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Information You’ve got a friend
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:43 PM - No Replies

Luis
Nennen wir ihn Luis, fünfzehn Jahre alt, aus Berlin Neukölln. Er hatte es nicht leicht im Leben: Eltern geschieden, Vater nie kennengelernt und noch drei Geschwister, Hartz IV machte das Schicksal komplett.
Ein anonymer Plattenbau ist die Heimat von Luis, dort hat er immer schon gewohnt und seine wenigen Freunde lebten auch dort. Freunde, das waren ähnliche Schicksale wie er. Früh hatte er gelernt, dass er keine Chance hatte, aus diesem Teufelskreis heraus zu kommen.
Die Mutter war mit den vier Kindern hoffnungslos überfordert. Ihre Wohnung war nur spärlich eingerichtet. Luis hatte Träume: Er wollte Kraftfahrer werden und dann Durch die Welt fahren.
Die anderen Städte oder Länder kannte er nur aus dem Fernseher, der den ganzen Tag lief, weil seine Mutter nicht arbeitete und nur rauchend vor der Flimmerkiste saß. Die Kinder waren die meiste Zeit sich selbst überlassen.
Luis war der Älteste und musste sich um alles kümmern. Da blieb bei drei kleineren Geschwistern kaum Zeit für ihn selbst. Oft stand er abends, wenn seine Geschwister im Bett waren und seine Mutter vor dem Fernseher saß, auf dem Balkon im zwölften Stock Ihrer Wohnung und schaute sehnsüchtig in die Ferne.
Er war alles andere als glücklich und ein wenig neidisch auf seine Mitschüler, die in besseren Verhältnissen aufwuchsen als er. Er beobachtete in der Dunkelheit die gegenüber liegenden, hell erleuchteten Fenster.
Dann überlegte er, ob die Menschen wohl ähnliche Schicksale hatten. Er träumte oft davon, wie es wohl wäre, in eine intakte Familie hinein geboren worden zu sein. Kino, Schwimmen, Fußball spielen in einem Verein, Klassenkameraden zum Geburtstag einladen, Taschengeld oder vielleicht sogar ein eigenes Zimmer – tja, das alles kannte er nur von Erzählungen seiner Mitschüler.
Dort in der Schule hatte Luis keine Freunde. Er war Außenseiter. Wer will schon was mit einem Asozialem zu tun haben? Einige ließen ihn das auch immer mal wieder spüren.
Er versuchte, die Schule so gut es ging hinter sich zu bringen. Schularbeiten machte er selten, nicht, weil er keine Lust hatte, sondern weil er keine Zeit hatte. Nach der Schule einkaufen, um dann für die kleinen Geschwister was zu essen zu kochen.
Wenn Luis nach der Schule nach Hause kam und er Stimmen hörte, hieß das lediglich, dass seine Mutter nicht mehr im Bett lag, sondern dass sie es schon auf die versiffte Couch geschafft hatte. Er musste öfter Essen kochen und aufräumen.
Nach und nach kamen dann auch seine Geschwister aus der Schule und hatten wie seine Mutter Hunger. Meistens gab es Spaghetti mit Tomatensoße oder Ravioli aus der Dose, selten Gemüse oder Obst. Luis war für sein Alter schon recht selbstständig. Wenn er das nicht alles machen würde, wären er und seine Geschwister längst in einem Heim gelandet. Er hing aber sehr an seinen Geschwistern und wollte genau das verhindern. Mit seiner Mutter hingegen hatte er oft Streit. Sie fand ihn zu faul und drohte, ihn aus der Wohnung zu schmeißen.
Manchmal ist er dann auch gegangen, aber nur drei Etagen tiefer zu seinem Kumpel Thomas. Der hatte es besser. Er war Einzelkind und wurde von seinen Eltern verwöhnt. Die mochten Luis nicht so sehr und redeten Ihrem Sohn oft zu, er solle sich doch bessere Freunde suchen.
Aber Thomas hielt immer zu Luis. Sie hatten den gleichen Traum: Fernfahrer. Von Thomas hat Luis auch diese Leidenschaft für die Ferne. Gemeinsam hatten sie oft DVDs geschaut.
Immer dieselben: „Auf Achse“, eine alte Trucker Serie aus den 80ern. Die Hauptdarsteller reisten durch die ganze Welt und erlebten die spannendsten Abenteuer. Wie Franz Meersdonk und Günther Willers, so die Namen der beiden Hauptdarsteller, wollten Luis und Thomas auch durch die Welt fahren, weg aus diesem tristen Wohnsilo mit den endlos scheinenden Problemen.
Oft verbrachten die beiden die warmen Sommerabende auf dem Dach Ihres Hauses. Sie hatten den Trick raus, wie man die Tür verbotenerweise öffnen konnte. Dann lagen sie lange nebeneinander auf dem Dach und schauten in die sternenklare Nacht. Das war das Highlight für Luis.
Thomas war, da seine Eltern Arbeit und Geld hatten, in einem Fußballverein und dort recht erfolgreich. Zudem fuhr die Familie zwei Mal im Jahr in den Urlaub: Im Sommer für zwei Wochen an die Nordsee und im Winter für eine Woche in die Berge zum Skifahren.
Thomas erzählte dann, was er so erlebte. Luis machte das immer traurig, weil auch gerne mal in den Urlaub fahren würde. Er hatte bisher weder das Meer noch die Berge gesehen, das kannte er alles nur aus Büchern dem TV oder von den vielen Bildern, die Thomas ihm immer zeigte und dabei die tollsten Geschichten erzählte.
Dann kam der Tag, als für Luis eine Welt zusammen brach. Thomas erzählte ihm, dass er mit seinen Eltern nach Bayern ziehen würde, da sein Vater bei BMW einen guten Job erhalten hatte. Luis war nicht fähig zu reagieren, geschweige denn, etwas zu sagen. Er brach in Tränen aus und lief weg.
Warum? Warum musste sein Vater ausgerechnet in Bayern einen Job bekommen? , sagte er sich. In Berlin gibt’s doch auch genug Arbeit. Außer für seine Mutter, die erzählte immer, das sie sich zu schade war, für so wenig Geld zu malochen.
Luis lief nach oben aufs Dach, setzte sich in eine Ecke und weinte bitterlich. Ausgerechnet Thomas. ‚Was wird denn jetzt aus mir‘ ging Luis die ganze Zeit Durch den Kopf.
Es wurde langsam Dunkel. Er blickte verheult und immer wieder schniefend in den Himmel. Was sollte er denn noch hier, wenn ihn jetzt sein einziger Freund verlässt? Ihm wurde klar, dass er mehr als nur ein Freund ist.
Luis hing sehr an dieser Freundschaft. Es war schon lange Dunkel, als er plötzlich Schritte hörte. Er drehte sich in die Richtung, aus der er die Schritte hörte, und sah Thomas auf ihn zu kommen. Er setzte sich neben ihn.
„Wann zieht Ihr denn nach Bayern?“
„Morgen.“
Luis drehte sich blitzartig zu Thomas um und sagte ein wenig zu laut.
„Morgen? So plötzlich schon?“
„Ich weiß es seit vier Wochen. Habe mich aber nicht getraut, es Dir zu sagen.“
Lang saßen die beiden auf dem Dach und blickten schweigend in die Ferne. Luis Durchbrach dann das Schweigen.
„Thomas, für mich bist Du immer der beste Freund, nein, Du bist der einzige Freund, den ich je hatte. Ich weiß nicht, wie ich es Dir sagen soll, aber ich glaube …..“
Luis sprach nicht weiter, weil er weinen musste. Thomas rutschte näher an ihn heran und legte seinen Arm um Luis.
„Ach Luis, ich wünschte, Du könntest mit nach Bayern ziehen. Ich werde Dich auch sehr vermissen.“
Thomas fing jetzt auch an zu weinen. Er hatte sich schon die letzten Tage, als sich das mögliche Ende Ihrer Freundschaft abzeichnete, nachts im Bett in den Schlaf geheult. Jetzt war der letzte gemeinsame Abend und er wollte Luis noch etwas Wichtiges sagen, etwas sehr Wichtiges, auch wenn er dadurch die Freundschaft zu Luis womöglich zerstören würde, was ja jetzt sowieso egal war.
„Du Luis …“, fing Thomas leise an zu erzählen „…ich muss Dir noch was ganz Wichtiges sagen, auch wenn Du mich dann vielleicht hassen wirst. Es ist nicht leicht für mich, aber da ich morgen Berlin leider verlassen werde, wollte ich Dir noch was ganz persönliches erzählen…“
Luis blickte fragend in Thomas Richtung.
Thomas atmete tief ein und sagte dann ganz leise „Luis, ich … ich … Scheiße ……… ich habe mich in Dich verliebt“
Luis blickte die ganze Zeit zu Thomas, ohne sich zu regen. Was hat Thomas da gerade gesagt?
„Was? Wie meinst Du das. Warum? …. Wie Du bist …Waaas?“
Luis verstand erst jetzt, was ihm Thomas da gesagt hatte. Dieser sprang auf und lief Richtung Tür. Was war denn das jetzt? Noch ehe Luis etwas sagen oder überhaupt reagieren konnte, war Thomas auch schon weg.
„Thomas, warte!“
Luis sprang auf und versuchte, ihm zu folgen. Dabei lief er das Treppenhaus runter, fand ihn aber nicht mehr. Er klingelte bei Thomas Eltern, aber es machte niemand auf. Auch sein Klopfen und Wummern gegen die Haustür wurde nicht erhört.
Es rührte sich nichts. Luis lehnte sich mit dem Rücken an die Wohnungstür und ließ sich daran heruntergleiten. Dann zog er seine Beine an, umschlang sie mit seinen Armen und vergrub sein Gesicht darauf. Er dachte über den Satz von Thomas nach.
´Ich habe mich in Dich verliebt´.
Je länger er darüber nachdachte, desto mehr kam die Gewissheit, dass auch er mehr, viel mehr als nur Freundschaft für Thomas empfand. Das muss es sein. Er hatte ihn immer gerne in seiner Nähe, und wenn er Stress mit seiner Mutter hatte, war Thomas für ihn da, war von seinen Erzählungen nie genervt. Thomas hatte immer einen guten Ratschlag für ihn. Und wenn er dann wieder von ihm verabschiedete, war da immer so ein komisches Gefühl.
`Liebe ich ihn auch? ‘ ging es Luis immer wieder Durch den Kopf.
Das Licht im Treppenhaus war schon lange ausgegangen, als er plötzlich Schritte hörte.
„Thomas, bist Du das?“
Die Schritte verstummten. Luis raffte sich auf, um den Lichtschalter zu betätigen. Als das Licht anging, stand Thomas auf einmal auf halber Treppe vor ihm. Er hatte rote Augen vom Weinen.
Beide sahen sich lange an. Luis saß schon wieder zusammengesunken vor der Haustür, als Thomas festen Schrittes auf ihn zukam, sich vor ihn stellte, die Wohnungstür aufschloss, über Luis hinweg stieg, um dann die Wohnungstür hinter sich wieder zu verschließen. Luis raffte gerade nicht so richtig, was da gerade ablief. Er drehte sich um, um gegen die Tür zu wummern.
„Thomas, mach bitte die Tür auf!“
Langsam öffnete sich diese. Thomas stand tränenüberströmt da, seinen Kopf gesenkt und sich die feuchten Wangen mit seinem Hemdsärmel trocken wischend.
„Was willst den jetzt noch von mir. Bitte lass mich alleine. Mach es mir doch nicht noch schwerer.“
„Thomas, was Du mir vorhin auf dem Dach sagtest, war das Dein Ernst?“
„Luis, geh lieber, anstatt mich jetzt auch noch fertig zu machen.“
„Hey, jetzt lass mich bitte rein. Ich muss Dir auch was sagen Thomas. Bitte!“ flehte Luis jetzt.
„Ok, komm rein, aber wenn Du Dich über mich lustig machen oder mich beschimpfen willst, dann solltest Du jetzt besser gehen.“
Luis ging zu Thomas in die Wohnung und verschloss die Haustür hinter sich. Nach einer Weile Schweigen von beiden Seiten lehnte sich Luis an die Haustür und sprach leise „Ich … ich dachte, ich wäre der einzige, der so fühlt…“ und blickte dabei die ganze Zeit auf den Boden.
„Was hast Du da gesagt?“
Luis schaute jetzt in Thomas‘ Gesicht.
„Ich glaube, dass …. dass ich Dich auch liebe. Ich weiß nicht so genau. Immer, wenn ich in Deiner Nähe bin, habe ich so ein komisches Gefühl im Bauch. Und wenn ich nur an Dich denke, möchte ich innerlich Luftsprünge vollführen. Hätte ich vorher gewusst, dass das Liebe sein muss, dann …. dann …“
Weiter kam Luis nicht mehr, weil Thomas sich vor ihn stellte und langsam mit seinem Mund immer näher kam. Ihre Lippen berührten sich erst ganz zaghaft, um dann immer fordernder zu werden. Thomas legte seinen Arm um Luis, um ihn näher an sich zu ziehen. Luis gab diesem Druck nach und legte seinerseits seine Arme um Thomas Hüften. Sie küssten sich immer intensiver.
Dann zog Thomas Luis in Richtung seines Zimmers. Sie küssten und streichelten sich überall und begannen langsam, sich auszuziehen.
Viel später lagen sie nackt in Thomas‘ Bett und schliefen beide, als plötzlich die Haustür aufging.
„Scheiße, das müssen meine Eltern sein. Los, schnell, zieh Dich an, Luis.“
Thomas Mutter kam, ohne anzuklopfen, in Thomas Zimmer.
„Hallo Thomas, wir sind wieder ….. was ist denn hier los? Günther, komm mal schnell. Güüünther! Was …. was soll das? Was machst Du hier mit unserem Sohn? ….. Günther, nun mach schon!“
Hastig zogen Thomas und Luis sich an. Jetzt stand Günther neben seiner Frau.
„Was macht Ihr da?“
„Ich … ich … was kommt Ihr überhaupt ohne anzuklopfen in mein Zimmer!“
brüllte Thomas plötzlich los.
„Mäßige Deinen Ton Freundchen. Und DU, verlass augenblicklich unsere Wohnung!“ schimpfte Thomas Mutter, in Luis‘ Richtung blickend.
Luis nahm seine Socken und Schuhe in die Hand und wollte gerade an Thomas Eltern vorbei, als Thomas ihn am Arm festhielt
„Bleib noch einen Augenblick, Luis. Ich habe meinen Eltern was zu sagen. Bitte!“
„Sofort raus hier!“ schrie Thomas Mutter Luis an.
Wenn Blicke töten könnten…. Luis blickte sich noch einmal traurig zu Thomas um, der jetzt ganz verlassen da stand und ihn, den Tränen nahe, verzweifelnd und hilfesuchend anschaute. Das war das letzte Mal, dass er Thomas gesehen hatte.
*-*-*
Als Luis am nächsten Tag bei Thomas klingeln wollte, stand die Tür offen und Möbelpacker räumten bereits die Wohnung aus. Thomas war mit seiner Mutter am frühen Morgen Richtung Bayern aufgebrochen.
Nur sein Vater war noch in der Wohnung und Dirigierte die Möbelpacker, als er Luis traurig in der Tür erblickte. Er sah ihn zunächst zornig an, um dann doch auf ihn zuzugehen. Luis nahm eine Kampfhaltung ein, weil er nicht wusste, wie Thomas Vater wohl reagieren würde. Er blieb kurz vor Luis stehen und drückte ihm ein Päckchen an die Brust.
„Hier, das soll ich Dir von Thomas geben. Und jetzt störe hier nicht weiter. Los, hau schon ab!“
Mit gesenktem Kopf und schluchzend drehte sich Luis um, setzte sich auf die Treppe und fing an zu weinen. Thomas´ Vater sah ihn lange an, dann ging er ein paar Schritte auf Luis zu und setzte sich schnaubend neben ihn auf die Stufen.
„Du musst ihn vergessen. Zuerst tut es noch weh. Eines Tages wirst Du nicht mehr an ihn denken.“
Er klopfte und streichelte Luis dabei ganz sanft auf die Schulter. Krampfhaft hielt Luis dabei das Päckchen von Thomas fest.
„Er war mein bester Freund. Jetzt habe ich hier niemanden mehr. Ich werde ihn nie, nie vergessen.“
„Wart Ihr beiden schon länger ein Paar?“
„Nein, wir haben uns erst gestern unsere Gefühle gestanden“
„Oh je, kaum zusammen und dann schon wieder auseinander gerissen. Das ist schwer. Aber Ihr seid noch jung. Du findest bestimmt bald wieder jemanden.“
Luis stand auf und ging langsam die Treppe hoch, drehte sich dann noch einmal um.
„So jemand besonderes wie Thomas findet man nur einmal im Leben“, und sah in das Gesicht eines traurigen Mannes, der sich wohl gerade eingestehen musste, dass er mit seinem Jobwechsel die erste Liebe seines Sohnes auf dem Gewissen hatte. Schweigend ging Luis die Treppen hoch, öffnete die Tür und ging in sein Zimmer.
Auf dem Bett sitzend, schaute sich Luis das Päckchen an, auf dem mit großen Buchstaben geschrieben stand > Für meinen besten Freund < Langsam und mit zittrigen Händen öffnete Luis das Päckchen. Er nahm den Brief heraus und begann zu lesen, was Thomas ihm schrieb:
Mein lieber Luis,
ich weiß nicht was ich Dir schreiben soll. Es ist jetzt 2:00 Uhr und ich liege immer noch wach. Die ganze Zeit muss ich an Dich denken. Der gestrige Abend mit Dir war wunderschön. Nie hatte ich einen Freund wie Dich. Ich weiß nicht, wie ich in Bayern ohne Dich leben soll. Ich habe gestern noch lange mit meinen Eltern über uns geredet. Papa fand es nicht so schlimm, dass ich wohl schwul bin. Nur Mama hat immer wieder rumgemeckert. Aber das hast Du ja auch noch mitbekommen. Mama wäre am liebsten sofort mit mir nach Bayern losgefahren, aber Papa konnte sie dann doch davon abhalten. Aber gleich morgen will sie recht früh los. Papa fährt später mit den Möbelspediteuren. Eigentlich wollte ich ja mit denen fahren. Ich hatte mich schon so gefreut. Endlich mal mit einem großen LKW fahren. Manchmal ist Mama echt blöd.
Ich hätte mich noch so gerne richtig von Dir verabschiedet. Bitte Luis, versuch mich zu vergessen. Du wirst eines Tages einen Freund finden, der Dich verdient hat. Ich werde Dich auf jeden Fall nie vergessen. Wir hatten eine schöne Zeit, und wenn ich nicht so feige gewesen wäre …
Du bleibst für immer ein Teil von mir.
Ich werde Dich immer lieben
Dein Thomas
In dem Päckchen lag noch die DVD-Box Ihrer Lieblingsserie ‚Auf Achse‘ bei. Als Luis sie in den Händen hielt, brach er in Tränen aus. Wie oft hatten sie die Folgen zusammen gesehen.
Auch lag noch eine CD bei. Darauf war Thomas Lieblingslied von Bette Midler >The Rose<. Das war ab sofort auch Luis Lieblingslied. Und immer, wenn er diesen Song hörte oder er im Radio gespielt wurde, dachte er an seine erste Liebe: Thomas.
Die Zeit verging und Luis fand neue Freunde. Wobei: „Freunde“? Peer und Dragan waren kein guter Umgang für Luis. Aber er wollte vergessen, und da kamen ihm die beiden gerade recht. Sie überfielen alte Leute wegen zwanzig Euro oder zogen Mitschüler ab und erpressten sie. Oft wurden sie von der Polizei geschnappt. Seine Mutter setzte ihn dann vor die Tür, und so wohnte er erst heimlich bei Peer im Keller, auf der Straße oder in alten Abrisshäusern.
Sie zogen weiter gemeinsam durch die Straßen, als sie im Volkspark Friedrichshain wieder auf ein vermeintliches Opfer trafen. Doch dieses Mal sollte die Sache eskalieren.
Dragan fragte einen Jungen nach der Uhrzeit, um ihn abzulenken. Blitzschnell nahm Luis den überraschten Jungen von hinten in den Schwitzkasten und verlangte dessen Wertsachen.
Das Opfer wehrte sich und griff in seine Jackentasche. Es war kein Handy, das er dann in der Hand hielt. Mit einer plötzlichen Handbewegung drehte der Junge sich und stach Luis ein Messer in den Bauch. Schreiend ließ Luis das Opfer los und griff sich an den Bauch.
Blut, überall Blut.
Peer und Dragan standen erstarrt da und guckten entsetzt zu Luis. Dragan kam als erstes wieder zu sich, stupste Peer an.
„Los, lass uns verschwinden!“
Und schon waren die beiden nicht mehr gesehen. Luis fiel wimmernd auf die Knie und hielt sich die Hände vor den Bauch.
„Scheiße, ich blute“, stammelte er in Richtung des überfallenen Jungen.
Dieser tat geistesgegenwärtig das einzig Richtige, zog sein Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. Luis lag bereits auf dem Boden und wimmerte nur noch, es bildete sich eine Blutlache. Der Junge kniete sich vor Luis und sprach aufgeregt
„Scheiße, der Rettungswagen ist gleich da. Mach jetzt nicht schlapp. Ich will nicht wegen Mordes in den Knast.“
„Tut mir Leid!“ flüsterte Luis nur noch.
Von weitem war schon der Rettungswagen zu hören.
„Tu mir jetzt einen Gefallen und bleib ruhig liegen. Ich weise schnell den Rettungswagen ein. Bitte jetzt nicht sterben, hörst Du?“
„Versprochen!“ hechelte Luis nur noch.
Er hatte bereits Blut im Mund. Luis musste an Thomas denken. Das war das letzte, was er wahrnahm. Dann wurde alles schwarz um ihn.
Markus
Endlich Wochenende. Ich wollte heute mal wieder mit meinen Freunden auf die Piste. Wir hatten uns für 23.30 Uhr im Volkspark Friedrichshain verabredet. Ich war mal wieder spät dran.
Wenn die Klamottenwahl nicht immer so schwer wäre. Mein Gott, je mehr man im Schrank hat, umso schwieriger die Entscheidung. Leider musste ich, wenn ich noch so halbwegs pünktlich sein wollte,
Durch den Volkspark laufen. Das wird bestimmt die Hölle. Nein, eigentlich bin ich kein Angsthase, aber vor fast zwei Jahren bin ich im Volkspark mal überfallen worden.
So ein paar Blödköppe hatten sich wohl den Spaß erlaubt, ahnungslose Leute aus den Gebüschen heraus zu erschrecken. Da ich dabei in Panik geriet, haben diese Idioten mich dann zusammen geschlagen.
Als ich wieder zu mir kam, waren Handy und Geld weg. Ich erstattete Anzeige bei der Polizei. Die Täter wurden aber nie gefasst. Ich hörte von weiteren Fällen mit dieser Masche, manche haben aus Angst oder falscher Scham keine Anzeige erstattet. Tja, seitdem meide ich den Volkspark um diese Uhrzeit.
Dieses eine Mal, dachte ich mir, wird schon nix passieren. Außerdem hatte ich ja zur Abschreckung mein neues Messer dabei. Das machte mich sicherer.
Meine Freunde kannten meine Angewohnheit, zu spät zu kommen, weshalb alle die richtige Uhrzeit gesagt bekamen, und nur ich immer wieder mindestens 30 Minuten früher zu Treffpunkt bestellt wurde.
Viele kennen bestimmt die ‚Akademische Viertelstunde‘, für mich wurde sogar eine ‚Halbe Stunde‘ daraus gemacht. Ist doch nett von meinen Freunden, oder? Ich sagte dann immer, wer Euch als Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.
Wir waren ein eingeschworenes Team, hatten viel Spaß. Tja, alle hatten die tollsten Mädchengeschichten zu erzählen, nur ich hatte so etwas noch nicht vorzuweisen. Was wohl daran lag, dass ich Mädchen nicht sooo spannend fand wie, wie zum Beispiel: Jungs.
Ja, Ihr hab’s gemerkt, ich bin schwul. (den ‚und das ist auch gut so‘-Spruch verkneife ich mir jetzt mal), ich war in dieser Hinsicht sehr verklemmt. Bis vor kurzem war ich mir auch noch nicht so sicher.
Z.B. schaute ich im Sportunterricht heimlich meine Mitschüler beim Duschen und Umziehen an. Oder im Sommer im Freibad gab’s von mir immer wieder Blicke Richtung diverser Jungs. Dabei musste ich immer darauf achten, dass mein kleiner Freund nicht aufgeweckt wurde und stolz vor mir salutierte.
Tja, das kam dann auch schon mal vor, dass mein Kleiner (das soll jetzt kein Rückschluss auf seine Größe sein) sich einfach verselbstständigte. Weder vor meinen Eltern noch vor meinen Freunden hatte ich mich bisher getraut, mich zu outen. Ich hatte Angst, Ihre Freundschaft zu verlieren, wenn sie damit ein Problem bekommen hätten.
Also, ich lief zügig auf den Volkspark zu, um ihn auf schnellstem Weg zu Durchqueren.
„Hey, Du, könntest Du mir bitte mal sagen, wie spät es ist?“ kam mir ein Junge entgegen.
„Klar, Moment“ antwortete ich, um nach meinem Handy zu suchen. Wohlerzogen, wie ich nun einmal bin; wer nett fragt, bekommt auch eine Antwort.
Dann ging es blitzschnell. Von hinten wurde ich plötzlich angegriffen und sofort in den Schwitzkasten genommen. Panik machte sich bei mir breit. Ich wurde an den Überfall von damals erinnert.
Meine Hand noch in der Hosentasche, das Handy suchend, ergriff ich spontan und ohne groß zu überlegen das Messer, und mit einer schnellen Bewegung zog ich es aus der Tasche und stach damit auf meinen Gegner ein, der mich noch immer fest im Griff hatte.
Er schrie auf und ließ mich mir selben Augenblick los. Ich strauchelte zu Boden und blickte in drei erschrockene Gesichter. Mein Peiniger griff sich sofort an den Bauch, wo ich ihn wohl getroffen haben musste. Er sah sich seine blutigen Hände an und sackte langsam auf die Knie. Ich bekam wie die beiden anderen Panik.
„Scheiße!“ flüsterte ich. „Was hab ich da bloß getan?“
„Los, las uns verschwinden!“ war die erste Reaktion von einem der anderen beiden.
Bevor ich noch irgendwas denken konnte, rannten sie auch schon los. Der verletzte Angreifer lag jetzt auf dem Boden und jaulte auf. Wie in Trance holte ich mein Handy aus der Tasche und setzte zitternd einen Notruf ab.
„Scheiße, der Rettungswagen ist gleich da. Mach jetzt nicht schlapp. Ich will nicht wegen Mordes in den Knast.“
Sprach ich verängstigt auf den vor mir liegenden Jungen ein. Der flüsterte nur noch ein „Tut mir leid!“
Von weitem hörte ich den Rettungswagen. Ich blickte mich um, aber es war weit und breit keine Person zu entdecken, die ich hätte ansprechen können, um mir zu helfen.
„Tu mir jetzt einen Gefallen und bleib ruhig liegen. Ich weise schnell den Rettungswagen ein. Bitte jetzt nicht sterben, hörst Du?“ ich zitterte am ganzen Leib und mir wurde abwechselnd kalt und heiß. I
ch blickte ihn noch einmal kurz an.
„Versprochen!“ japste er nur und spuckt schon ein wenig Blut. Hätte ich mir bloß damals nicht dieses blöde Messer gekauft.
Aber meine Freunde hatten mir dazu geraten. Jetzt war es zu spät. Ich rannte schnell zur Straße auf den Rettungswagen zu und Dirigierte ihn zu den verletzten Jungen, der immer noch zusammen gekauert auf dem Weg lag. Mir wurde schlecht, als ich ihn so ruhig daliegen sah.
Ob er noch lebt? Ich machte mir solche Vorwürfe, fing jetzt an zu weinen und sackte auf dem Weg zusammen. Dann kam alles raus. Ich konnte nicht mehr. Vier Sanitäter kümmerten sich um den Jungen und redeten irgendwelche Befehle durcheinander. Ich bekam kaum noch was mit. Irgendjemand stand plötzlich hinter mir, und legte seine Hand auf meine Schulter. Es war eine Polizistin.
„Haben Sie was damit zu tun?“
Ich schaute sie mit Tränen in den Augen an und nickte nur.
„Stehen Sie bitte auf und folgen sie mir zum Wagen.“
Ich weiß nicht, wie ich dort hinkam, aber plötzlich saß ich im Polizeiauto.
„Na dann, erzählen Sie mal, was da passiert ist“
Ich schaute immer wieder schluchzend zu den Sanitätern, die sich noch um den Jungen bemühten.
„Ich, ich, … bin überfallen worden. Drei Personen, ich weiß nicht. Es….es ging alles so schnell. Erst fragten sie mich nach der Uhrzeit, und als ich dann mein Handy aus der Tasche holen wollte, bin ich von hinten angegriffen worden. Plötzlich hatte ich das Messer in der Hand und schon war’s geschehen.“
„Und wo ist das Messer jetzt?“
„Keine Ahnung, es müsste dort irgendwo liegen.“
„Kurt, such doch mal dort drüben nach einem Messer!“ sagte die Polizistin zu Ihrem Kollegen.
Inzwischen hatte man den verletzten Jungen auf eine Trage gelegt und an eine Infusion angeschlossen. Ein Sanitäter kam zum Polizeiwagen und sagte zur Polizistin: „Wir bringen ihn ins Urban, er hat schon viel Blut verloren.“
Dann schaute er mit einem bösen Blick zu mir. Ich fing wieder an zu weinen, als sich der Sanitäter umdrehte, um schnellen Schrittes zum Rettungswagen zu kommen, der dann auch gleich losfuhr.
„Er darf nicht sterben. Hätte ich mir damals bloß nicht das Messer gekauft.“
„Damals? Was war da? Wollen Sie mir das erzählen?“
„Ich bin vor fast zwei Jahren schon mal überfallen worden und hatte mir dann auf Anraten meiner Freunde das Messer zugelegt.“
Die Polizistin nickte nur und machte sich Notizen. Jetzt stand Ihr Kollege wieder am Wagen und hielt uns eine Plastiktüte mit dem blutverschmierten Messer entgegen.
„Ist das Dein Messer?“
Ich schaute nach unten und nickte nur.
„Ok, wir haben erst mal alles. Ich muss Sie leider bitten mitzukommen. Wir müssen noch routinemäßig einige Dinge klären wie Fingerabdrücke und einen Alkoholtest.“
Abwesend nickte ich nur mit dem Kopf. Ich ließ alles über mich ergehen. Später fragte ich dann, ob ich meine Freunde anrufen darf.
„Später“ meinte sie nur
„Wir rufen jetzt erst mal Ihre Eltern an, da sie noch keine achtzehn sind.“
„Haben Sie Informationen, wie es dem Verletzten geht?“ fragte ich nach einiger Zeit.
„Ich darf ihnen eigentlich keine Auskunft geben, aber unser letzter Stand war, dass er noch operiert wird.“
„Danke!“ sagte ich nur kurz und betete, was sonst nicht meine Art war, dass er überlebt und alles wieder gut würde. Ich könnte nicht damit leben, einen anderen Menschen verletzt zu haben oder zu töten.
Hätte ich doch nur damals daran gedacht, aber es regierte nur die Angst, nochmals Überfallen zu werden. Dann kamen auch schon meine Eltern, um mich abzuholen. Es bestünde keine Fluchtgefahr, meinte die Polizistin.
Wohin sollte ich auch flüchten? Mein Vater war ein wenig angepisst, dass ich wie ein Täter behandelt wurde, obwohl ich das Opfer war.
„Das muss noch geklärt werden. Wir ermitteln in alle Richtungen. Am besten bringen Sie Ihren Sohn erst mal nach Hause“
Ich verabschiedete mich von der netten Polizistin und verließ mit meinen Eltern das Polizeirevier. Endlich zu Hause, legte ich mich sofort ins Bett. Ich wollte nur noch schlafen, bekam aber die ganze Zeit kein Auge zu.
Immer wieder schaute meine Mutter nach mir und brachte mir was zu trinken. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Was habe ich da gestern bloß geträumt, dachte ich so bei mir.
„Guten Morgen, Markus“, meine Mutter kam ins Zimmer und setzte sich zu mir ans Bett.
„Geht es Dir heute besser?“
Ich schaute sie fragend an.
„Hab ich das wirklich getan?“
„Mach Dir keine Vorwürfe. Die haben Schuld! Nicht Du!“
Ob der Junge überlebt hat?
„Mama, ich muss ins Urban, ich muss wissen, wie es dem Jungen geht“
„Immer mit der Ruhe. Wenn Du willst, begleite ich Dich. Aber zuerst wird was gegessen. Ich backe schnell ein paar Schrippen auf, mach uns Kaffee und Du Duscht erst mal.“
„Ok, Mama.“
Später am Tisch sagte ich dann meiner Mutter dass ich alleine gehen wolle. Ich mache mich schnell auf den Weg ins Urban. An der Information erkundigte ich mich.
„Guten Tag, mein Name ist Markus Jäger. Ich würde gerne wissen, wo der Junge liegt, der letzte Nacht mit einer Stichverletzung hier eingeliefert wurde.“
„Sind Sie ein Angehöriger?“
Oh je, sollte ich ihm sagen, dass ich der Messerstecher bin? Ich weiß nicht mal seinen Namen.
„Ich bin sein Bruder. Sein Halbbruder.“
„Ach so, er liegt noch auf der Intensiv. Sie können noch nicht zu ihm.“
„Kann ich denn mit einem Arzt sprechen?“
„Ich denke schon. Station vier. Den Gang entlang rechts, den Fahrstuhl in die dritte Etage. Dann nach rechts zur großen Glastür. Dort müssen Sie dann klingeln“
„Danke.“
Es dauerte ewig, bis jemand an die Tür kam. Ich hatte Angst, dass sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten.
„Ja, junger Mann, was kann ich für Sie tun?“
„Ich wollte zu dem Jungen, der letzte Nacht mit einer Stichverletzung hier eingeliefert wurde.“
„Oh, Stichverletzungen? Davon hatten wir letzte Nacht drei. Einer ist leider verstorben, dann sind da ein 60jähriger Mann und eine noch unbekannte Person.“
Ich wurde kreidebleich und mir wurde schwarz vor Augen.
*-*-*
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem abgedunkelten Raum. Was war denn jetzt los? Eine Tür öffnete sich leise.
„Ah, Herr Jäger, da sind Sie ja wieder.“
„Hä?“ antwortete ich „Wo bin ich hier?“
„Sie waren vorhin vor der Intensiv einfach umgekippt.“
„Der, … der Junge der gestern hier eingeliefert wurde … ist der verstorben?“, schaute ich ängstlich fragend in Richtung Schwester.
„Ich denke, Du meinst Luis, der im Volkspark niedergestochen wurde? Der ist nach einer Not-OP außer Lebensgefahr. Du sagtest dem Herrn an der Information, dass Du ein Halbbruder von Luis bist?“
„Na ja, das stimmt nicht so wirklich, jeder weiß, dass, wenn man nicht Angehöriger ist, keine Auskünfte erhält. Ich weiß nicht, ob ich es ihnen erzählen kann. Sie dürfen dann aber nicht böse werden.“
„Na, dann erzähl mal. Ich kann gut zuhören.“
Sie nahm sich ein Stuhl und setzte sich an mein Kopfende.
„Also, ich bin gestern im Volkspark überfallen worden. Und da das nicht das erste Mal war, hatte ich seitdem immer ein Messer dabei. Irgendwie hab ich dem Jungen, der mich von hinten angegriffen hat, in den Bauch gestochen. Es ging alles so schnell. Ich habe Angst, dass er Schäden davon trägt. Auch mache ich mir solche Vorwürfe.“
„Hey, Du bist das Opfer. Du hast Dich nur gewehrt. Das war Dein Recht. Ob das mit dem Messer Konsequenzen haben wird, müssen die Richter entscheiden. War er alleine? Und wer hat den Rettungswagen gerufen?“
„Sie waren zu dritt. Die anderen beiden sind sofort abgehauen. Als ich dann merkte, was ich da angestellt hatte, rief ich sofort den Rettungswagen.“
„Das ist sehr gut. Du hast ihn zwar niedergestochen, weil Du wohl in Panik Todesängste ausgestanden hast. Aber Du hast ihm wohl auch das Leben gerettet. Also brauchst Du Dir keine großen Sorgen machen. Alles wird wieder gut“ –
„Ich will’s hoffen. Ist es möglich, dass ich ihn besuchen darf?“
„Das geht leider nicht. Er liegt noch im künstlichen Koma, weil die Verletzungen so besser abheilen können. Er hat viel Blut verloren. Wie geht es
Dir eigentlich? Kannst Du schon wieder aufstehen?“
„Ich denke schon“ sagte es und richtete mich auf.
„Komm, wir gehen ins Schwesternzimmer, dort bekommst Du noch einen kräftigen Kaffee und dann fährst Du wieder nach Hause, ok?“
Ich nickte nur. Nach dem Kaffee fragte ich die Schwester, wann Luis den wieder aufwachen würde.
„Ich denke, so zum Wochenende.“
„Na, dann schaue ich noch mal vorbei, wenn ich darf.“
„Machen wir so. Melde Dich bei Schwester Angelika, das bin ich. Aber Du musst bis fünfzehn Uhr dagewesen sein. Ich habe Frühdienst und anschließend das Wochenende frei.“
„Danke. Für den Kaffee, und Danke, dass Sie mir zugehört haben. Bis Freitag dann. Ich wünsche Ihnen noch einen Schönen Dienst“, lächelte ich sie an und machte mich auf dem Weg nach Hause.
Mir ging es jetzt im Gegensatz zu heute Morgen schon viel besser. Luis, dachte ich mir, welch ein schöner Name. Er ist übern Berg. Er heißt Luis. Ich musste unbedingt am Freitag wieder ins Urban.
Die Woche verging sehr schleppend. In der Schule versuchte ich, mich so gut es ging zu konzentrieren. Immer wieder musste ich an Luis denken. Luis, Luis, Luis.
Ach, welch schöner Name. Hatte ich das schon erwähnt? Luis ist doch bestimmt nicht schwul. Und wenn doch, will er denn was mit demjenigen zu tun haben, der fast sein noch so junges Leben ausgelöscht hat?
Obwohl, eigentlich hat er ja selber Schuld. Er hat mich schließlich angegriffen, und dann auch noch ganz feige von hinten und mit zwei Komplizen. Ach, ich mache mir zu viel Gedanken.
Endlich ist Freitag. Schule! Mist! Ich wäre am liebsten schon um acht Uhr ins Urban gefahren anstatt in die Schule. Aber da ich mich nicht traute, ging ich dann doch ganz brav zur Schule. Um dreizehn Uhr war endlich Schulschluss. Ich wollte gerade schnell los, als Sebastian mich aufhielt.
„Wollen wir heute auf die Piste?“
„Nee, heute nicht, ich muss jetzt ins Urban“
„Bist Du bescheuert, der hat Dich feige überfallen, Markus, spinnst Du?“
„Sebastian, ich habe ihn fast umgebracht. Ich muss wissen, wie es ihm geht. Weißt Du, wie es sich anfühlt wenn da jemand blutüberströmt vor Dir auf dem Boden liegt, weil Du ihm ein Messer in den Bauch gerammt hast?“
„Nicht schon wieder, Markus. Es ist nicht Deine Schuld. Hätte er Dich nicht überfallen, wäre er jetzt nicht im Krankenhaus. Stell Dir vor, er hätte Dich niedergestochen….. hätte er Dir geholfen oder wären wir jetzt auf Deiner Beerdigung? So musst Du das mal sehen. Du darfst Dir keine Vorwürfe machen. Außerdem hast Du den Notarzt gerufen und ihm damit das Leben gerettet.“
„Sebastian, ich muss ihn besuchen. Die Ungewissheit frisst mich auf. Und wenn er mich dann rausschmeißt, dann gehe ich einfach und gut ist.“
„Wie Du meinst, Markus. Wir können ja am Samstag noch mal telefonieren, ok?“
„Ok.“
Auf dem Weg zum Krankenhaus malte ich mir die verschiedensten Möglichkeiten aus, was mich wohl erwarten würde. Ich ging auf die Station 3 und fragte nach Schwester Angelika. Es dauerte einen Augenblick, da gerade das Essen abgeräumt wurde.
„Hallo Markus, wie geht es Dir?“
„Gut. Wie geht es Luis? Ist er schon aufgewacht?“
Schwester Angelika schaute mich besorgt an.
„Am Mittwoch haben wir die Aufweckphase eingeleitet, aber bis jetzt ist er nicht wieder zu sich gekommen. Er muss jetzt von sich aus aufwachen. Eventuell dauert das noch, da er viel Blut verloren hatte.“
Ich ließ mich resigniert auf einen Stuhl fallen und vergrub mein Gesicht in den Händen.
„Was hab ich nur getan? Was hab ich nur getan?“, seufzte ich und konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Schwester Angelika kniete sich vor mir.
„Hey Markus, mach es Dir nicht so schwer. Das wird wieder, glaub mir. Du musst Geduld haben. Los, komm mal mit. Hier ist noch jemand, der auf Luis wartet.“
Ich schaute auf und folgte Schwester Angelika. Wer wohl auf ihn wartet? Seine Mutter? Die würde mich bestimmt zur Schnecke machen oder schlimmer….
Wir blieben vor einem Zimmer stehen, Schwester Angelika zeigte auf einen ca. dreizehn jährigen Jungen mit verheultem Gesicht, den Blick starr auf den Boden gerichtet.
„Das ist sein kleiner Bruder. Er ist der einzige, der jeden Tag hier herkommt, um Luis zu besuchen“
„Oh Gott, hat Luis keine Eltern mehr?“
„Doch, aber der Vater ist abgehauen und die Mutter interessiert sich nicht für Luis. Sie hat ihn auf die Straße gesetzt und deswegen ist er wohl kriminell geworden. Wenn jemand Schuld an Luis Zustand hat, dann seine Mutter. Ich hatte mit Ihr telefoniert, aber sie hat ganz kalt reagiert. Mir ist richtig schlecht geworden. Dann hatte ich später nochmals angerufen und hatte seinen Bruder am Apparat. Er ist dann sofort hergekommen und sitzt die ganze Zeit hier vor seiner Zimmertür, weil er nicht rein darf.“
„Danke, Schwester Angelika, ich werde mich mal zu ihm setzen.“ Sprach’s und ging auf den kleinen Jungen zu.
„Hallo, ich heiße Markus, darf ich mich setzen?“
Der kleine Junge schaute mich kurz traurig an und blickte dann wieder vor sich auf den Boden und nickte leicht.
„Julius“ flüsterte er kaum hörbar.
„Ich habe Angst um meinen Bruder. Wer hat ihm das bloß angetan? Er tut doch niemandem was.“
„Meinst Du, dass er überfallen wurde?“
„Ja, was denn sonst? Bist Du von der Polizei?“
„Nein, ich bin erst sechszehn. Das ist wohl noch zu jung für den Beruf.“
Ich versuchte sein Vertrauen zu gewinnen und schwindelte ihm vor, dass ich ihn von der Schule her kenne.
„Er kümmert sich immer um mich und meine kleinen Geschwister, wenn Mama Fernsehen gucken will. Einen Papa haben wir nicht. Luis macht auch meistens das Essen und hilft uns bei den Schularbeiten.“
„Du bist bestimmt stolz auf Deinen Bruder, oder?“
„Ja, ich kann mir keinen besseren vorstellen. Ohne ihn wären wir bestimmt schon im Heim.“
Das gab mir wieder ein Stich. Wie kann sich dieser Junge einerseits so rührend um seine Geschwister kümmern und andererseits Menschen im Park überfallen und ausrauben? Luis weckte immer mehr meine Neugierde.
Ich wusste immer noch nicht, was diesen Jungen so interessant machte. Julius schwärmte im höchsten Tönen von seinem Bruder und da musste etwas Wahres dran sein.
Ich musste Julius ein wenig aus der Reserve locken und fragte ihn aus.
„Sag mal Julius, Luis soll schon viel mit der Polizei zu tun bekommen haben. Er soll andere Leute überfallen haben und so.“
„Ja, das stimmt, er hat da wohl so ein paar doofe Freunde kennengelernt. Wenn die unterwegs waren, Durfte ich nie mit. Die sagten immer, kleine Babys wollen wir nicht dabei haben. Richtig gemein sind die. Auch Luis hat dann so blöd geredet. Aber wenn er dann wieder zu Hause war, hat er sich meistens dafür bei mir entschuldigt.“
„Er soll ja letzte Woche wieder jemanden überfallen haben und das Opfer hat sich dann wohl gewehrt.“
„Aber deswegen muss man den anderen doch nicht gleich versuchen umzubringen“, schluchzte Julius.
„Vielleicht wurde der andere ja schon mal überfallen und ist in Panik geraten. Er hat dann in Angst zugestochen, um sich zu befreien. Der Überfallene hatte dann ja auch den Rettungswagen alarmiert während seine angeblichen Freunde einfach getürmt sind“, Julius sah Markus jetzt fragen an.
„Woher weißt Du das alles?“
„Äh, ja, ….. also, ….. na ja, weißt Du …hmm … es, es stand so in der Zeitung.“ „In welcher Zeitung?“
„Die mit den vier Buchstaben“
„Hm.“
Julius schaute wieder zu Boden.
„Was willst Du eigentlich hier?“
Oh je, was will ich eigentlich hier? Wie sollte ich ihm bloß erklären, dass ich derjenige welche bin, der seinen Bruder niedergestochen hat?
Plötzlich setzte ein hektisches Treiben auf dem Flur ein.
Zwei Krankenschwestern kamen herbei gerannt und verschwanden in dem Zimmer in dem Luis liegt. Aus dem Raum drang ein lautes Piepen und die Schwestern reden hektisch.
Ein Arzt kam gelaufen und verschwand ebenfalls im Zimmer. Kurz darauf kam eine Schwester wieder heraus, blickte uns kurz an um dann Richtung Schwesternzimmer zu rennen. Mein Herz fing an zu rasen.
Julius schaute mit offenen Mund und aufgerissenen Augen von einer Seite zur anderen. Jetzt kam auch Schwester Angelika angelaufen. Ich sprang auf.
„Ist was mit Luis? Schwester, sagen sie doch was!“
„Kümmre Dich um Julius. Geht ein wenig im Park spazieren.“
Was ist denn das für eine Antwort? Ich schaute Julius an, der jetzt zitternd und apathisch auf seinem Stuhl saß.
„Luis, Luis, bitte nicht, Luis. Nein. Nicht Luis. N E I N!!!“
Julius sprang auf und wollte ins Zimmer stürmen. Er riss die Tür auf. Dort sahen wir Luis mit nacktem Oberkörper auf seinem Bett liegen. Daneben stand ein Arzt mit einem Defibrillator
„Achtung, bitte zurücktreten. Eins, Zwei, Drei. Schwester, schicken sie die Kinder raus. Nochmal, zurücktreten, Eins…..“
„Kommt, Ihr könnt hier nichts für ihn tun.“
„Ist mein Bruder tot?“, fragte Julian mit weinerlicher Stimme.
„Wir kämpfen noch. Bete für ihn. Markus, kümmre Dich bitte um Julius und geht bitte zum Schwesternzimmer“, sprach‘s und verschwand wieder im Krankenzimmer.
Ich glaubte nicht mehr atmen zu können, meine Lunge brannte, mir wurde schwindelig und fing an zu taumeln.
„Das wollte ich nicht. Du musst mir glauben. Das wollte ich nicht“, weinte ich und fiel auf die Knie. Julius stand schniefend vor mir
„DU?“ ….. „WARUM?“
Mist, mein Leben ist nichts mehr wert, wenn Luis stirbt. Mir ging der Tag der letzten Woche immer wieder Durch den Kopf. Warum habe ich mich bloß dazu überreden lassen, mir ein Messer zu kaufen?
Ich saß neben dem Schwesternzimmer auf dem Boden und weinte. Julian stand am Fenster, schaute hinaus und schniefte. Ich hörte Schritte aus Richtung des Krankenzimmers.
Beim Aufblicken schaute ich in Schwester Angelikas Gesicht. Sie zwinkerte mir zu und hob den Daumen. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sofort sprang ich auf, warf mich der Schwester in die Arme und weinte jetzt hemmungslos. Es waren dieses mal Freudentränen.
„Julius, Dein Bruder hat es geschafft, hörst Du? Julius!“
Doch er blieb am Fenster stehen und weinte vor sich hin. Langsam ging ich zu ihm hinüber und legte meine Hand auf seine Schulter.
„Fass mich nicht an, Du Schwein! Du hast meinen Bruder fast umgebracht. Los verschwinde. Ich will Dich nicht mehr sehen!“
„Julius, lass Dir doch erklären. Er hat mich überfallen ….. ich hatte eine panische Angst …. Verstehst Du? … Todesangst … es war wie in einem Film …“
„Hör auf zu lügen. Du hast ihn abgestochen. Was hat er Dir getan? … Was?“ schrie Julius, das letzte Wort betonend.
„..Er hat mich überfallen und wollte mich mit seinen Kumpels ausrauben …ich … ich … ich wollte doch nicht …..“
Ich brach mitten im Satz ab und wandte mich traurig von Julian weg. Jetzt hatte ich mit meiner Aktion schon zwei Menschen verletzt. Langsam schlich ich auf den Ausgang zu, als sich eine Hand auf meine Schulter legte.
Schwester Angelika.
„Markus, gib Julius die Zeit. Er wird es irgendwann verstehen, dass Du in Notwehr gehandelt hast. Gib mir Deine Telefonnummer und ich ruf Dich dann an, wenn Luis wieder zu sich kommt.“
Gesagt, getan. Wir tauschten die Telefonnummern und ich ging dann traurig nach Hause. Wenn er gestorben wäre, oh mein Gott. Nie wieder wäre ich glücklich geworden.
Die Tage vergingen. Immer wartete ich auf einen Anruf aus der Klinik. Das Telefon klingelte. Ich rannte aufgeregt zum Telefon.
„Markus Jäger.“
„Hallo Markus…“, es war Sebastian „…willst Du heute mit in die Disco? Hannes und Guido wollen auch hin. Wie schaut es aus?“
„Ich kann nicht, mir geht es nicht so gut. Außerdem warte ich auf einen Anruf aus dem Krankenhaus.“
„Immer noch dieser Typ, der Dich überfallen hat? Markus, das wird mir langsam unheimlich mit Dir.“
„Weiß auch nicht. Bin halt nicht in Stimmung. Feiert ohne mich und grüß‘ die anderen.“
„Ok, wie Du willst. Na denn. Tschüß!“ „Tschüß“ …..
Riiiing ———- Riiiiing ———– Riiiiiing ——– Riiiiing
„Markus Jäger …… Hallo Schwester Angelika …… ja? ….. da fällt mir ein Stein vom Herzen! Danke Schwester Angelika. Ja, bis morgen. Und … Danke!“
Ich machte einen riesigen Luftsprung und jubelte laut. Meine Mutter guckte aus der Küche
„Was ist denn los, Markus?“
„Mama, er ist aufgewacht. Endlich aufgewacht.“
Ich ließ mich erschöpft aufs Sofa fallen und fing vor Freude an zu weinen. Meine Mutter setzte sich zu mir, nahm mich in den Arm und weinte mit mir. Ob sie sich freute, dass sie keinen Mörder zum Sohn hatte?
Ich schickte noch ein Danke nach ‚oben’, obwohl ich ja nichts mit Gott am Hut hatte. Doch hatte ich mich immer wieder dabei erwischt, wie ich Stoßgebete gen Himmel schickte.
Luis
Thomas, immer wieder Thomas. Er spukte ständig durch meine Gedanken. Die Stimmen, die ich hörte, waren mir völlig fremd. Helle Blitze zuckten immer mal wieder auf.
Und dann wieder Thomas. Die Stimmen wurden deutlicher. Irgendwie schaffte ich es nicht, mich bemerkbar zu machen. „Eigentlich müsste er aufwachen. Ich verstehe das nicht“, redete die fremde Stimme. Hallo, hier bin ich. Aber keiner reagierte. Ich fühlte mich schlapp und dachte wieder an Thomas. Warum hört mich denn keiner?
„Jetzt sitzt der kleine Julian schon wieder vor der Tür. Der muss seinen Bruder sehr gern haben“
Julius? Julius, wo bist Du? Wieder blitzte es, aber dieses Mal viel intensiver. Die fremden Stimmen wurden immer klarer. Und wieder Blitze. Es wurde hell. Ich konnte etwas sehen.
Leuchtstoffröhren! Leuchtstoffröhren? Seit wann gibt es im Himmel Leuchtstoffröhren? Huch, ein fremdes Gesicht schob sich über meines und sprach sogar: „Luis? Luis, bist Du wach? Ich bin Schwester Angelika. Hallo Luis!“
Sieht so die Hölle aus? Nee, die hat ja keine Hörner. Haben weibliche Teufel überhaupt Hörner? Egal, zumindest weiß sie meinen Namen. Aber warum bin ich hier?
„Herr Doktor, der Luis kommt zu sich.“
„Na endlich.“
„Wo bin ich? Was ist los?“
„Kannst Du Dich an nichts erinnern?“
„Ich war mit meinen Kumpels unterwegs und dann war da dieser Junge… Mein Bauch tat plötzlich so weh….Blut! … irgendwie weiß ich nicht mehr…“
„Das kommt schon noch wieder. Ruh Dich erst mal aus“
„Was ist mit Julius?“
Schwester Angelika drehte sich um und sah mich an.
„Hast Du mitbekommen, dass wir über Deinen Bruder gesprochen haben?“
„Ja, ich weiß nicht genau was, aber es war die Rede von Julius. Ist er hier?“
„Er sitzt die ganzen Tage schon draußen und wartet, dass Du wieder aufwachst“
„Tage? Liege ich schon länger hier?“
„Ja, schon fast zwei Wochen.“
„Ich kann mich an nichts erinnern.“
„Du hast ja auch die ganze Zeit verschlafen.“
Das mit dem plötzlichen Herzstillstand verschwieg mir die Schwester dabei.
„Ich hol Deinen Bruder jetzt mal rein.“
„Ja, bitte.“
Schwester Angelika verließ das Zimmer, und einen Augenblick später wurde die Tür wieder aufgerissen und Julius stand mit großen roten Augen im Türrahmen.
„Luis, endlich“, er stürmte auf mich zu.
Ich dachte erst, er springt auf mein Bett, aber dann bremste er noch rechtzeitig ab und warf sich mir um den Hals. Er fing laut an zu weinen und schluchzte:
„Ich hatte solche Angst um Dich, Luis, endlich bist Du wieder wach. Bitte, tu das nie, nie wieder hörst Du? Ich halte das nicht aus. Wir brauchen Dich doch.“
Jetzt fing auch ich an zu weinen.
„Ist ja schon gut mein Kleiner. Alles wird wieder gut. Wie geht es Susi und Kevin?“
„Ich denke, gut.“
„Warst Du die ganze Zeit hier im Krankenhaus?“
„Ja, Kevin und Susi sind doch noch zu klein. Und Mama sitzt nur vor dem Fernseher.“
„Hat sie mich denn vermisst?“
„Sie hat Dich mit keinem Wort erwähnt. Und wenn Schwester Angelika nicht noch mal angerufen hätte, wüssten wir gar nicht, wo Du wärst.“
„Das ist typisch für sie. Hat sie Euch denn auch immer was zu essen gemacht?“
„Ich musste immer einkaufen. Hatte aber immer nur wenig Geld. Deshalb gab’s meistens Spaghetti mit Ketchup.“
Ich musste dabei ein wenig grinsen.
„Na ja, Hauptsache Ihr seid satt geworden.“
Nach einer Weile kam Schwester Angelika wieder ins Zimmer.
„So, Julius. Die Besuchszeit ist gleich vorbei und Luis braucht jetzt Ruhe. Morgen ist auch noch ein Tag.“
Sagte sie und streichelte Julius über den Rücken. Als Julius dann gegangen war, wurde ich sehr nachdenklich. Was hatte ich bloß angestellt? Ich musste so schnell es geht hier raus und mich wieder um meine Geschwister kümmern.
Markus
Die letzten Nächte habe ich schlecht geschlafen. Ich musste die ganze Zeit an Luis denken. Ob er mir verzeiht, dass ich ihn fast getötet habe? Ob er sich überhaupt erinnert? Ich malte mir alle verschiedenen Möglichkeiten aus, wie er wohl reagieren könnte.
Und wenn ich gar nicht hin gehe und ihn einfach vergesse? Das geht leider nicht, denn irgendwann werden wir uns vor Gericht wieder sehen. Ich darf gar nicht an eine mögliche Gerichtsverhandlung denken.
Ich weiß gar nicht, ob ich dann als Überfallopfer oder als Messerstecher vor dem Richter stehen werde. Letzteres bedrückte mich schon sehr. Zumindest war mir der Stein von meiner Seele genommen worden, als Mörder vor Gericht zu stehen.
Nach langem Grübeln stand ich auf und begab mich ins Bad. Nach dem ausgiebigem Frühstück machte ich mich dann mit lautem Herzklopfen auf dem Weg ins Krankenhaus.
Dort angekommen musste ich feststellen, dass Schwester Angelika heute frei hatte. Da ich den Weg kannte, ging ich direkt auf Luis´ Zimmer zu. Vor der Tür kam ich dann doch ins Grübeln.
Soll ich oder soll ich nicht? Ich ging kurz vor der Tür auf und ab. Irgendwas war hier komisch. Ich drehte mich um, um zur Zimmertür zu gehen, als ich Julius mit verschränkten Armen vor der Tür erblickte. Er sah mich finster an, als ich auf ihn zuging.
„Hallo Julius. Wie geht’s Dir?“
„Noch gut. Und wenn Du nicht augenblicklich verschwindest, kann sich das schnell ändern!“
„Hey, Julius, was soll das? Lass mich bitte zu Deinem Bruder. Ich hab mit ihm noch einiges zu klären.“
„Dass Du ihn umbringen wolltest?“
„Red‘ doch kein Quatsch!“
„Ach ja, und warum liegt er dann hier?“
„Weil er mich feige mit seinen noch feigeren Kumpels überfallen hat.“
„Du verdrehst wohl hier die Tatsachen, oder?“
„Nein, Julius. Versetz Dich mal in meine Lage: Ich bin vor zwei Jahren schon mal überfallen worden und wurde dabei böse zugerichtet. Ich habe lange gebraucht, um abends wieder alleine auf die Straße gehen zu können. Endlich war ich auf dem besten Wege, als Dein ‚ach so lieber unschuldiger Bruder’ mich überfallen musste. Ich hatte Panik, Julian, eine scheiß Angst. Verstehst Du?“
Ich hatte mich jetzt in Rage geredet und zitterte leicht.
„Übertreibst Du da nicht ein wenig?“
„Mann, Mann, Julius. Hattest Du schon mal so richtig Angst? Todesangst, ohne zu wissen, ob Du den nächsten Moment überlebst?“
„Nur als das mit Luis vor ein paar Tagen hier im Krankenhaus passiert ist.“
Julius wurde ein wenig nachdenklich.
„Sei froh. Ich wünsche das niemandem. Weißt Du…. Ich habe das noch nie jemandem erzählt, weil es sehr peinlich ist. Ich habe nach dem Überfall des Öfteren nachts ins Bett gemacht. Kannst Du Dir vorstellen, wie man sich da als vierzehn jähriger fühlt? Du kannst vor Angst nicht einschlafen, lässt nachts das Licht brennen, wachst schweißgebadet auf und Deine Eltern stehen in Deinem Zimmer, weil Du im Schlaf geschrien hast!“
Ich zitterte jetzt heftiger und bekam zudem feuchte Augen, als ich mich meinem Gegenüber offenbarte. Julius wurde nachdenklich und senkte seinen Kopf.
„Das tut mir leid. Muss Luis jetzt ins Gefängnis?“
„Ich weiß nicht. Das entscheiden die Richter. Aber vorher will ich erst mal mit Luis sprechen. Wir haben uns ja gegenseitig wehgetan. Er hat an seiner Situation genauso Schuld wie ich. Aber das möchte ich mit ihm unter vier Augen klären. Also, lässt Du mich bitte zu Deinem Bruder?“
Julius schaute mich lange an, dann ging er einen Schritt zur Seite und sagte
„Ok.“
Ich klopfte an die Tür und öffnete sie dann langsam. In dem einzigen Bett schaute nur ein blonder Lockenkopf heraus, der sich nicht rührte. Ob er gerade schlief? Ich wollte ihn nicht wecken und überlegte schon, später wieder zu kommen. Dann bewegte sich doch etwas.
„Julius, bist Du das?“ sprach die Stimme verschlafen.
„Hallo Luis, ich bin Markus. Wir hatten vor zwei Wochen eine Begegnung der schlechten Art.“
Der Junge im Bett schreckte hoch, drehte sich in meine Richtung und schaute mich mit weit geöffneten Augen an.
„Ich hab Dich noch nie gesehen. Ich erinnere mich nicht an Dich.“
„Dann denk mal nach. Neulich im Volkspark Friedrichshain? Na?“
Luis überlegte und dann muss wohl der Euro-Cent gefallen sein.
„Du? Shit. …. ich …. ich ….. Du bist …. oh, .. hm …“ er überlegte wohl was er sagen sollte und schaute dabei verschämt auf seine Bettdecke.
Nur langsam blickte Luis aufgeregt an seinen Fingern knibbelnd von seiner Bettdecke auf und dann verschämt in meine Richtung. Ich verzog keine Miene. Luis blinzelte mir direkt in die Augen.
„Bitte geh jetzt, es ist besser, wenn Du einfach verschwinden würdest“, flüsterte er leise.
„Ist das alles, was Du zu sagen hast?“
Luis schaute aus dem Fenster und schniefte leise. Er sagte nichts auf meine Frage, sondern nickte nur leicht. Was soll das denn jetzt? Ich, das Opfer, komme den Täter im Krankenhaus besuchen, und was macht er? Der schmeißt mich einfach raus. Wie finde ich denn das?
„Hast Du noch alle Tassen im Schrank? Ich werde von Dir überfallen, und auch wenn ich Dich mit dem Messer attackiert habe, was mir im Übrigen sehr leid tut, weil ich die Folgen nicht bedacht hatte, will mich bei Dir entschuldigen! Und Du schmeißt mich einfach raus?“
Schweigen nur noch schweigen.
„Na, wenn das so ist, habe ich mich wahrscheinlich in Dir getäuscht. Julius muss wohl von einem anderen Bruder geredet haben, von dem er mir in den letzten Tagen erzählte. Du kannst das ja wohl nicht sein. Na denn, ich denke, wir sehen uns zu Deiner Verhandlung vor Gericht wieder.“
Ich drehte mich enttäuscht und ein wenig wütend um, öffnete die Tür zum Gehen, als Julius plötzlich vor mir auf dem Flur steht.
„Habt Ihr alles geklärt?“
Ich schob Julius zur Seite um das Zimmer zu verlassen.
„Markus, warte kurz!“
Ich ging einfach weiter, zu sehr war ich verletzt. Mir kamen die Tränen, ich wurde immer wütender und bereute, die ganze Zeit im Krankenhaus gewesen zu sein.
„Mensch Markus, nun warte doch mal kurz!“
Verärgert drehte ich mich um.
„Was ist denn noch?“ sprach ich ein wenig zu aggressiv und wischte mir eine Träne aus dem Gesicht.
„Was war denn los?“
Julius war mir gefolgt. Wir standen uns gegenüber.
„Ich weiß nicht, aber Luis scheint wegen der Messerattacke wütend auf mich zu sein. Irgendwie kann ich es ja verstehen. Aber andererseits hat er ja mit seinem hinterhältigen Überfall im Volkspark doch alles erst ausgelöst. Ich sollte wohl eher wütend auf ihn sein. Ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber er wollte nicht. Tja, und dann hat er mich einfach rausgeschmissen.“
„Ich werde mal mit ihm reden, Markus. Du bist echt in Ordnung. Ich wünschte mir, dass Du ein Freund von Luis wärst, denn die Leute mit denen er sich in letzter Zeit abgab, waren alle nicht gut für ihn. Früher, als Thomas noch hier wohnte, da waren die beiden ein Herz und eine Seele. Aber seit Thomas dann vor einem Jahr nach Bayern gezogen ist, hat Luis sich sehr verändert. Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist. Tut mir echt leid.“
„Ich muss los. Mach‘s gut, Julius.“
Ich drehte mich zum Gehen, als Julius mir die Hand auf die Schulter legte.
„Kannst Du mir Deine Nummer geben? Dann könnte ich Dich ja mal anrufen, wenn Luis wieder bei Verstand ist und mit Dir reden will.“
Ich überlegte und willigte dann ein. Ich gab ihm meine Nummer und fragte nach seiner.
„Sorry, ich habe leider kein Handy. Dafür reicht das Geld in unserer Familie nicht“ sagte Julius traurig. Ich nickte nur kurz, gab ihm einen leichten Klapps auf den Oberarm:
„Ist schon ok. Tschüss, Julius“, drehte mich um und verließ das Krankenhaus.
Auf dem Parkplatz schaute ich mich noch mal kurz um, und erblickte Julius in der Tür. Wir winkten uns nochmals kurz zu, dann ging ich zum Bus.
Luis
Er war weg. Warum habe ich ihn gehen lassen? Ich habe doch Schuld an dem Ganzen. Zumindest trage ich die Hauptschuld. Irgendwann musste ja mal so was passieren.
Und meine Freunde Peer und Dragan sind einfach abgehauen. Solche Freunde will ich nicht mehr. Die können mir gestohlen bleiben. Warum ist Markus überhaupt zu mir ins Krankenhaus gekommen?
Das hatte er doch gar nicht nötig gehabt. Wäre ich ihn besuchen gegangen, wenn es anders herum passiert wäre? Wenn Thomas noch hier wohnen würde, wäre ich bestimmt nicht so abgerutscht.
Ich schämte mich für die Sachen, die ich angestellt habe. Markus hat mich mit der Messerattacke wachgerüttelt. Ich wollte so nicht mehr weitermachen, das war nicht das Leben, das ich wollte.
Vor allem wollte ich noch LEBEN. Irgendwie ging mir Markus nicht aus dem Sinn. Leise fing ich an zu weinen. Ich bemerkte nicht, wie Julius wieder ins Zimmer kam.
„Luis, was ist mit Dir? Soll ich die Schwester rufen?“, flüsterte er und legte sanft seine Hand auf meine Schulter.
„Nein, nicht nötig. Alles in Ordnung, Julius“ schniefte ich.
„Mir ist gerade bewusst geworden, was ich in letzter Zeit für Scheiße gebaut habe. …… ich habe Angst, dass ich jetzt zu weit gegangen bin und ins Gefängnis muss. Was wird dann aus Euch, wenn ich mich nicht mehr kümmern kann? Ich will nicht, dass Ihr ins Heim kommt. Mama ist doch nicht fähig, sich um Euch zu kümmern. Ich bin so ein Versager. Es tut mir leid, Julius.“
„Du bist kein Versager, Luis. Bitte sag so was nicht. Vielleicht solltest Du Dich zuerst mal bei Markus entschuldigen. Er wirkte vorhin sehr traurig. Vielleicht ist das mit dem Prozess ja nicht ganz so schlimm, wenn Du einfach mal mit ihm redest. Und was Kevin, Susi und mich betrifft, wir kommen schon klar. Wenn ich weiß, dass Du Dich nicht mehr mit diesen Dumpfbacken triffst, wird das schon wieder. Ich vertraue Dir, Luis!“
„Danke, Julius.“
Nachdem Julius gegangen war, dachte ich über meinen Lebenswandel nach. Es kann so nicht weiter gehen, und ich muss mit Markus reden. Irgendwie ging er mir nicht aus dem Kopf. Ich musste an Thomas‘ Brief denken.
> Du wirst eines Tages einen Freund finden, der Dich verdient hat. <
Ist das DER Freund?
Nee, der ist bestimmt nicht schwul, und wenn doch, warum sollte er sich in einen Kriminellen verlieben, der ihn zu allem Überfluss auch noch überfallen hat.
Nein, das wäre schon zu viel des Guten. Aber ich werde mit ihm reden müssen. Ja, das werde ich definitiv tun. Mist, jetzt wo er weg ist… ich weiß nur seinen Vornamen.
Ich weiß weder seinen Nachnamen noch kenne ich seine Adresse. Ganz zu schweigen von einer Telefonnummer. Alles vergebens? So sehr ich noch grübelte, ich kam zu keinem Abschluss.
Wie um Himmels willen sollte ich Markus je wieder sehen? Hm, ich könnte ja mal, wenn ich aus diesem Krankenhaus entlassen werde, im Volkspark warten…. Wer weiß, eventuell treffe ich ihn dort mal.
Autsch!!! Ich werde ihn wieder sehen, aber nicht auf die schöne Art. Der Prozess! Ich werde wohl noch von der Polizei vernommen werden …. Und spätestens vor Gericht werde ich ihn wieder sehen. Ob es dann schon zu spät ist? Ich will ihn bald wieder sehen.
Über diese vielen Gedanken hinweg schlief ich dann ein und hatte einen unruhigen und traumlosen Schlaf.
*-*-*
Ein paar Tage später.
Schwester Angelika weckte mich sehr früh.
„Guten Morgen, Luis. Hast Du gut geschlafen?“
„Nicht wirklich.“
„Na, das wird schon wieder. Um zehn Uhr ist Chef-Visite und dann wirst Du von der Polizei abgeholt. Du wirst ins Gefängnis verlegt.“
Ich zuckte zusammen.
„Ich komme ins Gefängnis?“
„Sieht so aus, mein Kleiner. Aber das hättest Du Dir früher überlegen sollen. Jetzt ist es erst mal zu spät. Aber nicht, dass Du versuchst zu türmen! Vor der Tür sitzt ein Sicherheitsbeamter, an dem kommst Du nicht vorbei.“
*-*-*
Markus
Luis ging mir nicht aus dem Kopf. Wieso behandelte er mich so? Ich hätte auch ganz anders reagieren können. Er war mir nicht egal. Im Gegenteil, er tat mir sogar leid. Überfiel er andere, weil das Geld zu Hause nicht reichte?
Ok, dass sollte kein Grund oder gar eine Rechtfertigung sein, um andere Menschen zu überfallen und auszurauben. Wie verzweifelt muss man sein, um so weit zu gehen.
Ich machte mir viele Gedanken. Am liebsten wäre ich schon am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus gefahren, um mit Luis zu sprechen. Aber ich wollte ihm Zeit geben.
Außerdem wirkte das auch zu aufdringlich, wenn ich gestern wütend sein Zimmer verließ, um schon am nächsten Tag wieder vor seiner Tür zu stehen. So versuchte ich mich mehr oder weniger erfolgreich abzulenken. Sebastian und ich trafen uns, um ins Kino zu gehen.
Wir entschieden uns für eine Komödie, um meine Laune ein wenig aufzubessern. Also, das entschied Sebastian einfach mal so für mich. Was die schlechte Laune anging, wollte ich ihn nicht wirklich wissen lassen, was mich bedrückte.
Wir schauten uns ‚Ted‘ an, ein lustiger Film mit einem sprechenden Teddybären, der nicht immer jugendfreien Sprüche drauf hatte. Wir haben viel gelacht, und ich konnte für einige Zeit sogar meine Sorgen vergessen.
Nach dem Kino gingen wir noch auf eine Cola in ein amerikanisches Burger-Restaurant.
