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Information Und Friede den Menschen auf Erden
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:55 PM - No Replies

Dimitri
Endlich geschafft, endlich ist es drei Uhr nachmittags am Freitag, endlich Wochenende. Diese Woche schien ja gar nicht mehr zu vergehen. Und es war wieder eine Schinderei heute und ein Stress. Freitag kommt ja immer der TÜV zu uns in die Werkstatt und dementsprechend gibt es viel zu tun, denn die Autos müssen ja vorher noch überprüft werden, um sie durch den Tüv zu bringen.
Dazu waren einige dringende Autoreparaturen fällig. Am meisten nerven mich ja die Kfz-Halter, die sich neben einem hinstellen und auf die Finger sehen und dann auch noch gute Ratschläge geben, was zu machen ist. Und dann treten sie von einem Fuß auf den anderen, weil sie es ja so eilig haben und der ‚dumme Mechaniker’ findet den Fehler so lange nicht.
Aber was soll’s, jetzt ist erst mal bis Montag Ruhe!
***
Ach ja, ich heiße Dimitri, bin gerade mal neunzehn Jährchen, habe vor ein paar Wochen meine Gehilfenprüfung zum Kfz-Mechaniker erfolgreich bestanden und arbeite, wie ja vorher schon beschrieben, in der Werkstatt eines großen Autohauses in der Dreiflüssestadt Passau.
Der Betrieb liegt direkt an der Ausfallstrasse Richtung Vilshofen und nur ein paar Hundert Meter weiter habe ich erst vor wenigen Wochen meine eigene Wohnung eingerichtet. Ich kann also bequem zu Fuß zur Arbeit gehen.
Aber jetzt bin ich erst mal auf dem Weg von der Werkstatt in die Umkleide- und Duschräume. Da ich mit dem Meister noch eine Besprechung hatte, bin ich der letzte, der diese Räume betritt und deshalb ist dort schon reger Betrieb.
Schließlich haben wir neben zwei Meistern noch sechs Gesellen und vier Lehrlinge. Und alle haben es sehr eilig, um nach Hause zu kommen. Ist ja schließlich Freitag und das lange Wochenende wartet!
Nur die wenigsten nehmen eine Dusche, bevor sie sich umziehen. Auch ich schlüpfe nur aus meinem verschmierten Overall und entnehme meinem Spind die sauberen Klamotten, d. h. Jeans und T-Shirt. Duschen kann ich auch zu Hause.
Nebenbei lasse ich natürlich meine Blicke im Raum umherschweifen, es gibt ja doch allerhand zu sehen.
Ach ja, wegen dem ‚allerhand zu sehen’, wie ihr sicher ahnt, bin ich schwul, was im Betrieb zwar manche vermuten, genau weiß es aber keiner!
Dass es manche vermuten, nehme ich deshalb an, weil ich, im Gegensatz zu all den anderen, nie von Erlebnissen mit einer Freundin berichte. Andererseits sollte das aber gar nicht so auffallen, da ich überhaupt nicht viel rede, nur was eben sein muss während der Arbeit.
„He Dimitri, was treibst du dieses Wochenende?“
Thomas, einer der Gesellen, wie ich um die neunzehn, stellt mir die Frage. Er ist eigentlich der Einzige, mit dem ich auch mehr oder weniger Privates berede. Aber wie er so vor mir steht, eben aus der Dusche kommend und mit nichts an außer dem Handtuch, das er nun abnimmt, um sich die Haare zu trocknen, da muss ich schon erst schlucken und starre förmlich auf sein Riesengehänge.
Nicht, dass ich es zum ersten Male sehen würde, nein, aber ich finde es immer wieder faszinierend, weil Thomas wirklich allerhand zu bieten hat. Er hat vor allem einen sehr großen Sack, der länger herabhängt als sein Schwanz, obwohl letzterer keineswegs zu den Kleinen zu rechnen ist.
Thomas hat schwarze, etwas längere Haare und auch sein schwarzes Schamgebüsch ist sehr dicht. Im Gegensatz zu seinen muskulösen, dicht behaarten Beinen ist seine Brust völlig unbehaart.
Ich weiß von ihm, dass er in der Kreisklasse Fußball spielt, deshalb auch sein wohlproportionierter Po!
„Hab ich was an mir, weil du so schaust?“
„Nein, nein, entschuldige, ich bin nur immer wieder fasziniert von deinem athletischen Körper, könnte man neidisch werden,“ stammle ich verlegen und so leise wie möglich, soll ja kein anderer mithören.
Thomas lacht und lässt seine blendend weißen Beißerchen blitzen.
„Da ich dich ja noch nie nackt gesehen habe, kann ich das Kompliment nicht erwidern. Aber es ist alles da.“
Dabei greift dieser Adonis ungeniert zu seinem Sack und wiegt ihn mit der rechten Hand und lächelt mich an. Nur gut, dass ich nicht mehr in der Unterhose dastehe, ich hätte mich garantiert verraten. So kann ich unbemerkt in die Hosentasche greifen und dort für Ordnung sorgen!
„Jetzt weiß ich immer noch nicht, was du am Wochenende vorhast.“
„Ach Thomas, du weißt doch, dass ich erst meine Wohnung bezogen habe, da gibt es noch so viel zu tun!“
„Brauchst du nochmals Hilfe, also ich hätte Zeit, würde dir gerne wieder helfen.“
Dabei schlüpft er in seine weißen Retroshorts, die sicher mehr zeigen, als sie verhüllen.
„Das wäre super Thomas, ich habe nochzwei Schränke in der Garage unten stehen, wenn du sie mir hinauftragen hilfst? Wie wäre es morgen nachmittags?“
„Ich muss zwar morgen noch Einkaufen, aber ich melde mich einfach bei dir, wenn ich fertig bin, okay?“
Ich nicke ihm freundlich zu und meine: „Einverstanden, dann bis morgen, Thomas!“
„Servus Dimitri, also bis morgen!“
Ich bin mit der Anzieherei fertig, nehme meinen Rucksack und mache mich auf den Nachhauseweg. Es sind ja nur ein paar hundert Meter die ich zu bewältigen habe. Die Straße vom Autohaus gerade runter, dann bei der Ampelkreuzung auf die linke Seite, eine kleine Anhöhe hinauf und schon bin ich zu Hause.
Ja, mein Zuhause, allmählich gewöhn ich mich daran, dass es mein eigenes Heim ist. Ich bin froh, dass ich mich vor vier Wochen entschlossen habe, von zu Hause auszuziehen!
Es ist ein kleines Appartement mit Kochnische und Bad im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses in der Vilshofener Strasse in Passau.
Die Miete ist in Ordnung und bezahlbar, weil ich ja auch Mietzuschuss von der Stadt bekomme.
***
~ Rückblick ~
Es war nicht mehr zum Aushalten mit den ewigen Beschimpfungen von meinem Vater, seit er um mein Schwulsein wusste.
Ich muss dazu erklären, dass meine Familie, also meine Eltern, mein kleiner Bruder Yuri, und ich vor 12 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion, hierher nach Deutschland kamen.
Mütterlicherseits war die deutsche Volkszugehörigkeit gegeben, so dass der Umsiedelung nichts im Wege stand. Auch mein Vater hat inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erworben, die unsere Mutter und wir Kinder schon länger hatten!
Wir lebten anfangs im Aussiedlerwohnheim in Landau a. d. Isar, bis wir vor ein paar Jahren hierher nach Passau zogen, wo bereits ein Bruder meiner Mutter lebte!
Er war es auch, der meinen Eltern einen Arbeitsplatz sicherte und mir schließlich die Lehrstelle im Autohaus. Vater tat sich von Anfang an schwer mit dem Deutschen, er spricht es auch heute noch sehr gebrochen und am liebsten überhaupt nicht!
Mit meiner Mutter und einigen anderen russlanddeutschen Bekannten redet er überhaupt nur Russisch. Mein Vater wurde immer unzufriedener mit dem ganzen Leben hier, als er merkte, dass einem in Deutschland auch nichts geschenkt wird! Auch hier muss für mehr oder weniger kargen Lohn hart gearbeitet werden. Er nörgelte an allem rum, vor allem auch an uns Kindern, wir konnten ihm nichts recht machen!
***
Und dann kam es zum Eklat! Ich merkte so vor drei bis vier Jahren, dass mich Mädchen nicht besonders interessierten. Wenn die anderen Burschen in der Hauptschule und dann in der Berufsschule vom ‚Weiberaufreißen’ und von ‚Titten und Muschis’ redeten und sich, wie unschwer festzustellen war, an diesem Gerede aufgeilten, da blieb ich ganz ruhig und konnte mir beim besten oder soll ich sagen, geilsten Willen nicht vorstellen, was bitteschön an einem weiblichen Unterleib oder an einem Gemöpse aufreizend sein soll.
Ja, dagegen nötigte es mir schon einiges an Beherrschung ab, den sich aufgeilenden Jungs nicht zu direkt auf ihre Hosentürls zu starren, vor allem, wenn sie sich ihre Päckchen oder Pakete richtig geil durchkneteten.
Da war mir klar, dass ich nun mal mit Frauen nichts anzufangen weiß und damit wohl schwul sein muss. Es war aber kein Schock für mich, so wie es manch andere erleben. Ich habe so was ja schon lange geahnt, es kam ja nicht über Nacht, dass ich eben Schwänze interessant fand.
***
Als ich eines Tages am Zeitungsstand des Passauer Bahnhofs Zeitschriften mit halbnackten Jungs sah, sie kaufte und zuhause durchblätterte, da war dann natürlich alles klar!
Erst gar, als ich mich endlich in einen Sex-Shop traute und mich dort mit ‚härteren’ Männermagazinen eindeckte, um mich mit den ‚steifen Tatsachen’ in meinem Zimmer auseinander zu setzen. Da gab es keine Zweifel mehr. Stundenlang konnte ich mich mit den Heften und mit mir selbst beschäftigen!
***
Eines Abends muss ich so intensiv mit mir beschäftigt gewesen sein, dass ich mein Anschauungsobjekt einfach unter das Kopfkissen schob, weil ich schon zu müde war um es wegzuschließen. „Morgen früh dann…“, schon war ich eingeschlafen. Von wegen morgen früh!
Es pressierte am Morgen und ich dachte an alles, aber nicht an die steifen Schwänze unter meinem Kopfkissen!
Die fielen mir erst wieder ein, als ich abends vor meinem, von meiner Mutter gemachten, Bett stand!
***
„Ich hab doch gestern…“ siedend heiß überkam mich der Gedanke, dass meine Mutter das Heft gefunden haben muss, denn es war sonst nirgends zu sehen.
Die Bestätigung kam gleich darauf, als ich zum Abendessen in unser Esszimmer kam und Vater sich drohend vor mir aufbaute und mir das beschlagnahmte Heft vor die Nase hielt.
„Dimitri Frelich!“
Oh je, wenn Vater mich mit meinem vollen Namen anspricht, dann ist Feuer unterm Dach!
„Dimitri, was das soll? Schweinestall das ist! Wo kaufen? Du mögen doch nicht solche… solche…?“
Vater fuchtelte mit dem Heft herum. Nur gut, dass mein Bruder nicht zu Hause und Mutter in die Küche geflüchtet war. So dass die beiden meine Verlegenheit, meine tomatenfarbene Röte und mein Gestammel nicht mitbekamen.
„Vater, ich hab das… ich weiß nicht… es ist nicht so…“
„Ja, Dimitri, was du sagen?“
Ich überlegte einen Augenblick und nahm meinen ganzen Mut zusammen, was kann denn schon noch passieren?
„Vater, ich muss es dir sagen, ich bin schwul! Jetzt ist es heraus. Ich wollte es euch schon lange sagen, hatte aber nicht den Mut dazu. Aber nach dem ihr das Heft gesehen habt, ist wohl alles klar.“
Warum jetzt nicht gleich reinen Tisch machen, hab doch eh nichts mehr zu verlieren! Weit gefehlt!
***
Ich hab Vater noch nie so laut schreien hören; man muss ihn noch auf der Straße gehört haben.
„Dimitri, du nicht schwul, kann nicht sein. Dimitri, du Russe, Russen nicht schwul!“
„Vater, ich bin aber schwul und außerdem bin ich Deutscher!“
Jetzt wurde Vater erst so richtig wütend, wobei ich gar nicht weiß, was ihn mehr erzürnte, meine erste oder die zweite Feststellung. Ich weiß gar nicht mehr, was er mir alles auf den Kopf zugesagt hat, mit welchen russischen Schimpfnamen er mich belegte.
Ich weiß nur noch, dass meine Mutter ins Zimmer stürmte, mich am Ärmel packte und mich hinauszog. Erst in meinem Zimmer kam ich wieder so recht zur Besinnung, als mich Mutter ansprach:
„Dimitri, es tut mir so leid, ich hab einen riesengroßen Fehler gemacht. Aber ich war so erschrocken über die Zeitschrift. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so was überhaupt gibt. Und da bin ich schnurstracks zu Vater gerannt und hab es ihm gezeigt! War ein großer Fehler, ich weiß. Ist aber jetzt nicht mehr zu ändern!“
Irgendwie tat sie mir leid, wie sie da so mit Tränen in den Augen vor mir stand und sich entschuldigte.
„Ach was soll’s, irgendwann musste er es ja erfahren, warum nicht heute. Ich hab mir das Schwulsein ja auch nicht ausgesucht. Es ist nun mal so und nicht mehr zu ändern!“
„Vermutet habe ich so was schon lange, habe es aber bisher verdrängt. Aber Dimitri, es ist dein Leben, du musst damit zu Recht kommen. Ich bin jedenfalls immer für dich da. Und wirst sehen, Vater wird das auch hinnehmen, er braucht halt länger.“
„Aber sag vorläufig Yuri nichts davon. Ich will es ihm selbst sagen, irgendwann einmal.“
„Ist recht Dimitri, glaub mir, Vater wird eines Tages auch verstehen und es wird alles gut.“
***
Aber sie hatte die Rechnung ohne Vater gemacht! Vater verstand gar nichts! Und nichts wurde gut! Anfangs war ich Luft für ihn, dann allmählich belegte er mich wieder mit russischen Schimpfwörtern und es gab wegen jeder Kleinigkeit Streit. Von wegen harmonisches Familienleben!
Auch Yuri bekam bald mit, dass etwas vorgefallen sein musste, so wie mich Vater behandelte. Ich fand, es war höchste Zeit, ihm reinen Wein einzuschenken. Er ist ein netter, lieber Junge, Kunststück, er ist ja mein Bruder! Ganze 2 Jahre trennen ihn von mir, er ist vor kurzem 17 geworden und der Schwarm aller Mädchen seiner Realschulklasse. Aber sicher sieht ihm auch mancher seiner männlichen Mitschüler gerne hinterher, denn Yuris wohlgeformtes Hinterteil ist schon ein Blickfang.
„Yuri, kommst du mal auf mein Zimmer, ich hab was zu bereden.“
„Was ist denn Dimi?“
Ja, ‚Dimi’, so nennt mich außer Yuri keiner.
„Komm einfach rein und mach die Tür zu.“
„So geheimnisvoll? Hat es mit Vaters Verhalten zu tun?“
„Auch, ja. Ich weiß nur nicht, wie ich es dir am besten erklären soll.
Also, es ist so… ich bin… Mensch, ist das schwer, wie soll ich es…?“
„Wenn du mir sagen willst, dass du schwul bist, dann ist das aber absolut keine Neuigkeit für mich. Also, was ist da so schwer zu sagen?“
Nun war ich aber am Schlucken, mit allem hatte ich gerechnet, mit dem aber nicht.
„Mund zu Dimi, ich weiß es schon eine ganze Zeit. Na ja, erstens hast du nie ein Mädchen angeschleppt und dann, na ja, war vielleicht nicht die feine Art, hab ich dich durchs Schlüsselloch beobachtet, wie du, na ja, du weißt schon…“
„Was soll ich wissen?“
„Na ja, du hattest eine Zeitschrift neben dir im Bett liegen, die du mit einer Hand umgeblättert hast, mit der anderen hast du dein Ding gerieben.“
„Na das ist wirklich keine feine Art, Yuri, anderen beim Wichsen zuzusehen, das habe ich bei dir noch nie gemacht. Aber nur, weil ich gewichst habe, wie kommst du dann darauf, dass ich schwul bin, Yuri?“
Ich merkte wie er rot anlief, es war ihm sichtlich peinlich weiterzureden.
„Also, ich hab in deinem Zimmer gesucht, als du in der Arbeit warst, bis ich deine Lektüre gefunden hab. Und ich wurde sehr rasch fündig, weil du nämlich das gleiche Versteck hast wie ich. Klar, dass ich da zuerst nachsah, nämlich im Kleiderschrank unter deinen Winterpullovern!“
„Also eigentlich sollte ich dir jetzt eine schmieren, du schnüffelst in meinem Zimmer rum. Aber gut, ist jetzt eh wurscht. Ach übrigens, was hast du denn in deinem Versteck unter deinen Pullovern?“
„Das ist jetzt nicht so wichtig, ich wollte nur sagen…“
„Nein Yuri, das will ich jetzt wissen!“
Schon stand ich auf und ehe Yuri wusste, wie ihm geschah, stand ich in seinem Zimmer und vor seinem Kleiderschrank.
„Na mal sehen, womit sich der Herr so verlustiert. Ach, da haben wir ja die Pulloverchen, mal schauen…“
Ich hob die Pullover und richtig, darunter lagen zwei Hochglanzmagazine. Yuri stand mit hochrotem Kopf neben mir und schaute verschämt auf den Boden. Ich holte die Heftchen runter und war verblüfft, wieder mal, denn es waren Homomagazine, die mein kleiner Bruder dort verstaut hatte.
Erstmals sagte keiner was, aber dann stotterte ich „Ja sag mal, bist du etwa auch…?“
„Ach Dimi, so genau weiß ich es doch auch nicht. Ja sicher, mir gefallen die Sachen in diesen Heften, ich sehe hübsche Kerle hinterher. Aber ich könnte mir schon auch vorstellen, eine von meinen Mitschülerinnen flachzulegen und dann so richtig…
Bin ich bi, Dimi?!?“
„Ich nehme es an Yuri, vielleicht aber doch mehr in Richtung schwul? Genau weiß ich es natürlich auch nicht. Hast du schon mal mit einem Jungen…? Oder mit einem Mädchen?!“
„Weder noch Dimi, darum weiß ich auch nicht, wo ich eigentlich stehe. Es ist so kompliziert.“
„Übereile nichts Yuri, lasse es einfach auf dich zukommen. Irgendwann kommt sicher der oder die Richtige. Wirst sehen!“
„Danke Dimi, ich bin froh, dass ich mit dir über alles reden konnte. Aber es bleibt unter uns, ja?“
„Na klar doch Yuri.“
„Aber was anderes, was ist nun mit Vater und dir, es ist doch nicht wegen deinem Schwulsein?“
„Leider doch Yuri, es ist deshalb. Vater sagt, ich bin Russe und ein Russe kann nicht schwul sein!“
„Blödsinn, erstens sind wir keine Russen mehr, und außerdem… oh je, wenn der das von mir auch noch wüsste…“
„Muss er vorerst ja auch nicht wissen, vor allem, lass keine Schwanzlektüre offen liegen, nicht dass es dir so ergeht wie mir.“
Und ich erzählte ihm mein so folgenreiches Versehen.
„Da war aber selten dämlich, mein großer Bruder, passiert mir bestimmt nicht.“
„Na dann ist es ja gut.“
Ich war froh, dass das Gespräch, vor dem ich solchen Bammel hatte, so gut verlaufen ist. Er wusste es bereits, dieser Schuft, aber ein ganz lieber Schuft!
Und Yuri war es auch, der mir half, mit den häuslichen Schwierigkeiten, zurecht zukommen.
***
Eines Tages hat mich Vater dann gesehen, als ich aus Yuris Zimmer kam. Und wieder gab es einen Mordskrach, ob ich nun auch noch meinen kleinen unschuldigen Bruder zu Abartigkeiten verführen will und lauter solchen Schmarrn.
Von wegen kleiner unschuldiger Bruder!
Aber ich sagte gar nichts darauf und hörte nur noch, als ich in mein Zimmer ging, meinen Vater schimpfen.
„Yuri in Ruhe lassen, sonst du fliegen aus Haus, Verstehst?!“
Ich hab einfach meine Türe zugemacht und die lauten Beschimpfungen meines Vaters auf dem Flur, die versuchte ich einfach zu ignorieren. Ich drehte meinen CD-Player auf und legte mich aufs Bett.
Zum ersten Mal machte ich mir Gedanken, ob es nicht doch das Beste wäre, eine eigene Wohnung zu suchen!
****
~ Rückblick ENDE ~
Während ich nun an diesem Freitagnachmittag in meinem kleinen, aber saniertem Bad stehe und mir unter der Dusche den Schmutz und Schweiß des harten Arbeitstages herunter wasche, muss ich daran denken, wie hart mir der Auszug aus der Familienwohnung gefallen ist. Und das vor allem natürlich wegen Yuri und Mutter!
Die beiden haben mir auch wunderbar geholfen beim Einrichten der neuen Wohnung. Vor allem Yuri hat jede freie Minute hier verbracht. Auch Thomas, mein Arbeitskollege, half mir vor allem beim Tapezieren der Wände.
Ja, Thomas ist schon ein feiner Kerl, ich mag ihn sehr. Er ist nicht so vorlaut und eingebildet wie die meisten anderen Kollegen. Ob er schon eine feste Freundin hat?
Er hat da mal was angedeutet von einer gewissen Silvia, mit der er in Urlaub war. Mehr habe ich aber auch nicht erfahren. Während ich meinen Body einseife, vor allem dann die unteren Regionen, kommt mir wieder das Bild von vorhin im Umkleideraum des Autohauses in Erinnerung!
Der nackte Thomas mit seinem übernatürlich großen… und ich sehe noch deutlich vor mir, wie er die Sachen so geil knetet und ‚es ist alles da’ dabei sagt. Ja, nun ist bei mir auch ‚alles da’, in voller Länge ausgefahren!
Ich glaube schon, dass ich in der Beziehung mit ihm mithalten kann.
Wie gerne würde ich mal eine fremde Hand da unten spüren, nicht immer nur die eigene. Es ist wirklich wahr, aber trotz meiner immerhin schon 19 Jahre, hat noch kein anderer und keine andere bei mir Hand angelegt!
Ach ja, mit Thomas, da könnte ich mir so allerhand vorstellen, was man zu zweit viel besser machen kann als immer nur alleine! Mit Thomas, ja das wäre was! Aber er ist doch nicht schwul, der würde doch nie mit mir…
So bleibt also weiter nichts als die schon gewohnte übliche Beschäftigung als Solist beim Flötenspielen!
Und wie es halt kommen muss, gerade als ich zum Fortissimo ansetzen will, da läutet es an meiner Wohnungstür. Zuerst setze ich einfach mein Spiel fort, was kümmert mich die Klingel. Aber wenn es doch etwas Wichtiges ist?
Es hilft alles nichts, ich schnappe mir das Badetuch, wickle es um meine Hüften und gehe, nasse Fußabdrücke hinterlassend, an die Tür. Ich öffne sie vorsichtig einen Spalt und werde mit einem fröhlichen: „Hey Dimi, warum lässt du mich so lange warten?!“ begrüßt.
Yuri ist es, der mir das Finale im Bad verpatzt hat. Aber wer könnte dem brüderlichen Wirbelwind deshalb böse sein! Natürlich lasse ich ihn herein. Er sieht mich groß an, sieht auf meinen nassen Körper und das Handtuch, das sich vorne etwas ausbeult und meint ganz frech:
„Ach das tut mir jetzt aber Leid, habe ich dich bei deiner Lieblingsbeschäftigung gestört, ach wie mir das Leid tut!“
Er grinst dabei wie ein Honigkuchenpferd. Ich wuschle ihm durch seine blonde Lockenpracht und ziehe etwas daran.
„Aua das tut doch weh, Dimi, na warte du!“
Und ehe ich mich versehe, reißt mir der Frechdachs das Handtuch vom Leib. Ich stehe jetzt splitternackt vor ihm!
Mit beiden Händen versuche ich meine Kostbarkeiten zu verbergen, was gar nicht so leicht ist bei der fast immer noch voll einsatzbereiten Flöte.
Yuri kugelt sich fast vor lauter Lachen.
„Aber Dimi, warum so schüchtern, ich hab doch eh schon alles gesehen.“
Ach ja, was solls, ich nehme meine Hände weg und merke gleich, wie Yuri starrt. Rasch eile ich ins Bad, trockne mich fertig ab und schlüpfe in den Bademantel. Enttäuscht sieht Yuri mich an, als ich aus dem Bad komme.
„Ach schade, an den Anblick hätte ich mich gewöhnen können, Dimi. Aber was anderes, ich hab dir von Mutter einen Korb voller Essensachen mitgebracht. Sie lässt dich auch schön grüßen.“
Erst jetzt bemerke ich den Korb, den Yuri abgestellt hat. Es ist nicht das erste Mal, dass Mutter mir was zukommen lässt, freilich, sie kann es nur tun, wenn Vater nicht zu Hause ist.
„Ach übrigens Dimi, Vater hat gestern Abend zum ersten mal gefragt, ob es richtig war, dich weggehen zu lassen. Mit Mutter hat er geredet, ich habe es heimlich gehört. Ich glaube, es tut ihm leid, wie er dich behandelt hat. Ich würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages bei dir auftaucht.“
„Ich weiß nicht Yuri, ich bin im Moment froh, meine eigene Wohnung zu haben und Vater nicht sehen zu müssen. Ach übrigens Yuri, was hast du morgen Nachmittag vor? Thomas will kommen, er hilft die Schränke herauf tragen. Es ginge einfacher, wenn du auch hilfst!“
„Natürlich helfe ich dir, ist doch klar, außerdem freue ich mich Thomas wieder zu sehen. Ich finde ihn nämlich sehr sympathisch. Und Aussehen tut er ja unheimlich gut. Du magst ihn doch auch. Warum seid ihr eigentlich noch nicht beisammen, ich meine so als richtige Freunde?“
Wir sitzen inzwischen am kleinen Tischchen in der Küche und ich probiere schon mal den delikaten Nudelsalat von meiner Mutter.
„Natürlich mag ich den Thomas. Dass er ein Adonis ist, weiß ich auch. Was ich aber bis heute nicht weiß, ist, ob er überhaupt schwul ist. Ich glaube es gar nicht. Er hat doch mal was von einer Freundin erzählt. Aber was ist jetzt eigentlich mit dir, da du ja so von Thomas schwärmst.
Willst du es nun doch mal mit einem Freund versuchen? Beißen sich die Girls nun doch die Zähne bei dir aus?“
„Ja Dimi, ich bin mir nun ziemlich sicher, dass ich unseren Eltern keine Enkelkinder präsentieren kann. Ich habe es versucht. Du weißt doch von Tatjana, mit der ich befreundet bin. Ich mag sie als Freundin, gute Freundin. Aber im Bett da ging einfach nichts. Es reizt mich einfach nicht, auch nicht mit einer anderen. Dagegen mit Thomas…“
„Na dann, willkommen im Club, Yuri!“
„Na ja, warten wir es ab. Aber was anderes, Dimi. Wenn ich morgen schon hier bin, dann könnten wir doch auch wieder mal wohin fahren, bitte Dimi!
***
Seit ein paar Wochen habe ich einen fahrbaren Untersatz, einen Ford Ka, klein, aber ganz mein. Natürlich habe ich ihn günstig als Gebrauchtwagen von der Firma bekommen. Es war einiges zu reparieren. Aber als gelernter Mechaniker und mit der Automarke vertraut, war es mehr oder weniger ein Kinderspiel, das Fahrzeug in einen Tüv-tauglichen Zustand zu versetzen.
Mit Yuri habe ich schon die eine oder andere Fahrt unternommen.
„Na gut, wo willst du hin, Yuri?“
„Ich wüsste da schon was, ist gar nicht weit zu fahren, der Ilzstausee an der Oberilzmühle.“
„Und was ist da so besonders?“
„Dimi! Hast du noch nie davon gehört! Dass ist doch der einzige FKK-Platz in der ganzen Gegend. Außerdem treffen sich dort die Schwulen. Ach bitte Dimi, lass uns doch morgen dorthin fahren. Es soll auch ein heißer Tag werden.“
„Also ich habe nichts dagegen. Ich weiß nur nicht, ob Thomas so lange Zeit hat, um auch mitzukommen.“
„Au ja, Dimi, der muss einfach mitkommen, dann werden wir ja sehen, dann muss er die Hosen runterlassen, in zweierlei Hinsicht. Dann sehen wir ja, was wirklich an der Freundin-Geschichte dran ist. Und wir sehen auch, was an ihm dran ist!“
„Yuri Yuri, du bist unverbesserlich. Aber gut, fragen wir ihn morgen!“
„Jawohl, schau ma mal, dann seng mas scho, gell Dimi.“
Yuri verabschiedet sich bald, denn er will ja noch ins Kino. Und ich richte mich auf einen gemütlichen, aber einsamen Fernsehabend ein.
***
Es ist Samstagnachmittag und wie vorhergesagt, es ist ein heißer Augusttag. Yuri ist bereits bei mir und wir warten auf Thomas. Er hat gegen Mittag angerufen und sich für 2 Uhr angesagt. Ich gehe mit Yuri schon mal runter. Gerade, als wir aus der Haustüre treten, fährt Thomas mit seinem Rad in unseren Hof. Mit einem Lächeln springt er vom Rad, stellt dieses an der Garage ab und begrüßt uns beide.
Er trägt Jeans und ein gelbes, ärmelloses Shirt. Seine Haare sind vom Wind arg zerzaust und Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Trotzdem sieht er wieder blendend aus.
„Hallo ihr beiden, bin ich nicht pünktlich?“ meint er und ordnet etwas seine schwarzen Locken.
„Haben wir von dir gar nicht anders erwartet“ erwidere ich, „na dann lass uns mal gleich mit der Arbeit beginnen.“
Die beiden Schränke, die wir von der Garage hinauftragen, sind zwar nicht sehr schwer, wir kommen aber doch ganz schön ins Schwitzen, bei den Temperaturen an diesem 11. August kein Wunder.
Ich trage mit Thomas die Schränke, während Yuri uns die Türen aufmacht und aufpasst, dass wir, vor allem im Stiegenhaus, nirgends anstoßen.
Endlich ist es geschafft und wir sitzen alle 3 auf meiner Wohnzimmercouch und löschen mit Cola und Saft unseren Durst.
Yuri rempelt mich mit dem Fuß an und räuspert sich kurz. Ich weiß schon, was er will.
„Ach Thomas, hättest Du nicht Lust, mit uns an den Ilzstausee zu fahren?“
„Das ist doch dieser FKK-Platz, oder? Natürlich will ich, wenn ihr mich mitnehmt. Aber ich habe keine Badehose dabei.“
„Macht nix, dafür ist es ja FKK,“ kann sich Yuri nicht zurückhalten.
„Na ich weiß nicht, so vor allen Leuten…“
„Kein Problem Thomas, du kriegst von mir eine Hose, sie passt dir sicher auch!“ überzeuge ich Thomas.
„Prima, dann würde ich sagen, pack mas,“ das kommt von Yuri.
Und so machen wir uns mit meinem Auto auf den Weg von Passau Richtung Freyung zum Ilzstausee!
***
Nico
Das war’s dann ja wohl! Ich hatte so viel Hoffnung in diesen Tag gesetzt. An meinem Geburtstag wollte ich klaren Tisch machen. Endlich ehrlich sein! Auch zu mir selber! Und dann habe ich es Ihnen gesagt!
***
Bei der Geburtstagstorte, die ich mit meinen Eltern und meinen drei besten Freunden gerade genoss. Ja, Torten machen kann meine Mutter wie keine andere! Schmeckt immer lecker! Und man isst meist auch mehr als man eigentlich will!
Es schmeckte auch allen, bis ich dann loslegte: „Weil wir gerade so schön friedlich zusammensitzen, möchte ich euch endlich die Wahrheit sagen und das Versteckspiel endlich beenden!
Ich weiß seit vier Jahren, dass mich Frauen nicht interessieren. Ich bin schwul!“
Bummmmsss!!!!
Schlägt ein wie eine Bombe! Allerdings mit verheerender Wirkung!
***
Hätte ich doch nur meinen Mund gehalten! Meine drei Freunde lassen die Kuchengabel fallen und sehen mich wie ein Mondkalb an. Heinz lässt noch „Verfluchte scheiß Schwuchtel“ ab und verlässt dann mit den beiden anderen vermeintlichen Freunden das Haus!
Und meine Eltern? Für meinen Vater ist das aber gar kein Thema. Er bleibt ganz cool! Er wendet sich an meine Mutter. „Ach weißt du Erika, du gehst übermorgen mit Nico zu Dr. Jobst! Du kennst ihn und weißt ja, dass das einer der fähigsten Ärzte überhaupt ist. Und der richtet unseren Sohn wieder!
Nico, du bist nicht schwul! Du bist mein Sohn! Deshalb kannst du gar nicht schwul sein! Verstehst du das? Ich habe ganz einfach keinen schwulen Sohn! Deine Mutter geht mit dir Montag zum Arzt. Der heilt das wieder! Wahrscheinlich nur ein ganz kleiner Eingriff! Keine große Sache!
Und ich fahre jetzt doch noch mal im Büro vorbei. Feiert noch schön! Keine Angst Nico, Dr. Jobst heilt dich wieder! Und dann bist du wieder mein lieber Junge!“
Mit diesen Worten verlässt mein Vater, Franz Weiss, das Haus.
***
Bei meiner Mutter beginnen jetzt die Tränen zu laufen!
„Ach Nico, dein Vater verliert immer mehr den Boden unter den Füßen. Lange geht das nicht mehr gut! Aber ich warte eigentlich schon seit drei Jahren, dass du es mir endlich sagst, dass du schwul bist! Schade dass es so lange gedauert hat, du nicht mehr Vertrauen zu deiner Mutter hast! Darf ich dich drücken und umarmen Niki? Oder bist du dir da schon zu alt dafür?
Aber für mich wirst du immer mein kleiner Niki bleiben! Und dann bekomm ich eben einen Schwiegersohn und keine Schwiegertochter!“
Jetzt sind es Freudentränen, die der Mutter runterlaufen!
***
Mir beginnen die Tränen jetzt aber auch zu laufen. Über meine Freunde bin ich zutiefst enttäuscht. Mein Vater, na ja, der ist eigentlich kein Thema! Und über ihn aufregen lohnt gar nicht. Aber meine Freunde! Speziell Josef! Tja, so kann man sich in einem Menschen täuschen!
Aber bei meiner Mutter war ich mir eigentlich immer sicher! Und zu recht! Eben eine wirkliche Mutter! Ich gehe in die Knie vor ihr und dann heulen wir beide gemeinsam eine Weile.
„Den Arzt Niki. Den lassen wir, oder? Du bist nicht krank! Du bist mein kleiner Niki! Ich liebe dich! Immer! Heute! Morgen! Übermorgen! Bis zu den Sternen und zurück! Solange, bis ich nicht mehr da bin! Gibt es da eigentlich schon einen…?“
Ja, das ist meine Mutter. Die Schärfe aus der ganzen Angelegenheit nehmen und dann natürlich noch ein bisschen Neugierde! Mein Coming Out habe ich mir schon etwas anders vorgestellt! Drei vermeintliche Freunde verloren, meinem Vater, dem der Verkehrsunfall vor ein paar Jahren wohl doch etwas mehr zugesetzt hat. Ein Vater war er die letzten Jahre schon nicht mehr. Eher jemand, der auch hier in diesem Haus lebt und wohnt!
Aber wie gesagt, auf meine Mam ist hundertprozentig Verlass. Auf sie habe ich mich immer verlassen können. Sie hat mir auch immer die Stange gehalten. Ich frage meine Mam jetzt aber trotzdem, wie Vater das mit dem Arzt gemeint hat.
Denn, den Dr. Jobst, den ich kenne, ist so ein Braunenfreundlicher alter Knacker.
***
„Weißt du Niki, dein Vater hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Vor zwei Jahren ist er in eine neue Partei eingetreten. Und die ist so ziemlich gegen alles! Gegen Ausländer! Gegen Asylanten! Gegen Zuwanderer! Und eben auch gegen Schwule!
Weißt du, die haben so eine braune Gesinnung. Das hatten wir vor 70 Jahren schon einmal in Deutschland! Dieser Dr. Jobst ist einer seiner Parteifreunde. Ich habe ihn mal auf einem Empfang kennen lernen müssen. Dein Vater hat mich ihm einfach vorgestellt!
Wenn wir zu diesem Könner nicht hingehen, wird dein Vater wohl ein paar böse Bemerkungen fallen lassen und versuchen, uns mit Worten, vor allem dir, wehzutun!
Aber…“ und jetzt beginnt Mam zu lächeln.
„… der weiß auch, dass die Firma, in der er arbeitet, immer noch meinem Vater gehört. Und die nächsten 20 Jahre wird der sie sich auch nicht aus den Händen nehmen lassen! Von einem Franz Weiss schon gleich gar nicht.
Außerdem habe ich vor deinem Opa schon mal geäußert, dass du evtl. Schwul bist. Ja, ähm und dann hat mir Vater was aus seiner Jugend, vor seiner Hochzeit erzählt! Bevor er Mutter kennen lernte und dann heiratete, war er über ein halbes Jahr mit einem Mann zusammen!
Deiner Großmutter hat er das dann aber gesagt. Und die hat dann einfach gemeint, was vor ihrer Ehe war, interessiert sie nicht. Nur jetzt sollte er ihr aber schon treu sein. Und das war Vater dann auch. Bis heute. Und du weißt ja, wie gut die beiden bis heute noch können!
Jetzt hätte ich doch bald den Faden verloren. Ja, und dein Großvater kennt mittlerweile auch die Gesinnung deines Vaters. Und von daher wird es noch hochinteressant! Er wird sich nämlich mit deinem Vater anlegen! Ich werde meinen Vater jetzt anrufen und ihn auf Franz vorbereiten.
Um dich tut es mir am meisten leid. Meine Ehe mit deinem Vater ist schon lange so gut wie zu Ende. Seit er bei dieser Partei ist, hat er sich noch mehr verändert! Nur wegen dir habe ich die Ehe aufrechterhalten. Und das alles musst du ausgerechnet an deinem 19. Geburtstag erfahren! Bitte verzeih mir Niki!
Aber Opa und ich haben für dich heute Abend noch eine Überraschung. Die tröstet dich vielleicht ein bisschen!
Niki??? Ich habe dich unheimlich lieb!!! Lässt du dich von deiner alten Mam noch einmal richtig abknutschen?“
„Ach Mam, solange ich dich habe, was soll ich da mit einem Freund? Ja bitte knutsch mich ab! Das brauch ich jetzt!“
***
Ich beginne jetzt auch zu lächeln. Mit Vater habe ich im Grunde schon vor Jahren abgeschlossen. Verschiedene Äußerungen und Meinungen meines Vaters haben mich stutzig werden lassen! Was mich ja am meisten wundert, ist, dass es bis heute keine Eskalation gegeben hat.
Auf Seiten Vaters habe ich mir eigentlich doch ein paar böse, bissige, verletzende Bemerkungen erwartet! Na ja, wahrscheinlich muss er sich erst mit seinen Parteifreunden absprechen, was nun zu tun sei!
Wegen Josef bin ich aber wirklich traurig. Die anderen beiden kann ich ja verschmerzen. Aber Josef, da habe ich wirklich gemeint, einen Freund zu haben, dem man alles anvertrauen kann! In Zukunft werde ich noch viel vorsichtiger sein!
***
„Hast du noch etwas Mam, oder kann ich zum Ilzstausee fahren? Du weißt, da kann ich immer so gut abschalten! Und fürs Auge gibt’s da für mich auch was zu sehen! Am frühen Abend bin dann wieder da. Die Überraschung von Opa und dir lasse ich mir doch nicht entgehen! Bis dann!“
***
Erika Weiss verabschiedet Nico noch, räumt dann den Tisch ab und ruft dann in aller Ruhe ihren eigenen Vater an. Sie bedankt sich noch einmal bei ihm und teilt ihm natürlich auch mit, dass er mal wieder den richtigen Riecher gehabt hat. Es ist wirklich so gekommen, dass bei der Geburtstagsfeier Nico sein Coming Out hatte, das in die Hose ging!
Außerdem bittet sie ihn dann noch, den Familienanwalt die Scheidung einleiten zu lassen. Sie hätten sich ja darüber auch schon ausgiebig unterhalten. Und wegen Nico braucht sie jetzt keine Rücksicht mehr zu nehmen!
***
Ich setze mich unterdessen in meinen Mini und fahre zum Stausee. Ich höre unterwegs Musik. Und zwar Rosenstolz.
Zucker/Roter Mond
Zucker schmeckt nach deiner Haut
und wild dein tiefer Blick
bring mich fast zum roten Mond
dort süßer scheint das Licht.
Ich will dich trinken
will dich atmen
mit dir mein Leid zerstörn.
Roter Mond
süße Nacht
bin verlorn
doch stehts bewacht
roter Mond
und du scheinst
weil uns die Verzweiflung eint.
Zucker schmeckt nach Grausamkeit
im kalten Morgenrausch
bin verlorn im Tageslicht
weil ich den Mondschein brauch
ich kann nur warten
kann nur hoffen
dass du mein Leid zerstörst!
© by Rosenstolz – Zucker / Roter Mond
Ja, jetzt geht es mir wieder richtig gut! Ist ein richtiges Heilmittel diese Musik!
***
Dimitri
Es ist, wie vorhergesagt, ein heißer Tag. Die Parkplätze am Stausee sind ziemlich belegt, kein Wunder an diesem heißen Samstagnachmittag, dem 11. August, Hundstage eben.
Wir haben Glück und finden noch ein Plätzchen für unser Auto. Mit Decken und unseren Badesachen machen wir uns auf den Weg zum See. Dieser liegt doch ein Stück weit vom Parkplatz entfernt.
Yuri geht mit Thomas ein paar Schritte vor mir her und sie sind in einem intensiven Gespräch verwickelt. Verstehen kann ich nichts. Und so begnüge ich mich damit, die interessanten Rückfronten der Beiden zu betrachten. Beide tragen enge Jeans, die ihre interessanten Po-Wölbungen hervorragend zur Geltung bringen. Während Thomas außerdem ein gelbes Shirt trägt, hat Yuri ein weißes angezogen. Natürlich, weiß ist ja seine Lieblingsfarbe.
***

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Wir sind am See angekommen und treffen auf die ersten Nackten, beiderlei Geschlechts.



Da ich hinter Thomas gehe, kann ich sehr gut erkennen, wohin er schaut. Sieht er eher zu den nackten Männlein oder doch zu den Weiblein? Vorerst kann ich nichts unterscheiden, da ja hier die Geschlechter ziemlich vermischt sind.
Wir marschieren weiter am See entlang und erreichen schließlich eine kleine Lichtung, wo es etwas ruhiger zu sein scheint. Hier finden wir auch ein ideales Liege-Plätzchen für uns drei. Die kleine Wiese fällt zum See hin etwas ab, die obere Seite wird von einem kleinen Mischwäldchen eingegrenzt.
Wir sind natürlich nicht ganz allein auf dieser Wiese: Rechts unter uns, etwa so 15 Meter entfernt, da liegen zwei Männer, beide wohl jenseits von Gut und Böse. Links von uns, etwa auf unserer Höhe, da hat sich ein echter Nudisten-Freak niedergelassen, dunkelbraun gebrannt, besser gesagt verbrannt, vom Scheitel bis zu Sohle.. Etwas weiter weg sitzen oder liegen noch weitere Einzelpersonen oder auch Pärchen, meist männlichen Geschlechts.
Wir breiten unsere Decken aus, ziehen uns im Sitzen, mehr oder weniger verschämt, aus. Keiner von uns trägt ja schon die Badeshorts, so dass wir für einen kurzen Moment nackt dasitzen. Natürlich geht das Umziehen im Sitzen nicht so leicht. Aber wir sind ja alle zum ersten Mal an so einem öffentlichen Nacktstrand, klar dass man sich da etwas geniert. Deshalb bleiben wir auch nicht nackt.
Yuri trägt, wie könnte es auch anders sein, weiße Badeshorts, Thomas hat die von mir geliehene gelbe Badehose an, ich selbst trage meine hellblaue Badehose. Ja, ich weiß, völlig out, wer von den Jungen trägt heute noch Badehosen. Fast alle haben sie doch diese Ungetüme von Shorts an, womöglich noch mit einer Badehose darunter, dass man ja nichts zu sehen kriegt.
Da bin ich lieber unmodern und bleibe bei meiner knappen Badehose. Sehr genau habe ich Yuri beobachtet, wie er heimlich zu Thomas geschielt hat, in dem Augenblick, als dieser völlig nackt war. Ein leichtes Schmunzeln von ihm war nicht zu übersehen. Ist da was im Busch?
Wir liegen erstmal schweigend nebeneinander auf den Decken, Thomas in der Mitte. Ich kann nicht anders, ich muss ihn ansehen, diesen athletischen Körper und das große Paket in der Mitte. War gar nicht verkehrt, ihm diese enge Hose zu leihen.
Plötzlich tut sich was, rechts unten bei den vorhin schon erwähnten älteren Herren. Ein Junge ist aufgetaucht, etwa in Yuris Alter. Er ist sehr hübsch, hat einen wohlgestalteten Körper und ist nackt. Er kniet jetzt vor den Beiden und sie unterhalten sich sehr angeregt. Sie müssen sich gut kennen, sie lachen und scherzen miteinander. Nach einer Weile steht der Bursche auf, geht an uns vorbei und verschwindet in dem ein Stück hinter uns beginnenden Wald.
Ich habe Thomas die ganze Zeit aus den Augenwinkeln heraus beobachtet. Er hat mit seinen Blicken den Jungen sehr genau verfolgt, von Anfang an bis zum Verschwinden im Wald. Das war kein Zufall! Ihm hat der Junge genauso gefallen wie mir oder Yuri. Also ist er doch …?
Wie es fast zu erwarten war, verschwindet nun einer der beiden Älteren ebenso in dem Wäldchen wie schon zuvor der junge Typ.
„Was hat das wohl zu bedeuten …?“ rätselt Yuri und grinst sich eins.
„Du Thomas, was ich schon lange mal fragen wollte, wie geht es eigentlich deiner Freundin, Silvia, glaube ich heißt sie?“ stelle ich die Frage an Thomas.
Dieser räuspert sich und meint dann: „Na ja, was soll ich sagen, es war schon bald nach dem gemeinsamen Urlaub aus. Sie hat inzwischen schon einen anderen. Es klappte einfach nicht so recht mit uns. Ach was soll`s! Bin eigentlich ganz froh, wieder frei zu sein. Könnte ich sonst mit euch zwei heute hier liegen?“
Ich sehe wie Yuri strahlt. Steht es jetzt 1:0 oder schon 2:0 für ihn und seine Chancen auf einen Freund Thomas?
„Ich will jetzt ins Wasser, mir wird es langsam zu heiß hier.“
Diese doppeldeutige Bemerkung von Yuri nehmen wir zum Anlass, aufzustehen und zum See hinunter zu laufen. Da Thomas voraus läuft, hört und sieht er nicht, wie Yuri sich die Hände reibt und mir mit einem mehr als zufriedenen Lächeln zuflüstert: „Und er ist schwul, das sag ich dir!“
Ich kann nur mit der Achsel zucken und meine: „Abwarten Bruderherz!“
***
Da wir ja in der prallen Sonne gelegen haben, tut das kühle Nass im See unheimlich gut. Wir schwimmen um die Wette hinaus auf den doch ziemlich dunklen See. Wir kehren wieder um, spritzen uns gegenseitig ab, kichern und lärmen und sind übermütig wie kleine Jungs.
Aber sind wir das denn nicht? Ich sehe, wie sich Yuri immer wieder an Thomas heranmacht, ihn abspritzt. Doch dieser schwimmt ihm immer wieder davon.
„Du kriegst mich ja doch nicht!“ ruft er Yuri zu.
„Und ob ich dich kriege, warts nur mal ab!“
Thomas kann wahrscheinlich nicht ahnen, wie doppeldeutig Yuris Antwort ist. Plötzlich ist Yuri verschwunden, einfach abgetaucht. Auch Thomas reibt sich die Augen, sieht verwundert umher.
„Wo ist er denn?“
Da taucht Yuri urplötzlich unmittelbar vor Thomas auf und wirft sich auf ihn. Er zieht ihn mit unter die Oberfläche.
Nun sind sie also beide verschwunden und ich blicke hilflos auf das Wasser. Ich erschrecke nicht schlecht, als Thomas direkt neben mir aus dem Nass schießt, Wasser prustend und spuckend, mit den Armen fuchtelnd. Dahinter taucht Yuri auf, ebenso außer Atem und sich schüttelnd wie ein nasser Pudel.
„Der hat mich am Sack gepackt, diese geile Sau, dein Herr Bruder“ spuckt Thomas lachend aus und deutet auf den ganz unschuldig drein blickenden Yuri.
„Na warte, wenn ich dich erwische, dann kannst du was erleben! Dann weißt du nimmer, ob du ein Männlein oder Weiblein bist!“
So ruft Thomas dem kichernden Yuri zu, der schon mal etwas Abstand zu Thomas nimmt. Aber natürlich ist das alles eine Gaudi, beide lachen übermütig. Auch ich kann nicht anders, als mit den beiden „Bubis“ mitzutun.
Nun beginnt wieder eine wilde Wasserschlacht, wir spritzen uns ab, tauchen uns gegenseitig unter Wasser. Und immer wieder spüre ich Hände an meiner Badehose, die grapschen und greifen und fest zupacken.
Was die können, kann ich schon lange. Ich lasse mich von den wild gewordenen Jungs anstecken und tauche nun meinerseits unter Wasser. Ich ergreife die nächst beste Gelegenheit, sprich Badehose, um zu grapschen. Das Spiel heißt und geht ganz einfach, nämlich: „Packst du meine Eier, packe ich deine Eier!“
Ja, ja, ich weiß, eigentlich sind wir schon zu alt für dieses Spiel. Aber an diesem wunderschönen Sommertag mit diesen beiden liebenswerten Menschen, wer möchte da nicht gerne etwas übermütig, einfach nochmals Kind sein?
Etwas erschöpft von unseren „Kämpfen“ machen wir uns dann auf den Weg zurück zu unserem Platz. „Mensch, das war vielleicht ein Spaß, dein Sack muss ja direkt glühen, so wie ich zugelangt habe, nicht wahr Thomas?“ meint Yuri.
„Ja, das hast du geiler Yuri, aber dafür hatte ich auch meinen Spaß. Hast du denn nicht bemerkt, dass ich dir die Shorts runter gezogen habe und deine …ähm… leichte Versteifung in der Hand gehalten habe?“ entgegnet voller Stolz Thomas.
„Hab ich natürlich bemerkt und das war voll geil!“
Jetzt sieht Thomas doch etwas verwundert von Yuri zu mir und dann wieder zu Yuri. „Kann es sein… nein, das gibt es doch gar nicht… ihr seid beide…?“
Fragend sieht uns Thomas an.
„Ja gut, von dir Dimitri, da hab ich es schon lange vermutet, dass du schwul bist, aber von Yuri… da hatte ich wirklich keine Ahnung.“
„Nun ja, Thomas, jetzt weißt du es, wir sind es beide, nicht mehr zu ändern“, mische ich mich ein.
„Ich hoffe nur, du kündigst uns jetzt nicht die Freundschaft, täte mir und sicher auch Yuri sehr leid!“
„Ach Quatsch, warum sollte ich“ sagt Thomas etwas leiser und er wirkt doch etwas nachdenklich.
Wir liegen auf unseren Decken, immer noch mit der nassen Badebekleidung und es herrscht das große Schweigen. Nach einer schier endlosen Zeit wage ich einen Versuch, remple Thomas leicht an und meine: „Und wo stehst eigentlich du Thomas? Du musst aber nicht antworten, wenn du nicht willst.“
Wieder sagt keiner was. Aber dann bricht Thomas das Schweigen: „Doch, ich will und ich möchte, dass ihr die ersten seid, die es erfahren. Ja, ich bin es auch, nämlich schwul, wahrscheinlich immer schon. Das mit Silvia war wohl nur ein Versuch, ob es nicht doch anders geht. Aber es ging absolut nicht. Der gemeinsame Urlaub war der Reinfall des Jahrhunderts. Ich will gar nicht mehr daran denken.
Ihr seid also die ersten, die es erfahren, nicht mal zu Hause wissen sie davon. Und …..bleiben wir Freunde, jetzt wo ihr das wisst?“
Klingt schon sehr ängstlich diese Frage von Thomas. „Nein, bleiben wir nicht, du Schafskopf! Was soll diese Frage, selbstverständlich mögen wir dich weiterhin und jetzt erst recht!“ ist meine Antwort, die Thomas mit einem erleichterten Seufzer quittiert.
Ich sehe zu Yuri hinüber, der still vor sich hin schmunzelt. 3:0 für ihn? Yuri ist es auch, der uns auf einen neuen „Einwohner“ der Liegewiese hinweist. Etwas oberhalb unseres Platzes liegt ein Junge. Er muss während unserer Wasserspiele gekommen sein.
Alle drei sehen wir zu ihm. Jetzt hat er uns wohl auch bemerkt und sieht her. Aber während Yuri und Thomas wie ertappte Sünder ihre Blicke wieder nach vorne richten, muss ich ihn weiter ansehen, egal, was er sich dabei denkt.
Ja, das ist schon ein selten hübscher Kerl, muss so etwa in meinem Alter sein. Er hat braune, kurze Haare und, das ist selbst auf die Entfernung zu sehen, er hat wunderschöne große Augen. Auf so etwas stehe ich ja unheimlich!
„Jetzt zieht er sich aus“ sage ich leise vor mich hin.
Und wie auf Kommando drehen sich die beiden neben mir wieder um und gaffen den Jungen an.
„Nicht so auffällig“ tadle ich sie.
„Ach dem macht das doch nichts aus, seht nur wie provozierend er seine Jeans auszieht“, meint Thomas.
„Wahnsinn Mann, seht euch mal die langen Haxen an, die der hat, die hören ja gar nimmer auf. Ich tippe mal auf Hochspringer oder so was“, mutmaßt Yuri mit Kennerblick.
Er hat aber auch Recht, dieser hübsche Junge hat außergewöhnlich lange Beine.
Ich kann meinen Blick nicht von ihm wenden, der Boy fasziniert mich. Weiße Sprinter-Shorts trägt er mit roten Streifen an der Seite. Diese Shorts passen hervorragend zu seinem gebräunten Körper.
Während sich Yuri immer noch nicht beruhigt hat, ob der langen Haxen unseres Nachbarn, sehe ich, wie dieser die Lage seiner Strohmatte und des Badetuches verändert, so dass ich nun einen besseren Blick direkt zwischen seine langen Beine bekomme.
Das macht der doch absichtlich! Natürlich, jetzt greift er sich genau zwischen seine Beine, tut es so auffallend unauffällig, so als würde ihn der Sack jucken. Von wegen Sack jucken! Der Kerl ist raffiniert! Er weiß genau, dass zumindest ich ihn beobachte. Der will mich anmachen!
Nein, das kann doch nicht…..er wird doch nicht… aber er tut es, dieses geile Stück! Er langt in seine Shorts und richtet seinen Schwanz, damit er nach oben zu liegen kommt. Ich werde verrückt! Er weiß, dass ich ihn sehe, ja er will, dass ich ihn sehe! Immer wieder wirft er mir verstohlene Blicke zu.
Ich werde sehr nervös, mir wird sehr heiß. Ich muss jetzt unbedingt wo anders hinsehen. In meiner Hose, die eh so knapp geschnitten ist, herrscht große Unruhe.
Yuri grinst mich frech an und meint: „Dimi, Dimi, ich glaube dich hat es ganz schön erwischt.“
„Das sagt gerade der Richtige“ entgegne ich.
Thomas kommt wohl nicht so ganz mit und sieht uns fragend an. Ich will gerade etwas sagen, da stolziert unser Sprinter-Shorts-Träger an uns vorbei Richtung See.
„Ich hab’s mir doch gedacht, ich hab’s mir doch gedacht, die Sau hat darunter nichts an,“ triumphiert Yuri ganz frech.
Da unser Boy direkt neben Yuri vorbeigeht, hat dieser natürlich den besten Einblick auf die weiße Shorts.
„Na und, lass ihn doch, ist doch geil“, verteidige ich meinen neuen Schwarm.
„Wenn der nachher aus dem Wasser kommt, dann kriegen wir was zu sehen, wetten dass!“ meint Yuri.
„Na soviel hat der doch gar nicht“ ist Thomas Meinung.
„Also ich glaube, wer so lange Beine hat, der hat auch noch andere langen Sachen, aber warten wir, bis er vom See zurückkommt.“
Verteidige ich ihn etwa schon wieder?
***
Nach ungefähr 10 Minuten taucht unser nasser Sprinter-Shorts-Boy wieder auf. Erhobenen Hauptes marschiert er an uns vorbei. Natürlich verfolgen wir ihn mit unseren lüsternen Blicken. Und man sieht wirklich einiges. Die nasse Polyester-Shorts zeigt überdeutlich, wie toll der Junge bestückt ist.
Der muss doch wissen, dass seine nasse Hose alles zeigt. Aber das ist wohl Absicht, ganz klar! Es sind nicht nur wir drei, die ihm hinterher sehen, es gibt mehre verrenkte Hälse. Sogar eine Lady, nicht mehr die Jüngste, hat ihm beim Vorbeigehen lüsterne Blicke zugeworfen. Aber all das scheint ihn nicht zu interessieren.
Jetzt zieht er doch tatsächlich die nasse Hose aus. Und das im Stehen, uns zugewandt. Der Junge ist der reinste Provokateur, keine Frage! Und wie der bestückt ist!
„Hab ich es nicht gesagt, bei dem ist wirklich alles in reichem Maße da. Schaut ihn euch nur an, eine Augenweide! Diese Figur, diese langen Beine, dieser dicke Sack, der lange Schwanz, Mensch, der Kerl ist eine Wucht“, schwärme ich den Beiden vor.
Diese sehen sich an und lachen lauthals.
„Eindeutig, den hat es erwischt!“ meint nun auch Thomas.
„Ja, lacht nur. Aber, was meint ihr, soll ich es wagen, soll ich zu ihm hingehen und ihn ansprechen? Ich glaube, ich kann das nicht, was würde er von mir denken?“
Ich liege inzwischen, wie auch Yuri und Thomas auf dem Bauch, so haben wir freie Sicht auf unseren, besser gesagt, meinen Traumboy und brauchen uns nicht zu verrenken. Wir diskutieren noch eine Weile über die männlichen Körper mit all ihren Vorzügen und Attributen.
Während Yuri dicke große Säcke „einfach geil“ findet, mag Thomas besonders gerne lange dünne Schwänze. Wenn ich an die Ausstattung meiner Badekollegen denke, dann würde es mit den beiden doch wunderbar passen, auch in der Beziehung. Ich kann mir ob dieser Erkenntnis ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen.
Mit einem Male bemerken wir, dass unser Anschauungsobjekt eingeschlafen ist. Na gut, so setzen wir uns wieder richtig hin, zu sehen gibt es hinter uns im Moment eh nichts.
Auch ziehen wir nun endlich unsere nassen Badeklamotten aus, schließlich ist hier doch FKK. Na ja, so ganz wohl ist uns nicht dabei, keiner von uns hat bisher in der Öffentlichkeit nackt gebadet. So ziehen wir die Beine an und verstecken mehr oder weniger unsere Köstlichkeiten.
Natürlich entgeht mir nicht Yuris diesmal gar nicht mehr geheimer Blick zu Thomas und dessen unteren Regionen. Und ich sehe sein erfreutes Lächeln, was auch mich zum Lachen bringt. Wir beobachten nun eine ganze Weile die unter uns auf dem kleinen Weg vorbei marschierenden Leute, sowohl Männlein als auch Weiblein. Und da gibt es einiges zu beobachten.
Manche kriegen förmlich Stielaugen, andere tun ganz unschuldig, so als wollen sie nur die Natur genießen, dabei haben sie es nur auf die nackte Natur abgesehen. Einer läuft doch tatsächlich mit einem Halbständer vorbei, was uns zum Schmunzeln bringt.
Einer stolpert vor lauter Schauen über eine Wurzel und kann sich nur im letzten Moment noch fangen.
Wir amüsieren uns königlich! Durch dieses Beobachten der Leute vor uns, haben wir gar nicht bemerkt, dass unser hübscher Bengel hinter uns gar nicht mehr da ist.
„Schade, jetzt ist er weg, kann man nichts machen“, erkläre ich etwas enttäuscht.
Aber auch für uns wird es nun Zeit, die Zelte abzubrechen und zum Auto zu laufen. Es war ein herrlicher Samstagnachmittag, nicht nur wegen des heißen Sommertages. Mit meinem Bruder und meinem Kollegen einen Nachmittag zu verbringen, mit diesen beiden super sympathischen Jungs, da muss der Tag wunderschön werden!
Und dann natürlich das Erlebnis mit diesem hübschen Jungen, dem Sprinter-Shorts-Boy! Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf!
***
Nico
Da vorne kommt auch endlich der kleine Parkplatz. Ziemlich voll. Aber ein paar Plätze sind noch frei und ich ergattere auch einen. Ich nehme meine Strohmatte und ein großes Badetuch und mache mich auf den Weg um einen schönen Liegeplatz zu finden. Wird aber heute wahrscheinlich nicht leicht werden, samstags ist hier eben immer viel los!
Ja, dieser Platz ist richtig. Es rückt mir keiner zu nahe auf die Pelle, aber trotzdem habe ich alles super im Blick. Meine langen Beine scheinen ja mal wieder voll aufzufallen. Zumindest, so wie die drei da vorn gucken.
Aber jetzt lass ich erst mal meine Jeans und mein T-Shirt runter.
Auf die Blicke, wenn sie mich in meiner knappen, weißen Sprinter-Shorts sehen, bin ich ja schon mal gespannt.
Diese Polyester Shorts liebe ich nun mal. Vor allem die, die mit den drei farbigen Streifen an der Seite den richtigen Kontrast setzen. Dieses Mal sind es rote Streifen, passend zum T-Shirt.
Oh ja, dem einen von den dreien, dem dunkelblonden, fallen gleich die Augen aus dem Kopf. Der wird fast mit gucken nicht mehr fertig. Die Strohmatte mit dem Badetuch noch in dem seine Richtung gezogen, an mein Schwanzpaket langen, so als würden mich die Eier jucken, dann noch in die Shorts greifen und den Schwanz Richtung Bauch hochlegen!
Scheint genug Provokation gewesen zu sein. Dem fallen wirklich gleich die Augen raus. Jetzt muss ich mich allerdings auch hinlegen, weil in meiner Hose auch langsam Aufruhr herrscht! Und da ich bei diesen Shorts immer ganz bewusst auf einen Innenslip verzichte, zeigt der dünne Stoff natürlich alles!
***
Wenn ich mit der Hose später ins Wasser gehe und mit der nass wieder rauskomme, spätestens dann muss der Dunkelblonde anfangen zu sabbern. Der Stoff wird dann ja so schön durchsichtig! Die Sonne meint es heute noch einmal besonders gut. Langsam wird es mir zu heiß und ich gehe im See eine Runde schwimmen.
Das Wasser ist schön warm, hat sich ja den ganzen Sommer aufheizen können. Wirklich angenehm. Ich schwimme weiter raus und tauche auch mal kurz ab. Jetzt wieder raus aus dem See und Sonne tanken und genießen.
Meine Sprinter-Shorts zeigen jetzt allerdings alles! Und die Blicke der etwa fünfzig Jährigen, die mich so anstarrt, gefallen mir auch nicht! Wirklich wirft sie mir doch einladende Blicke zu und verschwindet dann in Richtung Wald!
Dort gibt es immer wieder Plätze dazwischen, wo man Pärchen antreffen kann. Es führt mittlerweile sogar ein kleiner Trampelpfad zwischen den gewissen Stellen hindurch. Ein eindeutiges Stöhnen ist gelegentlich auch zu hören!
Vor sechs Wochen etwa legten es zwei ca. dreißig Jährige geradezu an, dass man ihnen bei ihrer Nummer zusah! Hab ich dann auch gemacht. Wie der passive von beiden die harten Stöße überhaupt aushielt, weiß ich bis heute nicht. Aber so wie der gestöhnt hat und noch während der Nummer kam, hat er das wohl auch gebraucht!
Ich bin ja wirklich kein Spanner, die beiden legten es wie gesagt direkt darauf an und sie waren es auch wert! Hat mir damals übrigens auch sehr gut getan! Und der Boden dort verträgt ja einiges an Flüssigkeit!
Die fünfzig Jährige hat ja vielleicht sogar Glück und sie bekommt heute noch einen ab. Auf mich muss sie allerdings verzichten. Aber da hier immer mehr Heteros herkommen, wer weiß.
Inzwischen bin ich wieder bei meiner Strohmatte angekommen. Die drei sind auch noch da. Zwei von denen müssten allerdings Brüder sein, zumindest dem Aussehen nach. Ich drehe mich natürlich so, dass ihnen ja auch nichts auskommt, während ich meine Sprinter-Shorts fallen lasse!
Bin ja doch recht nett bestückt und wenn ich eine Reaktion provozieren kann, soll mir das nur recht sein! Vielleicht ergibt sich ja was, ich hätte wirklich nichts dagegen! Die legen sich jetzt aber alle auf den Bauch und diskutieren heftig miteinander.
Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn mich einer von den dreien angesprochen hätte! So lasse ich meine Blicke eben auch wieder schweifen. Einige Pärchen verschwinden auch jenseits des Trampelpfades. Die fünfzig Jährige kommt zurück und wirft mir einen bösen Blick zu. Au weh, hat sie doch keinen abbekommen. Welches Glück für denjenigen.
***
Muss dann wohl doch etwas eingeschlafen sein. Von der Zeit her muss ich jetzt langsam aber zurückfahren.
Meine Sprinter ist zwar längst wieder trocken, trotzdem schlüpfe ich aber ohne in die Jeans. Fühlt sich ja auch saugut an!
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Dimitri
Auch dieser Sonntag scheint ein heißer Augusttag zu werden. Wenn ich auf mein Thermometer am Fenster sehe, hat es jetzt zu Mittag bereits 28 Grad. Da gibt es sicher wieder ganz schön was zu Schwitzen. Ja, ich bin gestern Abend schon zeitig ins Bett gegangen. Yuri und Thomas sind, als wir vom See zurückkamen, gleich heim gefahren, Thomas mit dem Rad und Yuri mit dem Stadtbus.
Im Fernsehen gab es auch nichts Besonderes und da ich ohnehin schon recht müde war von unseren Wasserkämpfen, da verkroch ich mich rasch in meine Falle. Wir haben gestern noch ausgemacht, dass wir heute Nachmittag zum Eisessen gehen. Ich weiß da eine nette Eisdiele in Bahnhofsnähe, wo es, wie ich finde, das beste Eis der Stadt gibt.
Na gut, jeder schwärmt für seine Eisdiele, ist eh klar. Zu Mittag gibt es bei mir lediglich einen Wurstsalat. Bei den Temperaturen wäre auch eine warme Mahlzeit kaum angebracht. Vor allem den Wurstsalat von meiner Mutter, den liebe ich besonders. Er war auch in dem Korb, den Yuri am Freitag gebracht hat.
***
Am Nachmittag tauchen dann nacheinander Thomas und Yuri auf. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Und da es doch ein ganz schön weiter Weg ist, noch dazu bei dieser Hitze, wird uns sehr heiß.
So ist uns das erfrischende Eis im Café sehr willkommen.
Wir genießen das köstliche Eis, da fragt Yuri: „Ach übrigens Dimi, denkst du immer noch an den Shortsboy von gestern? Du warst ja ganz hingerissen von diesem Schnuckel!“
„Also ehrlich, er geht mir tatsächlich nicht mehr aus dem Kopf, muss immer an ihn denken. Dieser wunderschöne Körper, vor allem aber seine herrlich großen Augen! Irgendwie sah er trotz seines eindeutig provokanten Verhaltens so… so… ach ich weiß auch nicht, so hilfebedürftig aus. Irgendwas muss ihm zu schaffen machen, er wirkte irgendwie traurig. Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich ihn nicht angesprochen habe. Na ja, was soll’s, jetzt ist es eh zu spät!“
„Vielleicht solltest du einfach nächstes Wochenende wieder zum Stausee fahren. Ich glaube nämlich, dass er dort öfter ist. Wer weiß, vielleicht hast du ja Glück“, versucht mir Thomas Mut zu machen.
