiden Mädels auf die Namen Manuela und Ricarda hörten, die Jungs hießen Christoph, Felix und Patrick. Manuela war 11, Ricarda, Christoph und Felix 12, Patrick fiel mit 14 etwas aus der Altersgruppe heraus.

»So, dann würde ich sagen, machen wir uns auf den Weg!«

Die Kids erhoben sich von ihren Plätzen, ständig umwuselt von Arko, der sich regelrecht in ihrer Aufmerksamkeit sonnte. Naja, mit Kindern war der schon immer prima klargekommen.

»Faby, ich mach noch den Ofen aus, den sollten wir nicht unbedingt brennen lassen.«

»Gute Idee. Weißt du, wie das geht?«

Woher sollte ich das wissen? Ich war im Zeitalter von Zentralheizung mit Erdgasbefeuerung aufgewachsen.

»Keine Ahnung, aber ich werde es schon irgendwie hinbekommen.«

»Ich weiß, wie das geht, ich helfe dir dabei.«

Jasmin kannte sich mit sowas aus? Nun, das war doch wirklich nett von ihr, mir zu helfen. Während der Rest des Vereins nun den Wagen verließ, zog Jasmin gekonnt den Rauchabzug vom Ofen ab.

»Hier, an den beiden Griffen kannst du anfassen, die sind zwar warm aber nicht heiß.«

»Und wo soll ich mit dem Ding hin?«

»Den stellst du raus in den Schnee, mit ein wenig Abstand zum Wagen. Dann schmeißen wir Schnee auf die Flammen, und das Ding kann auskühlen.«

Hm, das hörte sich logisch an. Ich packte also den gar nicht mal so leichten Ofen und trug ihn aus dem Wagen heraus, immer darauf achtend, mir die glühenden Teile nicht irgendwo dagegen zu schlenkern. Draußen stellte ich ihn an einem mir passend erscheinenden Ort ab, dann schaufelten Jasmin und ich Schnee in die Flammen, die ziemlich schnell verloschen. Das Holz glühte allerdings noch, vom gußeisernen Ofen selbst ganz zu schweigen.

»Und nun? Müssen wir nun warten, bis das Ding ganz kalt ist, oder wie?«

»Nein, den lassen wir hier stehen.«

Stehenlassen? Einfach so, in der freien Natur? Jasmin mußte wohl meinen zweifelnden Blick wahrgenommen haben.

»Also erstmal kommt hier doch eh keiner vorbei, der das Ding klauen würde. Und außerdem ist der Wagen auch offen, da drin wär der Ofen also nicht viel sicherer als hier draußen.«

Wo sie recht hatte, da hatte sie recht. Wir ließen also den Ofen im Schnee stehen und gingen hinüber zu den anderen, die bereits abmarschbereit dastanden und auf uns warteten.

»Alles erledigt, Fabian. Wie machen wir das jetzt, wo gehen wir lang?«

»Wir nehmen den gleichen Weg wie vorhin, der ist zwar etwas länger als die Luftlinie, aber dafür einigermaßen ebenerdig.«

Gute Entscheidung, der Weg durch den tiefen Schnee ohne Schneeschuhe würde besonders für die Kiddies auch so schon anstrengend genug werden. Zum Glück trugen sie wenigstens vernünftige Klamotten, sodass sie zumindest warm und trocken stecken würden. Da fiel mir noch etwas ein.

»Sag mal, Jasmin, möchtest du meine Schneeschuhe nehmen? Damit kommst du viel besser voran als ohne.«

Sie lächelte mich an! Hach was für ein süßes Lächeln!

»Nein, vielen Dank für das Angebot, aber damit komme ich nicht zurecht.«

Naja, also das sollte eigentlich wirklich kein Problem sein, aber wenn sie nicht wollte… Allerdings käme ich mir ziemlich blöd vor, wenn sie sich durch den Tiefschnee quälen müßte und ich gemütlich auf Schneeschuhen nebenher lief. Und dass ich neben ihr herlaufen wollte, daran gab es nun wirklich keinen Zweifel für mich! Ich mußte also die Schneeschuhe irgendwie loswerden…

»Fabian, gehst du mit Jonas voraus? Ich bilde mit Jasmin den Abschluß und passe auf, dass wir niemanden verlieren.«

Mit einem leichten Grinsen im Gesicht schaute Fabian mich an.

»Okay, können wir so machen.«

Ob der meine tieferen Absichten hinter diesem Vorschlag erkannt hatte? Naja, egal.

»Jonas, möchtest du die Schneeschuhe nehmen?«

Jasmins Bruder sah mich fragend an.

»Und was ist mit dir, brauchst du die nicht selber?«

»Nee, wir treiben die ganze Horde vor uns her, die trampelt den Schnee runter.«

Da war zwar wohl mehr der Wunsch der Vater des Gedanken, aber was solls.

»Na gut, wenn du mir die Dinger überläßt, probiere ich es gerne mal.«

Ha, geklappt! Ich übergab Jonas die Schneeschuhe, der schnallte sie sich unter die Füße, und nach ein paar Probeschritten schien er schon prima damit klarzukommen.

»So, Leute, dann machen wir uns jetzt auf den Weg! Jonas und ich gehen vor. Wenn wir euch zu schnell sind, dann sagt es uns. Wir sollten uns aber auf jeden Fall beeilen, es sind weitere Schneefälle angekündigt, je eher wir in der Hütte sind, umso besser.«

Mit diesen Worten wandten sich Fabian und Jonas um, und unsere Karawane setzte sich in Bewegung. Ich packte mir schnell noch den momentan nicht benötigten Schlitten auf den Rücken, Jasmin übernahm die Decke, dann bildeten wir gemeinsam den Abschluß der fröhlichen Truppen. Die beiden Führer auf ihren Schneeschuhen legten ein ganz schönes Tempo vor, aber auch die Kiddies wollten wohl nicht noch einmal von starkem Schneefall überrascht werden, sie hielten das Tempo gut mit, obwohl sie – wie Jasmin und ich auch – doch bei jedem Schritt recht tief im Schnee einsanken. Arko ließ es jetzt ruhiger angehen, er sprang nicht wild durch die Gegend, sondern lief einigermaßen gesittet inmitten der Kindergruppe.

Wir wanderten also zielstrebig durch den Wald, und unsere Gruppe zog sich dabei ein wenig in die Länge.

»Dein Bruder macht also eine Ausbildung in der Steintalbaude?«

»Ja. Jonas hatte großes Glück, die Stelle zu bekommen. Bei uns zuhause hat er laufend nur Absagen kassiert.«

»Wo ist das überhaupt?«

»Bei uns zuhause? Wir kommen aus einem kleinen Nest bei Leipzig.«

Da waren sie ja nun wirklich ziemlich weit weg von der Heimat. Während wir weiterliefen, erfuhr ich noch so einiges über meine Begleiterin. Sie war 17 Jahre alt, ging aufs Gymnasium, wollte später mal irgendwas mit Pädagogik studieren und verbrachte ihre Weihnachtsferien bei ihrem Bruder.

»Hehe, da bist du ja jetzt quasi direkt in ein pädagogisches Praktikum reingestolpert!«

Ich zeigte auf die Kinderschar vor uns.

»Das kannst du laut sagen.«

Die vier jüngeren Kids plapperten fröhlich untereinander, warfen Arko Schneebälle zu und schienen insgesamt guter Stimmung zu sein. Der ältere Patrick jedoch hatte sich etwas von den anderen abgesetzt und lief für sich alleine zwischen der Vierergruppe und den beiden Führern. Komisch. Ich wies Jasmin darauf hin.

»Was ist denn mit dem los?«

Meine Begleiterin seufzte.

»Patrick ist die ganze Zeit schon so, scheint an nichts Spaß zu haben und sondert sich immer ab.«

»Und warum?«

»Das scheint mehrere Gründe zu haben. Also erstmal ist er natürlich älter als die anderen hier, und in der Altersklasse machen 2 Jahre einen riesigen Unterschied.«

Okay, das konnte ich nachvollziehen, das waren tatsächlich Welten.

»Dann wollte er gar nicht auf die Wanderung mitkommen, er wollte lieber mit ein paar älteren Jugendlichen was unternehmen. Die aber sind alle über 16 und wollten wiederum ihn nicht dabei haben, weil er für sie zu jung ist.«

Hach, die Sorgen des Teenager-Lebens.

»Deshalb wollte er eigentlich im Hotel bleiben, aber seine Eltern haben darauf bestanden, dass er bei uns mitmacht. Entsprechend begeistert war er dann auch dabei.«

Konnte ich mir vorstellen. Sich als Vierzehnjähriger mit einer Horde Elf- und Zwölfjähriger abgeben zu müssen, war schon uncool genug. Noch viel uncooler war es aber, dazu von den eigenen Eltern verdonnert zu werden.

»Naja, und die Krönung ist halt, dass er mit Jonas nicht klarkommt.«

Seltsam, Jonas hatte mir bisher den Eindruck gemacht, dass man sehr gut mit ihm klarkommen konnte. Genau wie mit seiner Schwester…

»Wieso das denn?«

Es dauerte einen Moment, bis sich Jasmin zu einer Antwort durchrang.

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich das überhaupt erzählen sollte. Aber vielleicht ist es sogar besser so, durch Patrick würde das sowieso recht schnell rauskommen.«

Nun war ich aber gespannt!

»Siehst du Jonas‘ Mütze?«

Klar sah ich das bunte Ding, das war ja auch nicht zu übersehen.

»Ja, und?«

»Fällt dir daran nichts auf?«

Was sollte mir daran auffallen? Diese Strickmützen waren momentan sehr in Mode, ich trug selber auch eine. Auch wenn meine nicht gar so bunt in den Regenbogenfarben daherkam.

Moment mal. Regenbogenfarben? Sollte das etwa heißen…

Ich blieb stehen und glotzte Jasmin groß an.

»Sag mal, ist dein Bruder schwul?«

Auch Jasmin war stehengeblieben, stütze die Arme in die Hüften und nahm insgesamt eine kampfeslustige Pose ein.

»Ja, ist er. Hast du damit etwa auch ein Problem?«

Ich konnte einfach nicht anders. Tief in meinem Inneren begann es, meinen Körper zu schütteln, und kurz darauf brach ich in einen gewaltigen Lachanfall aus…

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Vor nicht einmal 24 Stunden ging ich noch davon aus, ein paar gemütliche Tage ganz für mich alleine zu haben. Vor nicht einmal 12 Stunden ging ich noch davon aus, ein paar gemütliche Tage gemeinsam mit Reiko verbringen zu können. Und nun hatte ich weitere 7 Leute, um die ich mich kümmern mußte! Und darunter waren sogar noch 5 Kinder! Das war wohl ein Musterbeispiel für »Und erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt!«.

Jonas hatte sich die Schneeschuhe untergeschnallt, die Reiko ihm aufopferungsvoll überlassen hatte. Natürlich war er gänzlich ohne Hintergedanken, mein alter neuer bester Freund. Dass er sich mit der Schwester von Jonas ans Ende der Gruppe verdrücken würde, war einfach als großes Opfer seinerseits zu verstehen. Und in drei Tagen würde der Weihnachtsmann höchstpersönlich durch den Kamin der Hütte reingeschneit kommen.

Als ich sah, dass alle abmarschbereit waren, gab ich das Kommando zum Aufbruch, und unser Zug setzte sich in Bewegung. Jonas kam mit den Schneeschuhen sehr gut zurecht.

»Hast du schonmal solche Dinger benutzt, Jonas?«

»Nee, das ist mein erstes Mal. Macht sich aber wirklich gut, man sinkt nicht ein und kommt prima voran.«

Das war ja auch der ganze Sinn der Sache.

»Wie alt bist du eigentlich?«

»Neunzehn. Und du?«

»Ein Jahr jünger. Und du willst Hotelkaufmann werden?«

»Ja, ich habe gerne mit Menschen zu tun, da ist das wohl ein recht passender Job.«

Vermutlich. Wobei die Arbeitszeiten mir persönlich zu stressig wären.

»Aber du kommst nicht hier aus der Gegend, oder?«

»Nicht mal annähernd! Wir kommen aus Sachsen, Leipziger Umland, um genau zu sein.«

Oh? Das verstand er aber recht gut zu verdecken!

»Das merkt man dir aber gar nicht an. Also ich meine, das hört man dir gar nicht an.«

Okay, eine kleine Spur eines Dialekts hatte ich mitbekommen, aber ich hatte nicht herausgefunden, um was für einen Dialekt es sich handelte.

»Nuja, ich gäb mr ja och de greesde Miehe, ä ordndliches Hochdeidsch zu quassln, damid mr de Leide hier och verschdehn!«

Ich prustete los. Ja, in etwa so hatte ich mir die Aussprache eines Sachsen vorgestellt!

»Obwohl ja eechendlich Säggsch de deidsche Guldurschbrache schlechdhin is!«

Ich keuchte vor Lachen.

»Was … was ist Sächsisch?«

»Die deutsche Kultursprache schlechthin!«

»Hahaha… Und wovon träumst du sonst noch so?«

Schön wäre es, wenn er jetzt sagen würde »von dir« – aber das konnte ich mir wohl abschminken.

»Lach nicht, das stimmt. Schon der alte Geheimrat Goethe hat Sächsisch gesprochen. Und der olle Dichterfürst zählt ja nun ohne jeden Zweifel zum obersten deutschen Kulturgut.«

»Jaja, schon klar. Aber du bist weder Geheimrat noch Dichterfürst. Nur gut also, dass du auch ordentlich reden kannst.«

»Unsere Eltern haben von Anfang an drauf geachtet, dass wir ordentlich Hochdeutsch sprechen. Nicht dass wir bei Besuchen bei den auswärtigen Kulturbanausen auf einen Dolmetscher angewiesen wären.«

Aua, Kulturbanausen. Das hatte wehgetan.

»Das wäre sicher auch für deinen Job nicht so günstig, denke ich mal.«

»Das sowieso. Die haben mich sogar telefonisch zum Vorstellungsgespräch eingeladen, um erst einmal zu hören, ob ich überhaupt vernünftig Hochdeutsch spreche.«

Verständlich, ein dialektelnder Hotelangestellter war sicherlich kein gutes Aushängeschild für das Haus. Egal um welchen Dialekt es sich dabei handelte. Die Steintalbaude gehörte zur gehobenen Klasse, da mußten sich sogar die einheimischen Angstellten einer ordentlichen Aussprache befleißigen.

»Weißt du, was mich etwas verwundert, Jonas?«

»Nein?«

»Dass die dich und deine Schwester mit den Kids losgeschickt haben.«

»Wie meinst du das?«

»Naja, bei diesen Wetterbedingungen verirren sich ab und an sogar Eingeborene – da schickt man doch eigentlich keine Zugereisten los. Erst recht nicht mit ner Horde Kinder!«

»Tja, das mußt du Herrn Ziermayer fragen. Der wollte das eigentlich selber übernehmen, aber hatte dann plötzlich keine Zeit mehr, also wurde ich dazu verdonnert.«

Mein Vater würde mit dem alten Ziermayer garantiert ein ernstes Wörtchen darüber reden. Das war ziemlich unverantwortlich gewesen.

»Na gut, ist ja alles nochmal gutgegangen.«

»Zum Glück, ich hatte mir schon die schlimmsten Befürchtungen gemacht. Das erste Mal so eine große Verantwortung, und prompt geht alles schief.«

»Dir kann man wohl den geringsten Vorwurf machen, du kennst dich hier weder mit der Gegend noch mit den schnellen Wetterumschwüngen aus. Du hast doch bestimmt erst diesen Herbst mit der Ausbildung angefangen, oder?«

»Ja, ich bin noch der absolute Frischling im Hotel.«

»Na siehste. Mach dir keine zu großen Sorgen mehr.«

»Dein Wort in Gottes Gehörgang.«

Ich schaute mich nach unserer Karawane um, es ging gut voran, und alle sahen noch fit und fröhlich aus. Alle außer dem ältesten Jungen, der einigermaßen mißmutig etwa zehn Meter hinter uns herstapfte. Was dem wohl für eine Laus über die Leber gekrochen war…

Ganz hinten am Ende der Kolonne liefen Reiko und Jasmin, die anscheinend in eine angeregte Unterhaltung vertieft waren. Sollte sich da etwas anbahnen? Ich meine, Jasmin sah ja gar nicht übel aus – also für ein Mädchen!

»Sag mal, wie alt ist eigentlich deine Schwester?«

»Siebzehn, im März wird sie achtzehn. Wieso?«

»Weil ich irgendwie das komische Gefühl habe, dass Reiko ein gewisses Interesse an ihr hat.«

»Hehe, und ich hatte vorhin schon das komische Gefühl, dass Jasmin ein gewisses Interesse an Reiko hat!«

Na das ließ sich ja gut an.

»Seid ihr schon lange Freunde? Also du und Reiko?«

»Wie mans nimmt. Freunde sind wir seit 15 Jahren – aber auch erst seit einem Tag.«

»Häh?«

Ich erklärte Jonas also das etwas komplizierte Thema meiner Freundschaft zu Reiko, ohne jedoch näher auf die Gründe für unsere zwischenzeitliche Entfremdung einzugehen.

»Eine schöne Geschichte…«

Irgendwie klang das ein wenig traurig, wie Jonas diese Worte herausquetschte. Bevor ich mir jedoch darüber Gedanken machen konnte, ertönte vom Ende der Marschkolonne her lautstarkes Gelächter. Wir blieben stehen und schauten uns um, gerade rechtzeitig um noch zu sehen, wie Jasmin Reiko eine schallende Ohrfeige verpaßte.

»Ohoh… Ist deine Schwester immer so gewalttätig?«

»Eigentlich nicht, er muß ihr ziemlich zugesetzt haben, wenn sie so reagiert.«

Da zwischen uns doch gut 100 Meter lagen, konnten wir nicht hören, wie es bei den beiden weiterging. Wir sahen jedoch, wie Reiko wieder ernst wurde, sich die linke Wange rieb und Jasmin irgendetwas erklärte. Nach einer Weile hob diese wieder die Hand, und streichelte zögerlich über Reikos verwundetes Körperteil. Reiko hielt ganz still, das schien ihm zu gefallen. Im nächsten Moment jedoch…

»Du Idiot!«

Mit diesen Worten stieß Jasmin Reiko von sich weg, der dadurch rücklings in den Schnee fiel. Nun war es Jasmin, die in lautstarkes Gelächter ausbrach. Der »Idiot« war wohl nicht so ernst gemeint gewesen, jedenfalls schickte sie sich jetzt an, Reiko wieder aufzuhelfen. Aber da hatte sie nicht mit seiner Rachsucht gerechnet, denn kaum hatte er ihre Hand ergriffen, da zog er sie auch schon zu sich hinunter in den Schnee.

Mittlerweile waren alle stehengeblieben und bestaunten das aufgeführte Schauspiel. Arko war zu seinem Herrchen geflitzt und umsprang jetzt laut bellend das sich im Schnee wälzende Duo, dabei beinahe noch deren gemeinsames Gelächter übertönend.

»Scheint ja nicht so ernst gewesen zu sein, oder, Jonas?«

»Ja, sieht so aus, als ob die wieder Frieden geschlossen hätten.«

Ich sollte wohl mal etwas unternehmen, weitere Verzögerungen mußten eigentlich nicht sein.

»Eh! Ihr da hinten! Wenn ihr es dann einrichten könntet, euch wieder in die Senkrechte zu begeben und weiterzulaufen? Wäre wirklich sehr nett!«

»Jaja, alter Antreiber, wir kommen ja schon! Nur die Ruhe!«

Na hoffentlich. Jonas und ich schauten grinsend zu, wie sich Jasmin und Reiko erhoben, den Schnee von ihren Klamotten klopften und sich wieder in Bewegung setzten. Das war für uns das Zeichen, das gleiche zu tun, und so marschierten wir weiter.

»Jasmin besucht dich über die Feiertage?«

»Ja, sie hat gebettelt und gebettelt.«

»Sind eure Eltern auch mit hier?«

War ja eigentlich genau die richtige Gegend, um ein schönes weißes Weihnachtsfest zu verbringen.

»Nein!«

Ups. Das klang aber ziemlich scharf! Verwundert schaute ich zu Jonas, der jetzt mit verkniffenem Gesicht neben mir herstapfte.

»Äh… Entschuldige. Ich scheine da wohl in ein Fettnäpfchen getreten zu sein, das wollte ich nicht. Sorry.«

Jonas seufzte.

»Schon gut. Du konntest das ja nicht wissen. Meine Eltern und ich … wir reden nicht mehr miteinander. Genaugenommen bin ich für sie gestorben. Sie haben keinen Sohn mehr – und ich hab keine Eltern mehr. Ende der Geschichte.«

Das hörte sich ja gar nicht gut an. Ich hätte es wohl dabei belassen sollen, aber dummerweise ging meine Neugier mal wieder mit mir durch.

»Wieso?«

»Du mußt alles ganz genau wissen, oder wie?«

»Sorry, Jonas. Du brauchst es mir nicht zu erzählen, das ist ganz allein deine Sache.«

So schien er es auch halten zu wollen, jedenfalls liefen wir die nächsten Minuten schweigend nebeneinander her. Plötzlich aber brach mein Begleiter das Schweigen.

»Ich bin schwul, und sie kommen damit nicht klar. Sie haben mich aus der Familie rausgeschmissen. Sogar Jasmin hat riesigen Ärger bekommen, als sie erzählte, dass sie mich hier besuchen will. Sie wollten es ihr verbieten, aber am Ende hat sich mein Schwesterlein durchgesetzt.«

Ach du heilige Scheiße. Ich sandte ein stilles Dankesgebet gen Himmel für meine Eltern, die prima mit meinem Coming Out klargekommen waren. Ich wußte, dass das nicht unbedingt der Regelfall war, aber so konkret bekam ich das erste Mal mit, wie eine solche Sache auch ausgehen konnte.

»Es tut mir leid, Jonas. Hätte ich bloß nicht mit dem Thema angefangen…«

»Wie gesagt, du konntest es ja nicht wissen.«

Das stimmte nun allerdings.

»Und nun?«

Was meinte Jonas damit?»

»Was und nun?«

»Bist du schockiert, angeekelt, oder was?«

Aha, daher wehte der Wind.

»Ja, ich bin schockiert und angeekelt.«

»Scheiße, ich habs geahnt! Du bist wohl auch so ein homophobes Arschloch.«

Da hatte der schnucklige Junge neben mir wohl etwas gehörig falsch verstanden.

»Nein, Jonas! Wegen deiner Eltern bin ich schockiert und angeekelt, nicht weil du schwul bist!«

Zögernd und etwas ungläubig schaute Jonas zu mir herüber.

»Meinst du das jetzt ernst?«

»Darauf kannst du Gift nehmen. Deine Eltern sind Idioten, wenn sie dich, bloß weil du schwul bist, verstoßen.«

Auf dem Gesicht von Jonas machte sich ein Lächeln der Erleichterung breit. Und diese Erleichterung ließ sich ja sicher noch etwas verstärken.

»Ich hatte mehr Glück, meine haben es ganz locker aufgenommen.«

»Was?!?«

Wie angewurzelt war Jonas stehengeblieben und starrte mich nun mit weit aufgerissenen Augen an. Ich lächelte ihm zu.

»Jonas, ich bin auch schwul.«

In Jonas‘ Gesicht spiegelte sich Ungläubigkeit.

»Ehrlich?«

»Ja, ganz ehrlich.«

»Wow, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Seit ich hier mit der Lehre angefangen habe, suche ich Anschluß an eine schwule Jugendgruppe oder so, habe aber bisher niemanden gefunden. Und dann laufen wir uns mitten im Wald über den Weg.«

»Tja, die Wege des Schicksals sind unergründlich.«

Hach sah das lächelnde Gesicht meines Gegenübers niedlich aus!

»Scheiße, noch so ne doofe Schwuchtel! Ist das ne Seuche oder wie?«

Ohoh. Patrick war es, der uns jetzt mit verkniffenem Gesicht anschaute. Ich zeigte ihm den Stinkefinger, woraufhin er sich weiter in der Kolonne von uns entfernte. Jonas und ich hingegen setzten uns wieder in Bewegung.

»Sag mal, hat der Stift irgendein Problem oder wie?«

»Sieht so aus, Fabian. Seit er mitbekommen hat, dass ich schwul bin, macht der einen auf Terrorküken. Dabei hab ich ihm nun wirklich nichts getan.«

Das waren ja schöne Aussichten für die nächsten paar Tage.

Zügig marschierten wir weiter. Jonas und ich alberten herum, erzählten dem jeweils anderen ein wenig aus unserem Leben (wobei wir die Themen »schwul« und »Eltern« vorsorglich wegließen), und nach einiger Zeit tauchte am Horizont die Silhouette unserer Hütte auf.

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Also das war schon ein starkes Stück, mir mitten im schönsten Lachanfall dermaßen eine runterzuhauen! Womit dann auch mein Amusement ziemlich schnell beendet war.

»Was soll das, Jasmin?«

Mit wütend funkelnden Augen schaute sie mich herausfordernd an.

»Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn sich jemand über meinen Bruder lustigmacht!«

Daher wehte der Wind! Die kleine Schwester schien ja einen ziemlich ausgeprägten Beschützerinstinkt gegenüber ihrem großen Bruder zu haben. Wie süß!

»Ich habe mich doch nicht über deinen Bruder lustiggemacht!«

»Nicht? Ich hatte aber ganz den Eindruck!«

Dieses Mißverständnis sollte ich wohl lieber ganz schnell aufklären. Da Fabian ja eh völlig offen mit seinem Schwulsein umging, hatte ich auch keine Skrupel, ihn hier und jetzt vor Jasmin zu outen.

»Jasmin, ich hab nur deshalb gelacht, weil mein bester Freund auch schwul ist. Und zufällig läuft der da vorne gerade neben deinem schwulen Bruder her. Neben deinem schwulen Bruder, den er garantiert mehr als nur nett anzusehen findet.«

Soweit kannte ich Fabian, um zu wissen, dass er ein neues Opfer für seine Flirtattacken gefunden hatte. Nur dass er wohl keinen blassen Schimmer hatte, dass er diesmal sogar Erfolg haben könnte!

»Meinst du das jetzt wirklich ernst? Fabian steht auch auf Jungs?«

»Allerdings.«

Jetzt funkelten Jasmins Augen nicht mehr wütend sondern schelmisch. Sie hob erneut den rechten Arm, und ich war schon drauf und dran, in Deckung zu gehen. Diesmal jedoch näherte sich ihre Hand sehr langsam meinem Gesicht, dann strichen ihre Finger zärtlich über meine malträtierte Wange. Hach war das schön, so könnte ich ewig stehenbleiben…

»Du Idiot!«

Im nächsten Moment, noch bevor ich überhaupt den neuerlichen Sinneswandel verabeiten konnte, gab sie mir einen Schubs gegen die Brust, und mit beiden Armen hilflos in der Luft herumrudernd, fiel ich rückwärts in den Tiefschnee! Völlig verdattert lag ich in der weißen, kalten Pracht, und diesmal war es Jasmin, die in lautes Gelächter ausbrach. Also wirklich! Das war ja ein richtiges kleines Teufelchen!

»So, komm, ich helfe dir hoch.«

Wie freundlich. Erst schickte sie mich zu Boden, dann bot sie mir die hilfreiche Hand zum Aufstehen an. Aber so nicht, meine Liebe! Ich ergriff die dargebotene Hand, aber anstatt mich selbst hochzuziehen, zog ich Jasmin zu mir nach unten – mit dem Ergebnis, dass wir nun beide nebeneinander im Schnee lagen.

»Das war jetzt fies, Reiko!«

»Fies? Wer war denn zuerst fies?«

Bei diesem Wortwechsel kamen wir beide aus dem Lachen kaum heraus, wir rollten im Schnee um- und übereinander, und der dazuspringende Arko machte das Chaos perfekt.

Leider erinnerte uns Fabian ziemlich bald daran, dass wir ja eigentlich Besseres zu tun hatten, als uns im Schnee herumzubalgen, also richteten wir uns wieder auf, befreiten unseren Klamotten vom anhaftenden Schnee und folgten der Karawane, die sich mittlerweile wieder in Bewegung gesetzt hatte.

»Sag mal, und du meinst, dass sich dein Fabian in meinen Jonas vergucken könnte?«

Wäre doch eigentlich gar nicht so schlecht. Beide schwul, beide recht gutaussehende Typen (wenn ich mir da mal ein Urteil drüber erlauben durfte), beide etwa im gleichen Alter, beide in der gleichen Gegend. War nur noch eines zu klären.

»Ja klar, warum denn nicht? Ist Jonas noch zu haben?«

»Hehe, du willst wohl gleich anfangen zu kuppeln, oder wie? Aber ja, Jonas ist noch Single. Sehr zu seinem Leidwesen.«

Das hörte sich doch vielversprechend an.

»Prima. Hilfst du mir dabei, die beiden zu verkuppeln?«

Jasmin wurde etwas ernster.

»Da sollten wir uns wohl lieber nicht ganz so weit aus dem Fenster lehnen, Reiko. Ich würde mich zwar sehr für Jonas freuen, wenn er einen passenden Freund finden würde, aber die beiden müssen schon selber zueinander finden, damit das wirklich funktionieren kann.«

Was für ein schlaues Köpfchen. Sie hatte ja recht, es wäre wohl besser, das Schicksal seinen eigenen Weg gehen zu lassen. Was ja nicht ausschloß, dass wir nicht ein klein wenig behilflich sein konnten. Zum Beispiel, indem wir den beiden genügend gemeinsame Zeit verschafften, vorzugsweise ohne eine ganze Kinderschar um sie herum!

»Okay, ist vielleicht auch besser so. Um jetzt nochmal auf diesen Patrick zurückzukommen: der weiß, dass dein Bruder schwul ist, und kommt damit nicht klar, oder wie?«

»Ja, leider, ich verstehs einfach nicht.«

»Kommt vielleicht von seinen Eltern her.«

»Nee, eher nicht, die haben ja auch mitbekommen, dass Jonas schwul ist, und scheinen damit absolut keine Schwierigkeiten zu haben. Sie haben ihm immerhin sogar ihren Sohn anvertraut!«

»Sehr seltsam. Meist ist es ja so, dass die Eltern ein Problem mit Homosexualität haben, während die Kinder eher offen damit umgehen.«

»Tja, in diesem Falle ist es andersrum. Aber du hast recht, oft ist es so, wie du es sagst. Siehe auch unsere eigenen Eltern…«

»Was ist mit denen?«

»Die können nicht akzeptieren, dass Jonas schwul ist. Sie haben ihn regelrecht aus der Familie rausgeschmissen. Deshalb war er auch so schnell bereit, so weit weg von zuhause eine Lehrstelle anzunehmen.«

Das klang nun überhaupt nicht gut, und mir wurde allmählich klar, was für einen Mut es Fabian gekostet haben mußte, sein Schwulsein seinen Eltern einzugestehen. Und was er mit diesen seinen Eltern für Glück gehabt hatte, soviel wußte ich nämlich: sie hatten ihn immer voll unterstützt und verteidigt, auch wenn es im Ort ab und an unschöne Sticheleien gegeben hatte.

»Aber jetzt sind sie mit hierher gekommen, um ihn zu besuchen?«

»Unsere Eltern? Jonas besuchen? Niemals. Ich bin alleine hier runtergefahren. Und selbst das mußte ich mir erkämpfen, das gab tagelangen Zoff darum, ob ich überhaupt fahren darf oder nicht.«

Da konnte ich ja froh sein, dass Jasmin anscheinend recht durchsetzungsfähig war, sonst hätte ich sie wohl nie kennengelernt. Und das wäre wirklich ein großer Verlust gewesen!

In den folgenden Minuten kamen wir wieder vom Thema Schwulsein ab und redeten über alles mögliche, und so verging die Zeit recht schnell. Und dann war es soweit, in der Ferne war die Röckersche Hütte (bzw. der Röckersche Palast!) zu sehen.

»Wir sind gleich da, Jasmin.«

»Tatsächlich? Das ging aber schnell!«

Naja, nicht wirklich, wir waren doch fast anderthalb Stunden unterwegs gewesen. Aber da diese Zeit ziemlich interessant und ereignisreich gewesen war, kam sie uns gar nicht so lang vor.

»Ja, da vorne, da müssen wir hin.«

Unsere Kolonne näherte sich langsam aber sicher dem Ziel, und je näher wir kamen, umso größer wurde das Staunen von Jasmin.

»Das scheint ja eine ziemlich große Hütte zu sein!«

»Allerdings, der Begriff Hütte ist dafür etwas irreführend.«

»Das kannst du aber laut sagen! Und ich hatte schon befürchtet, dass es wieder so eng werden würde wie in dem ollen Holzfällerwagen.«

Mit sieben Personen in diesem Wagen, die hatten sich ja beinahe stapeln müssen. Von gewissen anderen Problemen ganz zu schweigen.

»Keine Angst, es wird zwar mit neun Leuten plus Hund etwas voll in der Hütte, aber im Vergleich zu dem Wagen, in dem ihr die letzte Nacht verbracht habt, ist das eine Großraumunterkunft.«

»Na Gott sei dank! … Äh … Reiko?«

»Ja?«

»Sag mal… Gibt es in der Hütte auch ein Klo?«

Ich mußte grinsen, das war wohl wirklich eine sehr wichtige Information! Na mal schaun, ob ich sie ein wenig aufs Glatteis führen konnte.

»Nee, in der Hütte nicht. Aber draußen auf dem Hof ist ein Klohäuschen mit Plumpsklo.«

»Ein was?!?«

»Ein Klohäuschen mit Plumpsklo.«

»Ach du scheiße!«

Was für eine passende Wortwahl.

»Ach, das ist nicht so schlimm. Du mußt bloß immer daran denken, ein paar Zeitungen mitzunehmen. Und den großen Knüppel, der neben der Hüttentür steht!«

»Wofür brauche ich auf dem Klo einen großen Knüppel?«

»Naja, die Sache ist die: hier treibt sich eine ganze Horde Waschbären herum, und jetzt im Winter suchen die ganz gerne mal Schutz im Klohäuschen. Wenn du jetzt also aufs Klo mußt, stellst du dich zuerst neben das Häuschen, machst die Tür einen Spalt auf, dann schlägst du ein paarmal kräftig mit dem Knüppel gegen die Rückwand. Bei dem Lärm verschwinden die Biester, und du kannst ungestört aufs Klo gehen. Du mußt dich dann halt nur etwas beeilen, spätestens nach zehn Minuten taucht das neugierige Pack wieder auf.«

Jasmin schien hin- und hergerissen zu sein, ob sie mir das nun glauben sollte oder nicht, sagte jedoch zu dem ganzen Thema erstmal gar nichts.

In der Zwischenzeit waren wir schon bis auf etwa 200 Meter an die Hütte herangekommen.

»Siehst du, dort hinten rechts? Das ist das Klohäuschen!«

So langsam schien sie mir die Geschichte abzunehmen, der Anblick des Häuschens war wohl sehr überzeugend.

»So ein Mist, und ich muß jetzt wirklich mal dringend!«

Ich grinste innerlich, während wir uns immer mehr der Hütte näherten. Am Eingang angekommen, stand dort tatsächlich ein großer Holzknüppel. Genau dort, wo ich ihn gestern abgestellt hatte. Ich wollte mir eigentlich einen Wanderstock draus schnitzen – so aber war er in Jasmins Augen der letzte Beweis für den Wahrheitsgehalt meiner Geschichte!

Die ganze Mannschaft stand jetzt vor der Hütte, und Fabian öffnete die Tür. Jasmin schien es nun wirklich eilig zu haben, sie flitzte nach vorne und griff zu dem bereitstehenden Knüppel.

»Fabian, ist das der Knüppel, mit dem ich die Waschbären aus dem Klohäuschen vertreiben muß?«

Eins mußte ich Fabian lassen, er reagierte blitzschnell!

»Ja, das ist er. Ich nehme an, Reiko hat dir schon gesagt, was du machen mußt, oder?«

»Ja, hat er!«

Jasmin stiefelte schnellen Schrittes zum Klohäuschen, wo sie erstmal ein Ohr ans Holz legte und lauschte. Dann hob sie den Riegel der Tür an und zog sie einen Zentimeter weit auf. Vorsichtig ging sie einen Schritt um das Häuschen herum, holte mit dem Knüppel aus und trommelte wie wild auf die Holzkonstruktion!

Natürlich kam kein einziger Waschbär herausgestürmt – was Jasmin von ihrem Standort aus allerdings nicht sehen konnte.

»Ist es jetzt sicher, kann ich jetzt rein?«

Ich feixte leise vor mich hin.

»Ja, die Viecher sind abgehaun. Aber denk dran, du mußt dich etwas beeilen, mehr als zehn Minuten hast du nicht!«

Jasmin lehnte den Knüppel an die Holzwand und zog die Tür nun ganz auf.

»Ach und Jasmin?«

»Was ist denn noch, Fabian!«

»Du kannst jetzt natürlich das Plumpsklo benutzen … du könntest aber auch einfach ins Haus gehen und das Klo dort aufsuchen. Das hat eine Wasserspülung, und ganz so kalt ist es da drin auch nicht.«

Jasmin klappte der Unterkiefer herunter, während jetzt alle anderen in lautes Gelächter ausbrachen. Sogar Patrick konnte sich das Lachen nicht verkneifen!

»Ihr… Ihr… Ich hasse euch!«

Mit diesen Worten kam sie angesprintet und stürmte an uns vorbei in Richtung Hütteneingang. Fabian rief ihr noch hinterher.

»Links hinter, die Tür an der Stirnfront.«

Jasmin verschwand im Haus, und wir beruhigten uns langsam wieder.

»Reiko, du bist fies.«

»Ich weiß, Faby. Aber als sie mich fragte, ob es in der Hütte auch ein Klo gibt, hab ich mich an das Häuschen erinnert und konnte einfach nicht anders.«

Fabian kicherte leise vor sich hin, und auch Jonas schmunzelte, dann jedoch wurde er wieder ernst.

»Reiko, ich kann dich nur warnen. Dermaßen verarschen kann man meine Schwester nicht ungestraft. Die wird sich irgendwas ganz besonderes als Rache einfallen lassen, also sei auf der Hut.«

Oh. An mögliche Konsequenzen hatte ich noch gar nicht gedacht, das war schon immer eine Schwäche von mir gewesen. Aber Jasmin würde mir das sicher verzeihen und am Ende selber drüber lachen. Das würde sie doch, oder?

»Ich denke mal, wir sollten jetzt alle reingehen. Reiko, der Generator läuft zwar wegen der Zeitschaltuhr, wird sich aber in ein paar Minuten wieder ausschalten. Drück bitte einfach mal auf den Startknopf, dann wird die Abschaltung deaktiviert.«

»Mach ich, kein Problem. Und dann kümmere ich mich zuerst mal um Arko, dass der schön trocken wird.«

»Genau, und ich werde unsere Gäste ein wenig einweisen.«

Ich betrat die Hütte, gefolgt von Jonas und den Kindern, während Arko bereits durch das Gewirr von Beinen hindurch- und in die Hütte hineingewuselt war. Im Generatorraum drückte ich auf den Startknopf, dann schnappte ich mir das Hunde-Handtuch und begann damit, den Vierbeiner trockenzurubbeln, während um mich herum die ganze Meute damit beschäftigt war, sich von den Stiefeln zu befreien. Na das konnte noch ein Spaß werden, mit sovielen Leuten auf einem Haufen…

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Es fiel mir unendlich schwer, nach Reikos Klohäuschen-Verarsche wieder zum ernsthaften Tagesgeschehen überzugehen. Das hatte er sich wirklich clever ausgedacht, und anscheinend auch noch völlig überzeugend rübergebracht!

»So, Kinder, zieht euch bitte zuerst mal die Stiefel aus und stellt sie neben die Tür.«

Womit das Chaos perfekt war. Fünf Kinder bückten sich, um sich die Schuhe auszuziehen, und knallten dabei beinahe mit den Köpfen zusammen. Auch Jonas und ich stiegen aus den Stiefeln, an denen immer noch etwas Schnee haftete – die Schneeschuhe hatten wir natürlich schon vor der Hütte abgelegt. Kurz darauf standen alle außer mir in Socken in der Hütte.

»Schaut mal dort in das Schränkchen, dort sollten noch ein paar Hausschuhe zu finden sein. Probiert mal aus, wem die passen.«

Für alle würden die sicher nicht reichen, mit so einem Massenansturm hatte ja niemand rechnen können. Naja, mußten die anderen dann halt die Füße auf dem Bärenfell oder den Sitzgelegenheiten abstellen.

Ich warf einen Blick ans Zimmerthermometer: 21 Grad. Schon ganz gut, aber ich würde dann noch etwas Holz im Kamin nachlegen.

»Du, Fabian?«

»Ja?«

»Wie machen wir das mit den Klamotten? Von uns hat keiner was zum Wechseln mit, und die Schneeanzüge sind für drinnen viel zu warm. Mal ganz davon abgesehen, dass die doch etwas naß geworden sind und dringend mal zum Trocknen aufgehängt werden müßten.«

Mist, daran hatte ich gar nicht gedacht! Ich dachte, einfach umziehen und die Sache wäre erledigt, aber nur Reiko und ich konnten das ja machen, die anderen schleppten verständlicherweise nicht ihre gesamte Garderobe mit durch den Wald. Und nun?

»Ich hab keine Ahnung. Futteralien haben wir hier reichlich, Feuerholz ist genügend da, Strom können wir machen und ein paar Schlafsäcke haben wir auch noch. Aber mit Klamotten können wir leider nicht dienen.«

»Hm. Okay, dann müssen wir improvisieren. Kannst du die Temperatur hier noch etwas hochbringen? Oder hast du ein paar Decken?«

»Beides. Wieso?«

»Wir lassen alle ihre Schneeanzüge ausziehen, die haben eh alle was langes drunter. Wird halt ein richtiger Abenteuerausflug, mit Improvisation und so, wie bei den Pfadfindern.«

Das hörte sich vernünftig an, und schien außerdem eh die einzig mögliche Lösung zu sein.

»Gut, machen wir es so. Bringst du es den Kids bei? Du hast ja schließlich das Kommando bei denen.«

Jonas seufzte und drehte sich zu den Kindern um, von denen sich einige bereits in den Sesseln niedergelassen hatten.

»Leute, macht es euch mal noch nicht so gemütlich, in den dicken Klamotten könnt ihr hier nicht rumhängen. Also zieht bitte die Schneeanzüge aus.«

Verdutzt schauten die Kids ihn an.

»Aber Jonas, wir haben doch gar nichts zum Wechseln dabei!«

»Ich weiß, Ricarda, aber ihr habt doch alle was drunter.«

»Wir sollen in Unterwäsche rumlaufen?«

»Ja, Manuela, stellt euch einfach vor, es wäre so eine Art Pyjama-Party.«

Hm, Pyjamas waren ja das nächste Problem, das spätestens am Abend auf uns zukommen würde.

»Also ich weiß nicht…«

»Mein Gott, nun macht doch mal nicht so ein Drama draus! Hier ist gut geheizt, wollt ihr im eigenen Schweiß ersaufen oder wie? Also gut, dann fange ich halt an!«

Jasmin war von ihrem Kloabenteuer zurückgekehrt und hatte gleich das Kommando übernommen. Naja, die wollte ja auch Pädagogik studieren, vielleicht kam sie mit der Situation besser klar als Jonas oder ich. Sie begann, sich endgültig aus ihrem Schneeoverall herauszuschälen, das Oberteil hatte sie nach dem Toilettenbesuch sowieso gar nicht erst wieder hochgezogen. Was Reiko natürlich sofort aufgefallen war, der jetzt aus seiner hockenden Position bei Arko sehr aufmerksam zu Jasmin nach oben schaute. So ein schlimmer Finger aber auch!

Zögernd fingen die Kinder an, sich ebenfalls zu entblättern, und das sollte ich dann wohl auch langsam tun, mir wurde es allmählich ziemlich warm. Ich gab Jonas ein Zeichen, mir zu folgen, und verschwand mit ihm ins große Schlafzimmer.

»Hier haben wir genügend Platz, um uns auch auszuziehen. Du müßtest ungefähr meine Größe haben, du kannst eine Jeans von mir bekommen.«

Während ich aus meinem Overall stieg, zog auch Jonas seine Kombi aus und stand kurz darauf in knallenger Unterwäsche vor mir, unter der ein verführerisch knackiger Körper zu erkennen war. Ich mußte mich ganz schnell wegdrehen und griff in den Kleiderschrank.

»Hier, probier die mal an.«

Ich reichte ihm eine meiner mitgebrachten Hosen.

»Ich zieh mich drüben im anderen Schlafzimmer um.«

Mich noch weiter vor ihm zu entblößen traute ich mich nicht, obwohl ich nur zugern zugesehen hätte, wie er sich noch weiter auszog!

Unschlüssig nahm Jonas die Jeans entgegen, als wüßte er nicht so recht, was er damit anfangen sollte.

»Irgendein Problem? Ich denke mal, dass die dir passen sollte.«

»Ja, schon, aber…«

Ich kam nicht mehr so ganz mit.

»Was aber?«

»Naja, ich weiß nicht, ob ich das machen soll.«

»Ach, keine Bange, ich helfe dir gerne aus!«

»Das meine ich doch gar nicht.«

»Was meinst du dann?«

»Naja, wegen mir sind die Kids in dieser Lage, und ich wäre wohl ein schlechtes Vorbild, wenn ich die quasi dazu zwinge, in Unterwäsche rumzulaufen, und mich selbst aber aus der Situation herausstehle.«

Oh. Seine Schwester war wohl nicht die einzige in der Familie mit einem pädagogischen Touch.

»Tja… Also mir ist es egal, es war nur ein Angebot. Du kannst auch gerne so rumlaufen, kein Problem.«

Höchstens ein Problem für mich.

»Gut, dann mach ich das so. Ich will nicht Wasser predigen und selber Wein saufen.«

»Wie du meinst.«

Jonas gab mir die Jeans zurück und wollte das Zimmer verlassen.

»Warte noch nen Moment. Hier, die Hausschuhe kannst du haben, oder möchtest du auf die auch verzichten?«

»Aber die brauchst du doch selber.«

»Nee, ich hab hier noch so dicke ABS-Socken, die zieh ich eh lieber an als die Pantoffeln.«

Zweifelnd schaute Jonas mich an, also zeigte ich ihm, was ich meinte.

»Okay, wenn das so ist. Vielen Dank.«

»Gern geschehn.«

Mein Gast schlüpfte in die Pantoffeln und wandte sich zur Tür.

»Kommst du dann auch gleich wieder raus, Fabian?«

»In ein paar Minuten, ich will erst meinen Vater anrufen und Bescheid geben, dass wir gut und sicher hier angekommen sind. Das mache ich lieber hier in der Ruhe und nicht in dem Kindergewimmel da draußen.«

»Hehe, das kann ich verstehen. Ach ja, wo kann ich die Sachen hier zum Trocknen aufhängen?«

»Am besten im Lagerraum, da sind auch schon ein paar Wäscheleinen gespannt. Frag Reiko, der zeigt dir, wo das ist.«

»Okay, dann bis nachher. Ich nehm deinen Overall gleich mit.«

Das war wirklich nett von ihm, ich nahm nur noch schnell das Handy raus, dann setzte ich mich aufs Bett und wählte die Nummer meines Vaters, während Jonas das Zimmer verließ und die Tür hinter sich zuzog.

»Hallo Faby! Alles okay bei euch, seid ihr in der Hütte angekommen?«

»Ja, Paps, hat alles prima geklappt.«

»Na super. Habt ihr vorhin das laute Gerumpel gehört?«

Lautes Gerumpel? Also ich hatte nichts davon mitbekommen.

»Nein, was meinst du?«

»Junge, hier ist eine ganze Geröllawine niedergangen, das waren die Steine, die den Eltern und allen anderen vom Herzen gefallen sind, nachdem ihr euch das erste Mal gemeldet hattet.«

Das allerdings konnte ich mir sehr gut vorstellen. Bei den Eltern ja sowieso, aber auch bei den Suchmannschaften war die Anspannung immer besonders groß, wenn es darum ging, vermißte Kinder zu finden.

»Hält dein Handy-Akku noch durch?«

»Ja, kein Problem, außerdem habe ich ja das Ladegerät dabei.«

»Sehr schön. Wenn wir mit unserem Gespräch fertig sind, werde ich in der Steintalbaude anrufen. Dort warten die Eltern auf die Nachricht, dass ihr alle in der Hütte angekommen seid. Ich gebe denen dann deine Handynummer, dann können sie bei euch anrufen, und alle können mal mit ihren jeweiligen Kindern reden. Einverstanden?«

»Klingt vernünftig. Solange die dann nicht immer wieder hier anrufen, das gäbe das totale Chaos.«

»Stimmt, daran hatte ich gar nicht gedacht. Wir machen das anders, ich geb die Nummer einem Beamten von mir, der wählt sie von einem Apparat ohne Anzeige an, dann können die Eltern von diesem Apparat aus sprechen. Besser so?«

»Auf jeden Fall.«

»Gut, dann machen wir das so.«

»Gibt es was neues von der Wetterfront?«

»Nicht viel. Heute Nacht soll es nochmal kräftig schneien, morgen im Tagesverlauf auch noch. Wenn wir Glück haben, hört es dann morgen abend auf, und wir haben ein paar Tage Ruhe. Sobald das absehbar ist, schicken wir die schwere Technik los. Einen Weg zur Hütte freizubekommen hat jetzt die allerhöchste Priorität bekommen.«

Na das war doch was, im Normalfall wäre unsere Zufahrt zuallerletzt drangekommen.

»Prima, da will ich mal die Daumen drücken, dass das möglichst bald klappt.«

»Glaub mir, das tun wir hier alle. Die Eltern machen ganz schön Druck, die wollen ihre Kinder so schnell wie möglich wiederhaben.«

Das war durchaus verständlich. Und ich wollte auch, dass die Eltern ihre Kinder so schnell wie möglich wiederbekamen. Damit sie mir nicht die Feiertagsruhe verdarben!

»Etwas anderes, Fabian. Ich habe in der Zwischenzeit eine Möglichkeit gefunden, euch ein gewisse Menge Nachschub zukommen zu lassen.«

Oho, das waren ja interessante Neuigkeiten!

»Wie das denn, ich denke, es ist kein Durchkommen zu uns.«

»Auf normalem Wege auch nicht, aber ich hab mich dran erinnert, dass die Steintalbaude einen Motorschlitten mit einem kleinen Gepäckanhänger hat. Wenn der in spätestens einer Stunde losfährt, schafft er es noch im Hellen zu euch und wieder zurück.«

»Hört sich prima an! Aber die Kids mitnehmen geht wohl nicht?«

»Nein, das ist zu gefährlich. Wenn es Erwachsene wären, würden wir das Risiko vielleicht eingehen, aber mit Kindern verkneifen wir uns das lieber. Außerdem könnte da eh immer nur einer mitfahren.«

»Okay, wie du meinst.«

»Du müßtest mir jetzt sagen, was wir für euch mitschicken sollen, Lebensmittel und solche Sachen.«

Wir hatten ja einiges an Lebensmitteln eingelagert, aber ohne Nachschub würde das eine sehr einseitige Ernährung werden, also sollten wir diese Chance ausgiebig nutzen.

»Hast du Stift und Zettel parat, Paps?«

»Ja, kannst loslegen.«

»Wir bräuchten Brot und Brötchen für die nächsten Tage, am besten wäre vielleicht Toastbrot. Wenn möglich, sollen die noch einen zweiten Toaster dazupacken. Butter, frische Wurst und Käse wären auch nicht schlecht, ein paar Eier, Marmelade und solches Zeug.«

»Hab ich aufgeschrieben. Was noch?«

Ich überlegte kurz.

»Kaffee haben wir genug da, aber Tee, Milch und Kakaopulver für die Kids könnten mitgeschickt werden. Ach ja, und Zucker nicht vergessen.«

»Kein Problem, das haben die in der Steintalbaude garantiert alles da.«

Davon ging ich auch aus, die hatten sogar einen eigenen Bäcker und eine eigene Metzgereigaststätte im Haus.

»Fällt dir sonst noch was ein?«

Mich durchzuckte ein Geistesblitz.

»An Lebensmitteln sollte es das gewesen sein, aber sag mal, die Eltern sind doch auch alle dort im Hotel, oder?«

»Ja, wieso?«

»Dann sollen die mal die Stunde bis zur Abfahrt nutzen, und für ihre Kiddies ein paar Sachen zusammenpacken. Unterwäsche zum Wechseln, eine Hose und einen Pullover, Schlafsachen, Waschzeug und so. Wir stehen in der Beziehung hier oben völlig auf dem Schlauch.«

»Mein Gott, daran habe ich bisher überhaupt noch nicht gedacht! Junge, du bist genial, du denkst wenigstens mit!«

Naja, wirklich genial war ich wohl nicht, wären wir nicht bereits vor einer Viertelstunde über das Problem gestolpert, hätte ich wohl auch nicht daran gedacht.

»Ist auf dem Schlitten ausreichend Platz dafür?«

»Ja sicher, mit Bekleidung ist das eh nicht so problematisch, die kann man ja auch etwas zusammendrücken und knautschen.«

»Schön. Vielleicht kann der olle Ziermayer auch mal schauen, ob er ein paar Sachen von seinem Azubi und dessen Schwester findet.«

»Ich werde es ihm ausrichten. So, wenn es das war, dann stürze ich mich gleich auf die Organisation von eurer Nachschublieferung.«

»Tu das, Paps. Es fängt gerade wieder an zu schneien, je eher der Schlitten los kann, umso besser.«

»Stimmt. Wegen der Telefonate mit den Eltern sage ich einem Beamten Bescheid. Wann wäre eine gute Zeit, um mit den Anrufen zu beginnen?«

»Erst wenn der Schlitten unterwegs ist, bis dahin haben die Eltern erstmal anderes zu tun. Und wir müssen auch erstmal etwas Ruhe und Ordnung in die Situation bringen.«

»Stimmt. Also rechne mal in etwa einer Stunde damit, dass dein Handy klingelt. Häng es in der Zwischenzeit lieber ans Ladegerät, das wird wohl ein ziemlich langes Gespräch werden.«

»Mache ich. Also dann, bis demnächst.«

»Schönen Gruß von deiner Mutter soll ich noch ausrichten.«

»Schönen Gruß zurück. Tschüß.«

»Tschüß, Faby.«

Und damit endete das Gespräch. Die Ankündigung des Versorgungsschlittens hatte meine Laune deutlich angehoben. Ich hatte schon befürchtet, die nächsten Tage mit einer quengelnden Kinderbande verbringen zu müssen, die sich ständig darüber beschwerte, dass es nur Konservenfutter zu essen gab.

Ich legte das Handy zur Seite und begann damit, mich weiter umzuziehen. Doch dann dachte ich an Jonas, der aus Solidarität mit den Kids mein Jeans-Angebot ausgeschlagen hatte.

»Ach scheiße, was solls!«

Ich legte meine Hose wieder zurück in den Schrank, griff mir Handy und Ladegerät und ging zurück ins Wohnzimmer, wo meine erste Amtshandlung darin bestand, das Mobiltelefon mit dem Stromnetz zu verbinden. Dann schaute ich mich im Raum um. Außer Reiko und Patrick waren mittlerweile alle bis auf die Unterwäsche ausgezogen, und bei Reiko würde sich das wohl auch gleich ändern.

»Faby, ich geh mich jetzt ausziehen.«

»Okay. Hast du Jonas gezeigt, wo die Sachen aufgehangen werden können?«

»Ja, er weiß Bescheid.«

Reiko verschwand in die hinteren Räumlichkeiten, und während Jasmin und Jonas nun die Schneebekleidung der Kinder einsammelten, kümmerte ich mich erst einmal um den Kamin. Der konnte noch einige neue Holzscheite vertragen, also legte ich nach und stocherte mit dem Schürhaken in der Glut herum, damit es ein ordentliches Feuerchen gab.

»Patrick, ausziehen, los, das gilt auch für dich!«

»Ich hab doch meine Jacke schon ausgezogen! Die Hose kann ich ja anbehalten.«

»Mein Gott, stell dich nicht so an! Schau mal, Fabian heizt den Kamin noch weiter an, bald wirst du es in der dicken Hose gar nicht mehr aushalten!«

»Die Schwuchteln wollen mich doch nur in Unterwäsche sehn!«

Noch ein Satz und mir würde der Kragen platzen.

»Du bist ein Idiot, Patrick! Also ob die beiden irgendwas an so nem Typen wie dir finden würden! Vielleicht bin ich es ja, die dich in Unterwäsche sehen will!«

Hehe, Jasmin hatte richtig Haare auf den Zähnen. Da mußte Reiko wohl wirklich gehörig aufpassen, falls er weiterführende Pläne mit ihr hatte.

»Also los jetzt, Hose aus, sonst erledige ich das für dich. Und glaub bloß nicht, dass ich dazu nicht in der Lage wäre!«

Also ich hatte keinerlei Zweifel mehr daran, dass Jasmin das fertigbrächte. Aus den Augenwinkel sah ich, wie Patrick sich aus dem Sessel erhob und mit verkniffenem Gesichtsausdruck die Träger seiner Schneehose abstreifte. Wieder eine Schlacht gewonnen, ich konnte mich also erneut dem Kaminfeuer zuwenden.

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Während ich auf dem Weg ins Schlafzimmer war, hörte ich noch den Streit mit Patrick. Na mit dem Bürschlein würden wir wohl noch viel Freude haben!

Im Schlafgemach angekommen, zog ich den Overall herunter. Auch ich war schon kurz nach dem Betreten der Hütte aus dem Oberteil geschlüpft und hatte die Ärmel vor dem Bauch verknotet, nicht nur, weil er ziemlich warm war, sondern auch, weil er doch etwas eng war und dadurch die Beweglichkeit einschränkte. Und um Arko trockenzurubbeln mußte man schon sehr beweglich sein!

Wie ich nun also den Overall an mir herunterschob, war ich plötzlich mächtig froh, dass ich das nicht gleich mitten im Wohnzimmer vor versammelter Truppe getan hatte. Warum? Ganz einfach. Eben weil der Overall ein wenig eng war, zog ich mit ihm zusammen meine Unterwäsche mit runter und stand plötzlich untenrum total im Freien. Wenn mir das in Gegenwart von Jasmin passiert wäre, nicht auszudenken, diese Peinlichkeit! Ich sollte zukünftig vielleicht komplett auf meine Eishockey-Underalls umsteigen, da konnte das nicht passieren.

Fluchend zog ich mir die Buxn wieder hoch und stieg dann endgültig aus der vermaledeiten Schneedings. Ich überlegte kurz, ob ich mir normale Sachen anziehen sollte, aber damit wäre ich inmitten der anderen wohl genauso aufgefallen wie ein vollkommen Nackter. Also griff ich den Overall und gesellte mich wieder zur großen Meute. Noch ein kurzer Abstecher in den Lagerraum, wo ich noch ein Plätzchen für meinen Schneeanzug fand, dann war ich bereit für weitere Schandtaten. Naja. Sagt man halt so! Als ob ich jemals eine Schandtat begehen könnte. Höchstens mit Jasmin. Aber halt. Das gehört hier jetzt nicht hin!

Ich warf einen Blick in die Runde, die mittlerweile ziemlich still geworden war, sogar Patrick saß zusammengerollt in einem Sessel. Ohne Hose, wohlgemerkt. Naja, kein Wunder, die hatten bestimmt die letzte Nacht kaum ein Auge zu bekommen, die waren sicher völlig erledigt. Ich ging zu Fabian, der auf einem der Barhocker saß.

»Scheint ja langsam Ruhe und Frieden einzukehren.«

»Ich will es hoffen, Reiko.«

»Hast du deinen Vater angerufen?«

»Ja, hab ich, und du wirst nicht glauben, was er mir angekündigt hat.«

Fabian erzählte mir vom Motorschlitten-Plan, und meine Augen wurden immer größer.

»Mensch, wäre wirklich klasse, wenn das klappt!«

»Das klappt bestimmt, was er einmal versprochen hat, das hält er auch.«

Wunderbar. Ich hievte mein Hinterteil auf den Barhocker neben Fabian.

»Wie machen wir das eigentlich mit der Schlaferei? Soviele Betten haben wir gar nicht, also müssen doch sicher die Schlafsäcke ran.«

»Müssen wir uns nachher noch Gedanken machen und das mit den Kids absprechen. Im Moment bin ich froh, dass sie ein wenig zur Ruhe gekommen sind.«

»Ich hab Hunger!«

Da hatte sich Faby wohl etwas zu früh gefreut.

»Und ich will was zu trinken!«

»Faby, streiche das mit dem ‚Ruhe und Frieden eingekehrt‘.«

»Sieht so aus.«

Jasmin, die bis eben den zweiten Sessel besetzt hatte, kam zu uns herüber.

»Tut mir leid, Jungs, aber vergeßt bitte nicht: seit gestern haben wir nichts mehr zu essen gehabt, und an ‚Getränken‘ gab es nur geschmolzenen Schnee.«

Daran hatte ich gar nicht gedacht! Fabians geschocktem Gesichtsausdruck entnahm ich, dass es bei ihm genauso war. Da konnte man Christoph und Patrick wegen ihren Rufen nach Essen und Trinken nun wirklich keinen Vorwurf machen.

»Was machen wir nun, Fabian?«

»Was wir nun machen? Was zu essen machen wir nun.«

Ja klar, soweit wäre ich auch selber noch gekommen.

»Und was machen wir zu essen? Sollte ja möglichst schnell gehen, oder?«

»Schaun wir mal nach, was das Lager so zu bieten hat.«

Jasmin und ich folgten Fabian in den Lagerraum, wo wir uns die vorhandenen Konserven näher anschauten.

»Was haltet ihr von Goulaschsuppe? Dazu backen wir ein paar von den Baguetts auf.«

Ich griff mir eine der Suppendosen, sah wirklich lecker aus.

»Wieviele davon werden wir brauchen?«

»Wir sind jetzt neun Leute, normalerweise würde ich sagen, drei Dosen reichen, aber ich denke mal, ihr seid ziemlich ausgehungert, also lieber fünf. Was übrig bleibt, können wir später immer noch aufwärmen.«

»Wo liegen die Baguettes?«

»Dort drüben im Schrank.«

Ich ging zum genannten Schrank, und wirklich, darin lagen einige Packungen mit Baguettes zum Fertigbacken, jeweils zwei lange Stangen.

»Wieviel davon, Faby?«

»Drei Pakete sollten reichen, denke ich mal.«

»Okay.«

Ich nahm drei Päckchen heraus und schloß den Schrank wieder.

»Äh… Jungs?«

Jasmin hatte die ganze Zeit zugeschaut, nun hatte sie offensichtlich irgendetwas beizutragen.

»Ja?«

»Vielleicht sollten wir eine Dose Suppe und ein Paket Baguettes weniger nehmen.«

»Wieso? Ihr müßt doch bestimmt einen riesigen Hunger haben, ich denke, Faby hat recht mit der Menge.«

»Ja schon, aber wir wissen doch noch nicht, wielange wir hier festsitzen. Vielleicht sollten wir die Vorräte doch etwas mehr einteilen.«

Ah ja, daher wehte der Wind. Na klar, Jasmin wußte ja auch noch nichts von der angekündigten Motorschlitten-Lieferung, also erzählte ich ihr noch schnell davon. Im Ergebnis machte sich auf ihrem Gesicht Erleichterung breit.

»Na wenn das so ist, dann können wir wirklich soviel machen, wie Fabian vorgeschlagen hat.«

Sehr schön. Wir schnappten uns also die Dosen und die Baguettes und trugen alles in den Kochbereich.

»Ich koche, Jungs.«

Sollte mir nur recht sein, meine Kochkünste beschränkten sich darauf, dass es mir sogar gelang, klares Wasser anbrennen zu lassen.

»Da werde ich mal ein paar Getränke ranholen. Reiko, hilfst du Jasmin ein wenig?«

Diese Frage brachte Fabian mit einem leichten Augenzwinkern heraus – war er es jetzt, der mich verkuppeln wollte?

»Na sicher tu ich das.«

»Prima. Patrick? Du hattest Durst?«

»Ja klar!«

»Dann los, komm mit, die Getränkeflaschen kommen nicht von alleine angelaufen.«

Siehe da, der Durst brachte unseren bockigen Teenager dazu, endlich mal etwas ohne Murren und Meckern zu tun. Mit Patrick im Schlepptau verschwand Fabian wieder in Richtung Lagerraum.

»So, Reiko. Ich suche schonmal einen großen Topf, kannst du mir eventuell die Dosen öffnen?«

»Klar, Jasmin. Ich hab schließlich einen Hund, da hab ich viel Übung mit dem Dosenöffner.«

Jasmin lachte mich an, ein Anblick, an dem ich mich nicht sattsehen konnte.

»Na dann los, du menschlicher Dosenöffner, fang an. Jonas?«

»Ja, Schwesterlein?«

»Du könntest schonmal Teller und Besteck zusammensuchen. Ach ja, die Baguettes müssen auch ausgepackt und in die Backröhre geschoben werden.«

Damit war wohl endgültig geklärt, wer hier im Küchenbereich den Hut bzw. die Kochmütze aufhatte. Naja, war vielleicht ganz gut, wenn das jemand übernahm, der tatsächlich wußte was er da tat.

Ich machte mich also über die Dosen her, und so schnell wie ich sie öffnete, so schnell verschwand auch ihr Inhalt in einem großen Suppentopf. Jonas kramte in den Schränken herum und holte ein Sammelsurium aus Suppentellern, Schüsseln und Schalen hervor. Komischerweise waren Röckers wohl nicht darauf vorbereitet, dass in ihrer Hütte neun Leute gleichzeitig Suppe löffeln wollten – ein Versäumnis, welches sicherlich baldmöglichst behoben werden würde.

»Einige von uns werden wohl mit Kaffeelöffeln essen müssen, ich hab hier nur sechs Suppenlöffel gefunden.«

»Einen davon kannst du mir gleich geben, den brauch ich zum Umrühren.«

Jasmin schnappte ihrem Bruder einen Löffel weg, und während ich den Inhalt der letzten Dose in den Topf kippte, schaltete sie den Gasbrenner an und begann, im Topf herumzurühren.

»Jonas, hast du die Baguettes schon ausgepackt?«

»Ja, die liegen schon bereit.«

»Sehr schön. Reiko, schalte die Backröhre ein und leg die Baguettes rein.«

Mann, die hatte ja einen ganz schönen Kommandoton drauf! Da wollte ich mal lieber gehorchen.

In der Zwischenzeit waren auch Fabian und Patrick wieder zurückgekommen und hatten ein paar Flaschen alkoholfreier Getränke mitgebracht und auf der Theke abgestellt.

»Patrick, ich geb dir Gläser, du verteilst sie und gießt jedem ein was er haben will.«

»Wieso gerade ich?«

Fabian schaute entnervt auf den Möchtegern-Erwachsenen hinab.

»Weil du der älteste von euch bist und ruhig etwas Verantwortung übernehmen kannst!«

»Schon gut, schon gut…«

Patrick ergab sich in sein Schicksal und erledigte, was Fabian ihm aufgetragen hatte, während Jonas nun Geschirr und Besteck am Tisch verteilte.

»Das wird ziemlich eng, ich würde vorschlagen, dass zwei von uns hier an der Bar essen.«

Wir waren uns schnell einig, dass ich mit Jasmin die Kids am Tisch beaufsichtigen würde, während Fabian und Jonas von den hohen Barhockern aus die Gesamtsituation im Blick behalten würden. Mittlerweile zog ein himmlischer Duft durch den Raum, und ich wandte mich wieder Jasmin zu, die fleißig im Topf herumrührte.

»Sag mal, wieso rührst du das Zeug eigentlich ständig um?«

»Damit es nicht anbrennt, du Dummkopf.«

Oh. Interessant! Darauf war ich noch nicht gekommen, vielleicht hatte ich deshalb bisher immer Pech gehabt bei meinen Versuchen, mir selbst irgendwas zu kochen. Man lernt halt nie aus.

»Steh nich so rum wie ein Ölgötze, schau lieber mal, dass die Baguettes nicht verkohlen.«

»Jawohl, Frau Oberfeldköchin!«

»Du Spinner!«

Aber sie sagte es mit einem Lächeln! Ich war völlig weg. Eigentlich komisch, so kurz nach dem Desaster mit Melanie. Wobei es mit der ja schon eine ganze Weile nicht so berauschend gelaufen war.

Die Baguettes schienen mir genau richtig zu sein, also nahm ich sie aus der Backröhre heraus. Nicht ohne mir dabei gehörig die Pfoten zu verbrennen. Beim zweiten war ich dann schlau genug, es mit einem Messer auf einen Teller zu ziehen.

»Die Dinger sind fertig, wie siehts mit der Suppe aus?«

Jasmin schaute in den Topf und nickte zufrieden mit dem Kopf.

»Die ist auch soweit, wir können essen.«

Na wunderbar. Zuerst befüllten wir die Teller von Jonas und Fabian, die auch eines der Baguettes bei sich am Bartresen behielten, dann trug ich den großen, heißen Topf vorsichtig zum Eßtisch, wo bereits fünf hungrige Kindermäuler darauf warteten, gestopft zu werden.

»Setz dich, Reiko, ich gebe auf. Nicht dass das zu einem riesigen Geklecker ausartet.«

Jasmin schien ja viel Vertrauen in meine Fähigkeiten als Kellner zu haben. Naja. Auch gut. Eine Arbeit weniger. Ich holte noch schnell die Baguettes für unseren Tisch, dann ließ ich mich nieder, während Jasmin geschickt die Teller und Schüsseln mit dampfendheißer Goulaschsuppe befüllte.

»So, dann mal guten Appetit. Aber paßt auf, die Suppe ist heiß! Dass sich dann keiner beschwert, wenn er sich die Gusche verbrannt hat!«

Die Gusche verbrannt? Ach ja. Jasmin und ihr Bruder kamen ja aus Sachsen. Aber die Warnung war wohl gerechtfertigt, also pusteten wir bald alle um die Wette, und einige Minuten später war ich überrascht, was für einen kurzen Prozeß wir gemeinsam mit dem vorher so groß aussehenden Suppentopf gemacht hatten. Auch Fabian, der sich anscheinend noch Nachschlag holen wollte, schaute verdutzt in den leeren Topf.

»Schon alle? Sollen wir nochmal was machen, oder seid ihr erstmal satt?«

Genau das waren auch meine Gedanken gewesen. Zum Glück waren anscheinend alle ordentlich abgefüttert, niemand bestand darauf, noch etwas zu essen zu bekommen. Nur gut, dass wir gleich fünf Dosen gemacht hatten, mit einer weniger, wie Jasmin es vorgeschlagen hatte, wären wir nicht hingekommen. Und auch die Baguettes waren bis auf den letzten Krümel verschwunden. Nicht einmal Arko hatte irgendwas abbekommen! Aber bis zu seiner üblichen Futterzeit waren es eh noch ein paar Stunden, schließlich war es jetzt gerade mal halb drei durch.

