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Information Tausend und eine Nacht
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:30 PM - No Replies

„Nein, nein, nein, so geht das nicht! Das klingt nicht gut! Das muss besser werden… viel besser. So können wir das nicht bringen!“, regte sich der junge Musiker auf, der seinen Perfektionismus wohl niemals ablegen würde.
Nun, der Erfolg gab ihm ja auch recht, denn er hatte nicht umsonst Massen von durchgeknallten Fans und Fangirls. Es war doch wirklich immer das selbe mit ihm, er gab nicht eher auf, bis es für ihn perfekt war und er meinte perfekt. Etwas …irgendwo dazwischen… gab es für ihn nicht.
Doch dann fiel es ihm siedend heiß ein… ja, natürlich, sie wollten sich doch heute treffen. Wie konnte er das nur vergessen?! Verdammt!
Sogleich ließ Gackt alles stehen und liegen und beendete die Bandprobe für heute. Das Studio sehr schnell verlassend, erreichte er sein schwarzes Cabrio, schwang sich elegant hinein und raste los….
~*~
Gackt Camui, ist 28 Jahre jung und ein sehr erfolgreicher japanischer Sänger. Er ist 1,85m groß und sehr schlank, hat kurze schwarze, glatte… immer sehr perfekt gestylte Haare und braune Augen, die er aber stets hinter blauen Kontaktlinsen versteckte und wenn er auf die Straße ging, trug er meist eine Sonnenbrille… ebenso zu Studioauftritten.
*-*-*
Müde rieb der Nachtschwärmer sich die Augen, während er aus dem Bett kroch. Die Vorhänge beiseite schiebend und sich die Hand vor Augen haltend, musste er feststellen, viel zu lange geschlafen zu haben.
Die Sonne stand schon tief am Himmel, aber nicht zum Aufgehen, sondern zum Untergehen.
Wie konnte er nur so lange geschlafen haben? Leider sagte der Blick auf die Uhr auch nichts besseres. Der Trip von letzter Nacht hatte ihm völlig aus der Bahn geworfen und so brauchte er erst mal eine Dusche, um wach zu werden.
Was für ein Tag heute war, konnte er sich nicht zusammenreimen. Erst der Kalender brachte Klarheit darüber.
Mist, er war gleich verabredet und diesen Mann ließ man nicht warten!
Schnell sprang er unter die Dusche und pflegte sich ausgiebig, bevor er sich etwas stylisches anzog und eine der vielen Sonnenbrillen, die er besaß aufsetzte.
Die Spuren der letzten Nacht wollte er verstecken, genauso wie er sich vor seinen Fans verstecken wollte.
Noch einmal betrachtete er seine schlanke Silhouette im Spiegel, bevor er runter in die Garage ging, um mit einen seiner vielen Sportwagen zum Treffen zu fahren.
Es ging jetzt schon eine ganze Weile zwischen Ihnen. Seitdem sie zusammen den Film Moon Child gedreht hatten, trafen sie sich regelmäßiger und hatten auch Sex.
Eine richtige Beziehung führten sie dennoch nicht. War es wegen der vielen Arbeit die Beide hatten und der wenigen Zeit, oder aber wegen Hydes Partyleben und Drogenproblemen.
~*~
Hyde Haido, war 32 Jahre jung und ein ebenfalls sehr erfolgreicher japanischer Sänger. Er war 1,80m groß und ebenfalls sehr schlank, fast schon zierlich, hatte mittellange braune, glatte, ein wenig strubbelige Haare…. färbte diese aber gern blond oder auch mittelblond und braune Augen, die er aber nicht hinter Kontaktlinsen versteckte… aber auch er trug gern eine Sonnenbrille in der Öffentlichkeit.
Er war, seit Jahren, der beste Freund von Gackt. Haido war verheiratet und hatte einen Sohn.
*-*-*
Kaum auf den Verkehr achtend, hatte er das Restaurant sehr schnell erreicht, wo er sich mit seinem Freund treffen wollte. Er parkte den Wagen, stieg aus und musste feststellen, dass sein Freund noch nicht erschienen war.
Also setzte er sich wieder in sein Auto und wartete vor dem Restaurant auf ihn.
Währenddessen dachte er daran, wie weit sein Freund abgerutscht war und es zerbrach ihm fast das Herz, ihn so sehen zu müssen. Immer wieder Parties ohne ende und Drogen… warum nur tat er das?
Er hatte doch gar nicht so viel zu tun, wie er selbst. Er – Gackt – hatte sehr viel mehr zu tun… Tourneen, durch Asien, Europa, Amerika usw. und dazwischen immer wieder Filmprojekte, Studioaufnahmen, so dass er nicht selten abklappte und im Krankenhaus landete, weil er mal wieder nicht aß oder das Essen einfach komplett vergaß.
Auch trank er viel zu wenig, so dass sein Kreislauf immer wieder schlapp machte und sich die Ärzte sehr um ihn sorgten… auch meinten nicht wenige, dass er so auf Dauer nicht weiter machen konnte… denn es könnte ihn das Leben kosten, wenn er sich nicht endlich schonte.
Aber Gackt war nun mal ein Perfektionist und sehr exzentrisch und ließ sich von kaum jemandem etwas sagen. Er machte genauso weiter, wie er es gewohnt war.
Und trotzdem nahm er keine Drogen und für Parties hatte er gar keine Zeit… da er eh kaum zuhause war.
Nun gut, dafür machte er sich mit Arbeit kaputt… schüttete sich regelrecht mit Arbeit zu, so dass er pro Nacht kaum mehr als 3 Stunden schlief.
Und nun musste er sich auch noch um seinen Freund Sorgen machen.
Wie lange würde er das alles noch durchstehen….?
*-*-*
Hyde war spät dran und das passte ihm gar nicht. Nun hatte er auch noch Schwierigkeiten einen Parkplatz zu finden.
Genervt fand er nach langem suchen endlich einen und stieg aus, um dann zum Restaurant zu gehen.
Auf dem Weg dorthin gönnte er sich eine Zigarette, auch wenn er zügig ging.
Vor dem Restaurant drückte er diese dann aus und schubste den Abfall in einen Gully. Erst dann bemerkte er Gackt im Auto sitzend, der mal wieder Glück hatte mit dem Parkplatz.
Grinsend sah Hyde seinen Freund über die Sonnenbrille hinweg an.
*-*-*
Ach, sieh mal einer an, der Herr erscheint auch schon., dachte Gackt, der es gar nicht mochte, kam man auch nur eine Minute zu spät, doch stieg er aus und ging dann auf seinen Freund zu.
„Hallo Haido. Was hat dich aufgehalten, hm?“, fragte er ihn und sah ihn durch die Sonnenbrille hindurch ein wenig grinsend an.
„Komm, gehen wir rein.“, bot er seinem Freund an.
Er musste mit ihm reden… es war nichts schlimmes, aber es musste dennoch sein.
Mit diesen Worten öffnete er auch schon die Tür und betrat, gemeinsam mit seinem Freund, das Restaurant.
*-*-*
“Mein Wecker hat gestreikt“, antwortete Hyde grinsend und folgte Gackt ins Restaurant.
Sie nahmen sich einen Tisch weiter hinten und setzten sich. Der Kellner kam direkt mit den Karten und Hyde ließ sich schon mal ein großes Wasser bringen.
Er hatte wahnsinnigen Durst und der wollte gelöscht werden. Dann versuchte er in der Karte etwas Leckeres zu finden, konnte aber seine Blicke nicht von Gackt lassen.
Dieser sah heute mal wieder besonders sexy aus und Hyde hatte letzte Nacht niemanden mit nach Hause genommen, weshalb sein Hunger groß war.
Sein Körper glühte regelrecht vor Erregung und er biss unruhig auf seiner Lippe herum, während er immer wieder von der Karte hoch schaute und Gackt musterte.
*-*-*
Auch Gackt hatte sich ein großes Wasser bringen lassen und sich aus der Karte eine Kleinigkeit zu Essen ausgesucht.
Dann blickte er seinen Freund an und sah, dass dieser ihn musterte und immer wieder ansah.
Aber er sprach ihn nun nicht drauf an, sondern ging gleich zum Thema über, während er seine Sonnenbrille abnahm und seinen Freund mit seinen „blauen“ Augen ansah:
„Haido, ich muss mit dir reden.“, er nahm einen Schluck Wasser: „Wir sollten nicht mehr zusammen ins Bett gehen. Megumi, sie ahnt etwas und hat mich drauf angesprochen. Ich habe ihr nichts gesagt, deshalb müssen wir das in Zukunft unterlassen. Du hast eine Familie und solltest dich um sie kümmern. Außerdem werde ich bald für eine etwas längere Zeit außer auf Tournee gehen.“
Natürlich hatte es ihm immer irgendwie Spaß mit Haido gemacht, aber er konnte Megumi gut leiden und wollte nicht, dass sie litt.
„Außerdem denke ich, dass du langsam auch die Drogen lassen solltest… du machst dich damit kaputt. Verstehst du das?“, hielt er ihm nun eine Standpauke.
*-*-*
Seufzend nahm Hyde die Sonnenbrille ab und erwiderte Gackts Blick. Sicher wusste er genau, dass er seine Frau betrog, aber es war nicht das erste und würde gewiss nicht das letzte Mal sein.
Er fühlte sich nun mal beiden Geschlechtern hingezogen und auch wenn er seine Frau liebte, wollte er dennoch beides ausleben.
“Sicher Gackt, wie du meinst“, antwortete er nur.
Schließlich kannte er seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass Gegenwehr zwecklos war. Ob er sich allerdings daran halten würde, war fraglich.
Außerdem war die Anziehungskraft zwischen ihnen sehr stark. Vermutlich würden sie sowieso wieder im Bett landen, trotz aller guten Vorsätze.
Der Kellner kam und Hyde bestellte sein Essen und noch ein Glas Wein dazu. Ein Gläschen würde er wohl trinken können. Zur Not könnte er auch ein Taxi nehmen und den Wagen stehen lassen.
Seine Frau Megumi lebte mit dem gemeinsamen Sohn in ihrem Haus. Hyde hingegen bevorzugte es die meiste Zeit in der Eigentumswohnung zu verbringen, wo er tun und lassen konnte was er wollte.
Meistens schob er die Arbeit vor, wenn er mal ein paar Tage sich nicht blicken ließ.
*-*-*
Gackt hatte für sich nur eine Kleinigkeit zu Essen bestellt, aber keinen Alkohol.
„Ja, das meine ich so und diesmal wird es kein Zurück oder eine Ausnahme geben… ich kann mir schon denken, was du dir gerade ausmalst. Aber das wird es nicht wieder geben, das kann ich dir versprechen.“, meinte Gackt sehr ernst und sah seinen Freund mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete.
Sicher gefiel es ihm nicht so ganz, aber er kannte Megumi gut genug, um sie nicht verletzen zu wollen, immerhin war er auch mit ihr sehr gut befreundet und hatte eh schon die ganze Zeit über ein mehr als schlechtes Gewissen.
Er schwieg nun wieder… nicht wissend, wie er das aushalten sollte… nun, er würde einfach noch mehr arbeiten und so gar keine Zeit mehr haben um über so etwas nachzudenken.
Irgendwann kam dann endlich das Essen und Gackt sah zunächst nur nachdenklich auf den Teller, bevor er erst mal nur noch einen Schluck Wasser zu sich nahm…. so als würde er sich an das Essen nicht heran trauen… als hätte er echt Angst dick zu werden… dabei war gerade er meilenweit vom Dicksein entfernt…
*-*-*
“Ja, ich weiß doch“, antwortete Hyde nur und dachte sich wirklich seinen Teil.
Die Zeit würde zeigen, wer recht behalten würde.
Als dann das Essen kam, macht Hyde sich über seines her. Er hatte großen Hunger, nach letzter Nacht und konnte über Gackt nur den Kopf schütteln.
“Dann musst du aber auch regelmäßiger Essen“, kam es dann von ihm.
Wobei er allerdings grinsen musste, da Gackt das niemals durchhalten würde.
“Was machen wir denn gleich noch schönes?“, wollte er dann wissen, wobei er weiter aß.
*-*-*
Als Haido sich so über sein Essen hermachte, aß auch Gackt endlich ein wenig von seinem Essen. Er wusste, dass er öfter essen musste, aber er schaffte das eben nicht.
Deshalb kam von ihm:
„Weiß ich selber, dass ich öfter essen müsste… aber na ja,…“ und würgte das Essen irgendwie runter, auch wenn es wirklich gut schmeckte.
Endlich eine Ablenkung vom Essen, denn Haido hatte ihn gefragt, was sie machen könnten… sogleich ließ er das Essen, Essen sein und überlegte.
„Na ja, eigentlich müsste ich noch proben und die Texte durchsehen und noch mal die Tournee durchgehen.“, antwortete er.
Doch überlegte er weiter… was sie vielleicht unternehmen könnten.
*-*-*
“Und eigentlich müsstest du mal ganz dringend ein bisschen abschalten!“, fügte Hyde hinzu und nahm einen Schluck Wein.
Gackt war total angespannt, vor lauter Arbeit und bräuchte eigentlich dringend etwas Entspannung.
“Wie wäre es mit Sauna?“, fragte Hyde dann und nahm wieder einen Bissen in den Mund.
So stur könnte Gackt doch gar nicht sein… oder doch? Würde Hyde ihn verführen können?
Er hatte die letzten Male mit ihm sehr genossen. Es war so vertraut und man fühlte sich so geborgen. Nicht wie bei einem flüchtigen One-Night-Stand.
*-*-*
Ein wenig musste Gackt nun doch grinsen, als der Vorschlag von seinem Freund kam, und das nach dem, was er ihm eben erst gesagt hatte. Man konnte ihm ja viel nachsagen, aber so ganz blöd war er nun doch nicht, dass er nicht genau wusste, warum der Vorschlag mit der Sauna von seinem Freund kam.
Nun musste er doch noch einen Bissen, von seinem Essen nehmen, den er aber auch nur so halbwegs runter würgte.
„Sag mal, du hast mir vorhin echt nicht zugehört, oder?“, fragte Gackt Hyde mit einem leichten Grinsen auf den Lippen.
„Ich muss nicht abschalten, mir geht es doch gut und ich werde mich von dir sicher nicht wieder verführen lassen.“, waren seine hinzugefügten Worte, auch wenn es ihm zugegebener Maßen schwer fiel.
Hyde war eben einfach der beste Liebhaber, den man sich wünschen konnte. Eigentlich war er ja schon fast süchtig nach seinem Freund, aber das konnte er ihm ja jetzt wohl kaum sagen und sich womöglich verraten… sich gegen seine eigenen Worte stellen… nein… niemals…
*-*-*
“Nicht?“, hakte Hyde nun ebenfalls grinsend nach.
“Schade eigentlich!“, fügte er hinzu. Dann nahm er noch einen großen Schluck Wein.
“Dann schlag etwas anderes vor. Bevor ich noch sage, dass wir auch zu mir gehen könnten“, kam es nach einer kurzen Pause von Hyde und er zog dabei eine Augenbraue hoch.
Sicher hatte er seinen Freund genau verstanden und er wusste auch warum das alles so sein sollte. Doch er konnte einfach nicht aus seiner Haut.
Die Vorstellung mit Gackt Sex zu haben war eben einfach viel zu geil. Außerdem machte es Spaß seinen Freund zu reizen.
*-*-*
Jetzt platzte Gackt fast der Kragen, denn ihn nervten die Anspielungen seines Freundes langsam, dennoch blieb er ruhig, doch sah er Hyde nun mit einem Blick an, der jede Hölle hätte zufrieren lassen.
Er schob sein Essen zurück…. Essen?…. Wer musste schon essen? Er war doch eh satt.
„Deine Anspielungen kannst unterlassen. Was ich denke, habe ich dir gesagt. Weder werde ich mit zu dir kommen, noch wird jemals wieder etwas zwischen uns passieren. Habe ich mich jetzt deutlich ausgedrückt?!“, äußerte sich Gackt nun doch ein wenig aufgebracht und zog dabei ebenfalls eine Augenbraue hoch.
Natürlich fiel es ihm schwer und er versuchte verzweifelt seine Gefühle Hyde gegenüber zu verbergen… sie zu überspielen… sich abzulenken.
Deshalb holte er jetzt das Geld raus, legte den Betrag für das Essen und das Wasser auf den Tisch und stand dann auf.
Auf seinen Freund herabblickend, meinte er noch:
„Wir werden jetzt nichts zusammen unternehmen, denn wie ich schon sagte, habe ich viel zu tun und keine Zeit. Kümmere du dich um deine Familie, dann hast du genug zu tun!“, dann verließ Gackt, leicht aufgebracht, das Restaurant.
Draußen angekommen, schwang er sich, wie immer elegant in sein Auto, startete den Motor und fuhr, mit quietschenden Reifen, davon.
Etwa eine halbe Stunde später hatte er sein riesiges Haus erreicht, parkte und stieg aus. Anschließend betrat er sein Haus, das seinem übergroßen Ego entsprach, und legte seine Schlüssel ab.
Sogleich wurde er von seiner Katze begrüßt, die er auch gleich auf den Arm nahm und sie liebevoll streichelte. Die Katze schmiegte sich, schnurrend, an ihn und krallte sich in seine Sachen.
„Na, du, du fühlst dich auch einsam, hm.“, sprach er sanft zu ihr und streichelte sie weiter, während er ein paar Stufen runter, vorbei an der hauseigenen Bar, in sein eigenes Studio, ging.
Hier setzte er sich in seinen Sessel, legte die Katze auf seinen Schoß und begann sogleich zu arbeiten.
Immer wieder musste er allerdings an Hyde denken… versuchte auch den Gedanken an ihn immer wieder zu verdrängen, was ihm aber nur mäßig gelang und er sich schon stark zusammennehmen.
*-*-*
Hyde war etwas gekränkt und trank nachdem Gackt gegangen war, das Glas Wein mit einem Zug leer.
Er bezahlte ebenfalls, dachte jedoch keineswegs daran nach Hause zu gehen. Lieber schlenderte er die Straße entlang in Richtung Nachtleben.
Sicher war es noch reichlich früh am Tag, aber er kannte mittlerweile schon die Orte, wo auch jetzt schon etwas los war.
Eine lange Treppe ging er hinunter, während er sich eine Zigarette anzündete. Dann wurde er auch schon von dem Türsteher freudig begrüßt. Man kannte ihn und dennoch war es anonym genug, dass ihn hier keine Fans auflauerten.
Nachdem er die Bar betreten hatte, nahm er die Sonnenbrille ab, nickte dem Typen hinter der Bar zu und setzte sich in eine dunkle Ecke.
Von dort aus, schaute er den jungen Tänzern und Tänzerinnen auf der Bühne zu und die halbnackte Bedienung brachte ihn das übliche.
Ein Mann, der an der Bar saß, schaute zu Hyde herüber und grinste, als dieser sich an der Nase kratzte. Kaum wenige Minuten später, bekam er das, wonach ihm beliebte.
Schnell waren dann alle Sorgen und der Streit mit Gackt vergessen. Hyde schwebte auf irgendeiner Wolke, wozu er reichlich trank und bald schon nicht mehr alleine saß.
Ein junger Mann gesellte sich zu ihm und flirtete eifrig mit ihm.
Heute Nacht würde er mal wieder nicht bei seiner Frau schlafen, sondern in der Wohnung und er würde sich darüber hinweg trösten, dass er Gackt nicht bekommen hatte.
*-*-*
Noch immer war der Sänger am Arbeiten, seine Katze hatte inzwischen anscheinend die Nase gestrichen voll und sich in das Körbchen, das irgendwo im Studio stand, gelegt und schlief.
Nur kurz hatte er aufgeschaut, als er es läuten gehört hatte, und sah auf dem Monitor, dass jemand vor seinem Haus stand. Es war einer seiner Bandmitglieder…
…You…
You war körperlich noch etwas größer als er selbst und er war ihm immer ein sehr guter Ratgeber und Freund gewesen.
So stand er auf, nahm seine Katze aus dem Korb und ging zum Türöffner, den er betätigte. Ein paar Stufen stieg er hinauf, dann hatte er bald den Eingangsbereich erreicht und öffnete die Tür, wo er You vorfand.
„Hallo You. Komm rein.“, begrüßte Gackt seinen Freund.
„Hallo, mein Lieber. Danke.“, erwiderte You, betrat das Haus und streichelte nebenbei die Katze, die sich aber zurückzog… es anscheinend nicht mochte.
Gemeinsam gingen sie in die hauseigene Bar, wo Gackt für sich und You einen Rotwein eingoss und beide sich dann auf das Sofa setzen.
Die Katze hatte sich inzwischen wieder verzogen und ging erst mal wieder ihrer eigenen Wege.
„Ich muss mit dir reden.“, begann You.
„Weswegen?“, wollte Gackt wissen.
„Wir sollten die Tour erst mal absagen.“
Gackt sah seinen Freund erschrocken an und schüttelte energisch den Kopf.
„Nein…“
„Verdammt, warum nicht?! Schau dich doch an! Du bist total fertig, du kannst nun mal nicht nur arbeiten. Du brauchst Ruhe. Verstehst du das?!“
„Pass mal auf, was ich brauche oder nicht, entscheide ich selbst!“, fauchte der Sänger seinen Freund an.
„Wie kann man nur so stur sein?! Willst du dich echt kaputt machen?! Du weißt was die Ärzte sagen… verdammt, du spielst mit deinem Leben und ich will meinen Freund nicht verlieren! Hast du das verstanden?!“
„Ärzte… tze… alles Spinner. Ich weiß selbst was ich mir zumuten kann und was nicht.“
„Scheinbar weißt du es aber nicht. So jedenfalls gehe ich mit dir nicht auf die Europatour, damit das klar ist…. wenn du nicht endlich Vernunft annimmst.“
„Sag mal, habt ihr euch jetzt alle gegen mich verschworen?!“
„Ach man, was hat das denn damit zu tun, hm. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um dich.“
„Was das damit zu tun hat, werde ich dir sagen. Hyde… du kennst ihn, nicht…“
…You nickte…
„…ja, er hat vorhin beinahe das selbe gesagt… nur war es bei ihm aus.. na ja,… gänzlich anderen Motiven.“
„Ach ja… die da wären?“
Gackt wurde, für ihn sehr untypisch, ein wenig rot um die Nase, doch erwiderte er:
„Ganz einfach, weil der nur mit mir ins Bett will… eben wie immer.“
You runzelte die Stirn und grinste dann aber direkt.
„Okay, das wusste ich nun noch nicht. Aber ich kann ihn gut verstehen. Du bist ein hübscher Kerl. Ich würde dich auch nicht von der Bettkante schubsen.“, gestand You gleich mal ganz offen, eben wie immer.
„Jetzt reicht es… raus… verschwinde!“, erwiderte der junge Sänger und ein Drohen lag in seiner Stimme.
Er stand auf und entfernte sich von seinem Freund.
You war ebenfalls aufgestanden und ging nun auf seinen Freund zu… hielt aber einen großen Abstand zu ihm.
„Was ist los mit dir, hm? Du weißt, dass ich niemals etwas tun würde, was du nicht möchtest. Und überhaupt… wovor hast du nur solche Angst. Komm schon, sag es mir!“
Überlegen und ein wenig überheblich sah Gackt seinen Freund an und meinte:
„Angst? Ich habe keine Angst… wovor auch.“
„Wo liegt dann dein Problem? Hast du Angst, dich doch noch zu verlieben und deine Einsamkeit zu verlieren… in die du dich hüllst, wie in einen heiligen Mantel? Oder liegt es an deiner Karriere? Hast du womöglich Angst es könnte deiner Karriere abträglich sein, hm?“
„Lass mich doch damit in Ruhe, ich will nicht drüber reden. Die Tour wird durchgezogen, ob mit dir oder ohne dich! Das ist mein letztes Wort!“
You schüttelte nur noch den Kopf… so viel Sturheit hatte selbst er, wo er eigentlich ein Gemüt wie ein Schaukelpferd hatte, nichts mehr entgegen zu setzen.
„Schon gut, ich bin dabei… irgendwer muss ja schließlich auf dich aufpassen.“
Von Gackt kam dabei allerdings keinerlei Gefühlsregung. Er wusste ganz genau, dass seine Leute ihn niemals im Stich lassen würden.
„War es das jetzt?“
You nickte, dann setzte er sich wieder und trank einen Schluck, dieses sehr edlen Rotweins, wobei er sich allerdings seinen Teil dachte.
Der junge Sänger blieb aber an seiner Bar stehen, sah nachdenklich ins Glas und trank dann einen Schluck.
Beide schwiegen sich nun vorläufig an und jeder dachte sich seinen Teil…
*-*-*
In seiner Wohnung angekommen, küsste Hyde stürmisch den jungen Mann und seine Finger machten sich selbstständig, gingen unter die Kleidung und suchten nach nackter Haut.
“Ich bin Kai. Willst du mir vorher nicht zumindest deinen Namen verraten“, kam es plötzlich von dem jungen Mann.
Hyde war etwas genervt und wollte keinen Smalltalk, sondern eigentlich nur Sex.
“Hyde“, sagte er deshalb nur und knöpfte Kais Hose auf.
“Ach jetzt weiß ich auch woher du mir so bekannt vorkamst“, erschrak Kai.
Doch ehe er sich versah, drehte Hyde ihn um zog drückte seinen Schoß gegen Kais Hintern. Dann fing er an Kais Hals zu küssen und dessen Hose runterzuziehen.
“Vamps heißt die Band, richtig?“, fragte Kai nun.
Jetzt hatte er es geschafft, denn Hyde ließ genervt von ihm ab und setzte sich aufs Sofa, wo er sich eine Zigarette anzündete.
Scharf zog er daran und blies den Rauch kräftig aus.
“Willst du jetzt nicht mehr?“, kam es enttäuscht von Kai, während Hyde nur mit dem Kopf schüttelte, “Krieg ich denn wenigstens ein Autogramm?“
Hyde griff hinter sich zum Schreibtisch und reichte Kai ein Autogramm, der sich gleich darauf anzog und verabschiedete.
Soviel zu einem Abend, an dem man alle Sorgen vergessen sollte.
In Hydes Kopf schwirrte nur Gackt und der Streit, den sie hatten. Nachdem er einen Moment die Augen geschlossen hatte, rief er sich ein Taxi und ließ sich bei Gackt abliefern.
Das Auto vor der Tür kannte er, es gehörte You. Etwas weich waren Hydes Knie schon, da er nicht mehr so ganz nüchtern und etwas high war. Aber da es nicht das erste Mal war, konnte er sehr wohl damit umgehen.
Er sollte mit Gackt reden und sich versöhnen. So im Streit auseinander zu gehen, war keine gute Idee gewesen.
Nach einer Zigarette drückte er die Klingel und wartete.
*-*-*
Noch immer schwiegen sich der junge Sänger und sein Freund an, als sie es an der Tür läuten hörten.
„Willst du nicht aufmachen?“, kam es von You.
Noch etwas in Gedanken, nickte der junge Sänger und machte sich auf den Weg zur Tür, die er sogleich öffnete.
„Haido-chan!“, rief er etwas entsetzt, denn sein Freund sah wirklich nicht unbedingt gut aus.
Er nahm ihn in die Arme, zog ich sacht ins Haus und rief nach seinem Freund:
„You… schnell, komm her… bitte.“
Häää… hatte er sich gerade verhört oder hatte sein Freund gerade das Worte Bitte benutzt?
Um lange zu überlegen blieb ihm jetzt keine Zeit, er rannte hoch und half dem jungen Sänger, Hyde zum Wohnzimmer zu bringen, wo sie ihn auf die Couch legten.
Sorgenvoll sah Gackt erst You, dann Hyde an….
„Haido-chan… geht’s dir nicht gut… was hast du?“, fragte er sorgenvoll und strich sanft über dessen Haare.
You stand daneben und grinste… dann ging er ein Glas Wasser holen, vielleicht hatte Hyde ja Durst.
*-*-*
“Es geht schon“, lallte Hyde.
Denn eigentlich ging es ihm gut, nur wenn er so nett umsorgt wurde, könnte man das ganze auch ein wenig ausdehnen.
Gackts Berührungen taten ihm gut und er sehnte sich sehr danach – wollte dem jüngeren nahe sein.
Er nahm Gackts Hand und hielt diese fest.
“Wir sollten nicht im Streit auseinander gehen! Nie mehr!“, sagte er dann zu seinem Freund und setzte einen vorwurfsvollen Hundeblick auf.
Warum musste auch ausgerechnet jetzt You hier sein? Hyde wäre viel lieber mit Gackt alleine.
*-*-*
„Schhh… nicht reden jetzt… es ist alles gut.“, versuchte der junge Sänger seinen Freund zu beruhigen und streichelte ihn weiter.
Inzwischen hatte auch You den Raum wieder betreten und stellte das Glas Wasser auf den Tisch.
Dann setzte er sich in den Sessel und sah erst Gackt dann Hyde an. Er musste grinsen… denn irgendwie konnte er sich sehr wohl vorstellen, dass die beiden gut zusammen passen und ein niedliches Pärchen abgeben würden.
So erhob er sich wieder, ging auf seinen Freund zu und flüsterte:
„Ich geh dann mal wieder, okay. Wenn du mich brauchst, weißt du wo ich bin. Denk dran, ich bin immer für dich da. Du solltest dich mit ihm aussprechen.“ und zeigte dabei mit dem Kopf nickend auf Hyde.
Gackt nickte verstehend und verabschiedete sich von You, mit einer kurzen sanften Umarmung… eben wie sie es immer taten.
„Danke.“, kam es von dem jungen Sänger noch… You nickte, dann verließ er das Wohnzimmer und bald auch das Haus.

„Möchtest du was trinken?“, fragte der Sänger seinen Freund.
*-*-*
Hyde schaute You noch hinterher, dann nickte er Gackt bejahend zu.
Er hatte wahnsinnigen Durst und reden sollte er ja nicht. Also gehorchte er brav und schaute Gackt einfach nur in die Augen.
Warum nur hatte er ihn so stark vermisst?
Die Sehnsucht nach Gackts Nähe war beinahe unerträglich und zerrte regelrecht an ihm.
Aber was sollte er tun?
Genau deswegen hatten sie gestritten und Hyde wollte es sich nicht wieder vermiesen.
Nun war er hier bei Gackt und wollte sich mit ihm versöhnen und nicht wieder von vorne beginnen.
Alles andere würde sich dann ergeben, wenn es denn sein sollte.
*-*-*
Sacht hob Gackt den Kopf seines Freundes ein wenig hoch, nahm das Glas und hielt es ihm an den Mund, damit er trinken konnte.
Als Hyde genug hatte, stellte er das Glas wieder hin und legte dessen Kopf vorsichtig wieder auf das Kissen zurück.
„Geht es dir jetzt ein bisschen besser, hm?“, fragte er ihn noch immer sorgenvoll.
Der junge Sänger machte sich irgendwie Vorwürfe, weil er seinen Freund so einfach allein gelassen hatte. Er hätte doch damit rechnen müssen, dass Hyde dann gleich wieder so abrutschte.
Das hatte er doch nicht gewollt.
„Es tut mir leid, dass ich dich vorhin so einfach allein ließ… verzeih mir… bitte.“, sprach er völlig in seinen Gedanken versunken und sah seinen Freund teils sanft, teils entschuldigend an.
Es nahm ihn sehr mit, dass der Streit solche Folgen hatte.
*-*-*
“Es ist schon alles okay“, sagte Hyde ruhig.
“Wenn du nur da bist, ist alles okay!“
Er lächelte seinen Freund an und hätte ihn am liebsten zu sich gezogen, wagte es jedoch nicht.
“Alles vergeben und vergessen. Magst du mich jetzt auch drücken, oder ist das zu viel verlangt?“, versuchte Hyde es nun zögerlich.
Schließlich wollte er nicht mehr mit Gackt streiten und auch nichts falsches sagen. Doch bei seinem Freund wusste man das vorher immer nie so genau. Soweit kannte er ihn schon gut.
*-*-*
Grinsend sah Gackt seinen Freund an und irgendwie war er sehr erleichtert, dass er ihm vergeben hatte.
Aber dann überlegte der Sänger doch ein wenig, als von seinem Freund wieder eine leichte Anspielung kam. Er wollte eigentlich nicht und ja, es war zu viel verlangt, was er seinem Freund aber nicht sagte.
Aber er konnte sich Hyde eh nicht mehr so wirklich entziehen… dazu war dieser einfach viel zu gut im Bett und auch sonst war er so zärtlich… liebevoll… hach… verdammt, warum hatte dieser Trottel auch Megumi geheiratet… dachte der Sänger innerlich grummelnd.
Seine Worte im Restaurant waren wohl doch eher ein, zum Scheitern verurteilter, kläglicher Versuch, den er nicht durchhalten konnte… nicht durchhalten würde.
Frech grinsend sah er seinem Freund nun in die Augen beugte sich zu ihm herab, wartete einen ganz kurzen Augenblick, dann küsste er ihn einfach… erst zärtlich – sanft, um dann feurig – leidenschaftlich …ja, sehnsüchtig… zu werden.
Währenddessen zog er Hydes Oberkörper zu sich hoch, aber ohne den Kuss dabei zu lösen. Seine Hände machten sich derweil selbstständig und begannen Hyde zärtlich zu streicheln.
Jedoch ließ er kurz von ihm ab und flüsterte seinem Freund zu:
„Trenn dich von Megumi und zieh zu mir… bitte…“, dann küsste er ihn weiter, nachdem er ihm sanft – bittend in die Augen gesehen hatte… als Untermalung, dass es ihm verdammt ernst war.
*-*-*
Damit hatte Hyde nun gar nicht gerechnet, dass Gackt so leicht zu knacken war. Er hatte schon gedacht, er müsste sich wer weiß was einfallen lassen.
Als Gackt ihm nun quasi eine Liebeserklärung machte, schlug sein Herz Purzelbäume und ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht.
Den Kuss stürmisch, aber liebevoll erwidernd, konnte er nun seine Hände nicht mehr bei sich behalten. Sie drängten sich unter Gackts Oberteil und seine Lippen küssten sich hinab zu Gackts Hals und Ausschnittbereich.
Dort hinterließ er eine feuchte Spur, sog ab und an die Haut in seinen Mund und hätte Gackt am liebsten aufgefressen, so gut schmeckte dessen Körper.
Hyde presste dann seine Lippen aufeinander und gab ein Brummen von sich, während er Gackt von seinem Oberteil befreite. Anschließend liebkoste er dessen Brustwarzen, knabberte ein wenig an ihnen und leckte genüsslich drüber.
Danach ging er vor Gackt langsam auf die Knie, küsste dessen Bauch und machte sich an dessen Hose zu schaffen.
Immer wieder suchte er dabei den Blick seines Freundes und schaute ihm intensiv in die Augen. Es bedarf keiner weiteren Worte. Er würde mit seiner Frau gleich am nächsten Tag reden und sich von ihr trennen.
Viel zu sehr liebte er Gackt!
Doch jetzt wollte Hyde erst mal seinen Freund nach allen Regeln der Kunst vernaschen!
*-*-*
Genießend schloss der Sänger die Augen, als sich sein Freund an ihm zu schaffen machte… ihn küsste und zu verwöhnen begann.
Ein wenig lehnte sich Gackt zurück und gab ein wohliges Seufzen von sich.
Als er seine Augen wieder öffnete, sah er, wie Hyde vor ihm auf die Knie ging und sich an seiner Hose zu schaffen machte. Seinen Unterkörper etwas anhebend, half er seinem Freund und wohl schon Geliebten dabei seine Hose loszuwerden.
Kaum konnte er es erwarten, denn in seiner Hose war es inzwischen sehr eng geworden. Sehr schnell war seine Hose Geschichte und er saß nun vollkommen nackt vor Hyde, der ihm immer wieder intensiv und direkt in die Augen schaute.
Mit seinem Schlafzimmerblick und einem wohligen Brummen machte Gackt Hyde deutlich, dass ihm gefiel was er tat und er mehr… sehr viel mehr wollte.
Allerdings war er nun auch nicht ganz faul und hatte Hyde ebenfalls sehr schnell dessen Shirts entledigt.
Er wollte ihn so sehr… brauchte ihn… sehnte sich nach ihm…. bekam einfach nicht genug von ihm.
…Er …liebte ihn… schon seit einer halben Ewigkeit, hatte es sich jedoch nie eingestehen können. Und als Hyde dann Megumi geheiratet und einen Sohn mit ihr bekommen hatte… hatten sich all seine Hoffnungen zerschlagen.
Aber jetzt konnte er nicht mehr anders…
Megumi… wer oder was war schon Megumi… konnte man das essen…?
Jetzt warf er einfach alles über Bord….
*-*-*
Genüsslich ließ Hyde seinen Blick über Gackts nackten Körper wandern. Er hatte ihn gewiss schon sehr oft nackt gesehen, nur heute schaute er sich jeden Zentimeter genau an, prägte sich alles ein.
Gackt war jetzt sein und daran sollte sich auch nichts mehr ändern. An Morgen wollte er nun noch nicht denken und ließ sich treiben.
Ausgiebig bearbeitete er Gackts Männlichkeit, die sich ihm regelrecht entgegenstreckte und ließ dabei auch die Hoden nicht unbeachtet. Diese leckte und liebkoste er und zog sie in seinen Mund hinein.
Dabei gab er laute Schmatzgeräusche von sich.
Dann konnte er es nicht mehr aushalten und dirigierte Gackt küssender Weise ins Schlafzimmer. Wo er ihn ein wenig stürmisch aufs Bett schubste und sich ganz auszog.
Anschließend legte Hyde sich auf Gackt und drängte sein Knie zwischen Gackts Beine.
Nun fing er wieder an, ihn sehr intensiv zu küssen.
*-*-*
Nur allzu gern ließ sich der Sänger das alles von Hyde gefallen, seufzte und stöhnte leise… und genoss alles in vollen Zügen.
Hyde war einfach ein Sexgott, dem man sich nicht entziehen konnte.
In seinem Schlafzimmer angekommen ließ sich Gackt auch noch auf sein Bett dirigieren, bevor er nun selbst agierte und es dies mal anders laufen sollte, als sonst.
Er spürte schon, wie Hyde nackt auf ihm lag und sein Bein zwischen seine Beine gelegt hatte. Dann jedoch drehte er sich mit ihm, etwas, das er noch nie bei ihm getan hatte.
Nun lag sein Freund mal unter ihm und er sah ihm nun frech grinsend in die Augen, küsste ihn leidenschaftlich und nahm währenddessen die kleine Tube vom Bettrand, die er unauffällig öffnete und sich schon mal etwas Gleitgel auf seine Finger tat.
Die Beine seines Freundes spreizend bearbeitete er zunächst dessen schon sehr steife Männlichkeit, massierte sie und drang dann vorsichtig erst mal nur mit einem Finger in ihn ein, um ihn sacht zu weiten.
*-*-*
Hyde genoss erst die Zärtlichkeiten, die Gackt ihm verabreichte. Dann zog er jedoch scharf die Luft ein, als Gackt einen Finger in ihn einführte.
Er brauchte einen Moment um sich zu entspannen. Es war nun nicht so, dass dies das erste Mal für ihn war. Trotzdem war das letzte Mal eine Ewigkeit her und Gackt hatte es noch nie bei ihm gemacht.
Doch wollte er es, weil er Gackt liebte.
Entspannt schloss er nun die Augen und fing an sich Gackt entgegen zu bewegen. So wurde es einfacher und es erregte ihn.
Gackts Finger glitt rein und raus und allein die Vorstellung, dass gleich Gackts Männlichkeit in Hyde sein würde, machte ihn unwahrscheinlich an.
Leise fing Hyde nun an zu stöhnen und ließ sich gehen.
*-*-*
Seinen Freund ganz genau beobachtend, machte er weiter, mit dem was er tat, da es Hyde ja zu gefallen schien und er sich ihm nun schon entgegen hob.
Nun nahm er noch den zweiten Finger dazu und weitete Hyde noch eine ganze Weile, stieß mit seinem Finger auch die Prostata seines Freundes an, was diesen wahrscheinlich noch mehr anmachen würde.
Er ließ sich sehr viel Zeit, wollte es nicht so schnell enden lassen… wollte ihn auch ein klein wenig „quälen“, auch wenn seine Männlichkeit schon schmerzhaft pochte, dennoch riss er sich erfolgreich zusammen.
Ab und zu küsste er den Oberkörper seines Freunde, leckte an dessen Männlichkeit und ließ sich auch dabei unglaublich viel Zeit…. wollte es genießen Hyde zu verführen… ihn zu verwöhnen.
Irgendwann jedoch hielt auch er es nicht mehr aus, tat viel Gel auf seine eigene schon sehr erregte Männlichkeit drauf, spreizte die Beine seines Liebsten noch ein wenig mehr und drang dann vorsichtig und extrem langsam in ihn ein.
Erst nur mit der Spitze, dann immer weiter und weiter… ließ ihm aber auch Zeit sich an ihn zu gewöhnen…
*-*-*
Hyde war zum Platzen erregt und drängte sich Gackts Männlichkeit regelrecht entgegen. Zeit zum dran gewöhnen? Wer brauchte denn so was?
Noch einmal zog Hyde scharf die Luft ein und fing dann aber an sich Gackt entgegen zu bewegen.
Dann hob er seinen Oberkörper an und umarmte Gackt, wobei er ihn leidenschaftlich küsste.
Er wusste genau, dass dieses anfänglich unangenehme Gefühl gleich der Geilheit weichen würde. Also machte er weiter und bewegte sich gleichmäßig Gackt entgegen.
Dabei stieß dessen Männlichkeit immer öfter gegen Hydes Prostata und ließ ihn Sterne sehen. Seine eigene Männlichkeit rieb zwischen ihren Körpern.
*-*-*
Nun konnte der Sänger doch nicht mehr an sich halten und stöhnte erregt auf. Er begann sich nun richtig in Hyde zu bewegen, ihn richtig zu nehmen, was ihm beinahe den Verstand nahm.
Dazu noch Hydes Küsse, die ihn nicht los ließen und er immer wieder in diese hinein stöhnte.
Er setzte sich so hin, dass er Hyde nun auf seinem Schoß hatte, lehnte sich aber leicht zurück, und seine Männlichkeit noch etwas tiefer in seinen Freund eindringen konnte. Da Hyde eh sehr leicht war, konnte der Sänger ihn ohne Probleme auf und ab bewegen.
Immer lauter wurde sein Stöhnen… immer erregter… er schloss nun schon die Augen… genießend… dann und für ihn viel zu schnell, ergoss er sich mit einem äußerst erregtem Stöhnen in seinem Freund, während sein Körper erregt zitterte und bebte.
Völlig außer Atem legte er sich nun zurück und genoss das Nachglimmen des Höhepunktes.
*-*-*
Nachdem Gackt in Hyde gekommen war, entließ dieser dessen Männlichkeit noch nicht, sondern blieb auf ihn sitzen. Dann fing er an seine eigene Männlichkeit zu massieren und brauchte nicht lange, bis er sich auf Gackts Bauch ergoss.
Auch er stöhnte nun laut auf und ließ sich dann auf Gackt hinab gleiten. Vorsichtig hob er seine Hüfte und entließ Gackts Männlichkeit in die Freiheit. Bevor er sich erschöpft an Gackt kuschelte und das Nachglimmen des Orgasmus genoss.
Müde rieb Hyde sich die Augen und musste tatsächlich Gähnen. Doch vorher brauchten sie wohl, so verklebt wie sie waren, eine heiße Dusche.
*-*-*
Wow… dies hier war der beste Sex gewesen, den wir Beide je hatten… fand der junge Sänger und hatte sich schon wieder erholt.
Hyde auf sich spürend, hielt er ihn sanft fest und streichelte ihn.
„Ich liebe dich, so sehr.“, flüsterte er seinem Freund ins Ohr, leckte und knabberte dann an diesem.
Nach einer kleinen Pause, flüsterte er bittend weiter:
„Bitte, bleib bei mir… ich will nicht mehr ohne dich sein….bitte…“ und hielt ihn weiter ganz fest… nicht, dass er noch einfach so verschwand.
Nur noch ein wenig blieb der Sänger mit Hyde liegen, dann stand er mit ihm auf und ging gemeinsam mit ihm ins Bad.
Gackt begann nun Hyde einzuseifen und zu säubern… ihn dabei aber auch wieder leicht zu erregen.
Es war beinahe so, als könnte er nun nicht genug von ihm bekommen.
*-*-*
“Ich liebe dich auch“ flüsterte Hyde ebenfalls. Anschließend ließen sie es in der Dusche nochmal richtig krachen und gaben sich ihren Gefühlen hin.
Danach fielen beide erschöpft ins Bett und schliefen auch bald ein. Der nächste Tag begann erst spät für sie, da sie erst mal ausschliefen.
Hyde fuhr dann, nach einen langen Abschiedskuss zu seiner Frau. Er wollte reinen Tisch machen, auch wenn er ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte.
Wie gewohnt parkte er einen seiner vielen Wagen in der Garage und ging dann von dort aus ins Haus.
Sein Sohn begrüßte ihn Freudestrahlend und umarmte ihn auch gleich.
Megumi war scheinbar in der Küche, aus der man Jemanden abwaschen hörte. Hyde betrat die Küche und fand seine Frau wie erwartet vor.
“Hallo Megumi“, begrüßte er sie.
*-*-*
Nachdem Gackt nun auch endlich mal fertig war, räumte er auf und rief danach You an, der dann wenig später zu ihm kam und sich beide noch einmal eingehend unterhielten.
Natürlich konnte es Gackt auch währenddessen nicht lassen, im Studio zu arbeiten.
Er erzählte You alles was sich gestern Abend noch mit Hyde ereignet hatte… natürlich nicht in allen Einzelheiten.
You freute sich für Gackt und wünschte ihm alles Glück der Welt.
„Und wird die Tour trotzdem stattfinden?“
„Auf jeden Fall. Davon weiche ich nicht ab… du kennst mich.“
„Ja… hätte mich auch gewundert wenn es anders gewesen wäre. Aber du siehst heute schon sehr viel besser aus als gestern. Hyde scheint dir gut zu tun.“
Gackt grinste, dann besprachen beide noch einiges für die Tour.
„Liebling!“, freute sich Megumi und fiel ihrem Mann sogleich um den Hals.
„Schön, dass du wieder da bist.“, fügte sie hinzu und lächelte ihn einfach nur lieb an.
*-*-*
Zaghaft löste Hyde Megumis Umarmung und schaute sie ernst an.
“Ich denke, wir müssen reden!“, fing er an und ging in die Küche rein, wo er sich an den Esstisch setzte.
Er hatte sich jedes einzelne Wort zurechtgelegt und ahnte aber, dass es alles anders kommen würde.
“Bitte lass mich ausreden!“, fuhr er fort, “Du hast Gackt ja nun schon darauf angesprochen und ich bin sowieso kaum noch hier, was dir sicherlich schon aufgefallen sein wird.“
In Gedanken war Hyde bei Gackt und das was letzte Nacht passiert war. Es hat alles in ihm zerschlagen. Sicher hatte er noch Gefühle für Megumi, aber die Gefühle für Gackt waren sehr viel stärker.
*-*-*
Megumi hörte sich an was Hyde zu sagen hatte, sah ihren Mann an und ahnte nun irgendwie, was kommen würde.
„Du willst also auf deine Liebelei mit Gackt hinaus, oder? Ja, es ist mir aufgefallen, dass du kaum noch hier bist. Dein Sohn vermisst dich auch schon sehr.“, erwiderte sie nachdenklich.
„Was willst du jetzt tun? Ich mein, deinem Gesichtsausdruck zufolge wirst du auch weiterhin nicht hier sein, hab ich recht? Und Gackt hat sicher nicht mit dir gesprochen, oder? Es wird weiter gehen, zwischen euch, richtig?!“, vermutete sie und musste sich echt das Weinen verkneifen.
„Jetzt sag mir endlich die Wahrheit. Was genau läuft zwischen euch?“, fügte sie vorwurfsvoll hinzu.
*-*-*
Hyde konnte Megumis Blick nicht stand halten, schaute auf seine Hände, als wären die besonders Interessant und fuhr dann fort.
“Gackt hat mit mir gesprochen, aber es ist viel mehr zwischen uns. Ich habe dich immer noch sehr gern, aber Gackt bedeutet mir viel mehr!
Bitte glaube mir, dass ich weiterhin für euch da sein werde. Auch das Haus soll deines bleiben. Vielleicht können wir ja irgendwie oder irgendwann auf einer freundschaftlichen Basis weiterkommen.
Aber ich kann dieses hier nicht mehr. Es tut mir leid Megumi.
Ich werde mich der Verantwortung als Vater durchaus stellen, keine Frage. Sofern du mich lässt.
Schon lange hätte ich dir das sagen müssen, wollen,… Gackt und ich, wir lieben uns!“
Zaghaft erhob Hyde seinen Blick und sah Megumi an, bereit auf alles was kommen würde.
*-*-*
Geduldig und in Ruhe hatte Megumi Hyde zugehört und nickte bedächtig. Gackt hatte also doch mit ihm geredet… nun ja, auf ihn konnte man sich ja normalerweise verlassen… aber was sie dann zu hören bekam verschlug ihr dann doch die Sprache.
Sie musste hart schlucken, als die diese Worte aus dem Mund ihres Mannes hörte.
„So, ihr liebt euch also… dachte ichs mir. Das heißt dann also, dass wir uns scheiden lassen werden… denn so, will ich definitiv nicht weiter machen und ich weiß auch nicht, ob ich will, dass du dich um unseren Sohn kümmerst.
Vielleicht will ich nicht mal, dass du ihn auch weiterhin siehst. Ganz ehrlich… ich bin enttäuscht von dir und auch von Gackt.
Du willst eine Freundschaft zwischen uns… tze… wie stellst du dir das vor? Nein, das kannst du dir abschminken.
Ich will nichts mehr hören… geh… pack deine Sachen und geh… verschwinde einfach!“, mit diesen Worten verließ Megumi die Küche, nahm ihren Sohn an sich und ging mit ihm in den Garten. Den Anblick ihres noch – Ehemannes konnte sie nicht mehr ertragen.
*-*-*
Hyde verstand Megumi voll und ganz. Also stand er auf und packte seine Sachen zusammen. Viel hatte er sowieso nicht mehr da. Das meiste war in der Eigentumswohnung.
Die würde er wohl jetzt demnächst vermieten, um dann zu Gackt zu ziehen.
Schnell hatte er alles wichtige zusammengepackt. Er würde ab jetzt jeden Monat Geld überweisen und auch die Kosten für das Haus decken.
Wenn Megumi keinen Kontakt wollte, musste er das akzeptieren, aber vielleicht hatte er ja irgendwann Glück und sie würde es einsehen, dass ihr Sohn auch einen Vater bräuchte.
Doch so gut wie sie aussah, standen da bestimmt schon einige Schlange und ihr Sohn würde bald eine neue Vaterfigur haben.
Mit seinen Sachen im Arm, ging Hyde wieder in die Garage und fuhr zurück zu Gackt.
Er fühlte sich erleichtert und endlich frei. Es war raus! Endlich!
Schon viel eher hätte er etwas sagen sollen! Viel eher reinen Tisch machen müssen und mit dem Versteckspiel aufhören müssen.
Das wusste er jetzt!
*-*-*
Megumi hörte noch von Garten aus, wie Hyde… ihr noch-Ehemann… tatsächlich das Haus verließ und wenig später davon fuhr.
Sie sah ihrem Sohn beim spielen zu und doch weinte sie nun… sie konnte es einfach nicht verhindern. Sie liebte ihn doch, warum liebte er Gackt? Warum liebte er ausgerechnet diesen eingebildeten…. egozentrischen…. arroganten… überheblichen Kerl …Gackt…?
Er passte doch gar nicht zu ihm. Warum verließ er sie wegen diesem eingebildeten Schönling?
Auf alle diese Fragen bekam sie jedoch keine Antwort, so ging sie wieder ins Haus und machte sich weiter am Haushalt zu schaffen… irgendwie musste sie sich schließlich ablenken… sonst würde sie wahrscheinlich völlig ausrasten.
Gackt war gerade noch mit You am diskutieren, als es an der Tür klingelte und Gackt sich schon dachte, dass es Haido war.
Er grinste und You sah ihn ebenfalls grinsend und wissend an.
Schnell sprang er auf, stieg die Stufen hinauf und ging dann an die Tür, die er sogleich öffnete und Hyde begrüßte.
„Hallo, mein Liebling, komm rein und fühl dich wie zuhause.“, freute sich der Sänger, nahm ihn in die Arme und küsste ihn zärtlich.
Während er ihm sein Zimmer zeigte, in das er sich, bei Bedarf, zurückziehen konnte, fragte er ihn:
„Und wie ist es mit Megumi gelaufen? Gab es großen Ärger?“
*-*-*
Hyde begrüßte ebenfalls sehr freudig Gackt und für einen Moment waren die Sorgen von eben vergessen. Doch dann brachte ihn Gackts Frage in die Realität zurück.
“Tja, du kennst sie doch genauso gut, wie ich. Wenn nicht sogar besser als ich. Sie ist ganz schön ausgerastet und wollte mich nicht mehr sehen. Eigentlich war sie mir zu ruhig.
Vielleicht sollte ich vorsorglich ihre Freundin benachrichtigen?“, erzählte Hyde und fragte Gackt nach seiner Meinung.
Ein wenig Angst hatte er nun schon, ob sie sich nicht vielleicht etwas antun würde. Aber eigentlich müsste sie sich doch um ihren Sohn kümmern.
“Außerdem werde ich gleich noch zur Bank fahren und veranlassen, dass sie regelmäßig Geld bekommt. Egal ob sie es haben will oder nicht. Das bin ich ihr schuldig und meinen Sohn. Den ich vielleicht nie mehr sehen werde…“, fügte Hyde noch hinzu.
Jetzt erst wurde ihm alles bewusst und ein wenig hatte er schon mit sich zu kämpfen. Warum auch hatte er sich nicht eher dazu entschieden? Musste er sich erst in die Ehe stürzen und ein Kind zeugen?
Mit einer Hand rieb er sich durchs Gesicht und über die Augen. Das alles nahm ihn mehr mit, als wie er es sich bis eben eingestehen wollte. Dabei war er auch glücklich darüber nun endlich frei zu sein und seiner Liebe mit Gackt eine Chance geben zu können.
*-*-*
Oh ja, der Sänger kannte Megumi sehr gut, aber auch zu gut und wusste daher, dass sie sich nichts antun würde.
Erst mal nahm Gackt Hyde in die Arme und tröstete ihn ein wenig.
„Mach dir keine Sorgen, sie wird sich nichts antun. Und sie wird sich irgendwann auch wieder fangen und dann wirst du sicher auch deinen Sohn wieder sehen können. Und das mit dem Geld finde ich eine gute Idee, mach das und wenn ich dir helfen kann, dann sags einfach, okay.“
Verdammt, warum hatte er nicht den Mund halten können? Warum hatte er ihn unbedingt bitten müssen zu ihm zu ziehen?
Irgendwie plagten den Sänger nun Gewissensbisse.
Dann kam auch noch You dazu und hörte alles mit an.
„Na, das wird schon wieder.“, mischte er sich ein: „Ich kenne sie auch. Sie rastet schnell mal aus und sagt Dinge, die sie nicht so meint… mach dir mal keinen Kopf.“ und dachte sich so seinen Teil.
Nun war es wohl soweit, dass die Beiden es endlich miteinander versuchen wollten. Denn entgegen dessen, was You Gackt gestern noch zu verstehen gegeben hatte… von wegen er wüsste nichts von ihm und Hyde… war nicht ganz die Wahrheit.
Er hatte es schon lange geahnt und für ihn war es nur eine Frage der Zeit, bis die beiden blinden Hühner endlich zueinander finden würden.
*-*-*
Hyde hört zwar Yous Worte, doch genoss er Gackt Nähe viel zu sehr, als etwas darauf zu antworten.
Er nickte nur und schmiegte sich an seinen Freund. Dessen Wärme tat so gut und tröstete ihn.
Vermutlich hatten sie recht. Jetzt musste man erst mal abwarten und alles auf sich beruhen lassen. Wenn dann etwas Zeit vergangen war und ein wenig Gras über alles gewachsen sei, sähe die Welt schon ganz anders aus.
Gedankenverloren suchte Hyde, Gackts Lippen auf zu einen Kuss. Nur kurz und für einen Moment, als wolle er danke sagen.
“Wird schon alles werden!“, lächelte er dann seinen Freund an.
*-*-*
Natürlich erwiderte der Sänger den Kuss nur allzu gern und hielt seinen Freund weiterhin fest in seinen Armen. So schnell würde er ihn wohl nicht loslassen.
„Alles wird wieder gut. Ich bin für dich da und ich liebe dich.“, erwiderte er, während You grinsen musste.
Sie waren doch wirklich zu niedlich, die Beiden.
Schließlich entfernte sich You sehr taktvoll aus dem Zimmer, wollte die beiden nicht weiter stören… sie wollten sicher ihre Ruhe.
*-*-*
Hyde seufzte leise und erwiderte: “Ich liebe dich auch! Sehr sogar!“
Eine ganze Weile genoss er noch Gackts Nähe und Geborgenheit, bevor er sich von ihm löste.
Er verabschiedete sich kurz und fuhr zur Bank, wo er alles weitere klärte. Auf dem Rückweg, hielt er noch bei seiner Wohnung, um sich das nötigste einzupacken.
Als er dann wieder zurück war, besprach er mit Gackt, die Sache mit seiner Wohnung, dass er diese schnellstmöglich vermieten wolle.
Sicher war es klar, dass er bei Gackt einziehen würde, dennoch war es für ihn selbstverständlich, da sie jetzt ein Paar waren, dass auch alles besprochen wurde.
*-*-*
In der Zeit, in der Hyde nicht da war, hatten You Gackt noch einmal alle Einzelheiten für die Tour besprochen, die in einem Monat stattfinden sollte, und waren sich recht schnell einig geworden.
You hatte sich dann verabschiedet und war gegangen.
Als etwas später Hyde wieder kam und alles mögliche mit ihm besprach, fand es der Sänger nur zu schön und freute sich, dass Hyde sich so schnell umstellen konnte. Bei ihm würde es wohl noch was dauern, denn er war ja schon seit Ewigkeiten allein… mit seiner Katze.
Er hatte ihm zugehört und meinte:
„Uns wird schon was einfallen und wir sollten uns die Mieter dann ganz genau anschauen, du weißt sicher was ich meine.“
Nach einer gedanklichen Pause fügte er hinzu:
„Tja, die Tour wird in einem Monat stattfinden. You und ich haben alles besprochen und sind uns einig geworden. Die Tournee wird quer durch Europa gehen. Aber was machst du inzwischen? Hast du auch irgendein Projekt, oder …soll ich dich einpacken und einfach mitnehmen?“, und musste bei seinen letzten Worten frech grinsen.
*-*-*
“Hört sich nicht schlecht an. Ein wenig Urlaub wird mir gut tun. Na ja und wer weiß, vielleicht stehen wir ja irgendwann auch zusammen auf der Bühne?“, konterte Hyde genauso frech grinsend.
Er war sich sicher, dass diese Entscheidung für die Ewigkeit war!
*-*-*
Nachtrag:
Wie von Gackt geplant fand die Tour statt und Hyde hatte er mitgenommen… ebenso wie seine Katze, die er eh immer und überall mitnahm. Er wollte ihn jetzt einfach nicht allein lassen…. war doch alles schon schwer genug für ihn.
Die Tour lief sehr gut und war natürlich von Erfolg gekrönt. Bei einer seiner nächsten Touren war dann Hyde wieder dabei und stand mit Gackt zusammen auf der Bühne, was der breite Masse der Fans sehr gefiel und einige sogar ohnmächtig wurden, denn auch Hyde hatte seine Fans und nicht zu wenige.
Privat lief es sehr gut zwischen beiden. Ab und zu kam es zwar mal zu Streitigkeiten, insbesondere, wenn es um die Musik ging, aber sie vertrugen sich immer wieder sehr schnellst.
Megumi hatte ihre Drohung nicht wahr gemacht und Hyde durfte seinen Sohn in regelmäßigen Abständen besuchen… allerdings ohne Gackt… ihn wollte Megumi nicht sehen. Denn ihm allein gab sie die Schuld, dass Hyde sie verlassen hatte.
Beide hatten sich irgendwann scheiden lassen und Hyde war dann wirklich endlich frei lebte mit Gackt in dessen Haus… glücklich und zufrieden.
*-*-*
ENDE

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Information Sweetheart
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:29 PM - No Replies

Das Date
„Damien!”, ertönte es aus der unteren Etage.
„Ja!”, rief Damien zurück, stand von seinem Stuhl auf und ging zur Tür seines Zimmers.
„Was ist denn, Mum?”
„Telefon für dich!”, rief es von unten wieder hoch.
„Wer ist es denn?”
„Dein Freund Randir. Nimmst du oben ab oder kommst du runter?!”
„Ich bleib hier oben.”, entschied Damien, schloss die Tür und nahm den Hörer ab.
„Hi Randy!”
„Hi Dam! Ich wollte dich was fragen.”
„Yo, schieß los, was gibt’s denn?”
„Na ja, ich wollte dich fragen ob wir uns heute treffen können. Weil …also weil ich eigentlich heute ein Date hab, aber ich trau mich da nicht allein hin. Könntest du mich bitte begleiten?”
„Ist okay, Randy. Ich begleite dich. Wann und wo wollen wir uns denn treffen?”
Randir beantwortete Damiens Frage, dann verabschiedeten sich die Beiden vorläufig und legten auf.
Damien sah auf die Uhr. Nun, er hatte nicht mehr so sehr viel Zeit, um sich fertig zu machen, zudem hätte er eigentlich Hausaufgaben machen müssen, aber gut, die konnte er auch am nächsten Tag, in der Schule machen.
* ~ * ~ *
Damien Hemingway war siebzehn Jahre alt und machte sein Abitur. Seine schulischen Leistungen waren hervorragend und Damien musste sich wirklich keine Sorgen machen. Jedes Jahr hatte er bislang mit Auszeichnungen aller Art bestanden, denn andere Benotungen als die eins bzw. ein sehr gut gab es für Damien nicht.
Nur sehr selten gönnte er sich ein wenig Freizeit, die er dann aber mit Randir, seinem besten Freund, verbrachte.
* ~ *
Auch Randir Grey war 17 Jahre alt, aber er war nicht ganz so erfolgreich in der Schule gewesen und brachte es deshalb nicht bis zum Abitur, sondern verließ die Schule schon nach der zehnten Klasse. Aber er hatte zumindest eine Lehre, als Automechaniker, bekommen und strengte sich nun etwas mehr an.
Trotz aller Anstrengung genoss Randir dennoch das Leben und gönnte sich viel Freizeit. Er hatte zudem sehr viele andere Interessen und auch Kumpels, mit denen er sehr oft etwas unternahm. So kam es auch, dass Randir und Damien sich nicht allzu oft sehen konnten, da Damien sich lieber in seinem Zimmer, hinter seinem Büchern, verkroch.
* ~ * ~ *
Aber heute war es anderes, denn Damien hatte ohnehin die Nase gestrichen voll von seinen Büchern und gönnte sich mal ein Treffen mit Randir und diesem geheimnisvollen Date, von dem Randir gesprochen, sich jedoch nicht weiter darüber ausgelassen hatte. So wusste Damien nicht einmal wer „das Date” sein sollte….
Nur noch schnell die letzten beiden Zeilen schreiben, dann wollte sich Damien fertig machen und losgehen. Doch aus den beiden Zeilen wurde dann doch eine ganze Seite und als Damien auf die Uhr sah, war es bereits viertel nach zwei. Okay, jetzt hatte er noch genau eine dreiviertel Stunde Zeit um sich anzukleiden und zum Treffpunkt zu gelangen.
Schnell zog sich Damien um, band seine langen schwarzen Haare nach hinten zusammen und verließ anschließend, in aller Eile, das Haus. Nur kurz hatte er seiner Mutter, Mrs. Hemingway, gesagt, wohin er ging …sie hatte, wie immer, nur genickt, denn sie wusste, dass sie sich auf Damien verlassen konnte. Damien war für sein Alter schon sehr vernünftig und handelte meist überaus kontrolliert.
Ein wenig musste er sich zwar beeilen, aber er schaffte es dennoch fünf Minuten vor dem vereinbarten Termin am Treffpunkt zu erscheinen.
Er wartete und wartete und wartete …doch Randir erschien nicht …warum auch immer…
Es ärgerte Damien schon sehr, dass er gerade von seinem besten Freund versetzt wurde. Na, dem würde er schon noch Bescheid geben. Das hatte Randir nicht umsonst gemacht. Damien wartete noch fünf Minuten, denn er wollte Randir noch eine allerletzte Chance geben.
Aber auch die nächsten fünf Minuten verstrichen ebenfalls, doch Randir glänzte auch weiterhin durch Abwesenheit. Stattdessen wurde Damien nun von einem jungen Mann, mit kurzen blonden Haaren, angesprochen.
„Hallo! Du musst Randir sein, richtig?”
Damien erschrak ein wenig und sah sein Gegenüber, ziemlich erstaunt an.
„Nein, ich bin nicht Randir, aber ich bin ein Freund von ihm und ich bin ziemlich sauer auf ihn, denn er hat mich versetzt. Aber, darf ich fragen, wer sie sind?”, wollte Damien wissen.
„Ich bin ebenfalls mit Randir verabredet und mein Name ist Reid. Darf ich auch ihren Namen erfahren?”, entgegnete Reid lächelnd.
„Mein Name ist Damien.”, beantwortete Damien die Frage von Reid, ein wenig kühl.
„Schöner Name, Damien.”, erwiderte Reid und fragte:
„Wie sieht’s aus, da Randir scheinbar nicht die Absicht hat hier zu erscheinen und uns sozusagen beide versetzt hat, hast du vielleicht Lust etwas zu unternehmen? Ich mein, bevor wir hier herumstehen…”, dabei musterte er sein Gegenüber, leicht grinsend.
Damien bemerkte sehr wohl, dass Reid ihn musterte und dabei grinste. Doch ließ er sich nichts anmerken und stimmte stattdessen, dem Vorschlag von Reid, zu.
„Okay, ich hab eh grad nichts zu tun, also gehen wir. Aber hast du eine Idee, wohin wir gehen könnten?”, fragte Damien Reid mit ernstem Gesicht.
Damien lächelte sehr selten, es grenzte schon an ein Wunder, wenn Damien einmal lächelte, das konnte man beinahe am Kalender anstreichen, wenn von ihm mal ein Lächeln kam.
„Was hältst du davon, wenn wir …hmm …magst du vielleicht Pferde?”
„Sicher mag ich Pferde, weshalb fragst du?”
„Nun, ich würde gern mit dir auf einen Reiterhof fahren …dann könnten wir ein wenig ausreiten. Was meinst du?”
„Okay, kein Problem.”
„Gut, dann lass uns zu meinem Auto gehen.”, sprach Reid und setzte sich auch schon in Bewegung.
Damien lief neben Reid her und schwieg …vorerst.
Beide hatten Reids Auto erreicht. Reid schloss die Beifahrertür auf und ließ Damien einsteigen.
Nachdem Damien eingestiegen war und auch Reid seinen Platz eingenommen hatte, gab Reid Gas und fuhr mit Damien davon.
Nach etwa einer Stunde erreichten sie den Reiterhof und stiegen aus dem Auto.
Reid lief voraus, während Damien sich im Hintergrund hielt. Irgendwie war ihm nicht wohl bei der ganzen Sache. Zudem kam ihm Reid sehr suspekt vor. Damien begann sich Fragen zu stellen:
//Warum wollte sich Randir mit Reid treffen? Was wollte er von ihm und warum musterte Reid mich von oben bis unten und grinste zudem frech? Warum wollte Reid unbedingt etwas mit mir unternehmen? Er kennt mich doch gar nicht.//
Völlig in Gedanken versunken hörte Damien nicht, als Reid ihn zu sich rief.
„Hey Damien! Was ist los? Träumst du oder warum hast du mein Rufen nicht gehört?”, fragte Reid, während er Damien sacht an der rechten Schulter berührte.
Erschrocken drehte sich Damien um und herrschte Reid an:
„Fass’ mich nie wieder an …klar! Sonst kannst du dein Testament machen!”
Damiens Gesicht wies eine Eiseskälte auf, mit der er Reid in die Augen sah, die selbst die Hölle hätte zufrieren lassen.
„Hey, hey …jetzt mach mal langsam. Ich hab dir nichts getan… Sorry, dass ich dich berührte…”, entschuldigte sich Reid ein wenig ironisch.
„Ich wollte dich nur fragen auf welchem Pferd du reiten möchtest.”, ergänzte Reid vorsichtig.
„Ja, man, schon gut. Ich habs ja mitbekommen.”, maulte Damien, denn irgendwie hatte er die Lust am Reiten verloren.
Eigentlich wollte er jetzt viel lieber wieder nach Hause zu seinen Büchern.
Damien ging aber dennoch mit Reid und ließ sich die Pferde zeigen.
Ein schöner Rappe hatte es Damien angetan und diesen wollte er auch reiten. Der Pfleger riet ihm jedoch davon ab, da dieses Pferd viel zu wild sei und ihn wahrscheinlich sofort abwerfen werde. Doch Damien winkte sehr selbstsicher ab.
Eigenständig betrat Damien die Box des Rappen, dessen Name Leviathan war, streichelte das Pferd liebevoll, legte ihm dann das Zaumzeug um und führte ihn aus der Box heraus. Er streichelte Leviathan weiter und das Pferd sah Damien brav an, während es friedlich neben ihm her schritt.
Reid und auch der Wärter standen mit großen Augen da und brachten kein einziges mehr Wort heraus. Beide sahen sich nur schulterzuckend an und grinsten.
Draußen angekommen sattelte Damien das Pferd und stieg auf …ohne dass Leviathan sich gesträubt hätte oder Damien abwarf.
Der Wärter ging auf Damien zu und fragte ihn:
„Sag mal, Junge, wie hast du das gemacht? Leviathan ist wie ausgewechselt.”
„Verzeihen sie, hab ich ihnen das gar nicht gesagt, dass ich mich sehr gut mit Pferden auskenne und weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss? Wie ungehobelt von mir. Das muss mir glatt entfallen sein.”, wurde Damien ironisch.
Reid kam mit einem braunen Pferd aus dem Stall, sattelte es ebenfalls, stieg auf und sprach zu Damien:
„Du kannst das Pferd behalten. Ich schenke es dir. Denn Leviathan hört sonst auf niemanden. Niemand kommt auch nur annähernd so nah an ihn heran, wie du. Du bist der erste und der Einzige, den Leviathan so nah an sich heran und sogar aufsteigen lässt. Du musst dich allerdings auch selbst um ihn kümmern, okay.”
Damien dachte sich verhört zu haben, als Reid ihm das Pferd schenkte.
„Öhm… das kann ich doch nicht annehmen.”, erwiderte Damien und errötete ein wenig, während ihm ein leichtes Lächeln über das Gesicht huschte.
„Doch, du kannst es ruhig annehmen, denn der Reiterhof gehört mir und ich schenke dir dieses Pferd.”, bestimmte Reid und freute sich, dass er Damien ein Lächeln entlocken konnte.
Diese Anmut, die von diesem Lächeln ausging, war einzigartig. Damien war etwas besonders. Er schien nicht nur sehr klug, schlau und auch gebildet zu sein …nein, er war auch …wunderschön. Ihn zu verführen ….ein Traum!
Damien bedankte sich höflich, mit einem weiteren leichten Lächeln, bei Reid. Jedoch verschwand dieses Lächeln sogleich wieder… nicht dass es sonst noch zur Gewohnheit wurde.
Schließlich ritten Reid und Damien los. Damien hatte Leviathan sehr gut im Griff und war Reid schon bald weit davon geritten. Reid hatte ordentlich Mühe Damien einzuholen. Er bewunderte Damien ehrlich. Damien schien so völlig anders zu sein, als dessen Freund Randir. Er kannte Randir zwar nur von Telefon und Internet her, aber für ihn stand fest, dass die Beiden Welten voneinander trennte….
Nach etwa einer halben Stunde hatte Reid Damien endlich eingeholt und ritt nun langsam neben ihm her.
„Darf ich dich etwas fragen, Damien?”, begann Reid das Gespräch und hoffte Damien würde ihn nicht abblitzen lassen.
Damien sah erhaben zur Seite, zu Reid und antwortete:
„Sicher darfst du.”
„Sag, was machst du derzeit so und wie alt bist du?”
„Ich bin siebzehn Jahre alt, lebe bei meinen Eltern und mache gerade mein Abitur.”
„Du lernst gern, richtig?”
„Ja, sehr gern. Ich habe nicht umsonst jedes Schuljahr mit sehr gut und etlichen Auszeichnungen abgeschlossen.”
„Du wirkst nicht wie siebzehn …du wirkst wesentlich älter und reifer, als andere Jugendliche in deinem Alter. Und weißt du auch schon was du mal machen willst?”
„Ja, ich möchte Staatsanwalt werden und irgendwann als Richter arbeiten.”
Reid sah Damien mit großen Augen an. Er konnte in Damiens Augen eine Entschlossenheit sehen, die er so noch nie gesehen und erlebt hatte. Er hatte keine Zweifel daran, dass Damien sein Ziel erreichen würde. Wenn es einer schaffte …dann er. Dessen war sich Reid sicher.
„Ich bin mir sicher, dass du dein Ziel erreichen wirst, Damien. Und ich wünsche dir alles Glück für dein Vorhaben.”
„Vielen Dank! Aber das hat nichts mit Glück zu tun …sondern mit Wissen und Lernen.”, entgegnete Damien kalt.
„Sag mal, Damien: Warum bist du so abweisend und kalt zu mir? Habe ich dir etwas getan?”
„Nein, du hast mir nichts getan. Ich bin immer so.”
„Möchtest du in Ruhe gelassen werden, Damien?”
„Nein, nein …schon okay. Ich bin eben so. Sorry.”
„Magst du dich nicht auch manchmal ein wenig fallen lassen und dich etwas amüsieren?”
„Das kann ich nicht. Ich muss lernen. Amüsieren kann ich mich auch noch, wenn ich mit der Schule und dem Studium fertig bin.”
Plötzlich pickste Reid Damien leicht in die Seite, doch Damien konnte sich gerade noch so halten und fiel somit nicht vom Pferd.
„Hey, lass das! Ich sagte dir doch schon, dass ich nicht berührt werden möchte. Ist das klar?!”
„Sorry. Ich vergaß… ich wollte dich nur ein wenig necken.”
In Damien brach derweil ein kleines Chaos, in seinem Kopf, aus. Ein wenig in Gedanken versunken starrte er vor sich hin. Als er plötzlich abermals ein Picksen verspürte, sich nun nicht mehr richtig halten konnte und sachte vom Pferd glitt. Erschrocken und schnell stand Damien auf und schrie:
”Man Alter, spinnst du?! Ich hätte mir das Genick, oder sonst was, brechen können!”, dann rannte er davon und ließ Reid und auch Leviathan zurück.
Wobei sich Leviathan sofort in Bewegung setzte und Damien nachgaloppierte. Aber auch Reid blieb nicht zurück und war Damien nachgeritten.
Leviathan hatte Damien, der sich irgendwann ins Grad hatte fallen lassen, erreicht und stupste ihn an. Damien sah das Pferd an und lächelte.
„Ist schon gut, mein Schöner. Du hast keine Schuld.” und streichelte das Tier sanft.
Reid sah sich die Szene aus geringer Entfernung mit an. Es wunderte ihn, dass Damien zu diesem Tier so zärtlich sein und ihm ein sanftes Lächeln schenken konnte. Wie so ganz plötzlich das Eis seines Herzens zu schmelzen begann und auch in seinem Gesicht so viel Liebe war.
Damien musste etwas erlebt haben, das ihn so hart und eiskalt hatte werden lassen. Dass er beinahe niemals auch nur einen Funken Gefühl zeigte….
Reid stieg von seinem Pferd ab und lief vorsichtig auf Damien zu.
Als Damien ihn sah, sprang er auf:
„Nein, lass mich in Ruhe!”, sprach er etwas lauter und wich zurück.
„Damien, schon gut, ich tue dir nichts zuleide. Du brauchst vor mir keine Angst zu haben. Du kannst mir vertrauen. Komm wir gehen zurück, okay. ”
Damien musterte Reids Gesicht und …dessen Augen und erkannte, dass er ihm ein wenig Vertrauen entgegen bringen konnte. Er ging auf Reid zu, gesellte sich zu ihm, nickte, bestieg Leviathan und ritt voraus. Reid bestieg ebenfalls sein Pferd und ritt Damien nach.
Beide hatten den Reiterhof wieder erreicht und Damien widmete sich Leviathan, den er versorgte, sich von ihm verabschiedete und Reid dann bat ihn nach Hause zu bringen, denn er müsste noch lernen und Hausaufgaben machen.
„Ist gut, Damien, ich verstehe dich.”, willigte Reid ein.
Nachdem auch Reid sein Pferd ebenfalls versorgt hatte, stiegen beide wieder ins Auto ein und Reid fuhr los.
Während der Fahrt war Damien ganz still. Nicht ein Wort kam über seine Lippen. Auch dann nicht als Reid ihn fragte:
„Wie sieht’s aus, Damien, gehen wir noch etwas essen?”
Damien nickte nur, doch weder sah er Reid an noch erwiderte er etwas.
An einem Restaurant stoppte Reid den Wagen, wand sich Damien zu und fragte ihn:
„Was ist los, Damien? Habe ich dir weh getan? Dann tut es mir leid. Aber bitte, rede mit mir.”
„Ja, okay ich rede mit dir. Und nein, du hast mir nicht weh getan. Du musst dich also für nichts entschuldigen. Und, Reid, es tut mir aufrichtig leid, dass ich so wortkarg gewesen bin.”
„Da das jetzt geklärt ist …gehen wir rein, oder möchtest du nach Hause?”
„Ich möchte bitte nach Hause. Aber ich werde allein nach Hause gehen.”, sprach Damien und sah vor sich an die Windschutzscheibe.
„Ich verstehe.”
Damien verließ den Wagen und rannte davon. Er stoppte erst als er vor dem Haus seiner Eltern stand und dieses sogleich betrat. Ohne seine Eltern zu beachten rannte er in sein Zimmer, schloss es ab und verließ dieses vorläufig nicht wieder.
Gespräche
Damiens Vater fiel das merkwürdige Verhalten seines Sohnes sofort auf. Er ging an Damiens Zimmer, klopfte an die Tür und sprach:
„Dam, komm schon öffne die Tür. Ich möchte mit dir reden.”
„Lasst mich alle in Ruhe!”, rief Damien und wurde plötzlich ziemlich aggressiv.
„Nein, ich werde dich jetzt nicht in Ruhe lassen, Dam. Wenn du lieber mit deiner Mutter reden willst, dann sag es. Nur friss nicht wieder alles in dich hinein, du weißt, das bringt nichts. Das hatten wir doch schon mal. Komm schon, Kleiner, du musst mit mir reden.”
Widerwillig ging Damien zur Tür und schloss diese auf. Sein Vater betrat das Zimmer, schloss die Tür und blieb vorerst an der Tür stehen. Er sah seinen Sohn an und fragte ihn:
„Was ist los, Damien?”
„Vater …ich weiß nicht was ich fühlen soll und darf.”, begann Damien und sah seinen Vater, aus weit geöffneten, Augen, an, während er sich auf sein Bett setzte.
Mr. Hemingway ging auf Damien zu, setzte sich neben seinen Sohn auf das Bett und sah ihm in die Augen.
„Du darfst alles fühlen. Denn weißt du, Gefühle lassen sich nicht an – und abschalten. Und was man fühlen soll oder darf, spielt keine Rolle. Was ist denn eigentlich passiert?”
Damien erzählte seinem Vater was er erlebt hatte. Er erzählte ihm auch von Reid und dem Pferd, das ihm Reid geschenkt hatte.
„Der junge Mann hat dir ein Pferd geschenkt?!”, fragte Damiens Vater ein wenig erstaunt und sprach dann weiter:
„Das ist aber sehr nett von ihm und ich hoffe du hast dich anständig bei ihm bedankt.”
Damien nickte schüchtern und Mr. Hemingway sprach dann weiter:
„Wie ich sehe beschäftigt dich dieses Erlebnis sehr. Was empfindest du für diesen jungen Mann, Dam?”
Damien sah seinen Vater an und schüttelte nur den Kopf. Schließlich lehnte er sich an die Schulter seines Vaters an und seufzte. Mr. Hemingway packte Damien sanft an den Schultern und sah ihm in die Augen und fragte ihn mitfühlend:
„Du hast dich in ihn verliebt, richtig.”
Abermals schüttelte Damien heftig den Kopf:
„Nein, ich, …ich …habe mich nicht in ihn verliebt. Ich bin doch nicht homo! Was denkst du denn von mir, Vater!”, rief Damien empört.
„Was ich von dir denke, Damien, weißt du. Du bist ein ganz besonderer Junge und ein wunderbarer Sohn. Und ich werde immer zu dir stehen, egal was passiert. Na und, und wenn du eben „homo“ bist und dich in den jungen Mann verliebt hast, so ist das vollkommen okay. Du bleibst trotzdem mein Sohn und ich werde dich immer lieben und für dich da sein. Verstehst du?!”, erklärte Mr. Hemingway Damien, nahm ihn in die Arme und drückte ihn sanft an sich.
„Na, Kleiner, du leidest sicher sehr …hm…”, sprach Mr. Hemingway leise und strich Damien liebevoll über den Rücken.