„Nein, Thomas, das geht leider nicht. Ich hab euch ja noch gar nicht erzählt, dass ich nur noch bis Mittwoch hier bin. Tut mir leid, aber ich weiß es ja auch erst seit Freitag. Ich hatte doch da noch eine Besprechung mit unserem Chef.
Wie ihr wisst, hat unsere Firma in der Tschechei ein neues Autohaus errichtet. Und da soll ich nun zusammen mit einem unserer Meister, nämlich Herrn Berger, ab Mittwoch hin. So für etwa drei Wochen. Wir sollen das tschechische Personal dort einarbeiten.
Die Sache wird recht gut bezahlt, deshalb habe ich ja auch zugesagt. Kann mir dann endlich ein eigener Computer leisten. Freilich wird es kein Honigschlecken, das ist klar, es wird viel Arbeit und noch mehr Stress geben.
Vor allem aber, muss ich ohne euch beiden auskommen, das trifft mich echt hart.“
„Ja aber du kannst doch am Wochenende…“
„Nein Yuri, das rentiert sich nicht, das wären zu viele Kilometer. Jetzt schaut nicht so belämmert, sind doch nur drei Wochen.“
So recht glücklich schauen die Zwei nicht gerade aus. Aber ich kann ihnen auch nicht helfen. Schweigend löffeln wir unser Eis zu Ende.
„Aber wie wäre es anschließend noch mit einem Spaziergang an der Innpromenade, dort bist du doch auch immer gerne spazieren gegangen, Dimi, bitte, lass uns zusammen dorthin gehen“, bettelt Yuri.
„Geht leider nicht, tut mir ja selber leid, aber ich muss jetzt dann noch in unseren Betrieb zu einer Besprechung wegen der Tschechen-Fahrt“, erkläre ich ihnen.
„Ach schade, na ja, kann man halt nichts machen“, meint ein trauriger Yuri.
„Aber ihr beiden, ihr könnt doch noch spazieren gehen!“, versuche ich ihn aufzuheitern.
„Von mir aus gerne, willst du Yuri?“ fragt Thomas
„Aber klar will ich, mit dir immer!“
„Übrigens hab ich doch ab dieser Woche Urlaub, dann könnten wir doch öfter mal was zusammen machen, vor allem solange das Wetter mitspielt“, erklärt Thomas.
„Prima, da freue ich mich darauf.“
Lächelnd sieht Yuri auf Thomas und der lächelt zurück. Na ich glaube wirklich, mit den beiden könnte es was werden, so wie die sich schon gegenseitig anhimmeln! Könnte man direkt neidisch werden. Aber ich gönne es ihnen!
Wir verabschieden uns herzlich voneinander. Sie wünschen mir viel Glück im Nachbarland. Und ich, ich wünsche ihnen… na einfach, dass alles so kommt, wie sie es sich vorstellen, dass sie zueinander finden.
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Die Besprechung im Autohaus dauert dann doch bis in den Abend hinein. Ich bin froh, nun endlich wieder in meiner Wohnung zu sein.
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Die restlichen Arbeitstage vor unserer Reise verlaufen wie üblich bei uns mit viel Arbeit, nervenden Kunden und angeberischen Kollegen. Am Mittwochmorgen bin ich nun mit Herrn Berger in einem Firmenwagen unterwegs Richtung Grenze zur CSR.
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Nico
Zuhause dusche ich mich noch ausgiebig und ziehe mir dann schöne Klamotten für heute Abend an. Ich hab ja keine Ahnung, was sie noch geplant haben. Als ich mir gerade das Hemd zuknöpfe, höre ich auch Opa schon. „Na Erika, wo ist denn das Geburtstagskind? Du hast ihm doch noch nichts verraten oder? Na Nico, wie geht es denn meinem Lieblingsenkel? Ich wünsche dir alles, was für einen neunzehn Jährigen wichtig ist. Meinen Beitrag dazu leiste ich heute Abend zusammen mit Oma! Und Nico! Wegen deines Vaters mache dir bloß keinen Kopf, ja?“
Mit diesen Worten nimmt mich Opa in den Arm, drückt mich fest und sieht mir prüfend in die Augen. Hab ich schon erwähnt, dass mein Opa einer diesen jungen Alten ist? Wenn ich in dem Alter auch noch so bin, dann will ich auch Johannes Heesters Konkurrenz machen. Einfach klasse, mein Opa!
„Hey Opa! Danke! Klasse, dass du vorbeikommst. Wo hast du denn Oma versteckt? Und was ist da mit Überraschung? Habe mich sogar extra für euch in Schale geworfen! Und wegen Vater! Weißt du Opa, irgendwie kommt er mir direkt fremd vor. Wie jemand, der eben auch hier wohnt und lebt. In den letzten Jahren hat er sich zu sehr verändert. Mit ihm habe ich schon lange abgeschlossen! Aber wenn Mam, du oder Oma mich fallen lassen würdet, ja, das würde mich wirklich hart treffen. So lange ihr aber zu mir haltet, steh ich alles durch! Auch die gelegentlich gehässigen Worte Vaters. Aber mit seinen heutigen Äußerungen hat er für mich den Schlusspunkt gesetzt! Auch wenn ihr mich jetzt deswegen verachtet, aber ab heute ist das für mich ein Fremder! Nicht mehr mein Vater, zu dem man ja aufschauen soll, sondern Franz Weiss, der mich gezeugt hat und sogar wegen seiner Karriere Mams Namen angenommen hat! Bitte verachtet mich deswegen nicht!“
***
Und – beide nehmen mich in den Arm! Opa gibt mir sogar einen Kuss auf die Stirn!
„Dich verachten Nico? Nein! Ich freue mich, so einen Enkel zu haben! Die letzten Jahre habe ich dich beobachtet, ohne dass du es bemerkt hast. Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast. Auch um deinen Vater gekämpft hast. Nur hattest du die letzten Jahre nie eine Chance! Zuerst der Unfall und dann diese Partei! Du konntest nichts tun Nico! Aber wenn du eines Tages in meine Firma einsteigst, auf diesen Tag freue ich mich!
Du hast einen glasklaren Verstand Nico! Du wirst die Firma im Guten weiterführen können, wenn du das willst.
Nein Nico, ich bin froh und stolz darauf, dich als Enkel zu haben! Und deiner Mutter und Oma geht es genauso!
Was du heute als Überraschung bekommst, hast du dir auch wirklich verdient! Und jetzt fahren wir, weil nämlich Oma dort schon wartet!“
***
Am Arbeitsamt vorbei und dann rechts eine kleine Seitenstraße rein. Die ganze Zeit bin ich schon am überlegen, wo es wohl hingehen wird. Essen gehen, wie ich zuerst dachte, kann nicht sein. Das Hotel König mit dem bekannten Küchenchef Obermeier liegt entgegengesetzt. Genauso wie der wilde Mann, mit dem integrierten Passauer Glasmuseum!
Das war sowieso wieder ein Geniestreich von Georg Höltl. Hotel und Glasmuseum miteinander verbinden! Das Museum ist allerdings wirklich sehenswert. Sogar das Schlafzimmer, in dem Sissi, die österreichische Kaiserin, mal genächtigt hat, ist original aufgebaut und ins Museum integriert worden!
Aber wohin geht es denn eigentlich? Außer der Universität kommt doch hier gar nichts mehr! Jetzt stellt Opa den Wagen auf einem kleinen Parkplatz ab!
„Na Nico? Überrascht? Die Überraschung ist uns doch gelungen, oder?“
Gemeinerweise beginnen die beiden jetzt auch noch zu lachen. Und ich – ich bin ratlos wie noch nie zuvor in meinem Leben!
Dann klopft es an der Seitenscheibe vom Auto auf meiner Seite.
Oma!
Mit einem Satz bin ich aus dem Auto.
„Hallo Oma! Bitte erlöse mich von diesen beiden. Wo kommst du übrigens her? Und warum lachen die beiden so? Bitte Oma!“
Oma – und mich erlösen? Sie denkt ja gar nicht daran! Nein, sie knutscht mich erst ausführlich ab, wünscht mir alles Gute zum Geburtstag und meint, dass ich mir das Geschenk auch wirklich verdient hätte! Ja, aber welches Geschenk denn?
Und dann drückt sie mir ein Kuvert und einen Schlüsselbund in die Hand! So, wie jetzt alle drei zu Lachen beginnen, muss ich ja wirklich blöd aus der Wäsche schauen! Aber mir reicht es jetzt! Ich öffne das Kuvert! Übrigens ein ziemlich großes Kuvert!
Kaufvertrag! Oh toll, ein Kaufvertrag. Für Nico Weiss! Noch toller. Ein Kaufvertrag für mich! Die Penthauswohnung bla, bla, bla… Ich sehe mir den Schlüsselbund an! Dann sehe ich mir den Kaufvertrag an! Und dann höre ich ein prustendes, schadenfrohes Gelächter aus drei Kehlen! Oh ja, toll.
„Langsam glaub ich, sickert es durch! Seht ihn euch an! Schaut mal wie weiß der werden kann! Glaubt ihr, das war zuviel? Schlucken kann er aber noch! Hast du gewusst, dass seine Augen sooo groß werden können, Erika?
Ist ja schließlich dein Sohn! Du musst das wissen! Freut er sich jetzt oder sollen wir doch den Notarzt holen?
Oder vielleicht doch besser ins Haus gehen?“
Ja danke! Macht euch nur lustig über mich.
„Ist… ist das… ich mein… der Kaufvertrag… der… der ist echt… wirklich echt… wirklich echt oder? Das… das Penthaus…“
Weiter komme ich nicht! Ich bekomme einen Weinkrampf! So einen richtigen! Mit Schütteln und so! Und dann knutschen und herzen mich wieder alle drei! Langsam komme ich auch wieder zu mir. Ein Penthaus! An der Innpromenade! In Uninähe! Da, wo ich bald ein paar Jahre lang hingehen werde! Ja hingehen. Zu Fuß. Denn bis dahin sind es nur ein paar hundert Meter!
Jetzt gehen wir rauf ins Penthaus und sehen uns alles an! Wow! Wahnsinn! Über hundert qm. Komplett eingerichtet! Vier Stühle und ein Tisch!
Es klingelt an der Tür. Oma geht öffnen. Ich höre, dass ein paar Worte fallen. Dann schieben zwei Kellner vom Hotel König je einen großen Servierwagen herein und beginnen, den Tisch einzudecken. Dann wird uns ein drei Gänge Menü serviert! Wow! Alle Achtung! Der Küchenchef versteht sein Handwerk wirklich!
Nach dem Essen, eher ein Diner, höre ich dann auch, wieso und warum ich die Eigentumswohnung bekomme.
Eben, weil ich Omas und Opas ein und alles bin! Mam wird die nächsten Tage mit mir noch Einrichtungshäuser abklappern. Ist ja doch noch etwas leer die Wohnung!
Ich kann mein Glück immer noch nicht ganz fassen! Aber langsam bekomme ich es doch wieder auf die Reihe und der Abend klingt noch angenehm aus!
***
Mein Erzeuger, Franz Weiss, probt dann am Sonntag noch den Aufstand. Als er allerdings zum dritten Satz anfangen will, fahre diesmal ich ihm über das Maul. Und zwar dermaßen, dass es ihm die Sprache verschlägt! Und bevor er sich wieder gefangen hat, setzt Mam nach.
Die Scheidung ist bereits eingereicht und am laufen! Sie will bis morgen abends nicht mal mehr eine Socke von ihm hier im Hause sehen! Und falls er meine, hier auch noch frech werden zu können, solle er sich doch auch gleich um eine neue Arbeitsstelle umsehen. Das war’s mit meinem Erzeuger!
Rückgrat ist da keins mehr da! Er geht!
***
Er geht! Ja! Aber trotzdem ist es noch nicht ganz ausgestanden! Denn mein Erzeuger begreift die Situation, in der er sich befindet, nicht! Am Montag kommt nämlich ein Drohanruf! Mam ist am Telefon. Eine Weile hört sie zu. Dann legt sie auf!
Und beginnt, eine Nummer zu wählen! Opa! Mam erzählt ihm von dem Drohanruf und auch, wer ihrer Meinung nach hinter diesem Anruf steckt! Opa ist der gleichen Meinung. Er beruhigt Mam. Sie soll sich bloß keine Sorgen machen!
Es mache ihm Spaß und bereite ihm Freude, sich selbst um diese Sache zu kümmern. Das tut er dann auch!
***
In Opas Firma, ein großes Unternehmen, das für andere Firmen Maschinen und Elektrogeräte entwickelt und auch selbst herstellt, beginnt die interne Lautsprecheranlage zu summen! Ein Zeichen für die Mitarbeiter, dass eine wirklich wichtige Mitteilung kommen muss. Denn diese Lautsprecheranlage wird sonst nie genutzt!
„Achtung bitte! Eine wichtige Durchsage von der Firmenleitung an alle Mitarbeiter! Achtung bitte! In unserem Unternehmen arbeitet in der Rechnungsprüfung Franz Weiss als Abteilungsleiter! Der Geschäftsleitung ist zu Ohren gekommen, dass Franz Weiss versucht, unser Unternehmen in Misskredit zu bringen.
Wir sind dieser Sache natürlich sofort nachgegangen, und haben auch unumstößliche Beweise für die Richtigkeit dieser seiner mehrmaligen Versuche gefunden! Dieser Mann müsste eigentlich unser Unternehmen sofort verlassen. Die Ungeheuerlichkeit dieser Tat würde eine außerordentliche Kündigung auch rechtfertigen!
Wir sind jedoch ein sehr soziales Unternehmen, das auf Menschlichkeit basiert. Deshalb wird Franz Weiss mit sofortiger Wirkung zum einfachen Angestellten zurückgestuft! Selbstverständlich auch mit den finanziellen Einbußen, die damit verbunden sind!
Herr Gerhard Müller wird, auch mit sofortiger Wirkung, und auch, weil es sowieso anstand, zum Abteilungsleiter befördert! Allerdings wird Herr Müller die zusätzliche unangenehme Aufgabe haben, die Arbeit Franz Weiss’s zu kontrollieren und zu überprüfen! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“
Damit ist die Durchsage beendet! Und ebenso Franz Weiss’s Karriere! Ein anderes Unternehmen wollte, und stellte ihn nicht ein, also blieb Franz Weiss nichts anderes übrig, als einfacher Angestellter weiterzuarbeiten! Mit dem zusätzlichen Spott der anderen Mitarbeiter der Abteilung!
Von der Partei wurde er jetzt auch ausgeschlossen, da seine bisherige finanzielle Unterstützung ja wegfiel, da er die sich einfach nicht mehr leisten konnte! Denn das Konto seiner Frau war für ihn plötzlich auch gesperrt, wie er schreckhaft feststellen musste!
Das war’s dann wirklich mit Franz Weiss! Bei der späteren Scheidung blieb ihm als schuldigem Part jegliche finanzielle Unterstützung seiner Frau versagt!
***
Die nächsten Tage und Wochen werden zum Teil sehr stressig, zum anderen aber auch wieder sehr schön! Ich darf meine Wohnung einrichten wie ich es will. Tue ich auch. Vor allen Dingen will ich viel mit Holz. Ich liebe Holz, weil Holz lebt!
Wegen meines Esszimmers beneidet mich dann sogar Mam! Dafür kann sie aber über meine Schlafzimmereinrichtung nur den Kopf schütteln und schmunzeln.
Vor allem – als ich in einem runden Bett Probe liege!
***
Dimitri
Nach drei Wochen Tschechien – endlich wieder Deutschland – endlich wieder Passau – endlich wieder in meiner Wohnung! Ja, es waren harte Wochen, voller Stress und Ärger. Aber das ist ja jetzt Gott sei Dank Vergangenheit.
Ich räume gerade meinen Koffer aus, sortiere die Wäsche, da läutet es an der Wohnungstür. Ich kann mir gar nicht denken, wer das jetzt sein könnte, bin doch eben erst angekommen. Ich öffne die Tür und werde fast über den Haufen gerannt. Yuri stürmt in meine Wohnung und fällt mir um den Hals.
„Ich freue mich ja so, dass du wieder da bist, Dimi! Na wie wars denn? Wie sind denn die tschechischen Jungs? Hast du dort einen Freund gefunden? Seit wann bist du wieder im Lande? Funktioniert jetzt alles dort im Autohaus? Bist du ….“
„Langsam Yuri, ich erzähle dir schon alles, schön der Reihe nach. Ich bin auch froh, wieder hier zu sein. Aber sag mal, wie geht es Thomas?“
Yuri kichert und sieht zur Wohnungstür, wo Thomas scheinbar schon die ganze Zeit steht und Yuris stürmische Begrüßung mitverfolgt hat. Und ich habe ihn gar nicht bemerkt. Yuri geht zu Thomas, nimmt ihn bei der Hand und zieht ihn herein.
„Dimi, darf ich dir Thomas vorstellen, meinen Freund, mit dem ich noch viele gemeinsame Jahre verleben möchte!“
Dabei kichert er wieder und sieht seinen Freund verliebt an. Also jetzt bin ich wirklich platt und gleichzeitig gerührt. Haben die beiden es also doch geschafft! Ich nehme zuerst Yuri und dann Thomas in den Arm und gratuliere ihnen ganz herzlich.
„He, Dimitri, darf ich dich jetzt auch Dimi nennen, wie dein Bruder, wo ich ja jetzt quasi zur Familie gehöre?“
„Ja Thomas, das würde mich sogar sehr freuen! Aber jetzt setzt euch mal und erzählt, ich glaube, da gibt es einiges zu berichten.“
Und sie erzählen, mal Thomas, mal Yuri, mal beide zusammen. Sie haben viel unternommen, waren in der ganzen Stadt unterwegs, haben wunderschöne Plätze entdeckt, die keiner vorher kannte, waren im Kino, waren Eisessen. Sie waren auch schon ein paar Mal bei Thomas zu Hause, der ja noch bei den Eltern wohnt.
Thomas Eltern wissen nun über ihren Sohn Bescheid und es gab keine Komplikationen bei seinem Coming out.
Thomas hat den Eltern Yuri vorgestellt. Na ja, Yuris Liebreiz, sein offenes Wesen, seine Freundlichkeit, wer würde ihn da nicht lieb gewinnen! Sie haben ihn als zweiten Sohn aufgenommen, denn Geschwister hat Thomas keine.
Auch unserer Mutter hat Yuri alles erzählt und ihr dann auch Thomas vorgestellt. Natürlich war sie anfangs etwas überrascht, dass neben mir nun auch Yuri sich zu Männern hingezogen fühlt. Aber eine Vermutung hatte sie schon länger. Mütter eben!
Nein, unserem Vater, dem sagen sie vorerst nichts. Obwohl, wie Yuri berichtet, er in letzter Zeit sich immer wieder nach mir erkundigt.
„Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, merkt, dass er Fehler gemacht hat,“ erzählt Yuri.
„Ja und, Dimi, hast du nun in Tschechien einen lieben Jungen kennen gelernt?“
„Ach Thomas, soviel freie Zeit hatte ich dort nicht. Außerdem die paar Brocken Tschechisch, die ich kann, die reichen gerade mal, um in der Autowerkstatt den tschechischen Kollegen die eine oder andere Anweisung zu geben.
Ich weiß nicht einmal, wie die berühmten drei Worte auf Tschechisch heißen!“
„Was für drei Worte?“ sieht mich Yuri ganz entgeistert an.
„Yuri, ich liebe dich, auch wenn du wieder mal auf der Leitung sitzt“, erklärt lächelnd Thomas und haucht Yuri einen zarten Kuss auf die Lippen.
Mann o Mann, muss Liebe schön sein!
„Das waren jetzt aber mehr als drei Worte“, meint lachend Yuri und wir lachen mit.
„Denkst du eigentlich noch an diesen Schnuckel vom Stausee, du weißt doch noch…?“ stellt Thomas die Frage.
Ich antworte nicht gleich, sehe auf das vor mir sitzende Liebespärchen, sehe die Harmonie, das Glück, das ihnen aus den Augen spricht.
Thomas hat seinen Arm um die Schulter von Yuri gelegt. Immer wieder sehen sie sich an und schenken einander ein Lächeln, wie es eben nur Verliebte können. Man könnte direkt neidisch werden. Aber ich mag die beiden so sehr, dass ich ihnen ihr Glück von Herzen gönne, auch, wenn mir damit mein Alleinsein, meine Einsamkeit, meine Sehnsucht nach einem Freund noch bewusster wird.
Mit einem Seufzer antworte ich schließlich auf die Frage von Thomas: „Ach ja, natürlich denke ich oft an ihn, hab sogar schon geträumt von ihm. Aber, sind wir ehrlich, es wäre der reinste Zufall, ihn nochmals zu treffen. So was kommt doch nur im Film oder den erfundenen Geschichten vor.“
„Ach geh, so groß ist Passau auch wieder nicht, du darfst nur die Hoffnung nicht aufgeben. So wie es dich erwischt hat…!“ ermuntert mich Yuri.
„Yuri hat Recht. Fürs Wochenende ist nochmals wunderschönes Spätsommerwetter angesagt. Ich glaube, Altweibersommer heißt das. Probiere es nochmals mit dem Ilzsstausee. Ich habe so dass Gefühl, dass er dort öfter ist, versuche es einfach!“ macht mir Thomas Mut.
„Und bei dem `Sommer der alten Weiber` glaubst du, finde ich ausgerechnet diesen jungen Schnuckel, ja?“
Nun müssen wir doch alle drei lachen.
„Aber ihr habt ja Recht, ich sollte es wirklich nochmals versuchen. Vielleicht gleich am Samstag?
Und wenn er nicht da ist, womit ich rechne, ein bisschen abschalten in dieser schönen Gegend tut mir sicher gut. Aber wollt ihr nicht mitkommen?“
„Geht leider nicht, am Samstag sind wir bei den Eltern von Thomas eingeladen, schon zum Mittagessen. Und hernach wollen wir zusammen in den Bayerischen Wald fahren, zum Dreiburgensee und ins Museumsdorf.
Aber fahre du nur, vielleicht ist es sogar besser, wenn du alleine bist, vielleicht traut sich er eher dich anzusprechen als umgekehrt“, meint Yuri.
Die beiden verabschieden sich bald, ist ja klar, frisch Verliebte wollen die Zweisamkeit genießen. Außerdem haben sie eh bald nicht mehr so viel Zeit füreinander. Yuri muss wieder in die Schule, die Sommerferien gehen zu Ende, ebenso der Urlaub von Thomas.
***
Es ist Samstagnachmittag und ich bin wieder, wie vor genau vier Wochen, am Ilzstausee. Ich habe mir extra den Samstag ausgesucht und auch in etwa dieselbe Uhrzeit wie im August. Vielleicht ist mir ja doch das Glück hold und E R kommt wieder.
Gleich zu Beginn des FKK-Bereiches am See treffe ich hintereinander auf ältere Damen. So hat das Thomas wohl nicht gemeint mit dem Altweibersommer, hoffe ich. Nein, er dachte da eher an das Wetter, das heute ja wirklich mehr an den Sommer als an den bevorstehenden Herbst erinnert.
Ich suche mir das Plätzchen, wo wir auch im August waren. Ich ziehe mich bis auf die gelbe Badehose aus und lege mich in die Sonne. Ja, diesmal hab ich die gelbe Hose an, die vor vier Wochen Thomas leihweise trug. Ich hab sie mit Absicht nicht gewaschen. Auch wenn mich manche für ein Ferkel halten, aber es ist einfach ein geiles Gefühl, dieselbe Hose zu tragen, die Thomas direkt auf der Haut trug.
Genau wo jetzt meine Sachen liegen, da waren auch seine Kostbarkeiten. Dieses geile Gefühl verstärkt sich noch, wenn ich an die entdeckten kristallweißen Flecken vorne an der Hose denke – von Thomas! Es ist wieder wunderschön hier. Und vor allem, wir haben nicht mehr die pralle Sommerhitze wie im Hochsommer. Es ist auch nicht mehr soviel Betrieb wie im August.
Ich lasse ein wenig meine Blicke schweifen: Rechts vor mir liegen ein paar Männer, weiter unten noch einige. Ich sehe nach hinten und für einen Moment setzt mein Herzschlag aus:
ER IST DA!
Muss eben erst gekommen sein. Heute trägt er eine gelbe Trainingshose und ein schwarzes T-Shirt. Er sieht umwerfend aus! Ich muss ihn einfach ansehen. Jetzt hat er mich scheinbar auch entdeckt. Sehe ich da ein gewisses Lächeln in seinem hübschen Gesicht? Hat er mich erkannt?
Und diese himmlisch schönen großen Augen, die er mir immer wieder ganz kurz zuwendet. Heute muss ich ihn ansprechen! Diese Chance lass ich mir nicht entgehen! Ah, jetzt zieht er wieder seine Show ab, darin ist er ja Spitze und ich werde spitz!
Er steht immer noch an seinem Platz und… ja was macht er denn da… er hat eine Hand in der Hose… er streicht über sein Paket… er knetet es. Es ist zum verrückt werden! Seine Show ist perfekt! Nun zieht er sein T-Shirt aus, lässt seinen muskulösen, haarlosen Oberkörper sehen. Ich sehe die kleinen Monde um seine Brustwarzen, über die er auch mal kurz streicht.
Ich sehe sein Näbelchen, sehe von dort einen kleinen Haarflaum, der hinunter wandert und im Bund seiner Trainingshose verschwindet. Diese zieht er nun herunter, langsam, er will mir ja was bieten, das ist sonnenklar!
Eine blaue Sporthose trägt der Herr heute, mit gelben Seitenstreifen, das gleiche gelb wie die Trainingshose.
Der Kerl hat Geschmack und er muss Geld haben! Da komme ich mir mit meiner billigen Badehose direkt schäbig vor. Aber na ja, Geld ist ja nicht alles. Ich würde den Schnuckel auch nehmen, wenn er arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus wäre.
Und ich sehe wieder die langen Haxen, wie Yuri sie nannte. Nervös warte ich auf die Fortsetzung der Ein-Mann-Show. Wie geht es weiter? Kommen nun wieder die bekannten Grapschereien, diesmal an der Sporthose, unter der er sicher nichts mehr an hat. Zieht er diese auch aus, zeigt er…?
Ich stoppe meinen lüsternen Gedankengang. Ein junger Mann taucht auf. Gleich neben meinem Showboy bleibt er stehen und redet mit diesem. Ist schon sehr eigenartig, der sieht ihn gar nicht an, obwohl der Fremde in anspricht. Der muss einen schlimmen Unfall gehabt haben, denn er stützt sich auf zwei Krücken.
Aus einem Bein ragen so Metallteile raus. Sieht wirklich schlimm aus! Wie hat der nur mit den Krücken den langen, unebenen Weg hier nach hinten geschafft? Ach ja, etwas weiter weg steht eine Frau und wartet, sie wird ihm geholfen haben. Scheinbar die Mutter.
Jetzt hat sich mein Traummann doch bequemt sich umzudrehen und sieht sein Gegenüber an. Was geht da vor sich? Sie reden und reden. Und dann – sie halten sich fest, d.h. mein Schnuckel hält den anderen fest, dessen Kopf lehnt an der Schulter meines…
Ja. ist er überhaupt noch mein…? Die stehen immer noch beisammen und – sehe ich recht – sie weinen beide. Was verbindet sie? Ist hier eine kaputte Freundschaft wieder am Auferstehen? Sah der Junge deshalb so traurig aus, so hilfebedürftig, so allein, trotz seiner Provokationen?
Waren diese nur ein Ausdruck seiner momentanen Hilflosigkeit, seiner Einsamkeit? Nun kommt auch die Frau hinzu. Sie setzen sich alle drei. Mein Prinz hat seinen Arm um die Schultern des anderen gelegt und streichelt seine Wangen.
Ja, so muss es wohl sein! Ich, ausgerechnet ich, der ich mit dem festen Willen hergekommen bin, eine Freundschaft mit dem Kerl anzufangen, ausgerechnet ich werde Zeuge, wie eben dieser Junge seine alte Liebe wieder findet!
Nein, ich habe hier nichts mehr verloren! Es ist vorbei! Ich hasse den Stausee! Ich werde nie mehr hierher kommen. Ich fahre jetzt zurück in meine Wohnung, dort fühle ich mich immer noch am wohlsten und kann mich in meiner Einsamkeit in Selbstmitleid suhlen.
***
Nico
Der September verwöhnt uns mit Sonne und Wärme. Die Gelegenheit, noch einmal sonnenzubaden und den Tag auch sonst zu genießen, lasse ich mir nicht entgehen. Ich fahre wieder zum Ilzstausee. Auch heute sind wieder einige Leute da.
Nein! Bitte nicht! Die fünfzig Jährige ist auch wieder da! Und natürlich ist sie schon wieder am suchen! Als sie mich fixiert, schüttele ich aber demonstrativ den Kopf. Jetzt wird ihr Blick wütend! Nur – mit ihrem Rubenskörper muss sie mit Ablehnungen rechnen. Solche Massen kann und will eben nicht jeder vertragen!
Gerade will ich mir meine gelbe Trainingshose ausziehen, als ich einen anderen Blick zu spüren meine. Jetzt beginne ich zu suchen! Tatsächlich! Dieser dunkelblonde Schnuckel! Aber Moment Mal! Den kenne ich doch! Der war doch auch schon da!
Mein Gehirn hat jetzt Schwerstarbeit zu leisten. Aber es lohnt! Ja, der war schon mal da. Mit seinem Bruder. Und noch einem anderen. Der hat mich doch schon vor ein paar Wochen so interessiert beobachtet! Dem muss ich doch eine Show bieten!
Meine Hand wandert an mein Schwanzpaket und beginnt, drüber zustreichen und es zu kneten! Dann ziehe ich mir mein schwarzes T-Shirt aus. Die Spannung will ich für diesen Jungen doch noch etwas hochhalten, weshalb ich mit dem Hosenausziehen etwas warte.
Erst jetzt beginne ich damit, langsam meine Trainingshose auszuziehen. Die blaue Sporthose mit den gelben Seitenstreifen, die ich darunter anhabe, harmoniert natürlich mit dem gelb der Hose. Man will ja schließlich mit der Mode gehen und nach Möglichkeit auch noch etwas geil aussehen dabei.
Und ja, dieser Junge dort ist durchaus interessiert an mir! Nur – weiter kann ich den Jungen leider nicht mehr aufheizen, weil mich plötzlich eine Stimme von hinten anspricht!
***
„Kann ich mit dir reden?“
Beim Klang dieser Stimme versteife ich mich! Mein Körper versteift sich, nicht mein Schwanz. Eher das Gegenteil. Josef! Das gibt sicher Ärger! An meinem Geburtstag hat er seine Meinung mir gegenüber ja deutlich genug gezeigt. Ist einfach vom Stuhl aufgestanden und gegangen! Hat er seine Meinung plötzlich geändert?
Freunde stelle ich mir anders vor! Ich drehe mich noch nicht einmal zu ihm um!
„Deine Meinung mir gegenüber hast du an meinem Geburtstag ja deutlich gezeigt. Eine über fünfzehn jährige Freundschaft einfach in den Schmutz getreten! Nein Josef, du kannst nicht mit mir reden! Nicht mehr! Dazu hättest du die letzten Wochen genug Zeit gehabt! Als Heinz seinen Spruch losließ, da habe ich auf deine Hilfe gewartet und gehofft! Aber du bist lieber aufgestanden und bist gegangen! Das hat sehr wehgetan Josef! Du kannst mir auch glauben, dass ich wirklich lange wegen unserer zerbrochenen Freundschaft geheult habe! Nein Josef, bitte gehe! Lass deine Verachtung jemand anderem angedeihen. Du brauchst mich nicht noch mehr verletzen! Es tut immer noch weh! Und jetzt geh! Tschüß!“
„Schade! Da kann ich wohl wirklich nichts mehr wieder gutmachen! Bei der Verbitterung in deinen Worten!
Ich wünsche dir Glück in deinem Leben, Nico! Es ist oft nicht so, wie es scheint! Trotz allem liebe ich dich doch immer noch! Leb wohl, Nico!“
Ich höre, wie Josef zu schluchzen beginnt! Auch ein metallisches Geräusch, das ich nicht einordnen kann, dringt langsam in mein Gehör! Deshalb drehe ich mich jetzt doch langsam zu Josef um! Und erschrecke! Das ist doch nicht Josef! Nicht der Josef, den ich bisher kannte!
Aus diesem lebenslustigen, immer freundlichen, hilfsbereiten Josef ist innerhalb ein paar Wochen ein Wrack geworden! Um die Hälfte abgemagert! Aus seiner knöpfbaren, kurzen Shorts ragen zwei spindeldürre Beine hervor. Trotzdem jetzt Josef mit dem Rücken zu mir steht, sehe ich die Metallstreben deutlich, die aus seinem rechten Bein ragen!
Josef stützt sich auf zwei Krücken. Und mit denen muss er wohl beim Umdrehen an diese Metallstreben geschlagen haben. Das also war dieses Geräusch!
„Mein Gott Josef! Was ist mit dir passiert?“
Dieser Anblick tut mir weh! Fünfzehn Jahre lassen sich wohl doch nicht so einfach auslöschen! Josef ist jetzt stehen geblieben. In einiger Entfernung steht auch seine Mutter. Ja klar, in seinem Zustand wäre er wohl kaum in der Lage, eine längere Strecke zu bewältigen!
„Ich darf es dir also doch erklären? Danke Nico! Das hier alles…“, mit diesen Worten schlägt Josef mit den Krücken gegen das Metall, „… ist ein Andenken an Heinz! Seit zwei Jahren hatte ich schon den Verdacht, dass du schwul bist, Nico. Aber du hast nie etwas gesagt. Und ich wurde immer enttäuschter von dir, weil sich mein Verdacht immer mehr bestätigte, und du es nicht einmal deinem besten Freund, für den ich mich immer hielt, erzählt hast.
An deinem Geburtstag hast du es dann gesagt. Ja. Vor allen anderen. Nicht zuerst deinem besten Freund. Nicht zuerst mir alleine! Ja Nico, auch ich war zutiefst enttäuscht, es auf diese Art und Weise zu erfahren. Und ich habe vor Enttäuschung einen folgeschweren Fehler gemacht. Ich bin einfach gegangen! Ja, auch ich habe Heinz Bemerkung gehört. Und unterwegs wollte ich meinen Fehler dann wieder gut machen! Es hat mich fast das Leben gekostet! Ich habe Heinz gesagt, dass ich seinen Spruch mehr als Sch… wach fand! Aber auch, was mir an ihm sonst nicht passt. Das Resultat siehst du vor dir! Er hat mich mit seinen Springerstiefeln fast zu Tode gestiefelt! Volker haute fast sofort ab! Wenigstens hat der die Polizei sofort angerufen! Die haben mich dann mehr tot als lebendig gefunden! Die inneren Verletzungen waren ziemlich schlimm. Eine Niere mussten sie mir leider entfernen! Ich bin gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Brüche werden schon wieder heilen. Aber du Nico! Du gingst mir nicht aus dem Kopf! Im Krankenhaus hatte ich ja viel Zeit. Zeit, um nachzudenken. Zeit zu weinen! Ja Nico, auch ich habe um unsere Freundschaft und um mein Versagen geweint! Ich hatte einen Fehler gemacht! An deinem Geburtstag hättest du mich gebraucht und da hätte ich zu dir halten müssen!
Meine Entschuldigung ist, ich habe für meinen Fehler bereits gebüßt! Aber trotzdem! Bitte verzeih mir meinen Fehler Nico! Bitte lass die letzten fünfzehn Jahre nicht umsonst gewesen sein! Bitte wirf mich nicht aus deinem Leben Nico! Ich bin zwar nicht schwul, aber bitte lass mich nicht allein Nico! Ich brauche dich doch! Bitte Nico!“
Josef beginnt jetzt zu weinen. Und zwar so, dass ich meine, er fällt gleich um. Ich stelle mich vor ihn, und bekomme den nächsten Schock! Oh du mein Gott! Was hat Heinz, dieses Monster, nur aus Josef gemacht! Das Gesicht ist voller Narben!
Später erfahre ich dann von seiner Mutter, dass da auch eine Rasierklinge im Spiel war. Aber das Gesicht lässt sich dank plastischer Chirurgie vollständig wieder herstellen! Und auch, dass Heinz noch am selben Abend, als er diese ruhmreiche Tat vollbracht hatte, verhaftet wurde. Er hat noch nicht mal geleugnet! Da dieser Heinz bis dahin schon einiges mehr auf dem Kerbholz hatte, sitzt er mittlerweile in der JVA-Straubing. Und in diesem Gefängnis sitzen keine leichten Fälle ein!
Ich halte Josef! Nehme ihn fest in den Arm!
Seinen Kopf lehne ich an meine Schulter. Und auch er hält mich jetzt fest. Beide flennen wir wie zwei kleine Kinder. Minutenlang! Und an all dem bin ich mitschuldig! Ich nehme mir schon mal vor, in den nächsten Tagen mit Opa zu reden. Josef soll und wird die beste Reha und die besten plastischen Chirurgen bekommen, die es für Geld zu kaufen gibt. Dieses Versprechen gebe ich mir innerlich selbst.
Zumindest äußerlich soll Josef wieder der alte werden! Auch Josefs Mutter kommt dann zu uns. Wir setzen uns hin. Für Josef würde das Stehen auch zu anstrengend auf Dauer! Wir reden uns aus! Über alles! Ich entschuldige mich bei Josef auch noch. Wie es weitergehen soll und wird, reden wir, aber auch, dass für Josef dieses Jahr bereits gelaufen ist. Er wird die nächsten Monate in Murnau in der dortigen Reha-Klinik verbringen!
Weihnachten hoffen alle, dass er wenigstens kurz nach Hause darf! So reden wir die nächsten zwei- bis drei Stunden. Bis es Josef dann doch zuviel wird. Es strengt ihn doch noch alles zu sehr an.
Wir werden uns in nächster Zeit zwar nicht oft sehen, aber ich werde doch so oft es geht nach Murnau fahren und ihn besuchen. Meinen wieder besten Freund! Dann verabschieden wir uns herzlich voneinander!
***
Der Schnuckel ist jetzt auch nicht mehr da! Nach flirten ist mir aber im Moment sowieso nicht. Ich möchte aber doch gerne wissen, wer er überhaupt ist. Und die fünfzig Jährige sieht jetzt direkt befriedigt aus! Hat sich da tatsächlich doch noch einer erbarmt!
***
Dimitri
Während der Sommer nur an wenigen Tagen ein solcher war, zeigt sich der Herbst von seiner schönsten Seite. Schon der September mit seinem Altweibersommer lud an vielen Tagen zum Draussensein ein. Auch der Oktober, den wir nun haben, ist zum sprichwörtlichen „Goldenen Oktober“ geworden. Ein Tag schöner wie der andere.
Es ist Sonntag und ich bin in der Stadt unterwegs. Mein Auto habe ich unter der Schanzlbrücke abgestellt. Zu Fuß kommt man in der Passauer Innenstadt ohnehin besser voran. Zudem ist der größte Teil der Altstadt Fußgängerzone oder zumindest „verkehrsberuhigt“.
Ich gehe an der Donau entlang, die hier nicht unbedingt, wie im Lied besungen, schön blau ist. Ich marschiere durch die Fußgängerzone, wo die Eisdielen heute nochmals dicht umlagert sind. Vielleicht zum letzten mal in diesem Jahr.
Es sind viele Leute unterwegs, Kunststück bei dem tollen Wetter. Solche Menschenmassen wie hier sind zwar so gar nicht mein Fall. Aber heute muss ich einfach mal was anderes sehen, als meine vier Wände zu Hause.
Ich musste raus, glaubte, dass mir sonst die Decke auf den Kopf fällt.
Seit meinem enttäuschenden Ausflug im September an den Ilzsstausee war ich nur zu Hause und an meiner Arbeitsstelle. Ich wollte einfach nirgends hin. Wie oft hätten mich Yuri und Thomas eingeladen, mit ihnen was zu unternehmen. Ich habe immer abgesagt.
Mir war klar, so konnte es nicht weitergehen. Ich kann mich doch nicht immer verkriechen. Ich muss wieder unter Leute. Vor allem darf ich die Hoffnung nicht aufgeben, doch noch einen Freund zu finden. Und immer wieder kommt mir der Kerl vom Stausee in den Sinn.
Ich nehme mir zwar dauernd vor, nicht mehr an ihn zu denken. Es geht eine Weile und dann sehe ich seine großen Augen wieder vor mir. Ich sehe sein hübsches Gesicht, seine langen Beine, seine provozierenden Berührungen an sich selber. Aber dann sehe ich auch seinen scheinbar wieder gewonnen Freund und ihre Umarmungen.
Nein, schlag dir den aus dem Kopf, sagt meine innere Stimme. Ja, wenn das so leicht wäre! Andererseits, ich bin doch erst neunzehn, hab doch noch alle Zeit der Welt, um mein Herzblatt zu finden. Freilich, wenn ich so die vielen Pärchen sehe, die Händchen haltend oder eng umschlungen durch die Passauer Altstadt flanieren, da kommt schon große Sehnsucht auf. Ich möchte doch auch so gerne Händchen halten und jemanden umarmen.
Ich bin inzwischen quer durch die Altstadt gelaufen, durch enge Gässchen, die ja für Passau so typisch sind, bin am Dom vorbeigekommen und bin nun an der Innbrücke angelangt.
Passau hat ja nicht nur die Donau, sondern auch noch den Inn und die Ilz, daher ja der Name Dreiflüssestadt. Ich steige die steinerne Treppe hinunter zum Innkai. Ich habe vor, am Inn entlang bis zum Dreiflüsseeck zu spazieren.
Der grüne Inn, an dessen Ufer ich jetzt gehe, macht schon was her, diese Wassermassen, die da der Donau zufließen! Ab und zu begegnen mir wieder Leute, meist Pärchen. Aber allzu viel Betrieb ist heute eigentlich nicht.
Vielleicht sollte ich mich auf eine der Bänke setzen, die in Abständen aufgestellt sind.
Ja, genau, da kommt eine. Aber leider sitzt da schon wer. Ich komme näher und mir stockt der Atem. Unwillkürlich bleibe ich stehen. Es ist kein anderer als mein Schwarm vom Stausee, der da auf der von mir anvisierten Bank sitzt.
Er sieht stur gerade aus auf den Inn, so kann er mich also noch gar nicht gesehen haben!
Noch hätte ich die Chance, einfach umzukehren.
Aber wenn ich ihn so ansehe, wie traurig und verloren er so dasitzt…! Sollte ich da nicht doch….?
Ich geh weiter, trete an seine Bank und frage ganz förmlich:
„Entschuldige, ist hier noch ein Platz frei?“
Er sieht immer noch geradeaus und meint:
„Siehst du vielleicht noch jemanden außer mir hier sitzen?“
Oh, oh, hat der einen barschen Ton drauf!
„Na gut, ich kann mir auch eine andere Bank…“
Verärgert will ich weitergehen.
„Nein, nein, war nicht so…“
Jetzt erst sieht er mich an und stockt.
Ich setze mich zu ihm.
„Aber wir kennen uns doch… natürlich…“ meint er.
„Ilzsstausee“ wie auf Kommando sagen wir es beide gleichzeitig.
Zum ersten Mal zaubert sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht. Dann sagen wir eine Weile gar nichts, sehen nur auf den Inn und ein Fahrgastschiff, das eben vor der Innbrücke wendet und zurück fährt. Heimlich sehe ich zu ihm hinüber, sehe zu seinem lieben Gesicht, bis er zurückschaut. Sofort wende ich meinen Blick wieder wie ein ertappter Sünder.
Nach einer Weile spüre ich seinen Blick zu mir. Sofort sehe ich woanders hin. Dieses Spielchen wiederholt sich ein paar Mal, bis wir schließlich beide anfangen zu schmunzeln und dann hellauf lachen müssen. Ist ja auch zu komisch.
Dieses Lachen wirkt irgendwie befreiend auf uns beide. Schließlich meint er dann: „Jetzt schauen wir uns gegenseitig an und keiner schaut weg, einverstanden?“
Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und nicke ihm zu.
„Wie geht es deinem Freund?“ versuche ich ein Gespräch in Gang zu bringen, weil mir die gegenseitige Anstarrerei doch peinlich wird.
„Wen meinst du denn?“ fragt er zurück.
„Hast du denn so viele? Ich meine den mit den Krücken. Hatte er einen schlimmen Unfall?“
„Ach ja, du hast ihn am Stausee gesehen. Das war Josef, ja, er ist mein bester Freund. Und Unfall?
Na ja, so könnte man es auch nennen, ist aber komplizierter.“
Also doch sein bester Freund, wie ich es mir gedacht habe! „Er ist jetzt auf Reha in Murnau. Hab ihn erst gestern besucht dort. Ja, es geht langsam aufwärts, aber es wird noch lange dauern, bis er wieder einigermaßen gesund ist. Freilich, so wie vor dem… Unfall wird es wohl nie mehr werden!“
Täusche ich mich, oder sehe ich tatsächlich Tränen in seinem Gesicht?
„Das tut mir aber leid. Dann hat er ja noch einiges vor sich und du natürlich auch, wenn ich nur an den weiten Weg bis Murnau denke! Und du willst ihn doch sicher regelmäßig besuchen, oder?“
„Natürlich werde ich so oft es geht hinfahren. Aber ich bin ja auch froh, dass er in Murnau netten Anschluss gefunden hat. Er hat Erika kennen gelernt, die auch zur Reha dort ist und die sich rührend um Josef kümmert. Ich glaube, aus den beiden wird was, würde mich freuen!“
„Du freust dich, wenn dein Freund mit einer Frau…..?“ fragend sehe ich ihn an.
Er schaut mich erst mal mit seinen großen Augen an, überlegt ein bisschen und erklärt dann lachend: „Ach jetzt verstehe ich erst, was du meinst, nein, Josef ist zwar mein bester Freund, aber er ist nicht schwul!“
Ist mir die Erleichterung anzusehen?
„Entschuldige, dass ich mich bisher nicht vorgestellt habe, ich heiße Dimitri, meine besten Freunde sagen Dimi zur mir.“ Ich werde etwas rot bei der Aussage.
„Und, sagen viele Dimi?“
„Na ja, eigentlich nur mein Bruder und dessen Freund.“
„Sind die beiden beisammen, ich meine im Sinn von…?“
„Ja, seit August sind sie ein Paar.“
„Oh, dann ist dein Bruder also schwul?“
„Ja, hast du damit ein Problem?“
„Nein, nein, hab ich nicht.“
Wir schweigen eine Weile, dann meine ich: „Darf ich deinen Namen auch erfahren?“
„Natürlich, tut mir leid, ich bin Nico“, dabei reicht er mir die Hand.
Ich nehme seine Hand, drücke sie und mir wird ganz heiß, was aber nicht am Wetter liegt.
„Nico von Nikolaus?“ frage ich.
„Ich nehme es an. Meine Mutter jedenfalls sagt Niki zur mir.“
Wieder sehen wir uns an. Nach einer Weile räuspert er sich und meint dann: „Du Dimitri, macht es dir was aus, wenn ich meine Hand wieder bekomme?“
Er grinst dabei ganz schelmisch. Hab ich doch tatsächlich immer noch seine Hand gehalten, ich Idiot!
„Ähm… selbstverständlich… tut mir leid… ich hab nur… ich bin…“
Was stottere ich bloß für ein Zeug zusammen!?! Aber der Kerl verwirrt mich dermaßen, dann eben der erste Körperkontakt, da muss einem doch ganz anders werden! Ungern lass ich seine Hand los und lächle ihn an, sicher ein gequält aussehendes Lächeln.
„Wie wär’s, gehen wir ein wenig an der Promenade entlang, vor bis zum Dreiflüsseeck?“ fragt Nico.
„Ja gerne. Ich war erst einmal dort mit meiner Familie. Weißt du, wir sind noch nicht so lange in Passau.“
„Dimitri – ist das nicht ein russischer Name?“
„Richtig, Nico, wir kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, sind aber jetzt schon mehr als zwölf Jahre in Deutschland.“
„Darum sprichst du auch so perfekt Deutsch! Und, kannst auch a bißl Boarisch?“
„Ja freile kann i des! Macht sicher auch der Umgang mit den Arbeitskollegen und meinen Bruder Yuri, der spricht Bayrisch wia a echter Bayer.“
Nico lacht. Wir wandern am Inn entlang, vorbei am Schaiblingsturm und weiter bis zum Dreiflüsseeck. Die Donau, der Inn und die Ilz treffen hier zusammen.
„Schau nur, wie man die verschiedenen Farben der drei Flüsse erkennt, das Blau, na ja, fast Blau der Donau, das Grün des Inns und das Schwarz der Ilz,“ erklärt mir Nico.
Mit Ilz fällt mir der Stausee wieder ein.
„Ach übrigens Nico, ich muss mich noch entschuldigen, dass ich dich am Stausee so… na ja, so angestarrt habe, ist sonst nicht meine Art, aber du…“
„Da gibt es nichts zu entschuldigen, ich habe es ja auch… na ja… mir hat das doch gefallen, dass du so interessiert an mir warst“, erklärt ein rotköpfiger Nico.
„Nein ehrlich gesagt, es ist sonst auch nicht meine Art, mich so zu produzieren. Aber irgendwie hat mich euer, vor allem dein, Spannen erst recht angestachelt. Ach, jetzt weiß ich, dann waren die beiden anderen dein Bruder und sein Freund, von denen du erzählt hast. Darum die Ähnlichkeit von dir und deinem Bruder.“
Wir haben inzwischen das Dreiflüsseeck hinter uns und gehen nun an der Donau entlang. Hier haben auch zwei Kreuzfahrtschiffe angelegt, die Station auf ihrem Weg über Wien und Budapest zum Schwarzen Meer machen.
„War immer mein Traumberuf, auf einem Schiff anzuheuern und eines Tages als Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes durch die Weltmeere zu kreuzen,“ erzähle ich Nico.
Der lacht nur.
„Ja, würde mir auch gefallen.“
„Aber ich wäre schon glücklich, einmal so eine Kreuzfahrt als Gast mitmachen zu können. Davon träume ich, seit ich denken kann. Aber wahrscheinlich werde ich immer davon träumen, leisten kann ich es mir sicher nie.“ Seufzend sehe ich auf das Schiff und dann zu Nico.
Dieser bleibt stehen, sieht mich lange an und meint dann:
„Und wenn ich dir eine Kreuzfahrt schenke? Jawohl, ich lade dich ein, komm mit!“
Will er mich jetzt verarschen, oder was soll das? Mir eine Kreuzfahrt schenken!
„Sag mal, hast du einen Geldscheißer oder Millionäre als Eltern?“
Er lacht nur. „Nein, habe ich nicht!“
„Aber….?“
Er sagt nichts, packt mich einfach am Arm und zerrt mich mit. Ich will protestieren. Aber andererseits, von Nico am Arm gehalten zu werden, das hat doch auch was für sich. So lass ich es mir gefallen! Zwar schauen ein paar Leute uns komisch an, aber die können ja nicht wissen, dass mein Schnuckel
soeben verrückt geworden ist und mir, so mir nichts dir nichts, eine Kreuzfahrt spendieren will. War etwa die Sonne heute doch zu viel für ihn? Wir kommen zum Rathausplatz, wo gerade das Glockenspiel vom Turm erklingt.
Nico erklärt mir, dass ich hier kurz warten soll. Er wäre gleich wieder bei mir.
„Nicht weglaufen, ja!“ Mit dieser Aufforderung verschwindet er Richtung Donau.
Also ich kann mir keinen Reim auf die ganze Sache machen. Der heckt doch irgendwas aus! Ich sehe mich um, ja, es sind noch jede Menge Touristen unterwegs, Kunststück bei dem Wetter! Plötzlich steht Nico wieder neben mir, habe ihn gar nicht kommen sehen.
Wieder packt er mich am Arm und zerrt mich über die Straße zur Donau hin. Wohin gehen wir nur?“
„Bitte der Herr, ihre Kreuzfahrt!“
Nico verbeugt sich vor mir und seine ausgestreckte Hand deutet auf das am Ufer angelegte Ausflugsschiff. ‚Dreiflüsserundfahrt’ lese ich auf dem Schild über dem Landungssteg. Dieser Schelm, dieser Schuft! Und wie er sich köstlich amüsiert, lacht übers ganze Gesicht.
Ist das noch der gleiche Nico, den ich vorhin auf der Bank am Inn angetroffen habe? Er reicht mir die kurz zuvor gekaufte Schiffskarte und wir begeben uns an Bord. Natürlich nehmen wir am Oberdeck Platz, wo man die beste Sicht hat.
„Nun, ist mir die Überraschung gelungen, Dimitri?“
„Ja, du Schuft, die ist dir voll und ganz gelungen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was du vor hast. Ich hab tatsächlich schon an deinem Verstand gezweifelt. Aber ich danke dir natürlich ganz herzlich für diese Kreuzfahrt. Ist wirklich sehr lieb von dir, Nico!“
Unser Schiff, die ‚MS Ilz’, hat längst abgelegt und wir genießen diese ‚Stadtführung vom Wasser aus’. Ja, es sind wirklich einmalige Ausblicke auf Passau: Den italienischen Flair ihrer bunten Fassaden, wir sehen den Dom ‚St. Stephan’, die Dreiflüssemündung, das Ober- und das Niederhaus, das Kloster Mariahilf mit der berühmten Wallfahrtsstiege.
Über Bordlautsprecher werden uns die Sehenswürdigkeiten alle erklärt. Wir schippern auf der Donau, dann auf dem Inn, kehren um, dann wieder Donau, also doch eine ‚Kreuzfahrt’. Auf der Ilz ist leider keine Schifffahrt möglich, diesen dritten kleinsten Fluss sehen wir nur im Vorbeifahren.
Ja, es sind wirklich wunderbare Sehenswürdigkeiten, die die Stadt Passau bietet und die wir vom Schiff aus erleben. Aber, bitte verzeih mir, liebe Stadt! Die Sehenswürdigkeit Nummer 1 für mich an diesem Tag ist natürlich Nico. Und er ist lebendig vor mir. Immer wieder muss ich ihn ansehen. Ich kann mich nicht satt sehen, an diesen großen, wie ich jetzt weiß, grau grüne Augen. In die könnte ich mich verlieben! Was heißt könnte… ich hab mich… und nicht nur in seine Augen!
Aber ich merke, dass auch er mich immer wieder ansieht und hin und wieder anlächelt.
Da fällt mir wieder Yuris Bemerkung von den langen Haxen ein und ich muss lachen.
„Warum lachst du? Lass mich mitlachen!“
Und ich erzähle ihm den Grund meiner Heiterkeit
„Dann sag deinem Bruder einen schönen Gruß von mir und sag ihm, lieber lange Haxen als eine lange Leitung. Und außerdem, wer lange Beine hat, bei dem sind auch andere Sachen lang!“
Warum werde ich jetzt rot, er hat es doch gesagt, also!
Wir haben inzwischen wieder festen Boden unter den Füßen, nach etwa 45 Minuten ist die Kreuzfahrt zu Ende. Wir sind wieder an Land.
„Wollen wir noch ein Eis essen gehen?“ fragt Nico.
„Gerne, aber diesmal lade ich dich ein, einverstanden?“
„Gerne, ich weiß ein Café in der Nähe mit sehr gutem Eis, das Beste der Stadt, wie ich finde.“
„Genau, das sag ich von meiner Lieblingseisdiele auch immer“, erwidere ich.
***
Nun sitzen wir also im Residenz-Café, in unmittelbarer Nähe des großen Doms und löffeln unsere Eisbecher.
Nebenbei erzählt er mir von seinem Studium, das vor kurzem begonnen hat, von seiner Wohnung in Uni-Nähe, von seiner Mutter, die er sehr lieb hat, von seinen Großeltern, die ihn vergöttern. Komisch, von einem Vater sagt er nichts.
Nun erzähle auch ich so einiges von mir, von meiner Arbeit, meiner bescheidenen Wohnung, von meiner Mutter. Auch ich erwähne nichts von Vater.
„Und Nico, glaubst du… na ja, ich meine… können wir…“ so stammle ich ihm was vor.
Er lacht nur und meint: „Du willst wissen, ob wir uns wieder sehen werden?“
Erleichtert nicke ich.
„Also an mir soll’s nicht liegen, aber zum Wiedersehen gehören zwei!“
Mir fällt ein Zentnerstein vom Herzen. Ja, er will, dass wir uns wiedersehen! Am liebsten hätte ich ihn vor all den Leuten hier umarmt. So aber lächle ich ihn an und meine:
„Ja, Nico, ich würde dich sehr gerne wieder treffen!“
„Na dann ist ja alles klar. Wie wär’s mit nächsten Samstag, passt es dir da?“
„Ja, geht in Ordnung, wieder am Inn so wie heute und um die gleiche Zeit?“
„Von mir aus gerne“ meint er.
Wir sind mit dem Eisessen fertig. Ich bezahle, Nico bedankt sich für das Eis.
Er begleitet mich noch bis zu Donau, hier müssen wir uns verabschieden, denn wir müssen in entgegengesetzte Richtungen.
„Danke, es war ein wunderschöner Nachmittag mit dir, danke für alles“, sage ich zu ihm und gebe ihm die Hand.
„Danke gleichfalls, auch mir hat es sehr gefallen und freue mich aufs Wiedersehen!“
„Na denn, Servus, machs gut!“
„Natürlich, du auch!“
Ich drehe mich um, gehe zwei Schritte, bleibe stehen und schau zurück. Auch er ist stehen geblieben und dreht sich wieder zu mir um.
Er kommt auf mich zu, bleibt direkt vor mir stehen, haucht mir einen zarten Kuss auf den Mund und flüstert ganz zärtlich „Dimi!“
Er will sich gleich darauf umdrehen, doch ich halte ihn auf, nehme nochmals seine Hand, gebe ihm den Kuss zurück, natürlich so wie er auf den Mund und flüstere ebenso zärtlich wie er „Niki!“
Als ich dann im Auto sitze und heimfahre, mich in den siebten Himmel empor gehoben fühle, da schwöre ich mir, diesen Niki, diesen lieben, hübschen Bengel, den lass ich nicht mehr aus!
***
Nico
Die Kreuzfahrt mit Dimitri war einfach klasse. So richtig schön. So wohl habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Und sein Gesicht! Einfach köstlich, als er mitbekommen hat, woraus seine Kreuzfahrt bestehen wird. Mit diesem Jungen würde ich jeden Tag eine echte Kreuzfahrt antreten!
Ich freue mich schon auf Samstag! Das Museumsdorf Bayerischer Wald. Dahin werde ich mit Dimitri fahren.
Dimitri. Klingt schön dieser Name. Überhaupt schön! Er gefällt mir, dieser Dimitri. Jetzt sogar noch besser als am See. Da ist er mir ja vorwiegend durch sein Starren aufgefallen!
Für Dimitri, Dimi, wie ich ihn sogar nennen darf, würde ich auch eine Solo-Stripshow abziehen. Ja, dieser Junge wäre es mir wirklich wert! Ich habe mich in Dimi verliebt!
Nicht nur so ein bisschen! Das wenn was würde! Dimitri möchte ich gerne als meinen Freund! Langsam eine Freundschaft aufbauen und dann immer mehr festigen! Das wenn ich dürfte! Finanziell scheint es ihm nicht so besonders gut zu gehen. Mal sehen, ob ich da irgendetwas ändern kann. Vielleicht einmal mit Opa reden!
***
„Hey Opa! – Ja, mir geht es gut. Danke. – Oma doch hoffentlich auch. – Oh, super! Ist die Modenschau dann teuer für dich geworden? – Wie? – Nicht? – Oma hat gar nichts…? – Ach so, ja klar! – Weil sie ein ähnliches eh schon hat! – Habe mich nur gewundert, weil Oma da nicht zugegriffen hat. – Ich weiß nur nicht, ob wir das am Telefon bere… – Wenn du meinst, dann probiere ich es eben. – Kennst du das große Autohaus an der Ausfallstraße Richtung Vilshofen? – Ah so, du bist da sogar Kunde. – Nein, meinem Flitzer geht es gut. – Aber da arbeitet Dimitri. – Ja Dimitri. – Sind vor 12 Jahren von Russland hergezogen. – Nein, kein Verkäufer. Er arbeitet in der Werkstatt als Mechaniker! – Ist bestimmt einer ihrer besten Gesellen Opa. – Hält wahrscheinlich den Laden am Laufen. – Dimitri war sogar schon in ihrer Niederlassung in Tschechien. – Ist ganz bestimmt einer ihrer besten Mechaniker, die sie überhaupt haben, wahrscheinlich auch sehr sorgfältig. – Das glaub ich auch Opa! – Bestimmt hätte er schon längst eine Beförderung verdient! – Und etwas mehr Geld würde ihm zweifellos bekommen. -Wie man das aber machen könnte weiß ich leider auch nicht, Opa. – Nein, gewiss nicht! – Neunzehn ist er Opa, dunkelblond, schlank, so 180 cm in etwa groß, ein liebes Jungengesicht und schöne blau-grüne Augen! – Woher ich seine Augenfarbe kenne? – Ja, das ist so…, weißt du…, äh ja…, hast du von Mam schon gehört? – Nein, Opa, mach ich doch nicht. Ich lenke doch nicht ab. Was denkst du denn? – Meinst du? Zufällig sehe ich ihn am Samstag wieder! – Er heißt Dimitri Frelich. – Danke Opa! – Kann ich dich und Oma am Donnerstag besuchen? Da könnten wir alle Fragen klären. – Natürlich komme ich zum Essen. Wieder vom Obermeier. Toll. Mam kommt auch? Ich komme sogar ganz bestimmt. Und Hunger bringe ich auch mit. – Sagst du Oma noch einen schönen Gruß von mir? Danke Opa! Bis Donnerstag. Tschüß!“
***
Endlich Samstag! Am Vormittag habe ich Dimitri schon angerufen. Dass wir uns bereits zu Mittag treffen. Aber diesmal am Bahnhof. Hinten, beim großen Parkhaus. Diese blöden Ampeln haben mich mal wieder aufgehalten. Bin schon 3 Minuten zu spät dran. Natürlich wartet Dimitri bereits!
Wow! Sieht der wieder gut aus! Eine anthrazitfarbene verwaschene Jeans und ein weinrotes Sweatshirt. Ist ja heute auch noch warm genug dafür. Spätestens jetzt, bei diesem Anblick müsste ich mich in diesen Jungen verlieben, aber ich habe es ja schon längst getan!
„Hey Dimi! Entschuldige meine Verspätung. Die Ampeln waren wieder mal falsch geschaltet. Siehst du wieder gut aus! Richtig zum Anbeißen! Aber einen Begrüßungskuss bekomme ich, oder?“
Ja, den bekomme ich! Und was für einen! Wow! Da hörst du die Glocken klingen, Junge!
„Grüß dich Niki! Bist doch zeitig genug da. Ich bin ja auch gerade erst gekommen. Bald hätte ich dich aber trotzdem übersehen. Ich habe nach einem älteren Auto Ausschau gehalten. Nicht nach einem neuen aufgemotzten Mini. Der hat ne Stange Geld gekostet! Soviel hat ein Student eigentlich nicht. Ich glaube, wir müssen uns einmal genauer unterhalten. Mir kommt da nämlich ein Verdacht! Hast du übrigens heute was Besonderes vor, weil wir uns schon mittags treffen?“
Dimi hält wieder die ganze Zeit meine Hand. Aber ich entziehe sie ihm nicht. Im Gegenteil, ich finde es schön und hauche ihm sogar mehrere Küsse auf seinen Handrücken. Das scheint ihm aber zu gefallen.
„Ja habe ich, mein kleiner Engel! Ich will dich ins Museumsdorf entführen. Und dann einen Spaziergang am Rothauer-See mit dir machen. Während der Fahrt können wir reden, wenn es denn sein muss! Aber vorher will ich dich noch richtig in den Arm nehmen dürfen!“
Während ich Dimi halte, fahre ich ihm mit der Hand über seinen Hintern! Dann muss ich aber die Verbindung zu ihm schnell lösen! Ich spüre, wie etwas in mir hochsteigt! Wir nehmen im Mini Platz und fahren los, Richtung Vilshofen und weiter bis Tittling.
Von da ab ist es dann nur noch ein kurzer Weg ins Museumsdorf Bayerischer Wald des Georg Höltl. Aber ich habe Angst! Angst vor dem Gespräch mit Dimitri! Wir kommen außerdem in Sichtweite von Dimitris Arbeitsstätte vorbei. In einiger Entfernung davon zeigt mir Dimitri einen großen Wohnblock, in dem seine Wohnung liegt.
Habe ich einen Fehler gemacht? Hätte ich lieber Opa nichts sagen sollen? Am Donnerstag nach dem Abendessen waren doch alle dafür, dass Dimi geholfen wird. Opa muss aber dann gestern noch bei Dimis Arbeitgebern angerufen haben!
Gott, mir wird fast schlecht! Ich wollte doch nur helfen! Habe ich jetzt da Gegenteil dadurch erreicht? Langsam werden meine Augen feucht! An meinem rechten Oberschenkel spüre ich jetzt eine Hand. Dimi hat natürlich längst gemerkt, was mit mir los ist. Deshalb beginnt er auch zu reden!
Sein Lächeln dabei beruhigt mich wieder!
„Gestern hat mich unser Geschäftsführer kurz nach Mittag in sein Büro kommen lassen. Ich wusste freilich nicht, was er wollte. Er erzählte mir, dass er am Vormittag einen Anruf bekommen hätte. Von einem ziemlich bekannten, größerem Unternehmen. Sogar Kunde von uns!
Und dieser Kunde wollte und will mich für seinen Fuhrpark als persönlichen Mechaniker haben. Ich soll bei den Firmen-Pkws die Pflege und Wartung übernehmen. Später soll ich mich sogar noch um ihre Lkws kümmern dürfen.
Dafür muss ich aber erst noch einige Kurse belegen und mich weiterbilden und zusätzlich für Lkws ausbilden lassen! Außerdem soll ich für die Niederlassung in Tschechien Ansprechpartner werden. Für das alles soll ich dann auch noch 700 € mehr im Monat bekommen!
Kannst du dir vorstellen, was das für mich bedeutet, Nico? Kannst du dir vorstellen, wer hinter all dem steckt, Nico? Bis Mittwoch muss ich Bescheid geben, weil am Donnerstag schon der 01. November und Allerheiligen ist. Unser Betrieb hat an dem Tag geschlossen.
Und ab 01. November soll ja alles gelten. Sie wollen mir da dann schon einen neuen Vertrag anbieten! Mit deinem 30 000 € Flitzer hast du dich verraten, Nico. Den kann sich kein normaler Student leisten, Nico! Außerdem warum gerade zu diesem Zeitpunkt? Kaum lerne ich dich näher kennen, mache ich einen Sprung die Karriereleiter hinauf! Wer bist du Nico? Was bist du, Nico? Brauchst du nur ein neues Spielzeug; Nico? Nein, so bist du nicht! Entschuldige, das war unfair! Aber warum, Nico? Bitte erkläre es mir!“
„Es tut… tut mir leid Di… Dimitri! Ich… ich wollte…“
„Nein, Nico! Es braucht dir nicht Leid tun. Nur – so etwas hat noch nie jemand für mich gemacht! Ich freue mich so sehr darüber. Aber was ist, wenn ich die Erwartungen nicht erfülle? Du wirst enttäuscht sein, Nico! Was ist, wenn ich versage, Nico? Wer war denn der Anrufer überhaupt? Dein Vater? Du hast mir über ihn noch gar nichts erzählt. Wenn ich den Vertrag annehme, dann darf ich dich nur noch am Wochenende sehen, Nico! Die erste Zeit bin ich dann doch in Tschechien. Was soll ich denn tun, Nico? Bitte hilf mir!“
Jetzt erst verstehe ich Dimi. Er ist nicht sauer auf mich weil ich das getan habe. Er hat stattdessen Angst zu versagen. Angst, die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen zu können! Angst, dass wir uns nicht mehr sehen.
In der Zwischenzeit sind wir auf dem Parkplatz eines großen Betonherstellers gelandet, wo ich jetzt bei meinem Flitzer den Motor abstelle.
Augenblicklich wende ich mich Dimi zu und kümmere mich um ihn. Streichle ihm mit meiner Hand über die Wange und flüstere ihm zu, dass ich gleich wieder bei ihm bin.
Ich steige schnell aus dem Auto und helfe alsdann auch Dimi beim Aussteigen. In die Arme nehmen und ihn intensiv küssen sind fast eins.
