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Information Herbststürme
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:14 AM - No Replies

Herbststürme

Als die Augen von Molly über die Bilder auf der Kommode schweiften, krampfte es ihr das Herz zusammen. Ihre Blicke hafteten an einer großen Fotografie, die ihre Tochter und deren Familie zeigte.

Megan war mit James nach Amerika gegangen, als dieser, diesen tollen Job in einer großen Computerfirma angeboten bekam. Molly war von dieser Idee damals nicht begeistert. Doch sie wollte nicht als böse Schwiegermutter gelten.

Einmal im Jahr kamen die Beiden nach England zurück und das kurz vor Weihnachten. Molly hatte sich damit abgefunden umso mehr freute sie sich auf das Weihnachtsfest, weil sie es mit ihrer Tochter zusammenfeiern konnte.

Sonst war sie alleine, seit Geoffrey nach kurzer Krankheit starb. Sie liebte ihren Mann über alles, auch heute noch saß sie ab und zu vor seinem Bild im Kaminzimmer und redete mit ihm.

Außer ihr bewohnten noch Madge, die Köchin und Hilbert, die gute Seele des Hauses das Cottage. Mollys Mann hatte es in den Fünfzigern günstig erworben und seither war es auch in ihrem Besitz.

Hier hatte Megan eine unbeschwerte Kindheit verlebt, war behütet aufgewachsen. Doch diese Zeit war unwiderrufbar, es war Vergangenheit. Als Megan, Jack bekam und wenig später noch Amy folgte, war es, wenn die junge Familie zu Besuch war, ein Haus voller Leben.

Molly griff nach den Schlüsseln ihres alten Bentleys und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Sie musste sich beeilen, um rechtzeitig in London zu sein, wo sie ihre zwei Enkel vom Flughafen Heathrow in Empfang nehmen sollte.

Das komplette Hab und Gut der Beiden war schon vor Tagen angekommen, doch Molly hatte bisher noch keine Zeit gefunden, irgendetwas davon auszupacken. Sie hatte zwar dafür gesorgt, das beide Kinder ihre Zimmer hatten und auch dementsprechend eingerichtet waren, aber sie dachte auch, Jack und Amy sollten ihre Sachen selbst einräumen, da wollte und konnte sie auch nicht vorgreifen.

Die Särge mit Megan und James sollten Freitag überführt werden, aber daran wollte und konnte Molly noch keinen Gedanken verschwenden. Ihre ganze Aufmerksamkeit sollte jetzt Jack und Amy gelten.

Ein geplatzter Reifen eines Lkws war Megan und James zum Verhängnis geworden. Das Fahrzeug begrub beide in ihrem Wagen unter sich, beide waren sofort tot. Molly als einzigste Verwandte von Jack und Amy wurde zum Vormund der Beiden bestimmt.

Nun lag es an ihr, den Beiden ein Zuhause zu geben. Nach dem sie sich von Madge verabschiedet hatte, setzte sie sich hinter das Steuer des Bentleys. Hilbert kam an den Wagen und Molly ließ die Scheibe der Tür herab sinken.

»Soll nicht doch lieber ich fahren, Mrs. Lonesdale?«

»Nein Hilbert, es geht schon!«

Er nickte ihr noch einmal zu, bevor sie den Wagen langsam zur Ausfahrt steuerte. Molly musste sich zusammenreißen und sich auf den Verkehr konzentrieren. Trotz ihrer 62 Jahre war sie eine sichere Fahrerin, die auch noch recht zügig über die Landstrasse fegte.

Es dauerte nicht lange bis sie die M25 erreichte, die sie schnurr gerade zur M4 brachte, der Zubringer zum Flughafen. Für einen Montag war wieder sehr viel Verkehr dachte sich Molly und vermied es zu überholen.

Nach cirka einer knappen Stunde erreichte sie ihr Ziel. Mollys Bentley für in den breiten Autobahntunnel hinab, der den Flughafen unterquerte. Souverän lenkte sie den schweren Wagen ins Parkhaus, wo Molly durch viel Glück, auch sofort einen Parkplatz fand.

Nervös suchte sie sich ihren Weg zum Terminal drei, wo die Kinder in einer halben Stunde ankommen sollten. Sie begab sich an einer der zahlreichen Infoschalter, wo man ihr netterweise sogar einen jungen Mann zur Verfügung stellte um die richtige Gangway zu finden.

Die Lonesdale Werke waren berühmt für ihre Stoffe, die auch regen Export ins Ausland fanden. So war es Molly ein leichtes, als Seniorchefin des Werkes überall das zubekommen, was sie wollte.

Doch Molly gehörte nicht zu denen Menschenkreis, die ihre Vermögen zur Prahlerei einsetzte. Nur in solchen Situationen wie dieser, war es doch sehr nützlich. Molly konnte in dem Warteraum der Buisnessclass verweilen, bis der Flug eintraf.

Im Gedanken versunken, schlürfte sie an ihrem Tee, der ihr eine freundliche Bedienung gebracht hatte. Jack war nun fast achtzehn Jahre alt und Amy gerade fünfzehn geworden. Beide in einem Alter, wo Vernunft und Verstand eigentlich nur Worte waren, die aus der Erwachsenenwelt herüberschwappten.

Molly fuhr sich über die Stirn, sie fühlte sich heiß an. Hatte sie Fieber? Oder war es einfach nur die Aufregung, über die Ankunft ihrer Enkel. Natürlich freute sie sich auf ein Wieder sehn mit den Beiden, aber nicht unter diesen Umständen.

Wie sollte sie es schaffen, Jack und Amy Trost und Beistand zugeben, wenn sie selber noch tief in sich trauerte. Molly erschrak, als eine Dame vom Bodenpersonal sie darauf hinwies, dass die Maschine bereits im Landeanflug war.

Sie stellte die Tasse auf dem kleinen Tisch vor ihr ab und folgte der Frau, die sie zum Arrival der Delta Airline brachte. Es dauerte noch etwas, bis die ersten Fluggäste die Gangway verließen, um am Schalter auszuchecken.

Molly reckte ihren Hals, um besser sehen zu können. Sie hielt nach Jack Ausschau, der durch seine Größe eigentlich leicht auffallen müsste. Es dauerte auch nicht lange, da sah sie ihn. Jack hatte seine Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen.

Er war ein hochgewachsener junger Mann, der die sportliche Figur seines Vaters geerbt hatte. Molly dagegen war eher zierlich, wie Mollys Tochter Megan eben auch war. Ihre langen, lockigen Haare hatte sie mit einem Tuch zu einem Zopf zusammen gebunden.

An der Hand hatte von Jack war es Amy, die sich unsicher umschaute. Molly winkten den Beiden zu, doch bemerkten sie Molly nicht. Erst als Jack beide auscheckte hob er den Kopf und schaute Richtung Molly.

Ein kleines Lächeln umspielte sein Gesicht, was aber so schnell es kam, auch wieder verschwand. Molly ging langsam auf die Beiden zu, und als Amy sie erblickte, ließ sie alles fallen und rannte in ihre Arme.

Fest schmiegte sich Amy an den Körper ihrer Großmutter und begann zu weinen. Sanft strich Molly über das schwarze Haar ihrer Enkelin. Jack hatte die Sachen von Amy aufgehoben und war nur auch bei Molly eingetroffen.

»Hallo Grandma.«

»Hallo Jack. Und, hattet ihr einen guten Flug?«

»Ja, es ging. Ein paar Turbolenzen, wo sich Amy bald in die Hose machte, aber wir haben es gut durchgestanden.«

»Stimmt doch gar nicht, Jack ist es schlecht geworden, er war jedenfalls um die Nase ganz weiß.«

Molly hatte bemerkt, dass Jacks Ablenkungsmanöver gelungen war. Amy weinte nicht mehr. Stolz zwinkerte ihrem Enkel zu, der für sein Alter doch sehr erwachsen wirkte.

»Kommt Kinder, lass uns eurer Gepäck holen und von hier verschwinden, es ist mir ehrlich gesagt, etwas zu voll.«

Jack nickte und nahm das Handgepäck wieder auf. Das große Gepäck war schnell gefunden und durch die Hilfe eines netten Flughafenangestellten schnell im Auto verladen. Es dauerte auch nicht lange, bis Molly den Bentley wieder auf die Autobahn steuerte.

Die Fahrt verlief eher ruhig. Molly fragte die Kinder zwar ab und zu etwas, doch außer knappen Antworten, kam nichts. Sie hatten bereits die M25 verlassen und befanden sich auf dem Weg nach Brighton.

Molly sah kurz zu Jack hinüber, der in Brighton angekommen hinaus aufs Meer sah, er teilte wohl die gleiche Schwäche für das Meer, wie sie selbst. Auf dem Marine Drive verließen sie Brighton in südlicher Richtung, fuhren an der Küstenstrasse entlang.

Kurz nach dem sie die Stadt verlassen hatten, kamen sie zu einer kleinen Kreuzung, wohin die Strasse zum Cottage abbog. Molly setzte den Blinker und wartete kurz, bis einige Fahrradfahrer die Straße überquert hatten, bevor sie einbog.

Noch immer saßen ihre Enkel still im Wagen, doch Amy begann sich umzuschauen. Jetzt schienen die Erinnerungen an das letzte Weihnachten zurückzukommen. Jack dagegen bewegte sich nicht, saß eher teilnahmslos da.

Oh Herr, steh mir bei, wie sollte ich das nur bewältigen, dachte sich Molly kurz und steuerte langsam aber sicher die Einfahrt zu Cottage an. Sie ließ den Wagen vor dem Haus ausrollen und drehte den Schlüssel herum.

Das satte Brummen, des Motors erstarb. Keine Sekunde später öffnete sich die Haustür und Madge und Hilbert traten heraus. Amy stürmte aus dem :Wagen und rannte auf Madge zu, die sie freudig begrüßte.

Jack schüttelte beiden die Hand und half dann Hilbert das Gepäck aus dem Kofferraum auszuladen.

»Amy wenn du möchtest, kannst du heute Mittag zu Charlotte, sie hat schon nach dir gefragt.«

Das Gesicht des Mädchens erhellte sich ein wenig.

»Gerne Grandma!«

Alle zusammen betraten sie nun das Haus. Molly ließ Jack nicht aus den Augen, der bisher kein Wort mehr gesagt hatte. Wie in allen Cottages standen sie direkt im Livingroom. Hilbert hatte ihm das Gepäck abgenommen und war auf dem Weg nach oben, in die Zimmer der Enkel.

»Wollt ihr euch noch etwas frisch machen, bevor wir essen?«

Molly schaute die beiden an. Madge schaute kurz zu ihr herüber und zuckte mit den Schultern. Dann ging sie zu Amy.

»Komm Amy, wir gehen in dein Zimmer, mal sehen, was du alles in deinen Koffern mitgeschleppt hast.«

Madge nahm Amy an der Hand und zog sie die Treppe hinauf. Nun standen Molly und Jack alleine in mitten der großen Sitzgruppe.

»Sie ist tapfer!«

Molly schaute auf, als ihr Enkel diese Worte gesprochen hatte.

»Und du, wie geht es dir?«

Molly setzte sich in ihren großen Ohrensessel und bat Jack sich neben sie zusetzten.

»Ich kann es dir nicht sagen, Grandma. Die letzten Tage war soviel zu machen, ich musste mich um soviel kümmern und dann noch Amy. Ich hatte überhaupt keine Zeit, mir irgendwelche Gedanken zu machen.«

»Jetzt seid ihr erst einmal hier, da hast du genügend Zeit!«

Traurig schaute Jack in die Augen seiner Großmutter, dann erhob er sich und ging ebenso nach oben. Molly dagegen saß immer noch in ihrem Sessel und dachte angestrengt nach. Sie kannte Jack gut genug, um zu wissen, dass da noch mehr war, als die Trauer.

Sie atmete tief durch und streifte ihren Mantel ab. Sie lief in den hintern Teil des Hauses, wo sich ihr Zimmer befand. Von oben drang ein herzliches Lachen von Amy, sie hatte wohl ihre Katze gefunden, die nun seit einer Woche hier in England weilte.

Es klopfte an ihrer Tür, sie stand auf und öffnete ihre Tür. Jack hatte sich etwas Bequemeres angezogen.

»Kannst du mir sagen wo Tenno ist?«

Jack hatte seinen Hund gesucht.

»Junge, der ist noch beim Tierarzt in Quarantäne, für Hunde herrschen andere Bestimmungen als für Katzen. Aber ich denke Freitag werden wir ihn holen können!«

Jack wich dem Blick seiner Großmutter aus, er wanderte zu Boden. Sie zog ihn ins Zimmer und nahm mit ihm auf ihren Bett Platz.

»Junge, was ist nur mit dir, ich verstehe ja, dass du um deine Eltern trauerst, aber da ist noch etwas anderes?«

»Ich… ich kann da nicht drüber reden.«

Molly wusste, dass sie ihrem Enkel Zeit lassen musste, wenn nötig alle Zeit der Welt. Auf keinen Fall wollte sie ihn zu etwas drängen. Sie nahm ihn in den Arm und saß einfach schweigend neben ihm, während Jack leise vor sich hinweinte.

Es war am späten Abend, die Kinder lagen schon in ihren Betten, als sich Molly in ihren Sessel fallen ließ und sich einen Scotch widmete. Sie starrte auf das Feuer im Kamin.

»Mrs. Lonesdale, brauchen sie noch etwas?«

Hilbert hatte unbemerkt das Zimmer betreten, Molly war ein wenig erschrocken.

»Nein Hilbert, gehen sie ruhig zu Bett, ich werde hier noch etwas sitzen und das Feuer genießen.«

»Gute Nacht, Madam!«

»Gute Nacht, Hilbert!«

Und schon war sie wieder alleine. Ihr Blick fiel wieder auf das Feuer.

»Megan, wie soll ich das nur bewältigen, ich bin zu alt um Kinder zu erziehen!«, sprach sie zu ihrer Tochter, deren Bild auf dem Kaminsims stand, dass eine schwarze Schleife zierte.

»Gut, ich werde es mit allen Mitteln probieren!«

Sie nahm ein kräftigen Schluck aus ihrem Glas und hustete leicht.

»Aber wirf mir bitte nie etwas vor, versäumt zu haben!«

Sie stellte ihr Glas auf dem kleinen Holztisch neben dem Sessel ab und stocherte noch kurz im Kamin. Sie ließ noch einmal einen Blick durch den Raum gleiten, bevor sie langsam in ihr Zimmer ging.

An ihrer Tür hielt Molly inne. Sie drehte sich herum und ging die Treppe hinauf. Leise öffnete sie die Tür von Amys Zimmer. Amy lag ruhig im Bett, hatte ihren Teddybären im Arm.

Molly ging zu ihr hin und deckte sie richtig zu, bevor sie sich kurz hinunterbeugte und Amy einen Kuss auf die Stirn gab. Leise verließ sie das Zimmer wieder und schloss die Tür. Bevor sie bei Jack eintrat lauschte sie kurz vor der Tür.

Dieses Zimmer hatte früher seiner Mutter Megan gehört und wie oft stand sie an dieser Tür und lauschte, ob ihre Tochter schon schlief. Drinnen war nichts zu hören, so betrat sie nun auch Jacks Zimmer.

Die kleine Lampe auf dem Nachtisch brannte noch, aber Jack schien ebenso schon tief zu schlafen. Als Molly ihn zudecken wollte, fiel ihr ein kleines schwarzes Buch auf, wo Jack fast drauf lag.

Sie nahm es vorsichtig an sich und lass auf der Vorderseite. Es war ein Tagebuch. Nein, darin wollte sie nicht lesen, dass waren Jacks eigene Gedanken, dort wollte sich nicht schnüffeln. Also legte sie es leise auf den Tisch.

Jack hatte nur eine Shorts an, Molly dachte noch, hoffentlich erkältet er sich nicht, bevor sie ihn ebenso zudeckte. Sie strich ihm eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und streichelte sanft über seine Wange, bevor sie das Licht ausschaltete.

Hatte sie da ein kurzes Lächeln gesehen, Molly wusste es nicht genau, als sie die Tür verschlossen hatte, atmete sie erst einmal tief durch. Was für ein Tag! Dann ging sie wieder die Treppe hinunter um sich endlich ebenso ins Bett zu begeben.

Am nächsten Morgen wurde Molly vom Klingeln des Telefon wach. Müde nahm sie den Hörer ab.

»Ja, Lonesdale.«

»Guten Morgen Mrs. Lonesdale, Dr. Miller lässt ihnen ausrichten, dass sie den Hund schon heute abholen können.«

Und darum ruft diese Frau schon so früh an?

»Ich werde sehen wie ich es einrichten kann.«

»Dann noch einen schönen Morgen, Mrs. Lonesdale.«

»Ihnen auch.«

Immer noch verschlafen ließ sie den Hörer in die Gabel fallen. Mit einem Auge schielte sie zum Wecker. 8:37 Uhr. Molly fuhr hoch, warum hatte sie denn niemand geweckt. Sie richtete sich auf und eilte in ihr Bad.

Wenig später, fertig angezogen kam sie in die Küche, wo Madge schon fleißig dabei war, dass Frühstück vorzubereiten.

»Guten Morgen, Mrs. Lonesdale.«

»Guten Morgen Madge, sind die Kinder schon wach?«

»Amy habe ich kurz gesehen, aber von Jack habe ich noch nichts gehört.«

Molly nahm einen kräftigen Schluck ihres Kaffees.

»Gut, ich werde selber nach ihnen sehen.«

Schweren Herzens stellte sie ihre Tasse ab, denn die erste Tasse am Morgen war für sie das Wichtigste. Sie dachte sich sowieso, dass sie einige Prioritäten ändern musste, jetzt wo die Kinder bei ihr lebten.

Irgendwann mussten die Kinder auch wieder in die Schule. Ein Privatlehrer wäre zwar praktisch gewesen, aber Molly wollte, dass die Kinder ganz normal aufwachsen, in den Staaten hatten sie ja auch öffentliche Schulen besucht.

Im Gedanken lief sie die Treppe hinauf. Aus Amys Zimmer drang recht laut Musik. Molly blieb kurz stehen. Die Tür von Jack wurde aufgerissen.

»Amy, stell dein Gedudel leiser!«

Molly bewunderte Jacks starke Stimme aber er schien sie auf der Treppe nicht zu bemerken. Amy reagierte nicht, wie denn auch, bei der Lautstärke. Jack lief zu Amy und ohne Vorwarnung stürmte er in ihr Zimmer. Wenige Sekunden später konnte Molly die Beiden ordentlich streiten hören.

Mit einem Lächeln im Gesicht erreichte sie nun das obere Stockwerk. Nun konnte sie die Kinder auch verstehen. Jack hatte seine Lautstärke beibehalten.

»Amy bist du verrückt, wir sind nicht mehr zu Hause.«

»Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist nicht Dad!«

»Es ist egal wer ich bin, wenn ich sage, mach die Musik leiser, dann hast du sie leiser zumachen!«

»Du schwule Sau hast mir gar nichts zu sagen!«

Molly hörte ein Klatschen und wenig später kam Jack aus Amys Zimmer gerannt. Erschrocken blieb er vor Molly stehen. Dann rannte er wortlos in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Vom Lärm angelockt, standen Madge und Hilbert am Fuß der Treppe. Molly schaute zu ihnen hinunter und zuckte mit den Schultern. Sie beschloss als erstes zu Amy zu gehen. Als sie an die offne Tür trat, fand sie Amy auf ihrem Bett vor.

Sie hielt sich die Wange, also hatte Molly richtig vermutet und Jack hatte seiner Schwester eine Ohrfeige gegeben. Molly blieb in der Tür stehen und Amy sah auf. Sie konnte in Amys Augen Wut sehen.

»Was ist denn los?«, fragte Molly.

»Dieses Arschloch meint mich herum kommandieren zu können.«

»Amy, nicht diese Ausdrücke in meinem Haus!«

»Verzeih Grandma, aber Jack benimmt sich so komisch seit er…«

Amy war verstummt, schaute zu Boden.

»Was? Seit wann Jack was?«

Amy schwieg, schaute weiter stur zu Boden. Molly ging zu ihr hin und setzte sich neben sie aufs Bett.

»Kind, für Jack ist es genauso schwer, wie für dich. Der Tod eurer Eltern verkraftet er genauso wenig wie du.«

»Das habe ich auch nicht gemeint.«

Amy war kleinlaut geworden und noch immer schaute sie Molly nicht an.

»Zieh dich fertig an, Madge hat für uns ein schönes Frühstück gerichtet!«

Amy nickte und so ließ Molly sie wieder alleine. Vor Jacks Tür blieb sie stehen, lauschte, aber von drinnen war nichts zu hören. Sie klopfte, aber auch dann kam kein Laut aus dem Zimmer.

Sie öffnete leise die Tür und streckte den Kopf ins Zimmer. Jack lag auf seinem Bett, sein Gesicht im Kopfkissen vergraben. Molly konnte ein leises wimmern hören. Sie setzte sich neben ihm aufs Bett und kraulte seine Haare.

Jack fuhr zusammen, denn anscheinend hatte er Molly nicht gehört.

»Warum bist du hier, mit mir will doch eh niemand mehr etwas zu tun haben!«

Molly erstarrte bei diesen Worten von Jack und zog ihre Hand zurück.

»Und warum bitte schon, sollte ich nichts mehr mit dir zu tun haben wollen?«, fragte nun Molly.

Jack hob sein Kopf an und schaute ihr direkt ins Gesicht. Seine Augen waren gerötet vom Weinen.

»Amy hat dir doch bestimmt schon alles erzählt«, kam es trotzig von ihm.

»Sie hat überhaupt nichts gesagt! Was ist nur los mit euch beiden?«

Jack vergrub wieder sein Gesicht in seinem Kissen und begann zu schluchzen. Molly wusste nicht wie sie an Jack heran kommen sollte. Früher, wenn er in den Ferien bei ihr war, konnten sie sich alles erzählen.

»Jack, du ziehst dich bitte an, du fährst mit mir wohin!«

Jack nickte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Molly war aufgestanden und bereits auf dem Weg nach unten in die Küche.

»Madge?«

»Ja, Mrs. Lonesdale?«

»Wärst du so nett und würdest dich etwas um Amy kümmern, ich möchte mit Jack kurz wegfahren.«

»Und ihr Frühstück?«

»Das werde ich heute wohl ausfallen lassen müssen, Jack geht vor. Hilbert soll den Wagen bitte vorfahren!«

»Ich werde ihm gleich Bescheid geben«

Molly ging nach hinten in ihr Zimmer. Aus dem Schrank zog sie eine dicke Jacke, denn es war draußen noch Recht frisch. Aus der Schublade der alten Kommode zog sie ein Tuch, dass sie sich um den Hals band.

Als sie ihr Zimmer verließ, kam Jack gerade die Treppe herunter gelaufen. Unsicher schaute er seine Großmutter an.

»Komm, schau nicht so, dass wird dir gefallen!«

Jacks unsicherer Blick blieb.

»Madge sage doch bitte Amy, wir sind in ungefähr zwei Stunden zurück!«

»Werde ich machen, Mrs. Lonesdale.«

Molly griff nach ihren Schlüsseln und schaute Jack an, der sich dann langsam zur Haustür bewegte. Draußen angekommen, wollte Hilbert gerade den Bentley aus der Garage holen.

»Hilbert, ich bräuchte den Landrover!«

Er nickte und setzte sich hinter das Steuer.

»Was hast du vor, Grandma?«

»Lass dich überraschen, Junge!«

Hilbert ließ den Landrover vor Molly ausrollen und stieg aus.

»In zwei Stunden werden wir ungefähr wieder da sein, Hilbert!«

Molly setzte sich nun an das Steuer und wartete bis Jack eingestiegen war. Langsam zog der Wagen aus dem Hof zur Ausfahrt. Das tiefe Murren des Motors zeigte, dass er noch kalt war. Molly schaute auf die Straße und als kein Auto mehr vorbei fuhr, zog sie mit dem Landrover auf die Strasse.

Sie überlegte, ob sie den Radio anschalten sollte, ließ es aber dann, denn Jack schaute geistesabwesend nach draußen. Schnell hatten sie die Innenstadt erreicht. Molly suchte nach einem günstigen Parkplatz.

Neben der Kirche fand sie schließlich eine Platz. Souverän lenkte sie den schweren Wagen in die Parklücke und stellte den Motor aus. Jack sah sie fragend an.

»Komm einfach mit!«

Als Jack den Wagen ebenso verlassen hatte, schloss Molly ab und hängte sich bei Jack unter. Sie führte in über die Strasse, zur der kleinen Gasse, wo sich ihr Ziel befand. Als Jack, das Türschild „Tierarzt“ lass, begann sein Gesicht zu strahlen.

»Wir gehen zu Tenno?«

»Noch besser Jack, wir nehmen ihn mit nach Hause.«

Nun strahlte der Junge über das ganze Gesicht, als sie die Praxis betraten. Molly wollte recht zügig die bürokratischen Notwendigkeiten hinter sich bringen, damit Jack seinen Hund bekam.

Eine halbe Stunde später verließ Jack stolz die Praxis mit Tenno an der Leine.

»Was hältst du, von einem Sparziergang an der Küste, ich meine Tenno würde der Auslauf bestimmt gut tun.«

»Klar Grandma, da sind wir dabei!«

Jack ließ denn in den Kofferraum des Land Rovers springen. Bevor er sich vorne zu Molly setzte. Schnell hatten sie die Stadt verlassen und fuhren Richtung Peaceheaven. An einem Seitenweg ließ Molly den Wagen stehen um mit Jack den kleinen Pfad zur Küste zu laufen.

Sie war froh, dass sie ihre dicke Jacke anhatte. Eine starke Brise vom Meer her umwehte sie. Jack hatte Tenno von der Leine gelassen, der nun wie ein Wilder vor ihnen her rannte.

»So mein Junge, hier sind wir alleine, hier stört uns keiner!«

Jack wusste sofort, was Molly damit meinte, er schaute zu Boden und lief weiter neben ihr her.

»Ist es so schwer, du hast mir doch sonst immer alles anvertraut.«

»Ich habe Angst davor, wie du reagierst.«

»Wieso Angst wie ich reagiere, was ist so schlimmes daran, über dass du so schweigst.«

»Dad ist ausgerastet, als ich ihm dass erzählte.«

»Inwiefern?«

»Er hat mir eine heruntergehauen.«

Jack war sehr leise geworden.

»Und dann?«

Molly schaute ihre Enkel ein wenig entsetzt an. Sie sah wie seine Augen wieder feucht wurden.

»Ich weiß es nicht, er ist mit Mum in den Wagen gestiegen und zur Arbeit gefahren… dann…«

Nun ging Molly ein Licht auf, glaubte der Junge etwa, er wäre schuld am Tod seiner Eltern. Sie blieb vor ihm stehen und legte ihre Hand auf seine Schulter.

»Jack schau mich bitte an!«

Sachte hob Jack seinen Kopf, die Tränen rannen ihm über die Wangen.

»Ich sage dir das nur einmal! Du bist nicht schuld am Tod deiner Eltern, dein Vater hätte niemals diesem Lastwagen ausweichen können, ob er nun sauer auf dich war oder nicht, verstehst du?«

Jack schien es zu begreifen, aber sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht.

»Was hast du deinem Dad erzählt?«

Jack schluckte und Molly bemerkte, wie sehr er mit sich kämpfte.

»Jack ich verspreche dir, ich werde nicht so wie dein Vater handeln, von mir bekommst du keine Ohrfeige, egal, was du mir jetzt erzählen willst!«

Jack schaute zu Tenno, der mit einem Stück Holz spielte, dass er gefunden hatte.

»Können wir weiter laufen?«, fragte Jack.

Molly war ratlos. Warum nur war der Junge so verstockt, so in sich gekehrt? Was war so schlimmes passiert, dass es ihm schwer viel, mit ihr darüber zu reden. Alles Mögliche kam ihr in den Sinn, aber verwarf es gleich wieder.

Sie lief wie Jack schweigend hinter Tenno her. Molly bemerkte, dass Jack mit sich kämpfte. Er wollte etwas sagen, aber wusste anscheinend nicht wie. Sie dagegen wusste auch nicht, wie sie ihm helfen konnte.

So entschied Molly sich einfach weiter neben Jack her zulaufen.

»Es hat alles vor einem Jahr angefangen«, stammelte Jack plötzlich, ohne aber in Mollys Richtung zu schauen.

»Ich habe dir doch erzählt, dass ich bei der Schulzeitung mitmache, Artikel schreibe und ab und wann auch mal sogar Interviews mache.«

Molly nickte kurz, war sich aber nicht sicher, ob Jack das war genommen hatte.

»Na ja, da habe ich Matthew kennen gelernt, er war eine Stufe über mir. Am Anfang sind wir ja noch oft an einander geraten, dachte echt, er ist sowas von eingebildet. Aber dann kam die Party von Jane.«

»Was ist auf der Party passiert?«

»Es ist nicht direkt etwas passiert, nur an dem Abend wurde mir etwas klar, und das veränderte meine Beziehung zu Matthew.«

»Ich kann dir gerade nicht ganz folgen, Junge.«

»Grandma, dass ist auch nicht ganz so leicht!«

»Das habe ich bemerkt, aber Jack, ich bin nicht böse auf dich, wenn du mir nichts erzählen willst, lass dir Zeit!«

»Ich will es ja erzählen, aber ich weiß nicht wie… wie ich anfangen soll…«

»Dann fang mit der Party an, was ist dir dort bewusst geworden?«

»Janes Partys sind berühmt dafür, dass sie lustig und aufregend sind. Sie hat bis jetzt immer etwas Neues organisiert, worauf keiner gefasst war. Diesmal hatte sie ein paar junge Stripper angeschleppt.«

»War sicher ein Spaß für die Mädchen, oder?«

»Klar, aber nicht nur für die!«

Molly verstand nicht ganz, wollte aber nichts sagen.

»Ich hatte mir etwas zu trinken geholt, als die Show schon im Gange war. Als ich dann zurückkam, sah ich eben Matthew draußen auf der Terrasse an einen Pfosten gelehnt. Er war alleine und ich wunderte mich wieso. Also beschloss ich, zu ihm zu gehen.«

Der Wind wurde stärke und Molly zog ihren Kragen noch höher, lauschte aber gespannt Jacks Worten.

»Als ich bei ihm ankam, stellte ich fest, dass er Tränen in den Augen hatte. Der Obermacho – Großkotz in Person weinte und plötzlich tat er mir leid. Vorsichtig hatte ich ihn angesprochen und er erschrak fürchterlich, so dass er sein Glas fallen ließ. Ich sah direkt in seine verweinte Augen und bekam das Bedürfnis, ihn in meinen Arm zu nehmen.«

»Das ist doch etwas ganz Normales, wenn man jemand trösten will!«, meinte Molly.

»Du verstehst nicht Grandma… als ich in die Augen von Matthew geschaut habe, da brach plötzlich eine Welt über mir zusammen. Dinge die ich bis dahin verdrängt hatte, aberwitzig fand, tauchten plötzlich in meinem Kopf wieder auf.«

Molly war wieder stehen geblieben und schaute auf Jack. Dieser drehte sich nun um und schaute seiner Großmutter in die Augen.

»Da war ein Gefühl, Grandma, das ich bisher noch nicht kannte, dass ich noch nie so gefühlt hatte, so intensiv!«

»Du sprichst von Liebe?«

»Ja, aber da stand Matthew vor mir, nicht ein Mädchen dass ich kannte.«

»Na und, was ist so schlimm dabei?«

Jack schüttelte den Kopf und sah wieder zu Boden, er fühlte sich so unverstanden.

«Ich verstehe nicht, warum du dich so quälst, weil du einen Jungen liebst.«

In Jacks Kopf machte es Klick, was hatte Grandma da gerade gesagt?

»Du weißt, was das heißt, Grandma… ich bin schwul!«

»Ja und?«

Jack schaute Molly fassungslos an, er konnte sich nicht vorstellen, dass sie begriff, was er ihr gerade versuchte zu erklären. Oder war sie so aufgeklärt?

»Jack, für mich ist es nichts abnormes, wenn ein Mann einen Mann liebt. Es wird geliebt und dass ist doch die Hauptsache, oder?«

»Dir macht das also nichts aus, das ich auf Jungs stehe?«

»Nein Jack, wieso sollte es?«

Jack atmete kurz durch und schaute auf die stürmische See hinaus.

»Dad dachte aber so…«

»Das ist jetzt etwas, was ich überhaupt nicht verstehe, so kannte ich James überhaupt nicht, er war doch immer so aufgeklärt und tolerant.«

»In meinem Fall nicht, sonst hätte er mir keine heruntergehauen!«

Molly zog Jack zu sich und nahm ihn in den Arm.

»Alles wird gut Jack, glaube mir, du hast eine starke Verbündete auf deiner Seite!«

Jack löste sich von ihr und strahlte. Das war nun schon das zweite Lächeln, was Jack ihr heute schenkte.

»Wir müssen zurück, die Anderen warten bestimmt schon!«, sagte Molly.

Jack pfiff kurz und Tenno kam angerannt.

»Und was ist jetzt aus Matthew und dir geworden?«

»Nichts, ich hatte mich nur in ihn verguckt, er war aber völlig den Mädchen verfallen.«

»Und hast du einen Freund?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wie du weißt es nicht, du musst doch wissen, ob du einen Freund hast.«

Jack schaute seine Großmutter von der Seite an.

»Ich habe da jemand kennen gelernt… ja ich hab mich auch in ihn verliebt, aber ich weiß nicht, was er für mich fühlt, wir haben dieses Thema immer ausgeschwiegen.«

»Warum? War es euch peinlich?«

»Grandma, ich kann doch nicht einfach hingehen und sagen, du ich liebe dich, du mich auch?«

»Warum nicht?«, meinte Molly und begann herzhaft zu lachen.

»Was ist?«

Molly beruhigte sich wieder und schaute jetzt ebenso hinaus aufs Meer, beobachtete die Wellen, deren Kronen schäumten.

»Die Liebe ist kompliziert, Junge, dennoch das Schönste auf der Welt was es gibt!«

»Wem sagst du das!?«

»Willst du ihn wieder sehen?«

»Jason?«, kam es von Jack.

»Jason heißt er also und wie sieht er aus?«

Jack zog aus seiner Hosentasche seinen Geldbeutel hervor und suchte etwas. Es schien es gefunden zu haben, denn er hielt seiner Großmutter ein Bild unter die Nase.

»Hola, der ist ja wirklich ein süßer Kerl, Geschmack hast du, dass muss ich dir lassen!«

Jack errötete ein wenig, was bei Molly einen weiteren Heiterkeitsausbruch auslöste. Er steckte das Bild zurück und zog einen weißen Briefumschlag heraus.

»Das hat er mir bei unserem letzten Treffen gegeben.«

»Und was steht drin?«

»Weiß ich nicht.«

»Weißt du denn überhaupt was?«

»Oh Grandma, ich hab mir bisher noch nicht getraut diesen Brief zu öffnen!«

Jack schien ärgerlich zu sein.

»Soll ich das für dich tun?«

Jack überlegte kurz, bevor er den Brief seiner Großmutter reichte. Molly nahm ihn entgegen und riss das Couvert auf. Ein weitere Fotografie fiel zu Boden, die Jack sofort aufhob. Jason, der auf einer Schaukel saß und herzhaft lachte.

Molly faltete das Papier auf und begann laut zu lesen.

Lieber Jack!

Nun bist du weg und für immer unerreichbar für mich. Ich fühle mich so schlecht und auch verlogen. Warum, fragst du? Weil ich mich nie traute, dir die Wahrheit zu sagen. Ich kann ein weiteres Fragezeichen auf deiner Stirn erkennen.

Mensch Jack, ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ich mich in dich verliebt habe. Du bist der süßeste Junge, der mir je über den Weg gelaufen ist. Deine Art, wie du mit deinen Mitmenschen umgehst, wie du perfekt jede Situation meisterst, sei sie auch noch so verfahren… ich liebe es!

Jede Sekunde, die ich mit dir zusammen sein durfte habe ich genossen. Jede Sekunde… die mich nun von dir trennt, quält mich. Aber was soll ich machen, es ist aus und vorbei, ich habe jede Möglichkeit, dir die Wahrheit zu sagen, verstreichen lassen.

Aus Angst du würdest mich auslachen, es lächerlich finden, was ich für dich empfinde, deshalb habe ich geschwiegen. Ich wollte nicht die gerade entstandene Freundschaft zerstören, durch wirre Gedanken in meinem Kopf.

Wenn du diesen Brief liest, bist du sicherlich schon meilenweit weg von hier und es ist vielleicht besser so, denn ich könnte es nicht ertragen, wenn ich wüsste, du wolltest jetzt nichts mehr mit mir zu haben, nur… nur weil ich Anders bin!

Ich hoffe du wirst glücklich in England, findest dass, nach dem du dich sehnst. Ich wünsche dir alles Glück dabei.

Dein Freund Jason

in dessen Herz du immer ein Platz haben wirst!

Jack stand da, wie eine Salzsäule und weinte.

»Warum habe ich alles nur vermasselt?«

»Jack, nichts hast du vermasselt, rede nicht so!«

»Es tut do weh, wie viel soll ich noch ertragen, wie viele soll ich noch verlieren?«

Jack ging zu Boden, fiel auf seine Knie und schluchzte tief. Molly streichelte sanft durch sein wirres Haar.

»Junge, es ist doch noch nichts verloren!«

Jack schaute auf, denn er verstand seine Großmutter nicht.

»Meinst du nicht, wir könnten da nichts daran ändern, dass du und Jason getrennt seid?«

»Grandma, er ist in den Staaten, da kann man nicht mal kurz herüberfliegen, als würde man den Nachbarn zum Kaffee besuchen.«

»Junge, ich bin nicht von gestern!«

Dies hörte sich schon fast wie ein Vorwurf Mollys an, aber Jack wusste, dass seine Großmutter nicht böse, denn sie lächelte ihn an. Molly legte ihren Arm um Jacks Hüfte und zog ihn Richtung Auto.

Weniger später waren sie auf der Strasse na Brighton. Jack hielt den Brief von Jason in der Hand und lass ihn immer wieder. Dicke Tränen tropften herunter. Ruhig lenkte Molly in die Einfahrt zum Cottage.

Die Tür wurde geöffnet und Amy trat heraus. Ihr erster Blick fiel auf ihren Bruder und sah danach verwundert Molly an, die ebenso den Wagen verlassen hatte. Als Amy etwas sagen wollte, schüttelte Molly ihren Kopf und Amy blieb stumm.

Fast mechanisch lief Jack an das Heck des Landrovers und öffnete die Klappe, so dass Tenno herausspringen konnte.

»Tenno alter Junge!«, rief Amy.

Tenno sprang auf sie zu und sie nahm ihn freudig in Empfang. Jack, der kurz dem Schauspiel Beachtung geschenkt hatte, schloss den Wagen wieder. Hilflos schaute er seine Großmutter an.

»Amy, hast du schon gefrühstückt?«, fragte Molly ihre Enkelin, in der Hoffnung diese Frage bejaht zu bekommen.

»Ja, Madge war so freundlich und hat sich etwas zu mir gesetzt.«

»Kümmerst du dich um Tenno, dann kann ich mit Jack auch noch ein Wenig frühstücken.«

Amy nickte und lief mit Tenno ins Haus.

»Komm Jack, Kopf hoch! Gemeinsam finden wir ein weg.

2.

Molly fand Jack in seinem Zimmer vor. Er war damit beschäftigt seine Sachen einzuräumen.

»Jack hör mal, mir ist da etwas eingefallen, ich wollte das aber mit dir bereden.«

Jack ließ sich auf seinen Stuhl fallen und sah seine Großmutter erwartungsvoll an.

»Als ich zugesagt hatte, die Vormundschaft für euch zu übernehmen, war mir noch nicht klar, was alles auf mich zu kommen würde.«

Jack schien diese Worte falsch zu verstehen, Molly bemerkte den traurigen Blick in seinen Augen. Sie setzte sich neben ihn auf sein Bett.

»Nein Jack, so habe ich das nicht gemeint. Ich meinte damit, dass mir nicht klar war, dass du vielleicht mehr Freiheit brauchen könntest und nicht so dich bei der Schwester bist.«

»Ich soll wieder ausziehen?«

»Nein Jack! Du kennst doch mein Haus, und mir fiel ein, dass über der Garage, sich doch die kleine Wohnung von den Simons befindet. Simons, er war früher Gärtner hier.«

Jack nickte, ich schien es wieder eingefallen zu sein.

»Na ja und ich dachte, sie steht jetzt schon seit Jahren leer, etwas umgebaut, und sie würde eine schöne Bleibe für dich werden!«

»Ist das dein Ernst?«

»Klar, sonst würde ich dir doch diesen Vorschlag überhaupt nicht machen. Einer der Wände der Wohnung, grenzt hier oben an den Flur. Wir könnten einen Durchbruch schaffen, für einen Eingang, so müsstest du nicht jedes Mal das Haus verlassen um in deine Wohnung zu kommen.«

»Und wo ist der Haken?«

Jack sah seine Großmutter ungläubig an.

»Nirgends mein Junge. Seit unserem Gespräch heute morgen, ist mir eben viel durch den Kopf gegangen und ich dachte nur, du brauchst viel mehr Freiheit.«

Der Junge saß stumm auf seinem Stuhl. Sein Hirn schien auf Hochtouren zu laufen.

»Amy könnte dieses Zimmer dann mitbenutzen«, kam es von Jack.

»Genau! Also einverstanden mit der Idee?«

»Klar!«

Ein breites Lächeln zierte Jacks Gesicht

»Und wann fangen wir an?«, fragte er.

»In ungefähr einer Stunde, da kommt nämlich ein Innenarchitekt!«

»Grandma, du bist Weltklasse!«

»Wollen wir gleich mal rüber gehen?«

»Okay!«

Als Jack seiner Großmuter folgte, hielt er plötzlich mitten auf der Treppe nach unten inne.

»Was ist?«

»Glaubst du nicht Amy meint, du bevorzugst mich?«

»Das glaube ich nicht, denn ich habe bereits mit ihr gesprochen und sie freut sich riesig auf ihr zweites Zimmer!«

»Das hätte ich mir eigentlich denken können«, meinte Jack mit einem Kopfschütteln.

Molly holte noch schnell die Schlüssel und schon waren sie draußen auf dem Hof. Eine schmale Treppe führte neben der Garage, hinauf zur Eingangstür. Mit Elan nahm Molly die Stufen und schloss die Tür auf.

Jack fiel ein, dass er eigentlich noch nie hier war. Genau schaute er sich alles an. Das Wohnzimmer war riesig und im Verbund mit der kleinen Küche, deren alten Möbel noch immer standen, der Hauptteil der Wohnung.

Molly schob Jack zu der einen Tür und öffnete sie. Ein weiteres Zimmer mit kleinem Balkon tat sich vor ihnen auf.

»Ist da ein Bad drin?«, fragte Jack und wies auf einer der zwei Türen, die noch von diesem Zimmer ausgingen.

»Das eine ist das Bad, die andere Tür führt in eine Kammer«, antwortete Molly und öffnete eine davon.

Jack fiel gleich die alte Gusswanne die im Eck stand.

»Die würde ich gerne behalten, die gefällt mir!«

»Du hast eine guten Geschmack!«

Molly zauberte plötzlich eine Stift und einen Block hervor.

»Und noch irgendwelche Wünsche für dein Bad?«

»Ich weiß nicht ob das passt, wenn man hier trotzdem eine Dusche einbauen würde.«

»Klar Junge, es geht alles, es muss nur richtig entworfen werden.«

»Alles in weiß?«

Molly nickte und machte sich Notizen. Als nächstes betraten sie die kleine Kammer.

»Genügend Platz für meine Klamotten!«

»Also ein begehbarer Kleiderschrank!«, notierte sich Molly.

Da das vorgelagerte Zimmer recht klein war, fand sie die Idee gut, denn ein Schrank in dem Zimmer hätte es unnötig verkleinert. Noch ganze zwei Stunden, waren die beiden damit beschäftigt, sich Dinge auszudenken, als Amy an der Eingangstür auftauchte.

»Grandma, Jack? Hier ist ein Mann der zu euch will.«

Molly schaute zur Wohnungstür und ein Lächeln überzog ihr Gesicht.

»Horris, schön sie zu sehen! Danke, dass sie es einrichten konnten, hier vorbei zuschauen.«

»Mrs. Lonesdale, es ist mir eine Ehre etwas in ihrem Haus zu ändern!«

Amy war an den beiden vorbeigegangen und gesellte sich zu ihrem Bruder.

»Danke, dass du mir die zweite Etage überlässt, aber wie ich sehe, ist es für dich auch kein schlechter Tausch.«

Vergessen schien wohl der Krach vom Morgen, beide grinsten sich an.

»Und dir macht es wirklich nichts aus, wenn ich hier rüber ziehe?«, fragte Jack.

»Nein Jack, du bist ja nicht weit weg. Ich freu mich ehrlich für dich.«

Jack bemerkte eine Unsicherheit bei seiner Schwester, die er aber nicht zuordnen konnte. Er zog sie in den Raum, den er als Schlafzimmer nutzen wollte, Amys neugierige Blicke wunderte ihn nicht.

»Was ist los?«, fragte er seine Schwester.

Amy druckste herum, lief zur Balkontür.

»Wegen heute morgen…, Jack es tut mir leid, ich hätte dass nicht sagen dürfen…«

»Schon gut…«

»Nein Jack, ich weiß wie Dad darauf reagiert hat.«

Jack zuckte innerlich zusammen, noch zu frisch waren die Erinnerungen an diesen Morgen.

»Ich will nicht, dass dir vielleicht, dass Gleiche mit Grandma passiert!«

»Was passiert mit mir?«

Molly war mit diesem Mann den beiden gefolgt und stand nun mitten im Zimmer. Amy wurde rot und wollte etwas sagen, aber Jack kam ihr zuvor.

»Keine Sorge Amy, sie weiß es, ich habe es ihr erzählt, Aber darüber sprechen wir später weiter, jetzt haben wir etwas Wichtigeres zu tun!«

Den ganzen Abend noch saßen Amy und Jack beieinander und hatten ihre Köpfe zusammengestreckt. Dieser Horris hatte jede Menge Musterkataloge dabei, mit Tapeten Vorhängen und auch Möbeln.

Molly schaute erschrocken auf, als Amy vor Lachen einmal vom Stuhl fiel. Es stellte sich heraus, dass Jacks Geschmack für Himmelbetten der Grund dafür war. Das Bett was er sich herausgesucht hatte, war einfach zuviel für Amys Lachmuskeln.

Zwei unbeschwerte und fröhliche Tage folgten, wo die Beiden es fertig brachten, die komplette Ausstattung auszusuchen. Am Freitag hatte das Ganze ein jähes Ende.

Molly saß am Frühstückstisch, nippte gedankenverloren an ihrer Tasse, als Jack die Küche betrat. Der erste Gedanke der Molly kam, war, dass Jack in seinem schwarzen Anzug richtig fesch aussah.

Der Anlass für diese Maskerade war aber eher deprimierend. Heute am frühen Mittag sollten Megan und James auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt werden. Am Morgen war Hilbert losgefahren, sich um den Verbleib der Särge zu kümmern.

Madge hatte alle Hände damit zu tun, die Gäste, die sich angemeldet hatten, in Hotels unterzubringen. Es waren hauptsächlich Freunde, die von den Staaten kamen. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, Megan und ihrem Mann das letzte Geleit zu geben.

Schweigend hatte sich Jack neben seiner Grandma niedergelassen. Er starrte zum Fenster, als Madge den Kopf durch die Tür steckte.

»Madam, könnten sie kurz zu Amy raufkommen?«

»Ja Madge, klar!«

Jack rührte weiter lustlos in seiner Tasse herum. Immer wieder kam ihm der Streit mit seinem Vater vor sein geistiges Auge. Jedes Mal spürte er erneut den Schmerz, der die Ohrfeige seines Vaters auslöste, aber auch den Stich im herz, als wäre etwas gebrochen, als hätte Jack etwas verloren. Die Liebe seines Vaters, nach der er sich jetzt so sehr sehnte.

Molly kam mit Amy zurück, der Augen genauso rot vom Weinen waren, wie die ihres Bruders. Molly nahm von jedem eine Hand in die Ihrigen.

»Kinder ich weiß, dass was euch heute bevorsteht, wird dass schwerste sein, was ihr je gemacht habt. Aber vergesst nie! Ihr zwei seid nicht alleine! Ich werde euch unterstützen so gut ich kann, soviel ich kann!«

»Danke Grandma!«, meinte Amy und umarmte ihre Großmutter, Jack dagegen nickte nur und starrte weiter in seine Kaffeetasse.

Gegen Mittag wurden die Drei von Hilbert zu dem nahen Friedhof gefahren. Schon bei Eintritt in die Kapelle, fühlte sich Jack unwohl, irgendetwas war hier, was nicht stimmte. Er folgte seiner Großmutter und Amy nahm neben ihnen auf der vordersten Bank Platz.

Jack ließ seinen Blick schweifen. Vereinzelt erkannte er Nachbarn von seiner Großmutter, die meisten der Besucher erkannte er aber nicht. Der Gottesdienst begann und Molly versuchte Fassung zu wahren.

Was der Pastor da vorne erzählte, dem konnte Jack nicht Recht folgen. Er hörte Dinge über seine Mutter, auch seinem Vater, die er nicht wusste. Danach stand verschiedene Personen vorne am Pult und erzählten ebenso Dinge über seine Eltern.

Von dieser Seite, hatte Jack seine Eltern nie kennen gelernt. Das Bild im Kopf von seinem Vater passte nicht zu dem, was das gesagt wurde. Jack wurde dadurch nur noch verwirrter. Nur noch spärlich drang seine Umwelt an ihn, zu tief war er versunken in seiner Gedankenwelt.

Er war erst wieder richtig bei sich, als er mit Amy und seiner Großmutter vor dem großen Familiengrab der Lonesdales stand. Irgendein Lied wurde gesungen und dabei der erste Sarg hinab gelassen.

Jack konnte Amy wimmern hören, er selbst kämpfte mit den Tränen. Wer lag jetzt im welchen Sarg? Wer wurde jetzt hinunter gelassen? Was sollte er ohne Eltern anfangen, konnte er für Amy immer da sein?

Er fühlte sich so schrecklich alleine, verlassen! Ihm war kalt, er zitterte am ganzen Körper. Um Jack herum begann sich alles zu drehen, zuviel war die Gedankenflut, die ihn umspülte. Plötzlich wurde alles schwarz.

Molly erschrak, als Jack einfach neben ihr zusammen fiel. Nur mit Mühe konnte sie ihn halten, bevor Hilbert angesprungen kam und ihr half.

»Holt doch jemand mal den Arzt!«, schrie Molly.

Amy stand neben ihr und war fassungslos. Der Küster kam und nahm Jack auf den Arm und trug ihn zur Kapelle zurück. Molly und Amy folgten ihm. Die Frau des Küsters kam mit einer Decke und weil es nichts anderes gab in der Kapelle als Bänke, wurde Jack einfach auf einen Tisch gelegt, der neben dem Eingang stand.

Molly deckte ihn zu und strich ihm zärtlich über sein Haar. Sie kämpfte mit den Tränen, wollte aber nicht vor Amy weinen, die völlig aufgelöst neben ihr stand. Es dauerte nicht lange und ein Arzt kam herein gestürzt.

Er untersuchte Jack kurz, überprüfte seinen Puls.

»Was ist denn mit ihm?«,fragte Amy ängstlich.

»Keine Sorge, der junge Mann hat sich nur überanstrengt. Besteht die Möglichkeit, ihn nach Hause zu bringen?«, fragte der Arzt.

Molly nickte und gemeinsam mit dem Küster und dem Arzt, verfrachtete sie Jack in den Bentley.

»Und die Beerdigung?«, fragte Amy.

Molly schaute ihre Enkelin an und nahm sie in den Arm.

»Kind, es tut mir leid, aber Jack ist nun wichtiger!«

Madge war an den Wagen heran getreten.

»Madam, wenn Amy möchte, bleibe ich mit ihr hier.«

Molly schaute erst zu Madge, dann zu Amy, die ihr zu nickte.

»Gut! Ich werde den Wagen zurückschicken, sobald Jack im Bett liegt. Dir ist das wirklich nicht zuviel, Amy?«

»Nein Grandma, kümmere dich bitte um Jack.«

Molly kam sich auf einmal hilflos vor. Sie setzte sich zu Jack in den hinteren Teil des Wagens und nahm sein Kopf auf dem Schoss. Madge und Amy liefen zur Grabstätte zurück. Eine einzelne Träne lief über Mollys Wange.

Es war mühsam, Jack die Treppe hoch in sein Zimmer zu schaffen. Hilbert half Molly den Jungen zu entkleiden, während der Arzt eine Spritze aufzog. Jack blinzelte kurz, aus seinem Mund drang ein Stöhnen.

»Jack, ist alles klar?«

Jack öffnete langsam die Augen und sah verschwommen, mehrere Gesichter vor sich.

»Sag doch etwas!«

Seine Zunge war wie ausgetrocknet, sein Hals kratze, sein ganzer Körper fühlte sich so matt an. Er spürte einen kurzen Stich am Arm, wollte sich beschweren, war aber zu kraftlos, um überhaupt irgendetwas zu tun.

»Er wird erst mal lange schlafen, dann geht es ihm wieder besser. Ich werde morgen noch einmal vorbeischauen, wie es mit seinem Kreislauf steht, aber ich denke, so jung wie ihr Enkel ist, wird er das schon verkraftet.«

»Danke Doc!«

Jack nahm alles nur gedämpft war und irgendwie wurde er jetzt unheimlich müde. Es dauerte nicht lange und er war eingeschlafen. Wenig später saß Molly wieder im Wagen und fuhr zurück zum Friedhof.

Hilbert hatte sie schweren Herzens bei Jack gelassen, sie wäre lieber selbst bei ihm geblieben, aber sie hatte noch eine andere Pflicht zu erfüllen. Als sie am Friedhof eintraf, waren die Anderen bereits am Gehen.

Sie nahm die Beileidsbekundungen entgegen und lief dann selbst zur Grabstelle. Dort standen noch ein paar wenige Menschen, bei Madge und Amy. Verbittert nahm Molly zur Kenntnis, dass das Grab bereits zu geschaufelt war.

Sie hielt kurz inne, sah sich die Blumen und Kränze an, die auf dem Grab verteilt lagen. Sie hatte nicht gewusst, dass Megan und James hier noch so viele Freunde hatte. Ein Ehepaar mit einem Jungen in Jacks Alter, standen bei Madge und unterhielten sich mit Amy.

»Hallo Grandma, wie geht es Jack?«

Endlich konnte sie die Gesichter der Leute sehen, auch das des Jungens.

»Jason?«, sagte sie laut.

Der Junge blickte sie erstaunt an. Molly besann sich wieder und wandte sich an Amy.

»Jack geht es soweit gut, er hat vom Doc eine Aufbauspritze bekommen und schläft jetzt. Hilbert ist bei ihm.«

Amy sah sie fragend an.

»Du kennst Jason?«

»Ja, von einem Bild, das mir Jack gezeigt hatte.«

Jason lief rot an und blickte zu Boden. Sein Vater trat hervor.

»Sie müssen Megans Mutter sein, sie hat uns so viel von ihnen erzählt… unser herzlichstes Beileid!«

»Danke Mr. …«

»Edward Miller! Meine Frau Doreen und mein Sohn Jason… den sie ja schon etwas kennen.«

»Ja, Jack hat mir in den letzten tagen viel erzählt!«

Dabei schaute Molly Jason an, der seine Blicke immer noch im Boden vergrub. Sie blickte wieder zu Jasons Vater.

»Kann ich sie und ihre Familie, zu einer Tasse Kaffee einladen?«

»Wir wollen ihnen keine Umstände machen!«, kam es von Doreen, die bis jetzt noch nichts gesagt hatte.

»Nein, das ist kein Problem und ich denke, wenn Jack wieder aufwacht, wäre es vielleicht gut, ein sehr vertrautes Gesicht zu sehen!«

Jason Eltern lächelten und sahen auf ihren Sprössling, der sich nun am Liebsten verkrochen hätte.

»Wie lange sind sie noch in England?«, fragte Molly auf dem Weg zum Wagen.

»Ich habe überraschend frei bekommen und so bleiben wir ein ganze Woche hier«, antwortete Edward.

»Haben sie schon eine Unterkunft?«

»Nein, wir sind direkt mit einem Mietwagen von Flughafen hier her gefahren.«

»Ich würde mich freuen, wenn sie für diese Zeit meine Gäste wären, sicher sind sie daran interessiert wo Megan aufgewachsen ist.«

Edward schaute kurz zu seiner Frau.

»Wir wollen ihnen aber wirklich keine Umstande machen, Mrs. Lonesdale!«

»Ach Papperlapapp, ich freue mich immer über Gäste, auch wenn dieser Umstand ein trauriger ist. Aber ich denke, Amy und auch Jack würden sich sehr darüber freuen! Und ich heiße Molly!«

Sie nahm Amy in den Arm und drückte sie an sich.

»Ich denke wir haben gar keine andere Möglichkeit, als zu zusagen!«

Molly nickte und blickte noch einmal wehmütig auf den Friedhof zurück. Sie bestiegen die Wagen und fuhren zurück zum Cottage. Dort angekommen, trat Hilbert vor dir Tür.

»Ihr Enkel schläft fest und ruhig.«

»Danke Hilbert. Das sind Edward Miller und seine Familie, sie sind Freunde meiner Tochter und werden ein paar Tage hier verbringen. Können sie das Gästezimmer herrichten und helfen die Koffer reinzutragen?«

»Ja Madam!«

»Jason und ich werden ihnen helfen…«

»Hilbert, Mr. Miller.«

Edward nickte und öffnete den Kofferraum seines Wagens.

»Und wo schläft der junge Mann?«, wollte Madge wissen.

»Ich denke mal, Jacks Zimmer ist groß genug, und die Jungs werden sich sicher viel erzählen zu haben.«

»Grandma, die beiden haben sich doch mal gerade eine Woche nicht gesehen!«, meldete sich Amy zu Wort.

»Man kann nie wissen, Amy«, erwiderte Molly und betrat mit Jasons Mutter das Haus.

Als Molly und ihre Gäste bei Abendessen saßen, kam Hilbert die Treppe herunter.

»Mrs. Lonesdale, ich glaube der junge Herr wird wach.«

Amy wollte schon aufspringen, aber Molly hielt sie zurück.

»Ich denke Jason soll hinauf gehen.«

Jason verschluckte sich an seinem Stück Fleisch und begann zu husten. Verlegen lächelte er in die Runde. Er schob den Stuhl zurück und stand auf.

»Sie meinen wirklich, ich soll hinauf gehen?«, sagte Jason unsicher.

»Klar Jason, was gibt es Besseres, als seinen besten Freund wieder zu sehen?«

Jason lief langsam die Treppe hinauf. Vor Jacks Zimmer blieb er stehen. Was war nur mit ihm los, er hatte seine Eltern so bekniet, nach England zu fahren, nur weil er es nicht aushielt und Jack noch einmal sehen wollte.

Leise drückte er die Klinke herunter und trat in Jacks Zimmer. Jason brauchte ein wenig, um sich an das schwache Licht zu gewöhnen. Da lag Jack, friedlich schlafend, als wäre nichts geschehen.

Vorsichtig trat er ans Bett und setzte sich auf den Rand. Jason ließ seine Blicke durch das Zimmer wandern und blieb beim Nachttisch hängen. Er erkannte seinen Brief, den er Jack kurz vor dem Abflug gegeben hatte.

Jason nahm ihn in die Hand und warf kurz einen Blick darauf. Er fragte sich, ob Jack beim Lesen geweint hatte, denn manche Buchstaben waren verschwommen, als wäre etwas drauf getropft.

»Jason?«, hörte er eine leise Stimme neben sich.

Er ließ seine Hand sinken und schaute in die geöffneten Augen von Jack.

»Träume ich, oder bist du es wirklich?«

»Ich bin es wirklich!«

»Wie kommst du hier her?«

»Die Beerdigung deiner…«

Jason brach ab, weil er sah wie sich Jacks Augen mit Tränen füllten. Sanft strich er mit der Hand über Jacks Wange.

»Sie fehlen mir so!«, sagte Jack mit weinerlicher Stimme.

Er richtete sich auf und umarmte Jason. Dieser wusste nicht was er machen sollte. Zu wirr waren Jasons Gedanken.

»Ich hab dein Brief gelesen … ich weiß nicht wie oft«, hörte er Jack flüstern.

Jason schluckte schwer und begann zu zittern. Er wusste jetzt nicht was kam. Jack hatte losgelassen und schaute ihn nun direkt an.

»Du liebst mich?«

Jason nickte zögernd.

»Und warum dachtest du, du machst damit unsere Freundschaft kaputt? Hast du kein Vertrauen in mich?«

Jacks Stimme klang gebrochen, als würde er für jedes Wort viel Luft brauchen. Jason senkte seinen Kopf.