Jetzt brach es aus Damien heraus und er begann zu weinen.
„Sch… Dam, ist ja gut, mein Junge. Ja, wein’ dich ruhig aus. Aber sag, warum weinst du jetzt… hm?”
„Na …weil ich ihn …ja doch nicht haben kann. Er war doch das Date von …Randir und Randir ist mein Freund. Ich kann ihm doch nicht sein…”, weiter kam Damien nicht, denn sein Vater fiel ihm ins Wort.
„Moment mal, mein Junge. Randir ist nicht zum vereinbarten Treffpunkt erschienen, richtig. Der junge Mann, Reid, hat stattdessen mit dir das Date verbracht. Also, was soll das? Randir wollte doch scheinbar nicht.”
„Aber ich …ich werde ihn doch nie wieder sehen, weil ich doch gar nicht weiß, wo er wohnt und …und seine Telefonnummer hab ich auch nicht….”
„Na, na, na …so was kenne ich von dir ja gar nicht. Du rufst Randir an und sagst ihm was los ist, und dass er dir Reids Nummer geben soll, denn er muss sich ja auch irgendwie mit ihm verabredet haben, nicht wahr.”, erwiderte der Vater.
Damien nickte noch, als beide das Läuten an der Haustür hörten, Mr. Hemingway sich erhob und das Zimmer von Damien verließ.
Er lief zur Tür, öffnete diese und vor ihm stand ein junger Mann der sich nach Damien erkundigte. Damiens Vater kannte diesen jungen Mann natürlich nicht, doch er wusste, dass es nicht Randir war, denn ihn kannte er ja und andere Freunde hatte Damien, aufgrund seiner sehr eng bemessenden Freizeit, nicht. Also konnte es nur Reid sein, von dem Damien ihm gerade eben erzählt hatte.
„Guten Abend.”
„Guten Abend.”, grüßte auch Mr. Hemingway und fügte grinsend hinzu:
„Sie müssen Reid sein, von ihnen hat mir Damien schon erzählt. Aber kommen sie doch rein. Damien ist oben in seinem Zimmer. Ich bringe sie zu ihm.”
Reid nahm die Einladung an und bedankte sich freundlich.
Natürlich hatte Damien von oben mitbekommen, dass Reid hier war und sein Vater ihn eingeladen hatte und ihn nun auch noch zu seinem Zimmer bringen wollte. Schnell wollte Damien das Zimmer wieder abschließen, doch da war es schon zu spät. Mr. Hemingway öffnete das Zimmer und ließ Reid eintreten. In sich hinein grinsend schloss Mr. Hemingway das Zimmer wieder und wünschte Damien, in Gedanken, viel Spaß. Dann ging er hinab und setzte sich ins Wohnzimmer zu seiner Frau…
Damien stand mitten im Zimmer, als Reid das Zimmer betrat und nun genau vor ihm stand.
„Schön dich wieder zu sehen, Damien.”, grüßte Reid.
Damien lenkte seine Schritte rückwärts:
„Nein, bitte, verlass mein Zimmer. Komm nicht näher, bitte.”, bat Damien, während sein Herz sich so sehr nach Reid sehnte und nach ihm schrie, aber Damien konnte es nicht zulassen …er wollte es einfach nicht wahrhaben, dass er homosexuell war.
„Dam, du weißt, dass ich dir nichts böses will. Ich bin hier um mit dir zu reden und dir zu sagen, dass ich mich in dich verliebt habe.”, gestand Reid Damien und sah sein Gegenüber lächelnd an.
„Nein, das kann gar nicht sein!”, wehrte Damien dieses Geständnis ab.
„Sag so was nie wieder, klar!”
„Ist gut, Damien. Möchtest du wirklich, dass ich gehe?”, fragte Reid.
Damien saß auf seinem Computerstuhl und blickte zu Boden.
„Nein, bitte bleib.”, erwiderte Damien flüsternd.
Es waren nur drei Worte, aber eben diese drei Worte fielen ihm so unglaublich schwer….
„Gut, wie du meinst. Darf ich mich setzen?”
„Ja, bitte, wohin du magst.”, sprach Damien leise.
Noch immer blickte Damien zu Boden und getraute sich nicht Reid auch nur einmal anzusehen.
Schließlich stand Reid auf und ging auf Damien zu. Er stellte sich vor dem Schwarzhaarigen hin, legte seine Hand unter Damiens Kinn und drückte es sachte nach oben.
„Sieh mich doch bitte an, Damien. Du hast so wunderschöne Augen.”, sprach Reid liebevoll.
Doch Damien hatte bereits seine Augen geschlossen und wollte auch seinen Kopf wegdrehen, was ihm allerdings nicht gelang.
Dann log er munter drauf los:
„Bitte, Reid, geh jetzt. Ich, …ich muss jetzt meine Hausaufgaben weiter machen.”, während sich sein Herz beinahe überschlug.
„Okay, ich werde gehen. Darf ich dich denn mal wieder besuchen, Damien?”
„Ja sicher.”, erwiderte Damien kurz. Und wollte sich eben seinem PC zuwenden, als Reid ihn kurzerhand auf den Mund küsste und das Zimmer anschließend, mit einem Augenzwinkern, verließ.
Zack! Das hatte gesessen! Wie ein Blitz aus heiterem Himmel, traf Damien dieser erste Kuss von Reid. Und doch weigerte er sich weiterhin seine Liebe zu Reid zuzugeben und dazu zu stehen. Natürlich sehnte sich sein Herz nach Reid …es schrie förmlich nach ihm, aber Damien hörte nicht auf das was sein Herz zu „sagen” hatte.
Obgleich Damien sich immer schon nach anderen Jungen oder Männern und niemals nach Mädchen oder Frauen umgesehen hatte, wollte er es noch immer nicht wahrhaben.
Für ihn hieß es jetzt sich irgendwie abzulenken und Reid …und diesen ersten Kuss so schnell wie möglich zu vergessen. Er wollte das Kapitel endgültig abschließen.
Niemand sollte etwas mitbekommen …auch nicht seine Eltern und erst recht nicht ….Reid…. Darüber wollte er gar nicht mehr nachdenken. Für Damien gab es jetzt nur einen Ausweg …Flucht!
Ja, er musste fliehen …ganz weit weg …niemand sollte ihn finden….
So wartete Damien auf die Nacht und darauf, dass seine Eltern schlafen gingen.
Seine Sachen, die er benötigte, hatte er zusammen gepackt. Nun brauchte es nur noch Nacht zu werden und Damien würde, auf nimmer wiedersehen, verschwinden….
Die „Flucht”
Reid war derweil zuhause angekommen, ließ sich ein Bad ein, zog sich aus und legte sich in die Badewanne, wo er sich erst mal zu entspannen versuchte.
Als er jedoch Damien vor seinem geistigen Auge sah, war es mit der Entspannung schlagartig vorbei. Immer wieder fragte sich Reid: Warum Damien nicht zu seinen Gefühlen, die er ja offensichtlich hatte, stand. Warum sträubte er sich so sehr dagegen? Was oder wer hinderte ihn zu seinen Gefühlen zu stehen?
Irgendwann war Reid wieder aus der Badewanne gestiegen, hatte sich abgetrocknet und sich wieder angezogen.
Anschließend schnappte er sich seine Schlüssel und verließ das Haus wieder, denn irgendwie hatte ihn so eine innere Unruhe befallen. Er wollte jetzt einfach noch etwas an die frische Luft gehen und nachdenken….
Währenddessen hatte Damien noch einen Abschiedsbrief an seine Eltern und an Reid geschrieben.
*
Mum, Dad …Reid,
Wenn ihr das hier lest bin ich bereits über alle Berge.
Bitte, sucht nicht nach mir, ihr werdet mich nicht finden.
Ja, Dad, ich bin homosexuell und ja, ich liebe Reid …glaube ich jedenfalls.
Aber ich kann es mir nicht wirklich eingestehen, auch wenn ich es jetzt hier schreibe.
Mum, du bist und bleibst die beste Mutter auf der ganzen Welt. Ich liebe dich!
Daddy, auch du bist das Beste was mir passieren konnte.
Auch dich liebe ich von ganzem Herzen.
Du warst immer für mich da, wenn ich dich brauchte.
Ihr seid die besten Eltern, die man sich nur wünschen kann.
Euer Damien.
*
Den Zettel legte Damien auf seine PC Tastatur, verließ das Zimmer, schlich, wie ein Einbrecher, durch das Haus und verließ es anschließend.
Er holte sich sein Mountainbike aus der Garage, schwang sich drauf und fuhr eilig davon. Einfach weg …nur nicht zurückschauen….
„Damien?! DAMIEN!!!!”, rief jemand plötzlich hinter Damien her und Damien kannte diese Stimme nur allzu gut… diese Stimme gehörte Reid!
Aber Damien sah nicht zurück. Nein, er konnte sich dem nicht stellen …was er war und wen er liebte…
Schnell fuhr Damien die Straße entlang und er war wirklich froh gewesen, dass er sein Fahrrad dabei hatte. So konnte Reid ihn, zumindest vorerst, nicht verfolgen.
Nach etwa zwei Stunden hatte er sein Ziel erreicht ….den Reiterhof!
Scheinbar hatte er Reid nicht richtig zugehört., als er ihm gesagt hatte, dass der Reiterhof ihm gehörte.
Dachte er doch wirklich, dass er hier in Sicherheit wäre und ihn hier niemand suchen oder finden würde.
Er wollte jetzt einfach zu seinem neugewonnenen Freund …dem Pferd Leviathan.
Sein Fahrrad ließ er einfach vor der Stalltür liegen.
Leviathan witterte Damien schon, als er den Stall öffnete und als Damien schließlich vor der Box stand schien sich Leviathan zu freuen, was er mit einem Wiehern ausdrückte.
Leise öffnete Damien die Box, ging hinein, streichelte Leviathan, gab ihm ein Stückchen Zucker, und legte sich zu ihm ins Stroh. Sich mit seiner Jacke zudeckend, rollte sich Damien zusammen und schlief friedlich ein…
Indessen machte sich Reid auf und ging zum Haus der Hemingways. Ja, es musste sein, dass er Damiens Eltern jetzt aus dem Schlaf holte. Mr. Hemingway kam an die Tür und erblickte Reid, der sehr aufgeregt zu sein schien.
„Nun kommen sie erst mal rein und trinken sie etwas, dann erzählen sie mir langsam was los ist, okay.”, versuchte Mr. Hemingway Reid zu beruhigen.
„Aber Damien …er ist weggefahren …abgehauen …fürchte ich…”, erklärte Reid aufgeregt und ein wenig stotternd.
Der Vater runzelte die Stirn, blickte zum Zimmer hinauf und ging nach oben.
Zuerst klopfte er an, wie es sich gehörte, doch als er keine Antwort bekam, öffnete er die Tür. Beinahe stockte ihm der Atem, denn Reid hatte tatsächlich recht ….Damien war weg!
Nach einem kurzen Augenblick …erblickte der Vater einen Zettel auf der PC Tastatur. Er nahm diesen in die Hand, setzte sich auf Damiens Bett und begann zu lesen. Schließlich ließ er die Hand, mit dem Zettel, sinken und schüttelte bestürzt den Kopf….
Langsam war Reid Mr. Hemingway nach oben gefolgt und sah ihn auf Damiens Bett sitzen …mit einem Zettel in der Hand.
„Darf ich den Zettel auch lesen?”, fragte Reid ruhig.
Nur ein Kopfnicken kam von dem Vater …dann reichte er Reid den Zettel, der diesen dann aufmerksam las und sich ein wenig sorgte, dennoch konnte er sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen ….immerhin war diese Nachricht von Damien ja auch ein Geständnis…
Sich zu Mr. Hemingway auf Damiens Bett setzend, fragte Reid ihn ruhig:
„Was ist passiert, dass Damien sich so gegen seine Gefühle sperrt? Bitte, reden sie mit mir? Es muss doch etwas vorgefallen sein, dass Dam so reagiert…”
Nickend antwortete der Vater:
„Ja, es ist etwas vorgefallen. Eigentlich belanglos, aber ihn scheint es sehr mitgenommen zu haben und es ist ….meine Schuld… Wissen sie, ich habe einen Bruder. Er kam uns, vor ein paar Jahren, besuchen und brachte seinen Freund mit. Beide küssten sich auf den Mund und Damien bekam das mit. Er fragte mich warum der andere Mann seinen Onkel küsste. Was sollte ich ihm denn antworten? Weil ich mich aber für meinen Bruder schämte, sagte ich zu Damien: Das ist pfui …das ist eklig …so etwas tut man nicht….
Von da an sah er alle Homosexuellen mit herabwürdigenden Blicken an. Und seit dem haben wir auch keinen Kontakt mehr zu meinem Bruder. Es tut mir so leid ….es tut mir so leid. Jetzt verstehe ich auch, warum Dam niemals eine Freundin oder einen Freund hatte oder sich sonst irgendwie zu Gefühlen äußern konnte. Ich habe seine Gefühle zerstört. Und es tut mir ehrlich leid. Was machen wir denn jetzt?”, fragte Mr. Hemingway hilflos und sah Reid ratlos an, der ihm ruhig zugehört hatte und nun verstand, was mit Damien los war.
„Kommen sie,”, sprach Reid und stand auf: „ich kann mir, glaub ich, vorstellen, wo sich Damien befindet.”
„Woher wollen sie …ach, ich verstehe …sie meinen er könnte bei dem Pferd sein, das sie ihm geschenkt haben…?”
„Sehr richtig. Und wir fahren jetzt zu meinem Reiterhof, okay. Ich hole nur schnell mein Auto…”, bestimmte Reid.
„Nein, warten sie, wir können doch auch mein Auto nehmen. Sie können mir doch den Weg weisen.”, bot Mr. Hemingway Reid an.
„Gut, so machen wir das.”, willigte Reid ein, dann verschwand Mr. Hemingway für kurze Zeit und kam dann vollständig angezogen wieder.
Er schnappte sich seine Schlüssel und beide verließen das Haus.
Der Vater holte das Auto aus der Garage, fuhr es auf die Straße und ließ Reid einsteigen.
Nachdem Reid im Auto saß, fuhr Mr. Hemingway los und nur eine Stunde später hatten beide den Reiterhof erreicht.
Beide stiegen aus dem Auto und gingen auf den Stall zu. Tatsächlich …Damiens Fahrrad lag genau vor der Stalltür!
„Das ist doch Dams Fahrrad!”, sprach Mr. Hemingway erstaunt, hob es auf und stellte es an die Wand des Stalls.
„Das hab ich mir gedacht.”, sprach Reid nun ein wenig grinsend und öffnete die Tür.
Er schaltete nur ein kleines Licht an …damit sich die Pferde nicht erschreckten. Langsam gingen beide zur Box in der Leviathan stand …dann sahen sie Damien auch schon im Stroh liegen!
Damiens Vater wollte seinen Sohn sogleich da raus holen, doch Reid hielt ihn auf.
„Stopp! Wenn sie diese Box betreten ist das ihr Ende. Dieses Pferd beschützt Damien. Es lässt niemanden an sich heran und an Damien vermutlich auch nicht. Es hat sich seinen Besitzer selbst ausgesucht. Leviathan hatte Damien sofort akzeptiert. Obgleich er ihn noch nie gesehen hatte. Die beiden haben sich gesucht und gefunden. Bei Leviathan habe ich Damien das erste Mal richtig lächeln sehen …so voller Gefühl.
Er liebt dieses Tier und umgekehrt genauso. Deshalb schenkte ich es ihm. Da wir jetzt eh nichts machen können, denn solange Damien von Leviathan beschützt wird, kommen wir nicht an ihn heran, deshalb schlage ich vor, dass wir uns in meinem Haus etwas ausruhen sollten.”, erklärte Reid und ging schon mal voraus. Damiens Vater nickte und folgte Reid.
Nachdem Reid Mr. Hemingway ein Zimmer zugewiesen hatte, ging er selbst in ein anderes Zimmer und legte sich dort schlafen.
Am anderen Morgen erwachte Reid als erster, denn der Wärter hatte sich Zutritt zum Haus verschafft und sich gewundert, dass es nicht abgeschlossen war.
„Ist jemand hier?”, rief er durchs Haus.
Reid stand auf und meldete sich bei dem Wärter, damit der sich keine Sorgen machen musste, dass hier jemand eingebrochen sein konnte. Der Wärter ging anschließend seiner Arbeit nach und Reid erfrischte sich im Bad. Irgendwann war auch Mr. Hemingway aufgestanden und hatte ebenfalls das Bad aufgesucht, das an das Gästezimmer anschloss.
Auf Reid treffend berieten beide, das weitere Vorgehen, dann verließen sie das Haus und begaben sich zum Stall. Reid rief den Wärter zu sich, der ihnen helfen sollte.
Die drei Männer begaben sich zur Box von Leviathan. Damien lag noch immer im Stroh und schlief. Der Wärter öffnete die Box, woraufhin Leviathan zu wiehern begann. Doch noch schlief Damien, denn er hatte einen gesunden und festen Schlaf.
Der Wärter nahm das Pferd am Zaumzeug und führte es langsam, unter vielem und gutem Zureden, aus der Box heraus.
Nachdem Leviathan vom Wärter aus dem Stall geführt worden war, schloss der Wärter den Stall wieder. Reid und Mr. Hemingway betraten nun die Box und beugten sich zu dem noch immer schlafenden Damien hinab.
Behutsam begann Mr. Hemingway seinen Sohn zu wecken, was ein wenig dauerte.
Als Damien dann endlich erwacht war und seinen Vater, ebenso Reid vor sich stehen sah, war er sofort hellwach und ihn erfasste die Panik. Er wollte fliehen, doch wusste er ganz genau, dass dieses Unterfangen, von Anfang an, zum Scheitern verurteilt war. Denn sein Vater stellte sich ihm in den Weg und hielt ihn fest.
„Nein, du wirst jetzt nicht fliehen, Damien. Jetzt hör mir mal bitte zu. Ich weiß, dass ich dir damals richtig Mist erzählt hab und es tut mir sehr leid. Weißt du, es war mir damals so peinlich, dass mein Bruder homosexuell ist und ich konnte damit nicht umgehen und erzählte dir deshalb solch einen Unfug. Aber jetzt werde ich nicht noch mal den selben Fehler machen und sage dir jetzt: Dam, es ist völlig in Ordnung, zu seinen Gefühlen zu stehen und auch zu lieben wen man will.
Du musst dich dessen nicht schämen. Es ist auch nichts ekliges daran einen Partner des selben Geschlechts zu haben und zu lieben. Du solltest zu dem stehen, was du fühlst, mein Sohn. Ja, ich weiß, ich habe damals einen großen Fehler begangen und es tut mir schrecklich leid. Bitte, glaub und vergib mir.”, gestand sein Vater.
Damien hatte seinem Vater, mit großen Augen angesehen und zugehört, doch irgendwie fiel es ihm gerade jetzt schwer ihm zu glauben. Und mit einem großen Kraftakt machte er sich den Weg frei und flüchtete. Seine Hände, symbolisch, an die Ohren haltend, lief er den Stall entlang:
”Nein, ich will das nicht hören! Lasst mich in Ruhe!”, rief Damien, öffnete schnell den Stall und rannte, wie ein Blitz, davon.
Aber auch Reid rannte Damien nach ….so einfach sollte er ihm nun nicht davonkommen.
Auch Leviathan hatte sich losgerissen und war seinem Freund gefolgt. Irgendwo auf einer großen Wiese machten beide halt. Damien setzte sich und Leviathan beugte seinen Kopf zu ihm hinab. Damien lächelte das Tier an und streichelte es liebevoll. Plötzlich begann Leviathan zu wiehern, denn er bemerkte, dass sich Reid näherte. Wütend stellte sich das Pferd vor seinen Freund und ließ Reid keinen Millimeter weiter an Damien herankommen.
Damien stand auf, streichelte Leviathan und sprach:
„Sch ….schon gut, mein Schöner. Lass nur, ich komm schon klar. Aber du kannst gern bei mir bleiben.” und lächelte das Tier liebevoll an, wobei er ihn weiterhin streichelte und fest hielt.
Leviathan schmiegte seinen Kopf an die Schulter von Damien und beobachtete alles ganz genau.
Reid konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen.
„Ja, ja Leviathan da hast du deinen Herrn gefunden …oder sollte ich Freund sagen …hm?”, damit streichelte er das Tier kurz und fragte Damien dann:
„Dam, hörst du mir jetzt bitte kurz zu, ja?”
Damien nickte nur, während er Reid fest in die Augen sah, doch jetzt die Ruhe selbst zu sein schien.
„Gut. Zuerst eine Frage: Hast du alles verstanden, was dir dein Vater sagte? Natürlich hast du das, denn du bist nicht dumm, nicht wahr, Damien. Dann hast du auch verstanden, dass ich dich liebe, denn du hast es ja auf deinen kleinen Abschiedsbrief geschrieben. Ich weiß jetzt also, dass auch du mich liebst. Was steht dann einer Beziehung noch im Wege …hm?”
„Was dagegen spricht …fragst du? Ich kann es dir sagen. Ich habe Angst, …Angst vor dem was kommen könnte. Weil, ich hatte noch nie eine Beziehung …und nun …habe ich Angst.”, beichtete Damien fast und errötete.
Dann nahm er sich jedoch zusammen und sprach, mit eisiger Kälte, in seiner Stimme, weiter:
„Außerdem muss ich eh lernen, ich habe gar keine Zeit für solchen …Liebeskram. Ich kann mir so was nicht leisten.” und die Röte verschwand sogleich wieder aus seinem Gesicht.
„Ja, ich weiß schon …mein kleiner Streber …glaubst du wirklich, dass ich dich von deinem Vorhaben abhalten oder gar abbringen möchte. Sicher nicht, ganz im Gegenteil, wenn ich kann und du mich lässt, werde ich dir helfen.”, widersprach Reid frech.
Verdammt, Damien gingen langsam seine Ausreden aus und er befand sich in einer Zwickmühle. Was konnte er jetzt noch für Einwände anbringen… Schüchtern sah er zu Boden, als suchte er dort nach einer anderen Ausrede, jedoch ….ohne Erfolg.
„Dam, ich weiß, dass du Angst hast und ich habe auch nicht gesagt, dass ich dich gleich hier verführen möchte, oder. Also komm schon …lass es zu …lass deinen Gefühlen einfach freien Lauf …hm.”
Eine winzige Träne bahnte sich ihren Weg aus Damiens Augen …er versuchte noch krampfhaft dies zu verhindern …es zu unterdrücken… Doch plötzlich brach es aus ihm heraus. Er vergrub sein Gesicht in der Mähne des Pferdes und weinte.
Nur langsam näherte sich Reid Damien, umarmte ihn und streichelte ihn zärtlich.
Sehr Vorsichtig drehte Reid Damien zu sich, dann vergrub Damien sein Gesicht an Reids Schulter und umarmte ihn sacht.
„Sch …ist ja gut, Kleiner. Wein’ dich aus, manchmal hilft es. Ich bin ja bei dir.”
Jedoch hielt dieser Zustand nicht sehr lange an, denn schon befreite sich Damien wieder aus der Umarmung und nahm seine gewohnte Haltung ein. Mit einem eiskalten Blick und einem ebenso kalten Lächeln sprach er:
„War es das jetzt, oder kommt da noch was? Leviathan komm, ich bring dich zurück.” zu Reid gewandt ergänzte er:
„Kommst du mit, oder willst du hier Wurzeln schlagen?”, dann ging er voraus.
Reid schmunzelte in sich hinein und folgte Damien. Der Kleine war wirklich etwas Besonderes….
So erreichten sie schließlich den Reiterhof wieder. Damien brachte Leviathan auf die Koppel, sprach beruhigend auf ihn ein und lief dann zum Auto seines Vaters.
Auch Mr. Hemingway hatte ebenfalls sein Auto erreicht. Er sah Damien an und lächelte still. Von Damien kam allerdings nichts …nicht die kleinste Regung. Mr. Hemingway ließ es erst mal gut sein. Er fragte seinen Sohn lediglich, ob er im Auto mitfahren wollte, was Damien allerdings verneinte. Er stieg lieber wieder auf sein Fahrrad und …schwupp …weg war er.
Anschließend fragte Damiens Vater Reid noch ob er ihn irgendwohin mitnehmen konnte, doch auch Reid verneinte, allerdings in einer netteren Art und Weise.
Reid wollte Damien vorläufig in Ruhe lassen, damit er Zeit hatte sich über alles klar zu werden. Zudem wollte Damien ja noch lernen und auch dabei wollte er ihn nicht stören.
Geständnisse
Damien fuhr erst mal ganz woanders hin. Sein Ziel war …Randir! Denn mit ihm hatte er noch ein richtig dickes „Hühnchen“ zu rupfen…
An dem Haus von Randir angekommen, stieg er von seinem Fahrrad, stellte es an den Zaun, schloss es an und läutete an der Tür.
Mrs. Grey öffnete die Tür und begrüßte Damien freundlich:
„Hallo Damien! Schön dich zu sehen. Du willst sicher zu Randy, richtig.”
„Guten Tag. Ja, ich freue mich auch, sie zu sehen. Und ja, ich möchte gern mit Randir reden.”, bestätigte Damien und nickte.
Nachdem die Mutter ihn eingelassen hatte, ging Damien sogleich hoch zu Randir, klopfte kurz an die Tür und öffnete diese gleich. Er betrat das Zimmer, knallte die Tür zu und ging auf Randir zu, der an seinem Schreibtisch, vor dem PC, saß…
Randir drehte sich um und sah Damien auf sich zukommen.
„Dam! Schön dich zu sehen. Also ich wollte….”, weiter kam Randir nicht, denn Damien hatte ihn wütend am Kragen gepackt:
„Halts Maul, du kleiner Wichser! Warum bist du gestern nicht am Treffpunkt erschienen?! Warum hast du mich stattdessen dort dumm rumstehen und warten lassen. Dann kam auch noch dein Date vorbei, der mich für dich hielt und sich zu allem Überfluss auch noch unsterblich in mich verknallt hat! Man Alter, ich bin doch nicht schwul …was sollte das denn, frage ich dich!?”, schrie Damien Randir lauthals an und konnte sich nur schwer beherrschen und die Tränen verkneifen.
Randir sah Damien mit großen Augen an und konnte erst mal gar nichts sagen, denn so aufgelöst hatte er seinen Freund noch nie gesehen.
Irgendwann ließ Damien ihn aber wieder los und Randir entschuldigte sich bei ihm.
„Dam, bitte, es tut mir wirklich leid, dass ich dich da mit reingezogen hab, und …dass ich dich da hab warten lassen. Bitte, vergib mir. Es tut mir wirklich leid, mein Freund, das wollte ich nicht. Aber weißt du: Reid wollte sich mit mir treffen, denn wir haben schon sehr lange telefonischen Kontakt und kennen gelernt haben wir uns übers Internet. Und ja, ich bin homosexuell. Ich liebe Männer.
Allerdings habe ich es noch nie mit einem getrieben. Und nun hatte ich echt Muffensausen, vor Reid. Deswegen hatte ich dich gebeten mitzukommen. Aber wenn ich zu dem Treffen erschienen wäre und Reid hätte sich an mich rangemacht, dann wärst du doch, schon aus Anstand, nach Hause gegangen und ich wäre ihm ausgeliefert gewesen. Bitte, bitte, verzeih mir, Dam.”
Damien setzte sich auf Randirs Bett, ließ seinen Oberkörper nach vorn sinken und den Kopf hängen. Dann sagte er ruhig und sehr traurig:
„Aber mich …konntest du ihm ausliefern ….das war dir scheinbar völlig egal.”
„Wie jetzt? Hat er dich angemacht …hat er dich genommen?”, fragte Randir ein wenig entsetzt.
„Nein, zum Glück nicht. Aber, wie ich dir schon sagte, er hat mir gestanden, dass er mich liebt. Wobei das auch Blödsinn ist, denn er kann mich gar nicht lieben, er kann lediglich in mich verliebt sein. Aber….. nein, verdammt! Ich bin doch nicht schwul!”, sprach Damien leise, doch konnte er sich nun nicht mehr zurückhalten und einige Tränen bahnten sich ihren Weg aus seinen Augen.
Randir ging auf Damien zu, kniete sich vor ihm hin und sah ihn an: „Was ist los mit dir? Hat er dir weh getan? Oder bist du ….Moment mal…. Du bist doch nicht etwa …nein oder …du bist ebenfalls in ihn verliebt, stimmt’s?”, wollte Randir nun wissen und schmunzelte.
Er kannte seinen Freund genau und er wusste, dass er recht hatte.
Damien sprach kein Wort mehr und sah Randir nur traurig an.
„Also doch. Man Alter, wenn du ihn liebst, dann steh zu deinen Gefühlen. Ich freu mich doch für dich, wenn auch du endlich mal dein Glück findest. Ich gönne es dir von Herzen, ehrlich.”
„Und du bist nicht sauer auf mich, dass ich dir dein Date ….also ich meine ….”, stotterte Damien …sich verratend.
„Dam, jetzt hör mir mal zu. Erstens müsstest du auf mich sauer sein und nicht ich auf dich. Und zweitens, gönne ich dir doch dein Glück. Ich will, dass du glücklich bist. Und Damien: Reid ist ein sehr, sehr lieber und feiner Kerl. Er hat sehr viel Verständnis und du kannst mit ihm über alles reden. Ich weiß zwar leider nicht wie er aussieht, aber vielleicht stellst du ihn mir mal vor, wenn es denn mit euch beiden endlich mal soweit ist, dass ihr so richtig zusammen seid. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen.”, meinte Randir sanft.
„Meinst du echt, dass ich es wagen sollte. Ich trau mich nicht und ich hab ne Scheißangst. Denn, wie du weißt, hab ich auch noch nie …na ja …du weißt schon …ähm…”, erwiderte Damien und lief knallrot an.
„Ich versteh dich. Ich hab auch ne Scheißangst, glaub mir. Aber ich denk mal, du solltest dir noch Zeit lassen, bis du wirklich soweit bist, meinst du nicht auch. Ich mein, was bringt es denn, wenn du dich jetzt mit Reid so richtig einlässt und ….vielleicht noch nicht soweit bist.”
„Du hast recht, Randy. Ich werde mir noch sehr viel Zeit lassen, denke ich mal, denn ich hab ja noch meine Schule …ich will auch noch studieren usw….. Ich hab eh keine Zeit für diesen Liebeskram.”
„Ja, ja Dam …alter Streber. Du wirst es noch richtig weit bringen. Aber was den „Liebeskram” angeht, dafür solltest du dir schon die Zeit nehmen, denn ich glaub, du lügst dir ganz schön in die Tasche. Gib es zu, ich hab dich erwischt.”, widersprach Randir schmunzelnd.
„Ja, okay. Du hast ja recht. Aber was soll ich gegen diese Angst machen?”
„Na ja, du musst ja mit Reid nicht gleich ins Bett gehen. Ihr könnt ja erst mal ausgehen ….was unternehmen usw…”
„Ja, oder reiten gehen, da er mir ja ein Pferd geschenkt hat.”, erzählte Damien beiläufig.
„Er hat waaaaass?!”, staunte Randir und ihm fielen beinahe die Augen aus dem Kopf.
Damien erzählte Randir dann ganz genau, wie das kam, dass Reid ihm das Pferd geschenkt hatte und wie es aussah.
„Man, hast du ein Glück. Na ja, du konntest ja schon immer gut mit Tieren umgehen. Ich gönne es dir.”, damit umarmte Randir seinen Freund Damien und auch Damien umarmte Randir.
Eine ganze Weile lagen sich die Freunde noch in den Armen und Damien weinte sich erst mal aus.
Danach spielten beide noch ein bisschen am PC. Irgendwann verabschiedete sich Damien von Randir, machte sich auf den Weg und ging nach Hause. Sein Fahrrad schob er neben sich her.
Auf dem Weg nach Hause, begegnete er Reid, der ebenfalls nach Hause wollte. Wie angewurzelt stand Damien nun vor Reid, sein Herz überschlug sich beinahe und seine Beine drohten ihm den Dienst zu versagen.
„Guten Abend, Damien. So spät noch unterwegs? Wolltest du nicht längst Zuhause, bei deinen Büchern, sein?”
„Na ja, ich war noch bei meinem Freund Randir, denn ich musste mit ihm was klären.”
„Ah, verstehe, wegen gestern, richtig?!”
„Genau.”
„Wie sieht’s aus, magst du noch mit zu mir kommen und wir trinken was zusammen?”
Damien überlegte eine Weile, dann stimmte er zu:
„Okay, ich bring nur schnell mein Rad nach Hause und stell es in die Garage. Dann komm ich mit dir.”
„Fein! Ist es okay für dich, wenn ich dich begleite?”
„Klar, komm ruhig mit.”
Sich angeregt unterhaltend liefen beide zu Damien nach Hause und er stellte sein Fahrrad in die Garage. Anschließend ging er mit Reid zu dessen Haus.
Natürlich wunderte sich Reid jetzt schon etwas, weshalb Damien ganz plötzlich so viel aufgeschlossener wirkte, gleichwohl freute er sich darüber.
Nachdem beide Reids Haus erreicht hatten, gingen sie hinein und Reid führte Damien ins Wohnzimmer:
„Fühl dich hier wie zuhause, Dam. Setz dich ruhig.”, dann verschwand Reid kurz, kam dann aber mit einer Flasche Weißwein und zwei Gläsern zurück.
„Magst du Weißwein, Dam?”, fragte Reid, während er die Gläser und die Flasche Weißwein auf den Tisch stellte.
„Klar, mag ich Weißwein. Kein Thema.”, bestätigte Damien und versuchte weiterhin cool zu wirken.
Reid goss sich und Damien ein wenig Wein ein und setzte sich dann zu Damien auf das schwarze Ledersofa. Beide hoben ihre Gläser und prosteten sich zu. Dann tranken beide einen Schluck und stellten die Gläser wieder auf den Tisch. Minutenlang sahen sich beide in die Augen, keiner der beiden sprach auch nur ein Wort …die Luft war wie elektrisch geladen und begann zu knistern.
Dann näherten sich beider Gesichter immer mehr an und es kam zu einem ersten leidenschaftlichen Kuss. Damien schloss die Augen und genoss diesen Augenblick einfach nur. Doch als Reids Hände an Damiens Körper entlang wanderten bekam es Damien nun doch mit der Angst zu tun und er stieß Reid leicht von sich.
„Nein, verdammt! Ich kann das nicht! ….noch nicht!”, mit diesen Worten sprang Damien auf und stand nun zitternd mitten im Zimmer.
Seine Erregung war jedoch schon sichtbar und er spürte es auch schon.
„nein….”, murmelte Damien und trat die Flucht an.
Draußen angekommen, atmete Damien erst mal tief durch.
Damiens erstes Mal
Reid wusste, dass er jetzt wahrscheinlich etwas falsch gemacht hatte. Er erhob sich, verließ das Wohnzimmer und auch das Haus um, zu seiner Überraschung, draußen auf Damien zu treffen.
Er stellte sich neben Damien, sah ebenfalls zum Himmel hinauf und betrachtete die Sterne.
„Schöne klare Nacht …hm….?”, sprach Reid leise und sah Damien ein wenig von der Seite an.
„Ja, ich finde die Nacht auch wunderschön.”, bestätigte Damien und erwiderte Reids Blick.
„Kommst du wieder mit rein, oder bleiben wir draußen?”
„Klar, komm ich wieder mit rein. Ähm… es tut mir leid …wegen vorhin …ich hab etwas überreagiert, denk ich. Aber weißt du ….ich, …ich …ähm…”, versuchte Damien zu erklären und sich zu entschuldigen.
Reid legte seinen Zeigefinger auf Damiens Mund und schüttelte den Kopf:
„Damien, du musst dich für nichts entschuldigen, ich weiß doch wie du dich fühlst und ich weiß auch, was du meinst.”
Dann nahm Reid Damien in die Arme und küsste ihn zärtlich. Anschließend betraten beide wieder das Haus und setzten sich auf das Sofa.
Damien trank das Glas, in einem Zug leer und goss sich noch etwas von dem, sehr süßen Wein ein.
Reid hielt sich etwas zurück, denn er vertrug nicht allzu viel, deshalb blieb es für ihn bei einem Glas.
Die Flasche war jetzt halb leer. Damien hatte schon einen kleinen Schwips und begann nun Reid an die „Wäsche” zu gehen. Obwohl Reid eigentlich nichts dagegen gehabt hätte, wehrte er Damien vorerst ab.
„Nein, Damien. Bitte, ich möchte diese Situation, und dass du angetrunken bist, nicht ausnutzen.”, bat Reid, obgleich er sich kaum noch beherrschen konnte.
Aber Damien hörte eben nicht auf Reid, denn er war schon zu erregt. Und jetzt erst recht, da Damien Reids Hose geöffnet hatte und sich mit der Zunge an seiner Männlichkeit zu schaffen machte. Reid stöhnte leise auf und konnte sich nun wirklich nicht mehr länger beherrschen. Er zog Damien zu sich hinauf und drehte ihn auf den Rücken. Beide lagen mittlerweile auf dem weichen Fell vor dem Kamin und Reid küsste Damien leidenschaftlich wobei er ihn langsam entkleidete.
Nur ganz kurz ließ er von Damien ab, um sich ebenfalls zu entkleiden. Damien war schon sehr erregt und stöhnte laut auf, als Reid ihn mit dem Mund verwöhnte. Währenddessen begann Reid den Eingang des Kleineren, für das was er gleich tun würde, vorsichtig zu weiten und vorzubereiten. Ein lautes Stöhnen entwich Damiens Kehle, als er sich ergoss und Reid gleichzeitig in Damien eindrang, nachdem er seine Männlichkeit mit ein wenig Gleitcreme befeuchtet hatte.
Damien wurde immer wilder. Er war wie ein wildes Tier, das nicht mehr zu bändigen war. Erst als er noch einmal, gemeinsam mit Reid, den Gipfel der Lust erreichte, gab er Ruhe.
Reid fiel, ein wenig erschöpft, neben Damien, der alle „Viere” von sich gestreckt, die Augen geschlossen hatte und selig lächelte. Dann schmiegte sich Damien an Reid an, der ihn sanft streichelte.
In dieser Nacht kehrte Damien nicht nach Hause zurück, sondern übernachtete bei Reid. Beide schliefen glücklich ein nachdem sich beide ins Bett begeben hatten. Nichts störte sie in dieser Nacht.
Als Damien am anderen Morgen erwachte, hätte er beinahe, das erste Mal in seinem Leben, verschlafen. Schnell sprang er aus dem Bett, kleidete sich an und rannte aus dem Haus von Reid, nach Hause zu seinen Eltern. Hier duschte er in aller Eile und rannte zur Schule. Puh…. Gerade noch mal Glück gehabt. Es war fünf Minuten vor Acht und Damien konnte sich noch schnell alles zurecht legen, was er für die Matheklausur brauchte.
Dann begann auch schon der Unterricht. Der Lehrer faselte seinen Vers runter, anschließend wurde die Klausur geschrieben….
Reid hatte natürlich mitbekommen, dass Damien fluchtartig das Haus verlassen hatte und schmunzelte in sich hinein. Damien hatte Schule, das wusste er und er wusste auch, dass Damien heute eine Matheklausur schreiben musste. Doch zweifelte Reid keinen Moment daran, dass Damien es schaffen würde.
Nachdem Reid das Bett verlassen hatte, ging er ins Bad, duschte, kleidete sich an und ging in die Küche, wo er sich einen Kaffee kochte und etwas zu Essen bereitete. Er setzte sich an den Tisch und begann zu frühstücken, als er wieder an Damien denken musste. Der Kleine war wirklich etwas besonderes und er liebte ihn so wahnsinnig.
Die Matheklausur war für Damien keine große Sache, diese hatte er in einer Stunde erledigt, gab die Klausur ab und konnte nach Hause gehen.
Zumindest wollte er gehen …wenn da nicht …Reid, mit seinem Auto vor der Schule gestanden und auf ihn gewartet hätte.
Als Damien das Schulgebäude verließ und Reid vor sich stehen sah, wurde er puterrot und wäre am Liebsten im Erdboden versunken. Reid in die Augen sehen ….nein ….nie wieder!
Langsam ging Damien auf Reid zu, doch blickte er ihm nicht in die Augen, sondern richtete seinen Blick zu Boden.
„Hallo, mein Schatz.”, grüßte Reid Damien und küsste ihn.
Dann bemerkte er, dass Damien ihn nicht ansehen konnte.
„Was ist denn los, hm? Alles okay mit dir?”
„Ja, alles okay. Ich, ….ich wollte mich nur wegen …also wegen gestern entschuldigen …also weil ich doch …na ja …du weißt schon…”, stotterte Damien, seinen Blick weiter zu Boden gerichtet.
„Damien, du brauchst dich für nichts zu entschuldigen. Du hast nichts getan, was ich nicht wollte, allerdings hatte ich versucht dich abzuwehren, da ich die Situation nicht ausnutzen wollte, dass du angetrunken warst. Aber du hast mich bis aufs Äußerste gereizt und da konnte ich mich leider nicht mehr beherrschen. Tut mir leid, Dam. Aber ich habe dich dann doch verführt, obwohl ich es eigentlich nicht wollte.
Aber du warst ja überhaupt nicht mehr aufzuhalten, so was, wie dich, habe ich noch nie erlebt. Du warst wie ein wildes Tier, das man erst bändigen muss.”, dann küsste er Damien noch einmal und sprach:
„Na komm schon, ich fahr dich heim.”
Damien erwiderte den Kuss von Reid, nickte und stieg in das Auto. Reid setzte sich ebenfalls ins das Auto und fuhr los.
Die ganze Fahrt über sprach Damien nicht ein Wort. Seine Gedanken waren bei dem gestrigen Abend und was passiert war. Damien wusste nur zu gut, was passiert war, denn er hatte keinen sogenannten Filmriss oder Blackout. Er wusste, dass Reid versucht hatte ihn abzuwehren, da er diese Situation nicht ausnutzen wollte.
Aber er – Damien – hatte nicht hören wollen …warum auch immer …nun war es passiert und er stellte sich die Frage: War es das? Waren er und Reid jetzt so richtig zusammen ….waren sie wirklich ein Paar?
Damien fasste sich an den Kopf, schloss die Augen und lehnte seinen Kopf gegen die Seitenscheibe, des Autos.
Reid hatte Damien nur ganz kurz angesehen und fragte ihn:
„Was ist los, Dam? Alles okay mit dir? Oder geht es dir nicht gut?”
„Mir geht es gut, mach dir keinen Kopf.”, winkte Damien ab und versuchte weiterhin seine Gedanken zu ordnen.
Endlich waren sie angekommen und Damien stieg aus dem Auto, wartete noch auf Reid, holte seinen Schlüssel aus der Hosentasche, schloss die Tür auf und betrat, nach Reid, das Haus.
Nachdem beide Damiens Zimmer betreten hatte, setzte sich Damien auf sein Bett und ließ den Kopf hängen. Reid ging Damien nach, hockte sich vor dem Kleineren hin und versuchte in dessen Augen zu sehen. Schließlich hob er Damiens Kopf ein wenig an und sah ihm in seine wunderschönen braunen Augen.
„Komm schon, Kleiner, rede mit mir, was ist los mit dir …hm? Habe ich dir weh getan?”
Damien standen die Tränen in den Augen, dann erwiderte er:
„Ich hätte auf Randir hören und mir noch Zeit lassen sollen.”, er schluckte und sah Reid an:
„Nein, du kannst nichts dafür, Reid. Das hab ich ganz allein verbockt. Ich hätte mich einfach beherrschen müssen, aber ich konnte es plötzlich nicht mehr. Ich hab ….ich wollte es auf einmal ….ich wollte einfach mein „erstes Mal” erleben und hab mich dafür, mit dem Wein ein wenig betäubt, weil ich echt ne Scheißangst hatte….”, dann lehnte Damien seinen Kopf an Reids Schulter, der sich inzwischen zu dem Anderen auf das Bett gesetzt hatte.
Ein wenig streichelte Reid Damien, dann nahm er ihn sanft an den Schultern, sah ihn an und erklärte:
„Dam, jetzt hör mir mal zu. Das, was gestern passiert ist, ist nichts schlimmes. Du musst es jetzt nur in deinem Kopf zulassen, dass du Männer liebst, und dass du homosexuell bist. Solange wie du dich dagegen zur Wehr setzt, wirst du große Probleme haben. Lass es einfach zu.”
Damien nickte still und sah Reid mit großen Augen an. Dann begann er ein wenig zu lächeln und küsste seinen Liebsten. Natürlich erwiderte Reid nur allzu gern diesen Kuss, der dann immer leidenschaftlicher wurde.
Typisch Streber
In Damien stiegen wieder alle Gefühle auf, die er spüren konnte. Wieder konnte er seine Triebe kaum noch bändigen und er begann Reid zu entkleiden.
Reid hielt seinen Liebling zurück, packte Damien an den Schultern, sah ihm in die Augen und fragte ihn leise aber ernst:
„Kleiner, willst du das wirklich? Ich will dir nicht weh tun und du hast jetzt auch keinen Wein getrunken, denk dran.”
Damien errötete und nickte fast unmerklich, dann machte sich Reid an Damien heran.
Reid küsste seinen Liebsten und flüsterte ihm ins Ohr:
„Du bist so süß, wenn du errötest, weißt du das.”, dann knabberte er an dem Ohr seines Kleinen, der sich jetzt nur noch fallen ließ und die Augen schloss.
Zärtlich verführte Reid Damien, der sich ihm so vollkommen hingab und ihm nun vertraute. Reid liebte seinen „Kleinen“, soviel war sicher.
Nach dieser Zeit der Zärtlichkeit schmiegte sich Damien an Reid an, während der ihn liebevoll streichelte. Eine ganze Weile ging das so weiter, bis Damien wieder zu „Eis” erstarrte, aufstand, duschen ging, sich anzog und sich an seinen Schreibtisch setzte, wo er, ohne noch einmal zu Reid zu sehen, sofort zu lernen begann. Nichts konnte ihn jetzt aufhalten …zumindest normalerweise nicht.
Reid schmunzelte nur in sich hinein …ja, damit musste er jetzt wohl leben, denn er liebte Damien und wenn Damien eben jetzt lernen wollte, dann störte er ihn besser nicht. So stand, nach einem kurzen Augenblick, auch Reid auf, ging duschen, zog sich an und setzte sich neben Damien auf einen anderen Stuhl.
Interessiert sah Reid Damien zu, doch was Damien da lernte, war selbst für Reid zu hoch. Und Reid hatte ebenfalls eine sehr gute Ausbildung genossen, aber was er bei Damien zu sehen bekam, verschlug ihm glatt die Sprache. Dieser „Junge” neben ihm, den er so sehr liebte, war sehr viel schlauer, klüger und gebildeter, als er vermutet hatte. Damien befasste sich mit Philosophie, Politik, allen möglichen Naturwissenschaften und Psychologie, Medizin usw…
Zudem schien Damien die Texte förmlich in sich hineinzuschlingen …aufzusaugen. So was hatte Reid tatsächlich noch nie erlebt.
„Sag mal, Dam, kann ich dir irgendwie helfen?”, fragte Reid ziemlich erstaunt.
Damien drehte sich nicht einmal zu Reid um, doch sprach er mit ihm und lernte dabei weiter:
„Nein danke! Ich hab alles bestens im Griff.”, erklärte Damien kühl.
„Dann lass mich dich doch mal abfragen… wenn ich darf.”, bat Reid grinsend und hoffte ein wenig, dass Damien wenigstens ein kleiner Fehler unterlaufen würde.
„Bitte, gern. Wenn du sonst nichts zu tun hast. Aber du wirst sehen, ich kann alles. Ich kann dir sogar die Textstellen nennen.”
„Na, das will ich aber sehen.”
„Du wirst dich wundern.”, flüsterte Damien.
Dann begann Reid Damien nach allem möglichen abzufragen. Und Damien wusste wirklich alles. Er konnte sämtliche Textstellen und Seitenzahlen so auch Inhalte perfekt und korrekt wiedergeben. Keine Frage blieb unbeantwortet und es gab nichts, was Damien nicht wusste und er machte wirklich keinen einzigen Fehler.
„Sag mal, Kleiner, du bist dir sicher, dass du nicht schon Professor bist? So was, wie dich hab ich noch nie erlebt. Wie machst du das?”
„Ganz einfach, ich lerne und beschäftige mich wenig mit irgendwelchem anderen Unsinn.”
„Du bist wirklich unglaublich, weißt du das?!”
„Ach, das ist doch nichts besonderes. Das weiß doch jeder.”
Reid sah Damien an und konnte es nicht fassen.
„Dann hast du ja für heute genug gelernt, würde ich sagen.”, sprach Reid scherzend und grinste frech.
„Ist das so?! Seit wann bestimmst du ob ich genug gelernt habe?!”, wurde Damien nun doch recht ruppig.
„Schon gut, Dam. Soll ich dich in Ruhe lassen und nach Hause gehen?!”, fragte Reid traurig.
„Es wird wohl besser so sein, denke ich, denn ich habe noch eine Menge zu tun.”, damit war für Damien das Thema erledigt und er sprach kein einziges Wort mehr.
Reid verließ das Zimmer und begegnete Damiens Vater, der sich mit ihm unterhalten wollte.
Gern willigte Reid ein, denn er wollte auch noch ein paar Sachen über Damien wissen.
Natürlich bekam Damien von alledem nichts mit.
„Setz’ dich doch. Ähm… Ich darf doch du sagen, oder.”, fragte Mr. Hemingway lächelnd.
„Sicher.”, erwiderte Reid freundlich und setzte sich in den Sessel am Kamin.
Mr. Hemingway setzte sich ihm gegenüber, dann unterhielten sich beide.
„Wie kommst du mit Dam zurecht? Ich mein, du bist doch jetzt nicht ganz freiwillig aus Dams Zimmer gekommen, oder.”
„Nun, mal ist er sehr aufgeschlossen, leidenschaftlich und sehr liebevoll, aber dann, nach kurzer Zeit, wendet er sich und aus ihm strahlt eine Kälte …bei der die Hölle zufrieren würde. Dann ist von Gefühlen kaum noch oder gar nichts mehr zu merken. So wie jetzt auch. Er hat sich plötzlich wieder seinen Aufgaben gewidmet und mich gar nicht mehr beachtet. Es war so, als gäbe es mich gar nicht, auch seine Umwelt scheint er dann ganz und gar zu vergessen.”
„Das habe ich mir fast gedacht. Unser Damien verfällt wieder in alte Gewohnheiten. Er ist lernsüchtig. Er kommt nicht davon los. Wir hatten dieses Problem schon einmal, damals war er erst in der zweiten Klasse und er schuftete ….ohne auch nur an Freizeit oder Spielen zu denken, was für ein „kleines” Kind schon sehr merkwürdig ist. Es machte ihn damals kaputt und wir hatten viel Mühe ihn davon loszubekommen.
Er musste auch damals therapiert werden, weil er zusammengebrochen ist. Er konnte nicht mehr lachen, nicht weinen, er war schlicht und ergreifend fertig mit der Welt. Ich weiß nicht wodurch sein Übereifer ausgelöst worden ist. Ich weiß nur, dass er unbedingt davon wieder loskommen muss. Es ist ja nichts schlechtes daran, dass er lernt und etwas werden will, aber er macht sich wieder kaputt. Reid, du bleibst bitte hier sitzen, ich werde jetzt mit meinem Sohn reden.”, bestimmte Mr. Hemingway, stand auf und ging zu Damien. Reid nickte und blieb sitzen.
Mr. Hemingway klopfte an und betrat anschließend das Zimmer. Wie nicht anders zu erwarten sah er seinen Sohn am Schreibtisch sitzen und pauken. Er schien nicht einmal mitbekommen zu haben, dass jemand das Zimmer betreten hatte.
„Damien?!”, sprach Mr. Hemingway seinen Sohn an und wurde dabei schon etwas lauter.
Erschrocken drehte sich Damien um und sah seinen Vater an.
„Ja, Vater?!”, erwiderte er kühl.
Schnurstracks ging Mr. Hemingway auf Damien zu, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn leicht.
„Damien! Was soll das werden …hm? Geht das schon wieder los? Willst du wieder zusammenbrechen? Junge, ich will dich nicht verlieren, hörst du.”
„Ich werde mich schon nicht überanstrengen, mach dir keine Gedanken, Vater. Ich weiß was ich tue. Du wirst mich schon nicht verlieren. Und jetzt raus hier, ich hab zu tun…”, sprach Damien eiskalt.
„Nein, ich bleibe jetzt hier und werde dich nicht weiterarbeiten lassen, klar!?”, bestimmte der Vater.
Dann nahm er Damiens Bücher mit sich aus dem Zimmer und schloss diese in einem Schrank, unten in der Diele, ein. Damien schrie seinen Vater an:
„Man, was hast du eigentlich für ein Problem, du Spast?! Das sind meine Bücher und du kannst sie mir nicht einfach so wegnehmen. Bitte, Vater, lass mir meine Bücher ….bitte!”, bettelte Damien nun.
Mr. Hemingway redete jetzt nicht mehr mit Damien, sondern tat seine Arbeit, bei der er auch von Damiens Mutter unterstützt wurde. Nachdem sie mit ihrer „Arbeit“ fertig waren, nahm der Vater den Schlüssel an sich, während Damien sich wutentbrannt in seinem Zimmer einschloss und den PC startete. Es herrschte Ruhe in Damiens Zimmer, denn Damien chattete und las sich nebenbei die politischen Seiten und etliches anderes durch. Er hatte jetzt zwar keine Bücher mehr, aber er hatte seinen PC und das Internet.
So konnte er in aller Ruhe weiter lernen und nebenbei chatten. Wie naiv und dämlich manche Erwachsene doch waren…
Als er damit fertig war, zog er sich um, und verließ sein Zimmer, über das Fenster. So wie er es immer tat, wenn er sich mal mit seinen Eltern gezofft hatte.
Leise schlich er um das Haus herum und sah in das Wohnzimmerfenster, wo er seine Eltern sitzen sah, die sich mit Reid zu unterhalten schienen.
//Ach, daher weht der Wind.//, dachte sich Damien und verließ das Grundstück, nachdem er sein Fahrrad aus der Garage geholt hatte.
Diesmal machte er aber nicht noch einmal den selben Fehler und fuhr deshalb auch nicht wieder zu dem Reiterhof. Das war ihm eine Lehre gewesen. Er hatte gelernt.
Stundenlang fuhr Damien mit seinem Fahrrad umher …rastlos …ohne Ziel…
Randir
Derweil hatten die Hemingways und Reid ihr Gespräch beendet und Mr. Hemingway ging noch einmal nach oben, zu Damiens Zimmer, er klopfte an, doch bekam er keine Antwort. Auch war das Zimmer von innen verschlossen. Da konnte doch etwas nicht stimmen.
Mr. Hemingway holte den Ersatzschlüssel und nach einigen Mühen hatte er es geschafft die Tür aufzuschließen. Als er jedoch das Zimmer betrat, fand er das Zimmer leer vor. Nur das offene Fenster verriet ihm, dass Damien wieder einmal geflohen war.
Aus dem Fenster sehend, konnte er Damien aber nirgends mehr entdecken. Er war weg.
So ging Mr. Hemingway wieder hinunter ins Wohnzimmer und sprach:
„Damien ist wieder geflohen, doch diesmal glaube ich nicht, dass er wieder zum Reiterhof gefahren ist. Dazu ist er zu schlau. Er hat aus dem letzten Mal sicher gelernt und jetzt ist er endgültig weg …nicht mal einen Brief hat er hinterlassen.”
Reid sprang sogleich auf und wollte Damien folgen, doch Mr. Hemingway hielt ihn zurück.
„Reid, bleib da. Das bringt nichts, du wirst ihn nicht finden. Denn er wird sich nirgends mehr aufhalten, wo wir ihn vermuten. Er ist einfach zu schlau.”
„Aber …ich liebe ihn doch, warum ist er davongelaufen?”, fragte Reid betrübt.
„Reid, ich kann dir nicht sagen, was mit Damien los ist. Ich weiß es einfach nicht. Er war ja immer schon sehr gefühlskalt …hat nie viel gelacht, aber so wie er sich neuerdings benimmt …das kenne ich von ihm nicht.”, versuchte Mr. Hemingway Reid ein wenig zu beruhigen. Reid ging irgendwann nach Hause, legte sich in sein Bett und schlief sogleich ein….
Damien hatte derweil seinen Kumpel Randir angerufen und ihn um einen Gefallen gebeten. Selbstverständlich gewährte Randir ihm diesen Wunsch und machte sich sogleich auf, um Damien zu treffen. Denn er wollte ihn nicht noch einmal enttäuschen.
Irgendwo, in einer kleinen Waldhütte, trafen sich die beiden und Randir hatte Damien seinen Laptop und ein paar Bücher mitgebracht. Auch etwas zu Essen und zu Trinken hatte er eingepackt.
„Man, danke Alter, du bist echt meine letzte Rettung. Was würde ich nur ohne dich tun. Du bist der beste Freund, den man sich wünschen kann. Danke.”, bedankte sich Damien bei Randir.
„Schon, okay, Alter, ich schulde dir eh noch was …schon wegen dem Date… Außerdem sind wir doch Freunde.”, erwiderte Randir lächelnd.
„Okay, du kannst ja wieder nach Hause gehen, wenn du willst, oder bleib hier, wie du magst. Aber bitte, wenn du gehst, sag niemandem wo ich bin.”, bat Damien.
„Weißt du was, Dam, ich bleib heut bei dir, wenn du nichts dagegen hast, dann können wir noch eine Runde reden, wenn du magst.”, entschied Randir.
„Hey, klasse Idee!”, freute sich Damien.
Beide tranken das Bier, das Randir mitgebracht hatte und quatschten lange miteinander. So erzählte Damien seinem Freund wie sein „erstes Mal” mit Reid abgelaufen war und was er dabei empfand.
„Man, du hast echt Mut. Ich bewundere dich, Dam.”
„Soll ich dir auch mal zeigen wie es ist…”, fragte Damien Randir und sah ihn lüstern an.
Damien war schon wieder heiß und er wollte jetzt seinen besten Freund klarmachen.
Randir schreckte zurück.
„Dam, was soll das? Ich …wir sind doch Freunde …Kumpels …und wir können doch nicht …außerdem bist du doch mit Reid zusammen …meinst du nicht, dass das unfair wäre?!”, wehrte Randir seinen Freund ab.
„Komm schon Randy ….nur einmal…”, bat Damien, rückte noch etwas näher an Randir heran und begann ihn zu küssen, während seine Hand Randirs Körper streichelte.
Randir wusste nicht wie ihm geschah und doch packte auch ihn die Lust und er wurde ziemlich erregt.
Damien war derweil längst nackt und auch Randirs Bekleidung war irgendwann Geschichte. Langsam wanderte Damien mit seiner Zunge an Randirs Körper entlang, erreichte dessen Männlichkeit und begann Randir zu verwöhnen, der nur noch laut aufstöhnte, als er sich nach einer Weile ergoss.
Anschließend verwöhnte auch Randir seinen Freund, der sich wieder einmal wie ein wildes Tier benahm und nicht genug bekam. Nachdem auch Damien den Gipfel der Lust erreicht hatte, war er noch immer nicht „satt”, denn seine Männlichkeit war noch immer sehr erregt. Deshalb erregte er auch Randir noch einmal, der sich ebenfalls nicht mehr unter Kontrolle hatte, dehnte dessen Eingang und bereitete ihn vor. Nachdem er seine Männlichkeit mit etwas Speichel befeuchtet hatte, drang er vorsichtig in Randir ein …diese Enge …diese Enge machte Damien noch wilder, als er ohnehin schon war und er brachte sich und Randir Stoß um Stoß zum Höhepunkt.
Anschließend lagen sich beide in den Armen und kuschelten noch sehr lange miteinander, bis sie engumschlungen einschliefen….
Reid war schweißgebadet erwacht, denn er hatte einen schrecklichen Traum. Er stand auf, ging in die Küche und nahm sich dort etwas zu trinken. Mit der Flasche Mineralwasser und einem Glas in der Hand, ging er ins Wohnzimmer, stellte die Flasche und das Glas auf den Tisch, setzte sich anschließend auf das Sofa und lehnte sich an. Als er die Augen schloss, sah er vor seinem geistigen Auge Damien und schreckte hoch.
Reid machte sich ernsthaft Sorgen um seinen Liebsten. Er wusste zwar, dass Damien einen Kumpel mit Namen Randir hatte, mit dem er ja eigentlich damals verabredet war, doch leider wusste Reid nicht wo Randir wohnte. Beinahe wollte er schon aufgeben, da fiel ihm ein, dass er ja noch Randirs Handynummer und auch die Festnetznummer von Zuhause hatte.
Also nahm er den Hörer zur Hand, drückte eine Taste und führte den Hörer zum Ohr.
Es läutete einmal, zweimal, dreimal …dann nahm jemand ab und eine weibliche Stimme meldete sich fragend:
„Ja bitte?!”
„Mrs. Grey, bitte entschuldigen sie die Störung, aber dürfte ich bitte mit Randir sprechen?”, fragte Reid höflich.
„Ja, sicher, aber wer sind sie denn, wenn ich fragen darf?”
„Verzeihen sie mir meine Unhöflichkeit. Mein Name ist Reid und ich bin ein Freund von Randir.”, erwiderte Reid freundlich.
„Moment bitte, ich hole ihnen Randir ans Telefon.”
„Vielen Dank.”
Eine Weile herrschte Ruhe am Telefon, dann, ein paar Minuten später, kam Mrs. Grey zurück und sprach:
”Es tut mir leid Reid, aber Randir ist nicht zu Hause. Ich verstehe das gar nicht. Er ist doch noch nie so lange weggeblieben…”
„Mr. Grey, wissen sie wo sich Randir derzeit aufhalten könnte?”, fragte Reid weiter.
Mrs. Grey überlegte eine Weile, dann erwiderte sie:
„Es tut mir leid, ich weiß es nicht. Obwohl …Moment mal …da fällt mir ein, dass wir noch eine kleine Waldhütte haben. Aber sagen sie mal: Warum wollen sie Randir so unbedingt sprechen? Hat er was angestellt?”
„Keine Sorge Mrs. Grey Randir hat nichts getan. Ich wollte ihn nur fragen, ob er vielleicht weiß, wo sich Damien aufhält. Denn Damien ist auch weg.”
„Ach, na dann, hängen die beiden sicher mal wieder zusammen. So wie immer. Die beiden sind von je her unzertrennlich.”
„Ja, das weiß ich. Aber sagen sie bitte: Wo halten sich die beiden denn normalerweise auf?”
„In der Waldhütte. Da bin ich mir ganz sicher.”, erklärte Mrs. Grey.
„Würden sie mir dann bitte den Weg dorthin zeigen?”
„Natürlich gern.”
„Ich komme sie gleich mit dem Auto abholen, okay.”
„Gerne. Ich gebe ihnen noch meine Adresse.”
Mrs. Grey gab Reid noch ihre Adresse, dann legten beide auf. Reid kleidete sich an und eilte aus dem Haus. Auch Mrs. Grey machte sich fertig und verließ ebenfalls das Haus. Draußen wartete sie auf Reid, der auch schon, mit quietschenden Bremsen vor dem Haus stoppte.
Mrs. Grey stieg in das Auto ein, Reid gab Gas und fuhr mit ihr davon, während Mrs. Grey ihm den Weg, zur Waldhütte, wies.
Nach einer Stunde erreichten die beiden die Waldhütte…
Randir erwachte, weil ihn ein Lichtstrahl, durch das Fenster, traf und ihn blendete. Schnell weckte er Damien, was nicht gerade einfach war, aber doch gelang.
„Dam, schnell wach auf, ich glaub es kommt jemand.”
Damien erwachte diesmal relativ schnell, packte seine Sachen zusammen und verschwand im Keller des Hauses. Den Keller kannten nur Damien und Randir, nicht einmal Randirs Eltern kannten den Keller. Diesen hatten Randir und Damien damals allein, mit viel Mühe, ausgebaut.
Kaum war Damien verschwunden öffnete sich auch schon die Tür der Hütte.
„Randir!”, rief Mrs. Grey.
„Mum!”, staunte Randir, als er seine Mutter in der Tür stehen sah.
Dann sah Randir auch schon einen großen blonden Typen neben seiner Mutter stehen ….das musste Reid sein!
Nun bereute Randir, dass er das Date mit Reid hatte platzen lassen und er beneidete Damien um diesen Kerl.
//Wow!//, dachte Randir noch, als Reid ihn fragte:
„Randir, wo ist Damien?”
Randirs Gesicht lief puterrot an und er log munter drauf los:
„Keine Ahnung, ich habe ihn nicht gesehen.”
„Du lügst doch!”, rief Reid, langsam sauer werdend.
„Mum, bitte hilf mir, ich weiß es wirklich nicht.”, bettelte Randir nun seine Mutter an und sah zu ihr.
Doch auch sie fragte ihn:
„Randy, sag bitte die Wahrheit. Wo ist Damien?”
Randir stand nur da, zuckte mit den Schultern und sagte nichts mehr. Er verriet seinen Kumpel nicht. Zumal er sich jetzt auch noch in ihn verliebt hatte, nachdem Damien ihn am Abend verführt hatte. Reid sah zwar auch zum Verlieben aus, aber Damien hatte etwas reizvolles an sich und Randir konnte Reid nur zu gut verstehen, warum der hinter seinem Kumpel her war, wie der Teufel hinter der Seele. Randir fand Damien einfach sehr viel betörender und wurde, allein bei dem Gedanken heiß …sehr heiß, und er ….schluckte….
Reid lief derweil in der Hütte herum und sprach dann:
„Damien war hier, richtig?! Randir, bitte sag mir wo Damien ist.”, bat Reid noch einmal, eindringlich.
Dann verplapperte sich Randir beinahe:
„Nein ich verrate dir nicht wo er ist, da kannst du warten bis du schwarz wirst. Basta!”
„Aha, Damien war also tatsächlich hier, warum sagst du mir dann nicht wo er sich jetzt aufhält …hm?”
„Weil, ….weil ….ich sein Kumpel bin und ihn nicht verraten werde.”, erwiderte Randir stur und schwieg wieder.
„Randy, mein Schatz,”, mischte sich nun auch seine Mutter ein: „sag doch bitte, wo Damien ist.”
„NEIN!”, stellte sich Randir weiterhin stur, denn noch einmal würde er sich nun nicht verplappern.
Reid grinste, denn er war etwas schlauer als Randir und Damien zusammen und hatte sich eine List erdacht.
„Na los, kommt, wir fahren nach Hause, das hat ja hier eh keinen Sinn.”, bot Reid, laut sprechend, an.
Mrs. Grey nickte zustimmend, denn auch sie hatte keine Ahnung, was Reid vor hatte. So verließen die Drei die Hütte, nachdem Randir alles zusammengepackt hatte. Randir verließ als letzter die Hütte und gab Damien ein Zeichen. Dann war er auch schon verschwunden.
Als Damien das Zeichen vernommen hatte kehrte er aus dem Keller in die Hütte zurück. Aber, weder Randir noch Damien rechneten mit Reids List.
Als nämlich Randir, seine Mutter und Reid zum Auto liefen, blieb Reid plötzlich stehen, drehte sich um und sprach:
„Ach, verdammt, jetzt habe ich doch glatt meine Autoschlüssel in der Hütte liegen lassen. Ich werde sie schnell holen gehen.”
„Ähm …das kann ich doch tun.”, bot Randir schnell an.
„Okay, ich glaub die liegen auf dem Tisch.”
Randir nickte und lief los. Doch bemerkte er nicht, dass er verfolgt wurde….
Damien
Nachdem Randir die Tür geöffnet hatte und Damien im Raum stehen sah, schlug sein Herz, vor Freude, schneller und er sah Damien verliebt an. Doch dann gab er ihm, mit seinen Augen ein Zeichen, wegen Reid. Allerdings war es da schon etwas zu spät, denn Reid tauchte direkt hinter Randir auf, schob ihn leicht beiseite und grinste:
„Hallo Dam, ich wusste doch, dass ich dich hier finden würde.”
Damien und Randir standen in dem Raum nebeneinander. Damien sah Randir böse an, während dieser seinen Blick zu Boden richtete und rot anlief.
„Na klasse, danke Randir, für deine Hilfe!”, maulte Damien und boxte seinem Freund wütend in die Seite.
„Aua!”, beschwerte sich Randir und hielt sich die linke Hand an die linke Seite.
„Damien!”, rief Reid und ging auf den Anderen zu.
Er packte ihn an den Schultern und sah ihm direkt in die Augen:
„Damien, dein Freund Randir kann nichts dafür. Ich habe ihn überlistet, das wusste er nicht! Hörst du?!”
„Mir doch egal, man. Lass mich einfach in Ruhe, ey.”, motzte Damien rum, verschränkte seine Arme und drehte sich von Reid weg.
Reid seinerseits, drehte Damien wieder zu sich und sah ihn an:
„Kannst du mir mal bitte sagen, was mit dir los ist?! Verdammt, ich liebe dich! Hast du das schon vergessen?!”
„Das ist mir aber so was von egal. Außerdem habe ich dich eh betrogen, indem ich mir Randir genommen habe!”, wurde Damien nun gemein und ziemlich aggressiv.
Reid sah Damien in die Augen und wusste, dass er nicht gelogen hatte. Am liebsten hätte Reid Damien jetzt eine gescheuert oder wäre in Tränen ausgebrochen. Doch er nahm sich zusammen, ließ Damien los, entfernte sich von ihm und sprach ruhig:
„Okay, dann wünsche ich euch beiden noch viel Glück. Ach, …ähm …Randir? Liebst du Damien? Liebst du ihn so, wie ich ihn liebe? Aber mir soll es egal sein. Macht was ihr wollt. Und Damien, du weißt aber schon, dass du dich auch weiterhin um Leviathan kümmern musst, da ich ihn ansonsten töten lassen werde.”, damit drehte sich Reid um und verließ die Waldhütte.
Draußen angekommen setzte er sich in sein Auto, ließ auch Mrs. Grey einsteigen und fuhr davon. Unterwegs erklärte er ihr, was vorgefallen war und sie verstand seine Vorgehensweise…
Damien und Randir standen noch immer mitten im Raum. Minutenlang sahen sich beide nur an, erröteten und sprachen vorerst kein Wort. Dann setzten sich beide gleichzeitig, und als hätten sie sich abgesprochen, gemeinsam auf das Bett und sahen sich weiterhin schweigend an. Schließlich brach Randir sein Schweigen. Er sprach ruhig und versuchte dabei so gelassen, wie möglich zu bleiben:
„Dam, ich glaube, so macht das alles keinen Sinn. Ja, ich habe mich seit gestern Abend in dich total verknallt, aber das ist jetzt auch egal. Ich komme damit schon klar. Dam, Reid liebt dich abgöttisch und er würde alles für dich tun, das konnte ich in seinen Augen sehen. Bitte, geh zu ihm und sag ihm, dass auch du ihn liebst …zeig es ihm. Was aus mir wird ist egal, ich finde auch jemand anderen.”
„Randy, du …du liebst mich? Das wusste ich ja gar nicht.”, damit nahm Damien seinen Freund in die Arme und drückte ihn liebevoll an sich.
„Bitte, verzeih mir, dass ich dich verführt habe. Das hätte ich nicht tun dürfen. Es tut mir leid.”, flüsterte Damien und streichelte Randir sanft über den Rücken.
Randir lehnte sich an Damiens Schulter an, schloss die Augen und genoss dessen Zärtlichkeiten. Lange saßen beide noch so da, dann sahen sich beide an und lächelten verlegen.
„Weißt du was, Randy!? Wir beide bleiben immer Freunde und ich schwöre dir, dass ich immer für dich da sein werde, egal was auch passiert.”, schwor Damien und Randir tat es ihm gleich.
Es war schon früh am Morgen, als sich Randir von Damien verabschiedete.
„Und denk an Reid, sprich dich bitte mit ihm aus, ja. Oder denk zumindest mal drüber nach, okay.”, bat Randir und zwinkerte Damien zu.
„Klar, mach ich, ich denk drüber nach, versprochen.”, willigte Damien ein.
„Ach, ja und denk bitte auch an dein Pferd, Dam. Reid wird es sonst töten. Bitte, kümmere dich um Leviathan.”, das war das letzte was Randir noch zu Damien sagte, dann verschwand er durch die Tür, nahm sich sein Fahrrad und fuhr nach Hause.
Randir war schon fast Zuhause, als er Reid begegnete, vom Fahrrad abstieg und sich Reid in den Weg stellte.
„Hallo Randir, konntet ihr euch endlich voneinander lösen?”, wurde Reid ironisch und warf Randir böse Blicke zu.
„Du brauchst mich nicht so böse anzusehen und deine Ironie kannst du dir auch schenken, Reid. Ja, ich habe mich in Damien, verliebt, aber ich liebe ihn sicher nicht so sehr wie du und ich habe mit ihm gesprochen und ihm meine Meinung gesagt. Er hat versprochen darüber nachzudenken. Denn auch wenn ich ihn liebe, so weiß ich doch, dass er dich liebt. Aber aus mir unerfindlichen Gründen kann er es dir leider nicht zeigen. Vertragt euch doch wieder, ich würde mich sehr freuen. Ciao Reid.”, Randir verabschiedete sich und ging weiter seines Weges.
Reid stand auf der Straße, wie angewurzelt. Randir hatte absolut recht, auch wenn es ihn immer noch ärgerte, dass Damien ihn betrogen hatte. Solche Worte hatte er von Randir nicht erwartet.
Jedoch wollte Reid jetzt nicht wieder zu Damien zurückfahren. Er wollte ihm einfach etwas Zeit lassen. Natürlich hatte Reid es nicht so gemeint, als er drohte, Damiens Pferd töten zu lassen. Im Gegenteil, er würde sich weiter um Leviathan kümmern, auch wenn er hoffte, dass Damien etwas Verantwortungsbewusstsein hätte.
Derweil überlegte Damien hin und her. Er konnte sich einfach nicht entscheiden. Nur eines wusste er genau, dass er sich schnellstens um Leviathan kümmern musste. Also packte er alles zusammen, verließ die Hütte, schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr, auf dem schnellsten Wege, zum Reiterhof.
Dort angekommen lehnte er sein Fahrrad an den Stall und ging in den Stall hinein. Er lenkte seine Schritte sogleich zur Box von Leviathan. Das Tier schien sich echt zu freuen, seinen Freund zu sehen. Damien gab dem Pferd ein paar Stückchen Würfelzucker, führte es aus der Box und brachte ihn auf die Koppel.
Anschließend säuberte er die Box, brachte frisches Stroh und Heu hinein, auch frisches Futter und Wasser fehlten nicht. Damien war mit seiner Arbeit fertig und ging wieder zu seinem Pferd, führte es aus der Koppel heraus, sattelte es und ritt mit ihm aus. Auf einem schönen Fleckchen Wiese, stieg er ab und setzte sich auf den Rasen.
Er streichelte das Pferd am Kopf und sprach zu ihm:
„Ach Levi, ich bin völlig verwirrt. Randir gesteht mir seine Liebe, aber auch Reid scheint mich sehr zu lieben. Was soll ich bloß tun? Sicher, ich müsste auf mein Herz hören und was es mir sagt. Aber weißt du, Randir ist schon seit je her mein bester Freund …mein Kumpel …von klein auf. Nun habe ich ihn gestern Abend verführt und es Reid, in Wut, auch noch gesagt und ihm damit wahrscheinlich sehr weh getan. Es tut mir so leid.
Was habe ich den beiden nur angetan? Reid habe ich schwer enttäuscht und meinen Randy habe ich unglücklich gemacht. Weißt du was, Levi, ich glaube es ist besser, wenn ich für immer diese Welt verlasse. Dann kann ich wenigstens niemandem mehr wehtun oder derart verletzen. Ach Levi, es tut mir so schrecklich leid für die Beiden. Könnte ich doch alles wieder rückgängig machen. Ich würde es sofort tun, bitte glaub mir….”, weiter kam Damien nicht, denn er wurde, von einer ihm bekannten Stimme, unterbrochen.
„Du brauchst nichts rückgängig zu machen, mein Schatz. Ich liebe dich und verzeihe dir deinen Fehltritt.”, sprach Reid und setzte sich neben Damien auf den Rasen.
Damien brach bei Reids Worten in Tränen aus und legte sich bäuchlings auf den Rasen.
Währenddessen streichelte Reid ihn:
„Schon gut, Kleiner. Wein’ dich ruhig aus, aber ich bitte dich, dass du dir nichts antust. Ich liebe dich und ich will dich nicht verlieren. Hörst du?!”
Damien schluchzte und konnte sich nicht beruhigen. Sanft nahm Reid Damien in die Arme und wiegte ihn, wie man es mit einem kleinen Kind tun würde. Minutenlang saßen sie so da und Reid versuchte Damien zu beruhigen:
„Schhh …ist ja gut. Ich verzeihe dir doch und ich liebe dich. Du bist mein Leben …mein ein und alles.”
Endlich hatte sich Damien beruhigt und schmiegte sich nun an Reid an, der ihn weiter streichelte. Dann sah er ihn an und Reid lächelte ihm zu.
„Na, Kleiner, alles wieder okay, mit dir …hm?”
Damien nickte und schloss verschämt die Augen.
„Sieh mich doch bitte an, mein Schöner.”, bat Reid und strich sanft über Damiens Gesicht.
Daraufhin öffnete Damien die Augen und sah Reid, mit seinen wunderschönen braunen Augen an.
Reid konnte nicht anders und küsste seinen Liebsten innig.
Nach einer Weile standen beide auf, Damien nahm Leviathan an den Zügeln, auch Reid nahm sein Pferd an den Zügeln und beide liefen zurück zum Hof. Anschließend stellten beide ihre Pferde wieder in die Box, dann überlegten sie, was sie heute tun konnten.
Reid fragte Damien schließlich:
„Was hältst du davon, wenn wir heute auf dem Hof bleiben und erst morgen zurückfahren?”
„Okay, so machen wir das.”, willigte Damien ein und freute sich, dass alles gut ausgegangen war.
Und er war jetzt schon ganz heiß auf Reid. Beide fuhren jedoch vorerst schnell was einkaufen….
Nachdem beide wieder auf dem Hof angekommen waren und das Haus betreten hatten, packten sie alles aus und Reid machte sich daran ein richtig leckeres Essen zuzubereiten.
Währenddessen versuchte Damien an der PlayStation zu zocken, an der er sich allerdings nicht wirklich auskannte. Denn so was hatte er noch nie gespielt und einen Controller hatte er auch noch nie in den Händen gehabt. Doch er war sehr geduldig und begriff das Spiel, Legacy of Kain – Blood Omen 2, irgendwann.
Das erste Mal, dass er nicht an seine Bücher und ans Lernen dachte. Ab und zu sah Reid nach Damien und musste schmunzeln. Da saß sein Liebster und spielte. Das war wahrscheinlich etwas, was ihm all die Zeit gefehlt hatte, das er jedoch nie tun konnte, da er immer nur mit dem Lernen beschäftigt war. Er schien richtig in dem Spiel aufzugehen. Reid hatte das Gefühl, dass Damien ein neues Hobby gefunden hatte.
Das Essen war fertig und Reid rief Damien zu sich in die Küche, wo er das Essen auftrug und beide es verzehrten. Von Damiens anfänglichem Widerstand war nichts mehr zu spüren. Er schien sich mit seiner Homosexualität und der Liebe zu Reid abgefunden …ja angefreundet zu haben.
Auch begann Damien viel öfter zu lächeln oder zumindest ein freundliches Gesicht zu machen. Aber auch seine Augen strahlten nun sehr viel Wärme aus und die Kälte schien sein Herz weitgehend verlassen zu haben.
Beide hatten zuende gespeist und spülten noch schnell das Geschirr ab. Anschließend begaben sich beide ins Wohnzimmer, wo Reid ein anderes Game in die PlayStation einlegte und beide zu zockten begannen. Bis tief in die Nacht hinein amüsierten sich die beiden, mit dem Game. Irgendwann, mitten in der Nacht, beendeten sie das Spiel und gingen zu Bett.
Das heißt, sie machten sich langsam bettfein, um dann im Schlafzimmer zu landen, und dort ihr Liebesspiel zu beginnen. In dieser Nacht verführten und liebten sich beide voller Zärtlichkeit und Hingabe und bekamen einfach nicht genug voneinander.
Irgendwann schliefen beide ein und jeder von ihnen träumte seinen ganz eigenen Traum….
Zwillinge
Die Zeit verging wie im Flug und Damien hatte sich tatsächlich geoutet und sich zu seiner Liebe, die er für Reid empfand, bekannt. Aber er vergaß trotz allem das Lernen nicht und hatte schon bald sein Abitur in der Tasche.
Wie nicht anders zu erwarten, hatte Damien sein Abitur mit sehr gut und etlichen Auszeichnungen bestanden. Nach den Sommerferien schrieb er sich an der Universität ein und begann nun Jura zu studieren.
Reid half ihm wo er nur konnte, denn das Studium war nicht grad einfach und Damien hatte, trotz seiner sehr hohen Intelligenz, schon arg zu kämpfen. Das ging teilweise sogar soweit, dass er manchmal alles hinwerfen wollte und sogar ab und zu ausrastete. Nur Reid war dann noch in der Lage ihn zu beruhigen.
„Jetzt beruhige dich, du schaffst das schon. Ich helfe dir doch.”, versuchte Reid ihn zu beruhigen.
„Ach Mist, ich schaff das eh nicht, also kann ich es auch gleich lassen!”, brüllte Damien mal wieder herum.