Obendrein flüstere ich Dimi einige nette Worte ins Ohr, die ihn rot werden lassen. Wirklich kehrt seine Heiterkeit wieder. Und die passt eben viel besser zu meinem Dimi! Innerhalb kürzester Zeit habe ich meinen glücklichen, lustigen, netten und freundlichen Dimi zurück.
Ich schaffe es, im Kraft zu geben. Lange Zeit halten wir uns nur in den Armen. Das genügt uns dennoch und wir sind glücklich dabei. Wir reden außerdem darüber, dass wir unseren Weg gemeinsam gehen wollen.
Wenn wir uns die Woche über nicht sehen können, die Wochenenden gehören aber auf alle Fälle uns.
Endlich kommen wir beim Museumsdorf an. Ich habe ein dringendes Bedürfnis. Das stille ich in einem Raum, auf dem groß WC steht.
Für einen Besuch im Museumsdorf ist es auch die letzte Gelegenheit. Nach dem ersten Novemberwochenende wird das Museumsdorf kategorisch gesperrt! Dann haben nur noch die Arbeiter Zugang, um alles wieder instand zu setzen oder auch, um neue alte Häuser wieder aufzubauen. Natürlich alles im Originalzustand.
Vor dem Abbau der alten Häuser werden extra Skizzen, Pläne, Zeichnungen und Fotografien gemacht. Beim Wiederaufbau im Museumsdorf wird eben nach diesen Plänen usw. gearbeitet. Im Museumsdorf stehen weit über zweihundert Jahre alte Häuser!
Es soll sogar das angeblich älteste Schulhaus Deutschlands hier stehen! Gleich beim Eingang steht auf der rechten Seite das Gasthaus Mühlhiasl. Dimitri und ich wenden uns allerdings erst einmal nach links. Ich löse zwei Eintrittskarten und schon stehen wir im Dorf.
Die nächsten Stunden sehen wir uns die alten Häuser an. Bestaunen auch alte Dreschflegel, Mistgabeln, Rechen und Leiterwagen. Auch eine alte Schmiede ist aufgebaut. Mit der Esse, den Hämmern und Zangen. Alte Schürhacken und allerlei sonstiges Werkzeug kann man bestaunen. Mit Werkzeugen und Gerätschaften, Töpfen und Geschirr werden die Häuser in den letzten Jahren immer mehr aufgefüllt. Eingerichtete Häuser machen eben doch mehr her, als leer stehende kahle Zimmer und Räume.
Man kann aber hier auch feststellen, dass die Menschen früher viel kleiner waren, als wir es heute sind! Im hinteren Bereich des Dorfes wird für die Zuschauer gerade eine Vorführung gegeben. Ein alter Bauer mäht mit einer uralten Sense gerade eine Wiese.
Ja, dieser Mann kann noch mähen! Gleichmäßig zieht er seine Sense durch das Gras. Zwischendurch wetzt der Mann seine Schneide immer wieder mit dem Wetzstein. An der Seite des Bauern hängt ein altes Rinderhorn. In dieses Horn lässt der Bauer nun seinen Wetzstein gleiten. Auf diese Weise hat er den Wetzstein immer bei sich und sofort griffbereit zur Hand!
Unsere Wanderung geht weiter durch das Dorf. Abwechselnd machen Dimi oder ich eine ganze Anzahl Fotos. Frauen, die uns vertrauenswürdig erscheinen, aber auch, weil die eher dazu bereit sind, bitten wir öfter, von uns beiden gemeinsam ein Foto zu schießen. Mit meiner Digitalkamera kann auch jede sofort umgehen. So bekommen wir sogar Fotos, wo wir gemeinsam drauf sind!
Jetzt kommen wir zu einer alten Mühle. Sogar das Mühlrad dreht sich noch. Man kann auch noch die Technik bestaunen, wie sich durch das Wasser das Mühlrad bewegt und das wiederum einen großen runden Mühlstein dreht.
Durch solche Mühlsteine wurde eben früher das Getreide gemahlen! Ansonsten ist in einem Raum noch zu sehen, wie der Müller früher gewohnt hat. In den restlichen Zimmern der Mühle wurde vor Jahren schon die Ausstellung ‚Volksfrömmigkeit’ integriert.
Alte Rosenkränze, Gobelins, Ikonen, Gebetbücher, die verschiedensten Kreuze und Messbecher sind da zu bestaunen. Von Wachsstöckerl über Heiligenbilder und Medaillons bis hin zu Priestergewändern kann man viel über die Volksfrömmigkeit früherer Zeit erfahren!
***
Es ist inzwischen schon Nachmittag geworden. Dimi und ich marschieren rüber ins Hotel Dreiburgensee. Dort lassen wir uns Kaffee und Kuchen schmecken. Zum See sind es jetzt nur noch wenige Minuten. Während wir so am Gehweg entlang schlendern, erzählen wir offenherzig auch von uns selbst.
So erfahre ich viel über Dimi und Yuri, eben über Dimitris Familie. Ebenso von dem Knatsch mit seinem Vater! Im Gegenzug erfährt Dimi auch viel über mich. Die Wahrheit über meinen Vater. Dass der inzwischen fast zu einem Fremden für mich geworden ist. Genauso von Mam. Dass ich sie sehr liebe und an ihr hänge. Oma und Opa lasse ich natürlich auch nicht aus.
Es ist schon Abend geworden durch unser Reden. Und dunkel. Darum kann ich Dimi sooft küssen wie ich will, ohne dass es jemanden stören könnte. Tu ich ja auch. Der arme Junge muss eigentlich schon geschwollene Lippen haben. Weil, in dieser Beziehung bin ich gnadenlos. Und küssen tu ich nun mal gerne und oft.
Wir sind auf dem Weg zum Gasthof Mühlhiasl, wo wir noch einen deftigen Schweinebraten mit Sauerkraut und Semmelnknödeln essen. In dem Andenkenladen, der in den Gasthof integriert ist, finden wir allerdings nichts, was sich unserer Meinung nach, zu kaufen lohnen würde.
So fahren wir ohne Andenken nach Passau zurück. Dafür haben wir aber massig Fotos gemacht. Es war ein schöner, ereignisreicher Tag. Und diesen möchte ich auch nicht für viel Geld missen! Dimi ist den ganzen Tag schon wieder super drauf und wie er mir jetzt verrät, auch bereit, die Herausforderung einer Beförderung anzunehmen.
Dimi lotst mich zu seiner Wohnung. Sogar einen freien Parkplatz finden wir noch vor dem Wohnblock. Ein kleines, gemütliches Nest, das sich Dimi da geschaffen hat. Einfach, aber sehr geschmackvoll eingerichtet und überaus gemütlich!
„Schön ist es bei dir Dimi. Ich fühle mich sogar schon ein wenig heimisch. Viel gemütlicher als bei mir. Deine Wohnung hat richtig Seele!“
Ich schau mir Dimis Lippen einmal genau an. Ja, absolut, die sind geschwollen. Ein schlechtes Gewissen bekomme ich dadurch allerdings nicht! Schon hänge ich nämlich wieder dran!
„Tut mir ja leid Dimi, aber du schmeckst einfach zu gut. Wie machst du das nur? Am liebsten würde ich dich am ganzen Körper ablecken. Vor allem aber an einer ganz bestimmten Stelle! Das werde ich irgendwann noch!“
Jetzt beginnt Dimitri vor Freude zu lachen.
„Oh, du bist ja ein richtiger Schmusekater. Ich würde auch am liebsten an dir herumknabbern. Vor allem an der Stelle, wo ich jetzt so viel Leben spüre! Auf das irgendwann freue ich mich schon! Wir wollen aber nichts überstürzen. Wir haben noch so viel Zeit. Lassen wir es langsam angehen Nico, auch wenn ich dich jetzt schon begehre!“
„Das spüre ich, mein kleiner Dimi. Du hast aber recht. Seien wir vernünftig. Aber schmusen werden wir noch, ja?
Wollen wir morgen gemeinsam Mittagessen? Treffen wir uns um halb 12 am Fünferlsteg? Und gehen dann zum Hotel König? Bitte sag ja, kleiner Dimi!“
Um Dimitri die Entscheidung leichter zu machen bzw. um schnell ein Ja von ihm zu bekommen, fange ich an, an seinem Ohr herumzuknabbern. Als ich mit meiner Zungenspitze in seinen Gehörgang komme, fängt er an zu kichern. Es kitzelt ihn wohl.
Aber dadurch bekomme ich tatsächlich schnell meine erwünschte Zusage! Der Früchtepunsch, den ich von Dimi bekomme, ist einfach klasse. Über mein Kompliment freut er sich auch sichtbar. Nach nochmaligem ausgiebigen Küssens mache ich mich dann aber doch auf den Weg nach Hause.
***
Heute bin ich bereits ein paar Minuten vor halb 12 am Fünferlsteg. Von weitem sehe ich Dimitri schon aus Richtung Nikolastraße auf mich zukommen. Schnell gehe ich ihm entgegen. Ich nehme ihn in den Arm und raube mir auch schon einen Kuss.
„Hast du gut geschlafen mein kleines Herz? Und vielleicht von mir geträumt? Du jedenfalls hast mir einen wunderbaren feuchten Traum beschert!
Bitte sag mir Nico, dass ich das hier nicht nur alles träume!“
„Nein, Dimi, denn das wäre wirklich zu grausam! Wer wäre denn dann der liebe dunkelblonde Junge von dem ich diese Nacht geträumt habe? Hey, mein kleiner Liebling. Du hast mir gefehlt. Brauchst du denn eine neue Schlafanzughose?“
Dimitri hat ja schon eine schöne Farbe, aber jetzt wird er noch röter!
„Äh, weißt du Nico, ich hab ja nie eine an. Ich brauche ein neues Leintuch. War ja diesmal auch so viel!“
Verschämt macht mir Dimitri mit leisen Worten dieses Geständnis. Ich gebe Dimi dann den Tipp sich immer ein Handtuch mit ins Bett zu nehmen. Und ich erzähle ihm, dass mir wohl das gleiche passiert wäre, wenn ich nicht vorgebaut hätte!
Jetzt wird Dimitri seltsamerweise noch tomatiger!
So leise, dass ich ihn kaum verstehe, meint er: „Ich habe ja auch vorgebaut. Sogar gleich zweimal. Trotzdem, während ich von dir träumte, ist es passiert. Du hast mich eben total ver- und bezaubert Nico!“
Nun bin ich auch sprachlos! Na gut, nicht allzu lange.
„Ich möchte dich so gerne näher kennen lernen Dimi! Alles an dir! Alles von dir! Aber wenn ich dich die ganze Woche nicht sehen kann, nur mit dir telefonieren, würde es so noch schwerer für mich werden, dich nicht sehen zu können. Bitte Dimi, lass uns mit dem körperlich näher kennen lernen noch warten, bis du wieder von der Tschechei zurück bist. Bis ich dich auch unter der Woche sehen darf. Bitte Dimi!“
Ich sehe Dimitri so treuherzig an, dass der zu lachen anfängt.
„Du hast Recht Nico! Ja, warten wir. Mir fällt es so schon schwer genug. Die paar Wochen überstehen wie so auch noch. Dafür wird es dann umso schöner. Du wirst sehen Nico! Und jetzt gehen wir Essen, oder?“
Das machen wir dann auch. Durch kleine Gässchen in der Altstadt machen wir uns auf den Weg zum Hotel König. Gestern Abend noch habe ich einen Tisch reserviert. Sonst könnte es passieren, dass wir entweder wieder gehen oder warten müssten, bis ein Tisch frei würde.
Unser Essen lassen wir uns dann auch schmecken. Die Nachspeise lasse ich von der Küche auswählen. Dimi und ich werden auch nicht enttäuscht. Crepes mit Eis und einer Likörsoße, dass man ins Schwärmen geraten könnte. Nach dem Essen verlassen wir das Hotel und machen am Dom vorbei einen langen Spaziergang!
***
Mam, Oma und Opa sind am Nachmittag ganz begeistert von Dimitri. Ja, etwas gemein und hinterhältig, was ich da getan habe. Es hat sich aber gelohnt! Nur gut, dass Dimitri und ich noch nicht im Bett gelandet sind – sogar das hätten meine Leute aus uns- bzw. Dimitri herausgeholt.
Bis dahin wusste ich noch gar nicht, was man alles fragen kann und was man alles wissen will. Sie löchern meinen Dimi, dass es schon beinahe peinlich ist. Irgendwann ist das jedoch auch überstanden, wir essen alle gemeinsam zu Abend.
Mam ist dermaßen von Dimitri begeistert. Ich sehe mich direkt zu einer Äußerung genötigt! „M-a-a-m, Dimi gehört zu mir! Das ist meiner! Den gebe ich auch nicht wieder her! Such dir selber so einen lieben Schnuckel!“
Die Lacher sind freilich auf meiner Seite!
Aber jetzt endlich küsse ich Dimi! Und wie! Oma meint mit verzückten Augen dazu: „Ach ja, junge Liebe!“
Dimitri bedankt sich noch bei Opa für die Chance, die er ja jetzt erhält. Er werde versuchen, niemanden zu enttäuschen.
„Da mache dir mal keine Gedanken mein Junge. Ich habe ein gutes Gespür für richtige Entscheidungen. Unser Gespräch heute festigt nur mein Urteilsvermögen. Du bist der Richtige für unseren Fuhrpark. Ich bin sogar fest davon überzeugt!
Für Nico bist du sowieso der Richtige! Du hast sein Herz erobert. Das ist bisher noch niemandem gelungen!
Oh Junge, du bist in jeder Hinsicht der Richtige. Glaube mir das! Ich bin nämlich bereits alt genug, das zu wissen.
Unser aller Herz hast du schon erobert. Besonders das meiner Tochter! Aber bei mir gelingt das nur sehr wenigen! Auf Nicos Mutter wirst du immer zählen können. Die ist dir schon verfallen! Pass aber gut auf meinen Enkel auf, Dimitri!“
Wir verabschieden uns von meiner Familie. Jedoch entschuldige ich mich wenig später noch bei Dimitri für meine Hinterhältigkeit. Er ist aber auch meiner Meinung, dass es das heute auf alle Fälle wert gewesen ist. Und ich eine sehr nette Familie habe.
Dann muss ich mich von diesem lieben Jungen verabschieden. Er muss ja morgen wieder arbeiten und ich zur Uni. Ein paar Küsse hole ich mir aber noch als Wegzehrung. Am Wochenende sehen wir uns erst wieder!
***
So vergehen dann die Wochen. Dimitri hat der Quasi-Beförderung selbstverständlich zugestimmt. Er ist fast den ganzen November in Tschechien. Opa hat sich mittlerweile sogar in das Autohaus eingekauft und hält mich so auch auf dem laufenden. Und mein Opa ist schlicht begeistert davon, was Dimitri mit seinen neunzehn Jahren in Tschechien alles leistet!
Deshalb steht jetzt schon fest, dass Dimitri ab Mitte Dezember drei Wochen Sonderurlaub erhält. Außerdem wird er eine Sonderzahlung erhalten. Dass Opa diese Sonderzahlung unter der Hand verdoppelt, weiß allerdings nicht einmal ich!
***
Mit Josef ist auch alles bestens. Sein Bein heilt sehr gut. Sein Gesicht haben die Ärzte wieder hinbekommen. Ich will ja nicht behaupten, dass Josef jetzt besser aussieht als vorher, aber selbst von der eigenen Mutter hat er ein Kompliment wegen seines guten Aussehens bekommen.
Mit seiner Erika ist Josef nach wie vor glücklich! Aber Josef erzählt mir bei meinen Besuchen auch weniger schönes. Dieser Franz, wegen dem er jetzt in Murnau ist, ist aus der JVA-Straubing ausgebrochen! Bei diesem Gefängnis sowieso eine Seltenheit. Alleine aber auf gar keinen Fall zu schaffen! Also muss noch irgendwo ein Komplize stecken!
Und ich dachte bis zu meinem Coming Out sogar, dieser Mensch sei mein Freund. Mir läuft es halt den Rücken herunter, wenn ich genauer darüber nachdenke! Über Weihnachten darf Josef jetzt nach Hause! Und Ende Januar ist er auch mit seiner Reha fertig!
***
Dimitri
Ich bin sehr froh, dass ich die Tage meines Tschechienaufenthaltes hinter mir habe. Es war nicht leicht, vor allem auch die Trennung von Nico.
Nur an den Wochenenden haben wir uns gesehen. Ein paar Ausflüge haben wir gemacht, waren unter anderem nochmals im Bayerischen Wald, wo Mitte November bereits alles zugeschneit war, eine wunderbare Winterlandschaft, wie im Bilderbuch!
Auch in Passau selbst sind wir viel herummarschiert. An einem Sonntag sind wir über die dreihundert Stufen der Mariahilf Wallfartsstiege hinaufgegangen. Gemeinsam haben wir vor der Marienstatue in der Kirche zwei Kerzen angezündet.
Hinter der Kirche hat man einen einmaligen Ausblick auf die ganze Stadt. Wir haben uns fest vorgenommen, im Frühjahr wieder hierher zu kommen. Ja, und Fotos haben wir auch jede Menge gemacht.
Am selben Sonntag hat mich Nico in seine Penthauswohnung entführt. Es war ein Erlebnis. Bisher habe ich noch keine solche Wohnung gesehen! Yuri und Thomas wären begeistert. Ich hoffe, ich darf noch öfter hierher kommen.
Die Tatsache, dass wir uns die letzten Wochen so wenig sehen konnten, hat uns eigentlich noch besser zusammengeschweißt. Es ist bereits so, dass ich mir ein Leben ohne Nico nicht mehr vorstellen kann. Und ich glaube, ihm geht es nicht anders!
***
Es ist kurz vor Feierabend am 5. Dezember, Vorabend des Nikolaustages. Ich habe gerade zusammen mit einem Lehrbuben eine neue Auspuffanlage am Auto eines Kunden montiert, da steht doch plötzlich ein leibhaftiger Nikolaus mitten in unserer Werkstatt.
Keiner hat bemerkt, wie er herein gekommen ist. Wirkt schon etwas verloren, der heilige Mann, inmitten von kaputten oder teilweise reparierten Autos, von Öllachen und verschmutzten Mechanikern. Es ist kein Weihnachtsmann mit Zipfelmütze, wie er oft anzutreffen ist. Nein, bei uns hier in Bayern kommt, und das schon am Vorabend zum sechsten Dezember, der heilige Nikolaus, verkleidet als Bischof, den das war er ja.
Es sieht schon sehr festlich aus, wie er so da steht mit seinem weiten roten Umhang und der Bischofsmütze. Vom Gesicht ist nicht viel zu sehen bei der immensen Barttracht. Einen großen braunen Sack, prall gefüllt, hat er bei sich stehen. Wir alle schauen etwas verwundert drein. Ein Nikolaus hat sich hier noch nie eingefunden. Ob er sich verirrt hat?
Da flüstert mir der daneben stehende Lehrling ins Ohr:
„Schau dir den Ring an, das kann nur der Chef sein und die Schuhe kenne ich auch von ihm.“
Ja, er hat Recht, das ist er, jetzt erkenne ich ihn auch.
„Grüß Gott meine Lieben!“ das ist alles was er mit ernster und tiefer Stimme sagt.
Dann öffnet er den Sack, langt hinein und holt ein kleineres, ebenso prall gefülltes Säckchen heraus. Er reicht es dem ersten von uns. So nach und nach geht er zu jedem hin, nickt ihm freundlich zu und überreicht ihm das Geschenk.
Schließlich winkt er noch kurz und sagt: „Auf Wiedersehen meine Kinder!“ Schon ist er wieder verschwunden.
Zuerst ist es ganz still in der Werkstatt, alle starren entweder auf die Tür, hinter der er verschwunden ist oder auf das in der Hand haltende Säckchen. Wir sind alle etwas verdattert, ob der ungewöhnlichen Nikolaus Bescherung.
Erst allmählich finden alle ihre Sprache wieder und ein wildes Geschnatter geht los. Ich öffne mein Säckchen, sehe hinein. Es ist voll gefüllt mit Lebkuchen, Mandarinen, Nüssen und einem Schoko-Nikolaus. Ist nichts Weltbewegendes, klar!
Aber ich finde, es ist eine äußerst noble Geste unseres Chefs, so ganz unerwartet den Nikolaus zu spielen, noch dazu mit Geschenken. Also mir gefällt das. Aber es passt auch zu unserem immer freundlichen und sozial eingestellten Chef.
Freilich gibt es immer welche, die unzufrieden sind. So meint einer der Azubis mit Blick auf sein Säckchen: „So ein Zeug kann er Kindern schenken, mir wäre Geld lieber gewesen!“
Aber nachdem ihm keiner zustimmt, einige den Kopf schütteln, ein Meister ihn mit „unzufriedener Lackl“ betitelt, da zieht er den Schwanz ein und sagt nichts mehr.
Thomas kommt her zu mir und meint in seiner bekannt frivolen Art: „Ist schon ein pralles Säckchen!“ Er wiegt das Säckchen von unten und lacht dazu.
„Thomas, du mit deiner schmutzigen Phantasie! Aber was anderes, geht doch klar für heute Abend, oder?“
Ich hab Thomas und Yuri für heute Abend zu einer kleinen Nikolausfeier zu mir eingeladen. Nico wird natürlich auch da sein.
Wir vier haben uns schon ein paar Mal bei mir getroffen. Da hab ich den beiden auch meinen Nico vorgestellt. Sie waren von Anfang an angetan von ihm. Yuri kann es nicht lassen, ihn immer wieder wegen seiner „langen Haxn“ aufzuziehen. Aber es ist ja immer im Spaß gemeint und Nico lacht am meisten darüber. Außerdem weiß er sich schon zu revanchieren und nennt Yuri des öfteren ‚Zappel-Yuri’, weil er sich einfach nicht stillhalten kann.
„Alles klar, Dimi“ reißt mich Thomas aus meinen Gedanken, „nur Yuri wird etwas später kommen. Hat was gesagt von Bücherei, wo er unbedingt noch hin muss.“
„Komisch, auch Nico kann erst später kommen. Muss noch zu seinen Großeltern, glaube ich. Na ja, macht ja nichts. Aber du kommst doch wie ausgemacht, Thomas?
„Natürlich Dimi!“
***
Nun sitzen Thomas und ich auf meiner Wohnzimmercouch und probieren schon mal den Glühwein und unsere ersten Plätzchen. Ja, es waren die ersten Backversuche von Nico und mir. Er war es, der vor ein paar Tagen mit der Idee kam, selber Plätzchen zu backen.
„Bitte Dimi, lass es uns probieren, glaub mir, das wird toll!“ bettelte er und sah mich mit seinen großen Augen an.
Na ja, so toll wurde es dann doch nicht! Was reimt sich so schön im Zuchowski-Lied auf Weihnachtsbäckerei? Eben, große Kleckerei! Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen. Aber die Plätzchen sind ganz gut gelungen. Zwar haben die auf dem ersten Backblech eine etwas ungesunde Bräune angenommen. Das glichen aber die vom zweiten Blech wieder aus, die hatten dafür eine gesunde Blässe!
Nein, so schlimm war es nicht, essen kann man alle und sie schmecken auch. Kokos-Makronen, Walnuss-Bällchen, Zimtsterne und Spitzbuben, das ist unsere Plätzchen Ausbeute. Ich sehe noch deutlich vor mir, wie Nico beinahe Bauchweh bekam vor lauter Lachen, weil er das Wort ‚Spitzbuben’ im Zusammenhang mit Gebäck noch nie gehört hat.
„Jetzt könnten sie aber wirklich schon mal auftauchen!“
Thomas reißt mich aus meinen Plätzchen-Gedanken.
„Ja, ich verstehe auch nicht, wo sie bleiben. Wenigstens einer von ihnen müsste doch mal kommen!“
Kaum sage ich das, läutet es an meiner Wohnungstür.
„Na endlich, bin mal gespannt, ob meiner oder deiner zuerst kommt“ grinst sich Thomas wieder eins.
Ich öffne die Tür und erschrecke nicht schlecht. Steht doch ein Nikolaus vor der Tür! Nein, nicht der von heute Nachmittag im Autohaus, das erkenne ich gleich. Er trägt ein dickes Buch und einen Bischofsstab bei sich. Ansonsten hat er auch einen roten Umhang, darunter eine langes weißes Gewand und eine Mitra auf dem Kopf. Vom Gesicht sieht man rein gar nichts, da er eine Nikolaus-Maske trägt, von der ein langer weißer Vollbart herunter hängt. Außerdem trägt er weiße Handschuhe.
„Guten Abend“ sagt er mit einer verstellten, tiefen Bassstimme, „sünd wür hür rüchtüg bei Dümütrü?“
Wieso wür, äh wir?
Ach ja, hinter dem heiligen Mann, da steht ja noch einer. Er hat sich hinter Sankt Nikolaus versteckt. Ui, der sieht vielleicht zum Fürchten aus! Er trägt einen dunkelbraunen Pelzumhang, das Gesicht ist hinter einer schwarzen Strumpfmaske versteckt.
Auf dem Kopf hat er eine schwarze Pelzmütze, tief ins Gesicht gezogen. Ob der überhaupt was sieht? Schwarze Handschuhe trägt er außerdem. In der Hand hält er zusammengebundene Zweige, mit denen er wild umher fuchtelt. In der anderen Hand hält er eine kleine Eisenkette, die er ohrenbetäubend klirren lässt. In der gleichen Hand hält er auch eine kleine Pelztasche.
Ja, das muss wohl der Knecht des Nikolauses sein, Knecht Ruprecht oder auch Krampus genannt. Als guter Gastgeber lass ich die beiden späten Gäste natürlich ins Wohnzimmer. Thomas staunt nicht schlecht, wie er sie reinkommen sieht. Er sieht mich fragend an. Aber ich kann auch nur mit der Achsel zucken.
Sankt Nikolaus aber hat sich breitbeinig im Wohnzimmer aufgebaut, öffnet sein dickes, samt bezogenes Buch und beginnt seinen Vortrag mit einer tiefen feierlich klingenden Stimme, wie es sich eben für diesen Mann geziemt:
„Jedes Jahr um diese Zeit,
wenn es auf Weihnacht nicht mehr weit…
komm ich in jedes Haus,
heut auch zu euch, Sankt Nikolaus!
In meinem Buch steht an erster Stelle,
der Thomas, das ist vielleicht ein Geselle!
Seinen Liebsten er droht mit Liebesentzug,
wenn der nicht gleich spurt, das ist nicht gut!“
Und so geht es noch eine ganze Weile weiter, alle Schandtaten oder vermeintlichen Untaten und Unterlassungen von Thomas werden aufgelistet.
Ja und dann bin ich dran: „Dümütrü du böser Bube, spürst vom Krampus gleich die Rute!“
Thomas kichert und meint: „Ja bitte, ich auch!“
Schon ist der wilde Geselle bei ihm mit seiner Rute. Aber nicht mit der von Thomas gewünschten und erhofften, sondern mit seinem Reisig schlägt er zu. Und nun kommen meine vermeintlichen Untugenden zur Sprache. Der Krampus unterstreicht mit seiner Rute die Worte des Nikolaus.
Spätestens beim Aufzählen unserer Schandtaten wird mir klar, dass es sich bei den beiden abendlichen Gästen um keine anderen als Nico und Yuri handeln muss! Wer wüsste sonst solche privaten Dinge!?! Ein Blick zu Thomas beweist mir, dass auch er inzwischen begriffen hat, wen wir da vor uns haben.
Er grinst übers ganze Gesicht, sieht von einem zum anderen, dann wieder zu mir. Ich nicke ihm unauffällig zu und deute mit einem Finger auf meinen Mund, will sagen, dass wir uns vorerst unwissend geben. Hätten wir bis jetzt die Identität der beiden Gäste noch nicht geklärt, spätestens bei den Belehrungen des Nikolaus wäre es uns unbedingt aufgefallen. So dick wie das aufgetragen ist!
Ganz lieb sollen wir immer zu unseren Schnuckels sein, ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen, ihnen immer wieder sagen, wie lieb wir sie haben, ihnen Geschenke machen, ihnen… es geht noch eine ganze Zeit so weiter.
Das Grinsen in Thomas Gesicht wird immer breiter und auch ich kann mich nur schwer beherrschen, um nicht laut loszulachen. Aber auch der Stimme des Heiligen ist deutlich anzumerken, dass er sich selber schwer tut, der Würde und des Ernstes seines Amtes gerecht zu werden.
Wahrscheinlich auch deshalb beendet er seinen Monolog kurz und schmerzlos mit einem „Auf Wüdersöhen im nächsten Jahr!“
Er will sich zum Gehen umdrehen, da stößt ihn Herr Krampus von der Seite an und deutet auf seine Pelztasche, die er bei sich trägt. Er öffnet sie und entnimmt ihr vier Schoko-Nikoläuse, die er vor uns auf den Tisch legt.
Bevor er sich umdreht, fuchtelt er noch mit seiner Gerte über unsere Köpfe hinweg und rasselt mit seiner Kette. Schließlich verschwinden die beiden Vorweihnachtsboten durch die Tür, die ich ihnen mit einer Verbeugung und einem „Danke, lieber Nikolaus“ offen halte.
Nun kann ich mich aber nicht mehr beherrschen. Laut lachend lasse ich mich neben Thomas auf die Couch fallen. Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns wieder einigermaßen gefangen haben.
„Also dass es die beiden waren, das ist klar. Aber wer war wer? Mit der Gesichtsmaske und dem Bart, bzw. dem schwarzen Strumpf und der tiefen Mütze habe ich es nicht erkannt“ meint Thomas.
„Ja und beide hatten Handschuhe an. Ich hab auch auf die Schuhe geschaut, waren mir beide unbekannt“ entgegne ich.
„Aber eigentlich ist es doch eh klar, meiner kann nur der nette, liebe Heilige gewesen sein und deiner der wilde, zum Fürchten aussehende Kerl“, lästert Thomas.
„Pah, eher umgekehrt, ja! Aber was machen wir, wenn sie dann kommen, tun wir so, als hätten wir sie nicht erkannt?“
„Natürlich Dimi, lassen wir sie in dem Glauben, lassen wir ihnen die Freude. So wie ich meinen Yuri kenne, zappelt der sowieso wieder herum und platzt gleich, wenn er es nicht sagen kann.“
Es dauert nicht lange und es läutet wieder. Ja, jetzt sind es unsere Zwei, diesmal in Zivil.
„Hallo ihr beiden, ich habe zufällig Nico getroffen, deshalb kommen wir zusammen.“, erklärt Yuri.
Es folgen die üblichen Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung. Ich gieße den Neuankömmlingen heißen Glühwein ein.
„Ja, der ist jetzt genau richtig, bin ziemlich durchgefroren“, meint Nico.
„Jetzt hat er eh so lange Haxn und braucht trotzdem so lange unterwegs, kein Wunder, dass dich friert.“ Yuri natürlich wieder, er kann’s nicht lassen.
„Ja, ja, ich wieder und wer zappelt vor jedem Schaufenster rum und bleibt immer wieder stehen?“
„Der Zappel-Yuri!“ sagen wir Übrigen im Chor.
Aber alle wissen wir, dass diese Kabbeleien nicht ernst gemeint sind.
Ich merke, wie Thomas zu Yuri hin schnüffelt, die Nase hochzieht und schließlich unverblümt sagt:
„Yuri, du stinkst!“
Also das so direkt zu sagen, das ist schon stark, aber Thomas hat ja recht, irgendwas riecht hier unangenehm.
Yuri schnüffelt jetzt selber an sich und meint, dass er absolut nichts rieche. Um die peinliche Situation etwas zu entschärfen, erzähle ich von unserem zurückliegenden Besuch mit allen Einzelheiten. Thomas ergänzt mich und meint mit gespieltem Ernst:
„Wir rätseln seither, wer das war. Na ja, sicher welche von der Arbeit!“
Ich muss mich wundern, wie Thomas das sagen kann, ohne auch nur den Anflug eines Grinsens erkennen zu lassen. Nico schmunzelt etwas. Yuri hingegen zappelt wie ein kleines Kind.
Ich bestätige die Aussage von Thomas und meine: „Ja, das glaub ich auch, ich meine ich habe Ernst und Willi, unsere Gesellen, erkannt.“
Nun zerreißt es Yuri beinahe, genau wie Thomas vorhergesagt hat. Er rutscht unruhig auf seinem Platz hin und her und schließlich sprudelt es aus ihm heraus:
„Ha, das waren nicht Ernst und Willi, ha, wie mich das freut, ha, wir waren das, Nico und ich, haha, ihr Deppen habt uns nicht erkannt, haha!“
Thomas und ich sehen uns an und prusten beide gleichzeitig los. Nico lächelt nur, er hat offensichtlich unser Spiel längst durchschaut.
Nun ist Yuri etwas ratlos, sieht uns an, sieht fragend zu Nico, der nur mit der Schulter zuckt und sagt schmollend:
„Das ist gemein, ihr habt uns doch erkannt und nichts gesagt. Und ich hab mich so gefreut! Richtig fies ist das!“
Und Yuri zieht eine Schnute, verschränkt die Arme und spielt den Beleidigten.
Thomas nimmt ihn in den Arm und meint:
„Ach Yuri, du Dummerle, es war doch wirklich eine Riesenüberraschung, sie ist euch super gelungen! Komm her, mein Yuri, ich liebe dich doch!… Aber trotzdem – du stinkst!“
Nun schnüffelt auch Yuri nochmals und meint, dass er nach wie vor nichts rieche.
Nico schaltet sich ein:
„Ich hab’s dir doch gleich gesagt, Yuri, dass deine Pelzjacke fürchterlich stinkt. Aber du mit deiner Rumzappelei hast ja nichts mitbekommen. Und nun riecht der ganze Kerl danach!“
„Ja, ja, Rumzappelei, und wie lange haben wir gebraucht, bis wir ein passendes Gewand für dich fanden, das deine langen Haxn verdeckt, hm?“
Wieder diese Zwei! Aber, wie heißt es so schön: Was sich liebt, das neckt sich! Na so gesehen muss ich mir vielleicht Gedanken machen, wie die sich necken!
„Wo habt ihr die Jacke denn her und all das Zeug und wie seid ihr auf die Idee gekommen?“ frage ich die beiden.
Nun erzählen sie, wie sie auf die Idee kamen, eben weil ich sie für diesen Abend eingeladen habe. Nico hat sich die Sachen vom Studentendienst ausgeliehen. Da besuchen ja mehrere Studenten auf Bestellung Familien mit Kindern. Nur die anrüchige Pelzjacke, die hat Yuri von einem Nachbarn bekommen. Der hatte die Jacke seit Jahren in einer alten Truhe zusammen mit anderen Kleidungsstücken aufbewahrt.
„Darum der Schimmel- und Modergeruch, jetzt ist alles klar! Aber ich mag dich doch auch so, mein wilder Krampus! Und erst deine Rute, die lieb ich direkt. Hab mir übrigens gleich gedacht, dass du der Krampus bist!“ erklärt Thomas in seiner eindeutig zweideutigen Art. Na ja, vorhin hat sich das noch anders angehört, aber was soll’s!
Die beiden schmusen und busseln sich ab, dass ich gar nicht anders kann und näher an Nico heran rücke, ihn umarme und küsse.
„Ach übrigens, Nico-Nikolaus, ich wünsche dir alles Gute zum Namenstag, auch wenn erst morgen Nikolaus ist!“ gratuliere ich ihm, auch Yuri und Thomas schließen sich an.
Wir trinken, jeder seinen Liebsten im Arm, unseren Glühwein oder Früchtepunsch und essen die Plätzchen.
Plötzlich schreit Yuri auf: „Au, au, au, das Plätzchen ist ja steinhart! Jetzt habe ich mir einen Zahn ausgebissen, Mann o Mann, ihr mit eurem Selbstgebackenem!“
Dabei hält er sich die linke Backe und schaut wirklich zahnleidend aus.
„Aber ich hab doch auch von dem gleichen Gebäck gegessen, das ist doch alles butterweich…“meint Thomas und ist um Yuri besorgt.
„Komm, zeig mal, wo hast du…“
Aber Yuri fängt an zu lachen und wir merken, wie er uns angeschmiert hat. Seine Retourkutsche!
„Sag mal, Dimi, was hast du denn da in der Vase für ein Gestrüpp stehen“, fragt Yuri und deutet auf die Vase, die oben auf meinem Schrank steht.
„Das lieber Yuri sind Barbarazweige, nie davon gehört?“ frage ich zurück.
Auf Yuris fragenden Blick, erklärt Nico: „Diese kahlen Zweige habe ich für Dimi im Garten meiner Großeltern abgeschnitten, vom großen Kirschbaum, der dort steht. Am Barbaratag, das war gestern, also am vierten. Dezember, da steckt man eben Zweige vom Kirschbaum oder anderen im Frühjahr schön blühenden Sträuchern im warmen Zimmer in die Vase. Wenn alles gut geht, dann blühen diese Zweige zu Weihnachten auf. Du holst dir also ein Stück vom kommenden Frühling ins Haus. Hat meine Mutter schon immer gemacht und ich habe die Kirschblüten zu Weihnachten immer bewundert.“
„Hab ich noch nie gehört“, erklärt ein nachdenklicher Yuri.
Es wird noch ein wunderschöner Abend, wir lachen viel. Vor allem unser Yuri bringt uns immer wieder dazu. Er ist nun mal der geborene Spaßvogel.
***
Yuri und Thomas verabschieden sich dann, so bleibe ich mit Nico allein.
Wir sitzen eng beieinander auf der Couch. Er hat seinen Kopf an meine Schulter gelehnt. Ich beuge mich zu ihm hinunter und wir küssen uns. Ich muss immer wieder in seine Augen schauen. Ich habe sie ja schon am Stausee bewundert. In diese Augen habe ich mich verliebt. Von diesen Augen habe ich geträumt in der Nacht. Und wenn ich tagsüber an Nico denke, da sehe ich zuerst diese himmlischen Augen vor mir.
„Hab ich dir schon mal gesagt, Niki, wie sehr ich deine wunderbaren Augen liebe? Ich könnte dir stundenlang nur in die Augen schauen!“
„Ach geh, das wird aber dann langweilig, Dimi. Außerdem habe ich noch so viele andere Sachen, die sehenswert sind“, erklärt ein lächelnder Nico und sieht mich an.
„Ach ja, was zum Beispiel?“
„Na, da musst du schon selber drauf kommen!“ verrät ein rot werdender Nico.
„Ach übrigens, wird dir der dicke Winterpullover nicht zu warm?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ziehe ich ihm den Pullover über den Kopf, das T-Shirt geht gleich mit.
„Na und – ist dir denn nicht heiß?“ fragt er etwas zynisch in meine Betrachtung seiner unbehaarten Brust hinein.
Na ja, ein paar Sekunden später liegen wir mit nacktem Oberkörper eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa.
„Also Dimi, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich finde die Hosen etwas unbequem, müssen wir sie unbedingt anhaben?“
Ja, ja, ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt! Wir stehen auf und ziehen die Hosen aus. Ich geniere mich etwas, weil die Beule an meiner weißen Unterhose mehr als deutlich zeigt, wie sehr mich Nico anmacht. Ich sehe kurz zu ihm und traue kaum meinen Augen. Kommt doch unter Nicos Thermojeans, die er auszieht, eine weiße lange Thermo-Unterhose zum Vorschein. Ich kann mir ein lächeln nicht verkneifen.
Er bemerkt es und meint: „Ja was glaubst du denn wie kalt es draußen ist! Lauf du mal mit dem dünnen Nikolaus Gewand durch die Gegend, dann friert dir alles ein. Aber gut, ich ziehe diesen Liebestöter eh schon aus.“
Schon schlüpft er heraus. Einen roten CK Slip trägt darunter. Seine Beule steht der meinen in nichts nach.
Er sieht mich an und meint: „Also Dimi, irgendwann in den nächsten Tagen sortieren wir mal dein Wäschefach aus und kaufen ein paar neue, modernere Unterhosen für dich. Diese Versandhaus Unterhosen für 3 Euro das Dutzend sind wirklich nicht das Wahre, die verschandeln deinen schmucken Körper!“
„Na ja, du vergisst, dass ich mit meinem Geld etwas haushalten musste, mir ging es nicht so gut wie…..“
Er merkt, dass ich ein wenig verärgert bin. Er kommt auf mich zu, nimmt mich in den Arm und meint: „Pst, Dimi, war doch nicht böse gemeint. Und übrigens, du gefällst mir in jeder Kleidung! Ich mag dich doch, ob in billigen oder in Designer Klamotten! Aber am liebsten… warte mal….“
Nico löst sich von mir, knipst das Licht aus, so dass nur mehr die flackernden Flammen von ein paar Kerzen den Raum in ein romantisches Licht tauchen. Was hat er vor? Wieder tritt Nico vor mich hin und zieht mit einem raschen Ruck seinen Slip herunter.
Ich sehe auf seinen nun völlig nackten Körper, sehe im Schein der Kerzen, die ein flackerndes Licht auf diesen makellosen Body werfen, seine langen Beine und seine wohl proportionierte Männlichkeit. Zwar ist mir das alles nicht neu, schließlich habe ich ja am Stausee schon alles sehen dürfen. Aber hier in meinem Wohnzimmer, da ist das doch viel intimer. Nico hat sich nur für mich ausgezogen. Und ich liebe diesen Kerl!
Nun zieht er auch meine Hose runter und so stehen wir beide im Freien. Wir betrachten uns gegenseitig, dann umarmen und küssen wir uns.
Als wir endlich wieder zu Atem kommen, flüstere ich ihm zu: „Du, ich muss dir was ganz Wichtiges sagen.“
„Nein, ich muss dir was Wichtiges sagen“, entgegnet Nico.
„Nein ich muss…“
„Nein ich…“
„Na gut, dann sag es einfach!“
„Dimi, ich liebe dich! Ich bin dir mit Haut und Haar verfallen. Ich kann an nichts anderes mehr denken! Ich möchte mit dir alt werden!“
Ich weiß im Moment gar nichts darauf zu sagen. Diese Liebeserklärung wirft mich um.
„Ja und…?“ meint Nico.
„Was und?“ Ich bin immer noch ganz weggetreten.
„Na du wolltest doch auch was Wichtiges sagen!“
„Ach so, ja. Niki, ich liebe dich auch und ich kann mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen! Ja, das wollte ich sagen!“
Wir sehen uns an. Ich sehe in seinen großen Augen den Schein der Kerzen widerspiegeln. Und ich sehe ein paar Tränen, die ihm über die Wangen kullern.
„Du weinst?“
„Freudentränen, Dimi, Freudentränen!“ Aber dir geht es ja nicht anders!“
Nico wischt mir die Tränen aus dem Gesicht.
„Niki, mein Nikolaus, und jetzt verspeise ich dich mit Haut und Haar!“
Er sieht mich fragend an, während ich zum Tisch gehe und zwei Schoko-Nikoläuse hole, entblättere und in einen hinein beiße, den anderen aber Nico hinhalte.
„Da, iss, wann hat man schon die Möglichkeit, sich selber zu verspeisen, lieber Nikolaus.“
„Schade, dass es keinen Dimilaus gibt, wie gerne würde ich an dem knabbern!“
„Dafür bin doch ich da, als Lebendiger, keine Schokomasse!“
„Hast ´Recht, Dimi, und süß bist du ohnehin, wer braucht da Schokolade!“
„Fast so süß wie du, mein Niki!“
Ein süßer Nikolausabend also, der noch lange nicht zu Ende ist.
´***
Ich bin aufgeregt wie ein kleiner Bub zur Bescherung an Weihnachten. Meine ‚Bescherung’ heißt Nico. Ich werde ihn in ein paar Minuten wieder sehen. Ich freue mich unheimlich darauf! Wir wollen zusammen auf den Passauer Christkindlmarkt gehen. Ich bin tatsächlich in einer euphorischen Stimmung und nicht nur wegen des bevorstehenden Treffens.
Yuri und Thomas waren zuvor da. Es ist nun im Betrieb allgemein bekannt, dass ich eine Stufe hinaufgestiegen bin. Alle, so meint Thomas, gönnen es mir. Und er am meisten. Er hat mir auch ganz herzlich gratuliert. Na ja, von Thomas habe ich eigentlich nichts anderes erwartet.
Ich selbst habe heute erfahren, dass ich Sonderurlaub von Mitte Dezember bis zum 7. Januar bekommen habe, vor allem auch wegen meines erfolgreichen Engagements in Tschechien. Und da ja Nico auch Semesterferien hat, werden wir viel gemeinsam unternehmen. Wenn da keine Freude aufkommt!
Yuri hat mir extra Grüße von unserem Vater ausgerichtet. Wegen ihm habe ich mir ja die eigene Wohnung genommen, da er mein Schwulsein nicht akzeptierte. Und ich habe ihn seither nicht mehr gesehen. Mutter besucht mich ab und zu und bringt gelegentlich auch Essbares mit.
Wie Yuri erzählte, weiß Vater inzwischen, dass auch Yuri nicht auf Frauen steht und er einen Freund hat. Als Yuri das erfuhr, da hat er einen Rauswurf aus der elterlichen Wohnung erwartet. Aber was geschah? Vater hat ihn gefragt, ob er seinen Freund nicht mal vorstellen will. Und er hat Yuri in den Arm genommen.
Als ich das hörte, da konnte ich es kaum glauben. Seit wir hier in Deutschland sind, hat unser Vater keinen von uns je mehr in den Arm genommen. Aber Yuri versicherte mir glaubhaft, dass es so gewesen ist. Er hat ihm zugesagt, mit Thomas vorbeizukommen. Dieser hat zwar großen Bammel davor, wird aber sicher mitkommen.
Und Vater will mich auch wieder sehen. Er weiß inzwischen von Nico und trotzdem möchte er mich sehen. Er weiß auch um meine Erfolge in der Firma und ist stolz auf mich, wie Yuri erzählt.
Vater sei nicht mehr derselbe wie vor ein paar Monaten, meint Yuri.
„Er will die Familie wieder beisammen sehen. Du weißt doch – Russen und ihr Familiensinn!“
Ich habe Yuri gesagt, dass ich es mir überlege und ihm aber aufgetragen, von mir Grüße daheim auszurichten. Aber nun warte ich auf meinen Schatz, auf Nico, der mich mit seinem Wagen abholen will. Ich warte schon mal unten auf ihn. Tatsächlich, da biegt er gerade um die Ecke. Er springt aus dem Auto. Ehe ich mich versehe, ist er bei mir und drückt mich ganz fest.
„Hab dich vermisst, ganz toll vermisst, mein kleiner Dimi!“
„Ha, Kleiner! Die 2 cm, die du vielleicht größer bist, die hab ich dafür an anderer Stelle!“ erwidere ich lachend und drücke ihn ganz fest.
Und wie ich das mag, seinen Körper fest an meinen gepresst! Wieder, wie schon mehrere Male, streicht er mit seinen Händen über meinen Hintern. Da soll einem nicht anders werden!
„Du Niki, wollten wir nicht eigentlich…“
Nur widerstrebend löst er sich von mir.
„Hast ja Recht, steig ein, wir fahren. Der Abend ist ja noch lang.“
***
Das Auto abgestellt, schlendern wir durch die Gässchen der Altstadt, bis wir zum Domplatz kommen. Dort, vor dem großen Stephansdom sind die Buden und Stände des Christkindlmarktes aufgebaut und festlich geschmückt.
Es ist eine einmalige Atmosphäre hier in dieser malerischen Kulisse vor dem Dom. Es ist ja bereits Abend und somit sind die Buden hell erleuchtet und glänzen und strahlen um die Wette.
Leise weihnachtliche Musik erklingt aus den Lautsprechern. In der Luft liegt der heimelige Duft von Glühwein und Lebkuchen.
Und jetzt fängt es auch noch leicht zu schneien an. Klingt alles sehr kitschig – Weihnachtskarten Idylle! Aber ich mag das unheimlich gerne, bin nun mal ein romantischer Typ. Und Nico? Ja, ich sehe es meinem Liebsten an, wie er sich wohl fühlt und strahlt, seine großen Augen glitzern von den vielen Lichtern des Marktes.
Immer wieder sucht er meine Hand und drückt sie. Freilich die ganze Zeit gehen wir nicht Händchen haltend. Nico hat da sicher keine Bedenken. Aber es können uns ja Kollegen oder Kunden der Firma begegnen. Das muss nicht unbedingt sein, dass die uns so sehen. Jetzt noch nicht!
Wir schlendern durch den Markt, erfreuen uns an den vielen hübschen Sachen, die angeboten werden. Vor allem haben es uns die Schnitzereien angetan. Wir betrachten die Figuren und Gegenstände, die ausgestellt sind, auch Weihnachtskrippen sind zu sehen.
„Sag mal Dimi, du stellst doch sicher einen Baum auf zu Weihnachten. Dann brauchst du noch eine Weihnachtskrippe dazu, oder?“
„Hab ich noch gar nicht daran gedacht, Niki. Aber du hast recht, hier in Bayern gehört einfach eine Krippe unter dem Baum. Sieh mal die da, ist die nicht wunderschön? Die Figuren wirken alle so echt. Und schau die Hirten und die kleinen Schafe und das Lagerfeuer und…“
Ich gerate ins Schwärmen und Nico lacht, geht zur Verkäuferin und redet mit ihr. Der wird doch nicht…! Ich sehe kein Preisschild, aber so klein sie auch ist, die kostet schon eine Kleinigkeit, da bin ich mir sicher. Ist ja alles Handarbeit.
Ich verstehe nicht, was Nico mit der Verkäuferin bespricht. Er kommt nun wieder zu mir, der ich immer noch die Krippe bestaune, und meint: „Lass uns einen Früchtepunsch trinken und Lebkuchen essen“ und schon zerrt er mich zum entsprechenden Stand.
„Was hast du mit der Frau vom Krippenstand besprochen?“ frage ich.
„Ach nichts Besonderes, ich kenne sie nur von früher, war mal eine Nachbarin.“
Und schon hält er mir den duftenden und heißen Punsch vor die Nase und einen riesengroßen Lebkuchen dazu. Und ich denke nicht mehr an die Frau von vorhin. Wir lassen uns vom Zauber des Christkindlmarktes gefangen nehmen. Und gerade der hier in Passau vor der Kulisse des Domes und der zum Teil historischen Gebäude drum herum ist wirklich sehens- und erlebenswert.
Auf dem Rückweg zum Auto erzähle ich Nico vom Besuch Yuris und von Thomas und dem Wunsch meines Vaters, mich wieder zu sehen. Ich erzähle ihm auch, dass ich noch Zweifel hege.
„Ich kann dich gut verstehen, Dimi, aber wenn er dir die Hand zur Versöhnung reicht, darfst du sie dann ausschlagen? Überlege es dir Dimi, gerade jetzt so kurz vor Weihnachten! Und Dimi, ich bin immer für dich da. Wenn du willst, begleite ich dich auch nach Hause. Gemeinsam stehen wir es durch!“
Ich muss stehen bleiben, drücke Nico ganz fest an mich und flüstere:
„Danke Niki, aber lass mir etwas Zeit. Aber wenn ich mich entscheide, meinem Vater die Hand zu reichen, hätte ich dich gerne bei mir!“
„Mach das so, Dimi!“
Nico fährt mich nach Hause, kommt dann aber noch mit in die Wohnung, wo wir es uns bei romantischem Kerzenschein und leiser Musik auf dem Sofa gemütlich machen und einfach nur kuscheln.
***
Am nächsten Tag kommt Yuri vorbei und erzählt vom gestrigen Abend, wo er erstmals mit Thomas zu Hause war. Beide waren sehr nervös, was sich aber schnell legte. Mutter hatte extra einen Kuchen gebacken und zwar einen Nusskranz. Sie wusste von Yuri, das dies Thomas Lieblingskuchen ist. Vater hat Thomas freundlich begrüßt, ihm die Hand gedrückt, sich sonst aber an dem Gespräch nur sporadisch beteiligt.
Nach einer guten Stunde hat sich Thomas wieder verabschiedet. Vater hat zu ihm noch gesagt, dass er gerne wieder kommen könne. Mutter hat ihn dann für den 1. Weihnachtsfeiertag zum Essen eingeladen. Vater nickte lächelnd dazu.
Später hat Vater dann noch zu Yuri gesagt, dass er auf ein Weihnachtswunder hoffe, dass nämlich auch Dimitri mit seinem Freund komme. Wie ich nun erfuhr, soll Vater sogar schon einmal vor meiner Haustüre gestanden haben, sich aber dann doch nicht zu läuten traute.
Seit diesem Gespräch mit Yuri steht mein Entschluss fest, dass ich die ausgestreckte Hand meines Vaters nicht zurückweisen kann und darf. So hab ich mit Nico bereits ausgemacht, dass wir morgen, am zweiten Adventssonntag, zu meinen Eltern gehen. Ich hab auch Mutter bereits telefonisch verständigt. Sie hat mich nach Nicos Lieblingskuchen gefragt. Ich kannte ihr aber nur sagen, dass er im Grunde alles Süße mag. Hätte er sonst mich genommen!!!
Mutter kennt Nico bereits, sie hat ihn hier bei mir schon ein paar Mal getroffen und gleich ins Herz geschlossen. Auch gratuliert hat sie mir zu dieser Wahl.
***
Aufgeregt sind wir beide, als wir nun an diesem Sonntagnachmittag vor meinen Eltern stehen. Mutter begrüßt uns sehr herzlich, was nicht anders zu erwarten war. Und dann steh ich vor Vater, Nico hält sich im Hintergrund. Erstmals stehen wir uns schweigend gegenüber, ein paar Sekunden lang. Doch dann tritt Vater auf mich zu und mit einem leisen „Dimitri“ reicht er mir die Hand. Ich schlage ein und nun fällt mir Vater um den Hals, er drückt mich ganz fest und weint. Auch ich kann die Tränen nicht verhindern.
„Ich so froh, Dimitri, du endlich wieder zu Hause! Bitte, verzeih mir, ich war böse zur dir.“
Eine ganze Weile stehen wir so da, bis Mutter sich räuspert und auf den verschüchtert in der Ecke stehen Nico hinweist. Ich gehe zu ihm, sehe noch, wie er sich gerade Tränen aus den Augen wischt, nehme ihn bei der Hand und stelle ihn Vater vor.
„Vater, das ist Nico, mein Freund!“
Vater mustert ihn, dann erscheint ein Lächeln auf seinem Gesicht und er gibt Nico die Hand und sagt:
„Willkommen Nico, ich freue mich!“
Ja, eindeutig, Vater hat sich im Deutschen verbessert. Yuri hat recht, er ist nicht mehr der Gleiche wie heuer im Sommer. Ich sehe, wie er immer wieder zu Nico sieht und ihn mustert. Diesem schmeckt jedenfalls Mutters russischer Zupfkuchen sehr gut und sie freut sich über sein Lob.
Zum Abschied lädt uns Vater zum Essen am 1. Feiertag ein und wir sagen zu. Wir hatten beide Angst vor diesem Besuch und sind nun froh, dass wir es getan haben. Gut, Vater hat Nico „nur“ die Hand gegeben. Aber ist das nicht mehr, als man vor ein paar Wochen noch erwarten durfte?
Glücklich über den so gut verlaufenen Nachmittag kommen wir in meiner Wohnung an. Wir zünden zwei Kerzen am Adventskranz an und machen es uns auf der Wohnzimmercouch gemütlich. Dazu schmieden wir Pläne für die kommenden Urlaubs- und Festtage.
Auch über die Geschenke habe ich mir schon Gedanken gemacht. Ich verdiene jetzt zwar gut, aber der neue Computer und verschiedene Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände haben meinem Geldbeutel ganz schön zugesetzt. Es werden Kleinigkeiten sein, die ich schenken werde. Aber sie kommen von Herzen und das ist doch beim Schenken das Wichtigste.
Nur für meinen Prinzen, da muss es schon was Besonderes sein. Ich habe in einem Schaufenster eines Juweliers in der Stadt eine wunderschöne Silberkette mit einem Sternzeichen gesehen. Nico ist Löwe, also werde ich morgen gleich dorthin gehen und nachfragen. Auch einen selbst gebastelten Monatskalender wird er bekommen, mit den schönsten Bildern, die wir von unseren Ausflügen gemacht haben.
Soweit ist alles geklärt. Morgen noch einen Tag arbeiten und dann – Urlaub bis ins neue Jahr! Weihnachten kann kommen!
***
Nico
Tatjana ist ja eine sehr warmherzige Frau. Sie meint es mit ihren beiden Söhnen wirklich gut. Am meisten ist Dimitri über das Verhalten seines Vaters erstaunt. Sogar mit einer Umarmung wird er begrüßt! Dimitri ist so gerührt, dass ihm gar die Tränen in die Augen schießen. Ich freue mich für beide, dass sie den Weg zueinander wieder gefunden haben.
Zurückhaltend, aber doch freundlich werde ich von Dimis Vater begrüßt. Am ersten Feiertag werden wir sogar zum Essen eingeladen. Wir nehmen das auch dankend an. Und backen kann Tatjana! Ein Traum! Russischer Zupfkuchen. Hatte ich vorher noch nie. Schmeckt aber himmlisch!
An der Schanzlbrücke warte ich jetzt auf Dimitri. Und das freut mich ungemein. Bis 20. Dezember hat es gedauert. Aber endlich ist auch Dimitri mal über die Zeit und verspätet sich.
Seit Montag hat mein Kleiner nun Sonderurlaub. Und ich habe ja auch Semesterferien. Klar, dass wir viel gemeinsam unternehmen. Da kommt ja Dimitris Ka angerauscht. Schnell steige ich ins Auto und weiter geht es bis zur Nikolastraße wo die Zentralgarage liegt (Parkhaus). Dort stellt Dimi den Motor des Wagens ab.
Endlich können wir uns mit einem Kuss begrüßen. Einen kräftigen Vorschuss hole ich mir selbstverständlich auch gleich noch. Die nächsten 2-3 Stunden kommen wir höchstwahrscheinlich ja nicht dazu!
Ich habe vor, mit Dimitri einkaufen zu gehen. Zum Ludwigsplatz. Und da speziell in einen kleinen Klamottenladen in einer Seitengasse. Vor längerer Zeit habe ich da für Dimitri schon einiges vorbestellt. Dimitri muss dafür die Sachen alle anprobieren! Seine teuere Unterwäsche werde ich heute Abend nämlich entsorgen!
Darauf bereite ich Dimitri jetzt vor. Bis jetzt weiß er ja noch nichts von seinem Glück!
„Sei mir bitte nicht böse mein kleiner Schatz. Aber ich will mir selber eine Freude machen und dir einige neue Klamotten schenken. Unterhosen habe ich dir aber schon am Nikolaustag versprochen. Die nächsten Tage will ich mit ihm ein wenig was unternehmen. Dazu brauchst du etwas Neues. Warme Thermo-Jeans und so.
Oh, sei nicht sauer auf mich kleine Maus. Nein, du bist ja mein lieber Mäuserich! Der so gerne knabbert. Ich habe dich doch so lieb, kleiner Dimi. Und will dich eben auch in schönen Sachen sehen!“
Schon hänge ich an Dimis Hals. Ist aber nur ein winzig kleiner Knutschfleck, dem ich meinem Liebling verpasse. Bevor er das richtig registriert, bin ich schon bei seinem Ohr.
Knabbere daran herum und schiebe meine Zunge langsam in seinen Gehörgang. Jetzt habe ich auch schon gewonnen. Dimi ist am Ohr wahnsinnig empfindlich und kitzelig. Er fängt auch schon zu kichern und zu lachen an.
„Du bist… hihi gemein… hihi richtig fies bist du zu mir… hihi bitte Nico… hihi höre auf… hihi ich halte das nicht… hihi mehr aus… hihi. Gewonnen… Du hast gewonnen!“
***
Natürlich höre ich auch sofort auf mit meinen Bohren.
„Du schaffst es doch immer wieder, mich um den kleinen Finger zu wickeln. Aber auch deswegen liebe ich dich Nico. Weil du eben so lieb bist und es immer so gut meinst.
Mit den neuen Klamotten hast du ja Recht. Thermo-Wäsche ist schon gut. Aber die ist auch so teuer. Danke mein lieber Niki!“
Jetzt verpasst mir Dimi einen Kuss! Da hörst du die Englein Kanon singen! Wo der Junge das bloß her hat? Wahnsinn!
***
„Hallo Friedhelm!“
Nachdem ich Dimi in den kleinen Laden geschoben habe, schließe ich die Tür hinter mir wieder. Außer uns ist auch kein weiterer Kunde mehr im Laden. Sehr gut!
„Hast du die Sachen alle bekommen, um die ich gebeten habe? Können wir auch alles anprobieren?“
„Grüß dich Nico! Und du bist Dimitri nicht?
Ich habe alles bekommen für dich. Jeweils Größe 5-6. Bzw. Größe 48-52.
Selbstverständlich könnt ihr gleich probieren. Ich hole die Kollektionen gleich mal rein.
Und ihr wisst ja, nur das nehmen, das auch wirklich ganz genau passt. Das andere geht wieder zurück!“
Die nächste Stunde muss Dimitri probieren, probieren und noch mal probieren. Deshalb fällt es auch nicht auf, dass ich für einige Zeit gar nicht da bin. Friedhelm hält Dimi in der Zeit allerdings auch besonders auf Trab. Denn der weiß ja, dass ich noch wo anders hin muss!
***
Und zwar muss ich noch zum Juwelier gleich zwei Häuser weiter. Der hat nämlich auch einen Auftrag von mir bekommen. Zwei Ringe. In Gelb- und Weißgold. Ganz raffiniert in- und miteinander verschlungen. Wirklich eine Extraanfertigung. Aber es sieht auch super aus! Perfekt gearbeitet!
Meine Augen beginnen zu glänzen. Ich nehme beide nacheinander in die Hand und sehe mir die Gravur an. Genau nach Wunsch! In meinen Ring ist: Dimitri – 24.12.07 graviert, in Dimitris Ring ist: Nico – 24.12.07 graviert!
Das wird der Tag unserer Quasi-Verlobung werden. Für diesen besonderen Tag habe ich auch schon meine Vorstellungen! Dem Juwelier mache ich für seine wirklich hervorragende Arbeit ein entsprechendes Kompliment. Und der freut sich sichtbar auch darüber.
Dann mache ich mich wieder auf den Weg zurück zu dem kleinen Laden, zurück zu Dimitri!
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Vor Dimitris Kabine türmt sich schon ein ganz schöner Stapel Kleidung. Ich gebe Friedhelm ein Zeichen und dieser kommt mit zwei Stapeln mintfarbener Wäsche daher! Einen Stapel für Dimi, einen für mich. Und beide von den Socken über die Unterwäsche bis zum Sweatshirt gleich!
„Dimi? Behältst du von dem Stapel, den ich dir gleich gebe, bitte das, was dir am besten passt gleich an? Bitte tu mir den Gefallen!“
Dimitri verspricht es mir, ich schiebe den Vorhag seiner Kabine zur Seite und hole mir erst mal einen Kuss. Genüsslich lasse ich meine Augen erst mal über seinen Body gleiten. Wieder eine weiße Unterhose aus dem Kaufhaus, die er da anhat. Aber sogar durch dessen unvorteilhaften Schnitt ist die große Beule von Dimi zu sehen!
Meinem Schatz flüstere ich leise ins Ohr, dass ich mich schon auf heute Abend freue. Da jetzt auch Kunden in den Laden kommen, verzeihe ich mich in die zweite Kabine. Dimis alte Sachen lasse ich von Friedhelm gleich entsorgen. Seine 15 Euro Jeans hat ihm zwar gepasst, aber…
Auch ich probiere die neuen Sachen an. Die am besten passendsten behalte ich ebenfalls gleich an. Dann treten sowohl Dimitri als auch ich fast gleichzeitig aus den Kabinen.
„Wow! Mensch Dimi! Wahhhnsinn! Siehst du klasse aus! Wenn ich’s nicht schon längst getan hätte, heute würde ich mich spätestens in dich verlieben! Vielleicht ziehst du doch lieber wieder deine alten Sachen an. So komme ich mit dir ja nicht einmal bis zum Auto. Diese Farbe steht dir einfach ausgezeichnet! Männlein und Weiblein werden über dich herfallen! Du bist der reine Wahnsinn, Dimi!“
Meine Begeisterung ist berechtigt! Die Klamotten, die wir beide anhaben, sind sämtlich von HIS. Dieses Label betont mit ihrem Wäscheschnitt die Figur des Trägers! Sie hebt die Figur des Trägers hervor und verdeckt sie nicht, wie es so viele andere Labels tun!
Und Dimitri hat ja auch eine Figur zum Träumen! Schuhe, Socken, Shorts, T-Shirt, Sweatshirt und Thermo-Jeans, alles in einer Farbe! Alles zweimal. Wie Zwillinge!
„Bitte Dimi! Ich will dich heute Abend ausziehen dürfen. Bitte Dimi lasse mich dich heute Abend auspacken! Dafür bin ich in Zukunft auch immer brav und artig!“
Die Gesichtsfarbe, die Dimi jetzt bekommt, passt ausgezeichnet zu seiner neuen Kleidung.
„Es ist alles so angenehm zu tragen, Nico! So bequeme Sachen hatte ich bisher noch nie. Fast, wie für mich gemacht. Die Farbe steht mir auch, oder? Danke Nico! Ja, packe mich heute Abend aus. Lange ist es eh nicht mehr bis dahin. Ich freue mich schon darauf!“
Dimitri haucht mir einen Kuss auf die Lippen. Die Kundin, die vorher in den Laden gekommen ist, will gerade den Aufstand proben, als mich Dimi küsst. Als sie ihren Mund bereits öffnet, sehe ich sie mir aber genauer an.
„Das gibt es doch gar nicht! Die Alte vom Ilzsstausee! Wieder auf Männerfang oder wie? Aber heute nicht! Dimitri gehört zu mir! Keine Chance!“
„Was ist denn Ilse-Schatz? Belästigt dich dieser junge Mann etwa?“
Aha, wahrscheinlich der Göttergatte und Geldgeber! Auch Dimitri hat sich inzwischen von seiner Verwunderung erholt. Jetzt schaltet er sich ein, bevor die Situation eskalieren kann!
„Wir die Dame belästigen? Ganz bestimmt nicht! Erkundigen Sie sich bei der Dame einmal über den Ilzstausee. Und da vor allem über den Cruisingbereich! Vielleicht sehen Sie dann etwas klarer!“
„Herrmann, wir werden diesen Laden sofort verlassen, komm.“
Die ‚Dame’ schnappt sich ihren Mann und rauscht ab!
***
Friedhelm hängt über seinem Verkaufstresen und krümmt sich vor lauter Lachen.
„War das köstlich. Die ‚Dame’ war vor ein paar Wochen schon mal hier. Wollte Kleidung für eine maximal zwanzig Jährige. Sie hat sich aber nichts gefunden, bzw. es hat ihr nichts gepasst! Aber ihr beiden seht einfach gut aus in diesen Sachen. Kompliment Nico! Du weißt wirklich, was deinem Dimitri steht! Ich fürchte auch, du musst gut auf ihn Acht geben! Wir haben ja gerade mit eigenen Augen gesehen, was alles passieren kann! Kann ich mit dem Einpacken schon anfangen oder braucht ihr noch etwas?“
„Nein, danke Friedhelm! Kannst ruhig schon anfangen!“
Es wird zum Schluss doch eine schöne fünfstellige Summe, die ich bezahle. Dafür legt Friedhelm ganz zum Schluss noch einige Packungen Markensocken dazu. Die hätten wir natürlich wieder vergessen! Mit sechs großen Tüten, und einer kleineren, mit meinen eigenen Sachen, machen wir uns auf den Weg zu Dimitris Auto.
Er bekommt natürlich massenhaft bewundernde Blicke zugeworfen!
***
„Oh Zappel-Yuri! Hey Thomas! Was macht ihr beiden denn hier?“
Dimis geilen Hintern im Blick, stapfe ich die Treppe hoch. Beim zweiten Treppenabsatz treffen wir auf die beiden, die sich gerade wieder auf den Rückweg machen wollen.
„Hast du gewusst Yuri, dass in diesem Haus so schnuckelige Zwillinge wohnen? Davon hat Dimi noch gar nichts erzählt! Welchen von den beiden willst du denn, Yuri?“
„Den mit den langen Haxn! Angeblich ist da dann auch was anderes so lang! Aber den Beweis hat bis jetzt noch keiner angetreten.“
„Davon kannst du Träumen, kleines Brüderchen! Mehr als im August am Ilzstausee wirst du von Nico auch nie sehen. Das war eh schon genug! Was macht ihr beiden denn hier?“ wiederholt Dimitri meine Frage.