»Ich weiß doch nicht, wie du reagiert hättest, wenn ich dir das gesagt hätte. Jack ich bin schwul und ich liebe dich!«

»Jedenfalls nicht so wie mein Dad!«

Jason verstand nicht, was Jack meinte. So erzählte Jack, was sich am Morgen vor dem Unfall zugetragen hatte.

»Du meinst, du bist auch…?«

Jack nickte und ein kleines Lächeln zierte seinen Mund.

»Oh Mann, und ich habe nichts kapiert…«, meinte Jason und schüttelte den Kopf, »ich war so in dich verliebt, dass ich deine Gefühle für mich überhaupt nicht registriert habe.«

Jason fiel Jack um den hals und drückte ihn fest an sich, als es an der Tür klopfte. Erschrocken fuhren die Zwei auseinander. Molly war nun selbst unruhig geworden, weil kein laut von oben nach unten drang.

Sie war die Treppe hinaufgelaufen und hatte wie immer an der Tür gelauscht. Als sie nun ebenfalls nichts hörte, klopfte sie einfach, wartete kurz und öffnete dann die Tür.

Sie fand Jason sitzend bei Jack vor.

»Na ihr Zwei, alles klar bei euch?«

Beide nickten.

»Jack, geht es dir soweit gut, um aufzustehen?«

Jason stand auf und half Jack aus dem Bett.

»Etwas unsicher, aber ich denke es geht. Warum?«

»Jasons Eltern sitzen unten, sie würden sich auch freuen, dich zu sehen!«

Jack sah Jason an, der ihn anlächelte.

»Lass mich kurz was überziehen, dann komm ich mit Jason herunter.«

»In Ordnung, ich gehe schon einmal vor,«

Jacks Großmutter verschwand wieder und die Beiden waren wieder alleine. Langsam ging Jack auf Jason zu und legte seine Hand auf Jasons Schulter.

»Danke!«

»Für was danke?«

»Das du gekommen bist!«

»He Alter, das war doch klar, außerdem wollte ich wissen, wie mein Herzbube so lebt jetzt!«

Jack grinste und schaute sich im Zimmer um.

»Suchst du etwas?«

»Ich überlege, was ich anziehen soll, deine Eltern sind schließlich da unten.«

»Mach nicht so ein Aufhebens darum, meine Eltern wissen Bescheid.«

Jack hielt in seiner Bewegung inne.

»Was wissen sie?«

»Das ich schwul bin…«

»Oh!«

»Na ja, als du abgereist warst, heulte ich den ganzen Mittag und meine Eltern machten sich eben Sorgen. Sie kamen dann zu mir und fragte mich einfach ins Gesicht, ob ich schwul wäre und ob du der Grund wärst, warum ich so weinte.«

»Und wie haben sie reagiert?«

»Mein Dad meinte, ich hätte mir einen netten Schwiegersohn heraus gesucht.«

»Bitte?«

»Sie vermuteten das mit mir schon recht lange, nur bei dir waren sie sich nicht im Klaren wie du zu der Sache stehst.«

»Jetzt weißt du es ja!«, sagte Jack mit einem Lächeln.

Jack hatte sich mittlerweile angezogen.

»Können wir?«, fragte Jack und hielt Jason seine Hand entgegen.

»Moment noch, eine kleine Wenigkeit fehlt noch?«

»Was denn?«

Jason zog Jack an seiner Hand zu sich und legte beide Arme um ihn. Ihre Köpfe näherte sich. Jack und Jason schlossen fast gleichzeitig ihre Augen, bevor sich ihre Lippen trafen. Noch etwas zaghaft küssten sich die Beiden.

Jason spürte, wie Jack leicht nachgab und drohte wegzukippen.

»He, was ist los, geht es dir doch noch nicht gut?«

»Nein, geht schon, ich habe nur weiche Knie bekommen… das war so schön eben!«

Amy hatte die Runde am Tisch verlassen und hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Molly und die Millers saßen mittlerweile vor dem Kamin und tranken einen Rotwein.

»Meinst du Jason findet sein Glück? Was ist, wenn er sich in Jack getäuscht hat?«, meinte Doreen zu ihrem Mann.

Edward zuckte mit seinen Schultern. Molly stellte ihr Glas ab und schaute zu den Zweien.

»Ich bin mir sicher, Jason hat sich nicht in meinem Enkel getäuscht, wir sollten den beiden nur alle Zeit der Welt lassen.«

Edward schaute nachdenklich ins Feuer des Kamins.

»Was wird, wenn wir wieder in den Staaten sind, die beiden sind dann wieder über 1000 Meilen von einander getrennt, hat das überhaupt ein Sinn? Also ich meine etwas zu beginnen, obwohl es den Anschein hat, welches bald wieder in die Brüche zu gehen scheint?«

»Edward, in gewissen Sinn gebe ich ihnen Recht. Ich kann mir ihre Sorgen vorstellen. Aber ich denke die zwei Jungs sollten und müssen das alleine unter sich ausmachen. Wir können nur Hilfestellung geben, wenn es größere Probleme geben sollte.«

»Was für Probleme?«, fragte Doreen.

Haben sie sich vielleicht schon mal Gedanken darüber gemacht, ihren Sohn in England studieren zu lassen?«

Entgeistert schaute Doreen erst Molly und dann ihren Mann an.

»Das ist aber so weit weg, ich würde ihn dann überhaupt nicht mehr sehr!«

Doreen Stimme klang traurig. Molly setzte sich auf und nahm einen Schluck ihres Weines.

»Ich gebe zu, mir fiel es sehr schwer, als Megan damals zu mir kam und offenbarte, sie zieht mit James nach Amerika. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fürchtete mich vor der Einsamkeit.«

Molly nahm ein weiteren Schluck vom Wein und man merkte, wie sie mit den Gedanken in die Vergangenheit reiste.

»Aber dann merkte ich, ich darf Megan nicht im Weg stehen, sie hat ihr eigenes Leben. Es war egoistisch von mir zu denken, Megan würde immer bei mir sein. Wobei, sie ist immer bei mir, sie hat ein Platz in meinem Herzen, wo auch immer sie jetzt ist.«

Eine winzige Träne löste sich aus Mollys Augen. Sie wischte sich weg und setzte ein Lächeln auf.

»Tut mir leid, das Gefasel einer alten Frau kann ab und zu merkwürdig klingen.«

»Nein, ganz und gar nicht«, meinte Doreen, »sie haben ganz recht, aber der Gedanke eben, dass Jason so weit weg ist… es ist sehr befremdend für mich.«

»Wenn Jason in Florida studieren würde, wäre er auch weit weg, Doreen«, meldete sich Edward zu Wort und nahm seine Frau in den Arm, »letztendlich liegt die Entscheidung bei den Beiden, oder?«

»Redet ihr von uns?«

Jason lief Hand in Hand mit Jack die Treppe herunter. Automatisch zog sich ein Lächeln über Mollys Gesicht.

»Klar, über wen könnten wir sonst lästern! Hallo Jack!«

Edward war aufgestanden, um Jack zu begrüßen. Er nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich.

»Und geht es dir wieder besser?«, fragte Doreen.

Jack hatte sich wieder von Edward gelöst, schaute kurz lächelnd zu Molly, bevor er sich wieder Edward und Doreen widmete.

»Ja, danke! Ich freu mich, dass ihr zur… Beerdigung gekommen seid.«

Das Sprechen fiel ihm nun sichtlich schwerer.

»Ich weiß, mein Auftreten war etwas peinlich…«

»Junge, daran war nichts peinlich! Es war nur verständlich«, meinte seine Großmutter.

Wie ein Zeichen des Zuspruchs, hatte Jason Jacks Hand genommen und zog ihn zu sich auf einen Sessel. Jack musste nun grinsen, weil es ihm irgendwie kindisch vorkam, auf Jasons Bein zu sitzen, wie ein kleines Kind.

Auch Edward und Doreen hatten den Kopf geschüttelt, nun aber lächelten ebenso beide.

»Ich möchte euch etwas erzählen…«, begann Jack, »am Morgen … wo Dad seinen Unfall hatte…«

»Jack, hör mal, wenn es dir schwer fällt, du brauchst uns nichts zu erzählen«, fiel ihm Doreen ins Wort.

»Doch ich möchte es erzählen, ich möchte, dass ihr wisst, was an diesen Morgen vorgefallen war!«

Jason streichelte beruhigend über Jacks Rücken.

»Wie jeden Morgen kam ich von meinem Joggen zurück, als Dad und Mum schon am Frühstückstisch saßen.«

»Du joggst auch in den Ferien?«, wollte Jason wissen.

»Klar, jogge ich auch in den Ferien, was hat das damit zu tun, ob Ferien sind.«

»Mir wäre das zu stressig! Ferien sind Ferien!«

Jack schaute kurz Jason an, aber gab kein Kommentar auf diese Antwort, sondern lächelte nur kurz, bevor er wieder seine Erzählung aufnahm.

»Jedenfalls dachte ich, nun wäre der rechte Zeitpunkt gekommen um mit meinen Eltern zu reden. Ihnen zu sagen was mich die ganze Zeit bewegt, was ich durchmache. Wann hatte ich schon mal beide zusammen an einem Tisch.«

»Ja wir wissen, wie engagiert James und Molly waren.«, sagte Edward.

»Hast du dich etwa vernachlässigt gefühlt?«, kam es von Molly.

»Nein, überhaupt nicht! Aber sonst sitzt Amy immer dabei und ich wollte einfach erst alleine mit ihnen reden. Zudem wusste Amy Bescheid!«

»Amy weiß es?«, fragte Molly erstaunt.

»Ja, sie kam einmal in mein Zimmer gestürmt, wo ich mal wieder voll in Depriphase war und da hat sie so lange gebohrt, bis ich ihr alles erzählte.«

Molly nickte nur, sagte aber weiter nichts.

»Also, ich habe mich dann so wie ich war, einfach an den Frühstückstisch gesetzt. Beide hörten in ihrer Bewegung auf und starrten mich an.«

Jason spürte, wie Jack zu zittern begann und legte einen Arm um ihn.

»Ich bin dann einfach mit der Tür ins Haus gefallen und sagte zu den Beiden, ich bin schwul!«

Im Raum war es völlig still, nur das Feuer im Kamin knisterte.

»Ich weiß nicht wie lange wir da schweigend gesessen sind. Dad ist dann plötzlich aufgestanden, hat mir eine geklebt, nahm seine Sachen und verschwand nach draußen.«

Einzelne Tränen bahnten sich ihren Weg über Jacks Wangen.

»Und deine Mum?«, fragte Doreen leise.

Sie ist dann ebenso aufgestanden, sah mich kurz traurig an, bevor sie ebenfalls ging… dass war das letzte Mal, dass ich beide gesehen habe…«

Wieder war es still in dem alten Haus. Minuten verstrichen, in denen keiner ein Wort sagte. Jeder für sich hatte seine Gedanken, die er durchlief.

»Ich verstehe das nicht!«, durchbrach Edward die Stille.

»Was?«, kam es wie aus einem Munde von Doreen und Molly.

»Ich verstehe James nicht, wir haben uns doch ein paar Tage zuvor über dieses Thema unterhalten.«

»Ihr habt über mich geredet?«, fragte Jack.

»Nein, ich habe mit James über Jason gesprochen, bei dem wir schon lange wussten, dass da etwas im Busch war. Er meinte sogar, wir sollten Jason zu nichts drängen, Jason sollte selber auf uns zukommen.«

»Das habt ihr aber nicht befolgt!«, kam es trotzig von Jason.

»Jason, ich habe mir Sorgen um dich gemacht! Du hast stundenlang auf deinem Bett gelegen und geweint, als Jack abgereist war!«

Edward nickt seiner Frau zu. Jasons Gesichtsfarbe wechselte ein wenig ins Rot.

»Das verstehe ich nun allerdings auch nicht«, sagte Molly, »James habe ich nie so kennen gelernt, schon gar nicht, wenn es um seine Kinder ging, er vergötterte sie regelrecht.«

Wieder verfielen alle in ein Schweigen.

»Das werden wir wohl nie erfahren«, kam es leise von Jason, der eher laut gedacht hatte und es nicht bemerkt hatte.

»Ich finde, wir sollten uns langsam zurückziehen, der Tag war anstrengend!«, sagte Molly plötzlich.

Alle pflichteten ihr bei und erhoben sich. Sie wünschten sich alle gute Nacht und zogen sich auf ihre Zimmer zurück. Jason und Jack waren noch lange wach. Jack erzählte Jason von Mollys Plänen, die ehemalige Wohnung des Gärtners für ihn umzubauen.

Auch ließ er durchblicken, dass diese Wohnung groß genug für zwei wäre. Weiter kamen sie aber nicht mehr, denn irgendwann waren beide vor Müdigkeit eingeschlafen.

3.

Jason rieb sich über die Nase, etwas juckte ihn. Es war kuschelig warm im Bett, er war noch nicht gewillt es zu verlassen. Wieder kitzelte etwas an seiner Nase. Jason glaubte es seine Mücke oder sowas und fuhr mit der Hand an der Nase vorbei, aber alles was er zu spüren bekam, war ein Hand.

Neben ihm fing es an zu kichern. Langsam öffnete Jason die Augen, hatte aber Mühe sie offen zu halten, zu stark war das Licht, dass von der aufgehenden Sonne durchs Fenster drang.

Auf einmal fiel ihm ein, wo er war. Er lag mit Jack in einem Bett und das Kichern war sicher von ihm.

»Morgen!«

»Morgen du Schlafmütze, ich dachte du wirst nie wach.«

Jason konnte durch seine schmalen Augenschlitze nun Jack erkennen, der aufgestützt auf seinem Ellenbogen, neben ihm lag.

»Du weißt genau, dass ich gerne lange schlafe und wenn mich jemand ungebeten weckt, werde ich sehr böse!«

»Wie böse?«, fragte Jack und begann wieder zu kichern.

Jason stürzte sich auf Jack und begann ihn durchzukitzeln. Jack auf diesen Angriff nicht gefasst fuhr nach hinten und fiel mit lautem Gepolter aus dem Bett. Nun war es Jack, der anfing zu kichern.

Jack lag auf dem Rücken, rieb sich den Kopf, den er sich im freien Fall angehauen hatte. Noch während er versuchte, sich aus den klauen seiner Bettdecke zu befreien, wurde die Zimmertür aufgerissen und eine überraschte Molly und Amy wurden sichtbar.

Nun war es an Jack, seinem Liebling aus der Decke zuhelfen, bevor noch weitere Peinlichkeiten passierten. Aber zu spät, Jasons Eltern erschienen ebenso an der Tür und stimmten in ein lautes Gelächter ein.

Jack fluchte, weil er seinen Fuß nicht aus der Decke bekam, er zappelte hilflos wie ein Fisch.

»Ich werde Madge sagen, das wir ein kräftiges Frühstück brauchen, vielleicht hat sie ja noch etwas von ihrem köstlichen Fisch da«,sagte Molly, was ihre eine weitere Lachsalve der anderen einbrachte.

Als die Beiden nun endlich wieder alleine waren, zog Jason Jack wieder ins Bett, der geradewegs in dessen Arme fiel. Jack lächelte ihn an und posierte als Sieger, weil er nun auf Jason lag.

Dann ließ er sich langsam sinken und beide verfielen in eine wilde Knutscherei.

»Boah Jack, hör auf ich krieg keine Luft mehr!«

»Gefällt es dir nicht?«

»Bitte? Du weißt gar nicht, wie lange ich hiervon schon geträumt habe!«

Jack musste grinsen.

»Von was hast du denn alles geträumt?«

Jason wurde tief rot und wälzte Jack von sich herunter.

»He, was ist los, habe ich etwas Falsches gesagt?«

»Nein Jack, das ist es nicht… nur das hier ist alles wie ein Traum, den ich nicht begreife.«

»Wie, es ist alles ein Traum?«

»Jack, vor einer Woche da schienst du mir noch unerreichbar, ich habe diesen Brief… meinen Abschiedsbrief an dich aus puren Verzweiflung geschrieben… ich habe mir alle Möglichkeiten ausgemalt… auch dass wenn ich dich nie wieder sehe…«

»Was hast du?«

»Ich wollte nicht mehr leben… deswegen hatte ich den ganzen Mittag geheult… für mich war ohne dich plötzlich alles so sinnlos, ein Tag ohne dich war ein verlorener Tag!«

Jack war etwas schockiert, über das Geständnis seines Freundes. Es tat ihm leid nie etwas gemerkt zu haben.

»Es tut mir leid Jason, ich war wahrscheinlich so mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt, dass ich gar nichts mitbekommen habe, was du für mich empfindest.«

»Konntest du nicht Jack, ich habe das so gut verheimlicht wie ich nur konnte.«

»Deine Eltern haben aber trotzdem etwas gemerkt… nur ich eben nicht.«

»Egal, nun habe ich dich und werde dich nie wieder gehen lassen!«

Jason zog Jack wieder zu sich, kuschelte sich an ihn.

»Und wie stellst du dir das vor?«

»Was?«

»Jason, spätestens am Freitag fliegst du zurück in die Staaten und dann?«

»Mein Gott Jack, das wird wohl das kleinste Problem sein oder?«

»Wieso? Willst du hier in England studieren?«

»Warum eigentlich nicht? Meine Eltern würde bestimmt nicht nein sagen, wenn ich diesen Wunsch äußere. Und du hast gestern selbst gesagt, die Wohnung da drüben wäre für Zwei, oder?«

»Ja, du hast ja Recht! Ich möchte dich nur nicht grad wieder verlieren, weil wir die nächste Zeit noch getrennt sein werden.«

»Da mach dir mal keine Sorgen Jack, das bekommen wir irgendwie schon hin!«

Jack vergrub sein Gesicht auf Jasons Brust. Klar es waren Träume, dachte er. Aber Jason hatte Recht, sie waren nicht weit weggerückt, unrealisierbar. Er war wieder kurz vor dem Einschlummern als Jason in sanft weckte.

»He, du großer schöner Mann, nicht wieder einschlafen.«

»Es ist aber gerade so schön.«

»Du wolltest mir dir Klippen zeigen und überhaupt, wo is Tenno, den habe ich noch gar nicht gesehen.«

»Der wird sicherlich schon von Hilbert ausgeführt worden sein.«

»Hast du nicht erzählt, deine Oma hat Pferde?«

»Ja im Nachbargestüt, bei den Evans.«

»Meinst du nicht, wir könne mal gemeinsam ausreiten?«

»Du kannst reiten?«

»Klar, meine Eltern haben mir im Urlaub schon öfter Reitunterricht spendiert.«

»Ich kann Grandma fragen, ob sie für uns zwei Pferde satteln lässt.«

»He, das wäre cool.«

»Aber dazu müsste ich aufstehen…«

»Und was hindert dich daran?«

»Du! Wirkst wie ein Magnet auf mich!«

Jason kicherte los und drückte Jack von sich weg.

*-*-*

Es dauerte eine Weile, bis sie in die Nähe der Küste kamen. Beide sahen elegant auf den Rössern aus.

»Das ist ein schönes Tier!«, meinte Jason und klopfte dem Pferd sacht an den Hals.

»Früher ließ Grandma ihre Pferde noch regelmäßig an Turnieren teilnehmen, aber seit Grandpa gestorben ist, bekommen die Tiere ihr sogenanntes Gnadenbrot bei ihr.«

Im leichten Trab ritten sie den Weg entlang. Der Wald hatte sich gelichtet, bevor sie nun endlich an der Küste ankamen. Hier blies ein kräftiger Wind, anders als im Landesinnern. Zudem spürte man die Feuchtigkeit, die vom Meer herauf zog, die mit wilder Brandung, gegen die Felsen schleuderte.

Jason stieg ab und schaute auf das Meer hinaus.

»Das ist so anders, als bei uns.«

»Aber auch der Atlantik!«

»3345 Meilen bis New York«

Nachdenklich schaute auch Jack hinaus aufs Meer.

»Was denkst du?«, fragte Jason.

»Mir geht das WARUM nicht aus dem Kopf.«

»Welches warum?«

»Warum mein Dad mich geschlagen hat…«

Jason trat neben Jack, ohne aber die Leine von seinem Pferd loszulassen.

»Das werden wir nie erfahren Jack, aber vielleicht hilft dir das, er könnte überfordert gewesen sein!«

»Wie überfordert?«

»Jack, denke doch mal nach. Hast du gemerkt du bist schwul und fertig? Ich weiß jedenfalls von mir, was ich für Kämpfe in meinem Kopf durchgemacht habe und wahrscheinlich auch noch machen werde. Meinst du dein Dad hat nicht erst mal Panik bekommen?«

Eine starke Brise erwischte sie und sie lehnten sich gegen den Wind.

»Meinst du wirklich?«

»Was anders kann ich mir nicht vorstellen.«

Jack schaute wieder auf das Meer hinaus. Er griff in seine Jacke und hielt einen Brief in seiner Hand.

»Was ist das?«, fragte Jason.

»Ein Brief an meine Eltern, den habe ich geschrieben, bevor ich… bevor die Polizei zu uns ins Haus kam.«

»Und was steht da drin?«

»Meine Gedanken und Gefühle!«

»Und was hast du mit ihm vor?«

»Eigentlich wollte ich ihn mit ins Grab werfen, was ich ja nich konnte.«

»Wirf ihn ins Meer!«

Jack schaute zu Jason, der ein leichtes Lächeln aufgesetzt hatte. Dann fiel sein Blick wieder auf den Brief. Er zögerte einen kurzen Augenblick, dann warf er den Brief in die Luft. Die starke Brise riss ihn hoch in die Luft und trieb ihn aufs Meer hinaus.

Beide standen da und schauten dem kleinen weißen Stück Papier hinter her, wie es langsam Richtung Wasser sank.

»Lebt wohl Mum und Dad, ich liebe euch!«

Tränen rannen über Jacks Wangen. Jason nahm ihn in den Arm und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

»Ich habe gelesen, irgendwann schwächt der Schmerz ab… vergesse ich sie dann?«

»Es ist kein Abschied, den sie werden da drin«, Jason zeigte auf Jacks Herz, »immer da sein.«

Jack sah in die Augen von Jason, die ihm entgegenfunkelten.

»Danke, dass du für mich da bist!«

»Geht klar, zusammen schaffen wir alles!«

»Ja!«, sagte Jack und umarmte seinen Freund fest.

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  Glückliche unglückliche Umstände
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:14 AM - No Replies

Glückliche unglückliche Umstände – Teil 1

Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich um eine reale Fiktion. Viele der wesentlichen Handlungspunkte sind mir wirklich passiert. Allerdings sind es zwei (reale) Handlungsstränge, die miteinander zu einem einzigen verwoben und in einen etwas anderen Background gepackt wurden, natürlich auch unter Veränderung der Namen und auch dezente andere Verfremdungen sind hinzugekommen.

Dieser Beitrag ist mein erster Versuch, etwas zu Papier zu bringen. Bitte seid nicht zu streng mit mir. Zum Schriftsteller werde ich es sicher nie bringen. Natürlich freue ich mich sehr über jedes Feedback. Sowohl konstruktive Kritik als auch aufbauende Worte sind herzlich willkommen und erbeten.

Das Ende der vorliegenden Kurzgeschichte ist bewusst offen gehalten; es könnte sich sowohl um eine abgeschlossene Erzählung wie auch um eine Fortsetzungsstory handeln, beides ist möglich, ersteres wahrscheinlich.

1. Teil: Der Fremde

Piep piep piep piep piep…

Unangenehm und unerbittlich drang dieses nervige Geräusch in meine Ohren. Mit einem Seufzen streckte ich meinen linken Arm aus und tastete nach dem Wecker. Nach mir endlos erscheinender Zeit ergriff ich das schwarze Ungetüm und es gelang mir, den Störenfried zum Verstummen zu bringen. Es musste also acht Uhr sein. Im Zeitlupentempo öffnete ich meine leicht tränenden Augen und seufzte erneut.

Den gestrigen Abend hatte ich mit meiner besten Freundin Jessica verbracht. Wir hatten uns im Fox, einer gemütlichen Kneipe in unserem Ortsteil, getroffen und waren völlig versackt. Mit Jessica musste man einfach Spaß haben, ich liebte sie heiß und innig, natürlich rein platonisch; physische Anziehungskraft hatten dann doch nur hübsche Jungs auf mich. Jessica wusste das, sie war die typische beste Freundin eines schwulen Mannes. Ich hatte lediglich zwei Radler getrunken, zumindest sonst keinen Alkohol mehr, darum wunderten mich meine Kopfschmerzen, ein ganzer Bienenschwarm war da oben unterwegs. Aber es half nichts, ich musste aus den Federn, auch wenn mein geschundener Körper sich mit vier Stunden Schlaf begnügen musste. Schließlich war heute der 24. Dezember, Heiligabend, und ich hatte noch einiges zu erledigen.

Erschöpft saß ich auf der Bettkante, den Kopf auf meine Arme gestützt. Meine Gedanken schweiften noch einmal zu Jessica. Mit ihr hatte ich die Schulbank gedrückt bis zum Abitur. Das war die Zeit, wo ich ihr mein Schwulsein gebeichtet habe. Gebeichtet? Ja, denn ich hatte damals ein wahnsinnig schlechtes Gefühl, schwul und somit anders zu sein. Jeder Betroffene kennt das, auch in meiner Umgebung waren Schwulenwitze und dumme Sprüche über ‚Tucken’ an der Tagesordnung. Natürlich hatte mich das geprägt, zumal ich ein eher schüchterner und introvertierter Mensch bin. An einem gemütlichen Abend zu zweit habe ich es ihr dann gesagt. Erst hatten wir zusammen ein paar Videos angeschaut und sie wollte bei mir übernachten, denn wir hatten feine Sachen getrunken, Sekt mit Pfirsichlikör halbe halbe, und so haben wir es uns schließlich in meinem Doppelbett – ich brauche nachts immer viel Platz – gemütlich gemacht und plauderten über Gott und die Welt. Irgendwann rutschte es mir einfach raus, plump und plötzlich, ehe ich es mir wieder anders überlegen konnte. Jessica krabbelte zu mir rüber und nahm mich ganz fest in den Arm. Wir haben den Rest der Nacht gekuschelt und seitdem ist unsere Freundschaft noch besser geworden.

Zwölf Jahre war das jetzt schon her. Wie wahnsinnig schnell doch die Zeit verging. Selbst mein Diplom habe ich seit fünf Jahren in der Tasche, ich hatte in Tübingen Chemie und BWL studiert und arbeitete seitdem in München. Mit meiner Stelle hatte ich seinerzeit großes Glück, ich fühle mich sehr wohl an meinem Arbeitsplatz. Im Studium habe ich mich mit meinem Outing in den ersten Semestern zunächst zurückgehalten, mir fehlte schlicht der Mut. Zunächst wollte ich meine Eltern aufklären, sie verdienten doch, die Wahrheit zu erfahren. Im vierten Semester dann ergab sich eine gute Gelegenheit. Meine Eltern nahmen es verhältnismäßig gelassen auf, dass ihr jüngster Sohn schwul ist und sie von ihm keine Enkelkinder zu erwarten haben. Etwas später erzählte ich auch meinen Geschwistern von meiner Homosexualität. Meine Schwester freute sich regelrecht für mich, als wäre Schwulsein etwas hervorragend Tolles. Die Reaktion meines älteren Bruders wunderte mich nicht wirklich, ihm war es einfach gleichgültig, wir verstehen uns bis heute nicht besonders gut und es war schon immer so. Für ihn war ich immer der kleine dumme Bruder, der von nichts richtig eine Ahnung hat und sowieso nicht ernst zu nehmen ist. Meine besten Freunde erfuhren nach und nach von mir, meine Arbeitskollegen wissen nun auch Bescheid. In Tübingen hatte ich die ein oder andere feste Beziehung zu einem Mann, aber der Traumprinz war noch nicht dabei, von kurzen Affären zum reinen Spaß hielt ich mich bewusst fern und daran wird sich für mich auch weiterhin nichts ändern.

Erschrocken blickte ich in den Spiegel und musterte den, der mich da aus tiefen Augenhöhlen, mit schwarzen Ringen unter den Augen und bleicher Haut anstarrte. Meine dunkelbraunen Haare konnte man nur als dunklen Schatten erahnen, denn ich rasiere mir regelmäßig den Schädel, was zum Glück seit ein paar Jahren nicht mehr unbedingt mit einer gewissen politischen Gesinnung identifiziert wird. Ich mag es einfach, außerdem sagt man mir nach, dass ich eine sehr schöne Kopfform habe. Meine dunklen braunen Augen und ein markantes, kantiges Gesicht mit gerader wohlgeformter Nase treten dadurch noch mehr hervor. Mein sinnlicher voller Mund lächelt gern und ein paar Grübchen zeichnen sich dabei ab. In dieser Hinsicht darf ich mit mir zufrieden sein, mein Gesicht ist wirklich recht hübsch. Dafür bin ich mit meiner Figur wiederum gar nicht zufrieden. Zwar ist mein Körper durchaus wohlgeformt, aber er ist seit jeher viel zu dünn.

Nach einer erfrischenden und ausdauernden Dusche konnte ich mich im Spiegel wiedererkennen und lächelte versonnen vor mich hin. Ich freute mich auf Weihnachten, es ist ein schönes Fest, welches ich mir durch nichts und niemanden zerstören lasse. Zwar lief es bei meinen Eltern, wo sich meine Familie immer traf, nicht immer nach meinen Wünschen ab, aber davon ließ ich mich nicht weiter beirren und machte einfach das beste daraus. Weihnachten ist das Fest von Liebe, Frieden, Romantik, kuscheliger Atmosphäre und Gemütlichkeit. Draußen tobt der Wind, schneidende Kälte, glitzernde Schneeflocken irren durch die Luft, im Haus ist es mollig warm, Kerzen brennen, passende ruhige Musik, ein guter Weihnachtstee oder heiße Schokolade, Zimtsterne und Marzipan… diese und andere Gedankenfetzen ließen es mir warm werden. Leider sah die Realität oft anders aus und es liegt schließlich in jedermanns Verantwortung, dafür verdammt noch mal was zu tun, auch mal zurückzustecken, damit es trotz aller Ungleichheit der Menschen harmonisch und schön wird. Ihr merkt schon, ich bin ein Idealist und ein Optimist dazu. Aber beneidet mich nicht, ich musste hart daran arbeiten, mich nicht hängen zu lassen und weiß sehr gut, was es heißt, durch düstere Täler marschieren zu müssen. Aber genug davon.

Schnell schlüpfte ich in meine Retro, zog wohl oder übel meine lange Sportunterhose an, da ich es nicht ausstehen kann, frieren zu müssen, meine dicken Socken, enge dunkelblaue Jeans mit Schlag und meine schweren schwarzen Wanderschuhe, schon war ich unten herum komplett. Eigentlich finde ich Jungs in Jeans mit nacktem Oberkörper total erotisch, aber ich bin nun einmal dazu verdammt, mit meiner Statur eben nicht den Speichelfluss anderer Männer anzuregen, zumindest nicht meinen eigenen. Wie war das noch mit dem positiven Denken? Also einfach in das enge schwarze T-Shirt schlüpfen und den dicken silbergrauen Wollpullover mit Rollkragen und Zipper drüberziehen, fertig. „Immer diese Überbetonung der Äußerlichkeiten“, grummelte ich in mich hinein, „Muskeln sind nicht alles im Leben…“

Nach einem ausgiebigen Frühstück, bestehend aus zwei dicken Scheiben Weißbrot, Butter, selbstgemachter Erdbeermarmelade, Schokocreme und einer großen Tasse Milchkaffee, überlegte ich mir den weiteren Tagesablauf. Es standen einige Besorgungen an, für meine Familie brauchte ich noch das eine oder andere Geschenk und für mich selbst ein paar Lebensmittel. Nach einem Blick auf die Uhr, es war schon halb zehn durch, beschloss ich, aufzubrechen.

Als ich gerade meine knallrote Daunenjacke anzog und mir Handy und Geldbörse einsteckte, klingelte das Telefon.

„Hallo Nathanael…“, erklang die Stimme meiner Mutter aus dem Hörer.

„Hallo Mama!“

Nun, meine Mutter mit 32 Jahren auf dem Buckel noch ‚Mama’ zu nennen, mag den einen oder anderen befremden, aber wir verstanden uns schon immer gut und ich hatte mir diese Gewohnheit schlicht und einfach bewahrt.

„Sag mal, wann kommst du denn heute zu uns? Magst du zum Kaffeetrinken kommen oder schon zum Mittagessen?“

„Mama, warum rufst du schon so früh an? Ich war gestern noch mit Jessi unterwegs, hast Glück, dass ich überhaupt schon auf bin“, kam es etwas vorwurfsvoll über meine Lippen. Meine Mutter würde es nie lernen, ich bleibe wohl bis in Ewigkeit ihr ‚Junge’. Sie begreift nicht, dass es Leute gibt, die nicht Tag für Tag abends um zehn im Bett verschwunden sind.

„Nathanael, es ist gleich viertel vor zehn, da kann man wohl aufgestanden sein“, beharrte sie weiterhin auf ihrem Standpunkt.

Schweigen. Natürlich war es das beste, ich sagte nichts weiter, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt, ein Themenwechsel war fällig.

„Ich muss noch in die Stadt, Mama, einiges erledigen. Keine Ahnung, wann ich wieder zurück bin. Sobald ich wieder hier bin melde ich mich bei euch und sage, wann ich komme.“

„Ja, ist gut, dann bis später“, seufzte meine Mutter, es schien ihr nicht wirklich zu passen, aber das konnte ich nicht ändern. Schon hatte sie aufgelegt.

Puh, war das draußen kalt heute, regelrecht unerbittlich blies ein eiskalter Wind und rötete die Wangen derer, die es sich noch antaten, sich vor dem Fest ins Getümmel zu stürzen. Zum Glück hatte ich meine Fleece-Mütze aufgesetzt, das war ein guter Kauf gewesen, stellte ich zufrieden fest. Der Himmel war Wolkenverhangen und prüfend ging mein Blick nach oben. Ob es noch schneien würde?

Die Sparkasse war nicht weit, ein paar hundert Meter um zwei Ecken, schon war ich da. Es handelte sich um eine kleine Zweigstelle. Als ich das Gebäude betrat, schluckte ich. Zwei Bankautomaten waren in Betrieb, der übrige Bereich war noch nicht fertig renoviert. Eigentlich sollten zum 1. Dezember alle Arbeiten abgeschlossen sein, aber es war zu immer neuen Verzögerungen gekommen. Zu allem Überfluss klebte vor einem der beiden eigentlich intakten Automaten noch ein Schild mit großen schwarzen Lettern: ‚Defekt‘. Könnt ihr euch vorstellen, wie lang die Schlange vor dem einen Automaten war? Was blieb mir anderes übrig, als zu warten. „Nathanael“, sagte ich zu mir selbst in Gedanken, „du bleibst jetzt hier und entspannst dich, es gibt keinen Grund sich aufzuregen oder zu hetzen, nimm es als Training, ganz gelassen zu sein.“ Fast gelang mir das auch.

Dann wurde ich auf einen Mann vor mir aufmerksam, als dieser sich kurz umdrehte. Mein Blick fiel in ein sehr hübsches Gesicht, große braune Augen, markante Gesichtszüge, strubbelige schwarze etwas längere Haare, ein unglaublich hübsches Gesicht, aber es strahlte nichts als Traurigkeit aus. Es stach mir regelrecht ins Herz und ich malte mir bereits aus, was diesen Mann bewegen mochte. Wie alt er wohl war? Vielleicht Mitte bis Ende zwanzig. Also gar nicht so sehr viel jünger als ich. Etwas kleiner als ich war mein schöner, trauriger Unbekannter, aber deutlich kräftiger. Ob er eine gute Figur hat? Ein wenig ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich mal wieder über derlei Oberflächlichkeiten stolperte. Dummerweise schaute er sich nicht mehr zu mir um, was ich äußerst bedauerte. Sein übriges Erscheinungsbild war schlicht und ärmlich. Sein olivgrüner Parka zeigte deutliche Abnutzungserscheinungen und sah nicht gerade nach teurer Kleidung aus, um es freundlich zu sagen. Auch seine blaue Jeans war abgetragen, die Schuhe ungepflegt und ziemlich hinüber. Komischerweise machte mir das gar nichts aus, im Gegenteil, nachdem ich in sein schönes Gesicht geblickt hatte, konnte mich das alles nicht einen Funken negativ stimmen, höchstens ein wenig Mitleid regte sich in meiner Mitte, da ich das Gefühl hatte, dass es diesem Menschen nicht gerade glücklich zumute war im Leben.

Er hatte mich gar nicht richtig angesehen, er schaute mit einem leeren Blick durch mich hindurch…; ich zuckte bei diesem Gedanken zusammen. Am liebsten hätte ich diesen Kerl in den Arm genommen und ganz fest an mich gedrückt, um ihm ein wenig Trost und menschliche Wärme zu spenden. Kennt ihr solche Situationen? Der Mann war mir spontan sympathisch und ich spürte eine gewisse Seelenverwandtschaft, zumindest bildete ich mir das ein. „Nathanael, du bist zu lange solo, kein Wunder, dass dir derart blödsinnige Gedanken kommen“, versuchte ich meine Gefühle zu verscheuchen. Aber wie Fliegen im Sommer, so aufdringlich kamen sie wieder zurück, unerbittlich und hartnäckig umkreisten sie mein Gemüt.

Ganz in Gedanken hätte ich fast verpasst, dass ich an der Reihe war, mein Geld abzuheben. Schnell schob ich meine Karte in den Schlitz und tippte meine Geheimnummer ein. Als ich mein Geld verstaute, mich umdrehte und das Gebäude verließ, fiel mir mein schöner Vordermann auf. Er stand draußen in der bitteren Kälte – Passanten liefen hektisch vorbei – und weinte, da bestand kein Zweifel. Es schien ihm zwar einigermaßen unangenehm zu sein, doch liefen ihm die Tränen nur so sein Gesicht hinab. Ich wusste sofort, dass ich nicht einfach weitergehen würde; das konnte ich nicht, durfte ich nicht. Etwas unsicher stockte ich in meiner Bewegung und setzte erst einmal wieder meine Mütze auf, um Zeit zu gewinnen, dann ging ich, meinen ganzen Mut zusammennehmend, auf ihn zu und sprach ihn an.

„Hallo, kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich möglichst diskret und behutsam. Das ‚Du’ wählte ich bewusst, um einen persönlicheren Kontakt zu forcieren.

Der junge Mann schaute mich abgestumpft an, Verzweiflung konnte ich spüren, ihm schien es in diesem Moment nicht einmal sonderlich peinlich zu sein, hier vor den Leuten zu stehen und zu heulen, vielleicht, weil er so sehr in seinem Kummer gefangen war?

„Was willst du überhaupt von mir?“, fragte er nur tonlos. Vergeblich versuchte ich, aus seiner Reaktion zu erforschen, was er empfand.

„Dir helfen?“, fragte ich etwas blöde, weil mir nichts besseres zu entgegnen einfiel. Natürlich klang das abgedroschen und unpassend, aber doch spiegelte es meine innerste Sehnsucht wider, die schon in der Sparkasse in mir aufgekeimt war. Es ‚Liebe auf den ersten Blick’ zu nennen, wäre (noch?) weit übertrieben gewesen, aber spontan hatte ich mich schon ein wenig in den guten Jungen ‚verguckt’.

„Ach lass mich in Ruhe und hau ab!“, zischte es mir entgegen. Aber sogleich war mir klar, dass diese Reaktion durchaus eine Art des Selbstschutzes und Ausdruck der Verzweiflung sein konnte; oder ich war wirklich an der falschen Adresse. Was hatte ich zu verlieren?

„Oh, dir scheint es aber wirklich dreckig zu gehen, ist es das? Vielleicht freust du dich ja einfach über einen Menschen, der es gut mit dir meint? Man muss nicht Albert Einstein sein, um zu kapieren, dass es dir so richtig beschissen geht. Und in Tränen wirst du sicher auch nicht ständig ausbrechen, wenn du unterwegs bist. Kann ich was für dich tun?“ Eigentlich verwendete ich keine Kraftausdrücke, aber das Wort ‚beschissen’ traf den Nagel auf den Kopf.

Anstatt mir zu antworten, weinte der arme Kerl noch herzzerreißender und schlug sich inzwischen die Hände vor das Gesicht. Ich war erschüttert; so einen Ausbruch des Leidens hatte ich zuvor nur selten in der Öffentlichkeit erlebt. Traurig auch, dass die Situation sonst niemanden zu berühren schien, im Gegenteil, die vorbeieilenden Menschen wandten ihre Köpfe absichtlich in eine andere Richtung, manche starrten auch einfach dümmlich herüber; wie mich das wütend machte!

Nach ein paar Minuten schien sich mein Gesprächspartner etwas zu beruhigen, er wühlte in seinen Taschen, zog eine Packung Taschentücher hervor, die auch schon mal bessere Zeiten erlebt hatte, nahm sich ein Taschentuch und schnäuzte sich ausgiebig. Seine Augen waren gerötet und sein ganzes Gesicht tränenverschmiert, schließlich sprach er doch mit mir:

„Ach, ich habe nur Pech, es nimmt gar kein Ende, meinen Job bin ich seit Jahren los, wer will mich schon noch, bin ja quasi schon ausrangiert, mein Vater ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben, mein Bruder hatte kurze Zeit später einen tödlichen Motorradunfall, meine Mutter hat sich daraufhin das Leben genommen, sie hat meinen Vater sehr geliebt und mein Bruder war ihr ein und alles, ich bin total abgerutscht, Depressionen, hab meine Freunde verloren, niemand wollte mehr was mit mir zu tun haben, nun lebe ich von Hartz 4, bin doch der letzte Dreck, neulich habe ich 200 Euro verloren, ich wollte mir davon ein paar Sachen zum Anziehen kaufen und meine Lebensmittel auffüllen, so eine Scheiße, jetzt hat eine Versicherung Geld abgebucht und ich bin blank, ich hab nicht mal was abheben können, um über die Feiertage zu kommen, ich habe nichts mehr, ich habe mich total zurückgezogen, weiß niemanden, den ich anpumpen könnte, was für ein tolles Weihnachten, was für ein tolles Leben…“, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Überdeutlich artikulierte er all seinen Frust, all seine Verzweiflung, all seine Not, und währenddessen flossen erneut Tränen über sein Gesicht. Dann verstummte er und schniefte erneut in sein Taschentuch.

Das, was ich da eben gehört hatte, erschütterte mich zutiefst, meine eigenen Sorgen verflüchtigten sich in diesem Moment zu einem unbedeutenden Nichts und ich nahm mir fest vor, ein dankbarerer Mensch zu werden. Was musste dieser junge Mann für ein Elend durchleiden, und ich beschwerte mich zuweilen über Kleinigkeiten. Aber was war nun zu tun?

„Ich heiße Nathanael“, versuchte ich erst einmal eine Brücke von mir zu ihm zu schlagen.

„Heiße Daniel.“ Und er verstummte auch schon wieder und schaute mich aus großen traurigen Augen verzagt an.

„Wo willst du nun hin?“, fragte ich, selbst etwas unsicher.

„Weiß nicht, kann mich ja irgendwo besaufen, aber nicht mal dafür reicht es. Ich gehe nach Hause.“

„Komm, ich gehe ein Stück mit, okay?“, schlug ich vor, einfach, um Zeit zu gewinnen.

„Von mir aus…“, kam es von ihm. Etwas enttäuschend, so eine Reaktion, aber ich vermutete, dass er einfach nur total fertig war und daher so reagierte. Woher ich diesen Optimismus nahm, weiß ich bis heute nicht.

Ein paar hundert Meter schlenderte ich neben ihm her, als Daniel auf eine überfrorene Stelle getreten sein musste, jedenfalls rutschte er aus, knickte mit seinem Fuss um und wäre gestürzt, wenn ich ihn nicht zu fassen bekommen und aufgerichtet hätte. Es ging zu schnell, als dass ich diese Nähe zu ihm hätte genießen können.

„Hey, Daniel, nicht so stürmisch, willst ja nicht Weihnachten im Krankenhaus feiern, oder?“, zwinkerte ich ihn an.

„Autsch“, jammerte er und humpelte ein wenig. „Verdammter Mist!“, setzte er hinterher.

„Was ist los?“

„Ich bin ordentlich umgeknickt, das tut ganz schön weh, kann im Moment kaum auftreten. Was ist nur los? Warum schon wieder ich?“

„Willst du damit zum Arzt, was denkst du? Wie schlimm ist es? Soll ich dir etwas helfen? Komm, ich begleite dich bis nach Hause, das heißt, wo wohnst du überhaupt?“

„In einem dieser Asi-Blocks in der Margaretenstraße. Wäre echt nett, wenn du mir ein klein wenig hilfst, ist ja zum Glück nicht weit, zum Arzt geh ich auf keinen Fall!“

Das klang doch schon etwas netter, immerhin wollte er meine Hilfe annehmen.

„Kennst du dieses Hausmittel mit den Quarkumschlägen? Vielleicht kannst du dir damit ein bisschen helfen? Hast du Quark im Haus?“

„Ja, hab ich schon von gehört. Quark hab ich aber keinen da“, meinte Daniel achselzuckend.

„Komm, wir gehen, da drüben ist eh der Spar, da kauf ich dir geschwind ein Päckchen und keine Widerrede, das ist wirklich eine gute Sache, wird dir gut tun.“ Ich bemühte mich dabei um einen angenehmen auflockernden Ton.

Er wechselte die Seite und stützte sich dann etwas auf mich auf. So gingen beziehungsweise humpelten wir los. Im Supermarkt kaufte ich ihm gleich zwei große Packungen Quark, ich meinte es eben gut, und bekam es dann sogar hin, mich an der Kasse geschickt durchzudrängeln, indem ich etwas von einem Notfall und einem verunfallten Freund nuschelte.

Ein paar Minuten später kamen wir bei Daniel an. Margaretenstrasse 39, das merkte ich mir. „Wie heißt du mit Nachnamen?“, fragte ich möglichst unauffällig.

„Niehoff“, kam es knapp von Daniel. „Ich wohne im dritten Stock.“

Als wir oben an seiner Etagentür angelangt waren, seufzte Daniel erleichtert auf und kramte seinen Schlüssel hervor.

„Sag mal, Daniel, wie verbringst du denn Weihnachten, was machst du heute noch so?“

„Nichts, ich bin allein. Werde wohl irgendwas im Fernsehen anschauen oder was weiß ich.“ Die Antwort kam äußerst knapp und leicht schneidend; seine Situation musste ihm zusetzen.

„Na dann, eine möglichst schöne Zeit!“, wünschte ich ihm und kam mir vor wie ein Arschloch, weil ich mit dem Messer in seiner Wunde bohrte. Sogleich biss ich mir auf die Lippe und schwieg.

„Oh, vielen Dank, werde ich sicher haben“, triefte es nur so vor Sarkasmus und Verbitterung. Zumindest glaubte ich, das zu spüren.

„Ich feiere mit meiner Familie…“, und schon wieder verfluchte ich meine Worte, ich machte es doch nur noch schlimmer. Derweil lief ich leicht rot an und schämte mich, wie taktlos und unpassend ich daherschwafelte. Aber was sollte ich denn bitte sagen?

„Daniel…“, sprach ich weiter, „es tut mir Leid, das alles tut mir echt Leid, ich weiß leider nicht, was ich kluges sagen soll, ruf mich an, wenn du magst, ich denke, du bist ein netter Kerl. Komm raus aus deinem Schneckenhaus.“, sprach es, zog eine Visitenkarte aus meinem Portemonnaie und drückte sie ihm in die Hand. „Ach, und hier, der Quark, ist ein kleines Weihnachtsgeschenk. Nimm ein Tuch, zwei bis drei Esslöffel Quark drauf verteilen und das Ganze um das Fußgelenk binden; bin auch kein Profi, irgendwie so…“

„Danke, Nathanael, ich hab schon lange nicht mehr so viel mit einem Menschen am Stück gesprochen…“ Und schon war die Tür geschlossen und Daniel hinter ihr verschwunden.

Nachdenklich stieg ich die Treppen hinab und ging ein Stück. Stopp, wohin führte eigentlich mein Weg, wohin lief ich da eigentlich? Ich blieb stehen und dachte einen Moment lang nach, wobei ich sogar die schneidende Kälte vergaß. Plötzlich ging ein Lächeln über mein Gesicht und ich tippte eine Nummer in mein Handy


Nun musste ich mich aber beeilen. Es gab noch viel zu tun. Um halb drei war ich wieder daheim und hatte alles soweit vorbereitet. Ein wenig erschöpft kochte ich mir erst einmal einen Milchkaffee und nahm mir die Zeit, ihn in aller Ruhe gemütlich zu trinken. Aus dem Radio erklangen weihnachtliche Lieder und draußen tobte der Wind, ein paar Schneeflocken wehten durch die Luft; ob es noch weiße Weihnachten geben würde? Wie sehr ich das liebe!

Bevor ich aufbrechen würde, wollte ich nochmals duschen und mich passend kleiden. Schwer bepackt verließ ich gegen 16 Uhr meine Wohnung und stieg ins Auto. Der Weg war nicht all zu weit. Nachdem ich zweimal eine Runde gedreht hatte, fand ich in der Margaretenstrasse einen Parkplatz, ein Stück weit von Hausnummer 39 entfernt. Ich fluchte. Mit all den Sachen war es ein ganz schöner Akt… Schließlich stand ich vor der Eingangstür und drückte die Klingel mit dem etwas verblichenen Namensschild; D. Niehoff war dort zu lesen. Einige Zeit tat sich gar nichts und ich wurde etwas nervös. Was, wenn Daniel doch nicht daheim war oder erst gar nicht öffnete? Zweifel drängten sich an die Oberfläche meines Bewusstseins und plötzlich fand ich es einfach nur lächerlich, was für eine Show ich hier abzog. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich hatte mich mit meiner Mutter mehr oder weniger gestritten, hatte die Familie versetzt, so etwas tut man doch nicht zu Weihnachten? Was glaubte ich eigentlich, wer ich war? Und Daniel kannte ich auch kein Stück. Oh mein Gott. Was hatte mich getrieben? All mein Mut, all meine Courage zerfielen zu einem jämmerlichen Häuflein Staub. Wie lange stand ich hier nun? Was hatte ich zu verlieren? Die Kälte kroch mir gnadenlos in den Leib und lange konnte ich die ganzen Sachen auch nicht mehr tragen.

Ich drückte noch einmal lang und ausdauernd auf die Klingel. Letzter Versuch, sagte ich mir. Nach einer Weile hörte ich Daniels Stimme durch die Sprechanlage.

„Ja bitte?“ Fast könnte ich schwören, er hatte geweint.

„Hallo, ich bin es, Nathanael!“, rief ich möglichst fröhlich. „Hast du ein bisschen Zeit? Ich hab eine kleine Überraschung für dich.“ Puh, ich war schon ziemlich nervös. Wie würde Daniel reagieren?

Schon stand ich vor seiner Tür und wir musterten uns gegenseitig. Seine Augen wurden ganz groß, als er sah, mit wie viel Tüten und Taschen und Kartons ich bepackt war.

„Darf ich hereinkommen?“, fragte ich etwas verlegen.

„Was willst du hier? Bitte versteh es nicht falsch, ich freue mich schon, dich wiederzusehen, du warst wirklich sehr nett zu mir, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was das jetzt hier werden soll. Kommst du wegen mir?“

Daniel war ein großes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben und ich fand, dass er in seiner Unsicherheit noch viel niedlicher aussah als heute morgen. Er trug einen abgetragenen, schlichten, grauen Jogging-Anzug, aber sein Gesicht strahlte trotz seiner Blässe und Traurigkeit eine Schönheit aus, die mich – ganz persönlich mich – wie ein brennender Pfeil ins Herz traf und ein Feuer entfachte, dem ich mich nicht mehr zu entziehen vermochte. Wenn nun noch der Rest passte, der Charakter von annähernder Schönheit wie sein Gesicht wäre, würde ich mich vermutlich Hals über Kopf verlieben. Oh mein Gott, ich fürchtete mich ernsthaft, denn wie immer kam mir die Floskel in den Sinn: Der ist sicher nicht schwul; ihr kennt das alle doch nur zu gut!

Dennoch glaube ich an ein Schicksal, an eine Fügung, daran, dass irgendwie letztlich alles gut wird. Ich hatte heute morgen schon das Gefühl der Seelenverwandtschaft gespürt. Je mehr ich nachdachte, desto mehr schöpfte ich Hoffnung und begann, zu lächeln. Ich stand einfach dort in der Tür und lächelte ihn an, versuchte, all meine Sympathie, all meine Hoffnung und meinen Optimismus in dieses Lächeln hineinzulegen.

Daniel stand vor mir und ich hatte den Eindruck, er schmolz wie Eis in der Sonne. Er war wie ein trockener Schwamm, der jede Feuchtigkeit um sich herum aufsog, er litt unter Einsamkeit und vielen anderen Widrigkeiten. Jeder andere Mensch hätte ihm ein wenig davon geben können, was ich ihm in diesem Moment geben durfte. Es war so wenig, und doch so viel.

Schon ein wenig froher klang seine Stimme: „Mensch, ich Idiot, ich lasse dich hier einfach stehen, verzeih mir, ich bin total überrumpelt. Komm einfach rein. Herzlich willkommen. Allerdings… es ist nicht gerade toll hier, ich kann mir nichts besseres leisten und… ich habe nicht einmal etwas geeignetes im Haus, was ich dir anbieten könnte.“ Er schämte sich offensichtlich, und das tat mir richtig weh. „Wie lange willst du eigentlich bleiben, Nathanael? Deine Familie erwartet dich doch sicher bereits.“ Und schon zeichnete sich erneut das Unglück auf seinem Gesicht ab.

„Daniel, bitte, wenn ich das mal ganz schlicht so sagen darf: Ich bin wegen deiner Person da, nicht, um eine exklusive Wohnung zu besichtigen, und anbieten musst du mir auch nichts…“ Ich zwinkerte ihm vielversprechend zu. „Und wenn du mich so lange erträgst, dann feiere ich mit dir gemeinsam Weihnachten. Das war eine spontane Idee und meine Familie weiß Bescheid. Es tat mir so Leid, dass du alleine sein sollst und da dachte ich, ich kann dir eine kleine Freude damit machen. Vielleicht können wir sogar Freunde werden, wer weiß, ich denke, wir haben uns bisher ganz gut verstanden.“ Wieder lächelte ich ihm aufmunternd zu und hoffte, dass er sich ein wenig freuen würde.

Daniel war erst mal sprachlos. „Echt? Du willst….. Ehrlich?… Mit mir?“, stotterte er ungläubig. „Das kann ich doch nicht annehmen. Weihnachten ist das Fest der Familie! Stört es deine Angehörigen denn gar nicht, dass du heute bei einem Fremden deine Zeit verbringst? Also ich bin echt baff, damit hätte ich nie im Leben gerechnet…“ Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Nathanael, deine überaus liebenswürdige Art macht mir Mut, ich kann dir sagen, dass ich mich mehr als freue, dass du da bist und auch ich finde dich wirklich sehr nett, sehr nett… Es wäre mir eine große Freude, wenn wir vielleicht so etwas wie Freunde werden könnten.“

Diese Worte hatten Daniel enorme Überwindung gekostet, dessen war ich mir ganz gewiss. Sicher, jeder Mensch riskiert sich ein Stück weit, indem er dem anderen etwas von sich offenbart, vor allem, wenn er ihm seine Sympathie oder gar Liebe schenkt, so ist er dem Gegenüber völlig ausgeliefert, auf Gedeih und Verderb, um von ihm emporgehoben oder hinabgeworfen zu werden, was für eine Chance, was für ein Wagnis. Daniel erschien mir in diesem Moment noch verletzlicher, noch zerbrechlicher, ich musste mich äußerst zusammenreißen, um nicht alle Tüten und Kartons fallenzulassen und ihn an mein Herz zu drücken.

Apropos Tüten und Kartons, die konnte ich nicht länger mit mir herumschleppen und mit einer gemurmelten Entschuldigung ließ ich sie am nächstbesten Ort mehr oder weniger sanft auf den Boden purzeln. „Sorry, ich musste das mal loswerden“, grinste ich. „Ansonsten kann ich nur sagen, dass meine Familie zugestimmt hat…“ – das war die halbe Wahrheit – „und dass ich mich freue, hier zu sein, ich bin mir sicher, dass wir uns einen richtig schönen Abend machen werden.“ Ich lächelte schon wieder, aber es fiel mir bei meinem Gegenüber auch nicht schwer, zumal er es einfach brauchte.

„Entschuldige, ich bin einfach überrascht…“ Daniel schloss die Tür und nahm mir meine Daunenjacke ab. Ich hatte mich entsprechend gekleidet, wollte ihn nicht beschämen mit edler Kleidung, sondern hatte schlichte, aber ordentliche Sachen gewählt, eine schwarze enge Jeans mit Schlag, meine schwarzen klobigen Wanderschuhe, die ich heute morgen schon getragen hatte, silbergrauer Rolli und schwarze Fleece-Jacke.

„Gut siehst du aus“, rutschte es Daniel heraus und er lief sogleich leicht rötlich an. Ich setzte mein strahlendstes Lächeln auf und war auf der Stelle glücklich. „Komm, wir gehen rüber, setz dich doch erst mal“, meinte Daniel und schob mich in einen der beiden kleinen Räume, die sich dem Flur angliederten. Die Wohnung schien aus einem winzigen Badezimmer, einem kleinen Schlafraum und einer etwas größeren Wohnküche zu bestehen. Sicher, es gab wahrlich nicht viel Platz und eine Renovierung hätte auch nicht geschadet, aber gemütlich war es dennoch, zumal Daniel da war. Die Möbel waren alt und nicht besonders teuer, das konnte man nach dem ersten Blick feststellen. Neben der Küchenzeile stand ein kleiner Tisch mit vier Stühlen und gegenüber eine Sitzgruppe bestehend aus einem Sofa und zwei Sesseln, zur linken ein längeres Regal mit ein paar Büchern, einem Fernseher und einigen anderen Kleinigkeiten. Das war alles.

Die Küche sah einigermaßen ordentlich aus, aber ansonsten schien Daniel nicht gerade der König der Ordnung zu sein, überall lag etwas herum. Ich musste grinsen und ich denke, er wusste warum. „Nathanael, es tut mir Leid, ich bin echt unordentlich und es ist armselig hier, es tut mir Leid.“

„Daniel, ich möchte von solchen Dingen nichts mehr hören, hast du kapiert? Du musst dich nicht für so etwas entschuldigen. Begreif das bitte endlich! Ich bin wegen dir da und nur wegen dir, deine Wohnung ist mir unwichtig und dein Chaos stört mich auch nicht“, lachte ich und ließ mich in einen der Sessel fallen.

„Okay, ich habe verstanden…“ ‚Mein’ Daniel lächelte mich an! Er reichte mir die Hand, als wolle er einen Handel besiegeln. Der Händedruck tat mir gut und ich genoss diese Berührung. Ich ließ nicht wieder los – und er ließ nicht wieder los. Ich meine, wir beide genossen diesen Moment und schauten uns lange in die Augen. Das Eis war endgültig gebrochen. Neue Hoffnung machte sich in mir breit. Vielleicht ist er doch……? Noch ließ sich dazu natürlich nichts sagen.

„Wie hast du dir den weiteren Tagesverlauf vorgestellt, Nathanael?“, fragte Daniel mich, indem er sich aus meiner Hand löste und es sich auf dem Sofa gemütlich machte.

„Lass mich überlegen…, ich würde vorschlagen, wenn du mir soweit vertraust und mich hier ein wenig allein lässt, dann geh du doch ganz in Ruhe rüber zum Duschen, zieh dir was an, äh, worin du dich wohl fühlst oder was du halt so hast, und in der Zeit kümmere ich mich etwas um die Wohnung, lass dich überraschen…“, ich grinste ihn an und zwinkerte ihm zu, „… und dann können wir uns einen netten Abend machen. Oh mann, da fällt mir ein, kann ich mal einiges bei dir im Kühlschrank unterbringen?“

„Klar kannst du das, ganz links die einzige Tür in Augenhöhe.“ Daniel zeigte in Richtung seiner Küche „Und natürlich können wir das so machen, was habe ich schon zu verlieren? Ich geh dann mal duschen.“ Ein wenig Bitterkeit kehrte in seine Stimme zurück, aber schon versuchte er ein Lächeln, erhob sich und verließ den Raum.

„Moment…, Daniel?“

„Ja?“

„Hast du eine Gelegenheit, Musik zu hören, einen CD-Spieler oder so etwas?“

Daniel blickte beschämt zu Boden. „Nein, leider nicht, nichts dergleichen.“

„Ist doch kein Problem. Ich hab an alles gedacht. Warte, ich lauf schnell noch mal runter zum Auto, machst du mir gleich wieder auf?“

Natürlich war letzteres nur eine rhetorische Frage gewesen. Im Vorbeigehen bemerkte ich, wie Daniel mich ein wenig erstaunt ansah. Ich hoffte, er würde sich freuen und Musik zumindest einen Bruchteil so lieben wie ich. Eine gute CD gehörte zu einem gemütlichen Abend einfach dazu. Darauf konnte ich nicht verzichten.

