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Information Wie liebt man einen Eisberg?
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:43 PM - No Replies

Man, man, man… Akten nichts als Akten… und immer dieselbe Aussicht, wenn er aus dem Fenster sah… auch wenn die Aussicht noch besser war, als der Blick auf diesen verdammten Schreibtisch.
Längst vergangen waren die Zeiten, an denen sich Sephiroth, mit seinen beiden Freunden, bei kleineren Kämpfen austoben und amüsieren konnte… Angeal – das gelungene Experiment des Shin-Ra Konzerns und Idol aller SOLDAT Anfänger… Genesis – das angeblich gescheiterte Experiment der Shin-Ra und Rivale seines besten Freundes, Sephiroth und …er – Sephiroth – selbst, der Perfektionist, der immer als Held gefeiert worden, jedoch auch nur ein Experiment der Shin-Ra Corporation, war.
Auch Genesis und Angeal erging es nicht so sehr viel anders, als Sephiroth, auch sie saßen an ihren Schreibtischen, allerdings saßen sie zusammen in einem Zimmer… nur Sephiroth saß eben allein in einem Zimmer oder Büro… wie auch immer… und langweilte sich fast zu Tode.
Zack, ebenfalls ein Rang 1 SOLDAT, hatte nun auch nicht mehr so viel zu tun, außer sich nun mit der Aufgabe zu beschäftigen, die einst Angeal getan hatte… nämlich dem Ausbilden von Rang 2 und Rang 3 Soldaten.
Nachdem Sephiroth ein wenig aus dem Fenster gesehen hatte, widmete er sich wieder den Akten. Er gähnte schon ein wenig, als es an seiner Tür klopfte und er ein deutliches, wenn auch genervtes,
„Ja, bitte.“ hören ließ.
Die Tür öffnete sich und Genesis trat ein.
„Hallo, mein lieber Sephiroth.“
„Hä… wie jetzt? „mein lieber Sephiroth“?
Hatte die Langweile etwa schon Genesis‘ Hirn lahm gelegt?//
„Hallo Genesis.“
„Du scheinst dich ziemlich zu langweilen.“
„Nicht wirklich.“
„Du lügst.“
„Nein, ich lüge nicht.“
„Na ja, sei es drum… ich habe hier noch ein bisschen Arbeit für dich.“, sprach Genesis ein wenig gehässig, legte die Akten, die er in den Händen hielt, auf den Schreibtisch von Sephiroth und grinste in sich hinein.
Er setzte sich nun auch noch auf den Schreibtisch seines Freundes und sah ihn, mit einem ziemlich herausfordernden Grinsen, an.
(Was hast du vor, Genesis…?)
Sephiroth störte das allerdings wenig, denn er hatte ja eh zu tun.
„Du bist wunderschön, mein lieber Sephiroth, weißt du das?“
„Du spinnst doch, Genesis. Verzeih dich.“
„Weißt du, was ich dachte, als ich dich das erste Mal sah?“
„Nein, und es ist mir herzlich egal.“
„Ich dachte: Das, will ich haben.“
Als Sephiroth diese Worte aus dem Mund seines Freundes hörte, hob er langsam, seinen Blick und sah Genesis, mit zu kleinen Sehschlitzen verengten Augen, durchdringend an.
„Was soll das werden, Genesis?! Runter von meinem Schreibtisch… und verzieh dich in dein Büro!“
„Och, nicht doch… wer wird denn gleich so… böse werden…“, grinste Genesis und kam dem Gesicht seines Freundes gefährlich nahe.
Ich halte den Atem an, er wird doch wohl nicht.
So schnell, dass man meinen konnte etwas verpasst zu haben, war Sephiroth aufgesprungen und sah Genesis eiskalt an, der sich nun langsam von dem Schreibtisch herabgleiten ließ und sich seinem Freund zuwandte. Doch blieb er noch, wo er war, stehen.
„Was hast du denn, mein Schöner?“
„Verschwinde aus meinem Büro, bevor ich mich vergesse!“
„Ich denke, ich werde noch ein bisschen bleiben und mir nehmen, was ich will.“
Sephiroth sah Genesis durchdringend… ja beinahe böse… an, doch konnte er nicht wirklich was damit anfangen, was sein werter Freund begehrte und von ihm wollte.
Genesis ging nun auf seinen silberhaarigen Freund zu und benutzte nun sein Schwert als Medium, um Sephiroth zu bannen und ihn bewegungsunfähig zu machen. Er wusste, dass er sich beeilen musste, denn allzu lang würde der Bann Sephiroth nicht aufhalten können.
So ging er weiter auf seinen Freund zu, der sich nun nicht mehr bewegen konnte und seinen rothaarigen Freund nur eiskalt ansah.
Vor Sephiroth stehend hob Genesis seine Hand, legte diese in den Nacken des Silberhaarigen, zog ihn ein wenig zu sich heran, legte seine Lippen, sanft auf die von Sephiroth und küsste ihn, während er sein Knie zwischen die Beine von Sephiroth schob, so dass eine eventuelle Flucht zusätzlich ein wenig erschwert wurde… was aber eh nicht möglich war.
Genesis wusste nur zu gut, dass sein Freund grad überlegte, wie er der Situation entkommen und sich wahrscheinlich ärgerte, dass er sich nicht bewegen konnte.
Tatsächlich hatte Genesis Recht mit dem was er dachte, denn Sephiroth überlegte wirklich wie er dieser Situation entkommen und fliehen konnte. Und natürlich ärgerte er sich grad fast zu Tode, dass er sich nicht bewegen konnte… dass Genesis solche Macht über ihn hatte… doch würde dies nicht allzu lang so bleiben.
Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, küsste er ihn nun auch noch auf den Mund… das würde er ihm heimzahlen… Sephiroth schwor, in Gedanken, Rache!
(mein armes, armes Sephi… ärgert dich das „böse“ Genesis… *fies grins*)
Endlich ließ Genesis von seinem Freund ab und befreite ihn auch von dem Bann, so dass sich der Silberhaarige wieder bewegen konnte. Sogleich schleuderte Sephiroth Genesis, mittels Magie, quer durch den Raum.
Genesis blieb, leicht grinsend, denn mit dieser Reaktion hatte er nun schon gerechnet, in einer Ecke des Büros liegen, während der Silberhaarige auf ihn zuging und im größeren Abstand vor ihm stehen blieb.
„Was sollte das denn werden?! Das wirst du noch bitter bereuen, Genesis!“
„Was das werden sollte? Nun, mein lieber Sephiroth, du tust als hätte ich dich geschlagen, dabei habe ich dich nur geküsst… ich habe mir halt genommen was ich wollte… und …eines ist gewiss… das war ganz sicher noch nicht alles. Ich kriege dich schon noch.“, mit diesen Worten stand Genesis auf, zupfte sich seine Kleidung etwas zurecht, grinste seinen Freund noch einmal frech an, dann verließ er, erhobenen Hauptes, das Büro seines Freundes.
Zumindest hatte er teilweise erreicht was er wollte und er würde nicht aufgeben, bis er ganz und gar erreicht hätte, was er wollte… Sephiroth zu erobern… um jeden Preis…
Sephiroth sah Genesis zornig nach und schüttelte verständnislos den Kopf. Er begriff nicht, was Genesis von ihm wollte. Er war eben ein… Eisberg, dem solche Gefühle, wie Genesis sie spürte, vollkommen fremd waren.
Schließlich setzte er sich wieder an den Schreibtisch, doch konnte er grad keinen klaren Gedanken fassen. Genesis‘ Verhalten war für ihn schon sehr merkwürdig und er wurde daraus nicht schlau. Sein Blick richtete sich nun, mal an die Wand vor sich und mal auf seinen Schreibtisch.
NEIN, dachte sich Sephiroth. Raus…, raus aus meinen Gedanken! Ich bin nur überarbeitet. Eine Pause tut jetzt sicher gut. So stand Sephiroth auf, schnappte sich das Masamune und verließ das Büro. Er musste hier raus, so schnell es ging, denn Genesis‘ Aktion war doch nicht so ganz spurlos an dem Silberhaarigen vorbei gegangen. Nicht, dass er Gefühle für den Rothaarigen hegte, zumindest würde er es normalerweise nie und nimmer zugeben, aber ihm gab es schon zu denken, warum Genesis ihn geküsst hatte.
Dann aber kam ihm der Gedanke, dass Genesis ihn wahrscheinlich nur hatte ärgern wollen… eben wie immer. Na ja, der würde schon wieder zur Vernunft kommen, eben auch wie immer.
Sephiroth verließ das Shin-Ra Gebäude und erhob sich draußen in die Luft. Endlich… Freiheit und niemand der ihm, im Moment sagte, tu dies nicht, mach das… und… kaum hatte er sich in die Lüfte erhoben, hatte er Genesis‘ Aktion scheinbar schon wieder vergessen und eine Eiseskälte legte sich wieder auf seine Gefühle… war ja nichts Neues mehr.
(das ist SO typisch Sephiroth)
Irgendwo landete Sephiroth schließlich und sah sich hier ein wenig um. Dann sah er etwas, das doch schon lang vorbei sein sollte… jede Menge dieser Wutai – Krieger die sich untereinander bekämpften. Man, man, man… die lernten echt nichts dazu. Er ging auf die Krieger zu und hatte sie bald erreicht.
Elegant, gnadenlos und mit einer Eiseskälte zog er das Masamune hervor und tötete jeden Einzelnen von diesen Idioten. Wer nicht hören will… muss eben fühlen… so war es immer. Nun, diese Krieger würden nie wieder kämpfen… denn Gnade kannte Sephiroth nicht. Aber so war er nun mal und so würde er wohl immer bleiben…
Genesis war wieder in sein Büro, zu Angeal, zurückgekehrt, setzte sich in seinen Sessel und sah zuerst an die Wand vor sich… dann sah er Angeal an.
Angeal hatte Genesis nur kurz angesehen und arbeitete dann weiter.
„Ich kriege was ich will… ganz sicher… ich kriege ihn…“, sprach Genesis, schmollend, vor sich hin.
Angeal runzelte die Stirn und blickte auf.
„Wen oder was kriegst du?“
„…Sephiroth…“
„Hä?“, machte Angeal und machte ein entsprechendes Gesicht.
Genesis sah Angeal nun direkt und selbstsicher an.
„Sephiroth… ich kriege ihn.“
„Genesis!“
„Nichts da… Genesis… ich will ihn und ich kriege ihn!“
„Was, in aller Welt, meinst du damit?“
„Ich liebe Sephiroth und ich will ihn für mich haben.“
„Alles klar, Genesis. Das wird wohl die Auswirkung der vielen Büroarbeit sein.“, erwiderte Angeal und grinste.
Nun sprang Genesis von seinem Sessel auf und sah auf seinen Freund herab, während er mit der flachen Hand auf den Tisch schlug.
„Nein, das ist nicht die Büroarbeit… ich liebe Sephiroth… ich will ihn und ich kriege ihn, kapiert?!“
Angeal schwieg nun und nickte nur. Er machte sich langsam wirklich Sorgen um seinen Freund.
„Hast du es ihm gesagt?“
„Was soll ich ihm gesagt haben?“
„Na, dass du ihn liebst.“
„Nein… ich… habe ihm nur gesagt, dass ich ihn haben will.“
„Na, ganz toll, Genesis… wirklich super. Damit kann er ja auch was anfangen, was?“
„Mir egal, ich will ihn haben.“
„Willst du nur deinen Dickkopf durchsetzen, oder was?“
„Nein, verdammt… ich liebe ihn!“
„Dann musst du es ihm sagen. Nur… erwarte nicht, dass er deine Liebe erwidert. Du weißt, dass unser Freund ein „Eisberg“ ist und du weißt auch ganz genau, dass du ihn niemals zum Schmelzen bringen wirst.“
„Das werden wir ja noch sehen!“, mit diesen Worten, die sehr entschlossen klangen, schnappte sich Genesis seinen roten Mantel, zog diesen an, dann nahm er auch sein rotes Rapier und verließ dann das Büro.
Angeal sah ihm nur nach und schüttelte verständnislos den Kopf, dann wand er sich wieder seiner Arbeit zu. Er hoffte nur, dass Genesis nichts Unüberlegtes tun würde.
Genesis verließ, nach dem Büro, auch das Shin-Ra Gebäude, nachdem er vergeblich an die Bürotür seines Freundes Sephiroth geklopft hatte, ließ, draußen angekommen, seinen schwarzen Flügel erscheinen, erhob sich in die Luft und flog davon.
Er wollte Sephiroth suchen und… er würde ihn finden… ganz sicher… es war beinahe so, als könnte er ihn spüren… und so brauchte er nur noch dem zu folgen, was er spürte…
Sephiroth bemerkte von alledem nichts. Er beschäftigte sich anderweitig. Das Masamune hatte er weggesteckt und suchte sich nun, für ihn sehr untypisch, einen ruhigen Platz. Er wollte sich einfach mal eine Pause, von dem ganzen Bürokram und dem ganzen anderen Mist, gönnen, was für ihn ja auch ziemlich untypisch war.
Genesis war schon eine Weile geflogen, dann sah er ihn… Sephiroth!
Sogleich landete er vor seinem Freund und hielt ihn somit auf. Er sah Sephiroth an und grinste.
„Da bist du ja. Schön, dass ich dich endlich gefunden hab, mein lieber Sephiroth.“
Nein, das darf doch nicht wahr sein… Was sucht DER denn hier, dachte Sephiroth und sah Genesis eiskalt in die Augen.
„Ich kann nicht sagen, dass ich mich freue, dich zu jetzt zu sehen. Was willst du, Genesis?“
„Aber… ich bin hier und ich habe nicht vor wieder zu gehen. Und… was ich will… das sagte ich dir bereits..“
„Und …das wäre?!“, fragte Sephiroth genervt.
„…dich…“,
„Du spinnst doch, Genesis!“
„Nein, ich spinne nicht… ich will dich und ich werde mir jetzt und hier nehmen was ich will.“
Sephiroth schwieg zunächst und während er Genesis eiskalt ansah, zog er das Masamune hervor und bedrohte Genesis damit.
„Solltest du mich noch einmal anfassen werde ich dich töten!“
Doch auch Genesis war nicht ganz faul gewesen und hatte sein Schwert ebenfalls gezückt, womit er Sephiroth nun ebenfalls bedrohte.
„Ooch… nicht doch Sephiroth. Du wirst mich nicht töten.. ganz sicher…“, mit diesen Worten hatte er auch schon wieder sein Schwert als Medium eingesetzt und seinem Freund gebannt, so dass dieser sich wiederum nicht bewegen konnte und zudem wieder zu langsam gewesen war, um Genesis aufzuhalten.
Grinsend ging Genesis nun auf Sephiroth zu, denn er wusste, dass sich sein Freund gerade richtig ärgerte.
„Du hast verloren, mein lieber Sephiroth.“, mit diesen Worten packte er den Silberhaarigen, drückte ihn an eine Häuserwand, schob sein Knie wieder zwischen Sephiroths Beine und begann ihn zu küssen.
Zunächst nur sehr sanft und zärtlich, dann wurden seine Küsse fordernder und leidenschaftlicher, während er begann ihn langsam und genießend auszuziehen.
Oh, wie sich Sephiroth ärgerte… das würde Genesis nicht umsonst getan haben. Da er sich jedoch nicht wehren konnte, musste er sich vorläufig in sein Schicksal ergeben…
Natürlich „spielte“ Genesis weiter mit ihm und hatte, nach einer Weile, wenigstens schon mal den Oberkörper seines silberhaarigen Freundes entkleidet, nachdem er aufgehört hatte ihn zu küssen.
„Nimm deine Finger von mir, oder du wirst es bitter bereuen.“, fauchte Sephiroth Genesis an, der sich jedoch nicht beirren ließ und sich weiter an seinem Freund zu schaffen machte.
„Halt den Mund!“, befahl der Rothaarige gespielt.
Dann begann er auch schon über die Haut des Silberhaarigen zu streicheln und hauchzarte Küsse auf dessen weicher Haut zu verteilen…
Dann jedoch ließ Genesis von Sephiroth ab und sah ihn grinsend an:
„Das, mein lieber Sephiroth… werden wir später noch ein wenig „vertiefen“… und …glaub nur nicht, dass du mir entkommst.“, mit diesen Worten entließ Genesis seinen Freund wieder von dem Bann, ließ seinen schwarzen Flügel erscheinen und flog grinsend davon.
Da Sephiroth irgendwie verwirrt war, konnte er wiederum nicht schnell genug reagieren, um sich an Genesis zu rächen. Über Genesis‘ Worte und was er getan hatte, dachte er natürlich nicht nach.
Genesis war eh schon längst auf und davon.
Sephiroth schüttelte zornig den Kopf, hob seinen Mantel vom Boden auf und zog sich diesen wieder an, während er Genesis nachsah.
Na, warte… das hast du nicht umsonst gemacht, dachte Sephiroth und schwor abermals Rache, erhob sich dann in die Lüfte und folgte Genesis per Luftlinie.
Er würde sich ihn vornehmen und dann könnte Genesis sein Testament machen, soviel war sicher und er würde diesmal ganz sicher vorsichtiger sein und sich nicht noch einmal, von seinem Freund, bannen lassen.
Selbstverständlich merkte Genesis, dass Sephiroth ihm folgte und genau damit hatte er gerechnet und er hatte es natürlich erwartet… ja, sogar geplant…
(böses…. ganz böses Genesis…*lol*)
Komm nur, mein lieber Sephiroth, dachte Genesis und grinste in sich hinein.
Er wusste einfach, dass sein silberhaariger Freund ihm folgen würde, denn der wollte doch ganz sicher Rache üben. Tja, er kannte ihn einfach viel zu gut. Dafür schien Sephiroth Genesis kein bisschen zu kennen… war ja klar, denn er hatte eh immer nur mit sich zu tun. Ihn hatte ja scheinbar nie interessiert wie es anderen ging.
Nun, jetzt würde er eine andere Erfahrung machen müssen….
Genesis hatte das Shin-Ra Gebäude erreicht, landete, ließ seinen schwarzen Flügel wieder verschwinden und betrat das Gebäude anschließend. Er ging geradewegs in sein Büro, denn er wusste, dass Sephiroth ihn genau hier aufsuchen würde.
Zum Glück war Angeal nicht da, der hatte sicher mal wieder was Wichtiges zu tun. Nun, das konnte Genesis nur recht sein. Ganz gemütlich setzte sich Genesis in seinen Sessel, legte die Beine auf den Tisch und wartete auf Sephiroth, der sicher jeden Moment hier auftauchen würde…
Natürlich folgte Sephiroth Genesis und er hatte natürlich null Ahnung, dass Genesis, das alles geplant hatte. Auch er erreichte, nur wenig später, das Shin-Ra Gebäude, landete und betrat es ebenfalls sogleich.
Sephiroth war sehr aufgebracht… richtig geladen und Genesis konnte von Glück reden, wenn ER ihn am Leben ließ.
Schnurstracks ging Sephiroth auf das Büro von Genesis zu, doch klopfte er nicht an… wie es sich gehört hätte und er es eigentlich gewohnt war. Nein, er öffnete einfach die Türe, betrat dann wutentbrannt das Büro und schlug die Tür anschließend wütend zu, die er dann auch noch verschloss.
Genesis grinste nur in sich hinein, als Sephiroth das Büro betrat und dachte bei sich:
Was für einen dummen Fehler du gerade begangen hast, mein lieber Sephiroth. Das läuft ja noch besser, als ich dachte.
Doch blieb er ruhig sitzen und wartete ab, allerdings war er für alle Fälle gewappnet.
Sephiroth ging nun auf den Rothaarigen zu und begann ihn mit dem Masamune zu bedrohen, indem er das Schwert an den Hals seines Freundes hielt und ihn zusätzlich eiskalt und bedrohlich ansah.
„Was soll das alles, Genesis?! Hast du den Verstand verloren?!“
(nein, aber ich verliere aber ganz sicher gleich meinen… *rofl*)
„Nein, ich habe meinen Verstand nicht verloren… mir geht es ausgezeichnet… aber du… mein lieber Sephiroth …wirst bald DEINEN Verstand verlieren.“, kam die spontane Antwort von Genesis, wobei er seinen Freund ziemlich frech und herausfordernd angrinste.
Genesis musste, in der Tat, seinen Verstand verloren haben, dass er ihm solche Antworten gab und ihn SO angrinste.
Sephiroth drückte sein Schwert noch etwas fester an den Hals seines Freundes… das heißt… er wollte es, doch schaffte er es nicht, denn Genesis war auch diesmal wieder schneller, als sein silberhaariger Freund. Er hatte sich blitzschnell aus seinem Sessel erhoben, so dass Sephiroth, durch diese Aktion, seinen Halt verlor und zu Boden ging, was Genesis natürlich sogleich ausnutzte und sich zunächst breitbeinig über ihn stellte, sich dann jedoch, leicht auf Sephiroths Beine setzte und ihn frech angrinste.
„Du hast nachgelassen, Sephiroth. Was ist los mit dir, hm?“
„Du mieser…“, weiter kam Sephiroth nicht, denn Genesis hatte sich schon über ihn gebeugt und küsste ihn leidenschaftlich.
Langsam ließ er seine Hände über den, wie er fand, wunderschönen Körper seines Freundes gleiten und erkundete ihn. Selbstverständlich hatte er seinen Freund mal wieder „lahmgelegt“, was diesen nun wiederum sehr ärgerte.
Genesis löste den Kuss und begann Sephiroth langsam auszuziehen. Dieser wunderschöne starke Körper erregte Genesis, so dass er nicht anders konnte, als den Körper seines Freundes zu berühren und zu streicheln. Er beugte sich zu ihm herab und küsste den Körper seines Freundes sanft, auch ließ er die Brustwarzen des Silberhaarigen nicht außer acht, die er leicht mit der Zunge liebkoste und daran saugte, während er die jeweils andere mit seinen Fingern ein wenig quälte.
Dies tat er immer wieder abwechselnd. Die andere Hand ließ er immer weiter an dem Körper des Silberhaarigen herab wandern, erreichte sein Ziel und ließ die Hand auf der äußerst empfindlichen Stelle, zwischen den Beinen seines Freundes, liegen.
Sephiroth biss sich nun fest auf die Unterlippe und unterdrückte somit ein Aufstöhnen. Dennoch verriet ihn sein Körper, denn seine Wangen färbten sich in ein leichtes Rot und seine Männlichkeit reagierte, sehr zu seinem Leidwesen, sofort auf Genesis‘ Berührungen.
Genesis‘ Grinsen wurde nun noch etwas breiter, als er bemerkte, dass sein werter Freund ja doch Gefühle hatte. Er beugte sich wieder zu ihm hinab und flüsterte ihm zu:
„Du scheinst ja mehr als erfreut mich zu sehen.“, mit diesen Worten öffnete er geschickt die Hose des Silberhaarigen und ließ seine Hand langsam hinein gleiten.
Sephiroth konnte nun nicht anders und stöhnte: „Nimm… deine… dreckigen Finger… mmmhm…“
„Ja… was wolltest du sagen… hm?“
Unbeabsichtigt schloss Sephiroth nun die Augen, bei dem was er zu spüren begann.
So, sein Freund schien es ja richtig zu genießen. Genesis grinste frech, als er sah, dass Sephiroth die Augen geschlossen hatte, dann zog er seinem Freund die Hose aus und flüsterte:
„Dann werde ich mich mal um das Wohlergehen des „kleinen Schwertmeisters“ kümmern“ und verwöhnte den „kleinen Schwertmeister“ ein wenig, mit seiner Hand, während er Sephiroth wieder leidenschaftlich küsste. Nach einer kleinen Weile küsste er sich an dem Körper seines Freundes herab, der sich nun auch kleinere Bisse gefallen lassen musste, die ihn leise aufstöhnen ließen.
Genesis hatte schon bald die, nicht gerade kleine, Männlichkeit des Silberhaarigen erreicht und küsste diese zunächst nur sanft, um dann seinen Freund anzusehen, wie dieser reagierte. Doch Sephiroth hatte noch immer die Augen geschlossen und stöhnte leise.
Grinsend sah Genesis nun, dass sich sein werter Freund schon längst hatte fallen lassen und sich seine Hände in den Teppichboden unter sich krallten und so nach Halt suchten. Dieser Anblick war für Genesis unbezahlbar und er speicherte dieses Bild in seinem Gedächtnis ab.
Nun widmete er sich wieder dem Wohlergehen des „kleinen Schwertmeisters“, küsste ihn und leckte sanft den Schaft immer wieder auf und ab, bis er ihn in seinen Mund aufnahm und zu saugen begann, auch imitierte Schluckbewegungen konnte er nicht unterlassen, denn er wollte seinen Freund schon ein wenig ärgern.
Da Sephiroth so etwas nicht kannte, war er natürlich sehr empfindlich und konnte sich kaum mehr zusammennehmen. Sein Stöhnen wurde immer lauter und lauter und sein Verstand machte nun dem Wahnsinn Platz.
(hat Genesis doch gesagt… hihi…)
Währenddessen hatte Genesis zwei Finger in den Mund seines Freundes gleiten lassen, an denen Sephiroth nun leidenschaftlich und, sehr erregt, stöhnend zu saugen begann. Genesis heizte das ziemlich an und erregte ihn stark. Doch entzog er Sephiroth seine Finger bald wieder, die dann den Weg in dessen untere Region suchten und die Beine seines Freundes spreizten.
Zuerst mit einem, dann mit zwei Fingern drang er in seinen Freund ein und bewegte diese nun in ihm.
Sephiroth stöhnte laut auf, als Genesis mit seinen Fingern in ihn eindrang. Er hob sein Becken seinem Wohltäter entgegen, der ihn jedoch wieder runter drückte und den Effekt somit ein wenig verstärkte, während er die Männlichkeit seines Freundes noch immer verwöhnte.
Nun hielt es Sephiroth nicht mehr lange aus und ergoss sich unter einem lautem, sehr erregtem Stöhnen im Mund seines Freundes, der alles schluckte, was ihm sein Freund gab. Schließlich ließ Genesis kurz von Sephiroth ab, zog sich nun auch seine Hosen aus und befreite somit seine, schon sehr erregte, Männlichkeit, spreizte die Beine des Silberhaarigen noch etwas mehr und kniete sich dazwischen. Abermals drang er erst mit einem dann mit zwei und schließlich auch mit seinem dritten Finger in seinen Freund ein, der wieder laut aufstöhnte und es ihn gleich wieder erregte.
Natürlich traf er dabei auch einen bestimmten Punkt in dem Schwertmeister, was Sephiroth beinahe Sterne sehen ließ und sich seine Gefühle um ein vielfaches verstärkten.
Nach einer, für ihn, quälend langen Zeit, drang Genesis schließlich in seinen Freund ein, nachdem er auf seine Männlichkeit etwas Gleitgel drauf getan hatte. (das Gel hatte er natürlich ganz zufällig dabei)
Doch ließ er ihm ein wenig Zeit sich an ihn zu gewöhnen… trotzdem er schon sehr erregt und auch ein wenig ungeduldig war.
Sephiroth stöhnte trotzdem, vor Schmerzen, laut auf, als er spürte, dass Genesis in ihn eingedrungen war. Tränen traten in seine Augen, die Genesis jedoch nicht sehen konnte, da Sephiroth seine Augen weiterhin geschlossen hielt. Sein Körper begann vor Erregung zu zittern und Schweißperlen bildeten sich auf seinem Körper.
Doch Genesis war nicht der Geduldigste, zudem seine eigene Erregung dringend befriedigt werden wollte, so begann Genesis nun sehr hart in den, unter sich liegenden Körper, zu stoßen. Ein sehr erregtes Stöhnen entrann seiner Kehle, bei der Enge, die er spürte. Das war besser, als alles, was er bislang gefühlt hatte.
Er war nur froh, dass Sephiroth sich nicht bewegen konnte, denn dann hätte er ihn sehr schnell von sich gestoßen… oder …vielleicht ja doch nicht… immerhin schien es ihm ja zu gefallen und er schien es doch sehr zu genießen.
…Nein…. er hätte gar nicht erst zugelassen, dass Genesis soweit gekommen wäre.
Sephiroth, zur Untätigkeit verdammt, begann, trotz seiner Erregung und allem was er spürte und fühlte, Genesis, bis ins tiefste seiner Seele, zu hassen.
Und Genesis wusste nur zu gut, wie sich Sephiroth gerade fühlte… kannte er ihn doch lange genug… aber er ließ sich nicht beirren. Allein das Gefühl, dem stolzen Schwertmeister… diesem „Eisberg“ endlich einmal überlegen zu sein, war so unglaublich, das es ihn noch zusätzlich erregte.
Stoß um Stoß brachte Genesis sich und auch Sephiroth, indem er dessen Männlichkeit in exakt dem selben Rhythmus massierte, wie er in ihn stieß, zum Höhepunkt.
Eigentlich wollte Genesis es nicht so schnell enden lassen, denn er wollte seinen Freund noch etwas quälen, doch nahm seine Erregung überhand und er ergoss sich, laut stöhnend, in dem schönen starken Körper unter sich.
Aber auch Sephiroth erreichte, laut und kehlig stöhnend, seinen nächsten Höhepunkt, wobei sich sein Körper leicht aufbäumte, denn Genesis‘ Bann über seinen silberhaarigen Freund hatte sich aufgelöst, als dieser seinen Höhepunkt erreicht und sich anschließend aus ihm zurückgezogen hatte.
Als Sephiroth nun merkte, dass er sich wieder bewegen konnte, stieß er Genesis brutal von sich, so dass dieser in einer Ecke seines Büros landete und sich nur noch knapp abfangen konnte.
So schnell Sephiroth konnte, und das war nun nicht sehr schnell, denn er hatte Schmerzen in seiner unteren hinteren Region, die unschuldig vor sich hin pochten, stand Sephiroth auf. Er schnappte sich seine Sachen, ging schweigend in das angrenzende Badezimmer und schloss es ab, um zu duschen und sich zu pflegen, was einige Zeit in Anspruch nahm.
Das eiskalte Wasser, das sanft auf ihn herab rieselte, tat ihm gut und er entspannte sich langsam wieder.
Anschließend zog er sich wieder an, verließ das Bad und kehrte ins Büro zurück. Er sah, dass Genesis zwischenzeitlich aufgestanden war, doch kümmerte es ihn nicht. Mit stolzem und gleichzeitig kaltem Blick, (ja, seine Kontrolle und seine heiß geliebte Kälte waren wieder zurück) sah er Genesis an, schnappte sich sein Schwert, ging dann zur Tür, öffnete diese und sprach kalt lächelnd:
„Das nächste Mal… lieg ich oben.“, dann verließ er das Büro und schloss hinter sich die Tür.
Genesis grinste nur in sich hinein, dann ging auch er ins Bad, wo er ebenfalls duschte und sich pflegte. Gut, dass er es versucht hatte… nun, er hatte IHN zwar noch nicht ganz erobert, aber er war einen weiteren Schritt seinem Ziel näher gekommen.
Sephiroth war wieder in sein Büro gegangen und setzte sich in seinen Sessel… das heißt, er wollte es tun, doch merkte er sehr schnell, dass dies keine allzu gute Idee war, denn der Schmerz, in seiner unteren… hinteren Region, pochte noch immer vor sich hin. Also stand er wieder auf, ging zum Fenster, sah hinaus und versuchte an etwas anderes zu denken, als an den Schmerz und an das, was Genesis ihm gerade „angetan“ hatte.
Ob er ihn wirklich bestrafen würde… nun… er wusste es… jetzt… nicht mehr… so genau…
Hatte Genesis es etwa wirklich geschafft in Sephiroth Gefühle zu wecken, die ihn nun nicht mehr losließen… die das Eis schmelzen ließen und den Eisberg langsam in glühende Lava verwandelten?
Natürlich wollte Sephiroth das nicht wahr haben… niemals hätte er zugegeben, dass die Liebe sein Herz nun beinahe verbrannte…
Von alledem ahnte Genesis natürlich nichts. Er war, nachdem er geduscht und sich angekleidet hatte, wieder in sein Büro zurückgekehrt, setzte sich zufrieden in seinen Sessel und grinste. Ja, er hatte sein Ziel fast erreicht, doch… war es wieder nur ein Teilsieg. Er wollte Sephiroth ganz und gar für sich… er wollte mit ihm, für immer und ewig, zusammen sein.
Nur wenig später betrat auch Angeal das Büro wieder. Als er Genesis ins Gesicht sah, wusste er, dass sein Freund sein Ziel, sehr wahrscheinlich, erreicht hatte, doch sagte er erst mal nichts, sondern grinste und machte sich seine eigenen Gedanken. Er würde sich vielleicht später noch um Sephiroth kümmern müssen…
Doch war Angeal nun doch ziemlich neugierig und fragte seinen Freund nun doch:
„Sag mal, Genesis, warum grinst du so vor dich hin?
Genesis sah seinen Freund an und sein Grinsen wurde noch etwas breiter, dann antwortete er:
„Ganz einfach, ich habe bekommen was ich wollte.“
„Du hast Sephiroth also gesagt, was du für ihn empfindest.“
„Nein, ich habe mir genommen was ich wollte und ich glaube ihm hat es auch gefallen.“
„Du hast ihn… doch nicht etwa…“
„Nicht doch… er wollte es doch auch.“
Bei Genesis‘ Worten sah Angeal ihn nur an, schüttelte den Kopf und schwieg nun. Dann stand er auf, verließ das Büro wieder und machte sich auf den Weg zum Büro von Sephiroth, das er nur wenig später erreichte. Er klopfte an die Tür und wartete…
Sephiroth, der noch immer nachdenklich zum Fenster hinaus sah, hörte das Klopfen und ließ ein deutliches „Herein!“ hören, ohne sich jedoch umzudrehen.
Dann öffnete sich auch schon die Tür und Angeal betrat das Büro. Er sah Sephiroth an, doch blieb er wo er war und näherte sich seinem Freund nicht, wusste er doch nicht, wie DER grad so drauf war.
„Hallo Angeal. Was gibt es denn?“, fragte Sephiroth tonlos, doch drehte er sich noch immer nicht um.
„Sephiroth? Ist alles okay mit dir?“
„Ja.“
„Sicher?“
„…du nervst…“
„Ich habe gehört, dass Genesis…“
„Lass mich in Ruhe…“
„Sephiroth… ich…“
„Lass mich allein… und… verschwinde…“
Oh, oh… das war aber gar nicht gut. So verhielt sich Sephiroth doch sonst nicht. Da stimmte etwas ganz und gar nicht. Doch ließ Angeal Sephiroth das nicht durchgehen. Er ging nun doch auf ihn zu, packte ihn von hinten an den Schultern, drehte ihn zu sich um und erntete dafür einen eiskalten Blick von seinem Freund… musste er doch wissen, dass IHN (eigentlich) niemand berühren durfte.
Doch Angeal ließ sich von den eisigen Blicken nicht beirren, sondern hielt seinen Freund weiterhin fest an den Schultern. Immerhin kannte er ihn ja lange genug.
„Jetzt pass mal auf, du kleiner Sturkopf, ich weiß, was Genesis dir „angetan“ hat… und ich bin hier um dir zu helfen. Ich mein, vielleicht willst du drüber reden.“
Eiskalt sah Sephiroth Angeal an und erwiderte:
„Ich weiß nicht was du meinst.“
Natürlich versuchte Sephiroth mal wieder alles zu verdrängen.
Kopfschüttelnd ließ Angeal seinen Freund wieder los und antwortete:
„Also, echt, ihr passt wirklich zusammen… ihr seid beide gleich stur.“
„Was willst du damit sagen?!“
„Was ich damit sagen will…. nichts… außer… dass Genesis dich liebt.“
„Du lügst!“
„Ich lüge nicht und das weißt du auch. Entschuldige bitte, dass ich es dir sage… vielleicht hätte Genesis es dir selbst sagen sollen.“
„Ach, lass mich doch in Ruhe!“
„Du liebst ihn auch, nicht?“
Sephiroth schwieg… was sollte er nun auch darauf antworten… sollte er zugeben… NEIN… ganz sicher nicht. Nun wand er sein Gesicht wieder dem Fenster zu, so als würde ihn nicht interessieren, was Angeal da von sich gab.
„Sephiroth, deinem Schweigen entnehme ich, dass du ihn auch liebst… oder… zumindest etwas mehr für ihn empfindest als… Freundschaft.“
Sephiroth schüttelte energisch den Kopf.
„Nein… was denkst du von mir?“
„Was ich von dir denke? Ich denke, dass das Eis zu schmelzen beginnt und du etwas spürst, das dir unbekannt ist und das dir deshalb Angst macht.“
„Wenn du meinst…“
„Genesis ist im Begriff dein Herz zu erobern. Denk an meine Worte, Sephiroth.“, mit diesen Worten verließ Angeal das Büro seines Freundes wieder und schloss hinter sich die Tür.
Sodann machte er sich wieder auf den Weg zurück in sein und Genesis‘ Büro. Dort angekommen, öffnete er die Tür und betrat das Büro.
Natürlich sah Genesis Angeal an und grinste vor sich hin.
„Und was sagt er?“, fragte Genesis fast ein wenig gehässig, denn er konnte sich schon denken, dass Angeal gerade bei Sephiroth war.
„Nichts… was sollte er auch sagen… du kennst ihn ja.“
„Allerdings…“, erwiderte Genesis und konnte einen traurigen Unterton nicht unterdrücken.
„Du klingst traurig, Genesis. Was ist los?“
„Nichts… lass mich in Ruhe!!!“, mit diesen Worten die ziemlich traurig, aber auch verletzt klangen, stand er auf und verließ das Büro.
Vor dem Büro stehend, sah er sich unsicher um und wusste nun nicht wirklich wohin er nun gehen sollte. Sollte er es wagen noch einmal zu Sephiroth zu gehen und mit ihm zu reden? Würde sein Freund ihm überhaupt zuhören, oder würde er ihn aus dem Büro werfen?
Er musste es versuchen, sonst hätte er eh keine Ruhe.
Also machte er sich auf und ging geradewegs zum Büro seines Angebeteten. Dort angekommen, klopfte er höflich an und wartete ab.
Sephiroth, der noch immer aus dem Fenster sah und am Nachdenken war, fühlte sich nun in seinen Gedanken gestört. Doch ließ er wieder ein deutliches, aber sehr genervtes „Herein!“, hören.
Genesis öffnete die Tür und betrat sogleich das Büro seines Freundes, von dem er hoffte, dass er noch immer sein Freund war, und… dass es vielleicht irgendwann eine Beziehung geben würde.
Genesis ging ein wenig auf den Silberhaarigen zu, blieb jedoch, in einem etwas größeren Abstand, hinter ihm stehen.
Selbstverständlich hatte sich Sephiroth nicht umgedreht er wusste auch so, wer das Büro betreten hatte.
„Genesis, was willst DU nun schon wieder?!“
„Ich… ich… na ja, ich wollte mit dir reden… hach, nein, ich muss dir was sagen.“
„So?“
„Ja… ich, verzeih mir, dass ich dich störe, aber ..“
„Jetzt rede schon und stottere hier nicht herum.“
„Ja, was ich dir sagen wollte… ich… liebe dich, Sephiroth.“
Nach diesen Worten drehte sich Sephiroth nun doch um und sah Genesis, mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen an.
„Du …du liebst mich? Nein, das…“
„Doch, das kann sehr wohl sein. Ich liebe dich schon, seit ich dich das erste Mal sah. Okay, ich gebe zu, dass ich dich anfangs nur besitzen wollte, aber… nun… nun ja, ich liebe dich wirklich. Bitte, du musst…“
„Ich muss gar nichts und jetzt verschwinde…“
„Bitte… Sephiroth…“
„Nein… hau ab… verschwinde und lass mich allein.“
„NEIN! Ich werde jetzt nicht verschwinden, das kannst du vergessen.“, mit diesen Worten ging Genesis noch etwas näher an seinen Freund heran und sah ihm tief, aber liebevoll in die Augen.
„Bitte, schick mich jetzt nicht weg.“, bat Genesis und umarmte seinen Angebeteten.
„Lass mich los, oder ich …“
„Was… ich?“
„Ich weiß, dass du mir nichts tun wirst. Denn das kannst du nicht.“
„Doch ich kann… denn ich hasse dich!“
„Nein, du hasst mich nicht.“, mit diesen Worten küsste Genesis Sephiroth, doch diesmal nicht leidenschaftlich…eher zärtlich und liebevoll.
Sogleich stieß Sephiroth seinen Freund wieder von sich.
„Was soll denn das werden?“
„Was das werden soll… nun, das sagte ich dir schon. Ich liebe dich und ich will dich für mich und für immer mit dir zusammen sein.“
„Ist das so?! Hast du auch nur eine Sekunde daran gedacht, ob ich das auch will?! Nein, das hast nicht, warum solltest du auch? Verlass mein Büro und zwar sofort! Hau ab… verschwinde!“
Das war deutlich! Genesis hob beschwichtigend die Hände, drehte sich um und verließ das Büro, ohne sich noch einmal umgedreht zu haben.
Nachdem Genesis das Büro verlassen und die Tür von außen geschlossen hatte, drehte sich Sephiroth wieder um und sah weiter nachdenklich zum Fenster hinaus. Warum auch immer, aber Genesis‘ und Angeals Worte ließen Sephiroth nicht los. Ja, er dachte darüber nach und doch kam er immer wieder nur zu einem einzigen Ergebnis, dass „Liebe“ nichts weiter war, als eine dumme Gefühlsduselei, die er sich nicht leisten konnte, na ja… und irgendwie auch nicht wollte.
//Liebe… tze…//, dachte Sephiroth: //ich habe immer ohne Liebe gelebt und nie welche bekommen, warum sollte sich das jetzt ändern? Tze… und ausgerechnet Genesis, der sich mir immer als Rivale entgegen stellte… ausgerechnet er gesteht mir seine angebliche Liebe… dass ich nicht lache.//, mit diesen Gedanken lief er in seinem Büro herum, wie ein Tiger im Käfig, und konnte, trotz seiner Zweifel, diese Gedanken nicht los werden…
Zudem glaubte er Genesis‘ Berührungen noch immer an seinem ganzen Körper zu spüren und zu fühlen und somit immer wieder stehen blieb, um seine Augen genießend zu schließen.
//Nein, das kann nicht sein… ich will das nicht. Genesis, das wirst du mir … nein… verdammt… nein…//
Diese Gedanken… sie überfielen Sephiroth, wie hungrige Wölfe. Er konnte sich nicht gegen diese Gedanken zur Wehr setzen und sie quälten ihn schrecklich. Nun war das Chaos in seinem Kopf perfekt…
Genesis war derweil in sein Büro, zu Angeal, zurückgekehrt und setzte sich in seinen Sessel. Kopfschüttelnd sah er abwechselnd zu Angeal und dann wieder an die Wand vor sich. Sein Gesicht war irgendwie starr und ausdruckslos. Er liebte Sephiroth doch, warum glaubte er ihm das nicht?
Sein Herz sehnte sich nach Sephiroth… es schrie beinahe nach ihm… und es irrte sich ganz gewiss nicht. Oder wollte sein Freund nur nicht wahrhaben, dass er ihn auch liebte? Nein, er würde nicht kampflos aufgeben und er würde Sephiroth so oder so „erobern“… egal wie lange es dauern würde.
So leicht würde er ihn nicht davon kommen lassen.
Sephiroth….
Natürlich sah Angeal, dass Genesis ein wenig betrübt war, doch was sollte oder konnte er denn tun? Am besten wäre wohl, wenn er vorerst schweigen würde, denn er wusste nun nicht, wie er Genesis trösten konnte oder ihm gut zureden sollte, was wahrscheinlich eh kaum sinnvoll war.
Und mit Sephiroth zu reden hatte ebenso viel Sinn, wie einer Kuh das Tanzen beizubringen, nämlich gar keinen… da konnte man schon eher gegen eine Wand reden und vielleicht ein Echo erwarten…
Sephiroth hatte nun mal seinen Stolz und seine Kälte und um ihn zu erobern, würde es von Genesis noch sehr viel Geduld erfordern. Wobei sich Angeal, bei dem was er grad dachte, gar nicht mehr so sicher war, denn als er mit ihm gesprochen hatte, hatte er das Gefühl gehabt, dass Sephiroths Eis langsam zu schmelzen begann. Sein Verhalten ließ jedenfalls keine anderen Schlüsse zu. Doch aus irgendeinem Grund schien er sich gegen alles zu sperren, was auch nur irgendwie nach Liebe aussah bzw. sich in irgendeiner Weise nach Liebe anfühlte.
Nun ja, es war ja eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, bei dem was er durchgemacht hatte.
Konnte man den Beiden überhaupt helfen? Und wenn… wie… zudem sich Genesis ziemlich quälte, auch wenn er es nicht so direkt zeigte und Sephiroth… nun ja… er schien sich ebenso zu quälen, doch hatte er sich offenbar gut unter Kontrolle.
Sephiroth hatte sich derweil aus dem Staub gemacht. Er hatte sein Büro verlassen und schien beinahe auf der Flucht zu sein. Nein, er wollte sich dem nicht stellen, das sich Liebe nannte… niemals. Aber wohin konnte er nun verschwinden, ohne dass ihn jemand fand? Egal, hier konnte er jedenfalls nicht bleiben.
Natürlich hatte er die Rechnung ohne seine Freunde gemacht… Ein Fehler… und das von dem, ansonsten so nach Perfektion strebenden, Sephiroth… sehr merkwürdig…
Angeal dachte nach und Genesis schien auch ziemlich nachdenklich zu sein, doch schwiegen beide weiterhin.
Nur Genesis erhob sich irgendwann aus seinem Sessel, ging zur Bürotür, öffnete diese und wollte das Büro verlassen, als Angeal ihn ansprach:
„Wohin willst du, Genesis?“
„Ist doch egal…“
„Nein, es ist nicht egal.“
Genesis antwortete jedoch nicht mehr, sondern verließ das Büro und machte sich auf den Weg zum Büro seines Freundes. Er musste einfach noch einmal mit ihm reden und er nahm sich vor, dass er sich nun nicht mehr von ihm abblitzen lassen würde. Denn es tat ihm schon ziemlich weh, so sehr von IHM abgewiesen zu werden.
Er kam an dem Büro an und klopfte, wie es sich gehörte, an die Tür. Doch blieb alles still… nicht ein Ton kam aus dem Büro seines Freundes. Genesis kam die Sache sehr merkwürdig vor, dennoch versuchte er nun die Tür zu öffnen, was ihm nicht gelang, da diese abgeschlossen war und Sephiroth somit also nicht im Büro sein konnte, aber wohin, zum Teufel noch mal, konnte er nur gegangen sein?
Natürlich sorgte sich Genesis um seinen Freund, auch wenn er es nie so direkt zugeben würde.
//Sephiroth, wo bist du? Warum ergreifst du vor mir die Flucht? Und ich weiß, dass du vor mir fliehst, denn du kannst es weder glauben noch willst du es wahrhaben, dass du mich auch liebst, nicht wahr. Du hast Angst Gefühle zu zeigen und zuzulassen. Aber ich werde dich finden und dann werde ich mich nicht mehr von dir abweisen lassen. So weit weg kannst du gar nicht sein, dass ich dich nicht finde.//
Mit diesen und anderen Gedanken machte sich Genesis daran das Gebäude zu verlassen. Er musste Sephiroth suchen und er war sich sicher, dass er ihn finden würde.
Unterdessen hatte sich Sephiroth schon sehr weit von dem Gebäude entfernt und hoffte, dass noch niemand, insbesondere nicht Genesis, sein Verschwinden bemerkt hatte. Und er hoffte schnell und weit genug verschwinden zu können, bevor es jemand merkte.
Doch als Genesis das Gebäude nun ebenfalls verlassen hatte, konnte er seinen silberhaarigen Freund gerade noch sehen, denn er war ja in der Luft nun nicht gerade zu übersehen. Breit grinsend ließ er seinen Flügel erscheinen, erhob sich in die Luft und folgte Sephiroth. Nein, er würde ihn nicht entkommen lassen. Er würde schon dafür sorgen, dass sich Sephiroth seiner Angst stellte.
Eine ganze Weile war Sephiroth nun schon geflogen, als er, zu spät, bemerkte, dass er wiederum verfolgt wurde:
//Ausgerechnet Genesis… warum? Verdammt!//, dachte Sephiroth, doch wusste er natürlich, dass es nun keinen Sinn mehr machte weiter zu fliehen. Warum passierten ausgerechnet ihm, in letzter Zeit, so viele Fehler? Er verstand es nicht.
Schließlich landete er und nur wenig später landete auch Genesis… genau vor Sephiroth und grinste ihn frech an.
„Was willst du, Genesis. Lass mich doch…“
„Ich soll dich in Ruhe lassen… nein, das kannst du vergessen. Du wirst…“
„Ich werde gar nichts…“
„Oh doch, du wirst… mir zuhören, denn ich werde mich nicht noch einmal von dir abweisen lassen.“
Sephiroth schwieg nun und spielte den Beleidigten, den sonst eigentlich Genesis gern spielte, wenn er mal wieder gegen seinen silberhaarigen Freund verloren hatte.
Genesis grinste, als er sah, dass sein Freund nun den Beleidigten spielte.
„Weißt du, du siehst richtig niedlich aus, wenn du den Beleidigten spielst. Aber hör auf damit, das steht dir nicht, mein Schöner.“
„Hör DU lieber auf Unsinn zu reden.“
„Gut, wie du willst. Wie du weißt, liebe ich dich und ich will mit dir zusammen sein.“
„Ist das so?!“
„Ja.“
„Dass ich nicht lache. Du warst jahrelang, mein Rivale und mein Freund und nun höre ich solche Sachen von dir… Tze…“
„Ja, das stimmt wohl, aber ich habe dich dennoch immer sehr bewundert, weil ich so sein wollte, wie du… ich wollte genauso perfekt kämpfen können, wie du. Leider ist mir das nie wirklich gelungen. Sephiroth, bitte glaub mir, ich… liebe dich wirklich.“, gestand Genesis seinem Freund.
„Und wenn du es mir noch ein paar mal sagst, ich will das nicht.“
„Was muss ich tun, damit du mir glaubst? Soll ich vor dir auf die Knie fallen… gut… ich tu es..“, mit diesen Worten ließ sich Genesis tatsächlich vor Sephiroth auf die Knie fallen, etwas das ihm sehr, sehr schwer fiel und ihn nur noch mehr erniedrigte, aber für IHN tat er es.
Nun sah Sephiroth auf seinen Freund herab und nun war er derjenige der grinste. Er zog Masamune hervor, hielt es Genesis an die Kehle, doch verletzte er ihn dabei nicht, und hob so dessen Gesicht ein wenig an, um ihm besser in die Augen sehen und dessen „Unterwürfigkeit“ genießen zu können.
Und Genesis sah ihm in die Augen… in diese wunderschönen grün-blauen Augen, in dessen Weiten er sich beinahe verlor…
„Und nun sag es mir noch einmal, dass du mich… liebst!“, forderte Sephiroth Genesis auf.
„Ich liebe dich und ich weiß, man hat…“, kam Genesis der Aufforderung nach, doch konnte er seinen Satz nicht beenden.
Sephiroth bückte sich, doch ließ er sein Schwert nicht sinken, nein er änderte lediglich die Richtung der Klinge, die nun mit der Schneide direkt am Hals seines rothaarigen Freundes saß:
„Halt den Mund, Genesis!“, befahl Sephiroth, gespielt.
Genesis schwieg und bewegte sich kein bisschen, sondern wartete ab.
Gefährlich nahe kam Sephiroth Genesis‘ Gesicht, so dass er schon dessen Atem spüren konnte und Genesis genauso. Schließlich küsste er ihn, zunächst nur sehr sanft und ließ noch immer nicht sein Schwert sinken. Nach einer Weile wurde sein Kuss nun doch sehr leidenschaftlich, denn er konnte diesen weichen Lippen seines Freundes kaum mehr widerstehen und ließ nun auch sein Schwert sinken, so dass es scheppernd zu Boden fiel.
Er kniete sich nun zu seinem Freund hinab und nahm ihn in die Arme. Das war worauf Genesis gewartet hatte. Er legte seine Arme nun ebenfalls um Sephiroth und erwiderte dessen Küsse nur allzu gern, zudem fühlten sich die Berührungen, die Sephiroth Genesis nun angedeihen ließ, einfach nur einmalig an… so rein und unschuldig. Selbstverständlich konnte nun auch Genesis nicht widerstehen, berührte und streichelte Sephiroth zärtlich.
Da hier eh niemand zu sehen war, konnten beide nicht widerstehen und begannen übereinander herzufallen.
Sephiroth, der seine Gefühle grad recht wenig unter Kontrolle hatte, begann Genesis leidenschaftlich zu küssen, was dieser nur allzu gern erwiderte und begann seinen, nun endlich, Geliebten auszuziehen. Aber Sephiroth war auch nicht faul und zog den Rothaarigen ebenfalls aus, während er ihn zärtlich streichelte.
Doch war Genesis wieder ein ganz klein wenig schneller, als sein werter Freund und legte diesen nun rücklings auf die Wiese, um sich dann an dessen Körper herab zu küssen. Natürlich stöhnte Sephiroth leise auf, als er merkte, was sein Liebling mit ihm tat.
Doch war Sephiroth nun auch nicht ganz unbeholfen und drehte sich mit dem Rothaarigen, so dass dieser nun unter ihm lag. Da Sephiroth nun auch nicht dumm war, hatte er, von seinem „ersten Mal“ ziemlich schnell gelernt und begann sich nun an Genesis‘ Körper herab zu küssen, was er sehr langsam und genussvoll tat.
Genesis schloss nun die Augen und genoss was er spürte und es fühlte sich gut an, was sein Geliebter mit ihm tat. Bald hatte er den Hosenbund seines Liebsten erreicht, stoppte aber noch und küsste sich an dem schönen Körper des Rothaarigen wieder hinauf, um ihn dann wieder leidenschaftlich zu küssen, während er die Hose seines Liebsten geschickt öffnete und diese ziemlich schnell entfernt hatte. Noch immer seinen Liebsten küssend, legte er eine Hand auf dessen Männlichkeit und ließ diese dort ruhen, was seinen Liebling nun ein Stöhnen entlockte.
Nun wanderte er wieder an dem Körper des Rothaarigen herab und hatte dessen Männlichkeit schon bald erreicht, das er dann zu küssen begann und seine Zunge auf dessen Spitze tanzen ließ.
Genesis vergrub seine Hände in den weichen Haaren seines Liebsten, als er die Lippen von Sephiroth auf seiner Männlichkeit spürte. Grinsend nahm Sephiroth Genesis‘ Reaktion wahr, umhüllte den kleinen Genesis mit seinen Lippen und begann erst leicht, dann heftiger zu saugen.
Genesis hob sein Becken seinem Liebsten entgegen… er wollte mehr… viel mehr und Sephiroth erfüllte ihm seinen Wunsch, jedoch nicht mehr lang…
Schon während er seinen Liebsten verwöhnte, hatte er zwischendurch eine Finger befeuchtet und diese in den Eingang des Rothaarigen eingeführt, um ihn zu weiten und vorzubereiten, was Genesis laut aufstöhnen ließ und er seine Hände nun, nach Halt suchend, in dem Rasen vergrub, so dass schon die Fingerknochen weiß hervor traten. Ein wenig verwöhnte Sephiroth Genesis noch, als sein Liebster jedoch kurz vor seinem Höhepunkt stand, ließ Sephiroth von ihm ab, zog sich nun ebenfalls aus und befeuchtete sein schon sehr erregte Männlichkeit. Er spreizte die Beine seines Liebsten noch etwas mehr, kniete sich zwischen die Beine seines Liebsten und drang dann vorsichtig in seinen Liebsten ein, der nun sehr laut aufstöhnte und sich kaum noch halten konnte.
Diese Enge entlockte nun auch Sephiroth ein sehr erregtes Stöhnen, doch wartete er, bis sich Genesis an ihn gewöhnt hatte. Genesis brauchte jedoch nicht lange und bewegte sich schon bald seinem Liebling entgegen, der dann sogleich erst sacht, dann heftig in ihn zu stoßen begann.
Die Luft war nun erfüllt von dem Stöhnen, das beide so ungehemmt von sich gaben, während sie sich liebten…
Sephiroth bewegte sich nun sehr heftig in Genesis und massierte dessen Männlichkeit in exakt demselben Rhythmus, wie er in ihn stieß.
Schließlich ergossen sich beide gleichzeitig, mit einem lauten erregten … kehligen Stöhnen…
„aaaahhhhhh…. S-Seeeeephiiiiiiiiroth…!!!!!!!!“
„G-Geeeeeeeneeeeeesis…!!!!“
Sephiroth zog sich dann wieder aus seinem Liebsten zurück und legte sich neben ihn, nachdem er ihn sanft geküsst hatte, während Genesis sich an ihn schmiegte und ihn zärtlich streichelte.
„Ich liebe dich so sehr, Sephiroth.“
„Ich dich auch… Genesis.“…..
Unterdessen machte sich nun Angeal ziemliche Sorgen um seine Freunde, da sie nun schon seit Stunden verschwunden waren.
So verließ er ebenfalls sein Büro und wollte sich auf die Suche nach seinen Freunden machen.
Er wollte eben das Gebäude verlassen, als ihm Zack über den Weg lief und ihn freudestrahlend ansprach:
„Hallo Angeal! Lange nicht gesehen, wie gehts dir?“
„Hallo Zack! Du, ich hab grad gar keine Zeit und muss los.“
„Hast du wieder eine Mission?“
„Nein.“
„Wieso hast du dann keine Zeit. Das kapiere ich grad nicht.“
„Musst du auch nicht.“
„Hey, nun rede doch mal mit mir, ich reiß dir schon nicht den Kopf ab.“
„Lass mich in Ruhe, Zack.“
„Hey, was hast du denn?!“
„Verdammt… lass mich doch einfach in Ruhe!“
„Nein, ich lasse dich jetzt nicht in Ruhe! Was ist los, Angeal?! Verdammt, wir kennen uns schon so lange und immer konnten wir, über alles, miteinander…“
„Zack… verschwinde einfach!“
„Nein!“
„Dann eben nicht…“, damit ließ Angeal Zack stehen und verließ das Gebäude.
Zack sah ihm enttäuscht nach, doch folgte er ihm, denn er war jemand der nicht so schnell aufgab… hatte er es doch bei seinem Lehrmeister, der niemand anderes, als Angeal war, gelernt.
Natürlich merkte Angeal sehr schnell, dass Zack ihm folgte und drehte sich deshalb um, ging auf Zack zu, packte ihn etwas unsanft an den Schultern und fragte ihn, leicht wütend:
„Warum folgst du mir, Zack? Was genau willst du damit erreichen?!“
„Was ich erreichen will? Ich gebe nicht auf, das ist alles… so wie ich es bei dir gelernt habe!“
„Dann lernst du jetzt eben was neues… verzieh dich und hör auf mir nachzulaufen… kapiert!?“, mit diesen Worten ließ Angeal Zack stehen, obgleich es eigentlich nicht seine Art war.
Zack sah Angeal traurig nach, doch wollte er ihn nun nicht weiter nerven und ging in eine andere Richtung davon. Er würde sich später noch einmal mit Angeal befassen und dann würde er ihn nicht mehr so einfach entkommen lassen…
Nachdem Sephiroth, sehr zu Genesis‘ Freude, dessen Liebesgeständnis, mehr oder weniger erwidert hatte und sich die beiden natürlich nicht zusammennehmen konnten und sich unbedingt verführen mussten, waren sie nun, sozusagen, ein Paar.
Worüber Sephiroth jedoch nie mit jemandem gesprochen hatte, war die Tatsache, dass er Genesis schon sehr lange mochte… liebte und…. begehrte… jedoch hatte er es immer für sich behalten, denn zum einen wusste er nicht, wie Angeal oder auch andere darauf reagieren würden… insbesondere fürchtete er die Reaktion von Genesis.
Da er keine Möglichkeit sah seine Gefühle auszuleben geschweige mit jemandem drüber zu reden, hatte er eine eiskalte Mauer um seine Gefühle entstehen lassen, so dass niemand diese Mauer auch nur ansatzweise durchbrechen konnte. Mit der Zeit und bei dem was er durchgemacht hatte, war aus dieser verhältnismäßig kleinen Mauer ein riesiger Eisberg geworden, der nunmehr kaum noch zu überwinden war.
Als Genesis sich ihm jedoch offenbarte, konnte es zunächst nicht glauben, denn Genesis hatte sich ihm immer als Freund, aber auch als Rivale gegenüber gestellt. Doch nun, da Genesis ihm andauernd gefolgt war und sogar vor ihm gekniet hatte, war er sich ganz sicher, dass sein Freund es ernst meinte. Dennoch konnte er seine übergroße Angst, verletzt zu werden, nicht so ganz überwinden…
Doch nun lagen sich die Beiden noch eine halbe Ewigkeit in den Armen und schwiegen, denn jedes weitere Wort wäre, in diesem so kostbaren Moment, einfach nur zu viel gewesen.
Angeal hatte derweil das Gebäude verlassen, ließ seinen weißen Flügel, am Rücken, erscheinen und flog, auf der Suche nach seinen Freunden, davon. Er machte sich große Sorgen, ob es seinen Freunden auch wirklich gut ging. Vielleicht, so dachte er, bekämpften sie sich gerade mal wieder.
Was wirklich abging konnte er ja nicht wissen.
Nach langer Suche endlich fand er die Beiden engumschlungen auf einer wunderschönen Wiese liegen und grinste nur still in sich hinein… die Beiden waren doch wirklich zu süß. Er wagte es jetzt nicht zu landen, denn er wollte die Beiden nicht stören. So flog er zurück zum Hauptgebäude, landete und begab sich in sein Zimmer, wo er sich auf sein Bett setzte und nachdachte, während er an die Wand vor sich starrte.
Immer weiter versank Angeal in Gedanken… es war, als wäre er vollkommen gefangen in seinen Gedanken… warum auch immer…
Zack, noch immer ziemlich enttäuscht von seinem Freund und einstigen Mentor, hatte sich in eine Bar begeben und betrank sich nun schon seit einiger Zeit sinnlos, während er den Barkeeper und einen Fremden, mit seinen „Sorgen“ zu textete.
„W-weissu… er isch mein Freund… und er war mal mein Mentor… und …nu läscht er misch einfach sch-schtehen… verschtehst du?“
„Wer ist es denn und wer bist du?“
„Isch bin…Zack… und Angeal… weissu… er war…“
„Ja, ich weiß, er war dein Freund und dein Mentor.“
„Genau… aber er isch immer noch mein Freund… weissu…“
„Ja, ich weiß und ich denke, du hast jetzt genug, mein Freund. Komm, ich bring dich jetzt nach Hause, okay.“
„Nein… isch… will nisch… lass misch…“
Der Barkeeper nickte dem Fremden zu und dieser hob, entgegen des Protests von Zack, diesen hoch, lud ihn sich über die Schulter und verließ die Bar. Wohin er gehen musste wusste er, denn Shin-Ra war ja weithin bekannt und nachdem Zack Angeal erwähnt hatte, wusste nun auch der Fremde wohin er Zack bringen musste.
Ungehindert konnte er das Gebäude betreten und erkundigte sich wo denn das Zimmer seiner „Last“, die er noch immer auf den Schultern trug, wäre. Schnell bekam er die Information und machte sich auf den Weg zum besagten Zimmer…
Nachdem Angeal nun endlich mal zu ende gedacht hatte, verließ er sein Zimmer und wollte noch einmal in sein Büro gehen, um noch etwas zu holen, als ihm ein Fremder entgegen kam, der Jemanden, den er zudem sehr gut kannte, auf den Schultern trug. Er ging auf den Fremden zu und fragte diesen, unnötigerweise, nachdem er ihn begrüßt hatte:
„Ist das Zack, den du da auf deiner Schulter mit dir herumträgst?“
„Ja. Er hat sich in einer Bar sinnlos betrunken und faselte so verschiedene Sachen, von einem Freund und seinem Mentor.“
„Ja, das ist Zack. Sein einstiger Mentor bin… ich.“
„Ah ja, verstehe. Dann bist du also Angeal.“
„Genau.“
„Könntest du dich dann bitte weiter um ihn kümmern? Ich glaube es geht ihm gar nicht gut und das liegt sicher nicht nur daran, dass er zu viel Alkohol getrunken hat.“
„Ist okay, ich kümmere mich um ihn.“, mit diesen Worten nahm er Zack dem Fremden ab und trug ihn auf seinen Armen, nachdem er sich bei dem Fremden bedankt und sich von diesem verabschiedet hatte, in sein Zimmer. Dort legte er ihn auf sein Bett, zog ihm die Schuhe aus und deckte ihn, mit einer leichten Decke, zu.
Zack war zwischenzeitlich eingeschlafen und fantasierte nun, während er sich in dem Bett hin und her wälzte und immer wieder Angeals Namen vor sich hin murmelte.
Natürlich ließ Angeal Zack nicht im Stich und kümmerte sich um seinen Freund, dem es tatsächlich sehr schlecht ging und es schien wirklich nicht nur an der nicht unerheblichen Menge Alkohol zu liegen, die Zack zu sich genommen hatte.
Nur was mit Zack noch los sein könnte, darauf kam Angeal nicht…
(typisch Mann)
Genesis und Sephiroth waren nun endlich auch mal wieder zurückgekehrt und konnten sich irgendwie kaum voneinander lösen, dennoch lösten sie sich für kurze Zeit voneinander und gingen zunächst, jeder für sich, in sein Zimmer.
Genesis duschte und zog sich anschließend um. Dann ging er zum Zimmer von Angeal, nachdem er ihn, im Büro, nicht angetroffen hatte, klopfte an, öffnete die Tür und betrat das Zimmer. Natürlich staunte er nicht schlecht, als er Zack in dem Bett seines Freundes liegen sah.
„Was ist denn hier los?“
„Siehst du doch.“
„Was soll ich sehen?“
„Nichts… schon gut.“
„Hey, nun sag schon, warum liegt der „Welpe“ in deinem Bett?“
„Weil er sich sinnlos betrunken hat und wahrscheinlich noch ganz andere Probleme zu haben scheint.“
Genesis schwieg kurz, als er hörte was der „Welpe“ da vor sich hin murmelte. Dann grinste er Angeal an:
„Hörst du es denn nicht?“
„Klar, höre ich was er da vor sich hin sagt… ich bin ja nicht taub.“
„Hm… für mich hört sich das ganz so an, als würdest du ihm sehr fehlen.“
„Hör auf so einen Unsinn zu erzählen, Genesis.“
„Sieh ihn dir doch an… er …verzehrt sich ja beinahe nach dir. Und ich bin mir ganz sicher, dass er sich nur betrunken hat, weil er…“
„…es wäre besser für deine Gesundheit, wenn du den Satz nicht zu ende führst.“
„…so… ich werde es dennoch riskieren… er hat sich betrunken, weil er L…“
„Genesis…!!“
„Liebeskummer hat… er sehnt sich nach dir… Angeal…“
Angeal schwieg und schüttelte nur den Kopf.
„Du kannst den Kopf schütteln so lang du willst, doch es wird nichts an der Tatsache ändern, dass der Kleine, da in deinem Bett, bis über beide Ohren in dich verliebt ist.“
„Halt deinen Mund, Genesis!“
„Du kannst mir, allen anderen und auch dem Rest der Welt was vormachen und meinetwegen dir sonst was einreden und allen das Reden verbieten, aber deinem Herzen und auch dem Kleinen da, kannst du nichts vormachen. Er ist bis über beide Ohren in dich verliebt. Und dir ist er auch nicht ganz egal, sonst würdest du dich nicht so liebevoll um ihn kümmern und du hast ihn ausgebildet.
Niemandem sonst hast du dich so gewidmet, wie ihm. Das konnte ich oft genug beobachten.
Lass dir das mal durch den Kopf gehen, Angeal. Und rede mit dem Kleinen. Alles andere bringt nichts, glaub mir.“
Angeal hatte Genesis zugehört und sah ihn an, während sich Genesis wieder in Richtung Tür bewegte und das Zimmer dann verließ, währenddessen Angeal Genesis zunächst nachsah und dann seinen Blick auf Zack richtete, der sich langsam zu beruhigen schien. Ein leichtes Lächeln zierte seine Lippen, als er Zack beobachtete.
//Niedlich bist du ja wirklich.//, dachte er bei sich. //Aber was würdest du tun, wenn ich dich ließe? Ich glaube, das Risiko ist mir zu hoch… um es eingehen zu können und dich… an mich heran zu lassen. Nein, Zack… so leid es mir tut, das kann ich nicht.//
Kaum hatte Angeal diese Gedanken zu ende gedacht, drehte sich Zack um und kuschelte sich, unabsichtlich, an Angeal heran, der bei ihm auf dem Bett saß, und wurde nun sehr viel ruhiger und er begann sogar im Schlaf zu lächeln…
Natürlich hatte auch Sephiroth geduscht und sich anschließend ausgiebig gepflegt… eben wie immer. Auch er hatte sich dann umgezogen und sein Zimmer verlassen, da er noch etwas mit Angeal besprechen wollte. Sephiroth hatte das Zimmer seines Freundes erreicht, klopfte an, öffnete die Tür und betrat das Zimmer sogleich, so wie er es gewohnt war. Wie erstaunt war er aber, als auch er Zack in dem Bett seines Freundes liegen und schlafen sah. Zudem hatte sich Zack an Angeal gekuschelt. Natürlich musste nun auch Sephiroth grinsen, als er das sah. Doch sprach er:
„Angeal, ich wollte eigentlich etwas mit dir besprechen, aber ich seh schon, du… bist anderweitig beschäftigt. Warum schläft Zack in deinem Bett?“
„Er hat sich wohl sinnlos betrunken… warum auch immer.“
„Na, so sinnlos scheint mir das gar nicht zu sein, so wie er sich an dich schmiegt. Also, wenn du meine Meinung…“
„Nein, ich will deine Meinung, aber, nicht hören und nun raus aus meinem Zimmer und kümmere dich um deinen Kram!“
„Au, du scheinst ja ganz schön gereizt zu sein. So kenne ich dich gar nicht, Angeal, wo du doch immer die Ruhe selbst bist und immer alles bestens im Griff hast. Ich werde dir meine Meinung dennoch sagen…“
„Sephiroth!!“
„Nein! Du verbietest mir nicht zu reden, vergiss es! Der Kleine scheint dich sehr zu lieben… oder ist zumindest ziemlich verliebt in dich… ich mein, vielleicht mag er dich ja auch nur sehr. Und du scheinst auch einen ziemlichen Narren an ihm gefressen zu haben, so wie du ihn ansiehst… meinst du das habe ich nicht längst mitbekommen. Na ja, mir solls egal sein, aber rede mit ihm und kümmere dich um ihn, denn ich habe noch so einige Aufgaben für ihn. Und ich will nicht, dass er dabei Fehler macht, das kann ich mir nicht leisten.“
Damit drehte sich Sephiroth um, verließ das Zimmer wieder und schloss leise hinter sich die Tür.
Auf dem Weg in sein Büro traf er auf Genesis… natürlich entflammte beider Leidenschaft sofort wieder, so dass sie sich in Genesis‘ Zimmer begaben und dort sogleich übereinander herfielen, da sie ihre Triebe, in Gegenwart des jeweils anderen, nicht mehr wirklich kontrollieren konnten…
Irgendwann erwachte Zack und sah sich zunächst ziemlich schlaftrunken um. Er war so vollkommen verplant, dass er erst mal gar nicht mitbekam, dass er sich nicht in seinem, sondern in Angeals Zimmer befand, und dass noch dazu Angeal bei ihm saß!
Erst als er sich zu räkeln begann, merkte er, dass er irgendwie nicht allein hier war. Sogleich war er hellwach und stocknüchtern.
Mit hochrotem Gesicht sah er Angeal an und konnte sich zunächst nicht wirklich mitteilen, obwohl er sich nun eigentlich entschuldigen wollte.
„Na du, alles klar bei dir?“
Zack sah Angeal an und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Ich… ähm… ja danke, es geht schon.“
„Gut, wir müssen nämlich reden.“
„Ähm… ja, worüber denn?“
„Darüber, warum du dich so sinnlos betrunken hast. Was sollte das, Zack?!“
„Ich… es tut mir leid. Ich wollte… nein, ich weiß auch nicht… hach… ja …verdammt… ich weil… ich…“
„Weil was? Was ist los mit dir, Zack?! So kenne ich dich gar nicht.“
Nun platzte Zack der Kragen:
„Ich kenne dich auch anders, du hast dich auch sehr verändert und du hast mich einfach so stehen lassen. Das hat schon ziemlich weh getan, weißt du das?! Und.. was mit mir los ist… willst du wissen, ja…“
„Ja.“
„Ich werde es dir sagen… ich… ich habe mich in dich verliebt!“, antwortete Zack und sah nun auf das Bett, denn jetzt konnte er Angeal erst mal nicht mehr ansehen… sonst hätte sich wahrscheinlich der Boden unter ihm aufgetan und ihn verschlungen.
Angeal sah Zack zunächst nur an, dann erhob er sich von dem Bett und entfernte sich ein Stück. Hatten Sephiroth und Genesis also doch recht gehabt, mit dem was sie sagten. Aber was sollte er jetzt tun… er konnte sich doch unmöglich darauf einlassen und … was würde vor allem Zack tun, wenn er ihn an sich heran ließe?
Zack sah nun doch auf, als er merkte, dass Angeal aufgestanden war und sich ein Stück entfernt hatte.
„Angeal… ich…“ Zack stand auf und ging langsam auf den Schwarzhaarigen zu. „…ich wollte dir nicht weh tun, bitte verzeih mir. Aber… ich… habe mich wirklich in dich verliebt.“
Dann hatte er Angeal erreicht, der Zack nur starr ansah und nicht glauben konnte, was er ihm gesagt hatte.
Er wich Zack aus und zog sich nach hinten zurück, doch hatte er schon bald die Wand hinter sich erreicht und konnte nun nicht mehr ausweichen. Schon hatte Zack seinen Freund erreicht und stand nun genau vor ihm.
„Bitte, lauf nicht vor mir weg…. hab keine Angst… ich… werde dir nicht weh tun.“ und grinste sein Gegenüber an, während er langsam seine rechte Hand hob und Angeal sanft über die Wange zu streicheln begann.
Angeal hatte es jedoch kurzzeitig die Sprache verschlagen. Nie und nimmer hätte er erwartet, dass Zack sich in ihn verlieben würde. Doch er schloss die Augen und genoss was Zack tat, aber er musste nun hart schlucken.
Da Zack keinen Widerstand spürte, ging er noch einen Schritt weiter und kam, dem Gesicht seines Freundes gefährlich nahe, bis er schließlich seine Lippen sanft auf die von Angeal legte und ihn zärtlich, aber kurz küsste.
Natürlich öffnete Angeal sogleich die Augen und sah Zack an. Seine Gedanken überschlugen sich beinahe und er konnte sich nur mit viel Mühe zusammennehmen.
//Nein, ich muss ihn stoppen… wer weiß, was er sonst macht, wenn… ich ihn lasse… nein… ich darf ihn nicht an mich heran lassen.//, dachte Angeal nur und drehte dann seinen Kopf zur Seite:
„Bitte, geh jetzt…. ich… ich hab… noch zu tun.“
„So, du hast also zu tun, ja. Warum glaube ich dir das jetzt nicht?“
„Das ist mir egal, ob du es glaubst oder nicht… geh und lass mich allein.“
„Nein. Willst du wissen was ich glaube. Ich glaube, dass du Angst hast und schüchtern bist… musst du doch nicht… nachdem ich dir gesagt habe, dass… ich mich in dich verliebt habe. Angeal, ich liebe…“
„Verschwinde und …lass mich in Ruhe… bitte…“, erwiderte Angeal, wobei er diese Worte nur noch flüsterte und sein Widerstand nur noch sehr halbherzig war.
„Ich liebe dich trotzdem, Angeal, egal was du dir vielleicht gerade einzureden versuchst. Und ich denke, dass du jetzt nichts zu tun hast und es nur als Vorwand benutzt, um allein zu sein. Stimmt doch, oder?“
Wieder schwieg Angeal, doch konnte er Zack nun nicht ansehen, denn er wusste ja, dass der Kleine recht hatte, mit dem was er sagte.
„Es stimmt also. Angeal, ich kenne dich zu lang und weiß, dass du Angst hast. Aber glaubst du wirklich, dass ich dir weh tun werde?“
Irgendwie musste sich Angeal nun doch Luft machen… oder wollte er nur ablenken…?
„Ich habe keine Angst, das solltest selbst DU wissen. Du willst also wirklich wissen, was ich denke…?!“
„Ja.“
„Ich denke, was würdest du tun, wenn ich dich ließe… wenn ich dich an mich heran ließe. Und… ich denke, dass ich das nicht riskieren will.“
„Hmm… gut, du willst es also nicht riskieren, das verstehe ich. Aber warum lässt du es mich nicht einfach versuchen und …entscheidest dann, ob du es weiter riskieren willst oder nicht. Angeal, komm schon, lass mich an dich heran… bitte. Ich liebe dich und ich werde dir nicht weh tun.“, mit diesen Worten, nahm Zack das Gesicht seines Freundes in seine Hände und küsste Angeal nun sehr viel länger, leidenschaftlicher und fordernd.
Zack entfernte seine Hände von dem Gesicht des schwarzhaarigen Kämpfers und erkundete nun den Körper seines Freundes.
Das fühlte sich nun doch viel zu gut an, als dass Angeal es ignorieren konnte und erwiderte den Kuss von Zack, während auch er ihn, noch etwas unsicher, streichelte und berührte.
Zack drehte Angeal nun so, dass er mit dem Rücken zum Bett stand und schob ihn dann in Richtung des Bettes. Vorsichtig ließ er Angeal auf das Bett gleiten und setzte sich dann auf seine Beine… so wurde eine eventuelle Flucht zumindest erschwert. Denn Zack hatte nun nicht vor Angeal davon laufen zu lassen.
Er küsste ihn weiter und begann seine Hände unter die Kleidung seines Angebeteten gleiten zu lassen und streichelte dort dessen warme weiche Haut.
Angeal biss sich nun auf die Unterlippe, um nicht leise aufstöhnen zu müssen, dennoch schloss er die Augen und genoss was er fühlte.
Zack, der weiterhin keinen Widerstand spürte, entkleidete nun den Oberkörper seines ehemaligen Mentors und küsste sich, angefangen am Hals, den Körper seines Liebsten herab. Auch hinterließ er kleine Bisse, die aber nicht weh taten.
Sehr zu seinem Leidwesen reagierte Angeals Körper sehr stark auf das was „sein“ Kleiner da tat, so dass er nun doch leise aufstöhnte, was Zack ein ziemlich breites Grinsen entlockte und er sich dachte:
//Wenn dich das schon so erregt, dann bin ich gespannt, was du gleich von meiner Zunge halten wirst.//
Noch einmal wanderte er den Körper seines Geliebten wieder hoch, küsste Angeal auf den Mund und strich sacht aber fordernd, mit seiner Zunge über dessen weiche Lippen.
Und so als könnte er nicht anders, öffnete Angeal seinen Mund, so dass Zacks Zunge, in dessen Mundhöhle eindringen und diese erforschen konnte. Währenddessen schickte er seine Hände langsam auf Wanderschaft. Er musste sehr behutsam vorgehen, denn er wollte seinen „Geliebten“ ja nicht verschrecken, dennoch hatte er schon bald die Mitte des Körpers erreicht, legte eine seiner Hände auf die äußerst empfindliche Stelle zwischen den Beinen seines „Liebsten“ und ließ diese dort liegen.
Sofort begann Angeal aufzustöhnen, als er merkte, was Zack mit ihm tat.
Zack grinste, als er Angeals Reaktion sah und hörte. Langsam knöpfte er Angeals Hose auf und ließ erst mal nur seine Hand hinein gleiten, um diese dann einfach nur auf dessen Männlichkeit ruhen zu lassen, während das Stöhnen seines unter ihm liegenden Freundes, schon ein wenig lauter wurde.
Geschickt zog er seinem Freund nun die Hose und auch die Shorts aus und tat erst mal gar nichts weiter, außer ihn nur kurz zu betrachten. Schließlich küsste und leckte er sich an dem Körper des Älteren herab und ließ auch die Brustwarzen nicht aus, die er zärtlich liebkoste, was Angeal ein Seufzen entlockte und er sich schon jetzt, unter Zacks Behandlung, zu winden begann.
Wieder musste Zack grinsen:
//Schon jetzt so empfindlich …armer Angeal… wenn du wüsstest, dass ich mit dir noch lang nicht fertig bin…//
Den Bauchnabel erreicht versenkte der Zack seine Zunge darin und wanderte anschließend küssend und leckend den Körper weiter herab, doch ließ er die Männlichkeit seines Liebsten erst mal außer Acht und leckte zunächst nur die Innenseiten der Schenkel seines „Geliebten“ hinauf.
Derweil hatte sich Angeal nur noch sehr wenig unter Kontrolle und seine Hände krallten sich jetzt in das Laken unter sich.
Zack hatte die Männlichkeit seines Liebsten erreicht und küsste diese erst mal nur, dann ließ er seine Zunge, langsam und genüsslich an der Männlichkeit seines Lieblings entlanggleiten, was diesem dann ein sehr lautes Stöhnen entlockte und er sich kaum mehr beherrschen konnte.
Nur kurz ließ er von Angeal ab, um sich selbst ebenfalls zu entkleiden, was er auch tat. Sich seinem Liebsten wieder zuwendend umschlossen seine Lippen nun um die Männlichkeit seines Freundes und begann erst sanft, dann immer gieriger werdend, zu saugen.
Seinen Rücken durchdrückend und sich windend, gruben sich Angeals Hände hilflos, nach Halt suchend, in das Bettlaken unter sich, so dass seine Fingerknochen schon weiß hervortraten und sein Stöhnen nun immer lauter wurde.
Zack beobachtete Angeal dabei und konnte sich ein leichtes Grinsen nicht wirklich verkneifen.
Schließlich ließ er kurz von ihm ab, wofür er ein enttäuschtes Seufzen erntete und sah Angeal grinsend an, dann küsste er ihn, unter Einsatz seiner Zunge leidenschaftlich, löste den Kuss jedoch schon bald wieder, um dann erst einen dann zwei seiner Finger im Mund seines Liebsten verschwinden zu lassen.
Sogleich begann Angeal an Zacks Fingern, wie ein Drogenabhängiger auf Entzug, zu saugen, was diesen dann auch schon ziemlich erregte und er dachte:
//Sieh an, der große starke Angeal… nun SO hilflos und SO erregt…//
Schließlich entzog Zack Angeal seine Finger wieder, um dann wieder zu dessen Mitte zu wandern.
Er spreizte die Beine seines Lieblings und drang dann, erst mit einem, dann mit zwei Fingern, langsam in ihn ein, um ihn zu weiten und auf das vorzubereiten, was er gleich tun würde.
Während er ihn weitete, umschloss er Angeals Männlichkeit wieder mit seinen warmen weichen Lippen und entlockte ihm somit ein sehr lautes und erregtes Stöhnen.
Angeals Verstand hatte sich schon lange von ihm verabschiedet und dem Wahnsinn Platz gemacht, lange würde er wohl nicht mehr durchhalten, denn er kannte so was genaugenommen ja nicht.
Und so kam es dann auch, dass er sich nur wenig später, mit einem äußerst erregten Stöhnen hart in Zacks Mund ergoss, während sich sein Körper, wie eine Feder, anspannte und sich aufbäumte.
Genüsslich schluckte Zack alles was ihm der Größere „gab“ runter und leckte sich verführerisch über die Lippen, als er Angeal ansah, wie er so erregt vor ihm lag.
Doch auch Zacks Erregung forderte nun befriedigt zu werden, so dass er nicht darauf warten konnte, bis Angeal wieder zu Atem gekommen war. Er kniete sich zwischen die Beine des Schwarzhaarigen, hob dessen Becken ein wenig an und drang dann vorsichtig in ihn ein, was Zack nun auch laut aufstöhnen ließ.
Erst vor Schmerz, dann wieder vor Erregung stöhnte nun auch Angeal erneut auf und hob sein Becken Zack nun schon freiwillig entgegen.
Das war worauf Zack gewartet hatte, nun drang er noch etwas tiefer in Angeal ein und begann sich zunächst sehr langsam in ihm zu bewegen.
Doch Angeal verkrampfte sich ein wenig, denn es tat ihm schon ein wenig weh, trotz der Erregung, die er spürte.
Natürlich bemerkte Zack das, er beugte sich zu Angeal herab und flüsterte ihm zu:
„Hab keine Angst, entspann dich, dann tut es nicht weh… versprochen.“.
Zack küsste ihn leidenschaftlich, lenkte Angeal so ab und bewegte sich vorsichtig weiter in ihm.
Noch immer quälten Angeals Hände das Laken unter sich, denn was er spürte war einfach nur unglaublich gut und doch ein wenig schmerzhaft.
Aber Zack hielt es nun, nach dieser, für ihn quälend langen Zeit, nicht mehr aus und er begann nun doch etwas härter in Angeals zu stoßen, was diesem dann zwar die Tränen in die Augen trieb, er jedoch die Augen geschlossen hielt.
Zack konnte derweil ein sehr lautes Stöhnen nicht unterdrücken und so trieb er sich und auch Angeal noch einmal zum Höhepunkt, den er nach einer Weile erreichte… nachdem er sich aus Angeal entfernt hatte, um dann wieder hart in ihn zu stoßen und sich dann in dem starken Körper unter sich, mit einem lauten Stöhnen, zu erleichtern…
Ein wenig blieb Zack noch in Angeal, beugte sich zu ihm herab und küsste ihn liebevoll. Schließlich entfernte er sich aus Angeal und legte sich neben ihn, während er ihn zärtlich streichelte.
Angeal musste nun erst mal realisieren was gerade passiert war, und dass Zack ihm sehr, sehr nahe gekommen war.
„Ich liebe dich, Angeal.“
„I-ich dich …auch… Zack.“, gab Angeal nun zu und konnte Zack doch nicht ansehen. Er wusste nicht warum, aber er konnte es einfach nicht. Es war ihm irgendwie peinlich, dass er sich hatte so sehr gehen lassen. Und doch fühlte er sich irgendwie gut…
Zack legte sich nun auf den Bauch, stützte seinen Kopf auf seine Hände auf, während seine Ellenbogen auf dem Bett ruhten und sah zu Angeal, den er angrinste:
„Was ist los, Angeal?“
Noch immer an die Decke starrend und nachdenkend, erwiderte Angeal:
„Nichts… alles okay.“
„Hey, du hast doch was… na, komm schon, was ist los, hm? Hab ich dir weh getan?“, fragte Zack nun und pickste verspielt Angeal in die Seite, der sogleich aufzuckte und Zack nun doch ansah.
„Nein, du… du hast mir nicht weh getan… es ist nur… weil…“
„…weil?“
„Na ja, also… weil… ich mich so sehr hab gehen lassen… das…. also das … ist mir …peinlich.“
„Das muss dir doch nicht peinlich sein. Denn bei dem was ich mit dir angestellt hab… konntest du gar nicht anders… es müsste dir eher peinlich sein, wenn es anders gewesen wäre und du gar nichts empfunden hättest. Und es ist auch kein Grund …gleich rot zu werden, mein Liebling.“
Zack grinste Angeal noch immer an, dann schmiegte er sich wieder an ihn, legte seinen Kopf auf Angeals Brustkorb und hörte sein Herz heftig schlagen. Er küsste ihn noch einmal auf den Bauch, dann schlief Zack, mit dem Kopf auf Angeals Brustkorb ein, doch hielt er ihn dabei ein wenig fest.
Angeal nahm eine Decke und deckte sich und seinen Kleinen zu, dann streichelte er ihn zärtlich, während er nachdenklich an die Decke sah.
//Warum berührst du nur so mein Herz… Zack? Ja, ich liebe dich… das tat ich schon, als ich dich das erste Mal sah. Ach, Zack… soll ich mich wirklich auf eine Liebe mit dir einlassen? Na ja, du hast mich eh schon lange erobert, nur wusstest du es nicht und ich wollte es mir nicht eingestehen. Armer Zack, du hast sicher lange mit dir kämpfen müssen… es tut mir so leid, dass ich dir so weh getan habe… das wollte ich nicht. Ab jetzt werde ich dir nicht mehr weh tun… mein armer kleiner Liebling.//, mit diesen und anderen Gedanken schlief Angeal schließlich auch ein und nichts störte beide in dieser Nacht…
* * *
Epilog
Sephiroth und Genesis blieben wirklich auf Ewig zusammen, sie liebten sich einfach nur, nun… auch wenn Sephiroth seine Angst davor verletzt zu werden nie ganz ablegen konnte.
Wenn sie mal wieder Missionen zu erfüllen hatten, so erfüllten sie diese immer zusammen, niemals wieder gingen sie getrennte Wege. Sie kämpften immer zusammen, in einem Team… und …
Nichts und Niemand konnte sie je wieder voneinander trennen….
Angeal und Zack erging es nicht so sehr viel anders, auch sie liebten sich sehr und blieben ebenfalls auf immer zusammen, auch sie konnte Nichts und Niemand mehr trennen…
Und alle Vier zusammen, blieben Freunde auf Ewig…
END

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Information Mein bester Freund
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:40 PM - Replies (1)