„Sag mal Markus, warum beschäftigt Dich Sache mit dem Überfall so sehr? Irgendwas ist doch mit Dir. Willst Du darüber reden?“
„Was meinst Du?“
„Hey, nun tu doch nicht so. Ich merke doch, dass da was ist. Markus, darf ich Dir mal eine Frage stellen? Aber Du darfst nicht ausflippen. Ok?“
„Na, dann frag mal, Sebastian.“
„Na ja, ich habe Dich in der letzten Zeit ein wenig beobachtet. Und da mache ich mir so meine Gedanken. Kann es sein das Du…. na ja, das Du schwul bist?“
„Was?“ sagte ich ein wenig erschrocken und viel zu laut.
„Wie kommst Du denn da drauf? Ich …. Ich …“
Ich sackte auf seinen Stuhl zusammen und blickte traurig und gedankenverloren auf seine Cola.
„Hey, jetzt schau nicht so traurig Markus. Mir macht das nichts aus. Ich werde auch weiterhin Dein Freund sein, egal ob schwul oder hetero. Ich erzähle auch nichts weiter. Versprochen.“
Ich spielte mit meinem Colaglas und schaute dann langsam in Sebastians Gesicht. Ich atmete einmal tief ein und sprach dann mit tränenerstickter Stimme
„Ja, ich bin schwul.“
Mir liefen die Tränen. Plötzlich stand Sebastian auf, schaute mich mit ernstem Blick an. Mein Gesicht gefror binnen Sekunden. Hatte ich jetzt meinen besten Freund verloren?
Wir beiden blickten uns in die Augen und dann ging Sebastian um den Tisch auf mich zu und nahm mich in den Arm. Von dieser Geste war ich so überwältigt, das ich in Tränen ausbrach.
Ich war so erleichtert, dass ich es endlich mal aussprechen konnte. Es tat richtig gut.
„Markus, wein‘ nicht, alles wird gut. Ich bin Dein Freund und werde es auch immer bleiben.“
„Danke Basti. Du bist der Erste, dem ich das erzähle. Ich bin mir auch noch nicht so lange darüber klar. Lange Zeit wollte ich es nicht wahr haben. Aber immer wenn ich einen hübschen Jungen sehe, fängt es irgendwie an zu kribbeln. Anfangs dachte ich noch, dass es nur eine Phase sei, aber diese Phase ließ nicht nach. Im Gegenteil, es wurde sogar schlimmer. Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. Wem sollte ich denn von meinen Gefühlen erzählen? Es war fürchterlich.“
„Na, jetzt hast Du ja mich. Es muss Dir auch nicht peinlich sein. Ich habe übrigens einen schwulen Onkel. Michael heißt er und wir kommen damit prima klar. Ich bin mit dieser Tatsache groß geworden und kenne ihn gar nicht anders. Er ist schon seit über zehn Jahren mit seinem Guido zusammen, die beiden sind ein prima Gespann. Wir haben viel Spaß zusammen. Also, nicht was Du jetzt denkst. Aber sie gehen ganz entspannt mit Ihrem Schwul sein um. Und bei den Nachbarn sind sie auch beliebt. Wenn Du magst, können wir sie ja mal besuchen gehen.“
Ich schaute jetzt verlegen zu Sebastian.
„Schauen wir mal. Danke Basti. Ich hatte solche Angst, dass Du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, wenn Du erfährst, dass ich schwul bin. Ich habe lange mit mir gekämpft, weil ich nicht wusste, wie meine Umwelt auf mein Coming out reagieren würde.“
„Danke, Markus, für Dein Vertrauen. Gibt es denn schon jemanden …. ich meine … hattest Du schon mal einen Freund? ….“
„Nein, hatte ich noch nicht. Ich bin mir ja erst seit ein paar Wochen so richtig im Klaren mit meinem Schwul sein. Aber … da gäbe es schon jemanden….“
Jetzt sprach ich nicht weiter sondern blickte traurig zu Boden.
„Und?“
„Nee, lass mal. Das wird nix. Der ist bestimmt nicht schwul.“
„Kenn ich ihn? Ist es jemand aus unserer Klasse oder zumindest aus unserer Schule?“
„Nein, den kennst Du nicht. Es ist …. Na ja …aber flipp jetzt nicht aus. Es ist … der Junge, der mich im Volkspark überfallen hat.“
„Spinnst Du?“ reagierte Sebastian ein wenig zu laut. Einige Leute drehten sich zu uns um.
„Ich wusste, dass Du so reagieren würdest. Ich weiß ja auch nicht. Ich habe mich länger mit seinem kleinen Bruder im Krankenhaus unterhalten. Und je mehr ich über Luis erfuhr, umso größer das Gefühl für ihn.“
„Aha, Luis heißt der also. Und Du bist Dir da sehr sicher? Also das mit Deinen Gefühlen ihm gegenüber? Hast Du denn schon mal mit ihm gesprochen?“
„Ich wollte ihn vor ein paar Tagen sprechen, als er endlich aus dem Koma erwacht ist. Aber er …..“, ich konnte nicht weiter sprechen, schlug mir die Hände vors Gesicht und schluchzte vor mich hin.
„Aber er … was?“ Sebastian sah mich an und seufzte.
„Lass uns noch was trinken, Markus. Du musst nicht weiter erzählen, wenn es Dir schwer fällt. Lass Dir Zeit.“
Nach einer weiteren Cola fing ich dann an zu erzählen.
„Luis hat noch drei Geschwister. Sie leben von Hartz-IV. Der Vater hat sie sitzen gelassen, und seine Mutter ist wohl mit der ganzen Situation überfordert. Er kümmert sich um seine Geschwister, während seine Mutter vor der Glotze hängt und ihr alles am Arsch vorbei geht. Das hat mir sehr imponiert. Ich bin ja nur ein Einzelkind. Ok, einen Bruder oder eine Schwester hätte ich auch schon gerne gehabt. Ich glaube nicht, dass Luis von sich aus andere Leute überfällt. Das sind bestimmt seine komischen Freunde, die ihn dazu angestiftet haben. Julius sagte mir das.“
„Julius? Ist das der Bruder, der die ganze Zeit im Krankenhaus gewartet hat?“
„Ja, er macht sich große Sorgen um seinen Bruder. Er hat Angst, dass er auf die schiefe Bahn gerät. Na ja, das ist er wohl schon. Aber ich glaube, es ist noch nicht zu spät. Außerdem, wer sich so aufopferungsvoll um seine Geschwister kümmert, kann doch kein schlechter Mensch sein.“
„Und Du, mein lieber Markus, glaubst, ihn auf den rechten Pfad der Tugend zurück zu führen?“ grinste Sebastian in meine Richtung.
„Ich will es auf jeden Fall versuchen. Er hat eine 2. Chance verdient. Ich wäre gern sein Freund. Also auf jeden Fall Freund, wenn schon nicht sein FREUND“
„Ich weiß schon, was Du meinst. Wenn Dich das glücklich macht, wäre es auch für mich Ok“
„Danke, Basti“
Wir beide grinsten uns an und machten uns dann auf den Weg nach Hause.
Es war mittlerweile schon recht spät geworden.
„Sag mal Markus, wo wohnt dieser Luis eigentlich?“
„Keine Ahnung. Julius sprach von irgendwelchen Plattenbauten. Wahrscheinlich Marzahn, Märkisches Viertel oder so.“
Sebastian und ich gingen noch eine Weile schweigend unseren Weg nach Hause.
„So, Markus, komm gut nach Hause. Wir sehen uns dann morgen in der Schule. Gute Nacht und schlaf schön. Träum was süßes“ lachte Sebastian mich an und nahm mich in den Arm.
„Ja, Basti, das wünsche ich Dir auch. Und Danke, dass Du mir zugehört hast. Bis morgen.“
Zuhause angekommen kam mir mein Vater entgegen.
„Guten Abend, mein Sohn. Du hast mal wieder Dein Handy in der Küche liegen lassen. Das ist ja nicht so schlimm, wenn es nicht ständig klingeln würde.“
Oh weia, daran hatte ich ja gar nicht gedacht. Ich nahm das Handy und schaute gleich nach wer da was von mir wollte. Festnetznummer, immer dieselbe, bestimmt sechsmal.
Die Nummer war mir unbekannt. Ich wollte das Handy gerade ausschalten, als es abermals klingelte. Wieder diese Nummer. Dieses Mal ging ich ran.
„Markus hier, Hallo?“
Am anderen Ende schniefte eine Stimme.
„Markus? Endlich gehst Du mal ran. Ich hab‘s schon den ganzen Nachmittag und den Abend versucht.“
„Wer ist denn da?“
„Ach so, ich bin’s, Julius“ schniefte die Stimme wiederholt.
„Hallo Julius, was ist denn los? Hast Du geweint? Ist was mit Luis?“
„Ich war heute Nachmittag im Krankenhaus und wollte Luis besuchen, aber er war nicht mehr da.“
Mir wurde ganz spontan schlecht.
„Ist …. ist er abgehauen?“
„Nein, er wurde ins Gefängnis verlegt. Ich …. Ich darf ihn nicht besuchen. Das können die doch nicht tun, oder?“
„Ach Julius, ich denke schon. Das war wohl zu erwarten. Ist bei Euch zu Hause alles ok?“
„Ja, soweit alles klar. Wieso?“
„Ich dachte nur wegen Deiner Geschwister.“
„Die sind schon im Bett. Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll.“
„Wollen wir uns morgen nach der Schule treffen? Auf welche Schule gehst Du eigentlich?“
„ Max-Planck-Oberschule.“
„Hey, dann gehen wir ja auf dieselbe Schule. Weißt Du was? Morgen in der großen Pause am Imbiss. Ok?“
„Ok“
„Also dann, gute Nacht bis Morgen…… und Julius …. Es wird alles gut, mach Dir keine Sorgen.“
„Ja, danke. Bis Morgen“
Wecker klingelt – aus dem Bett quälen – ins Bad – im Spiegelbild ein völlig fremdes Gesicht – schweigend frühstücken – Haustür klingelt – Sebastian! Wie kann man morgens schon so gut gelaunt sein?
„Moin Markus! Alles fit im Schritt?“
„Moin, hast Du Drogen genommen? Wie kann man morgens um diese Zeit schon so aufgekratzt sein?“
„Och, Marküsschen, mein Schatz. Iss Dein Müsli, wir müssen los!“ „Marküsschen??? Bist Du gaga? Oder bist Du gegen die Straßenbahn gelaufen? Oder hast Du heimlich eine Freundin?“
„Nö, ich hab ja Dich.“
Geschockt drehte ich mich zu Sebastian um, der immer noch lässig an der Küchentür lehnte.
„Sorry, Markus. Ich …. Ich wollte Dich nicht aufziehen.“
Jetzt blickte der eben noch so coole Sebastian beschämt auf die Küchenbodenfliesen. Ich konnte mir ein freches Grinsen nicht verkneifen.
„Ist schon in Ordnung. Ich kenn Dich ja nicht anders. Aber mal ein anderes Thema: Ich habe gestern noch mit Julius telefoniert“
„Der Bruder von diesem Luis?“
„Ja genau. Er geht übrigens auf unsere Schule. Ich treffe mich in der großen Pause mit ihm. Er war völlig aufgewühlt. Sein Bruder wurde gestern ins Gefängnis verlegt. Und dort darf Julius ihn nicht besuchen. Seine Mutter hat das völlig kalt gelassen.“
„Im Gegensatz zu Dir, stimmt‘s?“
„Jetzt muss Julius sich um seine Geschwister kümmern. Vielleicht kann ich ihn ja ein wenig unterstützen. Ich bin ja nicht ganz unschuldig an der Situation.“
„Markus! Jetzt mach mal `nen Punkt. Willst Du jetzt mal eben die Welt retten? Wer hat hier denn wen überfallen? Du bist doch nicht für das ganze Elend dieser Welt verantwortlich! Los beeil Dich, sonst kommen wir zu spät zur Schule.“
Damit war das Thema erst mal erledigt. Auf dem Weg zur Schule sprachen wir kein Wort. Eine Doppelstunde Deutsch so früh am Morgen, wer sich das wohl ausgedacht hat? Es war doch fast noch nachts.
Endlich das Pausengeläut. Ich machte mich sofort auf den Weg zum Pausenhof. Mit den Augen scannte ich immer wieder den Pausenhof, doch ich konnte Julius nirgends erblicken. Als mir jemand auf die Schulter tippte, zuckte ich zusammen und blickte mich blitzschnell um.
„Mensch Sebi, musst Du mich so erschrecken?“
„Sorry, hast Du Julius schon entdeckt?“
„Nein, vielleicht hat er ja heute später Unterricht“
„Komm lass uns in die Cafeteria gehen. Ich brauch noch einen starken Kaffee, bevor wir mit Franz gequält werden“
Im hinteren Teil des Schulhofs wurde es plötzlich hektisch und laut. Ich drehte mich um und erblickte eine große Schülertraube wild gestikulierend. Ich weiß nicht warum, aber ich musste der Sache auf den Grund gehen.
„Moment Sebi, ich komme gleich nach. Bring mir doch bitte einen Kaffee mit. Muss mal sehen, was dort los ist.“
Sprach‘s und ging auf die Rudelbildung zu. Ich konnte nicht erkennen, worum es ging, nahm nur Sprachfetzen war.
`Wenn Dein Bruder kriminell ist bist Du es doch bestimmt auch`
`Hartz IV, Ihr seid doch alle asozial`
`Schaut Euch doch mal seine Klamotten an`
`Geduscht hat der doch auch nicht so wie der stinkt` …..
Ich bahnte mir einen Weg durch die anderen und erblickte einen total verschüchterten und den Tränen nahen Julius.
„Seid Ihr bescheuert?“ schrie ich die anderen an
„Was soll denn der Scheiß! Lasst Julius in Ruhe. Verpisst Euch. Ihr seid doch alle nicht mehr ganz frisch! Los haut ab!“
Ich schrie mich in Rage. So kenn ich mich selbst nicht. Aber mein Geschrei verfehlte seine Wirkung nicht. Die Schüler gingen einige Schritte erschrocken zurück oder verließen den Ort des Geschehens.
„Sein Bruder ist kriminell“, meinte einer aus der Gruppe.
„Ja, vielleicht. Du sagst selbst, sein Bruder. Also nicht Julius! Was hat Julius damit zu tun? Seid Ihr verrückt? Los, haut alle ab.“
„Danke Markus, ich hatte echt Angst. Die hätten mich bestimmt verprügelt. Ich habe den Hass in Ihren Augen gesehen.“
Julius fing an zu weinen. Langsam sank er auf den Boden und vergrub mit seinen zitternden Händen sein Gesicht. Ich kniete mich neben ihn und nahm ihn in den Arm.
„Hey, Julius, alles ist gut. Ich bin bei Dir“
„Danke“ schniefte Julius.
„Geht’s wieder?“ Julius nickte schaute mich mit seinen roten Augen an.
„Komm, ich helfe Dir hoch.“
„Gehst Du schon lange auf diese Schule? Du bist mir vorher noch nie aufgefallen“
„Seit drei Jahren“, sagte Julius.
„Alles in Ordnung, Markus?“ Sebastian stand plötzlich vor uns mit zwei Bechern Kaffee in der Hand.
„Hier Markus, Dein Kaffee.“
„Danke. Sebastian, das ist Julius, Luis´ jüngerer Bruder. Julius, das ist Sebastian, ein guter Freund von mir. Hier, magst Du einen Schluck Kaffee? Tut Dir bestimmt gut.“
Julius nahm dankend an und trank einen kräftigen Schluck.
„Kommt Ihr? Die Pause ist zu Ende.“
Sebastian lenkte uns damit Richtung Schulgebäude.
„Danke Markus. Bis zur nächsten Pause. Dann können wir uns endlich mal unterhalten. Ok?“
„Yo, Julius. Bis dann“
Franz oder auch Französisch ist nicht gerade mein Lieblingsfach. Aber auch diese Stunden gingen vorbei. In der nächsten Pause beeilte ich mich zur Schultür zu kommen, um Julius abzufangen, damit ihm nicht das gleiche Schicksal wie zur ersten Pause widerfuhr.
Ich sah Julius langsam mit ängstlichem Blick die Treppe herunterkommen. Als er mich dann an der Tür stehen sah, hellte sich schlagartig sein Gesicht auf. Er winkte mir zu und hüpfte dann die letzten Stufen hinunter.
„Hey Markus.“
„Hey Julius. Lass uns ein wenig nach draußen gehen.“
Wir gingen in eine ruhige Ecke des Schulhofs. Wie sollte ich jetzt das Gespräch anfangen?
„Wann wurde Luis denn verlegt?“
„Gestern früh. Als ich nach der Schule ins Krankenhaus kam, war er schon weg“
„Du vermisst ihn sehr, stimmt‘s?“
„Ja, er ist schließlich mein Bruder und bester Freund. Auf ihn kann man sich immer verlassen.“
„Er ist ja wohl schon früher mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Da wird man abwarten müssen, ob er nochmal mit einem blauen Auge davonkommt oder eventuell sogar länger ins Gefängnis muss.“
„Schuld sind nur diese blöden Freunde von Luis, Peer und Dragan. Dragan geht auch auf diese Schule.“
„Was? Scheiße. Ich weiß nicht einmal, wie er richtig aussieht. Das ging an dem Abend alles so schnell.“
„Dort hinten steht er.“
Ich drehte mich um und sah Dragan mit seinen Kumpels in einer Ecke stehen. Sie waren am Rauchen. Das ist eigentlich an unserer Schule verboten (wie wahrscheinlich an allen anderen Schulen auch).
„Das ist Dragan? Der hat mich an dem Abend nach der Uhrzeit gefragt. Dann hat Luis mich auch schon von hinten gepackt und …..“
Markus biss sich auf die Lippe und drehte sich wieder zu Julius um. Dieser schaute ihn nur nickend an und meinte dann:
„Ist schon gut. Ich weiß, was dann geschah.“
In diesem Moment war die zweite Pause beendet. Nach zwei weiteren Stunden war die Schule für heute beendet. Mit Sebastian verließ ich die Schule. Wir gingen Richtung Bushaltestelle, als ich auf der anderen Straßenseite Dragan stehen sah, der sich angeregt mit seinen Kumpels unterhielt. Einen dieser Kumpels erkannte ich als Julius. Ich stieß Sebastian leicht in die Rippen.
„Sieh mal dort. Das ist doch Julius, der da mit einem dieser blöden Freunde von Luis rum steht.“
„Ja, stimmt. Kennt er die besser, als er zugibt?“
Wir drehten uns um und liefen zur Bushaltestelle. Wie auf Bestellung kam gleich unser Bus. Wir setzten uns ganz nach hinten. Ich schaute nochmal zu den anderen und Julian, die immer noch vertieft waren im Gespräch.
Doch dieses Mal war etwas anders. Dieser Dragan tippte Julian, so wie ich es sehen konnte, verärgert auf die Brust, so dass Julian rückwärts stolperte. Dragan ging wieder auf Julian zu. Leider fuhr der Bus los, so dass ich dem Geschehen nicht mehr folgen konnte.
Ich traf mich am Nachmittag nach der Erledigung der lästigen Hausaufgaben mit Sebastian zum Shoppen. Bei Jugendlichen unseres Alters braucht man öfter neue Kleidung aufgrund des Wachstumsschubes.
Da unsere Eltern das auch wussten und wir schon alt genug waren, um alleine zu Shoppen, bekamen wir das Geld in die Hand gedrückt, um uns auf eigene Faust neu einzukleiden.
Ich musste allerdings zu Hause später Rechenschaft abgeben und eine Modenschau aufführen.
„Ist Dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass zu ziemlich lange brauchst um Dich für ein Kleidungsstück zu entscheiden?“ grinste mich Sebastian unverhohlen an.
„Blöde Kuh“, grinste ich zurück.
„Markus, schau mal dort. Ist das nicht Julius?“
„Wo?“
„Dort bei den T-Shirts.“
Ich drehte mich um die eigene Achse und wollte gerade rufen, als Julius sich nervös in alle Richtungen drehte und blitzschnell ein teures T-Shirt unter seinem Pullover verschwinden ließ.
„Was war das denn?“ flüsterte mir Markus zu.
„Tja, der eine überfällt Leute und der andere klaut.“
Böse blickte ich Sebastian an.
„Ist doch wahr.“
Ich drehte mich wieder in Richtung des Tatorts, aber Julius war schon weg. Meine Lust auf Shoppen war mir vergangen. Wir schnappten unsere bereits ausgesuchten Sachen und gingen zur Kasse.
Wieder auf der Straße suchte ich alle Richtungen ab, aber Julius war natürlich längst verschwunden. Schweigend liefen wir durch die Straßen, als wir in einer kleinen Seitenstraße Julius mit anderen Jungs entdeckten.
Ich erblickte Dragan, wie er Julius das gestohlene T-Shirt abnahm.
„Sebi, dort ist Julius. Verdammt, dieser Dragan ist auch dabei. Der neben Dragan ist der dritte, der bei dem Überfall auf mich dabei war.“
„Komm Markus, lass uns gehen.“
„Nein, warte. Ich möchte wissen, ob Julius mit den Idioten gemeinsame Sache macht. Lass uns dort rüber gehen, damit sie uns nicht entdecken.“
Dragan sprach mit Julius. Das wirkte aber nicht so, wie Freunde normalerweise miteinander sprechen. Nach kurzer Zeit sagte Dragan was zu den anderen, aber ich konnte es aus der Entfernung natürlich nicht verstehen.
Alle lachten und Dragan schubste Julius zur Seite und ging mit seinen Leuten Richtung U-Bahn. Julius blieb alleine zurück.
„Komm, lass uns zu Julius gehen.“
Julius erblickte uns und wollte gerade in die andere Richtung davoneilen.
„Julius, warte.“
„Sorry, hab gerade keine Zeit. Ich muss noch Schularbeiten machen.“
Ich packte Julius an der Schulter.
„Moment noch. Kannst gleich gehen. Mit wem treibst Du Dich da eigentlich rum?“
„Ich weiß nicht, was Du meinst.“
„Julius, verarsch mich nicht!“
„Was willst Du?“
„Julius, wir waren gerade in dem Klamottenladen dort…“ ich zeigte Richtung H&M.
„…und, fällt jetzt der Euro?“ sprach ich ein wenig ärgerlicher.
„Scheiße. Dragan hat mich erpresst.“
„Womit hat er Dich erpresst?“
„Ich darf nichts sagen. Sonst will er seine Leute auf mich hetzen. Versteh das bitte, Markus.“
„Nein, Julius. Das verstehe ich nicht. Das darfst Du nicht mit Dir machen lassen. Er hat schon Luis auf die schiefe Bahn gebracht. Sonst endest Du wie Dein Bruder!“
„Lass Luis aus dem Spiel! Du hast nicht das Recht über Luis zu urteilen. Du nicht!“ schrie Julius mich an.
„Relax, Alter. Komm mal runter, “ schaltete sich jetzt Sebastian ein.
„Luis wäre bestimmt nicht begeistert von Deinem Auftritt“
Julius blickte auf seine Füße und fing an zu schniefen.
„Julius hör zu, lass uns in das Café dort gehen. Dann erzählst Du uns alles, ok?
Und dann finden wir auch eine Lösung. Komm schon.“
Zu dritt gingen wir in das Café. Julius erzählte Sebastian und mir, was geschehen war. Dragan erpresste Julius damit, dass er aussagen wolle, dass Luis die treibende Kraft bei Ihren Straftaten war und er sie erpresste. Julius betonte, das Dragan der Bandenchef ist und nicht Luis.
„Du musst zur Polizei, Julius“
„Nein, das geht nicht.“
„Doch das geht. Tu das für Luis.“
„Aber ich habe doch das T-Shirt geklaut.“
„Man hat Dich gezwungen. Und wenn Du Dich selbst anzeigst, nimmst Du Dragan den Wind aus den Segeln. Los, Julius wir begleiten Dich auch. Du musst da nicht alleine durch.“
Julius rollten ein paar Tränen übers Gesicht, als er abwechselnd Sebastian und mich anblickte.
„Ok, ich mache das. Aber jetzt sofort, sonst verlässt mich wieder der Mut.“ Ich bezahlte die Getränke und dann ging es direkt zur Polizeiwache. Julius machte eine Anzeige und erzählte der Beamtin alles.
Später gingen wir alle drei zu mir.
„Julius, ich habe hier noch was für Dich. Das ist mein altes Mobilteil mit Prepaidkarte. Ich brauche es nicht mehr. Es hat noch ca. zehn Euro Guthaben. Wenn irgendwas ist, meine neue Nummer ist auf eins gespeichert, und die von Sebastian auf zwei“
„Markus, das kann ich nicht annehmen. Das geht nicht.“
„Julius, keine Widerrede. Wenn Dragan Dir mal wieder auflauert, kannst Du uns sofort erreichen oder die Polizei rufen. Also?“
„Danke. Aber warum tut Ihr das für mich?“
„Ich weiß nicht. Ich denke, ich muss etwas wieder gut machen wegen der Sache mit Luis.“
Ich ging zum Fenster und blickte hinaus. Hatte ich nur Gewissensbisse oder war da mehr? Die nächsten Tage verliefen ereignislos. Es war Freitag. Endlich Wochenende. Ich hatte mich mit Sebastian verabredet und wollte ins Freibad, als plötzlich mein Mobiltelefon klingelte.
„Es ist Julius. Ja? Hallo Julius was ist los? ….. Ja, das geht ……….. naja, eigentlich wollte ich gerade mit Sebastian und ein paar Freunden ins Freibad ….
Ok … mach ich …. Also bis gleich.“
„Das war Julius“, blickte ich verwirrt zu Sebastian
„Ach, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Und es geht bestimmt um Luis, dieser Blick sagt alles. Und Du willst bestimmt nicht mehr ins Freibad, stimmt’s?“
„Äh ja, .. Sebi … Julius hat mir gesagt das Luis heute Nachmittag aus der U-Haft entlassen wird. Er bat mich, ihn zu begleiten zur Haftanstalt.“
„Ob das so gut ist? Ich weiß ja nicht. Lass die beiden das alleine machen. Wie sieht denn das aus, wenn das Opfer den Täter aus dem Knast abholt.“
„Nein Sebastian, geh Du mit den anderen zum Schwimmen und ich gehe zu Julius. Aber bitte, sag den anderen nichts davon.“
„Ok, wie Du meinst, Markus. Aber mach Dir nicht zu viel Hoffnung. Du weißt ja nicht mal, ob er auch schwul ist.“
„Wie kommst Du denn jetzt da drauf?“
„Ich sehe es Dir an Markus. Immer diese glänzenden Augen, wenn Du von Luis sprichst. Das hat doch Julius bestimmt auch schon bemerkt. Oder warum will er Dich dabei haben, um Luis abzuholen?“
„Quatsch, Sebi, geh Du mal schön schwimmen und vergiss nicht, vorher ausreichend kalt zu Duschen.“
„Dass solltest Du auch mal machen“ grinste Sebastian zurück.
„Idiot“ lachte ich jetzt auch.
Nach einer freundschaftlichen Umarmung machte ich mich auf den Weg, um mich mit Julius zu treffen.
Luis
Kurz nach dem Frühstück war auch schon Chefvisite. Ich hatte ein wenig Bammel vor dem Ergebnis. Wenn er mich für gesund genug einstufte, sollte ich noch am selben Tag in den Knast wandern.
Scheiße! Was habe ich bloß angestellt.
Scheiße! Warum habe ich mich bloß von diesen blöden Typen überreden lassen?
Scheiße! Warum hat dieser blöde Typ beim letzten Überfall bloß ein Messer dabei?
Scheiße! Warum stell ich mich jetzt bloß so wehleidig an? Ich habe doch selbst Schuld.
Der Arzt sieht keinen Grund, mich weiter hier zu behalten. So ein Mist, jetzt geht’s in den Bau. Nach der Visite kommt der Polizeibeamte mitsamt Kollegin, um mich zu eskortieren. Mir wird gerade so richtig schlecht und ich muss mit den Tränen kämpfen.
Soweit ist es nun mit mir gekommen. Mache auf große Fresse, und wenn‘s blöd läuft, fange ich an zu flennen. Die Narbe schmerzt immer noch, als ich mich langsam anziehe. So kann ich die aufkommenden Tränen auf die Schmerzen schieben. Als ich mit dem Anziehen fertig bin, kommt die Stationsschwester vorbei.
„Luis, wenn ich Dir ein Rat geben darf, dann entschuldige Dich bei Deinem ‚Opfer‘. Ich glaube, er wird Dir verzeihen. Gib ihm diese Chance. Er hatte wirklich Angst um Dich, als es kritisch um Dich stand. Und entschuldige Dich auch bei Deinem Bruder. Er hat jede freie Minute hier im Krankenhaus verbracht. Ich hoffe, dass dieser Überfall mit diesem Ausgang Dir die Augen geöffnet hat. Ich bin überzeugt, dass Du ein anständiger Junge bist.“
Jetzt konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich ließ mich auf mein Bett fallen und weinte. Dass die Schwester das Zimmer verließ, bekam ich nicht mehr mit. Der Polizist legte seine Hand auf meine Schulter
„ Komm, Luis, wir müssen los.“ Langsam erhob ich mich nickend.
„Vielleicht tun Dir ein paar Tage im Bau gut, damit Du merkst, wohin es geht, wenn Du so weitermachst“, sagte die Polizistin.
Mit hängenden Schultern schlich ich über den Stationsflur. Die beiden Polizisten verzichteten auf Handschellen, da ich ihnen versprach, nicht fliehen zu wollen. Wohin auch?
Zu meiner Mutter? Die hat mich nicht einmal im Krankenhaus besucht. Hat mich vor einiger Zeit rausgeschmissen. Mit Dragan und Peer wollte ich nichts mehr zu tun haben. Also stelle ich mich meiner Strafe. Vor dem Schwesternzimmer blieb ich kurz stehen.
„Schwester Angelika, ich möchte mich bei ihnen recht herzlich bedanken. Ich verspreche ihnen, dass ich mich bessern werde.“
Wieder kamen mir die Tränen. Schwester Angelika nahm mich spontan in den Arm, auch Ihr standen die Tränen in den Augen.
„Ich glaube an Dich. Deine Geschwister brauchen Dich. Außerdem nützt Du niemandem, wenn Du im Knast sitzt. Versprichst Du mir, dass Du Dein Leben ändern wirst?“
Ich nickte nur stumm und fiepste dann nur noch ein kaum hörbares „Ja.“
Den Rest nahm ich nur noch wie ein Film wahr. Plötzlich stand ich vor dem großen Tor der Strafanstalt. Adieu Freiheit. Mit großem Gepolter öffnete sich das große Tor.
Es war bestimmt drei bis vier Meter hoch. Richtig furchteinflößend. Noch einmal drehte ich mich um und blickte sehnsüchtig Richtung Freiheit. Von beiden Seiten legte sich je eine Hand auf meine Schulter, wohl damit ich es mir nicht plötzlich anders überlegte und doch noch ein Fluchtversuch unternahm. Ich atmete einmal tief Durch und blickte dann wieder auf das bereits geöffnete Tor. Wir gingen ein paar Schritte und standen vor dem nächsten großen Tor. Wieder dieses Gepolter. Jetzt schloss sich das große Tor hinter uns wieder. Wir standen jetzt in einem ca. sechs Mal sechs Meter großen Hof, an dem ich auf den beiden Seiten große getönte Fenster erblickte. Der eine Polizist grüßte Richtung der getönten Scheiben und es öffnete sich eine kleine Tür. Mit einem Schlüsselklimpern kam ein Mann so um die 50 auf uns zu.
„Moin Dirk. Wen habt Ihr denn da für uns mitgebracht?“
„Das ist Luis. Raubüberfall. Er kommt aus dem Krankenhaus, um hier sein Prozess abzuwarten.“
Der Aufseher blickte auf seinen Block und dann auf mich. Wieder auf den Block um dann mir wieder in die Augen zu sehen.
„Ziemlich jung für einen Intensivtäter. Und dann alle Straftaten in kürzester Zeit. Hm, na was meinst Du, Luis, kriegen wir das in den Griff?“
Ich sagte nichts und zuckte nur mit den Schultern.
„Na dann kommt mal mit“ und zu den beiden Polizisten „Ihr bekommt noch Eure Unterschrift mit Stempel für die Unterlagen.“
Nachdem diese Unterschrift mit Stempeln erledigt war, wurden noch einige Zettel ausgetauscht, dann verabschiedeten sich die drei voneinander. Die Beamtin drehte sich nochmal zu mir.
„Nutze die Zeit hier.“
Ich begriff zuerst nicht was sie mir damit sagen wollte.
„Komm, Ellen, wir haben einen neuen Einsatz“, rief der Polizist seiner Kollegin zu.
„So, Du bist Luis? Ich bin der Anstaltsarzt, werde Dich jetzt erst einmal untersuchen und anschließend bekommst Du Deine Anstaltsklamotten und dann Deine Zelle zugewiesen.“
Ich folgte dem Arzt in ein Nebenzimmer, das wie eine gewöhnliche Praxis eingerichtet war. Der Unterschied war lediglich die vergitterten Fenster.
„So, dann mach Dich mal frei. Also, das heißt, alle Deine Sachen ausziehen und hinter Dir auf den Stuhl legen. Verstört zögerlich begann ich mich auszuziehen, als plötzlich eine junge Frau ins Zimmer kam. Ich erstarrte, blickte zu der jungen Frau und dann zum Arzt und wieder zur jungen Frau. Der Arzt fing an zu kichern.
„Das ist meine Assistentin, Frau Maier. Keine Angst, die hat schon viele nackte Jungs gesehen. Außerdem hat sie selbst einen zu Hause. Also Luis, mach ruhig weiter.“
Mir war das ganz schön peinlich, mich vor den beiden auszuziehen, aber da ich hier eh nicht fliehen konnte, ergab ich mich meinen Schicksal. Ich stand jetzt nackig, mit den Händen meine Juwelen versteckend, vor dem Schreibtisch des Doktors.
Die beiden waren mit irgendwelchen Unterlagen beschäftigt, die Frau Maier vorhin mitgebracht hatte.
„Ah, Luis dann komm mal mit zur Waage.“
Ich wurde gewogen, vermessen und auf alle möglichen Gebrechen hin untersucht. Bis auf die Stichverletzung und einer leichten Phimose war ich völlig gesund und damit voll ‚knastfähig‘. Das mit der Phimose war mir vielleicht peinlich.
Da grabbelt der olle Doktor doch tatsächlich an meinem Puller herum und schob genüsslich meine Vorhaut vor und zurück. Ich musste mich sehr beherrschen, keine Erektion zu bekommen. Er war die erste fremde Hand nach Thomas ……. Mir kamen die Tränen.
„Luis, was ist los? Hab ich Dir wehgetan? Zieh Dir mal diese Anstaltskleidung an und setz Dich dann zu mir. Frau Meier, holen sie uns bitte zwei Tee. Luis, ist Dir ein Tee recht?“
Ich nickte nur schniefend, während ich mich anzog.
„Willst Du mir sagen, warum Du gerade geweint hast? Ich bin Arzt und zur Verschwiegenheit verpflichtet“
„Ich, … ich musste an einen Freund denken. An einen guten Freund. Er …. er ach, …“
„Hat er Dich missbraucht? Irgendwas, was Du nicht wolltest?“
„Nein, ich wollte es genauso wie er…. also ich …. bin schwul, und Thomas war mein erster Freund bis er vor fast einem Jahr wegen seines Vaters nach Bayern umgezogen ist. Gerade musste ich an ihn denken. Er fehlt mir immer noch sehr.
Ich war traurig und wütend, weil mein Leben plötzlich kein Sinn mehr machte. Keine Ahnung, aber als sie mich vorhin da unten anfassten, fühlte es sich wie bei Thomas an.“
„Das tut mir leid. Das war von mir nicht beabsichtigt. Aber gut, dass Du mir das erzählt hast. So kann ich für Dich eine Einzelzelle besorgen, damit Du keine Angst haben musst. In ein bis zwei Wochen solltest Du wieder draußen sein. Das hier ist als Erziehungsmaßnahme gedacht, um Dich von weiteren Straftaten abzuhalten. Eigentlich solltest Du das nicht erfahren, aber ich denke, Du bist ehrlich zu mir gewesen, also sollte ich auch ehrlich zu Dir sein.“
„Danke.“
„Hast Du denn zurzeit einen Freund?“
„Nein, nachdem Thomas weggezogen ist, war alles so traurig und leer. Ich habe mir vorgenommen mich nie wieder zu verlieben.“
„Seit wann weißt Du von Deinem Schwul sein?“
„Seit Thomas mir an unserem letzten Abend seine Liebe gestand. Zuerst war ich verwirrt, aber dann war mir klar, warum ich Thomas so mochte. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Es musste Liebe sein, was ich die vielen Jahre schon für ihn empfand. Ich konnte es nur nicht richtig deuten.“
„Das ist tragisch, dass eure Erste Nacht auch gleichzeitig die letzte war. Das tut bestimmt sehr weh. Das hast Du dann mit Deinen falschen Freunden versucht zu verdrängen, oder?“
„Ja, das trifft es wohl“ nahm die Tasse mit dem heißen Tee, den Frau Maier zwischenzeitlich gebracht hatte, und nahm einen kräftigen Schluck.
Das mit der Einzelzelle hat leider nicht geklappt. Wegen Überbelegung und so. Was soll‘s, ich muss da jetzt durch.
Ich kam, nachdem ich noch Bettwäsche und Handtücher erhalten hatte, in eine Vierer-Zelle.
Das war ein bunt zusammen gewürfelter Haufen. Ein Libanese namens Mesut, ein Afrikaner aus dem Senegal namens Youssoun und ein Deutscher, der auf den Namen Erik hört. Sie beobachteten mich genau, als man mich in Ihre Zelle sperrte. Es war eine gespannte Atmosphäre als ich mit meinen Klamotten dem Bettzeug und meinen Waschsachen vor ihnen stand.
„Hallo, ich bin Luis“, flüsterte ich mehr als das ich es sagte. Erik kam auf mich zu: „Warum bist Du hier?“
„Ähm, ich habe Leute im Volkspark überfallen.“
„Hat es sich denn wenigstens gelohnt?“
„Nee, sonst wäre ich nicht hier“.
Mesut grinste.
„Voll krass wegen so‘n Scheiß in Knast?“
„Es war ja nicht nur ein Überfall. Und beim letzten ist alles schief gelaufen. Der hatte ein Messer dabei, dass er mir dann ich den Bauch rammte. Pech halt, “ zuckte ich mit den Schultern.
„Welches Bett ist denn meins?“ fragte ich die Drei.
„ Da“, zeigte Erik auf das obere Bett.
„Wehe, Du bist Bettnässer“ fügte Erik dann noch zu.
„Keine Angst, ich bin kein Auslaufmodel.“ antwortete ich Erik, der dann wohl das untere des Etagenbettes bewohnte.
Er sah hübsch aus mit seinen kurzen blonden Haaren. War etwas größer als ich und hatte ein gutes Six-Pack unter seinem T-Shirt. Das war wohl nicht einfach nur ein Klischee, das man im Knast nur Bodybuilding macht.
Auch die anderen beiden hatten eine ansehnliche Figur, nur machte mich Ihr Verhalten und wie sie mich beobachteten nervös. Youssoun hatte mich bisher nur misstrauisch beobachtet und noch nichts gesagt.
Ich bezog mein Bett und legte meine anderen Sachen in mein Fach. Später unterhielten wir uns noch eine Weile, bis wir zum Abendessen gerufen wurden. Dabei erfuhr ich, dass Erik in andere Wohnungen eingebrochen ist und dabei erwischt wurde.
Mesut hat auf dem Schulhof mit Drogen gedealt und Youssoun soll wohl seine Freundin verprügelt haben, weil sie schwanger war. Das erzählten die anderen beiden mir, weil Youssoun weiterhin kein Wort sagte.
Das Abendessen wurde in einem großen Saal mit allen Insassen eingenommen, danach war allgemeine Freistunde.-So wie eine Freistunde in einem Gefängnis nun einmal sein kann.
Um 20.30 Uhr war dann Zellenpflicht. Das heißt, dass alle Insassen in Ihre Zellen mussten, und um 21 Uhr war Schließstunde, da die Zellen geschlossen wurden.
Um 21.30Uhr wurde schließlich das Licht ausgeschaltet. Ich lag in meinem Bett und kam langsam zur Ruhe, aber an schlafen war nicht zu denken. Ich lag noch lange wach und dachte über viele Sachen nach.
Wie geht es wohl meinen Geschwistern? Muss ich lange hier im Gefängnis bleiben? Wie wird meine Gerichtsverhandlung ausgehen? Wird Martin mir verzeihen?
Über all diesen Gedanken bin ich dann doch eingeschlafen. Mitten in der Nacht wurde ich dann von eigenartigen Geräuschen wach. Ich lauschte angestrengt, konnte aber nur leises Flüstern feststellen.
Ich lag wie erstarrt in meinem Bett und wagte kaum zu atmen, geschweige denn mich zu bewegen, um mich umzudrehen. Langsam aber drehte ich mich dennoch um, weil ich doch sehr neugierig war.
In der Dunkelheit konnte ich erst nichts erkennen. Dann nahm ich leichte Schatten war. Ich konnte in dem unteren Doppelbett gegenüber Bewegungen erkennen.
Es war das Bett von Youssoun. Ob er im Schlaf sprach oder schlecht träumt? Dann merkte ich, dass er sich rhythmisch bewegte und stöhnende Geräusche von sich gab.
Meine Augen gewöhnten sich immer besser an die Dunkelheit, und ich war jetzt der Meinung, dass Youssoun nicht alleine in seinem Bett lag. Mesut konnte ich in seinem Bett liegen sehen.
Es traf mich wie ein Blitz. Es musste Erik sein, der mit Youssoun im Bett lag. Jetzt war es mir klar. Waren die beiden ein Paar? Oder war es einfach nur der normale Triebabbau?
Hier gab es ja schließlich keine Mädchen, also musste man sich anders behelfen. Die Bewegungen und das Gestöhne wurden heftiger. Da die beiden nicht unter der Decke lagen, konnte ich erkennen, dass Erik auf dem Rücken lag und seine Beine in die Luft ragten, Youssoun lag auf Erik und wurde immer wilder.
Nach einigen Minuten erstarrte er und sackte in sich zusammen. Mich erregte diese Situation. Wieder musste ich an Thomas denken. Ich bekam ihn einfach nicht aus meinen Gedanken.
Erik kletterte ein wenig später aus Youssouns Bett und zog sich schnell seine Kleidung wieder an, während Youssoun sich einfach nur zudeckte und Erik zu flüsterte: „Kein Wort oder es passiert was!“
Das war eindeutig eine Drohung. Ich stellte mich schlafend, als Erik in meine Richtung sah. Wenn mein Herz laut pochen würde, hätte ich mich damit verraten. Ich traute mich nicht einmal richtig zu atmen.
Erst als Erik in seinem Bett lag und alles ruhig wurde, traute ich mich zu entspannen. Ich lag noch eine ganze Weile wach.
Um sechs Uhr war dann Weckzeit. Nach und nach kam wieder allgemeines Stimmengewirr auf. Am liebsten wäre ich noch ein paar Stunden liegen geblieben. Erik rüttelte mich wach.
„Hey, Luis, besser Du stehst schnell auf. Wenn die Wärter Dich noch im Bett erwischen, gibt‘s ’ne Strafaktion. Außerdem haben wir nur zwanzig Minuten zum Duschen“
Ich erschrak, als ich Eriks Gesicht Direkt vor mir sah. Sofort dachte ich an die Sache der letzten Nacht. Erik lächelte mich an. Von mir kam nur ein gequältes Lächeln zurück.
Hoffentlich schob Erik das auf eine mögliche morgendliche Übellaunigkeit. Ich kletterte verschlafen aus meinem Bett, schnappte mir Handtuch, frische Unterwäsche und trapste hinter Erik zu den Duschen her.
Dort angekommen erschrak ich. Es gab keine Einzelduschen, sondern nur einen großen Duschraum. Dort standen schon einige Jungs und duschten sich ausgiebig. Ich konnte mich dieser Bilder nicht entziehen. Erst ein Stups von Erik mit dem Ellenbogen in die Seite holte mich in die Wirklichkeit zurück.
„Hey, nicht so auffällig, wenn das jemand merkt, bist Du leichte Beute und wirst hier schnell rumgereicht.“
Ich starrte Erik an und verstand nicht, was er wollte.
„Was meinst Du?“
„Na ja, so wie Du guckst und wohin Du guckst, ist das ja wohl eindeutig“ grinste Erik. Ich wurde so was von rot.
„Hey, Du bekommst ja Farbe. Ich hoffe, dass wenn Du Dich ausziehst, sich noch nichts selbstständig gemacht hat.“
„Häh?“
Ich war so was von begriffsstutzig, das ich nicht merkte, wie ich plötzlich nackig unter der Dusche stand. Ich drehte mich zur Wand, um mich ein wenig zu verstecken und damit ich nicht die ganze Zeit die anderen hüllenlosen Körper angaffte.
Dann merkte ich, dass ich mein Duschgel vergessen hatte. Ich spürte eine kräftige Hand auf meiner Schulter und zuckte zusammen. Ich drehte mich erschrocken um und Youssoun stand Dicht vor mir.
Er blickte mir mit ernstem Gesicht direkt in die Augen. Ich starrte zurück. Youssoun strich mir über die Brust und hielt mir sein Duschgel unter die Nase. Ich blickte herunter auf die Plastikflasche und sah dabei auch sein Penis.
Ich zuckte innerlich zusammen, was ich da erblickte. Wie hat Erik bloß letzte Nacht dieses Monsterteil in seinem Hintern untergebracht, ohne laut aufzuschreien?
Ich nahm das Duschgel dankte Youssoun und blickte ihm ins Gesicht. Er nickte nur leicht und verließ dann die Dusche. Immer noch perplex fing ich an, mich wie in Trance einzuseifen.
Wieder in der Zelle stellte ich Youssouns Duschgel in sein Fach, zog mich an und ging zum Frühstücken.
Am Nachmittag hatte ich ein Gespräch mit der Anstaltsleitung. Mir wurde ein Mann vom Jugendamt vorgestellt, der mit mir zusammen mein Fehlverhalten analysieren sollte.
Ganz schön dröge, dieses Gespräch. Er versuchte, mir klar zu machen, wohin ich komme, wenn es mit mir so weiter geht. Ich erzählte ihm, warum ich so wurde, wie ich bin.
Bernd, so stellte sich der Mann von Jugendamt vor, hörte mir interessiert zu. Ich redete und redete und Bernd nickte mir verständnisvoll zu, und stellte mir auch die eine oder andere Frage. Das tat richtig gut, endlich mal alles, was mir auf dem Herzen lag, von der Seele zu reden.
An manchen Stellen musste ich schlucken und mit den Tränen kämpfen. Zum Beispiel, als es um meinen Vater ging, den ich kaum kannte, da er uns verlassen hatte, als ich noch klein war.
Oder meine Mutter, die sich nicht so richtig um uns kümmert. Oder Thomas, meinen besten Freund. Da kamen mir tatsächlich die Tränen.
„Du vermisst ihn sehr, stimmt’s? Richtige Freunde hat man nur wenige. Die meisten sind nur Kumpels oder Schulfreunde. Wenn dieser dann auch noch weg zieht, dann ist das wie als wenn einem ein Stück von sich selbst rausgerissen wird. Und das tut weh. Und dieser Schmerz schlägt manchmal um in Wut, die man dann an den nächst besten auslässt. Und genau da ist Dein Problem. Du bist eigentlich so wie Du mir alles erzählt hast, ein hilfsbereiter und herzensguter Junge der mit dem Verlust seines besten und einzigen Freundes nicht fertig geworden ist.“
Ich starrte ihn nur traurig an.
„Er war meine erste große Liebe“ flüsterte ich und fing an zu weinen.
„Das ist natürlich noch tragischer. Habt Ihr denn noch Kontakt?“
Ich schüttelte nur den Kopf und schluchzte ein kaum hörbares
„Nein. Er meinte es wäre besser für uns beide, wenn wir keinen Kontakt mehr haben.“
„Es ist für ihn bestimmt genauso schlimm wie für Dich.“
Er erzählte mir dann von seinem Bruder, der auch schwul war. Es hat ihm wehgetan, wie er mit ansehen musste, wie der Bruder unter der Trennung von seinem ersten Freund litt.
Daher konnte er sich gut in meine Situation hinein versetzen. Mir ging es nach dem langen Gespräch endlich mal wieder so richtig gut. Wir verabredeten für die nächsten Tage ein weiteres Gespräch. Froh gelaunt ging ich in meine Zelle zurück.
Dort traf ich nur Erik an. Es war Freistunde. Jeder Durfte zu den anderen in die Zelle und dort wurde dann gequatscht oder im Freizeitraum gekickert oder Tischtennis gespielt.
Erik lag auf seinem Bett und las ein Buch. Als er mich reinkommen sah, legte er
es weg und richtete sich auf.
„Hey Luis, alles klar?“
„Jo, alles klar“ lächelte ich ihn an.
Er lächelte zurück und ich meinte, in seinem Gesicht eine leichte Rötung zu erkennen. Ich wollte mich gerade auf mein Bett legen als Erik fragte:
„Luis, kann ich Dich mal was Persönliches fragen?“
Ich schaute ihn an und antwortete „Kommt drauf an, wie persönlich.“
„Magst Du Dich zu mir setzen?“ und klopfte neben sich aufs Bett.
Ich schaute erst skeptisch und merkte wie er verlegen wurde.
„Ok“ und setzte mich zu ihm.
„Wie war eigentlich Deine erste Nacht? Konntest Du gut schlafen? Also, ich brauchte mehrere Nächte, bis ich mich an das hier gewöhnt hatte“ sprach Erik und zeigte bei ‚das hier‘ einmal Durch die Zelle.
„Es ging so. Ich habe lange wach gelegen und bin dann irgendwann vor Müdigkeit eingeschlafen.“
„Sag mal, hast Du letzte Nacht auch so komische Geräusche gehört?“
Was sollte das denn? Wollte er raus kriegen, ob ich von seinem Schäferstündchen mit Youssoun etwas mitgekommen habe?
„Was meinst Du? was für Geräusche. Also wenn ich schlafe, verpasse ich sogar das dollste Gewitter“
Erik sah mir direkt in die Augen. Er kratzte sich nervös erst im Nacken und dann am Ohr.
„Ehm, naja, hm, ich glaube das Du letzte Nacht was gesehen hast.“
Ich lief so was von rot an. Er muss es bemerkt haben. Ihm war selbst nicht wohl bei der Sache.
„Bitte, erzähl bloß niemandem davon, sonst bin ich geliefert. Wenn so was die Runde macht, kann ich mich erschießen“
Erik ließ seinen Kopf hängen. Tränen liefen ihm über die Wangen.
„Keine Angst Erik, von mir erfährt keiner was. Hat Youssoun Dich gezwungen?“
„Na ja, teils, teils. Er bot mir Schutz an, wenn ich ein wenig lieb zu ihm sei. Er hat mich schon ein wenig scharf gemacht.“
„Du bist also schwul?“
„Ich denke schon, zumindest bi. Und wie sieht es bei Dir aus? So wie Du heute Morgen die anderen unter der Dusche abgecheckt hast, bist Du doch auch mindestens bi.“
„Ja, ich bin auch schwul. Da war ich wohl nicht vorsichtig genug.“
Ich sah ihn dabei an und musste ein wenig grinsen. Erik lief wieder mal rot an als er zu mir rüber sah. Erik legte ganz vorsichtig seine Hand auf mein Knie. Mir wurde heiß und kalt, aber bevor ich reagieren konnte, stand plötzlich Mesut in der Tür.
„Ey, was geht denn hier ab? Seid Ihr beiden etwa Schwuchteln? Oh Mann, ich fasse es nicht, ich mit zwei Schwestern in einer Zelle.“
Erik und ich saßen einfach nur da und starrten Mesut erschrocken an. Endlich nahm Erik seine Hand von meinem Knie. Scheiße, hoffentlich geht das jetzt nicht nach hinten los. Mesut ging langsam grinsend auf uns zu.
Er sah mir direkt in die Augen.
„Na Püppchen, wie wäre es mit ein bisschen … na Du weißt schon.“
„Mesut, lass den Scheiß.“
Er wandte sich jetzt an Erik und sprach mit einem bedrohlichen Ton:
„Los, Tussie, lass uns mal alleine. Mach die Tür von draußen zu und pass auf das die nächsten 30 Minuten niemand reinkommt.“
„Mesut, lass den Scheiß!“ sagte Erik erneut.
„Verpiss Dich, Du Opfer“ schrie Mesut jetzt.
Mir wurde augenblicklich schlecht. Wollte Mesut mich vergewaltigen? Erik sah besorgt zu mir herüber sagte aber nichts mehr. Er drehte sich um und verließ langsam die Zelle.
Die nächsten Augenblicke, von denen ich nicht weiß, wie lange sie dauerten, erlebte ich wie im Film. Ich hoffte auf ein Wunder, aber nichts passierte. Mesut stellte sich Dicht vor mir auf.
Ich wollte mich vom Bett erheben, doch Mesut schubste mich zurück aufs Bett. Dann begann er an seiner Hose zu nesteln.
„Wenn Du jetzt lieb zu mir bist, beschützte ich Dich vor den anderen.“
„Mesut, was soll das!“
Langsam öffnete er seinen Reißverschluss und grinste mich dabei an.
„Ich verspreche, dass es Dir gefallen wird. Bis jetzt hat sich noch niemand beschwert. Also, mach schon.“ sprachs und holte seinen mittlerweile harten Schwanz aus der Hose.
Ich schüttelte meinen Kopf und ließ mich nach hinten fallen. Mesut packte aber meine Haare und zog mich wieder hoch.
„Aua, Du tust mir weh!“
„Wenn Du nicht parierst, wird es noch schmerzhafter. Hier ist niemand, der Dir helfen wird. Also finde Dich damit ab. Und je weniger Du Dich sträubst, desto schneller hast Du es hinter Dir.“
Ich sah keinen Ausweg aus dieser Situation.
„Lass mich los Du Idiot!“
„Halts Maul, Du Opfer!“
Ich fühlte seine Hand in mein Gesicht klatschen, als plötzlich die Zellentür aufsprang.
„STOP!!!“ brüllten drei Aufseher und rissen Mesut von mir weg. Sie fixierten ihn am Boden und legten ihm Handschellen an.
„Alles in Ordnung Luis?“ sprach mich einer der Aufseher an.
„Ja, geht schon wieder, danke“ flüsterte ich noch ein wenig eingeschüchtert.
„Wenn noch was ist, dann melde Dich bei uns, ok? Du kannst aber auch mitkommen, wir finden einen Platz in einer anderen Gruppe für Dich.“
Ich blickte hoch und sah hinter dem Aufseher Erik in der Tür stehen. Er blickte mich besorgt an.
„Nein, solange Mesut nicht mehr in diese Gruppe ist, bleibe ich hier.“
Ich sah in Eriks Gesicht ein leichtes Lächeln. Die drei Aufseher verließen mit Mesut unsere Zelle und die Station. Erik kam langsam auf mich zu.
„Ist wirklich alles ok mit Dir? Ich hatte echt Angst um Dich.“
Ich fing leicht an zu zittern und konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Schnell setzte Erik sich neben mir aufs Bett und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich weiß nicht, wie lange wir so da saßen, aber irgendwann ließ mich Erik los.
„Danke, Erik, ich hatte echt Angst.“
„Gut, dass die Aufseher so schnell reagiert haben.“
„Alles Ok?“ Youssoun war in die Zelle gekommen.
„Ja, alles in Ordnung“ schniefte ich. Das waren Youssouns ersten Worte, seit ich hier im Gefängnis war.
Den Rest des Tages geschah Gott-sei-dank nichts mehr. Die Jungs aus den anderen Zellen schienen nichts von Mesuts Überfall auf mich mitbekommen zu haben, zumindest wurde ich nicht sonderlich beobachtet.
Nach dem Abendessen verzogen wir uns wieder auf unsere Zelle. Dieser Tag hatte Spuren hinterlassen. Ich war sehr müde und schlief schon lange vor der verordneten Nachtruhe ein.
Die nächsten Tage verliefen ruhiger. Mitten in der Nacht wurde ich von flüsternden Stimmen geweckt. Erik schien sich mit Youssoun zu unterhalten. Ich versuchte angestrengt zu verstehen, was die beiden zu bereden hatten.
Da ich mit dem Gesicht zur Wand lag, konnte ich nicht mal etwas sehen. Mich umzudrehen traute ich mich nicht. Aber ich konnte mir schon denken, was bei den beiden wieder abging.
Nach einiger Zeit quietschte das Bett rhythmisch, was mich in meinen Vermutungen bestätigte. Nach einiger Zeit schlief ich wieder ein.
*-*-*
Am nächsten Tag hatte ich wieder einen Termin mit meinem Jugendbetreuer Bernd.
„Hallo Luis, wie geht’s, wie steht‘s?“ begrüßte er mich lächelnd.
„Wenn ich nicht hier wäre, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. Tja, leider läuft nicht immer alles optimal.“
„Ich habe gehört was vor ein paar Tagen vorgefallen ist. Da kannst Du Dich bei Erik bedanken, dass er so besonnen reagiert hat.“
„Erik hat die Wachen alarmiert?“
„Wusstest Du das nicht?“
„Nein, er hat nichts davon erwähnt.“
„Ich hoffe, Du hast den Schrecken gut weggesteckt.“
„Ja, Erik hat sich um mich gekümmert.“
Nach einem ausführlichem Gespräch über mein verhalten und meiner Zukunft, eröffnete mir mein Betreuer, dass ich morgen entlassen werden kann.
„Echt? Super. Ach, bin ich froh, hier wieder raus zu sein.“
„Und wirst Du Sehnsucht haben, hier jemals wieder her zu kommen?“
„Nein, niemals wieder. Versprochen!“
„Das habe ich auch gehofft. Ich habe vorhin mit Deiner Familie telefoniert. Wie ist eigentlich Dein Verhältnis zu Deiner Mutter?“
„Nicht gut.“
„Sie wollte nichts von Dir wissen. Dann habe ich mit Deinem Bruder Julius gesprochen, der war richtig glücklich. Er will Dich morgen abholen kommen.“
Mir kamen die Tränen. Julius mein kleiner Bruder. Ach, wie hatte ich ihn die letzten Tage vermisst. Die anderen beiden natürlich auch.
„Du liebst Deinen Bruder?“
„Ja, und ich habe ihn enttäuscht. Ich muss bei ihm einiges wieder gut machen.“
„Bleib einfach sauber und geh Deinen Weg, damit bist Du ihm das beste Vorbild.“
„Ich habe verstanden, Bernd.“
„Ach ja, ich werde Dich auch weiterhin begleiten, denn ich bin Dein Bewährungshelfer. Also keinen Scheiß, sonst sitzt Du schneller wieder im Bau als dass Du ‚Ene – Mene – Muh‘ sagen kannst. Hast Du mich verstanden?“
„Ay ay, Sir“ sagte ich und salutierte ein wenig übertrieben.
Bernd lachte nur und gab mir einen Klaps auf den Hinterkopf.
Wieder zurück in der Zelle, bemerkte Erik, der auf seinem Bett saß, mein Grinsen.
„Was ist denn plötzlich mit Dir los?“
„Ich werde morgen entlassen“ strahlte ich ihn an.
„Was? Aber…“ er brach ab und blickte auf den Boden.
Irgendwas stimmte nicht mit Erik. Dieser komische Blick und dann das nach Worten suchen. Er blickte mich wieder an. Ich bemerkte seine Traurigkeit.
„Was ist denn los Erik? Freust Du Dich denn nicht für mich?“
„Doch, doch….. ich finde es nur schade, dass Du schon wieder gehst. Ich meine, es ist natürlich schön, dass Du wieder rauskommst. Ich…. ich….“ er blickte auf seine Hände die er nervös knetete.
„Erik, was ist los?“ fragte ich ihn erneut und ging auf ihn zu. Ich kniete mich vor ihn auf den Boden. Vorsichtig legte ich meine Hände auf seine. Erik sah mir mit traurigen Augen an.
„Luis, ich glaube, ich habe mich in Dich verliebt. Bitte mach Dich jetzt nicht lustig über mich. Ich weiß nicht wieso, aber immer wenn ich Dich sehe oder an Dich denke, habe ich so ein komisches Gefühl im Bauch. Das hatte ich bisher noch bei niemanden. Ich weiß, es klingt blöd, aber ich kann nichts dafür. Ich habe sogar davon geträumt, dass wir zusammen wohnen und wie eine Familie sind.“
Erik sah mich jetzt verstört an und wartete auf eine Reaktion von mir.
„Erik, ich danke Dir für Dein Vertrauen. Ich weiß nicht, ob ich Dich liebe, aber
Du bist mir schon am ersten Tag aufgefallen. Ich bin mir nicht sicher. Auf jeden Fall würde ich Dich gerne wiedersehen. Draußen in Freiheit. Gib mir Zeit. Bitte!“
Erik versuchte ein zaghaftes Lächeln und nickte mir zu. Wir verabredeten, in Verbindung zu bleiben.
*-*-*
Am nächsten Morgen tauschten wir unsere Adressen aus. Erik umarmte mich zum Abschied und versprach mir, sich zu melden. Youssoun stand vor mir reichte mir seine Hand: „Junge, bleib sauber.“
Ich nickte ihn lächelnd zu und antwortete: „Pass bitte auf Erik auf.“
Ich verließ die Zelle, ohne mich nochmals umzudrehen. Ich war den Tränen nahe. Einerseits vermisste ich schon jetzt Erik und Youssoun, andererseits freute ich mich auf meine Freiheit. Am großen Tor wartete Bernd auf mich.
„Moin Luis. Gut geschlafen?“
Ich grinste ihn nur an. Im Pförtnerhaus mussten noch ein paar Formalitäten erledigt werden: Unterschriften und die Entgegennahme meiner Wertsachen.
„Na dann kann‘s ja jetzt losgehen.“
Wir standen vor dem Tor als es sich langsam öffnete. Ich erkannte die eine Person auf der anderen Seite, die plötzlich auf mich zu gestürmt kam. „Luuuis, Luuuuis endlich….“
Markus
Ich traf mich mit Julius am Zoologischen Garten.
„Hallo Julius.“
„Na endlich, ich dachte schon Du kommst nicht mehr.“
„Ich bin doch pünktlich, oder?“
Julius sah aufgeregt auf seine Uhr
„Ja, stimmt schon. Aber wir müssen uns beeilen. Ich will nicht zu spät kommen. Los Markus, auf geht’s.“
„Immer mit der Ruhe, Julius, wir haben Zeit. Wenn wir den nächsten Bus bekommen, sind wir immer noch zwanzig Minuten zu früh da.“
„Und wenn der Bus im Stau stecken bleibt?“
„Julius, hallo, ich kann ja verstehen, dass Du aufgeregt bist, aber Du machst mich verrückt.“
„Freust Du Dich denn nicht, Markus?“
„Ich , wie?… was … ääh… wieso freuen?“ mir wurde plötzlich heiß und kalt und wieder heiß.
Julius grinste nur frech. Ich glaube, ich sehe gerade aus wie eine reife Tomate, zumindest fühle ich mich so.
„Der Bus kommt.“
Julius hüpft aufgeregt wie ein kleines Kind, das auf die Bescherung wartet. Ich musste grinsen. Julius schaut mich verwirrt an.
„Was ist?“
„Äääh, nix.“
Im Bus setzten wir uns in die letzte Reihe.
“In zwanzig Minuten sind wir da. Freust Du Dich auch so wie ich, Markus?”
“Ich freue mich für Dich, Julius.“
„Freust Du Dich nicht, dass Luis wieder rauskommt?“
„Doch, schon, aber ich bin skeptisch, ob er mich überhaupt sehen will. Ich habe ihn nur einmal seit dem Vorfall im Volkspark gesehen. Das war im Krankenhaus, und er hat mich damals rausgeschmissen. Also erwarte lieber nicht zu viel.“
„Aber warum bist Du dann mitgekommen?“
„Weil Du mich gefragt hast und weil ich Dir Deinen Wunsch gerne erfülle.“ Julius sagte nichts und schaute nur aus dem Fenster.
„Nächste Station müssen wir raus, Julius“
„Hm.“
„Sag mal Markus, hast Du eigentlich Geschwister?“
„Nein,“ seufzte ich „… leider nicht. Einen Bruder oder Schwester hätte ich schon gerne gehabt. Aber so muss ich halt mit niemanden teilen“
„Ich kann es mir nur sehr schwer vorstellen, wenn ich ein Einzelkind wäre. Wir Geschwister sind schon ein eingeschworenes Team,“ lächelte Julius vor sich hin.
„Da ist immer was los. Nie wird’s langweilig. Ok, es gibt manchmal auch Streitereien, aber wir vertragen uns immer schnell wieder. Ich möchte meine Geschwister für nichts in der Welt wieder hergeben.“
Ich blickte ihn an und sah in seinem Blick, dass er das wirklich so meinte. So ein Glückspilz aber auch.
„So, Julius, wir sind da“
„Endlich. Ich freue mich so. Hoffentlich ist es Luis gut ergangen. Man hört ja immer so gruselige Geschichten, wie das im Knast so vor sich geht.“
„Wird schon nicht so schlimm gewesen sein. Hoffen wir, das die Knasttherapie ihn auf den rechten Weg zurück bringt.“
„Ja, das hoffe ich auch“
Da standen wir jetzt vor diesem hässlichen Gebäude mit dem Stacheldraht oben drauf.
„Wie spät ist es eigentlich, Markus?“
„Gleich dreizehn Uhr. Und jetzt zappel mal nicht so rum, Julius“, grinste ich, als er mich genervt anschaute.
„Er müsste doch schon längst draußen sein.“
„Julius!“ ermahnte ich ihn. Wenn er mein Bruder wäre, oha, das gäbe sicherlich nur Streit. Man, wie dieser kleine Wirbelwind manchmal nerven kann. Natürlich war auch ich aufgeregt.
Wie wird er reagieren, wenn sich gleich das Tor öffnet und mich hier stehen sieht. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst. Dann plötzlich, gerade als Julius mir was sagen wollte und mit dem Rücken zum Tor stand, öffnete sich dieses.
„Julius, schau, das Tor.“
Blitzschnell drehte sich Julius um. Dort standen im sich langsam öffnenden Tor zwei Personen. Im gleichen Moment stürmte Julius auch schon los.
„Luuuis, Luuuuuis…endlich …“
Sie fielen sich freudig in die Arme. Ich freute mich für die beiden. Mir kamen die Tränen. In diesem Moment vermisste ich eine gewisse Person. Mich überkam es plötzlich wie aus dem Nichts.
Ich wünsche mir einen Freund, auf den ich mich freuen kann. Das sah so schön aus wie die beiden sich umarmten. Tja, das ist wohl mein Schicksal. Ich wollte jetzt nicht stören, drehte mich sehnsüchtig um und ging die Straße zur Bushaltestelle.
Julius hatte seinen großen Bruder wieder. Ich schaute auf die Uhr. Wenn ich mich beeile, bekomme ich noch den Bus. Jetzt stand ich an der Bushaltestelle und studierte den Fahrplan. In vier Minuten kommt der Bus.
„Markus“ Julius rief über die Straße.
„Markus, warte doch mal.“
Ich drehte mich um und schon stand Julius vor mir. Hinter ihm kam Luis langsam und sichtlich unsicher auch auf mich zu.
„Warum läufst Du weg?“
„Ich wollte nicht stören. Ihr habt Euch lange nicht gesehen. Kannst mich ja in den nächsten Tagen mal anrufen.“
Bevor Julius antworten konnte sprach Luis: „Äh, hallo, Markus. Danke, dass Du Dich um Julius gekümmert hast. Er hat mir erzählt was passiert ist.“
„Hallo Luis, keine Ursache, habe ich gerne getan.“
In dem Moment kam der Bus.
„Der Bus, ich werde dann mal…..man sieht sich.“
Ich stieg in den Bus und schaute nochmal kurz zu Julius und Luis, die leicht verwirrt vor dem Bus standen und zu mir hinein schauten. Kurz winkend setzte ich mich, und schon fuhr der Bus an.
Mir ging durch den Kopf, wie Luis mich ansah und wie enttäuscht er schien, als ich in den Bus stieg. Er sah niedlich aus. Den konnte ich mir gut als meinen Freund vorstellen.
Aber der ist bestimmt nicht schwul. Wie Julius und Luis sich freudig in die Arme fielen, gab mir einen Stich ins Herz. Ich wäre gern an Julius Stelle gewesen.
Am Abend bimmelte mein Telefon. Sebastian.
„Hallo Markus. Wie war Dein Wiedersehen mit Luis?“
„Kurz.“
„Na, erzähl schon.“
Ich fing an zu weinen.
„Nicht am Telefon“
„OK, ich bin in einer halben Stunde bei Dir. Danach können wir noch in die Disco, wenn Du willst. Also bis gleich“
„Ja, bis gleich“
Nach einer halben Stunde stand Sebastian dann in meinem Zimmer. Wir schauten uns nur an. Ich hatte noch rote Augen. Langsam kam er auf mich zu und nahm mich in den Arm.
„So schlimm?“
Ich zuckte nur mit der Schulter.
„Ich weiß nicht, ich glaube ich habe mich verliebt.“
„Und wie sieht Luis die Sache?“
„Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal ob er überhaupt schwul ist.“
„Oh, sehr kompliziert. Dann musst Du es herausfinden.“
„Aber wie?“
„Weiß nicht. Auf jeden Fall nicht überstürzen.“
„Warte mal Sebi, mein Telefon. …. Hallo? …. ah, was gibt’s? … äääh, ja … Ok, … alles klar, dann bis gleich.“
„Lass mich raten Markus, das war Julius?“
„Hä, ..was .. ach so, na ja … Richtig Julius. Seine Mutter ist wohl ausgeflippt, oder so. Sie kommen gleich hier vorbei.“
„Was, die Mutter von Julius?“
„Ja, gleich .. was? …welche Mutter? Hä? ..ach nein, nicht die Mutter….“
Ich war mit einem Mal völlig verunsichert und blickte mich panisch um und kratzte mich am Kopf.
„Hallo, Markus, hallo, bist Du zu Hause? Was ist … wer kommt den jetzt?“
„Nee, äh ja, ach so, Julius kommt.“
Wieder blickte ich mich verwirrt um und blickte an mir herunter. Mein Zimmer! Nicht aufgeräumt. Und wie sehe ich bloß aus!
„Und? Mensch Markus, Du sagtest SIE kommen gleich ….“
Ich sah Sebastian an als würde er mit einem Mal eine andere Sprache sprechen. Dann sagte ich ganz ruhig
„Ach ja, Luis kommt auch.“
Sebastian fing an zu lachen
„Dann ist ja auch klar, warum Du Dich plötzlich wie in eine andere Welt gebeamt aufführst.“
Verstört blickte ich zu Sebastian.
„Ich habe gar nicht aufgeräumt. Geduscht bin ich auch noch nicht und meine Lieblingsjeans ist in der Wäsche“, jammerte ich weiter hilflos umblickend vor mich hin.
Sebastian war das zu viel, er schrie vor Lachen und lies sich aufs Bett fallen. Ihm kamen die Tränen und rang nach Luft.
„Was ist los Sebi, was hast Du?“
„Du … Du … hahaha .. Richtig niedlich, wie Du plötzlich Panik bekommst, weil Luis sich angekündigt hat. Hahaha.“
„Hallo? Du bist soooo blöd, Sebi, weisst Du das?“
„Tschuldige Markus, aber so wie Du Dich gerade aufgeführt hast …. Einfach süüüüß. Ich hoffe, dass Dein Wunsch in Erfüllung geht.“
Er stand auf, kam auf mich zu und legte mir seine Hände auf die Schultern.