»So, wenn wir alle gerade so schön beisammen sitzen, hab ich jetzt mal ein bißchen was zu erzählen und zu erklären…«

Na da war ich ja mal gespannt, was Fabian jetzt unters gespannt zuhörende Volk bringen wollte.

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Die Raubtierfütterung war ja ziemlich gut und gesittet abgelaufen, jetzt waren die Kids hoffentlich auch aufnahmefähig für ein paar Dinge, die ich ihnen beibringen mußte.

»Also die Sache ist die: wie ihr sicher schon mitbekommen habt, sitzen wir hier auf der Hütte erstmal fest, und das für mindestens noch zwei Tage.«

Die Mädchen schauten jetzt etwas ängstlich drein, die Jungs verbargen ihre Gefühle, was aber nicht allen hundertprozentig gelang. Naja, sie mußten aber die Wahrheit erfahren, und so schlimm war diese Wahrheit ja nun auch wieder nicht.

»Es wird etwas eng werden, für soviele Leute ist die Hütte eigentlich nicht ausgelegt, es muß also jeder etwas Rücksicht auf den anderen nehmen. Es wird auch jeder ein wenig mithelfen, und wir beginnen damit gleich nach meiner Ansprache, da werden ein paar von euch bitte beim Abräumen und Abwaschen helfen.«

Das fand ich nur fair, sie waren schließlich alle alt genug, um ein wenig zum Allgemeinwohl beizutragen. Ich erklärte, was es mit der Hütte auf sich hatte, wie Strom und Wasser funktionierten usw. usf. Es gab einige Fragen zur Toilette und zum Duschen, und ich wies ganz deutlich auf das Gebot des Warmwassersparens hin. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich beim vorerst letzten Punkt ankam.

»Nachher müssen wir noch klären, wie wir das mit der Schlaferei machen, aber das wird auch kein Problem sein. Wir haben zwei Schlafzimmer mit mehreren Betten und außerdem noch einige Schlafsäcke.«

Christoph streckte schüchtern seinen linken Arm in die Luft. Wie niedlich, er meldete sich wie in der Schule.

»Ja, Christoph?«

»Wir haben gar keine Schlafanzüge, sollen wir in der Unterwäsche schlafen?«

»Da hast du sehr gut mitgedacht! Eigentlich müßtet ihr genau das tun, aber…«

»Aber wir sollen nackt schlafen!«

Von wem konnte sowas wohl kommen? Nur von Patrick natürlich.

»Wirklich?«

»Nein, Manuela, natürlich nicht! Patrick erzählt nur mal wieder Unsinn.«

Nicht nur Manuela atmete erleichtert auf.

»Ihr müßt auch nicht in eurer Unterwäsche schlafen, ich habe nämlich noch eine positive Überraschung für euch. Nachher wird hier ein Motorschlitten auftauchen, der wird einiges an Lebensmitteln mitbringen – und für jeden von euch einige Sachen, die eure Eltern für euch zusammengepackt haben. Also Schlafsachen, Waschzeug, frische Wäsche und solche Dinge.«

Den fröhlichen Gesichtern am Tisch entnahm ich, dass mir diese Überraschung gelungen war.

»Fährt der Motorschlitten auch wieder zurück?«

»Ja, Patrick, wir laden nur schnell alles ab, dann fährt der wieder zurück zum Hotel.«

»Dann kann ich da doch bestimmt mitfahren!«

Irgendwie hatte ich das erwartet.

»Nein, kannst du nicht. Der Fahrer nimmt aus Sicherheitsgründen niemanden mit.«

»Das werden wir ja sehen!«

Ich seufzte innerlich. Was sollte man mit dem Jungen nur noch anfangen? Vorhin, beim Getränkeholen, war er ja einigermaßen manierlich gewesen, aber dabei hatte es sich wohl nur um einen Ausrutscher gehandelt.

»So, ich denke, damit wäre erstmal alles geklärt. Wenn ihr Fragen habt, dann fragt einfach, wir müssen hier gut miteinander auskommen, also keine falsche Schüchternheit, okay?«

Als Antwort bekam ich ein »Okay!« aus vier Kinderkehlen, nur Patrick saß stumm und mit zusammengekniffenen Lippen in seinem Sessel.

»Prima. Chris, Felix, ihr räumt bitte den Tisch ab. Manuela und Ricarda, ihr helft Jasmin und Reiko beim Abwasch.«

»Und was machen wir drei übrigen?«

»Wir, mein lieber Jonas, kümmern uns um das Entladen des Motorschlittens, den ich da angebrummt kommen höre.«

Tatsächlich näherte sich jetzt ein laut brummender Motor der Hütte, das konnte nur das angekündigte Schneemobil sein. Sogar um einiges früher als erwartet.

»Los, zieht euch schnell die Schneesachen und die Stiefel an, das Ding wird gleich da sein.«

Wir flitzten in den Lagerraum und stiegen wieder in unsere Sachen, die in der kurzen Zeit noch nicht wieder richtig trocken geworden waren. Als wir dann vor die Hütte traten, kam direkt davor gerade der Motorschlitten mit einem kleinen Kastenanhänger zum Stehen.

»Hallo Faby.«

»Paps!«

Was machte denn mein Vater hier? Mit dem hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet!

»Genau der, mein Junge.«

»Was machst du denn hier?«

»Naja, ich kenne mich hier von allen, die mit so einem Ding umgehen können, am besten aus. Also dachte ich mir, ich übernehme die Fahrt höchstpersönlich.«

»Ich wußte gar nicht, dass du so einen Motorschlitten fahren kannst.«

»Tja, du weißt noch längst nicht alles über deinen alten Herrn! Als ich beim Bund war, hab ich ständig solche Kisten gefahren, und das verlernt man nie wieder. So, nun stell mir mal schnell noch die beiden Jungs vor, und dann machen wir, dass wir alles möglichst flott in die Hütte bringen!«

Ich war immer noch leicht verdattert, machte aber meinen Vater mit Jonas und Patrick bekannt, wobei ich bemerkte, dass Jonas etwas geknickt auf das offensichtlich sehr gute Verhältnis zwischen mir und meinem Vater reagierte. In Anbetracht seiner eigenen Geschichte leider nur zu gut verständlich.

»Na dann faßt mal mit an, Jungs! Patrick, du kannst ja mal diesen großen Sack hier nehmen, da sind lauter Klamotten drin, der ist also nicht sonderlich schwer.«

Ah, es hatte also geklappt mit den elterlichen Notpaketen. Sehr schön.

»Jonas, Fabian, im Anhänger sind mehrere Körbe mit Lebensmitteln. Die sind verdammt schwer, tragt die am besten immer zu zweit!«

Die mußten ja wirklich sehr schwer sein, wenn Paps uns nicht zutraute, sie alleine zu tragen. Und tatsächlich, ich versuchte, einen aus dem Hänger zu heben, aber Pustekuchen, ich bekam ihn nicht über die Bordwand drüber.

»Nu warte doch mal, du hast doch deinen Vater gehört, wir sollen die zusammen tragen!«

»Schon gut, schon gut. Also los, faß mit an.«

Gemeinsam schaften wir es, den Korb aus dem Hänger zu bekommen, und mit immer länger werdenden Armen trugen wir ihn in die Hütte hinein. Dort war auch mein Vater schon eingetroffen und nahm erstmal die Lage in Augenschein.

»Ah, wie ich sehe, habt ihr wohl gerade gegessen!«

»Ja, Paps, unsere Verirrten waren völlig ausgehungert.«

»Das glaub ich dir aufs Wort, Faby.«

»Das sind übrigens Jasmin, Manuela, Ricarda, Christoph und Felix. Reiko kennst du ja eh.«

»Allerdings. Hallo Reiko, lange nicht gesehn.«

»Stimmt, Herr Röcker. Aber ich freu mich sehr, Sie gerade jetzt und hier zu sehen.«

»Ach was, du freust dich nur, das zu sehen, was ich euch mitgebracht habe!«

Sowohl Reiko als auch mein Vater lachten, naja, die beiden hatten sich schon immer sehr gut verstanden.

»Über deinen Stunt mit dem Auto reden wir irgendwann nach Weihnachten mal, wenn alles wieder in geordneten Bahnen verläuft.«

Jetzt schaute Reiko zerknirscht drein.

»Okay, Herr Röcker.«

»So, wie schauts denn aus, habt ihr alles entladen?«

Jonas und ich hatten noch zwei weitere, mindestens genauso schwere Körbe reingeschleppt, während Patrick noch einen zweiten Kleidersack in die Hütte gebracht hatte und nun noch mit einem größeren Karton ankam.

»Vorsicht mit dem Ding, Patrick, der Inhalt ist zerbrechlich!«

»Sind da die Eier drin, Paps?«

»Nein, mein Junge, was viel Besseres!«

Na nun war ich aber wirklich gespannt. Mein Vater nahm Patrick den Karton ab, stellte ihn auf den mittlerweile freigeräumten Tisch, öffnete ihn, und holte einen … Fernseher heraus! Also jetzt kein riesiges Röhrendings, sondern so einen ganz flachen LCD-Fernseher mit einer 50er Bilddiagonale.

»Wow, Paps, wo hast du das Ding denn her?«

»Das ist eine edle Spende von Herrn Ziermayer, den plagt ein wenig das schlechte Gewissen, weil er Jonas so einfach mit den Kids losgeschickt hat.«

Das mußte wirklich ein sehr schlechtes Gewissen sein.

»Haben wir hier draußen überhaupt Empfang? Und hier gibt es doch gar keine Antenne.«

»Eine Antenne ist auch dabei.«

Mein Vater holte eine kleine Zimmerantenne heraus.

»Na mit dem kleinen Ding werden wir höchstens ARD und ZDF bekommen. Prima, dann können wir Weihnachten den Musikantenstadl schauen.«

Patrick. Wie üblich.

»Nicht so zynisch, junger Mann. Ihr werdet jede Menge Sender empfangen, wir sind hier im DVB-T-Ausbaugebiet.«

»DVB-T?«

Ha, Schlaukopf, erwischt!

»Ja, digitales Überall-Fernsehen. Mit der kleinen Antenne bekommt ihr über 20 Sender. Und durch die LCD-Technik verbraucht der Fernseher auch nicht sonderlich viel Strom.«

Das war allerdings auch wichtig, da mußten wir schon ein wenig aufpassen. Die Elektro-Heizung und Mikrowelle brachten bei gleichzeitigem Betrieb unser Stromnetz schon bis an die Grenze des Möglichen.

»Ich soll euch allen übrigens noch schöne Grüße von euren Eltern ausrichten. Aber die müßten ja eh mittlerweile angerufen haben, oder?«

Scheiße! Mir fiel es wie Schuppen aus den Haaren.

»Mist!«

»Was ist, Faby?«

»Ich hab das Handy vorhin ausgeschaltet und ans Ladegerät gehangen – und vergessen, es wieder einzuschalten.«

»Irgendwann vergißt du nochmal deinen eigenen Kopf. Aber naja, nicht so wild.«

Mein Vater griff in seine Jacke und brachte ein Funkgerät zum Vorschein, welches er jetzt einschaltete.

»Wolf Eins-Neun für Wolf Eins Karat, kommen!«

»Wolf Eins-Neun hört. Bist du gut angekommen, Chef?«

»Ja, bin ich. Hör mal, das Handy von meinem Jungen war ausgeschaltet.«

»Ah… Und wir hatten uns schon gewundert, dass wir einfach nicht durchkamen.«

»Ist halt passiert, nicht so schlimm. Er wird es jetzt gleich einschalten, warte noch fünf Minuten, dann rufst du hier an.«

»Mach ich, Chef.«

»Gut, ich mach mich jetzt auch gleich wieder auf den Rückweg. Wolf Eins Karat, Ende.«

»Empfangen, Ende.«

»Du hast es gehört, Faby. Schalte das Handy jetzt lieber ein, bevor die Eltern sich irgendwo eine Flotte Motorschlitten besorgen und dich persönlich heimsuchen.«

Also darauf konnte ich nun wirklich verzichten! Ich ging rüber zum Schrank, auf dem ich das Mobiltelefon abgelegt hatte, zog den Stecker vom Ladegerät raus und schaltete das Handy ein.

»Ich verschwinde wieder. Hört mal alle gut zu. Ihr seid hier jetzt gut und sicher untergebracht, verhungern müßt ihr auch nicht, euch kann hier gar nichts passieren. Versucht, das beste aus den nächsten Tagen zu machen, ist doch sicher auch mal ganz nett, so ganz ohne Eltern, oder?«

Besonders die beiden mittleren Jungs grinsten meinen Vater an.

»Na also. Sobald das möglich ist, schicken wir schwere Räumtechnik los, die euch hier ausbuddelt. Das wird noch ein paar Tage dauern, aber das haltet ihr schon durch.«

Körperlich bestimmt. Aber ob das auch meine Nerven durchhalten würden, stand auf einem ganz anderen Blatt.

Bevor mein Vater nun die Hütte verließ, kam er noch einmal zu mir, umarmte mich und flüsterte mir etwas ins Ohr.

»Du machst das ganz prima, Großer, ich bin mächtig stolz auf dich.«

Mit diesen Worten ließ er mich los, winkte noch einmal in die Runde und verschwand nach draußen. Während ich nun das übliche »Sie-hatten-einen-Anruf-hatten-aber-keine-Lust-ranzugehen-Gedudel« des Handys entgegennahm, sah ich noch aus den Augenwinkeln, wie eine Gestalt meinem Vater nach draußen folgte…

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Na das war ja mal eine Überraschung, Fabians Vater höchstpersönlich hatte den reitenden Boten gespielt! Und er hatte wirklich einiges angeschleppt, die Körbe waren knackevoll mit lauter feinen Sachen zum Futtern, sogar an Süßkram für die Kids hatte man nicht gespart.

»Reiko, könntest du mit Jasmin die Fressalien verstauen und die Kleiderpakete an die Kinder verteilen?«

Ich schaute zu Fabian, der mit dem Handy in der Hand in der Gegend herumstand.

»Kein Problem, und was machst du?«

»Ich werde mit Jonas die restlichen Betten beziehen.«

Soso. Mit Jonas. Alleine im Schlafzimmer. Überhaupt nicht verdächtig!

»Wie du meinst. Was ist mit dem Handy? Das wird doch jetzt gleich klingeln?«

»Da kümmere ich mich drum.«

Die angehende Pädagogin hatte gesprochen, hugh! Jasmin knöpfte Fabian das Handy ab und legte es auf die Theke, und während nun die beiden Bettenbezieher in die hinteren Räume verschwanden, verstauten wir die angelieferten Lebensmittel in den Küchenschränken sowie im Lagerraum. Also entweder hatte Fabian ganz genau gewußt, was er bestellen mußte, oder die Lieferanten hatten ganz genau gewußt, was wir hier brauchen würden. Ich freute mich besonders über die frischen Lebensmittel, ohne die wären wir zwar nicht verhungert, aber der Speiseplan wäre wohl doch sehr eintönig ausgefallen.

Bald waren die Körbe leer, nur eine Kiste mit Milchkartons mußte noch verstaut werden.

»Reiko, schaffst du die Milch alleine in den Lagerraum? Dann kümmere ich mich drum, dass die Kids alle die richtigen Kleiderbeutel bekommen.«

Das hatte man nun davon, ein Kerl zu sein, immer blieben die schweren Schleppereien an einem hängen. Aber gut, als wahrer Gentleman hätte ich das sowieso übernommen.

Ich trug also die Milch nach hinten, und als ich wieder im Wohnzimmer ankam, stöberten Jasmin und die Kids bereits in den beiden großen Plastesäcken, in denen sich kleinere Tüten mit Klamotten verbargen. Zum Glück waren überall Namensschildchen dran, sodass die Verteilung schnell und problemlos ablief. Eines fiel mir allerdings auf.

»Sag mal, Jasmin, wo ist eigentlich Patrick?«

In diesem Augenblick sprang draußen der Motor des Schneemobils an, und kurz darauf entfernte sich das Geräusch ziemlich schnell von der Hütte.

»Der ist mit Fabians Vater raus, ich glaube, der wollte ihn überreden, ihn doch auf dem Schlitten mitzunehmen.«

Ob ihm das wohl gelungen war? Konnte ich mir nicht so recht vorstellen. Ich ging zum Fenster und schaute hinaus, und da stand Patrick wie ein Häuflein Elend im Schnee.

»Er hat ihn nicht mitgenommen, Jasmin.«

»Hätte mich auch gewundert.«

»Soll ich ihn reinholen? Nicht dass er da draußen noch festfriert.«

»Nee, laß ihn mal, vielleicht kühlt er sich da ein bißchen ab.«

Also in dieser Beziehung gab ich mich lieber keinen falschen Hoffnungen hin, aber naja, solange er dort draußen war, konnte er hier drinnen keine schlechte Stimmung verbreiten. Das war ja auch schon was wert.

In diesem Moment klingelte das Handy, das war dann wohl der lang erwartete Anruf der Eltern unserer Schützlinge. Jasmin nahm ihn entgegen, und ich vergatterte schnell die Kiddies.

»Hört zu, ihr könnt jetzt alle mal mit euren Eltern sprechen.«

»Ich zuerst!«

Kinder!

»Manuela, die Reihenfolge richtet sich danach, wie die das im Hotel ausgemacht haben, also bitte keinen Streit darum, wer zuerst drankommt. Jeder ist mal dran, jetzt habt ihr solange gewartet, auf ein paar Minuten kommt es doch jetzt auch nicht mehr an, oder?«

Das schienen sie zu kapieren, jedenfalls nickten sie alle zustimmend.

»Ricarda? Komm, du bist die erste, deine Mutti ist dran.«

»Juchu!«

Ricarda sprang auf, nahm von Jasmin das Handy entgegen und verdrückte sich damit in den Sessel in der hintersten Zimmerecke. Jasmin kam zu mir herüber.

»Ich hab mit dem Polizisten ausgemacht, dass niemand länger als fünf Minuten reden sollte, sonst wird das hier ja eine abendfüllende Veranstaltung.«

»Gute Idee. Dann lieber morgen abend wieder so ein Sammelanruf, das ist sicher besser als stundenlange Telefonate.«

Während Ricarda mit ihren Eltern sprach, kümmerte ich mich mit Jasmin nun wieder um den Abwasch. Eigentlich sollten ja ein paar der Kids abtrocknen, aber die waren momentan etwas zu aufgedreht und dachten nur noch daran, dass sie mit ihren Eltern würden sprechen können. Naja. Soviel Geschirr war es ja zum Glück nicht.

Als zweite war Manuela dran, die nun Ricarda am Handy ablöste. Am Ende dieser fünf Minuten tauchte endlich auch Patrick wieder in der Hütte auf, genau im richtigen Moment, denn als sie ihn bemerkte, rief ihn Manuela heran.

»Patrick, du bist dran, deine Eltern sind am Telefon!«

Mit hängenden Schultern stapfte er zu ihr und griff sich das Handy.

»Ja?«

Das klang ja nicht sehr begeistert. Er lauschte eine Weile, dann nutzte er die erste Redepause seiner Eltern, um selbst wieder zu Wort zu kommen.

»Ja, mir geht es gut. Tschüß!«

Mit diesen Worten drückte er mir das Mobiltelefon in die Hand, aus dem das verdutzte Geplapper einer Frau zu hören war. Jasmin starrte ihn wütend an.

»Also gut, wenn du nicht mehr mit deinen Eltern reden willst, dann kannst du dir ja auch ganz schnell wieder die warmen Sachen ausziehen!«

»Jaja, schon gut!«

»Nicht schon gut! Sofort, aber ein bißchen dalli! Mir reichts langsam mit dir!«

Patrick schien noch was sagen zu wollen, verkniff es sich dann aber.

»Dort in dem blauen Beutel sind übrigens die Sachen, die dir deine Eltern mitgeschickt haben. Wenigstens dafür hättest du dich bedanken können!«

Patrick griff sich den Beutel und machte sich aus dem Staub, noch mehr wollte er Jasmin wohl nicht reizen.

»Ich zieh mich im Bad um.«

Weg war er, und ich beschloß, dass wenigstens ich mal schnell mit seinen Eltern reden sollte.

»Hallo? Ist noch jemand von Patricks Eltern dran?«

»Ja, ich bin Herr Bolke, Patricks Vater.«

»Prima. Reiko Heilmann am Apparat. Es tut mir leid, aber es sieht so aus, als ob Ihr Sohn nicht in der Stimmung wäre, groß mit Ihnen zu sprechen. Oder überhaupt groß mit irgendwem zu sprechen.«

Ich hörte einen tiefen Seufzer.

»Ja, wir haben es mitbekommen. Was ist nur mit dem Jungen los, früher war der nie so! Er war immer lieb und nett, aber seit zwei Monaten rebelliert er regelrecht.«

Patrick lieb und nett? Konnte ich mir momentan nun wirklich nicht vorstellen.

»Wir wissen einfach nicht mehr weiter mit ihm.«

Na ganz wunderbar. Bei denen zuhause ging irgendwas schief, und wir mußten es hier jetzt ausbaden.

»Wir können nur hoffen, dass er Ihnen nicht zu große Schwierigkeiten in den nächsten Tagen bereitet.«

Das würde sich zeigen, aber ich hatte mir bereits vorgenommen, mal ein sehr ernstes Wörtchen mit ihm zu reden, falls es zu sehr ausarten würde.

»Wir werden sehen, er wird sich hier auf jeden Fall ein wenig zusammenreißen müssen.«

Wieder war ein tiefer Seufzer durchs Telefon zu hören.

»Das wissen wir. Wir möchten Sie bloß darum bitten, dass Sie trotzdem gut auf ihn aufpassen. Ich kann nur noch einmal sagen: das ist nicht der normale, nicht der wirkliche Patrick, den Sie da sehen.«

»Na schaun wir mal…«

»Gut, dann wollen wir nicht länger die anderen Eltern vom Telefon fernhalten. Wir haben die Reihenfolge vorhin ausgelost, als nächstes sind die Eltern von Felix Schön dran.«

»Alles klar, dann gebe ich das Handy jetzt weiter. Schönen Tag noch.«

»Gleichfalls. Tschüß.«

Ich hörte, wie das Handy weitergereicht wurde, also sollte ich das jetzt wohl auch tun.

»Felix? Du bist dran!«

»Jippie!«

Der kleine Rotkopf kam angeflitzt und riß mir regelrecht das Handy aus der Hand. Bei dem brauchte ich wohl nicht zu befürchten, dass er seine Eltern mit einem einzigen Satz abfrühstückte, ich konnte mich also wieder anderen Dingen zuwenden. Aus dem hinteren Bereich der Hütte kamen gerade Fabian und Jonas, die ihre Schneeanzüge in den Händen hielten, um sie wieder in den Lagerraum zum Trocknen zu bringen.

»Sag mal, was ist denn nun schon wieder in Patrick gefahren? Der ist wortlos an uns vorbeigestürzt und hat sich im Bad eingeschlossen!«

»Faby, der wollte deinen Vater bequatschen, dass der ihn auf dem Motorschlitten mit runternimmt.«

»Wieso nur habe ich das komische Gefühl, dass ihm das nicht gelungen ist?«

Ich mußte lachen, obwohl die ganze Patrick-Geschichte ja nicht unbedingt lustig war.

»Hehe, wie hast du das nur rausbekommen!«

»Tja, Tom ist und bleibt wohl der einzige, der meinen Vater dermaßen um den Finger wickeln kann, dass er ihm jeden Wunsch erfüllt.«

Oh ja, das kannte ich noch von früher! Also es war nicht so, dass Herr Röcker seinen jüngeren Sohn total bevorzugte, aber als Nesthäkchen hatte er doch immer ein winziges Stück mehr Freiraum gehabt als sein großer Bruder. Fabian mußte immer ein wenig mehr Verantwortung übernehmen, ein wenig mehr das Vorbild spielen.

Fabian schaute sich im Wohnzimmer um.

»Wie ich sehe, habt ihr ziemlich viel geschafft, prima.«

Hatten wir wirklich, das Geschirr war mittlerweile komplett abgewaschen und wieder verstaut, die Vorräte waren ebenfalls gut eingelagert, die Kids hatten ihre Klamottenpakete in Empfang genommen und waren in die elterliche Telefonkonferenzschaltung eingebunden.

»Ja, wir waren sehr fleißig.«

Jasmin lächelte ihren Bruder und meinen besten Freund frech an.

»Ich hoffe bloß, ihr wart das im Schlafzimmer auch! Da gibt es ja einige Dinge, die einen ziemlich von der Arbeit ablenken können…«

Zu behaupten, dass die Köpfe von Fabian und Jonas nun die Farbe reifer Tomaten annahmen, wäre glatt als Untertreibung des Jahres durchgegangen!

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Also wirklich, dieser herausfordernde Blick von Reiko, als ich ankündigte, mit Jonas zusammen die Betten beziehen zu gehen! Was der sich wohl schon wieder vorstellte…

Wir gingen zuerst ins große Schlafzimmer, schließlich befand sich dort auch der Schrank mit der ganzen Bettwäsche.

»Jonas, ich hoffe es stört dich nicht, dass Reiko und ich dich und deine Schwester so mit Arbeit überhäufen.«

Der Hotelazubi lächelte mich an.

»Nee, das ist schon richtig so. Wenn wir uns nicht verlaufen hätten, dann hättet ihr hier gemütliche Tage und nicht solchen Streß wie jetzt. Da ist es doch logisch, dass wir soviel wie möglich helfen.«

So konnte man das auch sehen.

»Also dann wollen wir mal, erstmal beziehen wir noch die beiden Betten hier, dann gehen wir rüber ins andere Schlafzimmer.«

»Okay, aber vorher sollten wir lieber die warmen Klamotten wieder ausziehen.«

Stimmt. Die Stiefel hatten wir beim Betreten der Hütte schon wieder abgelegt, aber noch trug Jonas eine dick gefütterte Latzhose sowie die passende Jacke und ich meinen genauso warmen Overall. Wir befreiten uns also wieder von diesen in der Hütte nun wirklich völlig überflüssigen Klamotten, und dabei fiel mir erneut auf, was für ein knackiger, durchtrainierter Körper sich unter der hautengen Funktionswäsche von Jonas verbarg.

»Sag mal, Jonas…«

»Ja?«

»Machst du irgendwelchen Sport?«

»Ja, ich spiele Tennis und Squash. Wieso fragst du?«

»Weil man es dir ansieht…«

Ohoh, hoffentlich war das jetzt nicht zu direkt gewesen.

»Tut man das?«

Jonas begutachtete sich in dem großen Spiegel, der an einer der Schranktüren angebracht war.

»Ja, das kann man deutlich erkennen. Du hast einen Superkörper!«

Könnte mir bitte mal wer nen Knoten in die Zunge machen?

Aber Jonas schien sich über das Kompliment zu freuen, er drehte sich zu mir um und lächelte mich an.

»Naja, Faby, du brauchst dich in der Beziehung aber auch nicht zu verstecken!«

Da war ich allerdings ganz anderer Meinung.

»Ach quatsch, gegen dich bin ich gar nichts, ein totaler Schlappschwanz.«

»Blödsinn! Komm her!«

Jonas zog mich zu sich heran, stellte sich hinter mich und drehte mich zum Spiegel.

»Los, sieh dich an.«

Ich drehte den Kopf lieber weg.

»Du sollst in den Spiegel gucken, Dummkopf!«

Jonas drehte mir den Kopf in die gewünschte Richtung.

»Und, was siehst du?«

Tja, was sah ich? Einen absoluten Durchschnittstypen. Eher noch etwas dünner als der Durchschnitt, wenn man genauer hinschaute, konnte man sogar meine Rippen sehen. Alles in allem nun wirklich kein Modelmaterial.

»Ich sehe einen Supertypen, der versucht, sich hinter einem dürren Gerippe zu verstecken.«

»Faby, du bist ein Blödmann. Ich find dich niedlich! Okay, ein paar Kilo mehr auf den Rippen könntest du vertragen, aber wenn du mich ab und an mal in der Steintalbaude besuchen kommst, dann sorge ich schon dafür, dass der Koch dich ein wenig mästet.«

Ich lehnte mich, von Jonas‘ kräftigen Armen gehalten, in ihn zurück.

»Du möchtest, dass ich dich auf Arbeit besuchen komme?«

Das wäre zu schön, um wahr zu sein.

»Ja, Faby, das würde mich sehr freuen.«

Seine Hände streichelten sanft über meinen Brustkorb, es war einfach wunderbar…

»Ich mag dich nämlich wirklich, Faby…«

Es wurde immer besser!

»Und jetzt…«

Ja? Was jetzt?

»… jetzt sollten wir wohl mal anfangen, die Betten zu beziehen!«

Mit diesen Worten griff er mich, hob mich hoch und warf mich auf das Doppelbett. Womit wohl endgültig bewiesen wäre, dass Jonas stark und ich ein Leichtgewicht war.

»Spielverderber!«

»Hehe, denk dran, erst die Arbeit, dann das Vergnügen!«

Auf das Vergnügen war ich nun wirklich mal gespannt, auch wenn ich wohl noch ein Weilchen darauf würde warten müssen.

»Wie sollen wir das Bett hier beziehen, wenn du mich da drauf schmeißt?«

»Notfalls kippe ich dich mitsamt der Matratze halt wieder raus.«

Oh, also dieses Risiko wollte ich nun nicht unbedingt eingehen, also erhob ich mich schnell wieder aus dem Bett und ging zum Schrank mit der Bettwäsche, wo ich vier komplette Sätze Laken, Kissen- und Bettbezüge herausholte.

»Na dann los, oller Antreiber, packen wirs an.«

Zu zweit ging das Bettenbeziehen wieder recht flott von der Hand, sodass wir nach wenigen Minuten schon rüber ins andere Schlafzimmer gehen konnten, wo wir auch wieder kurzen Prozeß mit dem dortigen Doppelbett machten.

»Sag mal, Faby, wie machen wir das nun mit der Schlaferei? Wen willst du wo unterbringen?«

Dich hier mit mir im Doppelbett, alles andere ergibt sich schon von ganz alleine…

Das sagte ich natürlich nicht laut! Schon irgendwie seltsam, ich war sonst nie sonderlich zurückhaltend gegenüber süßen Jungs, aber jetzt, wo ich zum ersten Mal einen vor mir hatte, von dem ich wußte, dass er auch schwul war und anscheinend zumindest ein klein wenig für mich empfand, da waren plötzlich all meine Flirtkünste und all mein Mut verflogen.

»Ich weiß noch nicht genau, ein paar von den Kids werden auf jeden Fall in Schlafsäcken schlafen müssen. Vielleicht im großen Schlafzimmer oder auch im Wohnzimmer. Müssen wir nachher mal noch gemeinsam absprechen.«

»Okay.«

Schweigend taten wir die letzten Handgriffe, dann war auch das zweite Schlafzimmer hergerichtet, und wir gingen zurück ins große, um noch unsere Schneeanzüge zu holen. Als wir drüben waren, schloß Jonas allerdings noch einmal die Tür.

»Du, Fabian?«

Nanu, was schaute er denn plötzlich so ernst?

»Ja?«

»Ich hoffe, ich war vorhin nicht zu direkt…«

»Was meinst du?«

»Naja… Es ist so… Gleich als ich dich heute früh das erste Mal vor dem Holzfällerwagen gesehen habe, hab ich mich ein wenig in dich verguckt. Und dann, als du mir gesagt hast, dass du auch schwul bist, hätte ich am liebsten einen Freudentanz aufgeführt.«

Diese Sätze hätten auch von mir sein können.

»Und… Naja… Faby, ich mag dich. Sehr sogar. Ich weiß, das geht alles verdammt schnell, aber ich kann doch nichts für meine Gefühle! Ich würde dich gerne näher kennenlernen, dein Freund werden, und dann vielleicht auch noch ein wenig mehr als dein Freund. Verstehst du?«

Was gab es daran nicht zu verstehen.

»Aber ich weiß halt noch so wenig über dich, ich weiß ja nicht einmal, ob du nicht vielleicht schon einen Freund hast! Dann wären meine Annäherungsversuche ja völlig daneben.«

Oh, also in der Beziehung sollte ich ihn wohl ganz schnell beruhigen! Nicht, dass er am Ende noch aufhörte mit seinen Annäherungsversuchen! Das mußte ich unbedingt verhindern.

»Jonas? Schau mich bitte mal an.«

Seine ganze Rede hatte er mit zum Boden gesenktem Blick vorgetragen, jetzt hob er zaghaft wieder den Kopf und sah mir in die Augen.

»Jonas, ich mag dich auch. Ich fand dich auch vom ersten Moment an irgendwie niedlich, anziehend, süß.«

Ein hoffnungsvolles Lächeln spielte auf Jonas‘ Lippen.

»Du brauchst dir auch keine Sorgen zu machen, ich habe keinen Freund, der jetzt irgendwo drauf wartet, dass ich zu ihm komme.«

Jonas entspannte sich immer mehr, und dadurch wurde sein Gesicht noch schnuckliger.

»Was ich sagen will ist, ich würde dich auch gerne näher kennenlernen, dein Freund werden, und dann vielleicht auch noch ein wenig mehr als dein Freund.«

»Ehrlich?«

»Ganz ehrlich. Und noch was.«

»Ja?«

»Untersteh dich!«

Völlig verwundert schaute Jonas mich an.

»Häh?«

»Untersteh dich, mit den Annäherungsversuchen aufzuhören!«

Verstehen machte sich in seinem Gesicht breit.

»Hehe! Gut! Ich wollte bloß nicht, dass du dich irgendwie dadurch bedrängt fühlst. Wenn das nicht so ist, dann kann ich ja weitermachen.«

Jonas grinste verschmitzt.

»Ich bitte doch sehr darum. Ich glaub nämlich, dass ich selbst ein wenig zu feige dafür bin.«

Wenn Reiko mich jetzt sehen könnte! Mich, den großen Flirter, dass ich nicht lache!

»Okay, ich verspreche es dir, ich werde nicht damit aufhören!«

Das wollte ich ihm auch geraten haben.

»Aber jetzt sollten wir wohl langsam zurück zu den anderen gehen, oder?«

Da mußte ich ihm leider zustimmen.

»Hast recht. Dann mal los.«

Wir griffen uns unsere Schneeanzüge und verließen das Schlafzimmer. Noch in der Tür blieb Jonas kurz stehen, sodass ich auf ihn auflief.

»Was ist?«

»Ich hätte beinahe was vergessen!«

»Was denn?«

»Das hier.«

Im nächsten Moment spürte ich seine Lippen auf meiner linken Wange, aber nur für einen kurzen, flüchtigen Augenblick, dann ging Jonas weiter als wäre nichts geschehn, während ich vor Glück beinahe einen Luftsprung machte! Ich brauchte eine Sekunde, um mich wieder zu fangen, dann folgte ich ihm aus dem Schlafzimmer heraus.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer kam uns Patrick entgegengestürmt, drängelte sich ohne ein Wort an uns vorbei und verschwand im Badezimmer. Kurz darauf hörten wir, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte.

»Also wenn du mich fragst, Jonas, hat der Knabe irgendein größeres Problem.«

»Sieht ganz so aus. Aber solange er immer nur schweigt oder meckert, werden wir da nicht dahinter kommen.«

Ich zuckte mit den Schultern. Ließ sich wohl vorerst nicht ändern. Wir gingen weiter ins Wohnzimmer, wo Felix gerade am Handy hing. Ich fragte Reiko, was mal wieder in Patrick gefahren war, und bekam die Erklärung. Tja, das hätte ich ihm vorher sagen können, dass er bei meinem Vater keinen Erfolg mit seiner Bettelei haben würde.

Anschließend äußerte ich mich lobend darüber, dass so viel Arbeit erledigt worden war, und Jasmin bestätigte, dass sie alle fleißig gewesen waren. Dann allerdings schoß sie eine Bemerkung ab, auf die ich nicht im geringsten gefaßt war.

»Ich hoffe bloß, ihr wart das im Schlafzimmer auch! Da gibt es ja einige Dinge, die einen ziemlich von der Arbeit ablenken können…«

Aus den Augenwinkel sah ich, dass auch Jonas das Kinn runterklappte. Mein Gott, sie konnte doch nicht wissen, was in der Zwischenzeit zwischen uns abgelaufen war! Oder etwa doch?

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Ich brauchte nur einen einzigen Blick auf das Pärchen mit den knallroten Köpfen vor mir zu werfen, um zu wissen, dass da mehr gelaufen war als bloßes Bettenbeziehen. Hatte ich es doch geahnt, Fabian der olle Charmeur konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich an Jonas ranzumachen.

Die beiden Ertappten gaben keinen Kommentar ab sondern verzogen sich ganz schnell in den Lagerraum, um dort ihre Schneeanzüge aufzuhängen. Als sie wieder zurückkamen, wechselte das Handy gerade zu Christoph, der nun als letzter mit seinen Eltern sprach. Jonas und Fabian setzten sich an die Bar, während ich zum Zweisitzer ging, in welchem sich bereits Jasmin niedergelasssen hatte.

»Ist hier noch frei?«

»Nur zu, setz dich.«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Manuela und Ricarda saßen auf der großen Couch, und Felix hatte einen der Sessel in Beschlag genommen. Alle sahen ziemlich müde aus.

»Die Kids sind alle ziemlich erledigt, oder, Jasmin?«

»Logisch. Bin ich auch. Sogar dein süßer Hund scheint völlig fertig zu sein.«

Das hatte ich auch schon gemerkt, Arko lag zusammengerollt vorm Kamin und hatte sich schon eine Ewigkeit nicht mehr von der Stelle gerührt. Das Rumtollen im Schnee und das Spielen mit den Kindern hatten ihn anscheinend zur totalen Erschöpfung getrieben.

»Stimmt. Das ist gar nicht mal so schlecht, da hat man auch mal seine Ruhe vor ihm.«

Arko wollte ansonsten eigentlich immer irgendwie beschäftigt werden.

In der Hütte kehrte Ruhe ein, außer Christoph am Telefon sprach keiner, alle dösten vor sich hin. Ich erschrak regelrecht ein wenig, als der Junge das Telefon zu Fabian brachte.

»Hier, vielen Dank, dass wir das Handy benutzen durften.«

»Kein Problem, Chris. Ist das Gespräch beendet oder ist noch jemand dran?«

»Die haben aufgelegt, aber gesagt, dass wir das Gerät eingeschaltet lassen sollen.«

»Okay, dann lassen wir es halt an.«

Ich ging davon aus, dass im Laufe des Tages auch meine Eltern nochmal anrufen würden. Christoph kam herüber und setzte sich in den zweiten Sessel.

»Eh, das ist mein Platz, raus da!«

Ich brauchte eigentlich gar nicht erst aufzuschauen um zu sehen, wer sich da wieder die Ehre gab. Christoph hatte wohl keine Lust auf Streit, er stand auf und setzte sich zu den Mädels auf die Couch, woraufhin sich Patrick in den freigewordenen Sessel warf.

»Mein Gott, Patrick, du tust wohl wirklich alles, um dich lächerlich zu machen!«

Nanu, was meinte Jasmin nun damit wieder? Ich schaute nun doch zu unserem Problemteenager und erkannte sofort, worauf Jasmin hinauswollte. Der Junge saß da in T-Shirt und Jeans! Er hatte sich tatsächlich komplett umgezogen und war nun der einzige auf der Hütte, der in normaler Oberbekleidung dasaß. Aber irgendwie hatte ich überhaupt keine Lust, mich jetzt noch damit zu befassen. Außerdem setzte Fabian zum Reden an.

»Da wir jetzt wieder alle zusammen sind und das Thema Telefon erstmal abgehakt ist, sollten wir uns mal über die Schlafordnung unterhalten.«

Gute Idee. Ich hätte gerne das kleine Schlafzimmer mit dem Doppelbett, für Jasmin und mich!

»Die Sache ist die: wir sind neun Leute, haben aber nur sechs Betten zur Verfügung. Ein Doppelbett und zwei Einzelbetten im großen Schlafzimmer, ein Doppelbett im kleinen Schlafzimmer.«

»Und wie sollen wir da alle unterkommen?«

Fabian erklärte, dass auch noch einige Schlafsäcke vorhanden waren, was besonders von Christoph und Felix mit Begeisterung aufgenommen wurde. Aber auch die Mädels schienen diese Idee ganz nett zu finden.

»Ich nehm einen Schlafsack! Du auch, Felix?«

Der war damit einverstanden.

»Prima, das bringt uns schon einen Schritt weiter. Am besten schlaft ihr hier im Wohnzimmer, da ist es nicht so kalt und ihr habt viel Platz.«

»Komm, Manuela, wir nehmen auch Schlafsäcke und schlafen bei den Jungs im Wohnzimmer.«

»Ich weiß nicht so recht…«

Naja, Manuela war die Jüngste, ihr Zögern konnte man da schon verstehen. Vielleicht konnte ich ja noch einen kleinen Bonus dazuwerfen.

»Das ist schön, dass ihr hier schlaft, dann ist Arko nachts nicht so alleine.«

»Arko schläft auch hier?«

Das hatte Manuelas Interesse geweckt, und auch mein fauler Vierbeiner spitzte die Ohren.

»Ja.«

»Dann will ich auch hier schlafen!«

Na also. Während sich Arko nun erhob und zu den Kids auf der Couch rübertapste, schaute ich zu Fabian, der mir grinsend den hochgereckten Daumen zeigte. Wenn das keine Teamarbeit war. Blieb nur noch unser Sorgenkind übrig, welches sich nun auch deutlich zu Wort meldete.

»Ich will ein Zimmer für mich!«

Womit hatten wir den nur verdient, was hatten wir angestellt, um den lieben Gott dermaßen zu verärgern?

»Okay, okay, du kannst das kleine Schlafzimmer haben! Teilen wir uns halt in das große rein, da sind ja vier Betten drin.«

Wovon eines ein Doppelbett war. Wer wohl darin landen würde? Fabian hatte jedenfalls den leichten Ausweg gewählt und Patrick seinen Willen gelassen. Das ersparte uns sicherlich einiges an Streit, aber ich konnte nur hoffen, dass der Giftzwerg nun nicht glaubte, dass das immer so funktionierte.

Ich unterhielt mich noch ein wenig mit Jasmin, die mit der Zeit jedoch immer weniger in der Lage war, ihr Gähnen zu unterdrücken. Ein kurzer Blick in den Raum: den meisten anderen ging es ähnlich. Von den Kids blätterte nur noch Felix in dem Harry-Potter-Band, die drei auf der Couch lagen halb übereinander und waren längst eingeschlafen, und sogar Patrick war in seinem Sessel eingenickt und sah schlafend so aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Ich wandte mich an meine Sitznachbarin.

»Möchtest du dich eventuell mal für ein Weilchen ins Bett legen? Du schläfst ja eh gleich ein, und das ist garantiert bequemer als das hier.«

Jasmin schaute mich dankbar an.

»Ich glaube, das wäre wirklich eine gute Idee. Ich hab die letzte Nacht kaum geschlafen.«

Hätte mich auch sehr gewundert, wenn es anders gewesen wäre.

»Okay, ich sag bloß Fabian und deinem Bruder Bescheid, dann zeig ich dir, wo du dich langmachen kannst.«

Ich erhob mich und ging hinüber zur Theke, wo die beiden sich leise unterhielten.

»Jasmin schläft gleich ein, ich hab ihr vorgeschlagen, sich mal für ein Weilchen ins Bett zu legen.«

»Klingt vernünftig. Jonas, möchtest du das auch?«

»Nee, danke, mir reichts, wenn ich mich etwas bequemer setzen kann.«

»Ihr könnt gleich den Zweisitzer haben, ich werd mir hinten auch ein Bett suchen.«

Fabian zog die Augenbrauen hoch, was der sich wohl schon wieder vorstellte!

Ich ging zurück zu Jasmin und konnte förmlich Fabians Grinsen in meinem Rücken spüren.

»Komm, gehen wir.«

Sie erhob sich, und ich führte sie ins große Schlafzimmer, in dem ja mittlerweile alle Betten einsatzbereit waren.

»Hier, du hast die große Auswahl.«

»Bleibst du auch hier?«

Was wollte sie jetzt, dass ich bleibe oder dass ich sie alleinließ? Versuchen wirs einfach mal.

»Ich hatte eigentlich auch vor, mich etwas hinzulegen.«

Jasmin ging zu dem Einzelbett, in dem Fabian die letzte Nacht verbracht hatte. Schade. Aber naja. Wir wollen ja auch nichts überstürzen, und bisher hatte ich keinen blassen Schimmer, ob sie überhaupt irgendein gesteigertes Interesse an mir hatte.

Was blieb mir also anderes übrig, ich machte es mir in meinem Bett aus der letzten Nacht bequem.

»Dann erhol dich mal gut, Jasmin.«

»Danke. Das hab ich jetzt wirklich nötig. Die beiden Jungs da vorne kommen ja hoffentlich alleine mit den Kleinen klar.«

»Keine Sorge, die pennen doch eh alle, die sind mindestens genauso müde wie du.«

»Naja, ich weiß nicht ob es fair ist, dass wir es uns hier so gemütlich machen, und die hocken auf diesem komischen Doppelsessel.«

Ich mußte bei der Vorstellung der beiden doch recht großgewachsenen Jungs auf dem Polstermöbel ein wenig grinsen. Andererseits…

»Die werden es sich schon bequem machen, darauf kannst du dich verlassen.«

Jasmin lachte leise vor sich hin.

»Stimmt, da hast du wohl recht. Die beiden geben ein süßes Pärchen ab, findest du nicht auch?«

»Meinst du, dass die jetzt ein Paar sind?«

»Also so rot, wie die vorhin geworden sind, würde ich da glatt drauf wetten.«

Na das ging ja schnell. Aber bei Fabian wunderte mich das nicht sonderlich. Obwohl… Ich hatte ja gerade erst erfahren, dass sein diesbezüglicher Ruf alles andere als verdient war. Naja, wie auch immer. Wenn aus den beiden was werden würde, dann würde ich mich für Faby freuen.

»Könnte stimmen, Jasmin.«

Ich wartete einen Moment, bekam aber keine Antwort, also schaute ich zu ihrem Bett hinüber. Und siehe da, sie war bereits tief und fest eingeschlafen. Mitten in einer Unterhaltung mit mir! Das sollte mir wohl zu denken geben…

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Ich sah Reiko und Jasmin nach, als sie sich in Richtung Schlafzimmer verzogen. Ob sich bei den beiden auch was anbahnte? Das würde mich für Reiko schon freuen, allerdings gab es da einige Probleme. Jasmin würde nach den Feiertagen wieder zurück nach Sachsen fahren, und ob Reiko damit klarkommen würde? Da konnte man wohl nur abwarten und das Beste hoffen. Zum Glück hatte ich diese Probleme mit Jasmins großem Bruder nicht!

»Jonas, mach es dir schonmal bequem, ich schau nur nochmal nach dem Feuer.«

»Okay, aber beeil dich, sonst bin ich eingeschlafen bevor du bei mir bist.«

Also das konnte ich nun wirklich nicht zulassen, also legte ich schnell noch zwei Holzscheite nach, dann begab ich mich zu dem Zweisitzer, in dem sich Jonas schon dermaßen ausgebreitet hatte, dass für mich gar kein Platz mehr blieb. Sein Kopf lag auf einer der Armlehnen, mit dem Rücken lag er zur Rückenlehne, und seine Beine hingen über die andere Armlehne hinweg. Fragend schaute ich ihn an.

»Und was ist mit mir?«

Er grinste mich frech an und hob einladend seinen linken Arm. Ah ja. Kuscheln wollte der Herr. Na gut, das konnte er haben. Gerne sogar! Vorsichtig ließ ich mich vor ihm nieder, seine kräftigen Arme rückten mich in Position, sodass mein Rücken dicht an ihm zu liegen kam, sein linker Arm umfaßte meinen Oberkörper und zog mich noch dichter an ihn heran, dann spürte ich, wie er sich hinter mir entspannte.

»Gut so, Faby?«

Also ich konnte mich nicht beklagen.

»Jup. Ich hoffe, ich zerquetsche dich nicht hinter mir.«

»Kein Problem, ich hab es gern so kuschelig. So, ich versuch mal, ein Weilchen zu schlafen.«

»Dann schlaf gut und träum was schönes.«

»Ich werd von dir träumen, was Schöneres gibt es nicht.«

Oh Gott, von seinen Flirtereien konnte ich noch was lernen! Bei Gelegenheit sollte ich ihn vielleicht mal nach seinen bisherigen Erfahrungen in Bezug auf Liebe und Beziehung befragen.

Auch ich war müde, warf aber schnell noch einen Rundumblick durchs Zimmer, also so gut, wie das aus meiner aktuellen Position halt möglich war. Patrick schlief friedlich in seinem Sessel – was für ein Segen! Die Mädels und Christoph hatten sich auf der Couch arrangiert und schienen ebenfalls zu schlummern, sogar Arko hatte sich noch dazwischengedrängelt. Nur Felix saß im verbleibenden Sessel und blätterte in einem Buch. Als ob er gespürt hatte, dass ich ihn ansah, schaute er auf und in meine Richtung. Wie wohl das Bild von Jonas und mir auf ihn wirkte? War es klug, uns vor den Kids dermaßen frei zur Schau zu stellen? Darüber hätten wir wohl eher mal nachdenken sollen…

Aber Felix grinste nur und wandte sich dann wieder dem Buch zu, er zumindest schien damit keine Probleme zu haben. Das war ja schonmal was.

In meinem Nacken spürte ich die gleichmäßigen Atemzüge von Jonas, ein deutliches Zeichen dafür, dass auch er bereits schlief. Mit dem Wissen darum, dass in der Hütte alles in Ordnung war und ich mich in sicheren Händen befand, konnte ich nun auch beruhigt die Augen schließen, was zur Folge hatte, dass auch ich alsbald ins Traumland abdriftete.

Als ich wieder wach wurde, waren die Flammen im Kamin das einzige Licht, welches den Raum erhellte. Ich lag immer noch dicht an Jonas gekuschelt, allerdings war seine linke Hand mittlerweile auf meinem Oberschenkel gelandet. Dummerweise mußte ich mal auf die Toilette, also mußte ich mich wohl oder übel aus dieser angenehmen Lage befreien. Ganz vorsichtig, um meinen immer noch tief und fest schlafenden Hintermann nicht aufzuwecken, hob ich seine Hand von mir herunter und arbeitete mich in eine aufrechte Position. Mein Kontrollblick im Zimmer zeigte mir, dass nun alle Kinder schliefen, nur Arko hatte meine Bewegungen mitbekommen und schaute mich aus großen Augen an. Der mußte doch bestimmt auch langsam mal wieder raus, oder?

Ich stand also auf, und bevor ich selbst ins Bad ging, begab ich mich erst einmal zur Hüttentür und öffnete sie einen Spalt. Als der Hund das mitbekam, sprang er in einem großen Satz von der Couch und flitzte nach draußen.

Ich schob die Tür wieder ran, damit nicht soviel Wärme entweichen konnte, und erledigte schnell meine eigenen Geschäfte im Bad. Wieder an der Hüttentür angekommen, wartete Arko bereits schwanzwedelnd darauf, eingelassen zu werden, also nahm ich ihn mit dem bereitliegenden Badetuch in Empfang. Zum Glück war das schnell erledigt, viel Schnee hatte er sich in der kurzen Zeit nicht einfangen können, obwohl es mittlerweile wieder recht stark zu schneien schien.

Die Hütte bot wirklich ein wunderschönes, friedliches Bild. Wenn das nur auf Dauer so bleiben würde, aber das konnte ich mir wohl abschminken. Ich überlegte kurz, ob ich mich wieder hinlegen sollte, entschied mich dann jedoch dagegen. Mir stand der Sinn nach etwas zu trinken, also setzte ich Wasser für einen Tee an.

Wie ich so an der Küchenzeile rumwerkelte, bemerkte ich gar nicht, dass sich jemand zu mir gesellte, und erschrak daher doch ein wenig, als ich plötzlich von der Seite angesprochen wurde.

»Machst du Tee? Kann ich auch einen bekommen?«

»Mensch, Jasmin, mußt du mich so erschrecken!«

»Tut mir leid, es ist alles so still und friedlich hier, da wollte ich mich nicht laut trampelnd anmelden.«

Sie wollte wohl auch diesen Zustand möglichst lange für uns erhalten.

»Klar bekommst du einen Tee. Und, hast du ein wenig schlafen können?«

»Ja, es war wunderbar, genau das hatte ich gebraucht. Aber jetzt bin ich wieder munter und fit.«

»Das will ich auch hoffen, wir müssen noch einige Stunden durchhalten bis die Kiddies alle im Bett sind.«

Jasmin schaute sich im Zimmer um.

»Ich glaube, die werden heute nicht mehr viel Aufmerksamkeit brauchen. Nach dem Abendessen sind die reif für die Schlafsäcke, trotz des Nickerchens jetzt.«

Das wäre ja sehr schön, aber ich wagte noch nicht wirklich darauf zu hoffen.

»Das ist Weihnachtstee, möchtest du noch Zitrone oder Zucker?«

»Nein, danke, ich trinke den pur.«

»Wie du meinst.«

Ich schob Jasmin ihr Glas über die Theke und schaufelte mir selbst zwei Löffel Zucker ins Glas, gefolgt von einem Spritzer Zitrone, dann ging ich um die Theke herum und setzte mich auf den Barhocker neben ihr. Schweigend beschäftigten wir uns mit unseren Getränken, die noch so heiß waren, dass wir nur mit Minischlückchen trinken konnten.

»Du, Fabian?«

»Ja?«

»Sei mal bitte ganz ehrlich: läuft da etwas zwischen meinem Bruder und dir?«

Was für eine bedeutungsschwere Frage.

»Ich hoffe es, Jasmin. Gleich im ersten Moment habe ich gedacht: Wow! Was für ein Typ! Und in den letzten Stunden, in denen ich ihn ein wenig kennengelernt habe, habe ich bemerkt, dass er nicht nur über einen geilen Körper verfügt. Ganz ehrlich: ich hab mich in ihn verknallt, und zwar ziemlich heftig. Und ich hoffe sehr, dass aus uns was wird.«

Sie atmete tief ein und wieder aus.

»Das hatte ich befürchtet.«

»Befürchtet?«

Ich schaute sie fragend an.

»Naja, es geht halt alles sehr schnell bei euch, oder? Ich meine, ich hab Jonas die letzten Stunden auch beobachtet, und der ist mindestens so verschossen in dich wie du in ihn. Auch wenn ihr euch das vielleicht noch nicht so deutlich gesagt habt.«

Nachdenklich musterte ich die kleine Schwester, die gar nicht so sehr wie eine kleine Schwester wirkte.

»Wir haben damit begonnen, uns das zu sagen. Vorhin im Schlafzimmer haben wir beschlossen, dass wir uns näher kennenlernen wollen. Möglichst viel näher.«

»Also seid ihr jetzt zusammen.«

Ich dachte daran zurück, wie gut und richtig es sich in Jonas‘ Armen anfühlte, wie mich die Berührung seiner Hände elektrisiert und sein kurzer Kuß auf die Wange mich fast durch die Decke katapultiert hatte. Gerade setzte ich an, um ihre Frage zu bejahen, da wurde mir diese Arbeit abgenommen.

»Ja, Schwesterherz, das sind wir. Auch wenn ich meinem Faby noch beibringen muß, dass er sich nicht einfach aus meinen Armen davonschleichen darf.«

Jonas beugte sich zwischen uns, und ich bekam den zweiten Kuß meines Lebens. Also mal abgesehen von denen meiner Eltern, als ich noch ein kleines Kind gewesen war, aber die zählen in dieser Rechnung ja eh nicht.

Jasmin kicherte leise vor sich hin.

»Hach, junge Liebe… Seid bloß froh, dass Patrick das nicht gesehen hat, der würde wieder im Dreieck springen.«

»Weißt du was, Jasmin? Patrick ist mir dermaßen egal, wenn ihm nicht paßt, dass ich deinen Bruder liebe, dann soll er sich halt von der Teppichkante stürzen!«

»Das ist die richtige Einstellung, Fabian! Also, ihr zwei, ich wünsche euch viel Glück miteinander, ich freue mich wirklich für euch, dass ihr euch gefunden habt.«

Noch dazu unter solchen Bedingungen, da hatte das Schicksal wohl Überstunden einlegen müssen, um uns gerade hier in dieser Wildnis zusammenzuführen.

»Hast du für mich auch noch ein Glas Tee, Schatz? Sonst müßte ich dir leider deinen wegtrinken…«

»Ha! Ich mag ja dünn und schwach sein, aber wenn es um Fressalien geht, dann verteidige ich die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.«

»Jasmin, isser nich süß, mein Kleiner?«

»Stimmt, Bruderherz, ist er.«

Hmpf. Sein Kleiner war ich also. Gut, gut, das kam ja rein von der Körpergröße durchaus hin. Und sogar auch vom Alter her. Ach menno…

»Schon gut, ich mach dir noch ein Glas Tee. Setz dich.«

Jonas nahm auf dem dritten Barhocker Platz, und ich schenkte ihm ein Glas Tee ein. Zum Glück hatte ich davon gleich etwas mehr zubereitet. Als er versorgt war, setzte ich mich wieder zu den beiden Geschwistern.

»Habt ihr euch schon überlegt, wie der Tag heute noch weitergehen soll?«

»Nein, Jonas, aber wir haben immerhin schon festgestellt, dass nicht mehr viel passieren wird. Es ist jetzt schon fast sechs, wir machen nachher Abendbrot und füttern die Raubtiere ab, und danach sehen wir weiter. Ein langer Abend wird das heute garantiert nicht mehr.«

»Gut so. Ich bin zwar jetzt nicht mehr ganz so müde wie vorhin, aber trotzdem möchte ich heute möglichst zeitig ins Bett.«

Zusammen mit mir. Bitte!

»Okay, dann schlage ich vor, dass wir langsam mit den Abendbrot-Vorbereitungen beginnen.«

»Was, wenn die Kids dabei wach werden, Jasmin?«

»Die müssen wir dann eh bald wecken.«

Stimmte auch wieder.

»Gut, dann los…«

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Ich liebe es, wachgeküßt zu werden! Also wirklich, es gibt doch kaum etwas Schöneres, oder? Das konnte ja eigentlich nur Jasmin sein, sonst war ja niemand hier bei uns, der das tun würde.

Aber momentmal. Hier stimmte doch was nicht! Das fühlte sich gar nicht mehr so sehr nach einem Kuß an! Ich riß die Augen auf, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie eine lange Hundezunge ansetzte, mir quer übers Gesicht zu lecken! Erschrocken zuckte ich zurück.

»Arko, aus!«

Wuff!

Aus Richtung der Zimmertür, durch die auch das einzige Licht ins Schlafzimmer fiel, ertönte ein fröhliches Lachen.

»Jasmin!«

»Wir sind gekommen, um dich zu wecken, das Abendessen ist gleich fertig.«

Ich schaute auf die Uhr, gleich halb sieben.

»Sag mal, du hast so selig im Schlaf gelächelt, als Arko anfing dich abzuschlabbern. Woran hast du denn da gedacht? An mich?«

»Öhm… Ich… Wie kommst du da drauf?«

»Also ja. Wie süß. So, nun schwing aber deinen Hintern aus den Federn, du mußt deinem Hund noch Freßchen machen.«

Das sollte ich wohl wirklich tun, bevor der dann ringsum bei den Kids bettelte. Dass die seinen braunen Augen widerstehen konnten, wagte ich zu bezweifeln.

»Okay, ich komme ja schon.«

»Gut, aber auch wirklich! Wenn ich nochmal kommen muß, um dich zu wecken, dann wird das nicht so eine feucht-fröhliche Veranstaltung.«

Ob Jasmin in einem früheren Leben mal Feldwebel gewesen war? Den passenden Kommandoton hatte sie jedenfalls drauf. Sie verschwand aus der Türöffnung, und auch Arko flitzte nach draußen. Vom eigenen Hund verlassen, also mal ehrlich!

Ich stand auf und folgte den beiden ins Wohnzimmer, wo der Tisch fürs Abendessen bereits gedeckt war. Die Kinder befanden sich in unterschiedlichen Phasen des Aufwachens, begleitet vom leisen Weihnachtsgedudel aus dem Radio. Zusätzlich zum Feuer im Kamin erhellte nun auch die elektrische Beleuchtung den Raum.

»Guten Abend, der Herr. Auch wieder unter den Lebenden?«

Ich gähnte herzhaft.

»Ja, Faby. Irgendwer muß ja Arko abfüttern.«

Als der Vierbeiner seinen Namen hörte, stand er sofort neben mir und schaute schwanzwedelnd zu mir herauf.

»Jaja, du Freßsack, bekommst ja gleich was! Fabian, wo hast du den Dosenöffner?«

Er reichte ihn mir, und ich füllte Arkos Futterschale. Das dauerte nicht sehr lange, aber ich wußte, dass Arko höchstens die halbe Zeit brauchen würde, um die Schüssel wieder leer zu bekommen. Tatsächlich stürzte er sich wie ausgehungert über sein Futter, nachdem ich es zu seiner Wasserschüssel gestellt hatte. Ach ja. Hund müßte man sein. Man bekommt sein Futter vorgesetzt, wird von allen gestreichelt und geknuddelt, sogar die Steuern zahlte ein anderer für einen!

»Komm, Reiko, wir können auch anfangen.«

Das Abendessen verlief friedlich und sehr ruhig, einige der Kinder waren immer noch dermaßen müde, dass sie beinahe beim Essen einschliefen. Lange würden die heute abend wohl nicht mehr durchhalten. Was mir nur recht sein sollte.

»Hört mal alle zu, bitte. Wenn wir mit dem Essen fertig sind, müssen wir uns ein wenig aufteilen. Ein paar von euch helfen bitte mit beim Abräumen und Abwaschen. Der erste verschwindet auch schon unter die Dusche, ihr wißt ja, dass zwischendurch immer wieder etwas Wasser aufgeheizt werden muß, es wird also ein Weilchen dauern, bis wir alle damit durch sind.«

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Neun Personen nacheinander duschen? Na das konnte ein Spaß werden!

»Wer fertig geduscht ist, zieht sich dann gleich die Schlafsachen an, lohnt sich nicht, nochmal in die Tagesklamotten zu schlüpfen.«

Seltsamerweise gab es keinerlei Gemurre darüber.

»Reiko, könntest du dann mit Jasmin die Schlafsäcke aus dem Lagerraum holen?«

Ich schaute zu Jasmin, die mit den Kids zusammen wieder am Speisetisch saß. Sie nickte mir zu.

»Kein Problem.«

»Sehr schön. Seid ihr jetzt alle abgefüttert? Prima, dann mal los!«

»Moment noch!«

»Ja, Jasmin?«

»Die Duschkabine ist ziemlich groß, da könnten eigentlich immer zwei von den Kids gemeinsam duschen. Das wäre für den Wasserverbrauch sicher günstig, oder?«

Das hielt ich für eine sehr gute Idee, und auch Fabian ärgerte sich wohl darüber, dass er nicht selber darauf gekommen war.

»Ja, das wäre sogar sehr günstig! Damit sparen wir bestimmt eine halbe bis eine ganze Stunde, die sonst für das Aufheizen zwischendurch draufgehen würde.«

»Gut, dann ist das auch geklärt. Manuela und Ricarda, ihr geht bitte zuerst. Aber wirklich nur schnell waschen und abspülen, trödelt nicht rum, denkt bitte dran, dass die nächsten schon warten.«

Die beiden Mädels nickten und verschwanden, um ihr Waschzeug und die Schlafsachen zu holen. Fabian rief ihnen noch hinterher, dass im Badezimmerschrank Handtücher zu finden wären.

»So, Reiko, nun mal los, die Schlafsäcke werden nicht von alleine aus dem Lager kommen!«

Wie ich schon sagte: Feldwebel! Ich folgte Jasmin in den Lagerraum, wo wir aus einem Regal vier Schlafsäcke herauszogen.

»Wir sollten die uns gleich hier mal anschauen, ob die auch in Ordnung sind. Nicht dass wir die umsonst ins Wohnzimmer bringen.«

Wir rollten also die Schlafsäcke auf und inspizierten sie. An einem war tatsächlich der Reißverschluß kaputt, zum Glück lag im Regal noch ein intaktes Exemplar.

»Ach übrigens, Reiko?«

»Ja?«

»Jonas und Fabian sind tatsächlich zusammen.«

Ha! Da hatte Flirtking Fabian also zugeschlagen. Obwohl. Wenn ich mir den so anschaute, machte er in der Gegenwart von Jonas eher den Eindruck, ziemlich zahm und verschüchtert zu sein.

»Woher weißt du das?«

»Ich hab sie gefragt, und sie haben es zugegeben.«

»Und, was hältst du nun davon?«

»Was soll ich davon halten? Ich freue mich für meinen Bruder und hoffe, dass das was richtiges, festes wird mit den beiden.«

Das würde mich auch für Fabian freuen. Aber es würde wohl nicht leicht werden, schließlich war es – wenn ich ihm glauben sollte, und das tat ich eigentlich auch – für ihn seine allererste Beziehung überhaupt. Stichwort erste Beziehung…

»Hatte Jonas vorher schonmal einen Freund?«

»Ja, zuhause gab es da in den letzten Jahren zwei Jungs, mit denen er eine Weile zusammen war. Also nacheinander! Wieso fragst du?«

»Weil es für Fabian das erste Mal ist.«

Jasmins Kopf, der eben noch über einen der Schlafsäcke gebeugt war, zuckte nach oben. Ungläubig schaute sie mich an.

»Ernsthaft?«

»Ja. Ich wollte es anfangs auch kaum glauben, aber es ist wirklich so.«

»Da bin ich aber baff! Das hätte ich nicht erwartet, bei seinem Aussehen. Außerdem ist er so nett und freundlich.«

»Tja… Weißt du, was mir an ihm aufgefallen ist?«

»Nein, schieß los.«

»Seit der Begegnung mit Jonas hat sich sein Verhalten ziemlich verändert.«

»Wie meinst du das?«

»Naja, normalerweise flirtet Fabian mit allem, was Bartwuchs hat und zwischen 15 und 25 Jahren alt ist. Du weißt schon, so kleine Spitzen und Doppeldeutigkeiten in der Unterhaltung und so. Gegenüber Jonas hingegen: absolute Funkstille in dieser Beziehung.«

Nachdenklich schaute Jasmin mich an.

»Und was schließt du daraus?«

Tja, das war eine interessante Fragestellung. Wie sollte ich diesen Wandel bewerten?

»Ich weiß nicht so genau. Wie wäre es mit einer Art Umkehrschluß? Bisher hat er ständig rumgeflirtet, war sehr offensiv, aber das war niemals wirklich ernst gemeint. Gegenüber Jonas fehlen all diese oberflächlichen Spielereien, vielleicht ist das ja ein Zeichen, dass es Fabian mit ihm wirklich ernst ist?«

»Hmm… Das wäre natürlich eine Erklärung. Und jetzt, wo du es sagst: auch bei Jonas bemerke ich eine Veränderung. Er ist sonst eher derjenige, der darauf wartet, dass der andere den ersten Schritt tut. Wenn ich mir aber die beiden gemeinsam anschaue, dann sieht es so aus, als würde mein Bruderherz diesmal die Initiative übernehmen.«

Irgendwie lustig. Die beiden begegnen sich, und prompt geschieht eine totale Verwandlung mit ihnen.

»Was waren das für Beziehungen, die dein Bruder vorher hatte?«

Das sollte ich wohl noch herausfinden. Nicht, dass ich Fabian am Ende doch lieber vor Jonas beschützen müßte! Auch wenn es momentan nicht danach aussah, ich wollte sichergehen, dass mein bester Freund nicht verletzt wurde.

Jasmin überlegte.

»Gute Frage. Ich kann ja nur von dem ausgehen, was ich selber mitbekommen habe, aber ich würde sagen, die große Liebe war das beide Male nicht. Also es war nicht so, dass die ständig zusammenhockten und ohne den anderen nicht auskamen, manchmal haben die sich tagelang oder gar wochenlang nicht gesehen.«

»Wie sind die Beziehungen in die Brüche gegangen?«

»Also der eine Junge, Martin, zog mit seinen Eltern nach Hamburg. Jonas war eine Weile etwas bedrückt, aber nicht wirklich lange. Naja, er war damals 15. Dann war eine ganze Weile Ruhe an der Beziehungsfront, bis Jan kam. Und das endete dann mit dem großen Familienstreit, weil unsere Eltern es herausbekommen hatten.«

»War es sehr schlimm?«

»Das kannst du laut sagen. War auch eine saudämliche Situation. Unser Vater war früher von der Arbeit gekommen und überraschte die beiden mitten beim Sex. Es gab einen riesigen Krach, der damit endete, dass Jonas an seinem 18. Geburtstag rausflog und die restlichen Monate bis zum Abi bei einem Schulfreund unterkam.«

»Und Jan? Ging das deswegen in die Brüche?«

»Ja, unsere Eltern haben ja überall rumposaunt, was ihr ehemaliger Sohn für ein Perverser war. Zwar kannten sie Jan nicht, konnten ihn also auch nicht outen, aber der arme Kerl kam mit dem ganzen Druck nicht klar. Jeder wußte nun, dass mein Bruder schwul war, da konnte Jan sich natürlich nicht mehr mit ihm sehen lassen, ohne sich selber zu verraten. Also haben die beiden schlußgemacht.«

»Armer Jonas. Erst verstoßen ihn die eigenen Eltern, und dann geht auch noch die Beziehung in die Brüche deswegen.«

»Naja, ganz so schwer hat ihn das mit der Beziehung nicht getroffen. Er hat mir später mal erzählt, dass der Sex zwar geil gewesen wäre, es ansonsten aber nicht viele Gemeinsamkeiten gegeben hatte.«

Autsch, schwuler Sex, darüber wollte ich nun wirklich nicht genauer nachdenken.

»Und du denkst, dass es mit Fabian anders sein könnte?«

»Also für mich sieht es so aus, so verliebt und verträumt hat Jonas weder Martin noch Jan jemals angeschaut. Also jedenfalls nicht, wenn ich es mitbekommen konnte.«

»Das heißt, du wußtest schon vor deinen Eltern, dass dein Bruder schwul ist?«

»Ja, als die Sache mit Martin lief, hab ich die beiden mal knutschen gesehn, da hab ich Jonas später danach gefragt. Er hat es mir gebeichtet, und das wars dann auch.«

Soso, Jonas hatte also wohl Übung darin, sich von anderen Leuten beim Austausch von Intimitäten erwischen zu lassen.