Mein Wecker ging für mein Befinden, wie immer viel zu früh am Montagmorgen. Noch einmal drückte ich die Schlummertaste und drehte mich für fünf Minuten um, kuschelte mich wieder in mein weiches Kissen und die mollige Decke ein.
Draußen herrschten sowieso Minusgrade und da ging keiner freiwillig vor die Tür. Außerdem stand für heute eine Mathearbeit auf dem Programm und da hatte ich nun gar keine Lust drauf.
Aber der Wecker war unbarmherzig und dröhnte erneut durch mein Zimmer. Nun kam auch noch meine Mutter hinzu, die auf einmal gegen die Tür hämmerte.
“Nico! Aufstehen! Du verpasst noch den Bus!“, rief sie durch die geschlossene Tür.
Etwas genervt kroch ich auf allen Vieren aus dem Bett und fand tatsächlich den Weg unter die Dusche. Komisch, dass man sich danach immer wie neugeboren fühlte und die morgendliche Müdigkeit wie weggeblasen war.
Dennoch bereute ich es manchmal mich fürs Gymnasium entschieden zu haben. Mit meinen achtzehnJährchen hätte ich jetzt auch beinahe mit einer Ausbildung fertig sein können. Doch mein bester Freund hatte mich so bedrängt, dass er nicht alleine weiter zur Schule gehen wollte, dass ich zugestimmt hatte.
Was hatte ich jetzt davon? Dass er, als absoluter Mädchenschwarm, eine nach der anderen abschleppte und ich immer ihre Freundinnen aushalten musste.
Meine Zähne putzte ich noch und schmierte mir ein bisschen Gel in die dunkelbraunen, kurzen Haare, so dass sie auch mit Mütze nachher noch sitzen würden. Meine rehbraunen Augen verrieten mir wie anstrengend das Wochenende gewesen war und ich nahm mir wie immer vor, es das Nächste ruhiger angehen zu lassen.
Aus meinem Kleiderschrank wählte ich eine Bootcut Jeans und einen Kuschelpulli. Beides zog ich über meinen gut durchtrainierten Körper, für den ich viel Sport trieb, um ihn so in Schuss zu halten.
Dann rannte ich die Treppe runter, nahm immer zwei Stufen auf einmal und sprang die letzten drei runter. Zog meine Daunenjacke an, setzte meine Mütze auf und schnappte meinen Rucksack.
Ein kurzer Taschencheck versicherte mir, dass Zigaretten, Feuerzeug, Portemonnaie und Handy an Bord waren.
“Ich bin dann weg!“, rief ich meiner Mutter noch zu.
“Wann kommst du heute nach Hause?“, kam es fragend aus der Küche.
“Denke erst heute Abend“, antwortete ich, da ich meistens noch mit zu meinem besten Freund ging und war auch schon auf dem Weg zu Bushaltestelle.
*-*-*
„Roy?! Du solltest langsam aufstehen!“, rief es von unten und ich erkannte diese Stimme als die meines Vaters.
Ja, auch mit meinen 18 Jahren ließ ich mich noch von meinem Vater wecken.
Eine Mutter hatte ich nicht mehr, sie war, nach einer Impfung, gestorben, als ich 12 Jahre alt war.
Ihr Tod hatte mir damals schwer zugesetzt, aber ich hatte es verdrängt und bis heute nicht verarbeitet.
Von da an hatte sich mein Vater sehr liebevoll und rührend um mich gekümmert.
„Ja…“, stöhnte ich genervt, schälte mich aus meinem Bett und ging ins angrenzende Bad.
Mein Spiegelbild sagte mir… man, Junge, du siehst ja furchtbar aus.
Meine langen, leicht gewellten, feuerroten Haare, die mir bis zum Hintern gingen, waren total zerzaust und meine hellblauen Augen waren noch so halb geschlossen.
Ich sprang erst mal unter die Dusche und duschte mich kurz ab. Anschließend ging ich wieder in mein Zimmer, suchte mir meine Sachen für heute raus und kleidete mich an.
Meinen sehr schlanken, etwas sportlichen Körper, mit einer Größe von 1,78 m bekleidete ich nun mit einer blauen Designerjeans, die diverse Applikationen besaß, ein dunkelblaues Sweatshirt, mit Kapuze und schwarze Biker-Halbstiefel, die ich aber unter den Hosenbeinen „versteckte“.
Meine langen roten Haare kämmte ich sehr sorgfältig, doch ließ ich sie, wie immer, offen.
Ich schnappte mir dann meinen schwarzen Rucksack und rannte die Treppe herab, verabschiedete mich von meinem Vater, schnappte mir meine Autoschlüssel, rannte aus dem Haus, zur Garage, schloss diese auf und setzte mich dann in meine feuerrote Dodge Viper, die ich von meinem Vater zum achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, dann startete ich den Motor und raste los, ab zum Gymnasium…
*-*-*
Ich musste feststellen, dass es heute wirklich wieder sehr kalt war, als ich auf dem Weg zur Haltestelle war. Mein Gesicht vergrub ich schützend in meine Jacke, genauso wie meine Hände in den Taschen Schutz suchten.
Eigentlich wollte ich ja eine Zigarette rauchen, konnte mich aber nicht dazu durchringen meine Hände aus der Wärme zu nehmen. Als ich um die Ecke bog, sah ich gerade den Bus an der Haltestelle stehen. Das würde ich im Leben nicht mehr schaffen, auch wenn ich in Sport eine Eins hatte.
Mein Schritt verlangsamte sich und ich wühlte suchend in meiner Tasche nach meinem Handy. Wozu hatte man denn einen besten Freund mit Führerschein und Auto? Meine Eltern verdienten leider nicht genug, um mir den finanzieren zu können. Weshalb ich noch immer als Fußgänger unterwegs war.
Meine Mutter war schon wieder Arbeitslos, bereits das vierte Mal dieses Jahr und mein Vater schaffte es man gerade, mit seinem Job alle Rechnungen zu bezahlen. Geld war ein Dauerstreitpunkt in unserem Hause.
Deshalb verbrachte ich auch am Liebsten viel Zeit bei Roy. Bei ihm war es total harmonisch und sein Vater war einfach toll. Aber nicht nur seinen Vater fand ich toll.
“Hey, magst du mich einsammeln“, sagte ich ins Handy hinein, mit einem gewissen Unterton, da er sich sicher denken konnte, dass ich meinen Bus mal wieder verpasst hatte.
*-*-*
Ich lag ganz gut in der Zeit, als mein Handy klingelte und ich auf die Lauttaste drückte.
„Hey, Nico… klar, ich bin gleich da. Bis denn dann.“, dann drückte ich wieder auf die Taste und beendete das Gespräch.
Ich trat ins Gas und nur wenig später hatte ich die Bushaltestelle erreicht. Ich öffnete die Beifahrertür mittels Knopfdruck und ließ meinen Freund einsteigen.
„Hey, mein Alter.“, begrüßte ich meinen besten Freund, schloss die Tür dann wieder ebenfalls per Knopfdruck, gab Gas und schon waren wir auf dem Weg zum Gymnasium.
„Na, was geht, alles klar bei dir?“, fragte ich ihn und achtete doch auf den Verkehr.
*-*-*
“Hey“, begrüßte ich Roy ebenfalls und konnte es nicht lassen ihn von der Seite zu mustern.
“Na ja, meine Mum hat heute morgen mal wieder ein auf heile Welt gemacht. Das nervt mich total. Nachdem was gestern Abend wieder für ein Krach war. Kann ich nachher wieder mit zu dir kommen?“, fragte ich ihn dann.
Eigentlich war die Frage überflüssig, da es schon Gang und Gebe war. Doch manchmal hatte er ja auch ein Mädel mit dem er lieber alleine sein wollte und das musste ich mir nun wirklich nicht antun.
Ich lehnte mich im Sitz zurück und schaute auf die Straße. Ab und an glitt mein Blick aber wieder zu Roy. Er war eben einfach ein Traummann.
*-*-*
Mitfühlend verzog ich das Gesicht, als er von seiner Mutter erzählte… kannte ich doch die Familie. Nico tat mir echt leid. Eigentlich wollte ich meinen Vater schon fragen, ob er nicht bei uns einziehen könnte.
Aber das würde er wahrscheinlich nicht wollen, da ich ja öfter mal eine Tussi abschleppte, na ja… ich wechselte die Mädels sehr oft, dann gabs einen „Stempel“ auf den Hintern und dann wollte ich sie immer nur noch schnell los werden.
Herrje, und was sie dann immer für ein Fass auf machten, nur weil ich keine Feste Beziehung, sondern nur Sex wollte… nicht mehr und nicht weniger.
Ich wusste, was die Tussen immer so an mir anzog… mein Auto, mein Geld und meine Designerklamotten… dafür ertrugen sie sogar, dass ich zickiger war, als sie selbst… tze… aber nicht mit mir.
„Klar, kannst du nachher mit zu mir kommen.“, beantwortete ich die Frage meines Freundes Nico.
Dann meinte ich, eigentlich eher beiläufig:
„Hey, eigentlich könntest du doch zu mir ziehen. Mein Dad hätte sicher nichts dagegen. Der kann dich doch eh echt gut leiden. Außerdem könnte ich dich dann immer mit dem Auto mit zur Schule nehmen.“
Dann hatten wir das Gymnasium erreicht, ich parkte mein Auto ein, stieg dann aus, ließ auch meinen Freund aussteigen und schloss das Auto dann sorgfältig ab.
Natürlich bemerkte ich die bewundernden Blicke, die mich immer wieder trafen, wenn ich mit der Viper vorfuhr.
Ich betrat dann mit meinem Freund das Schulgelände, doch kaum dass wir es betreten hatten, kam auch schon so eine Tussi auf mich zu.
Sollte ich die kennen…???
„Roy Youngster… wolltest du mich nicht gestern Abend anrufen?“
„Nein, wieso, sollte ich dich kennen?“, antwortete ich kalt lächelnd.
„Du… bist SO gemein…!!! Roy… was hab ich dir denn getan?“, heulte die Tussi los.
Ich schob sie nur beiseite und ging, mit meinem Freund, weiter.
„Du glaubst wohl, nur weil du reich bist, kannst du dir alles erlauben, was?!“, schrie sie mir hysterisch nach, was mich aber nicht juckte.
Natürlich konnte ich es mir erlauben, denn die Mädels lagen mir doch reihenweise zu Füßen. Außerdem gingen sie doch freiwillig mit mir mit. Klar, wusste ich auch, dass es nicht okay war, was ich tat, aber irgendwie konnte ich nicht anders… kein Plan warum.
Für mich waren sie alle nur ein angenehmer Zeitvertreib. Ich und eine Beziehung? Nein, danke. Der einzige zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis hatte, war Nico. Mit ihm konnte ich mich wenigstens vernünftig unterhalten… auch wenn ich bei einigen Themen, ihm gegenüber, auch schon mal zickig wurde…
*-*-*
Auf Roys Frage im Auto schüttelte ich nur den Kopf.
“Lieb gemeint von dir. Ich kann es mir ja mal durch den Kopf gehen lassen.“
Nichts würde ich lieber tun, doch würde ich mich dann bestimmt schnell verraten. Das konnte ich doch nicht riskieren. Vor allem wenn Roy es erfuhr, würde er mich sicherlich sowieso nicht mehr um sich haben wollen.
Die Sache mit den Mädels kannte ich ja nun schon mehr als gut und so verwunderte mich die Reaktion des einen Mädchens nicht sonderlich. Roy war in der Hinsicht ein richtiger Casanova. Nachdem ich aus meiner Jackentaschen meine Zigaretten geholt hatte und sah, dass ich nur noch zwei hatte, bot ich sie trotzdem Roy an.
Er würde mich aus Höflichkeit nicht abweisen, doch auch dafür sorgen, dass ich den Rest des Tages etwas zu rauchen haben würde. Nachdem ich meine leere Schachtel entsorgt hatte und mir meine Zigarette anzünden wollte, gab auch noch mein Feuerzeug den Geist auf.
“Hast du für Mathe gelernt?“, fragte ich Roy.
“Ich krieg den Mist nicht in meinem Kopf“, fügte ich hinzu.
Bei dem Gedanken wieder eine schlechte Note mit nach Hause zu bringen, wurde mir ganz schlecht. Eigentlich war ich doch Volljährig und konnte machen was ich wollte. Es war schließlich mein Leben.
Aber mein Vater sah das anders. Solange ich in seinem Haus wohnte, hatte ich auch gute Noten mit nach Hause zu bringen. Sollte ich im Haushalt mithelfen und stets mein Zimmer aufräumen. Vielleicht wäre es doch nicht so verkehrt, bei Roy einzuziehen. Dann wäre ich noch öfter in seiner Nähe.
Dann wollte ich nicht mehr an Mathe denken und schaute Roy fragend an.
“Was steht nachher denn noch so an?“
Schlafen, wäre eine gute Antwort, denn mir fielen schon beinahe wieder die Augen zu.
*-*-*
Was war nur mit meinem Freund los? Ich sah ihn an und konnte mir auf sein Verhalten keinen Reim machen. Er wollte es sich durch den Kopf gehen lassen, ob er zu meinem Vater und mir ziehen wollte? Warum?
„Sag mal, du hast heute echt nicht ausgeschlafen, was. Du weißt doch ganz genau, dass ich Nichtraucher bin.“, kicherte ich und wuschelte meinem Freund durch die Haare.
Irgendwas stimmte mit meinem Freund ganz und gar nicht. Ich wunderte mich sowieso schon lange, dass er keine Freundin hatte… na ja, zumindest hatte er mir noch nie etwas erzählt, das in die Richtung ging.
Aber na ja, vielleicht hatte er einfach noch kein Interesse für Mädels. Und was nicht ist konnte ja vielleicht noch werden. Er hatte ja auch wirklich genug andere Sachen im Kopf und leicht war für ihn das alles auch nicht… kannte ich doch seine familiären Verhältnisse.
Er tat mir so unglaublich leid und ich wollte ihm so gern helfen. Okay, ich war zwar zu den Mädels nicht ganz korrekt… verhielt mich sogar richtig fies zu ihnen, aber zu meinem Freund war ich immer offen und ehrlich und ihm würde ich jederzeit helfen.
„Nein, ich hab nicht für Mathe gelernt, das bisschen kann ich doch im Schlaf. Aber wenn du magst, können wir ja, nachher bei mir ein bisschen üben. Ich helfe dir gern.“
Ich machte eine kurze Pause und sah meinen Freund weiterhin sehr verwirrt an.
„Was nachher anliegt… kein Plan. Vielleicht üben wir erst mal Mathe oder so und dann chillen wir bei mir einfach ein bisschen. Was hältst du davon?“
Als er die leere Packung wegwarf, nahm ich seine Hand und zog ihn hinter mir her. Immerhin hatten wir noch genügend Zeit und konnten so noch schnell zum Kiosk um die Ecke gehen.
„Los komm, ich kauf dir noch ein paar Zigaretten.“, bot ich ihm grinsend an, denn ich wusste, dass er ohne diese Dinger nicht lange „überleben“ würde.
Okay, ich verstand zwar nicht, wie man überhaupt rauchen konnte, aber wenn er es denn so dringend brauchte… herrje, dann sollte er diese Dinger auch haben.
Nur einmal hatte ich versucht zu rauchen, aber es war mir schlecht bekommen, seitdem ließ ich es lieber bleiben, zudem kostete es eh zu viel Geld. Nicht, dass ich aufs Geld achten musste, aber ich sah einfach keinen Sinn darin Geld für etwas zu bezahlen, was meine Gesundheit ruinieren könnte.
*-*-*
“Aber die Mathearbeit ist doch heute“, sagte ich zu Roy, der mich hinter sich herzog.
Seine warme Hand, hatte meine gefangen genommen und mir war so, als würde mein Herz dazwischenliegen. Ohne Gegenwehr ließ ich mich von ihm mitziehen und genoss es, dass er meine Hand hielt. Mir stieg sogar ein wenig die Röte ins Gesicht und das obwohl es so kalt draußen war.
Ich vergrub einfach meinen Kopf weiter in meine Jacke hinein, vielleicht würde das dann nicht so auffallen.
Natürlich mussten uns zwei Mädels entgegen kommen und man konnte sie reden hören. Zuerst schwärmen sie über Roy, was nicht wirklich verwunderlich war. Als wir dann an ihnen vorbeigingen, konnte man die eine sagen hören:
“Zwischen mir und Nico lief absolut gar nichts. Er hat mich wohl im Arm genommen und Händchen gehalten, aber das war es auch schon. Nicht mal einen Abschiedskuss habe ich bekommen.“
Sabine hieß das Mädchen und ich konnte mich noch gut an sie erinnern. Sie war aufdringlicher als die anderen gewesen. Hatte es geradezu darauf angelegt. Aber ich blieb stur. Woher sollte sie auch wissen, dass ich gar nicht auf Frauen stand. Wenn es sonst auch noch niemand wusste.
Noch tiefer vergrub ich meinen Kopf in meine Jacke, so dass zwischen Mütze und Jacke nur noch meine Augen zu sehen waren. Ich war mir sicher, dass sie über mich redeten in der Schule, und dass sie es schon alle ahnten. Nur wie war das mit Roy? Ahnte er es auch?
*-*-*
Während ich Nico, mehr oder weniger, mit zum Kiosk zog kamen uns ein paar Tussen entgegen, die doch tatsächlich erst über mich redeten und eine dann über Nico redete. Irgendwie kam es mir komisch vor. Er hatte nicht mit ihr? Warum nicht?
Dass er eventuell schwul sein könnte, ahnte ich bis dahin nicht und machte mir so auch weiteren keine Gedanken darüber. Und auf das Gerede in der Schule gab ich eh nichts. Er war mein bester Freund und ich glaubte, wenn es etwas gab, dass so wichtig war, dann würde er doch sicher mit mir reden und sich mir anvertrauen. Da er das aber bislang nicht getan hatte, machte ich mir eben keine Gedanken darüber.
Ich mochte ihn sehr. Wir beide gingen immer durch Dick und Dünn… egal wie schwierig es war, wir schafften es… gemeinsam. Somit konnte ich mir nicht vorstellen, warum er mit mir nicht über so ein wichtiges Thema reden sollte, wenn denn an dem was dran war, was man in der Schule redete. Ich glaubte es jedenfalls keine Sekunde.
Am Kiosk angekommen kaufte ich ihm zwei Schachteln Zigaretten und ein Feuerzeug, dann gab ich ihm das alles anschließend und ging mit ihm zurück zur Schule. Unterwegs meldete ich mich dann doch zu Wort.
„Das weiß ich, dass die Mathearbeit heute ist, aber ich könnte dir trotzdem helfen, wenn du magst. Du weißt, dass mir das alles keine Probleme bereitet und warum sollte ich dir dann nicht helfen.“, und grinste ihn an.
„Wir können aber auch einfach nur chillen und abhängen… ganz wie du magst.“, schlug ich im Nachhinein vor.
Schließlich erreichten wir die Schule wieder und gingen gleich ins Gebäude, denn der Unterricht würde gleich beginnen…
*-*-*
Eigentlich hasste ich Üben und Lernen, aber mit Roy würde es sicherlich Spaß machen, deshalb stimmte ich zu.
“Okay, lernen wir nachher bei dir“, antwortete ich ihm.
Dann läutete es auch schon zur Stunde.
Ausnahmsweise war das Schicksal auf meiner Seite und unser Mathelehrer war krank, weswegen die Arbeit verschoben wurde. Es gab ein riesiges Gejubel im Klassenzimmer, als die Vertretung das verkündete.
Die Stunde über ging es locker zu. Wir sollten uns selber beschäftigen, aber ruhig verhalten. Während Roy und ich uns mit der Reihe vor uns unterhielten, kam von den Mädels ein Zettel rüber, der, wie sollte es auch anders sein, für Roy war.
Tina stand schon eine Weile auf ihn und wollte mit ihrer Freundin Barbara sich mit ihm verabreden. Sofern er auch einen Freund mitbringen würde. Ich ahnte schlimmes und hoffte darauf, dass er auf Tina keine Lust hätte.
Doch da machte ich mir sicherlich falsche Hoffnungen, denn sie war recht hübsch.
*-*-*
Obgleich ich das Lernen und die Schule sehr mochte jubelte auch ich, als verkündet wurde, dass die Klassenarbeit ausfallen würde. Wunderbar… dachte ich… das heißt viel Zeit zum Üben für Nico…. nein, an mich dachte ich dabei nicht.
Au man, dann erreichte mich, während wir uns selbst beschäftigen durften, ein Zettel von …, wie ich lesen musste, Tina. Gequält verzog ich das Gesicht, denn obwohl sie wirklich recht hübsch war, war sie nicht mein Typ und passte somit nicht in mein Beuteschema.
Also schrieb ich ihr zurück, dass ich keine Zeit hätte, weil ich was anderes vor hätte. Dann ließ ich den Zettel wieder zu ihr wandern und kümmerte mich nicht weiter um sie.
Langsam hatte ich nämlich die Nase gestrichen voll von den ganzen Tussen. Das war doch eh immer dasselbe. Alles woran die dachten war doch nur mein Geld und was ich ihnen vielleicht kaufen und möglichst noch schenken würde… na ja, und meine Viper machte die Sache wohl auch nicht besser.
Nein, danke, ich hatte echt keine Lust mehr auf den Kram und nahm mir vor, mich vorläufig mit keiner mehr zu treffen und auch sonst ein wenig auf Abstand zu gehen. Den Einzigen, den ich wirklich gern um mich hatte, war Nico, er war wenigstens nicht so oberflächlich wie diese Weiber….
*-*-*
Ich war mehr als erleichtert, als ich lesen konnte, was Roy zurückschrieb. Also hatten wir wie vereinbart nachher Zeit fürs lernen. Mir war es egal, was wir miteinander machten, Hauptsache er war bei mir. Ertragen könnte ich es nicht ihn als Freund zu verlieren. Dafür war er mir viel zu wichtig.
Der Rest des Vormittages verging ohne weitere Ereignisse und so rückte der Schulschluss näher. Als es endlich läutete, war ich sehr froh darüber. Kaum dass wir draußen waren, steckte ich mir auch schnell noch eine Zigarette an und ging mit Roy zu seinem Auto.
Sicher war es cool in so einem Wagen zu fahren, aber für mich machte es keinen Unterschied, ob es ein teures oder eine Klapperkiste war. Auch war ich nicht Roys bester Freund, weil er mir regelmäßig Zigaretten kaufte.
Wir kannten uns schon über Jahre und hatten die Freundschaft aufgebaut. Auch ohne Geld würde ich ihm am Liebsten nie wieder von der Pelle rücken. Bevor wir einstiegen, trat ich meine Zigarette aus und lächelte Roy an. Die Sonne strahlte jetzt und es war viel wärmer als heute morgen.
*-*-*
Froh darüber, dass Nico, die Zigarette ausgedrückt hatte, bevor er in mein Baby stieg, denn ich mochte es gar nicht, wenn in meinem Auto geraucht wurde… ich mochte diesen Geruch von Rauch überhaupt nicht.
Bevor ich einstieg, sah ich, dass Nico mich anlächelte und ich lächelte einfach nur zurück, dann stieg ich ein, startete den Motor, gab Gas und fuhr zu mir nach Hause, nachdem mein Freund Nico ebenfalls im Auto saß.
Allerdings fuhr ich niemals schneller als es erlaubt war und hielt mich strikt an die Verkehrsregeln.
Zum einen wollte ich meinen Vater nicht enttäuschen, zum anderen hatte ich Angst um mein Auto.
Zuhause angekommen, parkte ich mein Baby, stieg aus, ließ auch Nico raus und ging mit ihm ins Haus.
„Wie siehts aus, bevor wir zu Lernen anfangen, essen wir erst mal was, oder.“, bot ich ihm an und zog ihn auch schon hinter mir her, in die Küche.
Für uns Beide zauberte ich ein tolles Essen und deckte den Tisch in der Küche, so dass wir gleich loslegen konnten.
*-*-*
Gegen etwas zu Essen hatte ich nicht im Geringsten was und so ließ ich mir Roys Essen schmecken. Er hatte es einfach drauf und konnte auch noch verdammt gut kochen.
“Mmmhhhh lecker!“, gab ich nur während es Essens von mir.
Es schmeckte wirklich wie immer sehr gut und ich aß auch wie immer viel zu viel. Das würde ich nachher wieder abtrainieren müssen.
Wenn er jetzt auch noch Nachtisch hätte, würde ich vermutlich platzen. Dabei stand ich total auf Süßes. Nur war es schwierig Roy und Schokolade unter einem Hut zu bringen, schließlich war Roy schon viel zu Süß.
Nach dem Essen half ich noch beim Aufräumen und dann ging es hoch in sein Zimmer. Wie immer legte ich mich halb aufs Bett und holte meine Mathesachen raus. Nebenbei schaute ich noch schnell, was wir noch an Hausaufgaben auf hatten.
“Wollen wir erst die Hausaufgaben machen oder erst lernen?“, fragte ich unsicher und schaute in Roys schöne Augen.
Für einen Moment schienen sie mich gefangen zu haben, denn ich starrte Roy wie in Trance an.
*-*-*
Ich kochte gern mal, wenn ich Lust hatte, denn vieles hatte ich mir von meiner Mutter abgeguckt, als sie noch lebte, und dann hatte ich meinem Vater weiter zugesehen, der ebenfalls toll kochen konnte, deshalb gab es bei uns niemals Fastfood.
Mich freute es immer wieder, wenn es Nico schmeckte und ich ließ ihn essen so viel er wollte, warum auch nicht. Nachdem wir nun endlich in meinem Zimmer saßen, holte auch ich meine Schulsachen raus und schaute nach, was wir an Hausaufgaben auf hatten.
„Ich denke wir machen erst die Hausaufgaben und dann üben wir ein wenig, okay.“, antwortete ich Nico und machte mich sogleich an die Arbeit.
Dann bemerkte ich aber, dass er mich so merkwürdig ansah.
„Hey, was ist mit dir los? Schau mich nicht so an, sieh in deine Bücher. Oder hab ich einen Krümel auf der Nase?“ und konnte mir ein Lachen nun nicht wirklich verkneifen.
Konnte ich doch nicht wissen, was gerade in ihm vorging. Nachdem ich das Lachen nachgelassen hatte, machte ich mich weiter an meine Hausaufgaben, die für mich nun echt keine Hürde darstellten und die ziemlich schnell erledigt waren.
Mein Papa würde wieder sehr zufrieden mit mir sein. Wobei er das eh war. Er schimpfte fast nie, außer ich gab mal wirklich eine freche Antwort… was aber selten vorkam. Meine wechselnden Mädchenbekanntschaften störten ihn nicht, er ließ mich machen.
Seiner Meinung nach, war ich alt genug, um allein entscheiden zu können, was ich zu tun hatte und was nicht… was ich wollte oder eben nicht. Nun ja, das lag anscheinend auch daran, dass ich mir bislang keine schlimmeren Exzesse geleistet hatte und er somit wusste, dass er sich auf mich verlassen konnte.
Nach Mamas Tod hatte er sehr um sie getrauert und immer wieder hatte er geweint, aber, wie er meinte hätte er ja noch mich und ich wäre sein ganzer Stolz. So hatten wir uns gegenseitig getröstet. Aber so wirklich verarbeitet hatten wir es eigentlich nie.
Wir hatten es beide nur verdrängt und nie wieder ein Wort drüber verloren. Er hatte sich dann wirklich nur um mich gekümmert, so dass es mir nie an etwas fehlte… weder materiell noch gefühlsmäßig… er war einfach immer für mich da gewesen.
Wann immer ich ihn brauchte… er war da. So gab es für mich auch keinen Anlass irgendwelchen Unsinn anzustellen… das hätte ich mich auch gar nicht getraut… immerhin wollte ich ihn niemals enttäuschen.
Deshalb sagte ich auch noch immer Papa zu ihm… nicht wie andere Vater sagten, sobald sie „erwachsen“ waren. Er war eben einfach mein Papa und er blieb es auch. Mir war es auch egal, ob wer dabei war oder nicht und was andere dann dachten… war mir auch so ziemlich egal.
Ich liebte meinen Papa eben sehr… war er doch der beste Papa auf der ganzen Welt…
*-*-*
Als Roy lachte, wurde mir erst mal bewusst, dass ich ihn anstarrte. Ich versuchte irgendwie abzulenken, indem ich kurz mitlachte. Dann ging auch ich an meine Hausaufgaben, konnte es jedoch nicht sein lassen, ab und an zu Roy rüberzuschauen. Natürlich nur, wenn er gerade nicht hersah.
Für mich waren die Hausaufgaben nicht so leicht. Meinen Kopf musste ich ganz schön anstrengen, um alles richtig zu machen.Endlich war ich auch mit den letzten Sachen fertig. Mein Blick fiel wieder zu Roy, der schon lange fertig zu sein schien.
Jetzt wollte ich aber erst mal eine Rauchen. Denn das hatte ich mir nun wirklich verdient. Höflich wie ich war, ging ich dafür nach unten vor die Tür.
“Bin gleich wieder da. Soll ich was zu Trinken aus der Küche mitbringen?“, fragte ich noch, bevor ich runter ging.
*-*-*
Natürlich wusste ich, dass sich Nico sehr schwer mit den Hausaufgaben tat, aber wenn er hätte Hilfe haben wollen, dann hätte er mich sicher gefragt, zumindest erwartete ich das von ihm.
Ich musste grinsen und sah ihm kurz nach, als er mal wieder runter ging, um eine zu rauchen. Du meine Güte, was fand er bloß daran? Mich törnte so was eher ab, da er aber mein bester Freund war, duldete ich es.
„Nein, du brauchst nichts zu Trinken mitzubringen, ich gehe eh gleich in die Küche.“, rief ich ihm nach und räumte schon mal meine Schulsachen weg… die brauchte ich jetzt eh nicht mehr.
Ich stand dann auf und machte ein bisschen leise Rockmusik an, dann ging ich runter in die Küche und holte zwei Flaschen Cola und zwei Gläser aus der Küche, damit ging ich dann wieder hinauf in mein Zimmer und stellte alles auf den Tisch.
Aus meinem Schrank holte ich noch Chips, tat diese in eine Schale und stellte diese dann auf den Tisch. Anschließend wartete ich auf Nico, denn ein bisschen Lernen wollten wir ja auch noch…. nein, ich würde davon nicht abweichen… nahm ich mir zumindest vor.
*-*-*
Vom Rauchen zurück, erwartete mich eine romantische Stimmung, wie ich fand. Es hätte nur noch eine Kerze gefehlt. Ich nahm mir ein Glas Cola und bediente mich bei den Chips. Manchmal hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich mich hier so durchfutterte. Aber Roys Papa und auch Roy hatten mir schon des Öfteren zu verstehen gegeben, dass ich das nicht haben bräuchte.
Dann machte ich es mir wieder auf Roys Bett bequem und hoffte sehr, dass Roy sich zu mir gesellen würde.
“Du willst jetzt lernen, hab ich recht?“, fragte ich skeptisch. Da mir die Motivation fehlte und ich sowieso nichts kapierte in Mathe.
Die Chancen, dass Roy da etwas ändern würde waren gering.
*-*-*
„Sehr richtig, wir werden jetzt Mathe lernen.“, bestimmte ich grinsend, nahm dann auch schon was ich brauchte an mich und gesellte mich zu Nico auf mein Bett.
Klar, dass ich mir nichts dabei dachte, aber ich fand es einfach schöner, auf dem Bett abzuhängen und so zu lernen. Ich schlug eine Seite mit Aufgaben auf, wo ich wusste, dass es ihm schwer fiel. Sodann begann ich ihm alles langsam zu erklären… eben so, wie es mein Papa mit mir immer getan hatte.
Er hatte mir immer Eselsbrücken gebaut, so hatte ich alles sehr viel besser verstanden und das tat ich nun auch für Nico, denn ich wusste, dass es sehr wohl helfen konnte. Zwischendurch goss auch ich mir ein Glas Cola ein und knabberte ein paar Chips.
*-*-*
Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, dass wir so dasaßen und lernten. Ich war gerne in Roys Nähe – viel zu gerne sogar. Doch die Sache mit dem Lernen war nicht ganz so toll. Aber da musste ich durch, und dass eine oder andere blieb auch hängen.
“Danke, ich denke das reicht jetzt aber wirklich“, sagte ich, denn es war schon beinahe dunkel draußen.
“Bin ja mal gespannt, wann wir die Arbeit nun schreiben werden“, fügte ich hinzu und rieb mir müde über die Augen.
*-*-*
„Hast du denn auch wirklich alles verstanden, hm?“, fragte ich Nico, der schon ziemlich müde zu sein schien.
„Ich denke mal, dass sie uns schon bescheid geben werden, wann wir die Arbeit nun schreiben.“, dachte ich laut nach und sah Nico an.
„Bist du müde? Soll ich dich heim fahren?“, bot ich ihm fragend an.
Dann hörte ich aber meinen Vater heim kommen und entschuldigte mich kurz bei Nico.
„Sorry, bin gleich wieder da.“, meinte ich, dann riss ich die Tür auf und ging hinab auf den Flur, wo sich grad mein Vater befand.
„Hallo Papa!“, freute ich mich, „da bist du ja wieder“, strahlte ich ihn, mit meinen Augen, förmlich an.
„Hallo Roy.“, begrüßte auch er mich, dann lagen wir uns einfach nur in den Armen.
„Wie war denn Tag, mein Kleiner?“, fragte er mich.
Wie immer erzählte ich ihm alles was gewesen war und er hörte mir interessiert zu.
„Nico ist auch hier, er ist oben in meinem Zimmer.“, beendete ich meine Erzählung.
„Ah, warte ich komme mit hoch.“, sprach er, dann gingen wir gemeinsam in mein Zimmer.
„Hallo Nico.“, begrüßte mein Vater meinen Freund sehr freundlich… eben wie immer.
*-*-*
“Och ein bisschen halte ich wohl noch durch“, hatte ich Roy geantwortet.
Als dann sein Papa nach Hause kam, freute ich mich auch. Ich mochte ihn sehr und begrüßte ihn auch.
“Hallo“, lächelte ich ihn an.
Einerseits war es schon manchmal komisch, da es bei mir zu Hause genau das Gegenteil war. Da beneidete ich Roy richtig ein bisschen. Andererseits wusste ich wie schwer es für Beide war, dass Roys Mutter nicht mehr am Leben war.
“Wie war ihr Tag?“, fragte ich Roys Papa, “Unser war etwas durcheinandergewürfelt aber das hat ihnen Roy ja gerade eben schon erzählt.“
*-*-*
„Mein Tag, war, wie immer, sehr schön.“, meinte mein Papa und lächelte. „Ja, er erzählt mir eben immer alles.“, fügte er hinzu.
Ich stand nur neben ihm und hörte einfach zu, während ich zwischen Beiden hin und her sah.
„Papa?“
„Ja?“
„Sag mal, hättest du was dagegen, wenn Nico zu uns ziehen würde?“
„Nein, warum, sollte ich denn was dagegen haben? Er ist doch ein ganz vernünftiger junger Mann. Ich habe nichts dagegen.“, stimmte mein Papa zu und sah Nico an, dann fragte er ihn:
„Würdest du das denn wollen, Nico? Roy scheint sich da ja ziemlich was in den Kopf gesetzt zu haben.“
Seine Worte ließen mich ein wenig erröten und ich sah zu Boden.
*-*-*
Na toll, das hatte Roy ja fein hinbekommen. Dabei hatte ich ihm doch gesagt, dass ich drüber nachdenke. Etwas sauer war ich jetzt schon, auch wenn Roys Reaktion auf seinen Papa recht süß war.
“Ich habe ihm gesagt, dass ich drüber nachdenke“, gab ich kleinlaut als Antwort.
Sicher war es bei meinen Eltern kein Zustand dort zu wohnen und die meiste Zeit war ich sowieso hier. Aber was wäre, wenn mein Geheimnis rauskommen würde. Stände ich dann auf der Straße? Meine Angst vor Roys Reaktion war wirklich groß. Doch jetzt war ich eigentlich nur eines: Sauer auf ihn!
*-*-*
Mein Papa sah erst mich, dann Nico an und zuckte mit den Schultern.
„Dann überlegst du es dir eben erst mal. Es ist okay.“, meinte mein Papa dann.
Nun sah ich Nico auch an und begann herumzuzicken:
„Man, dann eben nicht! Ich habs ja auch nur gut gemeint… dann geh doch zu deinen Leuten…. was willst du dann hier?! So viel zu… wir sind ja ach die besten Freunde!!!“
Mein Papa hatte derweil mein Zimmer verlassen, er mochte Streit nicht und mein herumgezicke… mochte er ebenso wenig, ergo verzog er sich.
„Dann kannst du ja auch gleich gehen!!“, zickte ich weiter, wollte ich doch meinen Kopf durchsetzen… eben auch wie immer…
*-*-*
“Sag mal geht’s noch?“, fragte ich skeptisch.
Eigentlich kannte ich Roys herum gezicke, nur hatte er es bei mir noch nie so weit gebracht. Wir stritten nur selten, doch heute hatte er irgendwie einen wunden Punkt erwischt. Ich war schon den ganzen Tag müde, die Mädels in der Schule hatten genervt, das blöde Lernen für Mathe und jetzt auch noch das. Da platzte mir der Geduldsfaden!
“Du weißt doch gar nicht was bei mir zu Hause ab gehen würde, wenn ich sage, ich ziehe aus. Außerdem scheint es dich ja herzlich wenig zu interessieren, was in mir vorgeht“, schrie ich Roy fast an.
So sehr war ich in Ekstase.
*-*-*
„Dann sag es mir, was in dir vorgeht, oder bin ich es dir nicht wert?! Du weißt alles von mir und über mich… aber weiß ich auch alles über dich?! Ich glaube nicht!“, schrie ich zurück und konnte meine Tränen eigentlich nur schwer zurückhalten.
„Außerdem bist du alt genug, um ausziehen zu können… aber egal. Und ob ich mich dafür interessiere, was in dir vorgeht… sicher interessiert es mich, aber danke für den Vorwurf! Ich mache und tue für dich, was ich kann… reiß mir den Hintern auf und von dir kommen nichts als haltlose Vorwürfe! So viel zu… beste Freunde!“, rastete ich, ob der Anschuldigung, ich würde mich nicht für ihn interessieren, nun völlig aus.
„Man, und ich dachte echt, du bist anders… man, was bin ich doch für ein Idiot!“, kam es von mir dann aber nur noch flüsternd…
*-*-*
Es zerriss mir das Herz, dass wir uns streiteten, dass Roy mir vorhielt, er wüsste nicht alles über mich.
Dann kam es wie von selbst aus mir heraus: “Ich bin durchaus anders! Weißt du wie scheiße es ist, wenn du auf einmal merkst, dass du dich fürs gleiche Geschlecht interessierst und es nicht nur eine Phase ist?
Kannst du dich da hineinversetzen? Sicherlich nicht!“
Tränen standen mir in den Augen. Vor Wut und auch vor Angst.
Das letzte was ich wollte, war Roy zu verlieren. Aber ich fühlte mich auch sehr erleichtert, als wäre eine riesengroße Last von mir abgefallen.
“Ja, du hast richtig gehört. Dein bester Freund steht auf Männer! Ist eine Schwuchtel!“, betonte ich es noch und merkte wie Tränen über meine Wangen liefen.
Ich sah alles nur noch verschwommen, so sehr weinte ich.
“Deshalb sollte ich wohl kaum hier einziehen“, brachte ich noch irgendwie raus, bis nur noch ein schluchzen kam.
*-*-*
Zunächst stand ich ziemlich geschockt da und sah Nico ebenso geschockt an. Das musste ich erst mal verdauen…
„Oookaaay…. du bist also schwul und magst Männer, gut, damit komme ich klar.“
Ich sah meinen Freund nun strafend an und sprach weiter:
„Aber warum erzählst du mir das erst jetzt, wo wir uns streiten!? Ich mein, du bist doch sicher nicht erst seit gestern schwul, oder. Und warum hattest du nicht schon vorher mal so viel Vertrauen zu mir und hast es mir erzählt, hm?!“
Ich wand mich ein wenig von Nico ab und flüsterte:
„So viel zum Vertrauen… und du willst dich meinen Freund nennen…?! Man, man, man… echt, das ist SO unglaublich mies. Weißt du, ich hab echt nichts dagegen, dass du schwul bist, na und, soll jeder machen was er will, es ist okay. Aber, dass du noch nicht mal mir vertraut hast… echt, das muss ich erst verdauen. Ich muss ja wirklich ein schlimmes Monster sein, das mir mein bester Freund nicht mal vertraut.“
Nur eine kurze Pause gönnte ich mir und fragte ihn dann:
„Warum …jetzt? Was hat sich geändert, dass du mir auf einmal doch vertrauen willst, hm? Oder ist es jetzt aus dem Streit aus dir heraus geplatzt?! Komm schon, sags mir und sag mir auch, warum du mich andauernd so anstarrst! Und lüge mich jetzt bloß nicht an… dann schwöre ich dir… kündige ich dir die Freundschaft… wenn du es wagen solltest mich zu belügen…“
*-*-*
Irgendwie versuchte ich mich einigermaßen zu beruhigen, denn meine Tränen machten was sie wollten. Verzweifelt wischte ich mit meinem Pulli durch mein Gesicht, da ich gerade kein Taschentuch zur Hand hatte.
Es machte Roy also nichts aus, dass ich schwul war. Doch war es ja nur die halbe Wahrheit und ich verstand sehr wohl, dass er sauer war.
“Ich hatte solche Angst vor deiner Reaktion!… Wollte dich doch nicht verlieren… Als Freund…Ich hab doch nur dich!…“, schluchzte ich mir zurecht.

“Gemerkt habe ich es schon vor einer ganze Weile. Nur wollte ich es lange nicht wahrhaben!…“, fuhr ich fort, “Denkst du mir macht das Spaß? Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt…. So sehr gehofft, es sei nur eine Phase… doch es wurde nicht besser und dann…“
Eine Pause musste ich machen und kräftig schlucken. Es fiel mir so schwer, doch was hatte ich noch zu verlieren?
“Dann… wurde mir klar… dass ich mich in dich verliebt hatte… Deshalb habe ich nichts gesagt! Verstehst du?“, kam es kleinlaut von mir.
Unsicher schaute ich Roy durch den verweinten Schleier an. Auf alles gefasst, wartete ich auf sein Urteil für mich.
*-*-*
Jetzt musste ich mich setzen und ließ mich auf den Boden fallen… das war für mich wie ein Schlag in die Magengrube. Nachdem ich mich ein wenig gefasst hatte, stand ich doch wieder auf und sah ihn an. Ich sah sehr wohl, dass er weinte, aber darauf konnte ich jetzt leider nicht eingehen, auch wenn er mir sehr leid tat.
Dann platzte es aus mir heraus, nachdem seine Worte langsam durch mein Hirn gesickert waren
„DU HAST WAS?! Du… hast dich in mich… nein, das ist ein Scherz, oder?! Man, sag mir, dass das nicht wahr ist?!“
Natürlich verstand ich ihn nun sehr viel besser und ich verstand auch, dass er unter diesen Umständen nicht hier einziehen wollte…. aber dass er sich ausgerechnet in mich verliebt hatte, damit musste ich erst noch klar kommen….
„Au man… ich glaub, ich dreh gleich durch. Jetzt verstehe ich auch, warum du nie über Mädels geredet hast und nie eine hattest. Man, ich muss ja wirklich blind gewesen… Sorry, ich muss das erst mal verdauen.“, damit trat ich die Flucht an, verließ das Zimmer… hinter mir die Tür zuschlagend und rannte dann aus dem Haus.
Draußen angekommen, flitzte ich zu meinem Auto und setzte mich zunächst nur hinein, so als könnte es mich trösten. Mittels der Zentralverriegelung hatte ich die Türen abgesperrt, denn jetzt wollte ich einfach nur allein sein und meine Ruhe haben.
Meinen Kopf legte ich weinend auf das Lenkrad und weinte. Erst verließ mich meine Mutter… jetzt musste ich erkennen, dass ich eigentlich nie einen Freund hatte… denn wenn man sich einander nicht vertraut, kann auch keine Freundschaft entstehen… ergo war er doch nie wirklich ein Freund gewesen… und ich Trottel hätte echt fast alles für ihn getan… ich hatte immer zu ihm gestanden… egal was war… und nun hatte er sich auch noch in mich verliebt….
Wie sollte ich damit umgehen?
*-*-*
Ich wusste ja, dass Roy die Sache nicht gut aufnehmen würde. Nachdem er den Raum verlassen hatte, stand ich taumelnd auf und suchte meine Sachen zusammen. Irgendwie schaffte ich es auch die Treppe runter und machte mich auf dem Weg nach Hause.
Meine Jacke, meine Mütze und auch meinen Rucksack hielt ich den ganzen Weg über in meinen Armen. Aus irgendeinem Grund tat die Kälte unheimlich gut. Als hätte ich keinen seelischen Schmerz mehr.
Zuhause angekommen, schloss ich die Haustür auf und hörte meine Eltern schon wieder streiten. Meinen Schlüssel steckte ich von innen in die Tür und schloss ab, so würden sie sehen, dass ich zuhause war. Dann ging ich nach oben, legte meine Sachen in die Ecke und schmiss mich aufs Bett.
Noch nicht mal Licht hatte ich gemacht. Das würde ich jetzt nicht brauchen. Meine Tränen liefen einfach über meine Wangen und ich vergrub mein Gesicht in mein Kissen. Warum nur hatte ich es ihm gesagt? Er würde das nie verstehen und mir nie verzeihen.
Dabei dachte ich doch, er sei mein bester Freund. Wie konnte ich Idiot mich auch nur in ihn verlieben?
*-*-*
Etwas später hatte ich mich zumindest soweit beruhigt, dass ich wieder einigermaßen klar denken konnte. Und ich dachte über alles nach, was Nico mir gesagt und erzählt hatte. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass er gegangen war und er tat mir jetzt so unglaublich leid.
Aber was sollte ich jetzt tun? Ich war mir ziemlich sicher, dass unsere Freundschaft vorbei wäre, dennoch wollte ich mich wenigstens noch einmal mit ihm vernünftig aussprechen. Das war mir unsere Freundschaft wert… auch wenn diese anscheinend nun vorbei war.
Vorbei… das war so ein unschönes Wort und ich musste wieder weinen… warum… warum hatte er mir nicht vertraut? Sicher, er hatte meine Reaktion wahrscheinlich befürchtet und vorausgesehen. Aber es war ja nicht so, dass ich was dagegen hatte, dass er schwul war… nein, dagegen hatte ich nun echt nichts und ich verstand ihn ja auch.
Aber was sollte ich jetzt tun? Ich war mir so unsicher und ich dachte weiter nach… Verdammt, ich wollte ihn doch nicht verlieren. Aber das hatte ich scheinbar schon… dabei war er der einzige wirkliche Freund gewesen, den ich je hatte…
Alle, die ich gern hatte, verließen mich… meine Mutter… nun auch mein Freund… mein bester Freund… ich hatte alle verloren, die ich gern hatte. Was war mein Leben jetzt noch wert? Nichts… absolut nichts mehr!
Dass unsere Freundschaft jetzt vorbei war, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Den Tod meiner Mutter hatte ich verdrängt, aber das Ende der Freundschaft zu Nico, brach mir nun endgültig das Herz…
Aus dem Handschuhfach fischte ich einen Kugelschreiber und einen Zettel, den ich von dem Block abriss, dann schrieb ich.
Lieber Papa,
ich kann nicht mehr… ich halte es nicht mehr aus. Erst verlässt mich Mama, jetzt mein Freund Nico…. mein einziger und bester Freund. Papa, mein Leben ist nichts mehr wert… es tut mir leid… Bitte, verzeih mir.
Nico, ich verstehe dich und ich habe dich so sehr gemocht… du warst der einzig gute Freund, den ich je hatte. Dass unsere Freundschaft vorbei ist… verkrafte ich nicht. Bitte, verzeih mir, dass ich nicht für dich da war, als du mich brauchtest.
Aber eines ist mir klar geworden… ich weiß jetzt warum ich die Mädchen immer so mies behandelt habe… vielleicht… ich weiß nicht… So gern hätte ich mich noch einmal mit dir ausgesprochen… aber nun scheint es so, als hätte ich meine Chance vertan…
Bitte verzeiht mir.
Roy
Den Zettel hängte ich an die Windschutzscheibe, dann ließ ich den Motor an und ließ ihn laufen, derweil ließ ich die Fenster meines Autos automatisch runter und atmete das Gas ein. Die Garage war nicht so sehr groß, es sollte also schnell gehen…
Minuten später verlor ich auch schon das Bewusstsein…
*-*-*
Roys Vater Maximilian, wunderte sich, dass es plötzlich so ruhig war… er ging nachsehen, doch es war niemand mehr da. Nico war weg und auch Roy schien verschwunden. Er dachte sich zunächst nichts dabei und ging nun der Hausarbeit nach.
Anschließend ging er in den Garten und wollte hier noch ein paar frische Blumen pflücken, doch dann hörte er, als er an der Garage vorbei kam, dass der Motor vom Auto seines Sohnes lief… da stimmte doch was nicht…
So schnell er konnte, öffnete er die Garage, flitzte zum Auto und stellte den Motor ab, dann öffnete er die Autotür und hob seinen Sohn aus dem Wagen raus. Er war bewusstlos und Maximilian konnte sich nur schwer die Tränen verkneifen. Sollte er, nach seiner Frau nun auch noch seinen Sohn verlieren?
Mit seinem Handy rief er so schnell es ging einen Krankenwagen, der wenige Minuten später auch eintraf und sofort Reanimierungsmaßnahmen einleitete. Inzwischen hatte Maximilian den Zettel gefunden, den sein Sohn geschrieben hatte und las ihn.
Tränen rannen aus seinen Augen und er nahm sich vor, würde Roy das hier überleben, würde er das Thema „den Tod seiner Mutter“, noch einmal mit ihm durchgehen. Anscheinend hatte es Roy nicht wirklich verkraftet.
„Herr Youngster?“
„Ja?“
„Ihr Sohn erst mal soweit stabil, aber wir nehmen ihn jetzt mit ins Krankenhaus.“
„Ja, gut. Wohin bringen sie ihn denn?“
Der Sanitäter gab Maximilian die Adresse, dann fuhren sie, mit Roy los und Maximilian stand da… und konnte nun seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ungehemmt und schluchzend weinte er los. Das war auch für ihn zu viel.
Sein Sohn, sein ein und alles, hatte sich echt umbringen wollen und es wäre ihm beinahe gelungen… von nun an würde er auf ihn acht geben… egal was er würde dafür tun müssen. Er war nur froh gewesen, dass man ihr hatte retten können.
Anscheinend hatte Roy mehr gelitten, als er nach außen hin zeigte… Nachdem sich Maximilian umgezogen und den Zettel in seine Hosentasche gesteckt hatte, fuhr er zum Krankenhaus und erkundigte sich nach dem Befinden seines Sohnes.
Man sagte ihm, dass es ihm schon etwas besser ginge und er durchkommen würde, er aber noch nicht wieder bei Bewusstsein wäre. Dann führte man Maximilian in das Krankenzimmer, in dem Roy lag und ließ ihn dann mit ihm allein.
Als er hörte, dass Roy durch käme, weinte er Freudentränen. Er ging an das Bett seines Sohnes und hielt seine Hand.
„Alles wird wieder gut, das verspreche ich dir, mein Kleiner. Wir werden alles gemeinsam durchstehen und dann wird es dir bald besser gehen. Und auch die Sache mit Nico wird wieder gut. Ich hab dich lieb, mein Kleiner.“, sprach Maximilian unter Tränen und blieb noch mindestens eine Stunde lang, dann machte er sich auf den Heimweg.
Am nächsten Tag erschien Roy natürlich nicht in der Schule. Maximilian war zur Schule gefahren und wollte im Sekretariat Bescheid sagen, was mit Roy passiert war…
*-*-*
Ich hatte von allem dem nichts mitbekommen, war irgendwann vor Müdigkeit einfach eingeschlafen. Am Nächsten Morgen ging es mir so verdammt schlecht, mein Bauch tat weh und mir war übel. Doch quälte ich mich aus dem Bett, da ich unbedingt noch einmal mit Roy sprechen musste.
Wie gewohnt machte ich mich fertig, nur dieses Mal nicht so emotional, sondern eher gelassen. Schaffte es sogar rechtzeitig zur Haltestelle und erreichte den Bus. Im Bus hörte ich sie reden und am Liebsten hätte ich es allen an den Kopf geworfen, doch dafür ging es mir einfach zu schlecht. Außerdem wollte ich unbedingt erst mit Roy sprechen.
Bei der Schule angekommen, wartete ich ungeduldig auf Roys Auto, doch er kam nicht. Als es dann zur Stunde klingelte, schleppte ich mich nicht zum Klassenzimmer, sondern ins Sekretariat. Meine Schmerzen waren unerträglich schlimm geworden.
Oder bildete ich mir das alles nur ein? So gerne wollte ich noch einmal mit Roy sprechen. Doch wieso war er nicht hier in der Schule? Ging er mir aus dem Weg? So gerne wäre ich auch zu Hause geblieben in meinem kuscheligen Bett.
Beim Sekretariat angekommen, stützte ich mich gegen eine Wand und hielt mir den Bauch. Ein Lehrer kam schon auf mich zu und dann war da auch Roys Papa, den ich verwundert ansah.
“Wo ist Roy?“, wollte ich von ihm wissen und mir liefen die Tränen bereits wieder über die Wangen.
Wollte er jetzt wegen mir auch noch die Schule wechseln?
*-*-*
Gerade wollte Maximilian am Sekretariat anklopfen, als er Nico sah, dem es sehr schlecht zu gehen schien und der zudem weinte.
„Nico… was ist denn los, hm?“, sorgte er sich um den Freund seines Sohnes. Dann wurde er nachdenklich und hätte wohl auch beinahe wieder los geweint, doch verkniff er sich das jetzt.
„Weißt du, Roy… geht es nicht so gut… er… liegt im… Krankenhaus… er hat gestern versucht sich ….zu töten und wäre ich nicht da gewesen… hätte er es auch geschafft.“, flüsterte Maximilian stockend.
Dann holte er tief Luft, um seine Tränen zurückhalten zu können. Anschließend holte er den Zettel aus seiner Hosentasche und übergab diesen an Nico.
„Hier, das hat er mir aufgeschrieben… uns aufgeschrieben. Er wollte wirklich Schluss machen… sein Leben beenden…“, jetzt wo Maximilian daran dachte… liefen ihm nun doch die Tränen… er konnte sie einfach nicht mehr zurückhalten.
Zu sehr traf es ihn, wenn er daran dachte, dass er beinahe auch noch seinen Sohn verloren hätte.
„Nico, was ist denn zwischen euch vorgefallen? Bitte, rede doch mit mir… ich helfe euch doch…“, flehte Maximilian Nico an.
Aber nahm er ein Taschentuch und gab es Nico, der auch ziemlich fertig zu sein schien. Dann klopfte er an der Tür des Sekretariats an und wurde herein gebeten. Mehr oder weniger zog er Nico mit sich und sprach dann zu der Sekretärin.
„Bitte, helfen sie Nico… ihm geht es nicht gut. Und dann… wollte ich noch bescheid geben, dass Roy vorläufig nicht in die Schule kommen kann, Er ist krank und liegt im Krankenhaus.“, mit diesen Worten übergab Maximilian die Krankschreibung an die Sekretärin.
Im Krankenhaus war Roy inzwischen wieder erwacht und, wie von dem Arzt festgestellt wurde, hatte er keine bleibenden Schäden davongetragen. Allerdings zog man nun einen Psychologen hinzu, der sich um Roy kümmern sollte.
Freilich wehrte sich Roy dagegen und spielte vor dem Psychologen den Coolen, doch dieser hatte ihn ziemlich schnell durchschaut, so dass sich Roy dann doch so nach und nach öffnete und dem Psychologen alles erzählte, was ihn bedrückte und warum er hatte unbedingt sterben wollen…
*-*-*
Als ich das hörte, glaubte ich meinen Ohren kaum. Roy hatte versucht sich das Leben zu nehmen. Dabei hätte ich es doch sein sollen, der aus Verzweiflung sich das Leben nimmt. Ich erzählte Maximilian alles was passiert war, ließ wirklich nichts aus. Outete mich also auch vor ihm, obwohl ich mir ziemlich unsicher war, ob das eine so gute Idee war.
Dann als er mir den Zettel gab, las ich wieder und wieder den Zettel durch, wurde aber aus ein paar Worten nicht richtig schlau raus.
“Bitte, darf ich mit zu Roy? Sie gehen doch jetzt wieder zu ihm, oder? Bitte!“, flehte ich Maximilian an. Meine Schmerzen waren wie weggeblasen.
Ich wollte nur noch zu Roy, wissen wie es ihm geht und mich mit ihm aussprechen. Das war es doch was ich auf gar keinen Fall wollte, ihn verlieren. Auf die Schule konnte ich mich sowieso jetzt nicht konzentrieren und da es mir ja sowieso nicht gut ginge, wäre ich so oder so wieder gegangen.
Flehend schaute ich Maximilian an, da ich nicht wusste wie er reagieren würde. Gerade jetzt nach meinem Outing…
*-*-*
Etwas verdattert, weil er das nicht erwartet hatte, stand Maximilian da und sah Nico an. So, er hatte sich also in Roy verliebt… irgendwie gefiel ihm der Gedanke… na ja, auch wenn er vielleicht irgendwann gern Enkelkinder gehabt hätte… aber das war nicht wichtig.
Wichtig war, jetzt nur, dass sich die Beiden aussprachen und er war sich eigentlich ziemlich sicher, dass Roy auch eine leichte Ader für das „andere Ufer“ hatte. Irgendwie wären die Beiden schon ein verdammt süßes Pärchen.
„Ja, ich fahre jetzt zu Roy und natürlich kannst du mitkommen. Ich bin der Meinung ihr solltet euch wirklich mal richtig aussprechen, das ist sehr wichtig. Ich habe nämlich auch noch ein paar Worte mit meinem Sohn zu reden.“, meinte Maximilian freundlich lächelnd.
Dann regelte er die Sache noch im Sekretariat und meinte, dass er Nico jetzt mit zum Arzt nehmen und ihn untersuchen lassen würde. So gab es wenigstens keinen Stress an der Schule, weil Nico fehlte.
Natürlich hatte er ein wenig gelogen, wusste er doch was los war und so hätte Nico wenigstens keinen unentschuldigten Fehltag. Anschließend verließ er mit ihm die Schule, ging mit ihm zu seinem Auto, ließ ihn einsteigen und fuhr mit ihm direkt zum Krankenhaus.
Dort, nach einer halben Stunde, angekommen, parkte er den Wagen, ließ Nico wieder aussteigen und stieg dann selbst ebenfalls aus. Nachdem er das Auto abgeschlossen hatte, betrat er mit Nico das Krankenhaus und ging auch gleich zum Zimmer von Roy.
Vor dem Zimmer stehend, sah Maximilian Nico an.
„Bitte, keinen Streit, okay. Redet bitte in Ruhe miteinander.“
Da ging aber auch schon die Tür auf und der Psychologe kam aus dem Zimmer. Maximilian hielt diesen aber für den behandelnden Arzt.
„Guten Tag, mein Name ist Maximilian Youngster, wie geht es meinem Sohn?“
„Guten Tag. Es geht Roy soweit gut. Alles weitere erfahren sie von dem Arzt. Ich bin nur der Psychologe. Und ich muss ihnen sagen, dass Roy unbedingt den Tod seiner Mutter verarbeiten muss. Er denkt doch wirklich, dass er Schuld an ihrem Tod hat. Er hat sie damals gefunden, richtig“, antwortete lächelnd der Psychologe.

Maximilian nickte bedächtig.
„Aber ich habe ihm doch immer wieder gesagt, dass er keine Schuld hat.“
„Er glaubt es dennoch. Klären sie das bitte… dringend. Und auch eine bestimmte andere Sache sollte dringend geklärt werden.“, empfahl der Psychologe und fügte dann hinzu:
„Es ist ziemlich schwer hinter seine Fassade zu blicken, das weiß ich, aber sie dürfen ihm das auf keinen Fall durchgehen lassen.“
„Danke, ich werde es mir merken.“, erwiderte Maximilian, dann verabschiedete sich der Psychologe und Maximilian holte noch einmal tief Luft, ehe er das Zimmer, mit Nico, betrat.
*-*-*
Ich lag im Bett und war gerade wieder am Einschlafen, als sich die Tür öffnete und ich meine Augen wieder öffnete. Meinen Blick zur Tür gerichtet sah ich meinen Vater herein kommen und freute mich ihn zu sehen.
„Papa…“, mehr brachte ich nicht heraus, dann war mein Vater auch schon bei mir und nahm mich lieb in die Arme.
„Hey, mein Kleiner.“, begrüßte mich mein Vater ebenfalls und flüsterte:
„Was machst du denn für einen Unsinn, hm. Bitte, tu das nie wieder… ich habe mir wirklich große Sorgen um dich gemacht.“
Ich umarmte meinen Vater und weinte. Er tröstete mich und flüsterte:
„Ich kenne da noch jemanden, der sich auch große Sorgen um dich macht… ich hab ihn auch gleich mitgebracht.“
Mein Vater wand seinen Kopf etwas zur Seite und zeigte auf Nico, den ich nicht gleich gesehen hatte.
„Nico….“, flüsterte ich, als könnte ich es nicht glauben und als würde ein Engel vor mir stehen.
Meinen Blick senkend liefen die Tränen einfach so aus meinen Augen… ich konnte sie einfach nicht mehr aufhalten….
*-*-*
“Roy“, brach es zwischen Tränen aus mir heraus. Mehr brachte ich nicht zu Stande.
Dann ging ich auf Roy zu und umarmte ihn einfach. Hielt ihn fest. Ich hatte doch solch eine Angst um ihn gehabt. Dabei wusste ich nicht mal ob es ihm recht war, dass ich ihn umarmte. Aber der Wunsch war viel zu groß, so dass ich es einfach tat.
“Es tut mir alles so Leid“, sagte ich nach einer ganzen Weile.
“Bitte verzeih mir, dass ich so ein großes Geheimnis vor dir geheim gehalten habe. Es wird nie, nie wieder vorkommen. Das verspreche ich dir! Nur musst du mir verzeihen. Ich kann und will dich als besten Freund nicht verlieren. Nur weil ich schwul bin, bin ich doch kein anderer als vorher“, sagte ich zu Roy.
“Tu so was bitte nie wieder! Ich hatte solche Angst dich zu verlieren. Du bist mir doch so wichtig. Ohne dich will ich nicht sein. Auch wenn du meine Liebe nicht erwidern kannst, möchte ich trotzdem mit dir befreundet sein“, sprach ich weiter.
Dabei zitterte ich am ganzen Körper, solch eine Angst hatte ich. Doch war meine Stimme die ganze Zeit ganz ruhig, denn das letzte was ich wollte, war wieder mit ihm zu streiten.
*-*-*
So, als könnte ich gar nicht anders, umarmte ich meinen Freund nun auch und lehnte mich an ihn, während meine Tränen einfach weiter aus meinen Augen rannen. Ich klammerte mich schon fast an ihm fest. Es fühlte sich so schön an, von ihm gehalten zu werden.
„Nein, dir muss nichts Leid tun, ich habe dir nichts zu verzeihen… mir tut es leid… ich bin so ein… Idiot gewesen. Bitte, verzeih mir.“, flüsterte ich unter Tränen.
„Ich tu es nicht noch mal… versprochen… es tut mir so leid… verzeih mir… bitte. Ich hab dich doch total gern und ich will dich auch nicht verlieren.“, sagte ich leise… noch immer heftig schluchzend und konnte mich irgendwie so gar nicht beruhigen.
Hinzufügend flüsterte ich ihm sehr leise zu.
„Bitte, lass mich nie mehr los… bleib bei mir… bitte….“, dann sah ich ihm direkt in die Augen und stellte fest, dass er wunderschöne braune Augen hatte… das war mir vorher nie so aufgefallen.
Warum jetzt?
Maximilian hatte derweil das Zimmer wieder verlassen und wartete draußen, er wollte beiden ihre Zeit lassen, die sie brauchten und sich nicht einmischen.
*-*-*
“Roy, sag doch nicht so was“, antwortete ich sehr verlegen. Er wusste doch wie ich fühlte, warum musste er mich um so etwas bitten.
“Ich würde alles für dich tun, wirklich alles!“, sagte ich und hielt ihn einfach fest. Solange es ihm glücklich machte, würde ich meine Gefühle versuchen zurückzuhalten.
Liebevoll strich ich ihm über den Rücken, streichelte ihn sanft, fuhr mit meinen Fingern kleine Kreise wie auf einer Schlittschuhbahn.
Es war so wunderschön ihn in den Armen zu halten, seinen Duft einzuatmen, ihm nahe zu sein. Nie mehr wollte ich ihn loslassen. Am Liebsten für immer so verharren. Vielleicht konnte ich ihm ja ein bisschen von dem geben, was er bei den Mädels immer gesucht hatte. Auch wenn es mehr platonisch wäre, würde ich nehmen, was ich kriegen könnte.
Energisch sog ich seinen Geruch in mir auf, hielt ihn ganz fest an mich gedrückt, als wäre es das letzte Mal, dass ich ihn so halten dürfte. Schließlich wusste ich nicht, ob er es nochmal dulden würde. Also genoss ich es in vollen Zügen.
*-*-*
„Warum soll ich so etwas nicht sagen? Ich weiß, was du für mich fühlst und genau deshalb muss ich mal etwas los werden, glaub ich“, erwiderte ich, überlegte einen Moment, dann sprach ich leise weiter, allerdings ohne ihn loszulassen.
„Vielleicht bist du ja der fehlende Teil von mir. Ich mein, vielleicht habe ich mich deswegen den Mädel gegenüber so mies und gemein verhalten. Ich hatte nie eine richtige Beziehung zu ihnen… habe sie nur …na ja… benutzt und dann …fallen lassen. Ich… möchte… so gern… also… deine… Gefühle… erwidern… aber… ich weiß nicht ob ich… das kann… also… ich weiß nicht wie sich so was anfühlt.“, und begann nun richtig zu stottern, etwas das mir noch nie passiert war und mein Gesicht glühte förmlich.
Es fühlte sich so schön an, wie er mich hielt und mich streichelte, so dass ich mich ein wenig in seinen Armen entspannte. Mich dennoch ein wenig an ihm festkrallend… als hätte ich Angst er könnte einfach so verschwinden, flüsterte ich weiter.
„Bitte… zieh zu mir… bitte… ich… möchte deine Nähe… nicht mehr missen… bitte…“, flehte ich und sah ihm dann mit dicken Tränen in den Augen an.
Ich weiß wirklich nicht warum, aber ich wollte ihn für immer in meiner Nähe haben… ihn nicht mehr loslassen. Und nie wieder wollte ich mit ihm streiten… nie wieder. Es hatte mir doch so wahnsinnig weh getan.
In seiner Nähe fühlte ich etwas, dass ich so noch nie bei einem Mädchen gefühlt hatte… aber ich wusste einfach nicht was es sein konnte… Maximilian war derweil, da es im Zimmer sehr ruhig zuging, in die Cafeteria gegangen und gönnte sich nun einen Kaffee und ein Stück Kuchen.
Er machte sich jetzt erst mal keine Gedanken um die Beiden. Das was er mit seinem Sohn zu besprechen hatte, konnte er auch später noch tun.
*-*-*
Aufmerksam hörte ich Roy zu, konnte ihm auch folgen. Glaubte es aber kaum.
“Ist das dein Ernst?“, fragte ich etwas skeptisch, da ich damit nun so gar nicht gerechnet hatte.
Leicht drückte ich Roy von mir und sah ihn verwundert an. Hielt ihn jedoch an den Armen fest. Wollte ihn nicht ganz von mir stoßen, weil ich doch versprochen hatte ihn zu halten. Das alles kam mir wie ein Traum vor. Ein Alptraum der zu einem guten Traum wurde.
“Ja, ich ziehe zu dir, wenn du es möchtest. Wir versuchen es einfach, okay? Wenn du etwas nicht möchtest, sagst du es mir. Ja? Ich tue alles was du möchtest. Nur sei jetzt bitte nicht mehr traurig“, sagte ich zu Roy.
Dann wischte ich sanft seine Tränen mit den Fingern weg und nahm ihn wieder fest in meine Arme.
*-*-*
Ich nickte ihm zu.
„Ja, das ist mein ernst. Ich würde mich echt freuen, wenn du zu mir ziehst. Ich möchte dich immer in meiner Nähe haben… natürlich nur wenn du es auch willst.“, wobei ich mir den letzten Satz wahrscheinlich hätte sparen können, aber nun sah ich ihm aufrichtig in die Augen, um dem Ernst meiner Worte noch etwas Ausdruck zu verleihen.
Ich lächelte ihn an und konnte wieder nur einwilligend nicken:
„Ich… würde mich freuen, wenn wir es versuchen. Ich werde mich natürlich an vieles sicher erst… na ja… gewöhnen müssen.“, kicherte ich nun ein wenig und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre einen Mann zu küssen.
So etwas hatte ich ja noch nie getan. Dass es sicher etwas anders wäre, als bei einem Mädchen, war mir schon klar. Aber ich wollte es unbedingt versuchen und wenn wir viel miteinander redeten, würde es vielleicht wirklich eine… schöne Beziehung werden.
Wobei ich ja, von Beziehungen nun gar keinen Plan hatte. Nico sanft anlächelnd, hörte ich endlich auf zu weinen und sah ihm nun einfach nur noch in die Augen…
*-*-*
Es war so schön! Ich hatte meinen besten Freund nicht verloren. Er war immer noch da. Wenn es anders gekommen wäre, wär er doch nie wirklich mein Freund gewesen. Dann hätte er nie zu mir gestanden.
Die Tatsache, dass er vielleicht auch für mich Gefühle hatte, war ein schöner Bonus!
“Ich werde mich bei meinen Eltern outen und dann meine Sachen packen und zu euch ziehen. Vorausgesetzt dein Vater möchte das jetzt noch, denn ich habe ihm bereits alles erzählt… Genug mit meinem Versteckspiel! Von mir aus sollen es jetzt alle wissen. Auch in der Schule möchte ich es sagen“, erzählte ich Roy.
Dann machte ich eine kleine Pause und wurde etwas nachdenklich.
“Allerdings sollten wir das mit dem Beziehungsversuch noch keinem sagen, außer wenn du möchtest, vielleicht deinem Vater. Ich meine natürlich nur, bis wir uns sicher sind, was das zwischen uns wird“, fügte ich dann hinzu.
Am Liebsten hätte ich es der ganzen Welt erzählt – aus mir rausgeschrien. Aber dafür war es noch zu früh. Roy sollte sich erst mal erholen und sammeln.
Wir würden sicherlich eine Weile brauchen, bis wir das eine oder andere ausgetestet hätten. Selbst dann wäre es noch fraglich, ob er nicht doch lieber mit einem Mädchen zusammen wäre. Aber ich ließ es darauf ankommen und würde mich ins Zeug legen, um sein Herz zu erobern.
*-*-*
„Ehrlich… wirklich echt?!“, freute ich mich mit strahlenden Augen und sah ihn auch genauso an.
„Ja, meinem Papa möchte ich es erzählen. Ich weiß, dass er sehr tolerant ist und er sicher nichts dagegen hat. Außerdem, wenn mein Papa was dagegen hätte, nachdem du ihm alles erzählt hast, wärst du mit Sicherheit jetzt nicht hier… dann hätte er dich zum Teufel gejagt.
Glaub mir, ich kenne ihn genau. Wenn der sauer wird, ganz ehrlich, das willst du nicht erleben.“, erklärte ich Nico, ihm noch immer fest und direkt in die Augen sehend.
Ich freute mich, dass er sich nun endlich outen wollte und es mit der Geheimnistuerei endlich vorbei wäre. Obwohl ich mir noch nicht wirklich sicher war, ob ich es wollte… oder was ich überhaupt wollte, wagte ich es nun, denn meine Neugier war geweckt.
Jetzt wollte ich es wissen… So sah ich Nico in die Augen, nahm ihn lieb in die Arme, ließ mir noch einen Moment Zeit… dann… legte ich meine Lippen sanft auf die seinen und küsste ihn zärtlich, während ich die Augen schloss…
*-*-*
Nur zu gerne erwiderte ich den Blick, den Roy mir schenkte. Jedoch war ich etwas perplex, als er mich nun auch noch küsste. Sicher hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, doch war es auch mein allererster Kuss. Etwas unsicher küsste auch ich ihn und schloss ebenfalls meine Augen.
Seine Lippen waren so warm und weich. Ich genoss den Augenblick sehr und wollte, dass er nie mehr endete. Auch ich hielt ihn fest in den Armen und mochte ihn gar nicht mehr hergeben, so schön war dieser Moment.
*-*-*
Tatsächlich erwiderte Nico meinen Kuss und …wow… es fühlte sich absolut einzigartig an… so ganz anders… als ich es mit den Mädels erlebt hatte. Ich empfand diesen Augenblick als einen der Schönsten überhaupt.
Und so küsste ich ihn nun noch etwas mutiger… fast schon leidenschaftlich und bekam kaum noch genug von ihm, viel zu schön fühlte sich das hier an. Irgendwann endlich löste ich mich von ihm und sah ihm, mit leicht erröteten Wangen, in die Augen.
Dann beugte ich mich noch etwas zu ihm vor.
„Du küsst echt gut“, flüsterte ich ihm zu und streichelte ihn dabei sanft.
Maximilian hatte sein „Kaffeekränzchen“ beendet und war wieder zum Zimmer seines Sohnes gegangen. Leise hatte er die Tür geöffnet und sah kurz hinein, da es noch immer sehr ruhig da drin war.
Was er sah ließ ihn grinsen und er schloss die Tür leise wieder, um sich dann auf die Suche nach dem behandelnden Arzt zu machen.
*-*-*
Ich hatte den Kuss sehr genossen und musste grinsen, als ich Roys rote Wangen sah. Dann behauptete er doch tatsächlich, ich würde gut küssen.
“Muss wohl ein Naturtalent sein. Das war nämlich mein erster Kuss“, neckte ich ihn und zwickte ihn in die Seite.
“Aber mir hat es auch sehr gefallen“, gab ich kleinlaut zu. Denn in meiner Hose war es recht eng geworden.
Irgendwie kam ich mir gerade vor, wie ein Teenie. So leicht hatte mich Roys Kuss erregt, ja geradezu um den Verstand gebracht. Deshalb starrte ich auch die ganze Zeit auf seine Lippen und konnte an nichts anderes mehr denken. Es schmeckte definitiv nach mehr!
*-*-*
Kichernd beschwerte ich mich, als er mir in die Seite zwickte.
„Hey, lass das.“, und zwickte ihm dann ebenfalls, aber sehr verspielt, in die Seite und musste dann aber lachen.
„Ehrlich? Dir hat es auch gefallen?“, fragte ich unnötigerweise.
„Wie geil, ich durfte deinen ersten Kuss mit dir erleben… das sollten wir irgendwann feiern.“, meinte ich grinsend und sah ihm geheimnisvoll in die Augen.
Aber dann wurden wir gestört. Es klopfte an der Tür und herein kamen mein Vater und der Arzt. Zuerst sah ich Nico an, dann meinen Vater und den Doktor.
„Wie ich sehe, geht es ihnen besser.“, meinte der Arzt. „Ich werde sie dann heute entlassen, aber sie ruhen sich bitte zuhause noch etwas aus. Eine Schwester wird ihnen gleich die Entlassungspapiere bringen. Alles Gute, junger Mann.“, sprach der Arzt weiter.
Ich strahlte. Endlich durfte ich dieses blöde Krankenhaus verlassen. Dann verließ der Arzt das Zimmer und ich lächelte erst meinen Vater, dann Nico an.
„Na, dann zieh dich mal an, mein Sohn. Nico ist dir sicher gern dabei behilflich. Ich warte so lange draußen.“, scherzte mein Vater und grinste wissend.
„Papa…“, beschwerte ich mit leicht errötetem Gesicht, musste aber grinsen.
„Macht mal, ich warte draußen im Auto, ihr kommt dann raus.“, bestimmte er mit ruhiger Stimme und verließ dann das Zimmer.
Ich nickte nur, dann stand ich auf und suchte meine Sachen raus…
*-*-*
Als ich hörte, dass Roy nach Hause durfte, freute ich mich sehr darüber. Der Kommentar von Maximilian ließ auch mich rot werden im Gesicht. Ich sollte ihm beim anziehen helfen… Nun ja, er trug einen Krankenhauskittel, der ihm durchaus stand. Aber so konnte er unmöglich auf die Straße gehen.
“Ähm… also sexy ist das Teil ja schon, was du da anhast…“, grinste ich ihn neckend an.
Dabei musterte ich ihn genau. Schließlich ließ das Kleidungsstück einige nette Einblicke, wie zum Beispiel die Farbe seiner Unterhose. Aber seine Beine fand ich auch extrem nett anzuschauen.
“Brauchst du denn Hilfe“, wollte ich dann die Aussage seines Papas aufgreifen. Setzte dabei den Hundeblick auf und zog eine Schnute. Vielleicht hatte ich so mehr Glück und er würde ja sagen.
*-*-*
Danke Papa., dachte ich bei mir und mein Gesicht lief puterrot an. Dann sah ich Nico an, der einen Blick drauf hatte, mit dem er jedes Bambicasting sofort gewonnen hätte… so nickte ich etwas schüchtern, legte meine Sachen auf das Bett drauf und willigte ein.
„Ähm… ja… ich glaube, ich könnte schon deine Hilfe brauchen.“, antwortete ich kleinlaut, aber noch immer schüchtern, während ich versuchte seinen Augen… seinem Blick standzuhalten.
Ich ging freiwillig auf ihn zu, bis ich ganz nahe vor ihm stand…. bereit mir von ihm… „helfen“ zu lassen. Jedoch schwieg ich nun und sah Nico erwartungsvoll in die Augen.
*-*-*
Ja, er hatte tatsächlich ja gesagt. Meine Hände wurden ganz feucht und fingen an zu zittern, so nervös wurde ich auf einmal. Als Roy direkt vor mir stand, half ich ihm liebevoll aus dem Krankenhauskittel und sah ihm seit langem mal wieder halbnackt. Er hatte einen tollen Körper, von dem ich nicht genug bekam.
Schüchtern legte ich meine Hand auf seine Brust und gab ihm dann einen kurzen Kuss.
Dann suchte ich sein Oberteil heraus.
“Arme hoch!“
Ich stand auf und zog ihn das Oberteil über den Kopf, streifte dabei zärtlich seine Seiten und seinen Bauch. Anschließend holte ich seine langen roten Haare heraus, die sich noch unten drunter befanden.
Danach ging ich vor Roy auf die Knie und half ihm mit der Hose. Dabei musste ich kräftig schlucken, als ich sie langsam nach oben zog. Zu musste er sie selber machen, dafür war ich beim besten willen nicht mehr in der Lage.
Hier war es auf einmal so heiß drin, dass ich dringend Abkühlung bräuchte. Seine Jacke reichte ich ihm noch, bevor ich Richtung Tür ging. Meine Jacke hingegen zog ich etwas tiefer, damit Niemand meine innere Hitze sehen konnte, bis mein Körper sich wieder beruhigt hatte.
*-*-*
Oh je, wie hatte ich es genossen, mich von ihm ankleiden zu lassen, aber ich sah ihm dabei auch zu und spürte förmlich, wie heiß ihm dabei wurde. Wie sehr genoss ich es zudem als seine Hand meine Brust berührte. Ich erwiderte seinen Kuss und musste mich nun auch arg zusammennehmen.
Er machte es wirklich gut, doch als er vor mir auf die Knie ging um mir meine Hose anzuziehen, schluckte ich hart und mein Gesicht nahm eine ungesunde rötliche Färbung an. Nun musste ich aber sehr frech grinsen, als er sich nicht an den Reißverschluss meiner Hose traute.
So machte ich mir den Reißverschluss und den Kopf selbst zu… konnte ich ihn doch zu gut verstehen, zudem ich bei einem ganz kurzen Blick auf seine Hose, sah was los war und es ließ mich nun noch etwas frecher grinsen.
Dankend nahm ich meine Jacke von ihm entgegen und verließ dann auch das Zimmer. Kurz meldete ich mich im Schwesternzimmer, wo ich meine Entlassungspapiere bekam und dann mit Nico das Krankenhaus verließ.
Gemeinsam gingen wir zum Auto meines Vaters und stiegen hinten ein. Wissend grinste mein Vater, sparte sich aber jeden Kommentar und fuhr uns dann heim…
„Das nächste Mal darfst du mich ausziehen.“, flüsterte ich ihm leise ins Ohr und pikste ihm dann leicht in die Seite.
*-*-*
Bei dem Satz, den Roy mir ins Ohr flüsterte, wurde ich rot und musste beschämt zu Boden schauen.
“Wirklich?“, fragte ich leise zurück.
Da das in die Seite piksen mir keine wirkliche Sicherheit brachte. Am Liebsten hätte ich noch gefragt, wann denn das nächste Mal sein würde. Doch das wusste er sicherlich genauso wenig, wie ich.
Wir würden einfach alles auf uns zukommen lassen.
“Wenn es okay ist, würde ich dann doch gerne bei euch einziehen“, richtete ich dann mein Wort an Maximilian.
*-*-*
Mein Vater sah in den Rückspiegel.
„Natürlich ist es okay, dass du bei uns einziehst. Ich habe nichts dagegen“, erwiderte er und grinste dann in sich hinein.
Derweil musterte ich Nico schon mal so vorab und stellte mir vor, wie es wohl wäre… wenn wir… uns nicht nur küssen würden… wenn wir bis ans Äußerste gehen würden. Bei dem Gedanken schoss mir sogleich wieder die Röte ins Gesicht.
Zuhause angekommen, parkte mein Vater das Auto ein und ließ uns aussteigen, bevor er selbst ebenfalls ausstieg. Er wandte sich an mich.
„Dein Auto solltest du dann auch wieder mal …auftanken… du weißt warum und was ich meine. Und dann reden wir mal ernsthaft miteinander, okay“, kam es trocken von ihm.
Ich wusste was er meinte und antwortete schuldbewusst.
„Ja, Papa.“, und schluckte hart.
„Ich erwarte dich dann im Wohnzimmer.“, erwiderte er und ich hatte schon ein bisschen Angst vor dem was vielleicht kommen würde.
Aber erst mal nahm ich Nico bei der Hand und wollte das Haus betreten, als sich mein Vater noch an ihn wand.
„Nico, wenn du ein eigenes Zimmer möchtest, dann sagst du es bitte. Ich werde dir dann eines einrichten.“, dann ging er vor uns ins Haus.
Mit Nico an der Hand folgte ich ihm und schloss hinter uns die Tür. Dann brachte ich Nico erst mal hoch in mein Zimmer.
„Du kannst es dir ja hier gemütlich machen… ich werd dann mal ins Wohnzimmer zu Papa gehen.“
Ich lächelte ihn etwas an, dann verließ ich mein Zimmer und ging ins Wohnzimmer, wo ich auch schon auf meinen Vater traf.
„Papa, du wolltest mich sprechen?“
„Setz dich, bitte, Roy.“
Ich tat was er sagte und setzte mich auf die Couch, er selbst setzte sich in einen Sessel und sah mich ernst an.
„Roy, du hörst mir jetzt mal bitte zu! Das was du gestern getan hast, hat mich wirklich erschreckt. Ich hatte Angst um dich, denn ich wollte dich nicht auch noch verlieren. Ich verstehe zwar, warum du es getan hast, aber ich möchte von dir wissen …warum?“
Schuldbewusst sah ich meinen Vater an und er tat mir unendlich Leid.
„Ich… also…“, begann ich zu stottern, wusste aber nicht so recht, was ich antworten sollte.
„Schon gut… du wirst mir jetzt keine Antwort geben können, aber ich möchte, dass du mir jetzt zuhörst: Du hast keine Schuld am Tod deiner Mutter. Deine Mutter hatte eine Impfung bekommen, die sich nicht vertragen hat… auf die sie allergisch reagiert hat, deshalb ist sie gestorben. Für sie kam jede Hilfe zu spät. Mir tut es nur leid, dass du sie finden musstest. Wir hätten das alles nicht verdrängen dürfen. Ich hätte mich besser um dich kümmern und alles mit dir zusammen aufarbeiten müssen. Das werden wir nachholen, okay. Wir werden über deine Mutter reden, so lange du möchtest. Es wird uns beiden noch einmal weh tun, aber vielleicht hilft es uns ja auch. Und was die Sache mit Nico angeht. Du hättest einfach nicht davonlaufen dürfen und hättest mit ihm reden müssen… nicht streiten. Wie steht du jetzt eigentlich zu ihm, hm?“
Ich hatte meinem Vater genau zugehört und nun liefen mir wieder Tränen an meinem Gesicht herab.
Das Thema „meine Mutter“ belastete mich sehr.
„Okay, wir können ja mal über Mama reden. Aber bitte… nicht jetzt.“, bat ich meinen Vater, „also… ähm… Nico… also… ich… wir haben beschlossen es miteinander zu versuchen. Ich möchte gern seine Gefühle, die er für mich hat, erwidern.“
„Ja, das habe ich gesehen. Ich habe gesehen, dass ihr euch vorhin geküsst habt und ich denke, dass du auf einem guten Weg bist. Lass dir Zeit, lerne ihn besser kennen. Denn es ist schon was anderes, ob man nur befreundet oder …richtig zusammen ist. Du wirst ihn jetzt noch einmal richtig kennen lernen müssen… genau, wie er dich jetzt erst mal wieder richtig kennen lernen muss. Lasst euch Zeit… und wenn ich irgendwas für euch tun kann, dann sagst es, hörst du.“
„Ja, Papa, ich habe dich verstanden. Danke.“
„Ist schon gut. Ich möchte für euch da sein, so gut ich kann.“, bot mein Vater mir an, dann stand er auf und nahm mich ganz lieb in die Arme.
Sanft drückte er mich an sich und streichelte meinen Rücken. Nur allzu gern lehnte ich mich an ihn. Seine Nähe und Güte taten mir verdammt gut…
*-*-*
Roy hatte mich nach oben in sein Zimmer gebracht, wo ich nun ungeduldig auf ihn wartete. Wie immer lag ich auf seinem Bett und hatte mir ein wenig Musik angemacht. Wie zu Hause fühlte ich mich hier schon so lange.
Derweil dachte ich darüber nach, ob ich ein eigenes Zimmer haben wollte. Der Gedanke war nicht verkehrt. Wenn ich mich mal zurückziehen wollte, konnte ich das da tun und meine ganzen Sachen hatten bei Roy gar keinen Platz.
Maximilian war so was von nett. Er hatte es alles als selbstverständlich aufgenommen. Wie würden meine Eltern wohl reagieren. Den Kopf abreißen konnten sie mir ja nun nicht. Ich war volljährig und alt genug selbst meine Entscheidungen zu treffen. Selbst wenn ich jünger wäre, müssten sie es akzeptieren. Was sollten sie denn auch schlimmsten Falls tun?
Meine Angst war wie weggeblasen, da ich verbündetet hatte, die hinter mir standen: Roy und sein Papa.
*-*-*
Nachdem wir nun alles geklärt hatten, lösten wir uns voneinander und lächelten uns gegenseitig an.
„Na, dann ab nach oben mit dir, zu Nico. Ach ja, und frage ihn bitte, wegen des eigenen Zimmers, ja.“
„Ist okay, Papa. Mach ich. Danke… dass er hier wohnen darf.“
„Du musst mir nicht danken, Roy. Er ist ein lieber junger Mann, ich mag ihn und wenn er dir gut tut und du ihn… liebst… was ja offensichtlich ist, dann ist es vollkommen okay, dass er hier bleibt.“
„Papa! Woher weißt… ähm… ich mein… trotzdem danke.“
„Woher ich das weiß. Ich kenne dich zu lange und zu genau… ich sehe es dir an. Deine Augen beginnen sofort zu strahlen, wenn auch nur sein Name fällt. Mir machst du nichts vor. Und jetzt ab mit dir, lass ihn nicht so lange warten.“
„Ich bin schon weg.“, freute ich mich und rannte nach oben in mein Zimmer und stürmte hinein.
Leicht außer Atem ließ ich mich in meinem Zimmer auf den Boden fallen und grinste Nico an.
„So… alles okay…. und bei dir auch alles okay? Ach ja, ich soll dich von Papa fragen ob du nun ein eigenes Zimmer möchtest, oder nicht.“, plapperte ich munter drauf los und grinste Nico an.
*-*-*
Ich zuckte etwas zusammen, als Nico ins Zimmer stürmte, da ich total in Gedanken war.
“Bei mir ist alles okay, obwohl es mir noch besser gehen würde, wenn du nicht auf dem harten Boden, sondern bei mir sitzen würdest“, sagte ich und zwinkerte ihm zu.
“Na ja und ich mache mir ein bisschen Gedanken, wie wohl meine Eltern reagieren werden…
Wenn es für dich okay ist, würde ich schon gerne auch ein eigenes Zimmer haben. Erst Mal wegen meinen ganzen Kram, der hat hier ja wohl kaum Platz und dann wenn ich mich vielleicht mal zurückziehen möchte, habe ich einen Rückzugspunkt“, antwortete ich Roy.
Dann klopfte ich demonstrativ neben mir aufs Bett und grinste ihn an.
*-*-*
„Klar, ist es okay für mich, das du ein eigenes Zimmer für dich haben magst.“, erwiderte ich, stand dann auf und ging auf mein Bett zu, auf dem Nico saß.
Ich setzte mich neben ihn und machte es mir ein wenig gemütlich, doch schaute ich ihn nun wieder sehr schüchtern an und doch konnte ich seinem Blick nicht widerstehen.
Er hatte einfach etwas an sich, das mich magisch anzog und mich nicht mehr los ließ.

Schließlich griff ich das Thema über seine Eltern auf.

„Hey, wegen deiner Eltern, mach dir mal keine Sorgen, wenn du magst kommen wir mit und werden deine Eltern schon überzeugen“, bot ich ihm an.
Dann grinste ich und begann ihn in die Seite zu kitzeln, wobei ich ihn anlachte und ihn weiter kitzelte.
*-*-*
“Das wäre lieb von euch, denn irgendwie muss ich meine ganzen Sache auch hierher bekommen“, antwortete ich Roy.
“Hey, nicht kitzeln“, lachte ich, als er anfing an mir herumzufummeln.
Das war mehr als gemein, wo ich doch so empfindlich war.
“Lass das!“, beschwerte ich mich unter Lachen.
“Du bekommst auch einen Kuss“, versuchte ich ihn zu bestechen.
Es war süß, dass er mich versuchte aufzumuntern und ich hatte nichts dagegen ihm nahe zu sein. Ganz im Gegenteil.
*-*-*
Ein wenig kitzelte ich ihn noch, dann hörte ich auf und sah ihn an.
„Sag mal, ist es denn viel, was du mitnehmen willst? Ich mein, brauchen wir ein großes Auto, so wegen Möbel und so?“, fragte ich ihn, dann plapperte ich einfach weiter munter drauf los:
„Na klar, helfen wir dir… ist doch selbstverständlich. Außerdem hat mein Papa gesagt, dass er dich mag, also helfen wir dir auch und ich… möchte dich gern für immer in meiner Nähe haben.“
Ich merkte gar nicht, dass ich wie ein Wasserfall redete und redete, bis mir dann beinahe etwas raus gerutscht wäre, ich nun aber zu stottern begann:
„Und dann… und außerdem… na ja, glaub ich… hab ich… mich… auch… na ja… also… in dich… verliebt“, dann schwieg ich, senkte meinen Blick und spürte wie mein Gesicht puterrot anlief.
Herrje, wie sich das jetzt angehört hatte… und seit wann stotterte ich eigentlich?! Ob er mich jetzt auslachen würde, weil ich gestottert hatte? Nun wagte ich es nicht mehr ihm in die Augen zu schauen und sah stattdessen lieber auf die Bettdecke.
*-*-*
“Also wie ich deinen Papa kenne, brauche ich keine Möbel. Die sind sowieso schon ziemlich hinüber. Also würde auch sicherlich dein Auto reichen“, grinste ich ihn wissend an.
Dann wollte ich ihm gerade sagen, dass ich ihn auch gerne für immer in meiner Nähe haben wollte. Doch auf einmal sagte er etwas, was mich total verwirrte. Er hatte doch Gefühle für mich! Es machte mich so glücklich, dass ich am liebsten einen Luftsprung gemacht hätte.
Ich konnte mich ja unmöglich verhört haben und die Tatsache, wie er es gesagt hatte, zeigte mir, dass es ihm schwer viel. Liebevoll hob ich sein Gesicht am Kinn an, so dass er gezwungen war mir in die Augen zu schauen. Dann lächelte ich ihn liebevoll an und legte meine Lippen zärtlich auf die seinen.
Dieser Kuss war ganz anders, als die vorigen. Er schmeckte viel süßer und war sehr viel intensiver.
Zaghaft drückte ich ihn nach hinten in die Kissen, hörte aber nicht auf ihn zu küssen.
*-*-*
Meine Ängste waren unbegründet gewesen, denn er hatte mich nicht ausgelacht. Okay, das hätte mir eigentlich auch klar sein müssen… warum sollte er auch. Offensichtlich hatte er meine Worte trotz allem verstanden und seiner Reaktion nach freute er sich über mein, wenn auch gestottertes, Geständnis.
Mein Herz begann heftig zu schlagen, als er mich „zwang“ ihm nun doch in die Augen zu sehen, was meine, schon so roten, Wangen mit noch etwas mehr Gesichtsröte quittierten. Seinen zärtlichen Kuss erwiderte ich nur allzu gern, jedoch schloss ich meine Augen genießend. Sein Kuss war süßer als die Sünde selbst… süßer sogar, als alles was man auf Erden oder im Himmel kannte.
Nie zuvor hatte ich etwas Ähnliches erlebt… gefühlt… Schließlich spürte ich, wie er mich sacht, nach hinten, in die Kissen drückte und mich weiter küsste. Meine Augen nun wieder öffnend sah ich Nico erwartungsvoll an, während ich seine sanften… so unglaublich zärtlichen Küsse weiterhin erwiderte.
Etwas unsicher begann ich meine Hände über seinen Körper auf Wanderschaft zu schicken und diesen zu erkunden und ihn liebevoll zu streicheln. Es fühlte sich, für mich, erst mal sehr seltsam an, einen männlichen Körper zu streicheln… zudem es ja der Körper meines „eigentlich“ besten Freundes war, den ich da streichelte und erkundete.
Aber es fühlte sich toll an, so ganz anders als ein Mädchen… so einmalig… so rein… so absolut unschuldig. Nico hatte einen wirklich tollen Körper… zumindest soweit ich ihn erfühlen konnte. Jedes weitere Wort war nun erst mal überflüssig geworden…
*-*-*
Eigentlich hatte ich vor, es bei einem schönen Kuss zu belassen, aber Roy machte mich wahnsinnig mit seinem Streicheln. Ein unkontrolliertes Stöhnen kam aus mir heraus, als seine Hände mich abtasteten. Aber ich ließ ihn machen, denn es fühlte sich sehr schön an.
Jetzt hatte ich auch den Mut, meine Hand über seinen Oberkörper gleiten zu lassen. Ehe ich mich versah, hatte sie wie von allein den Weg unter Roys Pulli gefunden und berührte zaghaft seinen Bauch.
Er war so warm und weich. Zögernd zog ich kleine Kreise mit dem Finger auf Roys Haut. Unterdessen hatten meine Lippen sich mit seinen regelrecht verkettet. Meine Zunge war mutig geworden und hatte sich einen Weg in Roys Mundhöhle gesucht. Dort ging sie auf Wanderschaft und begann einen Kampf mit Roys Zunge.
*-*-*
Ihn weiter streichelnd spürte ich, wie seine Hände ebenfalls auf Wanderschaft, über meinen Körper gingen. Sein Stöhnen war für mich die schönste „Melodie“, die ich seit langem zu hören bekommen hatte. Ich machte es also richtig… gut zu wissen.
Aber nun konnte ich mir ein leises Seufzen nicht so wirklich verkneifen, als er seine Hände unter meinen Pullover gleiten ließ und meine Haut direkt zu streicheln begann. Herrje, wie sehr ich es genoss, so von ihm berührt und gestreichelt zu werden.
Ganz langsam ließ ich nun meine Hände auch unter seinen Pullover gleiten und begann auch seine Haut direkt zu streicheln und mit meinen Händen zu liebkosen. Es war, als würde ich meinen „besten Freund“ tatsächlich erst kennen lernen…. richtig kennen lernen. Es war ein sehr schönes Gefühl, das ich in vollen Zügen genoss.
An seine Zunge in meinem Mund, die mit meiner Zunge einen leidenschaftlichen Kampf vollführte, musste ich mich allerdings erst noch gewöhnen. Denn so etwas hatte ich selbst mit einem Mädchen noch nie getan. Aber ich ließ es zu und machte mit, so gut ich konnte. Auch daran würde ich mich wohl, mit der Zeit, gewöhnen.
*-*-*
Weiter als bis an Roys Bauch traute ich mich aber noch nicht so wirklich. Ein bisschen streichelte ich ihn noch, bevor meine Hände würde seinen Pulli gingen. Mein Kuss wurde allmählich langsamer und ich löste mich von Roys Lippen, mit einem kleinen Seufzen. Es war so wunderschön gewesen. Ich hatte es mir nicht mal in meinen Träumen so ausgemalt.
Dann legte ich meinen Kopf auf seine Brust und schloss für einen Moment die Augen. Nach einer Weile gingen mir jedoch viele Sachen durch den Kopf.
“Wann darfst du eigentlich wieder zur Schule? Sicherlich noch nicht morgen, oder? Ich würde mich nämlich gerne dann einfach krank schreiben und dich ein wenig pflegen, wenn ich darf. Weil ich dich schon gerne dabei hätte, wenn ich mich in der Schule vor den anderen oute. Natürlich kümmere ich mich auch darum, dass wir dann die Hausaufgaben bekommen.“
Mir ging noch viel mehr durch den Kopf und ich wollte eins nach dem anderen in Ruhe mit Roy besprechen. Meinen Kopf hatte ich immer noch auf seiner Brust liegen, jedoch war mein Gesicht ihm jetzt höflich zugewandt, wo wir miteinander sprachen.
*-*-*
Trotzdem es sehr schön war, von ihm gestreichelt zu werden, war ich doch froh, dass er noch nicht weiter gegangen war. Ich wusste einfach nicht, ob ich wirklich schon soweit war, um mit ihm … na ja…. Sex zu haben.
Ich hatte zwar schon so gewisse Gefühle für ihn, die es auch in meinem Bauch heftig kribbeln ließen, aber mit dem Sex mit ihm wollte ich doch noch warten. Schließlich spürte ich seinen Kopf auf meiner Brust und ich legte meine Arme um seinen Oberkörper, den ich sanft streichelte.
Sein Gespräch aufnehmend, erwiderte ich, ihn ebenfalls anschauend.
„Nein, morgen darf ich noch nicht wieder in die Schule. Auf dem Zettel stand, dass ich auch noch nächste Woche krankgeschrieben bin.“
Nun musste ich grinsen, als er meinte, dass er mich gern pflegen würde.
„Natürlich darfst du mich… gesund pflegen.“ und musste nun echt lachen… aber es war ein liebevolles Lachen.
„Hey, dann können wir uns doch… gemeinsam outen, wenn ich wieder gesund bin.“, fügte ich hin zu und meinte dann aber sehr ernst, „ja, Hausaufgaben sind sehr wichtig… ich will nicht zu viel verpassen.“, wobei ich Nico dann lieb in die Augen sah…
Da es schon langsam dunkel wurde, bereitete Maximilian schon mal das Abendessen zu und hoffte, dass die Beiden auch Hunger hatten… und nicht allzu beschäftigt wären…
*-*-*
“Cool, diese und nächste Woche auch noch“, freute ich mich wie ein kleines Kind.
“Das wäre schön, wenn wir uns beide outen, dann bin ich nicht so alleine damit“, fuhr ich fort und sagte anschließend: “Ich werde mich gleich morgen um die Hausaufgaben kümmern, dass die uns jemand vorbeibringt.“
Den Rest des heutigen Tages wollte ich jetzt mit Roy genießen.
“Wann wollen wir denn meinen Umzug planen? Du solltest dich ja erst mal ausruhen. Dann werde ich heute wie gewohnt nach Hause und wir schauen mal, wie es dir die Tage geht. Vielleicht können wir es ja noch in den zwei Wochen irgendwie erledigen“, sagte ich dann zu Roy.
Dabei fing ich an mit einer seiner Haarsträhnen zu spielen und sie immer wieder um meinen Finger zu wickeln.
*-*-*
Genießend spürte ich, dass Nico mit meinen Haaren spielte.
„Hey, du weißt doch ganz genau, dass ich dich niemals im Stich lassen würde und werde. Klar, muss ich mich jetzt auch erst mal dran gewöhnen, dass ich das gleiche Geschlecht bevorzuge, aber ich stehe dazu und damit auch zu… dir.“
Ein wenig überlegte ich noch, als er den Umzug ansprach.
„Bitte, können wir das nicht heute noch erledigen, dann sind wir doch beide nicht mehr allein. Bitte. Sieh mal und so schlecht geht es mir ja nicht… zumindest nicht körperlich… warum ich noch krankgeschrieben bin, ist wegen meiner …psychischen Verfassung. Bitte, zieh heute schon zu mir… bitte… Und mein Papa hilft uns doch. Bitte, sag nicht nein…“
Flehend sah ich Nico in die Augen, während ich ihn sanft an der Wange streichelte.
*-*-*
Es war zu süß, wie Roy mich anflehte direkt zu ihnen zu ziehen. Wie konnte ich da widerstehen.
“Wir sollten erst mal deinen Papa fragen“, schlug ich vor und erhob mich auch direkt, “Außerdem krieg ich langsam Hunger. Es gibt doch bestimmt gleich essen, oder? Dann können wir das ja mit ihm besprechen. Um ehrlich zu sein, würde es mir schon schwer fallen, einfach nach Hause zu gehen und dich hier zurückzulassen.“
Noch einmal küsste ich ihn sanft und nahm ihn dann an die Hand, damit wir runtergehen konnten.
*-*-*
Ich erwiderte seinen Kuss und erhob mich dann ebenfalls.
„Okay, gehen wir runter, ist eh Zeit zum Essen und wie ich Papa kenne, hat der schon alles fertig und wartet nur auf uns.“, meinte ich grinsend.
Dann ging ich mit meinem Schatz… Moment… Schatz? Echt, war ich schon soweit, dass ich so dachte…? So war es wohl und irgendwie gefiel es mir. In der Küche angekommen betrat auch mein Vater soeben die Küche und grinste uns an.
„Na, ihr Beiden… habt ihr Hunger?“
Ich nickte und setzte mich auf den Stuhl, am Fenster. Bevor ich zu essen begann, fragte ich meinen Vater sogleich.
„Papa? Bitte, kann Nico heute schon hier einziehen… und können wir ihm dabei helfen… bitte…“, dabei sah ich ihn mit einem Blick an, der jedes Bambicasting sofort gewonnen hätte… ich wusste, dass er dann nicht widerstehen konnte und… ja ….sagen würde.
Lächelnd sah er mich an.
„Du weißt ganz genau, wie du mich herumkriegst, hm. Okay, wenn Nico das auch will, dann ziehen wir das heute noch durch. Du liebst ihn wohl sehr, hm.“, kam es dann von meinem Vater und ließ mich stark erröten.
Aber ich nickte bejahend, ihm weiter in die Augen sehend… richtete dann aber meinen Blick zu Nico.
*-*-*
Es fühlte sich so toll an, wie Maximilian die ganze Sache aufnahm. Ich hoffte so sehr, dass auch meine Eltern so viel Verständnis zeigen würden. Ich erwiderte Roys Blick mit einem Lächeln und setzte mich neben ihn. Legte meine Hand auf die seine, als wolle ich sagen: Du bist meiner.
“Ja, ich möchte es so schnell es geht, hinter mich bringen!“, versicherte ich.
Dann bediente ich mich beim Abendbrot, was mal wieder sehr köstlich aussah. Schließlich machte Knutschen hungrig und grinste Roy dabei an.
*-*-*
Mit strahlenden Augen sah ich meinen Papa und auch Nico an und freute mich so sehr, dass ich kaum essen konnte, aber doch ein bisschen was zu mir nahm.
Mein Vater nickte.
„Ach ja, Nico, was ist, willst du nun ein eigenes Zimmer oder nicht? Dann würde ich es, nach dem Abendessen, für dich vorbereiten und dann holen wir deine Sachen.“
Ich verstand die Hand von Nico auf der meinen und nickte ihm zustimmend zu… Ich bin dein und du bist mein., dachte ich und lächelte ihn voller Liebe an.
*-*-*
“Ja, es wäre schön, wenn ich auch ein eigenes Zimmer bekommen könnte“, kam es etwas schüchtern von mir. Schließlich bot Maximilian mir hier so viel an und ich konnte ihm gar nichts dafür geben. Lag ihn sogar regelrecht auf der Tasche, was mir ein wenig unangenehm war.
“Wir könnten ja gleich schon mal vorgehen zu mir. Ich muss ja noch mit meinen Eltern reden und meine Sachen noch packen“, sagte ich während des Essens.
Maximilian konnte ja nachkommen, sobald er soweit wäre.
*-*-*
Ich hielt mich erst mal aus dem Gespräch heraus und aß ganz in Ruhe mein Essen.
„Sicher bekommst du dein Zimmer, so kannst du dich auch mal zurückziehen, falls dir was zu viel wird. Ich finde deine Entscheidung gut und richtig.“, dann aß auch er etwas und sprach weiter, nachdem er den Bissen herunter geschluckt hatte:
„Okay, ihr geht dann vor und ich komme mit dem Auto nach.“
„Machen wir, Papa.“, mischte ich mich, mit vollem Mund ein und erntete dafür einen gespielt bösen Blick von meinem Vater.
„Roy, hast du noch immer nicht gelernt, dass man nicht mit vollem Mund spricht?!“
Ich sah meinen Vater mit schuldbewusstem aber auch unschuldigem Blick an, schluckte den Bissen hinunter.
„Entschuldigung, Papa“, sagte ich leise, dann senkte ich meinen Blick, schwieg und aß weiter, während mein Vater am Grinsen war.
*-*-*
Nach dem Essen machten wir uns auf dem Weg zu meinen Eltern. Ich war so nervös, dass ich den ganzen Weg über nichts zu Roy sagte. Meine Hände schwitzen und ich wischte sie ständig an meiner Hose ab.
Dann hatten wir endlich das Haus erreicht und ich schloss die Tür auf. Meine Eltern hörte man direkt. Sie schienen in der Küche zu sein und stritten lautstark. Noch einmal holte ich tief Luft, bevor ich die Küchentür öffnete. Sofort wurde es still im Raum, als wir in die Küche gingen.
“Oh, welch seltener Besuch“, lächelte meine Mutter verlegen. Die meiste Zeit war ich bei Roy und er selten hier, weshalb meine Mutter sich freute ihn zu sehen. Mein Vater hingegen nickte Roy nur zu und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Es war leider schon zur Gewohnheit bei ihm geworden.
“Mum, Dad, ich muss euch etwas sagen“, begann ich.
“Erstens, möchte ich euch sagen, dass ich ausziehen werde. Mein Entschluss steht fest, dass ich zu Roy und seinen Vater ziehen werde.“
Meine Mutter schaute mich erstaunt an und kam direkt auf mich zu. Sie wollte mich umarmen, aber ich wimmelte sie ab.
“Ich bin noch nicht fertig!“, sagte ich eiskalt.
“Aber mein Junge“, kam es gespielt kränklich von ihr.
“Mein Junge? Dein Junge bin ich schon lange nicht mehr! Es geht hier doch alles drunter und drüber. Ihr solltet euch mal sehen. Wie ihr euch gehen lasst“, fuhr ich sie an und schüttelte mit den Kopf.
“Zweitens, solltet ihr euch scheiden lassen. Es hat kein Hand und kein Fuß mehr, was hier vor sich geht. Deshalb will ich hier auch so schnell es geht weg. Heute werde ich noch meine Sachen packen.“
Meine Mutter schlug die Hände vors Gesicht und quetschte eine Träne raus. Mein Vater hingegen stand gegen die Küche gelehnt und trank sein Bier. Er zuckte nicht mal mit der Wimper, schaute mich aber direkt an.
“Und drittens?“, fragte er wütend.
Als könnte es mir Kraft geben, nahm ich Roys Hand und hielt sie ganz fest.
“Drittens… Ich bin schwul und mit Roy zusammen“, platzte es aus mir raus und kaum hatte ich es ausgesprochen, fing meine Mutter an zu weinen und mein Vater brach in schallendes Gelächter aus.
“Ich habe es gewusst! Du hast unseren Sohn zur Schwuchtel gemacht“, lachte mein Vater und sprach damit meine Mutter an.
Die war außer sich.
“Ich? Was habe ich denn damit zu tun?“
Der Streit, der vorher wütete, entfachte regelrecht neu und tobte wie ein Wirbelsturm. Nur hatten sie ein neues besseres Thema gefunden. Es brachte erst mal nichts mit ihnen weiter zu reden. Ich war jedoch froh, dass die Last von meinen Schulter gefallen war.
Roy an der Hand mitziehend, ging ich nach oben. Dort suchte ich alles was ich an Taschen hatte heraus und holte noch einen großen Karton vom Dachboden. Dann begann ich alles, was ich mitnehmen wollte einzupacken. War jedoch mit den Gedanken unten.
*-*-*
Au man, na hier ging es ja ab. Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, wie gut ich es bei meinem Vater hatte und wie notwendig es war, dass Nico gleich zu mir zog. Aus den Gesprächen hielt ich mich raus, hatte den Eltern zur Begrüßung auch nur zugenickt…. armer Nico… was hatte er all die Jahre erdulden müssen…
In seinem Zimmer angekommen, half ich ihm beim Einpacken seiner Sachen. Zwischendurch, sah ich zu ihm und ging auf ihn zu.
„Hey, mach dir keinen Kopf. Wir sind für dich da und helfen dir, wenn du Hilfe brauchst. Ich bin froh, dass wir dich hier raus holen.“, dann küsste ihn kurz aber sanft.
Die Reaktion seiner Eltern konnte ich nicht verstehen und auch nicht nachvollziehen. Mich ärgerte solch ein Verhalten sehr. Dann hörte ich es an der Tür klingeln und wusste, dass es mein Papa war…
Maximilian hatte inzwischen Nicos Zimmer gemütlich hergerichtet und auch das Bett frisch bezogen. Alles andere konnte Nico sich ja dann selbst einrichten, wie er es haben wollte. Dann machte er sich auf den Weg zu Nicos Eltern, parkte seinen Wagen, stieg aus und ging dann zur Wohnung der Eltern.
Er klingelte und wartete, dass ihm aufgemacht wurde….
*-*-*
“Das mein Vater total dagegen ist, konnte ich mir denken. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht sicher, was da noch kommt. Wir werden sehen…“, sagte ich zu Roy und schaute ihn an, als es klingelte.
Direkt ging ich zu meiner Zimmertür und öffnete sie, um die Treppe zur Eingangstür hinunterzuschauen. Meine Mutter öffnete, noch leicht schluchzend Maximilian die Tür.
“Guten Abend Herr Youngster“, begrüßte sie ihn, “sie nehmen also unseren Sohn bei sich auf? Ich weiß natürlich, dass das hier kein Zustand für ihn ist.“
Von hinten hörte man meinen Vater brüllen.
“Der Junge bleibt hier! Dass werden wir ihn noch austreiben. Von wegen schwul…“
Meine Mutter schien es sichtlich unangenehm zu sein, da mein Vater schon angetrunken war.
“Tut mir Leid“, lächelte sie, „er hat heute seinen Job verloren und dann jetzt noch das alles hier. Das war etwas zu viel für ihn. Vielleicht sollte Nico erst mal hier bleiben und wir überdenken das Ganze noch einmal. Sicherlich ist es nur ein Phase.“
“Es ist keine Phase!“, schrie ich von oben, als ich das hörte, da es mich total sauer machte.
“Mutter, du weißt doch gar nicht was ich all die Jahre durchgemacht habe. Ich dachte mit sechzehn auch, es ist nur eine Phase, das geht vorbei. Jetzt werde ich bald neunzehn und ich stehe immer noch auf Männer.“
Entgeistert schaute mich meine Mutter an.
“Wir sollten trotzdem nochmal über alles in Ruhe reden“, lächelte sie wieder ziemlich gespielt zu mir hoch.
“Das können wir ja gerne die Tage machen, wenn ich auf einen Kaffee vorbeikomme. Jetzt packe ich meine Sachen und ziehe aus. Ich bin volljährig und kann machen was ich will. Muss mich nicht beugen und das tun was ihr wollt.“
Dann wandert mein Blick zu Maximilian, dem ich so dankbar war, wie toll er das Ganze aufgenommen hatte.
*-*-*
„Ich wünsche ihnen auch einen guten Abend. Aber ich denke, dass ihr Sohn schon ganz gut allein entscheiden kann was er möchte und was nicht. Er ist alt genug. Bitte respektieren sie das.“, antwortete mein Vater und ich bewunderte ihn, wie cool er blieb und sich nicht provozieren ließ.
So war er eben… er war der liebste und beste Dad der ganzen Welt. Ich liebte ihn, als Vater einfach nur unglaublich.
Auf die Worte des Vater und der Mutter gab er eh nicht viel. Er wartete, dass Nico und ich fertig waren und los konnten.
Natürlich tat die Frau ihm leid, aber da musste sie durch.
„Ich glaube auch nicht, dass es nur eine Phase ist. Es ist ganz normal, dass sich Nico in Roy verliebt hat und es ist okay. Wichtig finde ich nur, dass beide glücklich sind. Oder bedeutet ihnen das Glück ihres Sohnes gar nichts?
Wissen sie, ich hätte irgendwann vielleicht auch gern Enkelkinder gehabt, aber wenn mein Sohn Roy mit Nico glücklich ist, dann bin ich es auch. Sie sollten die Entscheidung ihres Sohnes einfach akzeptieren. Darüber gibt es nichts zu reden und nachzudenken. Und wie Nico richtig bemerkt hat, ist er volljährig und kann lassen und tun, was er möchte.“
Damit war nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater gemeint. Sein Gesichtsausdruck ließ keinen Widerspruch zu, als er die Mutter und auch den Vater durchdringend ansah. Er war froh, dass Nico ab heute bei ihnen wohnen würde. Damit war für ihn das Thema erledigt und er wartete jetzt nur noch auf Nico und Roy.
*-*-*
Ich war so stolz, dass Maximilian hinter uns stand und so eine Ansprache hielt. Meine Mutter traute sich nichts mehr zu sagen und mein Vater holte sich erneut ein Bier aus der Küche.

