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Information Und der Himmel kann warten
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:35 PM - No Replies

Der Tag war wie immer, heiß und keine Wolke weit und breit. Ich saß an meinem Lieblingsplatz und der lag wie nicht anders zu erwarten, an so einem Tag, am See. Der See lag etwas außerhalb unseres Ortes. Der Vorteil, es verirrten sich nicht oft Leute hierher.
Mein Lieblingsplatz war etwas versteckt und im Sommer fast kreisförmig umwachsen von Schilf. In der Mitte stand eine große Weide die durch ihre herunterhängenden Zweige für Schatten sorgte.
Seit geraumer Zeit schon schaute ich auf den Brief in meinen Händen, diesen hatte mein bester Freund mir geschrieben. Immer wieder las ich die Zeilen und verstand immer weniger, was er mir mitteilen wollte. Nico, das war der Name meines besten Freundes, kannte ich von der ersten Klasse an.
Er hat dunkelbraune Haare und ebenso dunkelbraune Augen. Wir saßen seit der ersten Klasse nebeneinander und das mittlerweile elf Jahre lang. Ich selber heiße Friedrich werde aber Fred gerufen, habe fast weiße Haare und wasserblaue Augen.
Nico und ich hatten diesen Ort, wo ich jetzt saß, irgendwann durch Zufall gefunden und seitdem, fuhren wir mit unseren Rädern immer hierher, um unsere Ruhe zu haben und um zu reden. Wir waren beide mittlerweile siebzehn Jahre alt und nun war alles anders.
Nico war seit vier Monaten verschwunden und das einzige was ich in den Händen hielt war dieser Brief. Dieser Brief der mir immer noch Rätsel aufgab und der mich ängstlich machte. Ängstlich ist nicht der richtige Ausdruck.
Angst, das war es. Ich hatte Angst um meinen besten Freund. Der Brief lag genau vor vier Monaten in unserem Briefkasten zu Hause und war offensichtlich von Nico selbst hineingeworfen worden. Jedenfalls klebte keine Briefmarke auf dem Brief und da die Post keine Briefe ohne Briefmarke beförderte, war es nur möglich dass Nico selbst diesen in den Briefkasten geworfen hatte.
Ich sah wieder auf die Zeilen und begann nochmals zu lesen.
Hi Freddie,

es fällt mir schwer Dir dies zu schreiben, aber wenn Du diese Zeilen liest werde ich schon weit weg sein. Warum wirst Du Dich fragen und ich kann Dir nur eines schreiben, dass ich unsere Freundschaft und vor allen Dingen Dich vermissen werde. Sogar sehr, aber es ist etwas passiert, was ich nicht wollte. Ich habe mich verliebt und diese Liebe kann und wird mein Leben zerstören und unsere Freundschaft. Daher habe ich mich entschlossen, dem allen ein Ende zu setzen. Bitte suche nicht nach mir.

Nico

Ich verstand es nicht. Was war so schlimm daran, das er sich verliebt hatte. Einige Jungs aus unserer Klasse hatten ja auch Freundinnen und das war doch ganz normal. Ich selber hatte noch keine Freundin bis jetzt.
Ich hatte einmal eine Freundin, da war ich fünfzehn. Das ganze hielt eine Woche, dann machte ich dem ein Ende. Nico hatte sich in dieser Zeit vollkommen zurückgezogen. Warum, das hatte ich ihn dann gefragt. Aber nie eine Antwort von ihm darauf erhalten.
Es wurde langsam dunkel und das hieß auch für mich, mich auf dem Heimweg zu begeben. Ich stand auf und ging zu meinem Fahrrad das einige Schritte entfernt im Gras lag. Ich griff nach dem Lenker und zog das Fahrrad hoch.
Danach schwang ich mich auf das Fahrrad und fuhr den Trampelpfad entlang. Es wurde langsam dunkel, als ich endlich an der Strasse ankam, die zu unserem Ort führte. Langsam fuhr ich die Strasse entlang. Plötzlich wie in Zeitlupe flog etwas vom Himmel auf die Wiese neben dem Straßenrand, jedenfalls sah es so aus.
Ich bremste abrupt das Fahrrad und sah zu der Stelle, wo dieses etwas gelandet sein musste. Und tatsächlich da lag etwas auf der Wiese, durch die anbrechende Nacht, konnte ich es nicht genau erkennen.
Also legte ich mein Fahrrad am Straßenrand ab und trat vorsichtig ein paar Schritte näher, auf das etwas zu. Was ich sah konnte ich nicht fassen. Da lag, wenn ich es richtig erkannte, ein Junge und dieser bewegte sich nicht.
Also lief ich die paar Schritte weiter, auf ihn zu. Nachdem ich bei ihm war, musste ich erst einmal recht stark schlucken. Der Junge war vollkommen nackt und er sah so was von megasüß aus.
Megasüß, was waren denn das für komische Gedanken. Verwirrt über meine eigenen Gefühle bückte ich mich zu dem Jungen und streckte meine Hand aus. In dem Augenblick wo ich ihn berühren wollte, schlug der Junge die Augen auf und strahlte mich an.
„He bin ich auf der Erde oder in der Hölle gelandet?“
„Wie was???“
Ich musste wohl ein total blödes Gesicht gezogen haben, denn der Junge fing an zu lachen. Verwirrt sah ich auf den nackten, lachenden Jungen und wusste nicht was ich sagen oder tun sollte.
Der Junge beruhigte sich schnell wieder und stand langsam auf.
„Sag mal hast Du eventuell etwas zum anziehen für mich?“
„Ich … Ich..“ stotterte ich.
„Ach lass mal, ich ziehe mir Deine Badehose an und das Badehandtuch kann ich mir ja über die Schultern werfen. Das müsste gehen bis wir bei Dir sind.“
Der Junge stapfte auf mein Fahrrad zu und nahm den Rucksack der auf dem Gepäckträger befestigt war, auf. Kurz darauf hatte er meine Badehose an und wickelte sich dann das Badehandtuch um seinen Oberkörper.
„So das müsste so bis zu Dir reichen. Wenn wir bei Dir sind, kann ich mir ja ein paar Sachen von Dir ausleihen.“
Was war hier bloß los? Ich stand da wie ein Trottel und brachte keinen anständigen Satz heraus. Da stand ein Junge, der wie es aussah vom Himmel gefallen war und meine Badehose trug.
„Jetzt komm schon, mir wird langsam kalt.“
Der Junge sah mich lächelnd an und hob mein Fahrrad hoch. Wie aus einer Trance gerissen, ging ich zu ihm und wir liefen beide die Straße weiter. Als ob der Junge wusste wo ich wohne steuerte er direkt mein Elternhaus an.
Kurz darauf standen wir vor dem Haus und wie selbstverständlich stellte der Junge das Rad, an seinen Platz, ab.
„Ähh ist mir jetzt was entgangen??“ fragte ich.
Gleichzeitig dachte ich nur, was für eine blöde Frage.
„So lass uns rein gehen. Deine Eltern sind noch nicht da. Ich brauch jetzt erst mal was zum anziehen und Hunger habe ich auch.“
Der Junge ging auf die Haustür zu und öffnete diese. Oh shit, hatte ich vergessen die Tür abzuschließen. Als ob der Junge meine Gedanken lesen konnte antwortete er über die Schulter: „Nein, du hattest sie abgeschlossen und nun komm.“
Kurz darauf standen wir in meinem Zimmer und der Junge war gerade damit beschäftigt sich aus meinem Kleiderhaufen im Schrank etwas Passendes auszusuchen.
„So das wärs. Wie sehe ich aus?“
Ich blickte zu ihm und mir schoss durch den Kopf `Er sieht wie ein Engel aus`.
„Jep das bin ich und mein Name heißt Raphael wie der Erzengel. Bin aber nicht das Original. Dann würde ich jetzt wohl in der Hölle sitzen.“
Die vielen Fragezeichen in meinem Gehirn waren dann wohl zu viel für mich, denn es wurde schwarz vor meinen Augen.
§
Irgendetwas wischte mit etwas nassem durch mein Gesicht. Ich schlug die Augen auf und sah in das Gesicht von wem? Ich glaube er sagte, sein Name sei Raphael.
„Korrekt, mein Name ist Raphael. Nun komm schon hoch, denn wir haben nicht viel Zeit!“
„Wieso haben wir nicht viel Zeit?“
Dabei setzte ich mich auf und sah Raphael verdattert an.
„Mein Gott Freddie ich bin hier um mit Dir jemanden zu finden den du seit vier Monaten vermisst und zum anderen er dich auch. Aber wir haben nicht viel Zeit, daher pack ein paar Sachen ein und nimm Geld mit. Wir müssen los.“
Raphael stand auf und ging zur Zimmertür, dabei drehte er sich kurz um;
„Ich gehe jetzt was futtern. Also pack deine Sachen und komm dann runter.“
Er verschwand dann und ich hörte ihn kurz darauf in der Küche rumtoben. Nach den Geräuschen zu urteilen, konnte ich nur hoffen das dass Geschirr ganz blieb. Ich stand auch langsam auf und fing an, aus meinem Schrank eine Hose, ein Shirt und einen Pullover in den Rucksack zu packen der neben dem Schrank lag.
Nachdem ich noch Unterhose und Socken eingepackt hatte, ging ich zu meinem Schreibtisch und nahm mein Sparschwein zur Hand. Na ja viel war da nicht drin, da ich meine Ersparnisse immer fleißig auf mein Sparbuch einzahlte. Aber zweihundert Euronen sollten schon drin sein, denn die hatte ich von meinen Großeltern zum Zeugnis bekommen.
Mit dem Rucksack und dem Sparschwein bewaffnet machte ich mich auch auf den weg zur Küche, wo es verdächtig ruhig war.
Die Küchentür war nur angelehnt, so dass ich sie nur anzuschubsen brauchte, damit sie aufging. Raphael saß mitten auf dem Küchentisch im Schneidersitz und hatte alles Mögliche an Essbaren um sich verteilt.
Gerade war er dabei die Schlagsahne aus einer Sprühflasche in seinen Mund zu befördern. Ich musste grinsen, als ich ihn da so sah. Raphael sah wie ein kleines Kind aus, das die Welt des Essbaren erlernen und entdecken wollte.
„Man das war lecker..“ und Raphael rülpste lautstark dabei.
Dann nahm er das nächste Gefäß und versuchte dieses zu öffnen.
„Oh Gott, nein, das ist das Futter von Frodo.“
„Wer ist Frodo??“ fragend sah Raphael zu mir.
„Das ist Vaters Boa und du willst nicht wissen was da drinnen ist. Ganz sicher nicht.“
„Ok, OK dann eben nicht aber nachsehen will ich doch.“
Dabei öffnete er das Gefäß, gleich darauf warf er das Gefäß, mit Gebrüll, von sich und die darin befindliche tote Maus segelte mit dem Gefäß durch die Küche.
„Alter Schalter man so was frisst die?“
„Mmhh fressen ist gut, das schlingt die so mal runter in einem Stück.“
„Ok das will ich jetzt nicht wissen sonst klingeln bei mir die Himmelsglocken stundenlang und wir müssen los. Ist höchste Eisenbahn.“
„Ich verstehe nur Bahnhof! Erst erzählst Du mir Du bist ein Engel und heißt Raphael und dann noch was von einem Auftrag. Was zum Teufel ist hier los?“
Wütend schmiss ich das Sparschwein auf den Boden, wo es in tausend Stücke zersprang. Die Geldscheine fielen heraus und ein paar Münzen.
„Nun beruhige Dich mal. Ich erzähl dir alles unterwegs und nun heb das Geld auf, wir müssen los.“
Raphael erhob sich dabei in die Luft und schwebte zu mir. Kurz vor mir setzte er mit seinen Füßen auf dem Boden auf und was tat ich? Meine Unterkiefer klappte nach unten und ich japste nach Luft. Das war eine Fatamorgana. Nein das konnte jetzt nicht sein.
„Doch das kann sein, wenn ich wollte könnte ich noch einige Kunststücke Dir zeigen. Aber dazu haben wir keine Zeit. So nun komm und klapp Deine Unterkiefer wieder nach oben.“
Raphael bückte sich und sammelte das Geld auf, dann nahm er meine Hand und zog mich samt Rucksack aus der Küche heraus.
§
Wie wir zum Bahnhof gekommen sind, konnte ich im Nachhinein nicht beantworten. Jedenfalls standen wir auf dem Bahnsteig und auf der Bahnhofsanzeige stand Berlin dran.
„Wir fahren nach Berlin? Aber das ist ja fast 600 Kilometer entfernt.“
„Ja da müssen wir hin, denn da ist die Person die wir finden müssen.“
Ich sah Raphael an: „Wen müssen wir finden. Ich möchte jetzt auf der Stelle wissen, was los ist und dann noch was. Wenn Du ein Engel bist, wo sind dann deine Flügel?“
„Na die Flügel sieht ein Mensch nicht und wie gesagt es geht darum das wir eine Person schnellstens finden müssen, eh diese einen großen Fehler begeht. Zum anderen habe ich noch einen Auftrag nämlich zwei Menschen klar zu machen das sie sich lieben und mein Obermeister hat dich auserwählt mir dabei zu helfen. Hast Du alles verstanden?“
Ich sah ihn ungläubig an.
„Wen helfen und warum ich?“
„Weil du damit etwas zu tun hast und zum anderen vermisst du ja auch jemanden. Oder warum liest du einen Brief seit vier Monaten jeden Tag, anstatt Nico zu suchen?“
„Aber ich weiß doch gar nicht wohin er ist. Er ist einfach…“
Tränen stiegen mir in die Augen und die Welt um mich herum verschwamm.
„… er ist einfach abgehauen… einfach abgehauen“
Ich spürte wie sich zwei Arme um meinen Oberkörper legten, es tat einfach nur gut.
„Komm der Zug fährt ein und wir werden Nico schon finden.“
Ich nickte und blinzelte durch die Tränen Raphael an.
„Was ist mit meinen Eltern? Die wissen doch gar nichts davon, dass wir nach Berlin fahren.“
„Ist geregelt habe einen kleinen Brief dagelassen der alles erklärt und nun komm.“
Der Zug stand schon und wir stiegen ein. Raphael zog mich durch den Zug, als ob er wüsste wo wir einen freien Platz finden würden. Tatsächlich standen wir dann vor einem Abteil, in dem ein Mädchen saß. Ich schob die Tür zur Seite und trat ein.
„Hi ist hier noch Platz?“
„Klar kommt rein ist eh langweilig.“
Ich setzte mich gegenüber von dem Mädchen hin und Raphael neben sie.
„Ich bin Raphael und das“, dabei zeigte Raphael auf mich, „ist Freddie.“
„Mein Name ist Klara.“
„Ich weiß und Du besuchst deinen Freund in Berlin…“
„Ähmm sorry woher weißt du das?“
Klara sah erstaunt Raphael an.
„Tja der hat manchmal so Visionen…“, dabei grinste ich Klara an.
„Ach ja dann kann er mir auch sagen, warum mein Freund sich über zwei Wochen nicht bei mir gemeldet hat!“
Klara sah Raphael an und der fing an zu grinsen.
„Tja das ist eine gute Frage, aber ich kann dir verraten, dass er nicht fremd geht…“
„Na eine Sorge weniger. Aber jetzt mal echt, hast du geraten oder es wirklich gewusst?“
„Alles wird nicht verraten. Aber jetzt hole ich uns erstmal etwas zum Trinken.“
Raphael stand auf und verlies das Abteil.
„Wo wollt ihr denn hin?“ fragend schaute Klara mich an.
„Tja wenn ich das wüsste. Raphael hat irgendeinen komischen Auftrag und ich bin von ihm erkoren worden, ihm zu helfen.“
„Hört sich ja spannend an, aber du siehst nicht wirklich glücklich aus.“
„Das hat auch mit Raphael zu tun. Vor vier Monaten ist mein bester Freund verschwunden und Raphael meint, dass er in Berlin ist. Nun hoffe ich das wir ihn dort eventuell finden und ich ihn wieder nach Hause bringe.“
„Wau du magst deinen Freund wohl sehr?“
Ich nickte nur, denn bei dem Gedanken, dass ich Nico eventuell in Berlin finden würde, stiegen mir schon wieder die Tränen in die Augen.
„Na komm ich drück dir die Daumen, dass ihr ihn findet.“
Ich sah Klara dankbar an.
„Na und ich hoffe, dass dein Freund eine gute Ausrede hat, das er sich zwei Wochen nicht bei dir gemeldet hat.“
„Er studiert und zurzeit schreiben die einen Haufen Klausuren. Ich denke er steckt total in seinen Büchern fest.“
„Das war’s was ich dir eigentlich sagen wollte.“
Kam es von der Abteiltür, in der Raphael urplötzlich aufgetaucht war.
„Toll das hättest du aber mal früher sagen können! Freddie hat mir erzählt, dass er seinen Freund dort mit dir suchen will.“
Raphael reichte mir eine Büchse Cola, die ich dankbar nahm und öffnete. Auch Klara bekam eine Büchse und nachdem ich getrunken hatte, wurde ich so richtig müde und schlief ein.
§
Ich träumte total wirres Zeug und dabei kam ständig Nico vor. Irgendwann wachte ich auf und hörte Klara: „..und du meinst das die beiden echt zusammen kommen?“
„Ja das ist meine Aufgabe und mein Ziel. Die beiden brauchen einander und manchmal müssen wir da etwas nachhelfen.“
„Ich hoffe, dass du das schaffst. Ups.. Freddie ist ja wach und ausgeschlafen?“
„Nee nur aufgehört…“, brummte ich.
„Na das passt, wir sind gleich am Hauptbahnhof in Berlin“, kam es von Raphael der mich irgendwie komisch ansah.
„Worüber habt ihr denn geredet?“, fragend schaute ich beide an.
„Nichts Aufregendes. Nur über den Auftrag von Raphael. So Leute wir müssen dann wohl“, sagte Klara, die aufstand und versucht ihren Koffer aus dem Gepäckträger zu heben.
„Lass mal, dass mach ich für dich.“
Dabei stand Raphael auf und hob den Koffer runter.
„Danke der Herr und nochmals vielen Dank für alles.“
„Kein Problem und denke dran, ihr werdet beide glücklich werden.“
„Danke dir!“
Dabei gab sie Raphael einen Kuss auf die Wange und der wurde doch tatsächlich rot im Gesicht. Ich grinste und gab Klara die Hand.
„Ich wünsch dir alles Gute und das du Nico findest. Meine Rufnummer hat Raphael, wenn ihr Hilfe braucht. Einfach anrufen, verstanden?“
Ich nickte und Klara gab mir auch einen Kuss auf die Wange. Es war noch dunkel als wir ausstiegen und auf dem Bahnhof war kaum Betrieb. Klara war schon nicht mehr zu sehen und Raphael stapfte dann auch los und ich hinterher.
In der Bahnhofshalle angekommen hielt Raphael an und schaute sich um.
„Ah, da können wir uns stärken“, meinte Raphael und zog mich in Richtung eines Bistros.
Dort suchten wir uns einen freien Tisch.
„Setz dich schon mal. Ich hole uns was zum futtern.“
Kaum ausgesprochen war Raphael Richtung Tresen verschwunden und ich setzte mich an den Tisch. Nachdem ich am Tisch saß, sah ich mich in dem Bistro um. An einem der Tische saßen zwei Jungen, die sichtlich mitgenommen aussahen und sich ein Brötchen teilten.
Der eine von beiden hatte wohl schon länger kein Badezimmer gesehen. Denn seine Haare waren total verfilzt und auch sein Gesicht war schmuddelig. Der andere sah nicht besser aus. Irgendetwas an den beiden brachte mich dazu, an Nico zu denken.
Ob er jetzt auch so runtergekommen aussah oder noch schlimmer. Ich seufzte vernehmlich.
„He wird schon glaub mir und hier dein Frühstück.“
Raphael stellte mir einen Teller mit einem belegten Brötchen hin und eine Tasse Tee. Er selbst hatte sich auch ein Brötchen genommen und dazu wie ich roch einen Kaffee.
Er fing sofort an zu essen und ich schaute auf meinen Brötchen und sah wieder hinüber zu den beiden Jungen. Dann kam mir eine Idee und ich stand auf und nahm meinen Teller und ging auf die Jungen zu. Komischerweise kam von Raphael kein mucks.
Na wundern tat es mich nicht, da ich den Verdacht hegte das Raphael auch meine Gedanken lesen konnte. Komisch war es schon. Bei den zwei Jungen angekommen, schauten diese mich fragend an.
„Wat willst denn?“, kam es von den einen der beiden.
„Sorry aber ich habe gesehen, dass ihr richtigen Kohldampf habt und da dachte ich das ihr das Brötchen noch essen möchtet.“
„Ach ne und dafür willst bestimmt einen von uns beiden vögeln?“
Ich sah den Jungen verständnislos an. Was hatte der gesagt, ging es mir durch den Kopf, ich möchte einen vögeln.
„Ähmm ich wollte nur helfen“, sagte ich kleinlaut und merkte wie mein Gesicht heiß wurde.
„Ach Gott helfen will er und kieck dir mal den sein rotes Gesicht an. Ist der nicht süß?“
„Lass ihn in Ruhe, der gehört nicht zu dem Klientel. Danke Dir.“
Der andere Junge nahm mir den Teller aus der Hand und schob den anderen beiseite. Allen Mut zusammennehmend fragte ich dann den Jungen, der mir den Teller aus der Hand genommen hatte: „Mein Name ist Fred und ich wollte euch fragen ob ihr einen Jungen mit dem Namen Nico kennt?“
„Nee nicht das ick wüsste, aber wenn Du ihn suchst, am Alex da sind die Straßenkids zu finden. Die schlafen da in den Fußgängertunneln und tummeln sich am Tag bei schönem Wetter im Park am Fernsehturm rum. Frag da mal nach.“
„Na dann Danke und noch einen schönen Tag euch.“
„Fick dich selber.“
Kam es von dem anderen Jungen.
„Sag mal wat is denn mit dir los. Lass den doch in Ruhe. Haste nich zu jehört, der sucht enen von uns.“
„Man sorry hast ja Recht. Entschuldige Fred, hatte ne beschissene Nacht und nen beschissenen Freier.“
Verständnislos sah ich ihn an.
„Eh det jibs nich der Junge scheint wirklich noch grün hinter den Ohren zu sein.“
„Freier? Ihr ver…verkauft euch?“
Mir wurde richtig schlecht und Nicos Gesicht erschien mir in Gedanken.
„Na denkste von Luft allene könn wa leben?“
Ich schüttelte den Kopf, das war also das Leben das einen Jugendlichen bevorstand wenn er von zu Hause ausriss, nur weil er mit irgendeiner Sache nicht klar kam. Was für ein Leben. Ich verstand die Welt nicht mehr.
„Das Leben is halt so kleener. Biste och von zu Hause ausjebüxt? Siehst echt süß aus da wären bestimmt een paar Freier scharf auf Dich.“
„Nee bin nicht ausgerissen. Wie gesagt ich suche Nico. Na dann, ich werde mal wieder abziehen.“
„Jo mach`s jut. Man sieht sich.“
Bestimmt nicht, dachte ich und ging zum Tisch, an den Raphael saß, zurück. Raphael schaute mich traurig an. Als ich bei ihm angelangt war setzte ich mich und nahm unbewußt die Tasse Kaffe und trank.
„Iehh ist der bitter und so was trinkst du?“
„Hab so was schon lange nicht mehr getrunken, schmeckt doch super. Ach menno stimmt du trinkst ja nur Tee. Warst wohl in Gedanken?“
Dabei schob Raphael mir die Tasse Tee zu und nahm seine Tasse Kaffee wieder an sich.
„Mhh. Die Jungs da drüben.“
Ich nickte in die Richtung wo die Jungen noch saßen: „Die gehen auf den Strich. Kannste so was Dir vorstellen und wie die sprechen. Der eine meinte ich könnte ja mit machen. Nee danke. Aber Raphael wer gibt denen denn Geld für so ein Scheiß?“
„Der da“, sagte Raphael und schaute auf den Nachbartisch.
Ich sah zu dem Tisch. An diesem saß ein alter Mann etwa um die fünfzig und schaute zu dem Tisch mit den Jungs.
„Pass auf gleich steht er auf und geht zu den beiden und einer geht mit.“
Und tatsächlich der Mann stand auf und schlenderte zum Tisch der Jungs. Der Mann sagte irgendetwas und der eine Junge der mich ziemlich angemacht hatte stand auf und verschwand mit dem Mann.
Mir wurde flau im Magen. War dass das Leben eines Ausreißers?
„Nein nicht immer. Aber den meisten die auf der Strasse leben ergeht es so. Wie sollen sie sonst überleben. Sie nehmen Drogen oder Alkohol um ihr sinnloses Leben zu vergessen und dazu brauchen sie Geld. Es schenkt ihnen keiner, also müssen sie dafür ihren Körper verkaufen.“
Ich schaute Raphael an: „Und Nico sag nicht er hat es schon getan?“
„Nein hat er nicht, aber er ist kurz davor.“
„Oh nein nicht Nico… Bitte Raphael wir müssen ihn schnellstens finden.“
„Was fühlst du eigentlich wenn du an ihn denkst oder seinen Brief liest?“
Raphael sah mir in die Augen und ich versuchte diesem Blick auszuweichen.
„Das er mein Freund ist und das ich sein Lachen vermisse und die Stunden an denen wir gemeinsam am See saßen … an so vieles und schönes… Er fehlt mir einfach“
„Mehr nicht?“
Was wollte Raphael, warum fragte er mich so komisch und warum vermisste ich Nico so unsagbar? Fragen über Fragen, aber ich hatte keine Antwort.
„Die Antworten auf Deine Fragen denke ich, werden beantwortet, wenn wir Nico gefunden haben.“
„Wenn Du meinst.“
Ich schaute wieder zu dem Tisch an dem jetzt nur noch der eine Junge saß und dann dachte ich an Nico und alles ihn mir verkrampfte sich.
„Nein Raphael wir müssen los. Nico darf nichts passieren.“
Ich sprang auf und nahm meinen Rucksack. Raphael stand auch auf und wir gingen zum Ausgang. Der Junge am Tisch sah mich traurig an, als unsere Blicke sich ein letztes mal trafen, bevor ich mit Raphael aus dem Bistro traten.
„Raphael können wir etwas für die beiden Jungen tun?“
„Nein wir können ihnen nicht mehr helfen. Der der noch am Tisch sitzt hat Aids und der andere wird an einer Überdosis sterben.“
„Woher…?“
„Ich weiß es eben. Frag bitte nicht, es ist manchmal nicht einfach ein Engel zu sein. Daher ist die Aufgabe Nico zu finden, noch eine der schöneren. Wenn Du verstehst.“
Ich verstand so langsam, das es wohl nicht gerade der tollste Job war den da Raphael ausübte.
„Wie hältst Du so was aus? Ich meine, zu wissen das die beiden da im Bistro sterben werden.“
„Ich hole sie, wenn es soweit ist ab, um sie in den Himmel zu bringen und das schönste Geschenk ist, wenn Sie wieder lachen, weil sie frei sind von allen Sorgen und vergessen was ihnen angetan wurde. Das ist der schönste Augenblick.“
„Noch was Raphael, vorhin hat der eine Junge gesagt, wenn wir Nico finden wollen sollen wir am Alex anfangen zu suchen.“
„Du meinst den Alexanderplatz. Na dann los, das ist nicht weit mit der S-Bahn.“
Raphael wusste wohl zu welchem Bahnsteig wir mussten, denn zielstrebig lief er durch den Bahnhof. Kurz darauf standen wir am Bahnsteig und die Bahn fuhr ein.
„Wie weit müssen wir denn fahren?“, fragte ich.
„Lass mich mal überlegen, es müssten drei Stationen sein.“
Es war schon interessant durch Berlin zu fahren, ich sah den Reichstag und das Reichstagsviertel. Das letztere war soviel ich wusste mal angelegt worden, um die ganzen Abgeordneten und Angestellten mit Wohnraum zu versorgen.
Nur war das ein voller Reinfall, da die Berliner der Meinung waren, dass die wohl eine Sonderstellung hätten beziehungsweise für etwas Besonderes hielten. Daher sind die wenigsten hier eingezogen.
Ein großer Teil der Leute ist nach Brandenburg gezogen wo viele Reihenhäusersiedlungen gebaut wurden und die anderen zogen lieber in Bezirke wie Prenzlauer Berg, wo es viele Szenekneipen gab.
Tja dann kam der Bahnhof Friedrichstrasse, der ehemalige Grenzübergang, wo eine S-Bahnlinie in den ehemaligen Westen abfuhr. Hier stand auch der sogenannte Tränenpalast. Dann kam der Bahnhof Hackescher Markt, das war ein beliebter Treffpunkt um abends wegzugehen und dann kam auch schon der Alexanderplatz.
Den kannte ich nur von Bildern und die waren schon ziemlich alt. Raphael und ich stiegen aus und liefen die Treppe nach unten.
„Was hatten die Jungs dir noch gesagt?“, fragte Raphael.
„Sie sagten bei schönem Wetter oder so, würde man die im Park antreffen. Ansonsten würden sie in Fußgängertunneln übernachten.“
„Na es ist ja noch früh, also werden wir erst einmal die Nachtquartiere aufsuchen. Vielleicht haben wir Glück.“
So gingen wir aus dem Bahnhof raus und liefen quer über den Alex. Kurz darauf sah ich dann einen Zugang und ich zog Raphael an der Hand dorthin. Die Treppe war dreckig und überall lag Müll.
„Mein Gott machen die hier nicht sauber?“, angewidert lief ich mit Raphael die Treppe runter.
Tatsächlich sahen wir sofort eine ganze Horde von Leuten die dort entweder auf dem Boden saßen oder noch lagen. Wir gingen zu der Gruppe die aus ach oder neuen Leuten bestand.
„Lass mich mit denen reden“, wisperte Raphael mir ins Ohr.
Bei der Gruppe angekommen, sprach Raphael einen der Jungs an die schon wach waren.
„Hi vielleicht könnt ihr uns helfen! Wir suchen einen Jungen, sein Name ist Nico und er ist siebzehn Jahre alt. Kommt nicht aus Berlin und ist seit circa vier Monaten hier. Kennt den jemand?“
Der Junge zuckte mit den Schultern: „ Ick kenn hier mehrere mit den Namen. Wie sieht der denn aus.“
Halt stopp, man ich hab doch ein Foto von ihm, wo wir beide drauf sind. Es war mein Lieblingsbild. Ich zog meine Brieftasche aus dem Rucksack und zog das Bild heraus. Ich sah mir kurz das Bild an, das schon ziemlich abgegriffen war, da ich es die letzten vier Monate immer wieder in der Hand hatte.
Es zeigte Nico und mich in meinem Zimmer und war erst kurz vor seinem verschwinden aufgenommen worden. Meine Mutter hat es heimlich geknipst. Und dann sah ich etwas, was mir noch nie aufgefallen war.
Nico und ich saßen da auf meinem Bett und wir hielten uns die Hände und sahen uns lachend an. Mutter sagte mal zu dem Bild, das wir wohl das schönste Freundespaar sind das sie je gesehen hatte und das sie hoffte, dass Nico zu mir zurückkommt. Langsam begann ich zu begreifen, was Raphael und auch meine Mutter mir damit sagen wollten.
Ich reichte dem Jungen das Bild und betete innerlich, dass er Nico erkannte.
„ Nee kenn ick nich.“
Damit reichte er das Foto an seinen Kumpel der neben ihm saß.
„Halt mal das ist Nico und was wollt ihr von dem?“, kam es von dem anderen Jungen.
Mein Herz machte ein Sprung und ich wäre beinahe Raphael um den Hals gefallen, aber nur fast.
Raphael beantwortete dem Jungen die Frage: „ Also das hier neben mir ist Fred und Nicos bester Freund. Er hat ihm zum Abschied einen kleinen Brief geschrieben und nun suchen wir ihn.“
„Fred ja den Namen hat er erwähnt. Er war bis vor kurzem bei unserer Gruppe, hat sich aber immer wenn es ums trinken oder Drogen ging rausgehalten. Na ja haben wir akzeptiert, dass er damit nichts zu tun haben wollte. Ihm ging es zuletzt nicht so gut, hatte ne Erkältung oder so was. Am besten ihr geht mal da drüben zu der Gruppe. Susanne weiß eventuell wo er sich aufhält. Sie hatte den besten Draht zu ihm und hat ihn oft getröstet.“
Der Junge, ich wusste nicht einmal seinen Namen gab mir das Bild zurück. Einen Augenblick sahen wir uns direkt in die Augen. Die Augen des Jungen strahlten nicht, der Blick war dumpf und resigniert. Hoffnungslosigkeit strahlten sie aus. Selbst das Gesicht des Jungen wirkte älter als er war.
„Komm.“
Raphael zog mich von der Gruppe weg.
„Können wir nicht was tun für die Leute? Manche sind noch jünger als ich und Nico. Verkaufen die auch ihren Körper? Raphael bitte können wir ihnen nicht helfen?“
Raphael blieb stehen und sah mich traurig an.
„Mir sind die Hände gebunden, ich darf das was in der Zukunft geschehen wird nicht ändern.
Aber ich kann dir eins sagen, der Junge wird es schaffen hier heraus zu kommen. So nun komm jetzt, gehen wir zu Susanne.“
Ich lief langsam Raphael nach, der auf die andere Gruppe zusteuerte, die ein paar Meter weiter ihren Schlafplatz aufgestellt hatten. Zwei Mädchen waren schon wach und rauchten eine Zigarette, während sie sich miteinander unterhielten.
„Hallo ihr zwei, wir wollten gerne mit Susanne reden. Könnt ihr uns sagen wer das ist?“
„Ich bin Susanne, was gibt es denn so Wichtiges?“
Das Mädchen das sich als Susanne vorstellte war vielleicht achtzehn Jahre alt und hatte rot gefärbte Haare. Sie sah symphatisch aus und ich hatte sofort Vertrauen zu ihr. Ich reichte ihr das Foto von mir und Nico und Susanne nahm es in die Hände und sah sich dieses an.
„Wir suchen Nico. Weißt du wo wir ihn finden?“
„Wau du bist also Freddie und du suchst ihn wirklich?“
„Ja und Raphael hat mich dazu gebracht hierher zu kommen nach Berlin.“
„Weißt du eigentlich wie viel Glück du hast so einen Menschen wie Nico zum Freund zu haben? Er hat mir so einige Male geholfen wenn ein Freier zu aufdringlich wurde.“
Ich setzte mich neben Susanne und Raphael tat es mir dann gleich.
„Er fehlt mir und dies hier waren seine letzten Lebenszeichen die ich von ihm habe. Ich reichte ihr den Brief von Nico, den ich vorher aus dem Rucksack genommen hatte. Susanne faltete das Blatt auseinander und fing an zu lesen.
Nachdem sie fertig war, faltete sie es und legte es mir auf den Schoß. Es kam mir eine halbe Ewigkeit vor, bevor Susanne anfing zu sprechen.
„Ich weiß als einzigste hier, warum Nico von zu Hause verschwunden ist. Aber ich werde nicht alles preisgeben was er mir erzählt hat. Nur soviel, Nico war verliebt und das seit zwei Jahren, nur getraut hat er sich nicht die Liebe der Person zu gestehen. Er hielt es irgendwann nicht mehr aus und dachte sich es wäre besser wenn er verschwindet. Das hat er dann ja auch. Aber das du ihn suchen wirst hätte er nie vermutet.“
Als ich Susanne zuhörte, wusste ich plötzlich in welche Person er sich verliebt hatte. Alle möglichen Bilder kamen in mir hoch, Nico und ich im Wasser, Nico und ich nebeneinander liegend am Strand und so weiter.
Es gab so vieles an das ich mich plötzlich erinnerte und auch die vielen Berührungen von uns beiden, seien diese beabsichtigt oder nicht beabsichtigt und wie gut sie damals taten. Ich merkte nicht wie ich anfing zu weinen, die Tränen kamen wie von selbst und ich kam mir wie der letzte Blödmann vor.
Nico war verliebt in mich und was war mit mir. Ich hatte diesen Teil ausgeschlossen und warum? Dann fiel es mir ein, vor drei Jahren, es war ein heißer Augusttag. Wir lagen wie immer an unserem Lieblingsplatz.
Nico schlief neben mir und ich las ein Buch. Keine Ahnung was das für ein Buch war. Jedenfalls hatte ich schon seit Wochen ziemliches Bauchkribbeln wenn ich Nico sah und verstand das nicht.
Ich legte das Buch beiseite und sah Nico an und dann seinen nackten Oberkörper. Bei mir regte sich was in den unteren Regionen und ich sah auf meine Badehose wo sich mein steifer Schwanz abzeichnete.
Oh shit ich bin schwul, dachte ich damals in dem Moment. Wenn dass Nico rausbekommt, ist es aus mit unserer Freundschaft. Und dann dachte ich an die Schüler in unserer Schule, die immer Witze über Schwule erzählten.
Nein das wollte ich nicht, ich bin nicht schwul und beschloss das niemals zuzulassen und nicht mehr an diese Gefühle zu denken. Und das tat ich und wie ich jetzt feststellen musste ziemlich gut.
Nein ich wollte nur noch zu Nico und ihm sagen was ich fühlte und das es mir leid tat, dass ich meine Gefühle so versteckt habe, anstatt sie zu zeigen.
Susanne hatte mich an sich gedrückt und ich musste wohl die ganze Zeit vor mich her erzählt haben, denn Susanne flüsterte plötzlich in mein Ohr: „Endlich, das hat sich Nico so gewünscht. Ich weiß auch wo er ist, aber ihm geht es nicht gut. Komm lass uns zu ihm gehen.“
Susanne stand auf und Raphael ebenfalls, dabei zog dieser mich mit hoch und ich folgte den beiden wie automatisch. Was hatte Susanne gesagt, sie weiß wo Nico ist und es ginge ihm nicht gut.
„Susanne was ist mit Nico?“
„Er hat seit Wochen eine starke Erkältung und einen ziemlich bösen Husten dazu. Es geht ihm immer schlechter, daher haben wir ihn in einem der besetzten Häuser untergebracht wo ich ein Mädel kenne. Sie hat mir versprochen sich um Nico zu kümmern. Gestern war ich dort, aber Nico hatte hohes Fieber und bekam nichts von mir mit.“
„Raphael…“, vorwurfsvoll sah ich ihn an, „warum hast Du mir nichts gesagt???“
„Das wusste ich selbst nicht, auch wenn ich sonst vieles weiß. Aber das hat mir mein Chef nicht gesagt.“
„Susanne was heißt das, besetzte Häuser.“
„Na ja hier in Berlin gibt es Häuser die schon sehr lange leer stehen und die Hausbesitzer machen das mit Absicht. Sie versuchen damit die Substanz der Häuser kaputt zu machen, damit die dann abgerissen werden müssen und verkaufen es danach als Baugrundstück. Das gibt so richtig Zaster. Tja und dann gibt es die Gegenseite, das sind meist junge Leute die wie wir vorher auf der Strassen geschlafen haben, oder aber Studenten und andere Gruppierungen und die besetzen dann diese Häuser und gründen eine Art Kommune. Und in solch einer habe ich Nico untergebracht, nachdem das Fieber schlimmer wurde.“
§
Endlich standen wir vor dem Haus und Susanne öffnete die Haustür. Mir raste das Herz als wir in den dunklen Hauseingang traten. Kaum waren wir eingetreten, schlug die Tür hinter uns zu und wir standen sprichwörtlich im Dunkeln.
Ich tastete nach Raphael Hand und fand sie auch. Schemenhaft sahen wir Susanne die sich langsam vortastete. Irgendetwas quiekte und ich hatte das empfinden das ich auf irgendetwas weiches aufgetreten war.
„Super ich glaube wir haben für Frodo was zu fressen gefunden“, kam es von Raphael.
Ich musste grinsen, obwohl mir gar nicht danach war.
„Wer ist Frodo?“, fragte Susanne.
„Ähmm ja das ist eine Boa, mein Vater hat die irgendwann mal bei einer Wette gewonnen. Seitdem lebt die unten im Keller in so einem Terrarium“, antwortete ich.
Wir tasteten uns weiter und endlich wurde es etwas heller. Ich konnte dann auch die Treppe sehen. Erst jetzt sah ich warum es am helllichten Tag im Hausflur so dunkel war. Das Treppenfenster war mit Holzbrettern zugenagelt, so das nur wenig Licht von draußen drang.
Ab hier ging es dann etwas einfacher und wir stiegen die Treppe hinauf. Im dritten Stock blieb Susanne stehen und nahm den rechten Eingang. Eine Wohnungstür gab es nicht.
„Sag mal Susanne ich dachte hier wohnen Leute? Ich sehe aber keinen?“
Suchend sah ich mich dabei um.
„Ja schon merkwürdig. Sonst ist immer jemand da“, beantwortete Susanne meine Frage.
„Karin? Sven? Irgendjemand hier?“, rief Susanne und ging weiter.
Keiner antwortete ihr und so ging Susanne gleich links neben dem Wohnungseingang in ein Zimmer.
„Ach du scheisse. Nico?“, hörte ich die entsetzte Stimme von Susanne.
Ich ließ Raphael los und rannte hinter Susanne her. Susanne stand vor einem Bündel Decken auf dem, mir stockte der Atem, leichenblass Nico lag.
„Nico…“, rief ich und rannte an Susanne vorbei und kniete mich neben Nico.
Meine Hände legten sich auf sein Gesicht, das wie ein Heißes Feuer glühte. Ich zog ihn vorsichtig hoch, aber Nico gab kein Lebenszeichen von sich. Das einzige was ich hörte waren kurze rasselnde Atemstöße.
„Raphael hilf mir… Wir müssen Nico zum Arzt bringen.“
Ich hörte noch wie Raphael im Treppenhaus zu mir brüllte: „Ich hole Hilfe!“
Ich drückte Nico an mich.
„Nico hörst du mich ich liebe Dich und ich lasse nie wieder zu das Du wegläufst und ich verspreche Dir alles… hörst Du alles… aber Du musst kämpfen und gesund werden. Versprich mir das Du kämpfst.“
Nico wurde unruhig in meinen Armen und seine Augen öffneten sich einen Spalt. Ob er mich wirklich erkannte wusste ich nicht.
„Oh Du bist da. Ich habe es gewusst Freddie, dass du mich nicht im Stich lässt. Ich liebe dich doch. Jetzt wird alles gut.“
Er schloss die Augen und begann zu Husten. Der ganze Körper von Nico verkrampfte sich beim Husten und als der Husten sich wieder beruhigte, hatte ich das Gefühl das Nico noch flacher und hektischer atmete.
„Susanne wo sind denn die andern? Die können doch nicht Nico hier so einfach liegen lassen.“
„Ich weiß auch nicht wo die alle sind. Aber denen werde ich heimleuchten. Nico hier so einfach wie Müll liegen zu lassen.“
Plötzlich hörten wir vom Hausflur Stimmen und dann hörte ich Raphael.
„Wir müssen in den dritten Stock, da liegt der Junge.“
Wir hörten lautes Getrampel vom Treppenhaus und dann stand Raphael im Türrahmen des Zimmers, wo Nico lag. Hinter ihm tauchten zwei Männer auf die nach dem was sie anhatten Rettungssanitär sein mussten. Beide zwängten sich an Raphael vorbei und kamen auf mich zu.
Nico hatte ich immer noch in den Armen.
„Komm Junge lass uns mal ran!“
Ich legte vorsichtig Nico auf die Decke zurück und stand auf um den beiden Männern Platz zu machen. Der eine kniete sich neben Nico und stellte seinen Koffer, den er in der Hand gehalten hatte, ab.
Er öffnete den Koffer und holte alles Mögliche heraus und fing dann an, Nico zu untersuchen.
„Der Junge muss sofort in ein Krankenhaus. Tippe mal auf schwere Lungenentzündung. Hol die Trage schnell“, wandte sich der Mann, der Nico untersucht hatte, an seinen Kollegen.
Dieser verließ das Zimmer und rannte die Treppe runter.
„Wer von euch kennt den Jungen?“, fragte dieser dann uns.
„Ich kenne ihn. Sein Name ist Nico Bündner und ich weiß auch wo er wohnt und ich bin sein bester Freund“, redete ich drauflos.
„Na gut dann kommst du erstmal mit in das Krankenhaus, damit die seine Daten aufnehmen können.“
Kurze Zeit später war der andere Sanitäter mit der Trage wieder da. Da Nico ziemlich abgemagert war, hob ihn der Sanitäter, der ihn untersucht hatte, auf die Trage.
„Los wir müssen uns beeilen und ihr kommt mit“, damit meinte er wohl mich und Raphael.
Ich drehte mich zu Susanne: „Wir sehen uns auf jeden Fall wieder. Bist Du immer da unten zu finden?“
„Ja jedenfalls morgens und nachts, wenn ich nicht anschaffen gehe.“
„Ok wenn es Nico besser geht, dann komme ich.“
Ich drückte sie kurz an mich und flüsterte ihr noch ins Ohr: „Danke, das mit Nico werde ich Dir nie vergessen, das du versucht hast ihm zu helfen.“
„Jetzt komm endlich, wir warten nur noch auf Dich.“
Raphaels Stimme schallte durch das ganze Haus und ich rannte so schnell ich konnte die Treppe runter.
„Meld Dich mal“, hörte ich Susanne noch rufen, dann war ich auch schon aus dem Haus raus und stand vor dem Krankenwagen.
Raphael zog mich in den Krankenwagen hinein, wo Nico auf der Trage lag. Ich und Raphael setzten uns seitlich zu Nico und der Sanitäter saß am Kopfende und überprüfte gerade ob Nico auch richtig auf der Trage angeschnallt war und dann ging es auch schon mit Blaulicht durch Berlin.
Wir fuhren eine gefühlte Ewigkeit bevor der Krankenwagen anhielt. Die Türen wurde von draußen aufgemacht und ein Krankenpfleger schaute in den Wagen.
„Ah da ist unser Patient. Ok den Wagen haben wir bei, wir können die Trage dann da rauf stellen.“ und schon ging es los.
Nachdem Nico aus dem Wagen war, standen Raphael und ich auch auf und stiegen aus diesen aus. Draußen angekommen sahen wir nur noch die Rückenansicht des Krankenpflegers, der mit Nico im Eingangsbereich des Krankenhauses verschwand.
„Ihr beide kommt jetzt mit zur Anmeldung wegen den Daten von eurem Freund und dann könnt ihr die Eltern von dem Jungen benachrichtigen“, sagte der eine Sanitäter, der mit uns im Wagen gesessen hatte an.
Er drehte sich daraufhin um und schritt in Richtung Eingang. Wir folgten ihm zur Anmeldung. Dort angekommen erhielt ich auch schon einen Bogen, den ich ausfüllen sollte.
„Raphael kannst Du das machen ich schaff das nicht.“
Total fertig mit den Nerven sah ich Raphael an.
„Gib schon her, aber seine Eltern rufst Du an und danach deine. Verstanden?“
Ich nickte und sah mich suchend nach einem Telefon um.
„Hier kleiner, du kannst unser Telefon benutzen“, sprach mich die Schwester an der Aufnahme an und stellte dabei das Telefon auf den Tresen.
Ich griff den Hörer und wählte die Rufnummer von meinen Eltern. Kurz darauf hörte ich den Rufton und kurz darauf nahm jemand den Hörer ab. Es war meine Mutter die sich am anderen Ende meldete.
„Hallo Mum ich bin es Fred und wir haben Nico gefunden.“
„Junge… was, du hast ihn gefunden? Und wer ist wir?“
„Das ist eine zu lange Geschichte Mum. Kannst Du Nicos Eltern informieren? Wir sind hier in Berlin in einem Krankenhaus. Warte mal, ich gebe dir die Adresse durch.“
Ich nahm den Hörer vom Ohr und sah zur Krankenschwester, die wohl mitgehört hatte und mir eine Karte gab auf der die Adresse des Krankenhauses stand.
„Mum hörst Du…?“
Ich gab ihr dann die Adresse durch.
„Junge wir sind schon unterwegs. Wir werden Nicos Eltern abholen und kommen mit dem Auto runter. Sag im Krankenhaus bescheid und wir haben Dich lieb und wir lieben dich so wie du bist und wollen dich nicht anders. Hast du verstanden, also mach keinen Mist und warte dort auf uns.“
Daraufhin legte meine Mutter den Hörer auf und ich überlegte, was sie wohl meinte, sie lieben mich wie ich bin. Ich legte den Hörer auch auf und reichte der Schwester das Telefon über den Tresen zurück, dabei sah ich das Namensschild auf dem der Vorname Elena stand.
„Dankeschön und meine Eltern sind mit Nicos Eltern unterwegs hierher. Nur das wird dauern, sie kommen aus Hessen.“
„Ach so und wie seit ihr nach Berlin gekommen?“, fragte sie dann und ich erzählte ihr von Nico und das ich mit Raphael hier nach Berlin gekommen sind, um ihn zu suchen.
Nachdem ich geendete hatte, sah ich mich nach Raphael um. Er war weit und breit nicht zu sehen.
„Suchst du den Jungen, der ist als du telefoniert hast raus gegangen.“
Für mich war Nico jetzt wichtiger und da Raphael ja ein Engel war, wusste er ja wo er mich finden konnte.
„Sagen sie… Elena… ich darf doch Elena sagen?“
„Na klar. Was wolltest du denn fragen?“
„Ich wollte wissen, wo man Nico hingebracht hat.“
„Warte mal, das bekomme ich raus“,
Schon griff Elena nach dem Hörer. Ich wartete, denn Elena rief wohl alle Stationen, nacheinander an.
„Hab ihn. Er liegt auf der Station Acht, aber es geht ihm überhaupt nicht gut. Komm ich bringe dich hin.“ Elena wandte sich an die zweite Schwester, die mit ihr am Empfang saß.
„Ich bringe den Jungen zur Station Acht und komme dann gleich wieder.“
Die andere nickte nur und Schwester Elena ging um den Tresen herum und nickte mir zu, ihr zu folgen. Wir gingen auf zwei Fahrstuhltüren zu und Elena betätigte den Knopf. Daraufhin tat sich einer der zwei Türen auf und wir gingen hinein.
Elena drückte auf den vierten Knopf, also bedeutet es, dass Nico im vierten Stockwerk lag. In der vierten Etage stiegen wir aus. Elena merkte wohl, dass ich immer nervöser wurde, denn Sie nahm ohne ein Wort zu verlieren meine Hand und ging mit mir den Gang rechts herunter. Vor einer großen Tür auf der in Schwarzer Schrift Station Acht stand, öffnete sie die Tür und zog mich durch diese durch.
Hinter der Tür wurde ein weiterer Gang sichtbar auf dem auf beiden Seiten Türen waren. Wir gingen den Gang weiter und blieben vor einer Tür stehen.
„Warte kurz hier, dass ist der Aufenthaltsraum des Stationspersonals.“
Sie klopfte kurz an und zog die Tür, die nicht geschlossen war ganz auf und trat ein. Ich stand auf dem Gang und mein Herz pochte bis zum Hals. Bitte Raphael und bitte lieber Gott helft Nico, Bitte. Mir kam es vor wie Stunden, wie ich dort vor der Tür stand und auf Elena wartete.
Dann ging endlich die Tür auf und Elena trat mit einer zweiten Person heraus.
„Hi ich bin Robert“, grüsste mich diese. Robert sah echt nett aus und strahlte etwas Beruhigendes aus.
„Wie geht es Nico? Kann ich zu ihm?“
„Ihm geht’s nicht gut, die nächsten Stunden werden entscheiden ob er durchkommt. Er hat eine sehr schwere Lungenentzündung und dazu kommt das er länger schon keine Flüssigkeit zu sich genommen hat. Zum anderen macht auch das hohe Fieber Probleme.“
In mir krampfte sich alles zusammen und Tränen schossen mir in die Augen.
„He …“
Elena kam auf mich zu und drückte mich.
„Robert kann er nicht doch Nico sehen? Vielleicht hilft das ihm da durch zu kommen?“
„Mhh, warte ich frage den Stationsarzt, der ist ganz ok.“
Robert drehte sich um und ging den Gang entlang und kurz darauf öffnete er eine Tür und verschwand. Elena und ich standen weiterhin im Gang und warteten. Kurze Zeit später öffnete sich wieder die Tür in der Robert vor kurzem verschwunden war. Er kam mit einem älteren Herrn auf und zu.
Als sie vor uns standen reichte mir der ältere Mann die Hand.
„Na junger Mann mein Name ist Eduard und bin der leitende Stationsarzt und wie ist dein Name?“
„Friedrich ähhmm aber alle nennen mich Freddie.“
„Na dann komm mal mit. Robert hat sich ja für dich ziemlich ins Zeug gelegt.“
Der Arzt legte seine Hand auf meine Schulter und schob mich eine Tür weiter, die er dann öffnete. Wir betraten das Zimmer und dann sah ich Nico in einem Bett liegen. Wie er da so lag, sah ich erst wie abgemagert er war.
„Wird er es schaffen?“
„Es sieht nicht gut aus. Mehr als ihm Medikamente können wir nicht tun. Jetzt kommt es darauf an ob er leben will.“
„Darf ich bei ihm bleiben?“
„Eigentlich ist das ja nicht erlaubt, aber ich denke ich werde mal eine Ausnahme machen. Ich sage Robert bescheid das er nach die und Nico sehen soll.“
Der Stationsarzt verließ leise das Zimmer und ich nahm mir einen der Stühle die an einem Tisch standen und trug ihn zum Bett, wo Nico lag. Vorsichtig um keine großen Geräusche zu verursachen, stellte ich den Stuhl ab und setzte mich.
Nico atmete keuchend. Zaghaft nahm ich seine Hand in meine und hielt diese.
„Nico wenn Du mich hörst, dann kämpf, du musst gesund werden. Ich brauche dich so sehr.“
Ich hielt seine Hand weiterhin und dachte über mich und Nico nach. Wie lange ich so dagesessen hatte wusste ich nicht. Zeit spielte für mich keine Rolle, wichtig war nur für mich, dass ich bei Nico saß.
§
Nico