„Damien, jetzt hör mir mal zu, du kleiner Sturkopf! Du wirst das Studium fortsetzen und du wirst nicht aufgeben! Ist das klar!? Du hast es dir ausgesucht und du wirst es auch zu Ende bringen.”, bestimmte Reid und sah Damien fest in die Augen.
„Man ey, ich hab aber keinen Bock auf diesen Scheiß! Ich kapier das einfach nicht ….diese schrecklichen Gesetzestexte, das kann sich doch keiner merken!“
„Ach nein, das kann sich keiner merken…?! Ich kenne da jemanden der sich schon sehr zeitig mit solchen Texten beschäftigt hat und sich alles mögliche merken konnte.”, erwiderte Reid grinsend.
Damien antwortete nicht mehr, sondern saß schmollend auf seinem Stuhl, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf gesenkt und schwieg. Natürlich wusste er, dass Reid recht hatte und er es schaffen konnte, wenn er nur wollte und nicht gleich von vorn herein aufgab.
Reid merkte, dass Damien viel zu angespannt war um jetzt noch weiter zu lernen. Deshalb nahm Reid seinen Liebsten in die Arme und drückte ihn liebevoll an sich.
„Schon gut, Kleiner, lass es erst mal gut sein. Das bringt doch jetzt nichts. Magst du vielleicht etwas unternehmen …hm?”, fragte Reid flüsternd.
Damien nickte und lehnte sich an Reid an. Reid strich sacht über Damiens Rücken und beide saßen eine ganze Weile so da.
Irgendwann standen beide auf, und verließen das Haus von Reid. Reid holte sein Auto aus der Garage und beide fuhren zum Hof. Damien hatte ohnehin schon Sehnsucht nach Leviathan, den er jetzt schon, seit langem, nicht gesehen hatte. Auf dem Hof angekommen, verließ Damien schnellstens das Auto und rannte zum Stall und zur Box von Leviathan.
Das Pferd freute sich sehr, als es Damien wieder sah. Damien holte etwas Würfelzucker aus seiner Tasche und fütterte das Tier damit.
Dann öffnete er den Stall und führte Leviathan hinaus.
Draußen sattelte er Leviathan, stieg auf und wartete auf Reid, der auch bald soweit war.
Beide ritten eine sehr lange Strecke und stoppten erst, als ihnen schon der Hintern, vom langem Sitzen, weh tat. Nachdem beide von ihren Pferden abgestiegen waren, legten sie sich in den Rasen und sahen in den Himmel, während die Pferde das Gras rings herum fraßen.
Natürlich konnten sie die Finger nicht voneinander lassen und verführten sich gegenseitig….
Randir hatte inzwischen seine Lehre beendet und auch seine Gesellenprüfung bestanden. Er wurde, wegen seiner guten Arbeit, von dem Ausbildungsbetrieb übernommen und hatte jetzt ein geregeltes Einkommen. In seiner Freizeit war er noch immer im Internet unterwegs und hatte so einige Kontakte. Unter anderen gab es da auch jemanden der auf den Nickname Izumi hörte.
Dass derjenige Männlich war, hatte Randir bereits herausbekommen. Beide standen kurz vor ihrem ersten Treffen und Randir dachte immer noch an Damien. Damien war noch immer seine große Liebe, doch konnte er ihn leider nicht mehr bekommen, denn seit dem „Ausrutscher” damals war nie wieder etwas zwischen den beiden passiert. Sie trafen sich zwar ab und zu, doch war nie wieder das Wort Liebe zwischen ihnen gefallen.
Randir und „Izumi” vereinbarten ein Treffen und Randir war jetzt doch schon ziemlich aufgeregt. Am liebsten hätte er Damien wieder gefragt, ob er ihn vielleicht begleiten würde, aber das getraute er sich nun nicht mehr, da Damien vergeben und sehr glücklich war. Zudem wollte er sich nun nicht schon wieder ein Date durch die Lappen gehen lassen, da ja scheinbar jeder auf Damien abfuhr. Ja, klar, Damien hatte etwas an sich, das selbst Randir in den Bann gezogen hatte. Aber das war ja nun Geschichte…
Der Tag des Treffens war gekommen und Randir brauchte jetzt unbedingt jemanden, mit dem er wenigstens reden konnte. So suchte er Damien auf und hoffte, dass er ihm zuhören würde und ihm einen Rat geben konnte.
* ~ *
Damien wohnte, seit seinem 18. Lebensjahr, bei Reid. Natürlich wusste Randir das und er bereute immer noch, dass er Damien damals zu dem Date mit Reid, ohne dort aufzutauchen, geschickt hatte. Ansonsten wäre er vielleicht heute an Damiens Stelle …oder doch an Reids Stelle…? Am liebsten hätte er beide gehabt, was natürlich unmöglich war.
* ~ *
Randir machte sich also auf den Weg zu Damien und Reid. Er betätigte die Türklingel …einmal, zweimal, dreimal, doch niemand öffnete. Die beiden schienen nicht Zuhause zu sein. So musste Randir wieder nach Hause gehen und sein Date ohne irgendwelche Ratschläge, seitens seines Kumpels, hinter sich bringen.
Der Abend kam näher und Randir musste sich nun langsam fertig machen, da er das Date sonst verpassen würde.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen machte sich Randir fertig und verließ dann das Haus.
Er lief und lief und je näher er dem Treffpunkt kam umso nervöser wurde er. Da stand schon jemand …ob es sein Date war …konnte er, in der Dunkelheit, nicht richtig erkennen.
Schließlich stand er vor dieser Person, die sich als „Izumi” oder auch Fabian vorstellte.
„Schön dich kennen zu lernen, Fabian, ich bin Randir.”, sprach Randir, nachdem sich beide begrüßt hatten.
Da stand Randir nun vor seinem Date und verliebte sich sofort in Fabian. Denn er glich seinem Kumpel Damien bis ins kleinste Detail. Er hatte ebenfalls lange schwarze Haare, braune Augen und die Gesichtszüge …nein, das konnte doch nicht wahr sein…!!!
Zuerst getraute sich Randir nicht, Fabian auf sein Aussehen anzusprechen. Doch als sie schließlich in einem Restaurant saßen, und zu essen begannen, fasste sich Randir ein Herz und fragte Fabian:
„Sag mal, Fabian, darf ich dich mal etwas fragen?”
„Natürlich gern.”, erwiderte Fabian, lächelnd.
„Hast du einen Bruder …vielleicht sogar einen Zwillingsbruder?”
„Weshalb fragst du das?”
„Nun ja, weißt du, ich habe einen Kumpel, mit dem ich schon seit unserer Kindheit befreundet bin, der sieht haargenau so aus wie du. Ihr habt dieselben langen schwarzen Haare, dieselben braunen Augen und …ich fasse es nicht …ihr habt sogar dieselbe Stimme.”, erklärte Randir leicht errötend.
„Na ja, ich muss zugeben, dass ich nichts von einem Bruder oder gar Zwillingsbruder weiß. Was ich allerdings weiß ist, dass ich von meinen Eltern adoptiert worden bin. Es könnte also durchaus sein, dass dein Freund mein Bruder ist, was ich aber für ausgeschlossen halte.”, entgegnete Fabian.
„Wenn ich dich einladen würde mit mir zu kommen und dir meinen Freund nur einmal anzusehen, würdest du das tun? Ich denke, du würdest mir dann glauben.”
„Wenn wir hier fertig sind komme ich gern mit dir, Randir. Warum auch nicht.”, willigte Fabian ein.
Randir lächelte Fabian an und Fabian grinste einfach nur zurück.
Nachdem beide mit ihrem Essen fertig waren und sich noch etwas unterhalten und auch noch etwas getrunken hatten, bezahlte Fabian und beide verließen das Restaurant.
Gemeinsam liefen sie zum Haus von Reid,
Randir betätigte die Türklingel….
Damien und Reid waren irgendwann zum Hof zurückgeritten, hatten die Pferde versorgt und waren wieder nach Hause gefahren. Sie wollten es sich gerade gemütlich machen, Reid hatte etwas zu Essen zubereitet und es auf den Tisch gestellt, als es plötzlich an der Tür läutete.
„Ich geh schon und öffne die Tür.”, sprach Damien und lief aus dem Zimmer, auf den Flur.
Als er jedoch die Tür öffnete blieb er, wie erstarrt, stehen…
Erst als Reid ebenfalls an die Tür kam und das genaue Abbild von Damien vor der Tür stehen sah, brach Damien ohnmächtig zusammen.
„Damien!”, rief Reid und hob seinen Liebsten vom Boden auf.
Er brachte ihn ins Wohnzimmer und lud auch Randir und dessen Begleitung zu sich ein. Das musste schließlich geklärt werden und es würde ziemlich schwer für Damien werden. Da Damien sich ohnehin gegen beinahe alles sperrte.
Randir zog sein Handy aus der Tasche, während sich Reid um Damien kümmerte. Er wählte die Nummer von Mrs. Hemingway. Sie meldete sich und er bat sie, doch bitte zu Reid zu kommen. Es gäbe etwas, was sie sehen müsste. Mrs. Hemingway stimmte zu und machte sich sogleich auf den Weg.
Fabian konnte es im ersten Moment auch nicht glauben. Das lag das genaue Ebenbild von ihm selbst genau vor sich auf dem Sofa. Es musste sich doch um eine Sinnestäuschung handeln …oder nicht? Nun warteten alle erst mal ab, was Damiens Mutter dazu sagen würde.
Damien war zwischenzeitlich wieder erwacht und seine Mutter war jetzt auch hier. Als sie jedoch die beiden jungen Männer, die sich bis aufs Haar glichen, auf den Sofa sitzen sah …konnte sie es nicht glauben.
Sie wusste vorerst nicht, wer von den beiden Damien und wer Fabian war. Leichenblass stand sie mitten im Zimmer und starrte die beiden an.
Ja, sie kannte Fabian sehr gut, denn es war ebenfalls ihr Sohn. Damien und Fabian waren Zwillingsbrüder!
Doch sie hatte es Damien all die Jahre verschwiegen. Mrs. Hemingway hatte Fabian gleich nach der Geburt weggeben, da sie fürchtete mit zwei Kindern nicht gut umgehen zu können.
Damiens Mutter erzählte allen die Geschichte und Damien war kurz vorm Ausrasten.
„Mum!? Wie konntest du so was tun? Ich verabscheue dich! Du hast mir meinen Bruder vorenthalten! Man, verschwinde bloß und lass dich hier nie wieder blicken!”, wütete Damien und hatte sich nur noch sehr schwer unter Kontrolle.
Reid war mal wieder der einzige, der Damien einigermaßen beruhigen konnte.
Fabian saß still da und hatte sich alles angehört. Ihn störte es wenig, dass er woanders aufgewachsen war, aber er freute sich, dass er nun einen Bruder hatte.
Damien war derweil nach oben ins Schlafzimmer gerannt und hatte sich dort eingeschlossen.
Randir war als erstes seinem Kumpel gefolgt und bat ihn die Tür zu öffnen. Aber Damien verneinte standhaft.
Reid nahm den Ersatzschlüssel vom Haken und schloss die Tür auf, nachdem auch er und Fabian ebenfalls zum Schlafzimmer gegangen waren.
Die drei betraten das Zimmer und Damien wütete:
„Man verpisst euch! Ich will keinen von euch Knallköpfen sehen!“
„Dam? Ist es denn so schlimm, dass du jetzt einen Bruder hast?”, wollte Fabian wissen und ging langsam auf Damien zu.
Reid und Randir blieben vorerst etwas abseits stehen.
„Nichts ist schlimm daran einen Bruder zu haben, aber ich hasse meine Mutter, dass sie es mir nie sagte… Auch mein Vater muss es ja gewusst haben. Man ey, verdammte Scheiße!”, wütete Damien.
„Schon gut, kleiner Bruder.”, sprach Fabian ruhig und nahm Damien sacht in die Arme….
Damien lehnte sich an seinen „älteren” Bruder an und beide lagen sich lange Zeit in den Armen.
Sie hatten so vieles nachzuholen…
Alle vier setzten sich ins Wohnzimmer, redeten lange miteinander und tranken etwas. Dabei stellte sich heraus, dass eben auch Fabian Männer liebte und sich in Randir verliebt hatte.
Randirs Gesicht glühte in dem leuchtensten Rot, das man sicher bis ans Ende der Welt noch gut sehen konnte, bei diesem Geständnis. Aber Fabian grinste nur, bei Randirs Anblick.
Fabian war etwas gewitzter, sehr viel lockerer und aufgeschlossener als Damien, dem es anfangs ja sehr schwer fiel sich zu outen….
Damiens Examen
Damien, Reid, Fabian und Randir trafen sich regelmäßig. Doch Damien und auch Reid hatten in letzter Zeit kaum noch an den Treffen teilnehmen können. Der Grund war, dass Damien ganz kurz vorm Examen stand und seine Zulassung als Staatsanwalt ebenfalls bevor stand.
Langsam wurde es für Damien richtig ernst und er hatte in den letzten Wochen wirklich alles in sich hinein gepaukt, was er konnte.
Das Examen sollte in zwei Tagen stattfinden und seine Zulassung sollte er dann in vier Tagen bekommen. Damien war wirklich übernervös. Er konnte kaum noch schlafen und er war jetzt schon sehr gereizt. Nur Reid schaffte es jetzt noch Damien ein wenig zu beruhigen und ab und an abzulenken.
Dabei brauchte sich gerade Damien keinerlei Gedanken zu machen, denn er hatte wirklich gut gelernt und konnte alles im Schlaf.
So machte Reid Damien einen Vorschlag:
„Dam, wie sieht’s aus, magst du mit mir ein wenig wegfahren? Ich mein, ein wenig Erholung kannst du schon brauchen, meinst du nicht auch?”
Damien nickte und willigte ein:
„Okay, du hast ja recht. Ein wenig Ablenkung tut mir sicher gut.”
Reid umarmte Damien, beide packten ihre Sachen zusammen und machten sich auf den Weg. Unterwegs holten sie noch Randir und Fabian, die nun endlich auch zusammen waren, ab. Gemeinsam fuhren sie mit dem Jeep von Reid zu einer schönen grünen Oase. Dieser Ort lag weit außerhalb der Stadt. Für dieses Wochenende checkten sich die Vier in einem wunderbaren Wellness – Hotel ein….
Wie nicht anders zu erwarten ging das Wochenende viel zu schnell vorbei, aber alle hatten gemeinsam sehr viel Spaß gehabt und sich prima erholt. Auch Damien hatte sich endlich mal ein wenig entspannen können.
Sonntag früh, nach dem Frühstück, ging es sogleich in Richtung Heimat. Der Abschied fiel allen sehr schwer, doch es musste ja sein, denn Damien hatte am nächsten Tag sein Examen zum Staatsanwalt. Dafür würde er viel Kraft brauchen.
Der Abend ging vorüber, Reid und Damien gingen zu Bett und Reid konnte es sich natürlich nicht verkneifen Damien zu verführen, was sich Damien nur zu gern gefallen ließ. Denn von Reid bekam er einfach nicht genug …am Liebsten hätte er es gehabt, wenn sie beide sich die ganze Nacht hindurch geliebt hätten.
Aber Damien musste am Montag sehr früh aufstehen und zu der Institution gehen, um sein Staatsexamen abzulegen. Damien war schon sehr aufgeregt, aber dank Reid gab Damien nicht auf.
Montag früh, nachdem Damien erwacht war, stand neben seinem Bett schon ein Tablett mit seinem Frühstück, dass ihm Reid hingestellt hatte. Damien freute sich riesig und als Reid sich dann auch noch zu ihm gesellte, war sein Tag perfekt.
„Guten Morgen, mein Schatz.”, begrüßte Reid Damien und küsste ihn zärtlich.
„Guten Morgen, Liebster.”, grüßte Damien zurück und erwiderte nur allzu gern diesen zärtlichen Kuss.
Anschließend frühstückten sie gemeinsam, doch schwiegen sie vorerst. Damien dachte an sein Examen und wäre am liebsten doch nicht hingegangen. Reid wusste das und legte seine Hand auf die von Damien. Liebevoll sah er seinen Liebsten an und sprach:
„Dam, ich weiß, dass du sehr aufgeregt bist und am liebsten nicht hingehen würdest. Aber ich würde sagen, du gehst hin und versuchst es wenigstens. Ich weiß, dass du es kannst und ich weiß auch, dass du es schaffst.”
Damien sah Reid an und nickte:
„Ich weiß, dass ich es schaffe. Aber ich bin total aufgeregt, weißt du.”, erklärte Damien und lächelte verlegen.
„Schon gut, Kleiner, ich kann dich gut verstehen.”, mit diesen Worten nahm Reid Damien in die Arme und drückte ihn sanft an sich.
Eine Stunde später stand Damien auf, ging ins Bad, duschte ausgiebig und kehrte dann ins Schlafzimmer zurück. Er betrat seinen begehbaren Kleiderschrank und zog sich an. Bekleidet mit einem weißen Hemd, schwarzer Krawatte, einer schwarzen Hose, schwarzen Schuhen und einem schwarzen Jackett verließ er das Schlafzimmer.
Reid hatte sich ebenfalls angezogen und auf Damien, in der Eingangshalle gewartet. Als er Damien in dem Anzug sah, begannen seine Augen zu strahlen.
„Dam, du siehst echt super aus.”, lobte Reid seinen Liebsten.
Dann verließen beide das Haus und Reid fuhr Damien zu der Behörde, wo das Examen stattfinden sollte. Damien küsste seinen Liebsten noch einmal, dann stieg er aus und betrat das Gebäude …heute würde sich entscheiden, ob er demnächst als Staatsanwalt arbeiten konnte …oder …nicht…
Mit einem mulmigen Gefühl meldete sich Damien bei der Anmeldung an und wurde aufgefordert zunächst im Warteraum Platz zu nehmen. Nur fünf Minuten später wurde er in einen Raum geholt, dort saßen schon ein paar andere Leute, die scheinbar ebenfalls ein Examen schrieben.
Nachdem Damien sein Aufgabenpäckchen erhalten hatte, wurde ihm ein Platz zugewiesen. Er setzte sich, dann öffnete er das „Päckchen” und las sich zuerst nur die Fragen durch. Grinsend machte er sich dann an die Beantwortung, der Fragen …für Damien …ein Kinderspiel…
Reid war wieder nach Hause gefahren und jetzt wurde auch er ein wenig nervös …auch wenn es „nur” Damiens Examen war. In seinen Gedanken wünschte Reid Damien alles Glück, das er brauchen konnte.
Nur vier Stunden später hatte Damien den schriftlichen Teil des Examens geschafft und konnte den Raum verlassen. Um den mündlichen Teil beginnen zu können, musste er auf das Ergebnis des schriftlichen Teils warten.
Er hatte genau eine Stunde Zeit sich zu erholen und eventuell etwas zu essen. Er ging deshalb in die Kantine, um dort etwas zu essen und zu trinken zu sich zu nehmen. Anschließend schnappte er draußen noch etwas frische Luft, dann betrat er das Gebäude wieder und setzte sich in den Wartesaal.
Etwa drei Minuten später wurde Damien aufgerufen:
„Mr. Hemingway, bitte!”, ertönte es und Damien stand sogleich auf und lief in die Richtung, aus der er die Stimme vernommen hatte.
Damien betrat, wider besseren Wissens, mit einem mulmigen Gefühl den Raum und sah dort drei Herren sitzen, einer von ihnen erhob seine Stimme und sprach:
„Guten Tag, Mr. Hemingway. Bitte, setzen sie sich.”
Damien tat wie ihm geheißen und setzte sich auf den Stuhl, der mitten im Raum stand und er war jetzt sehr, sehr nervös. Doch er hatte keine Zeit drüber nachzudenken, denn schon sprach der Prüfer weiter:
„Mr. Hemingway, sie haben die schriftliche Prüfung mit einem sehr gut bestanden …null Fehler und das ist wirklich mehr als selten. Wir gratulieren ihnen, herzlich. Wären sie dann jetzt bereit die mündliche Prüfung ebenfalls abzulegen?”
Mit einem Nicken, willigte Damien ein:
„Ja, sehr gern.” und freute sich schon, dass er den schriftlichen Teil so gut bestanden hatte, denn damit hatte er nicht gerechnet.
Die Examinatoren sahen Damien prüfend in die Augen und Damien sah, mit eiskaltem Blick, einfach nur zurück.
In einer zweistündigen Befragung, wurde Damien auf sein Wissen hin geprüft und wieder ließ er sich nichts anmerken …keine Gefühle …keine Aufregung …nichts …nur reine Konzentration und er beantwortete alle Fragen korrekt und fließend.
So etwas hatten selbst die Prüfer noch nicht erlebt …keinen einzigen Fehler …nicht mal einen Versprecher, oder dergleichen. Damien bestand das Examen mit sehr gut und Auszeichnung!
Als er später das Gebäude verließ war er frischgebackener Staatsanwalt und lief, stolz wie ein Spanier, durch die Straßen, nach Hause.
Er kaufte eine Flasche Champagner und ging nach Hause. Dort angekommen, schloss er die Türe auf und ging mit hängendem Kopf ins Wohnzimmer. Dort fand er Randir, Reid und auch Fabian vor, die ihn allesamt mit großen Augen ansahen.
„Was ist denn?”, fragte er, als er sie alle da sitzen sah, denn die Flasche hatte er im Flur abgestellt, damit es nicht gleich auffiel.
„Na, hast du bestanden …oder …?”, fragte Fabian erwartungsvoll und auch Reid und Randir hassten es, warten zu müssen und sie alle hassten erst recht solche Spielchen, wie sie Damien gern spielte.
Damien antwortete …Traurigkeit vorspielend:
„Nein, ich habs nicht bestanden… Verdammt!”, und doch musste er im Inneren lachen.
„Was echt?!”, rief Fabian, denn er kannte seinen Bruder noch nicht gut genug, um zu wissen, dass dieser nur gutes Theater spielte.
Reid hatte es jedoch längst erkannt …er wusste, dass Damien sie alle hier nur auf den Arm nahm.
Reid sprach dann:
„Komm schon, Dam, ich weiß, dass du nur spielst… Spann uns nicht auf die Folter.” und stand auf, um auf Damien zuzugehen.
„Menno, du bist richtig gemein …hättest ruhig mal mitspielen können…”, maulte Damien, doch dann begann sein Gesicht zu strahlen, seine Augen glänzten, dann ging er hinaus auf den Flur, holte den Champagner, öffnete die Flasche und ließ den „Korken” knallen.
„Yeah, Bestanden!”, rief Damien stolz und holte nun seine Mappe raus, wo die Urkunde und auch sein „Zeugnis” drin waren.
Reid, Fabian und auch Randir waren überstolz auf Damien. Reid hatte ohnehin gewusst, dass Damien es schaffen würde …er hatte einfach an ihn geglaubt. Vor Damien stehend, nahm Reid seinen Liebsten in die Arme und küsste ihn zärtlich…
Epilog
Hier berichte ich nun noch was aus den Figuren in meiner Geschichte geworden ist. Es soll nicht sehr viel werden eben nur soviel, damit ihr wisst, ob es denn nun für alle ein Happy End gab oder nicht…
Damien wurde, nach seinem Examen, ein sehr guter Staatsanwalt. Und sehr bald brachte er es zum Richter. Er widmete sich auch weiterhin mehr dem Lernen von allem Möglichen, als dem Spaß am Leben oder anderen Sachen.
Das soll jetzt nicht heißen, dass er niemals Spaß hatte, aber er hatte eben ja auch viele andere Sachen im Kopf, was ja, bei seinem Beruf nicht gerade ungewöhnlich war.
Damien und Reid blieben für immer zusammen und wohnten natürlich auch zusammen. Sie liebten sich von Herzen…
Randir und Fabian blieben zwar für eine Zeitlang zusammen, doch waren sie zu unterschiedlich, als dass sie es für immer miteinander ausgehalten hätten.
Irgendwann trennten sich die beiden.
Sie suchten und fanden schon bald, jeder für sich, einen anderen Partner, mit denen sie besser klar kamen.
Die Vier blieben jedoch auf ewig Freunde, so dass sie sich ab und zu trafen, wenn es denn ihre Zeit erlaubte.
Vor allem Damien hatte kaum Zeit, um sich mit seinen Freunden zu treffen.
Reid konnte zufrieden sein, wenn er Damien wenigstens ab und an zu Gesicht bekam und das war ohnehin schon selten genug…
Nur einmal hatte sich Damien ein halbes Jahr lang „frei” genommen… bzw. „frei“ nehmen müssen…
Leviathan, war der Grund dafür.
Denn Leviathan, das Pferd von Damien, erkrankte irgendwann sehr schwer und konnte nicht gerettet werden. Er starb im Beisein, seines besten Freundes …Damien.
Damien war, bei dem Verlust von Leviathan beinahe verrückt, ja fast wahnsinnig geworden. So musste er für ein viertel Jahr in eine Klinik eingewiesen werden, zu sehr hatte es ihn mitgenommen. Es war sehr schlimm für Damien gewesen und er hatte sehr darunter gelitten.
Nach dem Klinikaufenthalt hatte er sich noch ein viertel Jahr Urlaub, gemeinsam mit Reid, genommen …danach ging es ihm etwas besser und er konnte bald schon wieder arbeiten.
Und doch kam Damien nie ganz über den Tod von Leviathan hinweg…

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Information Suddenly royal
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:28 PM - No Replies

Gedankenverloren stand ich an den Baum gelehnt. Es war zwar recht kühl und es fror mich auch leicht, aber es war mir schlicht weg egal. Sabrina trippelte neben mir von einem Fuß auf den Anderen.
Im Hof tobten die Unterstufen und spielten Fangen. Mein Blick wanderte über die Herren der Schöpfung, die sich ihren Weg durch den Hof und den Wiesen bahnten. Doch wie sollte man jemand der schwul ist erkennen?
Verzweifelt wanderte mein Blick weiter. Als hätte Sabrina meine Gedanken gelesen, knuffte sie mich in die Seite. Sie kannte mich einfach zu gut.
„Ach komm schon, Jack. Mit deinen ungefähren 1,85 m hast du Idealgröße. Dein fast schulterlanges, braunes Haar, das Wirr ins Gesicht hängt, ist absolut trendy. Deine Segelei hinterlässt deutlich Spuren an deinem Körper und nicht zu vergessen diesen Womannizerblick mit passendem strahlendem Gesicht dazu. Zum dahin schmelzen.“
Ich wurde rot. Sabrina hatte ja Recht, ich konnte mich wirklich nicht über mein Aussehen beschweren, trotzdem fehlte etwas Entscheidendes. Ein Freund!
„Jetzt zieh doch nicht so einen Schmollmund, wärst du nicht schwul, hätte ich dich schon längst eingefangen.“
„Ich bin es aber…“, gab ich von mir.
„Fehlt jetzt nur noch das Wort leider, als würdest du es bereuen auf Jungs zu stehen.“
Sabrina fing an zu kichern und schaute sich um. Ihre blonden Locken tanzen auf dem Kopf, als wären sie aus Gummi. In der Schuluniform könnte man sie fast für eine fünfzehn Jährige halten, doch sie war wie ich bereits achtzehn.
„Schau auf den Schulhof! Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier alle Jungs hetero sind.“
Sie hatte Recht! Auf einer Schule mit fast Tausend Schüler war bestimmt mindestens einer schwul…, nämlich ich… Ich musste kichern.
„So gefällst du mir schon besser. Was steht eigentlich am Wochenende oder nächste Woche an?“
Stimmt ja, nächste Woche hatte unser ehrwürdiges Haus geschlossen. Ehrwürdig? Ich wusste nicht, wie lange das Haus schon als Schule fungierte. Nach der Bausubstanz zu urteilen sehr lange.
Die Türen, egal welche, waren alle sehr groß, die Türgriffe schwer erreichbar, weil recht weit oben angebracht. Die Unterstufe hatte wohl ihre Probleme, richtig an die Griffe zu kommen. Die Sprossenfenster dienten wohl auch nur mehr der Kulisse.
Im Sommer hielten sie die Wärme nicht ab und im Winter wünschte ich mir ab und zu Handschuhe während des Unterrichts zu tragen, aus Angst die Finger könnten abfrieren. Und die Lehrerschaft…?
Die konnte noch aus dem letzten Jahrhundert stammen. Alle kurz vor den Pensionsanspruch und doch wollte keiner gehen, Platz machen für Jungvolk. Einzig die Außenanlagen hier gefielen mir.
Trotz mitten in der Stadt gelegen, war das Haus von großen Grünanlagen umgeben und in diesen Anlagen hielt ich mich gerade mit Sabrina auf.
„Ich weiß nicht, ob meine Mum etwas geplant hat. Ansonsten habe ich noch nichts groß geplant.“
„Da wird sich sicher eine Beschäftigung finden lassen.“
Der Gong ertönte und beendete unsere Pause und somit auch unser Gespräch.
*-*-*
Ich schloss die Wohnungstür unserer kleinen Wohnung auf, die Mum und ich bewohnten. Eine Dreizimmerwohnung mit Küche und Bad. Alle Zimmer recht klein, aber für uns reichte das.
Froh einem Gespräch mit der alten Horrisen entgangen zu sein, ließ ich die Tür schnell ins Schloss fallen. Sie passte mich sonst immer im Flur ab und drückte mir ein Gespräch rein. Die News über die Nachbarschaft.
Doch heute kam ich ja früher nach Hause als sonst und somit stand sie nicht im Flur.
„Hallo Jack, schon zu Hause?“, hörte ich Mum aus der Küche rufen.
Etwas erschrocken ließ ich meinen Rucksack zu Boden gleiten.
„Das Gleiche könnte ich dich fragen“, erwiderte ich und betrat die Küche.
„Hallo Schatz“, begrüßte sie mich und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
Sie war ungewöhnlich gut gelaunt und putzte wie eine wilde die Küche. Beides recht merkwürdig. Sonst war sie total geschafft, wenn sie aus dem kleinen Schuhladen nach Hause kam.
Zudem putze sie genauso ungern wie ich.
„Hallo Mum. Ich habe eine Woche frei, falls du das vergessen hast.“
„Vergessen habe ich das nicht, aber mir war nicht klar, dass du früher nach Hause kommst.“
„Hast du den Laden dicht gemacht?“
Sie nickte und spülte den Lappen aus.
„Gibt es dafür einen besonderen Grund? Also es ist schon komisch, dass unsere Küche so…, so auf Hochglanz ist…“
„Jack…“
„Damit wollte ich nicht sagen, dass sie sonst dreckig ist“, warf ich noch ein, nach dem ich bemerkt hatte, was ich da gerade gesagt hatte.
„Zum Ersten bekommen wir Besuch und zum Zweiten habe ich beschlossen, nächste Woche den Laden dicht zu lassen und mit dir eventuell zwei oder drei Tage weg zufahren.“
Hatte ich mich etwa verhört? Wegfahren? Mum lachte, denn sie konnte anscheinend meinen fragenden Gesichtsausdruck richtig deuten.
„Keine Sorge. Ich habe die letzten Monate richtig gut verdient und so ein paar Tage tun uns beide gut.“
Stimmt, große Sprünge konnten wir uns nicht leisten. Die Schule war teuer und die Wohnung und unser Unterhalt kostete ja auch Einiges. Da ein Geld verdienendes Oberhaupt in der Familie fehlte, waren wir oft knapp bei Kasse.
Dieses Oberhaupt hatte ich nie kennen gelernt, da er, mein Vater, kurz nach meiner Geburt bei einem Unfall starb.
„Wärst du so nett und würdest du dein Zimmer noch auf Vordermann bringen? Den Rest der Wohnung habe ich schon durch.“
„Wer kommt denn, dass du so einen Reinigungsfimmel an den Tag legst?“
„Dein Großvater…“
„Grandpa kommt, cool. Aber deshalb musst du doch nicht die ganze Wohnung auf den Kopf stellen.“
„Nicht mein Vater…“
Fragend schaute ich sie an.
„Der Vater deines Vaters…“
„Oh…?!?“
Sie hielt wie ich in ihrer Bewegung inne. Ihr Blick war viel sagend und warf eine Menge Fragen in mir auf.
„Wieso…, also ich meine…, warum…?“
„Ich weiß auch nicht, warum er uns mit seinem Besuch beehrt, was aber kein Grund ist, dein Zimmer nicht aufzuräumen.“
„Ich geh ja schon…“, meinte ich.
Gegen meine Gewohnheit lief ich in den Flur und zog meine Schuhe aus. Fein säuberlich stellte ich sie neben Mums Schuhe. Mit dem Rucksack in der Hand betrat ich dann mein Zimmer.
Das Chaos pur, genauso wie in meinen Kopf. Langsam entledigte ich mich meiner Schuluniform und zog meinen Trainingsanzug an. Warum auf einmal kam dieser Mann zu Besuch?
Und warum hatte Mum deshalb gute Laune? Bisher war sie nie auf diesen Zweig der Familie gut zu sprechen. Ich wusste, so gut wie nichts über diese Familie, ob sie groß war, oder ob sie Geld hatte.
Lediglich als Namensgeber fungierten sie, Newbury, wie eine Stadt Hundert Kilometer südwestlich von London. Anfänglich war es schwer ohne Vater aufzuwachsen, doch mit der Zeit war mir unsere Minifamilie ganz recht.
Es störte mich nicht, dass niemand weiter Notiz von uns nahm. Weder Tanten noch Onkel interessierten mich, geschweige den irgendwelche Cousin oder Cousinen, wenn ich denn welche hatte.
Wir redeten einfach nicht über sie. Mein Bett war gemacht und meine benutzen Klamotten lagen alle auf einem Haufen. Der Schreibtisch sah noch heftig aus, aber erst wollte ich die Klamotten ins Bad bringen.
„Mum, wann wäscht du wieder?“, rief ich aus dem Flur in die Küche.
„Leg deine Sachen…“, sie kam in Flur, „… oh, das ist ganz schön viel…, leg sie einfach vor die Maschine, ich kümmere mich gleich darum.“
Ich nickte und betrat das Bad. Zweifelnd schaute ich mich um. Würde ich den Berg von Klamotten jetzt einfach dahin schmeißen, würde Mum die Tür nicht aufbekommen, geschweige denn ich aus dem Bad kommen.
So ließ ich sie einfach in die Wanne fallen und verließ das Bad wieder.
„Jack, hättest du Lust mit mir einen Kuchen zu backen?“
Wie… was? Einen Kuchen? Das hatten wir schon, ach ich weiß nicht, wie lange nicht mehr gemacht. Etwas verwirrt schaute ich in die Küche.
„Einen Kuchen?“
„Ja, dein Großvater kommt zum Tee und da wollte ich einen frischen Kuchen anbieten.“
„Einverstanden, aber ich muss noch meinen Schreibtisch aufräumen.“
Sie lächelte.
„Lass ihn, so wie er ist, denn es ist ja dein Arbeitsplatz, wenn du zu Hause bist und jeder kann sehen, dass du daran arbeitest.“
Die Logik meiner Mutter war mir nicht ganz geheuer, aber dagegen etwas zu sagen, davor hütete ich mich. Sparte es mir doch, dieses Chaos von Papieren, Bücher und Heften ordnen zu müssen.
„Was soll ich tun?“
„Kennst du das Rezept von unserem Apfelkuchen nicht mehr?“
Das war schon so lange her, ich wusste wirklich nicht mehr, wie das ging.
„Okay“, meinte sie, als würde sie meine Gedanken lesen.
Sie ging an den Kühlschrank und zog ein Netz mit Äpfeln heraus.
„Die kannst du schälen und in halbe Scheiben schneiden, ich kümmere mich um den Rest.“
Ich nickte und zog einen Messer aus der Schublade.
„Nimm den Schäler, dann geht es schneller“, meinte Mum.
Erneut öffnete ich die Schublade und suchte den genannten Schäler zwischen dem Besteck. Nach dem ich fündig wurde, begann ich die Äpfel zu schälen. Währenddessen stellte Mum einen Topf auf den Herd und warf ein Stuck Butter hinein.
Sie nahm eine Backform und legte Backpapier hinein.
„Wenn du mit den Äpfeln fertig bist, dann leg einfach den Boden damit aus.“
„Oh, das weiß ich noch“, meinte ich und schob mir ein Stück Apfel in den Mund.
Sie grinste und zog eine Plastikschüssel aus dem Schrank. Im Topf begann die Butter zu brutzeln. Sie schlug drei Eier auf und gab Zucker und Vanillezucker hinzu und begann zu rühren. Währendessen nahm ich mir den vierten und letzen Apfel vor.
Mum zog den Topf vom Herd und schüttete die zerlassene Butte auf das Backpapier.
„So fertig, jetzt kannst du die Äpfel verteilen.“
Ich nahm die halben Apfelscheiben und legte damit in Kreis die Backform aus. Mum holte Mehl, wog es ab, tat Backpulver hinzu. Aus dem Kühlschrank zog sie eine Zitrone heraus und eine Reibe hatte sie auch in der Hand.
Manchmal bewunderte ich sie, wie schnell sie uns immer etwas zu Essen zauberte. Danach rieb sie etwas Schale der Zitrone auf das Mehl, schnitt die Zitrone auf und drücke etwas Saft in den Teig.
Ich war mittlerweile fertig mit dem Auslegen.
„Kannst du mal schauen, ob der Ofen schon Temperatur hat?“, fragte sie, während sie das Mehl in den Teig rührte.
„Klar“, meinte ich und warf erst die Schalen der Äpfel in den Müll.
Das rote Licht war aus, also hatte der Ofen seine 175°C erreicht.
„Das Lämpchen ist aus“, sagte ich und schaute gespannt zu, wie sie den Teig über die Äpfel goss.
„So, jetzt fast eine Stunde in den Ofen und unser Apfelkuchen ist fertig.“
Sie stellte die Backform in das Fach und schloss die Tür. Ich schaute nun auf die Arbeitsfläche, die sich nach unserem gemeinsamen Backen wieder in ein Schlachtfeld verwandelte hatte.
„Könntest du noch den Tisch decken… für drei? Ich mache solange hier das alles noch weg.“
„Ähm…?“
„Ja?“
„Soll ich irgendwie eine Tischdecke auf den Tisch machen? Ich meine…“
„… nein, das kleine Deckchen langt, das auf den Tisch liegt, damit muss er sich begnügen. Wenn es ihm nicht gefällt, dann kann er wieder gehen…“, fiel mir Mum ins Wort.
„Okay“, sagte ich und ließ es das Thema ruhen.
Während Mum das Geschirr wusch, deckte ich das Teeservice ein.
„Servietten?“, fragte ich.
„Im Wohnzimmerschrank über dem Fernseher, da müssten noch welche liegen.“
Ich lief also ins Wohnzimmer und fand auch gleich die gesuchten Servietten. Etwas unwohl fühlte ich mich schon. Ich hatte diesen Mann noch nie gesehen, also real, auf Bildern mit Daddy schon, die waren aber alle über zwanzig Jahre alt.
Was wollte er plötzlich von uns, denn ohne Grund kam er ja nicht hier her. Es klingelte an der Tür. Erschrocken schlug ich die Schranktür zu und lief in die Küche.
„Kommt der jetzt schon?“, fragte ich entgeistert.
„Eigentlich war er erst für drei Uhr angemeldet“, antwortete Mum und legte das Geschirrhandtuch zur Seite.
Sie lief an die Tür, jedoch noch kurz in Spiegel schauend, um ihre Frisur zu richten. Dann öffnete sie langsam die Wohnungstür.
„Hallo Mrs. Newbury. Ich hatte vergessen Jack noch eine CD zu geben und da ich in den Ferien nicht da bin, wie ich eben erfahren habe, wollte ich sie ihm schnell vorbeibringen.“
„Hallo Sabrina…, komm doch herein.“
Ich atmete tief durch und fragte mich, ob ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
„Hi Sabrina“, meinte ich nur.
„Hi Jack“, erwiderte sie und folgte ohne Worte in mein Zimmer.
„Oh, was ist denn hier los, es ist so aufgeräumt… halt, der Schreibtisch sieht wie immer aus.“
„Wir bekommen Besuch. Was für eine CD hast du denn mitgebracht?“, fragte ich um von meinem Zimmer abzulenken.“
„Besuch? Deshalb räumst du auf? Hast du für mich noch nie gemacht!“
Ich verdrehte die Augen und Sabrina fing an zu kichern. Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen, während Sabrina auf dem Bett Platz nahm.
„Mein Großvater väterlicherseits kommt…“
„Den kenn ich ja gar nicht.“

Sabrina ging hier ein und aus. Wir kannten uns schon seit dem Kindergarten und waren also mit meiner Familie bestens vertraut.
„Ich auch nicht…“, meinte ich nur und nahm ihr die Cd aus der Hand, „ich zieh die mir schnell herunter, dann kannst du sie gleich wieder mitnehmen.“
„Jack…?“
„Ähm ja?“
„Was ist los?“
„Was soll los sein?“
„Du hast mir nie etwas über diesen Großvater erzählt und du bist völlig daneben, auf alle Fälle für meine Begriffe.“
Ich schaute sie an und atmete tief durch.
„Ich kann dir nur das erzählen, was ich von meiner Mutter weiß, denn ich habe noch nie jemand von der Familie meines Vaters gesehen.“
„Wieso? Wohnen sie so weit weg?“
„Nein…, aber sie wollen anscheinend nichts mit uns zu tun haben…“
Fragend schaute mich Sabrina an.
„Ich kann dir nicht erzählen, ich weiß absolut nichts! Dass mein Vater bei einem Unfall tödlich verunglückt ist, habe ich dir erzählt. Ich kenne die Stelle wo sein Grab ist, aber oft dort war ich nie gewesen. Ach ja, es soll sich um irgendeinen Landadel handeln, aber was das ist, weiß ich nicht, kenne mich da wirklich nicht aus.“
„Du sagst dies so abgeklärt, als würde es dich nicht berühren.“
„Mum und ich haben da nie groß drüber gesprochen, es hat mich auch nicht interessiert. Natürlich fehlt mir irgendwie ein Vater, aber das ist jetzt schon fast achtzehn Jahre her. Ich kann mich nicht an ihn erinnern, also weiß ich auch nicht richtig, wie es ist, einen zu haben.“
„Und du hast noch nie einen von denen gesehen?“
„Nicht, dass ich mich erinnern könnte.“
„Halt mal…, dass würde ja heißen, dass du ja adelig bist…“, meinte Sabrina und kicherte.
Dieser Gedanke war mir bisher nie in den Sinn gekommen, weil ich über diese Familie auch nie nachgedacht hatte. Ich stand auf und lief zur Tür.
„Mum, sind wir irgendwie adelig?“
Sie kam aus der Küche.
„Wie kommst du denn jetzt da drauf?“
„Entschuldigung, Mrs. Newbury, aber auf die Idee bin ich jetzt gekommen“, meinte Sabrina kleinlaut.
„Ach so. Soviel ich weiß hast du einen Titel, da müsste ich aber erst nachschauen.“
„… einen Titel?“, fragte ich verwundert.
Mum nickte und Sabrina kicherte weiter. Sie verschwand im Wohnzimmer.
„Welchen Platz hast du dann in der britischen Thronfolge?“, fragte Sabrina und fing laut an zu lachen.
Irritiert schaute ich sie an.
„Jetzt mal den Teufel nicht an die Wand, es reicht mir schon, wenn die Familie adelig ist. Mit so etwas wollte ich eigentlich nichts zu tun haben.“
„Warum? Du könntest mir doch dann sicher ein Treffen mit Prinz Harry vermitteln.“
„Ich glaube kaum, dass der auf blonde Löckchen steht.“
„Wieso denn nicht? Ich finde meine Löckchen super! Oder machst du dir selbst Hoffnungen?“
Entsetzt sah ich sie an und hob meinen Zeigefinger vor den Mund. Sie zog den Kopf ein, zuckte mit den Schultern und lächelte verlegen.
„… ähm…, mir ist das alles irgendwie zu vornehm…, mir reicht schon unsere Schule und die Uniform…, mehr vornehm braucht nicht zu sein!“
„Ich find das irgendwie cool“, meinte Sabrina, während plötzlich Mum wieder im Zimmer stand.
Ich atmete tief durch, denn Mum schien vor lauter Sucherei, nichts von unserem Gespräch mitbekommen zu haben. Etwas erleichtert atmete ich wieder aus. Ein Outing auf diese Art, wollte ich mir ersparen.
„Da sind deine Geburtspapiere.“
„Ja und?“, fragte ich.
Mum grinste und mir wurde irgendwie unheimlich. Im Hintergrund konnte ich Sabrinas Kichern vernehmen.
„Du bist auf den Namen Jack Joseph Lewis Baron of Newbury getauft.“
„Ach du heilige Sche…! Was für Namen?“
Sabrina fing lauthals an zu lachen und wälzte sich auf dem Bett.
„Durch die Heirat mit deinem Vater, der Earl of Newbury, wurde ich automatisch die Contess of Newbury. Dein Vater hat den Namen Jack ausgesucht und Joseph und Lewis, die Namen deiner Großväter wurde traditionell hinten angehängt.“
„Ich bin ein Baron… of Newbury?“, fragte ich ungläubig.
„Ja!“
Sabrina stand auf und verbeugte sich.
„Baron of Newbury“, meinte sie nur.
„Lass den Käse, ich finde das gar nicht lustig. Mum, warum hast du mir das nie gesagt?“, meinte ich ärgerlich, während Sabrina lachte und meine Mutter versuchte ihr Grinsen zu minimieren, was ihr aber leider nicht gelang.
„Jetzt werde nicht gleich sauer! Ich hielt es einfach nicht für nötig. Zudem wollte ich nach dem Tod deines Vaters nichts mehr mit dieser Familie zu tun haben, auch nicht mit diesen Titeln.“
„Das geht einfach so?“, fragte Sabrina erstaunt.
„Was?“
„Jacks Titel nicht angeben.“
„Ja, ist doch kein Problem. Natürlich habe ich es bei der Anmeldung an der Schule angegeben, aber darauf bestanden, dass Jack nur mit Jack Newbury angesprochen wird und dieser Wunsch wurde mir erfüllt. Ich wollte keine Bevorzugung.“
„Danke auch“, schmollte ich.
Jetzt verstand ich gar nichts mehr, oder eher, nun wusste ich auch, was der Rektor mit seinen Bemerkungen immer meinte, des Standes wegen und so, woraus ich mir nie einen Reim machen konnte. Ich musste mich setzten.
„Dein Großvater ist übrigens der Duke of Newbury.“
„Aha…“, meinte ich und starrte erneut auf meine Geburtsurkunde.
„Ich muss mich fertig machen, dein Großvater wird bald da sein“, sagte Mum und verschwand wieder.
„Da werde ich mich mal auf die Socken machen, die CD kannst du mir auch nach den Ferien geben.“
„… willst…, willst du nicht hier bleiben?“, fragte ich leise.
„Wieso? Soll ich dir Händchen halten?“
Sie kicherte wieder.
„Da musst du ganz alleine durch. Aber eins kann ich dir versprechen, wenn wir uns das nächste Mal treffen, musst du mir alles Haarklein erzählen!“
Ich nickte, schaute sie aber nicht an.
„Jack?“
„Äh ja?“
„Das wird schon, okay?“
„Ja… entschuldige, ich bin jetzt etwas durch den Wind.“
Sabrina lachte laut.
„Etwas ist gut. Okay, ich bin dann weg. Ich melde mich, wenn ich zurück bin und … etwas Zeit habe.“
„Okay…“
Sie umarmte mich, gab mir ein Küsschen auf die Stirn.
„Und Baron Jack, nach den Ferien will ich ganz genau wissen, nicht vergessen!“
„Ja, das erzähle ich dir auf alle Fälle!“
Sie verließ mein Zimmer und ich schaute wieder auf die Geburtsurkunde.
Jack Joseph Lewis Baron of Newbury
*-*-*
Mum verlangte natürlich, dass ich noch etwas Anständiges anzog. Mit einer Jeans und einem Hemd gab sie sich aber zufrieden. Der Kuchen war fertig und stand nun aufgeschnitten auf dem Küchentisch.
Erneut klingelte es an der Tür. Mum schaute mich an und atmete noch einmal tief durch. Sie war mindestens genauso aufgeregt wie ich. Geredet hatten wir die letzte halbe Stunde nichts mehr. Beide waren wir zu sehr in unsere Gedanken vertieft.
Sie lief zur Tür und öffnete.
„Hallo Charlotte“, hörte ich jemand mit tiefer Stimme sagen.
„Hallo Joseph…, ähm komm doch herein.“
Ich hörte, wie die Wohnungstür geschlossen wurde.
„Kann ich dir den abnehmen?“, fragte Mum.
„Ja, natürlich. Danke!“
Ich hielt die Luft an und Mum kam in die Küche. Ihr folgte ein älterer vornehm gekleideter kleiner Mann. Er war noch ein halber Kopf kleiner als Mum und recht langsam in seinen Bewegungen.
Er stützte sich auf einen Stock ab.
„Darf ich dir deinen Enkel Jack vorstellen?“
Nun schaute er mir direkt in die Augen. Sie strahlen Ruhe und Freundlichkeit aus.
„Hallo Jack“, meinte er und hob die Hand.
„Ähm… hallo… Grandpa…“, meinte ich stotternd und schüttelt ihm die Hand.
„Man bist du groß und gut siehst du aus“, sagte der fremde Mann mir gegenüber, „wie dein Vater.“
Mein Vater. Ich hatte schon lange nicht mehr auf das Bild von Vater geschaut, es hing halt an der Wand im Wohnzimmer. Also musste ich den Vergleich mal glauben. Ich nickte. Sekundenlang passierte gar nichts.
„Setzten wir uns doch“, meinte Mum und bot meinem Großvater einen Stuhl an.
Er schaute sich etwas um und setzte sich. Mum und ich taten es ihm gleich.
„Schön habt es ihr hier…, vielleicht etwas klein.“
„Uns reicht es…“, erwiderte Mum sofort und deutlich spürte ich den negativen Unterton, der in ihrer Stimme klang.
Grandpa griff nach ihrer Hand und seufzte.
„Charlotte, glaub mir, ich weiß ich habe Fehler gemacht und es ist viel falsch gelaufen, die letzten Jahre. Aber das möchte ich jetzt wieder gut machen…, soweit sich dies wieder gut machen ist. Im Augenblick kann ich nur Entschuldigung sagen.“
„Etwas spät…“, meinte Mum verbittert und stand auf.
Ihre Hand glitt aus Grandpas Hand. Mum nahm die Kanne und schenkte Tee aus, ohne zu fragen.
„Ich wollte nie über Isaacs Familie reden, besonders nicht in Gegenwart von Jack. Er sollte keine schlechte Meinung über die Familie bekommen…, ich habe einfach nichts über euch erzählt und Jack hat nie gefragt.“
Isaac, so hieß mein Vater aber ganz so stimmte es nicht, wir redeten nur einmal über die Familie meines Vaters. Es gab eine kurze Erklärung, seitens meiner Mum und Punkt. Mir kam auch nie mehr in den Sinn, nach ihr zu fragen. Es war bisher schlichtweg uninteressant für mich geworden. Doch nun weckte es mein Interesse.
„Weiß du eigentlich, wie dein Sohn zu Tode kam?“, fragte nun Mum und setzte sich wieder an den Tisch.
Grandpa wurde weiß im Gesicht und schüttelte den Kopf.
„Isaac hielt dieses Schweigen nicht mehr aus, ihm fehlte seine Familie. Trotz des schlechten Wetters an diesem Abend beschloss er nach Newbury zu fahren und sich mit dir auszusöhnen.“
„Er fuhr zu uns?“, fragte der alte Mann ungläubig.
Sie nickte. Das war das erste Mal, dass Mum so detailliert vom Unfall erzählte. Ich wusste nur, dass er mit seinem Wagen verunglückt war. Ein komisches Gefühl machte sich in mir breit, die Härchen auf meinem Arm stellten sich und ich bekam eine Gänsehaut.
„Aber ich kann euch keine Schuld geben. Wäre da nicht dieser Betrunkene gewesen, der Isaac in den Wagen gefahren ist, wäre nichts passiert. Er hatte keine Chance und ist noch in seinem Wagen gestorben.“
Mum hielt kurz in ihrer Bewegung inne und atmete tief durch.
„Warum hast du nie etwas gesagt?“
„Wann sollte ich denn etwas sagen?“, meinte Mum vorwurfsvoll, „zu Isaacs Beerdigung ist außer Abigail niemand erschienen. Das war für mich das Zeichen, dass ich weiterhin nicht erwünscht war.“
„Es hat mir niemand etwas gesagt…“, meinte Grandpa.
Ich schaute Mum fragend an, aber sie schüttelte den Kopf.
„Ich erfuhr erst vom dem Tod deines Mannes, als er schon eine Woche beerdigt war. Henry und Sophia hatten das verhindert.“
Verwundert schaute ich meinen Großvater an. …deines Mannes…, wie er dass sagte, es war doch sein Sohn.
„Typisch für die beiden…“
Grandpa nahm zitternd einen Schluck Tee von seiner Tasse. Die Luft knisterte vor Anspannung. Was konnte ich nur tun, damit sich das änderte.
„… ähm, wer ist Abigail… Henry oder Sophia?“
„Die Geschwister deines Vaters…“, meinte Mum trocken und trank ebenfalls einen Schluck Tee.
Nun drehte Grandpa seinen Kopf zu mir.
„Du kennst niemanden aus deiner Familie?“
Ich schüttelte den Kopf und er senkte ihn.
„Ich weiß nicht, wieso ich erst jetzt auf die Idee kam, euch zu besuchen“, begann Grandpa plötzlich zu erzählen.
„Schon lange quält mich der Gedanke, dass ich noch eine Schwiegertochter und Enkel habe, über die ich eigentlich fast nichts weiß. Deines Vaters Geschwister haben in dieser Sache ganze Arbeit geleistet. Bis auf Abigail, sie hielt immer deinen Vater und tut es jetzt immer noch, für einen besonderen Menschen.“
„Das war… er auch“, sagte Mum leise und ich sah, wie ihr eine kleine Träne über die Wange ran.
Ich schaute meinen Großvater an.
„Ist irgendetwas?“, fragte er.
Ich nickte.
„Ich weiß, es steht mir wahrscheinlich nicht zu etwas zu sagen, noch kenne ich die Situation, was in der Familie passiert ist, aber warum kommst du gerade jetzt? Ich meine, ich bin jetzt achtzehn Jahre alt und weiß absolut nichts über euch, außer was ich gerade gehört habe… achtzehn Jahre in denen etwas fehlt.“
Ich hoffte es hatte nicht so vorwurfsvoll geklungen. Auch konnte ich den Gesichtsausdruck meines Großvaters nicht einordnen, im Gegensatz zu Mums Ausdruck, der irgendwie aufmunternd war.
„Tut mir Leid meine Junge, dass musst du mir glauben… Wenn ich nicht so engstirnig gewesen wäre und mehr auf mein Herz vertraut hätte…, wäre ich schon viel früher gekommen.“
Er drehte den Kopf zu Mum.
„Meinst du, wir könnten noch einmal von vorne anfangen…, uns neu kennen lernen?“
Mum zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht, Joseph. Die letzten Jahre waren hart. Ich habe versucht, Jack alles zu geben, was ihm zustand. Mein Einkommen mit dem Schuhladen ist nicht gerade groß. Aber Jack hat es an nichts gefehlt.“
Ich nickte zustimmend. Na ja außer vielleicht, dass ich mir oft gewünscht hätte, dass Mum mehr zu Hause gewesen wäre.
„Warum bist du nie zu mir gekommen…? Ich hätte dir geholfen. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich in Zukunft alles was die Bildung des Jungens kostet, übernehmen.“
„Ich…“, begann Mum, brach dann aber wieder ab und schüttelte den Kopf.
Sie schaute Grandpa in die Augen.
„Ich weiß meine Liebe, der Stolz. Aber ich bin sicher der Letzte der dir deswegen einen Vorwurf macht! Wollen wir es probieren?“, fragte er leise mit tonloser Stimme.
Mums Augen wurden feucht. Sie nickte.
„Ich weiß nicht, ob das etwas mit Stolz zu tun hat. Es ging damals nur um das liebe Geld, es hat eure Familie entzweit. Wenn ich zustimme nur wegen Jack, ich möchte nicht, das ein neuer Streit wegen dem Geld entfacht.“
„Es ist mein Geld, Charlotte. Seit Abigail mir über ihre Geschwister die Augen geöffnet hat…“
Auch er brach mitten im Satz ab. In dieser Familie schien das Geld im Mittelpunkt zu stehen. Aber ich traute mich nun auch nicht mehr, weiter zu fragen. Mum schaute zu mir und dann auf den Apfelkuchen. Ich verstand.
„Möchte jemand vom Apfelkuchen…, ist frisch gebacken.“
Grandpa schaute auf und nickte.
„Gerne“, meinte er und hob seinen Teller zu mir.
Unsicher und zitternd nahm ich die Kuchenschaufel und setzte ihm ein Stück auf den Teller. Er stellte ihn wieder vor sich, nahm seine Gabel und schnitt sich mit der Kante der Gabel ein kleines Stück ab.
Das erste Stück verschwand in seinem Mund und erwartungsvoll wartete ich auf seine Wertung.
„Mmm…, der Kuchen schmeckt sehr gut, ist der selbst gemacht?“
„Ja, den habe ich vorhin mit Jack gebacken.“
„Könntest du mir das Rezept zu kommen lassen, damit ich es Caitlin unserer Köchin geben kann, sie backt für ihr Leben gerne, sehr zu meinem Leidwesen“, meinte Grandpa und rieb sie über seinen Bauch.
„Caitlin ist immer noch bei euch im Haus?“, fragte Mum.
„Ja, sie ist nach wie vor die gute Seele im Haus, nur mit allem etwas bedächtiger, auch sie ist nicht jünger geworden.“
Ich musste kichern. Es nahm irgendwie die Anspannung von mir und den anderen ging es genauso.
„Hast du schon irgendwelche Ideen, was du mal werden möchtest?“, fragte mich Grandpa.
„Ich möchte Informatik studieren. Im Augenblick bin ich in der Oberstufe und möchte das nächste Jahr meinen A-Level bekommen.“
„Imposant und in welchen Fächern?“
„Mathematik, Physik und Latein.“
„Da hast du viel vor“, meinte Grandpa anerkennend.
„Er lernt auch viel“, mischte sich Mum ein, „und er bringt immer sehr gute Noten heim.“
„Dann bleibt wohl nicht viel Zeit für Freizeit und Freunde.“
Er hatte das Wort Freunde benutzt und ich wartete nur auf den Augenblick, bis das Thema Freundin zur Sprach kam. Das hatten doch Großeltern doch so an sich. Die Anspannung vom Anfang war plötzlich wieder da.
„Er ist im hiesigen Segelclub von Staines, wo er auch viel Zeit verbringt“, antwortete Mum für mich.
Ich könnte Sabrina als Freundin vorschieben, aber irgendwie hatte ich keine Lust dazu. Da Mum aber ebenfalls nichts in diese Richtung über mich wusste, ich vermutete es zumindest, wollte ich hier und heute sicher kein Outing zu Tage bringen.
„Das freut mich. Eine andere Sache…, ich weiß, dass jetzt eine Woche Ferien kommt und wollte dich oder euch fragen, Charlotte ich weiß nicht wie du Zeit hast…, ob ihr nicht Lust hättet, ein paar Tage bei mir auf dem Gut zu verbringen?“
Ich sah zu Mum, die im selben Augenblick mich anschaute. Flehend aus Neugier erwiderte ich ihren Blick.
„Sprichst du nur für dich, oder auch für die anderen?“, fragte Mum.
„Ich spreche für mich, was die anderen denken ist mir egal. Zudem wohnt nur noch Abigail bei mir. Sie ist nicht verheiratet, warum weiß ich nicht und ist bei mir geblieben. Alle anderen sind weggezogen.“
Seiner Stimme konnte ich leichte Verbitterung entnehmen.
„Aber ich wollte auch gleich noch sagen, ich habe diese Einladung an alle ausgesprochen, ob sie jemand annimmt, weiß ich nicht. Die ganze Familie friedlich zusammen vereint, würde ein großen Wunsch, den ich lange hege, erfüllen.
Mum atmete tief durch und schaute mich durchdringend an. Ich zuckte gespielt mit der Schulter, damit es nicht später heißen sollte, wie wären nur wegen mir gefahren.
Aber ich war auch gemein, denn ich legte meinen treuen Hundeblick auf, den ich in den letzten Jahren fast perfektioniert hatte. Meine Neugier über den anderen Teil der Verwandtschaft stieg ins Unermessliche.
Mum verdreht leicht ihre Augen und wandte sich wieder an Grandpa, der gerade seine Tasse abstellte.
„Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, das gebe ich offen und ehrlich zu, Joseph. Aber auch wieder wegen Jack, sage ich zu und Abigail nach all den Jahren wieder zu sehen, ist vielleicht auch eine gute Idee.“
„Sie wird sich genauso freuen wie ich mich jetzt!“, meinte Grandpa und strahlte.
*-*-*
„Sind wir hier überhaupt richtig?“, fragte ich und schaute nach einem Wegweiser.
„Sohnemann, es gibt Dinge die man nie vergisst. Und den Weg auf das Gut gehört dazu.“
Gut? Was für Überraschungen hatte es noch auf sich? Wir hatten am Abend zuvor schon den Wagen beladen, um zeitig in der Frühe losgefahren zu können. Nach Newbury war es zwar nicht soweit, aber wir wollten vor dem Lunch ankommen.
„Aber hier steht weit und breit kein Haus mehr und wie ich hier nachlese, steht vom Schloss von Newbury nur noch die Schutzmauern, das Schloss selbst ist im Krieg zerstört worden.“
„Da siehst du mal, auch die höchste Mauer kann einen Fall nicht verhindern. Aber keine Angst, wir sind schon richtig und auch gleich da.“
Sie zeigte nach draußen und ich konnte ein Schild erkennen, das auf Manor Newbury hinwies. Sie verlangsamte das Tempo des Wagens und bog in den kleinen geteerten Weg ein. Der Weg war von großen Bäumen eingefasst und wirkte daher wie eine langgezogene Allee.
Gespannt versucht ich etwas zu erkennen, doch die Masse an Bäumen verhinderte jede Sicht. Endlich endete der lange Weg und vor mir offenbarte sich ein großes Haus. Großes Haus war vielleicht sogar etwas untertrieben. Mit seinen vielen Erkern und Türmchen hätte man es auch als kleines Schlösschen.
Der dunkle Sandstein tat sein übriges und ließ es wuchtig wirken. Mum lenkte den Wagen vor das große Portal und ließ ihn ausrollen.
„Wir sind da“, meinte sie und der Motor erstarb.
Das hätte ich jetzt nicht gedacht und kicherte. Wir schauten beide nach draußen.
„Wollen wir nicht aussteigen?“, fragte ich nach einiger Zeit.
„Ja, komm, wir werden erwartet.“
So verließen wir beide den Wagen. Ich streckte mich etwas, bis Mum den Wagen umrundet hatte. Ein klickendes Geräusch ließ mich herumfahren, es war vom Haus gekommen. Die alte Holztür öffnete sich und eine Frau trat heraus.
„Charlotte…!“, rief sie und kam auf uns zu.
„Abigail…“, meinte Mum und hob die Arme.
Das war also meine Tante Abigail. Vom Alter her schlecht zu schätzen, aber sicher in Mums Alter. Sie war etwa so groß wie meine Mutter und hatte die gleichen braunen Haare wie ich. Für meinen Geschmack war sie mit diesem Rock und der Strickjacke etwas Altertümlich angezogen.
„Endlich…, ich habe mich so gefreut, als Vater erzählte, dass ihr kommt.“
Die beiden umarmten sich.
„Ja“, seufzte Mum, „im Augenblick weiß ich nicht, was ich sagen soll…, es ist soviel geschehen in der Vergangenheit…“
„… die wir ruhen lassen sollten“, beendete meine Tante den Satz.
Sie schaute zu mir.
„Das ist dein Neffe Jack“, sagte Mum und ich konnte einen Hauch von Stolz bei ihr fühlen.
„Hallo Jack…“, meinte Abigail und hob ihre Hand.
„Ähm… hallo… Tante Abigail.“
„Oh Junge, lass das Tante weg, das macht mich so furchtbar alt.“
Mum fing laut an zu lachen und ich konnte mir ein Grinsen nicht verbeißen.
„Wir sind älter geworden, Abigail, dass lässt sich nicht verleugnen.“
„Ach was, man ist so jung wie man sich fühlt“, meinte sie und wandte sich wieder zu mir.
„Er sieht genauso verdammt gut aus wie sein Vater“, meinte Abigail und musterte mich weiter.“
„Ich weiß…“, kam es von Mum und das Lachen verstummte.
„Aber kommt rein, Vater wartet schon auf euch.“
„Ähm… unser Gepäck?“, fragte ich und zeigte auf den Wagen.
„Das wird auf euere Zimmer gebracht.“
Gebracht? Eure Zimmer?
„Abigail… Jack ist mit den Gepflogenheiten eurer Dienerschaft nicht vertraut und er kennt kein Haus, dass über so viele Zimmer verfügt, außer seiner Schule vielleicht.“
Sie nickte lächelnd und hängte sich bei Mum ein. Während sie Mum so ins Haus zog, folgte ich ihnen einfach.
„Erzähl, Vater hat gesagt, du hast einen Schuhladen.“
„Ja klein, aber mein!“
„Hast du die Herbst/Winter Kollektion von Terra Plana?“
Frauen und Schuhe. Ich musste an Sabrina denken, die mindestens einmal im Monat im Mums Laden auf Schuhsuche ging. Es war also nicht zu vermeiden, dass ich zu kichern anfing. Mum strafte mich mit einem gespielt, bösen Blick.
„Nur vereinzelt, aber ich kann jederzeit bestellen, falls du einen besonderen Wunsch hast.“
„Abgemacht!“
Erst jetzt sah ich mich um und bemerkte diesen großen Vorraum, in den unser Wohnzimmer gut und gerne zweimal hinein gepasst hätte. Alles war mit dunklem Holz verkleidet. Mehrere Türen gingen von diesem Raum ab und eine große Treppe führte nach oben.
Abigail öffnete einer dieser Türen.
„Vater, die beiden sind da“, hörte ich sie sagen, während sie durch die Tür verschwand.
Mum und ich folgten ihr.
„Charlotte… Jack… herzlich Willkommen!“, hörte ich Grandpa, als er gerade in mein Sichtfeld kam.
Es schien eine Art Bibliothek zu sein. Die Wände waren voller Bücher und in mitten des Raumes stand ein kleiner Tisch, eingerahmt von drei großen Sessel. In einem Kamin brannte Feuer.
„Hallo Joseph“, sagte Mum und gab ihm die Hand.
„Hallo Grandpa“, gab ich höfflich vor mir und schüttelte ihm ebenfalls die Hand.
„Abigail, sagst du Caitlin, dass wir in einer halben Stunde essen möchten.“
„Schon geschehen!“
Grandpa schaute zwischen Mum und mir hin und her. Seine Augen leuchteten und auf seinen Lippen lag ein leichtes Lächeln.
„Es freut mich so, dass ihr hier seid.“
Mum nickte.
„Wollte ihr euch vielleicht noch frisch machen?“, rettete Abigail die Situation, denn im Augenblick wusste wohl niemand so Recht, was er sagen wollte.
„Ja, zeig ihnen ihre Zimmer, eine gute Idee“, sagte Grandpa.
Ihre Zimmer? Abigail lief zur Tür.
„Kennst du dich hier noch aus?“, fragte sie Mum.
„Ja… etwas. Anscheinend hat sich nicht groß etwas verändert.“
„Nein, hat es nicht, aber ich finde das gut so.“
Sie ging mit uns wieder in den Vorraum und wir folgten natürlich. Zurück ließen wir einen strahlenden Hausherrn.
*-*-*
Ich klopfte an die Tür. Diese öffnete sich und Mum schaute heraus.
„Du musst doch nicht anklopfen“, meinte sie und ließ mich im Flur stehen.
Ich folgte ihr ins Zimmer und staunte nicht schlecht.
„Und ich dachte schon, ich habe das Honeymoonsuite bekommen“, grinste ich.
„Nein hier sind alle Zimmer so eingerichtet“, erwiderte Mum ebenfalls grinsend und packte weiter ihren Koffer aus.
Man hätte meinen können wir wären hier wirklich in einem Hotel. Das was ich unten bis jetzt zu sehen bekam, war alles recht dunkel eingerichtet. Hier oben dagegen war alles herrlich hell.
Nur die Rosentapete, dazu passend alle Stoffe im Zimmer, sei es ein Sesselbezug, oder die Nachtischlampe war mir doch etwas… für mein Alter unpassend. Dafür hatte ich für mich alleine ein riesiges Himmelbett.
Mum hielt inne und schaute mich an.
„Ist alles in Ordnung mit dir, Jack?“
„Ja! Warum auch nicht? Es gibt hier so viel zu sehen.“
„Ich dachte nur…“
„Was?“
„Irgendwie habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen, dass ich dir dies alles vorenthalten habe.“
„Mum, hast du nicht. Bisher war doch alles in Ordnung bei uns. Es hat uns an nichts gefehlt“
„Du bist mir nicht böse, dass ich dir von all dem hier nichts erzählt habe.“
Ich schüttelte den Kopf und sah mich weiter um.
„Wobei doch… ich bin böse…!“
Mum schaute mich entsetzt an.
„Warum habe ich zu Hause kein so großes Bett?“
Kurze Stille und wir fingen beide an zu lachen.
„Du wieder!“
Sie nahm mich kurz in den Arm und drückte mich fest an sich. Es klopfte.
„Ja?“, sagte Mum laut und ließ mich los.
Die Tür ging auf und ein junges Mädchen im Dienerkostüm schaute herein.
„Mrs. Newbury lässt ausrichten, dass das Essen angerichtet ist.“
„Danke, wir kommen“, meinte Mum.
Das Mädchen nickte und schloss die Tür wieder
Ich schaute Mum an.
„Was war das jetzt?“
„Daran wirst du dich gewöhnen müssen, Jack. Dein Großvater hat soviel Geld, dass er sich eine Dienerschaft leisten kann und das eben war das Zimmermädchen…“
„Zimmermädchen?“, fragte ich erstaunt.
„Ja, ich würde dir raten, dein Zimmer in Ordnung zu halten und nichts herum liegen zu lassen, denn es wird jemand kommen und dein Bett machen, frische Handtücher ins Bad hängen…“
„… das ist ja wie im Hotel.“
Mum nickte.
„Komm, wir wollen die nicht warten lassen.“
So verließen wir Mums Zimmer und gingen nach unten. Zielsicher steuerte Mum eine Tür an, als würde sie sich wirklich hier auskennen. Sie schob die schwere Holztür auf und dahinter kam ein Esszimmer ins Blickfeld.
Esszimmer war vielleicht etwas untertrieben. An dem Tisch wo Abigail und Grandpa saßen Platz genommen hatten und nun auf uns warteten, hatten mehr als zwanzig Leute Platz.
„Setzt euch“, meinte Grandpa und wies auf die zwei Stühle, die links von ihm standen.
„Danke“, meinte Mum.
Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich den gedeckten Tisch sah. Unser Küchentisch wäre bestimmt unter der last von soviel Geschirr zusammen gebrochen. Langsam ließ ich mich auf den Stuhl nieder und schaute unsicher in die Runde.
Kaum saß ich, ging auch schon eine weitere Tür auf und ein Mann kam herein. Er trug eine Suppenterrine und kam zu uns an den Tisch. Mum neben mir nahm die gefaltete Stoffserviette vom Teller und legte sie entfaltet auf ihren Schoss.
Ich tat es ihr gleich, während der Mann die Suppen verteilte.
„Na, gefällt es dir hier Jack?“, fragte Grandpa.
„Öhm… ja… es ist irgendwie… alles so groß.“
Abigail und Mum grinsten, während nun ich meine Suppe bekam.
„Danke“, sagte ich schüchtern und der Mann nickte leicht.
Er verließ das Zimmer wieder. Ich schielte zu Mum, die den äußersten Löffel nahm und ich tat es ihr gleich.
„Guten Appetit“, meinte Grandpa.
Ein einstimmiges „Guten Appetit“, kam zurück. Die Suppe schmeckte mal gar nicht so schlecht, auch wenn ich nicht definieren konnte, was da alles drin war.
„Habt ihr noch eure Pferde?“, fragte Mum plötzlich neben mir.
Bisher hatten alle geschwiegen und ihre Suppe gelöffelt. Abigail schaute auf.
„Ja, aber es sind nur noch fünf Pferde. Vater kann nicht mehr ausreiten und mir fehlt einfach die Zeit um jeden Mittag auszureiten.“
Nur noch fünf Pferde, aber hallo, das sind doch viele.
„Was machst du beruflich, wenn ich fragen darf?“
„Ich arbeite im Krankenhaus…“, begann Abigail zu erzählen, doch Grandpa unterbrach sie.
„… was sie nicht nötig hätte.“
„Vater! Keine Diskussionen. Ich arbeite gerne. Punkt.“
Er schwieg. Ich hatte derweil meinen Teller geleert und legte den Löffel auf denselben. Als Grandpa als letztes seine Suppe aufgegessen hatte, öffnete sich wenige Sekunden später wieder die Tür und der Mann kam wieder.
Er räumte die Teller ab und verließ das Zimmer wieder. Woher wusste er, dass wir fertig waren? Hatte es hier eine Kamera oder so etwas? Ich schaute mich im Zimmer um, konnte aber nichts finden.
Vielleicht war in irgendeinem Bild ein Loch, denn Bilder mit Personen hingen hier zu viele. Für meinen Geschmack jedenfalls.
„Dass sind deine Urahnen“, erklärte Grandpa, der anscheinend meinen Blicken gefolgt war.
„Aha…“
„Das hier“, er zeigte auf das Bild hinter Abigail, „ist mein Ururgroßvater, der dieses Anwesen gekauft hat und dieses Haus darauf erbaut hat. Früher soll hier eine alte Burg der Kelten gestanden haben. Es gibt im Keller auch noch altes Gemäuer aus dieser Zeit.“
„Und wann war das?“, fragte ich um Interesse zu zeigen.
„Anno 1669.“
So alt ist dieses Haus schon?“, fragte ich verwundert.
„Ja, aber es wurde schon mehrfach umgebaut und modernisiert“, erklärte Abigail, was meinen Telefon und DSLanschluss in meinem Zimmer erklärte.
Erneut ging die Tür auf und der Mann und das Mädchen von vorhin kamen herein. Der Tisch wurde mit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse beladen, bevor wieder alleine waren.
„Darf ich dir schöpfen?“, fragte Abigail und hob ihre Hand in meine Richtung.
„… ja…, danke“, stotterte ich und gab ihr meinen Teller, der sogleich mit den Köstlichkeiten beladen wurde.
Mum füllte Grandpas Teller und wenig später waren wir alle vier wieder am Essen.
„Caitlins Küche, wie immer sehr gut“, meinte Mum neben mir und die anderen beiden nickten.
Ich kämpfte inzwischen mit der letzten Kartoffel. Mein Magen war gefüllt und eigentlich ging nichts mehr hinein. Aber das Besteck sagte mir, dass da sicher noch ein Gang kommen würde.
„Ich würde sie auch auf keinen Fall eintauschen“, meinte Abigail und trank von ihrem Wasser.
Sie stellte das Glas ab und schaute zu mir.
„Vater erzählte, du willst Informatik studieren.“
Ich nickte, denn mein Mund war mit der Kartoffel gefüllt und Antworten somit unmöglich.
„Dann kennst du dich doch sicher mit Computern aus?“
Ich schluckte den Bissen herunter, nahm einen Schluck Wasser und stellte das Glas zurück auf seinen Platz.
„Ja…, so einigermaßen“, antwortete ich.
„Jack untertreibt“, mischte sich Mum ein, „mein Verrechnungsprogramm und alles andere, hat er mir eingerichtet.“
Ich spürte, wie mein Gesicht zu glühen begann und ich schaute etwas verschämt auf meinen Teller.
„Das trifft sich gut, dann kannst du mir sicher am PC helfen“, meinte Abigail.“
„Ich kann mit diesen Sachen nichts anfangen“, sagte Grandpa.
„Vater, es gibt Computerkurse für Senioren.“
„Was soll ich mit dem Zeug, ich brauche es nicht.“
Abigail grinste uns an.
„Möchtest du noch etwas?“, fragte Abigail und hatte schon ein Stück Fleisch hochgehoben.
Ich winkte abwehrend und schüttelte den Kopf.
„Nein danke, ich bin satt.“
„Satt? Es gibt aber noch einen Nachtisch“, meinte Grandpa.
Hilfesuchend schaute ich zu Mum, die mir zulächelte.
„Du kannst dir unmöglich Caitlins Reispudding entgehen lassen“, meinte Abigail.
Ich seufzte und alle lachten.
*-*-*
„Wenn ich noch etwas hätte essen müssen, wäre ich geplatzt“, sagte ich zu Mum, während ich neben hier her lief.
„Ja ich weiß, soviel isst du nicht mal zu Hause.“
„Wird hier immer soviel aufgetischt?“
„Das kann schon sein, ich weiß es nicht.“
„Dann muss ich unbedingt kleinere Portionen essen, sonst sehe ich nach den Ferien aus wie ein Kloß.“
Mum lachte.
„Schön ist es hier und vor allem so ruhig.“
„Dass ich so etwas von meinem Sohn zu hören kriege.“
„Wieso denn?“
„Wer hört denn zu Hause immer laut Musik?“
Ich lächelte. Wir kamen an einen See und Mum blieb stehen.
„Was ist?“, fragte ich, als ich ihren betrübten Blick sah.
„Das war der Lieblingsplatz deines Vaters.“
Sie hob den Arm und zeigte auf zwei alte, große Bäume, die das Seeufer säumten.
„Er hat mich oft mit hier her genommen, wenn er Ruhe haben wollte. Die ewigen Sticheleien seiner Geschwister gingen ihm tierisch auf den Geist.“
„Du hast nie viel von Dad erzählt.“
Mum lief weiter und ich folgte ihr.
„Es tut mir Leid, Jack. Das war ein Fehler, dass gebe ich zu. Aber wenn ich dir von deinem Vater erzählt hätte, dann nicht ohne auch seine Familie zu erwähnen.“
„Waren sie so schlimm?“
„Schlimmer. Abigail hat sich immer aus allem heraus gehalten, hat aber sich auch nicht für deinen Vater eingesetzt. Henry und Sophia dagegen, machten ihm das Leben zur Hölle. Sie intrigierten wo es ging und das mit Erfolg. Es ging sehr schnell und sie hatten deinen Großvater auf ihrer Seite.“
„Aber wie geht so etwas? Ich verstehe das nicht.“
„Jack, wenn man Geld hat und davon hat diese Familie sehr viel, dann ist alles möglich und das reicht bis zur Urkundenfälschung.“
„Urkundenfälschung?“
„Ja, die beiden haben es so gedreht, dass es aussah, als hätte sich dein Vater am Familienvermögen vergriffen und damit krumme Geschäfte zu finanzieren.“
„Und das hat er nicht?“
„Nein Jack! Dein Vater war eine so anständige Haut, der wäre nicht mal auf den Gedanken gekommen, so etwas zu tun.“
„Wie ist die Sache dann ausgegangen?“
„Dein Vater verzichtete auf sein Erbe, obwohl er nachweisen konnte, dass er nichts damit zu tun hatte. Er zerstritt sich mit deinem Grandpa und zog aus. Wenig später kamst du zur Welt. Ihm war das ganze Geld egal. Mit seiner guten Schulausbildung hatte er sofort einen gutbezahlten Job. Und du…, du warst sein Sonnenschein, sein ein und alles…“
Mum hatte Tränen in den Augen und ihre Stimme hatte zu zittern begonnen. Ich legte den Arm um sie und wir liefen schweigend bis zum Seeufer.
„Wenn die Sonne scheint und auf dem See funkelt, ist das ein magischer Ort“, meinte Mum leise.
Jetzt schien leider keine Sonne und der See lag auch nicht so ruhig da, wie ich mir das vorstellte. Ich erkannte eine kleine Hütte am rechten Ufer.
„Ob die hier ein Boot haben?“
„Weiß ich nicht, da müsstest du Abigail fragen.“
„Ein bisschen Rudern oder so würde schon gut tun. So als Gegenpart zum Essen.“
Mum lächelte.
„Lass uns zurück gehen. Mir wir langsam etwas kühl.“
Ich nickte und wir machen uns auf den Rückweg.
„Darf ich dich noch etwas fragen?“
„Was mein Junge?“
„Was ist mit meiner Großmutter. Ich habe sie noch auf keinem Bild entdeckt, noch wurde sie irgendwann erwähnt.“
Mum lachte kurz auf.
„Das wirst du auch nie erleben, dass jemand in Gegenwart deines Großvaters über spricht. Deine Großmutter ist abgehauen und ließ ihn mit vier Kindern sitzen. Sie hatte wohl die Nase gestrichen voll von ihrer Sippschaft.“
„Hast du sie noch kennen gelernt?“
„Nein, schon damals wurde sie nicht mehr erwähnt.“
*-*-*
Mum war bereits ins Haus gegangen, während ich noch auf dem Platz vor dem Haus stand. Ich hörte ein Auto und wenig später kam eine Limousine vorgefahren und hielt direkt vor dem Haus.
Ein Ehepaar und zwei Jugendliche stiegen aus. Durften in meinem Alter sein.
„Henry, hast du meine Tasche gesehen?“, fragte die Frau.