»Sagt mal, kommt ihr nun bald, oder probiert ihr die Schlafsäcke gleich gemeinsam aus?«

Na prima, das war der Fabian, wie ich ihn kannte – und wie er sich gegenüber Jonas eben nicht benahm! Mit einem frechen Grinsen zog er seinen Kopf wieder aus der Tür des Lagerraums heraus und ließ uns wieder alleine.

»Er hat recht, wir sollten mal langsam zu Potte kommen.«

Wir schnappten uns also die Schlafsäcke und gingen damit ins Wohnzimmer, wo ein geordnetes Durcheinander herrschte.

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Es mußte schon erlaubt sein, sich ein paar Gedanken zu machen, wenn Reiko und ein Mädel so lange zusammen in einer Kammer verschwunden blieben. Ich meine, wir sprechen hier von Reiko Heilmann, dem Mädchenschwarm der Gegend schlechthin! Aber als ich in den Lagerraum schaute, machte sie zwar einen ziemlich ertappten Eindruck auf mich, aber sie waren komplett angezogen und standen außerdem zwei Meter auseinander. Sehr komisch.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, schaute mich Jonas fragend an.

»Und?«

Ich zuckte mit den Schultern. Irgendwas war da wohl zwischen den beiden gelaufen, aber was, darauf konnte ich mir noch keinen Reim machen. In diesem Moment erschienen Reiko und Jasmin auch schon mit den Schlafsäcken.

»So, da wären wir, wir haben gleich überprüft, ob die Schlafsäcke auch in Ordnung sind.«

Jonas grinste seine Schwester herausfordernd an.

»Ach ja, habt ihr das?«

Die Antwort bestand daran, dass Jasmin ihm ihre Zunge rausstreckte.

»Aber, aber, Frau angehende Pädagogin! Was ist denn das für ein unvorbildliches Verhalten!«

»Fabian, halt die Klappe, wenn ich mich mit meinem Bruder beschäftige.«

»Wirst du wohl nicht so unhöflich zu meinem Liebsten sein, Schwesterchen?«

Während dieses Geplänkels grinsten alle, somit war klar, dass es nicht ernst gemeint war. Die gute Stimmung wurde allerdings gleich wieder etwas abgekühlt.

»Scheiße, ihr nervt!«

Nerven tat hier eigentlich nur einer, und das war Patrick selbst.

»Patrick, du nervst hier! Laß die doch!«

Alle Augen wandten sich überrascht zu Felix. Aus dieser Ecke hatte wohl niemand einen Kommentar erwartet.

»Stört es dich denn überhaupt nicht, dass die beiden Schwuchteln hier so rumturteln?«

»Warum sollte es mich stören? Laß sie doch einfach in Frieden!«

In der Zwischenzeit waren auch die beiden Mädels vom Duschen zurückgekehrt.

»Oder bist du etwa eifersüchtig? Oder neidisch?«

Patrick lief knallrot an, dann stürmte er wütend davon.

»Ich geh duschen!«

Also ich würde ihn bestimmt nicht aufhalten, obwohl momentan bestimmt noch nicht wieder genügend warmes Wasser vorhanden war. Vielleicht tat ihm eine kalte Dusche ganz gut.

»So ein Arschloch.«

Als verantwortungsbewußter Erwachsener verkniff ich mir, Felix in diesem Punkt zuzustimmen. Also zumindest sprach ich meine Zustimmung nicht laut aus!

In den nächsten Minuten schoben wir die Möbel ein wenig herum, sodass vor dem Kamin ein schöner großer Platz für die Schlafsäcke entstand. Ricarda und Manuela probierten es gleich einmal aus.

»Und, liegt ihr gut? Könnt ihr so schlafen?«

Die beiden kuschelten sich in ihre Schlafsäcke.

»Ja, super!«

Na also, dann war das Thema ja geklärt, eine Sorge weniger.

»Können wir jetzt fernsehen?«

Stimmt ja, das Ding hatte ich vollkommen vergessen! Wo war das überhaupt abgeblieben? Ich schaute mich um.

»Falls du die Glotze meinst, die ist hier.«

Reiko hob das genannt Gerät vom Boden hoch und stellte es ans Wandende des Bartresens.

»Hat es hier irgendwo ne freie Steckdose, Faby?«

Ich ging zu Reiko und zeigte ihm, wo er den Fernseher einstöpseln konnte. Jetzt noch die Antenne anschließen, dann konnte es losgehen. Es war ein Gerät mit eingebautem DVB-T-Tuner, ganz neu auf dem Markt.

»Ich bin ja mal gespannt, ob die kleine Antenne hier draußen auch ausreicht.«

Unser Städtchen lag im Kerngebiet, bei uns reichte fast schon ein Stück Draht als Antenne. Wie das aber hier draußen im Wald aussehen würde? Es gab keinen anderen Weg, das herauszufinden, als es einfach zu versuchen. Reiko drückte auf den Netzschalter, und gespannt starrten wir auf den Monitor.

»Na also! Sieht doch prima aus!«

Tatsächlich, wir hatten ein ganz klares, störungsfreies Bild. Die heute-Nachrichten liefen gerade, passenderweise ging es um den Wintereinbruch, der anscheinend nicht nur unsere Gegend fest im Griff hatte. Weiße Weihnachten schienen dieses Jahr fast für ganz Deutschland angesagt zu sein. Das war doch mal was!

»Gibt es jetzt noch irgendwas zu tun?«

Jasmins Frage veranlaßte mich dazu, mich in der Hütte umzuschauen. Das Geschirr war abgewaschen, der Platz zum Schlafen war hergerichtet, die Kids waren dabei, nacheinander unter die Dusche zu springen. Also eigentlich schien damit alles erledigt zu sein.

»Nein, Jasmin, Feierabend. Mach es dir bequem.«

Das tat sie auch, gemeinsam mit Reiko nahm sie den Zweisitzer in Beschlag. Ich setzte mich natürlich zu Jonas, der sich bereits auf der Couch niedergelassen hatte. Gemeinsam verfolgten wir weiter die Nachrichten, nur unterbrochen durch Patrick, der fluchend aus dem Bad auftauchte, etwas von »eiskaltem Wasser« grummelte und sich ins Bett verabschiedete. Naja, so blieb er uns wenigstens für den Rest des Abends erspart!

»Sollen Felix und ich jetzt duschen gehen, Jasmin?«

»Ich weiß nicht, Chris, ich glaube, das Wasser muß erstmal wieder aufheizen. Fabian?«

»Stimmt. Wartet mal lieber noch zwanzig Minuten. Dann ist das Wasser zwar noch nicht ganz heiß, aber zum Duschen genau richtig.«

»Okay!«

Ich kuschelte mich an Jonas und döste vor mich hin. Felix hatte die Fernbedienung erobert und zappte zwischen den Sendern herum, Reiko las in seinem Buch, Jasmin schien auch schon wieder fast zu schlafen. Christoph hatte sich zu den beiden Mädels in ihren Schlafsäcken gesellt, und sie spielten vor dem flackerten Kamin eine Partie »Mensch, ärgere dich nicht!«. Bei diesem friedlichen Bild konnte ja fast schon Weihnachtsstimmung aufkommen…

»So, die zwanzig Minuten sind rum, ihr könnt jetzt unter die Dusche, Jungs.«

Ich schrak hoch, tatsächlich, die Zeiger der Uhr waren ein ganzes Stück weitergerückt. Chris und Felix erhoben sich, und auch Reiko stand auf.

»Ich werde nochmal eine kleine Runde mit Arko drehen.«

Ob das so eine gute Idee war?

»Du willst richtig mit ihm Spazierengehen? Ihn nicht nur einfach mal kurz vor die Tür lassen?«

»Keine Bange, ich geh nicht weit, ich bleib auf dem Weg und in Sichtweite der Hütte. Mit den hell erleuchteten Fenstern finde ich mich immer zurück.«

Na hoffentlich, mir stand nicht der Sinn nach einer Nachtsuche!

»Darf ich mit?«

»Ich auch!«

Mist. Die zwei Jungs hatten anscheinend noch genügend Energie für so einen kleinen Trip in den Schnee.

»Ihr solltet jetzt ja eigentlich duschen.«

Jasmin, die Stimme der Vernunft.

»Das können wir doch später auch noch, da kann jetzt jemand anderes das warme Wasser nutzen!«

»Ach ja, bitte, Jasmin! Fabian!«

Ich seufzte.

»Jonas, was sagst du? Du hast offiziell die Verantwortung für die Kids.«

Dem war wohl auch nicht so richtig wohl bei dieser Entscheidung, aber trotzdem ließ er sich breitschlagen.

»Reiko, würdest du sie mitnehmen?«

Reiko schaute streng auf Christoph und Felix hinab.

»Na gut, aber dann müßt ihr mir versprechen, dass ihr immer schön bei mir bleibt und nicht irgendwo in die Dunkelheit lauft.«

Die beiden versprachen es ihm, also gab auch Jonas resigniert sein Okay.

»Dann los, zieht euch eure Schneesachen an. Mützen, Schals und Handschuhe nicht vergessen!«

»Prima!«

Mit Jubelgeschrei stürzten die Jungs davon in Richtung Lagerraum, gefolgt von einem grinsenden Reiko, der sich ja auch noch anziehen mußte.

»Und wer von uns geht jetzt duschen? Wir sollten das warme Wasser nutzen.«

Jasmin grinste uns frech und herausfordernd an.

»Ist doch ganz einfach, wenn die einen zwei Jungs nicht können, dann gehen halt die anderen zwei Jungs!«

»Du meinst, Fabian und ich? Zusammen?«

»Na klar! Wir müssen doch warmes Wasser sparen, oder nicht?«

Jonas und ich zusammen unter der Dusche. Nackt. Was für eine Vorstellung! Aber war das wirklich eine gute Idee? Heute schon? Zum Glück hatte mein Liebster wohl ganz ähnliche Gedanken.

»Nee, Schwesterlein, wir wollen es mal nicht übertreiben. Wir duschen lieber nacheinander. Wenn Fabian nichts dagegen hat, werde ich mich jetzt schnell ins Bad verziehn, ich werde auch nur wenig Wasser verbrauchen, da braucht er dann nicht solange zu warten.«

Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn gemeinsam duschen wäre mir nun doch ein klein wenig zu schnell gegangen. Auch wenn ich es kaum erwarten konnte, Jonas mal in voller, nackter Schönheit zu sehen.

»Feigling!«

»Ach ja? Duscht du denn nachher auch zusammen mit Reiko?«

Das schien zu sitzen, Jasmin schrak ein wenig zusammen und quetschte sich dann ein »Kein Kommentar!« zwischen den Lippen hindurch. Mit den eigenen Waffen geschlagen.

Während Jonas sich zurückzog, sein Wasch- und Schlafzeug holte und dann im Bad verschwand, tauchten auch unsere drei Hundeführer komplett angezogen auf.

»So, wir machen uns mal auf den Weg. Wir nehmen zwei Taschenlampen mit, ist das okay, Fabian?«

»Ja klar, gute Idee. Wann seid ihr wieder da?«

»Länger als eine Viertelstunde werden wir nicht brauchen.«

Ich schaute schnell auf die Uhr, um eine Orientierung zu bekommen, wann wir wieder mit ihnen rechnen konnten.

»Okay, aber haltet euch auch bitte daran, nicht dass wir dann anfangen, uns Sorgen zu machen.«

»Ist gebongt. So, Arko, Gassi!«

Das Zauberwort verfehlte nicht seine Wirkung, der Hund flitzte mit rutschenden Pfoten über den Holzboden zur Hüttentür, die ihm Reiko weit geöffnet hatte. Kurz darauf war ich mit Jasmin und den beiden kleinen Mädels alleine. In diesem Moment bimmelte das Handy.

»Röcker.«

»Borken hier, guten Abend. Könnte ich bitte mit meiner Tochter sprechen?«

Borken? Tochter? Oh! Ich erinnerte mich, dass es sich dabei um den Nachnamen von Jonas und Jasmin handelte.

»Einen Moment bitte.«

Ich legte den Daumen auf die Mikrofonöffnung und hielt Jasmin das Telefon hin.

»Dein Vater!«

Überrascht nahm sie das Handy entgegen.

»Ja?«

Die Erwiderung hörte ich natürlich nicht, ich wollte ja eh nicht unhöflich sein und lauschen.

»Fabian?«

Ich schaute auf.

»Ich geh mal kurz mit dem Telefon ins Schlafzimmer, ist das okay?«

Ich nickte ihr zu. Verständlich, dass sie bei diesen komplizierten Familienbedingungen ungestört reden wollte.

Nunmehr von allen schmählich verlassen, griff ich zur Fernbedienung und schaltete mich ein wenig durch die Fernsehsender. Zwar fand ich nichts, was mich irgendwie wirklich interessierte, aber zumindest verging die Zeit auf diese Weise.

Wenige Minuten später tauchten praktisch zeitgleich Jonas und die Hundemeute wieder auf, und vorbei war es mit meiner Ruhe.

»Faby, du kannst jetzt duschen, es müßte noch warmes Wasser da sein.«

Na hoffentlich. Noch so ein Debakel wie am Vorabend wollte ich nicht unbedingt erleben. Ich erhob mich, um seinem Vorschlag zu folgen.

»Wo ist eigentlich meine Schwester?«

Sollte ich es ihm sagen? Aber anlügen wollte ich Jonas nicht.

»Im Schlafzimmer, sie telefoniert mit euren Eltern.«

Jonas verzog schmerzhaft das Gesicht, sagte jedoch nichts weiter dazu, sondern setzte sich dorthin, wo ich eben noch mein Hinterteil geparkt hatte. Ich beschloß, das Thema nicht zu vertiefen und machte mich in Richtung Bad davon.

Durch die Heizung und das viele warme Wasser, das in der letzten Stunde geflossen war, war das Bad sehr angenehm temperiert, also pellte ich mich gleich aus meiner Wäsche. Sollte ich gleich duschen oder mir erst die Zähne putzen? Ich entschied mich für letzteres, da konnte der Warmwasserbereiter noch etwas länger seinen Dienst verrichten.

Als ich dann kurz danach unter das Wasser stieg, hatte dieses tatsächlich eine recht angenehme Temperatur. Ich beeilte mich mit der Wascherei und verzichtete erneut auf das Haarewaschen. Naja, morgen konnten wir über den Tag verteilt etwas weniger gehetzt duschen, da würde ich das dann auch mal wieder in Angriff nehmen.

Ich stieg aus der Duschkabine und bemerkte erst in diesem Moment, dass ich völlig vergessen hatte, meinen Schlafanzug mit ins Bad zu nehmen. Irgendwie schien mein Geist auf Sparflamme zu arbeiten. Da ich keine Lust hatte, nochmal meine Unterwäsche anzuziehen, wickelte ich mir einfach ein großes Duschtuch um die Hüfte, das mußte für den Weg ins Schlafzimmer reichen. Noch schnell wieder die ABS-Socken an, und ich war fertig.

Im Wohnzimmer klappte Jonas die Kinnlade herunter, als er mich mit nacktem Oberkörper sah, ich jedoch grinste ihn nur an und ging weiter in die hinteren Räumlichkeiten. Gerade, als ich die Schlafzimmertür öffnen wollte, tat Jasmin das gleiche von innen. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete mich von oben bis unten.

»Sag mal, willst du meinen Bruder extra noch scharfmachen, wenn du so herumläufst?«

»Haha, ich hatte bloß vergessen, meinen Schlafanzug mit ins Bad zu nehmen. Aber er hat ganz schön die Augen aufgerissen!«

»Naja… Ein bißchen dünn bist du ja, aber das läßt sich ja ändern. Davon abgesehen bist du wirklich niedlich, ich kann schon verstehen, warum er sich in dich verknallt hat.«

So toll fand ich mich nun wirklich nicht, aber ich würde mich bestimmt nicht über das Kompliment beschweren.

»Ich nehm das Handy wieder mit vor, okay?«

»Ja, leg es einfach auf die Theke. Ich darf bloß nicht vergessen, es über Nacht wieder ans Ladegerät zu hängen.«

»Okay.«

Jasmin verschwand Richtung Wohnzimmer, und ich beeilte mich, in meinen schönen warmen Schlafanzug zu kommen. Im Schlafzimmer war es nicht so sonderlich warm, ich bekam langsam Gänsehaut am Oberkörper, und die feinen Härchen an meinen Armen standen senkrecht.

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Als Fabian seinen halben Nackt-Auftritt aufs Parkett legte, war ich gerade damit beschäftigt, Arko trockenzurubbeln, während Chris und Felix ihre Schneeanzüge wieder in den Lagerraum brachten. Beim Anblick von Jonas‘ entgleisenden Gesichtszügen mußte ich grinsen. Mein Gott, den hatte es wirklich heftig erwischt! Eigentlich wollte ich ihn ja ein wenig damit aufziehen, aber Jasmins Auftauchen schob dieser Absicht einen Riegel vor.

»Jonas.«

Es hatte den Anschein, als hätte sie gegen die Wand gesprochen, ihr Bruder reagierte nicht und schaute immer noch mit verklärtem Blick vor sich hin.

»Jonas!«

»Äh… Was ist?«

Jasmin setzte sich neben ihn.

»Ich hatte gerade Vati und Mutti am Telefon.«

Jonas gab keinerlei Kommentar dazu ab.

»Das Hotel hatte sie informiert, dass wir verschollen waren.«

»Und was geht mich das an?«

Jasmin seufzte.

»Jonas, sie haben auch nach dir gefragt. Ob mit dir alles in Ordnung ist.«

Zweifelnd blickte Jonas seine Schwester an.

»Nach mir? Das glaubst du doch selbst nicht.«

»Doch. Mutti sagt, sie hätten sich um uns beide große Sorgen gemacht.«

Die Antwort ihres Bruders klang verbittert.

»Du erlaubst, dass ich darüber lache. Wäre ja seit fast zwei Jahren das erste Mal, dass die sich um mich irgendwelche Gedanken machen!«

»Es ist aber so.«

»Na super, da freue ich mich aber. Du hast ihnen gesagt, dass es mir gut geht?«

»Ja, habe ich.«

»Schön, dann ist das Thema ja erledigt.«

Jasmin schien noch etwas sagen zu wollen, verzichtete dann jedoch darauf.

»Sollen wir jetzt duschen gehen?«

Chris und Felix waren wieder aufgetaucht. Ich schaute auf die Uhr.

»Wartet mal noch zehn Minuten, Fabian ist gerade erst aus dem Bad raus. Aber ihr könnt schonmal eure Wasch-und Schlafsachen zusammensuchen.«

Während die zwei dies taten, war ich auch mit Arko fertig geworden.

»Bin gleich wieder da.«

In Erinnerung daran, was ich beim letzten Mal für Probleme beim Ausziehen meines Overalls gehabt hatte, zog ich es vor, ihn auch diesmal nicht vor Jasmins Augen abzulegen. Ich ging ins Schlafzimmer, wo Fabian gerade dabei war, seine Schlafanzughose hochzuziehen. Mein Eintreten schien ihn ein wenig erschreckt zu haben, jedenfalls konnte er den Hosenbund gar nicht schnell genug hoch bekommen.

»Keine Angst, ich schau dir schon nichts ab.«

»Ach du bists nur…«

Nur. Wie nett. Wen hatte er denn erwartet?

»Ich bins nur? Wer dachtest du denn, wer es sein könnte? Jonas? Naja, wäre kein Wunder. So wie du ihn mit der Präsenation deiner nackten Haut aufgeputscht hast…«

»Blödmann. Ich hatte halt meinen Schlafanzug vergessen mit ins Bad zu nehmen.«

»Ausreden, nichts als Ausreden.«

»Ach glaub doch was du willst!«

Oh, hoffentlich hatte ich ihn nicht zu sehr gepiesakt.

»Sorry, Faby, ich wollte dich nicht ärgern.«

Fabian seufzte und setzte sich auf das Doppelbett.

»Reiko?«

»Ja?«

»Ich hab mich verknallt. Hals über Kopf. Bis über beide Ohren. Mit Haut und Haaren.«

Das hatte ich auch schon gemerkt. Ich zog mir vorsichtig den Overall aus, diesmal schaffte ich es, dass die lange Unterhose dort blieb, wo sie hingehörte.

»Und? Ist das schlimm? Das ist doch eher ein Grund zum Feiern.«

»Ja schon… Es ist nur… Naja…«

»Du bist nervös, weil es das erste Mal ist, oder?«

Fabian legte sich auf dem Bett zurück und starrte nachdenklich an die Decke.

»Ja. Ich stehe regelrecht neben mir! Mein Gott, tausendmal hab ich mir ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn ich mich das erste Mal richtig verliebe. Ich hab mir überlegt, wie ich mich verhalten würde, was ich sagen könnte, wie ich meine Gefühle ausdrücken könnte. Und nun ist es passiert, und alles ist ganz anders.«

Irgendwie kam mir das sehr bekannt vor, auch wenn diese Gefühle bei mir schon zwei, drei Jahre zurücklagen.

»Laß mich raten. Du hast ein Kribbeln im Bauch. Du weißt genau, was du eigentlich sagen möchtest, bekommst aber kein Wort heraus. Du möchtest Jonas in den Arm nehmen und nicht mehr loslassen, traust dich aber gleichzeitig nicht, ihn zu berühren.«

Fabian hob den Kopf und sah mich verblüfft an.

»Woher weißt du das?«

»Weil es mir bei meiner ersten richtigen Liebe auch so ging, Faby. Die erste Freundin oder der erste Freund sind immer was ganz Besonders. Kein Wunder, dass du so durch den Wind bist, ist doch auch absolutes Neuland für dich.«

»Du meinst also, dass das normal ist?«

»Absolut. Das sind alles nur Zeichen dafür, dass es dich wirklich richtig erwischt hat. Du hast dich richtig verliebt, du findest ihn nicht nur einfach nett oder süß, da steckt viel mehr dahinter, oder?«

»Ja. Nett oder süß hab ich schon einige Jungs gefunden, aber so wie jetzt hab ich mich noch nie gefühlt.«

»Na siehste. Du bist verliebt, und das ist prima, vor allem, da deine Liebe erwidert wird. Also genieße es!«

Erleichtert lächelte Fabian mich an.

»Meinst du wirklich?«

»Klar. Und nun schieb ab zu deinem Liebsten, laß ihn nicht solange allein.«

Das ließ er sich nun nicht zweimal sagen, und damit war ich alleine im Schlafzimmer. Mein alter bester Freund Fabian, frisch verliebt! Und ich durfte ihm beistehen. Wer hätte das gedacht!

Als ich mit meinem Overall in den Händen wieder im Wohnzimmer eintraf, sah ich gerade noch Chris und Felix in Richtung Bad verschwinden. Fabian und Jonas saßen dicht aneinandergedrängt auf der Couch und waren mit sich selbst beschäftigt, Jasmin stand an der Küchenzeile und trank

ein Glas Tee, und die beiden kleinen Mädchen in ihren Schlafsäcken schienen schon zu schlafen – obwohl um sie herum ja doch noch etwas Trubel herrschte. Bei ihnen lag auch Arko, der nur durch ein leises Klopfen mit dem Schwanz anzeigte, dass er mein Eintreten bemerkt hatte. Ich brachte schnell meinen Schneeanzug zum Trocknen, dann ging ich zu Jasmin an den Tresen.

»Möchtest du auch noch einen Tee, Reiko?«

»Nein, danke, mir reichts für heute. Ich hab auch keine Lust, dann vielleicht mitten in der Nacht raus aufs Klo zu müssen.«

Ich hörte ein leises Kichern aus Richtung Couch.

»Ja, Faby? Du wolltest etwas sagen?«

»Nichts, nichts…«

»Komm schon, rücks raus!«

»Ich hab mich nur gerade wieder an die Nacht nach meinem siebenten Geburtstag erinnert.«

Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß.

»Psssst!«

»He, du wolltest, dass ich damit rausrücke. Außerdem hast du mich ja gestern überhaupt erst wieder an die alte Geschichte erinnert.«

Hoffentlich wollte Jasmin diese alte Geschichte nicht hören!

»Wovon redet ihr?«

Mist, wäre wohl auch zuviel erwartet gewesen, dass so eine neugierige Weibsperson nicht ihre Nase in die Sache stecken würde. Und auch Jonas war wieder etwas munterer geworden und schaute erwartungsvoll zwischen Fabian und mir hin und her.

»Na los, erzähls deiner Freundin!«

Jasmin war gar nicht meine Freundin, jedenfalls noch nicht, aber naja. Da mußte ich jetzt wohl durch, also erzählte ich, wie Fabian und Tom mich reingelegt hatten. Das folgende Gelächter war erwartungsgemäß groß.

»Hahaha, prima! Vielleicht sollten wir heute nacht einmal probieren, ob das bei dir immer noch funktioniert!«

»Untersteh dich, Jasmin! Außerdem habe ich gestern nach vielen Jahren endlich Rache an Fabian üben können, und so eine Strafe möchtest du bestimmt nicht erleben.«

»Rache? Strafe? Was hast du meinem Schatz angetan!«

»Das solltest du ihn selber fragen, Jonas.«

Jasmins Bruder wandte seinen Kopf zu Fabian und schaute ihn fragend an. Der jedoch hatte nun selber einen knallroten Kopf bekommen und machte keine Anstalten, seinem Freund zu antworten.

»Na los, Faby, erzähls ihm! Sonst tu ich es!«

»Okay, okay! Reiko hat mich gestern übers Knie gelegt und mir den Hintern versohlt. So, zufrieden?«

Wieder gab es Gelächter, und ich war froh, diesmal nicht die Zielscheibe zu sein. Dann schaute Jonas mich streng an.

»Reiko, damit eins klar ist! Du wirst Fabian nie wieder anrühren, kapiert?«

Oh, da war wohl noch jemand aus der Borken-Familie mit einer gehörigen Portion Beschützerinstinkt gesegnet.

»Schon gut, kapiert.«

»Das will ich auch hoffen. Wenn in Zukunft noch jemand Fabian den Hintern versohlt, dann bin ich das!«

Fabian glotzte Jonas mit weit aufgerissenen Augen an, während wir anderen wieder loslachten.

»Haha, ja, Jonas, tu das! Bring deinem kleinen Freund Benehmen bei!«

»Das… das meinst du jetzt nicht ernst, oder, Jonas?«

Dieser grinste Fabian frech ins Gesicht.

»Wer weiß? Versuch lieber nicht, es herauszufinden. Also: keine Schüsseln mit warmem Wasser an meinem Bett, verstanden?«

Fabian beeilte sich, seine Zustimmung zu signalisieren, dann fiel auch er in das allgemeine Gelächter mit ein.

»Was ist denn hier los, warum lacht ihr alle so?«

»Nichts für kleine Kinder, Christoph. So, seid ihr bereit für den Schlafsack?«

Das waren sie, und kurz danach steckten auch Felix und Christoph gut und warm verpackt in den Daunensäcken.

Fabian schaute erleichtert in die Runde.

»So, damit wären alle Kids versorgt, jetzt können wir auch bald ins Bett.«

Mir kam eine Idee.

»Ihr zwei könnt ruhig schon verschwinden, Jasmin und ich bringen das hier noch zuende, dann kommen wir nach.«

Fabian überlegte kurz, dann nickte er zustimmend.

»Okay. Am Kamin brauchst du nichts mehr zu machen, du mußt dann nur noch ganz zum Schluß den Generator ausschalten. Ich hab übrigens die Zeitschaltuhr so programmiert, dass der sich morgen um sieben von alleine einschaltet. Dann haben wir gleich früh schon warmes Wasser.«

Das war nun wirklich mal eine gute Idee! Zu zweit wäre das nicht so wichtig gewesen, jetzt aber, bei dem vollen Haus, sah das ganz anders aus.

»Komm, Jonas, hauen wir ab.«

Kurz darauf waren außer den vier Kids nur noch Jasmin und ich im Wohnzimmer.

»Willst du jetzt duschen gehen, Reiko, oder soll ich erst?«

»Geh du erst, ich will mal schnell noch bei mir zuhause anrufen.«

»Okay, dann bis gleich.«

Jasmin verschwand im Bad, und plötzlich stand Fabian wieder im Raum.

»Hier, damit du dann nicht so wie ich halb nackt durch die Hütte laufen mußt.«

Mit einem Grinsen drückte er mir meinen Schlafanzug in die Hand.

»Hehe, danke, dass du dir nochmal den Weg gemacht hast.«

»Kein Problem, ich mußte eh nochmal raus. Ich muß das Handy noch ans Ladegerät hängen.«

»Bringt das was, wenn über Nacht eh kein Strom da ist?«

»Ja, das lädt ziemlich schnell. Jetzt haben wir erstmal noch ein Weilchen Strom, und wenn dann morgen früh der Generator anspringt, wird halt weitergeladen.«

Na wenn er meinte, dass das reicht.

»Ich wollte gerne nochmal meine Eltern anrufen, ist das okay?«

»Klar, nur zu. Schließt du das Handy dann ans Ladegerät an?«

»Mach ich.«

»Danke. So, bin wieder weg.«

Mit diesen Worten verzog sich Fabian wieder, und ich griff zum Handy.

»Heilmann.«

»Hallo Vati.«

»Reiko! Schön, dass du anrufst! Wie geht es dir?«

»Mir geht es gut, danke, ich bin bloß ziemlich müde.«

»Das kann ich mir vorstellen, wir haben ja mitbekommen, was bei euch los ist.«

Das hatte vermutlich der größte Teil der zivilisierten Welt, sprich: unser ganzer Landkreis, mitbekommen.

»Ja, es ist ziemlich anstrengend mit all den Kindern auf der Hütte.«

»Ihr packt das schon. Herr Röcker ist ganz beeindruckt davon, wie du zusammen mit Fabian den Laden schmeißt.«

Na sowas hört man doch mal gerne!

»Wir werden es hinbekommen, wir haben ja auch gar keine andere Wahl.«

»Gut. Reiko… Nicole hat uns von der Sache mit Melanie erzählt. Deiner Mutter und mir tut das wirklich sehr leid. Wir hoffen, dass du das einigermaßen verkraftest.«

Mist. Für viele Stunden hatte ich nicht mehr an das Thema gedacht, nun mußte es ausgerechnet mein Vater wieder hochbringen.

»Ja, Vati. Ich komm schon klar. Es hatte eh schon eine ganze Weile gekriselt, auch wenn ich lieber auf andere Weise mit ihr Schluß gemacht hätte.«

»Das glaube ich dir gerne. Sag mal, René ist mir heute beim Zahnarzt begegnet, der hatte eine ganz dicke Backe. Du hast damit nicht zufällig etwas zu tun?«

»Kein Kommentar!«

»Gut, gut, ich glaube, ich will das gar nicht genauer wissen.«

Und ich wollte ihm auch gar nicht mehr darüber erzählen.

»Du, Vati, wir sollten langsam schlußmachen. Fabians Handy ist heute schon ziemlich strapaziert worden.«

»Das kann ich mir vorstellen. Was macht ihr heute noch?«

»Wir sind alle ziemlich müde, die Kids liegen alle schon im Bett bzw. im Schlafsack, und wir verschwinden auch gleich in die Falle.«

»Gut. Deine Mutter ist gerade in der Wanne, ich soll dir aber einen schönen Gruß ausrichten. Rufst du morgen wieder an?«

»Ja, ich denke schon.«

»Schön. Also dann, gute Nacht, Reiko. Und halt die Ohren steif da oben.«

»Danke, gute Nacht, Vati. Und sag Mutti auch einen schönen Gruß von mir. Und Nicole auch.«

»Mach ich. Tschüß!«

Damit war das Gespräch beendet, ich schaltete das Handy aus und hing es ans Ladegerät. Bei Jasmin würde es wohl noch ein Weilchen dauern, also setzte ich mich in einen der Sessel und las noch ein wenig in meinem Buch. Der Fernseher war längst ausgeschaltet, was in Anbetracht der großen Anzahl anwesender Kinder und Jugendlicher ja ein Wunder für sich war.

Ich war so sehr ins Lesen vertieft, dass ich gar nicht mitbekam, wie Jasmin aus dem Bad zurückkehrte.

»Du kannst jetzt duschen, Reiko.«

»Hast du mir noch etwas warmes Wasser übrig gelassen?«

»Wenn du dich ein wenig beeilst, sollte es reichen.«

Na da ließ ich mich mal überraschen.

»Gehst du schon hinter ins Schlafzimmer?«

»Nein, ich warte hier auf dich.«

Ich machte mich auf ins Bad, wo ich mit der Duscherei gerade rechtzeitig fertig wurde, als das Wasser langsam unangenehm kalt wurde. Schnell noch mal aufs Klo, Zähne putzen, Schlafanzug anziehen, und ich war bereit für die Nacht.

»So, alles erledigt. Jetzt machen wir hier noch die Schotten dicht, dann können wir auch in die Federn.«

Jasmin erhob sich aus ihrem Sessel.

»Zeigst du mir mal den Generator?«

»Klar.«

Ich führte sie in den Generatorraum, wo sie sich sofort die Ohren zuhielt. Schnell drückte ich auf den Ausschalter, und das Gewummer erstarb.

»Ich hätte nicht gedacht, dass das Ding dermaßen laut ist!«

»Naja, der hat ja auch viel zu leisten. So, gehen wir?«

Wieder im Wohnzimmer, schauten wir noch einmal nach den vier Kids im Schlafsack, die mittlerweile alle tief und fest schliefen. Arko schaute uns an und machte Anstalten aufzustehen.

»Bleib liegen, Arko, du schläfst hier.«

Er hatte meine geflüsterten Worte wohl verstanden, jedenfalls ließ er sich wieder nieder und rollte sich zwischen den Schlafsäcken zusammen.

»Nimmst du mal die Taschenlampe, Jasmin? Ohne Strom ist es hier ziemlich dunkel.«

Sie griff zur Taschenlampe und knipste sie an, und in deren Lichtkegel machten wir uns auf den Weg zum Schlafzimmer. Jasmin blieb allerdings vor der Tür des kleineren Schlafgemachs stehen.

»Was willst du hier?«

»Nachschauen, ob Patrick schläft.«

»Was kümmert dich der Giftzwerg?«

»Psssst.«

Leise öffnete sie die Zimmertür. Im Licht der Petroleumlampe auf dem Nachttisch sahen wir Patrick, wie er friedlich im Bett lag und schlief. Jasmin drückte mir die Taschenlampe in die Hand.

»Halt mal.«

Sie ging ins Zimmer hinein, deckte Patrick, der seine Bettdecke etwas weggestrampelt hatte, ordentlich zu, dann löschte sie die Petroleumlampe und verließ das Zimmer wieder, die Tür leise hinter sich zuziehend.

»Das hat der gar nicht verdient, Jasmin.«

»Stimmt schon. Aber wer weiß, was der Grund für sein bescheuertes Verhalten ist. Und wir können ihn deswegen auch nicht so einfach erfrieren lassen, oder?«

»Hast ja recht. Na los, machen wir, dass wir auch ins Bett kommen.«

Als wir ins große Schlafzimmer traten, war dieses auch von einer Petroleumlampe erleuchtet. Im Doppelbett lagen Fabian und Jonas, dicht aneinandergekuschelt, und gaben keinen Mucks mehr von sich.

»Hätte mich doch sehr verwundert, wenn die zwei sich nicht das Doppelbett unter den Nagel gerissen hätten.«

»Laß sie doch. Ich freu mich für meinen Bruder, dass er jemanden gefunden hat. Und das sieht doch niedlich aus, wie die zwei da so liegen, oder?«

Ich nickte bestätigend. Ich muß zugeben, bei der Vorstellung von zwei Männern, die zusammen im Bett liegen, hatte ich mich bisher geschüttelt, aber das, was ich nun vor mir sah, sah so normal, so natürlich aus, dass sich in diesem Augenblick meine Meinung zu dem Thema um 180 Grad wendete.

»Schade, dass ich keine Kamera hier habe.«

Hehe, das wäre wirklich ein Bild, das es wert wäre, für die Nachwelt festgehalten zu werden. Aber es sollte nicht sein.

»Ab ins Bett, Jasmin. Ich mach dann noch die Funzel aus, dann leg ich mich auch hin.«

»Okay, ich leuchte dir dann mit der Taschenlampe heim.«

Das war eine gute Idee, denn vom Nachttisch mit der Petroleumfunzel bis zu meinem Bett war es ein ganz schön weiter Weg, ich mußte um das ganze Doppelbett mit dem verpennten Liebespaar herum. Mit Hilfe von Jasmins Leuchtkraft schaffte ich das aber ohne irgendwelche Unfälle, und kurz danach lag ich auch in de Federn.

»Gute Nacht, Jasmin. Träum was Schönes.«

»Du auch, Reiko, gute Nacht.«

Jasmin knipste die Taschenlampe aus und es wurde richtig finster im Zimmer. Auf der Hunde-Runde hatte es ziemlich stark geschneit, weder der Mond noch die Sterne waren am Himmel zu sehen gewesen, entsprechend dunkel war es draußen.

Was für ein verrückter Tag das gewesen war. Und ich hatte gedacht, dass der gestrige Tag mit all seinen Katastrophen und Überraschungen nicht mehr zu übertreffen wäre! Naja, eines war klar: langweilig würden wohl auch die nächsten Tage nicht werden. Eher im Gegenteil! Heute waren die Kids müde gewesen, morgen aber würden sie vor Tatendrang überlaufen, und wir würden alle Hände voll damit zu tun haben, sie einigermaßen vernünftig zu beschäftigen. Was zur Hölle sollte man hier mit fünf Kinder anfangen?

Bei diesen tiefschürfenden Überlegungen schlief ich irgendwann ein, ohne vorher eine Lösung gefunden zu haben…

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Als ich wach wurde und vorsichtig das linke Auge öffnete, wurde ich mit dem schönsten Anblick belohnt, den ich mir vorstellen konnte. Direkt vor mir lag Jonas, die Augen geschlossen, das Gesicht völlig entspannt, ein Lächeln auf den Lippen. Wir hatten in der Nacht wohl die Position gewechselt, er lag jetzt auf dem Rücken, ich auf dem Bauch neben ihm, den Kopf zu ihm gedreht. Mein linker Arm lag besitzergreifend über ihm. Das ist meiner, den geb ich nie wieder her!

Als wir am Abend zuvor ins Schlafzimmer gekommen waren, gab es keine Frage, wo wir uns hinlegen würden. Das Doppelbett war unseres, und wenn sich Jasmin und Reiko auf den Kopf stellen würden!

Als wir dann dicht an dicht in den Federn lagen, überwältigte uns sehr schnell der Schlaf, wir bekamen nicht einmal mehr mit, wie die beiden anderen ins Zimmer gekommen waren. Womit natürlich auch klar wäre, dass – obwohl wir zusammen im Bett lagen und quasi miteinander schliefen – überhaupt nichts außer eben schlafen lief.

Es wurde langsam heller im Zimmer, und ich nutzte dies, um das Gesicht des Jungen zu betrachten, den ich da mit einer unverschämten Ladung Glück abbekommen hatte. Ganz glatte Haut, ein paar vorwitzige Bartflusen, mehr war da nicht. Anscheinend hatte sich Jonas am Vorabend schnell noch rasiert. Eine niedliche Stupsnase ragte aus dem Gesicht, darüber zwei Augen mit langen, zarten Augenbrauen. Einfach süß.

Ich konnte nicht widerstehen, meine linke Hand wanderte an Jonas‘ Oberarm hinauf. Ich streichelte ihm über die Wange, dann fuhren meine Finger ganz sanft durch die wirr herumliegenden blondierten Haare, an deren Ansatz schon wieder ein Millimeter in der braunen Naturfarbe aus der Kopfhaut herausschaute. Zärtlich kraulte ich Jonas den Kopf. Der schien das nicht wahrzunehmen, jedenfalls änderte sich nichts an seinen gleichmäßigen Atemzügen.

»Du solltest ihn langsam wecken, auch wenn es schwerfällt. Es geht auf acht zu.«

Hach wie gemein. Reiko konnte einem die schönste morgendliche Aufwachphase verderben.

»Und Jasmin ist auch schon draußen, jedenfalls ist ihr Bett leer.«

Ich seufzte.

»Okay, wenn es denn unbedingt sein muß…«

»Es muß sein. So, ich geh Arko vor die Tür scheuchen.«

Reiko verließ das Schlafzimmer und ließ mich mit der Aufgabe zurück, meinen Schatz aus Morpheus‘ Armen zu reißen. Naja, so schwer sollte mir das eigentlich nicht fallen.

Als erstes pustete ich ihm sanft übers Gesicht, was allerdings außer einem kleinen Rümpfen der Nase keine Resultate zeigte. Okay, also etwas mehr Einsatz! Meine Kopfkraulhand wuselte nun etwas kräftiger durch Jonas‘ Haare, aber auch hier: wach wurde mein Schatz nicht. Und nun?

Vielleicht sollte ich noch ein wenig mutiger werden. Ich stützte mich mit dem rechten Arm ein wenig ab und schob meinen Kopf über den von Jonas. Ganz vorsichtig senkte ich meine Lippen den seinigen entgegen. Hoffentlich verließ mich nicht noch im letzten Moment der Mut! Da, es war soweit, unsere Lippen berührten sich!

Und ich merkte, dass ich mal wieder hereingelegt worden war. Jonas‘ Augen sprangen auf, ich spürte seine Hände plötzlich in meinem Nacken, und aus der sanften Berührung unserer Lippen wurde von einer Sekunde auf die andere viel mehr. Im ersten Moment war ich erschrocken, dann jedoch gab ich mich voll den Gefühlen des Augenblicks hin, und es war noch viel schöner, als ich es mir je hatte träumen lassen. Nachdem unsere Lippen einige Sekunden aufeinandergepreßt gewesen waren, ließ Jonas mir ein wenig Freiraum, und unsere Gesichter trennten sich einige Zentimeter voneinander.

»Ist das okay für dich, Faby, oder bin ich zu stürmisch?«

Ja, einerseits war er ein wenig zu stürmisch für mich. Andererseits jedoch: es gefiel mir. Und ich wollte mehr davon! Ich verkniff mir also eine verbale Antwort und preßte meine Lippen wieder auf die seinigen.

Das war dann wohl für Jonas das Zeichen, dass er sich nicht mehr so sehr zurückzuhalten brauchte, jedenfalls verfielen wir schnell in eine wilde Knutscherei. Zwar war das für mich alles völliges Neuland, aber ich wage zu behaupten, dass ich ein guter Schüler war! Wir wälzten uns im Bett umeinander, überall waren Hände, wir konnten einfach nicht voneinander lassen, was natürlich Auswirkungen auf unseren ganzen Körper hatte. Und so kam es, wie es wohl kommen mußte: klein Fabian begann sich zu regen, und auch in der Hose von Jonas wurde es langsam eng. In meiner Brust stritten zwei Seelen, die eine wollte das jetzt bis zum Ende durchziehen – die andere hatte Angst vor der eigenen Courage und wollte sich lieber etwas mehr Zeit lassen. Die zweite gewann…

Vorsichtig drückte ich Jonas ein Stückchen von mir weg.

»Was ist, Faby?«

Ein wenig besorgt schaute er auf mich herunter.

»Ich… Es ist nur… Jonas, wenn wir jetzt weitermachen, dann muß ich nachher meinen Schlafanzug waschen.«

Jonas grinste mich an.

»Hehe… Ich weiß, was du meinst, geht mir auch so. Sollten wir lieber aufhören?«

Nein, schrie die erste Seele, aber mittlerweile war ich schon etwas abgekühlt, und die Stimme der Vernunft konnte sich durchsetzen.

»Es wäre wohl besser. Außerdem…«

»Ja?«

»Außerdem geht mir das doch ein bißchen zu schnell. Ich meine, wir kennen uns erst seit gestern.«

Hoffentlich nahm er mir das nicht übel. Mir war klar, dass er im Gegensatz zu mir kein Neuling in Sachen Sex war, vielleicht war er ja enttäuscht, dass ich noch nicht bereit war, weiterzugehen.

»Ich liebe dich, Jonas, ich möchte auch alles mit dir ausprobieren, aber gib mir bitte noch ein wenig Zeit.«

Verärgert schien er jedenfalls nicht zu sein, er lächelte mich weiter an.

»Bist du mir sehr böse?«

Verwunderung zeigte sich auf seinem Gesicht.

»Böse? Wieso?«

»Naja… Weil ich noch nicht weitergehen möchte.«

Jonas beugte sich herunter und gab mir einen sanften Kuß auf die Stirn.

»Faby, ich bin dir absolut nicht böse, eher im Gegenteil. Du hast ja vollkommen recht, das geht alles etwas arg schnell.«

Erleichterung durchflutete meinen Körper.

»Außerdem würde ich es mir nie verzeihen, wenn ich dich zu irgendwas drängen würde, wozu du noch nicht bereit bist. Also versprich mir bitte, dass du in einem solchen Fall mit mir redest, mir sagst, wenn ich zu weit gehe, okay?«

In diesem Moment verliebte ich mich gleich noch viel mehr in ihn.

»Versprochen!«

»Prima. So, was meinst du, sollten wir uns jetzt aus dem Bett quälen? Nicht, dass die anderen am Ende noch denken, wir hätten genau das gemacht, was wir gerade beschlossen haben, noch nicht zu machen!«

Das würde Reiko vielleicht sowieso denken, der hatte im Hinterkopf garantiert immer noch die Vorstellung von mir als dem großen Verführer und Bettakrobaten. Trotzdem hatte Jonas natürlich recht, wir sollten uns wirklich dem harten Tagesgeschehen stellen.

»Wenn es denn sein muß…«

»Es muß sein, leider sind wir ja nicht alleine hier.«

Nicht alleine war ja sogar gewaltig untertrieben. Ich seufzte.

»Na gut, dann mach mal.«

Fragend schaute Jonas mich an.

»Was soll ich machen?«

»Von mir runtergehen, oder wie soll ich sonst aus dem Bett rauskommen?«

»Oh. Stimmt. Schade. Es war gerade so gemütlich.«

Nichtsdestotrotz rollte sich Jonas von mir herunter, setzte sich an der Bettkante auf, zog sich die Pantoffeln über und stand dann auf. Ich machte keine Anstalten, ihm zu folgen, was er natürlich schnell bemerkte.

»Und du? Willst du nicht auch aufstehen?«

Wollen? Nee, ganz bestimmt nicht.

»Ich komm nicht hoch, Jonas, ich glaube, ich muß doch noch ein Weilchen liegenbleiben.«

»Nichts ist! Keine Müdigkeit vorschützen.«

So ein Spielverderber. Na gut, aber er sollte wenigstens etwas dafür tun. Ich streckte meinen rechten Arm in seine Richtung aus.

»Hilf mir hoch, du großer, starker Mann!«

Jonas schüttelte grinsend den Kopf, dann griff er meinen Arm und zog mich aus dem Bett. Wenn ich jetzt allerdings dachte, dass die Aktion damit beendet wäre … Pustekuchen! Mit seinen starken, tennistrainierten Armen zog er einfach weiter, und im nächsten Moment lag ich Leichtgewicht über seiner rechten Schulter! Kurz über meinem Hinterteil umklammerte mich Jonas‘ rechter Arm, der linke griff etwas tiefer um meine Oberschenkel herum, und ich konnte nur noch mit Armen und Beinen strampeln.

»Was soll das werden?«

»Ach, ich dachte mir, wenn du so faul bist, dann trage ich dich gleich bis raus, sonst dauert das bei dir ja ewig.«

»Komm schon, laß mich runter!«

»Nö. Hör auf zu strampeln, das nützt dir eh nichts!«

Das hatte ich auch schon gemerkt, gegen seine Schraubstock-Arme war kein Kraut gewachsen.

»Mach es uns beiden leichter und lieg schön still! Sonst…«

»Sonst was?«

»Sonst das!«

Jonas‘ linke Hand ließ kurz los und landete mit einem Klatscher auf meinem Hintern.

»Schon gut, schon gut!«

»Sehr schön. Gut, dass Reiko mich drauf aufmerksam gemacht hat, wie man dich unter Kontrolle bringen kann.«

Ich würde dafür sorgen, dass Reiko demnächst das nasse Bett von vor über zehn Jahren wie ein toller Spaß vorkommen würde! Im Moment hatte ich aber keine Möglichkeiten mehr, mich gegen das Unvermeidliche zu wehren, also verhielt ich mich ganz ruhig. Immerhin bot mir die Art, wie ich über Jonas‘ Schulter hing, einen netten Ausblick auf sein wohlgeformtes Hinterteil. Auch nicht schlecht…

Mein Gewicht schien Jonas überhaupt nichts auszumachen, er schien es gar nicht zu spüren, flotten Schrittes ging er zur Zimmertür, öffnete diese, und marschierte dann mit mir ins Wohnzimmer.

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Ich wurde wach durch das leise Geräusch einer vorsichtig zugezogenen Tür. Wer schlich da in unser Zimmer oder aus ihm heraus? Blinzelnd öffnete ich die Augen und schaute mich im Dämmerlicht des heranbrechenden Tages um. Von den beiden Jungs im Doppelbett konnte ich nur Fabian sehen, Jonas war durch ihn und die hoch aufgetürmte Federdecke vor meinen Blicken verborgen.

Ich ließ meine Blicke weiterschweifen und entdeckte, dass das zweite Einzelbett im Zimmer leer war. Also war es wohl Jasmin gewesen, die sich herausgeschlichen hatte und für mein Erwachen verantwortlich war. War es denn schon soweit, dass wir aufstehen mußten? Ich warf einen Blick auf meine Uhr.

Halb acht. Eigentlich viel zu früh zum Aufstehen, aber Arko würde wohl langsam mal wieder vor die Tür müssen, und auch die Kids würden vermutlich nicht so lange schlafen wie wir Älteren es gerne hätten. Widerwillig schob ich meine Bettdecke zur Seite, setzte mich auf und erhob mich dann, nachdem ich meine Füße in den Hausschuhen verstaut hatte.

Als ich stand bemerkte ich, dass ich nicht der einzige im Raum war, der nicht mehr schlief. Fabian kraulte seinem Liebsten durch die Haare und war dermaßen in diese Tätigkeit vertieft, dass er mein Aufstehen gar nicht mitbekommen hatte. Entsprechend erschrocken war er, als ich ihn ansprach. Sonderlich begeistert über diese Störung und die Aussicht, demnächst auch aus den Federn zu müssen, schien er nicht zu sein, aber darauf konnte ich nun auch keine Rücksicht nehmen. Außerdem: warum sollte er gemütlich liegenbleiben können, wenn ich aufstehen mußte?

Ich griff mir frische Wäsche und machte mich auf den Weg ins Wohnzimmer, wo bereits ziemlicher Trubel herrschte. Patrick saß komplett angezogen in einem Sessel, die anderen beiden Jungs trugen auch schon Tageswäsche und waren gerade dabei, die Schlafsäcke einzurollen.

»Guten Morgen.«

Ich bekam das gleiche zu hören, sogar Patrick schaffte es mal, die Kiefer auseinanderzubringen.

»Wo sind denn die Mädels? Und wo ist Arko?«

»Ricarda und Manuela sind mit Jasmin im Bad, und Arko haben wir schon rausgelassen.«

Na das hörte sich doch gut an.

»Ist der Hund schon lange draußen, Felix?«

»Das mußt du Patrick fragen, wir waren nicht hier als er raus ist.«

Ich schaute zu unserem Problemfall.

»Fünf Minuten oder so.«

Das sollte eigentlich erstmal reichen, später würde er noch viel Zeit draußen verbringen können. Ich ging zur Tür, öffnete sie, und mußte feststellen, dass es auch in dieser Nacht wieder einiges an Neuschnee gegeben hatte. Auch jetzt schneite es noch fröhlich vor sich hin.

»Arko!«

»Wuff!«

»Na los, komm rein hier!«

In einer Wolke aus aufgewirbeltem Pulverschnee kam der Vierbeiner angestiebt, und ich konnte gerade noch seinen Versuch abwehren, mich naß und kalt anzuspringen.

»Läßt du das!«

Ich zog Arko am Halsband in die Hütte und griff seufzend zu seinem Handtuch.

»Darf ich ihn mal abtrocknen?«

Verblüfft schaute ich zu Patrick, von ihm hätte ich so ein Angebot nun wirklich nicht erwartet. Aber wenn er schon so fragt…

»Klar. Hier, ordentlich abrubbeln. Achte vor allem auch auf die Schneeknötchen an den Pfoten.«

»Okay.«

Da diese Aufgabe nun vergeben war, konnte ich mich anderen Dingen zuwenden.

»Chris, Felix, helft ihr mir mal, den Tisch und die anderen Möbel wieder richtig hinzustellen?«

Gemeinsam verwandelten wir das Schlaf(sack)zimmer wieder in einen Wohnraum.

»Ihr seid wohl schon durchs Bad durch?«

»Ja, Felix und ich sind wachgeworden, als der Generator ansprang. Wir sind dann auch bald aufgestanden, wir dachten, es wäre gut schon fertig zu sein, wenn der Ansturm der anderen anfängt.«

»Ihr seid zwei richtig schlaue Kerlchen.«

Erfreut lächelten mich die beiden Jungs an. Mit was für einfachen Sachen man denen eine Freude machen konnte.

Einige Minuten später tauchten auch die Mädels tagfertig auf. Nach der Begrüßung machte Jasmin eine kleine Bestandsaufnahme.

»Fehlen ja nur noch Jonas und Fabian. Ob die schon wach sind?«

»Sind sie, als ich raus bin, hatte Fabian schon die Augen offen, und ich hab ihm gesagt, dass er deinen Bruder wecken und dann mit ihm rauskommen soll.«

»Sehr schön, dann werden sie ja hoffentlich bald hier auftauchen.«

Da war ich mir nicht ganz so sicher, aber meine schmutzigen Gedanken verbannte ich ganz schnell in die hinterste Ecke meines Gehirns.

»Ich nutze dann mal das freie Bad und mach mich schnell fertig.«

Bevor ich dies aber in die Tat umsetzen konnte, wurde ich durch ein anderes Ereignis abgelenkt.

»Nun laß mich doch endlich runter, du oller Muskelprotz!«

Noch während ich mich umdrehte um zu schauen, was Fabian wohl meinte, begann um mich herum bereits lautstarkes Gelächter. Was allerdings auch vollkommen gerechtfertigt war! Der Anblick meines besten Freundes, wie er mit den Beinen voran von Jonas ins Zimmer getragen wurde, war einfach zum Schieflachen! Nicht einmal Patrick konnte sich dem Humor des Augenblicks gänzlich entziehen.

»Brü… Brüderchen… was machst du denn mit deinem Liebsten?«

»Der kleine Faulpelz wollte nicht aufstehen, da mußte ich halt etwas nachhelfen.«

Damit dürfte endgültig klar sein, wer in dieser Beziehung die Hosen anhatte.

»Laß mich runter, Jonas! Bitte!«

Fabian strampelte mit den Beinen, was ihm als einzigen Erfolg einen Klaps auf den Hintern einbrachte.

»Ich laß dich ja gleich runter. Mädels, könntet ihr mal bitte von der Couch aufstehen?«

Ricarda und Manuela sprangen auf, Jonas trat von hinten das Sitzmöbel heran, dann lud er elegant über die Lehne seine Last in die Polster ab.

»So, mein Kleiner, jetzt darfst du wieder liegen!«

Bequem lag er allerdings nicht, denn sofort sprang Arko auf ihn drauf und begann, ihm übers Gesicht zu lecken.

»Ih! Runter, Arko!«

Schallendes Gelächter füllte den Raum, und nach einigen Sekunden fiel nun auch Fabian selbst in dieses ein – trotz seines knallroten Kopfes.

»Jonas, du spinnst!«

»Stimmt. Aber deswegen magst du mich ja auch so sehr, oder?«

Fabian konnte nur noch lachend den Kopf schütteln. Patrick ging dies alles wohl nun doch wieder zu weit, jedenfalls verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht, und er drehte sich von den beiden verknallten Jungs weg.

Langsam beruhigten sich alle wieder, und ich verschwand ins Bad, wo ich die üblichen morgendlichen Verrichtungen erledigte und mich gleich umzog. Als ich rauskam, war der Frühstückstisch bereits gedeckt, die Kaffeemaschine blubberte und aus dem Ofen drang der Duft von frischem Backwerk.

»Reiko, ist noch warmes Wasser da?«

»Ja, Faby, hat ja auch keiner geduscht.«

»Okay, dann flitzen Jonas und ich schnell durchs Bad. Laßt uns aber bitte was vom Frühstück übrig!«

»Ob ihr noch was bekommt, hängt ganz von euch ab. Ihr solltet also lieber nicht rumtrödeln!«

Diese unverholene Drohung aus Jasmins Mund trieb die zwei mächtig an, wie der Blitz verschwanden sie in Richtung Badezimmer.

»Reiko, steh nicht so rum, gieß den Kids mal Kakao ein.«

»Jawohl, Frau Oberfeld!«

»Sei froh, dass ich die Hände voll mit anderen Dingen hab, Rekrut, ansonsten könntest du jetzt was erleben!«

Ich beeilte mich, Jasmins Anweisungen nachzukommen, und schenkte reihum heißen Kakao ein. Als ich bei Patrick angelangt war, schaute er mich bittend an.

»Kann ich Kaffee bekommen?«

Da war wohl einer plötzlich sehr erwachsen, und wollte mit einem Kindergetränk wie Kakao nichts zu tun haben. Ich sah fragend zu Jasmin rüber.

»Okay, er kann Kaffee bekommen, aber mit viel Milch.«

Mit diesem Kompromiß war der Teenager einverstanden, also bekam er von mir auf meiner nächsten Einschenkrunde eine halbe Tasse Kaffee, die er selbst mit Milch auffüllte.

Einige Minuten später hatten sich zu den dampfenden Getränken auch frisch aufgebackene Baguettes gesellt, und genau zu dem Zeitpunkt, zu dem es nichts mehr zu tun gab, tauchten passenderweise Fabian und Jonas auf, um sich an den gemachten Tisch zu setzen. Sehr clever!

Dem Alter der Teilnehmenden entsprechend, wurden die bereitgestellten Futtermittel in Windeseile vertilgt, bis kaum noch irgendwo ein Krümelchen zu sehen war. Dann kamen wir zu der Frage, über deren Beantwortung ich mir auch schon den Kopf zerbrochen hatte.

»Was machen wir nun heute eigentlich den lieben langen Tag lang?«

Wenn uns nicht irgendwas Schlaues einfiel, um die Kinder beschäftigt zu halten, konnte dies wirklich ein verdammt langer Tag werden!

»Was sagt denn das Wetter?«

»Das gleiche wie gestern früh, Fabian. Ne Menge Neuschnee, und es schneit immer noch.«

Bei den jüngeren Kindern löste das große Freude aus, nur Patrick und wir älteren Leutchen schienen zu kapieren, dass dies auch bedeutete, dass wir noch länger hier festsitzen würden.

»Wir könnten Schneemänner bauen!«

»Oder ein Iglu! Oder eine Schneeburg!«

»Moment, moment, immer mit der Ruhe! Es ist ja noch schön zeitig, wir brauchen nichts zu überstürzen!«

Jasmins pädagogische Ader meldete sich genau im richtigen Augenblick zu Wort.

»Ich schlage vor, wir hören uns erstmal im Radio den Wetterbericht an, und dann sehen wir weiter. Wir müssen ja nicht gleich jetzt rausgehen.«

Der Wetterbericht war eine gute Idee, ich stand auf und schaltete das Radio ein. Es dauerte nicht lange, und die Neun-Uhr-Nachrichten begannen, an deren Ende wie üblich der Wetterbericht folgte.

»…die Schneefälle lassen im Tagesverlauf nach und hören am späten Nachmittag ganz auf. Das Niederschlagsgebiet zieht in Richtung Westen ab. An seiner Rückseite fließt kalte Polarluft in das Vorhersagegebiet ein. Die Tagestemperaturen werden bei nachlassendem Wind zwischen -6 und

-4 Grad liegen, in der Nacht ist bei klarem Himmel mit strengem Frost bis -10 Grad zu rechnen…»

Die Schneefälle zogen ab, das war doch mal eine gute Nachricht!

»Und hier die Drei-Tage-Aussichten: unser Sendegebiet gerät zunehmend unter Hochdruckeinfluß. Klares Winterwetter setzt sich durch, mit weiteren Niederschlägen ist vorläufig nicht zu rechnen. Die Starkwinde lassen nach, nur in den Gipfellagen der Gebirge ist noch mit vereinzelten Sturmböen zu rechnen. Die Temperaturen werden tagsüber nur noch -10 bis -8 Grad erreichen, nachts liegen die Werte verbreitet bei -15 Grad, vereinzelt können auch -20 Grad erreicht werden.«

Zum Glück saßen wir hier im Warmen und hatten dicke Klamotten dabei!

»Zum Abschluß eine Meldung vom Deutschen Wetterdienst: die Unwetterwarnung für unser Sendegebiet wird heute mit Wirkung 18 Uhr aufgehoben.«

Das hörte sich ja ganz gut an, auch wenn die sich an den Wetterbericht anschließenden Verkehrsmeldungen noch ein katastrophales Bild von den Straßenzuständen zeichneten.

»So, ihr habt es gehört, es wird heute langsam aufhören mit der Schneierei. Ich würde vorschlagen, dass wir uns vormittags hier drin beschäftigen, und nachmittags unternehmen wir etwas draußen im Schnee.«

Die Kids murrten ein wenig, sahen dann aber ein, dass sie eh nicht den ganzen Tag draußen verbringen konnten. So kam es, dass sich – nachdem der Tisch wieder abgeräumt und das Geschirr abgewaschen war – zwei Spielrunden bildeten. Während die vier Jüngsten sich in Mensch-Ärgere-Dich-Nicht bekämpften, spielten Jasmin, Jonas, Fabian und ich Monopoly. Patrick hatte sich entschieden, lieber ein Buch zu lesen, und sich mit irgendeinem Krimi in sein Schlafzimmer zurückgezogen. Arko hatte ihn begleitet, die zwei hatten wohl Freundschaft geschlossen.

Bald waren wir dermaßen ins Spiel vertieft, dass wir gar nicht mitbekamen, wie die Zeit verging. Bei den Kleinen schien jeder mal zu gewinnen, bei uns hingegen wurde lange und verbissen gekämpft, bis am Ende Jonas die Oberhand gewann. Kein Wunder, hatte der Hotel-Azubi doch strategisch günstig Hotels rings um das Spielfeld platziert. Wie Weihnachtsgänse nahm er uns aus!

»Ha, gewonnen! Na, wie schauts aus, noch eine Runde?«

»Bruderherz, schau mal auf die Uhr.«

Natürlich tat dies nicht nur Jonas, auch die Blicke von Fabian und mir wanderten automatisch zum Zeitanzeiger. Es war bereits kurz vor elf!

»Wir sollten langsam überlegen, was wir heute zum Mittagessen servieren.«

Und vor allem, wer das Mittagessen kochen würde.

»Wie wäre es mit Spaghetti und Tomatensoße? Geht schnell, ist einfach, macht satt.«

»Gute Idee, Jonas, du kochst!«

Verdutzt starrte der frischernannte Küchenmeister seine Schwester an, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Aber er willigte ein, unter der Bedingung, dass Fabian ihm helfen würde. Und für den war eine Bitte von Jonas natürlich gleichbedeutend mit einem Befehl!

»Na schön, wir waren ja heute früh die Faulsten, da werden wir mal das Mittagessen übernehmen. Und was macht ihr in der Zwischenzeit?«

»Wir drehen eine Runde mit Arko, würde ich sagen. Jasmin, du kommst doch mit, oder?«

»Ja, und die Kinder kommen auch alle mit.«

Begeistert sprangen die Kids auf, die konnten es wohl wirklich nicht erwarten, hinaus in den Schnee zu kommen.

»Wie du meinst. Dann also los, holt euch eure Schneesachen und zieht euch an! Abmarsch in zehn Minuten!«

Die Kinder stoben davon, und auch Jasmin machte sich auf den Weg in den Lagerraum.

»Bringst du mir meinen Overall bitte mit, Jasmin? Ich werd mal Arko und Patrick holen.«

»Mach ich, viel Glück mit Patrick.«

Ob ich das brauchen würde? Oder ob er mal wieder in einer einigermaßen ansprechbaren Phase war? Es gab nur einen Weg, um das herauszufinden, und diesen Weg beschritt ich jetzt. Ich klopfte an seiner Zimmertür und trat ein.

Patrick lag rücklings im Bett, neben ihm lag mein Vierbeiner, die Schnauze auf Patricks Brust, und ließ sich von diesem hinter den Ohren kraulen. Die beiden schienen wirklich gut miteinander klarzukommen.

»Was gibt’s?«

»Wir wollen eine Runde mit Arko drehen. Kommst du mit?«

»Wer ist wir?«

»Die Kleinen, Jasmin und ich.«

»Die Schwuchteln kommen nicht mit?«

Ich seufzte, verzichtete aber auf die eigentlich fällige Standpauke, dafür war jetzt keine Zeit.

»Nein, Fabian und Jonas kommen nicht mit, die kümmern sich ums Mittagessen.«

»Gut, ich komme mit. Ich muß mir nur schnell Jacke und Stiefel holen.«

Als er sich bewegte um aufzustehen, sah ich unter seiner Jeans viel nackte Haut.

»Erstmal ziehst du die lange Unterwäsche an, und dann statt der Jeans deine Schneehose.«

»Ich frier schon nicht!«

»Entweder das oder du bleibst hier.«

Einen Moment sah es so aus, als wollte er eine Szene machen, aber dann siegte wohl der Wunsch, mit seinem neuen vierbeinigen Freund durch den Schnee zu toben.

»Okay, okay, ich zieh mich um! Aber dann müßt ihr auch auf mich warten!«

»Dann sorg dafür, dass wir nicht zu lange warten müssen. Komm, Arko.«

Ich verließ Patricks Zimmer, und einige Minuten später waren alle abmarschbereit.

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Spaghetti kochen mit Jonas, naja, es hätte schlimmer kommen können. Das würden wir schon hinkriegen. Vorerst aber wollten wir erstmal abwarteten, bis die laute Meute im Schnee verschwand. Ich kuschelte mich an Jonas, und wir beobachteten gemeinsam das Treiben.

Zuerst tauchten die vier Kleinen auf, mit ihren Schneeanzügen in den Händen, und zogen sich schnatternd an. Kurz darauf folgte Jasmin, schon fertig angezogen, und drückte Reiko, der Arko geholt hatte, seinen Overall in die Hand. In diesem Moment kam auch Patrick angeschossen und flitzte in Unterwäsche durchs Zimmer zum Lagerraum. Reiko stieg in den Overall, dann schaute er mich fragend an.

»Fabian, kann ich das Handy mitnehmen?«

Das war wohl eine vernünftige Idee.

»Ja, nimm es mit. Ach, sag mal, kennst du dich mit dem GPS-Teil aus?«

»Ja, beim DRK haben wir auch eins. Zwar ein anderes Modell, aber ich komm schon klar.«

»Gut, dann nimm das auch mit. Sicher ist sicher.«

Mein Vater würde mir den Allerwertesten bis zum Haaransatz aufreißen, wenn bis zu unserer Befreiung nochmal jemand verloren gehen würde.

»Meinst du, dass das nötig ist?«

»Lieber kein Risiko eingehen.«

»Okay, wie du meinst.«

Reiko holte die beiden Geräte und verstaute sie in den Taschen seines Schneeanzuges. Unterdessen tauchte auch Patrick wieder auf, und nachdem sich alle noch die Stiefel angezogen hatten, verschwand einer nach dem anderen durch die Tür nach draußen, und in der Hütte kehrte eine fast schon unheimliche Ruhe ein.

»Endlich allein.«

Ich warf einen herausfordernden Blick zu meinem Liebsten.

»Ach, hast du irgendwas mit mir vor, wobei die anderen gestört hätten?«

»Ja klar habe ich das!«

Oh. Nun war ich aber mal gespannt!

»Und was wäre das?«

Jonas grinste mich an.

»Kochen, was sonst?«

»Schade…«

Ich schob mich noch etwas dichter an ihn heran und wollte gerade meine Lippen auf die seinigen pressen, als die Tür wieder aufging.

»Wir hatten ganz vergessen, ne Zeit auszumachen, zu der wir wieder da sein sollen. Ups… Sorry…«

Reiko hatte mal wieder das unheimliche Talent, in der dämlichsten Situation in einen Raum reinzuplatzen. Genau wie bei der doofen Zicke Melanie. Wie zwei ertappte Sünderlein schauten wir zur Tür.

»Also wirklich. Ihr sollt kochen, für diese Spielchen habt ihr gar keine Zeit!«

Jonas und ich schauten uns kurz an, dann zeigte wir beide Reiko den Stinkefinger. Dieser jedoch lachte nur darüber.

»Na wie auch immer. In einer Stunde sind wir wieder da, und dann werden wir alle sicher sehr hungrig sein. Also tut was für euer Geld! Tschüß!«

Was für unser Geld tun? Wir bekamen Geld dafür? Na darüber sollten wir nochmal etwas genauer reden, das wäre ja wirklich mal nett. Reiko jedenfalls ließ uns jetzt endgültig alleine.

»So ein Antreiber.«

»Der paßt zu deiner Schwester, die ist auch nicht besser.«

»Hehe, hast du das auch schon bemerkt? Die hat manchmal nen richtigen Kasernenhofton drauf.«

Armer Reiko.

»So, und wie machen wir das jetzt?«

»Ist ja noch viel Zeit, wir suchen erstmal alles zusammen, das Kochen selbst geht dann schnell.«

»Gut, ich verlaß mich da auf dich, Jonas, ich bin kein sonderlicher Kochkünstler.«

»Keine Bange, dafür hast du jetzt ja mich. Alle, die ich bisher bekocht habe, haben von meinen kulinarischen Köstlichkeiten geschwärmt.«

»Na wenn das so ist, dann wirst du in unserer Ehe den Koch spielen.«

»Mach ich, wenn du das Putzen übernimmst, meine Kleine.«

Kleine? Also das ging zu weit! Ich knuffte ihn in den Oberarm, und zwar so, dass er es tatsächlich spürte!

»Aua! Was hab ich dir denn getan!«

»Nenn mich nie wieder ‚Kleine‘, kapiert, Großer?«

Jonas rieb sich die schmerzende Stelle.

»Schon gut, schon gut, mein KleineR!«

Das wollte ich ihm auch geraten haben. Mit »Kleiner« konnte ich leben, das hörte sich schon ganz anders an.