Es war seltsam irgendwie hatte ich das Gefühl das jemand in meiner Nähe war, den ich so vermisst hatte, den ich liebte. Ich selbst befand mich, wie ich da hingekommen bin wusste ich nicht, in einem hellen Raum.
Außer mir befand sich nichts in diesem Raum nur ein weißes Licht strahlte von allen Seiten auf mich. Plötzlich löste sich vor mir, aus diesem Licht, eine Gestalt und kam auf mich zu. Es war ein Junge wie ich dann erkannte und hinter ihm kam noch eine zweite Gestalt hervor, die mir irgendwie bekannt vorkam.
Und dann erkannte ich die Person, es war Jul. Eigentlich hieß er Jürgen, aber er wollte diesen Namen nicht hören, daher nannten ihn alle Jul. Jul sah mich traurig an. Der andere Junge war irgendwie anders, ich konnte es nicht greifen, aber irgendwas strahlte der Junge aus.
Dieser kam dann auch auf mich zu und strahlte mich mit einem wunderbaren Lächeln an.
„Hi Nico, bin der Raphael und Jul kennst du ja.“
Ich nickte.
„Wo bin ich eigentlich hier und was machst du Jul hier?“
Fragend sah ich Jul und dann diesen Raphael an.
„Tja die erste Antwort lautet noch nicht im Himmel, aber auch nicht weit davon entfernt.“ Kam es von Jul.
„Was…. was ist passiert Jul?“
„Du liegst eigentlich jetzt im Krankenhaus und kämpfst um dein Leben. So hat es mir Raphael gesagt. Warum ich hier bin? Ich hatte einen letzten Wunsch nämlich dich Nico noch einmal zu sehen und dieser wurde mir erfüllt. Ich wollte dir noch etwas sagen, bevor wir uns nie wieder sehen.“
Ich verstand jetzt gar nichts.
„Wo soll ich sein? Aber das hier sieht nicht wie ein Krankenhaus aus.“
„Nein wie Jul schon gesagt hat, befinden wir uns hier zwischen Himmel und Erde und ich bin ein Engel“, kam es von Raphael.
„Bin ich schon Tod?“
„Nein, aber fast. Du musst kämpfen denn jemand ist im Krankenhaus, jetzt in diesem Augenblick.“
„Wer?“
„Freddie.“
„Freddie?“, flüsterte ich.
„Ich dachte es wäre ein Traum, dass Freddie mich gefunden hat!“
„Nein war es nicht. Er war da.“
„Freddie oh was mach ich nur? Wenn er herausbekommt was ich für ihn fühle, dann wird er mich nie wieder ansehen. Nie wieder mit mir sprechen…“
Tränen rollten meine Wangen entlang und Jul trat auf mich zu und nahm mich in den Arm.
„Ich lass euch kurz allein“, sagte Raphael und verschwand in dem Licht. Nur Jul und ich standen noch eng umschlungen da.
Plötzlich veränderte sich der Raum und wir standen plötzlich im gleißenden Sonnenlicht auf einer Wiese.
„Komm, setzen wir uns. Ich habe dir einiges zu sagen.“ sprach mich Jul wieder an.
Wir lösten uns voneinander und setzten uns auf die Wiese. Das Gras kitzelte an den Beinen, erst jetzt merkte ich, dass ich außer einem kurzen Hemd nichts anhatte. Als ob Jul meine Gedanken lesen konnte, lachte er plötzlich auf.
Jul und lachen das war für mich neu. Er hatte solange ich ihn kannte, noch nie gelacht. Das ich das noch erleben durfte.
„Jul was ist passiert?“
„Was passiert ist. Ich habe es nicht geschafft und nun bin ich hier.“
„Bist Du…?“
„Ja bin ich. Raphael hat mich dann hierher gebracht und mir gesagt, dass er meinen letzten Wunsch erfüllen wird, bevor ich in den Himmel komme. Und weißt du was er gesagt hat, ich werde ein Engel und bekomme dann richtige Flügel.“
Die letzten Worte flüsterte er fast. Aber in seinem Gesicht machte sich dabei ein Lächeln breit, dass ihn noch schöner Aussehen lies.
„Jul was war dein letzter Wunsch?“
Jul sah mich direkt an.
„Dich noch einmal zu sehen und dir etwas Wichtiges zu sagen. Etwas was ich mir nicht getraut habe.“
„Was wolltest du mir denn sagen?“
„Dass ich dich liebe! Ich wusste aber auch, wenn ich es dir sage, dass ich keine Chance hatte. Freddie das war der Name den du immer nachts wenn du schliefst aussprachst.“
„Freddie…“, flüsterte ich.
„Es tut mir Leid, Jul. Aber Freddie war und ist meine große Liebe. Du warst für mich der beste Freund, der mir geholfen hat. Der mich beschützt hat und den ich dafür auch Liebe. Aber eben anders.“
„Es muss dir nicht Leid tun Nico. Ich habe es verstanden. Das Schlimme war für mich nur, das immer wenn ich jemanden in mein Herz schloss, diese Liebe nie in dieser Form erwidert bekam. Aber das ist jetzt egal. Ich wollte, dass du es weißt und dass ich immer auf dich aufpassen werde. Warum? Weil du etwas Besonderes bist.“
„Ich bin nichts Besonderes Jul. Du bist es. Als ich damals aus dem Zug ausstieg in Berlin und ich dich dort auf dem Bahnsteig stehen sah, wusste ich dass ich dir vertrauen konnte. Ohne dich hätte ich nicht mal die vier Monate überlebt.“
„Nico du hast auf Deine Fragen, die du an mich stelltest, nie wirklich eine Antwort bekommen. Ich bin dir dabei immer ausgewichen. Ich wollte nicht, dass du erfährst was ich in meinem kurzen Leben durchgemacht habe. Ich wollte nicht, dass du dich angeekelt von mir abwendest…“
Ich sah Jul direkt in die Augen und ich sah in diesen Schmerz, Wut und Trauer.
„Wie…“
Weiter kam ich nicht, denn Jul unterbrach mich.
„Bitte warte, ich habe nur diese eine Möglichkeit dir alles zu erklären. Meine Eltern haben mich mit fünf Jahren missbraucht und das bis zu meinem zwölf Lebensjahr. Dann habe ich meine Sachen gepackt und bin abgehauen und seitdem lebte ich auf der Strasse. Um zu überleben habe ich meinen Körper verkauft und somit hat mich die Vergangenheit immer wieder eingeholt. Ich…“
Jul fing an zu weinen und ich? Ich nahm ihn in meine Arme und für eine Weile verschmolzen wir zu einer Einheit. Wir weinten beide, zum einen um die verlorene Kindheit von Jul, über die Schmerzen die ihm angetan wurden, vielleicht auch ein wenig über das was ich verlassen hatte, aus Angst Freddie ganz zu verlieren.
Das Weinen tat gut, es spülte vieles hinweg. Wie lange wir dort fest umschlungen saßen, wusste ich nicht. Für mich war Zeit in diesem Moment nicht wichtig. Wichtig war Jul für mich in diesem Moment.
Langsam löste sich Jul und sah mich an.
„Nico es wird Zeit das wir Abschied nehmen. Ich verspreche dir eines, ich werde über dich wachen und bitte vergiss mich nie.“
„Dich vergessen? Jul du bist hier drin!“, dabei zeigte ich auf mein Herz.
Jul lächelte und nahm meine Hand.
„Ich weiß!“
Jul stand langsam auf, sah noch einmal zu mir herunter und wie Nebel der sich beim ersten Sonnenstrahl auflöste, verschwand Jul im Sonnenlicht.
„Na Nico und wirst du kämpfen?“
Erschrocken fuhr ich herum, denn die Stimme kam von hinten. Ich starrte in das Gesicht von Raphael.
„Warum sollte ich kämpfen? Damit Freddie, wenn er erfährt dass ich schwul bin, sich angeekelt weg wendet? Nein dann lieber der Himmel!“
„Du machst es dir wirklich sehr einfach. Was ist mit den Menschen die dich lieben und woher willst du wissen wie Freddie reagiert?“
„Weil ich es weiß!“, schrie ich.
„Nico alles weißt du nicht. Eines kann ich Dir sagen, du irrst dich gewaltig. Warum sitzt sonst Freddie an deinem Krankenbett und hält deine Hand?“
In dem Augenblick standen wir wieder in dem Raum mit dem weißen Licht und die linke Wand veränderte sich und ich sah einen Raum, in dem ich auf einem Bett lag und Freddie saß auf einem Stuhl und hielt meine Hand.
„Ich liebe Dich!“, dröhnte die Stimme Freddies überdeutlich aus diesem heraus.
„Nein das kann nicht sein?“, stammelte ich.
„Du hast gehört was er gesagt hat. Also nochmals meine Frage. Kämpfst du ja oder Nein?“
Raphael sah mich direkt an und ich konnte nicht anders und sah ihm in die Augen. Ja schrie es in mir ja ich will leben.
„Raphael.. sag deinem Chef der Himmel kann auf mich warten!“
Der Raum löste sich langsam mit Raphael auf und ich hörte seine Stimme zum letzten Mal.
„Das wollte ich hören. Grüß mir Freddie und sag ihm, dass wir uns wiedersehen werden. Ach und sag ihm er soll sich um Susanne kümmern. Nicht vergessen!“
„Mach ich versprochen.“
§
Freddie

Ich saß schon fünf Stunden am Bett von Nico, als dieser anfing unruhig zu werden. Mir schien auch dass seine Hand, sich nicht mehr so heiß anfühlte.
„Freddie? Ich Liebe Dich so sehr“, dabei schlug Nico die Augen auf und sah mich an.
„Nico. Ich…“ aber ich konnte nicht weitersprechen, weil Tränen der Erleichterung über meine Wangen liefen. Nicos Hand löste sich aus meiner und suchte sich einen Weg zu meinem Gesicht. Seine Hand wischte die Tränen aus meinem Gesicht.
„Es wird alles gut. Ich war so ein Idiot. Anstatt wegzurennen hätte ich es dir sagen sollen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein Nico ich war der Trottel. Ich habe meine Gefühle versteckt und nicht gemerkt was ich uns damit antat.“
Ich bemerkte erst, als Nico an mir vorbei sah, dass wir nicht alleine im Zimmer waren. Ich drehte mich um und sah Robert, der in der Tür stand und uns zulächelte.
„Na da geht es einem etwas besser oder?“
Nico nickte schwach in seine Richtung.
„Na dann hole ich mal Onkel Doc.“ Und schloss die Tür wieder hinter sich.
„Freddie ich soll dir von Raphael Grüße ausrichten und das ihr euch wiederseht. Ach und du sollst Susanne nicht vergessen.“
Warum verwunderte mich das jetzt nicht. Na Raphael war so ein Fall für sich.
„Susanne, jep um die kümmern wir uns beide.“
„Ja sie hat mir auch sehr geholfen!“ kam es von Nico.
„Ich weiß…“
Nico und ich sahen uns an und dann begannen wir beide zu lachen.
„Na hier scheint ja alles in Ordnung zu sein und dem Patienten geht es scheinbar auch besser…“
Ich drehte mich wieder zur Tür, in der der Stationsarzt stand und auf uns zu kam.
„Na dann werden ich dich mal kurz untersuchen.“
Nico nickte und begann zu husten.
„Ich werde mir erstmal was zum essen besorgen“, sagte ich und stand auf.
„Du kommst aber wieder zurück?“, kam es von Nico.
„Klar doch also bis gleich.“
Ich verlies das Krankenzimmer und ging zum Fahrstuhl um hinab zufahren. In dem Augenblick ging die Fahrstuhltür auf und ich sah in die Gesichter meiner Eltern. Hinter ihnen erkannte ich Nicos Eltern.
Seine Mutter hatte dunkle Augenringe und sah ziemlich mitgenommen aus. Auch sein Vater sah nicht besser. Meine Mutter kam sofort aus dem Fahrstuhl herausgeschossen und riss mich in ihre Arme.
„Junge wir haben uns solche Sorgen gemacht. Alles klar bei dir? Wie geht’s Nico?“
„Ja wie geht es Nico?“, hörte ich Nicos Mutter schniefen.
„Also Nico geht es besser. Er ist wieder ansprechbar.“
Nicos Mutter zog ihren Mann hinter sich her und lief den Gang entlang.
„Fred in welchem Zimmer liegt er?“
„Gleich rechts neben dem Schwesternzimmer“, rief ich hinterher.
„Ah hier komm schon Ludwig.“
Nicos Mutter öffnete die Tür und beide verschwanden dann aus dem Gang.
„Na Junge nun komm erst mal her.“
Mein Vater nahm mich dabei in die Arme und drückte mich an sich. Ich wusste das ich irgendwann meinen Eltern von Nico und mir erzählen musste, aber ich wusste nicht wie.
„Können wir erst einmal etwas essen gehen? Ich habe seit fünf Stunden nur bei Nico gesessen und jetzt habe ich einen Mordshunger.“
„Na dann los. Geht ihr beide schon mal runter. Ich gehe noch zu Nico und seinen Eltern!“, sagte meine Mutter zu uns und lief dann auch den Gang zu Nicos Zimmer runter.
Mein Vater und ich betraten den Fahrstuhl, der immer noch offen stand und fuhren hinunter.
„Na Junge und jetzt wo du Nico wieder hast, alles wieder in Ordnung.“
Ich strahlte meinen Vater an: „Ja ich bin super glücklich! Ich muss aber euch beiden noch was sagen, aber das mache ich erst wenn Mum dabei ist.“
Mein Vater schaute mich an: „Na da bin ich ja gespannt..“
Irgendetwas in der Stimme ließ mich aufhorchen. Wussten sie von mir und Nico? Nachdem wir im Erdgeschoss angekommen waren, gingen wir zu der ausgeschilderten Kantine um etwas zu essen.
§
Ich und mein Vater saßen an einem der Tische in der Kantine und ich merkte erst jetzt wie ausgehungert ich war. Ich musste regelrecht gefressen haben, so schaute mein Vater mich mit großen Augen an.
„Oh man Sohnemann, so habe ich dich noch nie essen gesehen.“
Ich wollte ihm gerade antworten als meine Mutter in Begleitung von Nicos Eltern die Kantine betrat. Ich winkte ihnen zu und sie kamen auf unseren Tisch zu. Als sie an unserem Tisch waren schauten mich alle drei sehr seltsam an.
Nicos Vater hustete kurz und sagte dann: „Ich gehe mal Kaffee holen für euch.“
„Ja tu das, den brauche ich jetzt.“ sagte Johanna, Nicos Mutter.
Meine Mutter und Johanna setzten sich zu uns an den Tisch und sahen mich schweigend an.
„Was?“ fragte ich.
„Fred danke dir, dass du Nico gefunden hast. Mein Mann und ich dachten schon, wir werden Nico nie wieder sehen.“
Ludwig kam mit dem Kaffee gerade zurück und stellte die Tassen auf den Tisch.
„Ich muss mich auch bei dir bedanken. Wir hatte zwar die Polizei eingeschaltet, aber ihn hier in Berlin zu suchen darauf wäre ich nie gekommen.“
„Wie bist du denn eigentlich auf Berlin gekommen?“, fragte mich meine Mum.
„Ähmmmm…“ ja was sollte ich sagen das an einem Abend mir ein Engel namens Raphael vor die Füße gefallen war? Nee konnte ich abhaken, dann hätten die mich gleich einbuchten lassen.
„Ja ich hab da einen Freund, der kam auf die Idee, dass Nico in Berlin ist. Ich dachte erst der macht Späße, aber dann dachte ich nach und bin hierher gefahren. Ach und nicht zu vergessen Susanne hat mich zu Nico geführt.“
„Wer ist Susanne?“ fragte mein Vater neugierig.
„Das ist eine längere Geschichte …“
Und ich fing an zu erzählen. Meine Eltern und auch Nico seine bekamen den Mund nicht zu. Nachdem ich geendet hatte sagten meine Mutter und auch Nicos Mutter zugleich: „Also die Susanne müssen wir kennenlernen.“
„Ja da ist noch was. Ich würde gerne Susanne helfen, dass sie von der Strasse wegkommt. Habt ihr eine Idee wie wir ihr helfen können?“ fragend sah ich in die Runde.
„Ich wüsste da etwas“, kam es plötzlich aber nicht von meinen und auch nicht von Nicos Eltern.
Erstaunt schaute ich zur Seite und sah Robert, der an unserem Tisch mit einem Tablett in der Hand da stand.
„Robert echt?“
„Ja ich kenne da eine Gruppe von Jugendlichen, in der ich zufällig auch bin. Wir leben in einer Wohngemeinschaft und wir hätten noch Platz. Das weitere würden wir dann mit Susanne besprechen.“
„Komm setz dich.“
Ich rückte etwas zur Seite und zog den Stuhl neben mir etwas vor. Robert stellte sein Tablett ab und setzte sich neben mir.
„Na Fred haste schon mit deinen Eltern gesprochen?“
Ich nickte.
„Na alles hat er uns noch nicht erzählt, aber ich hoffe er kommt damit noch rüber“, setzte mein Vater nach.
Oh shit was sollte ich jetzt machen? Ich merkte wie mir das Blut in den Kopf schoss. Ich musste wie eine rote Ampel blinken. Man wie peinlich. Meine Mutter lächelte mich an.
„Fred eine Frage, Nico hat uns vorhin erzählt warum er von zu Hause weggerannt ist. Wusstest Du das er schwul ist?“, kam es zögernd von Ludwig.
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein ich wusste es nicht. Eigentlich habe ich es geahnt aber irgendwie verdrängt, weil…“, ich zögerte kurz und atmete tief durch, „weil ich selber etwas verdrängen wollte.“
„Was hast du verdrängt Fred?“, fragend sah mich meine Mutter und auch mein Vater an.
Ich sah zu beiden hin.
„Weil ich Nico liebe und dies nicht wahrhaben wollte. Ich war einfach nur feige“, kam es leise und ängstlich über meine Lippen.
„Nein das bist du bestimmt nicht. Alleine hier in Berlin Nico zu suchen, das ist schon etwas wozu man Mut haben muss“, sagte Robert.
Dankbar sah ich ihn an.
„Das finden auch wir!“, sagten fast gleichzeitig meine und auch Nicos Eltern.
„Fred wir lieben dich und ganz ehrlich, ich habe es geahnt das du und Nico ineinander verliebt seid. Dir hat man es nicht so angesehen, aber ich habe gesehen wie Nico dich ansah. Diese Blicke waren mehr als eindeutig. Ich bin froh das du bei der Suche nach Nico auch zu dir gefunden hast.“
Meine Mutter stand auf und kam zu mir und dann beugte sie sich zu mir und nahm mich in die Arme. Nachdem sie mich wieder losgelassen hatte, sah ich zu meinem Vater. Der hatte doch tatsächlich Tränen in den Augen und lächelte mich an.
§
Nun ist es ein Jahr her, wo ich Nico mir Raphael in Berlin gesucht habe. Was ich dort gefunden habe war nicht nur Nico sondern auch Freunde und das aller wichtigste ich habe zu mir gefunden.
Nico und ich sind seit diesem Tag offiziell ein Paar und all unsere Freunde kamen damit zurecht. Raphael haben wir natürlich nicht wieder gesehen, aber wir werden ihn irgendwann in der Zukunft Wiedersehen.
Susanne ist bei Roberts Wohngemeinschaft aufgenommen worden und wird jetzt intensiv von denen und dem Jugendamt betreut. Sie hat angefangen die zehnte Klasse zu machen und wenn sie es schafft, will sie Einzelhandelskaufmann lernen.
Was wichtig war für sie, sie hatte endlich ein Ziel vor Augen und Freunde die zu ihr stehen. Nico und ich sind in den Ferien oft bei ihr. Nico selbst hat das Grab von Jul ausfindig machen können und unsere Eltern haben einen Grabstein für sein Grab gestiftet.
Nun standen wir davor und sahen auf dieses kleine Grab. Auf dem Grabstein war von Nico eine Zeile eingraviert „Lebewohl Jul irgendwann werden wir uns Wiedersehen Dein Nico“.
Langsam drehte sich Nico zu mir um.
„Weißt du als ich damals Raphael wie auch immer begegnet bin waren meine letzten Worte an ihn, sag deinem Chef der Himmel kann auf mich warten. Ich bin froh das ich dies zu Raphael sagte.“
Ich sah Nico an und zog ihn an mich.
„Und ich erst!“
Unsere Lippen trafen sich zu einem nicht endenden Kuss.

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Information Unberechenbar
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:34 PM - No Replies