Schnell ging ich wieder ins Zimmer und packte die letzte Sachen zusammen. Noch einmal schaute ich mich um und vergewisserte mich, dass ich auch wirklich alles hatte. Denn sicher war ich mir nicht, ob ich nochmal herkommen wollte. Dann nahm ich den großen Karton, nickte Roy zu und ging nach unten.
Meine Mutter war wieder am weinen, als ich runter kam und den Karton Maximilian in die Hände drückte. Jedoch ignorierte ich sie und ging noch einmal hoch. Während Roy mir mit Sachen entgegenkam, holte ich nun die letzte Tasche aus meinem Zimmer. Viel hatte ich ja nicht, so ging es schneller.
Dann ging ich runter und wollte zur Tür raus gehen, als meine Mutter mich am Arm festhielt.
“Du gehst jetzt aber nicht für immer, oder?“, schluchzte sie.
“Ich schlage vor, wir lassen das alles hier erst mal in Ruhe sacken und dann meldest du dich einfach die Tage bei mir, wenn wir noch einmal über alles reden sollen. Aber nur, wenn du deine Meinung geändert hast. Denn ich bin und bleibe schwul! Da kannst du machen was du willst“, sagte ich im ernsten Ton und schaute meiner Mutter direkt in die Augen.
“Und jetzt wäre ich dir dankbar, wenn du mich loslassen könntest. Wir wollen nämlich jetzt los. Es ist schon spät und einen Teil einräumen wollte ich auch noch“, fuhr ich fort und schüttelte dabei meinen Arm, den meine Mutter immer noch festhielt.
Sie nickte dann aber einwilligend, ließ mich los und ich hörte meinen Vater noch irgendwas von hinten rufen, was ich aber nicht verstand. Denn schon war ich bei Maximilian und Roy beim Auto.
*-*-*
Wow, so hatte ich meinen Vater aber noch nie erlebt. Er konnte ja richtig ernst sein… wie sehr ich ihn doch bewunderte… vermag ich nicht in Worte zu fassen. Ich half Nico noch die Taschen zum Auto zu bringen und mein Papa verstaute dann alles in seinem Auto.
Anschließend stiegen wir ein und mein Papa fuhr mit uns nach Hause… und somit einer glücklichen Zukunft entgegen. Ich freute mich einen Kullerkeks, dass alles so gut abgelaufen war und wir endlich zusammen waren und wohnten, dass mir direkt ein paar Tränen des Glücks übers Gesicht liefen.
Endlich daheim angekommen, luden wir alles aus, auch mein Papa packte ordentlich mit an. Gemeinsam schafften wir alles in kürzester Zeit ins Haus und auch in sein Zimmer.
„Nico, willkommen in deinem neuen Zuhause“, sprach Papa zu Nico und zeigte ihm sein Zimmer, „ich hoffe du wirst dich hier bei uns wohlfühlen. Nun erholst du dich erst mal, richtest dein Zimmer ein, wie du es möchtest und dann sehen wir weiter, okay.“
Nach dieser Ansprache an Nico, konnte ich nicht anders, ging auf meinen Papa zu und umarmte ihn überglücklich.
„Ich hab dich so lieb, Papa. Danke.“
Ich sah ihm mit Tränen in den Augen an, während auch er mich an sich drückte.
*-*-*
“Danke, ich bin so froh hier sein zu dürfen. Sobald die Schule durch ist und ich erst mal was verdiene, kann ich auch ein bisschen Geld dazu steuern“, sagte ich zu Maximilian.
Mir ging es jetzt richtig gut, ich war erleichtert und total froh hier sein zu dürfen. Mein Outing lief mehr oder weniger gut ab. Mit meinen Eltern würde ich nochmal versuchen in Ruhe zu reden. Jetzt wollte ich mich erst mal in Ruhe einrichten und meine Sachen auspacken.
“Magst du mir nochmal helfen“, fragte ich Roy mit einem Hundeblick.
*-*-*
Nachdem ich mich von meinem Vater gelöst hatte, sah ich Nico an und nickte einwilligend.
„Klar, helfe ich dir. Ist doch selbstverständlich… umso schneller hab ich dich wieder für mich.“, gab ich von mir und grinste.
Mein Vater lächelte.
„Nichts zu danken. Du kommst jetzt erst mal hier an und richtest dich in Ruhe ein und um Geld mach du dir mal keine Sorgen.“, dann entfernte er sich und ging ins Bad, wo er, wie immer um diese Zeit, duschte.
Ich sah ihm noch bewundernd nach, dann wand ich mich dann an Nico.
„Na, dann mal los…. richten wir dein Zimmer ein. Ich kann dir auch ein paar Poster geben, wenn du willst.“, schlug ich vor und war voller Tatendrang.
*-*-*
Ebenfalls verwundert sah ich Maximilian hinterher und richtete mich dann an Nico: “Poster sind immer gut. Aber lass uns heute nicht allzu viel machen, schließlich will ich auch noch ein bisschen Zeit für dich haben.“
Ebenfalls voller Tatendrang, legte ich auch schon los. Meine Gedanken waren bei dem was wir heute noch anstellen würden. Ob ich wohl bei Roy im Bett schlafen dürfte? Oder würde er hier bei mir schlafen? So gerne würde ich jetzt alles liegen lassen und mit ihm kuscheln.
*-*-*
Ich half Nico alles ordentlich wegzuräumen, so wie ich es gewohnt war. Ja, Ordnung war für mich sehr wichtig… hatte ich es doch von meiner Mutter gelernt und so achtete ich immer peinlich genau auf Ordnung.
Da Nico nicht allzu viele Sachen hatte, hatten wir schon bald alles erledigt, dann ging ich in mein Zimmer und holte eine Mappe mit vielen Postern, die ich in sein Zimmer brachte. Da war alles dabei… von hübschen Männern, Schauspielern, Sängern… über Boybands, aber auch ein paar Anime und Mangaposter waren dabei.
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich nicht ein einziges Poster hatte, wo Frauen oder Mädchen drauf abgebildet waren. Hmm… das gab mir jetzt schon zu denken… war ich vielleicht schon die ganze Zeit über auf das männliche Geschlecht fixiert und hatte es nur nicht bemerkt, oder nicht wahrhaben wollen?
Seltsam… sehr merkwürdig…
„Schau mal, hier kannst du dir welche aussuchen.“, bot ich Nico fröhlich lächelnd an und übergab ihm die geöffnete Mappe.
*-*-*
“Oh wow, so viele hast du… also das muss auf jeden Fall an die Wand und das auch…“, sagte ich und suchte mir allerhand Poster aus.
Anschließend hingen wir die Poster auf und schon sah alles wohnlich aus. Das letzte hing ich übers Bett und legte mich danach darauf. Es war ein hübscher junger Schauspieler, der sehr meinem Geschmack entsprach und den ich jetzt anschaute.
Dann aber suchte ich Roys Blick und lächelte ihn an. Mein Freund war mir dann doch lieber und ich klopfte neben mir aufs Bett, in der Hoffnung er würde zu mir kommen. Zu gerne wollte ich vorm schlafen noch ein wenig mit ihm schmusen, auch wenn es schon spät war. Die Schule mussten wir morgen ja nicht besuchen und so war es auch egal wann wir ins Bett gingen.
Etwas müde rieb ich mir dann aber doch die Augen. Erst jetzt merkte ich wie emotional tief das heute alles ging, und dass ich total fertig war. Drüber nachdenken durfte ich dann doch nicht, denn es wären mir die Tränen gekommen.
Ich hatte einfach nur Glück gehabt. Den Mann, den ich liebte, mein bester Freund, erwiderte meine Gefühle und ich hatte eine Familie gefunden, bei der ich mich sehr wohl fühlte. Gut, meine Eltern hatten es nicht so gut aufgenommen, aber das Thema würde ich nochmal anschneiden und schauen, ob es vielleicht erst mal der Schock war.
Mein Outing in der Schule stand noch bevor, aber das würde ich auch überstehen und hatte ja in Roy die beste Stütze!
*-*-*

Ich freute mich total, dass Nico einige der Poster gefielen und wir sie gleich an die Wand brachten. Jetzt sah sein Zimmer doch schon wesentlich besser aus. Liebevoll lächelte ich ihn an, als ich mich, zu ihm, auf das Bett legte und zunächst schwieg.
Dann drehte ich mich auf die Seite und sah ihn an. Ich konnte förmlich spüren, dass ihm etwas durch den Kopf ging. So legte ich meinen Kopf auf seine Brust, kuschelte mich an ihn und streichelte dabei seinen Bauch.
Einen Moment überlegte ich, dann sprach ich leise.
„Magst du mir sagen, was dich beschäftigt? Hat es was mit dem heutigen Tag zu tun? Gefällt es dir hier doch nicht? Du weißt, dass du mit mir jederzeit über alles reden kannst oder auch mit Papa.“
Klar, wusste ich auch, dass es mal wieder ziemlich viele Fragen auf einmal waren, aber irgendwie wollte ich die bedrückende Situation ein wenig auflockern.
Irgendwie war ich jetzt aber doch so fertig von diesem Tag, dass ich die Augen schloss und, eigentlich ungewollt, einschlief. Ich hatte mich einfach so beschützt und geliebt bei ihm gefühlt, dass ich mich vollends entspannte und tief und fest eingeschlafen war.
Zudem war ich psychisch noch ziemlich angeschlagen. Der heutige Tag war wirklich sehr anstrengend für mich gewesen. Vielleicht hatte ich mir heute doch etwas zu viel zugemutet. Aber so war ich nun mal. Selbst, wenn es mir sehr schlecht ging, versuchte ich anderen noch irgendwie Mut zu machen und zu helfen… auf Gedeih und Verderb.
*-*-*
Maximilian hatte geduscht und sich dann etwas Bequemes angezogen. Auch ihm war der heutige sehr nahe gegangen… insbesondere was Nico und Roy anging.
Eines bereute er aber auf gar keinen Fall, dass er Nico aus dieser „Hölle“, wie er Nicos Zuhause bezeichnete, heraus geholt hatte.
In den nächsten Tagen würde er sich aber verstärkt um Roy kümmern müssen, denn sie beide hatten eine Menge aufzuarbeiten und es würde sicher nicht ohne Tränen abgehen. Aber es musste sein, denn Roys Selbstmordversuch hatte ihm gezeigt, dass es so auf keinen Fall weiter gehen konnte.
Er ging ins Wohnzimmer, schaltete das Fernsehen an und legte sich dann auf die Couch, wo er es sich, bei einem Glas Wein, gemütlich machte. Eine Kerze stand auf dem Tisch und er dachte an seine verstorbene Frau Mara, die er mehr als alles andere geliebt hatte und von der ihm nur Roy geblieben war.
Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er ihn auch noch verloren hätte. Aber Mara schien noch immer auf ihren Sohn aufzupassen… sonst hätte er ihn vielleicht wirklich verloren.
Tränen rannen über seine Wangen. Er fühlte sich so verdammt einsam und allein… er hatte niemanden der ihm zuhörte… der ihm half. Jedoch zeigte er es nicht offen und auch in der Öffentlichkeit war er der harte Typ, der keinen Widerspruch duldete.
Nur wenn er Zuhause und allein war, gab er sich seinen Gefühlen hin…, ließ alles aus sich heraus. Niemals würde er wollen, dass ihn jemand SO sah.
So lag der, 1,90 m große, sehr schlanke… hübsche Mann, mit den schulterlangen, schwarzen Haaren und männlich – markanten Gesichtszügen, schluchzend auf der Couch und weinte hemmungslos…
*-*-*
Am Liebsten hätte ich Roy alles erzählt. Ihm mein Herz ausgeschüttet. Doch als ich gerade anfangen wollte, merkte ich, dass er eingeschlafen war. Aber auch ich war müde und schloss meine Augen, versuchte nicht mehr an den heutigen Tag zu denken. Nur ging mir viel zu viel durch den Kopf, dass ich nicht wusste was ich tun sollte.
Einschlafen konnte ich einfach nicht. So schälte ich mich vorsichtig aus dem Bett, ohne dabei Roy zu wecken. Vorsichtig mich von ihm lösend, stand ich auf und verließ das Zimmer. Ich hatte Durst und ging nach unten in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen.
Auf dem Rückweg sah ich, dass im Wohnzimmer noch Licht brannte. Erst wollte ich Maximilian nicht stören, schließlich brauchte auch er seine Privatsphäre. Aber dann klopfte ich doch an und ging allerdings, ohne eine Antwort abzuwarten hinein.
Das Schauspiel, das sich mir bot, ließ mir gleich die Tränen in die Augen steigen.
“Entschuldige bitte…“, sagte ich, weil ich ja einfach so hereingekommen war, “ist alles in Ordnung bei dir?“
Noch etwas unsicher ging ich auf ihn zu und setzte mich zu ihm.
“Der Tag heute war echt anstrengend“, begann ich zu reden, als hoffte ich es würde ihn trösten, “Beinahe hätte ich den Menschen verloren, den ich am meisten Liebe. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie du dich fühlst… Keine Ahnung was ich gemacht hätte, wenn Roy…“
Dann liefen auch mir wieder die Tränen über die Wangen.
“Darf ich dich noch um etwas bitten? Wäre es vielleicht okay, wenn ich mir ein wenig Geld borge. Ich bräuchte vielleicht noch ein kleines Schränkchen… Können wir die Tage eines zusammen kaufen gehen? Natürlich nur, wenn es okay ist“, fragte ich, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte.
*-*-*
Gerade gab sich Maximilian seinen Gefühlen richtig hin, als er hörte, dass es an der Tür klopfte. Dann hörte er auch schon, dass Nico das Wohnzimmer betrat und ihn ansprach. Nun konnte er sich aber nicht so schnell wieder beruhigen, wie er es gern gewollt hätte…. wischte sich aber dann doch schnell die Tränen, mit einem Taschentuch aus dem Gesicht.
Als Nico dann neben ihm saß und zu reden begann, hörte Maximilian ihm einfach zu… wie er es eben immer tat… und nickte nachdenklich. Jedoch unterdrückte er seine Tränen nun, ihm war es so schon peinlich genug, dass Nico ihn SO gesehen hatte.
„Ist schon gut, Nico, ich verstehe dich. Zum Glück haben wir Roy nicht… verloren.“, antwortete er und musste hart schlucken, um seinen Schmerz und Kummer nicht überhand nehmen zu lassen.
Aber redete dennoch nicht über das was ihn noch so bedrückte und wie er sich fühlte, sondern beherrschte sich… wollte Nico nicht auch noch Kummer bereiten. Er hörte sich auch an, was Nico sich wünschte und nickte einwilligend.
„Natürlich bekommst du das Schränkchen und wenn du noch etwas brauchen solltest sag es einfach, okay. Wie ich dir schon sagte, mach dir um Geld keine Sorgen. Wenn du willst, legen wir dir auch ein Konto an und ich überweise dir jeden Monat eine gewisse Summe, so dass du wenigstens auch etwas Taschengeld hast.“, meinte Maximilian fürsorglich.
Schließlich bat er Nico, mit ruhiger sanfter Stimme.
„Bitte, lässt du mich einen Moment allein, ja….“
Maximilian sah ihn, mit einem Blick voller Trauer, Schmerz und Qual, an. Solange jemand in seiner Nähe war unterdrückte er alles was ihn quälte und bewegte, doch wusste er nicht, wie lange er das noch durchhalten würde. Da er Nico aber auch nicht verscheuchen wollte, stand er schließlich auf und entschuldigte sich bei Nico.
„Bitte, entschuldige mich.“, sah ihn aber mit einem… ziemlich gequälten… Lächeln an, dann erst verließ er das Wohnzimmer und begab sich in sein Schlafzimmer, wo er die Tür von innen schloss und sich dann einen Moment auf sein Bett setzte.
Irgendwann erhob er sich jedoch, ging in seinen begehbaren Kleiderschrank und zog sich um. Bekleidet mit blauen Jeans, weißen Turnschuhen und einem weißen Pullover verließ er sein Zimmer wieder, hinter sich die Tür schließend.
Er wollte jetzt einfach noch etwas spazieren gehen und sich den Wind um die Nase wehen lassen. Zudem konnte er so besser nachdenken…
*-*-*
Nachdem Maximilian das Wohnzimmer verlassen hatte, ging ich wieder nach oben. Doch wollte ich Roy nicht wecken und da ich noch nicht müde genug war, ging ich in sein Zimmer und fing an zu trainieren.
Vorher zog ich jedoch für mehr Bewegungsfreiheit mein Shirt und meine Hose aus. Trainierte als nur auf Shorts meinen Körper. Wie schon so oft, machte ich meine Übungen, nachdem ich mich ordentlich gedehnt hatte. Dabei kam ich ordentlich ins schwitzen und merkte gar nicht wie die Zeit verging.
Irgendwann, mitten in der Nacht, kam endlich auch Maximilian wieder heim, ging sogleich in sein Schlafzimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett. Da er zum Umfallen müde gewesen war, schlief er augenblicklich ein.
*-*-*
Als ich erwachte, war es schon wieder hell. Wie lange ich wohl geschlafen hatte? Ich sah mich um und musste irgendwie erst mal klar kommen. Dies hier war definitiv nicht mein Zimmer… ich sah neben mich und stellte fest, dass auch Nico weg war.
Langsam erhob ich mich und rieb mir ein wenig die Augen. Irgendwie war ich immer noch sehr müde, aber ich erhob mich und verließ das Zimmer. Auf dem Weg ins Bad, hörte ich, dass wer in meinem Zimmer war… okay, da es definitiv nicht Papa war, der würde mein Zimmer niemals ohne meine Genehmigung betreten… konnte es nur Nico sein.
Aber vorerst ging ich ins Bad und erleichterte mich, dann wusch ich mir zumindest erst mal die Hände und das Gesicht, anschließend ging ich zu meinem Zimmer, öffnete leise die Tür und lugte hinein.
Wow… was für einen geilen Körper ich zu Gesicht bekam… da konnte man ja schwach werden… mir lief augenblicklich das Wasser im Mund zusammen und ich musste echt aufpassen, dass ich nicht noch zu sabbern begann.
Ich betrat mein Zimmer, unbemerkt von Nico und sah ihm eine Weile zu, dann konnte ich es mir nicht mehr verkneifen.
„Wow… was für einen geilen Körper du hast. Guten Morgen, Nico.“
Ich grinste ihn ziemlich frech an, während ich ihn mit meinen Blicken fixierte.
*-*-*
“Guten Morgen“, kam es etwas verwirrt von mir. War es denn schon morgen?
Tatsächlich war es inzwischen hell geworden und ich stand leicht verschwitzt in Roys Zimmer.
“Sorry, ich konnte gestern nicht schlafen und habe wohl beim Trainieren die Zeit vergessen“, lächelte ich Roy an und ging auf ihn zu.
“Dir gefällt also was du siehst“, neckte ich ihn und streichelte mit meinem Finger über seinen Bauch.
“Ich befürchte ich brauche ganz dringend eine Dusche!“, grinste ich ihn an.
*-*-*
Ich hörte was er sagte, und dass er sich entschuldigte… warum auch immer…. er war doch jetzt eh hier zuhause… und doch starrte ich, wie im Trance, ihn und seinen wunderschönen Körper an… da konnte man ja richtig neidisch werden.
„Ja, mir gefällt sehr, was ich sehe.“, grinste ich und musste dann lachen, weil er mich am Bauch streichelte.
„Lass das, ich bin kitzlig.“, beschwerte ich mich halbherzig, doch grinste ich ihn gleich wieder frech an und sprach, noch immer fasziniert von Nicos schönen Körper:
„Ich brauche auch ganz dringend eine Dusche und wenn du nichts dagegen hast, würde ich gern mitkommen.“, mit diesen Worten, streichelte ich zärtlich über seinen nackten Oberkörper, nahm ihn dann in die Arme und küsste ihn leidenschaftlich…
*-*-*
Maximilian hatte nicht sehr lange geschlafen, als er ebenfalls erwachte, aber noch etwas in seinem Bett liegen blieb. Schließlich stand er doch auf und ging in seinem Bad duschen. Anschließend zog er sich an und bereitete das Frühstück für sich und die beiden Jungs zu.
Immerhin hatten sie ja heute noch was vor….
*-*-*
Zärtlich erwiderte ich Roys Kuss, nahm ihn dann an die Hand und zog ihn mit ins Bad. So etwas ließ ich mir doch nicht zweimal sagen. Zögernd fing ich an ihn auszuziehen, auch wenn meine Hände wie blöd zitterten.
Aufgeregt küsste ich ihn immer wieder. Die Vorstellung von uns beiden unter der Dusche, machte mich wahnsinnig. Meine Erregung konnte ich nicht wirklich verbergen, da meine knappe Shorts dafür zu viel preis gab.
Warum war ich nur so verdammt nervös. Wir wollten doch nur ein bisschen zusammen duschen. Krieg dich wieder ein Nico! Aber sofort! Nur machte mein Körper was er wollte und mein Kopf dachte schon an ganz schlimme Bilder.
Roy nackt unter der Dusche mit mir! Die Vorstellung ihn einzuseifen an ganz bestimmten Stellen, ließ meinen kleinen Freund unterhalb der Gürtellinie wie eine Eins stehen.
*-*-*
Und ich ließ mich nur allzu gern mitziehen. Meine Fantasy war auf dem Höchstpunkt… herrje, was ich mir alles vorstellte… Natürlich half ich Nico dabei mich auszuziehen und es konnte mir gar nicht schnell genug gehen.
Blitzschnell war ich nackt und zog ihm nun auch seine Shorts aus… was sich als nicht ganz so einfach erwies, wie ich feststellen musste, da er sehr erregt war, was mich frech grinsen ließ. Ich zog ihn dann zur Dusche, stellte das warme Wasser an und zog ihn mit in die Dusche hinein.
Während ich ihn noch küsste, begann ich seinen schönen Körper zu erforschen und benetzte ihn dabei mit Wasser… wobei ich es nun auch nicht lassen konnte, nur kurz, wie zufällig seine Männlichkeit zu berühren, was mich schon fast sabbern ließ, bei dem was ich spürte und …sah.
So dauerte es nicht lange und meine Männlichkeit richtete sich nun ebenfalls auf…
*-*-*
Wir standen tatsächlich zusammen unter der Dusche. Traumhaft fühlte es sich an, wie Roy meinen Körper streichelte. Auch meine Hände gingen auf Wanderschaft und streichelten seinen Körper. Als jedoch seine Hand meine Männlichkeit streifte, gab ich ein leises Stöhnen von mir.
Den Kuss erwidernd, forschte meine Zunge erneut in seiner Mundhöhle und fing an mit seiner zu spielen. Dabei angelte meine eine Hand nach dem Duschgel, was ich auch gleich auf Roys Körper auftrug.
Ihn liebevoll einseifend, unterbrach ich für einen Moment den Kuss und schaute mir meinen Freund ganz genau an. Jede Hautpartie, die ich wusch, betrachtete ich auch ganz intensiv. Spielerisch streichelte ich seinen Bauch, schluckte einmal hart und kam dann zu seiner mittlerweile harten Männlichkeit, die ich ganz vorsichtig auch einseifte.
*-*-*
Ein leises Stöhnen konnte ich nun auch nicht mehr unterdrücken, als er meinen kleinen Freund einseifte, mein Körper zitterte vor Erregung und ich schloss einen Moment die Augen… seine Zärtlichkeiten ließen mich nicht los… hielten mich gefangen…
Aber auch ich nahm mir nun das Duschgel und seifte ihn ebenfalls ab… zärtlich und ganz sanft… bis ich zu seiner Männlichkeit kam und diese auch einseifte… alles spülte ich vorsichtig ab und ging langsam vor ihm in die Hocke, küsste seinen Bauch… dann noch weiter runter… was ich nun wollte war klar.
Ich wollte ihn ….schmecken… von den Mädchen her kannte ich es ja schon… okay, es war geringfügig was anderes, aber ich war mir sicher, dass es ihm gefallen würde.
Nur ganz kurz sah ich ihm dabei in die Augen, dann hatte ich seinen kleinen Freund erreicht und nahm ihn zunächst nur in die Hand… konnte aber nicht widerstehen, küsste die Spitze und begann ihn genussvoll abzulecken… wie eine Zuckerstange. Meine Zunge glitt langsam an seiner Männlichkeit entlang, erreichte die Spitze und leckte diese ebenfalls.
Immer wieder sah ich ihm dabei ins Gesicht… wollte seinen Gesichtsausdruck, jede noch so kleine Regung, einfach alles fest in meinem Gedächtnis speichern.
Die Augen wieder schließend, umhüllten meine Lippen nun seinen kleinen Freund, während meine Zunge seine Spitze neckend ärgerte und begann vorsichtig an ihm zu saugen, auch konnte ich imitierte Schluckbewegungen nicht unterlassen…
Es fühlte sich toll an, Nico so zu verwöhnen und ihm somit zu zeigen, dass ich ihn liebte…
*-*-*
Was Roy mit mir tat, war atemberaubend schön. Genießerisch schloss ich die Augen und ließ mich ein wenig zurückfallen. Lehnte nun mit dem Rücken an der Wand und konnte mein Stöhnen nicht mehr zurückhalten.
Es war einfach viel zu geil, was Roy hier abzog. Er blies mir tatsächlich einen. So oft hatte ich davon geträumt und jetzt erfüllte sich mein größter Traum. Seine Lippen umschlossen meinen Schaft und seine Zunge spielte ihr Spiel an meinem Stängel. Ich war schon zum Platzen erregt und meine Männlichkeit war zum brechen hart.
Lange würde ich es nicht mehr zurückhalten können. Dafür machte er mich viel zu heiß. Doch ich wollte ihm auch Lust bereiten. Noch sollte es nicht vorbei sein. Sanft schaute ich ihm in die Augen, legte meine Hände auf seine Schultern und zog ihn zu mir hoch. Dann küsste ich ihn leidenschaftlich und ging nun vor ihm in die Hocke.
Instinktiv tat ich das, was mir auch gefallen würde. Ich umfasste Roys Männlichkeit so, dass ich auch seine Hoden berührte und streichelte diese dabei. Dann legte ich meine Lippen an seine Spitze und saugte ein wenig daran.
Anschließend nahm ich ihn zu einem Drittel in den Mund und ließ ihn wieder herausgleiten. Danach bis zur Hälfte und ließ ihn wieder hinaus. Bevor ich ihn ganz und gar in meinen Mund und Rachen verschwinden ließ. Dabei saugte ich kräftig an ihm, als wolle ich ihn aussaugen.
Nur langsam rutschte er wieder aus meinem Mund raus. Dann küsste ich liebevoll Roys Bauch und ging wieder hoch, um Roys Lippen zu küssen. Dabei langte meine Hand wieder zu seiner Männlichkeit und bearbeitete sie hart. Während meine Erektion gegen seine drückte und nach Beachtung lechzte.
*-*-*
Gott, war das geil, was Nico mit mir tat und beinahe wäre ich direkt gekommen. Ich konnte mich kaum noch zurückhalten, dann umfasste ich aber seine Männlichkeit ebenfalls und bearbeitete ihn auch sehr hart.
Ich kam aus dem Stöhnen nun echt nicht mehr raus und drückte mich ihm entgegen. Schließlich war ich derart erregt, dass ich mich in seiner Hand, laut stöhnend ergoss und mein Körper vor Erregung bebte und zitterte, während ich mich nun doch an ihm festkrallte.
„Ich liebe dich“, stöhnte ich noch immer ein wenig atemlos und sah ihn, mit noch immer von Lust verhangenen Augen, an.
Maximilian bekam davon allerdings nichts mit, er hatte mit sich selbst zu tun und den Tag für sich und die Jungs zu planen.
*-*-*
Als ich spürte wie Roy sich in meiner Hand ergoss, kam es mir auch. Seine Hand fühlte sich so toll an meiner Männlichkeit an, dass ich meinen Höhepunkt erreichte.
“Ich liebe dich auch“, lächelte ich ihn an und küsste ich noch einmal.
Dann drehte ich jedoch das Wasser aus. Sauber waren wir jedenfalls. Nach einen Handtuch griff ich und reichte es Roy, während ich mir auch eines nahm. Jetzt war mir aber auch kalt und ich trocknete mich rasch ab.
Bevor ich jedoch wieder ins Zimmer ging, wo ich meine Anziehsachen hatte, bekam Roy noch einen Kuss und einen kleinen Klaps auf seinen süßen Po. Das würden wir wohl noch auslosen müssen, wer hier wen. Mein Kopfkino in der Hinsicht lief jedenfalls schon auf vollen Touren.
In meinem Zimmer zog ich mich dann an und ging schauen, wie weit Roy war.
*-*-*
Mit dem Badetuch um meine Hüfte, ging ich nun ebenfalls in mein Zimmer, nachdem mich Nico geküsst und mir einen Klaps auf den Hintern gegeben hatte und ich ihn nur angrinste. In meinem Zimmer angekommen, bekleidete ich mich mit einer schwarzen Jeans und einem blauen Sweatshirt. Anschließend kämmte ich meine langen feuerroten Haare… ließ sie jedoch offen.
Dann legte ich mir noch meine Kette um den Hals, die mir meine Mutter geschenkt hatte, kurz bevor sie… starb. Das Zimmer verlassend, traf ich auf Nico und lief ein wenig rot an, doch grinste ich frech, dann nahm ich ihn an die Hand und führte ihn in die Küche, wo wir auf meinen Vater trafen, der ziemlich angeschlagen aussah.
„Guten Morgen, Papa.“
„Guten Morgen Roy, guten Morgen, Nico. Setzt euch, das Frühstück ist fertig.“
Ich setzte mich auf meinen Stammplatz und sah meinen Vater an.
„Papa, ist alles okay mit dir?“
„Ja, es geht mir gut… alles okay.“, antwortete er und doch war ich mir sicher, dass nichts in Ordnung war.
Fragend sah ich Nico an… als würde er mir alles erklären können.
„Nach dem Frühstück fahren wir ins Möbelhaus“, bestimmte er und setzte sich dann an den Tisch.
Ich nickte, wusste aber nicht warum wir ins Möbelhaus fahren wollten bzw. sollten. Hatte ich irgendwas verpasst?
*-*-*
“Bevor ich gestern angefangen habe zu trainieren, bin ich noch nach unten, weil ich mir etwas zu trinken holen wollte. Da dachte ich, dass ich deinen Vater ja mal eben fragen könnte, ob wir noch ein kleines Schränkchen kaufen gehen? Irgendwie ist alles ziemlich in den Kleiderschrank gestopft. Weißt du?“, erklärte ich Roy, der mich so fragend ansah.
Die Sache mit Maximilian, was ich gesehen hatte, ließ ich allerdings weg. Ich wollte nicht, dass Roy sich Sorgen machte. Dann richtete ich mich an Maximilian.
“Die Sache mit dem Taschengeld würde ich gerne annehmen. Aber nur, wenn ich es irgendwann zurückzahlen darf. Darauf bestehe ich!“
*-*-*
„Ach so, ja gut, okay.“, erwiderte ich nachdenklich und doch wusste und sah ich, dass etwas mit meinem Papa nicht stimmte.
Er schien mir auf einmal so eisig… so… ja fast schon… frostig. Was hatte er nur? So kannte ich ihn doch nicht. Als Nico die Sache mit dem Taschengeld ansprach, schwieg ich, denn ich kannte ja meinen Vater.
Mein Papa sah Nico streng… durchdringend an, meinte es aber keineswegs böse… und antwortete ruhig.
„Höre mir mal bitte zu, Nico! Entweder, du nimmst es so, oder aber es gibt nichts, okay. Wie ich dir schon sagte, musst du dir ums Geld keine Sorgen machen. Ich wollte es eigentlich nicht sagen, weil ich nicht gern damit prahle, aber… ich habe so viel Geld, dass ich es wahrscheinlich in drei Leben nicht ausgeben kann und es kommt immer noch mehr dazu. Und wenn ich dir etwas gebe, dann gebe ich es dir gern… sonst würde ich es dir nämlich nicht geben. Hast du mich jetzt verstanden? Und ich möchte keine Diskussionen mehr ums Geld hier haben, okay… Nico. Sonst kann ich auch ziemlich böse werden.“
Ich atmete tief durch.
„Ich mein, ich verstehe dich, du bist es anders gewohnt… aber hier… geht es anders zu und daran wirst du dich gewöhnen müssen. Weißt du, ich bin froh, dass ihr beide glücklich seid und endlich zu euch gefunden habt… das reicht mir als …Dank.“
Ich rollte schon genervt mit den Augen, denn solche Predigten kannte ich ja, und aß mein Frühstück. Jedoch ließ mich der Zustand meines Vaters nicht in Ruhe, so stand ich auf.
„Papa? Bitte, kann ich mit dir kurz sprechen?“
„Sicher.“
Wir verließen die Küche kurz und ich sprach dann, im Wohnzimmer, mit meinem Vater.
„Papa, bitte, sag mir, was mit dir los ist. Du hast mir gestern versprochen, dass wir über alles reden… also… bitte.“
Mein Vater lächelte mich an.
„Du bist wie deine Mutter… sehr hartnäckig, aber gut, ich rede mit dir… sonst gibst du ja doch keine Ruhe.“, begann er, „weißt du, ich fühle mich manchmal sehr einsam und allein, seit deine Mutter tot ist. Und gestern Abend kam es über mich und ich weinte… auch, weil ich daran dachte, dass… ich dich beinahe verloren hätte, wo du doch das einzige bist, was mir von deiner Mutter geblieben ist. Außerdem bist du mein ganzer Stolz.“
Er fuhr sich durch sein Haar.
„Ich musste gestern an sehr vieles denken, verstehst du. Die Sache mit Nicos Eltern und überhaupt das alles, nahm mich wirklich sehr mit. Ich bin nur froh, dass wir Nico hier haben, und dass ich dich nicht verloren habe.“
Ich hatte meinem Vater genau und sehr aufmerksam zugehört und verstand nun seine Reaktion. Dann stand ich auf, ging auf ihn zu und nahm ihn lieb in die Arme.
„Papa, es tut mir so Leid, dass ich dir Kummer gemacht habe. Und, ich mein, vielleicht findest auch du noch einmal eine neue Liebe. Du musst doch auch nicht für immer allein sein. Ich hab dich lieb, Papa und was ich dir noch sagen wollte: Du bist der beste und liebste Papa der ganzen Welt.“
„Ist schon gut“, erwiderte mein Vater und nahm mich auch in die Arme, „ich habe dir nichts zu verzeihen… vielmehr habe ich deinen Hilfeschrei verstanden und werde mich künftig etwas besser um dich kümmern… auch wenn du schon volljährig bist… aber erwachsen bist du deswegen noch lange nicht.“
Er grinste mich dabei lieb an, allerdings war er nun nicht auf meinen Vorschlag mit einer neuen Liebe eingegangen. Wollte er etwa für immer und ewig allein bleiben? Oh je, er war doch erst 39 Jahre alt… oder vielmehr jung, denn er sah keineswegs aus wie 39 Jahre … eher wie 25 Jahre… da konnte er doch nicht sein ganzes restliches Leben allein bleiben.
Schließlich lösten wir uns und gingen wieder in die Küche. Mich wieder zu Nico setzend entschuldigte ich mich.
„Sorry, dass wir eben so schnell weg sind, aber… mein Papa und ich hatten was zu klären.“, dann gab ich ihm einen sanften Kuss.
Nein, es störte mich nicht, dass es mein Vater sah… er wusste doch eh bescheid… und außerdem liebte ich Nico.
*-*-*
Als Maximilian mir eine Standpredigt hielt, nickte ich nur, da ich jetzt bescheid wusste. Er hatte recht, ich war es anders gewohnt und kannte so viel Liebe und Wärme nicht.
“Gut, also dann würde ich mich über ein Taschengeldkonto freuen“, gab ich kleinlaut von mir.
Sicherlich verstand ich es, als Roy mit seinem Papa zum Reden ins Wohnzimmer ging. Auch wenn ich mich ein wenig ausgeschlossen fühlte. Sie konnten mir doch auch vertrauen. Aber das würde sicher mit der Zeit noch kommen.
Dann als sie wieder in der Küche waren, erwiderte ich Roys Kuss.
„Ist schon okay. Du musst dich deswegen nicht entschuldigen. Habe nur fast alles aufgegessen.“
Scherzend grinste ich ihn an und küsste ihn erneut. Schnell schob ich mir meinen letzten Bissen in den Mund und trank mein Glas leer.
“So, von mir aus können wir los“, gab ich frech von mir.
Schließlich konnte ich es kaum erwarten, ein wenig Schoppen zu gehen. Das letzte Mal war ewig her, dass ich einfach mal unbeschwert Geld ausgeben konnte. Obwohl ich sicherlich auf die Preise achten würde und gedanklich dabei wäre, nicht zu viel auszugeben. Einfach nur weil es in mir drin steckte, sparsam zu sein.
*-*-*
Ich grinste, als Nico zu scherzen begann und erwiderte seinen Kuss ebenfalls. Er schien sich tatsächlich langsam hier einzuleben und sich wohl zu fühlen, was mich sehr freute.
„So? Was hat dich denn so hungrig gemacht, hm?“, gab ich ebenfalls scherzend zurück.
Nachdem mein Vater und ich noch ein Glas Orangensaft getrunken hatten, nickten wir, fast gleichzeitig.
Mein Vater sah uns an und ließ uns wissen was er geplant hatte
„Wir fahren jetzt erst mal zur Bank, richten dir, Nico, ein Konto ein und fahren dann zum Möbelhaus. Seid ihr einverstanden?“
Ich nickte und sah dann Nico an, der schon voller Vorfreude zu sein schien.
Na, dann kommt… fahren wir“, meinte mein Vater und verließ die Küche und bald auch unser Haus.
Wir verließen die Küche ebenfalls, zogen uns die Schuhe an und gingen dann zum Auto meines Vaters. Nachdem wir alle eingestiegen waren fuhr mein Vater auch schon los.
Wie von meinem Vater geplant fuhren wir erst zur Bank, wo er alles erledigte und Nico ebenso viel Taschengeld, wie mir, auf das Konto überwies. Für mich war es nichts Besonderes mehr, ich war das gewohnt.
Und auch wenn ich trotz allem Luxus relativ normal geblieben war, wollte ich diesen Luxus nicht missen. Man gewöhnt sich eben doch sehr schnell an dieses bessere Leben. Und ich konnte mir schon denken, dass sich auch Nico sehr bald und ziemlich schnell an diesen Luxus gewöhnen würde. Sicher, noch war es sehr neu und ungewohnt für ihn, aber auch das würde sich bestimmt bald ändern.
Ich fand es nur wichtig, dass man trotzdem so normal wie möglich blieb und nicht, ob des ganzen Luxus, abhob. Schließlich kamen wir im Möbelhaus an und sahen uns ein wenig um. Auch mein Vater sah sich hier um und begutachtete die verschiedensten Möbelstücke

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Information Leise Gedanken
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:38 PM - Replies (1)

Teil 1 

Der Krieg war vorbei, endlich vorbei. Und ich, ich hatte alles verloren. Ich Heinrich Pflüger, fünfzehn Jahre alt, stand vor dem nichts. Meine Familie hatte ich verloren, mein Zu Hause und meinen Freund Jakob.
Ich wusste nicht ob sie noch lebten, denn ich saß hier mit anderen Jungs interniert, bis wir jeder Einzelne geprüft worden waren. Die Tür ging wieder auf und ein Soldat kam herein um einen weiteren aus unserem Kreis zu holen.
Die Stille die im Raum herrschte war kaum zu ertragen. Einige Jungen weinten leise vor sich hin, weil sie wie ich nicht wussten, was uns da draußen erwartete. Das gleiche Spiel, die Tür wurde aufgezogen und diesmal war ich dran.
Der Soldat packte mich am Arm, zog nach oben und schob mich vor sich her. Hinter ihm fiel die Tür schwer ins Schloss. Ich fing an zu zittern, was würde jetzt auf mich zu kommen. Als die Bomben über Berlin einschlugen, saß ich im Luftschutzkeller, da habe ich nicht so gezittert wie jetzt.
Ein weiterer Soldat öffnete eine Tür und ich wurde hinein geschoben. An einem großen Schreibtisch saß ein älterer Herr mit Nickelbrille.
„Setzten,“ kam es laut von ihm.
Vorsichtig setzte ich mich hin, meine Wunde am Rücken tat immer noch schrecklich weh. Der Mann mit der Nickelbrille sah auf und schien dies zu merken. Er wies den Soldaten etwas auf englisch an, worauf dieser aus dem Raum verschwand.
„Name?“
„Heinrich Pflüger.“
„Herkunft?“
„Heidelberg, ich meine ich habe in Heidelberg gewohnt.“
„Ein weiter Weg hierher. Wo sind deine Eltern?“
„Weiß ich nicht, wir wurden getrennt.“
Ich wurde ein wenig nervös, denn er macht sich fortwährend irgendwelche Notizen, auf verschiedenen Blätter.
„Alter?“
„Fünfzehn.“
„In welcher Armee?“
„Entschuldigung, ich verstehe ihre Frage nicht.“
War ich zu weit gegangen, ich erwartete, dass er jeden Augenblick explodierte.
„In welcher Armee du gedient hast welcher Zug oder Abteilung..?“
„Ich hab inner Poststelle als Botenjunge gearbeitet, wenn sie das meinen.“
„Kein bewaffneter Dienst?“
„Nein.“
„Warum nicht.“
Ich wurde rot, weil ich mich schämte.
„Warum hast du keine Dienst an der Waffe gemacht?“
„Weil ich immer … wenn es knallt in Ohnmacht gefallen bin..“ sagte ich leise.
Ein kurzes Grinsen huschte über das Gesicht des Mannes, aber wirkte so gleich wieder wie versteinert. Ich fuhr zusammen, denn die Tür wurde aufgerissen.
Der Soldat von vorhin trat herein und brachte eine Frau mit. Wieder sagte der Mann mit der Brille etwas auf englisch und der Soldat verzog sich. Nur die Frau blieb.
„Würdest du mal deinen Pullover ausziehen,“ sagte der Mann plötzlich im netten Ton.
Ich zog wie geheißen, meinen Pulli vorsichtig aus. Ich konnte es nicht verhindern, mein Gesicht vor Schmerzen zu verziehen. Zu arg war der stechende Schmerz, den ich an meinem Rücken fühlte.
Die Frau stellte ihre Tasche ab und murmelte irgendetwas, worauf der Mann aufstand und hinter mich lief. Der Mann gab irgendwelche Anweisungen, worauf die Frau verschwand.
„So Heinrich, den Pullover lassen wir mal aus, nimm ihn bitte und folge mir.“
Wieder tat ich, was ich gesagt bekommen hatte und folgte dem Mann nach draußen auf dem Flur. Kein Soldat folgte uns, wir liefen alleine weiter. Die Treppe hinunter in das nächste Stockwerk. Der Mann lief zu einer Frau und ich konnte sogar meine Namen hören.
„So junger Mann, du bleibst jetzt bei dieser Frau und befolgst ihre Anweisungen!“
Ich nickte ihm zu. Ohne Pulli fing ich jetzt an zu frieren. Der Mann mit der Nickelbrille drehte sich um und lief wieder die Treppe hinauf, die wir runter gekommen waren.
„So du bist Heinrich?“ sagte die Frau in amerikanische Akzent.
„Ja,“ sagte ich ängstlich.
„Du brauchst keine Angst zu haben, wir fahren jetzt auf die Krankenstation und werden uns mal um deinen Rücken kümmern.“
Sie hatte ihren Arm um mich gelegt und führte mich nach draußen. Dort stand ein Jeep bereit. Die Frau setzte sich zu mir nach hinten. Sie und der Fahrer unterhielten sich und ich konnte kein Wort verstehen. Ich schwor mir, diese Sprach unbedingt zu lernen.
Wir fuhren eine Weile, als der Jeep plötzlich hielt. Die Frau steig aus und streckte mir ihre Hand entgegen. Ich wollte aufstehen, merkte aber, das mir schwarz vor Augen, und ließ mich zurückfallen, nur noch Schwach fühlte ich das Stechen am Rücken.
Ich bekam noch mit, wie mich starke Arme hochhoben, aber die Augen zu öffnen, dazu war ich einfach zu schwach.
 
* *
 
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Bett, mit weißen Laken. Wie lange hatte ich schon nicht mehr in frischen Bettzeug gelegen. Ich versuchte mich um zuschauen. Ich lag in einem Raum mit einem weiteren Bett neben dran.
Zum Fenster konnte ich nicht hinaus sehen, dicke Gardinen versperrten mir die Sicht. Wieder zuckte ich zusammen als ich ein Geräusch hörte, das von einer der zwei Türen kam, die das Zimmer besaß.
Sie wurde geöffnet und ein nackter junger Mann kam heraus. Ich starrte ihn er, er mich.
„Boy, what`s wrong?“
Ich schaute verschämt weg. Noch nie hatte ich einen anderen Jungen vollkommen nackt gesehen, doch irgendwie reizte es mich auch wieder hinzugucken, denn dieser Amerikaner, sah gut aus. So gleich schämte ich mich aber meiner Gedanken, weil ich es widernatürlich empfand so was zu denken.
Ich spürte wie sich der Mann neben mich auf mein Bett setzte.
„He Boy, was ist los mit dir?“ fragte er mich diesmal auf deutsch.
„Hast du noch nie einen nackten Mann gesehen?“
Ich schaute immer noch auf die andere Seite, aber nickte.
„Da ist doch nichts dabei, wir sind doch unter uns.“
Er stand wider auf und ich traute mich in seine Richtung zu schauen, er hatte ein dickes Pflaster auf dem Rücken.
„Du hast eine Menge Glück gehabt, weißt du das?“ sagte er.
„Wieso?“ war mein erstes Wort, das ich rausbrachte, seit ich aufgewacht war.
Ich sah ihm zu wie er sich anzog und bewunderte dabei seine kräftige Muskeln.
„Sie haben dir einen Splitter aus dem Rücken entfernt, du warst nicht weit davon entfernt, die eine Blutvergiftung zu zuziehen.“
„Einen Splitter?“
„Ja muss was metallisches gewesen sein, nach dem was die Schwester gesagt hatte.“
Wie aufs Kommando ging die Zimmertür auf und eine Schwester trat herein.
„Ist er endlich aufgewacht Bob?“ fragte diese.
Also Bob hieß er, musste ich mir merken.
Sie kam zu mir ans Bett, nahm meine Hand und fingerte an meinen Handgelenk herum. Dabei schaute sie eisern auf ihre Uhr.
„Ich prüfe nur deinen Herzschlag Heinrich, keine Angst,“ sagte die Schwester.
Erneut ging die Tür auf und die Frau, die mich hergebracht hat, kam herein.
Heinrich, da bist du ja wieder, hast mir jm Wagen einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Ich soll dir übrigens von Stuart eine Gruß ausrichten.
„Wer ist Stuart?“ fragte ich verwundert.
„Der Fahrer unseres Jeeps, er hat sich wirklich Sorgen um dich gemacht, wie dich hier herein getragen hatte.“
„Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“
„Ich weiß, du warst völlig weggetreten, und Jane soweit alles in Ordnung mit ihm.“
„Ja, die Notoperation hat er gut überstanden, obwohl er ziemlich abgemagert ist.“
Ich schaute zwischen den beiden hin und her.
„Und was wird nun aus mir,“ fragte ich vorsichtig.
„Was soll aus dir werden? Wie meinst du das?“ fragte diese Jane.
„Jetzt muss ich doch bestimmt zurück zu den anderen,“ gab ich zur Antwort.
„Nein, Mr. Bringla, hat alles überprüfen lassen, du bist okay, er hatte keine Bedenken.“
„Und überhaupt, erst mal bleibst du hier, und kurierst dich aus, meinte die Frau von Jeep.
Jane setzte sich an mein  Bett und schaute mich an.
„Heinrich kann ich dich was fragen?“
„Was denn?“
„Nach der Operation, bekamst du ziemlich Fieber und hast im Fieberwahn gesprochen. Wer ist Jakob? Du hast diesen Namen oft gesagt.“
Mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich habe Jakob gesagt.
„Tut mir leid wenn ich dich an was erinnert habe,“ sagte Jane.
„Jakob war mein bester Freund.“
„War?“
„Jakob, war Jude. Er wurde mit seiner Familie abtransportiert, ich weiß nicht was aus ihm geworden ist.“
Jane und die Frau schauten sich an.
„Jetzt versuchst du erst mal noch ein wenig zu schlafen, nach der Untersuchung ist ja Bob auch wieder da und du nicht alleine.“
Beide verließen sie das Zimmer. Ich hatte Jakob erwähnt, und ich dachte ich wäre darüber hin weg.
 
* *
 
Ich stand am Fenster, sah wie die Leute auf den Laster verfrachtet wurden. Und plötzlich sah ich ihn. Jakob, auch er wurde von den Herren in schwarz, mit seinen Eltern abgeführt. Ich wollte das Fenster öffnen und aus dem Fenster schreien.
Meine Mutter hielt mich zurück, sah mich traurig an und schüttelte den Kopf. Der Laster setzte sich in Bewegung und fuhr an unserem Fenster vorbei. Jakob schaute in meine Richtung unsere Blicke trafen sich. Seine Augen waren traurig, aber auch Angst erfüllt.
Immer diese Augen, sie verfolgten mich, ich schrie laut nein.
 
* *
 
„Heinrich aufwachen, du träumst.“
Ich öffnete meine Augen und hatte Bob vor mir. Die Tränen konnte ich nicht zurück halten und fing hemmungslos an zu weinen. Bob nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten.
„Yes Boy, cry…. lass alles raus.“
Ich spürte seine nackte Haut, meine Wange lehnte an seine Brust. Die Wärme, die von Bob ausging, schien mich zu beruhigen. Ich hörte den gleichmäßigen Herzschlag in seiner Brust.
„Wer ist Jakob?“ fragte mich Bob.
„Das war mein bester Freund, sie haben ihn abgeholt.“
„Why.. warum?
„Jakob war Jude, alle Juden wurden abgeholt in unserer Strasse.“
„Das habe ich auch schon mitbekommen. Und wo kommst du eigentlich her?“
„Aus Heidelberg.“
„Das trifft sich gut, wenn ich hier endlich rauskomme, werde ich nach Heidelberg verlegt.“
„Haben sie uns deswegen auf ein Zimmer zusammen gelegt?“
„Kann schon sein. Und deine Eltern?“
„Weiß ich nicht, wir wurden bei einem Bombenangriff getrennt, seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“
„And how long..  wie lange ist das her?“
„Ein paar Monate, ich weiß es nicht genau. Was für einen tag haben wir?“
„ June, den zwanzig sechsten.“
„Den sechsundzwanzigsten Juni heißt das,“ korrigierte ich Bob.
„Ich weiß, mein deutsch ist nicht das beste.“
„Gut genug um mit einander zu reden,“ meinte ich und versuchte zu lächeln.
Bob lies mich los und ich glitt auf mein Bett zurück.
„Bob, kann ich was zu trinken haben?“
„Natural… was willst du trinken?“
Ich schaute ihn fragend an.
„Was ich trinken will?“ Gibt es hier eine so große Auswahl?“
Bob hob mir eine Flasche mit braunen Inhalt hin.
„Das ist Coke, probier mal,“ sagte Bob und noch immer hielt er die Flasche vor meine Nase.
Ich nahm sie und begann zu trinken. Ich kannte diesen Geschmack nicht, aber es schmeckte süß und vor allem gut. Die Tür ging auf und Jane kam mit einem Tablett herein.
„So meine Herren, es gibt Essen.“
Sie stellte ein Tablett an mein Bett. Ich versuchte mich aufzurichten, hatte aber Schwierigkeiten, mein Rücken tat immer noch sehr weh. Jane half mir mich aufzurichten. Zum erstenmal merkte ich, das ich oben nichts anhatte.
Ein dicker Verband lag um meinen Bauch. Eine dicke Stoffhose, die aber sehr bequem war trug ich, meine Füße waren nackt. Ich schaute an mir herunter.
„Deine Klamotten habe wir leider weggeschmissen, aber keine Sorge du bekommst von uns neue,“ sagte Jane und nahm den Deckel vom Teller.
„Fleisch?“
„Ja Meat, was ist so besonders daran?“
„Ich weiß nicht wie lange ich kein Fleisch mehr gegessen habe. Oh duftet das herrlich.“
Bob und Jane sahen sich grinsend an, während ich das Essen in mich hinein schaufelte.
 
* *
 
Jane war gegangen und ich rieb mir den Bauch.
„Bob ich müsste.. mal auf die Toilette..“
Bob wies auf die zweite Tür, aus der er der nackt herausgetreten war, als ich das erstemal aufgewacht war. Er lief immer noch in einer kurzen Hose herum. Er half mir aus dem Bett und ich versuchte zu stehen.
Ich merkte aber, das meine Beine total weich waren, und ich drohte umzukippen. Ich schaute Bob hilflos an. Er kam zurück zu mir und stützte mich ab. Ziemlich wackelig, liefen wir langsam zur besagten Tür. Bob öffnete sie und half mir hinein.
Ohne was zusagen, zog Bob mir die Hose herunter und nahm mein Glied in die Hand. Ein wenig erschocken darüber, aber glücklich mir endlich Erleichterung zu verschaffen lies ich es laufen. Als ich fertig war, war es mir dann doch peinlich, denn vor allem wurde mein Glied unter der Hand von Bob größer und härter.
„Oh my God, what a nice tail.“
Mit großen Augen schaute ich Bob an.
„Sorry,“ meinte Bob und verfrachtete mein Glied wieder in die Hose.
Er führte mich zurück in mein Bett und half mir mich hin zulegen, danach lief er stumm zu seinem Bett und legte sich ebenfalls hin. Total verunsichert wusste ich nicht, was ich denken oder sagen sollte. Bald darauf schlief ich ein.
 
* *
 
Als ich wieder aufwachte, war es später Mittag, die Sonne stand schon tief. Bob war nicht da, sein Bett sah unbenutzt aus. Ich lag da und dachte über vergangene Tage nach. Tief verdrängt in meinem Kopf kamen Bilder zum Vorschein, auf die ich hätte verzichten können.
Besonders die Erinnerung an Augen. Augen die ins Leere starrten, kalt und eisig ohne Leben, zu viele davon in meinem Kopf waren. Zu viele Tote hatte ich gesehen, aber irgendwie war ich abgestumpft.
Musste ich mich am Anfang noch übergeben, so lief ich am Schluss teilnahmslos an ihnen vorbei… auch wenn es Kinder waren. Ich war nicht enttäuscht von mir wegen mangelnder Anteilnahme, aber ich lebte noch und musste um mein Leben kämpfen. Sie hatten es hinter sich.
Ich dachte an meine Eltern, an meine Geschwister. Was mag aus ihnen geworden sein, ob sie noch lebten. Auf alle Fälle musste ich hier raus. Ich konnte nicht ewig hier liegen und im Ungewissen bleiben, ob es noch jemanden gab.
Jakob. Der Gedanke war plötzlich da. Wir kannten uns schon seit dem Sandkasten. Und jetzt… jetzt waren alle weg, alleine war ich und es war ungewiss was jetzt weiter geschah. Die Tür ging auf und ich wurde aus meinen Gedanken gerissen.
„Hi,“ sagte Bob ohne mich an zuschauen und setzte sich mit dem Rücken zu mir auf sein Bett.“
„Bob?“ sagte ich, aber er reagierte nicht.
„Bitte Bob, rede mit mir..“
Er drehte sich um und schaute mich an. Wenn ich mich nicht täuschte hatte er geweint, aus welchem grund auch immer, seine Augen waren gerötet.
„Bob, was ist los?“
„Ich hätte das vorhin nicht tun dürfen,“ sagte er leise vor sich hin.
„Was hättest du nicht tun dürfen.“
„Ist jetzt zu spät es rückgängig zu machen, tut mir leid.“
„Bob könntest du mir mal erklären, was du damit meinst.“
„Das was vorhin, da drin passiert ist..“ antwortete er und wies mit dem Kopf Richtung Toilette.
Ich wurde unweigerlich rot, als das Geschehene in meinen Kopf zurück kam.
„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll..“ meinte ich.
„Ich hätte dich da nicht berühren dürfen, du bist erst fünfzehn.“
„Du bist doch auch nicht viel älter, die paar Jahre.“
„Ich werde im August zwanzig und jeder wird sagen, ich hätte dich dazu verführt.“
„Zu was hast du mich verführt, ich verstehe das nicht.“
Bob kam zu mir ans bett und setzte sich neben mich.
„Heinrich hör mir bitte mal zu. Hattest du schon eine Freundin?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich auch noch nicht, aber nicht weil ich keine bekomme sondern weil ich keine möchte.“
Erstaunt sah ich ihn mit großen Augen an.
„Ich mag lieber Jungs.“
Bob senkte sein Kopf und schaute auf den Boden.
„Bob es tut mir leid, aber davon verstehe ich nichts, wie meinst du das magst nur Jungs?“
„My God… das ist schwierig. Wurde dir nie erklärt wo die Kinder herkommen?“
„Doch das weiß ich schon..“
Bei diesem Ausspruch wurde ich wieder rot, weil dies ein Thema war, worüber man eigentlich nicht so öffentlich redete.
„Du brauchst nicht rot zu werden, es ist das normalste von der Welt, nur das ich so was nicht mache und lieber mit Jungs eben…“
„Du meinst du… wie soll das gehen…?“
Fragend aber auch neugierig schaute ich ihn an.
„Ich kann dir das doch jetzt nicht zeigen..,“ sagte Bob.
„Warum nicht..?“
Jetzt war es an Bob mich erstaunt an zugucken.
„Weil viele es für widernatürlich halten, es ist nicht normal wenn zwei Jungs… miteinander Sex haben. Es ist krank und schlecht“
„Wie gesagt, ich kenne mich da nicht aus, dies ist das erstemal, dass ich davon höre. Ich wusste nicht, dass es so was gibt. Und warum dachtest du, du bist vorhin zu weit gegangen?“
„Weil ich ohne zu fragen einfach dein Glied rausgenommen habe.“
„Aber ich musste doch dringend und außerdem weißt du selber, das ich mich nicht auf den Beinen halten konnte.“
„Aber danach..“ Bob brach den Satz ab.
„Weil mein Glied… hart wurde?“
„Ja.“
„Das passiert ab und zu, weiß nicht warum, aber es geht wieder weg.“
„Soll das heißen du hast noch nie…“
„Was hab ich noch nie?“
„Home made.. dir es selber gemacht…., oh Boy, wie soll ich dir es erklären.“
„Zeig es mir doch einfach.“
Bob schaute mich entsetzt an.
„Fuck, what …was soll ich nur tun, wenn dabei jemand rein kommt…..?“
„Mach es einfach, jetzt hast du mich neugierig gemacht.“
„Ich muss…“
Es musste Bob schwer fallen, was auch immer es sei. Er zog ein wenig meine Decke zurück. Er fuhr mit seiner Hand in meine Hose und bekam mein Glied zu fassen.
„Bleib ganz ruhig und entspann dich,“ sagte er leise.
Er zog meine Hose nach unten bis mein Glied frei lag. Unter seinen Berührungen war es ordentlich gewachsen. Er nahm wieder mein Glied in die Hand und begann es zu kneten. In mir drin fühlte ich ein Kribbeln, wie ich es zuvor noch nie gespürt hatte.
Es fühlte sich aber gut an, mein Atem ging etwas schneller. Er zog die Haut die, die Eichel bedeckte zurück, was mir ein Schauder durch den Körper fahren lies. Er umgriff jetzt mit der ganzen Hand mein Glied und lies die Haut hoch und runter wandern.
Ich sah wie sich Bob an die eigene Hose fasste und umständlich daran rieb.
„Ist deiner auch hart,“ entfuhr es mir fast heißer.
„Ja,“ sagte er kurz und knapp.
„Darf ich sehen?“
Bob lies ab von mir und zog sich aus bis er in den Boxer da stand, in denen er fast den ganzen Tag in unserem Zimmer herum lief. Deutlich sah ich wie es ihm abstand. Er setzte sich wieder neben mich und begann wieder an meinen Glied zu reiben.
Neugierig riskierte ich es und fuhr mit meiner Hand in seine Hose und spürte das heiße Stück Fleisch. Bob atmete tief durch.
„Nicht weiter machen sonst kommt es mir.“
„Was kommt dir?“ fragte ich.
„Das wirst du gleich selber bei dir sehen.“
Er drückte mich sanft in mein Kissen zurück und legte einen Zahn zu und rieb heftiger an meinem Glied. Tief in mir fing etwas an zu brodeln. Mein Atem wurde heftiger und ich spürte wie sich meine Muskeln versteiften.
Irgendwie verblasste alles um mich herum, ich spürte nur noch mein Körper. Ich fühlte etwas in mir hochsteigen und stöhnte laut auf. Aus meinem Glied spritze weiße Flüssigkeit, wieder und wieder. Ich zuckte am ganzen Körper und hatte Mühe mein Stöhnen leise zu halten.
Langsam lies das Gefühl nach und meine Muskeln schienen sich wieder zu entspannen. Ich sah wie das Zeug an Bobs Hand herunter lief. Er stand auf, nahm ein Tuch und wischte es von mir ab, bevor er seine Hand reinigte.
„Ist das jedes Mal so?“ fragte ich noch völlig außer Atem.
„Ja natürlich und zu zweit macht es mir eben mehr Spass.“
„Darf ich bei dir?“
Bob schüttelte den Kopf, er atmete tief und lang aus.
„Wenn du es unbedingt willst warten wir bis heut Abend, wenn alle zu Bett sind, ok?“
Ich nickte und spürte das allein schon der Gedanke daran, mein Glied sich wieder regen lies.
 
* *
 
Nach dem Abendessen, war Bob eine Zigarette rauchen gegangen. Mir kam Jakob wieder in den Sinn. Mir war eingefallen, wenn wir gemeinsam was unternahmen, dass ich oft ein hartes Glied bekam, wenn wir dicht beieinander waren. Sollte ich vielleicht auch… nein ich verwarf diesen Gedanken gleich wieder.
Die Tür öffnete sich und Jane kam herein.
„Heinrich ich muss deinen Verband noch einmal wechseln.“
Sie half mir auf und begann den Verband zu lösen.
„Du hast wirklich glück gehabt das dieser Splitter nicht weiter eingedrungen ist.“
„Wieso?“
„Sonst könntest du vielleicht jetzt nicht mehr laufen?“
„Kann ich doch jetzt auch nicht richtig.“
„Das kommt von der Operation, aber woher weißt du das?“
„Ich musste mal, aber ich konnte mich nicht auf den Beinen halten. Bob hat mir dann geholfen.“
„Dann müssen wir deine Beine trainieren. Bob kann ja morgen mit dir nach draußen und du kannst mit seiner Hilfe dann im Park ein paar Schritte gehen.“
„Ich darf raus?“
„Da spricht nichts dagegen.“
Jane legte den Verband auf die Seite und schaute sich wohl die Wunde genauer an.
„Das ist gut, die Wunde fängt schon an zu heilen, in ein paar tagen denke ich können wir dann auch die Fäden ziehen.“
„Es tut aber immer noch schrecklich weh , wenn ich mich bewege.“
„Das wird langsam nachlassen, wirst schon sehen.“
Die Tür ging wieder auf und Bob trat herein, seine Augen funkelten mich an. Jane legte einen frischen Verband an und half mir wieder ins Bett.
„So Bob, lass mich noch dein Pflaster wechseln, dann bin ich für heute Abend fertig.
Bob zog sein Hemd über den Kopf und setzte sich auf sein Bett. Jane löste das Pflaster vorsichtig hab und zum Vorschein kam eine runde Wunde.
„Was ist dir da eigentlich passiert?“ fragte ich Bob.
„War ein Querschläger.“
„Du bist von einer Kugel getroffen worden?“
„Ja bin ich,“ sagte Bob.
„Aber es ist schon sehr gut verheilt, mein Herr, lange wirst du uns nicht mehr mit deiner Anwesenheit beehren.“
Jane räumte ihre Sachen zusammen und wünschte uns eine gute Nacht bevor sie uns verließ. Bob ging zur Tür und löschte das Licht, nur noch meine kleine Lampe am Bett brannte noch. Fein säuberlich legte er seine Kleidung über einen Stuhl zog auch noch die restlichen Sachen aus, bis er völlig nackt vor mir stand.
„Willst du immer noch?“ fragte er leise.
Ich hob meine Bettdecke an. Er kam zu mir half mir die Hose auszuziehen und legte sich dann zu mir an meine Seite. Ich spürte seine nackte Haut an meiner, was in mir wieder diese Gefühle vom Mittag auslöste.
„Darf ich dich küssen?“ hauchte mir Bob leise ins Ohr.
Innerlich erregt und zu keinem Wort im Stande, nickte ich. Bob kam mir näher und ich spürte wie sich seine Lippen den meinen langsam näherten.
 
* *
 
„An was denkst du?“ fragte Bob.
Ich lag in Bobs Armen, an ihn geschmiegt.
„An Jakob,“ antwortete ich, „ob ich für ihn genauso empfunden habe, wie jetzt für dich.“
„Was empfindest du denn for me?“
„Ich kann es nicht genau beschreiben, irgendwie bin ich mit dir verbunden, du hast was mit mir geteilt, was ich bisher nicht kannte.“
„Bad? … schlimm?“
„Nein, es war das schönste Erlebnis das ich je hatte.“
„Noch mal?“ fragte Bob.
Er sah mich mit einem frechen lächeln an und beugte sich über mich.
 
* *
 
Am nächsten Morgen, wurde wir wie immer recht früh geweckt. Bob lag wieder in seinem Bett. Nach dem nächtlichen Abenteuer, hielt er es für besser in seinem Bett zu schlafen, nicht das die Schwester auf falsche Gedanken kam, wenn wir gemeinsam die gleiche Schlafstätte teilten.
Nach dem Frühstück und den üblichen Untersuchungen durfte ich dann mit Bob zum erstenmal nach draußen. Ich wusste nicht in welchen Krankenhaus ich war, nur das es eben hier in Berlin stand.
„Können wir gemeinsam nach Heidelberg fahren?“ fragte ich Bob, der mich gemütlich vor sich her schob.
„Wenn du entlassen wirst, werde ich schauen was ich für dich tun kann. Alleine möchte ich dich nämlich nicht lassen,“ meinte er.
Ich schaute ihn in seine grünen Augen und lächelte dankbar. An einer Bank hielt er an und meinte ich solle versuchen aufzustehen. Mit knapper Not konnte ich mich aus dem Rollstuhl hochdrücken. Bob stellte sich neben mich, um da zu sein, falls ich fallen würde.
Schritt für Schritt bewegte ich mich auf die Bank zu. Ich spürte einen leichten Schmerz im Rücken, aber das war mir egal, ich wollte es zu dieser Bank schaffen.
„Heinrich, übertreib es nicht gleich..“ meinte Bob.
Ich setzte einen Fuß vor den anderen. An der Bank angekommen, konnte ich dann doch nicht mehr, aber Bob fing mich auf und setzte mich sanft auf die Bank. Glücklich über diesen Erfolg, lehnte ich mich zufrieden an Bobs Schulter und schloss die Augen.
„Bob, erzähl mir ein bisschen von dir..“
„What can i say… was willst du wissen?”
“Wo du her kommst, was arbeitest du, wie lebst du?“
„Stop it,… das sind a many Questions.“
So langsam gewöhnte ich mich an das stetige wechseln, zwischen deutsch und amerikanisch.
„Also ich komme aus Chicago. Arbeite dort in a big Fleischfabrik. Du musst wissen, Chicago ist das größte Fleischzentrum, das es in Old Amerika gibt.“
„Und was machst du da genau?“
„Das Fleisch in , wie sagt man bei euch Dosen.. „ ich nickte, „ in Dosen füllen.“
„Und das schmeckt?“
„Ja, es schmeckt, und du kannst es länger halten, geht nicht kaputt.“
Wir saßen da noch eine ganze Weile, bis ein Mann auf uns zu gelaufen kam. Es war der Mann mit der Brille.
„Hallo Bob, how are you?“
“Fine, thank you Mr. Bringla.”
Er wandte sich zu mir.
„Und dir Heinrich, du siehst ja wirklich gut aus.“
„Ja danke, sie bemühen sich auch hier sehr um mich.“
„Ich habe eine gute Nachricht und eine schlechte Nachricht für dich.“
Ich schaute ihn starr an.
„Die gute ist, wir haben Meldung bekommen, dass deine Eltern noch leben und dich suchen, über den Suchdienst. Wir haben bescheid gegeben, das du hier in Berlin bist.“
„Und die schlechte Nachricht….,“ ich brach ab, mir schnürte es die Kehle zu.
„Karl…“
„Mein Bruder?“
„Ja, es tut mir leid, aber Karl lebt nicht mehr.“
Fassungslos, starrte ich Mr. Bringla an. Mein großer Bruder lebt nicht mehr.. ich werde ihn nie mehr wieder sehen…
„Aber wie ist… was ist passiert..?“ stammelte ich.
„Das wissen wir nicht mein Junge, wir haben nur die Meldung, dass er für Tod erklärt wurde.“
„Danke Mr. Bringla, dass sie sich so für mich eingesetzt haben. Aber ich glaube ich möchte jetzt zurück in mein Zimmer.“
Sehr unsicher, versuchte ich aufzustehen. Bob hielt mich, sonst wäre ich gefallen. Er führte mich zurück und ich konnte mich wieder in den Rollstuhl setzten. Mr. Bringla verabschiedete sich von mir und wechselte noch ein paar Worte mit Bob.
Ich starrte einfach ins Leere. Mein ältere Bruder war tot. Ich hatte ihn jetzt ein Jahr lang nicht mehr gesehen, aber ihn jetzt einfach nicht mehr sehen zu können, jede Hoffnung war zerplatzt. Bob sagte nichts, er schob mich einfach wieder rein, zu unserem Zimmer.
Jane kam uns entgegen und wollte etwas sagen, aber Bob sagte ihr etwas auf englisch, schwieg und schaute mich traurig an. Im Zimmer angekommen hob mich Bob in mein Bett und deckte mich zu. Er setzte sich neben mich und strich mir sanft durch mein Haar.
Erst jetzt fingen meine Tränen an zu laufen. Ich fing laut an zu schluchzen und konnte mich nicht beruhigen.
 
* *
 
Irgendwann in der nacht wachte ich auf, ich musste mich wohl in den Schlaf geweint haben. Bob lag neben mir hatte mich immer noch im Arm und schlief friedlich. Ich versuchte ihn ein wenig zuzudecken, weil er wie immer halb nackt oben drauf lag.
Er wachte nicht auf, aber dafür schmiegte er sich noch näher an mich. Ich genoss seine Wärme und fühlte mich geborgen und sicher. Meine Tränen begannen wieder zu rinnen. Genauso hatte sich mein Bruder immer zu mir gelegt, als ich klein war und nicht einschlafen konnte.
Ich schaute zum Fenster hinaus, wo die Laterne einen schwachen Schein hinterlies. Vereinzelt sah ich auch Sterne am Himmel. Langsam schlummerte ich wieder ein.
 
* *
 
Mein Laufen machte Fortschritte. Mittlerweile konnte ich selbst in den Park hinunter gehen. Bob war aber nach wie vor neben mir, und wir hatten uns zu guten Freunden entwickelt. Ein bisschen Englisch konnte ich auch schon.
Der Tag kam, der kommen musste, meine Entlassung stand bevor. Anscheinend hatte ich auch wieder an Gewicht zugenommen, denn Bob meinte immer was für einen schönen Körper ich jetzt hätte.
Mr. Bringla kam persönlich vorbei um sich von mir zu verabschieden. Bob hatte es so eingerichtet, dass wir gemeinsam mit dem Zug nach Heidelberg fahren konnten. Traurig verabschiedete ich mich von Jane, weil wir irgendwie beide fühlten, dass es das letzte mal sei, wo wir uns beide sehen würden.
Ich würde in Heidelberg leben und sie würde wieder nach Amerika zurück gehen, wenn sie ihren Dienst hier beendet hatte. Meine Eltern wurden gefunden, sie wohnten mit meiner kleinen Schwester auf dem land, bei meiner Großmutter.
Bei der Fahrt mit dem Zug war ich aufgeregt, endlich konnte ich meine Familie wieder in die Arme schließen und andererseits war ich auch noch nie Zug gefahren, jedenfalls nicht ein so lange Strecke.
Was mich traurig stimmte war, dass ich Bob nicht mehr sehen würde, jedenfalls nicht mehr so oft, er meinte bei seinem ersten freien Tag würde er mich besuchen kommen. Ich wusste jetzt sowieso nicht wie es weitergehen sollte.
Konnte ich weiter die Schule besuchen, oder musste ich irgendwo eine Arbeit annehmen um Geld für die Familie zu verdienen. Bob riss mich mit einem Kuss aus dem Gedanken.
„He Henry, hör auf zu denken. Es kommt alles so wie es kommen muss, dass wirst du schon noch sehen.“
Bob nannte mich neuerdings Henry, so würde man zu Heinrich in Amerika sagen, was ich nicht besonders glaubte. Aber der Name gefiel mir trotzdem. Am Bahnhof in Heidelberg stand ich erst mal hilflos da. Vieles lag in Schutt und Asche und ich konnte mich nicht recht orientieren.
Ein Kamerad von Bob, bot mir an mich zu meiner Großmutter zu fahren, eine Gelegenheit für Bob zu sehen, wo ich dann wohnte. Wir fuhren durch die Stadt und ich war entsetzt über die Zerstörungen der Stadt.
Kaum hatten wir die Stadt verlassen, konnte man meinen es hätte nie ein Krieg gegeben. Hier war alles noch so friedlich wie ich es in Erinnerung hatte. Nach einer Weile kamen wir in das Dörfchen, in dem meine Großmutter lebte und ein Häuschen besaß.
Charlie, Bobs Kamerad brachte den Jeep direkt vor dem Haus zum stehen. Irgendwie saß ich wie gelähmt in meinem Sitz. Was würde mich jetzt erwarten. Die Tür ging auf und ich traute meinen Augen nicht.
Ich sah Karl aus dem Haus rennen, genau auf mich zu. Ich war keines Wortes mächtig. Ich hob meine Arme zur Umarmung und…. Karl verschwand vor meinen Augen. Er löste sich auf.
„Heinrich wach auf wir sind da,“ hörte ich Bob, der mich am Arm zog.
Ich öffnete die Augen und wirklich wir standen vor dem Haus meiner Oma Lenchen. Ich musste wohl eingeschlafen sein, also hatte ich nur geträumt, das Karl noch am Leben war. Ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, was ich da eben geträumt hatte.
Die Tür öffnete sich und… meine Mutter trat heraus. Sie hatte ein schlichtes Kleid an. Irgendwie wirkte sie älter, abgekämpft. Ihre langen Haare waren matt und zu einem Dutt zusammengebunden. Ich schaute ihr ins Gesicht und da war das alt vertraute Lächeln auf ihrem Lippen.
Bob half mir aus dem Jeep, er hob mich regelrecht heraus. So gut und schnell ich konnte lief ich zu meiner Mutter und sie mir entgegen. Wir fielen uns um den Hals und fingen beide erst mal an zu weinen.
Alles was sich die letzten Wochen angestaut hatte, viel jetzt von mir ab. Sie strich mir mit der Hand durch mein Haar und drückte mich mit der Anderen fest an sich.
„Heinrich,“ schrie es laut aus dem Haus.
Das war meine kleine Schwester Emilie. Ich löste mich von meiner Mutter und ein kleiner Wildfang rannte mich fast über den Haufen. Kniend nahm ich auch sie in dem Arm. Ihre kleinen blonden Zöpfe standen lustig ab, und über ihrem sommersprossigen Gesicht breitete sich ein Strahlen aus.
„Heinrich, endlich bist du wieder da, und ich habe dann jemand zum spielen,“ sagte sie.
Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Langsam richtete ich mich wieder auf. Mein Vater stand im Türrahmen und ah mich an.
„Hallo mein Junge,“ sagte er.
Er war wie meine fahl im Gesicht, die Zeit die wir alle hinter uns hatten, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er war abgemagert. Vor mir stand nicht mehr der große Mann, kräftig gebaut und immer für ein Lachen gut.
Sein Haar lag wirr auf dem Kopf und unter den Augen waren dunkle Ringe zu sehen. Er schien ein paar schlaflose Nächte hinter sich zu haben.
„Wo ist Oma?“ fragte ich.
„Sie ist etwas Essen besorgen,“ kam es von meiner Mutter.
Ich drehte den Kopf und sah zu Bob. Er kam auf mich zu.
„Das ist Bob, er lag mit mir zusammen im Krankenhaus und hat mir geholfen, wieder laufen zu lernen.,“ sagte ich und legte meine Hand auf seine Schulter.
Bob begrüßte meine Eltern per Handschlag. Zu Emilie beugte er sich hinunter und zog etwas aus der Tasche.
„Schokolade?“ fragte er.
Emilie schaute schüchtern zu ihrer Mutter, die ihr aber lächelnd zunickte.
„Danke,“ sagte sie und machte einen kleinen Knicks.
„Hast mir gar nicht erzählt, dass du so eine nette Schwester hast,“ meinte Bob zu mir, „aber ich muss dann Henry, Charlie wartet schon, er muss den Wagen zurückbringen.“
Ich ging zu Bob und umarmte ihn.
„Danke Bob, danke für alles!“
Deutlich spürte ich, wie mir das Nass aus den Augen lief. Es war mir aber egal.
„Hey Kleiner, so bald ich wieder frei hab, komm ich dich besuchen, okay?“
Ich nickte und wischte mir die Tränen aus den Augen. Meine Eltern traten hinter mich und gemeinsam winkten wir Bob hinterher, als er mit Charlie davon brauste. Ich stand immer noch als der Jeep nicht mehr zu sehen war.
Mein Vater zog mich rein ins Haus um sich den neugierigen Blicken der Nachbarn, entgültig zu entziehen.
„So du heißt jetzt also Henry?“ fragte mein Vater und versuchte dabei zu lächeln.
„So haben sich mich alle im Krankenhaus am Schluss genannt, ging ihnen wohl leichter von den Lippen als Heinrich.“
„Was ist eigentlich passiert, warum musstest du ins Krankenhaus und wie bist du nach Berlin gekommen.?“ fragte meine Mutter.
Da war die Frage, die meiner Mutter bestimmt, schon seit langen auf der Zunge brannte. Ich setzte mich an den Küchentisch und begann zu erzählen. Ich begann damit, zu erzählen, als wir bei dem Bombenangriff getrennt wurden.
Ich war damals zu unserem Haus zurückgerannt, nur stand es nicht mehr. Der ganze Häuserblock bestand nur noch aus Schutt und Asche. Einer unserer damaligen Nachbarn hatte mich dann aufgelesen, weil niemand meiner Familie auftauchte.“
„Wie konnte ich denn auch wissen, das ihr im Bunker verschüttet wart.“
Gespannt hörten meine Eltern meine Erzählung weiter an. Dieser Nachbar hatte Verwandte bei Berlin und meinte, dass ich mit seinem Sohn dem Fritz, doch dort hinfahren könnte, weil dort dringend Arbeiter gesucht werden.
Und weil die Versorgung hier mehr schlecht als Recht war und wir dort mit gesicherter Verpflegung rechnen konnten, so dicht bei der Hauptstadt. So kam es, das ich und Fritz mit einem Truppentransporter Richtung Berlin unterwegs waren. In den Städten in denen wir vorbeikamen, sah es nicht anders aus als in Heidelberg.
Drei Tage später trafen wir dann in Berlin ein, wo uns der Onkel von Fritz abholte. Wir bekamen bei den Leuten in dem Vorort gemeinsam ein kleines Zimmer. Der Mann brachte uns am nächsten tag zur Post, weil es dort keine Briefträger mehr gab, weil sie alle eingezogen worden waren.
So trug ich Post aus, bis dann Berlin gefallen ist. Beim letzten Botengang kam ich an einem zerfallenen Haus vorbei, wo Kinder mit einer Bombe spielten, die anscheinend nicht los gegangen war.
Ich wollte die Kinder noch warnen, aber da ging das Ding schon in die Luft. Mir flogen Mauerreste um die Ohren, und als ich in Deckung gegangen bin, füllte ich einen Stich im Rücken. Etwas später wurde ich von Fritz`s Onkel notdürftig verarztet.
Kaum hatte ich und Fritz, das Haus seines Onkels danach verlassen, wurden wir von Amerikanern aufgegriffen und weil wir nicht von Berlin waren inhaftiert. Fritz wurde von seinem Onkel abgeholt, mich dagegen ließ er dort schmoren.
Dann wurde ich verhört, und bei dem Verhör sahen sie die Verletzung am Rücken und ich wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Tja und den Rest war ja bekannt, das ich einen Splitter im Rücken hatte, den sie dann rausgeschnitten hatten.
Meine Eltern saßen immer noch gebannt vor mir. An den feuchten Augen meines Vaters, bemerkte ich, wie sehr es ihn doch mitgenommen hatte. Keiner sprach nun ein Wort, nur irgendwo im Haus hörte man Emilie singen.
„Weiß Emilie wegen Karl….,“ brach ich den Satz ab, weil ich merkte wie sehr mir der Tod meines Bruders nachging.
Meine Mutter nickte.
„Wir haben es ihr gesagt, für sie ist Karl jetzt im Himmel und schließ in jeden Abend in ihr Nachtgebet ein,“ meinte sie, und ich merkte wie schwer es ihr fällt, dies zu sagen, ohne los zuweinen.
 
* *
 
Ein paar Tage später, am Mittag, saß ich im Garten und las in einem Buch, als meine Mutter zu mir kam.
„Hast du dich ein wenig eingelebt mein Junge?“
„Ja, habe ich.“
„Ich wollt noch mal mit dir über Karl reden,“ meinte sie und schaute zu Boden.
„Und warum?“
„Weil du nicht alles weißt.“
„Und das wäre.“
„Wir haben Karl für Tod erklären lassen, obwohl wir nicht wissen ob er wirklich gestorben ist.“
Erschrocken sah ich auf.
„Und weshalb habt ihr das gemacht, er könnte vielleicht noch leben.“
„Könnte.. Heinrich, seine  ganze Abteilung wurde unter Beschuss genommen, das niemand überlebt hat.“
„Wieso war jemand dabei?“ ich bekam einen frechen Ton.
Irgendwie war ich wütend auf meine Eltern, weil sie so schnell aufgegeben hatten.
„Ich werde mich selber darum kümmern,“ meinte ich.“
„Um was? Um was willst du dich selber kümmern Heinrich?“
„Ich werde Karl schon finden.“
„Heinrich bitte, du fügst dir doch dadurch nur noch mehr Leid zu.“
„Aber was soll ich machen, in der Ungewissheit leben, ob mein Bruder vielleicht doch noch lebt. Nein Mutter das kann ich nicht.“
„Du bist so erwachsen geworden, ich erkenne dich fast nicht mehr wieder.“
„Mutter ich mag zwar erst fünfzehn, bald sechszehn sein, aber ich hab einfach zu viel gesehen und erlebt, um immer noch das naive Kind zu spielen.“
„Das habe ich auch nicht behauptet. Mich erschreckt es nur, zu sehen, wie mein Sohn zu schnell erwachsen wird.“
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, daran kann man nichts mehr ändern.“
„Und wie willst du etwas über Karl herausfinden?“
„Ich wende mich an Bob.“
„Du magst ihn sehr.“
Mir wurde schlecht, ob sie was wusste, sah mir das an, was ich mit Bob gemacht hatte.
„Ja er ist ein guter Freund.“
„Das freut mich für dich. Ich weiß wie sehr du an ….“
Sie brach den Satz ab und senkte ihren Kopf..
„Sprich es nur aus, du meinst, wie sehr ich an Jakob gehangen habe. Ja das habe ich und mir wird übel, wenn ich dran denke, was sie mit den Juden gemacht haben. Und schon der Gedanke, Jakob könnte so was widerfahren sein, lässt mich erschaudern.“
„Woher weißt du soviel?“
„In den zwei Monaten im Krankenhaus, bei den Amerikanern, habe ich sehr viel mitbekommen. Unter anderem auch was sie mit den Juden gemacht haben.“
„Ich weiß, ich habe diese schrecklichen Bilder gesehen.“
„Hoffen wir, dass es niemals wieder dazu kommt. Weil einen Menschen, als etwas niedriges an zusehen, aus welchen Grund auch immer, kann nie recht sein.“
Meine Mutter erhob sich und strich mir über den Kopf.
„Was hast du jetzt eigentlich vor? Ich meine wegen der Schule.“
„Ich würde sie gerne weiter machen und wenn sich die Möglichkeit ergibt später auf die Universität gehen.“
„Du hast weitgreifende Pläne mein Sohn.“
„Ja habe ich, weil ich genau weiß was ich will.“
Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und verlies mich. Ich lehnte mich zurück und lass weiter.
 
* *
 
Ich freute mich sehr, als ich eine Möglichkeit fand, nach Heidelberg zu fahren. Ich wollte Bob wieder sehen. Er fehlte mir. Auf der Ladefläche eines alten Lasters, holperte ich Richtung Heidelberg.
Dort angekommen musste ich mich zuerst zu recht finden. Durch die vielen Ruinen hatte sich das Bild Heidelbergs deutlich geändert, sogar das Schloss, dass hoch oben über der Stadt thronte, war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.
Aber es war ein guter Orientierungspunkt, so konnte ich die alte Straße in der ich früher wohnte leichter finden. In der Strasse war ein mächtiges Treiben. Mehrere Frau sammelten die alten Backsteine an den Ruinen zusammen und trugen sie alle zusammen.
Andere wiederum klopften Mörtelreste von ihnen ab und so gewannen sie Steine für den Wieder- aufbau.
„Heinrich bist du es?“
Ich dreht mich um. Vor mir stand Liselotte ein Mädchen aus meiner Klasse.
„Lottchen, ich wird nicht mehr.“
Wir fielen uns in die Arme und drückten uns herzlich.
„Gibt es noch mehr von uns?“ fragte ich.
„Ja einige sind noch da, und das beste ist unsere kleine Schule hat nichts abbekommen. Dort habe ich auch einige unserer Klassenkameraden wieder gefunden.“
„Und wen?“
„Den Georg und Richard, auch die Ilse.“
„Und Ilses Zwillingsschwester Sabine?“
Liselotte senkte den Kopf.
„Die hat es nicht überlebt,“ meinte Lottchen traurig.
„Das haben einige nicht,“ erwiderte ich leise und dachte an Karl und Jakob.
„Hast du Lust die anderen zu sehen, wir wollen uns alle am alten Mühlenteich treffen.“
„Gerne, ich habe aber vorher noch was zu erledigen.“
„Unser Heinrich, geschäftig wie immer.“
Wir gaben uns die Hand zum Abschied.
 
* *
 
Ich wies mich aus, und wurde von dem Soldaten in die Kaserne gelassen. Ich fragte einige Leute, wo ich Bob finden könnte, und wurde sogar von einer netten Dame direkt bis zu Bobs Büro gebracht.
Ich klopfte und wartete auf das „Come in“, dann trat ich ein.
„What can i do for you?“
“Oh, ich bin Henry und wollte zu Bob.
„Du bist Henry?“, ich nickte, „Bob hat schon viel von dir erzählt. Er ist gerade nicht da, aber müsste gleich wieder da sein.“
Ich nickte wiederum und sah mich suchend um.
„Willst du dich nicht setzten, nimm ruhig Bobs Stuhl.“
Ich lief zum Schreibtisch, und setzte mich.
„Und was führt dich zu uns?“
„Ich möchte versuchen jemanden zu finden und Bob fragen ob er mir dabei helfen kann.“
„You want find anyone? Just for a moment!” meinte der Mann zu mir.
„Geht es auch wenn jemand schon für Tod erklärt wurde?“
Er nickte. Aus einem Schrank holte er Papiere und kam zu mir.
„Fülle alles aus, soweit es geht, dann werden wir weitersehen.“
Ich vertiefte mich so in den Unterlagen, dass ich nicht merkte wie die Tür aufging.
„Henry, what do you doing here?“
Ich sah auf und Bob stand vor mir, sprang auf und fiel ihm um den Hals.
„He Kleiner, das ist aber ne Surprice. Hätte nicht gedacht dich so schnell wieder zu sehen.“
„Ja stimmt, ich habe aber ein kleines Problem, deshalb bin ich zu dir gekommen, und …“ zeigte auf den anderen Mann, „hat mir schon geholfen.“
„Das ist Hunk aus South Dakota. Und um was geht es genau.“
„Ich will meinen Bruder finden.“
„Aber der ist doch.. „
„Nein, das ist noch nicht klar, meine Eltern haben ihn einfach für Tod erklären lassen, ohne zu überprüfen ob es war ist. Es gibt kein offizielles Schreiben, er wird vermisst.“
„Schon gut Kleiner, hast du schon den Fragebogen.“
„Ja.“
„Dann füll ihn mal aus. Und was ist mit Jakob?“
 
* *
 
Es war ein bisschen später geworden als ich am Mühlenteich ankam. Schon von weitem sah ich meine Klassenlameraden am See herumtollen. Friedel bemerkte mich als erstes. Sie kam aus dem Wasser und sprang juchzend auf mich zu.
Ebenso die anderen. Bald hatte ich die dreiviertel Klasse vor mir. Jeder nahm mich in den Arm und freute sich, dass ich noch lebte. Natürlich musste ich erzählen, wie es mir ergangen war und auch die frische Narbe auf dem Rücken musste herhalten.
Als ich nach Jakob und seinem Verbleib gefragt wurde, war ich erst stumm und versuchte meine Tränen zurück zuhalten. Jakob war in unserer Klasse sehr beliebt und jeder wusste, das er mein bester Freund gewesen war.
Ich erzählte ihnen, von der Nacht als Jakob mit seinen Eltern abgeholt wurden, auch von den hilflosen Blicken von Jakob, die mich seither im Traum verfolgten. Insgesamt neun Klassenkameraden hatten es nicht überlebt.
Wir schwiegen eine Weile, bis Kalli meinte ob ich mit ins Wasser gehen würde. Da alle nur in Unterhosen dastanden, konnte ich nicht ablehnen. So wurde dieser Mittag einer der schönsten nach langer Zeit.
 