»Na dann mal los, suchen wir die Zutaten zusammen, viel brauchen wir ja nicht.«

Und wir hatten auch alles, was wir brauchen würden, in genügend großer Menge da. So konnte man uns in der folgenden Stunde dabei sehen, wie wir die Küche in ein Schlachtfeld verwandelten, vor allem, da wir bei all der Arbeit nicht die Hände voneinander lassen konnte. Kurz vor der erwarteten Rückkehr der verfressenen Bande hatten wir alles vorbereitet, das Geschirr stand auf dem Tisch, Besteck lag bereit, die Nudeln lagen in einer riesigen Pfanne, in einem Topf köchelte die Tomatensoße sanft vor sich hin. Letztere wollte Jonas später über die Nudeln kippen und das ganze Gemisch noch einmal für ein paar Minuten mit etwas Käse darüber in die vorgeheizte Backröhre schieben.

Ich schaute Jonas an und mußte lachen.

»Was ist, Faby?«

»Du hast einen großen Klecks Tomatensoße mitten auf der Nase!«

Ich hatte partout keine Vorstellung, wie der wohl dahingekommen war.

Jonas verdrehte die Augen, so richtig sehen konnte er das Dilemma aber trotzdem nicht.

»Mach mal bitte weg, das sieht doch garantiert total bescheuert aus.«

»Ja, tut es. Schau doch mal in nen Spiegel.«

»Nee, ich hab ne bessere Idee.«

Wie die wohl aussehen würde? Ich hatte eine dumpfe Vorahnung, dass diese Idee wieder auf meine Kosten gehen würde, und genau so kam es auch. Jonas griff sich den Löffel, mit dem er eben noch die Tomatensoße umgerührt hatte, und strich mir damit über die Nase. Ich hatte eine ganz gute Vorstellung, wie das jetzt aussah.

»Hast recht, Fabian, das sieht bescheuert aus!«

Na vielen Dank aber auch. In diesem Moment hörten wir Lärm vor der Hütte, das hieß dann wohl, dass die anderen von ihrem Spaziergang zurück waren.

»Los, Jonas, schnell ins Bad. So sollen die uns nicht zu Gesicht bekommen!«

Der gleichen Meinung war wohl auch mein Liebster, jedenfalls flitzten wir gemeinsam ins Bad, und als wir kurz darauf erneut das Wohnzimmer betraten, sahen wir wieder präsentabel aus.

Dort war mittlerweile die wilde Horde eingefallen, und beim allgemeinen Ausziehen von Stiefeln und Schneeanzügen veranstalte sie ein wahrhaftiges Höllenspektakel. Die Frage, ob der Spaziergang ihnen gefallen hatte, konnten wir uns in Anbetracht des Gelächters und der fröhlichen Gesichter wohl ersparen.

»Gibt es bald was zu essen? Wir sind total ausgehungert!«

Jonas, der unterdessen die Riesen-Nudelpfanne in die Backröhre geschoben hatte, beruhigte Reiko.

»Keine Angst, ihr müßt nicht verhungern. Zieht eure Klamotten aus, geht euch die Hände waschen und so weiter, dann könnt ihr euch schon hinsetzen, es dauert nur noch ein paar Minuten.«

Die Aussicht auf Essen trieb die Glorreichen Sieben zu einer olympiareifen Geschwindigkeit im Ausziehen und Händewaschen, und während ich noch dabei war, Arko trockenzurubbeln, nahmen sie nacheinander ihre Plätze am Tisch ein. Zum Glück war das Essen nun tatsächlich schnell fertig, ansonsten hätten die sich wohl vor lauter Hunger noch gegenseitig angeknabbert!

Die Bewegung im Schnee und die kalte Winterluft hatten für einen gewaltigen Appetit gesorgt, und das Essen war inklusive des Apfelmus-Nachtisches innerhalb kürzester Zeit weggeputzt. Es schmeckte übrigens wirklich klasse, wenn Jonas immer so kochte, dann würde ich wohl (falls ich mit ihm zusammenleben würde) tatsächlich etwas mehr auf die Rippen bekommen. Wobei… Das hatte meine Mutter auch schon jahrelang vergeblich versucht.

Während des Essens erzählten die Kids vom Spaziergang, wie sie Arko nach Schneebällen hatten jagen lassen, wie sie einen Schneemann gebaut hatten und noch vieles mehr. Leider hatten sie anscheinend immer noch reichlich Energie übrig und fragten jetzt schon, wann sie wieder raus dürften.

»Also jetzt ruhen wir uns erstmal ein, zwei Stunden aus, dann können wir nochmal rausgehen und vielleicht wirklich eine Schneeburg bauen.«

Jasmins Vorschlag wurde allgemein mit Jubel aufgenommen, und somit war er beschlossene Sache. Aber wie zur Hölle baute man eigentlich so eine Schneeburg?

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Da sage nochmal jemand, Flöhe zu hüten wäre schwer! Ein ganzer Sack von den Biestern konnte nicht schwerer zu kontrollieren sein als eine Handvoll Kinder.

»Du willst wirklich was pädagogisches studieren, Jasmin?«

»Ja, wieso?«

Wortlos zeigte ich auf die Kids, die sich mit Schneebällen bewarfen, gegenseitig einseiften, den Hund herumscheuchten und ganz allgemein ein riesiges Tohuwabohu veranstalteten.

»Hehe, laß sie doch. Je mehr Energie die jetzt tagsüber verpulvern, umso einfacher wird es für uns, sie abends ins Bett bzw. in die Schlafsäcke zu stecken.«

Hm. Das stimmte vermutlich. Und wenn ich mir anschaute, wie die fünf noch herumtollten, obwohl wir schon fast eine ganze Stunde unterwegs waren und uns bereits wieder der Hütte näherten, dann wurde mir klar, dass uns am Nachmittag noch einiges bevorstand.

Wir hatten eine gemütliche Runde durch den verschneiten Winterwald gedreht. Also das »gemütlich« nur auf Jasmin und mich bezogen! An das Laufen durch den tiefen Schnee hatten wir uns gewöhnt, wir kamen auch ohne Schneeschuhe zurecht. Jetzt aber drängte es uns doch sehr in Richtung Futterquelle, und ich konnte nur hoffen, dass Fabian und Jonas die Zeit alleine tatsächlich zum Kochen verwendet hatten und nicht für irgendwelche anderen Dinge! In dieser Beziehung traute ich den beiden nicht wirklich über den Weg.

Aber meine Sorgen erwiesen sich als unbegründet, als wir die Hütte betraten, war der Tisch bereits komplett gedeckt, und kaum hatten wir uns von den warmen Sachen befreit, konnten wir auch schon mit der Esserei anfangen. Es dauerte erwartungsgemäß nicht lange, und alles, was die beiden Meisterköche serviert hatten, hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst.

Auch die Frage, wie es heute weitergehen sollte, war schnell geklärt, sodass nach dem Essen etwas Ruhe einkehrte. Jasmin und die Mädels kümmerten sich um den Abwasch, wir anderen verteilten uns auf der Polstergarnitur, nur Patrick verschwand wieder eilig in sein Zimmer. Über ihn konnte ich mich nur noch wundern. Draußen im Schnee war er fast genauso fröhlich und wild wie die anderen gewesen, hatte sich sogar am Schneemannbau beteiligt – hier drin aber kapselte er sich wieder ab und suchte die Einsamkeit seines Einzelzimmers. Da sollte einer schlau draus werden…

Der Spaziergang schien mich mehr angestrengt zu haben, als ich gedacht hatte, ich mußte eingeschlafen sein und wurde erst wieder durch Jonas gewecket, der mich leicht an der Schulter rüttelte.

»Ja … gähn … was ist denn?«

»Es ist gleich zwei, Pause beenden!«

Wie gemein. Gerade hatte ich noch so schön geträumt. Ich hatte keine Ahnung wovon, aber ich war mir sicher, dass es ein schöner Traum gewesen war. Und was lag da eigentlich so schwer auf mir drauf?

»Meine Schwester kannst du bei der Gelegenheit auch gleich wecken.«

Jonas‘ Schwester? Ich drehte vorsichtig den Kopf und erkannte, dass diese es war, die halb auf mir draufhing und schlief. Also diese Belastung ließ ich mir natürlich gerne gefallen!

Während sich Jonas nun wieder verzog, streichelte ich sanft über Jasmins Gesicht, was diese zuerst mit einem leichten Zucken, dann mit sich vorsichtig öffnenden Augen und einem Lächeln beantwortete.

»Was ist los, Reiko?«

»Dein Bruder hat mich gerade geweckt, er sagte, es wäre Zeit, die Pause zu beenden.«

»Oh. Ja, ich hatte ihn darum gebeten, falls wir einschlafen sollten.«

»Wieso eigentlich. Ist doch gerade alles so schön ruhig.«

Die vier jüngeren Kinder schienen alle zu schlafen, Arko döste vor sich hin, Fabian blätterte in seinem Buch und Jonas holte sich gerade etwas zu trinken.

»Sollten wir die nicht schlafen lassen, wenn sie schonmal so friedlich sind?«

»Nee, bloß nicht! Wenn wir die jetzt weiterpennen lassen, bekommen wir heute abend überhaupt keine Ruhe in die Bande. Also keine Müdigkeit vorschützen. Wir ziehen uns schonmal an, dann wecken wir die Kids, und dann geht es raus in den Schnee!«

Na gut. Lieber jetzt etwas tun, als es dann abends mit einer Horde quängelnder Kinder zu tun zu haben, die alle nicht ins Bett wollen.

Leise standen wir auf, neugierig beäugt von Arko, dem diese ganze Abenteuergeschichte von uns allen wohl am besten gefiel. Soviele Menschen, die mit ihm spielten, ihn streichelten und mit Beachtung überschütteten erlebte er selten auf einem Haufen!

Wir zogen uns an, weckten nach und nach die Kids, und zwanzig Minuten später stand die gesamte Mannschaft draußen im Schnee. Fabian hatte einige Schaufeln und Schneeschieber hervorgezaubert, und schon bald sah man uns alle damit beschäftigt, gleich zwei Schneeburgen zu bauen! Warum zwei? Ganz einfach, die Kleinen hatten beschlossen, dass sie sich einen Wettbewerb um die beste Burg liefern wollten. Also arbeiteten auf der einen Seite die beiden Mädels, auf der anderen die drei Jungs. Und da wir »Erwachsenen« nicht einfach nur daneben stehen konnten, schloß ich mich mit Jasmin den Jungs an, während Fabian und Jonas den Mädels halfen. Im immer mehr nachlassenden Schneefall kletterten die Mauern unserer Burgen unaufhörlich in die Höhe…

»Sag mal, Jasmin, wieso hast du vorhin eigentlich dermaßen auf mir drauf gelegen?«

Nicht dass ich mich beschweren würde, aber mit sowas hatte ich nicht gerechnet.

Schelmisch grinste sie mich an.

»Ich brauchte einen Platz zum Schlafen, und da sahst du so einladend und gemütlich aus.«

Also als gemütlich hatte mich auch noch niemand bezeichnet.

»Wieso fragst du, war dir das unangenehm?«

»Nein, es hat mich nur etwas überrascht.«

»Warum überrascht dich das? Du bist nun mal ein schnuckliger Typ.«

Ich mußte zweimal hinhören. Flirtete Jasmin jetzt etwa mit mir? Und wollte ich das eigentlich?

Meine Gedankengänge zu diesem Thema wurden jählings unterbrochen, als mir ein Schneeball beinahe die Mütze vom Kopf schoß. Während ich mich noch nach der Quelle des Geschosses umsah, hagelten bereits weitere Schneebälle auf unser Team nieder. Da hatte uns jemand den Krieg erklärt!

Wer dieser jemand war, blieb uns nicht lange verborgen, das Jubelgeschrei von Manuela und Ricarda sprach Bände! Aber was die konnten, das konnten wir auch, und kurz darauf war eine richtige Schneeballschlacht im Gange. Schneegeschosse zischten durch die Luft, Getroffene fluchten, treffsichere Schützen jubelten, und mittendrin tobte Arko bellend durch den Schnee und versuchte, die fliegenden Schneebälle abzufangen.

Die Schlacht wogte hin und her, und gerade, als ich mich bei Manuela für einen Treffer rächen wollte, merkte ich, wie mich jemand am Ärmel zog.

»Pssst. Reiko.«

Ich wandte mich zu Jasmin.

»Komm, lassen wir die Kids sich ein wenig alleine austoben.«

»Wir können doch unsere drei Jungs hier nicht ihrem Schicksal und der feindlichen Übermacht überlassen!«

»Schau mal da rüber.«

Jasmin leitete meinen Blick weg vom Kampfgeschehen, und siehe da! Jonas und Fabian hatten sich vom Kriegsschauplatz entfernt und lehnten knutschend an einem Baum! Na wenn das so aussah, dann konnten wir uns auch zu

zurückziehen. Ich folgte also Jasmin in Richtung Hütte, wo ich einen Holzklotz vom Schnee befreite und mich darauf setzte. Einladend zeigte ich auf meinen Schoß.

»Komm, setz dich.«

Vorsichtig ließ sich Jasmin auf mir nieder, und meine Arme umfaßten sie.

»Stört dich das?«

»Was?«

»Meine Arme.«

»Nee, laß die ruhig da wo sie sind, da rutsche ich wenigstens nicht runter.«

Genau das, und nur das, war ja auch mein Beweggrund für die Umarmung gewesen. Was? Unglaubwürdig? Pah!

Schweigend sahen wir den Kids in ihrem Schneekrieg zu. Entweder hatten die gar nicht mitbekommen, dass wir Älteren uns zurückgezogen hatten, oder es war ihnen egal. Nach einer Weile setzten Christoph und Felix zum Sturm auf die Burg der Mädels an, Patrick schien sich der Fairness halber nicht zu beteiligen. Während sich das Kampfgeschehen zu Manuela und Ricarda verlagerte, klopfte sich Patrick den Schnee von den Sachen und kam langsam in Richtung Hütte geschlendert. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, starrte für einen Moment in Richtung der immer noch wild herumknutschenden Jungs, dann stürmte er in die Hütte, hinter sich die Tür zuknallend.

Jasmin gab einen tiefen Seufzer von sich.

»Nicht schon wieder! Gerade wollte ich noch sagen, dass der Junge sich zu fangen scheint, aber da habe ich mich wohl zu früh gefreut. Wenn ich nur wüßte, was genau mit dem los ist!«

Diese Worte hätten so auch von mir kommen können, und um ehrlich zu sein: ich hatte es jetzt endgültig satt mit diesem Nervzwerg!

»Jasmin, laß mich mal bitte aufstehen.«

»Was hast du vor, Reiko?«

»Ich bin am Ende mit meiner Geduld, ich geh der Sache jetzt auf den Grund! Und wenn ich mich auf ihn draufsetzen und ihn aushungern muß: ich werde herausfinden, warum der hier so einen Terror veranstaltet.«

Eigentlich rechnete ich damit, dass die angehende Pädagogin versuchen würde, mir dieses Vorhaben auszureden, aber Jasmin stand ohne zu murren auf.

»Vielleicht hast du recht. Eventuell hilft ja ein Gespräch von Mann zu Mann, mit mir wollte er ja nicht reden. Vielleicht schaffst du ja das, was weder seine Eltern noch ich bisher erreicht haben.«

»Ich werde mein Bestes geben. Und ich kann sehr überzeugend sein!«

»Dann viel Glück, Reiko. Es wäre besser für uns alle, wenn die Sache endlich geklärt wäre.«

Entschlossenen Schrittes folgte ich Patrick in die Hütte. Der Teenager war nirgends zu sehen, nur seine Stiefel standen neben der Tür, er hatte sich also wohl schon auf sein Zimmer verzogen. Ich befreite mich von den warmen Klamotten, dann begab ich mich in die Höhle des Löwen. Ohne anzuklopfen trat ich ins kleine Schlafzimmer ein.

Tatsächlich, da lag Patrick in voller Montur auf dem Bett.

»Verrätst du mir mal, was das jetzt wieder sollte?«

»Ach laß mich in Ruhe!«

»Nein, das tu ich nicht! Du läßt uns ja auch nicht in Ruhe mit deinen Stimmungsschwankungen und Ausrastern! Ich will endlich wissen, was dich immer so austicken läßt!«

»Das mußt du noch fragen?«

Naja, okay, eines wußte ich schon: der Anlaß waren wohl immer Situationen, in denen er auf das Schwulsein von Fabian und Jonas aufmerksam wurde. Aber das war ja noch lange Erklärung dafür, warum er in diesen Situationen ausflippte.

»Ja, das muß ich noch fragen. Stört es dich wirklich dermaßen, dass Fabian und Jonas schwul sind?«

So, ich hatte das S-Wort ausgesprochen. Mal schaun, ob es mir vielleicht endlich gelang, zu den wahren Ursachen vorzudringen.

»Stört dich das etwa nicht?«

Ah. Die erste Antwort, die nicht aus purer Ablehnung bestand.

»Nein. Warum sollte mich das stören?«

»Weil… Weil Schwule ständig auf der Jagd nach Kerlen sind! Die wollen doch mit jedem ins Bett!«

Naja, eine Zeit lang hatte ich das auch geglaubt, aber ich war schon vor ein paar Jahren objektiv genug gewesen zu erkennen, dass das nicht der Fall war.

»Ach quatsch. Schwule sind genau wie wir auch, da gibt es solche und solche. Die einen wollen ständig Sex mit allem, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – die anderen wollen den Mann fürs Leben. Genau wie bei Heteros. Bei Jonas und Fabian brauchst du dir nun überhaupt keine Sorgen zu machen, dass die was von dir wollen, die sind eh nur mit sich selbst beschäftigt. Hast du ja selber gesehn.«

»Trotzdem…«

»Du glaubst wirklich, dass alle Schwulen hinter dir her wären?«

»Die sind doch genau wie Arne!«

Moment. Jetzt mußte ich sehr vorsichtig werden. Ich war irgendeiner heißen Sache auf der Spur, vermutlich dem Grund von Patricks seltsamen Verhalten. Aber ich hatte noch keinen blassen Schimmer, was ich entdecken würde. Irgendein Arne war sexuell hinter ihm her? Wer war dieser Arne? Stolperte ich hier eventuell gar über einen Mißbrauchsfall?

»Patrick, wer ist Arne?«

Der Junge war drauf und dran, sich wieder vor mir zu verschließen, das durfte ich jetzt nicht zulassen!

»Hat dir dieser Arne etwas angetan?«

»Er hat mich geküßt!«

Patrick schrie es regelrecht heraus. Okay, zurück zur anderen Frage.

»Und wer ist Arne?«

Der Junge drehte sich auf den Rücken, setzte sich auf und umklammerte seine Knie mit den Armen.

»Arne ist… Arne war mein bester Freund.«

Sein bester Freund? Also dann konnte es sich zumindest nicht um irgendeinen Erwachsenen handeln, der sich an ihn rangemacht hatte.

»Aha. Und dieser Arne hat dich geküßt. Hat er sonst noch was gemacht?«

»Nein!«

So richtig kam ich noch nicht mit.

»Und deshalb flippst du so aus? Bloß weil er dich geküßt hat?«

»Ja! Nein!«

»Wie nun? Ja oder nein?«

»Doch, irgendwie schon.«

Ich seufzte. Nun steh ich hier, ich armer Tor, und bin so schlau als wie zuvor.

»Jetzt erzähl mir mal die ganze Geschichte von Anfang an, ich seh da nicht durch. Also dieser Arne ist … pardon: war dein bester Freund. Und was ist dann passiert?«

»Wir waren zusammen skaten. Nach einer Weile haben wir eine Pause gemacht und uns auf eine Bank gesetzt. Plötzlich fing er damit an, dass er mir etwas wichtiges erzählen müßte. Ich wäre doch sein bester Freund und so. Tja, und dann sagte er mir, dass er schwul wäre!«

Das schien den guten Patrick aus heiterem Himmel getroffen zu haben.

»Und weiter?«

»Und dann beichtete er mir, dass er sich in mich verliebt hätte. In mich! Aber ich bin doch nicht schwul!«

Tja, soll vorkommen, dass man sich in die falschen Leute verliebt.

»Und dann hat er mich geküßt. Einfach so!«

»Und was hast du gemacht?«

»Ich hab ihm eine geknallt und bin weggerannt! Ich bin doch keine Schwuchtel!«

Ohoh, ein richtiges Teenager-Drama entrollte sich vor meinen Augen.

»Okay, das hab ich jetzt mitbekommen, du bist nicht schwul. Arne ist es aber, und da kann er genauso wenig etwas dafür wie du etwas dafür kannst, dass du auf Mädels stehst.«

Genervt starrte Patrick an die Zimmerdecke.

»Ja, ich weiß! Trotzdem!«

»Wann ist das passiert?«

»Vor zwei Monaten.«

So lange war das schon her?

»Und was passierte danach? Habt ihr euch ausgesprochen?«

»Nee. Arne hat ein paarmal versucht, mit mir zu reden, er wollte sich wohl auch entschuldigen, aber ich komme damit einfach nicht klar!«

»Womit kommst du nicht klar? Damit, dass er schwul ist, oder damit, dass er sich in dich verliebt hat?«

»Mit beidem. Naja. Eigentlich hauptsächlich damit, dass er sich in mich verliebt hat.«

»Was genau stört dich daran? Betrachte es doch als Kompliment. Er wird sicher akzeptieren, dass du halt nicht auf Jungs stehst und er bei dir keine Chance hat.«

»Ja schon… Aber… Aber ich denke ständig… Naja…«

Okay, den letzten Schritt mußte er nun auch noch machen.

»Was denkst du ständig?«

»Naja… Ich… Ich habe ständig das Bild im Kopf, wie er sich einen runterholt und dabei an mich denkt!«

Ich konnte nicht anders, ich mußte leise lachen. Sorgen hatte der Kleine…

»Und das wäre so schlimm?«

»Ja klar wäre es das! Das ist doch eklig!«

Kleine Kinder – kleine Sorgen. Große Kinder…

»Sag mal, Patrick, hast du eigentlich eine Freundin?«

»Nein, noch nicht.«

»Aber es gibt doch bestimmt ein Mädchen, das dir gefällt, oder?«

Leicht verschämt grinste er mich an.

»Ja, da ist so eine in meiner Klasse… Chiara.«

»Du magst sie? Du möchtest sie gerne als Freundin haben? Bist du in sie verliebt?«

»Ja.«

»Weiß sie das auch?«

»Ich denke schon…«

»Und wie benimmt sie sich dir gegenüber? Ich meine, beleidigt sie dich? Macht sie dich lächerlich? Findet sie dich eklig?«

»Äh… Nein. Warum sollte sie?«

»Naja, du beleidigst Arne, findest ihn eklig…«

»Aber das ist doch ganz was anderes!«

»Ist es das? Jetzt sei mal ganz ehrlich: Hast du noch nie an diese Chiara gedacht, wenn du dir einen runterholst?«

»Nein!«

»Patrick, sei bitte ehrlich!«

Sein Kopf lief rot an, und er starrte nach unten aufs Bett.

»Okay, ich gebs zu. Aber das ist doch was ganz anderes.«

»Wieso? Du bist in Chiara verliebt – Arne ist in dich verliebt. Wo ist da der Unterschied? Nur weil Arne auch ein Junge ist, wird da doch nichts ekliges oder so daraus.«

Zweifelnd schaute Patrick mich an.

»Würde es dir nichts ausmachen, wenn Fabian dich als Wichsvorlage verwenden würde?«

Interessante Frage!

»Naja…«

»Siehste!«

»Laß mich doch mal ausreden! Ich gebe zu, es würde mir für den ersten Moment komisch vorkommen, aber ich denke mal, ich würde damit klarkommen. Mal davon abgesehen glaube ich nicht, dass ich noch irgendwelche Chancen hätte, in Fabians Gedankenwelt nochmal zum Zug zu kommen! Dafür hat er ja jetzt Jonas.«

Jetzt lächelte auch Patrick, und ein wenig konnte ich verstehen, wie sich dieser Arne in ihn verknallen konnte. Ein hübscher Bengel war er ja wirklich.

»Stimmt, die zwei sind total ineinander verschossen.«

Das konnte er laut sagen.

»Und du meinst, ich soll das mit Arne einfach so akzeptieren?«

»Er war dein bester Freund, oder?«

»Ja, schon…«

»Dann sollte die Antwort klar sein, oder nicht?«

»Ja, aber was, wenn er nochmal versucht, mich zu küssen. Oder irgendwas anderes!«

»Dann sagst du ihm, dass es dir leid tut, dass du ihn zwar als Freund haben möchtest, aber eben nur als ganz normalen Freund, mehr nicht. Das muß er dann einfach akzeptieren. Auch wenn es ihm erstmal wehtun sollte.«

Patrick dachte eine ganze Weile angestrengt nach, dann schaute er mich an.

»Ich hab mich benommen wie ein Idiot, oder?«

Ich mußte grinsen.

»Möchtest du die ehrliche oder die nette Antwort?«

»Die ehrliche.«

»Okay. Ja, hast du.«

»Scheiße… Ich muß mich bei einigen Leuten entschuldigen, denke ich mal.«

»Das solltest du eventuell tun. Bei Arne. Bei deinen Eltern. Bei Jonas und Fabian.«

»Schon gut, schon gut, ich habs kapiert.«

Das war ja zu schön um wahr zu sein.

»Prima. Heißt das jetzt, dass wir es für den Rest der Zeit, die wir hier zusammen festsitzen, nur noch mit dem netten, fröhlichen Patrick zu tun haben werden, wie er manchmal in dem ganzen Bad-Boy-Benehmen durchgeblitzt ist?«

Ein schüchternes Lächeln spielte um Patricks Lippen.

»Ich werde mir Mühe geben. Versprochen, Reiko.«

»Gut! So, dann werde ich mich mal wieder zu den anderen gesellen. Kommst du auch wieder mit raus?«

»Nein, ich glaube, ich bleibe noch ein wenig hier. Ich muß noch über einiges nachdenken.«

»Tu das, du hast ja jetzt auch einiges, worüber du dir Gedanken machen kannst. Aber wenn du drin bleibst, dann zieh dir die warmen Klamotten aus.«

»Mach ich, Papa.«

»Nun werd mal nicht frech, Kleiner!«

Ich ging zur Zimmertür, wurde aber nochmal gestoppt.

»Reiko?«

»Ja?«

»Könntest du das alles Jonas und so erzählen…«

Eigentlich sollte er das lieber selber machen, aber ich wollte ihn nicht noch mehr belasten. Seine Beichte mir gegenüber war schwer genug für ihn gewesen.

»Okay. Aber entschuldigen mußt du dich dann schon selber!«

»Das mache ich, versprochen. Und danke, Reiko. Für alles.«

»Schon okay, Kleiner.«

Als ich Patricks Zimmer verließ und mich wieder in den Schnee begab, fühlte ich mich so gut wie schon lange nicht mehr…

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Die Schneeballschlacht war in ihrer heißesten Phase, als Jonas und ich uns quasi durch die Hintertür verdrückten und den Jüngeren das Spielfeld überließen. Wir vertieften uns lieber in etwas … ähem … erwachsenere Spiele.

Was soll ich sagen, es war himmlisch. Noch himmlischer wäre es allerdings gewesen, wenn mir nicht ständig so ein blöder Ast in den Rücken gedrückt hätte. Der war dann auch der Grund dafür, dass ich nach einigen Minuten widerstrebend Jonas von mir wegschob.

»Sorry, ich kann nicht mehr.«

Frech grinste mich mein Liebster an.

»Hab ich dich dermaßen verausgabt?«

»Träum weiter, Schätzchen. Ich hab so nen doofen Ast im Rücken, der bringt mich noch um.«

Jonas schien direkt ein wenig enttäuscht zu sein, also wirklich!

»Na gut, sehen wir mal nach, was die anderen machen.«

Die anderen bewarfen sich immer noch mit Schneebällen, die Jungs waren allerdings gerade dabei, die Burg der Mädels zu stürmen. Jasmin saß neben der Hüttentür auf einem Holzpflock, von Reiko und Patrick war nichts zu sehen. Also wanderten wir hinüber zu Jonas‘ Schwester.

»Na, Jasmin, hast du dich auch verdrückt?«

»Ja, hab ich, Bruderherz. Nachdem ihr so schamlos desertiert wart, konnten wir ja nicht weiter mitmachen, wäre ja sonst zu unfair gewesen.«

Die sollten doch froh sein, dass wir ihnen ein Anlaß zum Kampfabbruch gegeben hatten.

»Wo ist denn Reiko hin?«

»Der macht gerade Patrick zur Minna. Oder quetscht ihn aus. Oder beides.«

Patrick? Was war denn nun mit dem schon wieder los!

»Was ist passiert, Schwesterchen?«

»Ihr seid passiert.«

Hä? Wie sollten wir das verstehen? Wie waren wir passiert? Jasmin deutete die Fragezeichen auf unseren Gesichtern richtig.

»Patrick hat euch mal wieder knutschen sehen und ist ausgetickt. Er ist in die Hütte gerannt und hat die Tür hinter sich zugeknallt – ein Wunder, dass ihr das nicht mitbekommen habt. Obwohl. Streicht das mit dem Wunder. Neben euch könnte wohl ein Düsenjet starten, und ihr würdet es nicht mitbekommen.«

Waren wir wirklich schon so schlimm?

»Und Reiko ist ihm hinterher?«

»Ja, dem ist wohl endgültig der Geduldsfaden gerissen, er sagte, dass er der Sache jetzt auf den Grund gehen würde.«

»Armer Patrick.«

Die Geschwister schauten mich verblüfft an.

»Wieso armer Patrick?«

»Jonas, wenn sich Reiko was in den Kopf gesetzt hat, dann zieht der das auch durch. Was immer dafür verantwortlich ist, dass Patrick dermaßen neben der Spur läuft, Reiko wird es herausfinden. Im Guten oder im Bösen.«

»Wird er ihm wehtun?«

»Nein, Jasmin, zumindest körperlich nicht.«

»Gut, dann bin ich beruhigt. Ich möchte zwar auch, dass die Sache mit Patrick endlich geklärt wird, aber Gewalt darf nicht ins Spiel kommen.«

»Keine Bange, dazu ist Reiko nicht fähig.«

Reiko war höchstens dazu fähig, mir den Arsch zu versohlen, einem Kind würde er niemals Gewalt antun. Auch wenn das Kind noch so sehr nervte!

Eine Weile schauten wir den Kindern zu, die sich jetzt im Schnee balgten. Die Jungs hatten die Burg der Mädels erobert, und jetzt kullerten alle lachend durch die weiße Pracht. Dem lieben Gott sei Dank für wasserdichte Schneeanzüge!

»Los, Faby, komm, wir bauen einen Schneemann!«

»Mann, Jonas, hast du heute noch nicht genug mit Schnee zu tun gehabt?«

»Nee, von Schnee kann ich nicht genug bekommen. Bei uns in Leipzig gibt es nur selten welchen, das hier ist einfach himmlisch!«

Der war ja noch ein richtiges Kind! Naja. Ich ja in dieser Beziehung eigentlich auch. Ich ließ mich also nicht lange betteln, und kurz darauf waren wir damit beschäftigt, den schönsten schwulen Schneemann der Welt zu bauen. Oder zumindest Europas. Den schönsten Deutschlands? Was denn, nur den schönsten unseres Landkreises? Mein Gott, wie kann man nur so pingelig sein! Und überhaupt, wer entscheidet das eigentlich! Doch bestimmt nicht der überkritische Leser hier!

»Fabian, Jonas, könnt ihr mal rüberkommen?«

Unsere Köpfe zuckten zum Eingang der Hütte. Reiko war wieder da! Nun war ich aber extrem gespannt, was bei seiner Sitzung mit Patrick rausgekommen war. Ob es wohl endlich Klarheit gab? Vielleicht sogar eine Chance auf dauerhaften Frieden mit dem Terrorküken? Jonas jedenfalls schien mindestens genauso gespannt zu sein wie ich, ich kam kaum mit ihm mit auf seinem Sprint zu Reiko und Jasmin.

»Na, hast du was aus ihm rausbekommen?«

»Ja, Faby, hab ich. Ich denke mal, die Sache ist geklärt, wir werden mit Patrick keine Probleme mehr haben.«

Das klang ja fast zu schön, um wahr zu sein. So richtig konnte ich dem Frieden daher auch noch nicht trauen.

»Schieß los, was hat er dir erzählt?«

»Warte mal, Jonas, nicht so schnell. Vielleicht darf Reiko uns das gar nicht weitererzählen.«

Das wäre aber sehr schade!

»Doch, doch, er hat mich sogar darum gebeten, es euch zu erklären.«

Na also!

»In Kurzfassung: Patrick hatte einen besten Freund, Arne. Und dieser Arne ist schwul.«

Nun, das soll ja ab und an vorkommen. Und wo war nun das Problem?

»Arne hat sich in Patrick verliebt.«

Autsch!

»Unser Patrick steht aber nicht auf Jungs sondern auf Mädels.«

Armer Arne! Wobei: so, wie ich Patrick bisher kennengelernt hatte, könnte ich auch sagen: glücklicher Arne!

»Dummerweise hatte Arne seine Hormone nicht ganz unter Kontrolle und hat Patrick geküßt.«

Oh weh. Nen Hetero knutschen, das mußte ja schiefgehen!

»Langer Rede kurzer Sinn: Patrick kam damit nicht klar, dass sein bisheriger bester Freund ihn plötzlich anschmachtet. Er hatte die wildesten Vorstellungen davon, was Arne eventuell in seiner Phantasie mit ihm anstellen würde usw. usf. Zu allem Überfluß hat er das dann auf alle Schwulen ausgedehnt, so nach dem Schema, dass die alle ja nur das eine wollen. Nämlich ihn.«

Na super!

»Anstatt sich mit Arne auszusprechen, hat er sich völlig abgekapselt, hat mit niemandem darüber geredet und sich immer mehr in diesen Wahn reingesteigert.«

»Und das hat er dir jetzt alles erzählt?«

»Ja, Jasmin, hat er. War eigentlich auch gar nicht so schwer, ganz tief in seinem Inneren wollte er wohl genau das: mal mit jemandem drüber reden.«

»Und, Reiko, hast du ihm die Gedanken ein wenig zurecht gebogen?«

»Ich denke schon, Fabian.«

»Wie hast du das geschafft?«

»Das, meine liebe Jasmin, ist mein Geheimnis, und außerdem eh nicht für die Ohren von Mädchen bestimmt!«

Jonas‘ kleine Schwester zog einen Schmollmund, aber Reiko ließ sich nicht erweichen.

»Geht einfach mal davon aus, dass Patrick jetzt wieder etwas klarer denkt und nicht mehr für solchen Streß sorgen wird.«

Wenn das tatsächlich eintrat, dann sollte mir alles andere egal sein.

»So, ich sehe da einen Schneemann, der noch nicht ganz fertig ist. Habt ihr was dagegen, wenn ich ein wenig mithelfe?«

»Ja, Reiko, da kannst du nicht mitbauen! Das ist unser Schneemann! Außerdem ist der eh nichts für dich, der ist nämlich schwul!«

Jasmin und Reiko lachten.

»Na gut, dann bau ich halt mit Jasmin einen eigenen Schneemann! Los, den Jungs zeigen wir, wie man sowas richtig macht!«

Eine solche Herausforderung konnten wir natürlich nicht auf uns sitzen lassen, und so kam es, dass nach einer halben Stunde gleich zwei kalte Gesellen in der Gegend herumstanden. Und wir uns natürlich nicht darüber einig werden konnten, welcher von beiden besser gelungen war.

»Unserer ist schöner, das ist ja wohl keine Frage!«

»Träum weiter, Schwesterherz. Im Vergleich zu unserem ist das doch allenfalls Kunsthandwerk, während unserer ein echtes Kunstwerk ist!«

»Ich geb dir gleich ein paar vor dein Kunstwerk, Brüderchen!«

Wie niedlich sich die Geschwister zankten! Ich schaute zu Reiko rüber, der darüber auch nur noch lachen konnte.

»Leute, ich habe eine Idee, wir lassen die Kids entscheiden, welcher Schneemann schöner ist!«

»Guter Vorschlag, Fabian. Wir sollten die eh langsam mal zusammenrufen, wir waren nun wirklich lange genug hier draußen.«

Es war tatsächlich schon nach vier, es wurde bereits dunkel, und mir stand der Sinn nach einem schönen Glas Weihnachtstee.

Jasmin rief die Kinder zusammen, die in der Zwischenzeit wieder an ihren Burgen gebaut hatten.

»Hört mal zu, ich denke, es reicht für heute. Ihr wart lange genug draußen, es wird Zeit, dass ihr euch mal wieder aufwärmt, es wird eh dunkel.«

Das Murren fiel ziemlich leise aus, die waren wohl doch schon ziemlich erledigt.

»Aber bevor wir reingehen, müßt ihr noch eine wichtige Entscheidung treffen. Also schaut euch mal bitte diese beiden Schneemänner an und sagt uns, welcher euch besser gefällt.«

Die vier beäugten neugierig und von allen Seiten unsere Schneegestalten, kamen aber leider auch nicht zu einem Ergebnis, welches uns weitergeholfen hätte. Den Jungs gefiel der Schneemann von Jonas und mir besser, die Mädels standen eher auf das Werk von Jasmin und Reiko.

»Tja, ein klassisches Unentschieden. Es soll wohl keinen Sieger geben.«

Jasmin überlegte kurz.

»Wir könnten ja noch Patrick fragen, dann hätten wir auf jeden Fall eine Entscheidung.«

»Ach nein, Patrick ist doof, der würde eh wieder nur schlechte Laune verbreiten.«

»Christoph, ich glaube, das Problem hat sich erledigt. Reiko hat vorhin lange mit ihm gesprochen, und er sagt, dass Patrick zur Vernunft gekommen ist.«

»Ich weiß nicht… der hat die ganze Zeit nur Streß gemacht.«

Das hatte er allerdings, aber trotzdem…

»Leute, jeder hat eine zweite Chance verdient, auch Patrick. Also gebt ihm bitte diese zweite Chance, okay?«

Ich erntete eine leise, aber allgemeine Zustimmung, und sandte ein stilles Stoßgebet gen Himmel, dass damit nun tatsächlich endlich Frieden in unserer Hütte einkehren würde.

»Na gut, soll halt Patrick entscheiden. Soll ich ihn holen?«

Reiko hielt Felix davon ab, in die Hütte zu stürmen.

»Nein, laß mal, Patrick braucht noch ein wenig Ruhe zum Nachdenken. Die Schneemänner kann er sich auch morgen noch anschauen.«

Somit war die Entscheidung darüber, wer Mr. Schneemann of the World wurde, erst einmal vertagt. Wobei die Entscheidung ja eigentlich ganz klar war – die Leute wollten sie nur noch nicht wahrhaben!

»Habt ihr eigentlich etwas bemerkt?«

Lauter fragende Gesichter blickten zu Jasmin.

»Was?«

»Es schneit nicht mehr!«

Tatsächlich! Was morgens noch als recht dichtes Schneegestöber begonnen hatte, verwandelte sich im Laufe des Tages immer mehr in leichten Schneefall, und jetzt waren gar keine Flocken mehr zu sehen. Der Himmel sah sogar so aus, als würden die Wolken demnächst aufreißen.

»Super, dann können wir ja morgen zu unseren Eltern!«

Leider mußte ich Ricardas Hoffnungen etwas dämpfen.

»Da würde ich mich noch nicht drauf verlassen. Erst einmal müssen die Straßen und Wege bis hierher freigeräumt werden, und das kann dauern. Aber vielleicht klappt es ja übermorgen.«

Wäre ja auch nicht schlecht, wenn die Eltern ihre Kids pünktlich zu Heiligabend wieder in die Arme würden schließen können.

So richtig enttäuscht darüber waren wohl nur die Mädels, Christoph und Felix grinsten zufrieden vor sich hin. Die Aussicht auf einen weiteren Tag ohne elterliche Aufsicht schien ihnen zu gefallen.

»So, nun sollten wir aber reingehen. Ihr zieht euch bitte sofort die warmen Sachen aus und hängt sie im Lagerraum zum Trocknen auf.«

»Ja, Mami!«

Für diese Bemerkung bekam Reiko von Jasmin einen Klaps auf die Mütze.

»Kindskopf!«

Lachend betraten wir nacheinander die Hütte, wo das übliche Auszieh-Chaos begann, daher zog ich mich mit Jonas nach dem Ausziehen der Stiefel gleich ins Schlafzimmer zurück.

»So, hier haben wir etwas mehr Platz, da draußen fallen ja alle übereinander.«

Wir befreiten uns von unseren Schneeanzügen, dann schaute sich Jonas eingehend den Kleiderschrank an.

»Suchst du was bestimmtes?«

»Nein, ich wollte nur mal sehen, ob der Schrank auch irgendwelche vorstehenden Äste hat.«

»Wieso?«

»Naja, weil da noch etwas zuende zu bringen ist, wobei uns vorhin ein Ast gestört hat.«

Mit diesen Worten schob er mich rücklings an den Kleiderschrank, und im nächsten Moment spürte ich seine Lippen auf den meinigen. Er schien ja wirklich ein gutes Gedächtnis zu haben – und einen Drang, alles, was er einmal angefangen hatte, auch zu einem ordentlichen Ende zu bringen.

Leider verspürte auch jemand anderes einen Drang, und zwar den, uns davon abzuhalten, jedenfalls klopfte es leise und zaghaft an die Zimmertür. Genervt ließ Jonas von mir ab und verdrehte die Augen nach oben. Hilflos zuckte ich mit den Schultern.

»Herein!«

Vorsichtig wurde die Tür aufgeschoben, und es erschien: Patrick! Mit dem hatte ich nun am allerwenigsten gerechnet.

»Störe ich? Darf ich reinkommen?«

Jonas seufzte.

»Ja und ja.«

»Wie?«

»Ja, du störst. Ja, du darfst trotzdem reinkommen.«

Ich verpaßte Jonas einen leichten Knuff ins Hinterteil. Wir hatten doch beschlossen, dem Kleinen eine Chance zu geben.

»Komm rein, Patrick. Setz dich irgendwohin.«

Zögerlich und verkrampft setzte sich unser Besucher auf die Bettkante von Reikos Bett, während ich mich mit Jonas auf dem Doppelbett niederließ. Eine Weile schauten wir uns schweigend an, dann rang sich Patrick zum Reden durch.

»Ich… Ich wollte mich bei euch entschuldigen…«

»Ach ja?«

Besonders leicht wollte Jonas es ihm anscheinend nicht machen.

»Ich hab mich benommen wie ein riesiges Arschloch.«

»Das kannst du laut sagen!«

Ich rammte Jonas meinen Ellenbogen in die Rippen.

»Laß ihn, Fabian, er hat doch recht.«

»Trotzdem, wir hatten beschlossen, dass wir dir noch eine zweite Chance geben wollen.«

»Okay, okay, Faby, ich halte mich zurück. Sprich weiter, Patrick.«

»Naja, das wars eigentlich schon. Es tut mir leid, dass ich euch beleidigt habe, und ich verspreche euch, dass es nicht mehr vorkommen wird.«

Hm. Da hatte ich dann allerdings doch noch eine wichtige Frage.

»Sagst du das jetzt einfach so, oder hältst du das auch durch? Oder hält das nur solange, bis du mal wieder Jonas und mich beim Knutschen oder ähnlichem erwischst?«

»Das hab ich wohl verdient. Ja, ich denke, ich werde damit klarkommen.«

»Na hoffentlich, ich habe nämlich nicht vor, mir wegen dir jede kleine Schmuserei mit Faby zu verkneifen.«

Das wollte ich Jonas aber auch geraten haben!

»Okay, das wollte ich euch eigentlich nur sagen. Es tut mir wirklich leid. Ich geh dann mal wieder.«

Unser Besucher stand auf und ging zur Zimmertür.

»Patrick!«

Er drehte sich nochmals zu uns um.

»Ja?«

»Schön, dass du anscheinend die Kurve bekommen hast. Und danke für deine Entschuldigung.«

Patrick schenkte uns noch ein schüchternes Lächeln, dann ließ er uns alleine.

»Was sagt man dazu. Reiko scheint tatsächlich ein kleines Wunder vollbracht zu haben.«

»Naja, Faby, so ganz kann ich da noch nicht dran glauben.«

Ich legte meinem zweifelnden Freund meinen rechten Arm um die Hüfte.

»Jonas, ist dir an Patrick was aufgefallen?«

»Was meinst du? Dass er es mal geschafft hat, mit uns zu reden, und sogar ganz, ohne uns auch nur ein einziges Mal ‚Schwuchteln‘ zu nennen?«

»Nein, etwas anderes.«

Jonas grübelte angestrengt vor sich hin, kam aber zu keinem Ergebnis.

»Worauf willst du hinaus?«

»Er lief genauso rum wie wir.«

»Hä?«

»In Unterwäsche, Jonas. Er hat sich nicht die Mühe gemacht, sich in Jeans und T-Shirt zu verpacken.«

»Oh. Stimmt. Und du meinst, das hat irgendwas zu bedeuten?«

»Wenn du mal dran denkst, dass er noch heute früh niemals auch nur auf die Idee gekommen wäre, sich gerade uns so zu zeigen, dann glaube ich schon, dass das was zu bedeuten hat.«

Jonas‘ Zweifel waren immer noch nicht ganz ausgeräumt.

»Du siehst wohl immer nur das Gute im Menschen, Faby.«

»Ich geb mir Mühe. Ansonsten kann das Leben ziemlich einsam und unschön werden.«

»Na gut, ich werde mich mal im Zweifel zugunsten des Angeklagten entscheiden. Hoffentlich rechtfertigt Patrick mein Vertrauen.«

Ob diese Hoffnung aufgehen würde, konnte nur die Zukunft zeigen, aber ich war einigermaßen optimistisch.

»Na los, bringen wir unsere Sachen zum Trocknen und schauen mal nach, ob es nicht bald was zu Essen und zu Trinken gibt.«

»Kleinen Moment noch, Faby. Wir sollten noch fünf Minuten warten oder so.«

»Weshalb?«

»Weil wir sonst vielleicht noch beim Kaffeekochen helfen müssen!«

Ich mußte lachen, so um die Ecke konnte wohl nur Jonas denken.

»Lach nicht! Wir haben heute schon das Mittagessen gekocht, da können wir uns jetzt auch mal an den gemachten Tisch setzen.«

Womit er durchaus recht hatte, also setzten wir noch ein wenig das fort, wobei uns Patrick unterbrochen hatte…

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Es dauerte eine ganze Weile, bis sich alle aus ihren Schneeklamotten geschält hatten, dann setzte auch noch der Sturm auf die Toilette an. Eigentlich hätte ich auch mal verschwinden müssen, aber in Anbetracht der Kinderhorden war daran erstmal nicht zu denken.

»Was zappelst du so rum, Reiko?«

Jasmin hatte anscheinend mein Dilemma bemerkt.

»Ich müßte mal aufs Klo.«

»Dann geh doch!«

Ich zeigte auf die Kinderschar, die fast schon Schlange stand.

»Keine Chance.«

»Tja… Dann geh halt aufs Plumpsklo!«

»Ha. Ha. Ha. Ich will doch nicht festfrieren!«

»Weichei. Dann mußt du halt noch ein Weilchen durchhalten.«

So sah es aus.

»Aber du kannst mir ein wenig bei den Kaffeevorbereitungen helfen, das lenkt dich vielleicht von deinem Problem ab.«

Ob das wohl funktionieren würde? Versuchen konnte ich es ja mal. Die nächsten Minuten verbrachte ich also damit, den Tisch zu decken, während Jasmin Kaffee und Tee ansetzte.

»Kann ich irgendwie helfen?«

Ich drehte mich um und erkannte erfreut, dass es Patrick war, der da seine Hilfe anbot! Der Junge schien sich wirklich vorgenommen zu haben, ein paar Dinge aus den letzten Tagen wiedergutzumachen. Eigentlich kam ich ja ganz gut alleine klar, aber dieses Angebot sollte ich nicht ausschlagen.

»Kann man dir ein Messer anvertrauen?«

»Was?«

»Ich frag ja nur. So von wegen ‚Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Kinder nicht!‘.«

»Eh, ich bin vierzehn!«

So hatte er sich zwar die letzten Tage nicht benommen, aber ich wollte es ihm mal glauben.

»Na gut. Hier, du kannst die Stolle schneiden, aber sei vorsichtig mit dem Messer, das ist sauscharf.«

Es tat mir ja in der Seele weh, den wunderbaren Fabian-Stollen mit all den anderen teilen zu müssen, aber daran ließ sich wohl nichts ändern. Mußte er halt nochmal backen!

Mit Feuereifer machte sich Patrick über seine Aufgabe her, und dann war es auch endlich soweit, das Bad war frei und ich war gerettet!

Als ich wiederkam, saßen die Kids bereits relativ gesittet am Tisch, Patrick verteilte Stolle, und Jasmin war nirgends zu sehen.

»Jasmin holt Jonas und Fabian.«

Da hatte Felix wohl meine Gedanken gelesen. Ich beschloß, mich noch ein wenig nützlich zu machen, und verteilte Tee und Kaffee. Pünktlich als ich damit fertig war (und somit auch alle Arbeiten erledigt waren) tauchte Jasmin mit den beiden Verliebten auf, die sich nun an den gedeckten Tisch setzten. Naja, Jonas und Fabian hatten sich ja schon um das Mittagessen gekümmert, da wollte ich mich mal nicht beschweren.

Wie ich befürchtet hatte, futterten wir gemeinsam ein riesiges Loch in den Stollenvorrat, ich mußte zusehen, dass ich wenigstens noch ein zweites Stück abbekam. Als die neunköpfige Freßmaschine dann langsam zur Ruhe kam, räusperte sich Patrick.

»Ähem… Könnt ihr mir bitte mal kurz zuhören?«

Es wurde still im Raum.

»Ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich die letzten Tage so einen Streß veranstaltet habe. Es tut mir wirklich leid, es wird nicht wieder vorkommen.«

Das mußte ich ihm lassen, der Junge hatte Charakter, er zog die Sache tatsächlich durch.

»Es freut mich sehr, das zu hören, Patrick, aber am meisten mußt du dich wohl bei Fabian und meinem Bruder entschuldigen.«

»Das hat er vorhin schon ausgiebig getan, Schwesterherz.«

»Oh. Na dann ist ja gut.«

Respekt, der Kleine verschenkte anscheinend keine Zeit.

»Dann würde ich mal vorschlagen, dass wir das Vergangene vergessen und nur noch zählt, was von jetzt an passiert. Einverstanden?«

Damit konnten wohl alle leben, auch wenn Felix dem Frieden noch nicht so recht zu trauen schien. Patrick jedenfalls lächelte erleichtert, er war wohl froh, dass wir ihm noch eine Chance gaben.

Nachdem das geklärt war, stand eine weitere Frage zur Entscheidung an.

»Und was machen wir nun heute noch?«

Draußen war es mittlerweile vollkommen dunkel geworden, und die Uhr zeigte kurz vor fünf.

»Ich möchte Trickfilme gucken!«

Stimmt ja, wir hatten ja neuerdings sogar einen Fernseher auf der Hütte. Und Trickfilme liefen um diese Zeit garantiert auf irgendeinem Sender. Damit sollten einige der jüngeren Gäste ruhigzustellen sein.

»Ich glaube, ich geh dann gleich mal duschen, ich muß mir endlich mal wieder die Haare waschen. Heute brauchen wir ja mit der Duscherei nicht so zu hetzen wie gestern.«

»Gute Idee, Faby, das mache ich heute auch noch.«

Sollte mich nicht wundern, wenn die beiden auch noch gemeinsam unter die Dusche stiegen!

»Da könnt ihr euch ja gegenseitig den Rücken schrubben.«

Nanana, Jasmin sollte es mal nicht übertreiben! Ich warf einen forschenden Blick in Patricks Richtung, bei dem zeigten sich aber keine Anzeichen dafür, dass er diese Anspielung als Anlaß für einen neuerlichen Ausraster nehmen wollte. Er bemerkte, dass ich ihn anschaute, und zuckte nur mit den Schultern. Aufmunternd nickte ich ihm zu, der war wohl wirklich auf dem besten Wege, sich mit dem Gedanken an ein schwules Pärchen anzufreunden.

»Können wir heute mal Monopoly spielen?«

»Klar könnt ihr das, Chris. Wenn der Tisch abgeräumt ist, könnt ihr euch dran breitmachen.«

Nachdem auch das geklärt war, teilten wir den Abräum- und Abwaschdienst ein. Das war ein Vorteil an so vielen Helfern, die Arbeit ging ziemlich flott vonstatten, sodass recht bald wieder Ordnung eingekehrt war.

Die Mädels ließen sich vor dem Fernseher nieder und hatten ziemlich schnell den Kinderkanal gefunden. Der würde sie wohl für eine ganze Weile beschäftigt halten. Christoph und Felix packten das Monopoly-Spiel aus und beschlagnahmten damit den größten Teil des Couchtisches.

»Darf ich mitspielen?«

Nun war ich aber gespannt, wie die beiden auf die Frage von Patrick reagieren würden! Sie schienen sich kurz telepathisch zu beraten, dann kamen sie zu einer Entscheidung.

»Okay, setz dich.«

Ich atmete innerlich auf. Wieder ein Schritt auf dem Weg zum friedlichen Miteinander.

Und so pendelte sich der Nachmittag ein. Fabian verschwand im Bad, dicht gefolgt von Jonas, warum war ich nicht überrascht? Die Jungs spielten Monopoly, die Mädels vergnügten sich vor der Glotze, und ich machte es mir mit Jasmin im Zweisitzer gemütlich.

»Sag mal, Reiko, was willst du eigentlich mal machen? Also beruflich?«

»Ich werde die Gärtnerei von meinen Eltern übernehmen.«

»Ach, hast du etwa den grünen Daumen?«

»Angeblich schon. Wieso fragst du?«

»Naja, ich könnte mir gut vorstellen, dass du auch irgendwas in Richtung Pädagogik oder so machen könntest.«

Also in diese Richtung hatte ich noch nie gedacht.

»Meinst du wirklich?«

»Also so wie du mit Patrick klargekommen bist: alle Achtung!«

»Das war ein Glückstreffer. Ich glaube, ich bleibe lieber beim Grünzeug. Das macht lange nicht soviel Streß wie eine Horde Kinder.«

»Hehe, das auf jeden Fall.«

»Und, wann bist du mit der Schule fertig? Und wo willst du studieren?«

»Also das Abi mach ich nächstes Jahr, studieren werde ich wohl in ***.«

Was? Das war doch aber ganz hier in der Nähe!

»Wieso gerade hier?«

»Weil ich zuhause weg will, und mir die Idee gefällt, in der Nähe von Jonas zu sein.«

Und damit auch in meiner Nähe!

»Das finde ich toll.«

»Ach ja, Reiko? Wieso das denn?«

Jetzt sollte ich wohl langsam mal ihr gegenüber Farbe bekennen.

»Naja… Ich… Also die Sache ist die. Ich mag dich, Jasmin. Ich mag dich sogar sehr. Um ehrlich zu sein, ich glaube ich bin dabei, mich in dich zu verlieben.«

Jasmin schaute mich mit großen Augen und einem Lächeln im Gesicht an.

»Ich wollte das nicht so richtig wahrhaben, vor allem wegen der großen Entfernung zwischen uns. Ich glaube nicht, dass das auf Dauer funktionieren würde. Aber wenn du nun bald eh hier runterziehst…«

»Na mal nicht so schnell, Reiko. Das ist noch ein Dreivierteljahr, bis es soweit ist.«

»Ja schon, aber das ist eine überschaubare Zeit. Und ich denke, wenn quasi ein Termin feststeht, dann kann man auch die paar Monate mit der Entfernung leben.«

»Hm. Da hast du wohl recht…«

»Allerdings gibt es da noch eine viel wichtigere Frage.«

Neugierig blickte Jasmin auf.

»Und die wäre?«

»Ob du überhaupt meine Freundin sein möchtest.«

»Oh! Also das muß ich mir allerdings wirklich erstmal in aller Ruhe überlegen! Laß mich mal nachdenken.«

Oh weh. Mit flatternden Nerven wartete ich auf ihre Entscheidung.

»Ist ja niedlich, du bist ja richtig nervös!«

Niedlich nannte sie das!

»Also gut, dann will ich dich mal nicht länger zappeln lassen. Ja, Reiko, ich wäre gerne deine Freundin.«

Jippie! Ich hätte am liebsten mitten in der Hütte einen Freudentanz aufgeführt.

»Unter einer Bedingung!«

Oh. Was kam denn nun noch?

»Wenn ich dann hier wohne, dann möchte ich mindestens zweimal pro Woche einen Blumenstrauß von meinem persönlichen Gärtner bekommen!«

Ich grinste sie an, das sollte nun wirklich kein Problem darstellen.

»Versprochen!«

»Gut. Und jetzt machen wir es uns ein wenig gemütlich, mir tun sämtliche Knochen weh von der vielen Bewegung im Schnee.«

Jasmin lehnte sich an mich, wogegen ich natürlich keinerlei Einwände hatte, und so dösten wir beim Knacken des Holzes im Kamin vor uns hin. So ließ ich mir das Leben gefallen!

Leider konnte das natürlich nicht ewig anhalten, gegen halb sechs wurde ich vom Bimmeln des Handys aufgeschreckt. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Fabian das Ding wieder eingeschaltet hatte.

»Gehst du ran, Reiko?«

Mußte ich ja wohl, da vom Besitzer des störenden Mobiltelefons noch nichts wieder zu sehen war. Widerwillig trennte ich den Körperkontakt zu Jasmin und holte das nervige Ding.

»Heilmann.«

»Hallo Herr Heilmann, hier ist Bolke.«

Bolke, Bolke… Sollte mir der Name irgendwas sagen? Ach ja! So hieß ja Patrick mit Nachnamen!

»Guten Tag, Herr Bolke, sie wollen sicher mit Patrick sprechen.«

»Eigentlich wollte ich nur fragen, ob mit ihm alles in Ordnung ist, ob es ihm gut geht.«

»Das können Sie ihn gleich selber fragen, ich ruf ihn schnell an den Apparat.«

»Wenn er überhaupt mit uns reden will.«

Mein Lächeln konnte Patricks Vater leider nicht sehen.

»Das wird er, Herr Bolke, ich glaube, darauf können Sie sich verlassen.«

»Meinen Sie wirklich? Schön wäre es ja.«

»Lassen Sie sich überraschen. So, ich geb das Telefon weiter, Moment bitte.«

Ich ging zu den drei Monopoly-Spielern.

»Patrick, dein Vater ist am Telefon.«

Mit schmerzerfülltem Blick griff Patrick zum Handy.

»Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll. Ich hab meine Eltern in den letzten zwei Monaten auch nur noch genervt.«

»Das bekommst du schon hin, Kopf hoch.«

»Ich weiß nicht, ob dafür fünf Minuten reichen.«

Stimmt ja, die Eltern der anderen Kinder standen vermutlich auch schon wieder Schlange am Telefon.

»Paß auf, rede kurz mit ihm, dann laß dir seine Telefonnummer geben. Später kannst du dann nochmal in aller Ruhe mit deinen Eltern sprechen, ohne Zeitbegrenzung. Einverstanden?«

»Das wäre super! Danke!«

Hoffentlich würde mir Fabian für diesen verschwenderischen Umgang mit seiner Handyrechnung nicht den Kopf abreißen.

In der nächsten halben Stunde sprachen unsere jungen Schützlinge mit ihren Eltern, während ich langsam anfing, mir Sorgen um Fabian und Reiko zu machen. Die tauchten ja überhaupt nicht mehr auf!

Gerade, als ich mich zu einem Kontrollbesuch im Bad aufmachen wollte, erschienen die beiden Vermißten. Und zum Glück hatte ich gerade mein Teeglas auf den Tisch gestellt…

»Jasmin, kneif mich mal!«

»Wieso, was ist los?«

Ohne weitere Worte zeigte ich auf die beiden Jungs, die gerade aus dem Bad zurückgekehrt waren. Jasmin schlug vor Schreck die rechte Hand vor den Mund.

»Mein Gott, was ist das denn?«

»Gefällt dir meine neue Haarfarbe? Also Jonas ist ganz begeistert davon!«

Da, wo vor dem Duschen noch ein hellblonder Schopf auf dem Kopf von Fabian thronte, fand sich jetzt eine wild zerwuselte Ansammlung leuchtend blauer Haare! Der hatte sich tatsächlich die Haare gefärbt – was natürlich auch erklärte, warum die beiden soviel Zeit gebraucht hatten.

Mittlerweile hatten alle Anwesenden die totale Veränderung von Fabians Haarfarbe bemerkt. Die Reaktionen reichten von komisch (Ricarda) bis obercool (überraschenderweise Patrick).

»Wenn du das so cool findest, Patrick, können wir dich auch noch behandeln. Ich habe noch eine Packung da, allerdings nicht blau sondern grün.«

Also nein, jetzt setzte Fabian dem Jungen auch noch Flausen in den Kopf!

»Super! Gerne! Können wir gleich anfangen?«

Ich hatte es geahnt!

»Immer mit der Ruhe. Überleg dir das nochmal ganz genau. Wenn du es in zwei Stunden immer noch willst, dann machen wir das, nachdem du geduscht hast. Einverstanden?«

»Klasse! Aber ich weiß schon, dass ich es dann immer noch will!«

»Abwarten…«

Zufrieden wandte sich Patrick wieder dem Buch zu, in welchem er nach dem Ende der Monopoly-Party angefangen hatte zu lesen. Ich hingegen ging rüber zu meinem besten Freund.

»Du spinnst, Faby.«

Er grinste mich nur frech an, während Jonas ihm durch die blauen Haare fuhr.

»Ich weiß gar nicht, was du hast, Reiko, sieht doch geil aus. Und zu nem natürlichen Blondie wie Fabian paßt das auch ganz ausgezeichnet. Finde ich jedenfalls.«

Also an diesen Anblick würde ich mich erst gewöhnen müssen.

»Ich weiß nicht, ich denke, mir gefällts auch…«

Ach du lieber Himmel! Jasmin nicht auch noch! Mir schwante Böses.

»Also eines kann ich dir versprechen, Jasmin, ich werde nicht rumlaufen wie eine Weihnachtsbaumkugel!«

»Haha, gut, wie du meinst. Du bist auch so schon hübsch genug.«

Na das wollte ich doch meinen! Kopfschüttelnd schaute ich mir nochmal Fabian an.

»Du bist wirklich immer für ne Überraschung gut, Faby.«

»Ich weiß.«

»Wieso hattest du das Farbzeugs überhaupt mit?«

»Weil ich das eh vorhatte, ich wollte am 24. meine Familie damit überraschen.«

»Du meinst, du wolltest deine Familie schockieren.«

»Hehe, oder so! Aber die sind Kummer gewöhnt, denk nur mal an Toms Gruftie-Phase.«

Oh ja, das war auch so ein Ding gewesen. Fabians kleiner Bruder war ein Jahr lang nur in schwarz rumgerannt. Seine blonden Haare hatte er schwarz gefärbt, sein Kleiderschrank kannte nur noch diese eine Farbe, sogar die Fingernägel hatte er sich schwarz lackiert! Im Gegensatz dazu war seine Haut völlig bleich gewesen, er hatte jeden Sonnenstrahl gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Komischerweise war der Spuk dann genauso plötzlich vorbei gewesen wie er angefangen hatte. Okay, verglichen damit waren Fabians blaue Haare absolut harmlos.

»Übrigens, während ihr mit den Haaren zugange wart, haben die Eltern der Kids angerufen.«

»Na prima, dann ist das ja für heute auch erledigt.«

»Nicht ganz. Du, Faby, ich habe Patrick versprochen, dass er nochmal alleine seine Eltern anrufen darf. Ich denke mal, dass da einiges an Gesprächsbedarf vorhanden ist. Geht das klar?«

Fabian brauchte anscheinend nicht lange darüber nachzudenken, die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»Natürlich! Die werden sich bestimmt auch freuen, wenn sie ihren alten Patrick zurück bekommen. Und er kann sie auch gleich fragen, ob er sich die Haare färben darf.«

Ich ging davon aus, dass seine Eltern ihm alles erlauben würden, wenn er sich nur wieder vernünftig benahm.

»Okay, dann sag ich ihm, dass er sie jetzt anrufen kann, und danach verschwinde ich unter die Dusche. Warmes Wasser ist doch schon wieder vorhanden, oder?«

»Ja, wir waren gleich zu Anfang unter der Dusche, danach haben wir kaum noch warmes Wasser gebraucht.«

Na dann war ja alles geklärt. Ich ging zu Patrick und gab ihm das Handy, und während dieser dankbar damit in sein Zimmer flitzte, holte ich mir mein Waschzeug und ging duschen…

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Die Überraschung mit meinen blaugefärbten Haaren war wirklich gelungen! Wie ich Reiko schon gesagt hatte, wollte ich mir eh die Haare färben, bevor ich am 24. nach Hause zurückkehren würde, und als ich Jonas von diesem Plan erzählte, war er sofort Feuer und Flamme gewesen und nur allzugern bereit, mir bei der Umsetzung zu helfen.

Das war auch der einzige Grund dafür gewesen, dass Jonas mit mir zusammen ins Bad gegangen war. Geduscht hatten wir getrennt, während der andere sich am Waschbecken rasierte. Natürlich hatten wir auch Gelegenheit gehabt, den anderen das erste Mal komplett nackt zu sehen, aber wir konnten uns zusammenreißen, sodass es bei bewundernden Blicken blieb.

Der Rest des Nachmittags verlief sehr gemütlich. Die Kinder spielten oder schauten in die Glotze, wir anderen lasen oder beschäftigten uns anderweitig. Nacheinander verschwand einer nach dem anderen zum Duschen, und auch Patrick tauchte wieder auf und gab mir das Handy zurück.

»Na, alles geklärt mit deinen Eltern?«

»Ja, vielen Dank, dass ich solange mit ihnen sprechen konnte. Mein Vater läßt ausrichten, dass er dir das Gespräch bezahlen wird.«

»Schon okay, so wild ist das nicht, es ist eh Nebenzeit. Hast du gefragt, ob du dir die Haare färben darfst?«

»Ja, habe ich.«

»Und?«

Schelmisch grinste er mich an.

»Ich darf. Solange ich sie mir nicht blau färbe.«

Oh.

»Aber grün darfst du?«

»Ich habe nicht verraten, wie ich sie färben will. Sie meinten dann nur: möglichst nicht blau.«

Neben mir kicherte Jonas leise vor sich.

»Cleveres Kerlchen!«

Das konnte er laut sagen! Aber naja, mir sollte es egal sein.

»Okay, wir werden sehen. Wenn du es nachher immer noch willst, dann machen wir das auch.«

»Prima!«

Mit diesen Worten schob er ab, um ein wenig mit Arko zu spielen.

»Kapierst du das, Fabian?«

»Was?«

»Diese Verwandlung von Patrick. Vor ein paar Stunden noch hätte er sich nie dazu herabgelassen, mit uns auch nur zu reden.«

Tja, da hatte Reiko tatsächlich ein Wunder bei dem Jungen bewirkt.

»Jonas, wie es zu dieser Verwandlung gekommen ist, ist mir völlig wurscht. Ich bin nur heilfroh, dass es dazu gekommen ist.«

»Stimmt, das macht das Leben hier um einiges leichter und angenehmer.«

Hoffentlich war diese Verwandlung dauerhaft.

»So, ich werde mal meinen Paps anrufen und die Lage peilen, wie es mit unserer Befreiung aussieht.«

»Mach das, ich werde in der Zwischenzeit schonmal mit Jasmin überlegen, wie wir das Abendbrot auf die Reihe bekommen.«

Jonas zog ab, und ich wählte die heimatliche Nummer.

»Röcker!«

»Hallo Tomchen.«

»Faby! He, großer Bruder, wie geht es dir denn so mit all dem Kleinvieh auf der Hütte?«

»Haha, vergiß nicht, verglichen mit mir bist du selber noch Kleinvieh!«

»Das glaubst aber auch nur du. Ich kann dir bekanntlich auf den Kopf spucken.«

»Ja, genau einmal, dann wärst du erledigt.«

Toms Lachen klang durchs Telefon.

»Mal ernsthaft, Faby, wie geht es dir?«

»Naja, es ist etwas anders, als ich mir diese paar Tage vorgestellt hatte, aber mir geht es wirklich gut.«

»Schön. Und, hast du Reiko schon umgepolt?«

»Reiko? Wieso sollte ich den umpolen?«

»Ach… Ich dachte nur… Du brauchst doch schließlich auch mal nen Freund.«

»Wer sagt denn, dass ich keinen Freund hätte?«

»Komm schon, Faby, ich bin dein Bruder. Ich weiß, wie es um dein Liebesleben bestellt ist, und dass die ganzen Gerüchte nur Gerüchte sind. Vor mir brauchst du dich nicht zu verstellen!«

Hatte ich schon erwähnt, dass Tom nicht nur mein Bruder sondern auch ein schlaues Kerlchen und ein wirklich guter Kumpel war?

»Hehe, trotzdem würde ich Reiko nicht umpolen. Er ist nicht so ganz mein Typ – AUA!«

»Was war das grade? Was ist bei dir los, Faby?«

»Nichts, nichts, nur Reiko kam gerade vorbei und war wohl nicht so begeistert von meiner Bemerkung.«

Ich rieb mir meinen schmerzenden linken Oberwarm, wo mir Reiko im Vorbeigehen einen kräftigen Knuff verpaßt hatte.

»Haha, du solltest aufpassen, in wessen Gegenwart du über sowas redest.«

Da hatte er wohl den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Tja, dann muß ich wohl mal ernsthaft versuchen, für dich einen Freund zu finden, Brüderchen.«

»Untersteh dich! Außerdem hätte Jonas da garantiert etwas dagegen.«

»Jonas? Wer zur Hölle ist Jonas?«

»Jonas ist der Grund dafür, dass du mir keinen Freund mehr zu suchen brauchst.«

»Ich werd verrückt! Du willst wirklich behaupten, dass du einen Freund hast? Wo hast du den denn gefunden?«

»Du wirst lachen, mitten im Winterwald.«

»Hä?«

»Jonas ist der Azubi von der Steintalbaude, der sich mit den Kids verirrt hatte.«

Aus dem Handy tönte Gelächter.

»Das ist mal wieder typisch mein großer Bruder! Andere gehen in die Disse, um eine Freundin oder einen Freund zu finden – du gehst in den Wald! Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.«

»Lach du nur, Tomchen. Der Zweck heiligt die Mittel.«

»Stimmt wohl. Herzlichen Glückwunsch jedenfalls.«

»Danke. Aber verrate bitte den alten Herrschaften noch nichts, okay?«

»Okay, das überlasse ich ganz dir.«

»Prima. So, kannst du mir jetzt mal Paps an die Strippe holen?«

»Ungern, Faby.«

»Wieso?«

»Paps schläft, der ist erst kurz nach zwölf nach Hause gekommen. Wenn es was wirklich wichtiges ist, dann wecke ich ihn, ansonsten würde ich ihn lieber schlafen lassen.«

»Hast recht, laß ihn schlafen. Ist Mutti da?«

»Nein, ich bin mit Paps alleine, die anderen sind alle in der Stadt zum Last-Minute-Shopping.«

»Mist.«

»Wieso? Reiche ich dir etwa nicht?«

»Hehe, doch, doch. Ich wüßte halt nur gerne, ob es irgendwelche Neuigkeiten für uns hier oben gibt. Wann wir hier ausgebuddelt werden oder so.«

»Wenns weiter nichts ist! Das kann ich dir auch sagen. Morgen früh, sobald es hell wird, kommt schwere Technik zum Einsatz. Sogar eine Pionierkompanie der Bundeswehr hat sich angekündigt.«

Na das hörte sich doch wirklich gut an!