Wenige Minuten später betrat ich etwas außer Atem erneut Daniels Wohnung. Die Jacke hatte ich nicht extra übergezogen, das bereute ich bereits bitter und zitterte am ganzen Leib. „Puh, schnell rein in die gute Stube, sonst kannst du mich gleich zu Eiswürfeln verarbeiten.“ Wir lachten beide. „Wo wir schon einmal von frieren sprechen, sag mal Daniel, wie hälst du das hier aus in so einem arktischen Klima?“ Natürlich konnte ich mir denken, dass er sparen musste. So fügte ich mit fester Stimme hinzu: „Jetzt werden erst mal die Heizkörper richtig aufgedreht, ich leg dir einen Geldschein hin, und ich dulde keine Widerrede!“ Das meinte ich ernst, aber grinste Daniel dabei freundlich an. Er zögerte, nuschelte dann aber etwas wie „In Ordnung“ und verschwand im Schlafzimmer.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und tat alles, um für ein erträgliches Klima zu sorgen, die zwei Heizkörper im Wohnraum wurden bis zum Anschlag aufgedreht. Dann verstaute ich alle temperaturempfindlichen Vorräte im Kühlschrank, der bis auf den Quark, den ich heute morgen für Daniel gekauft hatte, fast leer war.

Es war dringend nötig, ein wenig den Wohnbereich in Ordnung zu bringen, also baute ich zunächst meine Kompaktanlage auf, die sonst bei mir im Schlafzimmer stand, und legte eine von meinen mitgebrachten CDs ein.

Die Sache begann, mir Spaß zu machen. Ich hatte eine Menge Kerzen und Teelichter mitgebracht. Aber erst einmal musste etwas Ordnung geschafft werden. Gesagt – getan…

Der Tisch wurde mit einer kleinen weißen Decke versehen, dort stellte ich auch meinen Adventskranz mit den Kerzen auf; noch ein paar sternenförmige Teelichter auf der anderen Seite des Tisches, fertig. In einem Duftlämpchen ließ ich ein wenig Duftöl verdunsten, es handelte sich dabei um eine sehr appetitlich riechende Melange aus Zimt, Orange, Zitrone, etwas Nelke und all diese guten Sachen. Der kleine künstliche, fertig geschmückte Tannenbaum fand seinen Platz auf dem Couchtisch. Ich weiß, ich weiß, ich bekenne mich schuldig, Kitsch ist absolut meine Sache, ich liebe das. Daneben gesellte sich noch mein antiker fünfarmiger Kerzenleuchter und eine Minikrippe mit total süßen Flausch-Schäflein. Dann drapierte ich noch möglichst geschickt einige Lichterketten im Raum, ganz locker, wie es sich ergab, nach einiger Zeit war ich damit zufrieden. Im Regal stellte ich noch ein paar Kitschfiguren auf. Aus einem Karton kramte ich einen großen tönernen Engel hervor, der viele Sternchen-Löcher hatte und in den man ein Teelicht stellen konnte. Der passte ideal in das Regal, in Augenhöhe. Den Stapel Zeitschriften nahm ich dafür heraus, einige der unteren Exemplare rutschten mir aus den Händen und fielen zu Boden. Als ich sie aufhob, breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus.

Fast hätte ich vor Freude aufgeschrieen, aber das verkniff ich mir mühsam. Nun, was war mir da in die Hände gefallen? Ein schwules Magazin. Der gute Daniel war also genauso schwul wie ich oder hatte schlechtestenfalls zumindest keinerlei Berührungsängste mit Homosexualität. Mein Herz begann zu schlagen bis zum Hals, denn ich merkte wohl, dass ich Daniel schon zu diesem Zeitpunkt anziehender fand als mir lieb war; und ich war dankbar für dieses Zeichen. Schnell räumte ich den Stapel ordentlich zusammen und legte ihn neben das Regal auf den Boden. Der große Engel nahm seinen Platz ein und machte sich prächtig…

Nachdem alle Kerzen entzündet waren, schaute ich mich wohlwollend im Raum um, das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Erst jetzt fiel mir auf, dass schon einige Zeit vergangen sein musste und Daniel gar nicht vom Duschen zurückkam. Zögernd trat ich in Richtung Schlafzimmer und lugte um die Ecke. Da saß mein Held auf seinem Bett und schaute ganz unsicher in die Gegend.

„Hi, ich wollte dich nicht stören…“, murmelte er und schaute zu Boden.

Ach, wie niedlich, Daniel konnte ja richtig schüchtern sein; ich grinste ihn an und fand ihn schrecklich anziehend. Er hatte sich richtig schick gemacht, ordentliche blaue Jeans, enges weißes T-Shirt und einen dunkelblauen Pulli, nur umgehängt. Wow, was hatte dieser Kerl für eine tolle Figur, recht kräftig und durchaus gut proportioniert, wenn ich es genauer betrachtete. Mein Blick blieb an ihm kleben und wollte sich gar nicht mehr freiwillig von ihm lösen. Als Daniel das bemerkte, zuckte ich zusammen und meine Wangen röteten sich fatal, das konnte ich deutlich spüren.

„Kommst du?“, versuchte ich, abzulenken und verließ hastig den Raum in Richtung Wohnzimmer.

Dieses Mal wählte ich die Couch und beobachtete Daniels Reaktion, als er den Raum betrat. Er schwieg – und machte große Kulleraugen. Feucht begann es um seine Augen zu schimmern und er hielt die Tränen nicht auf, sie liefen über sein Gesicht und tropften zu Boden. Ich war wie gelähmt und brachte es nicht über’s Herz, zu ihm zu gehen und ihn zu umarmen, hatte regelrecht Angst, ihn zu überrumpeln, zu überfordern, ihn zu bedrängen, wahrscheinlich war ich einfach zu feige.

„Weißt du, Nathanael“, seine Stimme zitterte, „ich bin seit Jahren ziemlich einsam, seit Jahren sitze ich hier zu Weihnachten herum, allein, heule mir die Augen aus dem Kopf, einfach, weil ich so eine Sehnsucht habe, eine unbestimmte Sehnsucht, …, vielleicht doch nicht so unbestimmt, Sehnsucht nach Geborgenheit, Nähe, einem Freund, Sehnsucht nach Liebe und Sinn, so kitschig sich das alles anhören mag… Nun, ich bin sehr gerührt, du hast dir offensichtlich viel Mühe gegeben, es ist wunderschön hier. … – Ich, … ich habe schon lange aufgehört, mir irgendwie Mühe zu geben, habe längst aufgegeben…“, seine Stimme war immer leiser geworden und erstarb. Er ging zu einer Schublade, holte sich ein Taschentuch heraus und schnäuzte sich lautstark die Nase.

Dann kam er zu mir hinüber. Einen Moment hatte ich die Hoffnung, er würde sich zu mir setzen, doch er ließ sich im Sessel neben mir nieder.

„Was hast du nun vor, Nathanael?“

„Ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Hast du Lust, etwas zu kochen? Dann können wir in aller Ruhe gemeinsam essen, ein Glas Wein trinken, und dann sehen wir weiter, mh?“

„Fein“, strahlte Daniel, „das hört sich gut an und da ich sowieso keine Chance gegen dich habe, werde ich mich bemühen, mich einfach fallen zu lassen.“

Fallen lassen klang SEHR gut, am besten in meine Arme… Konnte man mir meine Gedanken übel nehmen?

„Okay, dann legen wir mal los. Was hälst du von einer selbstgemachten Rindfleischsuppe mit Mark-Klössen und Gemüse, die habe ich bereits gestern Abend zubereitet, meine Familie wird heute ohne auskommen müssen, jeder von uns bringt immer etwas mit; Nudelauflauf mit Hackfleisch, Champignons, Tomaten-Sahnecreme-Soße mit Wein abgeschmeckt, zum Dessert eine Dr. Oetker Mousse au Chocolat“, dabei musste ich lachen, jedoch hätte ich wohl kaum selbst eine zubereiten können, da hätte ich schließlich nur noch in der Küche gestanden, „und ich habe auch noch selbstgebackenen Kuchen mitgebracht, auf den meine Familie auch verzichten muss“, grinste ich unverschämt. „Akzeptiert? … Ach, Daniel, dir bleibt gar nichts anderes übrig.“

„Na dann, muss ich wohl damit leben. Klingt aber so, als wenn ich mich nicht besonders arg überwinden müsste“, witzelte Daniel und klang sehr locker und recht froh.

Was war ich erleichtert! Er taute wirklich auf und wir verstanden uns prima. Ich fühlte mich neben ihm wie zu Hause, mein Verlangen stieg ins Unermessliche, diesen Kerl in meine Arme zu schließen und nie wieder loszulassen. Ich weiß, ihr denkt, wie ich so etwas sagen konnte, obwohl ich Daniel noch nicht einmal richtig kannte. Schon richtig. Aber erst einmal hat man seine Gefühle nicht immer im Griff, wie man sollte, weiterhin war mir dieser Mann einfach nur sympathisch und attraktiv noch dazu, zuletzt denkt bitte darüber nach, was ich mit der „Seelenverwandtschaft“ sagen wollte. Nun werfe der, der ohne Schuld ist, den ersten Stein…

„Gut, Daniel, du hast frei, ich bekoche dich, allerdings darfst du mir das ‚Werkzeug’ reichen, denn in deiner Küche kenne ich mich nicht aus.“

Da die Heizung inzwischen ganz gut bollerte, ließ Daniel seinen Pulli vorsichtshalber im Sessel liegen und wuselte mit seinem engen T-Shirt vor mir herum. Mir wurde ganz schlecht und ich bildete mir ein, es immerzu knistern zu hören. Er sagte kein Wort, lächelte mich bloß ständig an und ich musste mich zusammenreißen, mich auf das Kochen zu konzentrieren, anstatt ihn anzuschauen und seine Nähe zu genießen. Ungefähr eine dreiviertel Stunde später brutzelte der Auflauf im Ofen, zum Glück hatte ich meine Überbackform mitgebracht. Dann deckten wir gemeinsam den Tisch und setzten uns.

Inzwischen lauschten wir der Musik, ich hatte Enigma eingelegt, beruhigend, vitalisierend und erotisch zugleich. Daniel mochte die Musik, sagte er zumindest, und das freute mich sehr, denn bei Enigma fühlte ich mich pudelwohl. Wir saßen uns gegenüber und schauten uns einfach nur an. Ich genoss den Zauber dieser Situation; ich spürte Daniels Nähe, wenngleich mich die Entfernung schmerzte, ihn nicht mit ganzem Leib zu spüren. Es war keine unangenehme Stille, auch Daniel lächelte. Eine Atmosphäre des Vertrauens wurde immer greifbarer, obwohl wir uns noch gar nicht so gut kannten.

Nach dem Essen, welches wir schweigend einnahmen, wohlig schweigend, uns immerzu unausgesprochene Botschaften der Zuneigung mit den Augen zuspielend, machten wir es uns in der Sitzgruppe gemütlich. Angenehme Wärme umgab uns, die Luft war geschwängert vom dezenten Geruch des Weihnachtsöls und leise drang der enigmatische Klang in unsere Ohren. Fast wagte ich es überhaupt nicht mehr, diesen Zauber mit einem gesprochenen Wort zu zerstören, doch war mir das Gespräch mit Daniel einfach wichtig, wir konnten ja nicht fortwährend schweigen, das war mir klar.

„Daniel? …“, fragte ich sanft.

„Ja?“ Immer noch umspielte ein leichtes warmes Lächeln Daniels Mund.

„Ich möchte dich kennenlernen, würde gern mehr von dir erfahren, es macht mir nichts aus, dass du arbeitslos bist, Trauriges zu berichten hast, nicht viel Geld hast, ich bin an dir interessiert, an deiner Person, ich möchte dich verstehen, mit dir lachen und weinen…“ War ich zu weit gegangen? Klang das nicht abgehoben, einfach doof, verriet ich zu viel? Besonders sicher war ich meiner Sache nicht.

Daraufhin belohnte mich Daniel mit einem überaus dankbaren, warmen Lächeln und wir redeten und redeten und redeten, tauschten uns aus über unsere Erfahrungen und erzählten uns unser ganzes Leben. Stop… Ein Thema wurde geflissentlich ausgelassen, nämlich unser beider Liebesleben und damit verbundene Sehnsüchte. Daher fühlte ich bald, dass in unserem persönlichen Austausch ein Loch klaffte, denn meine Homosexualität stellte in meinem Leben etwas dar, womit viele meiner Gefühle, inneren Kämpfe, Freud und Leid verbunden war.

„Daniel, ich habe in meinen bisherigen Erzählungen etwas Wichtiges ausgelassen, was ich Dir nicht vorenthalten möchte. Es waren nie Frauen, in die ich verliebt war, sondern stets haben mich Männer angezogen… ich bin schwul, das weiß ich im Prinzip schon mein ganzes Leben.“ Dabei schaute ich ihm fest in die Augen. Der Fund des Heftes stimmte mich optimistisch, und ich hatte nichts zu verlieren, nur zu gewinnen.

Einen Moment lang erwiderte Daniel nichts und schaute mich bloß verträumt an. „Oh mann, Nathanael, das gibt’s doch nicht. Nach so viel Pech fühle ich mich seit langem wieder glücklich, wirklich glücklich. Auch ich bin schwul und ich glaube, es ist mir nie etwas besseres passiert, als dir zu begegnen. Du hast mich bereits jetzt sehr glücklich gemacht… Es ist der schönste Abend seit langem, deine Gegenwart tut so unsagbar gut, ich fühlte mich wie ausgedörrt und genieße seit Stunden jede Sekunde, die du da bist, deine Gegenwart erfüllt mich mit Hoffnung und echter Freude, ich fühle mich einfach wohl. Das meine ich sehr ehrlich, bitte glaub mir das! Wie in einem Gefängnis habe ich mich gefühlt, aus dem ich mich nicht befreien konnte, war versackt in einem tiefen dunklen Loch, und nun ist mir, als hättest du den Schlüssel zu diesem Gefängnis, als würdest du mir ein Seil herablassen in die Tiefe… Du denkst sicher, ich trage dick auf, doch das tue ich gar nicht, der Mensch braucht den Menschen, deine liebevolle Zuneigung ist wie Wasser, was den gebrochenen verdorrten Boden aufweicht und neu belebt. Ein bisschen fühle ich mich wie neu geboren, zumindest ist es ein Anfang, ein Neubeginn, der mir Grund zur Hoffnung gibt, dass alles wieder gut werden kann.“ Tränen glänzten in Daniels Augen, ach was heißt in Daniels Augen, in meinen genauso, ich war gerührt.

Er stand auf und kam zu mir hinüber zum Sofa.

„Darf ich mich zu Dir setzen?“

„Natürlich!“

Zu meiner übergroßen Freude setzte er sich ganz nah zu mir und legte – zunächst zögernd – beide Arme um mich herum, was ich mir gern gefallen ließ. In dieser Position verharrten wir eine ganze Ewigkeit. Wenn doch die Zeit anhalten würde, dieser Moment sollte nie vergehen. Wir lehnten uns zurück und kuschelten uns ganz nah aneinander. Dann erzählten wir uns gegenseitig alle Lücken, über die wir bisher beide geschwiegen hatten, teilten unsere Erfahrungen und Sehnsüchte, was uns im Innersten bewegte. Da war sie wieder, diese Seelenverwandtschaft. Wir vertrauten uns, kannten uns scheinbar seit 100 Jahren, wir waren wohl beide glücklich wie nie. Keiner wagte es, weiterzugehen, den anderen gar zu streicheln, weil schon der Zauber dieses Moments ausgekostet werden wollte, förmlich danach schrie, wie ein tiefer unerschöpflicher Brunnen ausgetrunken zu werden. Die Nähe dieses Mannes war einfach wunderbar, ich spürte seinen starken warmen Körper, seinen ruhigen Herzschlag, eine beglückende Geborgenheit, konnte mich total fallen lassen. Am liebsten wäre ich auf der Stelle eins mit ihm geworden, hätte mich nie wieder aus dieser Umarmung gelöst.

Drei Ewigkeiten später näherten sich unsere Lippen einander, es muss mehrere Minuten gedauert haben, und in diesem Moment der Berührung durchfuhr es mich wie 30000 Volt, nur nicht tödlich, sondern im Gegenteil belebend, wahrhaft elektrisierend, unglaublich. Daniels Lippen waren warm und weich wie Samt, angenehm feucht, ich konnte kaum mehr an mich halten. Unsere Zeit lief nicht mehr in Sekunden und Minuten ab, alles stand still, endlos, das Universum begann, den Atem anzuhalten. Dort wollte ich verweilen, an Daniels Lippen hängend, diese Süßigkeit kosten, nie mehr aufhören.

Und ich begriff, dass dies erst der Anfang war, die äußere Schale der Frucht war freigelegt. Der Duft war betörend, aber die Frucht selbst lag noch vor mir…

ENDE

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Information Aufbruch in ein neues Leben
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:13 AM - No Replies

Aufbruch in ein neues Leben
„Manchmal wünschte ich, es würde die Matrix wirklich geben. Dann könnte ich wenigstens die Hoffnung haben, dass eines Tages jemand mit einer roten Pille vor mir stehen würde.

Ich würde die Pille nehmen, sie schlucken und dem Überbringer kräftig in die Fresse hauen, um ihn dann zu fragen, wo er die verdammten letzten Jahre gewesen sei.

Seit ich den Film gesehen hatte, ging mir diese Vorstellung nicht mehr aus dem Kopf, dass es vielleicht doch einmal so passieren könnte. Eine andere reale Möglichkeit, meinem derzeitigen Scheißleben zu entkommen, sah ich momentan nicht und die Möglichkeiten in der Vergangenheit hatte ich aus Frust, jugendlichem Leichtsinn und mangelnder Erziehung nicht genutzt.“

Genau das waren die Gedanken, die mich heute vor fast einem Jahr schier zum Wahnsinn gebracht hatten. Verzweifelt und völlig am Ende saß ich am Marktplatz in ALJEZUR, ganz allein und meine Gedanken beschäftigten sich mit meiner Vergangenheit und wenn ich dann an meine Zukunft dachte, überlegte ich mir, ob mein Leben überhaupt noch einen Sinn hatte.

Dann dachte ich an SAGRES, an die 60 Meter hohen Klippen, die steil ins Meer abfielen – schon einmal hatte ich dort gestanden und überlegt, ob es nicht besser wäre, sich einfach hinab zu stürzen in die Tiefe, um auf der Oberfläche des Meeres zu zerbrechen – für immer und ewig! Aber letztendlich hing ich wohl doch noch an meinem, wenn auch nicht gerade schönen Leben und hoffte im tiefsten Grunde meines Herzens auf meine, eigens für mich vorhandene rote Pille und auf ihren Überbringer. Es war Ostersonntagmorgen und morgen war wieder mal mein Geburtstag, der 8. April und ich fühlte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Um das alles wirklich verstehen zu können, ist es schon nötig, ein wenig in der Vergangenheit zu wühlen. NUR dann kann man den Wunsch nach der Matrix verstehen. Also werde ich euch meine Geschichte erzählen.

Kindheit, Zu Hause Ich bin ein morgen am Ostersonntag 18 Jahre alt werdender Junge, der irgendwann auf den Namen Gideon Heiner Michels getauft worden ist. Als ich geboren wurde, war die Welt, und damit meine ich meine Familie, noch in Ordnung und meine Eltern waren noch richtig verliebt in einander. Mein Vater arbeitete in einer Fabrik in der Stadt Köln, wo man Autos zusammenbaute. Er war eigentlich aus der Gegend von Kassel und ein Einzelkind, dessen Eltern bei einem Brand ums Leben gekommen waren.

Die Liebe zu meiner Mutter hatte ihn nach Köln verschlagen und in der Autofabrik hatte er dann auch eine Arbeit gefunden. Ich wurde am Ostersonntag, einem 8. April 1988 geboren und das kleine Glück war komplett. Das Osterfest hatte so eine zentrale Bedeutung in meinem Leben und oft sollten sich gerade an Ostern wichtige Dinge für mein Leben ereignen, aber davon später.

Als ich 3 Jahre alt war, verschwand der Vater meiner Mutter, mein Opa, über Nacht mit einer Jüngeren und meine Oma konnte das nicht verarbeiten. Sie wurde depressiv und eines Morgens fanden sie die Nachbarn tot im Keller des Hauses, in dem sie gewohnt hatte. Meine Eltern waren fix und fertig und irgendwann, ich war jetzt 4 Jahre alt, übernahm der Alkohol die Herrschaft in unserer Familie. Seelentröster und Vergessenmacher, zuerst in Form von Bier und Wein, später dann Korn und Weinbrand hielten ihren Einzug in unsere Wohnung und, auch ständig mehr werdend, in das Hirn und die Leber meiner Eltern. Mit dem Ansteigen des Alkoholkonsums begann der steile Abstieg meines Lebensstandards. Regelmäßige Mahlzeiten gab es nicht mehr, saubere Kleider hatte ich selten und die Wohnung sah aus wie bei „Hempels“.

Zu dieser Zeit durfte ich dann erstmals in den Kindergarten gehen, aber auf Grund meines Äußeren und auch meines „Duftes“ wurde ich bald zum Gespött der anderen Kinder und Freunde fand ich keine. Ständig wurde ich gehänselt und keiner wollte mit mir spielen. Meine Betreuerin zog mir ab und an mal andere, frische Kleider an und sie versuchte wohl auch, mit meiner Mutter zu reden, aber diese Bemühungen waren zwecklos.

Mittlerweile hatte mein Vater auf Grund alkoholbedingter Unzuverlässigkeit seine gute Arbeit verloren und die Autos in Köln wurden jetzt ohne seine Hilfe gebaut. Nun lungerte er sehr oft den ganzen Tag zu Hause rum und er und meine Mutter fingen schon früh am Morgen an, Alkohol zu trinken. Oftmals versäumte ich den Kindergarten und irgendwann wurde dann von einer verantwortungsvollen Betreuerin des Kindergartens das Jugendamt informiert.

Nach mehreren Besuchen von Mitarbeitern des Jugendamtes und nach ellenlangen Gesprächen, bei denen mein Vater immer öfter ausrastete und mit Prügeln drohte, beschloss dann ein Richter auf Antrag des Jugendamtes, meinen Eltern das Sorgerecht und die Aufenthaltsbewilligung zu entziehen.

Am dem Morgen, als das Jugendamt mich abholen wollte, waren meine Eltern schon beizeiten stark angetrunken und mein Vater schimpfte und drohte damit, alle umzubringen, die mich holen wollten. Sie kamen gegen 11 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Eltern schon arg angeschlagen und die Mitarbeiter des Jugendamtes und die zwei Polizeibeamten, die sie zum Schutz mitgebracht hatten, hätten eigentlich leichtes Spiel gehabt, wenn nicht mein Vater plötzlich sein großes Sackmesser in der Hand gehabt hätte. Er hatte mich an sich gerissen und hielt das Messer an meinen Hals. „Verschwindet, ihr Schweine, meinen Sohn bekommt ihr nicht lebendig“, schrie er in seinem Suff. Seine linke Hand hielt mich vor der Brust und die rechte mit dem Messer hielt er direkt vor mein Gesicht. Mich erfasste eine Wahnsinnsangst und ich fing an zu schreien. Die Leute vom Jugendamt und die Polizisten waren entsetzt zurück gewichen und wussten zunächst nicht, was sie tun sollten. Meine Mutter lachte hysterisch.

Just als mein Vater seine Hand mit dem Messer vor meinem Mund hielt, biss ich mit aller Kraft, die ich hatte, in seinen Handballen. Wie ein verhungernder Wolf schlug ich meine Zähne in seine Hand und spürte Blutgeschmack. Mit einem lauten Aufschrei ließ er das Messer fallen und mich los, und um dem Biss zu entkommen, schlug er mit der linken Hand gegen meinen Kopf. Den Mund öffnen und nach vorn springen war eins bei mir und durch den Schwung landete ich vor den Füßen der Jugendamtsleute. Die Polizisten reagierten schnell und binnen weniger Sekunden lag mein Erzeuger am Boden und die Handschellen klickten. Ich wurde nach draußen zu einem Wagen gebracht und ab ging die Fahrt ins Ungewisse. Was aus meinen „Eltern“ geworden ist, habe ich nie erfahren und ehrlich gesagt, ist es mir auch scheißegal. Dazu sind die Erinnerungen zu schlimm, als dass mich das noch interessieren würde.

Kindheit, Allein Zunächst brachten sie mich aufs Jugendamt und Frau Zipp, so hieß die Frau, gab mir ein Hefeteilchen und sagte, ich solle mich auf einen Stuhl setzen und erst mal essen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, hatte ich doch heute morgen mal wieder nichts bekommen. Später wurde ich dann zum Amtsarzt gebracht, der mich gründlich untersuchte. Bei dieser Aktion wurde ich dann auch noch einer Vollbad unterzogen, denn mein Geruch war wahrlich kein Vergnügen. Auch bekam ich dann zum ersten Mal seit 8 Tagen frische Wäsche und saubere Kleider angezogen.

So frisch aufgebrezelt wurde ich dann wieder in ein Auto verfrachtet und in ein Kinderheim bei Düsseldorf gebracht. Dort angekommen, wurde ich von der Leiterin des Hauses, einer schon etwas älteren Frau mit dem seltenen Namen Schmitt, in Empfang genommen. Diese brachte mich, als die Formalitäten erledigt waren, in den zweiten Stock und dort wurde ich der „Affengruppe“ zugeteilt. Diese Gruppe bestand mit mir aus 16 Kindern zwischen 4 und 10 Jahren und wurde von einer Frau Decker geleitet. Dann war da noch eine Frau Wagner und ein Praktikant, der Wolfgang hieß.

Nun begann für mich ein Leben mit einem festen Tagesablauf, etwas, was ich schon lange nicht mehr kannte und an das ich mich sehr schlecht gewöhnen konnte. Das hatte zur Folge, dass ich ständig irgendwelche Repressalien ertragen musste, weil ich mich nicht an die Regeln halten konnte oder wollte. Auf Einzelheiten verzichte ich jetzt besser, sonst würde die Aufzählung wohl den Rahmen sprengen.

Im Laufe des Jahres, nach den Sommerferien, wurden ich und noch 4 weitere Kinder eingeschult. Das waren außer mir noch Inge aus meiner Gruppe und aus der Entengruppe ein Daniel, ein Kevin und eine Veronika. Wir wurden morgens mit einem Schulbus abgeholt, mit dem auch noch alle anderen schulpflichtigen Kinder aus dem Heim in die Schule gebracht wurden. Wir mussten in die Willy-Brandt Gesamtschule nach Düsseldorf und wir fünf Erstklässler kamen alle in die gleiche Klasse.

Die Lehrerin unserer Klasse war eine Frau Reimann und die konnte mich nach zwei Wochen schon nicht mehr so gut leiden, weil ich mal wieder die Regeln nicht einhielt und auch sonst nicht besonders erpicht auf das Lernen war. Von allen 5 Heimkindern hatte sie mit mir die meisten Probleme und mehr als einmal bekam die Heimleiterin einen Brief aus der Schule. Diese Briefe mit ihren negativen Inhalten führten selbstverständlich nicht dazu, dass es mir im Heim besser ging und bedingt durch die ständigen Repressalien wie Küchendienst, Strafarbeiten, Zimmerarrest und so weiter entwickelte ich mich zu einem totalen Einzelgänger, der zu niemand Vertrauen hatte und der keinen an sich ranließ. Die Versetzungen in die jeweils nächste Klassenstufe erreichte ich nur mit Müh und Not und in der Klassenstufe 3 durfte ich die erste Ehrenrunde drehen.

Nach Beendigung der 4. Klassenstufe wurde mir gesagt, dass auf Grund meiner Leistung und meines Verhaltens ich zu dem Zweig Hauptschule gehören würde und wenn meine Leistungen und mein Verhalten so schlecht bleiben würden, dann wolle man mich im nächsten Jahr spätestens auf die Sonderschule schicken. Zum ersten Mal machte mir etwas Angst, denn auf die Sonderschule wollte ich absolut nicht. Von anderen Heimbewohnern wusste ich, dass das wohl das Schlimmste war, das mir momentan passieren konnte. Also beschloss ich für mich, dass ich etwas ändern musste.

Kindheit, Freundschaft Das 5. Schuljahr begann und ich fing an, etwas mehr für die Schule zu tun. Da ich nicht in allen Fächern gleichermaßen besser wurde, überlegte ich, ob ich nicht meine selbst gewählte Eigenbrötlerschaft aufgeben und mir wenigstens jemanden in meiner Klasse suchen sollte, der mit mir Aufgaben machen und mich unterstützen konnte. In Mathe und Deutsch brauchte ich auf jeden Fall Unterstützung, bei den andern Fächern ging es einigermaßen und in Sport war ich einer der Besten. Ich war nicht allzu groß für mein Alter, war schlank, hatte aber trotzdem eine gute Muskulatur und Leichtathletik lag mir gut.

Nun war in meiner Klasse ein Alex, der war mir nicht unsympathisch und seine Leistungen waren mehr als ordentlich. Darüber hinaus war auch er gut im Sport und so versuchte ich, über den Sport etwas näher an ihn heran zu kommen. Nachdem wir ein paar Mal in der gleichen Mannschaft beim Schulsport gespielt hatten, wagte ich es, ihn zu fragen, ob er mir in Mathe und Deutsch ein bisschen helfen könnte. Anfänglich lief alles eher zögerlich, was wohl auch daran lag, dass ich im Heim wohnte und er bei uns keine Aufgaben machen durfte. Seine Eltern hatten zwar nichts dagegen, wenn ich zu ihm kam, aber sie wollten zunächst nicht, dass er zu uns ins Heim kam.

Meine Erzieherin erlaubte mir dann, zwei bis dreimal in der Woche bei Alex Hausaufgaben zu machen, bis auf Widerruf versteht sich und nur, wenn die Noten besser würden. Das war ein Glücksfall für mich, erfuhr ich doch über die Aufgabenhilfe hinaus so manche kleine Vergünstigung durch die Mutter von Alex. Oft steckte sie mir was Süßes zu oder wir bekamen Cola und das Beste war der Umstand, dass Alex ca. 6-7 cm größer war als ich. Seine Mutter gab mir immer wieder Kleider, die ihm nicht mehr passten, die aber noch Tipp-Topp in Ordnung waren. So hatte ich immer genügend coole Klamotten im Schrank.

Als Ausgleich dafür, dass ich dort so gut behandelt wurde, half ich natürlich bei Alex zu Hause mit, wann immer eine Gelegenheit war und so langsam wurde eine Freundschaft aus der ganzen Geschichte.

An meinem 13. Geburtstag bekam ich ein eigenes Fahrrad und durfte jetzt öfter mal auch so und am Wochenende zu Alex fahren. Alles entwickelte sich sehr positiv und meine Zukunftsaussichten waren längst nicht mehr so trübe. Im Heim waren natürlich alle Betreuerinnen und Betreuer stolz auf „ihren“ Erfolg, war ihr Schützling doch auf dem besten Weg, ein, na sag ich mal etwas zynisch, Musterknabe zu werden.

An Ostern, nachmittags, an meinem 14. Geburtstag, eröffnete mir Alex Mutter, dass ihr Mann eine neue Arbeit annehmen würde. Die neue Arbeitsstelle war in München und Alex und sie würden am Ende des Schuljahres, im August, dort hin ziehen. Mir war, als hätte mir einer den Boden unter den Füßen weggezogen und ich fiel in ein tiefes Loch. Ich fuhr zurück ins Heim und weinte die ganze Nacht und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich spielte ernsthaft mit dem Gedanken, mein Leben zu beenden. Irgendwann gewann aber eine große Wut in mir die Überhand und ich verfluchte im Stillen alle Erwachsenen.

Es dauerte Tage, bis ich wieder normal denken konnte und in der Zwischenzeit mutierte ich wieder zu dem Arschloch, das ich vor meiner Freundschaft zu Alex gewesen war. Gott sei Dank ließen sie mich im Heim weitgehend in Ruhe und als ich wieder klar denken konnte, fuhr ich zu Alex und entschuldigte mich für mein Verhalten. Auch er war traurig und sehr bedrückt, dass er so weit wegziehen musste. Wir schworen uns ewige Freundschaft und wollten die Zeit, die uns noch blieb, nutzen.

In diese Zeit fielen auch die ersten Selbstversuche auf sexuellem Gebiet und nach dem wir unsere Erfahrungen ausgetauscht hatten, beschlossen wir, einmal gemeinsam zu onanieren, jeder bei sich versteht sich, auch um einmal alles miteinander zu vergleichen. Bei diesen Aktivitäten blieb es aber und es ging nie darüber hinaus. Allerdings fiel mir auf, dass er dabei immer auf seinen Schwanz schaute, ich aber immer auf seinen und das machte mich immer besonders geil, aber auch im Nachhinein ein bisschen nachdenklich. Aber ich dachte nicht weiter darüber nach und der Tag der Abreise kam immer näher.

Als das Schuljahr zu Ende war und die Ferien begannen, half ich noch eine Woche, die Sachen im Haus zu verpacken. Dabei fiel noch allerhand für mich ab. Als dann der Tag des Abschieds kam, weinten wir beide ein bisschen und zum Schluss umarmten wir uns noch einmal. Und dann war ich allein, und da ich außer Alex keine Freunde hatte, wusste ich mit mir und meiner Freizeit nichts anzufangen. Da noch Ferien waren, überkam mich eine große Langeweile.

Jugend, Schlechte Gesellschaft Auf der Suche nach Ablenkung fuhr ich jetzt öfter mit dem Rad in die Stadt. Am Bahnhof und in der City waren immer viel Betrieb und ein Haufen Menschen unterwegs. Immer öfter hing ich am Nachmittag am Bahnhof rum und betrachtete die Leute, zog durch die Geschäfte und vertrieb mir so die Zeit. Eines Tages sprach mich ein etwas älterer Junge an und fragte, warum ich immer hier rumhänge. Er hatte mich wohl schon öfter beobachtet. Er meinte, ich solle mitkommen zu seiner Clique, das wäre nicht so langweilig, als allein rum zu hängen.

So vertrieb ich mir dann meine Zeit mit der Clique und nach einer Mutprobe, ich musste im Geschäft eine Flasche Wein klauen, wurde ich dort fest aufgenommen. Ich war froh, wieder Freunde zu haben und es war mir egal, wenn wir mal öfter irgendwo was klauten oder am Bahnhof Penner verscheuchten. Bald war ich bei ihnen voll anerkannt und fragte nicht, ob das, was wir taten unrecht war oder nicht.

So kam, was kommen musste. Ich wurde erwischt und landete bei der Polizei. Die Bullen brachten mich nach der Vernehmung zurück ins Heim und dort ging der Stress erst richtig los. Hausarrest und Taschengeldentzug und alle Sanktionen, die es sonst noch gab, waren gerade passend für mich und ich war fast keine Sekunde unbeobachtet.

Nachdem das so 10 Tage gegangen war, fing die Schule wieder an und es begann mein letztes Schuljahr in der Hauptschule. Ich nahm mir vor, die Zähne zusammen zu beißen und einen halbwegs vernünftigen Abschluss zu erreichen. Wenn ich den in der Tasche hatte, dann würde ich die große Flatter machen und irgendwie nach München kommen. Bei Alex und seinen Eltern würde ich bestimmt unterkommen.

Für die Klauerei drückte mir der Richter 80 Stunden gemeinnützige Arbeit aufs Auge. Die musste ich an den folgenden Wochenenden in einer Behinderteneinrichtung ableisten. Rasenmähen, Hecke schneiden und Kehren waren meine Haupttätigkeiten und die Aufsicht über mich hatte der Hausmeister. Der hatte einen Sohn, der war etwas älter als ich und der sah in meinen Augen echt gut aus. Immer wenn der am Nachmittag in der Badehose in der Sonne lag, musste ich zwanghaft zu ihm hinschauen und ich bewunderte seinen Körper. Zu meinem Erschrecken hatte das ziemliche Auswirkungen auf den „kleinen Gideon“ und im Laufe dieser Zeit dort traf mich die Erkenntnis, dass ich wohl zu denen gehörte, die sich zu ihresgleichen hingezogen fühlten. Kurz gesagt, ich war wohl schwul!!!

Diese Erkenntnis traf mich tief und auch unvorbereitet und da ich niemanden hatte, mit dem ich hätte darüber reden können, wusste ich nicht, wie ich damit fertig werden sollte. Waren doch in der Regel Schwule für die meisten anderen Menschen Dreck oder Kranke, von denen man sich fernhalten musste. So jedenfalls hatte ich es immer wieder gehört.

Es dauerte Tage, bis ich wieder einigermaßen klare Gedanken hatte und ich beschloss, so viel wie möglich über Schwulsein zu erfahren. Ich wollte genau wissen, was da in mir vorging und auch, ob man etwas dagegen tun könnte, denn ich wollte nicht schwul sein.

Es kam mir die Idee, im Internet zu suchen und dort etwas mehr zu erfahren. Aber wie sollte das gehen? Ich hatte keinen Computer und der Rechner, der im Heim zur Verfügung stand, war immer von mehreren Jugendlichen umlagert und für meine Nachforschungen deshalb nicht geeignet. Ein Internetcafé wäre wohl eine Möglichkeit, aber das kostete auf jeden Fall Geld und viel Taschengeld hatten wir nicht. Ich sparte mir ab jetzt jeden Cent und nach 2 Wochen hatte ich 6 Euro und 40 Cent zusammen gespart. Da ich meine Strafe ordentlich abgearbeitet hatte, durfte ich auch wieder ab und zu nachmittags in die Stadt radeln.

Dort suchte ich dann ein Internetcafé und in demselben einen Platz, wo nicht gleich jeder auf den Monitor vor mir schauen konnte. Aus der Schule wusste ich, wie das mit Internet und Google funktionierte und alsbald hatte ich die ersten Seiten gefunden. Erschrocken stellte ich fest, dass sich hier alles nur um Sex, blasen und ficken drehte und die Bilder waren für mich fast alle eher schockierend als aufklärend oder anregend und Geld sollte das auch noch kosten.

Ein Räuspern hinter meinem Rücken ließ mich tief erschrecken und mit rotem Kopf klickte ich die Bilder weg, um mich dann vorsichtig umzudrehen. Dort stand ein etwa 2-3 Jahre älterer Junge und grinste freundlich. Ob ich schwul wäre, wollte er wissen und was ich denn genau im Internet suchen würde. Mein Kopf war auf Ampelrot angelaufen und mein Herz klopfte bis zum Hals. „He, ich tu dir nichts, ich will dir nur helfen“, sagte er mit leiser Stimme und in seinem Gesicht sah ich, dass er es wohl ehrlich meinte. „Ich weiß selber nicht genau, ob ich schwul bin“, erwiderte ich und sagte, dass ich mal im Internet schauen wollte, was es darüber zu lesen gibt, aber ich hätte nur diese Bilder und Anzeigen gefunden. Damit könnte ich wohl nicht viel anfangen. Er gab mir dann einige Adressen von Web-Seiten, auf denen man Informationen und Hilfe bekommen konnte und er sagte mir, er und sein Freund hätten vor ein paar Jahren dasselbe Problem gehabt. Meine Zeit am Computer war abgelaufen, so dass ich jetzt nicht mehr gucken konnte, was auf den Seiten angeboten wurde. Ich bedankte mich bei dem Jungen und machte mich auf den Weg zurück ins Heim.

Das Geschehene beschäftigte mich für den Rest des Tages und auch fast die ganze Nacht und morgens war ich wie gerädert und kam nur mit Müh und Not in die Schule. Den ganzen Tag musste ich daran denken, dass der Schlüssel zu meinem Ich vielleicht dort zu finden war. Aber woher das nötige Kleingeld holen, um erneut ins Internetcafé zu gehen.

Die Tatsache, alles wissen zu wollen über meine Veranlagung und der permanente Geldmangel brachten mich dazu, alle Vernunft über Bord zu werfen und so stahl ich während einer günstigen Gelegenheit einer Frau im Kaufhaus die Handtasche. Dass ich dabei vom Kaufhaus-Ermittler beobachtet wurde, merkte ich erst, als ich von der herbeigerufenen Polizei in Handschellen abgeführt wurde. Da ich fast 16 Jahre alt war und strafmündig, brummte mir der Richter 6 Wochen Jugendarrest auf. Die verbrachte ich schlecht und recht in einer Einzelzelle und zwei Tage vor Ende eröffnete man mir, dass ich in eine erlebnispädagogische Maßnahme nach Portugal kommen würde, und zwar direkt im Anschluss an den Arrest.

Ich war noch nie anderswo als hier im Umkreis von Düsseldorf gewesen und die Vorstellung, in einem vollkommen fremden Land zu leben, ohne Bekannte und ohne Sprachkenntnisse machte mir Angst und so konnte ich die beiden letzten Nächte in der Zelle kaum noch schlafen und ich fühlte mich schlecht, allein und von allen guten Geistern verlassen. Der Entlassungstag war der Gründonnerstag, drei Tage vor Ostern und vier Tage vor meinem 16. Geburtstag und nachdem ich meine wenigen Habseligkeiten eingepackt hatte, wurde ich in das Büro des Anstaltsleiters gebracht, wo mich ein Herr in Empfang nahm. Er stellte sich als Christian Fuchs vor und sagte, dass er mich nach Portugal bringen würde. Meine Sachen aus dem Heim würden ebenfalls dorthin gebracht.

Nach ein paar ermahnenden Worten des Direktors wurde ich von Herrn Fuchs zum Auto gebracht und der Weg zum Flughafen begann. Meine Stimmung war am Boden und am liebsten hätte ich mich aus dem fahrenden Auto gestürzt. Am Flughafen erledigte Herr Fuchs die nötigen Formalitäten, ohne mich auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen, so dass ich mir eine Flucht gleich aus dem Kopf schlagen konnte, der war nämlich sehr sportlich und mir haushoch überlegen. Eine weitere Stunde verging, bis wir endlich zur Maschine gebracht wurden und mein Herz klopfte sehr stark, war ich doch noch nie geflogen und mir war das alles nicht geheuer.

Ich bekam den Platz am Fenster, konnte mich aber wegen der aufkeimenden Flugangst zunächst nicht darüber freuen, Nachdem die Türen verschlossen waren, mussten wir den Sicherungsgurt anlegen und die Maschine wurde in Betrieb genommen. Dann ging ein leichter Ruck durch die Maschine und sie rollte langsam Richtung Startplatz. Mein Herz begann dagegen in Richtung Hose zu rutschen und ich sank in mich zusammen.

„Nun scheiß dir mal nicht ins Hemd, Kleiner, du hast doch bei anderen Dingen sonst auch keine Angst“, meinte Herr Fuchs grinsend und sich an meiner Blässe sichtbar weidend, „das bisschen Fliegen kann dir doch nicht so viel ausmachen. Reiß dich mal zusammen und fang mir nur nicht an zu Kotzen.“ Schön, wenn man so aufgebaut wird. Dieses Arschloch machte sich über mich lustig und in mir stieg Wut auf. Viel Wut stieg in mir auf und je wütender ich wurde, umso besser ging es mir wieder und so schaukelte ich mich auf meiner Wut langsam zur Höchstform auf. „Leck mich, du Penner, ich werde dir schon nicht über deine Gichthaken kotzen und überhaupt, du kannst mich mal und bei der nächsten Gelegenheit bin ich eh weg“, stieß ich hervor und drehte den Kopf demonstrativ zum Fenster, jetzt schon froh, dass ich dort sitzen und rausschauen konnte.

Wenn ich eine Reaktion erwartet hatte, so wurde ich enttäuscht. Er sagte keinen Ton und fing an, Zeitung zu lesen. Die Maschine war jetzt zum Stillstand gekommen und das Rauschen der Triebwerke wurde Ständig lauter. Plötzlich setzte sich der Flieger rasant in Bewegung, der Lärm der Turbinen wurde lauter. Immer schneller schoss die Maschine dahin und nach dem Anheben der Nase löste sie sich mit hohem Tempo vom Boden und schwang sich in die Luft.

Es gelang mir die ganze Zeit, die Augen offen zu lassen und so sah ich durch das Fenster den Flughafen, die Stadt und alles unter uns verschwinden. Nach etwa 10 Minuten wurden die Triebwerke wieder leise und die Nase des Fliegers ging langsam runter, bis wir fast waagerecht waren. Mein Adrenalinspiegel sank langsam auf seinen Normalpegel und langsam drehte ich den Kopf und schaut auf den Mann neben mir. Der las unbeirrt in der Zeitung und würdigte mich keines Blickes.

Der Flug war ruhig und zwischendurch bekamen wir was zu essen und zu trinken. Nach 3 Stunden mussten wir uns wieder anschnallen und der Landeanflug auf den Flughafen FARO begann. Bei der Landung keimte noch mal kurz ein bisschen Angst auf, die aber bald einem Aufatmen Platz machte, nachdem die Maschine aufgesetzt hatte. Kurz darauf standen wir an dem Laufband in der Halle und warteten auf unser Gepäck. FARO war wohl kein so großer Flughafen, aber da das Osterwochenende bevorstand, waren doch etliche Touristen hierher geflogen, um dem Regenwetter in Deutschland zu entkommen. Als unsere Gepäckstücke kamen, holten wir sie vom Band und ich trottete hinter Herrn Fuchs zum Ausgang.

Am Haupteingang blieb er stehen, blickte zuerst in die strahlende Sonne und dann auf mich. „Also, Gideon, hier beginnt jetzt ein neuer Abschnitt deines Lebens und ich kann dir nur raten, nutze deine Chance, dein Leben zu verändern. Warte nicht auf ein Wunder, dafür sind die zu selten und warum sollte ausgerechnet Dir eins widerfahren. Deine Mitarbeit ist gefragt und es liegt an dir, wie du den Rest deines Lebens, deine Zukunft gestalten willst. Zum Zeichen dafür, dass das hier ein Neuanfang ist, möchte ich, dass du mich in Zukunft Christian nennst und mich als einen der Menschen betrachtest, die dir bei deinem Neuanfang helfen wollen. Ich werde sooft ich kann und immer wenn es die Situation erfordert, hierher kommen und mit den Leuten, die dich hier betreuen nach Wegen suchen, die dir weiterhelfen. Aber, und das sagte ich schon, es kann nur eine Hilfe sein. Das meiste dazu musst du selber leisten. Denke darüber nach und wenn du Fragen hast oder reden willst, dann sag es einfach. Du bist in diesem Film der Hauptdarsteller.“ Ui, das war ja eine Predigt, dachte ich und warum auf einmal nett und „du“, wo er mich doch bis jetzt eher wie ein unbequemes Gepäckstück behandelt hatte. Ich beschloss, vorsichtig zu sein und nicht all zuviel von ihm zu erwarten.

Plötzlich rief er „Peter, Peter, hier sind wir!“ und winkte mit beiden Armen über dem Kopf herum. Ich blickte in die Richtung, in die er schaute und dort kam ein großer, etwa 35 jähriger Mann auf uns zu. Auf den ersten Blick sah der cool aus und er war mir nicht unsympathisch. Als er uns erreicht hatte, begrüßte er zuerst den Christian und nahm ihn kurz in den Arm. Dann wandte er sich zu mir und sagte: „Hallo, Gideon, ich bin der Peter Kiesling und ich bin für die Dauer deines Aufenthaltes hier in Portugal für deine Betreuung verantwortlich. Christian und ich werden dich jetzt zu den Leuten bringen, wo du in Zukunft wohnen wirst und dir dann dort auch erklären, wie wir uns den Ablauf hier in Portugal vorstellen.“ Er gab mir die Hand, schüttelte sie und sagte: „Willkommen in Portugal und ‚Bom Dia’, das heißt hier ‚Guten Tag’. So, jetzt gehen wir rüber zum Auto und dann geht’s los, wir haben noch gute 120 Kilometer vor uns.“ Wir nahmen unser Gepäck und machten uns auf den Weg, das heißt, ich lief einfach hinter den Beiden her.

Auf dem Parkplatz gingen wir zu einem dicken japanischen Geländewagen und luden das Gepäck ein. Nachdem wir eingestiegen waren und die Gurte angelegt hatten, fuhr Peter los und zuerst ging die Fahrt quer durch die Stadt FARO zur Autobahn, die in Richtung LISSABON führte. Es war viel Verkehr und die Fahrt zog sich in die Länge. Irgendwann fielen mir die Augen zu und ich nickte ein.

Als ich erwachte, waren wir noch unterwegs, aber es war keine Autobahn mehr und es war auch nicht mehr viel Verkehr auf der Straße. Peter hatte im Spiegel wohl bemerkt, dass ich wieder wach war und er meinte, wir würden bald am Ziel sein. Der nächste Ort sollte schon ALJEZUR sein und von dort aus wäre es nicht mehr weit. Kurz darauf kamen wir dann in eine Ortschaft, nach 500 m machte die Straße eine scharfe Rechtskurve und dann fuhren wir über eine Brücke. Diese führte über einen Fluss, der nur mäßig Wasser führte. „Hier links ist jeden Morgen der Markt und da drüben ist auch eine Disco und oben auf dem Berg kannst du die Burg sehen“, sagte Peter. Wir fuhren weiter und nach ein paar hundert Metern sah man oben auf einem Hügel in Mitten von Häusern die Kirche liegen.

Wir fuhren aber noch unten vor dem Anstieg rechts und folgten der Straße unten am Hügel entlang. Nach einem weiteren Stück geradeaus verließen wir die Hauptstraße und bogen rechts auf eine Nebenstraße ab, die direkt in die Pampa führte. Nicht genug damit, bog Peter nach ca. einem Kilometer links in ein zunächst schmales Tal ein. Im Verlauf des Tales, immer noch auf geteertem Weg kamen wir an vereinzelten Häusern vorbei, die sich alle ziemlich ähnlich waren. Irgendwann, nach einer Rechtskurve hörte dann die Wegbefestigung auf und auf einem Weg, der bei uns nicht mal mehr Feldweg genannt worden wäre, fuhr Peter nun wesentlich langsamer weiter und weiter in das Tal hinein. Rechts von uns ging es stellenweise mehr als 30 Meter steil nach unten und Häuser sah ich auch keine mehr. Der gegenüberliegende Hang war schwarz verbrannt und fast ohne Bewuchs, lediglich ein paar angekohlte Bäume sah man auf dem verbrannten Grund. Nach gut 30 Minuten ging es steil nach unten und das Tal öffnete sich zu einem kleinen Talkessel, in dessen Hintergrund einige kleine weiße Gebäude sichtbar wurden. Ansonsten sah man nur Pampa, Steine, Geröll, und einige Büsche und Bäume. Am rechten Rand des Kessels vor dem ansteigenden Hang floss in einem breiten Bachbett ein eher kleinerer Bach munter vor sich hin und nicht weit von uns waren zwei Autos abgestellt. Dorthin lenkte Peter den Wagen und hielt an. Endstation Hölle, ging es mir durch den Kopf. Hier sollte ich bleiben, in dieser Einöde, allein bei wildfremden Leuten. „Niemals“, schrie es in mir, „niemals werde ich hier am Arsch der Welt bleiben und wenn es mich das Leben kostet!“

„Aussteigen, wir sind am Ziel“, sagte Peter und langsam stieg ich aus dem Wagen. Als die zwei mein Gesicht sahen, sagte Christian: „Das sieht schlimmer aus, als es ist. Du wirst sehen es wird dir noch gefallen. Nimm dein Gepäck und komm, das letzte Stück müssen wir zu Fuß gehen.“ Dann wandte er sich dem Hang zu und durchquerte auf einer Reihe aus dicken Steinen den Bach und begann, auf einem kaum erkennbaren Weg, den Hang hoch zu kraxeln. Wenigstens nahm Peter mir eine meiner Taschen ab und ging ebenfalls Richtung Hang. Ich überquerte den Bach hinter ihm und es begann ein Aufstieg über Stock und Stein und bereits nach 50 Metern brach mir der Schweiß aus. An einem verfallenen Gebäude vorbei erreichten wir nach weiteren 300 Metern auf einem kleinen Plateau ein lang gestrecktes flaches, weißes Haus, vor dem im Schatten eines krüppeligen Baumes eine Bank und ein Paar andere Sitzgelegenheiten standen. Peter stellte meine Tasche dorthin, Christian war wohl schon ins Haus gegangen.

Da stand ich nun in der Pampa vor einem weiß gestrichenen Haus und war entsetzt darüber, den nächsten Teil meines Lebens hier verbringen zu müssen. Tief verunsichert ließ ich mich auf die Bank sinken und harrte so der Dinge, die da kommen sollten. Peter war ebenfalls ins Haus gegangen und ich hörte drinnen Leute sprechen. Die Stimmen kamen näher und dann traten Christian, Peter und eine etwa 40 Jahre alte Frau aus dem Haus und setzten sich zu mir unter den Baum.

Peter stellte die Frau als Karin Augustin vor und die Frau gab mir die Hand. „Willkommen in Portugal. Wir, mein Mann und unsere beiden Töchter hoffen, dass du dich hier bei uns wohl fühlst und wir gut miteinander auskommen. Dein Zimmer ist dort im Anbau und Horst, mein Mann wird dir nachher alles zeigen. Morgen früh fahr ich dann mit dir zu deinen Lehrern, die wohnen hier im Tal. Ihr seid da vorhin schon vorbei gefahren. Dort muss du dann jeden Tag zum Unterricht gehen, damit du im nächsten Jahr, wenn alles klappt, mit einem Schulabschluss nach Deutschland zurück kehren kannst.“

Dann erzählte sie noch, dass sie hier ein bisschen Landwirtschaft hätten, ein paar Schweine und Kaninchen, Hühner und etwas Gemüse würden sie auch anbauen. Die Gebäude weiter hinten im Tal, die ich gesehen hatte, waren vier Ferienwohnungen, die an Leute vermietet wurden, die ein bisschen Abenteuerurlaub machen wollten. Im Moment wären aber keine Touristen dort, das würde erst im Juni losgehen und wäre meist im September wieder vorbei. Auch erzählte sie, dass sie im Ort noch zwei Wohnungen in einem Haus am Burgberg zum Vermieten hatten. Meine Aufgabe wäre es in Zukunft neben der Schule ihrem Horst bei der Landwirtschaft zu helfen und auch ab und an etwas mit ihm auf den Märkten in den umliegenden Dörfern zu verkaufen.

Na toll, dachte ich, jetzt soll ich hier wohlmöglich noch den Schweinehirt spielen und den Bauerntrampel machen. Das können die aber mal glatt vergessen. Das läuft mit mir nicht, darauf hatte ich mal keinen Bock und wir werden schon sehen, wer hier was macht.

Nun kam aus dem Bereich hinter dem lang gestreckten Haus, den wir nicht einsehen konnten, ein nicht sehr großer und auch ziemlich schmächtiger Mann auf uns zu. Er begrüßte Peter und Christian und musterte mich neugierig, bevor er auch mir die Hand hinstreckte und mich begrüßte. Er setzte sich auf die Treppenstufe neben der Bank und die Erwachsenen unterhielten sich untereinander. Ich kam mir überflüssig vor und erhob mich, um mir die Umgebung des Hauses näher anzusehen. Es war alles nicht so doll aufgeräumt und man merkte, dass hier einiges zu tun war. Unterhalb vom Haus auf einer Fläche von etwa 70 mal 30 Metern war ein großer Garten, in dem jetzt schon viele Pflanzen wuchsen. Im hinteren Drittel des Hauses befand sich ein Raum, der wohl mein Zimmer sein sollte. Eine windschiefe Tür und ein kleines Fenster, ein altes Bett und ein noch älterer Schrank (der hatte wohl schon Vasco da Gama gehört) und ein kleiner Tisch mit zwei Hockern, das sollte nun wohl mein Aufenthaltsort für die nächsten 12 Monate sein. Ich war entsetzt und schwor mir im Stillen, bei der nächsten Gelegenheit einen Abgang zu machen. Das hier war echt nichts für mich. In der hinteren Ecke des Zimmers war dann noch ein kleiner Kamin, der wohl dazu dienen sollte, den Raum im Winter etwas zu heizen. Ich hoffte inständig, dass ich dann schon längst über alle Berge sein würde.

In der Verlängerung zu meinem Zimmer befand sich dann der Raum mit einem Stromaggregat und einem Warmwasserboiler, der von einem Sonnenkollektor auf dem Dach mit Wärme versorgt wurde. Außerdem war hier auch eine Sattelitenantenne angebracht, so dass es hier wohl auch Fernsehen gab, was mich anlässlich der sonstigen Umstände hier doch sehr wunderte.

Man rief nach mir und so ging ich zurück zum Baum, wo sich jetzt Christian und Peter verabschieden wollten. Ich solle mal meine Sachen einräumen und dann wollte mir Horst alles zeigen. Peter wollte morgen dann im Laufe des Vormittags bei dem Lehrerehepaar vorbeischauen, wenn ich dort zum Unterricht wäre und Christian wollte nach Deutschland zurückfliegen.

Als die beiden gegangen waren, brachte ich meine Taschen zu dem Zimmer und begann, alles in den Schrank zu räumen. Dann ging ich zum Eingang des Hauses und schaute durch die offene Tür in eine große Wohnküche, in der sich jetzt Karin und Horst befanden.

Horst fragte, ob ich erst was essen wolle oder ob er mir mal zuerst alles zeigen sollte. Ich entschied mich für „alles zeigen“ und er ging mit mir dann über das gesamte Anwesen und erklärte mir alles. Langsam gewann ich den Eindruck, dass er meinte, mich würde alles interessieren und er dachte bestimmt, dass ich ihm viel Arbeit abnehmen würde. Einen Dreck würde ich tun! Ich nahm mir vor, bei der nächsten besten Gelegenheit die Flatter zu machen.

Nachdem er mir alles gezeigt hatte, gingen wir zum Eingang zurück und dann gab es was zu essen für mich. Mittlerweile waren auch die beiden Mädchen eingetroffen. Mit einem kleinen Schulbus kamen sie nachmittags immer aus dem Ort hierher. Sie waren 14 und 17 Jahre und nicht hässlich, aber das war mir eh egal. Sie begrüßten mich kurz und dann aßen wir alle, ich schweigend, sie unterhielten sich auf Portugiesisch, wahrscheinlich über mich. Nach dem Essen verdrückte ich mich schnell in mein Zimmer, erstens, um dem Abwasch zu entgehen und weil ich dringend nachdenken musste, wie ich aus dieser Scheiße wieder raus kam. Nach reiflicher Überlegung beschloss ich, zunächst mal abzuwarten, bis ich hier und im Umland besser Bescheid wusste. Also musste ich wohl oder übel zunächst einmal so tun, als ob ich mich in mein Schicksal fügen würde. Ich ging dann beizeiten ins Bett, damit ich morgen beizeiten ausgeschlafen war, sollte ich doch morgen schon dieses Lehrerehepaar kennen lernen, bei dem ich Unterricht bekommen sollte.

Host weckte mich um 7:00 Uhr und sagte, ich solle mich fertig machen, in 15 Minuten gäbe es Frühstück. Wasser und eine Schüssel zum Waschen ständen draußen und ab jetzt müsste ich das Wasser zum Waschen selber an der Zisterne holen. Er hatte mir sogar ein Handtuch hingelegt. Ich verrichtete meine Morgentoilette im Freien in einer Waschschüssel und fühlte mich dabei ins Mittelalter zurückversetzt. Nach dem Frühstück fuhr Karin mit mir ins Tal vor. Nach etwa 4 km waren wir wieder auf dem geteerten Weg und nach weiteren 3 km waren wir am Haus des Lehrerehepaares angekommen.

Offensichtlich wurden wir schon erwartet, denn die beiden älteren Herrschaften, ich schätzte sie auf über 60, warteten schon vor dem Haus, wo eine Sitzgruppe in dem kleinen Vorgarten stand. Sie machten keinen so schlechten Eindruck und begrüßten mich freundlich. Sie wollten natürlich alles Mögliche über mich wissen und auch über meine schulischen Leistungen wurde gesprochen.

Karin verabschiedete sich und sagte mir noch, dass sie mich um 15:00 Uhr abholen würde. Ehe ich protestieren konnte, war sie auch schon weg. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Unterricht jetzt gleich beginnen sollte, aber das war wohl schon so geplant gewesen. So wurde ich zunächst mal in allen Fächern auf meinen Wissensstand kontrolliert. Zwischendurch, gegen halb Eins, gab es einen Imbiss, dann ging es weiter und dann war es auch schon 15:00 und Karin tauchte wieder auf, um mich mit zu nehmen. Als wir zu Hause, so nenn ich es jetzt mal, angekommen waren, wartete Horst schon mit Gartenarbeit auf mich und ich musste 2 Stunden Hacken und Unkraut zupfen – ein echter Scheißjob war das!! Der Vorsatz, hier sobald wie möglich abzuhauen, wuchs mit jeder Pflanze, die ich aus dem Boden riss. Dass das nicht immer nur Unkraut war, regte mich nicht, Horst aber dafür um so mehr auf und er meinte, dass ich zum Abendessen besser nicht kommen sollte. Na Bravo, geschuftet wie ein Idiot und dann noch nix zu essen – nicht mit mir, und so packte ich denn meinen Schulrucksack wieder aus, um das dringend Notwendige einzupacken, das ich zum Verschwinden brauchte. Ein bisschen Wäsche, eine Badehose, ein Reserve-T-Shirt und eine zweite Jeans sowie Ersatzstrümpfe und meinen Geldbeutel, in dem noch 27,50 Euro waren, stopfte ich hinein und als die Dunkelheit herein brach machte ich mich auf den weiten Weg in den Ort. Wenn ich erst mal das Haus des Lehrerehepaars erreicht hatte, würde ich mir dort ein Fahrrad „leihen“ und dann wird es schon besser gehen.