„Ich wünsche Dir das, von ganzem Herzen“ und blickte mir dabei tief in die Augen.
Wir standen einen Augenblick nur da und blickten uns an.
„So, Markus, wann kommen denn die Beiden hier an?“
„Halbe Stunde oder so.“
„Na denn, ab unter die Dusche. Ich räume hier ein wenig auf obwohl ich nicht weiß was ich hier aufräumen soll. Es ist doch alles sauber.“ sagte Sebastian und blickte sich dabei im Zimmer um.
*-*-*
Sebastian
Als es klingelte, stand Markus noch unter der Dusche. Bevor ich mich aber auf den Weg zur Tür machen konnte, öffnete Markus´ Mutter die Haustür und schickte die beiden nach oben.
„Hallo Sebastian, ich hoffe wir stören nicht. Ach ja, das ist Luis“, sprach Julius und zeigte auf seinen Bruder.
„Hallo Ihr beiden. Kommt rein, Markus ist noch unter der Dusche. Setzt Euch, wollt Ihr was trinken?“
Beide nickten und setzten sich auf die Couch.
„Ich hol dann mal schnell was. Äh, was wollt Ihr denn?“
„Cola“, sagte die Brüder synchron.
„Alles klar, kommt sofort“, lachte Sebastian und verschwand in die Küche.
Markus
So eine Dusche tut richtig gut. Jetzt muss ich mich aber beeilen. Typisch, wenn’s mal schnell gehen muss, vergesse ich die Wäsche zum Wechseln. Nur mit einem Handtuch um die Hüften flitzte ich wieder ins Zimmer.
„So’n Mist. Habe vergessen, mir eine Boxer Short aus dem Schrank zu nehmen“, brabbelte ich vor mich hin, ärgerte mich über mich selbst und stand mit dem Rücken zur Couch.
Ich bückte sich zur untersten Schublade meines Schrankes, um mir eine Short raus zu suchen.
„Was meinst Du, Sebi, soll ich die schwarze nehmen?“
„So, da sind die Getränke. Oh, Markus Du bist schon fertig. Dann hast Du unseren Besuch ja schon begrüßt.“
Ich schreckte hoch und stieß mit dem Kopf gegen die obere nicht richtig verschlossene Schublade, drehte mich dabei mit großen Augen um und merkte nicht, dass mein Handtuch der Erdanziehungskraft folgte und langsam zu Boden rauschte.
Einen Bruchteil von einer Sekunde stand ich nackt vor den Dreien. Blitzschnell hielt ich mir dann meine Short vor meine Männlichkeit und hob dann das Handtuch wieder auf.
Verkrampft lächelnd sah ich jetzt abwechselnd zu Sebastian, Julius und Luis und wieder zurück.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße“ brabbelte ich nur künstlich lachend, und hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.
Luis grinste mich nur an. Aber wie er bei diesem Grinsen blickte. Ich weiß nicht, irgendwie, … ja er blickte einfach nur. Oh Gott, meine Beine … lauf ich noch oder schwebe ich schon.
DA! Ich glaube, er hat mir zugezwinkert, oder? Schnell machte ich mich mit meiner Short und dem wieder fest um meiner Hüfte befindenden Handtuch auf ins Bad, nicht ohne Luis nochmal einen Blick zuzuwerfen.
Er blickte doch tatsächlich immer noch freundlich grinsend zu mir, so dass ich beinahe Sebastian das Tablett mit den Getränken aus der Hand geschlagen hätte. Mein Gott, wie peinlich war das denn.
Scheiße, jetzt hält Luis mich bestimmt für ein Trottel.
*-*-*
Luis
Der kleine Wirbelwind, der gerade auf mich zugerast kam, war natürlich Julius. Ich blickte kurz zu Bernd, der neben mir stand. Dieses Grinsen von ihm.
„Da hat Dich aber jemand vermisst, was?“
Erst war mir das peinlich, aber dann freute ich mich genauso auf Julius wie er sich auch auf mich. Schniefte er etwa?
„Endlich, Luis, ich habe Dich sooooo vermisst“
Tatsächlich, mein kleiner Bruder weinte. Er weinte vor Glück.
„Ist ja gut Juli. Hey, musst doch nicht weinen.“
„Ich freue mich doch so, dass ich Dich endlich wiederhabe. Luis, ich habe Dich doch so vermisst. Deine blöden Freunde haben versucht mich zu erpressen, aber Markus hat mir geholfen, die Idioten bei der Polizei anzuzeigen. Hatte echt Angst.“
„Welcher Markus?“
„Der Typ, der Dir das Messer …. na Du weißt schon.“
„Wieso hilft der Dir?“
„Ich denke, er will was wieder gut machen. Und er ist echt nett, Luis“
„Der soll sich um seine Sachen kümmern.“
Ich war ein wenig angepisst. Nach einer Weile schaltete sich Bernd wieder ein.
„Also Luis, Ich muss noch ins Büro. Meine Telefonnummer hast Du ja. Sagt mal der junge Mann dort, kennt Ihr den? Der schaut immer hier rüber.“
Julius hatte Markus in der Aufregung wohl total vergessen. Schnell löste er sich von mir und sah in die Richtung wo der Junge gerade noch stand.
„Markus, warte doch. Markus!“
„Macht‘s gut, Ihr beiden.“ sagte Bernd und ging zu seinem Auto.
„Danke Bernd, ich melde mich“ rief ich dem Sozialhelfer noch nach.
Julius lief Markus hinterher, der schon fast die Bushaltestelle erreicht hatte. Langsam ging ich auf die beiden zu.
„Warte doch mal, Markus. Warum läufst Du denn weg?“
Er sagte nur so was wie: er wolle nicht stören und wir könnten ihn ja mal anrufen oder so. Ich hätte mich schon ganz gerne mal mit Markus unterhalten. Irgendwie fand ich ihn sehr sympathisch, und wie er mich anschaute als ich mich dafür bedankte, dass er sich ein wenig um meinen kleinen Bruder gekümmert hatte. Markus stieg in den Bus und schaute uns nochmal kurz an, während sich der Bus wieder in Bewegung setzte.
Julius und ich machten uns dann auf den Weg nach Hause. Ich freute mich, endlich meine Mutter und meine kleinen Geschwister wieder zu sehen. Nach 40 Minuten waren wir dann zu Hause. Ich war ziemlich aufgeregt, als Julius die Tür öffnete.
Ehe ich mich versah, kamen zwei kleine quiekende Wesen auf mich zu gerannt. Wie von einem Magneten angezogen hingen Kevin und Susi an mir. Augenblicklich wurde mir bewusst, wie sehr ich die Beiden vermisst hatte.
„Hallo meine beiden, wie geht es Euch? Oh Mann, was habe ich Euch vermisst.“
„Was willst Du denn hier!“ riss mich eine keifende, an ein Marktschreier erinnernde Stimme aus meinen Gedanken.
Erschrocken drehte ich mich in die Richtung, aus der die Stimme kam um. Meine Mutter sah mich böse an. Hinter Ihr tauchte eine männliche Gestalt auf.
„Ist das Dein krimineller Sohn von dem Du mir erzählt hast, Schätzchen?“ dabei griff dieser Typ meiner Mutter von hinten an die Brust und drückte Ihr dabei auch noch einen schmatzenden Kuss auf den Hals.
Mir wurde plötzlich eiskalt, wie er mich dabei die ganze Zeit fixierte.
„Ich gebe Dir 30 Minuten Zeit, Deine Klamotten zu packen, um dann meine Wohnung zu verlassen“, meldete sich meine Mutter dann wieder zu Wort.
„Komm Süße, lass uns wieder ins Schlafzimmer gehen. Ich schaue dann später noch mal ob dieser Nichtsnutz Deine Wohnung verlassen hat.“
Mit diesen Worten schob dieser widerliche Kerl meine Mutter zurück ins Schlafzimmer. Hinter der Tür hörte man nur noch Gekicher und obszöne Wortfetzen. Ich sah Julius ungläubig an, dieser zuckte nur traurig mit den Schultern.
„Den hat sie letzte Woche aus der Kneipe mitgebracht. Die kommen kaum aus dem Schlafzimmer raus, und ich muss für den blöden Wichser auch noch immer irgendwelche Besorgungen machen. Ich weiß nicht, was sie an dem findet. Ach Luis, es ist kaum zum Aushalten.“
Julius lehnte an der Wand und fing leise an zu weinen. Ihn nahm diese Situation ganz schön mit. Kevin und Susi blickten nur verstört zwischen Julius und mir hin und her.
„Ich kann Euch doch hier nicht alleine lassen. Aber was sollen wir nur machen?“
Julius war inzwischen an der Wand heruntergerutscht und zuckte nur verzweifelt mit der Schulter.
„Wenn wir das Jugendamt einschalten, kommen wir bestimmt alle ins Heim.“
„Ich weiß auch nicht, Julius, aber so kann es auch nicht weiter gehen. Auf jeden Fall werde ich erst mal meine Klamotten packen und verschwinden. Nicht dass dieses Monster noch gewalttätig wird und seine Wut an Euch auslässt.“
„Nein, Luis, Du kannst uns doch nicht alleine hier zurück lassen.“
„Hey, Ihr Drei, wird schon nicht so schlimm werden. Oder hat er Euch schon mal geschlagen oder so?“
„Nein, manchmal ist er sogar nett. Aber mögen tu ihn trotzdem nicht. Sag mal, wo willst Du denn eigentlich hin? Du kannst doch nicht auf der Straße übernachten.“
„Werde mal schauen, ob Peer oder Dragan zu Hause sind.“
„Nein Luis, das lass ich nicht zu. Die beiden haben Dich zu einem kriminellen gemacht, da kannst Du Dich doch nicht schon wieder mit denen einlassen.“
„Dann sag Du mir, wo ich hin kann.“
„Ich wüsste da eventuell jemanden, den wir mal fragen könnten.“
Julius holte sein Mobiltelefon aus der Tasche.
„Wo hast Du denn das her?“
„Von dem, den ich jetzt anrufen werde“, grinste Julius.
Flink drückte Julius ein paar Tasten und hielt sich das Teil dann ans Ohr.
„Ja, hallo, hier ist Julius. Ich hoffe ich störe nicht. Ich hab da ein Problem, kann ich mit Luis mal bei Dir vorbei kommen? Meine Mutter macht einen riesen Ärger, weil sie Luis aus der Wohnung werfen will.“
Julius lauschte der Stimme am anderen Ende. Zwischendurch nickte er immer mal wieder und blickte ab und zu mir herüber.
„Ok, Markus, dann bis gleich …. Und danke!“
„Doch nicht DER Markus, oder?“
„Doch, Luis, genau DER Markus!“
„Vergiss es, dann lieber auf der Straße.“
„Mann Luis, jetzt komm mal wieder runter. Er hat mir auch geholfen. Komm doch erst mal mit, und wenn Du dann immer noch lieber auf der Straße leben willst …ach ist mir doch egal, “ wurde Julius jetzt richtig zickig.
„Überlege es Dir noch mal. Aber wenn Du zu Deinen kriminellen Freunden gehst, will ich nichts mehr mit Dir zu tun haben. Dass ist mein ernst, Luis!“
Julius stand mir gegenüber und blickte mich sehr ernst an. Nach einer gefühlten Ewigkeit atmete ich dann einmal kräftig Durch und sagte dann
„Ok, Juli, lass es uns versuchen. Aber wenn er mir blöd kommt bin ich schneller weg, als dass Du Deinen Namen Buchstabieren kannst.“
„Einverstanden! Also Pack Deine Sachen, dann können wir endlich los. In ein paar Tagen wird Mama sich bestimmt wieder beruhigt haben.“
„Und wenn nicht?“
„Keine Ahnung“, zuckte Julius mit den Schultern.
Ich packte meine Sachen, während Julius mit seinen kleinen Geschwistern redete. Als ich dann mit dem Packen fertig war und wieder im Flur stand, öffnete sich die Schlafzimmertür meiner Mutter und der blöde Kerl kam raus.
Er war nur mit einer Short bekleidet.
„Hat Deine Mutter nicht gesagt, dass Du verschwinden sollst?“
„Das geht Dich einen Scheißdreck an.“
Wütend kam der Kerl auf mich zu und baute sich bedrohlich vor mir auf.
„Werde bloß nicht frech, sonst gibt’s was auf die Fresse. Und jetzt sieh zu, dass Du hier verschwindest. Deine Mutter hat schon genug Ärger wegen Dir. Du bist hier nicht erwünscht.“
„Zahlst Du denn wenigstens die Miete?“ platzte es aus mir heraus.
Der Kerl packte mich am Kragen und wirbelte mich herum. Mit einer Hand öffnete er die Haustür und stieß mich dann ins Treppenhaus. Dabei kam ich ins Stolpern und fiel rückwärts auf die nach oben führenden Treppenstufen.
Ich schrie auf und wollte mich gerade wieder erheben, als mir in dem Moment meine Reisetasche an den Kopf flog.
„Ey Du Idiot, hast Du nicht mehr alle Tassen im Schrank?“
Als Antwort knallte nur die Wohnungstür. Ich kämpfte mit den Tränen. „Scheiße, das war’s dann wohl.“ Im nächsten Moment öffnete sich wieder die Tür und Julius stand vor mir.
„Los, Luis, schnapp Dir Deine Tasche und ab geht’s!“
Wir machten uns auf den Weg. Schweigend gingen wir zur U-Bahn. Eine halbe Stunde später standen wir beide vor dem Haus von Markus Eltern.
„Wohnt Markus hier mit seinen Eltern? Das ist ja richtig groß.“ meinte ich nur als ich staunend das Haus begutachtete.
„Ja, Markus wohnt oben und hat sogar ein eigenes Bad.“
Als Julius dies sagte klingelte er auch schon. Nach kurzer Zeit öffnete eine nette ältere Frau die Tür.
„Guten Tag“, sagte die nette Frau die sich als Markus Mutter vorstellte.
„Guten Tag, Frau Jäger, mein Name ist Julius und das ist mein Bruder Luis. Wir sind mit Markus verabredet.“
„Na, dann kommt mal rein“, und zu mir schauend
„Bist Du der der Junge, der meinen Sohn mit zwei weiteren Jungs im Volkspark überfallen hat?“
„Ja, das stimmt“, sagte ich leise mit hängendem Kopf. Ich traute mich nicht, Markus Mutter in die Augen zu schauen.
„Na ja, geht es Dir denn jetzt besser, also gesundheitlich?“
„Ja, geht schon. Hatte ja auch selbst Schuld“
„Markus war ganz schön fertig, als Du im Krankenhaus lagst und nicht aus dem Koma erwachen wolltest. Ist ja Gott sei Dank alles gut gegangen. So, dann geht mal die Treppe rauf, und dann geradeaus ist Markus Zimmer.“
„Danke, Frau Jäger!“
Markus hat sich um mich Sorgen gemacht? Und diese Blicke heute Vormittag an der Bushaltestelle. Und dann hilft er auch noch Julius. Er wird mir immer sympathischer. Kaum kamen wir oben an, öffnete sich die Tür und Sebastian stand vor ihnen.
„Oh, da seid Ihr ja schon. Hallo Julius. Und Du musst dann Luis sein.“
„Hallo Sebastian, ja, ich bin Luis, Julius Bruder.“
„Na dann kommt rein. Markus ist noch im Bad. “
Das Zimmer war schön eingerichtet. Computer, ein eigenen Fernseher eine schöne alte Couch, wie die von Loriot. Nur die Farbe war Himmelblau. Ich musste an mein Zimmer denken, das nur mit billigen Schweden-Möbeln eingerichtet war, die Ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hatten.
Zudem musste ich mir das Zimmer auch noch mit Julius teilen. Und jetzt dieses Zimmer von Markus. Es strahlte Wärme aus. Wenn er es selbst eingerichtet hat, dann hat er einen super Geschmack.
„Setzt Euch, wollt Ihr was trinken?“
„Cola?“ kam es von beiden Brüdern.
„Kommt sofort.“
Sebastian ging hinunter in die Küche. Im nächsten Moment kam dann Markus aus der Dusche. Nur mit einem Handtuch um der Hüfte, kam er brabbelnd ins Zimmer.
„So‘n Mist, habe doch tatsächlich meine Boxer Short vergessen mit zu nehmen.“
Ich bekam großen Augen. Wow, super Körperbau. Breites Kreuz. Bestimmt Sportler, wahrscheinlich Schwimmer. Julius sah zu mir herüber. Grinsend bemerkte er, wie ich fast sabbernd zu Markus stierte.
Markus bückte sich vor seinem Schrank, um aus der untersten Schublade eine Short zu nehmen.
„Was meinst Du Sebi, soll ich die schwarze Short anziehen?“
Einen Moment später ging wieder die Tür
„So, hier sind die bestellten Getränke. Oh Markus, Du bist ja schon fertig. Da hast Du bestimmt schon Dein Besuch begrüßt.“
PENG!
Markus schreckte hoch und knallte mit seinem Kopf an die obere Schublade. Er drehte sich so schnell um, dass sich das Handtuch um seiner Hüfte sich langsam löste.
Ich bekam augenblicklich einen heißen Kopf, als ich dies bemerkte. Mit großen Augen blickte ich jetzt Markus an, der im Adamskostüm von uns stand. Blitzschnell hielt sich Markus jetzt seine Shorts vor sein bestes Stück.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“
„Nee Markus, das ist Cola“ lachte Sebastian, als er auf die Colagläser auf dem Tablett blickte, das er immer noch in der Hand hielt.
Markus sah einfach nur niedlich aus, wie er jetzt verschreckt vor uns stand. Ich hätte ihn am liebsten in den Arm genommen, so wie er jetzt da stand, wie ein verschrecktes Eichhörnchen.
Apropos Hörnchen, das konnte sich auch sehen lassen. Sein Blick, einfach zum dahinschmelzen. Panisch lief Markus zur Tür und hätte beinahe noch Sebastian das Tablett aus der Hand geschlagen.
Von Julius bekam ich einen leichten Ellenbogencheck in die Rippen. Vermutlich hatte er meinen sabbernden Blick, den ich Markus zuwarf, bemerkt. Beim Rausgehen schaute ich Markus nochmals an und zwinkerte ihm lächelnd zu.
„So, das war die Show, und jetzt gibt’s noch was zum Abkühlen.“
Nachdem Sebastian die Getränke verteilt hatte, versuchte er aufgrund der Stille etwas Konversation.
„Du bist also Luis, der ältere Bruder von Julius?“
Ich blickte immer noch verträumt zur Tür, durch die vorhin Markus verstört verschwunden war.
„Hallo? Jemand zu Hause?“
Während Sebastian zu mir blickte, bekam ich von meinem Bruder einen weiteren Ellenbogenstoß in die Seite.
„Ey, Bruder, Sebastian hat Dich gerade was gefragt.“
„Hä? Was ist los?“ Julius schreckte mich aus meinen Gedanken hoch.
„Sorry, hab wohl gerade nicht aufgepasst. War wohl ein langer Tag.“ Ich nahm das Glas Cola und schaute beim Trinken zu Sebastian.
„Schön habt Ihr das hier.“ meinte ich dann völlig aus dem Nichts.
„Sorry, aber das ist Markus Zimmer“ kam es dann von Sebastian.
„Ach, dann hast Du auch ein eigenes Zimmer?“
„Ja, natürlich habe ich ein eigenes Zimmer. Aber warum fragst Du? Äh, …
Moment mal, um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ich wohne nicht hier. Ich bin nur ein Freund von Markus, “ legte Sebastian schnell nach.
Meine Gefühlswelt bekam einen Knacks. Ich machte mir schon Hoffnungen, so wie Markus mich vorhin und am Vormittag vor dem Gefängnis angeschaut hatte.
Er hatte also einen Freund. Ich stellte mein Colaglas zitternd auf den Tisch zurück.
„Was ist mit Dir Luis? Geht’s Dir nicht gut?“
Standhaft versuchte ich meine Fassung zu bewahren, was mir aber nicht gelang. Langsam kullerte mir unkontrolliert eine Träne nach er anderen über meine Wangen.
„War sehr anstrengend der Tag, komm Julius lass uns gehen.“
„Was soll das jetzt Luis?“
In dem Moment geht die Tür wieder auf und Markus kommt herein. Schnell wischte ich mir noch eine Träne aus dem Gesicht, und atmete einmal tief durch.
Markus schaute verwirrt zu mir und dann zu Julius.
„Was ist denn los? War meine Vorstellung vorhin so schlecht?“, fragte er bevor er sich zu Sebastian auf die Sessellehne setzte. Schweigen.
„So, was ist denn jetzt los. Was ist mit eurer Mutter?“, durchbrach Markus das angespannte Schweigen. Jetzt war es an mir, etwas zu sagen.
„Unsere Mutter hat mich vor die Tür gesetzt. Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Ach was soll‘s, bin ja selbst schuld. Alles Scheiße.“
Ich stand auf und wollte zur Tür.
„Wohin willst Du jetzt?“, sprach Julius.
„Weg hier.“
„Warte doch mal Luis!“
Das war Markus. Er war aufgesprungen und zu mir hinübergegangen.
„Lass uns mal in Ruhe reden. Komm mal mit“
Markus zog mich hinter sich her auf den Flur.
„Sag mal was ist mit Dir los? Schon vor ein paar Wochen im Krankenhaus hast Du mich so komisch angeblökt. Was soll das?“
„Ich …. ich weiß nicht. Das ist ein wenig kompliziert. Ich kann nicht darüber sprechen.“
„Hat es mit dem Überfall auf mich zu tun?“
„Nein, damit nicht. Es tut mir leid, was ich Dir angetan habe. Julius hat mir erzählt, dass Du schon mal überfallen wurdest. Ich weiß auch nicht, was mich damals geritten hatte. Es tut mir wirklich leid.“
„Warum hast Du überhaupt bei solchen Überfällen mitgemacht? So wie Julius mir erzählt hat, hast Du Dich rührend um Deine Geschwister gekümmert. Das passt doch irgendwie nicht zusammen.“
„Ich kann es Dir nicht erzählen. Du wirst mich noch mehr hassen.“
„Quatsch, warum sollte ich?“
Wir schwiegen uns an.
„Was ist passiert, dass Du auf die schiefe Bahn geraten bist?“, nahm Markus die Unterhaltung wieder auf.
„Es begann vor einem Jahr. Thomas, ein guter Freund von mir ….“
Mir fiel es schwer weiter zu sprechen
„Also, Thomas erzählte mir, dass er mit seiner Familie nach Bayern ziehen würde, weil sein Vater ein gutes Jobangebot angenommen hatte. Er hatte sich nicht getraut, mir vorher etwas davon zu erzählen. Ich war geschockt. Wir kannten uns seit dem Kindergarten. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Wir waren beste Freunde.“
Ich fing wieder an zu weinen. Markus strich mir zärtlich über meinen Rücken.
„Ich glaube, ich kann Dich verstehen. Wenn Sebastian plötzlich aus meinem Leben verschwinden würde, wäre ich auch am Ende.“
Ich blickte zu Markus und versuchte aus seinen Worten heraus zu hören, wie dieser zu Sebastian stand. War er nur ein Freund oder sogar DER Freund?
„Wenn Du magst, kannst Du heute Nacht hier schlafen. Wir haben ein Gästezimmer. Ich werde mal mit meinen Eltern reden.“
„Würdest Du das tun? Ich wüsste echt nicht, wo ich sonst hin sollte. Ich hatte schon überlegt, zu Peer oder Dragan zu gehen.“
„Bloß das nicht. Die haben Dich schon genug manipuliert.“
„Julius hat sich auch über diese Möglichkeit aufgeregt“, grinste ich nun Markus leicht verlegen an.
„Das glaube ich sofort. Er macht sich ernsthaft Sorgen um Dich. Tu ihm den Gefallen und lass Dich nicht mehr mit Deinen komischen Freunden ein.“
Markus hatte Recht, ich blickte nickend zu Boden.
„Du bist eigentlich ein ganz netter Kerl“, fügte Markus noch schnell hinzu, sich dann rot werdend umzudrehen, um seine Eltern über das Vorhaben, mich hier übernachten zu lassen, zu informieren. Ich ging wieder zurück in Markus Zimmer, dort unterhielten sich Sebastian und Julius lachend über die letzte Staffel von >Pastewka< .
„Na, Luis alles geklärt?“
„Markus fragt gerade seine Eltern, ob ich heute Nacht hier übernachten darf.“
„Markus‘ Eltern sind echt toll, da gibt’s bestimmt keine Probleme.“
Nach ein einiger Zeit kam Markus wieder ins Zimmer und sagte nur knapp: „Ich richte dann mal das Gästezimmer her“, dreht sich wieder zum Gehen um.
Sebastian schaute zu mir und nickte in Richtung Markus, was ich sofort verstand. Ich erhob mich von der Couch und folgte Markus ins Gästezimmer.
Sebastian
„Sag mal Julius, darf ich Dich was persönliches fragen? Sei mir bitte nicht böse, Du musst auch nicht antworten, wenn Du nicht magst.“
„Frag nur, wenn’s zu persönlich wird, sag ich es Dir schon.“
„Ich weiß nicht wie ich es sagen soll, na ja, verstehst Du Dich gut mit Deinem Bruder?“
„Natürlich, wir lieben uns, …. na ja, …äh, … wie Brüder sich halt lieben natürlich.“ grinste Julius verlegen.
„Verstehe, ich liebe meine kleine Schwester ja auch wie man sich als Geschwister halt so liebt. Schon klar. was ich eigentlich sagen will, hatte Dein Bruder schon mal eine Freundin?“
„Nee, nicht das ich wüsste. Willst Du ihn mit Deiner Schwester verkuppeln?“ Sebastian fing an zu lachen
„Nein, nein, sie ist doch erst neun. Nee, mal im Ernst Julius, ist Dir an Deinem Bruder schon mal aufgefallen, das er … na ja, …. eventuell nicht sooo an Mädchen interessiert ist?“
Julius grinste leicht vor sich hin.
„Du meinst, weil er Markus immer so komisch anschaut und dann immer leicht verwirrt wirkt?“
„Ist Dir das auch schon aufgefallen?“
„Ich bin mir nicht sicher, aber mit Thomas, bevor er nach Bayern weggezogen ist, war das auch so. Ich weiß nicht ob da was lief. Aber als Thomas plötzlich weg war, war nichts mehr wie vorher. Luis verkroch sich immer mehr und wenn mal etwas war, fuhr er immer schnell aus der Haut. Er war immer so verständnisvoll, aber von einem auf den anderen Tag war er wie ausgewechselt. Er war kaum noch zu Hause. Nach ein paar Wochen kam dann die Polizei und brachte ihn zum ersten Mal nach Hause. Er verkroch sich sofort in sein Zimmer, also unser Zimmer, ich versuchte mit ihm zu sprechen, aber Luis blockte nur ab.“
Ich bemerkte, wie Julius mit den Tränen kämpfte.
„Julius, hey, Du musst nicht weiter erzählen wenn es Dir zu nahe geht.“
„Ist schon gut. Er hat sich ja wieder gefangen. Ich glaube, dass die Woche im Knast ihn wieder auf den rechten Weg zurück gebracht hat.“
Jetzt grinste Julius sogar wieder ein wenig.
„ Markus ist schwul.“
Sebastian flüsterte mehr als das er es sprach.
„Na und? Ich mag ihn trotzdem. Er ist echt ein guter Kumpel. Wie er sich immer wieder um mich gekümmert hat …… Luis hätte so jemanden verdient. Da bräuchte ich keine Angst mehr um meinen Bruder zu haben.“
Julius strahlte Sebastian an.
„Tja, letztendlich können wir nur abwarten und hoffen. Ich kenne Luis zwar nicht so gut, aber so wie Du immer von ihm schwärmst. Markus wäre, wenn ich schwul wäre, was ich aber nicht bin, mein Traumpartner. Ja, ich liebe ihn, aber so wie man einen Bruder liebt. Er ist ein sehr einfühlsamer Kerl. Mit ihm könnte ich die sprichwörtlichen Pferde stehlen. Markus würde ich sogar mit meinem Leben verteidigen.“
Jetzt war es an mir, mit den Tränen zu kämpfen.
„Ich bin stolz, sein Freund sein zu dürfen“
Julius und Sebastian grinsten sich nur nickend an.
„Wo bleiben die beiden eigentlich? Die wollten doch nur ein Bett beziehen. Oh, ….“
Beide standen gleichzeitig auf und gingen zum Gästezimmer. Die Tür war nur angelehnt und es war mucksmäuschenstill. Sebastian und Julius schlichen zur Tür und öffneten sie einen kleinen Spalt. Was sie dort sahen, war……
Markus
Ich ging ins Wohnzimmer zu meinen Eltern. Beide saßen auf der Couch und schauten einen Tatort.
„Mama, Papa, ich muss mal mit Euch reden.“
„Was gibt’s denn mein Sohn? Komm setz Dich zu uns.“
Ich setzte mich in den gegenüberstehenden Sessel und überlegte dabei, wie ich anfangen sollte.
„Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“
„Hast Du was ausgefressen? Ich hoffe, es steht kein Ärger ins Haus?“
Papa schaltete den Fernseher aus und schaute fragend zu Mama rüber.
„Nein, Mama, Ihr braucht Euch keine Sorgen machen. Ich bin nicht kriminell geworden oder so. Es ist …. „ Jetzt oder nie. Ich atmete einmal tief durch und „…..Mama, Papa ich bin schwul.“
Meine Eltern schauten mich nur an. Das einzige Geräusch im Wohnzimmer war das Ticken der Standuhr. Verwirrt schaute ich zu meinen Eltern, die immer noch erstarrt zu mir herüber blickten. Lief hier gerade was gewaltig schief? Hatte ich meine Eltern falsch eingeschätzt? Ich spürte wie mir eine Träne nach der anderen über die Wangen lief.
„Markus, bist Du Dir sicher? Ich meine … eventuell ist es ja nur eine Phase.
Hey Du bist noch mitten in der Pubertät, da schwanken die Gefühle schon mal. Und viele probieren das eigene Geschlecht schon mal aus.“
„Nein Mama, ich bin mir sicher. Diese Phase dauert schon eine ganze Zeit. Ich dachte auch erst, dass es vorüber geht. Mädchen haben mich aber nie interessiert. Ich habe es versucht …..“
Wieder kullerten Tränen. Papa reichte mir ein Taschentuch.
„Ich habe es damals auch mal probiert, aber es blieb damals bei dem einen Mal. War nicht so besonders“, flüsterte Markus Papa.
„Markus, wenn Du Dir sicher bist, so ist das für uns ok“, sprach Markus Mutter und sah dabei zu Ihrem Mann, der Ihr zustimmend zunickte.
„Lass uns ein wenig Zeit, uns daran zu gewöhnen. Eines sollst Du aber wissen, egal ob schwul oder hetero, Du bist und bleibst unser Sohn. Markus, wir lieben Dich. Und, danke für Dein Vertrauen.“
Papa sprach diese Worte mit einem leichten Lächeln.
„Dem kann ich mich nur anschließen, mein Sohn. Ich wusste schon immer, dass Du was Besonderes bist.“
Ich fiel meiner Mama um den Hals und weinte Freudentränen. Danach nahm ich auch noch Papa in den Arm, während Mama eine Flasche Sekt und Gläser aus dem Schrank holte. Sie goss die drei Gläser voll und fragte nebenbei, ob es denn schon einen möglichen Schwiegersohn gäbe.
„Äh, …. ich bin mir nicht sicher, …. aber es gibt jemanden ….. ich weiß nicht, ich weiß nicht, ob er so denkt wie ich, das heißt, … äh ….. keine Ahnung ob er überhaupt schwul ist, aber …. ich ….. ach, ich wünschte, ich wüsste es, na ja ….“
„ Markus, wir haben Dir das Sprechen beigebracht, formuliere mal klar, also, es gibt da jemanden, aber Du weißt nicht, ob er auch schwul ist, stimmt’s?“
Papa wirkte ein wenig genervt. Mama legte Ihre Hand auf seinen Arm und nickte kaum bemerkbar mit dem Kopf.
„Ja, so kann man es auch formulieren“, antwortete ich erleichtert.
Mama grinste ein wenig, als sie sich zu Wort meldete.
„Markus, kann es sein das diese Person gerade in diesem Haus ist?“
„Mama, woher weißt Du….?“
„Pssssst, mein Lieber. Es ist nicht Sebastian.“
„ Woher, … wie … was? … Du weißt Bescheid?“
„Markus, ich bin Deine Mutter!“
„Ja, es ist Luis.“
„Nein, das geht nicht!“ meldete Papa sich sehr bestimmend wieder zu Wort.
„Papa, ich … ich kann nichts dafür, aber ich habe mich schon im Krankenhaus in ihn verliebt. Sebastian meinte auch, dass ich verrückt wäre, aber ich kann nicht anders. Ich hab‘s Luis noch nicht gesagt, aber ich habe ihm schon verziehen. Ich hoffe, er verzeiht mir auch.“
Ich schaute Verzweifelt in mein Sektglas.
„Du hast ein gütiges Herz mein Junge. Herbert, unsere Erziehung zeigt Früchte.
Markus, solange Du damit glücklich bist, sind wir es auch.“
„Danke, danke für alles. Da ist noch etwas, um dass ich Euch bitten wollte. Luis ist doch heute aus dem Gefängnis entlassen worden und wurde von seiner Mutter vor die Tür gesetzt, und jetzt weiß er nicht, wo er hin soll. Ich dachte, er könnte die nächsten paar Tage im Gästezimmer schlafen.“
Ich schaute zu meinen Eltern und hoffte auf eine positive Reaktion. Markus Vater atmete einmal tief durch.
„Markus, es scheint Dir sehr wichtig zu sein. Wir haben Vertrauen zu Dir und wenn Du Dir sicher bist, können wir es mal versuchen.“
Markus Mutter nickte nur zustimmend.
„Danke, ich bin froh Euch als Eltern zu haben.“
Markus Augen fingen wieder an zu leuchten, und ehe seine Freudentränen eine Chance bekamen, umarmte er nochmals seine Eltern.
„Ich gehe dann mal rauf und mach das Gästebett fertig.“
„Mach das, und Markus, wenn was ist….“
„Ja, Mama, dann komm ich sofort zu Euch. Alles klar und danke nochmals.“ Schnell ging ich wieder hoch, schaute kurz in mein Zimmer und sagte zu den dreien:
„Ich richte dann mal das Gästezimmer her.“
Drehte sich um und verließ das Zimmer wieder. Langsam kam Luis sich räuspernd zu mir ins Gästezimmer.
„Kann ich Dir beim Bett beziehen helfen?“
„Oh Luis, ääh …. ja, Du kannst das Kopfkissen beziehen“, und warf ihm das Kissen zu.
„Hier ist der Bezug.“
„Markus, ……ich ……ich möchte mich bei Dir in aller Form für die Scheiße die ich angerichtet habe, entschuldigen.“
Luis hielt das Kissen vor seinem Oberkörper und knetete es nervös. Ich hielt inne und drehte mich langsam zu Luis um. Dann blickte ihm direkt in die Augen und Luis blickte daraufhin zu Boden.
„Es tut mir leid. Ich habe großen Mist gebaut, und ich hoffe Du kannst mir irgendwann verzeihen.“
Luis liefen langsam Tränen über die Wangen und tropften auf das Kissen. Lange standen wir uns beide schweigend gegenüber. Von Luis kam nur ab und zu ein Schluchzen.
„Komm setz Dich zu mir.“
Ich hatte mich bereits auf das Bett gesetzt und klopfte neben mir auf die Matratze. Luis sah zu mir und kam dann langsam auf mich zu, ohne dabei das Kissen loszulassen.
Wieder schluchzte er nur, als er sich neben mich niederließ, atmete einmal tief Durch und fing dann leise und immer wieder vom Schluchzen unterbrochen an zu erzählen.
Ich saß nur da und hörte ihm geduldig zu, ohne ihn dabei zu unterbrechen.
Luis erzählte, wie er und Thomas sich kennen lernten. Erst im Kindergarten und dann in der Schule wurden sie beste Freunde.
Auch als Thomas später aufs Gymnasium wechselte, während Luis nur die Hauptschule schaffte. Nur Thomas Eltern fanden diese Freundschaft nicht standesgemäß.
Aber das interessierte Thomas nicht. Luis erzählte mir von Ihrem Traum, die Welt zu bereisen. Luis hatte noch nicht einmal die Nordsee gesehen. Es fehlte halt zu Hause an Geld, und seine Mutter war nicht sonderlich interessiert an familiären Aktivitäten.
Sie saß meistens nur vorm Fernseher, rauchte und trank literweise Ihren Kaffee.
Die Ferien waren bei Luis nicht so beliebt gewesen wie bei allen anderen. Nicht nur, weil sie nie verreisten, sondern auch vor allem, weil Thomas die meiste Zeit mit seinen Eltern unterwegs war.
Es waren für Luis die langweiligsten Wochen des Jahres. Er unternahm natürlich viel mit seinen Geschwistern, weil er nicht wollte, dass sie so leiden mussten wie er selbst.
Ich spürte, wie gut Luis das Erzählen tat. Auch spürte ich, dass es wohl das erste Mal war, dass Luis sich alles von der Seele reden konnte. Immer wieder knetete er das Kopfkissen in seinen Händen.
Nur als er wieder von seiner Mutter erzählte, hatte es den Anschein, als schlüge er auf das Kissen ein oder würgte es. Als Luis mal wieder zitternd das Kissen würgte, wagte ich den ersten Schritt und legte meine Hand auf die von Luis. Augenblicklich beruhigte sich Luis.
Langsam hob er seinen Kopf und blickte in meine Richtung. Ich schaute ihn nur an und nickte leicht.
„Danke“, flüsterte ich nur.
„Danke wofür?“ entgegnete Luis leicht verwirrt.
„Dass Du mir Deine Geschichte anvertraut hast.“
Über mein Gesicht huschte ein flüchtiges Lächeln.
„Ich muss Dir danken, dass Du mir zugehört hast. Dass Du mich wegen meinem Angriff auf Dich nicht hasst, und das Du mich bei Dir aufgenommen hast.“
Nach einer Weile des Schweigens und noch immer meine Hand auf der seinigen liegend fragte dieser:
„Markus, warum tust Du das für mich? Das ist doch nicht normal, oder?“
Mein Blick erhellte sich und schmunzelnd schaute ich auf die gegenüber liegende Wand und atmete einmal tief durch.
„Nee Luis, normal ist das nicht. Aber ich mag Dich.“
Jetzt bemerkte Luis meine Hand auf seiner, zog sie allerdings nicht wie von mir erwartet zurück.
„Luis, Dir ist in Deinem Leben scheinbar noch kein richtiges Glück widerfahren, stimmt’s?“
„Was ist Glück? Wenn man gesund ist? Oder wenn man Freunde hat? Oder wenn man ein Dach über dem Kopf hat? Oder Eltern, die einen unterstützen?“
„Vielleicht ist Glück ja auch einfach nur, dass man spürt, dass da jemand ist, den man mag.“
„Glücklich war ich, als Thomas mir seine Liebe gestand. Aber leider wurde dieses Glück schnell wieder zerstört, als er schon am nächsten Tag mit seiner Familie nach Bayern zog.“
Wieder kullerten bei Luis die Tränen.
„Hey, nicht wieder weinen. Das Glück, liegt, oder in diesem Fall, sitzt gar nicht so weit weg. Manchmal muss man seine Hand nur ein wenig ausstrecken, um sein Glück zu greifen.“
Luis blickte mich verschüchtert an.
„Markus, ich ….. ich …. Du … ähm, … ich …. ich glaube, ich habe mich verliebt. Auch wenn Du mich jetzt hassen wirst,……Markus, ich wäre gerne Dein Freund.“
Ich versuchte ernst zu bleiben, doch bevor meine Lippen ein Lächeln fabrizierten fingen meine Augen schon an zu lachen. Innerlich ballte ich gerade vor Freude die berühmte Becker-Faust.
Ich hatte so sehr gehofft, dass Luis mich auch mögen würde, und nun dieses Liebesgeständnis. Jetzt war es an mir, auf Luis Geständnis zu antworten.
„Luis, danke für die schönen Worte, aber…“
Luis verlor sämtliche Farbe aus seinem Gesicht und blickte erschrocken zuerst mir in die Augen und dann traurig zu Boden. Er versuchte seine Hand unter meiner hinweg zu ziehen. Doch ich griff energisch nach seiner und hielt sie fest.
„ …. aber, könntest Du Dir vorstellen mich in den Arm zu nehmen?“
Luis zuckte zusammen und drückte das Kissen fest an seinen Körper. Langsam drehte er sich wieder zu mir. Ich sah, wie er langsam begriff, was ich da gesagt hatte.
„Du … Du … bist auch…..?“
Ich nickte nur. Unsere immer noch aufeinander liegenden Hände fingen jetzt einen leichten Kampf an. Leicht zitternd und verschwitzt verschlungen sich unsere Finger ineinander.
Wir beide sahen verschämt auf unsere verwuselten Finger, hoben langsam unsere Köpfe, um den anderen dann Direkt in die Augen sehen zu können. War es nur ein Traum, oder hatten wir uns gerade tatsächlich gegenseitig unsere Liebe gestanden?
Als ich ihm direkt in die Augen sah, war auch schon aller Zweifel verflogen. Langsam kamen sich unsere Gesichter näher und ich spürte den Atem des anderen an meiner von Tränen des Glücks feuchten Wangen.
Ich hob meine noch freie Hand, und strich Luis zärtlich die Tränen von seiner Wange und unsere Münder trafen sich zu unserem ersten Kuss. Prickelnd wie eine Brausetablette oder wie eine Silvesterrakete spürte ich mein Gegenüber.
Luis ließ endlich das Kissen los und legte seine jetzt freie Hand in meinen Nacken, um mich näher an sich heran zu ziehen. Nach einer Ewigkeit, oder waren es auch nur wenige Sekunden, trennten sich unsere Münder wieder und wir schauten uns verliebt in die Augen.
„Genau so, und nicht anders, habe ich s mir immer erträumt. Und jetzt sitzt mein Prinz neben mir und hat mich wach geküsst.“
Ich war so glücklich. Aber auch Luis ging es nicht anders.
„Solange ich nicht der Frosch in Deinen Träumen bin, soll es mir recht sein. Musste ich Dir erst wehtun um zu begreifen was für ein toller Mensch Du bist?“
Wieder machten sich Tränen in Luis Gesicht breit, aber dieses Mal mit einem breiten Grinsen. Bevor Luis weiter reden konnte küsste ich ihn erneut. Auch unsere Zungen meldeten sich und verlangten Einlass, um sich einen Ringkampf zu liefern.
Lange saßen wir uns einfach nur küssend da, jeweils im Arm des Anderen. Langsam begann Luis seine Hände auf Erkundungstour zu schicken um meinen Körper zu erkunden. Ich tat es ihm gleich.
„M ….. mmh …..Markusch … mmh“
Versuchte Luis mich beim Küssen etwas zu fragen?
„Hmmm …..“ kam nur beschäftigt von mir zurück. Luis schob mich jetzt zärtlich aber bestimmt ein wenig von sich weg und schaute mir dabei in die Augen.
„Markus, wie soll das jetzt mit uns weiter gehen….?

„Na, so!“ kam es grinsend von mir zurück, um ihn dabei wieder einen großen Schmatzer aufzudrücken und gleichzeitig durch seine Haare zu wuseln.
„Markus, mal im Ernst. Wem sollten von uns erzählen. Weiß jemand von Deiner Familie oder Freunden, dass Du schwul bist?“
„Meine Eltern und Sebastian wissen über mich Bescheid.“
„Von mir weiß es niemand. Vor ein paar Tagen war ich mir selbst noch nicht sicher. Ob ich in Thomas verliebt war, kann ich gar nicht so gewiss sagen. Wahrscheinlich war ich mehr darüber geschockt, dass er so plötzlich weggezogen ist. Vielleicht sollte ich es Julius erzählen.“
„Das könnte sich eventuell schon erledigt haben.“
„Was? Du meinst, er hat es schon bemerkt?“
„Ich glaube ja. Er freut sich bestimmt für Dich.“
„Irgendwann werde ich es ihm erzählen, aber jetzt noch nicht.“
„Zeig ihm, dass Du ihm vertraust, dass er Dir wichtig ist. Er hängt sehr an Dir.“
Luis sah mich nun ängstlich an und schwieg.
„Luis, er freut sich für Dich, glaube mir. Oder dreh Dich doch ganz einfach mal zur Tür um.“
Wie vom Blitz getroffen drehte Luis den Kopf. Dort standen Julius und Sebastian im Türrahmen und grinsten wie Honigkuchenpferde. In dem Moment, als er die beiden erblickte, reckten beide Ihren Daumen hoch. Luis fing wieder an zu weinen.
Es waren Freudentränen. Schnell sprang er vom Bett auf und die Brüder gingen aufeinander zu und fielen sich in die Arme.
„Luis, ich freue mich so für Dich. Endlich habe ich meinen Bruder wieder. Genauso wie er früher immer war.“ flüsterte Julius.
Derweil kam Sebastian zu mir herüber und setzte sich zu mir. Ich saß einfach nur da und schaute glücklich zu den beiden Brüdern, wie sie sich fest in den Armen hielten.
„Na, Markus, wenn Du mal einen Bruder brauchst ‚Ruf-mich-an‘.“
Ich blickte grinsend zu Sebastian. Dann nahm ich ihn in den Arm und sagte:
„Du bist der Bruder den ich mir immer gewünscht habe.“
„Was ist denn hier los? Eine Orgie in unserem Haus?“
Meine Eltern standen plötzlich im Zimmer. Erschrocken fuhren wir alle vier auseinander und starrten die Eindringlinge an.
Luis
„Mama, Papa, …. “
Markus hatte als erster seine Stimme wieder gefunden.
“….. darf ich Euch meinen Freund vorstellen?”
Er kam, während er sprach, zu mir und Julius rüber, nahm mich in den Arm und sagte dann:
„Das ist Luis, mein Freund. Luis, die beiden hier sind meine Eltern.“
Seine Eltern lächelten und Markus Mutter sagte nur:
„Herzlichen Willkommen in unserer Familie“, kam auf mich zu und nahm mich in den Arm. Das war zu viel für mich. Ich fing wieder an zu weinen und zu zittern. Markus Mutter strich mir über den Rücken.
„Hey, ist doch alles ok, Luis.“
Ich musste an meine Mutter denken, die mich nie in den Arm nahm. Und jetzt Markus‘ Mutter die mich wie selbstverständlich einfach umarmte und dabei beiläufig gleich adoptierte. Sie hielt mich einfach fest und redete ruhig auf mich ein, bis ich mich langsam wieder beruhigte.
„Danke, Frau Jäger. Tut mir leid dass ich ihnen hier was vorheule.“
„Luis, mein Lieber, Du musst Dich für Deine Gefühle nicht entschuldigen. Es gibt für alle Probleme eine Lösung. Und wir werden Dich so gut es geht unterstützen, ok? Und, Luis, für Dich heiße ich Sabine.“
„Danke, Sabine. Ich weiß Deine Hilfe zu schätzen.“
„So, jetzt kommt Ihr alle mit runter. Ich muss irgendwo noch eine Flasche von diesem süßen Prickelwasser haben, die köpfen wir jetzt zur Feier des Tages. Und für alle, die es noch nicht wissen: Ich heiße Herbert.“ Das war der Beitrag von Markus‘ Papa.
Später, nachdem sich Sebastian und mein Bruder leicht angeschickert auf den Heimweg gemacht hatten, saßen Markus und ich noch mit Sabine und Herbert im Wohnzimmer und unterhielten uns.
Durch das bisschen Alkohol löste sich meine Zunge immer mehr und ich erzählte vieles aus meinem Leben. Es tat mir gut. Sehr gut sogar. Manchmal erzählte ich lachend und aufgeregt und an einigen Stellen der Erzählungen wurde ich leiser und mir kamen so manches Mal die Tränen.
Dann war es an Markus mich einfach in den Arm zu nehmen, einen Kuss auf die Wange zu geben oder einfach nur ein leichtes streicheln über meinen Rücken. Mir half das sehr.
Ich erfuhr auch einiges über Markus. Zum Beispiel, dass er gerne kocht oder schöne Bilder malt. Endlich war ich angekommen. Zwar wusste ich nicht genau, wie es weiter gehen wird, aber mit der Unterstützung von Markus und seinen Eltern war die Zukunft nicht mehr so düster.
Epilog
Einige Wochen später fuhren Markus und Luis für ein paar Tage an die Nordsee. Markus‘ Eltern hatten dort in Bensersiel einen Wohnwagen zu stehen. Nach einer längeren Zugfahrt kamen sie endlich an, um sich sofort zum Campingplatz zu begeben. Markus wurde von dem Campingplatzeigentümer begrüßt.
“Moin Markus, Deine Eltern haben Euch schon angekündigt. Ich habe das Wasser angestellt, und meine Frau hat den Wohnwagen Durchgelüftet und feucht Durchgewischt.“
„Danke, Hinnerk. Ich werde mich dafür bei Euch revanchieren.“
Gemeinsam gingen sie zum Wohnwagen.
„Das ist ja so was von toll hier. Da wird man richtig neidisch.“
„Quatsch nicht, komm Luis, ich will Dir was zeigen.“
Markus griff nach Luis Hand und zog ihn wieder aus den Wohnwagen. Es war schönstes Sommersonnenwetter. Wie es sich gehörte, wehte ein kräftiger aber nicht zu kalter Wind vom Meer her.
Markus setzte seinen Weg fort und Luis konnte ihm kaum folgen. Sie liefen zum Deich. Markus drehte sich im Laufen immer wieder zu Luis um.
„Los, komm schon.“
Am Fuß des Deiches hielt Markus an, griff wieder Luis Hand und ging langsam den Deich hinauf. Kurz vor der Deichkrone blieb Markus stehen und lies Luis die letzten Schritte alleine machen.
Das, was Luis dort zu sehen bekam, verschlug ihm die Sprache. Er stand auf dem Deich und blickte auf das Meer. Der salzige Wind wirbelte Durch seine Haare.
Das Rauschen des Meeres klang in seinen Ohren wie eine schöne Melodie. Die kreischenden Möwen schienen ihn zu begrüßen. Langsam ging Luis den Deich herunter durch den weichen weißen Sand und blieb direkt an der Wasserkante stehen.
Die ganze Zeit sprach Luis kein Wort. Er blickte nur in die Ferne und lächelte leise vor sich hin. Luis merkte nicht mal dass seine Schuhe von dem Meerwasser umspült wurden.
Er schloss seine Augen legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein und wieder aus. Die ganze Zeit hatte Luis ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit spürte er, wie sich zwei Arme um seine Hüften schlängelten und ein Kopf sich zärtlich auf seine Schulter legte.
„Na, Luis, ist es so wie Du es Dir vorgestellt hattest?“
„Nein, Markus, viel, viel schöner. Danke dass Du mir diesen Traum ermöglicht hast.“
Markus steckte Luis einen Stöpsel seines mp3-Players ins Ohr, den anderen nahm er selber. Dann startete er das Gerät.
When you’re down in troubles
And you need some love and care
And nothing, nothing is going right
Close your eyes and think of me
And soon i will be there
To brighten up even your darkest night
You just call out my name
And you know wherever I am
I’ll come running to see you again
Winter, spring, summer or fall
All you got to do is call
And I’ll be there
Yes I will
You’ve got a friend
© 1971 Carole King – You’ve got a friend, Published by Colgems-EMI Music
Dabei drehte sich Luis zu Markus um und schaute ihm in seine strahlenden Augen. Luis konnte seine Tränen des Glücks nicht mehr zurück halten, gab Markus einen leidenschaftlichen Kuss um ihn dann fest an sich zu drücken.
„Danke Markus, Du hast mir die Freude am Leben wiedergegeben.“
In den nächsten Tagen machten die beiden lange Spaziergänge am Strand und sprachen über Ihre Zukunft. Sie machten sogar eine Bootsfahrt mit einem Krabbenkutter, der, wenn er nicht zum Krabbenfang auf die Nordsee hinaus fuhr, Touristen die nahe gelegenen Robbenbänke zeigte. Luis war wie ein kleines Kind, als er die erste Robbe entdeckte. Markus war glücklich, wenn Luis sich so freuen konnte.
Mit seiner Mutter näherte sich Luis nur langsam wieder an. Als er Ihr erzählte, dass er schwul und mit Markus zusammen ist, wollte seine Mutter ihn gleich wieder rausschmeißen. Aber da hatte sie die Rechnung ohne Ihren Freund gemacht.
„Carola, wenn Du deswegen Deinen Sohn verstößt, gehe ich gleich mit.“
Dieser erzählte dann, dass er einen Bruder hatte, der ebenfalls schwul war, und als sich dieser bei den Eltern outete wurde er rausgeschmissen.
„Ich habe meinen Bruder geliebt und es nicht verstanden. Meinen Bruder gab es für meine Eltern nicht mehr. Ich weiß nur, dass er mit seinem damaligen Freund weggezogen ist.“
„Und was ist aus ihm geworden?“ fragte Julius nach.
Dirk, so hieß der Freund von Luis Mutter, wirkte sehr traurig und blickte aus dem Fenster. Einmal tief einatmend drehte er sich wieder den anderen zu.
„Ein damaliger Freund von ihm meinte, er wäre nach Neuseeland ausgewandert.
Ich habe nie wieder was von ihm gehört. Später habe ich deshalb den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen.“
Dieses Geständnis machte den sonst so spröden Freund der Mutter um einiges sympathischer. Luis Mutter kam durch die Geschichte ins Grübeln und erbat sich Bedenkzeit, um sich Ihre Gedanken machen zu können.
Luis bedankte sich bei Dirk und wünschte ihm, dass er eines Tages seinen Bruder bestimmt wiederfindet.
Nach einem halben Jahr holten Markus und Luis die Vergangenheit wieder ein. In der Post lag ein Schreiben vom Gericht. Markus versprach ihm, ihn zu unterstützen so gut er nur konnte. Luis wollte allerdings die Sache selbst Durchstehen und die Strafe, die er aufgebrummt bekommen würde, akzeptieren, um mit seiner Vergangenheit endlich abschließen zu können.
In der Gerichtsverhandlung wurde Luis, da er schon eine Woche in Untersuchungshaft saß, lediglich zu 40 Stunden Sozialarbeit verurteilt. Markus wurde zu fünfzehn Stunden Sozialarbeit verurteilt, da er eine Stichwaffe einsetzte.
Selbstjustiz wollte die Richterin nicht gelten lassen, obwohl Markus den früheren Überfall angab. Die aufgebrummte Strafe leisteten beide in einer Kindertagesstätte in den Ferien ab.
Da Luis diese Arbeit so gut gefiel, machte er sein späteres Schulpraktikum ebenfalls in dieser Einrichtung. Sein Berufswunsch war fortan: Erzieher. Er wollte andere Kinder und Jugendliche vor den Dummheiten bewahren, die ihm widerfahren waren.
Ende. Oder der Anfang des Lebens.

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Information Wünsche werden manchmal wahr
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:42 PM - No Replies

Brrr. Kalt. Zitternd schloss ich die Wohnungstür. Winter…einfach nicht meine Jahreszeit. Überall die hektischen Menschen in der Stadt, die panisch versuchen, ihre Weihnachtseinkäufe zu erledigen. …und habe ich den Schnee und die Kälte erwähnt? Es war der 23.12., also quasi fünf vor zwölf …. im Weihnachtseinkaufs- und Feststressmarathon.
Wer jetzt noch bei diesem Wetter unterwegs war, um Einkäufe für das Fest zu tätigen, der war wirklich nicht zu beneiden. Der Winter herrschte mit rauer Hand, das Thermometer zeigte vier Grad minus, es wehte ein heftiger Wind und es schneite. Ich war froh, nach diesem langen Tag, es war fast 16:00 Uhr und ich war seit 05:00 Uhr auf den Beinen, endlich zu Hause zu sein.
In dem kleinen Korridor meiner Einliegerwohnung, die im Hause meiner Eltern in einem Kölner Nobelviertel lag, zog ich Mantel und Schuhe aus, hängte den Mantel an die Garderobe und stellte die nassen Schuhe auf ein extra dafür zusammengefaltetes, altes Handtuch zum Trocknen auf den Boden ab. Meine Füße waren eiskalt und die Socken feucht, kalt und klamm. Ich werde gleich die handgestrickten Socken anziehen, die ich von meiner Oma bekommen habe. Dann wird sich meine Fußtemperatur bald wieder normalisieren.
Sicher ist es jetzt an der Zeit, mich erst einmal vorzustellen. Nun, ich heiße Georg Meiser, bin 23 Jahre alt und studiere Medizin. Das liegt wohl in unserer Familie, doch davon später. Ich bin 1,88 m groß, 78 kg schwer und habe dunkelbraunes, lockiges Haar, das ich aber ziemlich kurz trage. Ich bin relativ sportlich, betreibe ich doch seit meinem zehnten Lebensjahr regelmäßig zweimal in der Woche Karate und gehe fast jeden Tag eine Stunde im hauseigenen Schwimmbad im Kellergeschoss unseres Hauses schwimmen. Sauna und Whirlpool gibt es da auch und einen kleinen, aber fein eingerichteten Fitnessraum.
Georg ist nicht gerade ein toller Name und seit meiner Schulzeit rufen mich alle meine Freunde und Freundinnen Djortsch, die englische Sprechweise von Georg und auch wenn es meinen Eltern anfangs sehr missfiel, setzte sich die Sprachweise im Laufe der Jahre durch. Auch meine Eltern nennen mich heute immer Djortsch und nicht Georg. Damit kann ich gut leben, ist mir Djortsch doch wesentlich lieber wie Georg, das hört sich so heilig an und das bin ich ja nun absolut nicht und will es auch nicht werden.
Familiäre Rückblende
Meine Eltern sind ziemlich reich, mein Vater ist Professor und Leiter der Frauenklinik an der Uni in Köln und meine Mutter ist als Augenärztin Mitinhaberin einer Gemeinschaftspraxis. Meine vier Jahre ältere Schwester ist seit 17 Monaten mit einem Kieferchirurgen verheiratet und im siebten Monat schwanger. Sie studiert ebenfalls, aber nix Medizinisches, sondern auf Lehramt, und hat ihr erstes Staatsexamen schon bestanden.
Sie wohnen etwas weiter draußen in Köln Fühlingen. Ihr seht also, dass wir viele Mediziner haben in der Familie.
Es gab übrigens noch mehr, was meinen Eltern anfangs nicht gar nicht gefiel, was sie aber im Laufe der letzten fünf Jahre akzeptiert und auch ganz gut verarbeitet haben. Als ich ihnen nämlich vor fünf Jahren kurz vor Ostern sagte, dass ich wohl eher einen Mann zum Partner nehmen würde als dass sie eine Schwiegertochter bekämen, waren sie sehr sauer und hatten Riesenprobleme, das zu akzeptieren. Mein Vater sprach in den nächsten Wochen kaum mit mir und meine Mutter weinte öfter und suchte nach einem Schuldigen für diesen schlimmen,
außergewöhnlichen Missstand, wie sie es nannte. Meine Schwester hingegen hatte keine Probleme mit meiner sexuellen Orientierung und hat mir immer beigestanden, wenn es mir mal nicht gut ging.
Es dauerte einige Zeit und die Lektüre einiger Bücher zum Thema „Schwulsein“ und diverse Gespräche und Auseinandersetzungen, bis sie einsahen, dass die Tatsache, sich nicht genügend persönlich um mich gekümmert zu haben, nicht Schuld daran ist, dass ich schwul bin. Nachdem ich sie dann noch auf die Internetseite von „ Nickstories.de“ geleitet habe und sie sich ein wenig durch die dort veröffentlichten Stories über Coming Out und schwules Empfinden gelesen hatten, waren ein erstes Verständnis und auch großes Nach- und Umdenken angesagt.
Langsam, aber stetig wurde es besser und auch mein Vater begann den Tatsachen ins Auge zu schauen und er bemühte sich redlich, die Gegebenheiten zu akzeptieren und wieder der Vater zu sein, der er eigentlich immer sein wollte. Ich muss sagen, dass die Verhältnisse heute
genauso gut oder eher besser sind als sie es vor meinem Outing waren. Sie lieben mich so wie ich bin, und ich sie dafür mehr als früher. Da ich ein sehr guter Schüler war, mein Abi machte ich mit 18 Jahren, ich weder Drogen noch übermäßig Alkohol konsumierte und ein ganz normales Teenieleben führte, gab es auch keinerlei andere Probleme mit denen sie sich auseinandersetzen mussten.
Ich will aber trotzdem nicht vergessen, wie beschissen ich mich nach der Offenbarung und den ersten Reaktionen meiner Eltern fühlte, und wenn ich damals nicht meine erste, große Liebe gehabt hätte, an die ich mich klammern konnte, dann wäre es wohl eine Katastrophe geworden. Die erste, große Liebe, Tobias hieß er und sah echt toll aus, war zwei Jahre älter als ich. Das Ganze hielt gerade mal fünf Monate in denen ich auf Wolke sieben schwebte, dann wurde ich von heute auf morgen einfach zu den Akten gelegt. „Der nächste bitte“, lautete wohl seine Devise.
Sein Statement dazu war: „Freu dich, so lange war ich noch nie mit einem Typen zusammen, aber jetzt hab ich nen Neuen, also Tschüss.“ Er entkam nur mit großer Mühe der geworfenen Kristallvase, die beim Aufschlag auf die zugezogene Tür zerschellte und eine hässliche Macke in der Tür hinterließ (die ist immer noch da). An seinem Kopf hätte mir die Macke damals besser gefallen. Die wenigen Sachen von ihm, die noch in meiner Wohnung waren, diverse Kleider und ein paar persönliche Hygienesachen, verbrannte ich mit Genuss und großer, innerer Befriedigung auf unserer Grillfeuerstelle im Garten. Shit happens!
Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fiel in ein tiefes Loch und dachte ernsthaft darüber nach, ob mein Leben überhaupt noch einen Sinn hatte, so traf mich diese Niedertracht. Gerade noch rechtzeitig steckte mich mein Vater, der meinen Seelenzustand wohl richtig erkannt hatte, in ein Praktikum in eine Kölner Klinik, deren Chefarzt und medizinischer Direktor sein bester Freund und mein Patenonkel, Gerd Lüdtke, war.
Und um mich richtig auf Trab zu halten, wurde ich auf der Kinderstation eingesetzt. Nach genau 72 Stunden hatte ich meine Seelenkrise überwunden. Täglich zu sehen, wie die kleinen, tapferen Patienten mit ihren oft sehr schweren, teils lebensbedrohenden Leiden fertig wurden, zeigte mir, dass Tobias, dieser Scheißkerl, es nicht wert war, weiter über ihn nachzudenken oder ihm in irgendeiner Weise nachzuweinen. Hier gab es wichtigere Dinge und was war schon Liebeskummer im Vergleich zu dem Leid, das man hier erlebte. Meine Niedergeschlagenheit machte einer gesunden Wut auf ihn und auch ein bisschen auf mich selber Platz und bald ging es mir wieder wesentlich besser.
Pläne und Erfahrungen
Während dieses Praktikums, welches als Vorpraktikum zum Studiengang Medizin anerkannt wurde, nahm ich mir fest vor, Kinderarzt zu werden. Meine Eltern unterstützten mich in meinem Vorhaben, auch wenn mein Vater früher einmal gehofft hatte, dass ich entweder Frauenarzt oder aber doch Augenmediziner werden würde. Ich konnte mich aber beim besten Willen nicht mit dem Gedanken anfreunden, Frauenarzt zu werden, was ihr sicher verstehen werdet, und Ambitionen zum Augenarzt hatte ich ebenfalls keine. Beide waren froh, dass ich wieder der war, der nicht vor jedem Problem einfach davonläuft.
Als mein Studium begann, wollte und durfte ich weiterhin jede freie Zeit nutzen und in der Kinderklinik mithelfen. So verbrachte ich einen Großteil meiner Wochenenden und auch der Semesterferien dort, lernte sehr viel und man hatte mich dort auch sehr gerne dabei. Ich bekam auch etwas Geld für meine Arbeit, so dass ich nicht ausschließlich auf das Geld meiner Eltern angewiesen war. Auf diese Art lernte ich enorm viele praktische Dinge, was meinem Studium natürlich auch zu Gute kam. Auf Beziehungen hatte ich echt keinen Bock im Moment und auf so genannte Einmalabenteuer war ich auch nicht aus. So gab es in dieser Zeit außer fünf gegen Willi (oder Djortschi) keinerlei Abenteuer auf sexuellem Gebiet und mancher Mönch wäre stolz gewesen, hätte er ein so keusches Leben sein eigen genannt.
Die Ärzte und das Pflegeteam waren alle sehr in Ordnung und ich fühlte mich sehr wohl dort. Die meisten der Mitarbeiter wussten mittlerweile auch, dass ich schwul war, und es gab keinen, der irgendwelche doofen Sprüche oder Bemerkungen machte, vielleicht auch deshalb, weil sie wussten, dass der Chef mein Pate war. Bei den meisten war es aber ehrlich und von Herzen und ich fühlte mich in diesem Team gut aufgehoben. Ich mochte sie und sie mochten mich und mit den Kleinen kam ich besonders gut aus.
Bei besonders schwierigen Fällen schickten mich die Pfleger und Schwestern immer mit der Bemerkung: „Dir und deinem Charme können selbst die kleinen Tyrannen nicht lange widerstehen“, und es gelang mir auch in den meisten Fällen ein Vertrauensverhältnis mit den
kleinen, kranken Rackern herzustellen. Ich mochte die Kinder sehr und auch sie mochten mich, und so kam es, dass ich das Gefühl hatte, hier eine Lebensaufgabe gefunden zu haben.
Manchmal gab es natürlich auch sehr traurige Tage, nämlich immer dann, wenn es nicht gelang einen unserer kleinen Schützlinge von seiner Krankheit zu heilen und wir im Kampf gegen den Tod unterlagen. Dann waren wir niedergeschlagen und still und mancher vergoss Tränen um die verstorbenen Kleinen, die uns ans Herz gewachsen waren. Immer wenn es dazu kam, versuchten wir uns gegenseitig zu trösten und wieder aufzurichten, um uns mit aller Energie denen zu widmen, deren Kampf um die Gesundheit noch voll im Gange war.
Wenn dann einer unserer kleinen Engel aus Köln war, ließ ich es mir nicht nehmen an seiner Beisetzung teilzunehmen. Erst danach war ich in der Lage innerlich loszulassen und die Tatsache zu akzeptieren, das Er oder Sie halt nicht mehr bei uns war. Anschließend ging ich dann nach Hause und ertränkte meinen Kummer in einer Flasche Rotwein. Am Tag danach ging dann bald alles wieder im Alltagstrott unter und es kehrte bald die tägliche Routine zurück.
Zusätzliche Aufgaben, November 2006
Vor einigen Wochen, es war so Anfang November, fragte mich der Chef des Hauses, der ja auch mein Patenonkel war, ob ich bereit wäre, für etwa vier Wochenenden Dienst von Freitag bis Sonntags, jeweils eine Zwölf-Stunden-Schicht, auf der Intensivstation zu machen, weil dort auf Grund von Krankheit ein Engpass beim Personal wäre, und das vor allem am Wochenende. Es sollte freitags mit der Nachtschicht beginnen und Sonntagmorgen enden.
Da er der Chef war und ich meinem Patenonkel eh nicht nein sagen konnte, willigte ich ein und wurde von ihm persönlich dorthin begleitet und vorgestellt. Er wusste auch um meine Veranlagung und war einer derer, die meinen Eltern zugeredet hatten, mich so zu akzeptieren wie ich war. Er mochte mich und ich hatte ihn auch gern, weil er einfach ein toller Freund war, ein väterlicher Freund wohlgemerkt, und er hatte mich immer unterstützt, wo er nur konnte.
Da ich bereits im 9. Semester war und nach dem 10. Semester eh als Arzt im Praktikum für ein Jahr klinischen Dienst absolvieren musste, hatte ich genügend Kenntnisse, um Intensivpatienten zu betreuen.
Auf der Intensivstation waren maximal acht Patienten untergebracht, deren meist lebensbedrohliche Leiden sehr unterschiedlicher Art waren. Auch wenn Herz-Kreislauferkrankungen den größten Teil ausmachten, gab es auch Unfall- oder andere Patienten. Immer zwei Patienten wurden von einer Pflegekraft betreut, so dass eine ständige Überwachung gewährleistet war. Also fing ich am 3.11. abends um 18:00 mit der Spätschicht an.
Am dritten Wochenende meiner Tätigkeit, als ich auf die Station kam, am Freitag, den17.11. gegen 18:00 Uhr, sah ich einen Patienten, der etwa 20 Jahre alt war, und der offensichtlich einen Unfall erlitten hatte. Mein Vorgänger erklärte mir, dass der junge Mann nach einer schweren Hirnblutung operiert worden war und seit Montagnacht hier lag. Er würde nun mein zweiter Patient für die nächsten Stunden. Sein Kopf war stark bandagiert und ich sah nur sein schmales, bleiches Gesicht. Die Augen waren geschlossen, der Mund leicht geöffnet und in der Nase steckte ein Schlauch
Es gab etwas in seinem Gesicht, das mich trotz Schlauch und leicht herunter hängender, rechter Gesichtspartie faszinierte, das mich immer wieder hinsehen ließ, und irgendwann, betrachtete ich es aus der Nähe. Mit dem Finger, ich konnte einfach nicht anders, fuhr ich an seinen Augenbrauen entlang, berühre seine Nase und streiche mit den Fingerspitzen über seine Lippen. „Er ist hübsch, sehr hübsch, ein wunderschönes Gesicht hat er und lange dichte dunkle Wimpern“, dachte ich und streichelte zart seine Wangen. Er hatte eine sehr ansprechende Figur, und da es auf der Intensivstation keine Bettdecke gibt, konnte ich alles an ihm betrachten. Die Proportionen seines Körpers waren sportlich, er war einfach schön, für mich sogar wunderschön. Ich war sehr aufgeregt und konnte nicht aufhören, sein Gesicht zu streicheln und ihn zu betrachten. Mein Herz klopfte und ich hatte ein starkes Kribbelgefühl im Bauch.
Das Piepen der Überwachungsgeräte riss mich aus meinen Gedanken Schnell stellte ich fest, dass der andere Patient im Bett nebenan offensichtlich Probleme hatte. Sofort, wenn auch leicht widerwillig, eilte ich nach nebenan, um festzustellen was los war. Der Patient war ein Infarktpatient, Mitte 40 und korpulent. Aus dem Krankenblatt wusste ich, dass das schon sein zweiter Infarkt war. Ich klingelte nach dem diensthabenden Arzt, da ich bestimmte Maßnahmen noch nicht machen durfte. Der Arzt kam schnell und injizierte nach Lage der Dinge Adrenalin. Die Sauerstoffzufuhr wurde erhöht und ein kreislaufstabilisierendes Medikament in die Infusionslösung gespritzt.
Nach kurzer Zeit normalisierte sich die Lage, der Patient atmete wieder ruhig und die Geräte arbeiteten wieder im grünen Bereich. „Der Patient muss dringend einen Bypass erhalten“, sagte der Arzt zu mir. „Ich werde darauf drängen, dass er am Montag operiert wird. Es ist allerhöchste Zeit. Einen dritten Infarkt wird er wohl kaum überleben. Ich beurteile seinen Zustand als kritisch und wir müssen sehr aufpassen auf ihn. Er ist erst 46 und hat drei Kinder daheim, das Jüngste ist gerade mal neun Jahre alt. Bei der kleinsten Veränderung ruf mich bitte sofort“, sagte er zu mir und ich versprach, mein Möglichstes zu tun.
