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Information Der Weihnachtsengel
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:06 AM - No Replies

Langsam und in Gedanken versunken ging ich die Strasse entlang. Es war schon dunkel und empfindlich kalt geworden. Nun stand das Weihnachtsfest fast vor der Tür. Zwei Tage noch und dann war Weihnachten. Wehmütig dachte ich daran, dass es wieder ein einsames Fest für mich werden würde. Traurig schaute ich in den Himmel, wo mir nur der Mond entgegenleuchtete.

Plötzlich erscholl Gelächter von der anderen Straßenseite. Ich sah in die Richtung aus der die Geräusche kamen und sah ein paar Männer vor einer Kneipe stehen. Sie verabschiedeten sich gerade und gingen dann in verschiedene Richtungen davon. Mir wurde langsam kalt so das ich etwas schneller ging und dann fing es an zu schneien.

Erst fielen einige einzelne Flocken vom Himmel und kurz darauf schneite es richtig heftig. Ich begann noch schneller zu laufen um nach Hause zu kommen.

Als ich mein Wohnhaus erreicht hatte und die Haustür aufgeschlossen hatte, schlüpfte ich in den Hausflur und ging die Treppe hinauf in mein kleines Reich.

Nachdem ich endlich in meiner kleinen Wohnung stand, zog ich mir den Mantel und die Schuhe aus und ging in die Küche um mir Wasser für einen Tee aufzusetzen. Kurz darauf saß ich in meinem Wohnzimmer vor meinem PC und sah meine Mails durch.

Außer einigen Werbemails war auch eine Mail dabei, deren Absender ich nicht kannte.

Ich öffnete die Mail und begann zu lesen.

Hi Du,

leider kennst Du mich nicht, aber ich Dich. Ein Arbeitskollege von Dir hat mir Deine Mailadresse gegeben. Nun wirst Du Dich fragen warum ich Dir schreibe! Also werde ich etwas ausholen. Mein Name ist Niclas und ich arbeite im gleichen Bürohaus wie Du. Ich habe Dich schon öfters gesehen und mich gefragt warum Du immer so Traurig aussiehst. Wenn andere um Dich herum lachen, in der Kantine, dann sitzt Du nur da und schaust auf Dein Essen. Ich weiß nicht warum Du nie lachst. Vielleicht können wir uns ja mal treffen. Ich würde mich jedenfalls freuen wenn Du mir antworten würdest.

GLG
Niclas

Ich wusste nicht so recht ob ich diesem Niclas antworten sollte. Ich nahm meine Tasse Tee in die Hand und begann vorsichtig den Tee zu trinken. Wer war dieser Niclas und warum schrieb er mir. Nur weil ich laut seiner Aussage in der Mail immer so Traurig aussah, ergab es noch lange für mich keinen Sinn, dass er mich gerne Treffen würde.

Was macht man nur in solch einer Situation. Zufällig sah ich daraufhin auf einen Bilderrahmen der auf meinem Computertisch stand. Auf dem Foto das in dem Bilderrahmen steckte, war ich mit meinem Eltern zu sehen.

Das waren damals noch glückliche Zeiten. Meine Eltern verstarben bei einem Autounfall, als ich dreizehn Jahre alt war. Danach wuchs ich in einem Waisenhaus auf. Mit achtzehn machte ich meine Berufsausbildung zum Einzelhandelskaufmann und zog in diese Wohnung. Mittlerweile war ich sechsundzwanzig Jahre alt, immer noch allein und hatte keine Freunde. Mir fehlten meine Eltern sehr. Verwandschaft hatte ich nicht, da meine beiden Eltern selbst im Waisenhaus aufgewachsen waren und sich dort auch kennengelernt hatten.

Ich starrte auf das Bild und wünschte mir von ganzem Herzen, dass meine Eltern noch leben würden. Ich seufzte und wandte mich wieder der Mail zu. Was sollte ich machen? Ihm schreiben? Warum nicht, wer nicht wagt bleibt für immer alleine.

Also fing ich an zu schreiben.

Hi Niclas,

ich würde mich freuen wenn wir uns kennenlernen würden. Ich kenn Dich zwar nicht, aber wie wäre es, wenn ich Dich zu einem Weihnachtsessen bei mir einladen würde?

LG
Faith

Ich drückte danach kurz entschlossen den Button senden und sah zu wie die Mail im Nirwana des Internets verschwand.

Ich saß noch eine geraume Weile vor meinem PC und sah mir in Ebay noch einige Sachen an. Da ich ja niemanden hatte, beschenkte ich mich jedes Jahr mit etwas. So hatte auch ich zu Weihnachten meine kleine Bescherung. So langsam wurde ich müde und machte meinen PC aus um in mein Bett zu kommen.

Mein Wecker machte sich wie jeden Morgen um sechs Uhr bemerkbar. Ich quälte mich aus mein Bett und ging in die Küche um mir einen Kaffee zu machen. Mit meiner Kaffeetasse bewaffnet setzte ich mich kurz vor meinem Computer und checkte meine Mails. Tatsächlich war da eine neue Mail von Niclas. Komisch ich freute mich zum einem darüber das er so schnell geantwortet hatte, zum anderen befürchtete ich seine Absage zu meiner Einladung. Mit zitternder Hand öffnete ich die Mail und begann zu lesen.

Hi Faith,

nun denn ich nehme die Einladung gerne an und freue mich schon auf das Essen. Noch eine Frage was soll ich mitbringen?

LG
Niclas

Nachdem ich die Mail gelesen hatte, war der Tag für mich der schönste seit langem. Ich hatte Besuch zu Weihnachten und musste nicht alleine vor meinem kleinen Tannenbaum sitzen. Mit einem strahlendem Lächeln ging ich zur Arbeit. Auf Arbeit sahen mich meine Kollegen verwundert an, denn ich lachte auch mal mit wenn jemand einen Witz auf dem Gang erzählte. Den ganzen Tag lang machte ich mir Gedanken was ich morgen Abend zum Essen machen sollte. Tja und dann hatte ich eine Idee. Zwar war ein Entenbraten nun nichts Neues zu Weihnachten, aber es war für mich der erste den ich für zwei Personen vorbereitete.

Nach der Arbeit machte ich mich auf dem Weg in den Supermarkt und kaufte alles ein was ich zu dem Essen brauchte. Auf dem Heimweg kam ich noch an einer Parfümerie vorbei und ich beschloss spontan für Niclas ein kleines Geschenk zu kaufen. Mein erstes Geschenk das ich für jemand anderen kaufte. Ziemlich unentschlossen stand ich dann in dem Geschäft, aber zum Glück kam kurz darauf eine der Verkäuferinnen auf mich zu.

„Guten Abend, kann ich ihnen helfen?“

„Oh ja sehr gerne. Ich möchte gerne einen Duft zum Verschenken kaufen.“

„Solls für eine Frau oder für einen Mann sein?“

„Für einen Mann…“ kam es zögernd von mir als Antwort.

„Na dann kommen sie mal mit!“

Eine Stunde später kam ich dann mit einem eingepackten Geschenk aus dem Geschäft und lief zügig weiter zu meiner Wohnung. Nachdem ich meine Wohnung wieder betrat, packte ich die eingekauften Sachen aus und verstaute diese im Kühlschrank. Als ich mit aus und einpacken fertig war, holte ich aus meinem Schlafzimmer den Baumschmuck und die Lichterkette. So jetzt noch ab auf den Balkon und den Weihnachtsbaum, der dort stand, holen um diesen im Wohnzimmer aufzustellen und zu schmücken. Beim anbringen der Lichterkette, freute ich mich das erste Mal wieder nach langer, langer Zeit auf Weihnachten und begann ein Weihnachtslied vor mich hinzusummen. So mit dem Schmücken des Baums beschäftigt bekam ich gar nicht mit das es schon ziemlich spät war und ich ja noch Niclas eine Antwort schicken musste. So begutachtete ich den Baum schnell und fand das er ganz passabel aussah und dann ab an den PC um die Mail an Niclas zu schreiben.

Hi Niclas,

ich weiß immer noch nicht mehr als Deinen Namen, aber ich freue mich riesig auf morgen und auf das Essen mit Dir. Wenn Du möchtest kannst Du ja den Wein dazusteuern. Es gibt Entenbraten. Niclas es ist mein erstes Weihnachtsfest seit langem das ich nicht alleine feiern muss. Ich wollte Dir dafür nur danken.

Bis morgen in Liebe
Faith

Seltsam ich kannte diesen Niclas kaum und irgendwie mochte ich ihn schon jetzt. Ich wusste seit meinem sechzehnten Lebensjahr das ich schwul bin und hatte das für mich akzeptiert. Nun ich wusste nicht ob Niclas auch schwul war, aber wenn ich jetzt an diesen Namen und den Mann der dahinter steckte dachte, hatte ich ein warmes wohliges Gefühl im Bauch. Aufgeregt wie ich war sah ich nicht noch mal nach was ich geschrieben hatte, so entging mir auch, das ich am Ende der Mail in Liebe noch angefügt hatte. Ich versendete die Mail und sah dann meinen Maileingang noch mal nach. Siehe da, da war gerade eine Nachricht von Niclas eingegangen. Das ging ja echt schnell, als ob er an seinen PC schon auf meine Mail gewartet hatte. Neugierig wie ich war öffnete ich sie gleich und fing an begierig zu lesen.

Hi Lieber Faith,

freue mich schon auf morgen und bin um 18:00 Uhr bei Dir.

Lieben Gruß und das auch in Liebe
Niclas der jetzt frech grinst

Was stand da am Schluss? In Liebe?? Ich machte meine Mail die ich gesendet hatte noch mal auf und da sah ich, was ich zum Schluss meiner Mail geschrieben hatte. Ohh nein was sollte er jetzt wohl von mir denken. Zum anderen fiel mir dann ein, er schrieb das er um achtzehn Uhr bei mir sein würde. Woher kannte er meine Adresse? Die ganze Sache wurde mir immer seltsamer, aber nun war ich zu aufgeregt um darüber noch nachzudenken. Ich machte meinen Computer aus und packte noch schnell das Geschenk für Niclas unter den Weihnachtsbaum, bevor ich mich in mein Bett legte.

Ich schlief diese Nacht richtig schlecht dementsprechend geschlaucht stand ich am nächsten Tag auch auf. Oh man, als ich im Badezimmer in den Spiegel schaute, dachte ich ein Zombie sieht mich an. Also was machen schnell unter die Dusche und dann etwas Körperpflege. Damit fertig machte ich mir Frühstück und nahm die Ente aus dem Kühlschrank. Die musste ja auch noch in die Röhre. So war ich dann den Vormittag beschäftigt. Nachdem die Ente in der Backröhre war, ging ich zu meinem Computer und schaute nach neuen Mails und tatsächlich da war noch eine Mail von Niclas. Schnell angeklickt und schon las ich mit heftigem Herzpochen seine Mail.

Hi Faith,

bin pünktlich 18:00 Uhr da! Freue mich schon riesig auf das Essen. Bin mal gespannt ob die Ente Dir gelungen ist.

In Liebe
Niclas

Oh man mein Herzklopfen verstärkte sich nur noch mehr. Was sollte ich nur machen und wenn ich ihm nicht gefiel? Man was machte ich hier mir für Gedanken, erstens wusste ich immer noch nicht wer sich hinter dem Namen Niclas verbarg und zum anderen freute ich mich doch darauf Weihnachten nicht alleine zu verbringen.

So in Gedanken verging der Nachmittag auch und die Zeiger der Uhr rasten unermüdlich auf achtzehn Uhr zu. Ich war total aufgeregt. Der Tisch war gedeckt, die Ente war fertig und die Klöße kochten im Topf. So saß ich nun auf meinem Sofa und wartete das Niclas erschien. Mein erstes Weihnachten das ich nicht alleine verbringen sollte. Ich sah zu meinem Weihnachtsbaum, den ich auch schon angemacht hatte, auf seiner Spitze trohnte ein goldener Engel. Der Engel war das einzige was mich an meine Eltern noch erinnerte. Diesen hatte ich als ich in das Waisenhaus musste eingepackt und bis heute wie einen Schatz gehütet.

Die Zeiger rückten erst auf achtzehn Uhr dann auf neunzehn Uhr und kein Niclas erschien. Den Backofen hatte ich schon ausgeschaltet in der die Ente noch immer stand und die Klöße hatte ich vom Herd gezogen, damit sie nicht zerkochten. Ich saß traurig an dem gedeckten Tisch und sah zum Weihnachtsbaum. Tja was hast du eigentlich gedacht Faith, dass dieser Niclas es ehrlich meint. Ich merkte wie mir Tränen in die Augen stiegen und dann fing ich an zu weinen. Ich hatte so gehofft nicht am Heiligabend alleine zu Hause zu sitzen und mit Niclas hatte ich erstmals Hoffnung geschöpft das auch mich jemand etwas mochte. Wie immer, ich war alleine und niemand interessierte es. So saß ich da und merkte nicht wie die Zeit verging. Als ich wieder auf die Uhr schaute war es schon nach einundzwanzig Uhr. Traurig erhob ich mich vom Tisch und begann diesen abzuräumen. Gerade als ich den letzten Teller im Schrank verstaut hatte, klingelte es an meine Tür.

Vielleicht war das Niclas und er hatte sich aus welchen Gründen auch immer nur verspätet. Ich rannte so schnell ich konnte zur Tür und bediente den Türöffner für die Haustür. Ich öffnete meine Wohnungstür und hörte, dass jemand die Treppe hinauf kam. Kurz darauf erkannte ich eine ältere Frau die in meine Richtung sah.

„Hallo heißt du zufällig Faith?“

„Ja der bin ich!“ fragend sah ich sie daraufhin an.

„Kann ich kurz reinkommen? Es geht um Niclas!“

Ich öffnete daraufhin meine Wohnungstür etwas weiter und die Frau betrat den Flur zu meiner Wohnung.

„Es tut mir leid Faith, aber Niclas liegt im Krankenhaus. Er hatte mir von Dir erzählt….“

Die Frau fing an zu weinen und ich schloss die Wohnungstür.

„Kommen sie gehen wir in mein Wohnzimmer.“ Ich ging vor und die Frau kam hinter mir her.

„Möchten sie etwas trinken?“

„Nein Danke Faith!“ dabei holte sie sich ein Taschentuch aus ihrer Tasche und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Setzen sie sich doch bitte..“ ich wusste nicht wirklich was ich sagen oder fragen sollte.

„Faith ich bin Niclas Mutter. Mein Name ist Doris und er hat mir so viel schon von Dir erzählt….“

„Ich versteh immer noch nicht…. Was ist mit Niclas?“

„Niclas hat seit zwei Jahren Leukämie und es ging ihm endlich etwas besser und heute hatte er einen Rückfall… Er h…“

Niclas Mutter fing wieder an zu weinen.

„Das wusste ich nicht…. Eigentlich weiß ich über ihren Sohn gar nichts. Außer das er heute zum Essen zu mir kommen wollte.“

„Faith Niclas arbeitet in der Firma, wo du auch beschäftigt bist erst seit drei Monaten. Er hat dich dort gesehen und erzählte mir, dass du immer so traurig aussiehst. Er hat sich in dich verliebt gehabt. Wenn du verstehst, was ich damit meine…“

„Aber er kennt mich doch gar nicht…“ flüsterte ich.

„Muss man einen Menschen immer ganz genau kennen um ihn zu mögen?“

„Nein aber woher wusste er denn, dass er bei mir Chancen haben könnte?“

Doris sah mich traurig an: „Das habe ich ihn auch gefragt und er meinte nur ein Engel hätte es ihm im Schlaf gesagt und das du jemanden brauchst, genau wie er.“

„Ich hatte mich so gefreut auf hhhee…..“

Ich fing an zu weinen und meine Kehle war wie zugeschnürt.

„Faith er hat nach dir gefragt und ich bin gekommen um zu fragen, ob du mit mir zu Niclas ins Krankenhaus mitkommst!“

Ich nickte kurz und stand auf um mich anzuziehen. Auch wenn ich Niclas nicht weiter kannte, wusste ich doch in diesem Moment das ich an diesem Abend bei ihm sein wollte. Egal ob im Krankenhaus oder hier.

Kurz darauf verließen wir meine Wohnung und gingen runter auf die Strasse.

„Komm Faith mein Auto steht gleich da vorne.“

Doris stapfte auf einen grünen Mazda zu und öffnete die Tür. Nachdem wir im Auto saßen, fuhr Doris los.

Die ganze Zeit bis zum Krankenhaus saßen wir stumm im Auto. Aus dem Autoradio erklangen Weihnachtslieder und mir liefen wieder Tränen über die Wange.

Von weitem konnte ich dann das Krankenhaus sehen. Doris fuhr auf einen angrenzenden Parkplatz und parkte das Auto. Ich stieg aus dem Auto aus und wartete auf sie. Doris schloss das Auto ab und lief zum Haupteingang des Krankenhauses. Ich folgte ihr langsam nach, immer noch in Gedanken darüber, was ich Niclas sagen sollte, wenn ich vor ihm stehen würde. Mir fiel nichts ein, was ich ihm sagen sollte. Doris die bemerkte, dass ich ihr nur langsam folgte, blieb stehen und sah in meine Richtung.

„Komm Faith er wird sich freuen. Mach dir keine Gedanken, er ist dir sehr ähnlich.“

Lächelnd sah sie mich an und kam auf mich zu. Aufmunternd sah sie mich an: „Wir werden es schaffen. Glaub mir!“

Ich nahm ihre Hand, die sie mir entgegenstreckte und wir gingen gemeinsam weiter. Doris zog mich im Krankenhaus zielgerichtet zum Fahrstuhl. Im Fahrstuhl drückte sie auf das entsprechende Stockwerk und der Fahrstuhl machte sich mit einem Ruck auf den Weg.

Oben angekommen, öffnete sich die Fahrstuhltür und wir betraten einen langen Gang. Eine Krankenschwester lief an uns vorbei und grüsste Doris mit einem Nicken. Doris zog mich an der Hand weiter und kurz darauf standen wir vor einer Tür.

„So Faith in diesem Zimmer liegt Niclas. Ich geh kurz rein, danach könnt ihr miteinander sprechen.“

Ich blieb danach alleine auf dem Flur zurück und sah auf die Tür hinter der Doris soeben verschwunden war.

„Ahh junger Mann sie wollen doch bestimmt auch einen Stammzellentest machen lassen?“

Eine Schwester war auf mich zu gekommen. Ich sah kurz auf und wusste nicht was ich antworten sollte.

„Na dann kommen sie mal mit!“

Bevor ich überhaupt reagieren konnte, zog sie mich schon den Gang entlang und in ein Zimmer.

„Setzen sie sich kurz auf den Stuhl und krempeln sich ihren rechten Ärmel mal hoch!“

Ich musste sie etwas ratlos angesehen haben, denn sie lachte kurz auf und fing dann selbst an meinen Ärmel vom Hemd hoch zu ziehen. Nachdem sie das geschafft hatte, drehte sie sich zu einem Tisch und nahm eine Spritze in die Hand.

Spritzen konnte ich noch nie leiden, daher wurde ich wohl etwas blass. Die Schwester fing an zu lachen: „Kopf zur Seite junger Mann und nicht hinsehen. Ist nur ein kleiner Piekser.“

Ich drehte meinen Kopf also wie befohlen weg und merkte nur wie es leicht im Arm piekte.

„So das hätten wir. Dann muss ich jetzt schnell das Blut ins Labor bringen. Vielleicht haben wir bei dir Glück! Ach so ihren Namen und ihre Adresse brauch ich noch.“

Ich wusste zwar nicht wovon sie sprach, aber mir war das egal. Hauptsache ich kam aus diesem Raum raus, ohne nochmals eine Spritze sehen zu müssen. Also sagte ich ihr meinen Namen und meine Adresse, danach war ich dann entlassen und verließ den Raum. Von weitem sah ich schon Doris die suchend den Gang runter sah. Als sie mich sah, kam sie auf mich zu. Als ich in ihr Gesicht sah, konnte ich sehen, dass sie geweint hatte. Ihre Augen waren stark gerötet.

„Faith wo warst Du denn? Ich habe dich schon gesucht, Niclas wartet auf dich.“

„Eine Schwester hat mir Blut abgenommen. Ich weiß gar nicht warum.“

„Ach so das machen sie hier obligatorisch. Das ist ein Test um zu sehen ob deine Stammzellen mit jemanden identisch sind.“

Ich nickte zwar verstehend, aber verstanden hatte ich überhaupt nichts. Nun zog mich Doris zur Tür, hinter der Niclas lag und öffnete die Tür. Bevor ich mich versah, stand ich schon im Zimmer.

„Hi Faith!“

Die Stimme war kaum zu hören und als ich dann zu dem Bett hinsah, sah ich einen Mann in diesem liegen, der mich anlächelte.

„Hallo ….Niclas…“

„Komm doch her und setz dich zu mir.“

Langsam bewegte ich mich zum Bett und sah mich suchend nach einem Stuhl um.

„Komm setz dich zu mir auf das Bett.“

Ich setzte mich vorsichtig auf die angebotene Bettkante und sah Niclas vorsichtig an.

Jetzt erst erkannte ich ihn, es war der neue der im Sekretariat angefangen hatte. Ich hatte ihm öfters nachgeschaut, weil er immer so lustig drauf war und weil er ein niedliches Gesicht hatte.

„Du bist also Niclas! MMMHHH ich glaube die Ente können wir auch morgen noch essen. Also beeil dich mit dem hier, damit wir das nachholen können.“

Niclas lächelte traurig.

„Ich glaube das werden wir nicht mehr nachholen können…“

Ich sah ihn entsetzt an und nahm fast unbewusst seine Hand in meine.

„Du kannst mich doch jetzt nicht alleine lassen. Wo ich so ein tolles Weihnachtsessen vorbereitet habe…“

„He du wirst jemanden finden glaub mir…“

„Nein ich möchte Dich kennenlernen und nicht irgend einen anderen.“

Ich fing dabei an zu weinen und die Tränen liefen mir über das Gesicht. Eine Hand streichelte plötzlich über meine Wange.

„He Faith als ich dich das erste Mal sah und dein trauriges Gesicht, habe ich mich immer gefragt warum lacht dieser Mensch nicht. Ein Kollege von dir Manfred erzählte mir dann etwas über dich. Es tat weh zu hören, dass du keine Eltern hast und ganz alleine lebst. Ich habe mich in einen süßen traurigen Mann verliebt und den wollte ich kennen lernen. Wir haben…“

Niclas stöhnte kurz auf und machte die Augen zu.

„Niclas alles klar, oder soll ich den Arzt rufen?“

„Nein es geht schon…“

Ich sah Niclas das erste Mal richtig an. Er hatte ein schönes Gesicht, um seine Augen waren dunkle Augenringe zu sehen. Er hatte fast keine Haare auf dem Kopf. Komisch auf Arbeit hatte er doch noch Haare auf dem Kopf gehabt. Da viel mir dann ein das ich ja im Fernsehen mal gesehen hatte, das Leute mit Krebs durch die Chemotherapie ihre Haare verlieren und dann ein Perücke tragen. Ich war so in Gedanken, dass ich nicht bemerkt hatte das Niclas mich die ganze Zeit schon anstarrte.

„Und was siehst du?“

„Hä was???“

„Du siehst mich schon eine ganze weile an. Mich interessiert nur was da so interessantes in meinem Gesicht ist!“

„Ich…“ ich wusste nicht was ich im antworten sollte und dann beugte ich mich über ihm und gab ihm vorsichtig einen Kuss.

„MMMHH ich glaube ich will davon noch mehr..“ lächelnd sah Niclas mich an.

„Niclas werde bitte für mich gesund. Bitte.“

„Faith ich habe einen schweren Rückschlag und es sieht nicht gut aus. Ich habe keine Kraft mehr zu kämpfen… Bitte mach mir es nicht noch schwerer.. Bitte!“

Ich wollte gerade etwas erwidern, als die Tür aufgerissen wurde und ein Arzt in Niclas Zimmer stürmte.

„Sind sie Faith Donovan?“ dabei sah er mich an.

Ich nickte ihm bejahend zu.

„Könnten wir uns kurz draußen unterhalten!?“ es klang nicht wie eine Frage, sondern eher wie ein Befehl. Ich stand auf und sah nochmals zu Niclas.

„Ich bin gleich wieder da mein kleiner!“

Niclas nickte und ich ging mit dem Arzt raus in den Flur.

Doris stand bei dem Arzt und sah ziemlich konfus aus. Was war hier nur los.

„Herr Donovan wir haben aus dem Labor das Ergebnis ihrer Blutuntersuchung erhalten und wie es aussieht passen ihre Werte mit denen von Niclas überein.“

Ich sah den Arzt fragend an. Ja und was sollte das mir jetzt sagen.

„Faith was der Arzt versucht zu sagen ist, dass Niclas eine Chance hat, zu leben.“ Doris die das zu mir sagte, standen die Tränen in den Augen.

Ich wusste immer noch nicht was man von mir wollte. Der Arzt merkte das wohl, denn er sah mich an und lächelte.

„Faith, ich darf sie doch so nennen?“

„Natürlich, aber ich verstehe das alles nicht!“

„Ganz einfach, dein Blut wurde im Labor untersucht und es hat sich ergeben, dass du als potenzieller Spender für die Stammzellen in Frage kommst. Wir haben nicht mehr viel Zeit für eine Übertragung von Stammzellen auf Niclas. Niclas wird immer schwächer und der Körper kann sich nicht mehr lange dagegen wehren. Willst du Niclas helfen?“

Ich sah den Arzt fassungslos an. Was ich verstand war, dass ich Niclas letzte Chance war zu Leben.

Doris sah verzweifelt zu mir und fing an zu weinen.

„Natürlich will ich Niclas helfen und wenn es nur das ist, dann fangen sie an.“

„Faith du wirst eine Vollnarkose erhalten und musst mindestens zwei Tage hier bleiben. Wir müssen dir aus deinem Becken etwa ein Liter Knochenmark entziehen und das wäre ohne Narkose sehr schmerzhaft. Zum anderen muss der Körper diesen Verlust wieder aufbauen, daher wirst du dich danach etwas geschwächt fühlen. Der Eingriff selber ist nicht Lebensgefährlich aber birgt auch Risiken. Die sind zwar nicht hoch, aber dennoch musst du unter Beobachtung bleiben.“

„OK dann machen sie schon, das Niclas dieses Zeug bekommt.“

Doris sah mich mit verweinten Augen an: „Danke Faith du bist der einzige der Niclas noch helfen kann. Ich weiß nicht wie ich dir jemals dafür danken kann…“

„Doris du brauchst mir nicht zu danken. Ich tue es für Niclas und weil ich ihn sehr, sehr gerne habe..“ flüsterte ich.

Der Arzt hatte wohl nur auf mein Einverständnis gewartet, denn er nahm mich an die Hand und zog mich den Gang entlang.

Vor einem Zimmer blieb er stehen und öffnete die Tür.

In dem Zimmer, das wir betraten, waren zwei Schwestern gerade dabei irgendwelche Instrumente auf einen Tisch zu legen.

„So Junge du musst dich jetzt ausziehen und diesen Kittel anziehen. Ich selber bereite alles vor für den Eingriff.“

Also ging ich mit dem grünen Krankenkittel hinter eine spanische Wand und begann mich auszuziehen. Nachdem ich diesen hässlichen Kittel angezogen hatte, trat ich wieder hinter der Wand hervor und sah zu den Schwestern. Die eine hatte wohl nur darauf gewartet, dass ich endlich erschien, denn sie klopfte auf die Liege die neben ihr stand. Das hieß wohl, dass ich mich darauf legen sollte. Das tat ich dann und der Arzt kam auf mich zu.

„So wir geben dir jetzt eine Spritze, danach wirst du schnell einschlafen.“

Bevor ich etwas sagen konnte hatte die eine Schwester mir auch schon die Spritze in den Arm gerammelt. Na ja nicht gerammelt, aber bei meiner Angst vor Spritzen kam es mir so vor. Kurz danach merkte ich auch schon, dass ich müde wurde und dann schlief ich ein.

Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen hatte. Jedenfalls wachte ich in einem Krankenzimmer auf. Mir tat der ganze Körper weh als ob ich einen überdimensionalen Muskelkater hatte. Ohh man tat das weh. Jede Bewegung war schmerzhaft und ich war bemüht mich nicht mehr zu bewegen. Ich überlegte gerade was ich machen sollte, da ich nötig musste und meine Blase echt schon anfing weh zu tun. Da ging die Tür auf und eine Schwester kam in das Zimmer.

„Na junger Mann schon wach und wie geht es ihnen?“

„MMMHH wenn diese ollen Schmerzen nicht wären, super und ich muss mal für kleine Jungs.“

„Ohh das erste Problem lässt sich etwas mildern durch Tabletten und das zweite haben wir gleich!“

Sie ging daraufhin auf mein Bett zu und nahm an der Seite eine Flasche aus der Halterung. Ja ja ich wusste schon was auf mich zukam und die liebe Schwester hielt mir die Flasche entgegen. GGGRRRHHH wie ich das hasste und nahm ihr die Flasche aus der Hand. Danach schwups ab unter die Decke mit dieser und klein Fridolin rein in die Öffnung. Kurz danach erleichterte ich meine Blase. In der Zeit war die Schwester kurz aus dem Zimmer verschwunden und kam mit einem Glas Wasser zurück.

„So hier junger Mann einmal schlucken und schon wird es besser mit den Schmerzen.“

Ich schluckte das was sich im Glas befand herunter.

„ÄHHH das ist ja eklig!“

„Aber hilft!“ grinste die Schwester mich an.

„Schwester sagen sie mal wie geht es denn Niclas?“

„Ohh dem geht es etwas besser. Ob die Stammzellentransplantation geklappt hat kann man noch nicht sagen. Aber der Arzt ist zuversichtlich, da der Körper bis jetzt nicht negativ darauf reagiert hat. Also Kopf hoch ich denke bis morgen wissen wir mehr.“

„Man solange muss ich noch warten??“

„Ja und zum anderen brauchst Du auch noch etwas Ruhe. Du bist schließlich unser Held auf der Station.“

„Wie?“

„Na hör mal es ist nicht selbstverständlich, das jemand sofort bereit ist seine Stammzellen zu opfern. Wie du merkst ist das ja auch nicht ganz angenehm.“

„Ja ich fühle mich wie durch eine Mangel gedreht. Aber ich würde es jederzeit wieder machen wenn ich damit einem Menschen helfen kann.“ dabei fing ich an zu gähnen.

„Na junger Mann dann schlaf mal noch ein bisschen, nachher gibt es Abendbrot!“

Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und ich schlief kurze Zeit später wieder ein.

Als ich das nächste mal wach wurde saß Doris auf einem Stuhl neben mir und sah mich lächelnd an.

„Na ausgeschlafen Faith?“

„Es geht so. Mir tut immer noch jeder Knochen weh! Wie geht es Niclas?“

„Ohh die Stammzellen schlagen an und sein Körper hat sie angenommen. Sein Blut wird jetzt jede Stunde untersucht und die roten Blutzellen vermehren sich von mal zu mal.“

„Das ist schön dann gibt es ja Hoffnung das er gesund wird.“

„Ja und das hat er alles nur dir zu verdanken. Faith ich kann in Worte nicht ausdrücken wie dankbar ich dir für dieses Weihnachtsgeschenk bin.“

„Ich hoffe nur dass alles gut wird.“

„Ja das wird es. Diese Hoffnung hast du ihm gegeben.“

Doris beugte sich dabei über mich und nahm mich in die Arme.

„Danke Faith …“

Kurz danach verließ Doris leise mein Zimmer, da ich schon wieder am einschlafen war.

Am nächsten Morgen kam dann der Arzt zu mir, der mir die Stammzellen entnommen hatte.

„Na junger Mann wie geht es heute?“

„Ganz gut nur die Schwestern und Pfleger sollen nicht so tun als ob ich ein Held wäre.“

„Aber das bist Du. Niclas seine Werte sehen gut aus. Du warst seine letzte Chance. Hättest du abgelehnt, hätte Niclas keine Chance gehabt.“

„Aber das ist doch selbstverständlich, dass man hilft.“

„Nein ist es nicht. Viele haben Angst vor dem Eingriff.“

„Kann ich denn Niclas besuchen?“

„Zur Zeit nicht. Er darf zurzeit keine Medikamente einnehmen und daher ist jeder eine Gefahr für ihn. Das heißt jeder kleinste Erreger kann für ihn den Tod bedeuten.“

„Wann kann ich denn zu ihm?“

„Wenn alles gut geht in zwei Wochen, dann dürfte Niclas das schlimmste überstanden haben. So aber nun zu dir. Ich muss dich noch mal untersuchen und wenn alles ok ist kannst du heute wieder nach Hause.“

Der Arzt untersuchte mich dann und nahm wie nicht anders zu erwarten, mir noch etwas Blut ab. Ich hatte jetzt echt genug von diesen Spritzen und war froh als dann zwei Stunden später die Schwester mir mitteilte, dass ich nach Hause könne.

So zog ich meine Sachen an und verabschiedete mich bei den Schwestern und Pflegern auf der Station.

Danach machte ich mich auf dem Weg nach Hause, dabei musste ich auch an das Essen denken, dass immer noch in der Küche stand. Na ja als ich dann in meinen vier Wänden stand, entsorgte ich erstmal die Klöße. Die Ente sah noch ganz manierlich aus, aber ich wollte es trotzdem nicht darauf ankommen lassen, mit einer Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus aufzuwachen.

Nachdem ich alles entsorgt hatte, machte ich es mir im Wohnzimmer bequem und sah mir im Fernsehen einen Märchenfilm an. Ich musste wohl dabei eingeschlafen sein, denn ich wurde von meiner Türklingel aus dem Schlaf gerissen. Halb benommen ging ich zu meiner Wohnungstür und öffnete diese. Vor der Tür stand Doris und wie ich sah, hielt sie einige Tüten in der Hand.

„Hallo Faith, ich dachte du hast bestimmt nichts zu Essen da und außerdem sind wir beide ja alleine über Weihnachten. Na und jetzt bin ich da und mach uns mal etwas Schönes zu essen.“

Ich musste sie wohl echt komisch angesehen haben, denn sie lachte kurz auf und zwängte sich dann mit den ganzen Tüten in meine Wohnung.

„So wo ist nun die Küche?“

„Die zweite Tür links.“

„Danke und nun komm, du musst mir helfen.“

Wir gingen gemeinsam in die Küche und Doris begann die Tüten zu leeren.

„Ach herjeh das hätte ich beinahe vergessen, hier das ist das Geschenk von Niclas für dich. Er wollte es dir am Weihnachtsabend geben!“

Sie reichte mir ein kleines Päckchen und ich öffnete es vorsichtig. Nachdem ich es geöffnet hatte sah ich, dass ein goldener Engel darin eingepackt war.

„Wau der sieht ja niedlich aus. Der kommt gleich an meinen Weihnachtsbaum.“

Ich ging in mein Wohnzimmer, zu dem dort stehenden Weihnachtsbaum und hängte den Engel daran.

„Er sieht wunderschön aus….“ sagte Doris hinter mir.

„Es ist mein erstes Geschenk das ich von jemandem zu Weihnachten bekommen habe.“

„Faith Niclas geht es gut und ich soll dir sagen, dass er dir verspricht, dass er gesund wird. Er weiß aber nicht, dass du der Spender bist. Das wirst du ihm sagen, wenn wir ihn wieder besuchen dürfen.“

Ich nickte und wir machten uns gemeinsam auf in die Küche, um endlich das lang ersehnte Weihnachtsessen nachzuholen. Es war ein wunderbarer Tag für mich und Doris. Ich zeigte ihr dann mein Fotoalbum, in dem ich die einzigen Fotos aufbewahrte von meinen Eltern und mir.

Nun waren drei Wochen vergangen. Silvester war vorbei und der Alltag hatte mich wieder eingeholt.

Heute sollte ich Niclas endlich wiedersehen. Er war über den Berg, wie man so schön sagt und Doris wollte mich abholen. Wir wollten gemeinsam Niclas besuchen.

Ich war schon den ganzen Tag aufgeregt gewesen und freute mich riesig darauf Niclas wieder zu sehen.

Ich stand bereits vor dem Haus, als Doris mit ihrem Mazda in die Strasse einbog.

Doris hatte mich wohl gesehen, denn sie hupte kurz und hielt dann vor mir an. So schnell ich konnte sprang ich in ihr Auto.

„Na du hast es ja eilig.“ kam es lachend von Doris.

„Jep heute sehe ich endlich Niclas wieder und ich bin total aufgeregt.“

„Nicht nur du. Er hat mich gestern angerufen und dreimal nachgefragt ob du auch wirklich kommst.“

Wir lachten darüber und Doris fuhr dann los. Die letzten drei Wochen war Doris fast jede freie Minute bei mir gewesen und wir hatten uns in dieser Zeit richtig angefreundet.

Nachdem wir endlich das Krankenhaus erreicht hatten, standen wir kurz darauf vor Niclas sein Zimmer.

„Doris geh du erst mal rein, ich warte hier auf dich.“

„Kommt gar nicht in Frage, du kommst mit. Er freut sich doch dich sehen zu können und ich möchte, dass du mit kommst. Du gehörst jetzt schließlich zur Familie!“

Also betraten wir beide daraufhin das Zimmer, wo uns ein strahlender Niclas entgegenschaute.

„Ist das schön euch zu sehen und vor allen Dingen dich Faith.“

„Hallo Sohnemann also jetzt bin ich wohl schon abgeschrieben?“ lachte Doris.

„Nein nicht ganz dich brauche ich ja auch noch. Schließlich warst du immer für mich da.“

„Wie geht es Dir denn?“ fragte ich dann Niclas.

„Mir geht es super und meine Blutwerte sind alle in Ordnung. Wenn es so weiter geht komme ich bald in die REHA und danach gehe ich dir auf die Nerven….“

Dabei sah Niclas mich frech grinsend an.

„Das einzige was mir der Arzt nicht verraten wollte, war der Name des Spenders.“

„Tja mein lieber Sohn da bin ich ein Schritt weiter, denn ich kenne ihn!“

„Was und das sagst du so einfach? Nun sag schon wie ist sein Name?“

„MMHHH mein lieber Sohn er steht neben mir!“

Niclas Augen wurden riesengroß und er sah mich fragend an.

„Stimmt das?“

„Ja!“ sagte ich leise und schaute zu Boden.

Doris die wohl merkte, dass sie hier jetzt störte, verließ den Raum mit der Bemerkung sie müsse noch den Arzt sprechen.

„Faith das hast du für mich gemacht?“

„He das war doch gar nicht so schlimm, außer den Spritzen.“

„Kommst du zu mir.“ dabei klopfte Niclas auf sein Bett.

Langsam ging ich auf das Bett zu und setzte mich auf dieses.

„Faith danke für das was du für mich getan hast.“

„Ach quatsch das hätte ich auch für jeden anderen getan. Aber bei dir war es noch was ganz anderes, nachdem du mir gesagt hast das du mich liebst…“

„Ich liebe dich immer noch und jetzt noch viel mehr. Du hast mir mein Leben gerettet.“

„Ich wollte dich nicht auch noch verlieren Niclas. Du bist der erste der sich für mich interessiert hat…..“

Ich merkte wie mir die Tränen in die Augen schossen und ich drehte mein Gesicht weg von Niclas, damit er diese nicht sah.

Plötzlich spürte ich zwei Arme die mich fest drückten.

„Faith ich habe mich gleich im ersten Augenblick als ich dich sah, in dich verliebt.“

„Niclas mir ging es ja genauso und als ich dich hier sah in deinem Bett todkrank…. Mir ging es echt beschissen, aber nun freue ich mich das wir eine Chance zusammen haben.“

„Faith siehst du mich bitte mal an?“

Ich drehte mein Gesicht zu Niclas und dann spürte ich zwei Lippen die mich vorsichtig auf den Mund küssten.

Es war wunderschön und es hätte noch ewig dauern können.

„Na meine Lieben ich glaube das wäre dann auch geklärt!“

Erschrocken fuhren wir auseinander und sahen in Doris lachendes Gesicht.

„Jungs ist doch in Ordnung. Ich freue mich so für euch.“

Danach setzte sich Doris auf einen Stuhl und wir unterhielten uns noch eine ganze Stunde.

Niclas und ich hielten uns die ganze Zeit über die Hände und sahen uns immer wieder verliebt an. In meinem Bauch summte es so richtig und ich merkte erst jetzt so richtig was mir mein ganzes Leben lang gefehlt hatte.

Niclas ging es wohl genauso denn als ich mich verabschieden wollte, ließ er mich überhaupt nicht mehr los.

„Niclas ich muss jetzt deine Mutter wartet draußen.“

„Kommst du morgen wieder?“

„Na klar komme ich morgen.“

„Na dann ist gut!“

Wir gaben uns zum Abschied noch einen Kuss und danach verließ ich das Zimmer.

„Na ihr konntet euch wohl nicht trennen?“ kam es von Doris.

„Tja für zwei frisch verliebte ist Abschied nehmen nicht so einfach.“ sagte ich mit einem Lächeln im Gesicht zu Doris.

„Na da kommt ja noch was auf mich zu.“

So verließen wir lachend das Krankenhaus und fuhren nach Hause.

Während der Fahrt sagte Doris kein Wort, erst als wir vor meinem Wohnhaus standen.

„Faith ich wollte dich noch etwas Fragen und zwar ich und Niclas wohnen ja in einem großen Haus und wir haben da viel Platz. Was hältst du davon wenn du zu uns ziehen würdest, ich meine dann wärt ihr beide immer zusammen und ich nicht so alleine in diesem Haus.“

„Doris Danke für das Angebot, ich werde es mir überlegen. Versprochen!“

„Ich würde mich freuen wenn du zusagen würdest. Du bist mir richtig ans Herz gewachsen. Faith ich habe dich echt lieb gewonnen und ich würde mich freuen wenn mein Schwiegersohn bei uns leben würde.“

Ich nickte verstehend.

„Ich verspreche dir es mir zu überlegen.“

„Aber nicht zu lange. Niclas fährt ab nächste Woche in die REHA und dann könnten wir ja alles im Haus umräumen.“

„Klingt gut also ich gebe dir bescheid wie ich mich entschieden habe.“

Ich stieg aus dem Auto aus und ging hoch in meine Wohnung.

Was sollte ich bloß machen, zum einen wollte ich schon, aber wollte auch Niclas das ich bei ihnen einzog. Ich beschloss mit Niclas morgen im Krankenhaus darüber zu sprechen.

Am nächsten Morgen sprang ich wie immer aus dem Bett und tapste in mein Bad um mich Tageslichttauglich zu machen. Danach ab in die Küche und noch einen Kaffee getrunken, bevor es zur Arbeit ging.

Auf Arbeit angekommen, ging ich in mein Büro und fing an wie jeden Tag meine Arbeit zu verrichten.

„Guten Morgen Herr Donovan, könnten sie kurz ihre Arbeit unterbrechen?“

Ich sah erschrocken auf und sah meinen Chef an der Tür stehen.

„Ja natürlich….“

Was wollte denn mein Chef von mir. Langsam stand ich auf und ging meinem Chef hinterher, der mittlerweile aus meinem Büro verschwunden war.

Als ich auf den Flur trat, standen alle Kollegen vor mir und mein Chef.

„Herr Donovan ihre Kollegen und auch ich, haben gehört was sie zu Weihnachten so getrieben haben…“ schmunzelnd sah mein Chef mich an.

„Sie haben einem Kollegen das Leben gerettet und dafür auch noch über die Feiertage im Krankenhaus gelegen. Wir wollten ihnen dafür danken was sie getan haben und daher haben wir hier noch ein kleines Präsent für sie. Alle Kollegen haben dafür zusammengelegt.“

Als mein Chef seine kleine Ansprache hinter sich gebracht hatte, klatschten meine Kollegen in die Hände und jeder schüttelte meine Hand. Ich war echt sprachlos.

Das erzählte ich dann abends alles Niclas und dann kam das Angebot von seiner Mutter zur Sprache.

„Das ist doch super. Ich würde mich freuen!“

„Meinst du wirklich, Niclas? Ich weiß nicht so recht, so lange kennen wir uns doch noch gar nicht..“

„Hee ich liebe dich Faith und ich möchte gerne mit dir den Rest meines Lebens verbringen.“

Niclas sah mich dabei mit seinem Dackelblick an. Wie konnte ich da nein sagen.

„Na gut ich spreche mit Doris! So aber jetzt möchte ich einen Kuss von dir, der letzte ist schon Ewigkeiten her.“

Niclas musste grinsen und gab mir dann einen ganz langen Kuss.

„Engel ich liebe dich!“ flüsterte er mir danach in mein Ohr.

$

Es war kalt geworden und ich zog gerade einen Weihnachtsbaum hinter mir her. Ich hatte Niclas versprochen, mich um diesen zu kümmern. Man meine Hände waren richtig klamm von der Kälte und ich ärgerte mich, dass ich keine Handschuhe eingesteckt hatte. Mittlerweile stand ich vor unserem Haus, wo ich jetzt mit Niclas und Doris lebte. Niclas und ich hatten die obere Etage nur für uns und Doris wohnte im Erdgeschoss. So hatte jeder von uns sein Rückzugsgebiet. Niclas ging es super und nach der REHA war er fast vollkommen wieder hergestellt. Er musste zwar alle vier Wochen zu Nachuntersuchungen, aber bis jetzt waren alle Werte super und es schien, dass er über dem Damm war und den Krebs besiegt hatte.

Ich öffnete das Gartentor und zog den Weihnachtsbaum weiter hinter mir her. Doris hatte mich wohl schon gesehen denn sie riss die Tür auf und half mir den Baum in das Wohnzimmer zu bringen.

„Man wo hast du denn den her? Der ist doch viel zu groß.“

„Na und, einen anderen haben die nicht mehr gehabt. Wir können den ja noch kürzen.“

Ich begann den Stamm unten mit einem Messer zu bearbeiten. Irgendwann hatte ich es geschafft und er passte in den Weihnachtsbaumständer. Nach dem ich ihn aufgestellt hatte, er passte gerade so in das Wohnzimmer, begann ich ihn zu schmücken. Als ich fertig war holte ich noch meinen Engel hervor und setzte ihn auf die Spitze.

„Fertig!!!“ rief ich laut und kurz darauf standen Niclas und Doris im Wohnzimmer und bewunderten den Baum.

„Faith mein Engel der sieht einfach super aus und ……“

„Niclas alles ok?“ fragte ich.

„Woher hast du denn den Engel der da auf der Spitze sitzt?“

„Der Engel ist das einzige was ich noch besitze von meinen Eltern!“

„Faith so sah der Engel aus der zu mir im Schlaf damals gesprochen hat!“

„Echt???“

„MMMHHH………….“

Doris war zu uns getreten: „Bist du dir sicher?“

„Ja, so sah er aus, genauso so.“

Lange standen wir vor dem Weihnachtsbaum und sahen den Engel an. Aber er rührte sich nicht. Doris war wieder in die Küche gegangen und ich stand mit Niclas noch immer vor dem Baum.

„Faith versprichst du mir etwas.“

„Wenn es nichts schlimmes ist, dann ja.“

„Verlass mich nie, ich möchte mit dir alt werden. Ich liebe Dich.“

„Ich dich auch Niclas.“

Ich umarmte meinen Niclas und dann sah ich kurz zu dem Weihnachtsengel und es war mir so als würde dieser mir kurz zublinzeln.

Ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachtsfest!