Beim Überqueren des Baches bekam ich zwar nasse Füße, weil ich in der Dunkelheit neben die Steine trat, aber das war mir gerade scheißegal. Über den Talgrund hinweg und dann den Weg zum Hang hoch und schon ging es am Hang entlang Richtung ALJEZUR. Nach fast zwei Stunden ereichte ich die Behausung der Lehrer und ich schlich um das Haus, um die Fahrräder zu suchen. In einen offenen Schuppen unweit des Hauses fand ich sie und suchte mir das Beste raus. Vorsichtshalber schob ich das Gefährt noch solange, bis ich vom Haus aus nicht mehr gesehen werden konnte und dann schwang ich mich in den Sattel, um die erste Etappe der „Tour de Portugal“ in Angriff zu nehmen.

Das Rad hatte ein 7 Gangschaltung und ich kam zügig voran. Nach gut 30 Minuten fuhr ich dann auf den Platz am Markt, wo die Brücke über den Fluss ging und die Straße nach LAGOS weiterging. Dort machte ich erst mal halt und sah auf meine Uhr. Es war 00:25 Uhr und mir blieben noch etwa 6 Stunden, bis zur Entdeckung meiner Flucht. Wenn ich hier dauerhaft weg wollte, dann durfte ich nicht zögern und musste versuchen, so viele Kilometer wie möglich hinter mich zu bringen. Ich entschloss mich, Richtung LAGOS zu fahren, also näher nach FARO. Also fuhr ich los und da es zunächst keinerlei größeren Steigungen gab, kam ich gut voran. Als es begann, hell zu werden, hatte ich etwa 30 km zurückgelegt und dabei auch einige größere Steigungen überwunden. In der nächsten Ortschaft erstand ich dann in einem Geschäft zwei Brötchen und etwas Käse sowie eine Flasche Wasser. Ich verließ die Hauptstraße am Ende des Ortes und ließ mich abseits nieder, um zu frühstücken.

Während ich aß, fiel mir ganz heiß ein, dass ja der Peter heute noch mal kommen wollte und der würde hier auf der Straße kommen und mich dann vielleicht sehen. Das wäre dann schon das vorzeitige Ende meiner Flucht. Also beschloss ich, hier abseits der Straße zu ruhen und zu beobachten, wann denn der große japanische Geländewagen hier vorbeifahren würde. Erst wenn der durch war, wollte ich weiterfahren. Ich suchte mir also einen guten Platz, von dem aus ich unbeobachtet die Straße im Auge hatte und wartete dann darauf, dass Peter hier vorbei kam. Meine Aufmerksamkeit wurde nach etwa eineinhalb Stunden belohnt, als Peter mit seinem Auto die Straße lang kam, um dann in der Ortschaft zu verschwinden. Halbwegs satt und gut ausgeruht ging ich sofort wieder auf die Piste und nahm die zweite Etappe in Angriff.

Nach weiteren 2 Stunden auf und ab sah ich die Stadt LAGOS unter mir liegen, und wollte hier erstmal schauen, wo ich denn vielleicht bleiben konnte. LAGOS ist eine wunderbare Stadt direkt am Meer und wird von vielen Touristen aufgesucht. Ich hoffte darauf, vielleicht ein paar jüngere Deutsche zu treffen, die bereit waren, mir zu helfen. Also fuhr ich zunächst mal planlos durch die Stadt und versuchte, die Altstadt und damit das Meer zu finden. Nach etwa 30 Minuten hatte ich den Yachthafen der Stadt gefunden und von dort aus ging eine Promenade direkt neben der Straße entlang, an deren Ende ein herrlicher Badestrand lag. Dort gab es bizarre Felsen und viel Sand und alles sah echt toll aus. Es war zwar nicht besonders heiß, etwa 22 Grad, aber es waren doch einige Leute unterwegs. Das Fahrrad hatte ich an einer Laterne angeschlossen, dort wo es an den Strand ging. Später wollte ich es wieder mitnehmen.

Eine Gruppe einheimischer Jungen in meinem Alter spielten weiter hinten Beach-Volleyball und ich ging dorthin, um etwas zuzuschauen. Sie spielten gut, während ich etwas abseits im Sand saß und zuschaute. Die meisten der 10 Jungs spielten mit freiem Oberkörper und der Anblick gefiel mir echt gut. Wann hatte ich zum letzten Mal so ein Paar schnuckelige Boys gesehen, und dann gleich 10 an der Zahl. Irgendwann, eine Stunde später vielleicht, hörten sie auf und zogen sich wieder an. Dann brachen sie auf in Richtung Altstadt und ich folgte ihnen, weil ich mal unbedingt wieder was essen musste und das würde ich in der Altstadt bestimmt finden. Also ging ich zum Fahrrad und schloss es von der Laterne los und schob hinter den Jungen in Richtung Stadt.

Als ich die Altstadt mit ihren engen Straßen erreichte, verlor ich die Ballspieler aus den Augen. Wohl wegen der Ostertage und der damit verbundenen Ferien war ein bisschen Betrieb in der Altstadt und es waren alle Geschäfte und Restaurants geöffnet. Ich kaufte mir ein paar Gebäckstücke und setzte mich an einem kleinen Platz auf eine Mauer und verzehrte die Teilchen. Es war jetzt Nachmittag und etwa 16:00 Uhr und ich musste mir Gedanken machen, wo ich heute Nacht schlafen wollte und wie denn überhaupt alles weitergehen sollte mit mir. Zunächst zählte ich kurz meine Barschaft, 21,85 Euro hatte ich noch, also hatte ich am ersten Tag meiner Flucht bereits fast 6 Euro ausgegeben und der Tag war noch nicht zu Ende. Mir fiel ein, dass morgen schon Karfreitag, der 6. April war und dass ich ja am 8. April meinen 17. Geburtstag hatte. Das zog mich natürlich schon etwas runter und meine Augen wurden feucht, musste ich doch hier in der Fremde und ganz allein meinen Geburtstag verleben, von feiern konnte wohl keine Rede sein. Mit ein paar Kröten im Geldbeutel und auf der Flucht, so ein Scheißgeburtstag wünsche ich keinem.

Ich zerknüllte die leere Tüte und nahm meinen Rucksack wieder auf die Schultern und griff zum Rad. Ich beschloss, zunächst zurück zum Meer an den Strand zu fahren und dort weiter hinten die Felsregion zu erkunden. Vielleicht fand ich ja einen Unterschlupf in den Felsen, wo ich heute Nacht unterkriechen konnte. Am Ende des Sandstrandes ragten bizarre Felsen bis ins Meer und ich fand tatsächlich einen Überhang, in dessen Schutz ich mich für die Nacht einrichten konnte. Ich versteckte meinen Rucksack, schloss das Fahrrad ab, und begann, Treibholzstücke für ein kleines Feuer zu sammeln. Mit der Zeit fand ich einiges an Holz und trug es in meinen Unterschlupf. Weit und breit war kein Mensch zu sehen und so machte ich, als es zu dunkeln begann, ein kleines Feuer, das mich ein bisschen wärmte, denn die Nächte waren doch noch recht frisch. Irgendwann später legte ich meinen Kopf auf den Rucksack und schlief ein.

Ich erwachte, weil ich Stimmen hörte und als ich meine Augen öffnete, sah ich zwei Männer und einen Uniformierten, offensichtlich einen Polizisten vor meinem Unterschlupf stehen. „Oh, Scheiße“, dachte ich und setzte mich erst einmal auf, was ging denn hier ab. Der Polizist sprach mich an, aber ich verstand natürlich kein Wort. Als er merkte, dass ich ihn nicht verstand, versuchte er es mit Englisch, das ich ja aus der Schule ein bisschen kannte. Er gab mir zu verstehen, dass ich mich ausweisen sollte, aber meine Papiere hatte ja der Peter in Verwahrung, wohlweißlich, um zu verhindern, dass seine Schützlinge die Flatter machen konnten. Nachdem ich umständlich erklärt hatte, keine Papiere zu besitzen, wurde ich zum Mitkommen aufgefordert. Die zwei anderen Männer verabschiedeten sich von dem Polizisten und gingen Richtung Strand. Offensichtlich hatten sie mich dort eher zufällig gefunden.

Der Polizist ging mit mir Richtung Stadt und am Ende vom Strand angekommen, stand dort ein Polizeiauto mit noch einem Beamten. Der stieg nun aus, öffnete den Kofferraum, nahm das Fahrrad in Empfang und verstaute es dort hinten. Ich musste mich in den Wagen setzen und dann ging es Richtung Stadt. Ich muss sagen, dass die beiden Polizisten nicht unfreundlich zu mir waren und dass sie mich auch sonst ordentlich behandelten. Auf dem Revier, das in einem anderen Stadtteil lag, bekam ich zunächst mal eine große Tasse Kaffee. Mittlerweile war für die Polizisten klar, dass ich Deutscher war und so telefonierten sie und später kam dann ein Polizist, der ganz gut Deutsch sprechen konnte.

Der Rest ist schnell erzählt, Nachdem sie wussten, wo ich abgehauen war, tätigten sie ein paar Anrufe und knapp 3 Stunden später kam, na wer schon? – richtig, der Peter, um mich abzuholen und wieder dorthin zu bringen, wo ich hergekommen war. Auch er war nicht übermäßig sauer, vielleicht eher ein bisschen angepisst, und er wollte natürlich wissen, warum ich denn abhauen wollte. Ich sagte, dass ich nicht den Sklaven von dem Horst spielen wolle und dass ich nicht gegen meinen Willen wie ein Kuli schuften würde und mich nicht von einem Trinker kaputt machen lassen wollte. Ich sollte mich mal nicht so aufspielen, ein wenig Arbeit würde mir ganz gut tun und außerdem wollte ich ja auch Taschengeld und ein Fahrrad und so weiter, und da wäre eine Gegenleistung nicht verkehrt. Darüber hinaus müsse ich einfach lernen, dass es nicht immer im Leben alles umsonst geben könne. Der hatte natürlich gut reden, brauchte er ja nicht unter der Fuchtel von Horst das halbe Tal zu jäten und zu bewässern.

Nach eineinhalb Stunden Fahrt und nach Ablieferung des Fahrrades bei der Lehrerfamilie (ich stieg nicht aus dem Auto) trafen wir wieder bei Familie Augustin an. Die waren natürlich schon über alle Einzelheiten informiert und Horst konnte sich ein paar spitzfindige, dumme Bemerkungen nicht verkneifen. Sie schickten mich in meine Höhle, wie ich mein Zimmer liebevoll nannte und unterhielten sich dann noch eine geraume Zeit, ich denke wohl über mich.

Karin rief mich dann später zum Essen und trotz erfolgloser Flucht hatte ich doch gut Hunger und aß mich gut satt. Peter hatte sich vor dem Essen auf den Weg gemacht. Karin erwähnte, dass Peter hinter FARO in einem kleinen Ort wohnte und insgesamt 12 Jugendliche in der gesamte Region ALGARVE betreute. Nach dem Essen durfte ich dann duschen und anschließend sollte ich mit Karin nach ALJEZUR fahren und beim Einkaufen helfen. Das erschien mir ganz gut, lernte ich doch etwas mehr von dem Ort kennen.

Am Ortseingang fuhren wir rechts ab und dann den Hügel hinauf, bis wir auf einen großen freien Platz vor der Kirche fuhren und dort einen Parkplatz bekamen. Der Platz war von Häusern umrahmt und es gab einige Geschäfte, darunter auch zwei, die den uns bekannten Märkten glichen und die ein reichhaltiges Sortiment an Lebensmitteln und sonstigen Dingen des täglichen Lebens anboten. Dorthinein gingen wir und Karin kaufte alles, was auf ihrem Zettel stand. Als alles in dem Wagen verstaut war, fragte ich, ob ich mir auch etwas kaufen dürfte. Also kaufte ich von meinem Geld eine Tafel Nussschokolade, eine Rolle Doppelkekse und eine Flasche Rotwein, schließlich wollte ich ja meinen Geburtstag feiern und wollte mich dabei auch zu einer Flasche Wein einladen, die ich dann in Ermangelung anderer Gäste wohl alleine verpicheln würde. Der dabei zu erwartende Rausch und ein dicker Kopf am nächsten Tag würden mich nicht davon abhalten, dessen war ich mir sicher. Mann wird schließlich nur einmal 17, nicht wahr. Nachdem wir die Talsohle unterhalb des Hauses wieder erreicht hatten, musste der gesamte Einkauf den Hang nach oben geschleppt werden. Gott sei Dank half Karin dabei, sodass ich nicht alles allein schleppen musste. Meinen Einkauf verstaute ich sofort in meiner Höhle, den Wein versteckte ich im Bett, wollte ich doch Horst gar nicht erst in Versuchung führen. Später gab es dann noch Abendessen, bei dem auch die Töchter anwesend waren.

Dem anschließenden Fernsehabend entzog ich mich mit der Entschuldigung, dass ich sehr müde sei und begab mich in meine Höhle, zog mich aus und legte mich ins Bett. Dabei kamen mir die Volleyballer wieder ins Gedächtnis, was natürlich nicht ohne Reaktionen auf den kleinen Gideon geschah, der, in den letzten Tagen der Vernachlässigte, verlangte aufrecht nach einigen Streicheleinheiten, die ihm dann auch gerne gewährt wurden. So sah, wenigstens für eine Weile, die Welt nicht mehr gar so trübe aus. Irgendwann schlief ich dann auch ein, und da ja morgen Ostersonntag war, konnte ich bestimmt ausschlafen.

Um 8:00 Uhr, also fast mitten in der Nacht, wurde ich von Horst geweckt und er forderte mich auf, vernünftige Kleider anzuziehen, da wir um 10:00 Uhr in die Kirche fahren würden. Ich vergaß, zu erwähnen, dass Portugal ein erzkatholisches Land ist, in dem Ostern entsprechend gefeiert wird. Ich sagte Horst, dass ich mir aus Kirche nichts mache und nicht mit wollte. Er meinte, ich sollte mir das wohl überlegen, da sie nach der Kirche zum Essen gehen würden und es hier heute Mittag nichts zu Essen gäbe. Also musste ich wohl oder übel wählen zwischen 2 Stunden Tempel und satt oder kein Tempel und hungrig. Ich entschied mich für satt und zog die besten Jeans und ein gutes Kapuzenshirt an und ging dann zum Frühstück nach vorn. Alle waren richtig aufgebrezelt und machten echt was daher. Sogar Horst sah einigermaßen passabel aus. (grins)

Als wir in der Kirche ankamen, war diese schon echt voll und alles war festlich geschmückt. Offensichtlich waren viele Bekannte von Horst und Karin hier, denn viele Leute nickten uns zu und ich wurde eingehend und neugierig gemustert. Wir bekamen mit Müh und Not noch ein paar Plätze in einer Bank und es dauerte nicht lang, da ging die Chose auch schon los.

Oben auf einem Balkon fing eine Orgel an zu spielen und dann kamen von hinten durch den Gang zuerst mal eine Reihe rot-weiß gekleidete Jungs, von denen einige echt süß aussahen. Danach kamen ebenso gekleidete junge Männer, von denen einige rauchende Behälter an silbernen Ketten schwangen und einen schweren, süßlichen Rauch verbreiteten. Dann kamen wohl die Hauptdarsteller, drei an der Zahl, die hatten echt protzige Kleider umgehängt und der in der Mitte, wohl der Boss, trug ein goldenes Teil mit einem Glasfenster und einer weißen Scheibe vor sich her und sie gingen ganz nach vorne bis dahin, wo ein großer Tisch mit Kerzen und Blumen stand. Dort versammelten sie sich alle und einer fing jetzt an zu singen. Das ging dann eine längere Zeit hin und her, mal sang er, mal die Leute um mich rum und alles in einer Sprache, von der ich kein Wort verstand. In der Folgezeit musste ich dann stehen, dann wieder knien und einmal durfte wir auch sitzen, als der Chef eine Rede hielt, von einem kleinen Balkon herunter, so dass er alle und ihn alle sehen konnten. Zwischendurch sangen immer alle Leute und die Orgel spielte dazu.

Nach circa 2,5 Stunden und einem fulminanten musikalischen Finale konnten wir endlich an die frische und sonnig warme Luft zurückkehren. Nun bildeten sich vor der Kirche einzelne Gruppen von Leuten und auch wir standen bei einer Gruppe, die überwiegend aus Deutschen bestand und die sich jetzt alle ein frohes Osterfest wünschten. Meine Lehrer waren auch da und wünschten auch mir frohe Ostern und das, obwohl ich ihr Fahrrad geklaut hatte.

Nach etwa 15 Minuten gingen wir zum Auto und dann fuhren wir, unten am Berg rechts abbiegend, Richtung Westen um nach dem Ortsausgang links ab zu biegen. Die Straße führte zunächst durch ein Tal, das später immer breiter wurde und durch das der Fluss, der durch ALJEZUR floss, seinen Weg zum Meer nahm. An diesem Meer kamen wir nach 15 Minuten Fahrt an, das heißt, wir gingen noch 200 Meter zu Fuß, weil schon überall Autos standen. Hier, auf einem Plateau über dem Meer stand ein Gasthaus mit einer großen Außenterrasse und einem großen Grill. Links ging es eine Treppe nach unten zu einem schönen Sandstrand, der weiter hinten am Flusslauf endete. Der Fluss mündete hier in einer Breite von etwa 100 Metern ins Meer und es war schon ein toller Anblick und bestimmt ließ sich hier gut baden.

Horst erklärte, dass hier im Sommer nur Einheimische und Touristen aus der unmittelbaren Region zum Baden kamen und dass es nie so Überlaufen wäre wie an der Südalgarve. Mir gefiel es hier auf Anhieb so gut, dass ich am liebsten hier geblieben wäre. Jetzt gingen wir erst mal zum Gasthaus, setzten uns auf die Terrasse und bestellten was zum Essen. Nach dem Essen gingen wir runter zum Strand und wanderten bis zum Fluss, und hinterher in die andere Richtung, bis uns eine zerklüftete Felsenreihe, die bis ins Meer ragte, den weiteren Weg versperrte. Ich sah viele Muscheln und fand auch das ein oder andere Schneckenhaus. Nach fast 2 Stunden Strandaufenthalt gingen wir dann zum Auto zurück und fuhren zurück in die Pampa.

Zu meinem Erstaunen kam dann noch Peter vorbei und plötzlich gratulierten mir alle zum Geburtstag. Peter hatte ein gutes, gebrauchtes Fahrrad für mich mitgebracht und Karin hatte einen Kuchen gebacken. Das war schon eine angenehme Überraschung für mich und zur Feier des Tages bekam ich auch noch ein Glas Rotwein zum trinken. Wir saßen noch bis zum Einbruch der Dunkelheit unter dem Baum am Eingang und erst als Peter fuhr, ging ich in meine Höhle, um meine private Feier zu meinem Geburtstag zu beginnen. Zuerst zog ich mich aus und widmete dem Kleinen ein bisschen Aufmerksamkeit, mal an die Volleyballer und mal an die Jungs in Rotweiß denkend. Danach öffnete ich dann die Flasche Rotwein und trank diese langsam und mit Genuss auf mein Wohl und als die Flasche leer war, war ich voll und schlief tief befriedigt und mit Hoffnung auf eine bessere Zukunft weinselig einem neuen Tag einem neuen Lebensjahr entgegen. Was würde das Jahr wohl bringen.

Das Rappeln des alten Weckers, den Horst in mein Zimmer gestellt hatte, riss mich um 7:00 Uhr unsanft aus dem Schlaf und der fürchterliche Ton hämmerte sich infernalisch in meinen Kopf. Zu greifen, ausholen und werfen gingen nahtlos ineinander über und das vorsintflutliche Teil zerschellte an der gegenüberliegenden Wand, und Ruhe war’s!! Der war jedenfalls für immer hin und ich schlief wieder ein. Es war etwa um die Mittagszeit, als Horst mich weckte und zum Essen rufen wollte. Ich hatte aber immer noch massiv an den Folgen meiner Geburtstagsflasche zu kämpfen und war zur Nahrungsaufnahme definitiv noch nicht bereit. Das tat ich dann auch brummig kund und Horst verschwand wieder. Dass er das Wrack des Weckers gesehen hatte, glaubte ich mal nicht und ich nahm mir vor, die sterblichen Überreste des kaputten Weckers später heimlich zu entsorgen.

Mit einem pulvertrockenen Hals konnte ich nicht mehr einschlafen und so stand ich auf und trank zuerst mal eine Wasserflasche halb leer. Anschließend musste ich erst mal pinkeln und so suchte ich das Gelände hinterm Schweinestall auf, um dort mein Geschäft zu erledigen. Nachdem ich mich gewaschen hatte, zog ich frische Kleider an und ging nach vorn, wo ich unter dem Baum Platz nahm. Ich nahm mir vor, etwas kooperativer zu sein und mal zu schauen, wie sich die Dinge denn so entwickeln würden.

In den nächsten Wochen wurde ich nicht so oft zu irgendwelchen Arbeiten herangezogen und kam neben der Schule auch des Öfteren mal in die Stadt. Ab und an durfte ich sogar in die Disco am Marktplatz, wenn die beiden Töchter auch dorthin gingen. Dann wurden wir dorthin gebracht und so gegen 23:30 Uhr wieder abgeholt. Mein Leben nahm halbwegs einen normalen, geregelten Ablauf an und die Schule ging auch voran. Im Juli sollte ich dann in LAGOS meinen Hauptschulabschluss machen.

Probleme mit Horst gab es nur, wenn er etwas getrunken hatte, was nicht jeden Tag vorkam. Dann ließ er immer den Molly raushängen und wollte mir zeigen, dass ich alles machen musste, was er von mir verlangte. Wenn es mir dann zuviel wurde, nahm ich das Fahrrad und verschwand für den Rest des Tages, manchmal auch für die Nacht in der Stadt und traf mich dort mit gleichaltrigen Deutschen und Portugiesen, die ich in der Disco kennen gelernt hatte. Allerdings war da wohl niemand dabei, der auf Jungs stand und so blieb es bei meist lockeren Freundschaften, obwohl da schon der ein oder andere dabei war, der mir gefallen hätte. Meist kehrte ich dann freiwillig wieder zurück und meist wurde nach einer Predigt durch Karin wieder zur Tagesordnung übergegangen.

Am 10. Juli, einem Donnerstag, fuhr mich mein Lehrer morgens früh nach LAGOS und dort nahm ich mit mehreren deutschen Jugendlichen, die wohl in ähnlichen Lagen waren, wie ich, an der Abschlussprüfung teil. Die Prüfung war gegen Mittag beendet und wir hatten frei bis 16: 00 Uhr, dann sollten wir das Ergebnis erfahren. Mein Lehrer lud mich zum Essen ein und in der Altstadt aßen wir in einem Restaurant gut zu Mittag.

Ich war aufgeregt und musste immer auf die Uhr schauen und an die Prüfung denken. Ich hatte zwar ein gutes Gefühl, dass es geklappt hatte, aber sicher war ich mir nicht. So war ich froh, als wir nach einem Spaziergang zum Strand gegen viertel vor Vier wieder dort eintrafen, wo die Prüfung stattgefunden hatte. Der Leiter der Prüfungskommission eröffnete pünktlich um 16:00 Uhr die Bekanntgabe der Ergebnisse und er fing an, zuerst die aufzurufen, die die Prüfung in Teilen nicht bestanden hatten. Mir fiel ein Stein von Herzen, als mein Name nicht aufgerufen wurde und mein Lehrer drückte spontan meine Hand. Nun ging es in der Reihenfolge der Ergebnisse von weniger Gut an aufsteigend weiter und als nur noch zwei Namen ausstanden, wurde ich aufgerufen. Ich hatte als zweitbester mit einem Zweierdurchschnitt meinen Abschluss bestanden und spontan umarmte ich meinen Lehrer und bedankte mich bei ihm. Ich war stolz wie ein Spanier und das mitten in Portugal!!

Gut gelaunt und beide in Hochstimmung fuhren wir zurück nach ALJEZUR, wo wir zuerst im Lehrerhaus mit der Frau zusammen eine Flasche Sekt tranken. Wenig später kam die von meinem Lehrer verständigte Karin mit Horst und den Mädchen und sie wollten zur Feier meines Abschlusses mit uns Essen gehen. So fuhren wir alle nach ALJEZUR in eine Pizzeria und feierten bei einem guten Essen noch ein bisschen. Horst hatte wohl schon vorher ein bisschen getrunken und als wir mit Essen fertig waren, war er doch ganz schön angeschickert und seine böse Zunge hielt er nur mit Mühe im Zaum und auch wohl nur, weil das Lehrerehepaar dabei war.

Unterwegs auf der Heimfahrt konnte er es aber mal wieder nicht lassen, mich mit spitzfindigen und dummen Bemerkungen zu ärgern und mich niederzumachen. Ich war einfach noch zu gut gelaunt, um mich mit ihm zu streiten, aber er strapazierte meine gute Stimmung doch ganz erheblich. Ich nahm mir vor, die Ferienwochen am Strand zu verbringen, denn jetzt im Sommer waren viele deutsche Touristen dort und man konnte dort nächtelang Party machen oder einfach nur dort schlafen und den ganzen Tag Fun haben. Ich wollte nur einen günstigen Moment abwarten, um mit den notwendigen Sachen und meinem zusammengesparten Taschengeld ein bisschen Strandurlaub machen und mich vom Prüfungsstress und von Horst zu erholen.

Fünf Tage später, nach einer heftigen Verbalattacke von Horst, angeblich hatte ich den Schweinestall aufgelassen und eine Sau einen Ausflug in den Gemüsegarten gemacht hatte, beschloss ich kurzer Hand, dass es Zeit für meinen Urlaub sei und da eh jetzt keine Schule mehr war, brach ich nach Einbruch der Dunkelheit auf mit Fahrrad, Rucksack mit Wechselwäsche und vor allem der Badehose und meine gesamten Ersparnissen, über 70 Euro hatte ich gehortet. Das sollte fürs Erste reichen und dann sehn wir mal weiter, dachte ich, als ich losfuhr. Da der Mond vom klaren Himmel schien, kam ich auf der Buckelpiste gut voran und als ich den geteerten Weg erreichte, ging es doppelt so schnell.

Zuerst wollte ich mal zum Marktplatz und gucken, was so in der Disco abging. Ich sperrte mein Rad am Geländer fest und ging mit dem Rucksack auf dem Rücken in die Tanzbude, in der ein Haufen Betrieb war. Schnell hatte ich ein paar Bekannte gefunden und nachdem ich mir ein Bier besorgt hatte, stand ich mit den anderen rum und wir betrachteten das Treiben. Es waren etliche Touristen anwesend und es ging auf der Tanzfläche gut ab. Da ich nicht der tolle Tänzer war, stand ich lieber bei den anderen und trank Bier. Im Laufe des Abends und der Nacht lernte ich ein paar Touristen kennen, zwei Mädchen und drei Jungs aus der Gegend um Augsburg, die eine Ferienwohnung in der Nähe gebucht hatten. Sie waren 2 bis 3 Jahre älter als ich und wir verstanden uns gut.

Als sie hörten, dass ich am Strand übernachten wollte, schlossen sie sich spontan dieser Idee an und wollten auch dort übernachten. Vorher wollten sie aber dann noch Badesachen holen, damit sie auch morgen am Tag dort draußen baden konnten. Jasmin und Tanja hießen die Mädchen, Steven, Tobias und Lukas hießen die Jungs und Jasmin und Steven und Tanja und Lucas waren jeweils ein Paar. Tobias war der Bruder von Lucas, ein Jahr älter und er war auch der, der den Führerschein hatte und den Leihwagen der fünf fahren durfte. Da ich nicht ohne mein Fahrrad zum Strand wollte, machten wir ab, dass ich in der Zeit, in der sie ihre Sachen holten schon mal zum Strand fahren würde und oben am Restaurant auf sie warten wollte. So brachen wir dann gegen 1:00 Uhr auf und dreißig Minuten später hatte ich das Restaurant über dem Strand erreicht. Alles war dunkel und es war weit und breit kein Mensch zu sehen. Nach ca. 25 Minuten kamen dann die anderen und sie stellten das Auto auf dem Parkplatz ab.

Wir gingen hinunter an den Strand und Richtung Fluss, dort zwischen den ersten Sanddünen bezogen wir einen windgeschützten Lagerplatz und breiteten die Bastmatten aus. Wir Jungs gingen Treibholz sammeln und dann machten wir ein kleines Lagerfeuer. Tobias hatte dann aus seinem Rucksack 3 Flaschen Rotwein geholt und nun kreiste im Schein des Feuers die erste Flasche. Das war echt romantisch und die Stimmung war super. Sie erzählten ein wenig von sich und ich erzählte halt ein wenig von mir und auch noch was über die Gegend hier. Irgendwann waren die Flaschen leer und wir legten uns zum Schlafen hin. Es dauerte nicht lange und alle waren eingeschlafen.

Die Sonne weckte uns am nächsten Morgen mit ihren warmen Strahlen und nach anfänglichen Schwierigkeiten kamen wir so langsam in Gang. Es war etwa 9:00 Uhr und ein Frühstück wäre nicht schlecht gewesen. Tobias bot sich an, in den Ort zu fahren, um einzukaufen und Steven wollte ihn begleiten. Ich wollte mich im Ort vorerst nicht sehen lassen, da ich ja doch schon ziemlich bekannt war. Also fuhren die beiden los, nachdem ich ihnen gesagt hatte, dass es vorne am Marktplatz alles fürs Frühstück zu kaufen gab. Wir anderen machten uns unterdessen auf und sammelten Treibholz für das Lagerfeuer heute Abend.

Nach einer Stunde kamen Tobias und Steven zurück und nun frühstückten wir zuerst mal. Anstelle von Kaffee gab es Kakao aus der Flasche oder Eistee. Nach dem Frühstück machten wir einen ausgedehnten Strandspaziergang und gingen ein Stück an der Flussmündung aufwärts. Auf der anderen Seite des Flusses war ein steiler Hang und weiter oben waren ein paar Häuser zu sehen und als wir noch ein Stück weiter gingen konnte man in der Ferne die Burg von ALJEZUR sehen. So gegen 11:00 Uhr war es dann schon recht heiß und wir gingen ins Meer baden. Es war leichter Wellengang und wir alberten im Wasser herum und spielten mit einem kleinen Ball. Jetzt waren auch nach und nach noch andere Leute gekommen und es war schon ein wenig Betrieb hier am Strand. Einige bauten einen Grill auf und als es auf Mittag zuging, zog hier und da der Geruch von Gegrilltem über den Strand.

Wir beschlossen, zum Restaurant zu gehen und dort etwas zu Essen zu bestellen. Gesagt, getan, die Wertsachen und Handys in einem Rucksack, machten wir uns auf ins Restaurant. Dort setzten wir uns unter einen Sonnenschirm und studierten die Speisekarte. Mittlerweile konnte ich ja schon soviel portugiesisch, dass ich den anderen beim Aussuchen helfen konnte. Beim Essen sprachen wir darüber, was wir weiterhin machen wollten. Dabei gab ich zu bedenken, dass ich am Sonntag nicht am Strand bleiben könne, weil da die ganzen Deutschen und wahrscheinlich auch Familie Augustin hier zum Baden erscheinen würde. Also boten mir die anderen an, am Sonntag mit dem Auto eine Tour zu machen, wohin, das sollte ich vorschlagen, da ich mich am besten auskannte. Spontan fiel mir die Festung bei SAGRES ein, die ich selber noch nicht kannte und dort war der südlichste Zipfel Portugals mit seiner tollen Felsenküste. Das fanden die anderen in Ordnung und so war es abgemacht.

Nach dem Essen gingen wir wieder zu unserem Lagerplatz, der jetzt voll in der heißen Sonne lag. Also gingen wir nach einer halben Stunde Ruhe wieder ins Wasser, denn nur da war es im Moment auszuhalten. So verging der Tag und gegen Abend waren die meisten Leute dann wieder fort und es kehrte Ruhe ein. Als es dunkel wurde, machten wir ein Feuer und wieder kreiste eine Weinflasche in der Runde.

So ähnlich verliefen auch die Tage bis zum Sonntag, wobei wir noch an zwei Abenden die Disco im Ort besuchten. Dabei sah ich auch am Samstag die Töchter von Horst und Karin, die mich aber nicht gesehen haben und ich hielt mich bis Mitternacht von der Disco fern. Danach, ich wusste, dass die um diese Zeit schon abgeholt waren, konnte ich mich dort auch wieder sehen lassen.

Am Sonntagmorgen fuhren wir dann los, kauften im Geschäft an der Brücke noch was zum Frühstück, und fuhren dann hinter ALJEZUR rechts ab nach Süden Richtung SAGRES. Nach einer guten Stunde Fahrt kamen wir in der Nähe der Festung an und parkten auf einem großen Parkplatz. Zu Fuß gingen wir nun in Richtung der großen Befestigungsanlagen und nach und nach besichtigten wir das ganze Gelände. Man konnte auch direkt bis an die steil abfallenden Klippen gehen und auf das etwa 60 Meter tiefer liegende Meer blicken. Mich beschlich ein dumpfes Gefühl und ich dachte, wenn ich den Mut hätte, zu springen, wäre die ganze Scheiße endgültig vorbei. Dann aber dachte ich wieder, dass es mir ja im Moment ganz gut ging und was morgen oder später ist, daran wollte ich jetzt auch nicht unbedingt denken. Wenn wirklich mal gar nichts mehr geht, dann wusste ich ja jetzt, dass ich hier eine Möglichkeit für das große Finale finden würde.

Also raffte ich mich gefühlsmäßig wieder auf und rannte den anderen, die schon weiter gegangen waren, hinterher. Einzig Tobias hatte mich wohl beobachtet, als ich an der Klippe stand und er sah mich lange und merkwürdig an. Innerhalb der Festung setzten wir uns auf eine große Treppe und packten die gekauften Esswaren aus und stärkten uns für den Nachmittag, denn wir wollten die Gegend hier ausgiebig betrachten.

Nach dem Essen gingen wir wieder los, Jasmin und Steven, Tanja und Lukas gingen vorne weg und Tobias und ich hinterher. „Was war denn vorhin am Felsen mit dir los, du hast ausgesehen, als wolltest du dort runterspringen, zumindest einen Moment“, fragte mich plötzlich Tobias. Ich wurde rot und sagte: „Es geht mir halt ziemlich beschissen und die Tage hier mit euch sind eine Ausnahme, meistens werde ich nur vermotzt, muss einen Haufen Drecksarbeit machen und von morgens bis abends tun, was wildfremde Leute von mir wollen. Spaß und Geld gibt’s nur wenig und Perspektiven gar nicht. Irgendwann nächstes Jahr nach Ostern komme ich vielleicht nach Deutschland zurück. Dann muss ich mich neu orientieren und dann werde ich versuchen, mit meinem einzigen echten Freund Alex in München Kontakt aufzunehmen. Ich hoffe, dass ich ihn und seine Eltern finde und dass ich zu ihnen oder in ihre Nähe ziehen kann.“ Nach dieser langen Rede schwieg ich zuerst mal und schaute auf den Boden. Meine Augen waren feucht geworden und ich war kurz davor, fortzulaufen.

Tobias hatte wohl gemerkt, dass ich kurz davor war, seelisch zu kollabieren und er legte plötzlich seinen Arm um mich und zog mich tröstend an sich. Wir waren stehen geblieben und er hielt mich einfach nur fest. Das tat mir unheimlich gut und nach ein paar Minuten ging es mir schon viel besser. „Wir müssen weiter, die anderen sind schon weit weg“, sagte er zu mir. Schade, ich hätte stundenlang so bleiben können, aber das würde natürlich zu weiteren Fragen, auch von den anderen führen und das wollte ich eigentlich nicht. Wir gingen weiter und Tobias meinte, wenn ich über alles reden wolle, dann könnten wir ja heute Abend mal allein einen Strandspaziergang machen. „Ich überleg es mir“, sagte ich und dann versuchten wir, so schnell wie möglich zu den anderen zu kommen. Tanja hatte einen Fotoapparat dabei und so machten wir noch eine Reihe schöner Bilder.

Gegen 18:00 Uhr fuhren wir dann gemütlich wieder zurück und ich war mir sicher, dass Familie Augustin schon wieder zu Hause war, mussten doch um 19:00 Uhr spätestens die Schweine gefüttert werden. Als wir den Strand erreichten, war das Restaurant noch geöffnet und wir aßen dort zu Abend. Auch nahmen wir noch ein paar Flaschen Rotwein mit, die ich, gegen den Protest der anderen, von meinem Geld bezahlte. „ Ihr habt schon soviel bezahlt, jetzt bin ich dran, basta“, sagte ich und damit war die Sache erledigt.

Nachdem wir ein Feuer angebrannt hatten, kreiste die Flasche und jeder erzählte etwas über sich und seine Jugend und ich erzählte auch etwas darüber, warum ich hier war und wie es mir hier so ergangen war. Je mehr Wein ich trank, um so mehr gab ich Preis aus meinem Leben und meine Freunde, als solche betrachtete ich sie mittlerweile, hörten zu und wurden immer ruhiger.

„Du hast ja echt schon viel Scheiße erlebt, aber wenn du ehrlich bist auch schon einige Scheiße gebaut. Wenn du dir den Rest deines Lebens nicht total verbauen willst, dann musst du dich verändern, auch wenn es dir noch so schwer fällt“, sagte Steven und die anderen stimmten ihm zu.

„Ich weiß das, aber der Horst, dem kann ich nichts recht machen und wenn er was getrunken hat, dann mutiert er zum Arsch und hackt nur auf mir rum. Ich will nach Deutschland zurück und Alex suchen und dort in seiner Nähe ein neues Leben anfangen“, sagte ich, „er war der erste und einzige wahre Freund und mit ihm verbindet mich viel. Ich weiß, dass er mich auch vermisst und dass er sich freut, wenn ich wieder bei ihm bin.“

„Morgen müssen wir wieder in unsere Wohnung zurück, am Mittwoch früh fahren wir nach FARO und fliegen nach Deutschland zurück“, sagte jetzt Tobias, „gib uns mal den ganzen Namen von dem Alex, wir suchen mal im Internet und in den Münchner Telefonbüchern nach seiner Adresse. Die schreiben wir dir dann und dann kannst du ja mal versuchen, Kontakt auf zu nehmen.“

„Dann gehst du besser zu den Leuten zurück und versuchst, die Zeit bis Ostern einigermaßen anständig über die Bühne zu bringen“, sagte Jasmin, „und wenn du wieder in Deutschland bist, melde dich mal bei uns.“

„Gibt es hier ein Internetcafé oder so was?“ fragte Tobias. „Ich darf bestimmt mal bei meinen Lehrern das Internet benutzen, die E-Mail-Addi weiß ich auswendig, dorthin könnt ihr was schicken. Die werden auch nichts verpetzen, denke ich“, gab ich zur Antwort. „Wir schreiben dir auch unsere Mail-Addis auf, dann kannst du immer mit uns reden, wenn es dir schlecht geht“, sagte Jasmin, und die anderen nickten zur Bestätigung. Die vier Flaschen waren leer und wir machten uns lang für die Nacht, es war immer noch mindestens 27 Grad und irgendwann waren wir eingeschlafen.

Am nächsten Morgen packen alle ihre Sachen zusammen und wir machten uns auf den Weg in die Stadt, ich mit Fahrrad und sie mit dem Auto, wir wollten zusammen am Marktplatz noch frühstücken. Das taten wir ausgiebig und dann verabschiedeten sie sich von mir.

Sie nahmen mich in den Arm und zum Schluss flüsterte mir Tobias ins Ohr: „ Ich hoffe für dich, dass dein Alex deine Gefühle auch erwidert, die du für ihn empfindest. Wenn ich keinen festen Freund hätte, den ich sehr liebe, dann hätte aus uns auch was werden können. Ich mag dich sehr gern, aber ich bin hundert Prozent treu und würde meinen Schatz nie betrügen.“ Nun wurde ich aber knallrot und war echt erstaunt, dass er mich so durchschaut hatte. Er drückte mich noch einmal und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Wir bleiben in Verbindung, und wenn du nach Deutschland kommst, werden wir uns auch wieder sehen, davon bin ich überzeugt“, sagte er und ging dann zum Wagen. Als sie fuhren, hatte ich Tränen in den Augen und winkte noch lange hinterher. Dann setzte ich mich aufs Rad und fuhr Richtung Pampa, gewillt, mich von Horst nicht mehr provozieren zu lassen, und nur noch das zu arbeiten, was mir auch Spaß machte.

Auf dem Weg in die Pampa hielt ich bei meinen Lehrern an und die waren echt froh, dass ich noch mal heil auf dem Weg zurück war. Sie wussten natürlich davon, dass ich mal wieder abgehauen war und ich erzählte ihnen alles, was ich in dieser Woche erlebt habe, einschließlich der Geschichte am Felsen in SAGRES.

Mir der Internetnutzung waren sie einverstanden, wenn ich keine kostenpflichtigen Speckseiten aufsuchen würde, könnte ich jeden Tag eine Stunde surfen und E-Mail schreiben. Ich war sehr froh darüber, und nahm mir vor, ihr Vertrauen nicht zu missbrauchen. Nachdem ich noch einen Kaffee getrunken hatte, machte ich mich auf den Weg, gewillt, mich nun nicht mehr aufzuregen und zu versuchen, einigermaßen zurecht zu kommen.

Meine Ankunft war unspektakulär, weil überhaupt keiner zu Hause war und so räumte ich meine Sachen in der Höhle ein und entsorgte kurzer Hand die Überreste des Weckers, die ich tief im Schrank unter den Kleidern versteckt hatte. Dann harrte ich der Dinge die da kommen sollten. Als erstes kam Karin und ich hatte den Eindruck, dass sie ganz froh war, dass ich wieder da war und sie sich keine Gedanken mehr machen musste, ob ich OK sei. Sie sagte dann, dass Peter heute noch kommen würde und dann könnten wir mal über alles reden, denn so könne es nicht weitergehen. Ich sagte ihr, dass ich mich jetzt mehr bemühen wolle, dass ich aber auch nicht jede Drecksarbeit machen würde. Sie meinte, darüber müsse ich mit Peter und Horst reden, wenn die später kommen würden.

Kurz vor Mittag kamen die Beiden und wir setzten uns mal wieder unter dem Baum zusammen. Peter wollte wissen, was los war, warum ich weg bin und wo ich gewesen sei, und wie das jetzt endlich mal anders werden sollte. Ich erzählte, dass ich mich mal wieder mit Horst gestritten hätte und der immer, egal was ich mache, auf mir rumhacken würde. Da wäre ich halt ab und hätte ein Paar Tage am Strand gelebt mit deutschen Touristen, die morgen wieder zurück fliegen würden. Ich erzählte auch, dass wir in SAGRES waren, dass ich sie als Freunde gewonnen hätte und dass sie mir auch ins Gewissen geredet hätten, dass ich mir hier Mühe geben solle für den Rest der Zeit, wo ich noch hier wäre. Das möchte ich auch jetzt tun und mit den Lehrern hätte ich vereinbart, dass ich jeden Tag von 17 bis 18:00 ins Internet dürfte, um Emails zu schreiben und zu surfen. Dafür würde ich mir dann auch wirklich Mühe geben, die Zeit in Portugal ordentlich hinter mich zu bringen.

Horst war mal wieder skeptisch und meinte, das müsse er dann wohl erst mal erleben, bevor er das glauben könne. Peter sagte, dass er mich beim Wort nehme und wenn das nicht klappen würde, müsste er sich überlegen, ob er mich nicht für den Rest der Zeit woanders unterbringen müsste. Er hatte da noch eine Adresse in Zentralportugal, weit weg von Meer und Menschen und die nächste Ortschaft wäre Luftlinie 40 km weg und mit dem Auto 55 km. Das wäre dann wohl zu überlegen, ob ich das wollte. Dort gab es auch kein Fernsehen, kein Telefon, geschweige denn Internet, nur allertiefste Pampa und harte Arbeit.

Als wir bis hierher gekommen waren in unserem Gespräch, rief Karin, dass das Essen fertig sei und wir reinkommen sollten. Während des Essens wurde über ein anderes Thema geredet und nach dem Essen, draußen unter dem Baum, gab mir Peter dann noch 6 Wochen Bewährungsfrist. Wenn es bis dahin nicht klappen würde, wäre die absolute Pampa angesagt. Ich sagte dann aber noch, dass ich nichts mehr mit den Schweinen arbeiten würde, weil mir von dem Gestank immer schlecht würde, Gartenarbeit ja – aber keine Schweine. Peter sagte dann Horst, er solle das so akzeptieren und mir auch die Möglichkeit geben, die Lehrer zu den abgemachten Zeiten aufzusuchen. Horst sagte das dann auch so zu. Ich war gespannt, ob er das auch einhalten würde. Langsam war die Uhr bis auf 16:00 Uhr vorgerückt und ich sagte, dass ich jetzt zu den Lehrern fahren wollte, weil mir Alfred, so hieß der Mann, noch ein bisschen zeigen wollte, wie man am besten im Internet surft. Da niemand was dagegen hatte, machte ich mich auf den Weg.

Als ich dort ankam, setzte sich Alfred mit mir an den PC und richtete mir zuerst mal eine eigene Emailadresse ein. Wenn ich jetzt den Anderen eine Mail schickte, dann hatten sie automatisch meine Adresse und konnten mir direkt dorthin schreiben. Also schickte ich 5 Emails auf die Reise, zu Jasmin und Tanja, zu Steven und Lukas und eine besonders lange zu Tobias. Ich schrieb ihm, dass wenn Alex nicht wäre, ich mich wohl auch in ihn verliebt hätte und er würde mir schon ein bisschen fehlen. Das schrieb ich, obwohl ich überhaupt nicht wusste, ob Alex noch etwas von mir wissen wollte und ich ja auch gar nicht wusste, ob er sich was aus Jungs machte. Alfred hatte mir gesagt, ich solle jetzt das Kennwort ändern, damit nur ich das Postfach öffnen könne, er wollte nicht, dass ich das Gefühl hätte sie könnten meine Emails lesen.

Nachdem die Stunde rum war, fuhr ich brav zurück in die Pampa und meldete mich bei Karin. Die hatten schon ohne mich gegessen, aber sie hatte mir was aufgehoben und so aß ich dann Abendbrot und setzte mich anschließend unter den Baum. Ich las ein bisschen in der Blöd-Zeitung von gestern, Horst kaufte die jeden Morgen, obwohl die schon vom Vortag war. Später, so gegen 20:00 Uhr ging ich dann schlafen, weil ich ja doch ein bisschen nachzuholen hatte.

Am nächsten Morgen schlief ich bis kurz nach 8:00 Uhr, dann stand ich auf und nach dem Frühstück wollte ich im Garten arbeiten, weil es ja später einfach zu heiß dazu war. Am Spätnachmittag wollte ich ja wieder zu Alfred und seinem PC. Ich schleppte Wasser vom Bach nach oben in den Garten und goss die Gemüsepflanzen alle reichlich. Um 11:00 Uhr, als es begann, richtig heiß zu werden, war ich mit wässern fertig und sogar Horst war mit meiner Leistung zufrieden. Mittags aßen wir nur einen kleinen Imbiss, weil Karin für Abends was Warmes machen wollte. Mittags war es einfach zu heiß zum Arbeiten, 40 Grad im Schatten, das hielt keiner aus und ich legte mich in die Höhle, dort war es nicht ganz so heiß.

Kurz nach 16:00 Uhr machte ich mich auf den Weg zu Alfred und um 17:00 Uhr saß ich vor dem Bildschirm und klickte auf mein Postfach. 4 Mails hatte ich bekommen, aber von Tobias war keine dabei. Die anderen hatten, nachdem sie heute vom Flughafen zurückgekommen waren, gleich ihr Postfach kontrolliert und auf meine Mail geantwortet. Vielleicht hatte Tobias ja zuerst mal seinen Freund aufgesucht und würde erst später seine Emails lesen. Also musste ich mich noch bis morgen gedulden.

Am nächsten Tag war dann eine Mail von ihm dabei und er schrieb noch einmal, dass er mich sehr mochte und nur wegen seinem Freund könnte er mich halt nicht so lieben wie man einen Boyfreund liebt. Er ermunterte mich noch einmal, nicht den Kopf in den Sand zu stecken und das Beste aus meiner Situation zu machen.

So gingen die Tage ins Land, es klappte ganz gut und es gab nur selten mal einen Streit mit Horst. Auch Karin, und vor allem Peter waren sehr zufrieden und die absolute Pampa war kein Thema mehr.

Nach sechs Wochen schrieb mir Steven, sie hätten vermutlich den Alex gefunden und sie hätten ihm einen Brief geschrieben. Antwort stehe noch aus, aber sie hätten meine Email Adresse mit in den Brief geschrieben und wenn er der Alex wäre, könne er mir ja direkt eine Mail schicken.

Es war der Alex, der einst mein bester Freund war und er schrieb mir am nächsten Tag eine Mail und er freute sich sehr, was von mir zu hören. Er schrieb von seinen Eltern und von der Schule und dass er jetzt eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann machen würde. Aber, und das traf mich tief, er schrieb auch, dass er eine Freundin hätte und dann war das ja mit meinem Wunschgedanken hinfällig. Das ging mir sehr aufs Gemüt und ich war erstmal nicht in der Lage, zu antworten. Ich machte den Rechner aus und fuhr schweigsam und in Gedanken zurück in die Pampa.

Dort ging ich ohne Essen und ohne was zu sagen direkt in meine Höhle und ins Bett und irgendwann kamen dann die Tränen und ich weinte mich in den Schlaf. Nachts träumte ich dann heftig und feucht, aber nicht von Alex, nein, von Tobias. Der Sommer war jetzt schon ein paar Wochen vorbei und es war Anfang November, das heißt, die Zeit des Regens stand bevor. Nach wie vor schrieb und empfing ich täglich E-Mails von allen meinen Freunden und sie freuten sich mit mir, dass es ganz gut lief bei mir. Tobias gegenüber hatte ich Andeutungen gemacht, dass Alex wohl nicht auf Jungs stand und ich gestand ihm auch, dass ich öfter von ihm träumte. Er ging aber nicht darauf ein und antwortete immer ganz normal, eben als ein guter, aber eben nicht als DER Freund.

Weihnachten kam und ging vorbei und plötzlich waren die Mails von Tobias nur noch kurz, nicht sonderlich freundlich und sie kamen auch nicht mehr jeden Tag. Als ich die anderen fragte, was denn mit ihm los sei, bekam ich nur ausweichende Antworten und ich machte mir echt Gedanken. Immer wieder schrieb ich ihm, er solle mir seinen Kummer, falls er einen hätte doch sagen, ich würde ihn so gern trösten und ihm helfen, aber je mehr ich schrieb, um so weniger wurden seine Antworten.

In Deutschland lag jetzt Schnee und hier gab es viel Regen und dann war auch schon Weihnachten. An Weihnachten brach noch mal all der Frust über mich herein, die Sache mit Alex, mit Tobias und meine ganze Situation, ich saß hier fest, während mich Tobias vielleicht dringend brauchte. Es war keine Weihnachten in mir und ich war froh, dass die Feiertage bald vorbei waren.

An Sylvester durften wir dann bis 2:00 Uhr in der Disco feiern und Horst und Karin waren sonst wo eingeladen und holten uns an der Disco ab. Ich hatte, auch aus Frust, etwas zu viel getrunken und es war mir auf der Rückfahrt nicht so gut. Gleich nach der Ankunft verschwand ich in der Höhle und legte mich ins Bett, das Gott sei Dank, keinerlei Drehbewegungen machte. Also schlief ich ein und wurde erst am Neujahrstag gegen Mittag wieder wach. Es regnete draußen leicht und so ging ich nach dem Mittagessen noch ein bisschen ins Bett. Mir war aufgefallen, dass es draußen unverhältnismäßig kalt gewesen war und auch in meiner Höhle war es für portugiesische Verhältnisse sehr kalt. Sollte jetzt wirklich noch der Kamin zum Einsatz kommen? Irgendwann später schlief ich ein und als ich in der Nacht wach wurde, war es schweinekalt und ich fror im Bett. Ich holte noch eine Decke aus dem Schrank und kroch wieder ins Bett.

Als sich am Morgen aufwachte, staunte ich nicht schlecht, Es hatte, und es war immer noch am schneien und es wehte ein heftiger Wind draußen. Auf so ein Wetter ist man hier nicht gefasst und auch nicht vorbereitet und nachdem ich mich zitternd so warm wie möglich angezogen hatte lief ich nach vorn. In der Küche saßen die anderen und frühstückten und ich machte gleich mit. Horst sagte, dass wir vorerst nicht aus dem Tal heraus könnten, weil sie mit dem Auto den Stich zum Hang wohl nicht hoch kommen würden. Er meinte aber auch gleich, dass der Schnee wohl nicht lange anhalten würde, aber das müsse sich wohl erstmal zeigen. Sie schalteten das Fernsehen ein, aber durch das Schneetreiben war fast nichts auf dem Bildschirm zu erkennen. Also musste das Radio die wichtigen Neuigkeiten bringen und wir hörten, dass über ganz Südeuropa der Winter in heftiger Form hereingebrochen war und das wohl 2 bis 3 Tage dauern könne.

Na Bravo, das konnte ja heiter werden, solange hier eingesperrt und keine Verbindung zur Außenwelt, das war ja mal was ganz neues. Wir mussten uns dann um Brennmaterial für die Kamine kümmern, wenn wir nicht frieren wollten. Also, noch dicker anziehen und Holz holen. Das lag in einem Unterstand hinten am Schweinestall und das war bei diesem Wetter ganz schön weit.

Zwei Tage kämpften wir mit der weißen „Pracht“ und mit der Kälte, dann stiegen die Temperaturen wieder an und es begann zu tauen – Gott sei Dank, der „Spaß“ hatte ein Ende.

Das Thermometer stieg wieder auf 9 Grad, und am nächsten Tag auf 11 Grad und es regnete auch zwei Tage gar nicht, so dass man wieder ins Freie konnte. Das bedeutete auch wieder Internet, und auch Peter hatte sich zu einem Besuch angekündigt.

Am meisten war ich aber überrascht, dass Tobias das erste Mal seit langem eine Email geschrieben hatte. Er bat mich um Entschuldigung, dass er nur selten und kurz gemailt habe, aber er habe sehr viele Probleme zu bewältigen gehabt. Seine Eltern hätten sich getrennt und, was noch schlimmer wäre, sein Freund ist sehr krank geworden und die Ärzte machten ihm wenig Hoffnung, dass er je wieder gesund würde. Er war sehr traurig und er war froh, dass die anderen ihm so beistehen würden. Er hatte sie gebeten, mir nichts davon zu schreiben, um mich nicht runter zu ziehen und er wäre immer froh gewesen, wenn sie ihm von meinen Fortschritten berichtet hätten.

Der Januar ging ins Land und der Februar kam und mit ihm weniger Regen und laue 15 Grad. Tobias Mails wurden trauriger und kürzer und auch wieder seltener und ich hatte Sehnsucht nach ihm, wollte in tröstend in den Arm nehmen. Die Arbeit im Garten begann wieder und Horst hatte mal wieder seine Trinkattacken. Die Stimmungen gingen gefährlich in den Keller und auch ich war seit langem wieder stark reizbar und immer schlecht gelaunt. Peter hatte mir mitgeteilt, dass ich zwei Wochen nach Ostern nach Deutschland zurück fliegen würde. Christian Fuchs würde mich abholen und mit dem Jugendamt in Düsseldorf müssten wir festlegen, wie es weitergehen sollte. Ich wollte mit denen aber nichts mehr zu tun haben, ich wollte zu Tobias, koste es was es wollte. Ich wusste für mich schon längst, dass ich mit ihm und nur mit ihm leben wollte. Ich wollte ihn trösten und ihm Kraft und Halt geben.

An Ostern, genau am Ostersonntag, würde ich volljährig werden und dann konnte ich über mich selbst bestimmen und brauchte niemand mehr zu fragen. Tobias schrieb schon seit einigen Tagen keine Mails mehr und auch die Mails der anderen waren kürzer als sonst. Meine Stimmung war schlecht und das erste Mal seit langem blieb ich eine Nacht weg, weil mich Horst angetrunken niedergemacht hattet, wie vor 10 Monaten. Es waren noch zwei Wochen bis Ostern und ich war regelrecht depressiv und unzufrieden. Die Tage schleppten sich dahin, und zu allem Überfluss hatte der Rechner von Alfred den Geist aufgegeben. Kein Internet, Horst auf dem Trip und viel Gartenarbeit. Ich war kurz davor wegzulaufen und nach SAGRES zu fahren.

Zum Eklat kam es dann am Ostersamstagnachmittag, Horst war gut angeschickert und schikanierte mich bereits seit mehreren Stunden. Selbst Karin hatte schon mit ihm gemault, was ihn wohl noch mehr ärgerte. Jedenfalls, als ich ihm sagte, dass ich für Heute genug von seinen Attacken hätte, rutschte ihm die Hand aus und er schlug mir ins Gesicht. Ich war erstaunt, entsetzt, wütend und verletzt, alles in einem und anstatt zurück zuhauen, ging ich wortlos in die Höhle und holte meine Rucksack, mein Geld und eine Weste, nahm mein Fahrrad und machte mich vom Acker. Wütend fuhr ich Richtung Stadt und schaukelte mich in Gedanken immer mehr hoch. Am Marktplatz angekommen, schloss ich mein Rad an und ging in die Disco und holte mir ein Bier und einen Tequilla. Es war normal nicht meine Art, Schnaps zu trinken, aber jetzt war mir danach und ich wollte mich heute Abend in meinen Geburtstag hinein saufen. Wieder mal Ostern und endlich 18 und doch nur Scheiße, Scheiße und noch mal Scheiße.

Irgendwann war ich dann stark angetrunken und hatte den Moralischen. Ich fand mich draußen auf der Bank wieder und war zu wie eine Handbremse. Ich legte mich auf die Bank und fing an zu schlafen, das muss so ungefähr drei Uhr gewesen sein.

Als ich wach wurde, war es längst hell und dir Glocken läuteten zur Ostermesse. Mir war übel und mein Kopf brummte und jetzt, just in diesem Moment fiel mir die rote Pille aus „MATRIX“ ein und wie ein Film lief es vor meinen Augen ab. Ich musste würgen vor Ekel und ich fluchte vor mich hin. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass ein Auto hielt und jemand ausstieg. Ich sah alles verschwommen und bemerkte, wie eine Person auf mich zukam. Ich strengte meine Augen an und glaubte die Person zu kennen. Jetzt krieg ich auch noch Hallus, dachte ich und wollte mich erheben und fortlaufen. Aber die Person hatte mich erreicht und griff in die Tasche und zog, nein, nicht die rote Pille, sondern ein Taschentuch hervor und putzte sich dicke Tränen aus dem Gesicht. „Gideon“, sagte eine Stimme: „Gideon, ich bin’s, Tobias! Ich will dich hier raus holen, du musst mit mir kommen. Ich brauche dich, mehr als alles andere auf der Welt.“

Er nahm mich in den Arm drückte mich weinend an sich und wuschelte meine Haare durcheinander. Mir war schwindelig und ich meinte immer noch, das wäre ein Traum oder wirklich die Matrix. Ich streckte meine Hände aus und befühlte ihn, meine Augen wurden klarer und ich stammelte: „Tobias? Bist du wirklich Tobias und du bist wegen mir gekommen? Ich kann das nicht fassen und ich weiß echt nicht, ob ich hier nicht träume. Kneif mich in die Backe, damit ich weiß, dass du echt bist“, sagte ich und auch mir trieb jetzt die Anspannung die Tränen in die Augen.

Zärtlich und doch deutlich spürbar kniff er in meine Wange und ich begann zu begreifen, was hier passierte. Er, Tobias war zu mir gekommen, wollte mich holen und es fiel mir auch ganz heiß ein, was das bedeutete. Ich zog ihm herunter neben mich auf die Bank, sah ihm in die Augen und fragte: „ Dein Freund ist…?“ Er nickte und weinte erneut und ich nahm ihn in den Arm. Ich drückte ihn fest an mich und streichelte seine Haare und seine Wangen.