Alles begann an einem ganz normalen Abend, wie so viele zum Anfang des Sommers. Leise vor mich her fluchend, taumelte ich langsam auf dem Fußweg hin und her. Warum war ich bloß auf diese bescheuerte Abi–Party gegangen? Ah ja, Herr Walter hatte Geburtstag gehabt und weil er der coolste Klassenlehrer aller Zeiten war, richtete man ihm zu Ehren natürlich eine Feier aus, wo jeder – wirklich jeder – zu erscheinen hatte.
Eigentlich war es von vorne herein klar, dass Herr Walter sich 22 Uhr vom Strand verabschieden und man dann das härtere Zeug auspacken würde. Im Grunde genommen war es ja auch ganz lustig gewesen, alle mal so abgedreht zu erleben. Aber das hatte mir auch die derzeitige Situation eingebracht.
Wenn man für alle eigentlich wie Luft war, konnte man solche Partys nur mit genügend Alkohol überleben. Zumindest hatte ich es bisher so gehalten. Doch dann machten sich die vielen Wodka–Energys bemerkbar, weswegen ich in den Wald stolperte. Nein, nicht um mich zu übergeben. Meine Eltern tranken gerne mal ein Glas Wein zum Abendbrot, wodurch ich mit meinen knapp achtzehn Jahren schon etwas vertrug. Ich musste schlichtweg mal pissen.
Also schlug ich mich ins Grüne, erleichterte mich und war gerade dabei, zum Strand zurückzutapsen, als ich über eine Person stolperte, die friedlich in Fötushaltung auf dem Erdboden schlief. Zu meinem „Glück“ war es auch noch der coolste Typ der gesamten Schule und keiner seiner bescheuerten Freunde in der Nähe, die sich um ihn kümmern könnten.
Toll – ganz toll!
Jegliche Versuche, ihn vollkommen zu wecken, scheiterten kläglich, weswegen ich ihn im halbwachen Zustand genervt seufzend aufhalf und einen seiner Arme um meine Schulter legte. Gemeinsam taumelten wir nun nach Hause. Ich war echt froh, dass dieser Schönling nicht so weit vom Strand weg wohnte, denn zu allem Übel stieg mir neben dem widerlichen Gestank von Jägermeister auch noch der natürliche Duft von Ean in die Nase.
Wieso musste auch gerade ich den leckersten Typ mit dem geilsten Körper durch die Gegend schleppen?!?! Ich wartete doch nicht ohne Grund nach dem Sport bis alle mit duschen fertig waren, da lediglich ein freier Oberkörper meine Hormone durchdrehen ließ. Und nun ihm, diesem Weiberhelden, so nahe …
Ein Stein, der zu weit aus dem Fußweg ragte, brachte uns beide zum stolpern und mich zurück in die Realität beziehungsweise zur Besinnung. Endlich sah ich Eans Haus, also nur noch wenige Meter, bis ich diesen Typen endlich los hatte und selbst heim gehen konnte. Vorher erwarteten mich jedoch ein paar Geduldsproben.
Es war schon schlimm genug, dass ich den Hausschlüssel aus seiner Hosentasche kramen musste, aber ihn in der kleinen Villa die Treppen hochschleppen zu müssen und noch grob beim ausziehen zu helfen, war fast schon zu viel. Schnaufend wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und deckte Ean fürsorglich zu.
Lediglich mit Boxers bekleidet und so von nahem betrachtet, sah dieser Typ noch viel besser aus. Ich konnte gut verstehen, warum so viele Mädchen für ihn schwärmten und der sich die Mädels raussuchen konnte – was er auch ständig tat. Wenn dieser Schönling eine Freundin mehr als zwei Wochen hatte, war das lang.
Gott, er sah wirklich niedlich aus, wie er so mit leicht geöffnetem Mund auf dem Rücken dalag, einige Strähnen seiner schwarz gefärbten Haare im Gesicht. Zögerlich hob ich meine Hand, strich diese beiseite und streichelte ihm über die Wange, worauf er begann etwas zu schnurren. Sofort begann mein Herz in Highspeed zu schlagen.
Sollte ich es wirklich wagen? Mitkriegen würde es Ean sowieso nicht, so tief und fest wie er schon wieder schlief. Und wenn, würde er es eh als Traum abstempeln, den er im Suff hatte – als schlechten Traum. Ich wusste, dass es unrecht war, falsch, absolut nicht gut. Trotzdem beugte ich mich langsam runter, hielt kurz inne, um mit meinen Fingern über seine Lippen zu streichen, bevor ich ihn dann doch küsste.
Eigentlich war es nur eine leichte Berührung, fast schon weniger als ein Hauch. Aber langsam wurde es immer intensiver und als ich realisierte warum, bekam ich eine kleine Panikattacke. Ean begann den Kuss zu erwidern! Erschrocken versuchte ich mich von dem vermeidlich Schlafenden zu lösen, doch kaum merkte dieser, dass ich weg wollte, schlang mein Klassenkamerad seine Arme um mich und drücke mich somit dicht an sich.
Schwer stützte ich mich ab, um nicht ganz auf den Anderen zu fallen und riss meine Augen weit auf. Als er allerdings die Zunge in meinen Mund stecken wollte, war es aus. Ich holte ein klein wenig aus und versetzte Ean einen Faustschlag in die Nierengegend. Tief holte ich Luft, als ich endlich wieder frei war und setzte mich auf, genauso wie mein „Opfer“.
„Dafür, dass du so zierlich bist, schlägst du ganz schön hart zu“, säuselte er und begann meinen Nacken zu kraulen.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte ich schnell und stand schon auf.
Doch mein Mitschüler bekam mein Handgelenk zu packen und zog mich mit so einem kräftigen Ruck nach hinten, dass ich mit dem Rücken der Länge nach auf dem Bett landete. Und keine zwei Sekunden später thronte Ean über mir und begann mich erneut zu küssen. Wäre ich nicht so panisch und verwirrt gewesen, hätte ich es bestimmt mehr genießen können. Aber die plötzliche Zuneigung dieses Schönlings machte mir einfach Angst, was er wohl schlussendlich auch bemerkte.
„Schsch …, ganz ruhig“, versuchte er mich zu beruhigen und legte seine glühende Stirn an meine.
Bitte? Wie sollte denn das funktionieren, wenn er mit seinem gesamten Körpergewicht auf mir saß und meine Arme auf die Matratze presste?!
„Dann lass mich los“, sagte ich leise.
„Geht nicht. Du würdest nur versuchen, wieder abzuhauen.“
„Komm schon, hör auf mit dem Scheiß“, wagte ich einen letzten Versuch.
„Hey, du hast damit doch angefangen“, säuselte mir Ean ins Ohr, wobei sein heißer Atem meine Haut streifte und eine wohlige Gänsehaut hervorrief.
‚Shit, ich muss hier sofort weg!‘
„Du bist echt nicht ganz bei Verstand!“
Bei diesen Worten hielt mein Klassenkamerad inne und sah mich mit seinen fiebrig glänzenden Augen intensiv an.
„Du hast recht. Das bin ich wirklich nicht. Aber wessen Schuld ist das? Wer hat sich denn an wen rangemacht? Wer hat hier wen geküsst, hm?“
Seinem Blick konnte ich nicht lange standhalten und wand mich schon nach wenigen Sekunden ab – soweit das in dieser Position überhaupt möglich war. Er schien das allerdings für ne Einladung zu halten, denn Ean beugte sich sofort zu mir runter und saugte sich an meinem Hals fest. Und als ob das nicht genug wäre, rieb sein Becken intensiv an meinem, was die entsprechende Reaktion bei mir auslöste: Ich stöhnte heißer auf.
„So ist es gut. Lass dich einfach fallen. Ich mach den Rest“, grinste Ean triumphierend und zog mir mein Shirt aus.
Irgendwie brachte ich nicht mehr die Kraft auf, mich weiter zu wehren. Sekunden später lag ich nackt unter meinem Mitschüler und genoss es einfach, wie er jeden Zentimeter meines Körpers mit seiner Zunge bearbeitete. Erst als ich es kaum mehr aushielt, streifte er sich ein Kondom über und trieb uns beide zum genialsten Höhepunkt, den ich seit langem hatte.
Total verschwitzt lag ich auf der Seite und versuchte krampfhaft meinen Herzschlag zu normalisieren. Ein Blick auf den Radiowecker ließ mich etwas schmunzeln. Dafür, dass das Ganze nicht länger als fünfzehn Minuten angedauert hat, war es echt nicht schlecht gewesen.
Ean schlang von hinten seine Arme um mich und zog mich dicht an sich heran. Eigentlich war es draußen echt warm genug, aber trotzdem kuschelte ich mich so sehr es ging an ihn. Es tat so gut, danach mal länger liegen bleiben zu können und noch etwas zu schmusen. Ich spürte, wie Eans Atem sich normalisierte und er langsam zur Ruhe kam. Und dann, kurz bevor er einschlief, hauchte er mir zuckersüße Worte ins Ohr, die ich nicht so schnell vergessen sollte:
„Du bist echt das heißeste Mädchen, was ich jemals gehabt habe.“
*
Es war Montag und ich saß grummelnd in der Umkleide. Ich gab längst auf, alle blauen Flecke zu zählen, die ich heute beim Fechttraining verpasst bekommen hatte. Der Trainer war die gesamte Zeit am maulen, ich wär total unkonzentriert – und er hatte recht. Das restliche Wochenende verkroch ich mich auf mein Zimmer, nachdem ich leise aus Eans Bett geflohen war.
Ean … der hatte mich doch echt für nen Mädchen gehalten. Er muss mehr getrunken haben, als ich dachte, denn einige anatomische Dinge waren ja wohl eindeutig! Und an ein paar Lippen rumgeleckt hat er schließlich nicht – naja, nicht nur. Auf jeden Fall stempelte ich alles als die dämlichste Aktion ab, die ich jemals durchgezogen hatte.
Verstimmt rubbelte ich ein letztes Mal mit dem Handtuch über meine Haare, um diese trocken zu kriegen und warf es dann achtlos in meinen Spind. Dank meiner „tollen“ Leistungen schickte mich der Trainer früher in die Pause, weswegen ich jetzt massig Zeit hatte – Zeit für bescheuerte Gedanken. Um mich etwas abzulenken, sammelte ich meine Klamotten zusammen, zog mich rasch an und versuchte mich seelisch und moralisch auf die Unterrichtsstunde Mathe vorzubereiten.
Mal davon abgesehen, dass ich bisher Ean prima aus dem Weg gehen konnte, weil er andere Kurse belegte, hatte ich auch die Hausaufgaben vergessen, welche wir bis heute aufgehabt hatten. Gedanklich suchte ich mir schon alle Bücher zusammen, die ich dazu benötigte, als die Tür zur Sporthalle klapperte und laut lachende Typen die Umkleide betraten. Im Grunde genommen hatte ich kein Problem, aus meiner dunklen Ecke im äußersten Winkel des Raumes zu kriechen, an denen vorbei zum Ausgang hin. Aber Eans Stimme ließ mich regelrecht erstarren.
„Sag mal, Ean. Was’n heute mit dir los? Sonst steckst du ne Fete doch locker weg.“
„Im Gegensatz zu dir, Thomas, liegt meine Kondi nicht am Alk, sondern an einer heißen Nacht.“
Ein ‚Uhhhhh‘ ging durch die komplette Basketballmannschaft, dann wurde es ruhig. Zwar standen mir nicht wenige Spindreihen im Blickfeld, aber ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sich alle um Ean scharrten und ihn mit großen Äuglein regelrecht anbettelten, alles von der Nacht zu erzählen. Der Typ ließ sich gleich ordentlich feiern, denn bevor er begann was zu sagen, ließ er sich gut eine halbe Minute Zeit.
„Also … Es war in einer lauen Sommernacht …“
Ein Feixen ging durch die Runde.
„Ich lag in meinem Bett, nur mit Boxers und hatte keine Ahnung, wie ich vom Strand da hingekommen war. Geweckt wurde ich durch ihre süßen Lippen und diesen betörenden Duft, der überall an ihr klebte.“
Shit, was war der Typ für ein Poser.
„Hat sie dir einen geblasen?“
Wieder Gelächter.
„Nein du Trottel. Sie hat mich geküsst.“
„Dann bist du wohl das neue Dornröschen?“
War ich hier in der Umkleide eines Gymnasiums oder im Kindergarten???
„Ey, ihre Lippen waren total heiß und ihr Körper auf meinen … Ihr Duft …“
„Boar, du klingst fast so fanatisch, wie der Typ aus ‚Das Parfüm‘.“
„Erzähl mal, wie war sie gebaut? Handlich oder eher was zum anpacken?“
„Genau, hatte sie Melonen oder Äpfel?“
Alles klar, das Basketballteam war wirklich weich in der Birne.
„Keine Ahnung …“
„Wie jetzt?“
„Na keine Ahnung halt. Ich kann mich kaum an sie erinnern. Nur das sie übelst weiche Lippen hatte, nen geilen heißen Körper und voll den knackigen Arsch.“
Wieder ging Gegröle durch die Reihen.
„Sicher, dass du das nicht nur geträumt hast?“
„Man, mein Bett war total versaut und im Papierkorb lag ein gebrauchtes Kondom. Außerdem klebte an meiner Decke und Kopfkissen ihr lieblicher Duft.“
„Klingt ja nach ner wilden Nacht.“
„Und wie wild.“
Ich hörte Stoff rascheln, danach das Raunen der Jungs.
„Scheiße, wie siehst du denn aus.“
„Die Kleine beißt ja.“
„Und kratzt“
„Boar und woher hast du den riesigen blauen Fleck an der Seite?“
„Na, drei Mal darfst du raten“, meinte Ean und mir wurde spontan schlecht. Hatte ich mich wirklich so gehen lassen?
„Also das nen ich wirklich wild.“
„Ich war so fertig, dass ich fast sofort hinterher eingepennt bin. Und am nächsten Morgen war sie weg.“
„Oh, böse Falle. Frauen stehen auf kuscheln danach.“
„Genau. Kein Wunder warum sie sich verzogen hat.“
„Ich muss aber wissen, wer sie ist. Überlegt noch mal. Ihr habt mich echt mit keiner weggehen sehen?“
„Ne, du wolltest in den Wald pissen gehen und dann warst du weg.“
„Toll und ihr kamt nicht mal auf die Idee, nachzugucken wo ich bleibe?“ Ean klang schon etwas verärgert.
„Hey, wir mussten uns um die Mädels kümmern.“
„Wenn‘s nach euch gegangen wäre, hätte ich im Wald übernachtet.“
„Warte mal Ean. An dem Abend waren eigentlich nur die Frauen aus unserer Klasse am Strand. Ach und die Freundinnen von Philipp, David und Mark.“
„Ausgeschlossen. Erstens pack ich keine besetzte an – wenn ich’s denn weiß – und zweitens unsere Mädels kenn ich schon. Die riechen anders.“
„Man, du hast voll den Fetisch.“
Wieder kicherte alles. Dann meldete sich einer zu Wort, der bisher recht ruhig gewesen war.
„Du Ean. Ich bin mir zwar nicht sicher, aber als ich die Biere wegschaffen gehen wollte, hab ich glaube gesehen, wie Sasha dir aufgeholfen hat.“
Was??? Panik!!! Mir wurde auf einmal übelst heiß und mein Herz begann hart in meiner Brust zu schlagen.
„Säääsh unser Deprikücken? Wie soll er das mit seinen dünnen Ärmchen gepackt haben?“
Was sollte die Scheiße? Wie oft muss ich denen noch sagen, dass in meinem Namen kein einziges Ä drin vorkommt. Ich hieß Sasha verdammt noch mal und bei dem Anblick solcher Typen in der Klasse, kann man ja nur finster drein schauen.
„Halt die Klappe, Thomas. Während du versucht hast, vergebens eine abzuschleppen, hat Sasha mir wenigsten geholfen.“ Trotz das Ean so ein Macho war, hatte er einen seltsamen Sinn für Gerechtigkeit. Ein Punkt mehr, dass der Typ mir nicht geheuer war.
„Hey man, ich hab mich doch schon entschuldigt, okay. Außerdem ist doch jetzt alles easy. Im Anschluss haben wir Mathe und da kannste Säsh nach der Perle fragen.“
„Endlich mal intelligente Worte aus deinem Mund. Dann lasst uns mal duschen, hier stinkt‘s irgendwie nach Iltis“, gab Ean das Kommando und Bewegung kam in die Sache.
Ich konnte hören, wie das Team sich auszog und einer nach dem anderen in der Gemeinschaftsdusche verschwand, nicht ohne weitere dumme Kommentare. Erst als ich mir hundert pro sicher war, dass keiner mehr bei den Spinden stand, gab ich mir einen Ruck und flüchtete regelrecht aus der Umkleide Richtung Bibliothek.
Nicht unbedingt um meine Hausaufgaben zu machen, sondern weil sich dort kaum Leute aufhielten. Wie ein Tiger im Käfig lief ich hinter ein paar Bücherregalen auf und ab, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich da wieder rauskommen könnte. Wenn Ean erfuhr, dass ich die nächtliche Besucherin war … er würde es mir eh nie glauben.
‚Moment mal.‘ Ich blieb abrupt stehen. ‚Der eine Typ hatte nur gesehen, wie ich Ean im Wald aufgeholfen hab, nicht wie ich ihn nach Hause oder bis aufs Zimmer schleppte. Genau! Ich hab ihn nach Hause gebracht und mich von ihm VOR dem Haus verabschiedet. Mehr weiß ich nicht, ganz einfach!‘
Gerade als ich das für mich entschieden hatte, klingelte es zur Stunde. ‚Was? Jetzt schon?‘ Schnell schnappte ich mir meinen Rucksack und rannte zum Klassenzimmer. Der Lehrer war über meine Unpünktlichkeit alles andere als glücklich, besonders als er noch hörte, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Natürlich wurden diese gleich eingesammelt und zensiert, was mir eine glatte Sechs einbrachte.
Ich fühlte mich sofort noch beschissener als so schon, nicht zuletzt, weil ich Eans Blick im Nacken spürte. Er saß ganz hinten am Fenster und ich ganz vorne an der Wand. Ein Abstand, der meiner Meinung nach viel zu gering war. Mich so wirklich auf den Unterricht zu konzentrieren, schaffte ich nicht und war echt froh, als es zur Pause läutete. Ich ließ mein Zeug komplett liegen und sprintete dem Lehrer hinterher, der gerade den Raum verlassen hatte.
„Herr Arndt. Herr Arndt! Wegen den Hausaufgaben, ist echt dumm gelaufen. Lässt sich da nicht irgendetwas machen?“
Erst beim zweiten Rufen hatte der Pauker sich genervt seufzend zu mir umgedreht und musterte mich kritisch.
„Herr Büchle, dumm gelaufen ist eher die Klassenfeier am Wochenende, wenn ich mich nicht irre“, meinte er tadelnd.
Er wusste gar nicht, wie recht er doch hatte. Mein Gesichtsausdruck musste wohl ziemlich kläglich ausgeschaut haben, denn die Züge des Lehrers wurden etwas weicher.
„Ich weiß ja, dass ihnen der Stoff nicht leicht fällt. Sie sind einer der wenigen Schüler, die regelmäßig am Nachmittag zur Vertiefungsstunde kommen. Deswegen verstehe ich nicht, warum sie diese Chance auf eine gute Note so leicht verspielen.“
Toll, jetzt hatte ich erst recht ein schlechtes Gewissen. Für eine stabile Zwei in Mathe musste ich wirklich so einiges tun. Deswegen ärgerte ich mich echt über die blöde Sechs, weil diese wieder alles ins schwanken brachte.
„Ich könnt ein paar Extraaufgaben machen“, schlug ich vorsichtig vor.
„Na einfach so rausstreichen kann ich die Note nicht“, meinte der Lehrer streng, konnte sich ein Schmunzeln aber nicht mehr verkneifen. „Passen sie auf. Sie holen die Hausaufgaben einfach nach und bearbeiten die Seiten 45 samt 46 im Lehrbuch – bis morgen. Durch diese Extrabenotung – die übrigens sehr streng ausfallen wird – könnten sie vielleicht die Sechs etwas ausgleichen.“
„Seite 45 und 46, plus Hausaufgaben von heute bis morgen, alles klar. Danke!“, wiederholte ich und lächelte dankbar.
Dann verabschiedete ich mich sofort, bevor Herr Arndt es sich noch anders überlegt. Ich drehte mich gerade um, um ins Klassenzimmer zurückzugehen, als Ean keine Nasenbreite direkt vor mir stand. Normal würde ich ja erschrocken einen Satz zurückspringen und rumfauchen, jetzt allerdings blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen und starrte mit angehaltenem Atem in das süßgrinsende Gesicht meines Klassenkameraden.
„Ich wollte mich bei dir bedanken“, sagte er höflich, was bei mir die Alarmglocken aufschrillen ließ. Er war nett – irgendwie zu nett. Fast so, als wäre er in Lauerstellung.
„Ehm … für was?“, fragte ich vorsichtig und trat einen Schritt beiseite. Ich wollte einfach wieder Abstand zwischen uns bringen. Aber Ean tat den gleichen Schritt und stand somit abermals dicht vor mir.
„Für Samstag. Du hast mich nach Hause gebracht, als ich total dicht im Wald eingepennt bin.“ Immer noch wirkte er freundlich und weltoffen. Auf seine Aktion hin runzelte ich lediglich die Stirn.
„Kein Problem“, meinte ich knapp und versuchte mich an ihm vorbeizudrängeln. Doch Ean stellte sich erneut vor mich, was mich genervt reagieren ließ.
„Was?!“
„Du weißt, wer Samstag bei mir war“, hauchte er schon fast und sah mich mit einem feinen, triumphierenden Lächeln an. Klar wusste ich das, aber sagen würde ich ihm das bestimmt nicht.
„Ich hab keinen Plan, wovon du redest“, sagte ich schnell und flüchtete dieses Mal erfolgreich ins Klassenzimmer bis zu meinem Platz. Ean stiefelte mir natürlich hinterher und fixierte mich regelrecht, während ich mein Mathezeug wegpackte.
„Doch, hast du. Ich seh’s dir an der Nasenspitze an.“
Ich konnte den Reflex, an meine Nase zu greifen, gerade noch so unterdrücken und wühlte verbissen in meiner Tasche rum, ohne was Konkretes zu suchen.
„Du spinnst“, brabbelte ich nervös vor mich hin. Mein Mitschüler wurde langsam ungeduldig, packte meinen Arm und sah mich fast schon flehend an.
„Bitte, ich muss wissen wer sie ist.“
Seine warme Hand direkt auf meiner Haut jagte mir kleine Hitzewellen durch den Körper und ich konnte ihn wieder nur mal mit großen Augen anstarren. Gerade noch so schaffte ich ein leichtes Kopfschütteln, bevor ich fast schon traurig flüsterte:
„Ich kann dir dabei nicht helfen.“
Mit einem verwirrten Gesichtsausdruck nahm er seine Hand von mir weg und blickte mich durchdringend an. Ean wollte gerade ansetzen etwas zu sagen, doch ein lauter Knall ließ uns erschrocken zusammenfahren. Unsere Deutschlehrerin stand an ihrem Tisch und hatte ein Buch extra kräftig drauf fallen lassen.
„Ich werde ihnen beiden aber gleich weiterhelfen, wenn sie nicht sofort an ihren Platz gehen und still sind!“, wetterte sie los, worauf wir beide uns verwundert umschauten.
„Die Stunde hat wohl schon begonnen“, stellte Ean überflüssiger Weise fest, worauf die ganze Klasse kicherte. Dann drehte er sich nochmals zu mir um und sah mich schelmisch an. „Ups“, sagte er grinsend, bevor er sich gemütlich zu seinem Platz bewegte und sich auf seinen Stuhl fallen ließ, gefeiert natürlich von den gesamten Mitschülern.
Ich wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken und alles nur wegen diesem bescheuerten Poser. Auch diese Stunde überstand ich mehr oder weniger gut, packte mein Zeug zusammen und war schon wenige Sekunden nach dem Pausenklingeln draußen auf dem Gang Richtung Kunstraum. Ean wurde ich dadurch leider nicht los.
„Du hast’s aber eilig“, tauchte er mit einmal neben mir auf, worauf ich meine Schritte nur noch beschleunigte. Mein Klassenkamerad hatte sich jedoch längst festgebissen. Er spürte wohl, dass ich etwas verbarg. Das gab ihm allerdings noch lange nicht das Recht, mir von hinten um den Hals zu springen und bescheuertes Zeug ins Ohr zu hauchen!
„Mir kommt es fast so vor, als ob du vor mir wegläufst.“
Dank dem Klammeraffen kam ich keinen Schritt vorwärts und bleib entnervt stehen.
„Red kein Scheiß“, brummte ich und versuchte mich von Ean zu lösen, doch er machte weiterhin seinen Spaß.
Für mich war es pure Quälerei. Ich wusste noch ganz genau, wie es sich anfühlte, von ihm berührt zu werden, ihn zu berühren, zu schmecken, seine Lippen, sein heißer Atem, das erregte Stöhnen … Jedes Mal wenn ich an ihn dachte, kamen die Bilder unserer Nacht wieder hoch, mein Magen krampfte sich zusammen und ich wusste nicht, ob ich mich total super oder voll schlecht fühlen sollte.
Meist tendierte ich zu letzterem. Und das Ganze verfünffachte sich, wenn Ean mir so krass auf die Pelle rückte. Mein Mitschüler wechselte ein wenig die Position, in dem er „nur“ noch den Arm um meine Schulter legte und mich ein Stück mit sich zog.
„Entspann dich! Ich lass dich sofort zufrieden, wenn du mir sagst, wer am Samstag die Nacht bei mir verbracht hat.“ Er lächelte mich dermaßen unverschämt freundlich an, als hätte er mir das Angebot des Jahres gemacht. Mir hingegen wurde seine Nähe immer unangenehmer.
„Geht’s noch? Komm mal klar mit dir!“, zickte ich schwach und schaffte es nicht, seinen Arm von mir abzuschütteln. Auf meine Befreiungsversuche verstärkte Ean seinen Griff nur noch.
„Würde ich ja gern, wenn du mir endlich hilfst“, sagte er, spannte ein wenig mehr seine Muskeln an, damit ich noch ein Stück näher an ihr ran musste. „Komm schon. Bitte.“
Seine Lippen berührten fast meine Wange, was mich total kirre machte und zum schwitzen brachte. Ich wollte wieder verärgert drauf reagieren, als Ean plötzlich seinen Griff lockerte und mich seltsam musterte. Dann begann er an mir zu schnuppern, so als wäre ich eine Blume und er würde einen tiefen Zug nehmen wollen. Dann sah ich in seinen Augen Erkenntnis.
„Du?“, hauchte Ean.
Mein Herz setzte für ein paar Schläge aus und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Dann machte sich wieder einmal Panik in mir breit. Das einzige Wort, was mir ständig durch den Kopf hämmerte, war Scheiße … Scheiße … Scheiße!
„Du spinnst ja“, pflaumte ich meinen Klassenkameraden an, stieß ihm meinen Ellenbogen in die Seite und wollte weglaufen. Doch er packte mich derb am Handgelenk und schleuderte mich so hart gegen die Wand, dass mir für ein paar Sekunden die Luft wegblieb. Seine Hände stütze er schwer auf meine Oberarme, sodass ich mir wie festgenagelt vorkam.
„Was soll der Scheiß?“, blaffte ich Ean verärgert an.
Er sah wütend aus – richtig wütend. Der dauergrinsende Sonnyboy hatte sich in ein angepisstes Etwas verwandelt, die sonst so frech blitzenden Augen zu schmalen, lauernden Schlitzen verengt. Ich war so gut wie tot – eindeutig! Die Lippen fest aufeinander gepresst, beugte sich Ean langsam zu mir vor, bis uns nur noch Millimeter voneinander trennten.
„Sag mir die Wahrheit“, flüsterte er fast und machte hinter jedem Wort eine kleine Pause. „Hast du am Samstag mit mir die Nacht verbracht?“
Er wirkte so bedrohlich auf mich, dass ich aus lauter Reflex den Mund aufmachte, um irgend nen bescheuerten Kommentar abzulassen, als er mich schroff kurz gegen die Wand stieß.
„Die Wahrheit!“, zischte er und durchbohrte mich regelrecht mit seinem stierenden Blick. Anstatt mich einzuschüchtern, löste dies nur eine Kurzschlussreaktion bei mir aus. Mit meinem Fuß trat ich ihn hart gegen das Schienbein, mit der linken Faust hieb ich kräftig in seine Seite und als er zurücktaumelte, holte ich mit der Rechten aus und schlug ihn mit voller Wucht direkt ins Gesicht, sodass Ean keuchend auf dem Boden landete.
„Du hast sie ja nicht mehr alle!“, schrie ich ihn an und stampfte dann nach Hause davon. Keine weitere Minute konnte ich es mit ihm im gleichen Gebäude – geschweige denn im selben Raum aushalten.
Am nächsten Tag brachte mich meine Mom persönlich in die Schule. Sie war so was von sauer gewesen, als ich so früh auftauchte. Trotzdem rief sie im Sekretariat an und entschuldigte mich für die restlichen Stunden, mir sei schlecht gewesen. Natürlich tat sie das nur unter der Bedingung, dass ich ihr genau erzählen musste, was überhaupt passiert war.
Meine Mom staunte nicht schlecht und war nur beruhigt, dass wir Kondome benutzt hatten. Nach einer kurzen Umarmung und „Du schaffst das schon“ war auch dieses Thema gegessen. Dass ich auf Jungs stand, wussten meine Ellis schon lange. Meine Familie war echt die Beste.
Zum Glück standen für die ersten Stunden verschiedene Kurse an, weswegen ich Ean bis zum Mittag gut aus dem Weg gehen konnte. Nachdem ich meine Extraaufgaben beim Mathepauker abgegeben hatte, stürzte ich mich gleich in den Unterricht. Das lenkte echt super ab, was wohl auch an dem Gespräch mit meiner Mom lag. Geteiltes Leid war wirklich halbes Leid. Selbst die Fechtstunden kurz vor der Mittagspause liefen richtig klasse, weswegen ich etwas überzog.
Als ich in die Umkleide kam, waren die Anderen längst fertig und gingen in die Mensa. Mir machte das weniger was aus, da ich gerne ein bisschen allein war. Gemütlich zog ich mich aus, schnappte mir Handtuch und Duschgel und verschwand unter die Dusche. Es tat richtig gut, nach einem harten Training das fast schon kochend heiße Wasser auf meiner Haut zu spüren. Vielleicht war ich in dem Sport nicht gerade der Beste, aber es machte wahnsinnig viel Spaß und das war für mich alles was zählte.
Zufrieden mit mir selbst, stellte ich das Wasser ab, schlang mir das Handtuch um die Hüfte und trat aus dem Duschbereich in die Umkleide. Doch mitten im Schritt blieb ich stehen und starrte auf die Bank vor mir, die an den Spinden stand, reserviert für das Basketballteam.
Wie für mich „Glückspilz“ nicht anders zu erwarten, saß dort der (Alb?)Traum meiner schlaflosen Nächte. Er hatte die Unterarme auf die Beine gestützt und raufte sich die Haare. Ean musste mich gehört haben und sah beim aufstehen kurz desinteressiert zu mir rüber. Als er mich allerdings erkannte, wurde er schlagartig wacher und sah mich groß an.
„Du Sasha, wegen gestern wollte ich mich noch entsch…“
Mitten im Satz hielt er inne und fixierte meinen Hals und die Brust. Ertappt faste ich an die rötlichen Stellen, an denen mir Ean an jenem Samstag die Knutschflecke verpasst hatte. Wütend kam er auf mich zu und ich wich automatisch nach hinten zurück.
„Du hast mich belogen!“, stellte er verärgert fest.
„Ich hab nie irgendwas gesagt!“, versuchte ich mich zu verteidigen.
„Was zu verheimlichen ist genau das gleiche.“
„Du redest in der letzten Zeit echt nur Müll.“ Wieder hatte mich mein Klassenkamerad bis an die Wand gedrängt und als ich ausweichen wollte, die Hände auf meine Schultern gepresst.
„Und wer ist daran Schuld?“, maulte er mich an und noch ehe ich „Wie bitte?“ aussprechen konnte, hatte Ean mich schon geküsst.
Total perplex gab ich erstmal nach, gewährte seiner Zunge nach ein paar Bitten Einlass und genoss dieses berauschende Gefühl, dass sich von innen heraus ausbreitete. Erst als ich kaum mehr Luft bekam, ließ Ean etwas von mir ab. Seine Stirn hatte er an meine gelehnt, die Lider geschlossen und unser beider Atem ging recht schnell.
„Schlaf mit mir“, hauchte mein Mitschüler heiser.
„Was?“ Verwirrt hatte ich ihn etwas von mir weggeschoben, um ihn besser anschauen zu können.
„An Samstagnacht kann ich mich kaum noch erinnern. Ich weiß nur noch, dass es die genialste war, die ich je hatte. Ich muss wissen, wie es mit dir ist, wenn ich bei klarem Verstand bin. Also bitte schlaf mit mir.“
Ehm … hatte ich mich da gerade verhört? Das gesamte, wahnsinnig schöne Gefühl, was mich von der Herz– und Bauchgegend durchflutet hatte, war wie weggewischt. Stattdessen war ich nur noch stinksauer. Ich holte richtig weit aus und klatschte mit voller Kraft meine flache Hand auf seine Wange.
„Du willst bei klarem Verstand sein? Hast du sie noch alle?!“, schrie ich Ean hysterisch an, ließ den völlig perplexen Sonnyboy einfach stehen und stampfte zu meinen Klamotten.
Genau in diesem Augenblick kam der Rest der Basketballmannschaft in die Umkleide und motzte mich schon an, weil ich sie fast umrannte. Aber Ean lief direkt in sie hinein, wodurch ich genügend Zeit hatte, mir Shorts und Hose drüber zu ziehen, bis mein Klassenkamerad in der hintersten Ecke des Raumes bei mir ankam.
„Sasha, ich glaub, du hast da gerade was vollkommen falsch verstanden“, versuchte er sich zu erklären, doch ich unterbrach ihn.
„Ne, ich hab schon kapiert. Aber falls du‘s noch nicht gemerkt haben solltest: Ich bin kein Callboy! Wenn du‘s so nötig hast, such dir ne Nutte zum vögeln!“, schnauzte ich ihn wütend an, worauf er verärgert zurückblickte.
Die anderen Jungs hatten unseren Streit logischer Weise mitbekommen und tauchten nacheinander hinter Ean auf. Wir alle zuckten ganz schön zusammen, als der Schönling seine Faust gegen den blechernen Spind krachen ließ.
„Ich habe aber keinen Bock auf falsches, bezahltes ficken. Ich will dich!“
Ist der bescheuert??? Scheiße war das peinlich! Alle glotzten erst Ean dann mich mit aufgerissenen Augen an und ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Dieses Mal allerdings hatte ich nicht vor, das Geringste auf mir sitzen zu lassen. Ich legte den absolut kältesten Blick auf, zu dem ich gerade im Stande war und ließ meine Stimme so abwertend klingen wie nur möglich. Es wurde langsam Zeit, dass ihn einer Mal in die Schranken verwies.
„Ich will DICH aber nicht.“
Ohne Hast schnappte ich mir meine fertig gepackte Tasche und verließ die Umkleide. Den gesamten Nachmittag über blieb ich von Ean verschont und auch sonst ließ mich jeder in Frieden. Sie ignorierten mich halt wie immer, obwohl ich hier und da doch einige Blicke auf mir spürte. Na ja, die Szene in der Umkleide war schon recht ungewöhnlich gewesen.
Nicht weil zwei Kerle vielleicht etwas miteinander hatten. Unser Klassenlehrer Herr Walter war schwul, weswegen das kein besonders Pairing war. Ich lieferte eher Gesprächsstoff, weil es bisher kein Anderer gewagt hatte, mit Ean so umzugehen. Er war an der gesamten Schule total beliebt, halt DER Sonnyboy aus ner schlechten Dailysoap. Jeder mochte ihn und die meisten hätten den kleinen Finger für gegeben, um die Worte „Ich will dich!“ aus seinem Mund zu hören. Mir hingegen ging es voll auf den Sack.
Wie konnte dieses verwöhnte Balg nur so eine Selbstverständlichkeit an den Tag legen? Nur weil seine Ellis die übelste Kohle hatten, bedeutete dies nicht, dass ihm jeder zu Füßen lag. Ich glaubte einfach, dass der Typ in seinem gesamten bisherigen Leben noch nie ne Abfuhr erhalten hat. Zumindest würde das seinen total geknickten Blick erklären, den er nach meinen Worten drauf hatte. Ich versuchte mein schlechtes Gewissen damit zu beruhigen, dass er das einfach mal brauchte, dass ich vollkommen richtig gehandelt hatte.
Allerdings marterte ich mich trotzdem mit Vorwürfen, was wohl auch daran lag, dass Ean nach dieser Aktion verschwand. Magenverstimmung war die offizielle Version seiner Teammitglieder, von denen drei auch in unsere Klasse gingen. Mehr erzählten sie dem Lehrer wohl nicht. Na wenigstens hielten die zusammen.
Eigentlich dachte ich, dass der nächste Tag etwas ruhiger werden würde, aber das erledigte sich schon zum frühen Morgen komplett. Meinen Wecker muss ich wohl im Halbschlaf ausgeschaltet haben, weswegen ich vollkommen verpennt hatte. Mit dem Fahrrad holte ich auch nicht wirklich viel Zeit auf und so stolperte ich regelrecht in den Unterrichtsraum hinein, gerade als es anfing, zur Stunde zu läuten. Doch als ich meinen Rucksack auf meinen Platz werfen wollte, saß dort schon jemand. Zwei Mädels hatten meinen Tisch blockiert und sahen nicht gerade fröhlich aus.
„Das ist mein Platz!“, motzte ich sie gleich an, mir vollkommen bewusst, dass ich mich im Ton vergriffen hatte. Das lag nur daran, weil ich komplett übermüdet war und alles nur wegen diesem idiotischen Sonnyboy und seinem belämmerten Gesichtsausdruck, der mich bis in meine Träume verfolgte.
„Ach nee“, zickte Carolin zurück. „Sag das mal Frau Seidel.“
Verwirrt schaute ich mich zu ihr um, wo sie mich mit nem Lächeln begrüßte.
„Ihnen auch einen schönen guten Morgen, Herr Büchle. Da sie es ja doch noch geschafft haben, gerade so pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, stelle ich ihnen – extra für sie – Herrn Josias vor. Er schreibt gerade seine Diplomarbeit und wird die Klasse eine Weile begleiten.“
Ich blickte in die angedeutete Richtung auf die letzte Bank der Mittelreihe, wo sonst die beiden Mädels saßen. Was mir dort entgegenstrahlte war einfach nur … wow! Helle, wache Augen, leicht gebräunte Haut, glatte hellbraune, lange Haare, die locker zu einem Zopf nach hinten gebunden waren. Mal davon abgesehen, strahlte er eine Freundlichkeit aus, bei der mir gleich wärmer ums Herz wurde.
„Ich fand es besser, sie mit ihrem Klassenkameraden zusammenzusetzen, als die beiden Damen auseinander zu reißen. Also wenn sie langsam hinten Platz nehmen würden, könnten wir endlich mit dem Unterricht beginnen.“
Ich war noch viel zu befangen, um alles klar verstanden zu haben, weswegen ich komisches Zeugs vor mir her brabbelte.
„Hinten zu Herrn Josias? Alles klar.“ Es grenzte an ein Wunder, dass ich nicht anfing zu sabbern.
„Doch nicht da hinten. Er ist doch nicht ihr Klassenkamerad. Ich rede von der Fensterreihe, dem Platz neben Herrn Fornell.“
Volle Kanne landete ich wieder in der Realität. Ungläubig sah ich meine Lehrerin an.
„Neben Ean???“, fragte ich sinnloserweise nochmal nach. Es war eh kein anderer Stuhl frei, außer neben diesem Schnuckel. Mal davon abgesehen, dass ich mich hier gerade voll lächerlich machte – was ich an den kichernden Mitschülern bemerkte – sah Frau Seidel mich an, als wär ich nicht ganz dicht.
Und was tat dieser Vollidiot namens Ean? Der lächelte mich bescheuert an, zog den Stuhl zurück und klopfte auffordernd auf die Sitzfläche. Dem schien es ja wieder voll super zu gehen. Und ich Depp machte mir noch um ihn Sorgen. Ganz großes Kino! Zähne knirschend ging ich nach hinten und setzte mich hin, so weit als möglich von meinen Klassenkameraden entfernt.
Allerdings begannen wir ab heute eine neue Geschichte zu lesen und zu meinem Glück bekam jede Bank nur ein Buch. Womit hatte ich das eigentlich verdient? Ean rückte gleich so dicht an mich heran, bis unsere Stühle aneinander stießen, was bei mir die ersten Schweißausbrüche auslöste. Und unsere Arme und Finger berührten sich beim umblättern der Seiten natürlich rein aus Versehen. Na klar … und den Weihnachtsmann gab‘s wirklich, Schafe können fliegen und Schoki macht nicht fett.
Es war ja nicht so, dass mir seine Werberei nicht gefiel. Normalerweise wäre das der Egoaufpuscher schlechthin. Aber hier kannte ich das Motiv, was mir alles andere als passte. Der Typ nahm sich einfach viel zu viel raus, weswegen das Pausenklingeln einer richtigen Erlösung gleichkam. Jedoch nur für fünf Minuten, denn danach begann die zweite Hälfte der Doppelstunde, die mir wie ein halber Tag vorkam.
Irgendwann war aber auch die vorbei und ich sammelte nach dem Klingeln mein Zeug hektisch zusammen, um für wenigstens eine Viertelstunde dieser Hölle zu entkommen. Die Hofpause und dazugehörige frische Luft würde mir echt gut tun. Doch als ich aufstehen und mich schnellstmöglich verziehen wollte, hielt Ean auf einmal meinen Unterarm fest, als wäre dieser auf der Tischplatte angetackert. Erschrocken plumpste ich wieder auf meinen Stuhl zurück und sah ihn verärgert an.
„Wir haben da noch etwas zu klären“, meinte mein Mitschüler ungewohnt ernst, was mich anfangs richtig irritierte.
„Kommt schon Jungs, raus mit euch“, meldete sich Frau Seidel zu Wort, da zur Hofpause für gewöhnlich alle auch raus mussten.
„Frau Seidel ist das okay, wenn ich ausnahmsweise heute mal drin bleibe? So toll geht‘s mir noch nicht, aber vom Unterricht will ich auch nichts verpassen“, bat Ean und tat einen auf Mitleid. Also schauspielern konnte der Typ richtig gut. „Sasha bleibt auch bei mir, falls was sein sollte.“ Unsere arme Lehrerin tappte natürlich voll in seine Falle.
„Na gut, ausnahmsweise. Ich sehe ja, dass sie noch ein wenig blass um die Nase sind. Außerdem sind sie ja sonst der Erste, der auf dem Schulhof zu sehen ist. Allerdings erwarte ich, dass sie beide sich ruhig verhalten!“
Ean nickte als Bestätigung und ich guckte nur dämlich drein. Frau Seidel war schon an der Tür, als sie sich nochmal kurz zu uns rumdrehte.
„Schön, dass sie langsam auftauen, Herr Büchle.“
Dann waren wir allein. Und ich wütend! Beim aufstehen hatte ich so einen Schwung drauf, dass mein Stuhl nach hinten umfiel und ich Ean ein Stück mit hoch zog, denn meinen Arm ließ er nicht so schnell los.
„Sag mal, was ist eigentlich dein Problem?“, schnauzte ich ihn an. Mein Mitschüler blieb relativ ruhig, schaute mich nur mit zusammengezogenen Brauen an.
„Ich habe keins, aber du scheinst eines mit mir zu haben. Warum weichst du mir aus?“
„Was? Das fragst du noch? Nach der Szene in der Umkleide?“
„Mal davon abgesehen, dass du mir schon vorher ständig aus dem Weg gegangen bist, habe ich dort die Wahrheit gesagt.“
„Das glaub ich dir sogar. Aber weißt du was? Ich habe absolut keinen Bock drauf, für dich die Probepackung zu spielen, um zu schauen, was dir besser gefällt.“
„Hältst du mich für so egoistisch?“
„Für ein kleines, reiches, verzogenes Einzelkind, dem es tierisch auf den Sack geht, wenn mal was nicht so läuft wie er es will, trifft es schon ganz gut.“
„Dass gerade du so von Vorurteilen geprägt bist, hätte ich nicht gedacht.“ Trotz der Beleidigung wurde Ean nicht sauer, wirkte eher jetzt noch viel nachdenklicher, was mich unsicher werden ließ.
„Was soll ich sonst von dir halten, wenn ich aus deinem Mund solche Sprüche höre wie: ‚Es war in einer lauen Sommernacht‘ oder ‚SIE hatte übelst weiche Lippen, nen geilen heißen Körper und voll den knackigen Arsch‘. Und wie kommt ihr überhaupt auf Deprikücken?!“ Ich hatte mich ganz schön in Rage geredet und alles nur, um diese bescheuerten Gefühle in mir in Griff zu bekommen.
„Na ja, du hast halt von Natur aus diese fast gelben Haare und bist ein Stück kleiner als wir. Außerdem guckst du meistens … so böse. Moment mal …“ Ean musste ein wenig schmunzeln, als er mir den Spitznamen erklärte, wurde dann jedoch stutzig und sah mich verwundert an. „Als ich das erzählte, war ich mit dem Team allein in der Umkleide, oder?“ Fragend musterte mich mein Mitschüler, wodurch ich mich immer unwohler fühlte. Ich hatte mir ertappt auf die Zunge gebissen und wich seinem Blick aus.
„Kein Wunder, warum du nicht viel von mir hältst.“ Überrascht schaute ich wieder zu ihm auf und sah in sein lächelndes Gesicht. „Hör mal, vielleicht waren die Worte ein bisschen plump, aber wahr waren sie trotzdem. Den Abend mit dir, dass was es bei mir auslöste, geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Genauso wenig wie du.“
Bei jedem Wort kam er mir Stück um Stück näher, bis er ganz dicht vor mir stand, seine Hand hob und mir zärtlich über die Wange streichelte. Mein so schon überbeanspruchtes Herz legte noch einen Zahn zu und meine Knie verwandelten sich in Gelee, als Eans Lippen den meinen immer näherkamen.
Zuerst war es nur eine ganz sanfte Berührung, von den Erwartungen des Momentes geprägt. Dann begannen wir uns zu bewegen, vorsichtig tasteten sich Zungen vor, trafen aufeinander und lösten ein Kribbeln in mir aus, was meinen gesamten Körper durchflutete. Unsicherheit und Aufregung vermischte sich mit stetig wachsender Lust, die mich fast kirre machte.
Eans Hand, die mich vorher am Unterarm festhielt, hatte sich längst mit meinen Fingern verknotet und seine Andere wanderte zwischen meinem Nacken, Wange und Haare aufgeregt hin und her. Wie benebelt gierte ich regelrecht nach dem Anderen, saugte mich an seiner Lippe fest und biss leicht hinein. Ean zuckte etwas zurück und sah mich mit einem undefinierbaren Blick an. Seine Augen glänzten fiebrig und er leckte sich etwas über die von mir verwundete Stelle. Der Atem meines Mitschülers ging gleichsam wie meiner ungewöhnlich schnell und er sprühte eine Geilheit aus, die mich wie eine Sintflut mitzureißen drohte.
Ich hatte das dumpfe Gefühl, als wollten meine Beine jeden Augenblick nachgeben und ging einen Schritt zurück. Ean schien es allerdings bemerkt zu haben, packte mich an den Hüften und setzte mich kurzer Hand auf unseren Tisch. Wusste er eigentlich, was er da gerade tat? Zuletzt hatte mein Klassenkamerad im Affekt und unter Alkoholeinfluss gehandelt. Jetzt allerdings – im wachen Zustand – musste er sich doch bewusst sein, worauf das alles hinauslaufen würde. Ich saß ein Stück versetzt zu Ean, sodass jeweils ein Bein von uns genau im Schritt des anderen stand und dort deutlichen Druck ausübte.
‚Shit, wenn das so weiter geht, würde mir im Klassenzimmer glatt einer abgehen. Und wo wir gerade dabei waren. Was zum Teufel mach ich hier eigentlich gerade???‘
Warum die Tussis so auf diesen Sonnyboy standen, wusste ich nun. Er hatte es echt drauf und ich genoss es auch in vollen Zügen. Aber ich war keines dieser Mädels, welche sich leichtfertig nach dem ersten Geplänkel flachlegen ließen – zumindest bisher. Was ich brauchte war Tiefgang, etwas was ein Stück über das Körperliche hinausging. Wenn ich jemanden zum Vögeln bräuchte, wüsste ich schon, wo ich hingehen konnte.
Allerdings war das Einzige, was hier immer tiefer wurde, Eans Stöhnen, bei dem ich mich stark zusammenreißen musste, um nicht mit einzustimmen. Das Vorklingeln, was für die meisten Schüler ein Zeichen war, wieder das Gebäude betreten zu dürfen, riss mich endgültig aus meinem tranceartigen Zustand. Ich versuchte meinen Klassenkameraden von mir wegzuschieben, aber er stemmte sich gegen meine Hände, nicht willig auch nur einen Millimeter zwischen uns freizugeben.
Ging’s dem Typen noch ganz gut? Jeden Augenblick würde der Rest der Klasse hier auftauchen, dass müsste er doch wissen. Ich hatte echt keinen Bock drauf, diese Woche noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Egal was ich auch versuchte, Ean gab einfach nicht nach, weswegen ich mein altbewährtes Mittel einsetzen musste.
Dieses Mal biss ich ihn etwas kräftiger in die Unterlippe, beugte mich dann ein Stück zurück, holte aus und schlug mit der Faust in sein Gesicht. Ein paar Schritte war er nach hinten getaumelt, stütze sich mit einer Hand an der Wand hinter sich ab und befühlte sein Kinn mit der Anderen.
„Das scheint ja langsam zur Gewohnheit zu werden“, murrte mein Mitschüler und funkelte mich ärgerlich an.
„Du scheinst ja drauf zu stehen. Wenn ich nicht will, dann will ich nicht und dass hast du gefälligst zu akzeptieren“, blaffte ich zurück und stand auf. Es war verdammt schwer, meinen Puls wieder auf ein normales Niveau zu bringen.
„Du zickst schlimmer rum, als nen Mädchen. Vor allem weil ich mir hundert pro sicher bin, dass du mindestens so geil bist wie ich.“
Mit einem süffisanten Lächeln deutete er auf meine fette Beule, die sich trotz der lockeren Hose deutlich abzeichnete. Ich spürte, wie mein Blut zurück nach oben schoss, direkt in mein Gesicht. Und was tat ich immer, wenn mir was total peinlich war? Ich schaltete auf stur und flippte ein Stück aus.
„Ich bin aber keines deiner bekloppten Weiber!“, schnauzte ich Ean an, hob den von vorhin umgestoßenen Stuhl auf und ließ mich wütend draufplumpsen.
Dass ich mich so krass von diesem Typen hatte hinreißen lassen, kotzte mich dermaßen an, dass ich verärgert auf meinem rechten Daumennagel rumkaute und nur nebenher mitbekam, wie die ersten Klassenkameraden den Raum betraten. Deswegen zuckte ich ein Stück zusammen, als Ean seine Hände auf meine Stuhllehne stützte und seine Lippen ganz dicht an meinem Ohr waren.
„Genau das macht die Sache um Längen interessanter“, hauchte er verführerisch, wand sich ab und verließ das Klassenzimmer.
Ich konnte ihm lediglich mit offenem Mund nachstarren. Es war ganz kurz vor Stundenbeginn, als dieser Sonnyboy wieder auftauchte und sich mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen neben mich hinsetzte. Warum sah der so widerlich gelassen aus? Mit der Aktion von vorhin hatte ich zumindest immer noch zu kämpfen.
Der einzige Gedanke, der mich beruhigte war, dass lediglich eine Doppelstunde Englisch auf dem Plan stand und wir dann wieder in verschiedene Kurse gingen. Aber zuerst galt es, die nächsten neunzig Minuten zu überstehen, was der Typ neben mir nicht gerade leicht machte.
„Du solltest dich echt mehr entspannen“, flüsterte dieser leise, worauf ich leicht schnaubte.
„Du hast gut reden“, brabbelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart.
„Ich hätte schon dafür gesorgt“, versicherte mir mein Mitschüler, weswegen mir etwas wärmer wurde. Immer wieder sahen wir von unseren Lehrbüchern auf zur Tafel und checkten den Pauker so unauffällig wie möglich ab, ob er auch nichts bemerkte.
„Du bist ja auch nicht mehr ganz dicht“, zickte ich bedeckt.
„Ich folge nur meinen natürlichen Instinkten. Und das solltest du auch langsam mal machen, sonst platzt du noch!“
Um seine Worte zu unterstreichen, ließ er doch glatt seine rechte Hand unter den Tisch gleiten, direkt auf mein bestes Stück. Ich holte tief Luft und biss die Zähne fest aufeinander. Hart umfasste ich Eans Handgelenk und zog ihn von meiner Körpermitte weg. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass ich dies nur schaffte, weil er es wollte.
„Glaub mir, ich weiß wovon ich rede“, faselte er weiter und leckte sich ein Stück über den rechten Zeigefinger.
Hä? Wovon redete dieser Vollidiot überhaupt? Moment mal … Er hatte doch nicht … auf dem Klo??? Zumindest würde das seinen entspannten Gesichtsausdruck erklären. Ean war wirklich total notgeil. Ich jetzt allerdings auch. Allein die Vorstellung, wie dieses Leckerli zärtlich seinen Schwanz streichelte und es sich dann ordentlich, mit einem Hauch von Sinnlichkeit, besorgte, war schon fast zu viel. Mein Mitschüler sah wohl die Erkenntnis in meinen Augen und grinste hinterhältig.
„Ich brauchte nur meine Lider zu schließen und mir dich in Erinnerung rufen, wie du, heiß auf dem Tisch sitzend, nach meinen Lippen giertest und schon war es passiert.“
Wie bitte? Keine Ahnung seit wann der Schönling einen auf Poesie machte, aber seine Worte schlugen bei mir ein wie eine Bombe. Wie von der Tarantel gebissen, sprang ich auf und rannte aus dem Klassenzimmer mit den Worten „mir ist schlecht, muss aufs Klo“, mein T–Shirt so weit es unauffällig ging nach unten gezogen.
Zum Glück waren die Toiletten dank der Putzfirma richtig sauber, ansonsten hätte es mich wirklich angeekelt. So kam ich mir lediglich schäbig vor. Kaum auf dem WC angekommen, hatte ich mich in einer Kabine eingeschlossen und schon war es auch vorbei. Wenige Berührungen reichten aus, um mir einen Orgasmus zu bescheren, bei dem mir heiß und kalt wurde. Und alles nur wegen diesem Idioten! Ich fasste es einfach nicht. Dass er auf mich so eine krasse Wirkung hatte, konnte ich ja gerade noch so verkraften. Aber dass er alles als so dermaßen selbstverständlich hinnahm, kotzte mich an!
Alles schon längst bereinigt, hatte ich auf den Klodeckel sitzend mein Gesicht in die Hände vergraben, als es sacht an der Kabinentür klopfte. Erschrocken zuckte ich zusammen und blickte fast schon panisch auf. Konnte er mich nicht mal eine Minute in Ruhe lassen? Ich war fest in dem Glauben, dass Ean mir gefolgt war. Dieses Mal irrte ich allerdings.
„Sasha, geht es dir gut?“, hörte ich eine sanft klingende Stimme, in der ein Hauch Besorgnis mitschwang. Verwirrt runzelte ich die Stirn und machte die Tür auf. Davor stand doch tatsächlich dieser Schnuckel von Student und musterte mich eingehend. „Du siehst aus, als könntest du frische Luft vertragen“, meinte dieser bestimmend, zog mich aus dem Klo hinaus, die Treppen runter auf den Schulhof, wo wir eins zwei Runden liefen. „Und? Besser?“
Wow, dieser Typ hatte ein abgöttisches Lächeln, was mich wie Butter in der Sonne dahinfließen ließ. Ich nickte nur und brachte gerade so ein gekrächztes „Danke“ zustande.
„Dein Banknachbar hat bei dir wohl so einiges durcheinander gebracht, hm?“, fragte er weiter freundlich. Ich brach spontan in Schweiß aus und schaute ihn mit großen Augen an. „Die Magenverstimmung. Ich fürchte, du hast dich bei ihm angesteckt“, erklärte er sich, als nichts weiter von mir kam außer blödes Gegaffe.
„Ehm … ja … *hüstel* Das wird es wohl sein“, stammelte ich erleichtert, dass er doch nichts weiter mitbekommen hatte, schließlich saß er ja fast neben uns. „Aber es geht schon wieder. Brauchen sich also keine Sorgen mehr zu machen“, versuchte ich einen kleinen Vorstoß und lächelte ihn schüchtern an.
„Gut, dann lass uns wieder reingehen, sonst setzt Herr Walter noch eine Vermisstenanzeige auf“, strahlte diese Sahneschnitte zurück und gemeinsam machten wir uns wieder auf den Weg zum Klassenzimmer. Student und Lehrer nickten sich kurz zu, als wir reinkamen und so wurde ich nicht mal zu einer Ausrede genötigt.
Schnell verkrümelte ich mich nach hinten auf meinen neuen Platz, wo ein diesmal recht schweigsamer Ean saß. Etwas verwundern tat mich das schon, weil er doch eigentlich das erreicht hatte, was er wollte. Ich war mir hundert pro sicher gewesen, dass er seinen Triumph auskosten würde.
Die verbliebene Zeit der neunzig Minuten verging recht schnell, was wohl mehr Herrn Walter zu verdanken war, dessen Unterricht zwar fordernd, aber immer lustig war. Mein Banknachbar schien in seiner Arbeit so dermaßen vertieft zu sein, dass er mich komplett in Ruhe ließ, worauf ich mich mehr entspannte. Vielleicht hatte er schon jetzt sein Interesse an mir verloren, da ich mich doch schneller von ihm hatte beeinflussen lassen, als ich mir zugestehen wollte. Für mein Ego war das nicht die beste Nahrung und ein drückendes Gefühl in der Brustgegend löste der Gedanke auch aus.
Aber vorerst schob ich das alles beiseite, kümmerte mich um den Stoff, den der Pauker zu vermitteln versuchte und freute mich einfach, dass dieser Schnuckel von Student mit mir gesprochen hatte. Nach den beiden Englischstunden schaffte ich es, in Ruhe mein Zeug zusammen zu packen und unbehelligt den Raum zu meinen Kursen zu verlassen, dass es schon fast an Normalität grenzte.
Dadurch motiviert, verging der restliche Tag wie im Flug und schneller als gedacht, stieg ich die letzten Stufen hinab auf den untersten Flur Richtung Heimat. Von dort aus mündeten jeweils links und rechts ein Ausgang, wobei ich normalerweise immer den zuerst genannten Weg einschlug. Mitten im Schritt hielt ich allerdings inne, weil genau dort Ean mit seinem Gefolge stand und fast die ganze Passage für sich einnahm.
Man müsste sich an ihnen regelrecht vorbeidrängen, worauf ich absolut keine Lust hatte. Körperkontakt mit so vielen doch mir unbekannten Menschen löste bei mir Übelkeit aus, weswegen ich mich mit vollem Schwung der entgegengesetzten Richtung zuwandte. Zu viel Schwung wie nicht nur ich bemerkte. Logischer weise – für mich – prallte ich volle Kanne mit jemand anderen zusammen. Als ich bemerkte, mit wem ich da kollidiert war, legte ich mein scharmantestes Lächeln auf, um mich zu entschuldigen.
„Sorry. Ich war wohl etwas zu unentschlossen“, schmachtete ich Herrn Josias an.
„Die meisten in deinem Alter sind halt noch sehr sprunghaft“, kommentierte er mit einem Schmunzeln. In meinem Alter? Der redete, als wäre er zig Jahre älter, aber über fünfundzwanzig war er auf keinen Fall.
„Vielleicht, aber nicht alle“, versuchte ich freundlich klarzustellen und gewährte ihm dann den Vortritt Richtung Ausgang rechter Hand. „Ich wollte mich nochmal bei ihnen bedanken, dass sie sich die Mühe gemacht haben, nach mir zu schauen.“
„Dank nicht mir, sondern deinem Klassenlehrer. Er war sehr besorgt, der Unterricht allerdings musste auch weitergehen. Deswegen bot ich mich an“, klärte der Student mich auf und obwohl ich eigentlich hätte etwas traurig sein sollen, strahlte ich weiter. Wie konnte ich ihm auch nur irgendwie böse sein? Es reichte, dass er das getan hatte, was er halt getan hat. Warum und weshalb war mir vollkommen egal.
„Wie aufopferungsvoll“, meinte ich ironisch und freute mich wie blöde, dass Herr Josias meinen Humor verstand und mit einem Glucksen quittierte. Wir verließen das Schulgebäude und mein angeschmachteter Student blieb am Straßenrand stehen, als würde er auf jemanden warten.
„Wie lange wollen sie unsere Klasse überhaupt begleiten?“, fragte ich, um mit ihm noch ein wenig plaudern zu können.
„So lange wie es nötig ist, meine Arbeit fertigzustellen“, antwortete er vage und horchte auf, als würde er über den normalen Straßenlärm hinweg noch etwas anderes hören. „Aber ich freue mich darauf, denn schon jetzt fängt es an, mir eine Menge Spaß zu machen“, erklärte er weiter und lächelte mich wieder so freiherzig an, als würde das Gesagte nur an mir liegen, was ich mit einer Begeisterung hinnahm, als hätte man nem Kleinkind einen Lolli in die Hand gedrückt. „Bis morgen, Sasha“, verabschiedete sich dieser Schnuckel und wandte sich dem schwarzen Motorrad zu, das genau vor ihm gehalten hatte.
Der Typ der drauf saß, warf Herrn Josias forsch einen Helm zu und wartete ab, bis dieser ihn fertig festgeklippt hatte. Derweil hatte ich das dumme Gefühl, dass der in der eng anliegenden, schwarzen Kombi mit den langen Beinen mich aus den getönten Scheiben des Visiers heraus stark musterte, was bei mir eine kalt prickelnde Gänsehaut verursachte. Zuerst fand ich das einfach nur schräg. Aber als Herr Josias endlich aufsaß, mir zum Abschied kurz winke und dann seine Arme um den Vordermann legte, verstand ich dessen Reaktion.
Sanft streichelte er über die Hände seines Soziusses, der daraufhin noch enger an ihn heranrutschte. Die waren eindeutig ein Paar! Der hatte mich echt als Konkurrenten abgecheckt. Böse war ich deswegen nicht, weil es ja für mein Ego ein kleiner Puscher war. Dass dieser Schnuffi eines Studenten schon vergeben war, war ja außerdem vollkommen klar. Ein Versuch war es trotzdem wert gewesen. Mit einem Seufzer auf den Lippen hob auch ich meine Hand zum Abschied und sah beiden noch eine Weile hinterher. Dann drehte ich mich um, um nach Hause zugehen, doch Ean stand abermals im Weg. Warum wunderte das mich eigentlich noch?
„Ich würde einiges dafür geben, damit du mir ein einziges Mal so hinterher schmachtest“, meinte er mit einem sehr melancholischen Gesichtsausdruck. Ich grinste milde, seufzte erneut und ging ohne ein Wort zu sagen an ihm vorbei. Ean reagierte etwas verspätet, drehte sich dann aber doch um und lief bald neben mir her.
„Gehst du mit mir auf das Volksfest?“, fragte er sofort.
„Hä?“ Ich hatte mich da doch gerade verhört.
„Ob du mit mir auf das Volksfest gehen würdest?“
„Warum?“ Mir war unbegreiflich, was Ean da gerade mit MIR wollte.
„Damit wir uns besser kennenlernen“, antwortete er schlicht.
„Ein Date?“ Ich musterte meinen Klassenkameraden argwöhnisch.
„Nur wenn du es so betrachtest“, grinste er schelmisch.
„Da drängt sich wieder unweigerlich die Frage auf: Warum?“
Ean ging meine abwehrende Haltung ihm gegenüber tierisch auf den Sack, was mir begann, Spaß zu machen. Genervt blieb er stehen und hielt mich leicht am Oberarm fest, damit ich es ihm gleich tat.
„Mensch Sasha, mach‘s mir doch nicht so schwer. Du hast nen total bescheuertes Bild von mir und ich wohl ein komplett falsches von dir. Meinst du nicht auch, dass es langsam Zeit wird, die alten Bilder durch neue, eigene zu ersetzen?“
Wow, das klang ja fast erwachsen und dass aus Eans Mund. So ganz wollte ich ihm noch nicht über den Weg trauen.
„Eine komische Art die Leute ins Bett kriegen zu wollen. Hinterher ist doch eh alles wieder vergessen. Danke nein, aber ich habe keine Lust, mich ausführen zu lassen“, erklärte ich ruhig. Das Portrait, was ich von meinem Mitschüler hatte, wollte einfach nicht so leicht weichen.
„Ausführen?“, meckerte Ean los. „Bist du bescheuert?! Das Volksfest ist ne Benefizveranstaltung und du weißt, wohin der Erlös fliegt. Ich finde jeder sollte seinen Teil dazu beitragen. Du wirst deinen Scheiß schön selbst bezahlen.“
Seine harten Worte trafen mich fast wie eine Ohrfeige und ließen mich etwas sprachlos werden, was wiederum ganz gut so war. Ich legte meine Arroganz ein Stück weit ab, sortierte meine Gedanken und musterte Ean recht stark.
„Hab ich das jetzt richtig verstanden? Kein Date, nur etwas kennenlernen und nebenher mampfen für einen guten Zweck?“
Mein Klassenkamerad überlegte kurz und nickte dann leicht, worauf ich mich geschlagen gab.
„Samstag, 19 Uhr, unten geraderüber vom Nordeingang, bei der komischen Skulptur.“
Mein Gegenüber begann immer breiter zu grinsen und sprang mir dann unerwartet um den Hals. Als er mir noch einen innigen Kuss aufdrückte, fühlte ich mich komplett überrumpelt. So schnell wie er über mich herfiel, so schnell ließ er wieder von mir ab.
„Ich freu mich echt drauf“, strahlte er mich regelrecht an, als hätte er im Lotto gewonnen.
„Dann bis morgen“, verabschiedete sich Ean und war auch schon weg.
Ich hingegen brauchte ein paar Sekunden, um mich wieder zu fangen und war mir nicht ganz sicher, ob ich gerade das Richtige getan hatte. Nun allerdings war es zu spät, um irgendetwas wieder zu ändern, schließlich hatte ich noch meinen Stolz.
Die restlichen Tage bis zum Wochenende vergingen ungewöhnlich schnell, wenn auch ab und an voll peinlich. Entweder fand ich eine kleine rote Rose auf meinen neuen Platz oder Ean hielt mir die Tür auf beziehungsweise warb in anderer Art und Weise um meine Aufmerksamkeit. Doch immer recht dezent, ohne viel Aufsehen, da er mittlerweile wusste, dass ich dies nicht gerade schätzte.
Trotzdem kam ich mir vor wie ein Mädchen. Vor allem, weil die meisten Mitschüler mich ab und an dämlich angrinsten, so wie bisher jede neue Flamme von Ean, like: ‚mal sehen, wann der dich abschießt‘ oder ‚genieße es, so lange wie möglich‘. Aber keiner fand es irgendwie anstößig oder eklig, was wohl eher an diesem Sonnyboy lag.
Wenn einer angeblich schon alle Frauen hatte, durfte er sich anscheinend auch mal mit nem Kerl abgeben. Wieder kam diese bescheuerte Selbstverständlichkeit auf, die mir tierisch auf den Sack ging. Deswegen war ich nahe dran, dieses ‚Date‘ kurz vor knapp abzusagen. Leider besaß ich nicht mal die Handynummer meines Klassenkameraden und einfach ohne ein Wort jemanden sitzen lassen, war absolut nicht mein Style.
Also stand ich 18 Uhr frisch geduscht vor meinem Kleiderschrank und überlegte doch tatsächlich, was ich anziehen sollte. Allein der Gedankengang, ob das eine T–Shirt mit der anderen Hose kombiniert Ean eventuell gefallen könnte, ärgerte mich von Minute zu Minute mehr. Als ich allerdings in der hintersten Ecke des Schrankes zwei längst vergessene Klamotten fand, stahl sich ein feines Grinsen auf meine Lippen.
‚Wie wurde ich von den Anderen immer genannt? Deprikücken? Na mal schauen, ob ich diesem Klischee nicht etwas Nahrung spenden kann‘
Mich diebisch drüber freuend, betrachtete ich mich zehn Minuten später fertig angezogen im Spiegel. Ich hüllte mich ganz in schwarz, in eine Hose mit mehreren Taschen an den Beinen, die oben aber trotzdem recht eng am Körper anlag und ein edles, ärmelloses Shirt, welches ab und an mit zwei Zentimeter breiten Streifen aus glänzendem Stoff quer durchzogen war.
Ein bisschen Gel in die feinen Haare, damit diese nicht so rumflogen und ein schmales, einfaches Nietenarmband und der Look war fertig. Ein wenig goth-mäßig war alles schon, samt einem dezenten schwulen Hauch, was ich genau als die beste Mischung empfand. Ean sollte genau sehen, was er sich da eingebrockt hatte. Ein winziges kleines Stück von mir wollte ihm auch gefallen, aber das verdrängte ich recht gut.
Meine Mom verkniff sich nicht ganz so gekonnt ein fettes Grinsen, als ich aus meinem Zimmer kam, damit wir endlich losdüsen konnten. Sie hatte mich dazu verdonnert, mich von ihr aufs Fest fahren zu lassen, da sie fest davon ausging, dass wir Alkohol trinken würden. Deswegen ließ sie mich nicht mal mit dem Fahrrad fahren, sondern drückte mir Tickets für Bus und Bahn in die Hand.
Zum Glück ersparte sie mir weitere Peinlichkeiten und parkte ein paar Straßen vor dem besagten Treffpunkt und fuhr dann wieder nach Hause, um sich ein paar gemeinsame Stunden mit meinem Paps zu machen. Allein diese Aussage von ihr gepaart mit dem eindeutigen Grinsen, rief einen kleinen Ekelschauder bei mir hervor. Eltern – ehrlich, die waren nun mal geschlechtslose Wesen!
Ein paar Minuten vor 19 Uhr kam ich an der Statue an, musste diese jedoch erstmal umrunden, da sie recht groß und breit war. Und auf der anderen Seite stand er auch schon, lässig am Kunstwerk angelehnt und genüsslich eine Zigarette rauchend. Prima. Mal davon abgesehen, dass der Typ absolut keinen Respekt hatte vor öffentlichem Eigentum, tat er genau das, was ich mit am meisten hasste.
Obwohl bei ihm schon eine gewisse Erotik mitschwang. Die Lippen, wie sie sanft aber bestimmend den Filter umschlossen und daran sogen. Wie er genüsslich den giftigen Qualm tief einatmete, sich vollkommen bewusst, welchen Schaden dieser in seinen Lungen anrichten würde. Wie er ein paar Sekunden inne hielt, um jeden einzelnen Moment dieses Ereignisses auszukosten, ihn zu genießen bis ins kleinste Detail. Wie er erst danach den Qualm wieder entließ, ihn sehnsüchtig hinterher starrte, als wäre dieser sein Liebhaber gewesen und er traurig, dass die erst vor kurzem gewonnene Wärme und Liebkosungen nun verschwanden, mitgerissen durch den Wind, wild, ungebändigt und frei.
Selbst ich konnte nicht abstreiten, dass Ean Ästhetik besaß, in allem was er auch tat. Und dass ich ständig bescheuerte Sachen im Kopf hatte, sobald ich an ihn dachte. Trotzdem änderte dies absolut nichts an der Tatsache, dass ich rauchen mal gar nicht leiden konnte. Ohne eine Begrüßung ging ich einfach auf ihn zu, riss ihm die Zigarette aus dem Mund und warf diese in den nächstbesten Gully.
„Du als Sportler solltest dir so was echt nicht antun“, meinte ich relativ locker und setzte nach einer Weile hinzu: „Außerdem schmeckt das eklig.“ Ruhig sah ich ihn an, innerlich gespannt darauf, wie er reagieren würde. Zuerst schaute mich mein Klassenkamerad überrascht an, fing sich dann wieder und setzte sein übliches, scharmantes Lächeln auf.
„Ich freu mich auch, dass du da bist“, antwortete er lediglich. „Wollen wir?“ Auffordernd nickte Ean Richtung Stadtfest, worauf ich mit einem „Klar“ zustimmte.
Nur nebenher bekam ich mit, dass mein Mitschüler seine Zigarettenschachtel in den nächsten Papierkorb warf. Der Abend gestaltete sich lockerer und vor allem lustiger, als ich dachte. Von fast jedem Kuchenstand probierten wir ein Stück und mampften für nen guten Zweck was das Zeug hielt. Nur bei zwei Arten von Verkaufsbuden hielten wir uns unabgesprochen fern. Zum einen den mit Kürbiskuchen – wer denkt sich nur so einen Scheiß aus beziehungsweise wer soll so was essen? – und zum anderen den mit Alkohol. Anscheinend wollte nicht nur ich dieses ‚Date‘ katerlos überstehen.
Keine Ahnung ob sich Ean wegen mir verstellte oder er wirklich so nett und natürlich war, wie er sich an diesem Abend gab. Er war ein guter Zuhörer und Gesprächspartner, spürte, wann ein Thema vertieft werden wollte oder welches man lieber beiseite ließ. Da wurde ein dummer Witz gemacht, dort eine lustige Episode aus seiner Erinnerung zitiert. Selbst ernste Sachen konnten diskutiert werden, ohne dass einer groß nachgab, also bei seiner Meinung blieb und alles ohne Streit.
Ich war wirklich sehr überrascht. Was jedoch allem das Sahnehäubchen aufsetzte war, dass er nicht einen einzigen Annäherungsversuch startete. Am Anfang dachte ich schon, er hätte sein Interesse verloren und zog das ‚Date‘ aus Anstand durch. Seine Augen allerdings erzählten mir etwas anderes. Sie strahlten regelrecht, als ob sie dies nur für mich tun würden.
Ich begann jede auch noch so kleinste Berührung zu genießen, wenn er mir zum Beispiel etwas reichte. Bildete ich mir alles nur ein? War es wirklich echt? Keine Fassade? Keine Show? Konnte ich es wagen, mich fallen und ihn näher an mich ran zu lassen? Feststand, dass ich ihm eine kleine Chance geben wollte.
Kurz nach 24 Uhr standen wir vor dem Mehrfamilienhaus, in dem ich mit meiner Familie wohnte und ich wusste einfach nicht, wie ich mich passend von ihm verabschieden sollte. Ganz gentlemanlike half Ean mir aus seinem Smart Roadster und grinste mich wieder so verführerisch an. Scheiße, ich war so elendig schwach. Am liebsten hätte ich ihn wieder zurück zu mir ins Auto gezogen und noch schmutzige Sachen mit ihm angestellt.
„Danke für den lustigen Abend“, nuschelte ich meine ganze Selbstbeherrschung aufbringend. „Ruf mich an, wenn du Lust hast“, meinte ich noch, drückte ihm einen zarten Kuss auf die Wange und wollte Richtung Haus verschwinden. Doch Ean ergriff sanft mein Handgelenk, überwand die zwei Schritte Distanz zwischen uns und gab mir den zärtlichsten Kuss, den ich jemals erhalten hatte – präsent, aber doch unglaublich zurückhaltend, als wäre dieser Macho sich seiner Sache absolut nicht sicher.
„Gerne“, hauchte er mir zu, bevor er zum Auto ging und wegfuhr, nicht ohne mich vorher noch einmal lieblich anzulächeln.
Scheiße, wie unschuldig war das denn?! Komplett verwirrt, tapste ich die Treppe zur Wohnung hoch, wusch mir unter der Dusche die Wärme des Tages vom Körper und fiel ins Bett, ohne wirklich müde zu sein. Was war mit Ean nur nicht ganz richtig in der letzten Zeit? Was war mit mir nicht richtig? Ob er sich wirklich meldet? Über diese und noch viel bescheuerte Gedanken schlief ich irgendwann mal ein.
*
Die nächsten zwei Wochen vergingen wie im Flug und waren für mich das reinste Gefühlschaos. Ean warb weiter um mich wie ein Prinz um seine holde Maid. Da er wusste, wie sehr ich große Aufmerksamkeit hasste, war er immer recht diskret, bestand allerdings fortan auf seinen „Hallo“ – und „Auf Wiedersehen“ – Kuss. Entweder zog er mich in eine dunkle Ecke, überraschte mich in der Bibliothek oder suchte mich in der Umkleide auf.
Ich hatte das Gefühl, dass mein Mitschüler genau wusste, wann ich mich wo aufhielt, nur um sich auch ganz bestimmt seine kleine Zärtlichkeit abzuholen. Irrsinniger Weise blieb es bei diesen Kleinigkeiten, was mich im Laufe der Zeit immer kirrer machte. Jedes Mal, wenn Ean seine süßen Lippen auf meine presste, wenn ich die Wärme seines Körpers erahnen konnte, seinen Atem auf meiner Haut spürte, wollte ich mehr.
War das etwa sein Plan? Mich so lange verrückt zu machen, bis ich meine Beherrschung verlor und gnadenlos über ihn herfiel? Wenn dem so war, brauchte er nicht mehr lange zu warten. Auch nach dem Unterricht trafen wir uns immer öfter, gingen ins Kino, irgendwo Eis essen, einmal sogar Go-Cart-Fahren, mehr passierte allerdings nicht.
Die Erkältung des Fechtlehrers bescherte mir zwei Freistunden, die ich draußen auf dem Rasen an einer der flachen Wälle verbrachte, die Basketball– und Tennisplatz voneinander trennten. Ich geb‘s ja zu, ich wollte Ean etwas näher sein, ohne aber dass er davon direkt etwas mitbekam. So genoss ich die warmen Strahlen der Sonne, die kurz vor Mittag langsam ihren höchsten Stand erreichte, lauschte den Zurufen der Spieler und ihrem Gejubel, wenn sie einen Korb geworfen hatten. Als Teamchef war da Ean am lautesten rauszuhören, was ich lächelnd registrierte. Er war der pure Leitwolf, durch und durch.
„Okay. Toni, Benno, rein ins Team, Ersatz für Eric und mich! Los! Nicht so lahm!“
Mein kleiner Sonnyboy spornte seine Leute ganz schön an. Zu meinem Schrecken setzte er sich direkt auf den Wall, wo ich lag, halt nur auf der anderen Seite. Dank der Erhöhung konnte er seine Mitspieler besser sehen und Fehler eher abstellen. Ich allerdings konnte nun auch jedes Wort verstehen, selbst das Geflüsterte, hörte wie sein Atem vom Spiel geprägt sich langsam beruhigte.
„Sag mal Ean, was ist nun mit dir und Sasha?“, hörte ich Eric lauernd aber auch vorsichtig fragen.
„Was soll da sein?“ Mein Mitschüler wirkte sehr desinteressiert.
„Na bist du nun schwul oder nicht?“
Angespannt hielt ich den Atem an und wartete verkrampft auf seine Antwort. Dieser ließ sich damit reichlich Zeit.
„Hey Ean, hey Eric“, hörte ich zwei Mädels aus unserer Klasse, von denen ich wusste, wie gut sie bestückt in allem waren.
„Ich denke nicht“, sagte Ean endlich und ich konnte richtig heraushören, wie er lüstern grinsend den Tussis hinterher gaffte, als die an ihnen vorbeijoggten.
„Aber da läuft doch was zwischen euch“, harkte Eric nochmals nach.
„Das hoffe ich zumindest.“
„Du hast gerade noch behauptet …“
„Das ich nicht schwul bin, was auch stimmt.“
„Du findest also Ärsche wie Titten geil?“
„Wenn ich einen Menschen interessant finde, ist‘s mir egal, was er ist.“
„Und Sasha ist neuerdings alles andere als langweilig?“
Keine Antwort. Ob er jetzt nur milde lächelte?
„Hast du ihn denn endlich nochmal rumgekriegt?“
Ean seufzte hörbar laut und stand auf.
„Er wird schon früh genug zu mir kommen – von ganz alleine.“
Dann war er auch schon wieder bei seinen Leuten auf dem Spielfeld und bellte ein paar Befehle. Bevor ich doch noch entdeckt wurde, schnappte ich mir meine Sachen und lief Richtung Bibliothek. Wie sollte ich das jetzt bitte verstehen? Wollte er etwa, dass ich ihn anbettelte mit ihm zusammen sein zu dürfen? Das konnte er aber mal schön vergessen. Dass ich für ihn nichts anders war, als eine lächerliche Beute, eine kleine Herausforderung, die es galt zu bewältigen, kotzte mich richtig an. Wie konnte er so kalt mit den Gefühlen anderer spielen, nur um seinen Ruf zu bewahren?!
Zum Glück hatten wir den Tag keine weiteren Kurse zusammen, so konnte ich mich erstmal abregen und mir überlegen, wie ich weiter reagieren sollte. Doch jedes Mal wenn ich daran dachte, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Die letzten zwei Wochen hatte ich echt genossen. Die zarte Aufmerksamkeit, die sachten Zärtlichkeiten – war das echt nur ne Masche von ihm gewesen? Warum wollte ich das einfach nicht glauben? Moment mal … hatte ich mich etwa … in ihn verschossen? Das würde zumindest erklären, warum ich so niedergeschlagen war. Oh man und ich wollte mich in dieser Hinsicht ihm gegenüber echt zusammenreißen. Toll.
Die restlichen Stunden in der Schule verbrachte ich damit an Orten zu sein, an denen ich normalerweise um diese Zeit nicht war, nur um Ean aus dem Weg zu gehen. Zum Schluss sprang ich schon fast die letzten Treppen hinunter vor Eile, da ich im Gefühl hatte, mein Klassenkamerad suche nach mir. Auf dem unteren Gang stand er wieder, umgeben von seinem Hofstaat. Ich war einfach noch nicht bereit für eine Begegnung mit ihm. Eine Nacht bräuchte ich mindestens, um über diesen bescheuerten Spruch schlafen zu können. Hektisch blickte ich mich um und suchte etwas zum verstecken, als Herr Josias neben mir auftauchte. Ein diabolisches Lächeln verirrte sich auf meine Lippen.
‚Was der kann, kann ich schon lange, schließlich ist der nicht der einzige Schnuckel an dieser Schule.‘
Mit einem Schwung harkte ich mich bei dem Studenten unter und blickte schelmisch grinsend in sein überraschtes Gesicht.
„Und, wie kommen sie mit ihrem Projekt voran? Ich hoffe, wir gehen ihnen noch nicht so auf den Zeiger?“, fragte ich gleich drauf los und zog ihn weiter Richtung Ausgang. Nur ein paar Sekunden schaute mich Herr Josias prüfend an, lächelte dann und ließ sich von mir aus der Tür führen.
„Bei mir läuft es recht gut und langweilig wird es auch nie. Immer wenn ich glaube, ich wüsste langsam soweit alles über euch, kommt einer und belehrt mich eines besseren.“
Mittlerweile standen wir vor dem Gebäude, an der gleichen Stelle wie beim ersten Mal. Sanft löste er sich aus meiner Umklammerung und legte beide Hände auf meine Schulter.
„Und jetzt erklär mir mal, was los ist. Wem wolltest du aus dem Weg gehen, hm?“
Konnte der etwa Gedanken lesen oder war meine Scharade so offensichtlich? Er hatte genau meinen wunden Punkt getroffen und sah mich dazu noch so liebevoll auffordernd an, dass ich gar nicht anders konnte, als etwas von mir preiszugeben. Eigentlich war ich ja nicht der Typ, der wildfremden Leuten gleich was persönliches erzählte. Aber bei diesem Studenten war mir so, als ob er etwas in meinem Innersten zum erklingen brachte und ich ihm einfach antworten musste.
„Es gibt da jemanden, den ich mag – glaube ich. Und ich dachte, er mag mich auch, is aber nicht so. Hab unbeabsichtigt nen Gespräch mitbekommen, wo er doch nur auf vögeln aus ist“, meinte ich seufzend und suchte den Boden nach nichts bestimmten ab.
„Hat er das denn wortwörtlich gesagt?“, fragte Herr Josias, worauf ich die Stirn runzelte und aufschaute.
„Nein, eigentlich nicht.“
„Was auch immer zwischen euch sein mag, das Beste aller Dinge ist Kommunikation. Eine komplette Gesprächstherapie wäre vielleicht zu viel für den Anfang, dennoch würde ich vorschlagen, mit ihm einfach mal drüber zu reden. Allein wenn man das Thema anspricht, klärt sich schon vieles von selbst. Den Rest macht die Erfahrung.“
Wieder lächelte der Student mich so dermaßen herzerwärmend an, dass ich ihm einfach jedes Wort glauben musste. Und auf einmal kam ich mir voll dämlich vor. Die ganze Zeit meckerte ich darüber, dass ich wie nen Mädchen behandelt wurde und jetzt benahm ich mich schon wie eines.
„Sicher, dass sie den richtigen Beruf wählen? Als Psychologe wären sie bestimmt auch nicht schlecht“, sagte ich kleinlaut und setzte ein „Sorry“ noch nach.
„Wer sagt denn, dass ich mein Diplom als Lehrer mache?“, lachte Herr Josias und gab mir somit die Bestätigung, nicht sauer zwecks der Sache auf mich zu sein.
Puh, grade nochmal die Kurve bekommen. Dummerweise hatte er Recht. Reden wäre echt mal gut, schließlich wollte ich endlich wissen, wo genau ich bei Ean stand. Zum Abschied tätschelte der Student etwas mein Kinn, wie bei einem Kleinkind, das was richtig verstanden hatte und nickte leicht.
„Bis morgen.“
‚Man, der sah mich wirklich noch als Schüler an – und nur als das. Mist.‘
Etwas wehmütig aber doch dankbar zwecks der Aufmunterung lächelte ich zurück und wollte gerade Tschüss sagen, als ich mit einem Ruck nach hinten gezogen wurde, sich Ean in mein Blickfeld schob, der mit der Faust ausholte, direkt gegen Herrn Josias. Doch jemand war noch schneller. Während der Student komplett ruhig stehen blieb, war ein großer Typ in schwarzen Klamotten aufgetaucht und hatte Eans Faust kurz vor dem Gesicht des Anderen aufgehalten. Knapp riss er den Arm von meinem Klassenkameraden zur Seite und gab ihm einen dermaßen harten Stoß, dass dieser der Länge nach hinten auf dem Rücken landete.
„Lass uns gehen“, meinte Herr Josias schlicht, als sei absolut gar nichts passiert, und wandte sich ab. Nach einem verächtlichen Schnauben kam der Schwarzhaarige der Aufforderung nach und ich war echt froh, diese kalt blitzenden, grünen Augen nicht mehr ertragen zu müssen. Mit diesem Freak war meine Sahneschnitte also zusammen? Der Spruch, dass Gegensätze sich anziehen, passte hier wohl voll. Ean rappelte sich gerade wieder auf und wollte den beiden irgendwas Dummes hinterher rufen, als ich ihn rüde davon abhielt.
„Wir gehen zu dir!“
„Was?“ Mein Mitschüler war sichtlich überrascht.
„Willst du hier ne riesen Szene haben oder was?!“, motzte ich ihn an und breitete etwas die Arme aus, worauf er sich vorsichtig umschaute. Es hatten sich schon einige Schaulustige versammelt und ich hatte echt keinen Bock auf mehr. Ean schüttelte daraufhin mit dem Kopf.
„Also, wo ist nun dein Auto?“
Ich war übelst genervt und dementsprechend schweigsam auf der gesamten Fahrt. Was hatte er sich nur bei dieser bescheuerten Show gedacht? Was bei diesen blöden Worten? War das vorhin etwa Eifersucht gewesen oder eher klarmachen von Besitzansprüchen? In ein paar Minuten sollte ich mehr wissen – zumindest hoffte ich das.
Es war seltsam, abermals die Treppen rauf zu Eans Zimmer zu steigen. Diesmal bei Tageslicht und ohne zusätzliche Belastung. Zwar war von außen die kleine Villa recht schlicht gehalten, aber drinnen sah man, dass die Familie richtig Kohle hatte. Antik ausschauende Vasen hier, alte Gemälde dort, allein schon die Treppen schien aus teurem Holz zu bestehen, mit noch teurerem verzierten Geländer.
Auch Eans Zimmer war riesig. Ein großer Flachbildschirm hing an der Wand, ein Laptop lag auf nem modern geschwungenen Schreibtisch, ein riesiges Bett stand mittig hinten an der Wand. Ein leichtes Kribbeln durchfuhr meine Magengegend, als ich es sah. Dort hatte alles angefangen. Leichte Versuchung war absoluter Ekstase gewichen, über kalte Erkenntnis zur sachten Annäherung bis zu … Liebe wollte ich es nicht gleich nennen, denn dafür war vieles noch zu ungenau beziehungsweise ungewiss. Aber es ging wohl sehr in diese Richtung, sonst würde mich das alles nicht so sehr beschäftigen.
Ich ließ mich in einen der beiden schwarzen Ledersessel gleiten, die neben der passenden Couch standen, als Sitzgelegenheit für den großen Fernseher. Ean schmiss sein Zeug neben den Schreibtisch und stand dann irgendwie verloren im Zimmer rum. Ich ließ ihn ordentlich zappeln und sah mich betont interessiert im Zimmer um.
„Sagst du mir jetzt endlich, was dieser Typ an dir rumzutatschen hatte?“, platzte ihm endlich der Kragen. Ich sah ruhig zu ihm auf und versuchte so gelassen wie nur möglich zu wirken.
„Wenn du mir sagst, was ‚Er wird schon früh genug zu mir kommen – von ganz allein‘ bedeutet“
Mit gerunzelter Stirn schaute er mich an.
„Ich weiß zwar nicht, woher du das mal wieder hast, aber du kapierst immer noch nicht. Sasha, ich wollte dir einfach Zeit geben, bis du dir selbst über alles im Klaren bist. In keinem Fall wollte ich dich nochmal irgendwie bedrängen. Von Tag zu Tag allerdings fällt mir das immer schwerer. Je mehr ich dich kennenlerne, je länger ich mit dir unterwegs bin, desto intensiver ist dieses Gefühl, dich nur noch für mich haben zu wollen. Am liebsten würde ich dich irgendwo einsperren, wo nur noch ich an dich rankomme. Aber ich will, dass du von selbst zu mir kommst, dass du von dir aus sagst, was aus allem hier wird. Ich will zum ersten Mal was auf mich zukommen lassen, ohne was dran zu drehen oder zu manipulieren.“
Ean hatte sich richtig in Rage geredet, wurde aber zum Schluss hin immer ruhiger, kam dann auf mich zu und kniete sich genau vor mir nieder. Mein Herz pochte wie wild gegen meine Brust, als wolle es ausbrechen, als mein Mitschüler mir so tief in die Augen schaute wie noch nie.
„Ich will dich, Sasha, aus freien Stücken, pur und das nicht nur für eine Nacht.“
Shit, war das etwa eine Liebeserklärung? Tief sog ich die Luft in mich ein, da ich das Gefühl hatte, immer schwerer atmen zu können und schloss meine Augen. Jetzt lag wohl alles nur noch an mir. Seinen Standpunkt hatte Ean klar und deutlich aufgezeigt und dabei war es egal, ob diese alles nur Show war oder nicht. Rausfinden würde ich das erst, wenn ich mich voll und ganz auf ihn einlasse.
Nur – wollte ich das? Dieser Sonnyboy war so widersprüchlich, handelte ständig vollkommen konfus und gegen jede bestehende Logik. Vielleicht war es auch genau das, was mich so an ihm reizte. Eine Beziehung mit ihm wäre komplett planlos. Jeder Tag wäre eine neue Herausforderung und die Gefühle würden auch wie auf einer Achterbahn auf– und abfahren. Ich lächelte leicht. Eigentlich suchte ich ja Ruhe und Beständigkeit, aber dieser Chaot hatte meinen Kampfgeist geweckt.
Ich schüttelte etwas mit dem Kopf, öffnete wieder die Augen und fuhr mit meiner Hand durch seine Haare, bis hin zum Nacken. Dann zog ich ihn sanft zu mir, soweit, bis sich fast unsere Lippen berührten. Ich spürte, wie Ean leicht vor Aufregung zitterte und kostete diesen Moment ein paar Sekunden aus. Sein warmer Atem auf meiner Haut machte mich ganz kribbelig und in Gedanken malte ich mir schon kleine Boshaftigkeiten aus.
Die Frage, ob ich dieses Risiko mit ihm eingehen wollte – einer tickenden Zeitbombe – hatte sich komplett in Luft aufgelöst. Vielleicht war nicht alles auf einmal klar, doch ich hatte beschlossen, es auszuprobieren. Ein letztes Mal sah ich Ean fest in die Augen, ohne mein begieriges Funkeln zu verstecken. Er wollte mich also, aus freien Stücken, pur und nicht nur für eine Nacht? Na wenn er meint, dass er dem gewachsen sei.
„Okay“, hauchte ich also gegen seine Lippen und verschloss diese dann mit meinen.
Ich legte meine ganzes Verlangen, Leidenschaft und Zärtlichkeit hinein, nahm ihn in meine Arme, ließ ihn wieder los, streichelte wieder und wieder über seine Wange, an den Armen hinab über den Rücken, genoss seine Berührungen und quittierte diese mit leisen Seufzern.
Da saßen wir nun, auf dem Boden, die Beine um die Hüfte des Anderen geschlungen und so nah aneinander geklammert, wie nur möglich, als würden wir jeden Augenblick wieder auseinandergerissen werden. Scheiß drauf, ob das das Richtige war. Es fühlte sich verdammt nochmal gut an! Und das war alles was momentan zählte.