* *
 
Mit Bob hatte ich ausgemacht, das ich bei ihm schlafen konnte. Voll Erwartungen auf diese Nacht lief ich zurück zur Kaserne. Aber ich wurde enttäuscht. Bob musste sein Zimmer heute mit Hunk teilen, weil in dessen Zimmer Gäste untergebracht wurden.
So lernte ich Hunk näher kennen. Er arbeitete für eine Zeitung in New York und war als Kriegsberichtserstatter abkommandiert worden. Danach hatte er aber beschlossen, nach dem Krieg noch zu bleiben um direkt aus Deutschland berichten zu können.
Gespannt hörte ich seinen Geschichten zu, bis mich Bob ermahnte langsam ins Bett zu kommen. Zumindest konnte ich mit ihm gemeinsam in einen Bett schlafen. Ich genoss seine Wärme und schlief bald darauf ein.
 
Ich stand auf einer Strasse. Vor mir die Männer in Schwarz die ich nicht leiden konnte. Da war Jakob und schaute mich an. Er schrie mir zu ich solle ihm doch helfen, streckte mir seine Hände entgegen. Ich rannte auf ihn zu aber die Männer hielten mich davon ab. Immer wieder schrie Jakob nach mir und entfernte sich immer weiter von mir. Die schwarzen Männer wurden zu einerdicken Masse die mich immer fester in ihrem bann hielt. Ich sah die angsterfüllten Augen von Jakob und hörte wie er schrie, Heinrich helf mir doch, lass mich nicht im Stich.
 
Schweißgebadet schreckte ich hoch. Ich hatte nur geträumt.
„What `s the matter? Henry?” sagte Bob, den ich anscheinend geweckt hatte.
„Tut mir leid, ich habe nur schlecht geträumt.“
„Von Jakob?“
„Ja…. hört das irgendwann mal auf?“
„Irgendwann…“
Bob zog mich zu sich hinunter und nahm mich in den Arm. Seine Lippen näherten sich den meinen und wir gaben uns einem innigen Kuss hin.
 
* *
 
Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ich alleine im Bett. Hunk war auch nicht mehr da. Schlaftrunken stand ich auf und merkte plötzlich, das ich nur noch ein Hemdchen an hatte und dafür keine Hose.
Da erinnerte ich mich an die vergangene Nacht und spürte wie mein Körper erneut zur Lust erwachte. Schnell wusch ich mich und zog mich an, weil nicht unbedingt in diesem Zustand, von jemand entdeckt werden wollte.
Ich lief zu Bobs Büro und klopfte wie immer.
„Come in.“
Ich trat ein und fand Bob und Hunk, arbeitend am Schreibtisch vor. Mein Guten Morgen wurde mit einem beidseitigen Nicken bestätigt. Beide waren sie mit Papieren beschäftigt. Neugierig schaute ich beiden über die Schulter, aber lesen konnte ich nichts, es war mal wieder in Englisch geschrieben.
Das Telefon klingelte und Hunk nahm ab. Er sprach englisch und so saß ich gelangweilt da, weil ich auch hier fast nichts verstand.
„Henry, wie geht es jetzt mit dir weiter?“ fragte mich Hunk nach dem Telefongespräch.
„Bei mir? Wie meinst du das?“
„Was hast du vor, gehst du weiter zur Schule wenn sie wieder öffnet oder suchst du dir ein Job?“
„Schule wäre gut, aber bis da alles wieder richtig läuft, das kann dauern,“ gab ich zur Antwort.
„Und wie sieht es mit einem Job aus?“
„Wenn du mir einen besorgst, gerne.“
Bob fing laut an zu lachen.
„Ich habe dich gewarnt, das ist mein Heinrich, vorlaut wie immer,“ meinte Bob.
Ein wenig verschämt schaute ich zwischen den beiden hin und her, stimmte aber dann doch in ihr Gelächter ein.
„Das mit dem Job meine ich ernst Henry, ich könnte jemanden an meiner Seite gebrauchen. Aber ich denke wir sollten darüber erst mal mit deinen Eltern reden,“ sagte Hunk.
Bob sagte kurz was auf englisch, wegen einem Auto, und telefonierte darauf kurz.
„Henry holst du deine Sachen, wirt bringen dich nach Hause, dann können wir mit deinen Eltern reden.“
„Ihr habt es aber eilig,“ meinte ich.
„Ja, dass haben wir, die Zeit drängt, aber das wirst du sehr bald selber verstehen,“ sagte Bob.
Ich lief zurück ins Zimmer der beiden und holte meinen kleinen Rucksack, und saß wenig später hinten im Jeep. Hunk fuhr recht schnittig und unterhielt sich währenddessen mit Bob. Diesmal auf deutsch so das ich alles verstand, interessiert hörte ich zu.
„Und du möchtest den Jungen wirklich mitnehmen, meinst du nicht, dass es vielleicht für ihn zuviel werden könnte. Uns reicht es ja schon ab und zu,“ meinte Bob.
„Nein, dass Gegenteil wird es bewirken, lieber Bob. Das Erlebte wird ihn prägen, dann kann er sich immer noch für eine Richtung unseres Berufszweiges entscheiden.“
„Und warum bist du dir bei  ihm so sicher, dass es für ihn das Richtige ist, ich meine du kennst ihn doch wirklich erst kurz.“
„Ich habe es irgendwie im Gefühl, das aus ihm was Großes werden könnte, er hat jedenfalls das Zeug dazu zu schaffen.“
Auch jetzt verstand ich nicht, was die zwei zu bereden hatten, nur das es um mich ging. Wir verließen Heidelberg und schon bald erreichten wir das kleines Örtchen vor den Toren Heidelbergs, wo ich mit meinen Eltern lebte.
Hunk hielt den Wagen genau vor dem Haus, in dessen Vorgarten mein Vater gerade versuchte einen alte Wurzel der Eiche auszugraben. Als er uns bemerkte, richtete er sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Hallo Papa, ich bin wieder zurück und schau Bob und sein Kamerad ist auch mitgekommen.“
Mein Vater legte die Schaufel beiseite und wischte seine schmutzigen Hände an der Hose ab. Danach begrüßte er Bob und Hunk per Handschlag.
„Wird das jetzt zur Gewohnheit, dass du dich von deine freunden hier herfahren lässt,“ fragte er.
Deutlich hörte ich den misstrauischen Unterton meines Vaters. Aber bevor ich was sagen konnte, meldete sich Hunk zu Wort.
Mister Pflüger ich bin gekommen, um mit ihnen über ihren Sohn Heinrich zu reden, wegen seiner Zukunft. Ist ihre Frau auch da?“
Mein Vater nickte.
„Sie ist im Haus und kocht Marmelade ein, ich werde sie holen,“ meinte mein Vater und verschwand im Haus.
„Dein Vater traut uns wohl nicht sehr?“ fragte Hunk.
„Nein, dass hat nichts mit euch zu tun, er hat sich geändert, seit er von Krieg zurückgekommen ist, und wenn er Soldaten sieht, wird er immer komisch,“ gab ich zur Antwort.
Wenig später erschien mein Vater zusammen mit meiner Mutter. Sie versuchte ein wenig ihr Kleid zurecht zu zupfen und ihre Haare zu richten. Sie begrüßte die beiden herzlich und wuschelte mir über meine Haare.
„Wir müssen irgendwann mal wieder deine Haare schneiden, deine blonden Locken stehen wirr in alle Richtungen.“
„Ach Mama las doch ist doch nicht so wichtig.“
„Doch du solltest ein wenig gepflegter herum laufen, schon alleine wenn du oft mit Bob und ..seinen Kameraden unterwegs bist.“
„Das ist Hunk Mama.“
„Können wir uns irgendwo hinbegeben, wo wir uns in Ruhe unterhalten können,“ sagte Hunk und so war das Thema von meinen Haaren vom Tisch.
„Aber sicher, hinten im Garten haben wir eine gemütliche Laube, da können wir uns alle setzten,“ meinte meine Mutter und wies Richtung Garten, dem Steinplatten entlang.
Bob nahm mich in den Arm und schob mich hinter meinen Eltern und Hunk her. Gemeinsam setzten wir uns an den großen runden Tisch, der in der Laube stand.
„Was möchten sie den mit uns wegen unserem Sohnes denn besprechen?“ fing mein Vater an.
„Zu aller erst möchte ich mich doch mal vorstellen,“ meinte Hunk.
„Ich heiße Hunk Closster und stamme aus South Dakota in Amerika. Seit Kriegsbeginn, war ich für die Armee als Kriegsberichtserstatter tätig und nun weiterhin als freier Journalist für die Armee.“
„Sie sind also kein Soldat im herkömmlichen Sinne?“ fragte wiederum mein Vater.
„Doch eigentlich schon, ich habe genauso meine Ausbildung hinter mit wie Bob hier, aber ich wurde nicht am Dienst mit der Waffe eingesetzt. Meine Waffe sind meine Fotos und was ich dazu schreibe.“
„Und was hat das mit unserem Heinrich zu tun?“ fragte meine Mutter.
„Ich kenne Henry.. Heinrich zwar erst kurz, aber ich habe festgestellt, was für ein Potential in dem Jungen steckt.“
„Wie meinen sie dass?
„Ich würde Heinrich gerne auf meine Berichterstattungen mitnehmen.  Der Junge ist ein guter Zuhörer, hat eine gesunde Neugier, und vor allem er hat einen tollen Gerechtigkeitssinn und sagt wenn ihm was nicht passt.“
„Das alles trifft auf unseren Heinrich zu, ich weiß das er in dieser Hinsicht sehr begabt ist, was auch seine bisherigen Schulnoten beweißen. Aber wie kann ihnen da Heinrich nützlich sein?“
„Ich bin Amerikaner und wir wissen, wie misstrauisch uns die Bevölkerung immer noch entgegen steht. Ist ihnen auch nicht zu verdenken. Aber wenn ich Heinrich dabei hätte, könnte er zwischen uns eine kleine Vertrauensbrücke schlagen, und es würde mir nicht so schwer fallen, Berichte über hier zusammeln.“
Ich wurde unweigerlich rot, als ich verstand was Hunk wollte.
„Dafür wäre unser Heinrich bestimmt geeignet.“
Wir drehten uns um und meine Oma kam mit einem Tablett voller Gläser zu uns gelaufen.
„Wo bleiben nur eure Manieren, wenn wir Gäste haben. Hier ist etwas zu trinken.“
„Das ist meine Oma,“ sagte ich, als sie das Tablett abstellte.
Bob und Hunk erhoben sich und gaben beide meiner Oma die Hand zur Begrüßung.
„Meine Herrn setzten sie sich doch wieder, ich bin diese Freundlichkeiten gar nicht mehr gewöhnt.“
Die beiden setzten sich wieder und Hunk fuhr fort.
„Ich fahre viel durch Deutschland, um über die Menschen und ihre Schicksale zu berichten. Sie müssen nicht denken, nur weil unsere beiden Länder im Krieg waren, will man bei uns zu Hause nichts über sie wissen. Gut mag sein, das die ganzer Geschichte mit den Juden einen bitteren Beigeschmack hinter lassen hat, aber dafür müsste man Hitler und seine Gefolgsleute zur Rechenschaft ziehen, und nicht die Bevölkerung.“
Es war ruhig geworden, keiner sagte einen Ton. Hunk hatte ein Thema angeschnitten, über das wir hier eigentlich nicht oft redeten.
„Ich wusste nichts darüber, auch nicht als mein Freund Jakob und seine Eltern abgeholt wurden. Aber seit ich die schrecklichen Bilder gesehen habe, was sie mit den Menschen angestellt haben, schäme ich mich fast ein Deutscher zu sein,“ meinte ich und sah zu Boden.
„So was darfst du nicht sagen, nicht mal denken mein Junge,“ mischte sich wiederum meine Oma ein, sag mir was hättest du oder wir machen können, viel zu spät haben wir gemerkt, was unsere liebe Regierung im Sinn hatte, und da war schon alles zu spät.“
„Mutter ich wusste nie, dass du so dachtest,“ meinte mein Vater.
„Lieber Jürgen, dein Vater sagte schon an seinem Sterbebett, man dürfe diesem Österreicher nicht trauen, und Gott hat ihn selig, ich bin froh, dass er das alles nicht mehr erleben musste, was nach seinem Tode geschah. Wenn ich aber meine Meinung frei geäußert hätte, würde ich jetzt nicht mehr hier sitzen, sondern wär auch in irgendein Lager gesteckt worden. Mag sein, dass wir uns damit schuldig gemacht haben, das wir was wussten aber uns für nichts eingesetzt haben, aber unsere Angst war eben zu groß.“
„Deswegen macht ihnen auch niemand einen Vorwurf, Misses,“ meinte Bob.
„Junger Mann, sie werden noch an meine Worte denken, in ein paar Jahren, wird immer noch mit den Fingern auf uns gezeigt. Und da heißt es nicht, Hitler hat dieses Verbrechen begangen, sondern es wird vom deutschen Volk geredet.“
„Aber du sagtest doch, was hätten wir tun können Oma,“ warf ich ein.
Eine kurze Pause entstand, weil meine Oma ein kräftigen Schluck Wasser aus ihrem Glas nahm. Meine kleine Schwester Emilie tollte im Garten umher und durchbrach die Stille, aber sie störte sich nicht an unserer Anwesenheit und spielte weiter.
„Lieber Heinrich, oder Henry, wie dich deine amerikanischen Freunde nennen, was mir sehr gut gefällt, das Einzigste was du jetzt tun kannst, dafür zu sorgen, dass so was nie wieder vorkommt und passieren kann. Ich weiß nicht wie deine Eltern darüber denken, aber ich finde du solltest die Chance nützen und mit Hunk mitgehen.
Rede mit den Leuten, öffne denen die Augen, die es noch nicht einsehen, warum wir den Krieg verloren haben. Du hast die Möglichkeit, auch wenn im Kleinen, darüber zu schreiben! Und wenn ich Hunk richtig verstehe, kannst du auch bei ihm zu Hause was bewirken, in dem du von deinen Landsleuten berichten, wie sie wirklich sind.“
Ich ließ mir die Worte meiner Oma durch den Kopf gehen, während die anderen weiter miteinander redeten. Es stimmte schon, was ich in dem letzten halben Jahr gesehen und gehört hatte, bewirkte in mir eine Veränderung. Ich sah vieles anders, vor allem kritischer.
Vor mir liefen die Bilder dieses Zeitraums wie ein kleiner Film ab. Zuviel war geschehen um alles behalten zu können oder es zu verarbeiten. Ich merkte selber, wie meine Gedanken mir einen Streich spielten.
Von den Dingen, die ich mit Bob erlebte, ganz zu schweigen, aber das war etwas, worüber ich mit niemanden reden wollte, weil es persönlich war, tief in mir drin und niemanden etwas anging. Natürlich hatte ich auch schon mitbekommen, das Hitler, auch solche Leute verfolgen lies und ebenfalls verschleppen.
In seinen Augen war es unnatürlich, krankhaft. Bei diesem Gedanken wurde ich fast wütend, weil ich nicht verstand, warum man Menschen nicht selbst entscheiden ließ, wenn sie lieben dürfen, aber wie mein Vater zu sagten pflegte, dafür wäre ich zu jung um so was zu verstehen.
Hunk bemerkte wohl, meine tiefen Gedanken und sprach mich an.
„Hast du nie darüber nachgedacht, das nieder zuschreiben was du erlebt hast oder was dich beschäftigt?“
„Nein, darüber hab ich mir noch nie gedanken gemacht, aber wie soll ich das machen?“
„Einfach so als würdest es du mir erzählen, so musst du es schreiben, denn es gibt genügend Leute, die dass auch interessieren wird.“
„Ich bin erst fünfzehn, wer interessiert schon was ich zu sagen habe.“
„Mehr als du denkst,“ meinte mein Vater, „ weißt du, als du uns erzählt hast, wie es dir das letzte halbe Jahr ergangen war und dir passierte, hing ich förmlich an deinen Lippen. Ich zog jedes einzelne Wort in mich auf.“
„Papa, jetzt übertreibst du.“
„Nein Heinrich, dein Vater hat schon recht, mir ging es nicht anderst. Und ich denke, wenn du genauso schreibst, wie du erzählst, wird es die Leute interessieren, was du zu sagen hast.
„Ihr meint also wirklich, ich soll mit Hunk mitfahren und alles was ich sehe und erlebe niederschreiben, damit andere Menschen daran teilhaben können, was ich von mir gebe?“
Ein allgemeines Kopfnicken ging durch die Runde, Bob lächelte mich an.
„Und wann soll es los gehen?“
„Sobald wir alles mit deinen Eltern und den Papieren geregelt haben. Du bist erst fünfzehn, wie du immer betontst, und ich muss ja dann die Sache mit der Beaufsichtigung klären. Weil Bob ist erst einundzwanzig und dafür nicht geeignet“
„Was Bob fährt auch mit?“ fragte ich erstaunt.
„Natürlich, hat der Bob dir wohl nicht erzählt, dass er einer unserer besten Fotografen ist, die wir haben?“
„Nein, das hat er mir nicht erzählt,“ meinte ich und schaute Bob vorwurfsvoll an.
„Langsam Kleiner, ich hätte dir das schon noch erzählt und außerdem wäre dann die Überraschung hin, die ich für dich habe,“ meinte Bob.
„Was für eine Überraschung?
Bob zog einen kleine Kamera aus der Tasche.
„Die ist für dich, wie sie funktioniert erkläre ich noch.“
„Oh Mann, das ist ja irre, die ist wirklich für mich?“
„Ja sage ich doch,“ meinte Bob.
Stolz hob ich die Kamera meinem Vater unter die Nase.
„Du Henry, wir haben da noch eine Überraschung für dich, eigentlich auch für deine Eltern,“ meinte Hunk.
„Und die wäre?“ fragte ich.
„Wir haben Nachforschungen angestellt und nach deinem Jakob gesucht.“
Mir wurde anders, als Hunk Jakob erwähnte.
„Wir haben eine gute Nachricht für dich!“
Tränen stiegen mir in die Augen.
„Du meinst…“ weiter kam ich nicht.
„Ja Jakob lebt und seine Mutter auch. Sie wohnen beide jetzt in den Staaten, sie haben die Flucht geschafft.. sein Vater leider nicht.“
„Herr Guggenheimer tot,“ meine Mutter schaute betrübt zu meinen Vater.
„Nein er hat es nicht geschafft, sie haben ihn erwischt. Als er seiner Familie half zu fliehen,“ meinte Hunk leise.
„Ich kann es nicht fassen Jakob lebt,“ meinte ich eher zu mir gesagt.
„Ja und wir wissen auch wo,“ meinte Bob grinsend.
„Und wenn wir zurück sind, kannst du mit ihm telefonieren, das haben wir alles schon eingefädelt.“
Meinte wiederum Hunk.
Fast heulend fiel ich erst Hunk und dann Bob um den Hals.
Jakob lebt und ich werde ihn wieder sehen, dass schwor ich mir, und wenn ich rüber in die Staaten muss!
 
* *
 
Nun war es doch war geworden, ich war mit Hunk und Bob unterwegs zu meiner ersten Erkundungstour, nachdem Hunk sämtlichen Schriftkram zusammen hatte, was er benötigte um mich mit nehmen zu können.
Von zu Hause konnte ich nicht viel mitnehmen und so hatte mich Bob, da wir fast die gleiche Größe hatten, mit neuen Klamotten ausgestattet. Besonders stolz war ich aber auf meinen Presseausweis.
Mit großen Lettern stand Presse drauf, darunter mein Name Heinrich Pflüger in Klammer Henry. Er war an meinem Hemd befestigt und so für jeden sichtbar. Wir hatten einen Dodge vollbeladen, und ich saß zwischen Kameras und anderen Gepäckstücken.
Viele Strassen waren immer noch schlecht befahrbar, so tat mir nach einer Stunde so alles weh, was einem weh tun konnte. Bob lag in seinem Sitz und schlief. Wie machte er das? In aller Seelen Ruhe schlafen, bei diesem Geholper.
Hunk hatte mir etwas zum Lesen gegeben. Es ging dabei um Kinder, die ihre Eltern verloren hatte. Ich war sichtlich erschrocken als ich die Zahlen sah. Ich wusste nicht, dass es so viele waren. Und vor allem nicht das sie auf so wenige Heime verteilt wurden.
Irgendwann war ich trotz der Wackelei eingeschlafen. Ich wurde erst wieder wach, als es bereits schon dunkel wurde, wir hielten vor einer kleinen Pension in den Bergen. Wir waren irgendwo in Bayern, wo wusste ich allerdings nicht.
Ich nahm meine Rucksack und folgte Hunk und Bob in das kleine Haus.
„Guten Abend, ich hab hier bei ihnen reserviert. Mein Name ist Closster, sagte Hunk zu der alten Dame.
„Ah, ich habe sie schon erwartet, würden sie sich bitte hier eintragen. Frühstück gibt es um acht.“
„Danke.“
Hunk trug sich in das kleine Buch ein, während die Frau Schlüssel vom Bord nahm.
„Wer von den Herren bekommt das Einzelzimmer?“
„Das bekomme ich,“ sagte Hunk und nahm den Schlüssel entgegen.
Immer noch seltsam müde, lief ich mit meinen beiden amerikanischen Freunden die Treppe hinauf. Oben angekommen, verschwand Hunk gleich in seinem Zimmer. Ich folgte Bob in das unsere.
Ich ließ meinen Rucksack fallen und lief zum Fenster. Außer der Lichter der wenigen Häuser, war nichts zu erkennen. Nur ein kleiner Lichtpunkt oben auf dem Berg.
„Da müssen wir morgen hin,“ meinte Bob und machte es sich auf den Bett bequem.
„Ist da das Kinderheim?“
„Ja ist es.“
Ich lief zu ihm ans Bett. Selbst hier im Halbdunkeln, sah ich wie seine Augen funkelten. Mit einem Knie auf der Bettkante beugte ich mich zu ihm herunter und gab Bob einen Kuss.
„Man hab ich das vermisst, Kleiner,“ sagte Bob und zog mich vollends zu sich herunter.
Ich konnte nichts erwidern, weil er seinerseits wieder begann, mich zu küssen.
„Kommt noch eine…..oh sorry….,“ Hunk war ohne zu Klopfen in unser Zimmer gestürmt. Es war klar, was für ein Bild sich ihm bot.
„Ich werde wieder gehen, wollte nicht stören…“
„Halt Hunk bleib da, bitte,“ meinte Bob, der aufgesprungen war und Hunk am Arm fest hielt.
Hunk schloss leise die Tür.
„Setz dich bitte, irgendwann hättest du es ja eh erfahren,“ meinte Bob, „ bist du jetzt sauer?“
„Nein bin ich nicht.“
Ich saß erschrocken am Bettrand und wusste nicht wie ich reagieren sollte. Bob zog mich zu sich und nahm mich in den Arm.
„Keine Sorge, Kleiner. Hunk wird dir schon nicht den Kopf runterreißen.“
„Ich …. tut mir leid… Hunk ich wollt dich nicht enttäuschen,“ meinte ich.
„Tust du nicht Henry, ich bin über mich selber verärgert.“
„Warum das denn?“
„Weil ich eben fast den gleichen Fehler begannen hätte, wie damals schon einmal.“
„Und welcher wäre das?“ fragte Bob.
„Ich hatte mal einen Freund, Tom, wir waren fast wie Brüder, wir sind zusammen aufgewachsen. Es war kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, da sagte er mir, dass er eben…. genauso ist wie ihr.“
„Und wie hast du darauf reagiert?“
„Ich hab mich von ihm abgewendet, als wäre er ein Aussätziger, eine Woche später fand man ihn aufgeknüpft an einem Baum.“
Bob und ich schwiegen, und Hunk sah weiterhin auf den Boden.
„Ich bin schuld am Tod eines Menschen, und eben wo ich euch sah, kam das alles wieder zurück, ich wollte einfach nur weg.“
„Weil du nicht wusstest, wie du reagieren sollst?“
„Ja, ich wollte nicht den gleichen Fehler wie damals machen, heut weiß ich, dass es ein fehler war und ich nicht so reagieren hätte sollen. Er wollte weiterhin meine Freundschaft und war nur ehrlich zu mir.“
„Ich versteh, ehrlich gesagt noch nicht viel davon, aber warum ist es so schlimm jemanden zu lieben, der nicht der Norm entspricht,“ fragte ich.
„Lieber Henry, es hat niemand etwas gegen Liebe, nur eben, das es wie in unseren Fall zwei Männer sind, und das finden viele immer noch für krank und abnormal, und ich denke daran wird sich auch lange nichts ändern.“
„Warum denn? Ich kann das nicht verstehen, es geht doch niemand was an wen ich liebe,“ sagte ich.
„Du liebst Bob?“ fragte Hunk.
Eine Pause folgte, weil ich nicht antworten wollte.
„Hunk hat dir eine Frage gestellt,“ meinte Bob.
„Und ich möchte niemand verletzten,“ antwortete ich.
„Wieso verletzten?“
„Ich hab dich sehr gerne Bob, dass weißt du, aber ich glaube, lieben tue ich jemand anderen.“
„Das weiß ich Henry, das hab ich von Anfang an gewusst. Und außerdem, irgendwann muss ich nach Amerika zurückkehren und dich kann ich nicht mitnehmen.“
„Dir ist das egal?“
„Nein egal ist mir das nicht, aber ich wusste vorher, auf was ich mich da eingelassen habe.“
Irgendwie war ich jetzt enttäuscht und froh gleichzeitig.
„Kleiner du bist eben doch erst fünfzehn, ja bald sechzehn, jeder würd sofort mitbekommen was laufen würde.“
„Schon klar. Und wie geht es jetzt weiter, ich meine wegen dir, Hunk.“
„Mach dir mal um mich keine Sorgen Henry, ich muss eben auch noch viel lernen, besonders toleranter zu werden, so wie grad in eurem Fall. Schließlich ist Bob ein guter Freund zu mir, und ich denke zwischen uns wird das auch so werden.“
„Danke Hunk.“
„Hast du den Artikel gelesen, den ich dir gegeben habe?“
„Ja habe ich.“
„Und?“
„Was und?“
„Ist dir etwas aufgefallen, findest du ihn gut?“ fragte mich Hunk.
„Doch gleich am Anfang ist mir etwas aufgefallen, es zog sich durch den ganzen Text.“
„Und das wäre.“
„Es ist alles zu gut geschrieben, ich meine alles in dem Bericht  zeigt nur die schönen Seiten der Kinderheime, das gibt ein falsches Bild von den Kindern. Also ich würde berichten, wie es den Kindern geht, welche Verletzungen sie haben, oder über ihre Schicksale, nicht wie toll der Wald aussieht oder wie schön die Blumen im Vorgarten aussehen, wen soll das interessieren?“
„Das ist also deine Meinung?“
„Ja.“
Hunk nickte Bob zu.
„Hör mir mal genau zu. Morgen gehen wir das Heim da drüben auf dem Berg besuchen. Schau dir alles genau an, und danach hätte ich gerne, dass du alles aufschreibst, was dir darüber einfällt, okay?“
„Ja mache ich.“
„Good. Dann gehen wir jetzt alle to Bed.“
Hunk verlies unser Zimmer und wir begangen uns auszuziehen.
 
„Morgen Kleiner good sleeping?“
„Very well.“
„Du lernst schnell,“ meinte Bob.
„Wer weiß für was ich es später brauchen kann.“
„Lass uns aufstehen, damit Hunk nicht auf uns warten muss.“
Ich schlug die Decke weg und starrte auf meinen nackten Körper. Ich hatte vergessen, das ich nach der heißen Liebesnacht mit Bob sofort eingeschlafen war und mir nichts mehr angezogen hatte.
„Oh fine!“ meinte Bob.
„Starr mich nicht so an,“ sagte ich und begann zu Grinsen.
Wenig später saßen wir unten und frühstückten. Mit einem Heißhunger griff ich zu und schlang alles in mich hinein.
„Er wächst noch,“ meinte Bob zu Hunk, der mir kopfschüttelnd gegenüber saß.
„Wann fahren wir?“ fragte ich mit vollem Mund.
„Wenn du deine Tischmanieren gebessert hast,“ sagte Bob grinsend.
Ich schaute ihn erstaunt an.
„Wieso denn, es schmeckt so gut,“ meinte ich, was bei der alten Dame an der Küchentür ein Lächeln hervorzauberte. Ich schluckte die letzten Bissen herunter und schon konnte es los gehen.
„Wie, wir laufen da hoch?“ fragte ich.
„Unser Kleiner gewöhnt sich zu schnell an den Luxus,“ sagte Bob, wofür er von mir einen Hieb in die seite kassierte.
„Hilfe er schlägt mich Hunk rette mich vor ihm,“ sprach er weiter, was bei uns Dreien ein Lachen auslöste.
 
* *
 
Als wir ankamen, viel mir gleich die Ruhe auf. Kein Kindergeschrei oder Gesang. Ich lief Bob und Hunk hinterher die Steige hinauf. Die Tür war offen, so traten wir ein.
„Hallo jemand zu Hause?“ rief Bob in den Flur.
Ein älterer Herr kam aus einem Zimmer.
„Tut mir leid, aber ich habe sie nicht kommen gehört. Was kann ich für sie tun?“ meinte er
Hunk zog den Ausweis und erklärte was er wolle.
„Sie können sich gerne umschauen Herr Closster, ich muss wieder in die Küche zurück und das Mittagessen zubereiten.“
„Was gibt es denn?“ rutsche mir raus.
„Kartoffeln mit Möhren,“ gab der alte Mann zur Antwort und verschwand wieder.
„Also schauen wir uns um, kommt,“ sagte Hunk.
Langsam wanderten wir durch jedes Zimmer und mir verschlug es die Sprache, was ich zu Gesicht bekam.
 
Kinderhaus
Der erste Eindruck von außen, ist sehr gut, gepflegter Garten viele Blumen und einige Bäume. Es fehlt aber etwas, das Kindergeschrei und die spielenden Kinder.
Ich trete in das Haus ein, es wird irgendwie dunkel und kalt und noch immer sehe ich keine Kinder. Alles ist notdürftig eingerichtet, wie man es nach dem Krieg überall sieht. Und doch unverständlich, weil hier soviel Kinder wohnen.
Ich bin jetzt fünfzehn und hatte das Glück meine Eltern wieder zufinden. Doch hier leben lauter Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, oder von ihnen getrennt wurden.
Und nun sehe ich wie sie zusammen gepfercht in den viel zu kleinen Zimmern sitzen. Manche teilen sich zu Dritt ein Bett. Von der Sauberkeit möchte ich erst gar nicht anfangen. Ein kleines Fenster zierte jedes Zimmer, aber es war viel zu dunkel.
Manche tragen nur zerrissene Kleidung und versuchen sich mit einer Jacke zu zudecken.
Gerne würde ich helfen, aber man sieht nicht wo man anfangen soll. Aber wer kann schon helfen in so einer schweren Zeit, wo jeder versucht, das Beste daraus zu machen.
Was mich mehr bekümmert, es sind nicht nur die Kinder hier im Heim, die so leben, nein auch die Kinder die auf unseren Strassen leben, weil sie kein Zu Hause mehr haben.
Heinrich Pflüger
 
 
Hunk legte das Blatt zurück auf den Tisch.
„Wenn man das liest, glaubt man nicht, dass du erst fünfzehn bist. Aber es gefällt mir wie du schreibst.“
„Danke und was passiert jetzt?“
„Bob wird es ins Englische übersetzten und ich werde es an eine Zeitung weiterleiten,“ meinte Hunk und überflog noch mal den Text.
„Im Ernst? Ich meine das ist mein erster Text und du willst es gleich weitergeben.“
„Ja Henry, nur so werden wir erfahren, ob er angenommen wird.“
Sprachlos saß ich da und konnte es nicht glauben, was Hunk gerade gehört hatte.
 
* *
 
Zwei Wochen später, ich saß in einem Zimmer, in einer Kaserne bei München, als Hunk zu mir kam und mir eine Zeitung reichte.
„Was soll ich mit der, sie ist in Englisch geschrieben, das kann ich noch nicht richtig lesen,“ meinte ich.
„Dann schlag mal die zweite Seite auf,“ meinte Hunk.
Ich legte die Zeitung vor mir aufs Bett und schlug die erste Seite um. Hunk wies mit seinem Finger auf einen Abschnitt.
“A young german boy has writen this Journal..”
„Das ist von mir?” fragte ich Hunk.
„Ja natürlich, steht doch dein Name drunter.“
Ich überflog den Artikel und wirklich, am Schluss stand Henry Pflüger. Strahlend schaute ich Hunk an.
„Und wie geht es nun weiter?“ fragte ich.
„Das kommt ganz auf dich an, schreibe weiter so und die Zeitung veröffentlicht noch mehr deiner Artikel.“
Hunk wollte schon gehen, als er sich doch noch in der Tür drehte.
„Bevor ich es vergesse, hier ist noch etwas für dich.“
Hunk griff in seine Jackentasche und reichte mir einen Umschlag.
„Was ist da drin?“
„Mach ihn auf!“
Ich riss den Umschlag auf und mir kam Geld entgegen geflogen.
„Für was?“
„Für deinen Artikel, oder meinst du wir Menschen von der Zeitung, schreiben um sonst?“
„Das ist alles für mich?“
„Ja Henry und je mehr Artikel du ablieferst umso mehr Geld wirst du bekommen.“
„Davon kann ich soviel machen.“
Hunk merkte wohl wie mein Kopf begann zu arbeiten und lies mich alleine. Wieder ein wenig zu mir gekommen, setzte ich mich zurück an den Tisch und schrieb meinen Artikel über Dachau weiter.
 
Ich weiß nicht, welches Gefühl ich hegen soll. Ist es Trauer oder Wut, kann es Hass sein oder Entsetzten, ich verstehe nicht wieso man diesen Menschen, dass antun hat können.
Die Bilder, die sich mir in dem Konzentrationslager Dachau gesehen habe, sind tief in meinem Innern eingebrannt. Was tun, mit dieser Tat? Sie wird uns wahrscheinlich das ganze Leben angelastet werden. Verständlich, wo doch so viele Menschen einfach umgebracht wurde, auf eine Art, wo man nur hoffen kann, die Menschen mussten nicht viel leiden, als sie starben. Für mich ist es unfassbar, kann dies alles nicht einordnen, zu klein ist mein Horizont um zu verstehn, warum unsere Führung so was für angebracht hielt.
Die Unwissenheit meiner Mitmenschen über diese Tat, enthebt sie aber nicht der Schuld. Lange werden wir mittragen müssen.
Henry Pflüger
 
Die Bilder hatten sich mir in den Kopf gebrannt. Zuviel eigentlich für einen Jungen meines Alters. Aber ich hatte mir vorgenommen, den da draußen zu sagen, was ich sehe und auch fühle. So vertiefte ich mich wieder und merkte nicht das Bob rein kam.
„Hallo Kleiner, deine Bilder sind fertig.“
Ich schrak zusammen, als er direkt hinter mir stand.
„Musst du dich so heranschleichen?“
„Sorry ich dachte du hast mich gehört, hier deine Bilder.“
Er reichte mir die Bilder, die ich mit der kleinen Kamera geschossen hatte, die mir Hunk gegeben hatte. Ich sah sie durch und die Bilder in meinem Kopf wurden noch klarer.
„Könnte man zu dem Artikel die ich schreibe, auch ein oder zwei Bilder dazu geben?“
Bob sah mich fragend an und wusste nicht was ich meinte. Ich stand auf und gab ihm die Zeitung. Er überflog den Artikel und sah mich danach lächelnd an.
„Herzlichen Glückwunsch, Henry.“
Er nahm mich in den Arm.
„Ich wusste, dass du das schaffst. Also du meinst ob man da ein zwei Bilder hinzufügen könnte. Ist kein Problem, du musst nur die Negative mitschicken.“
„Die bekomme ich sicherlich von dir?“
Bob nickte.
„Gut, dann gib mir bitte von diesen zwei Bildern, das Negativ, ich bin gleich fertig mit schreiben und möchte es dann gemeinsam bei Hunk abgeben.“
„Okay, ich hole es gleich… ach so Henry, wie sieht es nächste Woche aus?“
„Was ist nächste Woche?“
„Was ist am Vierzehnten?“
„Mein Geburtstag, hätte ich jetzt fast vergessen, aber was soll damit sein?“
„Den willst du doch sicherlich daheim feiern.“
„Ja schon, aber euch möchte ich auch dabei haben.“
„Gut dann lege ich alle Termine so, dass wir gemeinsam zu dir nach Heidelberg können.“
„Danke Bob.“
„Nichts zu danken, Kleiner, tu ich gerne.“
Er gab mir noch einen Kuss und verschwand.
 
„Heinrich, endlich bist du da,“ meine kleine Emilie kam mir entgegengerannt, „ich habe dich so vermisst.“
Ich viel auf die Knie und meine Schwester rannte mir direkt in die Arme. Sie drückte sich ganz fest an mich. Meine Mutter trat aus dem Haus.
„Hallo Mutter,“ sagte ich und stand wieder auf. Sie sah wesentlich besser aus, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ihre Harre wiegten sich im Wind und spielte mit ihren Locken. Sie hatte ein Kleid an, das ich noch nicht kannte. Ich nahm mein Koffer und trat zu ihr.
„Hallo Heinrich,“ sagte sie und gab mir eine Kuss auf die Wange.
Ich folgte ihr ins Haus.
„Wo ist Vater?“
„Er holt gerade ein Paket für dich ab?“
„Ein Paket?“
„Ja ein Paket, seit du uns geschrieben hast, dass in einer amerikanischen Zeitung, von dir etwas geschrieben stand, bekommen wir an diese Anschrift Päckchen.“
„Was es sind noch mehr Päckchen gekommen?“
„Schau selber,“ sagte meine Mutter und öffnete die Tür zur Kammer.
Die Kammer war voller kleiner Pakete.
„Und was ist drin?“
„Wir haben noch keine aufgemacht, sie sind alle mit deinem Namen versehen,“ antwortete meine Mutter.
Ich nahm mir eine Kiste, die mir wegen ihrer roten Farbe auffiel und stellte sie auf den Küchentisch. Mit einem Messer öffnete ich die Schnurr. Ich hob den Deckel herunter, und zum Vorschein kamen Kleidungsstücke und ein Brief.
„Heute Abend kommt Bob schon zu uns, wegen meinem Geburtstag morgen, der kann uns das übersetzten,“ meinte ich.
„Warum auf Bob warten, im Haus gegenüber wohnt eine junge Frau, die kann englisch, soll ich sie holen?“
Ich nickte, worauf meine Mutter gleich verschwand. Ich nahm das nächste Paket und riss es auf. Wieder kam ein Brief zum Vorschein, aber diesmal befand sich Spielzeug in der Kiste. Es dauerte nicht lange und meine Mutter kam zurück.
„Heinrich das ist Gisela,“ sagte sie.
Ich gab Gisela die Hand und drückte ihr dann den Brief in die Hand. Sie nahm ihn entgegen und lass ihn für sich und dann laut vor.
Lieber Heinrich,
mit Interesse habe ich deinen Artikel in der Zeitung gelesen. Du fragtest, wer helfen kann. Ich für meinen Teil schicke dir einige Kinderkleider, die wir nicht mehr brauchen. Ich hoffe du kannst mit diesen kleinen Teil jemanden glücklich machen und wir ein wenig helfen.
Deine Mrs. Banater.
Mir standen die Tränen in den Augen. Sollte ich mit meinem kleinen Artikel das bewirkt haben? Wir rissen ein Paket nach dem anderen auf und immer wieder stand dasselbe in den Begleitbriefen.
 
* *
 
„Was ist denn hier los?“
Mein Vater stand an der Küchentür. In der Küche sah es aus wie in einem Warenlager. Wäsche, Spielzeug und Seifen, alles was wir in den Paketen gefunden haben auch jede Menge Schokolade.
„War das alles in den Paketen?“ fragte meine Vater.
„Ja,“ sagte ich stolz und umarmte mein Vater erst mal zur Begrüßung.
Meine Oma hatte noch ein paar Nachbarinnen zusammengeholt um alles besser zu sortieren  können. Meine Mutter schrieb jeden namen auf und was in den Paketen lag. Mein Vater gab mir ein weiteres Päckchen, das er gebracht hatte.
„Und was machen wir jetzt damit?“ fragte wiederum mein Vater.
„Verteilen natürlich,“ sagte meine Oma.
Ich hörte einen Wagen vorfahren.
„Das ist sicherlich Bob, sagte ich und lief zur Haustür und öffnete sie.
Bob kam mir schon entgegen gelaufen. Mir war es egal, was die Nachbarn dachten, die neugierig auf der Strasse standen und beobachteten, wie ich Bob um den Hals viel.
„He Kleiner, du hast ja ganz schön was losgetreten,“ sagte Bob.
„Was meinst du damit?“
„In der Kaserne stapeln sich Kisten, die alle mit deiner Adresse versehen sind.“
„Noch mehr?“
„Wie noch mehr?“
„Komm mal mit!“
Bob folgte mir ins Haus und ich führte ihn in die Küche. Bob traute seinen Augen nicht.
„Das ist alles geschickt worden?“ fragte er.
„Ja antwortete meine Mutter und gab Bob eine Hand zur Begrüßung.
Meine Oma stellte ihn ihren Nachbarinnen vor und beschloss für alle eine Limonade zu machen. Draußen hielt erneut ein Wagen. Ich lief hinaus, als gerade Hunk aus dem Auto stieg.
„Hallo Hunk, weißt du schon das Neuste?“ rief ich.
Hunk nickte und lächelte, er hob mir ein Blatt entgegen.
„Was ist das?“
„Eine Genehmigung, dass ihr die Kleidungen verteilen könnt, und ihr bekommt zwei Lader zur Verfügung, das ihr die Sachen ausfahren könnt.“
Ich nahm das Blatt Papier in die Hand und schaute ungläubig darauf.
„Und hier ist noch eine neue Zeitung, dein zweiter Artikel wurde ebenfalls bereits veröffentlicht.“
Auch die Zeitung nahm ich entgegen, als ich die Hand von meinem Vater auf meiner Schulter spürte.
„Ich bin stolz auf dich,“ meinte er und strich mir übers Haar.
„Aber… aber wie sollen wir das alles bewältigen?“ fragte ich.
„Lass das unsere Sorge sein Heinrich, wir haben hier genug Nachbarn, die bestimmt gerne helfen würden. Ich werde morgen gleich zur Ortsführung gehen und fragen ob wir das leere Gebäude auf dem Nachbargrundstück verwenden dürfen.“
„Das wäre gut, morgen kommen noch drei Lader aus der Kaserne und bringen noch mehr Pakete,“ meinte Hunk, „ hallo Bob.“
Bob war ebenfalls an der Tür erschienen.
„Du warst so schnell verschwunden, sonst hätten wir gemeinsam fahren können,“ meinte Hunk.
„Tut mir leid, aber ich wollte zu Henry, da er ja morgen Geburtstag hat,“ antwortete Bob.
„Du bleibst über Nacht?“
„Ja.“
„Möchten sie nicht auch bleiben?“ bot mein Vater an, „wir haben genügend Platz.
Hunk schaute unentschlossen zwischen mir und Bob hin und her.
„Bitte,“ meinte ich und Hunk begann zu lächeln.
„Ich denke wir werden morgen ein großes Fest haben, wenn du sechzehn wirst Sohnemann,“ sagte mein Vater und verschwand im Haus.
Hunk, Bob und ich folgten ihm.
 
* *
 
Am nächsten Tag ging es morgens alles drunter und drüber. Mein Vater und einige Nachbarn luden die Lader ab, die mittlerweile vor unserem Haus standen. Meine Oma hatte irgendwie Sachen zum Backen aufgetrieben und stand mit meiner Mutter und anderen Frauen in der Küche.
Hunk und ich saßen da und überlegten wie wir die Sachen am Besten verteilen sollten und Bob war mit meiner kleinen Schwester beschäftigt, die ihn voll in Beschlag nahm. Am Abend saß die halbe Ortschaft im Garten und feierten ausgelassen meinen Geburtstag. Ich saß glücklich bei meinen Eltern und wünschte mir das dieser Abend nie vorbei gehen würde.
 
* *
 
Dass alles war vor einigen Monaten geschehen. Mein Vater nahm mit meiner Mutter die Verteilung in die Hand. Es wurden die Lader beladen, welche die sachen an die umliegenden Heime brachten, natürlich riss der Strom von Paketen aus Amerika nicht ab.
Es war soviel, das meine Eltern begannen, in den Nachbarorten die Kleidung und Spielzeug zu verteilen und auch in Heidelberg selbst.
Ich dagegen war weiterhin mit Hunk und Bob unterwegs um weiter Artikel über Gesehenes und Erlebtes zu schreiben, die mit aller Regelmäßigkeit auch in Amerika veröffentlicht wurden.
Und nun saß ich in diesem Flugzeug. Ja ich saß in einem Flugzeug, neben mir Hunk. Er hatte vor einer Woche ein Einladung bekommen, das er mit mir nach Amerika kommen sollte. Es gab einige Leute, die mich unbedingt kennen lernen wollten.
Nach der Überzeugungsarbeit von Bob, erklärte ich mich bereit mitzufliegen. Völlig aufgeregt schaute ich durch das kleine Fenster nach draußen. Die Motoren wurden gestartet und nach kurzen Zeit begann sich die Maschine in Bewegung zu setzen.
Sie rollte über die Startbahn und schließlich erhob sie sich in die Luft. Es war ein atemberaubendes Gefühl, aber auch ein beklemmendes für meinen Magen. Es dauerte einige Zeit bis sich dieser wieder erholt hatte.
Ich nahm mein Schreibblock heraus, denn ich wollte diese Erfahrungen aufschreiben. Hunk hatte die Augen geschlossen. Anscheinend war er schon öfter geflogen und fand dies alles nicht mehr so interessant wie ich.
Nach ein paar Stunden kam London ins Blickfeld. Ich hatte früher nur Bilder in der Schule gesehen, jetzt hatte ich es im Original vor mir.
„Wir müssen hier Station einlegen, die Maschine wird erst morgen früh weiter fliegen,“ meinte Hunk.
„Haben wir dann Zeit London ein wenig anzuschauen?“ fragte ich.
„Der Wagen wird schon bereit stehen,“ meinte Hunk mit einem Lachen.
 
* *
 
Ich hatte schon gehört, das auch London, von Hitlers Bomben getroffen wurden, aber die Verwüstung, war lange nicht so arg, wie bei uns zu Hause. Ich war fasziniert über die Größe der Stadt, bewunderte die Bauwerke.
Später wusste ich nicht wie ich ins Bett gekommen war, als ich aufwachte lag ich dicht an Hunk gekuschelt. Ich erschrak ein wenig und wich zurück.
„Du kannst ruhig liegen bleiben, es stört mich nicht,“ hörte ich Hunks Stimme im Dunkeln.
„Habe ich dich geweckt?“ fragte ich.
„Nein, ich kann nicht schlafen.“
„Bin ich der Grund?“
Hunk schwieg und ich traute mich nicht noch etwas zu sagen. Ich legte mich zurück auf mein Kopfkissen und lauschte in die Stille.
„Es hat eigentlich nichts mit dir zu tun, oder auch doch. Ich habe es genossen, als du die ganze Zeit neben mir lagst und ich deine Wärme spürte, aber es ist nicht richtig.“
„Wieso denn?“
„Ich fühl mich wohl in deiner Gegenwart, aber ich empfinde eben nicht mehr für dich, als das ich dich als Freund mag, da entsteht auch nicht mehr in mir.“
„Muss es das? Hunk, ich bin noch sehr jung und verstehe noch nicht sehr viel von diesen Dingen. Ich weiß nur, wie schön es ist, jemanden aufrichtig zu lieben.“
„Bob?“
„Nein, Bob ist es nicht, ich mag in sehr, aber ich liebe ihn nicht.“
„Bei dir hört sich das irgendwie komisch an.“
„Glaubst du nicht das ein Junge in meinem Alter sich richtig verlieben kann?“
„Ich weiß nicht recht, so jung und schon über so weittragende Dinge sprechen.“
„Ich  kann Verantwortung übernehmen, falls du das meinst Hunk, das habe ich schon oft genug bewiesen.“
„Mag sein Henry, aber du hast noch soviel vor dir und Liebe ist ein Thema, mit so vielen Unbekannten.“
„Habe ich nicht das Recht dazu, diese Unbekannten, selber zu finden zu erkennen?“
„Doch hast du.“
„Mag sein, dass ich noch recht jung bin, aber dafür habe ich auch viel erlebt, mehr als mir ehrlich gesagt lieb ist. Aber ich habe dieselben Gefühle wie ihr Erwachsenen, etwas unreif vielleicht, dennoch fühle ich genauso ein Kribbeln im Bauch, fühle mich auch zu jemanden hingezogen, dass ist nicht den Erwachsenen vorbehalten.“
„Nein ist es nicht, du hast recht. Ist es Jakob?“
„Ja.“
„Und wie kommst du gerade auf ihn?“
„Ich kenne Jakob nun schon seid dem Kindergarten, wir waren immer unzertrennlich. Wenn etwas war, wir erzählten uns es gegenseitig. Jetzt wo er nicht da ist oder war, merke ich erst wie sehr er mir fehlt. Verstehst du Hunk, ich möchte ohne ihn nicht mehr sein. Ich habe das kribbeln im Bauch wenn ich an ihn denke, träume von ihm, ich brauche ihn einfach.“
„Ist schon recht Henry, aber hast du vielleicht schon mal den Gedanken gehabt, dass Jakob, nicht so empfindet wie du?“
„Das ist jenes, was mir die ganze Zeit zu schaffen macht, ich zerbreche mir den Kopf, wie ich ihm das alles sage.“
„Du willst ihn also in Amerika treffen?“
„Ja ich habe ihm einen Brief vor zwei Wochen geschrieben, aber wegen der Abreise keine Antwort erhalten.“
„Und wenn er dich nicht mehr sehen will?“
„Im Ungewissen bleiben kann ich auch nicht, später mache ich mir vielleicht mal Vorwürfe. Jetzt fliege ich nach Amerika und habe die Gelegenheit ihn noch mal zu sehen. Vielleicht werde ich auch diese Alpträume los, sie werden zwar weniger, aber sie sind immer noch da. Ich muss es einfach versuchen.“
„Dann wünsche ich dir mal viel Glück, little Boy.“
Hunk beugte sich herüber und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
 
* *
 
Die ganze Fahrt zum Flughafen und auch während des Fluges; war ich sehr schweigsam. Plötzlich kamen mir dann doch die Zweifel, wollte er mich wirklich sehen. Was ist wenn er mir mit Ablehnung begegnet, ob er überhaupt meine Gefühle für ihn versteht.
Über diesen Gedanken bin ich wohl eingeschlafen. Ein sanftes Schütteln weckte mich, es gab etwas zu essen. Dankbar schaute ich zu Hunk und bekam einen Teller vor mich gestellt. Erst jetzt lies ich meine Augen durch die Maschine wandern.
Hauptsächlich saßen da Männer, einige Soldaten in ihren Uniformen oder auch irgendwelche wichtigen Männer, was ich aus ihren Handlungen und Gesprächen schloss, aber im Allgemeinen war es doch sehr ruhig, bis auf das Dröhnen der Motoren.
Nach ein paar Stunden kam Amerika in Sicht. Als erstes sah ich beim Landeanflug die Freiheits-statue. Wie weggeblasen war plötzlich die Angst ich könnte einen Fehler begehen. Ich war fest entschlossen, Jakob wieder zusehen. Ich musste ihm sagen dass ich ihn liebe egal was es kostet, vielleicht sogar unsere Freundschaft.
 
Ich traute meinen Augen kaum, als wir den Flughafen verließen. Hunk zog mich laufend am Arm, weil ich verwundert stehen blieb. Hier war alles so groß, mächtig und unwirklich für mich.
„Henry bitte, wir haben noch genügend Zeit alles genau an zuschauen, jetzt komm aber, wir haben noch gleich einen Termin bei der Zeitung.,“ meinte Hunk und zog mich in ein Taxi.
Kaum hatte ich es mir in dem Wagen ein wenig bequem gemacht, flitzte der Taxifahrer auch schon los und wühlte sich durch den Verkehr, der hier herrschte. Noch nie im Leben hatte ich so viele Wagen auf einmal gesehen.
Einer Lawine gleich schob sich der Verkehr von Kreuzung zu Kreuzung. Hunk lies das Taxi vor einen hohen Haus, das Hunk als Wolkenkratzer bezeichnete, und wirklich es schien an den Wolken zu kratzen, so weit empor ging es, anhalten.
Auf einem Schild neben dem Eingang stand in großen Lettern >The New York Times<. Ich schaute Hunk mit großen Augen an.
„Ja hier sind alle deine Berichte veröffentlicht worden und der Redakteur, will dich unbedingt kennen lernen,“ meinte Hunk und schob mich durch die große Eingangstür.
Stumm folgte ich ihm durch die große Empfangshalle. Hunk meldete uns am Empfang an und wir liefen zu einem Aufzug. Ein Liftboy fuhr uns nach oben. Ich spürte ein wenig meinen Magen, der Lift war doch recht schnell.
Die Tür ging auf und ich trottete Hunk weiter hinter her. Ich wusste nicht wo ich zuerst hinschauen sollte. Hier war ein Treiben am Gange, wie ich es noch nicht gesehen hatte. Unzählige Schreibtische standen in diesem großen Raum, überfüllt mit Akten und Papieren, und dazwischen jede Menge Leute, die wie wild durcheinander liefen oder telefonierten.
Hunk begrüßte einige von ihnen und stellte mich vor. Bis einer der Frauen aufsprang und laut rief, „This is Henry Pflüger.“
Das war mir schon peinlich, denn alle standen auf und applaudierten. Jeder kam zu mir her und drückte mir die Hand. Ich war Hunk dankbar, das er mich aus dieser Menschenmasse herauszog. Wir kamen zu einem Zimmer. Naja Zimmer direkt konnte man nicht sagen, eher ein Glaskasten.
Auch dort stand ein Schreibtisch drin, mit einem Herrn mittleren Alters. Hunk klopfte ans Glas und der Mann winkte uns herein. Er stand auf und kam uns entgegen.
 
(Und wie gewohnt, steht alles wieder in deutsch da!)
 
„Hallo Hunk, da seid ihr ja endlich, und dass hier muss sicherlich unser Henry sein?“
„Hallo Baxter, schön dich zu sehen,“ meinte Hunk, „ ja das ist er Henry.“
Dieser Mann Baxter, schüttelte mir die Hand.
„Verzeih, wenn er so ruhig ist, aber mit unserer Sprache hat er es noch nicht so, besser gesagt er traut sich noch nicht so recht.“
„Nicht schlimm, ich freu mich dich endlich, persönlich kennen zu lernen. Als am Anfang mir Hunk von seiner Idee erzählte, dich einen Bericht schreiben zu lassen, Henry, da war ich doch mehr als misstrauisch.
Aber als ich die Reaktion auf den ersten Artikel gesehen habe und uns die Leute die Bude eingerannt haben, war ich von dir überzeugt. Seither fiebert das ganze Büro auf deinen nächsten Artikel.
„Danke,“ war das einzigste was ich heraus brachte.
„Hunk hat mir erzählt, dass du hier in New York jemanden suchst?“
Ich schaute zu Hunk und lächelte.
„Ja suche ich.“
„Ich habe ein wenig herum gehört, und denke, für dich ein paar nützliche Informationen heraus bekommen.“
„Und die wären.“
„Ist er immer so direkt?“ fragte Baxter, Hunk.
Hunk nickte und grinste mich an. Ich wurde unweigerlich rot.
„Das gefällt mir an dir mein Junge, direkt und gerade heraus. Bleib so!“
„Danke, und welche Informationen haben sie für mich?“ fragte ich neugierig.
„Du suchst einen Freund… Moment..,“ er suchte etwas auf seinem Schreibtisch, „ach ja hier. Jakob heißt er?“
„Ja Jakob, und haben sie ihn gefunden?“
„Gefunden ja, aber er ist nicht da,“ meinte Baxter.
„Wie er ist nicht da?“
„Ich habe mit seiner Mutter gesprochen, Jakob ist einfach nicht mehr aufgetaucht, sie hat nur gehört, er wäre mit ein paar anderen jungen Männer zusammen.“
In mir fing irgendetwas an weh zu tun, nun dachte ich, ich wäre so nah dran an Jakob, jetzt ist er verschwunden. Ich spürte Hunks Hand auf meiner Schulter, der anscheinend merkte, wie die Enttäuschung in mir aufstieg.
Ich versuchte das Thema zu wechseln.
„Soll ich ihnen auch meine Eindrücke von hier schildern, also wieder einen kleinen Artikel schreiben?“
„Natürlich, darauf freue ich mich sogar,“ sagte Baxter, wo seid ihr untergekommen?“
„Bei einer Tante, von mir. Sie will auch eine kleine Party zu Ehren von Henry geben,“ antwortete Hunk.
„Für mich?“
„Ja natürlich, es gibt hier einen Menge Leute, die dich kennen lernen wollen.“
„Dann will ich euch beiden mal nicht aufhalten,“ sagte Baxter.
Wir verabschiedeten uns von Baxter und verließen das Büro. Bald standen wir wieder auf der Strasse.
„Möchtest du gleich zu meiner Tante fahren, oder willst du lieber noch ein Stück laufen?“ fragte mich Hunk.
„Wenn es dir nichts ausmacht, ein bisschen laufen,“ meinte ich.
So liefen wir ein Stück die Strasse runter. Stumm liefen wir nebeneinander her, weil ich auch zu sehr damit beschäftigt war, alles zu erfassen, was um mich herum geschah. Andererseits, war ich auch mit dem Gedanken bei Jakob.
Wie sollte ich ihn in so einer großen Stadt finden, wo sollte ich überhaupt beginnen.. Ich verdrängte diesen Gedanken, weil ich spürte, wie traurig ich wurde. Später fuhren Hunk und ich zu seiner Tante, die in einem Stadtteil namens Queens wohnte.
Hier ging es bedeuten ruhiger zu, die Häuser waren nicht mehr so groß, alles hatte ein normales Maß, wie ich es von zu Hause gewohnt war. Bei Tante Ann, wie sie sich bei mir vorstellte, wurde ich sehr herzlich aufgenommen.
Der lange Flug zeigte aber bald seine Wirkung und ich wurde sehr müde. Ich musste während der Unterhaltung eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen öffnete, lag ich in einem großen weichen Bett.
Hunk schaute herein.
„Na endlich wieder aufgewacht?“
„Wie komm ich denn hier her?“
„Du bist unten eingeschlafen, wird wohl der lange Flug gewesen sein. Ich habe dich hoch getragen und hier aufs Bett gelegt.“
Ich richtete mich auf und setzte mich auf den Bettrand. Ich schaute mich ein wenig im Zimmer um.
„Und wie findest du es hier?“
„Um ehrlich zusein, überwältigend. Wenn man so was nicht selber gesehen hat, kann man sich es nicht vorstellen. Ist es überall in Amerika so?“
„Zumindest in den großen Städten.“
„Ich glaub ich werde mich einwenig ans schreiben machen,“ sagte ich.
„Gut vergiss aber nicht in einer Stunde kommen die Gäste.“
„Schon?“
„Ja, natürlich du hast den ganzen Mittag geschlafen.“
„Und was soll ich anziehen?“
„Den Anzug, den du von Bob bekommen hast.“
„Okay werde ich machen.
 
* *
 
Als ich mit umziehen fertig war, lass ich mir mein geschriebenes noch einmal durch. Ich setzte mich dazu in den Sessel.
 
Zum erstenmal betrete ich dieses Land, was mir vorher eigentlich so gut wie unbekannt war. Keine Spuren des Krieges sind hier zu sehen, hier steht man voll im Leben, das Leben geht weiter.
Alles ist viel größer, mächtiger, ich komme mir regelrecht klein vor, verloren. Die Menschenmassen und Vielzahl, von Wägen beeindrucken mich schwer.
Ich genieße die Freiheit, die hier durch die Strassen weht, spüre das Leben, das hier seinen Ursprung zu haben scheint.
Doch eines vermisse ich hier in dieser großen Stadt. Die Familie, die ich von zu Hause gewöhnt bin. Hier bin ich einer von vielen, gehe in der Masse unter.
Unter Tausenden alleine und doch steht man im Mittelpunkt der Welt. Aber auch das Land ist groß und ich habe nur diese Stadt gesehen. New York, etwas was mir immer, als eine Art Mittelpunkt in Erinnerung bleiben wird.
Eine Stadt, ein Herz, das schlägt und seine Menschen versorgt. Und noch etwas ist mir aufgefallen, die Vielzahl der Menschen die hier leben.
Ein bunter Reigen, den die Stadt ausmacht, sie zum blühen bringt. Ohne diese Menschen wäre New York nur ein ödes Stück Land. New York lebt von seinen Menschen, die Menschen leben von ihrem New York.
Henry Pflüger
 
Noch einmal stellt ich mich vor den Spiegel und richtete meine Anzug. Dann zog ich die Tür auf und lief nach unten, wo mich schon ein Stimmengewirr empfing.
„Hallo Henry, das bist du ja, darf ich dich einigen Leuten vorstellen?“
Tante Ann hatte sich meiner angenommen, stellt mich den Leuten vor die bereits angekommen waren. Hunk hielt sich im Hintergrund und unterhielt sich mit einer kleinen Gruppe von Leuten, die sich um ihn reihten.
Es wurde gegessen und ich war natürlich das Thema des Abends. Eigentlich kam ich nicht viel zu Essen, denn die Gäste hatten einfach zu viele Fragen an mich, die auch alle versuchte zu beantworten.
Sehr spät fiel ich todmüde ins Bett. Ich spürte nur noch, wie mich Hunk zudeckte und mir einen Kuss auf die Stirn gab. Doch ich konnte nicht einschlafen, Jakob spukte mir wieder im Kopf herum. Jetzt war ich so weit gekommen.
Seine Mutter zum greifen nah, von Jakob keine Spur…. Würde ich ihn je wiedersehen?

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Information Leipzig soll brennen
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:37 PM - No Replies

Die folgende Geschichte ist die dritte Episode aus dem Leben von Kriminalkommissar Sascha Altmann. Die Handlung ist zwar in sich abgeschlossen, trotzdem ist es zum Verständnis besonders der Personen besser, die ersten beiden Episoden »Othello und andere Katastrophen« sowie »Hit any key to die« vorher gelesen zu haben.

„Das hast du mit Absicht gemacht, du oller Drückeberger!“

Über den Tisch hinweg zeigte ich Hauptkommissar Machlitzke den Vogel.

„Na klar doch, ich breche mir ganz absichtlich die Knochen.“

„Aber sicher doch! Du hast ja gleich mehrere Motive. Erstens wolltest du dich vor dem morgigen Tag drücken und zweitens wolltest du dich mal richtig von Derek pflegen und verwöhnen lassen.«

Der zweite Punkt hörte sich wirklich gut an, dieses Verwöhnt werden genoss ich tatsächlich, es war aber mit meinen Schmerzen auch recht teuer erkauft.

»Das hab ich gerne, Jens. Erst shanghaist du meinen Mann und bringst ihn dazu, dir beim Renovieren zu helfen, dann gibst du ihm eine kaputte Leiter von der er runterfällt und sich das Schlüsselbein bricht, und nun machst du ihm auch noch Vorwürfe deswegen!«

Genau, Derek hatte vollkommen recht. Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft.

»Schon gut, schon gut, das war doch nur ein Witz. Ich weiß doch, dass das ein blöder Unfall war. Deshalb hab ich euch ja auch heute hierher eingeladen.«

Hier, das war der kleine Biergarten gegenüber der Behausung meines Chefs. Wir saßen gemütlich in der Nachmittagssonne und genossen das schöne Wetter (und natürlich auch die kühlen Getränke auf Kosten meines Dienstherrn).

»Mich kotzt es bloß an, dass wir alle Urlaubssperre haben. Meine Tochter hat morgen Geburtstag, und eigentlich wollten wir einen schönen Ausflug machen.«

»Beschwer dich bei Herrn Knirsch. Oder noch besser: bei den weltfremden Robenträgern am OVG in Bautzen.«

»Ha, als ob das was bringen würde.«

Wir schrieben den 2. Oktober, und die Richter am sächsischen Oberverwaltungsgericht hatten die vom Neo-Nazi Christoph Knirsch für den Tag der Deutschen Einheit angemeldete Kundgebung mit anschließender Demonstration durch Leipzig wie schon so oft genehmigt. Das geschah mehrmals im Jahr, trotz regelmäßiger gewaltsamer Ausschreitungen waren alle Bemühungen der Stadt Leipzig, diese Aufmärsche zu unterbinden, immer wieder an den Richtersprüchen, die angeblich »im Namen des Volkes« ergingen, gescheitert. Demzufolge würden wieder meine Kollegen die Köpfe hinhalten müssen, würden die Bürger der Stadt wieder um ihre Gesundheit sowie ihr Hab und Gut fürchten müssen. Einmal, nur einmal wünschte ich mir einen dieser Typen statt in einer Robe auf der Richterbank in voller Kampfausrüstung in der vordersten Reihe der Bereitschaftspolizei, direkt zwischen rechten und linken Chaoten. Naja, man wird doch noch träumen dürfen!

»Beim Knirsch könnte ich mich übrigens momentan gar nicht beschweren, der ist nämlich verschwunden.«

»Verschwunden?«

»Ja, Derek. Ich hab einen guten Bekannten beim Staatsschutz, und die haben ihn gestern aus den Augen verloren.«

Interessant. Plante der etwa noch etwas Größeres, dass er sich der Überwachung entziehen wollte?

»Keine Bange, Jens. Pünktlich morgen zur Kundgebung taucht der wieder auf.«

Wie recht mein Lebenspartner mit dieser Voraussage hatte, sollten wir am nächsten Tag persönlich zu spüren bekommen…

*.*.*

»Brauchst du Hilfe?«

Mühevoll schloss ich meinen obersten Hosenknopf. So ein Schlüsselbeinbruch war doch wirklich eine unangenehme Angelegenheit, und der Rucksackverband tat ein Übriges, um meine Bewegungsfreiheit einzuschränken.

»Geht schon, danke!«

Ich betätigte die Toilettenspülung und wusch mir vorsichtig die Hände. Was für ein Glück, dass ich Derek hatte. Ohne ihn und seine ständige Bereitschaft, mir bei all den kleinen und großen Alltagsverrichtungen zu helfen, wäre ich jetzt wirklich aufgeschmissen. Seufzend trocknete ich mich ab und verließ das Badezimmer. Im Sessel auf dem Korridor der Wohnung seiner Eltern saß mein Freund und lächelte mich an.

»Könntest du…«

Sofort sprang er auf.

»Na klar, kein Problem.«

Im nächsten Moment kümmerte er sich um meinen Gürtel, den ich beim besten Willen nicht alleine zubekam.

»Hättest du das blöde Ding heute nicht mitgeschleppt, dann hättest du auch auf den Gürtel verzichten können.  Ich weiß sowieso nicht, warum du es mitgenommen hast. Du bist schließlich krankgeschrieben.«

Das »blöde Ding« war meine kleine Glock 26, meine private Pistole für Situationen, in denen mir die normale Dienstwaffe zu groß und unhandlich war.

»Sorry, Der, aber in Anbetracht dessen, was heute in Leipzig los ist, wollte ich nicht ohne das blöde Ding aus dem Haus gehen. Vor allem wo wir an einem dermaßen neuralgischen Punkt wohnen.«

Das Hochhaus, in welchem wir eine Wohnung in der obersten Etage bewohnten, lag direkt am Hauptbahnhof, wo sich erfahrungsgemäß ein großer Teil der Action abspielen würde. Wir waren gleich am frühen Morgen in die Wohnung von Dereks Eltern gefahren, die sich gerade im Urlaub befanden und uns gebeten hatten, uns um die Blumen zu kümmern. Nun aber war alles erledigt, und wir würden uns wieder auf den Heimweg machen.

»Außerdem ist man als Polizist ja quasi immer im Dienst.«

»Hast ja recht, aber ich bitte dich um Eines: falls unterwegs irgendwas passiert, spiel nicht den Helden. Denk dran, du bist momentan nicht wirklich einsatzfähig, trotz der Pistole. Die dürftest du eh nur im äußersten Notfall einsetzen.«

»Versprochen, Der. Ich verspüre eh keinen sonderlichen Drang, mich mitten ins Getümmel zu stürzen.«

Erleichtert lächelte mein Freund mich an, und nachdem wir seine elterliche Wohnung verschlossen hatten, begaben wir uns zu seinem Auto und fuhren los in Richtung Heimat. Überall auf den Straßen war die Spannung spürbar, sei es durch Passanten, die alle irgendwie gehetzt wirkten und möglichst schnell an ihr Ziel kommen wollten, oder sei es durch die allgegenwärtigen Polizeieinheiten aus allen möglichen Bundesländern. Auch Derek schaute sich bedrückt um.

»Was das alles wieder kostet. Und wer darf es bezahlen? Der Steuerzahler. Die sollten wenigstens den Polizeieinsatz dem Knirsch in Rechnung stellen. Oder den linken Chaoten. Oder am besten beiden.«

Schön wäre es. Aber davon konnte man in unserem Rechtsstaat wohl nur träumen. Schweigend fuhren wir weiter, mussten jedoch abrupt anhalten, als wir beim Abbiegen in die zu unserem Haus führende Straße plötzlich einer Polizeisperre gegenüberstanden. Einer der Beamten trat zu unserem Wagen und Derek ließ die Fensterscheibe hinunter surren.

»Tut mir leid, hier können Sie nicht durch. Die Straße ist wegen eines Polizeieinsatzes gesperrt.«

Während der Beamte dies (mit bayerischem Akzent) sagte, spähte er aufmerksam ins Wageninnere. Ich überließ meinem Fahrer das Reden.

»Wir wohnen da hinten in dem Haus, wir wollen nur nach Hause.«

Der Polizist blickte kurz über seine Schulter, dann wieder etwas zweifelnd zurück zu uns.

»In dem Hochhaus?«

»Ja.«

»Haben Sie irgendwelche Ausweispapiere dabei?«

»Moment.«

Derek kramte kurz in seiner Jackentasche, dann reichte er seinen Personalausweis durchs Fenster. Der Beamte studierte diesen kurz, schaute auf die Straßenschilder, dann gab er nickend den Ausweis zurück.

»Alles klar. Aber ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee ist, das Auto dort zu parken. Das kann heute noch ganz schön heiß hergehen hier.«

Mein Freund konnte glücklicherweise die Befürchtungen zerstreuen.

»Wir haben einen Tiefgaragenplatz, da kommt kein Fremder rein.«

»Na wenn das so ist. Sie können fahren.«

Der Beamte gab die Straße frei, Derek bedankte sich kurz und fuhr los. Während wir unserem Ziel näherkamen, legte mein Freund die Stirn in Falten.

»Sieht ganz so aus, als wäre hier schon einiges losgewesen.«

Er hatte recht. Zwei oder drei Mülltonnen waren nur noch als verkokelte Plastikhäufchen vorhanden, Papierkörbe waren umgeschmissen und Plakate abgerissen. Auf den Fußwegen hasteten Menschen entlang, anscheinend blind für das Durcheinander rundherum. Naja, vermutlich wollten die auch bloß schnell in Sicherheit kommen.

»Mist, auch das noch.«

Mitten auf der Gasse, die zu unserer Tiefgarageneinfahrt führte, lagen zwei große gelbe Müllcontainer umgeschmissen auf der Fahrbahn. Seufzend stoppte Derek den Wagen und wir stiegen aus, um die Hindernisse zu beseitigen.

»Pass bloß auf, dass du dich nicht übernimmst.«

Ich zuckte mit den Schultern, was ich allerdings wegen des Schmerzes, der mich bei dieser Bewegung durchschoss, sofort bereute.

»Ganz alleine bekommst du die großen Dinger nicht weg.«

Und es sah nicht so aus, als wollte auch nur einer der vielleicht 10 Passanten im Umkreis von 50 Metern uns dabei helfen, alle eilten weiter zu ihrem jeweiligen Ziel ohne uns zu beachten. Wir packten zu zweit an und schafften es, den ersten Container zumindest soweit zur Seite zu schieben, dass Autos daran vorbeikamen. Zum Glück war der Container anscheinend nicht randvoll – was man vom zweiten leider nicht behaupten konnte.

»Scheiße ist das Ding schwer!«

»Zieh du an deiner Seite, Der, ich lehne mich dagegen und versuche etwas zu schieben.«

Genau das taten wir dann auch, und tatsächlich, der Container bewegte sich! Zufrieden stemmte ich meine Füße auf den Boden und drückte weiter, merkte jedoch plötzlich, dass ich der einzigste war, der sich so abmühte. Verwundert hörte ich auf und drehte mich zu Derek um. Dieser war kalkweiß, und im nächsten Moment drehte er sich zur Seite und erbrach sich in den Rinnstein. Mit einem Satz war ich bei ihm.

»Mensch, Der, was ist los?«

Sein ganzer Körper erbebte in meinen Armen, als sich auch schon die nächste Welle seines Mageninhalts auf die Straße ergoss. Ich konnte nichts anderes tun, als ihn erst mal so gut es ging festzuhalten. Nach ein oder zwei Minuten hatte er sich etwas beruhigt und wischte sich den Mund mit einem Tempotaschentuch ab. Fragend schaute ich ihn an.

»Was ist denn mit dir auf einmal los? Ist dir das Frühstück nicht bekommen?«

Derek schüttelte den Kopf und wies schweigend hinter mich, wo immer noch der Container mitten auf der Straße herumlag. Ich drehte mich um und wollte meinen Augen nicht trauen. Beinahe hätte sich nun mein Frühstück zu dem von meinem Freund gesellt! Die Klappe des Containers war bei unseren Bewegeversuchen ein wenig aufgegangen, und heraus schaute – ein Fuß! Eindeutig ein menschlicher Fuß. Und zwar fein säuberlich über dem Knöchel abgetrennt, Knochen und so weiter waren deutlich sichtbar.

»Ach du Scheiße!«

Mein Freund fing an zu husten und ich bekam Angst, dass er sich gleich nochmal übergeben würde. Allerdings fing er sich gleich wieder.

»Das kannst du laut sagen. Ich wußte gar nicht, dass Menschen in die Gelbe Tonne gehören – so ganz ohne grünen Punkt.«

Verwundert schaute ich ihm ins Gesicht, er zuckte aber nur mit den Schultern. Galgenhumor. Vielleicht die beste Art, mit diesem Fund fertigzuwerden.

»Und was machen wir nun?«

Wortlos drehte ich mich in die Richtung, aus der wir gerade gekommen waren, steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus. Als ich sah, dass sich zwei Beamte von der Straßensperre zu mir umdrehten, winkte ich ihnen zu dass sie herkommen sollten. Auch das war wieder eine unüberlegte Aktion, wie mir der Schmerz in der Schlüsselbeingegend verdeutlichte. Während nun zwei Polizisten gemächlich zu uns herüberkamen, wandte ich mich wieder meinem Freund zu.

»Setz dich am besten ins Auto, okay? Nicht dass du mir hier noch zusammenklappst, das kann noch ganz schön unappetitlich werden.«

Derek schaute mich kurz an, dann nickte er und befolgte meinen Rat, ging zum Auto und hockte sich auf den Beifahrersitz. In der Zwischenzeit waren auch die Beamten bei uns eingetroffen. Einer von beiden war derjenige, der uns wenige Minuten vorher an der Weiterfahrt hatte hindern wollen.

»Was gibt es denn? Brauchen Sie Hilfe bei der Tonne?«

»Das können Sie laut sagen. Ich möchte, dass Sie noch ein paar Beamte rüberholen und den Bereich hier absperren. Wenn Sie Trassierband dabei haben, schaffen Sie es ran.«

Der Beamte, den Schulterklappen nach ein Kommissar, schaute mich an, als wäre ich der Weihnachtsmann und hätte von ihm verlangt, die Rentiere anzuspannen.

»Ähem. Warum sollte ich das tun? Und wer sind Sie überhaupt?«

Ich fischte in meiner Jackentasche herum und fand schließlich was ich suchte. Während ich ihm meinen Dienstausweis vor die Nase hielt klärte ich ihn auf.

»Oberkommissar Altmann, Kripo Leipzig. Mordkommission.«

So langsam gewöhnte ich mich an meinen neuen Dienstgrad. Die Augen des Uniformierten wurden größer, aber das war noch gar nichts verglichen mit seinem Gesichtsausdruck, als ich ihm den aus dem Container herausschauenden abgehackten Fuß zeigte.

»Jo mei, des gibts doch garned!«

Ja, so konnte man es vermutlich ausdrücken. Der Anblick hatte sogar ausgereicht, um den bayerischen Kollegen, der bisher bemüht gewesen war, ein einigermaßen verständliches Deutsch zu sprechen, in seinen heimatlichen Dialekt zurückfallen zu lassen.

»Max, lauf los und hol drei oder vier Leute her. Und die sollen das Band mitbringen.«

Der zweite Beamte flitzte los zur Straßenecke, an welcher sich der Rest seiner Einsatzgruppe aufhielt. Der Oberbayer drehte sich wieder zu mir.

»Ich werde über die Einsatzzentrale Verstärkung anfordern, ich habe nicht so viele Leute bei mir um gleichzeitig die Straßen dichtzumachen und hier abzusperren.«

»Okay. Wichtig ist, dass Sie mir hier die Passanten vom Leibe halten. Sobald die merken, dass was los ist, werden die sich hier versammeln wie Schmeißfliegen auf einem frischen Kuhfladen. Und sagen Sie über Funk nichts Konkretes über das da – sonst haben wir auch gleich noch die Presse am Hals. Sagen Sie der Zentrale, dass ich mich über Draht bei ihnen melde und alles erkläre.«

»Alles klar. Übrigens, mein Name ist Vogel, Bereitschaftspolizei München.«

Ich gab dem Kollegen die Hand, dann griff ich zu meinem Mobiltelefon. Wen zuerst anrufen? Ich entschied mich für meinen direkten Vorgesetzten. Kurz darauf meldete sich dieser.

»Hallo Sascha. Rufst du an um mir zu sagen, was für ein großes Mitleid du mit mir hast? Und wie schön es ist, gemütlich zuhause zu sitzen?«

Ich konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken, wurde aber sofort wieder ernst.

»Schön wärs, von wegen gemütlich zuhause sitzen. Pass auf, ich hab hier einen kaputten Fuß.«

»Was? Aber doch nicht auch noch von dem Leitersturz, das fällt dir aber spät ein.«

Jetzt musste ich wirklich lachen.

»Nein, nicht von dem Leitersturz. Und der kaputte Fuß gehört auch nicht mir.«

»Wem gehört er denn dann? Derek?«

»Zum Glück nicht. Und ich kann dir nicht sagen, wem der Fuß gehört, den Rest vom dazugehörenden Körper hab ich nämlich noch nicht entdeckt.«

Jetzt hatte ich die volle Aufmerksamkeit von Hauptkommissar Machlitzke.

»Sag das nochmal.«

»Okay, Kurzfassung. Derek und ich wollten einen umgeschmissenen Müllcontainer zur Seite schieben, der vor unsere Tiefgarageneinfahrt lag. Bei der Aktion ist das Ding ein Stück aufgegangen, und nun schaut da ein Fuß heraus. Abgehackt oder amputiert oder was auch immer, kurz über dem Knöchel. Ob der Rest vom Körper auch noch im Container liegt, kann ich nicht sagen, ich denke, da sollte zuallererst die Spurensicherung ran.«

Für einige Sekunden herrschte Schweigen, dann räusperte sich mein Chef.

»Das verstehst du also unter einer Krankschreibung. Sogar dann schleppst du uns noch Arbeit an.«

»He, du hast dich doch beschwert, dass du wegen der Demo Sonderdienst schieben musst. Ich wollte dich nur da rausreißen. Jetzt kannst du wenigstens wieder deine eigentliche Arbeit machen.«

Ich hörte Machlitzke durchs Telefon lachen.

»Stimmt auch wieder. Hast du sonst schon wen informiert? Sind irgendwelche Kräfte vor Ort?«

»Eine Gruppe BePos aus Bayern, die hier gerade eine Straße absperrten. Der Chef von denen ruft über Funk Verstärkung ran, um hier richtig abriegeln zu können. Ansonsten habe ich noch niemanden informiert.«

»Okay, dabei bleibt es auch. Ich kümmere mich um die Zentrale und alles andere. Wo ist dein genauer Standort?«

Ich gab die Koordinaten durch.

»Alles klar. In spätestens ner Viertelstunde bin ich bei dir. Bis gleich.«

Damit war das Gespräch beendet, und ich wandte mich wieder der Straßenszene zu. In der Zwischenzeit hatten die Bayern einen ihrer Kleinbusse herangezogen und waren dabei, die Fundstelle großräumig mit Trassierband abzusperren. Ihr Chef sprach mich wieder an.

»Löwe ist informiert, die schicken ein paar von euren eigenen Jungs.«

»Sehr gut, danke. Ich hab meinen eigenen Chef von der Mordkommission angerufen, der kümmert sich um alles Weitere und wird auch bald hier auftauchen. Bis dahin heißt es warten.«

Vogel schaute interessiert auf den Container hinab.

»Sollten wir vielleicht nachschauen, ob da noch mehr Körperteile drin sind?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Lieber nicht, vielleicht kann die Spurensicherung noch irgendwas herausfinden. Ich möchte den Container vorher weder anfassen noch bewegen.«

»Verstehe. Aber ich fürchte, wenn da Spuren waren, dann werden die jetzt kaum noch da sein. Hier ist vorhin eine Horde Autonomer durchgezogen, die haben das Ding die halbe Straße langgerollt. Mindestens zehn Leute waren damit zugange, die haben es überall begrabbelt. Ein Wunder, dass die die Tonne nicht auch noch angezündet haben, wie die drei Stück dort drüben.«

Das waren ja sehr schöne Aussichten, die Spurensicherung würde ihre reine Freude haben. Aber vielleicht gab es ja im Container drinnen irgendwelche Spuren – da waren die Krawallköppe ja wohl nicht drangewesen. Ansonsten hätten sie sicherlich die unappetitliche Fracht entdeckt, und das wäre vermutlich auch solchen Typen nicht ganz einerlei gewesen. Ich wollte schon mit den Schultern zucken, erinnerte mich aber noch rechtzeitig an die letzte schmerzhafte Erfahrung damit und verkniff es mir.

»Trotzdem, lieber kein Risiko eingehen.«

»Stimmt auch wieder. Was ist eigentlich mit ihrem Begleiter? War er das?«

Fragend zeigte der Bayer auf das, was vor etwa zwei Stunden Dereks Frühstück gewesen war.

»Ja, es hat ihn etwas aus der Bahn geworfen. Ich hab ihn ins Auto kommandiert, damit er sich etwas erholen kann. Am besten schau ich mal nach, wie es ihm mittlerweile geht.«

»Das ist wohl kein Kollege von uns?«

»Nein, das ist mein Freund. Er ist Computer-Profi, und die einzigen Leichen, mit denen er es normalerweise zu tun hat, sind Dateileichen auf den Rechnern seiner Kunden.«

Der Bereitschaftspolizist aus dem fernen München lachte leise.

»Dann ist die Reaktion verständlich, sowas sieht man als Normalbürger eher selten.«

»Eher gar nicht.«

»Oder so.«

Ich wanderte zur Beifahrerseite unseres Autos und schaute hinein. Derek sah immer noch etwas blass um die Nase herum aus, aber insgesamt schien es ihm etwas besser zu gehen.

»Wie schauts aus, Der, geht es wieder?«

»Ja, schon okay. Das war bloß der Schock. Sorry wenn ich dir einen Tatort vollgekotzt habe. War alles etwas viel auf einmal. «

Das konnte ich gut verstehen.

»He, Kleiner, keine Bange, keiner macht dir einen Vorwurf. Am allerwenigsten ich. Als ich meine erste Leiche gesehen habe, hab ich es auch nicht mehr bis zum Klo geschafft.«

»Wirklich?«

»Wirklich. Und auch heute wird mir immer noch übel bei sowas, nur ist meine Reaktion nicht mehr ganz so heftig. Übrigens, einen Tatort hast du nicht vollgekotzt. Der Fuß und was vielleicht sonst noch im Container ist wurde hier garantiert nur abgelegt, ansonsten wäre alles voller Blutspritzer.«

Es war aber kein einziger zu sehen gewesen, auch am Container selbst nicht. Nein, es sprach alles dafür, dass hier nur totes Fleisch entsorgt worden war.

»Und zumindest hast du nicht direkt auf den Fuß gekotzt, das hätte wohl den Gerichtsmediziner ein klein wenig verstimmt.«

»Blödmann!«

»Nee, Altmann!«

Ich hatte es geschafft, Derek lachte leise vor sich hin. Da brauchte ich mir wohl keine größeren Sorgen um seinen Gemütszustand mehr zu machen.

»Wie sieht es aus, möchtest du den Wagen reinfahren und hoch in die Wohnung gehen? Ich werd noch ein Weilchen hierbleiben müssen.«

Mein Freund schüttelte heftig den Kopf.

»Nein, ich bleibe hier bei dir. Erstens brauchst du vielleicht meine Hilfe bei irgendwas, und zweitens möchte ich jetzt nicht unbedingt alleine sein.«

Ich nickte.

»Okay. Aber bleib am besten im oder zumindest am Wagen.«

»Mach ich, ich versuche, euch nicht im Wege zu stehen. Kommt Jens her?«

»Ja, ich hab ihn angerufen. Der ist vermutlich froh, dass er sich aus dem Demo-Einsatz davonstehlen kann.«

Derek lachte mich frech an.

»Da hast du deinen ersten Tatverdächtigen.«

Ich stand ein wenig auf dem Schlauch, und das sah man mir wohl auch an.

»Jens natürlich! Durch den Leichenfund muss er nicht mehr Sonderdienst schieben. So wie er sich darüber geärgert hat würde ich sagen, dass er ein echtes Motiv in diesem Mordfall hat.«

Auch wenn das in Gegenwart eines Toten (oder zumindest von Teilen eines Toten) vielleicht nicht ganz angebracht war, ich musste einfach schallend loslachen. Mein Kleiner hatte ja wirklich tolle Ideen!

»Haha, okay, ich werde ihm deinen Verdacht mitteilen. Mal schaun, was der Herr Hauptkommissar zu seiner Verteidigung zu sagen hat.«

»Also ich würde meinen Verdacht als so schlüssig ansehen, dass er sich eigentlich selbst verhaften müsste.«

Noch immer über die Vorstellung meines sich selbst Handschellen anlegenden Vorgesetzten grinsend, begab ich mich wieder zurück zum Container. Mittlerweile war alles abgesperrt, und auch die unvermeidlichen Gaffer hatten sich eingefunden. Plötzlich hatten es viele gar nicht mehr so eilig, zu ihrem Ziel zu kommen, viel spannender war doch so ein livehaftiger Krimi.

Einige Minuten später trafen in kurzem Abstand zwei Streifenwagen, die Spurensicherung, der Gerichtsmediziner und der Leiter der Mordkommission, sprich: mein Chef, ein. Während die Streifenbeamten die Absicherung des Fundortes übernahmen, kam Jens mit dem Leichendoktor zu mir.

»Moin Sascha.«

»Hallo Jens, Doc. Schönen Sonntag wünsche ich.«

Die beiden lachten, und Doc schüttelte den Kopf.

»Von wegen. Ich wollte eigentlich in den Garten, war sogar schon an der Haustür, und plötzlich der Anruf von deinem Oberguru.«

Dieser Oberguru lächelte den verhinderten Gärtner unschuldig an.

»Also ich weiß gar nicht was du hast! ICH bin froh über ein wenig Ablenkung.«

Ah ja. Sollte Derek etwa doch richtig gelegen haben? Vorwurfsvoll wandte ich mich an Jens.

»Das hätte ich wirklich nicht von dir gedacht. Am besten, du übergibst mir gleich deine Dienstwaffe und deinen Ausweis. Also los, bringen wir es hinter uns.«

Völlig verdattert stand Hauptkommissar Machlitzke vor mir.

»Äh … was ist los?«

»Na was schon? Du bist mein erster Tatverdächtiger! Gib mir deine Handschellen, ich hab meine leider nicht dabei. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich die heute brauchen würde.«

»Tatverdächtiger? Ich? Geht’s noch?«

»Na klar, Tatverdächtiger. Du hast mir selbst beigebracht, dass wir immer zuerst nach einem guten Motiv Ausschau halten sollen. Und wer hat hier ein gutes Motiv für einen Mord? Doch nicht etwa der Chef der Mordkommission, der es nicht abwarten kann, vom Demo-Sonderdienst abgezogen zu werden? Dem kommt doch ein Leichenfund gerade recht!«

Noch etwa drei Sekunden lang schaute Jens mich mit großen Augen an, dann brach er in schallendes Gelächter aus, in welches auch Doc kurz darauf einfiel.

»Also wirklich, das ist eine geniale Schlussfolgerung! Du hast anscheinend wirklich eine ganze Menge von mir gelernt.«

So gern ich es auch getan hätte, ich konnte dieses Lob nicht an mir hängen lassen.

»Derek ist da drauf gekommen, das ist nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen.«

»Derek? Soso. Vielleicht sollte ich ihn überreden, bei uns anzufangen. Ein helles Köpfchen wie ihn können wir immer gebrauchen. Wo ist er überhaupt?«

Ich zeigte auf unser Auto.

»Dort drüben. Er hat den Fuß gefunden, und das hat ihn ziemlich mitgenommen.«

Mit einem besorgten Gesichtsausdruck schaute Jens in Richtung des Wagens.

»Wie geht es ihm?«

»Schon wieder besser, aber der erste Schock war doch recht heftig.«

»Kann ich mir vorstellen. So, wie machen wir das jetzt?«

Fragend blickte Machlitzke den Gerichtsmediziner an.

»Naja, wem immer der Fuß gehört, er wird keine Freude mehr daran haben, selbst wenn er noch leben sollte. Eine Replantation ist bei diesem Zustand definitiv unmöglich.«

Alles andere hätte mich auch sehr überrascht – nen Fuß aus ner Mülltonne wieder annähen? Sehr unwahrscheinlich.

»Sascha, habt ihr schon mal reingeschaut, ob noch weitere Körperteile in der Tonne stecken?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nein, ich wollte erst mal abwarten, was die Spurensicherung zu sagen hat.«

»Gute Entscheidung.«

Hauptkommissar Machlitzke wandte sich an die Kriminaltechniker.

»Schaut euch mal den Container von außen an, ob ihr an dem Ding irgendwelche brauchbaren Spuren findet.«

Die beiden Angesprochenen machten sich ans Werk, allerdings mit recht wenig Enthusiasmus. Nach ein paar Minuten richtete sich einer von beiden auf und wandte sich an unsere kleine Gruppe, die in ein paar Metern Entfernung dem Treiben zuschaute.

»Haben sich viele Leute an dem Ding zu schaffen gemacht?«

Mein Chef schaute mich fragend an, und ich beantwortete die Frage.

»Laut den Kollegen von der BePo hat ein ganzer Trupp Autonomer den Container eine größere Strecke die Straße entlang gerollt und dann umgeschmissen.«

»In dem Fall hat es eigentlich keinen Sinn, hier draußen groß nach Spuren zu suchen. Ich kann nur eines sagen: es finden sich keinerlei offensichtlichen Blutspuren außen am Container.«

»Dann können wir jetzt reinschauen ohne irgendwelche Spuren zu versauen?«

»Ja, Herr Hauptkommissar. Aber wenn möglich bitte nur außen anfassen, vielleicht haben wir im Inneren mehr Glück und finden doch noch etwas.«

»Alles klar. Sascha, kannst du ein wenig mit zugreifen?«

Begeistert war ich davon nicht, aber das war schließlich mein Chef.

»Okay.«

»Moment, lass mich das mal machen. Du scheinst doch irgendwie Schmerzen zu haben, oder?«

Ah, Doc hatte es erkannt.

»Ja, Schlüsselbeinbruch vor ein paar Tagen.«

»Autsch. Jens, du solltest ein bisschen auf den Jungen aufpassen, damit ist nicht zu spaßen. Bis das ausgeheilt ist, muss er körperliche Anstrengungen möglichst vermeiden. Eigentlich sollte er sogar krankgeschrieben sein!«

Machlitzke lachte.

»Ist er ja auch, aber ihm fällt die Arbeit anscheinend regelrecht vor die Füße. Aber keine Bange, ich werd mich bemühen, ich nicht zu überfordern. So, packen wir es jetzt? Ich wüsste nun schon gerne, ob da noch mehr Einzelteile drin liegen.«

Doc und mein Chef gingen an die beiden Seiten des Containers und schoben vorsichtig den Deckel nach oben. Dies ging gar nicht so leicht, da er etwas verkantet war und die beiden ja auf Anweisung der Spurensicherer nicht ordentlich zupacken konnten. Dann aber machte der Deckel einen Sprung, und eine Öffnung von etwa 40 Zentimetern tat sich auf. Vorsicht ging ich in die Hocke und spähte hinein. Sekunden später hatte ich damit zu kämpfen, nicht doch noch mein eigenes Frühstück neben dem von Derek zu deponieren.

»Darf ich deinem Gesichtsausdruck entnehmen, dass der Fuß nicht alleine in der Tonne gelandet ist?«

»Darauf kannst du Gift nehmen! Das sieht hier aus wie ein menschliches Ersatzteillager!«



Mittlerweile hatten die beiden Deckelöffner diesen so verkantet, dass er in seiner Stellung verharrte und nicht mehr zuging. Anschließend gingen sie links und rechts von mir in die Knie und schauten in den Container.

»Ach du heilige Scheiße.«

»Das kannst du laut sagen, Jens. Ich hab ja schon einiges gesehen, aber sowas ist mir noch nicht untergekommen. Da hatte jemand wirklich Spaß an Sägearbeiten.«

In dem Container lagen – verteilt zwischen Dosen, Büchsen und sonstigem Gelber-Punkt-Müll – menschliche Überreste. Ich sah Hände, Beinteile, Armstümpfe, es war einfach ekelhaft. Wie mein Chef es schaffte, trotzdem noch an unseren Job zu denken, blieb mir schleierhaft.

»Doc, was meinst du. Ist das eine Person oder sind das mehrere?«

Der Gerichtsmediziner schaute noch einmal forschend in den Container hinein.

»Also rein mengenmäßig würde ich sagen, dass wir es nur mit den Resten von einer Person zu tun haben. Ich sehe momentan keine dritte Hand und auch keinen dritten Fuß.«

Dafür sah ich etwas anderes.

»Ist das dort hinten der Kopf?«

Doc beugte sich noch weiter vor und verschwand mit seinem eigenen Kopf schon fast im Container.

»Ja, sieht ganz so aus. Hat mal jemand einen Stock oder sowas für mich?«

Mein Boss sah sich kurz um und winkte dann einen der Bereitschaftspolizisten heran.

»Geben Sie mir bitte mal Ihren Tonfa.«

Der arme Kerl ahnte vermutlich, was mein Chef mit seiner Ausrüstung vorhatte, aber er wagte keinen Widerspruch und reichte den Schlagstock rüber. Machlitzke gab ihn gleich an den Gerichtsmediziner weiter.

»Hier, geht das?«

»Ja, sehr gut.«

Doc stocherte ein wenig in dem Container herum, an der Stelle, an der ich meinte, einen Haarschopf ausgemacht zu haben. Sekunden später zuckte er zurück.

»Ups!«

Allerdings. Ups. Plötzlich rollerte ein abgeschnittener Kopf vor uns auf die Straße! Das wars, ich sprang auf, sprintete an den Rinnstein und übergab mich. Interessanterweise tat mein Chef es mir gleich! Ganz so abgebrüht war er wohl auch nicht. Nachdem wir uns ausgewürgt und mit ein paar Tempotaschentüchern die Gesichter abgewischt hatten, gingen wir wieder zurück zum Leichendoktor. Dieser hatte den Anblick besser verkraftet – naja, er schnippelte ja eh ständig an Toten herum.

»Geht’s wieder?«

»Es muss. Mensch, Sascha, sei bloß froh, dass deinem Derek nur der Fuß entgegenkam und nicht der Kopf.«

Das war ich wirklich, bestimmt hätte mein Schatz davon Albträume bekommen. Zur Hölle, es war gut möglich, dass ich davon Albträume bekommen würde! Trotzdem nahm ich jetzt all meine verbliebene Professionalität zusammen und schaute noch einmal auf den losgelösten Schädel. Das war ein wirklich furchtbarer Anblick, das Gesicht war völlig verzerrt, offenbar hatte unser Opfer keinen sanften Tod gehabt. Den gleichen Gedanken schien auch mein Chef gerade zu haben.