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Information Der Mitläufer
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:05 AM - No Replies

Der Mitläufer

Es war wieder einer dieser langen Dienstage. Markus war erst spät aus der Schule gekommen und wollte nun lieber zu Hause bleiben, anstatt zum Konfirmandenunterricht zu gehen. Er hatte keine Lust, wieder eine Stunde lang in diesem Haus sitzen zu müssen, wo es so merkwürdig roch.

Trotzdem half es nichts; er musste hin, damit er Mitte April konfirmiert werden konnte. Jetzt war Anfang Januar und Markus hatte schon eineinhalb Jahre des Konfirmandenunterrichts hinter sich gebracht.

Eine Viertelstunde später stand er vor dem alten Gebäude und blickte an ihm hinauf. Im obersten Stockwerk brannte Licht, denn dort war seit den Sommerferien eine Flüchtlingsfamilie untergebracht. Markus kannte diese Leute nicht und wollte sie eigentlich auch nicht kennen lernen.

Nicht, weil er was gegen Ausländer hatte, sondern nur, weil er etwas Angst davor hatte, diesen Leuten, die sich seiner Meinung nach anders verhielten und anders redeten als er, zu begegnen.

Auf einmal wurde Markus von lauten Fahrradgeklingel aus seinen Gedanken gerissen. Tobias, Moritz und Niko kamen um die Ecke geradelt. Sie stiegen von ihren Rädern und begrüßten Markus. Danach machten sich Moritz und Tobias mal wieder an dem Briefkasten der Flüchtlingsfamilie Ikovic zu schaffen.

Dieses machten sie zu gerne. Sie nahmen Briefe und Zeitungen heraus und zerrissen sie. Anschließend warfen sie die Schnipsel wieder in den Kasten. Niko stand neben den Jungen und sagte: „Lasst den Scheiß! Die Ikovics haben euch doch gar nichts getan. Warum macht ihr so ein blödes Zeug?“

Er bekam von Tobias die Antwort, er solle doch den Mund halten, wenn er weiterhin mit ihnen befreundet bleiben wolle. Dann kam auch schon der Pastor und die vier gingen mit ihm ins Haus.

*-*-*

Der Pfarrunterricht war schnell herumgegangen. Danach unterhielten sich alle noch ein wenig auf dem Hof und Moritz klingelte ein paar Mal bei Ikovics Sturm. Wenig später hörten Tobias, Moritz, Niko und Markus Babygebrüll. Ein Fenster ging auf und Murat Ikovic, das älteste Kind der Familie, streckte den Kopf hinaus und sagte: „Würdet ihr bitte aufhören zu klingeln?! Ihr weckt meine kleine Schwester immer wieder auf.“

Darüber konnten Tobi, wie er von seinen Freunden genannt wurde, und Moritz nur lachen. Niko fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er war mit Murat befreundet und es war ihm unangenehm, dass er bei den „Randalemachern“ stand.

Murat schloss das Fenster wieder und Tobias und Moritz fuhren nach Hause. Markus fragte Niko, ob sie sich nicht auch zusammen auf den Weg machen wollten, doch dieser verneinte und sah Markus dann kurze Zeit später um die Ecke verschwinden.

Niko machte sich auf den Weg zu Ikovics Haustür. Das Babygeschrei war mittlerweile verstummt. Damit Fatima, so hieß das Baby, nicht noch einmal geweckt würde, klingelte Niko nicht, sondern klopfte an der Tür. Murat machte auf.

Er freute sich immer sehr, wenn Niko nach dem Unterricht noch vorbei kam: „Komm rein. Kannst beim Abwaschen helfen, wenn wir aufgegessen haben.“ „Danke, geht es dem Baby wieder gut? Ich meine schläft es wieder?“

Bevor Murat antworten konnte, kam eine kleine, zierliche Frau mit Fatima auf dem Arm aus dem Nebenzimmer und sagte: „Sie hat gerade die Flasche bekommen. Möchtest du mitessen?“ „Ja, sehr gern. Danke.“ Er bekam einen Teller mit Spaghettis.

Niko erzählte dann, dass die anderen aus der Konfirmandengruppe wieder den gesamten Briefkasteninhalt zerrissen hatten. „Solange sie uns nicht das Haus anzünden, ist mir das egal“, entgegnete Aylin Ikovic, Murats Mutter. Sein Vater lebte nicht mehr.

Zusammen mit Murat wurde er von Gegnern Ihres Glaubens auf ein Minenfeld geschickt. Wenn sie diesen Befehl nicht befolgt hätten, wären beide erschossen worden. Ahmed Ikovic trat auf eine Mine. Es hat ihn vollkommen zerrissen und Murat musste es mit ansehen. Er erzählte oft davon und fing dann an zu weinen. Niko versuchte immer ihn zu trösten und meistens gelang ihm das auch.

*-*-*

Es war 10:30 Uhr. Markus, Niko, Tobi und Moritz saßen in der Schule, mitten im Geschichtsunterricht. Das Thema: Der 2.Weltkrieg und die Vernichtung der Juden. Die Lehrerin, Frau Stein, erklärte, wie schlimm es war, als die Juden nach Krakau, Auschwitz und in all die anderen Konzentrationslager gebracht wurden.

„Sie wurden in Räume gebracht, dort wurden ihnen die Haare abgeschnitten. Anschließend wurden sie zum Duschen geschickt, was die Juden natürlich nicht schlecht fanden, da sogar jeder ein Stück Seife bekam. Doch aus den Duschköpfen kam kein Wasser, sondern Gas. So sind viele umgekommen.

Nach kurzer Pause fährt sie fort: „Auch heute wächst die Sympathie für Nationalsozialisten wieder. Es werden Anschläge auf ausländische Mitbürger verübt! Viele sind bei solchen Anschlägen verletzt oder worden oder sogar umgekommen und das darf eigentlich von keinem der Wille sein…“ Frau Stein drehte sich zu Tobi um.

„Warum lachst du darüber?“ „Mein Gott, bei den Anschlägen, wie sie es nennen, ist doch gar nichts passiert. Ich meine in Mölln oder Solingen damals sind vielleicht ein paar draufgegangen, aber so viele waren es ja nun auch wieder nicht. Die sollen sich nicht so anstellen.“

„Du hast ja wohl ne Macke“, schrie Niko. „Was würdest du dazu sagen, wenn man dir das Haus anzündet? Die Familie Ikovic, bei denen ihr immer die Zeitungen zerreist, kenne ich persönlich. Sie haben mir erzählt, was ihnen in ihrer Heimat alles passiert ist. Ihre Familienmitglieder wurden umgebracht nur weil sie einen anderen Glauben haben und jetzt sind sie hier in Deutschland und müssen wieder Angst um ihr leben haben.

Frau Stein hat Recht, das kann einfach nicht richtig sein.“ Nun liefen ihm Tränen über die Wangen und Frau Stein ging zu ihm, um ihn zu trösten, während sie zu Tobi sprach: „Deine Meinung bestürzt mich. Ich hätte das nie von dir gedacht…“ Es klingelte zur großen Pause und alle gingen mehr oder weniger bestürzt über die Aussage ihres Mitschülers. Tobias blieb allein zurück, denn auch Moritz wollte jetzt nichts mehr mit ihm zu tun haben.

*-*-*

Am Nachmittag ging Niko gerade die Straße entlang, als ihm Markus entgegen kam: „Hi Niko, wo willst du denn hin?“ „Zu den Ikovics . Möchtest du mitkommen? Sie würden sich sicher freuen.“ Markus wusste nicht so recht was er tun soll, doch da nahm Niko ihn am Arm und zog ihn einfach mit.

Vor der Haustür angekommen wurde Markus doch etwas mulmig zu mute. Niko klopfte und kurze Zeit später machte Murat die Tür auf: „Hallo Niko, wen schleppst du denn da mit dir rum?“ „Hi, das ist Markus aus meiner Klasse. Ich habe ihn einfach mal mitgebracht.“

Was Markus gerade gesehen hatte, verschlug ihm die Sprache. Einen gut aussehenden Jungen von ca. 18 Jahren, mit blauen Augen und schönen braunen Haaren. „Kommt rein. Darf ich euch etwas zu trinken anbieten?“ Niko und Markus sagten wie aus einem Munde: „Nein, danke.“

Dann erzählte Niko, was in der Schule vorgefallen war. Murat fand es sehr schlimm, dass Nikos Freund so ins rechte Spektrum „abgerutscht“ war. Er wusste, dass Niko und Tobias sich mal sehr gut verstanden hatten. Markus entschuldigte sich dann für die zerrissenen Briefkasteninhalt und fragte Murat nach seinem Alter. „Ich bin 17“, sagte dieser und strahlte Markus förmlich an. „Wegen der Briefkastengeschichte brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Du warst es ja schließlich nicht.“

Kurze Zeit später kam Aylin mit Fatima auf dem Arm aus der Küche und stellte sich Markus vor. Die vier unterhielten sich über alles Mögliche, so dass der Nachmittag bald rum war und Niko und Markus sich verabschieden mussten: „Auf Wiedersehen.“ „Tschüß ihr beiden und besucht uns bald mal wieder.“ An der Tür angekommen hielt Murat Markus noch am Arm fest: „Wie alt bist du eigentlich?“

„Fünfzehn, warum?“ „Nur so. Du siehst so gut aus, da konnte ich dich nicht einordnen.“ Er zwinkerte Markus zu. Dieser strahlte übers ganze Gesicht und machte sich dann auf den Weg. Er war glücklich neue Freunde gefunden zu haben. Mit einem Kribbeln im Bauch ging er nach Hause und dachte die ganze Zeit: „Er findet mich hübsch!“

*-*-*

Es war eine Woche später, als es erneut an Murats Tür klopfte. Aylin öffnete und bat Markus, der vor der Tür stand, herein. Sie hatte einen mit Eiswürfeln gefüllten Waschlappen in der Hand und fragte: „Du wem möchtest du denn?“ Markus wurde rot und Aylin fing an zu lachen: „Murats Zimmer ist gleich da vorn. Nimmst du ihn bitte mal den Waschlappen mit?“

„Ja, natürlich. Frau Ikovic, warum können Sie eigentlich so gut deutsch?“ „Nun, ich habe in meiner Heimat als Deutschlehrerin gearbeitet und natürlich auch gleich meiner ganzen Familie deutsch beigebracht“, klärte sie Markus auf.

Anschließend ging dieser in Murats Zimmer und erschrak. Er lag auf seinem Bett und sah schlimm aus. Das Gesicht geschwollen, die Augen blau und die Lippe aufgeschlagen. „Was hast du denn gemacht?“ „Ich habe neue Bekanntschaften geschlossen, mit den Skinheads aus dem Nachbarort. Hast du den Lappen dabei?“

„Ja, warte.“ Markus holte sich einen Stuhl, setzte sich neben Murat ans Bett und presste vorsichtig den Lappen auf seine Lippe. „Mhh, gleich viel besser.“ „Wie ist das denn passiert?“ „Ich bin durch den Ort gegangen und wollte zu Niko, es war schon dunkel.

Auf einmal kamen diese Typen an und fragten, ob ich mal 10 Euro für sie hätte. Da hab ich nein gesagt. Der eine meinte dann: „Ein anständiger Deutscher hat doch sicherlich 10 Euro für uns, oder sollen wir mal andere Seiten aufziehen?“ Erstens, habe ich gesagt, bin ich kein Deutscher und zweitens habe ich kein Geld dabei und das stimmte ja auch. Dann haben sie angefangen auf mich einzutreten und zuzuschlagen.“

„Ja“, meinte Aylin, die gerade ins Zimmer kam, „wären Niko und seine Eltern nicht zufällig vorbei gekommen, sähe es jetzt wohl nicht so gut für dich aus! Wie kann man auch sagen, dass man kein deutscher ist. Bitte mach so was nie wieder.“

„Ich verspreche es“, sagte Murat und wandte sein Gesicht Markus zu „und was willst du hier?“ „Ich wollte dich besuchen. Sag mal hast du hier eigentlich Freunde oder eine Freundin?“ Murat schaute Markus eine ganze Zeit in die Augen. So lange bis dieser rot wurde und sagte dann: „Nein, ich habe außer Niko, seinen Eltern und dir keine Freunde hier und auch keine Freundin. Aber ich hätte statt einer festen Freundin auch lieber so einen lieben und hübschen Freund wie dich.“

Markus schaute sich um. Murats Mutter war schon wieder verschwunden. Dann sagte er: „Da ließe sich vielleicht was machen“, beugte sich zu Murat herunter und küsste ihn. „Autsch.“ „Oh, entschuldige.“ „Schon ok. Versuchen wir es einfach noch mal, nur etwas vorsichtiger…“

*-*-*

Seit dem Kuss beim letzten Treffen war das Eis endgültig gebrochen. Murat und Markus gingen, als es ihm wieder besser ging, überall zusammen hin: in die Stadt zum Einkaufen und zu Niko, der sich sehr darüber freute, dass Murat so einen lieben Freund gefunden hatte.

Sogar von der Schule holte Murat seinen Freund ab. Das passte Tobias natürlich gar nicht. Er machte Murat dafür verantwortlich, dass Markus schwul geworden war und dass er nicht mehr mit ihm sprach. Auf die Idee, dass es an seinen Äußerungen im Unterricht liegen könnte, kam er gar nicht erst.

Deswegen beschloss er zu seinen neuen Freunden, einer Gruppe von Skins, zu gehen. Er hatte sie in der Disko kennen gelernt und sie mussten ihm einfach helfen.

Am Nachmittag klingelte er bei einem der Freunde an der Tür. Er wurde eingelassen und traf in der Wohnung auch auf den Rest der Gruppe. „Was ist dir denn über die Leber gelaufen? Du siehst aus, als hättest du dich ziemlich geärgert“, sagte der eine und rülpste genüsslich.

„Kommt vom Bier, willst´ auch eins?“ „Ja, gern.“ Tobi setzte sich und erzählte den Skins von seinen Sorgen und seinem Hass, er glaubte zumindest, dass es Hass war, auf Murat und seine Familie.

Tobias´ neue Freunde waren sofort bereit ihm zu helfen und das „Asipack“ mal ordentlich einzuschüchtern: „Schließlich haben wir auch noch eine Rechnung mit ihm offen. Neulich, als wir ihn verkloppt haben, sind wir ja nicht mal damit fertig geworden, weil diese Asifreunde vorbei kamen.“

„Ich möchte nur, dass ihr ihn etwas erschreckt“, sagte Tobi, dem jetzt doch ein bisschen mulmig zumute war, weil „seine Leute“ anfingen, von „einheizen“ zu reden. „Lass das man unsere Sorge sein“, meinte der Oberskin und Hausbesitzer. „Jetzt musst du aber gehen. Wir haben noch eine Menge vorzubereiten.“

Tobias verließ das Haus. Er wusste nicht wann dieses „Einheizen“ stattfinden sollte, aber die Hauptsache war eigentlich, dass er Markus damit von seinen Schwuchteleien abbringen würde.

*-*-*

Es war Freitag Abend. Murat war überglücklich, denn er war nun schon knapp zwei Wochen mit Markus zusammen und liebte ihn über alles. Er kam gerade von ihm und wurde schon von seiner Mutter erwartet. Sie drückte ihm Fatima und ein Fläschchen mit Milch in die Hände und sagte: „Ich werde mit Nikos Eltern ins Theater gehen, sie haben mich eingeladen. Pass bitte schön auf Fatima auf. Tschüß mein Schatz“, sie gab Murat noch einen Kuss und schon war sie verschwunden.

Eine Stunde später hatte Murat seine Schwester ins Bett gebracht. Er saß im Wohnzimmer und schaute sich die wenigen Fotos von seinem Vater an, die ihm noch geblieben waren. An diesem Abend hatte er ein komisches Gefühl im Magen. Er wusste nicht wieso, aber er fühlte sich beobachtet.

Kurz nachdem Murat die Fotos wieder in sein Portemonnaie, und dieses in seine Hosentasche gesteckt hatte, flog ein Stein durch das Fenster. An ihm war ein Zettel befestigt. Murat nahm den Zettel auf und las: „Lass deine dreckigen Finger von deutschen Jungs!“

Er steckte den Zettel in seine Hosentasche und schon schoss etwas Brennendes durch das kaputte Fenster. Sofort gingen die Gardinen und ein Teil des Wohnzimmers in Flammen auf. Murat rannte ins Zimmer seiner Schwester, nahm sie auf den Arm und rannte mit ihr durch die brennende Wohnung ins Treppenhaus.

Seine Hose fing Feuer, doch trotzdem rannte er weiter und legte das Baby draußen, in sicherer Entfernung zum Haus, nieder. Mit einiger Mühe klopfte er das Feuer am Hosenbein aus. Er hatte wahnsinnige Angst, dass die Brandstifter noch in der Nähe waren und große Schmerzen.

Durch Nachbarn alarmiert, kamen nach kurzer Zeit Polizei und Feuerwehr. Ein Feuerwehrmann kümmerte sich sofort um Murat und das Baby, bis kurze Zeit später der Notarztwagen eintraf und Murats Brandwunden fachmännisch behandelt wurden.

Zu seinem Glück sah es schlimmer aus, als es war und er brauchte mit seiner Schwester nur für zwei Stunden mit in die Klinik. Auch Fatmia hatte Glück im Unglück gehabt. Die Rauchvergiftung, die bei ihr vernutet wurde bestätigte sich nicht. Vorher hatte Murat noch eine Aussage bei der Polizei gemacht und den Zettel weiter gegeben. Nach dem kurzen Krankenhausaufenthalt wurden die zwei Ikovics dann von einem Polizisten, der während der Untersuchung im Krankenhaus gewartet hatte, zu Nikos Haus gefahren.

*-*-*

Nikos Eltern, Aylin Ikovic und Markus samt Eltern, welche sie im Theater getroffen hatten, saßen gerade fröhlich lachend am Wohnzimmertisch, als es an der Tür klingelte. „Ich mach schon auf“, rief Markus. Als er die Tür geöffnet hatte, sah er genau in Murats Augen und schon fing er an zu weinen.

Er trug Fatima fest in seinen Armen und trat mit dem Polizist in den Hausflur. Markus ging zu Murat und küsste ihn. Dann gingen alle ins Wohnzimmer zu den anderen. Als Aylin Murat und Fatima sah, die mittlerweile bei Markus auf dem Arm war und mit dessen Haaren spielte, sprang sie vom Tisch auf:

„Was ist passiert?“ Der Polizist erzählte Frau Ikovic und den anderen was geschehen war, während Murat sich schon in den Armen seiner Mutter wieder fand und laut anfing zu schluchzen.

Als der Polizist alles berichtet hatte, verabschiedete er sich. Aylin nahm Fatima auf den Arm und Niko brachte Murat ins Bad, wo er ihm half sich zu waschen, denn es durfte ja kein Wasser an die Brandwunden kommen. Anschließend wurden er und sein Schwesterchen ins Gästezimmer gebracht, um sich auszuruhen und etwas zu schlafen. Aylin und Markus, welcher bei Niko schlafen durfte, blieben noch bei ihnen.

Nikos Eltern boten Ikovics an bei Ihnen zu wohnen, bis sie eine neue Wohnung gefunden hatten und Aylin nahm dankend an. Inzwischen waren auch Markus Eltern nach Hause gegangen und er legte sich zu Murat ins Bett und beide schliefen aneinander gekuschelt ein.

*-*-*

Am nächsten Morgen las Tobias in der Zeitung von dem Brand und sofort liefen ihm Tränen über seine Wangen: „Oh mein Gott, das wollte ich doch nicht!“ Er entschloss sich dazu nach der Schule zu den Ikovics zu gehen und sich zu entschuldigen, da er sich schuldig fühlte.

In der Schule erkundigte Tobi sich bei Niko, wo Murat mit seiner Familie untergekommen war und vier Stunden später klingelte es an Nikos Haustür, welche sogleich von Murat geöffnet wurde. „Darf ich reinkommen?“, fragte Tobi mit zitternder Stimme. „Ich muss mit dir reden.“

Murat ließ ihn ein und im Wohnzimmer angekommen fing Tobi leise an zu erzählen: „Ich habe neulich ein paar Typen kennen gelernt, die meisten von ihnen sind Skinheads. Die, die dich neulich zusammengeschlagen haben. Das haben sie mir zumindest erzählt. Also…du bist ja mit Markus zusammen, oder?“, er stockte und Markus nickte.

„Ich bin da nicht mit klar gekommen, dass er auf einmal auf Jungs steht und dachte du hättest ihn irgendwie umgepolt, deshalb hab ich die Skins auf dich aufgehetzt.“ Tobi erzählte Murat die ganze Geschichte und dieser hörte bestürzt zu.

„Komm“, sagte Murat nachdem Tobias geendet hatte, „wir gehen zur Polizei und du erzählst dort genau das was du mir erzählt hast, ok?“ „Ok, das muss wohl sein. Danke für deine Hilfe. Du warst der letzte von dem ich angenommen hätte, dass er mir hilft.“ „Ich möchte nur, dass du einsiehst, dass alle Menschen gleich sind, ganz egal wo sie herkommen.“ Mit diesen Worten verließen die zwei Jungen die Wohnung und gingen zur nächsten Wache.

*-*-*

Bei der Polizei angekommen machte Tobias seine Aussage. Der zuständige Polizist nahm alle Personendaten der Skins auf, die Tobi ihm geben konnte. Eine halbe Stunde später wurden alle Beteiligten wegen dringenden Tatverdachts verhaftet. Tobi sagte er, dass er nicht so viel zu befürchten hätte, da er freiwillig gekommen war und nicht direkt mit der Tat in Verbindung stand.

Außerdem hatte er ja nicht gewollt, dass jemand ernsthaft verletzt wird. „Die Skinheads“, sagte der Polizist weiter, „werden allerdings mit hohen Strafen rechnen müssen.“

Nach zwei Stunden konnten Tobias und Murat das Polizeirevier verlassen. Sie gingen zurück zu Niko. Als sie wieder im gemütlichen Wohnzimmer saßen, erzählte Murat seiner Mutter und Nikos Familie, was Tobi ihm gesagt hatte. Diese fanden es gut, dass Tobias sich gleich entschuldigt hatte und zur Polizei gegangen war.

*-*-*

Zwei Monate später saßen Ikovics bereits in ihrer neuen Wohnung und die Vermieter waren keine geringeren als Tobias´Eltern. Er hatte sich gleich darum gekümmert, dass seine Eltern niemand anders als Familie Ikovic dort einziehen ließen. Ikovics waren froh darüber nun noch mehr Freunde gefunden zu haben, wie Tobias und seine Eltern.

Den Brand hatten Ikovics mittlerweile fast vergessen. Die Brandstifter saßen in Untersuchungshaft und wurden bald darauf zu Gefängnisstrafen verurteilt, da sie Wiederholungstäter waren.

Murats Wunden waren gut verheilt und er war immer noch mit Markus zusammen und das war ja die Hauptsache.

ENDE

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Information Der dämonische Pianist
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:05 AM - No Replies

Es war ein Dienstag, als ich fast schon euphorisch 15 Uhr vor der Tür meines Schülers stand. Nur machte mir wieder mal keiner auf. Auch nach dem dritten und vierten Klingeln passierte nichts. Hatte ich schon erwähnt, dass ich warten hasse? Und Unpünktlichkeit und versetzt werden…

Genervt und ziemlich sauer holte ich mein Handy aus der Seitentasche meiner Hose. Dabei kam die Visitenkarte zum Vorschein, die mir Lys mal in die Hand gedrückt hatte mit seiner Nummer. Ich versuchte mein Glück und klingelte bei meinem Schüler durch. Allerdings nahm keiner ab und auf die Mailbox zu quatschen hatte ich echt keinen Bock.

‚Was bildet der sich eigentlich ein? Er wusste genau, dass wir um diese Zeit zusammen lernten. Oder hatte Lys einfach keine Lust mehr? Okay, wer hatte schon Lust zu pauken, aber mir ging es um mich. Wollte er sich etwa nicht mehr mit mir treffen? War ich ihm zu langweilig geworden? ‘ Meine eigenen Gedanken verwirrten mich mehr und mehr.

Ich drehte die Visitenkarte zwischen meinen Fingern und bemerkte die Adresse, die dort gedruckt stand. Sein Proberaum. Vielleicht war er ja dort? Mit einer Mischung aus Unsicherheit und Wut machte ich mich auf den Weg. Die Straße war gute zehn Minuten von Lys‘ Wohnung entfernt und als ich die passende Hausnummer gefunden hatte, blieb ich ein paar Sekunden verwundert vor dem Gebäude stehen.

Von außen sah das Mehrfamilienhaus recht nobel aus. Heller Anstrich, große, verglaste Balkons, Bogenfenster. Nur ein kleines, goldenes Schild an der Wand neben dem Eingang wies dezent auf die zu mietenden Kellerräume hin. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend betrat ich das Gebäude.

Selbst von Innen sah es vornehm aus. Links und rechts ging ganz normal eine Wohnung ab, geradeaus führte jeweils eine Treppe nach oben und eine nach unten. Ich nahm die Letztere und blieb nach dem zweiten Absatz vor einer glatt polierten Stahltür stehen. An dieser hing wieder ein ganz schlichtes Schild mit der Aufschrift „Zu den Proberäumen“.

Die Tür ließ sich ziemlich schwer öffnen und ein leichter Modergeruch stieg mir in die Nase, als ich die Katakomben betrat. Die Wände bestanden aus unverputztem Stein, trotzdem war alles sehr sauber. Eine gute halbe Minute lief ich hinab und je weiter ich ging, desto deutlicher hörte ich die Musik. Unten angekommen führte ein schmaler Gang weit geradeaus und zu beiden Seiten gingen Türen ab, an denen große, blecherne Zahlen befestigt waren.

Nur gedämpft hörte ich hier wildes Schlagzeuggetrommel, dort Gänsehautmäßiges Gekreische. Keine Ahnung, warum ich gerade vor der Tür Nummer sieben stehen blieb. Es könnte an den Klängen liegen, die dort hinaus drangen und mich sehr an ‚Beseech‘ erinnerten. Langsam öffnete ich sie und steckte meinen Kopf hinein. Mir verschlug es augenblicklich die Sprache. Wie apathisch schob sich der Rest meines Körpers in den Raum und ich starrte mit offenem Mund die Musiker an, die hier spielten.

Es waren vier Leute, die seitlich vor mir standen. Hinten links schlug ein junges Mädchen mit grünen Haaren wild auf ein Schlagzeug ein. Geradeaus stand ein Typ mit langen, wasserstoffblonden Haaren und Piercing in der Unterlippe mit einer E-Gitarre und streichelte leidenschaftlich ihre Saiten. Rechts hinten erkannte ich ein Stück eines anderen Mädchens mit schwarzen Haaren und roten Strähnen, die auch eine Gitarre in ihren Armen hielt und das Mirko vor sich mit wohligen Tönen beglückte. Rechts vorne stand nun er. Lysander. Sein Keyboard vor sich aufgebaut, liebkoste er die Tasten mit seinen schlanken Fingern und holte die schönsten Klänge hervor.

Mein Herz klopfte so dermaßen gegen meine Brust, als wolle es ausbrechen. Meine Knie wurden weicher als Gelee und ich wagte kaum Luft zu holen. Wie konnte dieser Junge nur so verdammt gut aussehen? Dieser Körper, wie er sich zur Musik bewegte, seine Lippen, die fast das Mikro berührten, bei jeder Strophe die er sang, die einzelnen Schweißtropfen, die an seiner Stirn hinab liefen, am Hals entlang und unter dem viel zu engen Shirt verschwanden. Ich war geplättet. Genau deswegen bekam ich Panik. Das war doch echt nicht normal, wie ich ihn so gemustert hatte und was dies in mir auslöste. Das war kein Kulturschock, kein Interesse an dem Unbekannten. Das war mehr. Viel mehr.

Doch gerade als ich mich umdrehen und wieder gehen wollte, verklangen die letzten Töne des Liedes. Und es schlug mit einem lauten Knall die Tür zu, die ich unbedachterweise bei meiner Entdeckung losgelassen hatte. Alle vier Köpfe flogen erschrocken zu mir herum. Der eine wollte schon etwas ansetzen, doch Lys kam ihm zuvor und stürmte auf mich zu.

„Thilo. Mensch, was machst du denn hier?“, fragte er mich freudig überrascht.

„Wir,“, räusper, „Wir hätten jetzt Unterricht“, stotterte ich zusammen und kam mir saudämlich vor.

„Was?“, ungläubig riss Lys seine schönen Augen weit auf und kramte in der Seitentasche seiner Hose. Ein kurzer Blick auf die Uhr seines Handys bestätigte meine Aussage. „Shit. Ich hab die Zeit total verpasst. Weißt du, wir hatten ein paar Stunden Ausfall und da wir in zwei Wochen einen Auftritt haben, wollten wir noch etwas üben. Tut mir echt leid“, entschuldigte sich mein Schüler und setzte wieder seinen miesen Hundeblick auf.

„Was soll‘s. Wir können es ja heute mal ausfallen lassen“, meinte ich und wollte schon gehen. Doch Lys hielt mich ab.

„Nein, nein, das ist schon okay. Wir wollten eh nur noch ein Lied durchnehmen. Dann hätten wir sowieso aufgehört“, sagte er euphorisch, zerrte mich direkt vor die Gruppe und schubste mich auf eines der beiden alten Sofas, die dort an der Wand standen. Dann begannen sie zu spielen und er zu singen.

Die ganze Zeit sah er mich an, bohrten sich seine türkisfarbenen Augen in mein Innerstes und ich war nicht im Geringsten fähig, wegzuschauen. Ich nahm nicht einen Ton des Liedes wahr, nur seine Lippen, die sich allein für mich bewegten. Seine Hände, die er ab und zu nach vorne ausstreckte, als wolle er MICH erreichen. Wie in Trance blickte ich zu ihm auf, selbst als der Song längst zu Ende war.

„Und, was meinst du? Können wir das so spielen an dem Samstag?“, fragte er mich ganz außer Atem und trank ein paar große Schlucke aus seiner Wasserflasche.

Für mich war das wie das Händeklatschen am Ende einer Sitzung, wenn man wieder aufwachen sollte. Ich zwinkerte ein paar Mal und schaute verwirrt in die Runde, denn auch die Anderen sahen zur mir, begierig auf eine Antwort.

„Ehm.. ich denke schon“, stammelte ich und versuchte krampfhaft, meine Gedanken zu ordnen.

„Ein viel sagendes Feedback“, meinte die Drummerin, wandte sich ab und suchte ihre Sachen zusammen.

„Sag mal, hast du uns überhaupt zugehört?“ Stirnrunzelnd blickte mein Schüler auf mich hinab.

„Laut genug waren wir ja“, lachte der Gitarrist und klopfte Lys auf die Schulter. „Ich mach los. Wir sehen uns morgen.“

Der Typ verabschiedete sich und wollte gerade mit der Grünhaarigen den Proberaum verlassen, als eine junge Frau eintrat. Sie hatte brünette, lange Haare nach hinten zu einem Zopf gebunden. Nur zwei Strähnen ihres Ponys fielen ihr links und rechts ins Gesicht.

„CAT!“ Freudig schreiend lief die andere Sängerin auf den Neuankömmling zu und warf sich ihr um den Hals.

„Na meine Kleine“, begrüßte die Frau sie sanft und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Hast du schon gehört? Wir haben einen Auftritt in einem richtigen Club. Cool, oder?“, plapperte das Mädchen aufgeregt weiter.

„Natürlich hab ich davon gehört. Der Abend wird bestimmt klasse. Komm, pack dein Instrument weg. Ich habe heute noch was mit dir vor“, sagte Cat sanft, worauf die Kleine schon losstürmen wollte, doch kurz inne hielt, der älteren einen Kuss auf die Wange drückte und erst dann weglief um ihr Zeug zusammen zu suchen. Liebevoll sah Cat ihr nach, dann wanderte ihr Blick zu mir.

„Wer bist du denn?“, fragte sie Stirnrunzelnd. Die Antwort nahm mir Lys ab, der nebenher den Reißverschluss seiner Tasche schloss, in der er sein Keyboard verstaut hatte.

„Oh, der Herr ist aber heute mal wieder sehr charmant. Er gehört also zu dir. Naja, besser als die anderen Kerle, die du bisher angeschleppt hast, ist er allemal“, meinte sie ruhig.

„Verpiss dich“, wütend funkelte Lys die junge Frau an und ging drohend auf sie zu. Die anderen beiden Bandmitglieder hatten alarmiert ihre Sachen beiseite gelegt und waren vorsichtshalber an Lysanders Seite getreten. Cat allerdings blieb gelassen.

„Wow. So bissig hast du dich ja noch nie gehabt, wenn ich mich über deine Fickhasen lustig gemacht habe“, sagte sie gelangweilt und wandte sich wieder an das Mädchen.

„Bist du fertig, Micha?“, fragte sie in einem viel sanfteren Ton.

„Bin ich“, antwortete die Schwarzhaarige fröhlich, als hätte sie von allem nichts mitbekommen. Dann lief sie zu Lys, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und wuschelte ihm kurz durch die Haare. „Lass dich doch nicht immer so von ihr provozieren“, mahnte sie ihn.

„Sie macht das doch mit Absicht!“, entgegnete Lys.

„Gerade deswegen solltest du viel ruhiger werden. Du weißt genau, dass es ihr Spaß macht, dich zu ärgern.“

Micha knuffte ihm freundschaftlich in die Seite und verschwand dann mit dem Rest der Band und Cat aus dem Proberaum. Letztere fing an breit zu grinsen und zwinkerte dem Sänger zu, bevor die Tür mit einem lauten Knall zufiel.

„Boar, ich kann diese Zicke einfach nicht ausstehen“, rief Lys wütend und ging zu seiner Tasche. Ich stand nur weiterhin wie angewurzelt da und starrte bedeppert meinen Schüler an. Mann war der niedlich, wenn er sich so ärgerte.

„Komm, lass uns gehen. Ich brauch dringend frische Luft“, wurde ich aufgefordert und folgte ihm nach draußen.

„Bist du wirklich nicht sauer, dass ich dich warten lassen habe?“, fragte Lys nach einer Weile, die wir schweigend nebenher gelaufen waren.

„Nur kurz am Anfang“, gab ich leise zu. „Aber es war ja nicht mit Absicht.“

Den Rest des Weges bewältigten wir relativ ruhig. Irgendwie hing jeder seinen eigenen Gedanken nach.

„Sag mal, hast du am Samstag in zwei Wochen schon was vor?“, durchbrach Lys die Stille, als wir in seinem Zimmer angekommen waren.

„Noch nicht“, antwortete ich und sah meinen Schüler zu, wie er seine Tasche an der Wand abstellte und sich dann sein Shirt auszog.

„Cool. Du hast ja von dem Auftritt gehört. Komm doch hin. Hast du was dagegen, wenn ich fix duschen gehe? Ich bin total verschwitzt“, redete er ohne Pause.

„Geh nur“, meinte ich und schaute krampfhaft zu Boden. Mann, wie kann er sich nur einfach so vor mir ausziehen? Wusste er nicht was er damit anrichtet? Wollte er das denn mit Absicht provozieren?

„Gut, ich beeil mich. Was ist nun mit Samstag?“, fragte Lys wieder und ließ mich aufblicken.

Er kramte gerade in seinen Schrank, den Rücken zu mir gewandt. Ich starrte ihn nur apathisch an, nicht fähig zu antworten. Nicht weil ich seinen Rücken so geil fand, sondern weil sich drei tiefer Kratzer über die Seite zogen. Mit einmal hatte ich dieses Bild im Kopf, wie mein Schüler auf jemanden lag, ihn befriedigte und dieser vor Ekstase stöhnend seine Finger tief in Lys‘ Haut bohrte. Mir wurde kotz übel. Ich sprang auf, ließ selbst meinen Rucksack liegen und stürmte aus dem Zimmer.

‚Bescheuert. Ja, genau das war ich. Wie konnte ich mir auch nur einbilden, dass dieser absolut geile Typ auf mich stand? Natürlich war ich nicht der Einzige, der ihn toll fand. Es gab bestimmt genug andere, die ein Auge auf Lys geworfen hatten und sich nicht so zierten wie ich. Zwar war er noch ziemlich jung, aber im Endeffekt auch nur ein Mann mit gewissen Bedürfnissen. Wie konnte ich echt nur denken, dass er auf mich warten würde. Warten, bis ich mit mir endlich im Einklang war. Ich war einfach nicht mehr für ihn, als ein einfacher Fickhase und da ich ihn nicht an mich ranließ, hatte er sein Verlangen bei jemand anderem gestillt. So simpel war das Ganze…‘ So simpel, dass mir Tränen in die Augen stiegen.

Anstatt mich endlich in Ruhe zu lassen, war Lys mir nachgelaufen und holte mich schon im Flur ein. Er wollte mich am Arm packen, doch ich fuchtelte nur wild umher.

„Man Thilo. Sag mir endlich was los ist!“

Ich ignorierte ihn, wollte nur noch hier weg, doch als ich die Wohnungstür aufreißen wollte, war sie verschlossen. Ein paar mal rüttelte ich an ihr herum, aber außer dass sie ein wenig klapperte, passierte gar nichts. Erst ein Klimpern ließ mich herum fahren. Lys stand einfach nur da, hielt die Schlüssel gut sichtbar hoch und steckte sie sich dann in die Hosentasche.

„Ich wollte heute mit dir reden“, begann er zu erklären. „Da ich jedoch weiß, dass du bei dem kleinsten bisschen abhaust, hab ich schon mal vorgesorgt.“

„Lass mich gehen, sofort!“, zische ich wütend. Was nahm der Typ sich eigentlich raus?

„Das ist mir egal. Verstehst du denn wirklich gar nichts? Ich habe mich total in dich verliebt“, sagte Lys sanft und sah mich flehentlich an. Ich allerdings achtete da überhaupt nicht drauf.

„Sagst du das zu jedem, den du ins Bett kriegen willst? Wenn du es so nötig hast, dann geh doch zu einem deiner Fickhasen!“

Ich hatte nicht die Kraft zu antworten, doch der Junge bemerkte meinen kurzen Blick auf die Kratzer. An seiner Mimik konnte ich erkennen, dass er anfing zu begreifen.

„Deswegen? Nur darum tickst du so aus?“, kicherte er verrückt. „Das war doch komplett harmlos. Nur ein Kater.“

„Mir doch egal wie du deine Stecher nennst!“, schrie ich ihn an.

Dann landete seine flache Hand mit einem lauten Knall mitten in mein Gesicht. Ungläubig wanderten meine Finger zur Wange, die unangenehm heiß prickelte. Meine Knie gaben nach und ich rutschte mit dem Rücken an der Tür hinab zu Boden.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Lys und kniete sich vor mir nieder. „Du steigerst dich da in etwas hinein, das nicht stimmt. Die Kratzer hat mir Michaelas Kater verpasst. Er sollte zum Tierarzt und kastriert werden. Anscheinend merkte das Drecksvieh, was ihm blüht und ist ständig abgehauen. Natürlich hatte ich das Privileg, ihn einfangen zu dürfen. Dabei hat der Minitiger mir die Kratzer verpasst. Sieh doch mal genau hin. So sehen doch niemals Spuren von Fingernägeln aus.“

Toll, ich war also eifersüchtig auf einen beschissenen Kater?! Als ob das nicht genug wäre, war doch meine Reaktion für mich der letzte Beweis, dass ich mich über beide Ohren in Lys verliebt hatte. Okay, ich hatte es mir endlich eingestanden. Wieso ging es mir immer noch hundeelend?

„Seit ich dich das erste Mal sah, konnte ich an niemand anderes mehr denken. Du bist der einzige für mich.“

Warum sagt er sowas? Ich hatte mich total bescheuert aufgeführt und er gestand mir trotzdem, wie viel ich ihm bedeutete? Tränen kullerten wie von selbst meine Wangen hinab, da ich nicht mehr fähig war, sie aufzuhalten. Toll, da gestand ich mir ein, dass ich schwul war und schon benahm ich mich wie ein Weichei. Scheiß Klischee.

„Hey, ist ja gut. Nicht weinen“, versuchte Lys mich zu trösten, nahm meinen Kopf in seine Hände und küsste mir die salzigen Tropfen aus dem Gesicht.

„Ich bin so ein Idiot“, jammerte ich.

„Natürlich bist du das. Hast mich einen ganzen Monat zappeln lassen. Ich wär fast umgekommen vor Sehnsucht.“

Seine türkisfarbenen Augen drangen tief in meine und verursachten ein dermaßen schnelles Herzklopfen, dass mein ganzer Körper im Takt vibrierte. Nach und nach kamen sich unsere Lippen näher und als sie sich endlich trafen, war ich fast der Ohnmacht nahe. Es war nur ein einfacher Kuss, so unschuldig wie ein Neugeborenes, und doch lag darin so viel mehr.

Nach nicht enden wollenden Sekunden löste sich Lys von mir und lächelte mich schüchtern an. Gott sah er niedlich aus. Leider konnte ich das nicht lange genießen. Mein Schüler beugte sich schon wieder vor, doch ich hielt ihn kurz vor meinen Lippen auf. Unsicher blickte er mir in die Augen, schloss dann seine und lehnte die Stirn gegen meine.

„Lass es uns einfach zusammen versuchen. Bitte“, begann er zu betteln, aber ich wand mich aus seinen Händen und versuchte aufzustehen. Lys krallte sich an meinen Armen fest und seine zwei todtraurigen, türkisfarbenen Sterne glitzerten mich flehentlich an. Ich schwankte kurz und brachte dann endlich heraus, was ich die ganze Zeit sagen wollte:

Ungläubig wurde ich angestarrt.

„Im Ernst jetzt?“, fragte er sicherheitshalber nach, worauf ich nur schwach nickte. „Komm, das Bad ist gleich hier.“

Mein Schüler half mir komplett auf die Beine und zusammen torkelten wir in das besagte Zimmer. Zum Glück musste ich mich nicht übergeben. Ein kalter Waschlappen auf der Stirn und ein Glas Wasser wirkten schon kleine Wunder. Ich saß auf dem Klo (natürlich war der Deckel unten) und lehnte meinen Kopf nach hinten an die kühlen Fliesen. Lys stand mir gegenüber an der Wand, die Arme verschränkt und Beine überkreuzt. Nichts sagend blickte er zu mir rüber.

„Geht es wieder?“, fragte er eine Spur zu neutral. War er etwa sauer?

„Ich glaube schon. Danke.“

Nachdem ich noch mal tief durchgeatmet hatte, stand ich langsam auf. Die ganze Zeit auf dem WC hocken konnte ich nun wirklich nicht. Allerdings waren meine Knie so weich wie Wackelpudding, weswegen ich mich schwer auf das Waschbecken stützte, das einen Schritt weiter stand. Lys kam erschrocken zu mir gelaufen und hielt mich am Arm fest.

„Ehrlich gesagt nicht wirklich. Ich versteh das nicht. Ich habe mir doch alles eingestanden. Wieso geht es mir immer noch so elend?“ Von meinem Zustand hatte ich echt die Schnauze voll. Wird denn das jetzt immer so weitergehen?

„Wie jetzt? Was hast du dir eingestanden?“ Mein Schüler stellte sich vor mich hin und sah stirnrunzelnd zu mir auf. Mich machte das alles nur verlegen und unsicher.

„Na dass… dass ich mich in dich verliebt habe“, stotterte ich und wurde mit jedem Wort leiser. Meinen ganzen Mut zusammennehmend hob ich meine Hand und streichelte über Lys‘ Wange. Er atmete erleichtert aus, schüttelte leicht seinen Kopf und kuschelte sich dann in meine Hand.

„Auf keinen Fall!“, sagte ich erschrocken. „Keine Ahnung ob es daran liegt, dass du der erste Mann bist, in den ich mich verliebt habe. Aber seit ich dich kenne, geht bei mir alles drunter und drüber. Noch nie glaubte ich durch eine leichte Berührung verbrennen zu müssen oder dass nur ein Blick tiefer als ein Blitz in mich dringen könnte. Dass mich Augen bis in meine Träume verfolgen. Dass ein simpler Kuss mich ohnmächtig werden lässt.“

„Das ist das Schönste, was mir je gesagt wurde.“ Lys schlang seine Arme um mich und drückte mich fest an seinen Körper.

„Die brauchst du nie wieder zu haben. Denn ab jetzt bin ich immer bei dir.“

Keine Ahnung wie lange wir so dastanden. Irgendwann löste Lys sich von mir und verfrachtete mich in sein Bett. Das Glas Wasser hatte er auf den Nachttisch gestellt und den frisch gekühlten Waschlappen auf meine Stirn gelegt.

„Ich geh nur fix duschen. Bin gleich wieder da“, sagte er liebevoll, hauchte mir einen Kuss auf die Lippen und verschwand im Bad.

Von Minute zu Minute ging es mir besser. Ich schloss meine Augen und lauschte dem Plätschern des Wassers, das aus dem Nebenzimmer zu mir hinüber drang. Mein Magen grummelte zwar noch etwas, aber sonst fühlte ich mich unheimlich glücklich. Wenig später kam Lys wieder ins Zimmer und setzte sich auf die Bettkante. Seine Haare waren komplett durcheinander und noch nass. Außerdem hatte er nur Bermudashorts an, deren Schwarz schon total ausgeblichen war. Lächelnd blickte er auf mich hinab.

„Jetzt, da du wieder bei mir bist, auf jeden Fall.“ Verliebt schmunzelnd sah ich zu ihm auf und begann mit den Fingern seiner Hand zu spielen.

„Rutsch mal nen Stück“, forderte er mich auf und ehe ich mich versah, hatte er mich nach hinten auf die zweite Betthälfte gedrängt und sich selbst auf die erste gelegt. Aber im Gegensatz zu meinen Befürchtungen ging er nicht auf mich los, sondern lag einfach auf den Rücken, seinen Arm hinter den Kopf gelegt, die Beine überkreuzt. Meine Hand hatte er nicht losgelassen.

„Du bist echt das Einzigartigste, was mir je passiert ist“, sagte Lys nach einer Weile.

„Das glaub ich dir gern“, schnaubte ich lächelnd. Ich lag auf der Seite zu ihm gewandt und konnte mich an ihm einfach nicht satt sehen.

„Sorry, ich wollte dich nicht verletzen. Du hattest nur so ein Gefühlschaos in mir verursacht, was sich irgendwie voll auf meinen Magen ausgewirkt hat.“

„War. Mir war übel. Jetzt geht es einigermaßen, was vielleicht daran liegt, dass ich mit mir langsam ins Reine komme.“

„Das ist gut.“ Als hätte Lys nur auf so eine Bestätigung gewartet, kuschelte er sich ganz nah an mich heran. Seine nassen Haare kitzelten an meiner Nase und ich begann anfangs zögerlich, dann ganz frei seine Schulter bis zum Hals zu kraulen.

„Hmmm. Ich glaube mit lernen wird das heute nichts mehr“, schnurrte mein Schatz und reckte sich so, dass ich ihn besser streicheln konnte.

Meine Augen wurden mit der Zeit immer schwerer und ehe ich mich versah, war ich zusammen mit Lys eingenickt. Erst das Klopfen an der Zimmertür weckte mich wieder auf.

„Lysander. Ich bin wieder da. Darf ich kurz reinkommen?“, hörte ich meine Professorin draußen fragen. Scheiße! Genau dieses Wort schwirrte gerade durch meinen Kopf und ließ mich hochfahren. Lys grummelte nur und drehte sich mit dem Rücken zu mir auf die Seite.