Der angesprochene schien mein Onkel Henry zu sein. Nach dem ich jetzt schon einige Bilder gesehen hatte, sah ich auch die Familienähnlichkeit. Der Junge und das Mädchen machten einen gelangweilten Eindruck.
„Moment Schatz, die müsste im Kofferraum liegen.“
Er lief nach hinten, während die Frau mich musterte. Die Tür hinter mir ging auf und Abigail kam heraus.
„Hallo Henry, fein dass du es einrichten konntest zu kommen“, meinte sie und lief an mir vorbei.
„Hallo Schwägerin, schön dich zu sehen“, meinte die Frau und begrüßte Abigail mit zwei Küsschen auf die Wangen.
„Hallo Oliva“, meinte Abigail.
Henry hatte mittlerweile die Handtasche seiner Frau aus dem Kofferraum geholt und war zu den beiden gestoßen.
„Schwesterchen“, meinte er nur und begrüßte sie mit einer kurzen Umarmung.
„Eure Zimmer sind hergerichtet“, sagte Abigail.
„Oh fein, dann kann ich mich gleich frisch machen, Molly kommst du“, sagte diese Olivia.
Das Mädchen schaute auf und verzog ihr Gesicht. Langsam kam ich mir etwas blöde und fehl am Platze vor und beschloss hinein zugehen.
„He Bursche, du kannst das Gepäck hinauftragen, pass aber ja auch, dass du den Wagen nicht verkratzt“, hörte ich Henry sagen.
Verdutzt schaute ich mich um, sah aber sonst keinen aus mir. Der wird doch wohl nicht mich meinen.
„Aber nein Henry, dass ist Jack, der Sohn von Isaak.“
„Issaks Sohn? Was will denn der…“
„Jack und seine Mutter wurden von Vater eingeladen“, unterbrach ihn Abigail, „und euer Gepäck wird sofort hinaufgebracht.
Henry schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es dich dann wohl doch anders.
„Du bist Isaaks Sohn?“, fragte mich Olivia, in einer hohen Tonlage, welche meine Trommelfelle fast zur Explosion brachten.
„Ja!“, merkte ich an.
„Für so groß hätte ich dich gar nicht gehalten“, meinte sie und trat auf mich zu.
Für das, dass sie mich angeblich nicht kannten, wussten sie zumindest, dass es mich gab. Ich war höflich, hob die Hand und lächelte.
„Ach hallo Henry, schön dich mal wieder zu sehen. Und laufen die Geschäfte der Bank immer noch gut?“
Das war Mum. Sie war unbemerkt hinter mich getreten.
„Hallo Charlotte. Lange nicht mehr gesehen…“
Sie gaben sich die Hand und mir war nicht entgangen, welche feindliche Atmosphäre hier entstand.
„Sind dass eure Kinder?“, fragte Mum weiter, ohne auf eine Antwort auf ihre Bankanfrage zu warten.
„Ja, dass sind Molly und Jayden“, meinte ihre Mutter stolz.
„Lasst uns hinein gehen, der Tee wird sicher schon angerichtet sein“, sagte Abigail und schien die eingefahrene Situation zu beenden.
Sie lächelte mich an und lief ins Haus. Henry und seine Frau folgten ihr. Mein Blick wanderte zu den Sprösslingen, die immer noch am Auto standen. Molly setzte sich mit genervtem Ausdruck ebenfalls in Bewegung und etwas später folgte ihr Jayden.
Erst jetzt sah ich ihn mir genauer an und stellte fest, dass er mir etwas ähnlich sah. Nur seine Haare waren etwas kürzer und dermaßen gestylt, dass sich nicht ein Haar, während er zum Haus lief, auch nur bewegte. Gel sei dank!
Beim Vorüberlaufen schaute er kurz auf und blickte mir in die Augen. Als ich diesen Blick erwiderte, schaute er sofort wieder weg.
„Mir scheint, dass wird noch eine interessante Woche geben“, meinte Mum und schob mich Richtung Haus.
*-*-*
Ich lag in meinem riesigen Bett und kam mir etwas verloren vor. Im Haus war es ruhig. Das Abendessen war gespenstisch still abgelaufen, die Erwachsenen hatten fast nichts geredet. Bis auf Grandpa, der ein paar Fragen stellte, die kurz und bündig beantwortet wurden.
Ich wusste noch immer nicht, was ich von dem Ganzen halten sollte. Interessant war es aber schon, wo mein Vater aufgewachsen war. Es klopfte.
„Ja?“, sagte ich verwundert.
Meine Zimmertür öffnete sich unter gespenstischen Knarren, bis Mum in mein Blickfeld kam.
„Hallo Jack, ich wollte dir noch gute Nacht sagen.“
Ich lächelte.
„Schön hast du es hier, aber das Bett ist etwas groß, oder?“
„Ja, ich komme mir sehr verloren vor und es erinnert mich an die alte Schinken, die im Fernseher liefen, wo man diese Betten auch immer gesehen hat.
„Okay, dann schlaf mal gut. Soll ich dich morgen wecken?“
„Falls ich verschlafe, ja bitte.“
Sie grinste mich an.
„Also gute Nacht!“
„Gute Nach Mum.“
Sie verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Ich atmete tief durch, machte das Licht aus und zog die Decke bis hoch zum Hals. Ich hatte vorhin die Vorhänge wieder aufgezogen und jetzt schien etwas Licht herein.
Das Schattenspiel der Bäume an der Wand wäre beängstigend gewesen, wenn ich ein paar Jahre jünger gewesen wäre. So aber schaute ich ihnen zu und schlief dabei irgendwann ein.
*-*-*
Irgendein Geräusch ließ mich hoch fahren. In der Dunkelheit und halb verschlafen, musste ich mich erst mal orientieren wo ich war. Ein knackendes Geräusch ließ mich zusammenfahren. Ich griff nach dem Schalter der Lampe und es wurde hell in meinem Zimmer.
Mit zusammengekniffenen Augen konnte ich aber nichts Außergewöhnliches erkennen. Ich schlug meine Decke zurück und musste erst mal grinsen, denn ich hatte mich im Schlaf wieder einmal meiner Shorts entledigt und saß splitterfaser nackt da.
Ich wühlte mich durch die Decken und fand sie schließlich. Ich krabbelte aus dem Bett und zog sie mir über. Dann sah ich mich im Zimmer genauer um, aber auch so konnte ich nichts erkennen, was auf die Geräuschquelle hinwies.
Ein kühler Windhauch ließ mich erzittern und verpasste mir eine Gänsehaut auf dem Rücken. Wieder dieses Geräusch und dieses Mal sah ich auch, was es war. Die Badtür stand leicht offen, daher auch der Windhauch und jedes Mal wenn sie anschlug, machte es dieses Geräusch.
Ich wunderte mich darüber, denn ich hatte die Tür verschlossen. Da meine Blase sich nun auch meldete und ich eh auf war, konnte ich auch gleich auf die Toilette gehen. Ich zog die Tür auf und ließ erst mal einen kleinen Schrei von mir.
Vor mir stand jemand. Ich griff nach dem Lichtschalter und konnte diesen Jemanden als Jayden erkennen.
„Was macht du hier?“, entfuhr es mir.
Jayden selbst stand ebenfalls nur in Shorts da und konnte sich aber sehen lassen.
„Das ist mein Bad“, antwortete Jayden, dessen Stimme ich nun auch das erste Mal hörte.
Er musterte mich von oben bis unten und grinste.
„Wieso dein Bad?“
Erst jetzt sah ich die offene Tür im Hintergrund, die bisher seit meiner Ankunft, verschlossen war. Jayden folgte meinem Blick.
„Dann teilen wir uns wohl das Bad…“, merkte ich an.
„Na toll“, meinte er und verschwand in sein Zimmer.
Die Tür schloss er aber nicht. Sollte ich ihm nachlaufen? Meine Blase drückte und so beschloss ich erst einmal auf die Toilette zu gehen, auch auf die Gefahr hin, dass Jayden plötzlich wieder im Bad stand.
Er tat so überrascht, dass er mich sah, aber es konnte je nur er gewesen sein, der meine Badtür geöffnet hatte. Andererseits im Dunkeln konnte er mich ja schlecht sehen und dass er mitbekommen hatte, dass ich das Nachbarzimmer bewohnte, bezweifelte ich.
Ich drückte die Spülung, wusch meine Hände. Dann lief ich zu Jaydens Tür und klopfte leicht.
„Ja?“
Ich schob die Tür ein wenig auf und fand ihn auf seinem Bett liegend vor. Er hatte irgendeine Zeitschrift in der Hand, die er aber schnell zur Seite legte, als ich das Zimmer betrat. Dieses Zimmer sah aus, als hätte die Bombe eingeschlagen. Überall waren Klamotten verteilt, teilweise auch auf dem Boden.
„Fertig? Ich muss nämlich auf noch auf die Toilette“, meckerte er.
„Ähm ja… Tut mir Leid, ich wusste nicht, dass wir uns ein Bad teilen.“
„Ich auch nicht…, dass kannst du mir glauben…“
„Also… mich stört es nicht… können uns ja wegen der Benutzung absprechen.“
Er gab kein Wort von sich und tat so, als würde er etwas suchen.
„Okay und gute Nacht“, meinte ich und verließ das Zimmer wieder, ohne auf Antwort zu warten.
Ich durchquerte das Bad und nachdem ich mein Zimmer wieder betreten hatte, verschloss ich meine Tür und drehte den Schlüssel herum. Ich atmete noch mal tief durch und ließ mich wieder ins Bett fallen.
Nachdem ich nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Vielfalt der Decken endlich geordnet hatte, kuschelte ich mich wieder schnell ins Bett und löschte das Licht. Ich hörte im Bad die Spülung und kurz anschließend, wie eine Tür geschlossen wurde.
Ob er hier im Zimmer war, oder nur die Tür geöffnet hatte. Aber in dem Augenblick war mir dass dann auch egal. Ich gähnte herzhaft und war schon bald wieder eingeschlummert.
*-*-*
Ich war von alleine wach geworden und hatte das Bad auch für mich alleine. Jayden schien noch zu schlafen, zumindest aber noch im Bett zu liegen. Es klopfte an meiner Tür und wenig später hörte ich Mum in meinem Zimmer.
„He, du bist ja schon aufgestanden.“
„Ja“, meinte ich und trat aus dem Bad.
Ich schloss hinter mir die Tür und drehte erneut den Schlüssel herum. Mir war nicht entgangen, dass Mum dies beobachtete.
„Guten Morgen, Jack“, meinte sie schließlich und drückte mich kurz.
„Morgen Mum.“
„Und, wie hast du in deinem Bett geschlafen?“
„Himmlisch und einen Geist habe ich auch gesehen.“
„Bitte… was?“
So erzählte ich von dem nächtlichen Erlebnis mit meinem Zimmernachbarn.
„Hast du deswegen abgeschlossen?“
Ich nickte.
„Also, du kannst auch mein Bad mitbenutzen, wenn dir das lieber ist.“
„Ach Mum, das geht schon in Ordnung. Ich denke, wir werden uns nicht ins Gehege kommen.“
„Okay, lass und nach unten gehen, dein Großvater wartet sicherlich mit dem Frühstück.“
Ich lächelte, zog mir noch meinen Pulli über und folgte ihr nach draußen auf den Flur.
„Liegen alle hier auf dem Flur?“, fragte ich leise.
„Ich denke schon, aber ich weiß es nicht genau. Zimmer genug hat es ja.“
Wir liefen gerade die Treppe hinunter, als wir oben erregte Stimmen hörten.
„Henry, ich brauche diese Creme. Meinst du nicht, einer der Bediensteten kann nachher in die Stadt fahren und sie mir besorgen.“
„Olivia, wie oft soll ich dir noch sagen, dass ist Vaters Personal und nicht für deine privaten Belange zuständig. Ich werde nachher selbst in die Stadt fahren und diese… Creme besorgen, die du so dringend …“
Mum und ich waren mittlerweile auf der Treppe stehen geblieben und als die beiden in unser Sichtfeld kamen, brach Henry seinen Satz ab.
„Guten Morgen Henry… Olivia. Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen“, meinte Mum und deutlich war ihr ironischer Unterton zu hören.
„Guten Morgen meine Liebe“, antwortete Olivia, „sehr gut, ich kann mich nicht beklagen. Es ist so herrlich ruhig hier. In unserer Stadtwohnung in London ist es nachts doch recht laut. Aber am Wochenende fahren wir immer in unser Haus bei Stevenage, dort ist es genauso herrlich.“
Mum nickte und lief neben Olivia die Treppe hinunter. Henry, der nun in meiner Höhe stand, beäugte mich kurz, bevor er weiter lief. Es war mir egal und so lief ich neben ihm her.
„Welche Schule besuchst du?“, fragte er plötzlich.
„Das Externat in Knowle Green.“
Ich wollte in kein Internat und außerdem gefiel es mir, jeden Tag nach Hause zu fahren.
„Eine Schule mit gutem Ruf. Und weißt du schon, was du später studieren möchtest?“
„Informatik!“
Ein Blick in Henrys Gesicht zeigte mir, dass er verblüfft war. Anscheinend hatte er eine andere Antwort erwartet. Mittlerweile hatten wir das Esszimmer erreicht. Doch es war leer. Also der Tisch war schon mit Köstlichkeiten gedeckt, aber kein Grandpa noch war Abigail anwesend.
„Abigail erzählte, du besitzt einen Schuhladen?“, hörte ich Olivia.
„Schuhe…“, hörte ich Henry neben mir sagen, der sich ein Teller nahm und von einem nebenstehend Tisch etwas zu holen.
Ich konnte nicht anders und grinste. Er sah mich an und grinste ebenfalls. Das war das erste Mal, seit deren Ankunft, dass ich etwas Freundliches sah.
„Ja, er ist zwar nicht groß, aber er wirft genug ab, damit Jack und ich davon leben können.“
„Henry sitzt jeden Tag in der Bank…, ist kaum zu Hause.“
So war es wohl klar, dass diese Frau keinen Beruf ausübte. Ich hatte mit Eier mit Speck auf den Teller geladen, einen Toast und setzte mich auf meinen Platz vom Vorabend. Mum dagegen setzte sich mir gegenüber, wo normalerweise Abigail gesessen war.
Zu meiner weiteren Verwunderung, nahm Henry direkt neben mir Platz, während Olivia sich zu Mum setzte. Die Tür ging auf und Abigail kam herein.
„Guten Morgen“, meinte sie.
Sie nahm sich eine Tasse und schenkte sich Kaffee ein.
„Ihr habt alles, was ihr braucht?“
„Ja, danke“, meinte Olivia.
Der Rest nickte.
„Ich fahre nachher in die Stadt, benötigte jemand etwas von euch?“
Olivia schien gerade etwas sagen zu wollen, da fiel ihr aber schon Henry ins Wort.
„Danke, aber ich werde nachher selbst nach Newbury fahren.“
Abigail lächelte und trank aus ihrer Tasse. Diese Frau war schwer einzuschätzen. Sie lächelte fortwährend und zeigte nicht eine Regung über das eben Gesagte.
„Wo ist Grandpa?“, fragte ich und schob mir einen Happen Ei in den Mund.
„Der hat bereits gefrühstückt… mit mir heute Morgen.“
Also schienen die beiden Frühaufsteher zu sein.
„Er hatte noch etwas in der Stadt zu regeln.“
Die Tür zum Esszimmer ging erneut auf und Henrys Sprösslinge betraten den Raum. Während Molly fein säuberlich gekleidet sich neben ihrer Mutter niederließ, hatte Jayden einen Aufzug, der sogar mich schmunzeln ließ.
Sein Vater rügte ihn im Flüsterton, statt ihn zu begrüßen und immer noch laut genug um zu verstehen, dass er mit dieser zerlöcherten Jeans und dem verrissenen Hemd nicht einverstanden war.
Statt der gegelten Frisur standen seine Haare nun in alle Richtung. Ich schaute kurz zu Mum, die mir entgegengrinste.
„Willst du denn nichts essen?“, meinte Olivia zu ihrem Sohn.
„Keinen Hunger“, kam über dessen Lippen.
„Aber Junge du musst doch etwas Essen“, meinte sie missbilligend.
„Möchtet ihr ausreiten?“
Die Frage war an uns gestellt und ich schaute wieder zu Mum, die nickte.
„Du kannst reiten?“, fragte ich verwundert.
„Wer kann das nicht?“, fragte Olivia.
„Ähm… ich“, erwiderte ich.
Bevor sie aber ein weiteres Kommentar abgeben konnte, mischte sich Mum ein.
„Er ist im Segelverein von Staines und hat schon ein paar Pokale für den Verein geholt.“
Wieder hörte ich diesen stolzen Unterton, wenn sie über mich erzählte. Ich lächelte.
„Wollte ihr auch ausreiten?“, fragte Abigail.
Diese Frage war an Molly und Jayden gerichtet. Molly schüttelte den Kopf, während Jayden mit der Schulter zuckte.
„Ihr könnt es euch ja noch überlegen, ich werde auf alle Fälle im Stall Bescheid geben.“
Somit stand Abigail wieder auf und verließ uns.
*-*-*
Ich wusste nicht wo Mum die Klamotten herhatte, aber sie passten wie angegossen. Im Spiegel betrachtend, zog ich mir die schwarze Reiterjacke zu Recht. Die Stiefel waren etwas gewöhnungsbedürftig, passten aber auch.
Es klopfte an meiner Tür und wenig später trat Mum ein.
„Aber hallo, was für ein fescher junger Mann steht da vor mir. Gut siehst du aus, in den Reitersachen.“
„Woher hast du die?“
„Die habe ich von Abigail. Sie meinte, die gehörten einmal deinem Vater und müssten dir passen, weil ihr die gleiche Größe habt.“
„Die gehörtem meinem Vater?“
Sie nickte. Wieder betrachtete ich mich im Spiegel.
„Fertig?“
„Ja“, antwortete ich.
„Vergiss deinen Helm nicht“, sagte Mum und verließ das Zimmer.
Ich schnappte mir den schwarzen Helm und lief ihr hinterher. Wenig später trafen wir zusammen am Stall ein. Dort standen vier gesattelte Pferde. Ein Typ in meinem Alter stand bei den Pferden.
„Nanu, wer reitet denn noch mit uns?“, fragte Mum.
Der junge Herr Jayden“, meinte der Typ und sah zu mir.
Vor mir hatte ich wohl die schönsten brauen Augen die ich wohl in meinem Leben gesehen hatte. Verschüchtert schaute mein Gegenüber weg. Sein wirres dunkelbraunes Haar fiel nach vorne ins Gesicht.
„Gibt es den Stallmeister James noch?“, fragte Mum.
„Wenn sie mich meinen Mrs. Newbury, ja mich gibt es noch.“
Ich drehte den Kopf und ein grauhaariger Mann trat aus dem Stall.
„James, dass freut mich aber“, meinte Mum und begrüßte ihn mit einer Umarmung.
„Dass freut mich auch Mrs. Newbury…“
„Charlotte, das hatten wir schon damals ausgemacht“, fiel Mum ihm ins Wort.
„Und schon damals habe ich ihnen gesagt, das gehört sich nicht und ich habe sie nur so genannt, weil es ihr Mann, der Earl so gewünscht hat.“
„Und dass sollten wir weiter so machen, James.“
Sein Blick fiel auf mich.
„Wie der junge Herr…“, meinte er nur.
„Das dachte ich auch, als ich ihn in diesem Aufzug sah. Wir haben da aber ein kleines Problem, mein Sohn Jack war noch nie auf einem Pferd gegessen.“
„Mrs. Abigail hat mir das schon mitteilen lassen. Das hier ist Taylor, er hilft mir im Stall, er wird dem jungen Herrn zeigen, wie man reitet.“
„Jack… einfach Jack“, meinte ich, weil mich dieses geadelte Gerede störte.
Ich ging zu ihm hin und reichte ihm die Hand.
Ehrfürchtig schüttelte der Mann mir meine Hand.
„Die Stimme…, das Aussehen…, wie ihr verstorbener Vater“, meinte James.
Ich lächelte verlegen, war aber auch gleichzeitig etwas genervt, immer mit meinem Vater verglichen zu werden.
„Taylor, du kümmerst dich bitte um den jungen He… Jack und bist mir für ihn verantwortlich!“, meinte James zu Taylor.
„Geht in Ordnung, Mr. Wilson!“
James zeigte Mum ihr Pferd und half ihr auf. Etwas komisch war mir schon zu mute. Taylor stellte sich neben das schwarze Pferd und schaute mich aufmunternd an. Ich lief zu ihm und er verschränkte seine Hände.
Ah, er wollte mir, wie James eben Mum, mir aufs Pferd helfen. Ich stellte also meinen Schuh auf die Hände und hielt mich am Sattel fest. Schon merkte ich den Druck von unten und schwebte regelrecht auf den Sattel.
Wow, stark war er ja, dachte ich mir noch, während er das Pferd komplett umrundete. Er stellte irgendwas an meinem Bügeln ein und hielt mir dann die Zügel hin.
„Möchten sie es erst selbst versuchen, oder soll ich ihr Pferd führen?“
„Wenn sie es mir zeigen?“, konterte ich.
„Junger Herr, sagen sie bitte du und Taylor zu mir.“
„Nur wenn du Jack und ebenfalls du zu mir sagst, ich mag dieses Gesiezte nicht.“
„Das wäre aber nicht in Ordnung.“
„Okay, dann bleiben wir bei dem gegenseitigen sie“, meinte ich.
Hilflos schaute Taylor zu James, der anfing zu Lachen.
„Der gleiche Dickkopf wie sein Vater, oder?“
„Ja Charlotte, sie ähneln sich sehr. Taylor, wenn der junge Herr dir gestattet ihn zu duzen, darfst du dies ruhig tun.“
Ich grinste siegessicher.
„Jetzt fehlt nur noch Jayden“, meinte ich.
Wollen sie… ähm, willst du alleine reiten?“
Noch immer lächelte ich und schaute verträumt in diese Augen.
„Wenn du mir zeigen kannst, was ich machen soll, versuche ich es gerne.“
In den nächsten fünf Minuten ließ ich einen Wortschwall über mich ergehen. Doch ich hing an seinen Lippen und zog jedes Wort in mich auf. Aber irgendwann, nach soviel Theorie wollte ich dass nun auch praktisch umsetzten.
„Ich denke der junge Herr Jayden hat es sich doch wohl anders überlegt. Falls er doch noch kommt, kann ich ihn ja nachschicken“, meinte James und Mum nickte.
Taylor stieg nun auch auf sein Pferd und setzte sich in Bewegung. So wie er es mir erklärt hatte, presste ich etwas die Schenkel zusammen und wirklich das Pferd setzte sich in Bewegung.
Taylor lobte mich, blieb aber ständig neben mir. Mum ritt etwas voraus und wir folgten ihr.
„Ist das cool“, meinte ich verzückt.
„Du… bist wirklich noch nie auf einem Pferd gegessen?“, fragte Taylor.
„Nein, ich weiß nicht mal, ob es in Staines einen Reiterstall gibt.“
„Aus Staines bist du?“
„Ja.“
„Und warum habe ich dich hier noch nie gesehen…, oh entschuldige meine Neugier…, James hat extra gesagt, ich solle meinen Mund halten.“
Schuldbewusst schaute er nach unten. Ich musste grinsen.
„Da habe ich sicherlich keine Probleme mit, wenn du etwas wissen möchtest. Ich kannte die Familie bisher nicht.“
„Wie kann man seine eigene Familie nicht kennen?“
Ich schaute nach vorne, wo Mum in eine schnellere Laufart übergegangen und sich entfernte.
„Ganz einfach. Mein Vater starb, als ich ein Kleinkind war und die Familie wollte nichts mit meiner Mutter zu tun haben, deshalb wusste ich bis vor ein paar Tagen nichts von dieser Familie.“
„Heftig!“
„Ja.“
„Und du bist wirklich noch nie geritten?“
„Nein, sagte ich doch bereits.“
„Für dein erstes Mal stellst du dich überraschend gut an… ein Naturtalent würde ich sagen.“
War das jetzt ein einfaches Lob, oder flirtete er grad mit mir?
*-*-*
„Na genug?“, fragte Mum, als wir auf einer Lichtung zum Stehen kamen.
„Nein, mir gefällt es“, antwortete ich.
„Er reitet wirklich gut, Mrs. Newbury.“
„Das habe ich gesehen. Traust du dir auch schon einen Galopp zu?“
Reizen würde mich das ja schon hier über Felder und Wiesen zu reiten, aber ob ich das wirklich schon drauf hatte. Ich schaute zu Taylor, der mir aufmunternd zu lächelte. Mum ritt als erstes los und Taylor ihr hinter her.
So blieb mir nichts anderes übrig als ihnen zu folgen. Und es dauerte eine Weile, da hatte ich es fertig gebracht das Pferd zu einem Galopp zu bewegen. Ich stand etwas in den Bügeln und genoss die frische Luft, die mir um die Nase wehte.
Plötzlich hörte ich Hufgeräusche hinter mir und wunderte mich, weil die beiden doch vor mir waren. Umdrehen traute ich mich nicht, weil ich nicht wusste, wie das Pferd darauf reagierte. Aber meine Neugier wurde sofort befriedigt, als Jayden ins Blickfeld kam und galoppierend an mir vorbei zog.
Da war wohl einer doch noch zum Reiten gekommen. Er schaute mich aber nicht an, sondern zog einfach an mir vorbei. Plötzlich wurde es mir zu blöd. Das Pferd ging wieder in einen gemächlichen Trapp über und ließ mich auf den Sattel sinken.
Dies schien bald bemerkt geworden zu sein, denn plötzlich machte Taylor kehrt und kam zu mir zurück.
„Alles klar?“, rief er mir entgegen.
Ich nickte. Er schaute mich sonderbar an und drehte sein Pferd wieder. Mittlerweile hatten wir eine schöne Runde gedreht und waren am See hinter Haus angekommen.
„Wollen wir dann zurück?“, fragte Mum.
Sie und Jayden waren ebenfalls zu uns gestoßen. Jayden verzog das Gesicht, klar, er war ja auch eben erst gekommen.
„Wenn ihr keine Wettrennen veranstaltet, können wir ruhig noch etwas länger reiten“, meinte ich.
„Wie wäre es mit dem alten Turm, Mrs. Newbury?“
„Der steht noch?“
„Ja, na ja mehr oder weniger.“
„Was für ein Turm?“, fragte ich die zwei.
„Du kennst den alten Turm nicht?“, fragte Jayden von oben herab.
„Wie soll ich einen Turm kennen, wenn ich noch nie hier war?“, gab ich angesäuert zurück.
Schien zu wirken, denn Jayden hielt den Mund und kassierte obendrein noch einen bösen Blick meiner Mutter.
„Dann mal auf zum Turm!“, meinte Taylor.
*-*-*
Etwas fertig, stieg ich von Pferd ab. Aber es hatte Spaß gemacht. Taylor nahm die Zügel meines Pferdes und zog es in den Stall. Mum schaute auf die Uhr.
„Gerade richtig zum Lunch. Du möchtest dich sicher noch frisch machen, oder?“ fragte Mum.
„Ich brauch eine Dusche, ich bin total verschwitzt.“
„Ist ja noch Zeit, wir sehen uns dann nachher.“
Ich nickte.
*-*-*
In einer alten Wanne hatte ich mich auch noch nicht abgeduscht. Man lernt immer dazu. Ich drehte das Wasser ab und griff nach dem Handtuch, als mein Gegenpart seine Toilettentür aufriss und vor mir stand.
„Ich bin gleich fertig“, meinte ich.
Jayden stand nur da, schaute unverhohlen auf meinen Schwanz, bevor er wieder grinsend verschwand. Ich wurde aus dem Kerl nicht schlau. Ich trocknete mich notdürftig ab, griff nach meinen Sachen und lief zurück in mein Zimmer.
Mir machte es nichts aus, nackt herum zu laufen. Nach dem Segeln gingen wir ja auch immer duschen, so war ich das gewohnt. Doch bisher hatte mir noch niemand so offensichtlich auf mein Teil gestarrt.
Es klopfte an der Tür. Die andere Tür, zum Flur. Genervt rollte ich mit den Augen und band mit das große Badelaken um die Hüfte.
„Ja?“
„Jack…, hier ist Taylor, „ich wollte die Reitstiefel abholen“, hörte ich es durch die Tür.
So lief ich zur Tür und öffnete. Taylor schaute mich verlegen an.
„Die Stiefel? Für was?“
„Ich muss die Stiefel sauber machen.“
„Oh man, ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, dass man hier alles gemacht bekommt“, meinte ich und lief zurück in mein Zimmer, um die Stiefelzu holen.
„Habt ihr zu Hause kein Personal?“
„Nein, meine Mutter und ich bewohnen zusammen eine kleine Wohnung und Personal…, so etwas kenne ich gar nicht“, erklärte ich und bückte mich nach den Stiefeln, die vor dem Fenster lagen.
Wie sollte es anderssein, dass gerade dann etwas passiert, wenn man es nicht gebrauchen kann. Das Handtuch löste sich und ich stand nackt da, mit den Stiefeln in der Hand. Taylor grinste und drehte sich weg.
Jetzt war es mir eh egal und lief so wie ich war, wieder an die Tür.
„Hier!“, meinte ich, halb verdeckt von der Tür.
„Danke“, meinte Taylor, ohne mich anzusehen.
Sonst kam nichts mehr von ihm und lief zur nächsten Tür. Ich zuckte mit den Schultern und schloss meine Tür wieder. Vom Bad her hörte ich Wasser rauschen, so stand Jayden nun in der alten Wanne.
*-*-*
Der Lunch war wieder reichlich und ich überlegte wirklich, ob ich nicht ein paar Schritte gehen sollte. Mir fiel das Bootshaus wieder ein und so schlug ich diese Richtung ein. Mum hatte sich etwas hingelegt.
Auch eine Art, diese Berge von Essen ihrem Bestimmungsort zuzuführen. Die Wolkendecke war aufgerissen und ein paar Sonnenstrahlen ließen der See glitzern. Mum hatte Recht, es sah irgendwie magisch aus.
Etwas später kam ich am Bootshaus an. Es schien wohl seit langem niemand mehr hier gewesen zu sein. Das Gras stand hoch und ich versuchte mir meinen Weg zu bahnen. Endlich erreichte ich den kleinen Holzvorbau und das Laufen ging leichter.
So groß wirkte das Haus nicht von der Ferne. Die Dielen knarrten unter meinem Gewicht und ich schaute mich um, als wäre ich bei etwas Verbotenem erwischt worden. Das Fenster neben der Tür war von innen mit einem dicken Stoff verhüllt.
So lief ich auf die rechte Seite um umrundete das Haus. Auch hier war zwei Fenster und ebenfalls verhüllt. Das Ende der Hütte lag im Wasser und so versuchte ich mich durch verrenken, etwas von der Seeseite her zu sehen.
Aber auch diese Seite war von zwei großen Toren verdeckt. Ich ging also den gleichen Weg zurück und stand vor der Tür. Zaghaft umschloss ich den Griff mit meiner Hand und drückte ihn nach unten.
Verschlossen! Klar! Ich ließ den Türgriff wieder los und schaute mich um. Vielleicht war der Schlüssel ja irgendwo hinterlegt. Ich fand keinen. Etwas enttäuscht nahm ich mir vor, nach dem Schlüssel zu fragen.
*-*-*
Etwas zögerlich betrat ich den langen Flur, den ich hinter der Tür neben dem Esszimmer fand. Ich wusste nicht, ob ich das überhaupt durfte. Außer den bekannten Räumen, hatte ich vom Haus noch nicht viel gesehen.
Leise schloss ich die Tür. Irgendwo her kamen Geräusche und zudem roch es hier gut. Hier schien die Küche zu sein und ich wunderte mich, dass nach dem reichhaltigen Mittagessen, sich mein Magen meldete.
Ich folgte den Geräuschen und fand mich plötzlich in der Tür der Küche wieder. Eine ältere Dame wirbelte herum, rührte da in einem Topf, füllte etwas in eine Schüssel. Mit einem Räuspern machte ich auf mich aufmerksam.
Die Dame fuhr herum und sah mich entgeistert an.
„Isaak…“, sagte sie leise.
Verwundert schaute ich sie an. Sie rieb ihre Hände an einem Küchentuch ab.
„Entschuldigen sie bitte, für einen Augenblick dachte ich…, sie müssen Isaaks Sohn Jack sein.“
„Ja…, bin ich, aber sage sie bitte du zu mir.“
Sie kam auf mich zu und hob mir die Hand entgegen, die ich lächelnd schüttelte.
„Wie ihr Vater…, verblüffend.“
Verlegen schaute ich drein.
„Ja…, dass habe ich schon ein paar Mal gehört.“
„Oh, wo bleibt mein Anstand…, kann ich ihn…, dir etwas anbieten?“
„Ich…, ich bin eigentlich nur dem herrlichen Duft gefolgt.“
„Das wird die Pastete sein, die ich für heute Abend packe.“
Ich nickte, weil ich nicht recht wusste, was ich darauf erwidern sollte.
„Gibt es etwas, was sie sehr gerne essen? Kuchen oder etwas anderes?“
„… ähm… Kuchen.“
„Ich vermute mal…, wie wäre es mit einem Stück Käsekuchen…, gerade frisch gebacken.“
„Woher wissen sie, dass dies mein Lieblingskuchen ist?“
„Es war auch der Lieblingskuchen ihres Vaters, ich werde es ihnen auf ihr Zimmer bringen lassen.“
Da ich davon ausging, dass die Person vor mir Caitlin war, sprach ich sie einfach mit Namen an.
„…ähm…, Caitlin, sie brauchen sich doch keine Umstände wegen mir zu machen… ich kann doch hier…“
Ich zeigte auf den Küchentisch. Caitlin lächelte breit.
„Wie ihr Herr Vater, er saß oft bei mir in der Küche.“
Sie nahm schnell ein Tuch wischte über den Tisch und zog den Stuhl etwas zurück.
„Setz dich doch bitte.“
Zögerlich ließ ich mich auf den Stuhl nieder, während die Köchin einen Teller aus dem Regal zog, um ihn gleich mit einemStück Käsekuchen zu befüllen.
„Caitlin… es mag ihnen seltsam vorkommen…, aber können sie mir etwas über meinen Vater erzählen.“
Wieder lächelte sie breit, während sie mir den Kuchen servierte.
„Ihr Vater…, war ein Wirbelwind. Jeden Tag hatte er einen anderen Unfug im Kopf. Doch niemand war ihm böse deswegen. Er war immer höflich und anständig zu uns.“
Mit uns schien sie wohl die Dienerschaft zu meinen.
„Im Gegensatz zu seinen Geschwister, wobei Abigail auch immer gut zu uns war.“
Verklärt schaute sie auf die Tischplatte, bevor sie wieder den Kopf hob.
„Möchten sie eine Saft, Tee oder Milch?“
„…Milch… bitte.“
Sie lief zu einem altertümlich wirkenden Kühlschrank und zog ihn auf. Dieser war gefüllt mit den herrlichsten Dingen und ich freute mich schon insgeheim auf das kommende Abendessen. Caitlin zog eine Flasche voll mit Milch heraus und schloss dass gute Stück wieder.
„Caitlin, beim Sparzieren gehen habe ich am See unten eine Bootshütte entdeckt, wissen sie vielleicht, wo ich den Schlüssel dazu finden könnte?“
Sie goss mir ein Glas voll und stellte es zu mir.
„Da müsstest du James oder Taylor fragen, die bewahren alle Schlüssel auf.“
„Jack?“, hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter.
„Ja Mum, ich bin hier in der Küche.“
Wenig später erschien sie.
„Charlotte“, sagte Caitlin leise.
„Caitlin…“
Beide Frauen umarmten sich, dann fiel ihr Blick wieder zu mir.
„Du lasst es dir gut gehen“, meinte Mum und lächelte.
„Wie sein Vater“, kam es von Caitlin.
„Ja, er hat immer von ihrer Küche geschwärmt.“
„Ich hoffe es hat ihrer Küche nicht geschadet“, lächelte Caitlin.
„Nein, ihm hat es geschmeckt.“
Ich hatte meinen Kuchen mittlerweile verzerrt und war am überlegen, zu fragen, ob ich noch einen bekommen würde.
„Möchten sie auch ein Stück Kuchen, Mrs. Newbury.“
„Nein danke, ich bin noch satt vom Mittagessen.“
„Junger Mann?“
„…öhm, nein danke… es gibt ja noch Abendessen“, lächelte ich, auch wenn die Verführung groß war, noch ein Stück zu essen.
*-*-*
Die Stalltür war offen, so ging ich einfach hinein.
„Hallo?“
Es gab niemand Antwort so lief ich einfach weiter. Mir fiel auf, dass es hier sehr sauber war. Fein säuberlich gekehrt. Ich zuckte zurück, als plötzlich kurz vor mir ein Pferdekopf aus der Box erschien.
„Hast du mich erschreckt“, meinte ich und streichelte sanft über seine Nüstern.
„Ich komm nachher noch mal vorbei“, hörte ich weiter hinten Taylor sagen, der aus einer anderen Box hervortrat.
Sein Blick fiel auf mich und lächelte.
„Hallo…, wieder ausreiten?“
„Nein…, ich wollte fragen, ob hier irgendwo der Schlüssel für das alte Bootshaus ist.“
„Uffz…“, Taylor strich sich durch sein braunes Haar, „da muss ich erst mal James fragen. Ich weiß zwar von dem Bootshaus, war aber selbst noch nie dort.“
„Und wo ist James?“
„In die Stadt gefahren, wollte etwas wegen dem Futter nachschauen.“
„Okay…, dann komm ich später noch einmal vorbei.“
„Vielleicht… können wir gemeinsam suchen…, ich weiß wo die Schlüssel alle sind.“
„… gute Idee.“
Taylor räumte Besen und Eimer auf seinen Platz und kam zu mir. Er lief an mir vorbei und öffnete eine kleine unscheinbare Tür neben den Boxen. Ich folgte ihm. Wir betraten einen kleinen Raum, der wohl James reich war.
An der Wand hing ein großer Kasten, den Taylor nun öffnete. Die Innenseite hing voll mit Schlüsseln.
„Oje“, gab ich von mir, „dass sind aber viele.“
„Alle Schlüssel, die hier am Hause verwendet werden“, meinte Taylor.
„Da brauchen wir eine Weile, bis wir den gefunden haben.“
„Nein…, die rot gekennzeichneten Schlüssel sind von Haus, die Grünen hier von den Stallungen, lediglich die blauen, sind vom Grundstück.“
Das schloss aber ein Gutes Dutzend Schlüssel ein. Taylor nahm den ersten und lass die Beschriftung.
„Taylor? Ich bin wieder zurück“, hörte ich James draußen rufen.
„Ich bin hier“, antwortete Taylor und hängte den Schlüssel wieder zurück.
„Was machst du in meiner Kammer?“, kam es von James, während er die Kammer betrat.
„Oh hallo Jack“, meinte er, als er mich sah.
„Der junge Herr fragte nach dem Schlüssel vom Bootshaus.
„Bootshaus?“
„Ja…, ich wollte mich etwas im Bootshaus umschauen, da ich in Staines im Segelclub bin und…“
„Das Bootshaus hat… schon seit Jahren keiner mehr betreten.“
„Warum?“
Ich wusste nicht, ob ich diese Frage jetzt hatte stellen sollen, denn der Gesichtsausdruck von James wurde sehr ernst, aber auch traurig.
„Ihr Großvater wollte es so…“
Er schaute mich lange und durchdringend an.
„Dann warte ich, bis Großvater aus der Stadt zurück ist und frage ihn selbst.“
„Das wird wohl das Beste sein!“
Ich fühlte mich in meiner Haut nicht mehr wohl.
„Ich gehe dann wohl besser…“, meinte ich und verließ die Kammer und den Stall.
„Warum hast du ihm nicht einfach den Schlüssel gegeben?“, hörte ich Taylor beim hinausgehen sagen.
„Es gibt Dinge, die du nicht verstehst und auch nichts angehen!“
*-*-*
Im Haus war es überraschend ruhig, keiner zu sehen. So lief ich zur Tür, hinter welcher sich Großvaters Bibliothek befand. Ich klopfte, bekam aber keine Antwort. Langsam drückte ich die schwerfällige Klinke nach unten und schob die massige Holztür auf.
Trotz der angenehmen Temperatur draußen, brannte hier ein kleines Feuer im Kamin und mollige Wärme kam mir entgegen. Auch hier war niemand. Ein aufgeschlagenes Buch auf einem Bord fiel mir ins Auge und ich wurde neugierig. Es schien ein sehr altes Buch zu sein, auf alle Fälle war das Papier recht alt.
„Das ist unsere Familienchronik“, hörte ich es hinter mir sagen und ich fuhr herum.
„Verzeih Junge, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Oh Großvater, entschuldige, dass ich hier so einfach…“
„Du musst dich doch nicht entschuldigen, du darfst dich hier im Haus überall frei bewegen.“
Ich nickte.
„Angefangen bei meinem Ururgroßvater George Jack Aide, der erste Duke von Newsberry.“
„Stehe ich auch drin?“
Großvater lächelte.
„Deshalb war ich heute morgen in der Stadt“, meinte er und blätterte weiter, bis zur letzten beschriebenen Seite.
„Ich habe dich und deine Mutter nachtragen lassen.“
Er zeigte auf ihren und meinen Namen.
„Woher weißt du mein Geburtsdatum?“
„Das hat mir deine Tante Abigail verraten.
„Großvater…, warum ich eigentlich hier bin. Ich wollte dich fragen, …wegen dem alten Bootshaus…“
So freundlich sein Gesichtsausdruck eben noch war, so verfinsterte es sich jetzt.
„Was ist mit dem Bootshaus?“
„Ich wollte fragen, ob ich den Schlüssel dazu haben kann.“
„Und für was?“
Seine Stimme klang feindselig und ich trat ein Stück zurück.
„Ähm…, ich glaube, dass ist nicht mehr so wichtig… Ich geh dann mal in mein Zimmer. Wir sehen uns beim Abendessen.“
Schnell hatte ich dass Zimmer verlassen und rannte die Treppe nach oben. Ich lief direkt in mein Zimmer und schloss hinter mir die Tür. Warum verhielten sich alle so komisch, wenn ich das Bootshaus erwähnte.
Ich ließ mich auf mein Bett fallen, als es an meiner Tür klopfte.
„Ja?“
Die Tür ging auf und mein Großvater stand in der Tür.
„Darf ich herein kommen?“
Ich richtete mich auf.
„Ähm… ja… natürlich.“
Großvater schloss die Tür und kam zu mir ans Bett.
„Entschuldige Junge, ich wollte nicht…“
Es fiel im sichtlich schwer mit mir zu reden und setzte sich neben mich. Er nahm meine Hand und schaute mich lange an.
„Es ist an der Zeit mit den Geheimniskrämereien aufzuhören. Ich möchte dir die volle Wahrheit sagen.“
Ich war nicht im Stande etwas zu sagen und nickte nur. Der Druck auf meine Hand ließ nach.
„Begonnen hat alles damit, als ich damals deine Urgroßmutter, küssend mit jemand anderem im Bootshaus erwischte.“
„Großmutter?“, fragte ich verwirrt, daran erinnernd, dass sie ein Tabuthema war.
„Ja…“, antwortete er und senkte den Kopf, „ich bin damals Kopflos davon gerannt, in den Wagen gestiegen und davon gebraust. Als ich zurück kam, waren deine Großmutter und all ihre Sachen weg. Seit dem habe ich nichts mehr von ihr gehört.“
„Hast…, hast du nicht versucht sie zu finden?“
„Nein.“
Dieses Nein kam so schnell und gestochen scharf, dass ich mich nicht traute weiter zu fragen.
„Sie hat mich mit den Kindern alleine gelassen, ich wollte nicht…“
„Und seitdem wurde das Bootshaus nicht mehr betreten?“
„Nicht ganz… Dein Vater lernte kurze Zeit später, deine Mutter kennen. Und plötzlich fehlten irgendwann Gelder vom Familienvermögen…“
Er schaute auf.
„Jack du musst mir glauben, alles was mir damals Henry und Sophia von deinem Vater vorgelegt haben, sah so aus, als hätte er das Geld genommen.“
„Sophia?“
„Deine zweite Tante….“
„Und du hast ihnen einfach so geglaubt?“
„Ja…, weil… weil er das Geld angeblich für seine Mutter verwendet hat.“
„Für Großmutter.“
„Ja…, ich sah dann nur noch rot und bat ihm zu einem Gespräch.“
„Hat er nicht gesagt, dass er dass nicht war.“
„Doch, aber ich glaubte seinen Geschwistern mehr, als ihm… leider. Der Schmerz, dass deine Großmutter mich verlassen hatte…, war einfach zu groß.“
„Dann hast du ihn enterbt?“
„Nein…, er wollte nichts mehr mit meinem Geld zu tun haben, weil ich ihm nicht vertraute… Darauf hin verließ er mein Haus. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.“
„Und dann ist er verunglückt…“
Großvater nickte. Es war interessant, die Geschichte aus dem Munde meines Großvaters zu hören.
„… seitdem habe ich das Bootshaus nicht mehr betreten…, weil es soviel Unheil brachte…“
„Damit hat doch das Bootshaus nichts zu tun und zudem hättest du es doch gleich abreisen lassen können.“
„Das brachte ich nicht über das Herz, es war der Lieblingsplatz deiner Großmutter und deines Vaters. Sie liebten beide das Wasser.“
Jetzt wusste ich wenigstens, woher ich meine Vorliebe zum Wasser her hatte.
„Du kannst natürlich die Schlüssel zu Bootshaus haben…, es wird aber sicherlich ziemlich unordentlich darin aussehen.“
„Das macht mir nichts aus.“
„Ich werde James die Anweisungen geben, es reinigen zu lassen.“
Die Tür ging auf und Mum kam herein.
„Oh entschuldige, ich wusste nicht, dass du nicht alleine bist.“
„Nicht schlimm. Großvater hatte mir etwas zu erzählen… von Großmutter und meinem Vater.“
„Aha…“, meinte sie und schloss die Tür hinter sich.
Ich erzählte in kurzer Form, was mir Großvater erzählt hatte und Mums Augen wurden groß. Währenddessen hielt Großvater die ganze Zeit meine Hand.
„Es gibt da noch etwas…, was ich bisher noch nie jemandem erzählt habe“, meinte Großvater plötzlich.
Mum und ich schaute ihn an.
„Dieser jemand… mit dem ich deine Großmutter küssend erwischt hatte…, war eine Frau.“
*-*-*
Still saß ich am Abendessen und löffelte meine Suppe. Seit Großvaters Offenbarung hatten wir kein Wort mehr geredet.
„Hallo, wo seid ihr denn alle“, hörte ich jemanden rufen, „mein Gepäck ist noch im Auto.“
„Sophia…“, sagte Onkel Henry nur.
Stimmt, diese Tante fehlte noch. Großvater hatte ja alle eingeladen. Abigail erhob sich und ging zu Tür.
„Abigail, altes Haus… gut siehst du aus“, hörte ich wieder diese Stimme.
„Hallo Sophia, wir sind grad beim Essen.“
Abigail betrat das Esszimmer wieder und wenig später folgte ihre eine bunt angezogene Frau, denn anders konnte ich diesen Kleidungsstil nicht beschreiben.
„Hallo, da seid ihr ja“, meinte sie und lief zu Großvater.
„Hallo Vater“, meinte sie, umarmte ihn kurz und küsste ihn auf die Stirn.
„Setz dich“, meinte er nur und löffelte weiter an seiner Suppe.
„Freundlich wie immer…“, kam es leise von ihr.
Sie setzte sich an den Tisch und schaute dabei Mum an.
„Charlotte? Bist du es wirklich? Was führt dich hier her?“
„Joseph war so freundlich uns einzuladen“, antwortete Mum kurz und bündig.
„Wir?“
Dabei wanderte ihr Blick auf mich und verharrte.
„Er…, er ist Isaak wie aus dem Gesicht geschnitten.“
„Ich weiß!“
Warum wurde ich das Gefühl nicht los, dass es hier gerade am Tisch mächtig kriselte und gleich der dritte Weltkrieg ausbrechen würde.
„Ihr entschuldigt“, meinte Großvater plötzlich, stand auf und verließ den Raum.
Fragend schaute ich Mum an, doch sie schüttelte sanft den Kopf.
„Was ist? Ist jemand gestorben, oder warum sitzt ihr hier wie eine Trauergemeinde?“
„Sophia…, könntest du nicht einfach deinen Mund halten und uns essen lassen?“
Diese Worte kamen von Henry. Lediglich der Löffel von Jayden war zu hören, wir er über den Boden seines Tellers kratzte, um die letzten Reste der Suppe aufzunehmen.
„Ich glaube, ich werde zu erst auf mein Zimmer gehen und mich etwas frisch machen“, sagte plötzlich Sophia in die Stille.
Sie erhob sich wieder und verließ ebenfalls den Raum. Ich fühlte unwohl und konnte nur erahnen, wie es damals gewesen sein musste, als mein Dad noch lebte. Ohne viel nach zudenken, stand ich ebenfalls auf und lief zur Tür.
„Jack…“, hörte ich Mum rufen.
Dieses Mal schüttelte ich den Kopf und lief hinaus.
*-*-*
Großvater stand an der Auffahrt zum Haus und schaute zu Allee hinaus.
„Großvater?“, sagte ich leise.
Er reagierte nicht.
„Großvater…, wenn ich dich mit meinem Handeln…, irgendwie verletzt haben sollte, oder…“
„Nein Jack“, fiel mir Großvater ins Wort und drehte sich um, „das hast du nicht. Ich zweifle nur gerade an mir selbst, ob meine Entscheidung, die Familie wieder zusammen zu bringen, richtig war.“
„Dann hätte ich nie meinen Großvater kennen gelernt…“
Er schaute mir in die Augen. Sie waren traurig.
„Viel zu spät habe ich gemerkt, was ich in meinem Leben versäumt habe, durch meinen Stolz…, gekränkte Eitelkeit und Eifersucht…“
Ich verzog fragend das Gesicht.
„Eifersucht…?“
„Ja mein Junge. Ich war Eifersüchtig auf deine Großmutter und deinen Vater. Sie haben gemacht, was sie wollten und waren glücklich damit und ich…“
„Warst du denn nie glücklich?“
„Als wir noch eine Familie waren…“
Einzelne Tränen rannen über die Wangen meines Großvaters und ich spürte, dass es mir selbst nicht besser ging.
*-*-*
Ich lag auf meinem Bett und schaute an die Decke. Es klopfte.
„Ja?“
Die Tür ging auf und Abigail schaute herein.
„Hallo“, meinte ich und mein Blick wanderte zurück.
„Darf ich herein kommen?“
Ich richtete mich auf und setzte mich auf den Bettrand.
„Klar doch…, es ist euer Haus…“
Abigail schloss die Tür und setzte sich zu mir aufs Bett. Sie nahm meine Hand und schaute mich an.
„Es ist genauso auch dein Haus…, du gehörst zur Familie.“
Mein Blick senkte sich und ich schaute auf meine Füße.
„Es mag vielleicht unverschämt klingen…, aber bevor ich euch kennen lernte…, Mum und ich…“, ich hob den Kopf und schaute sie an, „… wir waren glücklich.“
Sie nickte, sagte aber kein Wort.
„Wofür hat man das hier alles, wofür das viele Geld…, wenn man nicht glücklich sein kann…, oder darf?“
„Es ist so…, wie es ist, Jack.“
Ich entzog ihr meine Hand und erhob mich.
„Ich kenne Großvater noch nicht lange, aber…“, ich drehte mich zu ihr, „als ich ihn eben vor dem Haus weinen sah, brach es mir fast mein Herz. Ist es das wert?“
„Jack ich weiß, du verstehst vieles noch nicht…“
„Ich verstehe soviel, dass ich sehe, was hier schief läuft!“, unterbrach ich sie.
Meine Stimme war lauter geworden. Die Tür ging auf und Mum kam herein.
„Ich hätte gute Lust, alle einzupacken und wieder heim zufahren…, auf so eine Familie kann ich verzichten.“
„Jack!“, fuhr mich Mum an.
„Lass ihn Charlotte…, er hat doch Recht. Schau dir Vater an, er zerbricht immer mehr an diesen Zuständen.“
„Er ist krank?“, fragte Mum leise.
Abigail nicht und senkte den Kopf dabei.
„Wie krank?“, fragte ich und bekam en ungutes Gefühl in der Magengegend.
„Ich soll es euch zwar nicht erzählen, aber irgendwann hättet ihr es selbst gemerkt. Die Ärzte wissen sich nicht mehr zu helfen. Er hat jeden Lebenswillen verloren. Lediglich die Familie hält ihn noch aufrecht.“
„Familie…“, sagte ich sarkastisch.
„Eine kleine Operation würde helfen…“
„Und warum lässt er sich nicht operieren?“, fragte ich.
Abigail zuckte mit den Schultern. Mum kam und nahm mich in den Arm.
„Es ist ein Geschwür am Magen, das man operativ entfernen müsste, bevor es sich ausbreitet und ihn langsam…“
Abigails Augen wurden feucht, ihre Stimme versagte.
„Ich rede mit ihm…“, meinte ich.
„Jack…, wir wissen offiziell nichts und du bist…“
„… sein achtzehn jähriger Enkel, der seinen Großvater noch eine Weile behalten will“, unterbrach ich Mum.
„Eben wolltest du noch abreisen“, meinte sie und lächelte etwas.
Auch Abigail lächelte. Ich schaute die beiden an.
„Darf ich euch etwas fragen?“
„Was?“, sagten Mum und Abigail fast gleichzeitig.
„Was war das vorhin da unten? Ich meinte, ich weiß schon, das war meine Tante Sophia. Aber als sie herein kam, kam es mir so vor, als würde im Esszimmer, die Temperatur sinken, so eisig wie plötzlich alle am Tisch waren.“
„Erzähl du…“, meinte Mum zu Abigail.
„Was gibt es groß zu erzählen. Sophia ist eine Lebefrau und lässt alles, was ihr nicht passt, links liegen. Sie geht über Leichen, wenn sie etwas will. Ich weiß nicht, wie viele Männer sie schon verschlissen hat…“
„Und niemand kann sie leiden…“
„Das habe ich nicht gesagt, es ist schließlich meine Schwester. Aber der Umgang mit ihr…, ist… schwierig.“
„… und gewöhnungsbedürftig“, schloss sich Mum an.
„Da kommt sicher noch etwas auf mich zu“, meinte ich.
„Wie meinst du das?“, fragte Mum.
„Ob es ihr passt, wenn ich mich mehr um Großvater kümmere?“, lächelte ich beide an.
*-*-*
„Wo hast du das denn aufgetrieben?“, fragte Großvater, als er neben mir und vor dem Segelboot stand.
„Ein paar Anrufe und Beziehungen“, antworte ich nur.
„Und damit kannst du umgehen?“
„Ja“, lächelte ich, „hier ist deine Schwimmweste, wir können gleich los.“
Er sah mich verwirrt an. Gut, so einfach war es wirklich nicht, das Boot hier her und an den See zu bekommen. Ich hatte am Abend einige Telefonate geführt. Und Dank meiner letzten Siege, hatte ich bei ein paar Leuten etwas gut und nun war das Boot da.
„Ich glaube… ich bin zu alt für so etwas.“
„Quatsch, für so etwas ist man nie zu alt“, sagte ich und ohne zu fragen zog ich ihm einfach die Schwimmweste an.
„Muss ich das Ding tragen?“
„Ja!“, sagte ich bestimmend und zog die Kordeln fest.
„Beruhigend…“
Ich konnte nicht anders und musste kichern.
„Komm, ich helfe dir ins Boot.“
„Habe ich überhaupt die richtige Kleidung an? Da gibt es doch sicher auch extra Sachen für.“
„Großvater, du bist warm angezogen und das reicht! Komm… gib mir deine Hand.“
Unsicher streckte er seine Hand aus und ich schob ihn langsam auf das Boot. Natürlich schaukelte es etwas, aber ich ließ mich nicht beirren.
„Da kannst du dich hinsetzten und den Rest überlässt du mir.“
Ich band die Taue los, stieg ebenfalls in das Boot und stieß mich mit einem Fuß vom Steg ab. Am Ruder sitzen zog ich am Großschlot, um das Segel in den Wind zu bekommen und schon bewegten wir uns vom Steg weg.
Auf das Focksegel verzichtete ich, denn ich wollte, dass Großvater uneingeschränkte Sicht hatte und ich auch mit ihm reden konnte. Das Boot bekam noch mehr Fahrt und bald schon spürte ich den Wind, der mir ins Gesicht wehte.
„Herrlich…“, meinte Großvater, mit Blick nach vorne.
Ich lächelte.
„Wie lange segelst du schon?“
„Ich habe mit zehn begonnen.“
„… dein Vater war ein ausgezeichneter Schwimmer…“
Sein graues Haar wiegte sanft in dem Wind.
„Ich weiß leider nicht so viel von meinem Vater…, aber das ist nicht schlimm.“
„Er hat sogar einmal einen Wettkampf gewonnen.“
Plötzlich sah ich einen gewissen Stolz in seinen Augen.
„Vielleicht kannst du ja einmal nach Staines kommen und dir eine Regatta anschauen.“
Seine Augen verloren an Glanz und er schaute nach vorne. Sein Kopf nickte etwas.
„Großvater…“
Ich atmete tief durch.
„… ich weiß… von dem Geschwür.“
Sein Kopf flog herum.
„Wer hat dir das erzählt?“
„Das ist egal…“
Er atmet tief durch und schaute wieder nach vorne.
„Warum lässt du dich nicht operieren?“
„Was… bringt das schon… ein zwei Jahre mehr…“
„Ein… zwei Jahre mehr…, die du mit deinem Enkel verbringen kannst…!“
Ich spürte den Kloss in meinem Hals und wie meine Augen feucht wurden. Langsam drehte er den Kopf und ich sah, wie erneute weinte.
„… ich habe… dich erst kennen gelernt… und will dich noch besser kennen lernen…“
Er senkte den Kopf.
„Bitte Großvater…“
„Ich weiß nicht…“
„Was weißt du nicht?“
Mittlerweile hatten wir die Hälfte des Sees durchquert und ich sah schon das Ufer der anderen Seite.
„Ich habe die Lust verloren…, die Lust auf das Leben…, es ist soviel passiert und wenn ich zurückschaue…, ich bin nicht stolz… was ich da sehe. Aber du bist noch so jung…, du solltest dich nicht mit meinen Problemen herumschlagen.“
„Vergangenheit kann man nicht ändern…“, meinte ich, „aber das was kommt?“
„Wie alt bist du? Man könnte meinen, ein weiser Mann sitzt vor mir.“
„Achtzehn Jahre bin ich und ich muss nicht weise sein, um so etwas zu wissen. Es ist das Gesetz der Zeit.“
Er lächelte etwas. So langsam sollte ich das Boot wenden. Ich drückte die Pinne etwas zur Seite und ließ das Großschot etwas locker. Der Segler reagierte sofort und trieb Backbord ab. Der Baum wanderte Richtung Steuerbord, bis ich das Großsegel wieder im Wind hatte.
Dieser Vorgang dauerte vielleicht ein Minute. Wir waren wieder am Wind und hatten Kurs auf den Steg genommen.
„Du machst das mit einer Leichtigkeit…“
„Jahrelange Übung.“
Er schaute wieder nach vorne und es trat eine kleine Pause ein. Er dachte nach, das spürte ich.
„Du meinst… ich soll mich wirklich operieren lassen?“
„Ja“, antwortete ich.
„Ich habe Angst…“
„Jeder hat Angst vor einer Operation, dass ist doch normal.“
„Nein…, das meine ich nicht.“
Verwirrt schaute ich zu ihm du er drehte sich wieder zu mir.
„Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe und meine Kinder über alles herfallen und es zerstören.“
„Aber nicht Tante Abigail.“
Er lächelte wieder.
„Nein… sie nicht, da hast du Recht.“
„Ich kenn mich da überhaupt nicht aus und… und… kann man so etwas nicht festlegen lassen?“
„Du meinst mein Testament.“
„…öhm ja…“
„Keine Sorge…, das ist alles so geschrieben, dass jeder das bekommt, was er verdient. Nur ich kenne Sophia und Henry…, sie hatten schon immer Trick auf Lager…“
„… du gehst ins Krankenhaus und lasst dich operieren und bist dann bald wieder zu Hause.“
Ich wusste nicht, woher ich diese Selbstsicherheit her nahm, um so mit meinem Großvater zu reden.
„Du hast viel Gottvertrauen.“
„Ich weiß nicht, ob man das Gottvertrauen nennen kann. Vielleicht kann ich dir das so erklären. Durch das Segeln bin ich viel ruhiger geworden. Ich konnte mich besser konzentrieren und Dinge schneller erfassen. Meine Angst vor Dingen, die ich früher als unlösbar empfand, wurde weniger.“
„Das kann man durch das Segeln lernen?“
„Kann schon sein…, bei mir war es auf alle Fälle so.“
Er sah mich lange an.
„Jack ich bin stolz, dass du mein Enkel bist!“, lächelte er mich an.
*-*-*
„Du bist verrückt“, meinte Mum.
Ich zog die letzte Lasche um das Großsegel.
„Wieso? Hier ist ein herrlicher großer See, der sogar meinem Großvater gehört, dann kann ich doch auch darauf segeln.“
Sie lachte.
„Mein Herr Sohn und seine verrückte Ideen.“
„Sie mögen zwar verrückt sein, aber wie heißt es so schön? Es kommt immer auf das Ergebnis an.“
„Welches Ergebnis meinst du?“
„… dass Großvater sich operieren lässt“, sagte ich lächelnd und verließ das Boot mit einem Sprung.
„Er lässt sich…“
„Ja.“
„Wie hast du das denn fertig gebracht?“
Ich schaute auf den See hinaus und antwortete nicht. Plötzlich spürte ich den Arm meiner Mutter, wie er sich um meine Hüfte legte.
„Wenn dass stimmt, hast du etwas bei mir gut.“
„Okay! Wie wäre es mit diesen tollen Segelklamotten, die ich mir schon lange wünsche…“
Sie lachte und umarmte mich. Gemeinsam liefen wir zum Haus zurück. Mir war nicht entgangen, dass wir die ganze Zeit beobachtet wurden. Der Braunschopf namens Jayden war nicht gut im Verstecken.
*-*-*
Ich saß bei Mum auf dem Bett und blätterte in einer Zeitschrift.
„Wie findest du das?“, hörte ich Mum aus dem Bad rufen.
„Was denn?“
Sie lief aus dem Bad und ich traute meinen Augen nicht. Sie trug doch sonst nie ein Kleid.
„Öhm…“
„Was? Gefällt es dir nicht…? Soll ich etwas anderes anziehen?“
„Muuuum… Nein! Ich habe dich nur noch nie in einem Kleid gesehen… sieht gut aus.“
„Wirklich?“
„Ja!“
Ihre Mundwinkel bogen sich nach oben und sie lächelte wieder.
„Ist etwas Besonderes, oder warum hast du das Kleid angezogen.“
„Nein… ich habe einfach nur Lust gehabt, es anzuziehen.“
Ich nickte und wollte gerade etwas erwidern, als es kräftig an der Tür klopfte. Mum schaute mich an und ich zuckte mit den Schultern.
„Ja?“, meinte Mum.
Die Tür wurde aufgerissen und Henry stürmte regelrecht herein, dich gefolgt von Olivia.
„Stimmt das? Vater muss operiert werden? Was hat er?“
Mum schaute mich an und ich konnte nur lächeln, weil ich wusste, woher die beiden das hatten. Sie wandte sich zu den beiden.
„Und wenn? Was stört es dich?“, kam es von Mum.
Mit der Antwort hätte ich jetzt nicht gerechnet. Henrys Kopf wurde hochrot und er plusterte sich auf.
„Reg dich ab Henry…“
„Wie redest du mit meinem Mann?“, fuhr Olivia Mum an.
„So wie ich schon lange mit ihm reden hätte sollen.“
Olivia rann jetzt ebenfalls nach Luft, während Mum in aller Ruhe ihre Ohrringe anlegte.
„Ja, er muss sich operieren lassen. Ein Geschwür im Magen. Aber was interessiert das euch. So wie ich von Abigail hörte, lasst ihr euch hier ja nicht viel blicken.“
„Henry, müssen wir uns das von der…“
„Der was?“, Mum drehte sich zu Olivia um, „ich bin Isaaks Frau und habe genauso viel Rechte wie du. Es mag sein, dass Isaak damals auf seine Erbe verzichtet hat, das ohne eure krummen Touren nicht nötig gewesen wäre, aber mein Sohn und ich haben nicht verzichtet.“
Ich wusste nicht, ob ich jetzt loslachen sollte. Die Gesichter meines Onkel und meiner Tante waren göttlich.
„Ich bin nur wegen Jack hier, weil er seinen Großvater kennen lernen wollte. Auf euch hätte ich gerne verzichtet. Komm Jack, Großvater wartet nicht gerne mit dem Essen.“
Sie griff nach meiner Hand und zog mich zur Tür.
„Ach seid so gut, wenn ihr mein Zimmer verlasst, schließt die Tür!“
*-*-*
Auf der Treppe hatten die zwei uns wieder eingeholt.
„Charlotte… warte doch, bitte“, hörte ich Henry rufen.
„Henry, was soll dass, du redest noch mit dieser Frau“, fuhr ihn Olivia an.
„Diese Frau ist meine Schwägerin und du hältst jetzt gefälligst deinen Mund!“
„Henry… wie redest du mit mir.“
„Henryyyy“, äffte er seine Frau mit hoher Stimme nach, „so wie ich es schon lange hätte tun sollen! Dein Getue geht mir so auf den Sack…“
Olivia schlug die Hand vor den Mund und schaute Henry entsetzt an. Ich konnte nicht anders und begann zu kichern. Ich spürte Mums Ellbogen in meiner Hüfte, doch ich sah, dass sich ebenfalls das lachen verbeißen musste.
„Für dich zählt doch nur das Geld, oder? Deswegen hast du mich doch geheiratet?“, fuhr Henry seine Frau an.
Olivia stand starr an und ihre Augen wurden feucht.
„Hört, hört!“
Das war die Stimme von Sophia, die ich seit gestern nicht mehr gesehen hatte. Sie war unbemerkt auf der Galerie erschienen.
„Sophia, halt dich einfach heraus und kümmere dich um deine Sachen.“
„Bruderherz, wer wird denn gleich so garstig sein?“
„Bruderherz…, dass hört sich aus deinem Mund so unwirklich an.“
„Wenn du meinst…“
Sophia lief an Olivia, die immer noch starr da stand, vorbei und kam die Treppe herunter.
„Lass dich nicht aufhalten“, meinte sie noch, bevor sie im Esszimmer verschwand.
Ich drehte mich wieder um zu den anderen. Olivia hatte sich wieder etwas gefasst, zumindest stand sie nicht mehr starr da. Ich Gesicht war rot und zornig.
„Du kleinkarierter Möchtegern…, wo wärst du denn heute ohne mich?“, fing sie plötzlich an, du und deine Sippschaft, als hätte ich die nötig gehabt.“
Henry lachte sarkastisch.
„Mit dir bin ich fertig! Du wirst schon sehen, was du davon hast, dich gegen mich zu stellen.“
„Reg dich ab!“, meinte Henry im ruhigen Ton.
Wenn Blicke töten könnten, wäre Henry augenblicklich in Flammen aufgegangen. Dann wandte sich Olivia an Mum.
„Und du sorgst dafür, dass diese Schwuchtel von meinem Sohn fern…“
Sie konnte den Satz nicht beenden, den Mum hatte ausgeholt und ihr ins Gesicht geschlagen. Mir wurde schlecht. Woher wusste sie dass? Warum sagt sie so etwas? Mir wurde speiübel. Langsam drehte ich mich um und lief zur Haustür.
„Nenn meinen Sohn nie wieder Schwuchtel! Hast du mich verstanden?“, schrie Mum Olivia an.
„Was ist denn hier los?“, hörte ich plötzlich Großvaters Stimme und sah wie er an der Tür zur Bibliothek stand Ich wusste nicht wie lange er da schon stand und was er gehört hatte, mir wurde alles zu viel.
Ich riss die Haustür auf und rannte hinaus.
„Jack!“, hörte ich Mum noch, aber ich konnte nicht mehr.
Beim nächsten Busch machte ich Halt und übergab mich. Ich kotze mir die Seele aus dem Laib.
„Oh Gott mein Junge…, was ist mir dir?“, hörte ich Großvaters Stimme.
Ich spürte eine Hand auf meinem Rücken.
„Jack?“
Das war Mum. Mein Magen beruhigte sich, aber ich rann heftig nach Luft.
„Jack, du wirst dir doch dieses Schimpfwort nicht zu Herzen nehmen?“, hörte ich Mum sagen.
„…Schimpfwort…?“, keuchte ich.
„Sie hat dich Schwuchtel genannt…, na und, was regt dich das auf…?“
„… weil… weil ich eine bin…“
„WAS?“
Ich richtete mich auf und sah Mum und Großvater verschwommen durch meine nassen Augen.
„Ich bin schwul!“, fuhr ich Mum an.
„Bitte?“, sagte Großvater und sah mich entsetzt an.
Meine Knie wurden weich und ich hatte Probleme stehen zu bleiben. Großvater drehte sich um und lief wieder zum Haus.
„Nein… bitte…“, wimmerte ich.
*-*-*
Ich lag auf meinem Bett und starrte wieder zur Decke. Ich konnte keinen richtigen Gedanken finden, ich sah immer nur Großvater, wie er enttäuscht mich stehen ließ. Irgendwann, ich weiß nicht wie lange ich gelegen hatte, öffnete sich meine Tür.
Mum kam herein und was mich aufschrecken ließ, Großvater folgte ihr. Nichts dagegen tun könnend, fing ich wieder an zu weinen.
„… es tu… mir Leid“, wimmerte ich.
„Schhhhh“, kam es von Mum, die sich zu mir ans Bett setzte.
Großvater blieb nur stumm da stehen. Er schien auch geweint zu haben, seine Augen waren rot. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen. Bei jedem Schluchzer bebte mein ganzer Körper.
„Warum hast du mir das nie gesagt…?“, hörte ich Mums sanfte Stimme.
Ich drehte den Kopf weg und schluchzte immer noch.
„… ich… ich weiß nicht.“
„Haben wir uns nicht immer alles erzählt?“
Ich schaute zu Mum. Das war ein Eigentor.
„Entschuldige…, die Frage war unpassend. Jack…, hast du so wenig Vertrauen zu mir?“
Ich atmete tief durch, wusste aber nicht genau, was ich darauf antworten sollte.
„… ich… ich hatte Angst.“
„Angst vor was?“
„Angst, dich zu verletzten…, dich zu verlieren.“
„Jack, du bist mein Sohn, ich habe niemand außer dir.“
Mein Blick wanderte zu Großvater, der immer noch nichts gesagt hatte.
„Ich habe dich schwer enttäuscht…, oder?“, fragte ich leise.
Er atmete tief durch.
„Nein mein Junge, oder doch…, es tut mir Leid. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll.“
Ich spürte, wie Mum sich anspannte und etwas sagen wollte, doch Großvater sprach einfach weiter.
„Ich habe zweimal in meinem Leben einen Fehler begangen. In beiden Fällen wurde ich enttäuscht und durch meine Sturheit habe ich zwei geliebte Menschen für immer verloren. Diesen Fehler möchte ich nicht noch einmal begehen.“
Sein Blick wurde weich und Mum entspannte sich wieder.
„Vielleicht bin ich zu alt, oder halte zu sehr an vergangenen Werten fest. Du musst mir damit Zeit lassen, mich daran zu gewöhnen, dass du anstatt mit einem Mädchen, lieber mit einem Jungen küsst. Du solltest segeln lernen.“
„Hä? Er kann segeln“, meinte Mum verwirrt und drehte sich zu ihm um.
„Es hat mal jemand zu mir gesagt, dass man beim Segeln lernen kann, ruhiger zu werden, Dinge objektiver zu sehen und keine Angst zu kriegen, vor dem was kommt.“
Er schaute mich die ganze Zeit durchdringend an.
„Ich weiß, anderen kann man sehr gut einen Ratschlag geben, aber es selbst zu versuchen, ist oft schwer.“
Er wandte sich an Mum.
„Dein Sohn hat mir diesen Ratschlag beim Segeln gegeben, als er versuchte, mich zur Operation zu überreden.“
„Du sollst segeln lernen? Erfolgreich?“, fragte Mum.
„Nein, er meinte damit die Einstellung, die ich bisher hatte und ja, ich werde mich der Operation unterziehen.“
„Gut!“
Sie schaute mich an und lächelte.
„Du trägst das schon lange mit dir herum?“, wollte Mum wissen.
Ich nickte leicht.
„… und was war da mit Jayden?“
„Nichts! Das ist es doch gerade. Das einzige Mal, dass wir uns trafen, war in der ersten Nacht auf der Toilette, aber auch nur, weil ich nicht wusste, dass wir ein gemeinsames Bad hatten.“
„Und warum behauptet er dann, dass du schwul bist und ihn belästigt hast?“
„Ich weiß es selber nicht. Nichts hier im Zimmer…“, ich schaute herum und stockte, „… Scheiße!“
„Jack…“, mahnte mich Mum.
„Mein Laptop.“
„Was ist mit deinem Laptop?“, wollte Großvater wissen.
Wenn mein Gesicht noch nicht rot war, dann änderte sich nun die Farbe meiner Haut.
„… ich habe im Internet ein paar Seiten abgespeichert, die eindeutig sind.“
„Sexseiten?“, fragte Mum empört.
„Nein…, Seiten mit Geschichten und so…, da geht es… um Coming out.“
„Coming Out?“, fragte Großvater.
„Das ist das, was dein Enkel gerade uns gegen über gemacht hat, sich „geoutet“, erzählt, dass er schwul ist.
„Immer diese neumodischen Wörter…, gut wieder etwas dazu gelernt. Hat dein Laptop kein… öhm Passwort“, kam es von Großvater, „Abigail hat mir eins für unseren Computer gegeben, aber dass vergesse ich immer wieder, weil ich so selten an diesem Kasten sitze.“
„Nein…, warum denn auch. Zu hause brauche ich keins. Mum geht nicht ungefragt an mein Laptop.“
Dieser Drecksack war also in meinem Zimmer und auch an meinem Laptop.
„Also hat es bisher niemand gewusst?“, wollte Mum wissen.
„… Sabrina… weiß es… sonst niemand…“
„Sabrina?“, kam es aus beider Munde.
„Sabrina geht ist in der Schule in seinem Jahrgang“, erklärte Mum leise.
Ihre Stimme klang enttäuscht.
„… es tut mir Leid, Mum. Ich wollte dich nicht enttäuschen…, vielleicht habe ich ja davor Angst gehabt…, deine Reaktion…“
Mum atmete durch. Großvater legte seine Hand auf ihre Schulter.
„Ich bin nicht darüber enttäuscht…, dass du… schwul bist…, sondern dass du Sabrina wohl mehr vertraust als mir.“
„Das stimmt… nicht, Mum.“
Wieder pressten sich Tränen in meine Augen.
„Ich… ich wusste einfach nicht, wie ich dir das sagen soll…“
„Auf alle Fälle nicht so…“
„Charlotte, sei nicht so hart zu dem Jungen, dafür kann er wirklich nichts.“
Sie schaute Großvater an.
„… und… was ist jetzt?“, fragte ich zaghaft.
„Was soll jetzt sein…, ich habe einen schwulen Sohn und kann wohl nicht mit Enkeln rechnen.“
Verwirrt schaute ich sie an, bis ihre Mundwinkel wieder leicht nach oben gingen und sie lächelte.
„Jack Joseph Lewis Baron of Newbury, du bist so blöd!”
„… was?“, fragte ich noch verwirrter.
„Du hättest deiner Mutter ruhig mehr vertrauen können. Dachtest du, ich habe dich deswegen weniger lieb?“
Ich zuckte mit den Schultern. Sie beugte sich vor und nahm mich lange in den Arm.
*-*-*
Ich hatte Jayden mein Outing zu verdanken. Er hatte nichts Besseres zu tun, als mich bei seinen Eltern anzuschwärzen. Warum wusste ich nicht, so viel hatte ich doch gar nicht mit ihm zu tun.
Vielleicht war das ein Fehler. Aber Jayden war nicht meine Welt und zu dem mein Cousin. Man konnte sich viel aussuchen, außer eben seiner Verwandtschaft. Olivia war mit Molly sofort nach London abgereist, während Henry blieb.
Ebenso Jayden, was mich sehr wunderte. Er hatte anscheinend erzählt, ich hätte mich ihm an den Hals geworfen. Henry hatte mir sogar einen kurzen Besuch abgestattet und sich bei mir entschuldigt. Aber ob er jetzt den Ausspruch seiner Frau war, oder das damals mit meinem Vater meinte, dass wusste ich nicht.
Er redete viel und durcheinander. Großvater dagegen, war lange an meinem Bett gesessen und hat mir viel erzählt, von Dad und früher. Nun war ich wieder alleine. Mein Magen meldete sich und ich verspürte so etwas wie Hunger.
Ich schlug die Decke zurück und überlegte, ob ich zu Mum gehen sollte. Ich sah auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Ob sie schon schlief? Leise lief ich zu meiner Tür und öffnete sie. Mit einem leisen Knarren ließ sie sich aufziehen.
Ich schaute auf den Flur. Hier war alles ruhig. Nur mit Shirts und Shorts ging ich leise die Treppe hinunter und stockte, als ich die offene Tür der Bibliothek sah. Ich lauschte angestrengt, konnte aber nichts hören, als das Knistern des Feuers, dessen Schein flackernd, sich an der Decke wieder spiegelte.
An der Bibliothek vorbei, betrat ich die hintern Räume des Hauses. Wie am Vortag führte mich mein Weg in die Küche, die um diese Zeit natürlich auch leer war. Zielstrebig lief ich zum Kühlschrank und öffnete ihn.
Gefüllt mit lauter leckeren Sachen, erschwerten mir die Wahl, die Qual der Wahl. Plötzlich flammte das Deckenlicht auf. Erschrocken fuhr ich herum.
„Junger Mann?“
Caitlin stand in einem Morgenmantel vor mir. Verlegen trat ich auf der Stelle.
„Sie haben Hunger?“
Verschämt nickte ich.
„Warum haben sie nicht nach mir rufen lassen?“
Ich schaute auf die Uhr über dem großen Kühlschrank.
„… es ist…, ähm nach Mitternacht…, ich wollte niemanden stören.“
„Quatsch, dafür bin ich doch da.“
„Tut mir Leid… Caitlin. Ich bin das nicht gewohnt. Zu hause sind nur Mum und ich. Wenn ich Hunger habe, dann mache ich mir etwas selbst.“
„Kocht sie nichts?“
„Doch, aber sie ist ja über den ganzen Tag im Geschäft, da bin ich oft alleine.“
„Das tut mir Leid zu hören, aber hier läuft es etwas anders. Aber egal, was möchtest du gerne essen… setz dich doch.“
„Ich kann es auch mit auf mein Zimmer nehmen…“
„Okay…, warte. Ich fülle dir ein Teller mit ein paar Sachen. Soll ich dir einen Tee dazu kochen?“
„Nein danke…, dass muss nicht sein… Wasser würde völlig genügen.“
Sie fuhrwerkte an der Küchenzeile herum und ein paar Minuten später stand ein Tablett mit Essen und Trinken vor mir.
„Caitlin danke, dass ist sehr lieb von ihnen.“
„Ich habe den Auftrag von ihrem Großvater, ihnen alles zu geben, was sie möchten.“
„… Großvater…, aha… trotzdem Danke. Ich… ich geh dann mal in mein Zimmer.“
„Soll ich ihnen das Tablett nicht lieber hinaufbringen.“
„… ähm nicht nötig, dass schaffe ich schon selber, aber… danke.“
*-*-*
Ich schob das Tablett zur Seite. Caitlin hatte es wirklich gut gemeint. Ich hatte vielleicht gerade mal die Hälfte geschafft, von dem was sie drauf gemacht hatte. Nun war auch wieder die Müdigkeit da.
Ich stand auf und brachte das Tablett zum Schreibtisch. Ich löschte die Lampe auf diesem und legte mich wieder ins Bett. Wenig später war ich schon eingeschlafen.
Am Morgen wachte ich recht früh auf und trotz meines späten Ausflugs war ich doch recht fit. Niemand war im Bad und auch aus Jaydens Zimmer war nichts zu hören. So war ich wenig später, komplett angezogen und schaute, ob schon jemand auf war.
Leise öffnete ich die Tür zum Esszimmer und fand Großvater alleine vor.
„Jack…, guten Morgen…, so früh schon auf? Wie geht es dir?“
„Guten Morgen Großvater… es geht mir gut.“
„Komm setz dich zu mir.“
Ich schloss die Tür hinter mir und setzte mich zu Großvater. Kaum hatte ich mich gesetzt, ging auch schon die Tür auf und der Diener kam herein.
„Möchtest du einen Kaffee, oder Tee?“, fragte Großvater.
„Wäre es möglich…, eine heiße Schokolade zu bekommen?“
„Aber sicher doch“, kam es von Großvater und der Diener nickte und verschwand wieder.
„… ähm Großvater…, darf ich dich etwas fragen?“
„Was denn?“
„Woher weiß der Mann, wann wir fertig sind mit dem Essen oder wir etwas brauchen. Er erscheint immer dann, wenn er nötig ist.“
Großvater fing an zu lachen.
„Schau her mein Junge.“
Ich beugte mich zu ihm herüber und er hob ein wenig die Tischdecke an. Zum Vorschein kam ein kleiner Knopf.