Das würde mich zwar davon abhalten, meinen jungen und hübschen Patienten zu betrachten und zu streicheln, aber ich wollte natürlich auch nicht, dass der andere Patient stirbt.
Wieder 23.12.2006, ca. 16:15Uhr
Zunächst einmal zurück zur Gegenwart und zurück in meine Wohnung.
Über die ganze Erzählerei um mich und meine Vergangenheit, meine Familie und mein Schwulsein, habe ich es nicht versäumt, meinen großen Wasserkocher zu füllen und einzuschalten. Da wird jetzt mal fix eine Bettflasche (Wärmflasche) gemacht und natürlich noch ein Tee, passend zum Kalender ein Weihnachtstee, angesetzt. Von meinem Opa, der war auch schon Arzt, richtiger Landarzt im Bergischen Land (wen wundert das jetzt), habe ich einen großen Ohrensessel geerbt, so mit echt Leder und verstellbar. Nicht, weil Opa gestorben ist, nein, er hat sich einen Neuen gekauft, so mit elektrischer Verstellung und so, und ich habe dann den Alten abgestaubt.
Der ist zwar im Leder etwas abgewetzt, aber sonst ein Superteil und saubequem und der macht echt was daher. Wenn man sich zurück lehnt, ganz nach hinten, dann kommt unten ein großes Teil zur Unterstützung der Beine herausgeklappt und man liegt echt geil darauf und kann in einer gesunden Schräglage optimal in die Glotze schauen oder einfach nur relaxen. Jeder, der in meine Wohnung kommt, will in diesem Sessel sitzen.
Meistens jedoch liegt dort mein rotbunter Schmusekater Fridolin und erholt sich von seinen nächtlichen Ausflügen, von denen er regelmäßig eine Maus mitbringt und vor der Terrassentür auf der Fußmatte ablegt.
In diesen Sessel verzieh ich mich, nachdem ich Fridolin auf der Couch geparkt habe, jetzt mit der Bettflasche für die eiskalten Füße und dem Weihnachtstee für meine innere Wärme. Behaglich an meinem Tee schlürfend sitze ich zurückgelehnt, das Gefühl der sich langsam erwärmenden Füße genießend, und beginne gleich wieder damit, in die jüngere Vergangenheit abzudriften. Dabei dürft ihr mich gerne begleiten.
In Gedanken wieder am 18.11., Frühmorgens um 03:00Uhr etwa.
Während ich nun wieder am Bett des Jungen saß, überkamen mich lange nicht mehr gehabte Gefühle. Gut, in Tobias war ich schon sehr verliebt gewesen, aber was mich jetzt an Gefühlen überkam, wenn ich dieses Gesicht betrachtete und seine Hand streichelte, war von einer Intensität, die ich noch nie erlebt hatte und die mir bei allem Glücksgefühl auch Angst machte, viel Angst. Hier lag für mich ein Mann, dem ich gerade mit Leib und Seele zu verfallen begann, von dem ich allerdings so gut wie gar nichts wusste und erst recht wusste ich nicht, ob er denn überhaupt schwul war, und wenn, ob er mich überhaupt mochte.
Zugleich bekam ich auch Gewissensbisse, da mein Verhalten für einen zukünftigen Arzt überhaupt nicht korrekt war, streichelte ich doch fortwährend einen Menschen, der mir medizinisch anvertraut war und der nicht in der Lage war, zu entscheiden, ob er meine Zärtlichkeiten, und das waren ja wohl welche, überhaupt wollte.
Ich zog meine Hand zurück, ließ seine gehen und dachte über die ganze Situation nach. Ich schalt mich einen Tor, zu glauben, ich könnte hier etwas erzwingen, das meinen Träumen entspricht. Ich erhob mich, um nach dem Herzpatienten zu sehen. Ich überprüfte seine Geräte, die Werte, und als alles im grünen Bereich war, ging ich zum Bett meines Traumboys zurück.
Ich nahm mir das Krankenblatt, das am unteren Ende des Bettes in einer Klarsichtfolie hing, und las die Angaben, die dort standen. Marvin Trimborn hieß der süße Junge, wohnte in der Dieselstraße 39, gleich beim Güterbahnhof in Kalk, allein, wie die Polizei mitgeteilt hatte. Gefunden wurde er spät am Abend unweit seiner Wohnung auf dem Bürgersteig liegend, nachdem er offensichtlich in Folge einer Hirnblutung bewusstlos geworden war. Die Polizei versuchte nun herauszufinden, ob er nähere Angehörige in Köln hatte. Trimborn war ja eigentlich schon ein typisch kölscher Name, so wie Schmitz und so.
Er musste wohl schon ein bis zwei Stunden dort gelegen haben, denn der Hirndruck und die Blutung hatten neurologische Schäden angerichtet. Wäre er dort letztendlich nicht gefunden worden, wäre er wohl noch im Verlaufe der Nacht seinen Verletzungen erlegen. Die neurologischen Schäden, die bisher festgestellt wurden, waren eine Störung der Motorik der rechten Körperseite. Das war auch im Gesicht zu sehen, da der rechte Mundwinkel, ebenso wie das rechte Augenlid, im Gegensatz zur linken Seite etwas nach unten hing.
Das tat seiner Schönheit und der Anmut seines Gesichts fast keinen Abbruch und wieder stahl sich meine Hand an seine Wange, um sie zärtlich zu streicheln. Er atmete tief und deutlich ein und ein Seufzer kam aus seiner Brust. Ich bekam einen starken Schreck und zog blitzschnell meine Hand zurück. Wieder versuchte sich meine Vernunft gegen meine Gefühle durchzusetzen und ich versuchte mir einzureden, dass ich mich in ein Phantom verliebt hätte.
Ich nahm mir vor, am Ende meiner Schicht in seine persönlichen Sachen zu schauen, die in einem beschrifteten Plastiksack in einem Spind im Vorraum zur Intensivstation lagen.
23.12.2006, 17:15 Uhr
„RingRingRing“! Meine Wohnungsklingel reißt mich aus meinen Träumen, der Tee ist leer und die Füße wieder warm. Hausschuhe anziehend mache ich mich auf den Weg zur Tür, wohl wissend, das es nur jemand aus meiner Familie sein kann, der jetzt bei mir klingelt.
Ich öffne und einen Sieben-Monatsbauch vor sich herschiebend kommt meine Schwester auf mich zu, umarmt, drückt und knuddelt mich nach Strich und Faden, um sich dann gleich in meinem Ohrensessel breit zu machen. „Und, wie geht es meinem glücklich verliebten Bruderherz denn heute, einen Tag vor dem heiligen Abend?“, fragt sie, nachdem sie von mir abgelassen und sich gesetzt hat. „Ich fühl mich gut“, sagte ich, „aber so ganz kann ich alles immer noch nicht glauben.“
„Na, dann warte doch mal bis morgen ab, dann wirst du sehen, dass alles in Ordnung kommt“, antwortet sie und lehnt sich in meinem Supersessel nach hinten. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob ihr beiden über die Feiertage auch zu uns kommen wollt, damit ich mich ein wenig darauf einrichten kann. Papa und Mama kommen am zweiten Feiertag.“
„Nun, das kann ich jetzt so noch nicht sagen, das muss ich erst mit Marvin besprechen. Ich sag dir aber Bescheid, sobald wir uns geeinigt haben. Ich weiß auch nicht, ob ich ihm den ganzen Weihnachtsbesuchsstress schon zumuten kann, er ist noch lange nicht fit und ich bin froh, dass er überhaupt über die Feiertage entlassen wird. Das macht der Onkel Gerd auch nur, weil er weiß, dass die geballte medizinische Kompetenz hier zu Hause ist“, antworte ich mit leichtem Schmunzeln, aber doch nicht ohne den nötigen Ernst.
„Du kannst dich ja auch mit Mama und Papa kurzschließen, dann kommt ihr mit denen. Dann könnt ihr euch chauffieren lassen und du kannst auch etwas trinken, wenn du magst“, gibt sie keine Ruhe.
„Warte bitte einfach ab, Melanie, ich denke, dass das bis morgen Mittag geklärt ist, und dann sag ich dir Bescheid“, entgegne ich. „OK, Djortsch, dann erwarte ich deinen Anruf. Jetzt fahre ich meinen Schatz in der Praxis abholen, für dieses Jahr ist Feierabend und am 27. fahren wir für zehn Tage nach Paris, Shopping für Mutter und Kind. Das wird wohl der letzte Urlaub sein, bevor dann die heiße Phase der Schwangerschaft anfängt. Wir freuen uns sehr auf unser Baby. Tschüss und ruf an“, spricht sie und ist schon auf dem Weg zum Ausgang.
„Tschüss, und sag deinem Holger einen Gruß“, ruf ich noch hinterher, da ist die Tür auch schon ins Schloss gefallen.
Ich beginne zu überlegen, ob noch irgendwas zu tun wäre im Hinblick auf die zu erwartenden Feiertage. Eingekauft habe ich alles von dem ich glaube, dass wir es brauchen würden. Und wenn ich wirklich etwas vergessen habe, konnte ich immer noch oben bei meinen Eltern schnorren, da war eigentlich immer fast alles in ausreichenden Mengen vorhanden, schon weil öfter unangemeldeter Besuch erschien oder meine Eltern spontan Gäste mit nach Hause bringen. Sogar einen eigenen Weihnachtsbaum und den dazugehörenden Schmuck habe ich besorgt, den ersten hier in meiner Wohnung, hauptsächlich Marvin zu Liebe .Ich will nicht, dass er irgendetwas an Weihnachten vermisst. Schmücken wollte ich den Baum mit ihm zusammen.
Wie das, werdet ihr fragen, haben wir etwas versäumt??
Nun, das ist so, morgen würde für mich ein ganz besonderer Tag werden, nicht nur weil Heiligabend war, nein, sondern weil ich morgen am frühen Vormittag in die Klinik fahren würde, um meinen Schatz zu holen und zu mir nach Hause zu bringen. Wir werden die Weihnachts– und Neujahrsfeiertage zusammen verbringen, und auch nach den Festtagen wird er bei mir bleiben, wir hoffen beide für immer.
Nun werdet ihr euch natürlich fragen, was denn in der Zwischenzeit so alles geschehen ist, und wie er denn nun mein Schatz wurde. Ich werde es Euch gleich erzählen, ich mach mir nur
noch schnell einen Weihnachtstee und ich glaube, dieses Mal werde ich ein bisschen Rum oder Cognac hinein machen, davon wird mir besonders warm und das ist bei dem Wetter da draußen ja auch nicht verkehrt.
In die Küche gehend bekomme ich aus den Augenwinkeln mit, das Fridolin an der Balkontür sitzt und darauf wartet, dass ich ihn hinaus lasse. Ich weiß, dass er spätestens in einer Viertelstunde wieder vor der Türe sitzt und um Einlass maunzt. Das ist auch nicht sein Wetter, genauso wenig wie meines. Also öffne ich die Türe einen Spalt, um ihn herauszulassen und um sie umso schneller wieder fest zu zu machen. Brrr… Scheißkälte, mich überläuft es ein wenig.
Nun aber ab in die Küche und Wasser angestellt. Während das Wasser heiß wird, suche ich im Wohnzimmer nach dem Hochprozentigen. Schnell werde ich fündig und nach Durchsicht der Vorräte entscheide ich mich für den rheinischen Klassiker „Asbach Uralt“. Der wird sich in meinem Tee bestimmt gut machen. Das Wasser kocht mittlerweile und der Tee wird aufgeschüttet. Nun gleich den Asbach dazu, nicht zu viel, und zwei Stück Kandis, braunen natürlich. Mmmh, das wird schon was Leckeres werden.
Nach zehn Minuten hat der Tee genug gezogen, die Beutel raus und wieder ab in Opas ehemaligen Sessel.
Wieder in Gedanken am 18.12.2006 gegen Morgen
Bereits nach dem ersten Schluck breitet sich eine wohlige Wärme in meinem Bauch aus und meine Gedanken wandern wieder ein Stück zurück in die Vergangenheit, zurück an das Bett meines Schwarms auf der Intensivstation. Wie bereits erwähnt, kam Marvin montags nach dem zweiten Wochenende, das ich Dienst machte, auf die Intensivstation. Er war frisch operiert und lag in einem künstlichen Koma. Sein Zustand war immer noch ungewiss, da bei jeder Operation am Hirn Nachblutungen möglich waren. Nun war ich, wie schon erwähnt, mehr als nur angetan von dem Liebreiz, den sein Gesicht trotz leicht heruntergezogener, rechter Hälfte für mich hatte, und sein nur leicht bekleideter Körper war einfach perfekt und ließ mich ins Schwärmen kommen.
Die ganze Nacht, die wenigen Momente ausgenommen, in denen ich die Geräte des anderen
Patienten überprüfte, Temperatur und Blutdruck ablas und eintrug, saß ich bei Marvin. Ich hielt seine Hand, streichelte sie, fuhr leicht über sein Gesicht, ließ meine Blicke sanft über seinen Body streicheln, liebkoste ihn in Gedanken und mit den Augen und träumte, wie es sein würde, wenn er wirklich mein Schatz werden würde.
Die Nacht verging und bald würde meine Ablösung kommen und mich von ihm wegreißen.
Es waren noch etwa 30 Minuten bis dahin und trotzdem fiel mir die Trennung von ihm jetzt schon schwer. Ich dachte an die langen zwölf Stunden, die es dauern würde, bis ich wieder hierher an sein Bett kommen würde. Hoffentlich würde nichts passieren in meiner Abwesenheit. Ablösen würde mich heute Morgen Schwester Eva, eine 32-jährige, resolute Frau, die ich gut leiden konnte, und die mich hier von Anfang an ernst genommen hatte. Sie machte seit vier Jahren Dienst auf dieser Station und sie war sehr erfahren und hatte immer alles im Griff. Ich würde sie bei der Übergabe darum bitten, dass sie mir eine Nachricht zukommen lässt, wenn sich bei Marvin etwas verschlechtern würde.
Ich hoffte auf ihr Verständnis, war aber in diesem Augenblick auch bereit, mich zu outen, nur damit sie mein Anliegen auch verstehen könnte. Bei ihr war ich mir fast sicher, dass sie mich verstehen würde und meinen Wunsch bestimmt versteht.
Wieder streichelte ich Marvins Hand und ich hatte das Gefühl, das er mich spüren kann. Der Puls auf dem Messgerät war leicht an gestiegen, von 62 auf 69 und der Blutdruck war von 110 auf 126 geklettert. Alles Werte im normalen Bereich, aber die Tatsache, dass das jetzt während des Streichelns geschah, ließ mich hoffen, dass er das im Unterbewusstsein als schön empfand.
Ich schaute auf die Uhr, Zeit, die Übergabe vorzubereiten. Ich trug noch mal alle angezeigten Werte unseres Herzpatienten und die Werte von Marvin ein und kontrollierte
die Flaschen und Geräte. Draußen hörte ich dann auch schon Eva kommen und kurz darauf betrat sie die Schleuse zur Station. Mit einem gewinnenden Lächeln trat sie kurz darauf ein und begrüßte mich: „Hi, Djortsch, hat du alles im Griff? Guten Morgen. Ich hoffe, du hast mir ein bisschen Arbeit übrig gelassen, sonst geht die Zeit nicht um.“ „Guten Morgen Eva,
schön dich zu sehen. Wir haben zwei Patienten, einen, 20 Jahre, Hirn-OP nach Unfall
und unseren Herzpatienten, der heute Nacht schwer kritisch war. Bei der geringsten Unregelmäßigkeit will der Arzt gerufen werden. Der junge Hirn-Patient rührt mich ganz besonders und ich möchte dich bitten, mich zu verständigen, wenn es ihm schlechter gehen sollte. Könntest du das für mich tun?“, entgegnete ich und sah sie dabei an.
Zunächst betrachtete sie mich mal aufmerksam über den Rand der Brille und ich dachte, sie guckt mir bis ins Herz. Die rechte Augenbraue wanderte nach oben und ein leichtes Schmunzeln hielt Einzug auf ihrem Gesicht. „Da bin ich aber doch etwas überrascht, der hübsche angehende Mediziner hat sich wohl ein bisschen in einen unsere Patienten verguckt.“
Ich bekam automatisch etwas mehr Farbe ins Gesicht und schaute kurz verschämt nach unten.
„Eigentlich sollte mich das jetzt wundern, aber es tut es nicht. Ich habe vermutet, dass du mit Frauen nicht viel anfangen kannst, du hast hier noch keine näher angeschaut, aber hübschen Männer hast du schon öfter mal nachgeschaut.“ Ich wurde noch mehr rot, nickte aber trotzdem zu dem, was sie gesagt hatte. „Dann wollen wir mal schauen, in wen sich unser Djortsch so Hals über Kopf verguckt hat“, sagte sie und trat an Marvins Bett. Aufmerksam musterte sie ihn, schmunzelte und sagte: „Einen guten Geschmack hast du ja, das ist ja ein ganz Hübscher. Dann wollen wir mal alles geben, dass er auch wieder gesund wird. Ich werde gut auf ihn aufpassen und dir Bescheid geben, wenn etwas sein sollte.“
„Danke, du bist echt lieb und wenn ich mich mal revanchieren kann, lass es mich wissen.
Du hast ja bestimmt gehört, dass meine Sippe in der medizinischen Welt von Köln eine große Geige spielt“, erwiderte ich und drückte dankbar ihre Hand.
„Geht einfach mal, wenn aus euch beiden was wird, mit mir und meiner Freundin ins Lulu, eine schwule Superdisco, und gib dort einen aus“, sagte sie lächelnd und outete sich auf ihre Art einfach als lesbisch. „Ich kann dich verstehen und hoffe, dass er auch so ist, wie du es dir wünschst, denn eine unerfüllte Liebe ist schon sehr schlimm für den Betroffenen. Ich weiß dass aus Erfahrung, denn die erste Frau, für die ich echt geschwärmt und in die ich mich mal wahnsinnig verliebt hatte, war nicht lesbisch und das hat mich sehr mitgenommen damals. So, und jetzt ab mit dir, ich werde ihn nicht aus den Augen lassen und wenn du heute Abend wiederkommst, geht es ihm bestimmt schon besser.“
Sie schob mich zur Tür und so ging ich dann in die Schleuse, wechselte die Kleidung und wollte gerade gehen, als mir einfiel, dass ja Marvins Sachen hier unten in einem Schrank in einem beschrifteten Plastiksack lagen. Ich öffnete den Schrank, holte den Sack mit seinem Namen heraus und schüttete die Sachen auf den Boden.
Ein Sportrucksack von Nike, Nike-Schuhe und ein Trainingsanzug mit dem Namen eines bekannten Kölner Handball-Clubs, ein benutztes T-Shirt, ein Geldbeutel und ein Nokia-Handy kamen zum Vorschein, ebenso ein kleiner Schlüsselbund mit drei Schlüsseln, ein Autoschlüssel war nicht dabei.
Ich nahm den Geldbeutel und schaute hinein. Knapp 30,- Euro an Geld und eine Konto-Karte der PaxBank Köln und verschiedene Kassenzettel und eine Telefonkarte älteren Datums.
Weiterhin, und das war das wichtigste, war dort ein Personalausweis mit der Adresse und einer vor gerade mal vier Monaten geänderten, neuen Adresse, eben die Dieselstraße 39, am Kalker Güterbahnhof. Einen Führerschein hatte mein Schwarm auch und aus seinen Papieren ersah ich, das er am 30.12. dieses Jahr Geburtstag hatte und 20 Jahre alt werden würde.
Die erste Adresse lag in der Nähe des Doms, wenn mich nicht alles täuschte, dort, wo auch die Bischöflichen Einrichtungen waren, ihr wisst schon, wo der Erzoberhirte wohnte und arbeitete. Obwohl ich eigentlich müde war und im Hinblick auf die kommende Nachtschicht bei Marvin lieber etwas schlafen sollte, beschloss ich, etwas mehr über diese Adresse in Erfahrung zu bringen. Ich machte mir ein paar Notizen auf meinem Handy, räumte alle Sachen wieder zurück, obwohl ich in Versuchung kam, seinen Wohnungsschlüssel an mich zu nehmen. Aber dann beschloss ich, das erst zu tun, wenn er damit einverstanden war.
Ich zog mich also um und fuhr ins Erdgeschoß. Auf dem Parkplatz kletterte ich hinter das Steuer meines VW-Golfs, Baujahr 2000, den meine Mutter vor drei Jahren ausrangiert hatte.
Das war ein sehr flotter Flitzer mit vielen Extras und auch vielen Pferdchen unter der Haube, aber sie war halt vor drei Jahren auf einen Audi TT umgestiegen und hatte mir den Golf überlassen. Für mich war das ein superpreiswertes Auto, da der Wagen immer noch auf meine Mutter angemeldet war und sie Steuer und Versicherung großzügigerweise übernommen hatte. Dafür benutzte sie ihn ab und an, wenn ihr Auto in der Werkstatt war.
Der morgendliche Berufs- und Schulverkehr war voll im Gange und es dauerte fast eine halbe Stunde, bis ich in der besagten Gegend war. Nachdem ich die Straße einmal rauf und runter gefahren war, suchte ich mir einen Parkplatz und ging zu Fuß zu dem Haus, dessen Nummer in der ersten Adresse gestanden hatte. Es war ein altehrwürdiges Haus, machte einen gepflegten Eindruck und wurde offenbar von mindestens zwei Parteien bewohnt. Ich hatte aus dem Wagen meine Digicam mitgebracht, die hatte ich von Vater zum letzten Weihnachtsfest bekommen und so brauch ich ja wohl nicht zu erwähnen, dass das ein edles Teil war.
Ich möchte nicht, dass ihr mich jetzt hier voll für den Bonzen haltet, der nur das Beste hat und kauft und einen Arsch voll eingebildet ist.
Das bin ich in der Tat nicht, aber ich hatte auch nichts dagegen, dass wir nicht jeden Cent dreimal umdrehen mussten, und wenn meine Eltern Geschenke machten, dann war das eben vom Feinsten. Das glaubten sie sich schuldig zu sein und manchmal wollten sie damit auch zeigen, wie sehr sie ihre Kinder liebten, wenn sie auch relativ selten Zeit für sie hatten.
Ich ging nun erst einmal aufmerksam an dem Haus vorbei, betrachtete auch die Nachbarhäuser und stellte fest, dass das gesamte bischöfliche Umfeld hier angesiedelt war. Das ließ den Schluss zu, wenn Marvin hier gewohnt hatte, das seine Eltern, sprich sein Vater, eng mit dem Bistum und dem Bischof zu tun haben würde. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf und so war ich überrascht, als plötzlich die Tür des Hauses aufging und ein junger Mann in meinem Alter heraus kam, der Marvin ähnlich sah.
Ich nahm die inzwischen schussbereite Cam und knipste das Haus und natürlich auch den jungen Mann. Dem entging das natürlich nicht und er schaute zu mir herüber, musterte mich eingehend, allerdings ohne was zu sagen und als ich nun als Ablenkung ein weiteres Bild nur vom rechten Hausteil machte, hielt er mich wohl für einen Touri, der alte Häuser fotografiert.
Vom Aussehen her könnte er ein Bruder von Marvin sein und ich beschloss ihn wenn es ging ein wenig zu beobachten. Die Camera war schussbereit und ich wartete auf eine Gelegenheit, ein besseres Bild von ihm zu machen.
Allerdings musste ich mein Vorhaben direkt noch mal aufgeben, weil ein Auto am Bordstein anhielt und der junge Mann einstieg. Das Auto fuhr auch gleich wieder los, es gelang mir jedoch, den Wagen und das Kennzeichen mit der Digicam fest zu halten. Ich beschloss, nach Hause zu fahren und zu schlafen. Später würde ich die Bilder ausdrucken und das Bild von dem jungen Mann würde ich mit zu Marvin nehmen. Die Nummer des KFZ werde ich meinem Vater geben, der wird für mich den Halter ermitteln lassen. Der hat einen guten Draht zum Polizeipräsidenten, die sind nämlich zusammen im Lions-Club.
Mir fiel ein, dass Eva gesagt hat, das man das künstliche Koma vielleicht morgen schon aufheben würde, um zu sehen, welche neurologischen Schäden nach der OP noch vorhanden waren, und dann wollte man über die Therapie entscheiden. Es konnte durchaus sein, dass Marvin, falls er erwachte, von der Intensivstation auf die Neurologie verlegt würde. Ich müsste meinen Paten fragen, ob er den Neurologen anweisen könne, für mich eine familienähnliche Besuchsregelung zu gestatten. Dann konnte ich jederzeit zu Marvin gehen und mich um ihn kümmern. Eine Verlegung auf die Chirurgie war aber auch möglich, das musste halt der Chef entscheiden.
Da bisher kein Familienangehöriger aufgetaucht war, würde das bestimmt klappen. Ich wollte, wenn ich ausgeschlafen hatte, meinen Paten gleich anrufen und ihm die ganze Sache erklären.
Selbst auf die Gefahr hin, das Marvin nicht schwul war, wollte ich doch alles für ihn tun, was in meiner Macht stand, natürlich auch immer in der Hoffnung, das er zu den zehn Prozent der Menschen gehörte, zu denen ich auch mich auch zählte.
Was mich aber in Gedanken nicht losließ, war die Tatsache, dass ihn entweder noch keiner seiner Familienangehörigen vermisste hatte, oder aber, dass keiner was mit ihm zu tun haben wollte. Da der Unfall polizeilich aktenkundig war, wobei der eigentliche Unfall wohl nicht, sondern wohl das Auffinden und der Einsatz des Notarztes, konnte ich davon ausgehen, dass die Polizei seine Familie über seinen Zustand und seinen Aufenthaltsort unterrichtet hatte.
Ich wagte die wildesten Spekulationen in Gedanken und versuchte eine Erklärung für das Verhalten der Angehörigen zu finden. Über meine Gedanken hatte ich meinen Golf erreicht und startete in Richtung Wohnung, wo mich Fridolin, mein Kater, schon sehnsüchtig erwartete.
Nach einer heißen Dusche, einem kleinen Frühstück und einigen Streicheleinheiten für Fridolin (den Kater meine ich) ging ich ins Schlafzimmer, ließ den Rollladen runter und kroch ins Bett. Bevor ich einschlafe, muss ich Euch noch was beichten. Als ich Marvins Sachen nachschaute, habe ich sein gebrauchtes T-Shirt aus dem Sportrucksack mitgenommen. An diesem Shirt schnüffelte ich mich in den Schlaf und träumte von Marvin und mir.
Fridolin hatte sich ebenfalls in, beziehungsweise auf mein Bett geschafft und sich neben meinen Beinen zusammen gerollt. Der Traum war erfolgreicher als ich mir das vorgestellt hatte und als ich am Nachmittag um 15:30 aufwachte, konnte ich zunächst mal wieder unter die Dusche springen und das Ergebnis meines auf Marvin bezogenen Traumes von meinem
Körper zu waschen. Retroshort und Schlafshirt waren Persilreif. Das war mir jetzt schon ein paar Jahre, genauer seit der Anfangszeit mit Tobias nicht mehr passiert und ich betrachtete es als ein Zeichen meines Verliebtseins in meinen neuen Traumboy. Mir war das keineswegs
peinlich, warum auch, was ist schon schlimm daran, wenn der Körper auf den Seelenzustand reagiert, und außerdem was in meinem Bett passiert, geht ja auch wohl zur Zeit nur mich was an.
Nachdem ich mich geduscht und angezogen hatte, richtete ich mich für die Nachtschicht,
Zurück zum 23.12.2006, 18.00 Uhr
Die Tasse ist leer und über all meinen Gedanken und der Reise in die jüngere Vergangenheit habe ich auch Fridolin vergessen. Der sitzt draußen in der Kälte vor der Terrassentür und wartet darauf reingelassen zu werden. Ich erhebe mich aus dem Sessel, gehe zur Türe und lass den Kater rein. Mit erhobenem Kopf und steil aufgerichteten Schwanz geht er schmollend an mir vorbei, um in der Küche sein heißgeliebtes Aldifutter zu genießen. Andere Sorten brauche ich nicht zu kaufen, die würde er nur fressen, wenn es ums nackte Überleben geht. Spätestens, wenn er satt ist, wird er wieder zu mir kommen und mit mir schmusen oder mit seinem Lieblingsspielzeug, einer Walnuss, spielen, die er vom Nikolausteller stibitzt hat.
Ich räume die Tasse in die Spülmaschine, gehe zurück ins Wohnzimmer und fahre meinen Rechner hoch. Nachdem alles hochgefahren ist, lese ich zuerst meine E-Mails, es sind nicht so viele, weil ich nicht so der E-Mailschreiber bin und deshalb auch nicht viele zurückkommen. Ich bin eher der Typ, der das Telefon benutzt, um Kontakte aufrecht zu erhalten. Das mochte wohl auch daran liegen, das meine Telefonrechnungen, Festnetz und Mobil, immer von meinen Eltern bezahlt werden.
„Ich weiß, ich weiß, der Typ hat’s echt gut getroffen“, werdet ihr jetzt denken, aber ich nutze das nicht sonderlich aus und die Kosten halten sich durchaus in einem vernünftigen Rahmen.
Dafür bin ich aber des öfteren im Internet und im Chat, bei meiner Lieblingswebseite „Nickstories.de“.
Dort bin ich angemeldet, etwa seit ich 18 Jahre alt bin. Ich war damals rein zufällig auf die Seite gestoßen, als ich nach Geschichten über schwule Jungs gesucht habe. Hier gibt es echt gute Stories, die sich von vielen Geschichten in anderen Kanälen dadurch unterscheiden, dass hier nicht der pure Sex im Pornostil im Vordergrund steht, nein, hier gibt es echt gute Stories in die man sich hinein versetzen kann und bei denen man mit den Hauptpersonen mitfiebert. Coming Out-Stories, Love-Stories, Fantasiegeschichten und Dramen, hier war für jedem Geschmack und für jede Gemütslage etwas zum Lesen und zum miterleben.
Manche Nacht habe ich hier verbracht, habe mit Gilfea in Neros „Drachenblut“ auf dem Rücken des Drachen Mithval gegen die Orks gekämpft, bin mit Rafael im Jugendknast gewesen, habe geliebt und gelitten, bin mit „Juli“ durch Höhen und Tiefen der Liebe und natürlich durch Berlin getigert, kenne die „Erdkinder“ von Hyen, genau so gut wie „PigPen“ und viele, viele andere.
Manche Geschichten las ich einmal, viele zwei- und dreimal und einige mehr als fünfmal. „Streetkids“, „Eingeschneit“, „Kopfgeister“ oder „On Tour“ wurden, einmal angefangen, ohne Unterbrechung (Pinkeln und so ausgenommen) gelesen oder besser gesagt, miterlebt.
Chelsea, Nero und Peter sind einige der Autoren, deren Stories ich mit derselben Begeisterung lese, wie ich als 1zwölfjähriger Karl Mays „Winnetou“ oder Astrid Lindgrens
„Brüder Löwenherz“ gelesen habe
Ich kenne viele Geschichten und ihre Helden in- und auswendig und mag sie, finde mich in ihnen wieder und selbst beim dritten oder vierten Mal kommen mir an bestimmten Stellen manchmal noch ein paar Tränen. Soviel zu den Geschichten, wer sie nicht kennt, ist um einiges ärmer und hat viel versäumt. Mir haben diese Stories viel geholfen und ich möchte sie auch in Zukunft nicht missen.
Es gibt dort auch ein Forum mit vielfältigen, zum Teil ernsten, aber auch sehr lustigen Themen und einen Chat, in dem sich täglich eine ganze Menge netter Jungs und auch Mädels treffen, um mehr oder weniger ernsthafte Gespräche zu führen. Hier bekommt man Hilfe oder Trost, wenn es einem mal nicht gut geht, gute Ratschläge, Musiktipps, oder man hört sich die Probleme anderer an und versucht zu deren Lösung beizutragen.
Das ganze ist ein eingetragener Verein mit einem Vorstand und so und allem, was dazu gehört.
Nicht vergessen will ich die einmal im Monat stattfindende Radiosendung, zu der man sich Musik zu einer bestimmten Themengruppe wünschen kann und in der die beiden Moderatoren und deren Gäste, vor allem die Ratgeberin in allen Lebenslagen, Tante Hilde aus Ösiland, allerhand, meist sehr Lustiges und auch viel Blödsinn von sich geben.
Als erstes schaue ich auf der Startseite, ob eine neue Story online ist, wenn ja, dann ist der Lesestoff für den heutigen Abend schon gesichert. Ich sehe, dass eine neue Story eingestellt
ist. „Weihnachten und andere Bescherungen“ heißt sie und ist schon seit gestern online.
Gestern hatte ich aber keine Gelegenheit abends ins Net zu gehen und so werde ich sie halt heute lesen.
Da ich wahrscheinlich vor Aufregung heute Nacht eh nicht gut schlafen kann, hebe ich mir die Story für später auf. Ich gehe in den Chat, aber es ist noch sehr früh und es sind nur wenige Leute anwesend. Irgendwie bin ich unruhig und kann mich nicht konzentrieren. Also verlasse ich das Internet und fahre den Rechner runter. Da ich noch eine angebrochene Flasche Rotwein habe, hole ich mir ein Glas, schenk mir ein und setze mich wieder in Opas Erbstück. Nachdem ich einen Schluck genommen habe, wandere ich in Gedanken wieder in die Vergangenheit.
18.11.2006, 17:40 Uhr, Samstag
Nach einer zügigen Fahrt und 20 Minuten früher als sonst betrat ich die Stationsschleuse, zog meine sterile Kleidung an und betrat den Stationsbereich. Mein erster Blick galt ihm, Marvin, und erst als ich ihn eingehend betrachtet hatte, meine Hand strich schon wieder unbewusst über seine immer noch leicht gestörte rechte Gesichtshälfte, nahm ich Blickkontakt mit Eva auf. Mir fiel gleich auf, das etwas geschehen sein musste und ich ging zu ihr und begrüßte sie. Sie stand am Bett des Herzpatienten und schaute auf die Geräte, die permanent den jeweiligen Zustand des Patienten anzeigten.
„Hallo Eva, hattest du einen einigermaßen ruhige Schicht?“, fragte ich.
Sie hob die Augenbrauen, blickte mir in die Augen und sagte; „Unser Herzpatient wird gleich
abgeholt und operiert, danach wird er wohl wieder herkommen und es kann sein, das dir eine unruhige Nacht bevorsteht. Wenn der jetzt nicht operiert wird, überlebt er die Nacht nicht mehr. Ich hatte sechsmal über Tag den Arzt hier und vor knapp einer Stunde half nur noch der Defi. Wir mussten ihn reanimieren und jetzt bereiten sie den OP vor. Dein Onkel kommt selber, da weißt du, wie es aussieht. Hoffentlich geht alles gut. Deinem Schwarm geht es langsam besser, es gab nichts Negatives und das EEG normalisiert sich langsam. Dr. Beyer (so hieß der Arzt) will ihn morgen früh aufwachen lassen.“
Wir redeten noch ein bisschen über andere Dinge, sie sagte mir, dass sie morgen früh eine halbe Stunde später kommen wolle und ich sagte selbstverständlich, dass das in Ordnung geht. Als Ausgleich wollte sie mir frische Brötchen mitbringen für mein Sonntagsfrühstück.
Wir gaben uns zum Abschied die Hand und ich dachte für mich, dass wir uns ein gutes Stück näher gekommen waren und dass wir noch gute Freunde würden.
Nun kontrollierte ich zuerst gründlich den Infarktpatienten und als dort alles im grünen Bereich war, ging ich zu meinem Schwarm. Ich kontrollierte das EEG, das EkG, Puls und
Blutdruck und überprüfte den Füllstand der Infusionen. Auch den Urinbeutel kontrollierte ich und bereitete einen frischen vor und verkabelte Marvin mit dem neuen Beutel.
Als ich mit meinen Tätigkeiten fertig war, setzte ich mich zu ihm an die Seite, nahm seine Hand, streichelte sie und erzählte ihm von mir. Ich nannte meinen Namen, wer ich war und was ich so machte und auch, wo ich wohnte. Ich erzählte ihm alles, was mir so gerade einfiel, und ich erzählte ihm auch, dass ich schwul war und mich sehr in ihn verliebt hatte. Dabei streichelte ich fortwährend seine Hand und schaute immer wieder in sein Gesicht.
Nach gut einer halben Stunde ließ ich seine Hand gehen und stand auf, um erneut bei unserem Infarktpatienten alle Werte zu kontrollieren. Der Puls war schwach und auch nicht so richtig regelmäßig, der Blutdruck war an der unteren tolerierbaren Grenze. Ich beschloss den Arzt zu rufen, wollte ich doch hier kein Risiko mehr eingehen. Ich klingelte und kurz drauf kam Dr. Beyer. Ich nannte die Werte und er sagte: „Er wird jetzt sofort in den OP gebracht, die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Wir werden vermutlich drei Bypässe legen müssen und ich hoffe, dass er die OP gut übersteht. Wenn alles klappt, dann wird er in drei bis vier Stunden wieder hierherkommen.“ Er verließ den Intensivbereich und kurz drauf wurde der Patient von zwei OP-Leuten abgeholt. Der OP-Bereich war auf demselben Stockwerk und lag dem Intensivbereich gegenüber, so dass keine großen Entfernungen zu überwinden waren.
Drei bis vier Stunden in denen ich nun Zeit hatte, mich um meinen Schwarm zu kümmern. Ich setzte mich wieder zu ihm und redete ruhig auf ihn ein, dabei seine Hand haltend.
Ich erzählte ihm mein halbes Leben, wie ich gemerkt hatte, dass ich schwul war, wie meine Eltern reagiert hatten und so weiter. Dass er mich nicht hören konnte, störte mich dabei nicht. Mir reichte es zu diesem Zeitpunkt voll und ganz, dass es ihm nicht schlechter ging und das ich einfach nur bei ihm sein konnte.
So verging die Zeit und als ich auf die Uhr schaute, waren bereits vier Stunden vergangen. Ich machte mir nun doch Gedanken um unseren Infarktpatienten. Hoffentlich war alles gut gegangen. Wieder kontrollierte ich alle Werte bei Marvin, wechselte zwei Infusionen aus und spritzte die angeordneten Medikamente in die jeweilige Flasche. Nachdem das auch erledigt war, setzte ich mich wieder hin und nahm Marvins Hand, jetzt war ich aber mit den Gedanken bei dem Herzpatienten und ich dachte an seine Familie, drei Kinder, das Jüngste neun Jahre alt.
Es dauerte und dauerte und nach weiteren eineinhalb Stunden kam ein niedergeschlagener Dr. Beyer und da wusste ich sofort, dass die OP nicht gut verlaufen war. „Wir haben den Mann verloren. Das Herz war in einem sehr schlechten Zustand und als der Chef den Brustraum geöffnet hat und wir das Herz gesehen haben, war uns bewusst, das wir nur wenig Chancen hatten, den Kampf zu gewinnen“, sagte er leise und lehnte sich an die Wand, „Es ist immer wieder niederschmetternd, wenn ein Patient auf dem Tisch bleibt. Manchmal möchte ich dann alles hinwerfen und nie mehr einen OP-Raum betreten.“
Ich wusste zunächst nichts darauf zu antworten und hatte in Ungedanken wieder Marvins Hand genommen und streichelte sie. Dr. Beyers Blicke wanderten von meinem Gesicht auf meine Hände und erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, was ich gerade tat und wer mir dabei zusah. Rotwerden und die Hand loslassen war eins und ich murmelte: „Sorry, ich bin wohl etwas durcheinander jetzt.“
Als ich Dr. Beyer dann wieder in die Augen sah, lächelte er leicht, sah zu Marvin, dann wieder zu mir, sah einige Male so hin und her. Er stieß sich von der Wand ab, kam ans Bett
und stellte sich neben mich und sagte: „ Du kannst dich glücklich schätzen, das wir dich alle schon recht gut kennen und wir auch alle sehr tolerant und aufgeschlossen sind. Du musst aber bedenken, dass es genügend Menschen gibt, die dir mit Freuden aus einer solchen Situation einen Strick drehen würden. Nicht einmal die Tatsache, das du ihn streichelst, nein, die Tatsache, das er bewusstlos ist und weder sein Einverständnis noch seine Ablehnung zu
den Streicheleinheiten geben kann, wäre in einem solchen Falle der Ausschlag gebende Punkt, der dir erhebliche Probleme bereiten könnte.“
„Ich weiß“, erwiderte ich kleinlaut, „ich hatte mich wohl wegen der schlechten Nachricht
nicht genügend unter Kontrolle, und ich weiß auch, dass ich das eigentlich nicht dürfte, weil
er bewusstlos ist. Was wollen Sie jetzt tun?“
„Nun, das beste wird es sein, ihn aufwachen zu lassen, dann kann er selber entscheiden, ob er das mag oder nicht“, erwiderte er mit einem leichten Lächeln. Mir fiel ein Stein vom Herzen, hätte mich das doch jetzt echt in Erklärungsnotstand und Schwierigkeiten bringen können.
„Danke, Dr. Beyer“, sagte ich.
Dr. Beyer machte sich nun an den Infusionen zu schaffen, zog vorsichtig den Schlauch aus der Nase. Dann entfernte er die Flasche, in der wohl das Medikament zur Aufrechterhaltung der Bewusstlosigkeit war und ersetzte sie durch eine Flasche Kochsalzlösung. Dorthinein spritzte er eine kleine Menge eines Gegenmittels, um die Aufwachphase einzuleiten. „So, Djortsch, jetzt wird es nicht mehr all zulange dauern, bis der junge Mann aufwacht. Wenn es soweit ist, rufst du mich bitte.“
„OK, mach ich“, antwortete ich, jetzt schon ein bisschen aufgeregt und angespannt. Was würde sein, wenn er aufwacht? Konnte er alles erkennen, wusste er, wer er war und was passiert war.
Unruhig begann ich, immer wieder auf die Geräte zu schauen, um zu sehen, ob es schon eine Veränderung gab, und immer wieder ging ich dicht ran, um auch ja keine zu versäumen. Vor Aufregung begann ich zu schwitzen und malte mir alle möglichen Reaktion Marvins zu der Tatsache aus, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Der Blutdruck war schon etwas angestiegen, auch der Puls war um fünf Schläge höher als vor her. Es kam mir vor, als wenn sein Gesicht nicht mehr so blass war wie vor einer halben Stunde.
Meine Ungeduld wuchs und meine Nervosität stieg ständig. Die Warterei zerrte an meiner
Seele und ich konnte nicht mehr sitzen bleiben. Ich musste einfach etwas tun, also begann ich wieder, ihn zu streicheln. Ich streichelte abwechselnd seine Wangen und seine Stirn, ebenso seine Hände. Das ging so eine Dreiviertelstunde, als er plötzlich leise stöhnte, den Kopf in meine Richtung drehte und die Augen aufmachte. Zunächst schaute er mich an, ohne eine Reaktion zu zeigen. Ich ließ seine Hand, die ich gerade gestreichelt hatte, aufs Bett gleiten und rief über Knopfdruck nach Dr. Beyer. Es dauerte nur zwei Minuten bis der kam und in diesen zwei Minuten gingen Marvins Blicke im Zimmer umher, um immer wieder zu meinem Gesicht zurückzukehren. Dabei verzog er keine Miene und es waren keinerlei Reaktionen zu sehen.
Mein Mund war trocken und ich brachte vor Aufregung keinen Ton heraus, also sah ich ihn einfach nur an, legte alle meine Empfindungen, die ich für ihn hegte in diesen Blick und wartete auf Dr. Beyer. Als Beyer kam, trat ich etwas vom Bett zurück, um ihm Platz zu machen.
Er stellte sich so hin, dass Marvin ihn sehen konnte, nahm seine Hand und fragte; „Herr Trimborn, können sie mich hören. Wenn sie mich hören können, drücken sie meine Hand.“
Offensichtlich erfolgte die gewünschte Reaktion, denn er sagte weiter: „ Gut so, wenn sie mich sehen können, drücken sie wieder meine Hand.“
23.12.2006, 18:30 Uhr
Mein Mund ist trocken geworden, so sehr beschäftigen mich immer noch die Gedanken an die Ereignisse im November. Als ich einen Schluck trinken will, stelle ich fest, dass das Glas leer ist. Also steh ich aus meinem Sessel auf, um mir noch ein wenig nachzuschenken. Jedes Mal, wenn ich die Zeit Revue passieren lasse, bin ich wieder so aufgedreht wie damals. Mit einem neuen Glas Wein setze ich mich wieder in den Sessel und rufe nach Fridolin. Der kommt auch sogleich, springt auf meinen Schoß, rollt sich zusammen und beginnt zu
schnurren. Ich kraule ihn hinter den Ohren und drifte gedanklich wieder ab in die Vergangenheit.
Wieder zurück auf der Intensivstation, noch 19.11.2006, 02:00 Uhr, Sonntag
Marvin war aufgewacht und Dr. Beyer prüfte seine Reaktionen und sprach mit ihm. Ich war sehr aufgeregt und stand am Fußende des Bettes und sog jede Einzelheit in mich auf. Zum ersten Mal sah ich seine dunklen Augen, die unter den dichten, langen Wimpern fast schwarz wirkten. Seine Augen begannen im Zimmer umher zu schauen, zu suchen, zu versuchen etwas zu erkennen, vielleicht etwas Bekanntes, immer wieder am Gesicht des Doktors hängen bleibend, dann an meinem, auf der Suche nach Vertrautem, nach etwas, das man kennt.
„Herr Trimborn, sie hatten einen Unfall, wissen sie das noch? Können sie sich erinnern, was geschehen ist. Sie haben eine Kopfverletzung davon getragen und mussten operiert werden.
An was können sie sich erinnern“, fragte Dr. Beyer
Marvin schaute weiter mit großen dunklen Augen auf den Doktor und versuchte jetzt etwas zu sagen. Es wurde aber nur ein Krächzen und ich meinte herauszuhören. „Durst“, aber es hätte auch alles andere bedeuten können. „Darf er was trinken?“ fragte ich und schaute Dr. Beyer an. „Ja, gib ihm vorsichtig ein paar Schlucke Tee, sein Hals ist bestimmt ausgetrocknet“, antwortete er und ich machte sofort eine Schnabeltasse mit Tee fertig.
Vorsichtig nahm ich das Oberteil des Bettes und stellte es höher, so das Marvin in eine halb
sitzende Position gelangte. Ich unterfasste mit der Linken sein Kinn und setzte die Schnabeltasse an seinen Mund.
Vorsichtig ließ ich den Tee in seinen Mund laufen und er begann den Tee mit kleinen Schlucken zu trinken. Dabei schaute er mich mit seinen dunklen Samtaugen an, so dass ich beinahe anfing zu zittern. Diese Augen waren einfach Wahnsinn. Nachdem er wohl erstmal genug getrunken hatte, zeigte er mir durch Anheben des Kopfes, dass er nicht mehr weiter trinken wollte. Ich setzte die Tasse ab und wollte sie wegstellen, aber als ich mich wegdrehen wollte, hielt mich seine Hand plötzlich fest.
„Wer bist du?“, kam es langsam, aber einigermaßen gut verständlich aus seinem Mund, „und wo bin ich hier?“, wollte er wissen. Doktor Beyer hatte zwischenzeitlich die Werte kontrolliert und sagte jetzt: „ Djortsch, ich lass euch jetzt allein, ich habe schon seit zwei Stunden Feierabend und muss endlich mal schlafen. Seine Werte sind okay und bei dir denke ich ist er jetzt bestens aufgehoben. Ob du noch einen neuen Zugang bekommst, kann man nicht sagen. Wenn was ist, rufe die 271 an, dort sitzt der Chef, der hat die Bereitschaft heute übernommen.
Sein Zustand ist gut, er ist richtig wach und er kriegt alles mit. Mich braucht ihr jetzt nicht mehr und du bist ja fast schon ein richtiger Arzt und deine Motivation ihm zu helfen ist eh nicht zu Toppen. Rede mit dem Patienten und versuche herauszubekommen, wie und wo er den Unfall hatte. Bis morgen und tschüss.“
„Tschüss, Dr. Beyer, und Danke für alles“, sagte ich und selbst Marvin sagte: „ Tschüss“, ein gutes Zeichen, dafür, dass er alles mitbekommen hatte. Dr. Beyer verließ die Station durch die Schleuse und jetzt war ich mit Ihm allein, mit Ihm, in den ich mich so wahnsinnig verknallt hatte.
„Wer bist du“, wiederholte er seine Frage und schaute mich fragend an. Ich nahm all meinen
Mut zusammen und antwortete: „Ich bin der Djortsch Meiser, eigentlich Georg, aber meine Freunde sagen Djortsch zu mir und ich mache hier Dienst auf der Intensivstation. Eigentlich bin ich Student der Medizin, und mache das hier als Nebenjob und auch als zusätzliche praktische Ausbildung und Erfahrung, hier auf dieser Station nur, weil hier gerade krankheitsbedingter Personalmangel ist. Normalerweise arbeite ich in meiner Freizeit auf der Kinderstation.
Du bist Montagnacht hier eingeliefert worden, nachdem man dich in der Dieselstraße gefunden hat. Heute ist Samstag und du hast in einem künstlichen Koma gelegen, damit sich dein Gehirn von der Operation erholen konnte.
Dort hast du wohl längere Zeit in der Dieselstraße bewusstlos gelegen und dann bist du hier am Kopf operiert worden. Du hattest ein Blutgerinnsel im Kopf und das hat massiv aufs Hirn gedrückt.
Das hat auch einige neurologische Reaktionen ausgelöst, die aber hoffentlich in den nächsten Tagen zurückgehen werden.
Möchtest du mir nicht mal erzählen, was du über deinen Unfall weißt, wie es passiert ist und was der auslösende Moment für die Blutung war. Du musst doch hinterher wahnsinnige Kopfschmerzen gehabt haben.“ Ich machte eine Pause und er schien sehr intensiv zu überlegen.
„Lass mich mal ein wenig überlegen, ich heiße Marvin Trimborn, das weiß ich definitiv und ich bin 20 Jahre alt. Ich spiele Handball im Verein und ich glaube, zu wissen, dass beim Handball am Sonntagabend was gewesen ist.“ Er machte eine Pause und schien intensiv nach zu denken. Nach etwa zwei bis drei Minuten begann er, zunächst etwas stockend, dann flüssiger zu reden: „Ich werde mal versuchen, den Ablauf des Sonntagabend zu schildern“, sagte er leise mit einer jetzt wieder klaren, schönen Stimme.
„Wir hatten ein Handballspiel, bei dem es um wichtige Punkte ging. Ich habe vor vier Monaten den Verein gewechselt, aus persönlichen Gründen, und wir haben am Sonntag gegen meinen alten Verein gespielt. In diesem Verein spielt auch mein älterer Bruder und seit ich nicht mehr zu Hause wohne, verstehen wir uns nicht mehr gut. Er hat bei einem Angriff zu Beginn der zweiten Halbzeit den Ball mit aller Wucht direkt auf mein Gesicht geworfen. Ich konnte mein Gesicht zwar noch wegdrehen, aber der Ball traf mich voll seitlich am Kopf und ich schlug wohl danach auch noch mit dem Kopf voll auf den Boden auf.“
Er holte tief Luft und fragte: „Kannst du mir noch etwas Tee zum Trinken geben, bitte?“
„Natürlich, dafür bin ich ja da, um dich zu versorgen und auf dich aufzupassen“, sagte ich und nahm wieder sein Kinn in meine Linke und führte die Tasse an seinen Mund. Wieder trank er langsam und mit Bedacht und seine Augen sagten mir, wann er genug hatte. Gern hätte ich ihn noch länger gehalten und auch noch mehr mit seinem Gesicht gemacht, aber noch traute ich mich nicht, mich durch Worte oder Gesten zu offenbaren.
„Ich muss wohl kurz bewusstlos gewesen sein, denn als ich wieder denken konnte, lag ich schon außerhalb des Spielfeldes und unser Betreuer war bei mir. Ich hatte Kopfweh und war noch ganz benommen. Das Spiel lief bereits weiter und mein Bruder hatte eine Strafzeit bekommen, denn er saß auf der Bank, würdigte mich aber keines Blickes“, erzählte er. „Warum in aller Welt seid ihr so zerstritten, das er dich absichtlich in Lebensgefahr bringt, er muss doch als Handballer wissen, was ein mit voller Wucht geworfener Ball im Gesicht und am Kopf eines Gegenspielers anrichten kann“, fragte ich Marvin.
Den Blick vor sich auf die Bettdecke gerichtet, sagte er: „Ich weiß nicht, ob ich dir das so sagen kann, was der Auslöser für seine Feindschaft zu mir ist. Es bricht mir fast das Herz, denn wir haben uns immer super gut verstanden und haben vor fünf Monaten noch im selben Verein gespielt.“
„Alles, was du mir sagst, fällt unter die Schweigepflicht und wird selbstverständlich absolut vertraulich behandelt. Wenn es dich erleichtert, darüber zu sprechen, dann tu es einfach. Ich habe für alles Verständnis und höre dir gerne zu“, antwortete ich und sagte dann noch: „Ich
mag dich und würde gern mehr von dir wissen.“ Dabei wurde ich leicht rot im Gesicht und schalt mich innerlich einen Tor, weil mein Mund mal wieder schneller war wie mein Verstand, aber mein Herz jubelte, dass ich den Mut gefunden habe, ihm das zu sagen.
„Komisch, ich mag dich auch und ich habe das Gefühl, ich kenn dich schon lange und kann dir vertrauen. Trotzdem habe ich Angst, mich so einfach zu offenbaren. Als ich das letzte Mal Menschen meines Vertrauens gesagt habe wie ich mich fühle, was ich fühle und empfinde, da ist meine intakte Welt schlagartig in die Brüche gegangen. Deshalb habe ich große Angst, über diese Dinge zu reden“, gab er leise und mit gesenktem Blick als Antwort.
Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, ich analysierte alle gesagten und beobachteten Dinge und der Verdacht, oder besser die Hoffnung, Marvin könnte eventuell schwul sein, nahm rapide zu. Ich überlegte fieberhaft, ob ich ihn einfach so fragen sollte, war mir aber noch nicht so sicher. Trotzdem beschloss ich, der Sache jetzt und hier auf den Grund zu gehen. Sein Zustand war stabil und ich hatte keine Befürchtungen, dass das Gespräch schaden würde.
„Marvin, ich möchte dich jetzt etwas fragen, etwas ganz persönliches, von dem ich glaube, dass es so zutrifft. Du musst selbstverständlich nicht antworten, aber ich wäre sehr froh, wenn du mir vertrauen würdest. Ich habe in den letzten 24 Stunden sehr viel über dich nachgedacht, habe das Haus gesucht, in dem du früher gewohnt hast, habe deinen Bruder gesehen, und habe mich gefragt, warum keiner deiner Angehörigen bis jetzt hier war. Nach Abwägen aller Möglichkeiten bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dich deine Familie verstoßen hat, weil du angeblich anders bis, nicht in ihr erzkatholisches Weltbild passt, vielleicht weil du schwul bist?“
Stille, man könnte eine Stecknadel fallen hören, Schweigen, gesenkter Blick, verlegene Röte bis in die Haarwurzeln.
Ich sage: „Schau mich bitte an und sag mir ob ich Recht habe. Ein Nicken würde mir vorerst genügen“, und beobachtete sein Gesicht genau, aufgeregt und übernervös. Was würde jetzt kommen?
Tränen traten in seine Augen und er legte seine Hände vor sein Gesicht. Dabei wollte die Rechte nicht so recht gehorchen, aber er brachte sie mit großer Kraftanstrengung doch so hoch, dass er sein Gesicht bedecken konnte. Er schluchzte herzzerreißend und ich konnte nicht anders, ich nahm ihn in den Arm und streichelte seinen Nacken.
Ich hielt ihn im Arm und wagte kaum zu atmen, eine Flut an Gefühlen überkam mich und am liebsten hätte ich seine Tränen weggeküsst. Er schluchzte in mein weißes T-Shirt und ich merkte bald, dass seine Tränen durchgingen bis auf meine Haut. Nun hatte ich auch Tränen in den Augen und eine innere Stimme sagte mir, dass ich mit meiner Einschätzung der Lage wohl sehr ins Schwarze getroffen hatte.
Ich sagte kein Wort, sondern hielt ihn einfach nur fest und streichelte ihn. Nach etwa zehn Minuten, gefühlte 20 Minuten, hob er den Kopf aus meinem Shirt und sah mich an. „Bist du auch schwul?“, fragte er und schaute mich mit nassen Augen an. „Ja, Marvin, ich bin auch schwul und ich habe mich in dich verliebt, als ich dich hier zum ersten Mal gesehen habe“, antwortete ich und wollte ihn noch fester an mich ziehen.
Er machte sich jedoch los, sah mich gequält an und stieß hervor; „Aber wir sind doch pervers, abgrundtief schlecht, Abschaum, so haben sie mich bezeichnet, als ich ihnen meine Not geschildert habe. Ich will nicht schwul sein, ich will sein wie mein Bruder. Ich will nicht gehasst, ich will von ihnen geliebt werden, so wie sie mich all die Jahre geliebt haben. Sie hassen mich und mein Bruder hat mich absichtlich gefoult, er wollte mich vielleicht sogar töten, weil ich schwul bin. Warum bin ich schwuuul, sag du es mir und warum bist du schwuuul, das ist alles so ungerecht.“
Wieder hielt er die Hände vor sein Gesicht, so als ob er sich schämen würde und er weinte jetzt bitterlich. Ich nahm ihn wieder in den Arm, obwohl er sich anfangs sträubte, sich dann aber doch gehen ließ und sich an mich drückte.
Ich streichelte ihn und wiegte ihn hin und her, als wäre er ein Baby und sagte zu ihm; „Du bist kein Abschaum, ich bin kein Abschaum und du bist liebenswert. Wenn sie dich nicht lieben können, warum auch immer, so will ich dich lieben. Ich, Marvin, ich liebe dich und dass du und ich schwul sind, dafür können wir nichts. Der Gott, der dich und mich erschaffen hat und an den deine Familie so fest glaubt, der hat das so für uns bestimmt, vielleicht, weil wir ja was Besonderes sind. Wir können nichts für unsere Veranlagung und wir haben sie uns nicht ausgesucht. Wir sind nicht krank und Therapien helfen auch nicht. Versuch es einfach, zu akzeptieren, auch wenn es dir jetzt schwer fällt und sei einfach du selbst. Du bist nicht schlecht und auch kein Abschaum, du bist ein sehr liebenswerter, netter und sehr hübscher junger Mann und ich habe mich unsterblich in dich verliebt und möchte dich für immer festhalten.“
Mittlerweile hatte er die Hände von seinem Gesicht genommen und die Arme um mich gelegt.
Er drückte sich immer noch weinend an mich und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Ich würde dir das alles liebend gern glauben, aber sie waren 19 Jahre meine feste Bank und erst als ich fragte, warum ich mich zu Jungs und nicht zu Mädchen hingezogen fühlte, haben sie angefangen mich fertig zu machen. Zuerst sollte ich in ein bayrisches Kloster, eine Therapie machen. Dann sollte ich dem Satan abschwören, der mich besitzen wollte. Sie haben mir alles verboten, was mir irgendwo Freude gemacht hat. Sie nahmen mir den Computer weg und wollten mich im Haus einsperren, fern halten von allen Versuchungen, einfach wegsperren. Ich weiß nicht mehr, wer und was ich bin, was habe ich getan, dass mein eigener Bruder mich tot sehen will. Nur einer hat mir geholfen, Heinz Borchers, er war mein Klassenlehrer im letzten Jahr vor dem Abitur. Er hat mir beigestanden und ihm verdanke ich, dass ich überhaupt noch lebe und dass ich eine eigene Wohnung habe und Unterhalt bekomme. Du musst ihm Bescheid sagen, was passiert ist, bitte.“
„Marvin, ich werde dem Mann persönlich Bescheid geben, aber erst später am Vormittag. Du darfst dich nicht so runter ziehen, du hast gar nichts Böses gemacht oder getan. Du bist nur schwul, das sind viele Millionen Menschen auf dieser Welt; wir sind kein Irrtum Gottes, sondern Menschen wie alle anderen auch, Gute oder Schlechte. Wir sind auf der Welt um zu leben, und auch zu lieben und unsere Liebe ist genauso viel wert wie die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau“, sagte ich zu ihm.
„Mein Vater, er war außer sich, er hat geschrieen, mich geschlagen, meine Mutter hat geweint und mein Bruder hat mich beschimpft als perverse Drecksau, Arschficker und noch viele andere Wörter. Mit einem Schlag war alles Familienleben zerstört und alles nur, weil ich Männer mehr mag als Frauen. Ich weiß nicht, wie ich das verkraften soll. Am liebsten wäre es mir, ich wäre nach dem Unfall gestorben. Dann hätten sie alle wieder Ruhe“, erzählte Marvin weiter.
„So ein Quatsch, so einen Mist will ich von dir nicht mehr hören, du musst dein Leben in die Hand nehmen, nicht wegwerfen. Du musst anfangen, du selber zu sein, zu leben, so wie du es möchtest. Du bist erwachsen, stell dich deinen Aufgaben und nimm das Leben an. Ich würde gern dein Begleiter sein auf dem Weg in die Zukunft, ich möchte dir all die Liebe geben, die du verdient hast. Ich möchte deine Familie sein, mit dir lachen, mit dir weinen und mit dir lieben, ich liebe dich so, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe“, sagte ich und nahm
vorsichtig sein Gesicht in meine Hände und näherte mich langsam mit meinen Lippen seinem Mund. Ganz zärtlich legte ich meine Lippen auf seine, bewusst die Augen in seine versenkend und küsste in weich und mit viel Gefühl.
Im ersten Moment der Berührung wollte er den Kopf zurückziehen, aber ich hielt ihn fest und dann gab er nach und hielt nicht nur still, sondern kam mir leicht entgegen. Wir versanken in einem Kuss, einem keuschen, ohne Zungenspiel, ich wollte ihn nicht überfordern, aber es war der schönste Kuss in meinem 24-jährigen Leben und er hielt bestimmt fünf Minuten. Danach war alles anders, ich war so verliebt, dass ich nicht wusste, wohin mit meinem ganzen Glück und so begann ich ihm von mir zu erzählen, ihn zwischendurch immer wieder kurz auf seine schönen, warmen Lippen zu küssen.
Ich erzählte im von meinem Outing, von meiner ersten Liebe, von der Reaktion meiner Eltern, meiner Schwester und von meinem eigenen Kampf mit der Erkenntnis, schwul zu sein. Ich erklärte ihm, das es den meisten nicht so gut geht, wenn sie entdecken, dass sie sich mehr zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen und dass nicht wenige an der Tatsche zerbrechen und ihr Leben selbst beenden. Ich redete und redete, ihn haltend und streichelnd. Er hatte sich gegen mich gelehnt und seinen Kopf an meine Brust gelegt. Er hörte mir einfach nur zu, ließ sich von mir den Nacken streicheln. Ich erzählte ja nun alles schon zum zweiten Mal, das Schöne daran war aber, dass er mir dieses Mal zuhören konnte.
„Möchtest du noch ein bisschen Tee trinken, Marvin?“ fragte ich ihn, nachdem ich etwa zwei Stunden alles über mich erzählt hatte, was mir so eingefallen war. Er hatte sich mittlerweile beruhigt und schmiegte sich immer noch an mich. „Ja, danke, gib mir noch etwas zu trinken. Meinst du, ich dürfte etwas essen, ich habe Hunger“, sagte er und löste sich von mir. Ich nahm die Schnabeltasse und wollte sie ihm an den Mund setzen, aber er griff nach der Tasse und wollte sie selber in die Hand nehmen. Ich ließ ihn gewähren und beobachtete, wie er mit der Tasse umging und stellte fest, dass die Motorik wohl langsam wieder in einen annähernd normalen Bereich kam. Auch Mundwinkel und Augenlid sahen schon wieder etwas besser aus. Es gab also gute Hoffnung auf baldige Normalität, genaueres würde ein EEG zeigen.
Ich nahm das Telefon, und wählte die 271. „Lüdtke“, meldete sich mein Onkel. „Hier ist Djortsch, Onkel Gerd, der Patient auf der Intensiv ist vor drei Stunden aufgewacht, hat mittlerweile Tee getrunken und hat jetzt Hunger. Meinst du, er darf jetzt schon was essen?“,
fragte ich. „Ich komm mal rüber und schau mir den jungen Mann mal etwas näher an, dann sehen wir weiter. Bis gleich“, sagte er und legte auf.
„Was ist, darf ich?“ fragte Marvin und schaute mich mit seinen großen, dunklen Augen fragend an. „Der Chefarzt, der ist auch mein Patenonkel, der kommt jetzt mal her und schaut nach dir und ich denke, er wird dann entscheiden, ob du was zu Essen bekommst und vor allem, was du essen darfst. Er weiß übrigens, dass ich schwul bin und er hat mich immer unterstützt und hat auch meinen Eltern gehörig den Kopf gewaschen, als sie am Anfang Probleme damit hatten, dass ich schwul bin. Er hat mir damals, als meine erste große Liebe mich verließ, nicht im Stich gelassen und hat mich hier auf der Kinderstation in ein Praktikum
gesteckt, das mich sehr schnell auf andere Gedanken gebracht hat. Wenn du wieder besser dran bist, nehme ich dich mit auf die Kinderstation und zeig‘ dir alles“, sagte ich zu Marvin.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Onkel Gerd erschien, er begrüßte uns und setzte sich dann zu Marvin auf die Bettkante. Er nahm sein Handgelenk und fühlte den Puls, obwohl er den auch am Gerät hätte ablesen können. Er hat mir einmal erklärt, dass er so einen persönlichen Kontakt mit dem Patienten herstellt und versucht, sein Vertrauen zu gewinnen.
„Herr Trimborn, oder darf ich Marvin zu Ihnen sagen“, fragte er und als Marvin nickte, sagte er: „Marvin, wie fühlen Sie sich, Djortsch sagte, Sie hätten Hunger?“
„Sagen Sie bitte Du zu mir, mit dem Marvin und Sie habe ich meine Probleme“, sagte Marvin. „Ja, ich habe Hunger und möchte gern etwas zum Essen haben, wenn das jetzt geht.“
„Hast du Kopfweh oder ist dir schwindelig?“, fragte Onkel Gerd, immer noch seine Hand am Gelenk festhaltend. „Wenn nicht, dann werde ich sehen, ob ich etwas zum Essen für dich auftreiben kann.“ Marvin schüttelte vorsichtig den Kopf und sagte: „ Nein, es ist mir eigentlich ganz gut und schwindelig ist mir auch nicht.“
„Du hast jetzt fast eine Woche Zeit gehabt, dich von den Folgen des Unfalls und der Operation zu erholen, aber wir wollen mal langsam mit dem Essen anfangen. Eine Suppe wäre wohl das Beste, denn wenn dir danach übel würde, na ja, du weißt ja, dass eine Suppe problemloser wieder raus kommt als ein Steak. Wir wollen das zwar nicht hoffen, aber sicher ist sicher.
Nach Deiner Operation wäre Brechreiz nicht gut und könnte zu Komplikationen führen. Den Tee hast du ja problemlos vertragen, dann denk ich, verträgst du die Suppe auch. Ich geh dann mal wieder, bei Djortsch bist du ja in den besten Händen und er kann dir beim Essen auch behilflich sein“, sagte mein Onkel und erhob sich vom Bett „Ich schau mal, was sich machen lässt.
Bevor ich gehe, werde ich dich mal von den Infusionen und Messgeräten befreien. Sollte es dir in der nächsten Stunde schlechter gehen, ruft ihr mich sofort. Ich denke aber, dass dein Zustand so stabil ist, dass wir das jetzt so machen können. Morgen früh lass ich dich dann verlegen, mal sehen, auf welche Station.
Das werde ich mit dem Neurologen bei der Visite festlegen. Wenn er nichts dagegen hat, dann bringen wir dich auf der Chirurgie unter, die liegt im selben Stockwerk, wie die Kinderstation, auf der sich Djortsch fast täglich am Nachmittag aufhält. Dann kannst du ihm ja dort ein wenig Gesellschaft leisten, wenn du willst.“
Er ging leicht lächelnd hinaus und ließ uns beide allein und ich setzte mich wieder zu Marvin aufs Bett. „Ich bin froh, dass es dir jetzt offensichtlich gut geht, Hunger ist immer ein gutes Zeichen und dein Gesicht, dein hübsches Gesicht, hat wieder Farbe bekommen und die neurologischen Störungen haben sich schon gebessert. Ich denke mal, wenn du heute Vormittag auf eine normale Station kommst, wirst du dich auch gleich besser fühlen. Dort
kannst du dann erstmal baden, und wenn du dich nicht traust, dann bade ich dich am Nachmittag, wenn ich dich besuchen komme. Wenn du dann frisch bist, werde ich dir mal die Kinderstation zeigen und dich mit meinen Schützlingen bekannt machen.
Mal sehen, was Dr. Beyer sagt, wenn er um 08:00 Uhr kommt. Um 06:00 kommt Schwester Eva, eine ganz Liebe und eine tolle Frau, die mit einer anderen Frau zusammen lebt. Also jemand, der durchaus versteht, dass ein Mann auch Männer lieben kann und darf“, sagte ich zu Marvin. „Sie hat gleich erkannt, wie viel du mir bedeutest und dass ich mich in dich verliebt habe.“
Marvin wurde wieder etwas rot im Gesicht, und meinte schüchtern: „Dass das jemand so einfach akzeptiert, ohne blöde oder böse Kommentare, das ist so neu für mich und kaum vorstellbar, es macht mir aber auch Mut, vielleicht bin ich, und auch du, gar kein Abschaum.
Ach, Scheiße, ich weiß im Moment echt nicht, was ich glauben soll.
Mein Herz würde dir gern glauben, aber mein Verstand und der Verband um meinen Kopf sagen mir, dass es viele Menschen gibt, die anders darüber denken. Meine Familie gehört auf jeden Fall zu denen, die uns für minderwertigen, widernatürlichen Abschaum halten, der therapiert oder ausgemerzt werden muss.“
Ich nahm ihn einfach in den Arm und hielt ihn fest. Dann fiel mir aber heiß ein, dass wohl irgendwann demnächst eine Suppe kommen würde und da sah es bestimmt nicht so gut aus, wenn wir eng umschlungen auf dem Bett saßen. „Warum lässt du mich jetzt so schnell wieder los“, fragte Marvin denn auch gleich und ich erklärte ihm, dass ich als Pflegepersonal nicht unbedingt in einer schon eher intimen Lage mit einem Patienten angetroffen werden möchte, weil das unnötigen Ärger geben kann, das wäre aber auch genauso der Fall, wenn er eine junge Frau wäre, man darf das einfach nicht.
„Du weißt ja aus schmerzlicher Erfahrung, dass nicht alle Menschen tolerant genug sind, eine Beziehung unter Männern zu akzeptieren. Hinzu käme hier noch die Tatsache, dass du mir als Patient anvertraut bist, und da darf man das eben auch nicht Und ich möchte mir hier auf der Arbeit keinen Stress einhandeln. Wenn du nicht mehr mein Patient bist, und das ist spätestens dann, wenn du auf einer anderen Station liegst, dann werde ich meine Liebe zu dir nicht mehr verstecken, vorausgesetzt, du bist damit einverstanden“, sagte ich, drückte ihn noch einmal fest.