„Lysander?“ Und schon trat Frau Schmidt in den Raum. Ich glaube, wir schauten beide so ziemlich erschrocken aus. „Thilo?“

„Ähm…“, begann ich zu stottern und zappelte unruhig hin und her. Mein Schatz wachte von den Bewegungen auf (endlich!) und rieb sich verschlafen die Augen.

„Hey Mom. Schon zurück?“, begrüßte er gähnend seine Mutter.

„Oh. Sorry. Das ist Thilo. Thilo meine Mom.“ Der Kleine war so verpennt, dass er noch gar nichts schnallte.

„Ich weiß wer das ist. Aber was verdammt noch eins sucht er in deinem Bett?!“, fing sie an zu schimpfen. Dann machte es endlich bei ihm klick.

„Oh… Mom. Bitte, es tut mir Leid. Das ist einfach so passiert.“

„Einfach so passiert???“, rief Frau Schmidt. „Wenn du keine Lust zum Lernen hast, ist das eine Sache. Aber was Herr Gott noch mal gibt dir das Recht, mit deinem Lehrer zu schlafen?!“ Bildete ich mir das nur ein oder wurde die Professorin hysterisch?

„Ich liebe ihn“, flüsterte Lys trotzig und schaute zu Boden.

„Bitte was?“ Ungläubig wurden wir angestarrt.

„Wir lieben uns“, kam ich meinem Schatz zu Hilfe und nahm seine Hand in meine. Die Frau vor uns atmete hörbar aus und schüttelte ihren Kopf.

Überrascht blickten wir auf.

„Meine Güte, ich dachte du schläfst mit ihm nur, damit du nicht Mathe üben musst.“

„Mom!!!“ Verärgert sahen sich beide an.

„Hör auf Lysander. Deine Aktion ist auch nicht besonders clever. Wir sind also quitt.“

„Okay, das nehm ich an“, meinte mein Schüler kleinlaut und beide Gesichter entspannten sich wieder. Was war das hier? Eine Verhandlung?

„Was sie allerdings betrifft Thilo…“, setzte Frau Schmidt an, doch ich unterbrach sie sofort.

„Ich will weder eine Sonderbehandlung an der Uni, noch nehme ich weiter Geld für den Unterricht.“

„Oh, das überrascht mich. Eigentlich wollte ich sagen, dass es keine Gehaltserhöhung geben wird und wegen der Uni… Dort wird ihnen auf jeden Fall eine Sonderbehandlung zuteil. Denn ab jetzt werde ich ein besonderes Auge auf ihre Arbeiten haben.“ Lys wollte schon widersprechen, aber ich streichelte ihm nur beschwichtigend über seine Wange.

„Damit kann ich leben.“ In dieser Hinsicht konnte mir echt nicht viel passieren. Mein Studium lag mir einfach und ich gehörte unter die ersten zehn. Was wollte ich mehr?

„Dann wär ja alles soweit geklärt. Okay, in zehn Minuten gibt es Abendbrot. Macht euch bis dahin fertig.“ Und schon war sie wieder aus dem Zimmer verschwunden.

„Das ging ja gerade noch mal gut“, sagte ich erleichtert.

„Das auch. Sie wird dich aber vorher noch ein paar Mal auf die Probe stellen“, erklärte Lys nicht gerade begeistert, stand auf und zog sich ein locker sitzendes T-Shirt an.

Das waren also die Klamotten, die er zuhause trug. Alles sah etwas ausgewaschen und zwei Nummern zu groß aus. Bei diesem Anblick stahl sich ein kleines Schmunzeln auf meine Lippen, da das einfach zu niedlich ausschaute.

„Du bist der Erste der dabei lächelt, wenn ich erzählt habe, was meine Mom noch vor hat“, wunderte sich mein Schatz und musterte mich stirnrunzelnd.

„Ich lasse die Phasen deiner Mutter einfach auf mich zukommen. Ändern kann ich doch eh nichts daran“, sagte ich Schulter zuckend. „Außerdem musste ich wegen dir grinsen“, gab ich leise zu und zupfte vielsagend an seinem übergroßen Shirt.

„Hey. Ich weiß, dass ich darin nicht besonders sexy ausschaue, aber die sind echt bequem. Gerade für zuhause“, versuchte Lys sich zu rechtfertigen.

„Ich finde, du siehst darin niedlich aus“, flüsterte ich und starrte verlegen zu Boden.

„Niedlich?“, wiederholte er meine Worte. Am Rande des Bettes sitzend, spielte ich nervös mit meinen Fingern und nickte nur leicht mit dem Kopf. „Du findest mich also in den Lumpen niedlich“, kicherte mein Schatz, setzte sich kurzerhand auf meinen Schoß und schlang seine Beine um meine Hüfte.

Dann legte er seine Arme um mich und zog sich somit noch dichter an meinen Körper heran. Ich hingegen wagte nicht im Geringsten, ihn zu berühren. Händchen halten oder mal kurz über die Wange streicheln war ja noch okay. Aber schon das Kraulen vorhin über seine nackte Schulter hatte das ausgelöst, was ich die ganze Zeit vermisst hatte. Das berühmte Bauchkribbeln. Aber alles in solch einer geballten Ladung, dass ich glaubte, tausende von Schmetterlingen würden mit ihren Flügeln meinen Magen von innen kitzeln. Es war überwältigend und viel zu viel auf einmal. Lys knabberte derweil an meinem Ohrläppchen und Hals. Seine Finger suchten sich gerade einen Weg unter mein Shirt, als wir es von draußen rufen hörten.

Genervt zog mein Schatz seine Hände zurück und sah mich an.

„Du schaust seltsam aus. Alles okay?“, fragte Lys besorgt.

„Soweit ja. Ist nur alles ein wenig viel für den Anfang“, antwortete ich leise.

„Du reagierst sehr sensibel auf Berührungen, weißt du das? Sobald ich dich auch nur anhauche, bekommst du sofort eine Gänsehaut. Dabei habe ich noch gar nichts getan.“

Er hatte seinen Arm um meinen Hals gelegt und streichelte mit seinen Fingerspitzen meinen Nacken. Wie sollte ich bitte so ein normales Gespräch führen?

„Ich reagiere nicht so auf Berührungen. Ich reagiere so auf dich.“

Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille. Weder nahmen wir das Gezwitscher der Vögel wahr, welches gedämpft von draußen hinein schallte, noch das Klappern von Geschirr aus der Küche. Einige Sekunden sahen wir uns einfach nur an. Blickten uns tief in die Augen. Dann küssten wir uns. Zuerst ganz zaghaft und vorsichtig, als wäre der andere aus Zucker und könnte jeden Moment auseinander brechen. Dann spürte ich, wie Lys‘ Zunge fordernd über meine Lippen strich. Nur zögernd öffnete ich meinen Mund und als sich unsere Zungen trafen, explodierte ein Feuerball der Gefühle in mir, bei dem mir kurz schwarz vor Augen wurde.

„Du reagierst so intensiv und unschuldig wie ein kleines Kind“, schmunzelte mein Schatz und streichelte mit seiner Nase über meine.

„Tut mir leid. Ich versuch es ja, aber ich kann es irgendwie nicht steuern.“

„Hey, du brauchst dich für gar nichts zu entschuldigen. Außerdem finde ich das…“, er überlegte kurz. „niedlich.“

Ich konnte nicht anders, als ihn verklärt vor Liebe anzulächeln.

„Komm. Wir sollten langsam in die Küche gehen. Sonst nervt meine Mom wieder.“

„Moment mal. Ich soll auch mit zu Abend essen?“

„Klar. Sie sagte doch, dass WIR uns fertig machen sollen. Das ist übrigens die zweite Phase.“

Beide grinsten wir uns an, ich richtete meine Sachen und zusammen liefen wir dann in die Küche. Dort war alles im amerikanischen Stil gehalten. Auf der einen Seite war eine große Kochecke mit allen möglichen modernen Geräten ausgestattet (selbst der Kühlschrank hatte einen Eiswürfelspender). Davor sah ich eine Theke mit Barhockern. Auf der anderen Seite stand ein Tisch mit vier Stühlen, der reichlich bedeckt war.

Lys geleitete mich zu einem der Stühle und setzte sich dann neben mich. Ihm gegenüber saß seine Mutter. Ihre Haare, die sie sonst streng nach hinten gebunden hatte, fielen ihr nun weit über die Schultern. Sie trug außerdem anstatt einem ihrer Kostüme eine schlichte, ausgewaschene Jeans und ein Holzfällerhemd, dessen Ärmel nach oben gekrempelt waren. Das ganze machte die Frau noch viel jünger und vor allem hübscher.

„Und, wie lief es heute bei dir?“, durchbrach Lys die Stille und langte nach einer Scheibe Brot.

Nebenher goss sie ihr Glas halbvoll mit Saft. Leider war dann die Flasche schon alle.

„Oh. Schatz, gehst du bitte fix in den Keller und holst zwei neue Flaschen hoch? Hier oben habe ich keine mehr.“

Stirnrunzelnd sah mein Freund seine Mutter an. Dann stand er langsam auf und kniff seine Augen zusammen.

Genervt nahm Lys die Plasteflasche aus ihrer Hand und verließ die Küche. Sobald die Wohnungstür zu hören war, legte Frau Schmidt ihr belegtes Brot beiseite und sah mich direkt an. Ich hatte mich bisher nicht getraut, etwas anzufassen.

„Okay. Reden wir nicht groß um den heißen Brei herum. Seit wann geht das schon zwischen euch beiden?“

Oh man. Ich kam mir wie ein kleines Kind vor, das heimlich von der verbotenen Schokolade genascht hatte.

„Seit heute“, antwortete ich kleinlaut.

„Dann habt ihr noch gar nicht miteinander geschlafen?“, fragte sie überrascht, worauf ich meinen Kopf schüttelte. „Hm, seit einem Monat arbeiten sie für mich“, überlegte sie laut und redete dann versöhnlicher weiter. „Bei den anderen hatte er nie so viel Geduld. Sie müssen ihm wirklich etwas bedeuten.“

Verwirrt schaute ich zu meiner Professorin auf.

„Es ist so, dass vor zwei Jahren seine erste große Liebe mit ihm Schluss gemacht hatte. Er war so deprimiert, dass er sich erst niemanden mehr und später alle nur flüchtig anschaute. Er ist noch sehr jung, aber ich dachte, wenn er sich einmal richtig ausgetobt hätte, würde er wieder ruhiger werden. In letzter Zeit hatte ich mir schon Sorgen gemacht zwecks des Verschleißes. Und jetzt kommen sie einfach so daher und bändigen meinen Quirlgeist.“

„Ich habe ihn nicht gebändigt und das will ich auch nie. Ich empfinde nur unheimlich viel für ihn. Das ist alles.“

Frau Schmidt musterte mich noch kurz, doch dann begann sie zu lächeln.

„Gut.“ Damit war wohl alles für die Professorin soweit geklärt, denn sie nahm wieder ihr Brot und biss genüsslich hinein. „Greifen sie zu“, forderte sie mich freundlich auf und gehorsam wie ich war, langte ich nach einer Scheibe Brot, Butter und Käse.

Die Stimmung hatte sich deutlich gelockert und wir unterhielten uns gerade über ein paar fachliche Themen, als Lys endlich wieder in die Küche trat.

„Sag mal Schatz, wo warst du denn solange? Wir wollten dir schon einen Suchtrupp nachschicken.“

„Sehr witzig. Die alte Schachtel aus dem Erdgeschoss wollte, dass ich ihr zwei Kisten Selters aus ihrem Keller mitbringe, weil ja morgen ihr Romméclub zu Besuch ist und was weiß ich nicht wie aufregend das wird“, meckerte mein Freund, stellte die zwei Saftflaschen auf den Tisch und setzte sich wieder neben mich.

„Das ist eine ältere Dame, die froh ist, jemanden zum Reden zu haben“, versuchte die Professorin ihren Sohn zu beruhigen.

„Lysander!“ Mahnend schüttelte die Frau ihren Kopf, konnte sich aber dennoch ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dann wandte sie sich wieder an mich. „Wo waren wir stehen geblieben?“

„Bei Professor Jentzsch“, half ich ihr aus.

„Ah genau. Also, er ist mir ein wenig zu theoretisch.“

„Finde ich auch. Wenn er bei seinen Lesungen mehr praktische Beispiele einbringen würde, wäre die Thematik viel einfacher zu verstehen“, pflichtete ich Frau Schmidt bei.

Ich biss gerade von meinem Brot ab, als ich zu Lys rüber sah. Der blickte allerdings nur apathisch seine Mutter an und bekam beim Einschenken des Saftes nicht mit, dass sein Glas schon längst voll war.

Erschrocken schaute er zu mir, dann auf den Tisch, wo sich eine Pfütze gebildet hatte.

„Shit!“ Endlich stellte mein Schatz die Flasche beiseite und sprang auf, um die Küchenrolle zu holen.

„Was machst du denn?“ Auch seine Mom war aufgestanden und beide tupften sie nun den Saft vom Tisch.

„Tschuldige.“ Mehr brachte Lys nicht raus.

Irgendwas schien ihn total irritiert zu haben. Was genau erfuhr ich erst eine Dreiviertelstunde später, als wir fertig mit Essen und wieder allein auf sein Zimmer waren. Frau Schmidt hatte sich nach dem Abendbrot mit einem Buch von mir verabschiedet. „Was hast du mit meiner Mom gemacht?“, fragte mich auf einmal mein Liebster. Er lag auf dem Bett und starrte die Decke an. Seine Arme hatte er hinter seinen Kopf verschränkt und die Beine wieder überkreuzt. Ich saß im Schneidersitz daneben an die Wand gelehnt.

„Komm schon Thilo. Ich weiß genau, dass ihr über mich gesprochen habt. Allerdings hat sich hinterher noch nie jemand so locker mit meiner Mom unterhalten können.“

„Spann mich nicht so auf die Folter. Erzähl schon!“

Mit einem Seufzer erzählte ich, was vorgefallen war. Lys hatte sich aufgesetzt und schaute bedröppelt zu Boden.

„Mann. Damit ist sie echt zu weit gegangen.“

„Hey. Sie macht sich doch nur Sorgen.“

Verwundert sah er auf.

Liebevoll lächelte ich ihn an und streichelte über seine Wange.

„Ehrlich gesagt hat es mich traurig gemacht. Du hattest ihn wirklich sehr gern gehabt, wenn du dich so lange mit jemand anderes ablenken musstest.“

Lys kuschelte sich zwischen meine Arme und rückte seinen schmalen Körper so dicht wie nur möglich an meinen.

„Das hatte ich. Alex war mein Sandkastenfreund. Wir kannten uns seit dem Kindergarten und sind zusammen aufgewachsen. Wir haben echt nur Blödsinn gebaut. Vielleicht lag es genau daran, dass wir uns schon so lange kannten. Länger als ein halbes Jahr haben wir zusammen nicht durchgehalten. Er war viel zu nett zu mir und ich… keine Ahnung. Ich war ein Idiot. Es war besser so wie es gekommen ist. Schließlich durfte ich dadurch dich kennen lernen.“

Er küsste mich an meinen Hals entlang, über mein Kinn bis zu den Lippen. Dann nahm er mein Gesicht in beide Hände und sah mir tief in die Augen. Lys hatte wohl mitbekommen, dass ich seinen Kuss nur zögerlich erwiderte.

„Alex werde ich nie komplett vergessen können. Er ist und bleibt ein Teil meines Lebens. Aber ich liebe ihn nicht mehr. Das ist mir spätestens dann aufgefallen, als ich dich das erste Mal sah. Ich will nur noch dich.“

Ich konnte mich nicht ganz an den Gedanken gewöhnen, dass mein Schatz jemanden so sehr geliebt hatte, dass er gute zwei Jahre Frust schieben musste, um über ihn hinweg zu kommen. Was wäre, wenn er diesem Alex noch einmal begegnete? Was wäre, wenn der Typ plötzlich vor der Tür stände und ihn zurück haben will? Wie würde Lys sich entscheiden?

Diese Fragen konnte ich unmöglich meinem Schatz stellen, denn er würde mir eh keine Antwort darauf geben. Außerdem wollte ich ihn nicht vor die Wahl stellen. Momentan war er hier, hier bei mir. Und das war alles, was gerade für mich zählte.

„Ich vertrau dir“, flüsterte ich ihm deshalb ins Ohr und küsste ihn zum ersten Mal aus eigener Initiative. Lys strahlte mich danach überglücklich an und so lagen wir noch bis spät abends auf seinem Bett und kuschelten wie blöde miteinander rum.

Es waren gut zwei Wochen vergangen und ich stand in einem Club mit lauter schwarzen Leuten. Es war Samstag und mein Schatz und seine Band sollten endlich ihren Auftritt haben. Eineinhalb Stunden durften sie kräftig abrocken, danach würde ein DJ auflegen, der auch noch den Rest zum Rudern bringen sollte. Lys und seine Freunde waren also sowas wie die Vorgruppe.

Mein Liebster hatte sich vor einer halben Stunde verabschiedet und sich mit den anderen zu deren Kabine verzogen. Ich wollte ihm und seinen Kollegen nicht im Weg stehen, weswegen ich es vorzog, mir ihren Auftritt lieber von vor der Bühne anzuschauen. Und dieser war einfach nur hammergeil! Die Menge war am jubeln und die Gruppe am feiern. Mir war, als ob Lys nur für mich singen würde, als ob seine türkisfarbenen Sterne nur mich anstrahlten. Er war der absolute Wahnsinn.

Nachdem auch die Zugabe vorbei war, lief ich an der Bar entlang nach hinten zu den Kabinen. Länger ohne meinen Schatz hielt ich es einfach nicht aus. Ich bog gerade um die Ecke, als ich mitten im Schritt inne hielt. Ein Reporterteam irgendeiner Zeitschrift hatte die vier und noch so einen anderen Typen in Beschlag genommen.

Lange, schwarze Haare, vornehm nach hinten gebunden, große, breite Schultern, aber nicht dick. Er hatte so einen gothic-mäßigen Anzug an, in dem er richtig gut aussah. Zu gut. Denn er tänzelte die ganze Zeit um meinen Liebsten herum. Hier ein paar Fotos, wo er ihm – natürlich rein freundschaftlich – den Arm um die Schulter legte, dort ein Interview, bei dem der Typ ihn am Rücken berührte und vielleicht eine passende Antwort ins Ohr flüsterte.

Wer verdammt noch mal war der Kerl? Und wieso ließ Lys sich das einfach so gefallen? Ich kochte vor Eifersucht. Dass, als die Reporter verschwunden waren, sich alle noch mal umarmten, trug weniger zu einer Beruhigung bei. Der hielt ihn doch tatsächlich länger fest als die restlichen Bandmitglieder. Dann kamen alle auf mich zu, schließlich stand ich ja neben ihrer Kabine.

Alle, außer Lys und der Typ. Denn dieser hielt meinen Schatz zurück und begann leise auf ihn einzureden. Ich war echt in Versuchung, einfach hinzugehen und meinen Liebsten dort wegzuziehen, denn er sah nicht glücklich aus bei dieser Unterredung. Schaute die ganze Zeit bedröppelt zu Boden und nickte ab und zu. Aber die anderen drei nahmen mich vorher für sich ein.

„Na Thilo. Wie fandest du uns?“, sprang Micha begeistert auf mich zu. Ich zwang mich, meinen Blick von Lys abzuwenden und versuchte mich auf die total fertig, aber doch überglücklich ausschauenden Kids vor mir zu konzentrieren.

„Ihr ward echt der absolute Hammer! Meine Ohren sind jetzt noch ganz taub von dem ganzen Gejubel neben mir.“

„Ich fand, die Akustik war nicht so toll. Man hätte die Anlage besser aufeinander abstimmen können“, meinte Kevin, der Gitarrist.

„Davon hab ich zwar überhaupt keine Ahnung, aber vor der Bühne klang das einfach nur mal saugeil.“ Somit nahm ich ihm auch den letzten Zweifel.

„Kommt, lasst uns nach vorne gehen und noch ein bisschen feiern. André meinte es würde reichen, wenn wir alles morgen abbauen. Ich bin übel in Partystimmung“, verkündete Anne, steckte die Sticks für ihr Schlagzeug in eine passende Halterung an ihrem Gürtel und sprang so lange hibbelig um die anderen herum, bis diese sich endlich von mir verabschiedeten.

Als ich wieder allein da stand, schaute ich zu Lys, was ich vielleicht nicht hätte tun sollen. Denn der Typ griff gerade unter Lys‘ Kinn und hob sacht seinen Kopf hoch, damit er ihn anschauen musste. Der Kerl redete weiter auf ihn ein und mein Schatz nickte nur knapp mit einem todtraurigen Gesicht. Das reichte! Was gibt diesem Typen das Recht dazu, meinen Liebsten so zu quälen?!

Ich setzte mich schon in Bewegung und stampfte wütend auf die beiden zu, als der Kerl Lys‘ Kinn los ließ und mein Schatz ihm regelrecht in die Arme sprang. Der ältere sah zwar zuerst etwas überrascht aus, drückte dann aber den Kleineren genauso fest an sich. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Was sollte das jetzt? Zuerst lässt er sich runter machen und dann warf er sich in seine Arme? Wer sollte denn sowas kapieren? Eine gute Minute standen sie so da, bis sie sich endlich lösten und auf mich zukamen.

„Na dann, schönen Abend euch noch“, grinste der Typ mich an und wollte eine Hand auf meine Schulter legen. Doch wütend wie ich war, schlug ich sie beiseite.

„Leck mich doch“, blaffte ich und funkelte ihn böse an. Er sah mit gerunzelter Stirn zu mir, begann dann zu schmunzeln und wandte sich an Lys.

„Klär das“, meinte er knapp und war Sekunden später um die nächste Ecke verschwunden.

„Sag mal, was sollte das eben?“, fragte mich mein Schatz verärgert.

„Das könnte ich dich auch fragen. So wie du ihm an den Hals gesprungen bist“, zickte ich zurück.

„Du bist schon wieder eifersüchtig“, stellte Lys fassungslos fest, worauf meine Wangen heiß aufbrannten.

„Der Typ ist auch ganz schön um dich drum rum getänzelt.“

„Der Typ ist unser Manager! Das ist sein Gott verdammter Job!“

„Ich wusste gar nicht, dass grabschen neuerdings zu den Aufgaben eines Managers gehört.“

Keine Ahnung, warum ich so dermaßen überdreht auf die ganze Sache reagierte, aber ich ertrug es nicht, meinen Liebsten in den Armen eines anderen zu sehen. Lys war überhaupt nicht begeistert von meiner Reaktion. Es sah eher so aus, als würde er mir jeden Moment eine reinhauen.

„Das reicht“, meinte er plötzlich, packte mich am Handgelenk und schleifte mich hinter sich her.

Ich war so perplex, dass ich erst Minuten später, als wir uns schon draußen auf der Straße befanden, nachfragte, wo wir eigentlich hingingen.

„Was klären“, war die einzige Antwort, die ich bekam. Nach zwanzig Minuten standen wir vor seiner Wohnungstür, die er lautstark aufschlug.

„Vorsicht, deine Mom!“

„Die ist auf Lehrgang und kommt erst morgen Abend wieder.“

Lys zerrte mich in sein Zimmer, schubste mich auf sein Bett und setzte sich sofort auf mich drauf. Schnell hatte er sich sein Shirt über den Kopf gezogen und warf es achtlos beiseite. Dann begann er mich am Hals aufwärts zu küssen, seine Finger stahlen sich unter mein Oberteil und seine Zunge bahnte sich unaufhaltsam einen Weg in meinem Mund.

‚Scheiße, was passiert hier? Das ganze war noch lange nicht ausdiskutiert. Auf dem Weg hierher war er nicht ansprechbar gewesen und jetzt wollte er einfach alles vergessen machen, indem er mich verführt???‘

„Lys, warte“, versuchte ich ihn aufzuhalten.

„Nein, ich werde nicht warten. Keine Sekunde mehr länger. Erst dann wirst du wohl endlich begreifen, wie viel du mir bedeutest.“

‚Wie bitte? Er wollte doch jetzt nicht mit mir schlafen?!‘ Gut, wir waren zirka zwei Wochen zusammen, aber außer Händchen halten, kuscheln und ein paar harmlosen Küssen war bisher nichts gelaufen. Ich hatte viel zu viel Panik vor mehr.

„Ich kann das nicht. Lys. Hör auf. HÖR AUF!!!“

Da mein Schatz immer noch nicht aufhörte, mich zu bedrängen, wurde ich immer lauter. Zum Schluss stieß ich ihn panikartig von mir weg, sodass er wieder Mal vor dem Bett auf seinem Hinterteil landete. Mit schnellem Atem richtete ich mich auf und blickte zu Lys hinab. Er schaute mir nur erschrocken in die Augen. Dann schien er zu begreifen, was er gerade mit aller Gewalt erzwingen wollte und sah plötzlich verwirrt und ängstlich in die Gegend.

„Tut mir Leid“, meinte er, stand auf und fuhr sich nervös durch die Haare. „Vergiss das einfach.“

Und schon war er aus dem Zimmer verschwunden. Ich hörte noch die Tür im Nebenraum klappern, stand auch auf und folgte ihm ins Bad. Lys hing über dem Waschbecken und spritzte sich Wasser ins Gesicht.

„Lys?“ Zögernd ging ich auf ihn zu. Was war hier nur los?

„Wir sollten damit aufhören“, sagte er leise.

„Mit was?“, fragend sah ich ihn ängstlich an.

„Mit uns.“

„Aber… warum?“

„Ich habe es eingesehen. Ich wünschte, zwischen uns wäre mehr, aber es war wohl doch nur Schwärmerei. Tut mir leid, dass ich dich soweit bedrängt habe, mit mir auszugehen.“ Mein Schatz trocknete sein Gesicht ab und blickte dann gefasst zu mir.

„Wie meinst du das? Das ist nicht nur eine Schwärmerei. Ich… ich liebe dich doch.“ Zitternd ging ich auf ihn zu, wollte ihn berühren, doch er machte zwei Schritte rückwärts und hob abwehrend seine Hände.

„Lass gut sein. Es ist besser, wenn du jetzt gehst.“

Ungläubig schaute ich zu ihm hinüber. Man sah deutlich, dass auch er mit sich zu kämpfen hatte, aber wenn ihm das so schwer fiel, wieso wollte er dann mit mir Schluss machen? Nur weil ich eifersüchtig gewesen war?

„Bitte Lys, sag das nicht. Es tut mir leid, dass ich so überreagiert habe. Dich in den Armen eines Anderen zu sehen, hat mich halb wahnsinnig gemacht. Du gingst so locker und selbstverständlich mit ihm um“, versuchte ich mich zu erklären. Ich wollte meinen Liebsten wegen so einer dummen Aktion von mir nicht verlieren!

„Genau das ist es“, meinte er traurig. „Ich würde auch mit dir so umgehen wollen, aber du schreckst vor jeder Berührung zurück. Ein einziges Mal hast du mich aus Eigeninitiative geküsst – einmal seit über zwei Wochen! Am Wochenende willst du nicht bei mir übernachten und in der Woche hast du abends immer was vor oder musst noch etwas für die Uni machen. Du bekommst ja schon Panik, allein wenn ich dir ans T-Shirt gehe! Es liegt nicht daran, dass ich unbedingt mit dir schlafen will. Du hättest bei mir alle Zeit der Welt. Mir kommt es eher so vor, als wolltest du vor mir flüchten, mich überhaupt nicht näher bei dir haben.“

Einzelne Tränen kullerten über seine Wangen, die er energisch weg wischte. Scheiße, was hatte ich da nur angestellt? Nie hätte ich gedacht, dass ich ihn damit so sehr verletzen würde. Natürlich wusste ich, was er meinte. Aber der Grund, warum ich so auf Abstand ging, war ein komplett anderer. Das Einzigste, was ich wollte seit ich Lys kannte war, ihm so nahe wie nur möglich zu sein. Allerdings brachte mich das, was in mir dabei vorging in Verlegenheit, je geringer der Abstand zwischen uns wurde. Es war mir viel zu peinlich Lys darauf anzusprechen. Ich hatte Angst, er würde mich auslachen, schließlich war ich vier Jahre älter.

„Das ist nicht wahr“, begann ich mit brüchiger Stimme zu erzählen und lehnte mich mit dem Rücken an den Türrahmen. „Es liegt an mir. Ich… Du weißt, wie ich auf deine Berührungen reagiere. Je länger wir zusammen waren, desto heftiger wurden die Reaktionen. Mir war nicht mehr nur so, als würde ich ohnmächtig, sondern als würde ich… als würde ich jeden Augenblick gleich kommen.“ Mein ganzes Blut sammelte sich mit einem mal in meinem Kopf, weswegen ich locker einer Tomate Konkurrenz hätte machen können.

„Wa… warte mal. Du lässt mich die ganze Zeit nicht an dich ran, weil ich dich geil mache???“ Ungläubig kam Lys auf mich zu. Mein roter Kopf war ihm wohl Antwort genug. „Das glaub ich jetzt einfach nicht.“ Langsam wurde er wütend, was mich trotzig reagieren ließ.

„War mir klar, dass du das lächerlich findest. Aber was würdest du denn machen, wenn du sofort abspritzt, nur weil dich einer berührt hat?!“

„Thilo, denkst du etwa wirklich, dass der Tag abrupt endet, sobald du gekommen bist? Du willst wissen was ich machen würde? Mal davon abgesehen, dass ich mich mehr als nur geschmeichelt fühle, wie heftig du auf mich reagierst, würde ich dir eine viertel Stunde geben, damit du dich beruhigst, um dann über dich her zu fallen, dass ganze solange wiederholend, bist du komplett leer wärst.“

„Und wer sagt dir, dass ich überhaupt solange durchhalte? Vielleicht penn ich gleich danach sofort ein.“

„Das können wir nur in der Praxis raus finden. Thilo du hast Recht. Ich finde das wirklich total lächerlich. Und traurig. Weißt du, für mich ist die Grundlage einer Beziehung Vertrauen. Das wiederum baut sich nur auf, wenn man über alles redet. Und zwar über wirklich alles. Woher soll ich denn wissen was in dir vorgeht, wenn du es mir nicht sagst?“

Lys war ganz dicht an mich herangetreten und hatte meinen Kopf in beide Hände genommen. Salziges Nass benetzte meine Wangen, was ich nicht mehr verhindern konnte. Ich kam mir einfach sau bescheuert vor.

„Ich will dich nicht enttäuschen, will nicht, dass du über mich lachst“, gestand ich schniefend.

„Weder das eine noch das andere wird je geschehen. Dafür liebe ich dich viel zu sehr.“ Lys küsste mich sanft und ließ damit meinen Tränenfluss erstarren.

„Obwohl ich ein Trottel bin?“

„Du bist kein Trottel. Eher ein kleiner Tollpatsch.“

Gut, damit konnte ich leben, schließlich hatte er ja Recht. Nur weil ich es nicht geschafft hatte, meinen Mund aufzumachen, hätte ich fast das Wichtigste verloren, was ich zurzeit ‚mein‘ nennen durfte: Lys. Mein Schatz nahm mich fest in seine Arme und ich drückte ihn nicht weniger heftig an mich. Wir waren wohl beide ziemlich froh, dass das geklärt war.

Lys suchte wieder nach meinen Lippen und als er sie fand, entbrannte ein Kuss voller Leidenschaft, der selbst eine Supernova dagegen hätte kalt aussehen lassen. Mein Blut floss sofort aus meinen Kopf und sammelte sich in meiner unteren Hüftgegend. Dass mein Liebster sein Becken aufreizend an meines drängte, verschärfte die ganze Situation nur noch. Mir wurde schwindelig, weswegen ich unseren Kuss löste und mich schwer atmend an meinen Schatz klammerte.

„Lys, das geht alles viel zu schnell. Es ist zu heftig.“

„Nein, das ist genau das richtige Tempo. Du musst dich nur fallen lassen. Vertrau mir.“

Verführerisch drang seine Stimme in mein Ohr, der ich nicht länger widerstehen konnte. Unter etlichen Küssen wurde ich aus dem Bad in Lys‘ Zimmer geführt, zu seinem Bett. Mein T-Shirt hatten wir schon längst achtlos irgendwo beiseite geworfen, Socken und Hose folgten. Eng umschlungen und nur noch mit Retros bekleidet, lagen wir auf dem weichen Futon.

Lys‘ Hände gingen auf Wanderschaft. Seine Fingerspitzen streiften meinen Hals hinab, über meine Schulter bis hin zur Brust. Spielerisch umkreiste er meine Brustwarze und zwickte leicht hinein. Ein wohliger Schauder durchfuhr meinen gesamten Körper und ließ mich aufstöhnen. Für den ersten Moment war mir das megapeinlich. Als ich damals mit meiner Freundin schlief, empfand ich diese Laute an mir zu animalisch, vor allem auch, weil sich meine Freundin davor erschreckte. Wir waren halt beide ziemlich jung und unerfahren gewesen. Mein Liebster merkte, dass ich anfing, mich zu verkrampfen und hielt kurz inne.

„Hey, hör auf dir deine Lippe blutig zu beißen!“, sagte Lys etwas erschrocken. Ich hatte mich anscheinend dermaßen darauf konzentriert, nicht laut zu werden, dass ich gar nicht bemerkte, wie sehr ich zugebissen hatte. Ein leichter, kupferner Geschmack breitete sich auf meiner Zunge aus und ließ mich nervös werden.

„Thilo, entspann dich“, säuselte mir mein Liebster ins Ohr, nur um noch viel verführerischer fortzusetzen. „Ich will dich hören. Zeig mir, was dir gefällt!“

Allein die Worte machten mich fast schon schmerzhaft steif. Ein paar Mal spielte er noch mit meiner Brustwarze und entlockte mir wohlige Töne, bis seine Hand weiter hinunter rutschte, direkt auf mein bestes Stück. Zwar trennte dünner Stoff noch immer Finger und pure Haut, aber trotzdem empfand ich es als so intensiv, dass ich kam.

Das Zucken, welches meinen Körper durchfuhr, war unübersehbar, mal von der Feuchtigkeit, die durch meine Hose drang, ganz abgesehen. Ängstlich schloss ich meine Augen und hätte mich am liebsten tief unter der Decke verkrochen. Doch Lys nahm mich in seine Arme und küsste solange mein Gesicht, bis ich mich endlich getraute ihn anzuschauen.

„Weißt du eigentlich wie geil du aussiehst, wenn du so in Ekstase bist?“, schnurrte mein Schatz.

Er war mir also wirklich nicht böse, auch nicht enttäuscht. Ganz im Gegensatz zu meinen Befürchtungen funkelten mich zwei türkisfarbene Diamanten wild an und verlangten nach mehr. Küssend beugte sich Lys ein wenig über mich und zog mir das letzte Stück Stoff vom Leib. Er benutzte dies gleich, um die Reste meines Lustausbruches zu beseitigen und warf dann meine Retroshorts achtlos beiseite. Allein diese sachten Berührungen ließen mich wieder halb steif werden.

„So viel zu diesem Thema“, grinste mich mein Liebster verschmitzt an.

Schüchtern lächelte ich zurück und rutschte mit meinem Körper dicht an seinen. Es tat so unheimlich gut, ihn bei mir zu haben, ihn zu spüren. Ich glaubte vor Glück zu schweben. Umso mehr drängte es mich, auch etwas für ihn tun zu wollen. Meine Zunge spielte eine Weile an seinem Brustpiercing, was mein Schatz hörbar genoss. Keine Ahnung warum ich damals solche Töne als obszön empfand, denn bei Lys klangen sie einfach nur geil. Meine Küsse gingen langsam tiefer, bis ich am Bund seiner Shorts angelangte.

„Warte“, hielt mich mein Liebster kurz davor auf. „Du musst das nicht tun. Wir haben schließlich alle Zeit der Welt“, meinte er sanft.

„Ich weiß“, lächelte ich zurück und setzte dann einen diabolischen Blick auf.

Schnell fiel auch seine letzte Hülle und ich hörte, wie Lys tief Luft holte, als ich begann, ihn mit meinen Lippen und meiner Zunge zu verwöhnen. Keine Ahnung, ob ich das alles so richtig machte, aber die lustvollen Laute, die mein Schatz von sich gab, bestätigten mir meinen Erfolg. Es war einfach nur Wahnsinn, wie er sich unter mir wand. Ich hätte ihn gern noch länger so ‚gequält‘, doch mein Liebster zog mich nach einer Weile sanft aber bestimmend zu sich hoch. Etwas irritiert sah ich ihn an, wie er schwer atmend neben mir lag.

„Gott, du bist einfach der Hammer. Und du hast es wirklich noch nie vorher mit einem Mann probiert?“

„Du bist der erste“, antwortete ich verlegen. Wow, es hatte ihm echt gefallen. Langsam wurde ich mutiger, weswegen ich begann, ihn am Ohrläppchen zu knabbern und leise etwas anbot. „Wenn du willst mach ich weiter. Bis zum Schluss.“

Überrascht blickte er mir in die Augen, dann, ganz zaghaft, begann er zu lächeln. Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, küsste meine Wange, meine Nase, meine Lippen.

„Schlaf mit mir“, flüsterte er.

Mitten in der Bewegung hielt ich inne. Mein Herz klopfte so dermaßen wild gegen meine Brust, dass es schon fast schmerzhaft war. Keine Ahnung ob es an der Aufregung lag, oder an der aufkeimenden Panik. Ich sah wohl ziemlich erschrocken aus, denn mein Schatz rückte etwas von mir ab, um mich besser anschauen zu können.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin ganz sanft, versprochen. Lass dich einfach fallen und treiben. Überlass mir den Rest.“

Wieso glaubte ich ihm auf Anhieb jedes Wort? Unter seinen verliebt funkelten Augen entspannte ich mich wieder und begann ihn auffordernd zu küssen. Natürlich hatte ich noch immer ein wenig Angst, vor allem da ich nun wusste, welche Rolle zumindest heute mir zu Teil wurde. Aber meine Panik war verschwunden.

Lys war einfach unglaublich. Zwar tat es am Anfang doch ziemlich weh, aber mein Schatz wusste genau, was zu tun war, damit ich mich wieder entspannte. Der Schmerz wurde übertüncht von einem dermaßen geilen Gefühl, was ich einfach nicht in Worte fassen konnte. Komplett von Raum und Zeit entrückt schwebte ich in einer anderen Dimension umgeben von absoluter Ekstase, bis ein starker Sog an meinem Körper zerrte, ihn zum erbeben brachte und dann alles um mich herum explodierte.

Meine Finger hatten sich tief in das Bettlaken unter mir gegraben und nur langsam löste sich meine Starre auf. Immer noch keuchend, aber überglücklich lag mein Schatz auf mir. Sein zarter, verschwitzter Körper glänzte im Mondlicht, was ihn wie ein Wesen aus einer anderen Welt aussehen ließ. Ich schloss meine Augen, um alles bis aufs letzte zu genießen. Noch nie in meinem Leben hatte ich solch einen Orgasmus, dass dieser noch gut fünf Minuten nachklang.

Lys richtete sich etwas auf, wischte die Spuren unseres nächtlichen Treibens mit Tüchern weg, die er im Nachtschrank deponiert hatte, und kuschelte sich dann wieder ganz dicht an mich heran.

„Thilo?“

„Hm?“ Müde blickte ich zu ihm, wie er kurz vor dem Einschlafen halb auf mir drauf lag und meine Brust kraulte.

„Ich liebe dich.“

„Ich dich noch viel mehr“, antwortete ich schmunzelnd. Dann nickten wir beide ein und schliefen glücklich bis zum nächsten Morgen durch.

*

Die nächsten Wochen flogen nur so dahin. Lys und ich sahen uns fast jeden Tag. Er nahm mich sogar zu seinen Proben ständig mit und langsam hörte ich auch richtig zu und schmachtete nicht nur dir ganze Zeit meinen Schatz an. Mathe übten wir trotzdem weiter, allerdings hatte sich die Art der Bezahlung geändert. Ich führte einfach ein Belohnungssystem ein. Wenn mein Liebster eine Aufgabe richtig löste, bekam er von mir einen Kuss. Wenn zwei hintereinander korrekt waren, schenkte ich ihm einen Zungenkuss. Sobald er drei richtig hatte, durfte er mich beim Küssen berühren… usw. Wenn er allerdings einen Fehler machte, fiel er wieder zurück und die Prozedur begann von vorn.

Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, dass Lys sich deswegen mehr als nur ins Zeug legte. Für mich war es Lohn genug, seine heißen Lippen auf meinen spüren zu dürfen. Zwar beschwerte sich mein Schatz hinterher, weil er in der Prüfung ständig schmutzige Gedanken gehabt hatte, aber im Endeffekt bestand er diese mit einer guten zwei.

Sabine war komplett aus dem Häuschen und schmiss kurzerhand nach der Zeugnisausgabe eine Party für ihren Sohn und dessen Freunde. Ja, ich durfte meine Chemieprofessorin neuerdings duzen – zumindest privat. Als Lys das hörte, wäre er fast aus den Latschen gekippt, aber mit Biene verstand ich mich einfach richtig gut. Sie war es auch, die Micha und mich hinter die Bühne im kleinen Opernhaus schmuggelte, als der Vorentscheid zur Talentsuche von jungen Pianisten stattfand.

Ich versuchte wirklich gelassen zu bleiben, wollte unbedingt für Lys ein Ruhepol sein. Doch leider war ich so aufgeregt, dass ich auf dem schmalen Gang hinter der Bühne wie wild auf und ab tigerte. Micha war lustiger weise nicht viel besser. Sie saß die ganze Zeit auf dem Boden, die Beine angestellt. Nervös knabberte die Kleine an ihren Fingernägeln und wippte apathisch mit ihren Füßen vor und zurück. Der einzige, der alles relativ cool nahm, war Lys. Dieser kam gerade auf uns zugeschlendert, die Hände locker in den Hosentaschen vergraben.

Zum ersten Mal sah ich ihn im Anzug aus der Nähe. Es war ungewohnt, ihn so zu sehen, in schicken Klamotten, ohne das Piercing in der Lippe, die Haare streng nach hinten gegelt. Das alles machte ihn beängstigend erwachsen.

„Du starrst mich schon wieder mit offenem Mund an. Man könnte meinen, du siehst mich zum ersten Mal“, scherzte mein Schatz, drückte mir einen Kuss auf die Lippen und verschlang seine Finger beider Hände in meine.

„Du schaust seltsam in diesem Outfit aus“, erklärte ich verwirrt.

„Oh, danke für das Kompliment. Ich bevorzuge auch lieber nen Shirt, lockere Hose und Rangers, aber ich glaube, die Talentsucher fänden das nicht sehr anregend.“

„Ich mein ja nur, dass es ungewohnt für mich ist. Außerdem ist es egal welche Sachen du anhast. Die Juroren werden so oder so von dir mehr als nur begeistert sein, sobald du anfängst zu spielen. Genauso wie ich.“ Tief sah ich meinem Liebsten in die Augen und lächelte ihn an, was er nicht weniger verliebt erwiderte.

„Kleiner Schmeichler“, meinte er sanft.

„Das hab ich nicht nötig“, antwortete ich selbstsicher und beugte meinen Kopf etwas zu ihm hinab.

„Du bist ja sehr von dir überzeugt“, kicherte mein Schatz, worauf ich meine Lippen fordernd auf seine presste und wir in einem nicht enden wollenden, leidenschaftlichen Kuss verfielen.

„Lys, die kündigen dich gerade an“, unterbrach uns Micha aufgeregt.

„Na dann“, seufzte mein Schatz und wollte sich irgendwie überhaupt nicht von mir lösen. Erst als ich ihn ein wenig von mir weggeschoben hatte, ging er murrend zum Aufgang der Bühne.

„Viel Glück“, rief ich ihm noch hinterher, was Lys mir mit einem absolut genialen Lächeln dankte.

Gott, am liebsten hätte ich ihn mir einfach geschnappt, ihn aus diesem blöden, viel zu gut besuchten Haus geschliffen, in sein Zimmer gezerrt, ihm seine Klamotten vom Leib gerissen und wäre hemmungslos über ihn hergefallen. Keine Ahnung was dieser kleine Dämon mit mir gemacht hatte, als wir das erste Mal miteinander schliefen. Ich wusste nur, dass ich seitdem regelrecht süchtig nach ihm war. Keinen Tag hielt ich es mehr ohne ihn aus.

Sanfte Töne drangen zu uns, als Lys begann zu spielen. Micha und ich lehnten gemeinsam an der Wand und lauschten diesen wunderschönen Klängen, welche mir genauso leidenschaftlich schienen, wie der Pianist selbst, der sie hervorrief. Die Kleine neben mir spielte die ganze Zeit nervös an ihrem Armband, was mich neugierig werden ließ.

„Sieht schick aus, was du da hast“, sprach ich sie an, vielleicht auch, um mich selbst ein wenig abzulenken.

„Danke. Ich habe es von Cat geschenkt bekommen. Ist aber leider kaputt.“

Sie hielt mir das aus Leder bestehende Schmuckstück hin, damit ich es näher betrachten konnte. Es war recht schlicht gehalten. Das kleine Stück war höchstens zwei Zentimeter breit und umfasste ein längliches Tribal. Am Ende zusammengehalten wurde es von 4 dünnen Lederschnüren. Allerdings konnte ich nicht erkennen, was daran kaputt sein sollte.

„Du magst Cat sehr, oder?“

Micha bekam einen verträumten Gesichtsausdruck.

„Ja. Sie ist für mich wie eine große Schwester, die ich nie hatte. Die Farben des Tribals sind die ihrer Augen. Schön, was?“

Ich nickte. Die Kleine stemmte sich von der Wand ab und lief ein wenig auf und nieder.

„Eigentlich wollte Cat schon längst wieder hier sein. Sie meinte, dass es nicht lange dauert, ein neues Armband zu besorgen“, sagte Micha beunruhigt.

„Hey, es ist Freitag und früher Nachmittag. Weist du, was da in der Stadt los ist? Außerdem sieht doch dein Schmuckstück überhaupt nicht kaputt aus.“

„Du solltest nicht alles nur von außen betrachten. Schließlich ist es das Innere, was zählt.“

„Sehr tiefsinnig“, schmunzelte ich.

„Ist so ein Spruch von Cat.“

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, bis das Spiel des Klaviers endete. Sofort horchten Micha und ich auf und stimmten wenige Sekunden später in das wilde Jubelgeschrei und den Applaus des Publikums ein. Bei keinem der Teilnehmer waren die Zurufe so laut und heftig gewesen. Locker und lässig erschien Lys hinter der Bühne, als würde der Lärm überhaupt nicht ihm gelten. Micha rannte sofort auf meinen Schatz zu und sprang ihm um den Hals.

„Du warst echt der Wahnsinn. Hörst du das? Die sind total begeistert von dir!“, plapperte die Kleine wild drauf los.

„Das Stück war recht einfach, was ich spielen sollte“, winkte Lys unbeeindruckt ab.

„Ich fand, es war eines der Schönsten, die du bisher gespielt hast“, gab ich meinen Kommentar sanft hinzu, worauf mein Liebster mich schüchtern anlächelte.

„Meinst du?“

„Weiß ich.“ Ich ging auf ihn zu und drückte meinem Schatz einen Kuss auf die Stirn, da Micha noch immer an ihm hing.

Es war schon seltsam, mit was für Kleinigkeiten ich Lys aus der Bahn werfen konnte, schließlich war er sonst immer so tough drauf. Doch jetzt sah er verklärt zu mir auf, keine Spur von Lockerheit und Coolness. Nur widerlich süße Verliebtheit.