„Wenn du den drückst, dann kommt er?“
„Ja, das ist direkt mit der Küche verbunden. Einmal kurz drücken und Harry oder die junge Ruby wissen dann, dass sie gebraucht werden und zwei Mal drücken, dass er abräumen kann oder auch der nächste Gang serviert werden kann.“
„Praktisch…“
Ich lächelte. Wieder ging die Tür auf und Henry erschien. Er servierte mir meine Schokolade.
„Wünschen der Herr noch etwas?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein Harry, das war alles, danke.“
Auf leise Sohlen verließ Harry wieder das Zimmer. Ich stand auf und nahm meinen Teller. Caitlin hatte sich wieder alle Mühe gegeben, um mir die Entscheidung, was ich frühstücken möchte zu erschweren.
Ich entschied mit für das Ei mit Speck und legte noch eine Scheibe Toast dazu. Danach gesellte ich mich wieder zu Großvater.
„Frühstückst du immer so früh.“
„Eigentlich ja…, ich schlafe nicht mehr all so lange und um diese Zeit habe ich meine Ruhe. Was hast du heute geplant?“
Ich hatte gerade vom Toast abgebissen. Schnell kaute ich fertig und schluckte den Bissen herunter.
„Da ich ja jetzt den Schlüssel vom Bootshaus habe, wollte ich mich etwas dort umschauen. Du hast erzählt mein Vater hat dort viel Zeit verbracht…, vielleicht finde ich etwas Interessantes.“
„Gut…“, kam es zögernd von Großvater, „kann ich dich vielleicht begleiten.“
„Es ist dein Bootshaus.“
Er lächelte.
*-*-*
Mum schien noch im Bett zu liegen, aber wecken wollte ich sie nicht. So traf ich mich später mit Großvater und gemeinsam liefen wir hinunter an den See.
Es ist so schön ruhig hier“, meinte ich.
„Nicht zu ruhig?“
„Nein. Zu Hause gibt es keinen Platz, an dem diese Stille herrscht, vielleicht beim Segeln ja, aber einen Park oder so etwas Ähnliches haben wir nicht in der Nähe.“
Das Bootshaus kam in Sichtweite und Großvaters Gesichtsausdruck wurde ernst. Wenig später standen wir vor der Tür, die ich das letzte Mal erfolglos versuchte zu öffnen. James musste schon hier gewesen sein. Das Gras und der Rasen waren nun alles geschnitten, es sah recht gepflegt aus.
Ich schob den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn langsam herum. Mit einem Klacken sprang die Tür auf. Leicht modrige Luft kam uns entgegen. Ein Ruderboot kam ins Sichtfeld, das munter im Wasser schaukelte.
Daneben schien ein Kanu zu sein, davon aber nur noch das Heck am Seil hervorschaute, der Rest war unter der Wasserlinie. Großvater starrte auf eine Stelle im Haus. Ich ging nicht darauf ein.
„War wirklich schon lange niemand hier“, meinte ich.
„Seit achtzehn Jahren nicht mehr…
Mein Blick wanderte weiter. In einer Ecke waren Holzkisten gestapelt.
„Was sind das für Kisten?“
„Junge, ich weiß es nicht.“
Neugierig wie ich war ging ich hin und versuchte den Deckel der obersten Kiste zu öffnen. Nur mühsam, aber es gelang mir. Zum Vorschein kamen Bücher, Hefte und andere Dinge.
„Ich glaube…, die gehörten deinem Vater.“
„Meinem Vater?“
Großvater nickte und schaute auf seine Uhr.
„Kann ich dich alleine lassen? Ich habe noch einen Termin.“
„Kein Problem, Großvater. Hier gibt es eine Menge zu schauen.“
„Du kannst mir später erzählen, was du alles gefunden hast.“
Ich nickte und lächelte ihn an.
*-*-*
Ich hatte natürlich fast alle Kisten geöffnet und war bei einer davon hängen geblieben. Sie enthielt Briefe. Briefe zwischen meinem Dad und seiner Mutter. Gedankenverloren saß ich da und las in einigen.
„Jack?“
Ich fuhr zusammen und drehte mich um. Mum stand in der Tür und dahinter konnte ich Jayden entdecken.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Was machst du da?“
„Die Kisten gehörten anscheinend Vater.“
„Isaak?“
Ich nickte. Sie kam näher, während Jayden in der Tür stehen blieb. Ich schaute zu ihm und Mum folgte meinem Blick.
„Jayden wollte sich bei dir entschuldigen…“
Ich atmete tief durch.
„Jayden komm her“, meinte Mum und schaute zu ihm.
Langsam lief mein Cousin zu uns. Sein Kopf war gesenkt. Mir fiel auf, dass seine Haare nicht gegelt waren und matt an ihm herunter hingen.
„Es tut mir Leid“, hörte ich leise.
Noch immer schaute er zum Boden.
„Warum? Ich möchte nur eins wissen…, Jayden warum?
Jayden scharrte mit dem Fuß über den Boden.
„Du… du bist ein Champ.“
„Was?“
„Du bist ein Champ.“
Ich schaute Mum an, aber die schüttelte den Kopf.
„Jayden, von was redest du?“
Er schaute auf und sah mir zum ersten Mal in die Augen.
„An unserer Schule wärst du ein Champ! Die Mädchen würden dir zu Füßen liegen, jeder würd dir deinen Wunsch erfüllen. Bei deinem Aussehen, deinem Body…“
„Bist du auch schwul?“, fragte ich verwirrt.
„Nein!“
Das kam sehr energisch. Aber mir war es auch egal, ob es stimmte. Ich drehte mich von ihm weg und nahm den nächsten Stapel Briefe heraus.
„… öhm was ist jetzt?“, hörte ich Jayden sagen.
„Ja…, ist in Ordnung…, alles im grünen Bereich“, antwortete ich, ohne mich umzudrehen.
Dann war eine Weile Stille.
„… ich geh dann mal…“, hörte ich Jayden sagen und hörte wie er das Bootshaus verließ.
„Was war das jetzt?“, fragte Mum.
Ich drehte mich zu ihr.
„Kistendenken.“
„Hä?“
„Du wirst einfach in eine Schublade gesteckt. Ausschlaggebend ist deine Herkunft, dein Geld oder Namen.“
Mum schaute mich entgeistert an.
„Schau nicht so, war das bei euch nicht so?
Sie schüttelte den Kopf.
„Hattest du deswegen schon Schwierigkeiten in der Schule?
„Nein, ich habe weder Geld, einen bekannten Namen, noch eine adlige Verwandtschaft.“
„Die hast du doch.“
„Ja jetzt, aber davon weiß ja niemand etwas.“
„Schlimm?“
„Nein“, lächelte ich, „ein Grund, weshalb ich eigentlich immer in Ruhe gelassen wurde.“
*-*-*
Ich hatte mir einfach einen ganzen Stapel Briefe mit auf mein Zimmer genommen. Ausgebreitet auf meinem Bett und ich dazwischen. Ich stellte fest, dass viele der neueren Briefe, von ein und derselben Adresse kamen.
Red House. Ich schob ein paar Briefe zur Seite und stand auf. Schnell war der Laptop hochgefahren.
Ich gab Red House ein und stellte schnell fest, dass dies hier ganz in der Nähe zu sein schien. Ob ich dies mit dem Pferd erreichen konnte. Ich stand auf, lief zum Bett zurück und schnappte mir den letzten Brief.
Auf er hatte den Absender Red House. Der Poststempel war zwar schon achtzehn Jahre alt, aber das Haus gab es noch immer. Schnell war ich meiner Klamotten entledigt und ging zum Schrank, um meine Reiterklamotten herauszuziehen.
Zu meiner Überraschung standen im Hochglanzlook auch meine Reiterstiefel im Schrank. Zehn Minuten später betrat ich den Stall.
„Ist jemand da?“, rief ich laut, als ich niemand sah.
„Ja hier“, hörte ich James, der wenige Sekunden später aus seiner Kammer kam.
„Hallo James, wäre es möglich ein Pferd zu satteln?“
„… Taylor ist nicht da…“
„… ich helfe ihnen gerne dabei“, unterbrach ich ihn.
„Nein, dass meinte ich nicht. Soll Taylor nicht mit ihnen reiten?“
Ich blies meinen Atem scharf aus.
„Nein, ich probiere es alleine, aber danke für ihre Rücksicht.“
James nickte und lief zu den Boxen hinüber. Er öffnete eine Box und führte das schwarze Pferd heraus, dass ich das letzte Mal schon hatte.
„Jack…, geben sie dem Pferd ruhig eine Karotte“, meinte James und zeigte dabei auf eine Tonne in der Ecke.
Ich ging hin, öffnete den Deckel und der Inhalt, gefüllt mit Karotten, prangte mir entgegen. Die Größte musste es wohl nicht sein, so nahm ich eine der Mittleren und schloss die Tonne wieder.
In der Zwischenzeit hatte James das Tier gesattelt.
„Wie heißt das Pferd eigentlich“, fragte ich und stand unsicher vor dem Pferd.
„Tiara, es ist eine Stute.“
Ich hob die Karotte hin und Tiara schnupperte erst an meiner Hand, bevor sie anfing nach der Karotte zu schnappen. Sanft streichelte ich es über die Nüstern.
„So fertig…, und sie wollen sicher nicht auf Taylor warten?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Wo wollen sie denn hin, dann kann ich ihn hinterher schicken.“
„Ich habe etwas von einem Red House gelesen…“
„Ah… das alte Cottage an der Milkhouse Road.“
„Ja.“
„Am See vorbei und auf diesem Weg kommen sie direkt zum Red House. Aber ist das nicht zu weit?“
„Zu Not kann ich ja kehrt machen.“
Nicht nur, dass er laufend sie zu mir sagte, mich nervte auch noch, dass er überbesorgt war. Die letzten achtzehn Jahre hat auch nur Mum auf mich aufgepasst. Er führte Tiara ins Freie und half mir aufsteigen.
„Wenn etwas passieren sollte, dann…“
„… dann habe ich ja auch noch mein Handy dabei“, unterbrach ich ihn und lenkte Tiara langsam vom Hof.
*-*-*
Es war einfach herrlich. Ich war zwar dieses Mal alleine, aber dies störte mich nicht weiter. Um mich herum, gab es so viel zu sehen, dass ich gar keine Zeit mehr hätte, ein Gespräch zu führen.
Der Bäume lichteten sich langsam und ich sah schon aus der Ferne schon das Haus. Heftig Rot stach es heraus. Es war auch größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Tiara verlangsamte ihr Tempo, je näher wir dem Haus kamen.
Dort angekommen stieg ich ab. Der Parkplatz war leer und sonst war auch niemand zu sehen. Ich stieg vorsichtig von Tiara ab und band die Zügel an einen vorstehenden Ast. Den Verschluss öffnend, zog ich den Helm ab.
Langsam stieg ich die Treppe hinauf. Anscheinend war heute geschlossen, es sah alles so zu aus. Ich schaute durch die großen Fenster ins Innere. Da keine Beleuchtung angeschaltet war, konnte ich aber nicht viel erkennen.
Da hatte ich wohl Pech. Es war auch eine blöde Idee von mir zu versuchen meine Großmutter zu finden. Plötzlich überkam mich großer Zweifel, überhaupt etwas heraus zu bekommen.
„Kann ich ihnen helfen?“
Ich fuhr zusammen und drehte mich Richtung der Stimme. An einer Nebentür stand eine ältere Frau, im Arm ein Korb.
„…ähm…“
„Wir haben geschlossen!“
„…ja…, das habe ich gesehen…, ich suche jemand.“
„Hier ist niemand…, außer mir und meiner Freundin.“
„… ähm… kennen sie zufällig eine Sophie Newbury?“
Die Augen der Frau wurden klein und sie sah mich durchdringend an.
„Wer will das wissen?“, fragte sie in einem scharfen Ton.
„… ähm… ihr…Enkel…“
Eine Augenbraue der Frau wanderte nach oben.
„Mir ist nicht bekannt, dass Mrs. Newbury Enkel hatte.“
Hatte? War sie tot? Irgendwie wich sämtliche Energie aus mir. Aber gut sie kannte Großmutter, das war ja schon ein Anfang.
„Sie… wohnt also nicht mehr hier?“
„Das habe ich nicht gesagt…“
Warum tat die Frau nur so komisch? Was denn nun jetzt? Lebte sie doch noch? Das Gefühl hier unerwünscht zu sein, wuchs von Minute zu Minute.
„Und wer soll dieser Enkel sein?“
„Das… bin ich… Jack Newbury…“
„Aha… einen Moment!“
Die Frau drehte sich um und verschwand wieder im Haus. Was hatte sie vor? Sollte ich mich einfach wieder auf das Pferd setzten und abhauen, wer weiß was die Frau vorhatte. Erneut fuhr ich zusammen, als die Tür wieder aufging.
Die Frau kam heraus, gefolgt von einer anderen Frau, die sich an einem Stock stütze. Langsam kam sie auf mich zu.
„Jack Newbury?“, sagte sie und ich nickte.
„Wessen Sohn bist du?“
Ihr Ton war genauso garstig, wie die der anderen Frau.
„… ähm Isaak Newbury ist mein…“
„Isaak…?“, unterbrach sie mich und ihre Augen wurden feucht. Sie griff in die Tasche ihrer Schürze und zog eine Brille hervor. Sie zog sie auf, schaute mich kurz an und dann zu ihrer Freundin.
„Er…, er sieht aus wie Isaak…“
Langsam ging mit dieser Spruch gewaltig auf den Zeiger.
„Ja, er ist mein Vater.“
Sie schaute an mir vorbei.
„Ist er auch… hier?“
„Nein…, mein Vater… ist tot…“
Die Frau griff sich an die Brust und torkelte etwas zurück. Die andere Frau eilte herbei und stützte sie.
„… er ist kurz…, nach meiner Geburt… bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“
„… deswegen hat… er mir nicht mehr geschrieben…“, flüsterte die Frau fast nicht hörbar.
„Es wäre besser sie gehen jetzt!“, sagte die andere Frau zu mir.
„… aber Emily, das ist Isaaks Sohn…“
Ich schaute zwischen den Frauen hin und her.
„Wissen sie, wo ich Mrs. Newbury finden kann?“
„Warum möchten sie sie finden?“
Diese Emily begann zu nerven, aber ich beschloss freundlich zu bleiben.
„Ich wohne mit meiner Mutter“, fing ich an zu erzählen, „in einem Vorort von London. Bis vor einer Woche wusste ich von meiner Verwandtschaft hier in Newbury nichts. Ich habe Briefe meines Vater von seiner Mutter, meiner Großmutter gefunden und da stand als Absender Red House darauf, deswegen bin ich hier.“
Beide Frauen sahen mich fassungslos an.
„Du… du bist nicht von hier?“, fragte nun wieder die andere Frau, die sich anscheinend etwas gefangen hatte.
„Nein…, ich bin mit meiner Mutter nur auf Besuch hier…“
„Du… du bist Issaks Sohn?“
Wieder nickte ich.
„Emily, er sieht wirklich wie Isaac aus…, als er das Alter hatte.“
„Sophie…, wir sollten hinein gehen, du bist ganz weiß um die Nase.“
„Sophie…?“, fragte ich, „sind sie meine Großmutter?“
Die Frau nickte unscheinbar. Ich war total neben mir…, ich hatte meine Großmutter gefunden. Sie hatte anscheinend all die Jahre dicht am bei Großvater gewohnt und dieser hatte es nicht mitbekommen.
Gut, er hatte auch nicht nach ihr gesucht, aber es wunderte mich, dass mein Vater es niemandem gesagte hatte, auch meiner Mutter nicht. Aber da das Bootshaus eh niemand mehr betrat, nach dem Großmutter verschwand und mein Vater starb, konnte es auch niemand wissen, weil niemand die Briefe gelesen hatte.
„Jack?“, hörte ich es plötzlich hinter mir rufen.
Ich drehte mich herum und sah Taylor auf mich zu reiten.
„Noch einer“, kam es giftig von Emily.
Taylor hatte uns mittlerweile erreicht und sprang vom Pferd.
„Jack, ist alles in Ordnung, zu Hause macht man sich schon Sorgen. Warum hast du nicht auf mich gewartet?“
Genervt rollte ich mit den Augen.
„Es ist ja nichts passiert!“
Taylor wich etwas zurück, denn ich hatte mich anscheinend etwas im Ton vergriffen. Mir war das eher peinlich, denn das war nicht meine Art. Entschuldigend, aber auch hilfesuchend schaute ich ihn an.
„Wer ist das?“, fragte Emily.
„Entschuldigung, ich bin Taylor Stallbursche auf Manor Newbury.“
Er machte einen leichten Diener. Im Augenblick wusste ich nicht, was ich machen sollte. Ich hatte meine Großmutter gefunden und schaute wieder unschlüssig zu ihr.
„Darf ich wieder kommen?“, fragte ich leise.
Emily wollte etwas sagen, aber meine Großmutter stoppte sie mit einem Handwink.
„Wieso?“, fragte sie ebenso leise.
„… ich… ich möchte meine Familie besser kennen lernen…“
Wieder nickte sie unscheinbar.
„Kann… kann ich irgendwie anrufen…, wenn es ih … dir passt?“
Meine Großmutter schaute zu Emily. Diese ging zu Korb, holte dort eine kleine Tasche heraus. Genervt öffnete sie diese und zog eine Karte heraus, die sie mir dann reichte.
„Danke…“, meinte ich leise und steckte die Karte ein, „auf Wiedersehen!“
Beide nickten mir zu und ich drehte mich wieder zu Taylor.
*-*-*
Eine Weile waren wir schweigsam nebeneinander her geritten.
„Darf ich dich etwas fragen?“, kam es leise von Taylor.
Ich schaute ihn an und nickte.
„Wer war diese Frauen?“
„… ähm… eine davon war meine Großmutter.“
„Dem Duke seine Frau…, aber wieso…“
„Taylor…“, unterbrach ich ihn, „dass ist eine lange Geschichte.
„Entschuldige Jack, James schimpft immer mit mir, weil ich so neugierig bin.“
Ich musste lächeln.
„Wer hat sich eigentlich Sorgen um mich gemacht?“
„James und deine Mutter. Sie war leicht sauer auf James, dass er dich alleine hat wegreiten lassen.“
„Ich bin doch kein Kind mehr…“
„Aber erst das zweite Mal auf dem Pferd…“
„Ich weiß gar nicht was ihr habt. Tiara läuft fast ganz von alleine. Sie wird mich schon nicht abwerfen.“
Taylor nickte, sagte aber nichts mehr. Warum wurde ich das Gefühl nicht los, dass er noch etwas auf dem Herzen hatte.
„Was ist?“, fragte ich.
Mit großen Augen schaute er mich an. Wieder fielen mir diese großen braunen Augen auf, die mich immer noch verwirrt anschauten. Ich konnte nicht anders und mein Blick wanderte über Taylor.
Warum ich ihn bisher nicht näher gemustert hatte, wusste ich nicht. Er sah einfach gut aus, in seinen Reiterklamotten. Ich konnte es mir nicht verkneifen und musste grinsen.
„Du hast noch etwas auf dem Herzen“, fragte ich nach kurzer Pause.
„… darüber…, kann ich nicht reden.“
Ich schaute mich um.
„Es ist außer uns niemand da, der es hören könnte.“
„Es steht mir nicht zu, so etwas zu fragen.“
Ich stoppte Tiara ruckartig, was sie auch tat. Taylor dagegen, es zu spät merkend, drehte sein Pferd und kam wieder zurück.
„Taylor, ich bin nicht mehr oder weniger als du! Vor einer Woche wusste ich noch nichts von dieser Verwandtschaft und es ist mir egal ob ich Jack Joseph Lewis Baron of Newbury heiße, ich bin Jack… nicht mehr… oder weniger!“
„Jack… Joseph… Lewis Baron of Newbury… wow!“
„Oh Taylor, dass ist nur ein Name… ein Titel…, ich bin nichts Besonderes!“
Taylor hob sie Augenbraun an.
„Finde ich schon…“, erwiderte er leise.
Ich schüttelte den Kopf und fühlte mich unverstanden. Sein Pferd stand nun ganz dicht bei Tiara.
„Stimmt… stimmt es wirklich, was gestern im Hof passiert ist?“
„Was ist im Hof passiert?“
„Was du deiner Mutter und deinem Großvater…“
Er brach mitten im Satz ab und mir ging ein ganzer Lampenladen im Kopf an. Ich seufzte laut, denn ich wusste plötzlich, was er meinte. Mein Blick senkte sich.
„Du hast es mit bekommen?“
„… ja.“
„Warum…, warum fragst du dann noch?“
Plötzlich spürte ich Taylors Hand, wie sie mein Kinn hochdrückte.
„… weil ich es gerne noch einmal von dir hören wollte“, sagte er ganz sanft, beugte sich zu mir herüber und küsste mich auf die Wange.
Ich spürte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Warum war immer alles so kompliziert? Warum konnte dies nicht das normalste der Welt sein. Immer noch hielt Taylor mein Kinn fest und schaute mir in die Augen.
„Nicht weinen“, sagte er noch leiser, beugte sich vor und gab mir einen Kuss.
Verwirrt und übel fühlend sah ich ihn mit großen Augen an.
„Entschuldige…, das wollte ich nicht… die Situation…du traurig… und…“
Ich fing mich wieder und atmete tief durch. Dann beugte ich mich ebenfalls vor, griff nach Taylor und küsste ihn ebenfalls, damit er schwieg. Leicht keuchend entfernten wir uns voneinander.
„Jack…“, ich wollte etwas sagen, aber er legte sein Finger auf meinen Mund, „wenn du irgendwie Ärger bekommst, oder dich unwohl fühlst wegen mir, dann verlass ich das Gut.“
Wieder hob ich die Augenbraun und atmete tief durch. Nun hob ich meine Hand und legte sie sanft auf seine Wange.
„… nicht mehr und nicht weniger…!“, sagte ich und schüttelte den Kopf.
Er sah mich nur an.
„Taylor…, wenn du mich in London kennen gelernt hättest und nicht von meiner Herkunft gewusst hättest, würdest du dich dann anders benehmen? Ich weiß, dass hier ist alles neu für mich, angefangen mit dem Adelsmist, der Familie und jetzt auch dir… Ich mag dich und ich würde mich freuen, wenn wir Freunde werden würden…, vielleicht auch mehr, aber das muss langsam gehen…“
Taylor hob beide Hände als würde er sich wehren.
„Jack…, wirklich, ich habe so etwas nie vorgehabt. Nur als ich euch kennen lernte, ihr neben mir auf dem Pferd gesessen seit, dich für eine kleine Weile näher kennen lernen durfte…, habe ich mich in dich verliebt…, verzeih Jack, für meine Gefühle kann ich nichts…, wenn das heraus kommt, verliere ich eh meine Stellung…“
„Jetzt mach mal halb lang, da hab ich noch ein Wörtchen mitzureden und meinen Freund schmeißt man nicht einfach raus!“
„Freund…?“
Ich grinste ihn an.
„Ja…, wenn man sich küsst… dann ist man doch befreundet…, oder?“
Nun grinste er ebenfalls.
„Komm, lass uns zurück reiten, bevor hier noch mehr auftauchen.“
*-*-*
„Wo warst du?“, kam es etwas angesäuert von meiner Mutter, als ich unser Stockwerk betrat.
„Bei Großmutter…“, antwortete ich wahrheitsgemäß und öffnete meine Tür.
Mit großen Augen schaute sie mich an und folgte mir ins Zimmer.
„Habe ich dich richtig verstanden?“
Ich setzte mich aufs Bett und begann mühsam mich meiner Stiefel zu endledigen.
„Ich habe doch die Briefe von Vater gelesen“, begann ich und zeigte auf das Blättermeer auf meinem Bett, „und da habe ich eine Anschrift gefunden.
„Ja und…?
„Das war hier in der Nähe und ich hab gedacht…“
„…du reitest dort hin und suchst sie einfach auf“, beendete sie den Satz und versuchte mir den Stiefel vom Fuß zu ziehen.
„… öhm ja.“
„Sie… lebt noch…, du hast sie gefunden?“, fragte sie und wurde etwas zurück geworfen, als der Stiefel endlich von Fuß rutschte.
Ich nickte und sie grinste.
„Und habt ihr miteinander geredet?“
„Öhm… nicht richtig…, da war eine Frau…Emily, die hat sich irgendwie schützend vor sie gestellt und war von mir nicht begeistert.“
„Kann ich irgendwie verstehen…, bei der Familie.“
Endlich hatte ich auch den zweiten Stiefel aus.
„Ich möchte gerne noch duschen gehen…, vor dem Essen.“
„Okay… ich verschwinde schon…, aber wir reden später weiter!“
„Ja… und ähm… würdest du bitte Großvater nichts davon erzählen?“
„Hatte ich nicht vor…“
„Danke“, meinte ich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Bis später, Sohnemann…“, sagte sie und verließ mein Zimmer.
Ich folgte ihr noch und stellte dieses Mal meine Stiefel gleich vor mein Zimmer. Ich verharrte kurz und dachte darüber nach, ob ich sie nicht im Zimmer lassen sollte, so würde Taylor wieder ins Zimmer kommen.
So schloss ich dir Tür und stellte die Stiefel ab. Ich entledigte mich meiner Klamotten und warf sie einfach über den Stuhl. Aus meinem Schrank holte ich eine frische Shorts und lief ins Bad.
Wenige Sekunden später spürte ich das warme Nass, wie es über meine Haut floss.
„Wie ist das so…?“
Ich fuhr zusammen und linste hinter dem Duschvorhang vor. Da stand Jayden, angelehnt an seiner Zimmertür.
„WAS…? Ich dusch gerade!“
„Nicht zu übersehen…, wie es ist schwul zu sein?“
Genervt rollte ich mit den Augen und schaute erneut hinter dem Vorhang vor.
„Wie ist es, eine Hete zu sein?“
Ich wusste, es war eigentlich unhöflich eine Frage mit einer Frage zu beantworten, aber bei Jayden war mir das egal.
„Kann ich dir nicht beantworten…, ich hatte noch nie etwas mit einem Mädchen.“
Ich zog die Augenbraue hoch und wusch die Seife von meinem Körper.
„Entschuldige…, wenn ich dir das nicht richtig glauben kann…, bei deinem Aussehen…“
„Du findest mich gut aussehend?“
Wieder schaute ich hinter dem Vorhang vor.
„Jayden… ja ich finde dich gut aussehend, aber könnte ich bitte erst zu Ende duschen, bevor wir weiter reden?“
„Echt? …wow!“, hörte ich ihn sagen, dann war Stille.
Erneut lugte ich hinter dem Vorhang hervor. Er war weg, aber seine Tür stand weit offen. Ich drehte das Wasser ab und griff nach meinem Handtuch. Nach einer Weile und endlich trocken, wickelte ich mir das Handtuch um die Hüften und ging zu Jaydens Tür.
Wie beim letzten Mal lag er auf dem Bett, hatte ein Buch in der Hand.
„Warum willst du das wissen?“
Er sah auf und lächelte.
„Weiß nicht…, bis ich dich hier traf, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht.“
„Du bist achtzehn wie ich, oder?“
Er nickte.
„… und hast noch nie über Sex nachgedacht?“
Wurde mein Cousin wirklich rot. Es schien sogar, als wolle er in seinem Buch versinken.
„Ich… ich…“, er klappte sein Buch zu und setzte mich auf.
„Du kennst mein Leben nicht…, besser gesagt ein Leben mit meiner Mutter.“
Ich betrat sein Zimmer und setzte mich zu ihm an sein Bett.
„Wie denn auch, ich wusste ja nicht mal, dass es dich gibt.“
Er atmete tief durch.
„Für meine Mutter zählt nur Leistung, lernen, lernen und nochmal lernen.“
„Eigentlich für Mütter normal, wobei meine mich dazu nicht animieren muss. Hast du denn keine Freunde?“
„Doch…, aber keine Richtigen. Für die bin ich nur interessant, weil ich Geld habe.“
„Und was machst du so in deiner Freizeit?“
„Lernen…“
Ich musste grinsen.
„Tust du dich so schwer mit dem Stoff, oder warum lernst du so viel?“
„Ja, ich habe meine Schwierigkeiten…, bin ja auf dieser blöden Eliteschule, auf Wunsch meiner Mutter…“
„Es gefällt dir dort nicht?“
„Nein.“
„Und wechseln?“
Er sah mich mit großen Augen an.
„Wechseln? Mit der Mutter?“
„Was ist mit deinem Vater…, Henry.“
„Ach der…, der hat doch nie Zeit für mich…, oder Interesse.“
Daher wehte der Wind.
„Vielleicht… kannst du ja jetzt mal mit ihm sprechen…, so nach der Sache was gelaufen ist.“
Er schüttelte den Kopf.
„Sag nicht vorher nein, bevor du es probiert hast…“
Ich stand auf, weil mir frisch wurde. Er sah mich an.
„Du… du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“
„Welche?“
„Wie es ist, schwul zu sein?“
„Da kann ich dir nur die gleiche Antwort geben, wie du mir vorhin. Ich weiß es nicht, ich hatte bisher noch keine Freund.“
Das mit Taylor brauchte er ja nicht wissen. Er nickte und ich ließ ihn alleine in seinem Zimmer zurück.
*-*-*
Frisch angezogen lief ich die Treppe hinunter. Die Tür zum Esszimmer stand offen und so steuerte ich direkt auf sie zu. Gegenüber hörte ich stimmen aus der Bibliothek. Großvater schien sich mit jemand zu unterhalten, aber wer es war, konnte ich nicht feststellen
Erst als die Tür aufging, sah ich Henry, der gemeinsam mit Großvater das Zimmer verließ.
„Ah, Jack, wie war dein Nachmittag?“, kam es von ihm.
„Gut, ich war ausreiten.“
„Gefällt es dir?“
„Ja, Tiara ist auch ein liebes Pferd.“
Henry sagte überhaupt nichts, er stand nur da und schaute zwischen uns hin und her.
„Mehr als deine Segelei?“
Ich hielt den Kopf schief und schüttelte den Kopf.
„Nein… das Segeln bleibt Nummer eins.“
„Apropos Segelboot“, meldete sich Henry nun doch zu Wort, „unten am See liegt ein Segelboot.“
„Das gehört dem Verein, wo dein Neffe segelt.“
„Und wie kommt es hier her?“
Bevor Großvater antworten konnte, fiel ich ihm ins Wort.
„Ich wollte Großvater zeigen, wie segeln so ist.“
Ich drehte mich um und betrat das Esszimmer. Verwundert schaute ich, als ich Jayden auf dem Platz neben mir vorfand. Ich nahm Platz, wie die anderen auch. Ebenfalls konnte ich die überraschten Blicke meiner Mutter und von Abigail bemerken, als sie das Zimmer betraten.
*-*-*
Ich lag auf meinem Bett und lass in den Briefen, als es an meiner Tür klopfte. Ich stand auf und ging zur Tür.
„Taylor…“, sagte ich überrascht und lächelte.
„Hallo Jack…, ich wollte nur noch schnell deine Stiefel zurück bringen.“
„Danke…, das hätte doch auch noch morgen gereicht.“
„Anweisung von James…, falls du morgen wieder ausreiten möchtest.“
„Geplant ist nichts…, willst du nicht noch etwas herein kommen?“
Er schaute in beiden Richtungen des Flures.
„Ich weiß nicht, ob ich das darf“, flüsterte er.
„Wieso solltest du nicht dürfen?“, flüsterte ich zurück.
„Weil ich zum Personal gehöre.“
„Den ich vielleicht auf mein Zimmer gebeten habe, um etwas anzuschauen?“
Er lächelte und trat ein. Ich verschloss die Tür und er stellte meine Stiefel ab.
„Ich habe dir schon mal gesagt, es ist egal, wer du bist, welchen Stand du angehörst. Prinz William hat doch auch eine Bürgerliche geheiratet.“
„Du willst mich heiraten?“
Ich konnte nicht anders und musste lachen, genauso wie er.
„Wer weiß…“, flunkerte ich und nahm ihn in den Arm.
Langsam näherten sich unsere Gesichter und endeten in einem Kuss. Ich spürte, wie er ebenfalls die Arme um mich legte und seine Hand über meinen Rücken streichelte. Ein Schaudern durchlief meinen Körper.
„Alles in Ordnung?“, fragte Taylor.
Ich nickte.
„Es… ist so schön…“
„… ja“, hauchte er und wir küssten uns erneut.
Das war ein enorm geiles Gefühl, Taylor so zu spüren. Das Klopfen an meiner Badtür, ließ uns aber auseinander fahren.
„Ich gehe wohl besser“, sagte Taylor leise und lief zur Tür.
Ich atmete tief durch. Während ich zur Badtür lief, verließ er mein Zimmer. Ich drehte den Schlüssel um und drückte die Klinge herunter.
„Was machst du?“, kam mir Jayden entgegen.
„Nichts…“
Ich hoffte nicht zu verärgert zu klingen, da das Erlebnis eben für mich schon etwas Besonderes war.
„Es hat sich so angehört, als wärst du nicht alleine im Zimmer.“
Ich lief zu meinem Bett zurück und sammelte die Briefe ein.
„Was ist das?“
„Briefe meines Vaters.“
„Und was steht da drin?“
Ich drehte mich genervt zu ihm und atmete tief durch.
„Jayden, was willst du?“
„Öhm… ich habe Langeweile und wollte fragen, ob wir etwas gemeinsam unternehmen könnten.“
Verwundert hob ich die Augenbraun und atmete lange aus.
„Und was schwebte dir so vor?“, fragte ich, während ich die Briefe in die obere Schublade des Sekretärs legte.
„Das Bootshaus…, hast du da schon alle Kisten geöffnet?“
„Nein, als ich die Briefe fand, hörte ich auf.“
„Vielleicht finden wir etwas Interessantes oder sogar etwas Wertvolles.“
„Heute nicht mehr“, meinte ich, „vielleicht geh ich noch eine kleine Runde vor dem Haus.“
Jayden schaute mich durchdringend an.
„Kein Film auf deinem Laptop?“
„Das müsstest du doch wissen…“
Diese Bemerkung musste sein. Jayden wurde rot und senkte seinen Blick.
„Ich schau mal…, was mein Vater macht“, sagte er plötzlich und verschwand wieder aus meinem Zimmer.
Ich atmete tief durch. Es ärgerte mich schon, dass ich so wenig Zeit für Taylor hatte. Ob er jeden Abend wieder zurück in die Stadt fuhr? Oder hatte er hier eine Übernachtungsmöglichkeit?
Ich griff nach meiner Jacke und verließ ebenfalls mein Zimmer. Im Flur war niemand anzutreffen und so lief ich so leise es ging die Treppe hinunter. Schnell und lautlos war ich vor der Tür.
Es war gut, dass ich meine Jacke mithatte, denn es war schon recht frisch geworden. Ich blieb stehen und lauschte. Es war absolute Stille, nicht einmal aus dem Haus drangen Geräusche. Ob ich einfach zum Stall laufen sollte und dort nach Taylor zu suchen?
Ich blickte zu den beleuchteten Fenstern des Hauses. Keiner war zu sehen. So bewegte ich mich Richtung Stall, als würde ich etwas Verbotenes machen. Wackelte da gerade ein Vorhang?
Quatsch! Ich machte mich schon selbst verrückt. Und wer sollte mich hier draußen auch schon sehen, bei der Dunkelheit.
„Jack?“
„Aaahhhhhh“, entwich es mir und ich setzte mich vor Schreck auf dem Hosenboden.
Mein Gegenüber fing an zu kichern und kam näher. Es war Taylor, der mir eine Hand entgegen hob.
„Was machst du so spät noch hier draußen?“, fragte er und zog mich auf die Beine.
Ich spürte wie ich rot wurde und hoffte inständig, dass Taylor dies bei der schwachen Beleuchtung nicht sah.“
„… öhm… ich wollte mir nur etwas die Beine vertreten… an die frische Luft.“
Warum hatte ich plötzlich nicht mehr den Mut ihm zu sagen, dass ich zu ihm wollte?
„Wenn du Lust hast kannst du mich bis zur Straße begleiten…, oder hast du Angst alleine zurückzulaufen?“
Er sagte dies mit einem Grinsen, soviel konnte ich erkennen und es viel mir auf, dass er immer noch meine Hand hielt, an der er mich heraufgezogen hatte.
„Ich bin nicht ängstlich…, ich war eben nur im Gedanken und war nicht gefasst, dass plötzlich jemand neben mir steht. Aber wieso willst du zur Straße?“, versuchte ich das Thema zu wechseln.
„Meine Schwester kommt in einer halben Stunde vorbei und holt mich ab.“
„Du wohnst nicht hier?“
Ich versuchte der Frage nicht all zu viel Bedeutung zukommen zu lassen.
„Nein, ich wohne bei meiner Schwester. Sie führt mit ihrem Mann hier in der Nähe ein kleines Anwesen, mit Pferden und so. Sie haben fünf Zimmer die sie vermieten können.“
„Und warum arbeitest du dann hier und hilfst nicht deiner Schwester?“
„Weil ich das Glück hatte hier bei James unterzukommen. Er genießt einen sehr guten Ruf, wenn es um Pferde geht. Alles was ich wissen muss, kann ich bei ihm lernen.“
Inzwischen waren wir losgelaufen. Immer noch meine Hand haltend, zog Taylor mich Richtung Straße die lange Baumallee entlang.
„Willst du mal etwas mit Pferden machen?“
„Ich möchte Pferdewirt werden und wenn ich es schaffe, vielleicht dann zum Pferdewirtschaftsmeister bringen.“
„Von dem Beruf habe ich bisher noch nie etwas gehört. Was tut ein Pferdewirt denn so?“
„Alles was mit Pferden zu tun hat. Pferdezucht, Pferdehaltung…, klassische Reitausbildung, Pferderennen oder dann noch die Spezialreitarten wie Western und Gangreiten.“
„Hört sich nach viel Arbeit an.“
„Ja…, aber ich liebe Pferde und es macht mir nichts aus ungeregelte Arbeitszeiten zu haben, oder auch mal am Wochenende zu arbeiten.“
„… du bist dir da so ziemlich sicher, dass zu machen.“
„Klar, alles genau überlegt und durchdacht. Und was möchtest du mal machen?“
„Ich möchte Informatik studieren…“
„Das wäre nichts für mich, den ganzen Tag am Computer sitzen. Ich brauche die frische Luft und die Natur.“
„Dann kann ich ja immer zu dir kommen, wenn es mir an frischer Luft fehlt.“
Taylor blieb stehen und wandte sich zu mir.
„Meinst du das geht? Also versteh mich bitte nicht falsch. Ich weiß wir kommen aus zwei verschiedenen Gesellschaftenschichten und…“
Ich suchte Taylors andere Hand und wurde fündig.
„Taylor, es gibt bei mir kein besser oder schlechter…, wir sind beide gleich. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du in deiner Ausbildung nicht genauso viel büffeln musst, wie ich im Studium. Nur weil ich studieren werde, bin ich doch nicht besser als du.“
„Das sagst du…“
„Ja, das sage ich! Mir ist egal, was andere denken. Damit bin ich die letzten Jahre immer gut gefahren.“
Taylor zog mich an meinen Händen näher zu sich.
„Ich finde einfach keine Worte für dich…, du bist so etwas Besonderes…, wunderschön…lieb. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich hier mit dir zusammen bin…“
„Ich bin ganz normal“, sagte ich genauso leise zurück, wie Taylors kleine Liebeserklärung herüber kam, „mein Name macht mich nicht zu einen anderen Menschen, ich bin… einfach nur Jack!“
„Okay…, einfach nur Jack, darf ich dich küssen?“
Ich musste lachen.
„Da fragst du noch…?“
Wenig später spürte ich ihn, Seine Lippen auf meinen Lippen. Ich öffnete meine ein wenig. Er öffnete seine. Unsere Zungen fanden einen Weg zueinander und vollführten einen regelrechten Tanz.
Wie oft hatte ich versucht mir vorzustellen, was ich wohl mit einem anderen Jungen machen oder wie sich zum Beispiel der erste Kuss anfühlen würde. Alle Fantasien waren wertlos geworden. Dies hier war Tausendmal besser, als dass, was ich mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte.
Es war zwar nicht der erste Kuss von Taylor, aber dieser war viel intensiver und heftiger. Meine Arme lagen eng um seinen Rücken, während sich mein Kopf sanft in seiner Hand wiegte und seine andere Hand auf meinem Rücken ruhte.
Langsam entfernte sich Taylor. Mein Bauch kribbelte und meine Knie waren weich. Ich spürte seine Hand wie sie mir zärtlich über die Wange streichelte.
„Ich…“, begann er zu flüstern, „… habe so etwas noch nie gefühlt…“
„Ich auch nicht…“
„… wenn das Liebe ist…, will ich ganz viel davon!“
Ich musste grinsen und drückte Taylor fest an mich. Zärtlich strich ich ihm durch seine wirren Haare.
„Du…, wir sollten weiter laufen, meine Schwester müsste gleich da sein.“
Ich ließ ihn los und suchte mir wieder seine Hand, bevor wir den Fußmarsch zum Tor fortsetzten.
„Du willst wirklich das ganze Stück alleine zurück laufen?“, fragte Taylor besorgt.
„Keine Sorge, ich finde schon zurück. Weiß eigentlich jemand bei dir, dass du schwul bist?“
„Ja…, meine Schwester.“
„Und deine Eltern?“
Dieses Mal bekam ich keine Antwort. Erneut blieb ich stehen.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“
„Nein…, so gesehen, weiß ich nicht wer meine Eltern sind.“
Er zog mich weiter.
„Wie das? … du… entschuldige meine Neugier, du brauchst darauf nicht zu antworten…“
Dieses Mal zögerte Taylor, mit dem Weitergehen, bevor er mich dann doch weiter zog.
„… meine Schwester war zwölf und ich eineinhalb…, plötzlich waren sie weg…, haben uns einfach sitzen lassen.“
Geschockt sah ich in seine Richtung.
„Wir waren erst im Heim und als meine Schwester volljährig wurde, hat sie mich einfach mitgenommen und großgezogen.“
Eben noch das Hochgefühl und jetzt total down. Nun hielt ich wieder an, wir waren auch nicht mehr weit weg vom Tor, denn ich konnte vereinzelt Autos vorbei fahren sehen. Ich umarmte Taylor erneut.
„Das tut mir Leid, Taylor.“
„Das muss es nicht. Es ist alles so, wie es ist. Ich bin glücklich, kann meine Träume verwirklich und nun habe ich dich gefunden.“
Er schob mich leicht von sich weg und ich konnte seine Augen funkeln sehen und wie sich eine einzelne Träne den Weg nach unten bahnte. Ich küsste ihn auf die Stirn. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, liefen wir nun das Stück bis zum Tor und es dauerte auch nicht lange, bis ein Auto wendete und vor der Ausfahrt hielt.
„Man sieht sich morgen“, meinte Taylor und öffnete die Wagentür.
Ich hob leicht die Hand und winkte. Er stieg ein, zog die Tür zu und schon fuhr der Wagen los. Nach einer Weile, als die Rücklichter in einer Kurve verschwunden waren, machte ich mich auf den Rückweg.
*-*-*
Erholt wachte ich am nächsten Morgen auf. Ich musste auch völlig ruhig geschlafen haben, denn mein Bett war nicht wie sonst durchwühlt. Irgendwie hielt mich nichts mehr im Bett und so beschloss ich aufzustehen.
Auf dem Weg zum Bad hielt ich kurz inne. Meine Gedanken wanderten zum gestrigen Abend, genauer an die Stelle, als Taylor mich in den Arm nahm und küsste. Lächelnd lief ich zum Fenster und versuchte ihn zu sehen.
Ob er überhaupt schon da war und wenn, war er sicher am Stall, den ich von hier aus nicht sehen konnte. Gut gelaunt ging ich zum Bad und betrat es. Dass Jayden nackt, sich abtrocknend mitten im Bad stand, störte mich nicht weiter.
„Morgen Jayden“, meinte ich und ging zum Waschbecken, um mir die Zähne zu putzen.
„..ähm… morgen.“
Ich schaute auf und sah das Spiegelbild von Jayden vor mir, der immer noch starr vor Schreck da stand. Ich zog die Zahnbürste heraus, drehte mich zu ihm und musterte ihn von oben bis unten.
„Weißt du eigentlich, dass du echt eine geile Sahneschnitte bist?“, fragte ich ihn und drehte mich grinsend wieder zum Spiegel.
In diesem sah ich, wie Jaydens Gesicht feuerrot wurde. Erneut zog ich die Zahnbürste heraus.
„Schade, dass du mein Cousin bist…, du wärst echt eine Sünde wert!“
Plötzlich zuckte Jayden und rannte in sein Zimmer. Ich konnte nicht anders und fing laut an zu lachen. Was hatte ich im Bootshaus zu ihm, zu seiner Entschuldigung gesagt… ja…, ist in Ordnung…, alles im grünen Bereich… Rache konnte so schön sein.
Wenig später, als ich das Esszimmer betrat, war ich dann doch überrascht Jayden auf dem Platz neben mir vorzufinden. Großvater ließ seine Zeitung sinken.
„Guten Morgen Jack, was ist heute morgen los? Seit ihr aus dem Bett gefallen…, erst Jayden dann du?“
„So ungefähr, Großvater… guten Morgen“, antworte ich, griff nach einem Teller und belud ihn mit Rührei und Toast.
Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Jayden erneut eine rote Birne schob, was mich zum Schmunzeln brachte.
„Du bist heute Morgen überraschend gut gelaunt.“
„Ja Großvater, ich habe super geschlafen, bin richtig erholt“, erwiderte ich und setzte mich zwischen ihn und Jayden.
„Das freut mich. Hast du für heute schon etwas geplant?“
„Nichts Bestimmtes. Vielleicht Reiten, oder wenn der Wind gut ist, etwas Segeln, bevor das Boot wieder abgeholt wird.“
„Wann wird das sein?“
„Morgen früh…“
„Aha…“
Ich bemerkte schon, dass es im Kopf meines Großvaters arbeitete.
„Über was denkst du nach?“, fragte ich ihn, obwohl Jayden die Plaudertasche neben mir saß.
„Es hat mir gefallen mit dir zu segeln und ich überlege, falls du nun öfter zu Besuch kommst, nicht ein eigenes Segelboot anzuschaffen. Man könnte das Bootshaus wieder her richten, damit das Bott einen vernünftigen Unterstand bekommt.“
Er machte sich wirklich Gedanken darüber, ob ich wieder kommen würde.
„Das wäre eine super Idee“, sagte ich, erhob mich etwas und umarmte ihn.
Genau in diesem Augenblick ging die Tür auf. Mum gefolgt von Abigail und Sophia betraten das Esszimmer.
„Guten Morgen!“, sagte Großvater, als ich ihn losgelassen hatte und mich wieder setzte.
Mum schaute mich an, bevor sie den Gruß erwiderte.
„Guten Morgen, Vater“, kam es von Sophia.
Als sich Abigail gerade neben ihren Vater setzte, ging die Tür erneut. Henry trat ein.
„Guten Morgen…, ihr seid ja schon alle da“, meinte er und griff nach einem Teller.
Jayden saß weiterhin stumm neben mir und kaute lustlos auf seinem Toast herum. Ich wandte mich wieder an Großvater.
„Wir können ja nachher zum Bootshaus gehen und mal schauen, was man machen müsste.“
„Das können wir tun“, bejahte Großvater nickend.
Ich drehte mich wieder zu Jayden, da die anderen Erwachsenen nichts sagten.
„Warst du schon mal segeln?“
Jayden schaute verschüchtert auf und schüttelte den Kopf.
„Lust?“
Seine Augen wurden groß.
„Mensch Jayden, dass wäre doch eine gute Idee“, kam es von seinem Vater, der sich gerade neben ihn setzte.
Mum schaute mich fragend an, was ich mit einem Lächeln beantwortete.
*-*-*
Wenig später klopfte es und Mum kam herein.
„Na Sohnemann, was ist heute mit dir los?“
„… öhm nichts, warum fragst du?“
Du grinst seit ich dich heute Morgen das erste Mal zu Gesicht bekommen habe. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen du bist frisch verliebt…, dein Vater hat sich auf alle Fälle auch so benommen.“
Ich band meine Schuhe zu und stand auf.
„Und… wenn es so wäre? Hättest du etwas dagegen?“
Ihre Augenbraun hoben sich und ihre Augen wurden groß.
„Du und… Jayden?“
Ich fing an zu lachen.
„Quatsch! Jayden mag zwar süß sein…, aber er ist mein Cousin und…“
„… was kein Hinderungsgrund wäre…“
„Muuuuummm!“
Nun fingen wir beide an zu lachen.
„Also raus mit der Sprache, wenn hast du in dieser Gott verlassen Gegend gefunden, der es dir so angetan hat?“
Ich ließ mich auf Bett nieder und sah sie an.
„… Taylor…“
Mum grinste und setzte sich neben mich, während sie nach meiner Hand griff.
„Bist du dir sicher?“
Ich nickte.
„…alles ist da…, das Bauchkribbeln, die weichen Knie, das ewig blöde Grinsen…, genauso wie ich es oft in den Geschichten im Internet gelesen habe.“
„Hach wie war die Jugendzeit doch schön“, meinte Mum mit einem Grinsen, was aber gleich wieder verschwand.
„Jack…, in zwei Tagen fahren wir zurück…, was wird dann? Ich meine…, du bist dann wieder in London und Taylor ist hier.“
„Taylor kann mich in London jederzeit besuchen und ich kann auch jederzeit hier herfahren, wenn ich möchte. Großvater will sogar ein Segelboot anschaffen.“
Mum schüttelte den Kopf.
„Du sprühst vor Energie.“
„Ich weiß! Ich fühle mich so gut wie schon lange nicht mehr.“
„Jack…, wenn irgendetwas ist, dann komm zu mir, okay? Gemeinsam werden wir eine Lösung finden.“
„Danke Mum, ist lieb von dir.“
„Ich wollte es nur gesagt haben, Jack. Du gehst also mit Jayden segeln?“
„Ja.“
„Warum der Sinneswandel? Bisher habt ihr nicht viel Gemeinsames gemacht.“
„Ich dachte, ich sollte ihn etwas aufmuntern. Seine Mutter war ja nicht gerade eine Feine im Umgang mit ihm.“
„Wieso?“
„Ach Jayden hat mir bisschen etwas über sich erzählt. Mum, der Kerl wird achtzehn und sitzt nur zu Hause, hat keine Freunde.“
Das kommt öfter vor, es gibt viele Eigenbrödler.“
„Nein, dass ist es nicht! Seine Mutter muss wohl vorhaben einen Einstein aus ihm zu machen. Er ist nur am lernen, soll sogar auf eine Eliteschule kommen, wenn es nach seiner Mutter ginge.“
„Aber du verbringst auch viel Zeit am deinem Schreibtisch.“
„Mum, ich habe Sabrina als Freundin, ich geh ins Segeltraining, ich habe genug Abwechslung.“
„Das mag wohl stimmen. Willst du jetzt den barmherzigen Samariter spielen, auch Henry und sein Sohn fahren in zwei Tagen zurück. Meinst du, da wird sich etwas ändern?“
Ich musste kurz lachen, denn als barmherziger Samariter hatte mich noch niemand bezeichnet.
„Du weißt doch, ich hatte ein längeres Gespräch mit Henry, als er sich bei mir entschuldigen wollte. Da hat er erwähnt, dass sich jetzt Einiges in seinem Leben ändern würde. Viel zu lange hätte er auf seine Frau gehört.“
„Das hat dir Henry wirklich gesagt?“
Ich nickte.
„Hört, hört! Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Selbsterkenntnis ist ein Weg der Besserung.“
Es klopft an meiner Badtür.
„Ja?“
Zaghaft öffnete sich die Tür und Jayden schaute herein.
„Ich wollte fragen…, ob ich etwas Besonderes anziehen muss?“
„Nur warm anziehen, das reicht schon“, antwortete ich.
„Dann will ich euch beide Mal nicht vom Segeln abhalten. Wir sehen uns später beim Lunch. Ich werde wohl mit Abigail und Sophia in die Stadt fahren.“
„Mit Sophia?“
Sie nickte und grinste.
„Wie war das mit den Wundern?“
Lachend verließ sie mein Zimmer, während Jayden immer noch im Türrahmen zum Bad stand.
„Jack…?“
„Ja?“
Sein Gesicht wurde wieder rot.
„Hast…, hast du das vorhin ernst gemeint?“
Ich konnte nicht anders, prustete los und ließ mich auf Bett nach hinten fallen. Als ich wieder aufschaute, war Jayden verschwunden. Oh…, da war ich wohl gerade eine Nummer zu heftig. So stand ich auf und folgte Jayden in s ein Zimmer.
Ich fand ihn auf seinem Bett sitzend vor, in sich zusammen gesunken auf den Boden starrend.
„Jayden?“
„Hm…?“
„Entschuldige…“
Er schaute auf. Seine Augen waren feucht.
„Warum entschuldigst du dich? Ist egal…“
Ich seufzte und ging zu ihm hin. Langsam kniete ich mich vorhin.
„Ich hätte vorhin nicht so gemein zu dir sein dürfen…“
„Wieso? …ich war es ja auch zu dir… Meinetwegen weiß jetzt jeder hier, dass du schwul bist.“
„Und? Ich lebe noch! Ich wurde weder gefoltert, noch wurde ich weggesperrt und musste alleine essen.“
Ich hob die Hand und wischte ihm eine Träne weg, die über seine Wange kullerte.
„Das vorhin war nicht richtig, obwohl ich dich wirklich süß finde. Du siehst gut aus und kannst auch richtig nett sein.“
„Wirklich?“
Ich nickte.
„Bist du mir böse, wenn ich wirklich nicht schwul bin?“
Ich musste grinsen.
„Nein Jayden, warum auch?“
„Ich weiß nicht…“
Er atmete tief durch, als hätte jemand eine schwere Last von ihm genommen.
„Können Cousins Freunde sein?“, fragte er dann leise.
„Warum nicht? Wenn sie sich super verstehen?“
„Du…, du bist der erste, der mich ernst nimmt…, mit mir redet, mich nicht wegschickt.“
Oh, daher wehte der Wind.
„Ich würde jetzt vorschlagen, du wäscht jetzt dein Gesicht, ziehst dir eine warme Jacke an und wir treffen uns dann unten. Okay?“
Er nickte.
„Gut, dann bis gleich.“
*-*-*
Großvater ließ sich durch Abigail entschuldigen, er hätte noch etwas Wichtiges zu erledigen. So lief ich alleine mit Jayden Richtung Bootshaus, wo auch am Steg, das Segelboot vertäut lag.
„Jack!“
Ich drehte meinen Kopf und sah Taylor auf mich zu rennen.
„Morgen Taylor“, rief ich.
Kurz vor mir blieb er stehen und lächelte mich an. Er schaute kurz zu Jayden, nickte ihm zu und sah dann wieder zu mir.
„Willst du heute noch ausreiten?“
„Ja, aber erst später. Ich möchte erst mit Jayden etwas segeln gehen.“
„Okay, sag mir Bescheid, wenn ich die Pferde satteln soll.“
Ich sah keinerlei Enttäuschung in seinem Gesicht. Ich überlegte kurz und plötzlich war es mir egal, dass Jayden neben mir stand.
„Mach ich, aber etwas anderes… begrüßt man so seinen Freund?“
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, während Taylors Blicke kurz zu Jayden wanderten und sein Gesicht rote Farbe annahm.
Ich machte einen Schritt nach vorne und nahm ihn in den Arm.
„Morgen Taylor“, flüsterte ich ihn ins Ohr und küsste ihn auf die Wange.
Ich spürte seine Schüchternheit, aber dennoch hob er die Arme und umarmte mich ebenso.
„Morgen Jack“, flüsterte auch er, ich spürte sogar sanft seine Lippen auf meiner Wange.
„… ähm… seid ihr zusammen?“, hörte ich Jaydens Stimme hinter mir.
Ich ließ Taylor los, griff nach seiner Hand und wandte mich zu Jayden.
„Ja!“, sagte ich stolz und mit einem Lächeln.
„… wollte… wollte ihr dann nicht lieber… zusammen sein…, ich stör doch nur.“
„Quatsch…, wir gehen jetzt segeln, wie versprochen. Taylor hat mich noch den ganzen Mittag.“
Ich schaute zu Taylor, der verschüchtert lächelte, aber seine Augen strahlten. So glücklich wie ich war, drückte ich ihm einfach einen Kuss auf den Mund.
„Dann bis später“, meinte ich und lief weiter Richtung See.
„Wie ist das?“, fragte Jayden nach einer Weile.
„Was meinst du?“, fragte ich.
„Jemanden zu… lieben?“
„Warst du noch nie verliebt?“
Ich schaute zu ihm. Er lief neben mir mit gesenktem Kopf und schüttelte diesen.
„Hast du noch nie für jemand geschwärmt?“
„Wie denn? Zu Hause bleib ich meist für mich, lerne schaue Fern oder höre Musik. Weggehen tu ich meist nie. Mit wem denn auch, ich kenne niemand.“
„Klassenkameraden?“
„Ach die. Da gibt’s nur immer ein Thema…Geld.“
„Dass dir anscheinend zuwider ist.“
Dieses Mal nickte er.
„Manchmal wünsche ich mir arm zu sein, nicht alle diese Privilegien zu haben und…“
„Jayden, du siehst das falsch.“
Ich war stehen geblieben.
„Deine Familie hat Geld und du hast ja dadurch Privilegien, aber du entscheidest, wie du diese nutzen kannst, nicht andere.“
„Meine Mutter entscheidet immer alles…, selbst was ich anziehen soll.“
„Denkst du nicht, es ist an der Zeit, endlich damit anzufangen, eigene Entscheidungen zu treffen. Mag sein, dass ich ohne Vater und eine arbeitende Mutter recht früh vieles für mich habe entscheiden müssen, aber du hast doch jederzeit die Möglichkeit das zu tun.“
„Das sagt sich so leicht…, die Macht der Gewohnheit.“
Jayden hatte mehr auf dem Kasten, als er nach außen hin auftrat. Ich lief weiter und die Frage vom Anfang kam mir in den Sinn.
„Wie es ist jemanden zu lieben? Gute Frage. Ja ich bin verliebt in Taylor, aber richtig lieben…, darüber kann ich dir nichts sagen. Ich denke, das kommt danach, oder auch nicht.“
„Nicht?“
„Jayden, Taylor ist mein erster Freund. Klar es fühlt sich super an. Da ist einer, der dich unheimlich mag, den du in den Arm nehmen kannst… küssen kannst. Wie gesagt ich weiß nicht was danach kommt, wie es sich anfühlt, dass muss ich wohl erst selbst heraus finden.“
„Das… hört sich aber gut an…, dass es da jemanden gibt…“, Jayden seufzte, „da könnte man neidisch werden.“
„Gib es zu, du bist neidisch. Aber du hast es selbst in der Hand, du musst raus, jemanden kennen lernen…“
Den Rest des Weges liefen wir schweigend. Ich spürte deutlich, wie es in Jaydens Kopf arbeitete. Am Segelbott angekommen, öffnete ich zu allererst die Abdeckung des Segels.
„Kann ich irgendwie helfen?“
„Mach die Leinen los und kommt an Bord.“
„Okay…“, meinte Jayden unsicher.
Als er das Boot betrat, fing es leicht an zu schwanken und Jayden griff nach meiner Hand.
„Keine Angst, du fällst schon nicht ins Wasser. Hier ist eine Schwimmweste“, meinte ich und reichte sie ihm.
„Und wie lege ich die an?“
Natürlich half ich ihm, so wie schon bei Großvater vor ihm.
„Da kannst du hin setzten.“
Er folgte meinen Rat, während ich mich daran machte, das Segel zu setzten. Wenig später glitt das Boot langsam von der Anlegestelle weg und bekam Fahrt. Jayden saß ruhig neben mir und schaute über das Wasser.
Heute Morgen war etwas mehr Wind als sonst, auch der See lag nicht so ruhig da.
Ich konnte ein kleines Lächeln in Jaydens Gesicht sehen, anscheinend machte es ihm Spaß.
„Möchtest du auch mal das Steuer übernehmen?“
„Geht das?“
„Klar!“
Ich überließ ihm das Ruder, behielt aber das Segel unter Kontrolle.
*-*-*
„Können wir das irgendwann wieder mal machen?“
Jayden war total aufgekratzt, lächelte über das ganze Gesicht.
„Klar, mein Segelverein ist in Staines, da können wir jederzeit zusammen segeln, wenn du Lust hast, es sogar selber lernen.“
„Echt?“
„Ja!“
„Cool!“
Soweit es ging, machte ich das Boot reisefertig, verstaute alle losen Teile in seinen Fächern. Ich schaute auf die Uhr.
„Wir müssen uns beeilen, damit wir rechtzeitig zum Lunch kommen.“
Wenig später, als wir zurück waren, saßen wir mit Großvater und Henry alleine am Mittagstisch, da die Damen noch nin der Stadt waren. Jayden sprudelte fast über und erzählte seinem Vater jedes nur so winzige Detail, was er am Morgen erlebt hatte.
Großvater schaute mich kurz an und lächelte.
„… dann hab ich das Ruder ganz hart eingeschlagen und wir mussten die Köpfe ein ziehen, damit wir nichts vom Segel abbekamen.“
„Und du meinst wirklich, Jayden kann da im Segelverein mitmachen?“, fragte mich Henry.
„Ja, er ist ein öffentlicher Verein für jeden. Die Mitgliedsbeiträge sind gering und die Ausstattung super. Und wenn man kein Mitglied werden will, sind die Beträge für die Segelkurse etwas höher.“
„Am Geld soll es nicht liegen…“, meinte Henry.
„Entschuldige Henry, wenn ich mich einmische. Ich weiß nicht wie ihr in der Vergangenheit mit euren Kindern verfahren seid, aber ihr solltet ihn schon den Wert des Geldes beibringen“, kam es leise von Großvater.
Jaydens und mein Kopf wanderte gleichzeitig Richtung Henry. Er atmete tief durch und ich hatte schon die Befürchtung, er würde explodieren, aber er blieb ruhig.
„Ich weiß Vater, ich habe in der Vergangenheit sehr viele Fehler gemacht…“
Das war das erste Mal, dass ich seit ich hier war, Henry hab Vater sagen hören.
„… und auch, dass einige davon nicht mehr rückgängig gemacht werden können, aber ich will versuchen in Zukunft es anders zu machen.“
Großvater nickte nur, sagte kein Wort. Die beiden Männer sahen sich nur an. Jayden blickte mich hilfesuchend an. Ich konnte mir denken, was er wollte und versuchte ihn mit meinen Blicken dazu zu ermuntern, selbst für sich zu reden.
„Dad…? Darf ich in den Segelverein von Jack eintreten?“
Henry dachte kurz nach.
„Wenn du gerne möchtest…, ich kümmere mich nächste Woche gleich darum.“
„Redest du… auch mit Mama?“
„Muss ich sie um Erlaubnis fragen, ob du das darfst?“
Jayden zuckte mit den Schultern.
*-*-*
Ich war schon eine Stunde mit Taylor unterwegs. Ob es Absicht war, dass wir plötzlich beim roten Haus heraus kamen wusste ich nicht.
„Willst du noch einmal hinein gehen?“, fragte Taylor.
Wir waren mit den Pferden stehen geblieben.
„Ich… weiß es nicht.“
„Vielleicht solltest du es wie dein Vater machen und ihr schreiben.“
„Meinst du?“
„Ich weiß, man schreibt heute Emails, aber ob sie sich mit einem Computer auskennt, weiß ich nicht. Und sie kann dich so besser kennen lernen, in dem du ihr alles schreibst, was du mir über dich erzählt hast.“
Ich nickte geistesabwesend, weil ich mit meinen Gedanken schon wo anders war.
„Hab… ich etwas Falsches gesagt?“
Ich schaute zu Taylor.
„Nein, sorry. Ich war mit den Gedanken wo anders.“
Er erwiderte nichts.
„Morgen…, da reise ich ab… und ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal wieder hier sein werde.“
Taylor lächelte mich widererwartend an.
„Ich habe mich im Internet etwas schlau gemacht. Also mit dem Bus wäre ich eineinhalb Stunden unterwegs, wenn ich dich besuchen möchte. Mit dem Zug wäre es nur eine dreiviertel Stunde.“
So wie ich den gleichen Weg und die Zeit hier hätte. Aber es war etwas Anderes, was mich beschäftigte. Ich griff nach seiner Hand.
„Taylor…, wir kennen uns erst ein paar Tage und…“
„… möchtest Schluss machen!“, kam es von Taylor, dessen Lächeln mit einem Schlag verschwunden war.
„Quatsch, wie kommst du den da drauf. Ich wollte nur sagen, ich will dich besser kennen lernen, auch wenn wir uns die nächste Zeit nicht so oft sehen können.“
„Meinst du das ehrlich?“
„Klar…, ich würde dich nie anlügen.“
„… und… was wird deine Mutter dazu sagen, meinst du ihr ist das Recht?“
„Wieso, sollte es ihr nicht Recht sein. Taylor…, sie weiß es schon, ich habe es ihr erzählt.“
Taylor riss die Augen auf.
„Sie hat nichts dagegen?“
„Was sollte sie dagegen haben? Wenn du jetzt wieder davon anfängst ich bin adelig und du nur normal, dann kann ich für nichts mehr garantieren.“
„Garantieren?“
Ich setzte ein schelmisches Grinsen auf und beugte mich zu Taylor hinüber. Bevor er etwas sagen konnte, fuhr meine Fingerspitze kurz in seine Seite. Er quiekte laut und beide Pferde schoben etwas auseinander, was zur Folge hatte, dass ich Gleichgewicht verlor und vom Pferd purzelte.
Taylor war sofort vom Pferd gesprungen.
„Hast du dir weh getan?“, fragte er besorgt und kniete neben mich.
Ich konnte nicht anders und fing an zu kichern.
„Nein, es tut zwar leicht weh, aber getan denke habe ich mir nichts.“
„Du bist echt… jagst mir so einen Schrecken ein…“
„He… es ist nichts passiert.“
Ich griff nach seinem Nacken und zog ihn zu mir hinunter. Was folgte, war einer der schönsten Küsse in meinem Leben. Ich will nicht sagen, dass ich ein Experte im Küssen bin, so viel Erfahrung hatte ich ja auch nicht.
Aber es fühlte sich gut an. Taylor ließ sich nun ganz auf mich herab sinken. Ich spürte seinen Körper auf meinem, seine Hände, die langsam ihren Weg über meinen Körper bahnten. Ich war glücklich und vergaß alles um mich herum.
*-*-*
„Hast du alles?“, fragte Mum, die ihre letzte Tasche in den Kofferraum drückte.
„Ja Mum.“
Sie schloss den Kofferraum. Beide liefen wir zu Großvater, der wie die anderen vor dem Haus stand.
„Du kommst an Weihnachten…“, sagte er leise.
„Versprochen!“, erwiderte ich.
Er umarmte mich fest und ich konnte einzelne Tränen sehen. Als nächstes verabschiedete ich mich von Abigail. Auch sie drückte mich fest an sich.
„Ich komm ja wieder“, meinte ich lächelnd zu ihr.
Henry bekam nur einen Händedruck. So familiär stand ich nun auch nicht mit ihm. Zu guter letzt war da noch Jayden.
„Du rufst an, wenn du Zeit hast“, meinte ich zu ihm.
Er lächelte verlegen und hob seine Arme. Auch ihn umarmte ich.
„Mach ich, sobald ich wieder in London bin.“
„Dann wünsch ich eine gute Heimfahrt“, meinte Großvater, „und meldet euch kurz, wenn ihr zu Hause seid.“
„Ja, ich werde Abigail ein kurze SMS zukommen lassen“, meinte Mum und bewegte sich Richtung Auto.
Im Augenwinkel erkannte ich Taylor an der Hausecke stehen.
„Mum, noch ein kurzer Augenblick bitte…“
Sie rollte mit den Augen und grinste. Ich rannte zu ihm hin blieb kurz vor ihm stehen.
„Ich ruf dich an heute Abend, versprochen.“
„Ich werde darauf warten“, meinte er lächelnd.
Ich beugte mich nach vorne und gab ihm einen kleinen Kuss.
„Bye!“, hauchte ich.
„Bye!“, sagte er genauso leise.
Ich drehte mich um und rannte zum Auto zurück.
„Da werde ich wohl jemand hüten müssen wie meinen Augapfel“, hörte ich Großvater sagen, die anderen lachten, „sonst bekomm ich Ärger mit meinem Enkel.“
Ich stieg ein und kurbelte die Scheibe herunter.
„Weihnachten!“, rief ich, Großvater nickte.
Mum startete den Motor und der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich winkte noch einmal allen zu, bevor sie aus meinem Blickfeld verschwanden.
*-*-*
Am Abend saß ich auf meinem Bett, betrachtete Taylor auf meinem Handy, von dem ich noch kurz vor der Abfahrt ein Foto geschossen hatte. Eine Woche, die mein ganzes Leben umgekrempelt hatte.
Ich hörte die Türklingel und wenig später klopfte es an meiner Zimmertür.
„Ja?“
Die Tür ging auf und Sabrina streckte den Kopf herein.
„Da bist du ja wieder und…, einen netten Prinzen geangelt“, sagte sie im herein gehen.
„Ja… kann man so sagen.“
Verwirrt schaute sie mich an und ließ sich neben mir nieder.
„Wie jetzt?“
„Na ja, für mich ist er ein Prinz.“
„Du hast echt jemand kennen gelernt.“
„Jaaaaaa“, meinte ich verträumt und ließ mich nach hinten fallen.
„Dich hat es ja voll erwischt. He… jetzt aber ich will alles wissen von Anfang bis Ende.“
„Er heißt Taylor, ist so alt wie ich, kann reiten wie ein junger Gott…“
„Reiten?“
„Ja wir sind ausgeritten.“
„Seit wann kannst du reiten?“
„Taylor meinte ich bin ein Naturtalent“, grinste ich sie an.
Es klopfte erneut an meiner Tür, ich setzte mich wieder auf. Mum streckte ihren Kopf herein.
„Ich habe gerade mit Abigail telefoniert. Dein Großvater wird nächste Woche hier in London operiert. Sie gibt uns genaueres noch durch, dann kannst du oder wenn ich Zeit habe ihn besuchen.“
„Klar werde ich ihn besuchen.“
„Dann lass ich euch wieder alleine.“
Und schon war sie wieder verschwunden.
„Dein Großvater wird operiert?“
„Nichts Schlimmes“, meinte ich.
„Ich glaube, in den paar Tagen habe ich viel verpasst. Kann das sein?“
„Stimmt, man wir nicht jeden Tag Baron.“
„Ich muss mich jetzt aber nicht vor dir verbeugen?“
„Mal sehen…“, meinte ich und fing an zu lachen.
„Jack, ich habe dich noch nie so ausgelassen und glücklich gesehen.“
„Bin ich auch. Ich habe einen Freund und eine ganz tolle Familie dazu bekommen. Wärst du da nicht glücklich?“
„Ich wäre froh, wenn ich schon einen Freund hätte.“
„Och Sabrina, du hast selbst gesagt, in der Schule rennen so viele Jungs herum.“
„Ja, aber das habe ich auf dich bezogen…, na ja, du bist ja jetzt versorgt.“
Ich nickte, grinste und zog mein Handy hervor. Schnell war Taylors Bild hervor geholt.
„Das ist Taylor…“
„Wow, wo hast du denn den aufgegabelt?“
„Er ist unser Stallbursche.“
„Stallbursche?“
Sie fing an zu lachen. Entsetzt sah ich sie an.
„Was ist daran so lustig?“
„Kannst du dich an den Film Maurice erinnern, den wir mal vor ein paar Wochen angeschaut haben.“
„Öhm ja…“
„Da war es auch der Stallbursche… Ich dachte nicht, dass du dir den Film so zur Vorlage nimmst.“
„Naja, aber so verstecken wie die muss ich mich ja nicht. Und außerdem kann mich Taylor besuchen wann er will und kann. Er will Pferdewirt werden.“
„Eine Kneipe aufmachen für Pferde?“
Sabrina zog mich wieder auf. Ich streckte ihr die Zunge heraus.
„Knie nieder du elendes Weib und zügle deine Zunge, sonst werde ich mir Dinge überlegen, die dir nicht gefallen werden!“
Sabrina fing schallend laut an zu lachen und rutschte vom Bett.
„Edler Herr“, lachte sie, „lasst Gnade bei einer Unwissenden walden…“
„Wenn du artig bist, niederes Weib, dann wirst du vielleicht mein Prinz kennen lernen!“
„Was heißt hier eigentlich niederes Weib, wer weiß, vielleicht kann ich auch jemand von Adel in meiner Familie aufweisen. Und wenn du richtig hinschaust, liege ich in der Erbfolge auf den Königsthron, sicher viel höher als du.“
„Das glaube ich eher weniger. Du gehörst sicher irgendeinem verarmten Landadel an.“
„Jetzt hör dir doch diesen eingebildeten Hirni an. Vor einer Woche, noch das Mauerblümchen der Schule und jetzt der eingebildete Thronfolger von Wales.“
„Baron of Newbury, wenn ich bitten darf!“
Wir schauten uns kurz an und fingen wieder an zu lachen. Es wurde noch ein schöner Abend, denn Sabrina blieb noch eine Weile. Ich genoss es in vollen Zügen. Jack Joseph Lewis Baron of Newbury, es werden sicher noch viele folgen.






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Suddenly royal II
Gedankenverloren stand ich an den Baum gelehnt. Es war zwar recht kühl und es fror mich auch leicht, aber es war mir wie immer schlicht weg egal. Jeder Tag schien hier gleich zu sein. Nur das heute etwas Schnee lag.
Ebenso Sabrina, sie trippelte unaufhörlich neben mir von einem Fuß auf den anderen. Im Hof tobten die Unterstufen und spielten Fangen. Dass dies nicht langsam langweilig wurde? Mein Blick wanderte über die Herren der Schöpfung, die sich ihren Weg durch den Hof und den Wiesen bahnten.
Einer dieser Herren, steuerte geradewegs auf uns zu. Es war Jayden, der noch kurz in der Cafeteria war. Vorsichtig balancierte er drei Becher, bei uns angekommen, verteilte er diese. Einer mit Zucker…, einer ohne“, meinte er und reichte mir einen Tee.
„Danke Jayden“, meinte ich und inhalierte den Duft meines Tees.
„Was steht heute Mittag an, Jayden?“, fragte Sabrina.
„Weiß noch nicht. Vater ist nicht zu Hause, also sturmfreie Bude“, antwortete er und ging neben mir in die Hocke, „aber da stehen jetzt so viele Kartons herum, das ist eher langweilig.
„Wann zieht ihr um?“, wollte ich wissen.
„In einer Woche. Das Haus soll verkauft werden und Papa und ich ziehen in eine normale Wohnung.“
„Also macht deine Mutter Ernst mit der Scheidung?“
„Soll sie doch. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben, aber das beruht auf Gegenseitigkeit.“
„Sie ist deine Mutter!“, kam es von Sabrina.
„Wenn sie so eine Mutter wäre, wie Jacks Mama, wäre das etwas anderes, Sabrina, aber du kennst meine Mutter nicht, sie ist ein Drache! Nicht mal ich kenne sie mehr, sie hat sich so verändert.“
Mir tat Jayden leid, aber diese Frau als Drache zu bezeichnen, war schon Beleidigung genug, für jeden Drachen dieser Welt. Ich musste leicht grinsen, dachte aber auch daran, dass hier nur das liebe Geld schuld war. Wie sagt man so schön, Geld verdirbt den Charakter.
„Und du Jack?“
„Was?“
„Was hast du heute noch vor?“
„Ich habe ein Date“, sagte ich grinsend.
„Kommt Taylor in die Stadt?“, fragte Sabrina.
„Nein!“
„Du gehst fremd?“, kam es erstaunt von Jayden.
„Nein!“
„Wenn seine Majestät fertig ist, uns auf den Arm zu nehmen, sag Bescheid“, sagte Sabrina und drehte sich leicht schmollend weg.
Ich konnte nicht anders und musste lachen. Auch Jayden grinste.
„Ich besuche heut Mittag meinen Großvater, der liegt doch im Krankenhaus.“
„Da will mein Vater mit mir morgen Abend hin“, meinte Jayden.
Sabrina seufzte.
„Was ist?“
„Ich will auch ein Date“, meckerte sie.
„Dann solltest du dich um schauen, hier rennen doch genug Jungs herum“, meinte ich.
„Die keinerlei Interessen an mir haben.“
„Verstehe ich nicht, du siehst doch gut aus und hast auch etwas im Köpfchen, davon gibt es nicht viele.“
Dies hatte Jayden vom Stapel gelassen und wurde feuerrot im Gesicht, als ihm bewusst wurde, dass er Sabrina gerade ein Kompliment gemacht hatte. Mit gesenktem Blick schlürfte er an seinem Tee.
„Solange ich mit meinen Baronen herum hänge, traut sie eh niemand an mich heran.“
„Was hier im Hof aber niemand weiß!“, meinte ich, „und einen dieser Barone könntest du dir angeln!“
Mit weit aufgerissen Augen starrte mich Jayden an. Er boxte mir mit der Faust gegen die Wade.
„Au.“
Seit dem kleinen Vorfall meines Outings vor der Familie, machte es mir immer wieder Spaß, ihn aufzuziehen. Seine Reaktionen waren einfach herrlich.
„Jayden? Der hat mir zu viele Verehrerinnen!“, fragte Sabrina.
„Du sprichst von meinem Cousin, der außer dir und mir, hier niemanden kennt.“
„Wie würdest du dann diesen Pulk nennen, da drüben an der alten Eiche, die uns ständig beobachten?“
Erstaunt schaute ich die gesagte Richtung und sah da wirklich fünf, sechs Mädchen stehen, die ständig zu uns herüber schauten und kicherten. Grinsend schaute ich zu Jayden, der sich nun eher hinter mir versteckte, als sich gut sichtbar zu positionieren.
„He, das wäre doch die Chance für dich“, sagte ich zu meinem Cousin, drehte mich zu ihm.
„Bloß nicht, die sind nicht anders, als die Tussis von meiner alten Schule. Die haben mich heute Morgen aus Papas Bentley steigen sehen, seither verfolgen sie mich in jeder Pause.“
„Da kann man Abhilfe schaffen!“, sagte Sabrina, lief zu Jayden und gab ihm gut sichtbar einen Kuss auf die Wange.
Die Reaktion folgte prompt. Nicht bei den Mädchen, gut bei denen knallten reihenweise die Kinnladen herunter. Nein ich meinte Jayden, denn der kippte nach hinten, saß plötzlich auf seinem Hosenboden und schaute Sabrina irritiert an.
„Siehst du, sie ziehen ab“, meinte Sabrina und gesellte sich wieder an ihren alten Platz.
Ich konnte nicht anders und fing laut an zu lachen. Jayden dagegen saß immer noch auf dem kalten Boden, hatte die Hand auf seine Wange gelegt, die Sabrina zuvor küsste.
„He, steh auf, deine Uniform wird sonst nass und dreckig!“, meinte ich und hielt ihm meine Hand entgegen.
Nur widerwillig ließ er sich hochziehen bevor er irgendwie überhaupt reagieren konnte, beendete der Schulgong die große Pause. Ohne große Lust betraten wir das alte Gemäuer und entsorgten unsere leeren Teebecher.
Wie es Onkel Henry so schnell geschafft hatte, Jayden hier in der Schule unterzubringen, war mir bis heute ein Rätsel. Auch dass er nun mit Sabrina und mir in die gleiche Klasse ging, war ein Mirakel für mich.
Gerade, als wir die Treppe zu unserem Klassenraum hinaufsteigen wollten, wurden wir gerufen.
„Die Herren Newbury bitte ins Rektorat!“, hörte ich die Stimme der Sekretärin unseres Rektors.
Ich stoppte abrupt, was zur Folge hatte, dass Jayden, der die Angewohnheit hatte, immer dicht hinter mir zu laufen, in mich hinein rannte. Ich atmete tief durch, verdrehte die Augen und wendete den Kopf.
Dort stand Miss Downhill, gekleidet wie immer. Enger Knielanger und dunkler Rock und eine Rüschchenbluse, zugeknöpft bis zum Hals. Der Dutt auf ihrem Kopf sollte ihr wohl eine gewisse Strenge verleihen.
Aber so richtig ernst nahm sie niemand an der Schule, sie befolgte ja nur die Anweisungen ihres Chefs. Sie verneigte sich leicht und wies mit ihrer Hand Richtung Rektorat.
„Habt ihr was ausgefressen?“, wollte Sabrina wissen, die auf der zweiten Stufe stehen geblieben war.
„Nicht dass ich wüsste“, meinte ich, komm Cousin, mal sehen, was der alte Herr von uns möchte.“
So ließen wir Sabrina an der Treppe zurück und folgten Miss Downhill.
*-*-*
Etwa fünf Minuten später betraten wir das Büro, des alten Herren, der wie immer hinter seinem großen, alten Schreibtisch kauerte und geschäftig tat. Groß prangte uns ein Tischschild entgegen: Direktor Emanuel Roberts.
„Mister Roberts, die Barone of Newbury…“, meinte Miss Downhill.
Er schaute auf und legte ein gekünsteltes Lächeln auf. Barone of Newbury, was sollte das denn jetzt?
„Danke Miss Downhill…“, meinte er nur, wartete bis sie sein Büro verlassen und hinter sich die Tür geschlossen hatte.
„Setzten sie sich doch bitte, die Herren“, meinte Mr. Roberts und wies auf die zwei Ledersitze vor seinem Schreibtisch.