„Ihr seht Klasse aus. Habt ihr das heute gekauft, oder? Eine interessante Farbzusammenstellung. Wir wollen später noch ins Kino. Kommt ihr beiden mit? Oder habt ihr etwa was anderes vor?“
„Haben wir wirklich Thomas. Wir wünschen euch aber viel Vergnügen. Ja, die Klamotten sind neu. Und super warm und bequem! Kommt doch noch rein.“
Gemeinsam trinken wir noch einen Früchtepunsch, bis sich Yuri und Thomas auf den Weg machen. Dann darf ich meinen Dimi endlich auspacken! Der Junge ist einfach ein Traum! Die folgende Nacht wird eine der schönsten und aufregendsten meines Lebens!
***
„Guten Morgen, mein kleiner Schatz! Hat dir Morpheus einen schönen Traum beschert, so wie du dir einen verdient hast? Es ist so schön, neben dir erwachen zu dürfen und dich einfach zu spüren.“
Mit einem zärtlichen Kuss küsse ich Dimi vollends wach!
„Guten Morgen mein lieber Niki! Es ist wunderschön in deinen Armen aufzuwachen. Das möchte ich noch öfter erleben dürfen. Danke für letzte Nacht. Es was einfach himmlisch! Hast du heute etwas Besonderes vor? Oder darf ich noch ein wenig kuscheln?“
„Ich habe zwar noch etwas vor, aber kuscheln mit dir stellt das alles in den Schatten. Ich liebe dich mein kleiner Dimi! Und jetzt hole ich mir einen richtigen Guten-Morgen-Kuss!“
„Ja, mach das mein Schmusekater! Ich liebe dich auch Niki! Außerdem will ich dich nie wieder hergeben müssen.“
Dann küssen wir uns, dass selbst Casanova blass dabei würde! Nach dem gemeinsamen Frühstück sieht die Welt noch gleich viel friedlicher aus. Jetzt erkläre ich Dimitri auch, was ich heute mit ihm noch vorhabe.
Weiteres gebe ich allerdings nicht preis. Nur – dass es sich sicher auch für ihn lohnen würde.
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Dimitri genießt dann die Fahrt in meinem Flitzer auch. Die Straßen sind frei von Schnee und sogar trocken.
Es geht von Passau über Wegscheid zur Grenze nach Österreich. Dann weiter bis Aigen-Schlägl im Mühlviertl. Das Auto stelle ich direkt am Parkplatz im Stift Schlägl ab.
Von der Zeit her, hätten wir es gar nicht besser erwischen können. Mittagszeit! Während der Fahrt habe ich Dimitri schon vom Stiftskeller vorgeschwärmt! Am Anfang, als wir in den Stiftskeller reinkommen, sehe ich Dimitri die Enttäuschung an. Da hat er sich wohl mehr erwartet.
Ich werde ihn aber nicht enttäuschen und gehe links durch bis in die Fassl-Stub’n. Aber jetzt entgleisen Dimitri alle Gesichtszüge! Das hat er doch nicht erwartet! Mehrere über zwei Meter große Fässer mit Tisch und Bänken innen drinnen erwarten uns!
Wir haben sogar das Glück, dass gerade wieder ein Fass frei wird! Das grob gemauerte Gewölbe mit den sichtbaren roten Ziegeln ist schon ein Erlebnis. Doch die in den Nischen eingelassenen Fässer sind der absolute Wahnsinn; ein Erlebnis sondergleichen!
Wer diese Atmosphäre einmal geschnuppert hat, kommt immer wieder hierher. Der Kalbsbraten hier spielt sowieso in einer anderen Liga! Ein Gedicht! Für jeden Österreichbesucher ein wirklich lohnender Besuch. Jedoch wirklich durchgehen bis in die Fassl-Stub’n!
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Nach dem reichlichen und vor allem schmackhaften Mahl machen wir uns auf in die ca. 50 m entfernt liegende Kerzenfabrik! Mit handgearbeiteten Zierkerzen. Man findet hier wirklich für jeden Geschmack etwas. Hat man Lust und Laune kann und darf man sogar bei der Kerzenzieherei zusehen!
Das besondere in der Kerzenfabrik vor Weihnachten. Sie haben extra einen Raum mit Weihnachtskrippen aufgebaut und hergerichtet. Und natürlich die Krippenfiguren selber gezogen! Wahnsinn! Diese Ausstellung verbreitet eine eigene, sonderbare stimmungsvolle Atmosphäre!
Unbedingt sehens- und erlebenswert! Das Stift Schlägl wurde im Jahre 1218 gegründet. Von der Anfangszeit des Klosters zeugen die romanische und die gotische Krypta. Bemerkenswert sind die Barockkirche, eine 60.000 Bände umfassende Bibliothek und eine wertvolle Gemäldesammlung.
Nach dem obligatorischen Besuch in der Stiftskirche machen wir uns wieder auf den Weg nach Passau. Ich lasse es mir aber gut gehen und bitte Dimitri den kleinen Flitzer zu kutschieren. Davon ist Dimi aber auch ganz begeistert!
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Dimitri ist heute noch bei seinen Eltern eingeladen, so nutze ich den Rest des Tages und die Gelegenheit ein paar Sachen zu erledigen, wo ich Dimitri auch nicht gebrauchen könnte! So hole ich später das Kripperl vom Christkindlmarkt ab, das ich mir von der ehemaligen Nachbarin zurücklegen habe lassen!
Irgendwann muss ich das aber Heilig Abend in Dimis Wohnung schmuggeln und unter dem Christbaum aufstellen. Aber das bekomme ich schon hin!
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Für Sonntagmorgen habe ich mit Dimi ein Treffen bei seiner Wohnung ausgemacht. Als die Sprache darauf kam, dass wir für Dimi und mich einen echten frischen Tannenbaum organisieren wollen, bat uns Tatjana, auch für sie noch einen mitzunehmen.
Dazu braucht man aber eine größeres Auto. Ein Mini oder ein Ka ist da doch etwas zu klein dazu. Also bat ich Opa für diesen Tag um seine Mercedes M-Klasse. Da können sogar noch Thomas und Zappel-Yuri beruhigt mitfahren und für die drei Weihnachtsbäume ist auch noch genug Platz da!
Allen dreien entgleisen die Gesichtszüge, als ich die M-Klasse vor ihnen zum halten bringe.
„Bitte einsteigen, für jeden ist ein Plätzchen reserviert! Die kleinen Dimi-Schnuckelchen bitte nach vorne auf den Beifahrersitz. Bitte anschnallen und dann geht’s schon los!“
„Woher hast du die Nobelkarosse denn geklaut?“
Natürlich Zappel-Yuri.
„Ach weißt du Yurilein, der stand da so alleine am Straßenrand. Und so ein Wägelchen kann man doch nicht sich selbst überlassen! Den Wagen hab ich mir heute von Opa ausgeliehen! Müssen ja auch drei Bäume rein. Ihr beiden wollt doch auch euren eigenen, oder?“
Thomas und Yuri nicken.
Dann nehmen alle Platz im Wagen. Allerdings fahre ich nicht eher los, bis ich von Dimi einen ordentlichen Kuss bekommen habe!
„Ahhh, war der gut! Ja, jetzt lebe ich wieder!!!“
Auf dem Parkplatz vor dem Ilzstausee stehen schon einige Wagen. Gut gelaunt steigen auch wir vier aus. Ich hole mir noch die Decke und die Säge aus dem Kofferraum. Die Bäume, die man umschneiden kann, sind mit Preisschild und einem roten Band gekennzeichnet.
Vom Forstamt ist für diese Tage eigens ein Mitarbeiter hier abgestellt worden, um den Weihnachtsbaumkäufern zu helfen und sie evtl. auch zu beraten. Wir vier sehen uns allerdings erst eine Weile ruhig um. Dann hat aber auch jeder den Baum, den er auch haben will!
Und wir wollen unsere Bäume auch selber umschneiden. Denn das ist der halbe Spaß an der ganzen Sache! Zappel-Yuri kann es schon fast nicht mehr erwarten. Deshalb lassen wir Thomas und ihm auch den Vortritt. Und sehen ihnen genüsslich zu, wie sie sich abmühen!
Da sie gerade so schön dabei sind, lassen wir den für die Frelichs gedachten Baum auch gleich noch von den beiden umschneiden.
Unseren eigenen schneiden Dimi und ich aber gemeinsam um. Dieser Baum ist von allen drei natürlich auch der schönste! Nachdem wir bei dem Mitarbeiter vom Forstamt die Bäume bezahlt haben, verladen wir sie und machen uns auf den Rückweg!
Thomas und Yuri laden wir zuerst bei Thomas Wohnung ab. Wir wünschen ihnen aber noch viel Spaß beim Baumschmücken.
Die nächste Adresse ist die von Dimitris Eltern. Den Baum, den wir hier ausladen, ist aber auch der größte von den dreien. Dort trinken wir noch einen extra angesetzten Früchtetee. Dann verabschieden wir uns von den Frelichs. Am ersten Feiertag sehen wir uns eh wieder!
***
Unseren Baum fahren wir zu Dimis Wohnung, bringen Opa den Wagen zurück, nicht ohne uns überschwänglich dafür zu bedanken und machen uns dann auf den Weg zum Christkindlmarkt. Da ich ja nicht weiß, ob Dimi lieber einen Baum mit Christbaumkugeln oder einen mit Strohsternen will, habe ich für den Baum eben noch nichts gekauft. Das holen wir aber jetzt nach!
Dimi will einen mit Kugeln. Und er schlägt fürchterlich zu! Auch Lametta kauft er reichlich! Und passende echte Kerzen! Ich darf beim Schmücken des Baumes nicht einmal dabei sein! Das kommt mich schon etwas hart an! Die folgende Nacht mit Dimitri wird aber wieder besonders schön!
Im Grunde wünsche ich mir für Weihnachten nichts, als dass Dimitri für immer bei mir bleibt!
***
Dimitri
Nun ist er also da – Heiliger Abend – der für viele schönste Abend des Jahres! Seit wir in Bayern wohnen, hat unsere Familie besonderen Wert auf einen festlichen Heiligen Abend gelegt, mit Christbaum und Weihnachtskrippe, mit Bescherung, Weihnachtsliedern, mit gutem Essen, mit Glühwein und Weihnachtsplätzchen und dem gemeinsamen Gang zur Christmette in die Kirche.
Heuer kommt für mich nun dazu, dass ich Weihnachten zum ersten male nicht nur mit der Familie feiere. Ich werde zum ersten mal meinen Liebsten unterm Weihnachtsbaum in den Armen halten.
Weihnachten, das Fest der Liebe, hat so für mich eine besondere Bedeutung in diesem Jahr!
Ich höre Nico bereits in meiner Küche werkeln, er bereitet das Frühstück vor. Ja, er war über Nacht hier bei mir. Ein Abend und eine Nacht voller Zärtlichkeiten liegt hinter uns. Hab ich diesen lieben Kerl überhaupt verdient? Gibt es denn noch ein größeres Geschenk als ihn?
Ich ziehe mir rasch etwas an und gehe zu Nico in die Küche, wo schon alles für ein reichliches Frühstück vorbereitet ist.
„Guten Morgen, mein Liebling, na endlich wach?“
Mit diesen Worten und einem Kuss begrüßt mich Nico. Er drückt mich, dass mir beinahe die Luft wegbleibt. Mit einer Hand fährt er mir wieder wie so oft über den Hintern.
„Ich möchte jeden Morgen so empfangen werden, lieber Niki“, flüstere ich ihm zu.
„Ja, ja, ich spüre es, wie gerne du das hast. Aber lass uns erst frühstücken, du hast doch sicher auch Hunger!“
Nico hat alles liebevoll vorbereitet und auf den Tisch gestellt, was der Kühlschrank zu bieten hat.
Da es noch früh am Morgen ist, lassen wir uns ausgiebig Zeit zum Frühstücken. Es dauert auch schon deshalb länger, weil wir nebenbei viel über die kommenden Tage reden. Auch dauert es, weil wir uns gegenseitig mit Marmelade- und Honigbrötchen füttern, was natürlich nicht ohne Kleckerei abgeht.
„An deinem rechten Mundwinkel klebt noch Honig“, deutet Nico auf meinen Mund.
Da ich so doof bin und links und rechts verwechsle, finde ich selbstverständlich keine Honigreste.
Aber schon ist Nico zu mir herübergekommen und leckt an meiner Lippe.
„Ah, schmeckst du süß!“
Kein Wunder, dass wir lange brauchen. Jetzt müssen wir uns gegenseitig die Honig- und Marmeladereste weglecken. Aber Reinlichkeit muss nun mal sein! Und wie reinlich wir sind! Aber auch das ausgiebigste Frühstück nimmt mal ein Ende.
Nico zieht sich fertig an und mosert noch ein bisschen, weil er beim Baum schmücken nicht dabei sein darf. Aber ich will ihn ja abends dann mit dem geschmückten Baum überraschen. Er verabschiedet sich, wir werden uns, wie ausgemacht, erst am Abend wieder sehen.
Nico muss jetzt zu seiner Mutter, dort den Baum schmücken helfen und dann zu den Großeltern, wo sie gemeinsam essen und feiern werden. Mir ist es ganz recht, dass ich nun in Ruhe den Kalender für Nico fertig machen kann.
Ebenso lege ich ein Fotoalbum mit all unseren Aufnahmen an und schreibe zu jedem Bild einen kleinen Kommentar. Natürlich kommen zu jedem der Bilder die Erinnerungen wieder an diese gemeinsamen Ausflüge.
Es ist bereits Mittag, als ich diese Arbeiten beendet habe. In der Küche mache ich mir lediglich eine Fertigsuppe. Das reicht vorerst und geht schnell. Das richtige Essen gibt es dann bei meinen Eltern. Nun stehe ich im Wohnzimmer vor dem noch grünen Baum und überlege, wie ich am besten mit dem Schmücken vorgehe.
Es ist ja mein erster eigener Christbaum. Den Baum zu Hause zu schmücken, das hat sich Vater nie nehmen lassen. Yuri und ich durften ihm lediglich die „Zutaten“ reichen. Ich stehe vor dem Baum und weiß nicht recht weiter. Jede Menge Schachteln mit den gekauften Kugeln, Kerzen und Lametta stehen rum.
„Da reparierst du die teuersten Autos, bringst so ziemlich jeden liegen gebliebenen Wagen wieder zum Gehen und stehst nun wie ein Ochs vorm Berg vor dem ungeschmückten Baum. Das kann doch nicht so schwer sein, also auf geht´s!“ So mach ich mir selber Mut.
Na gut, mit was fange ich an? Zuerst die Kugeln, dann die Kerzen, dann….oder doch umgekehrt? Jetzt hätte ich Nico doch gerne hier, er wüsste sicher, wie vorzugehen ist. Oder soll ich zu Hause anrufen? Nein, das wäre doch peinlich, Yuri würde sich Kugeln vor Schadenfreude. Wie hat es doch Vater immer gemacht?
Ich fange jetzt einfach mal an, zuerst das Lametta, dann die Kugeln, alle in leuchtendem Rot, dann die roten, echten Kerzen, keine elektrischen. Und es ist mir tatsächlich gelungen! Also mir gefällt der Baum sehr gut! Ich hoffe, dass auch Nico meine schweißtreibende Schmückerei zu würdigen weiß. Schließlich ist es ja unser gemeinsamer Christbaum.
Nun aber schnell alles wegräumen, die Wohnung ein bisschen sauber machen und dann mich selbst säubern, das heißt duschen und anziehen.
***
Es ist bereits später Nachmittag, als ich festlich gekleidet, die Geschenke im Arm, bei meinen Eltern auftauche.
Vater umarmt mich stürmisch und ist sichtlich froh, mich wieder zu sehen.
„Ich bin so froh, Dimitri, dass du heute gekommen, Weihnachtswunder, Weihnachtswunder…“ murmelt er vor sich hin.
Mutter hat Tränen in den Augen und Yuri schnäuzt sich laut vernehmlich.
Es wird Zeit für das Essen, höchste Zeit, das bisschen Suppe zu Mittag füllt halt keinen Magen auf Dauer. Mutter stellt einen dampfenden großen Topf auf den Tisch. Das traditionelle Heilig Abend Essen, wie bei den meisten in der Gegend hier: Sauerkraut und dazu mehrere Sorten von Würstl, wie Schweinswürstl und Geschwollene, Pfälzer und Wiener.
Freilich mochte Vater das bayerische Essen anfangs gar nicht, Mutter musste lange Zeit traditionell russisch kochen, auch zu Weihnachten. Aber allmählich ließ sich Vater von der guten bayerischen Küche und speziell von den Wurstwaren überzeugen. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit.
Zu Beginn des Essens habe ich mit Blick auf den reichlich gefüllten Topf Mutter gefragt, ob sie noch weitere Gäste erwartet. Sie hat nur gelächelt. Jetzt, nach dem wir alle gesättigt sind und ich in den fast leeren Topf schaue, da verstehe ich ihr voraus ahnendes Lächeln nur zu gut.
Aber es hat auch hervorragend geschmeckt! Mutter versteht es einfach, ein wirklich delikates Sauerkraut zuzubereiten. Sie hat da ein Geheimrezept. Das nützen die besten Würste, wenn das Kraut fade schmeckt.
***
Ich gehe mit Yuri noch ein wenig nach draußen, während unsere Eltern die letzten Vorbereitungen zur Bescherung treffen. In einer Stunde sollen wir wieder da sein. Das Gehen wird uns gut tun nach dem reichlichen Essen.
Es ist sehr kalt, ein eisiger Wind pfeift und lässt uns die Kragen unserer Jacken hoch schlagen. Yuri erzählt mir, dass er mit Thomas abends auch zusammen sein wird. So gegen Acht wird Yuri bei Thomas sein, mit ihm feiern und später dann in der Nacht mit ihm zur Christmette laufen.
„Und wie geht es so mit Thomas, seid ihr immer noch so verliebt wie am ersten Tag?“
Ich merke, wie Yuri etwas unruhig wird und herum zappelt.
„Na ja, vorgestern hatten wir unseren ersten größeren Streit. Hat sich der Gauner doch in der Fußgängerzone nach einem hübschen Kerl umgedreht. Und als ich ihm das vorwerfe, da meint er doch nur, da wäre doch nichts dabei. Appetit könne man sich bei anderen holen, gegessen werde ohnehin zu Hause! So gab das eine Wort das andere, ich war richtig sauer und hab zu ihm gesagt, zu diesem Schuft, wieso er sich auswärts Appetit holen muss, wenn das Essen zu Hause gut ist!“
Yuri ereifert sich.
„Und du warst wirklich beleidigt, hast nichts mehr mit ihm geredet?“
„Natürlich, er sollte doch büßen, dieser gemeine Kerl!“
„Ja und wie lange hast du denn das ausgehalten?“
„Na ja, schon eine ganze Weile, wir sind schon ein paar Meter gegangen, wortlos.“
„Ein paar Meter, ja?“ Ich grinse ihn an.
„Aber dann hat er mich in das nächste Seitengässchen gezerrt, hat mich dann die Wand eines Hauseinganges gedrückt und mir einen Kuss aufgedrückt, dass mir Hören und Sehen verging. Na ja und dann hat er noch so Sachen gemacht. Ist halt doch ein ganz Lieber! Wer könnte ihm da schon böse sein!“
„Ach Yuri, wenn es mit dem Versöhnen immer so rasch ginge, aber meistens dauert das schon länger, glaub mir.“
„Hat es denn mit Nico was gegeben?“
Yuri bleibt vor mir stehen und zappelt wieder mal rum
„Nein, nichts Größeres, aber kleine Meinungsverschiedenheiten bleiben in einer Beziehung nicht aus, das ist nun mal so. Wir haben uns aber vorgenommen, nie ins Bett zu gehen, so lange etwas zwischen uns ist, so lange das nicht ausgeräumt ist!“
„Na ja, kann ich Thomas ja mal vorschlagen. Vielleicht kommen wir dann die eine oder andere Nacht gar nicht ins Bett, weil jeder stur bleibt.“
Erschrocken sehe ich Yuri an, aber er lacht nur, hat es also nicht ernst gemeint.
„Sieh mal hinauf Yuri, als wir weggegangen sind, da waren noch vereinzelt Sterne zu sehen. Jetzt hat sich der Himmel ganz zugezogen. Es ist ein Schneewind, der so eisig bläst. Glaub mir, heute Nacht schneit es noch!“
***
Wir sind wieder zu Hause angekommen, genau nach einer Stunde Spaziergang. Zunächst wärmen wir uns in der Küche auf. Dann ist es soweit, wir gehen ins Wohnzimmer. Vater hat die Kerzen am Christbaum angezündet, alles funkelt und glitzert. Im Hintergrund hören wir leise vom Radio Weihnachtslieder.
Wir umarmen uns alle und wünschen einander ‚Frohe Weihnachten’. Weihnachten – das Fest der Familie! Und die Familie hat sich wieder gefunden!
Wir bestaunen den von Vater wunderschön geschmückten Christbaum, der ganz in Silber gehalten ist. Wie uns Mutter versichert, hat er ein paar Stunden mit dem Schmücken des Baumes verbracht. Es ist Tradition bei uns, dass der jüngste der Familie die Geschenke, die alle unterm Baum liegen, verteilen darf. Yuri fällt also diese Aufgabe zu.
Von den Eltern bekomme ich warme Bettwäsche, Handtücher und allerlei Nützliches, das ich für meine Wohnung brauchen kann. Vor allem über die neue Bettwäsche dürfte sich Nico freuen, den bisher hatte ich, mangels Masse, nur leichte Sommerbetttücher aufgezogen. Und dabei friert doch mein Lieber so leicht.
Mutter bekommt von mir eine Küchenmaschine, von der sie schon lange redet, Vater eine neue Tasche, in der er seine Brotzeit zur Arbeit mit nimmt. Die alte war schon arg zerschlissen.
Yuri kriegt von mir ein Computerspiel, das er sich schon lange wünscht. Den Tipp habe ich von Nico, weil er sich schon öfter mit Yuri über diese Sachen unterhalten hat. Ich selbst verstehe da zu wenig. Ja und Yuri schenkt mir zwei DVD-Filme, von denen er weiß, dass sie mir mit Sicherheit gefallen werden. Ich stehe nun mal auf alte deutsche Filme aus den Vierziger- und Fünfziger Jahren mit den Stars von damals, wie Rühmann, Moser, Hörbiger, Lingen und wie sie sonst noch alle heißen.
Wir sitzen noch eine Weile gemütlich im Wohnzimmer beisammen, probieren Mutters Plätzchen und trinken Glühwein oder Früchtepunsch. Ich bedanke mich für all die schönen Geschenke und für den festlichen und gemütlichen Abend. Wir vereinbaren, dass wir uns vor der Christmette am Domplatz treffen.
Ich verabschiede mich schließlich. Es wird Zeit in meine Wohnung zu kommen, Nico wird ja bald erscheinen.
Ich sehe zum Himmel empor, nein, keine Sterne zu sehen, dafür dunkle Wolken. Werden sie uns doch noch den heiß ersehnten Schnee zum Fest bescheren?
Ich bin kaum in meiner Wohnung, verstaue gerade meine Geschenke, da läutet es. Nico steht vor der Tür, strahlend wie das Christkind selbst und mit leuchtend roten Backen. Eine große Tasche trägt er bei sich.
„Hallo Dimi, mein Liebling!“
Mit diesen Worten umarmt er mich, ehe ich auch nur einen Piepser sagen kann und drückt mich an sich. Ich bemerke eine leichte Alkoholfahne bei ihm.
„Hallo Niki, sag mal, hast du getrunken und bist Auto gefahren? Aber jetzt komm erst mal rein!“
„Nein, ich habe nicht gefahren, nein, ich meine, ich bin nicht getrunken, nein ich…“
„Jetzt setze dich erst mal hin und sortiere in Ruhe, was du mir sagen willst.“
„Also es ist so, …dass es auch ganz anders sein kann! Nein im Ernst, ich bin nicht gefahren, Mam hat mich her gefahren und einfach so vor deiner Tür ausgesetzt, äh… abgesetzt. Was heißt getrunken… so schlimm ist es nicht, nur ein klitzekleines Gläschen Punsch mit Mam, ein noch kleineres mit Oma und ein etwas größeres mit Opa und dann noch …Mensch wer war da noch…?“
Wieder fällt er mir um den Hals.
„Ach Dimilein, ich hab dich doch sooo vermisst! Und aus lauter Frust habe ich wohl ein Glas zu viel getrunken. Obwohl, ich glaube fast, das letzte Gläschen Punsch muss verdorben gewesen sein, weil mir ist fast ein bieserl schlecht. Apropos bieserl, ich müsste mal dringend müssen dürfen.“
Und schon eilt er auf die Toilette. Ich kann nur lachend den Kopf schütteln. Einen angeheiterten Nico habe ich auch noch nicht erlebt.
Er kommt mit offenem Hosentürl zurück, will mir wieder um den Hals fallen.
„Jetzt setze dich erst mal hin, ich mache dir gleich einen Kaffee, dass du wieder nüchtern wirst.“
„Aber erst ein Bussi, lieber Dimi, Bussi, Bussi, Bussi, bitte!“
Ich bin aber schon auf dem Weg in die Küche, setze dort die Kaffeemaschine in Gang.
Plötzlich steht Nico hinter mir, umarmt mich, erschreckt mich dabei natürlich fürchterlich.
„Dimi, du bist mein Augenstern, Dimi, hab dich zum Fressen gern, Dimi….weißt du überhaupt wie lieb ich dich hab, so lieb wie….ja, genau, so lieb hab ich dich!“
„Ich weiß es doch Niki, aber setze dich wieder hin, ich bring dir gleich den Kaffee ins Wohnzimmer.“
Diesmal gehorcht er gleich. Es dauert etwas, bis ich wieder ins Wohnzimmer komme und zu meinem Erstaunen, einen schlafenden Nico vorfinde. Zusammengerollt wie ein Baby liegt er da, fehlt nur noch der Schnuller. Aber süß wie ein Baby ist er allemal.
Ich bringe den Kaffee vorerst wieder in die Küche, setze mich zu Nico und betrachte mein süßes, schlafendes, so unschuldig wirkendes Schnuckelchen. Freilich, ich habe mir den Abend mit ihm auch ein wenig anders vorgestellt. Ich werde ihn aber erst mal schlafen lassen. Es ist ja noch viel Zeit.
Ich gehe wieder in die Küche, um mir selbst was zum Trinken zu holen. Komisch, was sind das für Geräusche, die ich vom Wohnzimmer höre? Ist er aufgewacht? Oder- er wird doch nicht…?
Ich trete an die Zimmertür und richtig, wie vermutet – Nico schläft den Schlaf des etwas angeheiterten Gerechten und sägt und sägt wie der beste Waldarbeiter. Nico schnarcht!
Ich muss mich wirklich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Gut, ich habe ihn ja schon öfter nachts neben mir gehabt, aber geschnarcht hat er noch nie. Muss wohl der Alkoholkonsum bewirken. Wenn ich jetzt eine Videokamera hätte, ich würde ihn sofort aufnehmen, ein Bild für Götter: Der selig schlummernde, schnarchende Nico!
Ich bin wieder bei meinem Getränk in der Küche, da läutet draußen im Flur mein Telefon. Leider habe ich mir ja bisher kein Handy geleistet, werde ich wohl im neuen Jahr dann machen. Dann sind diese Sachen ja auch wieder billiger zu bekommen, als jetzt vor Weihnachten. Ich werde ja wohl noch öfter für ein paar Tage in Tschechien sein. Wäre schon vorteilhaft, wenn mich Nico dann immer erreichen kann.
Nicos Mutter ist am Telefon und erkundigt sich, ob es ihrem Sohn wieder besser geht. Ich erzähle ihr, dass er auf der Couch schlummert.
„Sei ihm bitte nicht böse, dass er ein Glas zu viel getrunken hat, er macht das doch sonst nie. Verträgt ja auch nichts. Aber heute – du hast ihm einfach gefehlt und dann haben wir ein bisschen vor gefeiert.“
„Vor gefeiert?“
„Hab ich das gesagt, ja? Naja, wir haben halt, naja du weißt schon, es ist ja so, naja Weihnachten eben!“
Was stammelt die denn für einen Quatsch zusammen? Hat sie auch etwas zu viel erwischt? Aber was haben die nun gefeiert? Werde wohl Nico hernach fragen müssen.
„Natürlich bin ich ihm nicht böse, habe mir nur diesen Abend etwas anders vorgestellt.“
„Lass ihn ein Stündchen oder so schlafen, dann ist er wieder auf dem Damm, glaub mir! Übrigens wir sehen uns doch noch heute Nacht?“
Ich erzähle ihr, was ich mit meiner Familie ausgemacht habe, dass wir uns vor dem Dom treffen wollen.
„Also noch einen schönen Abend ihr zwei Hübschen!“ Schon hat sie aufgelegt.
Was heißt „zwei“, es wird wohl ein Soloabend, wenn der zweite Hübsche noch länger seinen Schwips ausschläft.
Ich will mich gerade umdrehen, da erschreckt mich der Kerl nun schon wieder. Steht er doch erneut hinter mir, muss wohl vom Telefon geweckt worden sein.
„War das Mam?“
Ich bestätige und frage auch gleich, was sie denn vor gefeiert haben.
„Hat sie das gesagt, na ja, hat wohl auch ein Gläschen zu viel intus, die Gute! Aber hattest du mir nicht irgendwann mal einen Kaffee versprochen?“
Er bekommt seinen Kaffee in der Küche. Da fällt mir die Sägerei von ihm von vorhin wieder ein und ich erzähle es. Er leugnet es natürlich ab, kann einfach nicht sein, meint er. Na gut, irgendwann nehme ich es auf, wenn es mal wieder soweit ist, dann wird er es schon hören und glauben müssen.
Während er nun in der Küche hörbar seinen Kaffee schlürft, bin ich ins Wohnzimmer, um die Kerzen unseres Baumes anzuzünden. Schnell lege ich auch noch meine Geschenke schön verpackt unter den Baum. Jetzt dürfte der Bescherung nichts mehr im Wege stehen.
Ich gehe in die Küche zurück und staune nicht schlecht. Hat sich doch der müde Kerl auf der Eckbank ausgestreckt und schläft. Nein, jetzt ist es zu viel. Ich ziehe ihn hoch.
„Hör mal Niki, du kannst von mir aus die kommenden Tage durchgehend schlafen, aber jetzt stehst du auf, gehst ins Bad, machst dich frisch und wir kommen endlich zur Bescherung, wie es sich für diesen Abend gehört!“
So schnell war er wohl noch nie auf den Beinen, hat er wohl doch bemerkt, dass ich langsam sauer werde. Blitzschnell kommt er auch schon aus dem Bad und bittet mich, noch nicht ins Wohnzimmer zu gehen, er hätte da noch was zu erledigen.
Na gut, warte ich halt nochmals. Wenn sich der müde Zecher jetzt wieder hingelegt hat, diesmal im Wohnzimmer, dann kündige ich ab sofort unsere Freundschaft!
Nach fünf quälenden Minuten öffnet ein strahlender Nico die Tür und ich darf ins Zimmer.
Mein Blick fällt sofort auf die unter dem Baum stehende Krippe. Jawohl, es ist die wunderschöne Krippe, die mir am Christkindlmarkt so gut gefallen hat. Also hat er sie doch gekauft!
Ich knie mich vor der Krippe hin und kann mich kaum satt sehen, an diesen wunderbar geschnitzten Figuren. Sogar ein kleines Lichtlein brennt im Stall und gibt den Blick frei auf das Geschehen dort.
Etwas weg davon sind die Hirten mit ihren Schafen aufgebaut. Ein rot flackerndes Hirtenfeuer lässt die Figuren fast lebendig erscheinen.
Ich stehe wieder auf und kann nur „danke Niki“ sagen, gleichzeitig bekommt er einen dicken Kuss.
„Es ist so schön zu sehen, wie du dich an diesen kleinen Dingen erfreuen kannst. Du sollst dich selber sehen, wie deine Augen vor Begeisterung leuchten. Das allein war der Kauf wert!“
Wir halten uns eine Zeit lang in den Armen. Schließlich gebe ich ihm den selbst gebastelten Kalender, jeder Monat mit einem Bild von uns beiden bei unseren Ausflügen. Auch das Fotoalbum bekommt er. Dann aber lege ich ihm die gekaufte Kette mit dem Löwen-Sternzeichen um den Hals. Ja, die Kette überrascht und freut ihn sehr.
Nun bin ich dran. Die herrliche Krippe habe ich ja schon bewundern dürfen. Nun reicht er mir sein Handy. Was soll ich jetzt damit, wen soll ich anrufen?
„Das ist jetzt deines, lieber Dimi, purer Selbstzweck, damit ich dich immer erreichen kann und umgekehrt.“
„Ja und du, was machst du ohne Handy?“
„Hab ich vom Christkind doch ein Neues bekommen, das neueste, das auf dem Markt ist, Kann damit Fotos schießen, Video aufnehmen, im Internet surfen…“
„Aber telefonieren geht schon auch noch, oder?“
Er lacht.
„Natürlich kann ich dich anrufen und du mich! Übrigens der Name des Christkindes ist in dem Falle Oma und Opa, die haben es mir geschenkt.
Von Mam habe ich eine neue warme Winterjacke bekommen und den neuesten I-Pod. Ich habe ihr eine echte Perlenkette überreicht, was sie überraschte und sehr freute.“
Na ja, denke ich mir, das sind schon andere Geschenk-Dimensionen als in meiner Familie. Aber dafür kann ja Nico nichts.
„Und Dimi, bist du zufrieden mit deinen Geschenken?“
Ich nehme ihn in den Arm.
„Natürlich Niki, diese hübsche, wertvolle Krippe und noch das Handy, ich bin sehr glücklich! Das wertvollste Geschenk aber, das halte ich hier in meinen Händen, das bist du, mein Liebling, du bist das Beste, das Wertvollste, das Schönste, was mir je passieren konnte!“
„Danke Dimi, das hast du lieb gesagt. So nett und wertvoll all meine Geschenke sind, die ich von Mam oder den Großeltern bekommen habe, es ist doch alles nichts im Vergleich zu dem Geschenk, das hier vor mir steht und das ich um nichts in der Welt mehr her geben möchte!“
Mit einem innigen Kuss bestätigen wir gegenseitig unsere Aussagen.
„Und Niki, was sagst du eigentlich zu unserem Baum, hab ich den nicht schön hin gekriegt?“
„Ganz nett, Dimi, aber im nächsten Jahr will ich dabei sein!“
„Nur ganz nett? Also ich hab geschwitzt bis es soweit war. Und da sagt er ganz nett!“
„Also Dimi, du bist ein hervorragender Autobastler, aber, sei mir nicht böse, vom Christbaum schmücken, da hast du nicht so viel Ahnung, wie man sieht.“
„Aber warum denn, ich finde ihn hübsch!“
„Dimi, erstens gehören die kleinen Kugeln ganz nach oben, die großen nach unten, du hast sie gerade umgekehrt aufgehängt. Außerdem hast du die Kerzen nicht gerade in die Kerzenhalter gesteckt. Sieh mal, das Wachs tropft auf den Boden. Ja und dann das Lametta, das hängt doch ziemlich wirr umeinander. Aber macht ja alles nichts, beim nächsten Mal bin ich dabei, abgemacht?“
„Na ja, wenn du es so sagst, vielleicht hast du ja recht. Gut, nächstes Jahr machen wir es zusammen, vorausgesetzt, du magst diesen Christbaumverschandler dann noch!“
Wir sitzen auf dem Sofa, eng aneinander, trinken Früchtepunsch, nein nichts Alkoholisches mehr für heute, und knappern an den Weihnachtsplätzchen.
Ich merke, wie Nico immer unruhiger wird. Er räuspert sich dann, wie wenn er zu einer großen Rede ansetzen würde und beginnt auch.
„Ich hoffe, ich überfalle dich jetzt nicht. Sei mir nicht böse, wenn ich dir vorher nichts gesagt habe, aber ich…“
Mein Gott, was wird denn das jetzt! Nico greift in seine Hosentasche und holt eine kleine Schatulle heraus. Ein Ring, bekomme ich noch einen Ring von ihm? Er öffnet das Schächtelchen und tatsächlich steckt ein Ring darin, wunderhübsch anzusehen.
Er reicht mir den Ring, ich sehe mir die Gravur im Innern an:
„Nico 24.12.07“ so lese ich laut vor.
Er nimmt den Ring wieder und fragt mich:
„Lieber Dimi, ich möchte dich… also ich will dich…“
„Ja, Niki, ich will dich doch auch…“
„Jetzt bringst du mich ganz aus dem Konzept… also Dimi, willst du… mein Mann werden? Hört sich das blöd an, nein ich will sagen… Mann o Mann, jetzt habe ich den ganzen Tag geübt und nun stammle ich so ein Zeug zusammen… Also Dimi, willst du mich verloben… nein, willst du dich…“
„Ja, Niki, ich will mich mit dir verloben, das ist es doch, was du wissen willst!“ versuche ich seiner Verwirrtheit ein Ende zu setzen.
„Ich liebe dich, Niki und ich bin zu tiefst gerührt ob deines Angebotes und des Ringes. Das habe ich nicht erwartet. Umso mehr freut es mich!“
Nico steckt mir den Ring an und der passt auch. Woher hat er nur die Größe gewusst? Als ahnt er meine Gedanken, meint er:
„Ich habe doch oft deine Hände gehalten und dabei unsere Finger verglichen. Vor allem unsere Ringfinger sind mir absolut gleich dick vorgekommen. Und wie wir sehen, liege ich damit nicht falsch.“
Nun folgt der Verlobungskuss und mir treibt es nicht zum ersten Male an diesem Abend die Tränen in die Augen.
Ich sehe auf meinen hübschen Ring, drehe die Hand hin und her. Da fällt mir ein, dass da doch noch was fehlt. Natürlich, zur Verlobung gehören zwei Ringe. Ich sehe etwas verdattert zu Nico. Der aber lächelt verschmitzt, greift wieder in seine Hosentasche und zaubert den gleichen Ring zu Tage.
Ich sehe ihn an: „Dimitri 24.12.07“.
„Jetzt muss ich dich wohl auch fragen, Niki, willst du…“
„Bitte Dimi, mach es bloß kürzer als ich… ja, ja, ja, tausendmal ja, ich will und bin der glücklichste Mensch hier in diesem Zimmer!“
Nun muss ich doch etwas stutzen: „Der glücklichste Mensch in diesem Zimmer?“
Er lacht lauthals.
„Dimi, du Dummi, natürlich der glücklichste Mensch im Universum!“
Na ja, so lass ich mir das schon eher gefallen.
Ich stecke ihm den Ring an und nun folgt Verlobungskuss Nummer zwei.
Als wir endlich mit den Verlobungsküssen, -umarmungen und -schmusereien fertig sind, hole ich das bereits bereit gelegte Buch mit Weihnachtsgeschichten aus Russland hervor.
Ich sitze auf dem Sofa, Nico liegt längs gestreckt darauf, den Kopf in meinem Schoß gebettet.
Ich beginne mit einer Geschichte aus dem Buch und Nico hört aufmerksam zu.
Es sind wunderbare Weihnachts-Kurzgeschichten aus Russlands ruhmreicher Vergangenheit, denn die hat es auch einmal gegeben.
Im Hintergrund läuft der CD-Player mit stimmungsvollen Weihnachtsliedern. Nach der vierten Geschichte will ich Nico gerade fragen, wie sie ihm gefallen hat. Ich sehe zu ihm hinunter, kann es nicht glauben, er ist schon wieder eingenickt. Wenigstens schnarcht er diesmal nicht. Aber als Gute-Nacht-Geschichten waren meine Erzählungen nicht gedacht.
Ich betrachte den schlafenden Engel eine Zeit lang, dann aber rüttle ich ihn wach, weil mir meine Beine eingeschlafen sind.
„Was ist mit dem Engel passiert, du liest ja gar nicht weiter“, meint ein noch schlaftrunkener Nico.
Ich muss lachen.
„Na du bist mir so ein müder Engel, schläft einfach ein. Aber langsam müssen wir uns anziehen. Du weißt doch, wir haben ausgemacht, uns vor der Christmette zu treffen.“
„Och, es ist doch so gemütlich hier, müssen wir unbedingt…“
„Nein Nico, müssen tun wir nicht. Aber jetzt haben wir es schon ausgemacht mit meinen Eltern, mit Yuri und Thomas, mit deiner Mutter und deinen Großeltern. Die wären sehr enttäuscht, wenn wir nicht da sind. Und glaube mir, die Christmette im Dom, ja gut, sie dauert schon lange, aber es ist auch ein festliches, ergreifendes Erlebnis, du wirst sehen. Ich war jedes Jahr mit meinen Eltern und Yuri dort und habe es nie bereut.“
Endlich ist er auch überzeugt:
„Wie könnte ich meinem Verlobten etwas abschlagen, gut, gehen wir.“
Als wir dann dick vermummt aus der Wohnung kommen, staunen wir nicht schlecht. Meine Vorhersage ist eingetroffen: Es schneit! Dicke Flocken fallen vom Himmel und schon ist alles ringsum weiß.
Alles hüllt der Schnee ein, allen Schmutz und Dreck, alles Unansehnliche. Auch allen Streit und Unfrieden, den es auch und gerade zu Weihnachten gibt?
Wir fahren ein Stück mit dem Auto, ganz vorsichtig, denn die Straßen sind glatt. Zuletzt marschieren wir Richtung Domplatz. Von allen Seiten sieht man Menschen daher kommen, die alle ein Ziel haben, den Dom.
Am Domplatz angekommen, schütteln wir erst den Schnee von uns ab und schauen nach unseren Leuten aus. Aber noch ist keiner zu sehen.
Plötzlich trifft mich ein Schneeball von hinten auf meiner Pudelmütze. Wer ist denn hier so frech?
Ich drehe mich um und kann gerade noch einem zweiten Geschoss ausweichen. Dafür trifft es Nico an einer sehr empfindlichen Stelle, was ich wiederum lachend mit „Volltreffer“ quittiere.
In einiger Entfernung können wir die Übeltäter ausmachen. Mit einem weiteren Schneeball in der Hand hüpft einer herum wie weiland Rumpelstilzchen in seinem Versteck. Wer kann das wohl sein?
„Zappel-Yuri!“ sagen Nico und ich gemeinsam.
Lachend kommt er jetzt zu uns, Thomas im Schlepptau.
„Na warte Yuri, Rache ist Blutwurst, das zahlen wir dir nachher zurück! Meine wertvollsten Körperteile hast du erwischt, das gibt eine Einreibung, die sich gewaschen hat!“ droht Nico.
Dieser aber hüpft von einem Bein auf das andere und freut sich diebisch über seine erfolgreichen Treffer. Nun erreichen uns auch meine Eltern. Mutter begrüßt uns alle mit Umarmung, auch ihre beiden ‚Schwiegersöhne’ Thomas und Nico. Vater steht noch etwas abseits, dann tritt er heran, umarmt mich und wünscht nochmals ‚Frohe Weihnachten’.
Er geht dann zu Nico, sieht ihn an, reicht ihm die Hand und dann – wir trauen unseren Augen kaum- nimmt er Nico in den Arm, drückt ihn fest und sagt:
„Frohe Weihnachten Nico, mache Dimitri glücklich!“
Dasselbe passiert nun auch mit Thomas, auch er wird von Vater umarmt. Vater umarmt Nico und Thomas und nimmt sie so in die Familie auf! Ist es ein Wunder, dass sich die meisten von uns, verstohlen die Augen auswischen?
Nun tauchen auch Nicos Großeltern und seine Mutter auf und wir alle begrüßen uns herzlich. Nicos Mutter rempelt Nico und mich an:
„Na, jetzt zeigt doch mal!“
Ich verstehe nicht gleich, deshalb nimmt Nico meine Hand mit dem Ring und hält seine und meine Hand in die Höhe. Alle sind erstaunt und freuen sich und gratulieren uns.
„Deshalb haben wir vor gefeiert, eure Verlobung!“ erklärt Nicos Mam.
„Und deshalb hat er zu tief ins Glas geschaut, mein müder Engel“, kann ich mir nicht verkneifen.
„Also Thomas, nimm dir mal ein Beispiel an den beiden“, meint ein zappelnder Yuri, „ich möchte aber nicht bis nächstes Weihnachten warten, das sag ich dir!“
Nun hat Yuri die Lacher auf seiner Seite. Nicos Mutter lädt dann noch alle für den zweiten Feiertag zum Essen ein, auch meine Eltern. Nun wird es Zeit, in die Kirche zu kommen, die schweren Domglocken beginnen gerade zu läuten. Es ist auch höchste Zeit, wir bekommen gerade noch Sitzplätze.
Ich bewundere diesen herrlichen Barockstuck und die gemalten Fresken im Innern des Domes Da setzt die Orgel ein. Ich erinnere mich, gehört zu haben, dass hier im Passauer Dom die größte Kirchenorgel der Welt erklingt. Und es ist in der Tat ein unvergleichlich akustisches Erlebnis.
„Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!“ ´
Das ist das Thema der Predigt von Bischof Schraml. Und er meint eben, dass der Friede im Kleinen beginnt, in der Familie, im Freundeskreis, unter Kollegen. Dort kann jeder was dazu beitragen, damit Frieden herrsche.
Bei diesen Worten sieht Vater zu uns zurück, da er eine Bank vor uns sitzt. Er sieht uns und nickt uns zu und lächelt. Ich sehe voller Stolz auf Nico.
Die Christmette geht zu Ende, die Lichter im Dom verlöschen. Nur noch die tausend Kerzen am großen Christbaum und die Kerzen am Altar erhellen den Dom. Nun hebt wieder die Orgel an und leitet das abschließende ‚Stille Nacht, heilige Nacht’ ein.
Nun ist auch Nico hell wach, er steht neben mir. Wir reichen uns die Hand, sehen uns an und sind beide überglücklich. Froh stimmen wir in das schönste aller Weihnachtslieder mit ein. Unter dem gewaltigen Brausen der Domorgel, die zum Finale ansetzt, verlassen wir die Kirche.
Draußen treffen sich unsere Familien nochmals. Vater wiederholt den Satz vom Gloria und der Predigt und sieht uns still lächelnd an:
„Und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!“
~ENDE~

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Information Ungeplante Tage
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:54 PM - No Replies

1.Tag
Mein Gott war der hübsch. Mein Typ, zu jung für mich, gebe ich ja zu aber er hatte diese unwiderstehlichen dunklen Augen, wo ich mich eben viel zu schnell zum Trottel mache. Aber er hat sich Küssen lassen. Ich hatte eh zu viel getrunken, was auch der Grund war, warum ich ihm meine Visitenkarte gab im Toms in Berlin
Dann war er weg mit einem Anderen, und ich schaukelte mehr oder weniger nach Hause in mein einsames Bett um mich zu allem Überfluss auf dem Heimweg auch noch selbst zu verscheißern.
Ich hasse den Tag danach, anstatt mich zu trauen, war ich wieder nur in der Szene in Berlin unterwegs gewesen ohne ein wirkliches Ziel, einfach auf Männer fixiert, ohne zu begreifen, dass ich doch eigentlich nur ich selber sein müsste.
Abends 23:30 Uhr klingelt mein Telefon. Auf Russisch die aufgeregten Worte, wir sind hier an der Raststätte, kommen nicht weiter, können wir bei Dir schlafen.
Ja und so begannen fünf aufregende Tage, die Einiges bei mir verändert haben.
*-*-*
2. Tag
Duster und eng und irgendetwas war nicht wie sonst. Da war was neben mir, und glatte zwei Sekunden habe ich gebraucht, um zu begreifen. Ich war nicht alleine, nicht alleine in meinem Bett.
Ach ja- Viktor und Wolodja. Der Zustand machte mir im ersten Moment Angst. Das war nicht geplant, vielleicht irgendwo tief in mir gewünscht, aber im Moment eher erschreckend.
Die Straßenlaterne warf ein bisschen Licht in das Zimmer und so starrte ich die Zimmerdecke an, den Umriss meiner Palme, auf die ich so stolz war und wagte nicht mich zu rühren.
Was hasst du da wieder angestellt war meine eine innere Stimme, sei froh man, war die andere Stimme. Ob ich jetzt verrückt werde, schoss es mir durch den Kopf. Zwei schwule Männer neben dir und in vielleicht drei Stunden klingelt mein Sohn an der Tür.
Am besten den beiden nachher gleich sagen, dass ich gegen Mittag weg muss und sie dann eben auch weg müssten. Dann wäre das Problem weg und ich wieder glücklich. Wäre ich dann glücklich?
Ich schaute auf die Seite und versuchte bei dem bisschen Licht etwas zu erkennen. Hand in Hand schliefen die beiden und sahen aus wie Unschuldsengel. Neben dem Bett standen zwei Reisetaschen und Viktor war nur bis zum Bauch zugedeckt.
Wenn das aber nun Verbrecher sind, sagte meine eine innere Stimme, aber soweit ich mich an das Toms erinnern konnte hatte ich diesen Engel neben mir sogar geküsst und ihm auch meine Visitenkarte gegeben, sonst wären die beiden ja gar nicht hier.
Ich bin verrückt schoss es mir wieder durch den Kopf, ich bin zwei zugleich. Luftholen aufstehen und erstmal weitersehen. Langsam und ganz vorsichtig wuselte ich mich aus dem Bett. Die beiden bloß nicht gerade jetzt aufwecken.
Leise tapste ich in die Küche, machte die Tür zu und machte, was ich so noch nie gemacht hatte. Licht an, Kühlschrank auf und goss mir ein Trinkglas voll Wein ein, zündete mir eine Zigarette an, trank einen kleinen Schluck, setzte mich etwas unbequem auf den Rand der Spüle und starrte in das Fenster in dem ich mich nun selber sah, weil es war duster draußen.
Ich weinte. Schaute in das Fenster, wen sah ich denn da? Eine Klemmschwester, die ihren Sex mit Männern an einer, na vielleicht an zwei Händen abzählen konnte. Einen, der sich immer damit rausgeredet hat, das mach ich doch nur weil……..???
*-*-*
8.00 Uhr. Ah Scheisse, ich hatte vergessen mein dummes Werbegeschenk auszuschalten. Ich fand das Ding mal toll, dieses Radio, das einen mit der Zeitansage begrüßte. Bloß keinen Krach und, ja blöd wie man manchmal eben ist, anstatt auf den Aus-Knopf zu drücken zog ich den Stecker.
Aber Ruhe danach und egal. Was tun? – dachte ich, an einen verschmähten Politiker denkend und schaltete die Kaffeemaschine an und ging duschen. Nass und nackig fiel mir ein, dass neue Wäsche nun wieder bei den Beiden im Zimmer war, von denen ich noch nicht wollte, dass sie aufwachen.
Also schleich Schublade und drop, denn wenn etwas klemmt, klemmt das genau im falschen Moment.
Es war schon etwas heller und ich schaute mich um und Vik schaute mich an.
„He hallo“, sagte er ganz leise auf Russisch.
„Hi ich mache gerade Kaffee“, sagte ich auch leise und merkte, dass ich besser, so nackt wie ich war, wieder verschwinde.
Das manche männlichen Organe aber auch so was von Eigenleben haben ist erstaunlich. Ich rannte, naja, sofern das in einer kleinen Wohnung überhaupt geht in die Küche und zog mich schnell an. Nein mit meiner Nacktheit konnte ich gar nicht umgehen, speicherte ich kurz ab.
Vik umso besser, so wie Gott ihn schuf kam er in die Küche, schaute sich interessiert um und sagte, auf Russisch, und die Übersetzung klingt im modernen deutsch: „wow, schön, warm, hübsche Wohnung und schon geküsst heute?“
Wie tief kann eine Kinnlade eigentlich fallen? Ich meine wir wussten voneinander, dass wir schwul waren, aber ich eben nur heimlich nachts, in Berlin.
Ein Hauch von nein war wohl meine Antwort. Was er dann machte, war etwas, was ich bis dahin nicht kannte. Er strahlte mich an, und zeigte seine Zunge, wie sie seine Lippen streichelte.
„Ja, ja“, sagte ich schnell, „ und der Kaffee ist gleich fertig und mögt ihr gekochte Eier?“, war meine Antwort.
Meinen Blick hat Vik natürlich gesehen den wohin sollte ich schon schauen, wenn nicht in sein Gesicht in seine Augen, wenn er denn nun schon mal nackt vor mir stand.
Und wie ich dann später erfuhr hat er auch meine Angst erkannt und meinte Wolodja ist meist eine halbe Stunde nach mir wach.
Vik muss man an dieser Stelle einfach mal beschreiben. 22*178*65 braune Augen, lange, sehr lange Haare, kaum behaart und lackierte Fingernägel. Ja genau, das fiel mir in diesem Moment auf. Er muss meinen Blick gesehen haben.
Plötzlich schaute er mich schlagartig etwas traurig an und fragte leise: „Können wir bei dir ein paar Tage bleiben und Wolodja schläft noch, hast Du etwas Zeit?“
Und ich bekam eine Gänsehaut, merkte, dass mein siebenter Sinn irgendwo vorhanden war.
„Ja, …ja!“, war meine Antwort.
„Gut dann gehe ich schnell duschen“, sagte Viktor und ich beschäftigte mich mit Eierkochen, Toast vorbereiten, wobei ich dann merkte, dass ich gar nicht auf Gäste eingerichtet war.
Die Marmelade würde ja vielleicht gerade so reichen, aber sie stand schon recht einsam im Kühlschrank. Wolltest Du nicht alleine sein sagte die Stimme in mir und nun hast du gerade ja, ja gesagt.
In Boxer und in einem sehr eindrucksvollen T-Shirt kam Viktor wieder in die Küche.
„Wolodja schläft noch fest“, sagte er, setzte sich an den Küchentisch und fragte, ob er rauchen darf.
„Ja, ja!“, war dann wieder die tolle Antwort von mir.
„Bist du oft im Toms, kennst Du Berlin?“, begann er zu sprechen.
„Eher selten.“
„Wir sind keine Studenten, die nach Paris wollen, wie wir dir gestern erzählt haben. Das heißt nach Paris wollen wir schon. Nur mit dem Trampen gestern ging ja voll daneben. Weißt du was … sind?“, und das Wort verstand ich nicht.
Meinen fragenden Blick muss er verstanden haben.
„Nun wir arbeiten nachts, wir suchen Kunden und machen es ihnen. Dürfen wir immer noch bei dir ein paar Tage bleiben?“
Wo war mein Glas mit Wein, ah ja auf der Spüle, das nahm ich nun und weg war mein edler Tropfen, mit einem großen Schluck.
„Los erzähl mehr!“, sagte ich zu Viktor, „warum, wieso, weshalb?“, und schaute ihn neugierig an.
„Ich habe keine Probleme damit, aber Ihr beiden seid die ersten, die ich nun so live erlebe, ähm… sehe.“
Bei diesem Versprecher lachte Viktor und erzählte.
„Wusstest du, dass Wolodja mit mir rumgemeckert hat, als wir uns im Toms küssten? Er meinte ich soll arbeiten, der Spaß hätte später Zeit. Ich arbeite jetzt gerade nicht“, sagte er, stand auf und küsste mich einfach.
Ich konnte ja gar nicht anders als auch zu küssen, denn mögliche andere Reaktionen von mir waren irgendwie abgeschaltet und wie das so ist kam nun gerade Wolodja in die Küche. Dass er der Boss war, war sofort zuerkennen.
„Du hast es Ihm erzählt?“, war seine Frage.
„Willst du frühstücken?“, fragte ich anstelle von Viktor Antwort, „dann macht es euch mal bequem.“
Ein kurzer Blick zwischen Viktor und Wolodja, die beiden verstanden sich glänzend ohne Worte, brachte dann auch diesen sehr kräftigen Wolodja zum Lächeln und mir einen zweiten Kuss ein, allerdings eben nun von Wolodja.
Und nun war Erzählen angesagt, Planung der nächsten Tage, und Eieressen, denn nur davon hatte ich noch genug. Ach ja und meine Ex musste ich anrufen. Sagen dass ich Besuch habe und mein Sohn nicht bei mir schlafen könne. Und die war erst was von neugierig. Aber da gab es ja die Geschichte von den Studenten.
„Nachts sind wir sowieso in Berlin arbeiten“, meinte Wolodja, „wir brauchen noch Geld“, sagte er in einer Art die seltsam geschäftstüchtig war.
Für diesen Tag dann aber, war erst mal Einkaufen und Kultur angesagt. Die beiden wollten unbedingt Sanssouci sehen, denn wie alle Russen hatten sie ein großes Interesse am Preußentum.
Dann auf nach Cecilienhof sich den großen runden Beratungstisch der Siegermächte anschauen und immer noch erzählen, berichten und sie mussten natürlich insbesondere auch alle meine Fragen zu ihrer „Arbeit“ beantworten.
So begann diese anfangs mich so beängstigende Situation einen sehr interessanten Verlauf zu nehmen.
Die nächste Nacht schlief ich alleine. Beide wollten so im Verlauf des nächsten Vormittages wieder eintreffen.
*-*-*
3. Tag – Silvester
Hell, na ein bischen hell war es. Also musste es so gegen halb neun sein. Eine schöne Uhrzeit, wenn man Zeit hat zum Aufstehen. Wie immer lies ich den Tag von Gestern vor meinem geistigen Auge ablaufen. Da es nun einmal so war, und Viktor und Wolodja hier waren, war ich an sich ganz glücklich, dass ich doch nicht alleine ins neue Jahr rutschen sollte.
Nein ganz im Gegenteil, es war sogar phantastisch. Raus aus diesem Selbstmitleid und der, ja, selbst verursachten Einsamkeit. Also schlurf ins Bad und mal schauen ob ich noch wie gestern aussehe.
Die Ähnlichkeit meines Spiegelbildes mit dem, was ich erwartet habe beruhigte mich. Und ungesund wie jeden Morgen, setzte ich Kaffeewasser auf und zündete mir eine Zigarette an. Warum habe ich eigentlich eine Latte, senierte ich gedankenvoll vor mich hin. Nein die musste weg, also noch mal kurz aufs Bett und Viktor— ach ja. Wer hätte auch je gedacht, wie gut und sinnvoll Küchentücher sein können?
Duschen war nun angesagt, und ich werde es auch nie lernen, dass zuerst immer nur kaltes Wasser kommt. Die folgende Kettenreaktion meines Hüpfens konnte ich gerade noch so aufhalten. Wach war ich nun jedenfalls.
Tja und wie jeder neugierige Mann, fing ich an, ein bischen in den Reisetaschen meiner Gäste zu schnüffeln, die glücklicherweise so schön unordentlich gepackt waren, das mein Wissenserweiterungsvorgang unbemerkt bleiben würde.
Geil, Kevin Klein… , jetzt wurde ich gerade zum Fetischisten. W 30 L 32, aha, ich schaute mir die schwarzen Jeans doch sehr genau an. Aufgestört wurde ich durchs Telefon. Meine Ex.
„… Lalalala… was macht Dein Besuch, ist doch viel zu eng, bist du jetzt am anderen Ufer, wann fahren die wieder, hast du an die Rechnung gedacht und was machst du heute Abend?“
Muss Realität so grausam sein. Ich bin von Natur aus höflich, also…
„Hallo, guten Morgen, … habe aber jetzt keine Zeit… ich melde mich dann wieder Tschüss!“
…tututututu…
Schon 10:00 Uhr, ich muss einkaufen. Gedacht getan, Ja logo noch fünf Mark im Geldbeutel, also erst zur Bank. Zuviel, viel zu viel, ich bin wie eine Mama, kaum hat man Besuch kauft man grenzenlos ein.
Rein in den Kühlschrank, gerade fertig klingelt es. Ohne fragen drückte ich den Türöffner. Und ja Viktor. Alleine und strahlend. Und Kuss. Den konnte meine Nachbarin, die immer am Spion klebt nun garantiert sehen.
„Herein mit dir…“
Viktor schlang seine Arme um mich und drückte mich.
„Zweihundert Mark und nichts dafür getan“, sagte er, „…, der hat mich überall mit hingenommen und wollte nicht mehr.“
Für mich ein Fall von theoretischem Aha.
„Hast Du Hunger, willst du etwas trinken?“
„Trinken ja, dann Duschen“, sagte Viktor.
Und weg war er. Ich schaute in der Küche aus dem Fenster und versuchte diese Welt des Viktors zu begreifen. Er kam natürlich nackt aus der Dusche und legte sich auf den Rücken diagonal auf das Bett.
Viktor erzählte mir von dem reichen Ungarn, oder was auch immer der war, ihn durch alle Bars geschleppt und eingeladen hat und dann nichts wollte. Ich saß bewusst soweit wie möglich in der Ecke auf dem Hocker, hörte zu und sah wie Viktor volle Latte hatte.
Er lachte schaute mich an und sagte: „Na, wann willst du mich denn nun endlich vergewaltigen?“, in einem Tonfall, dieses Wort, dass ich zwar im russischen kannte, aber eigentlich nie benutzt habe, dass es wie ~los, nun komm schon ~ klingen ließ, ~und zieh dich endlich aus~, was ich auch machte dann.
„Wie magst du es?“, fragte er als ich mehr auf als neben ihm lag.
„Ich kann nicht so auf Befehl, ich bin auch kein Kunde!“, sagte ich.
„Na gut!“, (das lässt sich nun kaum übersetzen) er drehte mich auf den Rücken und küsste mich, besser er berührte meine Lippen nur ganz wenig und schaute in mein Gesicht. Was dann folgte war unbeschreiblich.
Diesen kleinen Tod kannte ich ja nur vom Lesen. Aber ich glaube ich habe noch nie so laut dabei geschrien, wie dieses mal. Natürlich, so dachte ich kurz danach, es muss ja nun Klingeln.
Wolodja. Die beiden müssen telephatische Eigenschaften haben, denn sie schauten sich zwei, drei Sekunden an, Viktor sprach noch von Zweihundert Mark und Wolodja sagte Moment, verschwand im Bad um dann nackt zu uns zu kommen.
Er sagte etwas sehr schnell auf russisch zu Viktor, was ich tatsächlich kaum verstand, was wohl auch der Sinn war.
„Entspann dich“, sagte Viktor und schon war da was an meinem Hintern.
Ja nun den Rest will ich gar nicht erzählen, es war einfach explosiv. Es tat nicht weh , nein, es war einfach nur genial, wie ich da was in mir hatte, und schon lange bin ich nicht mehr innerhalb einer Stunde ein zweites mal so was von gekommen.
Danach, Brötchen aufbacken, Teller und alles weitere ins Bett und erzählen. Plötzlich waren wir Freunde. Und was wir alles zu erzählen hatten.
Der Tag verging dann recht schnell. So gegen Mitternacht wollten die beiden auf „Arbeit“ sein. Also sollte unser Ziel Silvester am Brandenburger Tor sein. Da in Moskau um 22.00 Uhr Neujahr ist, haben wir so echt russisch, Neujahr das erste Mal gefeiert. Dann auf nach Berlin.
Und der dritte Tag war vorbei
*-*-*
4. Tag – Neujahr
Juhu, sie weiß es, naja, meine Nachbarin weiß es, und sie redet sogar noch mit mir. Meine Nachbarin, war die erste, die ich heute früh getroffen habe, als ich zum Briefkasten ging, obwohl da gar nichts drinnen sein konnte, war ja Neujahr.
Also völlig umsonst dieser Gang zum Briefkasten. Aber die Frau, schon fast siebzig schien darauf gewartet zu haben.
„Tag, guten Morgen… und sagen sie, sind sie homosexuell?“
Jetzt oder nie dachte ich.
„Ja, ja!“ und schaute sie an.
„Nein, hatte ich doch Recht, und wo sie so gar nicht so aussehen, und meine Freundin… blablablabal…, haben sie einen festen Freund?“
Das kam nun unerwartet.
„Nein…? Sollten sie aber, also ja, und ich glaube ja mal der Nachbar ist auch, sie wissen schon.“
Sie wünschte mir dann noch ein frohes Neues und meinte, die beiden jungen Männer, die gerade bei mir sind, sind die auch und sie grinste vor sich hin. Tja, so war Outing erster Schritt. Der letzte sollte zehn Jahre später erfolgen.
Ich ging wieder rein und bestaunte das große Brandloch an meiner Jacke. Ja Berlin live in der Nacht. Irgendwer hat mir mal erzählt zieh feuerfeste Kleidung an.
Inzwischen wusste ich, dass ich noch lebe, dass es Sachen gab, die ich noch nicht so wirklich kannte, und dass es weitergehen kann.
Moskau… ging es mir durch den Kopf. Was für ein Moskau muss das heute sein? Ich kannte ja nur das Sozialistische. Und wie dumm kann ein Mann eigentlich sein. Ein bisschen habe ich mich trotzdem erst mal dem Fetisch gewidmet, weil musste sein.
Gegen zwölf oder so Klingel, und der Türöffner half gar nicht, weil Hintereingang. So bin ich nach Draußen nach hinten und da stand Wolodja. Tür auf und, oh Schreck, nein, es war sogar schon egal, er küsste mich, und wer es wollte konnte schauen, ich küsste zurück, und wie.
„He“, sagte Wolodja, „ich geh noch mal zur Tankstelle und hole was bis gleich.“
Die zwanzig Minuten waren für mich so etwas von ja wer bist du, was wirst du, was magst du, was willst du?
Klingel, Wolodja.
„Und wo ist Viktor?“ fragte er, gar nicht besorgt , eher so ein Aha, wir sind alleine.
„Weißt du wen ich letzte Nacht gefickt habe?“, platzte er heraus.
„Nein?“
„Schau!“, meinte er zeigte mir eine Fotografie.
„Soll ein Schauspieler sein.“
„Ahhhhhhhhhhhhhhh.“ .
Dden kannte ich .
„Wie? Echt?“, war meine Frage.
„You are a sex mashine!, hat er zu mir gesagt“, sagte Wolodja, „na ja, was soll ich mit Passiven“, sagte er so einfach dahin.
Wolodja hatte Wodka, Wodka Gorbatschow von der Tankstelle geholt.
„He, hol mal Gläser, richtige!“, sagte er.
Ich wusste was er meinte, keine Schnapsgläser, sondern solche, wo auch 100 ml reinpassten. Also stellte ich die Gläser und den Wodka auf den kleinen Tisch. Wir tranken beide auf das neue Jahr, und dann fasste mich Wolodja an.
„Hast du schon mal, meine richtig?“
An dieser Stelle mal, ich habe da nicht alles wirklich wörtlich verstanden, zu viele neue Vokabeln, Sinngemäß verstand ich ja, aber , ich streichelte Wolodjas Bauch.
„Lass mich doch machen“, sagte er, „ich habe Feizeit und bin nicht auf Arbeit.“
„Zieh dich einfach aus“, sagte er noch.
Der Rest ist, war, ja geil eben. Das war so ein Moment wo ich hinterher gesagt habe, ja ich bin, ich will, ich werde schwul sein. Nun gegen 17.00 Uhr kam Viktor. Etwas müde, so sah er aus, aber hatte ich eine Ahnung.
Und ja, ja… nein, oder ja, besser ja, oder wie auch immer. Ich ja, nein, doch, das war eine Wende und der erste Schritt zu meinem Outing. Blieb nur mein Sohn, und der musste noch zehn Jahre darauf warten.
Gegen 19.00 Uhr haben mir die beiden geholfen aufzuräumen. Mülleimer raustragen und so, ja und logo, meine Nachbarin haben sie getroffen, wer kann den ahnen, dass die Beiden so schnell Umgangsdeutsch lernen.
*-*-*
4-5. Tag
„Wir wollen heute nicht arbeiten“, sagte Wolodja, „und wir wollen morgen weiter, zuerst nach Amsterdam.“
Dass Russen sprunghaft und von zu gerade beängstigender Dynamik sind wusste ich ja. Der Blick, den Wolodja aber aufsetzte, war etwas ja, wie sagt man, etwas von geil und Angsteinflößend.
Viktor lachte, schaute Wolodja an, und wieder musste ich bemerken, dass die beiden längst irgendwie alles beschlossen hatten.
„He ihr zwei“, versuchte ich mich zu retten, „ihr kennt mich nun ein bisschen, also sagt was los ist“, fand ich schnell eine Ausrede.
„Ich schau mal im Internet nach, wie es am Billigsten geht.“
Ich setzte mich schnell an den Schreibtisch, und auweia, ich hatte schon eine Latte. Brandenburgticket und so weiter, da streichelte Viktor auch schon meinen Hals. Wolodja verschwand kurz, und wie ich feststellen musste, kannte er meine Küche schon ganz gut, kam mit drei Gläsern einer Flasche Wodka und Brot zurück.
Er stellte die drei Gläser auf den Tisch, goss in alle die berühmten 100 ml ein und reichte Viktor und mir ein Glas.