„Ah, hier bist du. Hätte ich mir eigentlich auch denken können“, unterbrach uns Sabine und steuerte auf ihren Sohn zu. „Die Juroren waren wirklich hin und weg von dir. Zwar müssen die sich noch die restlichen Teilnehmer anhören, aber du zählst schon jetzt zu ihren Favoriten. Ich bin so stolz auf dich, mein Schatz“, quasselte Biene begeistert, zog ihren Sprössling aus Michas Armen und knuddelte ihn richtig durch.

„Mooom! Ich bekomm kaum noch Luft“, protestierte Lys genervt, freute sich aber doch sehr über das Lob seiner Mutter, schließlich verteilte sie so etwas nur mit bedacht und entsprechend selten.

„Ist ja gut. Also, die offizielle Bekanntgabe der Gewinner erfolgt per Post in einer Woche. Heute Abend findet noch eine kleine Gala statt für die gesamten Teilnehmer. Sei also bitte spätestens 18 Uhr zuhause. Ansonsten hast du jetzt frei.“

„Das ist doch mal ein Wort. Ich geh mich umziehen“, sprachs, schenkte mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und war dann schon mit seiner Mutter Richtung Umkleide verschwunden.

„Wow. Das wäre ja echt der Hammer, wenn Lys den Vorentscheid gewinnt. Wusstest du, dass die drei Erstplatzierten zum Finale nach Zürich fliegen?“, begann Micha begeistert zu erzählen.

„Ehrlich jetzt? Davon hat er mir gar nichts erzählt.“

„Mir auch nicht. Lys spricht nicht gern über sein Talent. Er spielt zwar gerne Klavier, hängt es aber nicht an die große Glocke. Ich hab mit seiner Mom gesprochen und die hat das so nebenher ausgeplaudert.“

Mir wurde es ein wenig mulmig in der Magengegend. Zürich war ganz schön weit weg und das sollte nur der Anfang sein. Wenn schon ein Vorentscheid in einem anderen Land ausgetragen werden sollte, wo findet dann erst das Finale statt? In Sydney? Wenn er Erfolg haben würde – was sehr wahrscheinlich war – würde er dann die ganze Zeit um die halbe Welt reisen? Vielleicht klang das egoistisch, doch ich wollte meinen Schatz nicht hergeben. Jedes Mal länger von ihm getrennt zu sein, konnte ich mir schon jetzt kaum vorstellen. Aber er hatte so viel Talent. Wollte ich wirklich, dass er dies wegen mir vergeudete?

Fürs erste kam ich nicht dazu, mir weiter Gedanken darüber zu machen, denn neben mir begann es laut zu poltern. Jemand war buchstäblich durch die Tür hinter der Bühne, welche nach draußen zum Hintereingang führte, gestolpert und quälte sich leise stöhnend halb auf. Ich wollte schon hingehen um zu helfen, doch Micha kam mir zuvor.

„Cat!“

Laut rufend lief sie auf die junge Frau zu und half ihr sich soweit hochzustemmen, bis sie mit wackeligen Beinen schwer schnaufend an der Wand lehnte. Sie hielt eine Hand fest auf ihre Seite, kurz über der Hüfte, gepresst, aus der stetig Blut hervorquoll. Augenblicklich begann Micha am ganzen Körper zu zittern und Tränen rannen über ihre Wangen hinab.

„Du… musst sofort… von hier verschwinden. Raus… aus der Stadt. Sie haben… uns gefunden. Ein Spion… aus den eigenen… Reihen hat uns… verraten. Sie wissen… wo du gerade bist. Die… Polizei… steckt mit drin… wurden bestochen. Nimm das… und geh. Fliehe… Vertraue nur… Flo. Niemand anderem. Versprich… mir das!“

Nur stockend brachte Cat diese Worte über ihre Lippen. Schwach drückte sie Micha eine Plastikkarte in die Hand und sah sie fest an. Doch die Kleine schüttelte nur wild mit ihrem Kopf.

„Nein! Ich lass dich hier nicht zurück. Die töten dich!“

„Ich dulde… keine Widerworte! Allein komm ich eh… viel besser klar!“ Cat löste sich von der Wand und schubste Micha ein Stück von sich weg. „Geh endlich!“, schrie sie, worauf ihre kleine Freundin zusammenzuckte.

Deren Atem ging immer schneller und sie blickte panisch zwischen Tür und ihrer Fastschwester hin und her.

„Verdammt noch mal, verschwinde!“, rief Cat wütend und brach im nächsten Moment zusammen.

Nur Micha war es zu verdanken, dass sie nicht mit voller Wucht auf den Boden aufschlug, sondern sanft nieder glitt. Erst da löste sich meine Erstarrung. Schnell hatte ich mir mein Handy aus der Hosentasche geangelt und wählte die Nummer des Notrufes. Doch ehe ich mich versah, stand Micha vor mir, riss das Handy aus meiner Hand und warf es kräftig auf den Boden.

„Bist du wahnsinnig? Hast du Cat eben nicht richtig zugehört??? Die Polizei ist an ihrem Zustand schuld. Wenn du jetzt einen Notarzt rufst, wissen die sofort wo wir sind. Da kannst du uns auch gleich hier umbringen!“

Wutentbrannt sah mich die Kleine mit Tränen verschmiertem Gesicht an. Fassungslos blickte ich ihr in die Augen. Mal davon abgesehen, dass sie mir mein neues Handy zerstört hatte, verstand ich hier gar nichts.

„Micha, sie verblutet, wenn wir nichts unternehmen!“

„Sie wird aber auch sterben, wenn wir sie ins Krankenhaus bringen!“, schrie Michaela verzweifelt und begann, hemmungslos zu weinen.

„Was ist denn hier los?“, hörten wir Lysander sich nähern. „Ach du scheiße.“

Als mein Schatz gewahrte, was hier los war, zückte er sofort sein Kommunikationshelfer, den ich ihm geistesgegenwärtig gleich wieder abnahm. Verwundert schaut er zwischen mir und seiner Freundin hin und her.

„Könntet ihr mir bitte erklären, was hier los ist?“, forderte Lys uns auf.

„Diese Frage kann nur Micha beantworten“, sagte ich und sah die Kleine auffordernd an.

„Ich erzähl euch alles. Versprochen. Aber erst müssen wir hier weg. Wenn Cat Recht behält, sind wir hier nicht mehr sicher. Bitte, ihr müsst mir vertrauen!“, flehte sie regelrecht.

Nach einem knappen, bestätigenden Nicken von Lys, faste ich einen Entschluss.

„Also gut, verschwinden wir erstmal. Ich kenne da jemanden, der uns helfen könnte. Versprechen tu ich allerdings nichts.“

Ich ging zu Cat und nahm sie auf meine Arme. Sie war so leicht, dass ich Angst bekam, nur noch eine leere Hülle in den Händen zu halten. Wir gelangten durch die Hintertür nach draußen in eine Gasse. Ein paar Schritte weiter weg stand ein herrenloser, mattschwarzer Transporter, in dessen Zündschloss sogar die Schlüssel steckten. Wir nahmen erst an, dass es der von Cat war, doch drinnen fanden wir kein Blut. Beide Frauen verstauten wir nach hinten auf der Ladefläche, während ich mich hinters Steuer setzte, meinen Schatz neben mich.

„Ich wusste gar nicht, dass du Autofahren kannst“, meine Lys verwundert.

„Kann ich auch nicht, zumindest nicht offiziell. Hab mal in nem großem Autohaus aushilfsweise gearbeitet. Fahrzeuge waschen und so.“

„Hoffentlich werden wir nicht angehalten“, sagte darauf mein Schatz und krallte sich am Sitz fest, als ich den Motor startete.

Beim Anfahren holperte der Wagen zwar kurz, doch dann bog ich geschmeidig auf die Hauptstraße. Es war klar, dass ich zu Maike wollte. Nur schwer fand ich mich auf den Straßen zurecht. War halt doch anders, als mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Nach zehn Minuten kamen wir endlich bei dem Haus meiner Freundin an. Ich parkte halb auf dem Fußweg, direkt davor. Das war vielleicht auffällig, aber nicht ganz so schlimm, wie eine stark blutende Frau durch die Gegend zu schleppen. Im zweiten Stock angekommen, betätigte Lys so lange die Türklingel, bis die Wohnungstür vor Wut regelrecht aufgerissen wurde.

Maike wollte gerade zu einem verärgerten Gezeter ansetzen, als ihr die Worte im Munde stecken blieben. Mit immer größer werdenden Augen starrte meine Freundin erst die Frau in meinen Armen, dann Michaela ungläubig an.

„Dürfen wir reinkommen?“, fragte ich vorsichtig.

Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, wie Maike reagieren würde. Zwischen Hysterie und vollkommener Gelassenheit hatte ich mir alles ausgemalt. Doch dann fasste sie sich und trat beiseite.

„Klar. Geht ins Esszimmer, die zweite Tür rechts. Ich räume nur den Tisch ab.“

Schnell hatte sie die Wohnungstür hinter uns geschlossen, war an mir vorbei geeilt und nahm Kerzenständer und Blumen von der langen Tafel ab. Meine Freundin verschwand in ein anderes Zimmer und kam Sekunden später mit einer Rolle weißer Papiertischdecke wieder, die Lys mit ihr auf den Tisch ausbreitete. Dann konnte ich Cat endlich niederlegen. Vielleicht war die Kleine nur eine halbe Portion, doch mit der Zeit wurde sie immer schwerer.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich fragen soll, was passiert ist“, meinte Maike, als sie neben Cat ihr ‚Werkzeug‘ zusammen suchte.

„Ehrlich gesagt wissen wir das auch nicht. Cat ist uns regelrecht vor die Füße gefallen“, versuchte ich zu erklären.

„Ihr kenn sie?“, hakte sie fast zu beiläufig nach.

„Na ja, nicht wirklich. Nur vom sehen her. Sie ist Michas große Schwester. Cat wurde angegriffen, sagte uns aber nicht von wem, sondern nur, dass sie nicht zur Polizei will. Ich dachte, du könntest ihr helfen.“

„Das kann ich auch. Siehst du, es ist nur ein Streifschuss, mehr nicht. Allerdings hat sie sehr viel Blut verloren. Selbst wenn ich die Wunde reinige und nähe, bräuchte sie immer noch eine Transfusion. Ihr wisst nicht rein zufällig ihre Blutgruppe?“

„Cat hat meine. Ich wurde… ich hatte mal einen Unfall“, stotterte Micha. „Damals half sie mir aus.“

„Oh, sehr gut. Nimm dir einen Stuhl und setz dich neben deine Schwester. Ich werde alles Nötige vorbereiten. Ihr habt wirklich Glück, dass ich alle Utensilien soweit im Haus habe. Wollte eigentlich einen Vortrag drüber schreiben, weswegen ich mir einiges aus der Klinik ausleihen durfte. Thilo, wasch dir bitte deine Hände und zieh dir Handschuhe drüber. Du musst mir hier helfen.“

Ich tat wie geheißen und half Maike die nächste Zeit, Cats Wunde zu verarzten. Als wir fertig waren, legte sie noch die Transfusion und atmete dann tief durch.

„Jetzt hängt es nur noch von ihr ab. Sie scheint zäh zu sein, also können wir hoffen.“ Aufmunternd lächelte meine Freundin Micha an, die es schwach erwiderte.

„Du Thilo. Wir müssen noch den Wagen vorm Haus wegfahren. Nicht dass der noch jemandem auffällt“, meldete sich Lys zu Wort, der die ganze Zeit neben seiner Bandkameradin gestanden und ihre Hand gehalten hatte.

„Macht das mal ganz schnell. Die alten Damen im Haus sind echt penetrant. Danach will ich allerdings eine Erklärung haben“, forderte Maike und reichte mir ein Hemd ihres Freundes. Mein Shirt, was über und über mit Blut besudelt war, wäre doch zu auffällig gewesen.

„Nicht nur du, glaub mir.“

Wir verabschiedeten uns knapp und Minuten später saßen mein Schatz und ich wieder in dem mattschwarzen Transporter und fuhren durch die Gegend. In irgendeiner verlassenen Straße stellten wir ihn ab, versuchten unsere Fingerabdrücke und Spuren so gut wie nur möglich zu verwischen und verschwanden Richtung Maike. Auf dem Weg dorthin spielte ich unentwegt mit dem ledernen Armband, welches ich Cat abgenommen hatte, als ich meiner Freundin half sie zu verarzten. Lys fiel es auf und klaubte es sich sanft aus meinen Fingern.

„Woher hast du denn das?“, fragte er und musterte das Schmuckstück interessiert.

„Von Cat. Sie trug es um ihr Handgelenk. Ich musste es wegen der Transfusion abmachen. Weißt du, was mir wieder einfällt? Micha hat genau das Gleiche, nur dass bei ihr die Farbe des Tribals anders ist. Als ich mich mit ihr hinter der Bühne im kleinen Opernhaus darüber unterhielt meinte sie, es sei kaputt und Cat sei gerade dabei, ihr ein neues zu besorgen. Dabei war das Armband ganz, als ich es mir anschaute. Ihr schien das übel wichtig zu sein. Hast du ne Ahnung warum?“

„Keine. Aber ich wüsste vielleicht jemanden, der uns mehr darüber sagen könnte.“ Lys beschleunigte seine Schritte. „Micha hat dieses Teil immer getragen. Ein einziges Mal – sie war erst neu in der Stadt – legte sie es ab. An dem Tag war es schweinewarm und wir alle zusammen baden. Sie wollte es im Wasser nicht verlieren und versteckte das Armband in ihrem Rucksack. Es dauerte keine fünf Minuten, da stand schon Cat auf der Matte und fauchte Micha übel an, dass sie es ja nie wieder abmachen solle.“

„Seltsam. Sonst ist sie doch immer mit ihrer kleinen so lieb. Und woher wusste sie davon? Hat das Teil etwa nen Pulsmessgerät integriert?“

Eigentlich war das als Scherz gemeint, aber momentan schien mir nichts mehr abwegig. Meinem Schatz ging es wohl genauso, denn er sah mich vielsagend an. Nach gut fünfzehn Minuten bemerkte ich ein größeres Gebäude rechts von mir. Wir liefen an einem zwei Meter hohen, steinernen Zaun vorbei, durch dessen Lücken ich besagtes Haus sehen konnte.

Es schien eine Turnhalle zu sein, denn auf dem Gelände davor erkannte ich einen Basketball- und Tennisplatz. Einige Kids kamen gerade durch das Eingangstor auf den Fußweg mit großen Sporttaschen in den Händen und schauten mal mehr, mal weniger geschafft aus. Lys‘ Schritte wurden immer energischer, als würde er jeden Moment anfangen zu rennen. Doch gerade als er stürmisch in den Eingang einbog, knallte er volle Wucht mit jemandem zusammen.

„Lys!“ Erschrocken kniete ich mich neben meinen Schatz nieder. „Alles okay bei dir?“, fragte ich und streichelte ihn besorgt über die Wange.

„Ich glaube schon. Diese dumme Angewohnheit hat der Typ sich über die Jahre echt nicht abgewöhnen können“, knurrte er spöttisch und schaute, sich seine Stirn reibend, zu dem Jungen rüber, mit dem er zusammengestoßen war. Bei den Worten blickte dieser augenblicklich auf und starrte meinen Liebsten ungläubig an.

„Lysander?“ Mit Hilfe eines anderen Jungen war er aufgestanden und schien nicht wirklich was mit der Anwesenheit meines Schatzes anzufangen.

„Du schon wieder. Sag mal, war ich das letzte Mal nicht deutlich genug oder was willst du hier?“ Der Dritte mit den braunen Haaren kam bedrohlich auf Lys zu, wurde aber gleich von eben jenem unterbrochen.

„Ob du’s glaubst oder nicht, Keyl“, begann mein Schatz locker und stand auf. „Aber ich brauche eine Auskunft. Von euch beiden.“

„Warte mal Lys. Du kannst hier nicht nach nem halben Jahr auftauchen und ein wenig Smalltalk führen, nach der Show, die du an Sylvester abgezogen hast.“ Der schwarzhaarige, mit dem mein Liebster kollidiert war, trat zu diesem Keyl und klammerte sich an dessen Arm und Hand fest. Beide waren wohl ein Paar, denn diese Geste sprach Bände.

„Sylvester war ein dummes Ding. Zu viel Alk und Frust. Tut mir wirklich leid.“ Lys schob die Hände in seine Hosentaschen und schaute bedröppelt zu Boden. Die Jungs sahen sich nur verblüfft an und dann zu meinem Schatz. Damit hatten sie wohl nicht gerechnet.

„So eine ernst gemeinte Entschuldigung höre ich seit zehn Jahren zum ersten Mal“, meinte das Schwarzhaar erstaunt.

„Liegt vielleicht an dem guten Einfluss“, grinste nun Lys, hakte sich bei mir ein und lächelte mich liebevoll an. Die anderen Beiden bekamen noch größere Augen – wenn das denn ginge – und Keyls Freund klappte regelrecht der Unterkiefer runter.

„Wow… also… ähm… das hätte ich nun nicht erwartet. Aber freut mich wirklich sehr“, stotterte er.

„Ich weiß, dass die Sache von damals damit nicht behoben ist, aber ich hab mich verändert, Alex. Vielleicht kannst du mir ja… könnt IHR mir irgendwann verzeihen.“

Alex? Moment mal. War das wirklich DER Alex??? Die erste große Liebe von Lys? Es schien so. Mir wurde seltsam mulmig zumute. Obwohl sich mein Schatz gerade an mich drängte, hatte ich trotzdem Angst, ihn verlieren zu können.

„Es ist viel passiert Lys. Viel zu viel. Ich kann nichts versprechen. Aber ich würde es sehr gerne versuchen.“

Der Atem meines Schatzes wurde immer schneller und die Freude stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Fast sah es so aus, als wolle er sich von mir lösen um auf Alex zuzustürmen. Doch er zuckte im letzten Moment zurück und klammerte sich noch heftiger an mich.

„Nun komm schon endlich her, du Vollidiot!“, forderte Alex und kam mit offenen Armen auf meinen Schatz zu. Beide drückten sich sehr fest und deutlich konnte ich Tränen in ihren Augen glitzern sehen.

Ich wollte mich freuen, dass die zwei Freunde aus dem Sandkasten sich wieder vertragen hatten, ehrlich. Aber ich konnte nicht. Es war mehr als nur Eifersucht, was meinen Magen zum Rebellieren brachte. Es war Angst, denjenigen verlieren zu können, den ich so sehr zu lieben gelernt hatte. Sie klammerte noch immer aneinander und flüsterten sich leise Worte ins Ohr, als Keyl zu mir trat. Er folgte meinem Blick.

„Guck nicht so besorgt drein. Die Beiden kennen sich schon ihr ganzes Leben, weswegen alles ziemlich heftig für sie war. Das Gute wie das Schlechte. Auch wenn es mir nicht ganz passt, aber es ist gut, dass sie wieder Freunde sind. Gute Freunde, nicht mehr, nicht weniger. Zwecks dem ersten wird mein Schatz auf jeden Fall für sorgen.“

‚Toll, sollte mich das etwa beruhigen? Wieso lasse ich mich überhaupt von einem Kind – was auf Garantie nicht älter als 17 Jahre ist – von der Seite zulabern? Macht der sich etwa überhaupt keine Gedanken?!‘

„Ähm. Ich will zwar dieses junge Glück nicht stören, aber wieso seid ihr hier?“, fragte Keyl, wonach die Jungs sich verlegen voneinander lösten.

„Wegen dem hier“, antwortete Lys und hielt das Handgelenk von Alex hoch, an dem das gleiche Armband hing, was ich in den Fingern hielt.

Alex wurde ernst und blickte zu seinem Schatz.

„Was ist damit?“ Die Frage, die dieser stellte, sollte wohl beiläufig klingen, doch ich erkannte seine aufkommende Unruhe.

„Och, ich hab es bei euch entdeckt und es gefiel mir. Wir wollen uns vielleicht auch solche herstellen lassen. Könnt ihr uns sagen, wo man die kaufen kann?“, meinte Lys locker und setzte eine unverschämte Unschuldsmiene auf. Zumindest fand ich sie gekonnt.

„Du warst schon immer ein miserabler Lügner“, schüttelte Alex seinen Kopf.

„Nur bei dir“, seufzte mein Schatz. Mich kotzte schon jetzt an, wie vertraut sie einander waren.

„Ich kann es nicht fassen, dass du unsere Freundschaft mit einer Lüge wieder beginnen willst.“

„Tut mit leid. Ich kann dir aber nicht mehr erzählen. Das ist alles ein wenig heikel, weswegen ich dich nicht mit hineinziehen will“, versuchte Lys sich zu erklären.

„Er hat es von mir zu Weihnachten geschenkt bekommen“, mischte sich Keyl ein. „Das ist eine Sonderanfertigung. Sehr teuer und rar.“

„So rar anscheinend nun auch wieder nicht“, sagte ich und hielt dem Jungen Cats Armband unter die Nase. Kaum hatte dieser es gesehen, riss er mir es schon aus der Hand. Nach kurzer aber intensiver Untersuchung, kniff Keyl seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und funkelte mich bedrohlich an.

„Woher hast du das?“, blaffte er.

„Gefund…“, setzte ich zu einer Antwort an, wurde aber gleich unterbrochen.

„Lüge!“, schrie fast der Junge, wobei ich mich tierisch zusammen reißen musste, um nicht zusammenzuzucken.

„Hey, ich sagte schon, dass wir nicht alles erzählen können. Wir wollen euch da auf keinen Fall mit reinziehen“, verteidigte mich mein Liebster.

„Wir stecken viel tiefer drin, als ihr ahnt. Ich wiederhole mich also kein zweites Mal“, zischte Keyl und kam einen Schritt auf mich zu. Ich baute mich ein wenig vor ihm auf, schließlich war ich nicht nur älter, sondern auch einen Kopf größer als dieser Wicht.

„Wenn du mir sagst was es mit diesem Teil hier auf sich hat, dann erzähle ich dir, wo ich dieses Exemplar her habe“, bot ich ihm an.

„Da ich mich klar und deutlich ausgedrückt hatte, scheint ihr mich einfach nur zu unterschätzen. Leider ist das ein sehr großer Fehler!“

Kaum hatte Keyl ausgesprochen wurde ich schon von ihm am Hemdkragen gepackt und herumgeschleudert, dass ich schmerzhaft an einen der Zaunpfähle landete. Keyls Hände hatten sich fest um den Kragen geschlossen und seine Fäuste bohrten sich in meinen Hals, sodass ich kaum noch Luft bekam.

„Sag mir wo Cathrina ist, sofort!“, zischte mein Gegner aggressiv. Wo nahm dieser Winzling nur seine Kraft her?

„Schatz, hör auf! Er wird dir deine Fragen beantworten auch ohne dass du ihn erwürgst“, mischte sich Alex ein und legte beschwichtigend seine Hände auf Keyls Arme.

„Jetzt schon“, meinte dieser kalt und ließ mich los.

Diese vor Wut verzerrte Grimasse passte irgendwie überhaupt nicht zu Keyls fast engelhaftem Gesicht, mit den hellbraunen, fast sandig-farbig wirkenden Augen. Lys war zu mir gelaufen und stand mit seinem Ex neben mir.

„Ich hatte deinen Macker ruhiger in Erinnerung“, spottete mein Schatz und fixierte wütend den vor uns auf und ab laufenden Jungen.

„Hör auf Lys. Dieses Armband bedeutet viel mehr als ihr denkt“, sagte Alex.

„Dann klär uns endlich auf!“, forderte mein Liebster.

„Das können wir nicht. Es ist verboten… geheim.“ Verzweifelt blickten sich die beiden Freunde an.

„Es gehört meiner Cousine.“ Keyl war zu uns getreten und hatte sich soweit wieder beruhigt. Nur noch seinen Augen war die Nervosität anzusehen. „Sie ist sowas wie ne Agentin.“

„Schatz!“, unterbrach ihn Alex. „Deine Mom bringt uns um, wenn sie erfährt, dass wir Außenstehenden was erzählt haben“, gab er zu bedenken.

„Ich weiß. Aber ich muss Cathrina finden. Sie ist meine Cousine!“ Um Bestätigung erhaschend blickte Keyl seinen Freund an und nahm dessen Hand. Dann nickte dieser.

„Dieses Armband ist viel mehr als zur Zierde für das Handgelenk“, begann der Junge zu erklären.

Er schob sein Hosenbein ein Stück hoch und holte ein kleines, schmales Messer hervor, das in einer Hülle am Knöchel befestigt war. Winzige Edelsteine zierten das Heft und funkelten bedrohlich in der Sonne. Mit der Spitze der Klinge hebelte Keyl das Tribal aus dem Leder und zum Vorschein kam winzige Minielektronik.

„Also ist es doch sowas wie ein Pulsmesser?“, entwich es mir erstaunt, worauf der Junge vor mir schmunzelte.

„Dieses Schmuckstück kann mehr als du denkst. Aber du hast nicht ganz Unrecht. Neben einem Peilsender ist auch sowas ähnliches mit integriert. Dieses Exemplar hier ist total durchgeschmort. Seht ihr. Alles sieht wie rußgeschwärzt aus. Als hätte man meiner Cousine einen Elektroschocker direkt ans Handgelenk gepresst. Das kann nur jemand getan haben, der über dieses Erkennungszeichen Bescheid wusste. Einer aus den eigenen Reihen.“ Keyls Blick verdunkelte sich und starrte angestrengt auf das Schmuckstück.

„Der Meinung war auch Cat“, sagte ich. „Wir waren im kleinen Opernhaus, weil Lys dort am Piano aufgetreten ist. Kurz nach der Vorführung kam Cat durch den Hintereingang gestolpert und faselte, dass die Polizei bestochen worden war und auch von einem Verräter.“

Keyl wurde immer blasser.

„So ernst ist es schon…“, sagte er leise, wie zu sich selbst. Dann sah er zu mir auf. „Wo ist ihr Schützling? Das Mädchen mit den schwarzen Haaren und roten Strähnen?“

„Micha ist bei Cat. Ihr geht es gut“, antwortete Lys.

„Und Cathrina? Was ist mit ihr? Freiwillig würde sie ihr Armband nie ablegen.“

„Sie wurde angeschossen.“ Ich berichtete knapp was geschehen war, als die junge Frau hinter der Bühne auftauchte, was sie erzählt hatte und wo wir sie hinbrachten.

„Bitte bringt mich zu ihr. Wir haben eigene Krankenhäuser. Bestimmt konnte deine Freundin sie vorerst versorgen, aber Cathrina braucht professionelle Hilfe.“

Lys vertraute Alex und dieser wiederum Keyl. Also musste ich ihm wohl Glauben schenken. Ich verriet ihm die Adresse von Maike, wonach der Junge sofort sein Handy zückte. Er war ein paar Schritte von uns weggelaufen, weswegen ich nicht hören konnte, was er sagte. Dann kam er wieder näher.

„Ich gehe zu ihr, ob dir das passt oder nicht!“, schrie Keyl fast ins Handy und legte wutentbrannt auf.

„Flo war nicht begeistert, oder?“, grinste Alex.

„Wenn der denkt, dass ich mich aus allem raushalten werde, still bleibe und Däumchen drehe, während meine Cousine Hilfe braucht, hat er sich aber ganz schön tief geschnitten!“

„Er ist nur besorgt um deine Sicherheit.“

„Manchmal geht mir das aber tierisch auf den Wecker.“

„Ich weiß.“ Beruhigend nahm Alex seinen Freund in den Arm und küsste ihn auf die Stirn. Dann sah er auffordernd zu uns. „Gehen wir?“

Lys und ich nickten und wollten gerade losmarschieren, als Keyl das Lederband von Alex und sich löste und in den nächsten Abfalleimer warf.

„Wenn es wirklich einen Verräter gibt, kann er uns darüber prima aufspüren. Michas Armband war nicht einfach so kaputt gegangen. Das passiert nicht so schnell. Cathrina hat es auf Garantie manipuliert, wenn nicht sogar ihr eigenes gleich mit“, erklärte Keyl, während wir auf dem Weg zu Maike waren. „Flo weiß wo wir sind. Das reicht.“

Erst eine gute dreiviertel Stunde später standen wir vor der Wohnungstür meiner Freundin.

„Da seid ihr ja endlich wieder. Ich habe mir schon Sorgen gemacht“, tadelte sie, machte ihre Tür aber nicht weiter auf, als sie die anderen zwei Jungs hinter mir entdeckte.

„Das sind Freunde von Cat. Sie werden uns helfen“, beruhigte ich sie.

„Kann ich sonst noch mit jemandem fremden rechnen, der unerwartet vor meiner Tür steht? Versteh mich nicht falsch, aber langsam macht mich das echt nervös.“

„Erstmal nicht“, antwortete ich, worauf Maike uns endlich in ihre Wohnung ließ.

Wir schritten durch den länglichen Gang und erst jetzt hatte ich die Gelegenheit, mich gründlicher umzusehen. Bisher hatte mich meine Freundin noch nie zu sich mit eingeladen. Meist trafen wir uns in unserem Lieblingskaffee oder an der Uni. Zwar waren wir gute Freunde, aber ein DVD-Abend bei einem von uns zuhause stand bisher noch nie zur Diskussion.

Allein ihr Flur war recht breit und da sie ein extra Esszimmer hatte, schloss ich mindestens auf zwei weitere Zimmer – also Stube und eines zum Schlafen. Welcher Student konnte sich so eine große Wohnung leisten? Genügend Geld hatte sie doch bisher noch nie und viel Lohn warf ihr kleiner Nebenjob als Empfangsdame auch wieder nicht ab. Von reichen Eltern oder einem Erbe hatte Maike bisher nichts erzählt.

Gedankenverloren betrat ich mit den Anderen das Esszimmer. Im gleichen Moment fiel Keyl neben mir bewusstlos zu Boden. Verwirrt drehte ich mich um und sah gerade noch mit an, wie Maike mit etwas in Alex’ Nacken hieb, der sich besorgt über seinen Freund gebeugt hatte. Ich war viel zu perplex um zu reagieren. Doch was ich nicht tat, tat mein Schatz umso mehr. Brüllend warf sich Lys auf meine Freundin, aber diese wich geschickt aus und verpasste ihm einen derben Faustschlag ins Gesicht. Noch ehe sich mein Liebster wieder fangen konnte, hielt Maike ihm den Lauf einer Pistole zwischen die Augen.

„Schluss mit den Spielchen. Schafft die Beiden hier rüber. Na los!“, befahl sie uns und deutete mit ihrer Waffe in eine Ecke des Zimmers. In dieser saß leider schon Micha mit vom Weinen verquollenen Augen, gefesselt und geknebelt. Maike warf uns stärkere Kabelstrapse zu und unter ihrer Anweisung banden wir Hände und Füße unserer Freunde zusammen.

„Wieso machst du das?“, fragte ich verbittert, während ich Lys Beine fixierte.

„Wegen des Geldes, wieso auch sonst. Dachtest du wirklich, ich sei nur eine einfache Medizinstudentin? Meine Auftraggeber haben mich in diese Stadt geschickt um eine unerwünschte Zeugin aus dem Weg zu räumen. Leider stand sie unter dem Schutz der Organisation, also musste ich zuerst ihren Aufpasser ausschalten um an sie ran zu kommen. Aber dass ihr sie mir lebendig auf dem silbernen Tablett liefert und dann noch den Hoheprinzen persönlich… Ha, mit so viel Erfolg hatte ich nicht gerechnet. Tot ist auf ihre Köpfe schon eine Menge Geld ausgesetzt, aber lebendig…“

Wild lachte meine Freundin auf und ich erkannte sie kaum wieder. Sie war doch sonst immer so lieb und friedlich gewesen. Jetzt glich sie eher einer verrückt gewordenen Furie.

„Lass uns gehen Maike. Noch ist es nicht zu spät.“

„Komm, hör auf Thilo. Jetzt fehlt nur noch, dass du mir sagst, ihr würdet mich nicht verraten und gehen lassen. Denkst du wirklich, ich sei so naiv? Außerdem ist dir nicht im Geringsten bewusst, wie viel diese drei hier wert sind. Setz dich neben deinem Schätzchen und binde deine Beine fest. Na los.“

Traurig tat ich wie geheißen und kaum dass meine Füße mit den Kabelstrapsen fixiert waren und ich wieder zu Maike aufschauen wollte, traf mich etwas Hartes im Genick und ich fiel in dunkle Schwärze. Keine Ahnung wie lange ich ohnmächtig war, aber irgendwann erwachte ich durch ein sanftes Rütteln an meiner Schulter.

„Thilo? Schatz? Bitte wach wieder auf!“, hörte ich die besorgte Stimme meines Liebsten.

Stöhnend zwang ich mich, meine Augen zu öffnen. Wir saßen alle aneinander gereiht auf dem Boden, links vor uns stand der lange Esstisch. Keyl wurde gerade wie ich von seinem Schatz geweckt und zappelte genauso ungelenk wie meiner einer rum, als er merkte, dass er gefesselt war. ‚Hm, wieso hatte Lys Alex eher geweckt als mich? Wie lange hatten die Beiden ihre Freunde bewusstlos gelassen um miteinander ungestört sein zu können? Wurde ich jetzt komplett paranoid oder war meine Eifersucht begründet?‘

„Thilo? Alles klar bei dir?“, holte mich mein Schatz aus meinen Gedanken und ließ mich zu ihm aufschauen. Ich sah wohl so ziemlich verwirrt aus, denn Lys blickte mich mitleidig an und rückte so weit es ging an mich ran, küsste meine Wange, Nase und Mund und schmiegte dann sein Gesicht an meinen Hals.

„Wir kommen hier wieder raus. Das schaffen wir, keine Sorge“, redete er sanft auf mich ein. Allerdings machte ich mir weniger einen Kopf, ob wir hier unversehrt wieder rauskommen werden, als um meine Beziehung. ‚Scheiße, sowas hatte hier jetzt echt keinen Platz. Später ist noch genug Zeit dafür. Wenige Sekunden später stand Keyl vor mir und befreite meinen Schatz und mich von unseren Fesseln.

„Deine Freundin ist ein Stümper. Sie hat uns ohne uns zu durchsuchen einfach allein gelassen“, spottete er.

„Jetzt weißt du, warum du deinen Dolch immer bei dir führen sollst“, hörten wir alle eine schwache Stimme.

„Cat!“, kam es aus Keyls und Michas Mund gleichzeitig und beide rannten sie zu ihrer Freundin.

„Wie geht es dir? Hast du Schmerzen? Kannst du aufstehen?“ Beide überrumpelten sie mit ihren Fragen, worauf die junge Frau nur stockend antwortete. Sie hatte sich etwas aufgerichtet, das Bettlaken, welches als Decke diente, dicht an ihren nackten Körper gepresst.

„Geht so, glaube nicht, bin mir nicht sicher.“

„Was hat sie dir nur angetan“, meinte Keyl bitter und umarmte seine Cousine.

„Ob ihr es glaubt oder nicht, sie hat mich gerettet. Hätte sie nicht die entsprechenden Maßnahmen ergriffen, wäre ich jetzt tot. Aber ich sollte mir nicht so viel drauf einbilden, schließlich tat sie das nur wegen des Geldes.“

„Kennst du sie?“, wollte Alex wissen.

„Nein. Kurz nachdem die Beiden hier weg waren, wachte ich auf. Micha hatte sie betäubt und für mich bereitete sie gerade eine Spritze vor. Wir unterhielten uns etwas. Die Kleine war sich ihrer ganz schön sicher. Sie ist nur eine Gehilfin, zuständig für die Gebrechen ihrer Leute. Nebenher spürt sie Leute auf Anweisung auf, sowas wie bei uns der Sucher. Ihre Auftraggeber werden jeden Augenblick hier auftauchen. Wir müssen sofort hier weg“, erklärte Cat uns und versuchte aufzustehen. Doch ihre Beine gaben nach und sie wäre fast zu Boden gefallen, hätte ich sie nicht aufgefangen. Ich wickelte das Betttuch um ihren schlanken Leib und nahm sie dann auf meine Arme.

„Danke“, hauchte sie schwach, worauf ich nur müde lächelte.

„Okay, kommen wir zur Sache. Alex, du bleibst bei Cat und Thilo, Lys kümmere dich um Micha. Ich werde mal draußen die Gegend abchecken“, befahl Keyl herrisch, drehte das Messer einmal in der Hand und machte sich dann an dem Türschloss zu schaffen.

Doch noch ehe ich fragen konnte, was er genau vorhatte, bewegte sich die Türklinke von außen. Der Junge schlich ein paar Schritte zurück und bedeutete uns mit ein paar hastigen Bewegungen in Deckung zu gehen. Nur Alex blieb unaufgefordert bei ihm vorne, schnappte sich leise einen Stuhl und postierte sich hinter der Tür. Mit einem Knarren ging diese langsam auf und noch ehe der Mensch, der da gerade rein kam wusste, was ihm geschah, hatte Keyl ihn am Kragen gepackt und mit voller Wucht nach vorne auf den Boden geworfen.

Leider reagierte der Neuankömmling ausgesprochen schnell, rollte sich ab und riss, kaum dass er wieder stand, Alex den Stuhl aus der Hand. Es war einfach Wahnsinn, wie schnell dieser Typ war. Man sah nur wehendes, schwarzes Haar und einen langen Mantel, mehr nicht. Ehe die beiden Jungs begriffen was passierte, landete eine schallende Ohrfeige auf ihre Wangen.

„Flo?“ Micha war aufgestanden und ging langsam auf den großen Kerl zu. Als dieser seinen Namen hörte und sein Gesicht zu uns drehte, verschlug es mir die Sprache. Solch tiefe, dunkelgrün leuchtende Augen hatte ich bisher noch nie gesehen.

„Michaela.“

„Flo!“ Vor Erleichterung weinend lief das Mädchen auf ihn zu und umklammerte ihn schluchzend. Er hingegen tat nichts. Außer dass er sie festhielt, sagte er kein tröstendes Wort.

„Florian.“ Cat begann sich in meinen Armen zu regen, was das Grünauge veranlasste, zu mir zu blicken. Kurz drehte er sich zu den beiden Jungs neben sich.

„Wir sprechen später darüber“, meinte er kalt, ließ die Kleine sanft los und kam auf mich zu. Ich sah noch, wie Keyl und Alex sich ängstlich anschauten und schwer schluckten, dann kniete sich der junge Mann vor mich hin und lächelte Cat liebevoll an.

„Du kleine Närrin musstest auch wieder alles auf eigene Faust ganz alleine durchziehen“, ertönte seine atemberaubende Stimme.

„Du kennst mich doch.“

Flo schüttelte nur sacht mit seinem Kopf, streichelte ihr durchs Haar, beugte sich dann hinab und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. Auf einmal sah er mich abrupt an. Meine Wangen färbten sich spontan in ein zartes rosa. Hatte er etwa meine Gedanken gelesen, dass ich mir wünschte, an Cats Stelle zu sein?

„Kannst du sie bis runter tragen?“, fragte er mich sanft.

„Ja… ich denke schon.“ Gott was blieb mir auch sonst für eine Antwort übrig bei diesem Blick.

„Gut. Dann komm.“ Er half mir auf und wandte sich dann der Tür zu. Durch diese schritt gerade ein weiterer Typ, diesmal mit hellbraunen Haaren.

„Der Rest der Wohnung ist gesichert. Wir sollten machen, dass wir hier wegkommen“, meinte dieser und steckte eine Pistole wieder in den Halfter. Dann sah er Alex und Keyl dicht beieinander stehen. Er ging zu ihnen und sah sich ihre Gesichter genauer an.

„Das hätte echt nicht sein müssen“, meinte er dann und sah strafend zu Flo.

„Das brauchen wir hier jetzt nicht zu diskutieren, Chris“, sagte der Angesprochene schnippig und lief zur Tür. Das Braunhaar verzog nur seinen Mund und schüttelte den Kopf.

„Gut. Ich geh vor und sichere das Treppenhaus, falls sie kommen. Keyl, Alex, ihr folgt mir in etwas Abstand, danach kommt Micha mit Lysander. Denen folgen dann Cat und du“, verkündete Flo und wartete zum Schluss mein Nicken ab. „Du deckst uns den Rücken, Chris. Soweit für alle verständlich?“ Ein kollektives ‚ja‘ folgte.

Flo hatte Keyl eine zweite Pistole gegeben und Alex nahm den Dolch seines Freundes. Professionell wurde der gesamte Weg bis ins Treppenhaus gesichert und in Gänsemarsch folgten wir alle unserem Vordermann. Doch als wir gerade auf dem Treppenabsatz ankamen, begann es mit einem Schlag um uns herum zu toben. Ich hörte Flo über den Krach hinweg ‚zurück‘ schreien und wir begannen uns wieder Richtung Wohnungstür zu bewegen.

Aber nun wurden wir nicht nur aus der unteren, sondern auch aus der oberen Etage angegriffen. Chris stieß mich grob beiseite an die Wand, außer Reichweite der wild umher fliegenden Kugeln. Micha kreischte wie verrückt und klammerte sich wimmernd an Lys, der nur noch mit großer Mühe eine Panikattacke unterdrücken konnte. Keyl, Flo und Chris versuchten uns so gut wie möglich zu verteidigen, selbst Alex wehrte jeden Typen ab, der um die drei herum kam, aber dennoch saßen wir in der Falle. Wir standen mitten auf einer Treppe und von beiden Seiten wurden wir bedrängt. Scheiße, ich glaube ich hatte noch nie so viel Angst in meinem Leben.

Mit einmal begann sich alles zuzuspitzen. Drei Leute drangen gleichzeitig auf Alex ein, der sich einen Schlag nach den Anderen einfing. Vor Wut brüllend sprang Lys auf und warf sich den Männern entgegen. Doch weder war er besonders stark, noch beherrschte mein Schatz irgendeine Kampfsportart wie die anderen. Ein Angreifer holte nur einmal aus und verpasste ihm einen Faustschlag ins Gesicht, der Lys mit dem Kopf heftig gegen das Geländer prallen ließ und er bewusstlos zu Boden ging.

Wie in Zeitlupe sah ich sein Gesicht auf den Treppen aufkommen, sah wie Blut aus seiner Stirn quoll, sah das widerliche Grinsen des Typen, als hätte er sich eine lästige Fliege vom Hals geschafft. Ich spürte, wie ich aus voller Kehle brüllte, hörte mich aber nur gedämpft, wie alles um mich herum. Ich versuchte aufzustehen, versuchte mich von Cat zu lösen um zu meinen Liebsten zu gelangen. Doch sie und Micha hielten mich wild durcheinander schreiend auf.

Dann war es mit einem Schlag vorbei. Menschen mit Schutzwesten, schwarzen Wollmasken und schweren Waffen tauchten plötzlich überall auf und umringten uns. Chris hatte sich vor Lys hingekniet, untersuchte seine Wunden und maß den Puls.

„Er lebt.“

Tränen der Erleichterung liefen meine Wangen hinab. Ich war genauso fertig wie alle aussahen. Um uns herum könnte man glauben, hier wären gleich mehrere Splittergranaten hochgegangen. Alle waren wir über und über mit Staub bedeckt von den Wänden. Alex hatte es heftig erwischt. Er blutete aus Lippe und Nase und seine Augen waren geschwollen, als hätte ihn jemand als Sandsack benutzt, was wohl auch der Wahrheit entsprach. Chris‘, Flos und Keyls Klamotten waren aufgerissen, genau wie deren Haut darunter.

Ich bekam nur dumpf mit, wie mir Cat aus den Händen genommen wurde und Micha mit ihr verschwand. Ich wurde erst wach, als Lys auf einer Trage festgeschnürt wurde und man ihn weg bringen wollte. Wie von der Tarantel gebissen sprang ich auf und ging auf die Leute los. Lys gehörte zu mir. Keiner durfte ihn mir einfach so wegnehmen! Man zerrte mich an den Armen zur Seite und irgend so ein Arzt jagte mir eine Spritze in die Vene. Ich hörte nur noch jemanden von einem Schock reden, dann wurde alles schwarz vor meinen Augen.

Irgendwann später wachte ich wieder auf. Ein Rufen hatte mich aus der Dunkelheit geholt, doch es galt nicht mir. Ich hielt meine Augen geschlossen und lauschte dem leisen Gespräch zweier Frauenstimmen.

„Du bist ja wieder auf den Beinen.“

„Klar, du weißt Micha, mich bekommt man nicht so schnell unter.“

„Ich freu mich so.“

„Ich mich auch. Wie geht es den dreien hier?“

„Soweit ganz gut. Thilo hat eine Beruhigungsspritze bekommen. Er stand ganz schön unter Schock. Lys hatte nur eine leichte Gehirnerschütterung. Die Platzwunde an seinem Kopf wurde genäht. Beide müssten eigentlich laut Arzt langsam wieder zu sich kommen. Und Alex‘ Nase ist gebrochen, zwei drei Rippen geprellt, aber er ist stark. Die ganze Zeit schon sitzt er vor Lys‘ Bett. Er macht sich total viele Vorwürfe, dass er an allem Schuld sei, dabei bin ich es doch.“

„Hey kleines, nicht weinen. Niemand von euch trägt die Schuld. Nur diese Verbrecher, die deine Eltern auf dem Gewissen haben sind die Übeltäter. Und ich schwör dir Micha, ich werde dafür sorgen, dass sie eine Ewigkeit in der Hölle schmoren.“

„Danke Cat.“

„Nicht für das, kleines, nicht für das.“

„Wo ist Keyl?“

„Der darf sich gerade eine Standpauke abholen, genau wie Flo und Chris. Aber ihnen geht es gut.“

„Das ist schön zu hören, also dass es ihnen gut geht.“

„Wenn man Alex so dasitzen sieht, könnte man glatt denken, er wäre mit Lys zusammen und nicht mit Keyl.“

„Stimmt. Die Beiden mögen sich sehr. Ich hoffe, dass Lys mir nicht all zu böse ist. Wegen mir hat er die Party mit den Juroren verpasst.“

„Er braucht keine Party. Der Junge ist so gut genug.“

„Da hast du Recht. Stell dir vor, ihm ist der Sieg total egal. Selbst wenn er gewinnt, will er nicht mal zum Finale in die Schweiz fahren. Er will lieber hier bleiben, bei ihm.“

„Du meinst er lässt lieber sein Talent hier verkümmern und verpasst die Chance seines Lebens? Aus Liebe? Ich wusste gar nicht, dass die Sache so ernst ist.“

„Das ahnte keiner.“

„Wow. Sowas hätte ich dem kleinen Giftzwerg nie zugetraut. Und du meinst, das geht gut?“

„Keine Ahnung.“

„Naja, wir werden sehen. Komm kleines, lass uns etwas essen gehen. Nicht dass wir die Jungs noch wecken.“

„Okay Cat.“

Ich hörte, wie beide Frauen das Zimmer verließen und wollte mich gerade umdrehen, um weiter zu schlafen, als plötzlich eine Welle von Bildern wie eine Sintflut über mich schwappte und mich mitriss. Ich sah Kugeln dicht neben meinen Kopf einschlagen, wie der feine Putz der Wand in meine Augen stieb und aufbrannte. Sah meinen Schatz brüllen vor Wut nach vorn stürmen, sah wie er heftig getroffen wurde und zu Boden ging.

Von Angst erfüllt riss ich meine Augen auf und mein Oberkörper schnellte nach oben. Wild atmend versuchte ich diese schrecklichen Bilder aus meinen Kopf zu verbannen, aber es gelang mir nicht. Ich wäre fast an einem Herzinfarkt gestorben, als sich jemand in meiner Nähe regte. Neben mir saß ein Junge auf einem Stuhl, dessen Kopf auf ein anderes Bett niedergesunken war. Er murmelte irgendwas, kuschelte sich in seine Arme, die auf der Matratze lagen und schlief weiter. Dann erinnerte ich mich wieder an das Gespräch zwischen den Frauen.