Jayden sah mich verschüchtert an, aber ich lächelte ihn an. So setzen wir uns.
„Es freut mich, dass es sie einrichten konnten so schnell den Weg zu mir zu finden.“
Auch er setzte sich wieder. Warum sprach er plötzlich so geschwollen, dass hatte er bisher auch nie getan.
„Ich hatte bisher noch nicht die Gelegenheit sie persönlich zu begrüßen, Baron Jayden von Newbury.“
Jayden wusste wohl nicht, was er darauf antworten sollte, denn er nickte nur leicht.
„Warum ich sie her gebeten habe…, es stellt sich die Frage, wie sie in Zukunft von der Lehrerschaft angeredet werden möchten?“
Ach daher wehte der Wind, dass hatte mir gerade noch gefehlt. Ich räusperte mich.
„Mister Roberts, ich denke, meine Mutter hat mich damals nicht ohne Grund als Jack Newbury angemeldet und das würde ich auch gerne beibehalten.“
„Aber ihre gesellschaftliche Stellung…“
„Mir ist meine gesellschaftliche Stellung bewusst“, was eigentlich gelogen war, wusste ich doch erst seit Wochen, das ich ein Baron war, „aber ich wünsche keine Bevorzugung, wegen meines Titels, oder Herkunft und ich denke ich spreche auch für meinen Cousin Jayden!“
Jayden schien wohl ein Stein vom Herzen zu fallen, denn er begann aufgeregt zu nicken. Diese Antwort hatte unser Gegenüber wohl nicht erwartet. Etwas nervös schien er etwas in seinen Papieren zu suchen.
„Dann… dann“, fing er an zu stottern, „erübrigt sich wohl die Frage, ob sie eins der freiwilligen Ämter, der Kurse übernehmen möchten.“
„Ämter?“, fragte ich verwundert, davon hatte ich noch nichts gehört.
„Ja, dem Adel im Haus, steht das Recht zu, die führenden Leiterpositionen der jeweiligen Kurse der Oberstufe zu übernehmen.“
Das war mir völlig neu.
„Wie… schon gesagt, wünsche ich keine Sonderbehandlung…, ich bin einfach nur Jack… Jack Newbury.“
Ich musste mir ein Grinsen verbeisen, weil ich an Taylor denken musste, als ich ihm das gleiche sagte, Jack nicht mehr oder weniger… Langsam erhob ich mich.
„Wenn sie nichts weiter auf dem Herzen haben, Mr. Roberts, ich würde gerne in meine Klasse zurück kehren, wir schreiben morgen eine wichtige Arbeit und möchte nichts verpassen.“
„Ihr Lerneifer freut mich, Mr. Newbury, dann möchte ich sie nicht länger aufhalten.“
Er erhob sich ebenso und machte einen leichten Diener. Vor dem Rektorat blieb ich dann erst mal stehen und atmete tief durch.
„Boah Jack, ich hätte mich nie getraut, so mit meinem Rektor zu reden!“
„Du wirst lachen, es war das erste Mal.“
„Echt? Das glaube ich nicht!“
„Das kannst du ruhig glauben… Aber ehrlich, dieses Barongetue, geht mir langsam auf den Sack! Komm gehen wir zurück, sonst verpassen wir wirklich noch etwas“, meinte ich lächelnd.
*-*-*
Hätte ich vielleicht Blumen besorgen sollen? Aber was sollte Großvater mit Blumen. Ich trampelte etwas vor dem Eingang des Krankenhauses herum, um auch die letzten Schneereste, die an meinen Schuhen klebten, abzubekommen,
Es war der erste Schnee in diesem Jahr und auch noch recht viel. Nach der großen Pause hatte es wieder angefangen zu schneien und hatte bis jetzt nicht aufgehört. Jayden war seit dem Vorfall im Pausenhof noch ruhiger als sonst, beteiligte sich nicht mal am Unterricht.
Ich betrat die Lobby des Krankenhauses und warme Luft strömte mir entgegen. Mühsam entwickelte ich meinen Schal und ließ ihn lose an meinen Schultern herunter hängen.
Noch während ich den Reisverschluss meiner Jacke herunterzog, schaute ich auf die Hinweisschilder. Zweiter Stock. Nach längerem Suchen fand ich das Treppenhaus und setzte mich in Bewegung.
Abigail hatte gesagt, dass die Operation gut verlaufen war und auch Großvater sich den Umständen gut fühlte. Trotz Sport, erreichte ich, etwas außer Puste, den zweiten Stock. Noch einmal schaute meine Wenigkeit kurz auf den Zettel, den mir Mum gegeben hatte und verglich die Zimmernummern.
Schnell war die Richtung zum Zimmer gefunden und wenig später stand ich vor Großvaters Zimmer. Ich atmete tief durch und klopfte. Ein leises Herein war von drinnen zu hören. So schob ich langsam die Tür auf.
„Jack!“, rief mir mein Großvater lächelnd entgegen.
„Hallo Grandpa!“, meinte ich und schob die Tür wieder zu.
„Ich hätte nicht so schnell mit deinem Besuch gerechnet, aber es ist gut, dass du kommst.“
„Abigail hat uns deine Zimmernummer zu kommen lassen und heute habe ich nicht so viele Hausaufgaben, so dachte ich, ich geh dich gleich besuchen.“
Ich zog meine Jacke aus, denn mittlerweile war mir gut warm. Da ich direkt von der Schule hier her gekommen war, kam die Schuluniform zum Vorschein.
„Das ist lieb von dir mein Junge, wie geht es dir? Die Unform steht dir gut!“
„Mir geht es gut, na ja vielleicht etwas viel Arbeiten in der Schule, aber das ist ja normal vor Weihnachten?“
„Ich habe gehört, Jayden hat auf deine Schule gewechselt?“
„Ja, stimmt!“, lachte ich, „er ist sogar in meiner Klasse.“
„Wirklich? Vertragt ihr euch auch gut?“
„Sicherlich! Jayden hat sie sehr geändert, seit seine Mutter das Haus verlassen hat.“
„Das tut mir leid…“
„Muss es nicht Großvater, jeder hat das Recht sich frei zu entscheiden, was er tut und sie hat sich gegen die Familie entschieden. Was Jayden mir so am Rande erzählt hat, ich denke es ist besser so. Er kommt dich übrigends morgen Abend mit Onkel Henry besuchen.“
„Und was ist mit Jaydens Schwester?“
„Molly? Jayden meinte, sie ist wie ihre Mutter…, er hat sie noch nie vorher so mit ihrem Vater reden hören. Mehr kann ich dir auch nicht sagen, denn ich hatte mit Molly nicht viel Kontakt, als wir bei dir waren. So gesehen ist sie für mich weiterhin eine Unbekannte.“
Grandpa seufzte. Ich setzte mich einfach zu ihm, an den Rand des Betts und nahm seine Hand.
„Versuch dir keine Gedanken darüber zu machen, Grandpa, wer weiß, vielleicht bereut sie es später, dass sie sich so entschieden hat. Man weiß nie, was kommt.“
„Es hätte mich gefreut, sie ganze Familie vereint zu wissen, aber das war wohl Wunschdenken.“
Darauf wusste ich nichts zu sagen und drückte seine Hand nur etwas fester.
„Kommt deine… Mutter auch?“
„Das weiß ich nicht. Sie ist ja alleine in ihrem Laden, da kann sie nicht so einfach weg.“
„Warst du denn die letzten Jahre, dann immer alleine zu Hause, wenn deine Mutter arbeiten war?“
Man hörte das schlechte Gewissen in dieser Frage.
„Ja, war am Anfang etwas ungewohnt, aber die Hausaufgaben, das viele Lernen, da vergeht die Zeit schnell… und welcher Teenager möchte schon ständig seine Eltern um sich haben?“, meinte ich scherzhaft grinsend.
Etwas gequält, lächelte auch Grandpa. Da hatte anscheinend jemand wirklich Aufmunterung nötig.
„Ich freu mich auf Weihnachten. Hast du schon etwas geplant? Wo stellt ihr eigentlich den Tannenbaum hin?“
Grandpa antwortete nicht sofort, er schien sich zu sammeln.
„Die letzten Jahre haben Abigail und ich nur im Kleinen gefeiert. Einen Tannenbaum haben wir keinen aufgestellt, aber deine Tante war stets bemüht, dass das Haus weihnachtlich aussah.“
„Aber Weihnachten ohne Tannenbaum…, wo sollen wir denn die Geschenke darunter legen?“
„Du willst mir etwas schenken? Was denn?“
Bisher hatte ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht, dass ich meinem Großvater überhaupt etwas schenken wollte, aber das konnte ich ja schlecht sagen. Da war mein Mund mal wieder schneller als mein Gehirn.
„Wenn ich dir sage, was ich dir schenke, ist es ja kein Geschenk mehr“, versuchte ich mich zu retten.
Er lächelte wieder, dieses Mal echt.
„Und was wünscht du dir vom Weihnachtsmann?“
Meine Mutter und ich hatten all die Jahre uns nur Kleinigkeiten geschenkt. Klar hatte man in meinen Alter wünsche, oder sollte ich eher Träume sagen? Eigentlich war ich immer mit dem zufrieden, was ich hatte.
Ich kannte es bisher auch nicht anders, weil mit dem Geld was der Schuhladen meiner Mutter abwarf, wir gerade so über die Runden kamen. Für große Anschaffungen war da kein Platz.
„Eigentlich nur, dass du schnell wieder gesund wirst!“
Etwas ungläubig schaute mich Grandpa an.
„Jetzt schau nicht so, Grandpa. Ich wünsche mir wirklich nur, dass du schnell wieder auf den Beinen bist. Ich brauch sonst nichts anderes.“
Bescheidenheit sei eine Tugend sagte man, aber ob es bei mir sich um Bescheidenheit handelte, oder es lediglich der Grund war, dass ich irgendwann es aufgegeben hatte, tolle Dinge haben zu wollen, war eine ganz andere Sache. Lange schaute mich Großvater an.
„Meine Junge, mir wird immer mehr bewusst, was ich durch meine Engstirnigkeit verloren habe. All die Jahre, dachte ich, dass ich immer das Richtige mache.“
„Grandpa, das ist Vergangenheit. Wenn ich eins von meiner Mutter gelernt habe, dann ist es, nicht in der vergangenen Zeit hängen zu bleiben. Es bringt nichts und tut am Schluss doch nur weh.“
Ein Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit.
„Es macht immer wieder Spaß mit dir zu reden, mein Junge. Ich werde mit Abigail reden, dass sie den größten und schönsten Baum heraus sucht, den es gibt.“
Ich musste lachen.
„Habt ihr denn auch so viel Schmuck dafür?“
Sein Lächeln verschwand wieder.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, wollte ich verwundert wissen.
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Wie du gesagt hast, es bringt nichts in der Vergangenheit zu leben!“
*-*-*
Die restliche Woche war bestückt mit lernen, Jayden helfen zu packen, oder Grandpa zu besuchen. Samstagmorgen war ich früh mit Mama aufgestanden, denn heute wollten Henry und Jayden aus dem verkauften Haus ausziehen.
Als ich ankam, wunderte ich mich doch sehr, dass nur ein kleiner LKW vor dem Haus stand. Henry freute sich mich zu sehen, er drückte mich fest zur Begrüßung.
„Sagt mal, ist der LKW da draußen nicht etwas zu klein für die ganze Sachen die ihr mitnehmen möchtet?“, fragte ich.
„Nein Jack, Zu einem ist die Wohnung viel zu klein, um all das hier unterzubringen, zum anderen, hat eh meine Nochfrau all diese hässlichen Möbel ausgesucht. Wenn man einen Schlussstrich zieht, dann richtig!“
Ich nickte nur, weil ich nicht wusste, was ich darauf sagen sollte. Beeindruckt lief ich die Treppe zu Jaydens Zimmer hinauf. Ich hörte Gekicher und traute meinen Augen nicht, als ich Jaydens Zimmer betrat.
„Wie kommst du denn hier her?“, fragte ich Sabrina, die gerade dabei war, Jayden mit seinen Socken zu bewerfen.
„Ich wollte auch helfen und da es zu Hause so langweilig ist, am Wochenende, habe ich Jayden angerufen, ob ich kommen kann.“
Ich schaute zu Jayden, der natürlich wieder rot wurde.
„Na dann, fangen wir mal an. Ich trag schon mal die Kartons nach unten“, meinte ich nur und verschwand mit dem ersten Gepäckstück die Treppe hinunter.
*-*-*
Die erste Hälfte des Morgens war gelaufen, als Onkel Henry, den Haustürschlüssel einfach in den Briefkasten in der Tür warf. Da im LKW kein Platz für Sabrina war, hatte sie sich eine Mitfahrgelegenheit bei meiner Mutter erhascht.

„Das war es dann wohl, mehr können und wollen wir sowieso nicht mitnehmen“, meinte er nur und drehte sich zu uns um.
„Los Kinder, einsteigen, dass muss noch alles ausgeladen werden!“
Stöhnend stieg ich zu Mama ins Auto, während der LKW vor uns bereits losfuhr. Natürlich hatte das Personal noch geholfen, welches noch vorhanden war. Die Leute taten mir leid, denn auch sie mussten sich teilweise eine neue Bleibe und vor allem einen Job suchen.
Da alle sehr mit der Madam des Hauses verbunden waren, wollte Henry wohl auch mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Er hatte bereits eine Haushälterin gefunden, die sich um ihn und Jayden kümmern würde.
Auch wenn Onkel Henry von einer kleineren Wohnung sprach, war diese, die wir jetzt betraten, mehr als doppelt so groß als die, die Mum und ich bewohnten, Jeder hatte sein eigenes Zimmer und ein Büro gab es auch. Neben einem Wohnzimmer und Bad gab es noch eine großzügige Küche.
Wie kam man an solche Wohnungen? Gut, da diese Wohnung niemals unserer Preisklasse entsprechen würde, hätten Mum und ich nie Interesse gezeigt. Aber es war ja auch keine Mietwohnung, wie unsere, Henry hatte sie gekauft, was mit dem Geld des verkauften Hauses wohl auch kein Problem gewesen war.
Und wieder begann die Schlepperei und mir kam der Gedanke, warum Onkel Henry eigentlich keine Umzugsfirma geordert hatte und alles selbst machte. Am Geld konnte es nicht liegen, davon hatte dieser Familienzweig wohl genug.
Jedes Mal, wenn ich erneut mit etwas die Treppe hinauflief, kam mir eine ständig aufgedrehte Sabrina entgegen und trillerte irgendein Lied. Es ging mir schon fast auf die Nerven, aber ich wollte ja dem Glück …oder Unglück… meines Cousin nicht im Wege stehen.
Ich wusste einfach nicht, was ich davon halten sollte. Klar freute ich mich darüber, dass die beiden sich gut verstanden, aber Sabrina war sehr dominant, kam da Jayden nicht vom Regen in die Traufe?
Was Jayden jetzt sicherlich nicht brauchen konnte, war ein Mädchen, das ihn herum kommandiert. Ich entschloss mich, einfach abzuwarten, wie sich das ganze entwickelte. Warum jetzt schon unnötig Sorgen machen?
So ging der Rest des Vormittags auch noch drauf. Dafür war die Überraschung riesengroß, als Abigail mit zwei großen Körben plötzlich auftauchte. Schnell wurde notdürftig Platz geschaffen und schon kamen lauter Köstlichkeiten zum Vorschein.
„Abigail, wo hast du nur alle diesen leckeren Sachen her?“, fragte Mum und hatte schon die erste Schüssel in der Hand, um die Folie zu entfernen.
„Hat alles Caitlin gezaubert, ich bin völlig unschuldig.“
„Das hätte sie nicht brauchen“, kam es von Henry.
„Das ist auch nicht ihre Idee gewesen, sondern die von Vater. Er meinte, wenn er schon nicht helfen kann, dann will er wenigstens etwas beisteuern.“
Was hätte Großvater schon groß helfen können, das wäre alles zu schwer für ihn gewesen. Schon der Kraftaufwand, die Treppen der drei Stockwerke zu erklimmen, hätte schon gereicht.
„Echt, das kommt alles von Vater?“
„Ja, ich habe mich auch sehr gewundert. Aber seid ihr in den Ferien da gewesen seid, hat er sich verändert. Er strotzt vor Energie, auch wenn ihn die Operation etwas mitgenommen hat. Stell dir vor, für Weihnachten hat er einen riesigen Weihnachtsbaum geordert. Weißt du wie lange wir schon keinen Weihnachtsbaum mehr hatten?“
Ich musste grinsen. Hatte er sein Versprechen doch tatsächlich in die Tat umgesetzt.
„Du, ich muss zugeben, es ist das erste Weihnachtsfest, auf das ich mich freue“, meinte Onkel Henry und schob sich einer der kleinen Schnitten in den Mund.
Abigail schaute ihn durchdringend an.
„Es tut mir leid, dass deine Ehe in die Brüche gegangen ist“, meinte Tante Abigail plötzlich.
Mein Onkel winkte ab. Mum stellte sich zu Abigail und legte ihren Arm um sie.
„Vergiss es, Schwester, das war schon lange keine richtige Ehe mehr, eher eine Zweckgemeinschaft.“
„Das tut mir leid, dass zu hören“, meinte Mum, „hast du keine Angst, eure Scheidung könnte zu einer Schlammschlacht ausarten?“
Henry schüttelte den Kopf. Mittlerweile standen wir alle am Tisch und bedienten uns an den Leckereien.
„Nein, ist alles schon geregelt!“
„Wie geregelt?“, wollte Abigail neugierig wissen.
„Ich habe sie vor die Wahl gestellt. Haus und Titel, oder Geld! Sie hat sich gegen das Geld entschieden.“
„Titel?“, fragte nun Mum.
Mein Onkel lachte.
„Du glaubst doch nicht, dass meine Nochfrau auf ihren Titel Contess of Newbury verzichten würde. Wie würde sie dann vor ihren Freundinnen da stehen, wenn sie keinen Titel mehr besäße.“
„Gar nicht…“, rutschte mir heraus und wieder mal fing einen bösen Blick meiner Mutter ein.
Jayden dagegen, grinste mich an und hielt seinen Daumen nach oben.
„Wolltet ihr das Haus nicht verkaufen?“, fragte Abigail.
„Ja, das war meine Idee, aber ich denke mal, sie möchte wohl auch nicht, auf dieses Haus verzichten.“
„Wie kann man nur so oberflächlich sein?“, flüsterte mir Sabrina zu.
„Tja, Sabrina. Es gibt genug Menschen, denen ihr Ansehen wichtiger ist, als die Familie!“, meinte Henry.
Entweder hatte Henry ein gutes Gehör, oder Sabrina hatte zu laut geflüstert.
„Und wie regelt ihr das mit den Kindern?“, fragte Mama.
„Die sind alt genug, um selbst entscheiden zu können, für mich standen die Kinder eh nicht zur Debatte, auch wenn es mich etwas traurig stimmt, wie Sabrina treffend sagte, meine Tochter sich für das oberflächliche Leben entschieden hat.“
Darauf sagte nun keiner etwas.
„Wechseln wir das Thema“, sprach Henry weiter, „lasst uns einfach an die Zukunft denken und vor allen, lasst uns dieses tolle Minibuffet vertilgen!“
*-*-*
Es war später Mittag, als Jayden, die Wohnung, mit der letzten Kiste betrat.
„Boah, hatten wir ein Glück, draußen fängt es gerade an zu schütten!“
Automatisch liefen alle an die Fenster und schauten nach draußen.
„Uns wieder einmal ein verregnetes Wochenende“, meinte Mum und ging ihrer Tätigkeit weiter nach.
„Hast du den LKW verschlossen?“, fragte Henry Jayden.
„Oh Mist, das habe ich vergessen“. antwortete dieser und rannte aus der Wohnung.
Ich reichte Mama gerade zwei Gläser, die Abigail zu vor gewaschen hatte und sie die dann in die Vitrine stellte, als Jayden zurück kam.
„Papa…!“
Der Ton von Jayden war komisch, so drehte ich mich zu Jayden und blieb wie angewurzelt stehen. Direkt hinter Jayden, stand seine Schwester Molly, total durchnässt und tropfend.
„Mein Gott Molly!“, hörte ich Henry rufen, „wie siehst du denn aus?“
Erst jetzt fiel mir die dicke geschwollene Wange auf. Molly rannte heulend zu ihrem Vater und fiel nass wie sie war, ihm um den Hals. Im Raum war es still, keiner sagte etwas. Nur das Weinen von Molly war zu hören.
Abigail zuckte mit der Schulter, hob die Augenbraun an, als wolle sie sagen, sie wisse nicht, was zu tun ist. Mama machte ein ähnliches Gesicht.
„Ist das Jaydens Schwester?“, flüsterte mir Sabrina zu und ich nickte.
„Kind, sag doch etwas, was ist geschehen?“, wollte Henry wissen.
„Handtücher?“, fragte Mama.
„Schon im Bad“, kam es von Abigail.
Mama nickte ihr zu, schnappte sich Molly, die sich ohne Murren wegführen ließ. Beide verschwanden in einen der Räume. Abigail ließ uns ebenfalls alleine.
„Was war das jetzt?“, fragte Jayden.
„Der Instinkt der Frauen, das Richtige zu tun“, meinte Onkel Henry.
Sabrina grinste mich frech an und schon war sie ebenso verschwunden. Jayden schaute mich fragend an, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken und den Unwissenden spielen.
„Jungs, lasst uns weiter machen.“
*-*-*
Sabrina war aus reiner Neugierde, den anderen gefolgt. Aber dennoch gut für mich, so bekam ich als erstes mit, was geschehen war. Molly und ihre Mutter schienen wohl am heutigen Tage, ins Haus zurück gekehrt zu sein.
Weil die halbe Wohnung ausgeräumt war, schien Jaydens Mutter dann einen Tobsuchtsanfall bekommen zu haben. Sie schrie herum, schmiss mit Sachen um sich und Molly bekam sogar eine Ohrfeige, welche dann aus diesem Grund weggerannt war, direkt zu ihrem Vater.
Als dies Onkel Henry später erfuhr, war es aus mit der Ruhe. Abigail und Mum konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten, etwas Unüberlegtes zu tun. Molly dagegen, hatte ein paar Klamotten ihres Bruders verpasst bekommen, die sie nur mit Widerwillen anzog.
Das Auspacken ging gut von statten, denn die leeren, zusammengefalteten Kartons stapelten sich bereits immer höher im Eingangsbereich.
„Wir lassen dich nicht alleine dahin fahren“, hörte ich Abigail im Hintergrund sagen.
Ich drehte meinen Kopf ein wenig, um besser hören zu können.
„Und wenn sie euch ebenso etwa an den Kopf wirft? Das kann ich nicht verantworten!“
„Henry“, hörte ich nun meine Mutter reden, „deine Tochter braucht etwas zum Anziehen und falls sie hier bleiben will, auch ihre Schulsachen und anderes!“
Onkel Henry atmete tief durch und rieb sich über das Gesicht.
„Ich habe meine Kinder total im Stich gelassen, oder?“
„Wie kommst du jetzt darauf?“
„Hätte ich mehr Zeit für meine Kinder gehabt, dann wäre es nicht zu so etwas gekommen.“
Ich war froh, dass die anderen drei dieses Gespräch nicht mitbekamen.
„Schaut euch Jayden an, er ist ein Stubenhocker, hat keine Freunde und was sein Selbstvertrauen betrifft…“
„Er ist jetzt mit Jack und Sabrina auf der Schule, ich denke, das wird sich geben, dafür kenne ich meinen Jack gut genug und zudem scheint die liebe Sabrina, Interesse zu haben“, sagte Mum.
„Davon habe ich gar nichts mitbekommen.“
„Solche Dinge kann man ändern Bruderherz“, meinte Abigail.
„… ich hätte nie gedacht, dass sie so soweit geht…“, meinte er und schüttelte den Kopf.
Dann sah er die zwei Frauen wieder an.
„Können wir die Kids alleine lassen?“
„Also Henry, wirklich, die „Kids“ sind alt genug“, meinte Abigail und Mum nickte.
*-*-*
Unter einem fadenscheinigen Grund, sie würden zu dritt den LKW zurück bringen, waren die drei Erwachsenen verschwunden. Sie hatten nicht mitbekommen, dass ich das Gespräch belauscht hatte.
Während Molly alleine auf dem großen Sofa saß und vor sich hinstarrte, waren Sabrina und Jayden dabei, sich gegenseitig zu ärgern. Ich ging in die Küche, füllte den Wasserkocher auf und schaltete ihn an.
Irgendwo hatte ich vorhin beim Einräumen Teebeutel gesehen. Die Tassen mussten auch schon ihren Platz haben. Es dauerte etwas, bis ich fündig wurde. Gerade richtig, denn das Wasser hatte gerade die Temperatur, um mir den Tee zu machen.
So befüllte ich zwei Tassen, versah sie mit einem Teebeutel und lief zurück zu Molly.
„Auch einen Tee?“, fragte ich und hob ihre eine der Tassen hin.
Sie schaute auf und ich erschrak etwas, denn mir schauten zwei hasserfüllte Augen entgegen.
„Du kannst dir den Tee, sonst wo hinstecken!“, schrie sie mich an und schlug mir die Tasse aus der Hand.
Die knallte polternd auf den Wohnzimmertisch und zerbrach. Vom Lärm angelockt standen nun auch Jayden und Sabrina im Zimmer.
„Was ist passiert?“, fragte Sabrina.
Geschockt über Molly‘s Reaktion, sagte ich nichts und fing an, die Scherben zusammen zu lesen.
„Warum hat Vater den herein gelassen, der ist doch an allem Schuld und…“
„Du weißt gar nichts, oder?“, unterbrach Jayden seine Schwester laut, „es ist besser, du hältst deinen Mund!“
Molly schien genauso überrascht wie ich, dass ihr Bruder so laut und böse werden konnte.
„Hör auf so mit unserem Cousin Jack zu reden, sonst kannst du dir gleich wieder deine Klamotten schnappen und zu deiner ach so tollen Mutter zurück kehren!“
„Es ist auch deine Mutter und…“
„ …ich schäme mich, dass ich so eine Mutter habe“, unterbrach Jayden schreiend abermals Molly, „sie ist doch schuld, dass alles so geendet hat. Wäre sie nicht so Geldgeil, wäre Jacks Vater unser Onkel, Grandpas Sohn nie ums Leben gekommen!“
Oje, das hatte gesessen, Molly’s Augen füllten sich mit Tränen, meine aber ebenso. Irgendwie wurde mir jetzt flau im Magen und musste mich setzten.
„Was redest du da, so etwas würde Mama nie tun!“, sagte Molly entsetzt.
„Die Frau, die du so liebevoll Mama nennst, hat hinter Papas Rücken Dokumente fälschen lassen, wegen denen Jacks Vater in Misskredit kam und als Betrüger da stand!“
„Das ist nicht wahr…“
„Doch Papa hat noch alle Aufzeichnungen, er hat mir das gezeigt. Wenn der Betrug nicht verjährt wäre, säße deine „Mama“ jetzt im Knast.“
Während Jayden mit hochrotem Kopf, die Hände in den Seiten, schwer schnaufend, vor uns stand, wurde Molly nun ganz blass. In mir stieg die Übelkeit auf. Ich stellte meine Tasse auf den Tisch und rannte ins Bad.
„Jack…?“, hörte ich Sabrina rufen, aber da hing ich schon über der Toilette und kotzte mir die Seele aus dem Leib.
„Da sehr ihr, was ihr angerichtet habt“, hörte ich Sabrina schreien.
Wenig später tauchte sie neben mir auf.
„Mein Gott, Jack…“, sagte sie, da war ich bereits kraftlos neben der Kloschüssel zusammengesunken und weinte.
Ich wusste doch von der Sache, warum nahm mich das jetzt so mit? Mama und Großvater hatten doch mit mir darüber geredet und Großvater sich bei mir entschuldigt. Kurzatmig, versuchte ich aufzustehen, hatte aber meine Schwierigkeiten.
Erst als Sabrina und auch Jayden mich hoch zogen, kam ich wieder auf die Füße. Sabrina drehte den Wasserhahn auf und tunkte einen Lappen ins Wasser.
„Wasch erst einmal dein Gesicht ab“, meinte sie leise, während Jayden mich immer noch stütze.
„Jack… es tut mir leid, ich wollte…“
Ich hob meine Hand und er verstummte.
*-*-*
In eine Decke gehüllt, saß ich wieder auf dem Sofa und hielt mich an meinem Tee fest. Neben mir waren Sabrina und Jayden. Molly saß uns gegenüber, immer noch so blass, wie vorhin. Bisher hatte sie nichts mehr gesagt.
„Jack hat mir nie etwas darüber erzählt“, hörte ich Sabrina sagen.
„Ich habe das erst erfahren, als uns Opa zum ersten Mal besucht hat…, danach hat mir Mama alles erzählt.“
„Du wusstest davon?“, fragte Jayden erstaunt.
Ich nickte.
„Aber Mama ging davon aus, dass Henry, dein Vater mit von der Partie war“, meinte ich tonlos und starrte weiterhin in meine Tasse.
„… aber…, aber…“, Jayden verstummte, wusste wohl nicht, was er sagen sollte.
„Das ist ja wirklich heftig!“, meinte Sabrina.
Es wurde still und niemand sagte etwas, nur die Atemgeräusche waren zu hören.
„… so gesehen“, redete Jayden plötzlich leise weiter, „hat Papa doch Mitschuld.“
„Wieso?“, kam mir Sabrina zuvor.
„Er hätte alles aufklären können, aber er schwieg…“
Je länger ich Jayden kannte, um so eine positivere Meinung bekam ich von ihm. Nie hätte ich gedacht, dass er so ein kluges Kerlchen war.“
„Er hat sich bei mir entschuldigt!“, meinte ich.
„Du musst uns doch deswegen hassen!“
Ich schaute auf und sah in Jaydens glasige Augen.
„Warum soll ich euch hassen, Jayden? Du und Molly habt doch gar nichts damit zu tun… wart ihr da überhaupt schon auf der Welt? Und… eure Eltern sind nur indirekt Schuld an der Sache… hätte es an diesem Abend nicht so geregnet…, wäre der andere Fahrer nicht ungebremst in ihn hinein gefahren…, dann hätte sich vielleicht alles aufgeklärt…“
Einzelne Tränen liefen mir über die Wangen. Leise und traurig sprach ich weiter.
„Es ist geschehen …und niemand kann …mehr etwas daran ändern.“
*-*-*
Sabrina hatte ihren Arm um mich gelegt.
„Es… es tut mir… leid“, sagte plötzlich Molly.
„Schon gut Molly“, erwiderte ich, ich verstehe es… und wenn du mit meinem Schwulseins nicht klar kommst…, werde ich mich in Zukunft von dir fernhalten.“
Ich schaute auf und unsere Blicke trafen sich.
„Ich bin nach wie vor extrem Harmonie bedürftig und will nicht der Grund für irgendwelche Streitereien sein.“
Dann senkte ich wieder meinen Kopf.
„Ein Teufel wirst du“, sagte Jayden zu mir und boxte mich auf den Arm.
„Aua! Was soll das?“
„Das erste Mal in meinem Leben, habe ich einen richtigen Freund, mit dem ich über alles reden kann! Das erste Mal in meinem Leben mache ich das, was ich tun will und niemand mehr bestimmt über mich!“
Damit war sicher seine Mutter gemeint.
„Molly hin, Molly her, ich werde daran nichts ändern, weil meine Schwester Schwule Scheiße findet!“
„Das tu ich doch gar nicht“, wehrte sich Molly plötzlich, schwieg aber dann wieder.
„… und wie geht es jetzt weiter?“, wollte Sabrina nun wissen, nach dem eine kurze Pause entstanden war.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ich werde auf alle Fälle nicht mehr zu… dieser Frau zurück gehen“, kam es leise von Molly.
„Du willst hier bei uns wohnen?“ fragte Jayden.
„Wenn Papa nichts dagegen hat…“
„Wieso sollte Papa was dagegen haben, du bist seine Tochter, er hat dich genauso lieb wie mich!“
„Ach ich weiß auch nicht. Ma…“, Molly verstummte kurz, „… sie hat so viel auf mich eingeredet, ich weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist. In meinem Kopf herrscht das totale Chaos.“
Das würde mir genauso gehen, eine regelrechte Gehirnwäsche, ich hoffte, dass sich das sicherlich irgendwann legen würde, wenn sie nicht mehr dieser Frau zusammen war, dachte ich für mich.
„Darf ich dich etwas fragen?“
Molly schaute ihren Bruder an.
„Was?“
„Bist du… bist du auch schwul?“
Jayden fiel die Kinnlade herunter und Sabrina fing laut an zu lachen. Abwehrend hob mein Cousin die Hände und fing an wild den Kopf zu schütteln.
„… aber du sagtest doch Freund und meintest sicher Jack damit.“
„Jack ist mein Cousin und mittlerweile ein guter Freund für mich…“
„Mama meinte, das wäre ein Grund, aber kein Hindernis“, sagte ich grinsend.
Wieder konnte ich fast seine Mandeln sehen und seine Augen wurden weit aufgerissen. Sabrina rutschte prustend von Sofa und bei Molly konnte ich ein winziges Lächeln entdecken.
„Ich… ich bin nicht schwul und zudem hat Jack doch schon einen Freund.“
Plötzlich hielt sich Jayden die Hand vor dem Mund.
„Ups…, entschuldige, dass hätte ich vielleicht nicht sagen sollen!“
„Wieso, jeder kann wissen, dass ich mit Taylor zusammen bin, ich hänge es nur nicht an die große Glocke!“
„Taylor?“, kam es von Molly.
„Ja Taylor, der bei Großvater sich um die Pferde kümmert!“
Molly ließ sich nach hinten fallen.
„Warum sind die süßesten Jungs immer vergeben oder schwul?“
Da hatte wohl noch jemand anderes ein Auge auf meinen Taylor geworfen.
„Ich bin süß?“, fragte ich gespielt erstaunt.
Sabrina kam aus dem Lachen nicht mehr heraus und rollte auf dem Teppich hin und her. Auch Jayden fing an zu kichern.
„Und zudem, dein Bruder ist auch süß und noch nicht vergeben, wenn ich das mal so sagen darf, also kann ich deine Theorie nicht bestätigen!“
Plötzlich verstummte Jayden neben mir und wurde knall rot.
„Was ist?“
„Das… das stimmt so nicht?“
„Dass du süß bist?“
Es war einfach herrlich Jayden aufzuziehen.
„Also Sabrina meinte, ich habe einen guten Geschmack!“
Etwas genervt verdrehte er die Augen.
„Nein… ich meine…, also … ich …“
„Jayden und ich sind zusammen!“, kam es plötzlich von Sabrina und richtete sich auf, etwas nach Luft schnappend.
„Ihr zwei?“, fragte Molly.
Die beiden nickten, Sabrina ließ sich neben Jayden nieder und kuschelte sich an ihn.
„Und wann wolltet ihr zwei mir sagen“, spielte ich nun den Empörten.
So fanden uns die Erwachsenen vor, die nun die Wohnung betraten. Es wurden Taschen und ein Karton auf den Boden gestellt.
„Alles klar bei euch?“, wollte Onkel Henry wissen.
Alle vier nickten wir gleichzeitig. Erst jetzt sah ich, dass Mama und Abigail recht zerzaust aussahen und Onkel Henry sich merkwürdig bewegte.
„Das sollten wir eigentlich euch fragen“, sagte ich.
Mum und Abigail ließen sich erschöpft auf den Stühlen des Esstischs nieder, während Onkel Henry sich zu uns setzte.
„Kinder…, ich muss euch da etwas erzählen.“
Damit waren wohl eher Jayden und Molly damit gemeint, so wollte ich aufstehen. Aber Jayden hatte sich an mich gelehnt und Sabrina hing immer noch angekuschelt an ihrem Freund. Ein sinnloses Unterfangen. Henry sah zu Molly.
„Da du etwas Richtiges zum Anziehen brauchtest und das Wochenende hier bleibst, haben eure Tanten und ich beschlossen, ein paar Sachen von dir zu holen.“
„Ihr ward bei dieser Frau?“, fragte Molly verwundert.
Sie hatte nicht Mama oder Mutter gesagt. Nun schaute Onkel Henry genauso verblüfft, wie seine Kids zuvor. Sein Blick wanderte zu Mum und Abigail, die zuckten aber beide fast gleichzeitig mit den Schultern. Onkel Henry räusperte sich.
„Auf alle Fälle“, sprach er weiter, „als wir am Haus ankamen, stand dort die Polizei.“
„Die Polizei?“, entfleuchte es Jayden.
„Ja, als wir das Haus betraten, sah es dort aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen…, wir wissen nicht wer die Polizei gerufen hat… ob Nachbarschaft, oder die Dienerschaft, sie hat mich jedenfalls dort stehen sehen und ist gleich auf mich losgegangen.“
„Du kannst den Kindern ruhig sagen, dass sie dich dort hingetreten hat, wo es euch Männer am meisten weh tut“, kam es von Mum und Abigail fing hinter vorgehaltener Hand an zu kichern.
Uns ging es ähnlich und ich musste mir wirklich das Lachen verbeißen, weil die Situation ja jetzt nicht so passend war.
„Ja…“, Henrys Kopf lief rot an und er hüstelte kurz…, „ Jack…, deine Mutter war dann ihr nächstes Opfer!“
Schockiert schaute ich zu Mum.
„Ja und wären Abigail und die zwei Polizisten nicht so beherzt eingeschritten, hätte ich jetzt sicher ein paar Haare weniger“, ergänzte Mum und versuchte erneut ihre Frisur zu richten.
Mir fehlten die Worte und anscheinend den anderen auch. Nur Sabrina versuchte immer noch verbissen, nicht los zu kichern. Da aber Mum und auch Tante Abigail beide lächelten, beruhigte ich mich sofort wieder.
„Was ich eigentlich damit sagen wollte…, eure Mutter wurde fest genommen…“
Molly sprang auf.
„Sie ist nicht mehr meine Mutter und ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben!“
Dann ließ sie sich überraschen direkt neben mir nieder.
„Aber Kind…“
Molly fiel ihm ins Wort.
„Jayden hat mir alles erzählt, was diese Frau alles getan hat!“
„Sie ist aber immer noch eure Mutter“, sagte Onkel Henry.
„Dafür schäme ich mich“, sagte Jayden und schaute zu Boden.
Hilflos schaute Onkel Henry zwischen uns und den beiden Frauen hin und her.
„Papa, darf ich hier bei euch wohnen…, ich will da nicht mehr hin.“
Onkel Henry erhob sich und lief zu Molly. Er ging vor ihr auf die Knie und streichelte ihr sanft über die Wange.
„Aber sicher Liebes kannst du hier wohnen…“
„Aber nicht in meinem Zimmer!“, kam es von Jayden.
Erstaunt schaute ich ihn an.
„Was denn? Ich bin achtzehn Jahre alt und habe auch Privatsphäre!“
Wie ich fingen auch Mum und Tante Abigail an zu grinsen.
„Du brauchst auf deine Privatsphäre nicht verzichten junger Mann“, dabei schaute Onkel Henry auf Sabrina, „wir werden einfach das Gästezimmer opfern und jeder hat seinen Freiraum.“
Molly fiel ihrem Vater um den Hals. Genau in dem Augenblick, fing ein Handy an, laut zu geben.
„Liebes…, das ist meins, könntest du mich kurz loslassen?“
Molly tat wie geheißen, Onkel Henry erhob sich und pfriemelte umständlich sein Handy aus seiner Hosentasche.
„Hallo?… Ja, der bin ich…Bitte? … Was?“… Ja, natürlich…Und wo? … In der Harley Street? … okay ich werde kommen… bye!“
Onkel Henry verstaute das Handy und kratze sich dann am Hinterkopf.
„Was ist passiert?“, fragte Mum.
Er seufzte.
„Olivia ist wohl sehr ausfallend geworden und hat die Polizisten recht derbe beleidigt. Und auf der Station muss sie wohl auf einen der Kollegen losgegangen sein. Sie haben sie überwältigt und ins London Psychiatrie Center gebracht.“
„Wie werden mitkommen!“, sagte Mum
„Nein, bleibt ihr doch hier bei den Kindern“, schüttelte Onkel Henry den Kopf.
„Ich werde mitgehen und Charlotte bleibt hier. Ich werde dich sicher jetzt nicht alleine lassen!“, sagte nun Abigail.
„Ich habe eine bessere Idee, Kinder, anziehen, wir gehen essen und ihr zwei, stoßt später zu uns“, sagte Mum.
Die Idee wurde von allen begrüßt.
*-*-*
Ich war gerade dabei meinen zweiten Burger zu verdrücken, als die Ladentür erneut aufging und Tante Abigail in Sicht kam. Ich hob die Hand und winkte ihr zu, damit sie uns besser finden konnte.
Direkt hinter ihr, betrat Onkel Henry ein. Er sah müde und niedergeschlagen aus, um Jahre gealtert. Irgendwie tat er mir jetzt leid. Wir rutschen etwas zusammen, damit die zwei sich setzten konnten.
„Soll ich euch etwas holen?“, fragte Mum.
Onkel Henry winkte ab.
„Einen Kaffee könnte ich jetzt vertragen“, antwortete Tante Abigail.
„Stimmt, denn könnte ich jetzt auch gebrauchen“, warf Onkel Henry ein.
Mum erhob sich und lief an die Theke. Gespannt sahen wir vier auf die Erwachsenen uns gegenüber, aber keiner der Beiden machte Anstalten irgendetwas zu sagen. Mum kam mit zwei dampfenden Bechern zurück und stellte sie auf den Tisch.
„Danke“, meinte Abigail und Mum legte Zucker, Milch und Löffel zwischen die beiden.
Auch Mum schaute die zwei jetzt an. Abigail wandte sich zu Henry.
„Ich weiß nicht, ob ich darüber reden kann, das war einfach zu heftig.“
„Aber deine Kinder haben ein Recht darauf, zu erfahren was mit ihrer Mutter geschehen ist“, sagte Abigail.
Er rieb sich über das Gesicht und atmete tief aus.
„Als wir dort ankamen, hatte man sie bereits in eine Zelle gesteckt und ihr eine Zwangsjacke verpasst und trotz Beruhigungsmittel schrie sie herum, wir konnten dass durch die verschlossene Tür hören.“
Mum legte ihre Hand auf Onkel Henrys Hand.
„Es ist zwar schlimm, aber es ist vielleicht besser so! Wer weiß was noch alles passiert wäre und jemand richtig zu Schaden gekommen wäre.“
Ich war nun verärgert, was diese Frau alles gemacht hatte, eine ganze Familie wäre dadurch fast zerbrochen. Nur dem lieben Geld willen und ihr Ansahen zu stärken. Wie konnte ein Mensch nur so sein.
„…so gesehen… hat sie ja schon jemand auf dem Gewissen…“, rutschte es mir heraus.
„Jack! So darfst du nicht reden!“, kam es scharf von Mama, „es war ein Unfall und dafür kann niemand etwas…, naja vielleicht der andere Fahrer…“
Sie war am Schluss leiser geworden und eine einzelne Träne kullerte über ihre Wange. Abigail strich ihr über den Rücken.
„Ich füll mich richtig mies“, sagte Onkel Henry.
„Vergiss es einfach, Henry“, meinte Mum und wischte sich über die Augen.
„Das meinte ich nicht…, ich habe unterschrieben, dass man Olivia dauerhaft einweist!“
*-*-*
„Und es macht dir wirklich nicht aus?“
„Abigail, sonst hätte dir das nie angeboten! Ich möchte nicht, dass du bei dem Regen noch nach Newbury fährst!“
Abigail ließ sich auf dem Sessel nieder. Ich konnte nicht anders und gähnte.
„Wenn ihr nichts dagegen habt, ich geh ins Bett“, meinte ich und winkte den beiden zu.
„Kein Problem Jack, du hast heut auch ordentlich angepackt. Gut Nacht…schlaf gut“, meinte Mum.
„Gute Nacht, Jack…“, kam es vom Abigail.
*-*-*
Nach dem Gang ins Bad, ließ ich mich ins Bett fallen, konnte aber nicht einschlafen. Es war einfach zu viel passiert. Es freute mich, dass Tante Abigail geblieben war. Ich dachte, dass sie sicher nach den Geschehnissen, jetzt einfach nicht allein bleiben sollte.
Mum hatte schon recht, bei so einem Regen sollte niemand mehr Auto fahren. Etwas traurig dachte ich an meinen Vater. Je mehr ich über ihn hörte, spürte ich, wie sich das Gefühl breit machte, dass ich ihn gerne kennen gelernt hätte.
Ich seufzte und schlug meine Decke zurück. Vielleicht half mir ein warmer Tee, oder Milch wieder herunter zu kommen. Als ich in die Küche kam, erschrak ich etwas, denn da saßen Mum und Tante Abigail.
„Nanu, ich dachte du schläfst schon längst“, meinte Mum.
„Kann nicht einschlafen…“, antwortete ich.
Sie hob ihre Augenbraun.
„Verständlich…, auch einen Tee, das Wasser müsste noch heiß sein…“
Ich nickte und ging zum Küchenschrank, um mir eine Tasse heraus zu holen.
„Bin ich froh, dass dies alles Vater nicht mitbekommen hat. Wir sollten es ihm vielleicht auch nicht sagen“, meinte Tante Abigail zu Mum.
Diese nickte.
„Wir hatten aber ausgemacht, keine Geheimniskrämerei mehr“, wandte ich ein, „wir sollten es ihm erzählen.
„Nicht jetzt, Jack!“, sagte Mum, „sein Gesundheit mag zwar jetzt stabil sein, aber er ist alt und das könnte ihn erneut schwächen.“
Ich hielt kurz inne und schaute Mum lange an.
„Vielleicht hast du Recht. Ihr müsste das aber auch mit Onkel Henry besprechen, dass sich Molly und Jayden nichts Unvorhergesehenes heraus rutscht.“
„Da gebe ich dir Recht, ich rufe ihn gleich morgen früh an“, sagte Abigail.
„Komm setz dich“, meinte Mum und tätschelte auf den Stuhl neben ihr.
Ich ließ mich nieder und zupfte an der Schnurr meines Teebeutels, der munter in heißen Wasser auf und ab hüpfte.
„Wann kommt ihr zu Weihnachten?“, fragte nun Tante Abigail, „wie lange kannst du deinen Laden schließen?“
Mum schaute auf ihre Tasse.
„Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, ob ich den Laden nach Weihnachten wieder öffnen soll?“
„Wieso das denn?“
„Seit wir von euch zurück gekommen sind, habe ich das Gefühl jemand blockiert mich. Händler meiden mich plötzlich und die Kundschaft ist auch weniger geworden…“
„Davon hast du mir gar nichts gesagt?“, meinte ich geschockt und plötzlich wieder hell wach.
„Olivia?“, fragte Tante Abigail.
Ich schaute zwischen den zwei Frauen hin und her.
„Der Gedanke kam mir auch schon…, Beziehungen dazu hatte sie sicherlich.“
„Denkst du nicht, dass sich jetzt automatisch legt, wenn die anderen erfahren, was mit ihr passiert ist. Du weißt, so etwas spricht sich schnell herum.“
„Ich weiß es nicht. Ich mach mir mehr Sorgen, ob ich den Laden überhaupt so halten kann. Mein Vermieter hat angekündigt, dass er Anfang nächsten Jahres die Miete erhöhen will und wenn die Einnahmen weiter sinken, kann ich mir beides, den Laden und diese Wohnung nicht mehr leisten. Verliere ich den Laden, muss ich mir einen neuen Job suchen, damit ich die Miete für die Wohnung aufbringen kann und leben wollen wir ja schließlich, auch noch irgendwie. Es tut mir leid, Jack, dass ich dir nichts davon erzählt habe…, aber jetzt, mit den vielen Arbeiten vor Weihnachten, ich wollte nicht, dass du deswegen abgelenkt bist.“
Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, aber schüttelte nur den Kopf und griff nach ihrer Hand.
„Eigentlich ist es ja die Überraschung meines Vaters und er wollte euch das zu Weihnachten sagen, aber ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, es loszuwerden.“
„Was?“, wollte Mum wissen.
Abigail lächelte.
„Wie du vielleicht weißt, gehört einiges zu Vaters Besitzungen, was eigentlich später alles seine Kinder Erben sollten.“
„Ich will nichts von dem Erbe, schon gar nichts geschenkt!“
Mums Gesichtsausdruck versteinerte sich.
„Charlotte, jetzt hör mir doch erst einmal zu.“
Mum nickte und sagte nichts weiter.
„Zu diesen Besitzungen gehört auch ein Haus hier in London, dass rein zufällig“, Abigail lächelte bei diesen Worten, „über einen Laden und eine freie Wohnung verfügen…, beides etwas größer, als diese und dein Laden jetzt.“
Mum schaute Abigail lange an und wandte sich dann an mich. Aber ich war nun genauso ratlos und überrascht wie sie. Dann drehte sie ihren Kopf wieder zu Abigail.
„Wie gesagt, geschenkt will ich das nicht haben, ich würde genauso meine Miete dann an ihn zahlen.“
„Nicht an ihn…, sondern an Jack.“
„Jack?“
Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
„Charlotte, ich habe es selbst nicht gewusst. Als Vater damals in der Stadt war, um unser Familienbuch zu ändern, muss er wohl auch beim Notar gewesen sein und hat Jack das Haus überschrieben.“
„Er hat was?“, fragte nun ich.
„Ich weiß nur davon, weil er wohl kurz vor der Operation kalte Füße bekommen hatte und alles geregelt haben wollte.“
Mum grinste mich an. Ich verstand das nicht, warum grinste sie jetzt.
„Der alte Fuchs…“, meinte sie nur.
„Ich versteh jetzt gar nichts mehr“, sagte ich und ließ mich resigniert nach hinten fallen.
„Erinnerst du dich, an den ersten Besuch deines Großvaters?“
„Ähm ja, aber warum fragst du?“
„Erinnerst du dich, was ich zu ihm gesagt habe?“
„Du hast viel gesagt.“
Abigail kicherte.
„Ich meine im Bezug aufs Geld.“
„Das du nichts von ihm haben möchtest!“
„Und?“
„Was und?“
„Im Bezug auf dich…“
Ich dachte angestrengt darüber nach und plötzlich fiel mir es wieder ein. Mum grinste mich weiter an und ich begann zu nicken.
„Dein Großvater wünschte, alleine deine Kosten der Ausbildung zu übernehmen…“
„Und du sagtest….“, begann ich.
„… dass dies sein gutes Recht sei, als dein Großvater“, beendeten wir den Satz gemeinsam.
Abigail lachte.
„Und was hat das jetzt mit dem Haus zu tun, warum gehört das jetzt plötzlich mir?“
„Verstehst du nicht? Er wusste, dass ich das niemals annehmen würde, aber da er es auf dich hat übertragen lassen, kann ich schlecht Nein sagen, denn es ist ja für dich und deine Zukunft gedacht.“
Ich musste kichern.
„Opa ist ja ein ganz schlauer!“.
Nun lachten wir alle drei.
*-*-*
„Das Klingeln der Haustür weckte mich und ich schielte auf meinen Wecker. Es war kurz vor neun. Wer katte den Nerv, uns am Sonntagmorgen so früh uns zu besuchen? War es Onkel Henry? Ich hörte Mamas Stimme, verstand aber kein Wort. Kurz darauf klopfte es an meiner Tür und Mum schaute herein.
„Morgen! Wach genug, um Besuch zu empfangen?“, fragte Mum.
„Auch guten Morgen, wer ist es denn? Sabrina… Jayden?“, meinte ich und gähnte.
„Geh nur rein, er ist sicher sofort hell wach, wenn er dich sieht“, hörte ich Mum sagen und die Tür wurde weiter aufgeschoben.
„Taylor!?“, rief ich erstaunt, als ich meinen Freund breit strahlend das Zimmer betraten sah.
„Taylor, gebe mir deine Jacke und Schal, ich häng sie im Flur auf.“
„Danke, Mrs. Newbury, sehr freundlich von ihnen!“
„Taylor, das heißt Charlotte und du, du bist der Freund meines Sohnes!“
„Aber ich kann…“
„Doch kannst du!“
„Danke Mrs… äh… Charlotte.“
„Mit rotem Kopf zog er den beigen Schal aus und entledigte sich seiner Jacke. Beides reichte er Mum, die, ohne ein weiteres Wort, lächelnd das Zimmer verließ und die Tür hinter sich zu zog.
„Taylor…“, sagte, immer noch keines Wortes mächtig.
„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber als ich heute überraschend frei bekommen habe, kam mir der Gedanke, dich zu besuchen…“
„Wow…cool!“
„Du bist mir nicht böse?“
Ich setzte mich nun auf.
„Wieso sollte ich dir böse sein? Hättest du etwas gesagt, wär ich früher aufgestanden und hätte dich am Bus abgeholt.“
„Ich bin mit dem Zug gekommen…“
„Egal“, meinte ich, schnappte seine Hand und zog ihn zu mir.
Taylor total überrascht stolperte und landete direkt auf mir. Ein „Uffz“ entfleuchte mir, denn mein Freund war nicht gerade leicht. Aber ich nutze die Gelegenheit, ihn so nahe bei mir zu haben und drückte ihm einen Kuss auf dem Mund.
„Guten Morgen“, lächelte ich ihn an, als wir uns trennten.
„Guten Morgen, Jack“, strahlte mich Taylor an.
Ich hielt ihn immer noch fest umarmt.
„Habe ich dich vermisst!“
„Ich dich auch…, wir telefonieren zwar fast jeden Abend“, meinte Taylor leise, „aber dich zu sehen… und zu spüren, ist etwas anderes.“
Ich antwortete nicht darauf, sondern zog ihn erneut zu mir, um ihn erneut küssen zu können. Plötzlich klopfte es an der Tür und Taylor sprang erschrocken auf. Mum steckte wie vorhin den Kopf herein.
„Taylor, du hast doch sicher noch nichts gefrühstückt.“
Mein Freund schüttelte zaghaft den Kopf.
„Dann bring meinen Sohn dazu aufzustehen, dann gibt es in zehn Minuten Frühstück!“
„Danke“, sagte Taylor nur und schon war sie wieder verschwunden.
Etwas unsicher schaute er wieder zu mir. Ich lächelte ihn an, spürte den vollen Tatendrang, der plötzlich in mir keimte und stand auf. Aber spätestens einen Schritt später, hing ich schon wieder an Taylor Lippen.
*-*-*
Es dauerte natürlich mehr als zehn Minuten, als mein Schatz und ich die Küche betraten. Dort blieb dieser, wie angewurzelt stehen.
„Mrs. Newbury… guten Morgen…, ich wusste nicht, dass sie hier sind“, sagte Taylor und verneigte sich leicht.
Abigail. An sie hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.
„Morgen“, meinte ich etwas verlegen und kratze mich am Hinterkopf.
„Morgen Taylor! Morgen Neffe!“, strahlte sie uns an.
„Setzt euch Kinder, der Toast wird kalt“, meinte Mum und schenkte Tee ein.
Ich wies Taylor seinen Platz und setzte mich neben ihn.
„Wenn ich gewusst hätte, dass du heute zu Jack willst, hätte ich dich gestern schon mit hierher genommen!“, sagte Abigail.
„Aber…, aber James hat mir doch erst gestern Mittag gesagt, dass ich heute frei habe…“
„Nachdem ich James am Morgen gesagt habe, dass du Sonntag frei hast.“
Darauf sagte mein Schatz nicht.
„Stimmt, dann hätten wir eine helfende Hand mehr gehabt und mein Herr Sohn wäre dir auf ewig dankbar gewesen“, meinte Mum grinsend und biss in ihren Toast.
Ich griff ebenso nach dem Toast und legte eine Scheibe auf Taylors Teller.
„Danke“, meinte er schüchtern.
„Taylor“, kam es von Abigail und er schaute auf.
„Da du meine Schwägerin und Jack beide mit Vornamen anredest, fände ich es toll, wenn du dass bei mir auch tun würdest! Du gehörst ja jetzt sozusagen zur Familie.
„Aber…, aber… was wird ihr Vater sagen? Das ist nicht Recht!“
Abigail lächelte breit.
„Es würde mich nicht wundern, wenn mein Vater dir bald anbieten wird, Großvater zusagen!“
Mit großen Augen schaute Taylor von einem zum anderen.
„… wirklich?“
Abigail grinste.
„Dann wär das schon mal geregelt. Kinder greift zu!“, sagte Mum.
„Da wäre noch etwas…“, unterbrach sie Abigail.
„Ja? Was denn noch?“
„Ich habe auch erfahren, dass Vater Taylor auf der University College London angemeldet hat…“
Nur das Geräusch meines herunterfallenden Löffels auf den Teller war nun zu hören.
„Der Earl macht wohl gerne Nägel mit Köpfen“, meinte Mum.
„Scheint so“, kam es von Abigail.
„Du wirst in London studieren!“, strahlte ich Taylor an, nach dem ich wieder meine Fassung gefunden hatte und den Umfang des Erwähnten erfasst hatte..
Taylor dagegen saß nur starr da und schaute auf Abigail.
„… wirklich?“, war sein erstes Wort.
„Ja, Taylor, du kannst es mir ruhig glauben!“
„… aber ich weiß nicht… dass kostet sicher viel Geld…, meine Schwester…, ich muss sie erst fragen, ob sie damit einverstanden ist.
Abigail winkte ab.
„Das ist alles bereits geregelt und um das Geld brauchst du dir auch keine Gedanken machen.“
Erst jetzt ließ Taylors Anspannung nach. Er sank ein wenig in sich zusammen.
*-*-*
Da ich wusste, Sabrina würde mir nie verzeihen, wenn sie erfuhr, dass Taylor in der Stadt war und ich ihn ihr nicht vorgestellt hatte, rief ich sie einfach an. Da ich wusste, dass sie mit Garantie am Mittag nichts vorhatte, denn Jayden war ja mit seinem Vater und Molly Großvater besuchen, verabredeten wir uns zu einem kleinen Teeplausch im Cafe an der Ecke, dass in der Nähe unserer Schule lag.
Da Taylor nicht auf den Zug zurück musste, weil ich Abigail angeboten hatte, ihn mit zunehmen, war dies nun auch zeitlich möglich. Taylor war etwas aufgeregt, denn er wusste nicht, ob ihn meine beste Freundin für Recht befand, mein Freund zu sein.
Natürlich versuchte ich ihm diesen Quatsch gleich auszureden, doch seine Nervosität blieb. Als wir das Cafe betraten, kam uns warme Luft entgegen, getränkt mit dem Duft von Tee und süßen Gebäck.
Taylor machte große Augen, als er die Auslage mit den vielen Leckereien sah. Schnell war ausgesucht, was wir wollten und fanden einen kleinen Tisch am Fenster mit drei Stühlen. Es dauerte nicht lange, da bekamen wir bereits unseren dampfenden Tee und das Gebäck.
„Und du bist wirklich sicher, dass Sabrina nichts gegen mich hat?“
Ich griff nach seiner Hand.
„Taylor, du musst mir glauben, Sabrina hat bestimmt nichts gegen dich, dazu kenne ich sie schon viel zu lange, außerdem kannst du sie das gleich selbst fragen, sie kommt gerade herein.“
Das schnell Aufspringen und der umfallende Stuhl zog die Aufmerksamkeit der Nachbartische auf uns. Taylor hob mit hochrotem Kopf, seinen Stuhl wieder auf, als Sabrina uns erreichte.
„Hoppla, nicht so stürmisch junger Mann! Hallo Jack…“
„Hallo Sabrina…, darf ich dir Taylor vorstellen?“
„Das dachte ich mir, er sieht natura noch besser aus, als auf deinen Bildern“, meinte sie und hob ihre Hand, „hallo Taylor.“
Das rot war aus seinem Gesicht nicht gewichen und jetzt tat er mir irgendwie leid.
„Hallo…Sabrina.“
„Setzten wir uns doch, Sabrina, weißt du schon was du möchtest?“
„Scones, wie immer, die sind hier am besten!“
„Kommt sofort“, lächelte ich und lief zur Theke.
Ich machte meine Bestellung und lief zurück zu unserem Tisch. Natürlich redete nur Sabrina und Taylor saß da und hörte ihr zu.
„Na, über was redet ihr zwei?“, fragte ich scheinheilig, obwohl ich wusste, dass Taylor nicht zu Wort kam.
„Über deine Schandtaten, wie du reihenweise Männerherzen brichst!“
Taylor fing plötzlich an zu lachen, während ich mich setzte. Sabrina war Widererwartens plötzlich still, das hatte noch niemand fertig gebracht. Sabrinas Tee und Scones wurden gebracht mit Butter und Marmelade.
„Jack, du musst mir glauben, egal was Sabrina erzählt würde, ich hätte es nie und nimmer geglaubt.“
Schockiert ging Sabrinas Mund auf und nun war ich derjenige, der zu lachen anfing. Ich strahlte meinen Schatz an und hob meinen Daumen nach oben. Sabrina konnte man eben gut mit ihren eigenen Waffen schlagen.
„Taylor, du bist der erste, der es schafft, Sabrina zum Schweigen zu bringen!“
„Oh, entschuldige, habe ich etwas Falsches gesagt?“
„Nein!“
„Boah, jetzt hab ich zwei von euch…“
Sie redete nicht weiter, zu tief saß wohl der Schock, dass Taylor ihr so einfach Widerworte gab. Ich dagegen war glücklich, dass mein Freund seine Scheu vor Sabrina verloren hatte.
„Bleibst du länger?“, wollte meine Tischnachbarin wissen.
„Nein, Tante Abigail nimmt ihn nachher mit nach Hause“, antwortete ich.
„Ich muss morgen um sieben wieder im Stall stehen“, fügte Taylor hinzu.
„Das wäre nichts für mich“, meinte Sabrina, „zu dem habe ich Angst vor den Viechern.“
„Das sind keine Viecher!“
Oh, da hatte sie wohl einen wunden Punkt meines Freundes gefunden.
„Pferde sind etwas Schönes! Ein Pferd ist klug, graziös… elegant! Man sagt, ein Pferd hat nur deswegen vier Beine, damit es sein großes Herz tragen kann. Hast du einmal sein Vertrauen gewonnen, hast du ein Freund fürs Leben! Sie vergessen nie etwas, aber vergeben gerne!“
Wow, jetzt war ich platt. Ich wusste ja, dass er Pferde liebte. Es war sein Hobby und jetzt machte er es zum Beruf. Aber Taylor strahlte jetzt förmlich, als er dies gerade sagte.
„Okay, aber Angst habe ich trotzdem.“
„Dann wirst du bei Taylor Reitstunden nehmen müssen“, grinste ich.
„Ja, Angst vergeht, wenn man sich ihr stellt!“, kam es nickend von Taylor.
„Und wie soll ich das bewerkstelligen, Newbury ist ja nicht gerade in der Nachbarschaft.“
„Du bist Jaydens Freundin, meinst du, er möchte dich nicht seinem Großvater vorstellen?“
„Sabrina ist Jaydens Freundin?“, fragte Taylor überrascht.
Stimmt, das hatte ich ihm noch nicht erzählt, wie vieles, was an diesem Wochenende vorgefallen war.
„Ich denke, der hat jetzt ein paar andere Probleme, als mich mit nach Newbury zu nehmen.“
Wieder verstand Taylor nicht, worüber wir redeten und sah mich fragend an.
„Entschuldige, das konnte ich dir noch nicht erzählen“, meinte ich zu ihm.
„Du musst dich doch nicht entschuldigen, Jack, das sind Familienangelegenheiten.“
Ich griff nach seiner Hand.
„Zu dieser Familie, gehörst du jetzt auch, du bist mein Freund!“
Er war wieder am rot werden.
„Oh Gott, wie romantisch“, säuselte Sabrina und schob sich ein Stück ihrer Scones in den Mund.
„Tante Olivia ist dir doch bekannt?“
„Das du noch Tante sagst…“, kam es von Sabrina.
Ich winkte ab.
„Ja, die Mutter von Jayden. Ich hatte zum Glück nicht viel mit ihr zu tun, sie kann Pferde nicht ausstehen.“
„Die sie bestimmt auch nicht…“
Sabrina kicherte. Ich beugte mich etwas zu Taylor und begann leise zu erzählen. Taylors Augen wurden immer größer.
„Das glaub ich jetzt nicht…, wirklich?“
Sabrina und ich nickten fast gleichzeitig.
„Wie kann ein Mensch nur so sein?“, wollte Taylor wissen.
„Leute die nicht genug in den Hals kriegen, denen Ansehen und Geld wichtiger sind, als die eigenen Familie!“, erklärte Sabrina gefrustet.
Das Jayden unter dieser Frau litt, war ihr wohl auch nicht verborgen geblieben.
*-*-*
Traurig hatte ich dem Auto, mit Abigail und Taylor hinterher gesehen und Mum mich in den Arm genommen. Aber es waren auch nur noch ein paar Tage bis Weihnachten, bis ich ihn wieder sah. Also einen Grund zum freuen.
An diesem Abend, beschlossen Mum und ich noch etwas anderes. Wir entschieden gemeinsam, Mamas Schuhladen zu Weihnachten zu schließen. Sie setzte, in den nächsten Tagen, so gut sie konnte, die meisten Schuhe auf Rabatt, um wenigstens vor Weihnachten noch einen großen Teil der Schuhe loszuwerden.
Sabrina und ihre Mutter hatten wohl kräftig Werbung dafür gemacht, denn der Laden war plötzlich jeden Mittag voll. Wenn ich Mama nicht helfen konnte, stellte sich Tante Abigail zur Verfügung und half gerne.
Als wir zum ersten Mal das Haus betraten, mein Haus, waren wir doch angenehm überrascht. Das etwas größer von Tante Abigail, wie sie meinte, stellte sich als doppelt so groß heraus. Laden, sowohl auch die Wohnung.
Da die Wohnung, nach Auszug des Vorgängers komplett renoviert worden war, mussten wir fast nichts machen. Für unsere alte Wohnung war schnell ein Nachfolger gefunden, so kamen wir ohne Probleme aus dem Vertrag.
Beim Laden stellten wir fest, dass der Besitzer, wohl froh darüber war, das Mama zum nächst möglich Zeitpunkt kündigte. Der Verdacht, dass er aus diesem Grund die Miete erhöht hatte und eventuell da auch Olivia ihre Hände im Spiel hatte, konnten wir ihm aber leider nicht nachweisen.
Zwei Tage vor Weihnachten, hatte Mum den Laden dann zum letzten Mal geöffnet. Die Schule war für dieses Jahr vorbei und meine Noten wie erwartet recht gut. So konnte ich problemlos ganz für meine Mutter da sein.
Wir boten Tee und Plätzchen an und Sabrina und ihre Mutter ließen es sich nicht nehmen, an diesem letzten Tag, ebenso zu helfen. Man beteuerte immer wieder, wie schade es wäre, das Mum den Laden schließen würde.
Davon hatte man aber vorher nichts gemerkt. Abigail war nicht da, sie hatte eine andere Aufgabe übernommen, nämlich Großvater aus dem Krankenhaus zu abzuholen. Er wurde heute entlassen.
Ich war gerade dabei, neuen Tee zu kochen, als vor dem Laden eine große schwarze Limousine hielt. Als dann plötzlich Tante Abigail in mein Blickfeld trat, ließ ich alles liegen und stehen und zwängte mich an den Leuten vorbei nach draußen.
Gerade als ich den Laden verließ, öffnete Abigail die Hintertür und mein Großvater kam ins Blickfeld.
„Grandpa“, rief ich, während ich fast Tante Abigail umstieß, als ich Großvater heraus helfen wollte.
„Nicht so stürmisch, junger Mann!“, meinte Tante neben mir.
„Ja, so sicher bin ich noch nicht auf den Beinen“, fügte Grandpa hinzu, als er endlich stand.
Trotzdem begrüßte ich ihn mit einer Umarmung.
„Das ist also der Laden deiner Mutter“, meinte er und schaute sich um.
„War…, heute ist ja der letzte Tag geöffnet“, erinnerte ich ihn.
Er schaute zu seiner Tochter.
„Und du bist sicher, dass Olivia nicht ihre Finger im Spiel hatte?“
Geschockt sah ich Abigail an. Hatte sie sich gegen unsere Entscheidung gestellt und Großvater alles erzählt? Abigail schaute zu mir.
„Dein Onkel hat beschlossen, seinen Neustart, ohne irgendwelche Geheimnisse zu begehen und deinem Großvater alles erzählt.“
Wieder sah ich zu Großvater, der aber lächelte.
„Gehen wir hinein, oder darf ich nur durchs Schaufenster schauen?“, fragte er.
Auch ich lächelte nun und führte ihn in den Laden.
*-*-*
Mum schloss die Ladentür und drehte das Eingangsschild auf geschlossen.
„Das war es dann wohl“, meinte sie und drehte sich zu uns.
Sie lächelte zwar, aber schaute traurig. Ich ging zu ihr hin und umarmte sie.
„Es tut mir leid, Charlotte…“, kam es von Großvater.
„Du musst dich nicht entschuldigen, Joseph. Es kommt alles so wie es kommen muss. Wer weiß für was es gut ist.“
„Aber es ist dein Laden, den du unter größter Mühe aufgebaut hast“, sagte nun Abigail.
Sabrina und ihre Mutter hatten aufgehört, das benutzte Geschirr in die Körbe zu räumen, es machte einfach zu viel Lärm.
„Stimmt…, aber um es mit Jacks Worten zu sagen, wenn man voran kommen will, muss man das Alte gehen lassen. Dank Joseph habe ich die Möglichkeit dazu. Danke Joseph wirklich herzlich Dank!“
Nichts mehr war von der Bitterkeit zu hören, dass ihr der verhasste Schwiegervater einen Neustart ermöglichte. Warum, wusste ich nicht. War sie es einfach leid?
„Nichts zu danken Charlotte, ich tu es gerne!“
Mum nickte. Ihren Gesichtsausdruck, konnte ich aber nicht deuten.
„So, räumen wir noch zusammen und machen sauber, dann kann ich morgen den Schlüssel abgeben und dann heißt es Weihnachtsferien“, sagte sie und klopfte mir auf die Schultern.
„Ich habe bereits Weihnachtsferien“, entgegnete ich und streckte ihr die Zunge heraus.
„Tze, kaum Baron und schon eins auf faul machen“, kam es von Sabrina.
„Sabrina!“, kam es entsetzt von ihrer Mutter und Großvater lachte.
Während ich mich um die leeren Schuhkartons kümmerte und dabei ein Gespräch mit Großvater begann, kümmerten sich die Damen darum, dass der Laden sich langsam leerte. Am Schluss standen neben dem Eingang die Karton mit den restlichen Schuhen, ein paar Mülltüten und die Körbe mit dem Geschirr. Gerade als wir aufbrechen wollten, klopfte es an der Ladentür.
„Wir haben geschlossen“, rief Mum laut.
„Ähm Mum, das ist Onkel Henry.“
„Was will der denn hier?“, fragte sie.
„Jetzt, wo die Arbeit getan ist“, meinte Tante Abigail.
Großvater lächelte und Mum schloss die Ladentür auf.
„Junger Mann wir haben geschlossen“, meinte sie nur und Onkel Henry begann zu lachen.
„Das ist aber schade…, kann ich die Damen dafür zum Essen einladen?“
Mum zog die Tür ganz auf und Onkel Henry kam herein. Sein Blick viel auf Großvater.
„Oh, hallo Vater, ich wusste gar nicht, dass du hier bist!“
„Hallo Henry, ja das hat sich so ergeben.“
„Du meinst das Ernst, mit der Einladung?“, meinte Mum.
„Aber sicher“, antwortete Onkel Henry.
„Auf mich und Vater wirst du verzichten müssen, denn wir werden jetzt aufbrechen. Bis Newbury ist es noch ein Stück zu fahren“, sagte nun Abigail.
„Und ich werde nach Hause gehen, es sind ja nur Damen eingeladen“, spielte ich empört geziert.
Alles begann zu lachen. Allgemeine Aufbruchsstimmung begann.
„Jayden wäre arg böse, wenn ich dich nicht mitbringen würde“, entgegnete Onkel Henry.
„So, da bin ich mir nicht ganz sicher. Der will doch sicher jemand anderes sehen.“
Mein Blick fiel auf Sabrina, die mir sogleich die Zunge heraus streckte.
„Die Damen sind natürlich auch eingeladen“, meinte Onkel Henry.
„Oh, da werde ich den jungen Mann endlich mal kennen lernen, der dir den Kopf verdreht hat?“, kam es von Sabrinas Mutter und wieder ging ein Lachen durch den Laden.
*-*-*
„So, der Laden ist Geschichte, die Koffer sind gepackt, fehlt eigentlich nur Sabrina, wo bleibt sie den nur?“
Ich grinste Mum an. Seit sie wusste, wie es weitergehen würde, hatte sich ihre Verfassung grundlegend verändert. Das ewig traurige Gesicht war verschwunden, der grübelnde Ausdruck darauf verblasst.
Da der Umzug des Ladens und auch der Wohnung zu viel gewesen wäre, hatten wir einfach beschlossen, die Wohnung noch einen Monat länger zu nutzen und dann Ende Januar völlig die Zelte hier abzubrechen.
Dafür mussten wir zwar die Mieterhöhung in Kauf nehmen, da der liebe Vermieter auch die Miete der Wohnung anhob, aber das war uns schlichtweg egal. Es war heraus gekommen, dass wir die einzigen Mieter im Haus waren, deren Geldbeutel mehr geschröpft werden sollte.
Abigail und Henry bestanden zwar darauf, dass wir einen Anwalt nehmen und gegen diese Unverschämtheit, wie sie es nannten, angehen sollten, aber darauf hatten wir keine Lust.
Mum meinte nur, wenn dieser Mann zusätzliche Forderungen stellen würde, dann würde sie mit dem Anwalt drohen und die Sache publik machen. Der Türgong ging und ich erhob mich von meinem Küchenstuhl.
„Das wird sicher Sabrina sein…“, meinte ich und lief zur Wohnungstür.
Ich wollte schon einen Spruch loslassen, als ich die Tür öffnete, aber ich stockte.
„…Gregory?“
Gregory Hamilton, ein weiteres Glanzstück meiner Klasse. Was hieß Glanzstück. Er war eher auch einer diese unscheinbaren Klassenkameraden, die wie ich nicht weiter auffielen.
„Hallo… Jack…“
„Öhm…hallo Gregory… es ist gerade etwas unpassend, wir sind gerade dabei uns abreisefertig zu machen…“
„… das… weiß ich.“
„Hä…?“
„Schatz, sag Sabrina, wir können gleich los.“
Mum erschien im Flur.
„Oh, … ich dachte es ist Sabrina.“
„Nein, Gregory aus meiner Klasse.“
„Hallo Mrs. Newbury.“
„… und was möchte er?“
„Das habe ich noch nicht gefragt…“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Ähm…“, begann Gregory, „ ich… ich habe von Sabrina erfahren, dass sie nach Newbury fahren und wollte fragen, ob sie noch eine Mitfahrgelegenheit hätten?“
„Von Sabrina?“, fragten Mum und ich gleichzeitig.
Ich wusste nicht, dass Sabrina sonst noch Kontakte in unserer Klasse pflegte.
„Ich… ich wohne bei den O‘ Sullivans zur Miete…, habe dort ein kleines Zimmer. Da habe ich gehört…, dass Sabrina mit ihnen nach Newbury fährt.“
„Aha…“, kam es erstaunt von Mum.
Ich wusste zwar, dass bei Sabrinas Eltern es einen Untermieter gab, aber ich hatte nie nach ihm gefragt, oder war mir bewusst, dass sich es hierbei um Gregory handeln würde.
„Entschuldigen sie Mrs. Newbury…, ich glaube das war eine blöde Idee…, ich werde wieder gehen.“
Er drehte sich schon um.
„Halt Gregory, warte doch“, meinte Mum, und stand nun neben mir.
Er hielt in seiner Bewegung inne und drehte den Kopf.
„Könnte ich den Grund erfahren, was du in Newbury möchtest?“, wollte Mum wissen.
Ich war einfach nur sprachlos und konnte mich an diesem Gespräch gerade nicht beteiligen. Was um alle Welt war in Sabrina gefahren, ihm eine Mitfahrgelegenheit anzubieten, ohne uns zu fragen?
„Ähm… es ist kurz vor Weihnachten und ich möchte… wollte… dachte, ich könnte meine Großeltern… besuchen.“
Nach einer kurzen Schweigesekunde, trat Mum in Aktion. Sie griff nach seinem Arm und zog ihn in die Wohnung.
„Komm erst einmal herein“, meinte sie.
Wortlos schloss ich die Tür, hinter den beiden. Ich folgte ihnen in die Küche, wo Mum ihn einfach auf einen Stuhl drückte.
„Jack, stellst du die mal auf den Flur?“, fragte Mum und zeigte auf die Taschen, die auf dem Tisch standen.
Beherzt und etwas genervt, zog ich Taschen vom Tisch und trug sie in den Flur. Ich wollte gerade zurück in die Küche, als es erneut an der Tür klingelte. Stinkig zog ich die Tür auf und fand wie erwartet, Sabrina vor.
„Kannst du mir sagen, was dir einfällt, Gregory zu sagen, er kann bei uns mitfahren?“, fuhr ich sie im Flüsterton an.
„He…was? Welcher Gregory?“, meinte sie und stellte ihre zwei Taschen ab.
„Gregory Hamilton, der Typ aus unserer Klasse, sitzt bei uns unserer Küche“, ich zeigte in die Richtung der Küche, „und fragt ob er mitfahren kann!“
„Davon weiß ich nichts!“, kam es trotzig zurück, aber ebenso geflüstert.
Verwundert schaute ich sie an.
„Aber wieso…?“
Sabrina drückte sich an mir vorbei und stürmte in die Küche. Na toll! Ich zog ihre Taschen in die Wohnung und schloss erneut die Wohnungstür.
„Gregory, kannst du mir sagen, was du hier bei Jack verloren hast?“, hörte ich Sabrinas laute Stimme aus der Küche.
Ich atmete tief durch. Warum das mir, fragte ich mich und folgte ihr. Dort fand ich Sabrina vor, wie sie mit den Händen in die Seiten gedrückt, vor Gregory stand.
„Halt Stopp! Bevor das hier jetzt ausartet, setzen!“, sagte Mum bestimmend, „DU auch Jack!“
Warum fuhr sie mich jetzt an. Als ich mich setzte, bemerkte ich Gregorys traurigen Blick, der jetzt Richtung Boden wanderte.
„Wenn ich das richtig verstehe, hast du Gregory nicht gesagt, er soll fragen, ob er mitfahren kann, Sabrina!“
„Nein…, ich…!“, kam es laut von Sabrina.
Mum hob die Hand und meine beste Freundin verstummte.
„Okay, also ist Gregory von sich aus hergekommen, um zu fragen?“
Gregory und Sabrina nickten beide. Dabei sah ich, dass es bei Gregory Tränen tropfte.
„Ich geh besser…“, meinte er fast unhörbar und wollte sich erheben.
„Gregory…?“, meinte ich nur und hielt ihn am Arm fest.
„Ich… ich wollte kein Ärger machen…. Entschuldigen sie bitte…“
Mum trat neben Gregory und drückte ihn wieder auf seinen Stuhl. Sabrina, die wohl auch bemerkt hatte, dass Gregory weinte, hielt ihm ein Papiertaschentuch entgegen.
„Ich… ich sah nur die Chance… meine Großeltern zu sehen…, ich habe kein Geld… um die Bus oder Bahnfahrt zu zahlen, es ist alles so teuer… und trampen…, da bekomme ich Ärger mit Großvater, wenn er das erfährt…“, hauchte Gregory.
„Und deine Eltern?“, fragte Mum.
„Mein Vater… ist tot… und… und meine Mutter kenne ich nicht.“
Geschockt sah ich zu Sabrina, die wohl genauso ahnungslos wie ich war, sie zuckte mit den Schultern und hielt ihre Hände dabei hoch.
„Jack, werfe den Wasserkocher an, Sabrina hol die Tassen aus dem Schrank!“
„Aber Mum, wir wollten doch…“
„Jack, das ist jetzt wichtiger!“, fiel sie mir ins Wort und setzte sich neben Gregory.
„So und nun mal langsam von Anfang an, Gregory und zieh die dicke Jacke aus, dir muss doch warm sein!“
Mühsam und umständlich entledigte er sich seiner Jacke und legte sie über seine Beine. Dabei starrte er die ganze Zeit auf den Tisch. Dann atmete er tief durch.
„Meine…, meine Großeltern bezahlen die Schule… Sabrinas Vater und mein Vater waren Freunde gewesen, deswegen wohne ich da.“
„Das habe ich nicht gewusst“, kam es von Sabrina, die die Tassen zu mir neben den Wasserkocher stellte.
„Es war der Wunsch meiner Großeltern, dass niemand davon erfuhr und deine Eltern waren so gut und haben Stillschweigen gewahrt“, meinte Gregory und schaute zum ersten Mal wieder auf.
Seine roten Augen blinzelten wild hinter der dicken Brille.
„Aber warum soll das niemand wissen, daran ist doch nichts Schlimmes?“, fragte Mum.
Gregorys Blick wanderte zu Mum. Der Wasserkocher meldete Bereitschaft und ich verteilte das Wasser in die Tassen, während Sabrina die Teebeutel in jede Tasse gab.
„Meine Mu…, die Frau meines Vaters, hat uns direkt nach meiner Geburt sitzen lassen… und mein Vater musste mich alleine Großziehen und als…“, wieder fingen die Tränen an zu laufen, „… und als Dad, Logan Hamilton, an Krebs erkrankte, haben meine Großeltern, die Erziehung übernommen.“
Sabrina und ich schauten uns an. Das hatte wirklich keiner gewusst.