»Heißt das, dass wir morgen schon hier rauskommen?«

»Nein, das wohl eher nicht. Die K87 ist vollkommen dicht, umgeknickte Bäume und schwere Verwehungen, selbst mit der Armee-Technik wird es eine ganze Weile dauern, bis die wieder frei ist. So wie ich das mitbekommen habe, wollen die morgen im Tagesverlauf die Straße soweit freibekommen, dass sie bis zu unserer Zufahrt befahrbar ist. Übermorgen geht es dann gleich früh wieder los, dann soll eine Schneefräse bis zu euch vordringen.«

Nunja, dann wären die Kids immer noch pünktlich zu Heiligabend bei ihren Eltern.

»Na gut, das geht ja auch noch. Da werden sich die Kinder und die Eltern bestimmt freuen, wenn sie das hören.«

»Denke ich auch, aber Faby, das ist alles noch mit Vorsicht zu genießen, es gibt keine Garantie, dass es nicht doch noch einen Tag länger dauert.«

»Schon klar, Tom. So, ich werde mal langsam wieder auflegen, der Akku wird wohl nicht mehr ewig durchhalten, ich muß das Handy wieder ans Ladegerät hängen. Sag bitte den anderen einen schönen Gruß von mir. Mutti und Paps sollen sich keine Sorgen machen, uns geht es gut hier oben.«

»Mach ich. Also dann, bis demnächst.«

»Tschüß, Tomchen.«

Ich beendete das Gespräch und ging hinüber zur Küchenzeile.

»Na, was kocht ihr denn schönes?«

»Bockwürste für alle, das geht schnell und macht nicht soviel Arbeit wie erst jede Menge Wurst aufschneiden und so. Und, hast du von deinem Vater was neues erfahren?«

»Ich konnte nur mit Tom, meinem kleinen Bruder, sprechen, mein Vater schlief. Der hat wohl die letzten Tage ziemlich viel um die Ohren gehabt.«

»Verständlich. Du weißt also noch nicht, wann wir hier befreit werden?«

»Doch, Jasmin, ich hab schon was rausbekommen, aber das erzähle ich dann, wenn wir alle am Tisch sitzen, okay?«

Damit war sie einverstanden, war ja auch die beste Lösung.

»Faby, kann ich nachher auch nochmal das Handy haben? Meine Eltern wollen auch jeden Abend was von mir hören.«

»Das, Reiko, muß ich mir noch sehr genau überlegen!«

»Hä? Wie meinst du das?«

»Das fragst du noch? Nach dem, was du mir angetan hast?«

»Was hab ich dir denn angetan?«

Ich rieb mir über meinen immer noch leicht schmerzenden Oberarm.

»Du wußtest mal wieder nicht wohin mit all deiner Kraft.«

»Oh. Sorry. Aber naja… Du hattest ja mehr oder weniger gesagt, dass du mich nicht begehrenswert findest. Und das muß natürlich bestraft werden!«

»Also wenn du so brutal bist, wirst du nicht so schnell wieder eine Freundin finden.«

Frech grinste mich Reiko an.

»Brauch ich auch nicht, ich hab ja schon eine gefunden!«

Zur großen Verblüffung von Jonas und mir legte Reiko Jasmin einen Arm um die Hüften.

»Äh… Ah… Meint ihr das jetzt ernst?«

»Ja, Jonas. Reiko und ich haben beschlossen, es mal miteinander zu probieren.«

Na das war nun wirklich eine ziemlich große Überraschung. Ich hatte damit vor allem ein Problem.

»Sagt mal, wie soll das funktionieren, Reiko hier und Jasmin in Leipzig? Wollt ihr etwa eine reine Fernbeziehung führen?«

»Wenn Jasmin nächsten Sommer mit dem Abi fertig ist, kommt sie hier runter und studiert an der gleichen Uni wie du.«

Die Überraschungen nahmen kein Ende. Wobei dies ja nun doch eine sehr positive Überraschung war.

»Dann können wir euch ja wohl nur noch gratulieren.«

Ich beeilte mich, mich Jonas‘ Glückwünschen anzuschließen, und das junge Pärchen bedankte sich artig.

»So, setzt euch an den Tisch, die Bockwürste sind soweit, und die Baguettes auch.«

Wir nahmen Platz, und kurz darauf begann das Ritual der Raubtierfütterung. Als dann alle einen Gang zurückschalteten, erzählte ich von den Neuigkeiten über unsere anstehende Befreiung. Die Aussicht, zu Weihnachten wieder mit den Eltern vereint zu sein, zauberte auf die Gesichter der Kids ein zufriedenes Lächeln.

»Das bedeutet natürlich auch, dass wir morgen einiges zu tun haben werden!«

Fragend schauten mich alle an.

»Morgen ist Schneeschippen angesagt! Wenn die Schneefräse übermorgen hier ankommt, wäre es gut, wenn der ganze Hof schon so gut es geht vom Schnee befreit wäre. Da kann der Fahrer dann problemlos wenden und wieder zurückfahren. Außerdem brauchen wir den Platz, da ja dann bestimmt ein paar Autos hier hochkommen werden, um uns alle abzuholen.«

Das leuchtete allen ein, und die Aussicht, jede Menge Schnee bewegen zu müssen, schien für die Kinder nicht sonderlich abschreckend zu sein. Na die würden sich morgen noch wundern…

Nach dem Abendbrot besorgten Jonas und ich den Abwasch, während nun auch noch die restlichen jüngeren Kids und Jasmin duschen gingen. Zwischendurch wurde gespielt, gelesen, Fernsehen geschaut. Alles in allem war es ein sehr schöner, gemütlicher Abend. Dann war es soweit.

»So, Patrick, wie schauts aus. Möchtest du immer noch grüne Haare haben?«

Der Teenager sprang aus seinem Sessel.

»Ja klar!«

Dann sollte es wohl so sein.

»Ab unter die Dusche mit dir. Wenn du fertig bist, rufst du, und dann verwandeln wir dich in eine Grünpflanze!«

»Cool!«

Patrick sprang davon, holte sein Wasch- und Schlafzeug und verschwand im Bad. Zweifelnd schaute Jasmin ihm hinterher.

»Na das kann ja heiter werden… Demnächst wollen die anderen auch alle rumlaufen, als wären sie kopfüber in einen Farbkasten gefallen.«

»Sei nicht so spießig, Schwesterchen! Ein bißchen Farbe im Leben kann doch nicht schaden. Und meine Haare sind schließlich auch gefärbt.«

»Ja, aber blond, und das ist ja doch eine natürliche Haarfarbe.«

»Du wirst lachen, wenn ich die nicht schon blond gefärbt hätte, dann würde ich jetzt mit grünen Haaren rumlaufen!«

»Na ob der alte Ziermayer davon so begeistert wäre…«

Jasmin, die Stimme der Vernunft. Tja, das hatte Jonas nun von seiner Jobwahl, da mußte er sich wohl doch etwas konservativer stylen.

»Du, Faby?«

»Ja?«

»Wir sollten Patrick fragen, ob es ihm recht ist, wenn wir ihm die Haare machen. Oder ob das lieber Jasmin oder Reiko tun soll.«

»Wie… Ah. Ja, ich verstehe, was du meinst. Okay, wir fragen ihn, wenn er soweit ist. Jasmin, würdest du das eventuell übernehmen, wenn Patrick das möchte?«

Seufzend erklärte Jonas‘ kleine Schwester ihr Einverständnis.

»Ich wäre dann soweit!«

Da hatte sich aber einer mächtig beeilt im Bad. Jonas und ich folgten Patricks Ruf.

»Kann losgehen!«

»Du, Patrick?«

»Ja? Ihr macht doch jetzt keinen Rückzieher, oder? Ich darf mir die Haare grün färben, ja?«

Ich mußte über seinen Enthusiasmus lachen.

»Ja, keine Bange, du bekommst deine grünen Haare. Wir wollten nur wissen, ob es dir vielleicht lieber wäre, wenn Jasmin dir das macht.«

»Wieso?«

»Naja… Du müßtest dein Schlafanzug-Oberteil ausziehen, und wir müßten dich logischerweise auch anfassen. Falls dir das unangenehm ist…«

Verstehen und ein wenig Scham machten sich auf Paricks Gesicht breit.

»Nein… Ist schon okay, wenn ihr das macht.«

»Bist du dir da sicher?«

»Ja. Ich weiß jetzt, dass ich mich dämlich benommen habe, und dass ich von euch nichts zu befürchten hab.«

Ich schaute Jonas an, der zuckte mit den Schultern, also gab ich das Startsignal.

»Na dann mal los!«

Die Färberei lief nun ganz undramatisch ab, die eigentliche Arbeit überließ ich sowieso Jonas, der das ja schon bei mir so gut hinbekommen hatte. Anfangs war Patrick doch noch etwas verkrampft, dann aber entspannte er sich mehr und mehr, und am Ende scherzte er ganz ungezwungen mit uns. Was für ein Unterschied zu dem verkniffenen, fast schon bösartigen Teenager von vor ein paar Stunden! Als er dann das erste Mal seine grasgrünen Haare sah, drohte sein Grinsen sein Gesicht zu sprengen.

»Na, zufrieden, der Herr?«

»Klasse! Meine Eltern werden Augen machen!«

Na hoffentlich wirklich nur Augen und nicht gleich noch eine passende Szene dazu. Aber daran war nun eh nichts mehr zu ändern, da würde höchstens noch eine Glatze Abhilfe schaffen.

»Vielen Dank!«

»Gern geschehn. So, du räumst jetzt bitte noch ein wenig hier auf, okay?«

»Mach ich, kein Problem!«

Jonas und ich verließen das Bad und begaben uns wieder ins Wohnzimmer, wo mittlerweile schon eine ziemliche Ruhe eingekehrt war. Die Kinder sahen zwar noch irgendeinen Film im Fernsehen, steckten aber alle schon in ihren Schlafsäcken. Reiko war damit beschäftigt, Arko trockenzurubbeln, der hatte wohl auch schon seinen letzten Gang vor die Tür hinter sich gebracht.

»Na ihr zwei, hat alles geklappt mit unserem großen Kleinen?«

»Ja, Reiko, der hat sich um hundertachtzig Grad gedreht. Wer hätte gedacht, dass sich hinter dem kleinen Ekel so ein netter Junge verbirgt. Und dir haben wir es zu verdanken, dass der nette Junge endlich zum Vorschein kam.«

»Was tut man nicht alles für den Weltfrieden. Oder zumindest für den Hüttenfrieden.«

»Wo ist denn meine Schwester abgeblieben?«

»Die liegt schon im Bett, die war total müde. Und ich verzieh mich dann auch gleich, wenn ich mit Arko fertig bin.«

»Mach das. Wir machen hier dann alles dicht und kommen nach.«

Ich ließ mich mit Jonas auf der Couch nieder, und wir beobachteten noch ein Weilchen die flackernden Flammen im Kamin. Nach einigen Minuten erschien Patrick und verabschiedete sich auch gleich für die Nacht.

»Moment mal, Patrick!«

»Ja, Reiko?«

»Laß dich erstmal anschauen.«

Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht ging der umgefärbte Teenager zu seinem »Retter« und präsentierte stolz seine neue Haarfarbe.

»Fesch, Patrick! Chiara wird auf dich fliegen, wenn sie das sieht!«

Grüne Haare und knallrotes Gesicht – na das war ja mal eine Mischung! Patrick streckte Reiko die Zunge raus, dann verzog er sich in sein Schlafzimmer.

»Chiara? Wer ist Chiara?«

»Ein Mädchen aus seiner Klasse, das er anhimmelt.«

»Naja, die Veränderung, die du in ihm ausgelöst hast, dürfte seine Attraktivität für diese Chiara deutlicher steigern als die neue Haarfarbe.«

»Sag das nicht, manche Mädels fliegen auf solche bunten Hunde!«

Wir lachten, und auch die anderen vier Kids, die den Wortwechsel mitbekommen hatten, kicherten vor sich hin.

»So, ich verschwinde auch. Macht nicht mehr solange.«

»Ja, Papa!«

»Moah, ihr nicht auch noch! Gute Nacht, ihr Schlafsackpiraten.«

»Gute Nacht.«

Reiko verzog sich, und auch Jonas und ich beschlossen, den Tag langsam zu beenden. Leider hatten die vier Kinder doch etwas andere Vorstellungen.

»Wir möchten aber noch den Film zuenden gucken.«

Hm, was schauten die sich überhaupt an? Oh. 101 Dalmatiner. Also zumindest etwas altersgerechtes.

»Wielange geht der denn noch?«

»Bis viertel vor zehn.«

Eigentlich schon ziemlich spät für Elf- und Zwölfjährige, aber andererseits mußten sie ja am nächsten Morgen auch nicht in die Schule.

»Na gut, ich will mal nicht so sein. Aber wenn der Film zuende ist, schaltet ihr bitte gleich den Fernseher aus, und dann herrscht hier Ruhe im Karton. Verstanden?«

Die Kids jubelten und versprachen, sich daran zu halten.

»Also gut, dann machen wir das so. Aber wehe, ihr kommt morgen früh nicht aus den Federn!«

Und wieder waren sie bereit, mir alles zu versprechen. Na wir würden sehen. Jonas und ich erhoben uns.

»Sag mal, Faby, mußt du dann nachher nicht nochmal raus und den Generator ausschalten?«

»Nein, ich stelle jetzt die Zeitschaltuhr auf 22 Uhr, dann geht das Ding von alleine aus. Ob es den vier Musketieren hier nun paßt oder nicht.«

»Hehe, Vertrauen ist gut…«

»…Automatik ist besser!«

»Genau! Also los. Schaust du nochmal nach, ob der Gasherd aus ist und so weiter?«

»Mach ich.«

Wir erledigten also unseren Aufgaben, dann wünschten wir den Fernsehkids eine gute Nacht und folgten Jasmin und Reiko ins Schlafzimmer. Ich erwartete fast, dass die beiden unser schönes Doppelbett in Beschlag genommen hätten, aber sie lagen ganz brav in ihren Einzelbetten.

»Na, habt ihr den Nachwuchs versorgt?«

»Ja, die gucken jetzt noch ihren Film zuende, und dann ist für die auch Schlafenszeit angesagt.«

Überraschenderweise protestierte Jasmin nicht gegen die Fernseherlaubnis, vielleicht war sie ja einfach zu müde dazu.

Jonas und ich stiegen in unser kuschliges Bett und krochen unter unsere Decke.

»Braucht noch irgendwer das Licht?«

Keiner meldete sich, also griff ich zur einzigen brennenden Petroleumlampe und drehte sie aus.

»Also dann, gute Nacht alle miteinander!«

Drei Stimmen erwiderten die guten Wünsche, dann kehrte Ruhe ein. Ich kuschelte mich an Jonas, und bevor ich noch groß über den vergangenen Tag nachdenken konnte, war ich auch schon eingeschlafen…

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Irgendwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung. Wieso waren meine Füße plötzlich so kalt? Oder anders gefragt: was war da so kalt an meinen Füßen? Immerhin kalt genug, um mich langsam aufwachen zu lassen, obwohl es noch stockdunkel war.

Aber das war noch gar nicht alles, mein Bett schien mir auch kleiner geworden zu sein. Sehr seltsam!

»Mach dich nicht so breit, Reiko!«

Huch! Ich schrak auf und war mit einem Mal hellwach. Nicht das Bett war kleiner geworden, nein, der Inhalt des Bettes war größer geworden!

»Was machst du hier, Jasmin?«

»Dumme Frage. Mich aufwärmen natürlich. Mir war kalt.«

»Und da kriechst du einfach so zu mir unter die Decke?«

»Natürlich, zu irgendwas muß ein Freund doch gut sein, oder?«

Na das war ja mal eine tolle Logik! Aber sie hatte tatsächlich Eisfüße, da gab es nichts dran zu deuteln.

»Und nun halt die Klappe und sorge dafür, dass mir warm wird.«

Das war ja nun eine Aufforderung, die man durchaus unterschiedlich interpretieren konnte, aber ich ging einfach mal davon aus, dass sie wirklich nur »warm werden« im Sinne von »nicht mehr frieren« meinte. Also ließ ich es zu, dass sie sich dicht an mich kuschelte, auch wenn dies bedeutete, dass es für mich erstmal etwas kälter wurde. Aber die körperliche Nähe schien zu wirken, kurz darauf war nicht nur Jasmin eingeschlafen, auch ich versank wieder in Morpheus Arme.

Als ich das nächste Mal wach wurde, war es im Schlafzimmer heller als beim letzten Mal. Viel heller. Genaugenommen schien die Sonne durchs Fenster! Erschrocken schaute ich auf die Uhr – schon kurz vor neun!

»Verdammt, wir haben verpennt!«

Mein Ausruf war laut genug, um auch alle anderen im Raum aus dem Schlaf zu reißen. Was nicht bedeutete, dass sie auch schon wirklich munter waren.

»Wie? Was?«

»Fabian, wir haben verschlafen! Es ist gleich neun!«

»Oh Scheiße!«

»Immer mit der Ruhe, Leute.«

Wie konnte Jonas so ruhig bleiben? Der Hund mußte raus, die Kinder brauchten ihr Frühstück, und überhaupt: wir hatten heute so viel zu erledigen!

»Die Kids machen heute das Frühstück. Ich mußte vorhin mal aufs Klo, da hab ich gesehen, dass die schon fleißig dabei waren, den Tisch zu decken. Und Arko war auch schon draußen.«

»Tatsächlich, Jonas?«

»Ja klar. Die haben mir gesagt, ich solle mich nochmal für ne halbe Stunde hinlegen, sie würden uns rufen, wenn das Frühstück fertig ist.«

Naja. Das hörte sich schon viel erfreulicher an. Wäre ja auch sehr peinlich gewesen, wenn alle vier von uns verschlafen hätten. Genau in diesem Moment klopfte es an die Zimmertür, dann schob sie sich ein Stückchen auf, und der Kopf von Felix schaute ins Zimmer.

»Ah, ihr seid wach. Frühstück ist fertig!«

Sprachs und verschwand.

Da sollten wir uns wohl auch langsam aus den Federn schwingen. Jonas und Fabian waren zum gleichen Ergebnis gekommen und arbeiteten sich bereits in die Senkrechte. Dann sah Fabian zu meinem Bett rüber, und seine Gesichtszüge entgleisten leicht.

»Du, Jonas, schau mal da!«

Jasmins Bruder drehte sich um, schaute einmal, schaute zweimal, dann fing er an zu grinsen.

»Was glotzt du so, Brüderchen? Noch nie zwei Leute in einem Bett gesehn?«

Jonas setzte an, um irgendwas zu sagen, verkniff es sich aber und verschwand mit Fabian im Schlepptau Richtung Frühstückstisch. Und auch Jasmin sprang nun aus dem Bett. Aus meinem Bett!

»Na komm schon, du Schlafmütze, ich hab auch Hunger!«

Menno, warum waren die am frühen Morgen alle so frech zu mir! Aber ich sollte mich wohl beeilen und auch aufstehen, ansonsten würde für mich vielleicht gar nichts mehr vom Frühstück übrigbleiben! Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und stürmte den drei anderen hinterher.

Als ich im Wohnzimmer eintraf, sah ich, dass Felix nicht übertrieben hatte. Das Frühstück war wirklich fertig. Zwei Toaster waren in Betrieb, Butter, Marmelade, Nutella und einige herzhafte Köstlichkeiten standen parat. In den Tassen dampften Kaffee und Kakao. Ein Blick zu Arko: der lag ruhig und zufrieden vor dem Kamin, ein Zeichen dafür, dass er tatsächlich schon draußen gewesen war.

»Womit haben wir denn das verdient?«

»Ach, ihr habt in den letzten Tagen ständig für uns gesorgt, da dachten wir, es wäre nett, wenn wir auch mal etwas für euch tun würden. Und als ich kurz vor acht wach wurde und sah, dass noch keiner von euch auf war, habe ich die anderen geweckt, und wir haben beschlossen, heute mal selbst das Frühstück zu machen.«

Das war ja wirklich mal eine geniale Idee von Manuela gewesen. Brav bedankten wir uns bei den Kids, und dann machte sich die ganze Meute über das Frühstück her.

»Übrigens, Patrick, tolle Haarfarbe!«

Stimmt ja, Jasmin sah den Grünkopf ja jetzt zum ersten Mal. Und auch ich schaute genauer hin, jetzt im natürlichen Sonnenlicht kamen die Farben sowohl bei Patrick als auch bei Fabian erst so richtig zur Geltung. Und irgendwie stach das Grün bei Patrick noch etwas deutlicher heraus als das Blau bei Faby.

»So, wie gehen wir das heute nun an? Fabian hat ja gestern schon angedroht, dass wir heute viel Schnee bewegen müssen. Irgendwie möchten wir das ordentlich organisieren, es wird ja doch richtig in Arbeit ausarten.«

»Richtig, Jonas. Ich hab mir da schon ein bißchen was ausgedacht, was haltet ihr davon: nach dem Frühstück werde ich mich mit den Mädels erstmal um den Abwasch kümmern. Anschließend machen wir hier drin etwas sauber, das ist auch mal fällig. In der Zwischenzeit geht ihr Jungs raus und fangt schonmal an, den Schnee zu beseitigen. Später machen wir Mädels dann das Mittagessen, anschließend machen alle eine Pause, und danach erledigen wir alle gemeinsam die restlichen Schneearbeiten.«

Von selbst wäre ich natürlich nie auf die Idee gekommen, die Mädels zur Hausarbeit abzustellen, aber wenn Jasmin das selber anbot? Auch die anderen schienen mit dieser Arbeitsverteilung einverstanden zu sein, und so geschah es, dass sich nach Frühstück, Badbesuch und Anziehen alle männlichen Hüttenbewohner zur Schneeberäumung einfanden. Fabian verteilte Schneeschieber und Schaufeln.

»So, nun paßt mal auf. Seht ihr die rotweißen Stangen?«

Wir schauten uns um, und tatsächlich, an verschiedenen Stellen schauten solche Stangen aus dem Schnee.

»Diese Stangen bezeichnen die Grenzen vom Hof. Alles, was innerhalb der gedachten Linien zwischen den Stangen liegt, sollten wir so gut es geht vom Schnee befreien.«

Ach. Du. Scheiße! Das war ein größeres Gelände, als ich gedacht hatte.

»Sag mal, Faby, hatte ich da nicht auch eine Schneefräse irgendwo gesehn?«

»Ja, hast du.«

»Und warum nehmen wir die nicht?«

»Weil der Schnee dafür zu hoch ist. Das ist nur so ein kleines Ding, mehr als 20 Zentimeter darf es da nicht haben.«

Mist. Also mußten wir doch mit der eigenen Körperkraft der weißen Pracht zuleibe rücken. Es half alles nichts, es war wohl besser, wenn wir uns langsam an die Arbeit machten.

»Reiko, fang du bitte mit Jonas hier an der Hütte an. Ich geh mit den drei Jungs rüber zur Zufahrt, wir arbeiten uns dann aufeinander zu.«

Das klang vernünftig, es hatte ja keinen Sinn, dass alle an der gleichen Stelle werkelten und sich dabei gegenseitig im Weg standen. Während sich Fabian mit den Kleinen durch den Tiefschnee arbeitete, fing ich mit Jonas bereits an, den Schnee vor der Hüttentür beiseite zu schaufeln. Nachdem wir eine Weile schweigend nebeneinander arbeiteten, kam das, womit ich schon die ganze Zeit gerechnet hat.

»Du, Reiko?«

»Ja?«

»Was läuft denn da nun zwischen dir und meiner Schwester?«

»Was soll da laufen? Du hast doch gestern mitbekommen, dass wir jetzt zusammen sind.«

»Ja schon… Ich war halt bloß doch etwas überrascht, dass ihr schon miteinander schlaft.«

Ich mußte lachen.

»Jonas, wir schlafen noch nicht miteinander. Wir haben zusammen geschlafen. Das ist doch ein gewisser Unterschied. Und auch das nur zwei oder drei Stunden. Jasmin kam irgendwann in mein Bett gekrochen, weil ihr kalt war. Mehr ist wirklich nicht passiert.«

Das schien Jonas ein wenig zu beruhigen. Trotzdem fand ich seine Frage ein wenig unfair.

»Jonas, Jasmin wird bald 18. Und sie weiß auch ganz genau, was sie will. Keine Bange, wir überstürzen schon nichts. Und außerdem finde ich es etwas komisch, dass gerade du so überrascht bist.«

»Wie meinst du das?«

»Naja, du bist doch gleich die allererste Nacht mit Fabian im Bett gelandet.«

»Aber bei uns ist doch gar nichts passiert!«

»Ja eben, bei Jasmin und mir auch nicht! Warum glaubst du, dass das bei uns anders sein sollte?«

Nachdenklich und ein wenig verlegen schaute Jonas mich an.

»Sorry. Du hast recht, es war unfair, das zu denken. Und selbst wenn: es wäre allein eure Entscheidung.«

Das hörte sich doch schon ganz anders an.

»Jonas, ich verspreche dir eins: ich werde nichts tun, was deine Schwester nicht auch will. Und gerade wo klar ist, dass wir erstmal für längere Zeit eine Fernbeziehung führen müssen, werden wir bestimmt nicht irgendwas überstürzen.«

Jonas grinste mich an.

»Sieht so aus, als hätte meine Schwester nicht gerade den schlechtesten Kerl erwischt.«

»Das betrachte ich als Kompliment.«

»So war es auch gemeint.«

»Danke.«

Nachdem nun alle eventuellen Mißverständnisse beseitigt waren, stürzten wir uns mit neuem Eifer auf die Arbeit. Langsam, ganz langsam wurde die vom Schnee befreite Fläche größer. Trotzdem, hier würde wir noch eine ganze Menge zu tun haben!

Plötzlich sprang Arko laut bellend zwischen uns herum und versuchte, in meinen Schneeschiebers zu beißen. Na der hatte uns gerade noch gefehlt!

Der Vierbeiner war nicht alleine, auch Jasmin und Ricarda tauchten kurz danach bei uns auf.

»Na, ihr Schneemänner? Wir haben uns gedacht, wir bringen euch mal etwas heißen Tee.«

Was für ein Service! Dankbar nahmen wir die Tassen mit dem dampfenden Getränk entgegen.

»Kann es sein, dass es heute viel kälter ist als gestern?«

Wortlos wies ich auf das große Thermometer neben der Hüttentür. Dieses zeigte 9 Grad minus – trotz strahlendem Sonnenscheins! Ich war mächtig froh, dass ich mir von meiner Mutter die warme Mütze mit den Ohrenklappen hatte aufschwatzen lassen.

Jasmin und Ricarda arbeiteten sich zu den vier anderen vor, begleitet von einem mal wieder begeistert durch den Schnee springenden Arko.

»Sehr fürsorglich, deine Schwester. Sieht so aus, als hätte ich nicht gerade das schlechteste Mädel erwischt.«

»Haha. Das liegt anscheinend nur an dir, für mich wäre sie nie auf diese Idee gekommen.«

Armer Jonas. Vorsichtig schlürften wir das heiße Getränk, das war genau das, was wir jetzt brauchten. Unsere Pause dauerte etwa zehn Minuten, dann machten wir uns mit frischen Kräften wieder an die Arbeit.

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Jasmin und Ricarda tauchten genau im richtigen Moment auf, trotz der schweren Arbeit war mir ziemlich kalt, und den drei Jungs ging es ähnlich.

»Tee. Brauche Tee. Viel heißen Tee!«

Ricarda lachte.

»Sollst du haben, Christoph. Hier, aber paß auf, der ist wirklich heiß.«

Also mir konnte der gar nicht heiß genug sein, der würde hier draußen in der Kälte eh ganz schnell abkühlen.

»Ihr habt ja schon einiges geschafft.«

Wir hatten uns aber auch wirklich verausgabt.

»Keine Bange, Jasmin, für euch bleibt auch noch genug übrig für heute nachmittag.«

»Das hatte ich befürchtet!«

Alle lachten, aber es war nicht zu ändern: trotz unserer fleißigen Arbeit jetzt würden wir nach dem Mittagessen nochmal alle kräftig zupacken müssen. Vor allem, da wir den Schnee ja nicht nur einen Meter weit wegschippen mußten, die Wege, die wir mit ihm gehen mußten, wurden logischerweise immer länger, je mehr wir vom Hof freilegten.

»Wir gehen wieder rein, da gibt es auch noch einiges zu tun. Für wann sollen wir das Essen vorbereiten?«

Ich schaute auf die Uhr, es war mittlerweile kurz nach elf.

»Halb eins? Bekommt ihr das hin?«

»Ja, kein Problem. Wir kochen einen großen Topf Soljanka und machen wieder Baguettes dazu.«

Eine gute Idee, heiße Suppe war an solchen Tagen wie heute die ideale Magenfüllung. Ricarda sammelte noch schnell die leeren Tassen ein, dann machte sie sich mit Jasmin und Arko auf den Rückweg zur Hütte.

»So, Jungs, kanns wieder weitergehen? Ihr haltet doch noch bis halb eins durch, oder?«

Damit hatte ich die drei bei ihrer Ehre gepackt, sie würden auf keinen Fall vor mir aufgeben. Mit neuem Mut stürzten wir uns auf die Schneemassen.

Wir kamen ganz gut voran, und als Jasmin uns gegen viertel eins zum Essen rief, hatten wir insgesamt gut zwei Drittel des Hofes vom Schnee befreit. Allerdings waren wir nun auch ziemlich erledigt und konnten eine Stärkung und die Pause gut gebrauchen.

»Los, Jungs, gehen wir Essen fassen. Das war verdammt gute Arbeit von euch.«

Erfreut über das Lob, aber wohl auch erleichtert wegen der anstehenden Pause, stiefelten die drei neben mir zur Hütte, wo wir von Jonas und Reiko erwartet wurden. Auch diese beiden hatten viel geschafft, wir konnten also guten Gewissens in die Siesta gehen.

Drinnen schlüpften wir aus den Schneesachen, dann begann der Kampf darum, wer als erster aufs Klo durfte! Aber irgendwann war auch diese Schlange abgearbeitet, und wir machten uns alle zusammen über die Soljanka her.

»So, Jungs, ihr ruht euch jetzt erstmal aus. Die Mädels und ich räumen das Geschirr weg und waschen ab, danach gehen wir raus und versuchen uns mal mit den Schneeschiebern.«

»Aber ihr habt doch auch die ganze Zeit gearbeitet, ihr habt euch auch die Pause verdient. Wir gehen lieber nachher alle zusammen nochmal raus.«

»Reiko, wir haben lange nicht so hart geschuftet wie ihr.«

»Ihr seid aber auch Mädchen!«

Das hätte sich der Eishockey-Trampel wohl lieber verkneifen sollen!

»Reiko Heilmann! Was soll das nun wieder heißen? Glaubst du etwa, dass Mädchen nicht zu harter Arbeit fähig sind?«

»Ich … äh …«

»Na?!?«

»Nein, nein, natürlich nicht, Jasmin!«

»Na das will ich dir aber auch geraten haben, du Nachwuchs-Macho!«

Reiko erkannte, dass es wohl das beste wäre, erstmal kein Wort mehr zu sagen, und hielt schlauerweise seine Klappe.

Es war kurz nach eins, als die Mädels sich für den Ausflug in den Schnee vorbereiteten.

»Wir nehmen Arko mit raus, Reiko, ist das okay?«

»Könnt ihr gerne machen, aber paßt bitte auf ihn auf. Wenn er sich nicht mehr groß bewegt, dann bringt ihn bitte wieder rein. Nicht dass der ewig im kalten Schnee liegt.«

»Machen wir.«

Ich schaute auf die Uhr.

»Jasmin, wir kommen so gegen halb drei raus und lösen euch ab.«

»Okay, aber ruht euch erstmal richtig aus. Euch müssen doch sämtliche Röhren wehtun.«

Und wie. Und ich wußte, dass es noch schlimmer werden würde. Der Muskelkater würde erst am Abend so richtig fies zuschlagen. Jetzt aber verteilten wir uns erstmal auf die Polsterteile, und kurz darauf war Ruhe eingekehrt, da alle schliefen oder zumindest dösten. Ich hatte mich natürlich wieder an Jonas gekuschelt, und so hatte die Erschöpfung auch eine ganz reale, angenehme Seite!

»Na das ist ja mal ein netter Anblick für meine alten Augen!«

Wie? Was? Ich mußte wohl auch eingeschlafen sein, jedenfalls schrak ich hoch und knallte mit dem Hinterkopf an irgendetwas hartes, was sich kurz darauf als das Kinn von Jonas herausstellte.

»Aua! Faby, du hast aber nen verdammt harten Schädel!«

Und Jonas ein verdammt hartes Kinn. Vorsichtig rieb ich über meinen Hinterkopf – das gab bestimmt eine ordentliche Beule! Aber wer hatte mich da überhaupt so unsanft aus dem Schlaf gerissen?

Ich blickte auf und sah eine große Gestalt in der offenen Hüttentür stehen. Durch das von draußen einfallende helle Sonnenlicht war nur eine dunkle Silhouette erkennbar, es war nicht auszumachen, wer genau uns da besuchen kam. Das Gelächter über unseren Zusammenstoß kam mir dann aber doch recht bekannt vor.

»Paps, was machst du denn hier? Habt ihr den Weg doch schon heute freibekommen?«

»Nein, Faby, ich bin nochmal mit dem Motorschlitten da. Wir dachten uns, dass wir euch noch ein wenig Stolle, eine ordentlich große kalte Platte fürs Abendbrot und ein paar Knabbereien hochbringen sollten, dann könnt ihr heute abend eine kleine Abschiedsparty feiern.«

»Das heißt, dass wir hier morgen wirklich rauskommen?«

»Ja, die K87 ist schon fast bis zur Zufahrt frei, morgen früh geht es dann an das letzte Stück hier hoch zur Hütte. Spätestens mittags seid ihr dann wieder offiziell Teil der Zivilisation.«

Halleluja! Hatten die anderen das auch mitbekommen? Obwohl. Welche anderen? Verblüfft stellte ich fest, dass die Hütte bis auf Jonas und mich leer war. Auch mein Liebster schien das jetzt zu bemerken.

»Wo sind die denn alle hin?«

»Wenn du Jasmin, Reiko und die Kinder meinst: die sind alle draußen und schippen fleißig Schnee.«

Unterdessen hatte mein Vater die Hüttentür geschlossen und war weiter in die Hütte getreten. Ich schaute auf die Uhr: es war bereits kurz vor drei. Warum hatten die uns nicht geweckt? Sehr seltsam.

»Ich glaub, mich tritt ein Pferd! Faby, was hast du mit deinen Haaren gemacht?«

»Gefärbt, Paps.«

Mein Vater schüttelte ungläubig den Kopf.

»Also mit der heutigen Mode komme ich nicht mehr mit, da bin ich wohl doch schon zu alt für.«

Jonas fuhr mir mit beiden Händen durch die zerwuschelten Haare.

»Also mir gefällts!«

»Ah ja. Nun, dann ist ja gut, Faby. Es ist ja wichtiger, dass es deinem Freund gefällt, als dass dein alter Papa es versteht, oder?«

Allerdings!

»Jonas ist doch dein Freund, oder habe ich eure Kuschelei irgendwie falsch verstanden?«

Ups. Naja, da gab es ja eigentlich nichts mehr falsch zu verstehen. Außerdem konnte er es ja ruhig wissen, ich hatte eh nicht vorgehabt, das lange zu verheimlichen.

»Ja, Paps, Jonas und ich sind jetzt zusammen.«

»Soso.«

Mein Vater machte ein strenges Gesicht, und ich hob mich nervös etwas aus Jonas‘ Umarmung heraus.

»Na dann, herzlichen Glückwunsch, ihr zwei!«

Puh! Erleichtert ließ ich mich wieder zurücksinken, und auch Jonas schien sich wieder zu entspannen.

»Jonas, herzlich willkommen in der Familie. Oh… Hab ich was falsches gesagt?«

Verwundert schaute Paps uns an, und da ich mir keiner Schuld bewußt war, drehte ich mich so, dass ich Jonas ins Gesicht schauen konnte. Und auf diesem hübschen Gesicht kullerten jetzt Tränen!

»Jonas, was ist los?«

Mein Freund weinte weiter und brachte nur ganz leise ein einziges Wort heraus. Familie. Mir war auf einen Schlag alles klar. Vorsichtig veränderte ich unsere Positionen so, dass ich es nun war, der Jonas in den Arm nahm.

»Fabian, was ist mit ihm?«

»Paps, das erzähle ich dir später mal in aller Ruhe.«

»Wenn du meinst. Hab ich irgendwas falschgemacht?«

»Nein, eher im Gegenteil.«

Damit gab er sich zum Glück erstmal zufrieden.

»Weiß es sonst schon jemand? Also dass ihr ein Paar seid?«

»Alle hier auf der Hütte. Und Tom.«

»Ach, dein Bruder ist auch schon eingeweiht? Wohl gestern am Telefon, oder?«

»Ja. Deiner Überraschung entnehme ich, dass er dichtgehalten hat.«

»Allerdings, kein Sterbenswörtchen hat er ausgeplaudert.«

Braves Tomchen.

»Darf ich es deiner Mutter erzählen, oder möchtest du das selber machen?«

Ich überlegte kurz. Meine Mutter konnte manchmal ziemlich emotional werden, vielleicht war es ja tatsächlich besser, wenn sie von Paps eine kleine Vorwarnung erhielte.

»Erzähl es ihr ruhig.«

»Gut, mach ich. Die wird sich auch mächtig freuen, Faby. Aber das da…«

Er zeigte auf meine Haare.

»…das da, das mußt du ihr schon selber beibringen!«

Ich mußte lachen, und auch Jonas schien sich wieder etwas besser zu fühlen. Beruhigend streichelte ich ihm weiter durch die Haare.

»Und Jonas?«

»Ja?«

»Du bist der ältere von euch beiden, von dir erwarte ich, dass du meinen Sohn immer schön in der Spur hältst.«

Oh. Also. Das mußte doch nun wirklich nicht sein, ich brauchte doch keinen Aufpasser!

»Mach ich, Herr Röcker!«

»Sag einfach Jürgen zu mir, einverstanden?«

»Einverstanden!«

»Sehr schön. So, ich werde mal schnell die paar Sachen reinbringen, die ich im Hänger habe. Ach übrigens, Fabian? Ihr habt ja wirklich viel geschafft mit der Schneeschipperei, fast der ganze Hof ist schon frei.«

Wunderbar!

»Aber dir ist schon klar, dass ihr das nicht hättet machen brauchen, oder? Das hätte morgen die Schneefräse in Nullkommanix auch geschafft.«

Mist, warum mußte er das Thema ansprechen!

»Es wundert mich ein wenig, dass du da nicht dran gedacht hast.«

Ich seufzte, jetzt sollte ich wohl lieber mit der Wahrheit rausrücken.

»Paps, ich habe natürlich da dran gedacht! Aber…«

»Aber was?«

»So konnte ich besonders die Kids einen ganzen Tag lang beschäftigen! Die haben gestern stundenlang Schneeburgen gebaut und sich rumgebalgt, heute wäre denen das bestimmt schon langsam langweilig geworden. Und womit soll man die hier oben denn sonst noch so beschäftigen? Sollten die den ganzen Tag auf der Bude hocken und in den Fernseher glotzen?«

»Oh. Und da hast du sie zu Beschäftigungstherapie verdonnert?«

»Sieh es mal so, Paps. Wenn die heute abend völlig erschöpft in ihre Schlafsäcke steigen, werden sie das in der Überzeugung tun, dass sie etwas Gutes für uns alle getan haben. Dass sie quasi an ihrer eigenen Rettung mitgewirkt haben. Das ist doch viel besser, als wenn sie den ganzen lieben langen Tag nur hier rumgelungert hätten.«

Verstehen machte sich auf dem Gesicht meines Vaters breit.

»Faby, an dir ist ein Psychologe verlorengegangen. Das war wirklich ein genialer Schachzug!«

Anerkennend nickte er mit dem Kopf.

»Danke, Paps. Aber der bleibt nur solange genial, wie die Kids davon nichts erfahren. Falls doch, werden die letzten gemeinsamen Stunden hier für mich zum Spießrutenlaufen.«

»Schon kapiert, von mir erfährt keiner was. Aber das mußt du wohl auch noch mit Jonas klarmachen, mir scheint, der kannte deinen Plan bis jetzt auch nicht in allen Einzelheiten.«

»Allerdings, Jürgen, diese Hintergedanken höre ich jetzt zum ersten Mal!«

»Och Jonas, ich hoffe, du kannst mir nochmal verzeihen!«

»Na das muß ich mir nochmal ganz genau überlegen! Aber das klären wir, wenn wir unter uns sind.«

Mein Vater lachte leise vor sich hin.

»Genau, Jonas, du mußt Fabian an der kurzen Leine halten, das ist die beste Art, mit dem Bengel klarzukommen.«

Na vielen Dank aber auch!

»So, und jetzt hole ich wirklich mal die Sachen rein.«

Sprachs und entschwand, nur um kurz darauf mit einem der schon bekannten schweren Verpflegungskörbe wieder aufzutauchen.

»Hier, auspacken müßt ihr den selber. Ich muß mich langsam wieder auf den Weg machen, damit ich noch im Hellen nach Hause komme. Also bis morgen, Jungs, am längsten hat es für euch jetzt gedauert. Morgen um diese Zeit sind alle wieder glücklich mit ihren Familien vereint.«

Diesmal schaffte es Jonas, ohne einen weiteren Weinanfall über das Thema Familie hinwegzukommen. Wir wünschten meinem Vater eine gute Fahrt zurück, dann waren wir wieder alleine in der Hütte.

»So, Jonas, und was machen wir jetzt?«

Mein Liebster schaute auf die Uhr.

»Es ist schon nach drei, und die anderen scheinen uns draußen entweder nicht zu brauchen oder nicht haben zu wollen. Ich schlage vor, wir packen aus, was dein Vater mitgebracht hat, und dann kümmern wir uns langsam ums Kaffeetrinken.«

Das war eine gute Idee, die fleißigen Schneeschipper würden sich bestimmt nicht ärgern, wenn wir sie dann zu Stolle und heißen Getränken reinrufen würden.

»Sag mal, Faby…«

»Ja?«

»Die ganze Schneeschlacht heute hattest du wirklich hauptsächlich als Beschäftigungstherapie geplant?«

Leicht verlegen lächelte ich ihn an.

»Schuldig im Sinne der Anklage.«

Mit schiefgelegtem Kopf schaute Jonas mich an, dann brach er in schallendes Gelächter aus.

»Haha. Faby, dein Vater hat völlig recht, du bist genial. Darauf muß man erstmal kommen!«

»Du bist mir also nicht böse?«

»Das habe ich nicht gesagt! Du hättest mich ja ruhig einweihen können.«

»Sorry, aber je mehr Leute von einem Geheimnis wissen, umso schneller ist es kein Geheimnis mehr.«

»Na du hast ja viel Vertrauen in mich. Naja, daran werden wir in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren ja noch arbeiten können.«

In mir jubilierte es, das hieß doch ganz eindeutig, dass Jonas eine lange, gemeinsame Zukunft mit mir plante! Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen…

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Ich wurde wach, und kam mir irgendwie verlassen vor. Nur noch Fabian und Jonas schliefen eng aneinander gekuschelt auf der Couch, alle anderen waren ausgeflogen. Oder halt, Arko lag noch zusammengerollt auf dem Bärenfell. Das wars dann aber auch schon.

Gähnend erhob ich mich aus dem Sessel. Schon halb drei, aber niemand kam, um uns zur Mitarbeit im Schnee zu bewegen. Ein Blick durchs Fenster nach draußen zeigte mir, dass Jasmin mit den Kindern fleißig bei der Arbeit war, und ich beschloß, mich zu ihnen zu gesellen. Für einen Moment dachte ich daran, auch die beiden letzten Schläfer noch aufzuwecken, aber die schlummerten so seelig, dass ich das nicht übers Herz brachte. Ich zog mich also alleine an und verließ die Hütte, sogar Arko hatte nur ein müdes Blinzeln für mich übrig und machte keine Anstalten, mich nach draußen zu begleiten. Den hatten die Kids wohl schon müdegespielt.

Auf dem Hof sah ich dann, dass Jasmin und die Kinderbande ganze Arbeit geleistet hatten, tatsächlich war fast der gesamte Platz schon freigeräumt. Nun, ich würde mich nicht darüber beschweren, dass für mich nicht mehr viel zu tun war. Ich schnappte mir einen Schneeschieber und gesellte mich zu Jasmin.

»Na du, ausgeschlafen?«

»Ja … gähn … danke. Das hatte ich aber auch nötig.«

»Glaub ich dir. Kommen die anderen beiden auch?«

»Als ich raus bin, schliefen sie noch. Ich hab es nicht fertiggebracht, die beiden zu wecken.«

»Nicht so wild, den kläglichen Rest schaffen wir auch alleine.«

»Ja, ich seh schon, ihr habt sehr viel geschafft.«

»Tja, auch Mädels können kräftig zupacken. Und als dann vor zwanzig Minuten auch die Jungs auftauchten, ging es noch viel flotter voran. So, und nun spiel mal hier nicht das Arbeiterdenkmal, mach lieber noch ein bißchen mit.«

Die Stimme meiner Herrin. Was blieb mir anderes übrig, auch ich begann, den Schneeschieber zu schwingen, und mit vereinten Kräften rückten wir den letzten paar Quadratmetern zuleibe.

Ein paar Minuten arbeiteten wir schweigend nebeneinander, dann bedeutete mir Jasmin, mal aufzuhören.

»Sag mal, Reiko, hörst du das?«

Ich lauschte, bemerkte aber nichts.

»Was?«

»Kinder, seid mal bitte leise!«

Unsere fünf Schützlinge hatten die ganze Zeit einen ziemlichen Lärm veranstaltet, die hatten anscheinend immer noch genügend Kraft, um nebenher Späße zu machen. Jetzt aber hielten auch sie inne, und dann hörte ich es auch.

»Du meinst das Brummen?«

»Ja. Was das wohl sein mag?«

»Also für mich hört sich das an wie der Motorschlitten von vorgestern.«

»Hast recht, das könnte hinkommen.«

Und tatsächlich, das Brummen kam immer näher, und schon bald tauchte auch das zugehörige Schneemobil im Wald auf. Kurz darauf hielt es bei uns an.

»Na hallo alle miteinander! Ihr seid aber fleißig!«

Wir versammelten uns und begrüßten Fabians Vater.

»Wo ist denn Fabian? Nun sagt bloß nicht, dass der euch hier arbeiten läßt und selber faulenzt!«

»Herr Röcker, der schläft gerade, und das hat er auch nötig. Er schuftet von uns allen am meisten.«

»Na, Reiko, stimmt das auch wirklich?«

»Ja, das ist die reine Wahrheit.«

»Na dann will ich dir das mal glauben.«

»Was machen Sie überhaupt hier, Herr Röcker? Mit Ihnen haben wir heute gar nicht gerechnet.«

»Meine Frau und ich haben uns gedacht, dass ihr vielleicht noch ein wenig Nachschub an frischer Verpflegung gebrauchen könnt.«

Ich runzelte die Stirn.

»Heißt das, dass wir noch länger hier durchhalten müssen?«

»Nein, Reiko, nur noch bis morgen. Ich denke mal, dass wir spätestens gegen Mittag zu euch vordringen werden.«

Das war eine gute Nachricht. Mit jedem Tag kam mir die Hütte nun doch etwas enger vor, und außerdem wären die Kiddies bestimmt nicht begeistert, wenn sie gerade Weihnachten getrennt von ihren Eltern verbringen müßten. Auch die fünf Kleinen schienen sich darüber zu freuen.

»So, ich werde mal in der Hütte nach dem rechten schauen.«

Das war für uns das Signal, uns wieder auf die Arbeit zu stürzen, und mit neu erwachtem Eifer machten wir uns ans Werk. Herr Röcker ging zur Hütte und öffnete die Tür, und in diesem Moment lief es mir eiskalt den Rücken herunter!

»Mist!«

»Was ist los, Reiko?«

»Fabian und Jonas liegen da in einer ziemlich verräterischen Pose auf der Couch! Herr Röcker sieht doch mit einem Blick, was mit den beiden los ist!«

Auf Jasmins Gesicht zeigte sich Unverständnis.

»Aber Fabians Eltern wissen doch, dass er schwul ist, und haben auch kein Problem damit, oder?«

»Ja schon, das wissen sie, aber sie wissen noch nichts von Jonas. Korrektur. Spätestens jetzt weiß es zumindest Herr Röcker.«

Jasmin lachte vor sich hin.

»Ist doch nicht so wild, könnte doch viel schlimmer kommen.«

»Wie meinst du das?«

»Na überleg mal. Die Jungs liegen da angezogen auf der Couch und schlafen, mehr ist da nicht zu sehen. Ist doch nicht so, als ob er sie nackt oder gar beim Sex erwischt hätte!«

Bei dieser Vorstellung mußte ich losprusten, Jasmin hatte vollkommen recht, das wäre der Bringer gewesen! Andererseits wollte ich mir gar nicht unbedingt vorstellen, was zwei Kerle so beim Sex treiben könnten. Obwohl… Eines wüßte ich schon gerne! War Fabian aktiv oder passiv? Aber ich würde mich hüten, ihn das auf den Kopf zu zu fragen.

»Reiko, so wie du vor dich hin grienst, mußt du gerade an etwas sehr Schmutziges gedacht haben!«

»Kein Kommentar, Jasmin, kein Kommentar!«

Lachend machten wir uns wieder an die Arbeit. Nach einigen Minuten kam Fabians Vater wieder aus der Hütte, ging zum Schneemobil und schleppte dann einen großen Korb nach drinnen. Als er kurz danach wieder die Hütte verließ, kam er noch einmal zu uns rübergeschlenkert.

»Also Reiko, eine kleine Vorwarnung wäre wirklich nett gewesen. Ich denke mal, du weißt, was für einen Anblick ich da drin vorgefunden habe.«

Entschuldigend blickte ich ihn an.

»Ja, tut mir leid, Herr Röcker, das fiel mir erst in dem Moment ein, als Sie bereits durch die Tür traten. Es war sicher eine ziemliche Überraschung für Sie, Fabian und Jonas so aneindergekuschelt vorzufinden.«

»Ach, Reiko, das meine ich eigentlich nicht, das war halb so wild.«

Ich stand auf dem Schlauch, worauf wollte Fabians Erzeuger hinaus?

»Ich meine die blauen Haare!«

Das traf mich vollkommen unvorbereitet, und vor Lachen verschluckte ich mich an meiner eigenen Spucke.

»Ach das … hust … das meinen Sie!«

»Ja klar! Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht, dass mein Sohn wie eine wandelnde Leuchtreklame rumläuft.«

Das löste die nächste Runde an Gelächter aus, und ich zeigte auf Patrick.

»Schauen Sie mal kurz hinter sich, Herr Röcker. Patrick, nimm mal deine Mütze ab!«

Grinsend tat der Teenager genau das, und seine grasgrüne Haarpracht kam zum Vorschein. Fabians Vater schlug in gespieltem Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen.

»Noch so einer! Na das wird morgen ein Spaß, wenn die Eltern das mitbekommen! Reiko, wenn die ihren Sohn dann gar nicht mitnehmen wollen, dann müßt ihr euch weiter um ihn kümmern!«

Alles, nur das nicht! Als dauerhafter Vater-Ersatz war ich wohl doch noch etwas zu jung.

»Naja, ich verschwinde mal wieder. Ihr könntet euch morgen etwa ab um zehn so langsam auf die Befreiung vorbereiten. Ihr Großen sorgt bitte dafür, dass die Kleinen alle ihre Sachen zusammenpacken, damit möglichst nichts liegenbleibt. Für euch selbst gilt das natürlich auch!«

»Machen wir, Herr Röcker. Wir haben heute auch schon ein wenig die Hütte aufgeräumt, und morgen werden wir auch nochmal saubermachen.«

»Das ist sehr nett, Jasmin. Also dann, bis morgen! Ach so, Reiko, ich hab vorne an der Tür noch ein Päckchen für Fabian abgelegt, gibst du ihm das bitte, bevor er heute abend den Schlafanzug anzieht?«

Nanu, was mochte denn in diesem Päckchen sein? Aber das würde ich wohl erst heute abend herausfinden.

»Kein Problem, ich gebs ihm, bevor er duschen geht.«

»Danke, Reiko.«

Wir verabschiedeten uns von Herrn Röcker, der wieder auf den Motorschlitten stieg und mit lautem Gebrumm im Wald verschwand. Ich warf einen Blick auf die Arbeit, die noch vor uns lag.

»So, Leute, packen wirs an! Das sollte in zwanzig Minuten zu schaffen sein!«

Wir schafften es sogar in fünfzehn Minuten, und hochzufrieden betrachteten wir das Ergebnis all unserer Mühen. Hier war jetzt alles für den Empfang unserer Retter vorbereitet.

»Schaut doch prfmpfffffff…«

Meine Worte wurden durch eine Megaladung Schnee verschluckt, die Jasmin mir mitten ins Gesicht geschaufelt hatte. Also so war nicht gewettet! Ich stürzte mich auf sie, und schon wälzten wir uns durch den Schnee. Die Kids wollten da natürlich nicht als reine Zuschauer dabeistehen, sodass kurz darauf die schönste Schneeballschlacht und Balgerei im Gange war. Wo die alle noch diese Kraft und Energie rauskramten!

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Nachdem mein Vater verschwunden war, schauten wir erst einmal nach, was er uns da Schönes mitgebracht hatte. Im Korb fanden wir einen großen Stollen, zwei Päckchen Lebkuchen, eine riesige Platte mit belegten Broten und Brötchen, verschiedenes Knabbergebäck und vier Flaschen Kinderpunsch. Oder halt, das waren nur drei Flaschen Kinderpunsch, in der vierten verbarg sich echter Glühwein! Da konnte die Abschiedsparty ja steigen!

Wie es Jonas vorgeschlagen hatte, bereiteten wir jetzt alles für die Kaffeetafel vor. Ich deckte den Tisch, Jonas schnitt den Stollen auf, dann kamen noch Lebkuchen in eine große Schüssel. Sah doch schon ganz nett aus.

»Was meinst du, Faby, wann sollen wir Kaffee und Kakao ansetzen?«

Ich schaute aus dem Fenster und war ganz überrascht, dass niemand mehr am Arbeiten war, sondern sich alle nur noch im Schnee herumrollten.

»Die scheinen fertig zu sein, wir können also anfangen, denke ich mal.«

Jonas warf die Kaffeemaschine und den Milchkocher an, dann setzten wir uns noch auf ein paar stille Minuten auf die Couch.

»Du, Jonas, sorry wegen vorhin…«

Verständnislos schaute er mich an.

»Was meinst du?«

»Naja… Das mit meinem Vater und ‚willkommen in der Familie‘ und so. Er konnte ja nicht wissen, dass das bei dir so dunkle Erinnerungen und sogar Tränen hervorrufen würde.«

Jonas seufzte traurig.

»Ist schon okay, dafür braucht sich keiner zu entschuldigen. Du nicht, und dein Vater erst recht nicht. Er hat es doch nur lieb gemeint.«

Das auf jeden Fall.

»Mir tut es leid, Fabian, ich befürchte, dass ich bei solchen Gelegenheiten noch öfters mal eine Depriphase bekommen werde.«

»Das verstehe ich vollkommen, Jonas. Aber gemeinsam stehen wir das durch!«

Ich lächelte ihn aufmunternd an, und das schien bei ihm gut anzukommen, die dunklen Wolken verschwanden aus seinem Gesicht.

»So, der Kaffee ist durch, die Milch ist auch soweit. Wir sollten die anderen reinrufen.«

Wir standen auf und gingen zur Tür. Draußen erwartete uns ein unmöglicher Anblick: zwei Erwachsene und fünf Kinder rollten durch den Schnee, seiften sich gegenseitig ein und schienen den Spaß ihres Lebens zu haben. Zu allem Überfluß flitzte nun auch noch Arko aus der Hütte und stürzte sich ins Getümmel.

Eine Weile schauten wir schweigend dem wilden Treiben zu, dann meldete sich Jonas laut vernehmbar zu Wort.

»Schau mal, Faby, sind sie nicht süß, die Kinder? Und gleich acht auf einen Streich!«

Damit war klar, dass Jonas in die Bezeichnung »Kinder« sowohl Arko als auch Jasmin und Reiko einschloß, was sich auch ziemlich schnell unter den Betroffenen herumgesprochen hatte. Wir konnten uns nur noch schnell hinter die Tür zurückziehen, da prasselten auch schon Schneebälle dagegen!

»Kinder! Ich bin kein Kind mehr! Na wartet!«

»Oh, oh, Jonas, da hast du aber jemanden an einer ziemlich empfindlichen Stelle getroffen.«

»Hehe, sieht so aus, Faby.«

Ich schaute mich um und entdeckte einen Skistock. Fehlte nur noch … ah, ja, das paßte! Ich griff mir den Skistock, band Arkos Handtuch daran fest, öffnete die Tür einen Spalt und schob die weiße Flagge nach draußen.

»Waffenstillstand!«

»Gebt ihr auf?«

»Aufgeben? Niemals! Wir sind höchstens zu einem Friedensvertrag ohne Schuldeingeständnis bereit!«

»Ein bißchen wenig, Fabian, nachdem deine bessere Hälfte Jasmin und mich dermaßen niedergemacht hat. Könnt ihr irgendwas als Entschädigung anbieten?«

Das konnten wir tatsächlich.

»Wie wäre es mit Kaffee, Kakao, Stolle und Lebkuchen?«

Drüben wurde anscheinend kurz beratschlagt.

»Fabian? Ist das selbstgebackene Stolle? Also von dir selbst gebacken?«

Ah. Ich hatte Reiko an der Angel!

»Ja, ist es.«

»Okay, einverstanden, Frieden!«

Ich zog die weiße Flagge zurück, öffnete die Hüttentür und steckte vorsichtig den Kopf heraus. Tatsächlich, die Kampfhandlungen waren eingestellt worden.

»Na dann mal los, kommt rein und macht, dass ihr aus den Klamotten rauskommt. Die sind doch garantiert klatschnaß.«

Während sich das Außenteam jetzt beeilte, in die Hütte zu kommen und sich von den Schneeanzügen zu befreien, begab ich mich zu Jonas, der bereits dabei war, Kaffee und Kakao einzuschenken.

»Faby?«

»Ja?«

»Dein Stollenrezept solltest du dir patentieren lassen, für das könntest du glatt den Friedensnobelpreis absahnen.«

»Danke, Schatz.«

Fünf Minuten später saßen alle an der Kaffeetafel und stopften Stolle und Lebkuchen in sich hinein. Bewegung an frischer Luft schien wirklich extrem hungrig zu machen, es war nur gut, dass mein Vater uns nochmal Nachschub geliefert hatte.

»Was machen wir heute noch schönes?«

Ricardas Frage brachte die Unterhaltungen am Tisch zum Stillstand.

»Also, ihr habt ja mitbekommen, dass mein Vater noch ein paar Sachen vorbeigebracht hat. Unter anderem ist da auch Knabbergebäck dabei, Punsch und noch einige leckere Sachen als Abendbrot. Wir können also heute abend noch eine schöne Abschiedsparty feiern!«

Am Tisch brach Jubel aus.

»Wir lassen es uns gutgehen, spielen vielleicht noch etwas nebenher, und dann lassen wir unseren letzten Abend hier ganz gemütlich ausklingen. Einverstanden?«

Von diesem Vorschlag schienen alle begeistert zu sein, jedenfalls schaute ich in lauter zufriedene, lächelnde Gesichter.

»Sehr schön. Aber vor dem Vergnügen kommt erst noch die Arbeit. Jonas und ich kümmern uns um den Abwasch und so, und ihr solltet euch dann schon bettfertig machen. Also ab unter die Dusche und Schlafsachen an, wir veranstalten eine echte Pyjamaparty.«

Dagegen gab es ebenfalls keine Einwände. Naja, wir waren ja eh die letzten Abende ständig nur im Nachtgewand rumgelaufen.

»Fabian hat recht, und damit das einigermaßen flott geht, duscht heute bitte wieder zu zweit, sonst dauert das ja wieder ewig mit dem warmen Wasser.«

Während der nächsten gut zwei Stunden herrschte reges Treiben in der Hütte. Im Bad war ein ständiges Kommen und Gehen, zuerst duschten Manuela und Ricarda, anschließend teilten sich gleich alle drei Jungs in die nächste Ladung warmen Wassers, später verschwanden auch Jasmin und Reiko gemeinsam, und ich dachte lieber gar nicht weiter darüber nach.

Wer nicht gerade im Bad war, half dabei, schonmal alles für die anstehende Party vorzubereiten. Knabbergebäck wurde verteilt, Gläser für den Punsch wurden bereitgestellt und die kalte Platte wurde ausgepackt. Letztere fand einen arkosicheren Platz hoch oben auf dem Tresen.

»Oh, ihr wart aber schon fleißig, da kann die Party ja bald losgehen!«

Jasmin und Reiko kehrten von ihrer Duschrunde zurück, die kürzer ausgefallen war, als ich befürchtet hatte.

»Aber ohne uns wird nicht angefangen, kapiert? Faby und ich müssen auch noch schnell duschen.«

Das hieß dann wohl, dass auch wir gemeinsam ins Wasser gehen würden.

»Dann müßt ihr euch halt beeilen, wir warten bestimmt nicht ewig auf euch, Bruderherz.«

Was für eine geschwisterliche Liebe!

»Okay, wir sind ja schon unterwegs. Müssen wir halt mit lauwarmem Wasser duschen.«

»Ist vielleicht auch besser so, ihr zwei. Oder noch besser: eiskalt!«

Also nein, das brauchte ich nun wirklich nicht noch einmal!

»Ach übrigens, Fabian, hier ist noch ein Päckchen von deinem Vater. Ich sollte dir das erst geben, wenn du dich bettfertig machst.«

Ein Päckchen? Von meinem Vater? Fürs Bett? Ich hatte eine dunkle Vorahnung, worum es sich dabei handelte, also riß ich es Reiko aus der Hand.

»Komm, Jonas, gehen wir duschen!«

»Willst du das Päckchen denn nicht aufmachen, Faby?«

»Nein, nicht hier vor allen Leuten!«

»Oh…«

Allerdings. Oh. Ich zog Jonas ins Bad, in welchem eine schwere, feuchtwarme Atmosphäre herrschte. Mein Schatz war immer noch etwas verwundert über das, was eben abgelaufen war.

»Sag mal, kann es sein, dass du genau weißt, was in dem Päckchen ist?«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das weiß.«

»Und, verrätst du mir das auch?«

»Nachher, wenn wir mit der Duscherei fertig sind.«

»Ach, du kannst es wohl nicht abwarten, mich wieder nackt zu sehen?«

»Du hast es erfaßt, Jonas!«

Ob dieser klaren, eindeutigen Antwort war Jonas doch ein wenig überrascht, dann grinste er und begann damit, sich auszuziehen. Ich tat es ihm gleich, und kurz danach standen wir in der Duschkabine, die für zwei Erwachsene doch etwas eng war. Worüber ich mich allerdings in diesem konkreten Fall nicht beschweren würde!

Aber um ganz ehrlich zu sein: es passiert nichts zwischen uns. Also wenn man mal vom gegenseitigen Rückenabseifen absah. Wir waren uns einig, noch etwas warten zu wollen, und daher hielten wir uns strikt an die Regel »Anschauen ja – anfassen nein«. Für mehr hätten wir eh weder Platz noch Zeit gehabt, da das Wasser schon bald recht kühl wurde und uns aus der Duschkabine vertrieb.

Während wir uns dann abtrockneten, kam Jonas wieder auf das verflixte Päckchen zu sprechen.

»Verrätst du mir nun endlich, was dir dein Vater geschickt hat?«

Ich seufzte, Jonas würde wohl nicht eher aufgeben, als dass er dem Geheimnis auf den Grund gegangen war.

»Mach es halt auf und schau selber nach.«

Hach war der Typ neugierig! Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie er das Päckchen schon geöffnet und den Inhalt herausgeholt hatte. Sofort danach gefolgt von einem Heiterkeitsausbruch.

»Was ist denn das, Faby?«

»Das ist mein Weihnachts-Nachthemd.«

»Dein was?«

»Mein Weihnachts-Nachthemd. Das hat mir Tom vor vier Jahren oder so geschenkt, und seitdem ist es Tradition, dass ich es in den Nächten vom 23.12. bis zum 27.12. trage.«

»Also das ist ja wirklich megasüß! Und eine passende Mütze ist auch noch dabei! Los, zieh es an!«

Genau DAS hatte ich befürchtet! Ich hätte das Ding verschwinden lassen sollen, solange ich noch Zeit dazu hatte. Nun war alles zu spät.

»Muß ich wirklich? Vor all den anderen?«

»Komm schon, das wird ein Riesenspaß!«

Auf meine Kosten wiedermal. Na super. Aber natürlich konnte ich Jonas seinen Wunsch nicht abschlagen, mal ganz abgesehen davon, dass mein Vater garantiert morgen fragen würde, ob ich die Tradition aufrecht erhalten hatte. Ich schlüpfte also in das knöchellange, knallrote Nachthemd aus dickem Frotteestoff. Unten am Saum sowie an den Handgelenken und am Kragen waren weiße Zotteln angebracht, ebenso am Eingriff der Brusttasche. Die Mütze war ebenfalls knallrot, mit weißem Rand und weißer Bommel.

»Absolut knuffig, Faby! Etwas komisch, mit den blauen Haaren unter der roten Mütze, aber trotzdem, total niedlich!«

Genervt verdrehte ich meine Augen. Und so sollte ich mich der versammelten Mannschaft präsentieren!

Auch Jonas schlüpfte jetzt in seinen Schlafanzug, dann war meine letzte Gnadenfrist abgelaufen, und wir verließen das Bad in Richtung Wohnzimmer. Als wir dort ankamen, und nach und nach alle Anwesenden meinen Aufzug entdeckten, erstarben sämtliche Gespräche – um kurz darauf von einem Lachorkan abgelöst zu werden! Spitze. Aber was blieb mir anderes übrig, als das Spielchen mitzuspielen, also verneigte ich mich vor meinem Publikum.

»Hahaha… Faby, war das in dem Päckchen von deinem Vater?«

»Ja, Reiko. Das ist mein traditionelles Weihnachts-Nachthemd. Mein Paps dachte wohl, dass nur damit für mich Weihnachten komplett wäre.«

Und Tom würde mir das irgendwann nochmal büßen!

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich alle wieder beruhigt hatten, dann war es endlich soweit, die Party konnte beginnen! Jasmin und Reiko verteilten Punsch, nach dem schon die ganze Hütte duftete. Für uns Großen gab es natürlich Glühwein, und auch Patrick erbettelte sich ein halbes Glas. Naja, der hatte ja letztendlich bewiesen, dass er doch irgendwie schon ein wenig erwachsen war.

»Und was wollen wir spielen?«

Wir überlegten, dann hatte Christoph die Idee, die bei allen sofort Zustimmung erntete.

»Wie wärs mit Kniffel? Da können wir alle zusammen spielen.«

Das war wirklich eine gute Wahl, und bald hörte man neben Weihnachtsmusik und Gelächter aus neun Kehlen auch noch das Klackern der Würfel auf dem Tisch. Zwischendurch wurde gegessen und getrunken, und natürlich wurde auch der Hund abgefüttert und später noch einmal vor die Tür gelassen. Auch die obligatorische Telefonrunde mit den Eltern fand statt.

Etwa gegen neun Uhr forderten dann die Anstrengungen des Tages ihren Tribut, immer öfter gähnte jemand in der Runde, und ich fand, dass wir so langsam zum Ende kommen sollten.

»Wie siehts aus, hören wir nach dieser Runde auf? Hier scheinen einige ja doch schon sehr müde zu sein, und morgen ist ein großer Tag.«

Völlig untypisch für eine Gruppe von Kindern in diesem Alter gab es keinerlei Proteste gegen diesen Vorschlag, und insgeheim beglückwünschte ich mich zu meiner Ich-mache-sie-tagsüber-fertig-dann-klappts-auch-mit-dem-Insbettgehen-Taktik. Nachdem mit Manuela die Jüngste am Tisch das letzte Würfelspiel gewonnen hatte, räumten wir zusammen, vertilgten die letzten Chips und belegten Brote, dann verzogen sich alle in ihre Schlafsäcke und Betten.

Ich schaltete schnell noch den Generator aus, dann folgte ich Jonas ins Schlafzimmer, in welchem auch Jasmin und Reiko schon eingetroffen waren. Diesmal hatten sie sich gleich zusammen in Reikos Bett gelegt. Naja, ich konnte mich da schließlich auch nicht beklagen, schlüpfte ich doch auch gleich zu Jonas unter die Decke. Tat das gut, sich so gemütlich hinzulegen, nach so einem anstrengenden Tag!

»Also dann, schlaft schön, genießt die letzte Nacht hier in der Hütte.«

»Danke, Fabian. War doch alles in allem eine schöne Zeit.«

Da konnten wir alle Jasmin nur zustimmen. Ich drehte noch die Lampe aus, dann kehrte Ruhe ein. Bis mir Jonas etwas ins Ohr flüsterte.

»Das Nachthemd ist doof.«

Nanu? Was meinte er? Ich flüsterte zurück.

»Wieso?«

»Da kann ich dir nicht in die Hose fassen.«

Na so ein schlimmer Finger aber auch!

»Du könntest es ja hochschieben.«

Jonas pustete mir in den Nacken.

»Soll ich?«

»Nein, nicht diese Nacht.«

»Okay, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«

»Sowieso. Also gute Nacht, Jonas.«

»Gute Nacht, Faby.«

Kurz danach verrieten mir seine gleichmäßigen Atemzüge, dass er bereits eingeschlafen war, und auch ich folgte ihm innerhalb weniger Minuten ins Reich der Träume.

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Ach es gab doch nichts Schöneres, als morgens im gemütlichen, warmen Bett wachzuwerden und zu wissen, dass man noch nicht raus mußte. Ich räkelte mich in den Federn, dann fiel mein Blick aufs Fenster. Oh verdammt! Es wurde ja schon hell! Dann mußte ich ja doch raus!