Mit meinen Lippen küsste ich seine Tränen weg, die sich mit meinen vermischten. Als er sich ein wenig gefangen hatte, sagte er: „An dem Tag, als keine Emails mehr kamen ist er in meine Armen gestorben. Ich musste ihm versprechen, nach Portugal zu fliegen, um dich zu holen und er wollte, dass wir zusammen sind und glücklich werden. Ich habe es ihm versprochen und bitte dich, mit mir nach Deutschland zurück zu kommen. Ich brauche dich jetzt und irgendwann später kann ich dich bestimmt genau so lieben, wie ich ihn geliebt habe. Bitte komm mit und bleib bei mir.“

„Liebster Tobias“, antworte ich, sein Haar streichelnd und tief in seine dunklen Augen schauend, „es gibt nichts auf dieser Welt, was ich lieber tun würde als mit dir zu kommen und bei dir zu sein. Ich will dir Trost spenden, denn ich liebe dich mehr, als alles andere auf der Welt. In deiner Nähe zu sein, ist für mich das größte Glück.“

Nachdem wir uns eine zeitlang festgehalten hatten, putzte er zuerst meine und dann seine Tränen ab und sagte. „Komm, lass uns fahren und deine Sachen holen, ich habe in FARO ein Zimmer gemietet und am Dienstagmorgen geht unser Flieger nach München. Steven und Lukas kommen uns dort abholen und dann fahren wir zu mir. Meine Eltern möchten dich gerne kennen lernen und ein Zimmer ist auch für dich frei.“ Ich rappelte mich auf und wir gingen gemeinsam zum Auto und ich erklärte ihm, wie er fahren musste.

Als wir in der Pampa ankamen, war natürlich niemand da, alle waren in der Kirche und so packte ich meine Sachen und wir fuhren zurück, nicht ohne einen Zettel mit folgendem Inhalt zurück zu lassen. „Hallo, Familie Augustin! Heute bin ich 18 Jahre alt geworden und volljährig. Mein zukünftiger Schatz ist extra nach Portugal gekommen, um mich zu holen. Ich habe meine Sachen mitgenommen, und ich denke, für alles, was ich hier bekommen habe, habe ich genügend Arbeit geleistet, sodass ich euch keinen Dank schulde. Ich hoffe, dass man es keinem Jugendlichen mehr zumutet, sich ein Jahr lang von einem frustrierten Trinker schikanieren zu lassen. Lebt wohl und sagt Peter Bescheid, dass mir mein Schatz bereits ein Ticket in die Heimat besorgt hat. Lebt wohl!!“

Auch bei Alfred und seiner Frau legten wir einen Zettel hin und ich bedankte mich bei beiden mit lieben Worten für alles Gute, das sie für mich getan hatten. Ich schrieb ihm noch das Passwort auf, damit er das Mail-Konto löschen konnte. Dann ging es endlich los. Als wir den Ortsausgang hinter uns hatten, bat ich Tobias, noch einmal nach SAGRES zu fahren. „Ich möchte noch einmal an der Stelle stehen, an der du mich so intensiv beobachtet hast und du sollst mich ansehen und mir dann sagen, was du in meinen Augen siehst.“ Zum ersten Mal seit unserem Wiedersehen lächelte er ein bisschen und dann bog er rechts ab auf die Straße, die uns nach Süden führte.

An der Festung angekommen, suchte ich die Stelle auf, an der sich damals die Selbstmordgedanken in mein Hirn geschlichen hatten und die Tobias damals dort gelesen hatte. Diesmal war es Glück, Freude und eine tiefe Liebe, die ihn aus meinen Augen anstrahlten und er nahm mich in den Arm und sagte: „Dieser Blick allein war schon den Weg hierher wert und ich bin froh, dass ich hier her geflogen bin, um das zu sehen.“

Wir verblieben noch eine kleine Weile dort und hielten uns gegenseitig im Arm. „Komm, lass uns aufbrechen“, sagte ich und wir gingen zum Wagen. Gut zwei Stunden später waren wir in FARO und nachdem wir den Leihwagen abgegeben hatten, brachte mich Tobias in unser Hotelzimmer. Dort duschte ich zuerst mal, zog frische Wäsche und andere Kleider an und dann gingen wir beide ins Hotelrestaurant zum Essen. Nach dem Essen legten wir uns aufs Bett, ich kuschelte mich an ihn und dann schliefen wir ein bisschen. Ich träumte von der Matrix. Tobias war der Mann, der die Pille bringen sollte und diese war so groß, dass ich sie fast nicht in den Mund bekam. Er sagte dann im Traum zu mir, je größer die Pille sei, umso größer wäre später das Glück desjenigen, der sie genommen hätte. Da schaffte ich es locker, sie in meinem Mund verschwinden zu lassen.

Der Abend und der nächste Tag vergingen wie im Flug und wir kauften in FARO noch ein paar neue Klamotten für mich. Am Dienstag brachte uns dann ein Taxi zum Flughafen und um 10:30 waren wir glücklich in der Luft, Kurs Deutschland, Zielort München.

Vielleicht werde ich euch ja mal später erzählen, wie es weitergegangen ist. Das ist dann aber eine andere Geschichte

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Information Freiflüge an Weihnachten
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:12 AM - No Replies

Freiflüge an Weihnachten

„Jetzt beeil dich endlich, wir haben noch viel vor“, hörte ich meine Mutter irgendwo sagen.

Hallo! Ich bin siebzehn und dein Sohn und nicht dein Schwertransporter. Mühsam schleppte ich die ganzen Tüten diverser Modegeschäfte und Einrichtungshäuser durch die Einkaufspassage. Jedes Jahr zu Weihnachten dasselbe Spiel: Meine Mutter zückt die Kreditkarte meines Vaters und macht die Stadt unsicher. Und ich, ihr heiß geliebter, einziger Sohn, darf Packesel spielen. Toll, oder?

„Kommst du jetzt endlich?“

„Ja! Ich bin unterwegs. Kannst du mir vielleicht mal was abnehmen? Ich sehe kaum noch was.“

„Stell dich nicht so an, die paar Sachen.“

Die paar Sachen…, Mum war gut. Die Laschen der Tüten schnitten sich in meine Hände. Die Ecke des einen Kartons drückte mir gegen die Rippen.

„Können wir nicht wenigstens erst zum Auto gehen und alles abladen?, fragte ich.

„Gregor, nur noch der eine Laden!“

Das hatte sie vor zwei Stunden auch schon gesagt. Also folgte ich ihr schwerbepackt und nachdem wir den nächsten Laden wieder erfolgreich verlassen hatten, war ich wieder um eine Tüte reicher. Und dann kam es, wie es kommen musste.

Ich übersah das Verkehrsschild und lief voll gegen den Masten. Der Schnee auf dem Bürgersteig tat sein Übriges. Die Welt von unten war so groß und so interessant, besonders wenn zich Leute um einen herumstanden und einen blöd an grinsten.

Schadenfreude war eben die schönste Freude. Hallo könnte mir mal jemand aufhelfen? Mühsam setzte ich mich auf und rieb an meiner Stirn. Und als hätte ich das Startsignal gegeben, löste sich der kleine Pulk um mich herum auf.

„Gregor, ist irgendetwas kaputt gegangen?“ , rief meine Mutter, die nun bemerkte, dass ihr Packesel abhanden gekommen war.

Ich schüttelte den Kopf. Und was ist mit mir? Mein Kopf tat weh und mein Ego litt mal wieder, weil ich die perfekte Clownimitation abgegeben hatte. Aber halt, was war dass denn? Da stand ein schnuckeliger Junge vor dem Schaufenster und sah mich mitleidend an.

Er war genauso bepackt wie ich selbst. Ihn hatte wohl das Schicksal genauso erwischt wie mich. Eine Frau kam daher und schob den Jungen an. Oh sie trug wenigstens ein paar Sachen selbst. Während ich nun alle Tüten aufhob und versuchte, alles wieder in meinen Händen aufzunehmen, schob sich die Frau mit den Jungen an uns vorbei.

„Susanne?“, gab plötzlich meine Mum von sich.

Ich schaute auf und die Frau blieb plötzlich stehen.

„Andrea, das ist aber ein Zufall, auch beim Shoppen?“, kam es von der Frau.

Jetzt erst erkannte ich die Susanne, durch ihren Schal, den sie um den Kopf gewickelt hatte, konnte ich sie gar nicht erkennen. Dann musste der Junge… wow, ich weiß nicht wie lange ich Andreas schon nicht mehr gesehen hatte.

Was da in einer Winterjacke steckte, konnte sich echt sehen lassen. Und dann fiel mir alles wieder ein, was ich mit Andreas erlebt hatte, als wir noch im Haus neben ihnen wohnten. Aber das war nun schon drei Jahre her und heute sah ich ihn das erstemal wieder.

„Ja, und da mein Mann wieder einmal keine Zeit hat, habe ich Gregor mitgeschleift.“

„Geht mir genauso, aber Andreas ist freiwillig mitgegangen.“

Meine Mutter schaute wie ich kurz zu Andreas.

„Der ist ja ein richtig fescher junger Mann geworden!“, sagte Mum, was bei mir ein Grinsen und bei Andreas, ein rotes Gesicht auslöste.

„Und, schon alles bei einander?“, fragte meine Mum weiter.

„Ja, aber dieses Jahr wird es etwas anders ausfallen wie sonst unser Weihnachtsfest.“

„Wieso das denn?“

„Das Hotel, in dem wir unseren Winterurlaub gebucht haben, hat storniert, weil sie durch eine Lawine einen größeren Schaden haben. Und somit verbringen wir Weihnachten zu Hause.“

Ich merkte wie es in Mum’s Kopf arbeitete. Sie zog ihr Handy aus der Tasche.

„Ich weiß nicht ob es klappt, aber vielleicht kann ich euch helfen!“, kam es von ihr.

„Was meinst du damit?“, fragte Susanne.

Meine Mum hob nur die Hand und hielt das Handy ans Ohr.

„Hallo Hans … ja bin mit Andi noch in der Stadt … warum ich … nein haben wir nicht vergessen … warum ich anrufe, ich habe gerade die Lösung unseres Problems gefunden“

Wir haben ein Problem, davon wusste ich gar nichts.

„Nein Hans, mit dem Haus in der Schweiz meinte ich!“

Wir haben anscheinend mehrere Probleme von denen ich nichts wusste. Doch nun wurde mir noch ein Problem bewusst. Meine Hose, mit der ich auf dem Schnee gelandet war, war nass, was wiederum bedeutete, dass ich langsam anfing zu frieren.

„Ich habe gerade Susanne getroffen, die hat mir erzählt, dass ihr Urlaub ins Wasser fällt.“

Eher in den Schnee, würde ich sagen.

Susanne und Martin … genau die, was hältst du von der Idee? Okay ich frage sie gleich … ja klar … dann sehn wir uns heute Abend! Tschüss!“

„Was hast du nun wieder ausgeheckt?“, fragte Susanne.

„Euren Urlaub retten, ihr müsst nur mit einverstanden sein!“

Meine Mum als rettende Samariterin. Wenn ich nicht so frieren würde, hätte ich schon losgelacht.

„Bitte?“

„Also ich erklär dir das. Hans und ich haben da im Internet ein schönes Häuschen in der Schweiz gefunden. Einziges Problem, das Haus ist für 8 Leute ausgelegt und wir sind nur 4!“

Ah, daher weht der Wind…, apropos Wind, jetzt wird es langsam wirklich sau kalt.

„Und du meinst, wir sollen mitfahren?“, fragte Susanne.

„Klar, wir haben doch früher auch so viel miteinander unternommen, was mir ehrlich gesagt schon fehlt!“

„Ich muss zwar erst noch mit Martin reden, aber ich wäre sofort dabei!“

Urlaub mit den Sperlings, könnt ja noch interessant werden. Aber jetzt muss ich mich doch einmal durchsetzten, auch wenn Mum noch viel vorhat.

„Mum, meine Hose ist nass und mir wird kalt!“, motzte ich.

„Ja Gregor, schon gut, wir gehen ja gleich!“, meinte meine Mum und wandte sich wieder an Susanne, „wenn ihr heute Abend Zeit habt, könntet ihr doch vorbeischauen und alles mit uns besprechen.“

„Kann ich dich nachher anrufen?“

„Klar Susanne, wenn du willst können wir auch noch etwas Kleines zusammen kochen.“

„Ja, wie früher, also ich rufe dich dann an!“

„Hast du meine Nummer noch?“

„Ja, die ist bei uns noch abgespeichert.“

Andreas hatte während des Gesprächs keinerlei Regung gezeigt. Ich wusste also nicht ob er sich freute, oder ob er die Idee ätzend fand. Mehr konnte ich jetzt auch nicht heraus bekommen, denn schon verabschiedeten sich unsere Mütter, was mir ja auch Recht war, so wie ich fror.

Etwas später saßen wir dann schon im Wagen und ich begann so langsam meine Beine wieder zu spüren. Vor lauter Freude, über den Urlaub, hatte Mum wohl doch jetzt ihre ganzen restlichen Einkäufe vergessen.

„Und was hältst du von der Idee?“, fragte meine Mum neben mir.

„Wird sicherlich lustig!“

„He, jetzt zieh doch nicht so ein Gesicht, du und Andreas habt euch doch immer gut verstanden!“

„Ja schon…“

„Aber?“

Ich schaute meine Mum an, aber antwortete ihr nicht.

„Hast du vielleicht Angst, Andreas könnte etwas über dich herausfinden, was du ihm nicht sagen willst?“

Wie immer war meine Mum sehr direkt, auch wenn sie eben voll ins Schwarze getroffen hatte. Aber außer bei meiner Familie, hatte ich mich noch bei keinem geoutet, Ich nickte nur, ohne sie weiter anzusehen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, das Andreas etwas dagegen hätte, oder gar seine Eltern. Susanne und Martin, waren bei dem Thema immer sehr aufgeschlossen.

„Bitte?“

Ich wusste jetzt echt nicht, was Mum damit meinte.

„Ich hab dir doch damals erzählt, dass Martins Bruder schwul ist, als du geglaubt hast, wir hätten mit deinem Schwulsein Probleme.“

„Ach so, dass meinst du…“

„Siehst du, das wird sicherlich nicht schlimm!“

„Mum, könntest du mir einen Gefallen tun?“

„Ja und welchen?“

„Wenn jemand was erzählt, dann bitte ich!“

„Geht klar!“, sagte sie, aber ich traute ihr nicht so recht, denn sie grinste dabei so komisch.

*-*-*

Natürlich rief Susanne an und sagte zu. Ihr Martin wäre mehr als begeistert gewesen von der Idee. So war ich nun in meinem Zimmer und räumte auf, denn Susanne brachte auch Andreas mit und da ich nicht den ganzen Abend da unten bei den Erwachsenen bleiben wollte, musste ich zwangsläufig Andreas mit in mein Zimmer bitten.

Die Tür ging auf, ich fuhr zusammen und Melanie kam hereingerannt. Melanie meine Schwester, genannt die Bestie!

„Mel, wie oft soll ich dir noch sagen, klopf an, wenn du in mein Zimmer kommst.“

„Jetzt stell dich nicht so an! Oder hast du etwas vor mir zu verstecken?“

„Ich…“

Ich atmete einmal tief durch, denn ich wollte nicht noch lauter werden.

„Hast du schon einmal was von Privatfähre gehört?“

„Jetzt tu doch nicht so empfindlich, man könnt direkt meinen du bist die Tochter des Hauses!“

Mel war nur ein Jahr jünger als ich, wusste natürlich über mich Bescheid. Sie fand es cool einen schwulen Bruder zu haben. So hatte sie jemand in der Familie, mit dem sie über süße Jungs reden konnte.

Dass ich ihr den Einen oder Anderen vielleicht ausspannen könnte, daran hatte sie aber noch nicht gedacht.

„Und was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?“, fragte ich.

„Hast du schon gehört, die Sperlings kommen heute Abend.“

„Meinst du, warum ich mein Zimmer aufräume.“

„Aufräumen nennst du das? Du schiebst doch nur die Sachen von einer Ecke in die Andere!“

Da hatte sie Recht. Mir bleib also nichts anderes übrig, als richtig aufzuräumen.

„Okay, dann lass ich dich mal alleine. Ist vielleicht eine gute Idee mit dem Aufräumen, falls Bettina auch mitkommt.“

Bettina, Andreas kleiner Schwester. Eigentlich war es genial, Andreas in meinem Alter und Mel und Bettina waren ebenso gleich alt. Wäre bestimmt toll geworden, wenn wir uns nicht aus den Augen verloren hätten.

Seit Dad zum Juniorpartner in seiner Firma aufgestiegen war, hatte sich auch einiges bei uns geändert. Auch das Haus, was wir jetzt gewohnten. Es war sozusagen der Bonus, für Dad’s Beförderung.

Was natürlich auch hieß, wegziehen aus der gewohnten Umgebung, neue Schule und neue Freunde. Das mit den neuen Freunden hielt sich aber in Grenzen, bis auf Carsten und Brit aus meiner Klasse konnte ich hier nicht großartig jemand zu meinem Freundeskreis zählen,

Mel hatte es da irgendwie einfacher. Schnell hatte sie Anschluss gefunden und so mehr nervte es mich, wenn im Zimmer neben mir, Mädchennachmittag angesagt war. Mel war inzwischen wieder verschwunden.

Ich stellte mein Mülleimer in die Mitte des Zimmers und fing an richtig sauber zu machen. Schneller als ich dachte, war der Eimer voll und so beschloss ich runter zu laufen um mir in der Küche einen neuen Beutel zu holen.

Als ich fast unten war, hörte ich Mum und Dad aus der Küche.

„Die Jungs und die Mädchen können sich ja ein Zimmer teilen“, hörte ich meinen Dad sagen.

„Meinst du, das ist so eine gute Idee? Ich meine… ich will Gregor nicht vorgreifen.“

„Gregor ist alt genug, aber du hast Recht, wir sollten ihn vorher lieber fragen.“

„Was wollt ihr mich fragen?“, sagte ich, betrat die Küche und tat so, als hätte ich nichts mitbekommen.

„Wir haben uns noch einmal die Hausaufteilung vorgenommen. Wie du weißt hat es 10 Betten zur Verfügung, wobei zwei davon, eigentlich die Schlafcouch im Wohnzimmer sind. Dein Vater hatte die Idee, ob du nicht mit Andreas ein Zimmer teilen willst, ansonsten wärst du mit Mel zusammen im Zimmer.“

Nun schaute mich auch mein Dad fragend an, nach dem meine Mum ihre Erklärung abgegeben hatte. Zehn Tage mit Mel ein Zimmer zu teilen, nein dass musste nicht sein. Aber mit Andreas im Zimmer, dass hieß Arbeit für mich.

Aber als ich schnell Plus und Minuspunkte sammelte, war Andreas eindeutig der Sieger.

„Nein mit Mel zehn Tage ein Zimmer, da bräuchte ich Urlaub vom Urlaub!“

Mein Dad begann zu kichern, was ihn ein Rippenstoss meiner Mum einbrachte.

„So schlimm ist Mel auch wieder nicht!“, verteidigte Mum ihre Tochter.

„Für mich ist es kein Problem, das Zimmer 10 Tage lang mit Andreas zu teilen.“

Mum schaute mich mit einem durchdringenden Blick an.

„Bist du sicher Gregor?“

„Mum, mach doch bitte keine Staatsaffäre daraus. Ich komm schon klar damit!“

Für mich war das Thema erledigt. Ich ging an den Küchenschrank und zog einen Müllbeutel aus der Schublade. Na ja, so richtig erledigt nicht, eigentlich nur im Bezug auf meine Eltern. Beim Hochlaufen kamen mir schon einige Gedanken in den Kopf, vor allem wie die Nächte mit Andreas werden würden.

Zwei Stunden später strahlte mein Zimmer in Hochglanz. Seit langen hatte ich nicht mehr die Tischplatte meines Schreibtisches gesehen. Auch wunderte ich mich, dass da nun vier Mühlsäcke standen, randvoll und zum Abtransport bereit.

Langsam quälte ich mich die Treppe hinunter, bedacht darauf, dass mir kein Müllbeutel zerriss.

„Was hast du denn vor? Willst du ausziehen?“

Meine Mum kam gerade aus der Küche und sah mich auf der Treppe.

„Nein, ich habe nur aufgeräumt, das ist alles.“

„Das war wohl auch bitter nötig!“, entgegnete Mum und zeigte auf die Müllbeutel.

Langsam näherte ich mich der Mülltonne und verfluchte mich keine festen Schuhe angezogen zu haben. Mit meinen Hüttenschuhen rutschte ich mehr oder weniger, der Mülltonne entgegen.

„Übst du fürs Eislaufen?“, kam eine Stimme vom Gartentor.

Da stand Carsten und grinste mich fies an.

„Klar, nur mit den Drehungen habe ich noch so meine Schwierigkeiten!“

Und hätte ich es nicht geahnt, es zog mir den einen Fuß weg. Mit einem Schrei landete ich zwischen den Müllbeuteln im Schnee.

„Shit, nicht schon wieder!“, fluchte ich.

Carsten fing laut an zu lachen. Er öffnete das Gartentor, kam zu mir und reichte mir seine Hand.

„Komm steh auf, sonst wirst du noch nass!“

„Das hatte ich heute schon“, meinte ich ärgerlich.

Ich erzählte ihm in Kurzfassung, wie am Morgen Bekanntschaft mit einer Laterne gemacht hatte, was natürlich für einen weiteren Lacher seitens Carsten sorgte.

„Kommst du noch mit rein?“, fragte ich ihn.

„Nein, ich will zu Brit, ich habe da eine Cd ausgeliehen, die ich für sie brennen will.“

„Das könntest du doch auch zu Hause machen!“

„Klar, wenn mein Schrotthaufen von Pc funktionieren würde.“

„Was für eine Cd hast du denn?“

„Die neue von Westlife!“

„Echt?“

„Klar, warum fragst du?“

„Könnte ich dir mir auch schnell brennen?“

„Ich dachte Herr Maiberger hat den Herren von Westlife abgeschworen!“

Als ich damals von der Trennung bei Westlife hörte, war ich irgendwie ziemlich sauer. Ich wollte nie wieder ein Lied von denen hören. Aber seit sich Marc öffentlich geoutet hatte und ich das erstemal »You raise me up« gehört hatte, war ich wieder besänftigt.

„Stimmt doch gar nicht! Ich hatte zwischenzeitlich nur andere Interessen.“

„Okay, aber nur kurz, Brit wartet auf mich!“

„He danke!“

Da war wieder das Problem, sicher ins Haus zu kommen. Doch Thorsten schien mein Gedanken erraten zu haben und hielt mir helfend seine Hand entgegen. Mit etwas Mühe schaffte ich dann auch den sicheren Weg bis zur Eingangstür, wo mein Dad auftauchte.

„Hast du wieder mal den Schnee heimgesucht? Hallo Carsten!“

„Hallo Herr Maiberger!“

Notdürftig klopfte ich den Schnee von mir ab und grummelte meine Dad nur an. Carsten entledigte sich seine Schuhe und Jacke und folgte mir nach oben.

„Was ist denn mit deinem Zimmer passiert?“, fragte Carsten, der mein Zimmer so auch noch nie gesehen hatte.

„Ich habe etwas ausgemistet.“

„Etwas ist gut… ist der Schreibtisch neu?“

„Nein, der habe ich schon, seit ich hier wohne.“

Carsten reichte mir die Cd und ich fuhr meinen Pc hoch.

„Für das, das du Westlife abgeschworen hast, hängen noch sehr viel Bilder von ihnen hier!“, meinte Carsten süffisant.

Jetzt wo Carsten es erwähnte, fiel mir das auch auf. Was sollte Andreas denken, wenn er nachher hier hereinschaute. Ein 17 jähriger, der auf Westlife stand. Egal, deswegen würde ich die Bilder jetzt nicht abhängen.

Bei Carsten hatte ich da weniger Problem. Kurz nach unserem kennen lernen vor drei Jahren, hatte ich mehr oder weniger unfreiwillig erzählt, dass ich mehr auf Jungs stand als auf Mädchen. Tja mit 14 war ich sowas wohl wie frühreif, weil ich da schon wusste was ich wollte.

Das Outing bei meinen Eltern folgte kurz darauf, was recht gut ablief, jedenfalls für mich. Meine Mum hatte zwar anfänglich Schwierigkeiten damit, aber mittlerweile schaute sie mit mir gemeinsam Jungs nach.

„Die haben auch genug Geld gekostet!“

Mittlerweile war mein Pc hochgefahren und ich legte die Cd ein. Nach kurzen Reinhören, öffnete ich das Brennprogramm, gab die notwenigen Daten ein und startete es.

„Kann ich schnell bei dir telefonieren und Brit sagen, dass ich mich verspäte?“, fragte Carsten.

„Klar, bedien dich!“, antwortete ich und zeigte auf mein Telefon.

„Oh, du hast Brit eingespeichert, wie praktisch!“

Meine Augen hafteten auf dem Monitor, ob alles klar ging beim Brennen. Drei Minuten später öffnete sich ein Fenster »Der Brennvorgang war erfolgreich!« Überglücklich, dass ich nun diese Cd hatte, löschte ich alle eingaben und schloss das Programm.

Die Schublade des Brenners und des CD-Faches öffneten sich fast gleichzeitig, so konnte ich Carsten seine CD zurückgeben.

„Ja, bis gleich Brit!“, meinte Carsten und drückte das Gespräch weg.

„Brit fragt ob du nicht mitkommen willst!“

„Nein du, wir bekommen nachher Besuch, da muss ich da bleiben, ist etwas wichtiges!“

„Kein Problem, können ja noch telefonieren“, meinte Carsten.

„Okay, ich begleite dich noch mit hinunter!“

Zusammen mit Carsten wanderte ich also noch hinunter, verabschiedete mich von ihm an der Tür und schaute ihm noch etwas nach, bevor ich die Tür schloss. Im Gedanken versunken lief ich wieder nach oben, legte meine neue Errungenschaft in den Cd – Player ein und ließ mich auf das Bett fallen.

wenn ich niedergeschlagen bin

und meine Seele so müde ist wenn ärger kommt

und mein herz beladen ist

dann bin ich still

und warte hier in der stille bis du kommst

und eine weile bei mir sitzt

du hebst mich hoch damit ich auf berge stehen kann

du hebst mich hoch damit ich auf stürmischer See gehen kann

ich bin stark wenn ich auf deinen schultern sitzen kann

du machst mehr aus mir als ich bin

»You raise me up« Deutsche Fassung © Josh Garbon / Westlife

Ich weiß nicht wie oft ich das Lied abgespielt hatte, aber irgendwann streckte Mel ihren Kopf herein.

„Alles klar mit dir?“, fragte sie.

Ich hob den Kopf und schaute sie an.

„Warum fragst du?“

„Du hörst jetzt schon fast seit einer Stunde dieses Lied. Es ist zwar sehr schön, aber man kann auch depressiv davon werden. Jedenfalls hört es sich traurig an.“

„Sorry, ich stell es leiser!“

„Du kannst es gleich abstellen, unser Besuch ist nämlich gerade vorgefahren!“

„Echt? Shit, ich wollte doch noch duschen!“

„Dann beeil dich mal schnell, ich entschuldige dich so lange unten.“

Schon war Mel wieder verschwunden. Ich sprang auf, stellte die Stereoanlage ab und rannte ins Bad. Beim Ausziehen konnte ich den Türgong hören und nicht nur den, sondern auch das fünfte Mitglied unserer Familie.

Bell, unsere Hündin, gab Laut von sich, wurde aber vom Herr des Hauses, sprich meinem Dad, gleich zu Ordnung gerufen. Schnell schmiss ich alles in die Wäschetonne und drehte das Wasser auf.

Das herrlich warme Wasser sprudelte mir entgegen und ich ließ mich erst einmal richtig nass werden. Aber viel Zeit hatte ich eben nicht so griff ich nach meinem Shampoo und begann mich schnell einzuseifen.

Wenige Minuten später stand ich wieder vor der Dusche und war mit abtrocknen beschäftigt. Shit! Ich hatte vergessen mir etwas zum Anziehen mit zunehmen. Was machte ich jetzt nur. Mel rufen? Nein, das war eine schlechte Idee.

Also band ich mir das Handtuch um die Hüften und lauschte an der Tür. Anscheinend war die Luft rein, ich konnte nichts auf dem Flur hören. So öffnete ich die Tür und wollte in mein Zimmer rennen.

„Ahhhhhhhhhhhhhhhhhh!“, entglitt es nur aus meinem Hals.

Ich blieb mit dem Fuß an etwas weichen hängen. Der Länge nach knallte ich auf den Boden. Vom Schrei und dem Lärm angelockt, hörte ich jemand die Treppe hinaufpoltern. Nicht jemand, sondern die ganze Familie, samt Besuch stand da plötzlich vor mir und fingen wenige Sekunden darauf an zu lachen.

„Eins hat sich jedenfalls bei euch nicht geändert Gregor ist noch genauso tollpatisch wie früher“, hörte ich Susanne rufen.

Ich versuchte mein Handtuch zu Recht zuziehen, um mir nicht völlig die Blöße zu geben. Der Grund meines Fluges schlabberte meine Fuß ab. Bell hatte sich vor der Badtür breit gemacht.

„Du blödes Vieh, kannst du dir nicht einen anderen Platz suchen?“

„Gregor, jetzt sei doch nicht so!“, kam es von meiner Mutter, die versuchte, ihr Lachen zu unterdrücken, was ihr aber auch nicht gelang.

Wieder ging das Gejohle los, doch mein Dad besann sich irgendwann und scheuchte die Meute wieder hinunter. Allein Andreas stand noch am Ende des Flures.

„Hast du dir weh getan?“, kam es leise von ihm.

Wenigstens einer, der sich nach meinem Befinden erkundigte.

„Nein, ich bin ja weich gelandet.“

Er kam zu mir und streckte mir die Hand entgegen, was sich aber für mich als Problem erwies. Würde ich seine Hilfe beanspruchen, so hätte ich kein Hand mehr frei um das Handtuch zu halten. Würde ich mein Handtuch halten, konnte ich mich nicht mit der anderen Hand alleine aufstützen.

Andreas schien dies zu bemerken und wurde leicht rot im Gesicht.

„Wenn es dich nicht stört, dann helfe ich dir auf!“

Irgendwie war mir jetzt alles egal, so nickte ich nur. Andreas trat heran und half mir auf, so, dass ich das ich ohne weitere Blessuren aufstehen konnte. Doch seine Hände auf meiner nackten Haut, erweckten andere Körperfunktionen an mir.

Verschämt ging ich in mein Zimmer, Andreas folgte mir.

„Ich kann auch wieder runter gehen, wenn du alleine sein möchtest!“, kam es wieder leise von Andreas.

„Eigentlich ist es egal, du hast mich schon früher nackt gesehen, warum jetzt nicht auch?“

Andreas schluckte.

Ich ließ das Handtuch los und warf es über meine Stuhl.

„Wow, du siehst aber gut aus, treibst du Sport?“, entfleuchte es Andreas.

Jetzt war ich am Rot werden und Andreas ging es ebenso, anscheinend hatte er gemerkt, was er da gerade gesagt hatte. Ich zog die Schublade meiner Kommode auf und zog eine Shorts heraus, in die ich in Null Komma nichts geschlüpft war. Jetzt fühlte ich mich wohler.

„Nein, ich jogge ab und zu, wenn ich Zeit habe, aber ich kann das Kompliment nur zurückgeben.“

Irgendwie war das Eis gebrochen, denn wir fingen beide an zu Lachen und ich wusste nicht mal wieso. Schnell hatte ich mich angezogen und stand nun vor Andreas, der sich bis jetzt nicht bewegt hatte.

„Was hältst du von der Idee, mit dem gemeinsamen Urlaub?“, fragte ich.

„Cool, so komm ich wenigstens doch noch raus!“

„Auch wenn du die zehn tage ein Zimmer mit mir teilen musst?“

„Was ist daran so schlimm? Wir haben doch oft zusammen in einem Bett sogar geschlafen!“

„Etwas hat sich geändert… ich…“

Die Tür flog auf.

„Kommt ihr runter, das Essen ist fertig!“, rief Mel.

Diese blöde Kuh, warum störte sie immer!

„Ja, wir kommen, aber ich sag es dir zum letzten Mal, klopf das nächste Mal an!“

„Wieso? Habe ich euch bei was gestört?“

Andreas sah mich fragend an. Ich nahm mein Kissen und schmiss es Richtung Mel, die lachend auswich.

„Irgendwann räche ich mich…, dass verspreche ich dir! Komm Andreas, wir gehen runter, sonst haben wir doch keine Ruhe.“

Später am Tisch, waren alle voller Vorfreude auf den Urlaub. Mum hatte Prospekte und Bilder ausgebreitet und alle Köpfe hingen zusammen. Meine Gedanken waren aber wo anders. Die ganze Zeit bemerkte ich, wie Andreas mich beobachtete, wenn ich aufblickte schaute er weg.

„Also ist es beschlossene Sache, Freitag packen wir und am Samstag recht früh geht es los!“, meinte mein Dad.

Mum hatte eine Sektflasche geöffnet, was für mich wiederum hieß, die Erwachsenen wollten nun alleine sein. So gab ich Andreas ein Zeichen, mir wieder nach oben zu folgen. Wieder oben, machte ich mich an meiner Stereoanlage zu schaffen.

„Was hast du vorhin gemeint… es hat sich etwas geändert?“, fragte Andreas.

Ich schluckte, stand mit dem Rücken zu ihm gewandt. Was sollte ich denn jetzt machen? Vorhin hatte ich noch den Mut es ihm zu sagen… aber jetzt ließ mich mein Verstand im Stich. Mein Herz pochte wie wild, mir kam es so vor, als würde es von innen, an die Schädeldecke hämmern.

Ich drückte die Playtaste und drehte mich langsam um.

„Alles klar mit dir?“, kam es von Andreas.

„Nein, überhaupt nicht!“

„Soll ich dich lieber alleine lassen?“

„Nein, dass ist es nicht… Andreas… da gibt es etwas, was ich dir gern sagen würde.“

„Und was?“

„Mir fällt das nicht leicht…“

„Komm schon Gregor, früher haben wir uns alles anvertraut.“

„Ja früher… da dachte ich auch noch anders.“

„Jetzt sag endlich, was ist mit dir los?“

Ich schaute zum Boden auf meine Füße und stammelt leise.

„Ich bin… schwul?“

„Bitte?“

Oje, das klang so… so…, ich hab bestimmt alles vermasselt.

„Gregor, ich habe es nicht verstanden, könntest du mal lauter reden?“

Er war mittlerweile aufgestanden und stand jetzt dicht vor mir. Seine Hand ruhte auf meiner Schulter.

„Gregor, was ist mit dir?“, fragte er nun ganz sanft und leise.

„Andreas…“, ich schaute auf, direkt in seine braunen Augen, „… ich bin schwul.“

„War das jetzt so schwer?“

„Bitte?“

„Was?“

„Du bist nicht angeekelt?“

„Wieso sollte ich mich vor dir, meinem ältesten Freund ekeln?“

„Andreas hast du verstanden, was ich dir gerade gesagt habe ich bin schul!“

„Ja du schmust gern mit Jungs, und?“

Jetzt war ich baff, hatte meine Mum etwa doch recht, dass Sperlings recht abgeklärt waren. Ich konnte mich von diesen braunen Augen nicht losreisen und sah wie Andreas Lächeln immer breiter wurde.

„Das hat jetzt aber lange gedauert!“, meinte Andreas.

„Was?“

„Was? Dass du mir das endlich gesagt hast! Wir haben uns zwar so gut wie nicht mehr gesehen, aber denkst du ich bin blind. Wir sind zusammen aufgewachsen, ich weiß alles von dir. Und zudem habe ich viele Gespräche mit meinem Onkel Piet gehabt.“

„Onkel Piet?“

„Der schwule Bruder meines Vaters!“

„Du hast es gewusst?

„Klar!“

„Und da lässt du mich dermaßen auflaufen, über die Klinge springen?“

„Andreas, jetzt stell dich nicht so an, hätte ich her gehen sollen, und sagen »hi Andreas ich weiß dass du auf Jungs stehst«?“

„Du hast ja Recht!“

„Dann wäre das Thema wohl geregelt, oder? Ach noch etwas, ich teile mein Zimmer sehr gerne mit dir! Du fehlst mir nach wie vor!“

Bitte? Was war das jetzt? Ich fehle ihm?

„Jetzt schau mich doch nicht so an! Andreas, wir waren dreizehn Jahre fast jeden Tag zusammen, haben alles miteinander unternommen und dann ziehst du weg. Meinst du, ich habe in der Zwischenzeit irgendein Ersatz für dich gefunden?“

Jetzt war ich sprachlos. Natürlich hatte ich mich zu Andreas immer hingezogen gefühlt, ohne ihn fehlte mir etwas. Aber dieser Abstand zwischen uns, brachte uns eben auseinander. Es klopfte an der Tür.

„Herein!“, sagte ich.

Die Tür ging auf und Susanne steckte ihren Kopf herein.

„Na Sohnemann, wie sieht es aus, mit heimfahren?“

Das Susanne einen sitzen hatte, bemerkte ich sofort.

„Mum, müssen wir denn schon los? Gregor und ich haben uns so viel zu erzählen!“

„Warum wusste ich dass schon vorher? Geh mal bitte runter und helfe deinem Vater die zwei Taschen hereinzutragen!“

Andreas und ich verstanden nicht!

„Jetzt guckt nicht so, als wüsstet ihr die Antwort auf die Millionenfrage nicht, Ich habe heute Mittag Andrea angerufen, ob wir vielleicht hier schlafen könnten, weil ich selbst wusste, dass es sehr spät werden kann!“

„Das hättest du ns ja auch schon vorher sagen können!“, meckerte Andreas.

„Jetzt sei nicht so und hilf deinem Vater!“

Und schon war Susannes Kopf an meiner Tür verschwunden.

„Dann werde ich mal runter gehen und meine Sachen holen“, sagte Andreas.

„Willst du bei mir schlafen?“, fragte ich leise.

„Klar, wo sonst?“, antwortete er mit einem Lächeln, was mich fast dahin schmelzen ließ.

Sollte es war sein, und ich hatte endlich den gefunden, den ich solange gesucht hatte? Halt Gregor. Stopp! Andreas hat keine Schwierigkeiten mit meinem Schwulsein, was aber nicht heißt er ist selber schwul!

Aber warum hat er dann so viele Gespräche mit seinem Onkel Piet geführt? Wie in Trance ging ich an meinen Schrank und zog ein zweites Kissen und eine Decke heraus.

„Willst du schon ins Bett?“

Andreas stand wieder in meinem Zimmer, ich hatte ihn nicht gehört.

„Nein… äh… ich dachte ich hol schon mal…“

„Kein Problem, wir können auch im Bett reden!“

Andreas stellte seinen kleine Rücksack in die Ecke und ließ sich auf mein Bett fallen. Er schien vor Selbstsicherheit zu strotzen, was ich von mir nicht behaupten konnte. Ich ließ einfach Decke und Kissen fallen und setzte mich neben ihn.

„Andreas?“

„Ja?“

„Bist du auch… schwul?“

„Weiß ich nicht!“

„Hä?“

Andreas lehnte sich nach hinten und grinste.

„Was soll ich sagen? Ich hatte weder Freundin, noch hatte ich bisher einen Freund, aber reizen tut mich beides gleichermaßen.“

„Also bi?“, stammelt ich.

„Ich weiß es nicht, denn mein Onkel meinte zu mir, bi gibt es nicht, entweder man ist schwul, oder eine Hete, alles dazwischen ist irgendwie Betrug.“

„So hab ich dass noch nie gesehen! Aber irgendwie kann ich dem Gedanken auch nicht folgen.“

„Wieso?“

„Also ich denke, in jedem steckt etwas »Bi« drin. Würdest es sonst so tollen Freundschaften zwischen Männern oder Frauen geben, die ein Leben lang halten?“

„Was hat das bitte schön mit Bi sein zu tun?“

„Andreas, ich hab mich immer zu dir hingezogen gefüllt. Ein Tag ohne dich, war wie ein verlorener tag für mich.“

„Interessant, aber du hast dann später auch gemerkt warum dass so ist, du bist schwul!“

„Dann wären ja alle die eine tolle Freundschaft führen, schwul oder lesbisch!“

„Nein eben nicht, deswegen meinte ich ja, dass hat nichts mit Bi sein zu tun.“

„Also ich kann dir nicht ganz folgen, aber es ist auch egal. Ich freu mich dass du da bist!“

Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich bei dem Gespräch immer näher zu Andreas hingerutscht war.

„Das merke ich!“, meinte Andreas, wieder mit diesem Lächeln.

„Warum hast du dich nie gemeldet?“

„Du doch auch nicht! Aber bevor wir hier jetzt in eine lange Unterhaltung verfallen, würde ich vorschlagen, wir gehen runter sagen unseren Eltern gute Nacht und machen uns Bett fertig, dann können wir uns solange unterhalten wie wir wollen.“

Mit einem Nicken stimmte ich zu.

„Gregor?“, sagte Andreas sanft.

„Was?“

„Wo ist der selbstsicher Gregor geblieben, den ich einmal kannte?“

„Den muss ich irgendwo in den letzten drei Jahren verloren haben.“

Andreas grinste, gab mir einen Kuss auf die Nase und stand auf.

„Komm jetzt, um so schneller sind wir wieder oben!“, meinte er.

Ich musste grinsen und ließ mich von ihm hochziehen. Auf der Treppe schalte uns schon das Gelächter unserer Eltern entgegen. Die fünf Flaschen Sekt, die leer auf der Mitte des Tisches standen, zeigten wohl ihre Wirkung.

„Guckt mal, unsere Turteltäubchen kommen runter“, kam es von meiner Mum.

Bitte? Was soll das jetzt schon wieder bedeuten.

„Habe ich dir nicht gesagt unser Plan funktioniert?“, lallte Susanne.

Unsere Väter lachten nur und stießen mit ihren Gläser an. Anscheinend war Andreas jetzt auch etwas aus der Fassung, fragend schaute er mich an. Sein Dad drehte sich zu uns und stellte sein Glas ab.

„Hört mal her Jungs. Unser Kontakt ist ja niemals ganz abgebrochen. Im Gegensatz zu euch. Wir wusste schon eine ganze Weile, dass Gregor schwul ist, und als mir Piet gesagt hat, ich solle mich doch etwas mehr mit dir beschäftigen Andreas, weil du Probleme hättest. Da kam uns gemeinsam eine Idee.“

„Der gemeinsame Urlaub?“, fragte ich.

„Nein, dass ist jetzt wirklich ein Zufall. Ich meinte, wir entschlossen euch beide wieder zusammen zu bringen. Ihr ward mal früher wie Pech und Schwefel, nicht zu trennen.“

„Die wollen uns verkuppeln!“, sagte ich fassungslos.

„Eltern!“, kam es nur von Andreas, was zu einer erneuten Lachsalve unserer Eltern führte.

„Komm, wir gehen wieder hoch, dass ist ja nicht zum Aushalten!“, sprach ich.

„Okay! Gute Nacht ihr…“, Andreas hob seine Hand und winkte ab.

„Gute Nacht“, kam es im Chor von den Vieren.

Wieder im Zimmer, fing Andreas laut an zu lachen.

„Was ist denn?“, fragte ich.

„Jetzt versteh ich erst, diese Geheimniskrämerei, der letzten Wochen, es ging um mich!“

„Ich muss das jetzt erst mal verdauen!“

*-*-*

Andreas und ich unterhielten uns bis tief in die Nacht hinein. Irgendwann verhallte auch der Lärm, der immer noch unten aus dem Wohnzimmer drang. Gepolter und Kichern war zu hören und etwas später kehrte dann Ruhe ins Haus.

„Und noch nie jemand in Aussicht gehabt?“, flüsterte Andreas, der dich neben mir lag.

„Nein, wie denn auch. Bis auf zwei meiner Freunde, weiß niemand, das ich schwul bin.“

„Und keine Chancen, bei einer von den Beiden?“

„Erstens ist einer der zwei Brit, ein Mädchen und zweitens sind Brit und Carsten ein Paar.“

„Und du das dritte Rad am Wagen!“

„Nein, so habe ich das nie empfunden!“

„Du, ich freu mich auf unseren Urlaub.“

„Ich auch!“, entgegnete ich und fing herzhaft an zu gähnen.

„Da ist aber einer sehr müde!“

„Klar, dann noch meine drei Flugstunden, das schafft!“

„Tut dir irgendetwas weh?“, fragte Andreas besorgt.

„Nein, ich bin ja jedes Mal weich gelandet.“

„Ich glaube du brauchst einen Aufpasser!“

„Und wen hast du dir dafür ausgesucht?“

„Mich!“

Jetzt war ich der jenige der laut anfing zu lachen.

„Pst, du weckst sonst alle wieder auf!“, meinte Andreas.

„Ach was, die schlafen ihren Rausch aus, da hört keiner mehr was.“

Plötzlich klopfte es leise an die Tür, was mich zusammen fahren ließ. Andreas neben mir fing an zu kichern.

„Ja?“, flüsterte ich.

Die Tür ging auf und Mel und Bettina steckten ihre Köpfe rein.

„Wieso schlaft ihr beiden noch nicht?“, fragte Andreas.

„Wie soll man schlafen, wenn eine Herde wildgewordener Eltern, durchs Haus trampelt“, antwortete Bettina.

„Jetzt schlafen sie, und dass solltet ihr nun auch tun!“, meinte Andreas.

Mel nickte mit einem Gähne und schob Bettina vor sich aus dem Zimmer.

„Wir sollten aber auch langsam schlafen!“, sagte ich.

„Okay, machst du das Licht aus?“

„Klar!“

Ich beuge mich etwas nach vorne und knipste die Lampe aus. Schnell gewöhnte ich mich an die Dunkelheit, was auch daran lag, dass mein Rollladen noch offen war und die Laterne von der Straße hereinschien.

„Gute Nacht! Schlaf gut!“

„Du auch Andreas!“

Beide kuschelten wir uns in die Decken ein und es dauerte auch nicht lange, bis ich Andreas leisen, gleichmäßigen Atem hörte. Durch das Fenster konnte ich einen Stern sehen, hell und kräftig, wenig später war ich wie Andreas ebenso in einen tiefen Schlaf gesunken.

*-*-*

Am nächsten Morgen wurde ich wach, weil mir kalt war, Zudem lag etwas auf mir, was ich mir nicht erklären konnte. Ich schaute auf mich hinunter und konnte einen Arm erkennen, der auf meine Bauch ruhte.

Als ich meinen Kopf nach links drehte, schaute ich in das Gesicht von Andreas, der in der Nacht wohl beide Decken in Besitz genommen hatte. Zudem verstärke sich der Druck auf meine Blase derart, dass mir wohl nichts anderes übrig blieb, als aufzustehen.

Vorsichtig schob ich den Arm von Andreas herunter und schlich mich ins Bad. Es schien, als schliefen alle noch, im Haus war es ruhig. Nur Bell kam mir entgegen und wedelte erfreut mit ihrem Schwanz.

„Lass mich noch auf die Toilette gehen, dann zieh ich mich an und wir beide machen einen kleinen Sparziergang, okay?“

Mit einem kurzen Wuff, schien sie mir Antwort zugeben, dann trottete sie zufrieden wieder nach unten. Nachdem ich meinen Druck abgelassen und mich ein wenig tageslichttauglich hergerichtet hatte, schlich ich wieder in mein Zimmer.

Leise suchte ich meine Klamotten zusammen und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sich Andreas regte.

„Wo willst du denn hin?“, grummelte er ins Kissen.

„Bell muss nach draußen, ich bin bald wieder da.“

„Okay!“, brummte er und war wieder eingeschlafen.

Leise schlich ich mich die Treppe hinunter, wo Bell schon schwanzwedelnd auf mich wartete. Ich griff nach meiner Jacke und packte mich warm ein. Die Nacht war sternenklar, somit war es draußen bitter kalt.

Als ich die Haustür öffnete, bestätigte mir die eisige Luft, die hereindrang, wie kalt es wirklich war. Bell lief an mir vorbei und wartete am Gartentor. Leise zog ich die Haustür zu und folgte Bell. Sie war gut erzogen, so konnte ich ohne Sorge das Tor öffnen, ohne das mir Bell gleich abhaute.

Mir kam die Idee zum Bäcker zu gehen, der bei uns auch am Sonntag geöffnet hatte. So pfiff ich kurz und Bell folgte in die eingeschlagene Richtung. Beim Bäcker angekommen, war schon etwas Gedränge. Es waren wohl noch mehr auf die Idee gekommen, so früh Brötchen zu holen.

Die Verkäuferin sah mich etwas bemitleidend an, als ich mit zwei große Tüten bepackt, das Geschäft wieder verlies. Bell saß noch brav an ihrem Platz, wo ich sie verlassen hatte. Im Gedanken an Andreas lief ich mit Bell nach Hause.

Dort angekommen, musste ich feststellen, dass noch niemand unter den Lebenden weilte, so beschloss ich meiner Familie und unserem Besuch etwas Gutes zu tun. Ich machte mich daran, das frühstück vorzubereiten.

Während ich die Wurst und den Käse auf einen Teller legte, hörte ich ein Geräusch hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum und sah Andreas in die Augen.

„Ich dachte du kommst wieder zu mir?“, meckerte er ein wenig, noch damit beschäftigt seine Augen auf zu bekommen.

„Du hast so schön geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken.“

„Ich glaube ich brauche eine Dusche, bevor bei euch die Belagerung ausbricht.“

„Okay, hast du alles, oder brauchst du noch etwas?“, fragte ich.

„Dich!“, antwortete Andreas und gab mir einen Kuss auf die Wange, bevor er die Küche wieder lächelnd verließ.

Während ich dann den Tisch deckte, hörte ich oben ein Poltern. Oh der erwürdigen Herrschaften waren erwacht. Mein Blick zur Uhr ließ mich frech grinsen. Sonntag halb elf! Aber irgendwann ist es immer das erstemal, das meine Eltern so spät aufstehen.

Zurück in der Küche kam mir meine Mum gähnend entgegen.

„Morgen Mum, und gut geschlafen?“

„Oh Gregor, brüll doch nicht so!“, zischte sie und hielt die Hand auf den Kopf.

„Ich glaube, ich hätte ein Katerfrühstück richten sollen.“

„Du hast das Frühstück schon fertig?“

„Klar!“, antwortete ich und zeigte auf den gedeckten Tisch im Esszimmer.

„Du bist ein Goldschatz, danke! Dann kann ich ja noch Duschen gehen, bevor alle runter kommen.“

„Dann musst du die Dusche auf dem Speicher nehmen, die andere hat Andreas schon beschlagnahmt.“

Meine Mum setzte ein komisches Grinsen auf.

„Und? Was ist nun mit Andreas und dir?“

„Eure Kuppelversuche sind fehlgeschlagen!“

„Was?“

Ich amüsierte mich innerlich, über das entsetzte Gesicht meiner Mutter.

„Andreas will nicht mit in den Urlaub fahren und mich nie wieder sehen!“

Anscheinend hatte ich meine Mundwinkel nicht so unter Kontrolle, wie ich es gerne gehabt hätte. Meine Mum merkte sofort, dass ich sie auf den Arm nehmen wollte.

„Du kleiner Schuft meinst wohl, du kannst deine alte Mutter aufs Glatteis führen!“

„Kein Problem, gehen wir raus?“

„Bitte?“

„Gehen wir nach draußen, da ist es glatt!“

Diese Antwort handelte mir eine kleine Kopfnuss ein und eine lachende Mum, die sich wieder nach oben verzog. Ich setzte mich, so lange bis der Rest der Schlafmützen eintraf, ins Wohnzimmer und widmete mich noch etwas Bell.

Sie lag vor mir auf dem Boden und genoss meine Kraulerei.

„Da könnte man doch glatt neidisch werden!“

Andreas stand frisch geduscht und auch voll angezogen im Türrahmen.

„Kannst dich ja auch vor mir auf den Boden werfen!“, erwiderte ich.

„Mich dir unterwerfen? Träum weiter im Legoland!“, sagte Andreas und fing an zu lachen, bevor er sich neben mir niederließ.

„Und?“, fragte er.

„Was?“

„Gut geschlafen?“

„Himmlisch!“, beantwortete ich grinsend seine Frage.

„Stimmt, könnte ich mich auch daran gewöhnen!“

„Willst du?“

„Was?“, fragte nun er.

„Dich daran gewöhnen?“

Seine Antwort blieb aus, aber dafür machte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit, bevor er sich an mich lehnte. Er beugte sich kurz vor und gab mir ein kleines Küsschen auf die Nase. Später saßen wir alle am Tisch, auch Mel und Bettina, die als letztes den Weg aus dem Bett gefunden hatten.

Das Hauptthema drehte sich die ganze Zeit um den gemeinsamen Urlaub. Über die Skiausrüstung wurde diskutiert, bei den Damen eher über die passende Kleidung dazu. Genüsslich schob ich schon das dritte Brötchen in den Mund.

„Machen wir diese Woche, vor dem Urlaub noch etwas gemeinsam?“, fragte mich Andreas.

„Klar, kein Problem. Kino?“

„Ja, war ich auch schon lange nicht mehr!“

„Gut! Am Dienstagabend? Kann ich Brit und Carsten mitbringen?“

„Natürlich, will ja wissen, wer die ganze Zeit meine Beschützerrolle übernommen hat.“

„Da kannst du beruhigt sein Andreas, Carsten ist in dieser Rolle total aufgegangen“, mischte sich meine Mum ein, was ihr ein bösen Blick von mir einhandelte.

„Jetzt stellt mich nicht hin, als wäre ich der Tollpatsch der Nation!“

Augenblicklich fing alles am Tisch an zu lachen. Na toll, keiner hielt zu mir. Das werden bestimmt schöne 10 Tage für mich, wenn ich so eine Sippschaft um mich herum hatte.

*-*-*

Noch etwas geschafft vom Wochenende, trudelte ich kurz vor dem Gongen in der Schule ein.

„Morgen Gregor, wie war dein Wochenende?“, reif mir Brit zu.

„Gut!“

„Sehr informativ!“, kam es von Carsten, der sie im Arm hielt.

„Was wollt ihr hören?“, fragte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verbeißen.

„Da ist etwas im Busch Carsten, oder hast du jemals erlebt, dass Gregor so gut gelaunt am Montag in die Schule kommt?“, meinte Britt scharfsinnig.

„Im Busch ist gut, sollten mal lieber fragen, ob etwas im Bett war“, gab Carsten von sich.

Ich spürte das Blut in meinen Kopf schießen.

„Ich glaub wir müssen hinein“, stammelte ich.

„Volltreffer!“, meinte Britt und sah mich fordernd an.

„Der Gentleman schweigt und genießt!“, gab ich von mir und ließ die beiden am Eingang stehen.

„Du bist fies!“, sagte Britt, „lernen wir ihn wenigstens kennen?“

Ich blieb stehen und drehte mich um.

„Dienstag Abend, Kino?“, fragte ich.

„Klar, aber was hat…“, fragte Carsten.

„Da wird er mich begleiten!“

Britt knuffte Carsten in die Seite.

„Ich glaube da hat es einen erwischt!“

„Meinst du?“, fragte Carsten.

„Klar! Guck doch, wie seine Augen funkeln.

Ich fuhr mit der Hand über meinen Mund, als wollte ich einen Reisverschluss zuziehen und grinste dabei.

„Da bin ich echt gespannt, wen er da mitbringt.“

Der Tag zog sich ewig hin, aber ich nahm dies eh nur am Rande wahr, meine Gedanken waren die ganze Zeit bei Andreas. Britt versuchte während aller Pausen, etwas aus mir heraus zu bekommen, aber erfolglos.

Umso mehr freute ich mich, als der letzte Gong für heute schlug und ich meinen Rucksack einräumen konnte.

„Wie gefällt dir eigentlich die neue Cd, die du dir gebrannt hast?“, wollte Brit wissen.

„Kann ich dir nicht sagen, ich habe nur ein Lied davon gehört.“

Brit grinste, verließ das Klassenzimmer und ich trottete gemächlich mit Carsten hinter her. Am Mittag lag ich fast nur in meinem Bett ließ die Cd von Westlife laufen und träumte von Andreas. Ich fragte mich, ob ich ihn nicht anrufen sollte, kam mir aber dann irgendwie aufdringlich vor und verwarf diesen Gedanken.

Total vertieft merkte ich nicht, dass meine Mum ins Zimmer gekommen war.

„Soll ich dir noch etwas waschen, was du in den Urlaub mitnehmen möchtest?“

„Ich? Ach so, ja hier habe ich ein paar Sachen!“

Ich sprang auf und gab ihr ein kleinen Berg Wäsche und schon war sie wieder verschwunden. Hausaufgaben hatten wir so kurz, vor den Weihnachtsferien keine mehr auf und ich denken mal, dass die Lehrer genauso wenig Lust auf Unterricht hatten, wie wir.

Ich fuhr den Pc hoch und wollte meine Emails abfragen. Neben an hörte ich die Musik bei Mel trällern. Nein die Musik spielte, Mel trällerte. Ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit. »Sie haben Post« weckte mich aus dem Gedanken und so schaute ich die Emails durch. Außer ein paar Spammails und eine Email von Carsten, stand da noch eine unbekannte Adresse.

Der Nick kam mir bekannt vor, den gab es nämlich auf einer Storyseite, wo ich immer stundenlang verharrte und mir eine Geschichte nach der Anderen reinzog. Ich klickte das Feld mit der Maus an und die Mail öffnete sich.

Von: schreiberling @ coolstories.de

An: gregor.maiberger @ t-online.de

Gesendet: Montag, 19.Dezember 2005 14.17

Betreff : Einfach Hallo!

Hi lieber Gregor

da staunst du, von mir Post zu bekommen. Deine Schwester war so lieb und hat mir deine Emailadresse verraten. Ich saß den ganzen Morgen in der Schule und habe nur an dich gedacht. Meine Mitschüler haben sich schon gewundert und meinten ich wäre krank, weil ich die ganze Zeit nur stil da saß.

Hast du wenigstens einmal an mich gedacht? Wollte dir einfach noch mal Danke für das tolle Wochenende sagen, was zwar von Anderen geplant war, aber durch dich erst so richtig schön für mich wurde.

Freue mich riesig auf unseren Urlaub, wo ich dich dann ganze 10 Tage für mich habe!

See you… miss you!

Dein Andi

PS.: Sehen uns morgen Abend beim Kino! Rufst du mich noch einmal an wann?

Wow, jetzt war ich doch platt. Klar rufe ich ihn an! Ich schnappte mir den Hörer und… shit, ich hatte gar keine Telefonnummer. Ich sprang auf, lief aus meinem Zimmer und noch auf der Treppe rief ich nach Mum.

„Mum, kannst du mir die Nummer von Sperlings geben?“

Sie streckte ihren Kopf aus der Küche.

„Was ist los, was schreist du denn überhaupt so hier herum?“

„Hast du die Nummer von Sperlings?“

„Klar habe ich die! Für was brauchst du die denn?“

Jetzt wurde ich rot im Gesicht, musste ich doch zugeben, nicht einmal die Telefonnummer von Andreas zu besitzen.

„Ich wollte Andreas anrufen, wegen Kino gehen morgen Abend.“

„Du hast keine Nummer von ihm?“

Beschämt schüttelte ich den Kopf. Meine Mum fing laut an zu lachen.

„Zu unserer Zeit, war dass das Erste, was man dem Anderen abgeknöpft hat.“

„Kannst du sie mir geben?“, fragte ich genervt.

„Sie hängt am Kühlschrank bei den anderen Zettel!“

„Danke!“

Ich lief zum Kühlschrank und überflog jeden Zettel, doch bevor ich am verzweifeln war, tippte meine Mum auf einen der zahlreichen Zettel.

„Ich leih mir den kurz aus!“, meinte ich und nahm ihn ab, ohne auf eine Antwort meiner Mum zu warten.

Endlich im Besitz der Nummer rannte ich wieder in mein Zimmer und ließ mich aufs Bett fallen. Ich wählte die Nummer und wartete.

„Bettina Sperling!“

„Hallo Bettina, hier ist Gregor, kann ich Andreas sprechen?“

„Moment, ich weiß gar nicht ob er da ist.“

Ich hörte sie im Hintergrund laut »Andreas Telefon« rufen.

„Du Gregor, er ist da, er kommt gleich!“

„Danke Bettina!“

Ich musste noch einen Augenblick warten.

„Andreas Sperling!“, kam es mir schnaufend entgegen.

„Hallo Andi, Gregor hier”, gab ich zu Antwort.

„Hallo Gregor, hast wohl meine Email bekommen?”

„Ja habe ich!“, sagte ich mit einem Lächeln.

„Und?“

„Ach so, morgen Abend um 19.00 Uhr vor dem Cinemaskop.“

„Das meinte ich zwar nicht, aber das wollte ich ja auch wissen.“

„Was wolltest du denn wissen?“

„Ob du an mich gedacht hast?“, sprach er plötzlich ganz leise.

Ich musste kichern.

„Haben deine Ohren nicht geklingelt, ich denke schon seit dem Aufstehen an dich!“

„Süß!“

„Finde ich auch!“

Jetzt kicherten wir beide los.

„Gregor?“

„Ja?“

„Ich freu mich auf dich!“

„Ich mich auch auf dich! Dann bis morgen!“

„Bis morgen… see you!“, hauchte er ins Telefon.

„Miss you… bye!”, hauchte ich ebenso ins Telefon.