„Mir fällt ein, dass ich dich ja heute noch gründlich waschen muss, vielleicht kann ich das ja machen, wenn du was gegessen hast. Ich hoffe, dass du dich von mir lieber waschen lässt als später von Eva, oder?“
Eine leichte bis mittelschwere Röte überflutete sein Gesicht und er guckte mich ganz verstört an. „Du meinst, du willst mich nackt ausziehen und überall waschen?“, fragte er. „Ja, was ist denn da dabei?“, fragte ich. „Du warst doch nach dem Handballspiel auch immer duschen, und das mit vielen anderen nackten Männern. Das hat dir offensichtlich wohl nichts ausgemacht, oder?“
„Da war ich aber auch nicht der einzige Nackte und war auch in keinen von denen auch nur ein bisschen verliebt“, sagte er und schaute verschämt nach unten.
„Marvin, heißt das jetzt wirklich, dass du ein bisschen oder auch etwas mehr in mich verliebt bist, oder wie soll ich das jetzt verstehen?“ fragte ich und wagte nicht zu atmen. Ich schaute ihm fest in die Augen, die er wieder auf mein Gesicht gerichtet hat und warte ängstlich auf die Antwort.
„Ja, ich glaube, das heißt es. Ich war noch nie ihn irgendjemanden verliebt, aber ich glaube bei dir ist es so und es scheint auch nicht nur ein bisschen zu sein. Wenn mir meine Gefühle keinen Streich spielen, dann bin ich in dich verliebt, und zwar sehr verliebt. Aber du musst mir etwas Zeit geben, das muss ich erstmal verarbeiten. Nach all dem Kummer, den mir meine Veranlagung bereitet hat, muss ich wohl erstmal lernen, meine Gefühle zu begreifen und sie als etwas Normales, Schönes anzunehmen. Ich werde noch viel Hilfe brauchen, alles so zu akzeptieren und zu leben, wie du es tust. Wenn du mich auch lieb hast, dann wirst du mir und dir Zeit lassen, diese Liebe kennen zu lernen, uns aufeinander zu zu bewegen und die bösen Erfahrungen vergessen machen.“
Ich war tief gerührt und wollte etwas erwidern, aber er sprach weiter und sagte; „Du darfst nicht unterschätzen, dass meine Familie alles tun wird, mich von hier zu vertreiben oder mich vielleicht sogar umzubringen, der so genannte Unfall war mir eine ernsthafte Warnung. Einem schwulen Sohn kann sich mein Vater aus familiären, und aus beruflichen Gründen erst recht, nicht leisten.
Er ist ein hoher kirchlicher Mitarbeiter in einer leitenden Funktion im Bistum und nur der Bischof ist sein Vorgesetzter. Da kommt ein schwuler Sohn nicht gut, und einer, der dann noch uneinsichtig ist und weder einer Therapie noch einem Einzug in ein Kloster zustimmen will, erst recht nicht. Mein Bruder ist ein williges und fanatisches Werkzeug, als Theologiestudent und fanatischer Katholik ist er widerspruchslos bereit, den Willen meines Vaters mich betreffend in die Tat umzusetzen. Ich werde sehr aufpassen müssen, dass sie mich nicht noch einmal an den Rand des Todes bringen können.“
„Nun, ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um zu deinem Schutz beizutragen. Wenn meine Schicht zu Ende ist, werde ich versuchen, mehr über deinen Bruder und die Pläne deiner Familie heraus zu bekommen. Mein Vater hat einige Möglichkeiten, Informationen zu beschaffen und auch, wenn nötig, für einen Schutz für dich zu sorgen. Wir werden das schon schaffen. In deine Wohnung gehst du erstmal nicht zurück, wenn du hier entlassen wirst, dann kommst du erstmal zu mir und wir werden zusammen ein schönes Weihnachtsfest feiern“, sagte ich, um ihn zu beruhigen, aber auch, damit er wusste, dass er mit seinen Ängsten nicht alleine war.
Dann fiel mir ein, wenn er ja heute Morgen verlegt würde, brauchte er auch andere Sachen, Unterwäsche, Schlafanzug und vielleicht noch Jogginganzug und Bademantel, Zahnbürste und so weiter. „Wenn du möchtest, hole ich dir aus deiner Wohnung die notwendigen Sachen für die nächsten Tage, wenn du das aber nicht möchtest, dass ich allein in deine Wohnung gehe, dann hol‘ ich dir Sachen von mir“, sagte ich zu ihm.
„Ich möchte von Anfang an keine Geheimnisse vor dir haben und ich habe auch nichts zu verbergen, du kannst meinen Schlüssel nehmen und alle Sachen holen, die ich brauche. Ich weiß ja nicht, wie lange ich hier bleiben muss, aber du kannst ja immer noch mal hin und was holen, wenn was fehlt“, antwortete er und sah mir dabei in die Augen. Ich wollte ihn gerade in den Arm nehmen und küssen, als ich die Schleusentür hörte. Sein Essen kam.
Ich nahm das Essen an der Türe zur Station entgegen. Es war ein Warmhaltegedeck, wie sie in Krankenhäusern üblich sind, und als ich den Deckel aufhob, war eine Cremesuppe, Spargel oder so was darin, noch gut heiß und sogar angenehm duftend.
Da auf der Intensivstation keine Nachtschränke stehen, an denen man ein Teil über das Bett klappen kann als Tisch, hielt ich das Tablett, das ich auf seinem Schoß abgestellt hatte, fest,
damit er ordentlich essen konnte. Leider ging das mit dem rechten Arm noch nicht ganz einwandfrei und so nahm ich dann den Löffel aus seiner Hand und fütterte ihn, was ich natürlich sehr gern machte. „Bis zum Genuss der Weihnachtsgans bei meinen Eltern kannst du deinen Arm wieder richtig gebrauchen. Ab Morgen, auf der Station, beginnen die Reha-Übungen und immer wenn ich zu dir komme, üben wir noch ein wenig.“
Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es schon gleich halb sechs Uhr ist. In einer halben Stunde, halt heute ja erst um halb sieben, würde Eva kommen und mich ablösen und ich würde dann erst mal nach Hause fahren und meinen Eltern beim Frühstück von meinem neuen Glück erzählen. Auch würde ich meinen Vater bitten, zu überlegen, wie wir Marvin vor den Bedrohungen durch seine Familie schützen konnten. Mein Vater, habe ich schon einmal erwähnt, hat wahnsinnige Beziehungen in Köln, auch den Polizeipräsidenten haben wir schon bei uns zu Gast gehabt und viele Leute aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens kennen ihn und er kennt sie. Der Lions-Club verbindet sie und gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich.
Mal sehen, ob da nicht was zu machen war. Außerdem nahm ich mir vor, die Handballclubs, den alten und den neuen zu kontaktieren, um Einzelheiten über das Foul und die Folgen, bzw. deren Einschätzung im Kreis der Mitspieler und der Trainer zu erfahren. Zunächst wollte ich aber nach dem Frühstück die Wohnung meines Schatzes in der Dieselstraße aufsuchen und ihm die notwendigen Sachen holen. Was dann noch fehlte, würde ich bei mir holen oder kaufen. Das ganze Zeug würde ich dann noch schnell in die Klinik bringen, damit er was Vernünftiges zum Anziehen hat, und nicht in dem berühmten OP-Hemdchen und einem Papierslip rumlaufen musste.
„Ich bin satt, Djortsch, danke, dass du mir geholfen hast, so ging es jedenfalls besser“, sagte
Marvin. Ich stellte das Tablett raus in die Schleuse und holte dann das Waschzeug. Als Marvin sah, was ich vorhabe, wurde er leicht rot und fragte: „ Muss das jetzt wirklich sein?“ „Marvin, erstens habe ich das während deiner Bewusstlosigkeit auch schon gemacht, es ist also für mich etwas, was zu meiner Arbeit gehört.“ „Wolltest du nicht fragen, ob ich baden kann?“, sagte er. „Das wäre mir lieber, denn in der Wanne könnte ich mir bestimmte Teile meines Körpers selber waschen, wenn du sie waschen würdest, dann wäre das bestimmt mit Peinlichkeiten verbunden.“
„Es muss dir zwar nicht peinlich sein, was dabei passieren könnte, aber wenn du lieber baden möchtest, wirst du warten müssen, bis du auf eine andere Station verlegt wirst, hier auf Intensiv ist kein Wannenbad. Also entweder Waschen mit Djortsch, oder Baden später mit jemand anderem.“
„Äh, hm, ja, gut, dann eben Waschen mit dir, aber du darfst mich nicht auslachen, wenn sich etwas regt bei mir. Dafür kann ich nichts.“ „Ich werde dich nie auslachen und wenn sich bei dir was regt, kannst du davon ausgehen, dass das bei mir nicht anders ist, mit dem einzigen Unterschied, das ich nicht nackt bin. Also, fangen wir an?“
„Ja, mach, bevor noch diese Eva kommt und alles mitkriegt, was hier beim Waschen abgeht“,
sagte er und schloss einfach die Augen, legte sich zurück und ließ mich gewähren. Ich richtete ihn zunächst wieder auf, wusch sein Gesicht, den Hals und den Nacken. Dann trocknete ich zunächst mal Gesicht und Hals ab, bevor ich begann, seine Brust und seinen Rücken zu waschen.
Ich bemühte mich ernsthaft, das absolut unerotisch zu tun, aber sein Gesichtsausdruck sagte mir trotz geschlossener Augen, dass er das schon etwas genoss.
Ich legte ihn nun zurück und zog die OP-Hose runter und begann, in untenherum, vorn und hinten zu waschen und abzutrocknen. Ich bemühte mich um coole Professionalität, konnte aber nicht verhindern, das meine Tätigkeit Auswirkungen auf Marvin und auf „Klein-Marvin“
hatte, wobei“ klein“ jetzt nur was über das Verhältnis zur wahren Körpergröße aussagt.
Was da vor sich hin stand, konnte sich durchaus sehen lassen und blieb auf mich auch nicht ohne Wirkung. Er ist nicht beschnitten, also musste ich zum Waschen noch etwas mehr Hand anlegen, und als ich dann mit dem Waschlappen an seine empfindlichsten Stellen kam, wurde, von einem tiefen Seufzer begleitet, die Feuchtigkeit im Waschlappen schubweise drastisch mehr und Marvins Gesichtsfarbe näherte sich dem Farbton Ral 3000 (Feuerwehrrot).
Ich tat natürlich so, als wäre nichts passiert, wusch den Waschlappen aus und zog , nach gründlichem Abtrocknen den nicht aus der Calvin Klein Kollektion stammenden Slip wieder hoch, um mich dann der Reinigung der Beine und Füße zu widmen. Als das auch geschehen war, und Marvin immer noch mit geschlossenen Augen dalag, gab ich ihm einfach einen Kuss auf den Mund. „So, mein Kleiner, das war die Reinigung, ich hoffe, es war dir nicht allzu unangenehm“, sagte ich mit leichtem Lächeln im Gesicht.
Ein Auge, das linke, öffnete sich vorsichtig und beäugte mein Gesicht. „Spotte du nur“, kam es über seine Lippen, „mal sehen, wenn ich dich so waschen würde, ich glaube, es würde dir nicht besser ergehen.“
„Wir können das ja bei Gelegenheit mal versuchen und dann sehen wir ja, was passiert“, antwortete ich und piekte mit einem Finger leicht in seinen schönen Bauch. „Jedenfalls gibt’s jetzt auch in meiner Hose einen gewaltigen Aufstand, und das ist mir jetzt aber gar nicht peinlich.“
„Ich muss erstmal lernen, mit dieser Situation umzugehen, und zu akzeptieren, dass sich mein Leben drastisch verändert hat. Vor fünf Monaten zum Schlechten und heute zum Guten, zu etwas, das ich noch gar nicht richtig kenne. Ich wollte es vorher nie für mich wahr haben, dass ich schwul bin, dass ich Männer mag, dass ich jetzt sogar einen Mann liebe. Djortsch, ich bitte dich, spiel nicht mit mir, ich könnte es nicht ertragen, wenn du nicht ehrlich zu mir bist.
Wenn du mich wirklich liebst, dann werde ich dich auch lieben, bedingungslos und wenn es nach mir geht, für immer. Ich fühle Dinge in mir, die ich vorher nie gefühlt habe und deine Nähe macht mich froh. Bitte, lass mich nicht mehr alleine, ich weiß jetzt ganz tief in meinem Herzen, dass ich dich über alles liebe“, sagte er leise zu mir und ich sah Tränen in seinen Augen.
Ich konnte nicht anders, ich musste ihn jetzt in den Arm nehmen und küssen, diesmal begann ich mit der Zunge über seine Lippen zu streichen und nach kurzer Zeit öffnete er zögernd seinen Mund und meine Zunge begann seine zu suchen. Als sich die beiden Zungen trafen, war das wie ein Stromstoß, als würden wir miteinander verschmelzen und um uns versank für einen langen Moment alles in einem rosaroten Nebel.
„Na, das hat ja schneller gefunkt, als ich erwartet habe!!“ EVA !!!!!!!!!!!!!!
Wir fuhren erschrocken auseinander und wurden beide rot (wieder Ral 3000) und ich löste mich von meinem Schatz. „Na, da gratulier‘ ich euch beiden mal von ganzem Herzen, ihr seid ja ein richtiges Traumpaar, würde ich mal sagen. Das müsst ihr mir aber bei Gelegenheit, am besten bei einem Kölsch, erzählen, wie das jetzt so schnell geklappt hat mit euch beiden“, legte Eva gleich noch einen nach.
Ich hatte als erster von uns beiden die Sprache wiedergefunden und begrüßte Eva: „Hallo Eva, schön dich zu sehen, ja, es ist einiges passiert zwischen uns beiden. Darf ich dir meinen Schatz Marvin, aufgewacht und frisch gewaschen, vorstellen, und dir seine weitere Betreuung bis zu seiner Verlegung auf eine andere Station besonders ans Herz legen?“
Marvin, immer noch etwas rot im Gesicht, sagte nun auch: „Guten Morgen, Schwester Eva.“
„Guten Morgen, ihr beiden, und die Schwester lassen wir einfach weg. Sag Eva zu mir, so nennen mich meine Freunde und Djortschis Freund ist auch mein Freund. Hand drauf“, sagte
sie und nahm seine Hand und küsste ihn links und rechts auf die Wange.
„So“, sagte sie, „jetzt schicken wir deinen neuen Schatz mal nach Hause, wie ich ihn kenne, hat er jetzt einen Haufen Dinge zu erledigen und er wird bestimmt nicht ewig wegbleiben. Sieh mal zu Djortsch, dass du etwas für das textile Outfit deines Schatzes besorgst, nicht das er mit Papierhosen und OP-Hemdchen auf eine Station kommt. Hier ist er ja relativ allein, da ist das nicht so wichtig, aber dort ist ja wesendlich mehr los und da sollte er schon nicht negativ auffallen.“
„Das haben wir schon besprochen und das ist das Erste heute Morgen, danach Frühstück mit meinen Eltern, das heute Morgen sehr wichtig ist. Marvin kann dir, wenn er will, ja nachher mal ein bisschen erzählen über das letzte halbe Jahr seines Lebens. Bis bald, ihr beiden.“, sagte ich, um mich dann mit einem Kuss von Marvin und einem Händedruck von Eva zu verabschieden. Es gab einiges zu tun und ich wollte nicht trödeln, wollte ich doch bald wieder bei ihm sein.
In der Schleuse holte ich aus seinen Sachen den Schlüsselbund und nahm auch den Geldbeutel mit seinen Papieren mit. Den Ausweis würde ich zu Hause kopieren und die Daten meinem Vater geben, der konnte sie dann bei Bedarf weitergeben und etwas zum Schutz von Marvin organisieren. Denen wird schon was einfallen, dachte ich für mich.
Nach Erreichen meines fahrbaren Untersatzes machte ich mich auf den Weg zu Marvins Wohnung in der Dieselstraße. Das ist gleich beim Güterbahnhof, nicht gerade allererste Wohngegend, aber auch nicht so teuer. Ich nahm mir vor, ihn mal zu fragen, wie er an die Wohnung gekommen ist, seine Eltern würden die wohl kaum besorgt haben, und wovon er im Moment lebte, interessierte mich auch.
Die Wohnung lag im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses und hatte direkten Ausblick auf den Güterbahnhof mit all seinem Lärm und all seiner Pracht. Das ist nur was für Märklinfans, dachte ich für mich. Sie war relativ spartanisch eingerichtet, hatte zwei Zimmer, eins davon mit integrierter Miniküche und ein Duschbad mit Toilette. Sauber, auch nach einer Woche Abwesenheit und fast nur mit dem Nötigsten eingerichtet, hatte sie doch eine persönliche Note.
Als ich seine Wäsche und Kleider holte, fiel mir auf, das eine Stofftierkatze von Steiff (Knopf im Ohr) im Bett liegt, die Marvin offensichtlich als Kuscheltier benutzte. Die nahm ich selbstverständlich mit, ich dachte, die tut ihm gut, wenn ich nicht bei ihm bin. Im Bad packte ich noch Zahnbürste, Duschzeug und Rasierzeug ein, es sollte ihm an nichts fehlen. Ich hoffte, dass ich nichts vergessen habe, wenn doch, konnte ich ihm ja noch was von mir mitbringen, wenn ich ihn später am Tag wieder besuchen würde. Ich schaute mich noch einmal gründlich um und stellte fest, dass mein Schatz hier absolut nur das Nötigste hatte und ich nahm mir vor, wenn er einverstanden ist, dass er hierher nicht mehr zurückkommen würde. Ich würde ihn darum bitten, bei mir einzuziehen und hoffte, dass er einwilligt.
Als ich die Wohnung verließ, öffnete sich die Tür gegenüber und ein Mann, so um die 70 Jahre, stand dort und schaute mich an. „Guten Morgen“, sagte ich und wiollte ins Treppenhaus verschwinden. „Warten Sie bitte mal“, kam es von ihm und so blieb ich stehen und schaute ihn an. „Ja, bitte, was möchten Sie?“, fragte ich den alten Herrn. „Können Sie mir sagen, wo der nette junge Mann abgeblieben ist, der Herr Trimborn?“, fragte er und schaute mich erwartungsvoll an. „Herr Trimborn hatte einen Unfall, und liegt zur Zeit im Krankenhaus, und wird wohl auch noch ein Weilchen dort bleiben müssen“, sagte ich.
„Das tut mir aber Leid, der ist immer so nett und hilft uns immer“, sagte der Mann, „und erst vorgestern war ein junger Mann hier, der sah Herrn Trimborn ähnlich und der fragte, ob das hier seine Wohnung sei. Vom Hausmeister weiß ich, dass der junge Mann versucht hat, über den Hausmeister in die Wohnung zu gelangen, der hat aber nicht aufgemacht, weil der andere keine Vollmacht von seinem Bruder hatte, und als der Hausmeister wissen wollte, was passiert ist und wo sein Bruder ist, da ist er dann abgehauen.“
„Das war bestimmt sein Bruder, und der ist an dem Unfall von Marvin nicht unschuldig, wenn der noch mal hier auftaucht, dann rufen Sie mich an, hier haben sie meine Karte, da steht meine Nummer drauf. Marvin geht es besser, er ist operiert worden und erst heute Nacht aufgewacht. Ich habe jetzt Sachen für ihn geholt, weil er auf eine andere Station verlegt wird“, antwortete ich. „ Sagen Sie ihm, dass wir ihm alles Gute wünschen und dass er bald wieder gesund wird“, sagte der Mann und ich bedankte mich und sagte, dass ich es ausrichten werde.
Nun aber los, erst zu Marvin und dann nach Hause, Frühstück mit den Altvorderen, und Austausch von wesentlichen Neuigkeiten, von wegen Schwiegersohn und so. Hihi, war mal gespannt, was sie sagen, dass ihr Jüngster noch mal unsterblich verliebt ist. Sie würden sich bestimmt sehr freuen, hoffte ich und mich dabei unterstützen, Marvin vor seiner Sippe und ihrem fanatischen Hass zu schützen. Wie ich meinen Vater kannte, würde er zur Höchstform auflaufen, und das will schon was heißen.
Mit ziemlichem Schwung bog ich auf den Parkplatz an der Klinik ein und hätte beinah noch einen Absperrposten niedergebrettert. Verliebte und Auto fahren, das passt nicht zusammen, oder? Ihr schmunzelt, ist es euch auch schon so ähnlich gegangen? Mit der Tasche mit den Sachen machte ich mich sofort auf den Weg zur Intensivstation, und kam gerade richtig, um Marvin die Sachen zu geben. Er saß schon in einem anderen Bett, das von der Station gebracht wurde und wartete nur noch darauf, dass Eva alle Unterlagen und seine Sachen mit
auf das Bett packte. Eine Schwester und ein Zivi warteten nur darauf, Marvin auf die Chirurgische zu verlegen.
Ich legte seine Tasche mit den Sachen auf sein Bett und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich habe Deine Miezekatze eingepackt, damit du wen hast, wenn ich mal nicht bei dir bin. Viel Grüße und gute Besserung von dem alten Herrn gegenüber soll ich dir sagen, der hat ja richtig von dir geschwärmt.“
Marvin wurde wieder ein bisschen rot, sagte aber dann: „Danke, dass du das alles für mich tust, ich hoffe, ich kann dir das alles wieder gut machen.“ „Papperlapapp“, sagte ich, „was ich bisher getan habe war nichts besonderes und ist selbstverständlich, wenn man sich mag. Ich fahre jetzt erstmal nach Hause und rede beim Frühstück mit meinen Eltern. Wir werden einen Plan machen, wie das alles weitergeht. Denk immer daran, du bist nicht mehr allein und ich werde alles für dich tun, was in meiner Macht liegt.“
„Bitte gib mir noch einen Kuss, bevor du gehst“, flüsterte er an mein Ohr. Ich schaute ihn an und flüsterte zurück: „Gerne, wenn du das willst, das ist eine schöne Erklärung an mich und ich bin so froh, das ich dich finden durfte. Ich liebe Dich.“ Sanft drückte ich meine Lippen auf seinen warmen Mund und diesmal schloss ich die Augen und genoss den Kuss bis in die Haarspitzen. Wenn er mich küsst, versinkt alles um mich rum und erst das Räuspern von Eva holte uns wieder in die Wirklichkeit zurück.
„Ich will ja das junge Glück nicht stören, aber ihr haltet den Betrieb auf und knutschen könnt ihr später immer noch. Außerdem warten hier noch zwei Mitarbeiter darauf, den Marvin auf seine Station zu bringen. Und du Djortsch, mach dich mal nach Hause, und rede mit deinen Eltern. Später kannst du ja dann wieder kommen und Marvin oben besuchen“, wurde ich von Eva hinauskomplimentiert.
Also machte ich mich nach einem weiteren Kuss mit Marvin und einem Knuff von Eva auf den Weg nach Hause, unterwegs besorgte ich noch Brötchen für das gemeinsame Frühstück mit meinen Eltern, Eva hatte zwar wie versprochen welche mitgebracht, aber die werden für uns drei nicht reichen. Wir frühstücken öfters am Sonntag, wenn ich die Zeit dazu habe, und es ist jetzt bald 09:00 Uhr, da werden sie schon munter sein und bestimmt auf die Brötchen warten, die ich mitbringe.
Zu Hause angekommen, klingelte ich gleich oben, ich hatte zwar auch von da einen Schlüssel, den benutze ich aber nur, wenn ich weiß, das keiner zu Hause ist. Man will ja schließlich nicht stören, denn es soll ja auch Leute über 50 geben, die ab und zu noch ein bisschen Gymnastik miteinander treiben und da will man ja nun auch nicht unbedingt reinplatzen.
Meine Mutter öffnete schon fertig angezogen und gut aussehend und meint: „Heute kommt der Brötchenexpress aber etwas später als erwartet, wir wollten gerade schon ein Taxi rufen und in die City zum Frühstück fahren.“ „ Dann hättest du dich aber schwer geärgert hinterher, hättest du doch echt wichtige Neuigkeiten verpasst, das wäre doch fast nicht auszudenken, oder?“, erwiderte ich mit leichtem Grinsen und schob sie zur Tür rein und folgte ihr ins Esszimmer.
Der Tisch war gedeckt, der Kaffee duftete und mein Vater saß hinter der Morgenzeitung und wartete ebenfalls auf die Brötchen. „Hat der Bäcker verpennt, oder warum kommen die Brötchen so spät heute“, sagte er die Zeitung weglegend und blickte mich erwartungsvoll an.
„Der Bäcker ist unschuldig, Schuld hat euer Sohn, der sich wohl Hals über Kopf in einen ganz süßen Jungen verliebt hat und deshalb heute Morgen später als sonst zum Bäcker fahren konnte“, war meine Antwort, denn ich bin halt einer, der immer gern mit der Tür ins Haus fällt.
„Na, das sind aber mal Neuigkeiten am frühen Morgen, da bin ich ja mal gespannt, ob wir einen netten Schwiegersohn bekommen“, wusste mich meine Mutter angenehm zu überraschen. „Wie heißt er denn und wo wohnt er, wann stellst du ihn uns vor?“, fragte sie beim nächsten Atemzug und schaute mich gespannt an. „Mama, drei Fragen auf einmal, mach mal langsam. Er heißt Marvin Trimborn und liegt bei uns auf der Station, das heißt, er lag dort. Jetzt ist er verlegt, ich denke, auf die Chirurgie.“
Ich erzählte ihnen während des Frühstücks alles über Marvin, was ich wusste, über seine Familie, seine Ängste und Sorgen, über unsere Hoffnungen und Pläne und ich wurde nur unterbrochen, wenn mein Vater noch mehr Einzelheiten wissen wollte. Wir waren längst fertig mit Essen, als ich mit meinem Bericht zu Ende war.
„Gut, dass heute Sonntag ist, da werde ich mich mal gleich um ein paar Dinge in dieser Angelegenheit kümmern. Ich schreibe mir mal noch die Daten, die Adressen und die eine Autonummer auf, mal sehen, was ich in Erfahrung bringen kann. Auch um die Handballgeschichte werde ich mich mal kümmern. Du bleibst aus dem Schussfeld, kümmerst dich um deinen Marvin und deine Verpflichtungen auf der Kinderstation. Du musst dort zumindest Absprachen treffen, du weißt doch, das die Patienten fest damit rechnen, dass du am Sonntagnachmittag dort auftauchst und vielleicht lässt es ja Marvins Zustand zu, das er dich dorthin begleitet, notfalls halt im Rollstuhl. Gerd wird schon nichts dagegen haben, denke ich mal“, sagte mein Vater.
Ab da wusste ich Marvins Anliegen in guten Händen und nahm mir vor, meinen Vater gewähren zu lassen. Er wusste genau, was zu tun sein würde und wer wann und wie helfen konnte, alles ins Lot zu bringen. Es freute mich sehr, dass beide sich mit mir freuten und sich voll für Marvin und mich einsetzten.
„Leg dich mal ein paar Stunden ins Bett, mein Junge, und dann fährst du wieder zu ihm und zu den Kleinen. Deine Mutter und ich werden uns mal um die anderen Dinge kümmern und dann werde ich auch noch ein Gespräch mit Gerd führen. Man kann Marvin unter anderem Namen auf einem Einzelzimmer unterbringen, vielleicht sogar auf der Kinderstation. Da wird ihn niemand suchen oder vermuten und er ist dann auch in deiner Nähe, wenn du dort bist“,
meinte mein Vater und erhob sich. „Es gibt viel zu tun, geh du ins Bett“, meinte er in Anlehnung an die Werbung.
Ich ließ mir das jetzt nicht zweimal sagen und suchte meine Wohnung auf. Eine heiße Dusche mit einer kleinen erotischen Einlage, ich musste wohl zu intensiv an die Waschaktion mit Marvin denken, und dann war ich auch schon fertig für ein paar Stunden Matratzenhorchdienst, natürlich nicht ohne Marvins T-Shirt.
Wohlig und mit einem tiefen Glücksgefühl schlief ich ein, um vier Stunden später, gegen 14:00 Uhr und einigermaßen fit, durch den Radiowecker wieder aus dem Schlaf gerissen zu werden.
Aufstehen und Frischmachen, das ging alles sehr flott über die Bühne und bereits eine halbe Stunde nach dem ersten Wecksignal war ich wieder auf dem Weg zur Klinik. Dort angekommen, beschloss ich zuerst, auf die Kinderstation zu gehen und Bescheid zu sagen, dass ich etwas später und wahrscheinlich nicht allein kommen würde.
Ich stellte zunächst fest, dass Schwester Waltraud und Pfleger Norbert Dienst hatten. Mit dabei waren auch noch die Schwesternschülerin Sarah und der Zivi mit dem Namen Boris, zu dem aber alle „Bobbel“ sagten, weil er Boris Becker etwas ähnlich sah.
Ich unterrichtete die im Stationszimmer Anwesenden und erfuhr dabei, dass ein Zimmer am hintersten Ende des Flurs für einen Privatpatienten hergerichtet wurde und ich fragte mich, ob das was mit meinem Schatz zu tun hatte. Ich machte mich dann auf den Weg in die Chirurgie, wo ich meinen Schatz zu finden hoffte. Dort angekommen, meldete ich mich zunächst mal im Stationszimmer und fragte nach Marvin. „Ja, der ist noch hier, wird aber gleich auf eine andere Station verlegt. Der Chef persönlich hat angerufen und das veranlasst“, sagte der Pfleger.
Da ich hier bekannt war, erhielt ich auch problemlos Auskunft und fragte, wer ihn abholen und wann er abgeholt würde. „Nun, ich dachte, dass du ihn jetzt hier abholst, der Chef sagte, er würde das so veranlassen und du wüsstest auch, wohin du ihn bringen sollst. Am besten ist es, du rufst mal auf der 271 an, und fragst nach“, sagte der Pfleger
Ich wählte die 271 und Onkel Gerd meldete sich. „Hi, hier ist Djortsch, ich bin auf der Chirurgie und wollte zu Marvin. Was ist jetzt mit seiner Verlegung?“ fragte ich ihn.
„Djortsch, du bringst Marvin mit all seine Sachen auf eines der Privatzimmer auf der Kinderstation, die habe ich schon informiert und dort wird er solange untergebracht, wie dein Vater und ich es für richtig halten. Er kriegt bis auf weiteres einen festen Zivi zugeteilt, der sich um ihn kümmert und der aufpassen soll, dass niemand unbefugt in Marvins Zimmer kommt. Bring ihn also rüber und hilf ihm beim Einrichten. Er bekommt einen Rollstuhl, soll aber die Kinderstation niemals ohne Begleitung verlassen. Ein zuverlässiger Zivi, der Sohn eines Bekannten, der Junge heißt Sven Krüger, wird sich auf der Kinderstation melden, der soll sich mit dir absprechen, wann er bei Marvin sein soll. Am besten wäre wohl der Vormittag, da bist du ja in der Uni und ansonsten müsst ihr euch halt absprechen. Ich möchte, dass er so wenig wie möglich allein ist. Über Nacht ist die Kinderstation ja zugesperrt, da kann kein Unbefugter rein, und über Tag soll immer einer bei ihm sein.“
„OK, sagte ich, „so find ich das ganz toll und Danke, dass du dich so um ihn, beziehungsweise um uns kümmerst.“ Ich legte auf, packte die Tasche mit den Sachen und ging zu dem Zimmer, in dem Marvin jetzt vorübergehend untergebracht war. „Hallo, da bin ich wieder“, sagte ich zu ihm und begrüßte auch den anderen Patienten mit einem: „Hallo.“ Marvin schaute mich erwartungsvoll an und sagte: „ Ich soll schon wieder verlegt werden, sagte man mir. Was hat das zu bedeuten, gibt es was, was ich nicht weiß?“
„Nein, es ist alles in bester Ordnung, das ist nur eine organisatorische Maßnahme. Wir bringen dich jetzt erstmal dorthin und dann erkläre ich dir die Gründe und helfe dir beim Einräumen. Los geht’s“, sagte ich und schob das Bett in Richtung Tür, seine noch nicht ausgepackte Tasche legte ich unten auf seine Beine. Ich schob das Bett hinaus, über den Flur und dann direkt auf die Kinderstation. Dort angekommen, wurden wir schon erwartet und fast bis zum Ende des langen Korridors geschickt. Hier war das Zimmer 336, ein Einzelzimmer mit Komplettbad und TV und Telefon. Kaum war die Türe hinter uns zugefallen, nahm ich ihn zuerst einmal in den Arm und küsste in sanft auf den Mund.
„Hallo mein Schatz“, sagte ich, „ich habe dich schon vermisst und jetzt erkläre ich dir mal, was los ist. Du bist jetzt in einem Einzelzimmer auf der Kinderstation und wirst auch bis zu deiner Entlassung hier bleiben. Das hat mehrere Gründe. Erstens vermutet dich keiner deiner Verwandten hier auf der Kinderstation und an der Rezeption wirst du auch nicht geführt, das heißt, wenn einer nach dir fragt, dann gibt es keine Auskunft, weil nichts über dich dort steht.
Zweitens bekommst du einen Zivi, der immer bei dir ist, wenn ich nicht in deiner Nähe sein kann und drittens ist die Kinderstation nachts abgeschlossen, damit keine Kids verduften können.
Dadurch ist aber auch gewährleistet, dass kein Unbefugter herein kann. Ich hoffe, dass das in deinem Sinne ist und dir ein gewisses Maß an Sicherheit vermittelt. Außerdem hat das den Vorteil, dass ich, wenn ich nachmittags hier bin, mich um dich, aber auch um die Kinder hier kümmern kann und abends, wenn die Kinder schlafen, dann können wir beide hier noch ein bisschen ungestört kuscheln. Vielleicht stellt mir Onkel Gerd noch ein Bett hier herein, das ich, wenn es mal etwas später geworden ist, gleich hier schlafen kann.“
„Das ist ja echt prima, wie hast du denn das alles so schnell geregelt“, wollte Marvin wissen.
„Ich habe beim Frühstück meinen Eltern von dir und von uns erzählt. Sie freuen sich darauf,
den Schatz ihres Sohnes kennen zu lernen und haben versprochen, alles zu tun, was in ihrer Macht steht um dich, beziehungsweise uns zu schützen und ihre Unterstützung in jeder Beziehung ist uns gewiss. Wie du siehst, war mein Vater schon tätig und hat mit Onkel Gerd die Verlegung auf die Kinderstation organisiert. Er hat sich auch ausgebeten, dass ich mich aus allem raushalte und mich nur um dich und die Kids hier kümmern soll. Wir können sicher sein, das er alle seine Möglichkeiten ausschöpfen wird, dich und mich zu schützen und es wird alles gut werden.“
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Dass ihr euch so um mich kümmert, das ist so lieb und ich bin glücklich, dich bei mir zu haben. Ich bin froh, dich lieben zu dürfen und es wird ständig mehr. Ich beginne, nichts falsches mehr daran zu finden, wenn du mich drückst und mir einen Kuss gibst. Es gibt mir ein gutes Gefühl, ja ich fange schon an es mir zu wünschen, öfter zu wünschen, dass wir uns umarmen und küssen und ich bin mir ganz sicher, dass ich dich wahnsinnig liebe und immer bei dir sein möchte. Du hast mir eine neue Welt erschlossen, du hast mich regelrecht verzaubert, mein großer Magier. Ich liebe dich.“
„Wow, so eine Liebeserklärung hat mir noch niemand gemacht und du machst mich damit unendlich glücklich“, antwortete ich und nahm ihn in die Arme. Unsere Lippen trafen sich und unsere Zungen begannen ein wildes Spiel miteinander, verlangend und nicht mehr so keusch wie noch heute Nacht. Als wir von einander abließen, waren wir beide erregt und
um mich abzulenken, begann ich damit, seine Sachen in den Schrank zu räumen. „Danke“,
sagte er nach einer Weile leise und ich schaute ihn erstaunt an. „Wieso danke, Marvin?“ fragte ich. „Dafür, dass du die Situation jetzt nicht ausgenutzt hast, ich hätte mich nicht gewehrt, wenn du mich ein bisschen verführt hättest, aber vielleicht hätte ich hinterher ein sehr schlechtes Gewissen gehabt. Du hast deiner eigenen Erregung nicht nachgegeben und hast meinen Wunsch, die Sache langsam anzugehen, respektiert. Dafür liebe ich dich noch ein kleines bisschen mehr, wenn das überhaupt noch möglich ist. Du bist das Liebste, das ich kenne und ich bin froh, das du mich liebst“, sagte er leise und schaute mich dabei so an, dass mich ein Kribbeln überlief.
Es klopfte und riss uns so aus unseren Gedanken. „Herein“, rief Marvin und die Tür öffnete sich. Ein junger Mann trat ein: „Hallo, entschuldigt, dass ich störe. Ich bin Sven Krüger und ich bin ab morgen früh hierher abgestellt, um mich um einen Marvin Trimborn zu kümmern. Ich will mich vorab mal vorstellen, weil ich sowieso gerade hier im Haus bin.“ „Hallo, komm herein“, sagte ich. „Ich bin Djortsch Meiser und das ist Marvin Trimborn, der Patient, um den es geht.“ Auch Marvin sagte. „Hallo, guten Tag, dann du bist wohl der Zivi, der mir helfen und der darauf achten soll, das niemand Fremdes in mein Zimmer kommt.“
„Ja, der bin ich und der Chef persönlich hat mich hier eingeteilt. Er kennt meinen Vater gut und mich halt auch und er meint, ich sei der Richtige für diese Aufgabe. Ich will halt von euch wissen, wie mein Dienst hier ablaufen soll und worauf es euch in erster Linie ankommt“, sagte er und schaute uns erwartungsvoll an. Marvin antwortete: „Du musst dich zuerst mit Djortsch absprechen, der kann wohl immer nur nachmittags kommen, da er vormittags auf der Uni ist. Das bedeutet für dich, das du eigentlich Frühdienst hast und am Wochenende wahrscheinlich die meiste Zeit frei hast, weil dann Djortsch hier bei mir ist.“
„Nun, Sven, Marvin hatte einen schweren Unfall, der durch eine Attacke seines Bruders bei einem Handballspiel ausgelöst wurde. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass das mit Vorsatz geschah und wir gehen davon aus, dass die Familie es auch noch ein zweites Mal versuchen könnte, ihm Böses anzutun. Darum liegt er jetzt hier auf der Kinderstation, wo man ihn wohl zuletzt suchen würde und weil ich vormittags in der Woche zur Uni muss, muss jemand bei ihm sein, der aufpasst, das niemand Unbefugtes sein Zimmer betritt, und wenn er sich außerhalb des Zimmers bewegen muss, dann darf er nicht alleine sein. Niemand außer dir und mir und dem Chef natürlich soll ohne weiteres zu ihm gelangen können. Du kannst dir denken, dass wir beide eine große Verantwortung haben und ich muss dich inständig bitten, diese Aufgabe sehr ernst zu nehmen“, erklärte ich ihm den Sachverhalt und die Aufgabe.
Marvin sagte, leicht rot im Gesicht, aber sehr bestimmt: „Es gibt noch was, was du wissen musst, damit du deine Aufgabe auch ernst nimmst. Meine Familie verfolgt mich, weil ich
….. na ja, weil ich schwul bin.“ Schweigen. Dann Marvin wieder: „Wenn du damit ein Problem hast, wenn du Schwule hasst oder sie nicht tolerieren kannst, kannst du diese Aufgabe nicht erfüllen. Djortsch ist der Mann, den ich liebe und mit dem ich nach diesem Krankenhausaufenthalt leben möchte. Ich will dass du das weißt, weil du diese Aufgabe nur erfüllen kannst, wenn du weißt, was ihn und mich verbindet und was meine Leute gegen mich haben. Das ist mir jetzt nicht leicht gefallen, du bist der erste Fremde, dem ich das gesagt habe, und das sagt auch viel darüber aus, ob ich Vertrauen zu dir habe oder nicht. Sag uns jetzt bitte, ob du diese Aufgabe übernehmen willst oder ob du Vorbehalte hast und das lieber nicht machen möchtest?“
Ich war erstaunt, dass hier und jetzt aus seinem Mund zu hören und ich ahnte, dass ihn das eine enorme Überwindung gekostet hatte, sich hier zu outen. Dass er mich dabei auch mit geoutet hatte, war mir eigentlich egal, denn ich würde immer zu ihm stehen und unsere Liebe niemandem gegenüber verleugnen. Die Fronten waren nun geklärt und nun war Sven an der Reihe, seine Meinung und seine Bereitschaft, den Job zu übernehmen oder auch nicht, kund zu tun.
„Also, zuerst mal vielen Dank für dein Vertrauen. Jetzt wird mir auch klar, warum der Chef mich hier bei euch haben will. Er weiß natürlich, dass ich überhaupt kein Problem mit Schwulen habe, weil er nämlich auch weiß, dass mein älterer Bruder schwul ist und ich ein ganz besonders gutes Verhältnis zu diesem Bruder habe.
Unsere Eltern hatten nach einigen Anlaufschwierigkeiten auch keine Probleme damit und so sind wir alle in der glücklichen Lage, Schwulsein als etwas Normales anzusehen. Das dazu, die Tatsache, dass deine Familie dir nichts Gutes will, betrübt mich ein wenig, wird mich aber nicht davon abhalten, alles für dich und deine Sicherheit zu tun, was ich zu leisten in der Lage bin.
Morgen früh um 6:00 Uhr wird die Kinderstation geöffnet und ab dann werde ich für dich da sein, bis dein Djortsch kommt. Wenn du willst, bringe ich meinen Laptop mit und schließe den an, dass wir ins Internet gehen können. Von meinem Bruder weiß ich, dass es ein paar sehr gute Seiten gibt im Internet, da können wir ja mal reinschauen“, sagte Sven zu Marvin und zu mir.
„Das wäre schön, wenn das klappen würde, ich war schon über zehn Monate nicht mehr im Internet und freue mich jetzt schon darauf“, sagte Marvin.
„Dann lass ich euch mal wieder allein, ich habe noch einiges vor und um 17:00 Uhr bin ich mit meiner Freundin verabredet. Ciao, bis morgen früh“, sagte Sven und war schon auf dem Weg zur Tür.
„Stopp“, rief ich, „warte mal noch einen Moment. Wir müssen noch die Handynummern austauschen, damit wir uns immer abstimmen können, und für den Fall, dass mal einer nicht kann. Auch die Nummer von Marvins Anschluss hier kannst du noch in dein Handy eingeben, dann sind wir untereinander immer erreichbar.“
„Gut, dass du daran gedacht hast, Djortsch“, sagte er und wir tauschten die Nummern und trugen den Anschluss von Marvin ebenfalls noch ins Handy ein. „So“, sagte ich, „jetzt kannst du den Rest des Sonntags genießen, wir freuen uns, dass du mit im Boot sitzt bei uns, und ich hoffe, dass über die Aufgabe hinaus ja vielleicht eine gute Freundschaft daraus wird. Das würde ich mir wünschen.“ „Ich wünsche mir das auch“, sagte Marvin und wünschte Sven dann ebenfalls noch einen schönen Sonntag. Dann waren wir wieder allein und es folgten erstmal eine Umarmung und ein langer, zärtlicher Kuss, der diesmal störungsfrei beendet wurde.
„Schön, dass du da bist“, sagte Marvin, „allein fühle ich mich hier noch etwas unsicher. Wie geht es denn jetzt weiter? Hast du jetzt so was wie Dienst hier, oder was machst du?“
„Nun, ich werde jetzt mal einen feschen Rollstuhl besorgen, und dann gehen wir beide, wenn du willst, meine kleinen Patienten besuchen. Wenn du nicht mit willst, dann musst du ganz allein hier bleiben und dich langweilen. Also, kommst du mit?“, fragte ich ihn und wusste eigentlich die Antwort schon im Voraus.
„Natürlich komme ich mit dir, was soll ich hier allein, ich bin nicht müde und deshalb froh, wenn ich mit darf. Dann geht auch die Zeit schneller rum und das Wichtigste ist, dass ich in deiner Nähe bin“, kam es dann auch wie erwartet von Marvin. Ich gebe ihm aus der Tasche einen Trainingsanzug, den kann er dann mal gegen den Schlafanzug tauschen und dann ging ich zum Stationszimmer, um einen der bunten Rollis zu holen.
Als ich zurückkam, brachte ich noch ein bisschen Richtung in seinen dunklen Haarschopf und half ihm beim Besteigen des fahrbaren Untersatzes. Dann rollte er vor mir her zur Tür, und er konnte sogar den rechten Arm fast wieder normal gebrauchen und wir bewegten uns in Richtung Stationszimmer. Dort angekommen, stellte ich Marvin der anwesenden Schwester Waltraud vor und erklärte kurz, warum er hier auf der Station untergebracht wurde.
Dann erkundigte ich mich, ob mit den Kids alles okay war, oder ob es irgendwo Probleme gab.
„Norbert und Bobbel sind in 312, die drei pubertierenden Jünglinge haben wohl Probleme gehabt, sich auf ein gemeinsames Fernsehprogramm zu einigen“, sagte Waltraud. „Ihr könnt ja mal schauen, ob sie eine Einigung erzielt haben. Außerdem hat der kleine Kai in 315 schon dreimal geklingelt und gefragt, wo du bleibst. Dem geht es heute auch nicht so gut, seine Mutter konnte heute nicht kommen und seine Werte waren heute Morgen auch nicht besonders gut. Der könnte ein bisschen Trost gebrauchen, vielleicht kannst du ihm ja was vorlesen“, sagte Waltraud und ich sagte: „OK, dann schauen wir mal bei den Jungs rein und sind anschließend bei Kai. Wenn nachher das Essen kommt, stellst du bitte Marvins Essen in die 336, ich räume das später wieder weg.“
Wir machten uns auf den Weg zu 312 und an der Tür angekommen, hörten wir schon, dass im Zimmer diskutiert wurde. Ich öffnete die Tür, Marvin fuhr vor und ich betrat nach ihm das Zimmer. Im Bett am Fenster lag Jonas, der war zwölf Jahre alt, aber er war der Größte von den Dreien. Er gab auch gerne den Ton an. In der Mitte lag der 13-jährige Günter, ein ruhiger Typ, ein bisschen Muttersöhnchen und an der Tür lag der 14-jährige David, er dürfte wohl der cleverste von den Dreien sein. Norbert und Bobbel saßen auf den Stühlen am Tisch und
hatten wohl bisher erfolglos probiert, einen Kompromiss in Bezug auf das Fernsehprogramm zu finden.
Hallo, Djortsch“, rief David erfreut, als er mich sah. „Wen hast du denn da mitgebracht?“
Sofort war eine aufmerksame Stille im Zimmer. Alle Augen ruhten auf Marvin und mir. „Das ist Marvin, mein Freund, der liegt zurzeit hier in der Klinik, weil er einen Sportunfall hatte und operiert worden ist. Ihm ist langweilig auf dem Zimmer und er hat mich gebeten, ihn mitzunehmen hier auf die Station, was ich auch gerne gemacht habe.“ „Hallo zusammen“, grüßte Marvin in die Runde und ein mehrfaches „Hallo“ kam zurück.
„Wenn Djortsch ja jetzt da ist, können Bobbel und ich ja gehen und unsere Arbeit tun. Das ist auch wichtiger, als hier fruchtlose Fernsehdiskussionen mit frustrierten Teenagern zu führen“, ließ sich Norbert vernehmen und schob Bobbel vor sich in Richtung Tür. „Macht’s gut, ihr beiden und versucht mal eine Einigung herbeizuführen“, sagte er im Hinausgehen und schon waren die beiden verschwunden.
„Also, Jungs, bevor der Stress hier weiter geht, mache ich euch einen Vorschlag. Ich hole schnell aus meinem Schrank meinen DVD-Player und einen Film und dann guckt ihr denn alle drei in Ruhe und Frieden zusammen. Seid ihr damit einverstanden?“
„Was hast du denn für einen Film, Djortsch“, wollte David wissen. „Ich muss mal sehen, was für euch dabei ist, ich bin gleich wieder da. Marvin bleibt solange hier, ihr könnt euch ja mal vorstellen und ein bisschen was von euch erzählen. Marvin kommt jetzt öfter mit mir hierher. Also, bis gleich.“ Ich ging in den Personalraum, wo jeder der Mitarbeiter einen Schrank hat. Hier holte ich den DVD-Player und suchte einen passenden Film für die drei aus. Meine Wahl fiel auf „Die wilden Kerle“, den ich erst vor kurzem erworben hatte. Ich hoffte, dass sie mit der Auswahl einverstanden waren, „Harry Potter“ hatte ich auch noch, aber den konnten sie später noch gucken oder ein anderes Mal.
Als ich zurückkam, erzählte gerade David, wie er zu seinem gebrochenen Fuß gekommen ist. Vorher hatten wohl die anderen beiden ihre Story erzählt und als David jetzt endete, sagte er an Marvin gewandt: „Und jetzt bist du dran mit erzählen. Deinem Kopfverband nach zu urteilen, hast du wohl eher keine Beinverletzung.“
Alle drei Jungs hatten mehr oder weniger schwere Beinverletzungen durch Unfall und waren nur bedingt mobil und wenn, dann auch nur mit Krücken. Marvin erzählte nun von sich und von seinem Unfall und dass er danach am Kopf operiert worden ist. Ich schloss in der Zeit den Player an und legte die DVD ein. „So, Freunde“, sagte ich, „ihr seht jetzt zusammen den Film „Die wilden Kerle“, viel Spaß und bis später. Marvin und ich gehen jetzt mal nach Kai schauen, dem geht es nicht so gut heute.“ Ich öffnete die Türe und Marvin folgte mir mit dem Rolli nach draußen.
Auf 315 lag der kleine Kai, er war gerade sieben Jahre alt geworden und er hatte Leukämie, eine tückische Blutkrankheit, die aber bei Kindern mittlerweile zu über 80 Prozent geheilt werden kann. Kai hatte schon einige Chemobehandlungen hinter sich und sein Zustand war im Allgemeinen nicht schlecht. Er sollte in ein paar Tagen eine Knochenmarkspende erhalten und wir hofften alle, dass die Krankheit dann besiegt würde. Dass seine Mutter heute nicht kommen konnte, war sehr schlimm für ihn und so war er auch heilfroh, als ich mit Marvin sein Zimmer betrat. „Hallo, Djortsch“, rief er, „schön, dass du endlich da bist. Wen hast du denn da mitgebracht?“
„Hallo, Kai, das ist Marvin, mein Freund, er liegt auch hier im Krankenhaus und er wollte dich unbedingt mal kennen lernen“, antwortete ich und Marvin sagte: „Hallo Kai, schön, dich kennen zu lernen.“ Er fuhr mit dem Rollstuhl bis ans Bett und gab Kai die Hand.
„Soll ich dir etwas vorlesen, Kai?“ fragte Marvin und Kai nickte und sagte: „Ja,gern, sonst macht Djortsch das immer oder Mama, aber du darfst das auch machen. Das Buch liegt da auf der Fensterbank, Djortsch, hole es mal bitte.“ Es war ein Buch mit Märchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen und Kai sagte zu Marvin: „Lies mir bitte die Geschichte vom Kaiser und der Nachtigall und dann die von der kleinen Meerjungfrau vor.“
Marvin nahm das Buch aus meiner Hand, blätterte darin und als er das Märchen gefunden hatte, begann er zu lesen. Ich strich ihm leicht durch den Nacken und verließ leise das Zimmer. Für die nächsten 20 Minuten würde ich hier nicht gebraucht, also schaute ich mal kurz bei den Filmboys rein und auch da war Ruhe. Gespannt hingen alle Augen am Bildschirm und so ging ich erstmal ins Stationszimmer. Das Essen würde wohl auch bald kommen, das wir dann später auf die Zimmer verteilen würden. Normal blieb ich immer so lange, bis der Nachtdienst kam.
Das ist um 20:00 Uhr, dann wird auch die Station abgeschlossen. Aber heute würde ich noch ein bis zwei Stunden bei Marvin bleiben, bevor ich nach Hause fuhr, morgen war wieder Uni angesagt und Marvin musste morgen etliche Untersuchungen über sich ergehen lassen. Auch würden sie morgen mit den Reha-Übungen anfangen und die angekratzte Motorik wieder auf Vordermann bringen. Einige unserer kleinen Patienten waren heute auch bei den Eltern zu Hause und die würden wohl in der nächsten Stunde nacheinander wieder eintrudeln.
Im Stationszimmer redete ich mit Norbert über Kai, der wohl Mitte der Woche die Knochenmarkspende erhalten sollte. Spender war sein älterer Bruder, ein 16-jähriger Schüler.
Er hatte sich bereit erklärt für seinen Bruder Knochenmark zu spenden und er würde am Dienstagmorgen hier aufgenommen. Er käme dann zu Kai aufs Zimmer und am Mittwoch
sollte dann der Eingriff stattfinden. Danach würde hoffentlich Kai die Krankheit besiegen können.
Ich ging noch kurz in den Aufenthaltsraum, wo einige unsere Patienten zusammensaßen und
miteinander spielten. Hier ging es relativ ruhig zu, und nachdem sie mich begrüßt hatten, spielten sie weiter. Also machte ich mich wieder auf den Weg zu Marvin und Kai. Marvin war mittlerweile beim zweiten Märchen und Kai horchte aufmerksam zu. Ich setzte mich zu ihm aufs Bett und betrachtete Marvin beim Vorlesen. Es kribbelte in meinem Bauch und ich fühltw mich glücklich, ein Gefühl, dass ich schon lange nicht mehr hatte und das noch nie in meinem Leben so intensiv war. Ich wünschte mir, dass es immer so dablieb, dass wir glücklich waren und blieben.
Später gegen Abend würden wir noch einmal durchgehen und die Betten für die Nacht fertig machen, damit unsere Schützlinge auch gut schlafen konnten. Das Pflegepersonal hier war sehr froh, dass ich so oft hierher kam, um zu helfen und die jungen Kranken bei Laune zu halten.
Gerade als Marvin mit Lesen fertig war, klopfte es an der Tür und der Bruder von Kai kam herein. „Bastian!“, rief Kai und strahlte über das ganze Gesicht. „Hallo Kai, und hallo Djortsch“, und Marvin anschauend sagte Bastian: „und hallo du, guten Tag, oder besser schon guten Abend, ich wollte noch mal nach Kai sehen, weil ja Mama heute nicht kommen konnte.
Wie geht es denn meinem kleinen Bruderherz heute?“
„Jetzt, wo du da bist, geht es mir gut. Marvin, der Freund von Djortsch, der hat mir gerade zwei Märchen vorgelesen. Jetzt, wo du da bist, kannst du mir auch noch eins vorlesen, bis das Essen kommt. Eigentlich habe ich gar keinen richtigen Hunger.“
„Du kannst ja erst mal schauen, was es gibt, und dann sehen wir weiter. Ich bleibe jetzt noch eine Stunde bei dir“, sagte Bastian, und ließ sich von Marvin das Buch geben.
„Wir gehen dann mal, du hast ja jetzt Gesellschaft. Bis nachher“, sagte ich und Marvin die Tür aufhaltend verlassen wir die beiden.
Draußen auf dem Flur fragte Marvin wie krank Kai wäre und ich erklärte ihm kurz, was er hatte, und auch, wie es weiterginge. „Das, was ich dir über unsere Schützlinge erzähle, fällt normalerweise unter die Schweigepflicht, ich gehe aber davon aus, dass du das alles für dich behalten wirst, und wenn du noch länger hier bist, wirst du so einiges erfahren und mitkriegen. Darüber solltest du aber nicht mit Dritten reden.“ „Ich bin keine Plaudertasche, Djortsch Meiser, das musst du dir merken. Bei mir sind sämtliche Geheimnisse so gut aufgehoben wie in der Bank von England“, meinte Marvin mit einem lustigen Unterton in der Stimme und knuffte mich leicht in die Seite.
„Schieb mal bitte den Rolli, mein Schatz, wenn es geht, auf mein Zimmer. Gewisse menschliche Bedürfnisse verlangen ein Aufsuchen der Toilette, ich wäre dir dankbar, wenn du einen Zahn zulegen könntest“, sagte er zu mir und so gab ich halt ein bisschen Gas und lud ihn direkt vor der Toilette ab. Ich ließ ihn allein und ging ins Zimmer zurück. Auf dem Flur waren die typischen Geräusche der Essenverteilung zu hören, also ging ich hinaus, um zu helfen, das Essen auf die Zimmer zu verteilen. Als alles verteilt war, nahm ich Marvins Tablett und kehrte in das Zimmer zurück. Marvin hatte sich zwischenzeitlich aufs Bett gelegt und setzte sich nun auf, um zu sehen, was ich den da Gutes brachte.
Ich richtete den Tisch her und stellte sein Tablett dort ab, damit er am Tisch essen kann. Als er saß, setzte ich mich gegenüber auf den Stuhl und betrachtete ihn. „Ich muss dir noch was sagen, Marvin“, sagte ich und er schaute mir in die Augen. „Vorhin, als der Sven hier war, als du ihm von uns erzählt hast, da war ich richtig stolz auf dich. Ich habe nicht gedacht, das du so schnell in der Lage bist, dich so souverän zu outen und zu sagen, das wir zusammen sind.“
„Es hat mich wohl einiges an Überwindung gekostet“, erwiderte er, „aber das Gefühl, von dir geliebt zu werden, hat mich stark gemacht, stärker als ich es mir noch vor kurzem hätte träumen lassen. Ich liebe dich jedenfalls mehr als alles andere und ich will das auch zeigen, zuerst ein wenig vorsichtig, aber jeden Tag ein bisschen mehr. Mit dir zusammen bin ich jetzt sogar gerne schwul, weil ich dich nur so lieben kann und von dir geliebt werde. Das hätte ich vor zehn Tagen noch nicht für möglich gehalten. Da wäre ich lieber nicht schwul oder tot gewesen.“
Er begann zu essen, und weil ich dasaß und nichts zu essen hatte, stopfte er mir jeden zweiten Bissen in den Mund und wir mampften so lange, bis alles aufgegessen war. „Bist du satt“, fragte ich, „oder soll ich mal schauen, ob wir noch was kriegen können?“ „Mir reicht es, ich bin satt, aber wenn du noch willst, dann geh nur nachsehen“, antwortete er. Da ich aber auch keinen Hunger mehr hatte, sagte ich: „Mir reicht es auch, ich bring noch das Tablett weg und dann komm ich wieder zu dir.“
Als ich zurückkam, hatte Marvin den Fernseher eingeschaltet und zappte ein wenig durch die Programme. Er rutschte an den Bettrand und sagt: „Komm, mein großer Magier, komm an meine Seite, ich möchte dich neben mir haben und deine Wärme spüren.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und legte mich dicht an ihn rutschend auf sein Bett. Er roch an meinen Haaren und wuschelte seine Nase tief in meine halblangen Locken. „Du riechst so gut“, murmelte er in mein Ohr und dann tauchte sein Gesicht ganz dicht vor meinem auf und seine Lippen näherten sich.
Nun spürte ich sie weich und sanft auf meinen und seine Zunge stupste an meinen Mund. Ich öffnete meinen Mund und meine Zunge begrüßte seine und beide begannen einen zärtlichen Ringkampf, einmal hüben und einmal drüben, einfach Wahnsinn. Ein Kuss wie ein Erdbeben, ich wollte, dass er nicht endet, es warunbeschreiblich. Ich schlang meine Arme um seinen Oberkörper, hielt ihn fest und drückte ihn an mich. Es vergingen ein paar Minuten und langsam ging uns beiden die Luft aus
Er löste seine Lippen von meinen und sah mir aus kurzer Entfernung tief in die Augen. Ich versank in diesen großen dunklen Augen wie in einem Meer aus Liebe und ein tiefes Glücksgefühl durchströmte mich.
„Djortsch“, sagte er leise, „ ich weiß nicht, was du mit mir gemacht hast. Du hast mich so verzaubert, dass ich mich selber nicht mehr wiedererkenne. Ich, Marvin Trimborn, liebe einen Mann über alles, etwas, was ich eigentlich nie akzeptieren wollte, gegen das ich mich innerlich immer gewehrt habe, etwas was ich nie durfte. Etwas, für das ich geschlagen und fast umgebracht worden bin, und jetzt wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass es niemals enden wird. Ich liebe dich mein Schatz, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe, und ich bin unendlich froh, dass es dich gibt und überglücklich, dass du mich auch lieb hast.“
Und wieder drückte er seine Lippen auf meine und küsste mich. Ich hielt ihn fest im Arm und genoss seine Nähe und seine Zärtlichkeiten und freute mich auf die Zeit, die vor uns lag.
So lagen wir eine Weile beieinander und küssten uns immer wieder.
Es klopfte an der Tür und die Art des Klopfens kam mir sehr bekannt vor. Ich löste mich aus Marvins Armen und stand auf, um zur Türe zu gehen. Als es wieder klopfte, wusste ich genau, wer draußen war, und rief einfach: „Komm ruhig herein, Papa“. Und siehe da, die Tür öffnete sich und mein Vater kam herein, dicht gefolgt natürlich von meiner Mutter, die Neugier hatte ihnen wohl keine Ruhe gelassen, und sie traten beide ins Zimmer. „Guten Abend, junger Mann“, sagte mein Vater auf das Bett zugehend. Dort angekommen gab er Marvin die Hand und sagte: „Herzlich willkommen in unserer Familie, als Freund unseres Sohnes sind Sie uns herzlich willkommen.“ Marvin war ein bisschen rot geworden und als nun meine Mutter ebenfalls nach seiner anderen Hand griff und ihn ebenfalls in der Familie willkommen hieß, wurde er ganz verlegen und ein feuchter Schimmer legte sich auf seine dunklen Augen.
„Nun überfahrt ihn mal nicht gleich so, er muss sich erstmal in seinem neuen Leben zurecht finden und sich daran gewöhnen, das er nicht mehr allein ist“, sagte ich und schaue meinen Schatz an.
Der sagte jetzt aber artig: „ Danke, dass Sie das alles für mich tun und dass Sie mich so liebevoll aufnehmen. Das ist leider nicht selbstverständlich und bedeutet mir deshalb sehr viel. Ich freue mich auch sehr über Ihren Besuch. Der vermittelt mir nämlich das Gefühl, dass ich Ihnen wirklich etwas bedeute. Danke“
Ich stellte die beiden Stühle so hin, dass sich die beiden nebeneinander ans Bett setzen konnten, mit etwas Sicherheitsabstand versteht sich, damit mein Schatz sich nicht bedrängt fühlet.
Ich ging um das Bett herum und stieg von der anderen Seite hinein und setzte mich neben meinen Schatz. Er lehnte sich an mich und ich legte einen Arm um ihn und hielt ihn fest.
„Wir waren schon ein wenig neugierig, Marvin kennen zu lernen, aber wir sind auch hier, um noch ein paar Dinge zu besprechen und einige Zusammenhänge zu klären. Wie ihr beide wisst, habe ich gesagt, dass ich mich darum kümmern werde, zunächst herauszufinden, was Marvins Familie und vor allem seinen Bruder dazu bringt, ihm offensichtlich nach dem Leben zu trachten. Dank umfangreicher Beziehungen habe ich schon einiges herausgefunden. Das ist auch der Tatsache zu verdanken ist, dass der ehemalige Lehrer Heinz Borchers, übrigens ein sehr netter Mann, heute Mittag nach einem telefonischen Kontakt bereit war, sich gleich mit mir zu treffen. Der hat mir dann erzählt, wie er Marvin überredet hat, von zu Hause auszuziehen, um endlich Ruhe vor seiner Familie zu bekommen. Er hat mir auch einiges über die Dinge erzählt, die sich die Familie einfallen ließ, um Marvin wieder, wie sie es sagten „auf den richtigen Weg zu bringen“. Das hat mich alles sehr wütend gemacht und ich werde mir überlegen, ob ich deinem Erzeuger nicht mal einen Besuch abstatten soll.“
„Bitte, tun Sie das nicht, erzählen Sie bitte heute auch nichts über all die Dinge, die ich erleiden musste, das würde mich jetzt wieder sehr aufregen. Ich habe mit Djortsch einen Menschen gefunden, der mich vorbehaltlos mit seinem ganzen Herzen liebt, und das möchte ich im Moment einfach mal erleben, ohne wieder an all die Widerwärtigkeiten denken zu müssen, die man mir angetan hat. Djortsch hat mich dazu gebracht, mich so anzunehmen, wie ich bin und auch Sie haben mir das Gefühl vermittelt, dass Sie mich mögen. In diesem Glücksgefühl möchte ich eine Weile unbeschwert baden und wieder Freude am Leben finden. .Djortsch hat mich gestärkt, hat mein Selbstbewusstsein wieder freigeschaufelt, das unter Komplexen, Schuldgefühlen und Angst begraben war, und irgendwann in naher Zukunft werde ich auch wieder so stark sein, dass ich mich denen stellen kann, die mir soviel Böses wollten, obwohl sie nach außen tun, als hätten sie die wahre Liebe für sich erfunden. Scheinheilig und verlogen sind sie und irgendwann werde ich ihnen das ins Gesicht sagen.“
Wow, das war ja eine beeindruckende Darstellung seines Seelenzustandes und eine, wieder mal eine, ganz tolle Liebeserklärung an mich und zur Belohnung begann ich, an seinem Ohr zu knabbern und mit der Zunge an seinem Ohrläppchen zu spielen. Ich merkte an einem feinen Zittern, das ihm das offensichtlich sehr gefiel, und machte noch ein bisschen weiter damit.
Mittlerweile hatte mein Vater wieder das Wort ergriffen und sagte: „ Wir müssen nicht heute über diese Dinge reden, aber ich möchte euch trotzdem noch berichten, was ich alles in die Wege geleitet habe. Ein mir gut bekannter Privatermittler wird versuchen, einige Einzelheiten über das Handballspiel, über deinen Bruder und auch über deinen Vater und deren Absichten herauszufinden.
Das Kennzeichen des Autos, das Djortsch fotografiert hat, wird überprüft und der Halter wird ebenfalls nach Einzelheiten im Umgang mit deinem Bruder befragt werden. Wir wollen soviel wie möglich herausfinden, vielleicht reicht das ja dann zu einer Anklage oder wir können die Ergebnisse als Druckmittel einsetzen, damit sie dich für immer in Ruhe lassen.“
„Ich lasse Ihnen freie Hand, was die Dinge um meine ehemalige Familie angeht, ich muss aber nicht unbedingt einen von ihnen im Gefängnis sehen. Mir würde es reichen, wenn sie sich aus meinem zukünftigen Leben heraushalten würden und ich endlich mal zur Ruhe kommen kann. Jetzt, wo ich Djortsch gefunden habe, jetzt, wo mein wahres Leben anfängt,
möchte ich die ganze Vergangenheit hinter mir lassen. Ich möchte mich meinem Studium widmen, das ich in den letzten Wochen vernachlässigt habe und ich möchte meine Liebe mit Djortsch leben, endlich einmal glücklich sein nach all diesen schlimmen Erfahrungen“, sagte er leise aber bestimmt, und am Ende des Dialogs hatte er Tränen in den Augen. Was musste seine Seele in der Vergangenheit gelitten haben, es raubte mir fast den Verstand, wenn ich darüber nachdachte.
Ich drückte ihn fest an mich und knabberte weiter an seinem Ohr. „Ich bin jetzt bei dir und wenn du wieder gesund bist, dann ziehst du bei mir ein. Ich möchte für immer mit dir zusammen sein“, flüsterte ich so, dass nur er mich verstand. „Du kannst ruhig laut reden“, kam es da von meiner Mutter, „sonst hast du ja auch keine Geheimnisse vor uns“.
„OK, Mama dann sag ich es noch mal. Ich möchte, dass Marvin, wenn er aus der Klinik entlassen wird, bei mir einzieht. Ich möchte mit ihm zusammen leben, weil ich ihn über alles liebe und wenn du mich fragst, dann hast du, wenn er denn auch will, ab sofort einen Schwiegersohn. Ich hoffe, das euch das so recht ist“, und an Marvin gewandt fragte ich:
„Und, willst du, Marvin?“
„Dein Wunsch macht mich glücklich und auch, wenn das alles in den letzten Tagen ziemlich schnell ging mit dir und mir, ich habe soviel Vertrauen in dich und empfinde eine so große Liebe für dich, dass ich mir das genauso wünsche, dass wir zusammen ziehen wie du es dir wünschst“, antwortete er und drückt sich noch fester gegen mich.
„Nun“, sagte meine Mutter, „dann steht ja eurem gemeinsamen Glück nichts mehr im Wege und du, Marvin, musst nun schnellstens gesund werden, damit wir an Weihnachten zusammen feiern können. Wir lassen euch beide jetzt mal allein, wir wollen noch auf einen Sprung zu Gerd und Doris. Papa will noch hören, wie es jetzt therapiemäßig mit Marvin weitergeht und wie Gerd seine Genesungsaussichten einschätzt.“
Beide standen auf und wünschten uns noch einen schönen Abend, bevor sie das Zimmer verließen. Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass es 18:45 Uhr war und ich fing an, Marvin zu streicheln. Meine Hände streichelten seinen Bauch, fanden nackte Haut unter dem Shirt, zwei kleine, aber harte Brustwarzen und ein paar weiche Haare dazwischen, die ich mit den Fingern durcheinander machte. Gleichzeitig hatte ich begonnen sein linkes Ohr intensiv zu beknabbern und mit der Zunge zu verwöhnen. Er hatte die Augen geschlossen und genoss es, so verwöhnt zu werden. Ich wurde mutiger und ließ meine linke Hand langsam weiter nach unten wandern, spielte an seinem Bauchnabel, umkreiste ihn und streichelte seinen Bauch.
Marvin schnurrte fast so wie Fridolin und mir kam es vor, als würde er sich der streichelnden Hand immer mehr entgegen drücken. Als die ersten zwei Finger unter den Hosenbund rutschten, merkte ich, dass er die Luft anhielt. Unbeirrt dessen schob ich nun meine ganze Hand unter dem Bund durch streichelte den Unterbauch, sein gelegentliches Schnaufen zeigte mir, dass er das wohl genoss und dass seine Erregung stieg.
Meine Finger drangen zu seinen Haaren vor, die in einem schmalen Streifen am Bauchnabel beginnend, eine breiter werdende Spur bis hin zu seinem Schwanz zogen, weich und lockig waren sie, die Haare.
Der Schwanz hingegen war eher hart und hatte sich aufgerichtet, ein Zelt gebaut in seiner Hose. Durch die Haare nach unten streichelnd, berührte ich mit den Fingerspitzen seinen aufgerichteten Luststab und begann, auch seine Eier zu kraulen. Tiefe Seufzer der Lust kamen über seine Lippen und er küsste meinen Hals. So ermutigt, umfasste ich seinen „Kleinen“ jetzt und bewegte meine Hand langsam und gefühlvoll rauf und runter.
Das Schnaufen wurde schnell intensiver und seine Hände griffen fest in das Bettlaken, so als wollte er sich festkrallen, um nicht abzuheben. Kleine Schweißtropfen sah ich auf seiner Stirn, die Augen waren geschlossen und der Mund jetzt stöhnend geöffnet. Dann krampfte er sich zusammen und meine Hand wurde von seinem zuckenden Glied mit einer warmen Spermadusche überflutet. Stöhnend, die Augen immer noch zu, sackte er entspannt auf meine Brust, wohliges Schweigen, dann: „Oh, Djortsch, oh Gott.“ Pause, Schnaufen, sein Kopf hob sich, er schaute mich an, seine Lippen kamen näher, drückten sich auf meine, Tränengeschmack, Seufzen. „Ich liebe dich, das war wunderbar, so etwas habe ich noch nie empfunden. Früher, wenn ich es mal selbst gemacht habe, hatte ich hinterher immer ein schlechtes Gewissen. Sie haben immer gesagt, dass es Sünde ist sich dort anzufassen und außerdem schädlich. Aber das muss ich ja jetzt nicht mehr glauben. Es war so schön, danke Djortsch.“
Ich ließ ihn neben mich aufs Bett gleiten und holte zunächst mal Waschlappen und Handtuch.