Hastig arbeitete ich mich unter der Bettdecke hervor, mit dem Ergebnis, dass ich das Gleichgewicht verlor und im nächsten Moment mit einem lauten Plumps auf dem Fußboden vor dem Bett landete!

»Aua!«

»Menno, was machst du denn für einen Krach am frühen Morgen!«

Aus einem dicken Haufen von Kissen und Decken schaute Fabians Blaukopf hervor.

»Sorry, ich bin aus dem Bett gefallen.«

»Na und, das kann man doch auch leise machen!«

Der war ja mal wieder sehr mitfühlend. Mir mein schmerzendes Hinterteil reibend, erhob ich mich vom Fußboden, und so langsam klärten sich meine Gedanken, wodurch mir eine überraschende Leere im Zimmer auffiel. Ich hatte ganz alleine im Bett gelegen, und auch im Doppelbett war nur die dürre Gestalt von Fabian unter den Federbetten zu erahnen.

»Sag mal, kann es sein, dass uns unsere besseren Hälfte verlassen haben?«

»Ja, die sind vor ner Viertelstunde raus um Frühstück zu machen.«

Oh. Na das war doch ein netter Service, dafür würde ich Jasmin eventuell sogar verzeihen, dass sie mich ganz allein im Bett zurückgelassen hatte.

»Und nun?«

»Nun warten wir darauf, dass sie uns an den Tisch rufen, was sonst?«

»Du meinst, ich soll mich auch nochmal hinlegen?«

»Klar, das muß man doch nutzen.«

Hm. Warum eigentlich nicht. Mir steckte die harte Arbeit vom Vortag eh noch in den Knochen.

»Mach mal ein bißchen Platz!«

»Hä?«

Da mußte ich wohl nachhelfen. Ich schob Fabian ein wenig zur Seite und ließ mich neben ihm im Doppelbett nieder, dann kroch ich auch noch unter die Decke.

»Eh, was soll das! Du hast doch dein eigenes Bett!«

Das hatte ich schon, aber da lag niemand mehr drin, der es für mich anwärmte.

»Keine Bange, ich fall schon nicht über dich her. Das überlaß ich dann doch lieber deinem Jonas.«

»Idiot.«

Für dieses Mal beschloß ich, über diese Beleidigung großzügig hinwegzusehen.

»Weißt du was, Fabian? Ich glaube, ich werde irgendwann in den nächsten Tagen einen Dankesbrief an Melanie und René schicken.«

Mein Bettnachbar schien wohl kapiert zu haben, dass er nicht mehr zum Schlafen kommen würde, jedenfalls drehte er sich zu mir und stützte den Kopf auf seine linke Hand.

»Wieso das denn?«

»Naja, überleg mal. Wenn die beiden mich nicht dermaßen hintergangen hätten, dann wäre all das hier nicht passiert. Ich wäre nicht kopflos davongefahren, wäre nicht von der Straße abgekommen, du hättest mich nicht gerettet, wir wären nicht wieder Freunde geworden, ich hätte nicht Jasmin kennengelernt, und wir hätten uns vielleicht hier oben zu Tode gelangweilt.«

»Hm… Stimmt schon irgendwie. Dann sollte ich denen ja auch dankbar dafür sein, dass ich meinen Jonas gefunden habe.«

»Allerdings!«

»Trotzdem. Ich glaube, ein Dankesbrief wäre doch etwas übertrieben. Zeig deine Dankbarkeit doch einfach dadurch, dass du René keine weiteren Besuche beim Zahnarzt verschaffst.«

Ich mußte lachen, in Anbetracht der Erlebnisse der letzten Tage tat mir René fast schon wieder ein wenig leid. Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass Melanie auch ihn irgendwann mit einem Anderen betrügen würde.

»Waren doch irgendwie auch fünf schöne Tage hier, oder nicht?«

»Hast recht, Reiko. Ich hatte die mir zwar völlig anders vorgestellt, aber schön waren sie tatsächlich.«

Es klopfte an der Zimmertür, diese ging auf und Patrick steckte seinen Kopf ins Zimmer. Als er uns zusammen im Bett sah, schaute er erst etwas verdattert drein, dann grinste er.

»Na da könnt ihr aber froh sein, dass ich euch zum Frühstück rufen soll und nicht Jasmin oder Jonas gekommen sind, um euch zu holen!«

»Patrick, du hast eine schmutzige Phantasie!«

»Ach, hab ich die, Reiko?«

»Ja, die hast du. Ich find das prima!«

Jetzt lachten wir alle drei, und ich wunderte mich noch einmal über die Verwandlung, die bei dem Jungen stattgefunden hatte. Noch so ein Gutes, was die Melanie-René-Szene bewirkt hatte.

»Wenn ihr euch dann voneinander losreißen könnt, solltet ihr wirklich rauskommen. Das heißt, wenn ihr wert darauf legt, noch was vom Frühstück abzubekommen.«

Mit diesen Worten zog Patrick die Zimmertür wieder zu und ließ uns alleine zurück. Was er gesagt hatte, war allerdings ein genügend großer Ansporn, um uns aus den Federn zu treiben.

»Wir sollten wirklich hinmachen, nicht dass die uns tatsächlich noch alles vor der Nase wegfuttern.«

»Stimmt, Faby, also raus aus den Federn!«

Wir arbeiteten uns aus dem Bett heraus, und ich bewunderte nochmal grinsend Fabians außergewöhnliches Nachtgewand.

»Was glotzt du so, Reiko?«

»Ach nichts, nichts… Vergiß nicht die Mütze!«

Fabian zeigte mir den berühmten Finger, setzte sich aber trotzdem die rote Mütze auf. Entsprechend groß war das Hallo dann auch, als wir im Wohnzimmer auftauchten. Ich holte mir bei Jasmin einen Guten-Morgen-Kuß und sah aus den Augenwinkeln, dass Fabian das gleiche bei Jonas tat, dann setzten wir uns an den gut gedeckten Frühstückstisch.

»Tja, liebe Leute, das wars dann wohl mit unserem Hüttenabenteuer. In ein paar Stunden ist alles vorbei.«

Vorbei sicherlich, aber auf keinen Fall vergessen. Die Stimmung war tatsächlich fast ein wenig gedrückt, irgendwie hatten die letzten Tagen wohl allen gefallen. Andererseits waren aber auch alle froh, dass sie wieder zu ihren Familien zurückkehren konnten, besonders natürlich die Kinder.

Wir frühstückten nochmal ganz gemütlich und ausführlich, dann wurden die Aufgaben für den letzten Vormittag in der Hütte verteilt. Die Mädels würden sich um den Abwasch kümmern, die Jungs um die Schlafsäcke, wir Großen um die Betten.

»Wenn ihr eure Sachen zusammenpackt, dann schaut bitte auch genau nach, dass ihr hier nichts vergeßt.«

Die folgenden anderthalb Stunden verliefen etwas chaotisch, kein Wunder, wenn neun Leute ihre Sachen zusammenkramen und zu allem Überfluß auch noch etwas aufräumen mußten. Gegen kurz nach zehn war es dann aber soweit, alle hatten ihre Päckchen geschnürt und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Gerade hatten wir uns gemütlich niedergelassen, da klingelte Fabians Handy.

»Röcker.«

Ich lauschte angestrengt, konnte aber nur Fabians Seite der Unterhaltung mitbekommen.

»Prima!«

Das klang ja schonmal positiv.

»Ja, wir haben schon gepackt und warten nur noch auf euch.«

Hoffentlich nicht mehr zu lange, denn im Unterschied zu den anderen Tagen waren wir alle komplett angezogen, bis auf Stiefel und Jacken trugen wir normale Straßenkleidung, natürlich mit der unvermeidlichen langen Unterwäsche drunter. Das Thermometer zeigte immerhin zwölf Grad minus!

»Okay, ich gebs weiter. Also bis bald!«

Bis bald? Dann würden wir ja hoffentlich nicht mehr allzu lange warten müssen! Fabian beendete das Gespräch und schaute lächelnd in die Runde.

»Ich soll euch einen schönen Gruß von meinem Vater ausrichten, die Schneefräse ist soeben unten losgefahren. In etwa einer halben Stunde sollte sie hier eintreffen. Eure Eltern sind auch schon ganz in der Nähe, die kommen dann hochgefahren, wenn die Schneefräse den Weg freigemacht hat.«

Unter den Kids brach Jubel aus, und auch ich war ob der Aussichten erleichtert. Die nächste halbe Stunde verging wie im Fluge, und dann hörten wir einen schweren Motor den Weg zur Hütte heraufbrummen.

»Sie sind da!«

Nun waren die Kinder nicht mehr zu halten, sie schlüpften in ihre Schuhe und Jacken, dann stürmten sie nach draußen. Wir älteren Hüttenbewohner ließen es etwas ruhiger angehen und kamen immer noch rechtzeitig auf dem Hof an, um die Schneefräse in den bereits geräumten Bereich einbiegen zu sehen. Hintenan folgten zwei Allrad-Kleinbusse der Bergwacht, aus welchen – kaum waren sie zum Stehen gekommen – zwei Handvoll Erwachsene sprangen und auf die Kinder zustürmten. Diese ihrerseits stürmten auf die Erwachsenen zu, und kurz darauf waren Szenen zu sehen, die man ansonsten nur aus den Dokumenten zum Fall der Mauer kannte. Jasmin, Jonas, Fabian und ich standen ein wenig abseits und grinsten uns eins.

Auch der Schneefräsenfahrer war ausgestiegen und kam zu uns rübergeschlendert.

»Da habt ihr euch ja eine Heidenarbeit mit der Schneeschieberei gemacht. Wäre doch gar nicht nötig gewesen.«

Fabian machte plötzlich einen leicht gehetzten Eindruck, warf einen ängstlichen Blick in Richtung der Kinder, dann legte er den rechten Zeigefinger vor die Lippen.

»Psssssssst!«

Der Schneefräsenfahrer schien nicht so recht zu wissen, was Fabian von ihm wollte, aber er war eh schon beim nächsten Thema angekommen.

»Ich fahr jetzt wieder runter und mache den Weg noch etwas breiter. Wenn ich durch bin, kommen die anderen auch noch hoch.«

Ah ja, ich hatte mich schon gewundert, dass meine Eltern nicht mit dabei waren. Der Fahrer schwang sich wieder in sein schneeschleuderndes Ungetüm, und kurz darauf kroch das große gelbe Ding davon in Richtung Kreisstraße.

Der erste Begrüßungsjubel bei den Kindern hatte sich mittlerweile gelegt, nun kamen sie zusammen mit ihren Eltern zu uns herüber. Manuelas Vater hatten sie anscheinend zum Wortführer auserkoren.

»Wir möchten uns ganz, ganz herzlich bei Ihnen allen bedanken. Es war ganz toll, wie Sie sich um unsere Kinder gekümmert haben, und die sind auch noch total begeistert von Ihnen und den Tagen hier auf der Hütte.«

Wie es unsere gute Erziehung und angeborene Bescheidenheit verlangte, spielten wir selbstverständlich unsere Taten herunter, was von den Eltern allerdings nicht akzeptiert wurde.

»Heute ist erst einmal ein Familientag angesagt, aber wir würden uns freuen, wenn wir uns alle am zweiten Feiertag in der Steintalbaude zum Mittagessen treffen könnten. Natürlich auf unsere Kosten!«

Diese Einladung konnten wir nicht ablehnen, also sagten wir zu. Dann war es soweit, wir verabschiedeten uns von unseren Schützlingen, und diese stiegen nach und nach mit ihren Eltern in die wartenden Kleinbusse. Ganz zum Schluß bat mich noch ein Berg von einem Mann zur Seite, wo bereits eine ebenso kräftige Frau auf uns wartete.

»Ich bin Hartmut Bolke, das ist meine Frau Doreen. Herr Heilmann, wir wollten uns noch einmal ganz persönlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie uns unseren Patrick zurückgegeben haben.«

Ich spürte, wie ich vor Verlegenheit rot wurde.

»Aber ich hab gar nicht so viel getan.«

»Doch, doch, mein Mann hat ganz recht! Sie haben in zwei Tagen das erreicht, was keiner von uns in zwei Monaten geschafft hat! Patrick hat uns alles erzählt. Wir werden noch einiges miteinander zu besprechen haben, aber das Wichtigste ist, dass er wieder mit uns redet. Unser Sohn ist wieder da, und das verdanken wir alles Ihnen.«

Ich setzte zum nächsten Protest an, wurde aber sofort von Patricks Vater unterbrochen.

»Keine Widerworte, junger Mann! Akzeptieren Sie einfach, dass wir Ihnen sehr, sehr dankbar sind und immer sein werden. So, und jetzt werden wir uns wieder zu unserem Sohn begeben und es genießen, ihn wiederzuhaben. Auch wenn er jetzt aussieht wie ein Greenpeace-Werbemaskottchen.«

Wir lachten, anscheinend schienen sie mit der neuen Haarfarbe ihres Sohnes keine wirklichen Probleme zu haben.

Beide umarmten mich zum Abschied, dann gingen sie zum zweiten Bus und stiegen ein. In diesem Moment kamen auch drei große Geländewagen die Auffahrt hinauf und bogen auf den Hof ein. Die Kleinbusse ließen die Motoren an, und mit einem kleinen Hupkonzert machten sie Platz für die Neuankömmlinge.

Während ich zurück zu den anderen dreien ging, beäugte ich neugierig die Geländewagen. Der erste war ein Polizeijeep, gehörte also wohl zu Fabians Eltern. Der zweite war der Landcruiser meiner Eltern, beim dritten mußte ich etwas genauer hinschauen, bis ich die seitliche Aufschrift »Hotel Steintalbaude« erkannte. Der alte Ziermayer ließ es sich anscheinend nicht nehmen, seinen Azubi persönlich abzuholen.

Ich legte Jasmin einen Arm um und sah, dass Fabian mit Jonas das gleiche tat. Wir beobachteten, wie erst Fabians und dann meine Eltern ausstiegen, tatsächlich gefolgt vom Hotelchef höchstpersönlich. Plötzlich merkte ich, wie sich Jasmin in meinem Arm versteifte. Mit starrem Blick starrte sie auf das Paar, welches nun noch aus dem Hoteljeep ausstieg.

»Ach du Scheiße…«

»Was ist los, Jasmin?«

»Das … das sind meine Eltern!«

Ich schaltete blitzschnell.

»Deine Eltern? Die, die Jonas rausgeworfen haben und dir verbieten wollten, ihn hier zu besuchen?«

»Genau die!«

Nun konnte ich mich ihrem Ausruf »Ach du Scheiße…« nur noch aus vollem Herzen anschließen…

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Bis zu diesem Moment war alles prima gelaufen, auch wenn zumindest mir die Dankesbekundungen der Eltern irgendwie ein wenig peinlich waren. Jetzt aber schien alles mit Riesenschritten den Bach runterzugehen.

Jonas war durch den Ausruf seiner Schwester darauf aufmerksam geworden, dass da hinter Ludwig Ziermayer noch jemand kam. Der Ärmste war ja eigentlich schon nervös genug, weil er nun nach meinem Vater auch noch meine Mutter kennenlernen sollte, als er nun aber seine eigenen Eltern näherkommen sah, fing er an, unkontrolliert zu zittern. Alles was ich tun konnte war, ihn so fest wie möglich zu halten und zu hoffen, dass mein Vater notfalls einschreiten würde, wenn es zu der zu erwartenden unschönen Szene käme.

Die Frau und der Mann hinter Ziermayer näherten sich uns mit starrem Blick, gleich würde wohl das Donnerwetter losgehen. Als sie bis auf zwei Meter heran waren, wollte ich mich schützend zwischen sie und Jonas stellen, aber sie blieben von ganz alleine stehen. Schweigend wanderten Blicke zwischen den Eltern und ihrem Sohn hin und her, dann breitete Herr Borken die Arme aus.

»Jonas, komm her!«

Einfach so wäre Jonas dieser Aufforderung sicherlich nicht nachgekommen, aber wir alle sahen jetzt die Tränen im Gesicht seines Vaters, also nahm mein Freund all seinen Mut zusammen und ging zaghaft auf ihn zu. Als er vor ihm stand, umarmte ihn sein Vater und zog ihn ganz dicht an sich heran.

»Junge, kannst du uns nochmal verzeihen? Wir waren solche Idioten…«

Auch über Frau Borkens Gesicht rannen die Tränen, als sie sich nun der Umarmung anschloß. Ich schaute zu Jasmin herüber, die das ganze anscheinend noch gar nicht so richtig fassen konnte. Sie stand immer noch wie erstarrt im Schnee, bis ihr Reiko einen Schubs in Richtung ihrer Familie gab. Wie von einer Fessel befreite stürmte sie zu ihren Eltern und ihrem Bruder. Das war wohl der Zeitpunkt, zu dem wir uns ein wenig zurückziehen sollten, damit die Familie erstmal etwas Raum und Zeit für sich hatte. Und da galt es ja auch noch, meine eigene Verwandtschaft zu begrüßen, also ging ich hinüber zu meinen Eltern.

»Hallo Mutti, hallo Paps.«

Auch ich bekam jetzt eine Umarmung ab, naja, typisch meine Mutter. Gleich würde sie fragen, ob ich auch ja immer meine warme Unterwäsche getragen hätte.

»Faby, bin ich froh, dass ich dich wiederhabe! Laß dich mal anschauen! Naja, verhungert scheinst du ja nicht zu sein. Aber deine Haare! Was hast du denn mit denen angestellt! Aber gut, das mußt du selber wissen, flott sieht das ja aus. Ich hoffe, du hast dich immer schön warm angezogen, nicht dass du dir hier oben etwas weggeholt hast.«

Ich wußte es. Ich wußte, dass das kommen würde!

»Mutter, nun laß den Jungen doch erstmal wieder zu Atem kommen. Du siehst doch, dass es ihm gut geht.«

»Ach Jürgen, du weißt doch, wie ich bin! Ich mach mir halt immer Sorgen um meine Jungs!«

Ich konnte wirklich von Glück reden, dass ich zumindest noch einen kleinen Bruder hatte. So verteilte sich die mütterliche Besorgnis wenigstens auf zwei Personen!

»Und das da drüben ist also dein neuer Freund? Jonas?«

»Ja, Mutti, das ist Jonas. Allerdings kapiere ich momentan nicht so ganz, was da gerade abläuft.«

Dummerweise hatte die versammelte Familie Borken meine Bemerkung mitbekommen, da sie sich gerade auf dem Weg zu uns hinüber befand. Jasmin und Jonas liefen zwischen ihren Eltern, die ihre Arme um ihre Kinder gelegt hatten.

»Ich glaube, da kann ich ein bißchen was erklären. Vor vier Tagen klingelte bei uns nachts das Telefon, Jonas‘ Chef, Herr Ziermayer, war am Apparat und teilte uns mit, dass er und Jasmin zusammen mit einer Kindergruppe mitten im Schneesturm im Wald verschollen seien.«

Das war sicherlich ein ziemlicher Schock gewesen, zumindest wegen Jasmin.

»Wir fühlten uns zu diesem Zeitpunkt eh schon ziemlich mies, weil uns langsam klargeworden war, dass wir drauf und dran waren, nach unserem Sohn auch noch unsere Tochter zu verlieren. Und nur wegen unserer eigenen Dummheit.«

Überrascht schaute ich Herrn Borken an, das waren wirklich sehr klare Worte!

»Wir haben sofort ein paar Sachen gepackt, sind ins Auto gestiegen und ohne anzuhalten hier runtergefahren. Es war gar nicht so einfach, in dem Schnee durchzukommen.«

Das konnte ich mir gut vorstellen, besonders für solche schneeungewohnten Flachlandindianer.

»Auf der Fahrt hierher machten wir uns die größten Sorgen, und uns wurde klar, dass eigentlich nur eines für uns zählt: dass wir unsere Tochter und unseren Sohn lebend wiederbekommen. Alles andere war plötzlich sowas von nebensächlich…«

Dass immer erst Katastrophen Klarheit in den Kopf der Menschen bringen mußten!

»Im Hotel trafen wir die anderen Eltern und Herrn Ziermayer, der in den höchsten Tönen von seinem Azubi Jonas schwärmte.«

Ha! Logisch! Von Jonas konnte man ja nur schwärmen!

»Und dann kam der Anruf, der uns alle fast vor Glück zusammenbrechen ließ. Jemand hatte die verirrten Wanderer gefunden, sie befanden sich in Sicherheit, und allen ging es gut. Das muß man sich mal vorstellen, zwölf erwachsene Leute flennten wie die Schloßhunde um die Wette.«

In so einer Situation war das durchaus verständlich.

»In den Tagen bis heute hatten wir viel Zeit zum Nachdenken, und dann trafen wir auch noch auf Herrn Röcker, der zufällig eine Unterhaltung von uns mitbekommen hatte. Also Fabian, eines kann ich dir sagen: so wie dein Vater hat uns noch nie jemand den Kopf gewaschen!«

Stolz schaute ich zu meinem Erzeuger, der mich zufrieden anlächelte. Ich hatte ja eh schon riesigen Respekt vor ihm, aber der war soeben noch um einiges gestiegen.

»Aber warum habt ihr nur einmal angerufen? Und warum habt ihr mir da nicht gesagt, dass ihr zu diesem Zeitpunkt schon längst hier im Hotel wart!«

»Jasmin, euer Vater und ich, wir hatten noch über soviel nachzudenken. Der erste Anruf lief auch nicht so toll, wir haben ja gespürt, dass du auf uns nicht so gut zu sprechen warst. Da haben wir beschlossen, dass wir das nicht per Telefon klären können sondern nur persönlich, von Mensch zu Mensch. Es ist uns unheimlich schwergefallen, in den letzten beiden Tagen keinen Kontakt mehr mit euch zu haben, aber ich glaube, es war besser so.«

Mein eigener Vater hatte ja behauptet, dass in mir eine psychologische Ader schlummerte, und diese sagte mir jetzt, dass das die richtige Entscheidung gewesen war.

»Und ihr kommt jetzt damit klar, dass ich schwul bin?«

Das waren die ersten Worte, die ich von Jonas seit dem Auftauchen seiner Eltern hörte, und er stellte prompt die alles entscheidende Frage.

»Ja, Jonas, wir kommen damit klar. Wir haben sicherlich noch einiges zu lernen, so richtig verstehen tun wir es noch nicht. Aber wie ich schon gesagt habe, das einzige was für uns heute noch zählt ist, dass es dir gut geht und du glücklich wirst. Wenn du mit einem anderen Mann dein Glück findest, dann soll es so sein.«

»Ich hoffe es, Vati.«

Jonas löste sich aus den Armen seiner Eltern und kam zu mir herüber.

»Das hier ist nämlich Fabian. Er ist der Mann, mit dem ich glücklich bin. Ich liebe ihn, und er liebt mich. Ob ihr damit nun klarkommt oder nicht.«

Frau Borken lächelte uns an.

»Das habe ich mir fast schon gedacht. So wie er uns beinahe an die Gurgel gegangen wäre, als wir vorhin auf dich zugingen…«

Allerdings, das hätte ich tatsächlich getan, wenn sie meinem Schatz Böses gewollt hätten!

»Wer hätte das gedacht, wir kommen hier runtergerast in der Angst, unsere Tochter und unseren Sohn endgültig verloren zu haben, und nun bekommen wir sogar noch einen weiteren Sohn dazu.«

Das war zuviel für Jonas, mit einem Schluchzen sackte er neben mir zusammen, ich konnte gerade noch verhindern, dass er der Länge nach hinknallte. Sofort sprangen auch unsere Väter hinzu, sahen aber bald, dass ich die Situation unter Kontrolle hatte.

»Tja, Herr Borken, den Job des Beschützers hat man uns wohl endgültig abgenommen, unsere Jungs sind erwachsen geworden.«

»Da haben Sie recht, Herr Röcker. So ist das Leben, eben sind die kleinen noch in Pampers herumgehüpft, und plötzlich sind sie richtige junge Männer.«

»Und Frauen!«

»Okay, Jasmin, und Frauen.«

Ich hielt in der Zwischenzeit einen weinenden Jonas ganz fest in meinen Armen, aber es waren eindeutig Tränen der Freude und der Erleichterung darüber, dass er seine Eltern wiederhatte. Während ich ihn ganz langsam beruhigte, lernten seine Eltern nun auch noch ihren zweiten Schwiegersohn in spe kennen, wovon sie wohl noch etwas mehr überrascht waren als vom ersten.

Aber was konnten Eltern schon tun, wenn sich ihre Kinder verliebten? Gar nichts. Und auch, wenn sie es noch nicht wußten: mit Reiko hatten sie auch einen guten Fang als Schwiegersohn gemacht.

Auch Reikos Eltern waren nun zu unserer Gruppe gestoßen, ebenfalls Herr Ziermayer. Die Heilmanns waren natürlich besonders an Jasmin interessiert, die sie ja bisher nur aus mündlichen Berichten kannten. Da würde es sicher keine Probleme geben, Jasmins offenes und fröhliches Wesen würde sich ganz schnell in ihr Herz reinstehlen.

Meine Mutter war es dann, die zum Aufbruch mahnte.

»Wie siehts denn nun aus, wollen wir langsam aufbrechen? Faby, du wirst schon von der ganzen Familie erwartet.«

Ach du Schande, die hatte ich ganz vergessen.

»Ihr seid doch bestimmt froh, wenn ihr endlich hier wegkommt.«

»Und Tom schläft mit in meinem Zimmer, Mutti?«

»Ja natürlich, das geht doch gar nicht anders bei dem vielen Besuch.«

»Leonie, unser Sohn scheint irgendwie gar nicht so begeistert von dieser Vorstellung zu sein. Was ist los, Faby, hast du keine Lust? Heiligabend mit der ganzen Familie?«

Ich beschloß, ganz ehrlich zu sein.

»Paps, wir haben hier gerade vier Tage auf engstem Raum verbracht, neun Leute plus Hund. Und jetzt kommt ihr mir mit einer riesigen Familienfeier. Tut mir leid, aber das ist, als käme ich vom Regen in die Traufe.«

»Ja, aber wir können doch nicht die ganze Verwandtschaft aus dem Haus jagen!«

Das war mir auch klar. Leider.

»Könnten wir nicht wenigstens noch eine Nacht hier auf der Hütte bleiben?«

Reikos Vorschlag war der Strohhalm, nach dem ich jetzt griff.

»Genau! Dann könnten wir uns noch in aller Ruhe von den Strapazen der letzten Tage erholen.«

»Aber das geht doch nicht, eure Eltern wollen euch doch bestimmt auch zu Weihnachten bei sich haben.«

Wie erwartet, kam der größe Widerstand von meiner Mutter. Die anderen Elterneinheiten schienen etwas aufgeschlossener zu sein.

»Also Weihnachten ist ja noch drei Tage, und wenn es nur bis morgen ist…«

Reiko lächelte seine Mutter dankbar an.

»An uns soll es auch nicht scheitern, wir haben solange auf unsere beiden verzichtet, da macht der eine Tag auch keinen Unterschied.«

Meine Mutter sah nun ein, dass sie auf verlorenem Posten stand.

»Na gut, wenn es denn sein muß. Aber morgen zum Mittagessen bist du zuhause, junger Mann!«

Bis dahin würde ich hoffentlich Kraft genug getankt haben, um den Familienclan ertragen zu können.

»Moment mal, wir haben Jasmin und Jonas noch gar nicht gefragt, ob sie überhaupt hierbleiben wollen.«

Deren breites Grinsen war Antwort genug, und somit war wohl alles geklärt.

Oder auch nicht. Plötzlich sackten Jonas‘ Mundwinkel nach unten.

»Was ist, Schatz?«

»Ich kann nicht hierbleiben.«

»Wieso nicht, mein Junge?«

»Ich hab morgen Frühschicht im Hotel.«

Scheiße, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Jonas war ja der einzige von uns, der arbeiten mußte.

»Bub, das laß mal meine Sorge sein! Deine nächste Schicht beginnt erst am dritten Januar, bis dahin will ich dich im Hotel höchstens als Gast sehen, verstanden?«

Das war der endgültige Beweis, den alten Ziermayer plagte das schlechte Gewissen. Wo der doch sonst noch mehr hinter dem Geld der Leute her war als der Finanzminister persönlich!

»Wirklich, Chef? Geht das?«

»Ja klar, Junge. Ich hab Mist gebaut, als ich dich mit den Kindern losgeschickt hab, ich hätte es besser wissen müssen. Ich bin ja heidenfroh, dass ich meinen Azubi überhaupt lebend wiederbekomme, da kann ich auch noch ein paar Tage auf ihn warten.«

»Danke, Chef, vielen Dank!«

»Keine Ursache. So, jetzt muß ich aber wieder los, das Geschäft führt sich nicht von alleine. Frau Borken, Herr Borken, soll ich Sie wieder mit runternehmen?«

»Lassen Sie mal, Herr Ziermayer, die beiden kommen mit zu uns zum Mittagessen.«

»Aber Frau Röcker, das können wir doch nicht annehmen!«

»Oh doch, das können Sie! Wo die Kinder nun noch einen Tag hier oben bleiben, werde ich doch nicht mit leeren Händen nach Hause zurückkehren!«

»Aber…«

»Keine Widerrede. Wir haben ja jetzt eh eine Menge Gesprächsstoff.«

Somit waren Jonas‘ Eltern glücklich in die Fänge meiner Mutter geraten, und sie würden schon bald merken, dass es aus unserer Familie kein Entrinnen gab. Herr Ziermayer verabschiedete sich und düste kurz darauf davon, dann nahmen auch wir von unseren Eltern Abschied. Es war ja kein Abschied für lange Zeit, auch wenn meine Mutter sich wieder so aufführte, als würde ich für drei Monate ins ewige Eis aufbrechen.

Nach einer ganzen Tirade von Ermahnungen und gutgemeinten Hinweisen brachten wir die sechs alten Leutchen zu den Autos. Unterwegs zog ich meinen Vater noch einmal kurz zur Seite.

»Sag mal, Paps, mußte das sein, das mit dem Nachthemd?«

Sein schallendes Gelächter erfüllte den Wald.

»Ja, Faby, das mußte sein. Tom hat darauf bestanden.«

Soso. Tom also. Nun gut. Ich hatte ja jetzt einen ganzen Tag lang Zeit, mir eine sehr langsame, sehr qualvolle Todesart für ihn auszudenken!

Dann war es soweit, die Motoren der beiden Geländewagen sprangen an, und langsam krochen die beiden Vehikel vom Hof. Reiko hielt mit einer Hand Arko am Halsband fest, mit der anderen umfaßte er Jasmin. Jonas hatte sich auch wieder gefangen, sodass er es jetzt wieder war, der mich umarmte und festhielt, während wir unseren Eltern hinterherschauten. Als die Fahrzeuge um eine Kurve verschwunden waren, gingen wir schweigend zurück in die plötzlich so leere Hütte.

Diese Ruhe würden wir jetzt noch einmal für einen ganzen Tag genießen können. Unseren noch sehr jungen Beziehungen würde das sicherlich gut tun. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte

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Information Die Kreatur
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:07 AM - No Replies

Vorwort

Die Story kam mir in den Sinn, als ich im Internet über die Geschichte gestolpert bin „Die Bestie von Gévaudan“. Sie hat mich so gefesselt, dass ich mich zum Schreiben dieser Geschichte entschloss.

Mein besonderer Dank gilt drei Personen zum einen Sebastian, Sammy und zum anderen Martin! Danke euch drei, wenn ihr mich hierbei nicht so unterstützt hättet, wäre sie wahrscheinlich in die Hose gegangen.

Dann einen großen Dank an meinen Lektor Thomas, der meine Rechtschreibung prüfte und wahrscheinlich noch mehr Haare verloren hat seitdem…grins!

Noch einen Anmerkung, die Geschichte erhält noch eine Fortsetzung, mehr sei aber nicht verraten! Weiterhin möchte ich noch darauf hinweisen das ich etwas die Werwolflegende abgeändert habe.

Wenn es Nacht wird

Prolog

Hi Leute, mein Name ist Marc und lebe in dem wunderschönen Livington. Wo das liegt fragt Ihr, na es liegt in Irland an der Westküste. Meine Eltern besitzen hier einen Bauernhof, auf dem sie Rinder züchten.

Meine Mum findet das Leben hier wundervoll, ich finde das nicht so. Aber mich fragt ja keiner. Mit sechzehn ist es hier ziemlich öde aber was soll’s, der liebe Gott hat es eben zu gut gemeint mit mir. Zusammen mit meinen Eltern und meinen beiden Brüdern leben wir hier auf unserem Bauernhof.

Dann stell ich Euch mal kurz meine Brüder vor, Julius ist einundzwanzig Jahre alt und Tim ist Fünfundzwanzig. Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, dass es bei uns manchmal ganz schön haarig zugeht. Vor allen Dingen wenn man gleich von zwei Brüdern geärgert wird, aber ich revanchiere mich natürlich dafür. Aber wie ihr seht hab ich es bis jetzt überlebt.

Auch wenn ich der Jüngste bin, muss ich bei der Stallarbeit genauso mithelfen wie jeder andere auch. Zur Schule gehe ich auch noch, will ja schließlich nicht dumm sterben. Na und mein größtes Geheimnis ist, ich bin schwul. Ich selber habe es zwar akzeptiert, aber meiner Umwelt noch nicht mitgeteilt.

Meine allerbesten Freunde sind Jack, Katrin und Michael. Wir gehen alle auf die gleiche Schule, obwohl mir da einfällt, wir haben ja nur eine Schule hier im Umkreis. Mein größtes Hobby ist der Schützenverein, in dem ich schon seit meinem zehnten Lebensjahr bin.

Na nun mach ich mich mal über meine Schularbeiten her, ist ja schon ziemlich spät und es gibt bestimmt bald Abendbrot.

1 Teil – Gegenwart

Gerade war ich mit meinen Hausarbeiten fertig, rief auch schon meine Mum zum Abendessen. Na dann muss ich wohl runter. Als ich in die Küche kam, ging mein Blick als erstes zu meinem Vater der ziemlich besorgt aussah.

„Hi Paps, ist was Schlimmes passiert?“

Meine Mutter blickte vom Herd auf und sah meinen Vater besorgt an. Bevor er mir antworten konnte, kamen meine beiden Brüder, mit noch finsteren Mienen, in die Küche.

„Man Leute was ist denn passiert?“ mir standen schon die Fragezeichen im Gesicht.

Tim sah mich an.

„Wir haben wieder ein Rind gefunden das gerissen wurde!“

Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, als ich dies hörte Das war nun schon das dritte Rind in sechs Wochen das wir so fanden. Nach den Spuren zu urteilen, mussten sie von etwas ziemlich großem gerissen worden sein.

Aber keiner konnte sich erklären was es war. Hier auf der Insel gab es schon lange keine Raubtiere mehr, die in der Lage wären ein Rind reißen zu können. Auch die Polizei konnte sich keinen Reim darauf machen.

Die Spuren die bei den getöteten Tieren gefunden wurden, waren wie man aus den Erzählungen meines Vaters entnahm recht eigenartig. Er selber hatte solche Abdrücke noch nie in seinem Leben gesehen.

Selbst ein Zoologe aus Dublin, der zu Rate gezogen worden war, konnte sie keinem bekannten Tier zuordnen. Unvermittelt riss mich mein Vater aus den Gedanken.

„Wir werden jetzt jeden Abend, die Tiere von der Weide reintreiben!“

Na super, das bedeutet dann auch für mich mehr Arbeit, schoss es mir dabei durch den Kopf.

Mein Vater sah mich an und als ob er meine Gedanken erraten hätte sagte er in meine Richtung:„Genau mein Sohn das bedeutet mehr Arbeit für uns alle. Solange die Bestie nicht gefangen oder getötet wird, ist unsere Herde auf der Weide nachts nicht sicher.“

Meine Brüder sahen dabei ziemlich bedrückt aus.

„Ja, ich helfe wo ich kann!“

In meinen Gedanken, sah ich mich dabei schon mit dem Mist aus dem Stall abstrampeln. Tja, wenn schon Aufgaben, dann musste mein Vater mir immer die unangenehmsten anvertrauen.

„Na nun Leute, jetzt gibt es erstmal was zum Essen.“

Mit diesen Worten trat meine Mutter an den Tisch und begann die Teller zu füllen. Beim Essen unterhielten wir uns über die Vorfälle. So wie mein Vater erzählte, waren auch auf anderen Farmen Rinder gerissen worden. Zum Glück war noch kein Mensch angefallen und verletzt worden.

„Wir können nur hoffen, dass das Tier endlich zur Strecke gebracht wird!“ meinte Tim.

Mein Vater nickte.

„Das hoffe ich auch, wir haben drei Rinder bis jetzt verloren und können es uns nicht leisten noch mehr Tiere zu verlieren!“

„Habt ihr nicht mal ein anderes Thema? Es ist schon schlimm genug, da muss man sich nicht noch beim Abendessen so etwas anhören!“

Dabei sah meine Mutter genervt in die Runde. Wir wechselten daraufhin das Thema und sprachen über den geplanten Hausanbau. Mein ältester Bruder sollte seine eigene Wohnung bekommen, mit allem drum und dran.

Nach dem wir aufgegessen hatten ging mein Vater vor die Tür um eine Zigarette zu rauchen. Tim verabschiedete sich von uns, denn er wollte noch zu seiner Freundin Silvia. Silvia, wohnt in Livington und arbeitet als Verkäuferin bei einer Fleischerei.

Tim hatte sie dort kennen gelernt, da wir öfters an die Fleischerei Rinder verkauften. Sie waren jetzt schon fast drei Jahre zusammen und wollten nächstes Jahr heiraten. Silvia war echt cool und wurde in unserer Familie herzlich aufgenommen, nachdem Tim sie uns vorgestellt hatte.

Nachdem Tim verschwunden war, ging Julius zum Rinderstall um nachzusehen, ob alles in Ordnung war.

„Warte Julius ich komme mit Dir“, rief ich und rannte hinter ihm her.

Als ich ihn erreicht hatte, fragte ich Julius: „Du sag mal, sah es wirklich so schlimm aus?“

Julius nickte bejahend: „Sie war trächtig und das Vieh hat ihr das Junge aus dem Bauch gerissen und hat es dann halb verspeist. Die Kuh selber ist verblutet.“

„Welches Raubtier kann denn so etwas machen?“

„Wenn wir es wüssten, dann müssten wir jetzt nicht jeden Abend, die Rinder reintreiben. Die trächtigen Tiere kommen erst mal nicht mehr auf die Weide.“

Die Weide wo unsere Kühe gerissen wurden, lag etwa eine Meile von unserem Gehöft weg. Unsere Kühe wurden jedes Jahr im Frühjahr auf die Weide getrieben, wo sie bis zum Herbst blieben. Erst beim ersten Schnee holten wir sie wieder von der Weide.

Eine Seite der Weide grenzte an einem Wald. Die getöteten Tiere wurden alle in der Nähe des Waldes gefunden. Daher gingen meine Brüder und mein Vater davon aus, dass das Tier aus dem Wald her die Kühe angriff.

Mittlerweile waren wir am Stall angekommen. Während Julius in den Stall ging, blieb ich draußen stehen und sah mich um. Es war bereits dunkel geworden und die Grillen begannen an zu zirpen.

Der Duft von frischem Heu lag in der Luft, es war ein herrlicher Abend. An solchen Abenden genoss ich es hier zu leben, wenn man von der Arbeit hier absah. Plötzlich begannen die Tiere im Stall unruhig zu werden. Die ängstlichen Laute der Tiere, waren bis draußen zu hören.

Während ich noch völlig planlos herumstand, rannte mein Vater schon an mir vorbei und verschwand im Stall. Gerade als ich meinem Vater in den Stall folgen wollte, übertönte ein grausiger Schrei alle Geräusche.

Langsam drehte ich mich in die Richtung, aus der dieser Schrei kam und da sah ich die Kreatur. Wie gebannt starrte ich die Kreatur an, die ungefähr 80 Meter von mir entfernt stand.

Die Augen der Kreatur glühten in einem intensiven Rot. Diese Augen schienen mich regelrecht zu fixieren. Doch so plötzlich wie das Wesen aufgetaucht war, verschwand es auch wieder in der Dunkelheit.

Was ich gesehen hatte, konnte ich nicht beschreiben. Es stand zwar auf zwei Beinen, doch die Haltung des Körpers war nicht menschlich. Ich zitterte am ganzen Körper und hatte nur einen Wunsch, sofort von hier zu verschwinden.

Die Rinder im Stall beruhigten sich langsam, nachdem die Kreatur, was auch immer es war, verschwunden war. Mein Vater stürzte aus dem Stall und fragte mich etwas. Doch die Worte von ihm drangen nicht zu mir.

Ich starrte immer noch in die Richtung wo ich die Kreatur zum letzten Mal gesehen hatte. Erst als mein Vater mich an den Schultern packte und schüttelte, realisierte ich seine Anwesenheit. Mühsam versuchte ich ihm, zu beschreiben was ich gesehen hatte. Als ich fertig war, schüttelte mein Vater ungläubig den Kopf,

„Das kann nicht sein, du hast geträumt!“, damit ging er in Richtung Haus wo meine Mutter noch immer in der Tür stand und zum Stall sah.

Ich wartete auf Julius, der kurz darauf auch aus dem Stall kam.

„Was war denn?“ kam es von ihm.

Ich sah zu Julius auf und erzählte ihm was ich gesehen hatte.

„Mensch Marc, du hast bestimmt geträumt. Was soll das denn für ein Tier sein, dass auf zwei Beinen läuft?“

Ich zuckte die Schultern und wollte nur noch ins Haus und in mein Zimmer. Später im Bett, lag ich noch lange wach. Ich konnte einfach nicht einschlafen. Sobald ich die Augen schloss, sah ich immer wieder die Kreatur auf dem Weg stehen.

Am nächsten Morgen weckte mich meine Mutter.

„Du musst zur Schule los aufstehen!“

„Ja doch!“ kam es gequält von mir.

Danach quälte ich mich aus dem Bett und zog mich an. Als ich in die Küche kam, sah ich dass mein Vater und meine Brüder bereits los waren, um die Tiere zu versorgen.

„Junge was hast Du da gestern nur gesehen? Vater hat mir erzählt, was Du angeblich beobachtet haben willst!“ besorgt sah meine Mutter mich dabei an.

„Aber es stand dort und hat mich angesehen!“

Trotzig sah ich meine Mutter an. Sie schüttelte nur den Kopf und machte für mich das Frühstück fertig und stellte es vor mir auf den Tisch. Bedrückt aß ich mein Frühstück. Meine Mutter hatte sich selbst auch an den Tisch gesetzt, war aber genauso still und in Gedanken versunken.

Nach einer Weile sah sie in meine Richtung und sagte:„Marc wir machen uns Sorgen! Bitte versteh uns! Vater ist wegen der Sache mit den Rindern schon ziemlich angespannt. Dazu kommt, dass wir auf den Verkauf der Rinder angewiesen sind. Sonst können wir unsere Schulden bei der Bank nicht zurückzahlen.“ dabei sah mich meine Mutter an.

Ich nickte: „Auf mich könnt ihr zählen!“

Meine Mutter rückte etwas näher und nahm mich in den Arm.

„Schatz wir haben dich lieb und wissen das wir uns auf Dich verlassen können. So nun iss auf, der Schulbus müsste bald kommen.“

Als ich mit dem Frühstück fertig war, musste ich auch schon los zur Schule. Der Schulbus fuhr eine Meile entfernt an unserem Hof vorbei, so dass ich rennen musste um ihn rechtzeitig zu erreichen.

Den Bus habe ich dann auch geschafft. Völlig außer Atem stieg ich in den Schulbus ein. Im Schulbus empfing mich eine eisige Stille. Was war denn hier los? Ich suchte erst einmal im Bus nach meinen Freunden.

Diese saßen hinten in der letzten Sitzreihe. Komisch, Jack sitzt gar nicht bei Ihnen. Sonst saß er doch auch mit Katrin und Michael zusammen. Ich sah mich daher nochmals um, aber Jack war nicht zu entdecken.

Also ging ich erstmal nach hinten zu Katrin und Michael. Sie blickten mir mit ziemlich besorgtem Blick entgegen. Ich fragte mich, warum sie mich so besorgt ansahen.

„Morgen Leute,. Was ist denn mit euch los?“ fragte ich außer Atem und setzte mich zu ihnen.

„Hast Du es denn noch nicht gehört?“ fragend sah mich Michael an.

„Was soll ich gehört haben?“

„Gestern Abend ist die Familie von Jack überfallen worden!“ kam es von Katrin.

„Ist Jack dabei was passiert?“ ängstlich schaute ich beide an.

„Gott sei Dank ist ihm und seiner Mutter nichts passiert. Aber zwei ihrer Milchkühe sind von einem Tier im Stall angefallen worden. Sein Stiefvater ist in den Stall und ihn hat es erwischt. Soll nicht gut ausgesehen haben!“ dabei sah Katrin mich ziemlich mitfühlend an.

Ich bekam eine Gänsehaut und dachte an das was ich gestern gesehen hatte. Also erzählte ich den beiden stockend, was sich gestern Abend bei uns auf dem Hof zugetragen hatte. Als ich mit meinem Bericht fertig war, sahen sie mich mit großen Augen an.

„Jetzt sagt nur noch wie meine Eltern, ich hätte geträumt!“

Katrin sah mich ernst an:“ Wenn Du es gesehen hast, was auch immer es war, dann glaube ich Dir! Aber was kann das gewesen sein?“

„Ich weiß es nicht, aber genau so habe ich es gestern gesehen!“

Beide sahen mich an und ich fragte: „Und was nun?“

„Mmmh wir müssen rausbekommen um was für ein Tier es sich handeln könnte!“, meinte Katrin.

„Und wie willst Du das anfangen?“, fragend sah Michael Katrin an.

„Da fällt uns bestimmt was ein.“

Katrin stand auf.

„Los Leute wir sind an der Schule angekommen.“

Klasse, dachte ich das kann ja noch ein super Tag werden. In der ersten Stunde kam unser Direx rein.

„Guten Morgen! Also, ihr habt bestimmt schon gehört, was bei Familie Miller gestern Nacht passiert ist. Zu eurer eigenen Sicherheit haben wir beschlossen, dass die Schüler bis auf weiteres, nur in Gruppen die Schule verlassen sollten. Der Schulbus wird euch bis an die Haustür fahren. Keiner verlässt alleine den Schulhof!“, ernst blickte er in die Runde, „ich hoffe jeder hält sich daran!“

Daraufhin verließ er das Klassenzimmer, um in die nächste Klasse zu gehen. Kathrin sah mich an und ich wusste, dass sie etwas vorhatte. Mir schwante Schlimmes! Na super das kann ja noch toll werden.

Der Rest der Stunde verlief dann eher langweilig und als es endlich zur Pause klingelte, kam Katrin auf mich zu.

„Marc, wir treffen uns in der Mittagspause bei der Schulbibliothek!“, sagte sie bestimmend.

„OK und was machen wir da?“

„Ich dachte, wir durchstöbern mal das Internet! Vielleicht finden wir dort ein paar Antworten!“, erwähnte sie und ging wieder auf Ihren Platz, da es zur nächsten Stunde klingelte.

Die restlichen Unterrichtsstunden bis zur Mittagspause waren genauso langweilig, wie die erste Stunde. Als es endlich dann zur Mittagspause klingelte, machten wir uns auf den Weg zur Schulbibliothek.

„So Leute, wir müssen logisch vorgehen!“ Katrin sah uns an.

„Also laut Marc, lief das Wesen auf zwei Beinen. Aber es bewegte sich nicht wie ein Mensch sondern eher wie ein Tier. Marc!“, damit sah sie mich an, „was ist Dir noch aufgefallen? Überleg mal genau! Jede Kleinigkeit kann uns helfen!“

„Nun ja, da war dieser Schrei oder war es gar kein Schrei???? Nein wartet, es hat sich eher nach einem heulen, wie bei einem Wolf, angehört.“

Plötzlich wusste ich was mir gestern soviel Angst gemacht hatte. Es war da etwas Lauerndes an der Kreatur gewesen und es hatte geheult wie ein Wolf. Es hatte geheult! Ich sah Katrin und Michael erschrocken an.

„Was ist?“, Michael sah mich an, „Marc nun sag doch schon. Was ist los?“

Mir war speiübel, ich dachte erschrocken an meine Eltern und meine beiden Brüder.

„Leute, Katrin hat Recht. Es ist mir jetzt erst eingefallen. Es hat geheult wie ein Wolf!“

„Wartet mal, es hat geheult wie ein Wolf? Was soll das denn für ein Tier sein? Läuft auf zwei Beinen, heult wie ein Wolf? Also ich weiß nicht, nach was wir suchen sollen?“

Michael sah mich an, auch Katrin, die mit gerunzelter Stirn da stand.

„Wenn das stimmt Marc, was Du da eben erzählt hast! Dann frage ich mich, mit was wir es hier zu tun haben?“

„Entschuldige mal Katrin was soll ich dann erst fragen?“

Michael der das gerade gesagt hatte, sah dabei Katrin an.

„Na dann müssen wir mal den PC in der Bibliothek befragen!“, sagte diese daraufhin.

Entschlossen ging Katrin, in die Richtung zum PC. Nachdem Katrin vor dem PC saß, wählte sie eine Suchmaschine an.

„So Leute. Wir werden erstmal sehen, ob es ähnliche Vorfälle wie in unserem Ort schon mal gab!“

Nachdem sie alle Suchbegriffe eingegeben hatte drückte sie auf „Search“.

Erst tat sich gar nichts, doch dann füllte sich der Bildschirm.

„So dann lasst uns mal sehen was wir gefunden haben!“

Mit diesen Worten von Katrin, sahen wir uns das Angezeigte an.

„He, seht mal. Das liest sich interessant! Klick mal auf das dritte von oben!“

Ich wies auf den entsprechenden Link und Katrin klickte diesen an.

„Drei Rinder sind in der Nacht von einem nicht identifizierten Raubtier gerissen worden!“

Stand dort und weiter wurde von mehreren Angriffen auf Bauernhöfe berichtet.

„Seht mal, da steht was von Vollmond und das die Überfälle immer Nachts stattfanden!“, sagte Katrin.

„Wir hatten doch vorgestern Vollmond und gestern abnehmenden!“, stellte ich fest.

„Stimmt und Marc, wann wurden die anderen zwei Rinder bei euch gerissen?“

„Man Katrin, vor knapp vier Wochen!“

„Und da hatten wir auch Vollmond!“ Katrin sah triumphierend zu uns.

„Ja nun haben wir doch etwas herausbekommen und wie weiter?“

Ich sah die beiden an und die Fragezeichen bei mir wurden immer größer.

Katrin meinte dann:“ Na jetzt werden wir mal suchen nach einem Wesen das heult wie ein Wolf, auf zwei Beinen läuft und nur bei Vollmond tötet!“

Während Sie noch sprach, gab sie per Tastatur die Suchkriterien ein und klickte wieder auf „SEARCH“.

„Da. Klick mal auf Wikipedia.“ sagte ich zu Katrin und sie klickte auf den Link.

Da stand dann auf dem Bildschirm folgendes: Ein Werwolf (von altgermanisch „wer“: „Mann“), althochdeutsch auch Mannwolf genannt, ist in Mythologie, Sage und Dichtung ein blutdürstiger Mensch, der sich nachts in einen Wolf verwandeln kann (Lykanthrop). Werwölfe sind so genannte Zehengänger, das heißt sie belasten mehr die Zehen beim laufen, da sie nicht, wie bei einem Menschen den Fuß abrollen können.

Mir wurde ganz anders.

„Entschuldigt Leute aber das ist doch totaler Schwachsinn. So etwas gibt es doch gar nicht!“

Selbst Katrin sah zweifelnd auf den Bildschirm.

„Wir müssen weitersuchen! Das glaube ich nun auch nicht!“, sagte sie und tippte weitere Suchkriterien ein.

Nach zwei Stunden, hatten wir immer noch die gleichen Suchergebnisse auf dem Bildschirm.

„Mist jetzt haben wir den Mathekurs geschwänzt!“

Michael sah uns an und Katrin sagte daraufhin: „Na und, dafür haben wir erst einmal ein paar Antworten!“

„Ihr glaubt doch den Mist nicht etwa?“, fragend sah ich erst zu Katrin und dann zu Michael.

„Was für ein Mist! Dann überlege mal was Du uns berichtet hast. Und was Dir noch einfiel zu diesem Thema! Zum anderen, seit zwei Stunden haben wir immer die gleichen Antworten auf unsere Suchanfragen erhalten!“

Wütend stand Katrin auf.

„Sorry aber …. Man hast ja recht und was machen wir nun mit den Informationen?“

Sie hatte ja Recht, aber ein Werwolf, das war für mich als Erklärung doch sehr unrealistisch. Zumal ich solch eine Gestalt doch eher in die Sagenwelt abgeschoben hätte. So etwas konnte ich doch meinem Vater nicht erzählen.

Daraufhin stritten wir uns erst einmal darüber, was wir als nächstes unternehmen wollten in Bezug auf diesen Werwolf. Da wir uns nicht einigen konnten, beschlossen wir das Thema zu vertagen und erst mal uns um andere Sachen zu kümmern.

Da ich mir den ganzen Tag schon Sorgen um Jack gemacht hatte und immer wieder rumjammerte, dass wir nach ihm sehen müssten, einigten wir uns darauf, erst einmal uns um Jack zu kümmern.

Dazu machten wir einen Treffpunkt aus, wo wir uns treffen wollten um gemeinsam zu Jack zu fahren. Somit gingen wir dann zurück in den Unterrichtsraum und holten unsere Sachen um dann zum Schulbus zu gehen, der schon vor der Schule wartete.

Nachdem der Schulbus mich zu Hause abgeliefert hatte, lief ich auf mein Zimmer. Es war im Haus eigenartig ruhig. Sonst war meine Mum immer da.

Wo waren bloß alle?? Ich ging wieder runter und rief nochmals nach meiner Mutter. Außer dem Ticken der Küchenuhr antwortete mir niemand. Ich ging raus in Richtung Stall. Dort angekommen öffnete ich das Stalltor. Als ich den Stall betreten hatte, umfing mich erst einmal Dämmerlicht und außer den Geräuschen der Rinder die im Stall standen, antwortete mir auch hier nach mehrmaligen rufen niemand.

Daraufhin ging ich wieder aus dem Stall und sah mich draußen um. Wie magisch angezogen ging ich in die Richtung wo ich gestern die Kreatur gesehen hatte. Werwolf so ein Mumpitz, dachte ich als ich zu der Stelle kam wo ich die Kreatur gesehen hatte. Als ich ungefähr den Ort erreicht hatte, wo sie gestanden haben müsste, sah ich mich um und suchte den Boden ab.

Da sah ich einen Abdruck, dieser war ziemlich groß und mir wurde kalt, sehr kalt. Ich wollte zurück rennen, aber meine Neugier hielt mich zurück. So besah ich mir den Abdruck etwas näher. Der Abdruck war groß und sah wie die Hinterpfote eines Hundes aus, aber nur fast, denn die Krallen waren viel tiefer eingedrückt in den Boden als der Rest der Pfote. Es sah fast so aus als ob die Kreatur auf ihren Zehen gegangen war und dazu kam das der Abdruck für einen Hund zu groß war.

So langsam bekam ich es so richtig mit der Angst zu tun und ich sah mich gehetzt um. Ich hatte plötzlich das Gefühl als ob mich etwas dabei beobachtete, wie ich hier stand.

Ich bekam eine Heidenangst und rannte zurück zu unserem Haus.

Als ich am Haus ankam blickte ich mich nochmals um. Ich hatte immer noch das Gefühl das mich jemand beobachtete. Mit diesem unheimlichen Gefühl lief ich ins Haus.

2. Teil – Was bei Jack geschah!

Die Nacht war hereingebrochen und mit ihr ging der Vollmond auf. Jack saß am Fenster seines Zimmers und sah hinaus in die Dunkelheit. Jack weinte. Wie immer hatte sein Stiefvater seine Wut, über sein so scheinbar beschissenes Leben an ihm ausgelassen. Seine Mutter sah hilflos mit an, wie er ihn wieder verprügelte. Als ob das nicht genug war, schickte er natürlich Jack danach ohne Essen in sein Zimmer. Tränen rannen sein Gesicht herunter, wie oft hatte er sich schon ausgemalt, von hier abzuhauen. Alles hinter sich zu lassen, aber das konnte er seiner Mutter nicht antun.

Jack war so in Gedanken versunken, dass er das ängstliche Muhen der Kühe erst jetzt bemerkte.

Jack öffnete das Fenster, um besser raus sehen zu können. In dem Augenblick als er seinen Kopf aus dem Fenster streckte, steigerte sich das ängstliche Muhen der Kühe in ein lautes Brüllen und unter diesen Tönen mischte sich ein anderer Ton.

Dieser Ton kam nicht von den Kühen. Er hörte sich bösartig an, wie von einem Wolf und kam aus dem Stall. In diesem Augenblick ging unten die Küchentür auf, die zum Hof hinausführte. Jack sah wie sein Stiefvater aus der Tür lief und mit angelegtem Gewehr im Stall verschwand. Von dort konnte man nun deutlich das Splittern von Holz hören.

Jack rannte aus dem Zimmer und direkt in die Küche zu seiner Mutter, die wie gebannt, an der offenen Tür stehend, ihrem Mann nachblickte.

„Mutter mach die Tür zu! Schnell!“ schrie Jack.

Plötzlich fiel ein Schuss, dann war alles still. Nichts, kein Laut vernahmen sie. Unerwartet durchbrachen unmenschliche Schreie die Stille, gefolgt von einem langen Heulen. Jack sah entsetzt seine Mutter an. Dieser war jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen.

Jack rannte zum Telefon, das im Hausflur stand. Er musste Hilfe holen. Was auch immer da draußen war es schlich um das Haus und lauerte in der Dunkelheit. Als er das Telefon erreicht hatte, wählte er sofort die Nummer der Polizeistation.

Jack kam die Zeit bis jemand am anderen Ende abnahm wie eine Ewigkeit vor.

„Ja hier Polizeistation Livington. Sie sprechen mit ….“

Jack unterbrach ihn, er schrie fast hysterisch in den Hörer:“ Hier ist die Farm von Ben Miller. Bei uns ist irgendetwas in den Stall eingedrungen und hat unsere Kühe angefallen. Kommen sie bitte schnell!“

„Wir sind schon unterwegs. Geht nicht raus, bleibt im Haus und verriegelt die Tür.“

„OK wir warten. „ Jack legte den Hörer auf und rannte wieder in die Küche zu seiner Mutter. Diese hatte sich mittlerweile auf einen Stuhl gesetzt und sah immer noch nach draußen.

Die Tür durchfuhr es Jack. Jack sah zur Küchentür die in den Hof führte, diese stand immer noch offen. Er schloss die offene Tür so schnell er konnte und schob den Riegel vor. Im gleichen Augenblick, als die Tür zu war, wurde etwas Schweres gegen die Tür geschleudert. Die Tür bebte in ihrem Rahmen. Kurz darauf vernahmen sie ein bösartiges Knurren hinter der geschlossenen Tür.

Jack sah sich gehetzt in der Küche um und sah den Küchenschrank neben der Tür stehen. Er rannte zu dem Schrank und schob ihn gegen die Tür. Als Jack gerade fertig war, hörten sie wie etwas gegen die Tür schlug. Das Geräusch wurde immer bedrohlicher und dann gab das Holz splitternd nach und eine Klaue schob sich durch die entstandene Lücke.

Was auch immer da draußen war, es versuchte mit aller Macht hereinzukommen. Sie hörten das wütende Brüllen eines Tieres, das versuchte die Tür zu durchdringen. Jack merkte wie er am ganzen Körper zitterte und sein Magen sich zusammenzog.

Was sollte er machen wenn dieses Ding durch die Tür kam? Er wusste wenn das was da hinter der Tür war, erst hier im Haus war, dann gab es für ihn und seine Mutter keine Rettung. Er hörte das wütende Brüllen, hinter der Küchentür, das sich immer mehr steigerte. Aber noch hielt die Tür dem Angriff stand. Aber wie lange noch?

Plötzlich vernahm Jack die Sirenen eines Polizeifahrzeuges und auf der anderen Seite der Küchentür wurde es auf einmal still. In die plötzliche Stille die jetzt eintrat, kamen die Sirenen des Polizeifahrzeuges immer näher. Jack rannte in den Flur und zur Haustür. Dort sah er durch die Scheibe der Haustür, zwei Scheinwerfer die auf ihr Haus zukamen. Erleichtert öffnete er die Haustür und rannte zu dem ankommenden Polizeiauto.

„Hilfe hierher!“ schrie Jack.

Das Auto hielt und zwei Polizisten stiegen aus. Der eine hielt einen Revolver beim aussteigen in der Hand. Der andere Polizist hatte eine Taschenlampe in der Hand, mit der er Jack in das Gesicht leuchtete. Geblendet schloss Jack kurz die Augen.

„Junge ganz ruhig ! Wo sind Deine Eltern?“

„Meine Mutter sitzt in der Küche. Ich glaub sie hat einen Schock. Mein Stiefvater ist in den Stall gerannt. Ich weiß nicht was mit ihm ist…“Jacks Stimme überschlug sich.

Er hatte Angst, große Angst. Da draußen in der Dunkelheit lauerte etwas und wartete nur darauf wieder angreifen zu können. Die Polizisten gingen mit Jack zusammen in das Haus und sahen erstmal nach seiner Mutter.

Diese saß immer noch dort, wo Jack sie zuletzt gesehen hatte. Sie starrte immer noch auf die zerstörte Küchentür. Die Polizisten sprachen sie an, aber sie reagierte nicht. Sie war gefangen in ihrer eigenen Welt, in der sie sicher war das ihr nichts passieren konnte.

Für Sie gab es kein jetzt und kein hier.

Die Polizisten schoben danach erst einmal den Schrank von der Küchentür weg. Da die Tür total demoliert war, bekamen die Polizisten diese nur mit großer Gewaltanwendung auf. Als sie endlich die Tür auf hatten, sahen sie auf der anderen Seite der Tür die Kratzspuren. Solche Spuren hatten sie noch nie gesehen.

Was es auch für ein Tier gewesen sein mochte, es hatte versucht mit brachialer Gewalt die Tür zu zerstören. Dann begann der Polizist der die Taschenlampe in der Hand hielt, mit dieser den Boden vor der Küchentür abzusuchen.

Im Lichtkegel erschien plötzlich der Umriss eines Kopfes. Jack wurde es kalt als er diesen erkannte. Sein Magen zog sich zusammen und im nächsten Augenblick übergab sich Jack an der Tür.

„OHH sh…“kam es von einem der Polizisten.

Der andere lief durch die Küche und zum Polizeiauto.

Im Laufen rief er noch: „Ich fordere Verstärkung an.“

Eine Stunde später standen auf dem Hof drei Polizeiautos und ein Krankenwagen. Jacks Mutter wurde gerade von dem herbeigerufenen Arzt untersucht. Jack selber saß im Wohnzimmer auf der Couch und sah vor sich hin.

Er fühlte sich allein und verlassen, am liebsten hätte er Marc angerufen. Aber was sollte er ihm sagen? Er sehnte sich danach von Marc in die Arme genommen zu werden und gerade jetzt brauchte er dessen Nähe.

Jack war sich schon seit einem Jahr im Klaren, das er schwul war. Als er vor einem halben Jahr hierher zog und Marc in der Schule kennen lernte, war es für ihn Liebe auf den ersten Blick. Leider hatte er bis jetzt nicht den Mut gehabt, Marc das zu beichten.

Marcs Freunde Katrin und Michael waren echt super, sie nahmen ihn sofort in ihre Runde auf.

„Jack? Jack. Hallo hörst Du mich?“

Jack schreckte aus seinen Gedanken und sah in das Gesicht des Arztes, der seine Mutter untersucht hatte.

„Sorry, ich habe gerade nachgedacht. Wie geht’s meiner Mutter?“ besorgt sah Jack dabei den Arzt an.

„Nicht sehr gut. Ich muss sie in ein Krankenhaus einweisen. Sie hat einen Schock und spricht auf nichts an!“

Jack konnte nur nicken, zuviel war in kurzer Zeit passiert. Er konnte das alles noch nicht begreifen. Der Arzt ging in das Nebenzimmer um den Sanitätern vom Krankenwagen anzuweisen, dass sie die Mutter von Jack in das örtliche Krankenhaus bringen sollten.

Danach kam er wieder in das Wohnzimmer und setzte sich kurz zu Jack.

„Wenn Du etwas brauchst, dann kannst Du mich jederzeit im Krankenhaus erreichen!“

Dabei gab er Jack eine Visitenkarte, auf der der Name von ihm stand und seine Telefonnummer.

„Danke Doc, es geht schon.“

Nachdem der Doktor wieder aufgestanden war und das Zimmer verließ, kam ein Polizist auf Jack zu.

„So, wir haben jetzt alle Spuren gesichert! Bis morgen bleibt Frank bei dir, damit du nicht alleine im Haus bist. Sag mal wer kümmert sich jetzt um dich, solange deine Mutter im Krankenhaus ist?“

Fragend schaute der Polizist Jack an.

„ Ich weiß es nicht!“

Jack standen dabei Tränen in den Augen.

„Ok Jack, ich werde das Jugendamt informieren. Ich denke sie werden sich morgen im Laufe des Tages bei Dir melden! Pass auf Dich auf. Ach und gib uns Bescheid wo wir Dich erreichen können! OK?“

„Mach ich!“

Damit ging der Polizist aus dem Zimmer. Kurz darauf betrat ein anderer Polizist das Wohnzimmer. Das musste dann wohl Frank sein, der erstmal bis morgen hier bleibt, dachte Jack.

„Na, alles klar Kleiner? Wird schon werden!“, sagte Frank zu Jack.

Jack nickte dankbar. So langsam merkte Jack wie erschöpft er war. Er legt sich auf das Sofa und kurz danach war er eingeschlafen. Frank stand kurz auf und deckte Jack zu, dieser schlief aber schon tief und fest.

3. Teil – Wieder in der Gegenwart

Als ich wieder im Haus war, verflog dieses Angstgefühl. Ich konnte mir nicht erklären wieso ich so in Panik ausgebrochen war. War es das was wir in der Schule am PC rausbekommen hatten?

Beziehungsweise die Vorstellung, dass es so eine Kreatur gab. Nein! So ein Wesen existierte doch nur in den Legenden. Ich sah auf die Uhr. Oh man, schon so spät. Wenn ich noch rechtzeitig zum Treffpunkt kommen wollte, musste ich mich beeilen.

Wir wollten uns ja treffen um zu Jack zu fahren. Ich spurtete erst einmal in mein Zimmer und zog mich um. Danach rannte ich die Treppe runter und zu meinem Fahrrad. Ich schaffte es dann auch pünktlich am Treffpunkt zu sein.

Michael und Katrin waren aber noch nicht da. Unser Treffpunkt lag mitten im Wald an einer umgestürzten Kiefer, etwa auf halber Strecke zu Jacks Zuhause. Ich stieg vom Fahrrad, das ich an eine umgestürzte Kiefer anlehnte. Suchend blicke ich mich nach meinen Freunden um und bemerkte dabei, dass es sehr still war.

Mit Still meine ich, nicht mal ein Vogel war zu hören. Nur der Wind in den Blättern war zu hören und das Knarren der Bäume, wenn sich diese im Wind bewegten. Seltsam. Ich wusste nicht warum, aber mich überfiel wieder dieses eigenartige Gefühl, mir wurde flau im Magen und ich bekam eine Gänsehaut.

Immer noch suchend blickte ich mich um und entdeckte eine kleine Lichtung, die mich magisch anzog. Zögernd ging ich darauf zu. Irgendetwas stimmte nicht, es war zu still im Wald. Eine Stimme rief immer wieder in mir `Kehr um. Geh zurück. Warte auf die anderen. `

Aber die Neugier trieb mich voran und dann stand ich am Rand der Lichtung. Etwas weiter in der Mitte lag etwas. Ich konnte es nicht genau erkennen und so ging ich darauf zu.

Als ich näher kam hörte ich Fliegen summen.

Mir stieg ein übel riechender Geruch in die Nase. Ich war noch etwa einen Meter entfernt, als ich erkennen konnte, dass es sich bei diesem Objekt einmal um ein Reh gehandelt haben musste. Ich ging einen Schritt näher, um mehr erkennen zu können. Dem Reh war der Bauch komplett aufgerissen worden und eine der Hinterläufe fehlte. Selbst der Hals war mit Bissspuren übersäht.

Ich fing an zu schlucken und mein Magen zog sich wieder zusammen. Im gleichen Augenblick übergab ich mich. Mein Magen beruhigte sich dann wieder etwas, am Liebsten wäre ich von diesem Ort verschwunden. Aber die Neugier war dann doch größer und sah mir dann doch noch mal das Reh etwas genauer an.

Dabei entdeckte ich etwas im Gras. Ein Fellbüschel, das dort nicht hingehörte, lag neben dem Reh. Ich bückte mich und hob es vorsichtig auf. und sah es mir genauer an. Die Haare waren definitiv zu lang für ein Tier. Es war Sommer und in dieser Jahreszeit hatte kein Tier ein so langes Fell. Als ich mich wieder erhob, sah ich mich noch einmal um. Um das Reh herum waren Kampfspuren im Gras zu erkennen. Das Reh musste bis zuletzt versucht haben, seinem Angreifer zu entkommen. Aber es hatte es nicht geschafft.

„Hallo Marc. Was machst Du da?“

Ich zuckte zusammen und drehte mich in die Richtung aus der die Stimme kam. Es war Michael der am Rand der Lichtung stand und zu mir sah.

„Komm her, sieh Dir das mal an!“

Michael lief daraufhin zu mir und sah das Reh.

„Oh Sch….. ich glaub mir wird schlecht!“

Im gleichen Moment übergab sich auch Michael. Als auch Michael Magen sich beruhigt hatte, ging ich zu ihm.

Als ich bei ihm war sagte ich leise: „So ungefähr sollen unsere Rinder auch ausgesehen haben, laut meinen Brüdern. Ich weiß nicht oder besser gesagt ich frage mich ob es richtig ist was wir machen?“

„Man wir können doch nicht tatenlos zusehen.“

Ich nickte und blickte kurz noch einmal zu dem Reh..

„Los komm, Katrin wartet bei den Rädern.“

Michael klopfte mir dabei auf den Rücken. Dann machten wir uns auf den Weg zurück zu unseren Fahrrädern, wo Katrin auf uns wartete. Katrin sah uns mit einem fragenden Blick entgegen. Michael erzählte ihr kurz von dem Reh.