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Information Traditionsreich
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:33 PM - No Replies

„Was ist los, Sapan? Warum ziehst du so ein Gesicht?“
Sammy hatte mich von hinten in den Arm genommen und pustete mir sanft über mein schwarzes Haar. Ich lehnte mich zurück und schmiegte mich an ihn.
„Nächste Woche ist Diwali“, antwortete ich.
„Diw… was?“
„Diwali, dass ist bei uns zu Hause das alljährliche Lichterfest. Da wird alles bunt geschmückt, überall werden Laternen hingestellt oder auch aufgehängt. Überall tanzen die Menschen bis tief in die Nacht hinein und es gibt Süßigkeiten in Hülle und Fülle.“
Nun war ich zwei Jahre auf diesem englischen Internat und das Glück hatte mir Sammy beschert. Ein warmherziger und träumerischen Kerl, den ich über alles liebte. Ja, wir waren ein Paar.
Ich sehr weit weg von der Heimat, Indien, was mich oft traurig stimmte, weil mir die Familie fehlte. Und doch glücklich, weil Sammy mir über vieles hinweg half. Eins gab es aber noch zu meistern. Ich war zu Hause nicht geoutet.
„Und du möchtest da hin?“
„Klar, ist dass schönste Fest des Jahres!“
„Und warum fliegst du nicht, wir haben doch Frei an dem Wochenende, oder bekommst du keinen Flieger?“
„Papa würde mir sofort einen Flieger schicken, bräuchte nur anzurufen.“
„Was ist es dann?“
„Du!“
„Bitte was?“
„Ich würde dich gerne mitnehmen…“
„Und wo liegt das Problem, ich bin sofort dabei, schon alleine, weil ich noch nie in Indien war“, sagte Sammy und küsste meinen Nacken.
„Du weißt doch, dass ich zu Hause nicht geoutet bin und bei uns zählen Familie und Traditionen sehr viel. Ein schwuler indischer Sohn, dass wäre die Schande der Familie.“
„Bist du dir so sicher? Alles was du mir über deine Eltern erzählt hast, lässt mich annehmen dass sie doch sehr weltoffen sind!“
„Ich habe eben Angst!“
„Brauchst du doch nicht, mein Kleiner! Ich bin doch bei dir!“
Sammy drehte mich zu sich und unsere Lippen trafen sich.
Später saß ich am Telefon und wartete auf die Verbindung. Sammy schlief schon längst. Ruhig ging sein Atem neben mir. Es knackte in der Leitung und ein Tuten kam.
„Tanduri!“, hörte ich es sagen.
„Papa, bist du es?“
„Sapan, mein Sohn, endlich meldest du dich wieder, erzähle wie geht es dir?“
„Gut Papa, in der Schule läuft alles gut!“
„Hast du einen bestimmten Grund, warum du anrufst, mein Sohn?“
„Ich wollte fragen, ob ich zum Diwali kommen kann?“
„Was für ein Frage, soll ich dir den Jet schicken?“
„Ja, aber da ist noch etwas Anderes, kann ich noch jemand mitbringen?“
„Wenn willst du mitbringen?“
Ich hörte das Misstrauen in seiner Stimme.
„Sammy, meinen englischen Zimmergenossen, er würde sich gerne unsere Kultur ansehen und auch am Diwali teilnehmen.“
„Sapan mein Sohn du weißt doch, dass ist ein Fest der Familie!“
„Papa, Sammy ist hier für mich meine Familie. Ich dachte, wo ich doch so oft mit ihm bei seiner Familie bin. Sollte er euch doch auch mal kennen lernen.“
„Was für eine Familie ist das?“
„Eine alte Adelsfamilie, sie würden dir gefallen, die Bristons.“
Ich wusste genau, Vater würde sie überprüfen lassen, jedes Detail der Familie freilegen.
„In Ordnung mein Sohn! Ich schicke euch am Freitag den Jet.“
„Danke Papa und danke, dass ich Sammy mitbringen darf.“
„Freunde sind wichtig, mein Sohn. Freundschaften muss man pflegen und hegen!“
„Ja Papa!“
„Ich soll dir noch einen Gruß und einen Kuss deiner Mutter übermitteln!“
„Danke Papa, gebe ihr einen Kuss von mir zurück.“
„Dann sehen wir uns am Freitag!“
„Ja Papa, ich freue mich!“
„Ich mich auch, mein Sohn. Tumhari khushi mujhe buhut aziz hai!“
Ich wiederholte den Satz und das Gespräch war beendet.
„Was sprichst du so komisch?“, murmelte Sammy neben mir.
„Das war ein Gruß!“, antwortete ich, während Sammy sich zu mir drehte, der anscheinend doch wach war.
„Und was heißt er?“
„Dein Glück liegt mir am Herzen!“
Sammy grinste breit.
„Wie ging der? Tumari kluschi muhje … was?“, fragte Sammy.
„Tumhari khushi mujhe buhut aziz hai!“
„Aus deinem Mund klingt das so liebevoll!“
„War auch ernst gemeint“, sagte ich und lächelte.
Sammy zog mich zu sich herunter.
„Das musst du mir erst einmal beweißen!“, sprach Sammy und schon hatte ich seine Lippen auf den Meinen.
*-*-*
Ich stand schon im Bad, als Sammy endlich auftauchte. Er war immer noch nackt, so wie ich ihn im Bett verlassen hatte. Seine blonden Haare standen wirr in alle Richtungen, als hätte er in eine Steckdose gelangt.
Seine braunen Augen konnte ich fast nicht erkennen, zu arg geblendet war er von der Beleuchtung über dem Spiegel.
„Morgen…“, brummte er.
„Morgen Sammy, gut geschlafen?“
„Weiß nicht. Fühle mich als hätte mich ein Traktor überfahren.“
„Komm, so wild war ich jetzt auch wieder nicht“, meinte ich und musste grinsen.
Sammy trat hinter mich und legte seine Arme um meinen Körper.
„Du warst verdammt gut“, brummte er, „jedenfalls bin ich tierisch gekommen.“
„Stimmt, ich tropfe immer noch!“
Sammy machte einen Schritt zurück und ich spürte seine Hand an meinem Hintern.
„Stimmt!“
Beide fingen wir an zu lachen und vielen uns wieder in die Arme.
„Warst du schon duschen?“, fragte mich Sammy.
„Klar, bin ja keine Schlafmütze wie du!“
„Ja, der Herr Frühaufsteher, ab und zu kannst du nervend sein.“
„Stimmt, aber ich muss noch packen! Falls du vergessen hast, wir fliegen heute Mittag weg.“
„Ach du scheiße und ich hab noch nicht mal was gerichtet… ich muss duschen.“
Lächelnd sah ich ihm nach, wie er in der Duschkabine verschwand. Ein Traum ging für mich in Erfüllung, ich würde mit Sammy wegfahren. Klar, wir waren schon oft bei seinen Eltern, sie wussten über uns Bescheid, hatten mich sehr herzlich aufgenommen.
Aber endlich konnte ich Sammy meine Welt zeigen, mein Heimatland, meine Wurzeln. Zu Hause wurden die Traditionen eben sehr groß geschrieben und ich versuchte mich auch ständig daran zu halten.
Doch plötzlich wurde ich wieder von einer Traurigkeit übermannt. Was würde Vater sagen, wenn ich ihm sage, dass ich nie heiraten werde, seine Familientradition fortführen und wie ein echter Inder handeln würde.
Ich liebte Sammy, wusste, dass ich niemals eine Frau an meiner Seite akzeptieren würde. Aber verstand das auch mein Vater? Mit meinen Geschwistern würde ich keine Probleme bekommen, sie waren noch mehr westlich eingestellt, wie ich, zum Ärgernis meines Vaters.
Und Mutter… zu ihr hatte ich eine ganz besondere Beziehung. Ich war der Älteste im Haus, ihr erstes Kind. Auch wenn sie nie Unterschiede zwischen uns Kinder machte, ich spürte ihre Liebe zu mir, sie war real, war immer in meinem Herzen.
„Wenn du so weiter bürstest, sind bald keine Zähne mehr da!“
Erschrocken drehte ich mich um. Total im Gedanken versunken hatte ich nicht gemerkt, wie Sammy wieder aus der Dusche stieg und tropfend hinter mir stand. Er sah so unheimlich erotisch aus, so wie er vor mir stand.
Seine Muskeln, glänzten unter den Wassertropfen, die langsam ihren Weg nach unten bahnten, ich konnte mich auch nicht beherrschen und fuhr langsam mit dem Finger über seine Brust und seinem Bauch.
„Du könntest wenigstens die Zahnbürste aus dem Mund nehmen, wenn du mit mir flirtest“, kam als Nächstes von Sammy.
Jetzt fing ich laut an zu lachen, und fast wäre mir dabei die Zahnbürste herunter gefallen. Ich drehte mich zum Waschbecken und spülte meinen Mund aus.
„So gefällst du mir viel besser, mit einem Lächeln im Mund, wo warst du denn wieder mit deinen Gedanken“, fragte Sammy mich.
„Zu Hause, bei meinen Eltern!“
„Und da ziehst du so ein Gesicht?“
Sammy zog sich eine Boxer über, nach dem er sich abgetrocknet hatte,
„Du weißt warum…, ich weiß einfach nicht, wie ich’s anstellen soll, dass über uns meinem Vater zu erzählen.“
„Sapan, du weißt ganz genau, es macht mir nichts aus, wenn du es nicht erzählst. Ich will dich zu nichts drängen, wozu du nicht bereit bist! Ich liebe dich und will dass du glücklich bist. Wenn du glücklich bist, bin ich es auch!“
„Ich will es ihnen sagen, will ihnen zeigen wie glücklich ich mit dir bin!“
„Egal, wie du dich entscheidest…, ich steh dir bei, du musst da nicht alleine durch!“
„Danke!“, sagte ich und besiegelte dieses Wort mit einem weiteren Kuss.
*-*-*
„Und wo müssen wir hin?“, fragte Sammy unruhig, als wir unseren Weg durch die Menschenmenge im Flughafen bahnten.
„Folge mir einfach!“, und das tat er auch.
Ich steuerte auf einen kleinen Schalter zu, wo sich eine kleine Frau befand.
„Mein Name ist Sapan Tanduri, ich erwarte einen Privatjet.“
Die Frau musterte mich ungläubig, begann aber in ihren Flugunterlagen zu suchen. Ihre Verwunderung, meinen Namen wirklich zu finden, konnte man an ihrem Gesicht ablesen.
„Ausgang 10, der Jet steht bereit, guten Flug die Herren!“, sagte sie leise und wies in die Richtung des Ausgangs.
Sammy, der dieses kleine Schauspiel mitverfolgte grinste vor sich hin. So liefen wir zu Ausgang 10, wo wirklich der Jet meines Dad bereits wartete. Kalun, die Stewardess wartete bereits auf uns und winkte uns mit einem Lächeln zu.
„Mr. Tanduri, es freut mich sie wieder bei uns an Bord begrüßen zu dürfen“, sagte sie und zog die Tür zum Flugfeld auf.
Ein Beamter der Flugsicherheit wartete draußen.
„Sammy, gibst du mir bitte deinen Ausweis?“, fragte ich.
Sammy stellte seine große Tasche ab und durchsuchte seine Jacke, wo er auch fündig wurde.
Mr. Bristons, können wir Ihr Gepäck schon an Bord nehmen?“, fragte Kalun, was Sammy mit einem schüchternen Kopfnicken bejahte.
Unsere Papiere wurden kontrolliert und uns wieder zurückgegeben.
„Wünsche den Herren einen angenehmen Flug“, kam es von dem Beamten, bevor er verschwand.
„Geht es hier immer so vornehm zu? Was ist dein Vater, Präsident von Indien?“, fragte Sammy leise.
„Nein Sammy, wir gehören nur einer sehr hohen Kaste an! Da ist dieser Empfang normal.“
Das erste Mal, war mir der Reichtum meiner Familie etwas peinlich. Kalun schien mit dem Piloten unser Gepäck verstaut zu haben und erschien wieder vor dem Jet und wies uns den Weg zum einsteigen. Wir folgten ihr in das Innere des Jets.
Ich bemerkte wie Sammy sich staunend umsah und ließ sich mehr oder weniger neben mir auf seinen Sitz fallen, während Kalun die Tür schloss.
„Würden die Herren sich bitte anschnallen, wir starten in wenigen Minuten.“
Sammy und ich nickten, ließen unsere Gurte einrasten. Ich hörte das Starten der Turbinen und wenigen Momente später setzte sich der Jet auch schon in Bewegung. Ich suchte Sammys Hand und umschloss sie mit meiner.
Am Ende der Startbahn blieb der Jet noch einmal stehen und durch das kleine Fenster konnte ich sehen, das gerade ein großer Jumbo landete. Dann setzte sich die Maschine wieder in Bewegung. Langsam nahm sie Geschwindigkeit auf, bis sie irgendwann abhob.
Wenige Sekunden später erschien Kalun durch die vordere Tür und Sammy ließ meine Hand los. Sie hatte ein kleines Tablett in der Hand, worauf sich zwei Gläser befanden. Ohne etwas zu sagen, stellte sie uns die Gläser mit einem Lächeln ab.
„Danke!“, sagte ich.
„Der Flug wird ungefähr acht Stunden dauern, haben sie Hunger?“
Ich schaute Sammy an, der zu schüchtern war, um zu antworten.
„Wir lassen uns noch etwas Zeit, Kalun.“
„Wie die Herren wünschen, rufen sie mich bitte einfach.“
Ich nickte und Kalun verließ uns wieder.
„Und ich dachte, mit dem vielen Personal, dass meine Eltern beschäftigt, würden wir in Luxus leben, aber das hier?“, raunte Sammy.
Ich nahm wieder seine Hand und strich sanft mit dem Daumen über seinen Handrücken.
„Lass uns anstoßen!“, sagte ich und nahm mein Glas.
„Champagner, denke ich mal!“, erwiderte Sammy und nahm ebenso sein Glas.
Ich nickte und grinste verlegen.
„Auf das wir einen schönen Kurzurlaub verbringen werden“, säuselte Sammy und beugte sich zu mir herüber um mir einen Kuss zu geben.
Danach nippten wir beide an unseren Gläsern, worauf Sammy sofort sein Gesicht verzog.
„Boah, ist der trocken!“
„Soll ich dir etwas Anderes bestellen?“
„Nein, lass mal. Ich genieße es mit dir alleine zu sein!“
Ich lächelte und ein weiterer Kuss folgte.
*-*-*
Der Flug verlief ohne Zwischenfälle und der Jet setzte zur Landung an. Überwältig schaute ich zum Fenster hinaus, endlich wieder in Indien zu sein.
„Freust du dich, wieder zu Hause zu sein?“, fragte Sammy.
„Klar, ich war 5 Monate nicht mehr hier, es fehlt schon etwas.“
„Dann lass uns mal gemeinsam Indien erobern!“
„Ich frage mich, ob Indien nicht dich erobert?“, sagte ich zu Sammy, was er mit einem Lächeln quittierte.
Die Maschine kam zum Stehen und ich sah die schwarze Limousine meines Vaters. Ihn konnte ich nicht entdecken, nur unseren Fahrer. Kalun kam herein.
„Der Fahrer ihres Vaters wartet bereits Mr. Tanduri, ich hoffe sie hatten einen angenehmen Flug.“
„Danke Kalun, hatte wir!“, sagte ich und erhob mich.
Gemeinsam mit Sammy stieg ich aus und nahm diesen wunderbaren Geruch von Indien wieder war, den ich so vermisst hatte Es roch nach Blumen und die Luft war warm, trotz der späten Stunde.
„Hallo Sapan, schön dich wieder zu sehn!“, begrüßte mich unser Fahrer und umarmte mich.
„Danke Eknath, ich freue mich ebenso. Darf ich dir Sammy vorstellen?“
Er ließ von mir hab machte eine leichte Verbeugung und reichte Sammy die Hand.
„Ich hoffe, sie hatten einen angenehmen Flug Sammy!“
„Danke… Eknath, hat mir gut gefallen…!“
Ich fühlte das Unbehagen bei Sammy.
„Wo soll es denn hingehen?“, fragte ich Eknath.
„Direkt nach Hause, deine Mutter erwartet sie schon. Dein Vater lässt sich mit lieben Grüßen entschuldigen, aber er befindet sich noch in einer wichtigen Besprechung.“
„Wie immer, es hat sich also nichts geändert!“
Eknath hielt uns die Tür auf. Beide ließen wir uns hinten nieder und Eknath stieg ein um wenige Minuten später mit uns den Flughafen zu verlassen. Er nahm nicht den üblichen Weg zu uns nach Hause, sondern durchfuhr Neu-Delhi direkt.
Ich dachte, er wollte Sammy etwas von unserer Stadt zeigen. Sammy schaute mit offenem Mund aus dem Fenster, sagte aber kein Wort. Vorbei an dem India Gate, das stark an den Triumphbogen in Paris erinnerte, fuhr Eknath dann langsam aus der Stadt heraus.
„Wie viele Einwohner hat Neu-Delhi eigentlich, hier wimmelt es ja vor Menschen!“, kam es von Sammy, ohne sich nach mir umzudrehen.
„Über 10 Millionen!“, gab ich zur Antwort.
„Wow, heftig!“
Die großen Häuser wurden weniger, Bäume und Sträucher zahlreicher. Auch wurden es immer weniger Menschen, die sich draußen blicken ließen. Irgendwann bog Eknath in unsere Einfahrt.
Innerlich zerriss mich meine Unruhe, was nun passieren würde. Nach Außen schien ich ruhig. Das große Haus kam zwischen den Häusern zum Vorschein. Es war zwar schon dunkel, aber sanftes Licht hüllte es in einen sanften Schein.
Der Wagen hielt und Eknath öffnete uns die Tür. Zur gleichen Zeit öffnete sich auch die große Holztür des Hauses und lächelnd trat meine Mutter hervor. Ich konnte nicht anders und stürmte auf sie zu.
Ich fiel ihr um den Hals und drückte sie kräftig, ohne zu merken, dass mir bereits die Tränen liefen.
„Hallo mein Sohn“, sagte meine Mutter.
Ich ließ von ihr ab und schaute ihr in die Augen.
„Hallo Mama, ich habe dich so vermisst.“
Sie wischte sanft mit ihren Fingern meine Tränen von den Wangen, nahm mein Gesicht in die Hand und küsste die Stirn. Ein Räuspern hinter mir, rief mir Sammy wieder auf den Plan.
„Mama, darf ich dir Sammy vorstellen, den jungen Mann, mit dem ich ein Zimmer bewohne?“
Sammy trat heran und streckte seine Hand zum Gruß aus.
„Hallo Mrs. Tanduri. Danke, dass ich mitkommen durfte, ihr Sohn hat mir schon sehr viel erzählt!”, sagte Sammy und verneigte sich leicht.
„Mein Sohn hat mir nicht soviel erzählt, dennoch freue ich mich Sie endlich kennen zulernen, der Freund meines Sohnes ist mir immer herzlich willkommen!“
Ich wurde rot bei den Worten meiner Mutter, wie hatte sie dass jetzt gemeint, wusste sie etwas? Sie zog Sammy an der Hand ins Haus. Ehrfürchtig trat Sammy ein und ich folgte den beiden.
„Ich habe dein Zimmer herrichten lassen und ein zweites Bett dazu gestellt, denn ich denke, du willst auch hier nicht auf die Anwesenheit deines Freundes verzichten.“
Wieder so ein Satz, wo ich innerlich zerbersten hätte können, was wusste sie?
„Danke Mam, das ist lieb von dir.“
Ich blickte kurz zu Sammy, der verlegen grinste. Auch er hatte die Worte meiner Mutter vernommen.
„Wie ich sehe, Sammy, haben sie ungefähr die Größe meines Sohnes, dass trifft sich gut.“
„Warum Mama?“, fragte ich jetzt doch erstaunt.
„Morgen feiern wir Diwali. Ich dachte, du könntest ihm eines deiner Gewänder ausleihen, weil er in seiner westlichen Kleidung doch sehr auffallen würde.“
„Stört dich das?“, fragte ich.
„Nein, aber du kennst Vater, mit seinen Traditionen!“
Noch bevor ich etwas dagegen sagen konnte, fiel mir Sammy ins Wort.
„Ich habe nichts dagegen, so ein Gewand anzuziehen, wobei mir Sapan schon viel erzählt hat, wie farbenprächtig, die Kleidung hier in Indien ist.“
Meine Mutter lächelte ihn an und nickte und ich wusste nicht was ich sagen sollte. Es freute mich aber, dass Sammy sich auf Anhieb so gut mit meiner Mutter verstand. Wir folgten ihr die große geschwungene Treppe hinauf.
Sammy schaute sich neugierig um, betrachtete die vielen Bilder von der Familie, die an der Wand hingen.
„Bist das du?“, fragte Sammy und grinste.
Das Bild zeigte mich als 5 jähriger auf dem Schoss meiner Mutter.
„Ja, das bin ich mit 5 Jahren.“
„Süß!“, war seine ganze Reaktion.
„Sapan, war der hübscheste Junge weit und breit“, meldete sich meine Mutter zu Wort, „und ist es jetzt auch noch!“
Sammy grinste mich mit einem fiesen Lächeln an, dass ich ihm am liebsten an die Gurgel gegangen wäre.
„So, der hübscheste Junge bist du also!“
Ich streckte ihm die Zunge raus und folgte weiter meiner Mutter.
„Ist dass hier früher mal ein Palast gewesen?“, fragte Sammy mich leise?“
„Wie kommst du darauf?“
„Schau dich doch einmal um. So sehen Schlösser aus, alles so prunkvoll ausgeschmückt, mit edlen Möbeln und alles sehr groß ausgelegt. Da kommt mir unser Haus wie eine bescheidene Hütte vor.“
„Das ist ein normales Wohnhaus… na ja von reichen Gefolgsleuten eben!“
Sammy schaute sich weiter um und ich folgte meiner Mutter. Sie öffnete die Flügeltür zu meinem Zimmer. Es hatte sich nach wie vor nichts geändert, als wäre ich nie ausgezogen. Alles war feinsäuberlich gereinigt, sogar frische Blumen standen auf dem Tisch.
Als ich auf mein Bett sah, stockte mir der Atem. Es war mit dem anderen Bett nun doppelt so groß, direkt nebeneinander, wie ein Ehebett. Beide Seiten waren bezogen und auch aufgeschlagen. Meine Mutter schaute mich kurz an.
„Ich denke, es ist Recht so, oder?“, fragte sie.
Ich spürte, wie sich das Blut in meinem Gesicht sammelte, meine Wangen zu glühen begannen. Sie kam auf mich zu und nahm meine Hand.
„Eine Mutter spürt, wenn ihr Sohn glücklich ist, auch wenn die Wahl seiner Liebe, etwas Sonderbar scheint.“
Sie schaute kurz hinüber zu Sammy, der gerade staunend das Zimmer betrat. Ihr Lächeln war echt, kam von Herzen. Sie ließ meine Hand los und schritt zu Sammy. In ihrem langen Gewand sah dies wie immer schwebend aus.
„Sammy, ich wünsche dir bei uns einen schönen Aufenthalt und pass ein wenig auf meinen Sohn auf!“
Sie beugte sich vor nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn auf die Stirn. Verwirrt schaute mich Sammy an, während uns meine Mutter alleine lies und die Tür hinter sich schloss.
„Sie weiß es!“, flüsterte ich leise.
„Was?“
Ich musste schlucken und bemerkte, wie Tränen sich den Weg über meine Wangen bahnten.
Sammy kam zu mir und nahm mich in den Arm.
„Sie hat dir die Stirn geküsst…, dass würde sie sonst nur…“, ich brach mitten ihm Satz ab.
Nun nahm Sammy mein Gesicht in seine Hände, damit er mir in die Augen schauen konnte. Seine braunen Augen strahlten mir wie immer entgegen, ich versank förmlich in ihnen.
„Damit ist dann wohl die erste Hürde genommen, oder?“, fragte er und küsste mich zärtlich.
„… sie sagte… sie ist glücklich, weil ich glücklich mit dir bin…“
„Und du hast dir so große Sorgen gemacht!“
„Ja, stimmt schon…, aber mehr wegen meines Vaters!“
„Das schaffen wir auch noch, oder?“, fragte Sammy und drückte mir einen weiteren Kuss auf den Mund.
Es klopfte an der Tür und wir fuhren auseinander.
„Ja?“, rief ich.
Die Tür ging auf und mein Vater schaute herein.
„Hallo Sapan, mein Sohn!“, meinte er und löste sich von der Tür.
„Hallo Vater!“, erwiderte ich und lies mich von ihm umarmen.
Ich bückte mich und berührte seine Schuh, wie es von alters her Tradition war, um meine Ehrerbietung zu zeigen. Sammy betrachte dieses Schauspiel, hielt sich aber höflich im Hintergrund.
„Und das muss Sammy sein.“
„Ja Vater, dass ist mein Freund Sammy.“
Wie leicht mir diese Worte von den Lippen gegangen war. Doch mein Vater konnte die Bedeutung des Wortes Freund sicherlich nicht so deuten, wie ich es gemeint hatte.
„Freunde sind immer gut, die braucht man für das Leben“, meinte mein Vater und wandte sich an Sammy.
„Hallo Sammy!“
„Guten Tag Mr. Tanduri, herzlichen Dank für ihre Einladung.“
„Nichts zu danken, ich konnte meinem Sohn bisher fast noch keine Bitte abschlagen.“
Beide sahen kurz zu mir und lächelten.
„Sie sind das erste Mal in Indien, Sammy?“
„Ja, bisher bin ich aus England noch nicht so weit weggekommen. Mein Vater liebt Traditionen und natürlich auch sein Vaterland.
„Traditionen sind sehr wichtig. Man muss sie erhalten und ehren.“
„Ich glaube, mein Vater und sie würden sich gut verstehen“, meinte Sammy und setzte sein hinreisendes Lächeln auf, das ich bisher gesehen hatte.
Er war schon im Begriff meinen Vater zu vereinnahmen und für sich zu gewinnen, wie er es sehr oft tat. Das war keine Absicht von Sammy, aber seine Art, sein ganzes Wesen, war so besonders, dass jeder ihm gleich verfiel.
„Und sie studieren mit meinem Sohn zusammen Agrawissenschaft?“
„Ja, mein Vater meinte, ich solle etwas Nützliches lernen, was der Familie später weiterhilft.“
„Ich habe gehört, ihr Vater leitet ein großes Unternehmen, das sich mit Ackerbau beschäftigt.
Also hatte Vater sich wirklich über Sammy und seine Familie informiert. Wie viel wusste er aber wirklich? Bei Sammy zu Hause, wusste jeder Bescheid, dass der Sohn des Hauses schwul war.
„Ja, ihm gehört die Produktion der Coats Limited, führend im Bau von landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen in England.“
Ich spürte, wie stolz mein Schatz auf diese Tatsache zu sein schien, ließ aber sonst nicht, den reichen Sohn an den Tag treten.
„Ich freue mich jedenfalls, dass mein Sohn einen Freund in ihnen gefunden hat.“
Bei dieser Bemerkung musste ich jetzt doch grinsen. Ich wusste, meine Gedanken waren hier nicht angebracht, aber Sammy hatte wirklich des Öfteren einen kleinen Freund in sich… meinen, aber ich verwarf diesen Gedanken sofort wieder.
„Aber jetzt will ich euch nicht länger stören, ihr wollt euch sicher noch frisch machen und euch für das Fest umziehen?“
„Ja Vater, Mutter hat für Sammy bereits einen Sari bereitgelegt.“
„Gut, dann werden wir uns später sehen.“
Er schüttelte nochmals Sammys Hand und verließ dass Zimmer. Als sich die Tür geschlossen hatte, drehte sich Sammy zu mir und grinste.
„Ich weiß nicht was du hast, dein Vater ist doch ein sehr netter Mann.“
„Du hast ja Recht, aber du hast auch gemerkt, wie traditionsgebunden er ist… und einen schwulen Sohn in der Familie würde er nie akzeptieren.“
„Nun lass mal gut sein. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich noch gerne duschen.“
„Kein Problem, soll ich dir den Rücken einseifen?“
„Das wollte ich als nächstes fragen“, meinte Sammy mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen.
*-*-*
„Dieser Sari steht dir fast noch besser als mir“, meinte ich.
Der Stoff war in einem schlichten grau gehalten, fast keinerlei Verziehrungen waren zu sehn. Dafür war der Ponnadei umso prächtiger. Ich musste Sammy dabei helfen, diesen übergroßen Schal anzulegen, damit er nicht beim Gehen darüber stolperte.
„Das sind auch so wunderschöne Stoffe. Diese intensiven Farben, dieses rot und gelb“, sagte Sammy.
Ich strahlte ihn an, mein Sammy sah einfach nur gut in indischen Klamotten aus. Ich ging zu ihm hin und nahm ihn in den Arm.
„Ich bin so stolz, dass ich dich habe!“
Sammy lächelte verlegen.
„Ich liebe dich, Sammy, komme was wolle, dich gebe ich nicht mehr her.“
„Ich liebe dich auch mein Kleiner“, sagte Sammy und küsste mich.
„So da wollen wir mal, damit der Sohn des Hauses nicht zu spät kommt.“
Ich zeigte Sammy, wie er den Schal über den Arm legen sollte, damit er beim gehen nicht behindert wurde. So liefen wir gemeinsam die Treppe hinunter, die uns in den großen Saal führte.
Dort wartete meine Mutter, die uns mit freudigen Augen entgegen strahlte.
„Sammy, der Sari steht dir ausgezeichnet!“
„Das habe ich auch schon gesagt Mutter.“
„Dann lasst uns gehen“, meinte Mutter.
„Wollen wir nicht auf Vater warten?“, fragte ich.
„Nein, mein Sohn, deinem Vater ist etwas Geschäftliches dazwischen gekommen, er wird später kommen.“
Das war nicht Vaters Art. Diwali war einer der höchsten und schönsten Feste hier und nie zog mein Vater etwas Anderes dem vor. Aber ich verwarf den Gedanken wieder, und hakte mich bei meiner Mutter ein, so wie es Sammy, auf der anderen Seite getan hatte.
So marschierten wir nach draußen ins Freie. Es waren viele Gäste da, alles war herrlich geschmückt, die Musik spielte mir vertraute Klänge, einige Menschen tanzten. Mutter begrüßte einige Leute, ich schloss mich ihr an, ohne zu vergessen jedes Mal Sammy vorzustellen.
Eine Gruppe junger Mädchen stand in einer Ecke und kicherte, als Sammy sich zu ihnen umdrehte. Ich hätte jetzt einfach Lust dazu gehabt, Sammy zu küssen, damit jeder sehen konnte, dass er zu mir gehörte.
Aber das verbot mir mein Anstand. Aber irgendwie war ich trotzdem glücklich Sammy einmal meine Kultur zeigen zu dürfen und näher zubringen. Eine kleine Gruppe hatte sich gebildet, die auf dem Rasen tanzte.
Lange hatte ich die Klänge nicht mehr gehört. Gut ich hatte einige auf Mp3 und auch auf dem Computer, aber im Original waren sie doch schöner. Ich konnte nicht anders, mein Körper bewegte sich zu den Klängen der Musik.
„Komm Sammy, lass uns tanzen“, sagte ich.
Etwas verlegen schaute Sammy zu der tanzenden Gruppe.
„Ich kann das doch gar nicht.“
„Stell dich nicht so an, dass geht ganz leicht.“
Ohne groß darüber nachzudenken, nahm ich ihn einfach an der Hand und zog ihn zum Rasen. Diese Szene blieb natürlich nicht unbeobachtet. Die Gruppe Mädchen folgte uns natürlich. Schnell war ich wieder im Rhythmus der Musik, bewegte mich zum Takt.
Sammy stand etwas verloren da, versuchte aber immerhin, etwas von den Schrittfolgen mitzumachen, aber da sie sich immer wieder wiederholten, hatte er, zumindest einige wenige Schrittfolgen bald perfekt drauf.
Ich vergaß alles um mich herum und ließ mich einfach fallen. Die Farben der Kleidung und der Natur taten ihr Übriges. Ich sah nur noch Sammy, der lächelnd nicht weit von mir versuchte Schritt zuhalten.
Nach fünf Liedern wurde eine Pause gemacht und Sammy und ich fielen uns in die Arme. Ohne auch nur irgendwie auf die Umwelt zu achten gaben wir uns einen Kuss. Erst als um uns herum ganz still wurde, glitten wir auseinander.
Alle Augen waren auf uns gerichtet, jeder schaute entsetzt auf uns. Meine Mutter konnte ich entdecken, sie schaute erst traurig zu mir, dann in eine andere Richtung. Ich folgte ihrem Blick und sah meinen Vater.
Wie versteinert stand er da und blickt uns an. Ich empfand die Stille als tödlich. Keiner wandte den Blick von uns. Kurz blickte ich zu Sammy, der mich ratlos anschaute. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und zog Sammy an der Hand führend hinter mir her, bis ich vor meinem Vater stand.
„Also stimmt es, was mir meine Leute zugetragen haben…, dieser Engländer ist…!“
„Ja, schwul!“, kam es im festen Ton von Sammy.
Verwundert schaute ich wieder kurz zu Sammy, der mich nun anlächelte. Was sollte das jetzt?
„Sohn, gehe weg von ihm, er schadet dir nur, er macht dich krank!“
„Krank?“, fragte Sammy, „in welchem Jahrhundert leben sie?“
Mein Vater nahm Sammy überhaupt nicht wahr, hatte seine Augen nur auf mich gerichtet. Ich dagegen, hatte Sammy Hand immer noch in meiner.
„Sapan, lass seine Hand los!“
Ich stand zwischen meine Vater und Sammy und musste mich nun entscheiden, entweder gegen meinen Vater, oder gegen die Liebe zu Sammy.
„Nein Vater, dass werde ich nicht tun!“
„Bist du dir da sicher?“
„Ja, das bin ich.“
„Dann pack deine Sachen und verschwinde, geh mir aus den Augen.“
„Raoul?“, hörte ich meine Mutter rufen, die aber sofort unter den scharfen Blicken meines Vaters, den Kopf senkte und verstummte.
Nur sehr langsam hob sie wieder den Kopf und ich konnte die Tränen in ihren Augen sehn. Auch nahm ich war, wie sich die Gäste zurückzogen. Ich drückte etwas fester Sammys Hand und zog ihn Richtung Haus.
Ohne mich noch einmal herum zudrehen, betraten wir gemeinsam wieder das Haus.
„Sapan, dass ist es doch nicht wert?“, hörte ich Sammy hinter mir sagen.
„Was? Unsere Liebe ist es nicht wert, dafür zu kämpfen? Nein Sammy, ich liebe dich und dafür kämpfe ich auch…, auch wenn mein Vater mich hinauswirft.“
„Sapan, sei doch vernünftig.“
„Sammy glaube mir, nie war ich so vernünftig wie heute.“
*-*-*
Die Luft war stickig. Es war eben ein Billigflieger. Auch wenn Sammys Vater dafür aufgekommen wäre, damit wir uns ein angenehmeres Beförderungsmittel hätten leisten zu können, so bestand ich darauf unseren Rückflug selber zu bezahlen.
Meine Großmutter hatte mir etwas Geld vermacht, so war meine Zeit auf dem Internat abgesichert und ich konnte auch ohne Sorgen diesen Flug bezahlen. Also war ich auf das Geld meines Vaters nicht angewiesen.
Den Luxus, dass es mit sich brachte, auch den musste ich eben nun verzichten.
„Sapan, noch kannst du zurück“, fing Sammy wieder an.
„Nein Sammy, ich habe mich für dich entschieden und mich bewegt nichts dazu, etwas Anderes zu tun.“
Sammy lehnte sich zurück und schaute aus dem Fenster. Ich dagegen schaute starr nach vorne, weil mir diese Blicke nicht aus dem Kopf gingen. Die starren Blicke meines Vaters, als wäre ich ein Fremder für ihn und die Blicke meiner Mutter, die tränenreich, mich beim Abschied anschauten.
Die Gangway wurde zurückgezogen und man konnte das Starten der Düsen hören. Langsam rollte die Maschine rückwärts.
„Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl“, meinte Sammy.
„Kann ich dir nicht verdenken, nach dem wie sich mein Vater benommen hat.“
„Nein, ich meine nicht wegen deinem Vater, ich meine diese Maschine hier…“
„Was soll mit ihr sein? Ist eben keine Firstclass Maschine, eben nur ein Billigflieger.“
Sammy antwortete nicht darauf und nahm nur meine Hand in die Seine. Sanft streichelte er mit dem Daumen über meinen Handrücken, als wolle er mich beruhigen. Verständlich. Sammy war immer sehr klar im Denken, er erfasste schneller, was kommen würde.
Klar, ich habe etwas verloren, meine Familie, aber so Recht schienen mir die Konsequenzen noch nicht klar zu sein, ich konnte in diese Richtung einfach nicht weiter denken. Warum sollte ich mir darüber auch den Kopf zerbrechen, die Aussage meines Vaters war eindeutig.
Er wollte nichts mehr mit mir zu tun haben, ich sein schwuler Sohn, das Wort, das er nicht mal hat aussprechen können. Ich schämte mich für meinen Vater, dass er so altmodisch dachte.
Plötzlich schämte ich mich auch für die Traditionen meines Landes, für mein Land, für alles, was mir bisher immer wichtig war. Alles erschien mir jetzt so fehl am Platz. War ich wirklich schon zu lange in England?
Ich blickte kurz nach draußen, wo die Landschaft an mir vorbeiraste, als die Maschine abhob. Würde ich dass hier noch einmal wieder sehen, gab es einen Grund, noch einmal hier her zurück zukehren?
Es fühlte sich wie ein Stich in meinem Herzen an. Ich hatte alles verloren. Wieder kam mir der tränenreiche Blick meiner Mutter in den Sinn und spürte selber, wie sich Tränen, den Weg über meine Wangen bahnten.
Nie wieder würde ich glücklich barfuss über den Rasen unseres Hauses rennen. Nie wieder würde ich im See baden, den mein Vater damals extra für mich hat anlegen lassen. Keine Feste mehr mit ausgelassener Musik.
„Geht es?“, hörte ich Sammy leise sagen, während er mir ein Papiertaschentuch hinhielt.
„Muss gehen!“, meinte ich und nahm dankend an, „ich weiß jetzt nur nicht was wird.“
„Hör mal Sapan, ich bin immer für dich da, das weißt du und bei meiner Familie bist du immer herzlich willkommen, das hat mir vorhin meine Mutter am Telefon noch einmal gesagt, als ich dass alles erzählte, was passiert ist. Soll dir auch liebe Grüße ausrichten.“
„Danke Sammy“, erwiderte ich und drückte mit einem Lächeln auf den Lippen, ganz fest seine Hand.
Ein Leben in England. Ich würde mein Studium abschließen und konnte dort Arbeit finden. Ich hatte Sammy, den ich über alles liebte und heute nach meinem Liebesbeweis, den ich unfreiwillig abgegeben hatte, war ich mir sicher, unsere Bindung wurde noch mehr gefestigt.
„Sapan schau mal da nach draußen“, hörte ich Sammy sagen und folgte der Richtung seines Fingers.
Mir blieb fast das Herz stehen, als ich erkannte, was er meinte. Aus dem einen Triebwerk rauchte es gewaltig. Auch die Maschine fing jetzt an zu vibrieren. Nun schlugen schon kleine Flammen aus der Düse.
Die Maschine befand sich immer noch im Steigflug. Doch hatte ich das Gefühl, das wir gar nicht richtig stiegen, den Schub den man sonst beim Starten spürte, war nicht vorhanden.
„Sapan, wir gehen wieder runter“, sagte Sammy leise.
Ich sah, wie der Wald auf dem ansteigenden Hang immer näher kam. Jemand im Flugzeug schrie laut, dass wir abstürzen. Eine Durchsage kam, man solle sich nach vorne beugen, doch durch das hysterische Geschrei an Bord, war fast nichts mehr zu verstehen.
Ich war nicht fähig zu schreien, steif saß ich da, zerquetschte fast Sammys Hand. War das nun die Strafe für meine Entscheidung? Viel zu schnell kam der Wald näher, Sammy drückte mich nach vorne und weniger Sekunden später, hörte ich noch einen Knall, wir wurden herumgeschleudert und dann wurde alles um mich herum dunkel.
*-*-*
Ich hörte Vogelgezwitscher und sonst war alles ruhig. Nur langsam wurde mir bewusst, was eben geschehen war. Eben? Wie lange lag ich hier schon? Langsam versuchte ich meine Augen zu öffnen.
Das Bild was sich mir zeigte war etwas verschwommen, aber es wurde besser. Ich hatte einen komischen Geschmack im Mund, hob meine Hand, was ich aber sofort bereute, denn ein Stich fuhr in meine Schulter.
„Sapan?“, hörte ich leise neben mir.
Vorsichtig drehte ich den Kopf zur Seite, wo ich Sammy vermutete. Jetzt erst sah ich, dass Sammy und ich immer noch in unseren Sitzen saßen, aber vom Flugzeug nicht viel da war.
Es musste uns herausgerissen haben. Ich konnte hinter Sammy große Teile vom Flugzeug erkennen, die noch brannten, aber auch Menschen, die leblos schienen. Bevor ich Sammy antworten konnte, hörte ich nun aus allen Richtungen, Laute, Jammern und Schreie.
„Sammy, ich bin hier!“
Erst jetzt viel mir die Wunde an Sammys Kopf auf, aus der Blut sickerte. Ich hob nun vorsichtig die andere Hand, dann den ganzen Arm, der schien heil geblieben zu sein. Ich versuchte meinen Gurt zu lösen, was sich aber als schwer erwies, da wir nicht mehr aufrecht saßen, sondern mit den Rückenlehnen der Sitze auf dem Boden lagen.
Mit etwas Geduld hörte ich es klicken und der Druck von meinem Bauch war genommen. Ich versuchte mich auf die Seite zu drehen, weg von Sammy, damit ich vom Sitz wegkam. Mit einem lauten Schrei fiel ich zu Boden, neben dem Sitz.
Meine Schulter tat höllisch weh. Mit der noch heilen Hand hob ich meine Schulter und versuchte mich aufzurichten. Mit letzter Kraft schleppte ich mich auf die andere Seite unserer Sitze und ließ mich neben Sammy fallen.
„Sapan, ist… alles okay… mit dir?“, hörte ich Sammy leise sagen.
„Meine Schulter… ich glaube, die ist gebrochen… aber was ist mit dir?“
Sammy, der immer noch in gehockter Stellung vor mir lag, öffnete die Augen.
„Mir tut das Atmen weh, ich habe Stiche in der Brust.“
Tränen rannen über seine Wangen.
„Sapan, mir ist so kalt…“
Kalt? Die Sonne brannte, wurde durch keinen Baum abgehalten, denn die hatte das Flugzeug weggerissen. Nun versuchte ich auch Sammys Gurt zu lösen, was sich als noch schwieriger erwies, als bei mir.
Sammys Bein lag so komisch da, deshalb kam ich nicht richtig an den Gurt. Als ich Sammys Bein auf die Seite drücken wollte, fing Sammy an laut zu schreien.
„Scheiße, dein Bein scheint gebrochen zu sein…, Sammy es tut mir leid, ich wollte dir nicht wehtun…“
Tief atmete Sammy durch.
„Braucht dir nicht… leid zu tun… du konntest… es nicht wissen.“
„Sammy, ich muss dich aber losschnallen, es ist nicht gut, wenn du da so liegen bleibst…, du hast eine Wunde am Kopf…“
Sammy hob seine Hand und fuhr sich über die Stirn, wo er nun auch noch das Blut verschmierte.
„Sapan, irgendwie schaffen wir dass schon, ich… ich muss nur die Zähne zusammenbeißen.“
Also versuchte ich noch einmal an die Gurtschnalle zu kommen, ohne Sammys Bein zu verschieben.
„Sapan, doch nicht… nicht vor all den Leuten.“
Ich schaute zu Sammy hinunter, der ein winziges Lächeln auf seinen Lippen hatte. Mir wurde bewusst, wie dass aussah, was ich da gerade machte, als würde ich Sammy in die Hose fassen.
„Du kleiner Spinner!“
Jedenfalls hatte Sammy seinen Humor nicht verloren. Plötzlich machte es Klick und Sammy rutschte in sich zusammen, was er auch gleich wieder mit einem Schrei quittierte. Vorsichtig zog ich ihn mit einem Arm vom Sitz herunter, was er brüllend begleitete.
Beide atmeten wir nun schwer und Sammy schien sich wieder zu beruhigen. Er lag nun halber auf mir und beide Beine einigermaßen gerade von sich gestreckt. Meine Schulter hatte dies auch nicht schmerzfrei gelassen, aber ich versuchte mich zusammen zureisen.
Ich presste meine Hand auf die Wunde von Sammys Kopf und dann erst schaute ich mich um. Überall waren Trümmer, hier und da brannte es noch. Aber konnte ich auch andere Menschen entdecken, die sich noch bewegten.
Aber keiner schien unverletzt zu sein, ich sah niemand, der herumlief. Wie weit waren wir eigentlich vom Flughafen weg? Ob die den Absturz schon mitbekommen hatten. Dicker Rauch stieg zum Himmel, den man eigentlich sehen musste.
Sammy hatte wieder die Augen geschlossen, atmete ruhig. Hoffentlich stirbt er mir hier nicht weg, dachte ich noch, als ich Sammys Hand an meinem Bein spürte, die mich sanft streichelte.
„Wie viel kann ein Mensch am Tag eigentlich ertragen?“, fragte er leise.
„Was meinst du?“
„Hatten wir heute nicht schon genug Aufregung?“
„Aufregung… Sammy, wir haben gerade ein Flugzeugabsturz überlebt, was ist daran aufregend?“
„Ja, wir leben noch, ist… doch immerhin etwas, oder?“
Jetzt musste ich grinsen, Sammy versuchte mich nur aufzumuntern.
„Ob es lange dauert, bis jemand zur Hilfe kommt?“, fragte ich nervös, immer noch meine Hand an Sammys Stirn haltend.
„So weit waren wir nicht vom Flughafen weg“, antwortete Sammy, „ ich glaub ich höre sogar einen Hubschrauber…“
Angespannt lauschte ich, doch die Rufe und Schreie der anderen machte es mir fast unmöglich etwas Anderes zu hören. Doch Sammy hatte Recht, ich konnte nun auch einen Hubschrauber hören, der sich schnell näherte.
Wenig später überflog ein Helikopter die Unglücksstelle, zog seine Kreise, bevor er versuchte, in der Nähe herunter zu gehen. Es dauerte auch nicht lange, bis ein paar Leute gerannt kamen, ich konnte sogar auf ihren hellen Jacken das rote Kreuz erkennen.
„Sammy, bald ist Hilfe da!“, meinte ich, aber er antwortete nicht.
Er atmete normal, aber reagierte nicht auf mich.
„Sammy?“, rief ich, aber kein Laut kam.
Ich bekam es mit der Angst zu tun, bewegte seine Kopf langsam, aber keinerlei Reaktion.
„Junge, alles klar mit dir?“
Ich hob den Kopf und einer der Helfer stand vor mir.
„Ich habe nur etwas an der Schulter, aber mein Freund reagiert nicht mehr…“, sagte ich leicht panisch.
Der Helfer stellte seinen Koffer ab und kniete sich neben uns. Er öffnete mit einem Finger Sammys Auge, fühlte seinen Puls.
„Dein Freund ist bewusstlos, aber es dauert nicht mehr lange und es ist Hilfe da, hier in der Nähe ist eine Strasse, die Krankenwagen müssen bald eintreffen. Hier eine Kompresse, die drückst du fest gegen die Wunde deines Freundes. Und was ist mit deiner Schulter?“
Er griff leicht nach ihr, was aber wieder einen höllischen Schmerz verursacht und ich aufschrie.
„Ist vielleicht gebrochen…, bleib einfach ruhig hier sitzen… es kommt bald Hilfe“, meinte der Helfer und stand wieder auf.
Ich sah seine Hilflosigkeit im Gesicht, mir schien er wusste nicht, wohin er als Erstes hinlaufen sollte. Fest drückte ich die Kompresse an Sammys Wunde, spürte wie sich die Tränen in meinen Augen sammelten und auf Sammy herunter tropften.
*-*-*
Zwei Stunden saß ich nun hier und wartete, dass mir jemand wegen Sammy Bescheid sagte. Außer seinem gebrochenen Bein und der Platzwunde am Kopf wurde festgestellt, dass Sammy sich auch noch zwei Rippen gebrochen hatte.
Ich hatte dagegen Glück mit nur einer gebrochen Schulter und ein paar Schrammen am Körper. Ich hatte kurz mit Sammys Eltern telefonieren können, die sich wahrscheinlich schon auf dem Weg hier her befanden.
Meine Eltern hatte ich nicht angerufen und nach mehrmaligen Fragen der Schwester, äußerte ich den Wunsch, dass auch niemand vom Personal dies tat, denn ich hatte einen bekannten Nachnamen, mein Vater war in der Stadt sehr bekannt.
So saß ich nun auf meinem Stuhl und wartete. Eine Lernschwester kam vorbei und reichte mir eine Tasse Tee, bevor sie sich wieder entfernte. In meinem Kopf herrschte das Chaos und dazu kam, dass ich mir immer wieder vor Augen hielt, ich sei Schuld, dass mein Schatz da nun im Op lag, weil ich ihn dabei haben wollte, weil ich mich geoutet hatte.
Meine Tränen waren längst versiegt, meine Augen brannten.
„Sapan?“, hörte ich leise neben mir eine Stimme.
Ich hob meinen Kopf und sah vor mir eine ältere Frau in Schwesterntracht, die mich anlächelte.
„Willst du dich nicht etwas hinlegen, Sapan?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich warte auf Sammy, meinem Freund.“
„Sammy geht es gut, er hat die Operation gut überstanden. Ich werde veranlassen, dass er in dein Zimmer gebracht wird.“
Ich schaute die Frau wieder an, die mich immer noch anlächelte. Langsam erhob ich mich, die Schwester, mit dem Namensschild Tipai half mir auf.
„Und soll ich wirklich nicht deinen Vater anrufen?“
„Nein!“
„Sapan bitte, er muss doch wissen was geschehen ist…“
„Es wird ihn nicht interessieren…“
„Warum…?“
Ich schaute der Frau ganz lange in die Augen, bevor ich antwortete.
„Weil ich meinen Freund liebe… er mich deswegen verstoßen hat…“
„Raoul, dein Vater?“
Die Schwester schien meinen Vater näher zu kennen.
„Sie kennen meinen Vater persönlich?“
Mittlerweile waren wir an einem Zimmer angekommen, in dem nur ein Bett stand, dass andere fehlte. Tipai half mir ins Bett und ich merkte wie gut es tat, mich einfach zurück zulehnen.
„Sobald dein Freund aufgewacht ist, verlegen wir ihn hier her, okay?“
Ich nickte, merkte aber, dass sie jetzt etwas säuerlich war.
„Und wegen deinem Vater mach dir mal keine Sorgen, darum kümmere ich mich schon.“
„Was haben sie mit meinem Vater zu tun?“
„Dein Vater, Raoul, war der beste Freund meines Bruders….“
„War?“
„Ja, mein Bruder ist Tod!“, sagte sie und mit traurigen Blick verließ sie mich. Ich spürte, wie mich die Müdigkeit überkam, ich gähnte und es dauerte nicht lange und ich war eingeschlafen.
*-*-*
Etwas erholt öffnete ich die Augen und ich musste tief geschlafen haben, denn ich hatte nicht mal bemerkt, dass man Sammy zu mir ins Zimmer geschoben hatte. Im Zimmer war es schon dunkel, eine Lampe brannte auf dem Tischchen, neben meinem Bett.
„Endlich wach?“
Ich drehte meinen Kopf, da saß Eknath unser Fahrer am Bettrand.
„Eknath, was tust du denn hier?“
„Ich habe deine Mutter hergebracht, sie ist aber gerade draußen, um sich einen Tee zu holen, so lange soll ich am Bett wachen.“
Also wusste man daheim Bescheid… daheim, es war ja nicht mehr mein Zuhause. Aber warum war meine Mutter hier? Sie durfte mich doch sicher nicht sehen, mein Vater hätte es ihr verboten.
Ich schaute wieder zu Sammy, der sich etwas regte.
„Dem jungen Herrn geht es auch gut, das Bein konnte wieder gerichtet werden und er muss einen Stützverband tragen, solange bis seine Rippen wieder in Ordnung sind“, sagte Eknath, als könne er meine Gedanken lesen.
Ich versuchte mich aufzurichten. Eknath schien von der Idee nicht begeistert, trotzdem half er mir auf. Langsam und schwankend ging ich an Sammys Bett und setzte mich zu ihm. Seine blonden Haare lugten unter einem Verband heraus, zärtlich strich ich darüber.
Er schien friedlich zu schlafen, hatte sogar ein kleines Lächeln auf den Lippen. Die Tür zum Zimmer wurde leise aufgeschoben und meine Mutter trat herein.
„Sapan, du bist aufgewacht?“, fragte sie leise, stellte ihre Tasse ab und kam um das Bett herum zu mir.
Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände und küsste mich auf die Stirn.
„Was ist mit Vater?“, war das Einzigste was ich überhaupt herausbrachte.
Meine Mutter schaute kurz zu Eknath, der sich erhob und ohne einen Ton zusagen das Zimmer verließ.
„Er kommt nach…“
„Er kommt hier her?“
„Ja…“
„Ich habe Tipai extra gesagt, ich will nicht, dass man ihn verständigt.“
„Da kennst du Tipai nicht“, meinte Mutter und atmete tief durch.
Ich verstand nicht Recht, was das jetzt sollte, denn ich wusste wie stur mein Vater war, was konnte ihn schon umstimmen, hier her zu mir zu kommen…
„Was hat Tipai mit Vater zu tun?“
„Sie hat dir nichts erzählt?“
„Sie hat gesagt ihr Bruder und Vater waren mal die besten Freunde.“
Meine Mutter lächelte kurz, bevor ihr Gesicht wieder ernst wurde.
„Stimmt, die beiden waren unzertrennlich. Jeder dachte, die Zwei machen gemeinsam eine Firma auf und kaufen die ganze Stadt auf.“
„Und warum ist es nicht dazu gekommen?“
„Dein Vater…“
„Hat Vater wieder einer seinen traditionsreichen Entscheidungen getroffen?“, fragte ich leicht sarkastisch.
„Nicht nur…“
Ich schaute meine Mutter an, die sich anscheinend sträubte mir mehr zu erzählen.
„Ich glaube, dass soll dir besser Tipai erzählen“, meinte sie und drückte den Knopf.
Es dauerte nicht lange und Tipai betrat das Zimmer.
„Ihr habt gerufen?“
„Ja, Tipai, erzähl Sapan doch, was damals zwischen Raoul und Kalame vorgefallen ist.“
„Bist du sicher, Mallalai?“, fragte Tipai meine Mutter.
„Ich denke, er sollte es wissen.“
Tipai wandte sich an mich und atmete noch einmal tief durch.
„Kalame war ein lieber Junge sah immer zu Raoul auf, der ein Jahr älter war. Keiner von uns merkte, wie sich mein Bruder veränderte, dass er Probleme hatte. Eines Tages fanden wir ihn erhängt im Garten meiner Eltern.“
Ich musste schlucken.
„Wir fanden auch einen Abschiedsbrief, in dem er den Grund erklärte, warum er sich so von seinem Leben trennte. Er… er vergötterte deine Vater… ja er liebte ihn. Aber er konnte mit dieser Schande nicht leben, er wollte uns allen die Schande ersparen, dass er anders fühlte, als normale Männer.“
„Ich und Sammy sind auch normal, nur weil wir uns lieben, sind wir nicht krank!“
„Sapan, dass weiß ich und dass weiß auch deine Mutter. Nur Raoul hatte sich seit damals verschlossen. Keinerlei Gefühlsregungen konnte man ihm ansehen, auch nicht als wir Kalame seine letzte Ehre erwiesen und ihn verbrannten. Er war nicht mal erschienen.“
„Aber warum? Warum ist Vater so?“, fragte ich.
„Das musst du ihn selber fragen, dieses Thema wurde seither nie wieder in seiner Gegenwart angeschnitten.“
Ich schaute hilflos meine Mutter an.
„Sapan, habe keine Angst, auch wenn dein Vater, Kalame, wie einen Bruder liebte und mit dessen Gefühlen nicht zu Recht kam, er kann dich nicht auch noch verstoßen und noch jemand aus seinem Leben drängen“, sprach Tipai weiter.
„Das hat er doch schon!“, meinte ich trotzig.
„Lass ihm bitte Zeit…“, sagte meine Mutter.
„Damit er mich und mein Sammy noch mehr verletzten kann? Nein Mutter, dazu bin ich nicht bereit. Ich liebe Sammy über alles und nichts kann uns trennen, auch mein Vater nicht.“
Sammy schien durch die laute Unterhaltung wach geworden zu sein.
„Es ist ja schön…, dass du mich liebst…, aber könntest du das leiser sagen?“
„He mein Schatz, wie geht es dir?“
Ich beugte mich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„So weit gut, aber mein Kopf dröhnt, also etwas leiser bitte!“
„Mein Vater will herkommen…“
„Oh Gott, dann streitet aber bitte euch draußen, den Krach ertrage ich nicht…“
„Hallo Sammy…“, hörte ich meine Mutter sagen.
Sammy hob leicht den Kopf und sah in Richtung meiner Mutter.
„Entschuldigen Sie Mrs. Tanduri, ich habe nicht bemerkt, dass sie auch im Raum sind.“
„Keine Sorge, ich verstehe den Gram gegen meinen Mann.“
Sammy wurde rot.
„Ich hole erst einmal etwas gegen deine Kopfschmerzen“, sagte Tipai und verließ uns wieder.
Sammy sah mich an und dann wieder zu meiner Mutter.
„Sie haben nichts dagegen, dass ihr Sohn mich liebt?“, fragte er direkt.
„Warum sollte ich, Hauptsache er ist doch glücklich…“
„Und ihr Mann? Ich meine… Sapan hat mir die zwei Jahre die ich ihn jetzt kenne, soviel von Indien, von ihnen und auch von seinem Vater, den er sehr liebt, erzählt. Ich gebe zu, auch ich kam mit gemischten Gefühlen hier her, weil ich nicht wusste, was auf uns zukam. Aber alles was mir Sapan über sie hier erzählte, ließ mich vermuten, dass sie alle sehr aufgeschlossen wären.“
„Aufgeschlossen dem Neuen ja, aber fest an der Tradition festhaltend“, meinte meine Mutter.
„Ich möchte nicht, dass Sapan wegen mir verletzt wird, es tat mir weh ihn leiden zu sehn, ich spürte die Schmerzen, die ihm sein Vater zufügte.“
„Das spricht für dich, Sammy.“
„Ich habe versucht ihn zur Umkehr zu bewegen, lieber auf mich zu verzichten, als auf seine Familie zu verzichten, denn auch in England ist die Familie das höchste Gut, das man besitzen kann.“
„Ich werde dich nicht verlassen, das kommt gar nicht in Frage?“, nörgelte ich.
„Das wieder spricht für meinen Sohn, was er sich in den Kopf gesetzt hat, führt er auch durch, da ähnelt er sehr seinem Vater.“
„Das wird auch das Einzigste sein…, entschuldigen sie, es steht mir nicht zu so etwas zu sagen“, meinte Sammy.
„Auch dies macht mir nichts aus, weil ich meinen Mann, aber auch Sapan gut kenne, sie trennen Welten.“
Es klopfte an der Tür und Tipai kam zurück.
„Hier schluck das bitte, dann wird dein Kopfweh langsam weichen.“
Tipai hielt ihm eine Tasse hin. Ich half ihm etwas auf und Tipai setzte die Tasse an, die Sammy auch schön brav leer trank.
„Bah, schmeckt das widerlich…“, meinte Sammy und verzog das Gesicht.
„Aber es hilft!“, meinte Tipai und verließ uns wieder.
„Und jetzt?“, fragte Sammy.
„Was? …dir scheint es ja wirklich besser zu gehen“, meinte ich und streichelte über seine Wange.
„Das täuscht, warte bis die ganzen Spritzen aufhören zu wirken und ich meinen Körper wieder spüre, dass wird sicher heftig.“
„Das ihr Männer immer jammern müsst“, kam es von meiner Mutter und sie lächelte auch etwas.
Bevor ich etwas sagen konnte, wurde die Tür wieder geöffnet. Zu meiner Überraschung waren es Sammys Eltern… hatten die eine Rakete? Ein Blick auf die Uhr beleerte mich etwas Anderem, es war schon spät in der Nacht.
Durch meinen Schlaf hatte ich irgendwie das Gefühl für Zeit verloren.
„Oh Gott Junge, wie geht es dir… wir haben die Bilder im Fernseher gesehen, einfach schrecklich… ein Wunder, dass so viele Menschen überlebt haben.“
Mrs. Briston beugte sich über ihren Sohn und küsste ihn.
„Hallo Sohn, was machst du nur für Sachen?“, kam es vom Mr. Briston.
„Ich lebe, siehst du doch und du weißt ja, Unkraut vergeht nicht, besonders das Englische!“
Nun lachten alle drei und ich war geneigt mitzulachen, wenn da nicht noch eine dritte Person das Zimmer betrat… mein Vater.
*-*-*
Ich stand nur da und sagte gar nichts, die Stille im Raum war mir unerträglich.
„Hallo Mr. Tanduri!“, kam es von Sammy und hob die Hand.
Mein Vater blickte zu ihm, ließ seinen Blick kurz durch den Raum wandern, blieb an mir haften und reichte dann schließlich Sammy die Hand. Ich atmete tief durch.
„Hallo Sammy, sie hat es ja ganz schön erwischt…“, sagte er zu Sammy.
„Na ja, das mit dem Bein wird eine Weile dauern, die Rippen werd ich überleben, ich darf nur nicht zuviel lachen und der Kopfverband kommt sicher morgen wieder ab, alles in allen, ich sehe schlimmer aus, als ich es bin…“
War das jetzt ein Schnitzer, oder hatte dass Sammy mit Absicht gesagt. Sammys Vater grinste, gab aber kein Kommentar von sich. Ich hatte mich inzwischen wieder auf mein Bett gesetzt, denn meine Schulter machte mir wieder zu schaffen.
Wieder war es ruhig im Zimmer und wieder war es Sammy, der die Stille durchbrach.
„Wie seid ihr eigentlich so schnell hier hergekommen, ich meine England ist ja schon ein Stückchen weg“, sagte er zu seinen Eltern.
„Raoul hat uns abgeholt mit seinem Privatjet“, meinte Mr. Briston.
Raoul, nanu, hatte ich etwas verpasst? Jetzt wurde schon im vertrauten Du gesprochen.
„Deswegen hatten wir auch keine Schwierigkeiten mit dem Einreisen, er hatte bereits alles für uns erledigt und wir konnten direkt hier ins Krankenhaus fahren.“
Mein Vater setzte sich in Bewegung und kam zu mir ans Bett. Er ließ sich auf dem Bettrand nieder.
„Sapan…“, er schaute mich direkt an, „Sapan es tut mir leid, ich hätte fast einen Fehler begangen und dich verloren. Diesen Fehler habe ich schon einmal begangen und jemand starb durch meine Schuld…, diese Schuld reicht für mein ganzes Leben…“
„Aber… wieso… wieso du bist doch nicht schuld an Kalames Tod“, meinte ich, weil ich nicht verstand, was er damit meinte.
Er schaute mich etwas erstaunt an und sein Blick wanderte zu meiner Mutter.
„Tipai?“, fragte er.
Sie nickte.
„Dann hat dir Tipai nicht die volle Wahrheit erzählt?“, sprach er weiter, wieder zu mir gewandt.
Ich verstand nicht. Mein Vater senkte den Kopf und begann zu erzählen.
„Vor dem Abend seines Todes, war… Kalame bei mir. Er hatte sich über die Außenfassade in mein Zimmer geschlichen…, er war aufgeregt, ich konnte ihn fast nicht beruhigen. Und plötzlich gestand er mir seine Liebe.“
Ah daher wehte der Wind, jetzt bekam die Geschichte auch eine Sinn.
„Ich verstand es nicht und habe ihm eine ins Gesicht gehauen.“
„Was hast du Raoul?“, kam es entsetzt von meiner Mutter.
„Nein, ich bin nicht stolz über das, was ich gemacht habe. Ich habe ihm ins Gesicht gesagt, er wäre eine Schande für uns alle, würde uns alle ins Unglück reisen. Zu mehr kam ich nicht, weil Kalame wegrannte. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, bis uns am nächsten Morgen der Anruf von Tipai erreichte.“
Mein Vater sah mich flehend an.
„Verstehst du Junge, nur weil ich ihm nicht klar machen konnte, dass ich nicht so fühlte wie er… er eben nur mein Freund war… ich ausgerastet bin… habe ich nun ein Menschenleben auf dem Gewissen,… durch meinen Fehler… und ich will diesen Fehler nicht wiederholen!“
„Also das mit dem Absturz war jetzt nicht geplant, Mr. Tanduri“, kam es von Sammy.
Seine Mutter schaute ihn entsetzt an.
„Entschuldigung, so wollte ich das jetzt nicht sagen, aber ich kenne jetzt Sapan seit zwei Jahren. Klar, es hat ihn sehr verletzt, was da heute Morgen gelaufen ist, aber sich deswegen umbringen, nein, das ist nicht Sapan!“
Ich wunderte mich, wo Sammy diese Selbstsicherheit her nahm.
„Aber ich hätte ihn dennoch verloren…“, sagte mein Vater.
„Auf eine gewisse Art und Weise schon, aber dennoch kann ich ihnen mit Überzeugung sagen, Sapan liebt sie! Auch wenn es gerade nicht den Anschein hat.“
Ich war versucht Sammy einen Stoß für seine Bemerkungen zugeben, bis ich feststellte, was er da gerade tat. Es war seine Art zu zeigen, wie sehr er mich liebte, eben dadurch, dass er jetzt für mich eintrat, sich vor mich stellte.
„Ich habe schon ihrer Frau vorhin gesagt, Sapan erzählt mir seit zwei Jahren ununterbrochen von Indien und von ihnen. Er hat eine sehr große Meinung von ihnen, sie sind sein Vorbild, auch was die Traditionen betrifft.“
Immer wieder schaute Sammy kurz zu mir und lächelte. Seine Kopfschmerzen schienen wohl verschwunden zu sein und auch so machte er einen fiten Eindruck.
„Und was die Traditionen betrifft, ja ich würde Sapan sogar heiraten, wenn er mich fragen würde, auch wenn sie dass jetzt entsetzt, ich liebe Sapan, er ist mein Leben!“
Erstaunt schaute ich zu Sammy, der gerade dieses Wort Heirat losgelassen hatte.
„Klar, Eines würde es geben, auf dass sie verzichten müssten… das wären Enkel, aber fragen sie meine Eltern, die haben sich an diesen Gedanken schon gewöhnt. Sie verlieren keinen Sohn…, sie bekommen einen Sohn dazu!“
Nun schwieg auch Sammy wieder und alles schaute gespannt zu meinem Vater.
„Sammy… eins verstehe ich nicht…“
„Was?“, fragte Sammy verwundert.
„Wenn du mein Sohn bist, warum sagt du immer noch sie zu mir?“
Es dauerte kurz, aber Sammy verstand, was er damit sagen wollte. Er grinste breit über das ganze Gesicht. Mein Vater stand auf, nahm Sammys Gesicht in seine Hände und küsste ihn auf die Stirn.
Meine Mutter hielt ihre Hand vor den Mund und konnte ihre Tränen nicht länger unterdrücken. Dann wandte sich Vater wieder zu mir.
„Sapan, kannst du mir noch mal verzeihen?“
Er hielt die Hände nach mir ausgestreckt. Ich stand auf und nickte.
„Vater es gibt nichts zu verzeihen, denn keiner von uns trägt eine Schuld mit sich.“
Ich bückte mich schwerfällig und wollte seine Schuhe berühren. Mein Vater hinderte mich daran, nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich.
„Ich glaube, jetzt haben wir etwas zu feiern“, kam es von Sammy.
„Das feiern wir, wenn du und Sapan wieder aus dem Krankenhaus seid“, sagte Mrs. Briston.
„Das kann aber noch dauern“, erwiderte Sammy.
„Wer sagt denn, dass dein Vater und ich sofort zurückfliegen. Wenn ich schon mal von zu Hause wegkomme, nutze ich das auch!“
Sammy lächelte und sein Blick fiel wieder zu mir… ein fordernder Blick. Ich begriff und ging zu ihm hin. Unsere Lippen berührten sich und so gut es eben ging umarmten wir uns auch.
*-* Ende *-*