„Nu schtosch…“, ja was blieb mir übrig, ich mochte die beiden ja, und die letzten Tage sind eh, nie so abgelaufen, wie von mir geplant, oder vorgestellt, also machte ich mit. Wie man 100 ml in einem Zug leerte, hatte man mir ja beigebracht, und darum auch das Brot.
Erst ein bisschen einatmen, dann trinken, dann schnell ausatmen, und tief den Geruch des Brotes einziehen. Das geht, und die halbe Flasche Wodka war weg. Wolodja strahlte, Viktor streichelte mich und Wolodja, provozierte gleich, nahm die halbvolle Flasche Wodka in die Hand, und sagte, nun, und das klingt auch nur im russischen gut, aber sinngemäß, die Nacht ist lang, hab keine Angst, wir sind doch Männer.
Irgendwie beschlich mich ein Gefühl der Angst, ich kam mir vor wie ein Kunde von den beiden und schaute wohl auch ängstlich auf den Weg in die Küche, den einzig möglichen Fluchtweg.
Viktor war es wieder, der muss emphatisch einfach sein, der mich auf die Stirn küsste und die Gläser füllte, und meinte, wovor hast du Angst, wir arbeiten nicht, wir entspannen, wir sind auch Menschen.
„Seid ihr eigentlich ein Paar?“, fragte ich plötzlich.
Wolodja schaut Viktor an.
„Nein, ich habe einen Freund in Moskau.
Der liebe Gott hat ja die Zigaretten auch deshalb erfunden, damit man so tun kann als ob man beschäftigt ist, also rauchte ich erst mal eine. Viktor suchte unterdessen eine CD. Und er wusste auch schon, wo meine drei Lieblings CD s standen.
Er konnte kaum Deutsch, hatte aber ein erstaunlich gutes Gedächtnis, und wusste auch welche Texte ich ihm vor zwei Tagen ein bischen übersetzt habe. „Objekt der Begierde“ von Rosenstolz. Und Lied Nummer 7, Der kleine Tod.
In gewisser Weise waren die beiden unheimlich, in ihrer Art, die Seiten eines Menschen zu finden, die am lautesten ansprachen.
Und sehr unterschiedlich waren die beiden. Viktor, der sehr feminine Mann, Wolodja kräftig, fast ein bischen zu gedrungen, aber eben nur fast.
Viktor manchmal erschreckend tuntig, Wolodja ein bischen wie ein Offizier der Sovjetarmee.
Und ich mitten drin, ein immer noch etwas verklemmter und zu der Zeit na fast unerfahrener Mann.
„Die Deutschen sind dumm“, fing Viktor plötzlich an, „aber ich liebe Deutschland!“
Er schaute mich an, lachte und Wolodja goss die Gläser voll.
„Warum wollt, müsst ihr immer alles verstehen? Warum lebt ihr nicht?“, fragte Viktor und zog sein Shirt aus.
Wolodja massierte mir dabei den Rücken. Ich kann mich nicht fallen lassen war der letzte Versuch meines Widerstandes. Vor mir machte Viktor einen Strip der Extraklasse, und Wolodja, ja dessen Hände waren nun nicht mehr auf meinen Schultern.
Die folgende Nacht war mehr als nur ein Erlebnis. Oh nein, ich hatte ja keine Ahnung, dass es immer wieder eine Art der Steigerung gibt, und habe nie so gefühlt bis dahin. Ich hatte gar keine Ahnung, wie viele Stellen es am Körper gibt, die einen erregen.
Und was mir auch neu war, ich wusste auch nicht, wie geil Schmerz sein kann.
*-*-*
Dass ich mal in der Mitte von zwei Männern aufwache, die ich auch anfassen darf, hatte ich bis dahin nicht gehofft. Der Morgen, der berühmte Morgen danach war toll.
Er sollte einiges in mir verändern und ich hätte ja auch nie gedacht, dass ich Wolodja bitten würde, ob er mich nicht noch mal nehmen möchte.
Ja, das war eine geile Jahreswende und für mich der erste wirkliche Schritt zum Mannwerden.
Die beiden habe ich dann gegen 16:00 Uhr zum Bahnhof gebracht und noch drei Jahre hatten wir Kontakt.

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Information Ungeplante Weltreise
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:50 PM - No Replies

Mit zusammengepressten Lippen stand ich auf dem Münchner Flughafen und sah mich um. Wie sollte ich bei diesem Treiben etwas mitbekommen? Hier war die Hölle los – was zu erwarten war – hatten die Herbstferien doch gerade begonnen. Hunderte, wenn nicht gar tausende Menschen wuselten hin und her und sehnten sich nach dem Abflug in ein warmes Urlaubsparadies oder in die Berge, um die ersten Tage der Skisaison auszunutzen. Nur ich war nicht zum Vergnügen hier. Weder wollte ich jemanden abholen, noch in die Ferne reisen. Doch ich wünschte es wäre so.
Wir, meine Schwester Elina und ich, waren schon viel zulange nicht mehr gemeinsam verreist. Dabei flog sie sehr gerne und bettelte mich jährlich an, dass wir während ihrer Schulferien doch mal zusammen „abhauen“ könnten. Ich wiegelte jedoch immer ab, da ich lieber alles in der Firma unter Kontrolle hatte. Wenn ich ehrlich war, war das nur der zweite Grund. Vorrangig hatte ich Angst vor zuviel Freizeit. `Vielleicht hätte ich doch nachgeben sollen´, dachte ich jetzt.
Traurig dachte ich an den Morgen vor zwei Tagen zurück, einen Sonntag, als ich verkatert aus dem Bett gekrochen kam und Elina mit ernster Miene am Frühstückstisch vorfand.
„Morgen, mein Schatz“, brummelte ich, beugte mich zu ihr runter und gab ihr einen Kuss auf den Kopf.
„Morgen, du alter Gierlappen.“
Mit hochgezogenen Brauen sah ich sie an, lehnte mich an die Spüle und schüttete mir einen Kaffee ein.
„Jetzt guck nicht so, als verstehst du nichts. Ich konnte euch durch alle Wände hören, wieder einmal!“
„Ups“, sagte ich grinsend und schlürfte an meinem Muntermacher.
Ich wusste, dass es sie rasend machte.
„Nicht `Ups´. Hundertmal habe ich dir schon gesagt du sollst damit aufhören. Ich mag es nicht, wenn du fremde Typen mitbringst.“
„Wie ich dir allerdings hundertmal sagte, ist das ganz allein meine Sache.“ Mein Grinsen verflog, denn ich wusste, was als Nächstes kam.
„Ich mach mir doch nur Sorgen um dich und… naja deine Gesundheit. Warum suchst du dir nicht endlich einen festen Freund. Dann hätte ich auch nichts dagegen, dass Wände wackeln“, versuchte sie die Stimmung wieder aufzulockern.
Das ging jedoch in die Hose, denn bei dem Thema sah ich grundsätzlich rot, obwohl mir natürlich klar war, dass sie es nur gut mit mir meinte.
„Elina, du weißt genau, dass ich keinen Bock auf eine Beziehung habe und ich will dieses Thema nicht immer wieder durchkauen“, fuhr ich sie lauter an als geplant.
„Aber…“
„Schluss jetzt!“ Damit war die Sache für mich erledigt.
„Schön, dann eben nicht.“ Meine Schwester sprang mit Tränen in den Augen – bei ihr ein Anzeichen von Wut – vom Tisch auf und rannte in ihr Zimmer.
„Na der Tag fängt ja prima an“, nuschelte ich.
Appetit hatte ich keinen, so räumte ich den Tisch ab und wusch das gebrauchte Geschirr ab. Dann tat ich die Wäsche in die Maschine – Elina würde sie hoffentlich aufhängen, wenn sie fertig war – und suchte anschließend einige Unterlagen im Büro zusammen, um sie mit in die Firma zu nehmen.
Ja, obwohl Sonntag war, fuhr ich in die Firma. Spricht schließlich nichts dagegen, wenn man sein eigener Chef ist und so konnte man wenigstens mal in Ruhe arbeiten, ohne dass alle 3 Minuten einer der Angestellten was von einem wollte.
Seit knapp 7 Jahren leitete ich einen mittelgroßen Wirtschaftskonzern, der von meinem Vater zu dem aufgebaut wurde, was er heute war. Nachdem ich damals mein BWL-Studium abgeschlossen hatte, schwebte mir eigentlich alles andere vor, als Chef der Firma zu werden, aber das Schicksal wollte es anders.
An einem Samstag waren meine Eltern und Elina im Zoo. Es war super Wetter und sie ließen es sich gut gehen. Auf der Rückfahrt verunglückten sie jedoch. Ein Reifen am Wagen platzte, wodurch er nicht mehr zu halten war die Mittelleitplanke der Autobahn durchbrach. Der Gegenverkehr besorgte den Rest. Unsere Mutter starb noch an der Unfallstelle, Dad kurze Zeit später im Krankenhaus.
Nun blieb mir nur noch Elina, die schwer verletzt auf der Intensivstation lag. Tag für Tag wachte ich an ihrem Bett, wich ihr nicht von der Seite. Nach einer quälenden Woche machte sie endlich zum ersten Mal die Augen auf und war über den Berg. Meine anfängliche Erleichterung wich der Angst, ihr sagen zu müssen, dass unsere Eltern nicht wiederkommen würden. Dass es niemanden mehr gab außer uns beiden.
Doch auch das meisterte ich – irgendwie. Anfangs weinten wir gemeinsam, doch dann riss ich mich zusammen, schließlich musste ich Elina eine Stütze sein. Wahrscheinlich bin ich zu jener Zeit umhergewandelt wie ein Zombie, ich erinnere mich nicht genau und das ist wohl auch besser so. Jedenfalls schlugen wir uns seit jenem Samstag alleine durch und ich übernahm die Firma und natürlich die Vormundschaft für meine Schwester.
Nachdem ich mich auf der Arbeit abgeregt und eine Menge für die kommende Woche vorbereitet hatte, verließ ich den Gewerbekomplex und fuhr zum Schießen, was seit etwa zwei Jahren zu meinen Hobbies zählte. Meine Waffe hatte ich – natürlich ohne Munition – genau wie meinen Waffenschein bei mir.
Dort hielt ich mich bis zum frühen Abend auf und anschließend beschloss ich mir noch schnell einen Quickie zu besorgen, sozusagen zum Abendbrot. Ich fuhr in mein Stammcafé, was eigentlich eher eine Kneipe war, und scannte das Angebot. Viel los war nicht, aber das war um die Zeit kein Wunder. Die meisten würden erst in ein paar Stunden aus ihren Löchern kriechen, machten die richtig guten Gay-Clubs doch erst in ein paar Stunden auf.
Am Tresen fiel mir ein Typ auf, mit dem ich es schon einmal getrieben hatte. Er war nicht meine erste Wahl, aber in Ermangelung einer Alternative nickte ich ihm zu und ging schnurstracks zur Toilette. Es dauerte nicht lange und er kam hinterher. Wir wurden uns schnell einig und eine Viertelstunde später war ich wieder draußen und auf dem Weg nach Hause.
Schon als ich auf den Hof, fuhr beschlich mich ein ungutes Gefühl. Dieses verstärkte sich noch, als ich die Tür aufschloss und ins Haus trat. Irgendetwas stimmte nicht. Es war zu ruhig.
„Elina? Bist du da?“
Keine Antwort.
Ich stellte meine Tasche ab und eilte in ihr Zimmer, natürlich nicht, ohne vorher anzuklopfen. Doch es war leer.
„Elina?“
In der Küche sah ich als nächstes nach, denn hier legten wir Nachrichten auf den Tisch, wenn wir weggingen. Der Tisch war leer!
Durch die Schiebetüren aus Glas sah ich ins Wohnzimmer und stutzte. Die Gardinen hatten sich gerade bewegt oder war das Einbildung? Ein paar Sekunden später stand ich im Wohnzimmer und starrte fassungslos auf den umgeworfenen Couchtisch, die Glasscherben auf dem mit Saft durchtränkten Teppichboden und die ausgehebelte Terrassentür.
„Alles, nur das nicht“, flüsterte ich und fühlte mich einer Ohnmacht nahe.
„Elina?“, brüllte ich überflüssigerweise erneut durchs ganze Haus.
Totenstille!
Innerlich seufzte ich auf, schüttelte die Gedanken an diesen fürchterlichen Abend ab und sah mich um. Es gab klare Anweisungen, die ich einen Tag nach der Entführung per Brief erhalten hatte: „Wenn du deine Schwester lebend wiedersehen willst, bringe 1 Mio Euro in kleinen, nicht nummerierten Scheinen kommenden Mittwoch um 12:00 Uhr in die Ankunftshalle des Münchner Airports. Weitere Anweisungen erhältst du vor Ort. Keine Tricks, keine Polizei!“ Daran würde ich mich halten.
Es war nicht einfach gewesen, das Geld zu beschaffen. Zwar hatten wir viel Vermögen, aber das meiste war langfristig festgelegt und ich kam nicht so ohne weiteres daran. Zumindest nicht, ohne dass ein anderer davon Wind bekam und das galt es zu vermeiden.
Ein Handy klingelte und ich zuckte zusammen, als es in der Innentasche meiner Lederjacke vibrierte. Es war nicht meines, sondern eins, das dem Erpresserschreiben beilag. Nervös fummelte ich an der Tasche herum, bekam das scheiß Handy aber nicht heraus, so dass ich die Tasche kurz abstellte. Endlich gelang es.
„Ja“, meldete ich mich mit, wie ich hoffte, halbwegs normaler Stimme.
„Geh in die Dusche des öffentlichen Bereichs auf Ebene 3 neben Terminal 2. Über der Dusche ist eine Deckenplatte lose, die du hochheben kannst. Dort hinein legst du die Tasche und verschwindest für eine Stunde in die Kirche auf Ebene 4“, ratterte ein Typ mit akzentfreiem Deutsch seinen Text herunter.
„Was ist mit Elina?“, fragte ich. „Wann lasst ihr sie frei?“
„Sobald wir das Geld in Sicherheit gebracht haben.“ Er legte auf.
Genau in diesem Moment wurde ich von einem jungen Bengel fast über den Haufen gerannt. Er rempelte mich ziemlich heftig an, fing sich aber wieder und lief weiter.
„Verdammt!“, fluchte ich und erfasste mit einem Blick meine Tasche, die immer noch an Ort und Stelle stand.
„Tschuldigung“, klang es noch hinter ihm her, doch ich war bereits mit den Gedanken wieder bei meiner Schwester.
Selbstverständlich befolgte ich alle Anweisungen und saß meine Zeit in der Kirche ab. Ich betete und flehte, dass alles glatt ging und ich meine Kleine bald wieder in die Arme schließen könnte.
Doch daraus wurde nichts.
*-*-*
RENÉ
Ich saß in einem riesigen Flugzeug und bewunderte die vielen kleinen, leuchtenden Punkte der Stadt, die ich gerade hinter mir ließ. Zwar war es zweite Klasse, aber ich konnte mir einen Platz am Fenster sichern, was schon viel ausmachte.
Mein Glück konnte ich noch immer kaum fassen. Seufzend lehnte ich mich zurück und genoss das Glas Wasser, welches mir die Stewardess gereicht hatte.
Mit einem Schlag waren all meine Sorgen vergessen. Der Streit mit meinen Eltern, als sie erfuhren, wie pervers ich war und ihr darauffolgender Rausschmiss, der Uniabbruch, weil das passende Kleingeld fehlte, die Sorge, wo ich die Nacht verbringe oder wie ich über den nächsten Tag komme. Alles vergessen.
Ich stellte das Glas weg, machte es mir im Sitz bequem und schloss die Augen. Bilder der letzten Stunden tauchten auf und verschwanden wieder, wie in einem Traum. Das Gesicht dieses Mannes werde ich wohl nicht mehr so leicht vergessen.
Er fiel mir sofort auf, als er den Flughafen betrat. Auf den ersten Blick sah er wie jeder andere aus, normale Alltagsklamotten, braune Lederjacke, nichts Besonderes halt.
Doch ein geübtes Auge erkannte die Markensachen, welche auf alt getrimmt waren. Und wie er sich bewegte, sich durch die Masse pflügte, als schienen ihm alle Platz zu machen. Diese arrogante Ausstrahlung schlug mir regelrecht ins Gesicht. Es war keine Minute später beschlossen. Er wäre der Nächste.
Meine Reisetasche schulternd, setzte ich mich in Bewegung, direkt auf ihn zu. Ich tat so, als wäre ich in Eile und stieß vorher schon ein paar andere Leute an, oder streifte diese. Eigentlich war ich ja nur auf die Brieftasche des Mannes aus, aber als ich erkannte, dass er die gleiche Reisetasche besaß wie ich, entschied ich mich spontan um.
Die Kapuze meines Pullovers über den Kopf ziehend, legte ich noch etwas an Tempo zu, gab vor, jemand anderes auszuweichen und rempelte somit meine Zielperson an.
Die Taschen waren schnell ausgetauscht, schließlich hatte ich darin Übung, und schon war ich, mit einer gehetzten Entschuldigung auf den Lippen, wieder weg, untergetaucht in der Menge.
Mein Herz schlug wie verrückt, dank Adrenalin und Hochgefühl des gelungenen Coups. Ich entfernte mich so weit wie möglich und verschwand in der nächsten Herrentoilette, in einem abschließbaren Abteil. Markenklamotten könnte ich gut im An- und Verkauf verticken und so schnell Bares bekommen.
Doch als ich die Tasche öffnete, verschlug es mir die Sprache. Mit offenem Mund starrte ich die Geldbündel an, welche mir in Mengen entgegen lachten. Wie unter Trance hob ich meine Hand zur Wange und kniff kräftig hinein. Ein Traum war es schon mal nicht. Mit zitternden Fingern zupfte ich einen Geldschein aus einem der Bündel, hielt diesen gegen das Licht und überprüfte somit die Echtheit. Ich musste schlucken, als ich erkannte, dass es wirklich kein Spielgeld war.
Kurz dachte ich zurück an diesen Mann, dem ich die Tasche abgenommen hatte und die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Das war bestimmt ein Drogendealer. Schwarze, lange Haare, zu einem Zopf gebunden, braun gebrannte Haut, dieser leicht suchende Ausdruck in den Augen. Und diese Kälte, die er ausstrahlte… Mich fröstelte es sofort, als ich an die kurze Berührung zurückdachte.
Wenn ich wirklich bei einer großen Übergabe dazwischen gefunkt hatte, musste ich hier sofort weg. Solche Leute waren schließlich nicht gerade für ihre Zimperlichkeit bekannt.
Mein Entschluss war schnell gefasst. In München hielt mich sowieso nichts mehr und ich wollte schon immer einmal groß verreisen. Ich zog rasch meinen Pullover aus und warf ihn achtlos beiseite, schließlich wollte ich so wenig wie möglich auffallen, besonders bei diesem Typen.
Ich kaufte mir das erstbeste Ticket, was zu haben war und rannte zum Terminal. Gerade noch so wurde ich durchgelassen und lief, mit einem kurzen Abstecher im Personalbereich des Flughafens, zum Gate. Endlich zahlte es sich aus, mal bei der Gepäckabfertigung gearbeitet zu haben. Dort konnte ich unauffällig meine Reisetasche durch die Kontrollen schleusen, ohne dass jemand etwas bemerkte.
So saß ich nun in diesem riesigen Airbus Richtung Shanghai und ließ mich von dem klein bisschen Luxus verwöhnen, der mir dargeboten wurde und dachte schmunzelnd an die tiefbraunen Augen des Mannes zurück, der mir in meinem Leben zum ersten Mal etwas Glück brachte.
*-*-*
ELIAS
Nachdem ich die Kirche verlassen hatte, fuhr ich auf direktem Weg nach Hause – und zwar wie eine besengte Sau. Verkehrsregeln kannte ich nicht und zum Glück hielt mich niemand an und es blieb bei einigen wild gestikulierenden und hupenden Verkehrsteilnehmern, die mir die Pest an den Hals wünschten.
Das alles war mir jedoch egal, denn ich war von der Idee besessen, Elina könnte bereits zu Hause sein, wenn ich dort ankam. Doch dem war nicht so. Niedergeschlagen ließ ich mich auf die Couch fallen und legte das Gesicht in meine Hände. Das Chaos im Wohnzimmer hatte ich bis auf den Fleck beseitigt und die Terrassentür war wieder eingehängt und geschlossen.
Seufzend stand ich wieder auf und ging in die Küche. Ein doppelter Whiskey sollte mir helfen bei Verstand zu bleiben und nicht völlig durchzudrehen. Gerade hatte ich das Glas in einem Zug geleert, als erneut das Handy klingelte.
Ich stürzte in den Flur, wo ich meine Jacke auf einen Rattan-Stuhl geschmissen hatte und fummelte es aus der Innentasche.
„Ja? Wo ist Elina? Kann ich sie wo abholen?“, sprudelte es aus mir hervor.
„Soll das ein Witz sein?“, fauchte mich wieder diese unangenehme Stimme von vorhin an.
„Was meinen Sie? Ich verstehe nicht… Sie haben doch das Geld.“
„Findest das wohl lustig, wie? Von wegen Geld, dreckige Klamotten habe ich und nicht die Spur von ´ner Million.“
„Was? Das kann nicht sein“, rief ich panisch. „In der Tasche war eine Million Euro, ich habe sie in der Dusche… oh scheiße!“
In diesem Moment zuckte eine Erinnerung durch mein Hirn. Ein junger Bengel, der mich über den Haufen rannte, die Tasche, die anschließend immer noch auf dem Boden stand.
„Der Typ hat mir die Tasche geklaut“, krächzte ich und ließ mich an der nächsten Wand hinunter gleiten.
„Hör mal zu, ich steh nicht auf Spielchen und deine Schwester muss das ausbaden!“ Der Typ am anderen Ende klang äußerst aggressiv.
„Nein!“, schrie ich und erklärte ihm im Folgenden was auf dem Flughafen passiert sein musste. „Bitte glauben Sie mir, er muss das Geld haben.“
„Dann besorg Neues und zwar schnell!“, polterte er.
Scheinbar war meine Erklärung plausibel. Klar war sie das, schoss es mir durch den Kopf, der oder die Erpresser hatten mich natürlich am Flughafen beobachtet, also musste ihnen auch der Bengel aufgefallen sein.
„Ich kann nicht noch mal so schnell eine Million besorgen. Ein paar Hunderttausend schaffe ich vielleicht aber mehr nicht. An den Rest komme ich nicht ran, es ist alles festgelegt.“
„Das ist nicht mein Problem. Hol es dir halt von dem Taschendieb wieder. Jedenfalls bringst du mir das Geld bis morgen, oder deine Schwester stirbt!“
„Bis morgen kriege ich das nie hin. Wirklich nicht. Wenn ich Glück habe, kann ich bis übermorgen Zweihunderttausend locker machen, mehr habe ich nicht“, keuchte ich in das Telefon.
„Moment mal. Mir kommt da eine Idee, wie ich eventuell herauskriege, wer der Typ ist. Das setzt voraus, dass er geflogen ist… Dann bräuchte ich aber mehr Zeit, um das Geld wieder zu beschaffen.“
„Hör mal, Schwertner, du gehst mir verdammt noch mal auf die Eier! Zweihundertfünfzigtausend bis morgen und die Million später. Alles weitere folgt.“ Er legte auf.
Das durfte alles nicht wahr sein. Tränen stiegen in mir auf und ich heulte wie ich schon seit dem Tod meiner Eltern nicht mehr geheult hatte. Ich musste Elina einfach zurückbekommen, koste es was es wolle.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich beruhigt hatte und wieder klare Gedanken fassen konnte. Ich beschloss, als erstes am nächsten Tag die Kohle aus der Firma zu holen. Das sollte zum Glück gerade noch so machbar sein, auch wenn ich mehr als in der Scheiße stecken würde, sollte das jemals raus kommen.
Eine Sache gab es, die konnte ich an diesem Abend noch erledigen und davon hing alles ab. Würde Heiner mir diesen einen Gefallen tun oder nicht? Heiner, ich kannte ihn vom Schießen, ist Wachmann auf dem Münchner Flughafen. Geschwind suchte ich seine Nummer aus dem Telefonbuch und rief trotz der späten Stunde noch an.
Es dauerte eine ganze Weile bis ich ihm, natürlich ohne die wirklichen Gründe zu nennen, plausibel erklärt hatte, was ich von ihm wollte. Glücklicherweise stimmte Heiner zu, die Überwachungsbilder auszuwerten und mir alles zu sagen, was den Typen betraf. Wenn ich also Glück hatte, würde ich spätestens bis zum nächsten Abend erfahren, wo dieser Typ hingeflogen war und dann Gnade ihm Gott!
Dass es natürlich auch die Möglichkeit gab, dass er nirgends hingeflogen ist, blendete ich aus, denn dann hätte ich faktisch keine Chance zu ermitteln, wer er ist. Mit einer Passagierliste der entsprechenden Maschine sah das schon etwas besser aus.
Am nächsten morgen erwachte ich gerädert am Küchentisch. Sofort, als ich die Augen öffnete, fiel mir Elina wieder ein und es schmerzte fürchterlich. Wie es ihr wohl ging, dort wo sie war? Was sie wohl mit ihr machten? Ob sie überhaupt noch lebte?
`Natürlich lebt sie noch, du Idiot´, dachte ich und haute mit der Hand auf den Tisch, um diesen letzten Gedanken zu verdrängen. Noch einmal würde ich es nicht durchstehen, jemanden zu verlieren.
Ich stand auf und fuhr, ohne zu duschen oder neue Klamotten anzuziehen, in die Firma.
„Na, das scheint ja eine anstrengende Nacht gewesen zu sein“, sagte Birgit, meine Sekretärin, als ich das Vorzimmer meines Büros betrat und zwinkerte mir zu.
Ich setzte ein falsches Lächeln auf und teilte ihr mit, dass ich die nächsten zwei bis drei Wochen von zu Hause arbeiten würde, da ich Ruhe brauchte.
„Mit Elina ist aber alles okay, es ist nur was geschäftliches, oder?“, fragte sie.
„Ja, alles okay. Es könnte sein, dass ich einen genialen Coup für die Firma lande, aber das versuche ich lieber ungestört. Sie kennen mich doch, Birgit. Ab und an laufen die Geschäfte besser, wenn ich mich zu Hause einbunkere.“
„In der Tat“, bestätigte sie lachend. „Dann sage ich alle Termine für die nächsten Wochen ab?“
„Ja, danke.“
Diese Lügen verlangten mir alles ab. Nicht, dass mir lügen schwerfiel, aber die Hintergründe für diese Lügen zermürbten mich immer mehr. Umso besser, dass ich einige Zeit aus der Firma verschwand. So würde niemand misstrauisch.
Nachdem ich das geklärt hatte besorgte ich mir das Geld, ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Dann fuhr ich auf direktem Weg nach Hause und ersehnte einen Anruf von Heiner oder eben dem Entführer herbei.
Die Stunden vergingen quälend langsam, bis gegen späten Nachmittag endlich das Handy klingelte. Mein Bekannter war es nicht und die Stimme konnte ich nicht zuordnen. Der Typ sprach mit Akzent, ich tippte auf nahen Osten. Es war klar, dass auch er mit Elinas Verschwinden zu tun hatte.
„Gib mir den anderen“, sagte ich mutig. „Woher soll ich wissen, dass du wirklich dazugehörst.“
Zum Glück nahm er es mit Humor und übergab das Handy an den Mann, mit dem ich am Vortag schon gesprochen hatte.
„Schwertner, du bist schon so ein Fall für sich“, sagte er und fragte dann nach, ob ich das Geld bereits hätte. Nachdem ich das bestätigt hatte, nannte er Zeit und Ort der nächsten Übergabe – sie sollte bereits in der nächsten Stunde stattfinden.
„Ich will mit Elina sprechen. Vorher kriegt ihr gar nichts“, sagte ich so ruhig wie irgend möglich, als er schon im Begriff war aufzulegen.
Es raschelte einige Sekunden am anderen Ende und dann vernahm ich ein Schluchzen im Ohr, das mir fast das Herz zerriss. Ich hätte es unter Tausenden rausgehört.
„Elias? Bitte hol mich hier weg“, sagte sie weinend.
„Das werde ich, Süße! Versprochen. Ich liebe dich.“ Es kostete mich alle Überwindung, die ich in dieser Situation aufbringen konnte, ruhig zu bleiben und nicht selbst los zu heulen.
„Ich lieb´ dich auch“, hauchte sie und schluchzte erneut.
„Meine Fresse, ihr rührt mich ja zu Tränen“, vernahm ich wieder eine männliche Stimme. „Das sollte fürs erste reichen.“ Dann wurde aufgelegt.
Die unterschiedlichsten Gefühle bemächtigten sich meiner. Zum einen war ich froh, die Gewissheit zu haben, dass meine Schwester noch lebte und zum anderen machte ich mir große Sorgen über ihren Zustand.
Doch ich musste versuchen die Ruhe zu bewahren, wenn ich ihr helfen wollte. Alles andere würde ihr nur noch mehr schaden.
Ich rappelte mich auf und fuhr zur Geldübergabe, die diesmal reibungslos klappte, was ich später per Handy bestätigt bekam. Sie wollten sich in den nächsten Tagen wieder melden, um zu erfahren, wie es hinsichtlich der Million aussah.
Es machte mich rasend, dass ich so dämlich war und die Tasche für einen kurzen Moment aus der Hand gegeben hatte. Hätte ich es nicht getan, wäre Elina sicherlich schon wieder frei. Wenn die Erpresser die Geduld verlören, wäre ich ganz alleine Schuld daran, falls ihr was zustieße.
Das Telefon klingelte und ich musste mich einen Moment sammeln bevor ich schnallte, dass es der Festnetzapparat war.
„Schwertner“, meldete ich mich.
Es war Heiner, der mir mitteilte, dass er Erfolg hatte. Ich sollte zu ihm kommen und natürlich ließ ich mir das nicht zweimal sagen. Mein Bekannter hatte ganze Arbeit geleistet und den Weg des Trickdiebes bildlich und lückenlos nachgewiesen.
Inzwischen war ich wieder daheim und breitete die Unterlagen auf dem großen Esstisch im Wohnzimmer aus. Viel war es nicht, aber es reichte für den Anfang. Ich hatte ein paar Ausdrucke von dem Rempler mit mir, dann ein Bild, wo der Typ auf der Toilette verschwindet und anschließend mit meiner Tasche, aber ohne Kapuzenpulli, wieder heraus kommt. Die Statur stimmte auch, also musste er es sein. Weiterhin gab es dann noch einen Druck, auf dem zu erkennen war, dass er sich um 21:25 Uhr in dem Gate befand, wo laut Abflugauskunft ein Flug nach Shanghai gestartet war.
Als ich die letzten zwei Blätter genauer betrachtete, wurde ich ruhig und ich schätze in diesem Moment sah ich sehr zufrieden und mordlüstern zugleich aus. Auf dem einen Blatt war zu sehen, wie der Typ tatsächlich auf dem Flug nach Shanghai eincheckt und auf dem nächsten Blatt gab es eine komplette Passagierliste mit einer handschriftlichen Notiz, dass nur vier dieser Passagiere ihren Flug kurz zuvor direkt am Airport München gebucht hatten. Und dann stand dort noch eine Information, mit der ich nicht gerechnet hatte: `Der Junge hat als Letzter eingecheckt, sein Name ist René Hallwig´. Er war mein Mann und ich würde ihn finden, koste es was es wolle!
*-*-*
RENÉ
Verschlafen rieb ich mir über die Augen und versuchte, richtig wach zu werden. Es war kurz vor 9 Uhr morgens nach deutscher Zeit, also fast 15 Uhr Ortszeit. Der Flieger war ohne Probleme gelandet und ich hatte geschickt meine Tasche erneut durch den Zoll geschmuggelt. So stand ich nun auf dem Pudong International Airport in Shanghai, China und überlegte meine nächsten Schritte.
Zuerst bräuchte ich natürlich ein Hotel, weswegen es mich zur Touristeninformation zog. Zum Glück waren Fremdsprachen schon immer mein Ding, wodurch ich mich in einem guten Englisch verständigen konnte. Ein Hotel im Holiday Inn war schnell gebucht und auf einer Stadtkarte wurden mir die schönsten Sehenswürdigkeiten gezeigt.
Ich kaufte diese und gleich noch eine mit aktuellem Metro Netzwerk, und betrat wenig später den „Maglev“, den Transrapid von Shanghai. Mit 430 km/h raste ich mit der Magnetschwebebahn durch die Innenstadt der Metropole, bis zur Lóngyáng-Straße, einem Außenbezirk Shanghais.
Von dort waren es nur noch wenige Stationen bis zu meinem Hotel, welches keine fünf Minuten von der Longde Road, der Bahnhaltestelle, lag. Natürlich hätte ich mir auch ein Taxi nehmen können, das passende Kleingeld hatte ich ja. Aber ich wollte etwas von Land und Leute sehen und dass ging am besten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Der Typ an der Rezeption sah mich ganz schön pikiert an, wegen meiner abgetragenen Klamotten, aber mir war es total egal. Nach dem ich eine Anzahlung für das Zimmer leisten musste – Frechheit! Die Menschen besitzen einfach kein Vertrauen mehr und lassen sich ständig von Äußerlichkeiten beeinflussen – wurde mir endlich die Zimmerkarte ausgehändigt.
Grinsend schloss ich die Tür von Raum Nummer 408 auf und warf mich jauchzend auf das riesige Bett. Ich konnte es noch immer kaum fassen, dass ich wirklich hier war. Meine Müdigkeit war wie verflogen und von Jetlag nicht die geringste Spur. Ich war viel zu aufgeregt.
Voller Tatendrang holte ich die Infobroschüre hervor, die ich von der Touristeninformation bekommen hatte und suchte mir ein paar Ziele für heute raus. Dann nahm ich mir ein Geldbündel aus der Tasche, stopfte diese anschließend in den abschließbaren Schrank und ging wieder hinunter zur Rezeption. Dort tauschte ich ein paar Euros in die Landeswährung um und ging auf die Straße.
Die Stadt war einfach riesig. Lächelnd ging ich die Wege entlang, betrachtete die großen Bäume, die die Straßen säumten und grinste bei den vielen Fahrradfahrern, welche gemütlich durch die Gegend radelten. Die Häuser waren gigantisch und altertümlich zugleich. Neben westlichen Wolkenkratzern standen kleinere Bauten mit geschwungenen, spitzen Dächern, wie ich sie lediglich aus Mangas oder Animés kannte. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hingucken sollte.
Mein erstes Ziel war der Taipingqiao Park, dessen 52 ha von einer amerikanischen Firma angeblich in lediglich 6 Monaten über eine riesige Tiefgarage gebaut worden war. Diese vielen Bäume, die farbenprächtigen Blumen und der große Teich mit dem Springbrunnen waren echt eine Augenweide – und das mitten in der Stadt!
Es war zwar nicht sonderlich warm, aber auch nicht bitterkalt, weswegen ich mir eine freie Bank suchte und dort gemütlich eine riesige Pizza von Pizza Hut verdrückte. Die kam gerade einmal 44 Y kostete, was ca. 4,66 € entsprach. Da hatte ich endlich Geld und lebte trotzdem sparsam!
Auf meinem weiteren Weg durch die Stadt entdeckte ich einen kleinen Flohmarkt, wo neben etlichen Buddhastatuen sogar ein paar Anziehsachen verkauften. Da ich ja absolut nichts mehr besaß, kaufte ich mir erstmal einen Rucksack, diverse Shirts und Unterwäsche. In einem kleinen Laden, ein paar Straßen weiter, deckte ich mich mit Shampoo, Duschgel, Zahnbürste und noch anderen Kleinigkeiten ein, die Mann so braucht. Natürlich kaufte ich auch eine Kamera. Ohne die ging ja gar nichts.
An dem Tag schaffte ich es gerade noch so zwei verschiedene Tempel zu besuchen, bis es endgültig dunkel wurde und die Besucherzeiten vorbei waren. Dank meines gut ausgeprägten Orientierungssinns und einer Stadtkarte, fand ich gemütlich zu meinem Hotel zurück, aß dort noch eine Kleinigkeit zu Abend und ging dann auf mein Zimmer. Frisch geduscht lag ich im Bett und machte mir für den nächsten Tag erneute Ziele aus, bis schlussendlich doch meine Augen zufielen und ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf hinüber glitt.
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ELIAS
Es hatte mich einige Mühe gekostet, mir in dem ausgebuchten Airbus am nächsten Tag einen Platz zu sichern, doch da ich als geschäftlicher Vielflieger bei der Fluglinie bekannt war, wurde noch ein Plätzchen für mich „gefunden“. Dank der gesammelten Meilen, musste ich wenigstens nicht für die Flüge aufkommen. Elina hatte sich oft beschwert, dass wir dafür schon x-Mal Wochenendtrips nach London, Paris oder Amsterdam hätten machen können, jedoch hatte ich immer abgeblockt.
Während des gesamten Flugs dachte ich an meine Schwester und malte mir erneut alle möglichen Grausamkeiten aus, welche die Männer ihr antun könnten. Folglich kam ich völlig übernächtigt einen Tag später in Shanghai an. Das Gewusel auf dem Flughafen überforderte mich, wie immer, wenn ich in den asiatischen Raum flog. Suchend sah ich mich um und entdeckte einen kleinen Mann, der ein Pappschild mit meinem Namen drauf hochhielt.
Das war also mein Dolmetscher bzw. Handlanger für die Zeit in Shanghai. Ich ging zu ihm herüber und hielt mich nicht lange mit der Begrüßung auf, was zwar unhöflich, mir jedoch scheiß egal war. Schließlich würde ich ihn gut bezahlen und das wusste er, immerhin hatte er schon eine erste Zahlung erhalten.
„Haben Sie die Informationen bekommen, die ich brauche?“, fragte ich, während wir zu seinem Auto gingen.
„Natürlich. Dank Ihrer Großzügigkeit war das kein Problem. Das Personal hier verdient nicht sonderlich gut, ebenso wie die Taxifahrer, da kommt eine kleine Aufstockung den Meisten sehr gelegen. Hier ist die Adresse des Hotels.“ Er gab sie mir. „Soll ich Sie gleich hinfahren?“
Ich nickte, lud mein Gepäck in seinen Kofferraum und stieg ein. Das hatte ja wunderbar funktioniert. Nur noch ein paar Minuten und der Bengel würde nicht mehr wissen wo oben und unten ist.
Die Fahrt ging sehr stockend voran – wie sollte es in der Metropole auch anders sein. Es dauerte geschlagene eineinhalb Stunden, bis wir endlich am Hotel hielten und ich mich vorerst von meinem Informanten verabschiedete. An der Information fragte ich als allererstes nach der Zimmernummer meines „Geschäftspartners“ René Hallwig.
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RENÉ
Am nächsten Morgen wachte ich ziemlich früh, aber trotzdem ausgeruht auf. Es schlief sich wirklich besser, wenn man sich seit langer Zeit endlich einmal keine Gedanken mehr ums Geld machen musste. Gegen 8 Uhr sprang ich förmlich die Treppen hinunter und stapelte mir ordentlich vom Frühstücksbuffet etwas auf meinem Teller. Mit einem mordsmäßigen Appetit verdrückte ich zwei Brötchen mit Marmelade, Honig und Nutella, eine Schüssel Schokomüsli mit Joghurt und einen kleinen Teller voll frischem Obst. Und das alles in weniger als einer halben Stunde. Mir war piepegal was die anderen Leute von mir dachten. Wenn die wie ich Wochenlang kein richtiges Frühstück gehabt hätten, würden die sich genauso wenig zurückhalten.
Beschwingt und gesättigt ging ich den Flur entlang, Richtung Treppe, als ich kurz innehalten musste, da mein Schnürsenkel offen war. Ich kniete mich also hin, um dies zu beheben, als ich durch Zufall ein Gespräch aufschnappte. Jemand telefonierte hinter der angelehnten Tür, vor der ich gerade hockte, und zwar auf Englisch, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
„I can´t give you this information. I have a family. I need my job!“ Das war das schlimmste akzentbehaftetste Englisch, was ich mir je anhören musste.
„Okay… How much?“ Der Mann holte tief Luft.
„One moment.“ Papier knisterte. „Ehm… René Hallwig, you mean? Ehm… Yes, he is here. Room number 408. Okay … Bye“
Ich hörte ein Rascheln und wie jemand auf die Tür zuging. Schnell brachte ich mich hinter der nächsten Ecke außer Sichtweite und lief dann bis zu meinem Zimmer. Jemand suchte nach mir und die Frage nach dem wer, war leicht beantwortet.
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ELIAS
„Was soll das heißen? Er hat soeben ausgecheckt und ist auf dem Weg zum Flughafen?“, brüllte ich den Hotelier an, der verschreckt weit hinter den Tresen zurückwich und offensichtlich nach dem Sicherheitsdienst Ausschau hielt. Ich versuchte die Situation zu retten indem ich mich entschuldigte und er schien einigermaßen beruhigt.
„Bitte, wissen sie zufällig wohin er fliegt? Es ist wirklich wichtig, dass er meine Unterlagen bekommt.“
„Natürlich, er hat über uns einen Flug buchen lassen. Er fliegt mit der Air China, Boeing B777-200 um 9:55 Uhr nach Narita, Japan.“
„Danke.“
Hals über Kopf rannte ich mit meinem kleinen Koffer in der Hand wieder nach draußen und pfiff das nächste Taxi heran. Während wir schon fuhren – zumindest so lange, bis der Verkehr sich wieder verdichtete und zum Erliegen kam – telefonierte ich mit meinem Dolmetscher, schilderte ihm kurz die Situation und bat um eine Buchung für eben diese Maschine um 9:55 Uhr.
Einige Minuten später rief er mich zurück und teilte mit, dass der Flug ausgebucht und die Airline trotz Bestechungsversuch weder gewillt war, ihn mitfliegen zu lassen noch, die Maschine zurückzuhalten, falls ich zu spät kommen sollte.
Ich fragte den Taxifahrer, ob er nicht über Umwege schneller zum Ziel käme, aber er teilte mir in grausigem Englisch mit, dass alle Straßen voll seien und wir mindestens eine Stunde brauchen würden.
Es kam noch schlimmer, denn die Stunde war weit untertrieben. Als ich schweißgebadet auf dem Flughafen ankam, teilte mir die große Anzeigetafel in der Halle mit, dass das Boarding für die Maschine mit Hallwig an Bord gerade abgeschlossen war. Kurz darauf konnte ich sie durch die Fensterfront Richtung Startbahn rollen sehn.
„Das darf nicht wahr sein“, fluchte ich und stürzte zum nächsten Schalter, wo ich einem Herzinfarkt nahe für den nächsten Flug buchte.
Da mein Flug erst in 2 Stunden gehen würde, hatte ich genug Zeit, mir in Ruhe – sofern man auf dem Flughafen von Ruhe sprechen konnte – die nächsten Schritte zu überlegen. Für die nächsten 4 Stunden wäre der kleine Scheißer erst mal in der Luft und dort konnte er zum Glück nicht abhauen.
Ich rief erneut meine Kontaktperson aus China an und beauftragte ihn, mir Fotos der Überwachungskamera des Hotels zu besorgen, in dem ich noch vor kurzem an der Rezeption gestanden hatte. Des Weiteren bat ich ihn, den Kontakt zu einem japanischen Detektiv aufzunehmen, der René Hallwig vom ersten Schritt an in Japan beschatten sollte – natürlich gegen gutes Geld.
Nachdem ich dieses Prozedere erledigt hatte, wurde ich endlich ruhiger und so schaffte ich es auch, die Entführer zu beschwichtigen und glaubhaft zu vermitteln, dass ich der Kohle im wahrsten Sinne des Wortes auf den Versen war, als sie einen ihrer täglichen Kontrollanrufe machten.
Sie erlaubten Elina mit mir zu sprechen und sie klang etwas besser als das letzte Mal, auch wenn ich nach wie vor spürte, wie schlecht es ihr ging.
Bevor ich mit dem Einchecken dran war, versuchte ich, ein wenig Schlaf zu bekommen, doch das war unter diesen Umständen kaum möglich. Es war laut, unbequem und stank. Außerdem tauchte das Gesicht meiner Schwester vor mir auf, sobald ich die Augen schloss.
Also verschob ich diese Art der Erholung auf den Flug und siehe da, es klappte. Zwar schlief ich nicht sonderlich lange, nachdem wir ohne Verspätung gestartet waren, aber immerhin etwas.
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RENÉ
Es war schon seltsam, wie schnell Dinge sich ändern konnten. Zuerst war ich der brave Mustersohn von Mami und Papi, dann ein perverser Versager, ein Straßenjunge und Dieb, Blitzmillionär und jetzt ein Flüchtling. Wie konnte ich auch nur so naiv sein und wirklich glauben, dass diese Typen nicht nach ihrem Drogengeld suchen würden.
Nachdem ich mitbekommen hatte, wie leicht die Menschen zu bestechen waren, hatte ich meine wenigen Sachen geschnappt, über den Hotelcomputer für Gäste den nächstbesten Flug gebucht und war sofort abgereist.
Das Geld stopfte ich vorher in einen Karton mit ein paar Klamotten von mir und schickte diesen per Post an das Hotel, wo ich unter falschem Namen ein Zimmer reserviert hatte. So blieb mir wenigstens die Schmuggelei auf dem Flughafen erspart.
Ich sah noch zu, wie der Postbote mein Paket mitnahm und auf seinem Roller verschwand, wich einem Taxi aus, das wild hupend den halben Bordstein vor dem Eingang des Hotels mitnahm und lief dann eilig Richtung U-Bahn-Station.
Wieder einmal schaffte ich es kurz vor knapp am Flughafen zu sein und war einer der letzten Passagiere, die eincheckten. Nun saß ich hier, ließ mich von dem Metallkollos Richtung Japan tragen und dachte ernsthaft über meine nächsten Schritte nach.
Dafür hatte ich dieses Mal ordentlich Zeit. Normal betrug die Reisedauer von Shanghai bis Narita/Japan um die vier Stunden. Doch anstatt wie geplant 13:50 Uhr zu landen, zog der Flieger gegen 15 Uhr die x-te Runde um den Flughafen, weil angeblich kein Platz auf der Landebahn war.
Eine weitere geschlagene Stunde später stand ich endlich an der Kasse an einem Kiosk und kaufte mir abermals Stadt- und Buspläne.
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ELIAS
Sofort nachdem ich in Narita angekommen war erhielt ich die Info, dass Hallwigs Maschine arge Verspätung gehabt hatte und sich sein Vorsprung zu mir damit verkürzt hatte. Das war schon einmal eine gute Nachricht. Dann war er weiter nach Kyoto gereist und hatte dort das ARK Hotel aufgesucht, ohne jedoch einzuchecken. Scheinbar holte er nur etwas ab und ich konnte mir denken, was das war.
Ich machte mich auf den Weg nach Kyoto und nahm dort den City Bus Nr. 207 zu den Tempelanlagen von Kiyomizu, die mitten im Wald auf einem Berg lagen. Genau diese Route hatte der junge Mann einige Zeit vorher ebenfalls genommen.
Von dem Tempel Kiyomizu-dera hatte Elina mir mal erzählt, soweit ich mich erinnerte. Er gehörte seit vielen Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe und seine Geschichte geht bis zum Jahr 798 zurück. Meine Schwester interessierte sich sehr für die asiatische Kultur und hatte etliches über Japan gelesen. Mich hingegen interessierte der Osten nur mäßig, wobei ich zugeben muss, dass mich dieser Ort wahrhaftig beeindruckte, als ich dort ankam.
Die Menschenmengen, die sich hier hin und her schoben, machten mir etwas Kummer, aber ich bekam eine genaue Ortsbeschreibung, wo sich der kleine Scheißer aufhielt. Und tatsächlich: es dauerte nicht lange, bis ich ihn – per Fernglas – gesichtet hatte. Während ich mich mühsam zu ihm vorarbeitete, behielt ich ihn im Auge soweit das möglich war.
Er schien nervös zu sein, drehte sich nach einiger Zeit immer häufiger unauffällig um und tauchte hin und wieder in Touristengruppen ab. Ein paar Mal dachte ich schon, ich hätte ihn verloren, doch dann tauchte er wieder auf. Hatte er vielleicht mitgekriegt, dass wir hinter ihm her waren? Ich war mir nicht sicher.
Jedenfalls musste ich ihn schnellstens erwischen, bevor er wieder abhaute, was, so wie ich sein Gebärden einschätzte, jederzeit passieren konnte. Kaum hatte ich es gedacht, setzte Hallwig diesen Gedanken in die Tat um und sprintete zum ersten der bereitgestellten Busse zurück in die Stadt.
Ich rannte los und einige Leute über den Haufen, die sich lauthals bei mir beschwerten. Wegen der vielen Menschen auf dem Platz schaffte ich es nicht rechtzeitig und der Bus fuhr ab, bevor ich ihn erreichte. Der Detektiv hatte allerdings mehr Glück gehabt und saß mit drin. Es war also noch alles drin.
Etwa 15 Minuten später saß ich mit etlichen Schulkindern und deren Lehrerinnen in einem weiteren Bus nach unten. Die Fahrt ging leider nicht reibungslos von statten, denn wir mussten uns noch mit einem Reifen herumärgern, der Luft verlor und ewig darauf warten, dass jemand einen Ersatzreifen bringt. Irgendwann am nächsten Morgen war ich endlich in Narita.
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RENÉ
Stöhnend ließ ich meinen Kopf kreisen und massierte meinen Nacken. Der kurze Schlaf im Nachtzug von Kyoto zurück nach Narita war echt unbequem gewesen. Und, wenn ich jetzt so zurückdachte, auch total unnötig.
Nachdem der Flieger endlich gelandet war, hatte ich mich in den nächstbesten Zug Richtung Kyoto gesetzt, wo ich einen kurzen Stop im Hotel einlegte, um das Geld und meine restlichen Sachen abzuholen. Dann schaffte ich es sogar, noch rechtzeitig den letzten Rundgang des Tages der absolut genialen Tempelanlagen zu erwischen.
So schön und atemberaubend die Umgebung auch war, genießen konnte ich sie nicht wirklich. Ständig kribbelte es mir im Nacken, als würde mich jemand beobachten und das Gefühl, verfolgt zu werden, konnte ich auch nicht loswerden.
Lächelnd schüttelte ich nun den Kopf über meine total bescheuerten Aktionen, mich unter verschiedenen Touristengruppen zu mischen, im Kreis und Zick-Zack zu laufen, nur um einem Hirngespinst zu entkommen. Zum Schluss legte ich sogar noch einen marathonreifen Sprint zu einem Bus hin und wechselte wild die Linien, damit mich auch ja keiner zu fassen bekäme.
Das Ende vom Lied war, dass ich den Aufenthalt in Kyoto nicht richtig genießen konnte und einfach zurück nach Narita fuhr. Meine Habseligkeiten hatte ich eh dabei, weswegen ich noch nicht einmal große Umwege in Kauf nehmen musste. Für die restliche Nacht nahm ich mir ein Hotel, aber wirklich schlafen konnte ich auch dort nicht.
So verschlug es mich schon beizeiten ins „AEON“ einem riesigen Einkaufszentrum in Narita, wo ich erstmal ordentlich frühstückte. Dann packte ich meine ganzen Sachen in ein Schließfach und begann gemütlich, die zwei riesigen Etagen der Shoppingmeile zu erkunden.
Es war echt der Hammer, was es hier alles gab. Gut, ein paar Läden kannte ich auch schon aus der Heimat, like Tommy Hilfiger oder MC Doof, trotzdem war hier die Atmosphäre eine ganz andere.
Da ich so oder so noch ein paar neue Klamotten brauchte, schlenderte ich gemütlich von Shop zu Shop, kaufte mir hier ein paar neue Jeans und dort ein paar neue Schuhe. Ich stattete mich einmal komplett neu aus, von oben bis unten, bis sich mein Magen knurrend zu Wort meldete. Nach einem kurzen Stopp bei einem Schließfach, steuerte ich also auf die erstbesten Mampfbuden zu. Ich war noch ganz in Gedanken, auf was ich überhaupt Lust hatte, als ich seufzend mein Blick über den Flur schweifen ließ.
Und dann sah ich ihn, genau zur gleichen Zeit, wie er mich entdeckte. Von einer Sekunde auf die nächste wurde mir speiübel und in meinem Körper breitete sich ein unangenehm heißes Gefühl aus, so, als wenn man ertappt wurde und man genau wusste, was einem nun blüht.
Das war er. Eindeutig. Obwohl sein arrogantes Gesicht vor Wut verzerrt war, erkannte ich ohne Zweifel den Typen vom Münchener Flugplatz, dem ich die Tasche voll mit Geld abgenommen hatte. Langsam machte ich zwei Schritte rückwärts, bis er sich endlich in Bewegung setzte und immer schneller auf mich zukam.
Ich geriet völlig in Panik. Hastig drehte ich mich um und stürmte los. Geschickt wich ich den Leuten aus, versuchte Besuchergruppen als Ablenkung zu benutzen, damit man nicht gleich sah, wohin ich rannte und widerstand krampfhaft den Drang, einen Blick über die Schulter nach hinten zu werfen.
Im Prinzip brauchte ich das auch gar nicht. Das Fluchen und böse Schimpfen der Menschen reichte vollkommen aus um zu wissen, dass der Typ mich weiterhin verfolgte. Und wenn ich nicht bald eine Lösung fand, würde der mich auch kriegen. Ich mein, das war nicht das erste Mal, dass ich bei einem krummen Ding erwischt wurde, allerdings hatte ich es bisher auch nicht mit skrupellosen Drogendealern zu tun.
Aus dem Augenwinkel sah ich ein riesiges Werbeschild, für die Touristen sogar auf Englisch geschrieben, welches zu einem Glaskabinett einlud, was über 2 Etagen am Rand des Centers aufgebaut war. Das war die Gelegenheit. Schon beim Frühstück hatte ich mir die Werbung dafür durchgelesen. Es hatte mehrere Ausgänge und war wie ein Labyrinth aufgebaut. Wenn der Typ mich wirklich kriegen wollte, musste er mir folgen, denn woher wollte er wissen, aus welchem Ausgang ich kommen würde.
Geschickt drängelte ich mich an einer Mädchenklasse vorbei, warf dem Kerl am Eingang einen Schein zu, der das Dreifache des Eintrittspreises bemaß und schlüpfte in das Kabinett.
Schon nach wenigen Schritten wurde mir das Ausmaß des Labyrinths bewusst, was mich langsam wieder beruhigte. Dieser Typ musste hier schon alle Scheiben zerschlagen, um direkt an mich ranzukommen und das würde nur zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Dank meines verstorbenen Großvaters, der ein Haus mitten in der Pampa besessen hatte und mit dem ich oft Verstecken spielte, besaß ich einen gut ausgeprägten Orientierungssinn, was mir nun zu gute kam. Ich hatte das Gefühl, gut voran zu kommen, als ich um die nächste Ecke bog und ER auf einmal wieder vor mir stand, mit dem Rücken zu mir.
Erschrocken machte ich ein paar Schritte zurück und donnerte lautstark gegen eine Scheibe. Aufmerksam geworden drehte sich der Typ um und als er mich sah, verdunkelten sich sein Blick noch mehr. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche vor Mordlust sprühenden Augen gesehen.
Wütend wollte er auf mich zustürmen, wurde jedoch seinerseits von einer dicken Scheibe aufgehalten. Wild brüllte der Typ auf, trat und schlug gegen das Hindernis, aber es passierte nicht viel. Sie waren aus stabilem Plexiglas, einige so behandelt, dass man nicht durchgucken konnte, andere klar, aber dennoch sehr standhaft.
Als der Kerl sich etwas beruhigt hatte, trat ich mutig ans Glas heran und legte die gleichgültigste Miene auf, die ich zustande brachte.
„Menschen wie du verdienen nichts Besseres. Ich hoffe du und deines Gleichen verrecken jämmerlich in irgendeiner dreckigen, verpissten Gosse!“
Ich konnte nicht verhindern, dass Abscheu in meiner Stimme mitschwang. Aber ich hatte nun lange genug auf der Straße gelebt, um mit ansehen zu müssen, wie Freunde, wirklich gute Menschen, an Drogen elendig zu Grunde gingen. Es war eine unheimliche Genugtuung, so jemanden eins auswischen zu können.
Doch anstatt dass der Typ noch wütender wurde, wurde er lediglich komplett ruhig. Nur an seiner kreidebleichen Gesichtsfarbe erkannte ich, wie sehr ihn meine Worte mitgenommen hatten. Ganz dicht trat er an die Scheibe heran und fixierte mich mit einem dermaßen kalten Blick, der selbst die Wüste in ein Eismeer verwandelt hätte.
„Wenn ich dich finde, bring ich dich um!“
Kurz sah er mir tief in die Augen, wie um seinen Worte Nachdruck zu verleihen. Dann wandte er sich ab und suchte systematisch nach einem Ausgang.
Ich konnte mich erstmal nicht rühren. War ich denn jetzt wirklich komplett wahnsinnig geworden den noch zu provozieren? Andererseits, warum nicht? Sobald mich der Typ in die Finger bekäme, wäre ich so oder so tot. So hinterließ ich wenigstens noch einen bleibenden Eindruck.
Endlich setzte auch ich mich in Bewegung und fand kurze Zeit später den Ausgang. Bedacht lief ich durch das Kaufhaus, schaute mich immer wieder um, nutzte große Personengruppen als Deckung aus und versuchte, so schnell wie nur möglich zu meinem Schließfach zu kommen.
Doch gerade als ich an einem Gemüseregal vorbei lief, stürzte dieses um, direkt auf mich drauf. Ich hatte noch nicht mal Zeit, darunter vorzukriechen, als ich am Arm gepackt wurde und gleich eine Faust in meinem Gesicht landete.
Keuchend lag ich zwischen Gurken und Tomaten und konnte einen Tritt in meinen Magen gerade noch so abwehren. Dieser psychisch gestörte Drogendealer throne über mir, sein Gesicht zu einer mordlustigen Fratze verzerrt.
„Du bist daran Schuld, dass sie leidet!“, zischte er, bevor abermals Schläge auf mich niederprasselten, von denen ich nur wenigen ausweichen konnte.
„Jetzt werden wir ja sehen, wer hier jämmerlich verreckt, du Pisser!“
Wie ihm Wahn fiel dieser Typ über mich her und ließ meine Gegenwehr von sich abprallen, als wäre ich eine Fliege, die immer und immer wieder gegen das geschlossene Fenster flog. Panisch versuchte ich ihn loszuwerden, schlug und trat um mich, bis mir langsam schwindlig wurde und sich alles zu drehen begann.
Doch kurz bevor ich ohnmächtig wurde, ließ der Typ von mir ab. Kräftige Hände schlossen sich um meine Oberarme und zogen mich auf die Beine. Als ich endlich wieder klar sah, bemerkte ich ein paar Sicherheitsleute des Kaufhauses, die den Drogendealer an beiden Armen gepackt hatten und ihn wild schimpfend hinter sich her zerrten.
So leicht ließ sich der Typ allerdings nicht abführen. Immer wieder bäumte er sich auf, seinen Blick weiterhin auf mich gerichtet und befreite sich ab und an von den Beamten, so dass die Security, die mir aufgeholfen hatte, mit einschreiten musste.
Ich nutzte sofort die Gelegenheit, um sang- und klanglos zu verschwinden. Immer noch zitternd und mit leichter Panik holte ich so schnell wie nur möglich meine Sachen aus den beiden Schließfächern und machte mich sofort auf Richtung Flughafen, wo ich gleich die nächste Maschine nahm.
ELIAS
Wieder einmal im Flugzeug sitzend, leckte ich meine Wunden beziehungsweise versuchte ich, mein angekratztes Ego zu kitten. Da war mir dieser Scheißkerl wegen meiner Doofheit wieder durch die Lappen gegangen. Es war doch klar, dass der Sicherheitsdienst aufmerksam wird und einschreitet, wenn ich mitten im Kaufhaus vor allen Leuten eine Schlägerei anfing.
Ich hätte mich schwarz ärgern können, dass ich die Beherrschung verloren hatte. Als dieser Bengel jedoch vor mir lag, setzte es einfach bei mir aus und dann spukte auch noch der Spruch, den er durch die Glaswand gerufen hatte, in meinem Hirn herum.
„Scheiße“, fluchte ich abermals und eine der Stewardessen sah mich konsterniert an.
Ganze 4 Stunden hatten sie mich im Kaufhaus festgehalten und blöde Fragen gestellt. Am Ende konnte ich mich nur damit aus der Schlinge ziehen, dass ich dem Kaufhaus eine Menge Geld in den Rachen warf. Da René sowieso abgehauen war – mal wieder – hielten die Leute dort diese Variante wohl auch für die vernünftigste. Ach ja, Hausverbot bekam ich auch noch aber mal ehrlich, nach Asien würde ich sicherlich nie wieder reisen. Zu viele schlechte Erinnerungen!
Vielleicht hatte ich Glück und würde Hallwig auf Hawaii endgültig in die Finger kriegen. Noch einmal würde er mir nicht entkommen, soviel stand für mich fest. Da ich mit der Beauftragung einer Detektei in Japan gute Erfahrungen gemacht hatte, setzte ich auf der Insel auf das gleiche Pferd und engagierte wieder entsprechende Leute. Diese teilten mir dank ihrer Kontakte auch relativ schnell mit, dass es diesmal mit Zwischenstopp in Los Angeles nach Honolulu ging. Sie würden den Jungen, wenn er mit der Boeing 767-200 auf dem Airport landete, in Empfang nehmen, ohne dass er es merkte, versteht sich.
RENÉ
Zu Anfang wusste ich wirklich nicht mehr wohin mit mir. Egal wo ich war, ständig fühlte ich mich beobachtet und verfolgt. So kam es, dass ich gegen 11:00 Uhr in Los Angeles landete und dort, keine 3 Stunden später, den nächsten Flieger direkt nach Honolulu, Hawaii nahm.
Und selbst da wähnte ich mich nicht in Sicherheit. In meiner kurzen Zeit auf der Straße hatte ich allerdings einiges gelernt, was Ablenkungsmanöver betraf. So nutzte ich wieder einmal Touristengruppen um abzutauchen, kaufte billige Basekaps, die ich kostenlos an die Leute verteilte, damit viele damit herum liefen, genau wie ich.
Auch wagte ich es nicht mehr, in irgendein Hotel einzuchecken, nicht mal unter anderen Namen, aus Angst, dieser Drogendealer könnte mich dort im Schlaf überraschen.
Dieser durchgeknallte Typ ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Zehn Stunden Flug von Narita nach LA und drei weitere von LA nach Hawaii ergaben genug Zeit, sich sinnlose Gedanken zu machen.
„Du bist daran Schuld, dass sie leidet!“
Diese Worte schallten immer wieder durch mein kleines Hirn und überforderten es total. Was meinte er nur damit? Vielleicht die vielen „armen“ Junkies, die er nicht versorgen konnte? Bestimmt nicht. Dafür waren seine Augen viel zu sehr mit Hass gefüllt. Sein ganzes Verhalten, die Reaktion auf meine Worte, die Prügelei mitten in der Öffentlichkeit, die Inbrunst seiner Schläge… All das wollte einfach nicht zu meinem Bild von einem typischen Drogendealer passen. Er nahm alles viel zu persönlich.
Abermals schüttelte ich meinen Kopf über die Sinnlosigkeit meiner Gedankengänge. Nur Grübeln brachte mich nicht weiter. Wenn ich dieser nervtötenden Verfolgungsjagd ein Ende setzen wollte, musste ich handeln.
Einen Plan hatte ich schnell zusammen. Gut möglich, dass mich dieser abgedrehte Typ mit seinem Wahnsinn ansteckte. Egal, ich hatte auf jeden Fall vor, den Spieß umzudrehen. Und dank dieser dilettantischen Detektive, die „total unauffällig“ hinter mir her schlichen, dürfte das wohl auch kein Problem werden.
ELIAS
Als ich auf Hawaii ankam erwartete mich eine Hiobsbotschaft. Ich wurde von dem Inhaber der Detektei erwartet, der mir mitteilte, dass seine Leute Hallwig im Getümmel verloren hatten.
Ich rastete völlig aus und zwar so sehr, dass der Idiot letztendlich auf seine Kohle verzichtete. In den nächsten Stunden versuchte ich auf eigene Faust den Dieb zu finden, jedoch hatte ich kein Glück. Ich klapperte zig Hotels ab, fragte nach, ob er irgendwo eingecheckt hatte und zeigte sogar sein Foto aber nirgends hatte ich Erfolg.
Es war bereits Abend, als ich völlig entnervt im Marina Tower 1696, Honolulu eincheckte. Dieses Hotel war das letzte, das ich für heute abgeklappert hatte. Nachdem ich meine wenigen Sachen aufs Zimmer gebracht und lange geduscht hatte, ging ich hinunter in die Bar, die schon bei meiner Ankunft eine anziehende Wirkung auf mich gehabt hatte. In den nächsten Stunden wollte ich nur dort sitzen, in Selbstmitleid zerfließen und mir aus lauter Frust einen hinter die Binde kippen.
RENÉ
Mit klopfendem Herzen stand ich vor dem Hotel, in dem ich ihn verschwinden sah. Seid über einer halben Stunde lümmelte ich hier nun herum und traute mich noch immer nicht hinein. ‚Das war echt ein Scheiß Plan‘, schalt ich mich in Gedanken selbst.
Bisher hatte meine ‚Tarnung‘ standgehalten, warum sollte sie jetzt nicht auch funktionieren. Meine hellen Haare waren dunkelbraun getönt und knallgrüne Kontaktlinsen verbargen meine eigentliche Augenfarbe, von meinen schicken Markenklamotten mal ganz abgesehen. Selbst Bräunungscreme hatte ich mir auf die Haut geschmiert. Ich sah aus wie so ein Bürschlein aus einer Boyband. Egal, der Zweck heiligte die Mittel.
Ich musste einfach herausbekommen, warum dieser Typ mich noch immer verfolgte. Wenn er wirklich ein Drogendealer war, wie ich bisher annahm, warum war er dann ganz allein hinter mir her und nicht gleich der halbe Clan? Mal davon abgesehen, dass sein ganzes, bisheriges Benehmen nicht richtig ins Bild passte.
Ein letztes Mal atmete ich tief durch und setzte mich dann endlich in Bewegung. Wenn ich dieser Verfolgungsjagd ein Ende setzen wollte, musste ich zum Löwen in der Höhle.
Die Eingangstür knarrte nach meinem Geschmack viel zu laut, dafür nahm ich die nervige Mainstreammusik aus den veralteten Lautsprechern kaum wahr. Es dauerte eine halbe Minute, bis sich meine Augen an das eigentümliche Zwielicht in der Bar des Hotels gewöhnt hatten. Noch war nicht viel los, was sich aber um diese Tageszeit bald ändern würde.
So lässig wie möglich ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Dann sah ich ihn. Er saß am Tresen, starrte in Gedanken versunken vor sich hin und wirkte niedergeschlagen. Sein Erscheinungsbild in diesem Moment war ganz anderes als das, welches ich bisher von ihm in Erinnerung hatte. Nichts deutete mehr auf diese gewisse Überheblichkeit hin.
Unsicher ging ich auf ihn zu und setzte mich direkt neben ihm auf den Barhocker. Klar waren noch mehr Plätze frei aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Kurz sah er zu mir herüber, bevor er dem Barmann mit einer Handbewegung zu verstehen gab, dass er noch einen Whisky wollte. Scheinbar beschäftigte er sich schon eine ganze Weile mit seinem Glas, denn die Strichliste, die der Typ hinter der Bar hervorholte, um einen weiteren hinzuzufügen, ließ darauf schließen.
Ich hasste Whisky wie die Pest und trotzdem bestellte ich mir mit einem Wink das Gleiche und prostete dann meinem Sitznachbarn auffordernd zu. Er sprang drauf an, prostete mir ebenfalls zu und kippte das Zeug in einem Zug hinunter.
Natürlich versuchte ich es ihm genauso cool nachzumachen, aber so ein hartes Zeug war ich einfach nicht gewöhnt. Das heftige Kratzen im Hals konnte ich nicht lange ignorieren und so verzog ich das Gesicht und begann laut zu Husten. Mein Nebenmann lachte kurz auf und klopfte mir ein paar Mal auf den Rücken, bis ich mich beruhigt hatte.
„Vielleicht solltest du besser etwas anderes trinken“, schlug er vor und bestellte in perfektem Englisch ein Gesöff, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, was sogleich mit hübschem Hütchen und Strohhalm vor mir drapiert wurde.
Skeptisch musterte ich das Glas mit dem seltsam farbigen Inhalt. Da musste ich wohl oder übel durch. Ich hätte vorher vielleicht etwas Richtiges essen sollen, aber ich war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, diesem Typen hinterher zu laufen. Ein verkrampftes Lächeln aufsetzend, bedankte ich mich bei meinem Gönner und setzte an.