„Ich habe etwas bei dem Reh gefunden.“

Ich hielt Katrin das Fellbüschel hin.

„Na bitte, ein erster Anhaltspunkt.“

Sie sah sich die Haare näher an und meinte dann: „Marc ist Dir aufgefallen wie lang die sind? So ein Fell hat doch im Sommer kein Tier.“

Daraufhin nahm sie eine kleine Dose aus Ihrem Rucksack und steckte die Haare hinein.

„Los Leute wir wollten zu Jack“, kam es ungeduldig von mir.

„Richtig na dann los.“

Damit nahm Katrin ihr Fahrrad und wir fuhren los. Nach einer halben Stunde waren wir bei der Jacks Farm angekommen. Ich lehnte mein Fahrrad an den Zaun und ging auf das Wohnhaus zu, die andern beiden folgten mir.

Schon von weitem sah ich Jack auf der Treppe vor der Haustür sitzen. Er sah ziemlich traurig aus und ließ seinen Kopf hängen. Mir wurde es richtig schwer ums Herz, ihn so zu sehen. Ich mochte Jack vom ersten Augenblick an, als ich ihn sah.

Mochte?? Ich grinste in mich hinein. Nein ich hatte mich damals Hals über Kopf in Jack verliebt. Bis heute hatte ich aber nicht den Mut gehabt, Jack meine wahren Gefühle für ihn zu offenbaren. Jack sah zu mir auf, als ich bei ihm angekommen war.

„Hi, Jack wie geht’s Dir?“

Fragend sah ich Jack dabei an.

„Wie soll es mir gehen? Es war entsetzlich!“

Mit diesen Worten sprang er auf und wollte sich umdrehen. Bevor Jack weglaufen konnte war ich an seiner Seite und nahm ihn in die Arme.

„He, ist doch ok! Ich habe mir Sorgen um Dich gemacht.“

Am Liebsten hätte ich ihn für immer in meinen Armen gehalten. Ich ließ Jack nur ungern wieder los.

„Na los, lasst uns reingehen!“

Daraufhin drehte Jack sich in Richtung Haustür und ging rein. Wir folgten ihm schweigend.

Kurze Zeit später standen wir im Wohnzimmer. Katrin und Michael setzten sich auf das Sofa, ich auf einen der Sessel und Jack selber setzte nahm in einen großen Ohrensessel der an einem Kamin stand Platz.

Jack sah uns schweigend an. Ich fand, dass er etwas erleichterter aussah, nachdem wir bei ihm waren.

„Sorry Jack, aber was ist denn genau gestern passiert?“, fragte Katrin.

Ich sah zu Jack und jetzt erst sah ich die Schatten unter seinen Augen. Er sah ziemlich fertig aus. Ich fragte mich wie Jack das ganze überhaupt verkraftet hatte. Jack holte tief Luft, da wir alle drei wussten, dass sein Stiefvater ihn nicht mochte und bei jeder Gelegenheit schlug, erzählte er alles was an dem Abend passiert war.

Als er endete, sprach keiner von uns ein Wort. Ich stand auf und setzte mich zu Jack und nahm ihn wieder in die Arme.

„Wo ist eigentlich Deine Mutter?“ fragte ich.

„Sie wurde vom Arzt ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hat einen Schock und ist nicht ansprechbar.“

„Pass auf, pack ein paar Sachen zusammen. Du kommst mit zu mir nach Hause. Meine Eltern werden nichts dagegen haben, wenn Du erst mal bei uns wohnst.“

Jack sah mich dankbar an und konnte nur nicken. Ich hatte das empfinden, dass Jack erst jetzt klar wurde, wie viel Glück er und seine Mutter gestern Nacht hatten. Katrin ging mit Jack in sein Zimmer, um beim packen seiner Sachen zu helfen.

Ich und Michael waren derweil zum Stall gegangen um uns den Ort anzusehen an dem gestern Jacks Stiefvater starb.

Als wir am Stall ankamen mussten wir erstmal unter ein paar Polizeiabsperrbändern hindurch krabbeln. Danach holte ich noch mal tief Luft, bevor wir hineingingen. Was uns erwartete war grauenhaft.

Obwohl die Kühe sowie auch die Überreste von Jacks Stiefvater schon abgeholt waren, waren die Wände teilweise noch mit Blut bespritzt. Ein süßlicher, Ekelerregender Geruch hing in der Luft.

Überall lag zersplittertes Holz herum und die Tür die zur Weide hinausführte war komplett aus ihren Angeln gerissen worden und lag mitten in der Scheune.

„Man wie muss das hier gewütet haben.“

Michael sah sich weiter um und ich auch.

„Marc, komm mal her. Ich glaube hier ist auch so ein Büschel Haare, das genauso aussieht wie das, welches Du im Wald neben dem Reh gefunden hast.“

Ich ging in die Richtung aus der Michaels Stimme kam. Als ich bei ihm war, betrachtete ich das Stück Holz, das Michael in der Hand hielt und bemerkte das Fellbüschel

„Stimmt die sehen genauso aus. Na los, nimm sie mit. Die werden wir Katrin geben. Vielleicht weiß sie was wir damit machen können“, sagte ich zu Michael.

Michael nahm daraufhin die Haare vorsichtig in die Hand und betrachtete diese.

„Komm Michael, lass uns gehen! Es reicht was ich hier gesehen habe.“

Ich wollte so schnell wie nur möglich aus dem Stall raus. Mir war schlecht und ich merkte wie sich mein Magen zusammenzog. Wir rannten daraufhin so schnell wir konnten aus dem Stall.

Als wir endlich vor dem Stall standen, sahen wir Katrin und Jack vor dem Haus stehen.

„Und wie sieht es da aus? Ich war, seit dem das passiert ist, nicht mehr da drinnen“, flüsterte er.

„Ist besser so, dass du da nicht hineingegangen bist. Los kommt dann fahren wir erstmal zu mir“, sagte ich und wir machten uns auf den Weg.

Michael gab Katrin vorher noch die Haare, die wir im Stall entdeckt hatten. Zuhause bei mir angekommen, ging ich erst einmal meine Mutter suchen. Die anderen gingen schon voraus in mein Zimmer.

„Mum, bist Du da?“

„Ja ich bin in der Küche!“

Meine Mutter sah mich fragend an als ich in die Küche trat.

„Mum Du hast doch bestimmt schon gehört was bei Jack heute Nacht passiert ist.“

Sie nickte nur mit einem traurigen Gesichtausdruck.

„Ja und da Jack`s Mutter im Krankenhaus liegt, haben wir ihn kurzerhand hierher mitgenommen. Wir dachten das er erst mal, bis seine Mutter wieder gesund ist bei uns bleiben kann?“ sagte ich weiter.

„Man Marc was für eine blöde Frage! Natürlich kann DEIN BESTER FREUND Jack erst einmal bei uns bleiben, bis es seiner Mutter etwas besser geht! Wir wollten ja auch schon zu ihm fahren und ihn holen.

Aber wir kamen bis jetzt nicht dazu. Unsere Nachbarn hatten Ärger mit einer kalbenden Kuh. Wir waren bei Ihnen und haben bei der Geburt mitgeholfen.“

Lächelnd sah mich meine Mutter an. Warum betonte Sie denn „DEIN BESTER FREUND“ so?

Ich wollte darüber jetzt nicht weiter nachdenken und sagte nur zu meiner Mutter: „Alles klar Mum, wir sind dann oben in meinem Zimmer!“

„OK. Es gibt in einer halben Stunde Abendbrot. Katrin und Michael sind dazu herzlich eingeladen. Dein Bruder wird sie danach nach Hause bringen, er wollte sowieso noch zu seiner Freundin Silvia.“

Ich rannte so schnell ich konnte nach oben, aber mitten auf der Treppe stand Michael im Weg, so dass ich stehen bleiben musste.

„Wieso stehst Du denn hier und bist nicht in meinem Zimmer?“ fragend sah ich ihn an.

„Ich muss kurz mit Dir sprechen Marc! Es ist wichtig!“

Michael sah mich dabei sehr ernst an.

„Na dann leg mal los! Jack wartet auf uns!“

Grosses Fragezeichen, was wollte er mir denn so wichtiges sagen?

„Marc, ich und Katrin haben mal etwas über Dich und Jack gesprochen. Und nun ja…“, druckste er rum und wich dabei meinem Blick aus.

Ich runzelte die Stirn.

„Ja und was habt ihr über uns gesprochen?“

„Na ja sieh mal wir sind doch schon so lange Freunde und wir kennen uns in und auswendig. Bevor Jack hier herzog wurdest Du immer ruhiger. Selbst mit uns hast Du einige Zeit kaum ein Wort gewechselt. Jedenfalls haben wir bemerkt, dass seitdem Jack hier wohnt, du wieder viel gesprächiger wurdest und aus deinem Schneckenhaus raus gekrochen kamst. Dazu kommt noch wie Du Jack ansiehst und Jack Dich. Ja da liegt mehr in euren Blicken wenn ihr euch anseht als es nur Freunde tun. Was ich sagen wollte egal was zwischen euch ist, oder was Du für Jack und umgekehrt empfindet. Wir stehen immer zu Euch und vergiss nicht wir sind EURE Freunde!“

Ich sah Michael immer noch an und konnte es kaum fassen was Michael mir da sagen wollte. Scheiße, dachte ich. Ich habe doch Jack nie lange angesehen oder irgendetwas anderes getan, was auffällig war.

Und was hatte er von Jack eben gesagt, er würde mich auch so ansehen als ob? Ich verstand die Welt nicht mehr. Aber ich hatte jetzt keine Zeit weiter darüber zu philosophieren, erst einmal musste ich nach Jack sehen.

Ich nahm allen Mut zusammen und sah Michael in die Augen.

„Sagen wir mal -rein rhetorisch- es wäre was dran an euren Überlegungen, wäre es schlimm?“

„Also Marc, das ist die hirnloseste Frage die Du je gestellt hast. Ich habe eben zu verstehen gegeben, dass ich und Katrin glücklich wären, wenn ihr endlich euch eure Gefühle gesteht. Und jetzt wo Jack Dich am meisten braucht wird es auch Zeit den ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Und das heißt geh auf ihn zu und versuch ihm Deine Gefühle für ihn rüberzubringen. Und sag jetzt bitte nicht, es ist der falsche Zeitpunkt. Sag es ihm!“

Ich nickte und blickte Michael dankbar an.

„Danke Du bist und wirst immer mein bester Freund bleiben. Egal was passiert!“

„Und Du sprichst mit Jack?“

„Ja das werde ich! EHRENWORT!“

Daraufhin gingen wir gemeinsam zu meinem Zimmer. Als ich die Tür aufmachte sah ich Jack, der auf meinem Bett saß. Katrin stand am Fenster und hatte sich zu uns umgedreht.

„So Leute, Katrin und Michael ihr werdet nach dem Abendessen von meinem Bruder mitgenommen. Er bringt euch nach Hause und Jack, du bleibst erst mal hier solange deine Mutter im Krankenhaus ist.“

Jack sah mich dankbar an.

„Oh, ich muss nur kurz zu Hause anrufen sonst machen die sich noch Sorgen“, sagte Katrin und rannte, gefolgt von Michael, der vor sich hingrummelte, das er auch zu Hause Bescheid sagen musste, nach unten.

Somit waren ich und Jack alleine im Zimmer. Er sah so verlassen aus, das ich nicht anders konnte und auf ihn zu ging.

„Jack es wird alles gut. Ich bin für Dich immer da. Du bist…“ ich stockte denn Jack sah plötzlich zu mir auf und eine Träne rollte seine Wange runter.

Er sah in dem Augenblick so zerbrechlich und so unendlich traurig aus, dass ich nicht anders konnte als ihn in den Arm zu nehmen. Kurz darauf kamen Katrin und Michael zurück. Michael half mir dann das Gästebett vom Dachboden zu holen und gemeinsam bauten wir dieses in meinem Zimmer auf.

Danach berichteten wir Jack dann, was wir im Internet gefunden hatten. Jack selber sah uns, nach dem er alles gehört hatte ziemlich ungläubig an.

„Marc, kommt ihr bitte runter, das Essen ist fertig.“ rief meine Mutter von unten.

Somit gingen wir hinunter in die Küche, wo der Rest meiner Familie schon am Tisch saß. Erstmal gab es ein Hallo von allen. Mein Vater sowie meine Mutter nahmen Jack erstmal in den Arm und drückten ihn.

Nachdem wir mit dem Essen fertig waren, kam mein Vater auf das Thema, was gestern bei Jack passiert war, zu sprechen. Nachdem Jack stockend, alles noch einmal erzählt hatte, war es erstmal still in der Küche.

„Man das hätte ich beinah vergessen“, sagte Katrin plötzlich, sprang auf und rannte in den Flur.

Kurz darauf war sie wieder da mit ihrer Dose in der Hand.

Zu meinem Vater gewandt sagte sie dann:„Die Haare haben wir gefunden. Einmal im Wald bei einem toten Reh und die anderen in dem Stall bei Jack zu Hause.“ und gab ihm die geöffnete Dose.

Mein Vater sah sich den Inhalt der Dose an und meinte dann: „So was habe ich noch nie gesehen. Solche Haare. Zu welchem Tier sollen die denn gehören?“

Danach entbrannte eine hitzige Diskussion über die Haare und deren Ursprung. Jeder sah sich die Haare dann an. Aber keiner konnte es irgendeinem Tier zuordnen. Mein Bruder Tim schaute plötzlich auf die Uhr und dann zu Katrin und Michael.

„So nun wird es aber Zeit das ihr nach Hause kommt. Ihr müsst morgen in die Schule!“

Katrin und Michael verabschiedeten sich und gingen mit meinem Bruder zu seinem Pickup, auf den die Fahrräder gelegt wurden. Nachdem sie abgefahren waren, gingen Jack und ich in mein Zimmer, um uns hinzulegen.

Wir waren beide ziemlich fertig, also zogen wir uns um und gingen zu Bett. Ich wollte gerade die Nachttischlampe ausschalten, als Jack sich auf mein Bett setzte und mich ansah.

„Marc ich muss Dir etwas Wichtiges sagen. Gestern Nacht dachte ich, es wäre mit mir zu Ende und ich habe mir geschworen, Dir die Wahrheit zu sagen. Auch wenn Du mich vielleicht danach hassen wirst.“

Jack sprach sehr leise. Was will er mir sagen? Es gingen so viele Gedanken in meinem Kopf rum und ich wartete darauf was er mir sagen wollte. Also schwieg ich.

„Ich liebe Dich. Ich hab mich gleich am ersten Tag wo wir uns kennen lernten, in Dich verliebt. Nun weißt Du es und jetzt kannst Du mich rausschmeißen.“

Bei diesen Worten rannten ihn immer mehr Tränen die Wangen hinunter und ich? Ich konnte es nicht fassen. Vor lauter Glück bekam ich keinen Ton heraus. Ich nahm ihn in meine Arme. Jack zuckte dabei zurück, aber ich ließ ihn nicht los, sondern drückte ihn nur noch fester an mich.

„Ich liebe Dich auch, und wie. Mir ging es nicht anders!“, sagte ich dann leise zu ihm.

Mehr konnte ich nicht sagen, doch ich fühlte wie Jack sich fest an mich klammerte.

„Ich hatte solche Angst und jetzt erfahre ich, dass Du genau die gleichen Gefühle für mich hast. Hätten wir viel eher den Mut gehabt uns das einzugestehen, wären wir schon längst zusammen.“

Bei diesen Worten sah Jack in meine Augen, ich sah in die seinen und unsere Lippen näherten sich, berührten sich erst zaghaft und dann immer leidenschaftlicher. Man, war das ein Kuss. Mein Herz machte Salto mortale.

Aber Jack schien doch ziemlich fertig zu sein, denn er schlief kurz nachdem unsere Lippen sich getrennt hatten in meinen Armen ein.

„Guten Morgen Marc. Komm steh auf Du musst zur Schule und lass Jack schlafen!“

Als die Tür zuging, wurde mir bewusst, dass ja Jack noch neben mir lag. Oh Shit .Meine liebe Mutter musste uns gesehen haben. Super. Leise stand ich auf, machte mich fertig und ging runter in die Küche.

Ich hatte ein echt mulmiges Gefühl im Bauch und auch einen riesen Bammel davor, meiner Mutter gegenüber zu treten.

„Morgen Mum.“

„Morgen mein Liebling. Beeil Dich, der Schulbus kommt gleich.“

„Mach ich.“

Man immer dieser Stress am Morgen.

„Du Mum, da ist noch etwas!“

„Was denn?“

„Jack konnte gestern nicht einschlafen, daher ist er gestern in mein Bett gekommen. Wir sind wohl beide dann eingeschlafen!“

„Ist schon gut, mein Schatz! Nun beeil Dich!“

Lächelnd sah mich meine Mutter dabei an. Als ich mit dem Frühstück fast fertig war, hörte ich von draußen ein Hupen.

„Das muss der Schulbus sein. Also tschüss Mum und pass mir ja auf Jack auf.“

„Na klar auf dein Herzblatt werde ich schon achten!“

Da ich schon beim Rausstürmen zum Schulbus war, konnte ich über die Worte erst während der Fahrt nachdenken. Als mir der Sinn der Worte klar wurde, war mir erst mal richtig schlecht.

Katrin und Michael saßen wie immer hinten und grinsten mir schon entgegen.

„Morgen Leute!“ und ich setzte mich neben die beiden.

„Wo ist Jack?“ Katrin sah sich suchend nach Jack um.

„Der Gute schläft noch. Ist auch besser, so kann er sich erstmal etwas ausruhen. Er war ziemlich fertig gestern Abend.“

„Glaub ich. Gut Leute aber wir müssen weiter suchen. Der nächste Vollmond kommt und dann geht, wenn wir in unserer Annahme richtig liegen, der Horror weiter!“, sagte Katrin zu uns.

„Na super, Katrin und wie wollen wir weitermachen?“

Ich sah fragend Katrin an. Na bei dem Ausdruck in ihrem Gesicht war sie gestern, nachdem sie zu Hause war, wohl noch fleißig am Werke gewesen.

„Also ich habe gestern noch im Internet gestöbert und habe da noch Einiges gefunden. Wenn es wirklich ein Werwolf ist und der Horror vor sechs Wochen begann, dann kann es

sich eigentlich nur um einen Fremden handeln der seitdem in unserem Ort lebt.“

„Oder einer aus unserem Ort wurde irgendwann verletzt, beziehungsweise infiziert und ist wieder heimgekehrt in unser Nest!“, ergänzte ich.

„Na ja, wenn es sich um einen Fremden handeln sollte, bekomme ich das durch meine Mutter raus. Die ist schlimmer als eine Tageszeitung!“, sagte daraufhin Michael etwas zerknirscht.

„Und wenn einer wieder heimgekehrt ist, der länger nicht mehr hier war, dann bekomme ich das auch noch raus!“

Katrin und ich mussten lachen, denn Michaels Mutter war eine stadtbekannte Klatschbase.

„Ja manchmal ist es gut, so eine Mutter zu haben.“

Ich blickte dabei immer noch lachend Michael an.

Katrin sah tröstend Michael an: „Aber dafür hast Du uns ja, um Dir beizustehen.“

Danach wurde ich schweigsam und dachte über die Worte meiner Mutter nach. Dann waren wir auch schon an der Schule angekommen. Es passierte an dem Tag nichts Außergewöhnliches, außer das die örtliche Polizei Handzettel in der Schule verteilte.

Auf denen war zu lesen, wie wir uns erst einmal Verhalten sollten, solange das Raubtier in der Gegend herumlief. Endlich war die Schule aus und wir machten uns auf den Heimweg. Nachdem Michael versprochen hatte, von seiner Mutter noch heute die Informationen zu besorgen und wir uns für Samstag bei der alten Weide verabredet hatten, musste ich auch schon aussteigen.

Jack wartete schon an der Haustür.

„Hi, hast Du gut geschlafen?“ fragte ich als ich bei Jack ankam.

„ÖHHH…!“

Jack wurde dabei richtig rot im Gesicht.

Dann sah er sich schnell um und als Jack feststellte, dass uns niemand sah, nahm mich Jack in seine Arme und gab mir einen Kuss, so dass mir ganz anders wurde. Danach gingen wir nach oben in mein Zimmer.

„Jack ich muss noch den Stall, sauber machen.“

„Brauchst Du nicht, das habe ich mit deiner Mutter schon gemacht. Sag mal, deine Mutter meinte nur, dass sie sich so einen Schwiegersohn wie mich schon immer gewünscht hat. Weiß sie über uns Bescheid?“

Irritiert sah ich Jack an

„Sie hat heute früh auch so etwas gesagt, – Sie wird schon auf mein Herzblatt achten-“

Wir sahen uns an und mir war gar nicht wohl zumute. Ich hatte eine Heidenangst davor, was meine Eltern mit mir machen würden, wenn es raus käme das ich schwul bin. Bevor ich mir noch andere Gedanken machen konnte, klopfte es an der Tür.

„Ja herein!“ sagte ich.

Die Zimmertür ging auf und meine Eltern standen mit einem besorgten Blick im Türrahmen.

„Ist was passiert?“ fragend sah ich sie an.

„Jack wir müssen mit Dir sprechen, wegen Deiner Mutter!“ dies sagte meine Mum so ernst, das ich dabei eine Gänsehaut bekam.

„Was ist mit ihr?“ fragte Jack mit zitternder Stimme.

„Jack, deine Mutter hat das ganze nicht verkraftet und ist heute früh im Krankenhaus an Herzversagen verstorben. Ich weiß nicht was sie an dem Abend bei Euch gesehen hat, aber es muss schrecklich gewesen sein.“

Meine Mum war dabei auf Jack zugegangen und hatte ihn in ihre Arme genommen. Er schluchzte laut los.

„Komm Marc wir gehen runter und lassen die beiden alleine.“

Mein Vater sah mich dabei an und ich konnte nur nicken.

„Nein!“, kam es plötzlich von Jack.

„Marc ich brauche Dich, bitte bleib bei mir.“

Mein Vater machte leise die Tür zu und ich ging auf Jack und meine Mum zu.

„Pass auf ihn auf. Er hat sonst niemanden mehr!“

Mit diesen Worten drückte sie mich kurz und ging auch aus dem Zimmer. Jack weinte und ich weinte mit ihm! Ich wusste nicht wie lange wir auf meinem Bett saßen. Nach und nach wurde Jack ruhiger und schlief an meine Schulter gelehnt ein.

Ganz langsam stand ich auf und legte Jack in mein Bett. Dann ging ich leise runter in die Küche. Dort saßen meine Eltern und sahen mich traurig an.

„Ist er eingeschlafen?“ fragte meine Mum.

Ich konnte nur nicken.

Ein dicker Kloß verschloss meinen Hals und Tränen traten wieder in meine Augen.

„Komm Junge setz dich zu uns“, sagte mein Vater.

„Was wird jetzt aus Jack?“

Fragend sah ich meine Eltern an.

„Die Polizei und das Jugendamt haben schon mit uns gesprochen. Er wird erst einmal bei uns bleiben, oder sollte ich sagen bei Dir?“

Meine Mutter sah mich dabei lächelnd an und mein Vater verdrehte die Augen.

„Mmhh… wie meinst Du das?“

Mein Blick wanderte zu meiner Mutter und wartete auf eine Antwort.

„Marc wir lieben Dich und wenn Du nun vielleicht… wie soll ich sagen Jungs eher magst als Mädchen, dann ist es auch ok!“

Ungläubig wanderte wieder mein Blick abwechselnd meine Mutter und dann meinen Vater an. Mir kamen die Tränen und ich erzählte stammelnd was ich für eine Angst vor Ihrer Reaktion gehabt hatte.

Als ich mir alles von der Seele geredet hatte, ging es mir schon viel besser.

Meine Eltern hörten mir nur zu und dann kam es von meiner Mutter: „Marc hätten wir gewusst was du durchgemacht hast, hätten wir schon viel eher das Gespräch gesucht!“

Mir stiegen Tränen in die Augen.

„Ich hätte aber auch viel eher mit euch sprechen sollen! Ich habe euch so lieb!“

Daraufhin kam mein Vater auf mich zu und nahm mich in die Arme:“ Ich hab Dich ganz doll lieb mein Kleiner und das wird immer so bleiben! UND NIE WIEDER GEHEIMNISSE!! Versprochen?“

Ich konnte nur noch nicken.

„So nun aber ab mit Dir ins Bett! Du musst morgen auf dem Hof mithelfen! Das heißt Du musst ausgeschlafen sein!“

Mit diesen Worten ließ er mich los und ich drückte meine Mum auch noch ganz doll. Ich war so glücklich, dass endlich das Versteckspiel zu Ende war. In meinen Gedanken hätte ich die ganze Welt umarmen können, vor lauter Glück.

Dann ging ich nach oben in mein Zimmer. Jack lag in meinem Bett, immer noch so, wie ich ihn verlassen hatte. Ich zog meinen Schlafanzug an und kuschelte mich dann an Jack. So schlief ich dann auch ein.

4.Teil Informationen sammeln

Irgendetwas kitzelte mir im Gesicht und ich versuchte dieses etwas aus dem Gesicht zu wischen. Aber irgendwie gelang mir das nicht und ich öffnete meine Augen. Zwei strahlende Augen sahen mich an.

„Morgen mein Schatz!“

Jack strahlte mich mit einem Lächeln an.

„Wie geht’s Dir.“

„Wie schon, wenn man neben Dir Schnarchbär schlafen muss! Nein mir geht’s besser und Dich habe ich zum fressen lieb!“

Dabei grinste er mich an. Oh man, wie ich ihn liebe. Ich fragte mich schon wieder, warum haben wir uns nicht eher das eingestanden, was wir für einander empfanden.

„Ach eh ich es vergesse, meine Eltern werden versuchen das Du bei uns bleiben kannst.“

„Ist mir etwas entgangen?“, fragte Jack.

„Als Du gestern eingeschlafen warst, bin ich noch mal runter und wir haben über Dich und mich gesprochen.“

„Wissen es Deine Eltern?“

Ich nickte.

„So wie es aussieht hat meine Mutter schon länger geahnt, dass da noch andere Gefühle zwischen uns waren als nur freundschaftliche. Und ja, sie wissen es.“

„Umso besser. Dann brauchen wir uns wenigstens hier nicht zu verstellen.“

Glücklich sah Jack mich an und dann kam das aller schönste an diesem Morgen. Er küsste mich und seine Hände begannen meinen Oberkörper zärtlich zu streicheln. Oh man war das schön.

Aber wie heißt es so schön, wenn es am Schönsten wird dann stört immer einer und der jemand war meine geliebte Mutter.

„Marc, Jack aufstehen Frühstück ist fertig!“, rief meine Mutter von unten durch das ganze Haus.

Wir standen also auf und machten uns im Bad erstmal tageslichttauglich. Danach ging es ab in die Küche. Vorher nahm ich nochmals Jack in meine Arme und gab ihm einen langen Kuss.

Die ganze Familie hatte sich schon in der Küche eingefunden, als wir beide diese betraten.

„Morgen Leute!“, grüßte ich und Jack fast gleichzeitig und setzten uns an den Tisch.

„Und Jack wie geht es Dir?“, fragte mein Mutter Jack.

„Es geht. Ich weiß nur nicht, wie es weitergehen soll!“

„Mach Dir keine Sorgen, wir werden schon einen Weg finden Dir zu helfen!“, meinte daraufhin meine Mutter.

„So Leute nun beeilt euch mal, wir haben noch viel zu tun!“, sagte mein Vater und sah in die Runde.

Dann verteilte mein Vater beim Frühstück unsere Aufgaben. Ich musste den Stall ausmisten, echt toll vor allen Dingen wenn man weiß, wie man danach riecht. Jack sollte meiner Mutter etwas helfen und meine Brüder sollten die Rinder auf die Weide treiben und die Zäune kontrollieren.

Nachdem wir gefrühstückt hatten, machten wir uns an unsere Arbeit. Gegen Mittag war ich dann fertig und ging zum Haus zurück. Dort angekommen, kam Jack gerade heraus um die Anderen zum Mittagessen zu holen.

„He warte, ich komme mit. Ich kann Dich doch hier nicht alleine Rumrennen lassen!“, sagte ich lachend zu Jack.

„Nee lass mal, so wie du riechst brauchst du erst mal ne Dusche und frische Wäsche. Ich werde sie schon auf der Weide finden.“

Mit diesen Worten verschwand Jack auch schon in Richtung Weide. Ich sah auf meine Uhr, man schon so spät. Es war 12:30 Uhr und um 15:00 Uhr wollten wir uns mit Katrin und Michael an der alten Weide treffen.

Also spurtete ich nach oben unter die Dusche und zog mir danach saubere Wäsche an. Kurz darauf, rief meine Mutter auch schon zum Mittagessen. Beim Essen fragte mich meine Mutter, ob wir für heute noch etwas geplant hatten in Bezug auf Freizeit.

Ich erzählte ihr, das wir mit Katrin und Michael verabredet waren und uns gegen 15:00Uhr treffen wollten. Nach dem Essen, ging ich mit Jack nochmals hoch in unser Zimmer. Dort legte ich mich erstmal hin, da ich doch etwas fertig war vom ausmisten. Ich war wohl kurz eingeschlafen, denn Jack weckte mich.

„Marc wir müssen langsam los, wenn wir pünktlich sein wollen!“, sagte leise Jack zu mir.

„Och man ich habe so schön geschlafen!“, murmelte ich noch total verschlafen.

Jack fing daraufhin an mich abzukitzeln. Ich bekam vor lauter Lachen kaum noch Luft.

„Bitte Jack, hör auf. Ich steh ja schon auf!“

Jack ließ daraufhin von mir ab und ich stand auf. Ich ging noch mal kurz in das Bad und danach konnten wir dann auch los. Wir holten unsere Fahrräder und machten uns auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt.

Als wir den Feldweg lang radelten, in Richtung der alten Weide, sah ich mich etwas um. Mir war nie aufgefallen, wie einsam unser Hof doch lag und das machte mir wieder Angst. Was wäre wenn das Tier uns im Haus anfallen würde?

Wir hätten kaum Chancen schnell Hilfe zu holen.

Jack, der bemerkte, dass ich etwas langsamer wurde, fragte: „Woran denkst Du Marc?“

Ich erzählte ihm daraufhin, an was ich eben gedacht hatte und er meinte, dass ich mir keine Sorgen machen sollte. Schön gesagt, aber wie ist es mit der Umsetzung in die Realität wenn man weiß das dieses Vieh schon einen Menschen auf den Gewissen hatte. Auch wenn es nicht schade war um denjenigen.

Als wir an der alten Weide ankamen, warteten schon Katrin und Michael auf uns.

„Na Michael, hat Deine Mutter was erzählen können?“, fragte Jack auch gleich.

„Und ob. Wir haben einen Neuzugang im Ort und zwar einen Langzeiturlauber, der seit acht Wochen hier im Hotel abhängt. Ziemlich komische Person, sagt meine Mutter. Sie ist ihm einmal begegnet auf dem Weg zu unserem einzigen Supermarkt. Hat ihn wohl gegrüßt, aber er ist gleich auf die andere Straßenseite gewechselt. Ja und dann ist da noch ein Karl Smith, der vor kurzem wieder von der Armee zurückgekommen ist. Ist wohl verletzt worden und wurde daraufhin aus der Armee entlassen“, antwortete Michael.

„Na super und was machen wir jetzt?“, fragte ich in die Runde.

„Na, was wohl!“, kam es von Katrin.

„Wir werden uns Karl Smith als Ersten vornehmen und herausbekommen, was er für eine Art von Verletzung hat oder hatte. Um den anderen kümmern wir uns später“, redete Katrin weiter.

„Und wie wollen wir das anstellen?“, fragte Jack dazwischen.

Mir fiel noch was ein.

„Was ist eigentlich mit den Haaren, die wir gefunden haben. Könnte man die nicht untersuchen lassen?“

„Die hab ich gestern schon eingeschickt. An die Uni in Dublin, wo ein Professor der Anthropologie diese analysiert. Ich habe ihm ein paar Fotos per Mail geschickt und daraufhin war er sehr interessiert herauszubekommen, anhand der Haare, um welches Tier es sich handelt.“

Also wenn man Katrin so hörte könnte man denken, sie hat alles schon tausendmal durchexerziert.

„So Leute und ich habe Dich Marc und mich schon bei Karl Smith für heute angekündigt.“

Was? wie bitte? Katrin hatte schon den ersten Schritt in Richtung Zielperson finden geplant.

„Und wann soll das Gespräch starten?“, fragte ich.

„In einer halben Stunde, mein lieber Marc!“, grinsend sah mich Katrin an.

„Na dann los, sonst schaffen wir es nicht mehr“, sagte ich verwirrt und nahm mein Rad.

„He und was machen wir?“

Fragend sahen Jack und Michael, Katrin an.

„Ihr steht in der Nähe Schmiere. Vielleicht brauchen wir eure Hilfe“, meinte Katrin auf die Frage.

So nahmen wir unsere Räder und radelten in Richtung Livington. Dort angekommen, schwenkte Katrin in eine Nebenstrasse und hielt dort an.

„So das Haus ist dahinten, die Nummer 22. Dort wohnt Karl Smith mit seiner Mutter. Ihr wartet hier. Wenn wir in einer Stunde nicht wieder da sind, kommt ihr nach und fragt nach uns. Alles klar?“

Jack und Michael nickten und kurz darauf machte ich mich mit Katrin auf den Weg zum Haus. Ich sah mir beim näher kommen, das Haus etwas genauer an. Das Haus sah ungepflegt aus, als ob schon lange nichts mehr repariert wurde.

Die Regenrinne am Haus hing etwas herab und auf dem Dach fehlten schon einige Dachziegel. Alles in allem gesehen sah das Haus nicht gerade einladend aus. Vor dem Haus angekommen, drückte Katrin den Klingelknopf, der draußen am Haus angebracht war.

Das die Klingel nicht gleich abfiel, verdankte sie wohl dem Nagel an der diese mit etwas Draht befestigt war. Kurz darauf hörten wir Schritte hinter der Tür. Die Tür ging quietschend auf und eine ältere Dame schaute uns ängstlich an.

„Ja bitte!?“, fragte sie uns mit einer etwas piepsigen Stimme.

„Guten Tag, wir wollten zu ihrem Sohn Karl Smith, er erwartet uns“, antwortete Katrin ihr.

„Ach ihr seid die, auf die er wartet. Na dann mal rein.“

Mit diesen Worten öffnete sie die Tür etwas weiter, so dass wir eintreten konnten. Als wir im Flur standen, ging die alte Frau an uns vorbei und sagte nur, dass wir ihr folgen sollten. Das taten wir dann auch.

Es roch muffig im Flur, als ob hier schon lange keiner mehr richtig sauber gemacht hatte. Vor einer Tür, die ganz bestimmt mal wieder einen neuen Anstrich gebraucht hätte, blieb sie stehen und drehte sich zu uns.

„So da wären wir. Er erwartet euch schon! Wollt ihr einen Tee haben?“

Wir nickten beide.

„Na dann bringe ich euch gleich den Tee. Hab gerade welchen aufgesetzt!“

Damit ging sie den Flur weiter und verschwand hinter einer der Türen. Ich sah erst mal zu Katrin, diese ging auf die Tür zu und klopfte.

„Herein!“ kam es aus dem Raum.

Katrin öffnete die Tür und trat in das Zimmer. Ich folgte ihr. Der Raum, den wir betraten war spärlich eingerichtet. Es stand ein Bett in der einen Ecke und an der gegenüberliegenden Wand stand ein Schrank.

In der Mitte des Zimmers stand ein schmaler Tisch an dem zwei Stühle standen. Der Tür gegenüber war ein Fenster und vor diesem saß in einem Rollstuhl ein Mann, der aus dem Fenster sah.

Als er den Rollstuhl zu uns umdrehte, hielt ich kurz den Atem an. Das Gesicht des Mannes war von eine riesigen Narbe durchzogen. Und die Nase, wenn man diese noch so bezeichnen konnte, war nur noch ansatzweise zu erkennen.

„Ja ich weiß, ich sehe furchtbar aus. Es kommt fast nie einer her, deswegen war ich neugierig warum ihr mich sprechen wolltet. Also?“

Als ich die Stimme hörte, bekam ich eine Gänsehaut. Auch das Zimmer war seltsam. Es war fast leer. Keine Bilder und auch keine Blumen verschönerten das Zimmer. Es war als ob man in eine Gruft hinab gestiegen war.

Katrin hatte wohl auch mit den Eindrücken zu kämpfen. Denn erst als Karl seine Frage wiederholte, antwortete Katrin.

„Ähmm ich bin Katrin Jakob und das neben mir ist Mark Westrum. Wir schreiben für die Schule einen Aufsatz über die Armee und ihre derzeitigen Einsätze. Als wir hörten, dass sie aus der Armee entlassen wurden, wegen einer Verletzung, dachten wir sie könnten uns einige Informationen geben.“

„Pahh Armee! Hört mir mit denen auf, erst haben sie uns in einer entlegenen Gegend ausgesetzt und dann sind wir, ich und meine Kumpane gleich in der ersten Nacht angegriffen worden.“

„Von wem sind sie denn angegriffen worden“, fragte Katrin neugierig.

„Von irgendeinem Stamm von Wilden die dort auf der Insel leben!“, antwortete Karl.

„Von Wilden? Wo waren sie denn? Bestimmt nicht in Europa!“, fuhr es mir raus.

„Jops wir waren auf einer der Sundainseln. Angeblich ein UNO Einsatz. Das Einzige, was mich gewundert hatte, war das bei dem Einsatz zwei Wissenschaftler und einen Arzt dabei waren. Die haben aber nicht viel erzählt. Der Arzt hat mich dort verarztet, sonst wäre ich verblutet.“

„Oh das tut mir leid!“

In dem Augenblick wo Katrin das sagte, klopfte es an die Tür.

„Ja Mutter, Du kannst reinkommen!“

Karl drehte seinen Rollstuhl dabei zum Fenster als die Tür aufging.

„So hier euer Tee. Karl ich habe Dir auch eine Tasse gemacht und etwas Kuchen habe ich auch dazugelegt.“

„Danke Mutter, du kannst uns wieder alleine lassen!“, sagte Karl ziemlich barsch.

„Ja, ja Junge ich geh ja schon!“

Damit ging sie ziemlich schnell wieder aus dem Raum und schloss die Tür.

„Entschuldigt, aber sie betuttelt mich als wäre ich senil. Auch wenn ich im Rollstuhl sitze kann ich noch denken und mich bewegen.“

Dabei fing er an, immer wütender zu werden.

„Schreibt ruhig wie sie mich abgeschoben haben und nichts außer einer kleinen Pension bekomme ich dafür. Dafür dass ich mir für die den Arsch aufgerissen habe!“

„Entschuldigen sie bitte, wir wussten ja nicht…“, meinte ich zu Karl.

„Nein, nein ist schon gut. Ihr könnt ja nichts dafür. So nun trinkt mal euren Tee und esst was von dem Kuchen.“

Damit drehte er sich wieder zu uns um und rollte mit seinem Rollstuhl zum Tisch. Am Liebsten wäre ich aufgestanden und hätte das Haus sofort verlassen. Aber da wir Informationen sammeln mussten, wie das Katrin so schön bezeichnete, musste ich noch etwas durchhalten.

Oder sollte ich sagen wir. Denn ein Blick auf Katrin sagte alles. Sie saß ziemlich verkrampft auf ihrem Stuhl.

„Na los Leute, nehmt euch ruhig ein Stück von dem Kuchen.“

Katrin und ich sahen uns an. Ich nahm dann ein Stück Kuchen in die Hand. Als ich davon ein Stück abbiss und darauf rumkaute, hatte ich das Gefühl als ob ich auf einem Stück Hundekuchen kauen würde. Ich nahm die Tasse Tee und versuchte damit dieses eklige Stück runter zubekommen.

„Sagen sie, haben sie einen der Wilden von Nahem gesehen?“

Fragend sah Katrin in Karls Richtung.

„Nee, haben uns ja im dunkeln Überfallen. Mein bester Kumpel wurde auch verletzt. Der ist vor kurzem hier aufgetaucht und wohnt zurzeit in einem Hotel. Den haben sie auch eine Pension gegeben.“

„Sagen sie, wie heißt denn Ihr Kumpel?“, fragte ich daraufhin.

„Pete Elmer. Aber wenn ihr denkt ihr könntet ihn auch ausfragen, dann vergisst es ganz schnell. Er redet nicht viel und wenn, dann nur mit mir. Na ja, wie auch immer, ich hoffe eure Neugierde befriedigt zu haben?“

Karl sah uns dabei fragend an und wir nickten zustimmend.

„Ich bin jetzt richtig fertig von eurer Fragerunde, ich brauch erst mal etwas Ruhe und in einer halben Stunde kommt Pete noch zu Besuch.“

„Entschuldigung, könnten sie mir noch eine einzige Frage beantworten?“

Katrin sah Karl flehentlich an.

„Na gut was möchtest Du denn wissen?“

Karl sah dabei Katrin lauernd an.

„Haben sie, als sie auf der Insel waren, irgendetwas Seltsames gesehen oder gehört?“

„Wenn Du mich so fragst, ja da war was Seltsames. Es stank barbarisch als wir angegriffen wurden und diese Wilden haben sich teilweise seltsam bewegt. Aber das kann auch nur Einbildung von meiner Seite gewesen sein. Der Blutverlust wenn ihr versteht. Also dann, jetzt müsst ihr aber gehen!“

Dann fing Karl an nach seiner Mutter zu rufen. Die Tür ging sofort auf, als ob sie vor der Tür gestanden hatte.

„Mutter, mein Besuch will dann gehen. Bring sie doch bitte zur Tür!“

Nachdem wie Karl das zu seiner Mutter sagte, war es in meinen Ohren keine Bitte sondern eher ein Befehl. Seine Mutter führte uns aus dem Zimmer und schloss danach die Tür.

„Kommt Kinder, ich bringe euch noch zur Tür!“

Als die alte Dame das zu uns sagte, hatte ich das Gefühl das ihre Stimme sich ziemlich verängstigt anhörte. Ich war ziemlich erleichtert, dieses Haus zu verlassen. Als wir aus dem Haus waren, atmete ich erstmal auf.

Wir verabschiedeten uns von der Mutter von Karl und gingen dann in die Richtung wo Jack und Michael auf uns warteten.

„Echt, ich weiß nicht was ich denken beziehungsweise sagen soll, zu diesem Typen!“, sagte ich zu Katrin, als wir uns vom Haus entfernten.

„Ich glaub, wir haben die richtige Spur!“

„Meinste das Ernst?“, ich sah Katrin fragend an.

„Ja!“ bestätigte sie.

Ich sah nach vorn auf die Strasse und sah Jack und Michael an einer Laterne stehen. Als Jack mich sah, kam er auf mich zugerannt.

„Und was ist raus gekommen?“, fragte Jack mich aufgeregt.

Daraufhin erzählte ich ihm, was wir erlebt hatten.

„Das hört sich ja an, als ob wir auf der richtigen Spur sind?“

„Na Jack, wir wollen es nicht übereilen! Aber in einem Punkt hast Du Recht! Der Typ war total abgedreht, aber da er im Rollstuhl sitzt, kann er wohl nicht derjenige sein, nach dem wir suchen. Zumal ich das ganze immer noch nicht glauben kann!“, sagte ich daraufhin zu Jack.

„Marc ich glaube aber, nachdem ich das zu Hause erlebt habe, das vielleicht doch ein kleines bisschen Wahrheit dran sein könnte. Du hast dieses was auch immer nicht gehört. Wie es geknurrt hat und welches Raubtier auch immer, schmeißt mit den Köpfen seiner Opfer rum? Denk mal darüber nach!“

„Hast ja Recht, Jack! Tut mir leid, ich versuch es ja wenigstens ansatzweise zu glauben!“

Jack sah mich daraufhin richtig liebevoll an und nahm meine Hand. Katrin und Michael waren schon vorgegangen und warteten etwas weiter auf uns.

„Los gehen wir zu den beiden, die warten schon auf uns!“

Ich nickte zu Jack und wir gingen dann zu Katrin und Michael. In dem Moment wo wir losgegangen waren, kam uns ein dunkel gekleideter Mann entgegen. Er humpelte geradewegs an uns vorbei, direkt zum Haus, aus dem wir gerade gekommen waren.

Katrin sah ihm nach und drehte sich dann zu mir.

„Jack ich glaube das war sein Kumpel, von dem er geredet hatte!“

Ich nickte, irgendwie kam der Typ mir nicht ganz geheuer vor. Der Gedanke beunruhigte mich, da Karl ihm von uns und unseren Fragen erzählen würde. Dann fuhren wir mit unseren Fahrrädern zu mir nach Hause. Dort angekommen gingen wir in mein Zimmer, oder besser gesagt, in das von Jack und mir.

Im Zimmer angekommen, rannte ich nochmals runter, um Getränke und etwas zum knabbern zu holen. Als ich alles hatte, ging ich nach oben. Schon von der Treppe aus hörte ich die drei, wie sie sich angeregt unterhielten.

Nachdem ich im Zimmer war und alles verteilt hatte, setzte ich mich zu Jack und kuschelte mich an ihn.

„Hat euch einer schon mal gesagt, dass ihr ein richtig hübsches Pärchen abgibt?“, fragte uns Katrin.

„Nee ihr seid ja, außer meinen Eltern, die Einzigen die wissen, dass wir ein Paar sind!“

„Wirklich ? Deine Eltern wissen von Dir und Jack? Und was haben sie dazu gesagt?“, fragte Michael mich.

Daraufhin erzählte ich ihnen von dem gestrigen Gespräch mit meinen Eltern.

„Wow, aber das hätte ich mir bei Deinen Eltern schon denken können!!“

Katrin sah mich grinsend an.

„Wieso habe ich denn auf einmal eine so komische Ahnung?“, wandte ich mich an Katrin.

„Na ja…“, druckste Katrin rum, „deine Mutter hatte mich mal kurz zur Seite genommen und wollte wissen, warum Du immer so bedrückt bist und nie lachst. Aber wenn Jack da war, warst Du total anders. Eben lustig. Hast gelacht und dann hat sie mich gefragt, ob es sein könnte das Du für Jack mehr empfindest als nur Freundschaft. Da habe ich ihr von meiner Ahnung erzählt und wir beide haben beschlossen, etwas bei Euch beiden nachzuhelfen. Und wie man sieht, haben wir ja richtig gelegen!“

Mir verschlug es die Sprache, meine Eltern wussten, beziehungsweise ahnten es schon viel länger. Na super und ich dachte ich würde mich super verstellen, nur damit keiner hinter mein kleines Geheimnis kam.

Katrin sah mir wohl an, was ich gerade dachte.

„Mensch Marc, sie meinen es doch nur gut! Stell Dir mal vor, es würde sie nicht interessieren, dass fände ich viel schlimmer!“

Ich nickte, sie hatte ja Recht. Mir kamen langsam aber sicher die Tränen und Jack drückte mich an sich und flüsterte mir zu wie, lieb er mich hatte. Und ich Vollidiot dachte, wenn meine Gefühle herauskämen, dass ich von allen geschnitten werde. Und was musste ich jetzt in nur zwei Tagen erfahren?

Das ich die besten Eltern der Welt hatte und dazu noch zwei Freunde die voll zu mir und Jack standen mit allem drum und dran. Man ich fühlte mich so was von glücklich, das ich nichts sagen konnte.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, gingen wir das gehörte von Karl noch mal durch. Dann war es auch schon Zeit für Katrin und Michael nach Hause zu fahren. Jack und ich standen an der Tür und sahen den beiden hinterher.

„Jack ich habe ein richtig blödes Gefühl, irgendetwas wird heute Nacht passieren!“

Jack sah mich daraufhin an und meinte nur: „Du hast Recht, ich habe auch so ein komisches Gefühl!“

Wie Recht wir behalten sollte, erfuhren wir am nächsten Tag.

5.Teil Nächtliche Begegnung

Zwei Betrunkene kamen aus einer Kneipe irgendwo in Livington und schwankten die Strasse entlang.

„Sag mal Steve!“, nuschelte der eine zum andern, „wollen wir bei mir oder bei Dir noch einen heben?“

„Besser zu Dir!“, sagte Steve.

„Na dann los! Ich brauch jetzt noch nen Absacker!“

So gingen die beiden, die Strasse weiter in Richtung Ortsausgang.

„Man das Du auch so weit draußen wohnen musst.“

„Na wenigstens brauche ich keine Miete bezahlen!“, gluckste der andere.

Es war eine Rabenschwarze Nacht. Kein Mond erhellte die Strasse. Die beiden Männer gingen nach dem Ortsende noch eine Weile auf der Strasse, bis zu einer Weggabelung. Dort angekommen, verließen sie die Strasse und torkelten einen Kiesweg weiter entlang.

Plötzlich vernahmen Steve ein rascheln an der Seite des Weges und gleichzeitig hörten er ein knurren.

„Eh Mann, haste das gehört!“, lallte Steve.

„Nee was denn!“

„Na, da hat’s eben geraschelt im Gebüsch!“

Steve sah sich suchend in die Richtung um.

„Hast wohl heute zu tief ins Glas gesehen?“

„Nee ehrlich da war was!“

In dem Augenblick hörten sie es wieder. Ein dunkles, tiefes Knurren und dann sahen sie eine groteske Gestalt halb aufgerichtet, mitten auf dem Weg stehen.

„He Du, willste uns Angst machen? Wir haben keine Angst! Troll Dich Du Bastard!“, rief Steve.

Die Gestalt rührte sich nicht, sondern stand einfach wie erstarrt da. Plötzlich hörten die beiden wieder dieses Knurren.

„Mir wird’s unheimlich. Komm machen wir das wir wegkommen“, sagte Steve.

„Und wohin? Zurück in die Stadt?“, fragte der Andere.

In diesem Augenblick hörten sie wieder das Knurren, aber es kam nicht mehr von dort, wo es zu letzt gestanden hatte.

„Der ist verschwunden. Wo ist der hin?“, suchend sah sich Steve um.

„Man der hat Schiss bekommen!“, antwortete der andere.

„Komm lass uns schneller gehen. Das ist mir jetzt nicht geheuer!“

Daraufhin ging Steve etwas schneller. Der Andere folgte ihm. Sie liefen vor etwas weg, dass sie nicht verstanden und ihnen eine Heidenangst einflösste. Plötzlich sprang etwas von der Seite auf den Weg und heulte markerschütternd.

Sie bekamen es jetzt so richtig mit der Angst zu tun und fingen automatisch an zu rennen. Plötzlich stolperte Steve, der neben seinen Kumpel rannte und fiel vor diesem auf den Weg. Bevor dieser ausweichen konnte stolperte er über Steve und fiel zu Boden.

Als sie beide sich aufrappeln wollten, sahen sie plötzlich in zwei blutrot leuchtende Augen und das Wesen fletschte die Zähne in ihre Richtung.

„Hil….“

Bevor Steve auch nur ansatzweise um Hilfe schreien konnte, kam eine Pranke auf ihn zu und zerfetzte ihm seine Unterkiefer. Die Geräusche die dabei entstanden, hörten sich an als ob Stoff zerrissen wurde. Blut spritzte in alle Richtungen und der andere sah entsetzt zu und blieb wie versteinert am Boden liegen.

„Bitte lass uns in Ruhe wir wo….“

Bevor Steves Saufkumpane zu Ende sprechen konnte, war das Wesen bei ihm und seine Reißzähne gruben sich tief in seinen Hals und rissen ihm ein großes Stück Fleisch und Sehnen heraus. Die Schmerzen waren unvorstellbar, aber er konnte nicht mehr schreien. Dann wurde es dunkel um ihn.

Der Kopf kippte wie in Zeitlupe zur Seite, ohne das er noch einen Ton von sich gab. Steve der das alles hilflos mit ansehen musste, konnte sich vor Angst nicht rühren und sein Magen zog sich zusammen.

Dann musste er mit ansehen wie diese Kreatur, seinen Saufkumpanen zerfleischte. Das Tier riss Fleischstücke aus diesem heraus und fraß sie, die Geräusche waren entsetzlich. Steve versuchte aufzustehen, aber seine Glieder gehorchten ihm nicht und er blieb zitternd vor Angst liegen.

Er hörte wie das Tier auf irgendetwas Hartem rumkaute, das dann mit einem knacken nachgab. Steve wurde übel und er erbrach sich. Als das Biest endlich fertig war mit dem Anderen, fuhr die Schnauze nach oben in die Luft und es heulte markerschütternd.

Dann drehte es sich zu Steve um und kam langsam auf ihn zu. Dieser versuchte davon zu kriechen, aber durch den Blutverlust kam er nicht weit. Als die Kreatur bei ihm war, schlug sie mit Ihrer Klaue zu und zerfetzte Steves Rücken.

Steve fühlte nur noch einen heftigen Schmerz, dann erlöste ihn die Dunkelheit von weiteren Schmerzen. Blut floss Steves Rücken hinunter und als das Wesen dieses roch, kannte es nur eines: Fressen!

Dann riss es Steve Stück für Stück das Fleisch aus dem Rücken. Als das Wesen mit seiner Mahlzeit fertig war, stieß es nochmals einen lang gezogenen Heulton in die Luft, um dann in der Finsternis zu verschwinden.

Zurück blieben zwei bis zur Unkenntlichkeit zerfleischte Leichen. Stunden später, der Morgen graute schon, kam eine ältere Frau den Weg entlang und rief nach ihrem Mann.

„Wenn der mir unter die Finger kommt, kann der was erleben. Immer dieses Gesaufe“, sagte sie zu sich.

Plötzlich blieb sie stehen. Vor ihr, etwa 50 Meter entfernt, lagen zwei Gestalten auf dem Weg. Sie ging langsam näher, es sah fast so aus als taste sie sich Stück für Stück heran.

Als sie nah genug war, erkannte sie, dass es sich um zwei Menschen handeln musste. Sie drehte sich um und rannte schreiend zurück zum Haus. Dort angekommen rannte sie in das Haus und verrammelte die Tür mit zitternden Händen.

Dann ging sie aufgelöst zum Telefon und nahm den Hörer in die Hand. Als sie die Vermittlung in der Leitung hörte, sagte sie nur dass sie die Polizei bräuchte. Danach ließ sie den Hörer fallen und fing an zu weinen.

Denn sie ahnte schon, wer dort draußen lag und niemals wieder nach Hause kommen würde.

6.Teil Der Plan

Ich schlief diese Nacht recht unruhig. Immer wieder wurde ich wach. In der Ferne hörte ich etwas heulen. Ich horchte in die Dunkelheit, aber es wiederholte sich nicht.

„Du zappelst was zusammen!“, grummelte es neben mir.

„Ich kann nicht schlafen. Ich habe das Gefühl, als ob das Vieh hier draußen herumrennt.“

„Komm Marc, versuch zu schlafen!“

Damit nahm mich Jack in seine Arme und ich schlief dann doch noch ein. Am nächsten Morgen wachte ich durch ein Klopfen auf.

„Marc, Jack kann ich reinkommen? Es ist wichtig!“

Tim stand vor der Tür.

„Komm rein!“

Im nächsten Moment ging die Tür auf und Tim kam rein. Er sah zu mir und dann an mir vorbei zu Jack und seine Kinnlade klappte runter. Ach Du sche…, ich hatte nicht an Jack gedacht, der immer noch neben mir lag.

„Ähm Brüderchen, denke ich da in den richtigen Bahnen?“

Er sah mich ungläubig an. Ich konnte nur nicken, denn ich hatte ganz schön Angst, was jetzt passieren würde.

„Na super und mein Brüderchen erzählt mir davon nichts! Man Marc nur weil Du lieber mit einem Jungen zusammen bist und na ja… man Du bist mein Bruder, da kannste mir so was auch anvertrauen!“

Daraufhin kam er zu mir und setzte sich neben mich auf die Bettkante.

„Seid ihr richtig zusammen?“, fragte er.

„Ja, das sind wir!“, kam es jetzt kleinlaut von Jack.

„Man find ich cool, dann bekommen wir doch noch einen Schwager! Das hätte ich echt nicht gedacht!“

Tim sah mich an und dann nahm er mich in den Arm und drückte mich.

„Weswegen ich euch eigentlich geweckt habe ist folgendes, ich habe heute Nacht bei meiner Freundin übernachtet und heute früh war ziemlich Aufruhr im Ort. Die haben zwei Leichen total verstümmelt gefunden und man geht davon aus das es das Biest war, das Jacks Stiefvater umgebracht hat. Am Tatort waren jedenfalls die gleichen Spuren!“

Entsetzt sah ich zu Jack. Im gleichen Moment sprang ich schon aus dem Bett und rief den beiden nur noch zu, dass ich Katrin anrufen müsste. Ich wählte die Rufnummer von Katrin. Am anderen Ende nahm sofort jemand ab.

„ Jakob, mit wem spreche ich!“

„Ja, hallo Frau Jakob, hier ist Marc! Kann ich Katrin sprechen?“

„Na klar warte ich rufe sie!“

Kurz darauf hörte ich Katrins Stimme, die fragte:“ Hi Marc, was gibt es denn so Wichtiges?“

Ich erzählte ihr dann, was uns mein Bruder Tim eben erzählt hatte. Am anderen Ende war es kurz still.

„Weißt Du Marc, ich glaube wir haben da was übersehen! Es war gestern kein Vollmond! Aber warte mal, gestern war Neumond vielleicht hat das was zu bedeuten! Ich sehe gleich mal im Internet nach! Wir sehen uns ja sowieso heute. Also bis dann!“

„Ja bis heut Nachmittag Katrin!“

Damit legt ich auf und ging wieder nach oben. Tim und Jack saßen in meinem Zimmer und unterhielten sich. Als ich in das Zimmer eintrat verstummten sie und sahen mich an.

„Was hat Katrin gesagt?“ fragte Jack.

„Nun sie faselte irgendwas von Neumond und das sie da was prüfen muss!“

„Leute könntet ihr mir mal sagen was los ist!“

Mein Bruder sah zu mir und dann zu Jack.

„Nun ja, also es ist so….“, und ich erzählte Tim alles was wir wussten und was wir annahmen.

Als ich endete, sah Tim mich mit großen Augen an.

„Marc, Jack also ich würde ja an so was nicht glauben! Aber nach dem was in letzter Zeit alles passiert ist, glaube ich, dass da etwas Wahres dran ist! Sagt mal und was wollt ihr denn machen, wenn ihr mit eurem Verdacht richtig liegt?“

Nun ja das war eine berechtigte Frage und diese konnten weder ich noch Jack beantworten. Ich zuckte mit den Schultern.

„Darauf weiß ich auch keine Antwort!“

Ich sah in Tims Richtung als ich sprach.

„Na gut Leute, ich werde erstmal zu meiner Freundin zurückfahren und sie wenigstens warnen!“

Mit diesen Worten stand Tim auf und meinte noch in meine Richtung:“ Marc, Jack, Ihr versprecht mir, nichts übereiltes und unüberlegtes zu tun!“

„Versprochen Tim!“ sagte ich.

Daraufhin verließ Tim uns und kurz darauf hörten wir wie sich ein Wagen vom Hof entfernte.

„Los komm Jack, wir gehen erst mal frühstücken!“ Jack und ich erhoben uns und trotteten erstmal nach unten, in Richtung Küche.

Meine Eltern waren heute zu Besuch bei Freunden, so dass wir alleine frühstückten. Plötzlich ging die Küchentür auf und mein anderer Bruder, Julius, kam herein.

„Oh fein, bekomme ich auch eine Tasse Kaffee?“

„Na klar, nimm Dir ruhig!“, sagte ich und sah meinen Bruder an.

„Und alles klar bei den Rindviechern?“ fragte Jack.

„Mmmmhh ja alles in Ordnung im Stall. Waren heute Nacht etwas unruhig, aber ansonsten ist alles ok!“, antwortete daraufhin Julius.

Eigentlich wollte ich auch Julius in unser Geheimnis einweihen und sah Jack an. Der sah mich an und nickte nur, als ob er meine Gedanken erraten hätte. So begannen wir, Julius alles zu erzählen. Als wir geendet hatten, schüttelte Julius nur den Kopf.

„Wenn ihr Recht habt, dann treibt sich so ein Vieh in unserer Gegend rum!“

Julius und ich sahen uns an und ich sah in seinen Augen, dass er uns glaubte.

„Wir müssen das unseren Eltern erzählen!“, sagte Julius.

„Nein lieber nicht, die werden uns doch kein Wort glauben!“, antwortete ich.

„Na ja, vielleicht hast Du Recht. Vater hat sowieso schon gesagt, dass Du eine rege Phantasie hast! Er wird uns also sowieso nicht glauben! Ich denke auch es ist besser wir sagen unseren Eltern erst einmal nichts!“

Julius sah dabei Jack und mich abwechselnd an. Wir nickten beide. Die Türklingel riss mich aus den Gedanken.

„Wer kann das denn sein?“, fragte ich Jack und stand auf, um zur Haustür zu gehen.

Aber Jack war schneller und als er wieder in die Küche kam, folgte ihm Katrin.

Sie sah ziemlich blass aus und war total außer Atem.

„Hallo… “, hechelte sie, „ich konnte nicht warten bis heute Nachmittag! Also erst mal das Ergebnis von den Haaren ist da und es sind definitiv Wolfshaare! Das einzig Sonderbare ist das sie viel zu lang sind, daher wollen die bei der Uni jetzt wissen woher wir sie haben!“

„Und weiter…“, fragte Jack, „was hast Du noch raus gefunden?“

„Also… “ begann Katrin, „nachdem Marc mich angerufen hatte, habe ich nochmals im Internet gesucht und siehe da –Volltreffer-!“

Triumphierend zog sie dabei ein Stapel Blätter aus Ihrem Rucksack.

„Hier das könnt ihr euch durchlesen!“ dabei legte sie die Blätter auf den Küchentisch.

„Man nun mach es doch nicht so spannend und erzähl lieber was Du herausgefunden hast!“, sagte Julius und stand auf, um aus dem Küchenschrank eine Tasse zu holen.

„ÄHMM weiß Julius Bescheid?“ erst jetzt hatte Katrin Julius bemerkt.

„Ja, mein Bruder weiß bescheid! Wir haben es ihm erzählt.“

„Na gut, also ich habe erst mal eine Seite gefunden die sich mit diesem Thema ziemlich intensiv beschäftigt und dabei bin ich auf folgendes gestoßen. Auf der Seite steht etwas von einem Parasit, der sich angeblich im Wirtskörper einnistet. Am interessantesten ist, das der Parasit erst nach einer Weile beginnt aktiv zu werden und den Körper des Wirts verändert. So wie ich das verstehe, übernimmt der Parasit zeitweilig die Kontrolle des Wirtskörpers und benutzt ihn, um so an bestimmte Nährstoffe zu kommen!“

„Und was sollen das für Nährstoffe sein?“ fragten Jack und ich gleichzeitig.

„Das wissen die, die die Seite betreiben, auch nicht! Jedenfalls ist das mit dem Vollmond Unsinn. Sobald im Körper des Wirtes die entsprechenden Nährstoffe fehlen, beginnt der Parasit mit seiner Aktivität, um sich diese zu beschaffen.

Ja Leute und jetzt kommt’s, da der Parasit im Körper wächst, benötigt dieser immer mehr von diesen Nährstoffen. Zum anderen legt der Parasit Eier im Körper ab. Wenn derjenige der infiziert ist, zum Beispiel einen anderen beißt oder verletzt, werden die Eier dabei übertragen. Sollte derjenige der gebissen wurde, diesen Überfall überleben, dann wächst bei ihm ein neuer Parasit im Körper heran! Was dann passiert könnt ihr euch ja dann denken!“

Bei diesen Worten wurde mir ziemlich übel und so wie Julius aussah ging es ihm nicht anders.

„Wie können wir das Ding aufhalten?“, fragend sah Julius in die Richtung von Katrin.

„Auf der Seite steht, dass der Infizierte nur aufzuhalten ist, wenn man ihn tötet. Ein Gegenmittel, um einen Infizierten heilen zu können, gibt es bislang nicht.“

Katrin setzte sich an den Tisch als sie fertig war.

„Marc du hast doch ein Gewehr und auch Patronen. Wir können nicht mehr warten, es wird immer öfter zuschlagen! Wir müssen handeln! Du bist der Einzige der mit einem Gewehr umgehen kann!“

Richtig, mein großes Hobby war ja der Schützenverein. Beim letzten Schützenfest hatte ich in meinem Jahrgang den ersten Platz erzielt. Ich stand bei den Worten von Katrin auf und ging zu Julius.

„Julius, Du weißt doch wo Vater die Patronen hat? Los komm wir holen die!“

Julius nickte nur und wir gingen zusammen in Vaters Arbeitszimmer, um die Munition zu holen. Im Arbeitszimmer sprach mich mein Bruder an.

„Marc was auch immer passiert, passt auf euch auf!“

„Klar Julius, werden wir machen! Willst Du uns nicht helfen?“

Julius schüttelte den Kopf.

„Nein ich bleib bei den Rindern und pass hier auf. Du und die anderen werdet das machen!“

Als wir die Patronen und mein Gewehr, das im Zimmer meines Vaters stand hatten, gingen wir zurück in die Küche. Katrin und Jack saßen immer noch am Tisch und redeten miteinander.

„So das müsste reichen!“ damit legte ich das Gewehr und die Patronen auf den Tisch.

„Und wie geht es jetzt weiter?“

Wir sahen uns bei Jacks Frage an und begannen dann auch unser Vorgehen zu planen. Zwei Stunden später, hatten wir unseren Plan fertig. Wir wollten heute Nacht, uns dort auf die Lauer legen wo das Wolfswesen zuletzt zugeschlagen hatte.

Da die Kreatur auf unserer Weide dreimal hintereinander die Rinder angegriffen hatte, gingen wir davon aus das es immer wieder die Orte aufsuchte, wo es Beute gemacht hatte. Das einzige Problem war, was sagten wir der Polizei, wenn wir den Werwolf erwischten. Dafür hatte dann Julius eine Idee, er meinte wir sollten uns dann auf so eine Kannibalengeschichte einigen. Die wäre wenigstens etwas glaubhaft.

Katrin musste dann auch los, da sie Michael noch von unserem Plan informieren wollte.

Jack und ich gingen in unser Zimmer. Als es langsam dämmerte, zogen wir uns wetterfeste Kleidung an und gingen nach unten in die Küche.

Julius saß schon in der Küche als wir rein kamen. Als er uns sah, stand er auf und nahm zwei Teller auf denen er Rührei verteilte. Nachdem er fertig war stellte er uns die Teller hin und setzte sich wieder an den Tisch.

„Habt ihr euch das wirklich überlegt? Wollt ihr das wirklich durchziehen? Noch können wir zur Polizei gehen“, sagte Julius.

Ich und Jack nickten fast gleichzeitig.

„Wir haben es uns überlegt! Julius wer von der Polizei wird uns glauben, wenn wir denen die Geschichte erzählen?“, fragte ich ihn.

„MMHH OK! Ach eh ich es vergesse, Mum hat vorhin angerufen! Sie lässt schön grüssen und sie bleiben über Nacht! Ich habe nichts erzählt über das was ihr vorhabt! Also habt ihr freie Bahn und Marc pass auf Dich auf! Jack Du auch!“

„Machen wir!“, kam es wie aus einem Munde von Jack und mir.

Dann machten wir uns über unsere Teller her und aßen das Rührei. Als wir fertig waren, machten wir uns auf den Weg. Julius stand in der Haustür und sah uns nach. Als wir unterwegs zum Treffpunkt waren, war uns gar nicht mehr so wohl!

Aber wir mussten jetzt unseren Plan ausführen, egal was auf uns zukam. Katrin und Michael warteten schon an der alten Weide.

„Habt ihr alles dabei? Das Gewehr und die Munition?“, fragte Katrin.

„Ja, haben alles dabei! Hast Du rausbekommen, wo die beiden umgebracht worden sind?“, frage ich Katrin.

„Ja, hab ich! Na dann los, wir haben noch ein Stück zu fahren!“, sagte sie und setzte sich auf ihr Fahrrad.

Wir anderen folgten ihr.

7. Teil Letzte Begegnung

Polizist Corbett war wie immer auf Streife. Zurzeit gefiel es ihm gar nicht, alleine auf Streife zu fahren, da sein Kollege krank war und sie auf der Polizeiwache nicht genug Leute hatten.

Schon allein der Gedanke an diesen Psychopathen, der zurzeit hier sein Unwesen trieb, bereitete Polizist Corbett eine Gänsehaut. Aber sie hatten die Order erhalten, abends öfters Streife zu fahren.

Er hatte heute den Teil des Reviers erhalten, der am weitesten von der Stadt lag. Er sollte die Bauernhöfe abfahren und sich bei den Leuten erkundigen, ob sie was Verdächtiges gesehen hätten.

Polizist Corbett war gerade bei den Parkers gewesen und fuhr nun, im Dunkeln den Waldweg hoch zur Strasse zurück. Die Strasse lag etwa 3 Meilen entfernt. Das Radio lief im Hintergrund und Corbett summte bei einem Lied mit.

Plötzlich rannte im Scheinwerferlicht etwas großes Dunkles über die Strasse. Corbett trat fast automatisch auf die Bremse. Was war das, ging es ihm durch den Kopf. Er kurbelte das Fenster runter, um besser in die Dunkelheit sehen zu können.

Dann machte er den Motor aus und verließ den Wagen, um zu der Stelle zu gehen wo er das Ding gesehen hatte. Bevor er dort hinging nahm er seine Taschenlampe und machte diese an.

Als er an die Stelle kam, leuchtete er den Boden ab. Im Schein der Taschenlampe, sah er einen riesenhaften Pfotenabdruck im Sand. Was soll das für ein Tier sein, bei diesem Gedanken bekam Corbett das erste Mal in seinem Leben Angst und er rannte zurück zum Auto.

Kaum dort angekommen riss er die Tür auf, um einsteigen zu können. In diesem Augenblick passierten gleich zwei Dinge auf einmal. Zum einen verlor er die Taschenlampe und zum anderen sprang irgendetwas auf das Autodach.

Das Auto schwankte und ächzte unter der Last. Polizist Corbett dachte nur noch an Flucht und so ließ er die Taschenlampe liegen. Kaum war er eingestiegen begann das Auto zu schaukeln und er hörte von oben ein grässliches Knurren.

Polizist Corbett hatte nie solche Angst gehabt und seine Blase entleerte sich. Er merkte es nicht einmal. Nur ein Gedanke zählte, er wollte weg von diesem Ort und von dem Ding das auf dem Autodach saß und knurrte.

Er griff nach dem Zündschlüssel und wollte den Motor gerade starten. In dem Moment hörte er rechts neben sich ein knurren. Ihm fiel ein, dass das Fenster noch runtergekurbelt war. Um dieses zu schließen musste er es hochkurbeln. In seiner Panik griff er nach der Kurbel und sah zum Fenster raus.