»Sieht nicht so aus, als ob da nur einer deiner Kollegen seinen Abfall entsorgt hat, Doc.«

»Stimmt. Die Schnitte sind nicht fachgerecht, da wollte nur jemand gründlich die Leiche zerstückeln.«

Es war komisch: mich ekelte es vor dem Anblick, trotzdem faszinierte er mich auch. Und dann schoss es mir wie ein Blitz durch die Gehirnwindungen!

»Leute, ich weiß wer das ist! Beziehungsweise wer das war.«

Nun hatte ich die volle Aufmerksamkeit meiner beiden Begleiter.

»Tatsächlich?«

»Ja, Chef.«

Vermutlich hätte ich den Toten nicht erkannt, wäre nicht in den letzten Tagen mal wieder ständig sein Bild durch die Presse gegeistert. So aber brauchte es nur noch ein kleines bisschen Phantasie, um das verzerrte Gesicht der grinsenden Visage aus der Zeitung zuzuordnen.

»Na los, spann uns nicht noch länger auf die Folter!«

»Jens, ich glaube, du kannst deinen Bekannten vom Staatsschutz anrufen. Die brauchen nicht mehr nach Knirsch zu suchen.«

Hauptkommissar Machlitzke klappte die Kinnlade herunter, dann hockte er sich hin und schaute sich den Kopf noch einmal ganz genau an.

»Verdammt, du könntest recht haben!«

Auch Doc musterte die Gesichtszüge des Toten eindringlich.

»Stimmt. Je mehr ich hinschaue umso mehr hab ich das Gefühl, dass unser junger Freund hier einen Volltreffer gelandet hat.«

Mein Vorgesetzter erhob sich wieder.

»Wenn das stimmt, dann sitzen wir ganz gewaltig in der Scheiße.«

Ich nickte, das taten wir tatsächlich. Aber hatte er überhaupt den ganzen Umfang unserer Probleme realisiert?

»Nicht nur wir, Chef. Die ganze Stadt sitzt dann ganz gewaltig in der Scheiße.«

Fragend blickte Machlitze mich an, und ich erklärte ihm meine Gedankengänge.

»Überleg mal. Das ist der Neo-Nazi-Führer, dessen Horden heute durch Leipzig marschieren wollen. Gleichzeitig haben wir ein paar tausend gewaltbereite Autonome in der Stadt. Und in dieser Situation wird der Nachwuchs-Adolf hier in Leipzig abgemurkst. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn das in den nächsten Stunden rauskommt, während die alle noch hier in Leipzig versammelt sind? Wenn das braune Gesocks mitbekommt, dass ihr Obermacker seinem großen Vorbild in die Hölle gefolgt ist?«

»Oh verdammt. Soweit hatte ich noch gar nicht gedacht! Die werden sofort davon ausgehen, dass die Linken ihn um die Ecke gebracht haben, und schon haben wir das schönste Schlachtfeld mitten in der City.«

Ich nickte – genau darauf hatte ich hinausgewollt. Sofort schaltete mein Chef auf Katastrophen-Eindämmungs-Modus um.

»Wir brauchen einen größeren Sperrkreis und eine bessere visuelle Abschirmung. Wer hat bei den BePos den Hut auf?«

»Kommissar Vogel, der steht vorne an der Straßenecke beim Rest von seinen Leuten.«

Machlitzke winkte einen der Streifenbeamten zu sich.

»Holen Sie mir Kommissar Vogel heran, den BePo-Zugführer.«

Der uniformierte Kollege flitzte los, und Jens war schon beim nächsten Punkt seines Planes angelangt. Diesmal wandte er sich an die Kriminaltechniker.

»Fahrt euren Transporter vor den Container, sodass er einen kleinen Sichtschutz abgibt.«

Eifrig nickte einer der Spurensicherer, und kurz darauf verdeckte das Fahrzeug einen großen Teil des Leichenfundortes. In der Zwischenzeit war auch unserer bayerischer Kollege eingetroffen, und ich übernahm die Vorstellung.

»Chef, das ist Kommissar Vogel von der Bereitschaftspolizei München. Kommissar Vogel, mein Chef, Hauptkommissar Machlitzke, Leiter der Mordkommission Leipzig.«

Die beiden gaben sich die Hand, dann fragte Vogel, was er für meinen Boss tun könne.

»Wieviele Leute haben Sie dabei?«

»Außer mir noch zehn Mann auf zwei Wagen. Die beiden restlichen Gruppen von meinem Zug sind anderweitig im Einsatz. Übrigens, Luchs Zwo hat gerade angefragt, wann wir wieder frei sind.«

»So schnell nicht. Kommen Sie mit, ich will Ihnen was zeigen.«

Machlitzke ging mit Vogel rüber zum abgeschirmten Container und zeigte auf den Kopf. Der Bayer würgte ein wenig, behielt jedoch seinen Mageninhalt bei sich. Naja, der hatte wohl einen von Weißwürsten abgehärteten Verdauungsapparat.

»Erkennen Sie das Gesicht?«

Vogel schaute genauer hin, schüttelte dann aber den Kopf.

»Könnte ich nicht sagen. Sollte ich das erkennen?«

»Keine Bange, ich hab den Typen auch nicht erkannt, aber zum Glück war ja mein Nachwuchsschnüffler vor Ort. Wissen Sie, wer das ist? In der Tonne befinden sich die sterblichen Überreste von Christoph Knirsch.«

Der bayerische Kollege runzelte die Stirn.

»Christoph Knirsch?«

Plötzlich machte es Klick.

»Moment mal! Der Christoph Knirsch? Der Demo-Organisator?«

»Genau der.«

»Oh mein Gott! Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ja, dass sich unsere Situation soeben von bescheiden in beschissen verwandelt hat. Und damit meine ich meine Situation, Ihre, die aller unserer Kollegen hier und die der ganzen Stadt Leipzig.«

Vogel nickte bedeutungsschwer.

»Das befürchte ich auch.«

»Und genau darum werde ich Sie und Ihre Gruppe jetzt aus dem normalen Einsatzplan rauslösen. Sie werden sich hier nützlich machen, zum Beispiel die Absperrung ausweiten.«

Der Bereitschaftspolizist verstand sofort, worauf mein Chef hinauswollte.

»So gut es geht abschirmen, damit das vorerst nicht bekannt wird?«

»Richtig. Das heißt auch, dass Sie Ihre Leute entsprechend vergattern müssen. Kein Verplappern gegenüber Passanten oder gar der Presse.«

»Verstanden. Soll ich mich bei der Einsatzleitung abmelden?«

Hauptkommissar Machlitzke nickte zu mir herüber.

»Das übernimmt Sascha. Also: immer schön leise sprechen, und nichts geht über Funk.«

»Alles klar.«

»Gut, dann ziehen Sie jetzt Ihre restlichen Leute heran. Ach ja, wie ist Ihr Kenner?«

»Mars 10-61.«

»Danke.«

Vogel dampfte ab zum Rest seiner Truppen, und mein Chef wandte sich direkt an mich.

»Hast du mitbekommen, was ich mit ihm besprochen habe?«

»Ja. Ich informiere Luchs Zwo darüber, dass wir uns die Gruppe unter den Nagel reißen.«

»Richtig, und die beiden Wagen vom Revier gleich mit.«

»Okay, ich geb auch Löwe bescheid.«

»Ach ja, Doc?«

»Was gibts?«

»Können wir die Leiche einsammeln lassen? Und wenn ja: wohin damit?«

Der Gerichtsmediziner überlegte kurz.

»Am besten direkt zu mir. Deine Spurenjungs können ja mit rüberkommen.«

»Hast recht, das Beste wird sein, ich lass dir die ganze Ladung samt Container anliefern. Da kannst du dich dann zusammen mit den Spusis drauf stürzen.«

»Einverstanden.«

»Sascha? Kümmere dich bitte auch um den Abtransport.«

»Alles klar.«

»Dann los. Und wie ich schon zu Vogel sagte: kein Klartext über Funk! Wer weiß, wer da heute alles mithört.«

Ich nickte und ging hinüber zum Wagen meines Vorgesetzten, wo ich zum Mikrofon des Funkgerätes griff. Hm. Wen zuerst anrufen? Den Polizeiführer vom Dienst oder die Einsatzleitung der Bereitschaftspolizei? Okay, ersterer war wohl die bessere Wahl. Ich betätigte den Selektivruf, und kurz darauf erhielt ich Antwort.

»Rufer Löwe!«

»7-23.«

»7-23 für den Löwen.«

»Schauen Sie doch bitte mal ins Telefonverzeichnis und rufen Sie mich auf dem Handy zurück.«

»Empfangen, Sekunde.«

Ich legte das Funkmikro zurück und lauerte auf das Bimmeln meines Mobiltelefons. Lange brauchte ich nicht zu warten.

»Altmann.«

»Ich sollte zurückrufen.«

»Richtig. Sind Sie informiert über den Fund eines menschlichen Fußes in der Wintergartenstraße?«

»Ja, und ich lauere auf Einzelheiten.«

Das konnte ich mir vorstellen.

»Folgendes zur Lage: In dem Müllcontainer, aus dem der Fuß rausgepurzelt kam, war auch noch der Rest eines menschlichen Körpers. In Einzelteilen.«

Selbst übers Telefon konnte ich hören, wie der Mann am anderen Ende schluckte.

»Das war … kein schöner Anblick, denke ich mal.«

»Allerdings. Laut Spurenlage ist der Fundort nicht der Tatort. Da der Container von einer Horde Autonomer durch die Straßen geschleift wurde, können wir noch nichts Näheres dazu sagen.«

»Dass sich sowas aber auch ausgerechnet an einem Tag wie heute ereignen muss!«

»Es kommt noch besser. Die Identität des Toten dürfte geklärt sein. Es handelt sich um Christoph Knirsch.«

»WAS???? Sag das nochmal!«

Der gute Mann war wohl drauf und dran, durchs Telefon zu kriechen.

»Der Tote ist Christoph Knirsch. Und ja, ich meine unseren Christoph Knirsch.«

Die Stimme meines Gesprächspartners wurde ganz leise.

»Wie sicher ist das?«

»Ich würde sagen zu 99 Prozent.«

Ich selbst war mir eigentlich hundertprozentig sicher, aber man hat ja schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen. Außerdem klangen 99 Prozent irgendwie seriöser als 100 Prozent.

»Verdammt! Auch das noch!«

Dazu gab es wirklich nichts mehr zu sagen.

»Wer weiß schon alles davon?«

Der Einsatzleiter hatte wohl auch sofort kapiert, was jetzt mit das Wichtigste am weiteren Vorgehen war.

»Hauptkommissar Machlitzke, Kommissar Vogel von Mars 10-61, die Spurensicherer und der Gerichtsmediziner. Eventuell auch noch einige der Beamten, die sich um die Absperrung kümmern. Ich weiß nicht, wieviel die schon mitbekommen haben.«

»Verstanden. Ich verhänge hiermit eine totale Nachrichtensperre, davon darf nichts nach außen dringen!«

»Das hat mein Öberster auch schon gesagt, deshalb auch die Bitte, mich auf dem Handy anzurufen.«

»Gut mitgedacht. Wie will dein Öberster jetzt vorgehen?«

»Zuerst einmal möchte er Mars 10-61 aus dem Einsatzplan rauslösen und uns unterstellen – dadurch brauchen wir keine weiteren Kräfte hinzuzuziehen und einzuweihen. Das gleiche gilt für die Löwen 21-03 und 21-04 vom zuständigen Revier, die brauchen wir eh noch hier.«

»Sind damit die Kräfte und Mittel ausreichend?«

»Für den Moment ja. Außerdem bräuchten wir einen Transporter, am besten einen mit einem kleinen Kran. Mein Chef möchte die Leiche gerne samt Container in die Gerichtsmedizin verfrachten.«

»Hm, das machen wir am besten über die F, ich leite das sofort nach unserem Gespräch ein. Braucht ihr noch irgendwas?«

»Im Augenblick nicht, hier herrscht auch demomäßig zur Zeit Ruhe. Es wäre aber gut, wenn Sie uns rechtzeitig informieren würden, falls sich irgendwas in unsere Richtung bewegt.«

Es wäre wirklich sehr unangenehm, wenn hier plötzlich irgendwelche Trupps egal welcher Art aufmarschieren würden.

»Alles klar. Ich informiere Luchs Zwo, dass er Mars 10-61 verliert, außerdem den Staatsschutz und am besten auch den Polizeipräsidenten.«

»Verstanden.«

»Es ist ja wohl logisch, dass der Funk weiterhin tabu ist. Kann man euch weiter über dein Handy erreichen?«

»Besser über das von meinem Chef, ich bin eigentlich dienstunfähig krankgeschrieben.«

»Oh? Und wieso bist du dann vor Ort?«

»Weil ich gleich um die Ecke wohne und auf dem Heimweg quasi über die Leiche gestolpert bin.«

»Na das nenne ich Diensteifer. Okay, ich weiß erst mal Bescheid und kümmere mich um alles, was wir abgesprochen haben. Ende.«

Damit war das Gespräch beendet, und ich ging wieder zu Jens, der gerade dabei war, die Streifenbeamten vom Revier zum Schweigen zu vergattern. Die Bereitschaftspolizisten hatten mittlerweile den Sperrkreis erweitert, sodass wir einigermaßen ungestört und vor allem auch ungehört reden konnten. Als sich die uniformierten Kollegen wieder an die Arbeit machten, trat ich zu meinem Vorgesetzten.

»Löwe ist informiert und leitet alles ein. Die Leiche wird von der F abgeholt, Luchs Zwo, Staatsschutz und Polizeipräsident werden informiert. Für den weiteren Kontakt hab ich erst mal auf dein Handy verwiesen.«

»Danke, Sascha, gute Arbeit. Und jetzt kümmerst du dich am besten erst mal wieder um deinen Derek.«

Fragend schaute ich Jens an.

»Du brauchst mich nicht mehr?«

»Momentan können wir eh nicht viel machen außer abzuwarten.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Okay. Wenn was ist weißt du ja, wo du mich finden kannst.«

»Alles klar. Kuriere du dich aber lieber aus.«

Wir reichten uns die Hände, dann ging ich rüber zu Dereks Wagen, in welchem mein Freund immer noch auf dem Beifahrersitz saß.

»Bin wieder da, Schatz.«

Dereks Gesicht war immer noch etwas bleich, aber er lächelte mich zumindest an.

»Gibt es irgendwas Neues?«

Ich überlegte kurz, sollte ich es ihm erzählen? Das ganze war arg unappetitlich, außerdem herrschte ja eigentlich Nachrichtensperren. Andererseits: Derek war mein Freund, und genaugenommen war er es ja gewesen, der den Fuß entdeckt und damit alles ins Rollen gebracht hatte. Ich traf meine Entscheidung.

»Rutsch rüber, dann erzähl ich dir alles. Oder soll ich fahren?«

Vehement schüttelte Derek mit dem Kopf.

»Nichts da, ich fahre.«

Mit ein paar Verrenkungen schaffte er es, sich über den Mitteltunnel auf den Fahrersitz zu schieben, sodass ich mich auf den Beifahrersitz sinken lassen konnte. Als ich endlich schmerzfrei saß, schaute mein Freund mich erwartungsvoll an.

»Nun schieß schon los!«

Ich musste über seinen Enthusiasmus lächeln, mein kleiner Krimifan wollte immer alles über meine Arbeit wissen!

»Gemach, gemach. Also erst mal: der Fuß lag nicht ganz alleine in der Tonne, da waren noch viel mehr Einzelteile, vermutlich ein kompletter Körper. Also komplett im Sinne von alles da, nicht im Sinne von alles an seinem richtigen Platz.«

Ein kleines Zittern durchschüttelte meinen Freund.

»Ist ja ekelhaft.«

»Allerdings. Noch viel ekelhafter wurde es aber, als Doc in dem Container rumstocherte und plötzlich der Kopf heraus gerollt kam.«

Derek schlug sich die linke Hand vor den Mund, seine Augen waren weit aufgerissen.

»Ieh!«

Ich grinste ihn an.

»Stimmt, ieh trifft es ziemlich genau. Aber das ist noch nicht alles.«

»Was denn, noch mehr eklige Dinge?«

»Vielleicht nicht eklig, aber auf jeden Fall interessant und nicht ungefährlich.«

»Nicht ungefährlich? Nun erzähl schon!«

Er wurde richtig zappelig vor Neugier.

»Wir wissen, zu wem die Einzelteile gehören. Oder besser gesagt, wer da in Einzelteile zerlegt wurde.«

Völlig gebannt hing Derek an meinen Lippen.

»Christoph Knirsch.«

»Was? Doch nicht etwa Nazi-Knirsch?«

»Doch, genau der.«

Mein Freund wurde plötzlich ganz still.

»Wenn das heraus kommt, dann ist Polen offen.«

Ich nickte bedeutungsschwer.

»Allerdings, das ist auch unsere größte Sorge. Wir haben totale Nachrichtensperre, und wenn das jemand ausplappert, dann würde ich ihm raten, nach Grönland auszuwandern bevor er Jens in die Hände fällt.«

Nun kicherte Derek leise vor sich hin.

»Keine Bange, ich halte dicht.«

»Danke, Schatz. Und wie schauts aus, fahren wir heim?«

»Du brauchst nicht zu arbeiten?«

»Jens hat mich vorläufig entlassen.«

Darüber schien sich Derek zu freuen.

»Gut, dann ab nach Hause. Wäre mir wirklich nicht recht, wenn du mit deiner Verletzung herum ackern würdest.«

Er griff zum Zündschlüssel, doch genau in diesem Moment klopfte es an die Scheibe meiner Beifahrertür, und ich schaute ins Gesicht meines Vorgesetzten. Surrend ließ ich die Scheibe hinunterfahren, und Jens steckte seinen Kopf ins Fahrzeuginnere.

»Hallo Derek.«

»Moin Jens. Ich hoffe, du willst mir meinen Sascha nicht doch noch dienstverpflichten.«

Machlitzke lachte.

»Ich will versuchen, es zu vermeiden. Aber trotzdem hab ich einen großen Anschlag auf euch beide vor.«

Interessiert schauten wir ihn an.

»Ihr wohnt doch gleich da vorne, oder?«

»Ja.«

»Gut. Passt auf, Jungs, es kann sein, dass wir nachher einen Platz brauchen, wo wir ungestört und vor allem unbeachtet reden können. Mit ›wir‹ meine ich unter anderem den Polizeipräsidenten, der auf dem Weg hierher ist, und wohl auch die Kollegen vom Staatsschutz. Wenn wir wie eine Horde im Präsidium einfallen, bekommt die Presse ganz schnell Wind davon, dass hier irgendwas im Busch ist.«

»Sag bloß, ihr wollt unsere Wohnung als Einsatzzentrale benutzen?«

Mit treudoofen Dackelaugen schaute Machlitzke uns an.

»Zumindest als Ort für eine kleine Besprechung, wäre das okay?«

Frech blickte Derek zu mir herüber.

»Okay, ich denke, das lässt sich einrichten. Aber lasst uns noch ein paar Minuten Zeit, damit Sascha seine dreckige Unterwäsche wegräumen kann.«

Ich rammte ihm meinen linken Ellenbogen in den Oberarm, dummerweise tat auch das mir mehr weh als ihm. Mein Chef jedoch schien mit der Entwicklung sehr zufrieden zu sein.

»Vielen Dank, Jungs. Wir klingeln dann bei euch.«

»Alles klar, also bis nachher.«

Machlitzke zog den Kopf aus unserem Auto, Derek ließ den Motor an, und kurz darauf fuhren wir nun endlich mit großer Verspätung in unsere Tiefgarage ein. Wenige Minuten später betraten wir unsere Wohnung, und mir wurde sofort klar, welche Rolle mir mein Freund zugedacht hatte.

»Du setzt dich jetzt hin und ruhst dich erst mal aus. Hast du irgendwelche Schmerzen?«

»Nur wenn ich mich bewege, wenn ich lache, wenn ich gähne, …«

Empört schaute Derek mich an.

»Mach keine Witze, Sascha! Der Arzt hat gesagt, dass du dich mit körperlicher Anstrengung zurückhalten sollst.«

»Keine Bange, das tu ich schon. Aber dass mir dann heute Abend keine Beschwerden über meine körperliche Zurückhaltung kommen.«

»Du Kasperkopf. Und nun: HINSETZEN! Ich räume schnell noch ein wenig auf, bevor hier die Prominenz einfällt.«

»Mach nicht so einen Ruß, wenn die uns so überfallen, dann müssen sie halt damit leben, dass nicht alles blitzblank ist.«

Derek seufzte.

»Hast ja recht. Aber ich stell wenigstens ein paar Flaschen Wasser bereit.«

»Wie du meinst.«

Ich ließ mich in einen Sessel sinken und fand nach ein wenig Rumgerücke sogar eine Position, in der ich völlig schmerzfrei sitzen konnte. Derek schaffte ein paar Wasserflaschen und Gläser heran, dann ließ er sich auch nieder.

Es dauerte dann doch eine Dreiviertelstunde, bis es bei uns an der Tür klingelte. Mein Freund spring auf und verschwand aus dem Wohnzimmer, kurz darauf hörte ich verschiedene Stimmen, die sich aus dem Korridor näherten. Mit etwas Mühe erhob ich mich aus meinem Sessel, um unsere Gäste zu begrüßen. Als erstes trat mein Chef ins Zimmer.

»Hallo Jens. Habt ihr schon was rausgefunden?«

Machlitzke schüttelte den Kopf.

»Nein, wir sind noch nicht schlauer als vorhin. Ich hoffe, es macht euch nichts aus, dass wir hier so bei euch einfallen?«

»Nein, kein Problem. Such dir einen Stuhl.«

Mein Vorgesetzter trat zur Seite, sodass die anderen Besucher ins Zimmer folgen konnte. Mein Gott! Das war der Oberbürgermeister! Der Polizeipräsident folgte ihm, und dann kam noch ein Mann, den ich bisher nicht kannte. Als letzter kehrte Derek ins Wohnzimmer zurück.

»Guten Tag. Ich hoffe, wir stören Sie wirklich nicht?«

Ich schluckte kurz, dann ergriff ich die ausgestreckte Hand von unserem Dr. Brüggemann.

»Nein, Sie stören nicht, Herr Oberbürgermeister. Ich bin Oberkommissar Altmann.«

Der OBM lächelte, schüttelte mir die Hand, dann suchte er sich einen Stuhl und setzte sich hin. Als nächstes begrüßte ich den Polizeipräsidenten, anschließend unseren vierten Besucher.

»Hallo. Ich bin Hauptkommissar Fischer vom Staatsschutz.«

Somit waren alle miteinander bekannt, und kurz darauf hatten auch alle einen Sitzplatz gefunden. Derek ging zur Zimmertür.

»Ich zieh mich jetzt zurück…«

Das war sehr rücksichtsvoll von ihm, der OBM jedoch winkte ab.

»Nein, bleiben Sie ruhig hier. Das ist Ihre Wohnung, und wir werden Sie nicht vertreiben. Ich kann mich doch sicher darauf verlassen, dass Sie alles, was Sie hier hören werden, für sich behalten?«

»Selbstverständlich.«

»Sehr gut, dann nehmen Sie bitte auch Platz.«

Dem Staatsschutzheini schien das nicht wirklich zu passen, aber da auch der Polizeipräsident keine Einwände äußerte, hielt er seine Klappe.

»So. Herr Machlitzke, können Sie uns zuerst einmal kurz zusammenfassen, wie die Lage ist?«

»Jawohl, Herr Oberbürgermeister. Vor etwa anderthalb Stunden schoben Oberkommissar Altmann und Herr Prosch auf dem Heimweg einen von Randalierern umgeworfenen Müllcontainer zur Seite.«

»Moment bitte. Herr Altmann, Sie haben keinen Dienst?«

Mein Chef enthob mich der Antwort.

»Sascha hat sich vor ein paar Tagen das Schlüsselbein gebrochen und ist dienstunfähig.«

»Oh. Alles klar. Erzählen Sie weiter.«

»Wo war ich? Ach ja. Bei dieser Aktion sprang der Container etwas auf, und ein abgehackter menschlicher Fuß fiel heraus. Daraufhin hat Sascha den Fundort durch ein paar zufällig in der Nähe befindliche Einsatzkräfte absperren lassen und mich informiert. Ich habe mich dann mit der Spurensicherung und dem Gerichtsmediziner vor Ort begeben. Nachdem die Spurensicherung den Container vorläufig freigegeben hatte, haben wir ihn weiter geöffnet und weitere Leichenteile gefunden.«

»Leichenteile? Sie meinen, die Leiche war zerstückelt?«

»Ja. Hände und Füße waren einzeln, Arme und Beine noch weiter zerteilt, und auch der Kopf war vom Rumpf getrennt.«

Nun war es unser OBM, der schluckte, und ich machte mir kurz Sorgen um unseren Teppich. Glücklicherweise konnte Dr. Brüggemann seinen Würgereflex unter Kontrolle halten.

»Über diesen Kopf hat dann auch Oberkommissar Altmann die Leiche vorläufig identifiziert. Es handelt sich um Christoph Knirsch.«

»Sie sagen vorläufig identifiziert? Es ist also noch nicht sicher, ob es sich wirklich um Knirsch handelt?«

Dies war der Zeitpunkt, zu dem sich Fischer zum ersten Mal einmischte.

»Ich habe den Kopf gesehen, Herr Dr. Brüggemann, und ich bin mir absolut sicher, dass es sich um Knirsch handelt. Trotzdem wird es eine endgültige Bestätigung erst nach genauerer Untersuchung geben.«

»Hm. Ich verstehe. Wir arbeiten also unter der Voraussetzung, dass wir es mit dem Naziführer zu tun haben.«

Jens übernahm wieder das Zepter.

»Richtig. Und deshalb haben wir das alles auch zur Verschlusssache erklärt. Wenn das rauskäme…«

Sorgenvoll nickte unser Stadtoberhaupt.

»Ich verstehe, was Sie meinen. Wie wollen Sie jetzt weiter vorgehen? Alles verheimlichen, bis sowohl die Rechten als auch die Linken wieder aus Leipzig raus sind?«

»Ja, so haben wir uns das gedacht, das wäre für Leipzig die sicherste Lösung. Gleichzeitig beginnen wir in aller Stille mit den Ermittlungen.«

»Gut, damit bin ich einverstanden. Sagen Sie, Herr Fischer, ich dachte eigentlich, dass der Staatsschutz die ganze Zeit an Knirsch dranhängt? Wie konnte er dann ermordet und in einer Mülltonne beseitigt werden, ohne dass das irgendwer von Ihrer Truppe mitbekommen hat?«

Zerknirscht schaute der Angesprochene zum Boden.

»Er ist vorgestern in unserem Zuständigkeitsbereich aufgetaucht, leider haben wir ihn noch am gleichen Abend aus den Augen verloren. Auch die Kollegen vom Verfassungsschutz wurden abgehängt. Seit diesem Zeitpunkt wussten wir nichts mehr über seinen Verbleib – bis vorhin der Anruf vom Kollegen Machlitzke kam.«

»Ich finde das enttäuschend, aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Stichwort Verfassungsschutz: warum ist von denen niemand hier? Sind die noch nicht informiert?«

»Doch, das habe ich persönlich getan, aber die kochen ihr eigenes Süppchen.«

»Na super, und das auf Kosten meiner Stadt! Also gut, ich verlasse mich auf Sie! Halten Sie die ganze Angelegenheit solange es geht unter Verschluss, wenn irgendmöglich bis mindestens morgen früh. Ich mache mich jetzt wieder auf den Weg zur offiziellen Gegenveranstaltung, nicht dass meine Abwesenheit noch bemerkt wird. Sie informieren mich bitte über alle neuen Entwicklungen!«

Nachdem ihm das zugesichert worden war, verabschiedete sich der OBM von uns und verließ kurz darauf die Wohnung. Für einen Moment herrschte Schweigen, dann brach Polizeipräsident Jasche die Stille.

»Wie gehen wir jetzt vor? Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass sowohl Mordkommission als auch Staatsschutz alle Unterstützung bekommen, die sie brauchen.«

Mein Chef nickte zufrieden, dann wandte er sich an Hauptkommissar Fischer.

»Wo habt ihr Knirsch verloren?«

Der Angesprochene seufzte, bevor er zur Antwort ansetzte.

»In der Probsteistraße 131. Er ist dort ins Haus rein und seitdem nicht wieder aufgetaucht. Wir dachten erst, er würde dort übernachten, aber als ein Kollege von uns nachts mal in den Hof reinschaute, war plötzlich das Auto verschwunden, mit dem Knirsch gekommen war.«

Hä?

»Wie konnte das Auto unbemerkt verschwinden?«

Fischer seufzte erneut.

»Drei Tage vorher wurde hinter dem Haus Probsteistraße 131 ein anderes Haus abgerissen, davon wussten wir nichts. Und über diese freie Fläche muss Knirsch samt Auto verschwunden sein.«

Verdammt!

»Wissen wir wenigstens, was Knirsch dort wollte?«

»In dem Haus befindet sich eine kleine Druckerei der Partei Neues Deutschland, und der Druckereibesitzer – der zufällig der Landesvorsitzende der PND ist – wohnt ebenfalls dort. Deshalb dachten wir uns auch nichts weiter dabei, als Knirsch dorthin fuhr.«

»Ist schon eine Fahndung nach seinem Auto raus?«

»Nein, nur unsere eigenen Leute und der Verfassungsschutz halten bisher die Augen offen, aber das hole ich gleich nach.«

Der Staatsschützer griff zu seinem Handy und rief bei der Zentrale an.

»Mahlzeit, Hauptkommissar Fischer hier. Ich bräuchte dringend eine Fahndung nach einem PKW VW Passat, Farbe silber, amtliches Kennzeichen München Trennung Gustav Heinrich 374. Bei Feststellung keine Maßnahmen, nur im Auge behalten und Rückmeldung direkt an mich oder Hauptkommissar Machlitzke von der Mordkommission.«

Fischer lauschte kurz in sein Handy, dann beendete er das Gespräch.

»Die Fahndung geht sofort über Funk raus.«

»Okay. Weitere Vorschläge?«

»Vielleicht sollte man sich mal dort in dem Haus umschauen. Eigentlich müssten wir doch genügend in der Hand haben, um einen Durchsuchungsbeschluss zu bekommen, oder?«

Nachdenklich schaute mich der Polizeipräsident an, dann nickte er.

»Ja, das sollte kein Problem sein. Außerdem ist es mir momentan ziemlich egal, ob wir einen haben oder nicht. Es ist Gefahr im Verzug. Sagen Sie, Herr Altmann, wie fühlen Sie sich?«

Ohoh. Ich hatte das dumme Gefühl genau zu wissen, was jetzt kommen würde. Und wenn ich mir Dereks Gesichtsausdruck so anschaute, dann ging es ihm ganz ähnlich.

»Naja, ich habe bei jeder größeren Bewegung Schmerzen.«

»So schlimm, dass Sie nicht in der Lage sind, sich mal in der Probsteistraße umzuschauen? Wie gesagt, nur umschauen und Fragen stellen, Sie sollen keine körperlichen Höchstleistungen vollbringen.«

Scheiße, da kam ich garantiert nicht mehr raus, das konnte ich ja schlecht ablehnen. Jedenfalls wenn mir meine zukünftige Karriere irgendwas bedeutete.

»Okay, ich denke, das kann ich machen.«

»Sehr schön. Ich möchte so wenig zusätzliche Leute wie möglich einweihen.«

Nun mischte sich auch mein Chef noch ein.

»Sascha, pass mir ja gut auf. Und du nimmst wenigstens einen Wagen von der Bayern-BePo mit.«

Jasche nickte zustimmend.

»Richtig. Eigensicherung ist unabdingbar. Stehen Vogel und seine Leute bereit?«

»Ja, die haben die Fundortsicherung abgeschlossen und warten auf den nächsten Auftrag.«

»Gut, dann würde ich vorschlagen, dass Sie beide«, er zeigte auf Fischer und meinen Chef, »dass Sie beide sich mit der Gerichtsmedizin in Verbindung setzen. Klären Sie, was es schon an Spuren usw. gibt. Und fangen Sie an, sich Gedanken über den möglichen Täterkreis zu machen. Das alles aber schön heimlich, still und leise, jedenfalls heute noch. Ich selbst werde mich an den Verfassungsschutz ranmachen, ich mag es nicht, wenn die in meinem Hinterhof wildern ohne dass ich weiß was vorgeht.«

Mit diesen Worten erhob sich der Polizeipräsident und wandte sich Derek zu.

»Vielen Dank, Herr Prosch, dass wir uns hier bei Ihnen einquartieren durften. In ein paar Minuten kehrt wieder Ruhe bei Ihnen ein.«

Mein Freund zuckte mit den Schultern.

»Gern geschehen. Und falls nochmal ein ungestörter Platz gebraucht wird, unsere Türe steht offen.«

Jasche nickte dankbar.

»Ich werde mir das merken. So, und nun wünsche ich noch einen schönen Tag. Meine Herren, machen Sie sich an die Arbeit!«

Und weg war er, Derek brachte ihn noch zur Wohnungstür. Auch unsere letzten beiden Gäste hatten sich erhoben.

»Also gut, Sascha. Du nimmst dir einen Teil von Vogels Kommandogruppe, den Rest von seinem Zug halten wir in Reserve.«

Verwundert schaute ich zu Jens.

»Den Rest von seinem Zug? Habt ihr die anderen Gruppen auch noch bekommen?«

»Ja, wir haben jetzt den gesamten zweiten Zug der Hundertschaft. Ich habe nicht vor, bei dieser brenzligen Lage irgendein Risiko einzugehen.«

Hm, ein ganzer Zug Bereitschaftspolizei, das waren immerhin gut 30 Mann mit einem halben Dutzend Fahrzeugen. Da schien jemand die Situation wirklich ernst zu nehmen. Berechtigterweise.

»Okay. Wo finde ich die Leute?«

»Die werden an der Haustür auf dich warten. Brauchst du einen Fahrer?«

Gerade wollte ich bejahen, als Derek wieder zurück ins Zimmer kam und sich einmischte.

»Ja, Jens, er braucht einen Fahrer! Er kann sich nicht schmerzfrei bewegen, und dann schubst ihr ihn in einen solchen Einsatz rein! Verdammt nochmal, Sascha sollte im Bett liegen und sich ausruhen und nicht durch die Stadt kutschen und perverse Mörder jagen!«

Oh weh, mein Kleiner hatte sich richtig in Rage geredet. Der Polizeipräsident würde garantiert kein Weihnachtsgeschenk von ihm bekommen.

»Naja, Sascha hätte ja nein sagen können, Jasche hat ihn ja gefragt, ob er sich in der Lage dazu fühlt.«

»Na klar doch! Eine tolle Wahl hatte er, entweder seine Gesundheit noch weiter aufs Spiel setzen oder es sich bei seinem obersten Chef verscheißen. Als ob er hätte ablehnen können!«

Derek war richtig gut in Fahrt, und mein armer Chef wurde immer kleiner.

»Vielleicht … vielleicht war das wirklich keine gute Idee. Ich kann jemand anderes drauf ansetzen…«

Mein Freund schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, dafür ist es jetzt zu spät, ich hätte eigentlich erwartet, dass du rechtzeitig Einspruch erhebst. Nein, Sascha wird den Auftrag übernehmen. Und ich werde ihn fahren!«

Das war ja lieb gemeint, aber…

»Der, das geht nicht. Ich muss den Dienstwagen nehmen, und den darfst du nicht fahren. Außerdem möchte ich dich nicht in Gefahr bringen.«

»Und ob das geht! Wenn es geht, dass du im dienstunfähigen Zustand auf Mörderjagd gehst, dann geht es auch, dass ich dich dabei fahre. Und wenn du mich nicht in Gefahr bringen willst, dann sorge dafür, dass wir gar nicht erst in Gefahr geraten. Ich fahre! Basta!«

Derek hatte gesprochen. Hugh! Mein Gott, so hatte ich ihn noch nie erlebt. Normalerweise war er eher zurückhaltend und ruhig, aber jetzt hatte er gezeigt, dass er durchaus auch laut, bestimmend und hart sein konnte. Auch Jens schien davon beeindruckt zu sein.

»Na gut. Aber Jungs, passt um Himmelswillen auf euch auf! Wenn euch irgendwas passiert, besonders dir, Derek, dann werde ich nicht einmal mehr als Nachtwächter einen Job bekommen.«

Haha, nette Vorstellung, der großmächtige Obermufti der Mordkommission als schlafender Nachtwächter. Aber naja, das wollten wir ihm nun doch nicht antun. Wir würden also auf uns aufpassen.

»Keine Angst, Jens. Wir haben ja die Kollegen in Blau dabei. Uns wird nichts passieren.«

»Hoffentlich.«

Mein Chef drehte sich zu dem Staatsschutz-Hauptkommissar.

»Gehen wir? Es gibt viel zu tun.«

Fischer nickte uns kurz zum Abschied zu, dann folgte er Machlitzke aus dem Zimmer und dann der Wohnung. Mein Vorgesetzter kannte sich hier aus, es war also nicht nötig gewesen, ihm den Ausgang zu zeigen. Für einen Moment schauten Derek und ich uns an, dann atmete mein Freund tief durch.

»Dann mal los, Sascha. Ich bin alles andere als begeistert, aber wir sollten uns auf den Weg machen.«

Da hatte er recht – und ich wohl mal wieder mächtig was bei ihm gutzumachen. Auf dem Weg aus der Wohnung griff er sich die Schlüssel zu meinem Dienstwagen.

»Du gehst zur Haustür raus und sammelst die Bayern ein, ich hol den Wagen aus der Tiefgarage. Wir treffen uns dann an der Ausfahrt.«

Immer noch verteilte Rollen. Eigentlich sollte ich ja das Kommando haben, aber irgendwie schien sich das noch nicht ganz bis zu Derek rumgesprochen zu haben. Ich verkniff mir wohlweislich das Zucken mit den Schultern und befolgte seine Anweisung.

Beinahe direkt vor der Haustür stand ein grünsilberner VW-Bus mit Blaulicht oben drauf, um ihn herum standen vier Beamte in voller Einsatzmontur. Kommissar Vogel war nirgends zu sehen, der führte wohl weiter das Kommando über den Rest seines Zuges. Ich ging auf die Gruppe zu.

»Mahlzeit, meine Herren. Ich glaube Sie warten auf mich.«

Die Grünen schauten mich an, und einer von ihnen antwortete.

»Wenn Sie Oberkommissar Altmann sind dann kommt das hin.«

»Der bin ich.«

Ich reichte ihm die Hand.

»Angenehm, Hauptmeister Lorke. Das sind die Kollegen Blaumeier, Polkert und Schöbbelkurt.«

Ich begrüßte auch die anderen drei.

»Kommissar Vogel hat angeordnet, dass wir zu Ihrer Verfügung stehen sollen.«

»Das habe ich auch gehört. Sind Sie über die Geschehnisse von heute vormittag informiert?«

»Nicht ausführlich, Herr Oberkommissar. Wir wissen nur, dass eine zerstückelte Leiche gefunden wurde. Und wohl die Leiche von irgendeinem Promi, deshalb herrscht auch das große Schweigen im Walde.«

Ich seufzte. Zwar sollte die Zahl der Mitwisser so gering wie möglich gehalten werden, trotzdem war es in meinen Augen für eine gute Zusammenarbeit erforderlich, dass die vier Kollegen meines »Schutzkommandos« eingeweiht wurden.

»Okay, ich werde Sie gleich näher informieren. Aber erst legen Sie bitte alle die Kampfausrüstung ab, die werden wir hoffentlich nicht brauchen. Ich möchte lieber nicht, dass Sie dort wo wir hinfahren herumlaufen, als wenn es den dritten Weltkrieg zu gewinnen gäbe.«

Die bayerischen Kollegen lachten und befreiten sich von Schutzwesten, Helmen und was sonst noch zur Einsatzmontur gehörte. Zustimmend nickte ich.

»Schon viel besser. Steigen wir ein, ich fahre ein Stück bei Ihnen mit, bis zur Tiefgaragenausfahrt dort vorne. Auf dem Weg dorthin erzähle ich Ihnen etwas über den Einsatz.«

Wir stiegen in den VW-Bus, und kurz darauf hingen die Kollegen an meinen Lippen.

Es stimmt, es wurde die zerstückelte Leiche eines … naja … Promis gefunden. Was ich Ihnen jetzt sage, unterliegt strengster Geheimhaltung – wer davon was ausplaudert, verbringt den Rest seiner Dienstzeit damit, Kochgeschirre in der schäbigsten JVA Deutschlands zu putzen. Kapiert?«

Ich erntete zustimmendes Gemurmel.

»Also, wir haben die Leiche von Christoph Knirsch gefunden. Von Nazi-Knirsch, falls Ihnen das eher geläufig ist.«

»Ach du Scheiße!«

»Sie haben es erfasst, Herr Lorke. Knirsch war seit zwei Tagen verschwunden, der Staatsschutz hat ihn vorgestern aus den Augen verloren – und heute früh ist er in einem Müllcontainer wieder aufgetaucht. In Einzelteilen und logischerweise sehr tot. Wenn das in den nächsten Stunden rauskommt, dann geht in Leipzig etwas mehr kaputt als nur ein paar Autoscheiben. Daher wurde eine totale Nachrichtensperre verhängt, und wir ermitteln so still wie möglich.«

Die Bereitschaftspolizisten nickten, sie hatten wohl auch den Ernst der Lage verstanden.

»Gut. Wir fahren jetzt zu der Stelle, an der die Kollegen Knirsch verloren haben. Es handelt sich um ein Haus, in dem ein hoher Parteifunktionär der PND eine Druckerei betreibt und auch wohnt. Wir werden uns dort ein wenig umschauen, vielleicht finden wir ja irgendwas heraus.«

Unterdessen waren wir an der Tiefgaragenausfahrt angekommen, und auch Derek stand bereits mit dem BMW abfahrbereit da.

»Ich steige jetzt um, und Sie fahren hinter uns her. Wie ist Ihr Kenner?«

»Mars 10-611.«

»Gut, meiner ist Löwe 7-23. Es ist ja wohl klar, dass kein Wort bezüglich Knirsch oder des Einsatzes überhaupt über den Funk geht.«

»Verstanden.«

»Prima, dann mal los.«

Ich stieg aus dem VW-Bus und wechselte zu Derek in den Wagen.

»Wir können los, Schatz. Probsteistraße, du weißt, wie wir da hinkommen?«

»Ja. Jedenfalls solange wir nicht in irgendeine Straßensperrung reingeraten.«

»Dann los. Die Kollegen fahren uns hinterher.«

Wir setzten uns in Bewegung, und durch einen Blick in den rechten Außenspiegel erkannte ich, dass uns der VW-Bus folgte. Die Fahrt durch die Stadt verlief ereignislos, wenn man mal von den allgegenwärtigen Polizeifahrzeugen absah. Es lag eine ungeheure Spannung in der Luft, die nur darauf zu warten schien, sich in einem riesigen Knall zu entladen. Hoffentlich waren wir nicht mittendrin, wenn es dazu kommen sollte.

Einige Minuten später hielten wir vor dem Gebäude, in welchem Knirsch zwei Tage zuvor verschwunden war.

»Der, du bleibst im Wagen, okay?«

Begeistert war mein Freund davon nicht, aber er schien sich zumindest für den Moment damit abzufinden.

»Pass auf dich auf.«

»Mach ich. Und ich hab ja die Kollegen in Grün dabei.«

Ich stieg aus, und während ich zu dem kurz hinter uns parkenden Kleinbus ging, bemerkte ich etwa 100 Meter weiter die Straße entlang einen dunkelblauen Mercedes mit getönten Scheiben. Deutlich mehr getönt als eigentlich erlaubt war, selbst durch die Frontscheibe konnte man nicht ins Innere hineinschauen. Sehr seltsam.

Unterdessen waren auch die Bereitschaftspolizisten ausgestiegen, und ich wandte mich an Hauptmeister Lorke.

»Das hier ist das Haus. Ich geh da jetzt rein und ich möchte, dass Sie mich mit einem Ihrer Leute begleiten. Die anderen beiden bleiben bei den Fahrzeugen und halten die Umgebung im Auge.«

Lorke nickte und wandte sich an Blaumeier.

»Andreas, du kommst mit, Heiko und Franz bleiben hier.«

Mir fiel noch etwas ein, und ich drehte mich zu den beiden, die bei den Wagen bleiben würden.

»Die Straße runter steht ein blauer Mercedes, achten Sie bitte unauffällig ein wenig mit auf den. Der steht mir ein wenig arg verdächtig in der Gegend rum.«

Die zwei nickten, und ich machte mich mit Lorke und Blaumeier auf den Weg ins Haus. Es handelte sich um eine große Toreinfahrt. Am Klingelschild fanden sich nur vier Namen: Druckerei Blanke, F. Blanke, Pietzsch und Jost. Wo sollte ich klingeln? Obwohl, vielleicht musste ich das ja erst mal gar nicht. Ich drückte die Klinke herunter und siehe da: der rechte Torflügel ging auf.

»Wer sagts denn, gehen wir rein.«

Freundlicherweise schob Lorke den schweren Torflügel weiter auf, ansonsten hätte ich wohl mal wieder Probleme bekommen. In der Einfahrt war es hell, da sich schon nach wenigen Metern der Hof anschloss. Links führte eine Tür in die Druckerei, rechts schien es ins Treppenhaus zum Wohnbereich des Hauses zu gehen. Vor der eigentlichen Druckereitür befand sich eine geschlossene Gittertür – da war wohl niemand zugange. Durch die Glasscheiben der Tür war auch kein Licht zu sehen. Ich beschloss, mich erst einmal auf dem Hof umzuschauen und dann zu entscheiden, ob ich beim Herrn Landesvorsitzenden der PND klingeln sollte. Wobei der ja sicherlich nicht zuhause sondern irgendwo im Kundgebungseinsatz war.

Wir verließen den Durchgang und betraten den Hof. Sofort war mir klar, wie Knirsch und sein Auto hatten verschwinden können. Hinter der gepflasterten Fläche erstreckten sich die Überreste eines Hauses, welches sich vor anscheinend kurzer Zeit in einen Schutthaufen verwandelt hatte – und es gab auch genug Platz, um sich mit dem Auto zur Parallelstraße durchzuarbeiten. Die Frage war allerdings, in welchem Zustand Knirsch die Örtlichkeit verlassen hatte, bzw. in wievielen Einzelteilen.

Ich schaute mich weiter um und entdeckte etwas Sonderbares. Während eine große, doppelflüglige Tür zur Druckerei mit einer Kette und einem Vorhängeschloss verschlossen war, stand eine weitere Tür einen Spalt offen. Es handelte sich um eine Stahltür, zu der drei oder vier Stufen hinabführten. Ein Kellereingang? Vorsichtig näherte ich mich der Tür.

Was war das? Rote Spritzer auf den Pflastersteinen! Sollte ich tatsächlich den Tatort der Nazi-Zerstückelung gefunden haben? Andererseits: an der Stahltür hing ein Schild mit der Aufschrift »Farblager«. Ich sollte wohl am besten die Spurensucher anfordern. Gerade als ich mich Hauptmeister Lorke zuwenden wollte, sprang direkt vor mir die Tür auf, und im nächsten Moment wurde ich von zwei Typen, die aus der Tür herausgeschossen kamen, regelrecht über den Haufen gerannt. Ich prallte gegen das Metallgeländer an den Stufen und sah Sterne.

»Halt, stehenbleiben, Polizei!«

Zumindest schienen meine beiden Begleiter auf Zack zu sein, allerdings erkannte ich beim Aufrappeln, dass meine beiden »Angreifer« alles andere taten als der Aufforderung Folge zu leisten. Ganz im Gegenteil, sie nahmen die Beine in die Hand und flitzten in Richtung der durch den Hausabriss entstandenen Lücke.

»Hinterher, schnappt sie euch!«

Lorke und Blaumeier folgten meiner Anweisung, während ich langsam wieder meine Knochen sortierte. Verdammter Mist. Davon würde ich Derek lieber nichts erzählen, oder ich konnte mir wieder stundenlang anhören, dass er genau vor sowas Angst gehabt hatte. Davor, dass ich mich trotz meiner eh schon vorhandenen Verletzung in Gefahr bringen würde. Naja, zumindest hinterherrennen würde ich nicht auch noch.

Drei Minuten später war ich langsam wieder zu Atem gekommen, und kurz darauf kamen auch meine beiden uniformierten Begleiter wieder zurück in den Hof. Leider waren sie nur zur Hälfte erfolgreich gewesen, sie brachten nur einen der Verfolgten mit.

»Tut mir leid, Herr Oberkommissar, den anderen haben wir nicht erwischt.«

Ich nickte.

»Besser einen als keinen.«

Neugierig schaute ich mir ihren Fang etwas genauer an. Es handelte sich um einen jungen Mann, eher noch um einen Teenager, vielleicht 16 Jahre alt. Er passte überhaupt nicht in die Umgebung der Nazi-Druckerei, viel eher konnte ich ihn mir im gegnerischen Block vorstellen! Abgerissene Klamotten, bunte Haare, Antifa- und Anarchie-Symbole überall. Er zappelte auch ziemlich in den Händen von Lorke und Blaumeier herum.

»Scheiß Bullen! Lasst mich los! Ich habe nichts getan!«

„Das werden wir ja sehen. Dann hättest du ja auch nicht wegzulaufen brauchen.«

Der Rotzlöffel spuckte mir vor die Füße. Was für ein freundliches Bürschlein. Was hatte der hier zu suchen gehabt? Und da war noch etwas sehr Seltsames – oder hatte ich mich in meiner Überraschung doch verguckt? Ich wandte mich an meine uniformierten Begleiter.

»Sagt mal, habt ihr den anderen genauer erkennen können? Ich hätte schwören können, dass der in Bomberjacke und Springerstiefeln rumgelaufen ist und außerdem eine Glatze hatte.«

Lorke zuckte mit den Schultern, Blaumeier jedoch nickte eifrig.

»Jetzt wo Sie es sagen! Ich hatte mich auch gewundert, irgendwas passte bei den beiden nicht zusammen. Der lief wirklich rum wie einer von den Jung-Nazis.«

Sehr komisch. Die hatten auch nicht den Eindruck gemacht, als würden sie sich gegenseitig jagen, eher so, als würden sie zusammengehören und von einem gemeinsamen Tatort abhauen. Dass der Junge immer wieder ziemlich nervös in Richtung Kellertür schaute, verstärkte diesen Eindruck noch. Irgendwas war faul im Staate Dänemark.

»Okay, bringt ihn zu eurem Wagen, und dann schauen wir uns hier mal genauer um.«

Lorke nickte, die beiden nahmen ihren Gefangenen in die Mitte und wollten sich gerade auf den Weg durch die Toreinfahrt zur Straße machen, als ein lauter Knall gefolgt von einem gewaltigen Fauchen die Luft erschütterte. Im nächsten Moment kam eine Stichflamme aus der Kelltertür! Zum Glück befand sich keiner von uns im gefährdeten Bereich.

»Verdammt! Was zur Hölle ist hier los?«

Blaumeier sprach aus, was wohl zumindest wir drei Polizisten dachten.

»Hiergeblieben!«

Der nunmehr dringend der Brandstiftung tatverdächtige Jugendliche wollte unsere kurze Verwirrung nutzen, um wieder abzuhauen, die beiden Bereitschaftspolizisten vereitelten jedoch seinen neuerlichen Fluchtversuch. Im nächsten Moment kamen auch schon unsere anderen drei Begleiter durch die Toreinfahrt in den Hof gehetzt.

»Sascha, was ist hier los? Bist du okay?«

»Ja, Derek, alles in Ordnung. Jedenfalls mit mir.«

Es war wohl an der Zeit, wieder Ordnung in die Situation zu bringen.

»Derek, ruf die Feuerwehr. Nimm dein Handy, nicht den Funk.«

Mein Freund warf mir einen kurzen, zweifelnden Blick zu, schien dann aber davon überzeugt zu sein, dass ich wirklich in Ordnung war. Während ich mich den bayerischen Kollegen zuwandte, sah ich noch aus den Augenwinkeln, wie Derek zu seinem Mobiltelefon griff.

»Alle raus hier, auf die Straße. Zwei von euch bringen den Typen in den Wagen. Fesselt ihn irgendwie, dass er uns nicht doch noch stiften geht. Die anderen räumen das Haus. Da unten brennt ein Farblager, das wird auch die Feuerwehr nicht so einfach unter Kontrolle bekommen. Wenn ihr mit dem Haus hier fertig seid, tut ihr auch noch die Nachbarhäuser evakuieren. Ich sorge in der Zwischenzeit für Verstärkung. Und nun los!«

Schnellen Schrittes durchquerte unsere kleine Gruppe die Toreinfahrt und kam gerade noch rechtzeitig auf der Straße an um zu sehen, wie der dunkle Mercedes vom Straßenrand losfuhr und in hoher Geschwindigkeit den Ort des Geschehens verließ. Sehr verdächtig, aber ich hatte niemanden, der den Wagen hätte verfolgen können.

Nachdem der Festgenommene im Wagen der Bereitschaftspolizisten verstaut war, schwärmten diese aus, um die Anwohner zu informieren und aus den Häusern zu holen.

»Sascha, die Feuerwehr ist unterwegs.«

»Danke, Derek. Fahr bitte den Wagen ein Stück zur Seite, damit die dann genug Platz zum Arbeiten haben.«

Mein Freund nickte, und ich griff mir mein eigenes Handy. Zehn Sekunden später tönte die Stimme meines Chefs aus dem Gerät.

»Was gibt’s, Sascha?«

»In der Druckerei in der Probsteistraße ist gerade ein Feuer ausgebrochen. Kurz vorher sind zwei Typen rausgerannt, ich gehe von Brandstiftung aus. Die Feuerwehr ist bereits informiert, aber wir brauchen hier Verstärkung zur Absicherung und so weiter.«

»Brandstiftung? In der Druckerei vom PND-Landesvorsitzenden?«

»Genau.«

»Verdammt!«

Ganz meine Meinung.

»Konntest du vorher irgendwas herausfinden?«

»Nein, tut mir leid. Wir waren gerade erst angekommen.«

»Habt ihr wenigstens die beiden Typen schnappen können?«

»Einen haben wir. Aber das ist ziemlich seltsam, der den wir geschnappt haben sieht aus wie ein Hardcore-Punk oder so – der andere hingegen eher wie ein typischer Nazi-Skin. Das passt irgendwie nicht zusammen.«

»Hm. Hast du den Punk schon befragt?«

»Da bin ich noch nicht dazu gekommen, das Feuer geht erst mal vor. Außerdem macht der keinen sehr kooperativen Eindruck.«

»Okay, tu dein Bestes. Ich schicke dir Verstärkung vom Revier. Wenn du die Möglichkeit hast, befrage den Typen den ihr in Gewahrsam habt. Wenn er nichts sagt, dann schick ihn mit dem ersten freien Wagen zu mir ins Dezernat.«

»Verstanden, Chef.«

»Gut. Und halt dort weiter die Augen offen, vielleicht fällt dir doch noch was auf, was uns im Fall Knirsch weiterbringt.«

Ohne ein weiteres Wort beendete Machlitzke das Gespräch und ich steckte das Handy wieder weg. Von weitem waren nun auch schon die Sirenen der Feuerwehr zu hören, während sich auf der Straße langsam die Bewohner des brennenden Hauses einfanden. Zum Glück gab es wohl keine Verbindung vom Farblager zum Rest des Hauses, sodass das Treppenhaus gefahrlos passierbar war. Derek hatte in der Zwischenzeit unseren Wagen ein Stück die Straße hinunter gefahren, und einer der Bereitschaftspolizisten hatte mitgedacht und das gleiche mit dem Kleinbus getan. Ich ging hinüber und stieg hinten ein, wo ich mich gegenüber dem bunthaarigen Jungen niederließ. Eine Weile starrte ich ihn an, was er mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck beantwortete.

»Wie heißt du?«

»Fick dich, Bulle!«

Sehr freundlich. Ich seufzte.

»Ich bin Oberkommissar Altmann, Kripo.«

Mein Gegenüber starrte angestrengt auf seine Füße.

»Von der Mordkommission.«

Dies schien durchzudringen, erschrocken zuckte der Kopf des Jungen nach oben. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er mich an. Vielleicht war er ja jetzt zugänglicher.

»Also nochmal. Wie heißt du?«

Ich erntete nur Schweigen.

»Was hast du da drin gemacht?«

Erneut gab mein Gegenüber keinen Ton von sich.

»Dir ist schon klar, dass du voll die Arschkarte gezogen hast, oder? Wir haben dich mehr oder weniger bei einer Brandstiftung erwischt. In einem bewohnten Haus, mit Gefährdung der Anwohner, das macht es zu schwerer Brandstiftung, was wiederum selbst vor dem Jugendgericht eine lange Gefängnisstrafe bedeutet. Du solltest langsam anfangen zu versuchen, einen möglichst guten Eindruck zu machen, um dir den einen oder anderen Monat zu ersparen. So ein zartes Kerlchen wie du hat im Knast kein leichtes Leben. Nicht einmal im Jugendknast.«

Der Junge war wirklich recht zierlich, ja fast schon schwächlich geraten, woran auch sein Bemühen, einen starken, abgebrühten Eindruck zu vermitteln, nicht viel änderte.

»Aber wenn du nicht mit mir redest, dann kann ich dir auch nicht helfen. Wenn ich dich von hier abtransportieren lasse, ist alles zu spät.«

Der Junge schien zu überlegen, aber weiterhin kam kein Wort über seine Lippen. Ich seufzte und erhob mich von meinem Sitz. Anscheinend war hier wirklich nichts zu machen.

»Dirk.«

Mitten in der Bewegung hielt ich inne.

»Wie bitte?«

»Ich heiße Dirk.«

Uff, im letzten Moment. Ich ließ mich wieder auf die Polster sinken.

»Dirk. Und wie weiter?«

»Blinker. Dirk Blinker.«

»Wie alt bist du?«

»Sechzehn.«

»Mit wem warst du vorhin zusammen? Wer ist da abgehauen?«

Der Junge schien kurz zu überlegen, ob er das wirklich verraten sollte, dann aber schien er zu der Überzeugung zu gelangen, dass nun eh alles egal war.

»Mein Bruder Maik.«

Ich stutzte, das waren ja sehr seltsame Familienbeziehungen. Ein Punk und ein Nachwuchs-Adolf? Aber gerade, als ich ihn weiter befragen wollte, wurde die Schiebetür neben uns aufgerissen.

»Sascha, komm mal schnell!«

Etwas verärgert schaute ich zu Derek.

»Muss das sein? Ich bin gerade beschäftigt.«

»Glaub mir, das muss sein.«

Mist. Ich wandte mich an den Jungen.

»Ich komme gleich wieder.«

Mit leichten Schmerzen krabbelte ich aus dem Kleinbus und folgte Derek. So ganz verziehen hatte ich ihm die Störung noch nicht.

»Ich hoffe wirklich, dass das, was du mir zeigen willst, die Störung wert ist.«

»Das ist sie, Sascha. Ich hätte dich sonst nicht unterbrochen.«

Na hoffentlich. Mittlerweile war auch die Feuerwehr eingetroffen und bereits im Löscheinsatz, außerdem wimmelte es nun von Polizisten, die sich um die Absperrung des Brandortes kümmerten. Aber wohin wollte Derek mich führen? Wir entfernten uns immer mehr vom brennenden Haus, bogen dann sogar in eine Seitenstraße ein.

»Sag mal, was willst du mir eigentlich zeigen?«

»Nachdem ich den Wagen weggefahren hatte, sprach mich ein alter Mann an, er dachte wohl, ich wäre auch Polizist. Bevor ich ihn darüber aufklären konnte, hatte er mich schon mit sich mitgezogen. So, wir sind schon da.«

Wir standen an einer Brücke über den Kanal, und hier erwartete uns auch der alte Mann, von dem Derek gesprochen hatte.

»Herr Munz? Das ist Oberkommissar Altmann von der Kriminalpolizei.«

Wir gaben uns die Hand, dann fragte ich ihn, was er uns nun eigentlich zeigen wollte.

»Kommen Sie mit auf die Brücke, da können Sie es am besten sehen.«

Derek und ich folgten ihm. Etwa auf Mitte der Brücke blieb er stehen und schaute über das Geländer ins Wasser hinunter. Wir taten es ihm gleich. Im ersten Moment erkannte ich nichts, das Wasser war ziemlich trüb, dann aber…

»Oh Mann. Derek? Siehst du was ich sehe?«

»Ich weiß nicht, was du siehst, aber ich sehe ein Auto.«

Genau das sah ich auch. Unter der grünen Wasseroberfläche schimmerte ein helles Autodach durch. Ich wandte mich an den Hinweisgeber.

»Wann haben Sie das entdeckt, Herr Munz?«

»Vorhin, als ich mit Wastl Gassi war.«

»Haben Sie schon irgendwen darüber informiert?«

»Nein, das wollte ich gerade machen, als ich den Polizeieinsatz in der Probsteistraße bemerkte, da bin ich gleich zu ihrem Kollegen gegangen.«

Ich verzichtete darauf ihm zu erklären, dass mein Freund kein Polizist war, das war nun wirklich unwichtig.

»Was meinst du, Der? Ein Passat?«

»Könnte sein, groß genug sieht die Karre aus.«

Blöderweise war wirklich nicht viel mehr zu erkennen, und natürlich erst recht nichts vom Kennzeichen. Die Wahrscheinlichkeit, es mit der zur Fahndung ausgeschriebenen Nazikutsche zu tun zu haben, war jedoch relativ hoch. Seufzend griff ich zum Handy, und schon nach zwei Ruftönen ging mein Chef ran.

»Ja, Sascha, was gibts? Ich hoffe, es ist nicht nochwas in die Luft geflogen.«

»Eher abgesoffen.«

»Abgesoffen? Du sprichst in Rätseln.«

»Kennst du die Kanalbrücke in der Geißleinstraße?«

»Hm, Geißleinstraße. Ist das nicht gleich um die Ecke wo du gerade bist?«

»Richtig. Ein Hundegassigänger hat gerade Derek angesprochen, der hat hier was im Wasser entdeckt. Sieht nach einem großen, silbernen PKW aus, viel mehr ist wegen der trüben Brühe leider nicht zu erkennen.«

Ich hörte meinen Chef tief durchatmen.

»Ohhhkay… Meinst du, das dass der Passat vom Knirsch ist?«

»Die richtige Größe hat er jedenfalls, und die Farbe kommt wohl auch hin.«

»Na prima. Ich schicke dir die Polizeitaucher und sage der Feuerwehr, dass sie einen Kran nachziehen sollen. Wie sieht es eigentlich mit dem Feuer aus?«

»Das kann ich von hier nicht sehen, aber als Derek mich hierher lotste, waren die fleißig beim Löschen.«

Machlitzke seufzte.

»Das artet immer mehr in eine Katastrophe aus, Sascha. Ich bin froh, dass du selbst vor Ort bist. Brauchst du noch Leute?«

»Wäre wohl gut, alle anderen sind an der Druckerei beschäftigt, ich hab niemandem hier an der Brücke.«

»In Ordnung, ich versuche, noch irgendwo ein oder zwei Wagen loszueisen.«

»Werde ich brauchen, Jens. Sollte mich nicht wundern, wenn hier demnächst auch die Presse aufschlägt. Die Explosion und das Feuer werden die garantiert anlocken, und wenn dann noch ein Auto aus dem Wasser gezogen wird, werden überall Kameras auftauchen.«

»Stimmt. Denk bitte daran, das Wichtigste ist, dass keinerlei Details und Namen ausgequasselt werden. Erinnere auch die Kollegen nochmal daran.«

»Mach ich. Ich melde mich, wenn es irgendwelche Neuigkeiten gibt.«

»Okay. Ich leite alles ein. Bis später.«

Mein Boss legte auf, und auch ich steckte mein Handy weg. Der Dackelbesitzer und Derek schauten mich erwartungsvoll an.

»Derek, gehst du mal bitte zurück und suchst nach Hauptmeister Lorke von der Bayern-Bepo? Der soll mit einem Kollegen herkommen, ich möchte hier nicht ganz alleine rumstehen bis Verstärkung und die Feuerwehr aufkreuzen.«

»Mach ich, bin gleich wieder da.«

Mit diesen Worten stiefelte mein Freund davon und ließ mich mit dem Autofinder alleine zurück.

»Herr Munz, gut dass Sie mit offenen Augen durch die Welt gehen. Vielen Dank, dass Sie uns informiert haben.«

»Aber das mach ich doch gerne.«

»Haben Sie sonst noch irgendwas bemerkt? Können Sie mir eventuell sagen, wie lange das Auto schon im Wasser liegt?«

»Also vorgestern abend so gegen neun war es noch nicht da.«

»Sind Sie sich da ganz sicher?«

»Aber natürlich! Ich war mit Wastl unterwegs, und da kam eine Gruppe Kanufahrer angepaddelt. Ich hab mich ans Geländer gestellt und denen etwas zugeschaut. Wäre das Auto schon im Wasser gewesen, dann hätte ich das garantiert sofort bemerkt.«

Na das war ja schonmal etwas. Vorgestern hatte auch der Staatsschutz Knirsch aus den Augen verloren.

»Danke, Herr Munz, das hilft mir schon weiter.«

»Wie gesagt, immer wieder gerne. Brauchen Sie mich jetzt noch?«

Ich überlegte kurz.

»Nein, eigentlich nicht. Ich schreibe mir nur noch schnell Ihre Adresse auf, falls es noch irgendwelche Fragen geben sollte.«

Mein Gegenüber zog seine Brieftasche aus der Jacke und nahm etwas heraus.

»Hier, meine Visitenkarte, da brauchen Sie nicht soviel zu schreiben. Steht alles drauf.«

Dankbar nahm ich das Stück Pappe entgegen und verstaute es in meiner Hemdtasche.

Danke, Herr Munz.«

»Ich mach mich dann mal wieder auf den Weg, mein Hund ist alleine zuhause, und das mag der überhaupt nicht. Wenn ich noch länger wegbleibe, zerlegt er mir noch das Inventar.«

Böser Wuff. Das besorgte Herrchen machte sich auf den Heimweg, allerdings blieb ich nicht lange alleine, denn nur zwei Minuten später tauchte Derek wieder auf, mit Hauptmeister Lorke und dem Kollegen Schöbbelkurt im Schlepptau.

»Was gibt es denn hier Interessantes, Herr Oberkommissar?«

Wortlos deutete ich auf die Wasseroberfläche.

»Autsch. Das schöne Auto. Glauben Sie, dass das irgendwas mit unserem Fall zu tun hat?«

»Möglich, sogar wahrscheinlich. Der, dessen Namen wir nicht laut aussprechen sollen, fährt einen silbernen Passat. Beziehungsweise fuhr er ihn.«

Lorke schaute nochmals über das Brückengeländer ins Wasser.

»Hm, könnte hinkommen. Ist halt kaum was Genaues zu erkennen.«

»Die Polizeitaucher sind unterwegs, und die Feuerwehr schickt einen Kran.«

»Schöne Scheiße. Bekommen wir noch Verstärkung? So langsam wird die Personaldecke hier etwas dünn mit den ganzen Absperrungen um den Brand herum.«

»Ich hoffe es, mein Chef will versuchen, uns noch ein paar Leute zukommen zu lassen. Aber Sie wissen ja selber, wie es momentan in der Stadt aussieht.«

Lorke grinste.

»Ja, sogar die Schwerverwundeten müssen ran.«

»Allerdings. Wie sieht es eigentlich beim Feuer aus?«

»Die Feuerwehr hat ganz schön zu kämpfen mit dem ganzen Farbzeugs, aber sie haben es schon etwas eindämmen können. Der Rest des Hauses und die Nachbarhäuser scheinen sicher zu sein.«

Sehr schön. In den nächsten Minuten trafen bei uns zwei Streifenwagen ein, kurz darauf gefolgt vom Transporter mit den Polizeitauchern. Nach einer kurzen Einweisung machten sich letztere an die Arbeit, während die Streifenbeamten dafür sorgten, dass die nach und nach eintrudelnden Schaulustigen etwas zurückgehalten wurden.

In der Zwischenzeit schaute ich mich ein wenig um und versuchte herauszufinden, wie der Wagen wohl ins Wasser gekommen war. Das Brückengeländer war unversehrt, allerdings fehlte am Zugang zum Uferweg ein Poller, welcher eigentlich dafür sorgen sollte, dass höchstens Fahrräder diesen Weg befahren konnten.

»Sieht so aus, als ob die Karre hier runtergerollt ist, Sascha.«

Derek hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, auch das Ufergrün war ziemlich heruntergedrückt, die kleinen Büsche teilweise abgeknickt. Beim genaueren Hinschauen fielen uns auch die Reifenspuren ins Auge.

»Stimmt, Derek. Bleibt nur noch die Frage, ob sie geschoben wurde oder aus eigener Kraft gefahren ist.«

Mal ganz von der Frage nach dem Warum abgesehen.

Ein paar Minuten später kam die erste Meldung von den Tauchern.

»Kollege, der Wagen ist leer. Jedenfalls der Teil, den wir von außen einsehen können.«

Ich nickte.

»Habt ihr ein Kennzeichen erkennen können?«

»Ja, Moment, ich hab es aufgeschrieben. Hier. München Gustav Heinrich 374. Sagt dir das was?«

Das sagte mir allerdings was. Ein weiteres »Einzelteil« des Herrn Knirsch war wieder aufgetaucht.

»Ja, danke. Ich hoffe, dass der Kran bald auftaucht.«

Kaum hatte ich das ausgesprochen, als das große rote Auto in die Straße einbog und kurz danach auf der Brücke zum Stehen kam. Just in diesem Moment klingelte mein Handy.

»Altmann.«

»Sascha, gibt es schon Neuigkeiten zu dem Auto?«

»Ja, Chef, die Taucher haben gerade das Kennzeichen bekanntgegeben. Es ist der Wagen, nach dem wir fahnden.«

»Schrott. Noch irgendwas?«

»Nein, bisher nicht. Er scheint so weit leer zu sein, jedenfalls im Fahrgastraum, den Kofferraum können wir erst öffnen, wenn die F den Wagen aus dem Wasser gezogen hat.«

»Mach mir keine Angst, Junior. Auch wenn du im Kofferraum noch eine Leiche findest, auf deine nächste Beförderung wirst du noch ein paar Jahre warten müssen.«

Ich lachte.

»Ach, ein paar gut bezahlte Überstunden würden mir erst mal reichen.«

»Tun wir es lieber nicht herbeireden. Ruf mich an, wenn du was Interessantes findest.«

»Mach ich. Gibt es von deiner Seite irgendetwas, was ich wissen sollte?«

»Hier rotieren alle wie die Wahnsinnigen. Ein Typ vom Verfassungsschutz tauchte auf und machte sich wichtig, den hat Jasche dermaßen zusammengefaltet, dass er immer noch damit beschäftigt ist, sich stammelnd zu entschuldigen.«

»Hatte er irgendwelche Informationen?«

»Nicht wirklich. Es gab aus der autonomen und linksextremen Ecke keine ernsthaften Drohungen gegen Knirsch, nur die allgemeinen Sachen nach dem Schema, dass sie die Demo verhindern wollten. Notfalls auch mit Gewalt. Die Schlapphüte haben Knirsch nicht als besonders gefährdet eingeschätzt und sind momentan völlig ratlos. Wir bisher auch. Der Staatsschutz hat ebenfalls nichts. Alle tappen im Dunkeln – aber mittlerweile fällt den Braunen wohl auf, dass ihnen ihr Obermacker irgendwie abhanden gekommen ist.«

»Werden die unruhig?«

»Ja, und es wird sehr schnell sehr viel schlimmer werden. In einer Stunde sollte der eigentlich eine große Rede schwingen.«

»Na super. Okay, ich will dich mal nicht länger von der Arbeit abhalten, die Feuerwehr stellt gerade ihren Kran auf. Ich melde mich, wenn ich irgendwas für dich habe.«

»Gut, bis bald.«

Jens legte auf, und ich wandte mich wieder dem Geschehen vor Ort zu. Die Taucher stiegen gerade wieder ins Wasser und verbrachten die nächsten Minuten damit, die Kranseile am versunken Auto zu befestigen. Derek, Lorke und ich beobachteten sie dabei schweigend. Dann begann der Kranführer, den Wagen langsam aus dem Kanal zu ziehen und anschließend auf der Straße abzustellen. Große Mengen Wasser flossen aus allen möglichen Ritzen heraus und verwandelten sich in einen kräftigen Schwall, als einer der Feuerwehrleute die Fahrertür öffnete. Ich trat heran.

»Leer, Herr Kommissar.«

»Ja, das hatten die Taucher schon angekündigt. Kommen wir an den Kofferraum ran?«

Es handelte sich um einen der eher seltenen Stufenheck-Passats, daher war der Kofferraum vom Innenraum her nicht zugänglich.

»Mal schauen. Die Entriegelung ist elektrisch, keine Ahnung, ob die nach dem Vollbad noch funktioniert.«

Tat sie natürlich nicht, der Druck auf den entsprechenden Knopf blieb ergebnislos.

»Sollen wir den aufbrechen, oder wollen Sie den Besitzer samt Schlüssel heranschaffen? Mit dem sollte es eigentlich noch gehen.«

»Das würde nicht viel bringen, der Besitzer ist momentan leider verhindert.«

»Ah okay. Naja, jedenfalls sitzt er nicht tot auf dem Fahrersitz. Ist doch schonmal eine gute Nachricht.«

Ich verkniff mir eine Richtigstellung und ordnete stattdessen an, den Kofferraum mit Gewalt zu öffnen. Ein weiterer Feuerwehrmann tauchte auf und brachte ein Brecheisen mit, mit welchem er nach mehrmaligem Ansetzen den Kofferraum des VW aufhebelte. Im nächsten Moment sprang er erschrocken zurück.

»Scheiße! Das müsst ihr euch ansehen!«

Mit wenigen Schritten war ich neben ihm und schaute selbst in das frisch geöffnete Gepäckfach. In diesem stand das Wasser noch bis fast zur Oberkante – und aus dieser improvisierten Badewanne schaute mich mit weit aufgerissenen Augen eine Leiche an.

»Verdammt, noch einer.«

Derek war unbemerkt neben mich getreten und schüttelte sich nun angeekelt. Naja, zumindest schien er seine zweite Leiche besser zu verkraften als die erste, was natürlich auch daran liegen konnte, dass diese hier wenigstens noch in einem Stück vor uns lag. Trotzdem war der Mann nicht weniger tot als Knirsch. Ich rief einen der Taucher herbei.

»Kannst du mal schaun, ob du irgendwo Papiere bei ihm findest? Du hast ja deine Handschuhe noch an.«

»Klar, mach ich.«

Es schien nicht seine erste Wasserleiche zu sein, jedenfalls sah er nicht sonderlich geschockt aus.

»Aber beweg ihn bitte nicht, die Spurensicherung wird bestimmt ein paar Fotos machen wollen.«

»Gut, ich schau nur in die Taschen, an die ich so herankomme.«

Lange brauchte er nicht zu suchen, schon in der Innentasche des Jackets wurde er fündig. Eine Brieftasche! Der Taucher öffnete sie und zog zwischen durchweichten Geldscheinen und sonstigem Papierkram einen Personalausweis hervor.

»Hier, bitteschön. Der Knabe heißt Blanke.«

Na super, auch das noch. Ich griff mir das eingeschweißte Dokument und schaute selbst darauf. Tatsächlich. Fritz Blanke. Verdammt. Zeit für den nächsten Anruf bei meinem Chef.

»Ja, Sascha?«

»Sorry, Jens. Im Kofferraum liegt tatsächlich eine Leiche.«

»Mist! Sag mal, wieviel Arbeit willst du mir heute eigentlich noch anschleppen? Ach, vergiss es. Hast du schon eine Ahnung, wer das ist? Knirsch kann es ja nicht sein.«

»Ich hab mehr als nur eine Ahnung, aber ich befürchte, das wird dir nicht gefallen. Dem Ausweis nach handelt es sich um Fritz Blanke.«

»Der PND-Landesfuzzi? Der Druckereibesitzer?«

»Genau der.«

»So langsam erinnert mich das an den Kinderpornofall von vor ein paar Monaten. Ist hier vielleicht jemand unterwegs, der die Rechten einen nach dem anderen ins Jenseits befördert?«

Sah fast danach aus, und auch in diesem Falle hielt sich mein Mitleid in sehr engen Grenzen. Allerdings waren die potentiellen Folgen für unsere Stadt hochgradig gefährlich.

»Keine Ahnung, aber bisher sind es ja nur zwei.«

»Schlimm genug. Die Braunen werden immer unruhiger. Sie vermissen Knirsch, und Blanke wäre einer der nächsten Ansprechpartner. Wenn dessen Fehlen auch noch auffällt, dann weiß ich nicht, wie es weitergeht.«

»Schickst du mir den Doc rüber, oder soll ich die Leiche zu ihm bringen lassen?«

»Ich schick dir die Kalte Hand, die übernehmen den. Das Auto lässt du auch aufladen und schickst es zur Kriminaltechnik. Vielleicht können die Spurenheinis irgendwas herausfinden.«

»Okay, mach ich.«

»Was ist eigentlich mit dem Punk, den ihr geschnappt habt?«

»Schei…benhonig. Den hab ich über den Autofund ganz vergessen, der hockt noch im Transporter von der Bayern-Bepo.«

»Wenn du dort nicht mehr gebraucht wirst, komm rein und bring ihn mit. Wir quetschen ihn dann hier im Präsidium aus.«

»Alles klar. Sobald hier alles abgeholt ist, schau ich noch kurz in der Druckerei vorbei, dann komme ich rein.«

»So machen wir das. Bis später.«

Es dauerte dann doch noch eine halbe Stunde, bis ich mich auf den Weg ins Präsidium machen konnte. In der Druckerei war oberflächlich nichts an Spuren zu finden, Feuer und Löschwasser hatten ganze Arbeit geleistet. Ganz anders sah es in der Wohnung von Fritz Blanke aus. Es gab deutliche Kampfspuren, und im Badezimmer fand sich eine Unmenge an Blut. So viel, dass dies wohl der Ort war, an welchem Knirsch in handliche Einzelteile zerlegt worden war. Eklig. Ich war froh, dass Derek beim Wagen geblieben war.

Nachdem ich die Spurensicherung überall eingewiesen hatte, ging ich zurück auf die Straße und rief meine Entourage zusammen.

»Wir sind hier fertig und fahren rein ins Präsidium. Die Restarbeiten hier übernehmen die Kollegen vom Revier und die Kriminaltechnik.«

Hauptmeister Lorke schaute mich an.

»Was ist mit dem Gefangenen? Der wird etwas unruhig und will wissen, wie es mit ihm weitergeht.«

»Den nehmen wir mit, ich sag ihm schnell Bescheid.«

Ich ging zum Kleinbus der Bayern, öffnete die Tür und schaute zu unserem geschnappten Nachwuchs-Punk.

»Okay, Dirk, es haben sich ein paar neue Dinge ergeben. Wir fahren jetzt ins Präsidium, dort werden wir uns mit dir unterhalten.«

»Scheiße, muss das sein?«

»Klar, hattest du etwa gedacht, wir machen einen kurzen Plausch und dann kannst du wieder nach Hause gehen? Sorry, dafür ist das hier ein klein wenig zu groß.«

»Du hattest mir versprochen, dass du ein gutes Wort für mich einlegst, wenn ich hier mit dir rede und du mich nicht abtransportieren lässt.«

»Das habe ich auch weiterhin vor, wenn du gut mitspielst. Weißt du was, ich werde hier bei dir mitfahren, da kannst du mir auf dem Weg zum Präsidium schon ein paar Sachen verklickern. Dann hab ich dort gleich etwas, was ich meinem Chef erzählen kann – was sicherlich gut für dich wäre.«

Mein Gegenüber seufzte und nickte.

»Okay, ich sag nur noch schnell meinem Freund Bescheid, dass er alleine fahren soll.«

Ich stieg aus und ging zu Derek.

»Du, Der, ich fahre bei den Bayern mit. Der Punk, den wir geschnappt haben, will plaudern, und da möchte ich die Fahrzeit gleich für was Nützliches verwenden.«

»Okay. Ich fahre wieder vorneweg und du folgst mir mit den Bepos?«

»Genau. Soll einer von denen bei dir mitfahren?«

Derek überlegte kurz.

»Wäre vielleicht besser, falls wir an irgendwelche Absperrungen geraten.«

»Alles klar, ich schick dir einen von denen, und dann gehts los sobald wir alle im Bus sitzen.«

Ich wanderte zurück zum silbergrünen Kleinbus und wandte mich an den Gruppenführer der bayerischen Kollegen.

»Herr Lorke, ich fahre im Bus mit, ich möchte unseren Fahrgast schon unterwegs ein wenig interviewen. Würden Sie bitte bei meinem Freund mit einsteigen? Nur für den Fall das wir unterwegs auf Polizeiabsperrungen stoßen.«

»Na sicher, kein Problem.«

»Danke.«

Wir verteilten uns auf die Wagen, und kurz darauf rollte unsere Minikarawane los. Ich wandte mich an unseren Gefangenen.

»So, Dirk, nun erzähl mal. Was ist da vorhin in der Druckerei abgelaufen? Und was hat es mit deinem Nazi-Bruder auf sich?«

Der Punk sah mich durchdringend an und antwortete nach einer kurzen Pause mit einer Gegenfrage.

»Bist du schwul?«

Das brachte mich ein wenig aus dem Konzept.

»Äh … ich wüsste nicht, was das mit unserem Thema zu tun hat. Aber ja, ich bin es. Und nun?«

Ich war wohl etwas angriffslustig rübergekommen, jedenfalls zuckte der jüngere Blinker zurück.

»Schon gut! War nicht als Attacke gemeint! Ich bin es ja auch, wollte es nur wissen.«

»Wenn du jetzt glaubst, dass dir das irgendwelche Pluspunkte bei mir bringt, dann hast du dich geschnitten. Aber nun los, erzähl.«

Dirk atmete tief durch, dann fing er tatsächlich an zu reden.

»Das ist eine lange Geschichte. Mein Bruder und ich, wir haben uns nie sonderlich gut verstanden. Naja, und als er in die rechte Ecke rutschte und ich zum Punk wurde, noch dazu schwul, dann krachte es immer wieder heftig.«

Heftig gekracht hatte es ja vorhin im Farblager auch, allerdings sah es da eher weniger so aus, als wären die beiden ungleichen Brüder aufeinander losgegangen.

»Weiter!«

»Bin ja schon dabei! Maik war ein, zwei Jahre lang völlig von den Naziheinis begeistert, er hat den Blanke angehimmelt, und diesen anderen, diesen Knirsch, regelrecht vergöttert. Führerkult oder so. Der war denen richtig hörig. Hat für die den Laufburschen gespielt, Plakate kleben, andere Plakate abreißen, lauter solche Sachen. Und mich hat er sogar verprügelt, als schwule linke Zecke bezeichnet und so.«

»Vorhin hast du ihn aber schützen wollen. Du wolltest mir nicht verraten, dass er es war, der mit dir unterwegs war.«

»Wir haben uns wieder vertragen.«

»Ach, einfach so? Da muss doch irgendwas passiert sein, bei solchen Gegensätzen.«

Blinker überlegte kurz.

»Ja, es ist etwas passiert. Etwas, was Maiks Glauben an die braunen Idioten völlig erschüttert hat. Er hat etwas bei Blanke gesehen, was er nicht hätte sehen sollen.«

»Und was war das?«

»Drogen.«

»Blanke nimmt Drogen?«

»Nein, viel schlimmer. Der dealt mit Drogen! Und nicht nur Blanke, der Knirsch steckt da auch mit drin. Außerdem hat Maik gehört, wie die sich darüber unterhalten haben, wie blöd doch ihre Gefolgsleute wären. Nützliche Idioten, die von ihren eigentlichen Geschäften ablenken.«

Wow, das waren ja wirklich brisante Informationen!

»Von was für Drogen reden wir?«

»Crystal Meth.«

»Von wo beziehen die das Zeugs? Osteuropa?«

»Nein, das ist ja das stärkste. Die stellen das selbst her.«

»Wo?«

»Im Farblager von Blankes Druckerei. Da gibt es einen abgetrennten Bereich.«

Das klang logisch. Die Farbgerüche verdeckten vermutlich perfekt den ansonsten verräterischen Gestank.

»Okay. Dein Bruder hat das also herausgefunden. Ich schätze mal, Blanke und Knirsch haben das nicht mitbekommen?«

»Nein, ansonsten hätten sie ihn vielleicht sogar kaltgemacht. Aber für Maik war das der totale Schock. Er war immer davon überzeugt, dass die Rechten für Gesetz und Ordnung stehen und eine entsprechende Gesellschaft aufbauen wollen. Plötzlich aber waren all seine Illusionen zerstört. Seine Helden hatten sich als ganz gewöhnliche Verbrecher entpuppt.«

Was für eine Überraschung.

»Und er hat es dir erzählt.«

»Ja. Wir haben überlegt, was wir machen könnten, und da kamen wir drauf, die Gifthölle abzufackeln. Das ganze braune Gesocks ist ja heute anderweitig beschäftigt, Knirsch und Blanke stolzieren vermutlich in vollem Wichs voran.«

Das taten sie mit Sicherheit nicht, aber das wollte ich meinem Gegenüber noch nicht verraten.

»Warum seid ihr nicht mit eurem Wissen zur Polizei gegangen?«

»Zu den Bullen? Spinnst du? Ich geh doch nicht zu den Bullen!«

»Also erstens mal: zur Polizei, nicht zu den Bullen. Die Bullen spielen bei RB Leipzig Fußball. Und zweitens: auch bei deiner Abneigung der Polizei gegenüber wäre das trotzdem die intelligenteste Lösung gewesen. Was hattet ihr eigentlich hinterher vor? Dachtet ihr euch ›Okay, wir blasen das Labor in die Luft, und hinterher ist alles in Ordnung. Knirsch und Blanke erkennen die Sündhaftigkeit ihrer Taten und schwören den illegalen Dingen ab.‹? Was habt ihr euch vorgestellt?«

Dirk starrte auf seine Füße.

»Darüber hatten wir uns noch keine Gedanken gemacht. Wir wollten erst mal die Gifthölle dichtmachen.«

Und dabei vielleicht auch die Giftmischer selbst beseitigen? Aber nein, so kam mir mein Gegenüber nicht vor, außerdem schien der felsenfest davon auszugehen, dass Knirsch und Blanke im Moment hochgradig lebendig auf der Nazidemo herumstolzierten. Dirk und sein mir noch nicht näher bekannter großer Bruder erschienen mir eher wie jugendliche Hitzköpfe, nicht wie eiskalte Killer. Und für das, was mit den beiden Obernazis geschehen war, brauchte es definitiv Letztere.

Mittlerweile waren wir im Präsidium eingetroffen. Mein unfreiwilliger Fahrgast wurde vorläufig in eine Arrestzelle verfrachtet, nachdem ich ihm nochmals versprochen hatte, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Die bayerischen Kollegen parkte ich in der Kantine, dann marschierte ich mit Derek ins Büro der Mordkommission. Dort erwarteten uns bereits Eva und mein Chef. Letzterer schaute mich hoffnungsvoll an.

»Ich hoffe du bringst gute Neuigkeiten, Sascha.«

Ich schüttelte verneinend den Kopf.

»Neuigkeiten hab ich zwar, aber ob die gut oder gar hilfreich sind? Ich denke eher, dass sie die ganze Sache noch komplizierter machen.«

»Na super, genau das, was wir brauchen. Schieß los.«

Ich gab also zum Besten, was ich in der Druckerei und durch meinen geschnappten Nachwuchs-Punk erfahren hatte. Die Aufdeckung der Drogengeschäfte sorgte dafür, dass Jens die Kinnlade herunterklappte.

»Die PND ist ein Deckmantel für einen Drogenhändlerring?«

»Keine Ahnung, Chef. Könnte auch sein, dass Blanke und Knirsch die Partei und die Druckerei nur ausnutzen. Als willkommene Ablenkung von ihren eigentlichen Geschäften. Vielleicht geht es dem Rest der Nazibande so wie dem großen Bruder von Dirk – die haben keine Ahnung von den Drogen.«

»Auch möglich. Und vielleicht haben außer diesem Blinker noch andere aus dem Verein etwas herausbekommen. Die könnten dann sozusagen in ihrem eigenen Haus aufgeräumt haben.«

»Daran hatte ich auch schon gedacht, aber so richtig kann ich nicht daran glauben.«

Fragend schaute mein Chef mich an.

»Wieso nicht?«

»Überleg mal. Denk mal dran, was mit Knirsch angestellt wurde. Das traue ich keinem Gelegenheits-Totschläger zu, nicht einmal, wenn er richtig in Rage war. Nein, ich denke, das war Profiarbeit. Da hat kein erschütterter Parteigenosse einen Vorgesetzten, von dessen Verhalten er enttäuscht war, mal eben um die Ecke gebracht.«

»Hm, stimmt auch wieder. Ich denke, ich rufe mal beim Rauschgiftdezernat an, vielleicht können die uns weiterhelfen.«

Genau das tat Machlitzke dann auch, und glücklicherweise war dort tatsächlich jemand im Dienst. Wenige Minuten später tauchte Oberkommissar Wickert in unserem Büro auf.

»Tach Kollegen. Was gibt es denn, Jens? Du hast es ja arg dringend gemacht – ich dachte, heute wären die Demos das Wichtigste im ganzen Präsidium.«

Wenn der wüsste…

»Setz dich, Steffen. Und ja, das hängt alles irgendwie zusammen. Aber das Allerwichtigste zuerst. Alles, was du hier jetzt hören wirst, unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe. Wenn du irgendwas davon ausplauderst, wird dich Jasche höchstpersönlich in den nächsten Flieger nach Helgoland setzen, wo du den Rest deines Arbeitslebens damit verbringen kannst, Taschendiebe in Duty-Free-Shops zu schnappen. Kapiert?«

»Mensch Jens, du kennst mich doch! Ich bin kein Plappermaul!«

Mein Chef antwortete nicht sondern schaute Wickert nur fragend an. Nach einigen Sekunden erkannte dieser, was von ihm erwartet wurde.

»Kapiert, Herr Hauptkommissar.«

Machlitzke nickte zufrieden, dann fing er an, unseren Kollegen in die bisherigen Ereignisse des Tages einzuweihen. Dabei wurde dessen Gesicht lang und länger, und so langsam verstand er wohl auch, warum Jens ihn so streng vergattert hatte. Als die Geschichte beim zum Sarg gewordenen Kofferraum angekommen war, konnte er sich nicht mehr zurückhalten.

»Verdammt, der Blanke auch noch? Wie soll das denn weitergehen? Müssten die nicht bald irgendwelche Reden bei dem Naziaufmarsch halten?«

»Allerdings, und zwar ziemlich genau jetzt in diesen Minuten. Müssten wohl sogar schon angefangen haben. Aber darum sollen sich die Kollegen kümmern, wir müssen versuchen herauszufinden, wie die beiden sich so plötzlich von der Bühne verabschiedet haben – und wer dabei nachgeholfen hat.«

Wickert nickte edeutungsschwer, dann stellte er die Frage, auf die ich bereits gewartet hatte.

»Okay, logisch. Aber wie kann ich euch dabei helfen? Was hat das mit dem Rauschgiftdezernat zu tun?«

Mein Chef schaute mich auffordernd an.

»Erzähls ihm, Sascha.«

Also entrollte ich die Saga von den drogenbrauenden Braunhemden, was dafür sorgte, dass Wickert aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam. Auch Jens bemerkte dies.

»Darf ich deiner Überraschung entnehmen, dass eure Truppe bisher nichts von dieser Angelegenheit wusste?«

Energisch schüttelte der Rauschgiftjäger den Kopf.

»Nein, wir hatten keinen blassen Schimmer! Allerdings…«

»Allerdings was?«

»Vor einigen Monaten kamen in der Szene Gerüchte auf, dass es einen neuen Mitspieler unter den Händlern gäbe. Und zwar einen ziemlich großen Neueinsteiger. Das hat unter den etablierten Banden für ziemliche Aufregung gesorgt, aber weder die noch wir haben bisher herausbekommen, um wen es sich dabei handeln könnte.«

»Überraschung! Irgendwer scheint es herausgefunden zu haben – und er hat wohl auch eine Lösung für das Problem gefunden. Eine recht endgültige Lösung.«

Mein Chef stimmte mir zu.

»Das scheint mir im Augenblick die logischste Erklärung für das plötzliche Dahinscheiden von Knirsch und Blanke zu sein.«

»Meint ihr, dass dieser Punk und sein Bruder vielleicht dafür verantwortlich sind? Oder vielleicht die braunen Parteifreunde?«

»Nein und nein, ich dachte zwar auch kurz daran, aber dann hat mein Juniordetektiv mir ganz schnell klargemacht, dass dies extrem unwahrscheinlich wäre. Nein, ich glaube eher, dass da welche von euren Kunden eingegriffen haben. Die sind ja auch nicht gerade dafür bekannt, mit der Konkurrenz zimperlich umzugehen, oder?«

»Ganz bestimmt nicht, die achten sehr genau darauf, dass sich jeder an die abgesteckten Claims hält.«

»Ein großer Neueinsteiger würde also nicht auf sonderlich große Beliebtheit stoßen?«

»Ha, seitdem die jetzt wohl bekannten Neuen in den Markt eingestiegen sind, brodelt es dort. Sogar von einem Kopfgeld für denjenigen, der die Identität der neuen Mitspieler aufdeckt, war mal die Rede.«

Das waren wirklich hochinteressante Neuigkeiten, und sie würden unsere Ermittlungen in einen ganz anderen Bereich lenken – in einen Bereich, der wesentlich wahrscheinlicher zur Aufklärung der Morde führen würde als die ursprüngliche Idee, dass politische Motive deren Ursache waren.

»Hat sich bei der Suche nach den Störenfrieden irgendeine Gruppe besonders hervorgetan?«

Wickert überlegte einen Moment, dann nickte er langsam.

»Jetzt wo du mich so fragst… Am wütendsten sind wohl die Albaner, die haben sich nämlich gerade erst als die ganz großen Platzhirsche durchgesetzt. Alle anderen kuschen vor denen und versuchen, ihnen nicht in die Quere zu kommen. Und deren Boss, Arsim Milicaj, oh weh. Der hat angeblich einige Leichen im Keller. Früher war er in Hannover unterwegs, dann hat er sich vor ein paar Jahren hier in Leipzig eingenistet, und mit brutaler Härte das Kommando an sich gerissen.«

»Nachweisen konnte ihm noch niemand etwas?«

»Wo denkst du hin. Es ist so gut wie unmöglich, bei denen reinzukommen. Und deren Schweigegelübde funktioniert noch besser als bei der italienischen Mafia. Was auch kein großes Wunder ist – ich denke, auch die Brutalität gegenüber Aussteigern und Plaudertaschen übersteigt die der Italiener.«

»Das heißt, du würdest denen solch eine blutrünstige Aktion zutrauen?«

»Auf jeden Fall. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Milicaj ein Exempel statuieren wollte. Wenn jemand in seine Geschäftsbereiche eindringt reagiert er knallhart. Er verhandelt nicht, er handelt.«

Mein Chef lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und seufzte.

»Mal vorausgesetzt, dass es wirklich die Albaner waren: mussten die das denn ausgerechnet heute veranstalten! Ein paar Tage später hätte es doch auch noch gereicht.«

Allerdings, das wäre für uns und für Leipzig besser gewesen.

»Okay, ich denke, wir nehmen das als Arbeitshypothese. Wie gehen wir weiter vor?«

Noch bevor das allgemeine Brainstorming beginnen konnte, ging plötzlich die Bürotür auf und Polizeipräsident Jasche huschte hinein.

»Hallo die Herren. Oh, und die Dame natürlich. Gibt es irgendwelche Neuigkeiten? Und was macht der Kollege vom Rauschgiftdezernat hier? Hatten wir nicht vereinbart, den Kreis der Eingeweihten möglichst klein zu halten?«

Es vergingen weitere zehn Minuten wertvoller Zeit, in welchen unser oberster Chef in die neuesten Erkenntnisse eingeweiht wurde.

»Rauschgift? Die Nazis waren Dealer? Na super, was kommt wohl als Nächstes?«

»Herr Jasche, vielleicht sollten wir dankbar sein, dass es sich wohl nicht um politische Morde handelt. Das könnte sich auf die heutige Situation in der Stadt positiv auswirken.«

»Ja, irgendwie schon, aber trotzdem, wie soll das heute noch weitergehen? Ich kann ja schlecht zur Nazi-Kundgebung gehen, mich auf die Bühne stellen und sagen ›Eure zwei Obermacker sind tot, ermordet, die werden keine Reden mehr halten. Ach und übrigens, die Linken waren es nicht. Also geht jetzt brav nach Hause.‹. Und dem schwarzen Block der linken Chaoten sage ich ›Leute, bleibt friedlich und geht heim, jemand hat euch die Arbeit abgenommen.‹?«

Bei dieser Vorstellung musste nicht nur ich leise kichern, und sogar dem Polizeipräsidenten selbst huschte kurz ein Lächeln übers Gesicht, welches allerdings sehr schnell wieder einer besorgten Miene Platz machte.

»Mal ernsthaft, irgendwas muss geschehen. Ich habe dem OBM versprochen, dass ich in …« Jasche schaute auf die Uhr »… in zwanzig Minuten eine Mitteilung herausgebe und auch zumindest zu den braunen Heinis spreche. Irgendwer muss denen ja sagen, was passiert ist. Oder zumindest, dass es heute keine große Redenschwingerei von ihren Vorbetern mehr geben wird.«

Jens zuckte mit den Schultern.