Boar, das Zeug war nicht ohne. Zwar schmeckte es recht süß, doch der Alkohol war trotzdem präsent, wenn auch nur im Hintergrund. Ein Weichmacherdrink also, eher für die Damenwelt gedacht, um sie lockerer zu machen.
Ich tat so, als würde ich den Geschmack auskosten und hob anerkennend die Brauen. „Hm, nicht schlecht“, meinte ich und leckte mir den Zucker von den Lippen.
„Wusste ich es doch!“, sagte er und orderte sich erneut Nachschub. „Du auch noch einen?“ Er wartete meine Antwort nicht ab und entschied für mich. Dann wandte er sich wieder mir zu. „Ich bin übrigens Elias.“
Obwohl man ihm den Alkoholkonsum langsam ansah, strahlten diese tiefbraunen Augen eine Anziehungskraft aus, der man sich kaum entziehen konnte. Kurz schloss ich meine Lider. Das war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für solche Gedanken.
„Ich bin Re…. afael. Ich bin Rafael.“ Zum Glück war er schon so angeduselt, dass er meinen kleinen Versprecher nicht wahrnahm.
„Rafael also.“ Elias nippte an seinem Glas. „Und Rafael, was hast du heute Abend noch vor?“
Sein Blick wanderte über meinen Körper und blieb den Bruchteil einer Sekunde in meinem Schritt hängen, bevor er mir wieder direkt in die Augen sah.
Die Aufforderung war deutlich. Aber was genau hatte er vor? War ich vielleicht doch erkannt worden und spielte er nun mit mir sein Spielchen, oder war er wirklich genauso „pervers“ wie ich?
Irgendwie konnte ich sein Verhalten einfach nicht einordnen. Bisher war er doch immer so kalt und mordlustig. Es war ungewohnt, ihn so gesprächig und fast schon nett zu sehen. Ein weiterer Grund, vorerst auf das Ganze einzugehen. Ich setzte mein bestes Pokerface auf und lächelte ihn wissend an.
Elias wechselte ein paar Worte mit dem Barkeeper und stand dann etwas unbeholfen auf. Er beugte sich zu mir herüber und sein Gesicht berührte fast meines, als er mir frei heraus zuraunte:
„Wie sieht´s aus, kommst du mit auf mein Zimmer?“
Das ich rot wurde, ließ sich nicht verhindern. Nur hoffte ich, dass es nicht all zu sehr auffiel. Anstatt eine Antwort zu geben, trank ich mein Glas in einem Zug aus und stand auf. Jetzt gab es eh nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder hatte er mich erkannt und es ging mir an den Kragen. Das würde es allerdings auch, wenn ich jetzt weglaufen würde. Oder er wollte einfach nur mit mir poppen.
Letzteres erschien mir interessanter. In seinem Zustand war er mir hilflos ausgeliefert und ich könnte ihm jegliche Informationen entlocken, wenn ich nur den passenden Mut dazu hätte. Ich mein, hässlich sah Elias ja nicht aus. Schon beim ersten Mal, als ich ihn sah, fand ich ihn recht ansehnlich. Wenn er nur nicht so arrogant wäre…
„Also tragen kann ich dich heute nicht mehr“, stellte er lachend fest und nickte mit dem Kopf, was wohl hieß, dass ich ihm nachgehen sollte. Schon hatte er die Bar verlassen.
Mit pochendem Herzen folgte ich ihm und sah gerade noch, wie er die Treppe nach oben nahm. Ich rannte ein kurzes Stück, um ihn einzuholen.
Krampfhaft versuchte ich mir in der Kürze der Zeit einen Plan zurechtzulegen, wie ich ihn dazu bringen könnte, ein wenig zu plaudern. Aber mein Kopf war mit einem Schlag leer.
„Dachte schon, du hättest es dir anders überlegt“, sagte Elias als wir in der ersten Etage ankamen.
Umständlich fischte er seine Hotelkarte aus der Hosentasche und hielt sie unter den Scanner, während ich nicht anders konnte und ihm auf den Hintern glotzte.
Die Zimmertür sprang auf und schon im nächsten Moment wurde ich am Kragen gepackt und hinein gezogen. Elias schloss die Tür mit einem lauten Rums und presste mich dann dagegen, bevor er mir seine Zunge in den Hals schob.
Für eine Sekunde vergaß ich, warum ich eigentlich hier war. Dieser kleine Angriff war zwar etwas heftig, aber absolut heiß. Er schmeckte leicht nach Whisky, doch sein Duft war so betörend wie ein Aphrodisiakum. Zaghaft erwiderte ich das Spiel, genoss dieses wunderbare Gefühl begehrt zu werden. Erst als er begann, an meinen Sachen zu zerren, hielt ich ihn auf.
„Was ist, bin ich dir zu schnell?“, fragte Elias schwer atmend und sah mich mit seinen braunen Augen an.
Was war das nur? Dieses seltsame Gefühl, was ich in mir spürte, als hätte jemand ein Sternchenfeuer in meinem Inneren gezündet. Und alles nur wegen dieses kurzen Augenblicks. Diese Stimme, der warme Atem auf meiner viel zu heißen Haut.
Ich hatte mich ja schon damit abgefunden, dass ich nicht drum herum kam, mit ihm ins Bett zu gehen. Aber müsste ich mich nicht schlecht fühlen? Benutzt? Einer Hure gleich? Doch ich tat es nicht. Was ich gerade empfand, war dafür viel zu gut. Fast schon schüchtern sah ich zu Elias auf und schüttelte leicht meinen Kopf.
„Okay“, hauchte er und küsste mich erneut, zwar immer noch fordernd aber nicht mehr ganz so stürmisch wie vorher.
Er hatte einen Gang runter geschaltet, mir zu liebe, wie ich annahm. Nun schob er mich von der Tür weg, zum Bett hinüber und hörte nicht auf, mich dabei zu küssen. Erneut konnte ich seine Finger an meinen Klamotten zupfen spüren. Er zog mein Hemd aus der Hose, langte aber nicht darunter sondern begann, einen Knopf nach dem anderen zu öffnen, um die freigelegte Haut anschließend mit heißen Küssen zu liebkosen.
Eine kurze Kusspause folgte, in der Elias mich einfach ansah und es schien, als gefiele ihm der Anblick, denn er lächelte kurz und schon hatte seine Zunge den Weg zurück in meinen Mund zu ihrem Gegenstück gefunden.
Auf einmal gab er mir einen leichten Schubs und ich verlor das Gleichgewicht. Jedoch landete ich weich auf dem Bett. Elias zog sein Shirt aus – seiner wahrscheinlich sündhaft teuren Lederjacke hatte er sich schon an der Tür entledigt – und legte sich neben mich.
Wow. In meinem leer gefegten Kopf war nicht mehr viel übrig, als dieses kleine Wort. Dieser kräftige, durchtrainierte Körper neben mir, das leichte Spiel der Bauchmuskeln deutlich sichtbar, raubte mir fast meinen Verstand. Ein letztes Mal versuchte ich dem nachzukommen, weswegen ich eigentlich hier war.
„Bist du hier auf Urlaub oder Geschäftsreise?“, hauchte ich stockend zwischen etlichen Küssen.
Elias kam ein Laut über die Lippen, der sich anhörte wie Lachen und ein genervtes Seufzen zu gleich.
„Hör auf abzulenken, küss mich lieber und lass dich fallen“, säuselte er mir ins Ohr. Mir schwante, dass er nicht zum ersten Mal einen Typen abschleppte. Wieder küsste er mich, nahm meine Hand und schob sie in seinen Schritt, was ihm ein süßes Aufkeuchen entlockte. Wenn ich das richtig deutete, wartete unter dem Jeansstoff ein halbsteifer Schwanz auf mich.
Seufzend schloss ich meine Augen, warf meine Bemühungen über Bord und begann, leicht sein bestes Stück zu massieren.
Mein Bettnachbar tat es mir gleich und legte seine Hand auf meine Hose. Er öffnete sie geschickt, ließ seine flinken Finger unter den Bund zu meinem Hintern gleiten und knetete ihn sanft. Es dauerte nicht lange und ich lag komplett entkleidet neben ihm. Elias zog sich ebenfalls aus und schmiegte sich dann an mich.
„Magst du mich vögeln?“, flüsterte er mir sanft ins Ohr. „Ich glaube meiner kriegt es nicht mehr so recht gebacken.“
Im ersten Moment glaubte ich, mich verhört zu haben. Dieser knallharte Macho erschien mir nicht gerade als der typische Passive. Ich konnte ihn mir eher als den Typ Mann vorstellen, der seinen Partner gnadenlos ran nahm, bis jener weder weiß, wo oben noch unten war. Und nun das.
Seine Körpermitte hingegen unterstütze seinen letzten Satz. Hatte ihm der Alkohol etwa so sehr zugesetzt? Oder lag es an mir? War ich vielleicht nicht geschickt genug? Oder fiel ich bei näherer Betrachtung nun doch aus seinem Beuteschema und er wollte es jetzt einfach nur noch hinter sich bringen? Warum interessierte mich das überhaupt? Es gab sowieso nur einen Grund warum ich eigentlich hier war.
„Komm schon, Rafael, ich brauch das jetzt. Bitte.“ Er sah mich fast schon flehend an. „Außerdem bist du echt süß, ich würde mich gern von dir vernaschen lassen.“
Oh Mann, dieser Kerl brachte mich einfach um den Verstand. Wieder waren meine „guten“ Vorsätze vergessen. Diese tiefbraunen Augen, seine Stimme, dieser kraftvolle Körper so nah bei mir… Mein Gehirn schaltete sich komplett ab.
Ich zog Elias so dicht wir nur möglich an mich heran und küsste ihn so leidenschaftlich, wie ich es lange nicht mehr bei jemanden getan hatte. Langsam wanderte ich hinab zu seinem Hals und übersäte diesen mit etlichen, kleinen Bissen, dann weiter abwärts zu seinen Brustwarzen, die sich vorfreudig aufgestellt hatten. Kurz umschloss ich sie mit meinen Lippen, ließ meine Zunge kreisen und neckte sie mit meinen Zähnen, sodass Elias wohlig aufstöhnte.
Dies stachelte mich nur noch mehr an. Unter vielen, sanften Küssen glitt ich weiter hinab, nahm sein halbsteifes Glied in den Mund und verwöhnte es, bis es etwas mehr anschwoll.
„Oh ja… bitte!“ Elias fuhr mir wild durch die Haare und war kaum mehr zu halten. Allein bei diesem heißen Anblick wäre ich fast gekommen.
Einen kurzen Moment ließ ich von ihm ab, nur um nach meiner Hose zu greifen, ein Kondom hervor zu holen und es mir überzustreifen. Erst wollte Elias mir dabei helfen, doch ich schlug seine Hände grob beiseite und lehnte mich gönnerhaft zurück. Er sollte das Schauspiel genießen, wie ich mich selbst berührte, mir über meinen zu Stein erstarrten Schwanz streichelte.
Fast glaubte ich, er würde mich packen wollen und zu Boden werfen, nur um doch noch über mich herzufallen. Mit einem fiebrigen Blick richtete Elias sich aber auf, drehte sich um und stütze sich mit den Händen an der Wand ab. Es war ein unbeschreiblich geiles Gefühl, ihn so vor mir kniend zu sehen, wie er sich mir darbot.
Allerdings war es noch zu früh, ihn zu erlösen. Um mir eine kleine Pause zu gönnen, streichelte ich über seinen Rücken, bis zu seinem prachtvollen Arsch. Ich kniete mich ganz dicht hinter ihn, knetete seine beiden Backen und biss kräftiger als sonst in seinen Nacken. Elias stöhne laut auf und seine Hände kratzten über die hässliche Tapete, was ein Zeichen dafür war, dass er mehr als nur bereit war.
„Hast du irgendwo Gleitgel?“, fragte ich ihn fast schon zärtlich, worauf er nur sacht mit dem Kopf schüttelte.
„Mach es so“, brachte er lediglich heiser hervor.
Klar zu denken war mir eh nicht mehr möglich, weswegen ich dies rasch akzeptierte. Kurz beugte ich mich hinab, fuhr mit meiner Zunge zwischen seinen Spalt und kostete ihn noch ein wenig aus. Als ich meine Finger befeuchtete, um ihn auf mich vorzubereiten, hielt Elias meine Hand auf.
„Tu es endlich!“, fuhr er mich keuchend an.
Gut. Wenn er es denn so haben wollte. Ich hielt es eh kaum noch aus. Langsam führte ich meinen Schwanz zu seinem Hinterteil, um sacht in ihn einzudringend. Doch kaum dass Elias meine Spitze an sich spürte, griff er nach meinem Becken, hielt es fest und drückte sich mir entgegen.
Die plötzliche Enge um mich, raubte mir fast den Atem. Stöhnend legte ich meine Stirn auf seinen Rücken und versuchte, wieder runterzukommen. Mein Gegenpart jedoch begann sich wieder zu regen, was mir viel zu schnell ging. Ich wischte seine Hand beiseite und hielt sein Becken fest, damit seine Bewegungen ihm nicht mehr viel brachten.
„Wenn ich dich schon vögle, dann auch auf meine Weise, ist das klar!?“
Keine Ahnung woher ich den Mut nahm, so etwas zu jemand anderem zu sagen, aber wie gesagt hatte sich mein Verstand schon lange verabschiedet. Elias nickte knapp, stützte sich wieder mit beiden Händen an der Wand ab und harrte der Dinge, die da auf ihn zukommen würden.
Ich folgte lediglich meinem niederen Instinkt. Langsam glitt ich aus ihm heraus, nur um den Bruchteil einer Sekunde später wieder wild in ihn zu stoßen. Dies tat ich immer wieder und entlockte Elias wunderbar tiefe Laute, die mir durch Mark und Bein gingen.
Leider hielt ich dieses Spiel nicht lange durch. Ich fühlte meinen Höhepunkt stetig näher kommen und als mein Partner sich verkrampfte und seinen Kopf in den Nacken warf, war es auch bei mir soweit. Ich explodierte in mehreren Schüben, bis mir meine Beine zu wackelig wurden und ich mich samt Elias seitlich auf das Bett fallen ließ.
Noch immer in ihm ruhend, küsste ich mit geschlossenen Augen zärtlich seinen Nacken und versuchte, solange es ging diesen Moment zu genießen.
Elias atmete heftig, aber sonst rührte er sich nicht. Das störte mich jedoch gar nicht, denn ich hasste es, wenn man nach dem Sex keine Kuscheleinheiten mehr bekam.
Nach einiger Zeit schreckte ich leicht auf. Da war ich doch tatsächlich für einen Moment weggeduselt. Allerdings konnten es nur einige Minuten gewesen sein, wenn überhaupt. Wir lagen immer noch genauso eng umschlungen auf dem Bett. Elias schlief wohl schon, aber er schien zu frieren, denn er zitterte am ganzen Leib.
Umständlich fingerte ich die Decke heran – die er vor dem Sex glücklicherweise zur Seite geschoben hatte – denn ich wollte vermeiden die Position, in der wir uns gerade befanden aufzugeben. Die ganze Nacht wollte ich so mit ihm liegen bleiben. Langsam zog ich das Daunenbett über unsere Körper und strich Elias anschließend durch seine langen dunklen Haare und über sein hübsches Gesicht.
Die Stirn runzelnd öffnete ich meine Augen und besah mir meine Finger genauer, die ich über die Wange meines Vordermannes gestrichen hatte. Waren die etwa feucht? Auf der Stirn hätte ich ja Schweißperlen erwartet, aber doch nicht dort. Oder waren es etwa… Tränen?
Vorsichtig beugte ich mich über ihn, so dass ich in sein Gesicht sehen konnte. Ich hatte mich nicht getäuscht, er weinte tatsächlich! Was bitteschön war hier nur los? Zuerst mimte er den coolen Geschäftsmann, dann den bösen Gangster, danach den heißen Loverboy, der sich gerne ran nehmen ließ und nun das! Dass ich komplett verwirrt war, war bei weitem untertrieben.
„Ich bin so ein Arschloch!“, schniefte er und versuchte sich abzuwenden.
Doch ich ließ es nicht zu und zwang ihn mich anzusehen. Mit verheulten Augen schaute er mich an. Es sollte wohl trotzig aussehen aber es gelang ihm nicht, dieses Bild zu vermitteln. Dafür sah man zu sehr, dass er litt. Meinem Blick konnte oder wollte er nicht Stand halten. Er schloss die Augen und als er sprach klang seine Stimme hart:
„Ich fasse es nicht. Schleppe dich ab und habe Spaß, während meine Schwester in irgendeinem Loch sitzt und darauf wartet, dass ich sie da raus hole.“ Er schnaubte vor Verachtung sich selbst gegenüber. „Und das alles nur, weil so ein scheiß Bengel das Lösegeld geklaut hat!“
Auf einmal schubste Elias mich von sich herunter, sprang schwankend auf und rannte auf die Toilette, wo er sich geräuschvoll mehrere Male übergab.
Ich blieb vor Schreck erstarrt auf dem Bett sitzend zurück. Nein! Das konnte doch alles nicht wahr sein. Das durfte alles nicht wahr sein! Stück um Stück setzte sich das Puzzle zusammen, machten seine ganzen bisherigen Handlungen auf einmal alle einen Sinn. Er war überhaupt kein Drogendealer, sondern ein besorgter Bruder, der alles für seine Schwester aufs Spiel setzte, um sie zu retten.
Für einen Außenstehenden klang das bestimmt weit her geholt. Und unter anderen Umständen hätte ich ihm diese Geschichte nie abgekauft. Aber so musste ich Elias einfach glauben. Der Mann war am Ende. Und ich trug die Schuld daran.
Nach ein paar Minuten schlurfte Elias aus dem Bad zurück und ließ sich wie ein nasser Sack neben mich aufs Bett fallen. Er heulte nicht mehr, sah aber ansonsten völlig fertig aus. Schwerfällig krabbelte er unter die Decke. Er sah mich an und bemerkte scheinbar, dass es in mir arbeitete.
„Vergiss am besten was ich gesagt habe. Es war nur dummes Zeug. Bleibst du die Nacht hier?“
Ich fragte mich ernsthaft, wie oft dieser Mann mich heute Nacht noch überraschen wollte. Nach all dem hätte ich eher erwartet, dass er mich so schnell als möglich raus warf. Seine Frage war für mich hingegen rasch beantwortet.
„So lange du willst“, sagte ich sanft, legte mich zu ihm und zog ihn abermals so dicht wie nur möglich an mich heran.
Sofort kuschelte er sich an mich und schloss die Augen.
„Danke“, flüsterte er leise und war kurz darauf vor Erschöpfung eingeschlafen.
Obwohl ich mich total ausgelaugt fühlte, bekam ich hingegen nicht ein Auge zu. In meinem kurzen Leben hatte ich ja schon viel Scheiße gebaut, aber das übertraf wirklich alles. Wenn es hart auf hart kam, hatte ich ein Menschenleben auf dem Gewissen. Konnte ich das wirklich verantworten?
Vielleicht klaute ich reich ausschauenden Leute ein bisschen Kohle, aber niemals würde ich jemanden was zu Leide tun, nur um besser dazustehen. Nein, ich konnte hier nicht einfach so verschwinden.
Seufzend schaute ich auf Elias herab und strich ihm eine Haarsträhne aus seinem markanten Gesicht. Unter anderen Umständen wäre ich jetzt ein zufriedener Kerl, der einen heißen Typen abgeschleppt hatte.
Aber jetzt… Jetzt fühlte ich mich einfach nur elend. Ich blickte aus dem kleinen Fenster des noch kleineren Zimmers und sah den Regentropfen zu, wie immer mehr gegen die Scheibe klatschten. Wenigstens passte das Wetter zu meinem Gemüt.
Keine Ahnung, wann ich genau eingeschlafen war, doch am nächsten Morgen weckten mich die ersten Sonnenstrahlen. Elias lag noch immer neben mir auf der Seite und hatte seine Beine leicht angewinkelt. So leise wie nur möglich stand ich auf, suchte meine Sachen zusammen und zog mich rasch an.
ELIAS
Trotz des vielen Alkohols am Vortag erwachte ich überraschend ausgeruht und – was kaum zu glauben war – richtig gut gelaunt. Diese Laune hielt jedoch nur solange an, bis sich Elina wieder in meine Gedanken schlich. Ein weiterer Tag brach an, an dem sie gefangen und nicht bei mir in Freiheit war und ich hasste mich dafür.
Grummelnd rollte ich mich vom Rücken auf den Bauch und warf meinen Kopf in das flauschige Kopfkissen vor mir. Es roch furchtbar gut und ich erinnerte mich an das was am Abend zuvor noch passiert war. Da hatte ich doch tatsächlich einen Typen vernascht. Rafael! Okay, vielleicht hatte er doch eher mich vernascht, aber es war der Hammer gewesen. Wie er mich anfasste und dann fast um den Verstand brachte, bis er endlich in mich eindrang und mich genüsslich fickte.
Zugegeben, zuerst war es nur aus der Situation heraus und weil ich Ablenkung suchte, dass ich ihn von jetzt auf gleich abgeschleppt hatte. Im Nachhinein musste ich mir jedoch eingestehen, dass er mir unheimlich gut gefiel und ich spürte in der Tat einen Anflug von Selbstmitleid, als mir klar wurde, dass er nicht mehr da war, sondern sich einfach davon geschlichen hatte. Okay, das war normalerweise mein Part, also sollte ich mich nicht beschweren.
„Elias, du bist bescheuert!“, sagte ich laut zu mir selbst, nachdem sich mein kleiner regte und Aufmerksamkeit verlangte.
Wütend über meinen Schwanz und meine Gedanken, die eigentlich bei der Widerbeschaffung des Geldes sein sollten, hievte ich mich aus dem Bett hoch – nicht ohne noch einmal eine Prise seines Duftes einzuatmen – und nahm eine eiskalte Dusche. Das mit dem kleinen Elias hatte sich somit erledigt. Blieben die Gedanken die immer mal wieder von Elina zu Rafael abglitten. Das kannte ich gar nicht von mir, dass ich einem ONS hinterher sann. Wie auch immer, irgendwann hielt ich sie in Zaum und überlegte stattdessen weiter, wie ich diesen René nun wiederfinden sollte. Eine Lösung fand ich jedoch nicht.
Obwohl ich keinen Hunger hatte, beschloss ich eine Kleinigkeit zu essen, denn es half Elina nicht, wenn ich irgendwann vor Nahrungsmangel zusammenbrach. Also quälte ich mir im Frühstücksraum etwas Obst hinunter und trank einen Kaffee. Dann wollte ich zurück auf mein Zimmer, um noch einmal diverse Leute anzurufen, die mir bei meiner Suche eventuell weiterhelfen konnten.
Soweit kam es allerdings nicht, denn im Flur zu meinem Zimmer stolperte mir Rafael im wahrsten Sinne des Wortes über den Weg. Verwundert stellte ich fest, dass mein Magen bei seinem Anblick einen kleinen Hüpfer machte. Es war nicht zu leugnen: ich freute mich über das Wiedersehen und bedauerte gleichzeitig, dass ich keine Zeit für ihn und die Vertiefung dieses Kennenlernens haben würde.
Wahnsinn, dass ich überhaupt darüber nachdachte, ihn näher kennenlernen zu wollen. Normalerweise war ich froh, wenn ich die Kerle, die ich abschleppte wieder los war.
„Hallo Rafael“, sprach ich ihn an, während er etwas von `Welcher Idiot lässt eigentlich seinen Putzeimer hier mitten im Weg stehen?´ vor sich hinschimpfte.
Schmunzelnd half ich ihm hoch und berührte ihn dabei wahrscheinlich öfter als nötig gewesen wäre. „Was macht der Kopf? Alles gut?“
Verlegen, wie mir schien, klopfte er sich die Sachen ab und versuchte, sein rot angelaufenes Gesicht vor mir zu verbergen, indem er ständig zur Seite schaute und mit einer Hand über seine Wangen strich.
„Nö, ähm ja, ähm alles okay… glaub ich zumindest“, stotterte er wirr und wurde zum Schluss hin immer leiser.
Er benahm sich wirklich seltsam, aber ich hatte andere Sorgen.
„Okay, also wenn ich nicht gerade überhaupt keine Zeit hätte, würde ich dich am liebsten gleich noch mal zu mir einladen. Diesmal würde ich jedoch der Aktive sein“, kam es mir mit einem fetten Grinsen über die Lippen, noch bevor ich es vermeiden konnte. Auch machte sich mein Körper irgendwie selbstständig und bevor ich mich versah, presste ich den jungen Mann an die Wand neben uns und sog seinen Geruch in mich auf.
Es kostete mich immens viel Überwindung wieder von ihm abzulassen, zumal ich spürte, dass er im Begriff war auf mein Gebärden anzuspringen.
„Zu schade, na dann mach‘s mal gut“, schob ich schnell hinterher und klatschte mir innerlich die Hand vor die Stirn, bevor ich wieder von ihm abließ und mich zum Gehen wandte. Doch der Kleinere hielt mich am Handgelenk fest.
„Warte“, sagte er leise, ohne mich dabei anzuschauen. Er sah fast ein wenig ängstlich aus oder bildete ich mir das nur ein?
„Was ist? Hör mal, Rafael, ich hab jetzt wirklich andere Sachen zu tun. Vielleicht können wir ja in Kontakt bleiben und uns in Deutschland mal sehen, was hältst du davon?“ Ich glaubte selbst nicht, was ich da von mir gab.
Mein Gegenüber wohl auch nicht, denn endlich schaute er auf und sah mich total bestürzt an. Hatte ich was Falsches gesagt? Selbst wenn, ich hatte weder Zeit noch Muse, darüber nachzudenken. Ich griff nach seiner Hand, um mich loszumachen, doch er klammerte dafür umso mehr.
„Rafael…!“, begehrte ich auf, wurde bei seinen nächsten Worten jedoch wieder ganz still.
„Ich hab Informationen“, sagte er hastig.
„Informationen? Was für Informationen?“ Für einen Moment stand ich tatsächlich auf der Leitung.
Ungläubig sah ich ihn, als mir wieder einfiel, was in der letzten Nacht noch passiert war. Beziehungsweise eingefallen war es mir schon früher, nur dachte ich, ich hätte geträumt, dass ich Rafael von meiner Schwester erzählte. Wie um Himmels Willen sollte ausgerechnet er an Infos zu meiner Sache gekommen sein?
„Rafael. Die Nacht mit dir war wirklich sehr schön, aber“, begann ich so ruhig wie mir nur möglich war. Mein Gegenüber spürte wohl, dass ich ihm noch immer nicht ernst nahm und unterbrach mich barsch.
„Ich weiß, wo sich René Hallwig aufhält.“
„Woher weißt du…?“, stotterte ich völlig perplex vor mich hin.
Mein Herz raste, meine Gedanken drehten sich im Kreis und mir wurde schwindelig. Was faselte der Junge da nur und wie viel hatte ich ihm bei unserem gemeinsamen Schäferstündchen erzählt? Scheinbar so einiges. Letztlich war das nun aber egal. Wenn er wirklich wüsste, wo dieser Wichser war, dann würde es nicht mehr lange dauern und ich hätte, wenn alles glatt lief, mein Geld wieder, könnte meine Schwester befreien und das alles hinter mir lassen – vielleicht sogar mit Rafael…
„Wo ist er?“, fragte ich mit rauer Stimme.
„Nicht hier“, meinte er und schaute sich besorgt um.
„Das er nicht hier ist, ist mir schon klar!“, bellte ich gereizter, als ich eigentlich wollte. Rafael zuckte daraufhin zusammen. Das war mir allerdings ziemlich egal.
„Nein, ich meine, ich rede nicht hier. Die Wände haben viel zu große Ohren. Ich kenne einen Ort, da sind wir ungestört.“
Grob packte ich den Kleinen am Revers und zog ihn dicht zu mir heran. So tief wie nur möglich blickte ich ihm in die Augen, suchte nach Lügen oder etwas Ähnlichem. Das Einzige was ich fand, war Aufrichtigkeit. Schroff ließ ich wieder von ihm ab und schubste ihn ein Stück von mir weg.
Wieder sah Rafael mich ängstlich an, als wäre er ein Kaninchen, das vor der Schlange sitzt und ganz genau wüsste, was ihm blühte. Dann wandte er sich Richtung Ausgang.
Wenig später befand ich mich auf einer Art Plateau, welches wohl als Aussichtspunkt diente. Von hier hatte man einen genialen Blick auf die Stadt. Mich interessierte das allerdings nur wenig. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen, was wohl auch daran lag, dass es angefangen hatte zu regnen. Erst tröpfelte es nur leicht, doch von Minute zu Minute wurden die Fäden dichter und hüllten uns in graues Nass.
Rafael stand am Geländer, was die Leute vor dem steilen Abgrund schützen sollte, und stütze sich mit beiden Händen schwer ab. Mit leerem Blick starrte er auf die Stadt hinab, bis er sich endlich zu mir umwandte.
„Ich bin René Hallwig.“
Zu diesen Worten bekam ich nicht mal ein spöttisches Grinsen hin. Ich drehte mich einfach um und wollte gehen, bevor ich mich vergaß, als er mir seinen Schuh direkt an den Kopf warf.
„Sieh mich verdammt noch mal an!“, schrie er aufgebracht.
Empört schaute ich wieder zu ihm und sah zu, wie er sich in die Augen griff, irgendwas rausholte und achtlos beiseite warf. Dann lief er zur nächstbesten Pfütze, kniete sich in den Dreck und spritze sich das Wasser ins Gesicht und über den Kopf.
Seine schöne, bronzen gebräunten Haut wich einer hellen Blässe und auch seine Haare wurden immer heller. Sein weißes Polohemd verfärbte sich dunkelbraun. Ich kniff meine Augen zusammen. War es denn wirklich möglich? Langsam ging ich auf ihn zu und je näher ich ihm kam, desto mehr erkannte ich ihn. Mein Herz begann zu rasen und mein Blut rauschte lauter in meine Ohren als der Regen.
Da hatte dieser kleine Scheißer mich die ganze Zeit an der Nase herumgeführt, mir eine Maskerade geliefert, auf die ich hereingefallen war. Sogar ficken hatte ich mich von ihm lassen. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Das durfte alles nicht wahr sein. Es hätte nicht viel gefehlt und dieser Kerl hätte meine Schwester auf dem Gewissen gehabt. Noch immer schwebte sie nur wegen ihm in großer Lebensgefahr.
Rafael kniete noch immer heftig atmend an Ort und Stelle und sah verzweifelt zu mir hoch. Doch mein Verstand hatte längst ausgesetzt.
In der nächsten Sekunde war ich bei ihm, zog ihn am Kragen aus dem Matsch hoch, nur um gleich darauf auszuholen und ihm richtig eine zu langen, so dass er wieder hinflog.
„Weißt du eigentlich, was du mir damit angetan hast?“, brüllte ich ihn an. „Wo ist das Geld? Ich hoffe für dich, dass noch alles da ist…“
René rappelte sich auf und fasste sich an seine aufgesprungene Lippe, aus der langsam Blut rann. „Das sage ich dir erst, wenn du dich beruhigt hast.“
Für die Antwort scheuerte ich ihm gleich noch eine und rammte ihm zusätzlich mein Knie in den Magen.
„Ich habe keine Zeit für deine Spielchen, du Arschloch. Elina könnte sterben, verdammt!“, schrie ich ihn weiter an.
Hätte ich mich wenigstens halbwegs in Zaum halten können, wäre mir vielleicht aufgefallen, dass es einen Grund dafür geben musste, dass er sich auf einmal offenbarte und mir sagte, wer er war. Doch ich war so vernagelt, dass ich nichts anderes tun konnte, als drauflos zu prügeln. Immer wieder setzte Hallwig zu einer Erklärung an, faselte etwas von mir helfen und versuchte mich zu beschwichtigen, aber es gelang ihm nicht.
Letztlich wurde es ihm wohl zu bunt und er tat etwas, womit ich absolut nicht gerechnet hatte. Er schlug zurück und das mit so einer Kraft, dass ich das Gleichgewicht verlor und abrutschte. Das an sich wäre nicht schlimm gewesen, aber hinter mir ging es viele Meter steil in die Tiefe. Ich rutschte also über den Rand und schaffte es gerade noch, mich an einem Bürschlein festzuhalten, der allerdings aussah, als würde er jeden Moment samt seiner Wurzeln und mir abrauschen.
Das war es also, mein Ende! Ich würde Elina nicht retten können, sie würde wahrscheinlich qualvoll sterben müssen und ich hätte Schuld. Ich dachte an meine Eltern. Was sie wohl dazu gesagt hätten, dass ich ihr kleines Mädchen im Stich gelassen hatte?
Über all das dachte ich nach, als sich eine Hand von oben um meinen Arm legte und zufasste, als wäre sie ein Schraubstock.
Es war als würde sich ein Nebel um meine Gedanken lösen und endlich sah ich wieder klar. René hatte sich weit über den Abgrund gelehnt und hielt sich mit der einen Hand am Geländer fest, mit der Anderen mich. Mir brannte nur eine einzige Frage auf der Zunge:
„Warum hilfst du mir?“
Durch den starken Regen war der Boden sehr glitschig geworden, weswegen René immer weiter nach vorn rutschte. Warum verdammt noch mal ließ er mich nicht einfach los und machte sich eine schöne Zeit mit meinem Geld? Wieso riskierte dieser Idiot hier sein Leben für jemanden, der ihn am liebsten umbringen würde?
„Ich… will… nicht noch… ein Leben… auf meinem… Gewissen haben!“, presste er stockend hervor und zog mich unter größter Kraftanstrengung wieder hoch, in Sicherheit.
Schnaufend, als hätten wir einen Marathon hinter uns, lagen wir beide auf der Erde und starrten uns durch den starken Regen hinweg an.
„Hörst du mir jetzt endlich zu?“
„Von mir aus. Bin eh gerade ansonsten zu nichts in der Lage“, brachte ich keuchend hervor.
„Ich dachte du wärst ein Drogendealer, als ich das ganze Geld sah und war froh, ein paar Kids davor bewahren zu können. Ich klaue sonst keine so große Summen, nur mal eine Brieftasche, um mir was zu Essen kaufen zu können. Und selbst die werfe ich später in einen Briefkasten, zurück an den „Absender“.
Glaub mir, hätte ich gewusst, dass es Lösegeld für deine Schwester ist, dann hätte ich es sofort zurückgegeben! Aber das erfuhr ich erst gestern Nacht. Bisher hast du es ja vorgezogen, mich zusammenzuschlagen, als zu Wort kommen zu lassen.“
Der Kleinere wischte sich mit dem Arm über den Mund und schaute mich flehend, aber durchaus auch vorwurfsvoll an. Ein Blitz zuckte am Himmel, sofort gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag.
„Wie hättest du an meiner Stelle denn reagiert? Drogendealer…, das ist echt lächerlich!“ Ich schüttelte beschwichtigend den Kopf, als René zu einer Rechtfertigung ansetzen wollte. „Spar dir den Kommentar. Ich will gar nicht wissen, warum ich für dich aussehe wie ein Gangster! Es gibt im Moment Wichtigeres.“
Wie um meine letzte Aussage zu unterstreichen, klingelte mein Handy und ich wusste noch bevor ich die grüne Taste drückte, dass es die Entführer waren, die langsam aber sicher ungeduldig wurden. Ich hörte mir an was sie zu sagen hatten und bat mit Elina sprechen zu dürfen. Diese Bitte wurde jedoch abgelehnt. Dann sagte ich ihnen, dass ich das Geld wieder hätte, allerdings noch nicht wusste, wie viel fehlte und dass ich mich bemühen würde, schnellstens nach Deutschland zurück zu kommen.
Mein Betthase der letzten Nacht – ich konnte es immer noch nicht fassen – hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört und er sah wirklich besorgt aus. Inzwischen war ich mir sicher, dass er das Geld wirklich nicht genommen hätte, wenn er von den Umständen gewusst hätte.
Umständlich hievte ich mich hoch und sah an meinen nassen und mit Schlamm bespritzten Klamotten herunter. Seufzend streckte ich René die Hand hin.
„Na komm, wird Zeit, dass wir hier weg kommen. Wir gehen zu dir und du gibst mir die Kohle. Ich muss zurück.“
Er ergriff meine Hand und stand ebenfalls auf.
„Meine Güte, musstest du so hinlangen?“, beschwerte er sich und befühlte seinen Bauch.
„Sorry, es ist halt mit mir durchgegangen. Verständlich oder?“, patzte ich ihn an und zog ihn mit mir mit.
„Ja ja, schon klar“, antwortete er genervt. „Es gibt allerdings noch ein kleines Problem.“
„Was heißt hier kleines Problem?“ Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Ich konnte nur hoffen, dass er damit meinte, dass nicht mehr alles Geld da war, weil er davon seine Reisekosten abgezweigt hatte und die würden wünschenswerterweise nicht in die zehntausende gehen „Sag jetzt nicht, du hast die Kohle in Japan gelassen, dann bring ich dich doch noch um!“
„Danke für die tollen Aussichten“, sagte René sarkastisch und funkelte mich wütend an. „Wir können nicht zu mir gehen, weil es kein ‚zu mir‘ gibt. Als ich merkte, dass du Leute auf mich angesetzt hast, habe ich in keinem Hotel mehr eingecheckt. Das Geld mit samt meinen Sachen liegt in einem Schließfach am Flughafen.“
„Oh man, das passt doch super. Du kannst einem echt Angst einjagen. Lass uns meinen Kram holen und dann geht‘s ab zum Airport. Den Schlüssel fürs Schließfach gibst du mir jetzt schon.“
Widerstrebend kam René meinem Befehl nach. Er war echt sauer auf mich und es machte mich stutzig, in seine empörten Augen zu blicken, also sah ich schnell wieder weg. Den Schlüssel steckte ich mir in meine enge Hosentasche, dort würde er nicht heraus fallen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis wir wieder beim Hotel angelangt waren. Der fast schon monsunartige Regen hatte es ganz schön in sich gehabt und den Abstieg in eine Schlitterpartie verwandelt. Mehrfach fing ich Hallwig auf, als er ausrutschte und er mich ebenso.
Irgendwann kamen wir im Hotel an und wurden ob unserer dreckigen Klamotten ziemlich schräg angeguckt. Das war mir jedoch scheiß egal. Während René sich ungeachtet seines Aufzugs in einen der roten Sessel nahe der Rezeption setzte, versuchte ich sofort ein Auto zu bekommen. Doch der Hotelangestellte machte mir einen Strich durch die Rechnung.
„Es tut mir Leid, Herr Schwertner, aber das wird nicht möglich sein. Unsere Autos sind momentan alle unterwegs und dann gab es ja noch diese Schlammlawine.“
„Schlammlawine?“ Verständnislos sah ich ihn an.
„Die Zufahrtsstraße zum Hotel wurde durch eine Schlammlawine begraben. Es dauert ein paar Stunden, bis sie wieder frei ist. Die Feuerwehr hat alles abgesperrt. Es tut mir Leid, aber momentan kommen Sie von hier nicht weg.“
„Das darf nicht wahr sein“, polterte ich und schlug mit der Faust auf den Rezeptionstresen, so dass der Mann dahinter zusammen zuckte.
„Ich versichere Ihnen, dass ich Sie sofort informiere, wenn die Straße wieder befahrbar ist und ich werde Ihnen schnellstens einen Mietwagen besorgen, damit Sie zum Airport gelangen.“
„Gut, danke. Machen Sie bitte auch schon die Rechnung fertig.“
Ich atmete ein paar Mal tief durch, um nicht komplett die Nerven zu verlieren. Dann sah ich an mir hinunter und auf den Fleck, den ich inzwischen unter mir hinterlassen hatte.
„Ich brauch ´ne Dusche!“, stellte ich fest und wollte auf mein Zimmer gehen.
Natürlich nicht, ohne Hallwig im Schlepptau. Der jedoch saß fröstelnd in dem Sessel und sah aus, als wüsste er nicht recht wohin mit sich. Allerdings war ja wohl klar, dass ich ihn nicht mehr aus den Augen lassen würde, bis ich die Knete in meinen Händen hielt.
„Und du kommst mit mir mit“, sagte ich, packte ihn am Arm und zog ihn neben mir her, den gleichen Weg nehmend, wie in der letzten Nacht.
Mein Gott, wenn ich nur daran dachte, dass wir noch vor einigen Stunden gevögelt hatten, wurde mir ganz anders. Jedoch war es ein komisches anders, eine Mischung aus Abscheu und Erregung.
Im Zimmer angekommen, schloss ich von innen ab und legte die Karte ins Bad, damit Hallwig sich nicht verpissen konnte während ich mich frisch machte.
Diese Dusche hatte ich echt bitter nötig. Umständlich legte ich vor dem jungen Mann ein Teil nach dem anderen ab. Mir fiel gar nicht auf, dass ich quasi vor ihm strippte.
Erst als ich prüfend zu Hallwig sah, ob er auch noch artig da saß und dieser dann ruckartig mit hochrotem Kopf wegschaute, wurde ich mir meiner Show bewusst.
Ein Grinsen konnte ich mir daraufhin nicht verkneifen.
„Was denn? Gestern hat es dir auch nichts ausgemacht, mich nackt zu sehen.“
Boah was war das jetzt, flirtete ich tatsächlich mit ihm, obwohl er mich so gelinkt hatte? Ich hatte sie nicht mehr alle und mein Schwanz auch nicht, denn der stand irgendwie halbsteif in der Luft rum und nun war ich es, der eine rote Birne kriegte.
„Bin dann mal duschen“, murmelte ich und schob erst mal ab.
So eine kalte Dusche wirkte Wunder. Zwar war ich nach der ganzen Anstrengung der letzten Stunden immer noch müde, aber zumindest der Dreck war runter.
Als ich in Shorts zurück ins Zimmer kam, lag René in einer ziemlich unbequemen Stellung auf einem Zweisitzer und schlief. Es sah niedlich aus, wie er so friedlich da lag und wieder musste ich an unser kleines Schäferstündchen denken. Warum hatte er mir nur die Kohle geklaut? Hätte ich ihn unter anderen Umständen kennen gelernt… Doch es war müßig jetzt darüber nachzudenken.
Der Junge schien zu frieren, denn er zitterte am ganzen Leib. Kein Wunder, hatte er doch immer noch die nassen Sachen an.
Ich ging zu ihm herüber und fasste ihm sanft an die Schulter.
„Wach auf und geh duschen, bevor du mir erfrierst, hm.“
Nur quälend öffnete er seine Lider und musterte mich kurz mit gerunzelter Stirn. Dann nickte er leicht und stand langsam auf, während er sich verschlafen die Augen rieb. Schweren Schrittes tapste er ins Bad, als wären seine Beine aus Blei und verschwand dort die nächsten 10 Minuten. Schneller als erwartet stand er wieder vor mir, lediglich mit einem Handtuch um die Hüften.
Nun war ich derjenige, der verlegen den Anderen anstarrte. Allerdings nicht nur wegen dem heißen Body, welchen ich nun bei Tageslicht ausgiebiger mustern konnte. Sondern wegen den blau-lila Flecken, die überall verteilt waren.
„Wie gesagt, meine ganzen Sachen sind im Schließfach“, meinte René schlicht, ohne auf meinen Blick einzugehen, den er sehr wohl mitbekommen hatte.
Wie ferngesteuert ging ich auf ihn zu und berührte mit meinen Fingerspitzen seine Blessuren. Er zuckte leicht, sah mich aber noch immer nicht an. Fast schon zärtlich nahm ich seinen Kopf in meine Hände und drehte ihn so, dass er nicht anders konnte, als mir in die Augen zu schauen.
„Es tut mir Leid, dass ich dich so zugerichtet habe, gerade nachdem wir“, ich räusperte mich, „du weißt schon.“
Wieder betastete ich seine bunte Bauchgegend, seine Muskeln und hätte nicht in diesem Moment mein Handy geklingelt, ich weiß nicht, was in mich gefahren wäre.
„Ja?“, meldete ich mich.
Es waren wieder die Verbrecher. Ich ließ von René ab und ging im Zimmer hin und her, während sie mir einbläuten, dass ich mich beeilen sollte und sie langsam die Geduld verloren. Um das zu unterstreichen holten sie Elina ans Telefon und es brachte mich fast um, ihre schwache Stimme zu hören. Doch ich riss mich am Riemen und redete ihr gut zu. Meine Fassung fiel erst in sich zusammen, als sie aufgelegt hatte.
Ich stützte mich an der nächsten Wand ab und legte meine Stirn an selbige. Mein Körper spielte verrückt, so als würde er jeden Moment kapitulieren, aber ich musste Haltung bewahren. Ich durfte jetzt nicht schlapp machen, konnte mir keinen Moment der Schwäche erlauben.
Eine leichte Berührung an der Schulter ließ mich aufschauen. René stand dicht neben mir und sah mich besorgt an. Er brauchte sich nicht zu entschuldigen, denn sein Blick sagte alles. Allerdings half mir das in meiner jetzigen Situation nicht weiter. Mal davon abgesehen, dass er überhaupt erst daran schuld war. Er spürte wohl meinen Gefühlswechsel und nahm wieder drei Schritte Abstand.
Ich drehte mich um und wollte auf ihn zugehen, doch meine Beine versagten mir den Dienst. Im nächsten Moment wachte ich auf dem Bett liegend wieder auf. René lag neben mir, allerdings auf der Decke und nicht wie ich darunter.
„Hey, da bist du ja wieder. Bist umgekippt, hast aber nur eine kleine Beule.“ Vorsichtig tippte er an meine Stirn und lächelte mich lieb an.
In dem Moment, als seine Finger mich berührten kribbelte es in meinem ganzen Körper angenehm. Dieses Gefühl war mir völlig neu. Ich fühlte mich seltsam geborgen und genoss seine Nähe, aber sollte ich das überhaupt? Was würde Elina dazu sagen, wenn ich mich zu dem Mann hingezogen fühle, der diesen ganzen Mist endlos in die Länge gezogen hatte? Sie würde mir sicherlich nicht dafür um den Hals fallen.
Dennoch konnte ich nicht anders, als mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, hätte ich René unter anderen Umständen kennen gelernt. Ob wir wohl nur gefickt hätten, oder hätte sich eventuell sogar etwas daraus entwickeln können? Diese Frage konnte ich mir nicht beantworten. Schließlich war ich ja bisher immer der Typ gewesen, der seine Betthasen nach dem ONS vergrault hatte. Dieser Typ jedoch war so furchtbar niedlich mit seinen kurzen braunen Haaren, den großen blau-grünen Augen und selbst seine Blässe zog mich irgendwie an.
Ganz in diese Gedanken versunken merkte ich erst gar nicht, dass ich dichter an ihn heran gerutscht war und mir von ihm meinen Kopf kraulen ließ.
„Du solltest ein wenig schlafen und Kraft schöpfen, Elias. Du brauchst sie für deine Schwester.“
Tatsächlich schlief ich kurz darauf ein. Als ich wieder erwachte sah ich mich nach René um, doch der war weg. Verdammt! Schon wieder hatte ich es vergeigt und konnte meine Gefühle nicht länger unterdrücken. Ich fühlte mich schrecklich und ließ meinen Tränen freien lauf.
Vor lauter Selbstmitleid bekam ich überhaupt nicht mit, wie die Tür klappte und sich jemand neben mich aufs Bett setzte. Erst eine ruhige Stimme und eine sanfte Berührung ließen mich aufschauen.
„Schschsch… Ist ja gut.“
Liebevoll blickte René auf mich hinab und streichelte mir zärtlich über die Wange.
„Wo…?“, brachte ich gerade so über die Lippen. Er lächelte nur über meine Verwirrtheit und legte seinen Kopf leicht schief.
„Ich habe mich wegen der Lawine erkundigt. Zwar ist in der Hinsicht noch nicht viel passiert, aber ich habe einen Typen aufgetrieben, der einen Jeep besitzt und angeblich Schleichwege aus dem Stadtviertel kennt. Allerdings verlangt er eine happige Bezahlung.“
„Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an, denke ich. Hauptsache wir kommen hier weg. Wie viel von der Kohle hast du schon verbraten?“
Leider hörte er nach diesen Worten auf meine Wange zu streicheln. Dabei genoss ich die Berührung doch so sehr.
„Ich weiß nicht genau, schätze so um die Zehntausend“, gab er kleinlaut zu.
„Das geht ja noch.“
Ich setzte mich auf, wischte mir die Tränen ab und sah in René´s Augen. Meine Hand zuckte nach oben, denn Ich wollte ihn berühren, ließ sie aber doch wieder sinken. Natürlich bekam er das mit.
„Ich wünschte, wir…“ Ich sprach den Satz nicht zu Ende, sondern wandte meinen Blick ab und erhob mich, um mich anzuziehen.
Wenn René geknickt war, ließ er es sich nicht anmerken. Es war einfach der falsche Zeitpunkt und ich denke das wusste er auch. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und bekam erst da mit, dass der Kleine ein paar von mir an hatte. Er sah meinen prüfenden Blick, doch noch bevor er etwas sagen konnte winkte ich ab. Was hätte er auch anderes tun können, schließlich waren seine Klamotten alle im Schließfach, ein paar Kilometer weit weg von hier.
Gemeinsam verließen wir das Hotel und René machte mich mit dem Typen bekannt, der uns helfen wollte. Allein zwecks meiner Natur begann ich mit ihm zu verhandeln, schließlich sollte es nicht aussehen, als wären wir dringend auf ihn angewiesen. Geeinigt hatten wir uns dann doch recht schnell und so rasten wir keine fünf Minuten später Richtung Flughafen.
Als wir endlich dort und an den Schließfächern waren, konnte ich es kaum glauben. Abermals hatte ich heute Tränen in den Augen, doch dieses Mal vor Erleichterung. Bald, Elina, bald bist du wieder bei mir. Ich zählte grob durch und stellte fest, dass wirklich nicht viel mehr fehlte, als Hallwig gesagt hatte. Zum ersten Mal seit langem erfüllten mich Glücksgefühle und ein wenig Hoffnung.
„Und jetzt ab nach hause!“ Beschwingt schulterte ich meine Reisetasche und lief los. Schon beim Betreten des Airports hatte ich auf der großen Anzeigetafel gesehen, dass zeitnah ein Flug direkt nach München ging, weswegen ich mir nun so schnell wir möglich das entsprechende Ticket besorgen wollte. Ich war schon ein paar Meter gelaufen, als mich eine Stimme hinter mir innehalten ließ.
„Viel Glück!“
Ich drehte mich um und sah René noch immer bei den Schließfächern stehen. Er hatte so ein offenes Wesen und strahlte eine dermaßene Ehrlichkeit aus, dass ich nicht anders konnte als ihm zu glauben, dass er es wirklich aufrecht meinte. Er wünschte mir einfach Glück, ganz egal was nun aus ihm wurde.
René lächelte, ohne den Hauch von Traurigkeit ganz unterdrücken zu können, drehte sich um und ging in die komplett andere Richtung. Warum versetzte mir das so einen heftigen Stich ins Herz? Je mehr er sich von mir entfernte, desto mehr hatte ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. War ich schlussendlich doch reif für die Klapsmühle?
Ohne überhaupt darüber nachzudenken, setzte ich ihm nach, packte ihn, als ich bei ihm war, grob am Arm und zerrte ihn bis zum Ticketschalter hinter mir her. Natürlich ging das nicht ohne großes Gemotze von seiner Seite von statten.
„Hey! Was soll das? Ich hab dir wirklich alles gegeben, was ich hatte, also was willst du denn noch von mir?!“
Irgendwie fand ich das total amüsant.
„Halt die Klappe, Hallwig!“, meinte ich ruhig und verkniff mir das noch so kleinste Zucken meines Mundwinkels, als ich zwei Tickets nach München buchte und René fast die Augen aus dem Kopf fielen.
Nun saßen wir also im Flugzeug Richtung Deutschland, direkt nebeneinander. Irgendwann schlief René ein und sein Kopf fiel auf meine Schulter. Sofort setzte das Kribbeln wieder ein. Einen Moment zögerte ich, doch dann hob ich meine Hand und streichelte ihm sanft über die Wange. Er würde es ja doch nicht mitkriegen. Ich lehnte mich zurück, genoss seine Nähe und harrte der Dinge, die da auf mich oder besser gesagt auf uns zukommen würden.
*
Der Flug verlief relativ unspektakulär. Eine Zeit lang hatte ich mich noch an René´s Anblick satt gesehen und darüber nachgedacht, wieso ich ihn mitgenommen hatte. Okay, eigentlich war es mir klar, aber wahr haben wollte ich es dennoch nicht. Nachdem mir die Grübelei über den jungen Mann neben mir und die erneut aufkeimenden Gedanken darüber, ob bei der Lösegeldübergabe alles klappen würde, auf den Zeiger gingen, haute ich mir ne Flasche Rotwein in den Kopf und schlief anschließend so gut, dass mein Sitznachbar mich wecken musste, als es kurz vor der Landung Essen gab.
Aus irgendeinem Grund, der sich mir nicht näher erschloss, hatte René wohl das große Bedürfnis sich mitzuteilen. Er sagte, wie sehr er bedauere, dass er Elina und mich in diese blöde Situation gebracht hatte und dass er verstehen könne, dass ich so sauer auf ihn war. Dann kam er irgendwie vom Einem zum Nächsten und zu guter Letzt erzählte er mir von seinem Großvater, der der einzige Mensch in seinem Leben gewesen war, der ihn so genommen hatte, wie er ist, mit all seinen Macken, einschließlich dem Schwulsein.
Als es in seinem Elternhaus anfing zu kriseln, da René begann Mathe anstatt Jura oder Medizin zu studieren, redete ihm sein Opa immer gut zu, weswegen er sich bei ihm sehr geborgen gefühlt hatte. Wenn es ihm zu hause zu viel wurde, ging er immer zu dessen Haus am See, weit außerhalb der Stadt. Eines Tages allerdings, fand René seinen Großvater tot auf. Herzinfarkt. Die Eltern wollten so schnell wie möglich das Haus verkaufen, aber niemand wollte eine „heruntergekommene“ Hütte an einem „stinkenden“ See.
Er erzählte mir auch von einem Fotoalbum, welches seinem Großvater gehörte. Dort hatte dieser alle Bilder reingeklebt, die sie zusammen gemacht hatten. René bedeutete das Album sehr viel. Allerdings war es unauffindbar.
Seine Eltern waren alles andere als erfreut, als sie erfuhren, dass ihr Sohn rumgeschnüffelt hatte und als sie dann herausfanden, dass er auch noch schwul ist, war er für sie gestorben und sie warfen ihn raus. Von da an hatte er für sich selbst sorgen müssen und sich mit kleineren Diebstählen über Wasser gehalten.
„Naja, zumindest, bis du mit deiner Tasche kamst“, schloss er etwas lapidar.
Fast schien es, als täte ihm Leid, dass er so viel von sich Preis gegeben hatte.
„Jedenfalls hoffe ich sehr, dass du Elina heile wieder bekommst.“ Aufrichtig sah er mich an.
„Danke“, erwiderte ich und meinte es auch so.
Die restliche Zeit bis zur Landung verbrachten wir schweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach und als wir endlich aussteigen konnten, waren wir heilfroh der Enge in dem Vogel zu entfliehen.
Da wir nur Handgepäck hatten, brauchten wir uns nicht auf die Warterei am Gepäckband einzulassen und liefen gleich Richtung Ausgang. Ich winkte nach einem Taxi und gähnte herzhaft.
„Ich könnte mitkommen und dir helfen“, sagte René auf einmal und sah mich fragend an.
„Nein! Ich muss das alleine erledigen. Mach´s gut und Finger weg von fremden Taschen.“
Ich stieg in das Taxi und fuhr davon, jedoch nicht ohne mich noch einmal umzudrehen. Hallwig sah mir hinterher und schüttelte den Kopf. Scheinbar verstand er nicht, warum ich ihn wegschickte und ehrlich gesagt verstand ich mich selbst nicht. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenigstens eine Person in meiner Nähe zu wissen, die in mein Geheimnis eingeweiht war. Bei näherer Betrachtung war ich mir allerdings doch wieder sicher, dass ich genau richtig gehandelt hatte.
Dann strich ich den Taschendieb aus meinen Gedanken, denn ich hatte Wichtigeres vor. Ich musste mich auf die Geldübergabe vorbereiten.
Dafür blieb mir allerdings keine Zeit, denn kaum waren wir ein paar Kilometer gefahren, als auch schon mein Handy klingelte. Mir wurde gesagt, dass ich mich mit dem Geld in einer halben Stunde außerhalb der Stadt, auf einer von Wald umgebenen Landstraße, einfinden sollte. Sie wussten, dass ich im Taxi saß und verlangten, dass ich mich direkt dorthin begab und das Taxi dann weiterfahren ließ. Die Stelle, an der ich das Geld hinterlegen sollte wurde mir genau beschrieben.
Natürlich hielt ich mich an die Anweisungen – was blieb mir anderes übrig? Der Fahrer schaute zwar etwas skeptisch, aber als ich ihm erklärte, dass meine Freundin mich gleich hier abholen und wir uns noch ein paar gemütliche Stunden in unserer Blockhütte im Wald machen wollten, lachte er nur verstehend, zwinkerte mir zu und fuhr davon.
Was hätte ich dafür gegeben, wenn es wirklich so wäre. Selbst die Freundin hätte mich nicht gestört, naja zumindest nicht gleich. Seufzend schaute ich mich um und versuchte mich zu orientieren. Dann ging ich in die mir beschriebene Richtung los und suchte die entsprechende Stelle. Immer weiter führte ein kleiner Pfad ins Unterholz. Als ich den Ort gefunden hatte, der mir beschrieben wurde, blickte ich mich suchend um. Von Elina fehlte jede Spur und auch sonst sah alles verlassen aus. Dennoch fühlte ich den stechenden Blick, der auf mir lag, seit ich aus dem Taxi gestiegen war.
Ich drehte mich wieder herum, um die Tasche im Wurzelgeflecht eines alten Baumes zu verstecken, der vor Jahren vom Blitz getroffen worden war und erhielt im gleichen Moment einen furchtbaren Hieb vor die Stirn.
Vögel zwitscherten und in der Nähe rauschte ein Bach. Ich nahm den Geruch von Tannenzapfen wahr und hatte den Geschmack von moderiger Erde im Mund. Mein Schädel dröhnte und so langsam kam die Erinnerung zurück. Ich lag auf dem Waldboden und der Bach, den ich zu hören glaubte, war das Rauschen in meinem Kopf, wahrscheinlich eine Nachwirkung meines Knock Outs.
„Scheiße!“, stöhnte ich und brüllte dann nach meiner Schwester: „Elina? Elina…“
Mühsam rappelte ich mich auf und befühlte meine Stirn. Ich hatte scheinbar eine Platzwunde, denn an meinen Fingern klebte Blut. Allerdings schien es nicht mehr frisch zu sein. Ich sah auf die Uhr. Einige Zeit war es her, seit ich hier angekommen war.
Ich kramte in meiner Tasche und atmete erleichtert auf, weil mein Handy noch da war. Nur wen sollte ich anrufen, ohne dass derjenige dumme Fragen stellte? Verdammter Mist. Es klingelte und ich zuckte zusammen.
„Ja?“, fragte ich ängstlich.
„Wir werden deine Schwester morgen früh frei lassen. Weiterhin keine Polizei!“ Schon hatte der Typ wieder aufgelegt.
Das durfte nicht wahr sein. Wieso ließen die mich so lange warten? Sie hatten doch jetzt was sie wollten. Ich begann zu heulen und schrie mir den ganzen Schmerz von der Seele, so sehr, dass selbst die Vögel für einen Moment verstummten.
Als ich mich beruhigt hatte, ging ich zurück zur Straße und hatte Glück. Ein Bauer kam mit seinem Trecker vorbei und nahm mich freundlicherweise mit. Auch ihm erzählte ich das Märchen von dem geplanten Schäferstündchen, nur dass meine Freundin und ich in Streit geraten waren, sie mir eine mit nem Knüppel verpasst und mit dem Auto davon gerast war. Wieder wurde die Geschichte mit einem unterdrückten Lachen geglaubt. Mir sollte es recht sein.
Der Landwirt nahm mich mit in den nächsten Ort, wo er wohnte und ließ mich meine Wunde versorgen. Für den Weg zurück in die Stadt und zu unserem zu Hause, rief ich erneut ein Taxi. Zwar hätte ich auch irgendwen aus der Firma bitten können aber, ich wusste nicht, ob ich den Fragen, die sicher kommen würden, gewachsen wäre.
Kaum war ich daheim über die Schwelle getreten, rief ich nach Elina, aber sie war nicht da. Was auch sonst? Ich riss mir meine Klamotten vom Leib und nahm eine lange Dusche. Ein Beobachter hätte wahrscheinlich angenommen, ich wollte mich ersaufen. Danach zog ich Joggingklamotten an, legte mich starr vor Angst im Wohnzimmer aufs Sofa und weinte still vor mich hin.
RENÉ
Wie bestellt und nicht abgeholt, stand ich nun vor dem Münchener Flugplatz und schaute kopfschüttelnd dem Taxi hinterher, in welches Elias eingestiegen war.
Und das sollte es jetzt gewesen sein? Nach allem was geschehen war, nach allem was ich wusste, ließ er mich hier einfach so stehen. Aber was hatte ich bitteschön auch erwartet? Er übergibt mit mir zusammen das Geld, schließt seine Schwester wieder in die Arme und mich gleich danach? Und alle leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage???
Ich war so ein Träumer. Es fiel mir nicht schwer mir einzugestehen, dass ich mich wohl in diesen arroganten Typen verguckt hatte. Aber noch schwerer war es, einzusehen, dass nie was draus werden würde. Wenn nicht schon mein ganzes bisheriges Handeln ihn vergrault hatte, dann sicherlich mein Gefühlsausbruch und Redeschwall im Flugzeug. Aus irgendeinem verrückten Grund wollte ich, dass er mich verstand… alles nachvollziehen konnte.
Frierend steckte ich meine Hände in die Hosentaschen. Noch immer trug ich die Sachen von Elias, dem warmen Klima in Hawaii angepasst. Hier, zurück in Deutschland, war jedoch der Herbst angebrochen und zog dicke Regenwolken mit sich. Man, von so einem Pisswetter hatte ich echt die Nase voll.
Genervt ging ich zur nächsten Bushaltestelle und kramte nebenher einen kleinen Zettel hervor, den ich in der linken Tasche gefunden hatte. Plötzlich blieb ich stehen. Lediglich eine einzelne Telefonnummer war darauf notiert. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Im Hotel, als Elias schlief, hatte ich heimlich sein Handy genommen und mir seine Nummer aufgeschrieben. Ich dachte, es könnte mir irgendwann vielleicht weiterhelfen.
Meinen Entschluss hatte ich sofort gefasst. Ruckartig drehte ich mich um und lief Richtung Taxistand. Die beiden 50,-€ – Scheine hatte ich mir zwar als Notreserve eingesteckt, aber genau das war es auch. Ich hatte hier schließlich die ganze Scheiße verbockt, also musste ich es auch wieder gerade biegen!
Aus meiner Uni-Zeit kannte ich einen absoluten IT-Krack, der mir noch einen Gefallen schuldete. So fuhr ich also zu ihm, war heilfroh, dass seine Adresse noch stimmte und nahm seine nicht ganz legalen Hackertalente in Anspruch.
Für ihn war es ein Klacks, das entsprechende Handy anzuzapfen und den nächsten eingehenden Anrufer zu orten. Ich verlor keine Zeit, lieh mir sein Motorrad und raste zu dem genannten Ort.
Ich stellte die Maschine ein paar Seitenstraßen weiter ab und näherte mich vorsichtig der Adresse. Es war eine kleine Villa am Rande der Stadt, mit riesigem Grundstück, beides allerdings ziemlich heruntergekommen. Der Garten war regelrecht mit Unkraut und wild wachsenden Büschen übersät, was mir nur von Vorteil sein konnte.
Da ich dort nicht lange umherschleichen konnte, ohne aufzufallen, kletterte ich rasch über die Mauer und versteckte mich vorerst hinter Gestrüpp. Endlich zahlte es sich aus, ein paar Monate auf der Straße gelebt zu haben. Irgendwie hatten sich meine Sinne verfeinert und ich scheute nicht davor, mich dreckig zu machen.
Ich kroch also auf der Erde entlang, um das Haus herum und suchte ein offenes Fenster oder eine Terrassentür, als ich auf ein schlecht zugenageltes Kellerfenster stieß. Vorsichtig robbte ich näher und lauschte. Doch egal wie sehr ich mich auch anstrengte, ich hörte nicht einen Mucks.
Seufzend wollte ich schon aufgeben und weiter kriechen, als sich plötzlich über mir ein Fenster öffnete und laute Stimmen miteinander stritten.
„Alder, mach das Deil auf. Hier stingts.“ Schimpfte ein Türke im grausigen Deutsch.
„Draußen ist es aber kalt und nass und das können meine empfindlichen Geräte hier überhaupt nicht ab!“, antwortete ein anderer Mann fast schon hysterisch und kam näher.
„Bleib logger, Alder. Dann geh wenigsten Mal duschen, ne!“, lachte der Erste, ging in den Raum und ließ den anderen Mann das Fenster wieder schließen.
Noch einige Minuten lang presste ich mich mit wild klopfendem Herzen an die Mauer und betete zu wem auch immer, dass die mich nicht gesehen hatten. Dann atmete ich erleichtert auf und holte das Allzweckmesser raus, welches mir mein Hackerkumpel mitgegeben hatte. Er sollte auch die Polizei verständigen und zu dem Haus schicken, wenn ich binnen 2 Stunden nicht wieder auftauchte.
Zielstrebig machte ich mich nun doch an den Brettern des Kellerfensters zu schaffen, was echt mühsam von statten ging. Diese Kerle waren wirklich gründlich in ihrer Arbeit und so zog sich das Rauspulen der Nägel und Stemmen der Bretter übel in die Länge, vor allem weil ich so leise wie nur möglich vorgehen wollte.
Doch als ich das erste Brett beiseite legte und in Elinas verweinten Augen blickte, erfasste mich neue Energie. Ich bedeutete ihr ruhig zu sein und auf die Tür zu horchen, um mir notfalls ein Zeichen zu geben, wenn die Entführer in den Keller kämen. Sie verstand sofort und nickte mit zusammengepressten Lippen. Oh Gott, sie war Elias so ähnlich. Selbst in einer schwierigen Situation versuchte sie Haltung zu bewahren und das zu tun, was nötig war. Beide waren so viel anders als ich.
Doch ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Stück um Stück entfernte ich die restlichen beiden Bretter und machte mich dann daran, das Schloss zu knacken, welches das Kellerfenster von Haus aus besaß, damit keiner so leicht einbrechen konnte.
Kurz hielt ich inne, da ein Auto und laute Stimmen vor dem Haus bzw. auf der Einfahrt zu hören waren, machte aber sofort weiter, als Elinas Blick immer panischer wurde. Als ich endlich das heiß ersehnte „Klick“ hörte und das Fenster aufschwang, hatte sie Tränen in den Augen.
Auffordernd hielt ich ihr den Arm hin, den sie sofort ergriff. Zwar war das Fenster sehr schmal, aber sie eh nur eine halbe Portion und passte gerade noch so durch. Endlich draußen in Freiheit, hielt Elina sich nicht lange mit Fragen, wer ich war oder was ich hier tat auf, geschweige denn mit einer Verschnaufpause und rappelte sich gleich auf.
„Die wollen mich umbringen, sobald mein Bruder bezahlt hat!“, flüsterte sie rasch und blickte sich ängstlich um.
Und wie auf Kommando hörten wir das Schloss an der Kellertür und wie diese aufgestoßen wurde. Eine Millisekunde lang blickte ich dem einen Entführer direkt in die Augen, dann sprang ich auf und riss Elina hinter mir her.
Zu Fuß flüchten wäre komplett sinnlos, weswegen ich alle Hoffnungen in das Auto setzte, welches ich kurz zuvor gehört hatte. Und dieses Mal war das Glück auf meiner Seite. Das alte Fahrzeug stand mit dem Heck zur Haustür und war nicht abgeschlossen. Selbst der Schlüssel steckte noch, was wohl darauf hindeutete, dass der Fahrer zeitnah nochmal weg wollte. Hektisch drängte ich Elina auf den Beifahrersitz und sprintete hinten um das Auto herum, Richtung Fahrersitz.