„Bye!“

Oh Mann, ich war total verknallt und das in meinen ehemaligen besten Freund. Ich hatte das Telefon in der Hand, als würde ich damit schmusen. Richtig bescheuert! Ich steckte das Teil in die Station zurück.

Komisch alles war plötzlich so einfach. Junge sieht Junge, Junge verliebt sich in Junge und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie sich noch heute. Wo war der Haken an der Sache. Meine Alarmglocken meldeten sich zum ersten Mal.

Das war alles etwas einfach, Kupplerbüro Mama macht das schon. War Andreas der Richtige? Mich überkamen plötzlich Selbstzweifel. War ich zu einer Freundschaft überhaupt bereit? Andreas wohnte auf der anderen Seite der Stadt, was wenn wir uns nach dem Urlaub wieder aus den Augen verlieren würden.

Fragen über Fragen machten sich mehr und mehr in meinem Kopf breit. Meine bisher gute Laune hatte den Tiefstpunkt erreicht. Beim Abendessen saß ich total abwesend, kaute lustlos auf meinem Brot herum.

Ich nahm überhaupt nicht war, das meine Eltern mich mehrere Male ansprachen, bis Mel mich in die Seite knuffte.

„Was ist denn?“, reagierte ich sauer.

„Erde an Gregor, dass wollten wir dich gerade fragen?“, meinte Dad.

„Ach lasst mich doch in Ruhe!“, sagte ich barsch und lief in mein Zimmer.

Das sich meine Eltern und Mel fragend anguckten, bekam ich nicht mehr mit. Ich richtete meine Rucksack für den nächsten Tag und ging dann ins Bad, um mich bettfertig zu machen. Später im Bett hatte ich die Ohrstöpsel an und hörte Westlife.

Ich erschrak, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Natürlich hatte ich nicht mitbekommen, dass mein Dad ins Zimmer gekommen war und sich zu mir ans Bett setzte. Ich zog die Ohrstopsel heraus.

„Was ist mit dir Gregor?“

„Ich weiß auch nicht!“

„Deine Mutter erzählte heute Mittag warst du noch in bester Laune und jetzt… wir haben 7 Uhr und du liegst schon im Bett, ziehst ein Gesicht, wie 7 Tage Regenwetter.“

Ganz gegen die Auffassung eines 17 Jährigen umarmte ich einfach meinen Dad und vergrub mich in dessen Brust.

„Ist irgendetwas passiert?“

„Nein.“

„Was ist dann mit dir?“

„Ich weiß es nicht… plötzlich kommen so viele Fragen auf…, meinst du das mit Andreas ist richtig?“

„Was meinst du?“

„Das ich mit Andreas jetzt zusammen bin.“

„Was sollte daran falsch sein, du magst ich doch, oder?“

„Klar mag ich ihn, sehr sogar.“

„Aber?“

Wenn dieses blöde »Aber« nicht wäre. In meinem Kopf war das Chaos ausgebrochen.

„Was ist, wenn wir nach dem Urlaub wieder weniger Zeit haben, wegen Schule und so, wir einfach nicht die Zeit haben unsere Freundschaft wieder zu vertiefen? Ist Andreas überhaupt der Richtige?“

„Junge, warum plötzlich diese Fragen, genieß doch erst mal, dass ihr wieder zusammen gefunden habt, der Rest kommt dann sicher von alleine!“

Ich schaute Dad mit großen Augen an.

„Hör mal Gregor, in eine Freundschaft muss man investieren, man muss auch etwas dafür tun, dass eine Freundschaft eine Freundschaft bleibt. Und vor allem auch nicht einseitig. Du und Andreas müsst an eurer Freundschaft arbeiten, auch wenn ihr jetzt etwas weiter auseinander wohnt.“

„Das hört sich einfach an.“

„Gregor, das ist einfach. Vertraue auf dich selbst, aber auch Andreas, ihr werdet schon den richtigen Weg finden!“

„Meinst du?“

„Klar! Und jetzt weg mit diesem Zitronengesicht, mit einem Lächeln gefällst du mir viel besser.“

„Danke Dad!“

„Und wieder besser?“

„Etwas!“

„Immerhin. So ich verschwinde wieder und du lässt nicht so die Löffel hängen!“

Ich nickte und mein Dad verließ mich wieder. Wieder mit meinen Ohrstöpseln versehen, warf ich mich wieder dem Chaos in meinem Kopf zum Fraß vor. Irgendwann musste ich dabei eingeschlafen sein, denn als ich wach wurde, war es schon fast Zeit, wieder aufzustehen, in 5 Minuten würde mein Wecker klingeln.

Ich setzte mich auf und machte ihn aus. Müde rieb ich in meinen Augen. Heute Abend war Kino angesagt, zusammen mit Andreas, Brit und Carsten. Mal sehen was der Tag noch so brachte.

*-*-*

Der Tag war wie erwartet nichts sagend verlaufen. Jetzt stand ich vor dem Kino und wartete auf die Anderen. Erst stand ich ewig im Bad, dann wusste ich nicht, was ich anziehen sollte und nun war ich auch noch viel zu früh hier.

Die nächste Straßenbahn kam angerollt und ich konnte Carsten mit Brit darin erkennen. Beim aussteigen winkten sie mir zu. Die Gegenbahn kam nun auch noch angerollt, so verschwanden die Beiden wieder aus meinem Sichtfeld.

Das war anscheinend die Bahn von Andreas, denn als beide Bahnen wieder weg waren liefen Carsten und Andreas ganz dicht beieinander. Und das ohne zu wissen, wer da neben einem läuft. Als die Ampel endlich auf Rot umstieg, schob sich der Pulk von Leuten über die Strasse, direkt auf mich zu.

Andreas hatte mich nun auch entdeckt und grinste mich an. Brit, die anscheinend merkte, dass ich nicht auf sie schaute, sondern jemand anderen anpeilte, schaute an Carsten vorbei, wer denn auf mich reagieren würde.

Als Andreas mir ein zweites Mal zulächelte, waren die Gedanken vom Vortag wie weggeblasen. Ich freute mich tierisch auf diesen Abend und hob die Arme zur Begrüßung, in denen sich Andreas wenige Sekunden später wiederfand.

„Na du!“, raunte er mir mit einem Lächeln zu.

„Hallo“, erwiderte ich ebenso mit einem Grinsen.

Ein Räuspern riss mich aus meiner Traumwelt. Brit und Carsten standen direkt hinter uns.

„Hallo ihr zwei Turteltäubchen“, kam es von Brit.

„Hallo Brit, das is Andreas!”

Er reichte beiden die Hand.

„Und das sind Brit und Carsten! Wollen wir, ich habe die Karten schon vorbestellt.“

Es war wirklich Glück, dass ich die Karten vorbestellt hatte. Es stand eine große Schlange an der Kasse und es gab jetzt schon fast keine Karten mehr. Als wir endlich dran kamen, sagte ich meinen Namen und bekam sofort die Karten ausgehändigt.

Jeder bezahlte seine Karte und so konnten wir weitergehen, in die oberen Stockwerke, wo sich die Kinosäle befanden.

„Meine Freundin war schon in Harry Potter, er soll besser sein als die drei Vorgänger“, sagte Andreas.

Seine Freundin? Was sollte jetzt das? Andreas merkte, dass etwas nicht stimmte und sah mich fragend an. Doch ich schüttelte nur den Kopf.

„Ich habe das Buch noch mal gelesen“, meinte Brit.

„Hast du schon den 6 Teil gelesen?“, fragte Andreas.

„Klar, was dachtest du denn.“

Alle grinsten, nur ich nicht. Was sollte das jetzt, hatte ich da was falsch verstanden. Etwas geistesabwesend stolperte ich auf der letzten Stufe der Treppe. Andreas konnte mich gerade noch auffangen, sonst wäre ich wieder auf der Nase gelegen.

„Siehst du, du brauchst jemand der auf dich aufpasst“, meinte Andreas grinsend.

„Kann ja mal passieren!“, meinte ich in einem etwas heftigen Ton und riss mich von Andreas los.

„Was ist denn?“

„Nichts!“

Brit und Carsten sahen mich genauso verwundert an. Ich gab meine Karte dem Kontrolleur und trat in den Saal. Nach der Sitznummer suchend lief ich die Treppe hinauf, während die anderen mir folgten.

Ich hörte nicht auf das, was sie sagten, ich wollte nur auf meinen Platz. Andreas setzte sich neben mich auf der anderen Seite saßen Brit und Carsten.

„Gregor, habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte mich Andreas leise.

„Nein, nicht du, ich habe etwas falsch verstanden.“

„Was denn?“

„Ist nicht so wichtig.“

Damit schaute ich wieder nach vorne, wo bereits die Werbung begann.

*-*-*

Während des ganzen Films kämpfte ich mit mir, nicht auf zustehen und einfach heimzugehen. Warum konnte ich Andreas nur so missverstehen. Auf Annäherungsversuche von Andreas reagierte ich nicht, was sollte der Scheiß jetzt?

Ich spürte wie mir die Tränen auf die Augen drückten, versuchte aber verbissen nicht zu heulen. Als dann später der Abspann lief und ich endlich froh war es geschafft hatte, wollte ich nur noch raus. Ohne einen Ton zu sagen, drängelte ich mich durch die Menschen.

„Gregor, jetzt warte doch!“, hörte ich Andreas rufen.

Aber ich reagierte nicht und erst als ich draußen auf der Galerie angekommen war, hatte er mich eingeholt.

„Jetzt warte doch mal Gregor, was ist los?“

„Das weißt du doch selber!“, presste ich heraus und nun liefen auch meine Tränen.

„Bitte?“

„Geh doch zu deiner Freundin, verarschen kann ich mich selber!“, schrie ich und rannte zur Treppe.

Ich drängte mich durch die Leute, übersah ein Bein und stolperte und das direkt vor der Treppe. Wie in Zeitlupe sah ich die Stufen entgegen kommen, spürte den harten Aufschlag auf dem Stein. Zu meinem Glück liefen mir mehrere Menschen entgegen, so würde mein Fall gebremst und ich war nur 6 Stufen tiefer gefallen.

Alles an mir tat mir weh, ich heulte auf, als mir jemand aufhelfen wollte. Mein Hand schmerzte furchtbar.

„Scheiße Gregor, hast du dir was getan?“, hörte ich Andreas Stimme hinter mir.

Ein kleiner Pulk hatte sich um mich gebildet, auch einer der Sicherheitskräfte war schnell bei mir.

„Hast du dir etwas getan, kannst du aufstehen?“, fragte mich der Mann.

„Meine Hand…“

Der Mann und auch Andreas halfen mir hoch.

„Herrschaften, jetzt gehen sie doch zur Seite, es ist nichts passiert!“, rief der Sicherheitsmensch.

Langsam führten sie mich zu einer Bank, am Ende der Treppe.

„Was ist denn passiert?“, wollte Brit wissen, die mittlerweile mit Carsten ebenso bei mir angekommen waren.

„Irgendwer hat den Fuß in meinem Weg gestellt!“, jammerte ich und hielt meine Hand.

Vorsichtig nahm dieser Aufpassmensch meine Hand in die Seine. Er wendete sie vorsichtig, drückte sanft auf das Gelenk, was mich aufschreien ließ.

„In denke mal sie ist verstaucht, es ist nichts gebrochen, aber ich werde trotzdem einen Krankenwagen rufen.“

„Ich will zu meinen Eltern!“, jammerte ich weiter.

„Ich geh mit, ich kenne die Nummer seiner Eltern“, sagte Carsten zu dem Mann, dessen Name ich nicht wusste.

„Kann ich euch bei ihm lassen?“, fragte der Aufpasser, Brit und Andreas, beide nickten.

Als der Typ mit Carsten verschwinden war, wandte sich Andreas zu mir.

„Kann es sein ,dass du da etwas ordentlich durcheinandergebracht hast?“, fragte er.

Ich presste meine Hand gegen meine Brust und wimmerte weiter. Durcheinander… ich?

„Clara ist meine beste Freundin, nicht meine Freundin Gregor, ich will nur dich, ich habe mich in dich verliebt!“

Entsetzt sah ich ihn an. Was hat er da gerade gesagt? Verliebt? Oh ich blöder Idiot!

„Hast du gehört was Andreas zu dir gesagt hat?“, fragte nun auch Brit.

Ich nickte, konnte aber nicht aufhören zu weinen. Andreas nahm mich vorsichtig in den Arm, was mich aber auch aufheulen ließ.

„Hast du dich doch mehr verletzt?“, fragte Brit besorgt.

„Rippe…, brachte ich nur heraus.

„Mensch, wo bleiben die denn?“, sagte Andreas etwas säuerlich.

Aus der Ferne waren die Sirenen eines Krankenwagens zu hören und wenig später tauchten auch Carsten und die Sicherheitsmensch auf.

„Der Krankenwagen kommt und deine Eltern kommen dann direkt ins Krankenhaus“, ließ er verlauten.

„Seine Rippen tun ihm auch weh!“, sagte Andreas besorgt.

„Ihr bleibt erst mal hier sitzen, der Krankenwagen ist ja gleich da. Ich werde rausgehen um den Wagen einzuweißen!“

Und schon war der Typ wieder verschwunden.

Ich weinte und zitterte am ganze Körper. Immer noch standen ein paar Leute um mich herum und schauten mich komisch an. Wenige Minuten später kniete der erste Sanitäter vor mir. Nach einer kurzen Fragerei nach Schmerzen, halfen mir auf und ich wurde zum Krankenwagen geführt.

„Kann ich mitfahren?“, fragte Andreas.

„Wieso?“, fragte der Arzt.

„Weil ich sein Freund bin!“, kam es energischer von Andreas zurück.

Der Zivi, der schon im Auto stand, kicherte leise.

„Also los rein mit dir!“, sagte der Arzt zu Andreas, während ich mich langsam auf die Liege nieder ließ.

*-*-*

Ich saß neben Andreas und schwieg. Meine Hand war wirklich nur verstaucht. Den Arm hatte ich in der Schlinge, da ich mir zusätzlich auch noch zwei Rippen auf dieser Seite geprellt hatte. Warum meine Eltern noch nicht aufgetaucht waren, verstand ich nicht.

„Du hast wirklich geglaubt ich habe eine Freundin und würde so etwas mit dir abziehen?“, kam es leise von Andreas.

Sein Tonfall klang enttäuscht.

„Tut mir leid Andi… ich hab… alles falsch gemacht!“

„Das nächste Mal hörst du richtig hin, okay?“

„Heißt das… du willst mich immer noch?

„Blöder Dummbeutel, klar will ich dich!“, sagte er nun mit einem Lächeln und legte seinen Arm um mich.

Die Tür zum Flur wurde aufgestoßen und meine Eltern traten ein.

„Mein Gott Junge, was machst du für Sachen?“, hörte ich meine Besorgte Mum.

„Ihm hat jemand das Bein gestellt und er is die halbe Treppe hinunter, aber er hat Glück gehabt!, sagte Andreas, bevor ich überhaupt antworten konnte.

Glück gehabt? Mir tat alles weh! Wieder liefen mir Tränen herunter. Eine Schwester trat aus dem Schwesternzimmer und kam auf meine Eltern zu.

„Sind sie Herr und Frau Maiberger?“

Meine Eltern nickten.

„Also ihr Sohn hat das Handgelenk verstaucht und zwei Rippen auf der rechten Seite geprellt. Weiteres konnten wir nicht feststellen. Wir würden ihn gerne zur Beobachtung eine Nacht hier behalten!“

„Ich will nach Hause“, entfleuchte es mir trotzig.

„Wäre das möglich?“, fragte mein Dad.

„Ja, aber er muss morgen hier noch einmal zur weiteren Untersuchung erscheinen. Sie müssten dann aber kurz mit mir kommen, um noch ein Formalitäten zu unterzeichnen“, antwortete die Schwester.

Mein Dad verschwand mit der Schwester und meine Mum kniete sich vor mich.

„Starke Schmerzen?“, fragte sie mich.

„Es geht!“

„Dann denke ich mal, du hast dir 4 Tage mehr Weihnachtsferien verschafft!“

Andreas neben mir grinste.

„Wenn dein Vater wieder kommt, fahren wir zuerst Andreas nach Hause und dann geht es ab nach Hause.

Ich sah meine Mum an.

„Warum habt ihr eigentlich solange gebraucht?“

„Der Typ vom Kinocenter, hat uns ins falsche Krankenhaus geschickt. Und bis wir dort heraus bekamen wo du wirklich bist, das dauerte eben ein wenig.“

„Ach so!“

„Kannst du aufstehen?“

„Ja“, antwortete ich knapp.

Andreas half mir auf. Das rechte Bein schmerzte etwas und ich wusste jetzt schon, das mein Körper

wohl spätestens morgen mehrere blaue Flecken zeigen würde.

„Falls es ihrem Sohn schlecht werden würde, oder er starke Kopfschmerzen, so müssen sie bitte gleich wieder her kommen!“, sagte die Schwester, als sie mit Dad zurückkam.

„Geht in Ordnung!“, entgegnete mein Dad.

Andreas führte mich hinaus, obwohl ich keine Hilfe brauchte. Ich lächelte ihn an, weil mir nun bewusst wurde, wie unmöglich ich mich benommen hatte. Ich war auf jemand eifersüchtig, den ich nicht kannte und die nicht das war, was ich glaubte.

„So gefällst du mir wieder besser“, meinte Andreas und lächelte zurück.

*-*-*

Andreas war nun jeden Mittag nach der Schule bei mir. Er brachte sogar einmal Clara mit, damit ich sie kennen lernte. Wie schon vorausgeahnt, war mein Körper übersät mit blauen Flecken. Besonders freute uns aber, dass der Arzt grünes Licht für den Winterurlaub gab.

So gut ich eben konnte packte ich meinen Koffer. Was mir nicht gelang, denn ich sollte den Arm in der Schlinge lassen, legte ich auf den Schreibtisch. Andreas wollte später ja vorbei kommen und mir dann helfen.

Mum stand in der Küche und backte wie wild noch Weihnachtsplätzchen. Mel war bei ihr und half. Ich setzte mich an den Tisch und schenkte mir einen Tee ein.

„Und wie geht es dir, Schatz?“, fragte Mum.

Die Standardfrage überhaupt seit Dienstag, er ertrug es mit Fassung.

„Gut, ich kann sogar meine Finger wieder bewegen ohne dass mir die Hand gleich wieder weh tut.“

„Übertreib es aber nicht gleich, du weißt was der Arzt gesagt hat, du sollst dich schonen.“

„Warum backst du soviel, dass ist ja für eine ganze Kompanie?“, fragte ich um von mir abzulenken.

„Ich weiß eben, wie ihr euch jedes Jahr draufstürzt und jetzt wo Sperlings mitfahren, brauche ich sicherlich das Doppelte.“

Hast du schon was für deinen Schatz gekauft?“, fragte mich Mel, die verschmiert mit Schokoglasur, Buttergebäck in die Selbige tunkte.

„Wann denn, ich war seit Dienstag nicht mehr aus dem Haus!“, meckerte ich, aber mehr deswegen, weil ich ja selbst schuld war, über meinen Freiflug.

„Ich wüsste da was!“, redete Mel weiter.

„Was?“, horchte ich auf.

Mel wusch sich ihre Hände, so gut es eben ging und setzte sich neben mich.

„Wie wäre es mit einer Musikcd und Fotoshow von dir?“

„Bitte was?“

„Ich weiß von Bettina, dass Andreas einige Lieder sucht, dann noch mit ein paar Bildern von dir verziert, wäre das nichts?“

Da hatte meine Schwester eigentlich Recht. Andi fragte schon die ganze Woche ob er ein Bild von mir haben könnte. Warum nicht?

„Und was für Lieder?“

„Guck auf meinen Schreibtisch, da müsst der Zettel liegen, den mir Bettina gegeben hat.“

Eine Schwester die mitdachte. Ab und zu war sie wirklich zu gebrauchen.

„Danke Schwesterherz!“

„Nichts zu danken Brüderchen!“

Mit einem Grinsen beugte sie sich wieder über ihre, wie soll ich sagen, Kunst? Ich trank meinen Tee aus und ging hinauf. Wie von Mel erwähnt, fand ich den Zettel auf dem Schreibtisch. Nach dem ich den Schrieb überflogen hatte und fest stellte, dass ich bis auf ein Lied alle auf meinem Pc hatte, lief ich zurück in mein Zimmer.

Ich fuhr sofort mein Pc hoch. Zum Glück hatte ich jede Menge Bilder von mir. Ein weiteren Vorteil, wenn man einen Freund wie Carsten hatte, der seit seinem letzten Geburtstag, mit seiner Digitalkamera, ständig Bilder von mir machte.

Ich nahm das Bildprogramm und suchte erst alle Bilder heraus, die ich hatte. Ganz schön viel, wie ich feststellte. Einige waren zwar peinlich, aber was soll’s, Andi sollte auch seinen Spaß haben. Nachdem ich mit ein paar Schwierigkeiten die Diashow endlich am laufen hatte, suchte ich die Lieder zusammen.

Eins nach dem Anderen fügte ich der Diashow zu. Am Schluss fehlte mir noch eins, und da ich das eine Lied nicht hatte, nahm ich eben mein Lieblingslied von Westlife. Als ich endlich fertig war, schaute ich auf die Uhr.

Mist, in ein paar Minuten wollte Andi kommen, ich hatte mich echt verzettelt. So brannte ich die Diashow auf ein Cd. Über die Hülle wollte ich mir später Gedanken machen. Unten konnte ich schon den Türgong machen.

Gerade noch rechtzeitig konnte ich die Cd in der Schublade erschwinden lassen, bevor es an der Tür klopfte. Die Tür ging auf und Andi lugte herein.

„Hallo Schatz, wie geht es dir?“, fragte er und stellte seinen Rucksack ab.

„Jetzt wieder gut, wo du da bist.“

„Siehst aber trotzdem bisschen blass um die Nase aus! Warst du heute schon draußen?“

„Nein, war die ganze Zeit mit packen beschäftigt.“

„Ein Vorschlag, ich helfe dir etwas, und dann gehen wir mit dem Hund noch raus, okay?“

Manchmal konnte Andi richtig süß sein, man konnte ihm nichts abschlagen, wenn er so durchdringend schaute.

„Okay!“, seufzte ich, „wenn es sein muss!“

„Es muss und du wirst sehen es tut dir gut!“

„Okay, Onkel Doc!“

„Ich merke immer wieder, dass dein Mundwerk keinen Schaden gelitten hat!“, stellte Andi fest und piekte mir seinen Finger in die Seite.

Ich quiekte kurz auf, was Andi wieder zum Lachen brachte. Dann machte wir uns eben ans packen.

„Warum willst du dieses tragbare Teil mitnehmen, meinst du ich lass dir Zeit, im Urlaub Filme zu gucken?“, fragte Andi, als ich ihm den tragbaren DVD-Player gab.

„Man kann nie wissen, was gerade ansteht, sicher ist sicher!“

Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis wir alles im Koffer hatten. Andi machte sich lächerlich, weil ich, wie er es ausdrückte, sowenig Schminksachen dabei hätte. Ich konterte es damit, dass ich das nicht nötig hätte und drohte ihm mit Kussentzug, wenn er das Gegenteil behaupten würde.

Nach dem ich mich dann angezogen hatte, Andi bestand darauf, mir die Schuhe binden zu dürfen, meldeten wir uns ab und gingen mit Bell nach draußen. Es hatte am Mittag noch einmal geschneit und so nahm mich Andi gleich an die Hand.

„Nur als Vorsichtsmaßnahme, ich will ja nicht, dass du mir noch einmal fällst.“

Als Antwort streckte ich ihm nur die Zunge raus. Aber Andi hatte Recht, die kühle Abendluft und der Geruch nach Schnee tat gut. Überall waren nun auch die Vorgärten oder die Häuser weihnachtlich geschmückt.

Ein Meer von Lichtern befanden sich entlang der Strasse.

„Bell aus!“, rief ich, als ich merkte, dass sie zu toll zu ziehen begann.

Andi hatte zwar ihre Leine, aber er hatte auch mich an der Hand.

„Das sieht schön aus!“, meinte Andi, während er in alle Richtungen schaute.

„Stimmt, ich habe den schönsten Anblick direkt vor mir!“

Andi drehte sich herum, und bemerkte dass ich ihn anschaute. Ein Lächeln überzog sein Gesicht. Langsam zog er mich zu sich heran und gab mir einen Kuss.

„Hach, junge Liebe, guck mal Carsten!“

Ich fuhr zusammen, denn vor lauter küssen, hatte ich nicht gemerkt, dass sich jemand näherte.

„Das war nicht nett Brit, du weißt doch wie schreckhaft Gregor ist!“, meinte Carsten und kicherte.

Bell begrüßte die beiden schwanzwedelnd mit einem Wuff.

„Habt ihr euch verirrt, oder warum lauft ihr hier in meiner Straße?“, fragte ich.

„Brit meinte, wir sollten eich euer kleines Geschenk schon heute geben, da wir ja morgen Recht früh mit dem Verein lostigern.“

„Wir haben doch gesagt, wir schenken uns nichts!“, erwiderte ich.

„Ist nur eine winzige Kleinigkeit, aber wirklich erst an Weihnachten öffnen, wenn ihr alleine seid!“, meinte Brit mit einem frechen Grinsen und gab mir das kleine Päckchen.

„So dann wünsche ich dir mal schöne Weihnachten und einen guten Rutsch!“, meinte Carsten und umarmte mich.

Andi und Brit fingen an zu kichern, als sie das Wort Rutsch hörten.

„Ha, ha! Ich habe nicht vor, in nächster Zukunft mich noch einmal flach zulegen!“, meinte ich zerknirscht.

„Nicht?“, fragte Andi anzüglich, was bei den beiden wir ein Lachen verursachte.

Ich streckte Andi einfach die Zunge heraus und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Also ihr beide, macht es gut und ich will eine Postkarte“, sagte ich.

„Macht’s besser! Mal sehen, ob wir uns aufraffen können dir zu schreiben!“, meinte Carsten.

Noch einmal umarmten wir uns alle, bevor wir uns wieder trennten. Die Wolken hatten sich verzogen, über uns prangte der Sternenhimmel. Mittlerweile waren wir am Park angekommen, der mit dem Schnee und der Weihnachtsbeleuchtung, wie ein Traum in Weiß aussah.

„Jetzt kann Weihnachten und Urlaub kommen!“, sagte Andi.

„Bräuchte ich überhaupt nicht, ich habe alles was mich glücklich macht!“

Andi ließ Bell springen, bevor er mich an sich heran zog. Seine jetzt fast schwarzen Augen funkelten in der Beleuchtung.

„Du bist glücklich?“

„Ja bin ich, denn ich weiß endlich, was für ein süßer Kerl mich da eingefangen hat!

„War auch schwierig genug!“

„Was?“

„Dich einzufangen!“, grinste Andi.

Ich verlor mich im Funkeln seiner Augen.

„Ich liebe dich!“, hauchte ich und mein Atem verließ den Mund mit einer Nebelschwade.

„Ich weiß!“, meinte Andi und gab mir einen Kuss, „ich dich auch!

Nun konnte Weihnachten und unser Urlaub wirklich kommen.

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Information Engel
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:11 AM - No Replies

„Jetzt beeil dich endlich, wir haben noch viel vor.“, hörte ich meine Mutter irgendwo sagen.
Hallo! Ich bin 17 und dein Sohn und nicht dein Schwertransporter. Mühsam schleppte ich die ganzen Tüten diverser Modegeschäfte und Einrichtungshäuser durch die Einkaufspassage. Jedes Jahr zu Weihnachten dasselbe Spiel: Meine Mutter zückt die Kreditkarte meines Vaters und macht die Stadt unsicher. Und ich, ihr heiß geliebter, einziger Sohn, darf Packesel spielen. Toll, oder?
„Kommst du jetzt endlich?“
„Ja! Ich bin unterwegs. Kannst du mir vielleicht mal was abnehmen? Ich seh kaum noch was.“
„Stell dich nicht so an, die paar Sachen.“

Wenn es nur ein paar Sachen wären, würde ich bestimmt nicht halb blind durch die Gegend laufen und mich aller paar Sekunden bei wildfremden Leuten entschuldigen müssen, weil ich sie anremple oder auf ihren Schuhen herumtrete. Durch eine Lücke der verschieden großen Pakete, welche durcheinander auf meine Arme gestapelt waren, konnte ich ein Stück meiner Mutter in ihrem roten Mantel sehen, der vor mir her wehte. Mit einem Mal blieb sie ohne Vorwarnung stehen. Total überrascht versuchte ich meine Beine zu bremsen, aber es war zu spät. Mit einem „Wahhh“ von mir und einem „Uff“ meiner Mom prallte ich auf ihren Rücken. Glücklicher Weise hatte ich nicht mehr so viel Schwung drauf gehabt, so dass der Turm von Paketen zwar bedrohlich schwankte, jedoch, dank einiger balancierender Schritte meinerseits, nicht umkippte. Prüfend blickte ich den Berg von Geschenken vor meiner Nase an, dann atmete ich erleichtert auf, als ich sah, dass noch alles an seinem Platz war.

„Was machst du den, Alex? Hast du keine Augen im Kopf?“, blaffte meine Mutter mich genervt an.

„Oh entschuldige! Durch das ganze Zeug vor meinem Gesicht hab ich nicht gesehen, dass du mitten in deinem Marathonlauf ohne ein Wort der Warnung anhältst!“

„Entschuldige, mein Schatz, aber du weißt doch, wie wichtig mir dieses Fest ist. Schau mal wer hier ist. Das ist doch der kleine Dastin mit seiner Mami. Du bist aber groß geworden.“, fing meine Mom in einer quietschsüßen Stimme an zu reden und beugte sich zu einem Kinderwagen hinunter.

Eine stolz grinsende Frau stand uns gegenüber und grüßte, als sie mich hinter den Paketen erkannte. Es war unsere Nachbarin mit ihrem Kind, die mich fast mitleidig und doch ein bisschen belustigt anschaute.

„Hallo Alex, das ist aber lieb von dir, dass du deiner Mutter beim Einkaufen hilfst. Wenn mein kleiner Schatz etwas älter geworden ist, wird er mir bestimmt auch gerne helfen, nicht wahr.“, meinte sie, wandte sich zu ihrem Sohn und verfiel in die Babysprache meiner Mutter.

Beide Frauen waren nun über den Kinderwagen gebeugt und bemutterten den Jungen. Der Kleine tat mir richtig leid. Wieso müssen Frauen sich immer so seltsam benehmen, wenn sie ein Baby in die Finger bekommen? Ich glaube, wenn Dastin schon laufen oder sprechen könnte, würde er fluchend wegrennen.

So stand ich nun da, voll gepackt mit riesigen, teils auch schweren Schachteln und hörte mir das Getratsche der Frauen an, während meine Arme immer länger wurden. Wie war das noch mal? „Wir haben noch viel vor und wenig Zeit?“ Super. Ganz toll. Genervt versuchte ich mich in eine halbwegs bequeme Position zu stellen, ohne ständig von anderen angerempelt zu werden und ging meiner Lieblingsbeschäftigung nach. Leute beobachten.

Zum Glück fand ich ein Stück neben mir ein etwas breiteres Werbeschild auf Hüfthöhe. So konnte ich meine schmerzenden Arme entlasten und mich in Ruhe umschauen. Viel gab es leider nicht, was für mich von Interesse hätte sein können. Kleine Kinder, die quengelnd hinter ihren genervten Eltern hertapsten, einige Pärchen, die eng beieinander durch die Passage schlenderten und sich verliebte Blicke zuwarfen, gestresst aussehende Menschen, die voll gepackt durch die Menge hetzten.

Doch am Rand der Rolltreppe bei der Raucherinsel stand jemand, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er war gut einen halben Kopf größer als ich, hatte ein breiteres Kreuz und so nen Igelhaarschnitt mit blond gefärbten Spitzen. Er trug eine helle Stoffhose und einen Pullover in beige. Drunter schien er ein dunkles Hemd zu tragen, da der Kragen am Hals über den Pullover drüber gekrempelt war. Alles an ihm sah perfekt aus, seine elegante Bewegung, als er genüsslich mit seinen schmalen Lippen an seiner Zigarette zog, wie er eine Sekunde lang wartete, um dann den Rauch sinnlich auszuatmen.

Verträumt stand er gute fünf Meter von mir entfernt und musterte die Leute um sich herum. Ich fragte mich, auf wen er wohl wartet, als er seinen Kopf auf einmal genau in meine Richtung wandte. Viel zu perplex um wegzuschauen, starrte ich ihn weiterhin an. Man, ich machte mich bestimmt gerade zum Volldeppen, aber ich konnte einfach nicht anders. Und was machte der Typ? Er fing an zu lächeln. Gott, sah der lecker aus. Ich unterdrückte den Impuls, mich sofort an seinen Hals zu schmeißen, um ihn zu küssen und versuchte zurückzugrinsen. Ob mir das gelang? Keine Ahnung. Das Lächeln dieses Schnuckels wurde auf jeden Fall immer breiter. Ein letztes Mal zog er an seiner Zigarette, bevor er sie im Aschenbecher ausdrückte und dann auf mich zukam. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich wurde nervös.

Als dieser Gott fast bei mir war, setzte ich schon zu einem schüchternen „Hi.“ an. Mit einem Mal aber wurde ich von hinten angerempelt, so dass wieder der Berg aus Paketen gefährlich zu schwanken begann. Verärgert drehte ich mich zu der Person um, die dafür verantwortlich war, doch diese stürmte weiter und klammerte sich an meine Schönheit. Beide gaben sich einen innigen Kuss, bei dem man sogar ab und zu die Zunge sehen konnte. Angeekelt und enttäuscht drehte ich mich weg.

„Mom, komm schon. Wir müssen weiter.“, maulte ich genervt und schaute noch mal kurz zu dem Pärchen. Die Beiden blickten nur belustigt zu mir rüber und schlenderten dann Arm in Arm gemütlich davon.

„Kommst du Schatz, oder willst du bis Weihnachten dort stehen bleiben?“, fragte mich meine Mutter drängelnd, worauf ich mir die Geschenke schnappte und ihr folgte.

Sie stand indes schon auf der Rolltreppe zum oberen Geschoss der Passage und überflog ihren Einkaufszettel. Also eine richtige Rolltreppe war es gar nicht. Eher ein Rollband, damit Einkaufs- und Kinderwagen bequem alle Stockwerke erreichen konnten. Super. Was für ein Tag. Zuerst werd ich von meiner eigenen Mom als Lasttier missbraucht und dann dieser Typ mit seiner Tusse. Besser konnte es doch wirklich nicht mehr werden, oder? Dachte ich zumindest.

Ich drängelte mich gerade an den Leuten vorbei, die von der oberen Etage kamen, als etwas mit voller Wucht gegen mich prallte. Krachend fiel ich auf den Boden, gefolgt von den Paketen.

„Ahhh, was verdammt noch mal…“, protestierte ich stöhnend und richtete mich halb auf.

Eine kleine Menschentraube hatte sich um mich gebildet und ein paar Leute musterten mich besorgt, andere räumten sogar schon die Kartons wieder auf einen Haufen. Verärgert suchte ich nach diesem Vollidioten, dem ich das zu verdanken hatte und fand ihn ein paar Meter vor mir, wie er seine Stirn betastete. Der Typ trug eine legere Hose und einen weiten Pullover mit Kapuze, die er weit über seinen Kopf gezogen hatte. ‚So ein Traumtänzer hat mir jetzt gerade noch gefehlt.’, dachte ich wütend, stand auf und ging auf den Jungen zu. Dieser hatte sich ebenfalls erhoben und betrachtete das Chaos um sich herum. Er drehte mir gerade den Rücken zu, als ich anfing ihn anzuschnauzen.

„Sag mal, hast du keine Augen im Kopf, oder was?“

Der Typ reagierte überhaupt nicht, sondern kniete sich zu den Paketen und Tüten nieder und fing an, diese zusammen zu scharren.

„Hey, ich rede mit dir!“

Wieder nichts. Der Junge tat weiterhin so, als ob er mich nicht hören würde. Ich war nahe dran, den Kleinen – er war vielleicht nen halben Kopf kleiner als ich – am Kragen zu packen und mal kräftig durchzuschütteln. Nur schaute er auf einmal auf. Er blickte aber nicht zu mir, sondern fixierte starr die Rolltreppe. Irritiert folgte ich seinem Blick und sah ein paar Männer vom oberen Stockwerk kommen, die sich mühsam einen Weg durch die Menschen erdrängelten. Irgendwie kamen mir die Kerle so vor, als wären sie aus einem Men in Black Film entsprungen. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Sonnenbrille. Nur die schwarzen Handschuhe, die sie trugen, passten nicht wirklich dazu.

„Da ist er.“, rief einer der Typen seinen Leuten zu, worauf der Junge vor mir aufsprang, sich umdrehte und nach vorne stürzte. Genau in meine Arme.

„Man, was soll denn das?“, blaffte ich ihn an. Dann hob der Kleine seinen Kopf und blickte mir direkt in die Augen.

Wow. Das war das einzige, was mir in diesem Augenblick einfiel. Er hatte ein Gesicht wie ein Engel. Volle Lippen, leicht hohe Wangenknochen, blasse Haut, lange Wimpern und diese Augen. So eine Farbe hatte ich bisher noch nie gesehen. Sie schimmerten in einem hellen Braun, an manchen Stellen sogar in dunkelsandigem Gelb. Keine Ahnung wie lange wir so dastanden, aber mir kam es wie eine kleine Ewigkeit vor. Nicht mehr Herr über meinen Körper lockerte ich meinen Griff um die Oberarme des Jungen, den ich vorher so von mir geschobenen hatte, um ihn noch besser anschauen zu können.

„Gleich haben wir dich, Freundchen!“, drang die siegessichere Stimme eines der Typen in schwarz zu mir vor, worauf der Junge sich gehetzt umsah und dann wieder zu mir zurück blickte.

„Ich mach’s wieder gut, versprochen.“, sagte mein Engel, riss sich von mir los und lief davon. Total verwirrt starrte ich ihm hinterher, bis ihn die Menschenmenge endgültig verschluckte.

Die Männer in den Anzügen stürzten dem Jungen nach, ohne auch nur die geringste Notiz von mir oder das Durcheinander um mich herum zu nehmen. Ich stand nur da wie bestellt und nicht abgeholt und war zu keiner Bewegung fähig.

Wenig später merkte ich, wie meine Mom mir fachkundig das Gesicht, besonders meine Beule an der Stirn, abtastete und besorgt auf mich einredete. Einige Aufseher der Passage kamen uns endlich zur Hilfe, schleppten die Tüten und Kartons zum Auto meiner Mutter und mich zum Erste-Hilfe-Zimmer. Nach einer halben Stunde durfte ich es wieder verlassen und meine Mom brachte mich erstmal nach Hause.

Sie machte sich tierische Vorwürfe, weil sie mich viel zu sehr belastet hatte und entschuldigte sich am laufenden Band bei mir. Ich war noch nicht mal fähig, dem was entgegen zu setzen. Nicht, weil mich meine Mutter ja wirklich als Schwertransporter missbraucht hatte, eher weil ich die Augen meines Engels einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam.

Meiner Mom half ich noch die ganzen Pakete und Tüten in unsere Wohnung im Dachgeschoss zu schaffen (zum Glück gab es einen Fahrstuhl), dann schnappte ich mir eins der Kühlkissen, die, durch den Sport, den meine Schwester betrieb, immer vorrätig im Kühlschrank lagen und verkroch mich auf mein Zimmer. Ich warf mich auf mein Bett, angelte die Fernbedienung meiner Musikanlage und ließ die CD anlaufen, die gerade im Player lag. Sanft erklangen die ersten Töne, wurden schneller und von Zeit zu Zeit auch etwas härter. Ich legte das Kühlkissen auf meine Stirn, schloss die Augen und lauschte den Liedern von Schandmaul.

Die Welt um mich herum verschwand, einzig die Musik existierte noch. Und wieder tauchte der Junge vor mir auf mit dem Gesicht eines Engels. Ich merkte, wie ich immer weiter ab triftete und mich dann der Schlaf einholte. Erst durch ein Klopfen wachte ich später wieder auf. Meine Mom steckte ihren Kopf durch die Tür und schaute mich besorgt an.

„Darf ich rein kommen?“

„Klar.“, antwortete ich verschlafen.

„Na wie geht’s dir mein Schatz? Tut es noch sehr weh?“, fragte sie und reichte mir ein neues Kühlkissen.

„Nö, geht schon.“, meinte ich und gab ihr das Alte.

„Alex, das mit heute Nachmittag…“, setzte sie reumütig an.

„Lass mal. Dafür kannst du doch nichts.“

„Ach ich hätte einfach besser aufpassen müssen. Es ist jedes Jahr das Gleiche um diese Zeit. Weißt du, erst meine Arbeit, dann der Stress wegen den Geschenken und der Haushalt macht sich auch nicht von alleine.“

„Mom, jetzt bleib aber mal ganz ruhig. Wenn du irgendwie Hilfe brauchst wegen Wohnung und so, du weißt, dass Sahra und ich dir gerne helfen. Du musst nur sagen, was wir machen sollen.“

„Ach Schatz, ich weiß doch, aber manches mach ich doch lieber selbst.“

„Stimmt, meine Schwester würde ich auch nicht freiwillig an den Herd lassen.“, kicherte ich, worauf mich meine Mom gespielt mahnend anschaute.

„Ehrlich gesagt war ich richtig froh, Alex, als du die schlechte Note mit nach Hause gebracht hast. Da dein Vater durch seine Arbeit erst kurz vor Weihnachten nach Hause kommt, brauchte ich jemanden, der mir bei den Einkäufen hilft. So fiel mir die Entscheidung zwischen meinen beiden Schätzen nicht so schwer.“

„Na toll.“, meinte ich äußerst begeistert, konnte mir ein Grinsen aber nicht verkneifen. „Mom, ich glaube du solltest einfach lernen, dich zu entspannen. Die Läden in der Passage auf dem Hauptbahnhof haben bis 22 Uhr geöffnet und glaube mir, gerade zu Weihnachten hat jedes Geschäft genug Zeugs auf Lager. Wieso also hektisch werden?“

„Schatz, ich glaube du verstehst nicht ganz recht. Dein Vater und ich haben unser Weihnachtsgeld erhalten, was gerade bei Michael nicht wenig ist. Und dann bekomme ich seine Kreditkarte in die Hand gedrückt. Zeig mir bitte auch nur eine Frau, die da ruhig bleiben kann! Ein Stück müsstest du dass doch auch verstehen, oder?“, sagte sie lachend und zwinkerte mir zu.

„Mom, bitte nicht schon wieder dieses Klischee. Ich bin schwul und keine Frau – zum Glück! So was Komisches wie ne feminine Seite hab ich nicht.“

„Das stimmt.“, lachte meine Mutter und wuschelte mir durchs Haar. „Mach dich kurz frisch mein Schatz. Das Abendbrot ist gleich fertig.“, sagte sie und drückte mir nen Kuss auf die Stirn. Dann stand sie auf und ging zur Tür.

„Du, Mom?“

„Hm?“

„Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch mein Schatz.“

Kurz fiel ich wieder aufs Bett zurück und kuschelte mich in mein Kissen. Vielleicht lag es an Weihnachten, der festlichen Stimmung oder einfach nur daran, dass ich zur Zeit verdammt sentimental war. Auf jeden Fall wurde mir in diesem Moment wieder mal bewusst, was ich für ne richtig schöne Familie hatte. O.K. Vielleicht waren wir alle ein wenig durchgeknallt, aber gerade das gefiel mir.

Mein Vater zum Beispiel ist leidenschaftlicher Soldat bei der Bundeswehr. Deshalb war er auch zur Zeit nicht zu Hause, da er mit irgendwelchen Neulingen ne Übung mitten in der Pampa durchführte. Meine Mom ist Direktorin einer Mittelschule und hatte somit nicht viel weniger Arbeit. Aber sie liebte ihren Job, auch wenn die Kids ihrer Meinung nach immer schlimmer wurden und kaum einer ne Zukunftsperspektive hat. Denen schien es egal zu sein, ob sie später eine Lehrstelle bekommen würden oder nicht. Die meisten wussten noch nicht einmal, welchen Beruf sie mal erlernen wollten. Eigentlich voll traurig.

Und meine kleine große Schwester? Sie war ein Unikat. Klein groß deshalb, weil sie einen Kopf kleiner, aber anderthalb Jahre älter war als ich. Sie machte gerade so ne bürotechnische Lehre und nicht wie ich Gymnasium. Irgendwas hat sie danach noch vor, aber was genau verriet sie keinem. Was sie zum Unikat machte? Na ja, dazu gab es viele Argumente, doch eines war das, dass sie dem Anschein nach Schmerz liebte. Sonst würde sie nie freiwillig zum Kampfsporttraining gehen.

Der einzige, der halbwegs normal war, war ich. O.K., ich war schwul, aber so unnormal ist das nun auch wieder nicht. Vor über einem Jahr hatte ich mich bei meiner Familie geoutet. Die Reaktionen waren recht unterschiedlich. Meine Schwester zum Beispiel fragte fast im gleichen Atemzug was es zum Mittag gab (verfressene Göre). Meine Mom holte den Whisky und zwei Gläser, nahm nen kräftigen Schluck aus ihrem Glas und sagte streng zu meiner Schwester, dass der Fortbestand unserer Familie nun allein in ihre Hände fallen würde. Dann stand sie auf und nahm mich in ihre Arme. Sie hat nichts gesagt, hat mich einfach nur gedrückt und später ganz leise „Ich liebe dich“ geflüstert.

Für meinen Vater war es allerdings nicht so einfach. Er fragte mich ein paar Mal, ob ich mir auch wirklich sicher sei und das nicht nur ne Phase war. Aber dann, nachdem er schon zwei Gläser auf Ex getrunken hatte, meint er, dass er sich zwar erst dran gewöhnen müsste, aber ich immer sein Sohn bleiben würde, egal was noch passiert. Als sich dann alle beruhigt hatten, warf ich noch in den Raum, dass ich in jedem Fall trotzdem noch meinen Wehrdienst leisten und niemals Zivi machen würde, worauf mein Vater nur meinte, dass das ihm gerade noch gefehlt hätte. Dann fingen wir alle laut an zu lachen und gingen, zur Freude meiner Schwester, in die Küche um endlich Mittag zu essen.

Meine Familie war eindeutig die Beste, die ein Junge wie ich sich wünschen konnte.

„Alex kommst du endlich? Das Abendbrot ist schon lange fertig und ich hab Hunger.“, holte mich meine genervt klingende Schwester aus meinen Gedanken.

„Du hast immer Hunger.“, rief ich ihr hinterher, stand auf und lief fix ins Bad, um mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen und meine Haare zu richten. Ich wollte sie mir etwas länger wachsen lassen, aber nun wuselten die wie Zotteln auf meinem Kopf und mochten nicht so liegen bleiben, wie ich es wünschte.

„Das hilft eh nichts.“, drang die belustigte Stimme meiner Schwester zu mir. Sie hatte sich lässig gegen den Türrahmen gelehnt und grinste mich schelmisch an.

„Danke für die Blumen.“

„Bütte bütte. Nu komm. Mutti hat frisches Gehacktes gekauft.“

„Sag mal, kannst du auch an was anderes denken, als ständig ans Futtern?“

„Klar, an meinen Schatz zum Beispiel. Der sitzt übrigens unten mit Mutti am Tisch und beide warten nur auf uns.“

„Dennis ist da? Cool. Na jut, dann lass uns mal runter gehen. Aber warte mal. Meine Haare hängen mir ständig im Gesicht. Hast du ne Idee?“

„Außer abschneiden? Nimm nen Tuch, falte es schmal zusammen und binde es dir als Kopfband um. Du gehst ja eh so in die Bikerrichtung von den Klamotten her. Da passt das ganz gut. Ich kann dir nen Schwarzes von mir leihen, aber lass uns erstmal essen.“

Nach einen gestöhnten „O.K.“ von mir, gingen wir also in die Küche, damit meine Schwester endlich ihrer Sucht nachgehen konnte. Natürlich wurde am Tisch der Tratsch des Tages ausgetauscht und so bekamen Sahra und ihr Freund brüh warm von meiner Mom erzählt, was heute alles beim Einkaufen passiert war. Meine Schwester verschluckte sich ein paar Mal beim Kichern, was dann wenigstens für mich zum Lachen war.

„Sag mal Alex, was hast du eigentlich mit dem Typen gemacht, der dich übern Haufen gerannt hat?“, fragte Dennis, als wir soweit mit Essen fertig waren und nur noch an unseren Gläsern mit Wein nippten, den meine Mom zum Abendbrot ausgeschenkt hatte.

„Ich hab ihn angeschnauzt, aber der Kerl reagierte überhaupt nicht. Drum bin ich zu ihm hin und wollte ihn mir vorknöpfen. Doch dann kamen solche Männer in schwarzen Anzügen. Echt, das war wie im Film. Der eine Typ rief zum anderen ‚Da ist er’ und zeigte auf den Jungen vor mir. Der schien voll die Panik zu bekommen und stürmte nach vorne, direkt in meine Arme.“

„So unglücklich scheinst du darüber aber nicht zu sein.“, sagte meine Schwester und schaute mich prüfend von der Seite an.

Ich bekam nur ein geseufztes ‚Hm’ raus und musste wieder an meinen Engel denken.

„Oh je, ich glaube, da hat es jemanden voll erwischt.“, stichelte Sahra und grinste mich breit an.

„Ach ich weiß auch nicht. Aber seine Augen… Er sah so traurig aus.“

„Wenn ich dich so anschau, möchte ich auch noch mal jung sein.“, meinte meine Mutter, stand auf und räumte in Ruhe den Tisch ab.

„Nichts is, Mutti, deine Zeit ist vorbei.“, neckte Sahra.

„Na vielen Dank aber auch.“

„Bütte.“

Beide Frauen lächelten sich an, bis meine Mom zu ihrer Tochter sprang und sie ordentlich durchkitzelte. Dennis und ich gingen indes zur Dachterrasse, um eine zu rauchen. Ich leistete also meinem Schwager in Spee nur Gesellschaft, da ich nicht so viel von den Glimmstängeln hielt. Meine Schwester bettelte uns zwar um Hilfe an, aber wenn sich zwei Frauen „bekriegen“, war es gesünder als Mann sich dort nicht reinzuhängen. An diesem Abend verkroch ich mich recht früh ins Bett. Der verrückte Freitag, meine Beule am Kopf und der halbtrockene Wein zum Essen hatten mich so ziemlich zermürbt.

Am nächsten Morgen wachte ich total zerstört auf. Mein Engel hatte mich im meinen Träumen heimgesucht, nur wurde er wieder von den Männern in schwarz verfolgt. Diesmal hatten die Typen ihn geschnappt und schlugen ihn zusammen. Irgendetwas warfen sie ihm vor, was, konnte ich aber nicht hören. Der einzige Laut, der zu mir drangen, war das schmerzhaft klingende Stöhnen des Jungen, wenn die Kerle auf ihn einschlugen. Um von diesen Bildern loszukommen, ging ich ins Bad und stellte mich unter die Dusche. Zuerst schaltete ich das Wasser auf kalt, damit ich erstmal richtig wach wurde. Danach drehte ich es auf schön warm, fast heiß, schloss meine Augen und genoss das friedliche Geplätscher um mich herum. Kaum hatte ich mich etwas entspannt, tauchte sein Gesicht vor mir auf.

‚Ich mach’s wieder gut, versprochen.’ Stimmt, das hatte er gesagt, bevor er weg gerannt war. Nachdenklich kletterte ich aus der Dusche, trocknete mich ab und lief wieder in mein Zimmer um mich anzuziehen.

„Alex, bist du schon munter?“, hörte ich meine Schwester vor meiner Tür fragen.

„Jup, bin ich.“

„Gut ich mach mir gerade nen Cappu. Magst du auch einen?“

„Ja gerne, bin gleich unten.“

„Alles klar.“

Als ich dann endlich Klamotten nach meiner derzeitigen Stimmung gefunden hatte, trabte ich in die Küche und ließ mich auf einen Stuhl fallen.

„Na Kleiner.“, begrüßte mich Sahra und reichte mir den Cappuccino.

„Na Große.“, grinste ich zurück und bedankte mich artig für die Tasse.

„Wo ist denn Dennis abgeblieben?“, fragte ich sie nach einer Weile der Stille.

„Er wollte noch irgendwas besorgen.“

„Ahso.“, meinte ich verwundert, da die Beiden vor zehn Uhr eigentlich nie aus dem Bett zu kriegen waren. Jetzt war es erst kurz vor neun.

„Morgen ihr Beiden.“

„Morgen Mom.“, antworteten Sahra und ich gleichzeitig auf die Begrüßung unserer Mutter.

„So früh schon munter? Entschuldigt, aber ich habe es eilig. Ich treffe mich nachher mit einer Freundin in der Stadt und will vorher auf dem Bahnhof noch ein paar Kleinigkeiten besorgen. Das Mittagessen steht ihm Kühlschrank. Wenn ihr Hunger habt, macht es euch in der Mikrowelle warm. Für Dennis ist natürlich auch genug da. Seid brav und stellt keinen Unsinn an, O.K. Bis heute Abend, ja.“, quasselte meine Mom, drückte jedem von uns einen Kuss auf die Wange und lief dann in den Flur, um sich ihre Schuhe anzuziehen.

„Warte mal. Ich komme mit und helfe dir beim Tragen.“, rief ich ihr hinterher und sprang auf. Im Flur angekommen, fand ich meine Mutter vor, wie sie gerade dabei war, sich ihre Handschuhe drüber zu streifen, jedoch mitten in der Bewegung inne hielt und mich mit großen Augen anstarrte.

„Oh je, ich glaube der Schlag gegen deinen Kopf gestern zeigt langsam seine Nachwirkungen.“, sagte sie besorgt, legte ihre Handschuhe beiseite, kam auf mich zu und prüfte, ob ich Fieber hätte. „Oder haben vielleicht Aliens meinen Sohn entführt und vor mir steht nur eine billige Kopie. Wenn ja, gebt ihn mir wieder. Mein Jüngster ist eh zu nichts nutze!“

„Mom!“ Manchmal glaube ich echt, dass sie sich zu viele Science-Fiction-Filme eingezogen hat.

Meine herzallerliebste Schwester zerkringelte sich hinter mir zu Tode, bis sie sich etwas beruhigt hatte, zu mir trat und ihren Arm um meine Schulter legte. Na, eigentlich legte sie nur eine Hand auf meine linke Schulter, da sie ja viel zu klein war.

„Ich glaube nicht Mutti, dass Alex mit dir mitkommt um dir zu helfen.“

„Hm?“ Verwirrt schaute meine Mom abwechseln zu mir und Sahra. Dann auf einmal fing sie an zu verstehen, denn ein wissendes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Ach so ist das. Na dann beeil dich mal. Ich will nicht zu spät kommen“, lachte sie und deutete auf mein T-Shirt, damit ich mir was Wärmeres anzog.

Wenige Augenblicke später saß ich neben ihr im Auto und sie steuerte souverän das Fahrzeug durch die Straßen. Ich wurde immer nervöser, je näher wir dem Bahnhof kamen und verfluchte jede rote Ampel. Dummer Weise war die Innenstadt die reinste Baustelle, da gerade ein Citytunnel gebaut wurde. In diesem würde später eine U-Bahn fahren, die zu den wichtigsten Punkten der Stadt führen sollte. Ihr könnt euch vorstellen, was das für ein Chaos auf den Straßen war, zum Samstag zwei Wochen vor Weihnachten.

Als wir uns dann endlich durch die ganzen Ausstädter und diversen Baustellenfahrzeugen gezwängt hatten, parkte meine Mutter das Auto im Parkdeck, welches neben dem Hauptbahnhof stand. Dann liefen wir zusammen zu den Einkaufspassagen, die an den Gleisen des Bahnhofes grenzten. Zwar wurde sie wieder etwas hektisch, aber diesmal trug sie sogar ein paar Tüten selbst. Ja, auch Mütter sind lernfähig.

Nach gut zwei Stunden gingen wir beide wieder zum Auto und verstauten die neuen Errungenschaften meiner Mom. Danach schlenderten wir noch gemeinsam zurück zu der Passage. Meine Mutter blieb davor stehen, drehte sich zu mir um, drückte mir einen Kuss auf die Wange und einen Zwanzig-Euroschein in meine Hand.

„Danke, dass du mir geholfen hast mein Schatz. Geh und hol dir was zum Mittag. Und mach keinen Blödsinn, O.K.?“, sagte sie und rieb mit den Fingern über meine Wange, um den Lippenstift davon abzuwischen.

„Mooom.“

„Ja ja, schon gut. Ich hör schon auf. Viel Glück.“, verabschiedete sie sich, worauf ich ein leises, nicht gerade siegessicheres ‚Danke’ erwiderte.

Sie ging Richtung Innenstadt davon und ich durchquerte die schwere Tür des Bahnhofes. Die Passage verlief über drei Etagen. Ganz oben waren MC Doof, ein paar Zeitungsläden und die Zuggleise, in der Mitte überwiegend Mampfbuden und unten Klamotten- und Schuhläden. Ich holte mir was Kleines vom Bäcker und durchkämmte in Ruhe alle drei Stockwerke. Leider fand ich nicht das, wonach ich suchte.

Nach gut zwei Stunden sinnlosen Rumgelaufe, setzte ich mich frustriert auf eine Bank, stützte meine Arme auf meine Beine und fuhr mir durch die Haare. Wie kam ich auch nur auf die dumme Idee, dass ich ihn hier wieder treffen würde, oder dass er sein Versprechen hielt??? Ich fing an, die Leute zu beobachten, die von der oberen Etage kamen und fröhlich miteinander schwatzten. Lustiger Weise bemerkte ich erst jetzt, dass ich genau an dem Ort saß, wo ich ihm das erste Mal begegnet war. Innerlich musste ich über mich selbst lachen.

Dann fielen mir wieder die Männer in schwarz ein. Warum hatten die es auf ihn abgesehen? Waren das vielleicht Ladendetektive und der Kleine hatte einfach nur was geklaut? Nein, dafür sahen diese Typen zu… zu professionell aus. Keine Ahnung warum, aber wenn ich an diese Männer dachte, krampfte sich mein Magen zusammen.

Hhm, das konnte vielleicht auch daran liegen, dass ich tierischen Hunger hatte, denn mein Bauch machte sich durch ein lautes Knurren bemerkbar. Kurz wuschelte ich mir noch mal selbst durchs Haar, dann stand ich auf, um zur nächsten Mampfbude zu gehen. Nur war ich diesmal derjenige, der keine Augen im Kopf hatte bzw. mit den Gedanken alles andere als hier war, denn kaum das ich stand, landete ich wieder auf meinen Allerwertesten. Ich war doch tatsächlich mit jemandem zusammen gestoßen und das nicht gerade sanft.

„Shit. Oh man. Hey tut mir echt leid. Irgendwie hab ich nicht aufgepasst.“, stammelte ich, rieb mir meine Stirn und versuchte die Sterne vor mir wegzublinzeln.

„So sind wir wenigstens quitt.“, meinte mein Gegenüber, richtete sich auf und reichte mir seine Hand, um mir aufzuhelfen.

Aber anstatt sie zu ergreifen saß ich nur weiter auf den Boden und starrte ihn mit offenen Mund an. Mein Engel. Vor mir stand wirklich mein Engel und grinste mich schüchtern an. Ich war wie geplättete. Wie kann man nur so schnuckelig ausschauen?

„Hey, alles klar bei dir?“, fragte er mich, doch nur ganz langsam verstand ich den Sinn seiner Worte.

„Ehm… ja klar. Sorry, ich glaub mich hat es doch härter getroffen als ich dachte.“, sagte ich, ergriff seine Hand und wurde von ihm hochgezogen. Der Kleine schien richtig Kraft zu haben, bemerkte ich und wurde noch viel neugieriger, was wohl hinter der legeren Hose und dem Kapuzenpullover steckte.

„Am Kopf?“, fragte er wieder besorgt und musterte meine Stirn.

„Auch.“ Shit, was laber ich hier nur?

„Du wegen gestern. Das tut mir echt leid. Ich hoffe, du hattest wegen mir nicht all zu viel Stress.“

Hm, entweder hat’s er nicht mitbekommen oder übergeht das Ganze äußerst clever.

„Na ja, ging so.“, erwiderte ich und sah, wie er mich reumütig anschaute. Er hatte zwar die Kapuze wieder über seinen Kopf gezogen, aber seine Augen leuchteten dermaßen, dass ich darin hätte versinken können. Ich konnte meinen Blick einfach nicht vom ihm abwenden, wie er so niedlich nervös an seinem Pullover zupfte.

„Ich bin übrigens Alex.“, sagte ich und reichte ihm meine Hand, die er sichtlich erleichtert ergriff.

„Keyl. Frag nicht erst. Meine Mutter war bestimmt nicht ganz bei Verstand, als sie mir den Namen verpasst hat.“, meinte er auf meinen fragenden Blick, worauf ich mitfühlenden grinste.

„Du, hast du etwas Zeit? Wir könnten uns nen Burger bei Meggens holen oder so.“, fragte ich und versuchte obercool und locker zu wirken. Er senkte nur traurig seinen Kopf und antwortete kleinlaut, dass er total pleite sei. „Was soll’s, dann lad ich dich halt ein.“

„Ne lass mal, ich hab was gutzumachen, nicht du.“, stotterte er bedrückt.