Ich wusch kurz seine Lust von meinen Händen ab und ging dann zum Bett, um die Spuren unseres Handelns wegzuwischen. Die Hose hatte aber doch einiges abbekommen und so war ein Hosenwechsel angesagt. Ich holte eine Ersatzhose aus dem Schrank und zusätzlich eine weiße Boxer. „Zieh die drunter, damit die andere Hose sauber bleibt“, sagte ich und half ihm beim Umziehen. Die feuchte oder eher nasse Hose packte ich gleich in die Tasche zurück.
„Du, Djooortsch“, fragte mein Kleiner und zog meinen Namen dabei in die Länge, „was ist denn jetzt mir dir, dein Ding ist doch bestimmt auch steif geworden, oder?“ „Ja sicher, das wäre auch nicht normal, wenn er sich dabei nicht regen würde“, gab ich zur Antwort.
„Duuu, darf ich auch mal bei dir, eh, na ja, du weißt schon, so wie du eben bei mir“, kam es jetzt von ihm. „Du meinst, du willst mir einen runterholen, wichsen, das meinst du doch,
oder?“, fragte ich zurück, erstaunt, dass er das von sich aus jetzt so wollte. Wo er doch in der Vergangenheit eine richtige Klemmschwester war. „Ja, ich möchte dich jetzt auch mal so verwöhnen, wie du mich eben verwöhnt hast, und außerdem habe ich so was noch nie gemacht. Ich möchte wissen, wie das ist, wenn man das Ding von einem anderen streichelt“, antwortete er, nicht ohne seine Gesichtshaut in etwas roterem Teint erscheinen zu lassen.
„Also, wenn du es möchtest, dann will ich es auch, ich freue mich, dass du es willst. Ich werde aber erstmal die Türe absperren, damit ich hier nicht halbnackt von irgendwem überrascht werde“, sagte ich und sperrte die Zimmertüre ab. Da eh nicht mit Besuch zu rechnen war, und vom Pflegepersonal keiner einfach hereinkommen würde, fühlte ich mich jetzt vor Überraschungen sicher. Ich ging wieder zum Bett, öffnete meine Hose und schob sie mit den Shorts runter bis auf die Knie. Mein Schwanz sprang förmlich ins Freie und war auch schon ziemlich nass, nach unserer Aktion vorhin kein Wunder. Nun legte ich mich neben Marvin, der sich zunächst mal alles genau betrachtete. „Du, der ist schön, und klein ist der auch nicht“, sagte er und dann näherte sich seine Hand und begann meinen Bauch zu streicheln. „Du musst mir sagen, wenn ich was falsch mache, Schatz“, sagte er zu mir „Ich habe das noch nie bei jemand gemacht und ich möchte, das es schön für dich ist.“
„Du machst das sehr schön“, sagte ich mit etwas gepresster Stimme, denn ich empfand bei seinen Berührungen Lust pur. Als er dann endlich meinen Harten umfasste und die Hand an ihm auf und ab bewegte, konnte ich mein Stöhnen nicht mehr unterdrücken. Mir war bewusst, dass das schneller vorbei war als mir lieb war, aber das war mir eigentlich scheißegal, wenn er nur weiter machte. „Oh Marvin“, stöhnte ich und nun war ich derjenige, der sich in das Laken krallte.
Nach weiteren höchstens 50 Sekunden kam ich so heftig wie schon ewig nicht mehr und als es vorbei war, nahm ich ihn in den Arm und küsste ihn. „Das war wunderschön, Marvin, und das war erst der Anfang unserer Liebe und unserer Lust. Es wird alles noch viel, viel schöner werden.“
Mittlerweile hatte er mit kreisenden Bewegungen das Ergebnis seines Handelns über meinen Bauch verrieben. Ich stand auf und machte mich auf den Weg ins Bad, was sich mit runtergelassenen Hosen als nicht so einfach erwies. Es musste auch von hinten sehr ulkig ausgesehen haben, denn Marvin konnte sich ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen, als ich wie ein Pinguin ins Bad watschelte.
Nachdem ich mich gesäubert und wieder angezogen hatte, ging ich zurück zu ihm und legte mich neben ihn. Er drehte sich und legte seinen Kopf auf meine Brust und streichelte mir über den Bauch. „Ich bin jetzt um einige Erfahrungen reicher als vor meinem Unfall, Erfahrungen, die mich gelehrt haben, dass man die Liebe, die man empfindet, nicht unterdrücken soll, dass es eigentlich egal sein sollte, ob ich einen Mann liebe oder eine Frau. Ich liebe dich und habe in den letzten zwei Tagen gelernt, mich so anzunehmen, wie ich bin und wie ich empfinde.
Das liegt wohl daran, dass du mich auch liebst und mir eine Menge von meinem verloren gegangenen Selbstvertrauen, und was noch wichtiger ist, meine Selbstachtung, zurückgegeben hast. Ich liebe mich jetzt so, wie ich bin, weil ich dich liebe. Ich mache mir jetzt keine Vorwürfe mehr, weil ich anders bin, als es meine Familie von mir erwartet“, sagte er.
„Ich bin so froh, dass ich dich rechtzeitig gefunden habe und dass du dich in mich verliebt hast. Ich freue mich auf eine gemeinsame Zukunft, auf ein Leben und eine Liebe mit dir“, antwortete ich und streichelte seine Haare und seinen Nacken.
So lagen wir eine Weile still da, jeder genoss die Nähe des anderen, genoss die sanften Berührungen und wir beide dachten wohl darüber nach, was sich in den letzten drei Tagen alles verändert hat. Irgendwann waren wir wohl einfach eingeschlafen.
Als ich wach wurde und auf die Uhr schaute, waren es schon 22:20 Uhr und eigentlich Zeit, mich mal auf den Weg nach Hause zu machen. Vorsichtig schob ich mich unter Marvins Kopf heraus und ließ ihn auf das Kissen gleiten. Trotz aller Vorsicht wurde er dabei wach und fragte: „Was ist denn los, musst du jetzt schon nach Hause?“ „Es ist schon spät, wir sind eingeschlafen und ich muss morgen früh in die Uni. Ich habe auch heute insgesamt nur vier Stunden geschlafen, da sollte ich jetzt schon gucken, dass ich in mein Bett komme. Du musst auch schlafen, morgen beginnt deine Therapie und die wird bestimmt anstrengend sein.
Außerdem komme ich morgen Mittag wieder und bleibe bis zum Abend. Sei also jetzt nicht traurig, schlaf ein bisschen und träum von mir. Morgen früh, bevor ich in die Vorlesung gehe, rufe ich dich an. Schlaf gut“, sagte ich zu Marvin und küsste ihn lange auf seinen Mund, dabei wuselte ich noch ein bisschen in seinen Haaren.
Fünf Minuten später war ich auf dem Weg zum Auto, nicht ohne der Nachtwache zu sagen, dass sie bei ihrem Rundgang auch mal bei Marvin reinschaut. Ich sagte ihr auch, dass morgen früh ein Zivi mit dem Namen Sven Krüger kommen würde, der sich dann um Marvin kümmern sollte.
Zu Hause angekommen war der erste Weg unter die Dusche, dann machte ich mich fertig für die Nacht. Fridolin kam angemaunzt und spielte die beleidigte Leberwurst. Ich gab ihm noch schnell etwas zum Fressen, dann ging’s aber gleich ins Bett. Beim Einschlafen merkte ich noch, dass Fridolin seinen Platz am Fußende auch bezogen hatte. Dann war ich weggepennt.
23.12. – 19:00h
Wieder ist der Wein im Glas alle, ob ich noch eins trinken soll? Eigentlich wollte ich ja noch die Story lesen bei Nickstories, aber das kann ich ja später noch. Ich stehe auf, geh mit dem Glas in die Küche und schenke mir noch mal ein. Dabei muss ich an Marvin denken, der jetzt allein die letzte Nacht im Krankenhaus verbringen muss. Ich hätte ja auch mal Onkel Gerd fragen können, ob Marvin nicht schon heute mit zu mir kommen darf. Ob ich mal dort anrufe?
Vielleicht später, wenn das Glas leer ist. Ich lasse die letzten Wochen Revue passieren.
Die letzten Wochen sind schnell vergangen und ziemlich gleich im Ablauf gewesen. An den Werktagen ging ich nach einem morgendlichen Anruf bei meinem Schatz froh und gut gelaunt in die Uni, um am Nachmittag noch besser gelaunt zu meinem Schatz zu eilen.
Wir schmusten ein bisschen, auch hatten wir ein bisschen Sex zusammen, Handsex, zu mehr trauten wir uns in der Klinik nicht, und ich wollte auch Marvin am Anfang nicht überfordern. Die meiste Zeit bis 20:00 Uhr waren wir auf der Station, spielten oder lasen vor, trösteten und lachten mit unseren Schützlingen, und nach kurzer Zeit gehörte Marvin einfach mit dazu, so, als ob er schon immer hier gewesen wäre.
Die erste Woche nach dem 19.11. verlief sehr ruhig, die Reha lief an und forderte Marvin ganz schön. Sven Krüger, der Zivi machte seinen Job sehr gut und wir wurden Freunde, Marvin, er und ich. Ihm war nichts zuviel, wenn es darum ging, Marvin zu unterstützen und zu versorgen, und die beiden verstanden sich jeden Tag besser. Oft blieb er mittags, wenn ich kam, einfach noch eine Zeit bei uns und leistete uns Gesellschaft. Seinen Laptop hatte er die ersten zwei Tage bei Marvin gelassen, so dass der im Internet surfen konnte. Dann brachte ich meinen Laptop mit, ich hatte ja noch den Rechner zu Hause.
Marvin meldete sich dann bei Nickstories an und begann, die Stories dort zu lesen. Er las jede freie Minute, das heißt, immer wenn er alleine war, oftmals bis tief in die Nacht und wenn ihm was ganz besonders gefiel, erzählte er mir davon. So stellten wir bald fest, dass er viele Geschichten, die mir sehr gut gefielen, auch sehr gerne mochte. Er erlebte in einigen Stories viele Dinge, die er am eigenen Leib erfahren hatte und diese Geschichten, aber auch die vielen Happyends in anderen Geschichten, führten immer mehr dazu, sich mit sich selbst zu versöhnen, sich zu lieben wie er war, nämlich schwul. Sein Selbstbewusstsein wuchs wieder nach und nach auf ein gutes Maß an. Täglich liebte ich ihn mehr und er sagte mir täglich, dass er mich über alles liebte.
Mein Vater betrieb Nachforschungen und ließ recherchieren, man fand heraus, das der Bruder
noch mal versucht hatte, in Marvins Wohnung zu gelangen, was ihm allerdings nicht gelang, weil die alten Herrschaften gegenüber den Hausmeister verständigten. Der wiederum drohte mit der Polizei und erteilte Marvins Bruder ein Hausverbot. Nachdem der Privatermittler alle in Frage kommenden Personen befragt hatte, kamen mein Vater und er zu dem Schluss, dass es wohl für eine Anzeige reichen würde, da die meisten Zeugen des Unfalls sich übereinstimmend geäußert haben, dass das Foul vorsätzlich ausgeführt wurde, und zusammen mit den anderen Informationen und Fakten aus den fünf Monaten vorher rundete sich das Bild dahingehend ab, dass Marvin gezielt und bewusst verletzt worden war. Man konnte nach dem Sachstand davon ausgehen, dass das Ganze ein Tötungsversuch war.
Mein Vater stellte alles, was an Erkenntnissen gesammelt war, zusammen und machte sich damit auf in die Höhle des Löwen. Er suchte die Familie Trimborn, beziehungsweise den Vater auf seiner Dienststelle auf. Als Professor war es für ihn kein Problem, dort einen Gesprächstermin zu bekommen. Ungeahnt dessen, was auf ihn zukam, empfing ihn Marvins Vater höflich in seinem Büro und bat meinen Vater Platz zu nehmen.
Mein Vater, nach der Begrüßung nach seinem Anliegen befragt, sagte: „Herr Trimborn, ich bin hier, wegen Ihrer Söhne, ich will hier und jetzt mit Ihnen über Ihre Söhne reden.“
„Herr Professor Meiser, ich weiß nicht, warum ich mit Ihnen über meinen Sohn reden soll, der wird nicht Medizin studieren, sondern Theologie, und ich kann mir auch nicht vorstellen,
warum sie sich um meinen Sohn Gedanken machen“, war die etwas hochnäsig vorgetragene Antwort
„Herr Trimborn, ich bin nicht hier, um mit Ihnen Verstecken zu spielen, und wenn ich fertig bin mit meinem Anliegen, werden Sie mit Sicherheit etwas umgänglicher sein mit mir. Ihr
ältester Sohn hat am 12.11. während eines Handballspiels seinen jüngeren Bruder Marvin absichtlich so schwer gefoult, dass der ein Schädelhirntrauma mit einer starken Einblutung erlitten hat, was, wäre Marvin nicht gefunden worden, zu dessen Tod geführt hätte. An
Hand der Ermittlungen glaube ich beweisen zu können, dass Marvin durch seinen älteren Bruder ermordet werden sollte. Das Motiv für diese Tat ist offensichtlich die Tatsache, dass Marvin homosexuell, oder wie man auch sagt, schwul ist. Zu klären wäre dann nur noch vor Gericht, ob Ihr älterer Sohn von sich aus gehandelt hat oder ob er von Ihnen angestiftet worden ist“, knallte ihm mein Vater die Fakten ins Gesicht.
Etwas blasser und sichtlich aufgebracht, erhob sich Herr Trimborn und sagte: „ Was erlauben Sie sich. Sie kommen hier in mein Büro und unterstellen mir, einen Anschlag auf meinen, ich gebe zu, missratenen Sohn geplant und das von meinem anderen Sohn habe ausführen lassen. Ich glaube, es ist besser, Sie verlassen sofort dieses Haus. Ich wüsste nicht, inwiefern ich Ihnen Rechenschaft über meine Familie geben muss.“
„Nun, wenn Sie nicht reden wollen, bitte, Sie haben die Wahl. Wenn ich dieses Zimmer verlasse ohne eine verbindliche Abmachung getroffen zu haben, was Ihr Verhalten gegenüber ihrem Sohn Marvin angeht, führt mein nächster Weg zur Staatsanwaltschaft und der übernächste zu Ihrem Chef. Ich glaube nicht, das der Oberhirte der Erzdiözese Köln einen hohen Mitarbeiter in seinen Reihen duldet, der das Gebot „Du sollst nicht töten“ nicht beachtet und Hand anlegen lässt an sein eigen Fleisch und Blut, nur weil dieser Sohn schwul
ist, was der sich mit Sicherheit nicht ausgesucht hat“, knallte ihm mein Vater eiskalt vor den Kopf.
Sichtlich beeindruckt und noch blasser fragte Marvins Vater verbissen: „Was wollen Sie?“
„Unterlassen Sie jede Art von Kontakt, das gilt auch oder besonders für Ihren anderen Sohn. Wenn Sie noch einmal in irgendeiner Form gegen Marvin vorgehen, werde ich tätig, und Sie können mir glauben, ich werde Sie und ihren Sohn hinter Gitter bringen, koste es was es wolle. Und darüber hinaus werde ich dafür sorgen, das Sie und ihr scheinheiliges Verhalten auf der Titelseite eines sehr bekannten deutschen Boulevardblattes erscheinen, mit allen Einzelheiten der Drangsalierungen, die der arme Junge von seiner so erzkatholischen Familie
erleiden musste. Ich denke, danach wird dem Bischof nur die Wahl bleiben, sich von einem seiner höchsten Mitarbeiter zu trennen“, sagte mein Vater ruhig aber bestimmt und sein Ton war sehr überzeugend.
„Ihr Verhalten Marvin gegenüber ist in hohem Maße unchristlich und rechtlich gesehen ein Verbrechen. Was sagen Sie denn am Sonntag Ihrem Herrgott, wenn Sie fromm und scheinheilig an die Kommunionbank rennen? Wie können Sie mit einer solchen Tat, mit einem solchen Verhalten leben? Ich werde das nie verstehen und meine Familie wird alles tun, Marvin zu helfen und dafür zu sorgen, dass er seine Familie nicht vermisst“, setzte mein
Vater noch einen drauf.
„Gut, ich sehe ein, dass ich mich ihrer Forderung nicht versagen kann. Wir werden alle Aktivitäten gegenüber Marvin einstellen, er existiert für uns nicht mehr. Wir können mit seiner Abartigkeit nicht leben, aber wir werden uns jetzt mit der Tatsache abfinden müssen,
das wir keinen Einfluss mehr auf ihn ausüben dürfen. Wir überlassen ihn seinen frevelhaften Neigungen und hoffen, dass niemand ihn mit uns in Verbindung bringt und wir nicht unter dieser Abartigkeit leiden müssen“ antwortete Herr Trimborn gepresst und wohl immer noch davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben.
„Da wäre noch was, was zu regeln wäre“, sagte mein Vater. „Sie haben bisher lumpige 460,- Euro monatlich an Ihren Sohn Marvin überwiesen. Wenn ich das Kindergeld, das Sie bekommen, davon abziehe, dann sind das gerade mal schlappe 3o4,- Euro. Das kann so nicht sein.
Der Unterhalt nach der Düsseldorfer Tabelle liegt zurzeit glaube ich bei 548,- Euro plus Kindergeld. Das und die Nachzahlung für die letzten fünf Monate überweisen Sie bitte auf Marvins Konto. Ein Schmerzensgeld in Höhe von 15.000,- Euro halte ich ebenfalls für angebracht, das können Sie ja dann Ihrem älteren Sohn vom Erbteil abziehen. Die Kontonummer haben Sie ja vor fünf Monaten schon von seinem ehemaligen Lehrer erhalten, der uns übrigens von den vielen „Nettigkeiten“ gegenüber Marvin genauestens in Kenntnis gesetzt hat. Hier ist meine Karte, ich erwarte Ihre Antwort bis spätestens 22.12., also übermorgen, 17:00 Uhr. Bis dahin sollte auch das Finanzielle geregelt sein.“ Mein Vater erhob sich, ging zur Tür und ließ einen sichtlich getroffenen Herrn Trimborn in seinem Büro zurück.
Als er mir von diesem Gespräch erzählte, bat ich ihn, Marvin zunächst nur zu sagen, dass er jetzt Ruhe hätte vor seiner Familie und das mit dem Geld natürlich auch, weil das ja etwas Positives war. Was aber sein Vater über ihn gesagt hatte von wegen Abartigkeit und so, das sollte er so nicht weitergeben.
„Ich werde ihm gar nichts von diesem Gespräch sagen, das überlass ich dir. Du bist jetzt in erster Linie für sein Wohlergehen verantwortlich, wir sind zwar jetzt seine neue Familie, aber du bist sein Schatz, du bist der Mann, den er liebt und du sollst ihm nach und nach all das erzählen, was ich dir jetzt anvertraut habe. Du musst wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, ihm diese Dinge zu erzählen. Lernt euch zunächst mal richtig kennen und lebt miteinander. Die Zeit und deine Liebe werden dafür sorgen, dass er diese üblen Dinge irgendwann vergisst.
Ich wünsche dir und Marvin alles Glück der Welt und was wir dazu beitragen können, das werden wir tun“, sagte er zu mir und ich musste ihn einfach umarmen, meinen Vater.
Wieder in der Gegenwart, es ist mittlerweile 19:40 Uhr, muss ich ganz intensiv an meinen Schatz denken, der jetzt allein und wohl auch einsam in seinem Klinikbett liegt. Warum liegt er jetzt überhaupt da, warum ist er nicht bei mir. Die paar Stunden, die uns noch vom gemeinsamen Wohnen trennen, die sind doch jetzt eigentlich auch nicht mehr notwendig. Er kann doch jetzt schon bei mir sein.
Meine innere Unruhe wird größer und ich beschließe erst einmal im Krankenhaus anzurufen und mit Marvin zu sprechen. Schnell ist gewählt und bald darauf meldet sich Marvin am Telefon: „Trimborn.“
„Hallo mein Schatz“, sage ich, „ich habe es nicht mehr ausgehalten und will hören, wie es dir geht?“ „Hallo, Djortsch, gut dass du dich meldest, ich vermisse dich so und werde vermutlich die ganze Nacht nicht schlafen können. Warum können wir nicht schon heute
zusammen in deiner Wohnung sein? Ich habe so eine Unruhe in mir, ich weiß nicht warum.
Komm bitte zu mir, ich halte das nicht aus ohne dich.“ Er hört sich aufgewühlt an und ich entschließe mich kurzer Hand, jetzt noch, allen Straßenverhältnissen zum Trotz, zu ihm zu fahren. „Beruhige dich, mein Schatz, ich mach‘ mich auf den Weg zu dir, es kann aber etwas dauern. Bis gleich, Marvin, ich liebe Dich.“ Da fällt mir ein, dass ich wohl ein Taxi nehmen muss, denn nach Tee mit Asbach und Rotwein werde ich nicht mehr selber fahren.
Nachdem ich aufgelegt habe, denke ich kurz nach, nehme mein Handy und wähle die Nummer meines Patenonkels. Hoffentlich ist der zu Hause. Es klingelt und nach dem vierten Mal meldet sich mein Onkel. „Doktor Lüdtke“
„Hallo, Onkel Gerd, hier ist Djortsch, entschuldige die Störung, aber ich habe eine große Bitte.“ „Dann lass mal hören, mein Junge, wenn ich sie erfüllen kann, dann werde ich es tun“, antwortet er. „Ich möchte Marvin jetzt schon holen, ich habe eben mit ihm telefoniert und er ist total durch den Wind. Auf die zwölf Stunden kommt es doch jetzt bestimmt auch nicht mehr an, oder?“
„Nun, aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, im Gegenteil, bei dir hat er Ruhe, und das Gefühl nicht allein zu sein. Nach allem, was er erlebt hat, ist das jetzt sehr wichtig für ihn.
Also hol ihn ab und ich rufe jetzt in der Klinik an und regele das. Und frohe Weihnachten euch beiden, wir sehen uns ja übermorgen bei deinen Eltern. Tschüss Djortsch“
„Dir auch frohe Weihnachten, danke und bis übermorgen und grüß Doris und die ganze Familie von mir“, antworte ich und drücke das Handy mit Freude im Herzen ab. Nun werde ich ihn überraschen und gleich mit zu mir nehmen.
Nun schnell ein Taxi angerufen, noch schneller warm angezogen und warten auf den Personentransporter.
Als es draußen hupt, schnappe ich Geldbeutel und Haustürschlüssel und mache mich auf den Weg zum Taxi.
Das schöne an einem Taxi brauch ich wohl nicht näher zu erwähnen. Wenige Minuten später bog das Taxi auf die Strasse Richtung Stadt und Klinik ein und der Fahrer musste sich sehr auf die Strasse konzentrieren, es war stellenweise sehr glatt. Trotz des winterlichen Wetters waren noch viele Menschen unterwegs und es ging nur langsam voran.
Gedanklich drifte ich wieder zurück. In den letzten zwei Tagen hatten wir viel über unsere Zukunft geredet, Pläne gemacht, auch ein bisschen gesponnen, wie halt Verliebte so sind. Alles ist rosarot und man schwebt ständig auf Wolke 7. Wir hatten aber auch ernste Phasen, in denen wir über die wichtigen Pläne redeten. Marvin wollte seinen jetzigen Studiengang abbrechen und wollte so wie ich Medizin studieren. Das dürfte bei seinem Abiturabschluss und meines Vaters Beziehungen (ja, ja ich weiß, aber es ist halt mal so) kein Problem sein.
Dass er jetzt finanziell besser gestellt war, gab ihm das Gefühl, nicht von mir abhängig zu sein. Das Schmerzensgeld war auch auf seinem Konto angekommen und ein Teil davon sollte dazu dienen, den Führerschein zu beenden, den er vor einigen Monaten aus finanziellen Gründen auf Eis gelegt hatte.
Seine neurologischen Ausfälle sind fast ganz verschwunden und es ist nur eine Frage der Zeit,
bis er wieder voll leistungsfähig ist, wieder Sport machen kann und wir sind froh, das alles so gut ausgegangen ist. Wir werden unser Schwimmbad und die Geräte nutzen, um auch über die Feiertage an seiner Konstitution zu arbeiten. Mittlerweile wissen die meisten auf der Station, dass Marvin mehr als nur ein guter Freund für mich ist, und es ist niemand da, der daraus ein Problem macht.
Die Knochenmarkspende für Kai ist gut verlaufen und die Chancen, gesund zu werden, sind enorm angestiegen. Die Ärzte sind sehr zufrieden mit dem Verlauf, die Werte sind super, es sieht echt gut aus für unseren Schützling. Die meisten Patienten verbringen die Weihnachtstage zu Hause, nur die, deren Zustand einen Urlaub nicht zulässt, verbleiben auf der Station. Marvin und ich haben uns vorgenommen, die Kinder am ersten Weihnachtstag zu besuchen.
23.12. – 20:45h
Endlich haben wir die Klinik erreicht, ich sage dem Fahrer, dass er warten soll, ich will jemand abholen. Zuerst will er nicht, aber ich sage, das er die Uhr weiterlaufen lassen soll und verspreche im auch ein ordentliches Trinkgeld.
Ich eile in die Klinik, zum Aufzug und ab zur Kinderstation. Nach meinem Klingeln, die Station ist ja abends immer abgesperrt, kommt die Nachtschwester und lässt mich rein.
„Der Professor hat uns schon informiert, dass du Marvin abholen kommst. Ich habe ihm Bescheid gesagt und er hat schon gepackt und sitzt im Zimmer wie auf heißen Kohlen“, sagt sie und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Dann geh ich ihn mal holen“, sage ich und mach‘ mich auf den Weg. Als ich die Türe öffne, sehe ich meinen Schatz fertig angezogen, vor sich die gepackte Reisetasche und den eingepackten Laptop, am Tisch sitzen. Seine Blicke zur Tür gerichtet, beginnt er zu strahlen, als er mich sieht. „Komm, du kleiner Ungeduldiger“, sage ich lachend. „Onkel Gerd hat dich entlassen und meiner Obhut unterstellt. Jetzt fahren wir in dein neues Zuhause und ich hoffe, du wirst dich da wohlfühlen.“ Er steht auf, nimmt mich in den Arm und küsst mich. „Ich bin sehr gespannt und freue mich, dass wir jetzt zusammenziehen, komm, lass uns gehen, ich kann es gar nicht erwarten, unsere gemeinsame Wohnung zu sehen“, sagt er und nimmt den Laptop, während ich seine Tasche trage.
Da wir die Kleinen ja übermorgen besuchen wollen, verzichten wir auf einen Abschiedsrundgang, und außerdem wartet ja auch das Taxi. Der Fahrer öffnet den Kofferraum, als er uns kommen sieht und wir legen unsere Sachen hinein. Wir setzen uns
beide nach hinten, Marvin hält meine Hand, und erzählt mir, was noch alles auf der Station los war, seit ich gegangen bin.
Nach fast 35 Minuten Rückfahrt mit einigen Staupausen und viel Verkehr hält das Taxi vor unserem Anwesen. Ich bezahle den Fahrer und gebe ihm 20,- Euro Trinkgeld, wir wünschen ihm beide ein frohes Fest und er fährt zufrieden davon. Ich gehe mit Marvin die Treppe zum Haupteingang hinauf und sage: „Wir sagen noch schnell meinen Eltern Bescheid, dass wir da sind, dann gehen wir runter in mein altes und dein neues Reich und machen es uns gemütlich. Dann lernst du auch endlich Fridolin kennen, von dem ich dir ja schon einiges erzählt habe. Du wirst ihn bestimmt mögen und er dich auch bald, denke ich.“
Ich klingele zweimal kurz hintereinander, dann wissen meine Eltern, dass ich es bin, und es dauert nicht lange und mein Vater öffnet uns die Haustür. „Hallo ihr beiden! Marvin, du bist schon da? Ich denke, du kommst erst morgen. Das ist ja schön, dass ihr jetzt schon da seid. Kommt rein, Mutter wird sich auch freuen.“
Die kommt auch gleich gelaufen, hat sie doch gehört, was mein Vater zur Begrüßung gesagt hat. „Das ist aber schön, das ihr beide da seid“, und dann nimmt sie Marvin in den Arm, drückt ihn, küsst ihn abwechselnd auf die Wangen und sagt: „Willkommen in deinem neuen Zuhause, du bist hier sehr gerne gesehen und wir freuen uns, dass du jetzt da bist. Kommt herein ins Warme, zieht eure Jacken aus. Wir beide, Papa und ich, haben soeben eine Flasche Wein geöffnet und da können wir gleich mal mit euch auf euer Glück anstoßen.“
Nachdem wir abgelegt haben, gehen wir ins Wohnzimmer und setzen uns nebeneinander auf die Couch. „Nachher, wenn wir runter gehen, gehen wir durch die Eingangstür und nicht durch den Keller. Ich möchte dich über meine Schwelle tragen, das soll Glück bringen und hat ja auch Tradition bei Leuten, die sich lieben“, sage ich zu Marvin und gebe ihm einen Kuss.
„Da bin ich mal gespannt, ob du mich auch nicht fallen lässt“, uzt er zurück und erwidert dann meinen Kuss.
Mein Vater hat uns inzwischen eingeschenkt und Mutter hat eine Schüssel mit Gebäck auf den Tisch gestellt. „Auf eine glückliche Zukunft und herzlich willkommen in unserem Haus“,
sagt Vater und Mutter schließt sich den Wünschen an. Wir trinken einen Schluck, es ist ein halbtrockener Rotwein von der Ahr, und Marvin bedankt sich: „Danke für die liebevolle Aufnahme in diesem Haus. Ich habe vor zwei Monaten nicht geglaubt, dass ich einmal wieder so glücklich sein würde, wie ich jetzt bin. Das verdanke ich Djortsch und Ihnen und dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen.“
Wir sitzen eine Weile zusammen und reden über die vergangenen Wochen und auch über die Zukunftspläne Marvins. Mein Vater sagt Marvin die volle Unterstützung beim Wechsel des Studienganges zu und so sehen also alle momentan sehr hoffnungsvoll in die Zukunft.
Ich schaue auf die Uhr und sage: „Es ist schon spät, ich weiß nicht, was mit dir ist, Marvin, aber ich bin müde und möchte in nicht allzu langer Zeit in meinem, jetzt unserem warmen Bett liegen.“ „Ich bin auch müde und außerdem möchte ich noch über die Schwelle getragen werden“, gibt er schmunzelnd zur Antwort. „ Also“, sage ich, „wir gehen dann runter.“
Meine Eltern begleiten uns noch zur Tür und schauen dann von der Treppe aus zu, wie ich die Tasche abstelle, die Türe aufsperre und dann meinen Schatz mitsamt Laptop über die Schwelle trage. Drinnen angekommen, setze ich ihn auf die Couch, gebe ihm einen Kuss und sage feierlich: „Willkommen zu Hause, mein Schatz.“
„Danke, mein Liebster, ich liebe dich und ich bin froh, dass wir zusammen sind“, antwortet er mir. Ich löse mich von ihm und gehe zur Türe, hole seine Tasche rein und schließe ab.
Endlich mit Marvin daheim!
Wir beschließen, zusammen ein Bad zu nehmen und ich schlage vor, das wir den Whirlpool
im Schwimmbadbereich nutzen, um uns ein wenig zu entspannen, bevor wir schlafen gehen.
Der Pool muss natürlich etwas vorheizen, in der Zeit suchen wir frische Shorts und Schlafshirts raus, nehmen Handtücher und duschen uns ab. Dann geht’s hinein in den Whirlpool, dessen entspannenden Effekt wir jetzt ausgiebig genießen. Nach 25 Minuten stelle ich die Düsen ab und wir trocknen uns ab. Bettfertig angezogen gehen wir zurück in die Wohnung und dort auch gleich ins Schlafzimmer. Wir krabbeln in mein großes Bett und kuscheln uns aneinander. Unsere Lippen finden sich und wir versinken in einem langen Kuss.
Fridolin springt aufs Bett und kommt über die Decke langsam aufs Kopfende zu. Wir haben uns voneinander gelöst und beobachten den Kater, der bis zu uns, bis dicht an unsere Gesichter kommt. Er riecht vorsichtig erst an mir, dann an Marvin. Es dauert einen kurzen Augenblick, dann beginnt er zu schnurren und reibt seinen Kopf abwechselnd an meinem und an Marvins Gesicht, der andächtig stillhält und mich dabei anschaut. „Du bist jetzt adoptiert“, sage ich ihm und lache leise. Fridolin hat genug geschmust und rollt sich jetzt am Bettende zusammen. Ich lösche das Licht und schmiege mich dicht an meinen Schatz, atme seinen Geruch ein und spüre seine Wärme und es dauert nicht lange, da sind wir beide eingeschlafen.
Ich träume, dass wir zusammen unter einem schönen Weihnachtsbaum liegen, Lebkuchen essen und Weihnachtstee trinken und uns immer wieder zärtlich küssen.
Es wird bestimmt ein schönes Weihnachtsfest für uns werden.

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Information Welcome to Australia
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:42 PM - No Replies

Seit Vaters Tod, war ein drei viertel Jahr vergangen. Mit einem komischen Gefühl im Bauch, lief ich die Gangway entlang. Ich kam mir plötzlich fremd vor.
„Du hattest Recht…“, hörte ich Bob hinter mir sagen.
„Was?“, entfleuchte es mir aus dem Gedanken gerissen.
„… ich meinte du hattest Recht, dass ich mitkommen sollte.“
Einerseits war es ja klar, dass Abby und Molly in Australien blieben. Molly wegen der Schule und Abby wegen der Praxis. Aber dass Bob sich anfangs so sträubte, verwunderte mich doch sehr. Erst nach langen Gesprächen mit Abby, ließ er sich dazu bewegen, mich nach Amerika zu begleiten.
„Ich habe dir das nie erzählt, aber dein Großvater hat mir nie verziehen, dass ich nach Australien gegangen bin.“
Ruckartig blieb ich stehen.
„Warum dass denn?“
„Er hielt es für eine alberne und kindische Idee. Er behauptete, ich würde nach einem Jahr bankrott und reumütig wieder zurückkommen.“
„Bist du nicht…“
„Nein.“
„Und warum denkst du dann, er hat dir nie verziehen?“
„Hast du in den Tagen, als wir zur Beerdigung deines Vaters einmal erlebt, dass er sich großartig mit mir unterhalten hat?“
Ich überlegte angestrengt.
„Um ehrlich zu sein kann ich dir die Frage nicht mal beantworten. Da hatte ich anders im Sinn.“
„Entschuldige…“
„Nicht nötig. Der Tod meines Vater hatte seinen Sinn…, oder? Ohne ihn hätte ich euch nie kennen gelernt und nie diese tolle Familie bekommen.“
Bob lächelte und wir liefen weiter.
„… und was mir gerade einfällt, Großvater hat sich sehr schwer getan, als er erfuhr, dass ich auf Jungs stehe.“
„… die beste Unterstützung für Grandma“, seufzte Bob und wir kamen an die Kontrolle.
*-*-*
Mir war nie aufgefallen, dass Grandma so viele Bilder von mir hatte. Bei einigen musste ich sogar schmunzeln, denn sie zeigten mich als Kind meist dann, wenn mir etwas passiert war. Auch waren Bilder von meinem Vater und Mum dabei.
Grandma saß still in ihrem Ohrensessel, während Bob versuchte Abby zu erreichen.
„Wie geht es in der Schule?“, fragte Grandma plötzlich.
Ich beendete meine Kindheitserinnerungen und setzte mich zu ihr.
„Dr. Steinhardt ist der Meinung, dass ich jetzt endlich mit meinen Kursen begingen kann. Er hat mir einige Vorschläge gemacht und ich konnte es mir dann aussuchen.“
„Und was hast du dir ausgesucht?“
„Zum Beispiel Kunst…“
„Kunst? Wie kommst du gerade auf Kunst?“
„Ja! Ich habe festgestellt, dass ich Spaß am Malen und Zeichnen habe…, wobei bei Personen ich meine Schwierigkeiten habe. In einer Stunde hatten wir die Aufgabe, jemanden zu zeichnen, der uns wichtig ist. Da habe ich Berry genommen…, aber irgendwie sah er am Schluss wie ein Monster aus.“
Grandma fing an zu lachen.
„Das lernst du sicher auch noch.“
So schnell ihr Lachen gekommen war, so traurig schaute sie nun wieder.
„Du bist… glücklich?“, fragte sie leise.
„Ja“, strahlte ich, „auch wenn mir mein Berry etwas fehlt.“
„Er ist ein netter Junge.“
Ich nickte. Wieder schwiegen wir uns an. Bob schien sein Gespräch beendet zu haben und kam zu uns ins Wohnzimmer.
„So, ich soll euch schön grüßen.“
„Danke“, sagten Grandma und ich gleichzeitig.
Er nickte.
„Ich werde mich ein wenig hinlegen“, meinte Grandma und erhob sich schwerfällig.
Wenig später war ich mit Bob alleine. Er seufzte.
„So habe ich sie noch nie erlebt. Als wäre hätte jemand den Stecker gezogen und sie läuft auf Restenergie.“
„Wie lange waren Grandma und Grandpa zusammen?“
„Lass mich überlegen…, dass müssen weit über 50 Jahre gewesen sein.“
„Wenn du solange mit jemand zusammen warst, dann fehlt doch sicher etwas, wenn ein Teil nicht mehr präsent ist.“
Bob sah mich lange an.
„Ja ich weiß was du denkst. Mein Dad wurde ebenso aus meinem Leben gerissen. Aber nur der Teil, an den ich mich gerne erinnere, der fehlt mir…, den Rest…“
„Ich weiß.“
„Aber über 50 Jahre, für Grandma muss eine Welt zusammen gebrochen sein. Schlimmer als bei mir.“
Bob nickte.
„Egal, es ist immer furchtbar, wenn eine nahestehende Person stirbt. Ich atmete tief durch.
„Bob ich möchte Grandma mitnehmen…“
„Ich denke, sie hat da ein Wort mitzureden, oder?“
„Sie ist hier alleine…“
„Hier sind ihre Wurzeln und Abby hat dir schon mal gesagt, alte Bäume zu verpflanzen…“
„…ich weiß“, fiel ich ihm ins Wort, „aber sie hat hier doch niemand mehr. Du weißt meine Pläne mit dem Haus und…“
„Das Grab deines Großvaters wird hier sein…“
„Wird es nicht“, unterbrach Grandma unsere Unterhaltung.
Wir hatten sie beide nicht kommen gehört. Fragend schaute ich sie an.
„Ich habe das euch noch nicht gesagt…“, begann sie und setzte sich wieder in ihren Sessel.
„… ich habe beschlossen, dass mein Mann verbrannt wird. Seine Asche kommt in eine Urne.“
Verblüfft schaute ich sie an.
„Bist du dir da sicher?“, fragte Bob.
Sie nickte und schaute ihn an.
„Ich weiß, wir waren so viel Jahre zusammen, haben gute wie schlechte Zeiten durchlebt und durchstanden. Aber jetzt…“, sie schaute zu mir, „… wo Tom bei euch lebt, ist hier alles sehr ruhig geworden und ohne Louis… ist hier nichts mehr wie es war.“
Ich spürte, wie es in meinen Augen feucht wurde und ich wischte die Tränen weg.
„Daher habe ich beschlossen…, wenn euer Angebot noch gilt… zu euch zu kommen…“
Bob stand auf und kniete sich vor seiner Mutter hin, die sich wieder in ihren Sessel gesetzt hatte. Wollte sie sich nicht etwas hinlegen?
„Bist du dir da wirklich sicher?“, wieder holte er seine Frage.
„Ja Bob, dass bin ich. Alles was mich an deinen Vater erinnert, kann ich mitnehmen…“
Bob war sichtlich gerührt und wischte sich ebenfalls über seine Augen.
„Ich habe einen Makler beauftragt, die Wohnung zu verkaufen. Und für das Packen habe ich ebenfalls eine Firma beauftragt. So wäre alles geklärt und ich könnte mit euch kommen. Die Sachen, die ich behalten werde, werden dann nachgeschickt.“
„Du machst Nägel mit Köpfen…“
„Ja Bob. Bevor dein Vater starb, sagte er mir, ich solle leben und nicht zu sehr um ihn trauern. Ihm würde es nichts ausmachen, wenn ich nach Australien gehen würde.“
Obwohl es genau das war, was ich mir wünschte, wurde ich noch trauriger.
„Er sagte noch etwas. Du hast immer geglaubt, er war dir böse, dass du ausgewandert bist.“
Bob nickte und ich sah ihn verwundert an. Konnte sie Gedanken lesen?
„Das stimmt nicht. Er war unheimlich stolz auf dich, was du da in Australien geschaffen hast. Aber du weißt selbst…, er war nie gut in Gefühlen zeigen.“
Ich konnte nicht anders und fing an zu weinen. Zu sehr setzte mir das alles zu. Zu viel war geschehen und das hier gab mir den Rest. Bob erhob sich und kam zu mir. Er nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich.
„Es wird alles gut…“, hörte ich es leise.
*-*-*
Die kleine Feier nach der Verbrennung war wenig besucht. Grandma hatte die Urne übereicht bekommen und wortlos waren wir wieder zu ihrer Wohnung gefahren. Sie schloss die Wohnungstür auf und wir traten ein.
„Bob, könntest du mir den großen Koffer aus der Kammer holen?“
„Ja…“
„Helft ihr mir beim packen? Ich weiß gar nicht, was ich mitnehmen soll.“
Sie sank leicht nach vorne und Bob nahm sie in den Arm. Leise begann sie zu weinen.
„Oh Gott…, ich vermisse ihn so.“
Ich wusste, was sie fühlte. Mir ging es aber auch nicht anders.
„Willst du dich nicht lieber etwas hinlegen?“, fragte Bob seine Mutter, die immer noch die Urne in Händen hielt.
„Schon gut…, je eher ich das hier hinter mich bringe, umso besser.“
Sie befreite sich aus Bobs Armen und lief in ihre Zimmer. Schulterzuckend sah Bob mich an.
Zwei Tage später saßen wir wieder im Flieger. Dieses Mal saß Grandma neben mir.
„Hoffentlich habe ich nichts vergessen“, meinte sie und durchwühlte ihre Handtasche.
„Und wenn Grandma…, dass wird nachgeschickt oder können wir auch in Australien kaufen.
*-*-*
Abby hatte es sich nicht nehmen lassen und eine kleine Willkommensparty organisiert. Bis das Nachbarhaus fertig gestellt wurde, zog Molly zu mir ins Zimmer, dass schien uns allen die perfekte Lösung.
Es wurde in meinem Zimmer zwar etwas eng, aber jeder hatte seinen Teil im Zimmer. Grandma gefiel Mollys Raum so gut, dass wir kurzerhand umdisponierten und Molly und ich in das Nachbarhaus über die Klinikräume ziehen wollten.
Fred war auch schnell dabei, diese Wünsche auf den Plänen zu ändern. Ich stand mit Grandma im Garten und beobachtete die Bauarbeiter.
„Das muss doch alles unheimlich viel Geld kosten.“
„Grandma, dein Enkel ist jetzt eine gute Partie. Mit dem Geld der Stiftung ist das eigentlich alles schon bezahlt. Im Haus geht es nicht mehr so eng zu und Abby und Bob haben für die Tiere auch mehr Platz.“
„Ich sehe schon, du hast dich hier gut eingelebt.“
„Das wirst du auch Grandma…“
Sie nickte.
„Wenn du Lust hast, können wir uns etwas auf meine Veranda setzten, da ist es viel ruhiger.“
„Ja…, ist vielleicht besser.“
Ein Wagen kam auf das Grundstück gefahren. Dicht neben uns kam es zum halten. Ein junger Typ, den ich hier noch nicht gesehen hatte, stieg aus. Bleich im Gesicht, schaute er zu uns.
„Ich…, ich habe einen Hund… angefahren…, kann mir jemand helfen?“
Dass der Typ total neben sich stand, merkte man daran, wie sehr er zitterte.
„Grandma…, kannst du drinnen Bescheid geben, ich helfe dem Mann.“
„Ach herrje, der arme Hund. Ich geh sofort zu Bob.“
Langsam lief sie zum Eingang zurück, während ich zu dem Mann ging, der gerade seinen Kofferraum öffnete. Das viele Blut ließ mir kurzzeitig Übelkeit aufsteigen.
„…ich wollte das nicht…“, sagte der Typ neben mir und fing an zu weinen.
„Wir sollten ihn in die Praxis tragen“, meinte ich und überlegte, wie man den Mischling am besten tragen konnte.
Der Mann hatte ihn zwischen Hals und Schulter erwischt und die Wunde war notdürftig mit einem weißen Tuch verbunden. Viel half es nicht, denn das Blut färbte schon das Tuch rot ein.
„Was ist passiert, Grandma kam ganz aufgelöst zu mir“, hörte ich Bobs Stimme.
„Dem Mann hier ist ein Hund vor das Auto gelaufen“, rief ich zurück.
Wenige Sekunden später stand Bob neben uns.
„Bob Miller, mein Name…Tierarzt hier“, sagte Bob und hielt dem Mann die Hand hin.“
„Clark… Steinhardt…“
„Steinhardt? Verwandt mit Scot Steinhardt, dem hiesigen Rektor…“
„… mein Onkel.“
„Okay…, dann kümmern wir uns erst um den Hund.“
Von Bob bekam ich den Auftrag bei Steinhardt anzurufen und Bescheid zu geben. Dieser fragte erst nach meinem Befinden und ob ich am nächsten Tag wieder in die Schule kam. Seine Stimme wurde unruhiger, als ich Clark erwähnte und meinte, er mache sich sofort auf den Weg.
Molly saß mit Grandma in der Küche und ließen sich von Darleen einen Kaffee machen. Ich lief derweil direkt in die Praxis. Dort angekommen, fand ich Abby mit diesem Clark an der Theke.
Immer noch bleich im Gesicht stand er da.
„Tom, könntest du kurz hier bei Mr. Steinhardt bleiben, ich muss Bob helfen.“
Ich nickte und ging hinter die Theke, während Abby in der Zwei verschwand.
„Möchten sie sich nicht setzten?“, fragte ich ihn.
Er schüttelte den Kopf.
„…ähm…, das sie… ist unnötig… ich bin… erst zwanzig“, sagte dieser Clark plötzlich.
Zwanzig? Etwas ungläubig schaute ich mein Gegenüber an. Er sah mindestens wie dreißig aus. Ich nickte ihm zu und machte mich an den Stapel Papiere, die in der Ablage lagen. Plötzlich wurde die Tür zur Praxis aufgerissen und Direx Steinhardt kam hereingestürmt.
„Was hast du nun schon wieder angestellt“, begrüßte der Direx seinen Neffen lautstark, selbst ich wich etwas zurück.
Verwundert schaute ich zwischen den beiden hin und her.
„Er…, er ist mir vors Auto gelaufen, ich habe wirklich nichts falsch gemacht.“
Fast ängstlich schaute Clark zu Mr. Steinhardt und wich auch etwas zurück. Mein Rektor drehte sich zu mir.
„… ähm hallo Tom… Kann man Bob oder Abby sprechen?“
„Moment…, ich schau nach.“
Ich lief zu der Zwei, klopfte an, öffnete die Tür und streckte den Kopf in den Raum. Bob und Abby hantierten bei an dem Hund.
„…ähm. Mr. Steinhardt ist da, kann jemand von euch heraus kommen?“
Beide sahen kurz auf.
„Er muss noch fünf Minuten gedulden Tom“, antwortete Abby.
Ich blieb in der Tür stehen.
„Ist noch etwas?“, fragte Abby.
Ich betrat den Raum vollends und schloss hinter mir die Tür.
„Ähm…, kennt ihr den Neffen?“
„Nein, wir wissen nur, dass Scot eine Schwester hat. Warum fragst du?“
„Dieser Clark behauptet er wäre zwanzig und…“
Bob und Abby schauten sich an.
„… er hatte richtig Angst, als ihn Steinhardt anfuhr.“
„Tom, geh bitte hinaus, ich bin gleich da“, meinte Abby.
Ich nickte und verließ die Zwei.
Molly stand hinter der Theke und redete mit Steinhardt.
„Abby meinte, sie brauchen noch etwas“, sagte ich und lief zu Molly.
Sie schaute mich fragend an.
„WAS?“, entfuhr es mir etwas laut, so das Clark zusammen fuhr.
„Mich wundert, dass du noch nicht Kopfüber auf der Toilette hängst.“
„Wieso?“
„Hast du dich schon mal angeschaut… und deine Hände… die Flecken… das ist Blut.“
Direx Steinhardt grinste, während ich entsetzt an mir herunter schaute.
„Ich… ich glaub ich geh mich schnell umziehen.“
„Wäre wohl besser…“, meinte eine grinsende Molly.
*-*-*
„Tut mir Leid…, wir konnten ihn nicht retten“, meinte Bob leise, als ich wieder zurück kam.
Mein Blick fiel auf Clark. Er saß zusammen gekauert auf einen Stuhl, seine Hände zitterten extrem. Mir fiel natürlich auf, dass Bob und Abbey genauso zu Clark schauten.
„Scott“, kam es von Abbey, „wir sollten kurz noch reden.“
Sie zog ihn ins Behandlungszimmer und ich war mit Molly und Clark alleine.
„Möchtest du etwas trinken?“
Er schüttelte den Kopf. Ich lief zu Molly hinter die Theke zurück. Sie streckte ihren Kopf extreme dicht zu mir.
„Ich weiß ja, ein Tier anzufahren, ist schon schlimm, aber reagiert der Neffe vom Direx nicht etwas zu heftig?“, flüsterte sie mir zu.
Ich sah kurz zu ihr, dann zu Clark.
„Kennst du Clark?“, flüsterte ich fragend zurück.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich auch nicht. Wir wissen nicht was zwischen ihm und seinem Onkel vorgefallen ist.“
„Er sagte so etwas wie, was hast du jetzt wieder angestellt…“
„Molly…“, ich sah zu Scott, der seine Sitzposition nicht geändert hatte, „wir werden es sicher noch erfahren…“
Sie nickte. Langsam machte ich mir Sorgen um Clark, weil er völlig apathisch da saß und sich keiner um ihn kümmerte. Ich atmete tief durch und ging wieder zu ihm.
„Tom…“, sagte Molly leise, doch ich beschwichtigte sie mit einer Handbewegung.
„Ähm…, sollen wir nicht vielleicht etwas hinausgehen?“, fragte ich Clark.
„Was soll das bringen?“
Sein Ton hatte sich geändert. Aus der zitternden Stimme war ein bedrohliches Fauchen geworden.
„Entschuldige…, war nur ein Vorschlag.“
Ich wollte mich gerade wegdrehen, als er aufsprang, mich am Kragen meines Hemdes packte und gegen die Wand drückte. Molly schrie auf und ich schlug mir den Kopf an der Wand an. Sein Gesicht kam ganz dicht an meines.
„Was interessiert dich wie es mir geht, ich bin dir doch scheiß egal!“
Mit einer Hand hielt ich sein Handgelenk fest, mit der anderen rieb ich meinen Hinterkopf. Doch bevor ich im Kontra geben konnte, hörte ich es laut Clark rufen. Plötzlich kam Mr. Steinhardt in Sichtweite und drückte Clark unsanft von mir weg. Sprich, er knallte zu Boden.
„Scott!“, schrie ich laut, als er bedrohlich auf Clark zulief.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich meinen Direx gerade per Vornamen gerufen hatte. Aber irgendwie war mir in den Sinn gekommen, was damals zwischen meinem Vater und mir geschah. Leicht geschockt und verärgert schaute er mich an.
„… egal was passiert ist…“, fauchte ich ihn an, „man darf einen Menschen nicht so behandeln!“
„Tom…, du vergreifst dich im Ton“, hörte ich Abbys Stimme.
Ich drehte mich zu ihr, so dass ich Clark im Rücken und die anderen vor mir hatte.
„Weißt du was für ein Gefühl das ist, wie ein Stück Dreck behandelt zu werden. Deine Selbstsicherheit geht den Bach runter, du glaubst langsam was du da jeden Tag eingehämmert bekommst. Zurück bleibt eine leere Hülle und du lebst nur noch mechanisch. Die Schläge, die du bekommst, dich abstumpfen, es irgendwann nicht mehr weh tut…“
Mir war egal, dass ich alle Anwesenden mittlerweile anschrie. In der Tür erschienen Großmutter und Berry.
„Jeden Tag versuchst du aufs Neue jedem alles Recht zu machen, um am Abend doch wieder resigniert ins Bett zu gehen und dich in den Schlaf zu weinen. Könnt ihr euch vorstellen wie das weh tut, wenn es hier drin“, ich zeigte auf mein Herz, „zerreißt, du vor Schmerz nicht mehr ein oder aus weißt?“
Alle schauten mich schockiert an. Berry bekam feuchte Augen.
„… wenn alles in dir zerbricht“, sprach ich mit Tränen erstickter Stimme weiter, „du dich fragst, warum du überhaupt geboren wurdest.“
Ich atmete tief durch.
„Keiner hat verdient so behandelt zu werden!“
Ich spürte wie meine Knie weich wurden, aber bevor ich in mich zusammen sank, spürte ich Berry kräftige Arme, die mich festhielten.
„Wird das nie aufhören?“, heulte ich seine Schulter.
Berry drückte mich fester an sich und streichelte mir übers Haar.
„Tom entschuldige…, ich wusste nicht…“, begann Direx Steinhardt.
Ich drückte Berry sanft weg, ohne ihn aber loszulassen.
„Es gibt nichts zu entschuldigen…, dass ist Vergangenheit…“, sagte ich im leisen und ruhigen Ton, wischte mir die Tränen aus den Augen, „eher ich, weil ich mich im Ton vergriffen habe. Aber ich meine das wirklich ernst, dass dies niemand verdient… auch nicht Clark, was auch immer er getan hat…“
Mein Blick wanderte zu Clark, der immer noch am Boden lag und mich mit großen Augen anstarrte.
*-*-*
Berry
„Du trägst das immer noch mit dir herum…“
Ich saß mit Tom im Arm auf seinem Bett.
„Ich habe dir schon gesagt, dass man so etwas nicht so schnell vergessen kann.“
„Ob vergessen das richtige Wort ist, kann ich nicht sagen.
Ich strich ihm sanft durch sein Haar.
„Dass ich kein Vater hatte, damit habe ich leben gelernt, vielleicht solltest du versuchen, damit zu leben, was in deiner Vergangenheit passiert ist. Ich weiß, solche Vorschläge zu geben ist leicht, es zu machen schwer.
Tom seufzte.
„Da hast du Recht.“
Ich drehte Toms Gesicht zu mir.
„Vergiss bitte nie, dass ich immer für dich da bin und wenn so etwas ist du zu mir kommst, es mir sagst. Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was in dir vorgeht.“
„Das kann ich nur Retour geben.“
Ich nickte verlegen.
„Ich weiß, dass es falsch war mich aufzugeben, aber davon abzukommen ist genauso schwer.“
„Fühlst du dich immer noch minderwertig?“, fragte ich.
„Ab und zu…“
„Warum? Du hast wirklich keinen Grund dazu. Du bist so ein lieber Kerl und ohne Grund hätte ich mich nie in dich verliebt.“
„Ich weiß“, lächelte Tom, „es ist einfach schwer die Vergangenheit abzulegen.“
„Nochmal…, leb mit ihr, sie hat aus dir gemacht, was du heute bist! Ich denke Clark war beeindruckt von dir, dass du dich für ihn eingesetzt hast. Du tust einfach Dinge, ohne lang darüber nachzudenken und welche Konsequenzen es für dich hat, etwas was ich sehr an dir liebe, dich aber auch manchmal in Ärger bringt.“
„Meinst du, der Direx nimmt mir arg krumm, dass ich ihn so angefahren habe?“
„Das weiß ich nicht, aber ich denke nicht, denn normalerweise ist unser Direx sehr tolerant und weitsichtig. Und ohne Grund hast du ihn ja auch nicht angeschrien.“
„Tut mir Leid, dass du das miterleben hast müssen.“
Tom senkte sein Kopf.
„Das muss dir nicht Leid tun Tom. Ich habe dich erlebt, als du deine wahren Gefühle gezeigt hast, was soll daran schlecht sein?“
„Weil ich ausgetickt bin…“
„Fühlst du dich jetzt auch minderwertig?“
Tom nickte.
„Warum?
Er zuckte mit der Schulter.
„Nur weil du für eine Ungerechtigkeit eingestanden bist?“
Es klopfte an der Tür.
„Ja?“, sagte Tom.
Die Tür ging auf und unser Direx schaute herein.
„Störe ich…, könnte ich kurz mit dir… euch sprechen?“
Tom löste sich von mir und setzte sich auf.
„Nein sie stören nicht, Mr. Steinhardt.“
„Warum bleibst du nicht bei Scott?“, lächelte er, blieb aber an der offenen Tür stehen.
Tom wurde rot und ich musste wie der Direx grinsen.
„Komm herein“, meinte Steinhardt und wenige Sekunden später erschien auch Clark in meinem Zimmer.
Ich rutschte nun auch zum Bettrand neben Tom. Die zwei setzten sich auf Toms neuerworbenes kleines Sofa.
„Warum ich zu euch gekommen bin, ich möchte mich entschuldigen.“
„Sie?“, kam es von Tom überrascht.
„Ja Tom, ich! In der Schule predige ich immer Toleranz und Weitsichtigkeit“, bei den Worten grinste ich Tom an, der mich zur gleichen Zeit anschaute.
„Aber bei meinem Neffen habe ich da total versagt, anstatt ihm zu helfen.“
Tom atmete tief durch.
„Auch wenn ich jetzt Gefahr laufe, Clark zu Nahe zu treten, von was für einem Problem reden wir denn?“
„Tust du nicht…“, kam es kleinlaut von Clark, „ich war bis vor einem Jahr schwerer Alkoholiker.“
Toms Gesicht bekam einen schmerzlichen Ausdruck. Clark war kaum älter als wir und dann schwerer Alkoholiker?
„Und du trinkst wieder?“, fragte er tonlos.
„Nein…“
„Gut!“
Clark schaute Tom fragend und verwirrt an. Tom rieb sich über das Gesicht und atmete tief ein und aus. Ich legte meinen Arm um ihn.
„Clark…, bis vor einem Jahr lebte ich noch in Amerika. Meine Mutter ist abgehauen, als ich noch ein Kind war und mein Vater, nachdem er seinen Job verlor wurde er ebenfalls zum Alkoholiker. Er machte mir die letzten zwei Jahre zur Hölle, gab mir die Schuld, für das Verschwinden meiner Mutter und hasste mich wegen meines Andersseins.“
„Andersseins…?“
„Weil ich schwul bin…, deshalb erhob er auch am Schluss die Hand gegen mich.“
Clark senkte den Kopf.
„Das tut mir Leid.“
„Das muss es nicht…, es ist vorbei… mein Vater ist gestorben.“
„Du musst mich jetzt hassen…, oder?“
„Warum?“, fragte Tom.
„Weil ich auch getrunken habe…, Leute verprügelte hatte, anderen das Leben zur Hölle gemacht habe…, auch meiner Familie.“
„Da ist ein kleiner Unterschied Clark.“
„Hä?“
„Du sagtest habe, … hatte. Du hast etwas dagegen gemacht. Du hast dich gegen den Alkohol entschieden und das macht dich wiederum zu etwas Besonderem und dafür bewundere ich dich.“
Steinhardt legte seine Stirn in Falten und zog die Augenbraun hoch.
„Entschuldige, dass ich mich in euer Gespräch einmische, aber aus dieser Sichtweise habe ich es nie gesehen“, meinte er.
Tom lächelte etwas.
„Wenn ich nicht so denke würde, müsste ich Timothy immer noch böse sein, dass seine Mutter ihn so auf uns gehetzt hat, ja auch dass sie auf mich geschossen hat.“
„Auf dich wurde geschossen?“, fragte Clark entsetzt.
„Ja, unter anderem. In diesem Jahr, seit ich hier lebe, ist genug für ein ganzes Leben passiert, aber es sind auch tolle Dinge passiert, zum Beispiel hat es mir einen tollen Freund“, er schaute zu mir, „und Partner beschert, der unvoreingenommen immer zu mir steht.“
Ich wurde leicht verlegen, weil Tom heute sein Herz so offen zur Schau stellte.
„So etwas möchte ich auch haben…“, sagte Clark.
„Du… bist auch schwul?“, kam es leicht entsetzt vom Direx.
„Nein…“, sagte Clark und zum ersten Mal sah ich ihn lächeln, seit ich hier war, „ich möchte auch jemand haben, der immer zu mir steht.“
„Tut mir Leid, Junge“, sagte Steinhardt.
„Muss es nicht ich habe dir und Mum genug angetan.“
„Aber das ist Vergangenheit“, sprach Tom einfach weiter, „jeder hat das Recht auf eine zweite Chance.“
„Normalerweise würde ich dich jetzt fragen wie alt du bist, Tom“, meinte Steinhardt, „aber ich kenne deine Geschichte und weiß was du durchgemacht hast. Ich bewundere dich dafür und rechne dir es hoch an, dass du dich zu einem so tollen Menschen entwickelt hast, deswegen auch die Entschuldigung von mir, das ich bei Clark falsch gehandelt habe.“
Tom nickte.
„Deshalb bin ich auch nicht böse, dass du mich angeschrien hast, weil du mir in dem Augenblick den Kopf zu Recht gerückt hast. Ab und zu kann man auch etwas von einem Jüngeren lernen. Und das mit dem Vornamen…“, Toms Körper spannte sich an, „solange du mich in der Schule nicht so anredest, können wir dabei bleiben. Abby, Bob und auch Linda…, wir sind schon so lange Freunde, was euch das Recht einräumt, Scott und du zu mir zu sagen.“
„Öhm danke“, sagte ich verwundert.
„Danke“, meinte Tom lächelnd.
„Du hast aber noch etwas auf dem Herzen“, meinte Scott zu Tom.
„Ja…, was wird jetzt aus Clark?“
Alle drei schauten wir nun zu Clark.
„Ich… ich würde gerne wieder weiter studieren.“
„Wieso? Was hast du denn angefangen?“, fragte Tom.
„Tiermedizin…“
*-*-*
Bob war so freundlich gewesen mich nach Hause zu fahren. Ich wäre zwar noch gerne bei Tom geblieben, aber es ging eben nicht. Zu Hause angekommen, kam mir Nath entgegen.
„Hi Nath, alles klar?“
„Ja, geht so.“
„Wieso? Was ist?“
„Timothy. Ihm hängt die ganze Sache mit seiner Mutter immer noch nach. Sein schlechtes Gewissen uns gegenüber leistet ganze Arbeit.“
„Das ist doch Quatsch.“
„Das habe ich auch gesagt, aber da rennst du bei ihm gegen eine Mauer. Du ich muss los, ich bin schon spät dran, da steht noch ein ausführliches Gespräch mit meinem Vater an.“
„Da wünsch ich dir mal viel Glück.“
„Glück?“
„Ich kenne deinen Vater.“
„Danke…“, meinte Nath lächelnd und schwang sich auf sein Fahrrad.
Ich schloss die Haustür auf und betrat mein neues zu Hause.
„Ich bin da…, wer noch?“
Keine Antwort. Ich zog meine Schuhe aus, legte meinen Schlüssel auf die Kommode und sah mich um. Es schien wirklich niemand da zu sein, außer Timothy natürlich. So rannte ich die Treppe hinauf und blieb vor Timothy Tür stehen. Sanft klopfte ich. Von drinnen war ein leises Ja zu hören.
Ich schob die Tür auf und fand Timothy auf seinem Bett liegend vor. Er lag auf dem Bauch, war nur in Shorts gekleidet. Deutlich konnte ich die Narbe der Operation an seinem Arm sehen.
Aber auch sonst fiel mir auf, dass mein zukünftiger Stiefbruder recht gut aussah. Bisher war mir das nie aufgefallen, aber ich hatte auch nie Interesse an Timothy.
„Hallo“, meinte ich und schloss die Tür hinter mir.
„Ist etwas?“, fragte er, ohne seinen Kopf aus dem Kissen zu heben.
„Das wollte ich dich fragen.“
Nun schaute er doch auf und ich sah, dass er geweint haben musste. Ich verließ meinen Platz an der Tür und setzte mich zu ihm aufs Bett.
„Ich habe Nath vor dem Haus getroffen…“
„Ja, er hat mich besucht.“
„Und?“
„Und was?“
„Glücklich sah er nicht aus.“
„Sorry.“
„Warum entschuldigst du dich bei mir?“
„Ach ich weiß auch nicht…“, meinte er, setzte sich auf und nahm sein Kopfkissen in den Arm.
„Timothy, ich kann dir immer wieder nur sagen, keiner ist böse auf dich, was deine Mutter getan hat.“
Er schaute mich an und seine Augen füllten sich wieder mit Tränen.
„Ich… ich kann das nicht…, es liegt wie ein Schatten über mir…, immer wieder sehe ich die Bilder vor mir…, wie sie auf Nath geschossen hat…, dann auf Tom…, ich kriege die Bilder nicht aus dem Kopf…“
Sein Kopf sank nach vorne ins Kissen und er begann zu schluchzen. Ich beugte mich nach vorne und nahm ihn in den Arm.
„Niemand wird je verstehen, warum deine Mutter so war. Ich kann dir nur sagen, was ich Tom schon vorhin gesagt habe…, dass du die Vergangenheit nicht ändern kannst und versuchen musst mit ihr zu leben…“
„Tom macht sich auch Vorwürfe?“
„Nein, es ging um seine Vergangenheit in Amerika.“
Timothy sah mich lange an.
„Eigentlich sollte es mir gut gehen…, was Tom erlebt hat…, dagegen ist es bei mir eine Nichtigkeit.“
„Du darfst das nicht miteinander aufwiegen Timothy, ihr beide habt Schlimmes erlebt. Ich kann nur sagen, versuch nach vorne zu schauen…“, oh man hörte ich mich so altklug an, fast wie ein Erwachsener.
*-*-*
Tom
Meine Tasche war gepackt und ich stellte sie in den Flur. Molly kämpfte immer noch.
„Soll ich dir helfen?“, fragte ich.
„Mir ist nicht zu helfen, oder willst du aussuchen, was ich mitnehmen soll?“
„Lieber nicht“, lachte ich, „sonst krieg ich womöglich mit Lesley Probleme.“
Sie grinste mich schief an. Ich lief nach draußen auf die Veranda. Die Bauarbeiten waren für heute eingestellt worden, die Arbeiter nach Hause gegangen. Ich stand vor der Baustelle und sah, dass das ganze langsam Form annahm und sah die Details, die Fred für mich im Plan ausgearbeitet hatte.
„Na…, ist der Bauherr zufrieden?“
Ich drehte den Kopf, hinter mir stand Abby. Ich nickte. Sie stellte sich neben mich und legte ihren Arm um meine Schulter.
„Ich freu mich darauf, wenn es fertig ist“, meinte ich.
„Ich auch“, erwiderte ich.
„Clark hat angerufen und gefragt, ob er vorbei kommen könnte.“
„Clark?“
„Ja, er scheint ja völlig von dir fasziniert zu sein.“
„Öhm…, ich wüsste nicht warum.“
„So wie mir Scott erzählt hat, der übrigens auch nur noch von dir in den höchsten Tönen schwärmt, das Clark den ganzen Tag von dir redet.“
Ich atmete tief durch.
„So wichtig bin ich nun auch wieder nicht, dass ich zum Tagesgespräch werde.“
„Komm, du warst schon Stadtgespräch, wie war dass, der Mafioso, der etwas mit der Küsterfrau etwas hatte…?“
Beide fingen wir zu lachen.
„Ich bin stolz auf dich Tom, bleib so wie du bist und du wirst noch eine Menge Menschen beeindrucken.“
Mit diesen Worten ließ sie mich alleine.
*-*-*
„Grandma, hast du Lust etwas mit mir und Gustav sparzieren zu gehen?“
„Wenn ich nicht rennen muss“, lächelte sie mich an.
„Wenn dann rennt nur er.“
„Ich möchte aber mir meine Strickjacke mitnehmen, es ist zwar warm draußen, aber der Wind fröstelt mich etwas.“
„Warte, ich kann auch kurz hochlaufen und sie dort holen, wo muss ich schauen?“
„Sie hängt über dem Stuhl vor dem Fenster.“
Wenig später liefen wir am Weg hinter dem Haus entlang.
„Und Morgen fahrt ihr also Sidney? Wie lange?“
„Eine Woche Grandma und ich bin gespannt wie es da ist. Unsere Lehrer haben zwar, ein Programm zusammen gestellt, aber wir verfügen auch über etwas Freizeit.“
„Du passt bitte auf dich auf, dass ist eine fremde Stadt und…“
„Keine Sorge Grandma, ich habe genug Aufpasser dabei, mir wird schon nichts passieren.“
„Ach Junge…, es ist soviel passiert in dem Jahr, ich weiß gar nicht, wie du dass alles verkraftest?“
„Grandma, ich habe hier eine tolle Familie, die voll hinter mir steht, ich habe Freunde, die immer für mich da sind und ich habe einen lieben Menschen, der sein Leben mit mir teilt.“
„Das hört sich nicht an, wie ein Junge von siebzehn Jahren.“
Ich musste lachen. Berry hatte Recht, ich war jetzt das, was die Vergangenheit aus mir gemacht hatte.
*-*-*
„Ich denke immer darüber nach, was ich vergessen haben könnte.“
„Lesley, nun hör auf, du bist ja schlimmer wie ein Mädchen“, meinte Berry, der sich darauf einen Knuff von Molly einhandelte.
Ich musste leise kichern. Wir saßen im Bus ganz hinten, auf alle Fälle nebeneinander.
„Wann fährt denn der blöde Bus endlich los?“, fragte Nath, der sich neben Timothy nieder gelassen hatte.
„Du wirst es erwarten können“, kam es von Horaz.
Wir schauten nach draußen, wo immer noch ein Pulk Eltern bei unseren Lehrern stand. Aber plötzlich schien sich die Runde aufzulösen und die Lehrer stiegen ein.
„Wir können“, hörte ich Mrs. Sanchez sagen und prompt wurde der Motor gestartet.
Ein Jubel ging durch den Bus. Draußen standen noch die Eltern und winkten uns zu.
„Nath, schau, dein Vater winkt auch“, rief Horaz
„Der wird froh sein, mich loszuhaben.“
„Eher andersrum.“
Alle fingen wir an zu lachen. Jedenfalls der hintere Teil des Busses. Berry neben mir stand auf und beugte sich über den Vordersitz.
„He, wink mal, die winken auch dir“, hörte ich sagen und er meinte sicher Timothys.
„Ach lass mich…“
„Was soll ich?“
Plötzlich hörte ich Timothy quieken, Berry schien ihn zu kitzeln.
„Nathaniel, du lässt… zu, dass er… das mit mir macht?“, meckerte Timothy seinen Freund an.
„Warum nicht, es macht Spaß dir beim Lachen zu zuschauen!“
„Na ja, richtiges Lachen ist das ja noch nicht, eher so ein Quiekton eines Ferkel“, meinte Berry und piekte weiter in Timothys Seite.
„Ferkel…? Na warte…du…“, kam es von Timothy, der sich in seinem Sitz aufrichtete.
„Meine Herren dahinten, würden sie sich wieder hinsetzten und Ruhe halten, ich habe eine Durchsage zu machen!“, wurden die Beiden von Mr. Smith unserem Englischlehrer unterbrochen.
Alle die um die beiden herum saßen mussten grinsen.
*-*-*
Ich war wohl eingeschlafen und wie ich feststellte, die anderen auch. Berrys Arm lag um meine Schulter und mein Kopf ruhte auf seiner. Ruhig atmete er vor sich hin. Mein Blick fiel nach draußen.