Genau in diesem Augenblick wurde die Haustür der Villa aufgerissen und schon bellten die ersten Schüsse. Elina kreischte erschrocken auf und verkroch sich so gut es ging hinter dem Polster. Glas splitterte und Querschläger sausten viel zu nah zischend an mir vorbei. Ich zog nur den Kopf ein, warf mich hinter das Lenkrad, startete den Motor und brauste mit quietschenden Reifen davon.
Wild rauschte das Adrenalin durch meine Adern und dieses unheimliche Glücksgefühl, Elina neben mir lachend und weinend zugleich zu sehen. Dieser stechende Schmerz, der sich unaufhaltsam durch meine linke Seite zog, geriet dadurch komplett in den Hintergrund.
ELIAS
Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, meine Tränen abzuwischen, als es irgendwann an der Tür klingelte und gleich darauf wild pochte. Wer immer davor stand würde sowieso sehen, dass ich geheult hatte. Missmutig machte ich auf und dachte zu träumen.
„Das kann nicht sein“, flüsterte ich und musste mich an den Türrahmen lehnen, um nicht zusammenzubrechen.
Schon schlangen sich die dünnen Arme meiner kleinen Schwester um meinen Hals und ich drückte sie fest an mich.
„Oh, Elina. Bin ich froh, dass ich dich wieder hab“, sagte ich mit rauer Stimme und küsste nahezu jede Stelle, die ich in dieser innigen Umarmung von ihr erreichen konnte. „Ich liebe dich.“
„Ich dich auch“, schluchzte sie und zitterte wie Espenlaub. „Er hat mich gerettet, sie wollten mich töten.“
Bei diesen Worten war mir, als würde ein Pfahl durch mein Herz gerammt. Um ein Haar hätte ich meine Schwester niemals wieder gesehen.
Erst jetzt blickte ich zu René, der sich etwas abseits gehalten hatte. Er versuchte mir ein Lächeln zu schenken und es schien, als wollte er sagen `Siehst du, ich konnte dir doch helfen´. Dann sackte er einfach so in sich zusammen und blieb reglos am Boden liegen.
„René? Scheiße, was ist mit dir?“ Schon war ich bei ihm und sah das ganze Ausmaß der Katastrophe.
„Arzt, wir brauchen nen Arzt“, murmelte ich völlig von Sinnen vor mich hin und nahm nicht sofort wahr, dass Elina bereits den Notruf gewählt hatte. Sie faselte irgendetwas von Polizei und kam anschließend zu mir, um René erstzuversorgen, da ich vollkommen überfordert war und gar nicht mehr wusste, was ich tun sollte.
„Elias geh zu dem Wagen da vorne und guck, ob ein Verbandskasten im Kofferraum liegt“, herrschte sie mich an und ich gehorchte.
Wahrscheinlich wollte sie mich nur aus dem Weg haben. `Oh Gott, René. Bitte tu mir das nicht an! ´, dachte ich und fummelte mit zittrigen Fingern an der Heckklappe des Autos herum. Als sie aufsprang sah ich als erstes tatsächlich einen Verbandskasten und als nächstes meine Tasche mit dem Geld.
Ich schnappte mir den Kasten, öffnete ihn noch währenddessen ich zu Elina zurück rannte und riss mich dann zusammen, um ihr bei der Versorgung helfen zu können. Zum Glück war der Krankenwagen bereits nach einigen Minuten da und die Sanitäter übernahmen.
Auch die Polizeisirenen konnte ich bereits vernehmen. Meine Schwester sah mir dabei zu, wie ich zu dem Wagen zurück rannte und dann eine Tasche in eins ihrer üppigen Blumenbeete unter einen Busch schmiss. Fehlte mir noch, dass die Bullen das Lösegeld beschlagnahmten.
„Wie schlimm ist es?“, fragte ich einen der Sanitäter, als sie René auf eine Trage bahrten und in den Rettungswagen schoben.
„Ich denke, er wird durchkommen aber nur, wenn wir sofort los kommen!“, sagte dieser genervt und drängelte sich an mir vorbei.
„Komm, Elias, lass sie ihre Arbeit machen“, redete Elina leise auf mich ein und zog mich von dem Wagen weg, der nach einiger Zeit mit Blaulicht abfuhr.
Inzwischen war die Polizei da und ich versuchte einigermaßen klar zu schildern, was vorgefallen war. Die Sache mit der geklauten Tasche behielt ich für mich und berichtete nur von dem Geld, was die Entführer bisher tatsächlich erhalten hatten. Zwar hatten die Beamten noch etliche Fragen an mich, aber sie sahen wohl ein, dass es momentan nicht möglich war, noch mehr aus mir heraus zu kriegen.
Elina indessen hatte einer jungen Polizistin alles erzählt, was ihr in der Zeit ihrer Gefangenschaft widerfahren war. Sie wollte wohl nicht, dass ich das alles mit anhörte, denn sie wusste, dass ich mir schwerste Vorwürfe wegen allem machte. Ich ließ mich jedoch nicht abwimmeln und hörte alles mit an.
Nachdem meine Schwester den Beamten geschildert hatte, wo sie gefangen war, wurden sofort ein paar Streifenwagen dorthin beordert und später erfuhren wir, dass die ganze Bande innerhalb der nächsten Tage dingfest gemacht werden konnte.
In den nächsten Stunden widmete ich mich voll und ganz Elina und sie genoss meine Fürsorge. Natürlich dachte ich auch an René und machte mir Sorgen um ihn, aber momentan würde ich ihn eh nicht sehen können und Elina brauchte mich.
Sie bestand darauf, dass ich ihr die ganze Geschichte erzählte und ich tat es widerwillig. Andauernd bohrte sie tiefer, wollte jede Kleinigkeit von meinen Reisen wissen. Elina konnte kaum glauben, wie René in die ganze Sache mit hineingeraten war. Als ich ihr von dem Abend in der Bar erzählte, ließ ich natürlich die Bettgeschichte aus und machte mit dem nächsten Tag weiter; aber meine Schwester merkte, dass etwas nicht passte.
„Elias, komm schon, was war da noch? Du verschweigst mir doch was. Du sollst alles erzählen“, sagte sie und setzte ihren Bettelblick auf. „Lief etwas zwischen euch?“
Ich schnaufte.
„Also ja. Na komm, erzähl schon.“
„Ich weiß auch nicht wie das passiert ist. Mein Hirn hat irgendwie ausgesetzt, weil ich viel zu viel getrunken hatte und Hallwig, ähm also René einfach so anziehend war. Du glaubst nicht wie mies ich mich deswegen fühle.“ Wieder wurden meine Augen wässrig. „Du bist irgendwo in so einem Loch gefangen und ich vögel´ durch die Gegend.“
„Hey, nicht weinen Großer. Ich bin dir nicht böse. Du hast einfach Nähe gesucht und Ablenkung wegen der ganzen bescheidenen Situation. Da war ein bisschen Sex natürlich willkommen und René ist ja wirklich total süß… Das siehst du doch auch so?“
Wieder schnaufte ich und beeilte mich dann weiterzuerzählen. Elina entging das natürlich nicht, doch sie lächelte nur und schmiegte sich noch fester an mich.
„Du solltest ihn besuchen“, sagte sie, nachdem ich geendet hatte. „Fahr ins Krankenhaus und frag wie es ihm geht. Du hältst es doch kaum noch aus, das nicht zu wissen, das merke ich doch.“
„Vergiss es, ich lass dich nicht alleine.“
„Ich werde Lilly und Bianca fragen, ob sie vorbei kommen und außerdem haben wir doch jetzt die Alarmanlage.“
Sie wartete keine Antwort ab, sondern schnappte sich das Telefon und rief ihre Freundinnen an. So wie ich das mitbekam, hatten die sich schon große Sorgen gemacht, weil sie unentschuldigt in der Schule fehlte und auch niemand von uns zu erreichen war.
Die beiden Mädchen – oder besser jungen Frauen – kamen bereits nach einer halber Stunde im Eiltempo mit ihren Rädern angefahren und so konnte ich ruhigen Gewissens, zumindest meinte das Elina, ins Hospital fahren.
„Ruft mich sofort an, wenn irgendetwas ist, ja?“
Lilly und Bianca warfen sich Blicke zu, die nichts anderes hießen als `Was ist hier eigentlich los´. Meine Schwester würde es ihnen sicher erklären.
„Ja, machen wir und jetzt hau ab.“
Gute zwanzig Minuten und 3 Herzinfarkte später fand ich endlich einen Parkplatz und kurz danach betrat ich den Eingansbereich des Krankenhauses. Ich fragte nach, wo René lag und machte mich auf den Weg zur Intensivstation. Natürlich war die nicht frei zugänglich und keine der Schwestern wollte mich reinlassen, da ich nicht mit ihm verwandt bin.
„Das darf doch alles nicht wahr sein“, schimpfte ich und haute mit der Faust gegen die Wand.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte ein Arzt, der seinem Aussehen nach nicht mehr lange bis zur Rente hatte.
„Ich möchte zu René Hallwig. Ich bin sein Freund!“ Dieses sagte ich mit so viel Ernst in der Stimme, dass ich mir fast selber glaubte. „Die wollen mich nicht zu ihm lassen und er hat doch sonst niemanden mehr.“
„Hören Sie, es tut mir Leid, aber auch ich denke es ist besser, wenn Herr Hallwig zurzeit keinen Besuch empfängt. Nicht, weil Sie nicht zur Familie gehören, sondern weil er einfach noch nicht stabil genug ist. Die OP hat lange gedauert und ich wage zu sagen, dass er es schafft. Reicht Ihnen das vorerst?“
Freundlich sah er mich an und ich nickte geknickt. Wie gerne würde ich ihn sehen, an seinem Bett sitzen, seine Hand halten. Ich wollte mit ihm zusammen sein, so richtig.
„Meine Güte, Elias, was denkst du dir nur dabei?“, fragte ich mich leise murmelnd.
Eine Beziehung mit mir war völlig aussichtslos. Es würde sicherlich keine 3 Tage dauern und ich wäre schon wieder mit anderen Typen im Bett. Ich war einfach nicht gemacht für eine feste Bindung. Das gab nur Probleme.
Ich fuhr zurück, hielt auf dem Weg nach Hause noch an, um den Mädels Pizza mitzubringen und lieferte die danach bei ihnen ab, bevor ich mich im Wohnzimmer vor die Glotze hing und irgendwann völlig fertig auf der Couch einschlief.
Später schreckte ich aus dem Schlaf auf, weil ich schreckliche Dinge, bis hin zu dem Tod meiner Schwester geträumt hatte.
Da war ein Geräusch und blitzartig drehte ich mich um und eilte in die Küche. Lilly schrie kurz auf, als ich das Licht anmachte.
„Entschuldige, dass ich hier so herum schleiche“, sagte sie, als sie sich vom Schreck erholt hatte. Ich wollte nur etwas trinken.“
„Schon gut, Kein Thema. Hat sie euch alles erzählt?“
„Ja, das ist echt furchtbar. Ich bin froh, dass ihr nichts passiert ist.“
„Das bin ich auch“, sagte ich. „Gute Nacht, Lilly.“
Ich spürte ihren Blick auf meinem Rücken, als ich die Küche verließ, um nach oben zu gehen. Lilly gehörte zu den Freundinnen meiner Schwester, die mir hoffnungslos verfallen waren. Sie schwärmte schon seit Jahren für mich und war am Boden zerstört, dass ich immer noch schwul bin. Naja zumindest wurde es mir so zugetragen. Ein Schmunzeln umspielte meine Lippen.
Leise machte ich die Tür zum Mädchenzimmer auf und schaute kurz hinein. Bianca und meine Kleine atmeten ruhig und gleichmäßig. Ich nahm mir vor, die Mädels am nächsten Morgen zu fragen, ob sie sich nicht für ne Woche hier breit machen wollten, um Elina etwas abzulenken und zu unterstützen. Sicher würden sie einwilligen – Lilly sowieso.
Nachdem ich noch einen Abstecher ins Bad gemacht hatte, zog ich mich aus und schlüpfte in mein Bettchen, froh, endlich wieder im eigenen schlafen zu dürfen. Schade nur, dass ich allein war. Kaum hatte ich diesen Gedanken, öffnete sich meine Tür wieder. Elina schlich blitzschnell herein und krabbelte zu mir unter die Decke.
„Ich habe schlecht geträumt. Darf ich bei dir schlafen?“
„Natürlich, mein Schatz. Nichts lieber als das. Komm her.“ Ich zog sie fest an mich und genoss ihre Nähe.
Es dauerte nicht lange und wir waren beide eingeschlafen.
Am nächsten Tag machte ich die Sache mit den Mädels klar. Sie freuten sich, uns Gesellschaft leisten zu dürfen und Elina war sichtlich erleichtert, das merkte ich ihr an, als sie mir dankbar um den Hals fiel.
Beim Frühstück erzählte ich ihr von meinem Besuch im Krankenhaus. Sie sagte, ich solle es erneut versuchen, aber ich blockte ab. Das würde nichts bringen. Meine Einstellung passte ihr nicht, das konnte ich deutlich spüren, aber sie sagte nichts.
Den Rest des Tages bemühte ich mich in der Firma um Schadensbegrenzung. Ich schaffte es glücklicherweise den Batzen Geld, das René ohne es zu wissen wiederbeschafft hatte, zurück zu bringen, ohne dass jemand etwas merkte. Somit war alles wieder in Ordnung und die nächste Prüfung konnte ruhig kommen.
Allerdings musste ich dennoch Rede und Antwort stehen, weil ich so lange nicht erreichbar gewesen war. Mit einigen Sätzen erzählte ich von der Entführung, bei der ich die ganze Kohle, die ich für Elinas Zukunft angespart hatte, flöten ging. Nun, was machte das schon? Geld war nicht alles, das war mir inzwischen deutlicher als jemals zuvor.
Meine Mitarbeiter reagierten bestürzt und als sie mir anboten, mich noch ein paar Tage auszuruhen und frei zu machen, nahm ich das gerne an. Gegen frühen Abend verließ ich das Gelände wieder, fuhr jedoch nicht gleich nach Hause, denn ich wusste ja, dass Elina in guten Händen war. Mehrfach hatte ich sie angerufen und bei meinem letzten Kontrollanruf, wie sie es nannte, war sie tatsächlich schon etwas genervt, obwohl sie es schon süß fand.
Ich kehrte noch für ein Weilchen in meiner Stammkneipe ein. Die erste Amtshandlung war, dass ich der Tresenschlampe meine Autoschlüssel in die Hand drückte, damit ich später nicht auf dumme Gedanken kam.
„Hab ihn bei dir auf den Hof gestellt. Hole ihn morgen wieder ab.“
„So, dann hast du also Größeres vor heute?“, fragte er zwinkernd und stellte mir einen Whiskey vor die Nase.
„Mal gucken, was so Großes vorbei kommt“, erwiderte ich doppeldeutig und zwinkerte zurück.
Tatsächlich hatte ich eine halbe Stunde und einige Drinks später meinen ersten Quickie seit langem hinter mich gebracht, auch wenn ich die Enge in den Klokabinen verabscheute. So richtig befriedigt hatte der Typ mich allerdings nicht, weswegen ich weiter auf Beutesuche ging.
Gegen 24 Uhr kam ein süßer Kerl herein. Er schien jung zu sein, hatte hellbraune, kurze Haare und war ziemlich blass um die Nase. Außerdem war er ziemlich nass, denn draußen schien es heftig zu regnen.
Ich schob mich zu ihm herüber und reichte ihm mein Glas, was ich gerade samt neuem Inhalt erstanden hatte.
„Du siehst so aus, als solltest du besser eine kleine Erkältungsmedizin schlucken“, sagte ich wenig einfallsreich.
„Vielleicht würde ich ja viel lieber etwas anderes schlucken.“ Er nahm das Glas, exte es und musterte mich wohlwollend.
Na endlich mal wieder einer, der wusste was er wollte. So sparten wir uns das lange Vorgeplänkel.
„Ich habe allerdings keinen Bock auf die Drecklöcher da hinten“, sagte er zu mir und deutete mit dem Kopf Richtung Klos.
„Wir können zu mir, wenn du willst. Es ist nicht weit.“
Er nickte und wir setzten uns in Bewegung. Eine dreiviertel Stunde später vögelte ich dem Jungen so dermaßen das Hirn raus, dass es sich anhörte, als krachte mein Bett jeden Moment zusammen. Mir war das im Moment der Ekstase jedoch vollkommen Wumpe.
In der Nächsten Nacht tat ich das gleiche und so ging das den Rest der Woche weiter.
Irgendwann kam dann das böse Erwachen. Elina stiefelte in mein Zimmer, riss das Rollo hoch und zog mir die Decke weg. Dass ich somit vollkommen nackt vor ihr lag, schien ihr Wurscht zu sein. Sie kochte vor Wut.
„Bist du eigentlich total bescheuert?“, fauchte sie mich an. „Vögelst hier wild rum, so dass jeder es mitkriegt. Ist dir eigentlich bewusst, dass ich noch Besuch habe und mir vielleicht peinlich ist, wie du dich aufführst?“
Ich setzte mich auf und wollte etwas erwidern, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
„Schleppst einen Typen nach dem andern ab. Glaubst du ich weiß nicht was hier läuft? Ich bin doch nicht blöde. Zwei von denen sind mir auf dem Weg zur Tür unter die Augen gekommen, nachdem du sie rausgeschmissen hast. Komischerweise hatten beide eine gewisse Ähnlichkeit mit René. Geh gefälligst ins Krankenhaus und kümmere dich um ihn und komm mir nicht wieder mit `Die haben mich nicht reingelassen´. Wenn du wo rein willst, kommst du auch rein. Hast du ja die letzten Nächte eindrucksvoll bewiesen! Himmel, Herr Gott, du liebst ihn doch. Tu uns allen einen Gefallen und akzeptier das.“
Sie machte auf dem Absatz kehrt und knallte die Tür hinter sich zu.
Geschockt über so viel Ehrlichkeit am frühen Morgen ließ ich mich wieder nach hinten in die Kissen fallen und dachte über ihre Worte nach. Es dauerte seine Zeit, bis ich mir eingestand, dass sie Recht hatte.
Nachdem ich nun endlich zu dieser Erkenntnis gelangt war, gab es kein Halten mehr für mich und ich machte mich wie ein geölter Blitz auf den Weg ins Krankenhaus. Dort angekommen fragte ich im Schwesternzimmer vor der Intensivstation nach René.
„Es tut mir Leid, aber Herr Hallwig ist nicht mehr bei uns“, antwortete mir eine Blondine und huschte an mir vorbei.
„Nicht mehr bei uns?“, stammelte ich und merkte wie mir flau im Magen wurde.
Völlig aufgelöst stand ich wie bestellt und nicht abgeholt im Flur, in dem es ekelhaft nach Desinfektionsmittel roch. Das durfte nicht wahr sein. Endlich war ich bereit, mich auf das böse Wort Liebe einzulassen und dann wurde er mir schon wieder genommen. Dabei war er noch so jung. Ohne ihn hätte ich Elina nie wieder gesehen, doch jetzt war er tot – wegen mir.
„Sie wollten doch neulich zu Herrn Hallwig“, wurde ich auf einmal angesprochen.
„Ja.“ Mehr brachte ich nicht über die Lippen.
„Können Sie mir sagen wo er ist?“
„Wie, wo er ist?“, krächzte ich verständnislos.
„Tja, der Herr Hallwig ist vorhin sang und klanglos abgehauen. Wir haben ihn gestern auf eine normale Station verlegt. Zur Visite vor zwei Stunden war er noch da.“
„Er ist also nicht … tot?“, fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach.
„Nein, er ist viel zu lebendig, wenn Sie mich fragen. Er sollte eigentlich noch nicht in der Gegend herumlaufen.“
„Okay, danke für die Auskunft. Ich muss weg.“
Kaum hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, rannte ich durch die Flure des Krankenhauses und raus zu meinem Wagen. Ich fuhr nach Hause und setzte mich an den Rechner, um das Telefonbuch zu wälzen. Hier war das Glück mir endlich mal hold, denn es gab nur 20 Treffer bei Hallwig im Großraum München. Das hätte durchaus schlimmer kommen können.
Nacheinander rief ich alle an und sagte, ich würde gerne Rene Hallwig sprechen, es ginge um ein Testament, das vor kurzem aufgetaucht sei. Übrig blieben letztendlich fünf, die ich allesamt abfahren würde. Drei, die ich telefonisch nicht erreichen konnte und zwei, die eigenartig reagiert hatten.
Der Rest war ein Kinderspiel. Tatsächlich waren die Eltern des schnuckeligen Taschendiebes unter den Übriggebliebenen und es war nicht schwer zu erraten, welche es waren, war man ihnen einmal begegnet. So biestig wie die waren grenzte es an ein Wunder, dass sie mich Anfangs noch höflich hereingebeten hatten.
Jedenfalls kam ich ohne Umschweife zum Punkt, denn ich wollte die Sache schnell hinter mich bringen, bevor ich ausrastete in diesem Haus, wo nicht mal ein winziges Foto an ihren Sohn erinnerte. Ich bat mit Nachdruck um die Adresse des Großvaters, da ich annahm, dass ich den Kleinen dort finden würde. Rausrücken wollten die homophoben Arschlöcher sie jedoch nicht.
Als sie mich ziemlich unhöflich baten, ihr Haus zu verlassen, machte ich sie ganz galant darauf aufmerksam, dass ich, wenn sie mir nicht gaben was ich wollte in der nächsten Ausgabe des hiesigen Wochenblattes eine riesige Anzeige schalten würde, dass René und ich heiraten würden – mit Adresse der Eltern versteht sich. Zum Glück fruchtete dieser Bluff und ich konnte ein paar Minuten später wieder frische Luft atmen.
Beschwingt machte ich mich auf den Weg. Nicht mehr lange und ich würde ihn wiedersehen, dachte ich aufgeregt. Ob er mich überhaupt sehen wollte? Immerhin hatte ich ihn im Stich gelassen als er im Krankenhaus lag. Nun, ich würde es erleben.
RENÉ
Gediegen ließ ich meinen Blick über den kleinen See schweifen, in dessen Wasser ich meine Füße baumeln ließ. Es war ein warmer Herbsttag, der so manche alte Erinnerung an Kindheitstage wach rief. Ein kleines Lächeln verirrte sich auf meine Lippen. Wie oft hatte ich hier mit meinem Großvater am alten Steg gesessen und geangelt. Er erzählte dann immer Geschichten von Oma und ihm und wie sie sich kennen gelernt hatten.
Er hatte mir so viel beigebracht, nicht nur über die Natur, wie man Feuer macht oder ein kleines Wasserrad baut, sondern auch, dass man jeden Menschen so akzeptieren sollte, wie er ist. Er sagte immer, selbst die Leute, die auf den ersten Blick böse erscheinen, haben ein gutes Herz und einen triftigen Grund, sich so zu verhalten, wie sie es tun.
Deswegen hieß er nicht immer alles gut. Auch für ihn war Mord eine schwere Straftat. Trotzdem akzeptierte er nie etwas, wie es war, sondern hinterfragte alles. Je älter ich wurde, desto weniger gefiel meinen Eltern, was er mir beibrachte, denn ich nahm mir viel von ihm an. Wieder stellte ich traurig fest, wie sehr er mir doch fehlte. Gerade jetzt.
Seufzend lehnte ich mich zurück und lag nun flach auf dem alten Holz. Ein schmerzhafter Stich fuhr blitzartig durch meine Seite, was mich kurz aufstöhnen ließ. Mit zusammengebissenen Zähnen rieb ich über die Stelle und verfluchte meine Ungeschicktheit. Trotzdem bereute ich nicht meinen Entschluss, das Krankenhaus auf eigene Verantwortung verlassen zu haben.
Mal davon abgesehen, dass ich zurzeit nicht krankenversichert war, hatte ich keine Lust auf ungebetenen Besuch. Es tat schon unheimlich weh, alleine aufzuwachen, aber zu wissen, dass ich nach wenigen Stunden komplett abgeschrieben war, brannte wie die Hölle.
Ich erinnerte mich, wie ich am Abend des verrückten Tages in der Intensivstation aufwachte und ich blaue Augen sah. Ein süßes Lächeln umspielte schmale Lippen und eine gerade Nase zierte das mit Sommersprossen übersäte Gesicht.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich doch im Himmel lande“, nuschelte ich im Tran, worauf das Lächeln des Anderen noch breiter wurde.
„Nicht ganz, Schätzchen, aber knapp vorbei. Ich hole den Arzt, okay?“, erklang eine sanfte Stimme und schon war er weg.
Somit hatte ich die Gelegenheit, richtig wach zu werden und mich umzuschauen. Nein, der Himmel war das hier bestimmt nicht. Nervig piepsende Geräte, von denen man nie wusste, wozu die überhaupt gut waren und der beißende Geruch von Desinfektionsmittel. Lange würde ich es hier bestimmt nicht aushalten.
Kurz darauf erschien ein älterer Herr. Er hatte so ein typisches Rektorlächeln drauf, was Verständnis zeigte, aber doch irgendwie mahnend ausschaute.
„Guten Abend Herr Hallwig. Wie fühlen sie sich?“
„Mal von dem Presslufthammer in meinem Hirn und der Dampfwalze, die über mich drüber gerollt sein muss, abgesehen? Fit wie ein Turnschuh!“
Der Arzt lächelte gutmütig.
„Das klingt doch sehr gut. Können sie sich erinnern, warum sie bei uns sind?“
Einen kleinen Moment musste ich wirklich stark über diese Frage nachdenken. Doch dann schossen Bilder durch meinen Kopf und zwar so schnell, dass ich gequält meine Augen schloss.
„Nicht wirklich. Nein.“ Ich war einfach noch nicht bereit, detailliert über alles nachdenken zu wollen. Der Arzt schaute mich intensiv an, drängte mich aber zu nichts.
„Na, das kommt bestimmt noch. Sie wurden mit einer Schussverletzung und hohem Blutverlust heute Nachmittag eingeliefert. Wir mussten sofort operieren, aber wie ein Wunder, hatte das Geschoss keine Organe verletzt. Es war ein glatter Durchschuss, den wir gut nähen konnten. Nur der Blutverlust machte uns bisher Sorgen. Aber wie mir scheint, haben sie die Transfusion gut überstanden.“
Weil ich auch dazu nichts zu sagen hatte, kontrollierte der Arzt kurz die Verbände und verabschiedete sich dann bis zum nächsten Morgen. Der süße Zivi, welcher sich als Tomas vorstellte, gab mir noch was gegen die Kopfschmerzen, wonach ich gleich wieder einschlief.
Tomas war echt ein Lieber. Die ganze Woche über umsorgte er mich, als wäre ich ein Kücken und er meine Glucke. Er schickte die Polizei weg, die noch immer eine Aussage von mir benötigte und hielt mich auf dem Laufenden, was draußen so ablief.
Zuerst dachte er, Elina wäre meine Freundin, weil sie wohl versucht hatte, wild schimpfend ihr Besuchsrecht zu erkämpfen. Aber als ich leise vor mir her nuschelte, dass mir es ihr Bruder eher angetan hatte, war für ihn alles klar. Er hatte Elias am Tag meiner Einweisung kurz gesehen, war von ihm trotzdem hin und weg gewesen. Laut Tomas war Elinas Bruder der Hingucker überhaupt.
Allerdings war der süße Zivi schon vergeben, weswegen er nur gucken und nicht anfassen durfte, was ich gespielt enttäuscht hinnahm. Er verstand es augenzwinkernd. Nein, was Neues könnte ich jetzt nicht anfangen. Dafür spukte Elias mir noch viel zu sehr im Kopf herum.
Es war der dritte Tag im Krankenhaus, als Tomas am Morgen mit ernster Mine mein Zimmer betrat. Da ich mich recht schnell erholte, bekam ich das sofort mit. Tomas lachte sonst immer! Er sprach mich auf Elias an und ob er denn wüsste, was ich für ihn empfand bzw. ob wir überhaupt zusammen wären. Genau konnte ich diese Frage nicht beantworten und drängte Tomas endlich damit rauszurücken, weswegen das so wichtig war.
Der junge Zivi jobbte nebenher in einer Schwulenbar, um das Geld fürs Studium aufbringen zu können. Dort hatte er den Abend zuvor Elias gesehen, wie er so einen Schönling abgeschleppt hatte, keine fünf Minuten nachdem er die Bar betrat.
Es ist verdammt schwer dieses Gefühl zu beschreiben, was sich in mir ausbreitete, als ich das hörte. Es tat einfach nur so beschissen weh. Natürlich versuchte ich das zu überspielen, doch Tomas kaufte mir das nicht wirklich ab.
Trotzdem erholte ich mich die nächsten Tagen immer mehr, was sogar die Ärzte überraschte. Allerdings basierte das nur auf einen Gedanken. Ich wollte hier raus! Weder war ich erpicht darauf, mit den Polizisten zu reden und die ganze Geschichte abermals durchkauen zu müssen, noch wollte ich Elina sehen, die ihrem Bruder so ähnlich sah. Es wäre einfach zu schmerzhaft.
Laut Tomas ließ Elias keinen Tag aus, um andere Typen abzuschleppen, was mich ganz krank machte. Ich wusste, dass es der Zivi nur gut meinte, damit ich Elias besser vergessen, schneller abschreiben konnte. Irgendwann wurde mir das allerdings zu viel.
Als ich auf die normale Station verlegt wurde, schnappte ich mir am darauffolgenden Morgen meine Sachen, die frisch gewaschen worden waren und haute einfach ab.
Es gab nur einen einzigen Ort auf der ganzen weiten Welt, der mir bisher immer Geborgenheit und Ruhe gespendet hatte. Und das war bei meinem Großvater. So lag ich also hier auf dem morschen Steg und gab auf, weiter gegen die Tränen anzukämpfen, die schon länger in meinen Augen brannten.
ELIAS
Mit klopfendem Herzen stellte ich meinen Wagen auf dem schmalen Waldweg ab, der zum Haus führte, welches ich an einigen Stellen durch die Bäume und Büsche hindurch schimmern sah.
Hoffentlich täuschte ich mich nicht und René war tatsächlich hier. Doch das war er, denn kaum hatte ich mich dem Besitz seines Großvaters genähert, sah ich ihn am See liegen. Zuerst dachte ich, er wäre wegen der Schusswunde zusammen gebrochen, jedoch bewegte er sich einen Moment später und setzte sich wieder auf.
Ich stand nun wenige Meter hinter ihm und erkannte, dass er weinte. Es stach mir ins Herz, denn ich konnte es nicht ertragen, ihn so zu sehen. Langsam ging ich auf ihn zu, beugte mich zu ihm herunter und legte ihm sachte eine Hand auf den Rücken. René erschrak fürchterlich.
„Scht. Keine Angst, ich bin es. Nicht weinen, René. Es wird alles wieder gut.“
Vorsichtig zog ich ihn in eine Umarmung.
„Danke, dass du Elina gerettet hast und … dass du mich gerettet hast. Das werde ich dir nie vergessen.“
Zuerst schien er meine Nähe zu genießen, lehnte sich erleichtert seufzend an meine Brust. Doch dann, als wenn ihm etwas eingefallen wäre, zuckte er zurück und sah mir kurz in die Augen. Neben einer seltsamen Fassungslosigkeit erkannte ich unterdrückten Schmerz und aufkeimende Wut. Noch ehe ich wusste wie mir geschah, hatte mich René gepackt und mit einem Ruck in den See gestoßen.
„Scheiße, ist das kalt“, rief ich prustend, als ich wieder auftauchte. „Also ich hab mir ja schon gedacht, dass du sauer bist, weil ich dich nicht besucht habe. aber das du so sauer bist…“
Mühsam schleppte ich mich ans Ufer, was mit vollgesogenen Klamotten und Schuhen gar nicht so einfach war. Mir klapperten die Zähne und kaum stand ich wieder auf dem Trockenen, zog ich mir bis auf die Shorts ein Kleidungsstück nach dem anderen aus und wrang alles aus. Außerdem wäre es sicherlich gesünder halb nackt im Herbstwind zu stehen, als mit dem nassen Kram an.
René sah mir eine halbe Minute zu, bis ihm schlussendlich doch der Kragen platzte. Er schnappte sich meine nassen Klamotten, die ich achtlos beiseite geworfen hatte und ging damit auf mich los.
„Klar hast du mich nicht besucht. An sich hätte ich damit auch kein Problem gehabt. Aber wild durch die Gegend vögeln und mich dann zulabern, von wegen Gefühle und so ein Scheiß! Vielleicht bin ich nicht so ein arroganter, versnobter Arsch mit riesen Villa und nen Haufen Kohle, wie du. Aber blöd bin ich deswegen noch lange nicht!“
Schnaufend stand er vor mir, ließ das nasse Shirt in seinen Händen fallen und sah mich kopfschüttelnd an.
„Verzieh dich!“, befahl er leise mit zitternder Stimme.
Einen Moment lang war ich sprachlos. Nicht wegen seiner Beleidigungen, ich wusste, dass ich bisweilen so auf Leute wirkte. Doch woher wusste er von meinen ONS, verdammte Scheiße.
„Aber ich will mich nicht verziehen“, sagte ich so ruhig wie irgend möglich. „Hör mal, ich weiß, dass ich mich in der letzten Woche nicht mit Ruhm bekleckert habe und es hat seine Zeit gedauert, bis ich das begriffen habe. Ich wollte einfach alles vergessen, mich ablenken, auch, wenn ich im Grunde wusste, dass das der falsche Weg ist.
Das soll keine Rechtfertigung sein, René. Es ist nur so, dass ich mich seit dem Tod unserer Eltern auf nichts mehr eingelassen habe. Ich…“ Mehrmals musste ich tief Luft holen, um weiter sprechen zu können, denn noch nie hatte ich es vor einem anderen Menschen eingestanden, nicht mal vor Elina. „Ich könnte es nicht ertragen noch einmal jemanden zu verlieren, den ich lieb gewonnen habe und mit meiner Vögelei, wie du es nennst, wollte ich dich einfach vergessen, weil ich dich sehr mag.“
Plötzlich standen mir Tränen in den Augen.
„Als ich dachte, du seiest tot… du kannst dir nicht vorstellen, was in dem Moment in mir los war…“ Mehr bekam ich nicht über die Lippen.
Schnell wandte ich mich ab, denn René sollte nicht sehen, wie ich heulte. Es reichte schon, dass Elina in den letzten Tagen mehrere Gefühlsausbrüche von mir mitbekommen hatte. Ich musste stark sein, für sie, für die Firma und überhaupt.
„Idiot!“, schnaubte René lediglich und stapfte Richtung Haus davon. Ich war schon einem Zusammenbruch nahe, als er sich auf halben Weg umdrehte.
„Was ist? Kommst du endlich? Oder willst du hier noch weiter halb nackt und nass in der Kälte rumstehen?!“ Er klang zwar noch immer etwas gereizt, aber längst nicht mehr so wütend wie eben.
Wie ein kleiner Junge, der gerade die Predigt seines Lebens bekommen hatte, schlich ich hinter ihm her ins Haus. Man sah deutlich, dass hier seit Jahren nichts gemacht worden war. Zwar erkannte man auch Renés klägliche Versuche, die Waldhütte in Schuss zu halten, aber gegen den steten Verfall kam er ohne Kohle nicht an.
„Oh, mir fällt ein, ich hab da noch was für dich“, sagte ich mit belegter Stimme und rannte noch einmal raus, um meine Klamotten zu holen. Ich hing sie über die Stuhllehnen der Esstischgarnitur und fischte dann einen Schlüssel aus meiner Jeans, um ihn weiterzureichen.
René schien das alte Stück Metall sofort zu erkennen. Mit riesig gewordenen Augen und blassem Gesicht, suchte er Halt an der Rückenlehne einer alten Couch, verzog aber gleich schmerzhaft das Gesicht und hielt sich seine Seite. Mit aufeinander gepressten Lippen, um auch ja keinen Laut von sich zu geben, setzte er sich hin, wobei ich tatsächlich etwas Blut entdeckte, was durch das Shirt schimmerte. Als ich mir das näher anschauen wollte, schlug er empört meine Hände beiseite und funkelte mich wütend an.
„Mir geht‘s gut, klar!“, schnappte er aufmüpfig. Doch ich sah ihm an, dass dem nicht so war.
„Ja, sicher!“, entgegnete ich voller Ironie. „Du lässt mich das jetzt ansehen!“
Bevor er sich wieder wehren konnte, schnappte ich mir seine Hände und hielt sie mit einer Hand fest umklammert. Mit der anderen Hand schob ich sein Shirt hoch und besah mir die Wunde. Die Naht war nicht gerissen, aber wenn er so weiter machte würde das sicherlich bald passieren.
„René, du brauchst Ruhe. Keine Widerrede! Ich habe keinen Bock, dass du meinetwegen noch mal in Lebensgefahr gerätst.“
Langsam bugsierte ich ihn zu einer alten Couch, die zwar nicht mehr taufrisch schien, aber ihren ganz eigenen Charakter hatte. Auf Anhieb konnte ich mir vorstellen, wie der Kleine und sein Großvater auf ihr gesessen und gemeinsam ihre Fotos angesehen hatten.
So richtig wollte mein selbsternannter Schützling nicht, aber ich schaffte es dennoch ihn dazu zu bringen sich hinzulegen.
„Die Sache mit dem Schlüssel – was immer das für eine Sache ist – läuft dir nicht weg. Du ruhst dich jetzt erst mal aus und ich lasse einen Arzt kommen. Und wenn du maulst, rufe ich gleich einen Krankenwagen!“, stellte ich unmissverständlich klar.
Trotzig wie ein kleiner Junge, der sein Spielzeug nicht bekam, schaute René mich an, was mich leicht schmunzeln ließ. Dann konnte ich mich einfach nicht länger zurückhalten und streichelte ihm liebevoll über die Wange.
Der Kleine wusste wohl nicht recht, was er davon halten sollte, runzelte lediglich die Stirn und sah mir direkt in die Augen. Als ob er etwas suchen würde, drang sein Blick tief in mich ein, bis hin zu meiner Seele. Dieses Mal verschloss ich mich nicht. Ich wollte, dass er die Wahrheit erkannte, wie es in mir ausschaute.
Als René Anstallten machte sich aufzusetzen, begann ich schon zu protestieren. Doch er würgte mich sofort ab.
„Halt die Klappe, Schwertner!“
Dann küsste er mich.
„Wow“, hauchte ich und schob ihn mit sanfter Gewalt zurück in die Waagerechte. „Ich würde nichts lieber machen, als mit dir zu knutschen, aber ich möchte erst sichergehen, dass es dir wirklich gut geht.“
Nun beugte ich mich zu ihm herunter und küsste ihn kurz auf die Lippen, bevor ich mein Handy zückte, was den Wasserschaden wie ein Wunder überlebt hatte. Zumindest funktionierte es momentan noch. Ich rief meinen Hausarzt an, der auch im Krankenhaus tätig war. Er kam netterweise kurz vorbei, obwohl er seinen freien Tag hatte.
Da René inzwischen keine Schmerzen mehr hatte und die Naht unauffällig aussah, musste er nicht wieder ins Krankenhaus. Der Doc empfahl uns aber am nächsten Tag noch einmal bei dem behandelnden Arzt vorbeizuschauen. Der Kleine maulte etwas rum, weil er da nicht mehr hinwollte, aber in der Hinsicht duldete ich keine Widerrede. Ich würde ihn fahren und darauf achten, dass er sich an den Rat hielt.
Nachdem ich den Doc hinausbegleitet hatte und zurück ins Wohnzimmer kam, saß René aufrecht auf der Couch und betrachtete den Schlüssel, den ich ihm gegeben hatte.
„Hey, du sollst dich doch schonen“, sagte ich sanft und setzte mich neben ihm. Er verdrehte gespielt entnervt die Augen.
„Das macht mich noch lange nicht zum bettlägerigen Pflegefall.“
„Obwohl die Sache mit dem Bett ganz reizvoll klingt“, meinte ich schnurrend und platzierte einen Kuss direkt an die empfindliche Stelle hinter sein Ohr. René erschauderte und bekam eine leichte Gänsehaut.
„Lüstling“, schnurrte er, ließ es sich aber gefallen. Doch seine Hauptgedanken drehten sich noch immer um das Stück Metall in seinen Händen.
„Du bist neugierig, hm“, stellte ich fest.
„Mein Großvater ist vor fünf Jahren gestorben. Außer dieser Hütte hier, die ich ja eigentlich widerrechtlich betreten habe, existiert nichts mehr, was mich an ihn erinnert.“
„Außer dem Fotoalbum“, schlussfolgerte ich, worauf René nickte.
„Dieses Album bedeutet mir so viel“, sagte mein kleiner und blickte mich aus großen Hundeaugen an.
„Ja, ich weiß. Es hat mich gewundert, dass deine Eltern damit rausgerückt sind. Naja, wahrscheinlich hatten sie zu viel Angst“, schlussfolgerte ich, während ich ihn in meine Arme schloss, und konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.
„Meine Eltern, Angst…“ René sah mich stirnrunzelnd an. „Du hast sie doch wohl nicht bedroht?!“, fragte er empört. Es war schon seltsam, dass er seine Erzeuger in Schutz nehmen wollte, trotz allem was sie ihm angetan hatten.
„Wie man’s nimmt. Schätze, sie haben es so aufgefasst!“, sagte ich grinsend und schob lieber noch eine Erklärung hinterher, bevor er wieder böse wurde: „Ich sagte, wenn sie mir nicht die Adresse der Hütte gäben, würde ich unsere Verlobung mit ihrer Adresse im Wochenblatt bekannt geben. Wahrscheinlich dachten sie, sie legen zur Sicherheit besser noch den Schlüssel obendrauf.“
Zum ersten Mal schien ich dem Kleinen die Sprache verschlagen zu haben. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen schaute mich René an, als hätte ich ihm gerade gesagt, ich käme vom Mars und nicht von der Erde.
„Keine Sorge, du musst mich nicht gleich heiraten, nur weil wir gevögelt haben“, stellte ich klar und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen.
Er schmeckte so verdammt gut und vor allem nach mehr. Ich gab ein leises Seufzen von mir und trennte unsere Lippen von einander.
„Ehrlich gesagt hätte ich nichts gegen eine Wiederholung einzuwenden, aber du musst dich schonen. Wilder Sex passt da wohl nicht so recht.“
Schwer atmete der Kleine gegen meine Haut, was mir ein angenehmes Prickeln bescherte. Ihm schien es genauso wie mir schwerzufallen, sich zusammenzureißen, aber ihm war auch klar, dass er vorerst Ruhe brauchte. Trotzdem ließ er sich nicht ans Krankenbett fesseln. Abermals holte er das Stück Metall hervor.
„Der Schlüssel gehört zu einem Schließfach der alten Bank, ein Dorf weiter. Mein Großvater hat mich öfters dort hin mitgenommen, weil er mit dem Chef gut befreundet war. Ich muss einfach wissen, was da drin ist und warum er ihn gerade mir vererbt hat.“
Vorsichtig versuchte René aufzustehen, verzog dabei jedoch vor Schmerzen das Gesicht.
„Okay, ich fahre rüber und hole dir was immer in dem Fach ist hierher. Ich halte das für die beste Variante. Ich will nicht, dass sich dein Zustand wieder verschlechtert.“ Besorgt sah ich ihn an, fasste ihn an den Schultern und zwang ihn mit leichtem Druck, sich wieder hinzulegen.
„Das ist nett, aber wird nicht funktionieren“, meinte René darauf und sah mich seufzend an. „Wie schon gesagt, kannte der Bankchef meinen Großvater. Er wird den Inhalt nur an mich persönlich abgeben. Sonst hätten meine Eltern schließlich schon längst das Fach leer geräumt und dieser Schlüssel hier wäre nie mehr aufgetaucht.“
„Das habe ich befürchtet“, sagte ich seufzend. „Hör mal, kann das nicht noch ein paar Tage warten? Ich will sichergehen, dass du mir nicht zusammenklappst und der Doc hat auch gesagt, du sollst dich ausruhen.“
„Elias…“, sanft legte René beide Hände auf meine Wangen, sodass ich seinen großen, blau-grünen Augen nicht mehr entkommen konnte. „Mein Großvater ist seit 5 Jahren tot. Und jetzt, nach so langer Zeit, erhalte ich so etwas wie ein Zeichen von ihm. Ich möchte nicht mehr warten. Bitte!“
Ich stöhnte auf.
„Okay, wenn es unbedingt sein muss. Komm, ich helfe dir.“
Mit meiner Hilfe stand René auf und versicherte mir mehrmals, dass ihm nichts mehr weh tat. Er war sehr aufgeregt als wir zusammen die Hütte verließen und zu meinem Auto gingen. Während der Fahrt hing er seinen Gedanken nach und drehte immer wieder den Schlüssel in seinen Händen, ohne auch nur einen Blick davon abzuwenden.
„Ich kann gut verstehen, wie wichtig das für dich ist“, sagte ich in die Stille hinein, als wir wenige Minuten später vor der Bankfiliale hielten. „Hätte mir so lange nach dem Tod meiner Eltern jemand etwas gegeben, das von ihnen stammt, könnte ich es wohl auch nicht abwarten.“ Sanft nahm ich seine Hand, drückte sie kurz und stieg dann aus, da ich in diesem Moment ziemlich gefühlsduselig wurde.
Vor ein paar Wochen noch hätte ich nie gedacht, dass mir so etwas passieren könnte und nun war ich mit einem Mann zusammen, den ich von einem zum anderen Augenblick immer mehr vergötterte. Ohne Frage hatte Elina recht, ich hatte mich in ihn verliebt – und wie.
Schnell atmete ich noch einmal tief durch, ging um den Wagen herum und half René beim Aussteigen, auch wenn er mich seinem Blick nach zu urteilen für leicht übergeschnappt halten musste.
Drinnen war nicht viel los und nach nicht mal einer Minute kam ein älterer Herr auf uns zugeeilt.
„René!“ Es sah fast so aus, als ob der Mann meinen Schatz umarmen wollte, sich aber kurz davor doch noch seiner alten Schule besann und ihm lediglich kräftig die Hand schüttelte. Ich hingegen hätte den Typen am liebsten gegen die nächste Wand geworfen, so hart wie der meinen Kleinen anpackte.
„Deine Eltern sagten, du seiest an einer Krankheit verstorben. Aber eine Urkunde konnten sie mir nicht vorlegen. Deswegen habe ich ihnen auch den Zutritt zum Schließfach verwehrt. Deinem Großvater habe ich schließlich am Sterbebett versprochen, dass nur du den Inhalt erhältst.“ Der alte Mann war sichtlich gerührt und schien sogar feuchte Augen zu bekommen.
„Danke Herr Pierchhoff. Mein Großvater wusste schon immer, dass er sich auf seinen guten Freund vollends verlassen kann.“ René hatte die richtigen Worte gefunden, denn der Bankchef reckte stolz sein Kinn. Dann setzte er sich in Bewegung und winkte uns hinter sich her.
Für mich schien er sich gar nicht groß zu interessieren, was mich nicht weiter störte. Ich hielt mich dezent im Hintergrund und achtete wie ein Schießhund auf jede Bewegung meines Schatzes, um ihn wenn nötig zu stützen oder aufzufangen. Vielleicht hatte ich doch zu viel Wasser von dem grünen See geschluckt.
„Dein Großvater war wirklich ein guter Mensch. Es ist eine Schande, dass sein Sohn diese Frau geheiratet hat und so ignorant wurde. Aber sei es drum.“ Wir gelangten in einen großen, länglichen Raum mit etlichen alten Schließfächern. „So, da wären wir. Die Nummer steht auf dem Schlüssel und dort hinten sind abschließbare Räume, in die ihr euch diskret zurückziehen könnt. Den Weg kennt ihr ja nun. Falls etwas sein sollte, gebt einfach einem meiner Angestellten bescheid.“ Zum Abschied legte der Mann seine Hand auf Renés Schulter und drückte leicht zu.
„Alles Gute, mein Junge, und Gottes Segen!“
„Danke Herr Pierchhoff, Ihnen auch.“ Der Bankchef nickte noch einmal kurz, bevor er mit einem geschäftigen Schritt verschwand.
René sah mich unsicher an, nahm zu meiner Freude meine Hand und wir gingen die Reihe der Fächer entlang. Dann entdeckte er das Richtige, blieb stehen und versuchte mit zittrigen Fingern den Schlüssel ins Schloss zu schieben.
„Hey, ganz ruhig“, flüsterte ich, legte meine Hand auf die seine und führte den Schlüssel in sein Ziel.
Als wir die Tür öffneten, erschien eine nicht übermäßig große Kassette. Ich nahm sie heraus und schob meinen Süßen in einen der genannten Räume, um den Inhalt heraus zu holen. Groß war er nicht, aber ein Tisch und zwei Stühle fanden darin Platz. René setzte sich. Ich blieb hinter ihm stehen, schob den Deckel der Kassette herunter und legte sie vor ihm nieder.
René gab einen komischen Laut von sich, langte vorsichtig in den Behälter und holte langsam ein altes, in Leder gebundenes Buch hervor. Erst als ich sah, dass auf einmal Tränen über seine Wangen liefen wusste ich, dass es das Album sein musste, von dem er mir erzählt hatte.
Ebenso überwältigt wie er, nahm ich ihn kurz von hinten in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf den Nacken, während er schon begann es bedächtig durchzublättern. Jedes Bild sah er etliche Sekunden an, als könne er sich gar nicht daran satt sehen. Ich konnte das gut nachvollziehen. Hatte ich doch in den letzten Jahren selbst immer wieder unsere Familienalben durchgeblättert.
Ich schluckte schwer und setzte mich dann neben ihm, um mir die Papiere anzusehen, die noch in der Kassette lagen, denen René jedoch noch keinerlei Beachtung schenkte.
Als ich den Aktendeckel aufklappte, erkannte ich auf den ersten Blick was es war. Die Frage war nur, welchen Wert diese Unterlagen für meinen Süßen haben würden. Warum weiß ich nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass sein Großvater ihm keinen Schund hinterlassen haben würde.
In Ruhe sah ich alles durch, um ganz sicher zu gehen und murmelte staunend vor mich hin. René jedoch beachtete mich gar nicht. Dann kam ich zur letzten Seite und hielt inne, bevor ich laut anfing zu lesen:
„Mein lieber Junge!“
Wenn du diese Zeilen liest, werde ich schon wo anders sein. Bitte sei nicht traurig darüber, denn das ist der Lauf des Lebens.
Ich hatte ein gutes Leben, an dem du einen großen Anteil hast. Du hast mir viel Freude bereitet und mich immer sehr stolz gemacht.
Selbstverständlich ist das beiliegende Fotoalbum für dich. Wir haben es so oft gemeinsam angesehen und zusammen in Erinnerungen geschwelgt.
Es ist außerdem mein Wunsch, dass du das Haus am See bekommst, was du immer so geliebt hast. Sicherlich wirst du eine Menge daran zu tun haben, es wieder in Schuss zu bringen, denn in den letzten Jahren habe ich es schändlicherweise etwas vernachlässigt. Jedoch bin ich mir sicher, dass du das hinbekommst. Damit es dir etwas leichter fällt, habe ich dir die Wertpapiere beigelegt, von denen keiner außer dir nun weiß, dass es sie gibt.“
Ich stockte und schluckte ein paar Mal, dann las ich weiter, wohl wissend, dass René zuhörte und jedes Wort verinnerlichte.
„Es würde mich sehr freuen, wenn du der alten Hütte wieder Leben einhauchst, wie du es immer getan hast. Ich hoffe, du findest eines Tages einen netten Partner, der gemeinsam mit dir dort einzieht. Ich wünsche es dir von ganzem Herzen.
Sei nicht traurig, dass ich fort bin, lieber René, du weißt, ich werde dich niemals ganz verlassen.
In Liebe,
Dein Großvater“
RENÉ
Ich konnte nicht länger an mir halten und heulte einfach drauf los. Auch wenn ich jeden Laut versuchte zu unterdrücken, das Zittern meiner Schulter und der Sturzbach der Tränen sagten alles. Es war seltsam, aber es tat so verdammt gut, Elias bei mir zu wissen, seinen Körper neben mir zu spüren, die Arme fest um mich geschlungen. Seit er zu Ende gelesen hatte, hielt er mich fest und redete leise und beruhigend auf mich ein. Ohne ihn wäre ich längst zusammengebrochen.
Dieses Mal stimmte ich ihm sofort zu, vorerst nach Hause zu fahren und dort die ganzen Papiere nochmals in Ruhe anzuschauen. Also packten wir alles zusammen und gingen nach draußen. Die frische Herbstluft tat richtig gut und ordnete meine Gedanken etwas. So stieg ich mit nicht mehr ganz so wackeligen Beinen in Elias Auto ein, der mich die ganze Zeit kritisch beäugte. Es war seltsam, wie sehr er auf einmal um mich besorgt war, aber ich genoss es sehr.
Auf dem Rückweg legten wir bei einem Kiosk, wo Elias ein paar Kleinigkeiten zu Essen einkaufte, einen kurzen Stopp ein. Allerdings bestand er vehement drauf, dass ich im Auto wartete, was mich schon etwas nervte. Schließlich war ich doch kein kleines Kind mehr!
Allerdings beschwerte ich mich nicht, denn er meinte es ja nur gut. Während der Fahrt redeten wir nicht viel. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und auch Elias schien einiges zu beschäftigen. Zwar tat er alles damit ich es nicht merkte, doch ich hatte wohl mitbekommen, dass auch er ein paar Tränen vergoss, nachdem sämtliche Geheimnisse der Kassette gelüftet waren.
„Da sind wir wieder.“
Mit diesen Worten riss er mich aus meinen Gedanken. Wir stiegen aus – Elias schnappte sich die Einkäufe – und gingen ins Haus, dass ich nun mit anderen Augen sah. Es gehörte mir, mir ganz allein und ich würde hier wohnen. Es überwältigte mich schlicht.
„Hey, alles okay, mein Schatz?“, flüsterte Elias mir ins Ohr und schon legte er wieder seine starken Arme um mich.
Ich schloss für ein paar Sekunden meine Augen und genoss diesen einzigartigen Moment. Mein Kopf war komplett leer, kein Gedanke war mehr richtig greifbar. Nur dieses wohlige Gefühl der Geborgenheit spürte ich noch, das mich sanft einlullte, wie das Wiegenlied einer Mutter.
Es vergingen ein paar Tage, in denen Elias sich fast schon zu liebevoll um mich kümmerte. Wir genossen beide unsere kleine Zweisamkeit, die lediglich durch einen kurzen Krankenhausbesuch und einem Abstecher bei der Polizei wegen meiner Aussage unterbrochen wurde.
Erst nach diesen Tagen war ich bereit, wieder nach München zurückzufahren. Aber irgendwann musste ich mich ja wieder der normalen Zivilisation zeigen, schließlich hatte ich beschlossen, mein Studium fortzusetzen und da gab es noch so einiges zu klären. Außerdem wollte Elias verständlicherweise zurück zu seiner Schwester.
Elina… Gut, ich hatte sie aus diesem Loch befreit. Aber ich trug daran Schuld, dass sie so lange dort ausharren musste. Konnte ich ihr überhaupt noch in die Augen blicken? Ich musste doch für sie der letzte Dreck sein. Klar hatte sie versucht, mich im Krankenhaus zu besuchen, aber die Hintergründe kannte ich deswegen noch lange nicht. Je näher wir dem Haus der Geschwister kamen, desto nervöser wurde ich.
Elias sah mich wissend an.
„Du musst keine Angst haben. Elina ist eine Frohnatur. Wenn ich dir verziehen habe, hat sie es schon dreimal getan.“
Zielsicher lenkte er den Wagen in die große Garage, in der noch ein Kleinwagen stand. Während hinter uns das Rolltor wieder herunter ratterte, stiegen wir aus und gingen durch eine Tür in der Garagenwand direkt ins Haus.
Ich war nicht darauf vorbereitet, dass wir sofort in der Küche stehen würden und war entsprechend erschrocken, als ich Elina dort mit zwei Freundinnen am Küchentisch sitzend vorfand.
Sie stand auf und schon lagen die Geschwister sich in den Armen. Elias küsste sie auf den Mund und sagte irgendetwas zu ihr, was ich aber nicht verstand.
Dann ließ Elina ihren großen Bruder los, kam auf mich zu und bevor ich mich versah umarmte sie mich.
„Danke, René, dass du mich gerettet hast. Hättest du meinem Bruder nicht das Geld abgenommen, wäre ich jetzt nicht mehr hier und vor allem danke ich dir, dass du ihm sein Funkeln in den Augen zurück gegeben hast. Ich habe ihn lange nicht mehr so froh gesehen.“ Den letzten Teil flüsterte sie mir ins Ohr.
Ich war wie gelähmt und konnte erst gar nichts darauf antworten. Dann legte auch ich zögerlich meine Arme um die zierliche Person und drückte sie sanft an mich. Krampfhaft versuchte ich, die Tränen der Erleichterung zurückzudrängen und schluckte endlich den Kloß in meinem Hals hinunter.
„Danke“, hauchte ich leise. Zu mehr war ich gerade einfach nicht fähig. Als sie mich los ließ, streichelte sie mir liebevoll über die Wange, als nehme sie meine stumme Entschuldigung an und überließ mich dann wieder ihrem Bruder.
Elias sah mich liebevoll an und küsste mich.
„Siehst du. Sie mag dich. Genau wie ich.“
Alle zusammen gingen wir ins Wohnzimmer und machten es uns gemütlich. Elinas Freundinnen verließen uns jedoch bald. Sie meinten, sie müssten sich mal wieder bei ihren Eltern blicken lassen. Es war jedoch offensichtlich, dass sie uns drei allein lassen wollten.
Die beiden Geschwister brachten sie hinaus und Elina kam allein zurück.
„Elias holt uns eine Flasche Wein. Jetzt machen wir es uns so richtig gemütlich.“
„Ja, okay“, sagte ich, ohne eigentlich zuzuhören.
Ich hatte ein altes, gerahmtes Bild entdeckt, das die beiden mit ihren Eltern zeigte. Sie alle sahen so fröhlich aus.
„Seit ihrem Tod habe ich ihn nie wieder so glücklich gesehen“, flüsterte Elina leise hinter mir. „Er wurde mein Vormund und hat sich sehr verändert. Doch jetzt, wo du in unser Leben getreten bist, entdecke ich zunehmend den alten Elias wieder und dafür danke ich dir. Du tust ihm so unendlich gut, auch wenn er das nie zugeben würde. Komm…“
Sie zog mich aufs Sofa und zwinkerte mir zu. Ihr großer Bruder kam mit einer Flasche Wein und drei Gläsern wieder herein und schenkte uns allen ein. Dann ließ er sich neben mich fallen, schlang einen Arm um mich und zog mich an sich.
Schmunzelnd über diese Besitz ergreifende Geste, kuschelte ich mich so dicht wie möglich an meinen Schatz und streichelte über seine Hand, die auf meinem Bauch ruhte.
Der Abend verstrich wie im Flug, während wir uns über alles Mögliche unterhielten. Seltsamerweise hatte ich nicht mal Hemmungen über meine Familie zu reden, als Elina danach fragte. Sie rümpfte mehrfach missbilligend ihre kleine Nase und meinte lediglich zum Schluss, dass ich auf die eh nicht angewiesen sei, weil ich jetzt eine neue Familie hätte. Nämlich ihren Bruder und sie. Mir wurde nach dieser Feststellung ganz warm ums Herz und es ließ sich auch nicht verhindern, dass ich mir eine Träne wegwischen musste. Es war einfach alles viel zu überwältigend.
Irgendwann fing Elina an heftig zu gähnen und auch bei mir machte sich die zweite Flasche Wein langsam bemerkbar.
„Ich denke, wir sollten schlafen gehen, bevor ihr mir noch wegpennt“, sagte Elias und stand auf. „Den Kram hier räumen wir morgen weg.“
Dann, ohne es anzukündigen ging er vor mir etwas auf die Knie und schwang mich unter Protest auf seine Schulter. Elina lachte sich halb schlapp bei dem Anblick.
„Gute Nacht, Schwesterchen. Schlaf schön.“
Mit diesen Worten stiegen wir die Treppe hoch – naja zumindest stieg er. Ich begutachtete inzwischen seinen wohlgeformten Hintern.
„Ich weiß genau wo du hinguckst!“, sagte er, als wir in seinem Schlafzimmer angekommen waren und er mich auf dem Bett ablegte.
„Ich hab überhaupt nicht auf deinen Hintern gestarrt!“, protestierte ich aufmüpfig und biss mir gleich darauf auf die Zunge.
„Ach nein? Soll ich dir etwas sagen? Es stört mich nicht im Geringsten. Wenn du willst, ziehe ich auch gerne die Jeans aus, damit du besser sehen kannst.“
Er tat es tatsächlich! Bevor ich etwas sagen, geschweige denn tun, konnte, stand er nur noch in Shorts vor mir. Einen Moment später flog sein Shirt durch die Luft und er stand fast nackt da.
Mir lief wortwörtlich das Wasser im Munde zusammen, weswegen ich ein paar Mal Schlucken musste. Was fiel diesen Typen auch ein, so heiß auszuschauen?! Umständlich nestelte ich an meinem Oberteil rum, bis mir Elias endlich zu Hilfe kam und mich davon befreite.
„Vielleicht habe ich ja Glück und du bist doch noch nicht so müde“, raunte er mir zu, nachdem er sich zu mir gelegt hatte und biss mir sanft in den Hals.
Ich stöhnte laut auf, nahm seinen Kopf in meine Hände und dirigierte seine Lippen zu den meinen. Elias grinste mich an und dann küsste er mich. Er schmeckte so wahnsinnig gut und es machte mich schier verrückt, was seine Zunge dort in meinem Mund tat.
„Ich möchte mit dir schlafen“, hauchte er mir entgegen, als wir kurz voneinander abließen, um Luft zu schnappen.
Eine heiß kribbelnde Gänsehaut wanderte von meinem Nacken hinab bis in die Zehenspitzen und ließ mich leicht zittern. Fasziniert über meine Reaktion, streichelte Elias über die feinen Härchen auf meiner Haut, die sich leicht aufgestellt hatten. Seine Finger glitten von meiner Seite hinauf über die Innenseite des Oberarmes bis zu meinem Hals, was mich erneut erschaudern ließ.
Die ganze Zeit sah er mir dabei in die Augen, bis er seinen Kopf herab senkte und anfing mir am Ohr zu knabbern.
„Hör auf, das kitzelt“, sagte ich lachend und versuchte, ihn davon abzuhalten.
Doch Elias schnappte sich meine Hände und hielt sie mit einer Hand fest. Er ließ von meinem Ohr ab, bahnte sich mit der Zunge einen Weg über meinen Hals bis zu meiner Brust, wo er wieder begann vorsichtig zu knabbern, was mich echt langsam wahnsinnig machte.
Elias sah wissend zu mir hoch und schleckte noch einmal über meine Brustwarze, bevor er seine Zunge immer weiter nach unten wandern ließ, bis er meinen Hosenbund erreichte.
Im nächsten Moment waren meine Hände wieder frei und er nutze seine, um mir die Jeans aufzuknöpfen und langsam samt der Retro auszuziehen. Wie zufällig streiften seine Hände dabei meinen Po und meinen schon ziemlich erigierten Schwanz.
Scharf sog ich die Luft ein, beugte mich nach vorn, um mir meinen Schatz zu schnappten. Doch er entwand sich meinem Griff und schaute mit einem fiesen Grinsen auf mich hinab.
„Vergiss es!“, sagte er, schnappte sich meine Beine und legte sie gegen seine Schulter.
Hatte ich also in unserer Nacht in Hawaii doch richtig gelegen, dass Elias eher der Aktive war. Bei dem Gedanken an unser erstes Mal lief ein kleiner Schauer über meinen Körper. Wie würde es wohl sein, ihn in mir zu spüren? Bald würde ich es wissen und ich konnte es kaum noch abwarten.
Aufgeregt sah ich Elias dabei zu, wie er sich ein Kondom überzog, dass er wer weiß woher gezaubert hatte und mich mit einem Öl einrieb.
Im nächsten Moment spürte ich, wie er seinen harten Schwanz ansetzte und vorsichtig Druck ausübte, bis er sich langsam in mich hinein schob. Elias stöhnte laut auf, verharrte kurz als er ganz in mir war und zog sich dann ganz langsam zurück, nur um dann – diesmal etwas schneller – wieder zuzustoßen.
„Elias…!“ Keuchend warf ich meinen Kopf in den Nacken und krallte mich tief in dessen Oberarme. Allein dieser Anblick, wie mein Liebster über mir thronte, mit diesem wilden Funkeln in den Augen, was schon beinahe an Wahnsinn grenzte, hätte diesem sündigen Spiel fast ein frühzeitiges Ende gesetzt. Aber ich wollte mehr, so viel mehr…
Mein Partner verstand und hielt in seiner Bewegung inne, um meinen Orgasmus noch länger hinaus zu zögern. Er hatte es wirklich drauf und man merkte, dass er geübt darin war, jemanden an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu treiben. Immer wieder heizte er mir ein, bis ich dachte, es würde gleich im hohen Bogen aus mir heraus brechen, doch Elias ließ es nicht zu.
Erst als er selbst es nicht mehr aushalten konnte und sich unweigerlich seinem Orgasmus näherte, zog er es bis zum Ende durch. Laut schrie Elias auf und sein ganzer Körper begann zu beben, kurz darauf war es auch um mich geschehen.
Als hätte jemand eine ganze Batterie Silvesterraketen gezündet, explodierte es in meinem Inneren und breitete sich ein Prickeln in mir aus, als würden mich tausend Schmetterlinge mit ihren Flügeln kitzeln.
„Ich liebe dich“, flüsterte ich, noch trunken von diesem unheimlich genialen Höhepunkt und schlang meine Arme fest um Elias Hals, zog ihn so dicht wie nur möglich an mich heran, um ihn nie wieder loszulassen.
Ein Zittern fuhr durch den Körper meines Freundes, das konnte ich deutlich spüren. Sein Herz klopfte wie wild und er rang offensichtlich um Fassung.
„Du weißt gar nicht was mir das bedeutet“, flüsterte er, als er seine Sprache wieder fand.
„Ich… Ich liebe dich auch, mein kleiner Gauner.“

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Information Vampir Love
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:49 PM - No Replies

Prolog
Kain und Raziel sind die beiden Hauptcharaktere in dieser Geschichte. Kain und Raziel sind eigentlich die Protagonisten in der 5teiligen Game – Reihe „Legacy of Kain”.
Beide Figuren stammen nicht aus meiner Feder, sie sind und bleiben das Eigentum von Eidos und Crystal Dynamics.
Ich werde versuchen eine Geschichte mit diesen beiden Charakteren zu schreiben. Auch wenn ich nicht weiß, ob es mir gelingen wird. Dennoch werde ich mir viel Mühe geben. Ich werde versuchen Kain und Raziel so gut, wie irgend möglich darzustellen, denn es ist meine erste Geschichte mit diesen beiden Charakteren. Bislang hatte ich mich nicht wirklich an die Beiden heran getraut.
Kain und Raziel sind, in dem Spiel, ja nicht unbedingt Freunde und wer die Game – Story kennt weiß das auch. Während Kain ein Blutsauger ist, ist Raziel, durch Kains Schuld, ein Seelensauger geworden. Doch will ich mich an dieser Story jetzt nicht festhalten. Denn was mich dazu bewogen hat diese Geschichte zu schreiben, ist einzig und allein der Schluss des Games „Legacy of Kain – Defiance”, vor dem letzten Kampf …dem Kampf gegen den Eldar God.
Es handelt sich hierbei um eine Szene in der Raziel sich selbst opfert, somit wieder Kains „rechte Hand” wird, indem er seine Seele freiwillig in das Schwert „Soul Reaver‟ einsperrt und Kain anscheinend sehr traurig, über den „Tod”, von Raziel, ist. Ich werde jedoch nicht an diese Szene oder diese Story anknüpfen. Ich werde mir hier eine ganz eigene Story, mit diesen beiden Figuren, ausdenken und sie aufschreiben…
*-*-*
Nosgoth, ein Fantasyland mit Seen, Bergen, Wäldern, einer Hauptstadt mit Namen Meridian und mit Menschen bevölkert, die tagtäglich ihrer Arbeit nachgingen.
Arbeit? Von Arbeit hatte Raziel noch nie etwas gehört. Er brauchte nicht zu arbeiten, denn andere arbeiteten für ihn, damit es ihm gut ging.