„Das tut mir leid, Gregory. Natürlich kannst du mitfahren und deine Großeltern zu Weihnachten sehen. Es wird zwar etwas eng werden, aber irgendwie gehen.“
„… danke! Ich… ich habe nur diese Tasche… die kann ich auf den Schoss nehmen.“
Mum klopfte ihm auf die Schulter, während wir mit unseren Teebeutel im heißen Wasser spielten.
„Gibt es nicht so etwas wie Waisenrente?“, fragte Mum plötzlich in die Stille.
Gregory atmete erneut tief durch.
„Meine Großeltern sich nicht reich und bezahlen schon die Schule und mit der Rente…, davon gebe ich den O‘ Sullivans die Hälfte, sie kochen ja für mich und Sabrina Mutter kümmert sich um meine Wäsche… und der Rest…, damit komme ich gerade so über die Runden.“
Mum schaute zu Sabrina.
„Sorry, davon wusste ich nichts… Ich sehe Gregory meist nur in der Schule…, er hat einen separaten Eingang und zu Hause, laufen wir uns so gut wie nie über den Weg. Meine Eltern haben wir mir wirklich nichts erzählt.“
„Ist ja schon gut.“
*-*-*
Während der Fahrt, war es sehr ruhig im Wagen. Sabrina hatte sich zu Mum nach vorne gesetzt, so blieb mir nichts anderes übrig, als die Rückbank mit Gregory zu teilen. Da er meine Größe hatte, ließ die Beinfreiheit sehr zu wünschen übrig.
Sein rechtes Bein, lehnte gegen mein linkes Bein. Das waren aber auch schon die einzigen Berührungspunkte, sonst saß er auf seiner Seite, direkt hinter Mum zusammen gekauert und starrte die ganze Zeit zum Fenster hinaus.
Kaum hatte Mum die Schnellstraße befahren, fuhr sie auch schon wieder herunter.
„Ich muss noch tanken gehen“, meinte sie, hielt den Wagen bei der Zapfsäule an und stieg aus.
Hatte sie nicht gestern den Wagen noch vollgetankt? Verwundert folgte ihr mein Blick und blieb an Gregory haften. Trotz Sabrinas großer Taschen, war für Gregorys kleines Handgepäck und Jacke noch Platz gewesen.
So saß er wie ich zwar leicht schräg, wegen der langen Beine, hatte aber vor sich etwas Platz. Wie schon gesagt, war Gregory genauso unauffällig in der Klasse wie ich, so hatte ich mir ihn nie näher in Augenschein genommen.
Es gab keine sichtbaren Kennzeichen, ob er Sport trieb, oder nicht. Durch die dicke Winterbekleidung konnte man keine Muskeln erkennen. Er hatte die gleiche Haarfarbe, aber seine Haare waren kürzer, als meine.
„Entschuldige, wenn ich neugierig bin“, kam es plötzlich von Sabrina.
Gregory und ich zuckten zusammen, als wären wir beide bei etwas erwischt worden. War da ein leichtes Grinsen auf Sabrinas Lippen.
„Weißt du denn gar nichts, von deiner Mutter?“
Gregory drehte seinen Kopf zu uns. Diese Frage fand ich nun auch interessant.
„Nein, nicht sonderlich, dieses Thema wurde und wird zu Hause ausgespart. Das einzige, was ich in einem Streit zwischen Dad und meinen Großeltern mal mitbekommen habe, dass sie aus reichem Hause stammen soll.“
„Nie Interesse gehabt, sie zu finden?“
„Warum sollte ich sie finden wollen, sie will mit mir doch nichts zu tun haben. Das wird sich bis heute sicher nicht geändert haben!“
Oh, das war bitter, da hatte einer so ziemlich an etwas zu knabbern. Von der Mutter abgelehnt, das konnte große Narben hinterlassen. Um das zu wissen, brauchte ich nicht Psychiatrie zu studieren.
„Zudem haben mir meine Großeltern verboten, nach ihr zu suchen. Sie wollen mit dieser Frau nichts mehr zu tun haben.“
„… verständlich…“, rutschte mir heraus.
Auf diese Äußerung hin, schaute mir Gregory, direkt in die Augen. Er hatte dieselbe Augenfarbe wie ich, grün. Sabrina hatte sich wieder nach vorne gedreht.
„… tut mir leid, Gregory…, wenn ich das früher gewusst hätte, dann…“
„Dann was? Würde das etwas zwischen uns ändern…? Sicher nicht!“
Das kam sehr bissig herüber, war wohl auch so gemeint. Aber er hatte Recht. Sabrina und ich haben uns nie sehr darum bemüht, jemanden in der Klasse näher kennen zu lernen und von deren Seite, war das Interesse an uns ebenso gleich null.
Das änderte jetzt auch nichts daran, dass nun Jayden zu uns gekommen war. Gut, seit einige gesehen haben, dass vor der Schule, Jayden aus einem Bentley gestiegen war, bemerkte ich schon interessierte Blicke, in unsere Richtung.
Aber trotzdem gab es keinerlei Kontaktaufnahmen, es blieb bei den Blicken.
„Das kannst du nicht sagen, Gregory! Man weiß nie was kommt und jetzt, wo Jack und ich dich etwas kennen, kann sich das schnell ändern.“
Da Gregory darauf nichts sagte, blieb dieser Ausspruch einfach im Raum stehen. Halt, wir waren im Wagen. Ich musste über meine Gedanken grinsen. Sie bleiben einfach im Innenraum des Wagens stehen. Mum machte sich bemerkbar, in dem sie wieder einstieg.
„So fertig, sorry, ging etwas länger, aber bei zu viel Tee muss ich immer auf die Toilette.“, sagte sie und startete den Motor.
Das war mir neu und nie aufgefallen. Zügig zog sie auf die Schnellstraße, um sich wenig später auf die Autobahn, Richtung Newbury einzuordnen.
*-*-*
„Gregory, wo in Newbury musst du hin?“
„Wenn sie… mich bitte an der Kings Road heraus lassen würden. Von da an kann ich laufen, ist nicht mehr weit.“
„Wir können dich vor der Haustür absetzten.“
„Machen sie sich bitte keine weiteren Umstände, Mrs. Newbury…, es ist lieb von ihnen, dass sie mich überhaupt mitgenommen haben.“
„Wenn du meinst… Dann kannst du wenigstens Weihnachten mit deinen Großeltern verbringen.“
Wenig später verließ Mum den Kreisverkehr und bog in die Kings Road ein. Nach kurzer Suche, fanden wir sogar einen Parkplatz. Wir stiegen alle aus. Gregory entnahm dem Kofferraum, seine wenige Habseligkeiten und zog sich wieder dick an.
„Dann wünsche ich ihnen und ihrer Familie ein schönes Weihnachtsfest, Mrs. Newbury“, meinte Gregory zum Schluss und hob seine Hand.
„Das wünschen wir dir auch, Gregory“, antwortete Mum und schüttelte seine Hand.
Aber sie ließ sie nicht wieder los.
„Gregory…, wenn die Festtage vorbei sind, würde ich dich gerne zu uns zum Tee einladen.“
„… aber, …aber Mrs. Newbury…, das geht doch nicht… ich… ich.“
„Babberlabab, keine Widerworte, du bist eingeladen! Jack, lass dir seine Nummer geben, damit wir noch den genauen Termin ausmachen können.“
Ich nickte nur und horchte meiner Mutter. Ich war einfach nur fassungslos, über das, was meine Mum gerade gemacht hatte. Erst jetzt ließ sie Gregorys Hand wieder frei. Ich reichte ihm mein Handy und er tippte seine Nummer ein.
*-*-*
„Endlich seid ihr da!“, hörte ich Tante Abigail von der Tür aus rufen, als wir ausstiegen.
„Vater ist schon ganz ungeduldig“, meinte sie, als sie und die Treppe entgegen kam.
„Hallo Abigail“, sagte ich und wir umarmten uns herzlich zur Begrüßung.
„Hallo Jack… Sabrina…“
Mum hatte den Wagen umrundet und die beiden Frauen begrüßten sich genauso herzlich.
„Hätte mir im Sommer jemand erzählt, dass ich Weihnachten in Newbury verbringen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“
Abigail lachte.
„Charlotte, es geschehen eben noch Wunder zu Weihnachten.“
„Da gebe ich dir Recht!“
Die beiden liefen die Treppe hinauf, während ich immer noch bei Sabrina am Wagen stand.
„Echt noble Hütte“, kam es von ihr.
„Hütte…, tzis, warte mal ab, bis du dein Zimmer gesehen hast.“
Sie seufzte.
„Dann lass uns mal unsere Sachen hineinschleppen und mein Zimmer begutachten.“
„Öhm, brauchst du nicht…, das wird gebracht…“
„Hä?“, schaute mich Sabrina fragend an.
„Ich sag nur Dienerschaft…, ging mir aber beim ersten Besuch genauso…“
„Jack, Sabrina, wo bleibt ihr?“, hörte ich Mum rufen.
Wir folgten den zwei Damen, die Treppe hinauf.
„Willst du nicht erst zu deinem Taylor?“
Meine gute Laune verflog etwas.
„Der ist nicht da…“
„Wie, der ist nicht da?“
„Wir haben gestern Abend noch telefoniert, da hat Taylor erzählt, dass er heute Vormittag, mit James unterwegs wäre, Besorgungen machen.“
„Ach so und ich habe mich so gefreut, ihn wieder zu sehen.“
„Hey, ist er mein oder dein Freund?“
Sabrina lachte laut, als wir ins Haus traten und gleich wieder stehen blieben. Im Innenkreis, der gewundenen Treppe nach oben, stand ein riesiger Tannenbaum, der bis fast an die Decke reichte. Mit vielen Lichtern, aber ohne Baumschmuck.
Davor standen Großvater mit Abigail und Mum.
„Das nenn ich mal einen Baum“, sagte Sabrina neben mir.
„Da muss ich dir Recht geben…, hallo Großvater“, sagte ich, lief zu ihm hin und umarmte ihn genauso, wie ich es vorher bei meiner Tante getan hatte.
„Hallo junger Mann, es freut mich, dich wieder zu sehen“, meinte Großvater lächelnd.
Auch Sabrina wurde begrüßt und sie machte einen leichten Knicks.
„Junge Dame“, begann Großvater, „wir mögen zwar von einem alten Adelsgeschlecht abstammen, aber hier muss man sich weder verneigen, oder einen Knicks machen. Wer etwas anderes sagt, kommt in den Kerker!“
„Ihr habt einen Kerker?“, fragte Sabrina schockiert.
Mum und Abigail fingen an zu lachen.
„Ich dachte“, sprach Großvater weiter, „das Schmücken übernehmt sicher ihr, es ist genug Schmuck da.“
Er zeigte auf Kisten, die etwas unterhalb der Treppe standen und ich jetzt erst bemerkte.
„Oh ja, das wird sicher lustig“, meinte Sabrina.
*-*-*
„Das muss ich dir lassen, Jack, du hast nicht übertrieben, die Zimmer sind wirklich geil. So ein großes Bett hätte ich zu Hause auch gerne.“
Ich musste lachen. Sabrina lag bäuchlings auf meinem Bett und zappelte mit ihren Beinen hin und her.
„Da bekommst du ja nicht mal mehr deine Zimmertür auf!“, grinste ich sie an, während ich meine Tasche vollends auspackte.
„Da könntest du recht haben. Aber wirklich, es ist hier sehr schön.“
„Warte ab, wenn du mit Jayden ausreiten gehst, das wird noch viel schöner!“
„Ich kann doch gar nicht reiten.“
„Das lernst du schnell…, Taylor hat es mir auch bei gebracht. Wann kommt Jayden?“
„Es kann später werden. Das war alles was er gesagt hat, sein Vater muss noch irgendetwas regeln. Deswegen wollte er auch, dass ich bei euch mitfahre.“
„Aha, davon weiß ich nichts.“
Ich legte meine Taschen gerade in den Schrank, als mir etwas einfiel.
„Scheiße…“, sagte ich laut.
„Was ist?“, fragte Sabrina und setzte sich auf, „etwas vergessen?“
Ich schloss die Schranktür.
„Nein, aber wenn Gregory zu uns kommt, erfährt er ja, wer ich bin.“
„Na und? Schlimm? Früher oder später kommt das eh heraus.“
„Meinst du nicht, er ist von mir enttäuscht, weil ich ihm nichts gesagt habe?“
„Warum bitte schön, soll er von dir enttäuscht sein? Hallo? Bisher sind wir wie Fremde miteinander umgegangen. Wieso sollte er dann wissen, dass du adelig bist. Niemand aus der Schule weiß das.“
Sabrinas Gedankengänge waren richtig.
„Wo sind die denn?“, hörte ich auf dem Flur draußen eine mir bekannte Stimme.
Vergessen war der Gedanke von eben und ich begann zu grinsen. Meine Tür wurde geöffnet und Jaydens Gesicht kam ins Blickfeld.
„Molly, ich habe sie gefunden“, rief er in den Flur und kam ins Zimmer.
Dann sah Jayden zu Sabrina.
„Was hast du denn im Bett meines Cousins verloren?“
„Das ist so herrlich weich“, antwortete Sabrina und ließ sich nach hinten fallen, aber um sich gleich wieder aufzurichten.
„Aber sag mal, begrüßt man so seine Freundin?“
Ich musste kichern. Umständlich verließ Sabrina mein Bett und fiel ihren Schatz um den Hals.
„Hallo mein Knuddelhase“, meinte sie und drückte ihm einen Kuss auf den Mund.
Knuddelhase! Ich drehte mich weg und hielt die Hand vor den Mund, um nicht laut loslachen zu müssen. Dann kam auch schon Molly herein und Sabrina und mein Cousin ließen von einander ab.
„Tante Abigail meinte nur ihr seid oben in euren Zimmern, aber sagte nicht, in welchen“, erklärte Molly und begrüßte nun auch Sabrina.
Eine Umarmung. Hoppla, die beiden schienen sich in der kurzen Zeit besser angefreundet zu haben.
„Wir haben die gleichen Zimmer, wie beim letzten Mal“, meinte ich.
„Dann schlaf ich sicher wieder neben an“, sagte Jayden.
„Du kannst auch gleich hier schlafen…, bei mir, dann brauchst du dich nachts nicht mehr heimlich zu mir herüber schleichen!“
Jayden wurde rot und streckte mir die Zunge heraus, während Molly und Sabrina anfingen zu kichern.
„Na na, wer wird denn gleich…“, grinste ich ihn an, „aber mal ehrlich, mein Zimmer ist groß genug und wenn die Erwachsenen unten mal für sich sein wollen, können wir uns ruhig hier alle treffen.“
„Und in deinem Bett liegen!“, sagte Jayden und zeigte mir den Vogel.
„Warum nicht, wird sicher lustig!“
*-*-*
„Boah, habe ich dich vermisst!“
Engumschlungen standen Taylor und ich vor der Pferdebox von Tiara. Es war zwar erst ein paar Tage her, als wir uns in London gesehen hatten, aber mir kam das vor, wie eine Ewigkeit.
„Ich dich auch, das kannst du mir glauben“, erwiderte Taylor und ich gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.
Er begann zu kichern, ich wusste mittlerweile, dass dies kitzelte.
„Und du bleibst wirklich bis am Dreikönigstag?“, fragte Taylor erneut.
„Ja, ja, ja, ja, wann glaubst du mir das endlich.“
Er lächelte verlegen. Plötzlich spürte ich warme Luft am Nacken und zog etwas den Kopf ein, weil es sich komisch anfühlte. Als ich den Kopf drehte, sah ich den Grund. Tiara hatte ihren Kopf aus der Box gestreckt und an mir geschnuppert.
Ich entließ Taylor aus seiner Fessel und hob langsam die Hand, bevor ich ihr über die Nüstern streichelte.
„Da freut sich wohl noch jemand, dass du wieder da bist“, meinte Taylor und ließ mich bei der Stute stehen.
„Was für ein Rasse ist das eigentlich?“, wollte ich wissen.
„Tiara?“
„Ja.“
„Ein englisches Vollblut, wie die anderen vier Pferde auch. Hier in England meist für den Reit und Rennsport gezüchtet, werden aber mittlerweile auch in Amerika zur Züchtung anderer Pferdesorten verwendet. Sie gibt es am meisten als brauner Fuchs, oder als Rappen, ganz selten sogar als Schimmel.“
„Rappen sind schwarz, oder?“
„Ja!“, sagte Taylor und kam mit ein paar Karotten zurück, die er mir liebevoll lächelnd in die Hand drückte.
„Ich muss noch zwei Boxen sauber machen, sonst ist James böse mit mir. Durch unseren morgendlichen Ausflug habe ich etwas Zeit verloren. Aber du kannst ruhig etwas hier bleiben, mit Unterhaltung geht es besser.“
Hörte ich da etwa Traurigkeit? Taylor hatte, während er mit mir sprach, das Pferd aus der Nachbarbox heraus geführt und es im Gang fest gemacht.
„Bist du oft alleine?“, fragte ich leise.
„Ich?“ Nein! Die Pferde sind bei mir, die sind gute Zuhörer.“
Aber sie geben keinen Rat, wenn man es nötig hat, dachte ich für mich. Ich stellte fest, dass ich über Taylor noch recht wenig wusste. Aber das konnte man ja ändern.
„Hast du heute Abend noch etwas vor?“
„Kommt darauf an…, ich muss pünktlich am Tor sein, wenn meine Schwester mich abholt. Du kannst mich ja wieder begleiten.“
Konnte ich, aber danach stand mir nicht der Sinn. Ich hätte meinen Freund gern um mich.
„Und…“, ich gab Tiara eine weitere Karotte, „wenn du heute Abend hier bleibst?“
„Hier bleiben? Ich schlafe ungern bei James, der schnarcht nachts immer.“
Ich lief zur Tür der Box und lehnte mich darauf.
„Ähm…, ich meinte eher…, du könntest auch… bei mir schlafen.“
Taylor, der gerade mit dem Besen das Streu zusammen schob, stolperte fast über seine eigenen Füße.
„Bitte was?“, fragte er mit großen Augen.
Da sein Gesicht rot anlief, also hatte er meine Frage wohl verstanden. Ich musste grinsen. Er kam zu mir.
„Ähm… Jack… ich habe noch nie…“, flüsterte er leise.
Bevor ich darauf etwas sagen konnte, wurde die Stalltür aufgezogen. Taylor machte regelrecht einen Satz nach hinten.
„Taylor, hast du schon die zwei Boxen fertig?“, hörte ich James Stimme.
„Bin gerade dabei“, antwortete Taylor und James kam in mein Blickfeld.
„Oh, der junge Herr ist hier. Hallo Jack, freut mich sie wieder zu sehen. Wollen sie ausreiten?“
„Hallo James. Nein ich habe Tiara nur besucht“, meinte ich und gab ihr eine weitere Karotte.
Das komische Lächeln, das James Gesicht zierte, konnte ich nicht recht deuten, aber sicherlich dachte er sich seinen Teil. Er wandte sich wieder zu Taylor.
„Wenn du hier fertig bist, meldest du dich bitte bei Caitlin, sie hat nach dir verlangt!“
„Caitlin? Okay mache ich.“
James nickte und verschwand wieder aus dem Stall.
„Wir sehen uns später!“, meinte ich, drückte ihm Kuss auf den Mund und verließ ebenso das Gebäude.
*-*-*
„Das ist ganz schön viel Schmuck“, meinte Sabrina neben mir.
„Du der Baum ist groß, da werden wir einiges brauchen“, merkte ich an, während ich die nächste Kiste hervor zog und öffnete.
„Hallo Kids, habt ihr alles, was ihr braucht?“, hörte ich Tante Abigails Stimme hinter mir.
„Vielleicht eine Leiter…, Jack ist zwar groß, aber bis ganz rauf kommen wir nicht“, meinte Jayden.
Sabrina fing an zu kichern.
„Jack kann dich ja auf seine Schulter nehmen“, meinte sie und nun fing auch Molly an zu kichern.
„Sonst noch was?“, fragte ich.
„Eine Leiter ist kein Problem“, meinte Tante Abigail nur.
„Was ist in den drei Holzkisten?“, fragte ich, die ich nun hinter den Kartons entdeckte.
„Welche?“, wollte Tante Abigail wissen und trat neben mich.
„Die…, lass mich überlegen…, ah ja, in der großen müssen die Krippenfiguren drin sein und die mittlere enthält die Spitze.“
„Und die Kleine?“, fragte nun Jayden.
Tante Abigail lächelte, beugte sich etwas vor und bekam die kleine Kiste zu greifen.
„Wenn ich mich recht entsinne…, das ist eine ganz besondere Kiste.“
Ich sah nun auch, dass diese Kiste etwas anders aussah, als die größeren. Das Holz war edler und mit Schnitzereien verziert. Sie öffnete den Verschluss und öffnete den Holzdeckel.
„Ja…, das sind unseren Kugeln, die jeder von uns bei der Geburt bekommen hat“, sagte Tante Abigail fast flüsternd.
Nun sah ich auch, dass jede Kugel mit Namen versehen war.
„Hm, ich denke, diese Tradition sollten wir weiter führen und auch für euch Kugeln anfertigen lassen.“
Ich nahm Papas Kugel vorsichtig heraus. Die goldenen Buchstaben mit Isaac stachen von der roten Kugel besonders hervor.
„Boah, sind die schön“, meinte Sabrina neben mir.
„Darf ich Papas Kugel haben“, fragte Molly.
Tante Abigail reichte ihr die ganze Kiste.
„Ich werde mich um die Leiter kümmern“, meinte sie und verschwand.
Ich hatte ihre traurigen Augen bemerkt. Die Kugel meines Vaters legte ich behutsam zurück und zog die restlichen Kisten unter der Treppe hervor. Ich wollte gerade die große Holzkiste hervor ziehen, als die Tür zum Flur erneut aufflog.
„Jemand da…?“, hörte ich eine vertraute Stimme.
Einen Strohballen kam in Sicht und denn dahinter Taylor.
„Hier ist das Stroh für die Krippe“, meinte er nur und blieb vor uns stehen. Ohne den Ballen abzulegen.
„Hallo Taylor“, kam es von Sabrina, die sich sofort grinsend neben ihn stellte.
Mein Schatz wurde schon wieder rot.
„Hallo Sabrina… oh…hallo Mr. Ja…yden…, Mrs. Newbury.“
Er nickte beiden zu und war dabei immer leiser geworden. Ich ging zu ihm hin, nahm ihn den Strohballen ab, den ich neben den Tannenbaum ablegte. Dann griff ich nach seiner Hand, die in einem Handschuh steckte.
„Taylor, ich habe dir schon ein paar Mal gesagt, du gehörst jetzt zur Familie. Molly und Jayden haben sicher auch nichts dagegen, wenn du sie bei Vornamen nennst und das Mr. und Mrs. weglässt.“
„… entschuldige…, das ist alles so ungewohnt und ich weiß immer noch nicht, ob es dem Duke und auch dem Earl recht ist.“
Molly hängte sich bei Sabrina ein.
„Jungs können richtig süß sein, wenn sie schüchtern sind“, meinte sie und beide fingen sie an zu kichern.
„He, seid nicht so gemein zu Taylor“, sagte nun Jayden, worüber ich mich wunderte, dass er für Taylor Partei ergriff.
„Dann lasst uns mal mit dem Schmücken beginnen“, meinte ich nur.
„Ich geh dann mal wieder…“, meinte Taylor neben mir.
Er wollte schon gehen, aber ich ließ seine Hand nicht los.
„Kannst du nicht bleiben und helfen?“, fragte ich etwas enttäuscht.
Als er antworten wollte, kam Tante Abigail wieder in den Eingangsbereich.
„Ah, hier bist du Taylor, könntest du bitte die Leiter bringen, damit auch im oberen Bereich den Baum schmücken kann?“
„Wird sofort erledigt, Mrs…“
Er hielt inne.
„Abigail…!“
Sie lächelte ihn an.
„Ich habe mit James gesprochen. Da im Stall für heute alle Arbeiten erledigt sind und er dich nicht mehr braucht, kannst du dann den anderen helfen, den Baum zu schmücken.“
„… wirklich?
Tante Abigail nickte.
„Ähm danke…, ich hol sofort die Leiter“, und schon war er verschwunden.
„Danke“, strahlte ich meine Tante an.
„Nichts zu danken, junger Mann. Da fällt mir ein, dass da noch etwas fehlt.“
„Was denn?“
„Ich glaube, ich muss mit Taylor noch mal kurz ausleihen…“
*-*-*
„Und die hat Papa wirklich gebaut?“, fragte Molly.
„Ja, zusammen mit Jacks Vater“, antwortete Tante Abigail.
Gemeinsam standen wir vor Taylor, den eine große Krippe in Händen trug.
„Aber jetzt helft Taylor erst mal das Ding hinzustellen, das ist doch sicher schwer.“
Daran hatte ich gar nicht gedacht, ich war nur stolz, etwas von Papa zu sehen. Erst jetzt sah ich, dass Taylor mit Spinnweben verziert war. War wohl schon lange nicht mehr gereinigt worden, da wo die Krippe jetzt lagerte.
„Es geht“, seufzte Taylor, „wo soll ich es abstellen?“
Sofort war ich bei ihm und half ihm die Krippe zu halten.
„Also direkt neben die Treppe würde ich sie nicht stellen, da wird sie zu sehr verdeckt“, meinte Sabrina.
„Aber auf der anderen Seite steht sie wenn du aus der Bibliothek kommst im Weg, nicht das jemand drüber stolpert“, kam es nun von Molly.
„Ich sehe schon, ihr werdet das irgendwie schon hinkriegen, dann kann ich euch ja beruhigt alleine lassen“, meinte Tante Molly.
„Ja, geh ruhig“, sagte ich, „wir sind genug.“
„Ach so, ich habe Caitlin gesagt, sie soll euch Tee machen und von ihrem tollen Gebäck vorbei bringen.“
„Danke“, sagten wir im Chor.
„Und ich dachte, ich kann euch helfen.“
Mum kam die Treppe herunter.
„Nein Mum, wie ich schon deiner Schwägerin versicherte, wir sind genug.“
„Okay, Abigail, was hältst du von einem kleinen Sparziergang?“
„Nichts dagegen einzuwenden. Hier werden wir ja nicht gebraucht!“
Das klang jetzt richtig vorwurfsvoll, aber beide Damen grinsen und liefen gemeinsam die Treppe wieder nach oben.

„Also ich würde vorschlagen, wir schmücken erst den Baum und dann stellen wir die Krippe auf“, meinte Jayden.
„Erst mal stellen wir die Krippe ab“, sagte ich und half Taylor, das Ding zum Boden zu befördern.
„Nehmen wir eine Farbe oder soll der Baum bunt werden“, fragte Sabrina, die nun wieder bei den Kartons stand.
„Es ist zumindest genug von allem da“, meinte Molly neben ihr.
Wir standen nun alle um die Karton herum?
„Hm, ich weiß nicht…“, sagte ich und kratzte mich am Hinterkopf.
„Wie sieht denn die Spitze aus?“, wollte Jayden wissen.
„Moment“, sagte ich und griff nach der Holzkiste.
Dabei übersah ich leider Taylors Fuß und stolperte. Ich sah schon im Geiste, die Spitze in tausend Stücke zerspringen und versuchte mich etwas zu drehen, was zur Folge hatte, dass ich auf dem Hintern landete, was höllisch weh tat.
„Pass doch auf!“, kam es von Sabrina, die mir die Kiste abnahm.
Mit Schmerzverzogenen Gesicht, rieb ich am meinem Hintern.
„Danke auch…“, meinte ich nur.
Natürlich war Taylor neben mir sofort in die Knie gegangen.
„Hast du dir etwas getan?“
„Nein…, geht schon, nur mein Hintern tut etwas weh.“
„Komm, ich helf dir auf“, sagte Taylor lächelnd und zog an meiner Hand.
„Boah, ist die aber schön“, hörte ich Sabrina sagen, „ob das echtes Gold ist?“
„Ich denke schon“, sagte Molly.
„Die sieht voll edel aus…, Jack pass ja auf, wenn du die oben drauf steckst!“
Ich schaute Sabrina an.
„Wer sagt denn, dass ich die oben drauf stecke?“
„Du bist der größte!“
„Und? Jayden braucht nur eine Stufe höher steigen, dann ist er auch so groß wie ich.“
„Darf ich?“, fragte Taylor und entnahm vorsichtig die Spitze aus der Kiste.
Vorsichtig und nur mit einer Hand haltend, kletterte er die Leiter hinauf, bis er fast oben angekommen war. Dann steckte er die Spitze langsam auf das obere Baumende. Strahlend stieg er wieder herunter.
Andächtig standen wir nun da und betrachteten die Spitze.
„Man könnte meinen, die hat Lichter drin, so wie die strahlt“, sagte Jayden.
„Danke Schatz“, hauchte ich Taylor ins Ohr und küsste ihn auf die Wange.
„Abigail schau dir das an, da denken wir, der Baum wird geschmückt und was machen die…knutschen da herum…so geht das aber nicht meine Herren!“
Mum! Sabrina und Molly fingen natürlich wieder an zu kichern.
„Knutschen? Mum, kann es vielleicht sein, dass du nicht weißt, was knutschen ist?“
Ohne auf ihre Antwort zu warten, wirbelte ich Taylor herum, der darauf nach hinten kippte, ich ihn aber auffing. Ich beugte mich über ihn und küsste ihn innig, obwohl Taylor mich hartnäckig versuchte, wegzudrücken. Das hatte zur Folge, dass nun alle anfingen zu lachen.
„Charlotte, ich fürchte, dieser Punkt geht an deinen Sohn“, sagte Tante Abigail und lief die Treppe herunter.
Taylors Kopf, der nun wieder etwas benommen neben mir stand, leuchte fast so rot wie die Christbaumkugeln.
„Ich sag‘s ja, die Jugend, ich werde zu alt für so etwas!“
Frech grinste ich Mum an, die nun dickeingepackt mit Tante Abigail an uns zur Haustür vorbeilief.
„Bis später, Kinder!“, meinte diese und ging hinaus.
Ich winkte Mum zu, aber es kam keine Bemerkung von ihr. Als sie die Tür hinter sich zu gezogen hatte, spürte ich einen Knuff in die Seite.
„Musste das sein?“, sagte Taylor.
Ich grinste ihn nur an.
„Was ist los Jayden?“, hörte ich Sabrina fragen.
Der stand mit offenem Mund da und schaute uns an.
„Ich…, ich habe Jungs…, noch nie so küssen gesehen“, gab er stotternd zur Antwort.
„Dann gewöhn dich dran!“, sagte ich.
*-*-*
Wir hatten uns für goldene und rote Kugeln entschieden. Bunt würde hier nicht her passen. Die Schachteln mit den Kugeln leerten sich langsam und das Endergebnis konnte sich wirklich sehen lassen.
„Schön!“, meinte ich nur.
„So einen tollen Baum habe ich noch nie gesehen!“, flüsterte Taylor neben mir.
Ich lächelte ihn an.
„Wir haben uns immer noch nicht entschieden, wo wir die Krippe hinstellen“, sagte Sabrina.
Keiner von uns wusste so recht die Antwort.
„Was haltet ihr davon? Wir räumen erst die Kartons und die Schachteln weg und wenn alles leer ist, können wir besser entscheiden, wo wir die Krippe hinstellen“, schlug ich vor.
Ein allgemeines Nicken ging durch die Runde.
„Wo kommen die hin?“, fragte ich Taylor.
„Lass mal, die kommen auf den Speicher. Da macht ihr euch nur dreckig.“
„Wir helfen dir, da geht es schneller! Zudem war ich noch nie auf dem Speicher!“
„Ich wusste gar nicht, dass das Haus einen Speicher hat“, sagte Jayden.
So war Taylor überstimmt und schnell waren die Schachteln wieder in den Kartons verstaut. Jeder griff sich eine oder zwei Kisten und nun folgten wir Taylor nach oben. Vor der Wand am Ende der Treppe blieb er stehen.
Er griff nach einem kleinen Hebel, der mir bis jetzt noch nicht aufgefallen war und schon sprang ein Stück der Wand auf.
„Eine Geheimtür…, cool!“, sagte Jayden.
Taylor beugte sich nach vorne und griff durch die Öffnung und schon wurde es dahinter hell. Als ich ihm dann mit meinen Kartons folgte, offenbarte sich vor mir eine kleine Holztreppe nach oben.
Wie im Entenmarsch, liefen die anderen hinter mir her.
„Ich hätte nie gedacht, dass hier hinter der Wand eine Treppe versteckt ist“, sagte Molly zu ihrem Bruder.
„Du echt, ich habe das noch nie gesehen und wir waren früher ja oft hier. Ich dachte, ich kenne jeden Winkel im Haus.“
Daran hatte ich nicht gedacht. Molly und Jayden waren früher ja oft hier und ich wusste nicht mal etwas über die Familie. Oben angekommen, sah ich einen großen Raum, vollgestellt, mit alten Möbeln, Kisten und andere Dinge, die irgendwann mal auf einem Speicher enden.
„Molly, schau mal, da ist die alte Holzeisenbahn. Ich habe mich schon gefragt, wo die abgeblieben ist“, kam es von Jayden, als er seine Kartons abgestellt hatte.
„Und hier steht das Puppenhaus, mit dem ich immer gespielt habe“, sagte Molly.
Ich stand mit Molly nur da und beobachtete die beiden, während Taylor die Kartons schön zusammen stellte.
„Du hast das noch nie gesehen?“, fragte Sabrina leise.
Ich schüttelte den Kopf. Sie setzte sich in Bewegung und schaute sich auch um. Ich dagegen blieb stehen und Taylor kam zu mir.
„Was ist? Nicht neugierig?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Alles klar mit dir?“, fragte nun Taylor
Ich schaute ihm nickend, in die Augen und versuchte zu lächeln.
„Mir wird nur immer wieder bewusst, wie wenig ich über die Familie weiß.“
„Was ist das hier?“, fragte Molly.
Sie zeigte auf eine große alte Holztruhe, die ein dickes Schloss zierte.
„Weiß ich nicht…“, meinte Taylor, „da müssen sie… du ähm Tante Abigail fragen.“
Ich merkte schon, wie schwer sich Taylor mit der Umstellung tat, aber das war etwas, was er nur alleine bewerkstelligen konnte. Ich vermochte ihm nur Hilfestellungen zu geben.
„Leute, unten wartet noch eine Krippe auf uns“, erinnerte Sabrina.
„Sabrina hat Recht, wir sollten unten fertig werden. Wegen der Truhe können wir immer noch fragen“, meinte ich.
*-*-*
„Richtig schön, Kinder“, meinte Tante Abigail, die nun mit Mum vor Tannenbaum stand.
Ein Wagen fuhr vor und Harry, der Hausdiener kam von der Küche gelaufen.
„Der Duke ist zurück“, meinte er nur und öffnete die schwere Holztür.
Draußen war es mittlerweile schon dunkel und kühle Luft strömte herein. Harry half Grandpa aus dem Wagen. Es hatte wieder zu schneien begonnen und es sah so aus, als ob wir dieses Jahr seit langer Zeit mal wieder eine weiße Weihnacht bekamen.
„Nanu, was macht ihr denn alle in der Eingangshalle“, meinte Grandpa.
„Die Kinder haben den Weihnachtsbaum fertig geschmückt und ich finde er sieht richtig toll aus“, antwortete Tante Abigail.
Wir wollten gerade Platz machen, damit sich der alte Herr, den Baum anschauen konnte, als ein weiterer Wagen vorfuhr.
„Nanu, wer kommt denn noch?“, wollte Mum wissen.
„Das wird Papa sein, der war noch einmal in der Stadt, um etwas zu erledigen“, kam es von Molly.
„Er scheint aber noch jemand im Wagen zu haben“, stellte Grandpa fest.
Mittlerweile waren wir alle zur Haustür gelaufen. Onkel Henry war ausgestiegen und ganz Gentleman öffnete er die andere Tür. Die unbekannte Person stieg aus.
„Sophia, das ist aber eine Freude“, sagte Abigail und schritt ins Freie, um ihre Schwester wohl zu begrüßen.
„Das nenn ich mal ein Empfangskomitee, das wäre doch nicht nötig gewesen“, erwiderte Tante Sophia.
„Wer ist das?“, flüsterte mir Sabrina zu.
„Die älteste Schwester meines Vaters…“
„Ist die immer so pompös angezogen?“, fragte Sabrina verwundert und ich zuckte mit den Schultern.
Außer Onkel Henry hatte wohl niemand gewusst, dass Tante Sophia mit uns das Weihnachtsfest verbringen wollte. Der Tannenbaum war zur Nebensache geworden und ich verzog mich schnell mit Taylor nach draußen, während alle anderen nach drinnen strömten.
„Hast du deine Schwester angerufen?“, fragte ich und steckte meine Hände in die Hosentaschen.
Natürlich hatte ich weder Jack, Schal noch Handschuhe an. Ohne zu denken, hatte ich Taylor einfach hinaus geschoben, der immer noch seine Arbeitsjacke und Handschuhe trug.
„Wieso angerufen?“, fragte er verwundert.
„Öhm… ich habe dich heute Mittag gefragt, ob du gerne hier bei mir bleiben würdest“, antwortete ich etwas enttäuscht.
Er zierte sich etwas.
„Ich…, ich weiß nicht, ob das Recht ist.“
„Wieso?“
„Ich fühl mich nicht wohl dabei…“
„Aber das schmücken hat dir doch auch Spaß gemacht.“
„Ja schon…“
Ich trat näher an ihn heran und legte meine Stirn an seiner Schulter ab.
„Ich will doch nur mit dir zusammen sein“, sagte ich leise und spürte, wie die Kälte langsam durch meine Klamotten kroch.
„Ich doch auch“, sagte Taylor und ich spürte, wie er seine Arme um mich legte.
„Aber du fühlst dich da drinnen nicht wohl?“
Ich spürte, wie er nickte.
„Dann fahr ich eben mit zu dir!“, meinte ich und hob meinen Kopf.
„Jack… Taylor, kommt rein, es ist kalt“, hörte ich meine Mutter von der Tür rufen.
„Das geht doch nicht, du kannst hier doch nicht weg.“
„Warum…?“
„Jack, du hast keine Jacke an!“, vernahm ich die mahnenden Worte von Mum.
„Ja Mum…“, rief ich genervt zurück.
„Bleib bitte…“, bettelte ich.
„Jack!“
Mums Ton war nun böse. Ich griff mir einfach Taylors Hand und zog ihn mit hinein.
„Du hast Mum selbst gehört, wir sollen rein kommen, sie hat dich auch gerufen.“
Nur widerwillig ließ sich Taylor wieder ins Haus ziehen.
*-*-*
„Meine Schwester war nicht so begeistert, dass ich einen Abend vor Heiligabend hier bleiben würde“, erklärte Taylor, als er sein Handy wieder verschwinden ließ.
„Wieso, du hast hier doch sicher schon öfters übernachtet?“
„Ja, bei James, aber nicht bei dir im Haus!“
„Sie weiß aber über mich Bescheid, oder?“
„Ja, weiß sie. Dass ich schwul bin, weiß sie schon länger, sie war lange Zeit, die einzige, die davon wusste, bis mein Schwager mal zufällig ungewollte belauschte.“
„Ungewollt?“
Taylor hatte seine Jacke ausgezogen und setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch, während ich am Fußende meines Bettes saß.
„Wir wussten nicht, dass er auf dem Sofa lag, als wir uns am Küchentisch unterhielten.“
„Und wie hat er darauf reagiert?
„Verärgert…“, sagte Taylor traurig.
„Jetzt sag nicht, dass er so ein homophobes Arschloch ist?“
„Nein, du verstehst falsch! Er war enttäuscht, dass ich ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte. Ich war doch wie ein kleiner Bruder für ihn.“
„Oh, ach so, aber warum ist deine Schwester dann dagegen, dass du bei mir übernachtest?“
„Sie kennt dich eben nicht und… und du gehörst… zu den Adligen…und…“
„Halt, halt, Stopp! Du hast ihr hoffentlich gesagt, dass ich anders bin, mit Mum alleine in London lebe.“
„Ja, habe ich doch, sie hat mir aber nicht geglaubt!“
Ich sah ihn lange an und überlegte.
„Bist du jetzt böse?“, fragte Taylor verschüchtert.
Ich zog meine Stirn in Falten und schüttelte den Kopf.
„Warum schaust du dann so komisch?“
„Ich… ich überlege, was man da machen kann. Am besten, wir gehen zu Mum und fragen nach Rat.“
„Ähm… es ist besser wenn du alleine gehst…“
„Du kommst mit Taylor, du bist mein Freund!“
„… so meinte ich das nicht. Ich müsste duschen und andere Sachen anziehen…, meine Sachen liegen alle drüben bei James. Ich rieche nach Stall, so möchte ich nicht bleiben!“
Deswegen hatte er sich nicht zu mir gesetzt.
„Okay, du gehst rüber ins Nebengebäude und holst deine Sachen und ich geh zu Mum hinüber. Duschen kannst du auch hier.“
„Ähm…“
Taylor wurde rot.
„Ich schau dir schon nichts ab und außerdem hast du mich auch schon ohne gesehen!“, grinste ich ihn an und stand auf.
Er kam zu mir und wir umarmten uns. Taylor hatte Recht, er müffelte wirklich etwas nach Stall. Das war mir vorhin draußen nicht aufgefallen.
„Du willst mich wirklich bei dir haben, oder?“
Ich schaute ihn an.
„Klar! Ist es nicht normal, wenn die Möglichkeit besteht, dass ich meinen Schatz, bei mir haben möchte? Bis nächsten Herbst ist es noch lange.“
„Herbst?“
„Darf ich dich daran erinnern, dass du nächstes Jahr in Herbst beginnst zu studieren?“
„Ähm… ja und?“
„Ist dir vielleicht der schon mal der Gedanke gekommen, dass wir dann vielleicht zusammen wohnen.“
„Nein… echt?“
„Ich sehe schon, du hast darüber noch nicht viel nachgedacht.“
Er schüttelte den Kopf.
„… ich …ich hab‘s ja noch nicht mal meiner Schwester gesagt.“
„Nicht? Aber Abigail meinte doch, mit deiner Schwester wäre alles schon geregelt.“
„Warum hat sie dann nicht mit mir darüber gesprochen?
„Da fragst du mich zu viel. Du gehst deine Sachen holen und ich zu Mum!“
*-*-*
Das Gespräch mit Mum hatte etwas länger gedauert. Als ich in mein Zimmer zurück kam, saß Taylor immer noch auf dem Stuhl am Schreibtisch, nur das jetzt eine Tasche vor ihm lag.
„Ähm, was ist, worauf wartest du?“, fragte ich verwundert und schloss meine Tür hinter mir.
„Auf… dich.“
„Sorry, das Gespräch hat etwas länger gedauert. Du hättest doch schon duschen können.“
„Ich kann doch nicht einfach…“
„Och Taylor“, seufzte ich, „doch du kannst, oder muss ich dir dabei vielleicht helfen?“
Sein Gesicht wurde tief rot, aber er lächelte schüchtern. Ich ging einfach zu ihm hin, zog ihn zu mir hoch und trotz des Stallgeruchs, der immer stärker zu sein schien, küsste ich ihn lange und innig.
Etwas außer Atem, ließ ich von ihm ab und verlor mich fast in seinen wundervollen Augen.
„Ich …ich konnte heute Mittag nicht weiterreden…, wegen James…ich wollte dir doch sagen…, dass ich noch nie…“
„… mit einem Jungen etwas gehabt hast?“, beendet ich seinen Satz.
Verwundert schaute er mich an.
„Taylor, ich habe dir damals schon gesagt, dass ich noch nie einen Freund hatte. Du bist der erste Kerl den ich umarme, mit dem ich küsse, geschweige denn andere Dinge vielleicht mache! Wir gehen das langsam an, okay?“
Er nickte.
„Und jetzt geh bitte duschen, es riecht nach Stall!“
Er grinste.
„Ähm, hast du ein Handtuch für mich?“
„Liegen im Bad.“
„Okay…, dann geh ich mal duschen.“
„Mach das…“
Er gab mir einen kleinen Kuss und verschwand im Bad. Ich wollte mich gerade am Schreibtisch niederlassen, da fiel mir etwas ein. Ich folgte ihm ins Bad und er erschrak regelrecht als er mich sah.
Er stand gerade da und hatte seinen Pulli halb über den Kopf gezogen, hielt aber nun in der Bewegung inne.
„Kleine Vorsichtmaßnahme!“, meinte ich, lief zur Tür zu Jaydens Zimmer und schloss ab.
„Nicht, dass er plötzlich neugierig vor dir steht“, kicherte ich.
„Aha…“, gab Taylor von sich.
„Übrigens, geiler Sixpack“, meinte ich und zeigte auf seinen blanken Bauch.
Er streckte mir die Zunge heraus und ich verließ das Bad wieder. Wenig später lag ich auf meinem Bett und hatte den Laptop vor mir stehen. Ich suchte im Internet, ob ich morgen, noch irgendwo in Newbury Geschenke kaufen konnte.
Aber ich merkte schnell, dass morgen auch hier, wie in London, die meisten Geschäfte bereits am Mittag des Heiligen Abend schlossen. Mum hatte nämlich vorgeschlagen gemeinsam morgen Taylor nach Hause zu bringen und seiner Schwester und deren Mann unsere Aufwartung zu machen.
So sollten sich selbst ein Bild über mich machen und vielleicht so ihre Vorurteile abbauen. Mums Ideen waren doch immer die Besten. Dagegen hatte ich keinerlei Ideen, was man den beiden schenken konnte.
Die Tür zum Bad ging auf und ich musste schwer schlucken. Taylor hatte wie ich damals nur das Handtuch um die Hüften gebunden.
„Du Jack, wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich erst etwas ausdünsten, bevor ich mich wieder anziehe.“
Mit einer Hand rubbelte er sich über die Haare, die noch recht feucht schienen. Im Schein der Nachtischlampen glänzte sein Body. Er bemerkte mein Blick und hielt inne.
„Ist etwas?“
„Wow!“, war das einzige, was ich raus brachte.
„Was denn?“
„Ich…“, ich setzt mich auf, „ ich wusste nicht, dass man durch die Arbeit mit den Pferden einen solchen Body bekommt.“
Er schaute an sich herunter. Nichts war mehr anzumerken, von der Schüchternheit, die er vorhin an den Tag gelegt hatte.
„Das?“
Er zeigte auf sich und ich nickte. Fasziniert schaute ich auf das Sixpack, die wohlgeformte Brustmuskulatur und auch die dicken Oberarme. In seinen dicken Klamotten, war mir das nie aufgefallen.
Natürlich bemerkte ich auch die Beule, die das Handtuch um seine Hüften leicht verformte.
„Du siehst doch auch gut aus“, meinte er nur und rubbelte seine Haare weiter.
„Ich treib zum Ausgleich etwas Sport mit Julien.“
„Julien?“
„Mein Schwager. Der legt sehr viel Wert auf sein Aussehen und so gehe ich oft mit ihm Joggen, wenn es die Zeit erlaubt, oder stemme mit ihm ein paar Gewichte. Es fühlt sich gut an und hilft mir ohne große Schmerzen meinen Arbeitstag zu bewältigen.“
Und sieht verdammt gut aus, dachte ich für mich, krabbelte umständlich aus dem Bett, bis ich vor ihm zum stehen kam.
„Muss ich jetzt auch Sport treiben?“
„Wieso, du segelst doch, das ist doch auch Sport.“
Ich grinste und strich langsam über seine nackte Brust, Richtung Bauch.
„Ich… hab aber nicht so einen Body wie du.“
Er hatte das Handtuch sinken lassen und lächelt mich an.
„Du gefällst mir so wie du bist“, meinte er und legte seine Arme um mich.
Natürlich spürte ich seine Erregung, die gegen mein Heiligtum drückte.
„Danke…“, hauchte ich und gab ihm einen Kuss.
Doch bevor wir das Ganze intensivieren konnten, rüttelte es an Jaydens Badezimmerzugang.
„Och Jack, ich muss auf die Toilette, brauchst du noch lange?“, war seine Stimme aus seinem Zimmer zu hören.
Klar, er wusste ja nicht, dass Taylor bei mir geduscht hatte.
„Einen Moment noch!“, rief ich.
„Meine Sachen…?“, meinte Taylor.
„Die holen wir einfach hier ins Zimmer“, sagte ich und schob ihn Richtung Bad.
Wenig später schloss ich Jaydens Tür auf und öffnete sie.
„Du kannst“, rief ich ins Zimmer und ging das meinige zurück.
Ich hörte hinter mir, wie die Tür aufgezogen wurde.
„Das wird auch langsam Zeit!“
Ich drehte meinen Kopf und sah, dass Jayden nur in Shorts herumlief. Ruckartig blieb ich in meiner Bewegung stehen und drehte mich.
„Du bist wirklich sicher, dass du mit Sabrina…“
„GEH!“, fuhr er mich an und ich verließ lachend das Bad.
„Was war denn?“, fragte Taylor, als ich die Badezimmertür hinter mir verschloss.
Leicht enttäuscht stellte ich fest, dass er bereits seine Jeans trug, aber sein Anblick war immer noch lecker. Erneut ging ich zu ihm und begann ihn wieder zu küssen. Doch dieses Mal, klopfte es an meiner Zimmertür.
Taylor drückte sich von mir weg und griff nach seinem T-Shirt.
„Ja?“, rief ich genervt.
Hatte man hier nie seine Ruhe. Die Tür öffnete sich und Grandpa schaute herein.
„Ah…, habe ich richtig vermutet. Ich wollte mit euch zwei Jungs reden“, meinte er und betrat das Zimmer.
Etwas betreten stand Taylor nun neben mir. In Jeans, Shirt, barfuß und leicht feuchten Haaren. Ich entschied mich, ganz normal zu tun.
„Natürlich Grandpa, komm setzt dich“, meinte ich und zog den Schreibtischstuhl zu recht.
Er ließ sich darauf nieder, während ich Taylor zum Bett schob und wir uns beiden auf dessen Rand setzten.
„Abigail hat meine Weihnachtsgeschenke ja schon vorweg genommen, so habe ich eigentlich gar keine Überraschungen mehr für euch.“
Ich wusste erst nicht recht, was ich darauf sagen sollte.
„Mister Newbury, ich wollte mich noch persönlich bei ihnen bedanken…“
„Taylor!“
Mein Schatz verstummte und Grandpa fing breit an zu lächeln.
„Du bist jetzt der Freund meines Enkels…, was hältst du davon einfach Grandpa zu sagen und dieses Mr. und Duke wegzulassen?“
„Sind sie sicher?“
Grandpa nickte.
„…ähm gerne!“
„Und wegen mir brauchst du dir keine Gedanken machen, Grandpa. Du hast Mum eine zweite Chance gegeben und wenn sie glücklich ist, dann bin ich es auch. Zudem bekomme ich in der neuen Wohnung ein riesiges Zimmer, dann könnte ich vielleicht auch so ein großes Bett wie hier aufstellen!“
„Das freut mich zu hören. Aber ich wollte Taylor eigentlich fragen, ob er seine Schwester und ihren Mann am zweiten Feiertag zu uns zum Tee einladen könnte, wie ich von Abigail gehört habe, bekommen wir ja noch einen Gast.“
An Gregory hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Taylor sah mich fragend an.
„Erkläre ich dir später“, meinte ich nur und winkte ab, bevor ich mich wieder Grandpa widmete.
„Ich habe einen besseren Vorschlag, Grandpa. Mum und ich haben beschlossen, Taylor morgen selbst nach Hause zu bringen, da könnte ich sie doch einladen?“
„Das ist wirklich eine gute Idee, machen wir das so. Ihr kommt in einer halben Stunde zum Essen?“
„Klar, wir lassen uns doch nicht Caitlins gute Küche entgehen.“
Ich spürte, wie sich Taylor neben mir versteifte und seufzte.
„Grandpa, könntest du mir noch einen Gefallen tun?“
„Ja, welchen denn?“
„Erzähl Taylor bitte, dass er hier wirklich überall willkommen ist…“
„Hätte ich ihn sonst nicht zum Essen eingeladen?“
*-*-*
Mum holte uns zum Essen ab. Da sich Taylor immer noch etwas zierte, hatte ich ihm, da wir fast die gleiche Größe hatten, ein Hemd geliehen. Doch auch das gute Zureden von Mum half nicht, Taylor blieb nervös.
Mit Mum in der Mitte, liefen wir dann gemeinsam die Treppe hinunter. Im Speisezimmer angekommen, saßen bereits Grandpa mit Onkel Henry mit Tante Sophia am Tisch. Mum ließ sich neben den beiden nieder, während ich wieder direkt neben Grandpa. Taylor setzte sich neben mich und nickte Grandpa zu.
Man hörte Getrampel und Stimme im Flur und Tante Abigail was sagen. Dann hörte das Getrampel auf und wenig später erschien sie mit meinen Cousins und Sabina im Gefolge. Abigail setzte sich zwischen Grandpa und Sophia, während die anderen drei neben Taylor Platz nahmen.
„Ich wollte mich noch mal bedanken, dass ihr den Baum so schön geschmückt habt“, begann Großvater.
Wir lächelten ihn an.
„Hier sind ein paar neue Gesichter, das ist mir vorhin gar nicht aufgefallen.“
„Das ist Jaydens Freundin Sabrina, sie gehen mit Jack in eine Klasse“, erklärte ohne Aufforderung, Onkel Henry.
„Und das ist“, ich legte meine Hand auf Taylors, „mein Freund Taylor.“
Was Tante Sophia dachte, wusste ich nicht, sie lächelte nur breit.
„Ich finde es toll, wenn wieder Leben in dieser Bude ist“, meinte sie und schaute ihre Geschwister an.
„Warum hast du eigentlich nie geheiratet, Sophia“, fragte plötzlich Mum.
Interessiert schauten wir fünf auf unserer Seite nun wieder zu Tante Sophia.
„Ach weiß du Charlotte, das ist nichts für mich, ich wollte es probieren, aber dann sein lassen, das ist einfach nicht meine Welt, auch wenn ich zugeben muss, euch um eure Kinder zu beneiden.“
„Hört, hört“, meinte Onkel Henry neben ihr.
Grandpa schaute zu Abigail.
*-*-*
„Noch etwas länger an diesem Tisch und ich hätte Frostbeulen bekommen“, meinte Jayden.
„Geht es denn immer so eisig zwischen den Erwachsenen zu, hier draußen habe ich jedenfalls nie etwas mit bekommen“, kam es von Taylor.
„Nur wenn Tante Sophia da ist“, meinte Molly.
„Also wenn jetzt jedes Essen so abläuft, lass ich mir das Essen aufs Zimmer kommen“, sagte Sabrina.
„Sabrina, wir sind hier nicht im Hotel“, meinte ich.
„Aber möglich wäre das“, sagte Jayden.
„Ja, setz ihr ruhig noch Flausen in den Kopf…, sind wir jetzt alle fertig können wir los?“
Genervt schaute ich in die Runde. Taylor und ich hatten beschlossen, nach dem Essen noch sparzieren zu gehen. Natürlich bekamen die anderen Wind davon. So hatten wir uns nun dick eingepackt, vor dem Haus getroffen.
„Wartet, ich hab ein paar Fackeln für euch“, hörten wir es von der Tür her rufen.
Dort stand Tante Abigail und Mum. In schnellen Schritten lief Taylor die Treppe hinauf und nahm ihr die Dinger ab.
„Passt auf euch auf und bleibt nicht zu lange weg“, meinte Mum, bevor sie wieder im Haus verschwand.
Tante Abigail folgte ihr kurz darauf und Taylor kam zu uns zurück und verteilte die Fackeln.
„Ich würde vorschlagen, wir zünden erst mal nur zwei an, ich weiß nicht wie lange die Teile halten.“
Jeder fand den Vorschlag richtig und so wurden erst einmal nur zwei Fackeln angezündet. Jayden, mit Molly und Sabrina liefen voran und Taylor und ich folgten ihnen. Sie schlugen den Weg zur Straße ein.
„Fast etwas romantisch“, meinte ich leise zu Taylor, der die zweite Fackel trug.
Natürlich hatte ich mir seine andere Hand geschnappt. Gab es etwas schöneres, als mit seinem Freund Händchenhaltend sparzieren zu gehen. Ich musste grinsen, klar gab es etwas Schöneres, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, wir wollten das langsam angehen.
„Du, was meinte dein Grandpa vorhin mit dem Besuch? Gibt es noch einen Verwanden, den ich nicht kenne?“
„Nein, Grandpa meinte sicher Gregory, einen Klassenkamerad, der bei Sabrina wohnt und den hat Mum eingeladen.“
„Ach so und der wohnt bei Sabrina? Wieso denn?“
„Sein Vater lebt nicht mehr und seine Mutter ist einfach abgehauen, da haben seine Großeltern ihn aufgezogen. Die leben übrigens hier in Newbury.“
„Hm, es gibt wohl mehrere so wie mich, dessen Eltern einem im Stich gelassen haben.“
Mist, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.
„Tut mir leid, Taylor, ich wollte dich nicht daran erinnern.“
„Nicht schlimm Jack, das ist nun schon so lange her und erinnern kann ich mich eh nicht, da war ich einfach zu klein.“
„Gregorys Mutter ist nach der Geburt abgehauen…“
„Autsch, das ist heftig.“
„Ja und kurz bevor wir hier herfahren wollten, stand er plötzlich vor der Tür und fragte, ob er hier mit nach Newbury fahren könne, seine Großeltern besuchen, weil er nicht genug Geld für den Bus oder Zug hätte.“
„Das ist wirklich bitter. Ich wohne zumindest mit meiner Schwester zusammen, das hat mir über vieles hin weggeholfen.“
„Naja, jetzt ist er wenigstens über Weihnachten bei seinen Großeltern und Mum hat ihn eben eingeladen zum Tee zu uns zu kommen.“
„He, was trödelt ihr so“, rief Sabrina.
Ich wusste schon warum ich mit Taylor alleine laufen wollte.
„Wir gehen sparzieren, ich wollte keinen Sprint hinlegen!“, rief ich zurück.
Taylor kicherte neben mir.
„Wir folgen euch schon, keine Sorge!“
So trotteten wir gemächlich weiter.
„Du hast vorhin gesagt, du willst mich morgen nach Hause bringen.“
„Ja, war der Vorschlag von Mum und ich finde ihn gut, dann lerne ich deine Schwester kennen und sie mich. Was mir einfällt, ich würde gerne ein kleines Präsent mitbringen, weißt du, was ich deiner Schwester und ihren Mann schenken könnte.“
„Da bin ich ehrlich überfragt… und du willst das wirklich machen?“
„Ja, warum nicht.“
„Ich weiß nicht…, für mich ist das alles so neu, in meinem Kopf ist irgendwie totales Wirrwarr.“
„Das geht mir doch genauso!“
„Das merkt man dir aber nicht an. Du wirkst immer so selbst bewusst und weißt immer was du machen willst.“
„Taylor, dass sieht wirklich nur so aus und um ehrlich zu sein, ich weiß auch nicht, warum ich so wirke, normalerweise bin ich ein ganz ruhiger Typ, der ständig am Grübeln ist.“
Mein Freund fing neben mir an zu kichern.
„Was?“
„Ich kann mir das jetzt irgendwie nicht vorstellen, du und ruhig. Bisher habe ich nichts davon bemerkt.“
Ich blieb stehen.
„Das liegt vielleicht daran, dass du bei mir bist und mich total wohl und sicher bei dir fühle.“
Taylor lächelte mich an und bedanke sich mit einem Kuss.
„Boah, jetzt stehen die da hinten und knutschen auch noch herum, so wird das nie was“, hörten wir Sabrina rufen.
*-*-*
Ich weiß nicht wie lange wir gelaufen waren, aber es war eine gute Idee, nur zwei Fackeln anzuzünden, denn die ersten hatten nicht lange gehalten. Das Haus war immer noch hell erleuchtet.
Taylor wollte gerade die Fackeln am Boden ausdrücken, als ich am Boden etwas Schimmern sah.
„Schatz, warte, da liegt etwas“, meinte ich nur.
„Huuu, jetzt ruft er ihn schon Schatz“, äffte mich Sabrina nach.
Ich drehte mich zu ihr um.
„Neidisch? Oder soll ich zu ihm Knuddelhase sagen?“
„Pff“, bekam ich nur als Antwort.
„Jack, da hat jemand seine Geldbörse verloren, oder gehört die jemand von euch?“
„Nein, mit so einem Ding würde ich nicht herum laufen“, meinte Molly.
Das Ding war vollkommen Goldfarben.
„Gib mal her“, meinte ich.
Ich öffnete das Ding und durchsuchte es. Etwas viel Geld dachte ich für mich. Dann wurde ich fündig. Einen Ausweis, den ich herauszog. Sophia Hamilton Contess of Newbury.
„Ach Tante Sophias ihrer ist das“, meinte Jayden, „das hätten wir uns eigentlich gleich denken können. Komm lass uns rein gehen, irgendwie wird mir langsam kalt.“
Die Mädels stimmten zu uns steckte die Karte zurück in die Geldbörse, während Taylor nun die Fackeln im Sand ausdrückte. Ich blickte immer noch auf dieses goldene Ding in meinen Händen, während die anderen schon die Treppe hinaufliefen.
„Was ist?“, fragte Taylor, der ohne Fackeln wieder zurück kam.
Ich schaute den anderen hinter her, bis sie die Tür geöffnet hatten, dann wandte ich mich wieder zu meinem Schatz.
„Ich habe dir doch vorhin erzählt, dass Gregory, direkt von seiner Mutter nach der Geburt verlassen wurde.“
„Ja… hast du, aber wieso kommst du da jetzt darauf?“
Ich hielt ihm die Geldbörse unter die Nase.
„Gregory heißt Hamilton mit Nachname…“
Taylor sah erst auf die Börse, dann mich mit großen Augen an.
„Jack…?“, hörte ich es von der Tür her jemand rufen.
Tante Sophia stand an der Tür und wir liefen ihr entgegen.
„Ja?“
„Jayden meinte, du hast meine Geldbörse gefunden?“
„Ja habe ich, sie ist wohl beim Aussteigen aus dem Auto gefallen.“
„Gott sein dank hast du sie gefunden.“
„Morgen hätte sie sicher einer von uns gesehen.“
„Aber wenn sie jemand geklaut hätte?“
„Wer soll denn hier mitten in der Nacht herum laufen?“
Mittlerweile hatten wir sie erreicht. Sie war etwas schlichter angezogen, als noch vorhin beim Essen. Ich reichte ihr die Geldbörse.
„Trotzdem…, du bist ein Schatz! Danke Jack!“
„Nichts zu danken!“
„Abigail hat für euch Tee richten lassen“, sagte sie noch bevor sie uns alleine stehen ließ.
Ich wollte ihr folgen, aber Taylor stoppte mich.
„Meinst du wirklich…, also ich meine wegen Gregory?“
Er flüsterte.
„Ich weiß es nicht.“
„Und was willst du machen?“
„Taylor, auch das weiß ich nicht, aber lass uns erst mal hinein gehen, bevor meine besorgte Mutter noch kommt und uns persönlich rein zieht.“
*-*-*
„Ach hier bist du, warum sitzt du mit Taylor alleine in der Bibliothek und nicht bei den anderen im Wohnzimmer. Da kommt so eine tolle Tanzshow.“
Mum. Ich sah sie nicht an, sondern starrte von meinem Sessel aus ins Feuer des offenen Kamins. Taylor saß mir gegenüber und hatte wie ich eine Tasse Tee in der Hand. Er schaute zwischen mir und Mum hin und her.
„Ist etwas?“
Ich sagte darauf nichts und sie setzte sich mit mir auf die Sessellehne.
„Ich weiß nicht…, wie ich das sagen soll?“
„Was?“
Ich schaute sie an und dann zu Taylor.
„Soll ich Wache stehen?“, fragte er.
„Was ist denn mit euch beiden los, was meint Taylor mit Wache?“, wollte Mum wissen.
„Taylor…, machst du die Tür zu, ich denke, wir müssen mit Mum darüber reden.“
Taylor stand sofort auf und lief zur Tür.
„Habt ihr etwas angestellt?
Sie schaute Taylor hinterher, der nun die Tür schloss.
„Mum… es ist wegen Tante Sophia…“
„Die?“, sprach Mum verwundert, „die hat sich gerade bei mir bedankt, was für einen tollen Sohn ich doch hätte, weil du ihre Geldbörse gefunden hast. Was ist mit ihr?“
Taylor hatte sich mittlerweile wieder in seinen Sessel gesetzt.
„Ich… ich habe in die Geldbörse hinein geschaut, um zu wissen, wem der gehört.“
„Das ist ja wohl klar, dass so ein Ding nur Sophia gehören kann, oder?“
„Das ist es nicht, ich habe ihren Ausweis gefunden…“
„Und da stand sicher drauf Sophia Contess of Newbury. Na und? Ich habe es damals abgelehnt, bei der Namensänderung nach der Hochzeit den Titel eintragen zu lassen.“
„Da stand aber noch ein Familienname.“
„Wie noch ein …Familienname?“
Da stand Sophia Hamilton Contess of Newbury“, kam es nun von Taylor, zu dem nun Mum sah.
Sie zuckte mit ihren Schultern.
„Hm…, hat sie nicht was bei Essen gesagt, sie hat es probiert, also ich meine, dass sie wahrscheinlich geheiratet hat und hat sich wieder scheiden lassen?“
„Taylor hat Recht“, sagte Mum, „aber dann würde der Name nicht drin stehen.“
Mein Schatz schaute mich mit großen Augen an.
„Du verstehst nicht, was ich meine, oder Mum?“
„Was soll ich verstehen?“
„Hamilton!“
„Sorry Jack, ich steh absolut auf dem Schlauch.“
„Mum, erinnerst du dich an Gregorys Nachnamen?“
„Ähm…
„Gregory Hamilton! Und die Frau, also seine Mutter soll aus reichen Haus stammen.“
Mum schaute zwischen Taylor und mir hin und her. Plötzlich fing sie an zu lachen.
„Das ist jetzt nicht euer Ernst, oder?“
Mir war nicht zum Lachen und schaute sie ernst an.
„Jack, das vergisst du ganz schnell wieder, das ist sicher ein ganz dummer Zufall, Sophia würde nie…“
Mum brach mitten im Satz an. Sie stand auf.
„Ich muss wohin…“, sagte sie und schon hatte sie das Zimmer verlassen.
„Mum…!“, rief ich hier hinter her, aber es kam keine Reaktion.
Dafür erschien Grandpa.
„Ah hier seid ihr, ich habe mich schon gewundert, dass ihr nicht bei uns im Wohnzimmer sitzt. Was ist denn mit deiner Mutter, sie ist gerade so schnell an mir vorbei gelaufen.“
„Ähm…, ich glaube sie hat etwas vergessen… hallo Grandpa…, ja, uns war das nach dem Sparziergang etwas zu laut und weil das Feuer hier so schön brennt, haben wir uns hier hin gesetzt“, versuchte ich das Thema zu ändern.
Ich stand auf und setzte mich zu Taylor auf seine Lehne.
„Setz dich doch zu uns“, meinte ich.
„Um ehrlich zu sein, deswegen bin ich auch hier, es ist mir zu laut da drüben.“
Taylor und ich grinsten, während sich Großvater auf dem Sessel nieder ließ.
„Soll ich ihnen…, ähm…, dir auch einen Tee holen?“, fragte Taylor.
„Lass mal Junge, danke, aber wenn ich jetzt noch einen Tee trinke, muss ich heute Nacht zu oft auf die Toilette… ich hätte mich viel früher hier her setzt sollen, es ist wirklich schön ruhig. Sabrina hat ein doch etwas lautes Organ und ihr Lachen ist etwas grell.“
Nun musste ich lachen.
„Ja, ich kenn Sabrina nicht anders“, sagte ich.
„Kennst du sie schon lange?“
„Eigentlich seit ich auf die Schule gehe. Sie war die einzige, die nicht so abgehoben wie die anderen war.“
„…abgehoben?“, fragte Grandpa.
„Ja, ich meine die Jungs und Mädels, die den ganzen Tag nur übers Geld und deren Reichtum…, also ich meine den Reichtum deren Eltern reden. Das liegt mir absolut nicht.“
„Aber das liegt nicht daran, weil ihr nicht viel Geld hattet?“
Hatte da jemand plötzlich wieder ein schlechtes Gewissen?
„Nein Grandpa. Es gefiel mir einfach nicht, wie die mit ihrem Reichtum protzen, Schmuck oder teure Uhren trugen.“
„Ähm“, mischte sich Taylor ein, „ist es in der Schule nicht verboten, so etwas zu tragen? Deswegen haben wir doch alle die gleiche Uniformen angehabt, das man den sozialen Unterschied nicht bemerkt.“
„Eine gute Idee, finde ich!“, meldete sich Grandpa zu Wort.
„Meinst du, da hält sich einer an unserer Schule daran. Also im Unterricht schon, da siehst du nichts, aber in den Pausen, da wird der Reichtum herum gezeigt. Da bist du nur interessant, wenn du solche Dinge trägst.“
„Das ist traurig zu hören.“
„Nicht schlimm, Grandpa. Ich war ganz froh uninteressant zu sein, so hatte ich wenigstens meine Ruhe. Stell dir mal vor, Jayden wurde von Onkel Henry in die Schule gebracht, mit seinem Bentley und schon folgte eine Traube Mädchen, die das gesehen hatten, ihm den ganzen Tag durchs Haus?“
„Echt?“, fragte Taylor.
„Ist das so?“, kam es von Grandpa.
Ich nickte.
„Wenn du mich fragst, ist dass alles sehr oberflächlich, so wie Tante… Olivia… entschuldige, das ich davon anfange.“
„Du musst dich nicht entschuldigen, Jack. Du hast ja recht, mir war nur nicht bewusst, dass das schon in der Schule anfängt.“
„Ich denke schon viel früher. Leider…“
„Und dieser Gregory, der uns besuchen kommt, den deine Mutter eingeladen hat? Abigail hat mir erzählt, dass er bei seinen Großeltern lebt.“
Taylor schaute mich an.
„Nein Gregory lebt nun in London, hat ein kleines Zimmer, bei Sabrinas Eltern. Er geht zwar in meine Klasse, aber ich habe nicht so… Kontakt zu ihm.“
„Wieso? Das verstehe ich jetzt nicht.“
Bevor ich eine Antwort geben konnte und ich wusste auch gerade nicht, wie ich das erklären sollte, standen plötzlich Tante Abigail mit Mum im Zimmer.
„Mum…, Tante Abigail.“
„Oh, Vater, du bist auch hier?“, kam es überrascht von Tante Abigail.
„Ja, da drüben war es mir…, etwas zu laut.“
„Ach so…“
„Euch wohl auch, oder warum seid ihr hier?“
Sie und Mum schauten uns an, wir wiederum zu Grandpa. Es herrschte kurz eine Stille. Dann machte ich etwas, was später hoffentlich nicht bereute. Aber in diesem Augenblick empfand ich es als richtig.
Ich stand auf, ging zur Tür, schob die zwei Damen ins Zimmer und schloss die Tür.
„Was soll das?“
„Mum bitte…“
Ich zog den Stuhl vom Schreibtisch zu Grandpa.
„Tante Abigail setzt dich bitte und Taylor, machst du bitte Platz für meine Mutter.“
„Sicher doch“, meinte dieser und stand sofort auf.
„Jack, wenn es sich um die Sache von vorhin handelt, ich habe dir gesagt, vergiss das schnell wieder.“
„Du hast es wohl nicht vergessen, oder warum bist du sofort zu Abigail gelaufen und jetzt wieder hier?“
Mum sagte darauf nichts und setzte sich nun in den Sessel.
„Kinder, Kinder, ihr werdet doch jetzt nicht anfangen zu streiten, was ist denn los?“, fragte nun Grandpa.
Taylor hatte sich hinter Mums Sessel verzogen, während ich mich zu Mum auf die Lehne setzte.
„Wir haben gesagt, keine Geheimnisse mehr“, begann ich.
Ich schaute Tante Abigail und dann zu Mum.
„Was für Geheimnisse?“, fragte Grandpa.
Ich drehte mich wieder zu ihm.
„Grandpa, du sagtest vorhin, du verstehst nicht, warum ich zu Gregory bisher so wenig Kontakt hatte.“
Er nickte.
„Jack, bist du dir sicher, ob du das erzählen willst?“
„Sicher bin ich mir nicht, aber ich empfinde es als richtig. Und besteht nur ein Fünkchen Hoffnung, dass da etwas Wahres dran ist, muss ich was machen, ich kann nicht still da sitzen und gar nichts tun.
Grandpa sah mich immer noch fragend an.
„Wenn du meinst…, also ich weiß nicht recht.“
„Grandpa“, sprach ich einfach weiter, „Gregory war zu uns gekommen, um zu fragen, ob er bei uns mitfahren durfte. Mum und ich hatten dann die Vermutung, Sabrina hätte ihm etwas gesagt und deswegen kam er zu uns.“
„Das hat er nicht?“
„Nein! Wie ich dir schon sagte, lebt Gregory bei den O’ Sullivans. In einem kleinem Zimmer mit separaten Eingang, genau genommen. Sabrina hat uns erzählt, dass sie eigentlich ihn so gut wie nie zu Gesicht bekommt, außer eben in der Schule. Ich wusste zwar von einem Untermieter, aber nicht, dass es sich um Gregory handelt.“
„Bis dahin kann ich dir folgen, Junge. Aber wo liegt nun das Geheimnis, dass du mir sagen willst?“
„Gleich, lass mich bitte weiter erzählen.“
Grandpa nickte mir zu.
„Als etwas später Sabrina zu uns kam, habe ich sie natürlich mit Vorwürfen überschüttet, warum sie eine eigentlich für uns fremde Person sagt, sie könne bei uns Mitfahren.“
„Was sie nicht hat?“
„Nein, Gregory hat dies alles bei einer Unterhaltung zwischen Sabrina und ihren Eltern aufgeschnappt. Da kam ihm die Idee, bei uns mitfahren zu wollen, damit er zu Weihnachten seine Großeltern sieht.“
„Aber warum wohnt er bei den O‘ Sullivans und nicht bei seinen Eltern?“, fragte Grandpa.
„Grandpa, als Gregory geboren wurde, ließ seine Mutter ihn und seinen Vater kurz darauf sitzen.“
„Der arme Junge.“
„Dann hat ihn sein Vater alleine groß gezogen, ist aber später an Krebs erkrankt und gestorben.“
Grandpa schaute mich geschockt an.
„Da haben seine Großeltern, die hier in Newbury leben, die Erziehung übernommen und ihn später ermöglicht, in London zur Schule zu gehen. Da Gregorys Vater und die O‘ Sullivans befreundet waren, haben diese Gregory ermöglicht, bei ihnen in London zu wohnen.“
„Das ist wirklich ein armen Junge, was er alles durchmachen musste“, sagte Grandpa nachdenklich, schaute dann aber wieder zu mir.
„Aber warum ist das ein Geheimnis, das ist doch nicht schlimm?“
„Das ist es nicht, Grandpa. Natürlich haben Sabrina und ich ihn gefragt, ob er schon mal nach seiner Mutter geforscht hat.“
„Wann habt ihr das gemacht, davon habe ich gar nichts mitbekommen“, fragte Mum.
„Da warst du ihn der Tankstelle bezahlen.“
„Als du mit mir telefoniert hast?“, wollte nun Tante Abigail wissen.
Mum nickte.
„Ich wollte mich nur vorher absichern, ob ich jemand zum Tee einladen kann.“
„Wieso?“, fragte ich.
„Ich kann doch nicht einfach jemand Fremdes zu deinem Großvater einladen, ohne vorher zu fragen, zudem hat mich die Geschichte von Gregory mitgenommen und ich wollte ihn einfach etwas aufmuntern.“
Eine kurze Stille trat ein und ich suchte nach dem roten Faden, den ich jetzt verloren hatte.
„Ach so, er hat uns dann erzählt, dass seine Großeltern verboten haben, nach dieser Frau zu suchen, weil sie mit ihr nichts mehr zu tun haben wollen.“
„Verständlich“, sagte Großvater.
„Aber er hat in einer früheren Unterhaltung zwischen seinem Vater und seinen Großeltern mitbekommen, dass diese Frau wohl aus einer reichen Familie stammen musste, sonst wusste er nichts.“
„Ich gebe zu, das ist alles sehr geheimnisvoll, aber ich verstehe immer noch nicht, warum ihr mir das nicht gleich erzählt habt?“, sagte Grandpa.
Ich atmete tief durch und stand auf.
„Ich habe… vorhin Tante Sophia Geldbörse vor dem Haus gefunden und habe nachgeschaut, ob ich vom Besitzer in der Börse etwas finde. Da habe ich Tante Sophias Ausweis gefunden, wo draufstand, dass sie Sophia Hamilton Contess of Newbury heißt.“
„Hamilton?“, fragte Tante Abigail und wurde ganz weiß im Gesicht.
„Sophia ist verheiratet?“, fragte Grandpa Tante Abigail, die abwehrend ihre Hände hob.
„Davon weiß ich nichts, Vater!“
„… und Gregory…“, sprach ich einfach weiter, „heißt ebenso Hamilton mit Familienname…“
Grandpa schaute mich an, als hätte er von all dem, was ich gerade gesagt hatte, nichts verstanden.“
Stille kehrte ein und nur das Knistern des Feuers war zu hören. Grandpa senkte seinen Kopf.
„Ich weiß, das Sophia eine Lebefrau ist und kein Respekt vor Geld oder anderen hat. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie zu so etwas im Stande wäre.“
Plötzlich fing Tante Abigail sarkastisch an zu lachen. Verwundert schauten wir sie an. Sie stand auf und lief zum Fenster.
„Deine ach so liebe Tochter! Obwohl sie schon so viel Mist gebaut hat, stehst du immer noch zu ihr, nimmst sie in Schutz, obwohl sie dich schon so viel Geld gekostet hat!“
So hatte ich Tante Abigail noch nie reden hören. Sie drehte sich um und wandte sich direkt an Grandpa.
„Du hast dich immer gewundert, dass ich nie geheiratet habe.“
„Was hat das mit Sophia zu tun?“, fragte Grandpa verwundert.
„Viel…, sehr viel sogar! Ich habe damals jemanden kennen gelernt, einen sehr sympathischen Mann. Er kam aus guten, aber bescheidenen Elternhaus, hatte aber eine tolle Position in einer Firma inne. Und da ich zu Hause nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollte, wandte ich mich an meine ältere Schwester und fragte sie nach Rat, wie ich dir vielleicht deinen zukünftigen Schwiegersohn vorstellen könnte.“
Grandpa sagte nichts, starrte sie nur an.
„Aber der Schuss ging nach hinten los, denn deine ach so liebe Tochter spannte mir den Mann aus. Wie sie das geschafft hat, weiß ich bis heute nicht.“
„Deswegen hast du nie geheiratet?“, rutschte mir heraus.
„Jack!“, mahnte mich Mum.
„Ach lass ihn doch Charlotte, er hat Recht. Daraufhin waren alle Männer für mich Luft.“
„Alles… nur… wegen Sophia?“, stotterte Grandpa.
Seine Augen wurden traurig, sehr traurig.
„Ich traue das meiner Schwester sehr wohl zu und…“, auch Tante Abigail bekam glasige Augen, „ und… Logan, den einzigen Mann, in den ich mich je verliebt habe…, hieß auch Hamilton mit Nachname.“
„Oh Abigail“, meinte Mum und ging zu ihr hin.
Ich schaute zu Taylor, der bis jetzt den Mund gehalten hatte. Er beugte sich zu mir vor.
„Was haben wir da losgetreten?“, flüsterte mir Taylor zu.
„Davon wusste ich nichts Taylor.“
Mum hatte Tante Abigail in den Arm genommen, weil sie leise zu weinen begann.
„Habe ich in der Erziehung meiner Kinder so versagt? Warum ist alles schief gelaufen?“
Ich schaute zu Grandpa, der Richtung Feuer sah.
„Ich habe immer versucht, euch ein guter Vater zu sein, streng, aber gut. Ich dachte, nachdem eure Mutter davon gelaufen war, könnte ich das alles alleine schaffen…, da habe ich mich wohl geirrt.“
Er stand auf und verließ das Zimmer.
„Vater?“, rief Tante Abigail mit verweinter Stimme.
Kurz darauf, hörten wir die schwere Haustür ins Schloss fallen. Tante Abigail wollte ihm nachlaufen, aber Mum hielt sie zurück.
„Er ist nur leicht angezogen und wird sich da draußen den Tod holen.“
„Wo ist seine Jacke?“, fragte ich.
„Was hast du vor?“, fragte Taylor.
„Schatz, hol du unsere Jacken aus unserem Zimmer, ich hol die von Grandpa.“
„Okay“, meinte Taylor und verschwand ebenso aus dem Zimmer.
„Da kann man richtig neidisch werden“, sagte Tante Abigail.
„Du auch?“, kam es von Mum, beide lächelten.
„Hä…was?“
„So liebevoll du deinen Freund gerade Schatz genannt hast…“
Mit rotem Kopf und ohne etwas zu sagen, verließ ich die Bibliothek.
*-*-*
Es hatte aufgehört zu schneien, der Himmel aufgerissen und bitter kalt.
„Wo ist er nur hingelaufen?“, fragte Taylor und sah wie ich in alle Richtungen.