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Information Trapped – Don’t let me go
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:32 PM - Replies (1)

Genießerisch hielt ich meine Augen geschlossen, während die talentierten Lippen meinen Ärger auf der Arbeit und den Streit mit meiner Freundin in Nichts auflösten. Ich würde sie sowieso bald in die Wüste schicken.
„Oh verdammt, ist das gut“, keuchte ich und gab dem Höhepunkt nach.
Kurz darauf ließen mich diese, fast perfekten, Lippen frei.
Fabian erhob sich und sah mich flehend aus seinen haselnussfarbenen Augen an, die Hand lag an seinem Gürtel. Die hellbraunen Haare waren von meinen Händen zerzaust und der schlanke Läuferkörper war unsicher angespannt. Sofort kehrte mein Ärger zurück.
„Was soll das“, blaffte ich ihn an.
„Ich hab gehofft, ich dürfte mich neben dir erleichtern, nur dieses eine Mal. Bitte, Patrick.“
„Wie oft eigentlich noch? Ich hab keinen Bock dir zu zuschauen, wenn du an dir rumspielst. Geh ins Bad, oder verpiss dich nach Hause, verstanden?“
Er stand wieder kurz vor einem diesen Heulanfälle und sah mich traurig an.
„Okay, dann mach dich vom Acker, ich melde mich wieder bei dir.“
Mir war schon klar, dass ich ihn damit verletzte, aber er wollte es doch so. Unsere Treffen fanden schon seit einem halben Jahr regelmäßig statt, seit unserer Betriebsweihnachtsfeier. Er fing Mitte letzten Jahres bei uns an, um sich etwas zum Studium hinzu zu verdienen, obwohl ihm seine Eltern das meiste finanzierten.
Ich merkte schon relativ früh, dass er sich gerne in meiner Nähe aufhielt, tat es anfänglich aber noch als Zufall ab. Doch als er Tini, meine Freundin, und mich spätabends in meinem Büro beim Sex erwischte, da sah ich seine Tränen und wusste, dass da mehr war. Fast ein halbes Jahr beobachtete ich ihn, testete seine Reaktionen auf meine Nähe und war mir sehr sicher, dass er sich in mich verliebt hatte.
Meine unerklärliche Neugierde darauf, wie sich seine Lippen anfühlen würden, wuchs. Auf der Feier trank ich ein wenig über den Durst und im Rausch kam mir eine Idee. Bevor ich mich völlig abschoss, fragte ich Fabian, ob er mich nach Hause fahren würde. Er war, erwartungsgemäß, sofort dazu bereit. Bei mir daheim erzählte ich ihm von meiner Neugierde und war eigentlich davon überzeugt, dass er nicht widerstehen können würde.
Erst sah er mich ungläubig an, ließ sich aber darauf ein. Nach dem, zugegeben genialen, Höhepunkt machte sich bei mir die Ernüchterung breit. Ich hatte einen Homo an mein bestes Stück gelassen und fand es gut. Er machte Anstalten sich zu entkleiden und ich bat ihn zu gehen. Er zögerte einen Moment und warf mir einen bittenden Blick zu. Ich forderte ihn erneut auf zu verschwinden und diesmal tat er es, wortlos und sichtbar traurig.
Es blieb nicht bei dem einen Mal, dafür war es zu geil. Ein Wort von mir genügte und er war immer wieder zur Stelle. Er musste wissen, dass es mir nur um das Eine ging, um das Gefühl seiner begnadeten Lippen.
Fabian erinnerte mich ein wenig an meine Mutter. Mein Vater war der uneingeschränkte Herr im Haus und sie hatte nichts zu melden, ertrug seine Affären und wandte sich dem Alkohol zu. Gefühle hatten in seinen Augen keine Berechtigung, denn sie lenkten nur von den wahren Zielen ab. Ich war ein gelehriger Schüler und Fabian zählte für mich nicht direkt als Mann.
Tini war ganz anders als meine Mutter, ein dominanter Kontrollfreak und das führte oft zu Streitereien. Trotzdem blieb ich mit ihr zusammen. Mein Vater zeigte seine Abneigung ihr gegenüber ohne Scheu. Sie hassten sich gegenseitig.
Ich stand auf und zog kommentarlos meine Hose hoch. Fabian stand noch immer am selben Fleck.
„Sag mal, bist du taub? Du kennst das Spiel. Wie oft denn noch? Ich steh nicht auf Kerle, sei doch froh, dass ich dir das hier manchmal erlaube. Es ist gut, okay, aber deswegen schulde ich dir nichts.“
Seufzend schloss er die Augen und atmete schwer aus. „Okay, ich warte auf deinen Anruf. Bis dann.“
Traurig trottete er zur Tür und schloss sie behutsam hinter sich. Kurze Zeit später sah ich ihn durch das Fenster, als er mit hängenden Schultern das Grundstück verließ.
Das Hochgefühl des Orgasmus hatte völlig nachgelassen und war meiner Wut gewichen. Dieser Schwachkopf wollte es einfach nicht kapieren. War es etwa meine Schuld, dass er sich in mich verliebt hatte? Ich hatte ihm nie Hoffnung gemacht. Er durfte lediglich manchmal an mir rumlutschen, weil er es wirklich verdammt gut konnte.
Ich ging zum Barfach, schnappte mir den guten Single-Malt und spülte meinen Ärger mit einem halbvollen Glas herunter. Nach dem dritten Nachschlag tat er mir plötzlich ein wenig Leid.
„Er hat selber Schuld“, murmelte ich und griff zum Telefon.
„Was willst du“, kam es scharf aus dem Hörer.
„Tini, der Streit tut mir Leid. Kannst du herkommen?“
„Hast du getrunken?“
„Ja, aber nur ein bisschen. Bitte, Tini, ich brauch dich bei mir.“
Meine Freundin seufzte hörbar. „Okay, ich bin in einer halben Stunde bei dir. Gott, ich weiß nicht, warum ich das tue.“
„Weil du mich liebst“, schlug ich ihr vor.
„Vermutlich. Also bis gleich.“ Es knackte in der Leitung und ich lauschte noch dem Besetztton, bevor ich mich in die Dusche schwang und Fabians Sabber, sowie den Duft seines Aftershaves von mir wusch.
Ich trocknete mich gerade ab, als die Tür geräuschvoll zuschlug und Tinis Absätze auf dem Laminat im Flur klapperten.
„Pat?“ Ihre Stimme scholl laut durch die Wohnung.
„Ich bin im Bad, Moment“, rief ich zurück und band mir schnell das große Handtuch um die Hüfte.
Dann stand sie auch schon in der Tür und betrachtete mich eingehend.
„Netter Aufzug. Sag mal, brauchst du mich, oder brauchst du Sex?“
„Beides. Das eine geht nicht ohne das andere.“
Der strenge Zug um ihre Augen entspannte sich. „Das will ich auch schwer hoffen. Du würdest es nicht überleben, wenn du mich mit irgendeiner anderen Schnepfe betrügst.“
„Würde mir nie einfallen, du bist meine einzige Schnepfe, Ehrenwort.“
„Na danke für das Kompliment“, antwortete sie in einem gespielt säuerlichen Tonfall.
In einer provokanten Haltung bewegte sie sich auf mich zu und ich drehte mich mit dem Rücken zum Waschbecken, die Hände am Rand abgestützt.
„Du hast mich eigentlich nicht verdient“, säuselte sie.
„Vermutlich nicht.“
Dann stand sie vor mir und öffnete das Handtuch, während meine Hand unter ihre Bluse glitt und einen der festen Hügel umfasste. Lust flackerte in ihren blauen Augen und sie warf lässig das rotblonde Haar über die Schulter.
„Du brauchst heute wohl Starthilfe.“ Ihr Blick ruhte auf meinem schlaffen Schwanz.
„Es war ein harter Tag, er wird rechtzeitig artig sein.“
Sie wollte nicht warten und ging auf die Knie. Einen Augenblick später glitten ihre vollen Lippen über mich und ich schloss die Augen. Aber es passte nicht, es war ein gieriges Rumgenuckel und mein Kleiner rührte sich nicht.
Fabian war leidenschaftlicher und kümmerte sich um mein bestes Stück, als ob es ein wertvoller Schatz sei, mit völliger Hingabe. Die fast perfekten Lippen, nur der Körper war der falsche. Der Gedanke an seine ‚Behandlung’ brachte tatsächlich Leben in mein schlaffes Teil.
„Na also, geht doch!“ Sie grinste mich von unten an und wirkte so, als ob sie einen Wettkampf gewonnen hätte, so triumphierend. Damit machte sie gleich wieder alles kaputt, die Stimmung war hinüber.
Frustriert knurrend machte sie sich gleich wieder ans Werk. Das wilde Gezerre und Gelutsche fing an weh zu tun.
„Verdammt, Tini, verrate mir bitte, was du da tust!“ Ich griff unter ihre Arme und zog sie nach oben.
„Ich will mir holen, was du versprochen hast. Was denkst du denn?“
„Ich hab dir nichts versprochen.“
„Und warum hast du dann angerufen? Ich dachte du willst Versöhnung feiern.“
„ Was ist, wenn ich einfach nur deine Gesellschaft brauche?“
Jetzt sah sie eindeutig wütend aus. „Moment mal, Freundchen. Du hast mich neulich weggeschickt, ich würde dir zu dicht auf die Pelle rücken. Du wolltest mal ‚frei durchatmen’. Und jetzt kommst du mit so einem Mist. Mit meinem Dildo hatte ich letzte Nacht mehr Spaß als mit dir die ganze letzte Woche über. Der würde vermutlich sogar mit mir reden, wenn er könnte. Ganz im Gegensatz zu dir.“
„Du hast echt nen Knall. Du willst reden? Dann schiess los “ Ihre Laune war ansteckend.
Sie rückte ihre Bluse zurecht. „Nein, danke, kein Bedarf. Ruf mich an, wenn du wieder bei Verstand bist.“
Völlig perplex blieb ich am Waschbecken stehen, bis die Wohnungstür laut zuknallte. Ich rannte hinterher und riss die Tür auf.
„Dann fick doch deinen verdammten Dildo!“ Meine Stimme hallte laut durch das Treppenhaus.
„Wichser“, scholl es von unten. Die Tür gegenüber öffnete sich und die alte Mohrbeck, meine Nachbarin, sah aus zusammengekniffenen Augen zu mir. Da wurde mir bewusst, dass ich noch immer nackt war und ihr Blick versprühte wütende Entrüstung.
„Na du alte Vettel, noch nie nen Schwanz gesehen?“ Meine zugegebenermaßen unbedachte Aussage brachte bei ihr das Fass zum Überlaufen.
„Das wird ein Nachspiel haben, Herr Reder. So nicht. Ich werde mich offiziell beim Vermieter beschweren.“ Mit diesen Worten verschwand sie in ihrer Wohnung und knallte die Tür zu. Ich sah eine Bewegung an ihrem Spion und streckte den Mittelfinger in ihre Richtung. Sie schnappte entrüstet nach Luft, ich hörte das angestrengte Rasseln ihres Atems. „Ein Nachspiel!“, hallte es gedämpft.
Wütend ging ich in meine Wohnung und warf nun meinerseits die Tür ins Schloss.
Beiläufig betrachtete ich mein Handy und fand eine neue Kurznachricht. Jochen, mein befreundeter Arbeitskollege, war auf dem Weg ins Fitnessstudio und hatte keine Lust allein zu trainieren. Erst wollte ich absagen, entschied mich aber dagegen. Der Tapetenwechsel war bitter nötig.
Etwas später…
„Echt toll, dass du noch vorbeigekommen bist.“
„Kein Ding, ich musste sowieso mal raus. Tini macht nur noch Stress. Erst beschwert sie sich, dass ich auf Abstand gehe und dann brauch ich ihre Gesellschaft und sie flippt aus, weil ich nicht mit ihr poppen will.“
„Man, ich kann es nicht mehr hören. Warum macht ihr nicht einfach Schluss. Ihr schafft nicht mal fünf Minuten Frieden zu halten, außer ihr vögelt euch das Hirn raus.“
„Weil der letzte Teil gut ist?“
Er schmetterte den Einwurf mit einer wegwerfenden Geste ab. „Das kann es doch wohl nicht sein?“
Ich stoppte das Fahrrad-Ergometer und wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Wenn sie nicht so zickig wäre, dann hätten wir es leichter.“
Jochen hob eine Augenbraue an. „Mal ganz im Ernst, du stehst ihr in Zickigkeit… – pardon, im machohaften Verhalten – in nichts nach.“
„Willst du alleine trainieren?“
„Genau das meine ich. Absolut nicht kritikfähig. Vor ein paar Monaten warst du noch zur Einsicht fähig. Was passiert bloß mit dir?“
„Tut mir Leid, ich bin wegen vorhin noch durch den Wind. Und ich bin sehr wohl kritikfähig.“
„Schon gut. Hauptsache du glaubst daran. Themenwechsel, okay? Ich mach den Anfang am Rudergerät.“
„Alles klar, dann geh ich zum Butterfly, wir können ja danach wechseln.“
Ich hockte mich auf die gepolsterte Bank, lehnte meinen Rücken an und legte die Unterarme an die Schaumstoffwülste. Dann ging es los. Die zwanzig Kilo waren mir zu wenig und ich steckte den Stift an den Gewichten auf glatte vierzig um. Nach drei Blöcken, mit jeweils dreißig Zügen, machte ich eine Pause.
Mein Blick schweifte durch das Center und blieb in einer der hinteren Ecken hängen, bei den Laufbändern, wo Fabian sich gerade verausgabte. Er starrte verbissen geradeaus und nahm keine Notiz von uns.
„Na, machst du schon schlapp?“ Jochen grinste mich hämisch an.
„3,6 Tonnen sind doch genug für den Anfang.“
„Du angeberischer Mathematiker. Okay, lass uns tauschen.“
Ich starrte weiterhin zu den Laufbändern.
„Erde an Patrick, ich sagte tauschen. Was ist denn los?“
„Schau mal, die Schwuchtel ist da.“
Sein Blick folgte meinem und er zuckte mit den Schultern.
„Na und? Lass ihn in Ruhe, er tut dir ja nichts.“
‚Wenn du wüsstest’, dachte ich.
„Du wirst doch wohl Manns genug sein und dich nicht von ihm bedroht fühlen, oder?“
„Bedroht? Bist du irre? Ich kann ihn einfach nicht leiden.“ In dem Moment blickte Fabian in unsere Richtung und seine Haut verlor sämtliche Farbe. Selbst aus der Entfernung konnte ich seinen verletzten Gesichtsausdruck wahrnehmen. Ich sah ihn kampflustig an und er verlor den Laufrhythmus. Unbeholfen stolperte er und fiel beinahe vom Band.
Eine Hand zog an meinem Kinn und Jochen stand mir gegenüber. „Schön, dass es dich amüsiert, wie er sich fast ziemlich weh getan hätte. Du gehst rudern, dann musst du ihn ja nicht ansehen.“
„Schon gut. Okay, Gerätetausch.“ Ich sah noch einmal kurz in die Ecke und Fabian war verschwunden.
Eine gute Stunde später standen wir ausgelaugt unter der Dusche. Das heiße Wasser rieselte wohltuend über meinen Körper. Als ich zum Shampoo greifen wollte bemerkte ich, dass Jochen mich musterte. Ich quittierte dieses mit einer neuen Portion Gereiztheit.
„Was ist?“
„Du benimmst dich in letzter Zeit ziemlich merkwürdig. Sogar für deine Verhältnisse.“
„Und deshalb glotzt du so?“
Sein Mund klappte kurz auf, aber er schloss ihn kopfschüttelnd wieder.
„Ja natürlich. Ich bin, wie alle Kerle die dich anschauen, von deinem Anblick schwul geworden und hinter dir her. Jeder Mann will dich. Vielleicht hab ich dich aber auch angeschaut, weil du ein Gesicht machst, als ob du jemanden umbringen willst.“
„Tut mir ja Leid, dass ich nicht lachend durch die Gegend renne. Der alte Kramer kontrolliert jeden meiner Schritte auf der Arbeit, Tini benimmt sich total abartig und ständig hängt die Schwuchtel hier rum.“
„Ja klar, die Anderen wieder. Das mit dem Kramer ist doch deine Schuld. Es ist ne Tatsache, dass du mit deinem Kram nicht nachkommst. Christine verstehe ich auch, wenn du bei ihr genau so bist wie die letzten Tage. Und dieser Fabian war schon vor dir hier. Ich kapier echt nicht, was dein Problem mit ihm ist. Ich steh auch nicht auf den Kram, den er mit seinen Typen macht, kenne aber meinen Platz sehr genau und muss mich deswegen nicht bedroht fühlen.“
„Und ich etwa nicht? Pass bloß auf, was du sagst.“
Innerlich kochte ich , aber auch Jochen schien die Geduld zu verlieren. Er war im Unrecht. Sich von einem Kerl einen blasen zu lassen macht schließlich nicht schwul, der Junge war einfach nur gut.
„Pat, ich hab keinen Bock auf diesen Scheiß. Mir ist es völlig egal, ob du nun hetero, schwul oder sonst was bist. Es kommt auf das Menschliche an und du gehst mir langsam sehr auf die Nerven.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich gehe gleich noch ein Bier trinken. Wenn du deine homophobe Kacke stecken lässt, dann darfst du mitkommen… Chef.“
„Ich werds versuchen.“
„Du lässt es. Basta. Oder geh gleich heim.“
Wir gingen natürlich noch in die Kneipe und aus einem Bier wurden drei. Der Alkohol lockerte und entspannte mich ein wenig.
„Jo, dass vorhin tut mir Leid. Ich steh einfach etwas unter Stress. Das geht wieder vorbei und wegen dem Kleinen reiß ich mich zusammen.“
Innerlich zuckte ich zusammen, wegen dem was mir da gerade rausgerutscht war. Hoffentlich hatte Jochen es nicht bemerkt.
„Der Kleine? Hat er jetzt Karriere gemacht?“ Natürlich hatte er es bemerkt.
„Die Schwuchtel, meine ich. Liegt wohl am Bier, ich kann nicht mehr klar denken.“
„Natürlich, war ja klar.“ Jochen schien nicht wirklich überzeugt.
Wir schwiegen uns eine Weile an, tranken aus und bezahlten.
„Bis morgen früh“, verabschiedete ich mich.
Jochen lachte auf. „Nein, danke. Samstags schlafe ich lieber aus.“
„Oh verdammt, stimmt ja. Bis Montag dann.“
Vor der Tür trennten sich unsere Wege. Vielleicht hatte mein Freund Recht und ich sollte etwas netter zu Fabian sein. Aber würde er das nicht falsch verstehen? Eigentlich war alles völlig okay. Ich hatte meinen Spaß und er bekam, was er wollte. Dann erinnerte ich mich an die Situation im Bad, als Tini vor mir kniete und ich dabei an ihn denken musste.
„Ach Schwachsinn“, murmelte ich. Das konnte nur passieren, weil meine Freundin so grob war.
Bald darauf war ich daheim und fiel in einen unruhigen Schlaf. Ich träumte von den fast perfekten Lippen.