»Sie werden denen wohl die Wahrheit sagen müssen. Naja, wenigstens einen Teil davon. Knirsch und Blanke sind tot, die glorreichen Details können Sie ja auslassen. Die Polizei ermittelt auf Hochtouren und es sieht alles danach aus, dass es sich nicht um eine Tat des politischen Gegners handelt. Allerdings würde ich auch das Thema Drogen und Albaner nicht ansprechen.«

»Ja, stimmt vermutlich, das sollte ich nicht erwähnen, sonst ziehen die gleich im geschlossenen Marschblock in die Eisenbahnstraße und fangen an, Geschäfte und Wohnungen von Ausländern abzufackeln.«

»Versprechen Sie denen, dass wir alles tun werden, um die Morde schnell aufzuklären – aber das wir dafür halt Ruhe und Ordnung in der Stadt brauchen. Sie würden uns und dem Andenken von Knirsch und Blanke am besten helfen, wenn sie friedlich und gesittet abziehen würden.«

Der Polizeipräsident seufzte.

»Was anderes wird mir wohl gar nicht übrigbleiben. Momentan stehen die Heinis wie eine Herde Schafe ohne Hirte und Schäferhund herum, das kann ja nicht ewig so bleiben. Okay. Ich kümmere mich darum. Mit etwas … was sage ich, mit viel Glück kann ich die dazu bringen, ihre Kundgebung aufzulösen und heimzufahren. Und dann machen vielleicht auch die linken Chaoten Feierabend.«

Fragend blickte ich zu ihm hinüber.

»Hat es schon irgendwelche ernsthaften Zusammenstöße gegeben?«

»Ein paar kleine Geplänkel, Autonome gegen unsere Leute. Steinewerfer und so. Ich hasse die offenen Gleisbetten mancher Straßenbahnlinien, die sind ja die reinsten Munitionsdepots! Also gut, ich mach mich wieder vom Acker und versuche, die Gemüter zu beruhigen. Sie ermitteln bitte weiter, und zwar auch weiterhin schön verschwiegen und heimlich. Zwar werde ich den Tod von Knirsch und Blanke demnächst bekanntgeben, aber das ganze Drumherum behalten wir erst mal noch schön für uns. Bis später!«

Mit diesen Worten huschte der Polizeipräsident aus der Tür unseres Büros hinaus, und Hauptkommissar Machlitzke kam zurück zur entscheidenden Frage.

»Und was machen wir nun als nächstes?«

Rauschgift-Wickert schaute zu mir herüber.

»Vielleicht sollten wir uns nochmal mit deinem eingesammelten Punk unterhalten. Eventuell hat der ja noch ein paar Informationen, die uns weiterhelfen könnten.«

Ich nickte.

»Ja, wir sollten auf jeden Fall auch herausfinden, wie wir an seinen großen Bruder herankommen. Der dürfte noch am ehesten Dinge wissen, die uns weiterbringen können.«

»Gut, dann machen wir das. Kollege Wickert, kommst du mit?«

»Na klar, das werde ich mir nicht entgehen lassen. Vielleicht erfahre ich ja noch mehr Dinge, die in meinem Dezernat einige Sachen aufklären können.«

Mir allerdings war noch eine weitere wichtige Frage eingefallen.

»Sagt mal, glaubt ihr, dass Verfassungsschutz oder Staatsschutz irgendwas von den Drogendealereien wussten?«

Mein Chef, der gerade dabei war, sich von seinem Sessel zu erheben, plumpste in diesen zurück.

»Verdammt, das ist eine gute Frage! Also wenn die davon wussten und uns das nach dem Auftauchen von Knirschs Leiche verschwiegen haben, dann gnade denen Gott!«

»Können wir das irgendwie herausfinden? Übrigens stand ein Wagen der Schlapphüte vor der Druckerei. Aber nachdem die in Flammen aufgegangen ist, haben die ganz schnell die Kurve gekratzt.«

»Okay, Planänderung. Wir schauen auf dem Weg zur Arrestzelle mal beim Büro von Fischer vom Staatsschutz vorbei, vielleicht ist der ja im Hause, und dann quetschen wir den aus.«

Wir machten uns endlich auf den Weg, und vor dem Büro von Staatsschutz-Fischer vergatterte Machlitzke uns.

»Überlasst mir das Reden, ich will mal sehen, ob ich ihn überrumpeln kann.«

Falls er denn überhaupt anwesend war. Sven klopfte an, drückte die Türklinke runter und stieß energisch die Bürotür auf. Und tatsächlich, da saß Fischer mit zwei mir unbekannten Männern am Besprechungstisch.

»Hallo Jens, was kommt ihr denn hier so reingestürmt? Habt ihr was herausgefunden?«

Mein Chef ging jedoch gar nicht auf Fischers Frage ein sondern schoss sofort seine eigene in den Raum.

»Wusstet ihr von Knirschs und Blankes Drogenküche in der PND-Druckerei? Ehrliche Antwort, Bert!«

Das also hatte Jens mit Überrumpeln gemeint, und es schien zu funktionieren. Fischer jedenfalls schien regelrecht geschockt zu sein – was ja an und für sich auch schon eine Art Antwort war.

»Drogenküche? Bei den Nazis in der Druckerei? Wovon redest du?«

»Genaugenommen im Farblager der Druckerei. Die haben dort Crystal Meth zusammengebraut. Willst du mir wirklich weismachen, der Staatsschutz hätte davon nichts gewusst?«

Fischer hob abwehrend beide Hände.

»Ganz ehrlich, Jens, das höre ich jetzt zum allerersten Mal! Bist du dir da ganz sicher?«

»Es sieht jedenfalls ganz danach aus, wir haben die Aussage von jemandem, der über diese Geschäfte gestolpert ist, und es passt auch zu einigen Vorgängen, die dem Rauschgiftdezernat in den letzten Monaten zu Ohren gekommen sind.«



»Jens, das musst du mir glauben, davon hatten wir hier keine Ahnung.«

Mein Chef nickte kurz.

»Glaubst du, dass vielleicht der Verfassungsschutz mehr weiß?«

In diesem Moment ergriff einer der beiden Unbekannten in Fischers Büro das Wort.

»Ich kann Ihnen versichern, dass dies auch für uns ganz neu ist. Übrigens, Bölke mein Name. Vom Verfassungsschutz.«

»Ach, hat sich Ihr Verein auch zur Zusammenarbeit durchgerungen.«

»Es war nicht meine Entscheidung, nicht mit der örtlichen Polizei zusammenzuarbeiten – und ich habe mittlerweile dafür gesorgt, dass sich das ändert. Der bis vor kurzem zuständige Beamte wurde nach einer Beschwerde Ihres Polizeipräsidenten durch mich abgelöst.«

Dann hatte Jasches Wutausbruch wohl Früchte getragen, das konnte uns allen nur gut tun.

»Okay, gut das zu wissen. Ich nehme an, die Brandstiftung in der PND-Druckerei und der Fund von Blankes Leiche sind allen bekannt?«

Alle Anwesenden nickten, woraufhin mein Chef Fischer und die Verfassungsschutztypen in die neuen Erkenntnisse zum Thema Drogenhandel einweihte. Je mehr er erzählte, umso deutlicher wurde an deren Gesichtsausdruck klar, dass dies tatsächlich alles neue Informationen für sie waren. Die bestätigte auch die verbale Reaktionen von Bölke, nachdem Jens mit seiner Erzählung fertig war.

»Verdammt, dann haben wir die letzten Stunden in die völlig falsche Richtung ermittelt.«

»Nun, da wart ihr nicht die einzigen. Die Drogeninfos kamen auch für uns völlig überraschend. Zum Glück hat mein Nachwuchs-Sherlock nicht nur einen der Brandstifter geschnappt, sondern auch eine Art Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut, sodass dieser etwas gesprächig geworden ist.«

Dies nahm ich als Erlaubnis, mich ein wenig einmischen zu dürfen.

»Zu wem gehörte eigentlich der blaue Mercedes vor der Druckerei? Staatsschutz oder Verfassungsschutz?«

Fischer schaute mich fragend an.

»Was für ein blauer Mercedes?«

»Da stand in dunkelblauer Mercedes mit stark getönten Scheiben in der Straße vor der Druckerei. E-Klasse. Der hat sich dann verdünnisiert als das Feuer ausbrach.«

Der Staatsschutz-Hauptkommissar schüttelte den Kopf.

»Sowas haben wir nicht bei uns. Heinrich?«

Aber auch der Vertreter vom Verfassungsschutz verneinte.

»Sagt mir auch nichts. Gibt es ein Kennzeichen dazu?«

Sehr seltsam, ich hätte schwören können, dass die Kiste nach Geheimdienst roch. Mit einem Kennzeichen konnte ich allerdings nicht dienen, ich hatte mich auf andere Dinge konzentriert. Aber vielleicht konnte ja Derek weiterhelfen?

»Der, was sagt dein fotografisches Gedächtnis?«

»Blödmann, ich hab kein fotografisches Gedächtnis.«

»Aber ein sehr gutes. Hast du dir zufällig die Autonummer gemerkt?«

»Nein. Nicht zufällig sondern ganz absichtlich. Ich hab sie mir sogar aufgeschrieben.«

Vielleicht sollte mein Freund ja doch bei unserem Verein anfangen. Er zog einen Zettel aus der Hemdtasche und legte ihn auf den Schreibtisch.

»Hier, dass müsste sie sein.«

Fischer griff sich erst den Zettel und dann die Computertastatur.

»Leipzig Berta Cäsar 5995. Da haben wir ihn ja. Kommt hin, dunkelblaue E-Klasse. Zugelassen auf eine Firma Kerqeli Im- und Export. Diese wiederum läuft auf einen Ramiz Kerqeli.«

Auf diesen Namen sprang unser Rauschgiftfahnder sofort an.

»Der Schöne Ramiz?«

»Ich hab das Gefühl, dass dir der Name etwas sagt, Steffen.«

»Na sicher doch. Ramiz Kerqeli, genannt der Schöne Ramiz. Die rechte Hand von Arsim Milicaj. So eine Mischung aus Strohmann, Leibwächter und Totschläger.«

»Lass mich raten, auch dem konntet ihr noch nie etwas nachweisen.«

»Leider, obwohl immer wieder einmal Hinweise auf ihn deuteten. Urplötzlich verschwindet dann ein Zeuge, oder ein anderer kann sich von einem Tag auf den anderen an nichts mehr erinnern. Na und gegen seinen Chef sagt er selbst natürlich auch nicht aus.«

Natürlich. Wäre ja auch noch schöner. Jedenfalls verdichteten sich damit die Hinweise darauf, dass der Tod von Knirsch und Blanke mit deren Drogengeschäften in Zusammenhang stand. Auch mein Chef zog wohl diese Schlussfolgerung.

»Damit dürfte ziemlich klar sein, dass die Albaner die beiden Braunköpfe beseitigt haben, und dass der Grund in der Drogendealerei zu suchen ist.«

Alle Anwesenden nickten, und bei den Herren der politischen Fraktion schien sich Erleichterung darüber breitzumachen, dass es sich anscheinend nicht um politische Morde handelte. Wobei auch ihre Unwissenheit bezüglich der Drogengeschäfte kein sonderlich gutes Licht auf ihre Ermittlungs- und Überwachungstätigkeit warf.

»Okay, dann gehen wir jetzt zu unserem Juniorbrandstifter. Vielleicht kann Sascha ja noch irgendwelche weiteren Informationen aus ihm herauskitzeln. Zumindest seinen Bruder würde ich sehr gern sprechen.«

Wir verließen das Büro der Staatsschützer, Fischer und die anderen Schlapphüte dort zurücklassend. Im Arrestbereich angekommen, stoppte ich meinen Chef.

»Hör mal, Jens, vielleicht sollte ich erst mal alleine mit ihm sprechen. Mir vertraut er ja schon ein wenig. Ihr könnt ja von draußen zuhören.«

»Hm, das ist vielleicht gar keine so dumme Idee. Hast du schon einen Plan?«

»Ich möchte an seinen Bruder herankommen. Wenn ich ihm ordentlich Angst einjage, verrät er mir vielleicht, wo wir den finden.«

»Wie willst du ihm Angst einjagen?«

»Indem ich ihm die Wahrheit sage. Dass Knirsch und Blanke von albanischen Drogenhändlern umgebracht worden sind, und dass diese nun auch auf seinen Bruder Jagd machen. Und das wir die einzigen sind, die ihn jetzt noch beschützen können.«

Machlitzke nickte zufrieden.

»Du wirst immer besser, Junior. Das ist eine wirklich gute Strategie. Also los, fangen wir an.«

Ich ließ den Punk in ein Vernehmungszimmer bringen, hinter dessen großer Scheibe zum Nachbarraum mein Chef, Oberkommissar Wickert und Derek die Befragung verfolgen würden.

»Hallo Dirk, setz dich.«

Ganz ohne aufzumucken nahm der bunthaarige Punk mir gegenüber Platz.

»Hast du bei deinem Chef was für mich raushandeln können?«

»Keine Bange, das wird schon. Und je mehr du mir jetzt weiterhilfst, umso besser wird es für dich ausgehen.«

»Okay…«

Ich beschloss, die Bombe gleich zu Anfang platzen zu lassen.

»Knirsch und Blanke sind tot.«

»Was?!?«

»Ermordet.«

»Du spinnst!«

»Nein, ich spinne nicht. Heute früh haben wir die Leiche von Knirsch in einem Müllcontainer gefunden – und die von Blanke dann vorhin in einem versenkten Auto, während die Feuerwehr damit beschäftigt war, den von euch gelegten Brand zu löschen.«

»Das könnt ihr uns nicht anhängen! Okay, wir haben das Feuer gelegt, aber wir haben niemanden umgebracht!«

Ich schwieg für eine Minute, welche meinem Gegenüber bestimmt noch viel länger vorkam, jedenfalls zappelte er immer nervöser auf seinem Stuhl herum.

»Das musst du mir glauben, wir sind keine Mörder! Ehrlich.«

Langsam nickte ich.

»Ich glaube dir.«

Erleichter sank Dirk auf seinem Stuhl zurück.

»Bleibt allerdings die Frage, wer die beiden umgebracht hat, wenn ihr es nicht wart.«

»Bestimmt ihre Nazikumpels.«

»Eher nicht. Ist dir in der Straße vor der Druckerei zufällig ein blauer Mercedes aufgefallen?«

Der Punk überlegte kurz, dann nickte er.

»Ja, ein großer Schlitten mit ganz dunklen Scheiben.«

»Genau den meine ich. Der Wagen gehört zu einem Typen namens Ramiz Kerqeli.«

»Sagt mir nichts.«

»Hätte mich auch gewundert. Kerqeli ist die rechte Hand von Arsim Milicaj. Arsim Milicaj wiederum ist der örtliche Obermacker von etwas, was man wohl am ehesten als albanische Mafia bezeichnen kann.«

»Albanische Mafia?«

»Ja. Und zufälligerweise ist er derjenige, der den größten Teil des Crystal-Meth-Handels in Leipzig kontrolliert. Klingelts bei dir?«

»Du glaubst, dass diese Albaner-Mafia Knirsch und Blanke beseitigt hat? Streitereien im Drogenhändlermilieu?«

Ich nickte.

»Davon gehen wir momentan aus – und deshalb musst du uns helfen, so schnell wie möglich an deinen Bruder ranzukommen.«

Das Gesicht meines Gegenübers verzog sich zu einer abweisenden Miene.

»Ich liefere meinen Bruder nicht ans Messer.«

»Interessante Wortwahl. Möchtest du wissen, in welchem Zustand wir Knirsch gefunden haben?«

Dirk zuckte mit den Schultern.

»In lauter Einzelteilen, der ganze Körper war zerstückelt.«

»Und?«

»Nun überleg mal. Knirsch tot, Blanke tot. Trotzdem stand der Wagen von den Albanern vor der Druckerei. Auf wen könnten sie es wohl noch abgesehen haben?«

Mein Gegenüber zuckte zusammen.

»Du meinst, die sind jetzt hinter meinen Bruder her?«

»Wäre doch logisch, oder? Die wissen bestimmt, dass er den Handlanger für Knirsch und Blanke spielte, vielleicht gehen die davon aus, dass er auch in die Drogengeschäfte verwickelt war.«

»Scheiße!«

Einen Moment ließ ich ihm Zeit, um seine Gedanken zu sammeln, dann drang ich wieder auf ihn ein.

»Du solltest uns helfen, deinen Bruder zu finden. Dann können wir ihn beschützen, und vielleicht kann er uns dabei helfen, die Albaner einzulochen.«

Ich konnte spüren, wie die Gedanken in Dirks Kopf rotierten, dann endlich nickte er langsam.

»Kann ich Maik anrufen?«

Schnell traf ich eine Entscheidung, für die mich Sven hoffentlich nicht tadeln würde.

»Okay. Hast du die Nummer im Kopf?«

»Nein, aber in meinem Handy gespeichert. Das habt ihr mir allerdings abgenommen.«

Schon fünf Sekunden später ging die Tür des Vernehmungszimmers auf und mein Boss reichte das angefragte Mobiltelefon herein.

»Hier, ruf an. Ich bin übrigens der Chef von Sascha.«

Dirk nahm das Handy entgegen, tippte ein wenig darauf herum, dann hielt er es sich ans Ohr. Und wartete. Und wartete. Ohne Erfolg.

»Er geht nicht ran! Oh scheiße, hoffentlich haben die Albaner ihn nicht schon erwischt!«

Da hatte ich ihm wohl tatsächlich ziemliche Angst eingejagt. Diese war vermutlich nicht unbegründet. Jens nahm ihm das Telefon wieder ab.

»Ich lasse es orten, das dauert aber einen Moment. Junge, du solltest die Zeit nutzen und überlegen, wo wir deinen Bruder eventuell finden könnten. Vielleicht ist er ja nur untergetaucht, und die Albaner haben ihn gar nicht.«

Das konnte man für ihn nur hoffen, ansonsten hatte er sich vielleicht schon längst zu Knirsch und Blanke in den ewigen Jagdgründen gesellt.

Während Machlitzke verschwand, grübelte Dirk vor sich hin.

»Ich glaube nicht, dass er zu uns nach Hause ist. Unsere Eltern sind momentan nicht gut auf ihn zu sprechen.«

Ich nickte ihm aufmunternd zu.

»Weiter. Kennst du irgendeinen Platz, an dem er sich verstecken könnte?«

»Nein. Doch!«

»Was doch?«

»Die Garage!«

»Was für eine Garage?«

»Unsere Großeltern haben eine Garage, eher eine kleine Werkstatt, aber sie benutzen sie praktisch nicht mehr. Manchmal übernachte ich dort, und Maik weiß das. Wenn er auf mich wartet, dann bestimmt dort.«

»Wo ist das?«

»In der Gräfestraße.«

»Gräfestraße … das ist in Eutritzsch, richtig?«

»Ja. Nummer 53.«

»Okay, danke, wir fahren da hin und prüfen das.«

»Kann ich mitkommen? Wenn Maik die Bullen … sorry … die Polizei anrücken sieht, macht er gleich die Biege. Ich könnte ihn überreden, nicht abzuhauen.«

Ich überlegte kurz, dann nickte ich.

»Klingt vernünftig. Gehen wir zu meinem Chef.«

Wir erhoben uns und gingen durch die Tür ins Nebenzimmer, wo Jens noch am Telefon hing.

»Ja, das ist eilig, verdammt nochmal! Und nein, ich kann auf die Schnelle keinen Richter heranholen! Es geht um Leben und Tod! Geben Sie mir die Daten, den Papierkram bekommen Sie dann nachgeliefert!«

Er lauschte kurz in den Hörer, dann nickte er zufrieden.

»Na also, geht doch. Vielen Dank!«

Machlitzke beendet das Gespräch, verstaute sein Handy und schaute Dirk und mich an.

»Das Handy von deinem Bruder ist über eine Funkzelle in Eutritzsch eingeloggt.«

»Lass mich raten, irgendwo in der Gräfestraße?«

»Verflixt, du warst wohl schon wieder schneller als ich. Ja, genau dort. Wieso?«

„Die Großeltern der beiden haben in der Nummer 53 eine alte GarageSchrägstrichWerkstatt, Dirk meint, dass sein Bruder vielleicht dort auf ihn wartet.«

»Gut, dann fahren wir jetzt sofort dorthin. Dirk, du kommst am besten mit uns mit, vielleicht brauchen wir dich, um deinen Bruder zur Kooperation zu bewegen.«

Frech grinste ich meinen Vorgesetzten an.

»Ja, auch das hatte ich schon mit Dirk besprochen.«

Jens warf kapitulierend die Arme in die Luft.

»Übermotiviertes Jungvolk. Also los, machen wir uns auf den Weg. Dirk, du läufst uns nicht weg, oder?«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf.

»Nein, versprochen. Ich mach mir Sorgen um meinen Bruder!«

Und das, nachdem dieser ihn wegen seines Schwulseins verdroschen hatte. Naja, das würde uns jetzt hoffentlich helfen.

Wir verfrachteten Dirk in meinen Wagen, welcher wieder von Derek gefahren wurde. Jens ließ sich auf der Rückbank neben ihm nieder, und die mittlerweile wieder aufgetauchten bayerischen Kollegen folgten uns mit ihrem Kleinbus.

Da Derek zum ersten Mal in seinem Leben in den Genuss kam, selbst mit Blaulicht und Sondersignal durch die Straßen zu flitzen, dauerte unsere Fahrt nur wenige Minuten – wobei auch die recht leeren Straßen behilflich waren. Anscheinend waren die Demos und eventuellen Krawalle gerade anderswo im Gange.

»Da wären wir. Gräfestraße. Wo genau müssen wir hin, Dirk?«

»Vielleicht noch 500 Meter, dann ist es auf der linken Seite.«

Ich schaltete die Sirene ab, um den älteren Bruder des Punks nicht vorzuwarnen oder zu verschrecken. Dieser wurde immer hibbeliger.

»Dort, da vorne, die Einfahrt mit dem großen Baum links daneben, dass ist es.«

Ich schaute mich genau um, kein blauer Mercedes mit getönten Scheiben zu sehen. Ein gutes Zeichen? Oder kamen wir vielleicht nur zu spät? Wir parkten die Autos, Jens schubste den kleinen Punk aus dem Wagen, und auch wir anderen stiegen aus, wobei sich mein Schlüsselbein mal wieder schmerzhaft in Erinnerung brachte. Vorsichtig näherten wir uns dem Werkstattgebäude. Dieses hatte wohl gut und gerne hundert Jahre auf dem Buckel und passte somit nicht sonderlich in die Umgebung, in welcher sich einige noble Villen breitgemacht hatten.

Das Gelände machte einen ruhigen, fast schon ausgestorbenen Eindruck. Kurz darauf griffen unsere uniformierten Begleiter zu ihren Dienstwaffen – und auch ich wurde nervös, hatte ich doch ebenfalls das ganz offensichtlich aufgebrochene Garagentor bemerkt. Mein Chef übernahm das Kommando.

»Sascha, du bleibst mit Derek und Dirk hier draußen, ich gehe mit den Kollegen rein.«

Ich nickte bloß, holte meine eigene Pistole hervor und schob meine beiden Begleiter hinter einen Mauervorsprung. Der Punk war damit nicht wirklich einverstanden, er wollte wohl endlich wissen, wie es um seinen Bruder stand, aber Derek war zum Glück in der Lage, ihn zurückzuhalten.

Einige Minuten später tauchte Jens wieder im Freien auf und winkte uns zu sich heran.

»Wir sind zu spät gekommen, der Vogel ist ausgeflogen. Oder ausgeflogen worden, es scheint da drinnen einen Kampf gegeben zu haben.«

Autsch, das waren keine guten Nachrichten, und nun konnte auch mein Freund den feuerlegenden Junior-Punk nicht mehr davon abhalten, in das offenstehende Werkstattgebäude zu stürmen.

»Maik!«

»Ich hab doch gesagt, hier ist niemand mehr. Entweder ist dein Bruder abgehauen, oder jemand hat ihn mitgenommen.«

Wohl eher Letzteres, jedenfalls dem Zustand der Werkstatt nach zu urteilen. Werkzeuge, Stühle und andere Möbelteile lagen wild in der Gegend herum, einzig beruhigend war der Fakt, dass nirgendwo Blutspuren zu sehen waren.

»Scheiße, die haben meinen Bruder geschnappt! Verdammt!«

»Versuch nochmal ihn anzurufen.«

Jens reichte Dirk dessen Handy, welches er vom Präsidium mitgenommen hatte. Dirk betätigte ein paar Tasten und hielt dann das Gerät ans Ohr. Drei Sekunden später ertönte aus einer Ecke der Garage die Melodie des Deutschlandlieds. Mist.

Mein Chef folgte den Tönen, schob ein paar Gegenstände zur Seite, bückte sich und kam mit einem weiteren Mobiltelefon in der Hand wieder nach oben. Er hielt es unserem Gefangenen vor die Nase.

»Ist dies das Handy deines Bruders?«

Der Angesprochene wurde kreidebleich und sah nun beinahe schon nach Gruftie und nicht mehr nach Punk aus.

»Scheiße, ja, das gehört Maik!«

Das war dann wohl der letzte Beweis dafür, dass demselbigen etwas Unschönes zugestoßen war.

»Steffen, wie gut kennst du dich bei den Albanern aus? Hast du eine Ahnung, wohin die jemanden verschleppen könnten um ihn ungestört … naja, du weißt schon.«

Der Rauschgiftfahnder überlegte eine Weile, aber noch bevor er uns das Ergebnis seiner Grübelei mitteilen konnte, kam plötzlich BePo-Mann Blaumeier herangestürzt.

»Ein Streifenwagen hat den blauen Mercedes entdeckt und verfolgt ihn jetzt!«

Machlitzke sprang sofort darauf an.

»Wo? Und hoffentlich unauffällig!«

»Delitzscher Straße stadtauswärts – und leider nicht unauffällig. Die haben versucht, ihn zu stoppen, da hat der Fahrer Gas gegeben.«

»Verdammter Mist! Eine Verfolgungsjagd hat uns jetzt gerade noch gefehlt.«

»Sollten wir uns mit reinhängen, Chef?«

»Ja, das sollten wir wohl. Wir nehmen deinen Wagen, ich fahre. Die Kollegen bleiben hier und sichern die Werkstatt.«

»Ich will mitkommen!«

Jens hatte wohl keine Nerven, um sich noch groß mit Dirk herumzustreiten, er nickte bloß und flitzte bereits zu meinem BMW. Dirk folgte ihm dicht auf den Fersen, ich setzte mich ebenfalls in Bewegung, und auch Derek wollte sich das anscheinend nicht entgehenlassen. Zwei Minuten später legte der schwere Wagen mit quietschenden Reifen vom Straßenrand ab.

»Sascha, übernimm den Funk. Ich brauche die Standortdurchsagen.«

Ich schaltete das Gerät ein und sprach ins Mikrofon.

»7-23 mit Anfrage. Welcher Löwe verfolgt den blauen Mercedes?«

»29-04.«

»Standort!«

»Gerade in die Max-Liebermann-Straße in westliche Richtung eingebogen.«

»Wir stoßen dazu, gebt ständig den Standort durch.«

»Verstanden. Jetzt Max-Liebermann Höhe Franz-Mehring.«

Jens riss hart das Steuer herum, was einerseits ein paar alte Damen am Straßenrand erschrak und andererseits eine neue Schmerzwelle durch meinen Körper schießen lies.

»Au verdammt!«

»Sorry, ging nicht anders.«

Na super. Hoffentlich ging das nicht so weiter.

»Nach links abgebogen auf Landsberger Straße stadteinwärts.«

»23-01. Wir kommen über die Georg-Schumann, sollen wir eine Straßensperre versuchen?«

Ich schaute zu Jens, welcher mit dem Kopf schüttelte, also sprach ich ins Mikro.

»Zu belebt, außerdem sitzt da vermutlich auch ein Unbeteiligter mit im Wagen.«

Falls der noch lebendig genug, um unbeteiligt zu sein.

»Coppiplatz, weiter Lindenthaler stadteinwärts.«

»Sascha, sag ihnen die sollen versuchen, ihn an der Georg-Schumann stadtauswärts zu drängen.«

Ich nickte.

»7-23 an die beteiligten Wagen. Versucht, die Kreuzung Lindenthaler Georg-Schumann so dichtzumachen, dass er rechts abbiegen muss.«

Viel Zeit blieb dafür nicht, aber vielleicht klappte es ja. Mittlerweile hatten auch wir die Kreuzung Max-Liebermann und Landsberger Straße erreicht, mein Chef bog jedoch nicht ab.

»Wir versuchen, ihn am Viadukt zu stoppen. Und falls das nicht klappt, dann in Schkeuditz. Die Kollegen von dort können uns helfen.«

»23-01. Wir haben ihn in die Georg-Schumann stadtauswärts abgedrängt. 29-04 hängt dran und wir setzen uns jetzt auch dahinter.«

»Löwe an die eingesetzten Kräfte blauer Mercedes. Die Kollegen aus Schkeuditz kommen euch entgegen und schlagen vor, den Wagen kurz vor Lützschena an der Stahmelner Allee zu stoppen. Sie machen die Hauptstraße dicht und lotsen ihn in die Stahmelner Allee und von dort dann ins Gewergebiet Am Wassergraben. Das ist eine Sackgasse.«

Ich rief mir kurz die Karte ins Gedächtnis, dann antwortete ich.

»7-23 verstanden. Wir kommen aus der anderen Richtung in die Stahmelner Allee. Sagt den Kollegen bitte auch, dass da vermutlich ein Unschuldiger mit im Wagen sitzt.«

Naja, einigermaßen unschuldig jedenfalls.

»Verstanden.«

»29-04, Standort jetzt Slevogtstraße, Fahrtrichtung weiter stadtauswärts.«

Jens gab Vollgas und wir jagten die neue B6 entlang, welche wir kurz darauf mit quietschenden Reifen verließen und in die Stahmelner Allee abbogen. Nach einer rasanten Fahrt durch den wenig später folgenden Kreisverkehr erreichten wir den Abzweig zur Sackgasse am Wassergraben, wo bereits ein Wagen vom Schkeuditzer Revier die Straße so gut es ging versperrte. Zwei weitere Wagen standen kurz vor der dort mittlerweile Hallesche Straße heißenden Hauptstraße, um diese im letzten Moment dichtmachen zu können, ohne den Flüchtigen zuviel Vorwarnzeit zu geben.

»Pittlerstraße, weiter stadtauswärts. Die müssten gleich bei euch auftauchen!«

Ein weiterer Streifenwagen tauchte hinter uns auf, was uns Gelegenheit gab, selbst in die Sackgasse einzubiegen. An deren Ende würden wir die Flüchtigen erwarten.

»Derek, du bleibst mit dem Stift im Wagen! Haltet die Köpfe unten. Sascha, ich nehm die MP5, die wäre wohl nichts für dein Schlüsselbein.«

Wenigstens dachte mein Chef jetzt an meine Verletzung. Wir erreichten den am Ende der Sackgasse liegenden Partpklatz einer Elektrofirma und stiegen schnell aus dem Wagen aus. Jens schnappte sich die Maschinenpistole und ging hinter dem Wagen in Anschlag, während ich zwei neugierige Elektriker zurück in ihre Firma scheuchte. Keinen Moment zu spät, denn schon hörten wir über die Sirenen hinweg quietschende Reifen, und kurz darauf kam der ominöse blaue Mercedes auf uns zugerast.

Dessen Fahrer erkannte wohl plötzlich, in was für eine Situation er den Wagen gesteuert hatte. Die Nobelkutsche kam ins Schlingern, geriet dann mit den rechten Reifen an die Bordsteinkante und wurde von dort auf die andere Fahrbahnseite katapultiert – wo sich allerdings bereits ein anderes Fahrzeug, nämlich ein Kleintransporter der Elektrofirma, befand. Auch dagegen krachte der Mercedes, drehte sich zweimal um die eigene Achse und blieb dann endlich mit offener Motorhaube, rauchend und reichlich zerbeult kurz vor meinem Dienstwagen stehen. Jens und ich stürmten mit Waffen im Anschlag vor.

»Polizei, keine falsche Bewegung! Hände sichtbar halten!«

Darauf hatte der Beifahrer wohl keine Lust, er brachte plötzlich die rechte Hand mit einer Pistole nach oben und wollte diese auf meinen Chef anlegen. Die Maschinenpistole in dessen Händen bellte kurz los, und damit war das Thema Widerstand erledigt. Auch der Fahrer sah nun wohl ein, dass es besser war, sich in sein Schicksal zu ergeben. Wobei ihm eh eine größere Menge Blut über die Stirn lief, er war anscheinend bereits durch den Unfall mehr oder weniger außer Gefecht gesetzt. In diesem Moment meldete sich jemand vom Rücksitz.

»Nicht schießen, bitte! Ich habe mit denen nichts zu tun, die haben mich entführt!«

Vorsichtig trat ich näher heran und spähte in den Wagen. Dort erkannte ich einen arg verschreckten Springerstiefelträger, der mich sehr an den brandstiftenden Komplizen meines kleinen Punks erinnerte. Die Pistole weiterhin schussbereit haltend, öffnete ich mit der linken Hand die Tür hinter dem Fahrer.

»Maik Blinker?«

Der Angesprochene nickte heftig.

»Ja, der bin ich! Sie haben mich gerettet, die wollten mich umbringen!«

Das hatte man davon, wenn man sich mit den falschen Freunden einließ.

»Bist du verletzt?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Dann komm langsam raus, aber keine hastigen Bewegungen, verstanden?«

»Verstanden!«

Langsam und vorsichtig arbeitete sich der Punk-Bruder aus dem Fahrzeugwrack, während sich die nunmehr auch eingetroffenen uniformierten Kollegen um die beiden Albaner auf den Vordersitzen kümmerten. Naja, eher um den einen noch lebendigen, der andere brauchte keine größere Zuwendung mehr.

»Maik! Bist du okay?«

Ich hatte den Möchtegern-Nazi noch gar nicht richtig in Empfang genommen, als auch schon dessen Punk-Bruder auf ihn zustürzte.

»Ich bin okay, Dirk. Bei dir auch alles klar?«

»Ja, aber wie du siehst haben die Bul… sorry, hat die Polizei mich erwischt.«

»Sorry, ich hätte nicht wegrennen und dich allein lassen sollen.«

Allerdings, dann wäre ihm auch die ganze Entführung erspart geblieben. Ich überlegte kurz, ob ich Maik Handschellen anlegen sollte, aber auch Dirk lief ohne herum, und ich hatte nicht das Gefühl, dass die beiden wieder versuchen würden, stiftenzugehen. Ich überließ sie also erst mal der brüderlichen Wiedersehensfreude.

Unterdessen war auch Derek ausgestiegen und zu mir herübergekommen.

»Das war cool, Sascha!«

»Was?«

»Na die Verfolgungsjagd! Ein echter Krimi, und ich mittendrin!«

Ich lachte leise.

»Das sollten wir aber lieber für uns behalten, normalerweise darf kein Zivilist dermaßen in Gefahr gebracht werden.«

»War ich denn in Gefahr?«

»Bei Verfolgungsfahrten weiß man nie, was in der nächsten Minute oder hinter der nächsten Ecke passiert. Aber es ist ja alles gutgegangen. Jedenfalls für uns.«

»Ja. Hat Jens den einen Typen erschossen?«

»Ich denke schon, der hatte plötzlich eine Waffe in der Hand und wollte damit auf ihn anlegen.«

»Was für ein Idiot, war doch klar, was dabei rauskommt.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Autsch.«

Sofort schaute Derek mich besorgt an.

»Hast du starke Schmerzen?«

»Es geht, aber so langsam sinkt der Adrenalinspiegel und ich nehme die wieder richtig wahr.«

»Es war eine dämliche Idee, dich in diesem Zustand in die Ermittlungen reinzuziehen.«

Beinahe hätte ich wieder mit den Schultern gezuckt, besann mich aber im letzten Moment eines Besseren.

»Also meine Idee war es nicht.«

»Schon gut, das weiß ich ja. Aber ich hoffe, dass die Sache nun so langsam zum Ende kommt.«

Das hoffte ich auch, ich hatte genug Aufregung für einen Tag gehabt.

Mein Chef hatte mittlerweile die Maschinenpistole wieder verstaut und versuchte, aus dem überlebenden Albaner etwas herauszubekommen.

»Sind Sie Ramiz Kerqeli?«

»Fick dich!«

Also in der Ausdrucksweise unterschieden sich Punks und albanische Drogenhändler nicht sonderlich. Jens zuckte mit den Schultern.

»Dann eben nicht, wir bekommen das auch so raus.«

Er griff sein Handy und machte ein Foto vom immer noch blutüberströmten Gesicht des wenig auskunftsfreudigen Unfallfahrers, dann überließ er diesen den nunmehr auch eingetroffenen Sanitätern und wandte sich mir zu.

»Ich schick das Bild an Steffen, der kann uns ja sagen, ob das der Schöne Ramiz ist.«

„Mach am besten auch noch ein Foto vom Beifahrer. Vielleicht ist das ja Ramiz. Außerdem könnte Wickert ja auch den Nicht-Ramiz erkennen.«

»Gute Idee.«

»Wen könnte ich erkennen?«

Verflucht! Musste der uns so erschrecken? Auch mein Chef hatte sich wohl beinahe in die Hosen gemacht.

»Mensch Wickert! Musste das sein? Wo kommst du überhaupt her?«

»Von der Werkstatt natürlich, oder hast du gedacht, dass ich dort ab warte und versaure, während ihr den ganzen Spaß habt? Ich hab mir einen Streifenwagen gegriffen und bin euch hinterher gehetzt.«

Jens grummelte kurz vor sich, dann nickte er.

»Naja, da kann ich mir wenigstens die Fotoverschickerei sparen. Schau dir mal die beiden Albaner an. Einer ist hinüber, auf dem Beifahrersitz, der andere hockt wohl jetzt im Krankenwagen.«

Der Rauschgiftfahnder dackelte ab, und ich wandte mich meinem Oberhirten zu.

»Was machen wir mit den beiden feuerlegenden Brüdern?«

»Ich denke, wir schicken die zurück aufs Präsidium, und zwar in getrennten Wagen und Zellen. Vielleicht können die uns dort noch mehr über die Albaner erzählen, zumindest der große Bruder dürfte ja einiges zu berichten haben.«

»Okay, und was machen wir?«

Bevor Jens antworten konnte, tauchte Steffen wieder bei uns auf.

»Die Leiche ist beziehungsweise war der Schöne Ramiz. Den anderen kenne ich nicht, der muss noch ziemlich neu sein. Vielleicht ein frischer Import aus Albanien.«

»So frisch kann er nicht sein, er konnte schon genug Deutsch um fließend ›Fick dich!‹ sagen zu können.«

Oberkommissar Wickert lachte auf.

»Ich denke mal, das gehört bei denen zur ersten Deutschlektion.«

»Was uns wieder zurück zu meiner Frage an den Herrn Hauptkommissar bringt: Was machen wir jetzt als nächstes?«

»Steffen, hast du im Krankenwagen irgendwas gehört? Bringen die den ins Krankenhaus?«

»Ja, die werden demnächst abfahren. Er kommt ins Georg, in die Notaufnahme. Die Kopfwunde muss genäht  werden.«

»Okay, ich schlage vor, du fährst im Krankenwagen mit. Derek, könntest du bitte Sascha wieder ins Präsidium fahren und mich unterwegs im St. Georg absetzen?«

Mein Freund nickte leicht genervt.

»Mach ich, aber Sascha sollte nun wirklich langsam Feierabend bekommen. Schau dir mal sein schmerzverzerrtes Gesicht an.«

Schmerzverzerrtes Gesicht? Hatte ich das wirklich? Wobei ich zugeben musste, dass sich der vorher nur vereinzelt auftretende Schmerz in einen Dauerzustand verwandelt hatte.

Entschuldigend schaute mein Chef meine bessere Hälfte an.

»Tut mir wirklich leid, Derek. Ich brauche ihn noch um den älteren Blinker-Bruder zu befragen. Aber ich glaube nicht, dass es noch zu irgendwelchen körperlichen Anstrengungen kommen wird.«

»Das will ich hoffen, Sascha hat sich sein Gehalt heute mehr als verdient – obwohl er es gar nicht gemusst hätte.«

»Sorry…«

Derek seufzte, dann nickte er.

»Also los, fahren wir.«

»Kleinen Moment noch, ich will mir nochmal den Mercedes anschauen und einen Blick in den Kofferraum werfen.«

Ich grinste.

»Hoffst du auf noch eine Leiche?«

»Junior, mal den Teufel nicht an die Wand! Mir reicht schon der Ärger mit deinem Mann, ich will mich nicht auch noch beim Doc unbeliebt machen, indem ich ihm am Wochenende sein Leichenschauhaus fülle.«

»Stimmt auch wieder. Und im Gegensatz zu Derek hat Doc jede Menge spitzer Gegenstände zur Hand, um seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.«

»Haha. Na los, ihr könnt schonmal einsteigen, ich bin auch gleich soweit.«

Während Machlitzke sich zum verunglückten Mercedes begab, setzte sich Derek hinters Lenkrad meines Dienstwagens, und ich ließ mich langsam und vorsichtig auf dem Beifahrersitz nieder – nur um mich fluchend gleich wieder zu erheben.

»Was ist, Schatz?«

»Ich hab die Blinker-Brüder vergessen, ich muss mich noch um deren Abtransport kümmern. Bin gleich wieder da.«

Ich verfrachtete die beiden in zwei Streifenwagen und wies die uniformierten Kollegen an, sie im Präsidium abzuliefern und auf zwei Arrestzellen zu verteilen. Als dies erledigt war und ich zu meinem Wagen zurückschlenderte, stieß auch mein Chef zu mir.

»Na, irgendwas Interessantes gefunden?«

»Jedenfalls keine Leiche, aber dafür das hier.«

Triumphierend hielt er mir ein eingeschweißtes Päckchen vor die Nase.

»Crystal?«

»Ich denke schon. Meersalz werden die ja nicht durch die Gegend kutschieren.«

Während dieser Unterhaltung stiegen wir in meinen Wagen ein, Derek startete den Motor und wir machten uns auf den diesmal eher geruhsamen Weg zurück in die Stadt.

»Bekommen wir damit die Albaner beim Schlaffitchen?«

»Also die beiden aus dem Wagen sicherlich, das ist schon eine ziemliche Menge. Die Frage ist aber, ob wir eine Verbindung zu Milicaj knüpfen können.«

»Ich denke, der Schöne Ramiz war dessen rechte Hand?«

»Ja, Derek, das schon, aber Milicaj kann immer noch behaupten, er hätte von nichts gewusst und sei entsetzt darüber, wie sein Mitarbeiter sein Vertrauen missbraucht haben.«

»Wir müssten also den anderen aus dem Mercedes zum Reden bekommen.«

»Stimmt, Junior, aber wie Steffen vorhin schon gesagt hatte, die nehmen das Schweigegelübde sehr ernst.«

»Okay, soviel zu dem Rauschgift, aber was ist mit den beiden Morden? Können wir die den Albanern nachweisen?«

Ich konnte das zufriedene Grinsen meines Chefs regelrecht in meinem Rücken spüren.

»Ich denke schon, also mindestens den Mord an Knirsch. Im Kofferraum war nämlich noch etwas – jede Menge Folie. Blutbespritzte Folie. Da wollte sich wohl jemand nicht den Kofferraum mit Blut versauen.«

Eitel geht die Welt zugrunde – aber uns konnte das ja nur recht sein.

»Hoffentlich bekommst du aus dem verletzten Fahrer auch was raus, Jens.«

»Das hoffe ich auch. Eventuell haben wir ja mit den Morden ein kleines Druckmittel in der Hand. Ein paar Jahre wegen Drogenhandels und Entführung abzusitzen ist die eine Sache – Lebenslänglich mit Sicherungsverwahrung wegen Doppelmordes eine ganz andere.«

Die nächsten Minuten waren wir alle in unsere eigenen Gedanken vertieft, und wenig später setzten wir meinen Chef vor der Notaufnahme des Krankenhauses St. Georg ab.

»Ich komme ins Präsidium, wenn ich mit dem Typen geredet habe. Das kann etwas dauern. Sascha, vielleicht bekommst du ja inzwischen etwas aus den ungleichen Brüdern heraus.«

»Ich werde es versuchen. Bis nachher.«

Jens knallte die Autotür zu und wir setzten uns wieder in Bewegung.

»Sieht nicht so aus, als ob du bald Feierabend haben würdest, Sascha.«

Ich seufzte.

»Stimmt wohl. Aber ich werde das alles als Überstunden abrechnen, darauf kannst du dich verlassen!«

Die müssten dir das doppelt und dreifach bezahlen.«

»Ha, du weißt ja, wie die Finanzen aussehen. Es wird wohl am Ende auf abfeiern hinauslaufen.«

»Na dann wirst du das diesmal hoffentlich auch tun, ich will gar nicht wissen, wieviele Überstunden dir schon verfallen sind.«

»Hast ja recht, Der. Ich werd mich diesmal um Besserung bemühen.«

Ich nehm dich beim Wort.«

Für die nächsten Minuten schwiegen wir, bis mein Freund nach einem Abbiegen plötzlich fluchte.

»Scheiße, sieh dir das an. Ich glaube, hier kommen wir nicht durch.«

Es sah ganz danach aus. In vielleicht 200 Metern Entfernung war die Straße durch eine dichte Polizeikette abgeriegelt, und dahinter waren fahnenschwenkende braune Horden zu sehen.

Ich peilte kurz die Lage.

»Okay, fahr ein Stück rein, und bieg dann links ab. Vielleicht kommen wir da weiter.«

»Das könnte klappen, versuchen wir es.«

Beim Versuch blieb es aber auch, denn nach dem Abbiegen standen wir der nächsten Polizeikette gegenüber – nur dass sich hinter dieser die Gegner der braunen Brut versammelt hatten.

»Naja, Der, das erklärt zumindest, warum die Kollegen die Nazis nicht weitermarschieren lassen.«

»Ja. Die Anwohner hier werden begeistert sein. Wenn das kracht, sitzen sie in der ersten Reihe. Ich denke, wir sollten machen, dass wir hier wegkommen.«

»Gute Idee. Fahr zurück und versuch es dann ein paar Straßen weiter.«

»Mach ich, ich hab schon eine Idee, wo wir durchkommen könnten.«

Tatsächlich schaffte es meine bessere Hälfte, die verschiedenen Marschblöcke zu umfahren. Zweimal noch wurden wir von hypernervösen Polizeiabsperrungen aufgehalten, dann hatten wir es endlich zurück ins Präsidium geschafft. Erleichtert atmeten wir beide auf.

»So weit, so gut. Verhörst du jetzt den älteren Blinkerbruder?«

»Ja, vielleicht kann der noch etwas mehr zum Thema drogenbrauende Neonazis sagen.«

»Kann ich wieder zuhören?«

Ich grinste.

»Klar, du bist ja heute eh schon sowas wie ein Ehrensheriff.«

»Haha, ja, bekomme ich auch einen Colt?«

»Also wenn dann eine Pistole, Colts verwenden wir nicht. Aber auch die bekommst du nicht.

»Och schade.«

Komisch, am Morgen hatte Derek sich noch über mein »blödes Ding« beschwert. So langsam schien er Spaß am Detektivspielen zu finden. Schlimmer Finger.

Einige Minuten später saß mir der ältere Blinker im Vernehmungsraum gegenüber.

»Hallo Maik. Schön dass wir uns mal kennenlernen können, ohne dass du versuchst, mir davonzulaufen.«

»Tschuldigung… Warst du das, den ich vorhin bei Blankes Druckerei über den Haufen gerannt habe?«

»Ja, und das tat nicht besonders gut.«

»Wie gesagt, tut mir leid.«

Ob es wirklich so war, wagte ich nicht zu beurteilen, aber das spielte ja hier nun auch keine sonderlich große Rolle mehr.

»Wie auch immer. Erzähl mir mal, was nach deiner Flucht von Blankes Druckerei passiert ist.«

Der kahlgeschorene Jung- und nun vermutlich Ex-Nazi überlegte kurz, wohl um zu entscheiden, ob er mit mir zusammenarbeiten sollte, dann entschloss er sich zum Reden.

»Naja, ich wusste ja, dass unser Brandsatz bald hochgehen würde, und plötzlich waren da Polizisten im Hof. Dirk und ich rannten weg, aber der Kleine ist nicht so flott auf den Füßen. Erst wollte ich ihm helfen, und den Polizisten, der ihn geschnappt hatte, fertigmachen, aber dann kam auch schon der zweite von der Trachtentruppe angehechelt. Da hab ich mich vom Acker gemacht. Ich hatte mein Motorrad in der Parallelstraße geparkt, dort bin ich hingerannt.«

Bis ungefähr dahin kannte ich die Geschichte ja schon.

»Und wie ging es weiter?«

Maik seufzte, dann fuhr er fort.

»Ich hab überlegt, wo ich hinfahren sollte, da fiel mir die Werkstatt von unseren Großeltern ein, in der Gräfestraße. Wenn Dirk abhauen oder freikommen würde, wüsste er, dass ich mich dorthin verziehen würde.«

»Stimmt, das hat er uns dann auch erzählt.«

»Kleiner Verräter.«

»Sei froh, dass er es uns verraten hat. Übrigens erst, nachdem wir ihm klargemacht hatten, wie ernst und gefährlich die Lage für dich war. Okay, weiter.«

»Ich bin also dorthin und hab mich in der Werkstatt eingeschlossen, und dann bin ich wohl eingepennt. Wach wurde ich durch ein lautes Krachen, und noch bevor ich groß was mitbekam, waren die beiden Typen aus dem Mercedes über mir. Ich hab mich so gut es ging gewehrt, aber die waren einfach zu stark für mich. Die haben mich aus der Werkstatt gezerrt und in ihren Wagen verfrachtet, dann fuhren sie los. Sie haben sich in einer Sprache unterhalten, die ich überhaupt nicht verstand.«

»Albanisch.«

»Das waren die Albaner?«

»Ach, weißt du über die Bescheid?«

»Als ich Blanke und Knirsch belauscht habe, sprachen die über irgendwelche Albaner, von denen sie glaubten, dass sie ihnen nie auf die Schliche kommen würden.«

Tja, das war dann wohl ein echter und im Endeffekt reichlich tödlicher Irrglaube gewesen. Man sollte halt seine Gegner nie unterschätzen, und erst recht nicht so einen gefährlichen Gegner wie die albanische Drogenmafia.

»Plötzlich wurden die zwei nervös, und dann hörte ich auch schon die erste Polizeisirene. Na da war was los, der Fahrer gab Vollgas, und ich hab nur gebetet, dass er keinen schweren Unfall baut. Tja und den Rest kennst du ja schon.«

Ich nickte.

»Ja, du hattest riesiges Glück, und das gleich mehrfach. Glück, dass dein Bruder den Mund aufgemacht hat. Glück, dass ein Streifenwagen den zur Fahndung ausgeschriebenen Albaner-Mercedes erkannt hat. Und Glück, dass bei der Verfolgungsjagd nichts Schlimmes passiert ist.«

Vom Dahinscheiden des Schönen Ramiz mal abgesehen, aber daran war nur er selbst schuld.

»Ja, stimmt wohl. Aber was ist eigentlich los, ich habe keinen blassen Schimmer, was hier genau abgelaufen ist.«

»Kannst du dir das nicht selbst zusammenreimen? Die Albaner waren ob der Konkurrenz im Crystal-Handel nicht begeistert, und als sie herausgefunden hatten, dass Knirsch und Blanke dahintersteckten, haben sie sich zum Handeln entschlossen.«

»Da haben Dirk und ich ihnen wohl die Arbeit abgenommen, indem wir das Drogenlabor abgefackelt haben?«

»Das war wohl nur ein kleiner Bonus, die Hauptarbeit hatten die schon selbst erledigt.«

Fragend schaute mich der Feuerleger an.

»Was für eine Hauptarbeit?«

Ah, das hatte ihm wohl sein Bruder noch gar nicht erzählen können. Nach dem Unfall hatten die zwei ja nicht viel Zeit zum gemeinsamen Schwätzchen, und von da an waren sie getrennt gehalten worden.

»Knirsch ist tot. Wohl in der Wohnung vom Blanke umgebracht und fein säuberlich in Einzelteile zerlegt worden. Wobei, eher nicht fein und erst recht nicht säuberlich, das war eine ziemliche Sauerei. Seine Leiche ist heute früh zerstückelt in einem Müllcontainer aufgetaucht.«

Mein jugendlicher Gegenüber wurde blass. Ich hatte ihn wohl richtig eingeschätzt, er ware lange nicht abgebrüht genug, um selbst so eine Tat zu begehen.

»Scheiße! Wart ihr deshalb bei Blanke in der Druckerei?«

Schien ja ein gar nicht mal so unschlaues Bürschchen zu sein, wieso war der wohl in die Nazigesellschaft gerutscht?

»Ja, Knirsch wurde vom Verfassungsschutz beobachtet, und ist den Heinis bei Blanke entwischt. Nachdem wir heute früh seine Leiche gefunden hatten, bekam ich den Auftrag, mich mal dort umzuschauen. Bei der Gelegenheit seid ihr zwei mir dann in die Arme gelaufen.«

»Und die Albaner haben dort auf Blanke gewartet? Und weil der nicht kam, haben sie mich verfolgt, in der Hoffnung, dass ich sie zu ihm führen würde?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Knapp vorbei ist auch daneben. Auch der Parteigenosse Blanke war zu diesem Zeitpunkt schon mausetot und lag im Kofferraum von Knirschs Auto, welches wiederum auf dem Grund vom Kanal lag, nur eine Ecke von der Druckerei entfernt.«

»Wow. Waren das auch die Albaner?«

»Davon würde ich mal stark ausgehen.«

»Aber was wollten die dann noch von mir, wenn sie Knirsch und Blanke schon erledigt hatten?«

»Na überleg mal. Dein kleiner Bruder hat mir erzählt, dass du sowas wie der persönliche Laufbursche von den beiden warst.«

Maik riss erschrocken die Augen auf.

»Du meinst … nee … nicht wirklich, oder? Die wollten mich auch noch kaltmachen?«

»Klingt das so unlogisch?«

»Aber … aber ich hatte doch mit der ganzen Drogengeschichte gar nichts zu tun! Ganz im Gegenteil!«

»Das wussten aber die Albaner nicht. Für die warst du vermutlich der Dritte im Bunde, und wenn die einmal anfangen aufzuräumen, dann bringen die das auch zuende.«

»Scheiße! Da hatte ich wohl wirklich mörderisches Schwein, dass die sich haben erwischen lassen.«

Mörderisches Schwein. Interessante und passende Wortwahl.

»Sieht ganz so aus. Und darum ist es sehr wichtig, dass du mir alles erzählst, was dir zu dem ganzen Thema noch einfällt und was uns weiterhelfen könnte, dem Spuk ein für allemal ein Ende zu machen.«

Mein Gegenüber erbleichte noch etwas mehr.

»Du meinst, es ist noch nicht vorbei?«

Ich schüttelte mal wieder den Kopf, und mal wieder wurde ich durch einen stechenden Schmerz belohnt.

»Nein. Der Typ auf dem Beifahrersitz war Ramiz Kerqeli, die rechte Hand vom Boss der Albanerbande.«

»Und der Fahrer war nicht dieser Boss, oder?«

»Richtig, Watson. Der Boss heißt Asrim Milicaj, und der wird wohl nicht sonderlich glücklich darüber sein, dass Ramiz den Auftrag zu guter Letzt doch noch verbockt hat. Vielleicht schickt er ja noch jemand anderes, um die Sache zum Abschluss zu bringen.«

»Mist, ich bin immer noch in Gefahr?«

»Gut möglich, also solltest du uns helfen, Milicaj aus dem Verkehr zu ziehen. Was sich übrigens auch anderweitig positiv auf deine eigene Situation auswirken würde. Ich sage nur: Brandstiftung.«

Blinker seufzte laut.

»Ja, ich weiß, das war Mist. Aber Dirk und ich wussten uns nicht anders zu helfen. Wir wollten die Drogenküche aus dem Verkehr ziehen.«

»Wie ich schon versucht habe, deinem kleinen Bruder zu verklickern: ihr hättet einfach zu uns kommen sollen, und wir hätten uns um alles gekümmert. Vielleicht wären dann sogar noch Knirsch und Blanke am Leben.«

Wobei es um die nicht sonderlich schade war, und wenn die ganze Angelegenheit dazu führte, auch den Albanern das Handwerk legen zu können, dann war das ja so schlecht nun auch wieder nicht. Ich konnte sehen, wie Maik überlegte, dann aber den Kopf schüttelte.

»Es tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht mehr. Knirsch und Blanke haben die Albaner nur kurz erwähnt, und als diese mich dann entführt hatten, haben sie nur in ihrer unverständlichen Sprache miteinander gesprochen.«

Irgendwie hatte ich sowas schon befürchtet.

»Du kannst mir glauben, wenn ich etwas wüsste, würde ich es dir sagen. Ich habe auch einen gewissen Selbsterhaltungstrieb.«

Vermutlich konnte ich ihm glauben, jedenfalls in dieser Beziehung. Die Nachricht vom Mord an seinen früheren Vorbildern und seine eigene Entführung hatten ihn ziemlich aus der Bahn geworfen. Vielleicht war er noch nicht reif für eine Lebensbeichte all seiner Sünden, aber er würde garantiert alles ausplaudern, was uns dabei helfen könnte, ihn am Leben zu erhalten.

»Okay, ich denke mal, dass ich dir das abnehmen kann.«

»Was passiert jetzt mit meinem Bruder und mir?«

»Also nach Hause geht ihr so schnell nicht. Mal ganz davon abgesehen, dass ihr weiterhin in Gefahr seid, ist da ja auch noch das Thema Brandstiftung. In einem bewohnten Haus, ihr müsst doch wirklich von allen guten Geistern verlassen gewesen sein!«

Die Jung-Glatze schaute bedröppelt nach unten und brachte keinen Ton mehr heraus.

»Was für euch dabei herauskommt, liegt in den Händen von Staatsanwalt und Gericht. Ihr habt Glück, dass wohl niemand verletzt wurde – und dass ihr noch unters Jugendstrafrecht fallt. Bei Erwachsenen geht die schwere Brandstiftung bei einem Jahr Gefängnis los.«

»Scheiße.«

»Tja, das habt ihr euch selbst eingebrockt. Aber dass ihr jetzt so nett geplaudert habt, könnte Staatsanwalt und Richter gnädig stimmen, besonders wenn das zur Aufklärung von dem ganzen Drogensumpf beiträgt.«

Maik nickte und flüsterte ein leises »Danke.« in den Raum.

»So, du wanderst jetzt erst mal zurück in die Arrestzelle. Ich denke mal, du kannst etwas Ruhe und Zeit zum Nachdenken gebrauchen.«

Mit diesen Worten verabschiedete ich mich vom älteren Blinker-Bruder, las Derek in Nebenraum auf und marschierte mit ihm zurück in die Räumlichkeiten meines Dezernats. Dort wartete Eva bereits auf Neuigkeiten, also erzählte ich ihr, was ich mittlerweile herausgefunden hatte. Dann schaute ich sie fragend an.

»Hat sich der Boss schon zurückgemeldet?«

»Nein, der hängt wohl immer noch im Georg fest.«

»Hm okay, vielleicht bringt er den Albaner ja doch zum Reden. Gibt es irgendwas Neues bezüglich der Demos?«

»Jasche hat zu den Rechten gesprochen, da herrschte erst mal Totenstille.«

Wie passend.

»Sekunden später gab es aus den umliegenden Straßen eine Mischung aus Jubel und Gelächter – dort hatten sich die Gegendemonstranten versammelt, und die hatten das auch mitbekommen.«

Konnte ich mir vorstellen.

»Ich wollte gerade mal den Fernseher einschalten und schauen, ob die irgendwas bringen.«

»Gute Idee.«

Einen Moment später flimmerte N24 auf dem großen Bildschirm, und tatsächlich, Demonstrationen und Morde hatten es in eine Sondersendung geschafft. Der Sender zeigte ein Live-Bild, welches wohl aus einem Gebäude oberhalb der Nazidemo aufgenommen wurde, und im Laufband wurden die Morde an Knirsch und Blanke erwähnt. Dazu die Mitteilung, dass die Polizei noch völlig im Dunkeln tappe. Wir wussten, dass das nicht der Fall war, aber es war beruhigend zu sehen, dass dieses Wissen noch nicht die Runde gemacht hatte.

Währenddessen blafaselte der Nachrichtensprecher über die »Tradition« der Neo-Nazi-Kundgebungen in Leipzig sowie der üblicherweise damit verbundenen Krawalle und Ausschreitungen und erging sich in Mutmaßungen, wie sich die Morde wohl auf das heutige Geschehen auswirken würden. War ich soeben noch froh gewesen, dass von den Hintergründen noch nichts in den Medien erschienen war, wurde ich nun bleich, als der Kommentator die Vermutung äußerte, dass vielleicht Linksextremisten ihre Finger im Spiel haben könnten. Derek schien wohl die gleichen Gedanken zu haben.

»Hoffentlich schaut keiner von den braunen Deppen Nachrichten.«

Ich nickte nur, und schweigend verfolgten wir einige Minuten lang die Sendung – bis plötzlich die Bürotür aufgerissen wurde und ein uniformierter Kollege hereingestürmt kam.

»Leute, Schießerei und Geiselnahme im St. Georg!«

Oh verdammt! Jens und Oberkommissar Wickert vom Rauschgiftdezernat waren dort, um den überlebenden Albaner weichzuklopfen!

»Was ist los? Weißt du schon Näheres? Was ist mit Machlitzke und Wickert?«

»Wickert wurde angeschossen, es hat ihn wohl schwer erwischt. Machlitzke ist okay, er hat zwei Angreifer erwischt. Ein dritter ist geflüchtet und hat sich anscheinend mit einer Geisel irgendwo in der Klinik verschanzt.«

Ich quälte mich unter Schmerzen von meinen Stuhl in die Senkrechte.

»Ich fahre hin.«

»Sascha, nein! Du hast dich heute schon viel zu sehr belastet, und helfen kannst du dort auch nicht.«

Auch Eva mischte sich ein.

»Derek hat recht. Jens ist dort, und der Kollege sagte er wäre unverletzt. Er kann sich dort um alles kümmern, außerdem ist garantiert schon das SEK eingeschaltet.«

Seufzend ließ ich mich wieder in meinen Stuhl sinken, einerseits verärgert über meine mangelnde Gesundheit, andererseits erleichtert darüber, dass ich nicht nochmal in den Einsatz musste.

»Okay, okay, ihr habt ja Recht. Aber ich hasse es, untätig abwarten zu müssen.«

Damit war ich allerdings nicht alleine, auch die anderen warteten unruhig auf weitere Nachrichten.

»Was meint ihr, wer da herumgeballert hat?«

»Ich würde mal auf Milicaj tippen, Der. Vielleicht wollte er seinen Mitmafioso erledigen, bevor der eventuell doch auf die Idee kommt, uns gegenüber zu plaudern.«

»Klingt logisch, aber woher wusste der so schnell, dass ihr einen seiner Handlanger geschnappt und in der Mangel habt?«

Das war in der Tat eine interessante Frage.

»Ich rufe Jens an, der kann uns bestimmt schon mehr sagen.«

Ich griff zum Handy, und kurz darauf ertönte das Rufzeichen. Es dauerte etwas, dann aber meldete sich die Stimme meines Vorgesetzten.

»Hallo Sascha, ich nehme mal an, ihr habt schon von dem Chaos hier gehört?«

»Bisher nur, dass es eine Schießerei und eine Geiselnahme gegeben hat. Was genau ist denn passiert?«

»Wickert und ich waren gerade dabei, den Albaner zu befragen, beziehungsweise wir stellten ihm Fragen und er hat keinen Mucks von sich gegeben. Plötzlich sprang die Tür auf und drei Typen stürmten ins Zimmer. Zwei davon haben sofort losgeballert und sowohl Wickert als auch den Albaner erwischt.«

»Schlimm?«

»Der Albaner ist hinüber, Wickert ist gerade im OP, der hat einen Bauchschuss abbekommen. Die Ärzte wissen noch nicht, ob er durchkommt.«

»Verdammt!«

Machlitzke seufzte ins Telefon.

»Das kannst du laut sagen. Ich hatte Glück und war etwas verdeckt, das gab mir Zeit, meine Waffe zu ziehen und zurückzuschießen. Die beiden Schützen hab ich erwischt, aber die leben beide noch. Der dritte Typ konnte abhauen.«

»Hast du irgendwen erkannt?«

»Ich nicht, aber Wickert konnte noch sagen, dass es sich beim Geflüchteten um Milicaj gehandelt hat.«

Da hatten wir mit unserer Vermutung goldrichtig gelegen.

»Und der ist abgehauen? Da war doch auch noch von einer Geiselnahme die Rede?«

Mein Chef lachte kurz auf.

»Ja, der ist durchs Georg gestürmt, und als er weitere Polizisten erblickte, ist er in eine Schwesternstation und hat dort eine Assistenzärztin als Geisel genommen.«

»Ach du Scheiße. Ist das SEK schon da?«

»Ja, aber das wird gar nicht mehr gebraucht.«

»Wieso das denn?«

»Er hat sich die falsche Geisel ausgesucht. Die gute Frau Doktor ist im Nebenjob deutsche Meisterin im Kickboxen.«

»Autsch!«

»Allerdings. Ob der Herr Mafiaboss jemals persönlich für eine Nachfolgegeneration wird sorgen können, steht wohl noch in den Sternen.«

Das geschah ihm ganz recht!

»Wie geht es jetzt weiter, Chef?«

»Das Mordkommando inklusive Milicaj wird unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen erst mal hier behandelt und dann ins Gefängnis verlegt. Aus der Sache wird sich Milicaj nicht mehr herausreden können.«

Allerdings, die Sache war sonnenklar. Eigentlich verwunderlich, dass er sich persönlich soweit hervorgewagt hatte. Aber da blieb immer noch eine Frage offen.

»Sag mal, hast du eine Ahnung, woher der überhaupt schon wusste, dass du und Wickert einen seiner Angestellten ihm Georg hattet und verhören wolltet? Wie konnte der so schnell reagieren?«

»Hm, gute Frage. Vielleicht kam schon was in den Medien?«

Auch wenn Jens das nicht sehen konnte, schüttelte ich mit dem Kopf.

»Nein, wir haben hier die ganze Zeit schon den Fernseher laufen, da ist bisher noch gar nichts in der Richtung gelaufen. Ich denke, irgendwer muss Milicaj direkt informiert haben.«

»Dir ist schon klar, was du da sagst, oder? Das hieße doch, dass einer von uns zum Verräter geworden ist.«

Das war ein hochgradig unangenehmer Gedankengang, aber leider nicht von der Hand zu weisen. Doch wie sollte man das genau herausfinden? Ich hatte eine Idee.

»Jens, habt ihr dem Milicaj eventuell ein Handy abgenommen?«

»Ha, gute Idee! Ich glaube, da haben wir eins gefunden. Ich schau schnell mal nach, bleib dran!«

Während ich nun mit dem Telefon in der Hand wartete, erklärte ich kurz den anderen Anwesenden, was Jens mir erzählt hatte – die hatten ja nur die eine Hälfte des Gesprächs mitbekommen. Beim Thema »Verräter in den eigenen Reihen« wurden sowohl Eva als auch Derek deutlich blasser.

»Bist du noch dran, Sascha?«

»Ja, klar.«

»Du könntest auf der richtigen Spur sein. Milicaj hat in den letzten zwei Stunden genau zwei Anrufe bekommen, und einen davon etwa 10 Minuten, nachdem wir den Schönen Ramiz und seinen Kumpan gestoppt hatten.«

»Wird die Nummer angezeigt?«

»Nein, die ist unterdrückt, aber ich kann dir die Nummer von Milicajs Handy geben. Versuche bitte, darüber herauszubekommen, wer da angerufen hat. Notfalls über die Typen vom Verfassungsschutz, die haben vermutlich ihre eigenen, schnellen Kanäle für solche Anfragen.«

»Okay, mach ich. Schreibbereit.«

Mein Chef gab mir die Handynummer des Albaners durch, und ich beschloss, gleich den direkten Weg über  Bölke zu gehen.

»Ich geh runter zu den Staatsschützern, hoffentlich sitzt der Typ vom Verfassungsschutz noch bei denen. Derek, kommst du mit?«

»Klar, das lasse ich mir nicht entgehen.«

Kurze Zeit später erreichten wir das Büro von KHK Fischer. Ich klopfte an und wir traten ein, und tatsächlich, das Glück war mir hold, der Verfassungsschützer war noch anwesend. Bevor ich allerdings meine Frage stellen konnte, wurde ich erst mal von beiden bestürmt.

»Altmann, was war da los im St. Georg? Es soll eine Schießerei gegeben haben?«

Ich nickte und erzählte kurz, was bisher bekannt war. Bölke hatte sofort die gleiche Frage auf den Lippen, die auch Derek, Jens und ich uns bereits gestellt hatten.

»Verdammt, woher wusste der Albaner das schon? Ich meine, wieviel Zeit lag zwischen Verfolgungsjagd und dem Überfall im Krankenhaus? Eine Stunde?«

»Eher weniger, und das bringt mich zum Grund meines Hierseins. Wir haben das Handy von Milicaj, und er hat kurz nach dem Ende der Verfolgungsjagd einen Anruf darauf bekommen. Die Nummer war unterdrückt, aber vielleicht können Sie da ja etwas über Milicajs Provider herausfinden?«

Der Verfassungsschützer nickte eifrig.

»Das ist kein Problem, geben Sie mir die Nummer.«

Ich tat Bölke den Gefallen, und er fing sofort an, selbst zu telefonieren.

»Bölke hier. Ich brauche den Anrufer eines Handys, die Nummer ist 0171-** *** ***. Der Anruf erfolgte um 15:27 Uhr.«

Er lauschte kurz, dann bellte er in sein Handy.

»Ja, das ist dringend, ich will die Antwort jetzt sofort!«

Erneut lauschte er, dann sah es so aus, als würde gleich ein gewaltiger Vulkanausbruch folgen.

»Das ist mir dermaßen von egal, ich brauche den Anrufer jetzt! Es geht hier um mehrfachen Mord und Angriff auf Kollegen, da kommen Sie mir gefälligst nicht mit irgendwelchen Datenschutzregeln und Verwaltungsvorschriften!«

Bölke stiefelte im Zimmer auf und ab und bemühte sich redlich, wieder etwas herunterzukommen.

»Okay, ich warte!«

Er verdeckte das Mikrofon seines Handys.

»Unglaublich, diese Bürokratie. – Wie, was? Sie haben die Nummer des Anrufers? Ja, sehr gut, her damit!«

Der Verfassungsschützer schnappte sich einen Zettel, Fischer reichte ihm schnell einen Stift, und Bölke fing an zu schreiben.

»Ja, hab ich, nochmal zur Kontrolle 0175-** *** ***, richtig? Gut, danke!«

Bölke beendete das Gespräch und wollte gerade zum Sprechen ansetzen, dann stockte er, bevor er auch nur ein einziges Wort herausbekam. Er stierte auf den Zettel, überlegte, schaute wieder auf den Zettel, dann ging er schweigend zum Fenster und starrte hinaus. Staatsschutz-Fischer war der erste, der das Schweigen brach.

»Heinrich, was ist los?«

Langsam drehte sich der Angesprochene zu uns um.

»Ich kenne die Nummer. Ich weiß, wer Milicaj angerufen hat.«

Na das war doch nun eigentlich eine gute Nachricht – allerdings war Bölke mittlerweile aschfahl geworden.

»Mensch nun spann uns nicht so auf die Folter, wer war es?«

»Roland. Die Nummer gehört zum Privathandy von Roland Peukert.«

Der Name sagte mir nichts, Bert Fischer hingegen schaltete sofort.

»Peukert? Dein Vorgänger? Der erst vor ein paar Stunden durch dich ersetzt wurde?«

»Genau der.«

Oh, das war der Verfassungsschutz-Heini, der so blöd war, unseren Polizeipräsidenten zu verärgern, indem er sich wie der Obermacker aufführte und die Ermittlungen zum ersten Leichenfund, dem zerstückelten Herrn Knirsch, behinderte.

»Verdammt. Dann hat der wohl die ganze Zeit schon ein falsches Spiel mit uns gespielt. Wenn der den Boss der Albaner-Mafia direkt anruft, dann wusste er doch bestimmt auch schon heute Vormittag, wer den Knirsch erledigt hat.«

»Ich denke auch.«

Meine Gedankengänge gingen jedoch noch etwas weiter.

»Vielleicht hat er ja sogar dafür gesorgt, dass seine eigenen Leute und unser Staatsschutz Knirsch vorgestern aus den Augen verloren haben.«

Fischer schüttelte sich angewidert.

»Du meinst, dass er aktiv an den Morden an Knirsch und Blanke mitgearbeitet hat? Da möchte ich lieber gar nicht drüber nachdenken, Sascha.«

»Naja, an dem Mordüberfall im Georg hat er jedenfalls sehr aktiv mitgearbeitet. Wo steckt er jetzt überhaupt?«

Bölke überlegte kurz.

»Also eigentlich habe ich ihn bei der Ablösung nach Hause geschickt, aber anscheinend ist er hier geblieben, ansonsten hätte er ja nicht die brandaktuellen Infos verfügbar gehabt, um sie an Milicaj weiterzugeben.«

»Es sei denn, er hat in eurer Truppe noch einen Verbindungsmann.«

»Mal den Teufel nicht an die Wand, Bert!«

Bölke griff zum Telefon und wählte eine kurze Nummer.

»Wache? Bölke, Verfassungsschutz. Können Sie mir sagen, ob mein Kollege Peukert das Objekt verlassen hat?«

Er lauschte einen Moment.

»Ja, schauen Sie nach, ich warte.«

Es verging etwa eine Minute.

»Sein Auto steht noch in der Tiefgarage? Danke! Falls er rausfahren will, halten Sie ihn auf, notfalls unter Gewaltanwendung!«

»Ja, Sie haben mich richtig verstanden! Verhaften Sie Peukert, falls Sie ihn zu Gesicht bekommen! Ende!«

Bölke knallte den Hörer auf die Gabel und schaute uns an.

»Sein Wagen ist noch da. Falls er nicht zu Fuß raus ist, muss er sich noch irgendwo im Objekt befinden. Ich schlage vor, wir teilen uns auf und suchen ihn.«

Gute Idee, aber wo?

»Ich gehe zum Haupteingang, Bert, du gehst am besten zum Personaleingang. Herr Altmann, ich weiß nicht, ob Sie uns helfen können, Sie kennen Peukert ja nicht, oder?«

»Nein, ich hab keine Ahnung wie er aussieht. Aber ich kann mal in der Funkzentrale vorbeischauen, dort hätte er immer die neusten Meldungen verfügbar – und die Kollegen dort am Eingang wissen sicher, wer er ist.«

»Prima, so machen wir das. Also auf gehts, und vorsichtig! Wenn Peukert mit Mördern gemeinsame Sache macht, wer weiß, wozu er dann selbst fähig ist.«

Alle nickten, dann verließen wir das Büro in verschiedene Richtungen. Derek kam natürlich mit mir mit.

»Sascha, keine Heldentaten, okay?«

»Hab ich nicht vor, versprochen.«

Schweigend legten wir den Weg zur Funkzentrale zurück. Diese war mit einem extra Zugang gesichert, am Empfang saß ein uniformierter Kollege, der mich erkannte.

»Na sowas, was bringt denn den Mörderjäger zu unserer guten Stube?«

»Grüß dich, Felix. Eigentlich hab ich nur eine Frage, und du scheinst mir genau die richtige Person für die Antwort zu sein. Hier muss sich doch jeder ein- und austragen, der in die Funkzentrale will, oder?«

»Ja, und einen guten Grund vorweisen, warum er überhaupt reingelassen werden sollte. Wieso?«

»Sehr schön. Ist ein Typ namens Peukert vom Verfassungsschutz drin?«

Mein Gegenüber legte den Kopf schief.

»Nein, ist er nicht. Aber er war es.«

Hatte ich mir doch gedacht!

»Wann ist er raus?«

»Du hast ihn vielleicht um drei Minuten verpasst, er hat sich verabschiedet und sagte, er wolle jetzt nach Hause fahren.«

Verflixt, so knapp daneben! Aber vielleicht bekamen wir ihn ja noch. Spätestens die Torwache sollte ihn ja eigentlich abfangen.

»Danke dir, wir müssen los! Komm mit, Derek!«

Wir eilten durch die Flure zum nächsten Aufzug, und wie üblich dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis dieser dann auftauchte, um uns nach unten in die Tiefgarage zu befördern.

»Du, Sascha?«

»Ja, was ist?«

»Wäre vielleicht hilfreich zu wissen, was für ein Auto der Kerl fährt.«

Mist, soweit hatte ich noch gar nicht gedacht.

»Wir laufen vor zur Ausfahrt, die Wache dort muss es wissen.«

Ein leiser Gong ertönte, und die Aufzugstür gab den Weg in die Tiefgarage frei. Auf den ersten Blick war niemand zu sehen, auch kein Auto bewegte sich.

»Hier lang, Derek, da vorne links geht es zur Ausfahrt.«

Wir marschierten los, dabei unsere Blicke über die geparkten Autos schweifen lassend. Nichts zu sehen. Plötzlich aber ertönte ein einzelner Schuss! Ich duckte mich, Derek mit mir in Deckung hinter einem Streifenwagen ziehend.

»Kopf runter!«

Meine mit diesen hastigen Bewegungen einhergehenden Schmerzen vergessend, angelte ich meine Pistole aus dem Holster und hob vorsichtig den Kopf.

»Pass bloß auf, Sascha! Ich brauch dich doch noch!«

»Bleib ganz ruhig und in Deckung, Kleiner. Ich pass schon auf mich auf.«

In diesem Moment hörte ich die Schritte von rennenden Personen, und dann sah ich auch schon zwei uniformierte Kollegen aus Richtung Ausfahrt heranstürmen, die Dienstwaffen schussbereit in den Händen. Ich sollte mich wohl lieber zu erkennen geben, bevor die noch falsche Schlüsse zogen.

»Altmann, Mordkommission! Habt ihr mitbekommen, woher der Schuss kam?«

»Nein, Sie waren das also nicht?«

»Nein. Ist Peukert vom Verfassungsschutz rausgefahren?«

»Ist er nicht, sein Kollege hatte uns ja angewiesen, ihn aufzuhalten. Suchen Sie ihn hier unten?«

»Ja, er hat oben in der Funkzentrale gesagt, dass er jetzt nach Hause fahren wolle. Vor fünf Minuten oder so.«

»Bei uns ist er nicht vorbeigekommen, und da hinten steht auch noch sein Wagen.«

Ha, wusste ich doch, dass die Kollegen den Wagen kannten.

»Welcher ist es?«

»Der rote Grand Cherokee dort hinten.«

Ich schaute in die angegebene Richtung. Am genannten Wagen war keine Bewegung auszumachen.

»Könnte hinkommen mit der Schussrichtung. Wir gehen ganz langsam von verschiedenen Seiten ran. Zu eurer Information: Peukert ist verdächtig, bei mehreren Morden im Drogenmilieu behilflich gewesen zu sein, und zu allem Überfluss beim Schusswaffenangriff auf meinen Boss und Oberkommissar Wickert vom Rauschgiftdezernat. Also schön vorsichtig! Derek, du bleibst hier!«



Nach diesem Motto arbeiteten wir uns langsam zum Wagen des Verfassungsschützers vor. Als ich näher kam, glaubte ich, einen Gestalt auf dem Fahrersitz zu erahnen – viel war wegen des Halbdunkels in der Tiefgarage aber nicht zu erkennen. Noch vorsichtiger als zuvor legte ich weitere Meter zurück, bis ich hinter einem Wagen gleich neben Peukerts Gefährt in Deckung ging. Ich richtete meine Waffe auf die Fahrertür.

»Peukert, steigen Sie ganz langsam aus dem Wagen! Ohne Waffe!«

Davon abgesehen, dass nun auch die beiden uniformierten Kollegen den Jeep erreicht hatten und ihre Pistolen aus verschiedenen Richtungen auf ihn richteten, passierte nichts.

»Machen sie schon, Peukert. Es ist vorbei, Sie kommen hier nicht mehr weg.«

Erneut gab es keinerlei Reaktion, und so langsam schwante mir, was der Schuss vorhin gewesen sein mochte. Ich erhob mich mit feuerbereiter Waffe und näherte mich der Fahrertür des Jeeps. Je näher ich kam, desto deutlicher sah ich, dass ich mit meiner Vermutung richtig gelegen hatte. Trotzdem steckte ich meine Pistole noch nicht weg, als ich nun langsam die Fahrertür öffnete. Aber Peukert würde nicht auf mich schießen. Er würde auf niemanden schießen. Genaugenommen würde er gar nichts mehr unternehmen. Nie wieder.

Ich entspannte mich, sicherte meine Glock und steckte sie ins Holster.

»Alles okay, keine Gefahr mehr. Er hat sich selber in den Kopf geschossen.«

Vermutlich hatte er in der Funkzentrale den Misserfolg Milicajs im Krankenhaus mitbekommen und war messerscharf zu dem Schluss gekommen, dass er in kürzester Zeit auffliegen würde. Das wollte er sich wohl nicht antun, und er hatte die finale Konsequenz gezogen. Auch nicht schlecht.

»Sascha, alles okay bei dir?«

Ich drehte mich und sah Derek auf mich zu sprinten.

»Ja, keine Angst, alles in Ordnung. Aber bleib dem Jeep lieber fern, das hier ist mindestens so unappetitlich wie der Container heute früh.«

Wobei es ja eigentlich auch für mich keinen Grund gab, direkt bei der Leiche herumzustehen. Ich ging also hinüber zu Derek, und wir lehnten uns an einen Streifenwagen.

»Scheiß Tag, Sascha.«

Ich nickte seufzend.

Das kannst du laut sagen. Ich hatte für heute genug Action.«

»Na und ich erst. Können wir jetzt endlich nach Hause?«

»Bald. Hoffe ich. Ich übergebe das alles den Kollegen, zu ermitteln gibt es wohl nicht mehr viel. Den Rest kann Sven erledigen.«

Erst leise, dann immer lauter fing mein Schatz an zu kichern. Verwundert schaute ich ihn an.

»Jens wird … der wird dir die Freundschaft kündigen!«

»Wieso das denn?«

»Naja, du hast ihm an einem Tag gleich drei Leichen angeschleppt, und da sind die Albaner noch gar nicht mitgerechnet.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Autsch! Verdammt, das tut immer noch scheußlich weh. Naja. Zumindest musste sich Jens nicht mit demonstrierenden Chaoten herumschlagen. Er sollte mir dankbar sein.«

»Ja, aber die hätten wenigstens nicht auf ihn geschossen!«

»Stimmt auch wieder.«

Während dieser Unterhaltung waren immer mehr Kollegen aufgetaucht, auch Fischer und Bölke hatten den Weg in die Tiefgarage gefunden. Letzterer fluchte, als er den toten Verräter aus seinem Team erblickte.

»Verdammt, den wollte ich zu gerne vor Gericht sehen!«

»Sind Sie sich da sicher, Bölke? Ein Prozess gegen einen Verräter in Ihrer Firma, das gäbe den schönsten öffentlichen Skandal.«

Unsere Köpfe ruckten herum. Von uns unbemerkt waren mein Chef und der Polizeipräsident auf der Bildfläche erschienen. Letzterer hatte dem Nachfolger des Verräters mit seinen Worten etwas zu denken gegeben.

»Stimmt auch wieder. Vielleicht hat er uns mit seinem Selbstmord einen letzten Dienst erwiesen.«

So konnte man es allerdings auch sehen.

»Bölke, ich schlage vor, Sie kümmern sich um alles, was mit ihrem Dienst zu tun hat. Dort werden jetzt garantiert Köpfe rauchen – und vielleicht auch rollen. Herr Machlitzke, Sie und Herr Altmann warten auf die Anlieferung von Milicaj und vernehmen ihn dann.«

Interessant, Sven und ich waren für den Polizeipräsidenten »Herr Machlitzke« und »Herr Altmann«, beim Verfassungsschützer sparte er sich diese Höflichkeit. Allerdings war da noch jemand, der sich nun weitere Höflichkeiten ersparte.

»Nichts ist, Herr Jasche! Sascha hat jetzt Feierabend, er ist dienstuntauglich, und was heute alles so abgelaufen ist, war seiner Heilung garantiert nicht zuträglich!«

Der Polizeipräsident schaute Derek an, deutlich überrascht darüber, dass sich jemand wagte, ihm zu widersprechen. Dann nickte er langsam, und ein Lächeln erschien in seinem Gesicht.

»Sie haben Recht. Herr Altmann, Sie haben heute mehr als genug getan, viel mehr, als man von Ihnen erwarten konnte oder Ihnen hätte aufladen sollen. Ich danke Ihnen für Ihre Einsatzbereitschaft. Fahren sie jetzt nach Hause, bevor mich ihr Freund noch in einen weiteren Fall für die Mordkommission verwandelt.«

Derek nickte energisch und griff meine linke Hand.

»Sag ›Auf Wiedersehen!‹ zu den netten Leuten, Sascha.«

Ich konnte mich gerade noch vom nächsten Schulterzucken abhalten, also grinste ich bloß und ließ mich von meinem Kleinen davonziehen.

»Auf Wiedersehen, nette Leute!«

Im nun folgenden allgemeinen Gelächter (welches nach den Ereignissen der letzten Stunden wohl alle nötig hatten), führte mich Derek zu unserem Wagen, und einige Minuten später rollten wir aus der Tiefgarage des Präsidiums und machten uns auf den Heimweg.

*.*.*

Epilog

Vier Wochen später konnte ich meinen Dienst wieder antreten. In diesen vier Wochen war viel geschehen, und zwar an verschiedenen Fronten.

Zuerst einmal war der Demotag dann doch noch einigermaßen friedlich zu Ende gegangen. Die Neo-Nazi-Kundgebung hatte sich nach der Todesnachricht von Knirsch und Blanke recht schnell und unorganisiert aufgelöst, da war niemand gewesen, der sofort hätte in die Bresche springen können. Beim Abzug der linksextremen Gegendemonstranten waren noch ein paar Schaufensterscheiben zu Bruch gegangen, alles in allem aber verlief auch dieser friedlicher als erwartet oder befürchtet.

Glücklicherweise waren die Hintergründe über die Morde an den Naziführern erst in den Tagen danach langsam an die Öffentlichkeit gelangt, sodass unsere Stadt keine direkten Folgen zu erleiden hatte.

Kollege Wickert vom Rauschgiftdezernat war auf dem Wege der Besserung, nachdem es eine Woche lang für ihn gar nicht gut ausgesehen hatte. Ob er jedoch vollständig genesen und in den Dienst zurückkehren würde, stand noch in den Sternen.

Seine Kollegen feierten die Festnahme von Arsim Milicaj. Der größte Fisch im örtlichen Crystal-Handel war aus dem Verkehr gezogen, und auch sonst herrschte in der Szene einiges an Aufregung. Schließlich war mit dem Ende der braunen Giftküche von Knirsch und Blanke auch der große Newcomer plötzlich nicht mehr da. Die Rauschgiftschnüffler hofften, dass sich der Markt so schnell nicht von diesem Schlag erholen würde.

Dirk und Maik Blinker würden wohl Glück haben und trotz der schweren Brandstiftung mit niedrigen Bewährungsstrafen davonkommen. Sie hatten eng mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet und sich ein wenig Nachsicht verdient. Das Beste an der ganzen Geschichte war für sie wohl, dass sich die ganze Familie miteinander ausgesöhnt hatte.

Verfassungsschutz-Bölke lief zur Höchstform auf und schaffte es irgendwie, die Beteilung seines Kollegen Peukert an Drogenhandel, Mord und Totschlag aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Es wurde gemunkelt, dass er alsbald eine weitere Treppenstufe auf der Karriereleiter heraufstolpern würde.

Für mich hieß es jetzt, anderthalb Monate Dienst durchzustehen. Über die Weihnachtsfeiertage würden Derek und ich endlich mal richtig Urlaub machen! Der Kollege Lorke von der bayerischen Bereitschaftspolizei hatte uns eine Superferienwohnung unterhalb der Zugspitze vermittelt. Ob es wohl unter den Fremdsprachen-Kursen im Internet auch einen für Bayerisch gab?

Also bitte, keine weiteren Morde in den nächsten zwei Monaten, okay? Und falls einer sich doch nicht vermeiden lässt, dann entsorgt die Leiche wenigstens so, dass jemand anderes darüber stolpert, Herrgottnochmal!

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Information Life is better with a Cat
Posted by: Frenuyum - 12-02-2025, 03:36 PM - No Replies

Der Fund
Die Einkaufstüten bohrten sich in Sam Watsons Hände, als er auf die Einfahrt trat, und sein Atem kräuselte sich in der eisigen Nachtluft zu Nebel. Er korrigierte seinen Griff und spürte das Gewicht der Vorräte, um die Tessa gebeten hatte – Windeln, Babynahrung, frisches Gemüse und ein paar Leckereien für ihr erstes Weihnachten als Eltern. Der Gedanke, ins Haus zu kommen, die Kälte abzuschütteln und seinen neugeborenen Sohn Jonah in seiner Krippe zu sehen, ließ ihn schneller zur Haustür gehen.
Dann hörte er es.
Ein Geräusch, das ihm einen seltsamen Schauer über den Rücken jagte – eine Mischung aus dem Schrei eines Babys und dem Miauen einer Katze. Es war schwach, aber eindringlich, es trieb durch die Nacht wie ein Flehen.
Sam erstarrte, der Atem stockte in seiner Brust. Sein Blick schweifte über die schwach beleuchtete Einfahrt und suchte nach der Quelle. Der Wind rauschte durch die Bäume, und der schwache Schein der Verandalampe reichte kaum über die Eingangstreppe hinaus. Dann sah er es – ein kleines Bündel vor der Tür.
Mit klopfendem Herzen ließ Sam die Tüten fallen – Dosen und Kisten klapperten auf den Bürgersteig – und eilte nach vorn. Mit zitternden Händen zog er die Decke zurück, die um eine kleine Gestalt gelegt war.
Ein Baby.
Aber nicht irgendein Baby.
Sams Herz blieb beinahe stehen, als er das Geschöpf vor sich betrachtete – ein Baby, etwa so groß wie Jonah, dessen winzige Hände sich in der Kälte instinktiv krümmten. Aber dieses Baby hatte weiches, lila gestromtes Fell, zarte Katzenohren, die gegen die Winterluft zuckten, und einen flauschigen Schwanz, den es fest um sich gewickelt hatte um sich zu wärmen. Seine großen, goldenen, katzenartigen und tränenüberströmten Augen blickten ihn flehend an, und sein kleiner Mund öffnete sich, um einen weiteren Schrei auszustoßen – halb Mensch, halb Katze, völlig hilflos.
Sams Gedanken rasten. Was zum Teufel war das? Sein Verstand schrie nach Rationalität, nach einer Erklärung. Aber es gab keine. Nur dieses kleine, zitternde Kind vor ihm.
Ein scharfer Windstoß schnitt durch Sams Jacke, und das Baby wimmerte lauter und rollte sich weiter in die Decke ein. Dieses Geräusch, das ihm so schmerzlich vertraut war – Jonah machte dasselbe Geräusch, wenn ihm kalt war oder er Hunger hatte –, zerstörte jedes Zögern in Sams Herz.
Ohne weiter darüber nachzudenken, nahm er den seltsamen Säugling in die Arme und drückte ihn eng an seine Brust. Er war leichter als Jonah und genauso zerbrechlich. Er spürte, wie das winzige Herz schnell schlug und sich der fellbedeckte Körper auf der Suche nach Wärme gegen seinen eigenen presste. Das Baby schniefte und schmiegte sich instinktiv an ihn, als wüsste es, dass es in Sams Armen sicher war.
Sam schluckte schwer und drehte sich zur Tür. Tessa. Was würde sie sagen? Wie sollte er das erklären? Würde sie Angst haben? Würde sie ihm sagen, er solle das Baby wieder nach draußen bringen, als wäre es ein streunendes Kätzchen?
Nein. Das konnte er nicht tun.
Mit fester Entschlossenheit stieß er die Haustür auf und trat ein. Die Wärme des Hauses umhüllte ihn, der Duft von Zimt und Kiefernholz erfüllte die Luft. Aus dem Wohnzimmer ertönten Jonahs leise Atemzüge in seiner Krippe.
Sam sah auf das Bündel in seinen Armen hinunter, das seltsame Baby blinzelte schläfrig zu ihm hinauf.
Vor ein paar Tagen war ein Baby in ihr Leben getreten. Jetzt waren es zwei.
Und irgendwie wusste Sam, dass es kein Zurück mehr gab.
 
Eine Mutter eilt zur Rettung
 
Tessa schnappte nach Luft, als Sam durch die Tür trat, auf dem Arm nicht etwa einen Sack mit Lebensmitteln, sondern ein zitterndes, weinendes Baby.
Oder … so etwas wie ein Baby.
Ihre Augen weiteten sich, als sie die winzige Gestalt betrachtete – weiches, lila gestromtes Fell, kleine Katzenohren, die sie gegen die Kälte zurückstellte, ein flauschiger Schwanz, der unter den Falten der Decke zitterte. Aber was ihr am meisten auffiel, war nicht die Seltsamkeit seiner Gesichtszüge. Es war die Verzweiflung im Schrei des kleinen Jungen, die Art und Weise, wie sich seine kleinen Finger instinktiv um Sams Mantel schlangen, die Art und Weise, wie seine zu großen Augen vor Tränen schimmerten.
»Oh, Sam«, flüsterte sie und streckte bereits die Hände aus.
Ohne zu zögern nahm sie das fremde Kind aus den Armen ihres Mannes und drückte es an ihre Brust, so wie sie es vor einer Woche mit Jonah getan hatte. Der Kleine stieß einen winzigen, erschöpften Seufzer aus, sein Gesicht vergrub sich in der Wärme ihres Pullovers. Sam stieß einen Atemzug aus, von dem er gar nicht gemerkt hatte, dass er ihn angehalten hatte.
»Wir können ihn nicht da draußen lassen«, murmelte er und beobachtete, wie seine Frau das ungewöhnliche Baby mit der gleichen Zärtlichkeit wie ihren eigenen Sohn in den Arm nahm.
»Natürlich können wir das nicht«, sagte Tessa mit mütterlichem Instinkt in der Stimme. »Er ist eiskalt.« Sie wandte sich der Couch zu und setzte sich vorsichtig hin, während sie das Baby an sich drückte. Sein Schwanz zuckte leicht, dann schlang er sich um ihren Arm. «Er ist doch nur ein winziges Etwas.«
Sam nickte, und Erleichterung durchflutete seine Brust – irgendwie hatte er gewusst, dass Tessa nicht zögern würde zu helfen. Aber trotzdem schmerzte sein Herz, als er den Zustand des wunderlichen Babys sah.
»Wir sollten ihn aufwärmen«, sagte Tessa.
Gemeinsam kümmerten sie sich um den seltsamen kleinen Jungen, genau wie sie es mit Jonah in seiner ersten Nacht zu Hause getan hatten. Sam beeilte sich, eine von Jonahs weichesten Decken zu holen, während Tessa das Baby vorsichtig aus seiner feuchten Hülle befreite und noch mehr von dem weichen, flauschigen Fell zum Vorschein brachte. Seine Ohren zuckten leicht, als sie sanft mit der Hand über seinen winzigen Körper fuhr und ihn auf Verletzungen untersuchte.
»Er ist perfekt«, murmelte sie.
Sam kam mit der Decke zurück und wickelte das Baby kuschelig ein, dann verschwand Tessa in die Küche, um ein Fläschchen zu wärmen. Das Baby wimmerte leise, seine kleinen Hände krallten sich in die Luft. Sein Schwänzchen rollte sich unruhig auf und ab.
Als Tessa zurückkam, nahm sie den Jungen vorsichtig in den Arm und drückte ihm die Flasche an die Lippen. Es gab eine kurze Pause, dann schnappte das Baby zu und trank eifrig, wobei sich sein winziger Körper mit jedem Schluck sichtlich entspannte. Sam stieß ein atemloses Lachen aus.
»Er war am Verhungern«, sagte er leise.
Tessa warf einen Blick auf Jonah, der immer noch friedlich in seiner Krippe schlief. «Genau wie unser Kleiner«, murmelte sie.
Als das Fläschchen leer war, das Baby einen kleinen, zufriedenen Seufzer von sich gab und seine Augenlider vor Erschöpfung flatterten, sah Tessa Sam an. »Jonahs Krippe ist groß genug für zwei«, sagte sie zögernd.
Sam zögerte, aber nur einen Moment lang. Dann nickte er. «Lass es uns versuchen.«
Vorsichtig gingen sie zu der Krippe, in welcher Jonah schlief, dessen kleine Brust sich mit tiefen, gleichmäßigen Atemzügen hob und senkte. Tessa hockte sich hin und legte das pelzige Baby mit der gleichen Behutsamkeit neben ihn, die sie auch Jonah in seiner ersten Nacht zu Hause hatte zuteil werden lassen. Das kleine Katzenbaby zuckte bei der Veränderung der Umgebung leicht zusammen, aber dann…
Jonah regte sich, sein winziges Gesicht verzog sich, wie es Neugeborene tun, bevor sie sich wieder beruhigten. Seine kleinen Hände streckten sich im Schlaf instinktiv aus und berührten den weichen Arm des pelzigen Babys. Und zum Erstaunen beider Eltern gab das Katzenbaby ein kleines, verschlafenes Zirpen von sich und kroch näher heran.
Dann, als hätten sie sich schon immer gekannt, drückten sich die beiden Neugeborenen aneinander, Haut an Fell. Jonahs Arm legte sich über den winzigen Körper des Katzenbabys, während sich dessen flauschiger Schwanz schützend um Jonahs Beine wickelte.
Tessa schlug sich eine Hand vor den Mund, ihre Augen schimmerten. Sam griff nach ihrer freien Hand und drückte sie fest.
«Sie… sie haben einfach…« Sam brach ab und schüttelte erstaunt den Kopf.
«Sie gehören zusammen«, flüsterte Tessa.
Und in diesem Moment schmolz die letzte Unsicherheit dahin. Was auch immer dieses seltsame, wunderschöne Baby an ihre Türschwelle gebracht hatte, eines war klar – es gehörte jetzt zu ihnen, genauso wie Jonah.
Eine vierköpfige Familie.
 