„Lass stecken. Meine Mom hat mir ein bisschen Kohle in die Hand gedrückt, weil sie wegen gestern ein schlechtes Gewissen hat. Also geht das Essen eh auf sie. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich aber lieber zum Chinesen gehen. Auf Burgers hab ich ehrlich gesagt keine Lust.“, lachte ich ihn an.

„Ich weiß nicht. Ist das wirklich O.K.?“

„Klar, wenn du Hunger hast schon“, sagte ich, worauf wie bestellt sein Magen knurrte.

Beide schauten wir uns an und unser Grinsen wurde immer breiter. Zusammen schlenderten wir zu meinem Lieblingschinesen und bestellten uns einen Tee und eine extra große Portion gebratene Ente mit Reis. So saßen wir also in der hintersten Ecke des Lokals und schlürften an unserem Heißgetränk. Ein Gesprächsthema zu finden war nicht schwer. Irgendwie lagen wir auf einer Wellenlänge. Wir redeten über die bescheuerten Baustellen, über die Stadt, über Musik, das Essen, einfach über alles. Viel über sich selbst allerdings erzählte er nicht. Ich wusste, dass er durch den Job seiner Mutter viel von eine in die andere Stadt zog, dass er noch nicht lange hier war, jedoch das Chaos ihm irgendwie gefiel.

Nach einer Weile kam dann endlich das heiß ersehnte Essen, doch als ich mir meine Gabel schnappte um los legen zu können, tat mein Gegenüber etwas total Unerwartetes. Er schob seine Kapuze vom Kopf. Einmal mehr war ich der Überzeugung, dass ich einem Engel gegenüber saß. Er hatte langes, richtig dunkelbraunes, volles Haar, welches er locker nach hinten zusammen gebunden hatte. Einige Strähnen hingen ihm wirr vom Kopf ab, was ihm eine gewisse Wildheit verlieh.

„Sieht’s denn so schlimm aus?“, holte mich Keyl aus meinen Gedanken.

„Ehm. Nein nein. Ich ehm… finde… ehm… es sieht gut aus.“, stotterte ich und wurde bei jeden Wort immer leiser. Mein Gesicht fing unangenehm zu prickeln an, was nur bedeutete, dass ich übel rot anlief. Nervös drehte ich die Gabel zwischen meinen Fingern und wagte es, ihm vorsichtig in die Augen zu schauen. Er grinste mich nur breit an.

„Gut, da bin ich echt beruhigt.“, sagte er, griff nach seinen Stäbchen und fing an zu essen.

Unheimlich geschickt angelte er sich Stücken der Ente, Gemüse oder Reis und ließ diese in seinem Mund verschwinden. Irgendwie schien mir mein Engel richtig ausgehungert zu sein, denn von Bissen zu Bissen wurden seine Bewegungen immer schneller, bis er das Essen halb verschlang. Über meine Beobachtung hinweg vergaß ich fast selbst zu essen, besann mich wieder und fing endlich auch an.

Als ich zum größten Teil meinen Hunger gestillt hatte, schaute ich zu Keyl rüber. Er war schon länger fertig, hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und schien mich zu beobachten. Verlegen senkte er seine Augen, als sich unsere Blicken trafen und fing an, mit seinen Stäbchen zu spielen. Gott sah das niedlich aus.

„Du kannst ja mit diesen Teilen umgehen.“, bemerkte ich und deutete auf die Essstäbchen.

„Eigentlich ist es ganz einfach. Willst du es mal probieren?“

„Klar, wenn du mir zeigst, wie es funktioniert.“

„Gerne.“, lächelte mein Engel mich an und reichte mir seine Stäbchen.

„Also, den tust du hier so auf den Zeigefingern und den Anderen dorthin. Nein nicht so.“, sagte Keyl und versuchte mir zu erklären wo was hingehörte.

Da ich mich aber heidendämlich anstellte, verlor er bald die Geduld, beugte sich zu mir rüber, griff nach meiner Hand und legte die Stäbchen ungefähr so zurecht, dass ich sie benutzen konnte. Nur konnte ich mich ab jetzt überhaupt nicht mehr konzentrieren. Seine schlanken Finger, die mich so sanft berührten, machten mich irre. Nach einer Weiler hatte ich – welch ein Wunder – es doch noch geschafft, die Stäbchen richtig zu bewegen und sogar ein Gemüsestückchen in meinen Mund zu stopfen. Keyl war die ganze Zeit nur am Lachen, weil ich manche Stücke genau in die Soßen fallen ließ und einige Spritzer direkt in meinem Gesicht landeten.

„Los komm, lass uns noch irgendwo anders nen Eis essen. Ich hab Bock auf was Süßes zum Nachtisch.“, sagte ich später und schaute mich nach der Bedienung um, um zu bezahlen. Mein Engel aber blickte mich nur unsicher an. „Du machst dir wohl doch nicht schon wieder nen Kopf ums Geld? Ich sagte doch, dass meine Mom spendabel war. Außerdem gehen wir eh zu Mc Doof. Die haben dort das beste Eis mit warmer Karamellsoße und das kostet gerade mal ein Euro.“

„Ich will dir aber nicht zu sehr auf der Tasche hängen.“

„Tust du nicht. Wenn dem so wäre, hätte ich es dir schon längst gesagt. Ich bin in dieser Hinsicht recht ehrlich. Das gefällt zwar nicht jedem, aber ich find das besser so.“

„O.K.“, meinte Keyl schüchtern und sah dabei wieder zum Anbeißen lecker aus.

Endlich kam die Bedienung an unseren Tisch und ich bezahlte unser Essen. Danach liefen wir nach oben, kauften das besagte Eis und schlenderten zu den Bahngleisen. Mein Engel sah richtig süß aus, wie er das Eis genüsslich löffelte, als hätte er so was noch nie gegessen. Wir setzten uns auf eine Bank vor irgendein Gleis und beobachteten die eintreffenden Züge, die Menschen, die aus denen hinausströmten und die, die einstiegen.

„Irgendwann mal fahr ich auch mit so einem Zug.“, sagte Keyl nach einer Weile träumerisch und lehnte sich so zurück, dass sein Kopf auf der Lehne der Bank lag. Ich glich mich seiner Position an und rückte so – hoffentlich auffällig, unauffällig – noch ein Stück näher zu ihm.

„Du bist noch nie mit nem Zug gefahren?“, fragte ich leise verwundert.

„Noch nie. Meine Mom meint, es sei zu gefährlich.“

„Und was sagt dein Dad dazu?“

„Keine Ahnung. Ich kenn ihn nicht.“

„Oh, entschuldige.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Wenn, dann müsste das schon meine Mom machen.“

„Bist du deshalb von zu Hause weggelaufen?“ Verwundert drehte er seinen Kopf zu mir und blickte mich mit großen Augen an. „Komm schon Keyl. Du warst vorhin total ausgehungert, als hättest du Tage nichts mehr Richtiges zwischen die Zähne bekommen. Außerdem versteckst du dein Gesicht ständig unter dieser doofen Kapuze, damit dich ja keiner erkennt. Dabei kannst du dich echt blicken lassen. Die Typen, die gestern hinter dir her gewesen sind, waren entweder viel zu gut gekleidete Ladendetektive, oder, wenn deine Mom zu viel Kohle hat, von ihr angeheuerte Kinderfänger, um dich zurück zu holen.“

Ich drehte nun auch meinen Kopf zu ihm und schaute ihn triumphierend an. Würde ich noch einen Zentimeter näher rücken, würden sich glatt unsere Nasenspitzen berühren. Mein Engel wirkte auf einmal traurig und schien irgendwie mit sich zu kämpfen.

„Zum Teil hast du Recht. Alex, gib mir bitte etwas Zeit. Ich muss mir erstmal über einiges klar werden.“, sagte er und schaute mich ängstlich an.

„Man Keyl, bleib locker.“, erwiderte ich sanft. „Wir sind Freunde und du kannst mir alles erzählen. Und zwar dann, wenn DU bereit dafür bist. O.K.?“

„Freunde?“, hauchte er ungläubig.

„Ich dachte zumindest… ich meine ich…“, stotterte ich unsicher werdend.

„Freunde.“, grinste auf einmal mein Engel überglücklich, was mich wieder beruhigte.

Beide saßen wir wieder schweigend da und beobachteten einigen Tauben, die sich nach drinnen verirrt hatten. Nur das lästige Klingeln eines Telefons durchbrach die angenehme Stille. Keyl suchte kurz in den Seitentaschen seiner Hose, bis er den Unruhestifter fand. Besorgt schaute er auf das Display, klickte den Anruf weg und musterte aufmerksam die Umgebung.

„Was ist los?“

„Nichts, nur das übliche. Du, es tut mir wirklich leid, aber ich muss weg.“, sagte mein Engel nervös und sprang auf. „Danke für den schönen Tag. Es hat echt Spaß gemacht.“ Verlegen und traurig zu gleich sah er mich an und ich wurde weich wie Butter, die zu lange in der Sonne gelegen hatte.

„Also wenn dir das schon Spaß gemacht hat, dann warte erstmal morgen ab.“

„Morgen?“

„Na, wir sehen uns doch wieder, oder?“, fragte ich unsicher. Keyl schien kurz zu überlegen, dann lächelte er.

„Um zwei Uhr an dem Ort, wo wir das erste Mal aufeinander getroffen sind.“

„Wortwörtlich.“, lachte ich und rieb demonstrativ meine Stirn. „Ich werde da sein.“

„Schön, also dann bis morgen.“, verabschiedete sich mein Engel und strahlte mich mit seinen gelb-braunen Augen umwerfend an.

„Bis morgen.“, hauchte ich und sah, wie Keyl sich in Bewegung setzte.

„Ich freu mich.“, rief ich ihm noch hinterher, als er schon ein ganzes Stück weg war. Fast glaubte ich, dass er es nicht gehört hatte, doch dann drehte er sich zu mir um und rief zurück: „Ich auch!“, ging noch ein paar Schritte rückwärts, hob seine Hand zum Abschied, wandte sich dann wieder nach vorn und war hinter der nächsten Werbetafel verschwunden.

Tief seufzend begab ich mich langsam auf den Heimweg. Verträumt saß ich in der Straßenbahn und dachte die ganze Zeit an meinen Engel. ‚Shit, ich hab mir noch nicht mal seine Handynummer geben lassen. Und was hatte ich eigentlich für nen Blödsinn gelabert. Von wegen ich freu mich. Das war ja wohl mega peinlich und auch eindeutig, oder? Aber er freut sich auch, hat er gesagt, oder hat er nur aus Höflichkeit geantwortet?’ Ich zermarterte mir dermaßen den Kopf darüber, dass ich fast meine Haltestelle verpasst hätte und mich nur mit einem Sprung noch aus der Bahn retten konnte.

Zu Hause angekommen verkroch ich mich in mein Zimmer, schaltete meine Musikanlage ein und lauschte den wohligen Klängen von Sub7even, währenddessen ich auf dem Bett lag und an nichts anderes als an meinen Engel denken konnte. Gegen halb Acht rief meine Mom zum Abendbrot und ich tapste in die Küche. Irgendwie hatte ich aber überhaupt keinen Hunger, knabberte die ganze Zeit an einer Schnitte und starrte Löcher in die Luft.

„Ich glaube Mutti, er hat ihn wieder getroffen und diesmal war der Zusammenstoß um einiges heftiger.“, stichelte meine Schwester. Meiner Mutter allerdings bekam große Augen und fing an zu stottern:

„Du meinst die Beiden hatten… sie haben miteinander…“

„Oh Gott, Mutti hör bloß auf. So was will ich mir bei meinem kleinen Bruder gar nicht vorstellen! Außerdem meinte ich nur, dass sich Alex Hals über Kopf in den Jungen verknallt hat.“, unterbrach Sahra sie und schaute empört zu ihr rüber.

„Oh, O.K., gut.“, erwiderte meine Mom und blickte nicht ganz so überzeugt zu mir hinüber. Ich seufzte nur und nahm nicht wirklich das wahr, über was oder wen sich die Frauen unterhielten.

„Hallo Alex, bist du anwesend?“, fragte meine Schwester und schnippte mit den Fingern vor meinem Gesicht.

„Hm?“, mit gerunzelter Stirn schaute ich zu ihr.

„Oh je. Das sieht äußerst schlimm aus. Wann trefft ihr euch denn wieder?“

„Morgen, um zwei Uhr auf dem Bahnhof.“, sagte ich leise, legte meine halb angeknabberte Schnitte auf den Teller und stand auf. „Sorry Mom, aber ich hab keinen Hunger. Bin dann in meinem Zimmer.“

Ich sah noch, wie Sahra und meine Mutter sich seltsam anschauten, dann ging ich aus der Küche, stellte in meinem Zimmer die Musik wieder an und kuschelte mich ins Bett. Von Schlafen konnte allerdings überhaupt keine Rede sein. Schließlich schwirrte er mir ständig durch meinen Kopf und ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Gegen späten Abend klopfte meine Schwester an die Tür und setzte sich neben mich auf meinen Bett, als ich sie herein gebeten hatte. Sie fragte mich ein wenig über den Tag aus und nur zu gerne erzählte ich ihr mein Erlebnis. So konnte ich noch mal alles Revue laufen lassen und mit jemandem meine Sorgen teilen. Sahra hörte geduldig zu, kicherte sogar einige Male und lächelte mich zum Schluss liebevoll an.

„Nur Mut Alex. Er mag dich, ganz bestimmt.“, machte sie mir Hoffnung und gab mir nen Kuss auf die Stirn. „Mutti hat dir ein paar Schnittchen gemacht. Die liegen auf einem Teller im Kühlschrank, falls du heute Nacht Hunger bekommen solltest.“, zwinkerte mir meine Schwester zu, wünschte dann eine gute Nacht und ging aus dem Zimmer. Mütter und Schwestern sind echt die seltsamsten Wesen, die es gibt. Da ich überhaupt nicht schlafen konnte, stand ich wirklich mitten in der Nacht auf und lief zum Kühlschrank runter, weil mein Bauch sich lautstark bemerkbar gemacht hatte.

Am nächsten Morgen war ich zum ersten Mal der Erste in der Küche, hatte Kaffee für meine Mom und heißes Wasser für den Cappu meiner Schwester und mich angesetzt und sogar den Frühstückstisch gedeckt. Von meinem Geklapper wurden die beiden Frauen dann auch wach und setzten sich verwundert, teils noch verschlafen an den Tisch.

„Guten Morgen.“, begrüßte ich sie fröhlich.

„Gnaaa, wie kann man zum frühen Morgen schon so munter sein?“, stöhnte Sahra und rieb sich die Augen.

Ich grinste nur weiter vor mich hin und reichte ihr ein frisches Brötchen. Sie lächelte gequält und nahm es dankbar entgegen. Nach dem Frühstück verschwand ich erstmal im Bad, nahm eine kräftige Dusche und putzte mir zum zweiten Mal die Zähne. Dann stand ich vor meinen Kleiderschrank und gleichzeitig vor einem riesigen Problem. Was anziehen? Nach einer guten dreiviertel Stunde entschied ich mich für meine schwarze tarngefleckte BW-Hose und einem Pullover, den ich mal aus dem EMP-Katalog geschenkt bekommen hatte.

Das nächste Desaster waren meine Haare. Ich war nahe dran, die Schere anzusetzen, als die nach einer halben Stunde immer noch nicht so liegen wollten, wie ich es vorhatte.

„Hier.“, unterbrach mich Sahra, die wohl schon eine ganze Zeit im Türrahmen des Bades gestanden haben musste und drückte mir ein schwarzes Tuch in die Hand. Verwirrt blickte ich sie an.

„Pass auf. Du musst es so falten, schau. Dann wird es schmal. Mach dich mal klein! Ich binde es dir gleich um den Kopf.“

Nachdem sie dies getan hatte, zupfte sie noch ein paar Haare an der Stirn über das Tuch und ließ mich dann in den Spiegel schauen. Irgendwie sah ich aus wie eine Mischung zwischen Biker und Grufti.

„Wenn du nicht gerade mein Bruder wärst, könnte ich jetzt schwach werden.“

„Joa, so kann ich mich blicken lassen.“, sagte ich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

„Man sind wir in der letzten Zeit alle sentimental.“, meinte meine Schwester und ging mit mir aus dem Bad.

„Muss wohl an der weihnachtlichen Stimmung liegen.“, erwiderte ich, worauf sie nur anfing zu lachen.

Ich zog mir Schuhe und Jacke über und lief Richtung Haltestelle. Draußen war es sau kalt, deshalb grub ich meine Hände tief in die Jackentasche, nur stieß ich dort auf ein Hindernis. Hervor holte ich meinen MP-3-Player, den ich freudig in Betrieb nahm. Natürlich war ich viel zu früh auf dem Bahnhof und schlenderte deshalb, krampfhaft die Ruhe bewahrend, durch die riesige Eingangshalle.

Es musste gerade ein Zug angekommen sein, denn viele Menschen mit schwer aussehenden Koffern kamen die Treppe herab und liefen Richtung Ausgang. Da kam mir die Idee. Schnell hatte ich mir am Automaten das Gewünschte gezogen, hatte die Zeiten geprüft und ging aufgeregt unserem Treffpunkt entgegen. Es war erst gegen ein Uhr, also noch über eine Stunde Zeit. Ich hoffte irgendwie, dass er genauso hippelig war wie ich und somit auch ein bisschen eher kam. Jedoch war das weit gefehlt.

Halb Drei stand ich immer noch alleine vor der Rolltreppe und lief nervös von einem Ende zum Anderen. Um Drei saß ich total niedergeschlagen auf der Bank und hätte einfach nur heulen können. Kurz nach halb Vier fand ich mich langsam damit ab, dass niemand kommen würde und stand auf. Ich fühlte mich wie ausgekotzt. Ein letztes Mal blickte ich auf die Rolltreppe, dann drehte ich mich um und ging.

Nach wenigen Schritten hörte ich auf einmal hinter mir jemand meinen Namen rufen.

„Alex. Alex, warte. Bitte.“ Mein Herz machte einen Luftsprung, als ich Keyl sah, der mir entgegen rannte und heftig nach Luft japsend vor mir stehen blieb.

„Tschuldige, mir ist was dazwischen gekommen. Ich konnte mich nicht eher abseilen.“, keuchte er und stützte die Hände auf seine Beine.

Man, der Kleine machte mich echt schwach, wie er so schwer atmend vor mit stand und vereinzelte kleine Schweißperlen von seiner Stirn liefen. Aber so leicht wollte ich es ihm nicht machen, dafür war ich einfach zu stinkig. Gerade als ich ihn wütend fragen wollte, was so wichtig war, dass er mich dermaßen versetzte, fing mein Engel an, mich von Unten nach Oben und wieder zurück, zu mustern.

„Sag mal, für wen hast du dich so aufgedonnert?“, fragte er mit groß gewordenen Augen und ruhigerem Atem.

Das war mir einfach zu viel.

„Na für meine Freundin. Für wen denn sonst? Sie ist groß, hat blonde lange Haare und mega Titten. Habe ich echt gestern vergessen, sie dir vorzustellen?!“, schnauzte ich ihn an, drehte mich um und stapfte davon.

„Alex. Bitte warte doch mal. Es tut mir wirklich wahnsinnig leid. Ehrlich. Aber ich konnte nicht eher weg.“, versuchte Keyl sich zu rechtfertigen und lief mir nach.

„Und was war so super wichtig, hm?“

„Nichts weiter, ich wurde nur aufgehalten.“

„Wenn nichts weiter gewesen wäre, hättest du mich nicht gut zwei Stunden sitzen lassen! Was soll der Blödsinn?“, blaffte ich ihn an und blieb stehen.

Eingeschüchtert stand mein Engel vor mir und suchte nach den wohl passenden Worten. Nachdem er nach einer kleinen Weile nichts raus bekommen hatte, schüttelte ich nur meinen Kopf und ging weiter. Keyl allerdings verhaarte an Ort und Stelle und starrte zu Boden.

„Du hast gesagt, dass wir Freunde sind und ich mich dir anvertrauen kann, wenn ich dafür bereit bin. Alex, bitte, ich würde dir ja gerne mehr über mich erzählen, aber ich habe Angst. Angst, dass du dann nicht mehr mein Freund sein willst.“

Verwundert blieb ich stehen und drehte mich zu ihm um. Er hatte seine Hände fest zu Fäusten geballt und schien leicht zu zittern. Ich ging zu ihm und berührte sanft seine Schulter. Er zuckte kurz zusammen, als würde er was Schlimmes erwarten.

„Hey Keyl. Tut mir leid, dass ich dich so angeschnauzt habe. Ich war einfach wütend und da setzt immer mein Verstand aus. Zu dem, was ich gesagt habe, steh ich auch.“, entschuldigte ich mich leise und blickte ihm in die feucht glänzenden Augen.

„Also sind wir noch Freunde?“, fragte mein Engel mich ängstlich.

„So ne bescheuerte Frage, ehrlich mal. Klar sind wir das! Oder dachtest du, dass du mich so leicht los wirst?“, antwortete ich aufmunternd und legte meinen Arm um seine Schulter. „Aber nun komm endlich. Wir sind spät dran.“

Beide lachten wir uns erleichtert an und ich zog ihn mit in Richtung Rolltreppe.

„Was hast du eigentlich vor Alex?“

„Ist ne Überraschung.“ Man, ich freute mich jetzt schon auf sein niedlich dummes Gesicht. Anstatt mich weiter auszufragen starrte Keyl wieder nur auf den Boden und schien zu überlegen. „Hey, alles klar bei dir?“, fragte ich ihn besorgt und drückte sacht seine Schulter.

„Sag mal. Hast du wirklich eine Freundin?“ Er sah einfach mega schnuckelig aus, wie er so schüchtern fragte und mich vorsichtig von unten aus anschaute.

„Ne lass mal. Auf ne Freundin hab ich überhaupt keinen Bock.“, meinte ich und betonte dabei – wie ich hoffte recht eindeutig – die letzten drei Buchstaben. Ein leichtes Lächeln zeichnete sich auf Keyls Lippen ab, was aber wieder verschwand, als er merkte, wohin ich ihn führte.

„Was wollen wir den hier oben auf den Gleisen?“, fragte mich mein Engel und blickte mich verwundert an.

„Zug fahren, was sonst. Ich habe uns zwei Karten besorgt. Zwar nur bis zur nächsten Stadt – wenn man die so schimpfen kann – da mein Budget ein bisschen knapp war, aber ich hoffe, es gefällt dir trotzdem. Komm, wir müssen uns beeilen. Unser Zug fährt gleich los. Da brauchen wir nicht so lange auf den nächsten zu warten.“, antwortete ich und zog ihn weiter. Und tatsächlich, kaum das wir im Zug saßen, fuhr er auch schon los.

„Wir werden nur an wenigen Stationen halt machen, da das ein Regional Express, also eine Direktverbindung ist. Rückzu können wir ja die S-Bahn nehmen, die über die Dörfer fährt.“, erklärte ich meinem Engel, der, aufgeregt wie ein kleines Kind, auf seinem Platz hin und her rutschte.

„Du scheinst wirklich noch nie mit einem Zug verreist zu sein.“, meinte ich und freute mich, dass ihm meine Überraschung gefiel. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd und blickte dann fasziniert aus dem Fenster. Wir fingen wieder an, uns über alles Mögliche zu unterhalten, bis wir nach gut einer Viertelstunde am Flughafen meiner Stadt kurz anhielten.

„Hier schau mal, das ist unser Flughafen. Der wurde erst vor kurzem erneuert. Wenn du magst, können wir hier aussteigen und uns mal dort umschauen.“

„Lass mal. Den kenn ich schon.“, antwortete Keyl betrübt und wandte sich vom Fenster ab. „Flughäfen bedeuten für mich immer Abschied nehmen zu müssen und auf so was hab ich zur Zeit überhaupt keine Lust.“, erklärte er mir auf meinen fragenden Blick hin.

„Das ist beruhigend zu wissen. Außerdem hat Dennis, der Freund meiner Schwester, dort die Feueralarmanlagen installiert. Ich glaube, da sind wir hier eh viel sicherer.“, sagt ich grinsend, worauf sich sein Gesicht wieder aufhellte.

Nach einer weiteren Viertelstunde waren wir schon am Ziel und mein Engel stieg nur widerwillig aus. Leider mussten wir feststellen, dass die S-Bahn, die uns zurück bringen sollte, erst in einer halben Stunde kam. So standen Keyl und ich zitternd am „Bahnhof“ der Möchtegernstadt und stapften von einem Fuß auf den anderen. Leider kannte ich mich dort nicht so gut aus und wusste nicht, wo das nächste MC-Doof war. Auf diesem, nur halb überdachten, Bahnhof gab es keine Geschäfte, wo man sich hätte aufwärmen können, da dort auch gerade umgebaut wurde. Meinem Engel erging es viel schlechter als mir. Er hatte nur den Pullover von gestern an und keine Jacke oder so was drüber. Seine Lippen waren schon ganz rissig und begannen leicht bläulich anzulaufen.

„Mensch Keyl, du erfrierst doch noch in diesen dünnem Teil da. Hast du keine Jacke?“, fragte ich besorgt.

„Hab sie vergessen, als ich losgerannt bin.“, antwortete er bibbernd und versuchte zu grinsen, was ihm kläglich misslang.

Ich konnte mir das Gezitter echt nicht mehr mit ansehen, ging deshalb zu ihm hin, öffnete den Reißverschluss meiner Jacke und umarmte meinen Engel. Ich versuchte ihn so nahe wie möglich an mich zu drücken, damit meine Jacke ihn so gut es ging wärmen konnte.

„Entschuldige, aber ich will nicht, dass du erfrierst und Körperwärme ist besser, als wenn ich dir nur meine Jacke geben würde.“, versuchte ich mich sanft zu rechtfertigen, aber das schien gar nicht nötig zu sein, denn der Kleine rückte noch ein Stück näher, nuschelte ein Danke und kuschelte seinen Kopf an meine Schulter. Wow. Ich war im siebenten Himmel. Durch das Adrenalin, was in Unmengen gerade durch meine Adern pulsierte, hätte ich eine ganze Stadt wärmen können.

„Du riechst gut.“, durchbrach mein Engel die Stille und ließ mein Herz schneller schlagen.

„Das ist das Showergel von Nivea, was unter der Dusche zu Schaum wird.“ Was redete ich eigentlich wieder für ein Müll?

„Nein. Das bist du.“

Keyl hob seinen Kopf und schaute mir tief in die Augen. Meine Knie wurden weich wie Gelee und in meinen Magen begann es wohlig zu kribbeln. Langsam beugte ich mich zu ihm hinunter und er hob etwas sein Kinn. Sanft trafen unsere Lippen aufeinander. Ein unbeschreiblich schönes Gefühl explodierte in meinem Körper und hüllte jede einzelne Faser von mir ein.

Als wir uns wieder voneinander trennten, grinsten wir uns verlegen an. Dann fing es an zu schneien. Erst ganz leicht und vereinzelt, dann immer heftiger, bis uns das kalte Weiß am Ende komplett einhüllte. Staunend beobachteten wir das Treiben und lächelten uns dann verliebt an. Sachte streichelte ich mit meiner Nase über die des Engels in meinen Armen und küsste ihn. Keyl hatte die Augen geschlossen und umklammerte mich wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz.

Nur widerwillig lösten wir unsere Umarmung, als unser Zug endlich kam, huschten schnell ins Warme und suchten uns ein ruhiges Plätzchen. Diesmal saß ich am Fenster und schaute träumerisch in die Ferne. Mein Engel hatte seinen Kopf an meine Schulter gebettet und seinen Arm um meinen Bauch geschlungen. Ich graulte sanft seinen Nacken und seine Wange, während er langsam einzunicken schien. Meine Jacke hatte ich über seinen Rücken ausgebreitet, aus Angst, dass er noch immer frieren könnte. Vorher hatte ich meinen MP-3-Player aus der Tasche geangelt und so glitt die Landschaft mit den Tönen von Sub7even und ‚I see you dancing’ an uns vorbei.

Auf dem Heimatbahnhof wieder angekommen, weckte ich meinen Schatz sacht, worauf er mich verschlafen anblinzelte. Ich gab ihm einen Kuss auf die Nase und wollte aufstehen. Er jedoch zog mich wieder nach unten und drückte seine Lippen auf die meine. Fordernd strich seine Zunge über meinen Mund, bis ich ihn öffnete. Der Kleine war einfach der reinste Wahnsinn und ein absolut guter Küsser. Ich hätte ewig so weitermachen können, wenn uns nicht die neuen Fahrgäste unterbrochen hätten.

Grinsend schnappten wir uns die Jacke und den MP-3-Player und stiegen aus dem Zug aus. Kaum das wir auf dem Bahnsteig standen, klingelte gleich mein Handy. Meine Mom war dran und fragte besorgt, wo ich denn steckte, da ich nicht zum Abendbrot da gewesen sei. Schnell versicherte ich ihr, dass alles in bester Ordnung sei und legte wieder auf.

„Ich muss mich mal kurz zu Hause blicken lassen. Ist so ne Tradition, das wir am Wochenende immer zusammen am Tisch sitzen.“, meinte ich und verstaute dabei das Handy wieder in meiner Tasche.

„Hm. Ist wohl besser so. Nicht das sie sich noch Sorgen macht.“, sagte Keyl leise und sah irgendwie total traurig aus.

„Komm doch mit.“

„Meinst du das ernst?“

„Klar, wieso nicht? Meine Mutter hat eh immer viel zu viel zu Essen zu Hause. Außerdem ist sie ganz cool drauf. Also für ne Mutti.“

Erleichtert lächelte mich mein Engel an und zusammen gingen wir zur Haltestelle. Draußen traf uns die Kälte wie ein Hammer und ließ uns in Kürze bis ins Mark frieren. Die Bahn war zum Glück nach einigen Minuten da und brachte uns zu mir nach Hause. Schnee bedeckte die Straßen und glitzerte wie tausend kleine Diamanten, wenn das Licht der Laternen auf ihn traf. Aneinander geklammert stapften wir die letzten Meter zu dem Haus, in dem ich wohnte. Oben angekommen, zogen wir uns vor der Wohnungstür die nassen Schuhe aus. Meine Mutter muss uns wohl gehört haben, öffnete die Tür und blickte uns erschrocken an.

„Sagt mal, was macht ihr denn für Sachen? Ihr seht ja halb erfroren aus. Aber ab, schnell rein mit euch.“, scheuchte sie uns in den Flur. „Ihr beide werdet sofort ein heißes Bad nehmen!“

„Mooom.“

„Dann wenigsten warm duschen und ihr müsst aus den nassen Sachen raus. Wie kann man nur ohne Jacke bei dem Wetter raus gehen?“

„Entschuldigen sie, das war meine Schuld.“, sagte mein Engel kleinlaut, wurde aber von meiner Mutter gleich wieder unterbrochen.

„Schuld hin oder her, das ist jetzt egal. Hallo erstmal. Ich bin Marianne und lass bitte das Sie, da komm ich mir immer so alt vor.“

„Hallo, ich bin Keyl.“, antwortete er schüchtern und ergriff die ihm dargebotene Hand.

„Mein Gott Keyl, du bist ja eiskalt. Duschen! Und zwar sofort! Zum Glück haben wir zwei Bäder. Alex, Schatz, zeig deinem Freund wo alles ist und gib ihm ein paar Sachen von dir und ein Handtuch. Ich wollte eh gerade noch einem Schwung Wäsche ansetzen, da tu ich deine gleich mit dort rein. Wenn ich sie danach in den Trockner werfe, hast du sie morgen gleich wieder.“

Meine Mutter konnte sehr überzeugend sein, besonders wenn ihr Beschützerinstinkt in ihr hervor kam. Wir taten wie uns geheißen. Ich zeigte Keyl kurz mein Zimmer und suchte für ihn und auch gleich für mich Klamotten raus.

„Schön hast du’s hier.“, sagte mein Schatz und blickte sich neugierig im Zimmer um.

„Danke, mir gefällt es hier auch recht gut. Komm, nebenan ist das Bad.“, erwiderte ich und zeigte ihm die Räumlichkeiten. Nach dem ich kurz in einem Schrank gewühlt hatte, holte ich ein Handtuch hervor, welches ich ihm reichte.

„Wenn noch irgendwas ist, ruf einfach.“ Mein Engel nickte zögerlich, was ich wieder mehr als nur niedlich fand. Dann drehte ich mich um, damit er in Ruhe duschen konnte.

„Alex?“

„Hm?“

„Danke.“

Verlegen zupfte er an dem Handtuch in seinen Händen. Mit gerunzelter Stirn ging ich wieder auf ihn zu und nahm ihn in meine Arme.

„Ich weiß, dass klingt jetzt voll kitschig, aber irgendwie mag ich dich wirklich sehr.“, flüsterte ich ihm zu.

„Mir geht es genauso.“, flüsterte er zurück und drückte mich an sich.

„Jetzt geh aber wirklich duschen, sonst erkältest du dich noch. Komm in die Küche, wenn du fertig bist. Folge einfach immer dem Teegeruch.“, sagte ich nach einer Weile, schob ihn sanft von mir und hauchte ihm einen Kuss auf den Mund, bevor ich aus dem Bad verschwand.

Draußen wartete ich, bis ich das Wasser plätschern hörte. Dann schnappte ich mir meine Sachen und lief ins Gästebad, welches in der unteren Etage lag. Meine Schwester und Mutter standen im Türrahmen der Wohnstube und grinsten mich breit an.

„Das ist also dein Engel. Sieht auf den ersten Blick gar nicht mal so übel aus.“, stichelte Sahra und Mutti setzte noch nach:

„Und Manieren scheint er auch zu haben.“

Ich lächelte nur süffisant und verzog mich ins Bad. Das warme Wasser war jetzt genau das, was ich brauchte. Trotzdem beeilte ich mich, da ich so schnell wie möglich wieder bei meinem Schatz sein wollte. Frisch geduscht und in trockene Sachen gepackt, trottete ich in die Küche und schlürfte am Tee, den mir meine Mom reichte. Nach einigen sehr nervend fragenden Blicken meiner Schwester erzählte ich grob, was passiert war. Frauen sind echt dermaßen neugierige Wesen. Kaum war ich fertig, erschien Keyl im Türrahmen.

„Hey.“, begrüßte ich ihn und stand auf. Er grinste nur unsicher und bewegte sich keinen Millimeter. Deshalb ging ich zu ihm hin, griff nach seiner Hand und führte ihn zu dem Stuhl neben meinem.

„Na geht’s dir wieder besser?“, fragte meine Mom und reichte ihm den Tee.

„Ja danke.“

„Ich bin Sahra, Alex’ große Schwester. Hi.“, stellte sich Sahra vor, die an die Küchentheke gelehnt stand.

„Keyl.“, erwiderte mein Schatz lächelnd und musterte sie kurz, dann zog er die Augenbraue verwundert zusammen und fragte sie: „Große?“, worauf meine Schwester ihn nur verdutzt anstarrte.

„Also vom Humor her passt ihr beide schon mal prächtig zusammen.“, sagte Sahra und fing an zu Lachen, in welches wir anderen mit einstimmten. Das Eis war somit auf jeden Fall gebrochen.

„Wenn deine Eltern nichts dagegen haben Keyl, würde ich es vorziehen, wenn du heute hier übernachten könntest. Draußen tobt ein richtiger kleiner Schneesturm und ich will dich mit nassen Haaren nicht dort hinaus schicken.“, meinte meine Mom, worauf die Augen meines Engels immer größer wurden.

„Wenn das für sie… ehm für dich keine Umstände sind.“

So, wie meine Mutter gerade schaute, hatte sie meinen Kleinen schon voll ins Herz geschlossen.

„Musst du morgen zur Schule?“, fragte sie weiter.

„Nein, ich habe einen Privatlehrer, da meine Mutter durch ihren Beruf viel unterwegs ist und ich bisher immer mit ihr gereist bin. Wenn ich ihn anrufe, fangen wir mit dem Unterricht später an.“, antwortete Keyl und meine Mom nickte zufrieden.

„Und du hast ja so eine Projektwoche, oder Schatz?“, wandte sie sich an mich.

„Jup. Wir fangen erst gegen zehn Uhr an.“

„Toll, ihr habt’s gut. Ich werde mal ins Bett gehen. Denn im Gegensatz zu euch, muss ich morgen früh raus.“, murrte Sahra, wünschte allen eine gute Nacht und verschwand in ihrem Zimmer.

„Wir werden uns auch verziehen. Irgendwie bin ich total fertig.“, sagte ich und sah meinem Schatz an, dass es ihm genauso ging, da er echt Probleme hatte, seine Augen offen zu halten.

„Na dann schlaft mal schön ihr Beiden. Decken und Kissen hast du Frostbeule ja eh genug.“, neckte meine Mom und ging aus der Küche.

Wir tranken unseren Tee noch aus und verkrochen uns dann auch in meinem Zimmer. Ich setzte mich auf mein Bett, angelte die Fernbedingung und schaltete meine Anlage an. Mein Engel stand derweil in der Mitte des Raumes und wirkte seltsam verloren. Er sah einfach zum Anbeißen niedlich aus. Ich stand wieder auf, ging zu ihm und zog ihn zu mir. Wir küssten uns, streichelten über die Haut des Anderen und genossen jede Berührung. Langsam zog ich ihm das Shirt über den Kopf, neckte ihn mit meiner Zunge und liebkoste seinen Hals mit meinen Lippen.

„Alex.“

Sanft schob mein Schatz mich von sich.

„Was ist?“, fragte ich ihn leise und schaute in sein ängstliches Gesicht.

„Ich… es ist für mich das erste Mal.“

„Für mich in gewisser Weise auch. Ich bin bereit, wenn du dafür bereit bist. Keine Angst, ich mach nichts, was du nicht auch wirklich willst.“, sagte ich und strich ihm liebevoll einige Strähnen seines Haares aus dem Gesicht. Unsicher sah mein Engel mich an. „Komm, lass uns einfach nur beieinander liegen, nicht mehr. Ich möchte einfach nur ganz nah bei dir sein.“

Wir zogen uns bis auf die Boxers aus und kuschelten uns ins Bett. Keyl hatte wieder seinen Kopf auf meine Schulter gebettet und ich spürte seinen immer regelmäßiger werdenden Atem auf meiner Brust. Leise lief die entspannende Musik von Schandmaul im Hintergrund und machte mich schläfrig. Verträumt glitt meine Hand über den Oberarm meines Schatzes, was er mit einem süßen Schnurren quittierte.

Ich bemerkte wieder, dass der Kleine für seine Statur recht gut durchtrainiert war. Ein Sixpack zeichnete sich deutlich auf seinem Bauch ab und wenn er seine Arme auch nur leicht anwinkelte, sah man gut ein leichtes Spiel der Muskeln. Also richtig extrem war es nicht, aber halt doch sichtbar. Mein Engel machte mich von Minute zu Minute neugieriger. Ich wollte noch viel mehr über ihn erfahren… viel mehr. Mit diesem Gedanken glitt ich in die Welt der Träume und schlief so gut wie seit langem nicht mehr.

Am nächsten Morgen weckte mich das nervige Piepen meines Weckers. Grummlig langte ich zu dem Störenfried und schaltete es ab. ‚Nur noch ein Minütchen’, dachte ich und drehte mich um, damit ich mich an meinem Schatz kuscheln konnte. Doch seine Betthälfte war leer. Verwundert öffnete ich die Augen und setzte mich auf.

„Keyl?“

Ängstlich schaute ich mich im Zimmer um, bis mein Blick auf einem ordentlich zusammengelegten Wäschestapel hängen blieb. Nichts Gutes ahnend stand ich ganz auf und ging zu den Sachen. Es waren die, die mein Engel gestern Abend noch getragen hatte. Obendrauf lag ein Blatt, welches ich zitternd aufhob und ungläubig zu lesen begann:

Liebster Alex,

ich danke Dir für die letzten beiden Tage, sie waren die schönsten im meinem ganzen Leben. Noch nie habe ich mich so wohl und sicher gefühlt, wie in Deinen Armen. Du bist die erste Person in den sechzehneinhalb Jahren meines Lebens, bei welcher ich ausgelassen lachen und ich einfach ich selbst sein konnte. Du akzeptiertest mich so, wie ich bin, weil ich ich bin und nicht der Sohn einer bestimmten Person. Selbst, als ich bewusst Geheimnisse vor Dir hatte, drängtest du nicht auf Antworten, sondern überließt es mir, den Zeitpunkt, wann ich mir Dir anvertraue, aussuchen.

Vielleicht ist das jetzt zu viel für Dich, aber wegen all dem liebe ich Dich. Ja, ich liebe Dich. Ich weiß, es ist utopisch so etwas schon nach nur zwei Tagen zu sagen, dennoch ist es so. Und gerade weil ich Dich so sehr liebe, muss ich Dich verlassen. Es ist zu Deiner eigenen Sicherheit. Den Status, den ich inne habe, erlaubt mir nicht in Frieden zu leben und verschont auch nicht die Menschen um mich herum. Ich könnte mir nie verzeihen, wenn Dir etwas zustoßen würde. Deshalb verlasse ich, vielleicht noch heute, die Stadt. Sie wird nie sicher sein, solange ich in ihr wohne. Ich habe meine Aufpasser kontaktiert. Sie sind bereits unterwegs und werden mich auf dem Bahnhof abholen. Ich gehe zu meiner Mutter zurück. Dort ist zwar nicht der Himmel auf Erden, so wie bei Dir, aber lieber will ich, dass Du ein friedliches Leben führen kannst, als dass Du von irgendwelchen Typen ständig wegen mir belästigt wirst.

Auf Deinen Sachen liegt ein kleines Geschenk. Das war auch ein Grund, warum ich gestern zu spät gekommen bin, da ich es extra für Dich anfertigen ließ. Es tut mir leid, dass ich Dir das nicht persönlich sage, aber dafür hatte ich einfach nicht den Mut. Bitte verzeih mir ein letztes Mal. Ich danke Dir für alles, was Du mir gegeben hast. Diese zwei Tage und ganz besonders Dich werde ich nie vergessen.

In verzweifelter Liebe

Keyl

Ungläubig starrte ich das Stück Papier an und schaute dann auf meine Sachen. Dort lag ein in dunkelbraun gehaltenes, schmales Lederarmband, auf welches ein wunderschön geschlungenes Tribal in den Farben der Augen meines Engels geprägt war.

„Keyl.“, flüsterte ich verwirrt und betrachtete das Band und den Brief in meinen Händen.

„Keyl!“

Laut rufend stürmte ich los, die Treppe nach unten zur Wohnungstür. Seine Schuhe waren zwar weg, aber der Platz, wo sie gestanden hatten, glänzte noch feucht. ‚Oh bitte, lass ihn noch nicht lange weg sein.’, betete ich und rannte in mein Zimmer.

„Sag mal, was soll’n der Krach in der Frühe?“, hörte ich die genervte Stimme meiner Schwester. Überrascht stürzte ich auf den Flur.

„Du bist noch da?“

„Hä? Oh Shit, ich hab vergessen meinen Wecker zu stellen. Scheiße, das ist gar nicht gut. Nein, das ist überhaupt nicht gut.“, stammelte Sahra nervös und lief hin und her.

„Nein, das ist perfekt. Meine Gebete wurden wirklich erhört, denn das ist sogar sehr gut!“, sagte ich aufgeregt, worauf sie mich nur verständnislos anschaute.

„Du musst mich zum Bahnhof fahren und zwar sofort!“

„Aber sonst geht’s dir noch ganz gut, oder?“

„Nein eben nicht. Keyl ist abgehauen. Er hat mir nen Abschiedsbrief hinterlassen.“

„Er will sich umbringen?“

„Schlimmer. Er will die Stadt verlassen. Bitte, ich muss ihn vor seinen Aufpassern abfassen, bitte, bitte, bitte.“

„Aufpassern?“

„Bitte Sahra. Ich übernehme auch ein Leben lang den Abwasch- und Müll-runter-bring-Dienst für dich.“

„Alex, wir haben einen Geschirrspüler und den Müll nimmt Mom mit, wenn sie früh zur Arbeit geht.“

„Komm schon Sahra, bitte, ich tu alles für dich, die Zeit rennt mir davon“

Ich war so verzweifelt, dass mir Tränen die Wangen hinab flossen. Meine Schwester musterte mich erschrocken, dann nahm sie eine entschlossene Haltung an.

„Ich mach heute blau. Zieh dich an. Unten liegen die Schlüssel. Mach du schon mal das Auto fertig wegen Kratzen und so. In der Zeit spring ich in meine Klamotten und fliege durchs Bad. Ich beeil mich, versprochen.“

„Danke.“, hauchte ich erleichtert und beide verschwanden wir in unsere Zimmer.

Viel zu lange Minuten später saßen wir im Corsa meiner Schwester und fuhren Richtung Bahnhof. Sahra flog regelrecht über die Straßen, sich an keine Geschwindigkeitsbegrenzung haltend und ich erklärte ihr, was passiert war. Als wir den Bahnhof erreichten, sprang ich sofort aus dem Auto.

„Viel Glück. Ich warte hier vorsichtshalber.“, rief sie mir hinterher, worauf ich ein ehrliches ‚Danke’ erwiderte.

Als wäre der Teufel persönlich hinter mir her, rannte ich durch die Einkaufspassage, unserem Platz entgegen. Dort angekommen war jedoch keine Spur von Keyl zu sehen. Gehetzt blickte ich mich um und ging einige Schritte nach vorn. Ein gutes Stück vor mir erregte ein gut zwei Meter großer Typ in einem langen Mantel und mit schwarzen Haaren meine Aufmerksamkeit. Er umarmte einen Jungen, welcher sich eine Kapuze tief über den Kopf gezogen hatte.

„Keyl.“, flüsterte ich und starrte verunsichert auf die Beiden. Als sie sich voneinander lösten, glitt dem Jungen seine Kapuze zurück und zum Vorschein kamen die vollen, dunkelbraunen Haare meines Engels.

„Keyl!“, rief ich erleichtert, aber er reagierte nicht. Nur dieser schwarzhaarige Schönling wandte sein blasses Gesicht zu mir und funkelte mich wütend an, dass mir ein Schauer den Rücken hinab lief.

‚Was will nur mein Schatz bei so einem Kerl?’, dache ich und wollte zu ihm gehen, aber eine Schulklasse blockierte mir gerade jetzt den Gang. Nur langsam vorankommend musste ich mit ansehen, wie dieser Typ seinen Arm um Keyls Schulter legte und ihn Richtung Ausgang schob. Mühsam bahnte ich mir einen Weg durch die Massen und rannte ihnen hinterher. Wie es aussah, wollten sie zu den Taxiständen und tatsächlich sah ich die Beiden durch die Tür nach draußen gehen, als ich um die Ecke bog. Ich beschleunigte noch einmal meine Schritte und stürmte wie wild los.

Am Taxistand angekommen beobachtete ich, wie mein Engel in einen schwarzen Van stieg. Der Kerl in dem dunklen Mantel schloss hinter ihm die Tür und blickte noch einmal zu mir. Dieses böse funkelnde Grün, was mir entgegen schlug, ließ mich an Ort und Stelle verharren. Dann stieg er auf dem Beifahrersitz ein und das Auto setzte sich in Bewegung. Ich wollte einfach nicht glauben, was gerade passierte, dass ich meinen Schatz nur um Haaresbreite verfehlte. Tränen brannten mir in den Augen und liefen ungehalten hinab. Mit einem Mal fing ich an zu laufen und rannte dem Van ein Stück hinterher.

„Keyl! Bleib bei mir. Keeeeeyl!“ Hilflos schrie ich die Verzweiflung aus meinem Herzen, doch das Auto hielt nicht an. Mit klopfendem Herzen blickte ich dem Van nach, bis er nach der nächsten Kurve verschwand. Schwach fiel ich auf meine Knie und begann laut zu schluchzen. „Keyl. Bleib bei mir!“

„Hey Kleiner, ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte mich nach einer Weile irgend so ein Typ in nem schwarzen Anzug.

„Nein, nichts ist in Ordnung, gar nichts, klar! Den Junge, den ich über alles liebe, verlässt gerade die Stadt und ich konnte ihm noch nicht mal ‚Auf Wiedersehen’ sagen!“, schrie ich den Mann an und wäre ihm am liebsten an die Kehle gesprungen für diese bescheuerte Frage.

„Wenn du willst, kann ich ein Treffen mir dir und dem Prinzen arrangieren.“, laberte der Kerl weiter und… ‚Warte mal, was hatte er gerade gesagt?’ Verwundert hob ich meinen Kopf und sah einem geschniegelten Affen in die Augen. ‚Hatten nicht so welche vor vier Tagen meinen Schatz verfolgt?’

„Wie meinen sie das?“, fragte ich ihn und stand vorsichtig auf.

„Wir bieten dir die Möglichkeit, deinem Herzblatt noch einmal nahe zu sein.“, lachte der Anzugheini schmierig und gab den Männern, die sich hinter mir postiert hatten, ein Zeichen, worauf mich diese grob an den Armen packten.

„Hey, was soll das? Was wollt ihr von mir?“, fragte ich verärgert und versuchte mich zu befreien. Leider brachte mir das nur einen schmerzhaften Faustschlag in den Magen ein. Hustend hing ich zwischen diesen Fieslingen und ließ mich vom Anführer der Typen zulabern.

„Keine Angst Kleiner, wir tun dir schon nichts, wenn du fein brav bist und mit uns kommst. Sobald wir dich haben, kommt der Prinz von ganz alleine angekrochen.“

„Ich habe aber keinen Bock, mit euch Oberlosern mitzulatschen. Meine Mom hat mir außerdem verboten, mit Volldeppen wie dir zu reden.“

Ich glaube, meine Antwort gefiel ihm nicht ganz so gut, was auch den Handrücken erklären würde, der postwendend in meinem Gesicht landete.

„Du hast keine andere Wahl Freundchen.“

„Das hab ich mir schon fast gedacht.“, sagte ich stumpf und spukte das Blut aus, was sich in meinem Mund gesammelt hatte. Ich hasste Männer, die schwere Ringe trugen.

„Stopft ihm das Maul.“, hörte ich den Widerling noch sagen, bis ich verdammt hart von hinten getroffen wurde und mich tiefe Dunkelheit umfing.

***

Stöhnend wurde ich langsam wieder wach und öffnete vorsichtig meine Augen. ‚Man, was war hier eigentlich los?’ Mein Kopf dröhnte unangenehm und ich konnte mich kaum bewegen, was wohl daran lag, dass meine Hände über mir zusammengeschürt waren. Ängstlich werdend musterte ich meine Umgebung und fand mich in einer Art Lagerhalle wieder.

Nur gedämpft fiel graues Licht durch viel zu kleine Fenster. Etliche Frachtcontainer standen gestapelt beieinander und bildeten ein Labyrinth aus schmalen Gassen und Wegen. Ich saß am Rand an einem Käfig festgebunden und hatte Sicht auf eine Treppe, die nach oben zu einem Raum führte, dessen Wände zum größten Teil aus milchigem Glas bestanden. In dem Zimmer brannte Licht und schwach konnte ich einige Schemen von Menschen ausmachen, die dort hin und her liefen.

Unbeholfen richtete ich mich auf und klammerte mich dabei an die dicken Gitterstäbe hinter mir. ‚Ich muss hier raus.’, dachte ich mit einem Mal und erinnerte mich an das Gerede des Typen im Anzug. Mit aller Kraft zog ich an meinen Fesseln, doch anstatt sich zu lösen, schnitten mir die Bänder nur noch mehr ins Fleisch. Es waren keine normalen Seile, mit denen die Entführer mich gefesselt hatten, sondern eine Art Lederriemen, welche zwar porös ausschauten, aber trotzdem nicht nachgaben, egal wie sehr ich mich auch anstrengte. Meine Hände wurden langsam taub, darum beugte ich mich nach vorn und versuchte, mit den Zähnen die Knoten zu lösen, doch das war auch vergebens.

‚Wieso war ich hier, verdammt? Was wollen diese Anzugsheinis überhaupt von mir?’ Die Worte des Schnösels, der mich angequatscht hatte, fielen mir wieder ein. Er sagte, er könne ein Treffen mit mir und meinem Engel arrangieren. Moment mal. Er sagte nicht Engel, sondern Prinz. Der Prinz. In Keyls Abschiedsbrief stand zwar, dass er einen Status inne hatte, durch den man nicht in Frieden Leben könnte, aber ich dachte immer, dass ein Prinz außer Paparatzies und lange Weile nichts zu befürchten hatte.

‚Keyls Gesicht hab ich auch bisher noch nie im Fernseher oder auf nem Schmierblatt gesehen. Von welchem bescheuerten Land soll er also der nächste Herrscher sein?’ Allerdings war mir bewusst, dass diese Typen hinter meinem Schatz her waren. Nur deswegen hatten die mich entführt. Ich war ihr Druckmittel. Doch wieso verdammt noch mal, hatten sich die Kerle nicht gleich Keyl geschnappt, bevor er überhaupt ins Auto einstieg, schließlich wurde er nur von zwei Leuten beschützt. Zum einem von diesen großen, grünäugigen Typen und zum anderen von dem Fahrer des Vans. Vielleicht war noch ein Mann auf dem Rücksitz, aber mehr hätten bestimmt keinen Platz in dem Auto gehabt. Die Kerle hätten die Bodyguards nur ausschalten müssen und schwups, der Prinz wäre in ihren Händen gewesen. ‚Wieso haben die gezögert?’

Wütend spukte ich ein Stück von dem seltsamen Lederband aus und rüttelte verzweifelt an den Stäben, die trotz meines Protestes keinen Millimeter nachgaben.

„Versuchst du Schwächling etwa das Gitter zu durchbrechen? Es ist eine Spezialanfertigung um wilde Tiere einzusperren. Oder vorwitzige kleine Jungs. Ha ha ha ha.“

Och nö, nicht schon wieder der Lackaffe von heute morgen.

„Hey man, ist ja echt schön, dich wieder zu sehen, aber weißt du, ich steh nich auf Fesselspielchen. Also sei so nett und bind mich los. O.K.?“

Ich weiß nicht, warum ich so eine große Klappe hatte, besonders in dieser für mich nicht gerade positiven Situation. Jedoch konnte ich damit meine Angst hervorragend überspielen und diese vor dem Anzugfritzen verbergen. Der sollte in keinem Fall mitbekommen, wie viel Schiss ich in Wirklichkeit hatte.

„So gern ich mich mit dir auch vergnügen würde, ich darf dich nicht frei lassen. Anweisung von oben.“, meinte der Typ zu mir und wandte sich zu einem der beiden Männer, die hinter ihm standen. „Gib dem jungen Herren Bescheid, dass unser Gast wach ist.“ Der Angesprochene verbeugte sich schnell und lief zu der Treppe, hinauf zu dem oberen Raum.

„Könntest du mir freundlicher Weise erklären, was ihr vom mir wollt?“, fragte ich genervt.

„Dank dir gewinnt unsere Einladung an den Prinzen, uns zu besuchen, an Gewicht.“

„Erstens kapier ich nicht, von wem ihr redet und zweitens, wenn er erfährt wie miserabel ihr mit euren Gästen umgeht, kommt er bestimmt nicht.“

„So so, du willst uns also wirklich weismachen, dass du den Prinzen nicht kennst. Ihr wart sozusagen nicht zusammen chinesisch und hinterher bei MC Donald’s Eis essen? Ihr wart nicht den nächsten Tag mit dem Zug unterwegs und habt euch am Bahnhof geküsst? Und er hat bestimmt auch nicht die Nacht von gestern auf heute bei dir verbracht? Zuerst dachten wir, du wärst einer seiner neuen Bodyguards, aber die Show, die ihr uns am Taxistand geboten habt, überzeugte uns vom Gegenteil. Außer deinem vorlauten Mund, scheinst du ja nichts weiter drauf zu haben.“

„Mach mich los und ich zeig dir, wie viel ich wirklich drauf habe.“, zischte ich verärgert und riss an den Riemen. ‚Woher, zum Teufel noch mal, wusste der, was ich mit Keyl alles unternommen hatte? Haben uns die etwa die ganze Zeit beobachtet?’

„Hm, stimmt. Selbst du dürftest in einer Hinsicht nicht schlecht sein. Du bist sicher noch ganz eng.“, sagte der Widerling und musterte mich von Oben nach Unten mit einem schmierigen Grinsen im Gesicht. Dann kam er näher.

Der Typ war ungefähr genauso groß wie ich, sah aber total abgemagert aus. Seine fettig glänzenden, etwas längeren Haare hatte er zur Seite gekämmt und rasieren schien er sich auch nicht zu können, da sein Hals und die Kinnpartie überzogen waren von lauter kleineren roten Flecken. Kalt stinkender Zigarettenrauch kam mir entgegen, als der Kerl sich mit der rechten Hand an dem Gitterstab neben mir abstützte und sich zu mir beugte. Angeekelt wandte ich mich ab.

„Man, hast du noch nie was von einer Zahnbürste und Zahncreme gehört? Ein Bad würde dir bestimmt auch mal ganz gut tun. Ich bekomm ja kaum noch Luft.“ Langsam hatte ich alles andere als nur Angst.

„Gleich wirst du auch keine Luft mehr bekommen, Kleiner!“, meinte der Widerling und mir war wie kotzen zumute.

Gerade als er seinen Arm hob um mich am Kinn zu packen, tat ich das, was mir in meiner aufkeimenden Panik einfiel. Ich trat zu. Schreiend taumelte der Anzugheini zurück, fiel zu Boden, krümmte sich zusammen und hielt sich den Schritt. Der Gorilla, der die ganze Zeit daneben gestanden und sich das Schauspiel rein gezogen hatte, lief schnell zu seinem Boss und beugte sich besorgt zu ihm herunter. Mit dessen Hilfe kam der schmierige Kerl japsend wieder auf die Beine und funkelte mich wütend an.

„Na, wer bekommt jetzt keine Luft.“, sagte ich triumphierend. Shit, ich konnte es mir einfach nicht verkneifen. Manchmal war es wirklich besser, seine Klappe zu halten, wie ich gerade jetzt wieder merkte. Denn der Typ holte ein Messer aus seiner Tasche und stürmte damit auf mich zu.

„Das reicht. Jetzt bist du fällig!“

Zu keiner Bewegung fähig stand ich da und blickte apathisch auf die blinkende Klinge, die immer näher kam. Doch kurz bevor sie mich erreichte, gab es einen lauten Knall. Das Messer fiel aus der Hand meines Angreifers und blieb mit der Spitze vor meinen Füßen stecken. Erschrocken schaute der Kerl zurück und starrte auf den Jungen, der ihm bei seinem Vorhaben unterbrochen hatte.

„Junger Herr.“, hauchte er nur.

„Hatte ich nicht gesagt, dass unserem Gast nichts zu Leide getan wird?“, erklang eine helle Stimme.

Ein paar Meter vor mir stand, zwischen einer Handvoll Gorillas, ein Junge vielleicht gleichen Alters mit Silber gebleichtem Haaren und hellblauen Augen. Seine Haut war fast so blass wie die weißsilbernen Sachen, die er trug. Fast hatte ich den Eindruck, dass er seine Klamotten aus Matrix geklaut und eingefärbt hätte. Ich konnte erkennen, wie der Junge eine gleichfarbige Peitsche sich an der Seite am Gürtel fest band, was dann wohl den lauten Knall von eben und den roten Striemen auf der Hand des Anzugheinis erklärte.

„Aber junger Heer, der Rotzbengel…“, setzte der Widerling zu einer Erklärung an, doch schon der Blick des Silberschopfes ließ ihn verstummen.

Der Mann verbeugte sich tief vor dem Jungen, steckte sein Messer wieder ein und trat bei Seite. Eigentlich wollte ich wieder einen dummen Spruch loswerden, diesem Kind mit irgendwas Blödes kommen, aber ich kriegte einfach meinen Mund nicht mehr auf. Langsam kam der Kopf der Entführer zu mir.

„Du bist also der Neue, den sich der Prinz rausgesucht hat. Eigentlich hatte ich ihm einen besseren Geschmack zugetraut. Du schaust zwar ganz niedlich aus, aber besondere Fähigkeiten scheinst du nicht zu haben. Sonst ist Keyl doch immer so anspruchsvoll.“, meinte der Silberschopf und musterte mich eindringlich.

„Was weißt du schon von Keyl?!“, warf ich ihm an den Kopf, aber dieser fing nur an zu lachen.

„Wie mir scheint, mehr als du. Da ich gerade in bester Laune bin, will ich dir ein paar Kleinigkeiten erzählen, was es mit dem Jungen auf sich hat, den du glaubst zu lieben. Dein Prinz ist der Sohn der wichtigsten Frau von ganz Deutschland. Nein, ich rede ganz bestimmt nicht von der neuen Möchtegernkanzlerin. Ich rede von dem Kopf der größten Verbrecherbekämpfungsorganisation, die es hier gibt. Vergiss die Bundeswehr oder die Spezialeinheiten der Polizei, denn diese Organisation steht über den allen.