„…fünf Kilometer Stau, die Bergungsarbeiten sind fast abgeschlossen. Ansonsten sind die Straßen frei, fahren sie vorsichtig.“
Ich tastete nach dem Radiowecker und hatte wohl vergessen ihn auszuschalten. Meine Beine kämpften sich aus dem Bett. Ich dackelte in die Küche und machte mir Kaffee. Die Zeiger der Wanduhr bildeten fast eine senkrechte Linie, noch eine Minute bis sechs Uhr.
Mit dem Rücken zur Arbeitsplatte wartete ich auf meinen Koffeindrink.
Eine Stunde später, in einer kleinen Studentenwohnung
Fabian wälzte sich unruhig im Bett herum, bis ihn sein Handy aus dem Schlaf erlöste.
„Ja?“ Seine Stimme klang noch völlig verschlafen.
„Hallo Schatz. Hab ich dich geweckt?“
„Ja, ist aber okay, Mama.“
„Ich wollte nur sicher gehen, dass du deinen Zug nicht verpasst. Oma freut sich schon auf dich, schließlich hat sie dich schon zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und … Thomas Eltern kommen auch, sie freuen sich ebenfalls sehr darauf.“
Thomas … Fabian schluckte schwer. Thomas war sein bester Freund und die erste große heimliche Liebe. Mittlerweile war dieser schon seit vier Jahren tot.
Fabian wollte ihm eines Abends von seinen Gefühlen erzählen und trank sich deshalb Mut an. Doch dann wurde es zuviel und er schlief, vom Alkohol völlig hinüber, noch in der Kneipe ein. Thomas brachte ihn noch nach Hause und verschwand. Am nächsten Morgen waren sie zum Joggen verabredet, doch Fabian verschlief in seinem Rausch und so machte sich Thomas, mit einem mp3-Player bewaffnet, allein auf den Weg. Als er dann am frühen Morgen die verlassene Landstraße überquerte, hörte er das Auto nicht, welches sich schnell näherte. Der Fahrer selbst war völlig übermüdet und bemerkte den Läufer nicht, wie er es später bei der Polizei zu Protokoll gab.
Der Notarzt konnte nur noch den Tod des Jungen feststellen. Damals brach für den ehemals selbstbewussten Fabian eine Welt zusammen.
Danach entschied er sich zu einem großen Schritt und outete sich in der Schule. Sein Versteckspiel und die Angst hatten ihm einen hohen Preis abverlangt. Wäre er früher schon ehrlich gewesen, dann hätte Thomas nicht sterben müssen, befand er für sich selbst.
Dabei hatte er großes Glück. Die wenigen Mobber wurden von seinen Freunden in Schach gehalten.
Thomas Eltern entdeckten bald darauf das Tagebuch ihres Sohnes und fanden heraus, dass er ebenfalls viel für Fabian empfand. Das versetzte Fabian einen weiteren Schlag. Sie beide hätten jetzt glücklich und zusammen sein können. Doch er hatte es verbockt und somit einen tödlichen Fehler begangen .
Später begegnete er Patrick. Er hätte ein Bruder von Thomas sein können. Dasselbe dunkelblau strahlte aus seinen Augen, die gleichen schwarzen Haare fielen ihnen strähnig ins Gesicht und beide waren sie ein gutes Stück größer als er, der sich mit einem Meter neunundsiebzig eher klein fand. Beide hatten zudem eine ähnlich athletisch-kraftvolle Statur. Gut, er war 27 Jahre alt und Thomas wäre jetzt, so wie Fabian auch, 22.
Er dachte, er hätte nach der Sache mit Tommy eine zweite Chance bekommen. Doch so ähnlich sie auch aussahen, so unterschiedlich war ihr Charakter. Wie sehr vermisste Fabian die freundschaftlichen Umarmungen von damals! Patrick reichte ihm, im Normalfall, nicht einmal die Hand. Aber Fabian dachte, er sei nur unsicher und hoffte, dass sein Schwarm bald zu seinen Gefühlen stehen würde. Patrick hatte ihm während der vielen Treffen schon zärtliche Blicke zugeworfen.
„Fabian? Was ist mit Dir? Bist du eingeschlafen?“
„Nein, ich hab nur gerade an damals gedacht. Ich vermisse ihn.“
„Das weiß ich doch, mein Schatz. Also, bitte mach dich fertig, der Zug wartet nicht. Dann bist du bald bei uns.“
Er war hin und her gerissen. Was wäre denn, wenn Patrick ihn brauchte?
„Mama … ich kann nicht. Es geht im Moment einfach nicht.“
„Das kannst du uns nicht antun! Es ist doch schon alles geregelt!“
Er überlegte schnell eine passende Ausrede. „Mein Chef, Patrick … er braucht eine Änderung für ein Programm, es soll am Montag fertig sein und ich kann es nur hier am PC machen. Es ist wirklich wichtig.“ Die Lüge bereitete ihm Gewissensbisse.
Seine Mutter wurde hellhörig. „So, dieser Patrick mal wieder. Er ist dir wohl auch sehr wichtig, oder?“
„Er braucht mich…“ Diesmal war es nicht einmal gelogen.
„Die Anderen werden ziemlich enttäuscht sein.“
„Ich mach es wieder gut, ehrlich. Es ist nur etwas unglücklich gelaufen. Mama, die Firma ist echt toll und wenn ich mich gut anstelle, dann hab ich vielleicht eine Chance auf Arbeit, wenn das Studium vorbei ist. Das ist eine riesige Möglichkeit für mich.“
Sie seufzte. „Aber warum gerade Heidelberg. Du könntest hier oben auch gute Arbeit finden, wärst wieder bei Freunden und bei uns. Vermisst du das Meer denn nicht?“
Sie hatte ja Recht. Aber Patrick war nun mal hier und nicht im Norden.
„Lass uns bitte ein anderes Mal darüber reden. Ich hab dich lieb, Mama.“
„Ich liebe dich auch. Und viele Grüße von Papa.“
Sie beendeten das Gespräch. Fabian vergrub sich das Wochenende über in seinen Büchern, nahm sein Handy mit zum Joggen und wartete, wie schon so oft im letzten halben Jahr, auf einen Anruf von Patrick. Vergebens.
Montag
Ich hatte das Wochenende überstanden. Von Tini sah und hörte ich nichts und war versucht mich bei Fabian zu melden. Aber stattdessen kümmerte ich mich um die vernachlässigte Arbeit.
Der alte Kramer schien vorerst wieder besänftigt, zumindest lobte er den Einsatz.
Von Fabian war noch keine Spur zu sehen, doch dann erinnerte ich mich, dass er montags Vorlesungen hatte und erst später in die Firma kam. Vielleicht würde ich ihn später noch für den Abend zu mir einladen.
Dann klopfte es an meiner Tür und Jochen trat ein.
„Na, Chef, alles klar mit dir?“
Ich brummte abfällig. „Ich hab am Wochenende gearbeitet und wäre jetzt eigentlich lieber daheim. Aber ich erwarte noch ein paar Mails von den Kunden.“
„Verstehe. Und was gibt’s Neues von deiner Freundin?“
„Funkstille. Ich soll mich melden, wenn ich wieder bei Verstand bin.“
„Du wirkst eigentlich ganz normal, zumindest jetzt.“ Ein spöttisches Grinsen zierte Jochens Gesicht.
„Das kann sich auch ganz schnell wieder ändern, wenn du mir auf den Keks gehen willst. Ich hab gerade einfach keinen Bock auf sie. Wie du schon sagtest, nach fünf Minuten gibt es wieder Stress und ich will gerade nicht mit ihr schlafen.“
„Das ist natürlich ein ernsthaftes Problem. Bist du krank?“
Ich hob drohend meinen Locher und nahm eine Wurfstellung ein.
„Schon gut, schon gut. Es geht mich nix an.“ Er nahm mich natürlich nicht ernst, das Grinsen war kein bisschen weniger spöttisch.
„Hast du ne Ahnung wann die PC-Husche kommt? Ich hätte da noch ein paar Änderungswünsche für das Programm.“
Das Grinsen verschwand aus Jochens Gesicht. „Die Husche hat auch einen Namen! Fabian hat sich für heute krank gemeldet. Die Mail hast du auch bekommen.“
„Sorry, ich hab meinen guten Vorsatz wieder verdrängt. Na hoffentlich ist er morgen wieder fit.“ Soviel zu meiner Einladung für den Abend.
„Deine Fürsorge rührt mich zu Tränen. Wir haben auch noch andere Programmierer, die das bestimmt erledigen können.“
„Schon, aber …“ Mir fiel dazu nichts ein, er hatte ja Recht und eigentlich ging es mir auch nicht um das Programm. Das konnte ich Jochen natürlich nicht sagen.
„ Schon klar, die anderen kannst du nicht runterputzen. Patrick, das ist langsam echt erbärmlich.“
„Moment! Das ist es nicht. Er arbeitet mit am schnellsten und hat teilweise auch gute Ideen gehabt. Wenigstens das kann ich ihm zugute halten.“
Ich konnte es kaum fassen, dass ich jetzt mit Jochen über meinen Vorwand stritt, oder mir seinen Ton gefallen ließ. Aber wir waren schon seit Ewigkeiten befreundet und aus seiner Sicht erschienen seine Bemerkungen richtig.
„Das sind ja mal ganz neue Töne. Aber mir brauchst du das nicht sagen, denn die meisten hier wissen bereits, dass der Junge gut ist. Und was er nach Feierabend in seinem Schlafzimmer macht, sollte uns nicht stören. Es gehört nicht hierher. Es wäre schön, wenn auch du das endlich mal beherzigen würdest.“
„Jawohl, Herr Anwalt.“ Ich kassierte einen verärgerten Blick. „Was wolltest du eigentlich hier?“
Jochen wedelte mit einem Umschlag vor meiner Nase. „Hatte ich jetzt fast vergessen. Hier, für dich. Die Brauerei hat das Angebot angenommen, die Kampagne kann starten.“
„Yes! Endlich. Das sind mal gute Nachrichten.“
„Allerdings. Und nicht vergessen, Fabian hat auch daran mitgewirkt.“
„Oh klasse. Schick ihm doch einen Blumenstrauß, okay?“
Jochen schmiss mir wortlos den Umschlag auf den Tisch und eilte aus meinem Büro. Das Knallen der Tür war vermutlich im ganzen Trakt zu hören.
Ich wusste einfach nicht, warum ich immer wieder in diese Kerbe hauen musste. Jochen hätte von dem kleinen Sex-Arrangement kein Wort geglaubt, selbst wenn es ein Beweisfoto gegeben hätte. Aber von wem sollte er es auch erfahren? Fabian hielt die Klappe und ich würde garantiert kein Wort darüber verlieren.
Die nächsten Stunden wurden sehr arbeitsintensiv, ich schickte einige Dateien an unsere Vertragsdruckerei, telefonierte mit ein paar Aufnahmestudios wegen der Radiospots und kümmerte mich um meine Post. Die Woche begann glücklicherweise erfolgreich.
Zwischenzeitlich versuchte ich Fabian zu erreichen, aber niemand nahm ab. Eine halbe Stunde vor Feierabend versuchte ich es noch mal und er ging dran. Aber er antwortete nicht.
„Fabian? Hörst du mich?“
Außer einem leisen Schluchzen war nichts zu hören. Aus irgendeinem Grund gefiel mir das nicht und ich rief seine Personaldatei auf, um mir die Adresse rauszusuchen. Er hatte sie mir zwar mal aufgeschrieben, doch der Zettel verschwand damals im Papierkorb.
Ich war gerade fertig, da kam Jochen wieder zu mir ins Büro.
„Wenn du dich wieder gefangen hast, dann können wir ins Studio gehen. Ich hab heute Auslauf bekommen.“
„Vielleicht später, hab noch was zu erledigen.“
Er blickte zufällig auf den Monitor und sah die Akte, bevor ich sie wegklicken konnte.
„Was zur Hölle hast du vor?“
„Ich werde ihn besuchen und mal schauen wie es ihm geht. Du hattest nicht ganz Unrecht.“
„Soll ich mitkommen?“ Jochen traute mir offensichtlich nicht.
„Keine Sorge, ich schaff das schon, ohne auf ihm rumzuhacken. Ich sollte mich wirklich bei ihm entschuldigen.“ ‚Und vielleicht noch etwas Spaß haben’, fügte ich in Gedanken hinzu.
Jochen wirkte immer noch nicht überzeugt.
„Hör zu, ja, er arbeitet toll mit, ist kreativ und hat offensichtlich mit niemandem sonst ein Problem. Das mit dem Blumenstrauß war zwar zynisch gemeint, aber insgesamt gesehen hast du Recht. Er scheint was auf meine Meinung zu geben.“
„Und ich hab keine Ahnung warum. An seiner Stelle würde ich dich mit dem Arsch nicht angucken.“
Mir lag eine spitze Erwiderung auf der Zunge, aber Jochen ahnte das und griff ein.
„Das war die falsche Formulierung, sag jetzt bloss nichts über seinen Arsch.“
„Okay. Wir treffen uns später, ich werde nicht lange brauchen.“
Jochen verabschiedete sich und ging. Auch ich schnappte mir den Autoschlüssel und fuhr zu Fabians Adresse. Die Ecke kannte ich noch gut aus meiner eigenen Studentenzeit.
Nach fünfzehn Minuten Fahrt parkte ich den Wagen vor dem alten Wohnblock. Ich suchte seinen Namen auf der riesigen Tafel und fand ihn bald, inklusive Etage und Wohnungsnummer. Die Eingangstür stand offen und ich fuhr direkt mit dem Aufzug in den sechsten Stock. Kurz darauf hatte ich seine Wohnung gefunden und schellte.
Niemand rührte sich und ich klopfte zusätzlich noch an.
„Ja?“ Ich hörte seine matte Stimme nur schwach durch die Tür.
„Ich bin es, Patrick.“
„Ich … es tut mir Leid, ich kann heute nicht.“
Hatte er mich gerade abgewiesen? Ich war überrascht.
„Lass mich rein und dann sehen wir weiter“, forderte ich.
Eine Kette glitt schleppend durch eine Schiene und dann öffnete er langsam die Tür. Er sah mich aus roten Augen an und ging träge zur kleinen Wohnstube.
„Bitte, setz dich doch. Ich … bin gleich bei dir. Möchtest du vorher etwas zu trinken?“
Ich war geschockt. Er hatte dicke Ringe unter den rot geheulten Augen, war blass und seine Körperhaltung glich der eines alten Mannes. Ich verschwendete keinen Gedanken an unser Spielchen.
„Etwas zu trinken wäre toll“, antwortete ich ihm. „Das andere lassen wir besser ausfallen.“
Er sah mich einen Moment lang ausdruckslos an und schlich in die Küche. Bald kam er mit zwei Wassergläsern zurück, stellte sie auf den Tisch und machte sich gleich an meiner Hose zu schaffen.
Meine Hand schloss sich um seine und stoppte ihn.
„Es ist mein Ernst, lass das.“
„Bin ich dir dafür auch nicht mehr gut genug?“ Tränen liefen über sein Gesicht und eine Welle von Gefühlen überschwemmte mich. Zorn darüber, dass er sich so gehen ließ, völlig verweichlicht, und dann auch Mitleid. Plötzlich wollte ich ihn beschützen.
„Das ist es nicht. Aber sieh dich an, schau in den Spiegel. Ich kam zwar auch mit dem Vorsatz her, aber es geht nicht. Das bring ich nicht.“
Er kniete weiter vor mir und weinte immer stärker. Sein Körper zitterte und ich war mit der Situation völlig überfordert. ‚Was würde mein Vater jetzt tun’, fragte ich mich. Klar, er hätte ihm jetzt die flache Hand ins Gesicht geschlagen und so was wie ‚reiß dich zusammen’ gesagt.
Dieser Gedanke funktionierte für mich aber gerade überhaupt nicht.
„Also, Fabian… bitte hör auf damit.“ Seine Reaktion war das genaue Gegenteil meiner Bitte. Er schluchzte noch stärker. Seine Hand lag regungslos um meinen Hosenbund geklammert und meine immer noch auf seiner. Ansonsten mied er jeden weiteren Körperkontakt, so wie ich es immer von ihm verlangte.
„Scheiße, was soll ich nur tun?“ Meine Stimme war nur ein Flüstern, aber irgendwie hörte er es und sah mir in die Augen. Er zog seine Hand zurück und damit gab es keinen Berührungspunkt mehr.
Ich wollte aufstehen und gehen, doch meine Beine verweigerten mir den Gehorsam. Ich saß einfach nur da und starrte das Häufchen Elend an.
„Bin ich denn so abartig für dich? Ich hab dich am Freitag beim Trainieren gehört. Warum tust du mir so weh? Warum holst du mich trotzdem immer wieder zu dir?“ Seine Augen starrten auf den Boden.
„Ich weiß es nicht. Es gefällt mir, wie du es tust.“ Die erste Frage konnte ich nicht beantworten. „Warum sagst du nicht einfach nein?“
Er schwieg für einen Moment. „Ich weiß nicht, ob du es verstehen würdest. Ob du weißt, wie es ist, wenn man plötzlich alles Wichtige im Leben verliert.“
Fabian hatte Recht, so etwas kannte ich nicht. Er verlor kein weiteres Wort darüber. Offensichtlich wollte er mir seine Geschichte nicht erzählen und ich wusste nicht, ob ich sie hören wollte.
„Setz dich, bitte.“ Meine Hand klopfte auffordernd auf das Sofa und er sah mich ungläubig an. „Ich meine es ernst, setz dich zu mir.“
Er stand schwankend auf und ich streckte ihm die Hand entgegen, an der er sich hochzog. Dann ließ er sich langsam auf die Sitzfläche gleiten. Mein Arm legte sich reflexartig um seine Schultern und ich zog ihn näher an mich heran. Das überraschte mich selber ein wenig.
Er presste sich dicht an mich heran und ich spürte die warme, weiche Haut seiner Wange an meinem Hals. Ich verkrampfte zwar ein wenig, stieß ihn aber nicht weg, was mein erster Impuls gewesen wäre.
„Ich hoffe einfach, dass du mir eine Chance gibst, irgendwann. Ich hoffe es jeden Tag. Deswegen sage ich nicht nein.“
„Aber warum sollte es Hoffnung geben? Du bist ein Kerl und ich …“
„Und du bist nicht schwul, ich weiß. Du machst es mir ja auch immer wieder sehr deutlich. Aber warum lässt du dich von mir befriedigen? Deine Freundin macht es doch auch. War ja damals nicht zu übersehen.“
„Weil sie…“ Gute Frage. „Ich möchte nicht darüber reden.“
Mir tat mittlerweile der Nacken vor Anspannung weh und Fabian schien meine Gedanken zu erraten.
„Entspann dich doch ein bisschen, ich werde auch nichts machen. Das hier reicht mir völlig, es ist sehr schön mit dir. Und du riechst gut.“ Er seufzte.
Ich empfand den Geruch seiner Haare auch als ganz angenehm. Mir fiel erstmals sein eigener Duft auf, der sonst von dem süß-herben Aftershave überdeckt wurde.
Langsam ließ ich die Schultern sinken und lockerte mich ein wenig. Die Situation fing an mich zu erregen, aber dann hörte ich nur noch ein leises, gleichmäßiges Atmen. Fabian war eingeschlafen.
Ich wand mich unter ihm hervor und ließ ihn in eine liegende Position gleiten, zog meinen Arm unter seiner Schulter weg und war mit meinem Gesicht plötzlich ganz nah an seinem. Meine Lippen schwebten über seiner Wange.
Ich konnte es nicht und stand auf. Jochen wartete schon.
***
Mein Kollege legte die Hantel zurück in die Halterung. „Und wie war es?“
„Wir haben es überlebt.“
„Ich wollte eigentlich wissen, wie es ihm geht.“
„Besser, denke ich. Vielleicht ist er ja morgen wieder bei der Arbeit.“
„Nur nicht zu informativ sein. Hast du dich wenigstens benommen?“
Ich stand von der Aufwärmmatte auf und streckte mich. „Ja, ich habe mich benommen. Du wärst überrascht, wie nett ich sein kann.“
„Allerdings. Besonders dann, wenn es um ihn geht.“
„Man könnte ja meinen, du hältst mich für ein Monster. Er ist eigentlich ganz okay, nur definitiv zu weich.“
„No comment, harter Mann.“ Er legte ein paar weitere Gewichte auf die Hantel. „Dann zeig mal, wie hart du wirklich bist.“
Einige Stunden später
Fabian wachte etwas desorientiert auf, erkannte aber, trotz der Dunkelheit, sofort sein Wohnzimmer. Er erinnerte sich, wie er in Patricks Armen eingeschlafen war und kurz wach wurde, als ihn dieser sanft auf die Couch legte. Ihm war so, als hätte er kurz den Atem des Älteren auf seinem Gesicht gespürt.
Ein neues Gefühl von Hoffnung und wohlige Wärme machten sich in ihm breit. So gut hatte er ihn noch nie behandelt. Und er war dankbar, dass Patrick nicht auf seinen üblichen ‚Spaß’ bestanden hatte. Die Umarmung erinnerte den Studenten an Thomas, der ihm immer dasselbe Gefühl von Geborgenheit gegeben hatte.
Fabian ging in sein Schlafzimmer und schlief noch ein paar Stunden, so gut wie schon lange nicht mehr.
Dienstags hatte er keine Vorlesungen und war in der Firma fest eingeplant… und verschlief um eine gute Stunde. Hastig duschte er sich, suchte frische Klamotten aus dem Schrank und schwang sich auf sein Fahrrad.
„Geht es Ihnen wieder besser?“ Der alte Kramer fing ihn am Empfang ab.
„Danke, ja. Ich bin nur noch etwas müde und hab leider verschlafen.“
„Macht nichts, das kommt bei Ihnen selten vor. Und herzlichen Glückwunsch, auch Sie haben zum Erfolg der Brauerei-Kampagne beigetragen.“
„Wirklich? Das sind ja gute Nachrichten.“
„Weiter so.“ Kramer klopfte Fabian anerkennend auf die Schulter und marschierte ab.
Patrick kam kurz danach aus dem Kopierraum und sah Fabian missgelaunt an, bevor dieser sich in sein Büro zurückzog. Er verstand die Welt nicht mehr. Bis zur Mittagspause trafen sie sich noch einige Male, doch Patrick würdigte ihn keines Blickes.
Die gute Laune des Studenten war wie weggeblasen.
Ein paar Stunden früher
Beschwingt betrat ich das Büro, selbst der leichte Muskelkater konnte meine Stimmung nicht trüben. Der Besuch am Vorabend war richtig, das war mir nun völlig bewusst.
Die Emails waren schnell abgearbeitet und ich besorgte mir einen Kaffee in der Kantine, wo Jochen und ich noch ein paar Worte wechselten. Er machte sich über meinen Muskelkater lustig, weil ich seine Herausforderungen mit mehr Gewichten stur angenommen hatte.
Ich saß gerade wieder am Platz, als mein Telefon klingelte.
„Kramer und Partner, Patrick Reder.“ Meine Stimme versprühte gute Laune.
„Schön, dass du so fröhlich bist. Mal sehen, wie du gleich reagierst.“
„Tini, was gibt es?“
„Okay, kurz und schmerzlos also. Herzlichen Glückwunsch, Papa.“
Mir fiel vor Schreck der Hörer runter. Mit zittrigen Fingern nahm ich ihn wieder auf.
„Verarsch mich nicht.“
„Ich bin im zweiten Monat.“
„Das kann nicht sein. Du nimmst die Pille!“ Ich war schockiert, aber absolut nicht positiv.
„Tja mein Schatz, vielleicht hab ich sie auch mal zu spät eingenommen, keine Ahnung. Jedenfalls ist es passiert.“
„Das gibt es nicht … aber der zweite Monat ist gut, sehr gut. Mach doch am Besten gleich einen Termin für den Abbruch.“
„Vergiss es. Patrick, ich bin fast dreißig und ich wollte irgendwann ein Kind mit dir. Dann kommt es eben jetzt. Wir hätten endlich unsere eigene kleine Familie. Es würde unserer Beziehung gut tun.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Christine, ich weiß ja nicht einmal, ob es mit uns überhaupt noch Sinn macht. Wir sind ständig am Streiten. Was wollen wir da mit einem Kind?“
„Du bist ein egozentrisches Arschloch. Natürlich läuft es gerade nicht besonders, aber ich weiß wenigstens, dass ich dich will!“
„Lass uns das Thema verschieben, wir reden heute Abend darüber, oder die Tage.“
„Ja klar, verschieben, oder totschweigen. Du bist deinem Vater so was von ähnlich. Wenn man etwas nicht beachtet, dann existiert es auch nicht und euer Wort ist Gesetz, was? Aber es geht hier nicht nur um uns beide.“
„Doch, genau darum geht es. Ich will kein Kind und es ist dir egal. Es kümmert dich einen Dreck, was ich möchte.“
„Arschloch!“ Sie brüllte dieses letzte Wort so laut, dass es mir in den Ohren wehtat. Dann war die Leitung tot.
Wütend schnappte ich mir ein paar Unterlagen und lief zum Kopierraum. Das Gerät zog Seite um Seite ein, begleitet von einem monotonen Surren. Die Kopien rutschten in die Sortierfächer und der Vorgang war beendet. Auf dem Weg ins Büro hätte ich Kramer fast noch über den Haufen gerannt.
Und dann sah ich Fabian am Empfang, wie er mich entdeckte und anstrahlte. Ich bedachte ihn mit einem gereizten Blick und verschloss wortlos meine Tür.
Wir trafen uns im Laufe des Vormittags noch einige Male, aber ich war nicht in der Lage ihn anzusehen.
Der ganze Tag war wie verhext. Die Sache mit der Schwangerschaft hatte mich total aus der Bahn geworfen. Sollte ich trotzdem Schluss machen? Ich verabredete mich für den Abend bei meinen Eltern, zum Essen.
Zu allem Überfluss streikte dann mein PC und ich stiefelte zur EDV. Fabian tippte gerade ein paar Zeilen in seinen Computer und Mario, der Administrator, schraubte an einem Drucker herum.
„Schw… Fabian, kommst du bitte mal? Ich habe ein Problem am PC.“
Er hatte natürlich gemerkt, dass mir beinahe mein übliches ‚Schwuchtel’ über die Lippen gerutscht wäre. Dementsprechend schlich sich, trotz der Verbesserung, der traurige Ausdruck zurück in seine Augen.
Wortlos folgte er mir ins Büro.
„Es tut mir Leid. Das war keine Absicht.“ Ich meinte es wirklich ernst.
„Wieso, es ist doch alles wieder beim Alten. Gestern, das war ein Versehen.“ Die Verbitterung in seiner Stimme tat mir weh.
„Nein, war es nicht. Ich will mich doch entschuldigen. Der Tag war beschissen.“
„Und dann lässt du es an mir aus, bitte, lass es einfach.“
„Jetzt hör mir mal zu. Ich weiß selber, dass ich mich falsch verhalten habe. Heute hat meine Freundin angerufen und mir erzählt, dass ich Vater werde. Ich will dieses Kind nicht und sie will nicht abtreiben. Wir haben immer verhütet, es darf gar nicht sein.“
„Na herzlichen Glückwunsch.“ Seine Augen glänzten feucht und er wischte sich kurz mit dem Handrücken durchs Gesicht. „Warum erzählst du das ausgerechnet mir? Ich weiß auch so, dass ihr miteinander schlaft und es tut auch so schon weh genug. Sie bekommt das, was ich gern hätte. Ich gebe mich mit dem zufrieden, was du mir anbietest, nur allein um wenigstens einen Teil meiner Wünsche erfüllt zu bekommen.“
Er rieb sich wieder durch das Gesicht, während er sich durch die Menüs im Programm klickte, auf der Suche nach dem Fehler.
„Tut mir Leid, ich wollte dich nicht anschnauzen. Das gestern Abend war wunderschön für mich. Und es hat dich auch nicht umgebracht. Okay, ich werde vielleicht nie das bekommen, was ich mir am meisten wünsche, mag sein, aber ich hab mich richtig geborgen gefühlt und nicht wie dein Spielzeug.“
„Ich fand es auch … nicht unangenehm.“
„Bei dir können sogar Komplimente wie eine Beleidigung klingen.“
„Fabian, ich … es war schön, irgendwie. Aber es ist falsch.“
„Und das andere ist dann richtig?“
Ich wusste keine Antwort darauf.
„Wenn du es geschehen lässt und dich keinem Gefühl verpflichten musst, dann ist es okay. Sobald du etwas geben sollst, dann ist es wieder falsch. Oder sehe ich das jetzt nicht richtig?“
„Sollen wir es lassen?“ Ich fühlte mich gerade richtig schlecht. Bisher hatte ich immer geglaubt, er bekäme genau das, was er wollte. Schwule blasen sich eben gerne einen, mehr braucht es nicht.
„Ist das dein einziger Gedanke dazu? Ich habe mir schon öfters gewünscht, du würdest mich einfach in Ruhe lassen.“ Sein Gesicht drückte traurige Verbitterung aus. „Ich komm einfach nicht von dir los.“
„Fabian, wieso liebst du mich, trotz alledem?“
Er seufzte. „Dein PC läuft wieder. Darf ich gehen?“
„Ja, natürlich. Danke.“
Als er an mir vorbei wollte, griff ich nach seinem Arm, zog ihn an mich ran und umarmte ihn. Seine Arme hingen kraftlos an der Seite herunter und er erwiderte es nicht.
„Tu das bitte nicht, wenn du es nicht ernst meinst. Lassen wir es so, wie es ist. Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin.“ Seiner Stimme fehlte jeder Ausdruck und ich ließ ihn wieder los.
„Vielleicht hast du Recht.“ Ich war mir im Moment überhaupt nicht sicher.
„Gut.“ Er verschwand mit gesenktem Kopf. Warum kümmerten mich plötzlich seine Gefühle? Alles veränderte sich dadurch und machte es komplizierter. Oder war es schon immer so kompliziert und ich hatte es mir nur einfach gemacht?
Als ich später bei meinen Eltern eintraf, hatte sich meine Stimmung nicht gerade verbessert. Antonia, das Dienstmädchen, öffnete die Tür und ließ mich herein. Meine Mutter lag schlafend auf der Couch, ein leeres Cognac-Glas stand auf dem Tisch.
Mein Vater saß im Esszimmer am Ende des Tisches und zog an seiner Pfeife. Der schwere Duft seines Tabaks hing im Raum.
„Hallo Vater.“ Ich begrüßte ihn, wie üblich, mit einem Kopfnicken und setzte mich an das andere Kopfende.
„Hallo Patrick. Welch seltene Ehre.“ Sein Blick glitt an mir vorbei, direkt auf Antonia, die ihren kurvigen Körper gerade streckte, um an die Teller im oberen Regal des Schranks zu kommen. Sie war in meinem Alter und es war ein offenes Geheimnis, dass sie des Öfteren bei meinem Vater ‚nächtigte’.
„Was ist denn mit dir los? Du siehst aus wie sieben Tage Regenwetter.“ Jetzt lagen seine Augen forschend auf mir.
„Christine ist schwanger.“ Er hasste es, wenn man ewig um den heißen Brei redete.
„Das fehlt ja noch. Ich war schon immer gegen diese Kratzbürste.“
„Es hätte mit jeder anderen passieren können.“
„Ist es aber nicht. Du hast doch hoffentlich mit ihr über die Abtreibung gesprochen.“ Das war eindeutig nicht als Frage gemeint. Keine Spur von Opafreuden, das wäre ja zu gefühlsbetont.
„Natürlich. Sie will nicht.“
Er donnerte mit der Faust auf den Tisch. „Was für eine Art Mann bist du eigentlich? Sie will nicht? Wen interessiert das denn?“
„Vater, sie ist eben nicht wie Mama.“
„Genau das ist euer Problem.“
Er klopfte die Pfeife aus und füllte sie mit frischem Kraut. Die Flamme seines Streichholzes zuckte dem Kopf entgegen, als der alte Herr am Mundstück zog.
„Regel das.“ Dies war ein eindeutiger Befehl und ich nickte pflichtschuldig.
„Es gibt da noch etwas. Ein Mitarbeiter in der Firma ist in mich … verliebt.“ Mir war nicht ganz klar, warum ich gerade dieses Thema ansprach. Vielleicht lag es an der Sehnsucht nach Nähe und Verständnis, die mich fest in ihren Klauen hielt. Meine Gefühlswelt lag in Trümmern. Aber mein Vater erwies sich, wie immer, als der falsche Ansprechpartner für so was. Ich hätte es besser wissen müssen.
„Nirgends ist man vor diesen Perversen sicher. Aber du wirst ihm die Flausen sicherlich austreiben, wie es sich für einen Mann gehört.“ Wieder der Befehlston. Wenn es nach ihm ginge, dann müsste ich Fabian vermutlich auspeitschen, bis er sich freiwillig auf eine Frau wirft oder ‚seinem Elend’ ein Ende setzte.
„Ich kümmere mich darum.“
Antonia erlöste mich von dem Gespräch, indem sie die dampfenden Teller mit Braten und Kartoffeln vor uns absetzte und mir ein Bier brachte. Mein Vater begnügte sich mit seinem teuren Whiskey.
Ich wusste nicht mehr, warum ich eigentlich herkommen wollte. Von meinen Eltern hatte ich keine vernünftigen Ratschläge zu erwarten. Dass mein Vater für eine Trennung war, hätte ich auch so gewusst. Es wunderte mich fast schon, dass ich überhaupt auf der Welt war. Aber Mamas Schwangerschaft war eine gesellschaftliche Entscheidung.
Wäre Tini ein braves Frauchen ohne Ambitionen, dann hätte er mir jetzt eine Zigarre gereicht und die Zukunft meines Kindes verplant.
Aber ich wollte kein Vater sein. Nicht so wie er, doch würde ich es anders machen können? Ich kannte nur dieses Leben.
Mir fehlte jedes bisschen Appetit und würgte mir den halben Inhalt des Tellers hinein, bis ich ihn zur Seite schob. Antonia räumte ihn gleich weg.
„Schmeckt es dir nicht?“
„Doch, Vater. Aber ich hatte nicht viel Hunger.“
Ich beobachtete ihn, wie er sich wortlos Bissen um Bissen in den Mund schob, sorgfältig kaute und hin und wieder mit einem Schluck Whiskey nachspülte. Sein Hausmädchen füllte das Glas immer wieder auf. ‚Wie gut er sie doch erzogen hat’, dachte ich in einem Anflug von Zynismus.
Ich konnte eigentlich nur dankbar sein, nicht als Mädchen geboren worden zu sein.
„Gut, ich denke, du hast dich noch um einiges zu kümmern. Viel Erfolg dabei.“ Er zündete sich wieder sein Pfeifchen an und damit war meine Anwesenheit nicht länger erwünscht.
„Natürlich. Einen schönen Abend noch.“
Zügig verließ ich das Haus, setzte mich in das Auto und brüllte meinen Frust raus. „Du bornierter alter Mann. Dämlicher Tyrann!“
Da meine Stimmung nicht noch weiter sinken konnte, nahm ich mein Handy und tippte Tinis Nummer ein.
Als sie abnahm, wartete ich ihre Meldung nicht ab und legte gleich los. „Wir sollten uns gleich treffen, wir haben was zu besprechen.“
„Patrick?“ Die irritierte Stimme am Telefon gehörte nicht meiner zukünftigen Ex, es war Fabian. Ich starrte auf das Display und erschrak. Unterbewusst hatte ich seine Nummer gewählt.
„Oh, Fabian… das ist jetzt wirklich unangenehm. Eigentlich wollte ich Tini anrufen.“ Ich rechnete schon damit, ihn erneut zu verletzen. Doch das wollte ich nach all unseren Erfahrungen miteinander vermeiden. Daher schlug ich einen versöhnlichen Ton an.
„Verstehe. Ich wünsche euch viel Spaß.“
Der Klang seiner Stimme verriet mir, dass ich recht gehabt hatte und war erleichtert, nicht gleich losgebollert zu haben. Dennoch fühlte ich mich prompt schuldig und wollte nicht, dass er alles in den falschen Hals bekam.
„Fabian warte, leg nicht auf. Ich will dich nicht quälen. Es geht bei ihr auch nicht um Sex. Ich will mich mit ihr treffen um Schluss zu machen.“ Bevor er sich wieder unnötig Hoffnungen machen konnte fügte ich noch ein „Es hat nichts mit dir zu tun“ an.
„Warum auch. Als ob du wegen einem Kerl wie mir mit ihr Schluß machen würdest.“
Sein zynischer Tonfall kam nicht ganz überzeugend rüber. Mein widersprüchliches Verhalten musste etwas in ihm verändert haben. Es war offensichtlich, dass er angefangen hatte zu kämpfen und er wurde zusehends mutiger, aber durch die ständigen Misserfolge auch frustrierter. Eines wurde mir jedenfalls klar, er wollte sich nicht mehr alles widerstandslos gefallen lassen.
„Hör bitte auf damit. Ich möchte dir entgegen kommen, soweit es möglich ist. Es ist nur nicht so einfach. Du hast ein ziemliches Chaos in meinem Kopf ausgelöst und ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Das passiert nicht erst seit gestern. Seit Weihnachten entgleitet mir alles, ich verliere die Kontrolle über mein Leben. Und das liegt alles an unserem ‚Arrangement’.“
„Hast du jemals versucht die Kontrolle freiwillig zu verlieren, abzugeben?“
„Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Hast du jemals versucht zu leben?“
„Was denkst du denn, was ich hier tue?“
„Du läufst irgendwelchen Zwängen nach. Aber wann warst du wirklich glücklich, wann hast du richtig gelebt? Andere, die das Leben lieben, werden aus dieser Welt gerissen. Und du wirfst alles weit von dir. Alles was ich bei dir sehe ist Wut und Trostlosigkeit.“ Seine Stimme klang mittlerweile wieder eindeutig verheult. Und irgendwo, tief in mir, gab es einen Teil, der ihm zustimmte.
„Fabian, kommst du bitte zu mir? Ich bin fast daheim.“
„Wenn du willst… ich bin auf dem Weg.“
„Danke, bis gleich.“ Ich drückte das Gespräch weg und fuhr auf meinen Parkplatz. Ein Umschlag ragte aus dem Briefkasten. Der Absender war mir bekannt, es war der Vermieter und ich ahnte Fürchterliches. Dies war das angekündigte Nachspiel, eine Abmahnung und die Androhung einer Anzeige, wenn ich mich nochmals einer Mieterin oder einem Mieter gegenüber ungebührlich und beleidigend verhalten würde.
Ich beruhigte meine Nerven mit einem einfachen Single-Malt und hockte mich auf die Couch.
Bald darauf durchbrach die Klingel für einen Moment die Stille. Ich schleppte mich zum Öffner, ließ die Tür einen Spalt offen und ging wieder zur Couch. Fabian kam auf leisen Sohlen herein und blieb unschlüssig vor mir stehen.
„Möchtest du es gleich hier?“
Die Kälte in seiner Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken, aber der Kampf um seine Fassung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich war mir fast sicher, dass er um die Wirkung seiner Worte bescheid wusste und das er mir einen schmerzhaften Stich verpassen wollte.
„Du musst mich doch eigentlich hassen, oder?“
„Es wäre vermutlich einfacher.“ Seine Worte taten mir weh, auch wenn ich diese Antwort erwartet hatte.
„Ich habe dich aber nicht deswegen hergebeten.“ Mühsam unterdrückte ich den schmerzhaften Kloß im Hals. Der Abend mit meinem Vater hatte mir doch stärker zugesetzt.
„Wozu denn? Ich dachte, wir hätten uns heute darauf geeinigt.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, dein Wortlaut war etwas anders, hör mir bitte erst zu. Du hast am Telefon einige Dinge gesagt, über die ich nachdenken musste und du hast in einigen Punkten Recht gehabt.“ Ich machte eine kleine Pause, aber er sagte keinen Ton. „Was hast du gemeint, als du das mit ‚aus dem Leben gerissen’ gesagt hast?“
Er wurde ein wenig blasser. „Das ist mir so raus gerutscht. Ich möchte nicht darüber reden.“
„Ich verstehe, warum du mir nicht vertraust.“
„Das ist es nicht. Zumindest nicht nur.“
Er stand mit verschränkten Armen vor mir und sah mich unsicher an. Plötzlich wurden mir meine schlechten Manieren bewusst. „Bitte, setz dich. Möchtest du auch ein Glas?“ Ich deutete auf den Malt. Fabian nickte schüchtern und setzte sich, mit etwas Abstand, neben mich.
Er nahm das Glas und nippte vorsichtig an dem Getränk. Dann verzog er das Gesicht und hustete heftig. Ich fing herzhaft an zu lachen.
„Na vielen Dank auch, lach mich ruhig aus.“ Und etwas sanfter fügte er hinzu. „Ich hab dich jetzt zum ersten Mal lachen sehen.“
„Sorry“, antwortete ich glucksend, „aber du hast auch zu komisch ausgesehen.“
„Nein, es ist okay. Das hab ich vorhin gemeint. Du hast deine Kontrolle abgegeben und deinen Gefühlen freien Lauf gelassen.“
„Eigentlich bist du zu gut zu mir.“
„Das gleicht es dann wohl aus.“ Sein trauriger Blick weckte keinen Ärger in mir, so wie es sonst immer der Fall war.
„Mein Verhalten war alles andere als fair“, gab ich zerknirscht zu. „Tini hat mich ein ‚egozentrisches Arschloch’ genannt. Und vermutlich hat sie Recht.“
Fabian widersprach nicht.
Ich rückte ein Stückchen näher an ihn heran und er wich wieder ein Stück zurück. „Bitte spiel nicht mit mir. Ich halte es nicht mehr aus.“
„Das tue ich nicht. Aber ich weiß auch nicht, wo das alles hinführen soll.“
„Und was erwartest du von mir?“ Fabian rückte nun selber ein paar Zentimeter in meine Richtung.
„Zunächst einmal… habe ich nicht das Recht etwas von dir zu erwarten, aber ich würde dir gerne ein Freund sein, ein Neustart für uns. Ganz ehrlich, ich kriegs nicht mehr hin, mich von dir bedienen zu lassen. Nicht mehr seit neulich bei dir. Mir war nicht klar, was ich dir damit angetan habe, fühlte mich als der Gönner, der dir noch einen Gefallen tut. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Ich kann ein ziemlicher Ignorant sein.“
Sein Gesichtsausdruck wandelte sich in ein freudiges Erstaunen.
„Mein Vater hat es mir anders vorgelebt. Frauen haben zu gehorchen und die widerwärtigen Perversen brauchen nicht mehr als einen Schwanz. Er hasst Schwule und verachtet Frauen. Eigentlich hasst er alle Menschen.“
„Oh man, was für ein Mensch.“
„Das kannst du wohl laut sagen. Und ich war bisher nicht viel anders.“ Ich seufzte resignierend.
„Aber du kannst ausbrechen. Du musst so nicht sein.“
„Ach Fabian, ich bin so schon mein ganzes Leben. Es ist nicht so einfach. Selbst dieses Gespräch … ich würde es jetzt schon gerne rückgängig machen.“
„Aber du kannst doch nicht dein ganzes Leben lang die Menschen von dir stoßen, daran muss man doch kaputt gehen.“
„Man gewöhnt sich daran.“ Ich spürte seinen Arm, wie er sich um mich legte und kämpfte gegen den üblichen Reflex an. Der größte Teil von mir wollte aufspringen und ihn anbrüllen. Doch dann verschwand der Arm wieder. Wie so oft, in letzter Zeit, fühlte ich mich schuldig.
„Soll ich gehen?“
„Es wäre vermutlich vernünftiger, aber nein, meinetwegen nicht.“
Fabian gähnte unterdrückt. „Okay.“
„Bist du sehr müde?“ Mein Blick fiel auf die Uhr, wir hatten fast Mitternacht.
„Es geht.“ Er war ein schlechter Lügner.
Meine nachfolgenden Worte konnte ich selber nicht glauben. „Also, es ist jetzt vielleicht etwas seltsam, aber du kannst gerne hier bleiben. Ich bin auch ziemlich geschafft, wäre aber nur ungern allein. Wenn du deine Finger beherrschen kannst, dann darfst du mit zu mir.“
„Du verarscht mich doch.“ Er strömte ein verständliches Misstrauen aus.
„Ich fürchte nicht. Sag ja oder lass es, aber entscheide dich, bevor ich meine Meinung wieder ändere. Bitte.“
„In Selbstbeherrschung hab ich Übung.“ Es hörte sich vorwurfsvoll an, aber ich wusste, dass er es nicht so gemeint hatte.
Ich suchte ihm eine Zahnbürste heraus und schickte ihn ins Bad. Danach machte ich mich selber frisch und dann kam die nächste Hürde. Wir standen ziemlich verkrampft vor meinem Bett. Der Raum war immer noch ziemlich warm vom Tag.
„Hast du vielleicht ein Shirt für die Nacht? Meine Sachen sind frisch aus dem Schrank, die könnte ich auch morgen noch anziehen.“
Ich räusperte mich. „Ähm, ja, schon. Aber es ist doch ziemlich warm. Also … es macht mir nichts aus, wenn du es einfach weglässt. Ich würde auch lieber darauf verzichten.“
„Oh Gott, ich werde sterben, ganz bestimmt.“ Er wurde sichtlich nervös.
Ich machte den Anfang, legte Shirt und Jeans auf die Wäschekiste und kroch unter die Decke. Seine Augen folgten mir stumm.
„Na los, ich beiße nicht.“
„Ja, leider“, brummte er leise. Er streifte sich das Hemd umständlich über den Kopf, dann folgte die Hose. Ich war mir nicht sicher, doch die Wölbung in den leichten Shorts schien zuzunehmen. Es war mir zwar etwas unangenehm, aber ich betrachtete auch seinen Körper etwas genauer. Er war wirklich gut in Form. Er bemerkte meine Blicke und hielt sich schüchtern die Hände vor den Schritt.
„Sorry, aber das kann ich wirklich nicht steuern.“
„Kein Ding, denke ich. Immerhin… naja, du kennst meinen ja auch schon recht gut.“
Der Kleine nickte und kroch ebenfalls unter die Decke. Er lag, steif wie ein Brett, auf dem Rücken und starrte an die Decke. Irgendwie brachte mich das wieder zum Lachen.
„Okay, also folgendes: wie du schon angemerkt hast, die Sache in deiner Wohnung hat mich nicht umgebracht. Das wäre eventuell okay.“
„Aber ich hab kaum was an.“
„Das betrifft uns beide.“
„Ja, aber du würdest mich auf deiner Haut spüren.“
„Fabian, komm einfach mal näher.“
Er wuchtete sich wieder hoch und robbte näher an meine Seite. Dabei schob ich meinen Arm ein Stück vor, damit er seinen Kopf darauf legen konnte.
„Ist doch gar nicht so schlimm“, sagte ich mehr zu mir selbst. Seine Haut lag weich an meiner. Fast noch weicher als Tini. Und auch wärmer.
Fabian machte es sich in der Nähe meiner Schulter bequem. „Danke“, flüsterte er leise und plötzlich spürte ich seine Lippen auf meiner Wange, als er mir einen hauchzarten und unschuldigen Kuss gab.
Ich tastete nach der Lampe und löschte das Licht. Meine Augen wurden erstaunlich schnell schwerer und ich war kurz vorm einschlafen, als plötzlich die Schlafzimmertür mit einem Knall an die Wand schlug und das Deckenlicht aufflammte.
„Ich lass mir das nicht mehr von dir gefallen! Wir reden jetzt! Ich habe ein verdammtes Recht dar… Was ist denn hier los?“
Fabian zuckte zusammen und presste sich erschrocken an mich, während Tini uns zornig anfunkelte.
„Es ist garantiert nicht so wie es aussieht. Fabian, vielleicht solltest du jetzt doch gehen.“
„Fabian? Etwa der Fabian? Du hast dich letztens nicht so angehört, als ob ihr die besten Freunde wärt. Ich glaub’s ja nicht! Der Vater meines Kindes mit einer Schwuchtel im Bett.“
„Jetzt ist aber gut! Wir sind Freunde, nichts weiter. Und wir fühlen uns momentan beide nicht besonders.“ Ich drehte mich zu Fabian um, der immer noch völlig verängstigt an mir hing. „Bitte geh, es wäre besser.“
Tini griff nach seinen Klamotten und warf sie auf ihn. „Verschwinde und lass die Finger von meinem Freund!“
Verdammt, ich konnte jetzt nicht einmal Schluss machen, sie würde sofort die falschen Schlüsse ziehen.
„Er hat mich überhaupt nicht angefasst. Zumindest nicht so wie du denkst.“ Ich stand auf und zog die Furie aus dem Schlafzimmer. „Zieh dich in Ruhe an, ich kümmere mich um sie.“
Sein Gesicht sagte ganz deutlich, dass er gerade nichts mehr verstand. Ich machte eine unauffällige ‚ich ruf dich an’ -Geste, indem ich mit Daumen und dem kleinen Finger einen Hörer simulierte. Fabian nickte apathisch und ich ließ ihn erstmal alleine.
„Es ist überhaupt nichts passiert. Wie du siehst, wir waren nicht nackt.“
Christine tigerte auf und ab und sie warf Fabian einen bösen Blick zu, als er sich wortlos an uns vorbei schlich. Ansonsten sagte sie aber nichts.
„Nicht nackt, na toll. Hast du eine Ahnung, wie das eben ausgesehen hat?“
„Jedenfalls anders als es war. Hör zu, wir hatten beide etwas Gesellschaft nötig.“
„Du hättest auch mich anrufen können.“
„Ja natürlich. Und was wäre passiert? Wir hätten uns wieder gestritten, genau wie jetzt.“
Sie legte ihre Hand auf meine Brust. „Wir hätten auch was anderes tun können.“
„Sorry, aber genau danach steht mir momentan überhaupt nicht der Sinn. Ich bin keine Maschine, die mal eben alles ausblenden kann. Zurzeit läuft einfach zuviel schief.“
„Und an wem liegt das?“
„Klar, ich hab natürlich alleine Schuld. Sei doch ehrlich, zwischen uns läuft es schon lange nicht mehr richtig.“
„Willst du mir damit etwas Bestimmtes sagen?“ Ihre Stimme bekam einen lauernden Unterton.
„Wir sollten uns eine Weile nicht sehen und unsere Beziehung gründlich überdenken.“
„Verstehe. Ganz wie du willst. Ich wünsche dir eine grauenhafte Nacht. Und noch etwas: ich werde das Kind bekommen. Es ist mir egal, was du sagst. Bis dann.“
Mir fehlte die Lust noch etwas zu erwidern und ich ließ sie ziehen. Wie von ihr gewünscht wurde meine Nacht grauenhaft und ich hoffte, sie zog wirklich nicht die falschen Schlüsse.
***
Fabian schwebte im siebten Himmel. Die Grenzen waren zwar gezogen, aber er konnte gut damit leben. Es war weit mehr, als er von Patrick noch erwartet hätte. Die Geschichte über den Vater erklärte dazu noch einiges mehr. ‚Was für ein grausamer und kalter Mann’, dachte er.
Und jetzt lag er hier, dicht an seinen Schwarm angekuschelt, den Kopf auf die Schulter gebettet und Patricks Stimme hatte einen zärtlichen Klang angenommen. Ein übermächtiges Verlangen überkam ihn, und er drückte dem Dunkelhaarigen einen vorsichtigen Kuss auf die Wange.
Doch dann, nur wenige Minuten nach dem Verlöschen des Lichtes, entwickelte sich um ihn herum ein Albtraum. Patricks Freundin brüllte wie eine Furie und Fabian fühlte sich mit einem Schlag elend. Hatte er das Leben seines Freundes noch tiefer ins Chaos gestürzt?
Der studierte Betriebswirt warf ihn, wie schon so oft, aus seiner Wohnung. Zwar mit sanfter Stimme, aber in den Augen lag eine unmissverständliche Bestimmtheit. Wenigstens konnte er die Wohnung unbehelligt verlassen.
Er hoffte nur, dass dies nicht der letzte Abend in dieser Form war, dass ihm seine Träume wieder entrissen wurden.
Vor lauter Grübelei stand er plötzlich vor seinem Wohnhaus und fiel bald darauf in einen unruhigen Schlaf.