Der Ruf nach Verstärkung
 
Sam holte tief Luft bevor er wählte. Er hatte keine Ahnung, wie er erklären sollte, was gerade in ihr Leben getreten war, aber wenn es jemanden gab, der helfen konnte, dann war es Harry Jones. Ihr Nachbar war ein im Ort sehr beliebter Kinderarzt, und seine Frau Sandra arbeitete für das Jugendamt – zwei Leute, die auf dem Papier genau wissen sollten, was in einer solchen Situation zu tun war.
Wenn es dafür überhaupt ein Protokoll gab.
»Sam? Es ist schon spät. Ist alles in Ordnung?« In Harrys Stimme schwang Sorge mit.
«Äh … ja. Irgendwie schon«, sagte Sam und rieb sich mit der Hand über das Gesicht. »Hör mal, Harry, ich weiß, das klingt jetzt verrückt, aber kannst du mit Sandra vorbeikommen? Jetzt gleich?«
Es gab eine Pause. Dann: «Ist es Jonah? Ist er krank?«
«Nein, Jonah geht es gut. Es ist nur… Wir haben noch ein Baby gefunden.«
Wieder eine Pause. Diesmal länger. Dann ein vorsichtiges «Noch ein Baby?«
Sam seufzte. »Komm einfach rüber, Harry. Bitte. Und bring Sandra mit.«
Fünfzehn Minuten später ertönte ein scharfes Klopfen an der Haustür. Sam öffnete die Tür und sah Harry und Sandra auf der Veranda stehen, in Mäntel gehüllt und mit verwirrten Gesichtern.
»Was genau meinst du mit ›Noch ein Baby‹«, fragte Sandra und trat ein.
Tessa, die im Wohnzimmer stand, zeigte  auf die Krippe. »Ich glaube ihr solltet es euch selbst ansehen.«
Das Paar folgte ihrem Blick und erstarrte.
Harry stieß einen scharfen Atemzug aus. Sandra schnappte tatsächlich nach Luft, eine Hand flog zu ihrem Mund.
Das kleine, sehr menschliche Katzenbaby lag zusammengerollt neben Jonah, sein kleiner Brustkorb hob und senkte sich mit tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Jonah hatte sich im Schlaf bewegt und sich eng an die Wärme seines ungewöhnlichen Bettgenossen geschmiegt, ihre winzigen Körper schmiegten sich in perfekter, instinktiver Behaglichkeit aneinander. Der flauschige Schwanz des Katzenbabys hatte sich kuschelig um Jonahs nackte Beinchen geschlungen.
»Mein Gott«, flüsterte Harry.
Sandra blinzelte schnell, als ob sie erwartete, dass sich die Szene ändern würde, wenn sie sich nur neu konzentrierte. «Das ist … das ist nicht möglich.«
Und doch lagen die Beweise direkt vor ihnen.
Vorsichtig trat Harry näher und schaute auf den schlafenden Säugling hinunter. Er berührte ihn nicht, beobachtete ihn nur, während sein ärztlicher Verstand bereits jedes Detail verarbeitete.
»Das Gesicht ist völlig menschlich«, murmelte er und legte den Kopf schief. »Und der Körper größtenteils auch. Gleiche Struktur, gleiche Proportionen.«
Tessa und Sam beobachteten besorgt, wie Harry seine ruhige Beurteilung fortsetzte.
«Hände und Füße sind auch menschlich«, bemerkte er und verengte die Augen leicht. »Obwohl…«
Er hielt inne als das Baby sich bewegte und im Schlaf eine kleine Hand ausstreckte. Anstelle von Fingernägeln waren die kleinen Finger mit kurzem, weichem Fell bedeckt. Aber dann – nur für einen Sekundenbruchteil – schoben sich kleine violette Krallen aus den Fingerspitzen, bevor sie sich wieder zurückzogen.
Harry atmete heftig aus. »Nun, das ist neu.«
Sandra, die immer noch ungläubig starrte, murmelte »Das ist eine Untertreibung.«
Harry drehte sich zu Sam und Tessa um, sein Gesichtsausdruck lag zwischen fassungslos und fasziniert. »Er ist größtenteils menschlich«, stellte er fest. »Mit einigen … süßen Kätzchen-Extras.«
Sam blinzelte. »Das ist deine medizinische Meinung?«
Harry lachte kurz auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Was willst du von mir hören, Sam? Genetisch gesehen, sollte das nicht möglich sein. Und doch ist er hier, vollkommen gesund. Nur … anders.«
Tessa, die ängstlich mit den Händen gerungen hatte, atmete erleichtert aus. »Es geht ihm also gut? Er hat keine Schmerzen? Er ist nicht krank?«
»Soweit ich das beurteilen kann, nicht«, versicherte Harry ihr. »Er sieht genau so gesund aus wie Jonah. Er ist warm, er atmet gleichmäßig, und er ist eindeutig schon mit Jonah verbunden.« Er deutete auf die Krippe, wo der Schwanz des Katzenbabys noch immer fest um Sam und Tessas menschlichen Sohn gewickelt war. »Was auch immer er ist, er ist nur ein Baby. Ein Neugeborenes, höchstens ein paar Tage alt.«
Sandra fand endlich ihre Stimme wieder. »Aber wo kommt er denn her?«, fragte sie und schaute zwischen ihnen hin und her. »Hat ihn jemand einfach … draußen in der Kälte zurückgelassen?«
Sam und Tessa tauschten einen unruhigen Blick aus. Das war die eine Frage, auf die sie noch keine Antwort hatten.
»Das wissen wir nicht«, gab Sam zu. »Ich habe ihn auf der Türschwelle gefunden.«
Sandra schürzte die Lippen, ihr beruflicher Instinkt meldete sich. »Normalerweise wäre das etwas, womit sich das Jugendamt befassen müsste«, sagte sie langsam. »Aber … so etwas habe ich noch nie gesehen.«
Tessa schluckte schwer. »Du wirst ihn doch nicht mitnehmen, oder?«
Sandra zögerte. »Nun … technisch gesehen wurde er ausgesetzt und ich müsste ihn in Obhut nehmen. Aber…« Sie betrachtete die schlafenden Jungen, wie sie sich ganz natürlich aneinander klammerten, als wären sie nie getrennt gewesen. Dann begegnete sie Tessas verzweifeltem Blick und wurde weicher. »Ich glaube nicht, dass es richtig wäre sie zu trennen.«
Harry verschränkte die Arme und nickte. »Sie scheinen schon wie Brüder zu sein.«
Eine Stille legte sich über den Raum, als jeder verstand, was das bedeutete.
Dann räusperte sich Sam und stellte sich ein wenig aufrechter hin. »Dann behalten wir ihn.«
Tessa griff nach seiner Hand und drückte sie fest. »Wir behalten ihn.«
Harry und Sandra tauschten einen Blick aus – halb ungläubig, halb bewundernd.
Sandra atmete aus und schüttelte mit einem schiefen Lächeln den Kopf. »Tja. Sieht so aus, als wäre eure Familie gerade ein bisschen größer geworden.«
 
Die ersten Herausforderungen
 
Als die Tür hinter Harry und Sandra zufiel, atmeten Sam und Tessa gemeinsam aus, aber das Gewicht dessen was ihnen nun bevorstand lastete auf ihren Schultern. Sie blickten einander an, dann zur Krippe, in der ihre beiden kleinen Jungen noch immer fest schliefen und sich aneinander schmiegten, als wären sie schon immer zusammen gewesen.
Sam atmete tief durch. »Nun … ich denke, wir sollten sie für die Nacht fertig machen.«
Tessa nickte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ja. Aber, äh … ich habe das Gefühl, dass das interessant wird.«
Und das wurde es auch.
Der Windeldienst für ein Neugeborenes war schon eine Sache die gelernt sein wollte, aber für ein Neugeborenes mit Fell und Schwanz? Das war eine ganz neue Herausforderung.
Das erste Problem stellte sich fast sofort ein.
»Ich kann nicht einmal sagen, ob die Windel eng genug anliegt, wenn all das Fell im Weg ist«, murmelte Sam und kämpfte darum, die winzigen Laschen zu schließen, ohne zu viel weichen lila Flaum zu erwischen.
»Und der Schwanz«, seufzte Tessa und rieb sich die Schläfe. »Was machen wir mit dem Schwanz?«
Wie als Reaktion darauf zuckte der Schwanz des Katzenbabys und zuckte aus der Windel, sobald sie dachten, sie hätten ihn gesichert. Egal, wie sie es versuchten, er schien immer einen Weg in die Freiheit zu finden.
»Okay, neue Strategie«, erklärte Sam. Er hielt das flauschige Schwänzchen sanft zur Seite, während Tessa die Windel um es herum anlegte und gerade so viel Platz ließ, dass es nicht eingeklemmt wurde.
»So.« Sie trat zurück, die Hände in die Hüften gestemmt. »Das sollte genügen.«
In dem Moment, in dem sie losließ, zuckte der Schwanz erneut und glitt aus der Windel.
Sam stöhnte auf. »Ach, komm schon.«
Tessa seufzte, doch dann bemerkte sie das schelmische Zucken des kleinen Schwanzes und tauschte einen Blick mit Sam.
»Dieses Kind wird Probleme machen«, murmelte sie, aber es lag Zärtlichkeit in ihrer Stimme.
Sam gluckste. »Ja. Aber das tut Jonah auch. Wir werden es überleben.«
Die zweite Herausforderung kam, als es darum ging, den Neuankömmling zu säubern. Ein winziges Neugeborenes zu baden war schon immer schwierig, aber dieses hier hatte Fell.
Tessa strich mit einem warmen Waschlappen sanft über die Arme des Katzenbabys und achtete darauf, es nicht zu erschrecken. »Wir müssen herausfinden, ob er überhaupt richtige Bäder braucht oder ob wir ihn nur mit einem weichen Waschlappen säubern.
Sam runzelte die Stirn. »Mögen Katzen überhaupt Wasser?«
Tessa schnaubte. »Das werden wir wohl bald herausfinden.«
Das Baby gab ein winziges, zufriedenes Zirpen von sich, als sie es säuberten, und trotz der Schwierigkeiten brachte der Anblick beide Eltern zum Schmelzen.
Schließlich – endlich – waren beide Jungen sauber, gefüttert und ordentlich gewickelt. Sie legten sie nebeneinander in die Krippe. Jonah kuschelte sich instinktiv wieder an seinen neuen Bruder, der seinerseits im Schlaf ein leises Schnurren von sich gab und seinen Schwanz um Jonahs Körper schlang.
Sam und Tessa schauten auf sie hinab, Erschöpfung machte sich breit, aber auch etwas Tieferes. Etwas Wärmeres.
Liebe.
Sie zogen sich leise zurück, gingen zur Couch und ließen sich mit einem gemeinsamen Seufzer in die Kissen sinken.
Zum ersten Mal an diesem Abend herrschte Ruhe.
Tessa lehnte ihren Kopf an Sams Schulter. »Also … was jetzt?«
Sam stieß ein leises Glucksen aus. »Das ist die Millionen-Dollar-Frage, nicht wahr?«
Tessa bewegte sich und sah zu ihm auf. »Ich meine es ernst, Sam. Was bedeutet das für uns? Für ihn?« Sie warf einen Blick auf die Wiege, in der die beiden kleinen Jungen ineinander verschlungen lagen. »Was, wenn … was, wenn jemand nach ihm sucht? Was, wenn er nicht … von hier ist? Was ist, wenn wir ihn nicht beschützen können?«
Sam schwieg einen langen Moment, seine Finger fuhren griffen die Hand seiner Frau.
Dann sagte er schließlich »Wir werden es herausfinden. Gemeinsam.«
Tessa suchte in seinem Gesicht nach einem Zögern, aber es gab keines.
Ein langsames Lächeln umspielte ihre Lippen. »Zusammen.«
Eine kleine, zufriedene Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
Dann stupste Tessa Sam an. »Wir brauchen einen Namen.«
Sam brummte und überlegte. »Was ist mit Felix?«
Tessa blinzelte, dann legte sie den Kopf schief.
»Felix. Wie in ›der Glückliche‹«?
Sam nickte. »Ich meine … er tauchte auf unserer Türschwelle auf, mitten in einer eiskalten Nacht, ganz allein. Und jetzt hat er uns.« Er warf einen Blick auf den Stubenwagen, ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. »Und Jonah.«
Tessa dachte darüber nach. Dann nickte sie.
»Felix«, flüsterte sie. Sie streckte die Hand aus und strich mit ihren Fingern sanft über das weiche Fell des schlafenden Jungen. »Das passt zu ihm.«
Sam schlang einen Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe. »Dann ist es abgemacht.«
Felix Watson.
Ihr Sohn.
Was auch immer für Herausforderungen auf sie zukommen würden, sie würden sie gemeinsam bewältigen.
 
Und so fing es an
 
Die folgenden Jahre waren wie ein Wirbelwind – herausfordernd, chaotisch, manchmal beängstigend, aber immer voller Liebe. Von dem Moment an, als sie beschlossen hatten, Felix als ihr eigenes Kind zu behalten, wussten Sam und Tessa, dass ihr Leben nie wieder normal sein würde. Aber sie hatten unterschätzt, wie sehr die Dinge NICHT normal werden würden.
 
Die Wissenschaftler
 
Felix‘ Existenz war etwas, auf das die Welt noch nicht vorbereitet war. Es dauerte nicht lange, bis sich die Nachricht verbreitete – sei es durch Geflüster in der kleinen Stadt oder durch eine anonyme Meldung von jemandem aus dem Jugendamt. Zuerst klopften Wissenschaftler an, manche höflich, manche aufdringlich, aber alle mit dem gleichen Ziel: Sie wollten Felix studieren.
Einige bezeichneten es als Neugierde, als Streben nach Wissen. Andere waren direkter und behandelten ihn eher wie eine Anomalie als wie ein Kind.
»Er könnte der Schlüssel zum Verständnis genetischer Mutationen sein«, hatte ein Forscher mit leuchtenden Augen und ungebremstem Ehrgeiz gesagt. »Mit ein paar Tests könnten wir…«
»Er ist ein Kind, keine Laborratte«, hatte Tessa gesagt, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.
Aber sie hörten nicht auf. Einige schickten Briefe, andere versuchten, sich an das Gesetz zu wenden, und einmal erwischte Sam in einem Schreckensmoment einen Mann in einem weißen Mantel, der vor ihrem Haus lauerte und sie durch die Fenster beobachtete.
Danach installierten sie Kameras, verstärkten die Schlösser und machten deutlich, dass jeder, der Felix entführen wollte, an ihnen vorbei musste.
Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, kamen noch…
 
Die religiösen Eiferer
 
Nicht jeder sah in Felix ein wissenschaftliches Wunderwerk. Einige sahen ihn als etwas ganz anderes.
Sie tauchten zum ersten Mal auf, als Felix etwa zwei Jahre alt war, und standen vor ihrem Haus mit Schildern, auf denen zu lesen war:
»Eine Abscheulichkeit!«
»Eine Prüfung Gottes!«
»Dämonenkind!«
Eine Frau hatte geschrien »Man sollte das Ding rauswerfen! Es ist kein Mensch! Es ist eine List des Teufels!«
Sam hatte sich gerade noch davon abhalten können, den Mann neben ihr auf seinen geifernden Mund zu schlagen.
Tessa, immer die Ruhigere von beiden, war standhaft geblieben und hatte Felix, der keine Ahnung hatte, was vor sich ging, fest in die Arme genommen. »Er ist nur ein kleiner Junge«, hatte sie kalt gesagt. »Und ihr solltet euch schämen.«
Die Menge zog schließlich ab, aber die Drohungen kamen und gingen im Laufe der Jahre. Sie mussten vorsichtig sein, immer.
Aber trotz der Drohungen, der Blicke und des Geflüsters hatte sich Felix gut entwickelt.
 
Die Jungs fangen an zu sprechen
 
Trotz all ihrer Befürchtungen gab es eine Sache, die sie freudig überraschte: Felix hatte keine Schwierigkeiten, sprechen zu lernen.
Als er drei Jahre alt war, plapperte er bereits mit Jonah um die Wette und hielt mit dem rasanten Kleinkindgebrabbel seines Bruders mit, als wäre er dazu geboren worden. Seine Stimme klang etwas rauer, fast wie ein leises Schnurren unter seinen Worten, aber ansonsten war er nicht anders als jedes andere Kind.
Nun … abgesehen von der Tatsache, dass er auch miauen, zwitschern und schnurren konnte.
Und was noch lustiger war? Jonah hatte es auch aufgeschnappt.
Eines Tages kamen Sam und Tessa ins Spielzimmer und fanden ihre beiden Söhne im Schneidersitz vor, wie sie sich gegenseitig anmiauten.
Zuerst dachten sie, es handele sich nur um eine spielerische Nachahmung – bis sie merkten, dass die Unterhaltung strukturiert war.
Jonah miaute. Felix zwitscherte zurück. Jonah schnalzte mit der Zunge, als würde er das Trillern einer Katze imitieren. Felix antwortete mit einer Reihe von schnellen, hohen Tönen, und Jonah nickte, als hätte er verstanden.
»Oh mein Gott«, hatte Tessa gehaucht und sich eine Hand auf den Mund gelegt, um nicht zu lachen. »Sie haben eine Geheimsprache.«
Sam stöhnte und rieb sich das Gesicht. »Wir sind verdammt.«
Felix, der amüsiert mit den Ohren zuckte, drehte sich um und schenkte ihnen ein unverkennbar selbstgefälliges Katzengrinsen.
Von da an wurde es ihr Ding. Wann immer die Jungs unter vier Augen reden wollten, wechselten sie zum Miauen, Zwitschern und Schnurren – direkt vor den Augen ihrer Eltern.
Sam brummte immer »Englisch, Jungs. Wir sprechen Englisch in diesem Haus.«
Felix grinste. Jonah kicherte. Und in dem Moment, in dem Sam den Raum verließ, kehrten sie zu ihrem heimlichen Katzentalk zurück.
Tessa war hochgradig amüsiert.
Sam hatte sich damit abgefunden, dass seine Kinder jetzt Katze sprachen.
 
Eine Familie, egal was kommt
 
Obwohl die Außenwelt versuchte, sie auseinanderzureißen, obwohl Wissenschaftler, Eiferer und die Gesellschaft Felix nicht verstanden, war er in ihrem Haus einfach Felix.
Jonahs Bruder. Ihr Sohn. Ein kleiner Junge, der warme Decken liebte, der sich an sonnigen Flecken zusammenrollte und ein Nickerchen machte, der das Licht eines Laserpointers verfolgte und auf alles kletterte, was er dafür als geeignet empfand.
Und Sam und Tessa?
Sie liebten ihn. Heftig, ganz und gar, ohne zu zögern.
Was auch immer als Nächstes kommen mochte, eines wussten sie ganz sicher:
Felix gehörte zu ihnen.
Und sie würden ihn beschützen – immer.
 
Die große Schulrebellion
 
Der Tag, an dem der Schulleiter beschloss, Jonah und Felix in verschiedene Klassen aufzuteilen, war der Tag, an dem er den größten Fehler seiner Karriere machte.
Zuerst hatten Sam und Tessa versucht, mit ihm zu reden.
»Das ist das übliche Verfahren«, hatte Direktor Dawson mit einer abweisenden Handbewegung gesagt. »Zwillinge, Geschwister – wir trennen sie, damit sie ihre eigene Identität entwickeln können.«
Tessa hatte geseufzt. »Sie sind keine Zwillinge, Mr. Dawson. Aber sie sind auf eine Weise miteinander verbunden, die sich von der anderer Geschwister unterscheidet.«
»Es wird ihnen gut tun«, hatte der Direktor betont. »Kinder sind anpassungsfähig.«
Sam hatte einen wissenden Blick mit seiner Frau ausgetauscht. »Sie kennen unsere Jungs nicht.«
 
Tag eins: Chaos entfesselt
 
Am Ende des ersten Tages hatten sowohl Felix als auch Jonah ihren Standpunkt laut und deutlich dargelegt.
Jonah – normalerweise lieb, freundlich und kooperativ – hatte sich strikt geweigert, an den Klassenaktivitäten teilzunehmen. Als seine Lehrerin ihn aufforderte, laut zu lesen, miaute er stattdessen. Als man ihn aufforderte, eine Mathefrage zu beantworten, zwitscherte er.
Felix hingegen hatte einen direkteren Ansatz gewählt.
Egal, wie oft sein Lehrer versuchten, ihn auf seinem Platz zu halten, er entkam. Jedes Mal, wenn ihm jemand den Rücken zudrehte, verschwand Felix – nur um kurz darauf in Jonahs Klassenzimmer auf dessen Schreibtisch zu sitzen und selbstgefällig zu schnurren.
Sie hatten ihn aus Jonahs Klassenzimmer entfernt.
Er kam zurück.
Sie hatten versucht, die Klassenzimmertüren zu verschließen.
Felix kroch durch die Lüftungsschächte.
Sie hatten versucht, ihn in das Büro des Direktors zu sperren.
Er setzte sich auf den Schreibtisch des Direktors, rollte sich zusammen wie eine Hauskatze und machte ein Nickerchen.
Beim Mittagessen saßen die Brüder nicht auf den ihnen zugewiesenen Plätzen, sondern aßen gemeinsam unter dem Tisch und schnippten ihr Essen auf jeden, der versuchte, sie zu trennen.
Am Ende des Tages hatten drei Lehrer einen Nervenzusammenbruch erlitten.
Der Schulleiter berief eine Krisensitzung ein.
 
Tag zwei: Die Pattsituation
 
Die Lehrer hatten noch einen weiteren Tag versucht, die beiden zu trennen.
Sie waren gescheitert.
Jonah weigerte sich, irgendetwas ohne Felix zu tun. Felix verwandelte jede Unterrichtsstunde in eine taktische Mission, um seinen Bruder wiederzufinden.
Gegen Mittag hatten die Lehrer aufgegeben. Der Direktor warf die Hände in die Luft und gab schließlich nach.
»Sie sind ab sofort in der gleichen Klasse«, hatte er gestöhnt. »Bitte, um Himmels willen, lasst uns doch einen normalen Schultag haben!«
Felix und Jonah hatten einen siegreichen Blick ausgetauscht, und ihre Schwänze – nun ja, Felix‘ Schwanz – hatte vor Zufriedenheit wild gezuckt.
Von diesem Tag an waren die beiden nicht mehr voneinander getrennt. Wo der eine war, war auch der andere.
 
Akademisch unaufhaltsam
 
Wenn die Lehrer erwartet hatten, dass die Jungen für immer Unruhestifter sein würden, dann erwartete sie ein Schock.
Am Ende der ersten Klasse waren Felix und Jonah die Besten in der Klasse. In der zweiten Klasse wetteiferten sie um den ersten Platz.
Es wurde schnell klar, dass der Versuch die beiden voneinander zu trennen das kleinere Problem gewesen war. Jetzt ging es darum, mit ihrem Lerneifer mitzuhalten!
Jonah verfügte über einen scharfen, logischen Verstand und war ein hervorragender Mathematiker und Problemlöser. Felix hingegen hatte ein unglaubliches Gedächtnis und ein fast intuitives Verständnis für Wissenschaft und Muster. Sie hatten sich gegenseitig immer wieder herausgefordert und angetrieben, besser zu werden.
Als sie die dritte Klasse erreichten, hatten die Lehrer aufgehört, sie getrennt zu bewerten, denn jedes Mal, wenn einer von ihnen zum besten Schüler erkoren wurde, holte der andere innerhalb weniger Tage auf.
Es war kein Wettbewerb zwischen ihnen. Es war eine Synergie.
Der einzige Ort, an dem Jonah nicht ganz mithalten konnte?
 
Sport: Die Katze überflügelt den Menschen
 
Egal, wie sehr sich Jonah auch anstrengte, er konnte Felix bei körperlichen Aktivitäten einfach nicht schlagen.
Felix war schneller, wendiger und konnte in unglaubliche Höhen springen. Während Jonah für einen Menschen gut laufen konnte, konnte Felix wie ein Panther rennen.
Hindernisparcours? Felix erklomm Wände wie ein Profi.
Weite Sprünge? Felix schwebte regelrecht über den Boden.
Fangen spielen? Felix war ungreifbar.
Zuerst versuchte Jonah, mitzuhalten – er gab sich immer mehr Mühe, um nicht zurückzubleiben. Aber je mehr er sich anstrengte, desto mehr wurde ihm etwas klar.
Felix hatte sich von ihm nicht nur nicht einholen lassen, er hatte trotzdem immer auf ihn aufgepasst.
Wenn Jonah auf einen Baum kletterte, kletterte Felix neben ihm.
Wenn Jonah zu schnell lief und stolperte, war Felix sofort zur Stelle und fing ihn auf.
Wenn Jonah versuchte, aus zu großer Höhe zu springen, blockierte Felix ihn und schüttelte den Kopf.
 
»Du bist nicht dafür gemacht«, sagte Felix und wedelte mit seinem flauschigen Schwanz. »Du wirst dich verletzen.«
»Aber du machst das doch ständig«, schmollte Jonah.
Felix grinste. »Ja, aber ich lande auf meinen Füßen.«
Jonah schnaubte. »Ich kann auch auf meinen Füßen landen!«
Felix warf ihm einen leicht mitleidigen Blick zu. »Nein. Das kannst du nicht.«
Jonah hatte es trotzdem versucht.
Jonah war gefallen.
Felix hatte ihn aufgefangen.
»Siehst du?« hatte Felix gegrinst.
Jonah hatte gemurrt, aber er konnte nicht wirklich wütend sein.
Denn egal, wie oft er versuchte, über seine Grenzen zu gehen, Felix ließ ihn nie fallen.
Als sie die fünfte Klasse erreichten, hatte die Welt aufgehört, ihre Verbindung in Frage zu stellen.
Es war eine einfache Tatsache: Felix und Jonah waren immer zusammen.
Zwei Köpfe, ein Team.
Zwei Brüder, ein unzertrennliches Band.
Zwei Jungs, eine unaufhaltsame Kraft.
Und wenn die Welt das nicht verkraften würde?
Dann war das das Problem der Welt.
 
Der letzte Versuch, Felix Watson einzufangen
 
Sie dachten, dass es einfach sein würde.
Felix Watson war erst zehn Jahre alt. Ein Kind. Klein und schnell, sicher – aber dennoch ein Kind. Und Kinder? Sie waren leicht zu fangen.
Der Plan war einfach. Ihn nach der Schule schnappen, in einen Lieferwagen werfen und verschwinden. Irgendjemand da draußen – ein reicher Freak, ein Sammler aus dem Untergrund, ein verzweifelter Wissenschaftler – würde Millionen für einen Jungen zahlen, der halb Katze, halb Mensch war.
Felix war wertvoll.
Sie hätten nie erwartet, dass er gefährlich sein könnte – und dass ihm sein Bruder in nichts nachstand.
Und das? Das war ihr größter Fehler.
 
Die Attacke
 
Es geschah an einem ruhigen Herbstnachmittag. Felix und Jonah waren auf dem Heimweg von der Schule, wie immer nebeneinander.
Sie bemerkten nicht, wie sich der Lieferwagen hinter ihnen anschlich, aber Felix‘ Ohren zuckten.
Irgendetwas war falsch.
Bevor er Jonah warnen konnte, öffneten sich die Türen.
Drei Männer stürzten sich auf sie. Schnell. Koordiniert.
Die Hände packten Felix‘ Arme und zerrten ihn zurück. Ein anderer Mann stürzte sich auf Jonah und versuchte, ihn zur Seite zu schieben.
Eine Sekunde lang – nur den Bruchteil einer Sekunde – stieg in Felix die Panik auf.
Dann der Instinkt.
Felix schrie nicht. Er schlug nicht unkoordiniert um sich.
Er griff an.
Seine Krallen waren nicht nur Dekoration.
Mit einem wilden Knurren holte Felix aus.
Seine Krallen – klein, aber rasiermesserscharf – rissen durch das Gesicht des ersten Angreifers wie ein Messer durch Papier.
Ein Wisch.
Ein Schrei.
Blut spritzte. Der Mann taumelte zurück und hielt sich das Gesicht. Seine Augen – weg. Felix hatte ihn mit einem Hieb geblendet.
Der zweite Mann zögerte – ein Fehler.
Felix sprang und drehte sich in der Luft wie eine Wildkatze. Seine Krallen bohrten sich erneut ins Fleisch und rissen tiefe Wunden.
Der zweite Angreifer fiel zurück, die Hände flogen zu seinem zerstörten Gesicht, Blut floss zwischen seinen Fingern hervor.
Auch er würde nie wieder sehen können.
Der dritte Mann – betäubt. Wie eingefroren.
Zu langsam.
Felix wirbelte herum und peitschte mit dem Schwanz. Seine Augen funkelten wild, tödlich. Seine Krallen tropften rot.
Der dritte Mann taumelte nach hinten. »W-was zum Teufel-«
Und auch Jonah war nicht nur ein Zuschauer gewesen.
Einer der Männer hatte sein Messer fallen lassen, als Felix sein Gesicht in rohes Fleisch verwandelt hatte.
Jonah schnappte es sich.
Keine Krallen? Na und?
Jonah stieß die Klinge in das Bein des letzten Angreifers – tief und präzise.
Der Mann schrie auf und brach zusammen.
Jonah ließ nicht los. Er drehte das Messer und traf dabei eine Arterie. Blut strömte.
Der Angreifer schrie noch lauter.
Felix drehte sich mit großen Augen zu Jonah. »Du…«
Jonah keuchte, war blass, aber standfest. Seine Hand war mit Blut bedeckt.
Felix blinzelte. Dann grinste er.
»Gute Arbeit«, murmelte er.
Jonah schnaubte. »Du bist nicht der Einzige, der kämpfen kann.«
Das war das Ende des Kampfes.
Die letzten beiden Entführer?
Sie sahen, wie sich ihre Gefährten vor Schmerzen am Boden wanden – schreiend, blutend, blind.
Sie sahen, wie Felix wie ein verdammtes Dschungelraubtier das Blut von seinen Krallen leckte.
Sie sahen Jonah, der das Messer noch immer in der Hand hielt, bereit, erneut zuzuschlagen.
Und sie zerbrachen.
Sie sanken auf die Knie, die Hände nach oben.
»W…Wir geben auf!«
Sie versuchten nicht einmal zu fliehen.
Auch nicht als die Sirenen des Sheriffs ertönten.
 
Das Ergebnis
 
Als der Sheriff eintraf, bot sich ihm ein Bild des Grauens.
Vier Männer. Blutend. Schreiend.
Zwei von ihnen blind auf Lebenszeit.
Einer konnte gerade noch vom Notarzt vor dem Verbluten gerettet werden.
Zwei andere zitternd, weinend, sich kampflos ergebend.
Und das Zentrum des Ganzen?
Zwei zehnjährige Jungen.
Einer hielt immer noch ein blutverschmiertes Messer in der Hand.
Der andere schnippte in aller Ruhe das Blut von seinen Krallen.
Der Sheriff – ein harter Mann, Ex-Militär – sah sich die Szene an und blickte dann zu Felix und Jonah.
Felix blinzelte zu ihm auf und zuckte mit dem Schwanz. »Sie haben versucht, mich zu entführen.«
Jonah verschränkte die Arme. »Wir haben sie aufgehalten.«
Der Sheriff atmete langsam aus. »Ja, Jungs. Das habt ihr.«
Er sah sich das absolute Massaker an, das die Brüder hinterlassen hatten.
Und er wusste: Niemand würde diesen Fehler jemals wiederholen.
Felix Watson war keine Beute.
Er war ein Raubtier.
Und Jonah? Wenn es darum ging, seinen Bruder zu beschützen, war er mindestens genauso mutig und entschlossen wie dieser.
Und dies war der letzte Versuch gewesen Felix zu entführen.
 
Die Nachwehen: Furcht und Freiheit
 
Keiner hatte es je wieder versucht.
Nicht nach dem Blutbad, das Felix und Jonah hinterlassen hatten.
Die Stadt flüsterte wochenlang darüber. Der Staatsanwalt hatte nie Anklage gegen die Jungs erhoben – wieso sollte er das auch? Es waren nur Kinder, die sich selbst verteidigt hatten. Und die Angreifer? Kriminelle. Ungeheuer. Kidnapper.
Der Gerechtigkeit war Genüge getan worden, wild und brutal.
Doch während es niemand mehr wagte, den Jungen etwas anzutun, änderte sich etwas anderes.
 
Die Furcht der Stadt
 
Die Menschen sahen sie mit anderen Augen.
Erwachsene, die sie früher im Vorbeigehen angelächelt hatten, hielten nun Abstand.
Eltern flüsterten in gedämpftem Ton.
Den Kindern wurde gesagt »Haltet euch von den Watson-Jungs fern«.
Sogar die Lehrer wurden zögerlich und misstrauisch.
Felix war schon immer anders gewesen. Der Halbkatzenjunge. Der Sonderling.
Jetzt?
Jetzt war er gefährlich.
Und Jonah, der einst als der »Normale« galt, als Brücke zwischen Felix und dem Rest der Welt, war nun ebenso gefürchtet.
»Er hat den Mann erstochen.«
»Er ist genauso schlimm wie sein Bruder.«
»Sie sind Tiere, alle beide.«
Jonah lachte darüber.
Felix? Er zuckte nur mit den Schultern.
Sie hatten ohnehin nie wirklich dazugehört.
Sie hatten sich gegenseitig.
Sie hatten ihre Eltern.
Das war genug.
Andere Kinder sprachen noch mit ihnen, aber immer mit Abstand. Keiner wagte es, ihnen zu nahe zu kommen.
Nun ja – bis auf ein paar wenige.
 
Ihre »lockeren Freunde« blieben in der Nähe, obwohl selbst sie das Band zwischen den Brüdern nicht ganz verstanden.
Sie versuchten, Jonah einzuladen – ohne Felix.
Sie versuchten, mit Felix zu sprechen – ohne Jonah.
Es hatte nie funktioniert.
Denn wo der eine war, war auch der andere. Immer.
Sie gingen gemeinsam zur Schule.
Sie gingen gemeinsam essen.
Sie lernten gemeinsam.
Sie schliefen sogar noch im selben Bett.
Ihre Eltern hatten es schon lange aufgegeben, sie nachts zu trennen.
Tessa hatte einmal gefragt »Werdet ihr zwei nicht ein bisschen zu alt dafür?«
Jonah hatte nur die Achseln gezuckt. »Felix wird es ohne mich kalt.«
Felix hatte mit dem Schwanz geschnippt und hinzugefügt »Johnas Bett ist weicher.«
Sam hatte darüber gemeckert, dass es dieselbe verdammte Matratze war, aber am Ende ließen er und Tessa es gut sein.
Die Brüder waren unzertrennlich. Punkt.
 
Ärger im Krankenhaus
 
Als die Brüder zwölf Jahre alt waren platzte Jonahs Blinddarm.
Felix war entsetzt.
Jonah hatte noch nie solche Schmerzen gehabt. Er war noch nie schwach gewesen.
Felix hatte sich während der gesamten Fahrt im Krankenwagen an seine Seite geklammert, seine Krallen hatten sich in die Sitzpolster gegraben, sein Schwanz war vor Angst aufgeplustert.
Kaum war Jonah aus dem OP heraus, zog Felix in sein Krankenzimmer ein.
Und als die Ärzte und Krankenschwestern versuchten, ihn zum Gehen zu bewegen?
Das … war nicht gut gelaufen.
»Du kannst nicht in seinem Krankenhausbett schlafen, junger Mann«, hatte eine Krankenschwester gebrummt.
Felix hatte sie angefaucht.
Jonah, blass, aber grinsend, hatte gemurmelt »Lassen Sie ihn einfach bleiben. Das ist einfacher.«
Felix hatte sich neben Jonah zusammengerollt, den Schwanz schützend über ihn gelegt, und das war das Ende der Diskussion gewesen.
Das Krankenhauspersonal beschwerte sich bei ihren Eltern.
Sam hatte geseufzt. »Wollen Sie wirklich mit ihm darüber streiten?«
Tessa hatte nur süß gelächelt. »Felix hat Krallen, wissen Sie…«
Das Personal hatte aufgegeben.
In der nächsten Woche fungierte Felix als Jona’s persönlicher Pfleger.
Er holte Wasser, bevor Jonah überhaupt fragte.
Er rückte die Kissen mit erstaunlicher Präzision zurecht.
Er wachte über Jonah wie ein Wachhund. Ein miauender, schnurrender und notfalls fauchender Wachhund.
Das einzige Mal, dass Felix von Jonahs Seite wich, war, als er die Ärzte anfauchte, die sie seine Nähte überprüfen wollten.
Jonah hatte durch den Schmerz hindurch gelacht.
»Du bist wie eine überfürsorgliche Katzenmama.«
Felix hatte ihm mit dem Schwanz ins Gesicht geschnippt. »Halt die Klappe und iss deinen Wackelpudding.«
Als Jonah entlassen wurde, hatte das gesamte Krankenhauspersonal eine wertvolle Lektion gelernt:
Versuchen Sie niemals, Felix Watson von seinem Bruder zu trennen.
Brüder, egal was kommt
Die Stadt konnte sie fürchten.
Die Welt mochte sie nicht verstehen.
Aber das war ihnen egal.
Sie hatten sich gegenseitig.
Und das war alles, was sie brauchten.
 
Eine weihnachtliche Rettung
 
Die Nacht war kalt, der frische Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als Felix und Jonah sich auf den Heimweg vom Weihnachtsmarkt machten. Ihre Mägen waren voll von gerösteten Kastanien, süßem Gebäck und heißer Schokolade, und ihr Atem kräuselte sich zu Nebelwolken, während sie darüber lachten, wie Felix fast eine ganze Auslage mit Glasschmuck umgeworfen hatte, nur weil er zu enthusiastisch mit dem Schwanz geschnippt hatte.
»Ich mache das nicht mit Absicht«, schnaufte Felix und leckte sich den letzten Rest einer Zimtrolle von den Fingern. »Die sollten zerbrechliche Sachen nicht so nah an den Rand stellen.«
Jonah grinste. »Du hast einfach eine Vorliebe für glänzende Gegenstände.«
Felix widersprach nicht. Weihnachtsschmuck hatte ihn schon immer fasziniert – wie die Lichter funkelten, die Kugeln den Schein des Kamins reflektierten, das Lametta bei jeder kleinen Bewegung schimmerte. Sam und Tessa hatten ihren Weihnachtsbaum zu Hause schon lange katzensicher gemacht, indem sie den Schmuck hoch oben befestigten, alles Zerbrechliche vermieden und die Girlande fest anbrachten, um »Kletterunfälle« zu vermeiden.
Als die Brüder an den Reihen der geschmückten Häuser vorbeikamen, bewunderte Felix die Lichter, und seine scharfen Augen nahmen jedes winzige Detail wahr – die flackernden Kerzen in den Fenstern, die leuchtenden Rentiere auf den Rasenflächen, die Art, wie der Schnee die bunten Glühbirnen auf den Dächern reflektierte.
Dann erstarrten sie beide.
Eine Rauchsäule kräuselte sich aus einem Fenster im zweiten Stock eines kleinen, aber schön dekorierten Hauses.
Eine Sekunde später – ängstliche Schreie.
»Hilfe! Helft uns!«
Die Brüder sahen sich in die Augen und dann zurück zum Haus.
Am Fenster: zwei Kinder. Ein Junge, vielleicht sechs Jahre alt, der sich verängstigt an den Rahmen klammerte, und ein jüngeres Mädchen, höchstens vier Jahre alt, das weinte, während hinter ihnen Rauch aufstieg.
Und hinter dem Rauch: Flammen.
Das Feuer war überall im Haus.
Es gab keinen Weg nach oben.
Es gab nur die Fassade.
Und Felix hatte das sofort kapiert.
In Blitzesschnelle ließ Felix seinen Mantel fallen, zog seine Schuhe und Socken aus, Krallen glitten aus den Finger- und Zehenspitzen, und Felix stürzte sich auf die Wand.
Jonah hatte kaum Zeit, die Bewegung zu registrieren, als Felix auch schon mit erschreckender Leichtigkeit die Hauswand erklomm.
Im einen Moment stand er noch auf dem Boden. Im nächsten Moment hangelte er am Fenster des zweiten Stocks.
Felix schnappte sich zuerst den kleinen Jungen, während seine scharfen Augen zu dem Mädchen blickten. Sie war zu klein und würde sich nicht an ihm festhalten können – wenn er sie beide auf einmal nahm, könnte er einen von ihnen fallen lassen.
Einer nach dem anderen.
Felix schloss den Jungen fest in seine Arme und kletterte schnell, aber vorsichtig hinunter.
In dem Moment, als er den Boden erreichte, war Jonah schon da und streckte die Hände aus.
Felix legte den Jungen in Jonahs Arme und drehte sich dann sofort um, um wieder nach oben zu klettern.
Jonah sah nach unten – und sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Der kleine Junge atmete nicht.
 
Jonahs Kampf
 
Felix war schon halbem Weg zurück zum Fenster, als Jonah den Jungen mit zitternden Händen in den Schnee legte.
Sein Verstand schaltete auf Autopilot.
Atemwege. Atmung. Herzdruckmassage.
Er hatte das geübt. Ihre Mutter hatte es ihnen beiden beigebracht.
Jonah neigte den Kopf des Jungen, drückte ihm die Nase zu und atmete in seine Lunge.
Keine Reaktion.
Nochmals.
Immer noch nichts.
Jonahs Brust zog sich zusammen. Er drückte nach unten, zählte, wiederholte.
Atme, Junge. Komm schon.
Dann – ein winziges, keuchendes Husten.
Jonah atmete erleichtert auf, als der Junge plötzlich zitternd Luft holte und verwirrt zu ihm aufblinzelte.
»Alles ist in Ordnung«, flüsterte Jonah, seine Stimme war fest vor Rührung. »Du bist in Sicherheit.«
Der Junge klammerte sich an ihn, weinte jetzt, aber er lebte.
 
Felix‘ Rückkehr
 
Felix landete mit katzenhafter Anmut neben ihnen, das kleine Mädchen in seinen Armen. Sie schluchzte, ihre Wangen waren rußverschmiert, aber sie war in Sicherheit.
Jonah schlang seine Arme um beide Kinder, zog sie an sich und wärmte sie mit seinem Körper. Felix ließ sich neben ihm in den Schnee fallen, zog Socken und Schuhe wieder an, dann rollte sich sein Schwanz schützend um die Kleinen.
Die Kinder zitterten und klammerten sich an ihre Retter.
Felix schnurrte leise, ein tiefes, beruhigendes Grollen. »Ihr seid jetzt in Sicherheit«, murmelte er bevor er sich zu seinem Bruder wandte. »Das hast du gut gemacht.«
Jonah wischte dem Jungen den Ruß aus dem Gesicht. »Deiner kleinen Schwester geht es auch gut«, versprach er.
Die Geschwister kuschelten sich wärmesuchend an sie.
Dann: Sirenen.
Als die Feuerwehr und die Krankenwagen anrückten, fanden sie etwas vor, womit sie nicht gerechnet hatten.
Keine schreienden, in Panik geratenen Kinder.
Kein Chaos.
Stattdessen: zwei ruhige, konzentrierte Teenager, die die geretteten Kinder im Schnee umarmten, sie beruhigten und beschützten.
Der Sheriff – derselbe, der sich schon vor Jahren um Felix‘ versuchte Entführung gekümmert hatte – war als Erster vor Ort. Er warf einen Blick auf die Situation, seufzte und murmelte:
»Natürlich seid ihr das.«
Die Feuerwehrleute eilten vorbei und drangen in das Haus ein, um das Feuer einzudämmen. Die Sanitäter untersuchten die Kinder, untersuchten die Brüder, wickelten sie in Decken.
Ein Sanitäter schaute zur Hauswand und blinzelte schockiert.
»Ihr – wie habt ihr überhaupt…«
Jonah grinste nur. »Teamwork.«
Felix, der immer noch schnurrte, um die Kinder zu trösten, zuckte nur mit den Schultern. »Es war der einzige Weg nach oben.«
Der Sheriff kniff sich in den Nasenrücken. »Ihr zwei werdet mir eines Tages einen verdammten Herzinfarkt bescheren.«
Felix grinste. »Heute nicht.«
Als das Feuer gelöscht war, lagen die Brüder halb eingegraben in Decken und tranken heiße Schokolade von den Sanitätern.
Der kleine Junge wollte Jonah nicht loslassen.
Das kleine Mädchen hatte sich auf Felix‘ Schoß zusammengerollt und umklammerte seinen Schwanz wie ein Stofftier.
Jonah und Felix sahen sich nur an.
Ein weiteres Weihnachten. Ein weiterer lebensverändernder Moment.
Man hatte sie gefürchtet.
Sie waren Ausgestoßene.
Sie hatten nie dazugehört.
Aber in diesem Moment spielte das alles keine Rolle.
Denn sie waren genau so, wie sie sein sollten.
Brüder. Beschützer. Helden.
 
Die Helden der Weihnacht
 
Jahrelang hatte die Stadt über Felix und Jonah Watson getuschelt. Manche mit Angst, manche mit Neugier, aber nur wenige mit Verständnis.
Das änderte sich in der Nacht, als sie diese Kinder retteten.
Selbst die hartherzigsten Menschen – diejenigen, die einst die Straße überquert hatten, um ihnen aus dem Weg zu gehen, diejenigen, die ihre Kinder gewarnt hatten, sich fernzuhalten – mussten die Wahrheit zugeben.
Die Watson-Brüder waren Helden.
Ohne sie wäre die Stadt kurz vor Weihnachten mit einer Tragödie aufgewacht. Stattdessen waren zwei kleine Kinder am Leben, in Sicherheit und fest in den Armen ihrer dankbaren Eltern.
Der Bürgermeister verschwendete keine Zeit.
Nur drei Tage später, am Morgen des Heiligen Abends, fand auf dem Marktplatz eine Feier statt. Die halbe Stadt war trotz der eisigen Luft gekommen. Schnee bedeckte den Boden, funkelnde Lichter säumten die Dächer, und im Mittelpunkt standen Felix und Jonah – wie immer Seite an Seite.
Der Bürgermeister stand vor ihnen, und seine Stimme schallte über die versammelte Menge.
»Felix und Jonah Watson«, erklärte er, »ihr habt dieser Stadt gezeigt, wie wahrer Mut aussieht. Wo andere noch gezögert hätten, habt ihr gehandelt. Als es keinen Weg gab, habt ihr einen gefunden. Und wegen euch wurden zwei junge Leben gerettet.«
Die Menge war still – nicht aus Angst, nicht aus Unsicherheit, sondern aus Respekt.
Der Bürgermeister wandte sich ihnen zu und hielt ihnen zwei kleine, aber glänzende Medaillen hin.
»Für eure Tapferkeit, für eure Selbstlosigkeit und dafür, dass ihr bewiesen habt, dass es viele Arten von Heldentum gibt, ist es mir eine Ehre, euch beide zu Ehrenbürgern zu ernennen.«
Er legte die Medaillen über ihre Köpfe, eine für Jonah, eine für Felix.
Die Stadt brach in Jubel aus.
Zum ersten Mal seit Jahren wurden die Brüder von den Menschen nicht mit Angst oder Misstrauen, sondern mit Bewunderung betrachtet.
Felix, der normalerweise die Aufmerksamkeit abwehrte, lächelte tatsächlich, und sein Schwanz zuckte hinter ihm. Jonah stupste ihn spielerisch an.
»Du genießt das«, murmelte Jonah.
Felix grinste. »Vielleicht ein bisschen.«
Das war noch nicht alles.
Die Geschichte verbreitete sich.
Am Weihnachtsmorgen berichteten die nationalen Nachrichtensender darüber. Videoclips aus Überwachungskameras zeigten Felix, der das Haus erklimmt, Jonah, der im Schnee eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführt, und die beiden, wie sich die geretteten Kinder an sie kuschelten, und liefen im ganzen Land im Fernsehen.
Die Menschen waren voller Ehrfurcht.
»Das sind die Watson-Brüder, die Teenager, die Weihnachten gerettet haben.«
»Halb Katze, halb Junge, aber ein ganzer Held.«
»Diese Brüder beweisen, dass Familie mehr ist als Blut – es ist ein unzerstörbares Band.«
Felix und Jonah interessierten sich jedoch nicht wirklich für die Neuigkeiten.
Denn für sie waren andere Dinge wichtiger.
Als Felix und Jonah bei der Zeremonie in der Menge standen und ihre Medaillen in den Händen hielten, fielen ihre Blicke auf zwei Personen.
Die Eltern der Kinder, die sie gerettet hatten.
Die Mutter weinte, aber dieses Mal aus Freude, nicht aus Angst. Der Vater hatte einen Arm um sie geschlungen und hielt sie fest. Ihre Kinder standen vor ihnen, lebendig, atmend, gesund.
Und das – mehr als der Applaus, mehr als die Medaillen, mehr als die nationale Aufmerksamkeit – war das, was zählte.
Felix und Jonah brauchten keine Helden zu sein. Der Titel war ihnen egal.
Etwas anderes war ihnen wichtig.
Eine Familie, komplett.
Eine Tragödie, verhindert.
Zwei kleine Kinder, die am Weihnachtsmorgen sicher in ihren Betten aufwachen würden.
Und als sie sich umdrehten, sahen sie etwas anderes, das wichtig war.
Ihre Eltern.
Sam und Tessa standen in der Nähe und beobachteten sie mit liebevollen Gesichtern und voller Stolz.
Felix brauchte keinen Katzeninstinkt, um sie zu lesen. Er konnte es in ihren Augen sehen.
Wir lieben euch.
Wir sind sehr, sehr stolz auf euch.
Felix stieß mit seiner Schulter gegen die von Jonah.
»Siehst du das?«, murmelte er.
Jonah lächelte. »Ja. Ich sehe es.«
Sie hatten nie jemand anderen gebraucht.
Nicht die Zustimmung der Stadt.
Nicht die Akzeptanz der Welt.
Sie hatten sich gegenseitig.
Sie hatten ihre Eltern.
Und das?
Das war das, was wirklich zählte.
 
Der Sommer der Veränderung
 
Die Pubertät schlug ein wie ein Blitz.
Im einen Moment waren Felix und Jonah einfach zwei Brüder, unzertrennlich wie immer, die ihre Tage damit verbrachten, durch den Wald zu rennen, auf Bäume zu klettern, im See zu schwimmen und generell für den Rest der Welt unantastbar zu sein.
Dann kam der Sommer.
Und plötzlich interessierten sich Mädchen – und ein paar mutige Jungs – für sie.
Nicht nur als Freunde.
Als etwas mehr.
Es fing ganz harmlos an – ein Mädchen aus ihrer Klasse bat Jonah, mit ihr ins Kino zu gehen. Ein Junge aus dem Leichtathletikteam sagte Felix, dass er seine Katzenaugen cool fände, und wurde dann knallrot, als Felix ihn anblinzelte.
Dann gab es noch diejenigen, die mutiger waren.
Lächelndes Flirten.
Nicht-ganz-zufällige Berührungen.
Notizen in Schließfächer gesteckt.
Und keiner von ihnen wusste, was er damit anfangen sollte.
Verabredung bedeutete … was?
Zeit mit jemand anderem verbringen?
Mit einem Außenseiter?
Ohne einander?
Das war undenkbar.
 
Die Besorgnis ihrer Eltern
 
Sam und Tessa hatten schon lange geahnt, dass dieser Moment kommen würde.
Ihre Jungs standen sich näher als alle anderen Geschwister, die sie je gesehen hatten. Selbst jetzt, mit vierzehn Jahren, schliefen sie weiter im gleichen Bett, sprachen in halbfertigen Sätzen, die der andere irgendwie immer verstand, und hatten nie mehr als ein paar Stunden getrennt verbracht.
Und jetzt?
Jetzt versuchte die Welt, sie in verschiedene Richtungen zu ziehen.
Tessa hatte ihre Bedenken Sam gegenüber spät abends geäußert, nachdem die Jungs ins Bett gegangen waren.
»Glaubst du, sie werden jemals … jemanden finden? Jemand anderen, meine ich?«
Sam hatte geseufzt und sich die Schläfe gerieben. »Ich weiß es nicht. Ich meine, es ist ja nicht so, dass sie jemand anderen brauchen würden.«
»Das ist es, was mich beunruhigt«, murmelte Tessa. »Werden sie jemals jemand anderen wollen?«
Sam hatte keine Antwort.
 
Der See und die Wahrheit
 
Es war Jonah, der schließlich beschloss, dass sie darüber reden mussten.
Und es gab nur einen Ort, an dem das möglich war: ihr geheimer Strand am See.
Die Stadt dachte, Felix hasse Wasser, weil er halb Katze war.
Sie hatten Unrecht.
Felix liebte es im Wasser zu planschen und zu schwimmen. Aber nur dann, wenn er es selber wollte, nicht auf Kommando. Das war er seiner Katzen-DNA schuldig!
Ihr kleines Versteck war eine ruhige, versteckte Bucht, umgeben von Bäumen, die nur sie kannten. Es war ihr Zufluchtsort, seit sie Kinder waren.
Jetzt saßen sie am Ufer, die Füße im kühlen Wasser, während die Sommersonne alles dunstig und golden erscheinen ließ.
Jonah ließ einen Stein über die Oberfläche hüpfen. »Also … was sollen wir mit dieser ganzen Dating-Sache machen?«
Felix streckte sich träge, sein Schwanz bewegte sich gelangweilt. »Ich weiß nicht. Es ignorieren?«
Jonah stieß ein Lachen aus. »Ich glaube nicht, dass das funktionieren wird. Die Leute werden nicht aufhören, sich für uns zu interessieren, nur weil wir so tun, als ob sie es nicht täten.«
Felix runzelte die Stirn. »Warum sind die überhaupt interessiert? Was soll das bringen?«
Jonah schaute ihn an. »Du verstehst es wirklich nicht?«
Felix hob eine Augenbraue.
Jonah seufzte und warf einen weiteren Stein. »Sie mögen uns. Sie mögen uns ganz ernsthaft.«
Felix blinzelte. »Warum?«
Jonah brach in Gelächter aus. »Du verstehst es wirklich nicht?«
Felix blickte finster drein. »Ich verstehe das Konzept, du Genie. Ich verstehe nur nicht, warum jemand mit einem von uns ausgehen will.«
Jonah grinste. »Na ja, du bist irgendwie niedlich, weißt du.«
Felix tauchte seinen Schwanz ins Wasser und bespritzte Jonah. »Halt die Klappe.«
Jonah wich aus, immer noch grinsend. »Aber mal im Ernst. Was sollen wir denn machen? Mit jemandem ausgehen? Zeit ohne den anderen verbringen?«
Felix‘ Ohren zuckten zurück. »Nein.«
Jonah nickte. »Genau. Das wird nicht passieren.«
Sie saßen einen langen Moment in geselligem Schweigen und ließen das Wasser an ihren Füßen plätschern, bevor Jonah plötzlich … kicherte.
Felix drehte sich um und hob eine Augenbraue. »Was?«
Jonahs Kichern ging in ein Lachen über.
Felix runzelte die Stirn. »Jonah.«
Jonah wischte sich über die Augen, immer noch lachend. »Es ist nur … du bist nicht mal mein richtiger Bruder.«
Felix erstarrte.
Sein Atem stockte, die Ohren zuckten zurück, und etwas Tiefes und Scharfes bohrte sich in seine Brust.
Jonah sah seine Reaktion und sprach sofort weiter.
»Das heißt«, Jonah grinste mit leuchtenden, schelmischen Augen, »das ich jetzt das machen kann.«
Dann, bevor Felix reagieren konnte, lehnte sich Jonah vor.
Und küsste ihn.
 
Der erste Kuss
 
Felix bewegte sich zunächst nicht.
Sein Gehirn hatte einen Kurzschluss.
Jonahs Lippen waren warm, vertraut und gleichzeitig völlig fremd.
Zum ersten Mal in seinem ganzen Leben wusste Felix nicht, was er tun sollte.
Dann setzte der Instinkt ein.
Er lehnte sich in den Kuss hinein.
Der Kuss war nicht perfekt – er war unbeholfen, unsicher, für beide ganz neu.
Aber er fühlte sich richtig an.
Als sie sich schließlich voneinander lösten, beide atemlos und mit geröteten Gesichtern, starrten sie sich nur an.
Dann flüsterten sie beide gleichzeitig: »Ich liebe dich.«
Perfekt synchronisiert.
Jonah grinste. »Ich schätze, damit ist das Dating-Problem gelöst.«
Felix blinzelte. Dann schnaubte er. Dann lachte er.
Denn natürlich.
Jonah gehörte ihm.
Er gehörte Jonah.
Nichts und niemand konnte sich zwischen sie stellen.
Und genau so sollte es auch sein.
 
Das letzte fehlende Stück
 
Die Sonne stand tief am Himmel und warf einen goldenen Schein über den See, der das Wasser in flüssiges Feuer verwandelte. Felix und Jonah saßen dicht beieinander, ihre Schultern berührten sich, ihre Hände umklammerten sich zaghaft. Es war eine stille Art von Magie, die Art, von der sie immer gewusst hatten, dass sie zwischen ihnen existierte, die sie aber nie ganz verstanden hatten – bis jetzt.
Sie hatten schon immer zusammengehört.
Das hier war nur … das letzte Stück.
»Ich schätze, das macht Sinn, oder?« murmelte Jonah und strich mit dem Daumen über Felix‘ Finger.
Felix schmunzelte und sein Schwanz zuckte träge hinter ihm hin und her. »Du meinst den Teil, wo wir im Grunde Seelenverwandte sind?«
Jonah schnaubte. »Ein bisschen dramatisch, aber ja.«
Felix brummte und legte den Kopf zurück, die Augen halb geschlossen und in Gedanken versunken. »Wir waren schon immer so, nicht wahr? Nur … ohne das Küssen.«
Jonah beugte sich vor und drückte Felix einen sanften Kuss auf die Schulter. »Ja. Aber das hier fühlt sich richtig an.«
Sie hatten ihr ganzes Leben nebeneinander verbracht – als Babys, als Kinder, als Teenager. Sie hatten zusammen gekämpft, zusammen gelernt, zusammen Leben gerettet. Sie hatten sich immer gegenseitig beschützt und verstanden sich auf eine Art und Weise, wie es kein anderer je könnte.
Jetzt, mit dem sanften Druck der Lippen, dem sanften Streicheln der Finger, fühlte es sich an, als hätten sie endlich etwas vollendet, von dem sie nicht einmal gewusst hatte, dass es fehlte.
Jonah zog Felix in seine Arme, hielt ihn fest und vergrub sein Gesicht in seiner Halsbeuge. Felix schnurrte – tief und leise und zufrieden.
Jonah gluckste. »Du bist glücklich.«
Felix kuschelte sich in Jonahs Haar. »Ich war noch nie glücklicher.«
So blieben sie sitzen, redeten, küssten sich und kuschelten, bis die Sonne fast hinter den Bäumen verschwunden war.
Dann setzte die Realität ein.
Ihre Eltern.
Zu Sam und Tessa waren sie immer offen gewesen. Aber das? Das war neu. Und sie hatten keine Ahnung, wie ihre Eltern reagieren würden.
Würden sie sich darüber … aufregen?
Würden sie denken, es sei irgendwie falsch?
Jonah atmete langsam aus. »Wir sagen es ihnen, oder?«
Felix nickte, obwohl sein Schwanz unruhig zuckte. »Wir verstecken uns nicht.«
Sie hatten sich noch nie versteckt. Sie hatten nicht vor, jetzt damit anzufangen.
 
Heimkehr
 
Das Haus war warm und leuchtete im sanften Lampenlicht, als sie eintraten. Der Geruch von Tessas Küche erfüllte die Luft – ein Versprechen auf irgendwas sehr Leckeres. Normalerweise würde sie das entspannen.
Aber nicht heute Abend.
Denn heute Abend hielten sie Händchen.
Und so unauffällig sie es auch zu machen versuchten, Sam und Tessa bemerkten es sofort.
Sie hatten schon immer ein Öhrchen für die Gefühle ihrer Söhne. Und die Art und Weise, wie Felix und Jonah in der Tür standen, nervöse Blicke austauschten, sich leicht bewegten…
Das war neu.
Aber es waren die Hände – fest verbunden, die Finger ineinander verschlungen, keiner machte eine Bewegung, um loszulassen – die alles verrieten.
Tessa stockte der Atem.
Sam versteifte sich leicht und blickte zwischen den beiden hin und her.
Felix und Jonah waren beide auf etwas gefasst – auf irgendetwas.
Dann lächelten ihre Eltern.
Weich. Warm. Verständnisvoll.
Und in diesem Moment wurde ihnen klar: Sam und Tessa hatten es gewusst.
Vielleicht nicht bewusst, aber tief im Inneren hatten sie es immer gespürt.
Dass ihre Jungs unzertrennlich waren.
Dass ihre Verbindung mehr als nur brüderlich war.
Dass dies nicht nur eine Phase oder ein vorübergehendes Phänomen war.
Das war für immer.
Jonah und Felix Watson – beste Freunde, Brüder, Partner, Seelenverwandte.
Und Sam und Tessa liebten sie.
Kein Zögern. Keine peinlichen Fragen. Einfach nur Liebe.
Tessa machte den ersten Schritt, trat vor und schloss beide in ihre Arme.
Felix ließ sich mit einem leisen Seufzer in die Umarmung fallen. Jonah drückte sie fest an sich und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter.
Sam kam eine Sekunde später hinzu, seine starken Arme zogen sie in eine familiäre Umarmung.
»Was auch immer passiert«, murmelte er, »ihr werdet immer unsere Jungs sein.«
Felix und Jonah schluckten beide schwer, ihre Emotionen liefen Amok.
Und gleichzeitig flüsterten sie in perfektem Gleichklang.
»Wir lieben euch.«
Sam drückte ihnen die Schultern. »Wir lieben euch auch.«
Tessa küsste jeden von ihnen auf die Stirn. »Immer.«
Und einfach so fühlte sich alles richtig an.
Denn hier war ihr zu Hause.
Und sie waren genau dort, wo sie hingehörten.
 
Eine Nacht der Wahrheiten und Entscheidungen
 
Nach der ersten Welle von Umarmungen, Emotionen und Zusicherungen setzte sich die Familie Watson zu einem langen Gespräch an den Esstisch.
Sam und Tessa waren schon immer offen gewesen, stets bereit, ihren Söhnen zur Seite zu stehen, aber dies war für sie alle Neuland.
Felix und Jonah saßen dicht beieinander und hielten sich unter dem Tisch immer noch an den Händen, die Finger locker ineinander verschränkt. Sie waren sich nicht sicher, ob sie es aus Gewohnheit oder zur Beruhigung taten – vielleicht beides.
Tessa, die immer die Sanftmütige war, fing an. »Ihr wisst, dass wir euch lieben, und das wird sich nicht ändern. Aber wir müssen darüber reden, was das bedeutet … für euch. Für uns alle.“
Felix‘ Ohren zuckten. »Du meinst, wie die Leute reagieren werden?«
Sam seufzte und rieb sich die Schläfe. »Ja. Ihr wisst beide, dass unsere Stadt größtenteils aufgeschlossen ist.« Er warf einen Blick auf Jonah. »Der Sheriff und sein Mann beweisen das.«
Jonah grinste. »Ich finde es immer noch komisch, dass der furchteinflößendste Typ der Stadt mit dem Chef der Feuerwehr verheiratet ist.«
Felix grinste. »Ein Power-Paar.«
Tessa kicherte, aber ihre Augen waren immer noch ernst. »Es ist wahr. Den meisten Leuten hier wird es egal sein, dass ihr ein Paar seid. Aber einige werden es anders sehen.«
Jonahs Finger schlossen sich unter dem Tisch um die seines Bruders. »Weil wir Brüder sind?«
Tessa atmete langsam aus. »Ja.«
Sam lehnte sich vor und stützte seine Ellbogen auf den Tisch. »Hör zu, wir wissen es – und ihr wisst es auch – dass Blut keine Familie macht, dass ihr biologisch nicht miteinander verwandt seid. Und die meisten Menschen verstehen das. Aber es wird auch welche geben, die … das nicht tun.“
Felix zuckte mit den Schultern. »Und?«
Sam hob eine Augenbraue. »Also, manche Leute werden unschöne Dinge sagen. Dumme Dinge. Ihr müsst euch auf Fragen gefasst machen. Auf Urteile. Darauf müsst ihr vorbereitet sein.«
Jonah und Felix tauschten einen Blick aus.
Sie hatten ihr ganzes Leben als Außenseiter verbracht.
Als Kinder waren sie gefürchtet gewesen, Felix fast entführt, von Wissenschaftlern gejagt und von Menschen verspottet worden, die sie nie verstanden.
Das hier?
Das war nichts.
Jonah grinste. »Wir haben schon Schlimmeres erlebt.«
Felix zuckte mit dem Schwanz. »Ja. Wenigstens müssen wir dieses Mal hoffentlich niemandem das Gesicht zerkratzen.«
Sam stöhnte. »Bitte, zerkratzt niemandem das Gesicht.«
Tessa verbarg ein Lächeln hinter ihrer Hand.
Das Gespräch verlagerte sich auf etwas Persönliches – wie sie ihre Wahrheit leben wollten.
Tessa zögerte, bevor sie fragte »Habt ihr vor, es den Leuten zu erzählen?“
Jonah hob eine Augenbraue. »Warum sollten wir nicht?«
Felix legte den Kopf schief. »Wir haben uns noch nie versteckt.«
Jonah schnaubte. »Außerdem hält es die Leute hoffentlich von Dating-Angeboten ab, wenn sie davon erfahren.«
Felix lachte. »Oh, ja. Das ist ein großes Plus.«
Sam stöhnte. »Ihr zwei seid unmöglich.«
Aber in seinem Gesichtsausdruck lag etwas – Stolz.
Stolz darauf, dass seine Söhne stark, selbstbewusst und furchtlos waren.
Dass sie sich gemeinsam der Welt stellen würden.
Dass sie sich von niemandem vorschreiben lassen würden, wer sie sein sollen.
Tessa streckte die Hand aus und drückte ihre beiden Hände. »Dann werden wir euch beistehen. Egal, was passiert.«
Jonah und Felix lächelten.
Sie hatten schon immer zusammengehört.
Sie würden sich von der Welt nie etwas anderes sagen lassen.
 
Jumping out of the Closet
 
Am Montagmorgen gingen Felix und Jonah Händchen haltend in die Schule.
Es war mutig. Absichtlich. Eine klare Ansage, ganz ohne Worte.
Keiner von ihnen hatte Angst.
Sie hatten Schlimmeres erlebt als Geflüster. Schlimmeres als Verurteilungen. Schlimmeres als den gelegentlichen Idioten, der dachte, sie seien zu anders, um dazuzugehören.
Sie hatten sich nicht versteckt.
Und sie hatten nicht vor, jetzt damit anzufangen.
Zuerst bemerkten es nur einige wenige Schüler. Dann wurden es mehr. Und als sie ihre erste Klasse erreichten, schien es die ganze Schule zu wissen.
Das Geflüster begann in den Fluren.
Am Vormittag warfen die Leute in der Klasse schon heimliche Blicke auf sie.
Bis zum Mittagessen war das Gerede in vollem Gange.
Jonah und Felix spürten die Blicke auf sich, als sie die Cafeteria betraten, aber keiner von ihnen zögerte.
Felix‘ Schwanz zuckte amüsiert, seine Ohren zuckten bei dem leisen Gemurmel.
Jonah verdrehte nur die Augen. »Man könnte meinen, wir hätten angekündigt, dass wir das Land übernehmen wollen.«
Felix schmunzelte. »Wenn wir das täten, würden wir es besser machen als die derzeitige Regierung.«
Jonah schnaubte. »Ohne Zweifel.«
Sie schnappten sich ihre Tabletts, fanden ihren üblichen Tisch und setzten sich zum Essen.
Und das Geflüster ging weiter.
Sogar die Schüler, die sich normalerweise um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten, starrten sie an.
Jonah nahm einen langsamen Schluck von seiner Cola, dann setzte er das Glas ab und seufzte.
Felix steckte sich eine Pommes in den Mund und kaute nachdenklich. »Weißt du…“« Er warf einen Blick auf Jonah. »Vielleicht sollten wir einfach reinen Tisch machen.«
Jonah zog eine Augenbraue hoch. »Du meinst eine öffentliche Bekanntmachung?«
Felix grinste spielerisch. »Warum nicht? Sie sind alle ganz wild darauf, es zu erfahren.«
Jonahs Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
Sie standen auf – gemeinsam.
 
Eine öffentliche Erklärung
 
In der Cafeteria wurde es still.
Jonah zögerte nicht. »Also gut, bringen wir es einfach hinter uns – ja, wir sind ein Paar.«
Felix grinste frech und wedelte mit dem Schwanz. »Und an alle Mädchen und Jungs, die auf eine Chance gehofft haben – tut mir leid, dass wir sie enttäuschen müssen.«
Ein Moment reiner, fassungsloser Stille.
Dann…
Ryan – der offen schwule, oft sarkastische Pflegesohn des Sheriffs – stand von seinem Tisch auf und schüttelte grinsend den Kopf.
»Okay, ich habe eine Frage.« Er sah sich um, die Hände in die Hüften gestemmt. »Warum ist irgendwer überrascht?«
Einige Schüler murmelten unbehaglich vor sich hin.
Ryan schüttelte den Kopf. »Ernsthaft? Habt ihr das wirklich nicht kommen sehen?« Er deutete auf Felix und Jonah. »Die zwei sind praktisch verheiratet seit sie in den Windeln lagen.«
Felix kicherte. »Nicht wirklich, wir haben es selber erst begriffen.«
Ryan rollte mit den Augen. »Wie auch immer.« Er wandte sich wieder an die Menge. »Wisst ihr, warum ich nie versucht habe, mit einem von den beiden anzubandeln? Weil ich wusste dass sie nie mit jemand anderem ausgehen würden. Und das musste eigentlich jeder wissen.«
Jonah hob eine Augenbraue. »Du hattest daran gedacht, uns um ein Date zu bitten?“
Ryan grinste. »Ihr seid beide süß. Natürlich habe ich es in Betracht gezogen. Aber selbst ich habe nicht das Ego, um mit eurer seltsamen, übersinnlichen Verbindung zu konkurrieren.«
Felix und Jonah tauschten amüsierte Blicke aus.
Dann begann Ryan zu klatschen.
Zuerst war es nur er.
Dann kam ein Schüler hinzu.
Dann ein anderer.
Und noch einer.
Bis zu ihrer völligen Überraschung der größte Teil der Cafeteria applaudierte.
Einige Schüler zuckten nur mit den Schultern und widmeten sich wieder ihrem Essen. Einige sahen immer noch unbeholfen aus, vielleicht auch ein wenig verwirrt. Aber niemand hatte wirklich negativ reagiert.
Felix‘ Schwanz zuckte zufrieden. »Hm. Das lief besser als erwartet.«
Jonah grinste. »Ich sagte doch, dass es den Leuten egal sein würde.«
Ryan grinste. »Nee, Mann. Es ist uns nicht egal. Wir haben es einfach immer gewusst oder zumindest geahnt. Jedenfalls die von uns, die ihre Augen nicht nur für das Glotzen auf Smartphones verwenden.«
Felix und Jonah setzten sich wieder hin, um endlich in Ruhe essen zu können.
Und zum ersten Mal, seit sich ihre Beziehung verändert hatte, spürten sie, wie sich etwas in ihrer Brust festsetzte – etwas Warmes, etwas Sicheres, etwas Vollständiges.
Sie hatten sich gegenseitig.
Und die Welt?
Die Welt musste einfach damit klarkommen.
 
Déjà Vu in der Einfahrt
 
Die Familie Watson fuhr in die Einfahrt, mit vollen Bäuchen und guter Laune nach einem Abend voller lukullischer Ausschweifungen.
Felix streckte sich auf dem Beifahrersitz und zuckte träge mit den Ohren, während Jonah auf dem Rücksitz stöhnte. »Ich glaube, ich habe zu viel gegessen.«
»Ihr habt beide zu viel gegessen«, bemerkte Tessa amüsiert. »Die Kellnerin sah aus, als würde sie euch beide auf Lebenszeit verbannen wollen.«
Felix grinste und sein Schwanz schlug gegen Jonahs Schulter. »Wir können nichts dafür, dass sie unsere Nahrungsaufnahmekapazität unterschätzt haben.«
Sam kicherte, als er das Auto einparkte, doch dann…
Ein Geräusch.
Ein leises, wimmerndes, miauendes Geräusch.
Sams ganzer Körper erstarrte.
Felix‘ Ohren drehten sich wie Radarschüsseln. Jonah setzte sich aufrecht.
Sam atmete aus und murmelte leise »Nicht schon wieder.«
Dann stieg er ganz schnell aus dem Auto aus.
Tessa hatte kaum Zeit zu reagieren, bevor Felix und Jonah hinter ihrem Vater herliefen.
Auf der Türschwelle stand ein Pappkarton.
Fast wie vor 15 Jahren.
Sam zögerte und starrte den Karton an, als könnte er explodieren. Sein Herz hämmerte. Was nun? Noch ein Felix? Noch ein fremdes, verlassenes Kind?
Jonah holte keuchend auf. »Oh Gott. Glaubst du, es ist…?«
Felix verengte seine Augen, seine Nase zuckte und er trat näher. »Ich rieche Fell.«
»Nun, das hilft nicht wirklich«, brummte Sam. »Du hast selbst ein Fell.
Felix ignorierte ihn und zuckte mit dem Schwanz.
Mit einem tiefen Atemzug hockte sich Sam hin und hob langsam den Deckel der Kiste an.
Zuerst dachte er, dass sein schlimmster Verdacht richtig war.
Graues gestromtes Fell an einem winzigen Körper.
Aber dann bemerkte er etwas anderes.
Zu viele Beine.
Zu viele kleine Köpfe.
Zu viele kleine Schwänze.
Felix stieß einen scharfen Atemzug aus. »Es sind Kätzchen.«
Tessa spähte über Sams Schulter und keuchte. »Oh Gott.«
Jonah grinste. »Diesmal sind es echte Kätzchen.«
In der Schachtel kauerten drei winzige, zitternde, sich aneinander pressende grau getigerte Kätzchen und wimmerten jämmerlich. Ihr Fell war feucht, ihre kleinen Körper waren von der Kälte geschwächt.
Sam stöhnte und rieb sich das Gesicht. »Ich schwöre, dieses Haus ist wie ein Magnet für ausgesetzte Babys.«
Felix, der in die Schachtel spähte, zwitscherte leise. Sofort wurden die Kätzchen munter, und ihre kleinen Augen flatterten auf.
Jonah stupste ihn an. »Alter, du hast gerade ihre Sprache gesprochen.«
Felix grinste. »Natürlich habe ich das. Ich bin schließlich auch eine Art Katze.«
Tessa hatte die Schachtel bereits in die Hand genommen und drückte sie fest an sich. »Wir lassen sie auf keinen Fall hier draußen stehen. Bringen wir sie rein.«
Sam seufzte, widersprach aber nicht. Er wusste, wie diese Geschichte enden würde.
Felix und Jonah tauschten einen wissenden Blick aus.
Alles Gute zum Geburtstag.
Es sah so aus, als hätten sie gerade drei neue Geschwister als Extrageschenk bekommen.
 
Dreieinhalb Katzen
 
Die Familie Watson eilte ins Haus, und Tessa drückte die Schachtel mit den winzigen, miauenden Kätzchen fest an ihre Brust. Das Haus war warm und leuchtete sanft im goldenen Licht der Weihnachtsdekoration.
Sam schloss die Tür hinter ihnen und seufzte. »Okay. Mal sehen, was wir da haben.«
Tessa stellte die Schachtel auf den Esstisch, und einen Moment lang stand die Familie einfach nur da und starrte auf die drei winzigen, zitternden Kätzchen hinunter. Ihr Fell war feucht von der Kälte, ihre Augen blinzelten trübe, und ihre kleinen Mäuler öffneten sich zu einem verzweifelten, kläglichen Miauen.
Felix‘ Ohren zuckten bei dem Geräusch, und instinktiv gab er als Antwort ein leises Zirpen von sich. Die Kätzchen wurden sofort munterer.
Jonah grinste. »Du bist jetzt ihr König.«
Felix schnippte mit dem Schwanz. »Offensichtlich.«
Tessa griff als Erste zu und hob vorsichtig eines der Kätzchen aus dem Karton – ein winziges mit einem kaum sichtbaren Streifen auf der Nase. »Armes Baby«, murmelte sie und nahm es in den Arm.
Jonah folgte ihr und schnappte sich ein weiteres – das flauschigste, das sich sofort in seinem Kapuzenpulli vergrub, als hätte es schon immer dorthin gehört.
Felix zögerte und starrte auf das letzte Kätzchen, das das kleinste der drei war. Das kleine Ding blinzelte zu ihm auf, gab ein winziges Miauen von sich und kroch sofort in Felix‘ Hände, als wären die der sicherste Platz auf der Welt.
Sam, der dies beobachtete, schaute sich mit gespielter Eifersucht um.
»Oh, ich verstehe wie das ist. Jeder bekommt ein Kätzchen, nur ich nicht?«
Jonah kicherte. »Vielleicht riechst du noch zu sehr nach China-Restaurant, Dad.«
Sam verschränkte die Arme. »Inakzeptabel.«
Dann trat er mit einem komisch ernsten Gesichtsausdruck auf Felix zu.
Und versuchte, ihn hochzuheben.
Felix jaulte auf, als Sam auf dramatische Weise versuchte, seinen nicht gerade kätzchengroßen Teenager-Sohn hochzuheben.
»Lass mich runter, Paps!« protestierte Felix und zappelte.
Sam grinste. »Nein. Ich will auch ein Kätzchen.«
Jonah brach in Gelächter aus. »Papa, er ist fast schon größer als du.«
Felix schnaubte und wedelte mit dem Schwanz. »Außerdem bin ich kein kleines Kätzchen.«
Tessa streichelte das winzige Geschöpf in ihren Händen und seufzte liebevoll. »Jungs, konzentriert euch. Die Babys brauchen uns.«
Felix grummelte, als Sam ihn schließlich absetzte, aber als er das Kätzchen in seiner Handfläche betrachtete, wurde er weich.
Der Winzling war völlig entspannt, vertrauensvoll, seine kleinen Pfoten drückten gegen Felix‘ Daumen.
»In Ordnung«, murmelte Felix und strich mit einem Finger sanft über den Wuschelkopf. »Wir sollten sie zuerst aufwärmen.«
Nach ein paar Minuten sanften Streichelns und geteilter Wärme fuhr sich Sam mit der Hand durchs Haar und seufzte.
»Also gut. Wir brauchen Nachschub.«
Tessa nickte. »Futter, also Kätzchenfutter, Decken, ein Heizkissen, ein Katzenklo, kleine Schüsseln …«
Jonah zückte sein Handy. »Ich mache eine Liste.«
Felix, der sein Kätzchen immer noch sanft im Arm hielt, hob eine Augenbraue. »Glaubst du, die Zoohandlung hat noch auf?«
Sam sah auf die Uhr.
»Keine Ahnung«, gab er zu und griff nach seinem Mantel. »Aber ich bin dabei, es herauszufinden.«
Felix schmunzelte. »Versuche, nicht noch ein ausgesetztes Tier mit nach Hause zu bringen, während du unterwegs bist.«
Sam warf ihm einen Blick zu. »Kann ich nicht versprechen.«
Tessa küsste Sam auf die Wange, bevor er zur Tür hinausging. »Fahr vorsichtig!«
 
Zeit für die Katzenwäsche
 
Während Sam noch in letzter Minute Tierbedarf besorgte, schauten die übrigen drei Mitglieder des Watson-Haushalts auf die etwas schmutzigen Kätzchen in ihren Händen herab.
Jonah rümpfte die Nase. »Sie sind irgendwie dreckig.«
Tessa nickte. »Wir sollten sie sauber machen, bevor sie es sich gemütlich machen.«
Sie wandte sich an Felix und lächelte ihn schelmisch an. »Weißt du, da du ja halb Katze bist und…«
Felix‘ Ohren legten sich sofort an. »Nein.«
Jonah gackerte. »Mama. Nein.«
Felix funkelte sie spielerisch empört an. »Nur weil ich halb Katze bin, heißt das nicht, dass ich sie sauber lecken werde!«
Tessa lachte. »Das war ein Scherz!«
Felix murmelte etwas vor sich hin, folgte ihr aber in die Küche, wo sie eine kleine Schüssel mit warmem Wasser füllten und sich weiche Waschlappen schnappten.
Gemeinsam wischten sie die Kätzchen vorsichtig ab, rieben den Schmutz weg und trockneten sie mit weichen Handtüchern ab.
Jonahs Kätzchen rollte sich wieder in seinem Kapuzenpulli zusammen und schnurrte.
Felix‘ Kätzchen schmiegte sich völlig zufrieden an seine Handfläche.
Tessas Kätzchen nieste kurz und schmiegte sich dann noch tiefer in ihre Arme.
Felix atmete aus und beobachtete die kleinen Miezen. »Ich glaube, wir sind gerade Eltern geworden.«
Jonah grinste. »Oh ja. Wir behalten sie.«
Felix schmunzelte und wedelte spielerisch mit dem Schwanz. »Dann sollten wir ihnen wohl Namen geben.«
Jonah nickte. »Ja. Aber zuerst…«
Sie blickten zur Tür.
»Mal sehen, ob Papa tatsächlich eine Tierhandlung gefunden hat, die so spät noch geöffnet hat.«
Felix gluckste. »Oder ob er stattdessen einfach einen weiteren Streuner mit nach Hause bringt.«
Tessa seufzte. »Wenn er das tut, stecke ich ihn in den Pappkarton.«
Felix und Jonah lachten sich halb tot.
 
Ein volles Haus – wieder einmal
 
Sam kam eine halbe Stunde später zurück, die Arme voll mit Vorräten, und die Kälte biss ihm in die Haut, als er das Haus betrat.
Er hatte kaum Zeit, die Tür hinter sich zuzuschlagen, als er die Szene im Wohnzimmer bemerkte.
Tessa, Jonah und Felix saßen gemütlich auf der Couch, jeder mit einem winzigen, schlafenden Kätzchen auf dem Schoß.
Einen Moment lang stand Sam einfach nur da und sah zu.
Seine Frau und seine Söhne sahen total friedlich aus, der sanfte Schein der Weihnachtsbeleuchtung spiegelte sich in ihren Augen, ihr Gesichtsausdruck war sanft und zufrieden. Die Kätzchen – einst kalt, zitternd und allein – waren nun warm, sicher und geliebt.
Sam stieß einen langen Seufzer aus und schüttelte den Kopf. »Tja. Sieht so aus, als müsste ich gar nicht erst fragen ob wir sie behalten wollen.«
Felix grinste und zuckte mit den Ohren. »Hast du wirklich geglaubt, dass es eine Chance gäbe, dass wir das nicht tun?«
Jonah gluckste. »Sieh es ein, Dad. Du wusstest es in dem Moment in dem wir sie entdeckten.«
Tessa lächelte und strich mit einer weichen Hand über das winzige Kätzchen in ihrem Schoß. »Sie gehören hierher.«
Sam brummte gutmütig und stellte die riesige Tasche mit den Vorräten auf dem Boden ab.
»Zum Glück war die Tierhandlung noch geöffnet. Der Besitzer sah mich an und sagte: ›Neue Kätzchen, was?‹«
Felix schnaubte. »Du sahst wohl aus wie ein verzweifelter neuer Katzenpapa.«
Sam rollte mit den Augen. »Offensichtlich.« Er begann, die Vorräte auszupacken. »Ich habe das Nötigste: Katzenfutter, Fläschchen, Milch, Streu, kleine Schüsseln, Spielzeug, Decken, einen Kratzbaum und drei Katzenbetten.«
Jonah hob eine Augenbraue. »Drei Stück?«
Tessa brummte. »Das könnte Wunschdenken sein.«
Felix schmunzelte. »Wir wissen alle, wie sie wirklich schlafen werden.“
 
Raubtierfütterung
 
Die nächste Stunde war damit ausgefüllt, die neuen Vorräte zu organisieren und – was am wichtigsten war – die Kätzchen zu füttern.
Sam mischte die Spezialnahrung, füllte die kleinen Babyfläschchen und verteilte sie.
Tessa hob ihr Kätzchen vorsichtig auf und hielt es sanft, während es sich an der Flasche festhielt und eifrig zu trinken begann.
Felix und Jonah folgten ihrem Vorbild, und jeder von ihnen streichelte sein winziges Fellknäuel, während die Kätzchen mit Entschlossenheit an den Flaschen nuckelten.
Felix gluckste leise und sein Schwanz zuckte. »Sie sind kleine Futterinhalierer.«
Jonah nickte. »Sie passen eindeutig zu uns.«
Die Kätzchen waren in Rekordzeit fertig und leckten ihre kleinen Mäuler…
Und forderten dann mehr. Lautstark.
Jonah blinzelte. »Äh. Ich glaube, meines hat noch Hunger.«
Felix legte den Kopf schief und sah, wie sein Kätzchen, das gerade getrunken hatte, sofort ein lautes, eindringliches Miauen von sich gab.
Das dritte Kätzchen folgte diesem Beispiel.
Felix seufzte. »Bodenlose Mägen.«
Sam stöhnte. »Na toll. Mini-Versionen von euch beiden.«
Tessa lachte nur.
 
Wo würden die Miezen schlafen (als ob das eine Frage wäre)
 
Nachdem die Kätzchen gefüttert, geputzt und ausreichend gekuschelt waren, stellte sich die Frage, wo sie schlafen sollten.
Tessa warf einen Blick auf die Kätzchenbetten. »Wir sollten sie irgendwo aufstellen, wo es gemütlich ist.«
Felix und Jonah tauschten einen Blick aus.
Dann sprachen sie genau zur gleichen Zeit.
»Sie schlafen in unserem Zimmer.«
Sam hob eine Augenbraue. »Ach? Das habt ihr schon entschieden?«
Felix verschränkte die Arme. »Natürlich. Sie könnten in der Nacht Hilfe brauchen.«
Jonah nickte. »Und Felix‘ Katzenohren werden die ersten sein, die sie hören.«
Tessa lächelte sanft. »Das ist ein gutes Argument.«
Felix und Jonah nahmen eines der kleinen Kätzchenbetten und stellten es erstmal auf ihr eigenes.
Felix setzte sein Kätzchen in das Bettchen. »Hier, probier mal.«
Das kleine Fellknäuel schaffte es irgendwie herauszuklettern und rollte sich auf Felix‘ Kopfkissen zusammen.
Jonah seufzte. »So habe ich mir das gedacht.«
Felix gluckste. »Ich schätze, sie schlafen einfach wo sie wollen.«
Sam seufzte dramatisch. »Wie ich sehe, habe ich die Kontrolle über diesen Haushalt verloren.«
Tessa tätschelte seinen Arm. »Du hattest nie die Kontrolle, Schatz.«
Damit war alles gesagt, die Kätzchen lagen im Bett ihrer neuen Menschen und schnurrten leise. Kurz darauf verließen Tessa und Sam das Zimmer.
Wenig später lagen auch Felix und Jonah in ihrem Bett, die Kätzchen an sie gekuschelt, winzig und warm.
Jonah flüsterte »Das war ein guter Geburtstag«.
Felix schnurrte. »Ja. Der Beste bisher.«
Und so wurde das Haus der Watsons – nun etwas voller, etwas lebendiger – in die Nacht entlassen, wobei die Wärme der Familie, der Liebe und des Neuanfangs sie wie eine Decke umhüllte.
 
Eingewöhnung für die Nacht
 
Felix und Jonah lagen auf ihrem Bett, warm und bequem, die winzigen, schlafenden Kätzchen an sie geschmiegt. Die kleinen Fellknäuel hatten sich leicht zusammengerollt und schnurrten leise, ihre Bäuchlein waren voll und ihre Körper völlig entspannt.
Aber so sehr Jonah und Felix sie auch liebten, es gab eine sehr wichtige Wahrheit über so junge Kätzchen:
Sie kannten noch keine Katzentoilette.
Und in einem Bett aufzuwachen, das mit Kätzchenpisse und -kacke verschmutzt war, stand nicht auf der Tagesordnung der Jungs.
Felix stupste das Kätzchen, das sich auf seinem Kissen zusammengerollt hatte, sanft an. »Na gut, kleiner Unruhestifter. Zeit für dein Bett.«
Das Kätzchen streckte sich schläfrig und gähnte breit, bevor es sich in Felix‘ Hand schmiegte.
Jonah gluckste. »Ich glaube nicht, dass sie umziehen wollen.«
Felix grinste. »Sie haben keine andere Wahl.«
Vorsichtig hoben die Jungen jedes Kätzchen hoch und legten es in das weiche, gepolsterte Kätzchenbett welches nun direkt neben ihrem eigenen auf dem Fußboden stand. Die Kätzchen gaben ein paar schläfrige Fiepser von sich und zuckten mit ihren winzigen Pfoten … aber sie protestierten nicht gegen ihre Umlagerung. Stattdessen rollten sie sich einfach aneinander, ihre kleinen Körper bildeten einen Haufen aus Wärme und Flaum.
Felix lächelte. »Kluge kleine Dinger.«
Jonah strich ihnen sanft mit der Hand über die kleinen Köpfe und beobachtete, wie sich ihre Brüste mit tiefen, zufriedenen Atemzügen hoben und senkten. »Ja. Sie wissen, dass sie in Sicherheit sind.«
Felix‘ Ohren zuckten bei der Sanftheit in Jonahs Stimme, und etwas Warmes und Tiefes legte sich in seine Brust.
 
Eine unruhige Nacht – für die Jungs, nicht für die Kätzchen
 
Als im Haus Stille einkehrte, versuchten Jonah und Felix zu schlafen.
Aber … hin und wieder schreckten sie auf.
Ein kleines Rascheln. Ein winziges Geräusch.
Felix‘ Ohren zuckten. »Hast du das gehört?«
Jonah hob den Kopf. »Ich glaube da war was.«
Sie wendeten sich beide dem Kätzchenbett zu.
Die drei Kätzchen schliefen immer noch fest, zusammengerollt zu einem kleinen, warmen Bündel.
Felix atmete leise aus und ließ sich zurück auf die Matratze fallen. »Falscher Alarm.«
Jonah gluckste und drückte sein Gesicht in sein Kissen. »Ich schätze, wir sind die Unruhegeister, nicht sie.«
Felix drehte den Kopf und sah Jonah im sanften Schein des fast vollen Mondes draußen an.
Jonah begegnete seinem Blick, ein kleines, wissendes Lächeln umspielte seine Lippen.
Die Kätzchen hatten die richtige Idee.
Felix drehte sich um und drückte seine Stirn an die von Jonah, spürte die Wärme von ihm, die beständige, vertraute Präsenz, die sein ganzes Leben lang da gewesen war.
Jonah atmete langsam aus, seine Finger fanden die von Felix und streichelten sie sanft. Felix‘ Schwanz legte sich sanft um Jonah. Und so fanden endlich auch die Brüder Ruhe.
Keine Sorgen mehr. Keine Gedanken mehr.
Nur die ruhige Nacht und die Gewissheit, dass sie genau dort waren, wo sie hingehörten.
Felix schnurrte leise. »Lass uns schlafen.«
Jonah brummte nur zustimmend.
Und genau wie die Kätzchen neben ihnen rollten sie sich zusammen und genossen die Wärme ihres Bettes – und ihrer Liebe.
 
Morgendliches Chaos, Kätzchen-Edition
 
Felix‘ Ohren zuckten.
Ein leises, hochfrequentes Miauen drang durch die Luft, hartnäckig und eindringlich, und riss ihn aus dem warmen Dunst des Schlafes.
Er stöhnte und vergrub sein Gesicht in das Kissen. »Jonah…«
Jonah, der ebenso groggy war, murmelte eine Antwort in Felix‘ Schulter. »Mmmh?«
Felix riss ein Auge auf – und schnaubte sofort.
Die drei Kätzchen waren wach – sehr wach – und versuchten gerade, völlig unkoordiniert aus ihrem Kätzchenbett zu entkommen.
Das kleinste hatte seine Vorderpfoten über den weichen, gepolsterten Rand gehakt und versuchte, sich hochzuziehen – nur um von einem Geschwisterchen umgeworfen zu werden.
Das flauschigste Kätzchen rollte sich auf den Rücken und fuchtelte mit den Pfoten.
Das dritte miaute nur laut, als würde es fordern: »Helft mir, ihr riesigen, nutzlosen Menschen!«
Jonah stöhnte und hob schließlich den Kopf. »Geht es ihnen gut?«
Felix schmunzelte. »Sie sind okay. Nur schlecht im Ausschlafen.«
Jonah setzte sich auf und blickte auf die sich windenden Kätzchen. »Igitt.« Er holte tief Luft. »Okay. Morgentoilette. Wir schaffen das.«
Felix schwang seine Beine vom Bett und streckte sich, wobei er träge mit dem Schwanz zuckte. »Wenigstens waren wir klug genug, sie nicht in unserem Bett schlafen zu lassen.«
Jonah nickte schläfrig. »Ja … gute Entscheidung.«
Dann schlug ihnen der Geruch entgegen.
Beide erstarrten.
Felix‘ Nase rümpfte sich. Jonahs Augen weiteten sich.
»Oh.«
»Oh nein.«
 
Die Folgen gut gefütterter Kätzchen
 
Die Kätzchen, die am Abend zuvor den Inhalt ihrer Futterflaschen inhaliert hatten, hatten ihn … verarbeitet.
Und das Ergebnis kam am anderen Ende wieder heraus.
Felix schnitt eine Grimasse. »Igitt. Das ist schlimmer als ich dachte.«
Jonah hob ein Kätzchen am Kragen hoch, seine Augen waren von Entsetzen erfüllt. »Dieses Ding besteht zu 80% aus Flausch und zu 20% aus Kacke.«
Felix seufzte und rieb sich die Schläfe. »Und bevor du es sagst – nein, ich werde sie nicht sauber lecken.«
Jonah schnatterte trotz der Situation. »Das wollte ich nicht sagen! Aber jetzt wünschte ich irgendwie, ich hätte es getan.«
Felix warf ihm einen gespielt bösen Blick zu. »Halt die Klappe und hilf mir.«
Sie tauschten ein stilles Einverständnis aus: Dies würde eine Teamleistung werden.
Jonah hob das gesamte Kätzchenbett an, in dem sich noch immer die drei Fellknäuel befanden, und Felix stabilisierte es, während sie die miauenden, zappelnden und leicht stinkenden Geschöpfe vorsichtig nach unten trugen.
Als sie die Küche betraten, drehte sich Tessa, die gerade Kaffee kochte, um und bemerkte sofort den Geruch.
Sie blinzelte.
Dann seufzte sie. »Ich hatte mich schon gefragt, wie lange es für diesen Teil dauern würde.«
Sam, der aus dem Flur kam, blieb mitten im Schritt stehen. »Oh mein Gott. Das ist krass.«
Jonah stellte das Kätzchenbett auf dem Küchentisch ab. »Ja. Guten Morgen, allerseits. Unsere Kinder brauchen Hilfe.«
Felix verschränkte die Arme. »Am liebsten eine Hilfe, die nichts mit meiner Zunge zu tun hat.«
Tessa lachte und krempelte ihre Ärmel hoch. »Also gut, Jungs. Lasst uns das zusammen machen.«
Die ganze Familie packte mit an – Tessa bereitete warme Waschlappen vor, Sam schnappte sich zusätzliche Handtücher, und Jonah und Felix hoben vorsichtig jedes Kätzchen, eines nach dem anderen, hoch, um es zu säubern.
Die Kätzchen protestierten natürlich. Lautstark.
Felix brummte, während er das kleinste abwischte. »Das Ding schreit, als ob wir es ermorden würden.«
Jonah, der einen zappelnden, protestierenden Flauschball hochhielt, seufzte. »Warum bekämpft es mich? Ich rette es doch buchstäblich vor seinem eigenen Dreck.«
Sam gluckste. »Willkommen in der Kindererziehung.«
Schließlich waren alle drei Kätzchen wieder frisch, warm und flauschig, eingewickelt in kleine Handtücher.
Tessa küsste das kleinste Kätzchen sanft auf den Kopf. »Viel besser.«
Felix stieß einen müden Seufzer aus. »Die haben Glück, dass sie so süß sind.«
Jonah gluckste. »Das sind sie wirklich.«
Sobald die Kätzchen sauber waren, überkam sie der morgendliche Hunger.
Jonah lachte. »Schon gut, schon gut, wir hören euch!«
Sam schüttelte den Kopf, während er die Spezialnahrung erhitzte und in die kleinen Fläschchen füllte.
Felix grinste, als er eine nahm. »Die sind so winzig, wo fressen die das nur alles hin, es ist, als hätten sie bodenlose Mägen.«
Jonah hob eine Augenbraue. »Kommt dir das bekannt vor?«
Felix rollte mit den Augen, widersprach aber nicht.
Tessa, Jonah und Felix nahmen je ein Kätzchen an sich, fütterten es sorgfältig und hielten es wie ein kleines Königskind, das es offensichtlich war.
Und erst als die Kätzchen zufrieden, satt und wieder schläfrig waren, setzten sich die Watsons schließlich zu ihrem eigenen Frühstück.
Tessa lächelte, während sie an ihrem Kaffee nippte und ihren Söhnen dabei zusah, wie sie die nun dösenden Kätzchen auf ihrem Schoß wiegten.
»Ihr seid schon so gute Väter.«
Felix und Jonah erstarrten.
Dann tauschten sie einen Blick aus.
Jonah grinste. »Ja … ich schätze, das sind wir irgendwie.«
Felix schmunzelte. »Naja. Wir haben tolle Vorbilder.«
Sam hielt mitten im Bissen inne. Er deutete mit seiner Gabel auf die Jungs. »Verdammt richtig, die habt ihr.«
Die Familie lachte, das Haus war erfüllt von Wärme, Liebe und dem leisen Schnurren der drei neuen Mitglieder.
Die Familie Watson war wieder einmal gewachsen.
 