Ein Schild konnte ich sehen, Goulbum. Mir unbekannt, aber sicher auf der Strecke nach Sydney. Ich spürte, dass jemand den Flur entlang lief und schaute auf. Es war Mr. Sanchez, der mich anlächelte.
„Richtig schön ruhig, wenn ihr alle schlaft“, meinte er zu mir.
Ich grinste ihn an.
„Aber du kannst anfangen, deine Nachbarn zu wecken, wir machen gleich eine Stunde Pause.“
„Wie weit sind wir noch von Sydney weg?“
„Noch knapp 200 km, also so ca. zwei Stunden Fahrt.“
Er drehte sich um und ließ uns wieder alleine. Ich wandte mich zu Berry und strich ihm sanft über die Wange. Ein kleines Lächeln zierte seine Lippen. Nun beugte ich mich etwas vor und küsste ihn sanft.
Berry fing an zu brummen.
„… herrlich“, konnte ich ihn brummen hören.
„Mr. Sanchez war gerade da und meinte wir machen gleich Pause.“
„Machen wir doch schon die ganze Zeit“, erwiderte Berry und begann sich zu strecken.
So war ich aus seinem Arm entlassen. Ich rüttelte leicht an Mollys Schulter, die kurz die Augen aufschlug.
„Was is…?“
„Wir halten gleich…, aufwachen!“
„Okay…“, meinte sie und kuschelte sich noch mehr an Lesleys Schulter.
Ich grinste und piekte ihr leicht in die Seite. Sie fuhr hoch.
„Hey, lass das!“
Damit war auch Lesley wach geworden.
„Was soll der Krach, da kann man ja nicht mal schlafen.“
„Aufwachen Bruderherz. Wir sind gleich am Rasthof!“, kam es Berry, „…Essen…!“
Plötzlich war Lesley hell wach.
„Funktioniert immer wieder“, raunte mir Berry grinsend zu.
Mittlerweile wurden auch die besetzten Bänke vor uns wach, als ich sah, dass der Bus sein Tempo verlangsamte und den Highway verließ. Nach und nach wurde der ganze Businhalt wach.
Als der Bus anhielt und die Türen geöffnet wurden, stürmten bereits die ersten nach draußen.
„Ich muss auf die Toilette“, sagte Berry und richtete sich auf.
„Ich ebenso“, meinte ich und drückte mich noch vor Molly auf den Mittelgang.
Zehn Minuten später standen wir in der Schlange vor der Toilette.
„Wenn das noch länger so geht, suche ich mir einen Busch“, kam es von Horaz.
Ich musste grinsen.
„Ist das nicht gefährlich?“, fragte Zuhai.
„Wieso?“
„Wegen den Schlangen…, ich habe gelesen…?“
Joshua fing laut an zu lachen.
„Zuhai hat Recht, nachher beißt dir noch etwas in dein bestes Stück!“
Nun fingen alle in der Reihe an zu lachen. Horaz zog eine Grimasse und Zuhai wurde leicht rot. Nach und nach betraten wir nun die Toilette und wenig später sich erleichter vor dem Rasthof zu treffen.
„Ihr habt jetzt eine Stunde Zeit, wenn ihr wollt, könnt ihr etwas Essen gehen, oder hier draußen bleiben. Entfernt euch aber nicht soweit vom Haus oder Bus!“
Alle nickten. Der Großteil strömte ins Haus. Ich sah Berry an und er nickte. Er schnappte nach meiner Hand und zog mich in den Imbissstand. Drinnen war natürlich wieder eine Schlange, aber es war um die Mittagszeit und auch mein Magen meldete sich, nachdem ich auf den Werbetafeln die leckeren Sachen sah.
Eine gute viertel Stunde später setzte ich mich mit meinem Tablett neben Berry. Er hatte sich ein Schnitzel mit Pommes ausgesucht. Mir war heute eher nach Nudeln, die dampfend meinen Teller füllten.
Während ich an meiner ersten Gabelfüllung kaute, schaute ich mich um. Robin saß neben Joshua und die beiden unterhielten sich angeregt.
„Noch zwei Stunden in dem Bus“, meinte Lesley und schob sich eine weitere Gabel voll Essen in den Mund.“
„Steht heute eigentlich noch etwas auf dem Programm?“, fragte ich, „oder checken wir nur ein?“
„So wie Mr. Sanchez vorhin sich äußerte, werden wir uns noch ein wenig in der Gegend umschauen. Das Haus liegt ja in der Nähe vom Hafen, da gibt es sicher viel zu sehen“, erklärte Horaz.
„Ja, viele Mädchen“, kam es kichernd von Sophie.
„Wieso denn, ich habe doch dich, für was brauche ich sonst noch ein anderes weibliche Geschlecht.“
Andeutungsweise umarmte er sie und alles fing an zu lachen. Ich schob mir etwas Salat zwischen die Zähne und beobachtete mein Umfeld weiter.
„Suchst du etwas?“, fragte mich Berry.
„Warum?“
„Weil du die ganze Zeit durch die Gegend starrst und dir dabei das Shirt verkleckerst.“
Entsetzt sah ich nach unten. Tatsächlich, da war wirklich ein kleiner Fleck meiner Sause auf dem Shirt.
„Mist, ich hab das heute Morgen frisch angezogen“, meinte ich und griff nach meiner Serviette, um darüber zu wischen.
„Moment“, unterbrach mich Berry bei meinem Vorhaben.
„Du entschuldigst?“, sagte er zu Sophie und nahm ihre Wasserflasche.
Alle schauten gespannt zu Berry, wie ich selbst auch. Er tunkte die Serviette kräftig mit Wasser, fuhr mir mit der Hand unter das Shirt, was natürlich ein Kribbeln verursachte. Die Hand hielt er von innen dagegen und tupfte dann mit der nassen Serviette vorsichtig auf dem Fleck herum, bis der Fleck verschwand.
„Das Wasser trocknet schnell“, meinte er und die Hand an meinem Bauch verschwand.
„Woher kannst du das?“, fragte ich verblüfft.
„Wenn du einen kleinen Bruder hast, der immer kleckert, dann lernst du so etwas!“
Alle schauten in diesem Augenblick zu Lesley, der sich an seinen Pommes verschluckte, während die anderen lauthals loslachten.
*-*-*
Es war später Mittag, als wir an unserer Herberge eintrafen. Das Haus bestand aus zwei Teilen und war durch viel Glas verziert. Wieder eine halbe Stunde später, betraten Berry, ich, Lesley, Nath und Timothy mit Zuhai unser Zimmer.
Wir hatten die Zimmerbelegung geringfügig geändert und Zuhai, Nath und Timothy mit ins Zimmer genommen, mit der bitte der Mädchen, uns ein wenig um ihn zu kümmern. Das Zimmer selbst war weiß gehalten und wurden nur von Teppich, den Gardinen und den Decken in einem komischen Braunton unterbrochen.
„Wer nimmt welches Bett?“, fragte Lesley, der schon seine Tasche auf eins der oberen Betten warf.
Zuhai sah mich unsicher an.
„Nimmst du das Bett unter Lesley, fragte ich ihn, „Berry und ich nehmen dass hier und Nath und Timothy das am anderen Fenster.“
Alle nickten und stellten ihre Taschen ab. Die Tür wurde aufgerissen und Horaz kam herein gestürmt.
„Leute habt ihr schon…“
„… schon mal etwas vom Anklopfen gehört?“, fuhr ihn Nathaniel an, der Rest grinste.
„…ähm ja…“
„Was ist?“
„Ihr müsst unbedingt mal aufs Dach kommen“, kam es kleinlaut von Horaz.
So ließen wir alles liegen und stehen und folgten über eine große Treppe hinauf aufs Dach. Dort angekommen, fanden wir uns auf einer großen Terrasse wieder.
„Wow“, kam es von Lesley, der wie wir Richtung Hafen blickte und auf die Oper von Sydney, die auf der Halbinsel gegenüber lag.
„Die habe ich bisher nur auf Bildern gesehen“, meinte ich, „aber so groß habe ich sie mir nicht vorgestellt.“
„Ich auch nicht“, meinte Berry, trat von hinten an mich und nahm mich in den Arm.
Ich drehte meinen Kopf und schaute ihm in die Augen. Er lächelte mich an.
„Das werden schöne Tage“, flüsterte er mir ins Ohr.
*-*-*
„So Leute, in zwei Stunden ist Zapfenstreich, solange könnte ihr hier noch die Umgebung erkunden. Bis dreiundzwanzig Uhr ist jeder wieder hier.“
Mr. Sanchez entließ uns und setzte sich selbst mit den anderen Lehrern ab.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Lesley.
„Ich weiß nicht, was ihr vorhabt, aber ich möchte gerne zum Hafen ans Wasser“, meinte ich.
„Du Lesley, ich habe da vorne einen Laden gesehen, mit den neusten Spielen“, rief Horaz und schon lief ein Teil mit Horaz davon.
„Kann ich mit euch kommen?“, fragte Zuhai.
„Klar!“, sagte ich und griff nach Berrys Hand.
„Ich komm auch mit“, meinte Molly.
So liefen wir, mit Nath und Timothy im Gefolge, Richtung Hafen.
„Habt ihr keine Angst…, dass ihr angepöbelt werdet“, fragte Zuhai und zeigte auf unsere Hände.
Ich sah zu Berry.
„Um ehrlich zu sein, habe ich mir da keine Gedanken gemacht. Ich genieße es einfach hier mit Tom zu laufen und die Gegend anzuschauen“, antwortete Berry.
Ich nickte und drehte meinen Kopf zu Timothy. Er lief neben Nath her. Etwas abwesend, aber er folgte uns. Ich seufzte und schaute wieder in Gehrichtung.
„Was ist?“, fragte Berry leise.
„Timothy…“, antwortete ich genauso leise.
„Tja, das wird wohl noch eine Weile anhalten.“
Wir mussten schon ein Stück laufen, bis wir das Wasser erreichten. Es gab sogar ein größeres Stück Strand, zu dem wir beschlossen zu gehen. Wenig später saß ich mit Berry im Arm im Sand und schaute auf das Wasser hinaus.
Ein schwimmendes Hotel zog an uns vorbei, dessen Ziel uns nicht bekannt war. Das Schiff war hell erleuchtet und laute Musik drang zu uns herüber. Ich wusste nicht, warum das Meer so eine magische Anziehungskraft hatte, aber dieser Moment war einfach schön.
Die Worte von Zuhai gingen mir durch den Kopf. Mein Blick wanderte wieder zu Timothys, der dieses Mal in den Armen von Nath lag. Trotz der herein brechenden Dunkelheit sehen, dass ihm Tränen über die Wangen liefen.
Von uns allen hatte er wohl am meisten an der ganzen Sache zu knabbern und wie Berry passend sagte, würde es wirklich noch lange anhalten.
*-*-*
Der nächste Morgen begann früh, mit kurzem Frühstück und eine weitere Fahrt mit dem Bus. Innerhalb zwei Stunden bekamen wir die Sehenswürdigkeiten von Sydney vorgestellt, fasst schon zu viel, um alles in sich aufzunehmen.
Am Mittag ging es etwas ruhiger zu, als wir ins Landesinnere fuhren. Bei Lithgow, bestiegen wir einen historischen Zug. Zig Zag Railway nannte er sich und wurde angeblich schon 1886 gebaut.
Ich selbst fühlte mich auch alle Fälle wirklich in der Zeit zurück gesetzt. Mit Volldampf ging es an einem Berg entlang. Es wackelte zwar ganz schön und auch der Rauch, der den Schornstein entwich konnte man hinten in den Waggons riechen, aber es war ein besonderes Erlebnis.
Am Abend waren wir irgendwie alle völlig geschafft. So war es nicht verwunderlich, dass die Meisten bei dem allabendlichen Freigang im Haus blieben. Unsere kleine Clique hatte sich einen Tisch gekapert und saß nun auf dem Dach des Hauses, wo man diese tolle Aussicht hatte.
So vergingen die Tage recht schnell, jeden Tag mit Programm gefüllt und abends Freigang. Nur einmal, da gingen wir dann abends weg. Unsere Lehrer schleppten uns in ein Musical. Jersey Boys war der Titel und sagte mir erst gar nichts.
Erzählt wurde eine Geschichte von vier Jungs, die aus dem Untergrund es schafften, bekannte Weltstars zu werden. Über dreißig Lieder wurden gesungen, die sogar kannte. Die Geschichte war interessant, vor allem weil sie ja wirklich passiert war.
Am letzten Tag wartet Mr. Sanchez gleich mit zwei Überraschungen auf. Eine für die Klasse und eine für mich persönlich. Unsere Lehrer wollten doch tatsächlich mit uns in einen Nightclub gehen.
Meine Überraschung sollte von ganz besonderer Art sein. Ich wusste nicht, in wie weit Bob und Scott ihre Hände im Spiel hatten, sie mussten es, sonst wäre nicht alles so durchdacht gewesen.
Mr. Smith, unser Englischlehrer schnappte sich Berry und mich und wir fuhren gemeinsam mit einem Taxi an den Flughafen. Dort angekommen betraten wir diesen und ich wusste immer noch nicht, was wir hier sollten.
So interessant fand ich nun Flughäfen auch wieder nicht.
„Mr. Smith, könnten sie uns nun verraten, was wir hier wollen?“
„Wartet es ab“, meinte er grinsend und schaute auf die Ankunftstafel der Auslandsflüge.
Mein Blick folgte seinem, aber ich konnte nichts besonders an dieser Anzeigetafel entdecken. Mr. Smith setzte sich einfach ohne einen Ton zu sagen in Bewegung und uns blieb nichts anderes übrig als ihm zu folgen.
Eine viertel Stunde und einem Gewaltmarsch später, fanden wir uns vor der Fluggesellschaft Quantas ein. Noch immer nicht wusste ich, was das alles sollte, bis Mr. Smith aus einer mitgebrachten Tasche einen Karton herauszog und mir reichte.
Ich drehte ihn um und lass, was darauf geschrieben stand. Christopher und Michael Miller. Natürlich hatte ich, wegen den vielen Aktivitäten unseren kommenden Besuch aus Deutschland vergessen, aber dass wir sie hier auf unserer Klassenreise abholen durften – ich war schlicht weg sprachlos.
Berry grinste mich an.
„Wusstest du das?“
Nun lächelte er.
„Sorry, ich hab dem Direx versprechen müssen, nichts zu verraten. Und Mr. Smith hat sich dazu bereit erklärt, uns zu begleiten, da wir nicht ohne Schulische Aufsicht hier her durften, von wegen Sicherheit und so.“
„Dann halte dein Schild mal hoch, da kommen die ersten Passagiere“, unterbrach Mr. Smith Berry.
Ich drehte mich um und schaute auf die Gangway, wo wirklich die ersten Leute gelaufen kamen. Noch trennten uns die Glasscheiben. So hob ich also das Schild hoch und wartete darauf, dass jemand auf uns zugelaufen kam.
Die Maschine aus Frankfurt, wie ich an der Tafel lesen konnte, schien groß gewesen zu sein, denn bald verlor ich den Überblick, wer da alles heraus gelaufen kam. Meine Arme verloren auch langsam an Kraft.
Plötzlich stand ein blonder Mann vor uns der breit lächelte.
„Tom?“, sagte er und ließ das Schild sinken.
„Ja Tom, bist du Christopher?“
„Nein, ich bin Michael sein Mann, Christopher erledigt noch ein paar Formalitäten am Schalter“, antwortete der Blonde.
Jetzt war ich ganz von den Socken und schaute zu Berry, der mich nur Schulterzuckend angrinste. Mein Verwandter aus Deutschland war schwul und hatte seinen Mann mitgebracht. In den Mails hatte er das ja geschrieben.
Ein weiterer Mann kam auf uns zu und ich sah eine gewisse Familienähnlichkeit zu mir.
„Christopher, das hier ist Tom, dein… öhm Cousin?“
„Ja, ich denke mal, so gut kenne ich mich in den Verwandtschaftsgraden dieser großen Familie nicht aus… hallo Tom.“
Christopher schüttelte erst meine Hand und zog mich in seinen Arm. Nun meldete sich Mr. Smith zu Wort.
„Hallo, ich bin Mr. Smith, der Englischlehrer der beiden. Bis eben wusste Tom noch nichts von seinem Glück, sie hier heute zu treffen.“
„Dann hat ja alles gut funktioniert“, erwiderte Christopher und wandte sich wieder zu mir.
„Ich hoffe, wir haben dich nicht all zu sehr überfahren mit unserer Überraschung. Ich war selbst überrascht, als mich dein Onkel anschrieb und uns diese Möglichkeit vorschlug, denn zwei Mail nach Sydney zu fahren, fand er unsinnig… und nun sind wir da.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Hallo, ich bin Berry, Toms Freund“, rettete mich mein Schatz aus dieser Situation.
Wieder wurden Hände geschüttelt.
„Guter Geschmack“, sagte Michael leise, aber immer noch laut genug, dass ich verlegen grinste und Berry rot wurde.
„Wir haben ein Doppelzimmer in unserer Herberge für sich gebucht und wenn sie möchten, können wir langsam aufbrechen. Oh, ihr Gepäck, dass müssen wir sicher noch holen, oder?“, mischte sich nun wieder Mr. Smith ein.
„Wenn sie uns sagen, wo wir hinmüssen?“
Ungefähr eine halbe Stunde später saßen wir wieder in einem Großraumtaxi. Ich saß direkt neben Christopher und Michael, während Berry eine Bank weiter vorne bei Mr. Smith saß.
„Bist du immer so ruhig?“, fragte Michael.
Vor uns kicherte Berry und ich schüttelte den Kopf.
„Entschuldige…, ich habe heute mit vielen gerechnet, aber nicht… mit euch. Selbst Berry war eingeweiht und hat mir nichts erzählt…“
„Aber freuen tust du dich schon, oder?“, fragte Christopher.
„Klar, auch wenn ich… ähm, ihr seid wirklich verheiratet?“
Michael lachte.
„Ja, schon über ein Jahr“, antwortete er und legte seine Hand auf Christophers, damit ich beide Eheringe sehen konnte.
Ich konnte nur grinsen.
*-*-*
Natürlich standen Molly und Lesley schon vor dem Haus, als wir ankamen. Auch sie waren eingeweiht. Wie konnten sie nur so lange dicht halten, oder besser gesagt, warum hatte ich nichts mit bekommen.
Als wir später gemeinsam auf der Dachterrasse waren, saß die halbe Klasse bei uns. Schnell hatte sich herum gesprochen, dass der Küstersohn mit Mafiaverbindungen Besuch aus Europa bekommen hatte.
Wir mussten Christopher und Michael erst aufklären, welche wilden Gerüchte bei meiner damaligen Ankunft entstanden. Die beiden brauchten eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatten, immer wieder fingen sie an zu lachen.
„Für ein Mitglied der Mafia bin ich nun noch nicht gehalten worden“, sagte Michael und trank von seiner Cola.
„Wenn das zu Hause heraus kommt, das wird was geben!“, erwiderte Christopher darauf.
In der kommenden Stunde erzählte dann Christopher was er in Deutschland beruflich machte. Am Tisch herrschte Schweigen und alle hörten gespannt zu.
„In den Häusern leben nun sechszehn Leute, in Amerika unter der Aufsicht von Louis & Amstrong sind es drei Häuser, ein viertes Haus soll nach großen Spendeneinahmen eröffnet werden.“
Hier endete Christophers Erzählung. Es herrschte kurzes Schweigen, denn die teilweise angerissenen Geschichten der Jugendlichen in unserem Alter waren heftig.
„Wir haben in Griffith auch ein Heim“, sagte Horaz plötzlich und zerriss die Stille.
„Wirklich?“, fragte ich.
„Ja, einige gehen davon in unsere Schule“, meldete sich Sophie zu Wort.
„Und du? Du hast wirklich das alles erlebt, was ich in den Mails lesen konnte? Du bist erst ein Jahr hier!“, sprach mich Christopher an.
Ich nickte.
„Ja, das ist alles passiert, auch wenn vieles nicht so bekannt ist. Mein Blick wanderte zu Timothy, der wie immer nach unten schaute.“
„Ebenfalls heftig, würde ich sagen“, meinte Michael.
Wieder Schweigen am Tisch.
„Und was steht noch an, am letzten Tag in Sydney“, fragte Christopher.
„Unsere Lehrer wollen heute Abend mit uns in einen Nightclub gehen, mehr wissen wir nicht“, beantwortete Berry die Frage.
*-*-*
Gegen neun Uhr abends verließen wir das Haus und liefen gemeinsam durch die Innenstadt. Natürlich unterhielt ich mich nun angeregt mit Christopher, über seine Pläne für die Zukunft und mein weiteres Leben in Griffith.
Auch wurde gleich darüber debattiert, dass Berry und ich auch mal nach Deutschland kommen sollten. Plötzlich blieben alle stehen und ich schaute auf. Auf leuchten Buchstaben am Haus konnte ich Candys Apartment lesen.
Dies sollte ein Nightclub sein? Unser Pulk betrat das Haus und wenig später konnte ich schon die satten Bässe der Musik hören und spüren. Da Mr. Sanchez schon am Abend beim Abendessen seine Anweisungen gegeben hatte, trennten sich schnell die Klasse und suchte in kleinen Gruppen ihre Plätze.
Die Musik war laut, aber gut. Ich wusste gar nicht richtig wo hin gucken, den der Laden war voll. Auf der Tanzfläche ein Meer von Körpern und auch die Tische um uns herum waren voll besetzt.
Berry nahm mich in den Arm und küsste mich auf die Wange.
„Musst du deinen auch öfter daran erinnern, dass er zu dir gehört“, fragte Michael Berry laut.
„Nein, normalerweise nicht, aber bei der Auswahl hier“, antwortete Berry lachend.
„Komm Tom…, lassen wir unsere Männer hier und gehen tanzen!“, sagte Christopher und zog mich vom Tisch weg.
Ich weiß nicht wie lange wir auf der Tanzfläche waren. Natürlich gesellten sich auch Michael und Berry zu uns und ich vergaß völlig die Zeit. Ich genoss einfach die Musik und die Nähe zu Berry.
*-*-*
„Aufstehen!“, hörte ich Mr. Sanchez Stimme an der Tür.
Es war spät geworden und wir waren erst gegen zwei Uhr nachts nach Hause gekommen. Und selbst da, waren wir noch so aufgedreht, dass an schlafen nicht zu denken war. Mein Blick fiel auf meine Armbanduhr. Neun Uhr.
Das waren vielleicht gerade mal vier Stunden Schlaf. Mühsam richtete ich mich auf und sah, dass es den anderen im Zimmer nicht anders ging.
„Ich will weiter schlafen“, hörte ich Horaz unter seiner Bettdecke meckern.
Es halb nichts. Zwei Füße kamen zum Vorschein, die frei vor meinem Gesicht baumelten. Ich machte mir den Spaß und blies sanft über die Unterseite der Füße, Sofort rieben sie sich aneinander.
„Ey!“, hörte ich es aus dem oberen Bett und wenig später und einen dumpfen Knall stand Berry vor mir.
„Morgen“, sagte ich leise und spitze meine Lippen zum Kussmund.
„Morgen“, erwiderte Berry und kam meiner Aufforderung nach und küsste mich.
„Soviel Schmalz am morgen…, das kann ich nicht ertragen.“
Das kam natürlich von Lesley, der nun zu uns herüber schaute.
„Neidisch?“, fragte ich.
„Ich neidisch? Ich kann mir Besseres vorstellen, als von meinem Bruder geküsst zu werden!“
Die anderen lachten.
„Also ich wäre neidisch!“, kam es von Zuhai, „Tom hat wenigstens, der ihn mit einem Kuss begrüßt.“
Das hätte er nicht sagen sollen, denn Berry richtete sich auf, lief zu Zuhai und gab ihm ein Kuss auf die Wange. Zuhai lief rot an, während die anderen anfingen zu lachen.
„Danke“, sagte Zuhai leise.
Lesley beugte sich über seine Bettkante und schaute zu Zuhai hinunter.
„Zuhai…, kann es sein, dass du auch schwul bist?“
Sein Gesicht färbte sich noch ein Ton dunkler.
„Ich nein… äh…, aber man muss doch nehmen was man bekommen kann, oder?“
„Wieder fingen an zu lachen.“
„Also ihr könnt machen was ihr wollt, ich steh jetzt auf und mach mich fertig, ich will noch etwas vom Frühstück abbekommen, bevor es ans Packen geht“, meinte ich und schälte mich aus meiner Decke.
Die anderen taten es mir nach und in Bad wurde es nun recht eng. Wenig später und einigermaßen wieder hergestellt, trafen wir im Frühstücksraum ein, wo zu meiner Überraschung schon recht viele von unserer Klasse saßen.
Auch Christopher und Michael konnte ich entdecken und winkte ihnen zu. Nachdem ich mein Tablett mit Sachen befüllt hatte, was mein Herz begehrte, lief ich zielstrebig zu den beiden.
„Guten Morgen ihr zwei.“
„Na, gut geschlafen?“, kam es von Michael.
„Gut aber zu kurz“, antwortete ich und setzte mich an den Tisch. Berry und Lesley folgten wenig später.
„Wir haben auch zwei Zwillingspärchen bei uns im Haus, aber ihr zwei seht euch echt sehr ähnlich“, nahm Christopher das Gespräch wieder auf.
„Gleich zwei?“, harkte ich nach.
„Ja, da wären einmal Gunther und Clara, aber die sehen sich nicht so ähnlich, dafür aber Christian und Leon.“
„Haben die alle ihre Eltern verloren?“, wollte Lesley wissen.
„Nein, neben Christian mit Leon und ich mit Nico, sind die einzigen Vollweisen.“
„Als wir klein waren“, begann Lesley, „… haben wir auch unseren Vater verloren.“
„Unfall?“, fragte Christopher und schob sich das letzte Stück Toast in den Mund.
Ich schaute kurz zu Berry, der mich Augen zwinkernd anlächelte.
„So kann man es sagen“, erklärte Lesley leise.
Die zwei Deutschen schauten uns fragend an. Mein Kopf wanderte zu Christopher.
„Timothy Mutter, war nicht nur für Berrys Fahrradunfall verantwortlich, auch die Schüsse auf Nath und mich, sondern sie hat auch bei Berrys und Lesleys Vater nachgeholfen.“
Beide starrten mich ungläubig an.
„Guten Morgen“, unterbrach Molly unser Gespräch, die etwas zerzaust an unseren Tisch trat.
Lesley rückte etwas zu Seite und sie setzte sich neben ihn.
„Du hast auch eine kurze Nacht hinter dir“, meinte Berry und kicherte.
„Ja, du hast recht“, begann sie zu reden und nahm ein Schluck Kaffee, „irgendein Liebeskranker Heini hat laufend an unsere Tür geklopft, mit der Aufforderung ihn doch hinein zu lassen.
Dabei schaute sie zu Lesley, der augenblicklich rot anlief. Am Tisch fing alles an zu kichern.
„Wie geht es jetzt eigentlich weiter? Wie kommt ihr nach Griffith?“, fragte ich.
„Wir? So wie ich Bob verstanden habe, fahren wir mit euch im Bus zurück.“
„Ich kann mir Schöneres vorstellen, als fünf Stunden im Bus zu sitzen“, brummelte Lesley mit vollem Mund.
„Wieso, da kann man sich doch super unterhalten“, kam es von Michael.
*-*-*
Die folgende Stunde war für das Packen eingeplant und danach trafen wir uns mit Gepäck vor dem Haus. Es wurde verladen und wir suchten uns unsere Plätze im Bus. Natürlich saßen wir wieder hinten.
Eine weitere halbe Stunde später befanden wir uns schon wieder auf dem Highway.
„Und wo hat dich das Vieh erwischt? Ich bin froh dass es bei uns in Deutschland keine giftigen Schlangen gibt“, meinte Michael.
Ich hob meinen Fuß und schob die Socke etwas herunter. Deutlich waren noch die zwei Punkte des Bisses zu sehen.
„Tat sicherlich sehr weh“, kam es mitleidig von Christopher.
„Der biss selbst tat nicht so weh, eher das Brennen das folgte, ich bekam auch hohes Fieber und Fieberträume.
„Träume? Davon hast du gar nichts erzählt“, sagte Berry neben mir.
„Die waren auch nicht so erwähnenswert…“
„Von was hast du geträumt?“, kam es natürlich neugierig von Lesley.
„Von meinem Vater, der sich diebisch freute, dass ich nun in der Hölle brennen würde.“
„Heftig“, hörte ich Molly sagen.
Ich sah bei den anderen betroffene Gesichter.
„Und warum hast du mir nie etwas davon erzählt?“
„Du bist gut. Als ich das erste Mal so richtig zu mir kam, saß da ein schlafender, leicht bekleideter Traumtyp neben meinem Bett, da hatte ich andere Dinge im Kopf.“
Michael kicherte. Berrys Gesicht färbte sich leicht rot.
„Wart ihr da schon zusammen?“, fragte Christopher.
„Nein, aber so gut wie.“
„Dass musst du mir jetzt genauer erklären.“
„Okay…, ich muss zugeben, dass ich mich davor schon in Berry verschaut hatte und nach einem Streit mit Lesley…“
„Das war kein Streit, ich hab mich einfach nur blöd benommen“, unterbrach mich Lesley.
„Okay…“, meinte ich genervt, „nach dem sich Lesley mal wieder blöd benommen hat…“
„Ehhhh!“
Alles fing laut an zu lachen.
„Er kann auch lieb sein“, nahm Molly ihren Freund in Schutz und kuschelte sich an ihn.
„Kann ich endlich weiter erzählen?“
„Was hindert dich daran?“, fragte mich Berry spitzbübisch.
Ich atmete tief durch und schüttelte den Kopf.
„Also ich bin aufgewacht und fand Berry an meinem Bett schlafend vor. Ich hab ihn dann geweckt. Wir unterhielten uns dann eine Weile“, die Episode mit der Toilette ließ ich aus, „und als wir uns dann beide endlich über unsere Gefühle gegenseitig klar waren, haben wir…“
„… euch endlich geküsst, wie interessant!“
Dafür bekam Lesley einen Hieb auf die Schulter.
„Jeder wie er es verdient!“, meinte Berry und grinste.
„Und nein Lesley, wir haben uns nicht geküsst, Bob kam ins Zimmer gestürmt.“
„Wie war das? Jeder wie er es verdient?“, kam es von Lesley und der zweite Hieb folgte.
„Ich ziehe meine Aussage von vorhin zurück“, sagte Molly und rückte ein Stück von Lesleys weg.
Wieder mussten wir lachen.
„Ich freue mich, dass ihr euch alle so gut versteht“, sagte Christopher und automatisch fiel mein Blick Richtung Timothy, der unbeteiligt in seiner Band neben Nath saß.
Hatte lange gedauert, dachte ich und hoffte, dass die Sache mit Timothy sich auch noch irgendwie lösen würde.
*-*-*
Nach vielen Anekdoten beider Seiten und einigen Ruhephasen erreichten wir endlich Griffith. Natürlich waren alle Eltern anwesend, so wurden Christopher und Michael von Bob und Abby herzlich begrüßt.
Meine anfänglichen Sorgen wegen Platzprobleme vergingen, als ich auf dem Parkplatz die Autos beider erblicken konnte. Zuhause angekommen schaute ich mich erst mal erstaunt um.
„Na, wie gefällt es dir?“, fragte Bob und legte seinen Arm um mich.
In den zehn Tagen hatte sich einiges getan. Die Verbindung zwischen den Häusern stand, auch war der Vorplatz schon hergerichtet, auf dem wir jetzt standen. Natürlich blieben wir nicht unbemerkt und wurden ausführlich auch von den Hunden begrüßt.
Besonders Gustav musste ich lange kraulen, anscheinend hatte ich ihm sehr gefehlt. Noch einmal schaute ich mich um. Ich war richtig begeistert, denn Alfred hatte alle meine Vorschläge gut umgesetzt.
„Wollt ihr erst in eure Zimmer euch etwas frisch machen, oder gleich zu Abend essen“, fragte Abby.
„Also ich würd gerne erst auf mein Zimmer“, meinte Molly und steuerte auf das Haus zu.
Bob und Abby grinsten sich an.
„Töchterchen, wo willst du denn hin?“
„In mein Zimmer. Ähm in Toms Zimmer eigentlich, warum fragst du?“
„Da bist du falsch, Molly, dein Zimmer liegt dort drüben“, meinte Bob und zeigte auf das Nachbarhaus.
„Seit wann… äh… warum?“
„Gestern fertig geworden auch Toms Zimmer“, strahlte Bob.
„Dann lasst uns mal hinüber gehen“, kam es von Abby und wir folgten ihr alle.
*-*-*
Da mein neues Zimmer nun ein Stockwerk höher war im Nachbargebäude, hatte ich keine eigene Veranda mehr, dafür aber einen großen Balkon, den ich mir mit Molly im Nachbarzimmer teilte.
Christopher und Michael waren im Gästezimmer des Hauses untergekommen. Grandma hatte dann wohl doch mein Zimmer genommen, weil ihr die täglichen Treppen doch recht mühselig waren.
Hinter den Häusern war eine große Tafel gedeckt. Der Grill brannte und ich konnte Darleens herrliche Salate sehen. Grandma klärte uns auch über die verwandtschaftlichen Verhältnisse auf.
Grandpa war wohl in jungen Jahren von den Millers adoptiert worden, also auch ein Waisenkind, was er mir nie erzählt hatte und auch sonst wohl tot geschwiegen wurde. So war Christopher wohl ein Großcousin oder so etwas zu mir.
Warum die Tafel so groß war, erklärte sich, spätestens, als Linda mit Riley und den drei Söhnen auftauchte. Ich freute mich, dass ich Berry wieder sah, obwohl wir die letzten zehn Tage ständig zusammen waren.
Auch meine Mutter, samt Familie, und Georg mit Alfred kamen. Ein richtig großes Familienfest. So konnte ich Christopher meine zwei kleinen Geschwister vorstellen. Natürlich gab es vor dem Essen noch eine Hausbesichtigung.
Ich war überrascht, wie groß die Klinik ausgelegt war und wunderte mich, weil es mehr Platz gab, wie Abby, Bob und Barney brauchten. Als dann noch Scot und Clark eintrafen, verstand ich es plötzlich.
Scot erzählte uns stolz, dass Clark nach seinem Studium bei Abby und Bob anfangen würde. Ich blickte in die große Runde, während Bob mit erhobenem Glas eine kleine Rede hielt.
„Vor gut über einem Jahr, erfuhr ich, dass ich meinen Neffen Tom in Pflege nehmen sollte. Ich wusste damals nicht, wie sehr der Junge unser Leben ändern würde, aber ich füge gleich noch hinzu…, ich habe bisher keinen einzigen Augenblick mit Tom zusammen bereut. Noch einmal Tom, herzlich willkommen in Australien, dass wir noch viele aufregende Sachen gemeinsam erleben werden!“
Alle erhoben ihre Gläser und prosteten mir zu. Berry raunte mir zu, ich solle erwidern. So stand ich auf.
„Ich…, ich weiß gar nicht richtig, was ich sagen soll.“
Ich schaute zu Bob, der mir aufmunternd zunickte.
„Ihr kennt alle die Geschichte, die hinter mir liegt und ich bin noch selbst verwundert, was in einem Jahr alles passieren kann. Vieles macht mich im nach hinein noch traurig, aber wie Berry zu mir immer wieder sagte, daran kann man nichts mehr ändern und Abby meinte, man muss immer nach vorne sehen. Ich bin froh, dass ich so eine tolle Familie habe… von der ich noch vor einem Jahr dachte, sie für immer verloren zu haben. Danke! Prost!“
*-* Ende*-*

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Information Wenn Vampire lieben
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:41 PM - No Replies

Kai war gerade in der Dusche, als Jason nach Hause kam. Jason hat ihn vor zehn Jahren aufgenommen, damit dieser nicht verhungerte. Kai war damals aus einem Heim weggelaufen und war schon halb erfroren und verhungert, als Jason ihn fand. Damals war er erst zehn Jahre alt und wäre auch nicht in der Lage gewesen, sich selbst am Leben zu erhalten.
„Hey. Na? Was hast du heute alles gemacht?“ fragte Jason, als Kai aus dem Bad kam.
„Ich habe gearbeitet.“
„Nur?“ fragte Jason grinsend, um die müde Stimmung Kais zu verbessern.
„Nein. Ich war heute Abend noch kurz bei einem Freund.“ Sagte er leise und setzte sich neben Jason auf die Couch. Er hatte sich nur einen Bademantel angezogen.
„Willst du dich nicht anziehen?“
„Gleich.“ Sagte Kai leise und lehnte sich gegen Jasons Brust, wobei er fast einschlief. Jason nahm ihn auf den Arm nahm und ins Bett trug. Er deckte ihn zu und ging in sein eigenes Zimmer. Nach einiger Zeit stand er auf und ging noch einmal weg.
„Jason. Warte mal.“ Sagte plötzlich jemand zu ihm.
„Du riechst nach Blut, Brendon.“ Sagte Jason leise und sah ihn an. Brendon war sehr viele Jahre älter als er aber genauso neugierig. Brendon umarmte Jason sanft und sagte dann leise zu ihm: „Ich hatte eben Durst. Du nicht?“
„Doch. Sonst wäre ich nicht mehr unterwegs.“ Sagte Jason und zwang Brendon an die Wand. Er öffnete Brendons Hemd und leckte kurz über dessen Kehle ehe er zubiss. Brendon stöhnte leise vor Erregung auf und krallte sich in Jasons Mantel, der Jason wie einen schwarzen Engel aussehen ließ. Als Jason sich langsam von ihm löste und ihn auf die Lippen küsste, biss Brendon ihm leicht auf diese. „Ich muss wieder zurück. Sonst sucht Kai mich.“
„Okay. Kommst du morgen wieder zu mir?“
„Weiß ich noch nicht. Vielleicht such ich mir mein eigenes Opfer.“
„Das wäre gemein, mir gegenüber.“
„Ich weiß.“ Sagte Jason grinsend und ging. Doch Brendon ließ ihn nicht einfach gehen. Er folgte ihm und küsste ihn immer wieder. Vor seiner Haustür lehnte Jason sich gegen die Wand und riss Brendon an sich. „Du weißt das du so nicht mit rein kannst.“
„Ja.“ Sagte dieser und biss Jason in den Hals, um sein Blut zu trinken. Jason klammerte sich unter Brendons Jacke an ihm fest und Brendon konnte spüren wie seine Fingernägel in seinen Rücken eindrangen. Brendon strich mit seiner Hand nach unten und glitt zwischen Jasons Beine, während er trank. Jasons Griff wurde noch fester und hinterließ tiefe Kratzspuren. Als Brendon sich von Jasons Kehle losriss, sah Jason ihn aus silbernen Augen an. „Hab ich deine Gier geweckt?“ fragte Brendon grinsend. Als Jason leicht nickte, bewegte Brendon seine Hand und massierte Jason sanft.
„Nicht hier.“ Sagte Jason leise und zwang Brendon zurück. Er ging in den Keller und setzte sich auf einen Tisch. Brendon stellte sich dicht vor ihn und verwöhnte ihn mit der Hand, ehe er Jason nach hinten zwang und sich auf ihn legte. Er drang in Jason ein und küsste ihn dabei auf die Brust. Als er sich wieder von ihm löste, sah er Jason sanft an. „Die Sonne geht gleich auf. Bleib lieber hier. Oder willst du wieder durch die Kanalisation?“ fragte Jason grinsend und küsste Brendon sanft.
„Nein. Ich denke ich bleibe.“ Sagte Brendon leise. Sie gingen leise nach oben in Jasons Wohnung und in dessen Zimmer. „Und hier geht er nicht rein?“ fragte Brendon ungläubig und legte sich aufs Bett. Das Zimmer war noch einmal durch eine Schrankwand geteilt, sodass kein Blick frei war um von der Tür aus auf sein Bett sehen zu können.
„Nein. Tagsüber, habe ich ihm gesagt, schließe ich immer ab, weil ich manchmal hier arbeite und meine Ruhe brauche. So kann er auch nicht rein falls er es will. Außerdem geht er meist davon aus, wenn abgeschlossen ist bin nicht da.“ Sagte Jason und schloss ab, ehe er sich neben Brendon legte und sich dicht an seine Brust. Daraufhin schliefen beide ein. Die Fenster waren abgedunkelt, so konnte kein Sonnenlicht hinein.
Als Jason am nächsten Abend aufwachte, hörte er, Kai leise Schritte vor seiner Tür. Er stand langsam auf, um Brendon nicht frühzeitig zu wecken und ging zur Tür. Als er spürte das Kai klopfen wollte öffnete er die Tür und tat so als wolle er gerade raus.
„Hi. Ich wollte dich gerade fragen ob du was essen willst.“
„Ich habe schon gegessen.“ Sagte Jason und schloss die Tür hinter sich.
„Was hast du heute gemacht?“ fragte Kai neugierig.
„Ge …schrieben.“ Beinahe hätte Jason geschlafen gesagt, aber er konnte sich noch zurückreißen. Er arbeitete für eine Firma die Rechnungen aus und machte die Bestellungen. „Und du?“
„Das übliche.“ Meinte Kai nur und setzte sich. „Warum darf ich eigentlich nicht in dein Zimmer? Ich weiß du willst dort nicht gestört werden, aber warum darf ich nicht rein, wenn du nicht arbeitest?“
„Ich habe meine Gründe.“ Wich Jason der Frage aus.
„Na gut. Ich geh duschen.“ Sagte Kai leise und wollte gerade aufstehen, als Jason ihn zurück hielt.
„Tut mir leid. Ich wollte dir nicht wehtun.“
„Hast du nicht.“
„Ach nein. Warum flüchtest du dann vor mir?“
„Weil ich müde bin.“ In Dem Moment zog Jason ihn zurück auf die Couch und sah ihm in die Augen.
„Ich weiß das ich dich verletzt habe, aber ich will einfach nicht das du in mein Zimmer gehst. Okay?“
„Ja.“ Sagte Kai und küsste Jason kurz auf die Wange. Dann stand er auf und ging duschen. Jason ging wieder zurück zu Brendon, der am Fenster saß und ihn ansah, als er die Tür schloss.
„Du scheinst ihn sehr gern zu haben, wenn es dir so wichtig ist, das er dich richtig versteht.“ Sagte Brendon leise und sah wieder aus dem Fenster.
„Höre ich da etwa Eifersucht?“ fragte Jason grinsend und küsste Brendon auf seinen nackten Rücken. Dieser drehte sich zu ihm um und küsste ihn am Hals, ehe er ihn biss. Jason unterdrückte ein Stöhnen und biss die Zähne zusammen. Brendon hatte Durst keine Gier, das spürte Jason schmerzhaft. Er drückte ihn von sich weg und sah ihm in die Augen. „Was soll das?“ fragte er leicht wütend.
„Was?“ fragte Brendon verwirrt. „Ich wollte dich verführen.“
„Warum tat es dann weh?“ fragte Jason und sah Brendon in die Augen.
„Weil du dich wehrst. Und zwar gegen mich. Wiederstrebt es dir in seiner Nähe mit mir zu schlafen?“ fragte Brendon verärgert. Jason sah ihn verständnislos an. Er wusste nicht worauf Brendon hinaus wollte. „Du weiß nicht was ich meine, habe ich recht?“ als Jason nickte, stand Brendon auf und stellte sich vor Jason. Er überragte Jason noch mindestens einen Kopf. „Du verweigerst dich mir. Schon seid den letzten Wochen. Und es wird von Tag zu Tag schmerzhafter für dich, wenn ich dich verführe.“ Sagte Brendon leise. Jason fiel ein, das Brendon alle seine Gefühle kannte und seine Gedanken ebenfalls. Immerhin hatte er Jason zu dem gemacht was er war.
„Tut mir leid.“ Sagte Jason leise und sah nach unten. Brendon nahm ihn in den Arm und küsste ihn auf die kaum noch zu sehende Bisswunde.
„Schon gut. Ich wusste das du nicht für immer bei mir bist. Aber es ist trotzdem nicht leicht, dich gehen zu lassen. Immerhin warst du fünfzig Jahre mein Geliebter.“ Sagte Brendon leise und küsste Jason auf die Lippen. „Ich gehe. Wenn du mich brauchst, weißt du ja wie du mich findest.“ Meinte Brendon leise und wollte gerade gehen, als Jason seinen Arm festhielt und ihn küsste. Dabei glitt er mit seiner Zunge über Brendons Hals und biss zu. Er trank von ihm und spürte wie Brendon ihn auf die Couch legte. Seine Finger hatten sich in Brendons Pullover gekrallt und stießen durch den Stoff hindurch. Brendon legte seine Hand in Jasons Nacken und strich ihm durchs Haar. Selbst wenn er gewollt hätte, wäre er nicht mehr von Jason losgekommen, denn dieser hatte sich so tief in Brendons Kehle verbissen, das dieser seine plötzlich aufkommende Gier deutlich spüren konnte. Er stützte sich neben Jason auf die Lehne. Als Jason sich langsam von ihm löste und das letzte Blut von Brendons Kehle leckte, sah Brendon ihn an. Er kam aber nicht dazu etwas zu sagen, da das Blut auf Jasons Lippen ihn lähmte. Er war nur noch zu einer Reaktion fähig. Seine Lippen berührten die Jasons und er leckte das bisschen Blut davon ab, ehe er ihn leidenschaftlich küsste. Jasons Griff hatte sich noch nicht gelockert und Brendon war auf eine Weise dankbar dafür. So konnte er noch eine Weile bei ihm bleiben. Er küsste ihn noch eine Weile und biss ihm leicht auf die Zunge. Jason spürte es kaum, aber er schmeckte das Blut in seinem Mund und schob Brendon automatisch seine Zunge in den Mund. Brendon trank das Blut, welches in seinen Mund lief und glitt mit seiner Hand unter Jasons T-Shirt und zog es ihm aus. Dann küsste er ihn sanft am Hals und suchte mit seiner Zunge nach Jasons Halsschlagader. Als er sie fand biss er zu und trank das Blut. Ihre beider Gier war schon so sehr gestiegen, das Jason nicht einmal mehr Kai vor seiner Tür spürte, der nach einiger Zeit in sein Zimmer kam und dem Spiel zwischen Jason und Brendon eine Weile zusah, ehe er sich von dem Anblick lösen konnte und in seinem Zimmer neben der Tür stehen blieb. Er hatte deutlich Jasons Zähne gesehen, die denen eines Vampirs gleich kamen und auch das Blut, welches an seiner Kehle hinablief, als der andere, den Kai nicht kannte, ihn am Hals küsste. Kai rutschte an der Wand nach unten und versuchte sich einzureden, das er sich das nur eingebildet hatte, konnte es aber nicht.
Jason hatte eine Hand von Brendons Pullover gelöst und war in Brendons Hose geglitten. Dieser war schon stark erregt und auch Jason selbst spürte das gleiche bei sich. Als Brendon sich langsam von ihm löste, sah Jason ihn mit silbernen Augen an. Die Brendons waren golden. Jason zog Brendon den Pullover aus und küsste ihn auf die Brust, während Brendon Jason entkleidete. Jason zwang Brendon zurück und dieser legte sich rücklings auf den Boden. Jason zog ihm seine Hose und Unterhose aus und legte sich auf ihn. Als er in ihn eindrang stöhnte Brendon auf und küsste Jason auf die Lippen, als er sich über ihn beugte. Jasons Zunge blutete noch immer und Brendon nahm sich dieses Blut, gab Jason aber von seinem eigenen, als Jason ihm aus Versehen auf die Lippen biss.
„Du willst wohl nicht das ich gehe.“ Sagte Brendon schwer atmend und lächelte.
„Nein.“ Meinte Jason nur leise und küsste Brendon weiter. Plötzlich spürte Jason doch die Anwesenheit Chris’ und sah zur Tür. „Was ist?“ fragte Brendon und küsste Jason am Hals, als dieser in seiner Bewegung inne hielt.
„Ich spüre seine Anwesenheit, aber ich sehe ihn nicht.“ sagte Jason so leise, das selbst jemand neben ihn nicht hörte, außer Brendon mit seinen Überscharfen Sinnen.
„Das bildest du dir ein. Er wird schon schlafen.“
„Nein.“ Meinte Jason und hätte fast aufgeschrieen, als Brendon ihn plötzlich biss, doch dieser hielt ihm die Hand vor den Mund. Brendon spürte Kai nicht und er wollte es auch nicht. er wollte nur seinen Geliebten spüren, alles andere war ihm im Moment egal. Jason gab ihm nach und wurde von seiner eigenen Erregung mitgerissen und wieder in die Leidenschaft zurück gezogen. Er schmeckte noch das Blut Brendons auf seiner Zunge und küsste ihn, als dieser ihn ansah. Er glitt mit seiner Zunge zu Brendons Hals und biss in sanft. Eine ganze Zeit dauerte das Spiel aus Blutdrang und Erregung, ehe Jason sich von Brendon löste und sich erschöpft neben ihn legte. Er schlief augenblicklich ein. Brendon lächelte sanft und küsste ihm das letzte Blut von den Lippen. Seine und auch Jasons Zähne waren wieder zurückgegangen.
„Chris? Du bist so abwesend heute.“ Sagte Jason am nächsten Abend zu ihm, als sie beim Abendbrot saßen. Brendon war noch am frühen Morgen gegangen.
„Ich bin nur müde.“ Sagte Kai leise. Jason fiel ein, das er Kai letzte Nacht gespürt hatte und ihn beschlich das Gefühl das Kai wusste was er war.
„Du verheimlichst mir was.“ Sagte Jason lauernd.
„Ach und du nicht.“ sagte Kai plötzlich wütend und sprang auf. Er schlug gleichzeitig mit Wucht auf den Tisch.
„Du warst doch da.“ Sagte Jason leise und sah Kai in die Augen. Dieser bemerkte erst jetzt wirklich was er gesagt hatte und wollte gehen. „Warte.“ Sagte Jason und hielt seine Hand fest. „Ich hatte dir gesagt das du nicht in mein Zimmer gehen sollst. Tut mir leid, das du es so erfährst, aber ich wollte es dir nicht sagen, weil ich Angst hatte, du würdest einfach gehen.“
„Ach. Warum das denn? Hebst du mich noch auf, um mich als Reserve für Notfälle zu verwenden?“ fragte Kai bissig und wurde von Jason zurück zum Tisch gezogen.
„Nein. Ich habe dich aufgenommen und ich beschütze dich. Daran hat sich nichts geändert. Ich würde dich nicht verletzen wollen.“ Sagte Jason leise.
„Warum nicht?“ fragte Kai verwirrt. Jason sah ihn verlegen an und stand auf. Er ging aus der Küche und zurück in sein Zimmer. Dieser Frage war er Kai immer wieder ausgewichen. Selbst wenn es nur darum ging das er schlechte Laune hatte. Kai war ihm gefolgt und Jason hatte mit Absicht nicht abgeschlossen um Kai nicht vor den Kopf zu stoßen. Er wusste das Brendon genau in diesem Moment seine Gefühle spürte und war bedacht darauf auch ihm nicht wehtun zu müssen. Kai stellte sich vor ihn und sah ihm in die Augen, Jason sich ihm zuwandte und er das Bücherregal im Rücke hatte. Kai trat noch einen Schritt an ihn heran und küsste Jason leicht auf die Lippen. Jetzt wusste Jason was er gespürt hatte, Eifersucht und Traurigkeit, schon die ganzen letzten zwei Jahre über in denen er immer darauf achtete Kai nicht zu nah an sich zu lassen, damit sein Geheimnis unerkannt blieb. Aber Kai hatte sich auf andere Weise ihm genähert und es hatte zwei Jahr gedauert, bis Jason es erkannt hatte. Er erwiderte den Kuss sanft und löste sich wieder von ihm, als er seine Gier spürte, die er auf Kai hatte. Auch Brendons Gier spürte er. Aber nicht auf ihn. Brendon schien nicht allein zu sein. „Warum weichst du immer dieser Frage aus?“
„Weil ich sie dir nicht klar beantworten kann.“
„Versuch es.“
„Nein. Ich würde dich verletzen, vielleicht sogar töten, würde ich versuchen es dir zu erklären.“ Sagte Jason und sah weg.
„Warum lässt du mich nicht endlich in deine Welt. Ich habe es satt von dir ausgegrenzt zu werden.“ Sagte Kai traurig und lehnte sich an Jasons Brust. Jason kämpfte kurz dagegen an und umarmte ihn dann doch. Er küsste ihn sanft auf die Lippen und Kai schob ihm seine Zunge in den Mund. Kai fühlte mit seiner Zunge Jasons Vampirzähne und legte seine Arme um Jasons Oberkörper. Jason küsste ihn am Hals und wollte gerade zubeißen, als er Brendons Stimme in seinem Kopf hatte.
„Lass das? Du bist noch nicht in der Lage dazu.“ Sagte Brendon und Jason beließ es bei einem Leidenschaftlich Kuss. Er legte seine Hand in Chris’ Nacken und küsste ihn sanft auf die Lippen, dabei fühlte er wie Kai mit seiner Zunge Jasons Zähne berührte und anfangs leicht zurückschreckte, sich aber dennoch nicht von ihm löste. Jason schob ihn auf Armeslänge von sich weg und ging aus seiner Reichweite. Er fühlte, je dichter Kai ihm war, seinen Herzschlag und das leichte Poche seines Blutes. Kai lehnte sich an seinen Rücken und reagierte nicht schnell genug, als Jason sich plötzlich aus der Umarmung löste und aus der Wohnung ging. Kai sah zum Fenster und setzte sich dann auf die Couch. Er zog die Beine an den Körper und schloss die Augen. Er verstand nicht warum Jason ihm auswich.
„Jason?“ fragte Brendon leise, als er diesen an eine Wand gelehnt sah. Er hatte silberne Augen und fletschte seine Zähne, als Brendon ihm nahe kam. „Jason? Ich bin’s.“ sagte Brendon und spürte die Abwehrhaltung. Jason wusste nicht wem er gegenüber stand, er nahm nichts war, außer seiner Gier und er wollte auch nichts anderes. Als er Brendon direkt in die Augen sah, hatte Brendon das Gefühl Jasons Augen würden von innen heraus silbern leuchten, sie waren so hell, wie bei seiner Verwandlung, als Brendon ihm Blut gab.
Brendon ging auf Jason weiter zu und hatte fast das Gefühl, das Jason ihn jeden Moment anfiel, aber er tat es nicht. Stattdessen erkannte Jason langsam, wer auf ihn zukam und das Fletschen verschwand. Brendon nahm ihn vorsichtig in den Arm. Er spürte Jasons Atem an seinem Hals und sagte leise zu ihm: „Trink.“ Jason zögerte einen Moment, suchte dann aber die Halsschlagader und biss zu. Seine Finger krallten sich in den Stoff von Brendons Hemd und durchdrangen ihn. Brendon legte seinen Kopf in den Nacken und strich Jason durch sein Haar. Jason löste sich langsam von ihm und leckte über die Wunde. Brendon sah ihm in die Augen. Das Silber war verschwunden und er wirkte wieder normal, dennoch ließ Brendon ihn nicht los. „Ganz ohne mich kommst du noch nicht klar.“ Sagte Brendon leise und küsste Jason auf die Stirn. Jasons Griff lockerte sich. Er sah Brendon in die Augen und küsste ihn sanft. Brendon schmeckte sein eigenes Blut und schob Jason seine Zunge in den Mund. „Soll ich ihn für dich verwandeln?“ fragte Brendon nach einer Weile leise.
„Nein. Wenn dann würde ich es gern selbst machen. Zeig mir wie es geht.“ bat Jason und sah Brendon fordernd an.
„Er muss sich vollkommen auf dich einlassen und du musst rechtzeitig aufhören können, sonst tötest du ihn. Wenn er kurz davor ist, sein Bewusstsein zu verlieren, gibst du ihm dein Blut.“ Sagte Brendon leise. Er war nicht begeistert darüber, das Jason jetzt schon jemanden in seine Welt holen wollte, aber er wusste, das Kai vielleicht der einzige ist, den er je in seine Welt lassen würde. Jason nickte leicht und küsste Brendon leidenschaftlich. Er glitt mit seiner Hand nach unten in Brendons Hose und massierte ihn sanft, während Brendon ihm über seinen Hals leckte und langsam seine Zähne in Jasons Hals vergrub. Jason stöhnte leicht auf und bewegte seine Hand weiter. Auch seine eigene Gier erwachte und rutschte langsam an der Wand entlang nach unten. Sie waren in einer kleinen Gasse, in der Niemand freiwillig hineingehen würde. Jason schloss die Augen. Als Brendon sich von ihm löste und Jason Hose öffnete, sah Jason ihn sanft an. „Deine Gier kommt häufig in den letzten Tagen.“ Sagte Brendon lächelnd. Jason nahm seine Hand zurück und legte seine Arme um Brendons Oberkörper, als dieser ihm seine Hose und Unterhose auszog und ihn auf sich setzte. Jason küsste Brendon auf die Schulter und leckte mit seiner Zunge über eine stark pulsierende Ader, ehe er langsam zubiss und das Blut in seinen Mund lief. Brendon legte seine Hände auf Jasons Hüfte und küsste ihn auf seine Schulter. Jason bewegte sich langsam und trank dabei Brendons Blut. Als er sich von ihm löste, sah Brendon ihm in die Augen. Er küsste ihn leidenschaftlich und lächelte, als Jason den Kopf in den Nacken legte und stöhnte. Brendon schloss ebenfalls die Augen und nach geraumer Zeit löste Jason sich langsam von Brendon, küsste ihn aber noch weiter. „Dein Durst dürfte für eine Weile gestillt sein.“ Meinte Brendon lächelnd und strich ihm durchs Haar. Eine Weile küsste Jason Brendon noch und stand dann auf um sich wieder anzuziehen.
„Willst du zurück?“
„Ja. Die Sonne geht bald auf, bis dahin muss ich zurück sein, sonst macht er sich Vorwürfe. Das will ich nicht.“ sagte Jason leise und küsste Brendon leidenschaftlich, als dieser ihn traurig ansah. „Bei wem warst du vorhin eigentlich, bevor du mich gefunden hast?“
„Bei Alex. Warum?“
„Ich habe deine Gier gespürt.“
„Ich weiß. Ich deine auch. Mit dem Unterschied zwischen uns hat nichts angefangen.“
„Nein?“ fragte Jason lächelnd.
„Nein. Er hat nur von mir getrunken, sonst nichts.“ Als Jason noch etwas sagen wollte, drückte Brendon ihn derb gegen die Wand und küsste ihn stürmisch. Er biss ihm zärtlich auf die Lippen und trank etwas von seinem Blut, ehe er sich wieder von ihm löste. „Wenn du so neckisch bist, kann ich dir nicht wiederstehen, tut mir leid.“ Sagte Brendon leise und sah nach unten. Jason sah ihm in die Augen und erwiderte Brendons Kuss sanft. Dabei legte er seine Hand auf Brendons Hüfte.
„Ich muss gehen.“
„Ja. Vielleicht gewinn ich dich ja in ein paar Jahrhunderten zurück.“
„Vielleicht.“ Sagte Jason lächelnd und ging. Er blieb vor der Wohnungstür noch einmal stehen und atmete durch. Erst dann ging er hinein und in sein Zimmer. Er sah Kai nicht, aber er spürte, das er da war und legte seine Jacke auf den Hocker, neben der Tür. Dann folgte er seinem Sinn und blieb dicht vor der Couch stehen.
„Du findest mich also auch, wenn du mich nicht siehst.“ Sagte Kai leise und sah auf. Er kniete sich auf der Couch hin und legte seine Arme um Jason, um ihn zu küssen. „Warum lässt du mich nicht in deine Welt?“
„Weil ich dich nicht verletzen will.“ Sagte Jason leise. Er setzte sich neben Kai und spürte wie die Sonne aufging. Er lehnte sich an und schloss die Augen. Kai lege eine Hand auf seine Brust und sah ihn an. Jason schlief langsam ein und fühlte nur noch wie Kai ihn zudeckte. Als er wieder wach wurde, war es Nacht. Er öffnete die Augen und sah sich im Zimmer um. Kai war nicht hier und so stand er auf. Er ging langsam in die Küche und setzte auf einen Stuhl. Er spürte Chris’ Anwesenheit, aber wusste nicht wo er war und so stand er auf und ging durch die Wohnung. Als er am Bad vorbei kam, kam Kai gerade heraus und lief gegen ihn. Jason umarmte ihn sanft und hielt ihn fest. Kai war verwirrt und löste sich nach einer Weile aus dieser Umarmung.
„Was hast du?“ fragte Kai leise und sah in Jasons Augen, die Silber glühten. Kai erschrak ein wenig und wich einen Schritt zurück, als Jason ihn küsste.
„Ich wollte dir keine Angst machen. Ich habe dich nur gesucht.“ Sagte Jason dann leise und ließ Kai los. Dann ging er in sein Zimmer zurück und legte sich aufs Bett. Er schloss die Augen. Nach einiger Zeit spürte er einen sanften Hauch über seinen Lippen. Auch die Anwesenheit Chris’ spürte er, aber er wollte die Augen nicht aufmachen. Als Kai ihn sanft küsste, umarmte Jason ihn und erwiderte den Kuss leidenschaftlich. Kai spielte mit ein paar von Jasons Haarsträhnen und schob ihm seine Zunge in den Mund. Er spürte Jasons Vampirzähne und löste sich kurz von ihm.
„Sind deine Zähne immer so?“ fragte Kai verwirrt.
„Nein. Es gibt nur bestimmte Situationen, wo sie so werden. Das kann zwei Gründe haben. Einer der beiden ist der des Blutdurstes.
„Und der zweite?“
„Ist verbunden mit der Farbe meiner Augen. Sind sie Silber habe ich keinen Durst, aber Gier.“
„Gier? Worauf.“
„In diesem Falle auf dich.“ Sagte Jason lächelnd und öffnete die Augen. Das Silber in seinen Augen, war selbst im Zwielicht seines Zimmers deutlich zu erkennen. Kai setzte sich hin und sah ihn an.
„In welcher Hinsicht ist diese Gier?“ Ohne Kai eine Antwort zu geben, zog er Kai an sich und küsste ihn leidenschaftlich. Dieser gab ihm nach und öffnete dabei Jasons Hemd. Kai küsste Jason auf die Brust und zog ihm das Hemd dabei aus. Als er auch Jasons Hose aufknöpfen wollte, hielt Jason seine Hand sanft fest und zwang ihn nach hinten. Kai legte sich auf den Rücken und küsste Jason weiter. Jason zog Kai langsam aus und strich mit seiner Hand vorsichtig über Chris’ Körper. Kai zitterte leicht und als Jason sich über sein Gesicht beugte, sah Kai ihn unsicher an.
„Keine Angst. Ich mache nichts was du nicht willst. Sag ich soll aufhören und ich tu ’s.“ sagte Jason leise und küsste Kai sanft auf die Lippen. Sein Zittern ließ etwas nach und er ließ sich auf Jason vollkommen ein. Jason spürte Chris’ Hand an seiner Hose und setzte sich langsam hin. Er zog sich aus und legte sich neben Chris. Er küsste ihn sanft auf die Brust und dann auf die Lippen. Seine Finger glitten leicht und sanft über Chris’ Körper. Als Jason sich auf seine Hände stütze und sich über ihn beugte, hob Kai den Kopf leicht an und küsste Jason sanft auf die Lippen, ehe er seine Arme um Jasons Oberkörper legte und ihn zu sich ran zog. Jason legte sich vorsichtig auf ihn und drang ihn ein. Dabei küsste er Kai am Hals. Dieser hielt sich bei Jason fest und küsste ihn auf die Lippen, als Jason ihn ansah. Kai vergaß alles um sich herum und sah nur noch Jasons silbernen Augen, die ihn wie zwei Sterne ansahen. Als beide fast zum Höhepunkt kamen, küsste Jason Kai am Hals und suchte mit seiner Zunge die Halsschlagader. Als er sie fand, vergrub er vorsichtig seine Zähne in Chris’ Hals und trank sein Blut. Kai stöhnte unter Jasons Bewegung und seinem Biss gleichzeitig auf und krallte seine Finger in Jasons Rücken. Als sein Griff sich lockerte, ließ Jason von ihm ab und leckte das Blut kurz von seinen Lippen, ehe er sich auf die Zunge biss und Kai leidenschaftlich küsste. Dieser hob die Brust leicht an und wollte erst nicht trinken, tat es dann aber doch und verstärkte seinen Griff etwas. Dabei kamen sie beide zum Höhepunkt und Kai sank daraufhin in Jasons Armen zusammen. Als Jason sich ihm entzog, sah Kai ihn sanft an, aber Jason spürte, das er mehr wollte, gab es ihm aber nicht. Als Jason sich langsam von ihm löste, hielt Kai ihn fest. Jason legte eine Hand über Chris’ Augen und brachte ihn so zum schlafen. Er spürte das die Sonne allmählich wieder aufging und legte sich neben Chris. Er deckte sie beide zu und küsste Kai noch einmal auf die Bissstelle, ehe er selbst einschlief.
Als er am nächsten Abend aufwachte, beobachtete er Kai sanft. Dieser schlief noch und wachte auch erst nach einer Stunde auf. Jason rührte sich nicht einen Zentimeter, um nicht zu wecken, denn er wollte nicht, das Kai sich zu sehr erschreckte, wenn er durch seine neuen Augen sah, was für ihn vorher nur Dunkelheit war. Denn wenn es dunkel war, fiel es nicht so stark auf, als wenn noch Abenddämmerung war. Kai öffnete nicht sofort die Augen, als er erwachte, sondern drehte sich leicht zu Jason um und drängte sich dicht an dessen Brust. Er legte seine Hand leicht auf Jasons Bauch. Als er die Augen nun doch öffnete, sah er Jason in die Augen. Das Silber aus seinen Augen war verschwunden und er lächelte sanft. Kai setzte sich halb auf und berührte seinen Kopf mit der Hand.
„Es vergeht. Warte noch einige Minuten ehe du aufstehst. Kopfschmerzen sind normal.“ Sagte Jason leise und setzte sich ihm gegenüber. Kai sah ihn kurz an und schloss die Augen ehe er Jason sanft auf die Lippen küsste. Jason schob ihm seine Zunge in den Mund und küsste ihn leidenschaftlich. Als er Kai Durst spürte, legte er ihm eine Hand in den Nacken und legte sich hin. Dann führte er Kai Kopf zu seinem Hals und sagte leise: „Trink.“ Kai küsste ihn kurz und suchte automatisch mit seiner Zunge die Halsschlagader, die bei Jason und auch bei Brendon, sehr viel langsamer pulsierte, als bei Menschen. Immerhin waren Vampire zum Großteil tot. Als Kai langsam seine Zähne in Jasons Hals schob, schloss Jason die Augen und krallte die frei Hand in der Bettdecke fest. Als Kai sich nach einiger Zeit von ihm löste, waren auf seinen Lippen noch einige Tropfen Blut. Jason küsste ihn und leckte das Blut weg. Kai sah ihn an und Jason bemerkte den leichten Silberschimmer seiner Augen, der nach einer Weile stärke wurde. Brendon hatte ihm gesagt, das sich die Augenfarbe, die Gier oder Neuerschaffung kennzeichnet, vom Alter des Vampirdaseins ausgeht. Die ersten 100 Jahre waren sie Silber und dieses Silber wurde von Jahr zu Jahr stärker, bis es am Ende das gleiche Silber erreicht, wie in der ersten Nacht, nach der Erschaffung. Bei Jason war diese Farbe seit einigen tagen erreicht, aber er war erst fünfzig Jahre ein Vampir. Manchmal kam es vor das sich die Farbe auch früher änderte, aber selten in seinem Falle aber tat sie es und seine Augenfarbe wurde von Silber zu Smaragd. Gold war die abschließende Farbe der Verwandlung, ab da an war man ein vollwertiger Vampir. Nicht alle Vampire halten es bis dort hin durch, Brendon hatte es. Dazwischen lagen noch, Rot, welches ab 200 Jahren begann, Blau, bei 300, Schwarz, bei 400 und Gold bei 500 Jahren. Brendon war schon über 600 Jahre alt und er hatte vor Jason in jedem Jahrhundert einen Geliebten zum Vampir auserkoren, ab seine 100 Vampirjahre. Deshalb war er nicht so erfreut, das Jason dies schon mit fünfzig Vampirjahren gemacht hatte. Er war 21 als Brendon ihn erwählte und Jason war bisher der einzige, dem Brendon wahrhaft vertraute. Nicht das er den anderen nicht vertraute, aber zwischen ihnen war etwas anderes, was auch Kai nicht zu brechen vermochte. Brendon war 25, als er zum Vampir wurde. Er hatte Jason einmal von diesem Vampir erzählt, aber er hatte Brendon nur erwählt, weil er für eine Weile von Frauen Abstand nehmen wollte. Sie hatte auch kein Verhältnis. Er hatte Brendon jediglich gesagt was er wissen musste und ihn begleitet bis er sich selbst einen Gefährten ausgesucht hatte. Brendon hatte zu Jason ein anderes Verhältnis, da Jason ihn traf, als er gerade erst 17 Jahre alt war. Brendon hatte ihn von dem Moment an immer beschützt und für ihn gesorgt, da Jason keine Eltern hatte zu denen er gehen konnte. Brendon hatte ihm so zu sagen seine Familie ersetzt und da es verboten war Menschen unter 20 zum Vampir zu machen, wartete Brendon und lehrte Jason die Welt verstehen. In dieser Zeit wuchs Jasons Zuneigung zu Brendon und er ließ sich an seinem 21. Geburtstag gänzlich auf ihn ein, wenn er es vorher auch schon tat, war es in dieser Nacht so intensiv, das die ganze Nacht nicht mehr wichtig war. Nur noch er und Brendon und das rauschen des Blutstromes, das Pochen des Herzens und die gemeinsame Nacht. Zwischen ihnen war nicht wie bei anderen eine Klippe, sondern ein kleiner Bach, der Geheimnis barg, die jeder sein Eigen nenne konnte, in die der andere sich nicht einmischte. Sie waren wie eine Seele in zwei Körpern, auch wenn Jason sich neu verliebt hatte. Dies war etwas, das konnte ihm niemand nehmen, eine Verbindung zwischen seinem Lehrer, Vater und Geliebten.

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Information When you came into my life
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:40 PM - No Replies

Wir waren fast zwanzig Jahre verheiratet gewesen. Kennen und lieben gelernt hatte ich Susanne auf unserem Schützenfest. Mein Vater war in dem Jahr Schützenkönig geworden und ich war stolz wie Bolle.
Ach ja, vorstellen sollte ich mich auch noch. Da mein Vater, wie schon erwähnt, Sportschütze
und auch noch Jäger war, konnte sein Sohn, also ich, nur Hubertus heißen. Doch zurück zum Schützenfest.
Ausgelassen tanzte ich mit verschiedenen Partnerinnen, als ich SIE an der Theke stehen sah: lässig lehnte sie am Tresen, trank einen Sekt und beobachtete verträumt die Tanzenden. Ich trat meiner Tanzpartnerin prompt auf den Fuß, worauf sie beleidigt unseren Tanz beendete. Blöd stand ich nun auf der Tanzfläche herum und schaute wieder in Richtung Tränke zu der hübschen, Sekt trinkenden Frau.
Sie lächelte mich an, was ich als Aufforderung interpretierte und zu ihr herüber schlenderte. Höflich, wie ich war, stellte ich mich kurz vor und bat sie um den nächsten Tanz. Sie willigte ein, und so tanzten wir viele Male, während wir uns in den Pausen dazwischen unterhielten und uns so langsam näher kamen.
Erst am frühen Morgen brachte ich sie mit dem Taxi nach Hause. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, und Stück für Stück kamen wir uns näher. Ein Jahr später heirateten wir, in dem darauffolgenden Jahr kam unser Sohn Baldur zur Welt.