Meine Vermutungen waren also richtig gewesen. Lys liebte Alex noch immer und das sogar so sehr, dass er seine Karriere für ihn aufgeben würde. Ich war nur der Trostpreis, das Alibi, damit Keyl nicht stutzig wurde. Wie konnte ich auch nur so blöd sein? Wie konnte ich mich von einem siebzehnjährigen Jungen so einwickeln lassen? Tränen kullerten meine Wangen hinab. Wieso war das alles nur passiert?

Hilfesuchend schaute ich mich um, fand aber nur ein paar Sachen rechts von mir auf einen Stuhl liegend. Mit wackligen Beinen stand ich auf, riss mir den Tropf vom Arm und kletterte in die schwarzen Sachen. Ich taumelte zur Tür und sah ein letztes Mal zu Lys hinüber. Er lag friedlich schlafend auf dem Bett und sah einfach nur atemberaubend süß aus. Mein Herz krampfte sich schmerzhaft in meiner Brust zusammen. Hektisch wischte ich mir meine Tränen aus dem Gesicht, drehte mich um und verließ das Zimmer.

Ich blickte nicht groß um mich, folgte nur den grünen Schildern, die mir den Ausgang wiesen. Fast alle liefen hier in den gleichen schwarzen Sachen umher, aber mir schenkte kaum jemand Beachtung, was wohl daran lang, dass ich dieselben Klamotten anhatte. Wankend stieg ich ein paar Treppen hinab, ging durch einige Flure und trat dann ins Freie. Ich schien mich mitten in der Stadt zu befinden.

‚Seit wann gab es denn hier ein Krankenhaus? Sollte mich das jetzt eigentlich noch wundern? Gott war mir schlecht‘

Um mich herum drehte sich alles und nur schwer schaffte ich es, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Weder auf die Ampel oder Autos achtend, überquerte ich halb blind die Straße, was mir einige Verwünschungen und lautes Gehupe einbrachte. Ich wankte gerade um eine Ecke, da lief ich jemandem voll in die Arme.

„Oh, entschuldige. Ich war total in Gedanken“, meinte eine hübsche, junge Frau mit schwarzen, glatten langen Haaren.

„Kein Thema“, nuschelte ich und wollte mich eben an ihr vorbei schieben, als meine Beine nachgaben.

„Vorsicht“, sagte sie erschrocken und fing mich auf. „Meine Güte, du siehst gar nicht gut aus. Soll ich dich zu einem Arzt bringen?“

„Danke, aber nein. Es geht schon irgendwie. Bin nur noch etwas schwach, mehr nicht.“

„Ich lass dich auf keinen Fall allein auf der Straße rumlaufen. Komm, meine Wohnung ist nur einen Block entfernt. Da kannst du dich kurz ausruhen.“

Keine Kraft mehr um zu widersprechen, ließ ich mich abführen in eine kleine Zwei-Raum-Wohnung. Meine Wohltäterin stellte sich als Melanie vor und verfrachtete mich auf ihre Couch im Wohnzimmer, wo ich fast sofort wieder einschlief. Die Drogen, die mir zur Beruhigung verpasst worden waren, hauten voll rein. Am späten Abend wachte ich wieder auf. Es war dunkel draußen und das Zimmer nur schwach beleuchtet.

Mel saß auf einem Sessel, legte ihr Buch beiseite und begrüßte mich freundlich, als sie sah, dass ich aufgewacht war. Sie war die ganze Zeit sehr nett zu mir. Wir redeten viel miteinander, wobei ich aber das letzte halbe Jahr vorsätzlich vermied. Melanie war in meinem Alter und studierte Biologie an der Uni. Ein paar mal hatte sie mich dort schon gesehen, was der einzige Grund war, warum sie mich zu sich in die Wohnung gelassen hatte. Ich verbrachte noch eineinhalb Tage bei ihr, bis ich mich wieder nach Hause traute. Lys wollte ich einfach noch nicht begegnen.

Beim Betreuer für das Wohnheim hatte man mir meine Sachen hinterlassen und eine Nachricht. Schon auf den ersten Blick sah ich, dass es gar nicht meine richtigen Klamotten waren, sondern komplett neue, die den Alten sehr ähnelten. Selbst ein ganzes Handy war mit dabei. Ich schaltete dies ein und empfing gleich mehrere SMS. Alle waren sie von Lys. Ich betätigte wieder den Ausknopf, schälte mich aus diesen Sachen und stieg unter die Dusche. Dort wo mich keiner hören, keiner sehen konnte, wo ich ganz allein für mich war, brachen die Dämme. Heulend rutschte ich die nassen Fliesen hinab und kauerte mich laut schluchzend auf den Boden. Wie im Wahn wiegte ich mich immer hin und her und spürte nicht einen einzigen warmen Tropfen des Duschwassers auf meiner Haut.

Zwei weitere Tage verkroch ich mich auf meinem Zimmer, bis am späten Nachmittag jemand an meiner Tür klopfte. Augenblicklich blieb mein Herz stehen. Was, wenn Lysander plötzlich hier auftauchte?

„Thilo? Ich bin’s, Mel. Darf ich reinkommen?“

Erleichtert atmete ich aus.

„Klar“, rief ich und schwups stand sie schon vor meinem Bett.

„Ich hab dich nicht an der Uni gesehen und mir Sorgen gemacht“, begrüßte sie mich.

„Das ist lieb von dir.“

„So bin ich halt“, lächelte die Freundin.

„Du, ich hab dich versucht auf dem Handy zu erreichen, hatte aber nur die Mailbox ständig dran.“

„Ja, das Ding hatte ich noch ausgeschalten“, entschuldigte ich mich, kramte den kleinen Kommunikationshelfer hervor und schaltete ihn ein. Wieder überschlugen sich die Nachrichten.

„Wow, wie lange hattest du es denn aus?“, lachte Mel über die vielen SMS, welche laut fiepend angekündigt wurden.

„Ein paar Tage. Es geht nur um ein Projekt, an dem ich noch mit jemand anderem arbeite. Ich will da nicht mehr mitmachen. Ist mir zu doof geworden.“

„Hast du ihm das denn schon gesagt?“

„Hä?“

„Also wenn du schon keinen Bock mehr auf das Gemeinschaftsprojekt hast, dann musst du ihm wenigstens absagen. Das ist nur fair für beide Seiten.“

Ich schaute Mel total entgeistert an, als wäre sie ein Alien. Denn obwohl sie absolut nicht den blassesten Schimmer von allem hatte, sagte sie die Wahrheit. Sie hatte so recht. Ich sollte wirklich aufhören mich zu verstecken und reinen Tisch machen. Nur ob ich mich das auch getraute? Meine Freundin musste wohl den Zwiespalt in mir gemerkt haben.

„Wenn du magst komme ich mit. So als moralische Unterstützung.“

„Das würdest du echt tun?“

„Klar, wieso nicht.“

Diese Frau war echt einmalig. Sie kannte mich eigentlich überhaupt nicht und half mir trotzdem. Okay, ich wollte sie vielleicht nicht ganz bis mit zu Lys schleppen, aber vor dem Haus warten würde mir schon genug Mut geben. Ich kontrollierte schnell die SMS. In einer stand, wo ich ihn heute den ganzen Tag antreffen würde, also zog ich mich um und lief mit Mel los. Vor den Stufen des kleinen Opernhauses bekam ich allerdings Muffensausen.

„Komm schon. Du schaffst das“, munterte mich meine Freundin auf und gemeinsam betraten wir das Gebäude.

Schon von weitem hörte ich die melodischen Klänge eines Klaviers und eine zarte Singstimme. Ich folgte diesen Tönen und musste bitter schlucken, als ich feststellte, dass sie genau aus jenem Raum kamen, wo ich Lysander das erste Mal begegnet war. Mel bat ich draußen zu warten, dann atmete ich noch einmal tief ein und betrat den kleinen Saal. Micha stand neben dem Klavier und sang, während ihr Bandkollege spielte. Doch ihre Stimme setzte sofort aus, als sie mich sah. Irritiert hörte Lys auf und folgte ihrem Blick.

„Thilo“, hauchte er ungläubig. „Bei den Göttern, Thilo!“ Der Kleine sprang auf, hüpfte die Bühne hinunter und lief freudestrahlend auf mich zu. Ich bekam noch nicht mal ein Lächeln zu Stande, wehrte ihn nur ab und ging ein paar Schritte zurück, als er mir um den Hals fallen wollte. Verwirrt schaute er zu mir auf.

„Die letzten Tage hatte ich genug Zeit zum nachdenken. Ich kann so nicht mehr weiter machen wie bisher, nicht nachdem was ich gesehen und gehört habe. Wir sind zu unterschiedlich Lysander.“

„Nein, sag das nicht. Wir haben doch alles bisher gut gemeistert, zusammen“, ängstlich begann seine Stimme zu zittern, was mir in der Seele weh tat. Am liebsten hätte ich ihn einfach nur in meine Arme geschlossen und ganz fest an mich gedrückt. Aber ich riss mich zusammen. Ich wollte und konnte nicht mit einer Lüge leben. Zu wissen, dass er mich eigentlich nicht wirklich liebte, ertrug ich nicht.

„Wir haben uns gegenseitig nur was vorgemacht.“

„Nein, das ist nicht wahr. Glaub ja nicht, dass du so einfach davon kommst. Ich geb dich nicht auf und auch nie wieder her. Vergiss es Thilo.“

„Es ist aus.“

„Nein.“

„Akzeptier doch endlich, dass er keine Lust mehr hat, hm?!“, meinte Mel freundlich, kam näher und hakte sich in meinen rechten Arm ein. Gott, wenn sie wüsste worum es ging, hätte sie auf Garantie andere Worte gewählt.

„Was soll das?“, fragte Lys und deutete ärgerlich auf die Frau neben mir.

„Das ist Melanie. Ich war die letzten Tage bei ihr. Sie ist meine Freundin.“

Als ich das sagte, blickte ich zu ihr und sah ihr überraschtes, aber doch glückliches Lächeln. Das hatte sie sich wohl die ganze Zeit erhofft. Ich fühlte mich einfach nur beschissen. Ich drehte gerade wieder meinen Kopf zu Lysander, als ich gleich wieder Sterne sah. Der Kleine hatte mir mit voller Kraft seine Faust aufs Auge gedrückt.

„Hey, was soll der Scheiß?“, brüllte Mel und hielt mich am Arm fest. Ohne sie wäre ich wohl zu Boden gegangen.

„Eine Woche, Thilo. Ich geb dir genau eine Woche.“

Hasserfüllt trafen mich seine vor Wut blitzenden, türkisfarbenen Augen. Dann drehte er sich um und verschwand hinter der Bühne. Micha schaute mich nur traurig an, schüttelte ihren Kopf und lief dann Lys hinterher. Sollten sie mich doch alle für den Bösen halten, von mir aus. Für mich war es an der Zeit einen neuen Weg einzuschlagen, einen normalen, ohne verräterische Freunde, ohne wilde Schießereien, ohne Männer…

*

Seit diesem Tag waren zwei Wochen vergangen. Gelangweilt lag ich an einem Samstag auf mein Bett und warf einen kleinen Stoffball, der gerne zum Kicken benutzt wurde, in die Luft und fing ihn wieder auf. Das machte ich schon den ganzen Tag. Noch vor einem knappen Monat hatte ich mich nach etwas Ruhe und Zeit für mich gesehnt, jetzt kotzte diese mich nur noch an. Was passiert war? Ehrlich gesagt nicht viel. Außer, dass ich mich die erste Woche jeden Tag mit Mel traf, um mich krampfhaft von der gesetzten Frist abzulenken, war nichts Aufregendes geschehen. Wenn man vom Mittwoch absah.

An diesen Abend schleppte mich meine Freundin auf eine absolut geile Darkewave-Party. Wumpscut und Kiev spielte man auf und ab und ich genoss die coole Musik – leider auch ein paar Toxic Dreams zu viel. Mel hatte sich total schick aufgedonnert und sah in den kurzen, lockerfaltigen Rock und engem Oberteil absolut sexy aus. Ein paar Weingläser ihrerseits später landeten wir in ihrer Wohnung im Bett.

Mit zittrigen Händen hatte ich sie ausgezogen, saugte mit geschlossenen Augen an ihren steifen Nippeln und befingerte sie, was sie stöhnend genoss. Melanie hatte einen genialen Körper: einen süßen Bauch, lange Beine, knackigen Hintern und zwei wohlgeformte, nicht zu große oder zu kleine, feste Brüste, welche ich heftig dabei war zu kneten. Lange dauerte das Vorspiel nicht an. Unter etlichen heißen Küssen presste sie meinen Rücken auf die Matratze, setzte sich auf mich drauf, stülpte mir ein Kondom über und ließ mich in sie eindringen. Rhythmisch begann sie sich zu bewegen und stimmte in mein Stöhnen mit ein. Sekunden später kam ich schon und nach dem Zittern meiner Freundin zu beurteilen sie wohl auch. Keuchend fiel sie auf mich hinab und küsste meinen Hals.

Ich schlug mir nur meine Hände vor die Augen und begann zu weinen. Irritiert und hilflos versuchte Mel mich zu beruhigen, doch dadurch schluchzte ich nur noch mehr. Ich erkannte was ich war – der letzte Dreck. Wie konnte ich diesen lieben Menschen nur so ausnutzen? Wie konnte ich das Mel nur antun? Heulend stellte ich fest, dass ich nicht viel besser war, als der, den ich versuchte zu vergessen. Die ganzen letzten Tage, die ich mit meiner Freundin verbrachte, all die Küsse die wir austauschten, die Berührungen der heißen Nacht, selbst als ich mit ihr schlief hatte ich nicht an sie gedacht. Noch nicht mal an eine Frau. Die ganze Zeit konnte ich nur an einen denken. Lysander.

Mit seinen Lippen hatte er mich gebrandmarkt, mit seinen Worten eingelullt, mit seinem Körper mich abhängig gemacht. Nie wieder könnte ich jemand anderes küssen, berühren oder mit jemandem schlafen, ohne ihn vor Augen zu haben. Ich liebte ihn mehr als mir lieb war. In derselben Nacht gestand ich Melanie alles. Zuerst war sie fix und fertig, glaubte mir kein Wort. Doch nachdem sie sich beruhigt und geduscht hatte, nahm sie mich einfach in den Arm.

Selbst danach trafen wir uns noch regelmäßig. Mel versuchte mich abzulenken und mit ihrer natürlichen, fröhlichen Art schaffte sie das auch recht gut. Ich spürte schon, dass sie noch immer in mich verliebt war und nicht so leicht loslassen konnte. Aber sie versuchte mir eine gute Freundin zu sein, weswegen ich ihr sehr dankbar war.

Wenn ich allerdings mal alleine war, so wie jetzt, holten mich wieder düstere Gedanken ein. Ich zuckte erschrocken zusammen, als es an meiner Tür plötzlich klopfte. Melanie hatte wohl früher auf Arbeit Schluss gemacht, darum rief ich herein. Doch nicht die junge Frau betrat mein Zimmer, sondern zwei Jungs.

„Alex? Keyl? Was macht ihr denn hier?“, verwundert setzte ich mich auf.

„Die Frage sollte eher sein, was machst DU NOCH hier“, meinte Keyl, langte nach einem Stuhl und setzte sich verkehrt herum drauf.

„Wie meinst du das?“

„So, wie ich’s gesagt habe.“

Wieso sprach der nur in solchen Rätseln?

„Warum läufst du vor dir selbst davon?“, fragte mich Alex ernst. Der Kleine sah ein wenig mitgenommen aus und hatte tiefe, schwarze Ränder unter den Augen, als hätte er nächtelang nicht geschlafen.

„Ich weiß gar nicht was du von mir willst“, antwortete ich verärgert, legte mich wieder hin und begann erneut mit dem kleinen Ball zu spielen. Doch als ich ihn hoch warf, fing Alex diesen auf und schaute auf mich hinab.

„Du weißt genau, was los ist. Wie konntest du Lys nur so hängen lassen? Er hat dich gebraucht!“

„Wieso mich? Du warst doch da. Das reichte ihm, glaub mir.“ Verbittert wollte ich mich umdrehen, aber Alex warf mir den Ball an den Kopf, griff nach meinem Kissen und schlug wie wild damit auf mich ein.

„Du bist so ein Arsch, Thilo. Lys musste ohne dich im Krankenhaus aufwachen, durfte keinen Kontakt zu dir aufnehmen, bis die Organisation dich komplett überprüft hatte, schrieb dir etliche beschissene SMS, auf die du nie geantwortet hast und als du dann endlich bei ihm aufgetaucht bist, schleppst du ne Tussi mit und machst Schluss. Nur weil du Wichser eifersüchtig bist!“

Alex drosch wie wahnsinnig auf mich ein und schrie das halbe Zimmer zusammen, bis Keyl ihn endlich von mir weg ziehen konnte.

„Beruhige dich Schatz. Komm her.“

Der Junge nahm seinen Freund in die Arme und drückte ihn fest an sich. Dann fixierte er mich mit seinen sandig-braunen Augen.

„Thilo, ich hab dir das schon mal versucht klar zu machen. Es stimmt, Lys und Alex mögen sich sehr. Sie haben einen Großteil ihres bisherigen Lebens miteinander verbracht. Aber sie lieben sich nicht. Nicht so wie du denkst. Die beiden sind als Partner füreinander nicht geschaffen, sondern lediglich als Freunde. Alex gehört zu mir und Lys… er gehört zu dir. Auch wenn ich es selbst kaum fasse, dass ich diesen Typen hier in Schutz nehme, aber dieser kleine Giftpilz liebt dich. Nur dich. Weißt du, wie fertig er nach allem war? Du bist aus dem Krankenhaus abgehauen, darum dachte die Organisation, du hättest mit der ganzen Sache was zu tun. Keiner durfte mit dir Kontakt aufnehmen und Lys wurde rund um die Uhr bewacht. Weißt du, wie viele Male meine Leute ihn aufhalten und einsperren mussten, damit er nicht hierher kommt? Er hätte dich verdammt noch mal gebraucht!“

Bedröppelt hatte ich mich aufgesetzt und starrte verlegen vor mich hin.

„Jetzt ist es eh zu spät. Der Flieger in die Schweiz ist längst weg.“

„Es ist nie zu spät. Komm, steh auf!“, forderte Keyl.

„Er will mich jetzt bestimmt eh nicht mehr sehen.“ Man, ich wollte überhaupt nicht so weinerlich klingen. Warum mussten diese Typen hier auch auftauchen und mir vor Augen führen, was für ein Idiot ich war? Das wusste ich doch schon längst selbst.

„Hey Thilo. Lys hat bis zur letzten Minute am Flughafen auf dich gewartet. Sabine musste ihn regelrecht ins Flugzeug zerren, damit er endlich einstieg. Wann glaubst du uns endlich?“, bittend sah mich Alex an.

„Das Konzert fängt in zwei Stunden an und außerdem ist er gerade in der Schweiz. Momentan kann ich gar nichts tun“, spielte ich meinen letzten Trumpf aus. Die Jungs mussten das Ganze realistisch betrachten. Sobald Lys gewann, würde er sofort den Vertrag unterschreiben und quer durch die Welt gondeln, weit weg von mir. Und ich hatte absolut keine Möglichkeit ihn davon abzuhalten.

„Du nicht, aber wir. Los, schnapp dir deine Schuhe und steh endlich auf“, befahl Keyl.

„Das hat doch alles keinen Sinn“, sagte ich traurig und versuchte krampfhaft die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Alex kniete sich daraufhin vor mein Bett, nahm mein Gesicht in beide Hände und zwang mich, ihn anzuschauen.

„Liebst du ihn?“, fragte er mich sanft. Ich konnte nicht antworten, sondern nickte nur gequält. Bei der Bewegung löste sich eine Träne aus meinen Augen, die der Kleine zärtlich mit dem Daumen von meiner Wange wischte.

„Dann vertrau uns und komm mit.“

Ohne weitere Widerworte zog ich meine Schuhe an und folgte den Beiden nach unten auf die Straße. Dort wartete Cat vor einem mattschwarzen Van und kam uns lächelnd entgegen, als sie uns sah. Vielleicht einen Meter vor mir blieb sie stehen und musterte meine Wange. Ich wollte schon fragen was sie hat, als ihre flache Hand auch schon schallend in meinem Gesicht landete.

„Die war für deine grenzenlose Dummheit.“

Gleich danach bedeutete sie mir freundlich einzusteigen. Das sollte mal einer verstehen. Nach fünf Minuten umhergefahre in der Stadt, bog die junge Frau auf die Autobahn. Wollten die wirklich mit dem Van in die Schweiz? Zehn Minuten später erkannte ich, wo genau ich hingebracht wurde. Schon von weitem sah ich den großen Flughafen der Stadt. Wieder fragte ich mich, was das bringen sollte. Ich selbst hatte mich doch schon erkundigt, wie ich Lys kurzfristig nachreisen könnte. Von meiner Stadt gab es keinen Direktflug nach Zürich. Entweder landete man in Paris, London oder München zwischen mit einem Aufenthalt von mindestens einer Stunde oder länger. Dass mussten sie doch wissen. Allerdings bekam ich große Augen, als wir nicht wie normal so üblich ins Parkdeck fuhren, sondern direkt auf die Rollbahn. Dort empfing uns eine kleine Privatmaschine und ein Helfer, der uns entgegen kam.

„Die Maschine ist voll aufgetankt und startbereit“, berichtete dieser, als wir vier ausstiegen. Cat warf ihm den Schlüssel des Wagens zu und bedankte sich.

„Na dann mal los“, sagte sie freudig und stieg die Treppen des Flugzeuges hinauf, ich ihr direkt hinterher.

Drinnen warteten schon zwei weitere Leute, die sich gerade aus einer Umarmung lösten.

„Da seid ihr ja endlich“, motzte Flo.

„Also fliegen kann ich noch nicht“, entgegnete Cat genervt.

„Aber ich. Dann werd ich mal die Motoren anlaufen lassen. Macht’s euch bequem“, sagte Chris freudig, drückte sich an uns vorbei und verschwand im Cockpit.

„Setzt euch und schnallt euch an“, befahl das Grünauge und verschloss, als alle im Flugzeug waren, die Tür.

Dann verdrückte er sich zu seinem Freund. Alles hier war zwar ein wenig eng, aber die hellen Ledersitze mit den breiten Armlehnen sehr bequem. Minuten später heulten die Motoren auf und der Flieger setzte sich in Bewegung. Den ganzen Flug über redeten wir kaum ein Wort. Jeder hing seinen eigenen Gedanken hinterher. Nach knapp zwei Stunden setzte der kleine Flieger zum Sinkflug an und mein Magen verkrampfte sich noch mehr.

Was, wenn ich zu spät käme? Jede Minute, die wir vergeudeten mit dem Ausrollen der Maschine, mit dem Warten auf den Wagen, regte mich unglaublich auf. Nun, da ich einen Entschluss gefasst hatte, da ich es endlich schaffte, mich aufzuraffen, zu meinen Gefühlen zu stehen und seine zu akzeptieren, wollte ich keine Zeit mehr verschwenden. Ich wollte nur noch zu Lys. Hektisch verabschiedeten wir uns von Flo und Chris und stiegen in den Van ein, als dieser endlich auftauchte. Souverän lenkte Cat den Wagen auf die Autobahn, wenig später befanden wir uns schon in der Stadt. Sie meinte, wir bräuchten maximal 16 Minuten bis zur Tonhalle, wo das Konzert im großen Saal stattfinden sollte. Eine viertel Stunde später kamen wir an dem besagten Gebäude an. Cat wollte das Auto woanders parken, also stiegen nur Alex, Keyl und ich aus und betraten fast rennend das Haus.

Das Konzert musste schon angefangen haben, denn im Eingang und Vorraum war kaum einer zu sehen. Und dann hörte ich die Klänge, die mir so vertraut waren. Mit klopfendem Herzen lauschte ich seinem Spiel, von dem ich angezogen wurde wie die Ratten aus Hameln vom Fänger. Ich weiß nicht mehr genau wie ich den Weg fand, doch plötzlich stand ich im Backstage-Bereich neben der Bühne. Ich konnte genau auf das Podest blicken, auf den riesigen Flügel, der aufgebaut war. Und vor diesem saß Lys.

Ich sah nur seinen Rücken, ab und an die schmalen Finger, welche graziös über die Tasten huschten. Er spielte einmalig. Niemand beachtete mich im Geringsten, da sie alle verzaubert waren von diesem wunderschönen Lied, welches dieser junge Pianist spielte. Nein, ich konnte nicht zu ihm gehen. Er würde alles aufgeben, seine ganze Zukunft, nur für mich. Ich durfte ihm das nicht verbauen. Dafür liebte ich ihn viel zu sehr. Tränen huschten über meine Wange, als ich mich zittrig umdrehte, um zu gehen. Doch plötzlich, mitten im Spiel, hörte Lys auf. Es kam so abrupt und unerwartet, dass ich mich irritiert wieder zu ihm wandte. Die Verwunderungen der Zuschauer konnte ich bis hier her hören, als der Junge aufstand und starr auf das Klavier hinab schaute.

„Es tut mit leid, aber… ich kann nicht weiter spielen. Das alles hat keinen Sinn mehr“, sagte Lys stockend, aber laut genug, dass es auch jeder hörte.

„Junger Mann, wenn sie jetzt aufhören, sind sie disqualifiziert und scheiden aus dem Wettbewerb aus“, schimpfte ein älterer Herr aus den vordersten Reihen.

„Von mir aus“, schnaubte Lysander schwach. „Ich wollte eh komplett aufhören“, setzte er traurig nach, dass es kaum einer mitbekam.

„Das darfst du nicht“, rief ich geschockt und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Er konnte seine Chance doch nicht einfach so wegwerfen! Erschrocken drehte der Kleine sich um und sah mich aus großen Augen an. Er sah so müde aus und total fertig. War ich daran etwa Schuld? Aber das war doch keine Absicht. Das Letzte was ich wollte war, ihm weh zu tun.

„Bitte, du darfst nicht aufhören zu spielen. Das Piano und die Musik ist dein Leben. Wirf es nicht so leichtfertig weg.“

„Du bist hier“, flüstere er, als hätten ihn meine letzten Worte gar nicht erreicht.

„Ich… ich wollte mich bei dir entschuldigen. Ich war nur so eifersüchtig, dass ich blind wurde und taub. Dabei liebe ich dich doch über alles.“

Zuerst stockte ich noch, aber dann sprudelte alles nur so aus mir heraus. Lys sah mich weiterhin einfach nur an und rührte sich kein Stück, als könne er nicht glauben, dass ich wirklich vor ihm stand.

„Lysander, ich liebe dich“, sagte ich noch mal und ging wieder zwei Schritte auf ihn zu.

Plötzlich schien er aus der Trance zu erwachen

„Thilo!“

Mit einem Satz war er bei mir und sprang mir um den Hals. Sein ganzer Körper bebte und ich hörte ihn leise schluchzen. Ich drückte ihn nur fest an mich, so fest wie ich konnte. Das Gefühl, ihn in meinen Armen zu halten, meine Nase in seine Haare zu graben, seine Wärme zu spüren war überwältigend. Wie konnte ich das alles nur tun? Warum habe ich uns beiden nur so wehgetan? Tränen kullerten meine Wangen hinab, als ich leise zu flüstern begann:

„Es tut mir so leid, Lys. Mir tut alles so schrecklich leid. Kannst du mir jemals verzeihen?“

Schniefend sah mein kleiner zu mir auf. Sein Gesicht war mit Tränen verschmiert, aber seine türkisfarbenen Augen leuchteten heller denn je. Er hob die rechte Hand, strich mir zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und begann etwas zu lächeln.

„Glaub mir ja nicht, dass du so einfach davon kommst. Aber ich kann eh nicht anders, als dir zu vergeben. Ich liebe dich einfach viel zu sehr.“

Nicht nur ein kleiner Stein, sondern eine ganze Lawine polterte von meinem Herzen, so erleichtert war ich über seine Antwort. Mir war egal, dass wir gerade auf der Bühne standen und über hundert Leute zusahen, wie zwei heulende Schwuppen sich ein Liebesgeständnis machten. Ich beugte mich leicht zu meinem Schatz hinab und endlich berührten sich unsere Lippen. Gott, wie hatte ich das alles vermisst. Waren wir am Anfang noch sehr zaghaft, als hätten wir Angst in einem Tagtraum zu leben und der Gegenüber würde jeden Augenblick verschwinden, wurden wir von Sekunde zu Sekunde immer gieriger und verschlagen uns halb.

Klar hatte ich noch so einige Fragen. Warum zum Beispiel wurde Micha verfolgt und was hatte das mit ihren Eltern zu tun? Für was für eine Organisation arbeiteten Cat, Flo und Chris und was verband sie mit Keyl und Alex? Und wie verdammt noch mal konnten die sich einen Privatjet leisten? Aber ich verschob die Antworten auf später. Für mich war nur wichtig, dass ich Lys nicht verloren hatte und dass ich dies auch nie wollte. Selbst wenn er hier gewinnen sollte, ich würde ihm folgen, egal in welche Stadt, egal in welches Land. Ich brauchte seine Nähe, seine Wärme, wie die Luft zum atmen. Niemals wieder würde ich ihn hergeben oder loslassen. Niemals wieder.

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Information Das Weihnachtsgeschenk
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:03 AM - No Replies

Das Weihnachtsgeschenk

Die Idee zu der Geschichte ist nicht auf meinen Mist gewachsen, sondern sie stammt von dem Manga „Seven Days“. Jedoch habe ich so einiges geändert, so dass eine komplett neue Geschichte entstanden ist.

Sonntagabend

„Ich wette das du es nicht schaffst eine Woche lang eine Beziehung aufrecht zu erhalten“, platzt es aus Norman heraus.

„Jawohl, da wette ich mit“, stimmt Kilian ein und auch Sven und Tobias nicken zustimmend.

„Der Wetteinsatz sind 20 Euro von jedem, die du bekommst wenn du die Wette gewinnst. Solltest du verlieren, übernimmst du die Hausaufgaben für eine Woche von jedem von uns“, bestimmt Norman und schaut die anderen fragend an.

Sven nimmt sein Cappy ab und wirft auch gleich als erster das Geld hinein. Normans Grinsen ist so breit, das es locker sein ganzes Mondgesicht ausfüllt und auch die anderen scheinen ihren Spaß an der Sache zu haben.

Nur unser Küken Fynn sitzt stumm auf dem Bett und schaut dem Geschehen skeptisch zu. Naja, sie haben ja irgendwo recht, bisher war ich nicht länger als fünf Tage mit einem Mädchen zusammen und das ganze geht nun schon fast ein Jahr so.

Aber was soll ich denn machen, wenn es bei keiner so wirklich passt? Außerdem habe ich als ältester in der Klasse mit meinen siebzehn Jahren doch noch jede Menge Zeit die Richtige zu finden.

„Also gut Geld stinkt ja nicht“, stimme ich dem Mist zu, da ich es nicht leiden kann, wenn man meint mich übertrumpfen zu können.

„Und das Beste kommt noch!“, lacht Norman. „Du gehst mit unseren Keks Fynn. Wird Zeit das er seine erste Beziehung hat.“

Auch die anderen stimmen dem Lachen ein, sich sicher die Wette bereits gewonnen zu haben. Mein Blick schweift zum Bett rüber, wo Fynn immer noch reglos sitzt und etwas blass wirkt, als wie er eh schon ist.

Mit seinen zarten fünfzehn Jahren ist er eigentlich, neben mir auch der totale Mädchenschwarm. Er hat ein makelloses, ebenmäßiges Gesicht, was mich an eine Porzellanpuppe erinnert.

Seine leicht geröteten Wangen, seine schönen vollen, blutroten Lippen und seine dichten langen Wimpern tragen dazu bei. Genauso wie seine Himmelblauen Augen und seine zarte Erscheinung, die in gewisser Hinsicht mehr an ein Mädchen erinnert, als an einen Jungen.

Dennoch ist er noch total unerfahren, was wohl nicht unbedingt an seiner Schüchternheit liegt, sondern eher an der Tatsache, dass er noch kein wirkliches Interesse an Mädchen hat.

Fynn ist ein kleiner Bücherwurm, der immer wenn er Zeit hat, etwas liest und auch ein Ass in der Schule ist. Erst jetzt erfasst er hilfesuchend meinen Blick und für einen Moment bin ich bedacht alles hinzuschmeißen und auf die Wette zu pfeifen.

Doch Geld kann man immer gebrauchen und so lauten meine Worte: „Abgemacht!“, und ich reiche Norman, der etwas geschockt drein schaut meine Hand darauf.

Als die Jungs verschwunden sind, nehme ich neben Fynn auf dem Bett platz, der immer noch keinen Ton von sich gegeben hat.

„Mach dir keinen Kopf“, sage ich zu ihm und zünde mir eine Zigarette an,

„Es ist ja nur eine Woche und wenn die um ist, teilen wir uns den Gewinn!“

„Wirklich?“, fragt Fynn mich und schaut mich mit großen Augen an.

„Klar wie es sich gehört“, gebe ich ihm zu Antwort.

Schließlich weiß ich ganz genau, dass seine Eltern nicht so viel Geld haben. Aber was will man bei sieben Kindern auch erwarten. Fynn muss grundsätzlich die Klamotten seiner Geschwister auftragen und auch regelmäßig auf die Kleineren aufpassen.

Mit einem seiner Brüder war ich bis vor kurzem noch in einer Klasse, bevor ich sitzen geblieben bin.

„Danke Andi“, strahlt Fynn mich an und lehnt sich an meine Schulter.

„Aber was macht man denn eigentlich in einer Beziehung?“, kommt es kleinlaut von ihm.

Eine sehr gute Frage, die ich ihm gerne beantworten würde.

„Naja… Händchen halten und viel Zeit miteinander verbringen eben“, versuche ich zu erklären.

„Das ist okay. Ich verbringe gerne Zeit mit dir,“ lächelt Fynn mich beruhigt an.

Ich verbringe auch gerne Zeit mit ihm, denn so wird er von keinem geärgert. Seine liebevolle und ruhige Art sagt nicht jedem zu, was ihn leider zu oft zum Angriffspunkt vieler Schüler macht.

Nur eben nicht, wenn ich bei ihm bin, da mich sich niemand als Gegner wünscht. Wohl auch weil ich um einiges größer und muskulöser als die meisten an der Schule bin.

Ich lass mir nichts gefallen und zur Notwehr benutze ich auch mal meine Fäuste. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen fliegen die Mädels auf mich, so das ich regelmäßig eine neue Beziehung beginne.

Was ich ja nicht mache, um Herzen zu brechen oder die Mädchen weinen zu sehen. Ich bin mal auf die blöden Blicke Morgen gespannt, wenn ich und Fynn als Paar in die Schule kommen.

Ein paar Tage müssen wir ja noch hingehen, bis Weihnachtsferien sind. Was auch heißt, dass wir Weihnachten über ein Paar sind und ich Fynn eine Kleinigkeit schenken werde.

Bei dem Gedanken kann ich ein Schmunzeln kaum verkneifen, was Fynn aber auch nicht mehr mitbekommt, da er an meiner Schulter eingeschlafen ist.

*-*-*

Montag

Es war gestern spät, als Fynn nach Hause ging, da ich ihn aus irgendeinem Grund nicht wecken wollte. Vielleicht weil er schlafend wirklich aussah wie eine Puppe.

Es muss die ganze Nacht über geschneit haben, denn am nächsten Morgen ist alles weiß. Dazu gibt es strahlenden Sonnenschein und einen wunderschönen blauen Himmel, der fast so schön ist wie die Augen, die mich schon von der Bushaltestelle her ansehen.

Fynn scheint glücklich zu sein und so umarme ich ihn bei meiner Begrüßung. Etwas perplex tritt er einen Schritt zurück, bevor er mich mit einem zarten „Morgen“ begrüßt.

„Guten Morgen“, entgegne ich, „Hast du gut geschlafen?“

Fynn nickt und da sonst nichts weiter kommt, schweift mein Blick zu meiner Armbanduhr, die mir sagt, dass noch jede Menge Zeit ist, bevor der Bus kommt.

„Hmmm… magst du auch was vom Bäcker haben? Ich will noch mal schnell rüber“, frage ich meinen Freund.

„Äh.. ich“, druckst Fynn herum.

„Schon gut. Ich lade dich ein“, erkläre ich ihm und sehe, wie sein Blick schlagartig in Freude umschlägt.

„Na komm“, lache ich und zerre Fynn mit mir rüber zum Bäcker.

„Such dir aus was du möchtest“, sage ich noch, bevor ich meine Bestellung aufgebe, „ich nehme ein Käsebrötchen.“

„Egal was?“, fragt Fynn erstaunt.

„Ja, nehme dir worauf du Lust hast“, lächle ich ihn an.

Fynn lässt seinen Blick schweifen und zeigt auf ein Schokocroissant. Irgendwie dachte ich mir das, da ich ganz genau weiß was für ein Schleckermaul er ist.

Kaum sind wir wieder bei der Haltestelle, kommt von Fynn eine Umarmung und ein strahlendes Dankeschön.

„Gern geschehen“, entgegne ich und sehe genüsslich zu, wie er in sein Croissant beißt.

„Esse nicht alles auf einmal, sonst hast du ja nichts mehr in der Schule“, ermahne ich ihn noch, bevor wir in den Bus einsteigen müssen.

Natürlich sitzen Norman und die anderen Jungs schon längst im Bus, weshalb ich auch schnell nach Fynns Hand greife. Dem scheint die Sache recht unangenehm zu sein, denn er wird fast so rot wie mein Schal.

Im ersten Moment, meine ich sogar gespürt zu haben, dass er seine Hand wegziehen wollte.

„Oh da kommt ja unser verliebtes Ehepaar“, höre ich Kilian durch den ganzen Bus rufen, was mich dazu veranlasst nicht ganz nach hinten durch zu gehen.

Stattdessen schiebe ich Fynn in eine freie Sitzreihe weiter vorne rein und setze mich neben ihm. Dieser fixiert mich mit seinen schönen Augen und versucht meine hellgrünen einzufangen.

Ich bin mir auf einmal ziemlich unsicher, ob dass hier alles eine so gut Idee war, versuche aber mir nichts anmerken zu lassen. Schließlich will ich meinen kleinen Freund nicht noch mehr verunsichern und ihm zeigen, dass er sich bei mir sicher fühlen kann.

Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und schau Fynn direkt an, der sehr verstreut wirkt.

„Alles okay?“, frage ich ihn und ernte ein schnelles, kurzes Nicken.

„Gut!“, lächle ich bespielt selbstsicher, bevor ich meinen Arm um seine Schulter lege.

Von den hinteren Reihen kommt komischer Weise, nach dieser Geste kein Pieps mehr, was Fynn wohl dazu veranlasst sich an mich zu schmiegen. Langsam schweift mein Blick nach draußen und ich genieße die Winterlandschaft, die an uns vorbeifliegt.

Sonst saß immer ein Mädchen bei mir im Arm und ich muss zugeben, dass es sich so auch nicht falsch anfühlt. Etwa fünfzehn Minuten später kommen wir an der Schule an und müssen unsere bequeme Position auflösen.

Beim Aussteigen rempelt Norman Fynn an und schafft es so mich aus meiner morgendlichen Ruhe zu bringen.

„Willst du Ärger“, springe ich ihn geradezu an.

„Schon gut“, unterbricht Fynn mich direkt, „ich bin nur gestolpert.“

Und das soll ich glauben? Aber wie kann ich diesen schönen Augen etwas abschlagen? Also lasse ich mich von Fynn Richtung Schule lotsen, während die anderen noch vorne stehen bleiben, um eine zu Rauchen.

Allerdings laufen wir nur ganz normal nebeneinander her, ohne Händchen zu halten, so dass wir auch kein großes Aufsehen erregen. Sogar die erste Stunde verläuft ohne weiter Vorkommnisse ab und als es endlich zur Pause klingelt, kann ich meine Jacke nicht schnell genug anziehen, so einen Lungenschmacht habe ich.

„Kommst du mit raus?“, frage ich Fynn, der für meinen Geschmack viel zu langsam seine Jacke anzieht.

„Draußen ist das so kalt“, meckert dieser, „ich gehe lieber in die Bücherei und leihe mir ein neues Buch aus.“

„Auch gut“, antworte ich ihm, „dann treffen wir uns anschließend in der Pausenhalle, ok?“

„Ja, ist gut“, höre ich Fynn noch sagen, bevor ich auch schon aus dem Klassenzimmer verschwunden bin.

Die Zigarette tut mehr als gut und ich lasse mir gerne Zeit dabei. Da ich alleine stehe, schweift mein Blick umher und so entgehen mir nicht die Blicke der anderen Schüler.

Norman wird sicher schon dafür gesorgt haben, dass das neuste Ereignis seine Runde macht, weshalb sich nun alle den Mund zerreißen. Aber mir soll es egal sein, da kann ich gut drüber stehen und Fynn werde ich schon beschützen.

Meine Zigarette fällt zischend in den zermatschten Schnee, als mir plötzlich auffällt wie ruhig es eigentlich ist. Es fehlt definitiv etwas, oder sollte ich besser Jemand sagen.

„Norman“, schrecke ich auf.

Verdammter Mist, warum ist mir das nicht früher aufgefallen?

So schnell mich meine Füße tragen renne ich in Richtung Bücherei.

Gerade eben prahle ich noch, dass ich Fynn beschützen werde und nun sowas. Vor lauter Eile rutsche ich beinah auf der glatten Treppe aus, kann mich aber gerade noch am Geländer festhalten.

Dann muss ich durch die Pausenhalle, wo ich permanent Ausschau nach Fynn halte, in der Hoffnung ihn hier zu entdecken. Leider Fehlanzeige, an den üblichen Plätzen, wo er sich aufhalten würde ist er nicht.

Also gehe ich durch eine Verbindungstür Richtung Bücherei. Dort angekommen, fällt mein Blick auf das große Schild an der Tür: Ruhe BITTE!!!

Na super, wie soll ich Fynn denn so schnell ausfindig machen, wenn ich ihn noch nicht einmal rufen darf. Mein Blick schweift umher und stellt fest, dass dieser Raum voller Bücher einfach riesig zu sein scheint.

Zum Glück sitzt vorne hinter einem großen Tisch Alex, einer meiner Mitschüler, der wird mir sicher weiterhelfen können.

„Hey“, begrüße ich diesen und komme auch gleich zur Sache, „hast du Fynn gesehen? Wenn ja, sag mir bitte das Norman nicht hier ist!“

Alex hebt seinen Kopf aus einem dicken Wälzer hoch und schaut mich verträumt an.

„Fynn?… Hmmm… Ja… Der war hier.“

„Und? Nun sag schon. Wo wollte er hin“, schreie ich Alex geradezu an.

„Woher soll ich das denn wissen. Denkst du ich frage jeden, der hier raus geht, was er als nächstes vor hat?“, kommt es von ihm zurück, woraufhin er sich wieder in sein Buch vertieft und mich nicht mehr beachtet.

Also verlasse ich die Bücherei und will mich gerade wieder auf den Weg zur Pausenhalle machen, als ich weiter hinten bei den Toiletten ein Geräusch höre.

Leise und mit langsamen Schritten gehe ich in genau diese Richtung und sehe jemanden in die Toilette huschen. Ich bin mir ganz sicher, dass diese Person eine knallblaue Jacke anhatte, wie sie nur Sven trägt.

Schnell gehe ich ihm nach und werde auch prompt von Norman begrüßt.

„Man hast du uns aber lange warten lassen.“

„Ja“, lacht Sven, „dein Kleiner ist schon halb erfroren.“

Ich schaue mich um, kann Fynn aber nirgends entdecken, weshalb ich langsam auf die Anderen zugehe. Norman nickt und zeigt in eine der Kabinen, der ich mich nun zuwende.

Dort sitzt Fynn mit heruntergelassenen Hosen und zurückgebundenen Händen und ist tatsächlich am zittern. Was wohl aber eher wegen Angst und nicht wegen Kälte zu sein scheint, da es hier eigentlich von der Temperatur her geht.

„Was soll die Scheiße“, schreie ich Norman an.

„Na, na, na“, sagt dieser, „du willst dich doch benehmen, oder?“

Das ist kein Spiel mehr und geht definitiv zu weit! Dennoch will ich wissen was die beiden vorhaben.

„Was willst du?“, frage ich deshalb direkt.

„Ganz einfach. Ihr sollt euch küssen“, verlangt Norman.

Wenn es weiter nichts ist, soll er seinen willen von mir aus haben.

„Aber mit Zunge“, mischt sich Sven nun ein.

Ich schaue Fynn fragend an, dem wohl alles recht zu sein scheint, da er nur hier weg will. Weshalb ich auch zu ihm rüber gehe, sein Gesicht vorsichtig in beide Hände nehme und meine Lippen auf die seinen lege.

Langsam fahre ich mit der Zunge über Fynns Lippen und mit leichtem Druck auch dazwischen, um in seine Mundhöhle einzutauschen. Hinter mir vernehme ich gestellte Würgegeräusche, befolgt von Entsetzen und Ih-Rufen.

Nur kurz darauf Schritte und das zuschlagen der Toilettentür. Erst jetzt löse ich mich von Fynn, der wie hypnotisiert da sitzt und sich kein Stück bewegt.

Dann erlöse ich ihn von seinen Fesseln und helfe ihm auf die Beine, um seine Hose hochzuziehen.

„Na komm,“ sage ich zu Fynn, „Die nächste Stunde fängt gleich an.“

Doch Fynn folgt mir nicht und als ich mich zu ihm umschaue, sieht er mit erröteten Wangen beschämt zu Boden.

„Oh Mann,“ platzt es aus mir heraus, „das war doch nicht etwa dein erster Kuss, oder?“

Ein zaghaftes, kaum war zu nehmendes Nicken kommt von meinem Freund und zaubert mir ein Schmunzeln aufs Gesicht. Ich gehe zu Fynn rüber und nehme ihn fest in den Arm, bevor ich ein „Tut mir Leid“ in sein Ohr raune.

„Ich schulde dir wohl jetzt was“, füge ich noch hinzu.

„Wieso denn das?“, will Fynn von mir wissen.

„Na, weil der erste Kuss etwas ganz Besonderes ist“, erkläre ich und bugsiere ihn Richtung Tür, da es gerade zur Stunde läutet.

„Hat es sich deshalb so gut angefühlt?“, fragt mein Freund mich noch, bevor wir von den anderen Schülern übertönt werden, so dass ich mir eine Antwort sparen kann, da Fynn sie nicht hören würde.

Der Rest des Tages verläuft zum Glück ruhig und sogar die Busfahrt gelingt reibungslos. Erst als wir aus dem Bus aussteigen, höre ich Norman rufen.

„Vergesst euren Abschiedskuss nicht.“

Doch Fynn hält mich davon ab, wieder in den Bus zu steigen und auf den Unruhestifter los zugehen.

„Wenn dir das zu viel wird, brechen wir die Wette ab“, sage ich zu ihm.

„Was? Wieso das denn?“, will mein Freund von mir wissen und da fällt mir auch wieder das Geld ein.

„Ich sagte nur WENN“, bestätige ich meine Aussage.

„Wird es nicht. Du bist ja da“, kommt es von Fynn und im nächsten Moment spüre ich seine Lippen für einen kurzen Augenblick auf den meinen.