Ab zum Tierarzt
 
Als das Frühstück beendet war und die Kätzchen glücklich in einem weichen Haufen dösten, machten die Watsons Pläne für den Tag.
Tessa wischte den Tisch ab und blickte auf die immer noch schnurrenden Flusen. »Also gut, was machen wir jetzt?«
Felix wedelte mit dem Schwanz. »Tierarztbesuch.«
Jonah nickte. »Wir müssen sicherstellen, dass sie gesund sind.«
Sam seufzte. »Ja. Es wird Zeit zu sehen, ob der neue Tierarzt mit dem Chaos in dieser Familie zurechtkommt.«
Dr. Handrick war erst vor kurzem in die Stadt gezogen und hatte die Nachfolge von Dr. Winston angetreten, der sich in den letzten 45 Jahren um die Tiere in der Gegend gekümmert hatte, bevor er sich schließlich an einem wärmeren Ort zur Ruhe setzte.
Gerüchten zufolge war Dr. Handrick jung, scharfsinnig und ein wenig zu ernst – aber da die Watsons die Lieblingsadresse für ausgesetzte Tiere zu sein schienen, würden sie ihn sehr schnell kennenlernen.
»Das wird ein Spaß«, murmelte Felix.
Jonah grinste. »Für uns, ja. Beim Doktor bin ich mir nicht sicher.«
 
Einpacken der Kätzchen
 
Die nächste Aufgabe bestand darin, die Kätzchen in eine Transportbox zu setzen.
Felix hob eine Augenbraue. »Glaubst du, sie gehen einfach rein?«
Jonah gluckste. »Wahrscheinlich nicht.«
Sam kam mit dem Katzentransporter zurück – einer stabilen, gepolsterten Box mit einem weichen, warmen Innenleben. Er stellte sie auf den Tisch und verschränkte die Arme. »Also gut, dann wollen wir mal.«
Schritt eins: Auslegen der Box mit weichen Handtüchern.
Zweiter Schritt: Die Kätzchen behutsam hineinlegen.
Dritter Schritt?
Sofortiger, dramatischer Protest.
In dem Moment, in dem der Reißverschluss geschlossen wurde, begann das Miauen.
Felix zuckte zusammen. »Wow. Das ist laut.«
Jonah schüttelte den Kopf. »Sie klingen, als würden sie zur Schlachtbank geführt.«
Sam seufzte und hob die Box auf. »Nun, sie werden es überleben müssen. Lasst uns gehen bevor sie einen richtigen Aufstand machen.«
 
Die Fahrt zu Dr. Handrick
 
Die drei Watson-Männer kletterten in den Wagen, die Transportbox lag sicher zwischen Felix und Jonah.
Die Kätzchen waren nicht erfreut.
Das Miauen hallte durch das Fahrzeug und reichte von kläglichem Quietschen bis zu offenem Klagen.
Jonah schaute Felix an. »Alter, kannst du nicht … mit ihnen kommunizieren?«
Felix schmunzelte, dann gab er ein leises Schnaufen von sich – eigentlich ein beruhigendes Geräusch.
Die Kätzchen hielten inne.
Dann stieß eines einen noch lauteren dramatischen Schrei aus.
Felix seufzte. »Nö. Die machen einen auf Drama.«
Sam gluckste vom Fahrersitz aus. »Toll. Mini-Versionen von euch beiden.«
Jonah grinste. »Damit hätten wir rechnen müssen.«
Felix stupste den Träger sanft an und sprach leise. »Entspannt euch, ihr kleinen Katastrophen. Es ist nur ein Check-up.«
Die Kätzchen murrten und miauten weiter, aber schließlich beruhigten sie sich und ihre kleinen Stimmen wurden zu einem schläfrigen Gemurmel.
Jonah schüttelte den Kopf. »Ich schwöre, wir haben die verwöhntesten Adoptivkinder die es gibt.«
Felix grinste. »Watson-Tradition.«
Als das Auto auf den Parkplatz der Handrick-Veterinärklinik fuhr, bereiteten sich die drei Watsons auf ihre nächste Herausforderung vor: die Vorstellung ihrer neuen kleinen Familienmitglieder bei ihrem neuen Arzt.
In der Hoffnung, dass dieser für sie bereit war.
 
Eine Überraschung im Warteraum
 
Als die Watsons mit der miauenden Katzenbox die Klinik von Dr. Handrick betraten, bot sich ihnen ein unerwarteter Anblick.
Auf einem der Stühle im Wartezimmer saß Ryan, der oft sarkastische und scharfsinnige Pflegesohn des Sheriffs.
Aber es war nicht nur Ryan.
Zu seinen Füßen und mit seinem großen Kopf auf Ryans Schoß ruhend, saß ein junger deutscher Schäferhund.
Die Ohren des Hundes spitzten sich bei ihrer Ankunft, seine tiefbraunen Augen waren wachsam, aber freundlich. Sein Schwanz klopfte auf den Boden, aber er stand nicht auf. Stattdessen gab er ein leises Schnaufen von sich und neigte den Kopf, um sich die Ohren kraulen zu lassen – was Ryan auch sofort tat.
Felix grinste. »Sieh an, sieh an, sieh an. Seht mal, wen wir hier haben.«
Ryan schaute auf, ein Grinsen umspielte seine Lippen. »Und sieh mal, wer endlich dem Club der Haustierbesitzer beigetreten ist.«
Jonah gluckste, als sie sich näherten. »Ryan, das ist unser Vater, Sam Watson.«
Sam warf dem jungen Mann einen prüfenden Blick zu und reichte ihm die Hand. »Du bist also Ryan. Ich habe schon viel von dir gehört.«
Ryan schüttelte Sams Hand und lächelte. »Nur Gutes, hoffe ich.«
Felix schnaubte. »Meistens.«
Jonah rollte mit den Augen. »Auslegungssache.«
Ryan kicherte, bevor er auf den großen Hund zu seinen Füßen deutete. »Wie auch immer, das ist Micco. Ich habe ihn vor ein paar Tagen bekommen.«
Felix hockte sich hin, seine goldenen Katzenaugen musterten den Hund. »Aus dem Tierheim?«
Ryan nickte, sein Gesichtsausdruck wurde weicher, als er mit einer Hand über Miccos Rücken fuhr. »Ja. Ich habe ihn im Tierheim gefunden, und es hat sofort gefunkt. Der Sheriff hat einen Blick auf mich geworfen, als ich ihn ansah, und mir gesagt, ich solle den verdammten Hund halt mitnehmen.«
Jonah schmunzelte. »Klingt ganz nach ihm.«
Ryan grinste und kraulte Micco hinter den Ohren. »Die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.« In seiner Stimme lag pure Zuneigung, seine Liebe zu seinem neuen Gefährten war deutlich zu hören.
Felix und Jonah tauschten einen Blick aus.
Sie kannten diesen Blick in Ryans Augen. Derselbe Blick, den sie hatten, als sie die Kätzchen zum ersten Mal aus dem Pappkarton geholt hatten. Dasselbe Gefühl, das sie füreinander hatten.
Ryan hatte seinen neuen besten Freund gefunden.
Jonah grinste. »Micco steht dir.«
Felix schnippte mit dem Schwanz. »Ihr habt meinen Segen.«
Ryan schnaubte kichernd. »Oh, danke, Eure Majestät.«
Jonah gluckste. »Apropos Haustiere…« Er hob die Transportbox an, die nun im Takt mit leisem, ungeduldigem Miauen vibrierte.
Ryan blinzelte. »Oh nein. Was habt ihr zwei gemacht?«
Felix grinste. »Wir haben Kätzchen.«
Ryan starrte sie an. »Ihr? Ausgerechnet ihr habt Kätzchen?«
Jonah grinste. »Nun, in Wirklichkeit haben sie uns.«
Felix nickte. »Sie wurden gestern Abend in einem Karton vor unserer Tür abgestellt. Winzig, flauschig, laut und ohne eine Vorstellung von Privatsphäre.«
Ryan kicherte. »Hört sich gut an.«
Micco, der schweigend zugesehen hatte, hob plötzlich den Kopf und zuckte mit der Nase.
Dann stand er auf und machte ein paar vorsichtige Schritte nach vorne.
Felix und Jonah hielten die Katzenbox fest, während der große Deutsche Schäferhund an der Gitteröffnung schnüffelte und langsam mit dem Schwanz wedelte.
Drinnen miauten die Kätzchen, die nun völlig wach und neugierig waren, lautstark die große Hundenase an, die in ihrem Revier herumstocherte.
Micco stieß ein leises, verwirrtes Winseln aus und spitzte die Ohren.
Jonah lachte. »Ich glaube, er mag sie.«
Felix grinste und sah zu, wie Micco der Box einen vorsichtigen Nasenstüber verpasste.
Eines der Kätzchen presste eine winzigen Pfote gegen das Sichtfenster.
Ryan schüttelte amüsiert den Kopf. »Micco, Kumpel, das sind aber keine Kauspielzeuge.«
Micco legte den Kopf schief und war sichtlich fasziniert.
Felix grinste. »Sieht so aus, als ob wir jetzt alle Tiereltern sind.«
Jonah stupste Ryan an. »Hey, das bedeutet wohl, dass wir uns zum Spielen verabreden müssen.«
Ryan grinste. »Oh, absolut. Ich will sehen, wie eure kleinen Fellkobolde auf einen Hund reagieren, dessen Kopf größer ist als ihr ganzer Körper.«
Felix schnaubte. »Sie werden entweder verängstigt sein oder den Krieg erklären.«
Jonah grinste. »So oder so, es wird urkomisch sein.«
Ryan nickte. »Vermutlich.«
 
Es wird ernst
 
Bevor das Gespräch fortgesetzt werden konnte, öffnete sich die Tür zum Behandlungsraum und ein junger Mann im weißen Kittel und mit Brille betrat den Wartebereich.
Seine Augen suchten den Raum ab und landeten bei den Watsons und ihrer miauenden Chaosbox.
»Felix und Jonah Watson? Ihr seid dran.«
Felix schmunzelte und hob die Box hoch. »Na gut, Fellbündel. Mal sehen, was der Arzt sagt.«
Jonah grinste Ryan an. »Wir sehen uns, wenn wir das hier überlebt haben.«
Ryan winkte ab und grinste. »Viel Glück. Ihr werdet es brauchen.«
Und damit betraten die Watsons und ihre drei kleinen Kätzchen das Untersuchungszimmer, bereit, ihren neuen Tierarzt kennenzulernen.
 
Der erste Check-up
 
Der Untersuchungsraum war hell und sauber, der Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft. Die drei Watson-Männer standen um den Untersuchungstisch aus rostfreiem Stahl, wo sie die Kätzchen vorsichtig aus ihrem Transportbehälter hoben und eines nach dem anderen hinlegten.
Die winzigen Kreaturen zappelten leicht, um sich an die neue Oberfläche anzupassen, und ihre winzigen Pfötchen stapften neugierig umher, während sie die Luft schnupperten.
Sam blickte mit verschränkten Armen zu dem jungen Tierarzt, der ihnen gegenüberstand. »Also gut, Doc. Hier ist die kurze Version, wie wir als Katzenknechte gelandet sind.«
Der Tierarzt, Dr. Handrick, ein Mann Anfang dreißig mit scharfen Augen und professionellem Auftreten, hob eine Augenbraue, gab Sam aber ein Zeichen, weiterzumachen.
Sam seufzte. »Wir kamen gestern Abend nach Hause, nachdem wir den Geburtstag der Jungs gefeiert hatten, und fanden diese drei in einem Pappkarton vor unserer Haustür. Kein Zettel, keine Ahnung, wer sie hinterlassen hat. Nur drei winzige, kalte, hungrige Fellknäuel, die sich die Lunge aus dem Leib miauten.«
Dr. Handrick nickte, sein Gesichtsausdruck veränderte sich leicht – nicht überrascht, aber durchaus mitfühlend. »Leider ist das nicht ungewöhnlich.«
Felix runzelte die Stirn, die Ohren zuckten. »Wer setzt mitten im Winter Kätzchen aus?«
Jonah schüttelte den Kopf. »Monster.«
Der Tierarzt seufzte. »Das kommt öfter vor, als man denkt. Aber…« Er krempelte seine Ärmel hoch und untersuchte vorsichtig das erste Kätzchen. »Konzentrieren wir uns erst einmal auf die Kleinen.«
Felix und Jonah hielten den Atem an, als der Tierarzt sanft über jedes einzelne Kätzchen strich und die winzigen Körper, die Ohren und die Augen untersuchte. Er hob jedes einzelne vorsichtig hoch und untersuchte ihre Bäuche, ihre Pfoten, ihre Schwänze.
Die Kätzchen, die alles andere als ängstlich waren, schlugen spielerisch nach seinen Fingern, wobei ihre winzigen Krallen an seinen Handschuhen hängen blieben.
Felix schmunzelte. »Na ja, wenigstens sind sie furchtlos.«
Dr. Handrick lachte. »Das ist ein gutes Zeichen.«
Jonah, der nervös umherging, fragte schließlich, was sie alle wissen wollten. »Und? Geht es ihnen gut?«
Der Tierarzt nickte, und sofort machte sich Erleichterung im Raum breit.
»Sie sind etwa vier oder fünf Wochen alt – noch jung, aber keine Neugeborenen. Sie sind etwas dünn, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass sie ausgesetzt wurden, aber im Großen und Ganzen«, er blickte sie mit einem beruhigenden Lächeln an, »sehen sie gesund aus.«
Felix stieß einen Atemzug aus, von dem er gar nicht wusste, dass er ihn angehalten hatte. Jonah entspannte sich sichtlich. Sam rieb ihm den Nacken. »Gut. Das ist gut.«
Der Tierarzt nahm das kleinste Kätzchen hoch, das sofort seine Pfötchen um seinen Daumen wickelte und daran knabberte. »Sieht aus, als hätten Sie zwei Jungen und ein Mädchen.«
Jonah grinste. »Das erklärt, warum sie die anderen beiden herumkommandiert.«
Felix schmunzelte. »Man muss die Hierarchie respektieren.«
Dr. Handrick legte das Kätzchen zurück auf den Tisch und sah zu, wie sich das kleine Trio zu einem winzigen, flauschigen Haufen zusammenrollte. »Im Moment brauchen sie vor allem Wärme, Futter und Schlaf.«
Jonah nickte. »Wir haben zu Hause ein Heizkissen hingelegt.«
Felix verschränkte die Arme. »Und wir haben schon gelernt, dass sie wie kleine, pelzige Staubsauger fressen.«
Dr. Handrick gluckste. »Klingt, als hätten Sie einen guten Start hingelegt.«
Sam seufzte. »Ja. Ich schätze, das bedeutet, dass wir jetzt offiziell Katzenmenschen sind.«
Felix grinste. »Du liebst es.«
Sam grummelte. »Kein Kommentar.«
Jonah lachte und streckte seine Hand aus, um die schläfrigen Kätzchen sanft zu streicheln.
Die Watsons hatte nun neue Herrscher.
Und damit waren sie mehr als einverstanden.
 
Grundlagenkurs für neue Katzenbesitzer
 
Dr. Handrick, der offensichtlich mit dem Zustand der Kätzchen zufrieden war, rollte seinen Stuhl zurück und begann, einige wichtige Tipps aufzulisten.
»Gut, da ihr jetzt offiziell Katzenbesitzer seid, müsst ihr einiges wissen. Zuerst Toilettentraining. In diesem Alter kommen sie von selbst darauf, aber ihr solltet sie dazu ermutigen, indem ihr sie nach den Mahlzeiten in die Katzentoilette setzt. Verwendet eine flache Katzentoilette mit unparfümierter Streu, die nicht zu staubig ist.«
Jonah nickte. »Verstanden. Kein parfümiertes Zeug.«
Dr. Handrick fuhr fort. »Impfungen. Wir müssen in ein paar Wochen mit der ersten Runde beginnen und danach mit den Auffrischungsimpfungen fortfahren. Dazu regelmäßige Entwurmung, Flohprophylaxe, all diese Dinge.«
Felix rümpfte die Nase. »Flöhe. Toll.«
»Hoffentlich haben sie noch keine«, beruhigte der Tierarzt sie. „Und schließlich – Kastration. Katzen sollten mit etwa sechs Monaten kastriert werden, um ungewollte Würfe und Verhaltensprobleme zu vermeiden.“
Das war der Moment, in dem Jonahs Gesicht schelmisch aufleuchtete.
Er wandte sich Felix zu und grinste wie ein Teufel.
»Sechs Monate, was? Das bedeutet wohl, dass wir dringend einen Termin für Felix vereinbaren müssen, er ist schon überfällig.«
Felix‘ Ohren schossen in die Höhe. Sein Schwanz plusterte sich vor Empörung auf.
»Vergiss es! Niemand kastriert mich!«
Jonah brach in unkontrolliertes Gelächter aus und fiel beinahe zu Boden.
Sogar Dr. Handrick stieß ein ersticktes Lachen aus, während Sam nur stöhnte und sich in den Nasenrücken kniff.
»Jonah, um Gottes willen.«
Mit Tränen des Lachens in den Augen hob Jonah seine Hände zur Kapitulation. »Hey, ich sage ja nur – tierärztliche Empfehlung!«
Felix schnaubte. »Ich lass dich gleich meine Krallen fühlen.«
Dr. Handrick schüttelte den Kopf und versuchte offensichtlich, seine Fassung wiederzuerlangen. »Nun, ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies das erste Mal ist, dass ich diese Reaktion in meiner Praxis erlebe.«
Jonah grinste. »Sie werden sich an uns gewöhnen.«
 
Ein neugieriger Blick
 
Als sich das Gelächter legte, bemerkte Sam etwas – Dr. Handrick sah Felix immer noch an.
Nicht auf eine schlechte Art und Weise, nicht auf eine wertende Art und Weise – nur neugierig.
Sam erkannte diesen Blick.
Und bevor der Arzt etwas fragen konnte, seufzte er. »Ich nehme an, Sie haben von Felix gehört?«
Dr. Handrick fühlte sich ertappt und blickte ihn an. »Ich habe einige alte Artikel gelesen, nachdem ich hierher gezogen bin. Ich war mir nicht sicher, ob es übertrieben war oder nicht.«
Sam gab ein kurzes, amüsiertes Schnaufen von sich. »Definitiv nicht übertrieben.«
Dr. Handrick nickte. »Und ich nehme an … Sie brauchen keine tierärztliche Hilfe bei ihm?«
Felix hob eine Augenbraue. »Wenn Sie nicht insgeheim ein Spezialist für Fabelwesen sind, werde ich wohl passen.«
Jonah kicherte. »Halb Mensch, halb Katze, ganz bedrohlich.«
Felix stieß ihn hart an, so dass Jonah stolperte.
Sam sah aufmerksam zu und entspannte sich, als Dr. Handrick einfach nickte und nicht nach Details fragte.
Stattdessen sagte der Tierarzt nur »Gut zu wissen. Wenn Sie jemals einen Rat in Katzenfragen brauchen, helfe ich gerne.«
Felix‘ Schwanz zuckte. »Das wissen wor zu schätzen.«
Jonah grinste. »Hey, wenn wir schon mal hier sind, wollen wir nachsehen, ob er Flöhe hat?«
Felix stöhnte. »Jonah.«
Sam seufzte. »Jungs.«
Dr. Handrick kicherte nur und schüttelte den Kopf. »Ich denke, das reicht für heute.«
Und damit waren die Kätzchen offiziell für ihr neues Leben im Hause Watson freigegeben.
 
Ein erfolgreicher erster Tierarztbesuch
 
Als die Kätzchen wieder sicher in ihrer warmen, mit Handtüchern ausgelegten Transportbox lagen, verließen die Watsons den Untersuchungsraum und machten Platz für den nächsten Patienten.
Als sie wieder in den Wartebereich traten, war Micco immer noch auf die Transportbox fixiert und starrte mit seinen großen braunen Augen auf das Gitterfenster.
Sein Schwanz wedelte langsam, die Ohren waren neugierig gespitzt.
Ryan seufzte dramatisch. »Micco, Kumpel, ich liebe dich, aber du bringst mich in Verlegenheit. Du solltest ein großer, zäher Deutscher Schäferhund sein, Kätzchen sollten dir egal sein.«
Micco ignorierte ihn. Die Kätzchen waren viel interessanter.
Als die Watsons vorbeigingen, ging Felix leicht in die Hocke und ließ Micco noch einmal an der Transportbox schnuppern. Im Inneren antworteten die Kätzchen mit einem leisen, quietschenden Miauen und drückten ihre winzigen Pfoten neugierig gegen den Stoff.
Micco schnaufte, und sein Schwanz wedelte noch ein bisschen schneller.
Dr. Handrick, der die Interaktion beobachtete, gab ein nachdenkliches Brummen von sich. »Wissen Sie … vielleicht sollte ich mir ein oder zwei Kätzchen für die Klinik zulegen.«
Jonah hob eine Augenbraue. »Für was? Ihnen Gesellschaft zu leisten?“
Dr. Handrick schmunzelte. »Eher um die Hunde abzulenken. Wenn man Miccos Reaktion glauben darf, sind Kätzchen vielleicht bessere Tierarzthelfer als die Hälfte meiner Mitarbeiter.«
Sam lache. »Viel Glück dabei sie davon abzuhalten, die Kontrolle zu übernehmen.«
Dr. Handrick seufzte theatralisch. »Sie kontrollieren bereits jedes Haus, in dem sie leben. Da können sie genauso gut auch die Klinik kontrollieren.«
Felix grinste. »Kluger Mann.«
Mit einem letzten Nicken winkten die Watsons Ryan und Micco zum Abschied zu, bevor sie mit den Kätzchen in der Box zum Auto zurückgingen.
 
Pizza Stop & Ein stilles Versprechen
 
Auf halbem Weg nach Hause machte Sam einen außerplanmäßigen Halt.
Felix und Jonah blickten auf, als der Wagen vor einer kleinen, beliebten Pizzeria abbremste.
Sam schnallte sich ab. »Ich hole uns was zu essen. Ihr zwei bleibt hier.«
Jonah grinste. »Extra Käse?«
Sam warf ihm einen Blick zu. »Als ob ich das vergessen würde.«
Felix lehnte sich schmunzelnd zurück. »Und lass dir nicht ewig Zeit. Wir haben hungrige Mäuler zu stopfen.«
Sam seufzte. »Einschließlich deines?«
Felix grinste. »Besonders meines.«
Lächelnd den Kopf schüttelnd stieg Sam aus dem Auto und ließ die Jungs allein.
Jonah bewegte sich, drückte sich näher an Felix und suchte nach Körperkontakt. Felix zögerte nicht und legte einen Arm um Jonahs Taille.
Die Katzenbox lag auf dem Schoß der beiden.
Felix spähte durch das Gitterfenster, seine goldenen Katzenaugen fingen die winzigen Fellbündel im Inneren ein.
Die Kätzchen schliefen tief und fest, zusammengerollt in einem Wirrwarr aus weichen Pfoten und zuckenden Schwänzen und wussten wohl selber nicht, welcher Körperteil zu welchem Kätzchen gehörte.
Jonahs Gesichtsausdruck wurde weicher. »Sie sind so klein.«
Felix nickte. »Und hilflos.«
Jonah drückte seine Stirn gegen Felix‘ Schulter. »Sie hätten da draußen sterben können.«
Felix‘ Ohren zuckten bei der rohen Emotion in Jonahs Stimme. Er spürte es auch – diese Last der Verantwortung.
Diese drei winzigen Kreaturen waren ausgesetzt worden. In der Kälte zurückgelassen. Unerwünscht.
Aber jetzt?
Jetzt waren sie in Sicherheit.
Jetzt wurden sie geliebt.
Jonah griff durch die seitliche Öffnung des Transportbehälters und strich mit einem Finger sanft über eines der winzigen Ohren eines Kätzchens. »Sie gehören jetzt zu uns.«
Felix atmete langsam aus, sein Schwanz kringelte sich um Jonahs Bein. »Ja. Zu uns.«
Ein stilles Versprechen ging zwischen ihnen hin und her.
Sie würden diese kleinen Leben schützen.
Sie würden sie lieben.
Sie würden sie nie wieder allein lassen.
Felix lehnte seinen Kopf an den von Jonah, die Nähe seines Bruders genießend.
Und als das leise Schnurren eines Kätzchens den Raum zwischen ihnen erfüllte, wussten sie es beide.
Alles passierte genau so wie es sollte.
 
Leben mit Kätzchen: Chaos pur
 
In den folgenden Tagen drehte sich im Haushalt der Watsons alles um die Kätzchen.
Nicht, dass es irgendjemanden gestört hätte – aber die drei kleinen Fellknäuel hatten schnell klar gemacht, dass sie nicht nur niedlich waren, sondern auch kleine Agenten des Chaos.
Auch das Problem der Namensfindung war abgearbeitet worden.
Es dauerte nicht lange, bis Jonah und Felix die Persönlichkeiten ihrer Kätzchen herausfanden.
Der Wilde? Der immer rannte, sprang und mit voller Geschwindigkeit durch die Gegend sauste? Tim.
Der Flauschigste? Der auch der Tollpatschigste war, ständig irgendwo hängen blieb und »gerettet« werden musste? Tom.
Diejenige, welche die Gruppe eindeutig beherrschte? Die ihre beiden Brüder in einem Ringkampf besiegen konnte, obwohl sie die Kleinste war? Paula.
»Ich schwöre«, murmelte Felix eines Morgens, als er Paula dabei beobachtete, wie sie Tom einen Kopfstoß verpasste, um ihm seinen Schlafplatz zu stehlen, »sie war in einem anderen Leben eine Königin.«
Jonah lachte. »Sie ist jetzt immer noch eine Königin. Wir sind nur ihre Bediensteten.«
Sam, der die ganze Sache beobachtet hatte, seufzte dramatisch. »Großartig. Noch mehr Machthaber in diesem Haus. Als ob ich nicht eh schon in der Unterzahl wäre.«
Tessa klopfte ihm auf die Schulter. »Akzeptanz ist der erste Schritt.«
 
Sieg bei die Katzentoilette … und Kletterhorror
 
Zur Erleichterung aller fanden die Kätzchen schnell heraus, wie man die Katzentoilette benutzt.
Felix, der stolz mit dem Schwanz zuckte, grinste. »Siehst du? Katzeninstinkte. Sie wissen es einfach.«
Jonah zog eine Augenbraue hoch. »Ja, nun, hoffen wir bloß, dass diese Katzeninstinkte sie nicht dazu verleiten, …«
Er brach ab.
Denn genau in diesem Moment sprang Tim – der furchtloseste und energischste der drei – aus dem Kätzchenbett.
Felix blinzelte. »Oh nein.«
Jonah stöhnte. »Oh nein.«
Und wie Dominosteine, die nacheinander fallen, folgte Paula. Dann Tom, der nicht einmal den Eindruck machte, dass er es wollte, es aber trotzdem tat, weil seine Geschwister es zuerst taten.
Innerhalb von Sekunden waren die Kätzchen entkommen.
 
Die große Kätzchenjagd
 
Von diesem Moment an war es mit dem Frieden vorbei.
Die Kätzchen waren winzig, aber ihre Energie war unendlich groß.
Tim konnte schneller laufen, als es die Physik erlauben sollte.
Tom blieb immer wieder an den komischsten Stellen hängen.
Paula hatte keinerlei Angst und schien zu glauben, dass ihr das ganze Haus gehörte.
Es dauerte nicht lange, bis die Jungs ständig auf Kätzchen-Patrouille waren.
»Jonah, schnapp dir Tim!« schrie Felix, als der kleine Kater unter die Couch sauste.
Jonah stöhnte. »Warum ist er so schnell?!«
In der Zwischenzeit war Tom irgendwie auf einen Stuhl geklettert, geriet in Panik und begann dramatisch um Hilfe zu miauen.
Felix nahm ihn auf den Arm. »Kumpel, wie bist du überhaupt hier hochgekommen? Du kannst doch noch gar nicht so hoch springen.«
Tom schnurrte nur.
Und Paula?
Sie bereute niemals etwas.
Mindestens zweimal am Tag wurde sie dabei erwischt, wie sie an den Gardinen hochkletterte.
Eines Nachmittags betrat Tessa den Raum und erstarrte.
»Felix. Jonah. Warum liegt Paula oben auf dem Bücherregal?«
Jonah seufzte. »Weil sie an sich selbst glaubt.«
Felix packte die kleine Königin und hielt sie hoch. »Furchtlos.«
Paula miaute nur, völlig unbeeindruckt.
 
Schlafende Engel (Endlich etwas Frieden)
 
Glücklicherweise fielen die Kätzchen nach mehreren Stunden des Chaos schließlich in ein tiefes Nickerchen und rollten sich zu einem kuscheligen Häufchen zusammen.
Die Watsons hatten die Stille niemals mehr zu schätzen gewusst.
Sam lehnte sich auf der Couch zurück und rieb sich die Schläfen. »Ich liebe sie, aber ich überdenke auch jede Entscheidung, die uns zu diesem Moment geführt hat.«
Tessa lachte und setzte sich neben ihn. »Ach, komm schon. Sie sind bezaubernd.«
Felix streckte sich und zuckte mit dem Schwanz. »Und wenn sie schlafen, sind sie perfekt.«
Jonah grinste und ließ sich neben Felix auf die Couch fallen. »Ja. Nur das mit dem ›wach‹ ist eine Katastrophe.«
Die Familie saß zusammen und beobachtete ihre winzigen Herrscher beim Schlafen, wohl wissend, dass dies erst der Anfang eines ereignisreichen Lebens mit Kätzchen war.
 
Der zweite Tierarztbesuch
 
Einige Wochen waren vergangen, und es war Zeit für Tim, Tom und Paula, für die nächste Untersuchung und Impfung in die Klinik von Dr. Handrick zurückzukehren.
Die Watsons kamen an, diesmal mit einer deutlich größeren Transportbox, denn ihre kleinen Schrecken waren schon ziemlich gewachsen.
Als sie den Untersuchungsraum betraten, lächelte Dr. Handrick und bedeutete ihnen, den Träger abzusetzen.
»Mal sehen, wie es den dreien geht«, sagte er, öffnete den Reißverschluss des Transportbehälters und setzte die Kätzchen vorsichtig auf den Boden.
Sofort verteilten sich diese wie kleine Entdecker auf einer Mission.
Tim sauste geradewegs auf die Unterseite des Untersuchungstisches zu und schnupperte neugierig.
Paula schlenderte durch den Raum, als ob sie ihr neues Reich inspizieren wollte.
Und Tom, der flauschigste und unsicherste der drei, setzte sich und sah sich mit großen Augen um.
Dr. Handrick, der ihre Possen beobachtete, kicherte. »Nun, sie scheinen selbstbewusst zu sein.«
Felix grinste. »Zu selbstbewusst.«
Jonah seufzte dramatisch. »Es ist ein täglicher Kampf.«
Während die Kätzchen auf Entdeckungsreise gingen, berichteten die Watsons über die kleinen Chaosmaschinen.
Jonah gestikulierte zu Tim, der auf Felix‘ Schuh kletterte. »Tim hat unendlich viel Energie. Er hört nie auf.«
Felix nickte. »Er klettert jetzt die Wände rauf. Buchstäblich. Das ist ein Problem.«
Sam verschränkte die Arme. »Tom ist … immer noch Tom. Immer noch flauschig. Bleibt immer noch an dummen Stellen hängen.«
Felix grinste. »Er schreit immer noch um Hilfe, wenn er weder vor noch zurück kommt.«
Jonah grinste. »Immer noch süß.«
Dr. Handrick kicherte und wandte sich dann Paula zu, die nun in der Mitte des Raumes saß und ihn anstarrte, als ob sie über seine Seele urteilen würde.
»Und Paula?«, fragte er.
Felix schnaubte. »Immer noch eine Königin. Sie bekommt alles, was sie will.«
Jonah nickte. »Und sie will viel.«
Der Tierarzt lächelte, offensichtlich zufrieden mit den Neuigkeiten. »Klingt, als würden sie alle gut wachsen. Lasst uns mit den Untersuchungen beginnen.«
 
Tom geht voran – und ein Verrat, den er nicht vergessen wird
 
Dr. Handrick hockte sich hin und hob Tom vorsichtig hoch, welcher anfangs wunderbar mitmachte.
Der Tierarzt untersuchte seinen winzigen Körper, prüfte seine Ohren und öffnete dann vorsichtig sein Maul, um seine Zähne zu betrachten.
Tom blinzelte ihn nur an, völlig unbeeindruckt.
Felix grinste. »Hey, sieh dir das an. Tom ist der Gute.«
Jonah gluckste. »Ja, mal sehen, was passiert, wenn er seine erste Spritze bekommt.«
Dr. Handrick wog Tom, dann nickte er. »Gesundes Gewicht, gutes Fell, kräftiger kleiner Kerl.«
Dann kam die Impfung.
Dr. Handrick bereitete die Spritze sorgfältig vor und vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war.
Tom, immer noch unschuldig und vertrauensvoll, schöpfte keinen Verdacht.
Bis die Nadel in ihn eindrang.
Und plötzlich war Tom nicht mehr der Gute.
Winziges Kätzchen, maximale Wut.
In dem Moment, in dem die Spritze mit der Impfung gesetzt wurde, stieß Tom einen dramatischen Schrei aus.
Dann kamen seine winzigen Krallen zum Einsatz.
Dr. Handrick versuchte, ihn zu beruhigen, aber Tom zappelte wie ein wildes Tier und schlug mit seinen flauschigen kleinen Pfoten in alle Richtungen.
Felix zuckte zusammen. »Tom. Kumpel.«
Jonah brach in Gelächter aus. »Oh mein Gott, er kämpft um sein Leben.«
Sam seufzte. »Ich wusste, dass das passieren würde.«
Dr. Handrick, der sein Bestes tat, um nicht zum menschlichen Kratzbaum zu werden, beendete schnell die Impfung und setzte Tom so schnell wie möglich behutsam zurück in die Transportbox.
Tom starrte ihn durch das Gitter an, die Ohren angelegt, sein ganzer Körper strahlte Verrat aus.
Felix grinste. »Er wird Ihnen nie wieder trauen.“
Jonah schnaubte. »Er sieht aus, als plant er bereits seine Rache.«
Dr. Handrick atmete aus und rieb sich den Arm, auf dem nun winzige Kratzspuren zu sehen waren. »Das war … heftig für so ein kleines Kätzchen.«
Sam klopfte ihm auf die Schulter. »Willkommen im Leben mit den Watson-Haustieren.«
Dr. Handrick seufzte und beäugte die anderen beiden Kätzchen, die aufgehört hatten zu forschen und ihn nun mit klarem Misstrauen beobachteten.
»Na ja«, murmelte er und griff nach dem nächsten, »das kann ja heiter werden.«
 
Tims große Flucht – und Felix wird zum Opfer
 
Toms dramatische Verratsszene hatte offensichtlich Eindruck hinterlassen, denn Tim und Paula beobachteten den Tierarzt nun wie den Bösewicht in einem Horrorfilm.
Und Tim?
Tim hatte einen Plan.
Dr. Handrick griff nach ihm.
Tim flüchtete.
Nicht nur weg, sondern direkt zu Felix.
Wie ein Blitz aus Grau und Energie sprintete Tim über den Boden und sprang auf Felix‘ Bein.
Und begann sofort, seine Latzhose hochzuklettern. Auf der Innenseite.
Ein Kätzchen in der Hose: Ein Alptraum-Szenario.
Eine Sekunde lang war Felix wie erstarrt.
Dann – Schmerzen.
Winzige, rasiermesserscharfe Kätzchenkrallen. In seiner Hose.
Felix jaulte auf.
»RAUS MIT IHM!«
Die Krallen kratzten sich an seinem Bein nach oben.
Felix hüpfte, drehte sich, schlug um sich, aber Tim war auf einer Mission.
Jonah brach in Gelächter aus.
Dr. Handrick trat einen halben Schritt zurück und wirkte völlig unvorbereitet auf das, was geschah.
Und Sam?
Sam, der eigentlich der verantwortliche Erwachsene in diesem Raum sein sollte.
Er schnappte sich sein Handy und begann mit der Aufnahme.
Felix, der nun wie ein Verrückter durch den Raum tanzte, registrierte es zunächst kaum.
Aber dann rief Jonah zwischen den Lachern: »Paps, filmst du das wirklich?!«
Und Sam grinste, völlig ohne Schuldbewusstsein. »Das ist GOLD.«
Felix, sein Fell in purer Verzweiflung aufgeplustert, Schweif peitschend, Stimme eine Mischung aus Zischen und Stöhnen, sprang herum.
»HÖR AUF ZU FILMEN UND HILF MIR!«
Jonah, der vor Lachen Tränen in den Augen hatte, kam schließlich zur Hilfe.
»Halt still! Ich kriege ihn!«
Leichter gesagt als getan.
Tim war in Felix‘ Latzhose und bewegte sich schnell, seine winzigen Krallen kratzten an jeder Oberfläche, die sie erreichen konnten.
Felix drehte sich und hüpfte auf einem Bein, während Jonah versuchte, den kleinen Schrecken zu packen.
Dr. Handrick sah unterdessen nur erstaunt und entsetzt zu.
»Das ist neu«, murmelte der Tierarzt.
Schließlich – nach dreißig Sekunden Chaos – gelang es Jonah und Felix, Tim zwischen dem Stoff und Felix‘ Körper einzuklemmen.
»ICH HABE IHN!« schrie Jonah triumphierend.
Felix schob seine Hände in die Hose, packte Tim und zerrte ihn heraus.
Das winzige Kätzchen zappelte wild herum und verstand immer noch nicht, warum sein so schlauer Fluchtversuch fehlgeschlagen war.
Felix hielt ihn hoch, schwer atmend, mit gesträubtem Fell und angelegten Ohren.
»Nie wieder.«
Jonah schnappte sich Tim, bevor Felix ihn in aus dem Fenster werfen konnte, und übergab das Kätzchen, das noch immer zappelte, an Dr. Handrick.
»Hier. Viel Glück.«
Dr. Handrick, der sich wohlweislich ein zweites Paar dicke Handschuhe angezogen hatte, nickte. »Ich glaube, das werde ich brauchen.«
 
Tim vs. Tierarzt
 
Im Gegensatz zu Tom, der anfangs wenigstens kooperiert hatte, wehrte sich Tim von Beginn an und während der gesamten Untersuchung.
Versuch, sich aus den Händen des Tierarztes zu winden? Check.
Versuch, in das Stethoskop zu beißen? Check.
So laut und verzweifelt miauen, dass es sich anhörte, als würde er ermordet werden? Check.
Als Tims Impfung erledigt war, sah Dr. Handrick … müde aus.
Aber Tim hatte verloren. Er wurde geimpft. Und wie Tom vor ihm wurde er prompt in den Transportbehälter gesteckt, wo er schmollte und sich verraten fühlte.
Felix, der immer noch seine Latzhose ausschüttelte, murmelte »Das nächste Mal brauche ich einen Ganzkörperschutzanzug.«
Jonah grinste. »Oder Thermounterwäsche wie ich. Eine zusätzliche Schutzschicht.«
Felix funkelte ihn an. »Halt die Klappe.«
Sam, immer noch grinsend, steckte sein Handy weg. »Dieses Video kommt in das Familienarchiv.«
Felix stöhnte.
Dr. Handrick, der sich sichtlich zusammenriss, wandte sich zu Paula, die immer noch völlig unbeeindruckt zusah.
»Nun«, murmelte der Tierarzt und rückte seine Handschuhe zurecht. »Mal sehen, ob die Königin es mir einfacher macht.«
 
Paulas letztes Gefecht
 
Wenn Toms Verrat dramatisch und Tims Fluchtversuch chaotisch war, dann war Paulas Strategie geradezu genial.
Sie lief nicht einfach weg.
Sie kratzte (noch) nicht.
Sie verschwand einfach.
Zumindest versuchte sie es.
In dem Moment, in dem Tim in der Transportbox eingesperrt war, huschte Paula durch den Raum und fand eine winzige Lücke zwischen zwei Schränken – gerade groß genug, um sich hineinzuzwängen, aber zu klein für menschliche Hände, um sie leicht zu erreichen.
Und wo sie einmal drin war?
Sie verbarrikadierte sich.
Ihr Hinterteil war fest gegen die Wand gepresst, ihr flauschiges Fell stand zu Berge und ließ sie doppelt so groß aussehen wie sie tatsächlich war.
Und in dem Moment, in dem jemand auch nur versuchte, nach ihr zu greifen, gab es Fauchen, Krallen und Wut.
Fauchen. Kratzen. Fauchen. Kratzen. Von vorne anfangen.
»Oh Gott!« Dr. Handrick riss seine Hand gerade noch rechtzeitig zurück.
Felix pfiff leise. »Verdammt, sie ist entschlossen.«
Jonah verschränkte die Arme. »Sie hat gesehen, was mit ihren Brüdern passiert ist, und sich gesagt: ›Mit mir nicht!‹«
Sam lehnte sich amüsiert gegen die Wand. »Das ist eine echte Belagerung.«
Dr. Handrick seufzte und rückte seine Handschuhe zurecht. »Versuchen wir es noch einmal.«
 
Die Schlacht an der Barrikade
 
Der Tierarzt versuchte einen anderen Ansatz, indem er seine Hand aus einem anderen Winkel in die schmale Lücke hineinschob.
Paula hatte es kommen sehen.
Und dieses Mal hatte sie nicht nur zugestochen. Sie hatte gebissen.
Hart.
»Aua!«
Dr. Handrick riss seine Hand zurück, die doppellagigen Handschuhe erwiesen sich als völlig nutzlos gegen die Wut der Königin.
Felix zuckte zusammen. »Uff. Sie nimmt es persönlich.«
Jonah seufzte und schüttelte den Kopf. »Wir hätten sie Xena nennen sollen.«
Dr. Handrick begutachtete seinen nun leicht zerrissenen Handschuh und seufzte. »Okay. Ich gebe mich geschlagen.«
 
Auftritt des Katzenflüsterers
 
Felix zuckte mit den Schultern und trat einen Schritt vor.
»In Ordnung. Das war’s. Ich habe genug.«
Jonah hob eine Augenbraue. »Hast du einen Plan?«
Felix grinste. »Klar, ich spreche Katze.«
Dr. Handrick, der sich die gebissene Hand rieb, murmelte »Bitte. Viel Vergnügen.«
Paula, immer noch verbarrikadiert, fauchte erneut.
Felix fauchte zurück.
Aber nicht irgendein Fauchen, sondern ein lautes, gebieterisches Ich-bin-der-Boss-Fauchen.
Paula verstummte augenblicklich.
Jonahs Augen weiteten sich. »Oh verdammt.«
Sam grinste. »Autorität anerkannt.«
Felix hockte sich hin, die Ohren zuckten, der Schwanz zuckte, die Augen waren auf Paula gerichtet.
Und dann begann das Gespräch.
Ein tiefes Miauen.
Ein scharfes, schrilles Geräusch.
Ein warnendes Fauchen.
Paulas Ohren zuckten nach vorne, dann wieder zurück.
Sie gab ein kleines Murren von sich, fauchte aber nicht mehr.
Stattdessen bewegte sie sich.
Nicht um anzugreifen.
Sondern um Felix zu erlauben, sie zu packen.
Vorsichtig schlang Felix seine Hände um ihre Mitte und hob sie hoch.
Paula gab ein letztes kleines Protestfauchen von sich, wehrte sich aber nicht.
Jonah pfiff beeindruckt. »Verdammt, du bist wirklich ihr König.«
Dr. Handrick, gleichermaßen schockiert und erleichtert, blinzelte. »So etwas habe ich noch nie gesehen.«
Felix grinste und legte Paula auf den Untersuchungstisch. »Hab ich doch gesagt. Ich spreche Katze.«
Da Paula nun offiziell gefangen war, machte sich der Tierarzt schnell an die Arbeit.
Obwohl sie angespannt war, schlug sie nicht um sich, solange Felix in ihrer Nähe war und sie ruhig hielt.
Dr. Handrick überprüfte mit vorsichtigen Bewegungen ihr Gewicht, ihre Ohren und ihre Zähne.
In dem Moment, in dem er den Impfstoff vorbereitete, verkrampfte Paula erneut.
Felix gab einen leisen, schnaufenden Laut von sich, und Paula beruhigte sich – gerade noch so.
Die Spritze wurde verabreicht.
Paula gab ein mürrisches Miauen von sich, griff aber nicht an.
Und einfach so – war es vorbei.
Felix hob sie sofort auf und setzte sie zu ihren Brüdern in die Transportbox.
Paula blickte alle wütend an.
Aber wenigstens war diesmal kein Blut vergossen worden.
 
Die Strategie des Siegers
 
Dr. Handrick lehnte sich gegen den Tisch und atmete tief durch.
»Nun. Das war … ein Erlebnis.«
Felix grinste.
Jonah nickte. »Sie haben überlebt. Das ist eine Leistung.«
Sam kicherte. »Gerade mal so.«
Dr. Handrick sah Felix wieder an. »Ich meinte es ernst, als ich sagte, dass ich so etwas noch nie gesehen habe. Du hast sie wirklich beruhigt.«
Felix zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihr nur gesagt, was sie hören musste.«
Jonah schmunzelte. »Und das war?«
Felix grinste. »Benimm dich, sonst gibt es heute Abend keine Extra-Leckereien.«
Sam lachte. »Du hast sie bestochen?«
Felix zuckte mit den Schultern. »Es hat funktioniert.«
Dr. Handrick schüttelte den Kopf, immer noch erstaunt. »Nun, was immer du getan hast – es hat meine Hände gerettet.« Er zog seine leicht zerrissenen Handschuhe aus. »Und wenn ihr mich fragt, habt ihr drei kerngesunde Kätzchen bekommen.«
Jonah grinste. »Das wussten wir schon.«
Felix grinste. »Jetzt sind sie halt offiziell geimpfte Plagegeister.«
Sam seufzte. »Als ob sie nicht schon vorher eine Bedrohung gewesen wären.«
Und damit packten die Watsons ihre kampferprobten Kätzchen ein und verließen die Klinik, denn sie wussten, dass das Leben mit Tim, Tom und Paula von nun an nur noch interessanter werden würde.
 
Kampfwunden und Muttermodus aktiviert
 
Zumindest hatte der Besuch beim Tierarzt etwas Wunderbares bewirkt:
Die Kätzchen waren müde.
Zum ersten Mal seit ihrem Einzug in den Watson-Haushalt waren Tim, Tom und Paula zu erschöpft von ihrer Tortur, um ihr übliches Unwesen zu treiben.
Stattdessen lagen sie in einem flauschigen, schmollenden Kätzchenhaufen vor dem Kamin, ihre winzigen Körper aneinander gepresst, der warme Schein der Flammen flackerte über ihr Fell.
Im Haus war es endlich still.
Was bedeutete: Zeit für den Kampfbericht, Tessa wollte ja auch wissen, wie der Tierarztbesuch abgelaufen war.
Sie wandte sich vom Herd ab und zog eine Augenbraue hoch. »Und? Wie ist es gelaufen?«
Sam lehnte sich schmunzelnd gegen den Tresen. »Nun, Dr. Handrick hat überlebt. Gerade noch so.«
Jonah grinste. »Und Felix wurde in seiner eigenen Hose angegriffen.«
Tessa blinzelte. »Was?«
Felix stöhnte und warf sich auf einen Küchenstuhl. »Tim ist in meine Latzhose geflitzt und mein Bein hinauf geklettert. Mit Krallen.«
Jonah kicherte. »Felix hat getanzt. Und Papa hat es gefilmt.«
Tessa starrte ihren einen Moment lang an, schüttelte dann seufzend den Kopf. »Warum bin ich nicht überrascht?«
Sam zückte sein Handy und grinste. »Willst du das Video sehen?«
Felix knurrte. »Papa. NEIN.«
Aber Tessa hörte eh nicht mehr zu.
Sie hatte voll auf Muttermodus geschaltet.
 
Schadenskontrolle
 
Tessas Augen verengten sich.
»Felix. Latzhose aus. Sofort.«
Felix‘ Ohren legten sich flach. »Mama, mir geht es gut.«
Tessa verschränkte die Arme. »Felix Watson, zwing mich nicht, sie dir auszuziehen.«
Jonah grinste. »Das würde ich gerne sehen.«
Felix grummelte vor sich hin, stand aber auf, öffnete die Träger der Latzhose und zog sie herunter, so dass sein zerkratztes Bein zum Vorschein kam.
Unter dem hellen Küchenlicht wurde der gesamte Schaden sichtbar.
Winzige rote Kratzspuren liefen seine Wade und seinen Oberschenkel rauf und runter. Einige waren nur oberflächliche Kratzer, aber an einigen Stellen war sein Fell mit winzigen Blutflecken verfilzt.
Tessas scharfes Einatmen erfüllte den Raum. »Felix.«
Felix zuckte mit den Schultern. »Es sieht schlimmer aus als es ist.«
Das sah Tessa anders.
»Badezimmer. Jetzt. Jonah, hilf ihm beim Saubermachen. Und benutze die antibakterielle Salbe.«
Felix stöhnte. »Mama…«
»Keine Widerrede.«
Felix seufzte, stapfte aber gehorsam zur Treppe, während Jonah ihm grinsend folgte.
Im gemeinsamen Bad angekommen, nahm Jonah einen Waschlappen, hielt ihn unter warmes Wasser und kniete sich vor Felix.
Felix saß auf dem geschlossenen Toilettensitz und sah zu, wie Jonah vorsichtig die Kratzer reinigte.
»Ich schwöre, ich glaube, Tim mag dich am meisten«, sagte Jonah ironisch und tupfte auf einen besonders tiefen Kratzer.
Felix schnaubte. »Wenn das seine Version von ›Mögen‹ ist, möchte ich nicht sehen, was passiert, wenn er mich nicht mehr mag.«
Jonah lachte. »Hör auf so zu zappeln.«
Felix schnippte mit dem Schwanz. »Das brennt.«
»Ja? Nun, das wird jetzt noch mehr brennen.«
Felix kniff die Augen zusammen, als Jonah nach der antibakteriellen Salbe griff.
»Jonah«, sagte Felix warnend.
Jonah grinste. »Felix.«
Felix fauchte leise, die Ohren zuckten vor Unbehagen. »Du genießt das, nicht wahr?«
Jonah grinste und drückte einen Kuss auf Felix‘ Knie. »Immens.«
Felix seufzte dramatisch. »Du bist schlimmer als Tim.«
Jonah beugte sich vor und küsste erst Felix‘ Oberschenkel, dann seine Hüfte und schließlich seine Lippen.
Felix schmolz dahin.
Als sie sich schließlich voneinander lösten, grinste Jonah. »Besser?«
Felix schnurrte leise. »Ja. Besser.«
Von unten rief Tessa nach oben. »Ich höre keine Bewegung! Wehe, ihr knutscht nur rum!«
Felix und Jonah tauschten einen Blick aus.
Dann schrie Jonah zurück.
»Wir verweigern die Aussage!«
Tessa stöhnte.
Sam lachte.
Und unten schliefen drei kleine Kätzchen, friedlich, völlig ahnungslos von dem Chaos, das sie verursacht hatten.
 
Spätabendliche Überlegungen
 
Im Haus der Watsons war es ruhig.
Die Kätzchen, immer noch erschöpft von ihrem Tierarztbesuch, lagen zusammengerollt in ihrem nun größeren Katzenbett am Fußende von Jonahs und Felix‘ Bett.
Sie sahen aus wie kleine Engel.
Wobei sie eher das Gegenteil waren.
Felix und Jonah wussten beide, dass die kleinen Fellknäuel in dem Moment, in dem sie wieder aufgeladen waren, zu ihrer üblichen Herrschaft der liebenswerten Zerstörung zurückkehren würden.
Aber im Moment?
Fürs Erste: Frieden.
Die Brüder lagen aneinander gekuschelt in ihren Decken und genossen die Wärme des anderen und die Stille der Nacht.
Jonah beobachtete die Kätzchen einen Moment lang, dann grinste er und drehte seinen Kopf zu Felix. »Weißt du«, flüsterte er, »das ist eigentlich deine Schuld«.
Felix‘ Ohren zuckten. »Was?«
Jonah grinste. »Na ja, denk mal drüber nach. Du bist eine Halbkatze. Sie sind Katzen. Damit sind sie so etwas wie … deine entfernten Cousins. Um fünf oder sechs Ecken herum.«
Felix stöhnte und vergrub sein Gesicht in Jonahs Schulter. »Nein. Auf keinen Fall.«
Jonah kicherte. »Zu spät. Du musst jetzt mit deiner Verwandtschaft klarkommen.«
Felix hob den Kopf und warf Jonah einen flachen Blick zu. »Wenn wir noch mehr streunende Tiere finden, sollten es besser Hundewelpen sein.«
Jonahs Grinsen wurde breiter. »Oh? Bist du sicher? Denn Welpen jagen Schwänzen hinterher.«
Felix erstarrte.
Jonah wackelte mit den Augenbrauen. »Und du, mein Schatz, hast einen sehr flauschigen, sehr verlockenden Schwanz.«
Felix‘ Schwanz zuckte warnend. »Vergiss es. Keine Welpen.«
Jonah lachte leise und drückte Felix einen Kuss auf die Wange. »Schon gut, schon gut. Keine Welpen. Für den Moment.«
Felix seufzte, aber seine Miene wurde weicher, als er seine Arme um Jonah schlang und ihn näher an sich heranzog.
Noch ein paar Minuten lang genossen sie die Wärme des anderen und die ruhige Intimität der Nacht.
Dann stieß Jonah einen schläfrigen Seufzer aus. »Felix?«
Felix brummte. »Hmh?«
Jonah lächelte gegen seine Schulter. »Ich liebe unsere kleine Chaosfamilie.«
Felix beobachtete die Kätzchen, wie sie im Schlaf leise atmeten, spürte die Wärme von Jonah neben sich und schnurrte leise.
»Ja. Ich auch.«
Und damit folgten sie den Kätzchen ins Traumland, umhüllt von Liebe, Wärme und dem Wissen, dass ihr Leben – so chaotisch es auch war – genau so war, wie es sein sollte.
 
Das Chaos legt sich… Einigermaßen
 
Sechs Monate waren vergangen, und das Schlimmste des Kätzchenwahnsinns war vorbei.
Tim, Tom und Paula waren keine winzigen Fellknäuel mehr, sondern schlanke, selbstbewusste junge Katzen, fast ausgewachsen, aber immer noch voller Persönlichkeit.
Tim? Immer noch eine hyperaktive Plage, aber er hatte gelernt, seine Energie draußen abzubauen. Er verbrachte Stunden im Garten, jagte Blätter, kletterte auf Bäume und terrorisierte die Eichhörnchen in der Umgebung.
Tom? Immer noch ungeschickt, aber er hatte gelernt, dass die meisten »festgefahrenen« Situationen mit einem beherzten Sprung gelöst werden konnten – auch wenn es manchmal nicht ohne dramatische Klagelaute abging.
Und Paula? Immer noch eine Königin. Noch immer kommandierte sie ihre Brüder herum, noch immer sorgte sie dafür, dass jeder Mensch im Haus wusste, wer das Sagen hatte.
Aber sie hatte Felix schließlich als ihren König akzeptiert.
Felix scherzte gerne, dass er sie »gezähmt« hatte, aber jeder im Hause Watson kannte die Wahrheit – sie hatte ihn einfach für würdig befunden.
 
Die Freuden mit Freigängerkatzen (und die Leiden mit ihnen)
 
Nun, da sie erwachsen waren, hatten die drei jungen Katzen den Garten der Watsons als ihr persönliches Reich beansprucht.
Aber ihre Herrschaft hörte nicht an den Grundstücksgrenzen auf.
Sie streiften durch die Nachbarschaft wie kleine katzenartige Entdecker und genossen die kleinstädtische Freiheit, die das Leben an einem Ort mit sich brachte, an dem die Menschen einander und ihre Haustiere kannten.
Das bedeutete aber auch, dass sie ihre Katzeninstinkte voll ausleben konnten.
Das führte zu einem ständigen Problem.
Die »Geschenke«.
Es begann eigentlich ganz harmlos.
Ein kleines Blatt hier. Eine Feder dort – manchmal hing noch ein panisch flatternder Vogel mit dran.
Eines Tages trabte Tim dann stolz mit einer sehr lebendigen Maus ins Haus.
Jonah hatte geschrien. Felix hatte geseufzt.
Tessa? Sie hatte geduldig die Maus entfernt und Tim sanft, aber bestimmt gescholten.
Hatte es geholfen?
Nein.
Am nächsten Tag legte Paula eine tote Eidechse auf Felix‘ Kopfkissen.
Felix hatte sie verblüfft angestarrt. »Ernsthaft?«
Paula hatte ihm nur zugeblinzelt, völlig unbeeindruckt.
Danach wurde es zur Routine.
Mäuse, Vögel, gelegentlich ein unglücklicher Frosch – die Kätzchen brachten ihren Menschen Opfergaben und erwarteten Lob und Dankbarkeit.
Sam war kurz davor aufzugeben. »Wenn ich noch einmal in meinen Hausschuhen auf ein totes Tier trete, ziehe ich aus.«
Jonah hatte nur gegrinst. »Sie lieben uns halt, Dad. Fühl dich geehrt.«
Felix hatte mit den Augen gerollt. »Sie brauchen bessere Wege, um ihre Liebe zu zeigen.«
 
Kastrierte Katzen – oder ein Tierarzt mit Nervenzusammenbruch?
 
Es war ein Abenteuer, die drei Katzen kastrieren und sterilisieren zu lassen.
Nachdem Dr. Handrick beim letzten Mal fast seine Finger verloren hatte, gingen die Watsons kein Risiko ein.
Felix hatte Klartext in Katzensprache gesprochen, noch bevor sie das Haus verließen, und seine felinen Untertanen sehr deutlich gewarnt.
»Wenn ihr Chaos verursacht, schwöre ich – einen Monat lang keine Katzenminze.«
»Du magst deine weiche Decke? Weg.«
»Du glaubst, du kannst es mit mir aufnehmen? Versuch es, Paula. Auf eigene Gefahr.«
Die Katzen hatten zugehört.
Zumindest ein wenig.
Dr. Handrick hatte den Eingriff ohne ernsthafte Verletzungen überlebt, obwohl er später zugab »Felix, ich weiß nicht, was du zu ihnen gesagt hast, aber ich verdanke dir mein Leben.«
Es hatte sogar so gut funktioniert, dass Felix irgendwie auf der Notfallkontaktliste der Tierklinik gelandet war. Als offizieller Katzenflüsterer.
Es hatte klein angefangen.
Dr. Handrick rief einmal an, als eine besonders gemeine Katze sich weigerte, sich die Krallen schneiden zu lassen.
Felix tauchte auf, fauchte einmal, und die Katze benahm sich sofort.
Von da an klingelte Felix‘ Telefon immer dann, wenn die Klinik eine besonders rebellische Katze zu behandeln hatte.
Jonah lachte, als Felix eines Abends »von einerKonsultation« zurückkam, und grinste. »Du bist jetzt also Tierarzt?«
Felix schnaubte. »Eher ein Geisel-Unterhändler.«
Sam rollte mit den Augen. »Warte nur ab. Als Nächstes meldete sich ein Zoo um dich zu bitten, einen Löwen zu bändigen.«
Felix grinste. »Ich würde es schaffen.«
Jonah lehnte sich an ihn und kicherte. »Ja. Das würdest du wahrscheinlich.«
 
Ein Happy End (vorerst…)
 
Das Leben hatte sich seit jener schicksalhaften Winternacht, in der sie die Kätzchen vor ihrer Haustür gefunden hatten, sehr verändert.
Aber trotz des Chaos, des Fells, der »Geschenke« und Felix‘ unerwarteter Karriere als Katzenflüsterer – die Familie Watson hätte nichts daran ändern wollen.
Denn schließlich hatten die kleinen, flauschigen Katastrophen ihr Leben noch besser gemacht.
Auch wenn Sam sich immer noch weigerte, barfuß im Haus zu laufen.
 
Das Watson-Katzen-Überlebens-Kit
 
Dr. Handrick hatte seit seinem Umzug in die Stadt viel gelernt.
Aber die wichtigste Lektion?
Unterschätze niemals die Watson-Katzen.
Es dauerte genau drei Vorfälle, bis er das »Begegnung mit den Watson-Katzen-Notfallkit« in seiner Klinik einführte.
Das Rettungspaket enthielt:
– Antiseptische Tücher (für die kleineren Blessuren)
– Pflaster (für tiefere Kratzer)
– Einen kleinen Eisbeutel (für unglückliche Hundenasen)
– Einen Stressball (zur emotionalen Erholung)
– Einen Aufkleber mit der Aufschrift »Ich habe die Watson-Katzen überlebt« (einer der größten Erfolge seiner Tierarztkarriere)
 
Eine Lektion für die Hunde der Stadt
 
Anfangs verstanden einige übereifrige Hunde nicht, warum sie Angst vor den Kätzchen haben sollten.
Schließlich waren sie groß. Die Watson-Katzen waren klein.
Das bedeutete natürlich, dass die Hunde das Sagen hatten.
Falsch.
Das erste Opfer? Ein junger Golden Retriever, der versuchte, Paula leicht unsittlich zu beschnuppern.
Das Ergebnis? Ein einziger Schlag auf die Nase.
Der Hund gab einen schmerzhaften Schrei von sich und versteckte sich sofort hinter seinem Besitzer.
Das zweite Opfer? Ein Boxermix, der dachte, Tim sähe aus wie ein lustiges Spielzeug.
Tim, immer bereit, die Pfoten zu schwingen, boxte zurück.
Und das dritte Opfer? Ein neugieriger Beagle, der seine Nase direkt in Toms Fell steckte.
Tom, obwohl er der flauschigste und normalerweise der ahnungsloseste war, reagierte instinktiv.
Ein Wisch. Ein Fauchen.
Und plötzlich begannen die Hunde der Stadt zu lernen.
Im dritten Monat machten die meisten örtlichen Hunde einen großen Bogen um die Watson-Katzen, besonders im Wartezimmer der Tierklinik.
Dr. Handrick, der die Entwicklung dieses Musters beobachtete, seufzte nur und hielt den Notfallkoffer bereit.
»Irgendwer sollte eine Selbsthilfegruppe für katzengeschädigte Hunde anbieten«, murmelte er eines Tages, nachdem er einem weiteren Hund einen Verband um die Nase gewickelt hatte.
Allerdings gab es einen Hund, der sicher war: Micco.
Er hatte noch nie die Krallen der Watson-Katzen gespürt.
Der große, geduldige, schwarzhaarige Deutsche Schäferhund war irgendwie immun gegen den Zorn von Tim, Tom und Paula.
Während andere Hunde lernten, das Trio zu fürchten, wurde Micco vollständig in ihre Reihen aufgenommen.
Es begann mit kuriosen Interaktionen.
Micco schnüffelte an ihnen, so wie es auch andere Hunde getan hatten, aber er erntete keine Hiebe.
Eines Tages wurde Micco vor Ryans Haus in der Sonne liegend gefunden.
Und wer hatte sich auf und an ihm zusammengerollt?
Alle drei Watson-Katzen.
Danach wurde es ein regelmäßiger Anblick.
Tim kletterte auf Miccos Rücken und spielte mit Miccos Schwanz.
Tom saß wie ein Prinz auf den Schultern von Micco.
Paula schmiegt sich an sein warmes Fell und behandelt ihn wie ihre persönliche Wärmedecke.
Und Micco?
Er hatte nicht ein einziges Mal gebellt, geknurrt oder auch nur verärgert gezuckt.
Jonah, der das Geschehen eines Nachmittags beobachtete, hatte nur den Kopf geschüttelt.
»Ich schwöre, der Hund ist ein Heiliger.«
Felix schmunzelte. »Eher ein königlicher Leibwächter.«
Ryan fügte grinsend hinzu »Ich glaube er wurde vollständig adoptiert«.
Und während die anderen Hunde der Stadt Tim, Tom und Paula gegenüber misstrauisch blieben, war Micco offiziell ihr großer Bruder.
 
Der Highschool-Abschluss – Double-Trouble-Style
 
Die Sonne strahlte, die Fahnen wehten, und die halbe Stadt hatte sich zur Abschlussfeier der High School versammelt.
Auf dem Podium waren zwei Namen statt einem aufgerufen worden.
Felix Watson.
Jonah Watson.
Denn es war unmöglich gewesen, sich zwischen ihnen zu entscheiden.
Sie hatten jeden Test mit Bravour bestanden, jeden Rekord gebrochen und jeden Lehrer irgendwie darauf trainiert, mit ihrem Duo-Chaos umzugehen.
Anstatt sich also darüber zu streiten, welcher Bruder den Titel des Jahrgangsbesten mehr verdiente, hatte die Schule einfach aufgegeben und beiden den Titel verliehen.
Jetzt standen Felix und Jonah Seite an Seite auf der Bühne und blickten in die Menge.
Keiner von ihnen hatte eine Rede vorbereitet. Keiner hatte auch nur einen Notizzettel dabei.
Sie brauchten keinen.
 
Die Rede
 
Jonah trat als Erster vor und tippte auf das Mikrofon. »Können uns alle hören?«
Felix grinste. »In der zwölften Reihe hat einer gekichert, also mach weiter.«
Gelächter schallte durch die Menge.
Jonah grinste. »Also gut, eigentlich sollten wir eine lange, inspirierende Rede über unseren Weg hierher halten. Aber seien wir mal ehrlich…«
Felix setzte fort: »Ihr kennt uns alle, seit wir Babys waren.«
Jonah: »Beginnen wir also gleich mit den Danksagungen.«
Felix: »Die Lehrer zuerst. Wir wissen, dass wir Ihnen die Hölle heiß gemacht haben.«
Jonah: »Aber zu unserer Verteidigung ist zu sagen, dass Sie jetzt alle sehr gut erzogen sind.«
Aus dem Lehrerkollegium ertönte Gelächter.
Felix: »Aber im Ernst, wir danken Ihnen. Sie haben uns nicht nur Mathe und Naturwissenschaften beigebracht, Sie haben uns auch ertragen.«
Jonah: »Und das erfordert viel Geduld.«
Felix: »An unsere Freunde – ja, an alle fünf von euch.«
Jonah: »Okay, sechs, wenn wir Ryan mitzählen.«
Ryan gab einen lauten Pfiff aus dem Publikum von sich.
Felix: »Ihr habt die Schule erträglich gemacht. Und ihr habt uns auch davor bewahrt, zu viel Ärger anzurichten.«
Jonah: »Oder zumindest geholfen, den Ärger zu vertuschen.«
Felix: »Und dafür sind wir ewig dankbar.«
Jonahs Tonfall änderte sich leicht, er war jetzt ernster.
»Aber das größte Dankeschön geht an zwei Personen«.
Felix‘ katzengoldene Augen suchten die Menge ab, bis sie bei Sam und Tessa landeten, die vorne und in der Mitte saßen.
Felix fuhr fort: »Unsere Eltern. Sam. Tessa. Die beiden Menschen, die in einer eiskalten Winternacht ein seltsames Wesen, halb Mensch, halb Katze, verlassen vor ihrer Haustür fanden.«
Jonah: »Und anstatt auszuflippen oder ein Regierungslabor anzurufen…«
Felix: »haben sie es aufgenommen. Ohne zu zögern. Ohne Angst.«
Jonah: »Sie haben ihm nicht nur ein Zuhause gegeben. Sie gaben ihm Liebe. Eine Familie.«
Felix: »Und deshalb habe ich etwas noch Unglaublicheres bekommen.«
Jonah drehte sich zu Felix um, ihre Blicke trafen sich.
Jonah: »Mich.«
Felix schnaubte. »Ja, okay.«
Die Menge lachte leise, aber die Emotionen in diesem Moment waren echt.
Felix wandte sich wieder dem Publikum zu, seine Stimme war fest. »Jonah und ich – trotz all unserer Differenzen – waren immer eins.«
Jonah: »Untrennbar.«
Felix: »Beste Freunde.«
Jona: »Brüder.«
Felix: »Seelenverwandte.«
Jonah: »Und wir wären nicht hier ohne die beiden Menschen, die uns aufgezogen haben.«
Felix und Jonah drehten sich synchron zu ihren Eltern um und verbeugten sich.
Sam hatte einen Arm um Tessa gelegt, die eindeutig weinte.
Das gesamte Publikum klatschte und jubelte, die Liebe in der Luft war spürbar.
 
Das große Finale
 
Jonah wandte sich wieder dem Mikrofon zu und grinste.
»Also, ich denke, was wir damit sagen wollen, ist…«
Felix grinste.
»Wir haben gewonnen.«
Jonah: »Highschool? Besiegt.«
Felix: »Das beste Power-Paar der Stadt? Bestätigt.«
Jonah: »Felix ist immer noch eine Bedrohung? Auf jeden Fall.«
Felix: »Jonah ist immer noch hoffnungslos in mich verliebt? Das auch.«
Das Publikum lachte, jubelte und klatschte.
Jonah legte einen Arm über Felix‘ Schulter.
»Wir sind die Watsons. Und wir fangen gerade erst an.«
»Und das war keine Drohung – nur ein Versprechen.«
Damit verließen sie die Bühne – gemeinsam, wie immer – bereit für das, was als Nächstes kommen würde.
 
Glück oder Prestige?
 
Felix und Jonah Watson hatten die Qual der Wahl.
Jede Eliteuniversität des Landes – Harvard, Princeton, Yale, Stanford – hatte an ihre Tür geklopft, mit Vollstipendien gewunken und ihnen Ruhm, Reichtum und Einfluss versprochen.
Sie hätten hochbezahlte Anwälte, bahnbrechende Ärzte oder weltverändernde Politiker werden können.
Doch als es an der Zeit war, über ihre Zukunft zu entscheiden, lehnten sie alles ab.
Denn was sie wollten, war nicht Macht, Prestige oder Geld.
Sie wollten unterrichten.
Als sie ihre Entscheidung bekannt gaben, waren die Leute … verwirrt.
»Ihr lehnt Harvard ab? Für ein Kleinstadt-College?«
»Aber ihr könntet doch alles machen! Warum unterrichten?«
»Ihr könntet Millionäre sein und wollt trotzdem Hausaufgaben korrigieren?«
Jonah grinste nur. »Ja.«
Felix schmunzelte. »Wir haben unsere Lehrer gut trainiert. Zeit, es weiterzugeben.«
Ihre Eltern?
Sam und Tessa hatten nur wissend gelächelt.
Denn sie wussten es besser als jeder andere: Felix und Jonah hatten sich nie um Status, Reichtum oder Anerkennung gekümmert.
Es war ihnen wichtig, etwas zu bewirken.
 
Ein kleines College, ein großer Traum
 
Statt einer Ivy-League-Uni wählten die Watson-Brüder ein kleines College in der nächstgrößeren Stadt – nur 25 Meilen entfernt.
Es war nicht berühmt. Es war nicht elitär.
Aber es war genau das, was sie wollten.
Ein Ort, an dem sie lernen konnten zu unterrichten. Wo sie lernen konnten junge Köpfe zu formen, genau wie die Lehrer, die sie geformt hatten. (Oder die sich das zumindest einbildeten.)
Es war auch eine praktische Entscheidung.
Sie brauchten kein lautes Wohnheim voller nerviger Kommilitonen.
Sie wollten nicht von zu Hause weg.
Stattdessen legten sie ihre Ersparnisse zusammen – Geld aus Teilzeitjobs, Nachhilfestunden und sogar einem kleinen Nebengeschäft, bei dem sie Dr. Handrick mit seinen Katzenpatienten halfen.
Und sie kauften einen gebrauchten Geländewagen – ein robustes, zuverlässiges Auto, mit dem sie jeden Tag zum Campus und zurück fahren konnten.
Die Brüder Watson blieben zu Hause.
Und sie würden es auch nicht anders wollen.
Natürlich waren die großen Universitäten nicht gerade begeistert.
Der Zulassungsbeauftragte von Harvard hatte zweimal angerufen und sie praktisch angefleht, es sich noch einmal zu überlegen.
Princeton hatte Briefe, E-Mails und sogar einen Professor geschickt, um sie zu überzeugen.
Stanfords Annahmepaket enthielt eine handschriftliche Notiz eines Nobelpreisträgers.
Jonah und Felix?
Sie hatten nur gelacht, höflich abgelehnt und ihr Leben weitergeführt.
Sie hatten sich nicht aus Prestigegründen für einen Weg entschieden.
Sie wählten einen Weg zum Glück.
Und wenn sie jeden Abend in die Einfahrt ihres Familienhauses einfuhren und von der Wärme ihrer Eltern und den Possen ihrer drei Katzen begrüßt wurden, wussten sie: sie hatten die richtige Wahl getroffen.
Und die Katzen hatten zugestimmt.
Tim sauste immer noch durch das Haus, aber jetzt begrüßte er sie an der Tür, als wolle er wissen, wie ihr Tag verlaufen war.
Tom schaffte es immer noch, sich an lächerlichen Stellen festzuhalten, obwohl er jetzt ein neues Hobby entdeckt hatte: in ihren Geländewagen zu klettern und sich zu weigern, ihn zu verlassen.
Paula regierte immer noch das Haus, aber sie hatte die Schulbücher und Laptoptastaturen der Brüder offiziell zu ihren persönlichen Thronen erklärt.
Und die Brüder?
Sie waren genau dort, wo sie hingehörten.
Zu Hause.
Glücklich.
Und bereit für das nächste Kapitel ihres Lebens – gemeinsam.
 
Ein Antrag zu Weihnachten – Mal zwei
 
Die Familie Watson war satt, zufrieden und warm.
Eine weitere Geburtstagsfeier war vorüber, und wie immer hatte ihr Lieblings-Chinarestaurant den unbändigen Appetit der Brüder kaum überlebt.
Jetzt, zu Hause, saßen sie faul vor dem Kamin, dessen goldener Schein ein sanftes Licht in das gemütliche Wohnzimmer warf.
Sam saß mit einem Arm um Tessa und trank eine Tasse Kaffee.
Tim, Tom und Paula lagen zusammengerollt auf dem Teppich vor dem Kamin und schnurrten in perfekter Harmonie.
Jonah saß auf seinem gewohnten Platz, Felix hatte sich an ihn geschmiegt, ihre Körper waren so eng aneinander gepresst, dass kein Katzenhaar mehr dazwischen gepasst hätte.
Eine Zeit lang genossen sie einfach die Ruhe.
Bis Felix sich plötzlich bewegte.
Jonah hatte kaum Zeit, die Bewegung zu registrieren, bevor Felix von der Couch rutschte und vor Jonah auf die Knie sank.
Jonah blinzelte. »Felix?«
Felix hat nicht sofort geantwortet.
Stattdessen hatte er in seine Jeanstasche gegriffen und eine kleine schwarze Schachtel herausgefischt.
Jonahs Atem stockte.
Felix klappte die Schachtel auf und enthüllte einen goldenen Ring, dessen Band glatt und elegant war und in dem ein kleiner Stein in den Farben des Regenbogens schimmerte.
Tessa stieß einen kleinen Schrei aus.
Sam setzte sich aufrechter hin.
Jonah starrte einfach nur.
Felix holte tief Luft und wollte etwas sagen.
Doch bevor ein einziges Wort über seine Lippen kam…
Jonah sprang plötzlich auf.
Felix blinzelte verwirrt, als Jonah ebenfalls auf die Knie fiel und ihn ansah.
Dann zog Jonah eine kleine schwarze Schachtel heraus.
Felix‘ goldene Augen weiteten sich, als Jonah sie aufklappte.
Darin befand sich ein Ring.
Ein goldener Ring.
Mit einem Stein, der in den Farben des Regenbogens schimmerte.
Felix‘ Mund öffnete sich leicht.
Jonahs Augen trafen auf seine.
Und im selben Moment, ohne zu zögern, ohne zu überlegen, sprachen sie in völliger Synchronität.
»Willst du mich heiraten?«
Tessa keuchte erneut, aber diesmal schlug sie sich die Hände vor den Mund, denn ihre Augen glänzten bereits vor Tränen.
Sam, der seine Söhne anstarrte, stieß ein atemloses Glucksen aus. »Ihr wollt uns wohl verarschen.«
Felix und Jonah, die immer noch voreinander knieten, starrten sich nur an.
Dann begann Jonah zu lachen.
Felix schnaubte und schüttelte den Kopf.
Jonah grinste. »Das war meine Idee!«
Felix grinste. »Das war meine Idee!«
Jonah stieß ein atemloses Lachen aus. »Du bist mir etwa drei Sekunden zuvorgekommen.«
Felix hob eine Augenbraue. »Es zählt trotzdem.«
Jonah rollte zärtlich mit den Augen. »Streiten wir uns wirklich darüber?«
Felix grinste. »Wie lautet deine Antwort?«
Jonah schnaubte. »Wie lautet deine?«
Felix kicherte, dann beugte er sich vor und drückte seine Stirn an die von Jonah.
»Ja.«
Jonah drückte sich an Felix.
»Ja.«
Und damit steckten sie sich gegenseitig die Ringe an die Finger.
Tessa, die nun in Tränen ausbrach, beendete schließlich ihr fassungsloses Schweigen.
Sie stürzte nach vorne und umarmte beide Jungen fest.
»Meine Babys heiraten!«, schluchzte sie.
Sam schüttelte lächelnd den Kopf und murmelte »Das hätte ich kommen sehen müssen.«
Dann legte er sanft und voller Liebe seine Hände auf die Schultern seiner Söhne.
»Glückwunsch, Jungs.«
Felix und Jonah drehten sich zu ihren Eltern um, ihre Ringe glitzerten im Schein des Feuers, ihr Lächeln war strahlender denn je.
Jonah drückte Felix‘ Hand.
Felix drückte zurück.
Sie waren immer eins gewesen.
Und jetzt?
Jetzt würden sie es offiziell machen.
 
Jonah und Felix, Lehrer – und mehr
 
Fünf Jahre waren vergangen, und das Leben im Hause Watson hatte sich in einen Rhythmus aus Liebe, Lachen und kontrolliertem Chaos eingependelt.
Felix und Jonah waren glücklich verheiratet und immer noch das unzertrennliche Duo, das sie schon immer gewesen waren.
Beide waren beliebte Lehrer an der örtlichen High School geworden, eine Entscheidung, die die Eliteuniversitäten, die sich um sie bemüht hatten, schockiert aber ihre Kleinstadt begeistert hatte.
Felix unterrichtete Sport und Physik – eine Kombination, die für einen Halbkatzenmenschen, der die Schwerkraft erklären und ihr anscheinend trotzen konnte, irgendwie Sinn machte.
Jonah unterrichtete Englisch und Algebra – eine Kombination, die funktionierte, weil er sowohl Poesie als auch Polynome mit gleicher Leidenschaft erklären konnte.
Sie lebten immer noch zu Hause, aber die Dinge hatten sich verändert.
Gemeinsam mit Sam und Tessa hatten sie das Haus erweitert und über der Garage eine Wohnung mit drei Schlafzimmern angebaut – ihr eigenes Reich, aber immer noch in der Nähe der Familie, die immer ihr Fundament gewesen war.
Ihre Eltern waren älter geworden, aber sie waren immer noch stark, immer noch aktiv und immer noch sehr verliebt.
Die Watson-Katzen – Tim, Tom und Paula – waren ebenfalls in Würde gealtert, obwohl Paula immer noch das Haus beherrschte, Tim immer noch unberechenbar herumflitzte und Tom … nun, Tom blieb immer noch an lächerlichen Stellen hängen.
Das Leben war gut.
Aber Felix und Jonah wussten, dass etwas fehlte.
Von Anfang an wollten sie Eltern werden.
Sie hatten die erforderlichen Kurse besucht, die Inspektionen bestanden und waren offiziell als Pflegeeltern zugelassen, in der Hoffnung, eines Tages einem Kind, das ein Zuhause brauchte, ein solches bieten zu können.
Sie hatten erwartet lange warten zu müssen.
Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ihr erstes Kind viel früher als geplant kommen würde.
 
Ein unerwarteter Hilferuf
 
Es geschah wegen eines alten Freundes.
Der inzwischen pensionierte Sheriff, einer von Ryans Adoptivvätern, hatte nie wirklich aufgehört, Menschen zu beschützen.
Und eines Nachts war er eingeschritten, um einen 11-jährigen Jungen zu schützen.
Liam.
Liam hatte sein ganzes Leben in einem Haus voller Angst verbracht.
Seine Eltern hatten ihn misshandelt, waren grausam und gewalttätig.
Und in dieser Nacht hatte der Sheriff es beendet.
Der Vater des Jungen war zu weit gegangen, zu hart.
Der Sheriff war noch härter vorgegangen.
Liams Eltern landeten zuerst im Krankenhaus.
Dann im Gefängnis.
Felix und Jonah wussten nichts davon – bis es an ihrer Tür klopfte.
Draußen stand Sandra, die ehemalige Nachbarin und jetzige Jugendamts-Direktorin des Bezirks.
Und neben ihr ein erschöpfter, misstrauisch blickender Junge mit blauen Flecken an den Armen und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken.
Felix und Jonah brauchten nicht zu fragen.
Sie wussten es.
Liam brauchte ein Zuhause.
Und er hatte es gefunden.
 
Eingewöhnung in den Watson-Haushalt
 
Zuerst wusste Liam nicht, was er davon halten sollte.
Er hatte einen anderen vorübergehenden Ort erwartet, ein Kinderheim oder eine traditionelle Pflegefamilie.
Stattdessen hatte er zwei Väter.
Einen, der Bücher liebte, dumme Witze erzählte und ihm in Mathe helfen konnte.
Und einen, der ein Fell, Katzenohren und einen Schwanz hatte, mit dem er ihn ständig kitzelte, wenn er es am wenigsten erwartete.
Als Felix‘ Schwanz das erste Mal über Liams Arm schnippte, hatte der bis dahin schweigsame Junge gekichert.
Felix hatte gegrinst.
»Habe ich ein Lachen gehört?«
Liam hatte sich den Mund zugehalten, aber als Felix‘ Schwanz das nächste Mal unter sein T-Shirt glitt und ihn am Bauch kitzelte, musste er laut lachen.
Danach wurde der Schwanz zu einer Waffe der Freude.
Und langsam ließ Liam seine Schutzmauer fallen.
Das Watson-Haus war warm, sicher und voller Liebe.
Es war ein Ort, an dem man sich frei umarmte, an dem Lachen kein Risiko darstellte und an dem man sich Liebe nicht erst verdienen musste.
Und eines Abends, Wochen nach seiner Ankunft, saß Liam zusammengerollt auf der Couch, eingequetscht zwischen seinen beiden Vätern, und sah sich einen Film an.
Felix‘ Schwanz schlang sich um ihn, als ob er dort hingehörte.
Jonahs Arm legte sich um seine Schultern und gab ihm Halt.
Und Liam fühlte sich – zum ersten Mal in seinem Leben – sicher.
Er blickte zu ihnen auf, zögerte einen Moment und flüsterte dann die Worte, die er nie zuvor zu sagen gewagt hatte.
»Kann ich bleiben?«
Jonah drückte seine Schulter.
Felix zerzauste sein Haar.
Sam und Tessa, die in der Nähe saßen, tauschten ein wissendes Lächeln aus.
Und Felix und Jonah sprachen – ohne Zögern, ohne Zweifel – in perfekter Synchronität.
»Für immer.«
 
Ein Weihnachtsabend wie kein anderer
 
Es war spät am Heiligabend, und die Welt war still.
 
Liam schlief oben, warm in seinem Bett, und träumte von Geschenken, Schneeballschlachten und einer Welt, in der man sich vor Weihnachten nicht fürchten musste.
Seine Väter – Felix und Jonah – standen auf der Veranda, dicht aneinander gedrängt, jeder hatte einen Arm um den anderen gelegt und eine Tasse mit heißer Schokolade in der freien Hand.
Die Nacht war still, die Welt in den silbernen Schein des Mondlichts getaucht, das sich in der dicken Schneedecke auf dem Boden spiegelte.
Weitere Flocken fielen sanft herab, zusätzlich zu den zwanzig Zentimetern, die bereits weich und unberührt auf der Erde lagen.
Sie brauchten nicht zu sprechen.
Ihre Liebe, ihr Glück, ihr Frieden – all das brauchte keine Worte.
Felix lehnte seinen Kopf kurz an den von Jonah. Jonah drückte sich an Felix‘ Taille.
Die vergangenen Jahre waren perfekt gewesen.
Sie hatten sich ein gemeinsames Leben aufgebaut, hatten ihren Traumjob, ihr Traumhaus – und Liam.
Ihren Sohn.
Felix‘ Schwanz zuckte leise und zufrieden, seine katzenartigen goldenen Augen suchten den Nachthimmel ab.
Jonah seufzte und stieß dampfenden Atem in die frische Winterluft aus.
Dann – ein Geräusch.
Schwach. Seltsam. Dumpf.
Beide Männer erstarrten.
Felix‘ Ohren zuckten. Er hat es zuerst gehört.
Jonah spürte die Veränderung im Körper seines Mannes, bevor er es selbst hörte.
Es war nicht der Wind.
Es war kein Tier.
Es war … menschlich. Ja, vielleicht.
Oder etwas anderes.
Das dumpfe Geräusch kam aus dem Gartenhäuschen.
Felix und Jonah setzten sofort ihre Tassen ab.
Keine Worte. Kein Zögern.
Einfach handeln.
Sie rannten zur Hütte.
Ihre Stiefel knirschten im Schnee, ihr Atem dampfte in der Kälte, als sie über den Hof eilten.
Die Hütte war klein, nicht mehr als ein Lagerraum für Werkzeuge, Brennholz und alte Möbel. Sie war nicht beheizt.
Jonah erreichte sie als Erster, Felix direkt hinter ihm.
Er packte die Türklinke und riss sie so heftig auf, dass sie gegen die Außenwand schlug.
Felix drückte den Lichtschalter.
Die einzelne Glühbirne an der Decke flackerte auf.
Und was sie sahen, schockierte sie zutiefst.
Ein Kind.
Nicht älter als Liam.
Der Junge lag zusammengerollt auf dem kalten Holzboden und zitterte heftig.
Er zuckte bei dem plötzlichen Licht zusammen und schlang seine dünnen Arme fester um sich.
Seine Ohren zuckten.
Keine menschlichen Ohren.
Katzenohren.
Felix stockte der Atem.
Jonah taumelte einen Schritt zurück.
Das Fell des Jungen war feucht, sein flauschiger Schwanz fest um seinen dünnen Körper gewickelt, seine Kleidung abgenutzt und zerlumpt.
Aber es waren seine Augen, die Felix den Magen umdrehten.
Goldene Katzenaugen.
Genau wie seine eigenen.
Jonah war der erste, der die verblüffte Stille brach.
»Felix…« Seine Stimme war leise, zitterte. »Er ist…«
Felix war bereits in Bewegung.
Er sank auf die Knie und streckte die Hand aus, seine Stimme war sanft, aber eindringlich.
»Hey, hey, ist ja gut. Du bist jetzt in Sicherheit. Kannst du mich hören?«
Die goldenen Augen des Jungen blinzelten träge, sein Körper zitterte noch immer heftig von der Kälte.
Felix konnte es spüren – seine Glieder waren steif, sein Fell feucht, sein Atem flach.
Der Junge war schon seit Stunden hier draußen.
Jonah war bereits dabei, seinen Mantel abzulegen und ihn über den kleinen Körper des Jungen zu werfen.
Felix zögerte nicht. Er nahm das Kind sanft, aber bestimmt in die Arme und drückte es an seine Brust.
Der Junge wehrte sich nicht.
Er sprach nicht.
Er zitterte nur, seine Finger griffen schwach nach Felix‘ Pullover.
Jonahs Gesicht war angespannt, aber seine Stimme war ruhig.
»Bringen wir ihn rein.«
Felix nickte und drückte den Jungen enger an sich, versuchte ihn so gut es ging gegen die Kälte des Winters zu schützen.
Als sie zurück zum Haus eilten, pulsierte ein Gedanke zwischen ihnen, unausgesprochen, aber laut und deutlich.
Der Junge war nicht mehr allein.
 
Die Rettung des Katzenjungen
 
Als Felix und Jonah zurück ins Haus stürmten, Felix mit dem zitternden, halb bewusstlosen Katzenjungen im Arm, griff Jonah zum Telefon und tat das Einzige, was ihm einfiel.
Er rief Sam und Tessa an.
»Mama! Papa! Wir brauchen euch, sofort!«
Er brauchte es nicht einmal zu erklären.
Es lag etwas in seinem Tonfall, in der schieren Dringlichkeit seiner Stimme, das Sam und Tessa zum Handeln veranlasste, noch bevor der Anruf beendet war.
In dem Moment, als Sam und Tessa die Wohnung ihrer Söhne betraten, fiel ihr Blick auf das kleine, zerbrechliche Bündel in Felix‘ Armen.
Tessa keuchte. »Oh mein Gott.«
Sams Miene verfinsterte sich, aber er verschwendete keine Zeit mit der Frage nach dem Warum oder Wie.
Stattdessen drehte er sich um und eilte zum Badezimmer.
»Ich lasse die Wanne ein! Er braucht jetzt Wärme.«
Jonah, der immer noch schwer vom Rennen atmete, fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Was sollen wir tun?«
Tessa, die bereits voll im Muttermodus war, stand im Nu neben Felix.
»Felix, wir müssen ihn aus den nassen Klamotten rausholen.«
Felix nickte, immer noch vor dem Kamin kniend, der dünne Körper des Jungen zitterte an ihm.
Er war so klein. So kalt.
Tessa streckte die Hand aus, ihre Stimme war sanft und beruhigend. »Schätzchen, kannst du mich hören? Wir werden dir helfen, okay? Bleib einfach bei uns.«
Die goldenen Augen des Jungen flatterten schwach.
Vorsichtig begann Tessa, ihm seine durchnässte, viel zu dünne Kleidung auszuziehen, so dass das blaugraue Fell darunter zum Vorschein kam, das von der Kälte feucht und struppig war.
Felix hielt ihn fest und flüsterte leise »Du bist jetzt in Sicherheit. Wir haben dich.«
 
Chaos, Sorgfalt und Wärme
 
Die nächste Stunde war ein einziges kontrolliertes Chaos.
– Sam füllte die Badewanne mit warmem – nicht heißem – Wasser und testete immer wieder die Temperatur.
– Sam und Felix packten den Jungen vorsichtig in die Badewanne und passten auf ihn auf, während er sich langsam aufwärmte, dann trockneten sie ihn sorgfältig ab und gaben seiner Haut und seinem Fell noch mehr Wärme.
– Jonah sammelte Decken ein und baute ein warmes Nest vor dem Kamin.
– Tessa eilte in die Küche und wärmte schnell Hühnersuppe und heißen Kakao auf, denn Wärme musste auch von innen kommen.
Und langsam – so ganz langsam – erwachte der kleine Katzenjunge wieder zum Leben.
Am Anfang war er ganz still.
Dann zuckten seine Ohren.
Seine goldenen Augen wurden wacher und beobachteten alles, was um ihn herum geschah.
Er wehrte sich nicht, als Felix ihm einen dicken Pullover überstreifte oder als Jonah sanft eine Decke um seinen kleinen Körper wickelte.
Seine Hände, die einst steif von der Kälte waren, legten sich um die warme Tasse Kakao, die Tessa ihm anbot.
Zuerst trank er nicht, sondern hielt die Tasse nur und spürte, wie die Wärme in seine Finger drang.
Tessa lächelte sanft. »So ist es gut, Schatz. Lass dir nur Zeit. Du bist in Sicherheit.«
Felix, der neben ihm kauerte, legte den Kopf schief. »Kannst du sprechen?«
Die Ohren des Jungen zuckten wieder.
Jonah, der stets geduldig war, beugte sich leicht vor, seine Stimme war sanft, aber ermutigend.
»Wie ist dein Name, Kumpel? Kannst du ihn uns sagen?«
Einen Moment lang nichts.
Felix und Jonah tauschten einen Blick aus.
Dann, endlich…
Eine kleine, zögernde Stimme.
Ein einziges Wort.
»Gino.«
Jonah atmete leise aus, Erleichterung machte sich in ihm breit.
Felix lächelte. »Hey, Gino. Freut mich, dich kennenzulernen.«
Sam lehnte sich gegen den Türrahmen und atmete tief durch. »Gut. Das ist doch schon mal was.«
Tessa strich mit ihren Fingern sanft durch Ginos feuchtes Fell und schenkte ihm das wärmste und freundlichste Lächeln, das ihr möglich war.
»Willkommen zu Hause, mein Schatz.«
Und zum ersten Mal blinzelte Gino zu ihnen auf – nicht aus Angst, sondern mit einem winzigen Funken von etwas anderem.
Hoffnung.
 
 
Das Schlimmste war vorbei
 
Gino war jetzt warm.
Trocken.
Sicher.
Die Angst in seinen goldenen Katzenaugen war der Erschöpfung gewichen, sein Körper zitterte nicht mehr, sein Atem war ruhig.
Jonah war bereit gewesen, den Krankenwagen zu rufen, als Felix Gino ins Haus trug, aber jetzt…
Es war nicht nötig.
Keine Gefahr mehr.
Kein Notfall mehr.
Die Polizei und das Jugendamt konnten bis zum Morgen warten.
Im Moment brauchte Gino keine Fragen. Er brauchte keinen Papierkram. Er brauchte keine Erklärungen.
Er brauchte einfach Ruhe.
Felix, der immer noch neben der Couch kniete, beobachtete, wie Ginos Augenlider immer öfter zu sinken begannen.
Der Junge kämpfte dagegen an.
Er versuchte immer wieder, sich wach zu blinzeln, seine kleinen Finger klammerten sich an die Decke, seine Ohren zuckten, als wäre er immer noch in höchster Alarmbereitschaft.
Aber Wärme und Sicherheit hatten ihre eigenen Gesetze.
Und schließlich hatte der Schlaf trotz all seiner Bemühungen gesiegt.
Sein Körper entspannte sich, seine kleine Gestalt sank in die Kissen.
Jonah stieß einen leisen, erleichterten Seufzer aus. »Er schläft.«
Tessa lächelte sanft. »Das ist es, was er im Moment am meisten braucht.«
Felix beobachtete das friedliche Heben und Senken von Ginos Brust und schob seine Arme vorsichtig unter ihn. Er hob ihn sanft hoch und stand auf.
Jonah, Sam und Tessa folgten ihm, als er Gino die Treppe hinauftrug, wobei das einzige Licht von dem sanften Schein der Flurlampen ausging.
 
Die Wahl des richtigen Bettes
 
Oben an der Treppe angekommen, hielt Felix inne.
Er blickte in Richtung des Gästezimmers.
Dann sah er zu Liams Zimmertür.
Sein Schwanz schnippte in deren Richtung.
Jonah verstand sofort.
Ohne ein Wort zu sagen, trat er vor und öffnete die Tür.
Liam schlief tief und fest, zusammengerollt unter seiner Decke, sein Haar zerzaust auf dem Kissen.
Felix betrat vorsichtig das Zimmer und kniete sich neben das Bett.
Jonah blieb in der Tür stehen, Tessa und Sam standen direkt hinter ihm und beobachteten ihn schweigend.
Im sanften Schein des Flurlichts blickte Felix auf die beiden Jungen hinunter – der eine war bereits zu Hause, der andere war gerade dabei, sein neues Zuhause zu finden.
Langsam und behutsam ließ Felix Gino auf die Matratze sinken und legte ihn neben Liam.
In dem Moment, als Ginos Körper das Bett berührte, geschah etwas Instinktives.
Selbst im Schlaf rückte er sofort näher an Liam heran, und sein flauschiger Schwanz schlang sich um dessen Körper.
Und Liam reagierte – ohne aufzuwachen.
Er legte seinen Arm um Gino und zog ihn an sich, seine Finger glitten durch das weiche blau getigerte Fell und hielten ihn fest, als wäre er schon immer da gewesen.
Wenige Augenblicke später schliefen beide Jungen tief und fest, ein Lächeln lag auf ihren Gesichtern, ihre Körper aneinander gepresst – Haut an Fell, Wärme an Wärme.
Felix stand langsam auf und trat neben Jonah zurück, beide beobachteten ihren Sohn und den Jungen, der heute Abend in ihr Leben getreten war. Ihren zweiten Sohn.
Jonah griff nach Felix‘ Hand und drückte sie.
Tessa drückte eine Hand auf ihr Herz, ihre Augen leuchteten vor Rührung.
Sam, der schon immer die Muster des Schicksals erkannt hat, flüsterte leise »Und so schließt sich der Kreis – und beginnt von vorne.“
Felix‘ Schwanz schlängelte sich sanft um Jonahs Hüfte.
Jonah lehnte seinen Kopf an Felix‘ Schulter.
Keiner von beiden sprach.
Das brauchten sie nicht.
Ihr ganzes Leben hatte zu diesem Moment geführt.
Und sie waren bereit.

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