Zwei Jahre später war dann unser Glück perfekt, als unsere Tochter Marie geboren wurde. Meine Frau Susanne arbeitete als Lektorin in einem großen Verlag und ich war ein gefragter Landschaftsarchitekt.
Als Architekt war ich leider zu oft unterwegs. Unsere beiden Kinder wuchsen glücklich heran. Schon bald konnten wir uns ein schönes Haus leisten und Susanne konnte viel von zu Hause aus arbeiten und war somit immer bei den Kindern.
Wir feierten gerade unseren siebzehnten Hochzeitstag, als Susanne über Schmerzen in der Brust klagte und sie vom Arzt die Diagnose Krebs erhielt. Von jetzt auf gleich waren alle Planungen über den Haufen geworfen.
Es begann mit einer Strahlentherapie: Susanne kämpfte tapfer und ich lehnte in der Folgezeit viele Aufträge ab oder arbeitete ebenfalls nur noch von zu Hause aus. Nach einem dreiviertel Jahr schien die Therapie anzuschlagen, und wir waren schon alle erleichtert.
Doch ein Jahr später kam der Krebs zurück, und das noch heftiger als zuvor – er hatte bereits gestreut. Wie erzählt man seinen Kindern, dass die Mutter den Kampf vermutlich verlieren wird?
Baldur war mittlerweile siebzehn und sehr fleißig in der Schule, machte kaum Probleme und war mir schon fast zu ruhig für sein Alter. Eine Freundin hatte er noch nicht mit nach Hause gebracht. Stattdessen spielte gerne Fußball im Verein und hatte mit seiner Mannschaft schon einige Erfolge gefeiert.
Marie hingegen war ein richtiger Wirbelwind. Sie machte Jazz Dance, war viel unterwegs und brachte hin und wieder jemanden zum Lernen mit nach Hause. Ich achtete sehr darauf, dass, wenn es sich um Jungs handelte, sie zeitig wieder nach Hause gingen. In dieser Hinsicht war ich dann doch sehr konservativ.
Oder war es die Angst, dass Marie langsam erwachsen wurde und nicht mehr unser kleiner Sonnenschein blieb? Obwohl Marie zwei Jahre jünger war als Baldur, machte ich mir um ihn mehr Sorgen angesichts des bevorstehenden Tods von Susanne.
Eines Abends saßen wir nach dem Abendbrot noch eine Weile am Tisch, als Susanne den Kindern vorsichtig die schreckliche Diagnose des wieder ausgebrochenen Krebses und der gestreuten Metastasen erzählte.
Während Marie nur stumm mit tränenersticktem Blick ihre Mutter anschaute, sprang Baldur schreiend auf, so dass sein Stuhl polternd umfiel, und rannte aus der Küche in sein Zimmer. Ich blickte traurig zu meiner Frau, die immer noch mit betroffen zur Tür sah, durch die Baldur gerade verschwand. Mich langsam erhebend, streichelte ich Susanne sanft über den Arm.
„Ich schau mal nach Baldur.“
Auf mein Klopfen hin bekam ich keine Antwort. Nur ein Schluchzen war zu vernehmen. Langsam öffnete ich die Tür und sah Baldur zusammengekauert auf seinem Bett liegen. Beim jedem Schluchzer zuckte er immer ein wenig zusammen. Ich setzte mich zu ihm ans Bett und streichelte ihn über den Arm.
„Warum, Papa? Es war doch alles wieder gut.“
„Ich weiß es auch nicht, mein Sohn“, konnte ich gerade noch so sagen und fing ebenfalls an zu weinen, ohne mich für meine Tränen zu schämen.
Baldur richtete sich langsam auf, drehte sich zu mir um und fiel mir in die Arme. Lange saßen wir nur da, hielten uns fest und weinten. Wie sollte es nur weiter gehen? Ich hatte keine Ahnung.
Wer so etwas noch nie erlebt hat, kann es nicht nachvollziehen. Und wer es schon erlebte, möchte so etwas kein zweites Mal durchmachen wollen.
„Wie viel Zeit hat Mama noch?“
„Die Ärzte sagen, vier bis sechs Monate, eventuell etwas mehr, wenn sie noch eine Chemo macht.“
„Macht Mama die Chemo noch?“, blickte Baldur mich ängstlich an. Ich schüttelte nur leicht den Kopf.
„Das heißt, dass sie das nächste Jahr, wenn ich meinen Schulabschluss mache, nicht mehr erleben wird?“
„Nein, Baldur, wahrscheinlich nicht.“
„Können wir nichts mehr für sie tun, Papa?“
„Doch, mein Sohn, immer für sie da sein, und ihr den Abschied so leicht wie möglich zu machen. Wir müssen ihr zeigen, dass sie ohne Angst um unsere Zukunft gehen kann und das wir sie immer lieben werden.“
Baldur nickte nur nachdenklich, während ihm ohne Unterlass die Tränen übers Gesicht liefen. Lange saßen wir da und hielten uns im Arm.
„Komm, lass uns wieder zu Mama und Marie gehen.“
Während wir wieder in die Küche zurückgingen, legte ich meinem Sohn liebevoll meinen Arm um die Schulter. Jetzt erst bemerkte ich so richtig, wie groß er in der letzten Zeit geworden war.
Bevor wir die Küche betraten, hörten wir wie Susanne ein Lied summte. Es war das Lied „Baby mine“ aus dem Disney Film „Dumbo“. Leise betraten wir die Küche und sahen, wie Susanne Marie im Arm hielt, sie leicht zum gesummten Lied wiegte und dabei über den Kopf streichelte.
Beide hatten uns noch nicht bemerkt. Dieser Anblick brach mir fast das Herz. Ich musste stark sein für Susanne sowie für Baldur und Marie. Wieder konnte ich meine Tränen nicht zurück halten. Baldur, der immer noch neben mir stand, nahm mich diesmal in den Arm.
Leise flüsternd hörte ich an meinem Ohr: „Papa, wir schaffen das schon.“
Wir kümmerten uns alle aufopferungsvoll um Susanne. Sie ließ sich vor den Kindern ihre Schmerzen nicht anmerken. Anfang Dezember verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Keiner dachte an das bevorstehende Fest.
Wenn wir Musik machten, war es immer nur Susannes Lieblingsmusik von Bryan Adams oder Tina Turner. Am 20.12. musste Susanne ins Krankenhaus und am Nachmittag des 24.12. schloss Susanne dann für immer die Augen.
Ich war froh, dass Baldur und Marie mit mir in ihren letzten Stunden bei ihr sein konnten. Draußen hörte man das Glockengeläut der nahen Kirche und überall war es ruhig. Aus einigen Krankenzimmern hörte man festliche Musik.
Aber das interessierte uns nicht mehr. Für uns würde dieser Tag wohl nie wieder einer sein, an dem man zusammensitzen wird und fröhlich ist. Ich wusste, dass Susanne in unseren Kindern weiterleben würde, und das gab mir die Kraft, ebenfalls weiter zu machen.
Die Beerdigung fand einen Tag vor Silvester in aller Stille statt. Ich wollte vermeiden, dass meine Kinder in ihrer Trauer zu vielen Blicken ausgesetzt waren. Zudem konnte auch ich die Blicke der anderen beim Kondolieren am Grab ebenfalls nicht ertragen.
Man war in diesem Moment nur hilflos und offen wie ein Buch. Ich wollte unsere Trauer einfach nicht öffentlich machen. Für die vielen Verwandten, Freunde und Arbeitskollegen gab es einige Wochen später eine Gedenkstunde im Gemeindehaus, bei der auch sie Abschied nehmen konnten.
Statt Blumen bat ich alle um eine Spende für die S.O.S. – Kinderdörfer, die Susanne immer sehr am Herzen gelegen hatten.
*-*-*
Der Frühling kam, aber ich nahm kaum Notiz davon. Meine und Susannes Eltern waren mir eine große Hilfe. Sie lenkten die Kinder immer wieder erfolgreich ab, wenn sie merkten, dass es mir wieder mal nicht gut ging.
„Ich danke euch für die Hilfe. Ich wüsste nicht ob ich es ohne euch schaffen würde.“, sagte ich einmal resigniert.
Meine Mutter blickte mich erschrocken an, griff mir resolut an die Schultern und schüttelte mich: „Du hast doch hoffentlich nicht darüber nachgedacht, Dir etwas anzutun, oder?“
Bei diesem Satz konnte man die aufsteigende Angst in ihren Augen erkennen. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie packte mich noch fester und fügte noch ein geflüstertes „..oder?“ an.
„Nein Mama, ich habe Susanne versprochen, alles für unsere Kinder zu tun. Außerdem liebe ich sie zu sehr, als dass ich mich einfach so aus dem Staub machen würde. Nein, Baldur und Marie brauchen mich doch. Wenn ich die beiden sehe, sehe ich immer auch Susanne. Wir schaffen das. Es ist zurzeit nur so schwer.“
Ich schämte mich nicht meiner Tränen. Mein Vater stand in der Tür und hatte alles mit angehört. „Genau so haben wir Dich erzogen, Hubertus. Es ist bestimmt sehr schwer für Dich. Aber Du musst in den schweren Momenten immer an deine Kinder denken.
Du hast deine geliebte Frau verloren, das ist sehr schlimm. Aber eines Tages wirst Du dich wieder verlieben. Deine Kinder haben aber ihre Mutter verloren, die kann niemand mehr ersetzen.
Diese Rolle musst Du jetzt auch noch mit übernehmen, und das ist bestimmt nicht einfach. Aber mit unserer Hilfe und der von Susannes Eltern werden wir das schaffen – für Susanne.“ Diese Worte meiner Eltern taten sehr gut.
Baldur schaffte sein Abitur mit Auszeichnung – ich platzte förmlich vor Stolz. Bei der Abschlussfeier wurden alle nach einander auf die Bühne gerufen, um von ihrem Lehrer das Zeugnis entgegen zu nehmen.
Alle grüßten kurz ihre Lieben oder verließen nur jubelnd wieder die Bühne. Zum Schluss wurden die fünf besten auf die Bühne gerufen. Unter tosendem Applaus wurden die fünf gefeiert. Baldur war der drittbeste.
Er trat ans Mikro und bedankte sich zuerst bei allen seinen Lehrern. Dann richtete er seinen Blick nach oben.
Mit leiser Stimme sagte er nur: „Danke Mama, auch wenn du heute nicht hier sein kannst. Das ist für dich.“
Er reckte sein Zeugnis in die Höhe, senkte dann wieder seinen Kopf, drehte sich um und verließ weinend die Bühne. Sofort sprang ich auf, ging auf ihn zu, nahm ihn vor der gesamten Gesellschaft in die Arme, und wir heulten beide um die Wette.
„Deine Mutter wäre stolz auf dich, mein Sohn“, flüsterte ich ihm zu. Den aufmunternden Beifall seiner Mitschüler bekamen wir gar nicht mehr mit.
In den Sommerferien fuhr ich mit Baldur und Marie für drei Wochen an die Nordsee. Einfach mal raus aus den Alltag, auf andere Gedanken kommen und die Seele baumeln lassen war für mich und meine Kinder sehr wichtig.
Wir hatten viel auf dem Programm, was wir drei uns vorher schon ausgesucht hatten. Marie freute sich aufs Kite-Surfen und eine richtige ostfriesische Teezeremonie, Baldur wollte gerne mal mit einem Kutter auf Krabbenfang und zu den Robbenbänken fahren und ich hatte vor, eine ausgedehnte Wattwanderung zu machen und ein bis zwei der Ostfriesischen Inseln kennenzulernen.
Eine Schiffsfahrt nach Helgoland stand ebenfalls auf unserer Wunschliste. Bis auf das Kite-Surfen machten wir alle Aktivitäten zusammen. Das war in meinem Alter dann doch zu gewagt, und außerdem waren dort nur junge Leute.
Und so begnügte ich mich damit, die beiden zu beobachten und dabei festzustellen, wie schnell die beiden lernten und elegant über das Meer sausten. Ich war in diesem Zusammenhang dann auch für die Fotos zuständig, machte haufenweise Bilder, allerdings waren die meisten unscharf und verwackelt, da die Surfer ein ganz schönes Tempo drauf hatten.
Mich freute am meisten, dass Baldur und Marie schnell Anschluss zu anderen Jugendlichen fanden. Marie kam einmal außer Atem zu mir, als wir einen Badetag am Strand veranstalteten.
„Papa, es ist so schön hier. Können wir nicht hier her ziehen?“
„Bist Du Dir sicher? Würdest Du all Deine Freunde einfach so zurücklassen und hier auch im Herbst oder Winter wohnen wollen, wenn es windig und kalt ist? Wo machst Du denn dann Urlaub? Ist es denn nicht schöner, wenn man diesen schönen Ort für drei Wochen genießt, um sich dann ein ganzes Jahr darauf zu freuen, hier wieder her zu kommen?“
Marie wurde nachdenklich.
„Vermutlich hast Du Recht. Aber es ist so schön hier, Papa.“
„Wo ist denn Baldur?“
„Ach, der hängt doch nur noch mit dem Sören rum. Die beiden haben sich gesucht und gefunden. Manchmal benehmen die sich wie ein altes Ehepaar.“, sagte Marie ein wenig genervt.
Ich musste schmunzeln und freute mich, dass Baldur endlich wieder richtig am Leben teilnahm. Der Tod seiner Mutter hatte ihm doch schon sehr zu schaffen gemacht. Ich hatte schon Angst, damit überfordert zu sein.
Doch meine Mutter beruhigte mich dann immer, dass die meisten Jungs mehr an der Mutter hängen als sie je zugeben würden. Der Vater wäre eher die Person, an dem sie sich messen und ihre Grenzen auszureizen.
„Hej, hvordan har du det?“
Ich schrak aus meinen Gedanken hoch. Baldur stand grinsend vor mir.
„Was hast du gesagt?“
„Hej, hvordan har du det? Das ist dänisch und heißt so viel wie: ‚Hallo, wie geht es euch‘. Hat Sören mir beigebracht. Der kommt aus Kopenhagen.“
Ich musste lachen. Es freute mich, wie Baldur strahlte und von Sören berichtete. Wenn Sören ein Mädchen wäre, könnte man meinen, mein Sohn wäre verliebt….. Nein, Baldur freut sich halt nur, dass er hier nach der langen schweren Zeit einfach mal nur die Seele baumeln lassen konnte. …..und wenn er doch ….. nein, nicht mein Sohn, das würde ich doch merken. Nein, nur nichts Falsches hinein interpretieren. Ich verwarf die weiteren Gedanken und freute mich einfach nur für Baldur. Dieser Urlaub war genau das richtige für uns.
Am letzten Tag war Baldur dann wieder traurig. Ich kam nicht richtig an ihn heran und fing wieder an mir Sorgen zu machen. Baldur wollte nicht mit mir reden, als ich ihn auf seine Traurigkeit ansprach.
Ich vermutete, dass er wieder eine von seinen sporadisch auftretenden Trauerphasen hatte und seine Mutter vermisste. So ging ich zu Marie und sprach sie auf ihren Bruder an.
„Sören ist gestern nach Kopenhagen zurück. Dort fängt Montag die Schule wieder an.“
War das der Grund? War es der Abschied von Sören? Die beiden hatten viel Zeit miteinander verbracht, und die ganze Zeit war er fröhlich und ausgeglichen gewesen. Und jetzt der Abschied.
Hat der Abschied an sich ihn so traurig gemacht? Wie das Abschied nehmen von seiner Mutter? Ich musste unbedingt mit Baldur reden. In mir kam eine leise Angst auf. Doch hoffte ich, dass er sich bald wieder fangen würde.
Die drei Wochen an der Nordsee waren viel zu schnell vergangen, der Alltag hatte uns wieder. Während Marie wieder wie gewohnt zur Schule ging und sich mit ihren Freunden traf, ging es bei Baldur nicht so recht voran.
Er konnte sich nicht entscheiden, ob und – wenn ja – was er studieren wollte. Der Sommer war vorbei, und die Tage wurden kürzer. Baldur hatte sich, da er immer noch unentschlossen war, für BWL eingeschrieben.
Er schien sich tatsächlich gefangen zu haben, lachte wieder und ging gerne zur Uni. Ich schob das Gespräch mit ihm vor mir her, da ich nicht so recht wusste, wie ich ihn auf seine immer wieder aufkommende Traurigkeit hin ansprechen sollte.
Marie war zu einer Halloween Party eingeladen. Ich war froh, dass ihre Mitschüler sie nach dem Verlust ihrer Mutter wieder ganz normal behandelten. Es war eben auch für die anderen Kinder schwer, mit der Situation umzugehen, wenn eine Mitschülerin ihre Mutter verliert.
Viele zogen sich zurück, weil sie mit der Situation nicht umgehen konnten. Ihre beiden besten Freundinnen machten aber genau das Gegenteil und waren ständig um sie herum. Sie lenkten sie ab, gingen mit ihr zum Schwimmen, ins Kino oder hörten ihr einfach nur zu, wenn sie über ihre Mutter sprechen wollte. Mit Gleichaltrigen war das manchmal einfacher, als wenn ich sie hin und wieder auf ihre Gefühlswelt hin ansprach.
Heute hatte Baldurs Fußballtrainer angerufen und sich nach ihm erkundigt. Ich war sehr überrascht, dass er seit einigen Wochen nicht mehr zum Fußballtraining gegangen war. Der Trainer glaubte, dass Baldur über den Verlust seiner Mutter noch nicht hinweg sei. Ich erklärte ihm, dass ich davon ausginge, dass er regelmäßig zum Training gehe.
„Danke für ihren Anruf Herr Schröder. Ich werde mal mit Baldur sprechen. Auf Wiederhören!“
Ich hörte die Haustür ins Schloss fallen.
„Baldur?“
„Ja, was gibt’s denn?“
„Herr Schröder hat gerade angerufen.“
Baldur, der in diesem Moment ins Wohnzimmer kam, blieb auf der Stelle wie ein ertappter Einbrecher stehen. Er blickte unsicher zu Boden.
„Komm mal her, Großer. Was ist los mit dir?“
Baldur blieb stehen wo er stand.
„Ich höre mit dem Fußball spielen auf. Ich habe keine Lust mehr auf das blöde herumgebolze.“
„Aber das war doch immer Deine größte Leidenschaft. So was schmeißt man doch nicht einfach so hin. Baldur, was ist los mit Dir?“
„Nichts, alles ok. Ich mag das halt nicht mehr.“
„Wenn etwas ist, dann mach das nicht mit Dir alleine aus. Du weißt, dass ich immer und zu jeder Zeit für Dich da bin.“
„Ich weiß, Papa, aber es ist nichts, ehrlich.“
Baldur wirkte nicht wie sonst. Ich hatte das Gefühl, dass er mir nicht die Wahrheit sagte. Wie sollte ich bloß ein Gespräch mit ihm führen, ohne das er gleich dicht macht? Davor, dass er von meiner Fragerei genervt ist, und sich stur stellt, hatte ich am meisten Angst.
Ich überlegte lange, wie ich weiter mit ihm umgehen sollte, fand aber keine Lösung. Und so wollte ich das Thema ein paar Tage ruhen lassen und hoffte insgeheim, dass er mich ansprechen würde.
Allerdings hatte ich eher das Gefühl, dass er mich mied und einem klärenden Gespräch eher aus dem Wege ging. Letztendlich wusste ich mir nicht anders zu helfen, als den Trainer von Baldur anzurufen.
„Guten Tag, Herr Schröder. Hubertus Müller, der Vater von Baldur hier. Ich wollte Sie mal fragen, ob sie mir sagen können, warum Baldur keine Lust mehr auf Fußball hat. Gab es irgendwelche Vorfälle in der Mannschaft, oder sind seine Leistungen einfach nur zurückgegangen?“
„Hallo Herr Müller, schön, dass Sie mal anrufen. In den nächsten Tagen hatte ich eh vor, Sie zu kontaktieren. Seine Leistungen und sein Einsatz waren bis zuletzt immer vorbildlich. Ok, seit dem Tod seiner Mutter war er öfter unkonzentriert, aber zeigte im Training und in den Spielen immer vollen Siegeswillen.
Aber dann gab es vor einigen Wochen mal ein Vorfall in der Umkleide nach dem Training. Die Jungs waren, nachdem ich die Aufstellung für unser Pokalspiel bekannt gegeben hatte, ein wenig aufgekratzt.
Tja, wenn man schon mal ein Spiel gegen eine Mannschaft des FC Bayern München spielen darf, ist das schon was Besonderes. Als ich zu den Jungs in die Kabine wollte, kam mir Baldur völlig aufgebracht entgegen gerannt.
Er hätte mich fast über den Haufen gelaufen. Auf mein Rufen hin reagierte er nicht: Er hatte seine Klamotten unter dem Arm, schien völlig konfus. Ihm fielen immer mal wieder seine Sachen auf den Boden, klaubte sie auf und lief weiter.
Ich dachte, dass Sie ihn abholten und er sich nur beeilen wollte. In der Kabine war ein großer Tumult, der plötzlich abbrach, als ich die Kabine betrat. Aber alle beteuerten mir, dass nichts vorgefallen sei.
Ich gab mich damit zufrieden, hatte aber kein gutes Gefühl dabei. Deswegen rief ich Sie ja auch letzte Woche an, weil Baldur weder zum Pokalspiel noch zu den Trainingszeiten erschien.“
„So kenne ich ihn auch nicht. Er ist immer so gewissenhaft. Seine Leistungen hat er immer akribisch in seinem Buch notiert. Profi wollte er werden, und wenn seine Lieblingsmannschaft der VfB Stuttgart mal zu einem Bundesligaspiel bei uns in der Nähe war, sind wir meistens hingefahren. Ich werde wohl mal mit Christoph reden müssen. Baldur sagt immer, es ist alles ok, und wenn ich dann mal nachhake, macht er dicht.“
„Herr Müller, für Baldur war es in den letzten Monaten eine schwere Zeit, aber wir dürfen ihn nicht überfordern. Die Pubertät und dann auch noch der Verlust einer geliebten Person, dass verändert einen Menschen sehr, besonders wenn er so sensibel ist wie Baldur. Wir müssen immer für ihn da sein. Ich hatte ihm eine SMS geschrieben, dass er mich jeder Zeit anrufen kann. Er ist einer meiner besten Spieler und er bekommt von mir alle Unterstützung, wenn er sie will.“
„Danke, Herr Schröder für Ihre Informationen und Ihren Einsatz für meinen Sohn. Ich weiß, dass er bei Ihnen in guten Händen ist. Auf Wiederhören.“
Das Gehörte machte mir dann doch sehr zu schaffen. Gab es einen Vorfall mit seinen Mitspielern, der ihn zu diesen Schritten veranlasst hatte? Ich musste mir das alles erst mal durch den Kopf gehen lassen.
Und so war ich war völlig in meinen Gedanken versunken, als es plötzlich an der Tür klingelte. Ich öffnete und dort stand Christoph, der Sportkamerad von Baldur.
„Guten Tag Herr Müller, ist Baldur zu Hause?“
Christoph wirkte äußerst verkrampft. So kannte ich ihn eigentlich nicht. Sonst immer ein grinsender Sonnyboy, auf den alle Mädchen abfahren, und jetzt dieses unsichere Auftreten: Mich verstörte sein Auftreten.
Was wusste er über Baldurs plötzlichen Sinneswandel, die Fußballschuhe an den berühmten Nagel zu hängen? Mir wurde fast flau im Magen, als ich ihn so hibbelig vor der Tür stehen sah.
„Hallo Christoph, wie geht’s dir? Komm erst mal rein. Ich muss mal schauen ob Baldur schon zu Hause ist.“
Ich bat ihn herein und schloss hinter ihm wieder die Tür.
„Du kennst ja sein Zimmer, schau einfach selbst mal nach.“
Christoph nickte kurz unsicher und verschwand die Treppe hinauf. Nach einigen Augenblicken hörte ich ein Türklopfen und Christophs Stimme, die nach Baldur rief. Nach ein paar Minuten stand Christoph wieder vor mir im Wohnzimmer.
„Er scheint nicht da zu sein, Herr Müller.“
Ich schaute ihn verwirrt an.
Auf die Uhr blickend meinte ich nur: „Eigentlich ist er um diese Zeit immer da.“
„Ich werde dann mal wieder gehen, Herr Müller. Können Sie Baldur ausrichten, dass ich hier war? Ich melde mich in den nächsten Tagen wieder bei ihm.“
„Alles klar, Christoph. Sag mal, ist bei euch in der Mannschaft etwas vorgefallen, dass Baldur nicht mehr Fußball spielen will?“
Christoph wurde verlegen und druckste nur herum.
„Hat Baldur nichts erzählt?“
„Nein, nur euer Trainer machte ein paar Andeutungen, aber er weiß scheinbar auch nichts. Zumindest hält er sich bedeckt. Ich mache mir echt Sorgen um meinen Sohn.“
Christoph schien meine Traurigkeit und Unsicherheit bezüglich Baldur zu bemerken.
„Ich muss zuerst mit Baldur sprechen. Ich möchte jetzt und hier nichts vorgreifen. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Es ist alles nicht so schlimm. Ich muss jetzt los. Wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Auf Wiedersehen, Herr Müller.“
Alles nicht so schlimm? Christoph musste erst mit meinem Sohn sprechen? Warum war Baldur Hals über Kopf vom Training geflohen? Ich wurde immer unruhiger. Hatte er den Tod seiner Mutter immer noch nicht verkraftet?
Kann man so etwas überhaupt verkraften? Er ist doch erst siebzehn. Angst kam in mir auf, wie ich in Gedanken vertieft, mir die schlimmsten Szenarien aus malte, angefangen von Verlustangst bis zur Psychiatrie.
Ich merkte nicht einmal, wie mir die eine oder andere Träne übers Gesicht lief. Angst und Hilflosigkeit kamen wieder mal in mir auf. Ich schaute auf die Uhr, als plötzlich die Haustür ging.
„Bin wieder da. Ist noch jemand zu Hause?“
Ich zuckte zusammen und wischte mir verschämt die Tränen mit meinem Hemdsärmel weg.
Marie war nach Hause gekommen.
Sie schaltete das Wohnzimmerlicht ein und erschrak ein wenig, da ich noch immer noch am Fenster stand. Es war bereits dunkel geworden, während ich noch in Gedanken bei Baldur war.
„Was machst Du denn im Dunkeln hier. Du hast mich ganz schön erschreckt. Ist irgendwas? Papa, Du siehst so traurig aus. Ist was mit Baldur?“
„Hallo, meine Liebe. Ich war in Gedanken und habe nicht bemerkt, wie es plötzlich dunkel geworden ist. Christoph war vorhin hier und machte so komische Andeutungen.“
„Was hat er denn gesagt?
„Er druckste ein wenig herum, meinte nur ich solle mir keine Sorgen machen und es wäre nicht so schlimm. Marie, ich mache mir große Sorgen um Deinen Bruder.“
Marie kam auf mich zu, sie bemerkt wohl, dass es mir gerade nicht so gut ging, und nahm mich in den Arm.
„Papa, Baldur kann sehr gut auf sich aufpassen. Das renkt sich bestimmt alles wieder ein, wirst schon sehen.“
Es war schon spät geworden, als Baldur endlich nach Hause kam. Er wirkte nicht gerade fröhlich, als ich ihn auf den Besuch von Christoph und den Anruf seines Trainers ansprach. Er wiegelte nur gereizt ab und verschwand auf sein Zimmer.
*-*-*
Die nächsten Tage und Wochen verliefen ähnlich. Es war bereits Mitte Dezember, in den Geschäften und der Innenstadt war ‚Alle Jahre wieder‘ alles auf das bevorstehende Fest fokussiert.
Überall roch es nach diesen kulinarischen Sachen, die einem normalerweise schöne Gedanken und eine gewisse Vorfreude bescherten. Daran verschwendete ich allerdings keinen Gedanken, denn schließlich stand der erste Todestag von Susanne kurz bevor.
Mit meinen Kindern hatte ich darüber noch nicht geredet und traute mich auch nicht so recht, sie darauf hin anzusprechen: Zu sehr trauerte ich meiner Frau noch nach. Wie mag es wohl in meinen Kindern vorgehen, wenn ich sie schon unheimlich vermisse?
Wieder kam eine Beklemmung in mir auf. Sollte ich mir doch mal professionelle Hilfe holen, wie es mir schon meine Mutter vorgeschlagen hatte? Zuerst wiegelte ich vehement ab, da für mich immer noch Psychiater oder Therapeuten eher negativ behaftet waren.
Das war natürlich Unsinn, aber ich wollte das erst mal selbst versuchen und in den Griff bekommen. Zudem waren ja auch noch meine und Susannes Eltern da, die mich jederzeit wunderbar unterstützten. Für mich war der Begriff der ‚bösen Schwiegermutter‘ nie präsent, da ich mich immer gut mit meiner eigenen verstand.
Baldur wollte nicht mit mir reden, er wiegelte immer gleich ab, wenn ich ihn ansprach. Auch Marie war mit ihrem Latein am Ende. Ok, sie war halt zwei Jahre jünger und verstand das alles nicht so richtig.
Nur, dass es Baldur schlecht ging bemerkte sie sofort. Sie versuchte halt auf ihrer Art, ihn aus der Reserve zu locken, trotzdem scheiterte sie – genauso wie ich – an seinem Dickschädel. Beim Abendessen tastete ich mich langsam vor und sprach beide auf den morgigen Todestag ihrer Mutter an.
Keiner sagte ein Ton, nur die alte Standuhr im Wohnzimmer gab ihr gleichmäßiges Ticken von sich.
„Wir könnten gegen Mittag zum Friedhof gehen. Da ist es schon wesentlich ruhiger auf den Straßen, weil sich alle auf das bevorstehende Fest vorbereiten.“
Marie lächelte mich gequält dabei an. Ich sah ihre aufkommende Traurigkeit, griff über den Tisch nach ihrer Hand und streichelte sie zärtlich. Baldur saß nur stumm da und blickte auf seinen Teller.
„Baldur, möchtest Du morgen mit uns kommen? Mama würde sich bestimmt freuen.“
Baldur fing an zu zittern und ich bemerkte, wie Tränen auf den vor ihm stehenden Teller tropften. Mit einem gewaltigen Rumpeln sprang Baldur auf, während der Stuhl krachend umfiel.
„MAMA IST TOT“ schrie er in meine Richtung und stürmte aus der Küche.
Ich weiß nicht, wie lange Marie und ich noch stumm am Küchentisch saßen. Wir blickten uns nur an und hatten beide Tränen in den Augen. Dann stand Marie langsam auf, umrundete den Tisch und fiel mir laut schluchzend in die Arme.
Den ganzen Abend bekamen wir Baldur nicht mehr zu Gesicht. Aus seinem Zimmer drang nur laute Musik. Ich versuchte mehrmals, zu ihm durch zu dringen, hatte aber keinen Erfolg. Es tat mir weh, ihn so leiden zu sehen.
Ich hatte versagt. Im Neuen Jahr nahm ich mir vor, einen Therapeuten zu suchen, der uns helfen sollte. Der nächste Morgen begann für mich mit gemischten Gefühlen. Draußen war es noch dunkel und ich vermied es das Radio anzuschalten, weil es eh heute den ganzen Tag nur dieses Festtagsgedudel gab.
Langsam ging ich Richtung Bad und horchte an Baldurs Zimmertür, doch da war nichts zu hören. Einmal tief aufseufzend, schlich ich weiter ins Bad. Nach ausgiebigem Duschen und Rasieren ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee.
Die Tasse voll mit dem koffeinhaltigen Heißgetränk setzte ich mich an den Tisch und fing wieder an zu grübeln. Wie wird der heutige Tag wohl werden? Gott sei Dank haben sich meine Eltern und die Schwiegereltern zum Besuch angekündigt.
Wie mir meine Mutter sagte, hatten sie sich telefonisch kurzgeschlossen und wollten heute für die Kinder und mich kochen. Vielleicht war ja ein bisschen Gewusel in der Bude ganz hilfreich, das sorgte sicher für ein wenig Ablenkung.
Lange saß ich mit der Tasse in den Händen am Tisch und sinnierte vor mich hin, als plötzlich Baldur in der Tür stand. Er sah aus, als hätte er mehrere Nächte durch gefeiert.
„Moin Großer, magst du einen Kaffee?“
„Mhmmm.“
Ich stand auf, holte einen Becher und füllte ihn mit der braunen Brühe und viel Milch, wie mein Sohn ihn immer mochte. Er nahm dankend die Tasse und setzte sich mir gegenüber an den Tisch.
„Tut mir leid, dass ich gestern so ausgetickt bin. Ich wollte Euch nicht verletzen.“
Ich schaute meinen Sohn an, der bei seiner Entschuldigung die ganze Zeit in seine Tasse blickte.
„Baldur, Du musst Dich nicht für deine Trauer entschuldigen. Es geht uns auch nicht anders dabei. Ok, jeder trauert auf seine Weise, es ist aber wichtig, dass wir immer miteinander sprechen. Ich werde deshalb im neuen Jahr einen Termin bei einem Therapeuten für uns machen. Da wir ja alle noch trauern, ist es wohl besser, wenn wir uns Hilfe von außen holen. Was meinst Du, Baldur?“
„Ich weiß nicht, ich bin doch nur traurig und nicht bekloppt.“
„Baldur, ein Therapeut ist niemand, der denkt, dass Du nicht richtig tickst. Er ist halt darauf spezialisiert, anderen, die ein Problem haben zu helfen, dieses zu verarbeiten. Überlege es Dir mal. Ok?“
„Mhmmm.“
Der Rest des Vormittags verlief unspektakulär. Gegen Mittag kamen dann meine Eltern und brachten ein wenig Leben ins Haus. Baldur hatte sich nach dem gemeinsamen Kaffee wieder auf sein Zimmer zurückgezogen.
Marie freute sich auf ihre Großeltern und wollte mit ihnen gemeinsam das Essen für heute Abend vorbereiten. Kurz nach meinen Eltern kamen dann auch meine Schwiegereltern. Beide wurden von mir herzlichst empfangen.
Sie kamen direkt von Friedhof, und meine Schwiegermutter war noch ganz mitgenommen von dem Gang zum Grab ihrer Tochter.
„Setzt Euch erst mal, ich mach Euch einen Kaffee. Ich will gleich mit den Kindern noch zum Friedhof.“
„Sollen wir Euch begleiten?“
„Nein danke, das ist heute ein Ding von uns dreien. Danke aber für Euer Angebot.“
„Marie, machst Du Dich fertig? Ich schau mal nach Baldur.“
Vor seinem Zimmer angekommen klopfte ich an. Es kam aber keine Reaktion. Auch auf wiederholtes Anklopfen kam keine Antwort. Ich drückte die Türklinke, aber die Tür war abgeschlossen. Komisch, normalerweise verschlossen wir unsere Türen nicht.
Aber da die Situation ohnehin nicht normal war, beließ ich es dabei und fuhr alleine mit Marie zum Friedhof. Während der Fahrt sprach keiner von uns ein Wort. Ich hatte schon am Vortag einen Strauß Sonnenblumen gekauft, das waren Susannes Lieblingsblumen gewesen.
Der Himmel fing an, sich zu verdunkeln, und es roch nach Schnee. Kalter Wind empfing uns auf dem Friedhof, als wir das große schmiedeeiserne Tor durchschritten. Gemeinsam traten wir an das Grab.
Dort brannte ein kleines Licht, und ein bunter Blumenstrauß stand dort in einer Vase. Der musste von ihren Eltern gewesen sein. Ich gab Marie die Sonnenblumen, die ich vorher von ihrem Papier befreit hatte.
Marie stelle sie in die Vase direkt neben dem Stein und strich sanft darüber. Jetzt standen wir beide vor dem Grab und hielten uns fest an der Hand. Ein paar Minuten standen wir beide schweigend da.
Dann fing Marie plötzlich an zu kichern. Leicht verstört blickte ich zu ihr herüber und sah ihr lächelndes Gesicht.
„Weißt Du, woran ich gerade denken muss, Papa?“
„Nein, meine Liebe, erzählst Du es mir?“
„Ich weiß nicht warum, aber muss gerade daran denken, wie Mama mal beim Bügeln den Kopfhörer auf hatte und mit einem Mal von Bryan Adams das Lied ‚Heaven‘ mitsang. Es war so schön, ich machte gerade meine Schulaufgaben und beobachtete sie einfach nur. Als sie mich bemerkte, hörte sie schnell auf. Wir beide mussten dann sehr lachen. Ich vermisse sie so sehr.“
Bei den letzten Worten brach ihre Stimme weg. Ich nahm sie sofort in den Arm. Wir standen noch eine Weile da und hielten uns einfach nur fest. Es hatte gerade angefangen zu schneien, als wir uns langsam wieder auf den Heimweg machten.
Zuhause angekommen roch es schon nach festlichem Essen. Der Tisch war bereits gedeckt. Es lag eine melancholische Stimmung in der Luft.
„Hat Baldur sich schon bei euch gemeldet, oder ist er immer noch in seinem Zimmer?“, fragte ich in die Runde.
„Nein, mein Sohn, ich dachte, er wäre doch noch mit euch mit gefahren.“
Ich drehte mich um, um nach ihm zu sehen. Bei aller Trauer war das dann doch etwas des Guten zu viel. Ich war leicht verstimmt, dass er nicht mal wenigstens aus dem Zimmer kam, um seine Großeltern zu begrüßen.
Ich klopfte an seine Tür und bekam wieder keine Antwort. Dann drückte ich die Klinke, und dieses Mal war sie nicht verschlossen. Ich machte Licht, aber kein Baldur zu sehen. Auf den Weg zurück in die Küche fragte ich die anderen, ob sie etwas bemerkt hätten – doch Fehlanzeige.
Ich fing an mir Sorgen zu machen. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden und es schneite immer heftiger. An der Garderobe fehlte seine Jacke, auch seine Schuhe waren nicht da.
Er war also unterwegs. Ich versuchte, ihn auf seinem Handy zu erreichen, aber da war nur seine Mailbox eingeschaltet. Dann fing ich an, mir richtig Sorgen zu machen. Nach einigen Grübeleien kam mir Christoph in den Sinn.
Ich ging zum Kühlschrank. Dort hing eine Liste mit allen Spielern aus Baldurs Fußballmannschaft. Ich nahm mein Handy und wählte Christophs Nummer.
„Ja, hallo, hier ist der Vater von Baldur Müller. Entschuldigen Sie die Störung, ich weiß, dass es ein ungünstiger Moment ist, aber es ist sehr wichtig. Könnte ich bitte ihren Sohn Christoph sprechen? Es geht um meinen Sohn, der ist verschwunden. Ja danke, ich warte…“
„Hallo Christoph, entschuldige die Störung, Baldur ist verschwunden, und ich vermute, dass es auch etwas mit dem Vorfall nach dem Training zu tun hat. Bitte erzähl mir, was damals passiert ist.“
„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, hinter seinem Rücken etwas zu erzählen, was eventuell nicht stimmt….. Also, wir waren nach dem Training am Duschen, als Hans plötzlich anfing zu pöbeln. Er behauptete, dass Baldur ihm immer auf den Pimmel gucken würde. Dann bemerkten wir, dass Baldur einen Steifen hatte. Wir fingen alle an, uns über ihn lustig zu machen. Hans schubste Baldur sogar und drohte ihm Schläge an. Einige machten bei den weiteren Pöbeleien mit. Ich traute mich wegen der aufgeheizten Situation nicht, mich einzumischen. Baldur verließ panisch die Dusche und war, als wir dann fertig geduscht hatten, bereits verschwunden. Ich habe mich für mein Verhalten geschämt, deshalb war ich ja vor kurzem bei ihnen, um mich bei Baldur dafür zu entschuldigen.“
„Ich danke Dir erst mal, Christoph. Ich melde mich in den nächsten Tagen noch mal bei Dir. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute zum Fest, und entschuldige nochmals die Störung.“
„Herr Müller, wenn Baldur wieder da ist, sagen Sie ihm bitte, dass es mir sehr leid tut, dass ich nicht zu ihm gestanden habe. Ich wünsche Ihnen ebenfalls alles Gute.“
Sollte Baldur schwul sein? Ist das der Grund für seine Niedergeschlagenheit? Warum habe ich nichts bemerkt? Warum hat er kein Vertrauen zu mir? Ich musste jetzt aktiv werden. Die Jacke anziehend machte ich mich, nachdem ich den anderen Bescheid gesagt hatte, auf den Weg nach draußen.
Wo könnte sich Baldur aufhalten? Ich stieg ins Auto und machte mich auf den Weg. Wo sollte ich suchen? Ich fuhr zu seiner Schule. Dort taperte ich einmal kurz über das Gelände und merkte dann schnell, dass er nicht hier sein konnte, da die Spuren im Schnee nur meine eigenen waren.
Dann kam mir der Sportplatz in den Sinn. Dort wurde er schließlich von seinen Sportkameraden gedemütigt. Ich bekam bei den Gedanken daran eine große Wut auf seine Mitspieler.
Wie konnte man so etwas einem Freund und Mitspieler nur antun? Waren die in dem Alter nicht schon alt genug, dass sie wussten, was sie mit einer solchen Aktion anrichten? Am Vereinsheim angekommen, stieg ich aus.
Bis auf die Notbeleuchtung lag der Platz so friedlich da. Der Schnee hatte ihn in eine weiße Märchenwelt gehüllt. Mir kamen wieder die Tränen. Nichts deutete darauf hin, dass Baldur hier ein für ihn negatives Erlebnis erlitten hatte.
Aufgeregt ging ich das Gelände ab. Aber auch hier war von Baldur nichts zu sehen. Resigniert stieg ich wieder ins Auto. Ich spürte die Kälte in mir aufsteigen. Wo konnte Baldur nur sein? Ein kurzer Anruf zu Hause ließ meine Stimmung weiter sinken.
Dort war er noch nicht wieder aufgetaucht. Dann startete ich wieder das Auto und fuhr los. Irgendwas lenkte mich durch die dunkle Stadt. Ich steuerte wahllos durch die Straßen, die noch im jungfräulichen Weiß da lagen.
Ehe ich mich versah, kam ich am großen schmiedeeisernen Tor des Friedhofs zum Stehen, das leicht offen stand. In der Ferne sah man vereinzelnd kleine Lichter flackern. Wie in Trance stieg ich aus, schnappte mir noch geistesgegenwärtig die Taschenlampe und lief schnellen Schrittes auf den Friedhof.
Im Dunkeln konnte ich trotz meiner Funzel nicht viel sehen. Was bei Tageslicht schnell und zügig ging, war bei Dunkelheit um ein vielfaches schwerer. Das einzige Geräusch, das ich hier vernahm, waren meine knirschenden Schritte im Schnee.
Irgendwo musste das Grab von Susanne sein. Im Licht meiner Taschenlampe erblickte ich zuerst die mit Schnee bedeckten Sonnenblumen, daneben einen mit Schnee bedeckten Erdhaufen. Erdhaufen?
Ich ging langsam näher und bemerkte, dass es sich um eine zusammengekauerte Person handeln musste, denn ein Erdhaufen würde sich ja nicht einfach so bewegen.
„Baldur? Baldur!“
Ich war so glücklich, dass ich ihn endlich gefunden hatte. Dann packte ich ihn und bemerkte dabei, dass er völlig durchnässt war. Er zitterte am ganzen Körper und blickte mich ängstlich mit seinen rot unterlaufenden Augen an.
„Was machst Du denn für Sachen? Wir machen uns große Sorgen um Dich. Du kannst doch nicht so einfach weglaufen.“
Baldur blickte nur starr in meine Richtung. Ich legte die Taschenlampe ab und legte meine Hände an seine Wangen. Er war eiskalt. Dann packte ich ihn und versuchte ihn hochzuziehen. Nur widerwillig machte er mit.
Schnell zog ich ihm die nasse Jacke aus und packte ihn in meine eigene. Die Kälte spürte nicht mehr. Dann nahm ich die Taschenlampe, steckte sie ein, nahm meinen Sohn auf den Arm und wir verließen das Gelände.
Der Schnee ließ die Umgebung ein wenig heller erscheinen, so kamen wir schnell zum Auto. Ich packte ihn vorsichtig auf den Beifahrersitz und fuhr so – schnell es die Witterung zuließ – ins Krankenhaus.
Dort war zum Glück nicht so viel los. Schnell kümmerten sich ein Arzt und zwei Schwestern um Baldur. Ich begriff jetzt endlich, dass er in Sicherheit war, sank auf einem Stuhl zusammen und konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Nach einiger Zeit spürte ich eine Hand vorsichtig über meine Schulter streichen. Eine der Schwestern hatte mir einen Kaffee gemacht und sagte mir, dass mit Baldur soweit alles in Ordnung sei.
Der Arzt ergänzte später, dass Baldur nur leicht unterkühlt war. Es wurden auch keine Drogen oder ähnliches gefunden. Er sollte nur ein paar Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel, denn ich war mir sicher, dass Susanne mich durch die Straßen zum Friedhof geführt hatte.
Endlich konnte ich auch zu Hause anrufen, um die erfolgreiche Suche und das gute Ende der Aktion mitzuteilen. Nach dem ersten Klingeln war bereits Marie an der Strippe. Ich sagte ihr, dass alles ok war und ihr Bruder nur ein paar Tage zur Beobachtung wegen seiner Unterkühlung im Krankenhaus bleiben musste.
Da fing sie an zu schluchzen, ich spürte, wie auch ihr ein Stein vom Herzen plumpste. Meine Mutter wollte sofort alles wissen, doch ich vertröstete sie mit dem Hinweis, dass ich in einer Stunde zu Hause wäre und dann alles genau erzählen würde.
Dann ging ich noch, mit dem Einverständnis des Arztes, zu Baldur ins Zimmer. Er lag dort friedlich und schlief. Man hatte ihm ein leichtes Schlafmittel verabreicht, damit er in Ruhe seine Unterkühlung auskurieren konnte.
Leise setzte ich mich an sein Bett, strich ihm sanft durch seine blonden Locken und glaubte, ein kurzes Lächeln in seinem Gesicht zu sehen. Dann küsste ich ihn auf die Stirn und flüsterte, dass ich ihn morgen früh wieder besuchen komme, und verließ das Krankenhaus.
Zu Hause angekommen nahmen wir uns erst mal alle in den Arm. Es dauerte eine Weile, bis wir alle ein wenig wieder heruntergekommen waren. Die Frauen machten die inzwischen kalten Speisen wieder warm, denn keiner hatte so recht Lust aufs Essen gehabt, während niemand wusste, was mit Baldur los war.
Ich erzählte dann beim Festmahl alles, abgesehen vom Telefongespräch mit Christoph. Alle hörten mir gespannt zu und wollten dann am nächsten Tag ins Krankenhaus zu Baldur.
„Nein, meine Lieben, Baldur braucht erst mal Ruhe. Ich werde ihn alleine besuchen und nach ihm schauen.“
Einwände der Großeltern und Maries ließ ich nicht gelten. Er brauchte jetzt Ruhe, um auch selbst mit seiner Situation umgehen zu können. Wir saßen noch lange an diesem 24.12. zusammen und erzählten uns Geschichten von früher, als noch alles ‚Heile Welt‘ war.
Trotz des Schmerzes an mancher Stelle tat es gut, auch mal wieder ein wenig zu lachen.
*-*-*
Am folgenden Tag machte ich mich früh auf den Weg ins Krankenhaus. Wie sollte ich meinem Sohn gegenüber treten? Sollte ich ihn direkt auf die Geschehnisse von gestern ansprechen?
Sollte er von sich aus anfangen zu reden? Fragen über Fragen, aber meist kommt es ohnehin anders als man denkt. Ich betrat das Krankenhaus und ging auf direktem Wege auf die Station. Dort meldete ich mich im Schwesternzimmer, um meinen Besuch anzukündigen.
„Guten Morgen Herr Müller, Sie können direkt zu ihrem Sohn aufs Zimmer. Er hatte eine ruhige Nacht. Unser Pflegeschüler Fokke ist gerade bei ihm.“
„Fokke? Ist das ein Nickname für Volker, oder so?“
„Nein, der heißt wirklich so, mit Doppel k. Darauf legt Fokke großen Wert“, lächelte mich die Schwester an.
„Oh, gut zu wissen. Danke“, lächelte ich zurück und machte mich auf den Weg zu Baldurs Zimmer.
Ich klopfte an und wartete auf ein Rufen. Obwohl ich keinen Laut vernahm, öffnete ich langsam die Tür. Ich sah Baldur lächelnd in seinem Bett liegen und sich angeregt mit diesem Fokke unterhalten.
Ich hielt inne und beobachtete meinen Sohn. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich nicht glauben, dass es den gestrigen Tag gegeben hätte. Die beiden schienen sich bestens zu verstehen.
Sollte Baldur tatsächlich…? Ich räusperte mich, als ich die Tür weiter öffnete.
„Oh Papa…“, kam es ein wenig gequält von Baldur.
„Hallo mein Sohn, schön, dass es Dir schon wieder besser geht. Und Du musst Fokke mit Doppel k sein.“
„Äh, ja ….. der bin ich.“ stotterte der sichtlich überraschte Pflegeschüler.
„Ich .. ich lass Sie dann mal alleine. Bis später, Baldur.“
Ich konnte mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Baldur saß mit rotem Kopf vor mir in seinem Bett und knetete nervös die Bettdecke. Ich nahm ihn zur Begrüßung erst einmal in den Arm.
„Ich soll Dir von allen ganz liebe Grüße ausrichten. Eigentlich wollten sie alle mitkommen, aber Du sollst dich erst mal richtig ausruhen. Kannst Du Dich denn an gestern erinnern?“
„Nicht wirklich, ich weiß nur noch, dass im Zimmer saß und die Stimmen von Oma und Opa hörte, mir war aber nicht nach Konversation, also setzte ich mir den Kopfhörer auf und hörte ein wenig die Beatsteaks. Als ich dann das schöne Essen roch, musste ich einfach raus. Ohne Mama war das einfach nicht mehr dasselbe. So bin ich dann planlos durch die Straßen gelaufen und mit einem Mal stand ich vor ihrem Grab.“
Baldur fing an zu weinen. Ich setzte mich zu ihm aufs Bett und nahm ihn in den Arm. Er krallte sich nahezu an mir fest, so dass es schon ein wenig weh tat. Ihn nur über den Rücken streichelnd saßen wir eine lange Zeit nur da, bis er sich wieder beruhigt hatte.
Als wir uns dann lösten, gab ich ihm ein Taschentuch. Nach dem Baldur sich ausgiebig geschnäuzt hatte, fing er an zu erzählen.
„Fokke meint, ich solle Dir die ganze Geschichte erzählen, damit Du vielleicht verstehst, was los ist. So vor drei Jahren habe ich bemerkt, dass ich Jungs irgendwie interessanter fand als die Mädchen.
Es war zwar komisch, aber ich machte mir nichts daraus. Ich dachte, das läge daran, dass ich im Schulsport und im Verein immer nur mit Jungs geduscht hatte und daher noch nie ein nacktes Mädchen gesehen hatte.
Ich meine so in Echt. Erinnerst du dich an Sören in unserem Sommerurlaub an der Nordsee? Er war der erste Junge, den ich geküsst hatte. Ich glaube, ich hatte mich in ihn verliebt, aber er erzählte mir, dass er in Kopenhagen einen Freund hätte.
Trotzdem war ich ein wenig traurig, als er dann wieder abreiste. Und dann, beim letzten Training vor dem Pokalspiel war ich aufgeregt, da mich unser Trainer für die Startelf nominiert hatte.
Ich weiß nicht wieso, aber ich schaute beim Duschen mal wieder zu lange hin, und bemerkte nicht …. wie, na ja … wie ich einen Steifen bekam. Hans bemerkte das und fing gleich, an sich lustig zu machen, und nannte mich Schwuchtel…“
Baldur fing wieder an zu weinen. Ich nahm ich wieder in den Arm und er erzählte dann weiter.
„… und dann schubste er mich auch noch und drohte mir Schläge an. Einige Jungs machten auch noch mit. Die anderen drehten sich um oder taten so, als sein nichts. Da bekam ich Panik und bin aus der Dusche gerannt, habe mich schnell abgetrocknet und angezogen. Ich wollte so schnell als möglich dort weg.“
„Warum hast Du mir denn nichts von Deinen Gefühlen erzählt? Das hättest Du doch nicht alleine mit Dir ausmachen müssen.“
„Ich wollte Euch das damals sagen, aber dann kam die Krankheit von Mama und ich wollte Euch nicht mit meinen Problemen belasten.“
Jetzt war es an mir, mit den Tränen zu kämpfen. Es tat mir weh, dass er aus Rücksicht auf seine kranke Mutter seine Gefühle so lange für sich behielt und mit niemandem darüber sprach. Sofort nahm ich ihn wieder in den Arm.
„Egal, wen du liebst oder wer dich liebt. Solange Du damit glücklich bist, bin ich es auch. Und Deine Mutter wäre stolz auf dich. Quatsch, sie IST stolz auf Dich, so wie Du bist, sonst hätte sie mich gestern nicht zum Friedhof geführt … ich will gar nicht daran denken, was dann passiert wäre.“
„Du meinst, Mama hat Dir ein Zeichen gegeben, um mir das Leben zu retten?“
„Ja, mein Sohn, davon bin ich fest überzeugt.“
Es war mittlerweile Mittag geworden, auf jeden Fall stand plötzlich wieder Fokke leicht verlegen mit einem Tablett in der Tür.
„Hallo Baldur, hier kommt dein ‚Essen auf Füßen‘. Leider fehlen mir zum ‚Essen auf Rädern‘ die Inliner. Die sind hier auf der Station verboten. Wünsche dir einen guten Appetit. Es ist heute ein richtiges Festessen mit Schokopudding zum Nachtisch.“
Ich bemerkte sofort, wie Baldur diesen Fokke genau musterte und ihn schüchtern anlächelte, während dieser dabei vorsichtig das Tablett auf den dafür vorgesehenen Tisch abstellte.
„Lass es dir gut schmecken und wenn du noch einen Schokopudding möchtest, lass es mich wissen.“
Wenn ich es nicht besser wüsste, glaubte ich ein funkeln in den Augen beider Jungs bemerkt zu haben. Bahnte sich da was zwischen den beiden an? Als Baldur mit dem Mittagessen beschäftigt war, verabschiedete ich mich mit dem Hinweis, am Nachmittag noch mal vorbeizuschauen.
Zuhause wurde ich von Marie und den Großeltern sehnsüchtig erwartet. Als ich die fünf an der Tür stehen sah, konnte ich mein ernstes Pokerface nicht mehr aufrechthalten und musste einfach drauf los lachen.
In diesem Moment fiel eine große Anspannung von mir ab. Jetzt wurde erst einmal gegessen und dabei musste ich ausführlich über Baldurs Zustand berichten. Ich ließ auch dieses Mal einige Details außen vor.
Baldur sollte selbst entscheiden, wem und vor allem ob er jemandem von seinem ‚Coming out‘ berichten wollte. Dass er es sowieso irgendwann der restlichen Familie erzählen wird, war mir völlig klar.
Marie war völlig aus dem Häuschen vor Freude und wollte am Nachmittag ihren Bruder unbedingt besuchen. Sie ließ meine Einwände, dass er noch Ruhe bräuchte, dieses Mal nicht gelten.
Wieder im Krankenhaus gingen wir beide auf die Station und ich klopfte an. Aber dieses Mal öffnete ich die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten. Fokke saß mit dem Rücken zu uns auf Baldurs Bett und unterhielt sich angeregt mit ihm.
Ich bemerkte, wie ihre Hände ohne Unterlass miteinander spielten. Als ich mich räusperte, rutschte Fokke vor Schreck vom Bett und knallte unsanft auf den Boden. Baldur, der mich jetzt ebenfalls bemerkt hatte, blickte zwischen mir und dem am Boden liegenden Pflegeschüler hin und her.
Dann bekam er so einen Lachflash, dass ich schon Angst um seine Gesundheit bekam. Langsam kam jetzt Fokke hinter dem Bett wieder zum Vorschein. Er machte ein so blödes Gesicht dabei, dass Baldur jetzt auch noch die Tränen kam und sich den Bauch halten musste.
Dann fingen wir – angesteckt von dem quiekenden Gelächter meines Sohnes – ebenfalls an zu lachen. Es war schön, meinen Sohn wieder so lachen zu sehen. Lange hatte es gedauert, aber jetzt glaubte ich den Bann gebrochen zu wissen – Dank Fokke.
Und so wurde es noch ein sehr schöner Nachmittag bei Baldur. Fokke meinte nur, er müsste sich in Zukunft wohl Schutzkleidung und einen Helm zulegen, um sich nicht ernsthaft zu verletzen, wenn er Baldur mal wieder zum Lachen bringen wollte.
Auch Marie verstand sich prächtig mit Fokke. Auf ihre Nachfrage, woher sein Name komme, meinte er nur, dass seine Großeltern aus Ostfriesland stammten, der Name aus dieser Region komme und er wirklich Fokke hieße.
Er erzählte dann, dass er so eben seinen Hauptschulabschluss geschafft hatte und dass er viel lieber arbeitete, als weiter zur Schule zu gehen. Es machte ihm großen Spaß, anderen Menschen zu helfen.
Bei dieser Aussage blickte er intensiv zu Baldur, der nur verschämt rot werdend auf seine Bettdecke schaute. Als wir uns später verabschiedeten, ging ich noch kurz ins Schwesternzimmer, um mich zu erkundigen, wann Baldur denn entlassen werden konnte.
Dabei bekam ich mit, das Fokke seinen morgigen freien Tag mit seiner Kollegin getauscht hatte, was mir deutlich zu verstehen gab, dass sich da was anbandelte. Mir war der Fokke mit den zwei k’s schon sehr ans Herz gewachsen.
Auf dem Heimweg fragte mich Marie, ob mir an Baldurs Verhalten etwas aufgefallen sei. Ich tat ein wenig ahnungslos, als Marie mit – ein wenig um den heißen Brei herum redend – gestand, dass sie glaubte, ihr Bruder sei schwul.
„Würdest du es schlimm finden, wenn er es wäre?“
„Ich finde Fokke Klasse, und wenn er nicht der Freund von Baldur wird, kralle ich ihn mir. Aber ich denke, dass ich bei dem keine Chance habe. Ich freue mich für meinen Bruder. Endlich lacht er mal wieder, so wie früher.“
„Ja, die beiden würden wirklich gut zusammenpassen. Und vorhin am Schwesternzimmer, habe ich mitbekommen, dass Fokke extra seinen Dienst getauscht hat, damit er morgen wieder bei Baldur sein kann“, fügte ich Maries Aussage noch hinzu.
Wir lachten beide und freuten uns für Baldur. Am Abend klickte ich mich, bei einem Glas Wein, ein wenig durchs Internet und kam durch Zufall auf eine Seite Namens ‚Nickstories‘. Die dort veröffentlichten Geschichten waren mehrheitlich von Jungs geschrieben und handelten meistens vom ‚Coming out‘ und der ersten Liebe.
Ich las mehrere von denen in dieser Nacht, und so langsam begriff ich, was Baldur in der letzten Zeit hatte durchmachen müssen. Alle Geschichten waren sehr schön geschrieben und hatten nach meinem Gefühl viel Biographisches.
Was durchlebt wohl ein junger Mensch, wenn er bemerkt, dass er anders tickt als seine Altersgenossen? Sie haben niemanden, und nur sehr langsam begreifen sie ihre Entwicklung. Wenn sie dann ein starkes Selbstbewusstsein haben, vertrauen sie sich einer Person an, von der sie glauben, dass die sie versteht.
Wenn dann aber, wie bei Baldur, die heile Welt wie durch den Tod der Mutter, plötzlich aus den Fugen gerät, wem vertrauen sie sich dann an? Hätte ich, als sein Vater, es bemerken müssen?
Kann ein Vater das überhaupt bemerken? Man sagt ja, dass die Mutter immer einen besseren Draht zu ihren Kindern hat. Wie schlimm muss es sein, wenn diese dann nicht mehr da ist. Ich machte in dieser Nacht kein Auge zu und wäre am liebsten zu Baldur ins Krankenhaus gefahren, hätte ihn einfach in den Arm genommen und nie mehr losgelassen.
Marie nahm die Situation recht locker auf und freute sich für ihren Bruder. Das nahm mir eine große Last. Ich muss sagen, dass ich mächtig stolz auf meine Tochter war. Sie hatte viel von Susanne, und genau das tröstete mich immer wieder, wenn ich mal durchhing.
Dieses Lachen war mir, als Susanne noch lebte, nicht so richtig aufgefallen. Ich bemerkte es schon, aber wie es das ihrer Mutter glich, nahm ich erst viel später wahr.
*-*-*
Am nächsten Tag machte ich mich wieder auf den Weg ins Krankenhaus. Dort unterhielt ich mich mit dem behandelnden Arzt, als Fokke des Weges kam.
„Sag mal, Fokke, hast du nicht heute frei?“ entgegnete ihm der Arzt.
„Äh, ja, aber ich habe mit Gabriele getauscht. Sie hat über die Feiertage überraschend Besuch bekommen “ antwortete Fokke, mich dabei mit einem rot werdenden Gesicht anschauend.
Ich hatte Schwierigkeiten, nicht loszulachen. Ich wusste ja, dass es vermutlich nur wegen Baldur war. Später sprach ich ihn unter vier Augen darauf an.
„Fokke, kann es sein, dass du dem Arzt nicht die ganze Wahrheit gesagt hast? Gabriele hat doch nicht wirklich überraschend Besuch bekommen, oder?“
„Äh, na ja, …. ok, ich will Sie nicht auch noch anlügen. Ich musste Gabriele bitten, mit mir zu tauschen. Ich wollte ….. na ja, wie soll ich das sagen, …..“
„Es ist wegen Baldur, nicht wahr?“
Fokke wurde rot und sichtlich nervös. Ich legte ihn meine Hand beruhigend auf seine Schulter. Als er sich dann beruhigte, flüsterte er kaum hörbar:
„Ja, das stimmt, es ist wegen Baldur. Ich habe mich verliebt, und ich glaube er fühlt genauso. Ich … ich habe Angst, dass wenn ich nach meinem freien Tag wieder komme, er schon entlassen ist, bevor ich ihn gefragt habe. Morgen wollte ich ihm meine Liebe gestehen.“
Er schaute mich jetzt wie ein kleiner Junge an, der eine Dummheit gemacht hat und auf seine Bestrafung wartet.
„Fokke, ob Baldur Deine Liebe erwidert, kann ich Dir nicht sagen. Aber wenn er ‚Ja‘ sagt, solltest Du wissen, dass Du jederzeit bei uns willkommen bist. Der Arzt sagte mir, dass mein Sohn am 28. entlassen wird, Du hättest also ruhig frei nehmen können“, zwinkerte ich ihm lächelnd zu.
„Danke, Herr Müller. Wissen Sie, meine Eltern haben große Probleme mit meinem Schwul sein. Deswegen lebe ich auch in einer WG. Ich finde es toll, dass Sie da wesentlich toleranter sind. Baldur ist zu Recht sehr stolz auf sie.“
Das tat gut zu hören, dass mein Sohn große Stücke auf seinen ‚Alten‘ hielt. Am nächsten Tag gingen wir alle ins Krankenhaus zu Baldur. Seine Großeltern ließen es sich nicht nehmen, ihm ebenfalls ihre Aufwartung zu machen.
Meine Mutter hat deswegen extra seinen Lieblingskuchen gebacken: Altdeutscher Apfelkuchen. Baldur war begeistert, als wir alle in seinem Zimmer auftauchten. Nach anfänglichem Smalltalk ergriff Baldur recht nervös das Wort.
Er blickt zu mir, und ich gab ihm mit einem leichten Nicken zu verstehen, dass ich wusste, was jetzt kommen würde.
„In der letzten Zeit ging es mir nicht so gut. Es lag sicherlich in erster Linie an Mamas Tod…“
Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter, um ihm damit ein wenig Sicherheit zu vermitteln.
„… aber es gibt da noch eine Sache, die mich schon lange beschäftigt und die mich anfänglich sehr verwirrt hat. Ich weiß nicht, wie Ihr dazu steht, aber ich bin mir jetzt sicher. Ich … ich bin schwul.“
Schweigen im Walde. Alle blickten Baldur an, als hätte er in einer ihnen fremden Sprache gesprochen.
„Na, und? Das kommt in den besten Familien vor. Hape Kerkeling ist auch schwul, und den finde ich toll.“
„Und der Bürgermeister von Berlin ist es auch. Arm und sexy. Also Berlin, nicht der Bürgermeister. Und sexy bist du auch mein Lieber. Gibt es denn schon jemanden, der dir den Kopf verdreht hat?“
Omas Sprüche lockerten definitiv die Stimmung und die anfängliche Unsicherheit war im Nu verflogen. Es wurde viel gelacht.
Marie meinte nur ganz trocken: „Ich find’s geil, einen schwulen Bruder zu haben.“
Mitten in den Konversationen öffnete sich die Tür und ein erstaunter Fokke lugte in den Raum. Er wollte sich gerade wieder verziehen, als ich ihn erblickte und ihm zu winkte.
„Fokke!“
Baldur hatte ihn jetzt auch freudig erblickt.
„Darf ich euch Fokke vorstellen. Er lernt hier Krankenpfleger und hat sich auch um mich gekümmert.“
Fokke war es sichtlich unangenehm, dass sich plötzlich so viele Augen neugierig auf ihn richteten und er ungewollt im Mittelpunkt stand.
„Moin.“
Das war auch schon alles, was er verlegen heraus brachte. Mir wurde er von Mal zu Mal sympathischer. Ich hoffte ja, dass aus den beiden ein Paar werden würde. Mein Sohn hätte einen so lieben Menschen wirklich verdient.
Nach der langen Zeit der Trauer hatte er endlich mal wieder ein wenig Glück verdient.
„Ähm, Fokke ist mein Freund.“ sprach Baldur erfreut, strahlte ihn an, griff nach seiner Hand, um ihn mit einem Ruck an sich zu ziehen und ihm ein Kuss auf die Wange schmatzte.
Ja, schmatzte, denn jeder im Raum sollte es nicht nur sehen, sondern auch hören. Spontan brandete Jubel auf, und Fokke wurde sofort von seinen Schwiegergroßeltern in Beschlag genommen und mit Fragen gelöchert.
Natürlich musste er auch vom Apfelkuchen meiner Mutter probieren, und zwar nicht nur ein Stück. Nach einiger Zeit verabschiedeten wir uns wieder, auch unter dem Vorwand, dass Baldur ja morgen endlich entlassen werden würde.
Auch Fokke wurde, sehr zu seiner Überraschung, mit einer freundlichen Umarmung seiner neuen Schwiegergroßmütter verabschiedet. Ich verabschiedete mich von meinem Sohn mit den Worten, dass ich sehr stolz auf ihn sei und er einen sehr guten Geschmack hätte, genau wie seine Mutter.
Wir nahmen uns noch mal in den Arm. Fokke und Baldur sollten jetzt noch ein wenig Zeit für sich haben. Auch bemerkte ich, dass Fokke wohl so große Familienaufläufe nicht gewohnt war.
*-*-*
Am nächsten späten Vormittag fuhr ich alleine in die Klinik, um Baldur endlich nach Hause zu holen. Zuerst sprach ich noch mit dem Arzt, der schon die Entlassungspapiere unterschrieben hatte.
Er sagte mir, dass mit Baldur alles in Ordnung ist und dass er sich noch ein wenig schonen und nicht zu heftig Silvester feiern sollte. Vorsichtig betrat ich Baldurs Zimmer. Er saß dort mit dem Rücken zu mir und mit seiner gepackten Reisetasche neben sich auf seinem Bett, und schaute gedankenverloren aus dem Fenster.
In dem Moment drehte er sich um und sein Lächeln ließ ein wenig nach.
„Ach, Du bist’s. Hallo Papa.“
„Moin, mein Großer. Ja, wen hattest du denn erwartet?“
„Ach, ich dachte, dass Fokke sich verabschieden kommt.“
„Hat er nicht heute frei?“
„Ja, schon.“
„Komm, lass uns gehen, Oma hat das Mittagessen bald fertig. Und du weißt, dass sie Unpünktlichkeit hasst.“
Baldur atmete einmal tief durch, erhob sich vom Bett und nahm seine Reisetasche. Auf der Rückfahrt sprach er kein Wort und schaute nur aus dem Fenster. Ich konzentrierte mich auf den Verkehr und überließ ihn seinen Gedanken.
Zuhause parkte ich den Wagen vor der Haustür und wir stiegen aus. Baldur nahm seine Tasche und ging vor, als sich die Haustür öffnete und ein schwarzer Wuschelkopf herausschaute.
„Ja, wer kommt denn da?“
Die Stimme sprach in einem Ton, wie man eigentlich nur mit einem Hund sprechen würde, (der gerade einen Haufen gemacht hatte). Baldur blickte in dem Moment hoch, erblickte Fokke, ließ seine Tasche fallen und rannte auf ihn zu, um direkt in seine Arme zu fallen.
„Fokke, hier bist Du. Ich dachte, Du würdest mich im Krankenhaus verabschieden. Ich habe Dich so vermisst.“
„Hey, mein Süßer, ich mag keine Verabschiedungen, daher bin ich lieber hierhergekommen, um Dich zu begrüßen. Außerdem haben mich zwei sehr nette Damen zum Essen eingeladen, und da konnte ich schlecht nein sagen.“
Nach dem Essen wollte Baldur Fokke sein Zimmer zeigen. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Es sah so niedlich aus, als die beiden rot wurden, weil sie sich ertappt fühlten, da wohl alle am Tisch das Gleiche dachten.
„Ihr spinnt ja.“ sagte Baldur nur grinsend, packte Fokkes Hand und zog ihn hinter sich her.
Ich glaubte, von Fokke noch zu hören, wie er meinte I’ll do my very best‘. Der hat bestimmt zu viel ‚Dinner for one‘ geguckt.
Nach einiger Zeit war von oben laute Musik zu hören. Als alter Scorpions Fan erkannte das Lied sofort. Ich hatte es oft mit Susanne gehört und wir tanzten dann dazu.
You give me your smile
A piece of your heart
You give me the feel I’ve been looking for
You give me your soul
Your innocent love
You are the one I’ve been waiting for
I’ve been waiting for
We’re lost in a kiss
A moment in time
Forever young
Just forever, just forever in love
When you came into my life
It took my breath away
Cause your love has found it’s way
Into my heart.
The Scorpions
Music/Lyric: Rudolf Schenker, James F. Sundah, Titiek Puspa, Klaus Meine
© BMG Rights Management GmbH (Germany)
Ich war wieder glücklich, wusste ich doch, dass es Baldur endlich wieder gut ging. Tief in meinem Herzen wusste ich, dass auch Susanne jetzt lächelnd auf uns herabsah. So hatte ein trauriges Jahr für uns doch noch ein schönes Ende gefunden.
Christoph hatte sich bei Baldur gemeldet, für sein Verhalten in der Umkleide entschuldigt und sich für Baldur gefreut, dass er mit Fokke glücklich war. Nur konnte er ihn nicht dazu überreden, wieder Fußball zu spielen.
Damit hatte Baldur endgültig abgeschlossen. Auch hatte ich für Anfang Februar einen Termin bei einem Therapeuten für Marie, Baldur und mich gemacht. Ich denke, dass ein Gespräch, bei dem jeder über seine Trauer sprechen kann und den anderen damit besser versteht, warum man gerade mal traurig ist, sicher hilfreich ist. Ich glaube, ich werde Marie, Baldur und Fokke nachher mal fragen, ob wir nicht alle zusammen mit einer Party ins neue Jahr starten wollen. Ist doch eine gute Idee, oder?
*-* Ende *-*

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