„Dann bis morgen“, ruft er noch winkend und lässt mich einfach stehen. In der Schule hatte er mir schon gesagt, dass er heute zu seiner Oma müsse, da dieser Geburtstag hat.

Was ja nicht weiter schlimm ist, schließlich ist morgen auch noch ein Tag. Erst als Fynn hinten an der Ecke in seine Straße einbiegt, mache auch ich mich auch auf den Nachhauseweg.

Längst hat es schon wieder angefangen zu schneien und lässt alles um mich herum weiß werden. Langsam stapfe ich durch den immer höher werdenden Schnee und dabei gehen mir folgende Worte immer wieder durch den Kopf.

„Hat es sich deshalb so gut angefühlt?“

*-*-*

Dienstag

Am nächsten Morgen werde ich von meiner Mutter geweckt.

„Schatz steh mal auf und schau aus dem Fenster“, ruft sie.

„Nur noch fünf Minuten“, brumme ich in mein Kopfkissen.

Doch meine Mutter steht bereits bei mir im Zimmer und zieht die Jalousie

hoch und mir die Bettdecke weg.

„Mum, ich hab nichts an“, kreische ich.

„Denkst du ich hätte sowas noch nie gesehen. Außerdem bist du schließlich mein Sohn!“, schimpft sie.

Sicher bin ich das, aber irgendwo will man ja auch seine Privatsphäre haben. Dennoch hat sie erreicht was sie wollte und ich schlüpfe schnell in meine Jogginghose und gehe zu ihr ans Fenster.

Draußen ist alles weiß und voller Schnee, aber nicht nur ein bisschen, nein, Meterhoch.

„Boah“, rutscht es mir raus.

„Heute ist Schulfrei! Die Busse fahren nicht und die Arbeit fällt auch aus. Auf den Straßen geht nichts mehr“, erzählt mir meiner Mutter nun.

„Na super!“, grummel ich, „und dann weckst du mich.“

„Klar, bevor du mir nachher nicht geglaubt hättest. Es ist so mild draußen, das es bis zum Nachmittag bestimmt alles wieder weg ist und du Langschläfer hättest von alle dem nichts mitbekommen“, erklärt mir meine Mutter und verlässt dabei mein Zimmer.

„Ach ja, wenn du magst, da sind noch Aufbackbrötchen. Ich gehe jetzt wieder zu deinem Vater ins Bett“, kommt es noch, bevor sie mir die Zunge raus streckt und die Tür hinter sich schließt.

Klasse, nun bin ich wach. Ich lege mich wieder aufs Bett und frage mich ob schon jemand von meinen Freunden wach ist, als mein Handy eine SMS meldet.

Es ist Fynn, was mir sofort ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

*Kommst du mit raus? Schneeballschlacht?*

Schnell schicke ich eine Antwort.

*Na klar!*

Den Gedanken dass der Schnee zu hoch sein könnte, verdränge ich schnell und begebe mich ins Bad. Nach einer heißen Dusche und einen schnellen Brötchen, schäle ich mich in wetterfeste Kleidung.

Dann schreibe ich noch schnell einen Zettel und schleiche mich aus dem Haus. Tatsächlich versacke ich bis zu den Kniekehlen, was das Laufen recht schwierig erscheinen lässt.

Ich brauche länger als sonst zum üblichen Treffpunkt und bin zwischendurch drauf und dran, einfach abzusagen und wieder in mein gemütliches Bett zu hüpfen.

Doch schon von weitem sehe ich Fynn, der mit einem alten Schlitten mir zuwinkend entgegen kommt. Er strahlt mich an und seine Wangen sind vor Kälte noch viel röter als sonst.

Seine Hände reibt er wärmend aneinander und versucht seine kalten Finger zu wärmen.

„Hey“, begrüßt er mich.

„Hey,“ antworte auch ich.

„Gib mal er“, füge ich noch hinzu und lege seine Hände in die Meinen, um sie zu wärmen.

Sanft reibe ich sie zwischen meinen Händen, die von schützenden Handschuhen umgeben sind.

„Geht es?“, frage ich Fynn und schaue ihm dabei direkt in die Augen.

Für einen Moment vergesse ich alles um mich herum und als würden meine Lippen sich selbstständig machen bewegen sie sich auf Fynns zu. Doch dazu kommt es nicht, da wir von einem Klatschen unterbrochen werden.

Um uns herum tauchen viele unserer Freunde und Mitschüler auf, die anscheinend genau wie wir, von unseren Eltern früh geweckt wurden und nun im Schnee toben wollen – Das lässt einem nochmal Kind werden!

„Küssen… Küssen… Küssen…“, kommt es im Chor.

Als ich Fynns Blick wieder fange, strahlt dieser regelrecht und so ziehe ich ihn zaghaft an seinen Händen näher an mich heran, um ihn zu küssen.

Sobald sich unsere Lippen berühren, verschmelzen sie ineinander zu einem endlos erscheinenden intensiven Kuss, begleitet von einem tobenden Beifall.

Kaum aber haben sich unsere Lippen voneinander getrennt, fliegt schon der erste Schneeball und darauf noch viele weitere. Den Rest des Tages verbringen wir damit uns im Schnee auszutoben, bis er fast weggetaut ist.

*-*-*

Mittwoch

Am Nächsten Morgen ist der Schnee fast weggetaut, so wie meine Mutter es vorhergesagt hatte – Was wieder heißt, dass wieder Schule ist. Der Tag verläuft ähnlich wie am Montag, nur dass es sehr viel ruhiger ist.

Keine blöden Sprüche hört man, noch nicht einmal getuschelt wird. Dieses Mal nehme ich Fynns Hand, als wir aus dem Bus aussteigen, doch nichts passiert.

Aber das merkwürdigste an der ganzen Sache ist, dass ich mich gut dabei fühle und auch mein Freund neben mir scheint sich wohl zu fühlen, da er strahlt.

In unserem Klassenzimmer herrscht schon Betrieb und als wir es betreten ist eine komische Stille zu vernehmen. Erst als ich mich auf meinen Platz gesetzt habe, sehe ich mit großen Buchstaben an der Tafel stehen. Andi + Fynn und umrandet ist es mit einem großen, roten Herz.

Normalerweise hätte mich das sehr geärgert, aber ich bleibe ruhig. Meine Gedanken sind bei heute Nachmittag, da werde ich mit meiner Mutter in die Stadt fahren und Fynn sein Geschenk kaufen.

Unsere Mitschüler nehmen unsere Beziehung sonst so hin, sogar die Lehrer sagen nichts dazu. Ich denke in der heutigen Zeit ist es einfacher offen schwul oder bisexuell zu leben, als wie vor fünf oder zehn Jahren.

Auch wenn es bei uns nur eine Wette ist, die gewonnen werden muss!

*-*-*

Am Nachmittag kaufe ich ein Buch für Fynn, von dem ich mir sicher bin, dass es ihm gefällt. Kurz darauf telefoniere ich mit meinem Freund, der den Rest des Tages damit verbringen muss, auf seine zwei jüngeren Geschwister aufzupassen.

„Na, sind die Kleinen sehr anstrengend?“, begrüße ich Fynn.

„Ach es geht wohl. Ich kenne das ja schon“, kommt es etwas zurückhaltend von ihm.

„Ist alles okay?“, will ich wissen, „war es in Ordnung für dich mit dem Händchenhalten in der Schule?“

„Warum fragst du mich das denn immer? Es ist alles okay, sonst würde ich das sagen“, brummt Fynn und ich höre Gekreische im Hintergrund.

„Tut mir Leid, ich muss jetzt auflegen! Wir sehen uns morgen in der Schule“, höre ich ihn noch sagen, bevor ein Tuten das Gespräch beendet.

Ich konnte mich noch nicht einmal verabschieden.

*-*-*

Donnerstag

Heute ist der 22. Dezember und somit der letzte Schultag vor den Winterferien. Wir haben Geld eingesammelt und wollen heute frühstücken.

Als Klassensprecher übernehme ich den Einkauf mit zwei Helfern.

Leider ist Fynn nicht mit dabei, wobei ich gerne gewusst hätte was gestern los war. Im Bus setzt er sich ganz nach vorne und da wir man gerade eben noch den Bus erreichen und es sehr voll ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als in der Mitte stehen zu bleiben.

Erst als wir bei der Schule ankommen, gelingt es mir meinen Freund zu begrüßen.

„Hey“, sage ich und gebe ihm einen kleinen Kuss auf den Mund.

„Hey, da habt ihr ja jede Menge eingekauft“, lächelt Fynn mich an und zeigt auf die Tüten, die ich trage.

„Ja, schließlich muss für jeden was dabei sein“, gebe ich zurück.

„Stimmt, jeder hat einen anderen Geschmack“, kommt es von meinem Freund und er wendet sich ab, um Richtung Schule zu gehen.

Ich begleite ihn und bemerke, dass etwas nicht stimmt.

„Was war denn gestern los?“, frage ich erst einmal nach.

„Gestern?“, schaut Fynn mich fragend an.

„Ja, du hast so schnell aufgelegt. Ich konnte noch nicht mal mehr tschüss sagen“, erkläre ich.

„Ach so… ja… Tut mir Leid… Die Beiden waren so anstrengend, haben sich nur gestritten“, sagt Fynn stockend und ich merke wie schwer er sich damit tut.

„Das muss dir doch nicht Leid tun. Ich habe mir nur Sorgen gemacht“, versuche ich ihn zu beruhigen und nehme ihn etwas in den Arm.

Für einen Moment sind wir uns ganz nah und ich bin versucht ihn einfach zu küssen, als es plötzlich zur Stunde läutet. Die Doppelstunde verbringen wir also getrennt sitzend mit frühstücken.

Draußen merkt man, dass sich etwas zusammen braut. Es scheint, als wäre es die Ruhe vorm dem Sturm, weshalb auch nach der Stunde die ganze Schule nach Hause geschickt wird.

Die Busfahrt über sitzen Fynn und ich auch ruhig nebeneinander, vielleicht weil wir uns belauscht vorkommen. Erst als wir aussteigen finden wir unsere Worte wieder.

„Sehen wir uns die Feiertage über?“, frage ich Fynn.

„Gerne. Wir können ja nochmal telefonieren, wenn du magst“, antwortet dieser.

„Gut dann mal ab nach Hause, es wird schon langsam ungemütlich“, sage ich und nehme meinen Freund in die Arme.

Dann drückt er mir einen dicken Kuss auf den Mund, bevor er mit einem Lächeln auf den Lippen seinen Weg geht. Heute warte ich nicht bis Fynn an der Ecke ist, sondern gehe auch direkt los, da es schon sehr windig geworden ist.

Kurz bevor ich Zuhause an komme, erhalte ich eine SMS von meinem Freund.

*Bin gut angekommen. Kuss Fynn.*

Auch ich schicke ihm eine beruhigende Nachricht zurück, bevor meine Mutter mich in Vorbereitungen gegen den bevorstehenden Schneesturm einspannt.

*Ich auch. HDL, Kuss Andi.*

*-*-*

Durch den ganzen Stress, komme ich erst am Abend nach dem Abendbrot dazu Fynn anzurufen.

„Na, alles klar bei euch?“, begrüße ich ihn.

„Ja, alles Sturmfest gemacht!“, lacht er.

„Wir auch. Oder wohl besser gesagt, ich auch“, sage ich zu meinen Freund.

„Was? Du bist auch Sturmfest?“, höre ich Fynn kichern, „dann kannst du ja her kommen zu mir.“

Ich kann mir mein Lachen auch nicht verkneifen.

„Wieso hast du schon Sehnsucht nach mir?“

Doch anstatt einer Antwort folgt eine unangenehme Stille.

„Fynn? Bist du noch da?“, will ich nach einer Weile wissen.

„Ja“, kommt es kurz und knapp als Antwort.

„Hmmm… Ja – du hast Sehnsucht oder Ja – du bist noch da?“, frage ich ganz frech nach.

„Beides“, kommt es kleinlaut vom anderen Ende der Leitung und ich merke wie mir mollig warm ums Herz wird.

„Ich habe auch Sehnsucht nach dir“, sage ich zu Fynn.

Doch plötzlich höre ich nur noch ein Rauschen in der Leitung und als ich erneut Fynns Nummer wähle sagt mir eine Stimme, dass eine Verbindungsstörung vorliegt.

Was aber auch kein Wunder ist, da Draußen der Sturm bereits im vollen Gange ist.

*-*-*

Freitag

Ich verbringe den Tag damit mein Zimmer aufzuräumen und Fynns Geschenk einzupacken. Der Strom ist nur Teilweise da, weshalb wir so wenig wie möglich in Anspruch nehmen dürfen.

Was heißt, dass der Fernseher nur zu den Nachrichten kurz angeschaltet wird und Kerzen das Licht ersetzen. Draußen ist es den ganzen Tag über Finster und der Wind tobt, als wolle er alles was nicht festgemacht wurde, weit wegtragen.

Erst am Abend als sich der Sturm beruhigt hat, versuche ich mein Glück und sende eine SMS an Fynn.

*Hoffe es geht euch gut. Morgen soll es wieder besser sein. Deshalb würde ich am späten Abend gerne zu dir kommen.*

Weil keine Antwort kommt, mache ich mich Bettfertig und lege mich schlafen. Erst ganz spät nachts höre ich mein Handy. Im Halbschlaf greife ich danach und öffne die Antwort.

*Okay, bin dann zu Hause!*

*-*-*

Samstag (Heilig Abend)

Als ich am Morgen die Augen aufschlage, scheint die Sonne herein und färbt alles in einen warmen orange ein. Der Blick aus dem Fenster bestätigt mir, dass der Sturm sich beruhigt hat. Auch wenn alles Schneeweiß ist, sieht man wie er gewütet hat.

Schnell gehe ich ins Bad, mache mich frisch und ziehe mich an. Es ist viel aufzuräumen und der Baum muss auch noch geschmückt werden. Meine Mutter teilt noch beim Frühstück jeden seine Arbeit zu, so dass der Tag wie im Flug vergeht.

Traditionell gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen zum Abendbrot und die Geschenke sind keine Überraschung mehr für mich. Neben Geld liegen noch Süßigkeiten und ein paar Anziehsachen, die ich mir selber ausgesucht habe, unterm Baum.

Ich denke Weihnachten ist meist nur noch was für kleine Kinder in Sachen Geschenke richtig toll oder vielleicht bin ich auch ein Weihnachtsmuffel.

Gegen zwanzig Uhr lasse ich meine Eltern alleine unten und packe meinen Rucksack für den Besuch bei Fynn. Dann gehe ich noch schnell unter die Dusche, bevor ich mich dick einpacke und meiner Mutter Bescheid gebe, dass ich noch Weg gehe.

Draußen ist es bereits dunkel, aber der Mond leuchtet hell und eine Sternenklare Nacht zeigt mir den Weg. Der Schnee knirscht unter meinen Füßen und bei jedem Schritt steigt die Vorfreude auf Fynns Gesicht, wenn er sein Geschenk auspackt.

Oder ist es weil wir uns gestern nicht gesehen haben? Vielleicht auch weil seine lieben Worte immer noch in meinem Ohr hallen? Den Weg bringe ich schnell hinter mir und endlich drücke ich auf die Klingel wo Fynn mit seinen Eltern wohnt.

Einer seine Brüder, der mich bereits kennt, öffnet mir die Tür.

„Hallo“, begrüßt er mich, „Fynn ist oben in seinem Zimmer.“

„Hi. Gut, dann geh ich mal rauf“, antworte ich und husche ins Haus rein.

Drinnen steigt mir der Duft von Lebkuchen und Tanne in die Nase. Schnell steige ich die Treppe hinauf, nehme zwei Stufen auf einmal, so eilig habe ich es.

Oben im Flur nehme ich noch meine Mütze ab und riskiere einen prüfenden Blick in den Spiegel, der im kleinen Flur hängt. Meine Hände wische ich an meiner Hose ab, da sie ganz feucht sind vor Aufregung, bevor ich an Fynns Zimmertür klopfe.

Ich spüre wie mein Herz mir bis zum Halse schlägt, als ich langsam mit zitternden Händen die Tür öffne. Das ganze Zimmer ist mit Tannenzweigen geschmückt und überall stehen brennende Kerzen herum. Leise Musik läuft und mein Freund sitzt auf seinem Bett und strahlt mich mit seinen wunderschönen blauen Augen an.

„Hey, da bist du ja endlich“, kommt es von Fynn, „der Tag wollte und wollte nicht vergehen.“

„Ja. Aber nun ist es ja Abend und ich bin da“, sage ich zu ihm, während ich ins Zimmer reingehe und die Tür hinter mir schließe. Aus reinem Reflex drehe ich den Schlüssel um, da wir sonst ständig von einem seiner Geschwister gestört werden würden.

Dann gehe ich rüber zum Bett, nehme meinen Rucksack ab und ziehe meine Jacke aus.

„Willst du hier einziehen?“, will mein Freund von mir wissen und zeigt auf meinen voll bepackten Rucksack.

Ich muss lachen und schüttle kräftig mit dem Kopf. Dann nehme ich direkt neben Fynn platz, so dass sich aus versehen unsere Knie berühren und öffne meinen Rucksack, um das Geschenk herauszuholen.

Zwei blaue Augen neben mir leuchten vor Freude, als ich es ihnen überreiche.

„Bitte. Das ist für dich, ich hoffe es gefällt dir“, sage ich.

Ein angenehmes Rascheln folgt und ein strahlendes Gesicht, bevor mich zwei zarte Arme umschlingen.

„Danke, das ist super. Genau das Buch wollte ich schon die ganze Zeit haben“, platzt es aus Fynn raus, während er mich kräftig drückt.

Diese angenehme Wärme tut verdammt gut, nach der Kälte die Draußen herrscht und so lasse ich es mir nur zu gerne gefallen. Doch leider löst Fynn sich viel zu schnell mit einem Seufzen von mir und schaut betrübt zu Boden.

„Was ist denn los?“, will ich auch gleich wissen, „stimmt irgendetwas nicht?“

Hätte ich ihm vielleicht doch kein Geschenk machen sollen?

„Ich…“, stottert Fynn.

Nun sag doch schon was los ist! Du machst mich ja ganz verrückt.

„Also, ich…“, setzt er erneut an.

„Wenn du das Buch doch nicht möchtest, dann tauschen wir es um“, räume ich ein.

Schließlich habe ich vorsichtshalber den Kassenbon aufbewahrt.

„Das ist es nicht“, kommt es nun von meinem Gegenüber.

„Was denn dann?“, frage ich nun direkt nach.

„Ich… Ich habe gar kein Geschenk für dich“, seufzt Fynn nun.

Ach das ist sein Problem.

„Aber das macht doch nichts. Ich habe es dir geschenkt, weil ich dir gerne etwas schenken wollte und nicht weil ich auch ein Geschenk erwartet habe“, versuche ich Fynn zu erklären, wobei ich meine Hand an sein Kinn lege, um seinen Kopf anzuheben, so dass er mich ansehen muss.

Tränen haben sich in seinen schönen Augen gebildet und als er mir nun ins Gesicht schauen muss, laufen sie über seine Wangen und hinterlassen kleine Spuren auf seiner Porzellanhaut.

„Hey“, sage ich und nehme meinen Freund in die Arme.

„Ich hätte dir auch so gerne was gekauft“, schluchzt dieser und drückt sein Gesicht in meine Hals beuge.

„Das weiß ich doch“, zwinge ich mich zu sagen und merke, dass sich ein Kloß in meinem Hals gebildet hat. Schließlich bin ich mir durchaus bewusst darüber, dass Fynn gar nicht das Geld dazu hätte mir ein Geschenk zu kaufen. Aber wie sagt man immer so schön, der Wille zählt!

Langsam lasse ich mich zurück fallen und werde von weichen Kissen aufgefangen. Mein Freund liegt nun halb auf mir und krallt sich regelrecht an mir fest, wobei ich seine nassen Tränen ganz genau am Hals spüre. Vorsichtig fahre ich mit einer Hand durch seine Haare und merke wie er sich allmählich beruhigt.

Dann legt er seinen Kopf seitlich auf meine Brust ab und fängt an mit einem Finger kleine Kreise über meinen weichen Pulli zu ziehen.

„Dabei hätte ich gar nicht gewusst was ich dir kaufen sollte“, kommt es plötzlich von Fynn und ich kann nicht anders als pustend loszulachen.

Erst schaut mich mein Freund verwundert an, doch dann muss auch er lachen. Wir fangen an uns auf dem Bett hin und her zu rollen und als wir zum Stillstand kommen, liegt Fynn unten.

Seine Augen sind leicht gerötet vom weinen und eine kleine Träne wische ich mit meinem Zeigefinger weg, als Fynn meine Hand nimmt und genau diesen Finger in seinen Mund steckt.

Er fängt an daran zu saufen und zu lecken, so dass mir die Schamröte ins Gesicht steigt. Es ist nur eine kleine Geste, die so viel in mir bewirkt – Aber vor allem in meiner Hose.

Nun zieht Fynn meinen Finger langsam aus seinem Mund raus und knabbert nur an der Spitze ein wenig. Das gibt mir den Rest! Ich entreiße ihm meinen Finger und drücke meine Lippen auf die seinen, bevor ich mich wieder etwas zügle, um mit meiner Zunge in seine Mundhöhle einzutauchen.

Liebevoll, ja geradezu zaghaft erwidert mein Freund den Kuss, aber dennoch wohl wollend. Denn seine Hände haben ihren Weg bereits unter meinen Pulli, auf meine nackte Haut gefunden und führen geradezu quälende Streicheileinheiten durch.

Meine Zunge beginnt ein neckendes Spiel mit Fynns, während auch ich meinen Händen einen Abstecher unter dessen Hemd gestatte. Warm und weich ist seine Haut, fast wie Seide, so dass ich gar nicht genug von ihr bekommen kann.

Nur ab und zu genehmige ich meinem Freund, etwas Luft zu schnappen, zwischen der Küsserei. Denn dann wandert mein Mund seinen Hals auf und ab, wobei ich seinen Geruch tief einatme und ihm meine Markierung in Form von kleinen Malen aufdrücke.

Meins… alles meins! Unterdessen wandert meine Hand unter seinem Hemd zwischen der linken und rechten Brustwarze hin und her. Neckt die eine, trist die anderen und kneift auch mal hinein.

Fynn windet sich vor Lust unter mir und gibt ab und an ein leises Stöhnen von sich, was mir ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubert. Auch er ist sichtlich erregt, wie es die Abzeichnung seiner Hose deutlich zeigt. Immer wieder stößt meine Härte an seine und reibt mit leichtem Druck darüber.

Für einen kleinen Moment halte ich inne, schaue Fynn direkt in die Augen und vergewissere mich dass es okay ist, was wir hier tun. Ich muss einfach wissen, ob er es genauso möchte wie ich.

Er lächelt liebevoll und legt seine Hand in meinen Nacken, um mich wieder zu sich runter zu ziehen, für einen erneuten Kuss. Nur allzu gerne erwidere ich diesen und lasse dabei meine Hand etwas tiefer gleiten, so dass sie Fynns Hosenbund erreicht.

Ich hätte nie gedacht, dass mich ein anderer Mann so erregen könnte. Noch einmal halte ich inne, um das störende Hemd aufzuknöpfen und die darunter verborgene Haut mit feuchten Spuren zu übersehen.

Fynns Hand krallt sich in meinen Haaren fest und dirigiert mich immer weiter runter. Spielerisch umkreise ich seinen Bauchnabel mit der Zunge, bevor ich sie hinein gleiten lassen.

Währenddessen öffne ich den Gürtel, sowie den Knopf und Reizschluss seiner Hose. Seine Erregung springt mich geradezu an, auch wenn sie noch von der Unterhose verpackt ist.

Langsam wird es auch mir zu eng untenherum, weshalb ich auch meiner Härte Luft verschaffe. Jetzt wo die Hosen offen sind, ist der Kontakt zwischen unseren Steifen viel intimer, auch wenn jeweils ein dünner Stoff sie trennt.

Es erregt mich viel mehr als vorher und die Küsse werden auch stürmischer. Wie in Trance reiben wir uns rhythmisch aneinander. Kurz löse ich mich von Fynn, um uns von den störenden Hosen zu befreien.

Er zieht noch sein Hemd aus und mir ist es auch längst viel zu warm unter meinem Pulli. Kaum ist das geschehen, küssen wir uns wieder. Jetzt trennt uns nur noch der zarte Stoff unserer Unterhosen voneinander, wobei bei dem Gereibe auch ab und an, die Spitze unserer Erektionen nach Luft schnappt.

Während ich abermals meine Bahnen an Fynns Hals ziehe, spüre ich seine Lippen an meinem Ohr, wie sie zärtlich daran knibbeln. Ich lasse das gerne zu und schicke meine Hand zwischen uns runter, um unsere Shorts beiseite zu schieben.

Ich nehme unsere Härten in die Hand und drücke sie aneinander. Langsam bewege ich sie auf und ab, wobei ich erst jetzt merke wie erregt wir eigentlich schon sind.

Fynn lässt von meinem Ohr ab und verwickelt mich wieder in einen leidenschaftlichen Kuss, der viel süßer als Schokolade schmeckt und das Finale unseres Liebesspiels herbei läutet.

Wir ergießen uns gleichzeitig zwischen unseren aufgeheizten Körpern, bevor wir keuchend den Kuss beenden, um nach Luft zu schnappen. Dann kuscheln wir uns ohne ein Wort aneinander und schlafen auch schon bald ein.

*-*-*

Sonntag

Am Nächsten Morgen werden wir von meinem Handy geweckt, dass laut vor sich hin klingelt. Im ersten Moment will ich gar nicht ran gehen, doch da es keine Ruhe gibt, gebe ich dann doch nach.

„Ja“, brumme ich.

„Guten Morgen“, begrüßt mich Norman am anderen Ende der Leitung.

„Morgen“, quietsche ich, da ich mir nicht sicher bin, ob der Morgen wirklich gut ist. Schließlich wurde ich meiner Meinung nach viel zu früh geweckt.

„Wie sieht es denn aus bei dir? Oder sollte ich besser euch sagen?“, will mein Gesprächspartner von mir wissen.

Allerdings lässt er mir keine Zeit zum Antworten, sonder fährt weiter fort.

„Wie es mir scheint, hast du die Wette sehr ernst genommen. Ich war gerade bei dir zu Hause und deine Mutter sagte mir, dass du die Nacht über nicht da warst.“

Ich kann ganz genau den Unterton in Normans Stimme hören. Einerseits scheint er sich zu ärgern, dass er die Wette verloren hat, aber andererseits meint er auch mich damit aufziehen zu müssen.

„Stimmt“, antworte ich ihm, „ich habe bei Fynn übernachte. Aber was ist denn schon dabei? Hast du noch nie bei einem Freund übernachtet? Außerdem waren wir bis gestern ja auch noch ein Paar!“, betone ich meine Aussage.

Ich bekomme mit, dass Fynn aufsteht, seine Sachen nimmt und das Zimmer verlässt, vermutlich will er ins Bad. Als ich die Decke wegschlage, um nach meinen Klamotten zu suchen, sehe ich auf meinem Bauch die Spuren von letzter Nacht.

Ich erinnere mich nur zu gut daran, was gestern war.

„Dann hast du wohl die Wette gewonnen“, höre ich Norman noch sagen, „ich bin gleich bei Fynn und gebe dir das Geld. Wettschulden sind schließlich Ehrenschulden.“

Anschließend folgt ein Tuten und auch ich lege auf. Schnell suche ich meine Sachen beisammen und ziehe mich erst mal an. Danach gehe ich zum Badezimmer und klopfe an die Tür, weil ich mich ja auch etwas frisch machen will.

Als jedoch keine Antwort kommt, gehe ich hinein. Fynn ist nicht da, er scheint wohl runter gegangen zu sein und so erledige ich meine Katzenwäsche.

Nur kurze Zeit später klingelt es an der Tür. Ich vermute dass Norman das ist und gehe in den Flur, um bei der Treppe auch schon auf Besagten zu treffen.

„Hey“, begrüßt er mich, „hier das Geld.“

„Danke“, sage ich, nehme das Geld entgegen und stecke es in meine Hosentasche.

„Sag mal was ist denn mit Fynn los?“, will Norman noch von mir wissen.

„Wieso, was soll denn mit ihm los sein?“, frage ich zurück.

„Der kam mir gerade fix und fertig entgegen. Hat mich fast umgerannt“, kommt es noch von Norman, während er die Treppe bereits wieder runtergeht.

Ich stocke und grüble was ich verkehrt gemacht haben könnte, als es bei mir klick macht. Wie kann man nur so ein Idiot sein? Schnell stürme ich ins Zimmer, schnappe meine Jacke und renne aus dem Haus.

Ausversehen remple ich Norman um, was mir nun aber auch mehr als gleichgültig ist. Das einzige was ich im Kopf habe, ist, dass ich Fynn finden muss.

Aber wo soll ich suchen? Weit kann er eigentlich noch nicht sein. Etwas verwirrt schaue ich mich um, als mir auffällt, dass noch nicht viele Fußspuren im Schnee zu sehen sind.

Norman kam von links, da er ja sagte, er war bei mir zu Hause und meine Spuren sehe ich auch. Mein Blick fällt nach rechts, wo alles noch schneeweiß und unberührt scheint. Also muss Fynn geradeaus über die Straße gegangen sein, schließe ich daraus und renne schnell rüber, nachdem ich geschaut habe, ob auch kein Auto kommt.

Wieder schaue ich nach links und rechts, aber alles bis auf ein paar Spuren von einem Vogel ist unberührt. Er muss geradeaus durch die Hinterhöfe gegangen sein, wie wir es öfters machen.

Tatsächlich sehe ich, nach kurzem Suchen, seine Spuren im Schnee und beeile mich, ihnen zu folgen.

Nach ein paar Häusern meine ich Fynn zu sehen, der weiter vorne vor sich hin schlendert und den Schnee mit seinem Fuß tritt, so dass kleine Flocken nach oben schießen.

Erst will ich nach ihm rufen, entschließe mich dann aber doch es nicht zu tun. Vielleicht würde er wegrennen. Da er ziemlich langsam läuft, habe ich ihn schnell eingeholt und packe ihn an einer Schulter, um ihn zu mir umzudrehen.

Dicke Tränen laufen über seine Wangen und seine Nase läuft. Verzweifelt krame ich nach einem Taschentuch, dass ich ihm reiche. Fynn schnäuzt sich erst einmal, versucht sich zu beruhigen und aus irgendeinem Grund scheint die Zeit still zu stehen.

Es fängt wieder an zu schneien, dicke Flocken landen auf Fynns Jacke, auf seinen Haaren. Sie bleiben haften, als wären sie nicht echt. Erst nach einer ganzen Weile finde ich meine Worte wieder.

„Ich hätte das am Telefon nicht sagen dürfen“, ersuche ich den Anfang zu machen.

„Wieso? Du hast doch nur die Wahrheit gesagt“, kommt es von meinem Gegenüber.

„Okay, dann erkläre mir, warum du gerade weggelaufen bist und nun hier stehst zu weinen“, fordere ich Fynn auf.

„Vielleicht hatte ich ja etwas im Auge“, versucht der sich auszureden.

Gut, wenn er nicht will.

Ich krame nach dem Geld und reiche es Fynn.

„Hier. Nimm es. Es gehört dir!“, sage ich zu ihm.

„Willst du mich jetzt etwa dafür bezahlen, was gestern war?“, schreit dieser mich an.

Er schlägt das Geld aus meiner Hand, so dass es vom Wind umher gewirbelt wird.

„Spinnst du?“, will ich nun etwas lautstark von ihm wissen.

Doch bei Fynn laufen schon wieder die Tränen und ich krame erneut nach einem Taschentuch, was ich ihm anschließend reiche. Doch als ich ihn in die Arme nehmen will, schubst er mich weg, so dass ich im Schnee auf meinen Hintern lande.

„Was soll das denn nun?“, frage ich gereizt.

„Ich bin dir doch völlig egal“, schluchzt Fynn, „denkst du ich habe mit jedem einfach mal eben so Sex?“

„Nein“, antworte ich, „Das denke ich nicht.“

Dann versuche ich aufzustehen, was sich sehr schwierig erweist, so dass ich erneut auf dem Hintern lande.

„Mist“, fluche ich und haue mit der Faust in den Schnee.

„Willst du wirklich wissen, was ich denke?“, fahre ich dann fort, warte aber Fynns Antwort nicht ab, „ich denke, dass ich die Wette nie eingegangen wäre, wenn ich dich nicht mögen würde. Außerdem hätte ich das Geld vielleicht nie annehmen sollen, da es schon seit Mitte der Woche keine Wette mehr war, sondern eine richtige Beziehung.“

Kaum habe ich diese Worte ausgesprochen, fällt Fynn mir in die Arme und wir küssen uns leidenschaftlich.

„Ich hatte solche Angst, dass du nicht genauso fühlst wie ich“, kommt es von ihm, nachdem wir uns voneinander gelöst haben und endlich aufgestanden sind.

„Glaubst du, ich verliebe mich alle Nase lang in einen jungen Typen?“, lache ich meinen Freund an.

„Wohl kaum“, erwidert dieser, „aber ich auch nicht.“

Dann sammeln wir noch schnell das Geld ein, dass wir uns schließlich verdient haben, bevor wir zu Fynn nach Hause gehen, um uns aufzuwärmen und unsere nassen Sachen auszuziehen.

Was als Wette begann, endet mit dem schönsten Weihnachtsgeschenk, dass ich je bekommen habe… bis jetzt zumindest

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Information Das Auge von Corellon Larethin
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 09:58 AM - No Replies

Die Hände auf sein Schwert gestützt, sah er in die Ferne. Er hatte keine Angst davor, was kommen würde, er hatte nur Angst, alleine zu sein, keinen Mitstreiter zu haben und auch keinen Freund. Escorian sah weit am Horizont das Dunkle aufsteigen, das seinem Volk in nächster Zeit zur Gefahr werden konnte.

Aber von wem konnte er Hilfe erwarten. Die Gnome hatten eine Vorliebe Elfen zu fangen und sie dann zu verspeisen. Zwerge hielten sie für ein eingebildetes und arrogantes Volk. Unter andere Elfenstämme, nein, es gab keinen Zusammenhalt mehr unter ihnen.

Aber trotzdem sollte er eine Armee aufstellen und gegen das Dunkle kämpfen. Die Fee Kronsilga hatte er auf seiner Seite, sie sollte auch Verbindung schaffen. Doch Escorian hatte wenig Hoffnung, dass überhaupt ihm jemand half.

Er ließ sein Schwert, sein einzigster treuer Weggefährte, zurück in den Schaft gleiten. Die Kälte, die von der Dunkelheit ausging, konnte er bis hier her spüren. Auch sah er, dass die Natur darunter litt, sich langsam zurückzog, als würde sie sich auf einen langen Winter vorbereiten.

Escorian flog zurück zu seiner Behausung. Na ja, Behausung konnte man es nicht nennen, vielleicht im weitesten Sinne. Es war eher eine Anhäufung mehrerer Äste, verdeckt mit Blattwerk. Beim nächsten, größeren Sturm, würde sie sich wahrscheinlich in Wohlgefallen auflösen.

Er trat ein und ließ sich auf seine Schlafstätte fallen. Escorian suchte verzweifelt nach Lösungen, doch in seinem Kopf waren zu viele Gedanken. Wild hämmerten sie auf ihn ein. Er stand wieder auf und entledige sich seiner Kleidung.

Man konnte sagen, dass er wegen seiner Größe zierlich wirkte, aber dennoch war er einer der stärksten seines Stammes. Und doch gleichzeitig, war er ein Einzelgänger, wohnte alleine, nicht so wie die Anderen zusammen in einer Hütte.

Nackt wie er war, legte er sich wieder auf sein Bett. Es dauerte nicht lange und Escorian fiel in einen tiefen Schlaf. Wieder kam dieser Traum, den er fast jede Nacht träumte und nicht wusste, was er damit anfangen sollte.

Seine Eltern starben bei dem großen Sturm, der viel Schaden bei den Elfen angerichtet hatte. Seit dieser Zeit war er auf sich alleine gestellt und trotzdem spürte er, dass da noch etwas war. Aber es lag im Nebel.

Das Einzigste, an das er sich nach dem Aufwachen erinnern konnte, war sein Amulett, das er um den Hals trug. Es schuf eine Verbindung, die er aber nicht richtig deuten konnte. Er wusste nur, dass es ein Gegenstück geben musste und es sehr wichtig für ihn sein musste.

Er sank tiefer ab, ins Dunkle und es wurde kalt um ihn. Escorian stand alleine da, musste sich der Kälte erwehren. Aber es war nicht so wie sonst, dass er aufwachte. Er blieb bei seinen Träumen, geriet immer weiter in den Sog seiner Gefühle.

Irgendwas oder wer war da. Er versuchte es zu ergründen, aber spürte nur eine Wärme, die ihm bis dahin fremd war.

„Wir werden uns treffen“, sagte eine ihm unbekannte Stimme.

„Wer ist dort?“, fragte er.

„Du wirst es wissen, wenn der Zeitpunkt eintrifft!“

Schwach konnte Escorian eine Gestalt erkennen, mehr aber nicht. Nun wachte er auf, saß in seinem Bett und Schweiß ran ihm von der Stirn. Er hatte das geträumt, aber es war so real, dass es wirklich passiert sein musste.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, nur ihre ersten Vorboten, ließen den Wald in einem sanften Licht erscheinen. Escorian stand auf und trat vor die Tür. Er war sich seiner Nacktheit voll bewusst, doch hier wohnte niemand in der Nähe, so konnte er beruhigt an den Teich hinunter fliegen um sich zu waschen.

Es war normalerweise nicht Elfens Sachen, sich im Wasser zu waschen, aber er liebte es. Seine Flügel behinderten ihn in keinster Weise. Er tauchte unter und genoss das kühle Nass auf seiner Haut.

Die Sonne stieg langsam auf und ließ den Tau auf den Gräsern funkeln. Ohne Mühe stieg Escorian aus dem Wasser und spürte die ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Plötzlich hielt er inne, er fühlte sich beobachtet.

Vorsichtig schaute er sich um, aber konnte niemand entdecken. Seine Flügel trockneten sehr schnell, so konnte er auch wieder zu seiner Behausung fliegen, die sich hoch oben im Wipfel, des Baumes befand.

Das Gefühl beobachtet zu werden, verließ ihn dennoch nicht. Er zog sich schnell seine Hose über und trat wieder ins Freie. Er sah im Augenwinkel eine Bewegung und fuhr herum. Ein anderer Elf versuchte sich hinter einem Ast zu verstecken.

„Feydhao?“, rief er. (Wer bist du?)

Vorsichtig trat der Gerufene aus seinem Versteck.

„A’ dao Crisar!“, antwortete der Fremde. (Ich bin Crisar!)

Escorian hasste die alte Elfensprache, benutze sie nur bei Fremden, dieses Mal mochte er aber nicht.

„Crisar heißt du also, und wo kommst du her?“, fragte Escorian.

„Ich komme vom Auenland, suche hier einen Escorian, Tschiba schickt mich“, sagte Crisar.

„Tschiba schickt dich zu mir?“

„Du bist Escorian? “

« Ja, der bin ich. Und was will Tschiba?“, fragte Escorian.

„Sie hat mich zu dir geschickt, weil du Hilfe brauchen wirst! Kronsilga hat unser Dorf besucht und uns irgendwelche Schauermärchen von der Dunkelheit erzählt.“

„Und warum bist du dann gekommen?“

„Weil Tschiba sagte, du brauchst meine Hilfe.“

Crisar hatte bei den letzten Worten, den Kopf einwenig gesenkt. Er wusste nicht recht warum er hier war, er spürte nur, dass es richtig war und hier seine Zukunft zu sein schien. Als Findelkind gefunden, wuchs er wie Escorian ohne Eltern auf.

Auch unterschied sie beide nicht, dass sie bisher immer Einzelgänger waren und auch zu den besten Kämpfern des Landes gehörten. Doch waren sie sich bisher noch nie begegnet. Crisar schaute zu Escorian, der sich ein wenig gedreht hatte und etwas an ihm aufleuchtete.

Crisar erhob sich in die Luft und flog langsam zu Escorian. Je näher er kam, desto deutlicher konnte er erkennen, was da aufleuchtete. Ein Amulett, das auch er um den Hals hatte. Er ließ sich direkt vor Escorian auf dem Ast nieder.

„Was ist? Warum scharrst du mich so an?“, fragte Escorian.

„Das Amulett!“, antwortete Crisar und deutete auf Dieses.

„Was ist damit?“

Escorian nahm es in die Hand und betrachtete es. Erst da bemerkte er, dass es sich leicht erwärmt hatte. Er hob seinen Blick und schaute in Crisars Augen. Sie funkelten ihm grün entgegen. Crisar griff unter sein Hemd und zog an einem Lederband etwas hervor.

Crisar hatte wie er, die seltene blaue Färbung der Haut, auf die er jetzt schaute. Escorian traute seinen Augen nicht.

„Ich habe dasselbe“, meinte Crisar und hob Escorian, sein Amulett unter die Nase.

Doch bevor er etwas erwidern konnte, spürte er, wie sein Amulett wärmer wurde und zu leuchten begann. Je näher, Crisar sein Amulett herbewegte umso stärker wurde das Leuchten und die Wärme.

Als sich die beiden Amulette fast berührten, war das Licht mittlerweile so hell, das Crisar und Escorian schützen ihre Hände vor die Augen hielten.

„Was ist das?“, rief Crisar ängstlich.

Escorian versuchte sein Amulett wegzuziehen, aber eine unbekannte Kraft hielt ihn davor zurück. Als sich die beiden Metalle berührten, gab es einen großen Knall. Als beide die Augen wieder öffneten, wussten sie nicht, wo sie waren.

Sie standen zwar auf einem Ast, aber nicht auf dem Baum, auf dem Escorian seine Behausung hatte. Auch hatte sich die Umgebung verändert. Ein See war zwar vorhanden, aber die Bäume und Büsche sahen ganz anders aus.

Alles war in ein gleißendes Licht gehüllt und es schien, als würde es Unmengen von kleinster Sterne regnen.

„Wo sind wir?“, fragte Crisar.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Escorian und schaute sich weiter um.

Crisar merkte, das sich das Amulett auf Escorians Brust verändert hatte. Es schien sein Eigenes war mit dem von Escorian verschmolzen. Er sah auf seine Hand, in dem er noch immer dieses runde Metall hielt.

Es hatte ebenso die gleiche Form, wie Farbe.

„Schau!“, meinte er.

Escorian blickte zu ihm zurück und bemerkte ebenso, was mit ihren Amuletten vorgegangen war.

„Wer bist du?“, fragte er nochmals.

„Crisar, sagte ich doch bereits!“

„Nein, ich meine…, wie bist du an das Amulett gekommen?“

„Das habe ich so lange, wie ich denke kann!“

„Wisst ihr immer noch nicht, was oder wer ihr seid?“

Die doch zierliche Stimme ließ beide zusammenfahren und herum wirbeln, Eine weibliche Elfengestalt schwebte sanft über dem See. Wie die Umgebung, war auch sie in das helle Licht gehüllt.

„Mutter?“, fragte Escorian erstaunt.

„Es spricht für dich meine Junge, dass du mich erkennst!“, sagte die Elfe, die nun näher zu kommen schien.

Crisar verbarg sich ein wenig hinter Escorian.

„Warum versteckst du dich hinter deinem Bruder, Crisar, ich möchte dich sehen.“

„Bruder?“, fragte Crisar verwundert und schaute zu Escorian.

„Ja, ihr beide seit Brüder, aus dem selben Fleisch und Blut!“, antworte die Elfe.

„Mutter, aber warum…?“

„Frage nicht, Escorian, du würdest es nicht verstehen. Die Regeln sind so und daran kann man nichts ändern.“

Die Gestalt war sehr dicht herangekommen. Beide Elfen betrachteten ihre Mutter nun genau. Das Haar hing gold leuchtend bis zur Schulter herab. Auch sie hatte diese blaue Hautfärbung, wie die Beiden.

Ungläubig starrte Crisar immer noch auf die Elfe.

„Ich verstehe dich Crisar, dein Misstrauen mir gegenüber ist berechtigt. Aber irgendwann wirst du die Beweggründen von mir und deines Vaters verstehen“, meinte seine Mutter.

„Du hast Recht, im Augenblick verstehe ich überhaupt nichts mehr. Nicht was das hier soll, wo ich hier gelandet bin, wer ihr seid“, meinte Crisar und ließ sein Blick von seiner Mutter zu Escorian wandern.

„Crisar ist mein Bruder?“, fand Escorian wieder seine Worte.

Er drehte sich nun auch zu seinem Bruder und starrte ebenfalls. Erst jetzt fielen ihm die Ähnlichkeiten im Gesicht seines Bruders auf. Er hatte dieselbe kleine Nase, wie er selbst. Ebenso die Ohren neigten sich zur Spitze hin, leicht nach hinten.

Beide hatten sie das silberne Haar, mit leichtem, rotem Schein, das fast die Flügel zu bedecken schien.

„Ich habe nicht mehr viel Zeit und kann diese schützende Welt nicht mehr lange aufrecht halten. Deswegen hört mir genau zu und unterbrecht mich bitte nicht!“, sagte die Mutter.

Beide Elfen nickten. Sie hob ihre Hand und auf der Innenseite kam ein Amulett zum Vorschein, es sah dem, das die beiden Brüder um den Hals trugen, ähnlich. Vier Pfeilspitzen waren am Schaft zusammengeführt, zwei davon trugen blaue Lapislazulin, die anderen beide grüne Malachiten.

Ein Ring umfasste das Amulett und war an den Spitzen befestigt. In diesem Ringe waren vier gelbe Jaspis eingefasst. Der größte Stein jedoch, ein Feueropal, befand sich in der Mitte. Sein rotes Feuer, ließ den Rest erblassen.

Die Beiden schauten sich kurz an, bevor ihr Blick wieder zur Mutter wanderte.

„Das ist das Auge von Corellon Larethian, geschaffen von unserem Beschützer und Bewahrer des Lebens. Es wurde in vier Teile getrennt und weitergereicht an vier Brüder.“

„Wir haben noch mehr Brüder?“, fragte Crisar.

„Nein, es gibt noch ein weiteres Bruderpaar, das die beiden fehlenden Teile besitzt. Eure Aufgabe ist es sie zu finden!“

„Und wo sollen wir sie finden?“, fragte Escorian.

„Ihr werdet sie finden, mehr kann ich euch nicht sagen, nur dass dich Escorian, eine besondere Verbundenheit mit dem einen Bruder erreichen wird und das ihr alle keinen Eltern mehr habt.“

Escorians Stirn legte sich in Falten, die aber sogleich verschwanden, da seine Mutter sich wieder von ihnen entfernte.

„Und was machen wir dann?“, rief er ihr nach.

„Das wird sich finden!“, kam es von der Elfe zurück, bevor sie sich im Nebel auflöste.

Beide nahmen es nicht richtig war, aber plötzlich standen beide wieder auf dem Ast vor Escorians Behausung. Unfähig, wegen dem grad erlebten, sahen sich beide an, ohne etwas zu sagen. Crisar löste sich als erstes aus seiner Starre.

Er ging ein Schritt nach vorne und umarmte Escorian. Escorian, immer noch im Gedanken, schreckte ein wenig zurück, aber erwiderte dann doch die Umarmung.

„Die ganzen Jahre hatte ich das Gefühl, es gibt da etwas, was mir fehlt. Ich spürte eine Kraft, wusste aber nichts damit anzufangen“, meinte Crisar sanft.