Guten Morgen, liebe Sorgen
Der Wecker beendete den Horror dieser Nacht. Im Traum schlug mein Vater immer wieder auf mich ein, während Tini lachend zusah und sich einen Cognac nach dem anderen gönnte. Noch schlimmer war Fabians Anblick, der regungslos, mit blutenden Wunden übersät, neben mir auf dem Boden lag.
Ich schaffte es gerade noch zur Toilette und übergab mich. Würde sie meinem Vater davon erzählen? Hätte sie überhaupt was davon? Es würde an ihrer ‚Beziehung’ zu ihm nichts ändern.
Und warum kümmerte mich das eigentlich? Ich war nicht von meinem Vater abhängig, stand auf eigenen Beinen im Leben. Er war mir nie eine Stütze, hatte nichts gegen mich in der Hand. Ein weiterer Schwall Magensaft ergoss sich in die weiße Keramikschüssel. Ich betätigte die Spülung und putzte mir die Zähne. Dabei betrachtete ich die zweite Zahnbürste, die Fabian gestern benutzt hatte. Ihn raus zu werfen, den einzigen Menschen, der mir alle Fehler immer wieder verzeihen konnte, tat weher als gedacht. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was ich ihm mit meinem Verhalten alles angetan hatte.
Doch nun musste ich erst einmal den Schaden begrenzen und rief Tini an.
„Was willst du“, blaffte sie ins Telefon.
„Es tut mir Leid. Es hätte gestern nicht so laufen müssen.“
„Eine Entschuldigung, von dir? Wie auch immer, sie kommt ein wenig spät.“
„Aber versteh mich doch, es ist so vieles anders zwischen uns. Wir sind schon zu lange dicht am Abgrund.“
Sie schnaufte verärgert. „Du hast dich verändert, nicht ich. Und ich komme damit auch nicht mehr zurecht . Ich erwarte aber, dass du dich um das Kind kümmern wirst.“
„Tini, ich… bitte sag meinem Vater nichts von gestern.“
Sie lachte düster. „Du bist ein erbärmlicher Angsthase. Vielleicht tue ich es nicht, das liegt ganz an dir.“
„Willst du mich etwa erpressen?“ Ich war fassungslos.
„Ich möchte nur, dass du an gewisse Prioritäten denkst.“ Die neue Kälte in ihrer Stimme ließ mich frieren.
„Das glaube ich jetzt nicht.“
„Das hast du dir selber zu zuschreiben. Ich hab dich wirklich geliebt. Und jetzt halte ich dich an den Eiern, Patrick Reder.“
Sie legte auf.
Eine gute Stunde später hockte ich erschöpft im Büro und dachte über mein Leben nach, welches sich langsam in einen Scherbenhaufen verwandelte. Und das alles erst seit Fabian.
Wie auf ein Stichwort klopfte es zaghaft an der Tür und Fabian trat ein.
„Was willst du?“ Meine Stimme klang härter als gewollt und der Arme fuhr erschrocken zusammen. Wortlos drehte er sich um und schloss die Tür hinter sich.
„Oh verdammt…“ Ich sprang auf und rannte hinterher. „Tut mir Leid, bitte komm rüber.“
Er folgte mir zögerlich in mein Reich und ich erzählte ihm alles, vom Traum bis zum Telefonat.
„Und was willst du jetzt machen?“ Er hockte auf der Schreibtischkante und sah mich mitleidig an.
„Ich weiß es nicht, verdammt. Eigentlich müsste es mir egal sein, ob sie mit ihm darüber spricht. Zudem ist ja auch nichts zwischen uns gelaufen. Aber das weiß er ja nicht. Alleine die Tatsache, dass einer wie du in meinem Bett lag reicht schon, damit er ausflippt.“
„Einer wie ich…“
Ich griff nach seiner Hand. „Verzeih mir, ich hab es nicht böse gemeint.“
„Schon gut. Aber warum ist es dir denn nicht egal, was er sagt?“
„Keine Ahnung. Ich weiß eben auch nicht, was er dann macht. Er war nie besonders zimperlich, wenn es um ‚wichtige, erzieherische Maßnahmen’ ging. Seit ich weiß, wie weh eine Reitgerte tun kann, verzichte ich freiwillig auf Pferdesport.“
„Oh mein Gott. Und wann hat er so was gemacht?“
„Bei schweren Verfehlungen. Widerworte, zum Beispiel. Aber es war auch der Grund, warum ich mit Krafttraining angefangen habe. Durch die härteren Muskeln war der Schmerz nicht mehr ganz so stark.“
„Das hab ich nicht gewusst.“
„Ach Fabian, wie auch. Davon hab ich selbst Tini noch nie etwas erzählt. Und jetzt müssen wir schauen, wie es weitergeht. Bei mir ist es für uns derzeit nicht sicher. Tut mir Leid, aber wir können uns eine Weile nicht sehen.“
Er sprang auf. „Ich habe auch eine Wohnung. Sie weiß nicht, wo ich lebe.“
„Fabian, das weiß ich doch. Aber sie wird es rauskriegen, wenn sie muss. Was passiert wohl, wenn sie mich überhaupt nicht mehr bei mir antrifft? Sie wird suchen, Rückschlüsse ziehen.“
„Ich verstehe, du willst ihr nachgeben.“
„Verdammt, nein, ich will uns beide schützen.“
„Okay. Du, Patrick, ich muss noch einiges erledigen. Vielleicht sehen wir uns ja heute Abend im Studio, wenn wir es irgendwie einrichten können.“
„Vielleicht. Glaub mir bitte, es tut mir Leid.“
Er nickte leicht und verschwand wieder in seiner Abteilung. Wir sahen uns einige Stunden nicht mehr, er ging mir aus dem Weg. Und als ich dachte, es könne nicht mehr schlimmer werden, da klingelte mein Handy.
„Christine, was willst du?“
„Hallooooo Schaaaatzi!“ Sie lallte ein wenig.
„Dein Kind scheint dir ja sehr wichtig zu sein, wenn du trinkst.“
„Och, nur ein kleines bisschen. Aber warum ich anrufe, du kommst heute Abend zu mir.“
Mein Hals schnürte sich zu. „Ich kann nicht.“
„Prioritäten!“ Sie betonte das Wort in einem merkwürdigen Singsang.
„Okay… ich komme um sechs Uhr.“
„Perrrrfekt, um sex Uhr.“ Sie imitierte dabei ein wenig das katzenhafte Schnurren von Halle Berry, aus dem Film ‚Catwoman’ und kicherte.
Fabian trat mir weiterhin nicht unter die Augen und nach Feierabend ging ich in die EDV.
„Mario, wo ist Fabian?“
„Der ist schon vor einer Stunde verschwunden, zur Nachmittagsvorlesung. Es ist schließlich Mittwoch.“
„Oh, das hatte ich vergessen. Dann einen schönen Feierabend.“
„Dir auch, bis morgen.“
Ohne Umwege ging ich zum Auto und fuhr zu Christine, damit ich es endlich hinter mir hatte.
Sie erwartete mich bereits und öffnete die Tür. Bei ihrem Anblick war sofort klar, was sie von mir wollte. Sie trug einen Morgenmantel aus schwarzer Seide und darunter ein halbtransparentes schwarzes Negligee. Die langen Nylonstrümpfe endeten in einer breiten Borte im oberen Drittel ihrer Oberschenkel, nur noch von den Strapsgurten gehalten. Früher hätte mich dieser Anblick rasend vor Lust gemacht, nun wollte ich mich lieber übergeben.
Sie packte meine Krawatte, zog mich durch die Wohnung ins Wohnzimmer und stieß mich unsanft auf die Couch. Dann hockte sie sich breitbeinig über meinen Schoß und presste mir die üppigen, gepushten Brüste ins Gesicht.
„Ich kann das nicht. So funktioniert es nicht.“ Ich zog meine Nase aus dem Dekolleté, um nicht darin zu ersticken.
„Wieso, stehst du nicht mehr auf meine Muschi?“ Sie lachte hämisch und stand auf. Am TV Schrank öffnete sie mit einem Rascheln eine Pappschachtel und warf mir einen silbrigen Tablettenblister zu. In dem Blister befanden sich blaue, rautenförmige Pillen.
„Dann nimm halt die, das Viagra wird schon helfen. Und wenn du noch eine andere Stimulation brauchst, ich war für dich in der Videothek. Welchen Film möchtest du sehen? Lass mal schauen. ‚Rasierte Kätzchen im Schwesternheim’ oder ‚Kolbenfresser im Jungeninternat’. Was darf es sein?“ Sie kam mit wiegenden Hüften auf mich zu. „Oder du beweist mir ohne all dieses, dass du noch ein Mann bist.“
Ich warf die Tabletten auf den Boden. „Darf ich noch kurz duschen? Es war ein langer Tag.“
„Sicher doch. Aber zieh dich hier aus, den Teil möchte ich nicht verpassen.“
Ich lockerte die Krawatte und zog mein Hemd aus. Die Situation war mir unangenehm. Ihre Augen verfolgten gierig jede Bewegung, als ich erst die Schuhe, Strümpfe, die Jeans und am Ende die Shorts fallen ließ.
„Du bist vielleicht ein charakterloser Penner, aber du siehst verboten gut aus.“
Auf der Demütigungsskala von null bis hundert war ich mittlerweile auf -10 angelangt. Aber es war egal, die Sache würde ich schon durchziehen, vielleicht war dann wenigstens Fabian aus der Schusslinie.
Die Dusche brachte keine Entspannung. Dieses miese Gefühl klebte wie Teer an mir. Tini räkelte sich bereits auf dem Bett und erwartete mich, meine Klamotten hatte sie ordentlich auf die Sofalehne gelegt.
„Wir können dann anfangen.“
„Ach, du bist heute aber wieder romantisch. Küss mich gefälligst.“
Ich ließ mein Handtuch fallen und legte mich neben sie. Mit geschlossenen Augen näherte ich mich ihren, zu einem siegessicheren Grinsen verzogenen, Lippen.
Ihre Zunge schob sich gierig in meinen Mund und ich konzentrierte mich auf das Bild von Fabian. Wie er wohl küssen würde? Er war in allem so sanft und zärtlich. Ihre fordernden Hände glitten über meinen Rücken. Wie würden sich wohl seine warmen Finger anfühlen?
Es funktionierte, mein kleiner Freund erwachte zum Leben. ‚Bloß die Augen geschlossen lassen’, dachte ich mir. Sein sanftes Lächeln schwebte vor mir.
Tini und ich schliefen miteinander. Was ich nicht bemerkte war, dass sie mein Handy unter dem Kopfkissen bereithielt. Zielsicher wählte sie Fabians Nummer aus der Kontaktliste und legte das Gerät auf den Nachttisch. Danach füllte das Geräusch ihrer lustvollen Schreie und mein leises Stöhnen den Raum. Fabians Bild vor mir wurde immer plastischer und ich näherte mich dem Höhepunkt. Mit einem gekeuchten ‚Ich liebe dich’ entlud ich mich. In dem Moment verdunkelte sich das Display meines Mobiltelefons, Fabian hatte aufgelegt.
„Die Erkenntnis kommt ein wenig zu spät.“ Sie grinste mich süffisant an. „Aber das war heute tatsächlich eine ganz brauchbare Nummer. Schade, dass du dich sonst nicht so angestrengt hast.“
Der Traum von Fabian zerplatzte wie eine Seifenblase und machte meinen Blick frei für die Wirklichkeit. Und die lag in der Gestalt einer rotblonden Teufelin vor mir. Sie sah beiläufig zur Seite und ich bemerkte mein Telefon. Hastig griff ich danach und, aus einer spontanen Eingebung heraus, klickte ich mich in die Anruflisten. Das letzte Gespräch war Fabian, vor kurzer Zeit und lang genug.
„Was hast du getan?“
„Eigentlich nichts, wieso? Ihr seid doch nur Freunde, was macht es da schon wenn er weiß, zu wem du wirklich gehörst. Und das, mein Lieber, dürfte er reichlich mitbekommen haben.“
Ich sprang aus dem Bett und rannte zu meinen Klamotten, ich musste hier raus.
„Wer hat dir erlaubt zu gehen?“ Sie schmiegte sich nackt an den Türrahmen und genoss ihren Triumph sichtlich.
„Was willst du denn noch von mir? Liebevoll rumkuscheln?“
„Nein, mein Süßer. Ich will deine offensichtliche Abscheu vor dir selbst auskosten. Du bereust es noch, mir das Herz gebrochen zu haben.“
Meine Augen wurden feucht, Tränen sammelten sich und brannten sich ihren Weg nach unten. Ich hatte seit zwanzig Jahren nicht mehr geweint und es erschütterte mich.
„So, ich glaube das reicht mir für heute. Du darfst gehen.“ Sie drehte sich um und verschwand im Schlafzimmer, ließ mich weinend im Wohnzimmer zurück. Fabian würde mich hassen.
***
Fabian kam völlig fertig vom Training nach Hause, bitter enttäuscht, dass Patrick verschwunden blieb. Jochen, der diesmal alleine dort war, wusste auch nichts Genaues. Er vermutete, dass es Stress mit der Freundin gab.
Nach einer kurzen Dusche fiel er ins Bett und wälzte sich unruhig herum. Nach einer schier endlosen Zeit klingelte sein Telefon und er sah Patricks Nummer. Sofort verbesserte sich die Laune des Studenten, sein Angebeteter hielt Wort.
„Hi Patrick!“
Er bekam keine Antwort und hörte nur die erregten Laute einer Frau, die Stimme hörte sich sehr nach Christine an. Und im Hintergrund, ganz unverkennbar, dass wohlige Stöhnen von Patrick. Fassungslos hielt er den Hörer an Ohr. Die Geräusche wurden immer lauter, bis er Patricks Höhepunkt eindeutig identifizierte.
„Ich liebe dich!“ Fabian schmetterte das Telefon enttäuscht gegen die Wand, wo es in tausend Stücke zerfiel und brach schluchzend zusammen.
Nach schier endlosen Stunden, der Wecker zeigte 10 Uhr an, raffte er sich völlig übernächtigt auf und verließ, nach einer notdürftigen Dusche, seine Wohnung. Er wollte Patrick zur Rede stellen und fuhr mit dem Rad zur Firma, auf eine Vorlesung hätte er sich jetzt nicht konzentrieren können.
Monika Herzgold, die Empfangsdame, musterte ihn mit einem besorgten Blick.
„Hallo Fabian, du siehst ja grauenhaft aus.“
„Ist Patrick in seinem Büro?“
„Hat er damit zu tun? Ich werde mit Kramer reden, so geht es nicht weiter. Aber ich dachte, ihr hättet euch ein wenig angefreundet?“
„Es hat nicht mit der Arbeit zu tun. Ich muss mit ihm reden.“
„Das tut mir Leid, aber er ist noch nicht aufgetaucht. Wir erreichen ihn auch nicht.“
„Monika, bitte lass Kramer aus dem Spiel, es ist nicht so wie du denkst.“
Er drehte sich um und schnappte sich sein Fahrrad. Im Rekordtempo fuhr er zu seinem nächsten Ziel und wurde fündig. Patricks Auto stand, schief eingeparkt, vor dem Haus. Er klingelte an der Tür und bekam keine Reaktion. Die Haustür stand offen und er stürmte die Stufen hinauf und klopfte wild an der Haustür.
„Was machen Sie da?“
Auf der gegenüberliegenden Seite stand eine ältere Dame in der offenen Haustür. „Ich möchte zu Patrick.“
„Da wünsche ich ihnen viel Glück, er ist heute Nacht stockbesoffen die Treppe raufgestolpert. Ein Lärm war das. Es würde mich wundern, wenn er jetzt schon wach wäre. Dieser Kerl macht nichts als Ärger, aber ich werde mich beim Vermieter beschweren. Er ist untragbar für dieses Haus. Vor ein paar Tagen stand er nackt im Treppenhaus und hat mich unflätig beschimpft. Können Sie sich das vorstellen? Mich hat er beschimpft und ungeniert mit seinem … seinem … Ding vor mir rumgewackelt. Es ist die Höhe! Dieser Mensch hat keinen Anstand, keine Manieren. Er ist ein ungehobelter Mensch.“
Fabian starrte die alte Frau fassungslos an und wünschte ihr einen spontanen Herzinfarkt.
„Äh, Frau …“, er schaute auf ihr Klingelschild, „Frau Mohrbeck, ich habe Sie verstanden, er ist ein unmöglicher Mensch, aber es interessiert mich wirklich gerade überhaupt nicht. Sie haben keine Ahnung, in was für einer Situation er steckt. Ihnen steht kein Urteil zu.“
„Unverschämtheit. Aber richten Sie ihm aus, dass ich den Vermieter informieren werde.“ Sie schloss die Tür hinter sich und Fabian atmete erleichtert aus. ‚Was für ein Besen’, dachte er.
Dann wurde ihm bewusst, dass er wieder Partei für ihn ergriffen hatte, trotz der gemeinen Aktion am Telefon.
Er klopfte weiter an die Tür. „Patrick, mach bitte auf!“ Er bekam keine Reaktion und war ratlos.
Das Verhalten passte einfach nicht. Der Ärger über ‚seine Tini’ wirkte so echt, er brauchte die Nähe, hatte den einseitigen Sex verweigert und das zwei Mal in Folge. Dann all die Dinge über den herzlosen Vater, die Patrick erzählt hatte. Der Mann war offen wie nie zuvor und verströmte soviel Gefühl dabei. Das mit dem ‚Telefonat’ passte einfach nicht zusammen.
Geknickt verließ er das Haus und besorgte sich unterwegs, für eine beträchtliche Summe, ein neues Handy ohne Sim-Lock. Zurück in der eigenen Wohnung fischte er seine Karte aus den Trümmern und räumte die Wohnung auf.
Nach dem Einschalten zeigte sein Telefon auch prompt eine neue Kurznachricht an. Er tat sich schwer den, vor Fehlern strotzenden, Text zu entziffern.
Die Grundaussage war, dass alles anders war, als Fabian denken würde und das Patrick sich schämen würde. Die Nachricht wurde offensichtlich unter großem Alkoholeinfluss geschrieben, denn auch ein T9-Wörterbuch hatte seine Grenzen. Zumindest da hatte die Mohrbeck nicht übertrieben.
Er wählte die Nummer der Firma.
„Kramer und Partner, mein Name ist Monika Herzgold.“
„Monika, hier ist Fabian. Patrick hat sich wohl den Magen verdorben und kommt kaum aus dem Bad. Ich war eben bei ihm und besorge etwas aus der Apotheke.“
„Verstehe. Danke für den Anruf, Herr Kramer ist ziemlich sauer gewesen. Ich werde es ihm gleich mitteilen. Richte ihm bitte gute Besserung aus.“
„Mache ich, danke. Bis morgen.“
Er schwang sich ein weiteres Mal auf das Rad und fuhr zurück zu Patricks Wohnung. Er stürmte durch die offene Haustür und hielt atemlos den Finger auf den Klingelknopf. Nach ungefähr zehn Minuten hörte er etwas aus dem Inneren, irgendwas fiel mit einem Klirren um und schlurfende Schritte näherten sich der Tür. Der Türspion verdunkelte sich kurz und die Tür ging auf.
Fabian wich erschrocken zurück und Übelkeit stieg in ihm auf. Patrick blickte ihm aus glasigen Augen entgegen und stank wie eine ganze Kneipe. Das weiße T-Shirt war von Erbrochenem ganz fleckig und er hielt eine halbvolle Flasche in der Hand, seinen geliebten Single-Malt. Der Student riss sich zusammen und schob ihn in die Wohnung zurück. Hier sah es auch nicht besser aus. Auf dem Couchtisch standen zwei leere Whiskeyflaschen und eine weitere war gegen den Sessel gerollt. Überall fand er Pfützen aus Magensaft. Der Gestank war widerlich.
„Was ist nur mit dir passiert?“
Patrick versuchte ihn anzusehen, verlor aber ständig den Blickkontakt. „Prost, auf den tollen Abend!“ Er versuchte die Flasche an den Mund zu setzen, verfehlte aber. Fabian riss ihm den Alkohol aus der Hand.
„Willst du dich totsaufen? Man, lass das Zeug weg!“
„Gibs her!“ Patrick taumelte schwankend nach vorne, verfehlte aber die Flasche. Dann sank er vor Fabian auf die Knie und heulte hemmungslos. Er fiel mit dem Kopf nach vorne und umklammerte den Studenten am Oberschenkel, welcher sich absolut hilflos fühlte.
„Erzählst du mir was passiert ist?“
„Ich bin erbärmlich. Sie hat mich erpresst und ich hab mit dir…“, er kicherte zwischen zwei Schluchzern, „mit ihr geschlafen. Ich hab aber dabei an dich gedacht. Geh, lass mich allein, ich bin Dreck.“
Fabian streichelte ihm sanft über den Kopf. „Das bist du nicht und ich lass dich jetzt garantiert nicht alleine.“ Beherzt zog er den Betrunkenen hoch und stütze ihn auf dem Weg ins Badezimmer. Patrick stolperte immer wieder und er hatte alle Mühe ihn aufrecht zu halten. Im Bad streifte er ihm, ohne jede Gegenwehr, die versifften Klamotten ab, ließ in vorsichtig zu Boden gleiten und stellte das Wasser in der Wanne auf eine angenehme Temperatur ein.
„Hey, nicht einschlafen, dass kannst du gleich machen. Hast du irgendwo Aspirin?“
Patrick deutete auf den Spiegelschrank und kicherte wieder. „Ich hab ja nix an.“
„Du gehst gleich in die Wanne.“ Er griff nach der Tablettenschachtel und flitzte in die Küche. Kurz darauf kehrte er mit einem Glas Wasser zurück, in dem sich zwei der Tabletten auflösten. „Hier, trink das.“
Nach einem schnellen Bad wickelte Fabian seinen ‚Patienten’ in ein frisches Handtuch und führte ihn, an den ekelhaften Pfützen vorbei, ins Schlafzimmer. Patrick schlief sofort ein und der Student kümmerte sich schnell die kleinen Unfälle in der Wohnung. Vorsichtshalber schloss er die Wohnungstür ab und ließ den Schlüssel, leicht schräg gestellt, im Schloss stecken. Dann ging er zurück zum Bett und legte sich vorsichtig daneben, damit er schneller reagieren konnte, für den Fall der Fälle.
Doch die furchtbare Nacht forderte ihren Tribut und Fabian schlief ebenfalls ein.
***
Hinter meinen Schläfen pochte es heftig und ich spürte einen starken Druck auf meiner Brust. Ich erinnerte mich nur noch an den Besuch in der Kneipe, nach dem Desaster bei Tini. Ich hatte aber keine Ahnung, wann oder wie ich da wieder raus gekommen war.
Vorsichtig öffnete ich meine Augen und konnte nur verschwommen sehen. Bilder von Fabian blitzen in einer nicht greifbaren Geschwindigkeit durch meinen Kopf. Plötzlich verschwand der Druck auf der Brust und wanderte zum Bauch. Mein Blick gewann langsam an Klarheit und ich erspähte einen Arm, der quer über mir lag. Einen Männerarm und ich war, bis auf ein Handtuch, nackt.
Mit großer Anstrengung drehte ich meinen Kopf zur Seite und Fabians Gesicht schälte sich aus den schemenhaften Blickfetzen. Innerlich atmete ich auf, denn für einen Moment war ich unsicher, ob ich in der Kneipe nicht einen Fehler gemacht hatte. Hinter dem Schlafenden sah ich den Wecker und zuckte erschrocken zusammen. Die Ziffern wechselten gerade von 19:59 auf 20 Uhr. Ich versuchte mich aufzurichten, aber der Kopfschmerz zog mich zurück auf das Kissen.
„Wie geht es dir?“ Ich hörte seine verschlafene Stimme wie durch Watte.
„Frag nicht…“ Das Sprechen fiel mir schwer, der Hals war völlig ausgetrocknet.
„Ich hab dich in der Firma krank gemeldet. Magen verdorben“, nuschelte er.
„Danke.“ Plötzlich erinnerte ich mich an den Vorabend und rückte, trotz der Schmerzen, von ihm weg.
„Warum tust du das alles? Ich habe gestern mit ihr geschlafen und … das Telefon…“ Er legte seine Fingerspitzen auf meinen Mund.
„Ich weiß. Gestern hab ich dich dafür gehasst, aber irgendwo hab ich es auch nicht geglaubt. Du hast mir vorhin, im Vollrausch, alles erzählt und ich glaube nicht, dass du zur Lüge fähig warst.“
„Alles? Was denn alles?“
„Sie hat dich erpresst, vermutlich mit deinem Vater. Und du sagtest … du hättest an mich gedacht.“
Ein paar vereinzelte Tränen liefen über sein Gesicht und ich bemerkte sie, als sich die salzige Flüssigkeit einen Weg über meinen Arm suchte.
„Ich hab gedacht, dass dein ‚ich liebe dich’ für sie bestimmt war.“
„Nein. Schon lange nicht mehr.“
Die nächste Frage konnte ich schon erahnen.
„Heißt das, du liebst mich?“
Die Antwort auf diese Frage hingegen war deutlich schwieriger. Bevor ich jedoch darauf eingehen konnte stand Fabian auf und kam mit einer Flasche Wasser zurück, die er mir wortlos in die Hand drückte. Ich leerte sie in einem Zug.
„Komm bitte wieder ins Bett.“ Ich wartete einen Moment, bis er seinen Körper wieder an mich schmiegte.
„Ich weiß es nicht, Fabian. Es ist nicht so einfach. Okay, ja, ich habe dabei an dich gedacht, an deine vorsichtige und zärtliche Art. An die warmherzigen Blicke, die du mir, trotz meines Verhaltens schenkst. Ich … mag dich wirklich sehr und weiß nicht, warum sich plötzlich alles verändert hat. Aber die Frage ist eigentlich eher: warum tu ich das? Ist es deinetwegen, oder einfach nur weil du gut zu mir bist.“
„Das macht für mich keinen Unterschied“, warf er ein.
„Aber für mich. Du hast es verdient, dass es deinetwegen ist. Ich kann mir nur schwer vorstellen dich so zu berühren, wie du es bei mir tust. Und dann… ist da noch Tini. Sie hat mich in der Hand und Abende wie gestern werden sich vermutlich wiederholen.“
„Und du willst dich lieber über Jahre hinweg danach halb tot saufen? Es steht alles auf dem Spiel. Nicht nur dein eigenes Glück. Auch die Arbeit. Wie willst du so was auf Dauer erklären? Irgendwann wachst du auf und hast Nichts. Du wirst alles verlieren.“
Er hatte Recht, darüber konnte ich bisher noch nicht nachdenken. Einen Punkt hatte er jedoch ausgelassen.
„Und was ist mit dir? Wie würdest du damit zurechtkommen?“
„Ich hab mich an die Rolle der zweiten oder dritten Geige gewöhnt.“
„Genau das meinte ich, du hast mehr verdient. Es wäre besser, wir würden etwas Abstand zwischen uns bringen. Ich will nicht dein Leben auch noch ruinieren.“
„Du bist ein feiger Wichser, weißt du das? Du wirfst lieber dein Leben und deine Zukunft weg, nur damit dein Vater nicht erfährt, dass du Gefühle hast und es genießt, wenn ich in deinem Arm liege? Aus Angst davor, was er dann über dich denkt? Angst davor, was er mit dir anstellt? Als ob du dich nicht wehren könntest, sieh dich doch an!“ Eine Mischung aus Wut und Trauer lag in seiner Stimme. „Du hast keine Ahnung was man verlieren kann, aus einer falschen Angst heraus. Angst vor Klarheit.“
Mir fiel darauf keine Antwort ein und Fabian erzählte mir die Geschichte von ihm und Thomas. Er tat sich schwer damit und ich zog ihn dicht zu mir, wofür er mir ein dankbares Lächeln schenkte. Als er fertig war, da wurde ich unsicher.
„Du liebst mich also, weil ich ihm so ähnlich sehe?“
„Ja. Nein, anfänglich mit Sicherheit, aber ich hab schnell gemerkt, dass du nicht Tommy bist. Bisher wart ihr wie Tag und Nacht. Doch du bist so voll von Widersprüchen und ich habe gehofft, dass ich irgendwann zu deinem wahren Ich durchkommen würde. Weißt du, wir haben nur begrenzte Chancen wirklich glücklich zu werden und man darf sie nicht einfach verstreichen lassen.“
„Und du verschwendest deine Chancen an mir.“
Sein liebevolles Lächeln jagte mir eine Gänsehaut über den gesamten Körper.
„Das sehe ich nicht so. Sieh uns an, wir erzählen uns gegenseitig Dinge, über die wir sonst schweigen. Du lässt mich an dich heran. Und so was machst du nicht leichtfertig.“
Ich konnte ihm nicht widersprechen und drehte den Kopf so, dass ich ihm in die Augen schauen konnte. Seine Lippen lagen nur wenige Zentimeter von meinen entfernt und ich zauberte spontan einen leichten Kuss darauf. Es fühlte sich ganz gut an und seine Zähne blitzten auf, als sich seine Mundwinkel nach oben zogen.
Er legte die Finger auf mein Gesicht und streichelte mich sanft in den Schlaf, einen viel besseren Schlaf.
***
Der Wecker holte mich aus einer erholsamen und albtraumlosen Nachtruhe. Ein warmer Luftzug strich regelmäßig über meine Brust, er hatte sich halb auf mich gelegt und der Kopf ruhte unterhalb meines Kinns.
„Hey, wir müssen aufstehen“, flüsterte ich leise und rüttelte vorsichtig an seiner Schulter.
„Nur noch fünf Minuten, Mama.“
Ich lachte. „Die bin ich garantiert nicht.“
Er schoss senkrecht in die Höhe, als er merkte, wo er war, und wie er auf mir lag.
„Tut mir Leid, ich hab das nicht mit Absicht gemacht!“
„Hey, keine Angst, Kleiner. Es war … nicht unangenehm“, grinste ich ihn an.
Seine Hand klatschte leicht auf meine Brust. „Blödmann“, antwortete er, mit einem leicht tadelnden Unterton. Sein Gesicht wurde aber sofort wieder ernster. „Wie geht es jetzt weiter?“
„Erstmal aufstehen, Frühstück, Kaffee und dann fahr ich dich heim. Mit den Klamotten kannst du nicht zur Arbeit. Über alles andere kümmern wir uns später. Du hast aber Recht, es muss sich einiges ändern.“
Er nickte zustimmend und dann machten wir uns fertig. Mit einem Schmunzeln registrierte ich meine verrammelte Wohnungstür, er hatte wirklich an alles gedacht. Das Müsli brachte meine Energie zurück und bald schon wartete ich vor seinem Haus, wo er sich blitzschnell umzog. Ich war ihm unglaublich dankbar für alles, dass er sogar die Spuren meines Alkoholgenusses beseitigt hatte. Es musste viel Überwindung gekostet haben. Aber er blieb bei mir, war für mich da, trotz dieses absoluten Tiefpunktes. Tini wäre vermutlich nach Hause verschwunden, hätte mich irgendwann geweckt und zur Sau gemacht. Dann hätte sie mir einen Wischlappen in die Hand gedrückt und mich zum Großputz gezwungen.
Meine Meinung über den Studenten hatte sich gründlich geändert. Er war nicht unmännlich, eher im Gegenteil. Und ich hatte kein Recht, ihn für meine Zwecke zu benutzen. Innerhalb weniger Tage war mein Weltbild aus den Fugen geraten und ich hatte absolut keine Erklärung dafür, warum sich meine Einstellung ihm gegenüber verändert hatte. Ich hatte ihn schon so oft verletzt gesehen und es interessierte mich nicht, bis zu meinem ersten Besuch bei ihm. Es war, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte.
Fabian kam aus der Haustür gestürmt und wäre beinahe noch über die Stufen gestolpert.
„Sorry, es ging nicht schneller.“
„Nur keine Hektik, wir liegen gut im Plan. Du hättest dir ruhig noch Zeit lassen können, dann säße dein Shirt nicht auf links“, grinste ich ihn an.
„Oh, stimmt.“ Er griff nach dem Saum und hielt inne. „Stört es dich, wenn ich kurz …“
„Jetzt mach hin, wir haben schon mit weniger Bekleidung gekuschelt.“
Er zog sich eilig den Stoff über den Kopf und wendete es. Ich betrachtete die Haut, die sich so weich auf mir angefühlt hatte.
„Warte!“
Er ließ das Shirt sinken und sah mich fragend an. Meine Finger näherten sich der glatten Haut. „Darf ich?“
Fabian nickte schüchtern. Vorsichtig strich ich über seinen seitlichen Brustkorb und spürte die samtigen, fast unsichtbaren Härchen. Er hielt den Atem an und bekam eine Gänsehaut. Verlegen legte er seine Hände in den Schritt.
„Das ist jetzt keine besonders gute Idee.“
Ich zog meine Hand zurück und nickte. „Wahrscheinlich. Aber weißt du was? Es fühlte sich …“
„Nicht unangenehm an?“, schlug er vor.
„Ich dachte eher an ‚gut’.“ Fabian strahlte über das ganze Gesicht und zog sich wieder an. „Es hat mir auch gefallen.“
***
„Morgen ihr zwei. Geht es dir wieder besser?“
„Morgen Moni, danke, ja, ich hatte eine ausgezeichnete Krankenschwester.“ Dabei zeigte ich auf Fabian.
„Es überrascht mich, dass ihr euch plötzlich so gut versteht.“
„Wir machen alle Fehler, manchmal. Aber selbst ich bin lernfähig und er ist ein wertvoller Teil des Teams.“
Wir trennten uns und machten uns an die Arbeit. „Bis nachher, Fabian. Heute Abend reden wir weiter, okay?“
„Gerne, bis später.“
Monika kam kurze Zeit später in mein Büro.
„Er hat ganz schön was für dich übrig.“
„Ich weiß. Vielleicht war genau das mein Problem. Aber wir haben uns ganz gut arrangiert.“
„Ich hoffe es. Du bist nicht weit von einer Beschwerde beim Betriebsrat entfernt. Also bitte, reiß dich weiter zusammen. Und das hast du nicht von mir.“
„Moni, es ist wirklich vorbei. Ich mag ihn und bin für seine Hilfe gestern dankbar. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen.“ Mir war gar nicht bewusst, was mein Verhalten alles ausgelöst hatte. Meine Zukunft stand definitiv an einer steilen Klippe.
„Das hoffe ich.“ Ihr tragbares Telefon klingelte. „Ich muss wieder, bis später.“
Den Rest des Vormittags verbrachte ich mit der Durchsicht von einigen Präsentationen und nahm, wenn nötig, ein paar Korrekturen vor. Unsere Druckerei meldete einen Maschinendefekt, aber sie würden es fast pünktlich schaffen. Verzögerungen waren bei uns mit eingeplant, von daher gab es deswegen kein Problem.
Mein Handy machte sich bemerkbar, der Akku war fast leer. Mir fiel ein, dass ich es seit dem Abend bei Tini nicht mehr in der Hand hatte. Dementsprechend sah es auch auf dem Display aus. Diverse Nachrichten von der Firma, Jochen und Christine.
„Oh verdammt“, entfuhr es mir. Flugs erschien ihre Nummer im Firmentelefon. Ich atmete einmal kräftig durch und drückte den Wählknopf.
„Höchste Eisenbahn, Herr Reder. Ich dachte schon, du würdest deine Prioritäten vernachlässigen.“ Ich hatte ein Monster aus ihr gemacht.
„Meine Priorität ist momentan die Arbeit, ich hab mir in letzter Zeit zuviel negatives geleistet.“
„Dein Job ist mir total egal. Du bist mir was schuldig.“
Ich blendete alle Emotionen aus und blieb kalt. „Schön. Aber ohne Arbeit hab ich nur sehr wenig Geld. Kennst du jemanden, der dir sonst noch Unterhalt für das Kind zahlen würde?“
Sie überlegte kurz. „Vielleicht dein Vater?“
„Du bist ihm scheißegal. Erzähl es ihm und er wird mit Freude versuchen mich fertig zu machen, aber du bist für ihn weniger Wert als der Dreck unter seinen Schuhen. Er gibt dir höchstens Geld für eine Abtreibung. Weißt du, er will diesen Enkel nicht. Und er ist weder dir, noch mir gegenüber verpflichtet.“
Tini antwortete nicht darauf.
„Übrigens, ich weiß nicht, was du mit dem Telefon bezweckt hast, aber es ging schief. Fabian und ich haben uns darüber unterhalten.“
„Seit wann hast du eigentlich Eier in der Hose?“ Eine berechtigte Frage, fand ich.
„Prioritäten. Wenigstens damit hattest du Recht.“
„Prioritäten also. Was läuft zwischen dir und der Schwuchtel?“
„Nichts. Ich bin nicht … schwul. Aber er ist einer der nettesten Menschen, die ich kenne. Und er erpresst mich auch nicht zum Sex.“ Warum hatte ich gezögert?
„Das kannst du mir nachher beweisen, dass du nicht schwul bist.“
„Nein, Christine. Geh zu meinem Vater. Er wird dich wahrscheinlich nur für eine rachsüchtige Zicke halten, aber es ist vorbei, du hast mich das letzte Mal gedemütigt.“
„Dafür wirst du bluten, ich press dich bis auf den letzten Cent aus!“
„Nur zu, im Ausbluten hab ich Übung. Und mach dir keine Sorgen, das Kind bekommt was ihm zusteht.“ Ich beendete das Gespräch mit gewaltigem Herzklopfen und konnte meine Worte kaum glauben. Fabian musste davon erfahren und ich ging in die Küche, um uns mit Kaffee zu versorgen.
Zu meiner Überraschung waren Jochen und er auch da.
„Man Patrick, geht es dir wieder gut? Ich hab gestern zigmal versucht dich zu erreichen.“
„Alles in Butter. Ich war in guten Händen.“
„Hast du dich etwa mit Tini versöhnt?“ Sein überraschter Gesichtsausdruck sollte sich bald noch verstärken.
„Ich sagte ‚in guten Händen’. Darf ich dir einen talentierten Pfleger und künftigen Informatiker vorstellen?“ Meine Hand deutete auf Fabian, welcher leicht errötete.
Jochens Tasse glitt ihm aus der Hand und das glasierte Tongefäß zersplitterte am Boden.
„Ha-hast du Fieber?“
Ich lachte. „Nein, mir geht es gut. Fabian, ich wollte eigentlich auch zu dir. Es ist aus, Tini ist Geschichte.“
Der Kleine umarmte mich zaghaft und ich spürte kurz seine Wange an meiner. „Oh man, ich freu mich für dich.“
Jochen hockte am Boden, fegte die Scherben zusammen und starrte uns fassungslos an.
„Was guckst du so? Du hast doch selber immer darauf gepocht, dass ich ihn besser behandeln soll. Ein schwuler Freund ist überhaupt nicht so übel.“ Im Gegensatz zu meinen Worten, wie mir Fabians angespannte Körperhaltung verriet, bevor er sich von mir löste.
„Sorry, ich hab’s nicht so gemeint. Jetzt guck nicht so, du kennst mich doch.“
Jochens Augen schienen aus den Höhlen fallen zu wollen.
„Äh, du hast Tini wirklich verlassen?“ Mein Kollege wollte von der für ihn merkwürdigen Situation ablenken.
„Ja. Auch wenn sie schwanger ist, den Entschluss hatte ich schon länger gefasst. Aber es sind einige Dinge passiert, die mir in Bezug auf sie die Augen geöffnet haben. Und Fabian war nicht ganz unbeteiligt. Er war da, als ich ganz unten war. Ein echter Freund. Also, trotz meines fiesen Verhaltens.“
„Ich erkenne dich ja gar nicht wieder.“
„Vermisst du den alten Patrick etwa?“
„Nicht direkt… okay, ich muss das jetzt erstmal verarbeiten. Sag mal, seid ihr beiden jetzt…“
„Nein“, kam es zeitgleich von Fabian und mir.
„Ja, dann mach ich mich mal wieder ans Werk. Wir sehen uns dann spätestens im Studio, oder?“
„Von mir aus geht es klar. Fabi?“
Jochen grinste über die Kurzform und der Angesprochene wurde wieder rot. „Ich würde gerne, aber ich muss heute unbedingt was für die Uni machen. Das kam in den letzten Tagen etwas kurz.“
„Sorry dafür, meine Schuld.“ Ich drückte ihn kurz, betont kumpelhaft.
„Ach quatsch, ich hab es ja gerne gemacht.“
Mein älterer Kollege hatte die Küche kurz nach der Umarmung verlassen. „Wenn du möchtest kannst du auch gerne bei mir lernen. Meine Wohnung ist ja wieder sicher und das mit dem Schlüssel in der Tür… eine einfache und geniale Idee.“
„Wenn du das wirklich willst, gerne. Ich mag deine Wohnung. Nur die Nachbarn… was hast du da eigentlich für einen Besen am Hals? Was die für Stories erzählt. Du hättest mit deinem ‚Ding’ vor ihr rumgewedelt und so was. Jetzt will sie sich bei dem Vermieter beschweren, weil du im Vollrausch so laut warst.“
„Oh Gott, nicht die Mohrbeck wieder. Ich hab wegen ihr schon eine formelle Abmahnung bekommen. Und… die Geschichte stimmt, in einem gewissen Umfang. Es passierte nach einem Streit mit Tini, nachdem du am Freitag verschwunden warst.“
„Ist dir mal aufgefallen, dass alles Negative irgendwie mit ihr zu tun hatte? Zumindest die zwei Dinge mit deiner Nachbarin.“
„Sie war einfach nicht die Richtige für mich und wir hätten schon vor Ewigkeiten die Sache beenden sollen. Es ist ja nicht alles nur ihre Schuld. Du weißt am Besten, wie falsch ich mich verhalten kann.“
Fabian nickte betreten. Die Erinnerungen an mich waren sicherlich nicht die Allerbesten. Dann stahl sich ein spitzbübisches Lächeln in sein Gesicht. „Seitdem wir miteinander reden kommen aber ständig mehr deiner besseren Seiten ans Licht.“
„Ich weiß, danke.“ Ein Teil in mir wollte ihn küssen, aber die falsche Seite behielt die Oberhand und ich klopfte ihm auf die Schulter. „Wir sollten jetzt wirklich wieder arbeiten.“ Ich erntete ein Nicken, von einem mutlosen Seufzer begleitet. Mit jeweils einer frischen Tasse Kaffee gingen wir getrennte Wege.
Der restliche Arbeitstag verging schnell und ohne besondere Ereignisse. Fabian hielt ein wenig Abstand und wir begegneten uns nur wenige Male zufällig auf dem Flur. Ich hätte ihn gerne etwas aufgemuntert, aber seine Reaktionen weckten eine unerklärliche Abwehrhaltung bei mir. Er musste doch verstehen, dass ich in der Öffentlichkeit nicht ganz so ungezwungen sein konnte.
Jochen redete beim Training auch nicht lange um den heißen Brei.
„Was geht da bei euch eigentlich ab? Das heute war wie eine Szene aus einem Paralleluniversum.“
„Es geht gar nichts ab. Ich versuche mich nur mit ihm anzufreunden.“ Meine Antwort kam etwas barscher als beabsichtigt.
„Jetzt bleib doch ruhig. Ich finde es ja auch wirklich nicht schlecht. Aber ich hab mal eine Frage dazu. Ist dir aufgefallen, wie er dich ansieht?“
Ich konnte es mir denken, hielt es aber für klüger, den Unwissenden zu mimen. „Wie denn?“
„Er himmelt dich an. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist er bis über beide Ohren in dich verschossen. Er muss wohl Masochist sein.“
„Als ob du wüsstest wie er tickt.“
„Du etwa? Ich kenne kaum jemanden, der emotional so kurzsichtig ist wie du.“
„Danke für die Blumen. Du hast allerdings Recht, ich hab in der Zeit mit Tini ziemlich alles runter gefahren. Die Beziehung hat uns beiden nur geschadet.“ Über den Zwischenfall verlor ich allerdings kein Wort. Wäre das mit dem Telefon nicht gewesen, dann hätte auch Fabian nie davon erfahren.
„Gut, den Befreiungseffekt konnte ich heute deutlich beobachten. Aber das eigentliche Problem ist Fabian. Schlimm genug, dass er sich ausgerechnet in dich verliebt, aber diese Form von Nähe zu dir macht es ihm auch nicht einfacher.“
Und wieder traf Jochen ins Schwarze. Es war egoistisch von mir, ihn als Seelentröster zu benutzen, ihn so dicht heran zulassen und ihm trotzdem etwas Wesentliches zu verwehren. „Er ist mir irgendwie schon ans Herz gewachsen.“
„Aber du kannst ihm nicht geben was er von dir möchte. Du bist bisher nur selten den Mittelweg gegangen, immer nur Hopp oder Top, wenn man von Tini mal absieht. Aber Fabian ist nicht Tini, nicht mal im Ansatz weiblich.“
„Und was soll ich machen, ihn links liegen lassen?“ Für einen Moment wollte ich ‚Schluss machen’ sagen.
„Ich werde dir bestimmt nicht sagen was du tun sollst, du bist alt genug. Ich möchte nur, dass du über dein Handeln nachdenkst.“ Er grinste frech. „Du kannst natürlich sein fester Freund werden, dann ist er auch glücklich.“
„Schwachsinn. Lass uns weitermachen, wir sind ja nicht zum labern hergekommen.“ Jochens spaßhafter Vorschlag kam mir längst nicht so falsch vor, wie ich ihm Glauben machen wollte. Er selber bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick. Ehe ich reagieren konnte, schlang er seine Arme um mich und klopfte mir auf den Rücken. Ich schob ihn unwirsch weg.
„Was soll der Mist?“
„Interessant.“ Mehr sagte er nicht.
***
Wie heißt es so schön, was hoch fliegt, muss auch wieder runterkommen. So ging es auch meiner Laune. Daheim kochte ich eine Kleinigkeit und wartete dabei auf Fabian, der eigentlich jeden Moment eintreffen sollte.
Wir setzten uns an den Esstisch und seine anfänglich gute Stimmung verblasste zusehends. Ich konnte einfach nicht mit ihm reden, zuviel ging mir durch den Kopf.
„Möchtest du heute lieber allein sein?“ Der ängstliche Ton riss mich aus den Gedanken und brachte erneut Schuldgefühle hoch.
„Nein, tut mir Leid. Es sind noch so viele Dinge, die ich verarbeiten und einsortieren muss. Wie geht es mit dem Lernen voran?“
„Ich hab heute einiges geschafft. Den Fehltag konnte ich nachholen.“
„Und das nur wegen mir. Kann ich das wieder gutmachen?“
Er druckste verlegen herum. „Naja… ich würde mich einfach gerne an dich kuscheln, wenn du möchtest.“ Das Gespräch mit Jochen kroch durch die Erinnerung und verstärkte die Gewissensbisse ein wenig. Es war wieder nur ein kleines Häppchen, mit dem er sich abspeisen ließ.
„Es ist das Mindeste, was ich tun kann. Gerne. Ich bin sowieso ziemlich erledigt.“
Und so lagen wir bald, nach der abendlichen Hygiene, im Bett. Er schmiegte sich Wärme suchend an mich. „Fabian, ich …“
„Psscht, schon gut. Ich weiß was du sagen willst.“
„Aha?“
„Du machst dir Gedanken, weil ich nicht mehr von dir bekommen kann. Das steht dir eindeutig ins Gesicht geschrieben.“
„Oh“, war meine nicht besonders intelligente Antwort.
Er drehte sich auf die Seite, damit er mich anschauen konnte und legte seinen Kopf auf meine Schulter. Sein Arm schob sich vorsichtig über mich und blieb quer über dem Bauch liegen. „Ist das noch okay für dich?“
„Du hättest es gemerkt, wenn nicht.“ Die Hitze im Schlafzimmer war zwar an der Grenze zum Unerträglichen, aber seine Körperwärme störte mich nicht. Sein Atem strich kühlend über meine Brust und es kribbelte allmählich zwischen meinen Beinen. Das Ganze blieb natürlich nicht unbemerkt.
„Pat… darf ich mich darum kümmern?“ Seine Stimme war etwas heiserer als vorher. Ich war hin und her gerissen. Einerseits vermisste ich dieses Gefühl der zarten Lippen, aber der Kopf sprach sich dagegen aus. ‚Unfair’, echote es hinter meiner Stirn.
„Ich weiß nicht… bist du dir sicher?“
„Ja, bin ich. Mir fehlt dein Geschmack, du schmeckst sehr gut.“
Der raue Unterton in der Stimme wirkte sehr erregend und so ein ‚Kompliment’ bekam man ja auch nicht häufig. „Okay. Er gehört ganz dir.“
Sein nackter Oberkörper löste sich von meiner Seite und hinterließ ein leeres Gefühl. Die Luft wirkte plötzlich kühl und ich fröstelte ein wenig. Doch dann streiften zwei Hände geschickt meine Shorts ab und eine warme Hand legte sich zart um mein bestes Stück, spielte damit. Ich schloss meine Augen und genoss es einfach. Ich spürte, mit einiger Überraschung, seine Lippen auf meinem Bauch, die sich mit sanften Küssen ihren Weg nach unten suchten. Das hatte er bisher noch nie gemacht. Gut, ich hatte es ihm auch verboten, es überschritt eine bisher unsichtbare Grenze. Aber heute gefiel es mir.
Fabian ließ sich viel Zeit und ich wand mich unter ihm. Zwischendurch schenkte er mir liebevolle Blicke, die ich unbewusst erwiderte. Trotz des wippenden Kopfes strahlte er eine unglaubliche Sinnlichkeit aus und ich ließ es zu, dass er mit einer Hand über meinen Oberkörper streichelte.
Das Kribbeln in den Leisten nahm zu und ich schloss genießerisch die Augen. Die Welle des Höhepunkts schlug über mir zusammen. Als ich die Augen wieder öffnete, da wischte er sich gerade mit dem Handrücken über den Mundwinkel und sah mich entschuldigend an. „Du hattest ganz schön was angestaut, es war ein wenig viel auf einmal.“
Mein Atem beruhigte sich allmählich wieder. „Hör bitte auf dich zu entschuldigen. Es war toll.“
„Danke. Äh, Patrick, ich verschwinde mal eben.“ Der Kleine erhob sich umständlich vom Bett und versuchte seine Erregung vor mir zu verbergen.
„Stopp!“
„Du willst mich jetzt nicht rauswerfen, oder?“ Der Grad an aufkeimender Panik in seinen Augen stieg exponentiell an.
„Nein, wirklich nicht.“ Ich klopfte mit der Hand auf das Bett. „Zieh das Ding aus. Ich werde es schon überleben, wenn du es hier machst.“
„Kein Scherz?“ Seine Erregung nahm sichtbar zu.
„Kein Scherz, Indianerehrenwort.“
Ich rückte ein wenig zur Seite und breitete meinen Arm aus, damit er sich drauflegen konnte. Er streifte sich gedankenschnell den Slip ab, wohl aus Angst, ich würde von meinem Ehrenwort zurücktreten. Sein Körper glühte förmlich und sein Schwanz stach ein beachtliches Stück in die Höhe. Ich zog ihn dicht an mich heran, damit er etwas von meiner Nähe spüren konnte und beobachtete, wie er sich selber zum Höhepunkt brachte. Der Anblick löste widersprüchliche Gefühle in mir aus, ließ mich aber nicht völlig kalt.
Wie ferngesteuert fasste ich um ihn herum und streichelte vorsichtig über seine Seite, ein Stück unter seiner Achsel.
„Oh Gott“, stöhnte er und fing an zu zucken. Mit der Hand fing er sein Sperma auf, welches sich sonst vermutlich über dem ganzen Bett verteilt hätte. Sein entspanntes Gesicht strahlte einen unglaublichen Frieden aus. Sein Kopf fiel auf die Seite und ich spürte das heftige Pochen der Halsschlagader auf meinem Arm. „Kneif mich, bitte.“
„Du träumst nicht.“ Meine Stimme klang sanft.
Ich drehte mich leicht nach hinten, fischte eine Packung Papiertücher aus dem Nachtschrank und reichte sie ihm. Er beseitigte schnell seine Spuren.
„Es war auch besser als ein Traum. Ich hätte nie daran geglaubt.“
„Ich hatte es mir auch schlimmer vorgestellt.“ Ich bereute die Wortwahl sofort. Prompt sanken seine Mundwinkel nach unten und er schloss die Augen.
„Ach Fabian, du weißt wie ich es gemeint habe. Oder?“
„Ich hoffe es.“ Bravo, ich hatte die Stimmung mal wieder gekillt. Es hätte eigentlich nicht mehr schlimmer kommen können, aber ich hätte mich besser kennen sollen.
„Ich wollte auch noch etwas mit dir besprechen. Wegen heute Mittag.“
„Und was möchtest du besprechen?“ Seine Stimme klang völlig neutral.
„Jochen war heute etwas merkwürdig und ich denke er ahnt vielleicht was. Könntest du dich in der Öffentlichkeit ein wenig zurückhalten? Sonst denkt bald jeder, wir hätten was miteinander.“
Fabian richtete sich auf und sein Gesicht verströmte eine Mischung aus Wut und Trauer.
„Ach, denken die das? Und wie nennst du das hier? War das eben ein gnädiger Gefallen von dir, oder was spielst du für ein Spiel mit mir? Tolles Timing. Ich danke dir, dass ich wenigstens mal für einen kleinen Moment glücklich sein durfte.“
„Fabian, bitte…“
„Nein! Nichts für ungut, du hast nur eben den glücklichsten Moment meines Lebens zerstört. Du wirst dich vermutlich nie ändern.“ Die Wut wich einem Schwall Tränen.
„Ich ertrag das nicht mehr. Ich weiß, dass du mehr fühlst, du zeigst es mir in jeder Sekunde und hilfst mir zu schweben. Und dann lässt du mich abstürzen. Es war alles viel einfacher, als du mich nur benutzt und beschimpft hast. Ich wusste woran ich war und hab mich nicht dieser völlig falschen, übersteigerten Hoffnung hingeben müssen.“
Fabian stand auf und sammelte seine Klamotten zusammen. Er war blitzschnell angezogen.
„Was machst du?“
„Ich gehe nach Hause. Dein Spielzeug hat keine Lust mehr.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und trottete zur Tür. Ich raffte schnell meine Short und ein Shirt zusammen und rannte hinterher. Er war schon zur Tür hinaus und ich griff nach dem Schlüssel, bevor ich ihm ins Treppenhaus folgte. Auf dem Gehsteig holte ich ihn ein.
„Fabian, es tut mir Leid, wirklich, aber geh nicht!“ Ich griff nach seinem Arm und zog ihn zu mir, doch er befreite sich nach einem kleinen Augenblick.
„Es tut dir jedes Mal Leid. Mir tut es auch Leid.“
Er schloss sein Fahrrad auf und ich starrte ihm noch eine Weile nach, bis das Surren des Dynamos nicht mehr zu hören war. Durch den Tränenschleier bemerkte ich auch nicht das Auto, welches auf der anderen Straßenseite parkte. Ein sehr bekanntes Auto.
Mein erster Weg führte mich zur Hausbar und ich schnappte mir die letzte Flasche Single-Malt. Doch ich trank sie nicht. Stattdessen beobachtete ich die kupferfarbene Flüssigkeit, wie sie durch den Abfluss verschwand. Die Trinkerei hatte mir noch nie Glück gebracht. Außerdem erinnerte es mich an meinen Vater. Ich wollte einfach die Nacht abwarten und mich morgen bei Fabian entschuldigen.
Er hatte Recht, ich empfand deutlich mehr als ich mir eingestehen wollte. Ich liebte ihn und das nicht erst seit gestern. Ein verblödeter, emotional verkrüppelter und gottverdammter Feigling, das alles traf auf mich zu.
***
Die Nacht endete so trostlos wie sie angefangen hatte. Die innere Leere fraß mich auf. Ich wartete bis 9 Uhr und wagte einen Anrufversuch. ‚Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar’, tönte mir die blecherne Frauenstimme entgegen. Ich versuchte es im halbstündigen Rhythmus und das Resultat blieb das Gleiche. Gegen 12 Uhr stand ich vor seinem Haus und lief langsam auf die Tür zu. Eine unbekannte Frau machte sich an seinem Briefkasten zu schaffen.
„Was tun Sie da?“
Sie drehte sich um. „Herr Westerkamp hat mich gebeten, in seiner Abwesenheit nach der Post zu gucken. Und wer sind Sie?“
„Fabian ist nicht da?“
„Er ist heute Morgen abgereist, zu seinen Eltern. Für ein paar Tage ans Meer.“
„Oh bitte nicht.“
„Sind Sie Patrick?“
Ich nickte erschrocken.
„Lassen Sie ihn in Ruhe.“ Sie schloss den Briefkasten und verschwand im Haus.
„Okay, das hab ich wohl verdient“, murmelte ich zu mir selbst. Die nächsten Stunden lenkte ich mich allein im Studio ab. Jochen verbrachte den Abend lieber mit seiner Frau. Als ich mich vor Müdigkeit kaum noch rühren konnte, lenkte ich den Wagen, nach einer kurzen Dusche, übervorsichtig nach Hause. Ich schaffte es nur noch bis auf mein Sofa, bevor der Erschöpfungsschlaf gnädig zuschlug.
Zerschlagen traf auch das Gefühl beim aufwachen. Aber ein Muskelkater war deutlich besser als ein Alkoholkater. Den restlichen Sonntagvormittag verbrachte ich mit nachdenken. Ich legte mir Worte zurecht, mit denen ich Fabian von meinen Gefühlen überzeugen konnte. Hoffentlich.
Die Ruhe wurde, kurz nach Mittag, durch die Schelle gestört. Dann klopfte es an der Tür. Fabian?
Ich sprintete zur Tür und riss sie auf, der Schock war unbeschreiblich. Ich sah einen langen Mantel, der einen edlen Anzug bedeckte. Faltige Hände stützten sich auf einen massiven Spazierstock. Mein Vater.
„Was machst du denn hier?“
Er reichte mir wortlos einen braunen Umschlag. Ich öffnete die Lasche und zog den Ausdruck eines Digitalphotos hervor. Der Zeitstempel passte zum Freitagabend. Es zeigte mich, spärlich bekleidet, wie ich Fabian im Arm hielt, kurz bevor er sich losriss. Um seinen Kopf hatte jemand einen roten Kreis gezeichnet und eine Linie verband den Kreis mit einem Wort: ‚Schwuchtel’. Ich sank kraftlos auf die Knie.
Die Stimme meines Vaters drang zu mir wie durch Watte. „Du kümmerst dich also um das Problem. Du bist noch jämmerlicher als dieser Perverse.“
„Er ist nicht pervers. Er ist einer der anständigsten Menschen die ich kenne.“
„Du sollst mir nicht widersprechen!“
Dieser Satz löste eine Welle von Erinnerungen aus. Widerworte sind Schmerz. Wie oft hatte er mich verprügelt, wenn ich ihm widersprach. Und es war ihm egal womit. Mal war es die Reitgerte, ein Stück Holz und alles, was in greifbarer Nähe lag. Wie damals riss ich auch nun die Arme schützend nach oben, keine Sekunde zu spät.
Ich hörte das Zischen der Gehhilfe, wie sie durch die Luft schnitt und meinen Arm traf. Der gespannte Trizeps fing die größte Wucht des hölzernen Schaftes ab. Es brannte höllisch und der Impuls ließ mich mit dem Kopf gegen die Wand stolpern. Ich stieß mich ab und im nächsten Moment steckte die metallische Spitze des Stockes in der Wand, genau da, wo kurz zuvor noch mein Kopf war. Mein Vater zerrte mit beiden Händen am Griff, bekam seine ‚Waffe’ aber nicht sofort frei. Mit aller verfügbaren Kraft schnellte ich aus der Hocke vor und mein Schädel knallte gegen sein Kinn. Der Schmerz explodierte förmlich und breitete sich wellenförmig aus. Doch der alte Herr fiel wie ein nasser Sack zu Boden.
Ich konnte noch die Mohrbeck sehen, wie sie starr in ihrer Tür stand.
„Bitte … nicht beim … Vermieter…“ Ich verlor das Bewusstsein.
***
Fabian hatte, trotz der langen Zugfahrt, in der folgenden Nacht kein Auge zubekommen und sich bis in den frühen Morgen mit seinen Eltern unterhalten. Sie wussten mittlerweile alles und waren fassungslos. Sie verstanden aber auch, dass Patrick nicht ganz der Unmensch war, den sie in ihm sehen wollten, hatten Mitleid mit seiner harten Kindheit.
„Ihr habt Recht, ich kann da nicht mehr bleiben. Seine Nähe bringt mich um und ich habe keine Kraft mehr zu warten. Ich hoffe schon so lange darauf, das er sich seine Gefühle endlich eingesteht.“
„Dein Zimmer steht immer noch frei, aber wir können auch schauen, ob wir Dir eine Wohnung in der Nähe finanzieren können, bis Du das Studium abgeschlossen hast.“ Viel mehr fiel seinem Vater dazu nicht ein.
Fabian schluchzte leise, nickte aber zustimmend.
„Schatz, wir helfen Dir, was auch immer passiert. Und Du wirst hier sicher einen netten Jungen finden, der Dir auch etwas zurückgibt. Dieser Patrick ist ein Idiot, wenn er Dich nicht zu schätzen weiß. Er hat Dich nicht verdient.“ Seine Mutter küsste ihn sanft auf die Wange und Fabian klammerte sich an ihr fest. Doch ans Verlieben wollte er im Moment absolut nicht denken.
„Gut, ich fahre morgen zurück, kündige bei Kramer und lasse mich exmatrikulieren. Dann bin ich bald wieder hier.“ Ein neuer Schwall Tränen floss über seine Wangen. Er bedauerte seinen ‚Fast-Freund’, das dieser keinen Rückhalt bei der Familie hatte. Er würde es deutlich schwerer haben.
‚Du darfst dich nicht um ihn sorgen, sonst geht es dir nie besser’, rief er sich still zur Ordnung.
Nach ein paar wenigen Stunden Schlaf entführten ihn seine Eltern an den Strand, den er wirklich sehr vermisst hatte und vergaß im warmen Sonnenlicht für ein paar Stunden den schweren Weg, der nun vor ihm lag.
***
Leise Stimmen drangen an mein Ohr. „Ich sage es ihnen doch, dieser ‚Herr’ wollte den jungen Mann umbringen.“ Das war die Mohrbeck.
Zwei schlanke Finger zogen meine Augenlieder nach oben und eine Stiftlampe blendete mich. „Okay, die Augen reagieren normal. Ansonsten haben wir noch einen starken Bluterguss am linken Oberarm, eine saftige Prellung. Wir sollten es aber noch röntgen.“
Ich blinzelte.
„Er kommt zu sich.“
Eine männliche Stimme meldete sich und ein Uniformierter schob sich in mein Blickfeld.
„Wie ist ihr Name?“
„Patrick Reder.“
„Sehr gut. Erinnern sie sich noch an etwas?“
„An alles. Mein Vater wollte mich umbringen.“
Der Polizist hielt mir das Bild vor die Nase. „Der Umschlag war an ihn adressiert. Hat der Vorfall etwas damit zu tun?“
„Ja. Ich glaube… ich bin schwul.“
Der Polizist wandte sich einem Kollegen zu. „Bringt ihn ins Krankenhaus, aber es bleibt jemand in der Nähe. Ich will ihn vernehmen, sobald er aufgewacht ist. Frau Mohrbeck, danke, dass Sie uns gerufen haben. Wir melden uns, falls noch Fragen auftauchen sollten.“ Er nahm das Bild wieder an sich. „Sollen wir Ihren Freund informieren?“
„Er ist nicht mein Freund, das hab ich gründlich versaut.“
„Tut mir Leid für Sie. Haben Sie eine Idee, wer dieses Foto gemacht haben könnte?“
„Meine Ex, möglicherweise. Wir haben uns vor kurzem getrennt. Sie ist schwanger und hat es nicht besonders gut aufgenommen.“ Ich nannte ihm Tinis Adresse und erzählte haarklein, was in den letzten Tagen vorgefallen war. Die Mohrbeck stand noch in der Tür und hörte gebannt zu.
„Ich hatte ja keine Ahnung. Oh mein Gott, was sind das nur für Menschen.“
„Frau Mohrbeck, bitte gehen Sie in ihre Wohnung zurück. Und jetzt Abtransport.“
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich auf einer Trage lag und die Sanitäter trugen mich zum Rettungswagen. Die Notärztin stieg in ihr eigenes Dienstfahrzeug.
Die Röntgenbilder von Kopf und Oberarm waren unauffällig. Ich hatte wirklich nur eine extrem schmerzhafte Prellung und eine ungefährliche Beule am Kopf. Es bestand jedoch der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung und ich musste die Nacht zur Beobachtung bleiben.
Am nächsten Morgen, nach einer weiteren Befragung durch die Polizei, wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und bekam eine einfache Schlinge für den Arm, damit ich ihn ruhig halten konnte. Einen Krankenschein wollte ich nicht. Mein Vater hatte ohne zögern gestanden. Er wollte den missratenen Schandfleck seiner Familie beseitigen.
Des Weiteren wurde ein Durchsuchungsbefehl ausgestellt und Tinis Wohnung wurde gründlich untersucht. Sie hatte das Bild auf der Festplatte und wurde ebenfalls verhaftet. Zwei Probleme weniger, aber das letzte Problem war das schwierigste von allen.
Gegen Mittag traf ich in der Firma ein. Kramer und Monika stürmten auf mich zu.
„Wir haben es schon gehört, geht es Ihnen gut?“ Kramer wirkte besorgt.
„Es ist nur eine Prellung. Mein Vater ist in U-Haft, mit etwas Glück sehe ich ihn nie wieder.“ Nach einem kurzen Zögern ergänzte ich „Dafür habe ich den wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren.“
Ohne weitere Kommentare drehte ich ihnen den Rücken zu und verschwand in meinem Büro. Ich versuchte mich auf die Emails zu konzentrieren, aber es gelang mir nicht. Irgendwann ging ich ihn die Küche und besorgte mir einen Kaffee.
Vor der Tür hörte ich plötzlich Fabians Stimme, zusammen mit Kramers.
„Ich hab es mir wirklich überlegt, Herr Kramer. Es ist das Beste und mir fehlt die Heimat.“
„Ich lasse Sie nur ungern gehen, Herr Westerkamp. Aber gut, ich nehme Ihre Kündigung an.“
Kündigung? Heimat?
„NEIN!“ Ich sprintete in den Flur.
„Fabian, bitte tu das nicht!“
Er sah mir nicht einmal mehr in die Augen.
„Es ist das Beste für uns alle. Ich kann nicht mehr.“
Kramer blickte irritiert zwischen uns hin und her.
„Fabian, bitte, denk noch mal drüber nach.“
„Das habe ich“, antwortete er mit einem unterdrückten Schluchzen. „Machs gut, Patrick.“ Er drehte sich um und lief in Richtung Ausgang
Ich sammelte allen Mut zusammen und legte alles an Kraft in die Stimme. „Fabian, ich bin schwul und, verdammt noch mal, ich liebe Dich!“ Mein Aufschrei war im ganzen Haus zu hören. Er blieb tatsächlich stehen.
„Es steht nichts mehr zwischen uns. Mein Vater sitzt im Gefängnis. Er wollte mich deinetwegen umbringen. Lass mich bitte nicht allein, ich brauche dich mehr denn je. Bitte, ich meine es ernst. Du fehlst mir.“
„Für wie lange denn? Du gibst mir immer wieder neue Hoffnung und nimmst sie mir wieder. Das übersteigt meine Kraft.“
Mit zittrigen Schritten lief ich zu ihm und drehte ihn an der Schulter herum. Sein tränenverschmierter Anblick brach mir fast das Herz. „Ich beweise es Dir“, flüsterte ich und legte meine Lippen auf seine. Mein Arm rutschte aus der Schlinge und ich umklammerte ihn, die Schmerzen ignorierend. Er verlor den Bodenkontakt und schlang nun seinerseits die Arme um mich. Ich presste ihn fest an meinen Körper, während der Kuss immer mehr an Leidenschaft gewann.
Im Hintergrund spielte leise das kleine Radio von Moni, welches einen absolut passenden Song zum Besten gab.
Well, you done done me and you bet I felt it
I tried to be chill but your so hot that I melted
I fell right through the cracks, now I’m tryin to get back
before the cool done run out I’ll be givin it my best test
and nothin’s gonna stop me but divine intervention
I reckon it’s again my turn to win some or learn some