Deren Mitglieder bestehen nur aus ausgewählten oder extra dafür trainierten Leuten. Manche werden sogar von Kindesbeinen an getrimmt, Verbrecher zu jagen und in die Hölle zu schicken. Sie sind Richter und Vollstrecker zu gleich. Die Organisation finanziert sich selbst, in dem sie konfisziertes Schwarzgeld für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Ihnen stehen die neusten Errungenschaften der Technik zur Verfügung und sie dürfen damit machen, was sie wollen. Stell dir einfach viele James Bonds oder Charlys Engel in jeder, aber auch wirklich jeder erdenklichen Altersklasse vor.

Ich will ehrlich gesagt nicht unbedingt wissen, was Keyl mit seiner noch viel größeren Freiheit, die er in jeder Hinsicht als Prinz genießt, bisher so angestellt hat. Prinz wird er deshalb genannt, weil die Rangeinteilung aus dem Mittelalter übernommen wurde. Es existieren dort keine Feldwebel oder Kriminaloberkommissare. Es gibt Knappen, Ritter, Lords und Ladys, um einige wenige zu benennen. Nicht viele wissen über die Organisation bescheid, weil sie größtenteils im Verborgenen agieren. Verstehst du nun die Tragweite des Geschehens? Du durftest eine der wichtigsten Personen überhaupt kennen lernen. Fühle dich geehrt, dass er mit dir gesprochen und etwas unternommen hat.

Die Hälfte war sicherlich für ihn eh nur Zeitvertreib. Bestimmt ist er wieder von zu Hause weggelaufen, weil ihm seine gluckende Mutter auf die Nerven ging. Er hatte Hunger, konnte aber seine Kreditkarte nicht benutzen, weil sie ihn dadurch ja dann gefunden hätten. Also suchte er sich ein Opfer, welches ihn ein wenig aushalten konnte und zog die Nummer des Zusammenstoßens ab. Das ist wirklich der älteste Trick der Welt. Aber es war klar, dass du einfacher Bengel darauf reinfällst, auf seinen ach so niedlichen Hundeblick. Er ist schließlich geübt darin. Ja, du hörst richtig. Du bist nicht der Erste und wirst auch nicht der Letzte sein. Du warst lediglich eine weitere Möglichkeit, im Warmen übernachten zu können.“

Der Junge blickte mich mit seinen ausdruckslosen Augen an und ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. Dann fing er wieder an zu reden:

„Nimm bitte den Abschiedsbrief nicht so ernst, den er dir geschrieben hat.“

Verwirrt schaute ich mein Gegenüber an. ‚Woher wusste er davon?’

„Ach komm schon. Sieh mich nicht so erschrocken an. Er macht das doch immer. Der Prinz ist etwas dramatisch veranlagt, weißt du.“

„Das klingt ja fast so, als wenn… als wenn…“, sagte ich leise und wollte es einfach nicht wahr haben.

„Ah, wie ich sehe begreifst du langsam. Ja, auch ich bin schon ‚aus Versehen’ mit Keyl zusammen gestoßen. Auch ich habe ihn für die Nacht zu mir eingeladen und er hatte natürlich dankend angenommen. Auch ich habe am nächsten Morgen einen Brief bei den Sachen, welche ich ihm geliehen hatte, vorgefunden. Sag mal, hat er sich bei dir anfangs auch so geziert?“

„Halts Maul!“ Mit Tränen in den Augen schrie ich den silbernen Jungen an. Seine Worte drangen wie Gift in mich ein und machten klares Denken unmöglich. ‚Keyl liebt mich doch, genauso sehr wie ich ihn. Ich hatte es gespürt, als er in meinen Armen lag, bei jeder auch noch so kleinsten Berührung. War das wirklich alles eine Lüge? Seine Emotionen, seine Gefühle, alles nur Show?’ Salziges Nass vernebelte meinen Blick und lief ungehalten meine Wangen hinab.

„Weine nicht. Er ist es wirklich nicht wert. Nur wegen ihm sitzt du jetzt hier fest. Ich habe mit ihm noch eine Rechnung zu begleichen. Mach dir keine Hoffnung, dass er her kommen wird, weil er was für dich empfindet. Nein. Eine der wenigen Regeln der Organisation besagt, wenn man einen Zivilisten in Schwierigkeiten bringt, dass man ihn auch selbst wieder da rausholen muss. Der Prinz wird zwar etwas ungehalten zwecks der Anweisung sein, aber es lockt ihn her und das ist alles, was ich will.“

Mit den Nerven am Ende, rutschte ich kraftlos an den Gitterstäben zu Boden. Den Schmerz in meinen Armen hatte ich vollkommen vergessen, dafür loderte der in meinem Herzen umso mehr. Anstatt mich endlich in Frieden zu lassen, kam der Silberschopf näher, kniete sich knapp vor mir nieder und hob mein Kinn an, damit ich ihm in die Augen blicken musste.

„Du schaust richtig niedlich aus, wenn du so traurig bist. Wären wir uns unter anderen Umständen begegnet, hättest du gute Chancen gehabt, eines meiner Spielzeuge zu werden.“ Dann presste er mir einen Kuss auf die Lippen und schob seine Zunge tief in meinen Mund. Unfähig mich zu wehren, ließ ich es geschehen.

„Wirklich schade.“, seufzte der Junge, als er sich wieder von mir löste und stand auf.

„Stellt Wachen auf, verteilt euch im ganzen Lagerhaus. Wenn die Nacht anbricht, wird der Prinz kommen. Bereitet euch darauf vor. Ach und noch was: Ich will ihn lebend!“, zischte der Silberschopf seine Untergebenen an, welche sich tief verbeugten und dann aufteilten. Nur noch von zwei Gorillas begleitet, ging der Junge wieder hinauf in das Zimmer, wo er hergekommen war, ohne mich eines letzten Blickes zu würdigen. Wie ein Häufchen Elend saß ich am Rand des Käfigs und heulte leise vor mich hin.

Draußen wurde es langsam dunkler und in der Lagerhalle stockfinster, da kein Licht mehr brannte. Ich starrte blind vor mich hin und fror erbärmlich. Mein Kopf war leer, nicht mehr fähig zu denken. Nein, ich wollte es auch nicht. Ich wollte nur noch nach Hause in mein warmes Bett und schlafen. Oder vielleicht lag ich ja schon dort und träumte nur. Wenn ja, wollte ich so schnell wie möglich aufwachen und diesem Alptraum hier entfliehen. Vielleicht lag ich noch immer neben meinem Engel und er kuschelte sich gerade wieder an meine Schulter. Ich schloss die Augen und sah vor mir ein gelbbraunes Leuchten, sah, wie es mich anstrahlte und mit Wärme füllte. Ich sah seine vollen Lippen, wie sie mich küssten, liebkosten und meinen Namen riefen.

„Alex.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken, da ich wirklich fast glaubte, seine Stimme zu hören.

„Alex, bitte. Komm wieder zu dir. Wach auf!“

Moment mal, dass war mir ein bisschen zu real, gerade die leichten Schläge auf meiner Wange. Ich riss meine Augen auf und blickte in das besorgte Gesicht meines Engels.

„Keyl.“, hauchte ich ungläubig.

Erleichtert atmete er aus.

„Dem Himmel sei dank. Ich dachte, du wärst schon erfroren. Warte, ich mach dich los.“, sagte Keyl und holte ein großes Messer hervor.

„Vielleicht wäre es ja besser so gewesen.“, meinte ich leise. „Dann müsstest du wenigstens nicht die Anweisung der Organisation befolgen und mir helfen, sondern könntest dir weiter ein unbeschwertes Leben als Prinz machen.“

„Was hat er dir erzählt?“, fragte Keyl ernst und schaute mich forschend an.

Irgendwie hatte ich was anderes erwartet. Ich hatte mir wirklich erhofft, dass er alles dementieren würde, dass er sagt, dass er mich liebt und der silberne Junge nur Lügen erzählt hätte. Stattdessen musterte mich mein Engel und versuchte rauszubekommen, wie viel ich wirklich wusste. Wie war das? Die Organisation agiert im Verborgenen? Was ist, wenn ein Zivilist davon was mitbekam? Ich konnte seinem Blick nicht länger standhalten und senkte meinen Kopf.

„Komm, lass uns erstmal von hier verschwinden. Es war schon schwierig genug, die Wachen auszuschalten.“, sagte Keyl, legte mein Arm um seine Schulter und zog mich kraftvoll nach oben. Nur hatte ich nicht gerade viele Ambitionen mit ihm zu gehen.

„Lass mich in Ruhe, lasst mich einfach alle in Frieden!“

„Alex bitte. Ich erklär dir alles, wenn wir draußen sind. Hier ist es zu gefährlich.“

„Ob ich nun von dem silbernen Jungen oder von dir umgebracht werde, ist doch vollkommen egal. Das Silberhaar spielt wenigstens mit offenen Karten und ist nicht so hinterhältig wie du.“

Ängstlich sah Keyl sich um, ließ mich wieder zu Boden gleiten, nahm dann mit beiden Händen meinen Kopf und schaute mir tief in die Augen. Selbst im Dunkeln leuchteten die seinen dermaßen, dass mein Herz wieder anfing, schneller zu pochen.

„Alex. Ich weiß nicht, was Julian dir alles erzählt hat, vielleicht entspricht davon auch die Hälfte der Wahrheit, aber der Rest ist eine Lüge. Ich würde dich nie töten wollen. Alex. Ich liebe Dich! Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben.“

„Du hast die Wachen ausgeschalten, wie viele Leute hast du noch auf dem Gewissen?“

„Ich habe die Wachen mit einer konzentrierten Dosis Schlafmittel lahm gelegt. An mir kleb kein Blut, da ich noch nie jemanden getötet habe!“

„Du als Prinz hast doch bestimmt schon viele Verbrecher zur Hölle geschickt.“

Keyl stützte sich auf seine Knie ab, ließ meinen Kopf los und lehnte sich auf seine Hacken zurück.

„Alex. Das, was wir in der Organisation Hölle nennen, ist das größte Strafgefängnis, was es in Deutschland gibt. Wir jagen Verbrecher, die schon vom Gericht verurteilt wurden und führen sie ihrer gerechten Strafe zu. Wir greifen außerdem erst dann ein, wenn die Polizei und andere Einrichtungen nicht mehr weiter wissen. Es sind also keine einfachen Ladendiebe, auf die wir angesetzt werden, sondern die schlimmsten Kriminellen des Landes. Außerdem können wir nicht einfach so Menschen töten, da wir für alles, was wir tun, Rechenschaft ablegen müssen. Ich noch mehr als alle anderen.“

„Haust du deswegen ständig von zu Hause ab, weil dich die ständige Kontrolle nervt? Quartierst du dich deshalb regelmäßig bei immer anderen wildfremden Leuten ein, um von all dem wegzukommen? Oder macht es dir einfach nur Spaß, Menschen wie mich oder Julian auszunutzen und zu quälen?“ Ich hatte mich dermaßen in Rage geredet, dass ich nicht mehr kontrollieren konnte, was ich von mir gab. Mir war nur bewusst, dass ich meinem Engel wehtun wollte. Er sollte genauso leiden, wie ich, als mir dieser silberne Junge die Wahrheit über ihn erzählte. Ich hasste mich selbst für diese Worte, konnte ihm deshalb auch nicht in die Augen schauen.

„Wieso machst du das? Du glaubst jemandem, dem du gerade einmal begegnet bist. Jemandem, der dich hier in Eisenskälte an einen Käfig festgeschnürt hat. Ich weiß, dass wir uns auch nicht viel länger kennen, aber habe ich dir in der kurzen Zeit weh getan? Bisher habe ich dir immer die Wahrheit gesagt. Lieber gab ich offen zu, dass ich ein Geheimnis habe, als dich zu belügen. Es tut mir wirklich leid, wenn ich dich in irgendeiner Sache gekrängt haben sollte. Hier und jetzt kann ich dir auch nichts beweisen. Du hast nur mein Wort. Mein Wort und meine Liebe.“ Keyl saß angespannt da, seine Hände fest zu Fäusten geballt, die unter dem Druck leicht zitterten.

„Und was ist mit diesem Julian?“, fragte ich kleinlaut.

„Tze. Julian. Er ist der verwöhnte Sohn eines großen Drogenbosses. Um zu bekommen, was er will, geht er über Leichen. An mir ist er nur interessiert wegen Florian. Flo ist einer meiner Aufpasser. Julian hatte sich in ihn verliebt, konnte es aber nicht ertragen, dass Flo mit mir mehr Zeit verbrachte und von ihm nichts wissen wollte. Florian ist auch ein Prinz der Organisation, unsere Mütter sind so was wie verwandt. Deshalb ist er nicht nur ein Bodyguard für mich, sondern fast wie ein Bruder. Er und sein Freund Chris decken mich sogar öfters, wenn ich von zu Hause weglaufe. Beide verstehen mich in vielerlei Hinsicht sehr gut.

Mit Julian bin ich in einer anderen Stadt zusammengestoßen. Ja, wortwörtlich gemeint. Ich war wieder allein unterwegs und er hatte nicht auf den Weg acht gegeben. Damals wusste ich nicht, dass er mich schon kannte und alles geplant war. Er bot mir an, bei ihm zu übernachten und da ich keine Lust auf meine Mutter hatte, sagte ich zu. Kaum waren wir in seiner Wohnung, fing er an, mir zu nahe zu kommen. Ich musste ihn regelrecht von mir weg stoßen. Er entschuldigte sich zwar und ich schlief bei ihm auf dem Sofa, nicht mit ihm in seinem Zimmer, geschweige denn in einem Bett. Ich hatte dich nicht belogen, als ich gestern sagte, dass es mein erstes Mal wäre.

Auf jeden Fall war mir unwohl, je länger ich in seiner Nähe blieb, darum zog ich mich mitten in der Nacht wieder an, schrieb ihm kurz, dass es mir Leid täte und schlich mich davon. Für sein Ego war es nicht gerade förderlich, dass er ein zweites Mal von einem Prinzen abgewiesen wurde. Darum jagt er mich seit gut einem viertel Jahr. Flo hat einen riesigen Aufstand gemacht, als er erfuhr, mit wem ich mitgegangen sei. Er war deshalb auch überhaupt nicht davon begeistert, als ich ihm von dir erzählte. Dabei bist du das Beste, was mir seither passiert ist.“

„Meinst du das wirklich?“ Tränen flossen mir unaufhaltsam an meinen Wangen hinab und ich blickte ihn ängstlich an.

„Dummerchen. Na klar mein ich das so, sonst hätte ich es nicht gesagt.“, lächelte mein Engel, wischte mir zärtlich die Tränen von den Wangen und nahm mich dann in seine Arme.

Gott tat das gut, seine Wärme zu spüren. Diesmal war ich derjenige, der sich an dem Anderen festklammerte und ihn nie wieder loslassen wollte. Nach einer halben Ewigkeit schob er mich sachte zurück um mir wieder in die Augen schauen zu können. Er strich mir ein paar widerspenstige Strähnen aus dem Gesicht, streichelte mit seinen Fingerspitzen über meine Stirn bis in den Nacken. Langsam senkte er seine Lippen auf die meinen und ich glaubte wieder zu schweben.

Doch plötzlich wurde die Lagerhalle nach einem lauten ‚Klack’ hell beleuchtet. Geblendet schloss ich meine Augen und hielt meinen Arm schützen vor meinem Kopf.

„Och, ist das nicht herzallerliebst. Das ist ja besser als wie in jeder Telenovela. Aber wie ihr wisst, hat diese irgendwann mal ein Ende. Und eures scheint wohl hier und jetzt zu sein.“

Als ich mich langsam an die Helligkeit gewöhnt hatte, sah ich, wie mein Schatz sich schützend vor mir postiert hatte und der silberne Junge mit gut zehn Gorillas von der Treppe her auf uns zukam.

„Julian. Wie konntest du Alex nur da mit hineinziehen?! Das ist eine Sache zwischen uns. Lass ihn dabei aus dem Spiel!“, schrie mein Engel ihn an, doch dieser lachte nur laut auf.

„Ach Keyl, noch immer so süß naiv. Wie kommst du nur darauf, dass dies etwas mit dir zu tun haben könnte? Du bist nur ein Mittel zum Zweck. Genau wie der Kleine hinter dir. Ihr bedeutet mir nichts. Allerdings wird es mir eine große Freude bereiten, dich zu quälen, junger Prinz, da ich weiß, dass dann auch Florian leidet und er alles für mich tun würde, nur um dich zu schützen. Ist schon irgendwie erbärmlich, findest du nicht? Aber ich muss ihn haben, egal wie. Er gehört mir und kein Möchtegernadliger wird ihn mir wegnehmen!“

„So wirst du Flo nie an dich binden können!“

„Das werden wir ja noch sehen!“, sagte Julian kalt und blaffte dann seine Untergebenen an: „Zwingt ihn auf die Knie!“ Daraufhin setzten sich die Gorillas in Bewegung und kamen auf Keyl und mich zu.

Ich stand wacklig auf und wollte mich neben meinem Engel postieren um ihm beizustehen, doch er streckte nur seinen Arm aus, so dass ich weiterhin hinter ihm stand.

„Alex, vertrau mir jetzt bitte einfach. Ich bin ein Prinz der Organisation, ich weiß mich schon zu wehren. Versuch einfach nur bitte, in meiner Nähe zu bleiben.“

„Keyl.“, besorgt blickte ich meinen Schatz an und legte eine Hand auf seine Schulter. Er schaute ängstlich fragend zurück. „Ich liebe dich.“ Genau. Ich liebte ihn über alles und vertraue ihm voll und ganz. Selbst wenn wir hier nicht heil mehr rauskommen würden, ich war mir endlich sicher, was ich wollte. Ich wollte ihn, mit allem, was da noch kommen sollte. Als er meine Worte hörte, begann er zu lächeln und nickte mir zu. Dann drehte er sich wieder zu den Angreifern um und nahm eine entschlossene Haltung an.

Er ging zwei Schritte nach vorn und holte dabei unauffällig etwas von hinten aus seinem Gürtel. Es sah wie eine graue Murmel aus, die Keyl, kurz bevor die Männer ihn erreichten, mit voller Kraft auf den Boden vor ihren Füßen warf. Ein dichter Nebel breitete sich explosionsartig aus, in dem mein Engel mit einem Satz verschwand. Vereinzelt konnte man ein Keuchen, Stöhnen oder einen überraschten Aufschrei hören, welcher gleich darauf wieder verstummte. Als der Nebel sich lichtete, stand nur noch die Hälfte der Gorillas auf ihren Beinen. Die Anderen lagen bewusstlos verstreut in der Gegend.

Überhaupt nicht davon eingeschüchtert kamen die restlichen Männer auf meinen Schatz zu. Dieser ballte nur seine Hände zu Fäusten und ging schreiend auf die Angreifer los. Es war Wahnsinn, wie unglaublich schnell Keyl war. Hier wich er einem Schlag aus und trat dem Anderen in den Magen, dort entkam er einer Attacke und setzte einen Stoß nach. Ich weiß nicht, was für eine Kampfart mein Engel gerade anwandte, es schien mir eher eine Mischung aus vielen verschiedenen. Aber in kürzester Zeit hatte er die Männer soweit, dass sie stöhnend auf dem Boden herum krochen.

Leider wurden die anderen Wachen, die sich im Lagerhaus postiert hatten, von dem Lärm angelockt und so stürmten immer mehr Gorillas auf meinen Schatz ein. Ich sah, wie seine Kräfte mehr und mehr nachließen und er immer langsamer wurde. Ängstlich beobachtete ich, wie einer der Typen sich von hinten an Keyl heran schlich und ausholte.

„Keyl!!!“ Ich rannte los und warf mich mit voller Kraft gegen den Angreifer. Dieser donnerte laut mit seinem Kopf gegen einen der Container und blieb dort liegen. Besorgt drehte sich mein Engel zu mir um und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich grinste und nickte nur.

„Danke. Pass aber bitte auf, die sind recht brutal.“, meinte Keyl und rieb sich dabei die Brust, dann stürzte er sich wieder zwischen die Männer.

Mit klopfendem Herzen verfolgte ich den Kampf, bewunderte die eleganten Bewegungen meines Schatzes, wie er nur mit knappen Berührungen andere zu Boden gehen ließ. Ich war so sehr gebannt, dass ich nicht merkte, wie sich mir jemand näherte. Ein harter Schlag traf mich von der Seite und schleuderte mich gegen die Wand eines Containers. Dann wurde ich an den Haaren wieder nach oben gezogen und mein Arm auf den Rücken verdreht.

„Hey, Prinz! Besser, du hörst auf dich zu wehren, wenn dir das Leben dieses Bengels hier lieb ist!“, schrie der Typ hinter mir und kalter Zigarettengestank stieg mir in die Nase.

Mein Engel hielt mitten in seiner Bewegung inne und schaute erschrocken zu mir rüber. Sofort wurde er von den Männern gepackt und kassierte einige Faustschläge in den Magen.

„Keyl!“, wild strampelnd wollte ich mich von dem Kerl losreisen und meinem Schatz zu Hilfe kommen „Hört auf, verdammt noch mal. Lass mich los du Vollidiot!“, brüllte ich, wurde aber wieder ganz still, als ich ein Messer im Licht blitzen sah und dessen Klinge an meinem Hals spürte.

„Alex.“, hustete mein Engel und blickte hilflos zu mir rüber. Seine Lippe war aufgeplatzt und aus seiner Nase rann hell glänzendes Blut. Zwei Gorillas stellten Keyl wieder auf die Beine und hielten ihn an beiden Armen fest.

„Lange genug warst du mir im Weg, junger Prinz. Es ist an der Zeit, dass du deine Bestimmung erfüllst, mir zudiensten bist und mir meinen geliebten Florian wieder zurück gibst.“, sagte der silberne Junge triumphierend und ging zu meinem Schatz.

„Er wird dir nie gehören. Flo ist ein Mensch und keine Ware, die du einfach nach Belieben hin und her schieben kannst! Ganz gleich, was du mit mir anstellst, er wird dir niemals untertan sein!“, funkelte mutig mein Engel seinen Gegner an.

„Das werden wir ja noch sehen.“, meinte Julian darauf nur und ließ sich eine Spritze und ein kleines, gläsernes Gefäß von einem seiner Leute geben.

„Das ist die neuste Entdeckung meines Vaters. Eine der edelsten Aphrodisiakums, die er bisher hergestellt hat. Nur ein Tropfen davon in einem normalen Glas Wasser und du kannst die ganze Nacht über Exzesse der Extraklasse feiern. Leider wurde es bisher nicht groß getestet. Bevor ich es allerdings mit dem wahren Prinzen zusammen ausprobiere, finde ich, wäre ein Studium an dir, wie eine bestimmte Dosis auf den menschlichen Körper wirkt, ganz interessant.“, erklärte der silberne Junge und sog die Spritze mit der Droge bis zum Ende voll.

„Keyl.“, jammerte ich und schaute abwechselnd zwischen meinem Schatz und Julian hin und her.

Mein Engel verkrampfte seine Arme und wollte sich aufbäumen, doch als er sah, dass der Typ hinter mir den Druck gegen meine Kehle verstärkte und ein einzelner Bluttropfen meinen Hals hinunter lief, wurde er wieder ruhiger. Seine Augen waren starr auf die Nadel gerichtet, die unaufhaltsam näher kam. Kurz sah er zu mir rüber und mich traf tiefe Hilflosigkeit. Ich versuchte zu lächeln, versuchte ihm Mut zu schenken, wusste aber nicht, ob ich dies auch schaffte.

Die Männer rissen den rechten Ärmel von Keyls Sweatshirt ab und legten somit seinen Unterarm frei. Julian strich mit dem Finger sachte über den Arm und suchte die passende Stelle, wo er die Spritze ansetzen konnte. Siegessicher lächelte der silberne Junge meinen Schatz an und begann, die Nadel zu senken.

Doch noch ehe sie Keyls Haut berührte, hörte ich ein seltsames Summen und dann, ganz plötzlich, zerbrach die Spritze in tausend Teile. Einem Bumerang gleich, flog etwas um die Köpfe der Männer und steuerte dann zu seinem Ausgangpunkt zurück. Auf einem der Container stand ein großer, schwarzhaariger, junger Mann, der dieses Etwas mit der linken Hand auffing und es hinter sich verschwinden ließ. Fast glaubte ich, ein tiefes, dunkles Grün dort schimmern zu sehen.

„Flo.“, hauchte mein Engel und atmete erleichtert aus.

Der Druck auf meinen Hals verschwand, auch der widerliche Zigarettengestank. Stattdessen stand ein Typ mit hellbraunem Haar und wachen Augen neben mir.

„Chris.“, wandte sich Keyl freudig an den Neuankömmling.

„Julian. Diesmal bist du zu weit gegangen.“, erklang die kraftvolle Stimme von Florian. „Die Königin verlangt Rechenschaft. Deshalb muss ich dich leider bitten, uns zur Residenz zu begleiten.“

„Eigentlich würde ich jeder Zeit mit dir überall hingehen, mein Prinz, doch du wirst verstehen, dass ich unter diesen Umständen die Einladung leider ablehne.“, antwortete der silberne Junge. „Aber ich kann dir anbieten, die Sache hier friedlich ausklingen zu lassen, in dem wir zusammen einen kleinen Cocktail zu uns nehmen und miteinander reden.“

„Zum Reden hattest du lange genug Zeit. Außerdem hast du einen meiner Schützlinge angegriffen. Das kann ich dir leider nicht durchgehen lassen!“, meinte Flo, sprang von dem Container und landete sanft vor den Anderen.

„Kannst du auch mal an etwas anders denken, als immer nur an deine Schützlinge? Was ist mit mir? Ich weiß genau, dass du was für mich empfindest.“

„Das stimmt auch. Das, was ich für dich fühle, ist einzig und allein Mitleid. Mitleid dafür, weil du in deinem Besitzergreifenden Egoismus nicht weißt, was wahre Liebe bedeutet.“

Ungläubig starrte Julian den Prinzen an und begann, am ganzen Körper zu zittern. Dann griff er blitzschnell hinter sich und zog eine Pistole.

„Wenn du mich nicht lieben kannst, dann sollst du niemanden lieben!“, schrie der silberne Junge und drückte ab.

Florian aber sprang rechtzeitig zur Seite und zog dabei seine eigene Waffe. Mit einem Mal entbrannte eine wilde Schießerei. Chris hatte mich gepackt und hinter einem Container gedrängt. Immer wieder beugte er sich aus seinem Versteck und schoss in Richtung der Angreifer.

„Hey, warte mal.“, rief ich meinem Beschützer über den Lärm hinweg zu und zerrte an seinem Arm. „Keyl steht doch noch mitten unter diesen Gorillas. Was ist, wenn du ihn triffst?“

„Mach dir darüber keine Sorgen. Erstens bin ich ein guter Schütze und zweitens besitzen wir keine scharfe Munition. Unsere Kugeln betäuben nur den Gegner durch einen kurzen, elektrischen Schlag. Nur unter besonderen Umständen dürfen wir die rot gekennzeichnete Munition benutzen, aber schon aus ethischen Gründen macht das fast keiner.“, beruhigte mich Chris und kümmerte sich weiter um die Typen, die mit der Ethik allerdings keine Probleme hatten.

Nach schier endlosen Minuten wurde es langsam wieder ruhiger, bis es ganz aufhörte zu lärmen. Vorsichtig lugten wir aus unserem Versteck und gesellten uns dann zu Florian, der ebenfalls ins Freie trat. Die Angreifer lagen bewusstlos auf den Boden verstreut, hier und da konnte man sogar ein elektrisches Knistern hören.

„Wo ist Keyl?“, fragte ich besorgt und sah mich um.

„Er hat sich von den zwei Kerlen befreit, als alles anfing und ging in Deckung. Moment mal, wo ist Julian?“, stellte Flo fest, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Wir suchten den Platz ab, ob er vielleicht unter seinen eigenen Leuten begraben worden war, bis ein lauter Knall uns unterbrach und aufhorchen ließ. Chris und Flo schauten sich nur kurz an, dann stürmten sie los. Ich hatte wirklich ein Problem, mit ihnen mitzuhalten, weil sie unglaublich schnell waren. Doch als ich um die nächste Ecke bog, blieb ich wie angewurzelt stehen. Mein Schatz saß blutüberströmt an einer Wand und hatte den Kopf gesenkt. Julian stand vor ihm und zielte mit einer Waffe direkt auf sein Gesicht.

„Keyl!“

Schreiend lief ich los, wurde aber von Chris und Flo aufgehalten.

„Lasst mich los, verdammt! Ich will zu ihm. Er braucht Hilfe, seht ihr denn das nicht?!“

„Beruhige dich. Wenn du jetzt losrennst, drückt er vielleicht wirklich ab, wenn er nicht gleich seine Waffe auf dich richtet!“, zischte Florian und versetzte mir einen Schlag mit den Handrücken, als ich keine Ruhe geben wollte.

„Das kann dir doch vollkommen egal sein, ob er mich erschießt oder nicht. Du kannst mich doch eh nicht ausstehen. Falls du es noch nicht wusstest: ich liebe Keyl über alles und lieber lass ich mich von ein paar Kugel durchbohren, als dass er von diesem Wahnsinnigen getötet wird.“, fauchte ich den Prinzen mit Tränen in den Augen an.

„Ach und was ist, wenn Julian nicht seine Waffe hebt und gleich losballert? Dann hast du Keyl auf dem Gewissen! Du hast mit der Sache hier überhaupt nichts zu tun, also halte dich gefälligst raus und geh zurück zu deiner Mami!“

Hätte mich Chris nicht zurück gehalten, wäre meine Faust direkt in dem Gesicht von diesem arroganten Arsch gelandet.

„Flo, das war jetzt nicht fair von dir. Der Kleine liebt Keyl wirklich.“, versuchte Chris das ganze zu schlichten, aber anstatt sich zu entschuldigen, drehte sich Florian nur schnaubend weg.

„So mein Prinz, du hast jetzt genau zwei Möglichkeiten. Entweder schwörst du mir ewige Treue und Gehorsam, oder dein kleiner Schützling hier ist des Todes!“, gewann Julian, der uns die ganze Zeit beobachtet hatte, wieder unsere Aufmerksamkeit.

„Los, schwör es schon.“, flüstere ich zu Flo und schaute ängstlich zu meinem Engel.

„Du verstehst da was nicht, Kleiner.“, klärte mich Chris auf. „Wenn Florian wirklich auf den Schwur eingeht, ist er auch daran gebunden. Er kann das nicht einfach so sagen und zwei Minuten später dementieren. Das wäre gegen die Ehre.“

„Scheiß auf die Ehre. Hier geht es um ein Menschenleben. Um Keyl!“

„Wenn wir keine Ehre hätten, Kleiner, was würde uns dann von den Verbrechern unterscheiden?“ Mitleidig sah Chris mich an und musterte dann seinen Freund, der langsam einige Schritte nach vorne ging. „Was hast du vor? Flo?“

„Tut mir leid Chris. Ich kann nicht zulassen, dass Keyl wegen mir noch mehr durchmachen muss. Versprich mir, dass du auf ihn aufpassen wirst. Auf ihn und… und auf seinen Freund.“

‚Bekam ich das jetzt richtig mit? Wollte sich dieser arrogante Arsch wirklich für meinen Engel opfern? Und hatte er gerade wirklich angeordnet, dass Chris nicht nur auf den Prinzen, sondern auch auf mich Acht geben sollte?’ Ich spürte, wie der braunhaarige junge Mann neben mir am ganzen Körper zu beben begann.

„Tu es nicht.“, sagte eine schwache Stimme.

„Keyl.“, hauchte Florian und alle starrten wir auf die zitternde Gestallt am Boden.

„Tu es niiiiiicht!!!“, schrie mein Schatz mit einem Mal und sprang Julian entgegen, der verwundert seine Waffe hob und abdrückte.

Mein Herz blieb für Sekunden stehen. Ich riss mich von Chris los und stürmte zu meinem Engel. Irgendwas fehlte, nur war mir noch nicht bewusst, was. Flo hatte sich schon niedergekniet, hielt Keyl in seinen Armen und zielte mit seiner eigenen Pistole auf den silbernen Jungen. Dieser schaute nur ängstlich den Prinzen an und kroch einige Zentimeter rückwärts. Chris packte Julian von hinten, schleuderte ihn herum, sodass er auf den Bauch landete und machte dessen Hände auf dem Rücken mit Handschellen fest.

Die Anderen ignorierend, setzte ich mich auf meine Knie ab und beugte mich zu meinem Engel. Sanft strich ich ihm über die Wange, wollte nicht glauben, was gerade passiert war.

„Keyl. Bleib bei mir. Bitte verlass mich nicht. Keyl!“, schluchzte ich und begann mich apathisch vor und zurück zu wiegen.

Sacht legte sich eine Hand auf die meine. Florian blickte mich mit feucht glänzenden Augen an, dann hob er seinen Arm und führte meine Hand zur Brust meines Schatzes. Moment mal, diese hob und senkte sich. Zwar nur ganz leicht, aber dennoch eindeutig. Und dann wurde mir bewusst, was fehlte. Der Knall. Der ohrenbetäubende Laut, wenn eine Waffe losging. Mein Engel begann zu husten und öffnete langsam seine Augen.

„Habt ihr ihn?“, fragte er an Flo gewandt, der dies mit einem freudigen Nicken bestätigte.

„Du lebst.“, flüsterte ich und hätte ihn am liebsten fest an mich gedrückt.

„Hey, ich bin ein Prinz der Organisation. Mich tötet man nicht so leicht. Außerdem war sein Magazin alle.“, grinste er schwach.

„Idiot!“, wütend funkelte ich ihn an. „Du Vollidiot! Wie kannst du mir das nur antun?! Ich wäre fast gestorben vor Sorge. Wenn du so was noch einmal durchziehst, kannst du dir nen anderen Freund suchen. Ist das klar?!“

„Ich will aber keinen Anderen. Ich will nur dich.“

Schwach hob er seine Hand und strich über meine Tränen, die mir unkontrolliert in Massen über die Wangen liefen. Langsam wurde es wieder laut um uns herum. Schwerbewaffnete Männer mit Schutzwesten und schwarzen Stoffmasken tauchten plötzlich über all auf und draußen hörte man einige Sirenen.

„Helft mir auf. Ich will aufrecht nach draußen gehen.“, bat Keyl uns.

Florian schlang einen Arm von ihm um seine Hüfte und legte den eigenen auf die Schulter meines Engels. Chris zog mich beiseite und ließ die Beiden vor uns her laufen. Er erklärte mir, dass dies etwas mit der Ehre und dem Ansehen zu tun hätte. Es soll nicht gerade gut für das Image sein, wenn ein Prinz von einem Außenstehenden gestützt wurde.

Draußen kamen uns einige Sanitäter entgegen und untersuchten die Verletzung an Keyls Schulter. Die Notärzte meinten, es soll wohl ein glatter Durchschuss gewesen sein und müsste dringend gereinigt und genäht werden. So fuhren wir in ein Spezialkrankenhaus der Organisation, wo mein Engel in einem separaten Zimmer behandelt wurde. Eine Krankenschwester untersuchte derweil meine Abschürfungen an den Handgelenken, gab eine Salbe drauf und verband mir sie dann.

Ungeduldig wartete ich auf dem Gang, wann ich denn endlich zu meinem Schatz durfte. Nach einer nicht enden wollenden Stunde kam er endlich aus dem Zimmer, frisch geduscht, wie mir schien und in saubere Sachen gekleidet.

„Keyl.“

„Alex.“

Beide stürmten wir aufeinander zu und umarmten uns innig. Durch seine Verletzung konnte mein Engel seine Arme nicht so sehr hochheben und umklammerte deshalb nur meine Hüfte. Wieder hatte ich Tränen in den Augen, die ich nur schwer unterdrücken konnte.

„Ich bin so froh, dass es dir gut geht.“, flüsterte Keyl und kuschelte seinen Kopf an meine Schulter. Wir sehr hatte ich dieses Gefühl der Wärme vermisst.

„Mir geht’s genauso mit dir. Bitte versteh das jetzt nicht falsch, aber wie kannst du schon so munter durch die Gegend laufen? Vorhin konntest du dich doch kaum alleine auf den Beinen halten.“

„Das sind einfach nur gute Schmerz- und Aufbaumittel. Außerdem wollte ich so schnell als möglich wieder zu dir.“

Ich grinste nur und hob sacht sein Kinn, damit ich ihn anschauen konnte. Leichte Spuren der letzten Stunden waren in seinem Gesicht noch zu sehen, aber sonst strahlte mich nur dieses wahnsinnige Gelbbraun an, was ich so sehr liebte. Er schloss seine Augen und ich tat es ihm gleich. Sanft trafen unsere Lippen aufeinander und unendlich viele Glückshormone explodierten in meinem Magen, durchzogen meinen Körper und ließen meine Knie weich wie Pudding werden.

„Wow.“, meinte Keyl, als wir uns wieder voneinander trennten und verlieh dem Ausdruck, was ich fühlte.

„Ähem. Wenn wir die Herren kurz stören dürften.“, drang die belustigt klingende Stimme von Chris zu uns, der ein paar Meter weiter mit Flo zusammen an der Wand lehnte.

„Florian. Chris.“, sprach mein Engel die Beiden an und jeder nickte, sobald er seinen Namen hörte. „Ich danke euch. Von ganzem Herzen.“

„Wir sind Freunde, wusstest du das nicht?“, meinte Flo, worauf wir uns alle anlachten. Nach einer Weile jedoch verschwand sein Lächeln und er blickte ernst drein. „Die Königin verlangt nach uns. Und zwar nach uns allen.“

Ich konnte richtig merken, wie mein Engel sich versteifte und sich noch mehr an mich zu klammern begann.

„Kommt, lasst uns das so schnell als möglich hinter uns bringen. Keine Angst mein Prinz. Wir sind alle bei dir.“, versuchte Florian meinen Schatz etwas aufzumuntern und lief dann mit Chris voraus.

Zusammen stiegen wir in den Fahrstuhl, der uns nach unten zu dem Parkdeck brachte, wo schon ein schwarzer Van auf uns wartete. Wir fuhren eine ganze Weile durch die Gegend. Wie lange die Fahrt dauerte, konnte ich nicht genau sagen, weil ich mich voll und ganz auf Keyl konzentrierte, der die ganze Zeit wie ein Häufchen Elend in meinen Armen lag.

„Hör mal Alex. Wenn wir in der Residenz sind, halte deinen Kopf immer hoch und deinen Blick gerade aus. Klammer dich nicht an Keyl und bleib dicht hinter uns. Versuch einen möglichst emotionslosen Gesichtsaudruck aufzulegen. Du bist der Freund des Prinzen, somit hast du nun auch einen gewissen Status inne. Du stehst damit nicht nur unter seinem Schutz, sondern unter dem der ganzen Organisation.“, wies mich Flo streng an.

„Tut mir leid, dass ich dich da mit rein gezogen habe.“, hörte ich meinen Engel leise sagen.

„Hey. Ich bin froh, dass ich dir begegnet bin. Ein bisschen böse gucken und die Nase oben halten ist doch wirklich das geringste Problem.“, erwiderte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, worauf er mich erleichtert anlächelte.

Wir parkten wieder in einer Tiefgarage, stiegen in einen recht großen Fahrstuhl und fuhren bis ins obere Stockwerk. Mit einem leisen ‚Pling’ öffneten sich die Türen und ich fand mich in einer Art Großraumbüro wieder, wo Telefone pausenlos klingelten und Menschen wild durcheinander liefen. An die Anweisungen von Florian haltend, hob ich meinen Kopf und versuchte, so streng als möglich auszuschauen. Ich zuckte ein wenig zusammen, als Keyl plötzlich nach meiner Hand griff und sie fest drückte. Kurz blicken wir uns an, nickten knapp und stiegen gemeinsam aus dem Fahrstuhl.

Jeder im Raum war verstummt und alle schauten uns neugierig an. Hier und da hörte ich einige flüstern: „Da, der junge Prinz, er ist wieder da. Ist er verletzt? Scheint nicht so, oder? Wer ist der Junge neben ihm? Wer ist das? Sein Freund? Die Königin hat schon nach ihnen verlangt. Oh je, das kann ja heiter werden. Die Befreiungsaktion war nicht genehmigt, stimmts? Die Vier tun mir jetzt schon leid.“

Wir ließen die tuschelnden Leute hinter uns und standen nun in einem Empfangszimmer, wo eine zierliche Dame uns begrüßte und dann mitleidig anwies, weiter zu gehen. Sacht klopfte Flo an die Tür und öffnete diese nach kurzem Zögern. Nacheinander betraten wir das Büro der Königin. Sie selbst saß in einem großen, braunen Ledersessel vor einem riesigen Panoramafenster und beugte sich über ein Schriftstück, das vor ihr auf dem großen Tisch aus Eichenholz lag. Die Wände waren kaum geschmückt und wirkten irgendwie kalt, wie das ganze Zimmer.

Die Königin legte ihren Stift beiseite, als wir vor ihrem Tisch standen und blickte auf.

„Weißt du was das ist?“, wandte sie sich gleich an ihren Sohn, ohne auch nur ein Wort der Begrüßung und zeigte dabei auf das Blatt Papier vor sich.

„Ein Schreiben der hiesigen Stadt?“, fragte mein Engel und schaute seine Mutter unsicher an.

„Genau. Und kannst du dir auch denken, was darin steht? Das ist eine Beschwerde über die Schießerei, die du diese Nacht angezettelt hast. Es geht noch weiter. Widerrechtliches Betreten einer Lagerhalle, vorsätzliche Beschädigung von Privateigentum und dann noch bewusste Verwicklung von Zivilisten in Organisationsstreitigkeiten!“

„Keiner hat mich zu etwas gezwungen. Das war mein freier Wille, weil ich Keyl…“, setzte ich zu einer Erklärung an, wurde aber gleich wieder unterbrochen.

„Ach, du wurdest also nicht gezwungen, in die Lagerhalle zu gehen, hast dir freiwillig deine Arme an den Gitterstäben festbinden lassen und wärst aus freien Stücken halb erfroren?! Sehr interessant.“

„Meine Königin, wenn ich dazu bemerkten dürfte…“, begann Flo zu reden.

„Schweigt! Alle beide! Ich habe keine Lust mehr, mir eure plumpen Ausreden anzuhören. Ihr habt mir bewusst verschwiegen, dass Julian in der Stadt ist, nur damit Keyl weiter draußen frei herum streunen kann. Florian. Du solltest auf ihn aufpassen und ihn nicht in die Arme irgendeines unbeteiligten kleinen Jungen treiben!“

„Mutter! Das reicht. Alex ist nicht irgendein Junge. Er ist mein Freund!“

„Es reicht. Wahrlich. Du führst nicht genehmigte Aktionen durch. Läufst ständig von zu Hause weg, um dich mit wildfremden Jungs zu treffen. Bestichst deine Aufpasser und ziehst sie mit in deine Machenschaften rein. Das geht so nicht weiter. Ich habe beschlossen, dich in ein Internat in der Schweiz zu bringen, wo du eine ordentliche Ausbildung genießen wirst und hoffentlich einige Manieren lernst.“

Ungläubig starrten wir die Königin an und wussten nicht recht, was wir darauf sagen sollten.

„Nein. Das mach ich nicht. Du kannst vergessen, dass ich von hier weg gehe. Lieber lebe ich als Bettler in dieser Stadt bei meinem Freund, als in nem wildfremden Land als Prinz.“

„Ich glaube, du hast keine andere Wahl, mein Sohn.“, meinte die Mutter meines Engels und drückte auf einen Knopf ihrer Wechselsprechanlage, die auf ihrem Tisch stand. „Ricarda? Bring bitte die neuen Aufpasser des Prinzens rein.“

„Neue Aufpasser?“, hauchte Flo und blickte verstört zwischen Keyl und der Königin hin und her.

„Keine Angst. Sie sind die besten der Akademie und werden den Prinzen sehr gut beschützen. Du warst doch immer so empört darüber, dass du auf Keyl aufpassen musstest. Nun habe ich dir deine Last abgenommen. Bis zu Neujahr darfst du dir Urlaub nehmen. Genieße deine freie Zeit mit deinem Freund. Ihr beide dürft gehen.“

„Neulinge? Bei allem Respekt, ihr wollt Grünschnäbel an die Seite eures Sohnes setzen? Vielleicht habe ich am Anfang etwas gemurrt über diese Aufgabe. Aber ich will keinen Urlaub. Ich will…“

„Ich habe mich wohl nicht klar genug ausgedrückt!“, unterbrach barsch die Königin Florian. „Du bist diesen Postens enthoben.“

„Mir ist egal, ob ihr mich dazu ernennt oder nicht. Ich bleibe Keyls Bodyguard. Ob ihr das nun wollt oder nicht!“

Wütend über so eine geballte Ladung Ungehorsams, funkelte die Königin ihn empört an. Wieder drückte sie auf ihre Wechselsprechanlage. „Ricarda! Wo bleiben die neuen Aufpasser des Prinzen?!“

Daraufhin schwang krachend die Tür auf, aber ins Zimmer traten keine neuen Bodyguards, sondern eine große, schwarzhaarige junge Frau, vielleicht Mitte Zwanzig, mit dunkelgrün leuchtenden Augen. Es war unverkennbar, mit wem sie verwand war.

„Vicky.“ Überrascht blickte die Königin den Neuankömmling an.

„Florian, Chris. Bitte bringt mit Keyl zusammen Alex nach Hause. Seine Familie ist schon fast krank vor Sorge. Danach geht ihr bitte in unser Apartment und wartet dort auf mich.“, wies sie sanft die anderen an.

„Warte mal, was soll das? Du kannst hier nicht einfach so reinplatzen und Befehle erteilen.“

„Stimmt, laut der Rangfolge bist du genau einen Grad höher als ich. Aber weißt du was, momentan ist mir das vollkommen egal, weil es nicht um die Organisation geht, sondern um die Familie und da, liebe Schwester, stehen wir auf einer Stufe. Kinders, auf was wartet ihr? Ich habe hier noch etwas zu bereden und zwar mit Katja alleine. Also seid so nett und schließt die Tür hinter euch, wenn ihr geht.“

Vicky scheuchte uns regelrecht aus dem Zimmer, doch so leicht gab sich die Königin nicht geschlagen. Sie lief ihrer Schwester nach, packte sie grob am Handgelenk und wollte sie herum schleudern. Nur fing sich die schwarzhaarige Frau ab und knallte ihr mit voller Kraft eine Ohrfeige auf die Wange. Mehr bekamen wir allerdings nicht mit, da Chris schleunigst die Tür hinter sich schloss. Total durcheinander stand ich in dem, außer uns leerem, Empfangsraum.

„Kann mir einer bitte mal erklären, was dort drin gerade passiert ist?“, fragte ich in die Runde.

„Also, meine Mom hat anscheinend die Schnauze voll mit mir und will mich in nen Internat stecken, zich Kilometer von hier entfernt.“, fing mein Schatz an.

„Mit mir als Keyls Aufpasser ist sie auch überhaupt nicht zufrieden, weil ich ihm zu viele Freiheiten gelassen habe.“, erzählte Flo weiter.

„Und die Frau, die du grade gesehen hast, ist Florians Mutter und die Stiefschwester von der Königin. Hoffentlich wäscht Vicky der Königin mal richtig den Kopf.“, schloss Chris.

„Die Schwarzhaarige ist deine Mutter? Ich habe sie auf maximal Mitte Zwanzig geschätzt und dich auf Neunzehn, oder so.“, sagte ich ungläubig.

„Das stimmt auch, aber das ist ne andere Story. Komm, wir müssen dich wirklich nach Hause bringen. Als ich vorhin im Krankenhaus mit deiner Mom telefonierte, klang sie mehr als nur besorgt.“, meinte Flo und ging mit Chris voraus.

Mein Engel blieb etwas unschlüssig im Zimmer stehen und blickte sich unbehaglich um. Ich ging zu ihm, strich eine Strähne seines Haares aus dem Gesicht und stupste ihn leicht mit der Nase an. Traurig lächelte er mir zu.

„Kopf hoch. Wir schaffen das. Zusammen!“, versuchte ich ihn aufzumuntern.

„Danke. Ich hatte nur gehofft, dass dein erstes Treffen mit meiner Mom etwas fröhlicher ausfällt und nicht im Chaos endet. Sie ist eigentlich ganz O.K. Wie jede Mutter macht sie sich ja auch nur Sorgen, aber in der letzten Zeit übertreibt sie es einfach.“, probierte Keyl das Verhalten seiner Mutter zu rechtfertigen.

„Pass auf. Sobald sich die Lage wieder entspannt hat, starten wir einfach einen neuen Versuch. So schnell geb ich nicht auf.“, zwinkerte ich meinem Schatz zu und er atmete erleichtert auf.

Dann folgten wir den beiden Anderen zum Fahrstuhl und stiegen, unten angekommen, mit ihnen wieder in den schwarzen Van ein. Schweigend flog die Landschaft an uns vorbei, bis ich nach einer Weile bekannte Häuser und Straßen entdeckte. Mir wurde immer unwohler zumute, je näher ich dem Ziel kam. Nur widerwillig löste ich mich von meinem Engel und stieg mit ihm aus dem Auto aus. Alle drei brachten mich noch bis hoch zur Wohnungstür, da Flo noch mit meinen Eltern etwas abklären wollte. So stand ich nun im Treppenhaus vor der Tür meiner Wohnung und wollte nicht wirklich hinein gehen.

„Wann sehen wir uns wieder?“, fragte ich ängstlich meinen Schatz, der sich an mich geklammerte hatte und nicht wieder loslassen wollte.

„Ich weiß nicht, wie viel Vicky erreichen kann. Vielleicht ist das hier unser letztes Treffen.“

„Nein, ich will dich nicht wieder hergeben Ich will bei dir sein. Bleib hier bei mir. Bitte.“, jammerte ich und barg meinen Kopf an seinem Hals.

„Hab Geduld. Wir müssen erstmal abwarten, was Vicky erreichen kann. Wenn wir uns jetzt gegen ihre Anweisungen stellen, wäre alles für umsonst. Ich werde wiederkommen, das schwöre ich. Warte auf mich.“

„So lange du willst. Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch, mehr als alles andere auf der Welt.“

Wir trennten uns ein winziges Stück, nur um uns in die Augen blicken zu können. Mein Herz wurde unendlich schwer, als ich in das gelbbraune Leuchten schaute und darin mehr und mehr versank. Sanft berührten sich unsere Lippen. Zärtlich spielten wir mit der Zunge des jeweils Anderen, streichelten uns über die Wangen und den Nacken.

„Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber wir haben nicht mehr viel Zeit.“, unterbrach uns Flo leise und betätigte, nach einem zustimmenden Nicken unsererseits, die Klingel.

Meine Mutter riss förmlich die Türe auf und fiel mir erleichtert um den Hals, meine Schwester, Dennis und selbst mein Vater folgten.

„Dem Himmel sei dank, dir geht es gut.“, hauchte meine Mom und wischte sich Tränen aus den Augen.

„Es tut mir wirklich leid, dass ich ihren Sohn da mit rein gezogen habe. Es war wirklich nicht meine Absicht.“, sagte mein Engel ängstlich und starrte auf den Boden.

„Ach halt deinen Mund.“, antwortete meine Mutter und ging zu ihm rüber. „Für solche geistesgestörten Menschen kann keiner was. Ich bin verdammt noch mal froh, dass es euch Beiden gut geht. Und hatte ich nicht gesagt, dass du dieses doofe Sie weglassen sollst?!“ Dann umarmte sie ihn. Meine anderen Familienmitglieder blickten ihn aufmunternd an und gaben somit zu verstehen, dass sie ihm für das Geschehene keine Schuld gaben.

„Entschuldigen sie die Unterbrechung, aber wie ich schon am Telefon mitteilte, müsste ich noch etwas mit ihnen besprechen. Es dauert nicht lang.“, wandte sich Florian höflich an meine Eltern, worauf beide sich zu ihm gesellten. Meine Schwester ging mit Dennis vorerst wieder in die Wohnung und ließ somit mir und Keyl genug Zeit zum Abschied.

Wir klammerten uns wieder aneinander, küssten uns innig und wollten uns einfach nicht voneinander trennen. Flo packte schon fast grob die Schulter meines Engels und zog ihn von mir fort, währenddessen mein Vater mich festhielt. Tränen rannen mir und Keyl unentwegt über die Wangen hinab und tropften lautlos zu Boden. Vom Fenster aus sah ich noch, wie mein Schatz vor dem Auto stand und ein letztes Mal zu mir nach oben blickte, bis ihn Florian drang, einzusteigen. Dann fuhr der Van davon.

***

Es war Heilig Abend. Überall roch es nach Pfefferkuchen, Äpfeln und Zimt. Leise hörte ich Musik von unten in mein Zimmer dringen. Fröhliche Weihnachtslieder. Danach war mir zur Zeit überhaupt nicht zu Mute. Knapp zwei Wochen waren vergangen, nachdem ich mich von meinem Engel trennen musste und bisher hatte ich nicht eine Nachricht von ihm erhalten. Weder wusste ich, wie es ihm ging, was er gerade machte, noch wo er war.

Seit ich mich von meinem Schatz verabschieden musste, hatte ich mich überwiegend in meinen Zimmer eingeschlossen und war nur zu den Mahlzeiten raus gekommen. Gegessen hab ich trotzdem kaum was. Von der Schule war ich bis nächstes Jahr frei geschrieben wurden, so blieb mir wenigstens dieses Laster erspart. Blind tastete ich in meinem dunklen Zimmer nach der Fernbedienung meiner Musikanlage und ließ wieder Schandmaul mit ‚Dein Anblick’ anlaufen.

Ich lauschte den Worten des Sängers und erinnerte mich wieder an die zarte Haut meines Schatzes, an dessen weiche Lippen, an die Wärme und Geborgenheit, die er mit gespendet hatte. In meinen Augen brannten Tränen auf.

Jemand klingelte an unsere Wohnungstür und ich hörte, wie meine Mom diese freudig öffnete und aufquickte. Genervt schaltete ich meine Musik lauter, damit ich mir das fröhliche Gequatsche von unten nicht mit antun musste. Dieses Jahr wollte unsere Nachbarin ein Stück mit uns feiern, da ihr Mann erst spät von der Arbeit kam und der Rest ihrer Familie weggefahren war. Ich drehte mich nur in meinem Bett rum, kuschelte mich in mein Kissen und ergoss mich in meinem Kummer. Ein paar Minuten später klopfte es zaghaft an meiner Tür.

„Alex, kommst du bitte endlich runter? Unsere Gäste sind da und wir wollen mit der Bescherung anfangen.“, sagte meine Mutter sanft, mit etwas Besorgnis in der Stimme. „Und zieh dir bitte was Ordentliches an.“

„Ja, mach ich Mom.“, meinte ich schwach und stand langsam auf.

Meine Schwester hatte mir schon ein paar Sachen für den Abend hingelegt, weil sie der Meinung war, dass ich in der letzten Woche nicht gerade als Model durchging. Lustlos lief ich ins Bad, putzte mir die Zähne und kämmte mir halbherzig die Haare aus dem Gesicht. Dann schlurfte ich die Treppen hinab. Die ganze Wohnung war weihnachtlich geschmückt und leuchtete in einem sanften Grün und Rot. Nur hatte ich in diesem Augenblick absolut keinen Sinn dafür.

Ich stand gerade in Gedanken versunken auf den letzten beiden Stufen, als eine große, schwarzhaarige Person von links aus dem Wohnzimmer kam.

„Wird ja auch langsam echt Zeit!“

Verwirrt schaute ich Florian an.

„Was machst du denn hier?“, fragte ich verdattert.

„Na was wohl.“, antwortete er schnippisch und blickte mich genervt an.

In diesem Augenblick trat eine weitere Person auf den Flur hinaus. Mein Atem setzte aus, als ich erkannte, wer da nun vor mir stand.

„Keyl.“, hauchte ich ungläubig.

„Hey.“, antwortete mein Engel nur und lächelte mich an.

„Keyl!“, rief ich und stürmte nach vorne. Allerdings verfehlte ich die letzte Stufe und strauchelte. Ich prallte mit voller Wucht auf meinen Schatz und riss ihn mit mir zu Boden.

„Na das nenn ich doch mal eine stürmische Begrüßung.“, lachte Chris, der gerade aus der Küche kam und zwei Schüsseln über uns drüber balancierte. Flo kam seinem Freund zur Hilfe, nahm ihn etwas ab und beide gingen grinsend wieder in die Wohnstube.

Ich konnte es einfach nicht fassen, dass mein Engel endlich wieder bei mir war. Lächelnd lag ich auf ihm und genoss seine sanften Fingerspitzen, als diese meine Wange liebkosten. Dann nahm Keyl meinen Kopf in beide Hände und zog mich zu sich hinunter. Ich spürte sein Verlangen, sein Drängen und seine Erleichterung, endlich wieder vereint mit mir zu sein – ich fühlte im Gegenzug nicht viel anders.

„Wollt ihr nicht endlich aufstehen und zu uns kommen? Wir möchten langsam die Geschenke auspacken.“, neckte meine Schwester.

Kichernd kamen wir der Aufforderung nach und gesellten uns zu den Anderen.

„Ich habe mein Geschenk schon.“, meinte ich zu Sahra, als wir ins Wohnzimmer kamen und uns nebeneinander auf das Sofa setzten. Mein Schatz legte gleich meinen Arm um seine Schulter und kuschelte sich wieder an die meinige.

„Oh, dann willst du unseres wohl gar nicht haben?“, fragte mich Chris und sah mich prüfend an. Er saß in unserem Sessel und Flo auf dem Boden zu seinen Füßen. Der Prinz hatte seinen Kopf gegen die Beine seines Freundes gelehnt und ließ sich sanft von ihm am Hals graulen.

„Nimm es an.“, drängte mein Engel mich, darum sagte ich brav, dass ich mich sehr über ihr Präsent freuen würde.

„Gute Antwort.“, lächelte Keyl und löste sich ein wenig von mir. „Also es ist so. Dank Vicky hat meine Mutter eingesehen, dass sie in Sachen Sicherheit bei mir sehr übertrieben hat. Des Weiteren konnte meine Tante sie davon überzeugen, dass es wohl besser wäre, mich nicht in ein Internat zu stecken, sondern auf eine Schule meiner Wahl. Einzige Voraussetzung ist, dass ich regelmäßig zum Training gehe, brav zu meinen Aufpassern bin und sie nicht austrickse und dass ich meine Mutter auf dem Laufenden halte.“

„Eine Schule deiner Wahl? An welche hast du denn da gedacht?“, fragte ich vorsichtig, worauf mich mein Schatz nur breit angrinste.

„Na ja, ich habe gehört, dass ganz hier in der Nähe ein gutes Gymnasium sein soll.“

Mit immer größer werdenden Augen starrte ich meinen Engel an.

„Du meinst, du kannst hier bleiben?“

„Nein du Idiot. Das bedeutet, dass er auf den Mond zieht und sich dort nen Haus baut.“, stöhnte Florian genervt, handelte sich dabei aber einen Klaps von seinem Freund ein.

Überglücklich sprang ich meinem Engel um den Hals und drückte ihm danach einen langen Kuss auf die Lippen.

„Nu is aber Schluss hier. Ich bin zwar echt froh, dass mein kleiner Bruder endlich wieder happy ist, da er die ganze letzte Woche total deprimiert sich in seinem Zimmer eingeschlossen hatte. Also Keyl, falls du noch einmal so ne Nummer mit ihm abziehen solltest, von wegen allein lassen und so, dann gnade dir Gott! Aber bitte steck nich weiter deine Zunge in seinen Mund, wenn ich in der Nähe bin. Alex ist mein kleiner Bruder. Das ist irgendwie komisch. Für den Rest habt ihr freie Bahn.“

„Du hast es gehört Schatz.“, meinte ich zu Keyl. „Außer nem Zungenkuss dürfen wir hier alles machen. Los, zieh dich aus!“

„Nein! So meinte ich das nicht.“, jappste meine Schwester nach Luft und schmiss mir dann ein Kissen an den Kopf, als sie merkte, dass ich nur Spaß machte.

„Jetzt ist aber gut.“, unterbrach uns meine Mutter lachend, stand auf und schenkte den Wein aus. „Auf dass es den Menschen, die uns wichtig sind, immer gut geht, wir sie oft in unsere Nähe wissen dürfen und auf das die Familie immer zusammen hält, sich in schwierigen Situationen beisteht und stetig wächst. Auf unsere Familie und unsere Lieben!“

„Auf unsere Familie und unsere Lieben!“, stimmten wir alle im Chor meiner Mutter zu und nippten an dem Wein.

Leise liefen im Hintergrund alte Weihnachtslieder. Ein Duft von Tanne, gemischt mit Lebkuchen und Apfelsinen stieg mir in die Nase, als die ersten Geschenke ausgeteilt wurden. Die Kerzen des Adventkranzes flackerten sanft vor sich hin und verströmten ein angenehmes Licht.

Mein Engel kuschelte sich wieder an mich und graulte mir zärtlich meinen Arm. Sacht lehnte ich mich auf dem Sofa zurück und genoss die Nähe der Menschen, die ich am meisten liebte.

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