„Was hältst du davon, was wir gerade erlebt haben?“, fragte Escorian.

„Ich weiß es nicht, nur, dass ich jetzt einen Bruder habe, ist etwas total Neues für mich.“

Escorian genoss die Berührung seines Bruders, er schloss die Augen, spürte die mollige Wärme, die sich in seinem Körper breitmachte.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte Crisar.

Beide ließen von einander ab und setzten sich hin.

„Ich dachte bisher, dass ich alleine bleiben würde“, antwortete Escorian.

„Glaube ich nicht, irgendwann wird dir eine schöne Elfe über den Weg flattern, dann bist du nicht mehr alleine“, sagte Crisar und lächelte.

„Crisar, ich mache mir nichts aus Elfen, ich habe kein Interesse an der weiblichen Welt.“

„Oh!“

„Tut mir leid, falls ich als Bruder eine Enttäuschung für dich bin!“

Escorian hatte bei diesen Worten den Kopf gesenkt, seine Flügel hingen schlaff herunter.

„He, Kopf hoch. Dann kommt eben irgendwann ein starker Elf, der dir den Kopf verdrehen wird!“, meinte Crisar und strich sanft über Escorians Schulter.

„Meinst du wirklich? Welche Chance gibt es, dass sich ein anderer Elf, in so etwas zierliches wie mich verliebt?“

„Zierlich? Tschiba hat mir da etwas anderes erzählt. Deine erfolgreichen Kämpfe gegen die Gnome, deine listigen Pläne gegen die Zwerge. Von den Siegen gegen die Drax und Oger ganz zu schweigen. Escorian, Bruder, du bist wer, bekannt durch das ganze Land.“

„Warst du, bevor du mich aufsuchtest, in unserem Dorf?“, fragte Escorian.

„Ja, dort erfuhr ich, dass du hier oben am See wohnst. Und auch dort, wurde nur in den höchsten Tönen von dir geredet!“

Escorian zog sich sein Hemd über, griff nach dem Gürtel, den er um seine Taille schnallte. Er nahm sein Schert, dass im Licht der Sonne schimmerte.

„Kann ich mir das einmal ansehen?“, fragte Crisar.

Escorian reichte Crisar sein Schwert. Der nahm es in die Hand und betrachtete es. Es war eine lange dünne Klinge, mit einer alten Runenschrift, deren Bedeutung Crisar nicht kannte. Der Griff war schlicht gehalten, umwickelt mit Leder.

„Es liegt gut in der Hand“, meinte Crisar.

„Ja, es stand mir bei sehr vielen Schlachten schon zur Seite! Hast du kein Eigenes?“, meinte Escorian und schaute suchend Richtung Crisar.

„Nein, ich habe zwei Dolche!“

Schneller als Escorian schauen konnte zog Crisar zwei Dolche heraus und hob sie vor seine Nase.

Zwei imposante Dolche, die einen mit Silberdraht umwickelten Griff besaßen und damit hervorragend in der Hand lagen. Die aufwendige Parierstange bestand aus vier einzelnen Klingen, die in Richtung großer Klinge spitz zuliefen.

„Die sind sehr fein gearbeitet“, bewunderte Escorian die Dolche.

„Sind auch mein ganzer Stolz.“, antwortete Crisar.

Escorian gab die Dolche zurück und dachte angestrengt nach.

„Was ist?“, fragte Crisar.

„Wie sollen wir die Brüder finden und vor allem wo?“

„Ob wir vielleicht Tschiba oder Kronsilga fragen sollen, sie sind beide in deinem Dorf“, meinte Crisar.

„Gute Idee, Moment ich brauche noch ein paar Dinge!“, kam es von Escorian, der in seiner Behausung verschwand.

Crisar wartete, und sah sich noch ein wenig um. Der obere See lag ziemlich ruhig. E verstand, warum sich sein Bruder gerade diesen Platz herausgesucht hatte. Hier würde sich selten jemand her verirren.

Escorian kam zurück und gemeinsam flogen sie am See entlang zum Bachlauf, der den oberen See mit dem unteren See verband. Schweigend folgten sie dem Bachlauf und nach einer gewissen Zeit, tat sich der Wald vor ihnen auf.

Kretak, ein kleines Dorf am unterem Waldsee, aber eine Besonderheit, weil Waldelfe und Seeelfe hier zusammenlebten. Dieser Bund reichte schon lange zurück und deswegen war es auch nie zu Streitereien gekommen.

Die zwei Brüder näherten sich langsam dem Dorf, in dem es anscheinend etwas durcheinander zuging. Als die heran nahenden Escorian und Crisar gemerkt wurden, trat augenblicklich Stille in den Ort.

Der größte Teil der Bevölkerung war eh an dem kleinen Marktplatz versammelt. So landeten die beiden dort, genau in der Mitte.

„Wurde auch Zeit, dass ihr kommt!“

Kronsilga hatte gesprochen.

„Wieso, erwartet ihr uns?“, fragte Escorian.

„Ja, wir müssen wahrscheinlich das Dorf räumen, das Dunkle kommt bedrohlich Nahe. Ein Teil des Auenlandes hat es bereits verschlungen.“

Escorian schaut zu Crisar, der zwar die Fassung behielt, aber seine feuchten Augen ihn doch verriet. Er legt seine Hand auf Crisars Schulter und drückte ihn ein wenig. Kronsilga wandte sich an Crisar.

„Du brauchst keine Angst haben, dein Dorf wurde rechtzeitig geräumt.“

„Aber die Tiere, die ganze Natur?“, fragte Crisar.

„Crisar, keiner weiß, was sich hinter der Wand aus Dunkelheit verbirgt. Es kann alles noch da sein.“

Crisar schüttelte den Kopf und wurde von Escorian zu sich gezogen.

„He Kleiner, gemeinsam schaffen wir das! Wir sind Brüder, wer will gegen uns zwei schon ankommen?“, meinte Escorian.

Über Crisars Lippen huschte ein kleines Lächeln.

„Ach, habt ihr es endlich herausgefunden?“, fragte Tschiba, die nun auch zu den Dreien hinzugekommen war.

„Du wusstest, dass Escorian mein Bruder war?“, fragte Crisar erstaunt.

„Ja, genauso wie es Kronsilga wusste, aber wir waren und sind an ein Versprechen gebunden, wir durften es euch nicht sagen, nur euch helfen!“, meinte Tschiba.

„Dann könnt ihr uns über das andere Bruderpaar ebenso nichts sagen?“, fragte Escorian enttäuscht.

„Verraten nichts, aber weiterhelfen. Ihr müsst nach Laian, die Hauptstadt“, sagte Kronsilga.

„Zu den Hochelfen, dem eingebildeten Pack?“, meinte Crisar.

„Du weißt, dass sie nicht eingebildet sind!“, meinte Tschiba in einem strengen Ton.

Crisar senkte ein wenig betroffen sein Haupt.

„Es mag wohl sein, dass sie diesen Ruf nicht zu Unrecht haben, aber sie sind genauso ehrbar, wie der Rest des Elfenvolkes“, sprach Tschiba weiter.

„Wir müssen also nach Laian?“, fragte Escorian.

Kronsilga nickte.

„Und wie sollen wir dort die Brüder finden?“

Kronsilga zuckte mit der Schulter und legte ihren Kopf schief. Tschiba zog eine Grimasse und verbiss sich ein Lachen.

„Ich frage mich nur, wer euch dieses Versprechen abgenommen hat, den würde ich gerne mal sprechen!“, meinte Escorian leicht sauer.

„Wirst du!“, meinte Tschiba, die sogleich den Ellenbogen Kronsilga in ihrer Seite spürte.

„Halt, den Mund! Du weißt doch, was passiert, wenn wir zu viel verraten!“, sagte Kronsilga energisch.

„Ich habe doch gar nichts verraten!“, wehrte sich Tschiba.

„Am Besten wäre es, wenn ihr Beide gleich aufbrecht, ihr habt einen langen Weg vor euch!“, sagte Kronsilga.

Crisar nickte Escorian zu.

„Wir sollten ein wenig Proviant mitnehmen, nicht alle Gebiete, die wir durchqueren sind Elfenland!“, ermahnte Escorian.

„Hier, nehmt diesen Ring! Er wird euch weiterhelfen, wenn ihr in Schwierigkeiten geraten solltet. Mehr können wir beide wirklich nicht mehr tun!“, meinte Tschiba und reichte Escorian den Ring.

Dieser nahm ihn und betrachtete ihn von allen Seiten.

„Scheint mir aber nichts besonderes zu sein“, meinte Escorian, während des Betrachtens, „einzig alleine das weiße Krummschwert auf grünem Grund, das wohl als Siegel dienen sollte.“

„Dein Blick trügt dich, den dieser Ring enthält mehr Macht, als du dir vorstellen kannst! Es ist der Ring des Al – Machal“, erwiderte Tschiba.

Crisar war dabei, etwas Proviant zusammeln. Er war es gewohnt, von seinen Mitelfen komisch angeschaut zu werden, aber hier in Kretak, starrten die Anderen förmlich auf ihn. Schnell hatte er zwei kleine Bündel zusammen, die gerade so, in seinen und in den kleinen Beutel von Escorian passten.

„So, ich habe alles zusammen“, meinte Crisar und reichte seinem Bruder das Bündel.

„Dann wünsche ich euch Glück!“, meinte Tschiba und umarmte beide, ebenso Kronsilga, die sich nach ihr von den Brüdern verabschiedete.

*-*-*

Die Sonne war schon lange am Horizont verschwunden, als sich die Beiden einen Schlafplatz auf einem hohen Baum suchten. Die Gefahr hier einigen Ogers zu begegnen und dann als kulinarische Köstlichkeit auf einem Feuer zu enden, danach stand beiden nicht der Sinn.

Crisar kaute auf den Beeren herum und beobachtete Escorian, dem dass nicht verborgen blieb.

„Was ist Bruderherz?“, fragte Escorian.

„Ich kann es einfach nicht fassen, ich habe einen Bruder!“

Escorian lächelte und versuchte sich eine bequeme Stellung für den Schlaf zu suchen,

„Noch vor einer Woche fühlte ich mich sehr einsam, keine Familie oder richtige Freunde. Und wir zwei sind jetzt mehrere Stunden zusammen, und mag dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit nicht mehr missen.“

„Ich weiß wie du dich fühlst, Crisar. Mir geht es nicht anderst, aber wir sollten jetzt schlafen. Wir haben morgen einen langen Weg vor uns.“

Sie legten sich beide nieder und fielen bald in einen tiefen Schlaf. Doch mitten in der Nacht wurden sie geweckt. Eine Gruppe Oger war unterwegs, um wohl etwas Essbares zu finden. Oger waren irgendwie das Zwischenstück von Trollen und Orks.

Ganz gegen die Meinung der Trolle, gelten die Oger, als wenigstens halbwegs intelligent. Zudem haben sie die Schlauheit und ihre Clevernis von den Orks geerbt. Ihre Stärke wiederum habe sie von den Trollen.

Ein Oger ist tödlich beleidigt, wenn man ihn für so blöd, wie ein Troll hält. Und eben diese suchten nun unter den Bäumen, nach einer Mahlzeit. Escorian und Crisar hatten sie wohl nicht bemerkt, denn zügig streiften sie unter deren Baum hindurch.

Als die Stimmen, der Oger, in der Ferne verklungen waren, schliefen die beiden auch schon wieder ein. Sie wurden erst wieder wach, als die Sonne schon den Horizont überschritten hatte. Es schien auch keine Gefahr zu drohen, denn überall konnte man Vögel zwitschern hören.

Escorian richtete sich auf und ließ seinen Blick über den Wald schweifen. Die idyllische Ruhe trog, denn auch hier würde das Dunkle alles vernichten, was sich ihm in den Weg stellte. Er rüttelte Crisar wach, der etwas brauchte, bis er wusste, wo er war.

Sie hatten sich entschieden zu laufen, denn das unwegsame Gelände, die dichten Bäume, machten ein unbeschwertes Fliegen fast unmöglich. Weiter und weiter stieg das Gelände an und irgendwann war auch die natürliche Baumgrenze erreicht.

„Da müssen wir hinüber“, meinte Escorian und zeigte auf einen Spalt zwischen zwei großen Bergkämmen.

„Sieht nicht gerade vertrauensselig aus“, erwiderte Crisar.

„Es bleibt uns nur dieser Weg, denn auf der anderen Seite befindet sich Latohia, die Stadt des grünen Schildes.“

Ohne eines weiteren Wortes erhoben sich beide in die Luft und steuerten auf den Pass zu. Dass sie ohne den Wald schutzlos ergeben waren, war ihnen aber bewusst. Es dauerte auch nicht lange, dass sie unter sich Bewegungen war nahmen.

Eine Gruppe Oger tauchte aus der spärlichen Vegetation auf, die sie anscheinend bemerkt hatten. Schon flogen ihnen die ersten Pfeile um die Ohren und sie hatten Mühe sich in der Luft zu halten.

„Ich wünschte, ich könnte einen Drachen auf sie hetzen“, meinte Escorian, der Crisar zur Seite zog, um einem Pfeil auszuweichen.

Bei diesen Worten spürte er plötzliche eine Wärme an seiner linken Hand. Er schaute hinunter und nahm war, dass der Ring an seinem Finger, der Tschiba ihm gab, zu leuchten begann. Neben den beiden verzerrte sich die Luft.

„Was ist das?“, fragte Crisar besorgt.

„Ich weiß es nicht!“, antwortete Escorian.

Beide hatten immer noch große Mühe den Pfeilen auszuweichen. Nur halbwegs bekamen sie mit, was wirklich neben ihnen geschah. Escorian traute seinen Augen nicht, aus dem nichts, trat plötzlich ein grüner Drachen hervor.

Dieser stürzte sich nach unten, direkt auf die Oger zu. Die Überraschung für die Oger, war natürlich groß. Ängstlich und total wirr, rannte die Gruppe auseinander. Einige stürzten und rollten den Berg hinunter.

Immer und immer wieder flog der Drache mit lautem Gebrüll auf die fliehenden Oger hinunter, von denen bald nichts mehr zu sehen war. Als die Gefahr verband war, verschwand der Drache so plötzlich, wie er gekommen war.

„Das ist also die Macht, die von dem Ring ausgeht!“, meinte Escorian und hob seine Hand.

Das Glühen hatte abgenommen. Escorian verspürte keine Wärme mehr.

„Dass du Drachen erschaffen kannst?“, fragte Crisar.

„Ich glaube nicht nur Drachen, dass hatte ich mir ja gewünscht!“

„Lass und weiterfliegen, mir wird kalt“, sagte Crisar und nahm wieder die Richtung Pass auf.

Escorian folgte Crisar in kurzem Abstand, nicht aber ohne den Untergrund im Auge zu behalten. Neue Überraschungen wollte er aus dem Weg gehen. Ohne Zwischenfälle erreichten sie den Pass. Scharfe Felskanten ragten meterweit empor, der Durchlass recht schmal.

Ein paar Schneeflocken bahnten sich ihren Weg nach unten. Crisar sank ein wenig ab.

„Sollen wir lieber weiter laufen? Die Kälte macht dir zu schaffen!“, sagte Escorian besorgt.

„Ja, ich fühle mich plötzlich so taub“, antworte Crisar.

Langsam sanken sie dem Boden entgegen.

„Ist es noch weit?“, fragte Crisar und rieb sich an den Schultern.

„Nein, noch ein paar Meter und wir müssten schon das Tal sehen, in dem Latohia liegt.“

Escorian schien Recht zu behalten, nach einer Biegung weitete sich der Fels. Vor ihnen tat sich ein weites Tal auf, in dessen Mitte sich die Stadt Latohia befand. Ein Geräusch von vorne ließ die beide Elfen zusammenschrecken.

Ein leichtes Surren war zu hören, und ein Pfeil schob in den Boden, genau zwischen Escorian und Crisar. Blitzschnell hatten beide Ihre Waffen gezogen.

„Wer seid ihr?“, hörten wir jemanden rufen.

„Crisar, aus dem Auenland und sein Bruder Escorian!“, rief Crisar.

Ein grüner Waldelf trat hinter einem Felsvorsprung hervor.

„Und was wollt ihr hier. Für Seeelfen ist hier nicht unbedingt die freundlichste Gegend“, meinte der Fremde.

„Für Waldelfen aber auch nicht!“, sagte Escorian, der immer noch mit seinem Schwert in Abwehrstellung stand.

So schnell wie Crisar seine Dolche herbeigezaubert hatte, so verschwanden sie auch wieder in seiner Kleidung.

„Wir sind auf dem Weg nach Laian! Wir suchen dort jemanden“, sagte Crisar.

Escorian knuffte ihm in die Seite und schüttelte leicht den Kopf.

„Was denn, ich werde schon nichts verraten!“, meckerte Crisar leise.

Es traten noch mehr Waldelfen hervor und Escorian ließ ebenso sein Schert in die Lederscheide zurück gleiten. Seine Abwehrhaltung behielt er dennoch bei.

„Mein Name ist Matran, wir sind die Kundschafter unserer Stadt“, meinte der Fremde.

Er hielt Crisar die Hand entgegen, die dieser zögerlich in die Hand nahm und schüttelte, was eigentlich gegen die Gewohnheit der Elfen war.

„Habt ihr irgendwelche Orks oder Oger gesehen, auf dem Weg hierher?“, fragte Matran weiter.

Escorian schaute kurz zu Crisar.

„Oger schon, aber sie sind uns nicht gefolgt!“, antwortete Crisar.

Matran hob kurz die Hand. Zwei der anderen Waldelfen rannten an ihnen vorbei, in Richtung des Passes, den sie gerade gekommen waren.

„Nur zur Sicherheit!“, meinte Matran.

Für einen Bruchteil einer Sekunde trafen sich die Blicke eines der Waldelfen und Escorian. Er spürte die Kraft, die von seinem Amulett ausging, auch, dass irgendetwas Besonderes von diesem Waldelfen ausging. Kurz schaute er ihm nach, der im Gegensatz zu den Anderen, komplett in Schwarz gekleidet war, bevor dieser hinter der Biegung verschwand.

Crisar starrte ihn kurz an und griff sich an die Brust, wo Escorian dessen Amulett vermutete. Escorian nickt kaum sichtlich mit dem Kopf. Bevor sie sich wieder Matran widmeten. Dieser schaute kurz zwischen den Brüdern hin und her.

„Wenn meine zwei Männer zurück sind, könne wir aufbrechen!“, sagte Matran.

Matrans Leute verteilten sich ein wenig und setzten sich.

„Wie sieht es aus im Auenland?“, fragte Matran.

„Ich weiß es nicht, das Dunkel…“, Crisar stoppte mitten im Satz.

„Was wisst ihr über die große Gefahr, das Dunkel?“, fragte Escorian.

„Wir haben davon gehört, dass irgendeine Gefahr lauern soll, aber wir haben ja diese Berge als Schutzwall!“, antwortete Matran.

„Seit euch da nicht so sicher, dass Dunkel verschlingt alles was sich ihm in den Weg stellt!“

„Woher wisst ihr?“

„In unserer Gegend fliehen alle, die Natur bereitet sich auf einen langen Winter vor, und das im Sommer. Die Tieren verschwinden, gepflanztes, gedeiht nicht.“

„Könnt ihr mich zu unserem Herrscher Haglagan begleiten und ihm davon berichten?“, fragte Matran.

Crisar und Escorian nickten. Es dauerte nicht mehr lange und die zwei Elfen kamen zurück.

„Und etwas gefunden, Selmir?“, fragte Matran.

„Der Genannte schüttelte den Kopf.

„Also gut, dann brechen wir auf, zurück nach Latohia.“

Escorian reihten sich in die Truppe ein, die einem langen und steilen Pfad folgten, der sie zur Stadt hinunter führte. Escorian bemerkte, dass dieser Selmir immer wieder den Kopf zu ihm wandte.

„Hast du das Gleiche gespürt, als dieser Selmir an uns vorbeilief?“, fragte Crisar leise.

„Ja, mein Amulett hat sich gemeldet!“, antwortete Escorian.

„Meinst du, er ist einer von denen, die wir suchen?“

„Weiß ich nicht, wär ja wirklich einfach, aber lass uns erst mal zusehen, was da auf uns zukommt!“

Crisar nickte und lief einem Waldelf weiter hinterher. Der Abstieg war schwierig, und Crisar wünschte sich, fliegen zu können, aber mit Rücksicht auf diese Waldelfen, blieb er auf dem Boden und lief.

Escorian dachte ebenso. Aber etwas anderes ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Dieser Blick des Elfen. Immer wieder schaute er auf, beobachtete Selmir, der zwei Elfen vor ihm lief. Sein langes, braunes Haar hing gepflegt über die Schultern.

Seine starke Muskulatur war trotz der weiten Kleidung zu erkennen. Er war etwas größer als die anderen Waldelfen, Auch die grüne Farbe seiner Haut schien heller zu sein, als die seiner Artgenossen.

Aber alles in allem, fand Escorian, Selmir traumhaft schön, ertappte sich bei dem Gedanken, dass er schon mehr für diese Elfen empfand, als ihm gut tat.

Der Weg wurde flacher und vor ihnen tat sie ein großes Bollwerk auf. Sie schritten auf ein großes Tor zu, das von unzähligen weiteren Elfen bewacht wurde. Beim Durchschreiten des Tores, empfand Crisar die Blicke der anderen Waldelfen, als nervend.

Er verstand nicht, was so besonderes daran war, dass sie Seeelfen waren. Sie waren doch alle von der gleichen Rasse. Nur weil sie verschiedene Aussehen hatten? Für Crisar war das kein Grund, einem Elfen anderer Herkunft, nicht das gleiche Vertrauen entgegenzubringen, wie er es bei seines Gleichen tat.

Escorian studierte das Mauerwerk, die Toreinheiten und wunderte sich, dass die Waldelfen, wie ihr Name schon sagte, nicht im Wald lebten, sondern sich hinter dicke Maueren versteckten. Nach dem dritten Tor aber, wurde er eines Bessern belehrt.

Die Stadt selbst, lag in einem dichten Wald. Die Strassen waren zwar deutlich zu erkennen, aber die Häuser, oder oftmals auch die Hütten, waren an die Bäume gebaut oder auch auf ihnen. In den Strassen herrschte reges Leben.

Kleine Elfenkinder sprangen herum, spielten Spiele, die Crisar noch nie gesehen hatte. Überall wurde gearbeitet, sei es nur sauber gemacht. Überhaupt sah hier alles sehr gepflegt aus. Die Gruppe bog auf einen Art Marktplatz ein, wo sich ein großes Steinhaus befand.

„Wartet hier, ich werde euch melden!“, meinte Matran und ließ uns stehen.

Es dauerte eine Weile, bis Matran wieder aus dem Steinhaus heraus trat. Er nickte kurz seinen Leuten zu, die sich dann langsam entfernten. Bis auf Selmir, er blieb bei uns stehen.

„Haglagan empfängt euch nun!“, sagte Matran und machte eine einladende Bewegung Richtung Tür.

Die zwei Seeelfen folgten ihm die Treppe hinauf und betraten das Haus. Als sie eine weitere Tür durchschritten hatten, befanden sie sich in einem Art Sala Mandra. Aber man könnte es auch als Lentra Kabis bezeichnen, soviel Bücher hier herum lagen oder sich in den Regalen befanden.

„Das ist unser gesamtes Wissen, der Waldelfen!“

Escorian und Crisar drehten sich herum. Ein weiterer Waldelf war erschienen.

„Ich bin Haglagan, Herrscher von Hadran“, sagte der Elf.

„Escorian von Kretak und mein Bruder Crisar aus dem Auenland“, kam es von Escorian.

Escorian ließ seinen Blick über die Bücher wandern.

„Wäre schade, wenn dies hier alles vernichtet wird“, meinte er.

„Du meinst das Uûna ´ze?“, fragte Haglagan.

„Ja, die tödliche Dunkelheit, wandert unaufhaltsam durch das Land.“

„Unsere Stadt umgibt ein magisches Feld!“

„Und wie lange wird das halten?“, fragte Escorian und spürte plötzlich die Gegenwart von Selmir.

„Selmir, mein Sohn. Schön dich zu sehen!“, sagte Haglagan.

„Vater!“, erwiderte Selmir und nickte.

„Du bist sein Sohn?“, fragte Crisar.

„Ja, das ist Selmir von Latohia, Sohn des Haglagan, zukünftiger Herrscher von Latohia“, meinte Haglagan stolz.

„Vater, bitte!“, meinte Selmir leise.

Crisar schaute Escorian an, der enttäuscht seinen Blick senkte.

„Was ist junger Elf, was schaust du so betrübt?“, fragte Matran.

Escorian schaute kurz zu Crisar, der im zunickte.

„Wir sind die Bewahrer des Auges von Corellon Larethian“, begann Escorian, „wir wurden ausgesandt, gegen Uûna ´ze zu kämpfen, dass das Leben, welches wir wahren, vernichten wird.“

Escorian und Crisar holten gleichzeitig ihre Hälfte des Amuletts hervor, das sich nun in einem gleißenden Licht hüllte.

„Ich verstehe nicht. Selmir kann keiner der Bewahrer sein, er hat einen Vater!“, sagte Crisar.

Escorian schaute zu Selmir, dessen Hand auf seiner Brust ruhte. Er verstand es auch nicht. Selmir zog langsam an der Kette, die um seinen Hals hing.

Zum Vorschein kam der dritte Teil des Amulettes. Selmir drehte es und schaute es sich an. Haglagan schritt langsam auf ihn zu.

„Junge, ich glaube, ich muss dir etwas sagen!“, meinte er leise, senkte seinen Kopf.

„Ja, Vater?“, kam es von Selmir und ließ das Amulett sinken.

Sein Vater drehte sich weg und lief zum Thron.

„Wie soll ich es dir sagen?“, sagte Haglagan und schüttelte den Kopf.

Selmir schaute ihn verwundert an.

„Ganz am Anfang meiner Herrscherzeit, hatten deine Mutter und ich den Wunsch nach einem Kind. Doch da kam der Überfall der Orks dazwischen, den wir zwar niederschlagen konnten, aber mit großen Opfern verbunden war.“

Traurig senkte Haglagan seine Stimme und schaute auf ein Bild, dass Selmirs Mutter darstellte.

„Sie wurde bei dem Versuch mich zu warnen verletzt, weil ich in einen Hinterhalt der Orks geraten war. Sie starb in meinen Armen. Doch bevor sie starb, erschien uns eine Fee. Sie wusste um unseren Wunsch nach einem Kind.“

Haglagan schluckte schwer, nahm einen Kelch und trank daraus.

„Der Preis war hoch, Selmir, ich verlor deine Mutter und bekam dich dafür!“

„Wie, du bekamst mich?“, fragte Selmir, dem Tränen in den Augen standen.

„Die Fee überreichte mir ein Bündel. In dem Bündel lagst du, ein kleiner winziger Kerl, der mich anstrahlte. Du warst das letzte, was deine Mutter sah, bevor sie starb. Ihre letzten Worte waren >Nenne ihn Selmir, erziehe ihn wie dein Sohn, schenke ihm die Liebe, die mir jahrelang zu Teil wurde<.“

Einen Augenblick herrschte Stille im Saal.

„Ich bin nicht dein Sohn?“, flüsterte Selmir fast.

„Du wirst immer mein Sohn sein!“, sagte Haglagan, lief zu Selmir und nahm ihn in den Arm.

Selmir fing leise an zuweinen.

„Die Fee gab mir noch etwas mit auf den Weg. Du seist zu etwas Großen erkoren und irgendwann würde die Zeit kommen, wo du dich aufmachen würdest, um für Jenes zu kämpfen, für welches du bestimmt bist!“

Selmir hob seinen Kopf, schaute erst seinen Vater an und dann Escorian und Crisar.

„Ich spürte schon etwas, als ich zum ersten Mal an dir vorüber lief, Escorian“, sagte Selmir mit gefasster Stimme.

Er ging die wenige Schritte zu Escorian hin und blieb vor ihm stehen. Sein Teil des Amulettes schien jetzt im selben Licht, wie das von Crisar und Escorian. Crisar gesellte sich zu ihnen und hob sein Amulett. Escorian und Selmir taten ihm es gleich.

Wie schon einmal tauchte um sie herum alles in einen Nebel. Als sich die Teile des Amuletts berührten, bebte leicht die Erde unter ihren Füssen. Das gleißende Licht nahm an Stärke zu und wieder mussten sie sich die Hände schützend vor ihre Augen halten.

„Was ist das?“, rief Selmir ängstlich.

„Keine Angst Selmir, dir wird nichts geschehen!“, sagte eine Stimme.

„Mutter!“, rief Crisar.

„Ja mein Sohn, ich bin es. Ihr habt Selmir gefunden, aber ihr müsst weiter ziehen, die Zeit drängt!“

„Kannst du uns nicht mehr sagen?“, fragte Escorian, etwas verzweifelt.

„Nein Escorian, ich habe einen Schwur geleistet. Haltet euch an Tschibas Rat und geht nach Laian!“

Bei diesen Worten fing der Nebel an, sich aufzulösen.

„Mutter warte!“, rief Crisar, aber sie standen wieder im Thronsaal.

Haglagan und Matran standen ehrfürchtig vor ihnen.

„Bin ich euer Bruder?“, fragte Selmir.

„Nein, das bist du nicht!“, antwortete Escorian.

Traurig senkte Selmir seinen Kopf.

Escorian nahm Selmirs Amulett in die Hand und hielt es ihm vor sein Gesicht. Es fehlte nun noch eine Pfeilspitze mit den grünen Malachiten.

„Schau es dir genau an, und du wirst bemerken, dass noch ein Teil fehlt. Dieses Teil besitzt dein Bruder, welches unsere Aufgabe ist, ihn zu finden“, erklärte Escorian.

„Ich habe doch einen Bruder?“, fragte Selmir leise.

„Ja!“, sagte Crisar, mit einem Lächeln, „und wir werden ihn finden, so wie wir dich gefunden haben!“

Selmir schaute zu Haglagan.

„Ich weiß Sohn, was du jetzt denkst. Aber ziehe mit den Beiden, denn es deine Bestimmung.“

Selmir rannte auf seinen Vater zu und fiel ihm in die Arme, danach schaute er ihm ins Gesicht.

„Warum hast du mir nie etwas darüber gesagt?“, fragte Selmir.

„Ich hatte Angst, ich verliere dich!“, antwortete Haglagan.

„Du wirst mich nie verlieren Vater, ich werde immer dein Sohn sein. Und wenn ich mit Escorian und Crisar meine Bruder finde, hast du noch einen zweiten Sohn dazu!“

Das schien Haglagan irgendwie zu versöhnen, der wusste, dass nun ein rascher Abschied bevor stand.

„Komm gesund zurück, Selmir!“, sagte Haglagan und presste seine rechte Faust auf sein Herz.

Matran neben ihm tat das Gleiche und nickte ihm zu. Selmir verneigte sich vor beiden und verabschiedete sich mit demselben Gruß.

*-*-*

Sie hatten schon längst die Stadtgrenze hinter sich gelassen und waren auf einer Anhöhe, als sich Selmir noch einmal umdrehte.

„Ihr müsst wissen, ich bin nie groß von dieser Stadt weggekommen!“, meinte er.

„Du wirst sie wieder sehen“, meinte Crisar, obwohl er genau die Dunkelheit am Pass sah, den Weg den sie nach Latohia genommen hatten.

„Wir müssen weiter!“, sagte Escorian.

Selmir spürte eine Hand auf seinen Schultern. Er drehte leichte seinen Kopf nach Rechts und schaute in die Augen von Escorian, dessen strähniges Haar sich im Wind bewegte. Er lächelte sanft und Selmir erwiderte dieses Lächeln.

Selmir lief voraus und die Zwei folgten ihm.

„Muss ich mir jetzt Sorgen machen um dich, Bruderherz?“, fragte Crisar.

„Wieso denn?“, fragte Escorian.

„Ja, wegen Selmir! So wie du ihn angeschaut hast, fühlst du bereits mehr für ihn, wie du zugeben willst!!

„Vielleicht hast du recht, vielleicht auch nicht. Ich kann es dir nicht sagen, Crisar. Von diesem Jungen geht etwas aus, dass tief in mir etwas rührt, etwas, was ich bisher noch nicht gefühlt habe.“

„Du bist verliebt!“, sagte Crisar grinsend.

„Ach Quatsch!“, tat es Escorian ab.

Einige Minuten später, drehte sich Escorian wieder zu Crisar.

„Du meinst wirklich…?“

„Ja, Escorian, ich hatte schon eine Freundin, ich weiß wie sich das anfühlt.“

„Mein kleiner Bruder hatte also schon eine Freundin!“, grinste Escorian.

„Ja und, ich bin ein ganz normaler Elf.“

„Ich nicht?“, meinte Escorian ein wenig verletzt.

„Doch du auch, du hattest nur noch keine Gelegenheit, diese Gefühle auszukosten.“

„Könnt ihr dahinten nicht ein bisschen schneller laufen?“, rief Selmir ihnen zu.

„Dein Schatz ruft, folge ihm!“, sagte Crisar und lachte.

„Pah!“, machte Escorian und folgte Selmir weiter.

„Ach bevor ich es vergesse, nimm du den Ring!“, sagte er zu Crisar und reichte ihm den Ring.

„Wieso ich?“

„Damit du dich wenigstens verteidigen kannst!“, lachte Escorian und rannte zu Selmir.

Crisar grinste und folgte den beiden.

Es war spät geworden in Hadran, alle drei waren sichtlich erschöpft, von ihrem Fußmarsch.

„Ich denke, wir sollten uns ein Platz zum Schlafen suchen“, sagte Escorian.

„Hier, mitten im Wald?“, fragte Selmir.

„Wo denn sonst, hier ist genügend Schutz, vor Herumtreibern!“

„Ich kenne mich noch nicht so gut aus“, wollte sich Selmir entschuldigen.

„Kein Problem, ich habe im Wald gelebt!“

„Kommt ihr bitte mal, ich habe eine schöne Stelle gefunden!“, rief Crisar vor ihnen.

Escorian und Selmir folgten den Rufen durch das dichte Dickicht. Vor ihnen tat sich eine Lichtung auf. Der Sternenhimmel spiegelte sich in einem Teich, der sich hier verbarg. Escorian lächelte, als er das Nass sah.

„Gute Stelle“, lobte er Crisar.

Er legte seine Waffe ab, zog auch noch die restliche Kleidung aus, bis er nackt wie er geschaffen war, in das Wasser sprang. Der helle Mond ließ ein sanftes Licht auf diesen Platz fallen, so schaute Selmir verschämt und gleichermaßen erstaunt zu. Escorian tauchte wieder mit dem Kopf auf.

„Ihr müsst unbedingt reinkommen, das ist so erfrischend!“, rief er.

Mit kräftigen Zügen schwamm Escorian zu ihnen zurück und stieg aus dem Wasser. Er schüttelte sein silbernes Haar und im Mondenschein, sah es aus, als würden tausende von Funken von ihm abfallen.

Selmir war erstarrt, während Crisar neben ihm sich bereits ausgezogen hatte.

„Was ist?“, fragte Escorian.

Selmir löste sich aus seiner Starre und schluckte schwer.

„Ich habe noch nie einen so schönen Elfen gesehen“, meinte er und berührte sanft Escorians Brust.

Escorian wurde leicht verlegen. Selmir ließ seine Augen über ihn wandern. Seine kräftige Muskulatur glänzte im Mondlicht, ließ eine geheimnisvolle Aura um ihn scheinen. Ihre Gesichter wanderten langsam aufeinander zu.

„Danke, dass hat noch niemand zu mir gesagt“, sprach Escorian leise.

Nur ein fingerbreit trennte die Beiden voneinander. Sanft berührte Escorian die Lippen von Selmir, dessen Hand über seinen Rücken wanderte.

„Wurde auch langsam Zeit, so wie euch den ganzen Mittag schon anschmachtet!“, rief Crisar, der unbemerkt von den Beiden, sich bereits im Wasser befand.

Escorian und Selmir fuhren auseinander. Crisar entstieg wieder dem Wasser.

„He, ihr Beiden, nun schaut doch nicht so. Ich freue mich für euch!“

Selmir lächelte schüchtern und Escorian nahm seinen Bruder kurz in den Arm.

„Selmir, willst du nun schwimmen gehen oder hier die ganze Nacht, wie angewurzelt hier stehen?“, fragte Crisar.

Selmir lächelte weiter und während Crisar und Escorian beide wieder ins Wasser sprangen, entledigte sich Selmir langsam seiner Sachen. Langsam stieg er in das kühle Nass, sich bewusst, das nun ein Augenpaar auf ihn gerichtet war.

Er spürte die Frische, wie sie in seinem Körper aufstieg und die Müdigkeit der Glieder entweichen ließ. Mit starken Zügen schwamm er zu Escorian, der sich in der Mitte des Teiches befand.

„Liegt es am Amulett, dass ich mich so stark zu dir hingezogen fühle Escorian?“, fragte Selmir, als er sich näherte.

„Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich mich sehr stark mit dir verbunden fühle.“

Sie waren noch eine Weile im Wasser, bevor ihnen die Kälte in die Glieder stieg und sich entschlossen einen Schlafplatz zu suchen. Es war Selmir wieder, der sich wunderte, als Escorian und Crisar auf einen Baum zuhielten.

Als sie ihm erklärten, dass dies ein sicherer Platz sei um nicht im Schlaf überrascht zu werden, willigte er ein. Um aber Selmir die unnötige Steigerei zu ersparen, zogen die zwei Seeelfen mit Kraft ihrer Flügel, ihn einfach auf den Baum.

„Und wenn ich runterfalle?“, fragte Selmir.

„Wirst du schon nicht!“, sagte Escorian und nahm ihn in den Arm, zog ihn zu sich.

Schnell waren alle drei entschlummert.

*-*-*

Ein tiefes Grollen und das Beben der Erde riss die drei am Morgen aus dem Schlaf.

„Was war das?“, fragte Selmir ängstlich, der immer noch in den Armen von Escorian lag.

Escorian sah Crisar an, der ihm zunickte.

„Ich denke das Dunkel hat die Stadt erreicht!“, meinte Crisar.

„Dann müssen wir zurück und helfen!“, rief Selmir und wollte sich aus seiner Umklammerung befreien.

„Nein Selmir, wir haben eine andere Aufgabe, wir müssen deinen Bruder finden, sonst ist das ganze Elfenland verloren!“, sagte Escorian ernst.

„Aber mein Vater?“

„Die können sich selber helfen, wir müssen nach Laian!“

Mit traurigem Gesicht stand Selmir auf und nahm seine Bogen auf. Crisar und Escorian flogen ihn zum Boden hinab, wo sich gleich losrannten. Es schien wirklich keine Zeit mehr, dass Dunkle rückte unaufhaltsam näher.

Sie waren schon eine Weile gerannt, als schon erste Häuser am Waldrand zu Vorschein kamen. Einzelne Häuser mit großen Feldern, die wohl die Versorgung der Hauptstadt sicherten.

„Kannst du reiten?“, fragte Crisar Selmir.

„Ja, warum?“

„Dann nimm dir da drüben das Pferd und wir fliegen. Dann kommen wir noch schneller voran.“

Selmir ging zu der Elfe, auf dessen Wiese das Pferd stand. Es dauerte nicht lange und er kam mit dem Pferd zurück.

„Nun los, wir müssen uns beeilen, wir sind zwar in Laian, aber wissen nicht wo wir suchen müssen“, sagte Crisar.

Selmir stieg auf das Pferd und ritt los. Escorian und Crisar erhoben sich in die Luft und folgten ihm. Crisar hatte Recht, so ging es wirklich schneller, denn bald hatten sie die dicken Mauern der Stadt erreicht.

Zwei Halbelfen standen am Tor zur Wache.

„Halt wohin?“, meinte der Eine und hob sein Speer hoch.

„Wir müssen dringend zu eurem Herrscher, der Stadt droht Gefahr!“, rief Crisar.

Der Halbelfe fing zu Lachen an.

„Siehst du diesen Mauern? Die haben bis jetzt jeden Angriff abgewehrt!“

Selmir stieg vom Pferd und ging zu ihm.

„Ich bin Selmir von Latohia, Sohn des Haglagan, zukünftiger Herrscher von Latohia, ihr verkennt die Lage! Bringt mich zu eurem Herrscher, oder es wird euch schlecht ergehen!“, brüllte er.

Escorian zog sein Schwert, um das Gesagte zu bekräftigen.

Der Halbling wich zurück. Er verneigte sich kurz und wies den Fremden den Weg. Selmir war wieder aufs Pferd gestiegen und Escorian und Crisar erhoben sich wieder in die Luft um dem Halbling zu folgen.

Die Hochelfen, die ältesten und weisesten der elfischen Rasse, waren vor langer Zeit die Begründer Hadran. Das unsterbliche Reich, dem schönsten aller Länder des Kontinents. Dort, in der Hauptstadt Laian, regiert mit Gerechtigkeit Odiwar Futhamos, der Hochkönig des Volkes der Elfen.

Hier fand man in jedem Bauwerk, jedem Buch, jedem Blatt eines jeden Baumes, das Wissen der Elfen Bei vielen der anderen Rassen galten die Hochelfen schon immer als besonders hochmütig, eigensinnig und arrogant, wahrscheinlich nicht zu unrecht.

Jedoch muss man den Elfen Hadrans auf der anderen Seite zugute halten, dass sie Verfechter des Lichtes sind und jeden wahren Freund mit Leib und Leben schützen.

Hier war die größte Ansammlung an Elfen, die Escorian je zu Gesicht bekommen hatte. Neben Seeelfen und Waldelfen, gab es natürlich sehr viel Hochelfen. Sie waren ein wenig größer, als er selbst und hatten starke Ähnlichkeit mit Menschen.

Ihre langen Gewänder, die bis zum Boden fielen, bewegten sich leicht schwebend, bei jedem Schritt den sie taten. Die helle Haut ließ sie aber nicht blass erscheinen, sondern gab ihrem Liebreiz noch mehr Ausdruck.

Der Halbling machte vor einem Haus halt und klopfte an die Tür. Es dauerte nicht lange und eine hoch gewachsene Elfe trat heraus.

„Was willst du Halbling?“, fragte die Elfe.

Er zeigte auf die Drei und murmelte etwas.

„Nun gut, geh zurück auf deinen Posten“, meinte der Elf.

Der Halbling verbeugte sich noch einmal und verschwand.

„Ihr wollt also zu unserem Herrscher, Selmir von Latohia?“

Selmir, der inzwischen von seinem Pferd abgestiegen war, nickte mit dem Kopf. Escorian und Crisar landeten neben ihm. Der Elf gab ein Wink und jemand kam und nahm Selmir das Pferd ab.

„Dann folgt mir!“, sagte die Elfe und schritt die Strasse weiter.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, führte der Elf sie weiter durch die Strassen, bis die sich zu einem Platz öffnete, hinter dem das Schloss begann. Escorian ging dies alles zu langsam, er wusste wie nah die Gefahr schon war. Hier anscheinend niemand.

Aber der Elf machte keine Anzeichen etwas schneller zu gehen. Bald hatten sie das erste Tor erreicht, dass sie ohne weiteres durchschreiten konnten. Nach mindestens vier Vorhöfen, kamen sie an ein weiteres Tor, wo ihnen der Elf Einhalt gebot.

Er sprach in alter Sprache mit der Wache.

„Semiama! Uid Verik to ratis a daro Biumfeya, Feyladri fiaha Lainfeya riga se kron!”, sprach der Elf.

“Was hat er gesagt?”, flüsterte Selmir.

„Er hat ihn begrüßt und meinte er bringt einen Auenelf, einen Elf der Lüfte und einen Waldelf zum hohen Rat“, antwortete Escorian leise.

„Sa! Tir quen, bha!“, meinte die Wache.

„Eorla!“, erwiderte der Elf.

Selmir schaute Escorian an.

„Der Elf soll auf uns aufpassen und was wir sagen!“, flüsterte Escorian wieder.

„Nun, du bist der Elfensprache mächtig, das trifft sich gut! Vor dem Rat wird nur so gesprochen“, meinte der Elf überheblich.

Jetzt war Escorians Geduld am Ende.

„Es ist mir völlig egal, was für Regeln hier herrschen. Ich werde da nun reingehen, vor den Rat treten und ihm sagen, was ihnen bevorsteht“, meinte er.

„Du willst uns drohen?“, fragte der Elf und zog sein Schwert.

„Nicht so schnell!“, meinte Crisar und hatte schon einen Dolch am Hals der Elfe.

„Wenn er etwas sagt, stich zu!“, meinte Escorian und betrat mit Selmir das Haus.

Sie folgten den Stimmen und kamen in einen großen Saal, wo sie auch die Wache von der Tür wieder sahen.

„Es tut mir leid, eure Unterhaltung zu unterbrechen, aber es gibt keinen Aufschub für meine Informationen!“, meinte Escorian laut.

Der Wächter fuhr herum und zog sein Schert. Aber Selmir war schneller und hatte bereits seinen Bogen gespannt. Die Wache hielt inne.

„Wer seid ihr?“, rief einer der Elfen, die im Halbkreis auf Stühlen saßen.

Escorian bemerkte, dass dort nicht nur Hochelfen saßen, sondern auch See und Waldelfen sich befanden. Selmir senkte seine Bogen und trat mit Escorian vor.

„Ich bin Selmir von Latohia, Sohn des Haglagan, zukünftiger Herrscher von Latohia und neben mir Escorian von Kretak!“

„Ich kenn dich Selmir, Sohn des Haglagan, was führt die zu uns?“, fragte der Elf weiter.

Er gab der Wache einen Wink und dieser verschwand aus dem Saal. Es dauerte nur etwas, und die hochnäsige Elf von draußen, trat mit Crisar ein. Der Elf ging sofort in die Knie und murmelte irgendetwas.

„Erhebe dich Timor! Wen bringst du da?“

„Das ist Crisar aus dem Auenland, mein Bruder, hoher Rat“, sagte Escorian und ließ diesen Timor nicht zum Wort kommen.

Und was führt euch zu uns“, fragte ein andere Elf, aus dem hohen Rat.

„Uûna `ze!“, sagte Escorian.

Ein Raunen ging durch den Rat, einige belächelten Escorian sogar.

„Wir wissen über die Gefahr Bescheid, aber warum euer Kommen?“, fragte wieder die Elfe.

„Kennt ihr das Auge des Corellon Larethian?“, fragte Escorian.

Plötzlich verstummte es im ganzen Raum, Escorian hörte nur sein Herz schlagen. Die hohen Räte fingen leise untereinander zu reden an. Escorian schaute kurz zu Selmir und Crisar, die beide nur mit der Schulter zuckten.

Der Elf, der in der Mitte saß, erhob sich.

„Ja, wir kennen das Auge des Corellon Larethian! Aber es gilt als verschollen.“

„Jetzt nicht mehr!“, kam es von Escorian und zog sein Amulett hervor.

Crisar und Selmir taten es ihm gleich.

Der Rat schaute entsetzt, einige sprangen sogar auf. Escorian sah, wie einer der Elfen, er schien sehr alt zu sein, sich erhob und seine Hand hob. Augenblicklich wurde es ruhig im Raum.

„Es steht geschrieben, es wird das Land in das Dunkle tauchen und viel Verderben und Schmach bringen. Aber es gibt eine Kraft, geteilt von vier Brüdern, die das Land retten werden, mit der Kraft des Auges!“

Der alte Elf setzte sich wieder und schwieg.

„Das kann doch nicht sein…“. sagte ein Waldelf.