Er sah direkt in zwei rot glühende Augen, die ihn wütend ansahen. Das letzte was er sah war, wie der Kopf des Tieres sich in den Wagen schob. Dann riss ihm das Tier die Kehle auf.

Blut spritzte gegen die Windschutzscheibe und lief daran herunter. Polizist Corbett hatte keine Zeit mehr um zu schreien, zu schnell war alles gegangen. Ein paar mal zuckte noch sein Körper, wenn das Tier Fleischstücke aus seinem Körper riss.

Als das Tier mit seinem Opfer fertig war, zog es sich aus dem Auto zurück. Es rannte zurück in den Wald, um sein nächstes Opfer zu suchen. Es hatte einen höllischen Hunger zu stillen und diese Nacht schien wie für ihn gemacht.

8. Teil Verfolgung

Von all dem wussten wir nichts, als wir auf dem Weg zu dem Ort waren, wo die beiden Männer umgebracht worden waren. Als wir an der Stelle ankamen, versteckten wir unsere Fahrräder und gingen den Weg noch etwas weiter hoch.

„So, hier ungefähr muss es passiert sein“, sagte Katrin und leuchtete mit der Taschenlampe den Weg ab.

Im Licht der Taschenlampe, sahen wir dunkle Flecken auf dem Boden der Strasse. Wir schwiegen alle, denn wir wussten woher die Flecken stammten. Mir war gar nicht wohl in der Haut. Wenn Jack nicht meine Hand gehalten hätte, wäre ich sofort davon gelaufen.

Auch Jack zitterte etwas.

„Na dann los! Suchen wir uns ein Versteck um auf den Werwolf zu warten!“

Mit diesen Worten ging Katrin los, um ein geeignetes Versteck zu finden. Mittlerweile war es so dunkel, das wir ohne die Taschenlampen nichts mehr gesehen hätten. So aber konnten wir uns eine gute Stelle suchen, von der wir auch die Strasse im Blickfeld hatten, wo die beiden Männer getötet worden waren.

Als wir diese gefunden hatten, legten wir uns auf die Lauer.

Ich nahm das Gewehr und sah nochmals nach ob es auch geladen war. Nachdem wir uns es etwas bequem auf dem Boden gemacht hatten, fiel mir ein wie mich Julius gedrückt hatte bevor wir losfuhren von zu Hause.

Ich musste ihm versprechen, dass wir aufpassen würden. Ich hatte den Eindruck, dass Julius richtig Angst um uns hatte. Denn er hatte mich noch gefragt, ob ich das Handy bei habe, damit wenn wir Hilfe bräuchten diese auch rufen konnten.

Dann musste ich noch einmal hoch und heilig versprechen mich bei ihm zu melden, wenn wir dort waren. Das machte ich dann auch und rief ihn kurz zu Hause an. Er hörte sich erleichtert an.

Dann fragte ich ihn, ob zu Hause alles in Ordnung wäre. Er sagte mir, dass Tim und seine Freundin Sylvia auch da wären und ansonsten alles ruhig ist. Somit legte ich dann beruhigt auf und sagte den anderen, dass zu Hause alles in Ordnung sei.

Dann saßen wir nur da und lauschten den Geräuschen der Nacht. Wir hatten alle ziemliche Angst. Katrin zitterte am ganzen Leib und fragte mich immer wieder ob das Gewehr wirklich geladen war.

Mir ging es nicht besser und Jack neben mir hatte sich fest an mich gepresst. So saßen wir da und warteten. Es waren etwa drei Stunden vergangen. Plötzlich als ob jemand den Stecker aus einem Radio gezogen hätte, waren alle Geräusche verstummt, selbst die Grillen hatten aufgehört zu zirpen.

Jack hatte sich an mich gelehnt, als plötzlich irgendwo im Wald ein Ast brach. Ich fuhr erschrocken zusammen. Jack ging es nicht anders.

„Leute ganz ruhig! Kein Mucks von euch!“, flüsterte Katrin.

„OK!“, flüsterten wir wie in einem Chor zurück.

„Marc ist die Waffe entsichert? Wir müssen sofort schießen, wenn uns das Tier angreift!“, zischte ängstlich Katrin zu mir.

„Ja hab ich alles kontrolliert!“, sagte ich dann leise zurück.

In diesem Augenblick hörten wir wieder wie ein trockener Ast unter irgendetwas Schwerem zerbrach. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als ob uns etwas lauernd aus dem Wald beobachtete.

Wir hörten immer wieder etwas im Unterholz knacken. Ich konnte das Geräusch aber nicht genau lokalisieren. Mal kam es von rechts, mal von links. Es schien fast so, als ob irgendetwas sich an uns vorsichtig heranpirschte.

Jack und ich zitterten vor Angst, ich konnte kaum das Gewehr ruhig halten. Von unserem Versteck aus sahen wir, wie etwas Großes aus dem Schatten des Waldes trat. Unsere Augen hatten sich mittlerweile gut an die Dunkelheit gewöhnt, so dass wir dem Schatten auf dem Weg mit den Augen folgen konnten.

Das Wesen stand wie erstarrt mitten auf dem Weg und es sah so aus, als ob es etwas suchte, dabei hob es immer wieder seine Schnauze. Mir lief der Schweiß nur so aus den Poren und meine Hände waren klatschnass.

Ich klammerte mich an das Gewehr und hob es langsam hoch. In diesem Augenblick setzte das Tier zu einem Sprung an und verschwand wieder im Wald. Kurz darauf vernahmen wir ganz in der Nähe, einen lang gezogenen Heulton und dann begann es mit uns zu spielen.

Es rannte immer wieder über den Weg um dann schließlich wieder im Wald zu verschwinden.

Unerwartet und plötzlich kam der erste Angriff. Katrin wurde von hinten angegriffen. Wenn Michael nicht mit einem Ast zugeschlagen hätte, wäre Katrin die Erste auf seinem Speisezettel gewesen. So aber war nur Katrins Anorak zerrissen worden.

Das Tier zog sich daraufhin brüllend vor Wut in die Dunkelheit zurück. Dann kam der zweite gezielte Angriff und ich sah wie Michael zur Seite stürzte und Katrin laut aufschrie. In dem Moment sprang das Wesen zwischen uns um sich den Ersten von uns zu holen.

Wie in Zeitlupe sah ich, wie sich das Tier zu Michael wandte und sich auf ihn stürzen wollte. Entschlossen nahm ich das Gewehr und zielte auf das Tier und drückte den Abzug.

Ich hörte den Schuss wie von weitem und das zornige Brüllen einer Kreatur die gerade von einer Kugel getroffen wurde.

Dann rannte die Kreatur brüllend davon. Katrin schrie irgendetwas von verfolgen und ich lief dem Tier nach. Jack folgte mir. Ich hörte links von mir, wie ein Kauz plötzlich in den Bäumen schrie. Ich schwenkte in diese Richtung aus der ich den Ruf des Kauzes gehört hatte.

Wir rannten wie noch nie in unserem Leben. Wir waren jetzt die Jäger und nicht mehr die Gejagten. Ich wusste, wir mussten dem Ganzen heute Nacht ein Ende setzen. Immer wieder strauchelten wir über Wurzeln und andere Unebenheiten.

Als wir endlich aus dem Wald kamen, standen wir auf einer beleuchteten Strasse. Auf der Strasse selbst sahen wir frische Blutspuren, die im Licht der Laternen glitzerten. Ich sah zu Jack.

„Los Jack, das Vieh bekommen wir!“

Daraufhin rannte ich entschlossen los und folgte der Spur. Diese führte direkt in die Stadt.

Oh mein Gott dachte ich, lass dem Vieh keinen Menschen vor die Klauen laufen! Als wir die Strassen entlang rannten und der Blutspur folgten, kamen wir in eine Seitenstrasse, die mir sehr bekannt vorkam.

Die Spuren endeten vor einem Haus. Ich erkannte es sofort, es war das Haus in dem Karl Smith wohnte und die Haustür war offen, beziehungsweise sie hing nur noch lose im Rahmen. Etwas Schweres musste dagegen gerannt sein, so wie die Tür aussah.

„Jack bevor wir reingehen, lade ich das Gewehr noch mal neu!“

Ich fing zitternd an, die Patronen aus meinen Rucksack zu nehmen, den ich vorher vom Rücken nahm. Als ich endlich die Patronen in der Hand hatte, legte ich diese auf die Strasse. Um das Gewehr zu laden, musste ich es erst sichern. Erst danach gelang es mir die Patrone, die ich verschossen hatte, zu ersetzen.

Die restlichen Patronen verstaute ich in meiner Hosentasche. Dann schlichen wir in den Hausflur. Der Flur war stockdunkel und wir hörten irgendwo am Ende des Flurs ein knurren.

Nach dem Geräusch zu urteilen, konnte es nur aus Karl Smith Zimmer kommen. Denn es war das erste Zimmer im Gang. Es roch bestialisch. Jack, der hinter mir war, erbrach sich im Flur. Nachdem er sich beruhigt hatte gingen wir langsam vorwärts.

Ich bewegte mich in die Richtung aus der die Geräusche kamen. Jack folgte mir vorsichtig.

Langsam tastete ich mich an der Wand entlang bis ich einen Türpfosten fühlen konnte. Mittlerweile waren die Geräusche noch deutlicher geworden.

Als ich die Tür ertastet hatte, nahm ich das Gewehr in beide Hände und stellte mich vor die Tür. Mit meinem Fuß trat ich die Tür auf, mir kam ein Gestank entgegen, so dass mein Magen rebellierte und ich mich auch übergeben musste.

Nachdem sich mein Magen beruhigt hatte, sah ich im Dämmerlicht, vor dem Fenster eine leblose Gestalt liegen. Aber da war noch eine und die war gerade mit irgendetwas auf dem Boden beschäftigt.

Während ich so in der Tür stand, musste Jack einen Lichtschalter im Flur gefunden haben, denn plötzlich wurde es ziemlich hell im Zimmer und ich musste blinzeln. Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte ich was da auf dem Boden lag.

Es war der Körper der alten Dame, oder das was von ihr noch übrig war und darüber hockte eine hundeähnliche Gestalt und knurrte in meine Richtung. Die Gestalt sah furchtbar aus, das Gesicht war wie bei einem Wolf geformt.

Aus den Lefzen ragten mächtige Reißzähne heraus. Die Augen die mich anstarrten waren blutunterlaufen und sahen bösartig in meine Richtung. Als ob das Tier ahnte, dass wir eine Gefahr für ihn darstellten, begann es auf allen vieren in unsere Richtung zu kriechen.

Erst jetzt sah ich, dass das Tier seine hinteren Gliedmaßen nicht richtig bewegen konnte. Ich ahnte, wen wir hier vor uns hatten. In diesem Augenblick wusste ich nur eines, ich wollte dem ganzen ein Ende setzen.

So nahm ich entschlossen das Gewehr und zielte auf diese Kreatur und drückte ab. Der Schuss löste sich und ich sah wie in Zeitlupe die Kugel in den Kopf der Kreatur eintreten. Das Blut spritzte, nachdem das Projektil sein Ziel erreicht hatte, in alle Richtungen.

Das Vieh schrie auf und krümmte sich, um dann lautlos zusammen zu brechen. Vor unseren Augen begann es sich zu verändern. Der gesamte Körper verwandelte sich. Es sah furchtbar aus. Die Haare, die das Wesen bedeckten, schienen sich einzuziehen bis kein Haar mehr zusehen war. Die in einem Knurren des Schmerzes zurückgezogenen Lefzen, fielen herab und bedeckten die schrumpfenden Reißzähne.

Zurück blieb nach der Verwandlung Karl Smith, der uns aus toten Augen anblickte.

Fassungslos vor Entsetzen blieben wir erst einmal einige Sekunden wie angewurzelt stehen.

In der anderen Ecke des Zimmers lag Pete Elmer, das musste dann wohl der Werwolf gewesen sein, der uns im Wald angegriffen hatte.

Auch er war tot, aus einer Brustwunde sahen wir noch Blut heraus fließen, so dass sich auf dem Boden eine große Blutlache bildete. Wir mussten erst einmal begreifen, was hier gerade geschehen war. Karl Smith und sein Kamerad waren unsere Werwölfe!

Wir konnten den Anblick nicht mehr ertragen und machten uns auf den Weg nach draußen auf die Strasse. Auf dem Weg nach draußen stützten wir uns gegenseitig. Draußen vor dem Haus standen schon einige Leute auf der Strasse, die von dem Lärm aufgewacht waren.

Katrin und Michael kamen gerade angerannt. Mir liefen Tränen über das Gesicht und ich hielt mich an Jack fest, dem es nicht besser ging. Katrin und Michael sahen selbst nicht besser aus.

Michael blutete am Arm und Katrins Anorak war komplett zerrissen und hing in Fetzen an ihr herunter. Als wir dann zusammenstanden, begriff ich endlich, dass es vorbei war. Wir hatten es geschafft und hatten dem Grauen ein Ende gesetzt.

So standen wir noch da, als die Polizei schon alles abgeriegelt hatte. Als der Chefinspektor aus dem Haus kam, sah man ihm das Entsetzen an.

„So etwas habe ich noch nie gesehen!“, sagte er und schüttelte immer wieder dabei den Kopf. Danach mussten wir auf die Polizeistation und alles zu Protokoll geben.

„Kinder woher wusstet ihr was die beiden da im Haus trieben?“, fragte uns der Chefinspektor, nachdem wir in seinem Büro saßen.

„Na ja…“ druckste Katrin rum.

„Die beiden waren uns mal über den Weg gelaufen und wir hatten da so eine Ahnung, das mit denen was nicht stimmt. Als dann noch die Mutter von Karl Smith so ängstlich reagiert hatte, als wir bei ihr zu Besuch waren, dachten wir, wir gehen der Sache mal nach!“

„Richtig wir hatten eigentlich nur vorgehabt nach der alten Dame zu sehen. Wir haben uns etwas Sorgen gemacht, da sie ziemlich verschreckt aussah. Aber mit dem, was wir dann zu sehen bekamen, damit hatten wir nun echt nicht gerechnet“, sagte Jack.

„Mmmmhh… und warum hattet ihr ein Gewehr dabei?“

Ja das war jetzt eine gute Frage, echt Klasse. Hoffentlich fällt uns jetzt eine passende Antwort ein. Wenn nicht, würden wir uns wahrscheinliche alle vier in der Gummizelle neun wieder sehen.

Ich malte mir schon meine Zukunft in Gedanken aufs Papier, und was ich da malte, sah nicht besonders gut aus.

„Ohh das ist leicht zu erklären. Wir hatten das Gewehr mitgenommen, um uns gegebenenfalls gegen dieses Raubtier zu wehren, das sich in unserer Gegend rum treibt!“

Dabei sah Katrin dem Chefinspektor direkt ins Gesicht.

Der nickte dann: „Und wer hat von euch geschossen?“

„Das war ich! Wir wussten nicht was wir tun sollten, da beide auf uns losgingen, nachdem sie uns bemerkt hatten! Sie haben uns gesagt, dass wir hier lebend aus dem Haus nicht mehr rauskommen würden. Ich habe dann aus Angst einfach abgedrückt, als wir sahen, dass die Mutter tot auf dem Boden lag und die beiden nun auf uns losgingen“, antwortete ich auf die Frage.

„Ich muss ehrlich sagen, Mut habt ihr gezeigt! Andere wären davon gerannt. Ich hoffe aber das ihr das Detektivspielen in Zukunft sein lasst und das lieber der Polizei überlasst!“

Ernst sah uns dabei der Chefinspektor an. Wir nickten daraufhin alle mit dem Kopf bejahend. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte ich dem Chefinspektor das auch noch schriftlich gegeben, dass ich nie wieder Detektiv spielen würde.

Jack atmete hörbar auf, es schien so als ob wir den Chefinspektor überzeugt hatten. Der Chefinspektor verließ dann das Zimmer und wir waren unter uns.

„Ich glaube er nimmt uns die Geschichte ab!“, flüsterte ich den Anderen zu.

„Hoffentlich, ich mach mir nämlich gleich in die Hose!“, kam es kläglich von Michael.

Wir saßen dann wohl eine geschlagene Stunde in dem Raum, als die Tür sich wieder öffnete und der Chefinspektor das Zimmer betrat.

„So Kinder, die Ärzte haben bei beiden die Mageninhalte untersucht! Wie es aussieht hatten beide menschliche Überreste in den Mägen! Wir gehen davon aus, dass die beiden Kannibalen waren. Deshalb wäre es bestimmt sehr gefährlich für Euch geworden, wenn Ihr nicht sofort gehandelt hättet. Ich denke, dass die Staatsanwaltschaft, das eindeutig als Notwehr ansehen wird.“

Ich glaube, wenn ich jetzt noch was im Magen gehabt hätte, dann hätte ich es hier und jetzt von mir gegeben. Aber Gott sei dank war mein Magen bereits leer, so dass sich dieser nur schmerzlich zusammenzog.

So wie die anderen aussahen, ging es ihnen nicht anders als mir.

Tja, soweit die Geschichte. Als uns unsere Eltern auf der Polizeistation abholten, waren diese überglücklich uns lebend wieder in die Arme nehmen zu können. Zu Hause mussten Jack und ich erst einmal alles erzählen, was wir erlebt hatten.

Die Polizei selber glaubte unsere Story. Seit dieser Nacht wurde kein Mensch mehr angefallen und auch kein Rind gerissen. Die Suche nach dem Raubtier wurde dann auch eingestellt.

Nur wir vier und meine Familie wussten, warum keine Überfälle mehr stattfanden.

Nachwort

Und wir selbst? Was ist aus uns geworden? Ich weiß jedenfalls, das wir in jener Nacht erwachsen wurden, ich meine so richtig! Unsere Freundschaft wurde durch dies alles noch mehr gefestigt.

Wir sahen die Welt mit anderen Augen und machten uns über Seiten die sich mit Aliens und dergleichen beschäftigten, nicht mehr LUSTIG.

Nein, wir wussten, dass in jeder Story immer irgendwo ein Körnchen Wahrheit lag, wie auch immer gelagert.

Natürlich waren wir das Tagesgespräch Nummer eins in der Stadt, denn wir hatten ja schließlich zwei Kannibalen das Handwerk gelegt.

Meine Eltern schafften es, die Vormundschaft für Jack zu bekommen. So, dass Jack bei uns blieb, vor allen Dingen bei mir.

Was wir vier in dieser besagten Nacht wirklich erlebten, blieb ein Geheimnis zwischen uns und meiner Familie.

Die beiden Leichen von Karl Smith und seinem Freund Pete Elmer, wurden einen Tag später von einem staatlichen Forschungslabor abgeholt.

Nur wir wussten warum, oder ahnten es!

Katrin fand dann noch im Internet eine Geschichte über eine wahre Begebenheit in Frankreich:

Die Bestie von Gévaudan

Der erste, behördlich registrierte Überfall fand am 30. Juni 1764 statt. Die vierzehnjährige Jeanne Boulet aus der Pfarrei Saint Etienne de Lugdarès wurde grausam entstellt tot aufgefunden. Nach diesem ersten Überfall suchte das Monstrum weitere Kinder, Heranwachsende und Frauen heim, die grauenhaft verletzt aufgefunden wurden. Allerdings gibt es Dokumente, die belegen, dass einige Fälle schwerer Verletzungen, die bereits vor dem ersten registrierten Fall stattfanden, möglicherweise ebenfalls von dem „Tier“ verursacht worden waren.

Danach verlagerten sich die Geschehnisse in die Umgebung des Mercoire-Waldes südlich Langognes. Dort wurden im August in Masméjean ein 15-jähriges Mädchen und kurz danach ein Junge aus Cheylard l’Eveque zerrissen. Im September starben eine 36-jährige Frau, ein Junge und ein kleines Mädchen. Anschließend verlagerte sich das Tätigkeitsfeld der Bestie erneut, dieses Mal in nord-westlicher Richtung. Bis Ende 1764 geschahen weitere Mordtaten, die Opfer waren wieder nur Frauen und Kinder.

Jedenfalls wurde dann eine wahre Jagd auf jeden Wolf gemacht, dem man habhaft wurde.

Das Morden hörte genauso schnell wieder auf, wie es begonnen hatte. Um was für ein Tier es sich handelte, konnte nie gänzlich geklärt werden. Jedenfalls wurden etwa 105 Personen offiziell getötet. Die Dunkelziffer an Opfern dürfte um einiges höher gewesen sein.

Also jetzt muss ich Schluss machen, denn mein Schatz sagt, das es Zeit zum schlafen wird.

Also ich wünsche Euch eine GUTE NACHT!!!!!!!!

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Information Des Engels Vampir
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:07 AM - No Replies

Ich kam ins Zimmer zurück und stellte den Tee ab. Chris stand dicht am Kamin, dessen Feuer jetzt sehr hoch brannte. Ab und zu fragte ich mich, warum er das tat. Feuer war eine Gefahr für ihn und doch kam es mir so vor, als würde er sich daran wärmen wollen.

Sein schwarzer Umhang wurde durch die aufsteigende Wärme leicht bewegt, sein schwarzes glattes Haar, das wirr über seine Ohren hing und ebenso seine silbern funkelnden Augen bedeckten…, alles hatte etwas magisches, was ich nicht näher beschreiben konnte.

Seine 432 Jahre sah man ihm nicht an, er wirkte wie ich, gerade neunzehn geworden.

„Wie möchtest du deinen Tee?“, fragte ich leise.

„Süß!“, kam es von ihm, aber er starrte immer noch ins Feuer.

„Mit Milch?“

„Was für einen Tee hast du?

„Zitronentee, so wie du ihn magst!“

„Dazu passt keine Milch.“

„Gut“, meinte ich und ließ drei Würfelzucker in den Tee gleiten.

Mit der Tasse in der Hand ging ich vorsichtig zu ihm, um ja nichts zu verschütten. Ich reichte sie ihm, aber er würdigte mich immer noch keines Blickes.

„Was fasziniert dich so am Feuer?“, fragte ich ihn.

Er schien kurz zu überlegen.

„Die Wärme, die es ausstrahlt und seine Bedeutung!“, antwortete er ruhig.

„Seine Bedeutung?“

„Na ja, Feuer steht für Reinigung!“

„Fasziniert dich das Feuer, weil es dir das zurück gibt, was dir jetzt verwehrt bleibt?“

„Wie meinst du das?“

„Dein altes Leben, so wie du früher warst!“

„Ja!“

„Aber dann wärst du tot, für immer verloren…“

„Vielleicht wäre das besser!“

„Aber dann hättest du mich nie kennen gelernt!“

„Vielleicht doch…“

„Das verstehe ich jetzt nicht, oder meinst du als Wiedergeburt?“

„Genau.“

„Du weißt genau, dass man so was nicht steuern kann.“

„Wozu steuern?“

„Die Möglichkeit, mich dann zu treffen, stehen doch eins zu unendlich!“

„Vielleicht hast du ja in einem früheren Leben in meiner Nähe gelebt und wir kannten uns da schon, dann wäre die Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr so unendlich.“

„Dein ‚vielleicht‘ ist mir zu unsicher“, sagte ich und ging zurück zum Tisch.

„Warum?“

„Vielleicht hier…, vielleicht da, ich lebe jetzt hier real und du bist real bei mir! Oder siehst du das anders?“

„Bitte?“

„Ob du dich als Vampir real fühlst?“

„Ja.“

„Stimmt…, ich kann dich sehen, fühlen… und küssen!“, kicherte ich.

Chris schaute mich lächelnd an.

„Und jetzt?“, fragte er

Ich ging langsam zu Chris und legte beide Arme um ihn.

„Was willst du machen?“, fragte ich leise.

„Ein bisschen rausgehen!“, antwortete er.

„Draußen ist es kalt und nebelig.“

„Um so besser“, meinte Chris und setzte sein charmantes Lächeln auf.

„Ja, ich weiß, das beste Wetter für dich.“

„Richtig, kommst du mit?“, fragte Chris und stellte seine Tasse ab.

„Ich werd dich doch jetzt nicht einfach gehen lassen, natürlich geh ich mit! Wohin willst du mich denn führen?“

„Weiß noch nicht, in den Park vielleicht“, meinte er gedankenverloren.

„Und dann?“, grinste ich frech.

„Ich habe Durst!“, grinste er ebenso frech zurück.

„Auf mich?“, fragte ich erwartungsfroh.

„Auch, aber erst mal richtig Durst.“

Ich atmete tief durch, das alte Thema wieder.

„Kann es etwas Leckeres geben als mich?“

„Du bist mein Nachtisch, damit ich wieder einen besseren Geschmack habe!“, sagte Chris lächelnd.

Mir ging wieder durch den Kopf, warum Chris mich nicht zum Vampir machen wollte. Chris schaute mich durchdringend an. Ich hatte vergessen, wie gerne er in meinen Gedanken stöberte.

Ich gab ihm einen Kuss und gab den Gedanken auf. Er saugte sich ein wenig an meinen Lippen fest und ich begann dahin zu schmelzen.

„Gehen wir?“, fragte Chris.

Ich erwachte aus meiner Traumwelt.

„Äh, ja, natürlich“, meinte ich und zog mir meine dicke Jacke an. Nachdem ich den Schal um den Hals gewickelt hatte, zog ich die Wohnungstür auf und lief nach draußen. Chris folgte mir und schloss hinter sich ab. Mir schauderte es kurz, als mir die Kälte entgegen schlug.

Chris stand hinter mir und legte seine Arme um mich.

„Könne Vampire eigentlich wärmen?“, fragte ich.

„Ein bisschen“, antwortete Chris und lief los.

Ich schnappte nach seiner Hand und ließ mich ein wenig ziehen. Chris dagegen schaute sich suchend in der Gegend um. Etwas beunruhigt war ich schon, denn an diese nächtlichen Ausflüge konnte ich mich nie so recht gewöhnen.

„Was beunruhigt dich so?“, fragte Chris.

„Ich habe ein ungutes Gefühl, was ist wenn der Mensch krank ist?“

„Das macht mir nichts!“, antwortete er leise.

Ich schaute ihn an und er blieb stehen.

„Als Vampir kann man nicht immer darauf achten, wen man nimmt. Was meinst du, wie man sonst überleben soll? Und außerdem: ein Mensch der vollkommen gesund ist und plötzlich stirbt, fällt auf!“

„Deine Augen werden dunkler.“

„Bitte?“

„Vorhin am Feuer hatten sie noch diesen schönen, silbernen Schein.“

„Und jetzt?“

„Jetzt werden sie fast schwarz!“

Chris drehte sich von mir weg und lief weiter, schaute sich dabei weiter um. Ein Geräusch neben uns im Gebüsch ließ mich zusammen fahren und mich enger an Chris drängen.

„War doch nur eine Katze!“, versuchte er mich zu beruhigen.

„Fühlt wohl deine Anwesenheit.“

„Die Katze?“

„Wolltest du nicht eine für zu Hause?

„Nein, jedenfalls nicht eine, die hier draußen herumstreift.“

„Warum nicht?“

„Weiß auch nicht Recht, wenn dann will ich mir eine aussuchen, selber bestimmen wie sie aussieht!“

„Können wir ja demnächst mal zusammen schauen.“

„Okay“, meinte ich und spürte, dass ich müde wurde, „um die Zeit ist doch bestimmt niemand mehr unterwegs.“

„Hier nicht, aber vielleicht woanders!“, meinte Chris und schloss seine Augen.

„He! Nicht verschwinden, du löst dich auf!“

„Was?“

„Wenn du deine Augen schließt, wanderst du wieder irgendwohin, wo ich dir nicht folgen kann.“

„Entschuldige, ich vergaß.“

Er schaute mir liebevoll in die Augen.

„Dann laufen wir dahin, wenn du noch soweit kannst.“

„Kann ich“, erwiderte ich lächelnd.

„Das müsste so ein Nachtclub sein“, sagte Chris und wies in eine Richtung.

„Ui, ein Nachtclub, wie aufregend!“

„Aha, da wird wieder jemand wach!“

Ich musste einfach loskichern.

„Aber nicht so toll flirten, hörst du?“, sagte Chris.

„Öhm, etwa eifersüchtig?“, fragte ich.

„Noch nicht!“, kam von ihm.

„Oh, noch nicht, also. Da muss ich mir ja was Besonderes heraus suchen.“

„He!“, erwiderte er leicht säuerlich.

„Du weißt, dass ich nur dich liebe, also keinen anderen Mann!“

„Dann sag ja nicht, dass du mit jemand anderem nicht spielst.“

„Ich bin eben ein Spielkind, das ist ein ganz natürlicher Trieb.“

„Steve, du bist ein Spinner!“, sagte Chris und fing an zulachen.

„Danke! Immer wieder gerne“, gab ich zur Antwort.

„Das müsste es sein!“, kam es von Chris, nach dem er stehen geblieben war.

Er betrat den Laden, ich folgte ihm, wo er wieder stehen blieb und sich umschaute, währenddessen ich ihm vorsichtig über die Schulter blinzelte. Er schien meinen Blick zu bemerken, denn er dreht sich um.

„Was denn, nichts gefunden?“, fragte ich ihn.

„Du lenkst mich ein bisschen ab“, meinte er und lächelte.

„Ich? Ich bin ganz unschuldig!“

„Na ja, nicht so ganz!“

„Du hast mich vorhin geküsst und angeknabbert, nicht ich dich!“

„Okay! Ich gebe mich geschlagen“, sagte er und wandte sich wieder Richtung Bar, um weiter zu suchen.

„Bringst mir etwas zu trinken mit?“, fragte ich.

„Was magst du denn haben?“

„Ich vertraue dir da voll und ganz!“

„Hm… mal gucken, was es so gibt“, meinte Chris und lief weiter.

„Okay, ich warte hier auf dich.“

Chris schaute mich noch einmal kurz an und ging dann zur Bar. Von dort schaute er sich weiter um und hatte wohl jemanden, der alleine auf der Treppe saß. Ich setzte mich derweil auf einen der Hocker und beobachtete Chris weiter.

Dieser lief an der Bar vorbei und von dort direkt Richtung Treppe. Ich nutzte derweil seine Abwesenheit und zündete mir eine Zigarette an. Plötzlich drehte sich Chris um und schaute mich trotzig an. Ja, ja nur die Eine, dachte ich und wunderte mich, dass ich gerade eben seine Gedanken hatte lesen können.

Kopfschüttelnd hatte er sich wieder in die vorige Richtung gedreht und war weiter auf den Mann zugegangen, der ihn auch schon längst bemerkt hatte. Ich bestellte mir ein Getränk, welches Chrisi wohl im Eifer des Gefechts vergessen hatte.

Seine Gedanken machten sich in meinem Kopf breit und ich konnte alles sehen und hören und fühlen, was auch er sah, hörte und fühlte.

Er setzte sich neben dem Mann auf die Treppe und fragte ihn, warum er denn hier so alleine sitzen würde. Ich begann mich zu fragen, ob Chris die ganzen Jahre über immer die gleiche Anmache drauf gehabt hatte und musste grinsen.

„Nein, ich spiele ein bisschen“, hörte ich seine Stimme in meinem Kopf.

Durch Chris erfuhr ich, dass der Mann wohl von seiner Verabredung versetzt worden war und sich hier nun alleine langweilte. Ich selbst wurde während dessen auf einen Jungen an der Bar aufmerksam, der mich stark taxierte.

Chris derweil näherte sich dem Mann und hauchte ihm auf den Hals, worüber dieser sehr erschreckt zurückwich.

Ich erschrak ebenfalls, aber nicht wegen Chris, sondern wegen dem Jungen, der plötzlich neben mir stand.

Chris stützte sich an die Wand, so dass dieser Mann ihm nicht mehr entfliehen konnte. Kurz hatte ich den dunklen Gedanken, dass der Junge neben mir ja ein guter Ersatz wäre.

„Willst du irgendwas?“, fragte ich ihn.

„Bist du alleine hier?“, stellte er als Gegenfrage.

Plötzlich überkam mich eine Gänsehaut, denn dieser Fremde hatte den gleichen Blick, die gleichen fast schwarzen Augen, wie auch Chris sie bekam, wenn er Durst hatte.

Im selben Moment schaute Chris auf und wirkte sofort alarmiert.

Etwas unsicher drehte ich meinen Kopf wieder zu dem Jungen.

„Nein, ich bin in Begleitung hier“, antwortete ich ängstlich.

Chris ließ von dem Mann ab und stand plötzlich neben uns. Er bedachte den Jungen mit einem sehr durchdringenden Blick, bis dieser, ohne ein weiteres Wort zu sagen, auf seinen Platz zurückging. Ich atmete erleichtert auf und sank in mich zusammen.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Chris voll in Sorge.

„Was war das denn für einer?“, stotterte ich.

„Hast du einen Magnet an dir?“

„Nein, nicht dass ich wüsste.“

Chris lächelte und küsste mich kurz, bevor er sich wieder Richtung des auserkorenen Opferst wandte, das immer noch wie versteinert auf der Treppe saß.

„Nun geh schon, der wird mich ja nicht noch einmal anbaggern!“

„Wer weiß? Rauch nicht soviel!“, meinte Chris mit einem schiefen Lächeln und lief zu dem Mann zurück.

Ich steckte die Zigarettenschachtel wieder in meine Jackentasche zurück und nippte an meiner Cola.

Chris ließ sich wieder neben dem Mann nieder, schaute sich kurz um, ob sie jemand beobachtete und konnte sich davon vergewissern, dass keiner von den beiden Notiz zu nehmen schien, außer mir natürlich.

Mir kam das Kaminfeuer von zu Hause in den Sinn, wo ich jetzt gemütlich mit Chris davor liegen könnte. Dann fragte ich mich, wie lange Chris wohl brauchen würde, bis er seinen Durst gestillt hatte. Ich sah noch, wie er sein Gesicht am Hals des Mannes vergrub und wohl schon am saugen war.

Plötzlich stand der Junge wieder neben mir.

„He schau, dein Alter hängt an einem anderen Typen herum, dann können wir doch gemeinsam losziehen!“, sagte er von sich überzeugt zu mir.

„Ich sag es noch einmal: ich will nicht, zieh Leine!“

So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie ich plötzlich die Hand des Jungen an meinem Hals spürte. Er drückte fest zu.

„Entweder du gehst jetzt mit, oder ich drück noch fester zu!“, meinte er mit dunkler Stimme.

Oh Chris, hilf mir doch, dachte ich verzweifelt.

Chris aber hatte die Augen geschlossen und saugte genüsslich weiter, bis er plötzlich eine Gefahr spürte. Er ließ den Mann los, der in sich zusammen sackte und drehte sich um.

Er schloss seine Augen und im nächsten Augenblick stand er zwischen mir und dem Jungen, dessen Hand an meinem Hals sofort verschwand.

Die Fingernägel, die sich eben noch in meinen Hals gebohrt hatten, verursachten ein starkes Brennen, erschöpft hechelte ich nach Luft.

Der Junge sprach irgendetwas, doch ich konnte es nicht verstehen, weil mir die Sprache nicht bekannt war. Chris antwortete ihm sehr knapp und so schnell wie der Junge aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden.

Ich zitterte am ganzen Körper und konnte mich nicht mehr beruhigen. Total entkräftet ließ mich wieder auf meinen Sitz sinken und schaute ängstlich auf zu Chris.

„Geht es?“, fragte er leise.

„Ich hätte mir fast in die Hosen gemacht“, antwortete ich und versuchte zu lächeln.

Chris bedachte mich mit einem besorgten Blick.

„Können wir nach Hause gehen?“

Er nickte und zog mich vom Stuhl, ich spürte, dass seine Gedanken ganz woanders waren.

„Kennst du den Jungen?

„Nein!“

„Er is aber noch sehr jung, oder?“

„Kann man so sagen, er ist erst dreißig“, kam es von Chris.

Jetzt war ich verwirrt.

„Gibt es viele…Vampire?“, stotterte ich.

„Ja, warum?“

„Sind alle so brutal, also ich meine… ich kenne nur dich und du bist immer so zärtlich zu mir.“

„Nein, sind sie nicht! Das sind hauptsächlich die jungen, sie überschätzen sich. Denken, sie können alles, sehen dabei aber ihre Grenzen nicht!“, seufzte Chris.

„Gibt es bei euch so was wie einen Mentor, der sich den jüngeren annimmt?“

„Nein, entweder der, der denjenigen zum Vampir macht, kümmert sich oder keiner!“

„Werden viele sich selbst überlassen?“

„Ja!“

„Und du?“, fragte ich leise.

„Ich hatte die ersten hundert Jahre jemanden, der sich um mich gekümmert hat, auch wenn es nicht der war, der mich geschaffen hat.“

„Und was ist aus dem geworden?“

Ich wusste nicht, ob Chris dieses Thema unangenehm war, aber ich wusste ja auch so wenig von ihm.

„Er ist nach Frankreich gegangen, soweit ich noch weiß. Ich hab schon lange nichts mehr von ihm gehört. Manchmal rede ich noch über eine telepathische Verbindung mit ihm, aber sehr selten.“

„Vermisst du ihn?“

Ich zog meine Jacke wieder an und zahlte meine Cola.

„Ja, irgendwie schon!“

„Willst du ihn wieder sehen, ich meine… wir könnten doch mal einen Abstecher nach Frankreich machen…?“

„Er mag es nicht, wenn man ihn unangekündigt besucht!“

„Könntest es ihm doch sagen…, ähm telepathisieren oder wie man das nennt.“

„Mal sehen ob, ich ihn erreiche. Willst du ihn kennen lernen?“

„Ich würde schon gerne den Menschen, na ja das Wesen, kennen lernen, das dich geschaffen hat“, meinte ich und gab Chris einen Kuss.

„Er hat mich ja nicht geschaffen, mich nur unter seine Obhut genommen!“

„Aber er hat aus dir das gemacht, was du heute bist… das, was ich an dir liebe“, meinte ich verträumt.

„Träumer“, kam es von Chris und ich begann zu kichern.

Die Schmerzen an meinem Hals wurden wieder stärker, was Chris auch sofort bemerkte. Er beugte sich zu mir und küsste genau auf die Stellen, die jetzt irrsinnig brannten. Einerseits tat es gut, was Chris machte, aber andererseits erregte es mich auch ungemein. Ich konnte nicht anders und stöhnte leise auf.

„Können wir das nicht vor dem Kaminfeuer zu Hause fortsetzen?“, fragte ich mit zittriger Stimme.

„Wenn du deine Hand aus meiner Hose nimmst, kommen wir da sogar hin“, antwortete er mit einem frechen Grinsen, was mich knallrot anlaufen ließ.

Chris zwinkerte und griff nach meiner Hand, um mich aus dem Club zu ziehen.

„Hast du die Schlüssel?“, fragte er mich.

„Ja, habe ich“, und zog den Bund aus meiner Hosentasche,

Die kühle Nachtluft tat mir gut, das Brennen ließ nach und ich konnte meinen Kopf wieder ohne Schmerzen bewegen.

„Gut, dachte schon, ich habe ihn wieder vergessen.“

„Hast du auch, es ist dein Schlüssel“, meinte ich und musste grinsen.

„Ähm… schönes Wetter heute, findest du nicht?“

Ich fing nun laut an zu lachen und schmiegte mich an ihn. Er zog mich an sich und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

*-*-*

Am nächsten Morgen wurde ich recht spät wach und bemerkte, dass ich alleine war. Die Sehnsucht nach Chris überkam mich sofort und so kuschelte ich mich noch mehr unter die warme Bettdecke. Kaum hatte ich meine Augen wieder geschlossen, fiel ich wieder in einen tiefen Schlaf…

Chris stand auf einer Felsenklippe und sah so edel aus in seinem Umhang, der im Wind flatterte. Die Gischt des Meeres schoss nach oben und vermischte sich mit dem Licht der untergehenden Sonne.

Wie tausend Sterne umgaben ihn die fallenden Wassertropfen. Sein Kopf drehte sich sanft in meine Richtung. Ich sah, dass seine Augen rot funkelten. Langsam schritt ich auf ihn zu, wieder und wieder schäumte die Gischt auf.

Als ich direkt vor ihm stand, konnte ich ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen sehen. Ich wollte ihn berühren, aber griff ins Leere. Er sagte etwas zu mir, doch ich konnte ihn nicht verstehen. Da griff er in seinen Umhang und holte etwas daraus hervor.

Als ich sah, dass es ein kleiner Spiegel war, wich ich erschrocken zurück. Ja, ich sah mich, aber ich konnte dennoch nicht glauben, was ich da sah. Im Gegensatz zu Chris war ich weiß gekleidet und hatte… Flügel.

Abrupt fuhr ich auf und saß wieder in meinem Bett. Was war das, was hatte ich in dem Traum gesehen? Schweiß lief in kleinen Tropfen über meine Stirn. Ich hatte Angst und krallte mich an meine Decke. Wo war nur Chris?

Da öffnete sich plötzlich die Tür und Chris stürzte herein, er sah mich erschrocken an.

„Alles in Ordnung, Steve?“, fragte er besorgt.

Ich war nicht fähig, auch nur einen Ton herauszubringen und schaute ängstlich auf zu Chris, der sofort zu mir ans Bett kam, um mich in den Arm zu nehmen. Kaum hatte er das getan, fühlte ich eine Ruhe in mir einkehren, die unglaublich gut tat.

Ich spürte seine Hand, wie sie zärtlich über meinen Rücken auf und ab fuhr.

„Ich habe geträumt…“, begann ich.

„Was denn?“, fragte er mit seiner mir wohl bekannten sanften Stimme.

„Du standest auf einer Klippe und warst wunderschön!“, antwortete ich und schaute ihn an.

„Und da schreckst du angsterfüllt hoch?“

„Nein, ich bin zu dir hingegangen und wollte dich berühren, aber griff ins Leere. Du hast etwas zu mir gesagt, aber ich hab nichts verstanden. Dann hast du mir einen Spiegel vorgehalten…“

Chris kraulte sanft über meinem Nacken.

„Und was war im Spiegel?“, fragte er.

„Ich…!“

„Wie, ich?“

„Ich…, ich war ein Engel!“

Mir liefen Tränen über meine Wangen.

„Weiß ich doch, dass du das bist!“, sagte Chris lächelnd, „aber da gibt es doch nichts zu erschrecken!“

„Was bin ich?“, fragte ich, mir der Worte bewusst, die ich gerade aus Chris Mund gehört hatte.

Und wieder grinste mich Chris an.

„Na, mein Engel!“

„Ja, du hast schon oft gesagt, dass ich dein Engel bin“, meinte ich lächelnd, „aber das im Traum war so real!“

„Vergiss den Traum, es war nichts weiter!“, erwiderte Chris und nahm mich wieder in den Arm.

Ich lehnte mich an ihn, aber immer wieder hatte ich das Bild von dem Engel im Kopf. Chris küsste mich sanft am Hals, während ich meine Augen schloss und mich gehen ließ. Er drückte mich aufs Bett zurück und küsste mich immer wieder.

Ich atmete tief durch und plötzlich war alles ganz klar um mich herum. Ich bin ein Engel, dachte ich.

In meinem Kopf vernahm ich Chris‘ Stimme, die meine Gedanken mit einem sanften „Ja!“ bestätigte.

Ich bin doch ein normaler Mensch, wie geht das? Und warum kann ich plötzlich deine Stimme hören, obwohl du nichts sagst?

Weil ich das zulasse!

Ich weiß, es gibt Vampire, aber dass es wirklich Engel gibt?

Irgendetwas passierte in mir, ich spürte, dass sich eine Veränderung in mir vollzog. Chris legte sich neben mich. Der Raum um mich herum schien sich aufzulösen, nur Chris war noch neben mir, dessen Nähe ich deutlich spürte.

„Chris, was passiert hier?“, fragte ich.

„Pst!“, meinte Chris und legte seinen Finger auf meine Lippen, „schließ deine Augen!“

Ich tat, was Chris sagte und schloss voller Vertrauen meine Augen. Irgendwo tief in mir spürte ich etwas pulsieren, eine Art Energie, wie ich sie noch nie empfunden hatte. Er strich mir langsam und sanft über den Bauch. Ein leises Aufstöhnen entwich meinen Lippen, während ich meinen Rücken durchdrückte und mich unter Chris wand.

Mein Körper fühlte sich plötzlich so leicht an, als würde ich schweben. Chris wanderte mit seinem Finger über meinen Bauch bis hin zur Brust und ich merkte, wie er sacht meine Lippen anhauchte. Ich öffnete meine Augen und sah Chrisis Gesicht direkt vor dem meinem.

Seine Augen funkelten in einem tiefen rot. Sanft küsste er jedes meiner Augen und als ich diese erneut öffnete, sah ich Chris plötzlich in einem ganz anderen Licht. Seine Gesichtsfarbe wirkte warm, ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. Glücklich beugte ich mich vor und küsste ihn.

Er erwiderte meinen Kuss und begann an meinen Lippen zu knabbern. Ich wand mich weiter unter Chris, aber er legte seine Hand auf meinem Bauch und drückte mich aufs Bett zurück. Ein Schaudern durchlief meinen Körper und ich begann zu zittern.

Ich streichelte ebenfalls mit meiner Hand über seinen Rücken, spürte die warme Haut unter meinen Händen.

„Geht es wieder, mein Kleiner?“, flüsterte Chris.

„Ja!“, hauchte ich.

„Aber mit schlafen ist wohl gerade nichts, wenn ich das so richtig deute!“

„Wieso schlafen, bin doch eben erst aufgewacht!“

„Es ist drei Uhr morgens und du solltest schlafen!“

„Drei Uhr? Ich dachte es wäre Morgen.“

„In deinen Träumen vielleicht!“

„Nein, in meinem Traum war es ein Sonnenuntergang, in dem du so wunderschön vor mir standst!“

„Na gut, geschlagen, es ist Morgen, aber du solltest trotzdem noch etwas schlafen!“

„Okay!“

Ich lag plötzlich wieder in meinem Bett, doch Chris hatte sich aufgerichtet.

„Wo gehst du hin?“, fragte ich ihn verwundert.

„Nirgends, ich bleibe bei dir!“, antwortete Chris.

Er legte seine Kleidung ab und kam zu mir ins Bett. Zum ersten Mal konnte ich die kleine Bisswunde an seinem Hals sehen, die sehr unscheinbar die rechte Seite seines Hals zierte. Er kuschelte sich eng an mich und legte seinen Arm über meine Brust.

„Versuche zu schlafen“, meinte Chris, „du brauchst deine Kräfte.“

Ich gehorchte und fiel schon bald wieder in einen tiefen Schlaf.

Und schon war ich wieder mittendrin. In meinem Traum, welcher mir schon oft schweißtreibende Nächte beschert hatte. Aber irgendetwas war diesmal anders.

Natürlich war da wieder dieses große Feuer, doch diesmal versetzte es mich nicht in Traurigkeit, sondern wärmte mich und schenkte mir ein Gefühl von Geborgenheit. Auch der Ort hatte nichts Furchterregendes mehr an sich. Keine Schatten, die mir Angst machten.

Irgendwoher kam ein heller Schein, den ich aber nicht deuten konnte.

„Das bist du“, hörte ich eine Stimme sagen.

Sie hatte ebenso etwas Warmes an sich und kam mir irgendwie bekannt vor.

„Chris?“, fragte ich, obwohl ich niemanden ausmachen konnte.

„Ja, ich bin Chris“, sagte die Stimme.

„Wo bist du?“, fragte ich.

„Du stehst direkt vor mir!“

„Da ist nur das Feuer!“

„Eben, das bin ich. Komm zu mir!“

„Ich kann nicht, ich werde mich verbrennen!“

„Du wirst dich niemals verbrennen. Denn du bist das reine Licht, die Energie der Liebe, kein Feuer kann dir etwas anhaben. Vertraue mir!“

Licht… Energie… Liebe? Was meinte er damit?

„Steve, du machst dir zu viele Gedanken, akzeptiere dich endlich wie du bist, sei, was du bist!“

„Was bin ich denn, Chris?“, fragte ich verzweifelt.

„Du bist mein Engel!“

„Das hast du schon gesagt, aber das bringt mich nicht weiter.“

Ich hatte nicht gemerkt, dass ich ein paar Schritte nach vorne gegangen war und schon inmitten der Flammen stand. Doch nichts passierte. Kein brennender Schmerz, kein Aufschreien von mir. Nur die Wärme, wie zuvor, die mich geborgen in ihren Armen hielt.

„Schau in dich, und du wirst dich erkennen, Steve!“

Ich schaute ins Feuer und es kam mir vor, als würde dort ein Spiegel sein. Was ich dort sah, verschlug mir die Sprache. Meine Gestalt war in gleißendes Licht gehüllt. Was mich aber noch mehr beeindruckte, waren die Flügel. Große weiße Flügel, die hinter meinem Rücken zum Vorschein traten.

„Das bin ich?“, fragte ich ungläubig.

„Ja, mein Engel!“

„Wie kann das sein?“

„Du warst es schon immer, Steve, und wirst es auch immer sein. Das ist deine Vorbestimmung!“

Der Spiegel verschwand und ich konnte die Umrisse von Chris erkennen.

„Du bist mein Engel. Ich weiß nicht wie, aber als ich zum Untoten wurde, bliebst du bei mir. Jedes Mal, wenn ich in Schwierigkeiten war, standst du für mich ein, hast dein Dasein für mich riskiert oder dich geopfert.“

„Du meinst, ich bin jedes Mal wieder auferstanden?“

„Ja, immer wieder bist du wiedergeboren.“

„Also müsste meine Seele so alt sein wie Deine.“

„Nein Steve, du bist viel älter. Du gehörst zu den Wesen, die einmal über alles herrschten, bis alles zerfiel, durch den Verrat eines Engels.“

Nun konnte ich Chris deutlich sehen. Das Feuer schien ihm ebenso nichts anhaben zu können, es wich auf die Seite und er kam auf mich zu.

„Redest du von Gabriel?“

„Das entspricht dir, du weißt wovon ich rede.“

„Ich habe es immer gewusst, irgendwo tief in mir vergraben.“

„Du bist aber der erste Engel, der sich mit dem Bösen verbunden hat!“

„Was habe ich?“

„Steve, ich bin ein Vampir, das Böse schlechthin. Doch du hast dich für mich entschieden, behütest mich, wachst über mich!“

„Bisher habe ich ein normales Leben geführt, und jetzt…“

„Wirst du es weiterführen, so wie du willst!“, sagte Chris liebevoll, „doch erst, wenn du die große Aufgabe bestanden hast.“

Ich schreckte auf und wieder saß ich im Bett.

„Chris?“, flüsterte ich leise.

„Was ist?“, brummte Chris.

„Das eben war kein Traum, oder?“

„Nein, du warst mit mir verbunden, unsere Gedanken und Träume haben sich verschmolzen.“

„Was für eine Aufgabe hast du gemeint?“

Chris drehte sich um und setzte sich ebenfalls auf.

„Der Kampf gegen Gabriel!“

„Gegen Gabriel, aber warum denn? Ich hab doch nichts getan!“

„Aus deiner Sicht nicht…“, meinte Chris und nahm mich in den Arm.

Plötzlich bekam ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Ich und kämpfen, ich der schon vor einer Spinne wegrannte. Wie sollte ich da mit Gabriel, einem Erzengel, kämpfen? Mit Schwert und Lichtblitzen oder so? Chris lachte auf und ich drehte meinen Kopf zu ihm.

„Warum lachst du?“, fragte ich Chris.

„Du vergisst, dass wir immer noch verbunden sind, alles was du denkst und fühlst, erfahre ich genauso!“, antwortete Chris.

„Dann weiß ich aber immer noch nicht, warum du gelacht hast.“

„Die Vorstellung, dass du da stehst, mit einem Schwert und Gabriel mit Lichtblitze bewirfst, fand ich einfach köstlich.“

Ich schob meine Lippe vor und schmollte.

„He, nicht doch! Schwerter sind etwas aus dem dunklen Reich. Und Lichtblitze, na ja, das ist eine andere Sache. Zwischen dir und Gabriel gibt es ein reines Wortgefecht, mehr nicht!“

„Wortgefecht?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, in etwa wie ein Streit. Aber ihr schreit euch dabei nicht an.“

„Aber, … aber, wie soll ich das schaffen? Du weißt, ich bin nicht so wortgewandt und gegen einen Gabriel komme ich damit sicher nicht an.“

Chris änderte seine Position, damit er besser an mich heran konnte, und nahm mein Gesicht zwischen seine Hände.

„Steve, du redest aus dem Herzen, du redest, was du fühlst! Das ist deine Stärke, das was ich auch am meisten an dir liebe!“

„Stärke? Ich komme mir gerade sehr erbärmlich und schwach vor.“

„Das bist du nie und nimmer. Vertraue dir ruhig ein wenig mehr, du schaffst das!“

Chris‘ Hand strich sanft über meine Brust, die sich durch meine Aufregung noch immer heftig hob und senkte.

„Ruhig mein Kleiner“, hörte ich Chris in mein Ohr hauchen.

Ich spürte seine Kraft, die sich über meinen Körper legte. Spürte, wie ich langsam ruhiger wurde. Ganz von alleine drückte ich mein Kreuz durch und wandte den Kopf zur Seite.

„Nein!“

Irritiert schaute ich zu Chris.

„Steve, ich werden dich nicht beißen, vergiss es!“

Mein irritierter Blick wechselte in einen etwas enttäuschten.

„Aber ich…“

„Wir haben dieses Thema ausdiskutiert und ich werde meine Meinung nie ändern! Und jetzt kein Wort mehr darüber.“

Ich wollte protestieren, doch noch immer war ich mit Chris im Gedanken verbunden und plötzlich spürte ich sein Verlangen, seine Gier nach mir. Er presste seine Lippen auf die meinen und fordernd drang seine Zunge in meinen Mund.

Unsere Zungen vollführten Tänze, während seine Hände weiter über meinen Körper wanderten.

„Ich will dich“, keuchte Chris.

Sein Gesicht war noch immer ganz dicht bei mir und ich konnte im Schein des Feuers seine fast schwarzen Augen funkeln sehen. Ich nickte fast unmerkbar. Einige Augenblicke später fühlte ich etwas Kühles an meiner Pforte und Chris‘ Finger, wie sie massierend meine Pforte weiteten.

Immer tiefer drang er mit dem Finger in mich ein und mein Körper fing an zu beben. Laut atmete ich aus, um kurz darauf die Luft wieder scharf einzuatmen. Ich vergaß alles um mich herum und wollte nur noch Chris spüren.

Aber da war noch die tiefe innig Lust von Chris, die ich spürte und mich noch mehr in Trance versetzten. Er hob meine Beine an und legte sie sich über seine Schulter. Wenig später spürte ich, wie er versuchte, Einlass zu fordern.

Der Verbund mit Chris erleichterte es mir, mich zu entspannen. Ich konnte einen tiefen Summton hören, der mich ruhig werden ließ, aber gleichzeitig meine Lust noch mehr steigerte.

Chris drang in mich ein und ich stöhnte laut auf. Aber nicht vor Schmerzen, sondern weil ich so ein irres Gefühl empfand. Chris beugte seinen Kopf und wir versanken in einem innigen und langen Kuss.

Währenddessen fing Chris an, sich in mir zu bewegen. Mein Körper bebte, verlangte nach mehr. Jedes Mal wenn Chris zustieß, presste ich laut meinen Atem heraus. Das Empfinden meiner Sinne war um einiges intensiver als sonst.

Ich spürte nicht nur mein Lustempfinden, sondern auch das von Chris. Es war, als verschmolzen wir zu einem Körper. Während Chris immer stärker zustieß und dabei erregt stöhnte, spürte ich in mir etwas brodeln.

Diese unbändige Kraft überkam mich total und ich schrie laut meine Lust heraus. Auch Chris‘ Energie sammelte sich langsam und steuerte auf den einen Punkt zu. Meine Hände krallten sich im Leintuch fest, mein Körper bebte, meine Luft verließ nur noch ´stoßweise meine Kehle.

Die Wellen der Erregung wurden immer extremer spürbar, Chris‘ Tempo immer schneller. In mir floss reine Energie und auch ich spürte, dass ich nicht mehr weit davon entfernt war, heftig und mit voller Kraft zu kommen.

Chris‘ Stimme wurde tiefer, sein Tempo noch schneller, bis er plötzlich aufschrie und sich in mir entlud. Im gleichen Augenblick schwappte auch bei mir die Welle über. Laut schreiend entluden wir uns nun beide und mit jeder neuen Welle zuckten unsere Körper, als stünden sie unter Strom.

Die urgewaltige Kraft schien nicht nachzulassen, denn noch immer bewegte sich Chris schnell in mir. Seine Bewegungen wurden erst nach einiger Zeit langsamer, sein Stöhnen wieder leiser, bis er plötzlich seinen Körper auf den meinen fallen ließ.

Schwer atmend lagen wir nun aufeinander.

„Ich liebe dich“, hörte ich Chris flüstern.

„Ich dich auch“, antworte ich ebenso erschöpft.

*-*-*

Als ich wieder erwachte, schienen bereits die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster. Chris lag noch immer neben mir, diesmal erwachte ich nicht alleine, wie sonst jeden Morgen.

Seine Haut war nicht so blass wie sonst, sein Rücken mit feinen Muskeln überzogen. Plötzlich schreckte ich auf und schaute hektisch um mich. Das Bett, in dem wir langen, war nicht das meine.

Auch das Zimmer war total fremd.

„Was ist denn?“, brummte Chris neben mir.

„Wo… wo sind wir?“, fragte ich verängstigt.

„Bei meinem Freund…“, antwortete Chris, ohne sich irgendwie zu bewegen.

„Aber… aber wie sind wir hierher gekommen?“

„Dank deiner Kraft.“

Nun richtete sich Chris auf und lehnte mit dem Rücken an die Wand an, während ich ihn verwundert anschaute.

„Was ist mit dir, du… du siehst plötzlich so anders aus.“

Ein Lächeln zierte Chris‘ Lippen und er zog mich zu sich heran. Sein Körper fühlte sich warm und weich an, die Kälte war verschwunden.

„Ich verstehe nicht…“, stammelte ich.

„Steve, du wirst es verstehen, aber lass uns erst aufstehen und meinen Freund nicht so lange warten lassen.“

Er zog mich zu einem Kuss zu sich und ich vergaß augenblicklich sämtliche Fragen, die sich in meinem Kopf angestaut hatten. Chris schob mich sanft zur Seite und stand auf, um ans Fenster zu treten. Augenblicklich wurde sein Körper durch das Sonnenlicht in ein sanftes Strahlen gehüllt.

Er hatte rein gar nichts mehr von einem Vampir. Sogar die langen schwarzen Haare leuchteten jetzt in einem kräftigen braun. So hatte ich Chris noch nie gesehen. Der sonst so lichtscheue Chris badete in den Sonnenstrahlen.

„Das Licht… das Licht schadet dir nicht mehr?“

Chris drehte seinen Kopf und sein Blick wurde etwas traurig.

„Doch schon, aber im Augenblick zehre ich von deiner Kraft, die du mir heute Nacht hast zukommen lassen.“

Ich richtete mich ebenfalls auf, mein Leintuch rutschte herunter und ich saß nun fast nackt im Bett. Chris schmunzelte bei meinem Anblick. Dass ihn das auch nicht kalt ließ, sah ich deutlich an seiner Erregung.

„Ich verstehe nicht, was du meinst, Chris.“

Chris kam zu mir zurück und setzte sich aufs Bett. Er nahm meine Hand und legte sie auf seine Brust.

„Steve, du hast mir heute Nacht von deiner Lebensenergie geschenkt. Dies ermöglicht es mir für kurze Zeit wieder Mensch zu sein.“

Mit großen Augen schaute ich ihn an.

„Geht das auch als Dauerlösung, was müsste ich machen…?“

„Das würde gehen…“, hörte ich eine mir fremde Stimme aus Richtung der Tür.

Mein Kopf flog herum und dort stand ein Mann mit langen blonden Haaren. Er war wie Chris sonst auch in einen langen schwarzen Mantel gehüllt.

„Michael“, sagte Chris und stand auf.

Die beiden begrüßten sich mit einer festen Umarmung, wobei ich mich fragte, was Michael sich dachte, da mein Chris immer noch nackt war.

„Darf ich dir meinen Engel vorstellen?“, fragte Chris und deutete dabei auf mich.

„Der Engel Steve, viel habe ich von ihm gehört und nun sitzt er leibhaftig vor mir“, kam es von Michael.

Viel von mir gehört? Wer außer Chris kennt mich denn schon?

„Du bist sehr bekannt“, sprach Michael weiter, „welcher Vampir hat schon einen Engel als Freund.“

„Was meintest du vorhin mit… es geht…“, sagte ich, um von dem Thema abzulenken.

„Du kannst ihm sein Leben wieder schenken…“

„Michael… bitte nicht…“, kam es von Chris.

Ich schaute zwischen den beiden hin und her.

„Worüber redet ihr?“, fragte ich.

„Schenk ihm dein Leben und er wird wieder so, wie er früher war.“

Die Worte halten im Zimmer nach. Mein Leben für seins?

„Dein junger Freund ist nun wohl etwas geschockt.“

„Ich habe dir gesagt, du sollst davon nicht anfangen…“, meinte Chris.

„So hast du das?“

Die zwei starrten sich an, bis sich auf Michael Lippen ein Grinsen abzeichnete. Dann fingen beide an zu lachen.

„Da hast du dir aber wirklich einen süßen Typ geangelt“, meinte Michael und nahm Chris nochmals in den Arm.

„Ja, das ist er, da muss ich dir Recht geben.“

„Und du liebst ihn wirklich?“

Chris nickte mit einem Lächeln.

„Könntet ihr vielleicht auch mal mit mir reden, nicht nur über mich?“, warf ich ein.

Nun gesellten sich beide an mein Bett. Während mein Blick auf Chris haftete, wurde er langsam wieder blasser.

„Du willst das wirklich auf dich nehmen?“, fragte Michael.

„Wenn ich dadurch mit Steve richtig zusammen sein kann, dann ja.“

„Du kennst aber die Risiken, oder?“

Chris senkte den Kopf und nickte.

„Von was redet ihr?“, fragte ich.

Michael wandte sich zu mir.

„Dein Schatz möchte wieder menschlich werden.“

„Mit meinem Leben als Preis?“, fragte ich verwirrt, „Chris, du weißt, ich würde alles für dich tun… aber…“

„Da hast du wahrscheinlich etwas falsch verstanden, Steve“, redete Michael weiter.

Die Fragen in meinem Kopf wurden immer größer.

„Nicht dein Leben soll verwirken, du sollst Chris dein Leben schenken, deine Kraft auf ihn fließen lassen.“

„Das heißt doch aber, dass ich sterbe.“

„Nein.“

„Ich verstehe das nicht.“

„Steve, du bist ein Engel… würdest du das für Chris aufgeben?“

„Wie aufgeben?“

„Du wirst für Chris ein normaler Mensch werden und er wird wieder Mensch und sterblich.“

Ich schaute zu Chris. Dieser hatte noch immer seinen Kopf gesenkt.

„Und was muss ich machen?“

Nun schnellte Chris‘ Kopf nach oben.

„Du würdest das für mich machen?“

„Chris ich liebe dich, ich würde alles machen für dich.“

„Das wird Gabriel nicht gefallen“, kam es von Michael.

„Immer höre ich Gabriel, was habe ich mit dem zu schaffen?“, fragte ich empört.

„Gabriel wacht über dich. Er war schon ungehalten, dass du dich mit einem Vampir anfreundest. Dass du einem Vampir jetzt auch noch helfen willst, in sein normales Leben zurück zu kommen, wir ihm nicht schmecken. Besonders nicht bei Christian.“

„Wieso bei ihm nicht?“

Christian schmunzelte.

„Sagen wir mal so, der liebe Chris hat Gabriel den Freund ausgespannt…“, meinte Michael süffisant.

„Du hast was…?“, fragte ich erstaunt.

„Man, ich konnte ja nicht wissen, dass es Gabriels Freund war…“

Michael begann dreckig zu lachen.

„Aber als du es wusstest, hast du nicht aufgehört“, kam es von ihm.

Ich sah zu Chris, der wirklich so etwas wie Röte in seinem Gesicht zeigte. Mein Chris konnte rot werden? Tatsächlich verlegen? Nun fing auch ich an zu lachen.

„Ihr zwei solltet euch langsam anziehen… es kommt bald Besuch“, meinte Michael nun etwas ernster.

„So, wer denn?“, fragte ich noch immer lachend.

„Gabriel.“

Abrupt hörte ich mit dem Lachen auf.

„Was will der hier?“, fragte ich nun leicht verstimmt.

„Entscheidungen bleiben nicht ungehört… und ich kenne Gabriel gut genug, dass er sofort zur Stelle ist.

*-*-*

Ich schaute zum Fenster hinaus. Anders als zu Hause war hier alles noch von freier Natur umgeben und nichts zugebaut. Ich spürte, wie mich die Landschaft gefangen nahm.

„Der Besuch ist eingetroffen“, hörte ich Chris hinter mir sagen.

„Kommst du mit?“, fragte ich nervös

„Ich weiß nicht, ob Gabriel meine Anwesenheit duldet.“

„Sie wird geduldet“, kam es von einer Stimme an der Tür.

Ich drehte mich um und sah einen Engel aus meinen Träumen.

„Gabriel?“

„Ja, der bin ich.“

Verschüchtert schaute ich zu Chris, dann wieder zu Gabriel.

„Geht das lange?“, fragte ich unwissend.

„Von was redest du?“, fragte Gabriel.

„Also… dieses Umwandeln, oder wie man es nennt?“

Trotz der Ernstheit dieses Gesprächs konnte ich ein kleines Lächeln um Gabriels Lippen feststellen.

„Du bist dir sicher, dass du das „Pristage“ möchtest? Mit all seinen Folgen, die es für dich haben wird?“

„Folgen?“

„Dein Leben wird sich verändern. Noch nie hat ein Engel sein Leben gegeben, um einem Untoten das Leben zu schenken.“

Ich schaute noch einmal zu Chris, der nun etwas unglücklich schaute.

„Diese Veränderung werde ich wohl überleben.“

„Wirst du, aber es wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Mehr darf und kann ich dir nicht sagen.“

Ich sah Gabriel an. Ein schwacher Schein ging von ihm aus und jede seiner Bewegungen sah so edel aus.

„Was muss ich tun?“, fragte ich.

Warum erschien mir das alles plötzlich zu einfach? Hatte doch Chris mir prophezeit, dass Gabriel nicht umgänglich wäre und ich mich auf ein Wortgefecht gefasst machen müsse.

Doch jetzt riefen in mir innere Stimmen Warnung, irgendetwas stimmte hier nicht. Doch ich wollte, dass Chris eine Chance bekam.

„Legt euch beide auf das Bett. Michael wird als Zeuge beiwohnen. Habe ich einmal begonnen, gibt es kein Zurück mehr.“

Ich schaute Gabriel etwas verängstigt an. Er schien meinen Blick richtig zu deuten.

„Du brauchst keine Angst zu haben, es wird nicht weh tun.“

So legten Chris und ich mich auf das Bett, mit den Köpfen zum Fußende. Chris sagte gar nichts mehr, er schaute mich nur an und nahm meine Hand.

„Egal, was passiert mein Engel, ich werde dich immer lieben.“

Ich nickte. Gabriel legte seine Hand auf meinen Kopf und begann in einer fremden Sprache zu reden. Langsam verschwand das Umfeld, auch Chris wurde immer undeutlicher.

Ich wollte schreien, aber es ging nichts mehr, als würde jegliches Leben aus meinem Körper weichen.

*-*-*

Ich saß im Park auf der Bank und sah meinem Hund beim Spielen zu. Irgendwie musste ich im Gedanken abgedriftet sein, meine Uhr zeigte eine ganze Stunde später an. Ich wusste nicht einmal wie ich hierher gekommen war.

Ich pfiff kurz und Remi kam angerannt.

„Komm, genug getobt, wir gehen nach Hause“, meinte ich und machte meine Leine wieder fest.

Zu Hause? Wieso kam mir das plötzlich so fremd vor? Ich fühlte mich so merkwürdig, als hätte jemand den Speicher im Kopf gelöscht. Remi zog mich zum Ausgang des Parks, bis wir an einem Auto ankamen.

Mechanisch zog ich einen Schlüssel hervor und schloss die Hecktür auf. Hinter mir hörte ich das Reifenbremsen eines Rades und drehte mich um. Ein Typ in meinem Alter hatte scharf bremsen müssen, weil mein Remi die Fahrradspur blockierte.

„Oh, Entschuldigung, ich habe nicht aufgepasst“, meinte ich.

„Ist ja nichts passiert…“, meinte der Typ.

Ich sah ihm in die Augen und meinte ein Glitzern darin zu sehen. Normalerweise war ich nicht der Typ, der einfach jemanden anquatschte, der mir gefiel, aber bei ihm war es anders.

Ein Gefühl von Vertrautheit kam auf.

„Kenne ich Sie irgendwo her?“, fragte ich.

„Nicht dass ich wüsste, aber das kann man ja ändern.“

Seine Lippen formten sich zu einem breiten Grinsen.

„Steve ist mein Name“, meinte ich und reichte ihm die Hand.

„Chris…“, erwiderte er und schüttelte mit einem kräftigen Druck meine Hand.

In meinem Körper breitete sich eine Ruhe aus, die ich bisher noch nicht kannte. Fasziniert schaute ich in die Augen von Chris. Es war, als würde darin ein Feuer lodern, was den Augen ein leichtes magisches rot verlieh.

Ich weiß nicht, wie lange wir da so da gestanden hätten, wäre da nicht ein gewisser Remi ungeduldig geworden und hätte sich mit lautem Gebell gemeldet. Ich ließ Chris‘ Hand los.

„Bist du jeden Tag hier im Park?“, fragte mich Chris.

Ich nickte.

„Gut…, dann sollten wir eine Zeit ausmachen…“

Wieder nickte ich und schaute Chris immer noch fasziniert an.

„Steve?“

„Ähm ja?“

„Wann?“

„Ach so… ja. Ich bin immer um diese Zeit mit Remi im Park.“

„Gut…, dann sehen wir uns hier morgen?“

Ich nickte.

„Also dann bis morgen, denn ich muss weiter.“

Er stieg wieder auf sein Rad und lächelte mich noch mal an.

„Bye“, meinte ich, „bis morgen.“

„Bis morgen…“, waren seine letzten Worte und schon radelte er los.

Sein schwarzes glattes Haar, das wirr unter dem Helm hervor schaute, funkelte in der späten Mittagssonne silbern. Ich stand immer noch an der gleichen Stelle, selbst als er schon lange weg war. Remi machte sich wieder mit Gebell in meinem Bewusstsein breit.

Ich lud ihn in den Wagen, stieg ein und fuhr, in Gedanken bei Chris, nach Hause.

*-* Ende *-*

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