Raziel war eigentlich ein Mauerblümchen und er zog es vor allein zu sein und mied somit die Gesellschaft von den Menschen um sich herum weitgehend. Viel lieber schloss er sich in sein Zimmer ein, wo er allein sein konnte. Dennoch musste er sein Zimmer ab und zu verlassen, denn er war der Eigentümer eines riesigen Anwesens und musste sich somit um vieles kümmern. Am Liebsten hätte er auch das anderen überlassen…
Wieder einmal lief Raziel irgendwo auf seinem Anwesen herum, immer in der Hoffnung nicht aufzufallen. Deshalb zog er sich meist, bevor er das Haus verließ, Kleidung an, die der Bekleidung der Arbeiter glich. Alles schien gut zu sein, doch irgendwo in einer Ecke hörte er, dass sich zwei seiner Arbeiter zu streiten schienen.
Er begab sich dorthin und versuchte den Streit zu schlichten, doch es gelang ihm nur mäßig. Schließlich beorderte er die Beiden in verschiedene Bereiche und der Streit war vorerst beendet. Anschließend ging er wieder ins Haus zurück, kleidete sich um und verließ das Haus dann wieder. Aus dem Stall ließ er sich sein Pferd heraus holen und satteln. Er bestieg das Pferd und ritt davon.
Nach einer Weile kam er endlich im Wald an …seinem Lieblingswald. Hier konnte er sicher ungestört sein. Er machte halt, stieg von seinem Pferd ab und lief zu Fuß weiter. Hier fand er immer was er brauchte …Ruhe und Frieden.
Aber irgendwas störte ihn, es war hier nicht wie sonst. Raziel hatte ein sehr feines Gespür. Er fühlte sofort, wenn sich jemand in der Nähe befand. Um sein Pferd zu schützen, gab er ihm einen Klaps und es lief davon.
Dann rief er in den Wald hinein:
„Komm raus, wenn du dich traust …wer auch immer du sein magst. Ich weiß, dass du hier bist!”
Nun, Raziel war zwar ein Einzelgänger …ein Mauerblümchen, aber Angst hatte er keine. Da, …da drüben war das nicht eine, sich bewegene, Nebelbank…?! Mutig ging Raziel auf die Nebelbank zu, doch konnte er trotzdem nicht viel erkennen. Dennoch ging er mitten in diesen Nebel hinein.
Der Nebel war so dicht, dass er nicht einmal mehr seine Hand vor Augen sehen konnte. Eine Weile ging er so herum, doch vorläufig änderte sich nichts. Woher kam dann aber dieser Nebel? Während er so da stand und nachdachte materialisierte sich etwas hinter ihm, doch sehen konnte er es natürlich nicht …noch nicht…
Ein großer mächtiger Vampir, mit weißblonden, langen Haaren, hatte Raziel schon sehr lange beobachtet. Es wunderte ihn, dass dieser Einzelgänger soviel Mut hatte und sich ihm entgegenstellen wollte.
Nun, es wäre schäbig von ihm gewesen, würde er sich diesem Bübchen nicht zeigen und sich ihm stellen. Also materialisierte er sich und zeigte sich somit diesem, kleinen Möchtegern-Helden. Ja, so was ärgerte den Vampir mächtig. Menschen, die sich einbildeten gegen ihn etwas ausrichten zu können…
Raziel merkte wohl, dass sich hinter ihm etwas tat, aber er blieb die Ruhe selbst. Nicht mal ein Fünkchen Angst zeigte sich in ihm. Er verharrte lauernd in ein und derselben Position …bis er einen Luftzug hinter sich spürte… Blitzschnell drehte er sich um und packte dieses Wesen, was auch immer es war, am Kragen.
Der Nebel verzog sich langsam und Raziel konnte erkennen, dass dieses Wesen sehr groß war. Dieses Wesen hatte lange, weißblonde Haare …aber irgendwas stimmte, mit diesem Kerl, nicht.
Nun war Raziel aber niemand der vorschnell aufgab. Also hielt er dieses „Etwas” noch immer am Kragen und hob „es” hoch.
Dann sprach er:
„Was bist du?! Du bist doch kein Mensch, das merke und sehe ich! Also lüg mich bloß nicht an, klar!” und blickte diesem Etwas eiskalt in die Augen…
Damit hatte der Vampir nun nicht gerechnet. Dieses menschliche Wesen schien viel Kraft zu besitzen und irgendwie konnte der Vampir so was, wie ihn, gut gebrauchen. Vielleicht als Leibgarde.
Doch viel Zeit zum Überlegen blieb dem Vampir nicht, denn jetzt hieß es handeln und zwar schnell. Er befreite sich, mit Leichtigkeit aus den „Fängen” seines Gegenübers und blitzschnell hatte er diesen kleinen Möchtegern-Helden gepackt und hielt ihn ganz nahe vor sein Gesicht.
„Jetzt hör mir mal zu, Bübchen! Ich bin nicht deinesgleichen, also behandle mich nicht so! Ich könnte dich jetzt mit nur einem Augenzwinkern vernichten. Geh nach Hause zu deiner Mum und lass dir die Windeln wechseln …du …Möchtegern-Held, der du noch nicht einmal ein Mann bist!”, sprach der Vampir mit dämonischer Stimme und einem fiesen Grinsen im Gesicht.
Er tat so als würde er überlegen und besah sich dieses Bübchen.
„Ich werde gnädig sein und dich nicht töten. Ich werde dich stattdessen mit mir nehmen.“
Röchelnd sah Raziel seinem Gegenüber in die Augen und fragte, keuchend:
„Wenn du mich schon mit dir nehmen willst, wüsste ich vorerst gern deinen Namen.“
„Hab ich dir das gar nicht gesagt? Oh’, wie ungehobelt von mir… das muss mir glatt entfallen sein. Ich bin der Vampirfürst Kain!”, sprach er gekünstelt.
„Und wer bist du? Nein, lass mich raten …du musst Raziel sein. Von dir hört man ja so einiges.”, dabei schüttelte er, theatralisch, den Kopf:
„Du hast schon sehr viele meiner Leute getötet. Deshalb muss ich dich jetzt mit mir nehmen. Irgendwer muss schließlich meine Leibgarde wieder anführen und ersetzen.”…
Aber auch jetzt hatte Raziel keine Angst. Er trat dem Vampir, mit einer Schnelligkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, in den Leib und befreite sich aus dessen Klauen.
Raziel musste sich echt das Lachen verkneifen.
„Du willst ein Vampirfürst sein …dass ich nicht lache! Du bist nur ein Würstchen …mehr nicht …Kain …oder wie auch immer du dich nennen magst. Ich lache nur über dich und deine angeblich überlegenen Kräfte!”, daraufhin spuckte Raziel vor Kain aus und machte sich aus dem Staub.
Er pfiff nach seinem Pferd, das dann schnell angaloppiert kam, Raziel sprang auf und ritt davon.
1:0 für Raziel, denn er hatte es geschafft, Kain für kurze Zeit außer Gefecht zu setzen. Zwar war dies nur von kurzer Dauer, aber er hatte es immerhin geschafft zu fliehen. Raziel schien nicht das Bübchen zu sein, für das Kain ihn gehalten hatte.
Raziel, dieser „Junge” mit den schwarzen Haaren und einer körperlichen Erscheinung, die keine Wünsche offen ließ, gefiel ihm und er folgte ihm zum Anwesen.
Dort versteckte er sich und beobachtete alles. Jedoch konnte, er von seinem Versteck aus, nicht viel mitbekommen, also benutzte er einen Zauber und verwandelte sich in einen Menschen von adliger Abstammung. In dieser Gestalt, machte er sich auf den Weg zum Anwesen. Am Tor angekommen, wurde er von den Wachen aufgehalten.
Er hätte die Wachen durchaus „schlafen” legen können, es hätte ihn nur ein müdes Lächeln gekostet, doch er musste jetzt vorsichtig sein und durfte keinen Verdacht erregen. So ließ er sich eine Ausrede einfallen:
„Ich bin ein Freund eures Herrn. Er erwartet mich.”, damit ließen die Wachen ihn vorbei.
Tze …diese Dummköpfe …die glaubten einem wirklich alles, dachte Kain und war auch schon auf dem riesigen Gelände.
Um diese Zeit war hier alles ruhig, denn es dämmerte bereits und die Nacht zog herauf. Diese Dämmerung …die aufkommende Nacht …die Ruhe …die ganze Atmosphäre hier, waren wie geschaffen für Kain.
So konnte er sich ungestört auf dem Gelände, des Anwesens, bewegen. Nach einer etwas längeren Strecke erreichte er das gigantische Gebäude, in dem Raziel lebte. Auch hier befanden sich Wachen an der Tür.
Was oder wer musste nur so sehr beschützt werden? Doch nicht etwa Raziel? Der kann sich doch ganz gut allein verteidigen …wie er ja schon bewiesen hat, dachte Kain bei sich und ging auf die Tür zu.
Wie nicht anders zu erwarten, wurde er auch hier von den Wachen aufgehalten.
„Halt! Wer da, keinen Schritt weiter!”, wurde Kain gewarnt, doch auch diesmal unterließ er es die Wachen zu töten.
Das Aufsehen wäre zu groß gewesen und er wollte jetzt nicht auffallen, nicht bevor er Raziel gefunden hatte.
„Nehmt eure Waffen weg und lasst mich rein! Ich bin ein Freund eures Herrn und er hat mich eingeladen. Ihr wollt doch nicht etwa Ärger mit eurem Herrn haben …oder?”, drohte Kain ein wenig und wurde tatsächlich eingelassen.
Es war so einfach diesen dummen Sterblichen einen Schrecken einzujagen oder sie zu ängstigen. Kain konnte ein gemeines Grinsen nicht unterdrücken, während er durch die Villa lief und es erst einmal erkundete…
Raziel bekam von alledem nichts mit. Normalerweise hätte er es bemerkt, aber er lag im Tiefschlaf. Ihn konnte derzeit nichts wecken. Da er die ganze vorige Nacht nicht geschlafen hatte, war er todmüde ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen.
Hätte er bemerkt, dass Kain auf dem Weg zu ihm …in sein Gemach war …hätte er sich ihm sicher entgegengestellt. Aber so …keine Chance…
Kain näherte sich Raziels Zimmer mehr und mehr. Nach weiteren Minuten erreichte Kain das Zimmer und trat, ohne anzuklopfen, ein. Die Tür hinter sich schließend sah er sich in dem Raum um. Nun, Raziel lebte nicht schlecht. Der Prunk, der hier zur Schau gestellt wurde, erstaunte Kain und ließ ihn vor Neid beinahe noch blasser werden, als er ohnehin schon war.
Langsam schlich sich Kain an das Bett, in dem Raziel lag, heran. Vor dem Bett kam er zum Stehen und betrachtete Raziel voller Gier. Sollte er ihn nun töten…? Nein, das konnte er nicht. Raziel war etwas Besonderes. Es wäre eine Schande gewesen ihn nur zu töten. Kain entschloss sich Raziel zu entführen. Er wickelte Raziel schnell in eine Decke ein und verschwand mit ihm…
In seinem Schloss angekommen sperrte er Raziel, der inzwischen erwacht war und sich heftig zu wehren begann, vorerst in den Kerker. Er selbst entfernte sich aus dem Kerker, nachdem er Raziel auf den Boden gelegt hatte. Anschließend verschloss er die Tür sorgfältig und verließ den Kerker.
Noch bevor Raziel richtig mitbekommen hatte was eigentlich lief, war er, hier in diesem Kerker, eingesperrt. Er hatte nicht einmal mitbekommen, wer ihn eigentlich entführt hatte und warum. Sich aus der Decke befreiend, sah er sich um. An einem der Wände brannte eine Fackel und erhellte so den Raum etwas. Raziel lief zur Tür und hämmerte dagegen …aber nichts …niemand zeigte sich.
Nach einer Weile wurde er richtig wütend und hämmerte weiter gegen die Tür, während er rief:
„Ihr verdammten Bastarde, lasst mich hier raus!!! Ich habe Niemandem was getan!!! Ich werde euch alle töten, wenn ich hier rauskomme …!!!!”
Aber niemand wollte und konnte ihn hören. Niemand kam zu ihm und …niemand erklärte ihm seine Lage…
Raziel konnte nicht fassen, dass man ihn entführt und hier eingesperrt hatte. Aber er musste sich wohl in sein Schicksal ergeben, denn ohne fremde Hilfe kam er aus dem Kerker nicht heraus. Also nahm er sich die Decke, hüllte sich darin ein, kauerte sich in eine Ecke und schloss ein wenig die Augen.
Raziel konnte einem wirklich leidtun, wie er da so in der Ecke saß. Aber nicht einem Fiesling wie Kain…
Kain hasste …verachtete alles Lebendige …alle Menschen … und jedes Gefühl und sei es noch so winzig. Menschen waren für ihn eh nur eine Nahrungsquelle, aber er hatte mit Raziels Entführung einen großen Fehler begangen …einen Fehler den er jetzt noch nicht bewusst wahrnahm.
Denn jetzt stellte sich Kain vorerst die Frage: Wenn ich doch alles so sehr hasse, warum habe ich es dann nicht fertig gebracht Raziel zu töten.
Kain begann sich zu verändern, jedoch ohne es wirklich zu bemerken. Denn dieser Junge, den er im Kerker eingesperrt hatte – Raziel – er ging ihm nicht mehr aus dem Kopf und erregte in ihm Gefühle, die er so noch nie empfunden hatte.
Was sollte er nur mit dem Jungen anstellen? Sollte er ihn vielleicht freilassen …aber nein …wie kam er nur auf solch einen absurden Gedanken?
Er …der große Kain …ließ sich doch nicht von irgendwelchen Gefühlen leiten …NEIN …NIEMALS!!!
Und doch ließ ihm der Gedanke an Raziel keine Ruhe. Er konnte machen was er wollte …der Gedanke blieb an ihm haften. Da es eh keinen Sinn hatte sich etwas vorzumachen, lief Kain hinunter in den Kerker, schloss die Zellentür auf und betrat die Zelle.
Sogleich entdeckte er Raziel, der in eine Ecke gekauert da saß und die Augen geschlossen hielt. Jedoch wagte es Kain nicht, Raziel zu nahe zu kommen, zu groß war sein Gefühl für ihn. Aus „sicherer” Entfernung sprach er:
„Raziel, du bist frei und kannst gehen.”, damit drehte er sich von Raziel weg…
Als Raziel die Zellentür quietschen hörte, die sich öffnete, konnte er es kaum glauben, und als er dann auch noch die Stimme von Kain hörte, öffnete er seine Augen und sah tatsächlich Kain vor sich stehen …na ja, er hatte schon gehörigen Abstand zu ihm gehalten. Diese etwas steife Haltung ließ Raziel in sich hinein grinsen.
Nachdem er dann auch noch hörte, dass er frei wäre, konnte er es zwar kaum glauben, aber er erhob sich und ging langsam auf Kain zu. Diesen Kerl vor sich, herablassend, ansehend, grinste er fies:
„Ach, das ist ja interessant. Hast du mich entführen lassen …oder hast du es womöglich selbst getan? Woher kommt dann, aber dieser plötzliche Sinneswandel? Was, verdammt noch mal, willst oder wolltest du von mir?”, sprach er mit zorniger, aber doch ruhiger Stimme.
Kain konnte ihn nicht ansehen und wand seinen Blick von Raziel ab.
„Geh jetzt!!”, sprach er leise, denn er konnte die Anwesenheit von diesem Jungen nicht mehr ertragen.
Aber Raziel dachte gar nicht daran zu gehen, er wollte Antworten.
„Ich vermute mal, dass du mich selbst entführt hast und nun will ich auch eine Antwort von dir haben! Also?!”, beharrte Raziel und ließ diesen Kerl nicht aus den Augen.
„Verschwinde …bevor ich es mir anders überlege…!!!”, giftete Kain nun und ging an Raziel vorbei …wobei dies eher nach Flucht aussah.
Noch bevor sich Raziel versah, war Kain verschwunden und ..nicht mehr auffindbar…
Schallend lachte Raziel los. Er kriegte sich fast nicht mehr ein vor Lachen. Nach diesem Lachflash machte sich Raziel auf und verließ den Kerker. Er dachte jedoch gar nicht daran fortzugehen. Vielmehr interessierte ihn, wohin er entführt worden war.
So erkundete er das Gebäude. Und wie sich herausstellte, war das Gebäude ein Schloss. Nun, es war nicht so schön wie seines, aber es war sehr geschmackvoll eingerichtet. Sehr lange ging er durch das Schloss und betrachtete alles ganz genau.
Hier könnte man auch gut leben, dachte Raziel noch, als er eine Stimme zu hören bekam.
„Verschwinde …oder du wirst den morgigen Tag nicht mehr erleben.”
Diese Stimme gehörte eindeutig Kain, das wusste Raziel und er antwortete frech:
„Dann komm doch raus, wenn du dich traust …Kain! Ich weiß, dass du da bist, also komm schon und töte mich, wenn du willst …du tust mir damit nur einen Gefallen!”
Ganz plötzlich stand Kain vor Raziel und sah ihn etwas verwundert und entsetzt zugleich an.
„Ich würde dir einen Gefallen tun, wenn ich dich töten würde? Willst du wirklich sterben, Raziel? Warum?”
„Ach, der Herr, lässt sich auch mal wieder blicken …wie gnädig von dir. Du fragst mich warum ich sterben will …ich werde dir deine Frage beantworten. Ich bin schon immer ein Einzelgänger gewesen, denn ich hasse die Gegenwart von den Menschen in meiner Umgebung.
Ich war und bin viel lieber allein. Aber andauernd will irgendwer was von mir …das ertrage ich nicht mehr, deshalb möchte ich lieber tot sein, als mich ständig mit meiner Umwelt herumschlagen zu müssen.”
Kain hatte Raziel zugehört und es tat ihm weh, was er gesagt hatte.
„Wenn du willst, kannst du hier, bei mir, bleiben. Hier stört dich niemand, wenn du es nicht willst. Ich könnte dir auch deinen Wunsch erfüllen und dich sterben lassen. Ganz wie du willst. Es wird nichts geschehen, was du nicht willst.”, sprach Kain und wunderte sich in Gedanken, dass gerade er diese Worte ausgesprochen hatte.
Raziel sah Kain an und glaubte sich verhört zu haben, dann aber erwiderte er:
„Okay, ich bleibe vorläufig bei dir und werde mir dein Angebot, mich zu töten, durch den Kopf gehen lassen.”
„Nun, es wäre ja nicht so, dass ich dich töten würde, du würdest sozusagen „wiedergeboren” werden und als anderes Wesen ein neues Leben beginnen. Denn, wie du ja schon weißt, bin ich ein Vampir und ich könnte dich ebenfalls zu einem Vampir machen …wenn du willst.”
Etwas erschrocken sah Raziel den Vampir nun an und ging instinktiv einen Schritt zurück.
„Ich glaube, ich möchte doch nicht hier bleiben ….ich will zurück nach Hause….”, sprach Raziel und in ihm machte sich nun doch ein wenig Angst breit.
Hatte er doch ganz vergessen, dass Kain ein Vampir war. Noch einen Schritt zurücktretend, drehte sich Raziel um und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, davon.
„RAZIEL ….BITTE BLEIB BEI MIR!!!!”, rief Kain bittend …er hatte noch nie jemanden um etwas gebeten. Aber bei Raziel war es anders…
Doch Raziel wollte nicht stehen bleiben …er wollte nur weg von hier …nur weg…
Kopflos rannte er irgendwohin und hatte sich schon bald verlaufen. War ja klar, denn er kannte sich ja hier nicht unbedingt aus, auch wenn er das Schloss ein wenig erkundet hatte, so hatte er doch noch nicht alles gesehen….
Aber Kain brauchte sich mit Raziels Verfolgung nicht zu beeilen, immerhin konnte er ihn jederzeit und überall ausfindig machen. Nur wenige Sekunden später stand Kain schon vor Raziel und versperrte ihm den Weg.
„Raziel, du brauchst keine Angst zu haben, denn wie ich dir schon sagte: Ich werde nichts tun, was du nicht willst. Du bist der Einzige, dem nichts passieren wird und du bist der Einzige, der das von sich behaupten kann. Oder glaubst du wirklich, dass du sonst so lange überlebt hättest?”, erklärte Kain ruhig, während er sich Raziel mit langsamen Schritten näherte.
Währenddessen ging Raziel immer weiter rückwärts. Obgleich Raziel immer tapfer und mutig war, hatte sich nun doch die Angst in seinem Körper breit gemacht. Schon bald hatte er die Wand, hinter sich, erreicht und konnte nun nicht mehr fliehen. Seine Lage schien aussichtslos und nichts schien diesen Vampir aufhalten zu können.
Kain stand jetzt ganz dicht vor Raziel. Er hob seine Hand und streichelte Raziel sanft über seinen Kopf.
„Ich habe mich in dich verliebt, Raziel.”, gestand Kain.
Dieses Geständnis überraschte Raziel jetzt schon etwas und er sah Kain nun noch etwas verwirrter an, während Kain sanft sein Gesicht streichelte. Raziels Herz rutschte ihm vor Angst beinahe in die Hose.
Mit großen Augen sah Raziel Kain an und plötzlich lösten sich ein paar Tränen aus seinen Augen und bahnten sich ihren Weg über sein Gesicht.
„Bitte, nicht weinen, Raziel. Ich werde dir nicht weh tun, das verspreche ich dir. Und ich sage es dir noch einmal: Ich liebe dich, Raziel.”, gestand Kain nochmals.
Dann brach Raziel in sich zusammen und sackte zu Boden.
Erschrocken sah Kain zu Boden, bückte sich, hob Raziel hoch und brachte ihn in sein Schlafzimmer, wo er ihn auf das Bett legte und ihn zudeckte. Anschließend verließ Kain das Zimmer und ließ Raziel allein, damit er sich ein wenig erholen konnte.
Auf dem Weg ins Kaminzimmer überlegte sich Kain, ob er Raziel, mit seinem Geständnis, etwas überfordert hatte. Im Kaminzimmer angelangt, setzte sich Kain in den Sessel, der am Kamin stand und sah nachdenklich in die Flammen.
Seine Gedanken waren bei Raziel und nur bei Raziel …der da oben …in seinem Schlafzimmer …auf seinem Bett lag und schlief. Könnte er doch nur …aber nein, daran war gar nicht zu denken. Er liebte Raziel und er liebte ihn so sehr, dass er beschloss ihn freizulassen. Er konnte und wollte ihn nicht gegen seinen Willen hier festhalten. Das war nicht richtig.
Raziel erwachte irgendwann aus seinem tiefen Schlaf. Langsam öffnete er seine Augen, sah sich um und setzte sich erschrocken auf. Wo war er hier? Sich mit der rechten Hand an seinen Kopf fassend schüttelte er diesen sogleich.
Dann fiel es ihm siedend heiß wieder ein: Er war bei Kain …diesem Vampirfürsten …wie er sich nannte. Und hatte er ihm nicht gestanden, dass er ihn lieben würde. Auch das noch …ein schwuler Vampir!
Völlig verwirrt entschloss sich Raziel von hier zu flüchten. Er wusste nur eines …er wollte auf keinen Fall hier bleiben und mit einem Vampir leben …ihn womöglich lieben ….undenkbar!
Natürlich stand für Raziel fest, dass er kein Vampir werden wollte. Das kam nicht in Frage! Schnell stand er auf ….angezogen war er ja zum Glück noch – Kain hatte also zumindest den Anstand gehabt und ihn nicht entkleidet – lief zur Tür, öffnete diese und verließ das Zimmer.
War er wirklich frei? Konnte er jetzt einfach so aus dem Schloss verschwinden? Nun, zumindest konnte er es versuchen. Auf der Suche nach der Tür, die ihn in die Freiheit führen würde, musste er beinahe das gesamte Schloss durchqueren…
Kain hatte, im Kaminzimmer, derweil sehr wohl mitbekommen, dass Raziel erwacht war und das Zimmer verlassen hatte. Er wusste, dass Raziel auf der Suche nach dem Ausgang war. Sollte er ihm helfen? Nein, er wollte ihm nicht helfen. Er wollte viel mehr, dass Raziel bei ihm blieb.
Entgegen seiner Überlegung, dass es nicht richtig wäre, würde er ihm seine Freiheit nun doch entziehen, teleportierte er sich zu Raziel und stand wieder direkt vor ihm.
„Hallo Raziel! Wie ich sehe, geht es dir schon wieder besser. Das freut mich. Aber sag, wohin willst du eigentlich? Du willst mich doch nicht etwa verlassen …hm?”
Fast hatte Raziel den Ausgang erreicht, als sich urplötzlich jemand vor ihn stellte …dieser jemand war kein geringerer als …Kain!
Wie es schien, wollte Kain ihn tatsächlich nicht gehen lassen und ihn hier gefangen halten.
Raziel erwiderte schließlich:
„Ja, mir geht es schon sehr viel besser. Und es würde mir noch viel besser gehen, wenn du mich raus lassen würdest. Denn ich habe nicht vor hier zu bleiben.”
„Raziel, begreifst du denn nicht, dass ich dich liebe. Bitte, bleib bei mir. Ich möchte dich ungern zwingen müssen, bei mir zu bleiben…”, erwiderte Kain und sah Raziel ein wenig begierig an.
„Sieh mal einer an: Der große Kain lässt sich dazu herab und bittet jemanden um etwas. Das ist ja mal ganz was neues. Hast du jetzt nur deine Taktik geändert oder bist du tatsächlich der Liebe verfallen, Kain?!”, fragte Raziel zynisch.
Kain war es jetzt peinlich und hätte er erröten können, wäre er jetzt knallrot angelaufen.
Stattdessen verschwand er spurlos.
So, so, der große Kain, weiß also nicht was er sagen soll und versucht sich meiner Frage zu entziehen. Na warte, Kain, ich finde dich, dann bist du dran und ich werde dich so lange jagen und scheuchen, bis ich eine Antwort von dir bekommen habe. Du kannst nicht dauernd davon laufen, wenn es dir zu unbequem wird, dachte Raziel bei sich und machte sich auf den Weg durch das Schloss, um Kains Versteck zu suchen.
Lang war der Weg durch das Schloss, doch schließlich stand Raziel vor einer verschlossenen Tür …dahinter musste die Gruft sein …dessen war sich Raziel sicher. Vorsichtig drückte er die Klinke der Tür runter und die Tür öffnete sich lautlos. Nicht mal ein leises Quietschen war zu hören.
Raziel betrat den kleinen Raum und fand hier eine Menge aufgebahrter Särge. Alle waren sorgfältig verschlossen. Langsam und leise schritt Raziel an den Särgen entlang. Und irgendwie kam er sich vor als stände er mitten in einem Raubtierkäfig. Vor einen ganz besonders prunkvoll verzierten Sarg blieb er stehen.
Das musste der Sarg von Kain sein. Kein Zweifel. Da er der Vampirfürst war, wie er gesagt hatte, gebührte auch nur ihm solch ein Sarg. Mühevoll hob Raziel den schweren Sargdeckel hoch und öffnete so den Sarg. Er blickte hinein …da lag Kain …friedlich schlafend.
Langsam hob er seine Hand und streichelte sanft über Kains Wange und seine weißblonden Haare. Erschrocken über sich selbst, zog er seine Hand weg und schloss den Sarg so schnell es ging wieder. Anschließend machte er sich wieder auf den Weg zum Ausgang, als er urplötzlich daran gehindert wurde…
Kain hatte gespürt, dass Raziel ihn berührt, ihn sogar gestreichelt hatte. Empfand Raziel womöglich doch etwas für ihn? In Kain regten sich Gefühle, die er so nie gespürt hatte.
Dann plötzlich hatte das Streicheln aufgehört und Kain hörte, dass der Sargdeckel wieder geschlossen wurde. Schnell verschwand Kain aus dem Sarg und tauchte vor Raziel, der eben die Gruft verlassen wollte, wieder auf…
Raziel blickte auf und sah Kain vor sich stehen.
„Ah ja, der große Vampirfürst …geruht sich herabzulassen und sich unters Fußvolk zu mischen. Wie komme ich denn zu der Ehre?”, spottete Raziel und sah Kain mit einem geheimnisvollen Lächeln an.
Kain sah Raziel an und berührte ihn sanft.
„Raziel, ich werde nichts tun, was du nicht willst. Aber ich bitte dich, mir nur noch ein wenig Gesellschaft zu leisten.”, bat Kain.
Raziel jedoch lehnte diese Bitte entschieden ab.
„Nein, Kain, ich bin nicht gewillt, deiner Bitte nachzukommen. Ich möchte hier nicht eine Minute länger verweilen. Du hast mir gesagt was du für mich empfindest, aber ich empfinde nicht das selbe für dich. Deshalb werde ich jetzt von hier verschwinden. Würdest du mir dann bitte den Ausgang zeigen?”, bat Raziel im Gegenzug.
Kain nickte, es gefiel ihm nicht, aber er akzeptierte Raziels Entscheidung.
Sogleich brachte Kain Raziel zum Schlosstor und entließ ihn in die Freiheit.
Nach mehreren Stunden hatte Raziel sein Anwesen erreicht, doch schien er nicht froh darüber zu sein. Seine Gedanken kreisten um Kain. Konnte es denn möglich sein, dass er doch mehr für den Vampirfürsten empfand als er zugeben wollte …als er sich selber eingestehen wollte?
Krampfhaft versuchte er diese Gedanken aus seinem Kopf zu verdrängen, doch irgendwie gelang es ihm nicht. Es wurde sogar noch schlimmer. Jeder Gedanke an Kain löste bei Raziel ein Gefühl aus …das er nicht beschreiben konnte. Es kribbelte am ganzen Körper, ihm wurde sehr warm und er fühlte Sehnsucht …unerträgliche Sehnsucht …nach …Kain!
Sein Herz schrie nach Kain, aber er ließ nicht zu, dass sein Herz das bekam, wonach es sich so sehr sehnte. Er sperrte sich in sein Zimmer ein und verließ dieses nicht wieder. In unendlich langen Meditationen versuchte er Kain zu vergessen …aber es war alles vergebens …was er auch versuchte …es misslang. Kain blieb in jedem seiner Gedanken ….in jedem seiner Gefühle …er hatte keine Chance zu entkommen.
Aber auch Kain erging es nicht sehr viel besser. Auch er konnte Raziel nicht vergessen. Auch sein Herz sehnte sich nach dem Jungen.
Als jedoch Raziel sein Zimmer gar nicht mehr verließ und auch jegliche Nahrungsaufnahme verweigerte, schien es als wollte er nun sterben. Und tatsächlich, er hielt es nicht mehr aus, der Schmerz …dieser süße Schmerz in seinem Herzen …wurde, mit der Zeit, unerträglich.
Er schlief kaum noch, aß nicht mehr, lag nur noch auf seinem Bett und starrte an die Decke. Ab und an bahnte sich eine Träne ihren Weg nach draußen und rollte über sein Gesicht.
Raziel vegetierte beinahe vor sich hin. Sehr bald erinnerte beinahe nichts mehr an den einst so hübschen Jüngling….
Kain sah wohl, dass sich Raziel quälte und es schmerzte ihn, das mit ansehen zu müssen. So schnell er konnte teleportierte sich Kain zum Anwesen von Raziel, verschaffte sich Zutritt zu dessen Zimmer und holte, den halb bewusstlosen, Jungen heraus.
Er nahm ihn abermals mit sich und diesmal …für immer… Sollte Raziel so viel herum lamentieren wie er wollte, diesmal gab es kein Entkommen mehr. Beide mussten sich zumindest aussprechen und sich ihre Gefühle füreinander eingestehen. Denn so, das war Fakt, konnte es nicht weitergehen.
Er brachte Raziel ins Schlafzimmer und pflegte ihn gesund. Jedoch tat er ihm nichts zuleide.
Kain ließ ihn waschen und einkleiden. Dann wachte er über ihn und war nicht bereit noch einmal von seiner Seite zu weichen.
Raziel quälten schreckliche Albträume, immer wieder wand er sich hin und her. Kain konnte es nicht länger mit ansehen und versuchte Raziel sanft zu wecken. Aus seinem Albtraum erwachend schreckte Raziel auf, sah sich um und erblickte Kain. Er wollte aufspringen und fliehen, doch er kam nicht dazu, denn zum einen war er viel zu geschwächt und zum anderen hielt Kain ihn fest.
Raziel konnte nicht fliehen. Er sah Kain an und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Bitte, lass mich gehen ..lass mich frei… bitte!”, flehte Raziel Kain an.
Doch Kain schüttelte den Kopf und erwiderte:
„Nein, Raziel. Ich kann dich nicht gehen lassen, nicht bevor wir Beide miteinander gesprochen haben. Du hast dich beinahe zugrunde gerichtet. Warum, frage ich dich? Willst du die Tatsache nicht wahrhaben, dass du vielleicht doch mehr für mich empfindest, als dir lieb ist?”
Raziel senkte seinen Kopf, bei Kains Worten und sah auf seine Hände. Er wusste, dass Kain recht hatte und er tatsächlich in den Vampir verliebt war… er es sich jedoch nicht eingestehen konnte… wollte, wie auch immer.
„Es stimmt also. Dein Schweigen, Raziel, ist wie ein offenes Buch für mich. Komm schon, Kleiner, rede mit mir. Du weißt, dass ich dir nichts antun werde.”
Schließlich nickte Raziel und sprach leise …kaum hörbar:
„Ja, es stimmt, Kain, ich habe mich in dich verliebt und mein Herz sehnt sich nach dir. Aber ich kann es nicht zulassen. Ich kenne solche Gefühle nicht und ich habe Angst vor diesen Gefühlen…”
„Schhh… Schon gut, du musst dich nicht quälen. Ich bin für dich da, mein Freund, wenn du mich brauchst. Und wie du weißt, liebe ich dich ebenfalls. Ich werde nichts tun, womit du nicht einverstanden bist. Dir wird hier kein Leid geschehen. Das verspreche ich dir.”
Raziel sah Kain mit Tränen in den Augen an. Dann nahm Kain ihn in seine Arme, drückte ihn behutsam an sich und streichelte ihn sanft.
Raziel schmiegte sich an Kain an, schloss die Augen und genoss nur noch die Zärtlichkeiten. Mit seiner Hand hob Kain Raziels Kopf leicht hoch, sah ihm in seine wunderschönen Augen und küsste ihn zärtlich. Der Kuss wurde immer leidenschaftlicher, schließlich konnten beide nicht mehr an sich halten und begannen sich gegenseitig zu streicheln.
Gleichzeitig begannen sie sich gegenseitig zu entkleiden und gierig übereinander herzufallen.
Beide legten sich auf das Bett. Kains Lippen begannen Raziels Körper zu erforschen, währenddessen schloss Raziel einfach nur die Augen und genoss jede noch so kleine Berührung. Jeder Zentimeter des Jungen wurde, von Kain, mit zärtlichen Küssen bedeckt.
Nur mühsam gelang es Raziel sich noch zurückzuhalten und sich zusammenzureißen. Immer näher kamen Kains Lippen an die Mitte des Jünglings. Die Lenden des Anderen erreicht, umschloss Kains Mund die Männlichkeit des Kleineren und saugte sanft daran.
Stöhnend bäumte sich Raziels Körper auf, sein Atem ging schwer und keuchend
„ …AAAAHHHH!!!….” , mit einem leisen, äußerst erregtem „Schrei“ ergoss sich der Raziel und sein zarter Körper zitterte unter dieser Anspannung.
Wieder erregte Kain Raziel, bis dieser sich abermals nicht mehr zurückhalten konnte, doch diesmal hörte er kurz vorher auf, spreizte die Beine seines Geliebten, dehnte dessen Eingang etwas, dann drang er feurig und leidenschaftlich in Raziel ein.
Jetzt konnte Raziel einen sehr lauten Schrei nicht unterdrücken. Dieser kurze Schmerz raubte Raziel beinahe den Verstand, dennoch legte er Hand an sich und begann sich zum Höhepunkt zu bringen, während sich seine andere Hand in das Bettlaken krallte.
Kain brachte sich Stoß um Stoß ebenfalls zum Ziel. Beinahe gleichzeitig erreichten beide ihren Höhepunkt und stöhnten alles aus sich heraus. Nur wenig später lag Kain neben Raziel, wand seinen Kopf zu ihm und lächelte etwas erschöpft. „Ich liebe dich, Raziel.”, hauchte er Raziel zu und streichelte ihn sanft.
Raziel errötete und sprach dann ebenfalls, aber kaum hörbar: „Ich liebe dich auch, Kain.”, dann kuschelte er sich an den Vampir an, schloss seine Augen und genoss den schon beinahe betörenden Duft von Kains Körper. Kain hatte Raziel in seine Arme genommen und beide schliefen schon bald ein. Nichts störte sie in dieser Nacht, auch keine schlechten Träume…
*-*-*
Nach dieser wunderschönen, gemeinsamen Nacht, blieb Raziel bei Kain wohnen. Seinen eigenen Besitz behielt er allerdings trotzdem.
Es dauerte eine Weile bis Raziel sich mit dem Gedanken der Vampirwerdung anfreunden konnte und sich irgendwann von Kain beißen ließ… der ihn dann zu einem Vampir machte.
Kain und Raziel liebten sich und blieben für Immer und Ewig, als Gefährten, zusammen. Nichts und Niemand hätte es je vermocht die beiden zu trennen…

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Information Viva Teneriffa
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:49 PM - No Replies

Endlich der letzte Schultag vor den großen Ferien. Ich hatte mir für die nächsten sechs Wochen viel vorgenommen, vor allen viel faulenzen. Doch meistens kommt es anders und zweitens als du denkst!
Als ich nach der Schule nach Hause, stand meine Mutter in der Küche und kochte bereits.
„Hast du Hunger?“, fragte sie.
Blöde Frage! Natürlich hatte ich Hunger, in meinem Alter hatte man immer Hunger.
„Ja, klar!“
Aber vielleicht erst mal was zu mir. Ich heiße Christian, aber alle nennen mich Chris. Seit drei Monaten bin ich sechszehn Jahre alt, 176 cm groß und 66 kg schwer. Habe kurze blonde Haare und blaue Augen.
Meine Kumpels und Freunde behaupten immer ich sehe verdammt gut aus: Dies kann ich persönlich nicht bestätigen. Ich muss dringend wieder mal was für meinen Körper tun, etwas Sport treiben.
Aber zurück zum Essen. Ich setzte mich also an den gedeckten Küchentisch und wartete, was mir meine Mom auftafelte. Sie hatte natürlich meine Leibspeise gekocht >Spaghetti Bolognese< Ich saß unbekümmert am Tisch, schaufelte nun schon die zweite Portion in mich rein, als sich meine Mom zu mir setzte. „Was hast du denn vor in den Ferien?“, fragte sie. „Ich habe eigentlich noch nichts konkretes geplant“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „Hauptsache viel Faulenzen!“ Meine Mom lächelte mich an. „Sei heut Abend pünktlich beim Abendessen, dein Vater und ich haben eine Überraschung für dich.“ „Eine Überraschung? Was denn?“ „Wen ich dir es jetzt schon sage, ist es ja keine Überraschung mehr.“ Bei solchen Dingen biss ich bei Mom immer auf Granit, so blieb mir also nichts anders übrig, als auf den Abend zu warten. Gut gefüllt, räumte ich meinen Teller in die Spülmaschine und machte mich auf den Weg nach oben. Fast oben klingelte mein Handy. Ich zog es aus meiner Hosentasche – Tom, mein Klassenkamerad. „Hey Tom, was gibt es?“, meldet ich mich. Hey Chris! Kati, Peter, Karin und ich wollen nachher an den Rhein. Hast du Lust mitzukommen?“, fragte er. Natürlich hatte ich Lust bei der Hitze, es waren dreißig Grad im Schatten. „Ja…! Wann und wo?“ „14.00 Uhr am Mäuseturm. Kannst ja Jessy fragen, ob sie auch mitkommt.“ Jessy ist meine beste Freundin wir kannten uns schon seit den Kindergarten. Mit ihr konnte ich über alles reden. Natürlich kann ich das auch mit meinen Eltern, aber bestimmte Sachen bleiben lieber zwischen Jessy und mir. „Okay, bis nachher dann! Bye!“ Als ich Tom weg gedrückt hatte rief ich gleich Jessy an. Klar war sie einverstanden und ich sollte sie gegen 13.30 Uhr abholen sollte. Als ich so in meinen Zimmer stand, dachte ich mir, hier könnte auch mal wieder jemand aufräumen. Aber wer die Ordnung sucht, ist zu faul zum suchen. Und nun suchte ich meine Badeshorts, die ich extra vor sechs Wochen mir für diesen Sommer hier gelistet hatte. Unter einem Berg von Zeitschriften konnte ich einen Zipfel von ihr entdecken. Ich schnappte sie mir und ebenso mein Badetuch, stopfte alles in meinen Rucksack. Denn ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es bereits 13,25 Uhr war und ich mich sputen musste um pünktlich bei Jessy zu sein. Ich verabschiedete mich noch schnell von meiner Mom. „Ich bin dann weg, mit meiner Clique am Rhein!“, sagte ich und schon war ich draußen. Ich nahm mein Rad und schon radelte ich zu Jessy, die nur vier Häuserblöcke von mir entfernt wohnte. Dort angekommen wartete Jessy bereits auf mich und begrüßte mich wie üblich mit einem Küsschen links und rechts auf die Wange. Seit wir gemeinsam den Spanischkurs in der Schule belegten, hatten wir uns das angewöhnt. Wir radelten nun gemeinsam weiter und es dauerte nicht lange und der Mäuseturm kam in Sicht. Von weitem konnte ich schon Tom und Karin entdecken. „Hallo ihr Zwei, dass ging aber fix“, begrüßte uns Tom. „Weißt doch, wir sind von der schnellen Truppe“, meinte Jessy und wir fingen an zu lachen. Es dauerte nicht lange, als auch Peter und Kati eintrafen. Wir lehnten unsere Räder an den Mäuseturm und schlossen sie ab. Wie immer gingen wir an unseren Platz, der auf wundersame Weise nie besetzt war. Die Mädels gingen hinter die Büsche und wir Jungs zogen uns auf unseren Handtüchern um. Das wir uns nackt sahen, war nichts Besonderes, denn Tom, Peter und ich waren mehr als gute Freunde und hatten schon so manche Dinge angestellt, was Jungs in dem Alter eben machten. Allerdings unsere Mädels nicht davon wussten. Ich legte mich auf mein Badetuch, zwischen Tom und Jessy. Irgendwie sagte gerade keiner etwas, so kam ich ins grübeln. Was für eine Überraschung hatten meine Eltern denn für mich parat. Vielleicht ein gemeinsamer Urlaub? Nein, das konnte nicht sein. Wir hatten ein großes haus mit Garten, die vier Katzen mussten versorgt werden und zudem waren meine Eltern aktive Taubenzüchter. Wir waren bisher noch nie gemeinsam im Urlaub gewesen. Den Hund, den ich mir schon ewig wünschte, konnte es auch nicht sein. Meine Mom war nach wie vor gegen einen Hund, schon alleine wegen ihrer heißgeliebten Katzen. Ich war so ins Grübeln versunken, dass ich nicht mal merkte, dass Tom und Jessy mit mir redeten, „Jessy an Chris… bist du da?“ „Was… hä?“, stammelte ich. „Ich habe mit dir gesprochen, aber du hast nicht reagiert… völlig weggetreten, was ist denn heute los mit dir?“ „Ach, es ist wegen meinen Eltern.“ „Was ist mit ihnen?“, fragte Tom. „Meine Mom meinte heute beim Essen, sie hätten heute Abend eine Überraschung für mich und du weißt wie sehr ich Überraschungen hasse. Nachher verplanen die einfach meine ganzen Ferien.“ „Du wirst es heute Abend sicherlich erfahren“, meinte Tom. „Tolle Freunde seid ihr, baut mich ja mal wieder richtig gut auf“, gab ich trotzig von mir. Dieser Spruch handelte mir einen Seitenhieb von Tom ein und einen bösen Blick von Jessy. „Zicke!“, meinte sie nur Der Mittag wurde trotz der Grübelei, doch noch richtig schön. Wir alberten viel herum, beobachten die vorbei ziehenden Schiffe auf dem Rhein, grüßten natürlich schön artig die Besatzungen, die uns zuwinkten. So gegen 18.00 Uhr brachen wir dann auf. Ich brachte Jessy wieder nach Hause und schloss wenig später unsere Haustür auf. „Ich bin wieder da“, rief ich laut in den Flur, damit mich jeder hören konnte. „Christian, kommst du mal bitte!“, hörte ich meinen Vater aus dem Arbeitszimmer rufen. Oh, dass hatte nichts Gutes zu bedeuten, wenn mein Dad mich mit vollem Namen ansprach. Schon ging mir durch den Kopf, was ich denn angestellt haben könnte, aber mir fiel nichts ein. Also Kopf hoch und durch. „Abend Dad“, meinte ich, als ich sein Zimmer betrat. Er saß an seinem Schreibtisch und meine Mum stand direkt dahinter. Er hatte mein Zeugnis in der Hand. Oh… dass war nicht gut, ich sah ihre ernsten Gesichter, die Falten, die mein Dad auf seiner Stirn hatte. Ich wusste zwar nicht warum, denn ich hatte ja einen Notendurchschnitt von 2,5, warum sie also dieses Giftblatt so missmutig anschauten, konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären. „Also ich muss schon sagen… du hast dich in manchen Fächern wirklich verbessert“, fing mein Dad zu reden an. Ich atmete erst mal tief durch, also schien es nicht so schlimm zu sein, wenn er mich so lobte. „In Spanisch konntest du dich sogar von einer Vier zu einer Drei verbessern. Also deine Mom und ich haben beschlossen, dich dafür zu belohnen. Meine Brust schwellte an und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Wir haben gedacht, du solltest mal etwas von der Welt sehen, nicht dass es nicht schön ist bei uns am Rhein, aber du warst noch nie im Ausland.“ Das stimmte, hatte mich aber bisher nie groß gestört, sollte es doch sein, dass wir einen gemeinsamen Urlaub machten? Mein Dad schien meine Gedanken zu lesen, denn er sprach weiter. „Wir spendieren dir einen Auslandsurlaub für dich alleine.“ „Was… ich alleine?“ Was… bitte? Für mich alleine? Meine Eltern wollten einen gerade sechszehn jährigen Jungen in die weite Welt schicken, das konnte einfach nicht wahr sein. „Chris, als du vor einem halben Jahr mit einer Vier in Spanisch heim kamst, dachten wir uns, wir melden dich diesen Sommer für einen Spanischintensivkurs an“, begann meine Mutter an zu erzählen. „Und als ich dich anmelden wollte, viel mir durch Zufall ein Prospekt in die Hände. Werbung für Spanien, genauer gesagt auf den kanarischen Inseln. Auf Teneriffa wird ein vierwöchiger Intensivkurs angeboten.“ Oh Gott… sie wird doch nicht. „Da haben wir auf Teneriffa für dich gebucht, weil wir dachten, da wo Spanisch gesprochen wird, kann man das auch gut lernen.“ „Vier Wochen? Das ist ja mehr als die Hälfte meiner Ferien… Spanien ist zwar schön, aber vier ganze Wochen…ich wollte doch so viel mit meinen Freunden unternehmen“, sagte ich geschockt. „Du hast dann noch zwei Wochen Zeit und kannst genug mit ihnen unternehmen“, meinte mein Dad und drückte mir mehrere Prospekte in die Hand. Also war es beschlossene Sache. „Übrigens, dein Flug geht am Montag morgen um acht, überlege dir schon, was du einpacken willst“, sagte Mom und beide ließen mich im Arbeitszimmer alleine. Wütend verließ ich den Raum und rannte in mein Zimmer. Ich schmiss den Kram auf den Schreibtisch und ich mich aufs Bett. Die Tränen stiegen in mir auf. Ich schlug mit der faust ins Kopfkissen. „So ein Scheiß!“ Sie hatten mir meine ganzen Ferien versaut. Ich ließ das Abendessen ausfallen, Erstens wollte ich meine Eltern heute nicht mehr sehen und zweitens war mir der Appetit vergangen. Stattessen rief ich Jessy an. Sie war nicht gerade begeistert, dass wir uns während der Ferien fast nicht zu Gesicht bekamen. „Sehe es halt von der Seite, vier Wochen Sonne pur.“ „Ja und alles ohne Freunde“, sagte ich. „Wir sehen uns dann morgen!“, meinte ich und verabschiedeten uns wieder von einander. Mein Blick fiel auf den Schreibtisch, der mit bunten Prospekten übersät war. Ich schnappte mir das Größte und ließ mich wieder ins Bett fallen. >Spanisch Intensivkurs auf Teneriffa in Puerto de la Cruz. In einen kleinen Hotel namens Ambassator mit 17 Zimmern.< Auf den Bildern konnte man erkennen, dass diese recht gut eingerichtet waren sogar mit TV. Interessiert lass ich weiter. Der Unterricht sollte morgens von 10.00 bis 12.00 Uhr stattfinden, den Rest des Tages hatten die Teilnehmer frei. Vorort wurden auch mehrere Ausflüge angeboten, die man dann frei wählen konnte. Wenigstens etwas, ich hatte schon die Befürchtung den ganzen Tag büffeln zu müssen, so war wenigstens etwas Abwechslung geboten. Ich sah mir noch eine ganze Weile die Prospekte an und wurde auch komischerweise von meinen Eltern an diesem Abend nicht mehr heimgesucht. Ich legte den ganzen kram neben das Bett auf den Boden und ging ins Bad, es war schon recht spät geworden. Am nächsten Tag passierte nicht viel, ich verbrachte ihn mit meinen Freunden, die mich alle um diesen Urlaub beneideten. So verging der Freitag. Samstagmorgen, kam ich recht früh in die Küche. „Morgen Schatz und hast du schon angefangen zu packen, alles beieinander?“ „Öhm…“ „Nicht?“, fragte meine Mutter entsetzt, „Abmarsch nach oben, am Montag fliegst du und hast noch nicht gepackt!“ Also ging ich nach oben und machte meinen Kleiderschrank auf. Ich zog alles was ich für den Sommer hatte aus dem Schrank und legte es auf mein Bett. Meine Mutter kam nun auch hinzu. „Chris, ich seh schon, wir müssen noch einkaufen gehen… von den Sachen passt dir doch die Hälfte nicht mehr und für vier Wochen, brauchst du eine ganze Menge!“ Ich hasse es mit meiner Mom einkaufen zu gehen, bin ja kein kleines Kind mehr. Aber sie hatte leider Recht. Eine halbe Stunde später waren wir schon mit dem Auto nach Mainz unterwegs nach Mainz. Samstags in die Stadt… das Grauen. Überraschenderweise fand meine Mom dennoch einen Parkplatz in der Nähe des ersten Kaufhauses. Nun ging die Tortur los. Mom schleppte mich von einem Laden zum Nächsten. Hemden – Hosen – Schuhe – Tshirts auch Unterwäsche. Nach zwei Stunde war ich bepackt wie ein Packesel. Ich war fertig mit der Welt und ließ meine Mutter im nächsten laden einfach laufen. Ich sah an einem Ständer ein Teil, das mir sogar auf Anhieb gefiel und griff danach. „He du Penner, lass los, dass hatte ich zuerst“, hörte ich von der anderen Seite des Ständers. Was war das? Ich hob meinen kopf und sah in zwei wunderschöne braune Augen und dazu ein süßes Gesicht. Ich ließ in selben Augenblick das teil los und starrte au den Jungen, der etwa in meinem Alter war. „Was starrst du so?“, fragte und lief mit dem Teil siegessicher an die Kasse. Ich fand einen Jungen süß? Total von der Rolle schaute ich ihm nach, wie er sich dort mit einer Frau traf, die das Teil dann auch bezahlte. Ich war so perplex, das ich nicht mal merkte, dass meine Mom bereits hinter mir stand. „Und, hast du noch etwas gefunden?“ Als ich nicht antwortete, zog sie an meiner Schulter. „Ist etwas, Chris?“ Se riss mich aus den Gedanken. Ich schüttelte den Kopf. „Nein Mom, alles okay.“ Auf dem Weg nach Hause, dachte ich die ganze Zeit an diesen Jungen. Diese braunen Augen gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Was war nur mit mir los? Ich der Mädchenschwarm schlecht hin. Klar hatte ich auch schon ein paar Freundinnen, aber außer kuscheln und knutschen war da nie mehr. Und jetzt? Wieder durchfuhr mich ein sonderbares Kribbeln im Körper, wenn ich nur an dieses Gesicht dachte. Dabei war er so abweisend, ein richtiges Arschloch. Doch umso mehr ich an ihn dachte, umso mehr spannte sich mein Körper an und ich bekam sogar einen Steifen in der Hose. Scheiße war mir das peinlich, ich hatte nur dünne Sommershorts an und man konnte das natürlich in der nicht verbergen. Ich nahm eine Tüte und machte so, als würde ich reingucken, damit ich meine Peinlichkeit verdecken konnte. „Schatz, wir sind zu hause“, wurde ich aus den Gedanken gerissen. Mein Dad stand an der Tür und grinste mir entgegen. „Und, fündig geworden“, fragte er und zeigte auf die ganzen Taschen, die ich nur mit Mühe in den Händen halten konnte. „Dann zeig mir mal Sohnemann, was du und deine Mom ergattern konntet.“ Gott, wie ich dass hasste. Jetzt sollte ich auch noch eine Modeschau machen. Nicht nur, dass ich die Hemden, Hosen, Schuhe und Tshirts zeigen musste, nein, mein Dad wollte auch die neuen Boxer sehen, die Mom für mich gekauft hatte. Danach schnappte ich alle meine Sachen und trug sie in mein Zimmer. Gut dass er die Badehose nicht gesehen hatte, die Mom ebenso ausgesucht hatte. Die war so knapp geschnitten, dass ich sie sicher nicht anziehen würde. Ich stellte die Taschen auf den Boden und ließ mich erschöpft auf mein bett fallen. Wieder musste ich an denn Jungen denken, was natürlich bewirkte, dass mein Schwanz gleich wieder zur vollen Größe ausfuhr. Ich war alleine, meine Eltern unten. So zog ich einfach, die Shorts herunter Mein Schwanz schnellte mir entgegen und knallte auf meinen Bauch. So hart und steif war er noch nie. Ich begann mir einen runterzuholen, was ich natürlich schon oft getan hatte, seit ich wusste, dass dies Ding nicht nur zum Pissen da war. Aber noch nie hatte ich dabei an einen Jungen gedacht. Aber was soll’s, ich würde diesen Jungen nie wieder sehen, tat das als Phase meiner Pubertät ab. Dieses Kribbeln durchzog meinen Körper wieder und ich spürte, dass ich nicht mehr lange brauchte. Ich hatte doch schon öfter mit Tom oder Peter zusammen gewichst, aber nie hatte ich dieses Gefühl. Mein Körper fing unkontrolliert an zu zucken und ich konnte grade noch mein Shirt hoch ziehen, als mir die ganze Soße im hohen Bogen auf den Bauch spritze. Wow, so heftig war ich noch nie gekommen. Ich atmete schwer und zuckte immer noch, als ich meine Finger über meinen Schwanz gleiten ließ. Nie hatte ich so einen Abgang, auch nicht mit Tom oder Peter. Schnell wischte ich die verräterischen Spuren mit Tempos weg und entsorgte sie in meinem Mülleimer. Am Abend hatte ich den Jungen bereits wieder vergessen, denn meine Clique hatte kurzerhand eine kleine Abschiedsfete organisiert. Tom, Karin, Peter und Kati, sogar Klaus und Miriam waren da. Tom hatte aus dem Weinkeller seiner Eltern sechs Flaschen mitgehen lassen, so wurde der Abend ein ausgelassener Abend. In Jessys Armen trank ich ein Glas Wein nach dem Anderen und dieser Abend ging viel zu schnell vorüber. Am Sonntagmorgen bekam ich keinen Fuß aus dem Bett. Mir war so hundeelend. Auch unter der Dusche später, unter der ich mich gerade aufweichen ließ wurde es mir nicht besser. Mein Opa hätte jetzt gesagt >saufen wie die Großen, aber vertragen wie die Kleinen<. Meine Kopfschmerzen ließen nicht nach und ich fragte mich, ob es den Anderen ebenso ging. Mit einem Brummschädel kam ich runter zum Mittagessen. Mein Vater kam mir aus seinem Arbeitszimmer entgegen. „Noch ein paar Stunden und du wirst im Flieger sitzen“, meinte er und klopfte mir auf die Schulter. Ich ging fast in die Knie, so erschütterten diese kleinen Schläge meinen Kopf. Was hatte er da gerade gesagt, Flieger. Ach du scheiße, daran hatte ich ja noch gar nicht gedacht, ich würde das erste Mal fliegen. Wenn mein Schädel nicht so brummen würde, hätte ich fast Panik bekommen. Doch sicherlich war noch genug Alkohol in meinem Blut, da dies nicht eintrat. Den restlichen Sonntag verbrachte ich damit, meine Sachen noch einmal zu kontrollieren. So, dass ich ja nichts vergessen konnte. Also CD-Player, Fotoapparat auch mein Handy. Meine Eltern haben mir extra das Limit verdoppelt, weil es ja teuer ist, aus dem Ausland nach Deutschland anzurufen. Außerdem sollte ich mich ja zweimal wöchentlich bei ihnen melden. Der Pass mit den Reiseunterlagen und dem Ticket lagen oben auf. So konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Ich rief auf meinem Pc nochmals meine Emails ab. Denen die es noch nicht wussten, schrieb ich eine kurze Mail, das ich jetzt vier Wochen nicht zu Hause war. Nach dem Abendessen ließ ich mich erschöpft ins Bett fallen, musste ja am morgen recht früh raus um rechtzeitig einzuchecken. Am nächsten Morgen wurde ich kurz vor sechs von alleine wach. Auf dem Weg ins Bad hörte ich auch schon meine Mom unten in der Küche hantieren Nach einer ausgiebigen Dusche stand ich Punkt 7.00 Uhr in der Küche. Wir frühstückten sehr ausgiebig und unterhielten uns auch gut und dann war es endlich soweit. Mein Koffer und die Reisetasche waren im Wagen meiner Eltern verstaut. Ich stand vorm Haus und wartete auf sie, als plötzlich meine ganze Klicke vor mir stand. Sie wollten sich alle von mir verabschieden. Ich nahm alle noch mal in die Arme und ganz besonderst Jessy, die mir zum Abschied sogar eine kleine Plüschmaus. „Damit du mich nicht vergisst!“ Auf dem Weg zum Flughafen hielt ich die Maus ganz fest. Ich war einfach traurig. Am Flughafen angekommen begann das große Suchen und nach mehrmaligen Fragen, standen wir endlich in richtigen Terminal. Das war die erste Hürde und nun nur noch die richtige Reisegruppe finden. Das war sehr leicht, denn es stand nur eine kleine Gruppe Teens an diesem Terminal. Alle in meinem Alter und die Eltern waren auch dabei. Ich ging zur Reiseleitung und meldete mich an. Danach gab ich mein Gepäck auf und gesellte mit gemeinsam mit meinen Eltern zu den Anderen. Interessiert schaute ich meine Mitreisenden an. Neben uns stand ein Zwillingspärchen, ein Junge und ein Mädchen, di sich später als Phillip und Sascha bei mir vorstellten. Es waren im Großen und Ganzen eh mehr Jungs, vielleicht drei oder vier Mädchen. Dann hieß es Abschied nehmen. „Lass es dir gut gehen“, meinte Dad. „Wenn etwas ist, ruf an“, kam es von meiner Mum. Dann nahm sie mich, drückte mich fest an sich und als würde dass nicht noch reichen, küsste sie mich auch noch auf die Stirn. Man war mir das peinlich. Beim vorsichtigen Umhersehen merkte ich aber schnell, dass es den anderen nicht anders erging. Wie sagt man so schon geteiltes Leid, ist halbes Leid. Doch nun hieß es abschied nehmen, mit einen lass es dir gut gehen mein junge gab mir mein Dad die hand und wenn du was brauchst ruf an, meine Mom war da schon etwas intensiver sie nahm meinen kopf zwischen ihre Hände und gab mir einen Kuss auf die Stirn ich hätte vor Scharm in Boden versinken können aber den anderen erging es nicht anders und wie sagt man so schön geteiltes Leid ist halbes Leid. Die Reiseleitung stellte sich nun nochmals vor. Da war zum einen Maria, ich schätze sie so um die 45, sie hatte einen großen Planer in der Hand und erzählte uns, wie das jetzt mit dem Einchecken ablief. Der andere Leiter war Jens, der war mit ca. 30 wesentlich jünger. Er erzählte, das wir och auf einen Nachzügler namens Benjamin Vogel warteten. Danach führte uns Maria zur Passkontrolle. Noch einmal drehte ich mich kurz zu meinen Eltern um und winkte ihnen zu, bevor sie aus meinem Blickfeld verschwanden. Dass die Kontrollen an den Flughäfen schärfer geworden waren, wusste ich aus dem Fernseher. Ich fühlte mich etwas unbehaglich, obwohl ich ja nicht angestellt hatte. Danach hieß es wieder warten, bis dann endlich unser Flug aufgerufen wurde. Da ich die ganze Zeit immer wieder mal mit Phillip und Sascha geredet hatte, saß ich nun auch mit ihnen in einer Reihe. Sascha machte sich am Fenster breit und Phillip wollte unbedingt den Sitz am Gang. So nahm ich den verbleibenden Platz in der Mitte. Die Platzaussuche nahm mich dermaßen in Gebühr, dass ich nicht mal mitbekam, dass Jens mit diesem Benjamin Vogel dass Flugzeug gerade noch bestiegen hatte. „Wir sind komplett“, rief Jens und ich schaute über die Lehne meines Vordermanns. Mir stockte der Atem, als ich sah, wen Jens da im Schlepptau hatte. Es war niemand anders, als dieser Junge aus dem Kaufhaus. Er hatte genau die Hose an, welche er mir im Kaufhaus aus der Hand gerissen hatte und diesmal starrte ihn wieder an. Er setzte sich in den Sitz vor mir und mein Starren nahm kein Ende. Darüber verpasste ich natürlich, dass wir bereits auf dass Rollfeld uns zu bewegten. Phillip neben mir, fasste mein Starren anders auf und knuffte in meine Seite. „Auch Flugangst?“ Er schnappte sich meine Hand und drückte sie, bis wir abgehoben hatten. Die ganze zeit versuchte ich etwas von Benjamin zusehen. Phillip ließ wieder los und schien nun entspannter zu sein Plötzlich kam Bewegung in die Vorderreihe und Benjamins Gesicht erschien auf seiner Lehne. „Na ihr Pfeifen… habt wohl Flugangst.“ Eigentlich war ich immer noch starr und umso mehr verwundert, dass ich einen Kommentar abgab. „Nein, aber dich hat es ja erwischt… wer eben zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Das war eine Anspielung darauf, dass er nun zwischen Maria und Jens sitzen musste. Da Maria, ja keineswegs schlank war, war er wirklich nicht zu beneiden. Im selben Moment verlor er irgendwie sein Gleichgewicht und stieß gegen Maria. „Benjamin, dass tut mir jetzt aber leid… der ganze Kaffee auf deiner Hose. Alle pusteten los, der halbe Flieger lachte. Nur ich nicht, ich starrte ihn an und er mich, mit seinen wunderschönen braunen Augen und seinen tollen süßen Gesicht. Der restliche Flug war dann Ruhe. Die Flugbegleiterin kam mit etwas Salz und einem feuchten Tuch. Jens selbst versuchten dem Fleck herzuwerden, was natürlich nicht gelang, die Hose musste wohl gereinigt werden. So musste Benjamin wohl mit einem Fleck, der auch noch recht gut platziert war herumlaufen. Ich lehnte mich zurück und schlummerte den Rest vom Flug vor mich hin. Als wir endlich dann auf Teneriffa landeten war es nur heiß. Bei uns war es schon warm, aber hier war es richtig heiß. Es dauerte eine Weile, bis wir endlich unser Gepäck alle hatten. Maria übernahm wieder die Führung und geleitete uns zum Bus. Ich nahm die Bank hinter Phillip und Sascha und setzte mich ans Fenster. Und dann passierte etwas, was ich nicht erwartet hätte. Benjamin betrat den Bus und steuerte genau auf mich zu. Er verstaute sein Handgepäck in der Ablage und ließ sich neben mir fallen. „Ich bin Benjamin Vogel, aber alle nennen mich“, meinte er und reichte mir die Hand. „Christian Krämer, aber alle nennen mich Chris“, antworte ich und schüttelte seine Hand. Als ich seine Hand berührte, durchfuhr es mich wie einen Stromschlag. Verdammt, was war nur los mit mir. So etwas war mir noch nie passiert. Gott sei Dank, hatte ich den Rucksack noch auf mir sehen, denn ich spürte schon wieder, wie sich mein Schwanz versteifte. Das wäre mir peinlich gewesen, wenn das Benny gesehen hätte. Um nicht laufend in seine Augen zu starren, wanderte mein Blick über seinen Körper und blieb unweigerlich auf dem Fleck hängen. Ich begann zu grinsen, was Benny natürlich merkte. Sein Blick folgte meinem und nun begann er ebenso zu grinsen. Die ganze Fahrt über, also eine Stunde nach Puerto de la Cruz, verlief gesprächslos. Ich bemerkte bald, immer wenn sich unsere Blicke trafen, wir uns kurz abstarten, bevor jeder seinen Blick abwandte. Gegen 17.30 Uhr kamen wir dann an unserem Hotel an. In großen Lettern prangte über der Eingangstür >Club Ambassator<. Das haus machte einen guten Eindruck. Wir stiegen also aus um gleich danach unser Gepäck auszunehmen. Da alles nun zum Eingang strömte. Ließ ich mir etwas Zeit und trabte seelenruhig hinter her. Maria und Jens brachten uns im Innenhof und baten uns dort auf sie zuwarten. Dann verschwanden sie an die Rezeption. Ich stellte meine Sachen auf den Boden und ließ meinen Blick über die Anlage gleiten. Nicht schlecht, dachte ich, auch konnte ich schon den Pool sehen. Ich fuhr etwas zusammen, als mir jemand seine Hand auf die Schulter legte. „He Chris schau mal, dahinten geht es zum Whirlpool und zur Sauna.“ Das war Benny und dabei grinste er mich so komisch an. Jens und Maria kamen zurück. „So, ich verteile mal dann die Zimmer“, begann Jens. „Halt“, unterbrach ihn Maria, „kurz noch etwas zur Hausordnung!“ „Also Frühstück um 8.00 Uhr, Mittag um 12.30 Uhr und Abendessen ab 19.00 Uhr. Ausgang für euch bis 23.00 Uhr dann ist das Licht aus verstanden?“ „Si!“ kam es im Chor zurück. „So“, begann Jens wieder, „dann werde ich immer zwei von euch aufrufen und die Zimmernummer dazu sagen. Ihr tretet dann vor uns lasst euch von Maria den Schlüssel geben.“ „Schmidt und Kaiser“, rief Jena als erstes. Die zwei Mädels traten vor und ließen sich den Schlüssel geben. So ging es die ganze Zeit, is auch endlich mein Name aufgerufen wurde. „Krämer und Vogel!“ Bitte was, nun sollte ich auch noch ein Zimmer mit diesem Wesen teilen? Vier Wochen lang? Wir traten beide vor und Jens gab mir den Schlüssel. „Ihr müsst den ganzen Flur hinunter laufen, das letzte Zimmer ist dann euers“, sagte Jens. Also nahm ich den Schlüssel entgegen und lief den Flur hinunter, dicht gefolgt von Benny. Als wir das Zimmer gefunden hatten, schloss ich auf und schob die Tür auf. Wow war das riesig. Wir standen im Zimmer und waren sprachlos. An der einen Wand standen zwei Betten, nur durch einen Nachtkasten geteilt Unter dem Fenster waren zwei Schreibtische und in der Mitte des Raumes stand eine herrliche Sitzgruppe. In einer Schrankwand war ein Fernseher eingelassen. Benny setzte wie ich das Gepäck ab und folgte mir zu der einen Tür. Dahinter war, wie ich vermutet hatte ein Bad. Ebenso wie das Zimmer recht groß ausgelegt, mit einer Dusche und einer Wanne, zwei Waschbecken, einer Toilette und einem Bidet. Da wir das letzte Zimmer im Haus hatten, ging unser Balkon um die Ecke und umschloss so das halbe Zimmer. „Das ist einfach nur geil!“, ließ Benny vom Stapel, „hast du Lust mit mir vor dem Essen noch kurz in den Pool zuspringen?“ „Ja…, aber ich würde vorher trotzdem noch kurz duschen“, antwortete ich. „Gute Idee, mach ich dann auch gleich.“ Ich holte mein Waschbeutel aus dem Gepäck und das Handtuch und verschwand im Bad. Ich hatte gerade das Wasser aufgedreht und wollte in die Dusche steigen, als hinter mir die Tür auf ging und Benny nackt, wie ihn Gott schuf, ins Bad kam

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