„Warum denn nicht?“, kam es von einem Seeelfen.

„Bevor wir hier jetzt alles zerreden, haltet ein!“, sagte wieder der Elf vom Anfang.

Augenblicklich wurden alle ruhig.

„Ich bin Cararein, der oberste Rat, des Rates der Elfen von Hadran“, sprach der Elf weiter.

Escorian ließ das Amulett sinken.

„Woher habt ihr das Amulett?“

„Es wurde uns durch unsere wahren Eltern hinterlassen!“, antwortete Escorian.

Der alte Elf von vorhin stand wieder auf und richtete sich an Cararein.

„Cararein, sie können eigentlich nicht wissen, von wem sie das Amulett haben, denn alle Vier wuchsen ohne Eltern auf, so war ihre Bestimmung!“, meinte er und setzte sich wieder.

„Uns rinnt die Zeit weg!“, flüsterte Crisar seinem Bruder zu.

Escorian nickt und wandte sich wieder Cararein zu.

„Ihr mögt entschuldigen, dass ich unaufgefordert rede, aber wir haben keine Zeit mehr, das Dunkle überzieht schon das halbe Land. Uns fehlt das vierte Teil zum Amulett“, sprach Escorian.

Somit war es heraus und wieder herrschte Gemurmel unter dem Rat. Nun trat Selmir unaufgefordert hervor.

„Mein Vater hat mir gesagt, dass ich als Findelkind zu ihm kam und ich der Bestimmung zu folgen habe. Den vierten Teil des Amuletts trägt mein Bruder und wir wissen, dass er sich hier in der Stadt befinden muss!“, sagte er leise aber bestimmend.

„Ihr wisst nicht, wer eurer Bruder ist?“, fragte Cararein.

„Nein, ich bin im Glauben aufgewachsen, der einzigste Sohn von Haglagan zu sein.

„Hier in der Stadt?“, fragte der alte Elf.

Die Drei nickten gleichzeitig dem Elf zu.

„Das wird schwierig, den zu finden, wisst ihr, wie viele Elfen hier leben?“, sprach der alte Elf weiter.

„Und dennoch müssen wir ihnen helfen, den Bruder zu finden, Shadgan!“, sprach Cararein.

„Wie sollen wir das machen, Cararein?“, sagte Shadgan.

Die Augen des Rates wanderten automatisch wieder zu Escorian, Crisar und Selmir. Sie standen etwas hilflos da. Kein Wort fiel, ein großes Schweigen füllte den Raum aus.

„Wir könnten Agera fragen!“, sagte einer aus den Reihen des Rates.

Ein großes Streitgespräch fing zwischen den Räten an, wobei Escorian dem Stimmengewirr nicht folgen konnte.

„Wer ist Agera?“, rief er laut.

Augenblicklich war es wieder ruhig, den Cararein hatte seine Hand gehoben.

„Agera ist eine Halbelfe und als Seherin bekannt!“, sagte er.

„Und wo ist das Problem?“, fragte Escorian.

„Ihre Weisungen sind ungenau und mit Rätseln versehen!“, antwortete Shadgan.

„Aber sie könnte uns vielleicht helfen?“, fragte Crisar.

„Ihr wisst was ich von Agera halte!“, sagte Cararein, „nicht, dass sie uns nicht helfen würde, aber ob es uns wirklich weiterbringt.“

„Wir müssen alles versuchen! Die Zeit drängt!“, sagte Escorian.

„Gut! Shadgan, geh mit den Brüdern zu Agera. Du Timor, lässt auf den Plätzen ausrufen, dass wir einen männliche Vollwaisen suchen.“

Escorian war klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis Uûna `ze vor den Tore von Laian lauern würde. Tod und verderben würden auch diese Stadt heimsuchen. Er trat vor den Ältesten Cararein.

„Wäre es nicht sinnvoll, die Elfen, die vor der Stadt leben zu warnen und in die Stadt aufzunehmen?“, fragte Escorian.

„Darum werden wir uns natürlich auch kümmern“, sagte Cararein, „und Escorian, danke für deine Hilfe!“

Escorian nickte kurz und folgte seinem Bruder und Selmir zum Ausgang. Ihm blieb nicht verborgen, dass Timor ihm verächtliche Blicke zuwarf, aber dafür war nun keine Zeit. Shadgan lief schnellen Schrittes zum Ausgang.

Das eine gewisse Hektik aufkam und sich anscheinend schnell in der Stadt herumsprach, das von irgendwo Gefahr herdrohte, merkte Crisar an den Einwohnern, die sie argwöhnisch beobachteten, während sie ihr Hab und Gut vor dem Haus wegräumten.

Shadgan wusste wo er hinmusste, zielsicher und schnell lief er vor ihnen her. Abrupt blieb er vor einem kleinen Häuschen stehen und klopfte an die Haustür. Es dauerte ein wenig, bis sie sich im Haus etwas regte.

„Wer stört?“, rief jemand hinter der Tür.

„Shadgan, ein Mitglied des hohen Rates, Agera, wir brauchen deine Hilfe!“

Langsam und knarrend öffnete sich die Tür und eine alte Elfe trat heraus.

„Wie kommt es, das ihr mich besucht, ihr wollt doch sonst nichts von mir wissen!“, sagte Agera.

Shadgan schien verlegen und suchte nach Worten. Crisar bemerkte dies als Erster und drängte sich vor.

„Agera, ich bin Crisar und ersuche dich um deine Hilfe, denn ich muss jemanden finden!“

Die Alte musterte Crisar genau, bevor sie ihre Tür weit aufzog und ins Hausinnere verschwand. Crisar schaute kurz zu den Anderen, bevor er ihr folgte. Er trat in einen dunkeln Raum, in dem viele Kerzen standen.

„Was könnt ihr mir geben, dass ich eine Verbindung zu dem Elf herstellen kann?“

Dass sie wusste, dass es sich um ein Elf handelte wunderte nun doch alle. Crisar zog sein Amulett hervor und gab es ihr. Sie nahm es in ihre alten, faltigen Hände und schloss ihre Augen. Das Amulett begann zu glühen.

„Wo der Quell der Reinheit, durch des letzten Kämpfers Finger rinnt, das Leben bewahrt und das Federblatt, die Sonne verdunkelt, des schwarzen Kriegers Schwert, das Holz zerteilt, da werdet ihr finden, was ihr sucht!“, stammelte die Alte plötzlich und das Amulett verlor wieder sein Glühen.

Sie gab ohne ein weiteres Wort zusagen, Crisar sein Amulett zurück. Shadgan zog Escorian an den Schultern und forderte alle auf, zu gehen.

„Danke Agera, dass ihr mir geholfen habt“, meinte Crisar, verbeugte sich um dann den anderen zu folgen.

Draußen vor dem Haus, wartete die Anderen auf Crisar.

„Ich habe euch gesagt, sie wird uns nicht weiterhelfen können!“, meinte Shadgan leise.

„Wieso, sie hat uns doch sehr weitergeholfen“, sagte Crisar.

„Wie kann ich das verstehen?“

„Ich war schon immer gut im Rätsel lösen, wäre gelacht, wenn ich dieses nicht auch löse!“

„Und was sagt dir das Rätsel?“, fragte Shadgan, immer noch nicht davon überzeugt, dass sie weiter kommen würden.

„Ist doch klar… Quell der Reinheit…, es kann sich nur um einen Brunnen handeln!“, antwortete Crisar.

„Weißt du wie viele Brunnen es hier in Laian gibt?“, fragte Shadgan leicht genervt.

„Ja, wie viele Brunnen mit einem Kämpfer darauf abgebildet oder als Statue gibt es hier?“

Escorian musste lächeln, sein Bruder hatte es wirklich drauf. Shadgan schlug sich auf die Stirn.

„Dass ich da nicht selber darauf gekommen bin. Kommt, folgt mir, ich weiß wo der Brunnen steht“, sagte Shadgan und lief eilig davon.

Es dauerte auch nicht lange und sie kamen an einen kleinen Platz. In Mitten des Platzes befand sich tatsächlich ein Brunnen. Vier Säulen umsäumten ihn, die einen schweren Ring aus weißem Marmor trugen

Auf einem schwarzen Lavastein saß ein Elf, leicht gebeugt, und was noch wichtiger war, aus seiner Hand floss Wasser.

„Seht ihr…, wo der Quell der Reinheit, durch des letzten Kämpfers Finger rinnt, das Leben bewahrt…, hier scheinen wir richtig zu sein“, sagte Crisar begeistert.

„Wie ging es weiter?“, fragte Selmir.

„Das Federblatt, die Sonne verdunkelt!“, kam es von Escorian.

„Könnte da drüben dieser Farnbaum gemeint sein?“, fragte Selmir.

Shadgan, war zu gebannt, auch nur einen Ton herauszubekommen.

„Und wo befindet sich dann eine Tür, auf dem der schwarze Krieger abgebildet sein soll?“, fragte Escorian.

„Immer der Reihe nach, lass und erst zu dem Baum gehen und dann sehen wir weiter!“, antwortete Crisar.

Gemeinsam liefen sie zu dem riesigen, alten Farnbaum und sahen sich nach den Haustüren der umstehenden Häusern um.

„Ich kann keinen Schwarzen Krieger finden“, sagte Selmir.

„Mir geht es ebenso“, kam es von Shadgan.

„Was könnte man noch als schwarzen Krieger bezeichnen?“, fragte Escorian.

„Einen Ork?“, fragte Selmir.

„Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass hier jemand einen Ork oder einen Oger auf seiner Tür abgebildet hat“, gab Crisar suchend von sich.

„Ein Schattenelf?“, fragte Shadgan.

„Das könnte schon eher sein, aber ich kann ebenso das nicht finden!“, sagte Escorian.

„Irgendwie gehen wir das falsch an. Warum wird der Baum erwähnt, der Brunnen ist och schon Zeichen genug für diesen Platz“, meinte Crisar.

Er lief wieder zurück an den Baum und umrundete ihn.

„Kommt her, ich habe etwas gefunden!“

Escorian, Selmir und Shadgan kamen gelaufen. Auf der Rückseite des Baumes befand sich eine kleine Tür und auf ihr ein schwarzer Krieger, mit einem Schwert in der Hand. Crisar sah alle kurz an und klopfte.

Es dauerte eine Weile bis sich die Tür vorsichtig öffnete. Eine junge Elfe heraus. Ängstlich starrte sie auf die vier Männer.

„Wie kann ich euch helfen?“, fragte sie, und blickte immer wieder zu Selmir.

„Kann man den Herr des Hauses sprechen?“, fragte Crisar leise, um die Elfe nicht noch weiter zu ängstigen.

„Mein Bruder ist einem Aufruf gefolgt, dass sich alle männlichen Elfen, die keine Eltern haben, auf dem Schlossplatz einfinden sollen!“

„Mist, wir haben ihn verpasst!“, sagte Escorian grob, so dass die Elfe erschrocken zurückwich.

Selmir trat hervor.

„Wie ist dein Name?“, fragte er.

„Ich heiße Lydria und bewohne hier dieses Baumhaus mit meinem Bruder.“

„Ich heiße Selmir. Könntest du uns deinen Bruder vielleicht zeigen? Wir benötigen seine Hilfe.“

Lydria nickte schüchtern.

„Ihr seht euch sehr ähnlich“, sagte Lydria plötzlich.

„Dein Bruder und Selmir?“, fragte Escorian.

„Ja, ich dachte erst, es wäre mein Bruder, aber er trägt nicht diesen Bogen, sondern ein Schwert.“

„Können wir gehen? Die Zeit drängt“, meinte Shadgan im Hintergrund.

Die Elfe nickte und schloss die Tür zum Baumhaus.

„Warum ist der Krieger schwarz, auf eurer Tür?“, fragte Selmir.

„Die einzigste Hinterlassenschaft unserer Eltern ist ein Schriftstück, das uns sagt, unsere Familie hat ein Wappen. Darauf ist ein sechsstrahliges Flammenschwert abgebildet und ein Elf in Schwarz.“, antwortete Lydria.

Escorian sah zu Selmir, der immer noch komplett in Schwarz gekleidet war. Dieser schaute kurz an sich herunter, bevor er lächelnd den Blick von Escorian erwiderte. Shadgan lief wieder vorne weg, aber nun dauerte es eine Weile bis sie den Schlossplatz erreichten.

Die Überraschung war groß, als sie sahen wie viele Elfen sich eingefunden hatten. Aber wie Escorian bald bemerkte waren auch viele andere Elfen diesem Ausruf voll Neugierigkeit gefolgt.

„Wie sollen wir da jemanden finden?“, fragte Selmir leicht verzweifelt.

„Ich habe eine Idee! Lydria, wie heißt dein Bruder?“, fragte Crisar.

„Mein Bruder heißt Kalgath.“

Crisar nahm Lydria an der Hand und zog sie nach Vorne, wo sich ein paar der Räte des Elfenrates befanden. Er konnte Cararein erkennen und hielt auf ihn zu. Plötzlich stellte sich ein Elf ihm in den Weg.

„Kannst du mir sagen, was du mit meiner Schwester vor hast?“, fragte er.

Lydria löste sich von Crisar und fiel ihrem Bruder um den Hals. Crisars Amulett reagierte umgehend und erwärmte sich.

„Du bist also Kalgath?“, fragte Crisar.

„Ja, bin ich, aber ich möchte dennoch wissen, was ihr mit meiner kleinen Schwester vorhabt?“

„Dich zu finden!“, antworte Selmir und trat hervor.

Kalgaths Augen wurden groß, Vor ihm stand fast sein Ebenbild.

„Sie kamen an unser Haus und haben nach dir gefragt, denn sie benötigen deine Hilfe“, sprach Lydria.

Crisar war nicht entgangen, dass sich Kalgath an seine Brust fasste, um dort etwas zu umklammern. Er zog sein Amulett hervor und hielt es Richtung Kalgath. Dieser wich einen Schritt zurück, aber umklammerte, dass unter dem Umhang Befindliche noch stärker.

„Das ist das Auge von Corellon Larethian“, sagte Selmir und zog ebenso sein Amulett hervor.

Shadgan war in der Zwischenzeit zu den anderen Räten gegangen und hatte sie unterrichtet, dass man wohl den vierten Träger des Amuletts gefunden habe. Gemeinsam gingen sie zu der kleinen Gruppe, um die sich jetzt ein kleiner Kreis neugieriger Elfen gebildet hatte.

Er wich auseinander, als die Räte hinzutraten. Die Palastwache tat ihr übriges und drängte den Rest zurück.

„Was wollt ihr von mir und meiner Schwester?“, fragte Kalgath, der sich nun schützend vor seine Schwester stellte.

Selmir trat an ihn heran.

„Steht in dem Schriftstück, dass euch eure Eltern hinterlassen haben, etwas von einem Bruder?“, fragte Selmir.

„Woher weißt du von dem Schriftstück?“, fragte Kalgath.

„Das habe ich ihnen erzählt, als sie nach dem schwarzen Krieger auf unserer Tür fragten“, antwortete Lydria, bevor Selmir etwas sagen konnte.

Cararein trat an sie heran.

„Ist das der Elf den ihr sucht?“, fragte er Selmir.

„Ich denke schon, nur weiß er noch nicht Bescheid!“, antworte Selmir.

Kalgath verbeugte sich vor Cararein.

„Was möchte sie von uns, Kalgath?“, fragte Lydria.

„Ich weiß, es hört sich seltsam an“, begann Selmir mit bewegter Stimme, „aber ihr seid meine Geschwister!“

„Du bist unser Bruder?“, fragte Lydria.

„Ja, denn dieses Amulett, das dein Bruder an der Kette trägt, ist der beweiß seiner Herkunft!“

Langsam zog nun auch Kalgath sein Amulett hervor und es war das fehlende Teil vom Auge des Corellon Larethian. Crisar erzählte ihnen kurz die Bewandtnis, was es mit dem Amulett auf sich hatte.

Kalgaths Augen wurden immer größer.

„Ich habe noch einen Bruder?“, sagte Lydria erfreut, die anscheinend ihre Scheu verloren hatte und zu Selmir trat.

„Ja Lydria, ich bin dein Bruder!“, sagte Selmir.

Lydria fiel ihm um den Hals und drückte sich fest an ihn. Selmir lächelte verlegen und nahm sie in den Arm.

„Ich will ja eurer Familienglück nicht drüben, aber die Zeit wird knapp“, meinte Escorian, der ebenso sein Amulett in der Hand hatte.

Kalgath stand immer noch wie angewurzelt in der Runde, sagte kein Ton. Selmir löste sich von Lydria und wandte sich an ihn.

„Kalgath, ich weiß, es ist schwer zu fassen, ich weiß wie es ist, auf sich alleine gestellt zu sein, keine Geschwister zu haben. Und ich habe erst vor kurzen erfahren, dass mein Vater, gar nicht mein Vater ist“, sprach Selmir leise.

„Es geht alles so schnell, ich kann dass alles nicht fassen!“, erwiderte Kalgath.

„He, nun bist du nicht mehr alleine, du hast Zuwachs bekommen, eine Familie“, sagte Crisar und legte freundschaftlich seine Hand auf Kalgaths Schulter.

„Und was passiert jetzt?“, fragte Kalgath.

„Wir müssen uns vereinigen! Dem Auge sein letztes Teil hinzufügen, was dann passiert wissen wir selbst noch nich!“, sprach Escorian.

*-*-*

Escorian, Selmir, Crisar und Kalgath standen sich nun gegenüber. Jeder hatte sein Amulett in seiner Hand. Langsam näherten sich die Amulette. Dass eine unwahrscheinliche Macht in diesem Amulett stecken musste, spürten die Vier sofort.

Eine Kraft strömte in ihren Körper, die sie bisher noch nicht gekannt hatten. In dem Augenblick als sie die vier Teile berührten, erbebte die Erde. Der Rat und die Masse der Elfen, die sich um die Vier gesammelt hatten, wichen zurück.

Ein großer Kreis entstand. Als würde das Amulett sämtliche Energie der Umgebung an sich ziehen, kam ein Wind auf, der den sandigen Boden des Platzes aufwirbeln ließ. Das Licht, welches das Amulett erzeugte, wurde so stark, dass sich die Umstehenden, die Hände schützend vor die Augen hielten.

Am Himmel zogen Wolken auf, die sich in einer kreisenden Bewegung miteinander verbanden und wie ein großer Strudel wirken. Die Mitte des Strudels öffnete sich und ein Lichtstrahl schoss hervor. Dieser Lichtstrahl traf gebündelt das Amulett.

Eine Welle aus Energie wurde freigesetzt, die, die Umstehenden fast zu Boden riss. Escorians silberne Haare flatterten wie wild durch sein Gesicht, aber er stand stur da, sah nur auf sein Amulett.

Der Boden bebte immer mehr, bis plötzlich aus dem Amulett, ein gebündelter Strahl nach oben schoss, Richtung Himmel. Dort angekommen, schob es auseinander und legte sich wie eine Glocke über die Stadt.

Dann erlosch der Lichtstrahl und die Vier fielen zu Boden. Etwas geschwächt sahen sich die Vier an. Jeder trug nun ein vollständiges Amulett. Doch bevor sie etwas sagen konnten, begann die Luft um sie zu flimmern.

Eine Art Nebel entstand, der sie nun völlig umhüllte. Escorian nahm es als erstes wahr, dass sie sich nicht alleine im Nebel befanden. Er sprang auf und zog sein Schwert. Langsam konnte er die Umrisse des Rates sehen.

Die umstehende Menge mit den Elfenräten war ebenfalls in den Nebel eingetaucht. Escorian versuchte mit seine Augen noch mehr zu erkennen. Mittlerweile waren Crisar und Selmir ebenso aufgesprungen. Crisar hatte seine Dolche in der Hand, Selmir stand mit gespannten Bogen da.

Keiner von ihnen sprach ein Wort, alle schauten unsicher um sich. Kalgath zeigte in eine Richtung, wo er eine Bewegung bemerkt hatte. Eine kleine Gruppe von sechs Elfen lief auf sie zu.

„Mutter?“, rief Crisar.

„Ja, ich bin es!“

Der Nebel lichtete sich und Crisar konnte seine Mutter sehen.

„Ich freue mich, dass ihr es bis hierher geschafft habt, aber eure schlimmste Prüfung steht euch noch bevor!“, sagte Crisars Mutter.

Escorian konnte Kronsilga und Tschiba erkennen. Ein Lächeln huschte über seine Lippen, was aber wieder sofort erstarrte.

„Wenn die Beiden bei Mutter sind…“, stammelte er.

„…, dann sind beide tot!“, beendete Crisar den Satz und ließ seine Dolche wieder verschwinden.

Traurig schauten die Beiden den Elfen entgegen. Der Rat war mittlerweile ebenso näher getreten und nun standen alle in einer großen Runde.

„Unser Tod war nicht umsonst, Escorian. Wir sind in dieser Form viel mächtiger, als jemand vermuten würde“, sprach Tschiba leise, dennoch konnte man sie klar und deutlich verstehen.

„Ihr seid es wirklich!“, meinte nun Shadgan und verbeugte sich tief.

Der Elf neben Escorians Mutter trat hervor.

„Shadgan steht auf, ihr braucht euch nicht zu verbeugen. Ich und Brana sind keine Könige mehr!“, sagte der Elf.

„Aber Annalos, ich hab euch ewige Treue geschworen!“

Der andere Elf der bei Crisars Mutter stand, war nun ebenso hervorgetreten und hatte sich neben Annalos eingefunden.

„Ich weiß Shadgan, ich und Brana stehen dafür auch tief in eurer Schuld. Aber Odiwar Futhamos ist nun euer König, den wir erwählt hatten!“, sprach Annalos.

Das Gesicht des Alten verzog sich zu einer Fratze.

„Odiwar Futhamos?“, kam es sarkastisch aus seinem Mund, „er ist nicht mehr Herr seiner Selbst. Er ist einem Wahn verfallen und wird meist nur noch in den Schatzkammern der Stadt angetroffen. Der hohe Rat hat deswegen seine Aufgaben übernommen!“

Annalos und Brana schauten zu Cararein, der ihnen betrübt zunickte.

„Das wussten wir nicht!“, kam es von Brana, dessen warme Stimme Selmir und Kalgath aufhorchen ließ.

Brana drehte sich zu den Beiden um, trat vor sie und kniete sich hin.

„Es tut mir leid, euch beiden diese Bürde auferlegt zu haben, aber Annalos und ich sah keinen anderen Weg. Wir opferten uns, für unsere Söhne, damit sie, dass zu Ende führen können, was damals nicht in unseren Kräften lag.“

„Du bist unser Vater?“, fragte Selmir erstaunt und fasziniert zu gleich.

„Ja Selmir, ich und Lyre sind eure Eltern.“

Die Genannte trat hervor und stellte sich neben Brana.

„Es ist wunderschön, soviel Eintracht zu sehen, aber die Zeit drängt!“, zerbrach Escorian die Stille.

Brana fing an zu Lachen.

„Er hat deine Ungeduld geerbt, ich erkenne dich Annalos in ihm wieder“, meinte Brana.

„Du hast Recht, Brana. Er hat viel von mir, dafür ist Crisar nach seiner Mutter geraten.“

Crisars Mutter war nun auch zu ihrem Mann getreten und sah ihre beiden Söhne an.

„Ich Hadra, aus dem Elfengeschlecht der Arain hatte beschlossen, euch Söhne von Arain diese Aufgabe weiterreichen. Mir fiel diese Entscheidung gewiss schwer, so wie auch eurem Vater. Brana und Lyra ging es nicht besser.

Aber die Zeit hatte uns gelehrt, dass nur unser Opfer dauerhaften Frieden über dieses Land bringen werden. So traten wir den Kampf gemeinsam gegen Kazad Fuinfae Daedu.“

„Und was hat das nun alles mit uns zu tun?“, fragte Escorian genervt.

Hadra trat vor und legte ihre Hand sanft auf Escorians Wange.

Escorian, du und dein Bruder, ebenso Selmir und Kalgath, müsst dass nun zu Ende bringen, wo wir nicht mehr weiter kamen.“

„Ich dachte, ihr hab diesen Kazad, oder was es ist, vernichtet?“, fragte Crisar.

„Vernichtet schon!“, begann Brana zu sprechen, „aber wir haben ihn damit nur in seine Welt zurückverbannt.

„Hattet ihr nicht das Auge von Corellon Larethian?“, fragte Selmir seinen Vater.

„Wir hatten nur diese vier Teile“, antwortete Lyra, „aber wir waren nicht mit der Macht versehen, sie zusammen zusetzten.“

„Und warum können wir dies nun?“, fragte Kalgath.

„Ihr habt die Kraft von uns in jedem Einzelnen vereint, somit auch macht über das Auge!“, sprach Annalos.

Escorian schüttelte den Kopf und wollte etwas sagen, wurde aber von einem Handzeichen von Shadgan abgehalten. Er trat nun ebenso hinzu und musterte die vier Söhne genau. Dann trat er dicht vor sie.

„Du Escorian, hast das Schwert des Uhol-Thor, den obersten Richter der Elfen. Es ist die Trennlinie zwischen Licht und Dunkelheit. Kalgath besitzt das Schwert des Kark-Hash. Es enthält den sechs strahligen Flammenstern Kurka und erschafft alles neu. Unser junger Selmir besitzt den Bogen der Fardea, die Königin über Feuer, Wasser, Erde und Luft. Er kann die Untoten wieder in den Kreislauf des Lebens zurückführen. Crisar besitzt den Ring des Mach` ial, womit er Wesen und Dinge durch seine Gedanken schaffen kann, die ihm hilfreich zur Seite stehen.“

„Ihr Söhne von Arain bildet die Krieger des Lichts“, meldete sich Kronsilga.

Sie hob ihre Hände in die Luft und schloss ihre Augen. Die Sprache, die aus ihrem Mund nun melodisch klang, verstand niemand. Selmir schien als erstes eine Veränderung an sich festzustellen. Er hielt die Luft an.

Seine Kleidung verblasste und wurde durch eine schwarze Lederuniform ersetzt.

„Der schwarze Krieger!“, stammelte Escorian.

Einem nach dem Anderen, wurde so eine schwarze Uniform zu Teil. Nun trat auch Tschiba hervor. Ihr Gesicht war nun nicht mehr blau, wie bei den anderen Seeelfen, sondern hatte dass sanfte Weiß der Hochelfen angenommen.

Sie hob nun ebenso wie Kronsilga ihre Hände zum Himmel und stimmte in den Gesang ein. Als würden die Sterne vom Himmel fallen, ergoss sich ein Lichterregen über die Vier. An jeder Stirn der jungen Krieger entstand ein Goldband, das mit den gleichen Steinen besetzt war, wie das Amulett.

Auch hier überstrahlte der Feueropal alle anderen Steine. Kronsilga und Tschiba ließen ihre Arme sinken. Wieder trat Shadgan vor.

„Der Lapislazulin strahlt in seiner blauen Farbe die Harmonie aus, der grüne Malachit steht für den Wachstum eurer Seelen, der gelbe Jaspis stärkt eure Kraft und den Mut, der Feueropal, der König unter den Steinen, steht für die Hoffnung!“, erklärte er.

„Nun denn“, meinte Hadra, „lösen wir den letzten Zauber!“

Die Eltern der Vier standen dicht beisammen und schlossen die Augen. Jeder einzelne spürte nun eine Veränderung in sich. Crisar schaute zu Escorian, dessen Flügel sich in nichts auflösten, ebenso verschwand die blaue Hautfarbe, die ihn als Seeelf ausgezeichnet hatte.

Escorian konnte seinen Blick nicht von Selmir abwenden. Zu fasziniert war er von seiner Schönheit. Auch er hatte die typische grüne Farbe eines Waldelfes verloren. Er hatte an Größe zugelegt und war nun ein Hochelf.

Er war sich nun sicher, er liebte Selmir und war sich auch sicher, dass Selmir die gleichen Gefühle für ihn hegte. Anmutig stand Selmir da und schaute zu ihm, ein Lächeln überzog sein Gesicht.

„Unseren Platz hat nun jemand anderst eingenommen“, ließ Hadra verlauten.

„Es fehlt jemand!“, unterbrach Tschiba, Hadra.

„Wer?“, fragte Annalos.

„Ihr vergesst die Tochter von Brana und Lyra, Lydria“, antwortete Kronsilga.

Alle drehten sich zur der Stelle um, wo sich vorhin noch Lydria befunden hatte. Dort stand nun eine junge Elfe, von schlankem und elegantem Wuchs, groß und unzweifelhaft schön anzusehen, wobei Elfinnen wahrlich als Inbegriff der Lieblichkeit galten.

Ihr langes Gewand schien golden, ebenso wir ihr langes Haar. Auch sie hatte ein Amulett um den Hals hängen, nur das dieses eine Sonne abbildete.

„Lydria?“, fragte Kalgath.

„Ja?“, antwortete sie.

Langsam, fast schwebend trat sie zu den anderen hinzu. Auch sie trug dieses goldene Band auf der Stirn.

„Die Ähnlichkeit der Krieger und der Schwester ist verblüffend“, flüsterte Cararein, Shadgan zu.

Lyra trat zu ihrer Tochter.

„Mein Kind, nun bist du mit allen versehen, was eine Fee ausmacht!“

„Eine Fee?“, fragte Lydria erstaunt.

„Ja du bist die Fee der Morgenröte“, antwortete Lyra.

Lydria wusste jetzt nicht, wie sie sich verhalten sollte, freuen oder lächeln, zu groß waren die Gefühle. Zu überwältigend die Eindrücke. Jeder der Fünf sah nun an sich herunter, bestaunte sein eigenes Aussehen.

Cararein trat nun hervor und verbeugte sich vor Annalos und Brana.

„Cararein, verneige euch nicht vor uns. Die fünf, jungen Elfen dort drüben, sind die neuen Herren des Elfenlandes“, meinte Brana.

Cararein schaute ein wenig verwirrt, dreht sich aber sogleich in seiner eigenen Achse um sich vor den neuen Herren zu verbeugen. Escorian kam sich ein wenig dumm vor. Er war jetzt wie die Anderen ein Hochelf.

Nur weil er anderst aussah, gab man ihm jetzt den nötigen Respekt, den er verdiente. Er trat hervor, zog sein Schwert und ließ die Klingenspitze auf dem Boden ruhen.

Crisar und die Andren stellte sich hinter ihn. Es war klar, das Escorian ihr Wortführer sein würde.

„Ich bin überrascht, welchen Wandel wir vollzogen haben und hätte mir noch vor einer Woche einer versucht, einzureden, ich bin eine Hochelfe, hätte ich ihn schallend ausgelacht“, begann Escorian.

Cararein’s Blick war kurz etwas finster, aber er besann sich auf seine Stellung als Hohenrat.

„Keiner von uns weiß, was genau auf uns zu kommt, keiner von uns weiß, wie es weiter gehen wird. Ich kann nur sagen, dass wir versuchen werden, eurer Vertrauen, dass ihr in uns setzt, nicht zu enttäuschen!“

Die letzten Worte hatte er an seine Eltern gerichtet. Diese nickten ihm zu und lächelten. Annalos ging auf ihn zu und nahm ihn in die Hand.

„Ich hoffe du verzeihst mir, dass ich dir ein Leben als Seeelf beschert habe“, meinte Annalos leise.

„Das war deine Idee?“, fragte Escorian, ebenso leise.

„Ja, du warst schon früher eine Wasserratte und so dachte ich, kannst du dies beibehalten“, meinte sein Vater lächelnd.

Er nahm ihn noch mal in den Arm.

„Ich wünsche dir alles Glück und vertraue auf deine Kräfte, Escorian, Sohn des Annalos!“

Annalos lief weiter zu Crisar. Escorian sah, wie Brana und Lyra bei Selmir und Lydria standen. Sein Kopf wandte sich, denn seine Mutter Hadra stand vor ihm.

„Du liebst ihn wirklich!“, sagte sie.

„Du weißt..?“, fragte Escorian.

„Mein Junge, ich habe jeder deiner Schritte beobachtet, seit ich dich alleine ließ!“

Bei diesen Worten senkte sie ihren Blick, kleine Tränen bahnten sich ihren weg.

„Mutter, ich bin euch nicht böse. Ihr hattet euren Grund, euch so zu entscheiden, und nun bin ich glücklich, weil ich eine Familie habe.“

„Pass auf ihn auf!“

„Auf Selmir?“

„Ja, denn er ist der Grund für dein Dasein.“

Escorian schaute seine Mutter fragend an.

„Du wirst es verstehen, wenn die Zeit kommt!“, sprach sie weiter.

Sie ging einen Schritt auf ihn zu und küsste seine Stirn, bevor sie sich zu Annalos ihrem Mann zurück zog. Selmir schien ebenso eine Unterhaltung mit seiner Mutter geführt zuhaben. Er stand mit rotem Kopf vor ihr und Kalgath kichernd neben ihm.

Wie Tschiba und Kronsilga, verneigten sich nun auch der ganze Rat und die Einwohner dieser Stadt, die sich auf dem Platz eingefunden hatten. Escorian blickte zu seinen Mitstreitern, die ihm zunickten.

Zielsicher schlug er den Weg zum großen Stadttor ein, als hätte er sein ganzes Leben gewusst, wo es sich befand. Die Menge glitt auseinander, damit ein Korridor für die Fünf entstand.

*-*-*

„Was machen wir nun?“, fragte Kalgath, als sie am Tor eingetroffen waren.

„Lassen wir uns überraschen!“, meinte Selmir und spannte seinen Bogen.

Kalgath zog sein Schwert und Escorian tat es ihm gleich.

„Und wer öffnet nun das Tor?“, fragte Crisar.

„Für irgendetwas muss ich auch gut sein“, meinte Lydria und trat vor sie.

Sie hob ihre Hand und schloss dabei ihre Augen. Knarrend öffneten sich die beiden schweren Holzflügeltüren. Alle hielten den Atem an. Keiner wusste, was hinter dem Tor auf sie lauerte. Langsam öffnete sich das Tor weiter und weiter.

Dahinter war… wie konnte man es beschreiben. Es war dunkel! Als hätte jemand das Licht ausgeschaltet. Uûna ´za war bis an die Tore von Laian heran gekommen. Escorian blickte kurz auf die Anderen, bevor er einen Schritt nach vorne tat.

Sie folgten ihm langsam, ohne ein Wort zu verlieren. Direkt vor dem Dunkeln, dass sich wie eine Wand vor ihnen auftat, blieb Escorian stehen. Er hob seine Hand und näherte sich langsam der Barriere. Er spürte die Kälte die von ihr ausging.

Langsam tauchte seine Hand hinein, verschwand vor den Augen der Anderen. Dann trat escorian noch einen Schritt vor und verschwand ebenso. Die Vier schauten sich kurz an und folgten ihm. Als würden sie angezogen werden, hüllte sich das Dunkle um sie, doch es geschah nichts weiter. Selmir bemerkte wie sein Amulett sich leicht erwärmte.

Und schon bald konnte er wieder etwas sehen. Er erschrak ein wenig, denn er hatte die Gegend anderst in Erinnerung. Der Weg, den sie gekommen waren. Das saftige Gras war verschwunden, die Bäume standen verdorrt am Wegrand.

„Und jetzt?“, fragte Crisar plötzlich.

„Ich weiß es nicht!“, antworte Kalgath.

„Wir müssen auf der Straße bleiben!“, kam es von Lydria, welche den Weg hinunter sah.

„Wie kommst du darauf?“, wollte Escorian wissen.

„Ich spüre ihn, er ist vor uns!“

„Wen, spürst du?“, fragte Crisar, und sah Lydria an.

„Kazad Fuinfae Daedu! Könnt ihr ihn nicht spüren?“

„Ich spüre etwas Kaltes, aber keine Person“, sprach Kalgath leise, sich immer noch umschauend.

„Man kann ihn auch nicht als Person, als Solches bezeichnen. Er ist hier überall, aber dort vorne ist das Zentrum. Dort spüre ich die Kraft, die von ihm ausgeht am Stärksten.“

Das Licht, wenn man es so erkennen würde, änderte seine Farbe. Es wurde blutrot. Vor ihnen begann die Luft zu flimmern. Sie formte sich zu etwas, zog die Dunkelheit in sich. Die Fünf traten dichter zusammen.

Ein dumpfes Grollen durchzog das Land, der boden fing an zu vibrieren. Man hatte den Anschein, es wurde heller, doch dies war ein Trugbild. Das Rot und das Schwarz der Dunkelheit vermischten sich zu einer Gestalt.

Einer mächtigen Gestalt. Vor ihnen stand Kazad Fuinfae Daedu. Man konnte nicht sehen, ob es seine Haut war, oder eine Rüstung, alles ging fließend an ihm über. Kleine Flammen traten hervor und ließen ihn noch gefährlicher erscheinen.

„Was wollt ihr hier?“, kam es von der Gestalt, mit einer tiefen Stimme, die das Land wieder erzittern ließ.

„Ist das alles was, was Hadra zu bieten hat? Wo ist sie? Zu alt, sich mir zu stellen?“

Die letzten Worte gingen in ein hässliches Lachen über.

„Ich Escorian, Sohn der Hadra und des Annalos, bin gekommen, um mich gegen euch zustellen“, sagte Escorian leise.

Trotz des Getöses des Windes und dem Grollen der Erde waren seine Worte deutlich zu verstehen.

„Du Escorian, willst dich mir widersetzten?“, fragte Kazad Fuinfae Daedu lachend, was wieder die Erde beben ließ.

„Ich Crisar, Sohn der Hadra und des Annalos helfe meinem Bruder“, kam es von Crisar.

„Ich Selmir, Sohn der Lyra und des Brana steht ihm zur Seite.“

„Ich Kalgath, Sohn der Lyra und des Brana, Bruder des Selmir, helfe auch.“

Escorian ließ kurz seine Blicke, über seine Mitstreiter wandern. An Lydria, blieb sein Blick haften, die zwischen ihren Brüdern stand.

„Ich Lydria, Fee der Morgenröte, Tochter der Lyra und des Brana, Schwester des Selmir und Kalgath weise dir deinen Weg in die Finsternis“, kam es von ihr und hob ihre Hand.

Ihre Augen schlossen sich und ballte die Hand zu einer Faust. Doch bevor sie etwas Weiteres tun konnte, fing Kazad Fuinfae Daedu an zu Lachen. Aus seinen Krallen schoss Feuer, direkt auf die Fünf zu.

Escorian hob blitzschnell sein Schwert und das Feuer prallte ab, als würde es zerteilt. Selmir spannte seinen Bogen und schoss einen Pfeil ab, den das Ungetüm in die Schulter traf. Dies schien es aber nicht weiter zu beeindrucken, denn er brach den Pfeil einfach ab.

Selmir schaute nervös zu Kalgath, der ebenso wie die Anderen, mir seinem Schwert in Abwehrhaltung gegangen war.

„Ihr seid Narren, wenn ihr denkt, ihr könntet mich mit diesen Kinderkram erledigen“, grölte Kazad Fuinfae Daedu.

Escorian spürte, wie in ihm die Wut aufstieg.

„Wenn es so nicht geht, müssen wir zusammen angreifen!“, meinte er zu den Anderen.

Und wie auf Kommando stürmten die vier Krieger los. Escorian mit Kalgath vorne weg, aber nur Kalgath konnte zu einem Hieb ansetzten, denn Escorian wurde von der Macht der Faust des Kazad Fuinfae Daedu weggeschleudert.

Selmir schrie und schoss mehrere Pfeile hintereinander ab, während Crisar, seine Dolche, zielsicher auf den Weg brachte. Kazad Fuinfae Daedu wurde zurückgeschleudert, was Kalgath dazu nutze, wieder mit seinem Schwert zuzuschlagen.

Escorian war wieder schnell auf den Beinen und eilte Kalgath zur Hilfe. Kazad Fuinfae Daedu zog nun selbst auch ein Schert, dass die Schwerter von Escorian und Kalgath um Längen überbot. Er holte aus und ließ es auf Selmir niederfahren.

Doch Escorian stürzte dazwischen, bekam mit voller Wucht den Hieb ab. Selmir schrie, wollte zu Escorian eilen, als er seine Schwester schreien hörte. Er bekam nur noch mit, wie ein gebündelter Lichtstrahl auf Kazad Fuinfae Daedu zuschoss und auch traf.

Gleichzeitig hieb Kalgath sein Schwert tief in die Hals des Monsters. Selmir spannte seinen letzten Pfeil in den Bogen und zielte auf die Stirn des Ungetüms, der auch mit voller Wucht traf. Escorian erhob sich mühsam, vom Boden und schob mit letzter Kraft sein Schwert in die Brust von Kazad Fuinfae Daedu.

Dann brach Escorian zusammen, blieb leblos liegen. Kazad Fuinfae Daedu stand starr da und blickte auf die Fünf. Seine dunklen Augen begannen zu glühen. Ein tiefer Schrei drang aus seiner Kehle.

Als würde ihn etwas von Innen zerfressen bäumte sich sein Körper auf. An mehreren Stellen trat Licht hervor. Immer mehr Stücke von ihm brachen auf und gleißendes Licht trat aus. Dann tat sich die Erde unter ihm auf und er stürzte hinein.

Als würde die Erde unter ihnen explodieren, fing die Erde wieder an zu beben. Der letzte Schrei des Kazad Fuinfae Daedu drang zu ihnen, bevor sich die Erde vor ihnen verschloss. Plötzlich war alles ganz still.

Man konnte nur das erschöpfte Atmen der Krieger hören. Selmir löste sich als erstes aus seiner Starre und rannte zu Escorian, der sich nicht mehr bewegte. Er ging vor ihm in die Knie und nahm ihn in seinen Arm.

Escorians Augen schauten starr, kein Leben war mehr in ihnen zu erkennen.

„Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnnnnnnnnn!“, schrie Selmir laut und presste Escorians leblosen Körper fest an sich.

„Escorian verlass mich nicht!“, schrie er weiter und die ersten Tränen bahnten sich ihren Weg über seine Wangen.

„Bitte verlass mich nicht, ich liebe dich doch, brauche dich!“, kam es nun heiser über Selmirs Lippen.

Selmir spürte die Hand seinen Bruders nicht, die auf seiner Schulter ruhte. Auch bemerkte er nicht die traurigen Blicke, von Crisar, der nun ebenso neben ihm kniete. Lydria schritt langsam auf die Krieger zu.

„Die Macht der Liebe hat uns vereint, hat uns zueinander geführt“, begann sie leise zu sprechen, „nichts ist stärker als die Liebe auch nicht der Tod!“

Sie kniete sich ebenso hinunter und legte ihre Hand auf Escorians Brust. Sie blickte auf und sah ihren Brüdern und Crisar in die Augen.

„Nur vereint schaffen wir es!“, sprach sie weiter.

Crisar verstand und legte ebenso seine Hand auf Escorians Brust. Kalgath und Selmir taten das Gleiche. Jeder der drei spürte die Kraft und die Wärme des Amuletts Auch Escorians Amulett, das an der Kette von seinem Hals hing, fing anzuglühen.

Die Dunkelheit um sie herum löste sich langsam auf und die ersten Sonnenstrahlen berührte ihre Körper. Plötzlich zuckte Escorians Körper und er holte scharf Luft. Langsam öffnete er die Augen und schaute in Selmirs verweintes Gesicht.

„Selmir, ich liebe dich auch und werde dich nie verlassen“, kam es leise aus seinem Mund.

Ein weiches Lächeln zierte Selmirs Gesicht und beugte sich hinunter, um Escorian zu küssen. Fest umarmte Escorian, den Körper seine Freundes und gab sich diesem Kuss hin.

„Wollt ihr hier weiter auf der Straße liegen?“, fragte Kalgath, der bereits wieder aufgestanden war. Selmir drückte Escorian ein wenig sanft von sich weg und funkelte seinen Bruder an. Doch bevor Kalgath dazu ansetzen konnte, etwas zu sagen, tat sich hinter ihnen ein helles Licht auf.

Selmir half Escorians auf die Beine und gemeinsam gingen sie wieder in Abwehrstellung.

„Hört auf!“, meinte Lydria, „es sind unsere Eltern.

Kalgath ließ sein Schwert wieder sinken, als er seinen Vater erkannte. Noch etwas benommen stützte sich Escorian auf seinem Schwert ab.

„Und? Seit ihr zufrieden mit unserer Tat? Mit der Vernichtung von Kazad Fuinfae Daedu?“, fragte Escorian, der von Selmir in den Arm genommen wurde.

„Ihr habt ihn jetzt vernichtet, für lange Zeit. Aber, er wird wieder kommen, irgendwann, wenn er wieder genug Kräfte gesammelt hat, durch das Böse in seinen Eigenen Reihen“, sagte Hadra.

„Aber keine Sorge, mit den vier schwarzen Kriegern des Lichts und der Fee der Morgenröte, als Herrscher über das Elfenland, wird es ihm schwerfallen“, fügte Annalos hinzu.

Hadra trat hervor und umarmte ihre beiden Söhne.

„Ich bin stolz auf euch und ihr werdet unser Erbe glanzvoll vertreten!“

„Und was wird aus euch?“, fragte Kalgath traurig, sein Blick zu seinem Vater gerichtet.

„Wir werden nun unseren Frieden finden, denn auch unsere Aufgabe ist gelöst“, antwortete Brana.

„Werden wir euch wieder sehen?“, fragte Selmir.

„Wenn ihr nach uns ruft, unsere Hilfe braucht, werden wir bei euch sein!“, kam es von Lyra.

„Ihr werdet euren Weg gehen und auch das Richtige in Zukunft tun!“, sagte Hadra und löste sich von ihren Söhnen.

„Lebt wohl!“, sprach sie leise weiter, „und vergesst nicht, wir werden immer bei euch sein!“

Kaum waren die Worte verklungen, so lösten sich die Eltern vor den Krieger in nichts auf. Zurück blieben die Fünf, auf der Strasse.

***

„Und ihr wollt wirklich nicht hier bleiben und mit uns gemeinsam zu regieren?“, fragte Kalgath, Escorian, der seinen Bündel schon auf den Rücken genommen hatte.

Er trat vor und nahm Kalgath in den Arm.

„Du wirst mit Lydria das Land weise regieren, da bin ich mir sicher. Aber Selmir, Crisar und ich werden im Süden gebraucht. Wir helfen aufbauen, neu zu schaffen, an den Orten, wo man unsere Hilfe braucht.“

„Und wie soll ich dich erreichen, wenn ich deine Hilfe brauche, oder meinen Bruder sehen möchte?“, fragte Kalgath.

„Du vergisst das Amulett, es wird uns immer verbinden!“, antwortete Escorian und zog das Auge von Corellon Larethian hervor.

„Hier drinnen, steckt all unsere Macht, unsere Liebe, wird immer der Bund zwischen uns sein, so weit auch die Entfernung unserer Trennung ist. Voll Liebe und Leben, werden wir weiter unser Leben bestreiten, sei es mein Leben an der Seite meines Freundes und meines Bruders, oder dein Leben, bei deiner Schwester. Nichts wird unsere Liebe zueinander trennen!“

Escorian stieg auf sein Pferd, doch bevor er losritt, wandte er sich noch einmal zu Kalgath und Lydria.

„was auch immer kommt, gemeinsam sind wir stark, gemeinsam können wir alles schaffen, was wir uns vornehmen. Keiner von uns ist alleine, denn wir sich die Hüter des Auge von Corellon Larethian! Seine Kraft macht uns zu dem, was wir sind!“

Mit diesen :Worten verabschiedete sich Escorian und ritt mit Selmir und Crisar, durch das Tor, hinaus, aus der Stadt.

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