But I won’t hesitate no more,
no more, it cannot wait
I’m yours

Well open up your mind and see like me
open up your plans and damn you’re free
look into your heart and you’ll find love love love love
listen to the music at the moment people dance and sing
Were just one big family
And it’s our godforsaken right to be loved loved loved loved loved

So, i won’t hesitate no more,
no more, it cannot wait i’m sure
there’s no need to complicate, our time is short
this is our fate
I’m yours

(*Musik & Text von Jason Mraz, Elektra Records)
Atemlos stellte ich ihn wieder ab und hielt mir den pochenden Arm. „Glaubst du mir nun?“
Der entrückte Gesichtsausdruck wandelte sich zu einem zaghaften Lächeln. Er nickte.
„Danke für die Chance. Ich werde nie wieder so einen Scheiß machen. Dafür sind deine Küsse zu gut.“
Er grinste mich an. „Ich fand es auch … nicht unangenehm.

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Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:31 PM - No Replies

Es war einer dieser kalten Augustabende, an denen es früher dunkel wurde, weil Wolken den Himmel bedeckten und der Wind eisig vom Berg herunterkroch. Hier oben war vieles anders, als unten im Tal, oder den Großstädten.
Er saß nur da, und schaute den Berg hinab, ließ seinen Blick von Lichtpunkt zu Lichtpunkt wandern. Er wusste nicht, wie oft er nun dieses Lied hat schon spielen lassen, er drückte jedesmal an den Anfang zurück und ließ es immer und immer wieder laufen …. you are not alone..
Es passte zu seiner Stimmung, leise und traurig. Die Bilder, die vor ihm abliefen, waren die der letzten Tage. Der Streit mit seinen Eltern, seine stundenlangen Weinkrämpfe und alles nur wegen einem Problem, mit dem er schon seit Monaten kämpfte.
Er hatte in den letzten Wochen sehr abgenommen. Anfangs noch ein kleiner Pummel, und jetzt… total abgemagert, man könnte meinen er wäre Magersüchtig. In der Schule blieb dies auch nicht unbemerkt, kurz vor den Zeugnissen, also bei den wichtigsten Arbeiten, sackte er total ab und versaute alle seine Noten damit.
Seine Eltern probierten alles um an ihn heran zukommen, aber er verkroch sich nur noch in seinem Zimmer. Sie gingen mit ihm auch zu einem Psychiater und als dort die Bemerkung >längerer Aufenthalt in einer Klinik< fiel, war es um ihn geschehen, er weinte fast den ganzen Mittag durch, bis abends sein vater kam.
Dieser startete den letzten Versuch. Er schlug ihm vor, zwei Wochen zu seinem Großvater zu fahren, der eine kleine Pension führte, wenn sich dann nichts änderte müsse er in die Klinik. Er ging auf diesen Deal ein und seit gestern Abend nun war er bei seinen Großvater.
* * * * *
„Jakob, komm rein, es wird langsam kalt.“
Ich schaute auf und sah meinem Großvater ins Gesicht, der an seiner Pfeife zog.
„Ich habe drinnen Feuer gemacht, da kannst du dich ja hinsetzten wenn du magst,“ sagte er.
Ich nickte ihm zu, schnappte meine Zigaretten und folgte ihm.
Mein Großvater.. seit meine Oma vor zwei Jahren gestorben war führte er diese Pension alleine. Naja Pension, ich wusste nicht recht, Feriengäste hatte ich hier in der Art noch nie gesehen. Gut seit Omas Tod war ich auch nicht mehr hier, davor regelmäßig alle Ferien..
So, in dieser Zeit fing das auch mit meinen Problemen an, und da wollte ich auch nicht mehr hier her. Nun wo ich siebzehn war, stellte ich fest, dass ich diesen Mann, den ich Großvater nannte, in keinster Weise kannte.
Ich saß im Sessel vor dem offenen Kamin und starrte ins Feuer. Mein Opa brachte mir einen Tee und setzte sich auf die Couch. Er umsorgte mich schon die ganze Zeit, aber seit ich angekommen war, wechselten wir nur wenige Worte, er lies mich einfach in Ruhe.
„Morgen übrigens bekommen wir noch einen Gast,“ sagte Opa.
Ich starrte weiterhin aufs Feuer.
„Wer?“ fragte ich leise und nippte an meinem Tee.
„Ein Junge in deinem Alter etwa.“
„Aha,“ mehr brachte ich nicht heraus.
„Willst du schon auf dein Zimmer, oder leistest du mir noch etwas Gesellschaft?“
Ich schaute auf meine Uhr, es war erst halb neun, da konnte ich mich schlecht auf mein Zimmer verziehen. Ich steckte mir eine Zigarette an.
„Ich bleibe noch.“
Er nahm sich einen Block und fing an zu schreiben.
„Was schreibst du da?“ fragte ich.
„Meine Gedanken,“ antwortete er nur.
Ich schaute ihn fragend an.
„Als deine Oma starb, brach für mich eine Welt zusammen. Irgendwann habe ich angefangen, alles aufzuschreiben, was mir alles meinem Kopf vorging und das habe ich bis heute beigehalten… hilft dir vielleicht auch.“
Ich schaute meinen Opa langen an und merkte wie die Tränen wieder aufstiegen. Er hob die Hand und forderte mich auf zu ihm zu kommen. Langsam stand ich auf und taperte zu ihm auf die Couch. Ich lies mich neben ihm fallen und zog meine Füße an.
„Nimm einfach ein Stück Papier und leg es vor dich, vergiss Punkt, Komma und Rechtschreibung und schreib los.“
Ich sah das leere Stück Papier an, dass vor mir lag. Ein Block würde da niemals reichen, bei dem Chaos das ich im Kopf hatte.
„Du darfst dir keine Gedanken machen, was du schreibst, wie du es schreibst. Nimm einen einzelnen Gedanken!“
„Es ist so viel……“
„Ich weiß das es viel ist, gerade am Anfang.“
Ich spürte die Tränen herunterlaufen.
„Was denkst du gerade?“
„Dass ich Hilfe brauche…“
„Ich bin da… wie stellst du dir die Hilfe vor?“
In diesem Moment schwieg ich, Mein Opa merkte das und setzte neu an.
„Ich will nicht wissen, bei was ich dir helfen kann, sondern wie.“
„… ich brauche jemanden zum Reden…. der mich versteht….“
„Sollte er dieselben Probleme wie du haben, oder sich damit auskennen?“
„Opa, ich weiß du meinst es gut mit mir, aber ich brauche jemanden, der mich so akzeptiert wie ich bin.“
Ich schaute ihn mit meinen verweinten Augen an und wusste nicht ob ich jetzt das Richtige gesagt hatte. Er blieb ganz ruhig.
„Akzeptierst du dich selber, akzeptierst du wer du bist, was du bist.“
Wusste mein Opa mehr, als ich ahnte.
„Wie soll ich was akzeptieren was nicht richtig ist,“ fragte ich.
„Wer sagt, dass es nicht richtig ist?“
„Es kann einfach nicht richtig sein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich anders fühle, wie andere,“ sagte ich mit tränenerstickter Stimme.
„Gefühle kann man nicht verbieten,“ sagte mein Opa sanft.
„Es sind falsche Gefühle.“
„Jakob, es gibt keine falschen Gefühle, es ist vielleicht das Falsch, was du daraus machst. Jedenfalls dich jetzt in dich verkriechen ist der falsche Weg.“
„Es sind die falschen Gefühle….“ sagte ich wieder.
Dicke Tränen rannen über meine Wangen.
„Wieso kann es nicht richtig sein, was du in deinem Herz fühlst, was du empfindest… für jemand empfindest.
Wieder sah ich meinen Opa lange an.
„Du weißt wohl doch von was du sprichst.“
Ich war erstaunt über meine Großvater, wie wenig ich ihn wirklich kannte.
„Ist auch kein Wunder, ich mache das jetzt schon eine Weile, deine Mutter hat dir wohl nie etwas erzählt.“
„Nein, für mich hast du und Oma hier immer eine Pension geführt.“
„Das ist so nicht richtig. Ich beherberge hier schon Leute, aber nicht welche, die ihre Ferien hier verbringen möchten.“
Ich sah mein Großvater mit großen Augen an.
„Jakob, ich weiß genau was in dir vorgeht, und auch welches Problem du hast. Aber was bringt dir das? Du musst endlich selber erkennen, was so in dir bohrt, es dir einzugestehen, dann kann ich dir helfen. Du musst den Anfang machen.“
„Aber wie kann ich das?“
Er legte seinen Arm um mich und ich fing an ruhig zu werden. Die Tränen versiegten.
„Das werden wir in den nächsten Tagen sehen, Jakob. Es ist erst mal toll, das du überhaupt mir Zugang zu dir gewährst.“
Ich nickte und steckte mir noch eine Zigarette an.
Opa stand auf und schürte im Feuer.
„Willst du noch einen Tee?“ fragte er mich.
Ich nickte. Er nahm den Teekessel, füllte meine Tasse wieder auf und tat einen Teebeutel hinein.
„Was machst du genau hier?“ wollte ich wissen.
Er setzte sich wieder neben mich und gab mir meine Tasse.
„Als ich ungefähr vor fünfunddreißig Jahren meine Job als Psychologe im Krankenhaus verlor, weil es schließen musste, schlug mir deine Oma vor, dass ich mich selbstständig machen sollte. Sie hatte auch schon genaue Vorstellungen wie.“
„Du bist Psychologe?“
„Ja, das habe ich mal studiert.“
„Hat mir nie jemand gesagt. Und was hatte sich Oma da ausgedacht?“
„Da muss ich wohl noch weiter ausholen und dir Sachen von mir erzählen, die nicht mal deine Mutter von mir weiß.“
Ich schluckte, was jetzt wohl kommen würde.
„Ich habe dir gesagt, ich weiß was du durch machst, weil ich das alles schon selber durchgemacht habe.“
„Da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher Opa.“
„Lass mich ausreden Jakob, ich denke ich werde dich jetzt einwenig schockieren, aber danach wirst du sehen oder verstehen, warum ich mir sicher bin, wie ich dir helfen kann.“
Ich nickte, obwohl ich es jetzt nicht richtig verstand.
„Ich war ungefähr so in deinem Alter, als ich merkte, das etwas mit mir nicht stimmte. Angefangen hatte alles, als ich mit Freunden baden ging und ich feststellen musste, das mich die Klassenkameraden mehr interessierten als die Mädchen.“
Ich schaute meinen Großvater entsetzt an.
„Aha, ich merke schon, es dämmert langsam bei dir. Also weiter… ich hatte damals niemand zum reden, und da entschloss ich mich, dem auf den Grund zu gehen. Woher kamen meine Gefühle, also in diese Richtung.“
Ich steckte mir die nächste Zigarette an und nippte an meinem Tee.
„Da habe ich mich entschlossen Psychologie zu studieren, um mehr über mich und generell die Psyche herauszufinden.“
„Du bist…bist schwul?“ fragte ich, nach dem ich mir meinen ganzen Mut zusammengenommen hatte.
„Naja, heute würde man es eher bi nennen, denn ich hab bei dem Studium schließlich deine Oma kennengelernt und mich in sie verliebt.“
„Wusste Oma …?“
„Sie wusste es von Anfang an. Deshalb auch den Vorschlag, dieses kleine Haus hier zu pachten und wie soll man es nennen, eine Zufluchtsstätte für Problemkinder zuschaffen.“
„Solche wie mich also. Sind denn alle schwul oder so…“ ups, jetzt wurde mir selber klar was ich gerade sagen wollte.
„Rede nur weiter, das ist schon ein Anfang,“ sagte mein Opa und lächelte.
Mir ging langsam ein Licht auf. Opa hatte mich aus der Reserve gelockt.
„Du weißt also, dass ich … schwul bin….“
„War das jetzt so schwer?“
„Ja.“
„Warum Jakob, sag mir bitte warum, was ist falsch daran schwul zu sein. Es ist doch egal ob du ein Mädchen liebst oder einen Jungen, Hauptsache du kannst jemanden lieben.“
Das leuchtete mir ein.
„Trotzdem weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll…“
„Dafür bist du hier.“
„Gibst du Anleitungen.. wie benehme ich mich schwul?“
Wir fingen beide an zu lachen. Es war das erste mal seit langen, das ich wieder so herzhaft lachte.
„Einen Vorschlag, du machst dich jetzt Bettfertig und ich komm dann zu dir und bleib solange bei dir bis du eingeschlafen bist,“ sagte mein Opa plötzlich.
Ich wurde rot.
„Was ist?“
„Ich habe mir angewöhnt … nackt zu schlafen.“
„Na und, das tue ich schon immer.“
Ich schaute meinen Opa an und musste wieder lachen. Ich hörte abrupt auf, weil mir ein Gedanke kam.
„Du, Papa hat Mama hier kennen gelernt, war er …?“
„Da redest du mal schön selber mit deinem Vater, aber ich kann dich soweit beruhigen, dein Vater ist weder bi noch schwul.“
Am nächsten Morgen wurde ich von der Sonne geweckt, dir mir ins Gesicht schien. Es war meine erste Nacht, in der ich nicht von Alpträumen geplagt wurde, keinen Weinanfall bekam. Ich fühlte mich richtig wohl.
Ich stand auf und lief auf den Balkon hinaus. Ich streckte mich und genoss die Aussicht.
„Guten Morgen Jakob.“
Ich erschrak, weil ich mir meiner Nacktheit bewusst wurde.
„Nicht schlecht, Jakob, weißt du eigentlich, dass du ein wirklich gutaussehender Junge bist, und das sage ich jetzt nicht, weil du meine Enkel bist.“
Ich wurde rot.
„Danke Opa.“
„Für was?“
„Für gestern Abend und überhaupt.“
Er nickte.
„Du weißt aber, es ist erst der Anfang,“ meinte er.
„Wenn ich mich jedesmal genauso fühle, wie heute morgen, habe ich nichts dagegen weiter zu machen.“
„Also akzeptierst du dich?“
„Ich versuche es.“
„Nicht versuchen Jakob, du musst hundert Prozentig hinter dir stehen.“
„Schwer.“
„Habe nie behauptet, dass dies einfach ist,“ sagte Opa, „ich geh jetzt runter, es muss gleich der neue gast kommen, ach, ein bisschen mehr auf den Rippen könntest du schon haben, aber sonst kannst du dich sehen lassen,“ sagte er und verschwand wieder ins Haus.
Ich musste grinsen, schaute auf den Bergsee hinaus und dachte darüber nach, ob er zu kalt wäre um darin zu schwimmen. Da hörte ich einen Wagen, den schmalen Weg herauf fahren. Ich setzte mich auf einen der Stühle um nicht gesehen zu werden.
Großvater trat vors Haus, als der Wagen zum stehen kam. Eine schlanke Frau stieg aus und begrüßte ihn. Es folgten ein älterer Mann mit einer großen Tasche und ein Typ in meinem Alter und etwas größer als ich.
Mein Opa begrüßte ihn ebenfalls, was der Typ eher schüchtern entgegen nahm, er sagte nichts.
Jakob, ich weiß das du noch da oben sitzt, könntest du bitte runter kommen und Thorsten sein Zimmer zeigen?“
Ups erwischt, ich grinste. Opa wieder, direkt wie immer.
„Ja ich komme.“
Ich lief in mein Zimmer zog mir Shorts und Tshirt über und schlüpfte in meine Turnschuhe. Dann jagte ich die Treppe um im normalen Tempo unten im Hof zu erscheinen. Dort angekommen, wurde ich nur als Jakob vorgestellt, und nicht als der Enkel des Hauses, warum auch nicht, musste ja nicht gleich jeder wissen.
Während sich Opa noch weiter mit den Leuten unterhielt, ich vermute mal schwer die Eltern, schnappte ich mir Thorstens Tasche und ging mit ihm ins Haus. Ich sagte mal nichts, weil ich genau wusste wie er sich fühlen musste.
Er folgte mir die Treppe hinauf und ich stellte ihm seine Tasche in das Zimmer genau neben meinem, dass unsere Zimmer eine Verbindungstür hatten, fiel mir erst jetzt auf. Thorsten trat gleich zum Balkon hinaus.
Seine Mutter winkte zu ihm herauf, mit einem gequälten Lächeln und Nicken grüßte er zurück. Ich zog es vor in mein Zimmer zu gehen. Ich kickte die Schuhe in die Ecke und lies mich auf mein viel zu großes Bett fallen.
Ich wollte gerade meinen tragbaren Cd-Player anschalten, als Thorsten an mein Tür trat.
„Was hö-hö-hörst du?“ fragte er leise.
Ups er stotterte.
„Eigentlich alles Querbeet, aber im Augenblick mehr was ruhigeres.“
„Waa… rum bist du hier?“
„Schwere Frage…“
„Sorry, w.. w.. enn ich d… dir zu nah getreten bin.”
„Bist du nicht Thorsten,“ ich weiß erst seit gestern Abend so richtig was mit mir los ist. Und du?“
„Ist einde..de deutig oder?“
„Wegen dem Stottern?“
Er nickte.
„Ist das eine Sprachstörung oder hat es andere Gründe?“
„Beides…. pass… ssiert m..mir meist, wenn i.. ich a..auf.. geregt bin, o…oder m.. ich nn..net wohl fühl..“
Ich stutze kurz, aber stand dann auf.
„Darf ich?“
Er schaute mich fragend an. Ich nahm ihn einfach in den Arm und drückte ihn an mich. Ich weiß nicht was mich geritten hatte, aber ich dachte in dem Augenblick, es wäre das Richtige. Als ich ihn los lies, war er rot geworden.
„Danke, lieb von dir,“ sagte er.
Ich lächelte ihn an.
„Hauptsache es hilft.“
Denn diesmal hatte er nicht gestottert.
„Und Jungs hab ihr euch schon ein wenig angefreundet?“ mein Opa stand in der Tür.
„Ja ein wenig,“ sagte ich und Thorsten nickte.
„Du Thorsten, deine Eltern wollen sich verabschieden, kommst du noch mal runter?“ fragte Großvater.
Er nickte wiederum und ging hinunter.
„Und?“ mein Opa sah mich an.
„Was?“
„Was du von Thorsten hältst?“
„Ich finde ihn nett, wieso?“
„Dann ist ja gut,“ sagte Opa und verschwand ebenfalls aus meinem Zimmer.
Ich setzte mich an den Tisch und nahm einen Stift zu Hand und schaute das leere Stück Papier an. Und dann schrieb ich einfach drauf los.
wie lange muß ich suchen
bis ich weiß wer ich bin
bis ich weiß was ich will
bis ich weiß was ich bin
bis ich weiß wer mich liebt
bis ich weiß wen ich liebe
bis ich weiß ………………..
all diese dinge muß ich finden
sonst geht meine hoffnung verloren
ohne hoffnung verliere ich den sinn des lebens
ohne sinn des lebens
treibe ich mit anderen den großen fluß des sterbens hinunter
dort wo es keine liebe gibt
liebe welche mich aufbaut
liebe die mich hoffen läßt
liebe die mich weiter suchen läßt
© peter
Ich saß da und lass was ich da gerade geschrieben hatte und Opa hatte wirklich recht.. ein Gedanke oder ein Gefühl… und irgendwie fühlte ich mich jetzt noch glücklicher, dass Chaos im Kopf war ein bisschen kleiner geworden.
Ich spazierte ein wenig am See entlang, die Luft war herrlich frisch, obwohl die Sonne brannte. Auf einem Felsen nicht weit entfernt, saß Thorsten. Ich beschloss hinzugehen.
„Hi,“ sagte ich.
Er nickte.
„Kann ich mich zu dir gesellen oder willst du alleine sein?“
„Ka.. ka..nnst ruhig h..hier blei…ben.“
Ich setzte mich neben ihn und legte den Arm um ihn.
„He ganz ruhig, hier tut dir niemand was, versuch langsam und ganz normal zu sprechen.“
„Danke.“
„Nichts zu danken.“
„Hättest du… Lust … zu schw.. wimmen?“
„Schon, aber ich habe keine Badeshorts an.“
„Ma.. macht nichts, schwimmen wir ohne.“
Darauf wusste ich jetzt nichts zu sagen.
„Ha.. hab .. i…ich was fa.. falsches gesa…sagt?“
„Ganz ruhig Thorsten, dass ist nicht deine Schuld. Das liegt alleine bei mir. Ich würde dir gerne was sagen und ich weiß weder wie und auch nicht wie du es aufnimmst.“
„Dann sag es einfach.“
Ich lächelte ihn an, weil er diesmal nicht gestottert hatte.
„Ich hab schon ziemlich lange ein Problem…. deswegen bin ich auch hier… ich hab ziemlich viel abgenommen deswegen.“
„Steht dir aber gut….“ sagte Thorsten.
„Danke Thorsten. Was ich dir sagen wollte….“ ich merkte, wie mir die Tränen anfingen zu kullern.
Diesmal war es Thorsten, der den Arm um mich legte.
„Raus damit, wenn dich d… das so quält, mu.. muss es raus.“
„Ich . i..ch bin….,“ ich konnte einfach nicht.
„He net st.. stottern, dass i.. ist unfair.“
„Ich bin schwul….“
„Und?“
„Das ekelt dich nicht an?“ fragte ich verdutzt.
„Warum sollte es?“
„Weil es net normal ist?“
„Was ist schon n… normal.? Gut ich s.. selber bin nicht schw.. schwul, vie.. vielleicht angehaucht.“
Ich sah ihn fragend an.
„Von dir in den A.. arm geno.. mmen zu we…. werden ist sehr schö…schön. Da fühl ich mich wohl.“
Ich wischte die Tränen weg.
„Und?“
„Und was?“
„Schwimmen?“
„Ich weiß nicht recht…“
„Hast du Angst…. du kannst .. dich, bei mir … nicht beherr.. herrschen?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Du bist eh nicht mein Typ,“ meinte Thorsten, schaute mich kurz an und fing schallend laut an zu lachen.
Ich konnte nicht anders, ich musste mit lachen. Er zog sich die Schuhe aus das Shirt über den Kopf und dann flogen auch seine letzten Hüllen. Er rannte zum Wasser. Ermutigt, aber langsam, zog ich mich ebenfalls aus.
„Komm schon, da.. das Wasser ist herr… herrlich.“
Vollkommen nackt folgte ich ihm mit einem Hechtsprung ins Wasser…. scheiße war das kalt.
„Man, ist das kalt,“ schrie ich.
Thorsten lachte und kam zu mir geschwommen. Er legte den Arm um mich und gab mir einen kleine Kuss auf den Mund. Ein wenig verwirrt starrte ich ihn an.
„Warum…?“
„Damit du siehst, was ich für ein Ver.. Vertrauen in dich habe.“
„Danke Thorsten..“
Später lagen wir im Gras um unsere Körper zu trocknen. Thorsten hatte seinen Kopf auf meinen Bauch gelegt und meine Hand ruhte auf seiner Brust.
„Schwul sein scheint nicht schlecht zu sein, ich fühl mich so wohl wie schon lange nicht mehr,“ sagte Thorsten plötzlich.
„Ich merke es, du stotterst nicht, aber was hat das mit schwul sein zu tun?“
„Ich spüre deine Haut auf meiner und finde es einfach cool.“
„Ist es mit einem Mädchen nicht cool?“
„Weiß ich nicht..?“
„Wieso hattest du noch keine Freundin?“
Nein, nicht so richtig.“
„Was heißt nicht so richtig?“
„Ach da war ein Mädchen, mit dem ich ein wenig rumgeknutscht hatte.“
„Und?“
„Nichts und, sie suchte sich nen anderen Freund, der nicht sto.. sto.. stotterte.“
„Shit.“
„Nicht schlimm, sie war eh nicht meine Kragenweite.”
Ich streichelte sanft über seine Brust. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Ich zog meine Hand weg.
„Was ist?“
„Ich weiß auch nicht recht… für mich ist es das erstemal, dass ich ein Junge so berühre.“
„Ich finde es schön.“
Thorsten richtete sie auf und legte sich neben mich. Er fing mich seinerseits an zu streicheln.
„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist,“ sagte ich unsicher.
„Wieso…, weil dein Kl…Kleiner sich da unten regt?“
Ich wurde rot und drehte mich weg.
„He Jakob, ist doch okay. Ich muss zu geben.. ich hab mir noch nie so ri….. richtig Gedanken ge…. gemacht, ob i… ich schwul b… bin oder net.“
Ich schaute ihn lange an.
„Schon gut Thorsten, ich bin halt total unsicher, mit allem, was damit zu tun hat. Aber lass uns rein gehen. Großvater wird schon mit dem Essen auf uns warten.“
„Großvater?“
„Ja, Herr Engel is mein Opa.“
„Das wusste ich nicht….“
„Schlimm.. ändert das was zwischen uns?
„Nein,“ sagte Thorsten und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.
„Da seid ihr ja endlich, ich dachte schon ich müsse das Essen warm halten.“
„Wir wa… waren noch schw…. schwimmen Herr Engel,“ sagte Thorsten.
„Sage Martin ist mir lieber,“ meinte mein Opa zu Thorsten.
Dieser nickte.
„Wem gehört denn dieser große Rucksack,“ fragte ich verwundert.
„Unserem letzten Neuzugang diese Woche;“ sagte mein Großvater.
Thorsten und ich schauten uns an.
„Er heißt Peter und ist gerade sein Zimmer angucken, und er wurde nicht gebracht, wie ihr, er ist hier raufgewandert.“
„Alle Achtung,“ kam es von Thorsten.
Jetzt erst merkte ich, das Opa auch für vier Leute gedeckt hatte. Es polterte jemand die Treppe herunter und ich dreht mich um.
„Peter, das sind die zwei anderen, von denen ich dir erzählt habe, Jakob und Thorsten,“ meinte mein Großvater.
Er guckte uns argwöhnisch an und nickte, sagte aber kein Wort. Wir setzen uns an den Tisch wo Opa bereits das Essen drauf stellte.
„Ka.. ka.. kannst du mir d…. den Sa.. Salat reichen,“ fragte mich Thorsten.
Peter lächelte irgendwie abwertend und ich wollte schon was sagen, aber Thorsten schüttelte den Kopf, dem das auch nicht entgangen war.
„Was gegen St…Stotterer?“ fragte Thorsten, Peter sah auf.“
„Keep cool,“ war das einzigste, was er sagte und er widmete sich wieder seinem Essen.
Ich reichte Thorsten den Salat, und er zuckte mit den Schultern.
Nach dem Essen verzog ich mich auf mein Zimmer, weil ich versuchen wollte noch etwas zu schreiben. Mich störte nicht weiter, das Thorsten rein kam, sich auf mein Bett setzte und meine CD´s durch schaute.
Ich starrte erst auf mein Blatt und schloss dann meine Augen und irgendwie kam es dann wieder von selbst.
Ich möchte deine Hand nicht mehr missen,
sie schenkt mir inneren Frieden,
sie schenkt mir Wärme
wenn du mich berührst.
Hand in Hand gehen.
Die Stärke spüren die von dir ausgeht.
Ich möchte deine Augen nicht missen
Sie bauen auf,
man kann sie nicht vergessen.
Die Stärke mit der du mich durchdringst
kann ich nicht standhalten.
Ich versuche diese Blicke
bildlich gesehen festzuhalten
mit meinen Händen.
Es gelingt mir nicht.
Man kann sich nur daran erinnern.
© peter
„Cool.“
Ich fuhr herum, Thorsten stand hinter mir, er schien gerade gelesen zu haben, was ich geschrieben hatte.
„Sorry wollt dich nicht erschre…erschrecken.“
„Und du hast kein Grund zum Stottern,“ sagte ich und zog ihn auf meinen Schoss.
„Was hältst du von dem Neuen?“ fragte ich.
„Weiß nicht recht.“
„Er ist schweigsam.“
„War ich auch.“
„Stimmt, aber aus einem anderen Grund.“
Thorsten schaute auf das Blatt.
„Hast du mich da gemeint?“
„Wen denn sonst, kenn niemand liebes so wie dich.“
Diesmal wurde Thorsten rot und ich musste grinsen.
„Wie stellst du dir deinen Freund eigentlich vor?“ fragte Thorsten.
„Schau in den Spiegel,“ lachte ich.
„Jetzt mal Spaß zur Seite, erzähl.“
„Also, er müsste so lieb sein wie du,“ fing ich an und als Thorsten erwidern wollte hob ich ihm einfach den Finger auf den Mund.
„Ich wünsch mir jemand, der mich so nimmt wie ich bin, mit dem ich reden kann für den ich da sein kann und ich für ihn. Jemanden dessen Vertrauen in mich grenzenlos ist. Der einfach auch mal nur kuschelt, der da ist, wenn ich in nötig habe.“
„Wow ziemlich eindeutige Vorstellungen,“ sagte Thorsten.
„So jemanden gibt es doch gar nicht,“ kam es von der Balkontür.
Wir drehten uns um und es war Peter, der an meiner Balkontür stand.
„Woher her weißt du das?“ fragte Thorsten.
Peter drehte sich um und schaute zu den Bergen hinauf.
„Ich habe noch keinen gefunden….“ sagte er fast unhörbar.
„Hier sitzt aber einer,“ sagte Thorsten und zeigte auf mich.
Ich schaute ihn vorwurfsvoll an.
„Und wer will schon was mit nem Exknacki zu tun haben?“ sagte Peter wieder sehr leise.
„Ich zum Beispiel, oder würde ich sonst mit dir weiter reden?“ Thorsten widda.
„Und wenn sich Thorsten bei dir unwohl fühlen würde, hätte er schon lange gestottert, sagte ich und sah Thorsten dabei stolz an.
„Seit ihr beiden eigentlich schwul?“ fragte Peter.
„Also ich ja,“ das war mir jetzt aber leicht von den Lippen gekommen.
„Naja ich weiß es net,“ sagte Thorsten dann doch einwenig verlegen.
„Warum warst du im Knast?“ fragte ich ganz direkt.
„Weil ich jemanden fast Tod geprügelt habe. Ich war im Jugendknast und bin vor einer Woche entlassen worden.“
„Warum?“ fragte Thorsten.
„Er hat Schwuli zu mir gesagt.“
„Das verstehe ich jetzt net ganz.. hast du net gerade angedeutet, du wärst selber schwul?“ fragte ich.
„Doch habe ich.. ich weiß selber net warum ich immer gleich aufbrause, egal bei was.“
Thorsten war aufgestanden und ich merkte wie Peters Laune deutlich absackte.
„Habt ihr Lust ein wenig zum See zu gehen?“ fragte Thorsten.
Peter nickte und ich zog meine Schuhe an.
Wenig später liefen wir am Ufer entlang, vorbei an der Stelle wo ich und Thorsten heute morgen noch gelegen hatten. Thorsten hängte sich einfach bei Peter ein und der lies ihn gewähren. Wir liefen eine Weile schweigend nebeneinander her.
„Warum seid ihr eigentlich hier?“ fragte dann doch Peter um die Stille zu brechen.
„Ich wegen dem Stottern,“ meinte Thorsten.
„Das klappt doch schon sehr gut,“ erwiderte Peter und Thorsten nickte.
Peter schaute mich an.
„Darf ich versuchen, für dich zu antworten?“ fragte mich Thorsten.
Ich nickte.
„Also ich kenne Jakob mal nen ganzen langen Tag jetzt, also seit gestern und ich hab jetzt schon viel mit ihm geredet. Jakob beschäftigt schon lange die Frage ist er schwul ..warum ist er es. Er findet es nicht natürlich, hasst sich dafür selber und vergeht dabei noch selber, weil er sich nichts sehnlichster wünscht als einen Freund.
Ergebnis, Gewichtsabnahme, schlechte Schulnoten Zusammenbrüche.“
„Du solltest Psychiater werden, sprach ich ganz leise,“ mir kamen wieder die Tränen, weil Thorsten mich so gut getroffen hatte.
„Abgenommen? Ich finde Jakob seht echt cool aus,“ meinte Peter.
Peter sah mich wieder an und sah die Tränen in meinen Augen. Er wischte mit seinem Daumen die Tränen weg. Dann zog er mich am Nacken zu sich. Immer langsam werdend, trafen sich unser Lippen und ich küsste zum erstenmal richtig einen Jungen, besser gesagt ich wurde geküsst.
Als Peter von mir ablies, bekam ich richtige weiche Knie.
„Da kann man ja richtig neidisch werden?“ sagte Thorsten, was er nicht tun hät sollen, weil er schon Peter an sich hängen hatte.
Ich saß mittlerweile auf dem Boden, mir war wirklich ganz anders geworden.
„Wow, Peter du bist ein Naturtalent, da macht sogar mir Spaß von einem Jungen geküsst zu werden,“ gab Thorsten von sich.
Peter half mir wieder auf.
„Und?“ fragte er.
Ich schaute ihn bloß an, war noch keines Wortes mächtig.
„Findest du immer noch so was Schönes ist nicht natürlich?“
„Wie ich sehe, habt ihr Peter schon in eure Runde aufgenommen,“ sagte Opa zu mir als ich mir in der Küche was zu Trinken holte.
„Ja haben wir und Thorsten hat am Mittag nicht einmal gestottert.“
„Gratuliere.“
„Machst du das eigentlich immer so. Also ich meine, du lässt deine Schützlinge einfach sich selber überlassen.“
„So ungefähr, denn ihr müsst es ja lernen, selbstständig zu werden, gut ich mische mich schon ein wenig ein, wenn etwas nicht klappt, aber normalerweise lasse ich es einfach laufen.“
„Finde ich irgendwie gut.“
„Merke ich, denn so wie ich dich an deinem Anreisetag in Erinnerung habe und jetzt, dass ist ein himmelweiter Unterschied.“
Nach dem Abendessen, saßen wir zu dritt in meinem Zimmer auf meinem Bett und hatten es uns dort gemütlich gemacht. Von Opa hatten wir ein paar Kerzen bekommen.
„Mit was kann man dich reizen?“ fragte Thorsten den Peter, der ihm gegenüberlag.
„Inwiefern?“
„Wie bist du auf die Palme zukriegen?“
„Passiert einfach..“
„Noch nie Gedanken gemacht warum?“ fragte ich.
„Natürlich, meinst warum ich wohl hier bin.“
Das war jetzt schon eine Spur aggressiver von ihm gekommen, aber das wollte ich auch.
„Was meinen eigentlich deine Eltern dazu?“ fragte ich mutig.
„Die können mich mal, wollen doch eh nichts von mir wissen,“ kam es jetzt doch recht trotzig und laut von Peter.
„Sicher?“
„Mein Vater liebt mich nicht, egal was ich gemacht habe, ich habe ihm nie genügt…, und meine Mutter, die hat doch nur ihre Freundinnen im Kopf.“
„Hat dein Vater, was abwertendes gesagt zu dir?“
Thorsten sah mich fragend an.
„Nein er hat nie etwas gesagt, ich hat mich immer bloß so komisch angeschaut, als könne ich nie was richtig machen.“
„Hat er dich im Knast nicht besucht?“
„Doch fast jeden zweiten Tag.“
„Das ist schon was.“
„Ich wollte ihn aber nicht sehen, habe es oft abgelehnt ihn zusehen.“
„Und er ist trotzdem immer wieder gekommen?“ fragte jetzt Thorsten.
„Ja ist er.“
„Mir sieht es nicht so aus, als würde er dich nicht lieben.“
„Ich habe ihn doch total enttäuscht, weil ich den Typen aus meiner Klasse zusammen geschlagen habe.“
„Und du meinst er steht nicht zu dir?“
Ich merkte, wie das Gespräch Peter innerlich fast zerriss, seine Augen wurden feucht. Er schwieg, aber in ihm brodelte es.
„Finde es gut, dass du dich im Griff hast, im Augenblick wenigstens,“ sagte ich noch weiter fordernd.
Peter schaute mich an.
„Ist doch alles Scheiße, ich kann das nicht,“ schrie er fast.
Er packte meine Zigaretten und verschwand auf den Balkon hinaus. Die Tür ging auf und mein Opa schaute herein. Ich gab ihm ein beruhigendes Zeichen mit der Hand, und ich folgte Thorsten, der zum Balkon ebenfalls hinaus lief.
Ich nahm mir eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie mir an.
„Warum flippst du aus?“ fragte ich.
„Ich weiß es nicht.“
„Hast du Angst auch vor uns zu versagen?“
Er schaute mich an, und ich dachte ich hätte im nächsten Augenblick seine Faust in meiner Fresse. Wenn Blicke töten könnte, heißt es ja so schön. Aber es blieb nur bei dem giftigen Blick.
„Jetzt verste …. steh i .. ich, worauf du hinaus wi … willst,“ sagte Thorsten.
Ich nahm Thorsten in den Arm und bemerkte, dass ich wohl bei Peter ins Schwarze getroffen hatte.
„Du glaubst du bist für dein Vater ein Versager. Und weil du Angst hast, die anderen könnten ebenso von dir denken, reagierst du mit Gewalt… stimmt doch oder.“
Ich sollte vielleicht auch Psychokram lernen, ich war ja richtig gut in Fahrt. Peter schwieg dagegen und kämpfte mit seinen Tränen.
Später saßen wir wieder in meinem Bett nur noch in Shorts und Shirts und diesmal hatte ich Peter im Arm. Er hatte sich in meinen Armen in den Schlaf geheult. Ich hatte mich mit Thorsten noch leise unterhalten und irgendwann waren wir auch eingeschlafen.
Irgendwann am nächsten Morgen wurde ich wach, und irgendwie musste ich mich erst orientieren wo ich überhaupt war, den ich konnte mich nicht bewegen. Eine kurze Kopfdrehung auf beide Seiten, zeigte mir den auch den Grund meiner Starre.
Peter und Thorsten lagen eng an mich gekuschelt und schliefen noch fest. Aber irgend jemand musste uns zugedeckt haben. Ich musste grinsen, denn es war bestimmt Opa der noch mal nach uns schaute.
Ich spürte etwas warmes an meinem Bauch und hob die Decke an. Peters Hand hatte sich unter mein Tshirt verirrt und ruhte dort. Ich lies meinen Kopf wieder nach hinten sinken und starrte gegen die Decke.
Plötzlich begann sich die Hand zu bewegen, sie kreiste sanft über meinen Bauch. Ich schloss die Augen und genoss es einfach. Ich spürte wie Peter sich aufrichtete und wollte gerade schauen was er vor hatte als ich ganz zart sine Lippen auf meinen spürte.
Seine Hand wanderte sacht zu Brust hinauf und ich spürte wie sein Finger leicht meine Brustwarze streichelte. Seine Zunge strich an meinen Lippen entlang und ich öffnete sie ein wenig. Neugierig drang seine Zunge langsam ein und suchte meine Zunge, sie spielten miteinander.
Seine Hand verschwand von meiner Brust, doch nur wenig später spürte ich sie an meiner Wange. Ich öffnete die Augen als sic sein Mund von mir löste. Peters braune Augen strahlten mich an.
„Guten Morgen,“ sagte er.
„Morgen,“ erwiderte ich leise.
Thorsten regte sich neben mir.
„Jo und mich küsst wieder niemand wach…“ schmollte er.
Peter grinste mich an und funkelte teuflisch mit seinen Augen. Er lehnte sich über mich und begann Thorsten zu küssen, der vor lauter Schreck aus dem Bett fiel. Peter und ich kringelten uns vor lachen.
Thorsten rappelte sich hoch und stand vor uns.
„Oh, das hat ihm anscheinend gefallen,“ sagte Peter und fing wieder an zu lachen.
Ich schaute in die selbe Richtung wie Peter und bemerkte wie Thorstens Shorts vorne mächtig beulte.
„Eine Mola am Morgen, vertreibt Kummer uns Sorgen,“ entfleuchte es mir und dann konnte ich mich selber nicht mehr halten, und fing ebenso an zu Lachen.
Thorsten, rot geworden, zog uns die Decke weg und zeigte auf unsere Shorts.
„Euch sch… scheint es ja.. ja n…. nicht besser zu ge… gehen.“
Und plötzlich begann eine wilde Kitzelei. Thorsten hatte sich auf mich gestürzt und bohrte seine Finger in meine Seiten. Und Peter fiel über Thorsten her.
Irgendwann saßen wir da und versuchten nach Luft zu ringen. Ich spürte die Spannung, die in der Luft lag, alle drei waren wir sehr erregt. Und Peter war es wiederum, der den Anfang machte. Er streichelte sanft durch Thorstens Haar und gilt dabei zu mir herüber und küsste mich.
Ich spürte Thorstens Hand über mich wandern. Ich schloss wieder die Augen. Irgendwie brachte ich es fertig mein Shirt auszuziehen und saß nur noch in Boxer da. Und selbst die flog irgendwann auf den Boden. Eng aneinadergeschmiegt lagen wir drei zusammen und küssten uns.
Ich spürte die Wärme von Thorsten und Peters Haut auf meiner. Es war einfach himmlisch. Tausend Hände schienen ich auf meinem Körper zu sein. Irgendwann kamen wir dann alle drei gleichzeitig. Total benommen sanken wir drei zurück und schliefen ein.
Ein Räuspern weckte mich und ich öffnete die Augen. Opa stand breit grinsend vor uns.
„Ich muss schon sagen, ich habe hier viel gesehen, aber so ein göttlicher Anblick, habe ich noch nie geboten bekommen,“ sagte Opa leise und verlies mein Zimmer.
Ein wenig beschämt kamen wir zu Frühstück herunter.
„Setzt ihr euch drei mal dicht zusammen und umarmt euch,“ sagte mein Großvater.
Wir taten das, was er uns geheißen und Opa machte ein Foto von uns.
Das Foto hängt heute noch im Flur neben der Eingangstür. Nach fünfzehn Jahren sind Peter und ich immer noch ein Paar und ich muss zugeben, ich liebe ihn noch genauso wie am ersten Tag, als ich ihm meine Liebe gestand.
Ich hatte meinen Psychiatertitel und Peter hatte nach der Hauswirtschaftsschule noch eine Lehre als Koch dran gehängt. Und seitdem führten wir die kleine Pension von Großvater. Er hatte sich zwar zur Ruhe gesetzt, wohnte aber immer noch bei uns im Haus.
Und Thorsten… Thorsten besuchte uns immer noch regelmäßig. Er hatte mittlerweile die gutlaufende Firma seiner Eltern übernommen. Und wenn er kam, brachte er immer seinen Patrick mit, mit dem er nun ach schon seit sieben Jahren zusammen war.
Das nackt schwimmen im See hatten wir bei beihalten, und war nach wie vor ein Heidenspaß. Manchmal saßen wir draußen vor dem Haus und sahen zum Sternenhimmel hinauf und erinnerten uns an vergangene Zeiten. Und irgendwie lag noch heute was in der Luft, denn es knisterte, wenn wir zusammen waren

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