„Der Mond scheint und man kann sehen wo man hinläuft.“
„Toll, dann kann er überall hingelaufen sein. Du, da stehen noch die restliche Fackeln, nehmen wir die mit?“
„Gute Idee.“
Nach einer viertel Stunde, trafen wir uns wieder am Stall.
„Auch nichts?“
Taylor schüttelt den Kopf und ich überlegte, wo wir noch nach schauen konnten. Da fiel mir etwas ein.
„Komm, ich weiß wo er vielleicht sein könnte“, und lief los.
„Wo willst du hin?“
„Zum Bootshaus!“
„Wieso zum Bootshaus?“
„Weil da irgendwie alles seinen Anfang genommen hat.“
Es dauerte eine Weile, bis wir dort angekommen waren. Der Mond schien zwar, aber dennoch war schnell eine Wurzel oder Zweig übersehen.
„Du hattest Recht, da steht er“, flüsterte Taylor.
„Grandpa…?“, rief ich.
Er reagierte nicht und Taylor schob mich in seine Richtung.
„Grandpa?“, sagte ich nun etwas leiser, als ich nun direkt hinter ihm stand.
Ich umrundete ihn und sah im Schein des Mondes, dass ihm Tränen über die Wangen verliefen.
„Ich habe alles falsch gemacht, oder?“
„Quatsch!“, sagte ich und zog ihm etwas umständlich die dicke Jacke an.
Ich holte den dicken Schal aus meiner Jackentasche und band ihm ihn um den Hals.
„Was hättest du anders machen können?“
Er seufzte und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Ich habe deine Großmutter enttäuscht und sie in die Arme dieser Frau getrieben…, hätte ich deinem Vater mehr vertraut, würde er wahrscheinlich noch leben und die Geschichte wiederholt sich anscheinend immer wieder, sonst hätte Sophia nicht ihren Jungen im Stich gelassen, so wie es meine Frau mit ihren Kindern gemacht hat.“
Langsam wurde ich ärgerlich, warum suchte er nun die Schuld bei sich?
„Das ist doch Bullshit, Grandpa!“
„Jack!“, hörte ich Taylors mahnende Stimme.
Ich war etwas lauter geworden, aber brachte fertig, dass Grandpa mir jetzt in die Augen sah.
„Deine Frau hat sich für jemand anders entschieden, hätte aber auch weiter hin zu dir halten können, dass war alleine ihre Entscheidung, so wie es auch Tante Sophias eigene Entscheidung war, Gregory im Stich zu lassen, um ihr ach so tolles Leben weiter zu führen.“
Grandpa entgegnete nichts.
„Papa ist nicht durch deine Schuld gestorben, daran war dieser Idiot Schuld, der ihm in die Karre gefahren ist und er wäre nie in Misskredit gekommen, wenn Onkel Henrys Frau nicht die Dokumente fälschen hätte lassen!“
Ich hatte mich in Rage geredet. Taylor trat neben mich und zupfte an meinem Jackenärmel.
„Was? Habe ich nicht Recht?“
„Ähm… du brauchst nicht so zu schreien…“
Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Taylor hatte Recht, aber ich war wütend. Wo hatte das liebe viele Geld die Familie hingebracht?
„Entschuldige…“
„Du brauchst dich bei mir nicht entschuldigen…, aber vielleicht bei deinem Grandpa…?“
„Lass gut sein Taylor…, Jack hat Recht. Das liebe Geld macht nicht glücklich, es verdirbt die Menschen nur. Mich auch.“
Resigniert schaute er zu Boden.
„Das stimmt nicht… Grandpa“, sagte Taylor plötzlich, „… sie ermöglichen mir mit ihrem Geld, dass ich studieren darf… sie … du …ach Mensch! Du hast Jacks Mum geholfen, einen neues Geschäft zu finden, du finanzierst auch Jacks Studium! Was ist daran schlecht? Schlecht ist immer nur, wenn man sich für den falschen Weg entscheidet, nicht das Geld!“
„Taylor…!“, sagte ich verwundert und lächelte ihn an.
„Es tut mir weh, wenn ich deinen Grandpa sehe, wie er unter diesen Sachen leidet. Es ist nicht Recht! Ich war froh, als er mir damals die Möglichkeit gab, hier meine Lehre zum Pferdewirt zu beginnen. Nie habe ich mir Gedanken darum gemacht, wie viel Geld er wohl hat. Ich bin glücklich mit meiner Schwester und meinem Leben!“
Nun liefen auch bei Taylor die ersten Tränen.
„Ach Taylor“, meinte Grandpa und griff nach Taylors Hand.
Ich griff mir die andere.
„Joseph…?“
Ich zuckte zusammen, als ich Mums Stimme plötzlich hörte. Eine Taschenlampe flammte in unsere Nähe plötzlich auf und ich konnte Mum und Tante Abigails Umrisse erkennen.
„Mum, woher wisst ihr, wo wir sind?“
„Sagen wir mal, eine laute Stimme hat uns zu euch geführt.“
Taylor nahm die Fackeln, die er sich unter dem Arm geklemmt hatte und zündete sie an. Danach steckte er sie in den Boden, während die zwei Frauen an uns heran getreten waren.
„Joseph, ich habe nie dich persönlich für alles verantwortlich gemacht“, sprach Mum weiter, „Es war die Familie, die Traditionen, naja, vielleicht auch das Geld. Dich trifft keine Schuld, du hast das gemacht, was du für richtig hieltst.“
„… und es war leider das Falsche.“
„Vater, wie kann man wissen, ob es richtig ist, oder falsch?“, fragte Tante Abigail.
„Ich habe von meinem Enkel gelernt, das man öfter seinem Herz vertrauen soll, als auf seinen Verstand… stimmt doch, oder?“
Ich nickte lächelnd.
„Und man kann daran nichts ändern, es ist alles passiert!“
Grandpa nickte nun auch.
„Was ist jetzt aber mit Gregory?“, fragte Taylor.
*-*-*
Tante Abigail verteilte den Tee.
„Danke Abigail“, meinte Grandpa, ich glaube, wir sollten mehr Sessel anschaffen, zwei sind eindeutig zu wenig.“
„Ach was, die Stühle tun es auch“, meinte sie.
„Aber noch einmal darauf zurück zu kommen, was Taylor gefragt hat, was machen wir jetzt wegen Gregory?“
Alle schauten bedrückte ins Feuer.
„Ist… ist das jetzt auch ein Enkel?“, fragte Taylor.
„Stimmt Taylor. Die Zahl meiner Enkel wächst stetig, wer hätte das gedacht.“
Er hatte das mit einem Lächeln gesagt.
„Wollt ihr Tante Sophia darauf ansprechen?“, fragte ich.
„Was soll das bringen? Meinst du sie ändert plötzlich ihre Meinung und kümmert sich um ihren Sohn?“, kam es verbittert von Tante Abigail.
Ich zuckte mit den Schultern und schaute zu Mum, die immer noch nachdenklich ins Feuer schaute.
„Ich denke nicht, dass Sophia die Geburtsurkunde hat fälschen lassen, damit ihr Name nicht darauf erscheint. Joseph, gehe ich recht in der Annahme, dass du auch Gregory helfen wirst?“
„Hör auf in meinen Gedanken zu stöbern!“
Mum lächelte.
„Ich dachte nur, in dem neuen Haus, in das Jack und ich ziehen werden, da ist doch so eine kleine Dachwohnung.“
„Du willst Gregory allein in die Dachwohnung ziehen lassen?“, fragte ich erstaunt.
Sie drehte sich zu mir.
„Jack, er wäre nicht alleine, du und ich sind ja auch noch da, er kann jederzeit zu uns kommen, er ist ja schließlich dein Cousin und mein Neffe und kann sich zurück ziehen, wenn er den Wunsch, hat alleine zu sein.“
„Du willst dich um ihn kümmern?“, fragte Tante Abigail.
„Warum nicht? Ich weiß auch nicht, warum mich seine Geschichte so sehr rührt, aber hat er nicht auch Recht auf etwas Glück und vor allem auf Familie?“
Mum hatte dabei ihre Stirn in Falten gelegt und Tante Abigail sagte nichts darauf.
„Also wollt ihr Tante Sophia nichts sagen?“, fragte ich nun.
„Ich…“, begann Grandpa zu sprechen, „werde ihr irgendwann ins Gewissen reden, aber nicht jetzt! Ich finde, wir kümmern uns jetzt erst mal selbst um Gregory. Wie Taylor treffend bemerkte, er ist mein Enkel. Zudem wird es eh heraus kommen, spätestens, wenn Gregory hier öfter verkehrt.““
„Er muss nur noch wollen!“, sagte Taylor.
*-*-*
Die Nacht mit Taylor zu verbringen war herrlich. Es war nichts geschehen, wir lagen nur eng umschlungen im Bett und kuschelten. Seine nackte Haut an meiner zu fühlen, war einfach nur toll.
Genauso am nächsten Morgen. Die Augen zu öffnen und ins Gesicht des Menschen zu schauen, in den man sich verliebt hat. Ich lächelte und strich ihm eine Strähne aus seinem verschlafenen Gesicht.
Er streckte sich und gähnte.
„Chloe, ich will noch nicht aufstehen!“, murmelte er.
Wer war Chloe?
„Taylor…?“, flüsterte ich leise und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Er zuckte zusammen, wich etwas zurück und schaute mich mit großen Augen an.
„Oh, entschuldige, ich dachte, ich wär zu Hause.“
„Chloe ist deine Schwester?“
„Ja.“
„Und ich dachte schon einer deiner vielen Liebschaften“, sagte ich und kicherte.
Er setzte sich empört auf.
„Hör mal, ich hatte nie irgendwelche Liebschaften, schon gar nicht mit irgendeinem Weibstück!“
Ich zog meine Decke über den Kopf und fing laut an zu lachen. Das bereute ich aber sofort, denn ich spürte einen Finger an meiner Seite. Natürlich entfuhr mir ein Schrei und schneller als mir lieb war, saß Taylor über mir.
Das Rätsel, wer wohl der stärkere von uns beide war, wurde gelöst. Eisern hielt er meine Handgelenke fest.
„Jack Joseph Lewis Baron of Newbury, untersteh dich, mich je wieder zu ärgern“, sagte Taylor, beugte sich nach vorne und biss mir leicht in die Nase.
„Aua…!“
„Komm du Mimöschen, das hat doch gar nicht weh getan?“
Meine Badtür wurde aufgerissen und Jayden stand plötzlich in unserem Zimmer.
„Jack, alles in Ordn…?“
Er brach seine Frage ab, als er Taylor auf mir sitzen sah.
„Oh sorry, ich wusste nicht das Taylor bei dir ist…, dachte dir wäre etwas geschehen.“
Taylor war mittlerweile von mir herunter gestiegen und hat sich wieder auf seinen Platz gesetzt.
„Sag mal, sitz du hinter der Tür und lauschst?“, fragte ich ihn leicht genervt.
Taylor fing an zu kichern.
„Dein Schrei war laut genug, da braucht man nicht zu lauschen“, kam es von der Badtür.
Dort stand Sabrina. Sie hatte wir Jayden ein Shirt und eine Shorts an. Ich musste grinsen, denn so hatte ich sie noch nie gesehen.
„Oh, guten Morgen Sabrina, du hast bei Jayden geschlafen?“
„Ja, so wie du zusammen mit Taylor die Nacht verbracht hast. Gleiches Recht für alle. Und ich muss sagen, jetzt verstehe ich, warum du dich für Taylor entschieden hast. Er sieht richtig lecker aus!“
Erschrocken versuchte Taylor seinen nackten Oberkörper mit der Decke zu verstecken.
„Das ist jetzt auch nicht mehr nötig“, kicherte ich, wir saßen beide nur in Shorts da.
Es klopfte an der Tür. Was war hier denn los, hier war mehr los als auf einem Bahnhof. Genervt rollte ich mit den Augen.
„Ja?“, rief ich.
„Jack? Ist alles in Ordnung mit dir?“
Die Stimme von Mum. Die Türklinke wurde herunter gedrückt. Während ich leichtsinnigerweise vergessen hatte, die Badtür abzuschließen, die Zimmertür war zu. Hilflos rüttelte Mum an meiner Klinke.
Ich stand auf und zog die Decke mit mir, was zur Folge hatte, dass Taylor nun wieder nur in Shorts da sah. Er griff nach meinem Kopfkissen und verdeckte erneut seinen nackten Oberkörper.
Meiner einer verhüllte seine Körper mit der Decke und schloss die Zimmertür auf.
„Guten Morgen Mum, wie du siehst geht es mir gut.“
Sie war im Gegensatz zu uns schon angezogen. Sie schaute in den Raum.
„Was ist das hier…, eine Pyjamaparty?“
Sabrina und Taylor fingen an zu kichern.
„Wie du siehst“, ich öffnete kurz meine Decke, „hat keiner von uns einen Pyjama an…, also keine Pyjamaparty.“
„Eine Orgie… oh Gott!“
„Muuuuuuuuumm!“
Nun fingen alle an zu lachen, außer mir natürlich.
„Zieht euch an und kommt zum Frühstück herunter, wir haben ja noch etwas vor“, meinte Mum nur und ging wieder, Richtung ihrem Zimmer.
Ich dachte beim Tür schließen, noch so etwas wie Sündenpfuhl zu hören.
„Deine Mama ist einfach cool“, meinte Sabrina.
„Weiß ich“, sagte ich und ließ mich so wie ich war wieder aufs Bett nieder.
„Ähm… wer benutzt zuerst das Bad?“, fragte ich und versuchte dabei ernst zu wirken.
„Ich lass euch den Vortritt, Sabrina wollte eh gerade zurück in ihr Zimmer“, sagte Jayden und schob bereits Sabrina zurück ins Bad.
„Okay, man lasse uns dann nun alleine!“
„Der spinnt doch!“, hörte ich Jayden sagen, als er die Tür hinter sich zuzog.
Taylor grinste nur und zog mich wieder zu sich.
*-*-*
Später trafen wir die beiden zusammen mit Molly auf der Treppe wieder.
„Boah, das ist ja nicht auszuhalten, ihr seid auch so gut gelaunt…Morgen…!“, kam es von Molly.
Da hatte sie wohl Jayden und Sabrina mit gemeint.
„Guten Morgen Molly und danke der Nachfrage, wir haben auch sehr gut geschlafen“, sagte ich und machte einen kleinen Diener.
Die anderen kicherten und folgten wie ich Molly die Treppe hinunter.
„Guten Morgen Kinder!“
Das war die Stimme von Onkel Henry. Wir drehten uns alle um.
„Guten Morgen“, schallte es einstimmig zurück.
Onkel Henry lächelte und als er uns erreichte, liefen wir weiter. Ganz ungewohnt für mich, er trug einen einfachen Jogginganzug. Das hatte ich bis jetzt noch nicht an ihm gesehen. Molly war die erste, die am Esszimmer angekommen war und drückte die Tür auf.
Wir strömten hinein und setzten uns an den Tisch. Grandpa, Tante Abigail und Mum waren schon da, von Tante Sophia keine Spur.
„Guten Morgen Kinder…Henry“, sagte Grandpa lächelnd.
„Morgen Vater!“, kam es von Onkel Henry, der sich nicht setzte, seine Teller schnappte um zum kleinen Buffet damit zu gehen.
„Ich sehe, ihr habt gut geschlafen?“, fragte Grandpa.
Ein allgemeines Nicken ging durch die Runde.
„Soll ich dir etwas mitbringen?“, fragte Taylor leise neben mir.
„Gerne! Danke! Etwas Ei und Toast.“
„Kommt sofort“, meinte Taylor, schnappte sich meinen Teller und stand wieder auf.
Dabei sah ich, wie Sabrina Jayden durchdringend anstarrte.
„Oh man Taylor…“, sagte er nur und griff nach Sabrinas Teller.
Mum und Abigail finden herzhaft an zu lachen, während mein Schatz beim Essen stand und nicht verstand.
„Du hast auch gut geschlafen?“, fragte ich nun Grandpa, neben dem ich wie immer saß.
„Etwas wenig, aber ja.“
Ich schaute ihn an.
„Es sind mir noch ein paar Dinge durch den Kopf gegangen.“
Ich hob den Kopf etwas schräg, aber nickte dann nur.
„Was steht heute noch an“, unterbrach uns Onkel Henry, „gibt es in der alten Kapelle noch diesen Abendgottesdienst?“
„Kapelle?“, fragte ich.
„Ja, Taylors Schwester wohnt doch in dem kleinen Dorf in der Nähe, Enborne, dort gibt es auch eine Kapelle, aber ob es den Gottesdienst noch gibt, weiß ich nicht“, erklärte mir tante Abigail.
„Den gibt es noch!“, meinte Taylor, der sich gerade wieder neben mich setzte und mir den Teller vor mich stellte.
„Lust, mit in den Gottesdienst zu gehen?“, fragte Onkel Henry.
Mum schaute zu mir und ich nickte. Wir waren nur einmal zu Weihnachten in der Westminster Kathedrale gewesen, die war aber so voll, das wir es in den Folgejahren unterließen und Weihnachten für uns zu Hause alleine feierten. Nach dem Frühstück, traf ich mit Mum draußen im Wagen, während Taylor im Stall verschwunden war.
„Hat Taylor etwas gesagt, was wir besorgen könnten?“
„Nein“, antworte ich, „er war leider keine große Hilfe.“
„Was besorgen wir dann? Weil auf geradewohl will ich jetzt nicht nach Newbury fahren, da ist bestimmt die Hölle los.“
Ich überlegte kurz und sah Tante Abigails Dekoration um die Eingangstür.
„Kennst du einen Blumenladen in Newbury?“, fragte ich.
„Ja, aber warum willst du das wissen?“
„Wie wäre es mit einem Weihnachtsgesteck, mit einer Kerze drauf.“
„Hm, meinst du?“
„Ja, es ist etwas Einfaches, oder willst du ihnen etwas Teures schenken? Ich dachte, wir wollten ihnen zeigen, das wir ganz normal sind.“
„Gut du hast Recht, also hinein ins Auto“, sagte Mum und stieg ein.
*-*-*
Da ich bis jetzt erst zweimal durch Newbury gefahren war, gab es natürlich viel zu sehen. Mum schien sich tatsächlich auszukennen. Auf alle Fälle wirkte es so auf mich. Sie hatte sich einen Parkplatz, Nähe einer großen Kirche ausgesucht.
Dann spürte ich wieder, wie kalt es doch war, denn wir mussten ein gutes Stück laufen. Mum und ich liefen die ganze Zeit stumm nebeneinander her. Sie schien über irgendetwas nach zudenken. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte ich, aber sie reagierte nicht.
„Mum?“, sagte ich etwas lauter.
Sie zuckte etwas zusammen und schaute zu mir.
„Hast du etwas gesagt?“
„Ja, ob mit dir alles in Ordnung ist?“
„Ja, alles in Ordnung, ich habe nur etwas nachgedacht.“
„Etwas ist gut.“
Sie schaute mir in die Augen und verdrehte ihre leicht.
„Jack, in den letzten zwei Wochen ist so viel passiert, ich habe noch gar nicht richtig Zeit gehabt, über alles in Ruhe nachzudenken.“
„Muss man darüber nachdenken?“
„Ich denke schon. In dieser Familie ist so viel passiert, Menschen mussten leiden deswegen, so einfach steck ich das nicht weg.“
„Da geht es mir nicht anders.“
„Dann wirst du verstehen, wenn ich etwas im Gedanken bin.“
„Und über was hast du gerade nachgedacht.“
„Über Sophia.“
„Den härtesten aller Brocken…“
„Wie meinst du das?“
„Es ist schlimm seinen Vater zu verlieren, so wie bei mir, durch einen Autounfall, oder eben bei Gregory, der seinen Vater durch Krebs verlor. Damit kann man lernen umzugehen…, aber dass einen die eigene Mutter im Stich lässt, ist etwas, was ich gar nicht verstehe!“
„Darüber habe ich nach gedacht. Als du mich damals fragtest, wer Sophia sei und ich meinte, sie ginge über Leichen, um das zu bekommen, was sie will, habe ich das eigentlich mehr zum Spaß gesagt.“
„Aber gemerkt, dass sie wirklich so eine Person ist, es zählt nur das, was ihr wichtig ist.“
Mum nickte.
„… und Gregory war ihr nicht wichtig und dass ist so sche… sorry!“
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen…“
„Je mehr ich nun über diese Familie weiß…, ich verstehe dich nun, warum du nicht wolltest, dass ich Papas Familie kennen lerne.“
„Es war trotzdem ein Fehler es dir zu verschweigen.“
„Du wolltest mich nur beschützen, oder?“
Ich lächelte sie an.
„Kann man jemand vor so etwas beschützen?“
Sie war stehen geblieben.
„Mum, ich kann es nur immer wieder betonen, wie schön es war, als wir beide nur uns hatten, okay?“
„Du wünscht dir diese Zeit zurück?“
„Das habe ich nicht gesagt und es gibt jemand, der hat zu mir gesagt, ich soll nicht in der Vergangenheit leben, das tut am Ende nur weh… Gehen wir weiter?“
Nun lächelte auch sie wieder.
„Nein.“
„Ähm wieso? Wir wollten doch zu diesem Blumengeschäft.“
„Tun wir doch, wir stehen bereits davor!“, grinste sie mich an.
*-*-*
„Ist alles in Ordnung mit dir?“
Ich saß mit Taylor hinten im Wagen, während Mum zu Taylor nach Hause fuhr. Ich schaute ihn an.
„Deine Hand ist ganz kalt!“
„Geht schon“, antwortete ich.
„Ich denke, mein Sohn ist etwas nervös“, kam es von vorne.
„Mum!“
„Warum bist du nervös?“
Ich druckste etwas herum.
„Ich…ich…, fing ich an zu stottern, „was ist, wenn deine Schwester mich nicht mag?“
Nun fing Mum an zu lachen.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Schwester etwas gegen dich haben könnte, dazu kenne ich sie zu gut.“
Zweifelnd schaute ich ihn an.
„Aber das werden wir ja gleich selbst herausfinden, da vorne das zweite Haus…, da bin ich zu Hause.“
Mit großen Augen schaute ich nach vorne. Mum setzte den Blinker und der Wagen wurde langsamer. Ich fühlte mich, als hätte ich etwas Schlimmes angestellt und würde gleich dafür bestraft werden.
Nervös lief ich leicht versetzt hinter Taylor her, der seine Schlüssel herauszog. Mum hatte sich bei mir eingehängt und schaute über das Anwesen, das sich hinter dem Haus erstreckte.
„Schön ist es hier, so ruhig, weit weg vom Stadtlärm.“
„Das Haus gehört der Familie meines Schwagers“, meinte Taylor und schloss die Tür auf.
„Chloe, wir sind da!“, rief er in den Flur.
Oh man, mir war im Augenblick gar nicht wohl. Am liebsten hätte ich mich wieder ins Auto gesetzt. Mum sah mich aufmunternd an.
„Auf in den Kampf!“, flüsterte sie mir zu und schob mich ins Haus.
*-*-*
„Contess, wenn sie ihr Geschäft eröffnet haben, müssen sie mir unbedingt Bescheid geben“, meinte Chloe zu Mum.
„Du und dein Schuhtick“, kam es von Julien, Taylors Schwager.
Alle lachten, außer mir.
„Chloe, ich darf sie doch mit ihrem Vorname ansprechen?“
„Ja, natürlich.“
„Also ich denke, wo jetzt ihr Bruder und mein Sohn zusammen sind, könnten wir doch dass sie weglassen. Wie mein Sohn bin ich nicht besonders erpicht darauf, mit Titel angeredet zu werden. Ich bin Charlotte Newbury und wie mein Sohn immer sagt, nicht mehr oder weniger.“
Nun musste ich doch grinsen.
„Das macht ihnen… oh verzeih, das macht dir nichts aus?“
„Nein, überhaupt nicht. Jack ist in seiner Schule auch nur als Jack Newbury angemeldet, obwohl er sicher Vorteile hätte, wenn ich ihn mit dem ganzen Namen eintragen lassen hätte.“
„Wirklich? Wie ist denn der ganze Titel?“
„Jack Joseph Lewis Baron of Newbury!“, verkündete Taylor stolz und griff nach meiner Hand.
Verschüchtert versuchte ich zu lächeln.
„Joseph ist der Vorname des Dukes of Newbury und mein Vater hieß Lewis.“
„Leben deine Eltern noch?“, fragte Chloe neugierig.
„Sie leben zwar noch, aber wohnen in Schottland. Leider sehen wir uns nur sehr selten.“
„Das ist aber schade. Taylor hat nie seine Großeltern kennen gelernt, beide Seiten haben sich nach dem Verschwinden unserer Eltern, von uns abgewandt.“
„So hat jede Familie ihr Päckchen zu tragen… dein Bruder erzählte mir, dass ihr Zimmer vermietet, mit Möglichkeit zum Reiten?“
„Ja! Wir haben jetzt über die Weihnachtsfeiertage geschlossen, aber nach Weihnachten sind wir bis unters Dach ausgebucht“, verkündete nun Julien stolz.
Chloe sah mich durchdringend an.
„Taylor, du hast mir nicht erzählt, dass du dir einen solchen ruhigen Freund herausgesucht hast?“, sagte sie plötzlich, ohne ihren Blick von mir zu wenden.
Ich spürte, wie sämtliches Blut meines Körpers ins Gesicht schoss.
„Das ist er normalerweise nicht“, sagte Taylor, „er ist heute nur extrem schüchtern, ich verstehe es ehrlich auch nicht.“
Eigentlich hatte ich keinen Grund, mich nicht bei dieser Unterhaltung nicht zu beteiligen. Chloe und Julien hatten mich und Mum herzlich empfangen und in keinster Weise etwas gezeigt, dass mich darauf schließen lassen könnte, dass sie etwas gegen mich haben könnten.
„Jack hat Angst, ihre beide könntet etwas gegen ihn haben!“, sagte nun Mum und ich wäre am liebsten im nächsten Mauseloch verschwunden.
Julien und Chloe fingen beide an zu lachen. Sie stand auf, kam zu mir und ging auf die Knie. Chloe griff nach meiner Hand.
„Jack, wenn es eins gibt, was mich und Taylor am meisten verbindet, das ist es unser Vertrauen ineinander. Ich hatte bisher immer vollstes Vertrauen in meinen kleinen Bruder, dass er das Richtige tut!“
„Aber…, aber Taylor sagte, du warst nicht so begeistert, dass er bei mir übernachten will.“
Chloe fing an zu lachen, ließ aber meine Hand nicht los. Das Lachen war anstecken, so entspannte ich mich ein wenig und lächelte ebenso etwas.
„Aber doch nur, weil ich so neugierig war, wenn sich Taylor ausgesucht hat und ich muss sagen, ich bin angenehm überrascht!“
Angenehm überrascht?
„Ähm, wieso.“
Chloe stand wieder auf setzte sich neben Julien zurück.
„Taylor mag zwar ein Meister sein, wenn es um Pferde geht, aber in technischen Sachen…, wie soll ich sagen…“
„… hat er zwei linke Hände“, beendete Julien den Satz und grinste frech.
„Das stimmt doch gar nicht!“, protestierte Taylor.
„Ha, soll ich Charlotte von der Lampe im Flur erzählen?“
Mum und ich schauten nun zu Taylor, der plötzlich ganz klein wurde.
„Was war mit der Lampe?“, fragte nun ich.
Julien lacht erst mal laut, bis er Chloe ihm in die Seite knuffte.
„Er… er sollte eine Glühbirne auswechseln…“
„Ja und? Das ist doch nicht schwierig“, sagte Mum.
„Na ja, dachte ich auch, aber Taylor hat solange an der Glühbirne gedreht, bis er das Glas in der Hand hatte und es platze. Vor schreckt hat er dann die ganze Lampe von der Decke gerissen!“
Geschockt schaute ich zu Taylor.
„Julien, du bist gemein! Wie lange willst du mir das noch vorhalten?“
Mum hielt ihre Hand vor den Mund, aber ich sah deutlich ihre Lachfältchen.
„Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“, fragte ich.
„Tja, wenn es darum geht, Bilder mit dem Handy zu machen, bekommt das Taylor auch nicht hin“, erklärte Chloe, „und ich habe bis zum heutigen Tag noch kein klares Bild von dir gesehen.“
„Ach so…, dann… dann hast du nicht gegen mich?“
„Aber wieso sollte ich denn gegen dich etwas haben, ich lerne dich doch erst kennen.“
Ich atmete tief durch und schaute zu Taylor, der nun schmollend neben mir saß.
„Schatz, wenn du jemals ein technisches Problem haben solltest, dann komm bitte zu mir, ich helfen dir gerne“, meinte ich und griff nach seiner Hand.
„Er sagt Schatz, wie süüüß!“, kam es im hellen Ton von Chloe, dass ich befürchten musste, dass mein Trommelfell in Mitleidenschaft gezogen wird.
*-*-*
Mum grinste immer noch. Mittlerweile setzte schon die Dämmerung ein, als wir zurück fuhren. Morgen würde ich Taylor wieder sehen. Pferde kennen keine Sonntage und Feiertage. Aber da er seinen Job liebte, machte er es gerne.
„Also ich finde die beiden sehr nett und du merkst, mit welcher Leidenschaft sie das Haus führen.“
„Da gebe ich dir Recht!“
„Und sind alle Zweifel vom Tisch, was die beiden betrifft?“
„Sorry, ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ich war noch nie in so einer Situation.“
„Und wirst auch nicht so schnell wieder in so eine kommen.“
„Hä…?“
Mum sah kurz zu mir herüber und fing an zu lachen.
„Sag mal, wie viel Freunde willst du dir suchen?“
Ich verdrehte die Augen, als ich verstand was ich meinte. Das Tor zum Grundstück kam in Sicht und Mum lenkte ruhig den Wagen in die Einfahrt.
„Keinen! Diese eine reicht mir völlig. Aber etwas anderes, ich habe Gregory noch keine SMS geschickt, wann wir ihn zum Tee einladen.“
Mum stoppte den Wagen.
„Ich überlege auch schon die ganze Zeit, wie wir das bewerkstelligen sollen. Einfach hingehen, sagen, hallo wir sind deine Tante und Cousin, herzlich willkommen in der Familie…“
Weiter sprach sie nicht, sondern setzte den Wagen wieder in Bewegung. Ich musste grinsen, aber fand plötzlich diese hirngespinstige Idee nicht mal so schlecht. Der Wagen rollte aus und blieb neben Onkel Henrys Bentley stehen.
„Du ich finde die Idee nicht mal so schlecht!“
Mums Wagen machte einen kleinen Hüpfer und der Motor war aus.
„Bitte?“
War Mum vor Schreck von der Kupplung gerutscht?
„Hinzugehen und zu sagen wer wir sind.“
Mum sah mich entsetzt an.
„Da fliegen wir im hohen Bogen heraus, wenn du deine Verwandtschaft mit deiner Tante Sophia preisgibst.“
„Bist du sicher?“
„Nein, bin ich nicht, aber ich möchte es auch nicht darauf ankommen lassen!“
„Hast du einen besseren Vorschlag?“
„Nein, aber…“
„Was aber?“
„Jack, ich weiß es nicht! Es mag zwar stimmen, dass man mit der Wahrheit am weitesten kommt, aber in diesem Fall…“
Sie schüttelte den Kopf. Es klopfte an meiner Scheibe und ich fuhr zusammen. Sabrina stand vor dem Wagen.
„Wollt ihr da Heilig Abend drin verbringen?“, rief sie.
*-*-*
Ich kam mir vor, wie in einem Luxushotel. Der Tisch war hochherrschaftlich gedeckt, plötzlich lag da goldenes Besteck und große Kerzenleuchter standen auf dem Tisch. Mum hatte mich gezwungen eine Krawatte und Jacket zu tragen.
Im Nachhinein war ich ganz froh, denn jeder am Tisch war besser angezogen. Natürlich fiel Tante Sophia wieder aus dem Rahmen und ich überlegte, ob man das Licht nicht drosseln konnte, denn ihr Paillettenkleid funkelte extrem.
Auch das Essen war eine Premiere für mich, denn solche Dinge hatte ich noch nie gegessen. Als kalte Vorspeise wurde eine Lammpastete mit Minzsauce gereicht. Es war etwas gewöhnungsbedürftig, aber schmeckte zum Schluss es richtig gut.
Nach der Gemüsesuppe mit Käse stellte sich bereits das erste Völlegefühl ein. Als der Salat gereicht wurde, war ich froh, dass es doch recht wenig war, aber auch diese Kombination von Salat, Birne und Avocado mit gebratenem Speck war mir neu.
„Du bist so still?“, sagte Grandpa zu mir, während die anderen sich alle unterhielten.
„Ich bin fasziniert, von diesem Essen.“
„Es schmeckt dir?“
„Wären sonst die Teller leer?“
Grandpa nickte mir lächelnd zu.
Als das Salatgeschirr abgeräumt worden war, stand vor mir nur noch ein großer Teller. Die Tür zur Küche ging erneut auf und Harry kam mit zwei Platten zurück, dicht gefolgt von Ruby, die ebenso zwei Platten trug.
Als diese auf den Tisch aufgetragen waren, wurden meine Augen groß und wusste nicht, was ich essen sollte. Tante Abigail erklärte, was da alles auf den Tisch abgestellt wurde und Harry zusammen mit Ruby kamen mit weiteren Sachen.
Einen reichverzierten Braten, ein saftiger Schinken, oder sollte ich von den Rebhuhn probieren. Ich entschloss mich, von jeden etwas zu probieren, aber mein Plan wurde von Tante Abigail durchkreuzt. Sie legte mir große Fleischstücke auf den Teller.
Mum grinste mich an und ich spürte zum ersten Mal, dass meine Hose eng wurde. Mir blieb nur eins übrig, ich reduzierte Kartoffeln und das Gemüse, das ich mir selbst schöpfen konnte.
Nach fast einer Stunde war auch dieser Spuk vorbei und der Tisch abgeräumt.
„Also wenn ihr nichts dagegen habt, vertrete ich mir etwas die Beine“, und erhob mich.
„Ich schließe mich an“, meinte Mum lächelnd und stand ebenso auf.
Die Idee fand bei allen Anklang und so verließen bis auf Grandpa und Tante Sophia, die Esszimmer.
„Na, wie hat es dir bisher das Essen geschmeckt?“, fragte Mum, die sich bei mir eingehängt hatte und wir gemeinsam vor das Haus getreten waren.
Es hatte wieder begonnen zu schneien.
„Gut…, aber es ist so viel!“
Mum musste lachen.
„Wird dir nicht kalt?“, fragte ich.
Sie hatte ein langes Schulterfreies Kleid an.
„Jetzt wo du es sagst.“
Ganz Gentleman zog ich mein Jacket aus und legte es ihr um.
„Danke Jack, lieb von dir, aber in dem dünnen Hemd wird dir sicher auch schnell kalt.“
„Wir bleiben ja nicht ewig hier draußen. Für das bisschen ertrage ich es gerne.
Mum schmiegte sich an meine Schulter und schaute traurig.
„Alles in Ordnung?“
„Ach, ich dachte gerade an deinem Vater, er war immer so zuvorkommend, wie du jetzt und ihm hätte das heute Abend sicher auch gefallen.“
Ich wusste nichts darauf zu sagen und schwieg einfach. Eine gefühlte und schweigende Ewigkeit später, betraten wir wieder das Haus. Alle standen vor dem Weihnachtsbaum und unterhielten sich über die Geschenke, die den Boden vor dem Baum zierten.
Ich bekam meine Jacke zurück, beschloss sie aber nicht wieder anzuziehen. Hier drinnen war alles gut gewärmt.
„Feiert ihr Weihnachten immer so?“, hörte ich Sabrina fragen.
„Nein“, antwortete Jayden, „also ich meine…, die letzten Jahre haben wir zu Hause gefeiert. Als ich klein war, wurde hier gefeiert, aber daran kann ich mich nicht mehr richtig erinnern.“
„Ich bin auf alle Fälle pappsatt!“
„Es gibt noch Nachtisch!“, sagte ich grinsend und Sabrina sah mich gequält an.
*-*-*
Ich stand hinter dem Sessel, in dem Grandpa saß. Er blätterte in dem Album, das er von mir geschenkt bekommen hatte. Ich hatte im Vorfeld so viele Bilder von mir gesammelt und abfotografiert, wie möglich.
So konnte er sich nun in Ruhe, die Bilder von den letzten achtzehn Jahren betrachten.
„Danke Jack, das bedeutet mir sehr viel.“
„Es freut mich, dass es dir gefällt.“
„Willst du dich nicht setzten.“
„Grandpa, nach diesem tollen Essen bin ich ganz froh etwas stehen zu können. Außerdem dachte ich eigentlich Onkel Henry wollte noch kommen.“
Kaum hatte ich meine Erklärung beendet, kam die betreffende Person auch schon in die Bibliothek gelaufen. In Händen trug er drei große Tassen.
„Vater!“, meinte er und reichte ihm eine.
Grandpa legte das Album zur Seite und nahm die Tasse dankend entgegen. Auch ich bekam eine Tasse in die Hand gedrückt.
„Was ist das?“
„Ein Hot Toddy, nach einem Spezialrezept von Caitlin! Darauf freue ich mich schon den ganzen Abend“, erklärte Onkel Henry und setzte sich in den anderen Sessel.
„Und was ist da drin?“, fragte ich, während ich an meiner Tasse roch.
Es roch stark nach Alkohol, aber trotzdem angenehm.
„Das mein Junge, ist ein Englischer Grog aus Whisky und Brandy, sowie schwarzem Tee, der mit Honig sowie Gewürznelken, Muskat und Zimt gewürzt wird“, erklärte Grandpa mir und nahm einen Schluck.
Vorsichtig probierte ich das Getränk in meiner Tasse ebenso. Es war gut heiß und ich musste Husten, denn ich war den Alkohol nicht gewohnt.
„Und?“, strahlte mich Onkel Henry an.
„Gewöhnungsbedürftig, aber gut.“
„Wird dir schon warm?“
„Nein…“
„Das kommt noch“, hörte ich Mum hinter mir sagen, die gerade die Bibliothek betrat. Auch sie hatte so eine Tasse in der Hand.
„Verführt ihr meinen Sohn etwa zum Alkohol trinken?“
„Nein, würden wir nie tun“, Charlotte“, grinste sie Onkel Henry an.
Grandpa lächelte ebenso.
„Mum sorry, wenn du etwas dagegen hast, ich…“
„Jack, du bist achtzehn Jahre alt, natürlich darfst du Alkohol trinken“, unterbrach mich Mum.
„Er trinkt keinen Alkohol?“, fragte Grandpa verwundert.
Ich schüttelte den Kopf. Schnell war das Thema vergessen, denn die drei kamen wieder auf das Essen zu sprechen. Ich hörte einfach nur zu und nippte hin und wieder an meiner Tasse. Mum hatte Recht, es stellte sich eine gewisse Wärme in meinem Körper ein.
Ich sah aufs Feuer und verfiel meiner Gedankenwelt. Gregory fiel mir wieder ein. Dieses Problem war immer noch nicht gelöst und mir fiel im besten Willen auch nicht ein, wie man es hätte lösen können.
„Alles in Ordnung mit dir?“, riss mich Grandpa aus meinen Gedanken, „du bist so ruhig.“
„Stimmt“, mischte sich Onkel Henry ein, „du warst den ganzen Abend schon so ruhig, das kenne ich gar nicht von dir.“
Als würde mich Onkel Henry auch gut kennen.
„Ich habe mir Gedanken über Gregory gemacht?“
Mum sah mich fragend an.
„Gregory?“, ich dachte dein Freund heißt Taylor“, fragte Onkel Henry verwundert.
„Nein Gregory geht in meine Klasse und stammt hier aus Newbury und kommt übermorgen zum Tee zu uns.“
„Und warum habt ihr ihn eingeladen?“
Stimmt, Onkel Henry wusste ja nichts von der ganzen Sache. Sollten wir ihn einweihen? Fragend schaute ich zu Grandpa und Mum.
Ich saß mittlerweile auf einem Stuhl und hatte meine zweite Tasse hot Toddy in der Hand. Onkel Henry schwieg, nach dem ich meine Erzählung beendet hatte und schaute ins Feuer.
„Ich bin ja viel gewohnt von meiner Schwester und ich habe sie schon oft aus prekären Situationen gezogen, aber das hätte ich jetzt nicht gedacht.“
„Davon weiß ich ja nichts!“, sagte Großvater erstaunt.
„Du weißt vieles nicht Vater und sei froh, dass du es nicht mitbekommen hast! Ich will meine Schwester nicht schlecht machen, dazu habe ich nicht das Recht, schon alleine was in der Vergangenheit passiert ist.“
Spielte er jetzt auf meinen Vater an? Ich hatte mittlerweile meine Krawatte ausgezogen, die Ärmel hochgekrempelt und das Hemd etwas aufgeknöpft, denn mir war jetzt richtig warm.
„Aber dass sie ihr eigenes Kind im Stich lässt, schlägt jedem Fass den Boden aus!“
„Es ist so wie es ist, Henry, daran kann man jetzt auch nichts mehr ändern“, sagte Mum.
Onkel Henry seufzte.
„Sie ist die Älteste von uns und sie hat sich nie was sagen lassen“, sinnierte Onkel Henry ins Feuer schauend.
„Hast du je deinen Bruder oder Abigail ernst genommen?“, fragte Mum.
Ihr Ton hatte sich geändert.
„Kinder, ihr werdet doch nicht wieder anfangen zu streiten?“, kam es von Grandpa.
„Sicher nicht Joseph, aber Isaac hat mir Geschichten von seiner Kindheit erzählt, wo seine Geschwister nicht immer ganz fein zu ihm waren.“
„Das ist Vergangenheit!“, sagte ich und hob meinen Zeigefinger.
Upps, das wollte ich gar nicht laut sagen. Was war plötzlich mit mir los? Ich begann zu kichern.
„Jack hat Recht!“, sagte Grandpa.
„Da verträgt wohl einer den Alkohol nicht“, grinste Onkel Henry.
Wie den Alkohol nicht vertragen?
„Es ist schon spät, ich werde mich zurück ziehen und Jack nehme ich am besten gleich mit.“
„Aber meine Tasse ist noch nicht leer!“, beschwerte ich mich und trank den Rest in einem Zug aus.
„Jack!“
Ich schaute zufrieden in meine Tasse und grinste. Leer!
*-*-*
Wie ich in mein Bett gekommen war, wusste ich nicht. Auch nicht, warum ich so schreckliche Kopfschmerzen hatte. Auch schmerze meine Schulter und ich spürte den gleichmäßigen Atem, der über meine nackte Brust streifte.
Es war wirklich schön mit Taylor morgens aufzuwachen. Halt, hatten wir Taylor nicht gestern heimgebracht. Ich riss die Augen auf und sah nach unten.
„Jayden?“, rief ich schockiert und fuhr hoch, was ich gleich wieder bereute.
Ich hielt meinen schmerzenden Kopf. Der plötzliche Entzug seines Kopfkissens und mein lautes Rufen weckten Jayden natürlich.
„Was ist denn los?“, fragte er verwundert.
„Das sollte ich…“, meine Stimme war zu laut und ich redete leiser weiter, „das sollte ich dich fragen! Was suchst du verdammt nochmal in meinem Bett?“
Mein Cousin setzte sich auf. Nun bemerkte ich, auch er hatte nur Shorts an. Wieder bemerkte ich, dass Jayden doch ein leckeres Kerlchen war. Er selbst, schaute gerade durchs Zimmer und kratzte sich am Kopf.
„Ich weiß auch nicht recht“, bekam ich als Antwort.
„Du musst doch wissen, wie du in mein Bett gekommen bist?“
Immer noch schaute er sich um und rieb sich, mit beiden Händen, durchs Gesicht. Er schien zu überlegen.
„Papa hat uns so etwas Tolles zu trinken gebracht.“
„Du hast also auch von dem Grog von Caitlin probiert?“
Jayden nickte und schaute mich an.
„Du bist ganz schön blass um die Nase!“
„Boah, mein Kopf tut auch weh.“
„Dann hast du auch probiert?“
„Probiert? Ich habe zwei Tassen getrunken…“
Jayden fing an zu kichern.
„Dann wundert mich nichts mehr. Der Alkohol geht durch den süßen Honig sofort ins Blut und wenn man das nicht gewohnt ist…“
Ich ließ den Kopf hängen und schloss die Augen.
„… bin ich nicht“, murmelte ich.
Jayden kicherte weiter.
*-*-*
Als Jayden und ich zum Frühstück kamen, war der Raum überraschend leer. Ich nahm mir wie gewohnt meinen Teller und füllte ihn etwas, bevor ich mich setzte.
„Oh, die Herren sind schon wach“, hörte ich es von der Tür und schaute auf.
„Morgen Mum“, sagte ich nur und ließ mich auf dem Stuhl nieder.
„Und, deinen Rausch gut ausgestanden?“, fragte Mum und wuschelte mir durch die Haare.
Vorwurfsvoll schaute ich sie an, weil ich glaubte jedes einzelne Haar zu spüren.
„Er hat Kopfschmerzen“, sagte Jayden gutgelaunt und setzte sich neben mich.
„Dann werde ich mal deine Tante fragen, ob sie etwas gegen deine Kopfschmerzen hat.“
„Tante Sophia?“, fragte Jayden belustigt.
„Die sicher nicht…“, antwortete Mum, „Die ist heute in aller Herrgotts Früh abgereist.“
Ruckartig drehte ich meinen Kopf, wurde aber sofort von diesen sich darin befindeten kleinen Schmerzteufel zu Recht gewiesen.
„Abgereist?“, fragte ich gedämpft.
„Ja!“
„Hat sie gesagt warum?“
„Der einzige, der schon wach war, euer Großvater, hat sie mit einer Einladung zu einer anderen Weihnachtsfeier abgespeist!“
Mum schien verärgert, zumindest hörte sie sich so an.
„Ich werde mal nach Abigail sehen“, meinte sie dann nur noch und verschwand wieder.
Dafür kamen Molly und Sabrina herein. Auch sie sahen nicht besser aus, als ich. Anscheinend machte der gestrigen Umtrunk, Jayden als einzigen nicht zu schaffen.
„Morgen“, brummelte Sabrina und ließ sich neben Jayden auf den Stuhl fallen.
„Morgen!“, strahlte Jayden und formte seinen Mund schon zur Kussform.
„Wie kann man schon so früh am Morgen so wach und gut gelaunt sein?“, beschwerte sich Molly über ihren Bruder.
„Ich weiß gar nicht, was ihr habt!“, sagte Jayden und bis von seinem Toast ab.
So richtig verfolgte ich deren Unterhaltung nicht mehr. Mein Gedanke hing an dem, was Mum erzählt hatte. Ob Tante Sophia unser Gespräch belauscht, oder von Grandpa wie er so schön ausdrückte, zur Brust genommen?
Ich wusste es nicht, konnte mir auch nicht vorstellen, dass Grandpa es getan hatte. Fakt war, sie war weg und es würde zu keinem überraschenden Treffen zwischen Mutter und Sohn kommen.
Eigentlich sollte sich durch diesen Punkt bei mir eine gewisse Erleichterung einstellen, aber es tat sich nichts. Denn das Problem, wie wir es Gregory und seinen Großeltern beibringen sollten, war immer noch nicht richtig gelöst.
Wir hatten uns zwar entschieden, die Wahrheit zu erzählen, war aber selbst nun nicht mehr so von dieser Idee überzeugt. Würde das nicht sein ganzes Leben verändern? Ich selbst erfuhr es ja grad selbst, wie es ist ein Baron zu sein.
„Da bin ich ja froh, dass ich die ganze Packung Kopfschmerzmittel mitgebracht habe, wenn ich euch Mädels anschaue.“
Mum riss mich mit ihrem Zurückkommen aus dem Gedanken.
„Wer braucht alles eine?“
Sabrina und Molly hoben ihre Hände, so tat ich es auch.
*-*-*
Gerne wäre ich jetzt bei Taylor gewesen, aber ich wusste, dass ich ihn nur von der Arbeit ablenken würde und ich wollte nicht, dass er deswegen Ärger mit James bekam. Ich wusste auch nicht, was James darüber dachte, dass ich mit Taylor zusammen war.
Er war ein Mensch, den ich nur sehr schwer einschätzen konnte. Da musste ich mich wohl ganz auf Mums Meinung verlassen, die James wohl sehr mochte. Ich lag auf meinem frisch gemachten Bett und hatte alle viere von mir gestreckt, als es an meiner Tür klopfte.
Ich setzte mich auf und rief „Herein!“
Die Tür öffnete sich langsam und Grandpa kam in mein Blickfeld.
„Hallo Grandpa!“, sagte ich und rutschte an den Rand meines Bettes.
„Hallo mein Junge, deine Mutter erzählte mir, dass dir der Grog von gestern nicht so bekommen ist.“
„Ach geht schon wieder“, log ich, denn die Tablette hatte ihre Wirkung noch nicht gestartet.
Er schloss die Tür hinter sich. Ich stand auf und zog den Stuhl von meinem Schreibtisch zum Bett, bevor ich mich wieder auf meine Bettkante niederließ.
„Ich konnte gar nicht glauben, als mir Charlotte erzählt, dass du eigentlich gar keinen Alkohol trinkst.“
„Stimmt, auch wenn ich es jederzeit könnte. Aber ehrlich, es schmeckt mir nicht so sehr.“
Grandpa hatte sich mittlerweile auf seinen Stuhl gesetzt.
„Also hat dir der Grog gestern auch nicht geschmeckt?“
„Doch Grandpa, ich war sogar angenehm überrascht. Nur dachte ich nicht, dass es mir so nachhängen würde.“
„Das tut mir leid.“
„Muss es nicht, Grandpa. Das nächste Mal trinke ich einfach langsamer.“
„Du meinst, das hilft?“, lächelte mich Grandpa an.
„Ich weiß es nicht, muss es eben probieren.“
„Warum ich dich eigentlich aufsuche, ist wegen Gregory.“
Ah, da war ich wohl nicht der einzige, der sich Gedanken über den neuen Verwandten machte.
„Was ist wegen Gregory?“, fragte ich und verknotete meine Beine zum Schneidersitz.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist…, wie sagt man so schön? Mit der Tür ins Haus fallen?“
„Du bist dir also auch unsicher, Gregory zu sagen, wer seine reale Mutter ist?“
„Das habe ich nicht gemeint. Dass er es erfahren muss, ist klar, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das gleich erzählen wollen.“
„Zumindest würde er hier nicht mit seiner Mutter zusammentreffen, wie ich gehört habe, ist Tante Sophia wieder abgereist.“
„Ja, sie findet wohl Freunde wichtiger, als ihre eigene Familie“, meinte Grandpa ärgerlich.
Ich hob die Schultern und stellte den Kopf schief.
„Sie wird sich wohl nie ändern, oder?“
Er sah zum Fenster und schüttelte den Kopf.
„Grandpa, es ist ihre Entscheidung Freunde wichtiger zu finden, als die Familie! Aber deswegen finde ich, soll ein anderer nicht darunter leiden. Ich kenne Gregory zwar nicht richtig, aber ich war doch sehr angetan, von seiner Geschichte.“
Grandpa wandte sich wieder zu mir und nickte.
„Mir gefällt Mums Idee, ihm zu ermöglichen, bei uns zu wohnen und ihn auch finanziell zu unterstützen. Es stimmte auch mich traurig, dass er nicht einmal Geld hatte, um seine Großeltern zu Weihnachten zu besuchen.“
„Hoppla, hattest du nicht gesagt, du magst den Reichtum nicht?“
„Nur, wenn er so zur Schau gestellt wird! Wenn man damit jemand helfen kann, ist das etwas anderes.“
„Okay und wie gedenkst du dann vorzugehen?“
„Ich weiß zwar nicht, was Mum vorhat, aber ich würde ihm das gerne sofort erzählen, im Beisein seiner Großeltern.“
„Du bist sicher, dass ist gut?“
„Bin ich nicht, aber ich möchte das mit Gregory nicht mit einem Geheimnis beginnen.“
„Okay, ich will dir da nicht drein reden, mein Junge. Ich vertraue dir da voll und ganz!“
„Und wenn es doch schief geht?“
Grandpa machte eine kurze Atempause und lächelte dann wieder.
„Wenn es trotzdem schief gehen sollte, dann hast du es wenigstens versucht und brauchst dir nichts vorzuwerfen!“
*-*-*
Mit gemischten Gefühlen lief ich Richtung Stall. Mir fehlte Taylor. Als ich vom Fenster aus sah, dass James mit dem Wagen wegfuhr, hatte ich mir schnell etwas übergezogen und war hinunter gelaufen.
Ich stoppte. Warum machte ich das eigentlich heimlich. Jeder wusste doch, dass ich mit Taylor zusammen war. Auch wenn er zu arbeiten hatte, konnte ich ihn doch jederzeit sehen? Ich beschloss für mich, damit aufzuhören, über andere nachzudenken.
Vielleicht malte ich zu schwarz, dass Taylor wegen mir Ärger bekommen könnte, wenn ich ihn bei der Arbeit besuchte. Ich setzte meinen Weg zum Stall weiter fort. Es war angenehm ruhig, nur der Schnee unter meinen Schuhen knirschte etwas.
Am Stall angekommen, zog ich das schwere Holztor auf. Sofort strömte mir warme Luft entgegen.
„James, hast du etwas vergessen?“, hörte ich Taylor rufen.
„Ähm… ich bin es… Jack.“
Wie aus dem Nichts, tauchte plötzlich Taylor vor mir auf.
„Jack“, rief er über das ganze Gesicht strahlend, „ich hab mir schon Sorgen gemacht, weil ich heute noch nichts von dir gehört habe.“
Mittlerweile war er bei mir angekommen. Aber keine Umarmung folgte, kein Kuss.
„Sorry, ich habe da gestern Abend wohl was getrunken, was mir nicht bekommen ist.“
„Dann solltest du besser im Bett bleiben…“
Ich fiel ihm um den Hals.
„Ich habe dich so vermisst!“
„Ich dich doch auch“, murmelte er mir ins Ohr
„Kannst du heute Nacht nicht wieder da bleiben?“
Taylor drückte mich etwas von sich weg.
„Du Jack, ich weiß nicht ob das gut ist.“
Wieder die alte Leier.
„Wieso da denn? Das Thema hatten wir doch jetzt schon oft genug“, sagte ich genervt und ließ ihn los.
„Grandpa hat nichts dagegen!“
„Es ist nicht wegen Grandpa…“, er senkte seinen Kopf.
„Es geht um James. Seit ich mit dir zusammen bin, benimmt er sich so komisch.“
„James?“
Taylor nickte.
„Das verstehe ich nicht!“
„Ich doch auch nicht…, er ist viel empfindlicher geworden…, nichts kann ich mehr richtig machen, manche Sachen muss ich sogar zweimal erledigen, weil er nicht zufrieden ist.“
Ungläubig schaute ich ihn an. Ich wollte darauf etwas sagen, hielt aber dann doch meinen Mund. Ich nickte nur und hob die Hände.
„Ich geh dann mal wieder und lege mich wieder hin. Man sieht sich“, meinte ich traurig und ließ Taylor einfach stehen.
*-*-*
Tränen kullerten über meine Wangen und tropften auf mein Kissen. Hatte James vielleicht etwas gegen Schwule? Gönnte er mir mein Glück mit Taylor nicht? Ich verstand auf einmal die Welt nicht mehr.
Es klopfte an meiner Tür, aber ich gab keine Antwort. Ich wollte einfach alleine sein. Es klopfte wieder und genervt drückte ich meine Augen zu.
„Ja?“, rief ich.
Ich schaute weder zur Tür, noch erhob ich mich. Vergraben in meiner Bettdecke blieb ich einfach liegen. Ich hörte, wie sich jemand Zugang zu meinem Zimmer verschaffte. Dann wurde die Tür weder geschlossen.
„Jack?“
Das war Mums Stimme.
„Jack…, können wir reden?“
Genervt atmete ich tief durch und setzte mich auf.
„Über was willst du mit mir reden?“, meinte ich trotzig und bemerkte erst jetzt, dass da neben Mum auch Tante Abigail stand.
„Ist irgendetwas passiert?“, fragte ich und schaute die beiden verwundert an.
Mum setzte sich neben mich auf die Bett kannte, während Tante Abigail am Bettende stehen blieb. Ich bekam ein ungutes Gefühl. Mum nahm meine Hand und streichelte mir über die Wange.
„Du hast geweint…“
Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Was war hier los?
„Taylor war eben bei mir…“, sagte nun Tante Abigail.
Ah, daher wehte der Wind, hatte er sich jetzt über mich beschwert, oder was? Langsam fing in mir alles an zu bröckeln.
„Taylor macht sich Sorgen um dich und denkt jetzt du bist sauer auf ihn.“
Mit großen Augen schaute ich Tante Abigail an und dann Mum.
„Warum sollte ich sauer auf ihn sein…, doch wohl eher auf seinen Chef!“
„Du meinst James, oder?“, fragte Mum.
„Auf wen sonst… Grandpa bestimmt nicht! Kann ich etwas dafür, dass dieser James, etwas gegen Schwule hat?“
Mum und Tante Abigail schauten sich kurz an und nickten sich zu.
„James hat nichts gegen Schwule…“, sagte Mum.
„… und es hat einen Grund, dass er sich so benimmt“, beendete Tante Abigail den Satz.
„Und was für einen Grund hat der Herr, dass ich meinen Taylor nicht sehen darf? Warum muss mein Freund ausbaden, dass wir zusammen sind?“
„Es hat niemand gesagt, dass du nicht mit Taylor zusammen sein darfst“, meinte Mum sanft.
„Ich möchte dir ein wenig über James erzählen“, fuhr Abigail fort.
„James ist nun schon fast fünfzig Jahre bei uns. Dein Vater war gerne bei ihm, weil er die Pferde über alles liebte. Wir waren damals alle eingeladen, als er geheiratet hatte und auch als sein Sohn getauft wurde.“
Und was hatte das jetzt mit Taylor und mir zu tun?
„Vor vier Jahren“, erzählte Abigail weiter, „fand man seinen Sohn erhängt hier in der Nähe.“
Geschockt schaute ich Tante Abigail an.
„In seinem Abschiedsbrief erwähnte Clifferton, so hieß James Sohn, dass er schwul wäre und mit dieser Schande nicht leben könnte. Kurze Zeit darauf, zerbrach auch die Ehe von James, seine Frau war von einem Tag auf den anderen verschwunden.
Ich war mit Mum alleine. Tante Abigail war gegangen. Ich musste das für mich erst richtig verarbeiten. James hatte seinen Sohn verloren an Weihnachten vor vier Jahren, nur weil dieser schwul war und damit nicht umgehen konnte.
„Ich denke“, sagte Mum leise, „wenn James euch beide so sieht, dann tut ihm das nur noch mehr weh. Aber nicht weil ihr beide zusammen seid, sondern weil er an seinen Sohn erinnert wird und jetzt vielleicht…“
Sie lächelte etwas.
„… vielleicht der seine Probleme hätte lösen können und James einen Schwiegersohn hätte.“
„Nur deswegen benimmt er sich so komisch?“
Mum nickte.
„Soll ich deswegen jetzt von Taylor wegbleiben und warten bis er nächstes Jahr nach London zieht?“
Meine Mutter legte ihre Stirn in Falten.
„Jack, jetzt übertreibst du es aber etwas. Niemand verlangt von dir, dich von Taylor fern zu halten.“
„Was soll ich aber tun? Ich will nicht, dass wegen mir Taylor mit Mehrarbeit bestraft wird!“
„Taylor wird nicht bestraft!“
„Wie soll ich es denn sonst nennen?“
„Abigail wird versuchen mit James reden und du junger Mann benimmst dich wie immer, okay?“
Ich blies Atem scharf in die Luft.
„Normal? Wie soll ich das bitte anstellen? Mein Freund will nicht bei mir bleiben, traut sich nicht mal mehr mich zu umarmen, geschweige denn mich zu küssen!“
Mums Mundwinkel zuckten leicht nach oben und plötzlich fing sie an zu lachen. Was soll denn das jetzt?
„… hast du Entzug?“
„Ja, mach dich ruhig lustig über mich! Danke schön!“
Ich ließ mich auf mein Kissen fallen und zog die Decke über den Kopf.
„Jack…“, kam es lachend von Mum und zog mir wieder die Decke weg.
„Mit normal meine ich, dass du Taylor triffst, wann du möchtest und es seine Arbeitszeit erlaubt. Ich möchte den fröhlichen Jack wieder sehen…, nur vielleicht solltet ihr eben dabei vielleicht etwas Rücksicht auf James nehmen und keine Kussorgien vor ihm veranstalten!“
„Als würden wir so etwas machen.“
Mum grinste immer noch.
„Ich erinnere an die Herbstferien, als ihr euch zum Abschied innig umarmt und abgeknabbert habt.“
„Das ist ja wohl auch etwas anderes.“
„Kann man sehen wie man will, also gebt ein wenig acht, in nächster Zeit, okay?“
Durchdringend schaute mich meine Mutter an.
„Jaaaa… okay!“
„Gut, dann kann ich Caitlin auch sagen, dass wir heute Abend einen Gast mehr zum Essen haben“, grinste sie mich an.
*-*-*
Wie beim letzten Mal, hatte Taylor auch wieder bei mir geduscht. Nur mit Handtuch um die Hüften, saß er nun neben mir am Bettrand und hielt meine Hand.
„So etwas hätte ich echt nicht gedacht“, meinte Taylor.
„Ich kenne ihn jetzt schon drei Jahre, habe aber nie etwas über sein Privatleben erfahren. Na ja um ehrlich zu sein, es hat mich auch nicht interessiert und habe nie gefragt.“
Ich schaute Taylor an.
„Danke!“, meinte ich nur.
Mir kamen verwunderte Blicke entgegen.
„Für was?“
„Dass du da bist“, antwortete ich um fiel ihm um den Hals.
Ich spürte, wie Taylor mir durch die Haare streichelte.
„Das hat dir zu gesetzt, oder?“
„Dir etwa nicht?“
„Doch schon…“
„Aber…“
„Es tut mir leid, wenn ich mit der Gesamtsituation noch nicht richtig umgehen kann, Jack. Das ist plötzlich alles sehr neu für mich. Alle sind nett zu mir und behandeln mich auch, als gehöre ich zur Familie.“
„Das tust du doch auch!“, meinte ich und drückte ihn noch fester.
„Es ist gewöhnungsbedürftig…, gib mir da bitte etwas Zeit. Ich kann nicht einfach umstellen und die vergangenen drei Jahre abschütteln. Ich bin hier angestellt und dass alle hier sind meine Herrschaften, wo ich mit Respekt auftreten soll und dass galt bisher genauso für James, auch wenn er nicht den Herrschaften angehört.“
„Du bekommst alle Zeit die du brauchst, Taylor und ich sage dir auch immer wieder, ich bin nicht mehr, oder weniger als du!“
„Das brauchst du nicht! Ich liebe dich auch so!“
*-*-*
Mit Taylor im Arm hatte ich herrlich geschlafen. Umso mehr schmerze es mich, ihn wieder ziehen zu lassen, denn die Pflicht rief. Als Taylor gegangen war, hatte ich mich selbst fertig gemacht. Auf dem Weg nach unten traf ich auf Onkel Henry, der wohl das gleiche Ziel wie ich hatte. Das Esszimmer.
„Guten Morgen Onkel Henry!“
Wohl aus dem Gedanken gerissen, schaute er erschrocken auf.
„Ah, guten Morgen, Jack! Gut geschlafen?“
„Ja habe ich.“
Schweigend folgte ich ihm dann in den Essraum, wo wir Mum und Tante Abigail vorfanden. Grandpa hatte wohl wie immer schon gefrühstückt. Trotzdem setzte ich mich auf meinen Platz und saß auf meiner Seite alleine.
„Guten Morgen Sohnemann, aus dem Bett gefallen?“
„Äh… nein, Taylor musste in den Stall.“
Tante Abigail lächelte mich an und schenkte mir einen Kaffee ein.
„Es geht doch nichts über ein gutes Frühstück“, sagte Onkel Henry, der sich mit einem vollbeladenen Teller, neben Mum setzte.
„Ob du dass nicht bereuen wirst?“
„Charlotte, du redest schon wie Olivia…“
Onkel Henry stoppte abrupt. Eine kurze Stille trat ein.
„Verzeih…“, meinte er dann nur.
„Du musst dich nicht entschuldigen, Henry. Ich denke, das liegt uns im Blut, die Männer daran zu erinnern, wenn sie etwas Unvorteilhaftes tun. Zu dem denke ich…, du wirst Olivia auch mal geliebt haben, oder hättest du sie sonst geheiratet?“
Henry schaute Mum an, als wäre er bei etwas erwischt worden.
„Du magst Recht haben, Charlotte…, aber ich weiß selbst nicht mehr, wann dieses Gefühl verloren gegangen ist.“
„Warum hast du dich dann nicht früher von ihr getrennt?“
Er lächelte und schaute zur Decke hinauf.
„Bequemlichkeit…, die Kinder…“, er schaute wieder zum Mum, „die Beziehungen meiner Frau…, such dir etwas aus.“
Ich stand auf und holte mir nun auch etwas zu essen.
„Wirst du dich scheiden lassen?“, fragte Tante Abigail.
Mir fiel der Löffel, mit dem ich mir etwas Rührei schöpfte herunter und das war nicht gerade leise.
„… ähm… Entschuldigung.“
Mum lächelt, warum wusste ich nicht, das Thema, was die drei drauf hatten, war nicht zum Lachen.
„Um ehrlich zu sein“, sprach Onkel Henry weiter, „ ich weiß es nicht. Olivias Familie ist mächtig und ich weiß nicht, ob ich mich gegen sie wehren kann.“
„Du denkst, sie werden dir einen Strick drehen, weil du sie einweisen hast lassen?“, fragte Tante Abigail.
„Wer ist Olivias Familie, ich kenne sie nicht“, meinte Mum, während ich mich wieder setzte und zu essen begann.
„Olivias Familie?“ beantwortete Onkel Henry nun die Frage, „sie ist eine alte schottische Familie, die in England ihrer Fühler an den wichtigsten Positionen ausgestreckt hat. Sie ist nicht adelig, aber reich.“
Wieder wurde mir bewusst, wie wenig ich über die Familie wusste. Doch kam es mir in den Sinn, dass es für Onkel Henrys Frau dann ein leichtes gewesen sein muss, gegen Mum vorzugehen, sprich den Vermieter zur Mieterhöhung zu bewegen.
„Denkst du, sie holen sie wieder heraus?“, fragte Mum.
„Ich denke, rein rechtlich ist das gar nicht möglich, Henry ist ihr Ehemann“, warf Tante Abigail ein.
„Aber bei der Macht, die sie verfügen, ist alles möglich“, sagte Onkel Henry.
„Du hast meine volle Unterstützung!“, meinte Mum lächelnd.
Wenn ich daran dachte, wie Mums Einstellung in den vergangenen Wochen über Papas Familie geändert hatte, war phänomenal. Was mich aber zu einer anderen Frage brachte.
„Entschuldigung, wenn ich eure Unterhaltung unterbreche“, begann ich, „wo kann ich die Fotoalben der Familie finden?“
„Was willst du denn mit denen?“, fragte Mum.
„Ich wollte mir Bilder von Papa anschauen.“
„Die werden sich auf dem Speicher befinden“, erklärte Abigail, „wenn ich nachher etwas Zeit habe, werde ich dir sie herunter holen.“
„Mach dir keine Umstände, Tante Abigail, ich weiß ja jetzt, wo der Speicher ist, ich schaue einfach selbst nach.“
„Das ist lieb von dir Jack, denn ich muss mich noch um die Teetafel für heute Mittag kümmern.“
„Dabei kann ich dir doch helfen?“, sagte Mum, „ich komm mir vor, als wäre ich zum Nichtstun verdonnert.“
„Und ich werde etwas sparzieren oder reiten gehen“, kam es von Onkel Henry, „… gibt es eigentlich noch das rote Haus?“
„Ich glaube ja…, zwei ältere Damen sollen es führen, habe ich gehört.“
Das rote Haus, Großmutter, Mist, das hatte ich ja total vergessen.
„Ja, das tun sie…“, rutschte mir heraus.
Mum schaute mich durchdringend an. Sollte ich jetzt den beiden sagen, dass ihre Mutter dort lebte.
„Woher weißt du das?“, fragte Onkel Henry.
„Ähm… ich bin da schon hin geritten“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Hatte das einen bestimmten Grund?“
Hilflos schaute ich zu Mum, die mit den Schultern zuckte.
„Ähm… heute ist wohl wirklich der Tag der Wahrheit…“, sagte ich eher zu mir, als zu den anderen.
„Welche Wahrheit?“, wollte Tante Abigail wissen.
„Ich bezog das, auf das Gespräch mit Gregory heute Mittag…, aber… wir hatten gesagt keine Geheimnisse mehr…“
„Jack, von was redest du?“, fragte Onkel Henry.
„Die Frauen…, also ich meine die beiden sich um das rote Haus kümmern…, eine davon… ist eure Mutter.“
*-*-*
Tante Abigail hatten beide schnell den Essraum verlassen und Mum war ihrer Schwägerin gefolgt. Ich war noch etwas sitzen geblieben und dachte darüber nach, ob es gut war, dass zu erzählen. Als Harry mit Caitlin auftauchte, um die benutzten Sachen abzuräumen, verließ ich ebenso den Raum.
Ratlos stand ich da, was ich nun machen sollte. Mich entschuldigen? Für was? Ich hatte nichts Unrechtes getan. So hielt ich an meinem ursprünglichen Plan fest und lief die Treppe hinauf. Als ich gerade die versteckte Tür zum Speicher erreicht hatte, kam Sabrina um die Ecke.
„Morgen Jack, schon so früh wach?“
„Das könnte ich dich auch fragen…, guten Morgen.“
„Was hast du vor?“
„Ich wollte auf den Speicher und nach den Familienalben schauen.“
„Kann ich mit?“
„Willst du nicht frühstücken?“
„Hab keinen Hunger.“
Ich atmete durch.
„Dann geh halt mit, wenn du möchtest.“
„Ist irgendwas, hast du schlecht geschlafen?“
Ich hatte den Mechanismus der Tür gefunden und sie sprang auf. Ich zog sie auf und betrat die erste Stufe, der schmalen Stiege.
„Ach ich weiß auch nicht. Ich habe gerade Onkel Henry und Tante Abigail etwas erzählt, worauf sie das Frühstück einfach verlassen haben.“
Mittlerweile waren wir oben angekommen.
„Hast du irgendwelche schrecklichen Geheimnisse, von denen ich nichts weiß?“, fragte mich Sabrina schockiert.
„Quatsch! Als ich das erste Mal hier war, habe ich Briefe von meinem Papa und seiner Mutter gefunden.“
„Das wollte ich eh fragen, es wandert mich, das hier niemand von deiner Grandma redet.“
Ich schaute mich um und sah einen Stofflappen. Ich nahm hin und klopfte über die Sitzfläche des Schaukelstuhls, das gleiche tat ich bei der alten Truhe.
„Setz dich!“, meinte ich und Sabrina tat wie befohlen. Ich ließ mich auf der Truhe nieder.
„Meine Grandma hat ihren Mann und ihre Kinder, als diese noch jung waren… verlassen.“
„Was? Aber warum denn?“
„Sie hat sich wohl in jemanden anderen verliebt…, eine Frau…“
Mit großen Augen schaute mich Sabrina an.
„Das gab es da schon?“
„Was?“, fragte ich verwundert.
„Ähm… ich meine schwul und lesbisch.“
Ich konnte nicht anders und fing an zu lachen.
„Was denn?“, wollte Sabrina leicht angesäuert wissen.
Sabrina, dass gibt es schon sehr lange, dass zieht sich durch die ganze Geschichte der Menschheit.“
„Woher weißt du das?“
„Internet?“, fragte ich stirnrunzelnd.
„Und was hat das alles mit den Briefen deines Vaters zu tun?“
„Die Briefe waren mit einem Absender versehen…, eine Haus, das rote Haus, hier ganz in der Nähe. Da dachte ich mir…“
„Da dachtest du, du gehst da einfach mal nach schauen, oder? Ich kenn dich zu gut Jack“, unterbrach mich Sabrina.
„Ja ich bin hingegangen…, das heißt ich bin dort hin geritten. Und du wirst es nicht glauben, ich habe da wirklich meine Großmutter gefunden.“
„Echt jetzt?“
Ich nickte.
„Und warum bist du dann so komisch drauf…, weil sie nicht hier ist?“
Nun schüttelte ich den Kopf.
„An das habe ich noch gar nicht gedacht. Ich habe, als das Gespräch am Frühstückstisch auf das rote Haus kam, Onkel Henry und Tante Abigail erzählt, dass ihre Mum dort lebt…“
„Und dann sind beide aufgestanden und verschwunden.“
Wieder nickte ich.

„Dann verstehe ich, warum du so drauf bist und niemand über deine Grandma redet. Und was gedenkst du jetzt zu tun?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Sprich das Thema bitte unten nicht an, ich weiß nicht, wie die anderen reagieren.
„Weglaufen…, das haben sie doch schon getan.
Ich seufzte.
„Ich denke, ich werde jetzt Familienalben suchen…, so wie ich es ursprünglich vorhatte.“
*-*-*
Nachdem Sabrina und ich, bei der Suche nach den Alben genug Staub aufgewirbelt hatten, beschlossen wir beide, mit unserem Fund nach unten zu gehen. Schwer beladen kamen wir im Esszimmer an, wo wir Molly und Jayden vorfanden.
„Was habt ihr denn da?“, fragte Molly.
„Guten Morgen“, lächelte ich sie an.
„…Morgen“, grummelten die Geschwister fast gleichzeitig.
Jayden bekam dafür ein Küsschen von Sabrina, nachdem sie ihren Pack Alben auf den Tisch gelegt hatte.
„Fotoalben der Familie Newbury“, beantwortete ich nun Molly’s Frage.
„Oh ehrlich, da will ich auch reinschauen“, sagte Jayden und schon war das Frühstück vergessen.
„Ess erst mal fertig, die Bücher laufen dir schon nicht weg!“, meinte ich, ließ mich neben Sabrina nieder um das erste Album zu nehmen.
„Willst du nicht nach den Jahreszahlen gehen?“
Sie tippte auf den Cover eines Albums, wo man eine Jahreszahl lesen konnte.
„Du hast recht…“
So sortierten wir die Bücher erst nach den Jahreszahlen und nahmen uns das Älteste zu erst. Ich schlug es auf und ein Familienbild prangte uns entgegen.
„Boah sieht Grandpa da noch jung aus“, sagte Jayden und zeigte auf die Jungversion von Grandpa.
„Das muss wohl Papa sein“, kam es kichernd von Molly, die nun ihrerseits ihren Finger auf die Fotografie hielt und auf einen kleinen Jungen in kurzen Hosen zeigte.
„Das könnte nach der Taufe aufgenommen sein“, sagte Sabrina neben mir.
„Wie kommst du da drauf?“, fragte ich.
„Das Baby dort, hat ein Taufkleid an und wird wohl dein Vater sein!“
Ich ging näher ran, um das Bild besser zu sehen.
„Wird wohl so sein“, meinte ich dann.
„Hallo Kinder, was macht ihr?“, wurden wir von einer bekannten Stimme unterbrochen.
Grandpa stand in der Tür.
*-*-*
„Das war bei den ersten Reitversuchen, eures Vaters“, sagte Grandpa und lächelte die Geschwister an.
Molly fing an zu lachen.
„Papa sieht lustig aus, in den kurzen Hosen“, meinte sie.
„Früher war es eben so, dass man in jungen Jahren kurzen Hose trug, erst die älteren bekamen lange Hosen“, erklärte Grandpa.
„Und im Winter?“, fragte ich entsetzt.
„Da hatte man lange und dicke Wollunterhosen drunter.“
„Boah bin ich froh, dass wir heute anziehen können was wir wollen.“
„Lustig sah es trotzdem aus“, sagte Jayden.
Grandpa sah auf die Uhr.
„Schon so spät. Kinder ich habe noch etwas zu tun, ihr müsste leider ohne mich weiter schauen. Aber wir können das mal ruhig fortsetzten. Ich habe mir auch schon lange nicht mehr die alten Bilder angeschaut.“
„Kein Problem Grandpa“, meinte ich und strahlte ihn an.
Wenig später hatte er uns verlassen. Kaum war die Tür geschlossen, beugte sich Jayden etwas vor.
„Habt ihr gemerkt, nicht ein Bild von Grandma ist zu finden“, sagte er und zeigte auf eine leere Stelle im Album.
Ich dachte, man redet hier nicht über sie.
„Da hier keiner über sie redet und kein Gemälde von ihr hängt, ist es doch nur verständlich, dass in den Alben auch keine Fotos von ihr sind“, meinte Sabrina.
„Woher weißt du das denn wieder?“, wollte Jayden wissen.
„Das hat mir vorhin Jack erzählt.“
Molly und Jayden schauten zu mir.
„Sie hat mich gefragt, warum hier niemand von Grandma spricht“, versuchte ich mich zu verteidigen.
„Aber wie seid ihr auf Grandma gekommen?“, fragte Molly.
Gequält schaute ich die beiden an und nach langem überlegen erzählte ich den beiden, was sich beim Frühstück zu getragen hatte. Dann war erst mal Ruhe am Tisch.
„Denkst du, Dad ist jetzt zu ihr geritten?“, fragte Molly ihren Bruder.
„Das weiß ich doch nicht. In seinem Zimmer ist er auf alle Fälle nicht, da habe ich vorhin nach geschaut.“
„Irgendwie, wiederholt sich doch alles!“, sagte plötzlich Sabrina.
Entsetzt schaute ich sie an.
Sie wird doch jetzt nicht von Gregory anfangen. Halt, sie konnte nicht wissen, dass Tante Sophia, Gregorys Mutter war, ich hatte es ihr noch nicht gesagt.
„Deine Mutter ist da nicht anders, oder?“, sagte Sabrina zu Jayden.
War Sabrina von allen guten Geistern verlassen? So etwas sagt man doch nicht!
„Sabrina“, kam es von Molly, „ich weiß zwar, was sie getan hat, aber sie ist immer noch unsere Mutter.
Hört, hört! Vor kurzer Zeit hatte sie noch anders geredet.
„Lass mal gut sein, Molly, Sabrina hat ja Recht, so gesehen hat sie uns im Stich gelassen. Keine normale Mutter, würde ihre Kinder wegen Geld vernachlässigen oder verlassen.“
Jayden schaute zu mir. Dachte er jetzt an meine Mutter, ich erinnerte mich, dass er sagte, dass er gerne eine Mutter hätte, wie meine. Dann kam mir Gregory wieder in den Gedanken. Auch dessen Mutter hat ihn verlassen.
Irgendwann würden die drei mir gegenüber von der ganzen Sache eh erfahren, spätestens, wenn Grandpa Gregory als seinen Enkel begrüßen würde. Jaydens Blick wurde fragend.
„Du sagst ja gar nichts dazu“, meinte er.
„Was soll ich groß dazu sagen…, in der Familie ist schon genug geschehen…, das soll jetzt aber kein Vorwurf sein! Ich…, ich habe gerade über etwas nachgedacht, dass euch auch betrifft.“
„Uns?“, fragte Sabrina.
„Ja, dich auch, Sabrina. Gregory wohnt schließlich bei euch.“
„Gregory? Was ist mit dem?“
„Wer ist Gregory?“, wollte Molly wissen.
„Ich habe euch doch erzählt, dass Mama einen Klassenkameraden von uns eingeladen hat, der hier bei seinen Großeltern zu Besuch ist.“
„Ach so der.“
„Jack, weißt du wieder mehr als ich?“, beschwerte sich Sabrina.
„In diesem Fall ja, aber ich wäre froh, es nicht zu wissen.“
„Was meinst du?“, fragte Jayden.
„Ihr erinnert euch doch noch an unseren Sparziergang und dass ich diese glitzernde Geldbörse gefunden habe.“
„Ja, die von Tante Sophia. Was ist mit der?“
„Ich habe doch ihren Ausweis heraus gezogen und da stand drauf: „Sophia Hamilton Contess of Newbury“.“
„Tante Sophia ist verheiratet?“, fragte Molly.
„Sie hat an Weihnachten doch so etwas gesagt“, kam es von Jayden.
„Hamilton?“, quietschte Sabrina, das Jayden neben ihr zur Seite wich, als sie aufsprang.
Sie schien wohl kapiert zu haben, was ich meinte.
„Boah, quietsch mir doch nicht so direkt ins Ohr“, beschwerte sich Jayden und rieb sich über sein Ohr.
„Du meinst, Gregory…?“, fragte Sabrina im gleichen schrillen Ton.
Ich nickte nur und Sabrina ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. Jayden schaute verständnislos zwischen uns hin und her. Ich atmete tief durch.
„Gregory wurde von seiner Mutter ebenso im Stich gelassen, sogar direkt nach der Geburt und sein Familienname ist Hamilton.“
Geschockt schauten mich nun die Geschwister an.
„Das kann doch aber auch ein Zufall sein“, warf Jayden ein, der nun auch begriffen hatte, was ich meinte.
Ich schüttelte den Kopf.
„Tante Abigail hat erzählt, dass sie sich damals in jemand verliebt hat, aber nicht wusste, wie sie es Grandpa bei bringen sollte.“
Sabrina kicherte, was ich jetzt etwas unpassend fand. Mein vorwurfsvoller Blick ließ sie verstummen.
„Was hat Tante Abigail jetzt damit zu tun?“, fragte Molly.
„Tante Abigail hat sich dann an ihre Schwester gewandt, Tante Sophia und ihr den jungen Mann vorgestellt. Gregorys Vater.“
„Aber wieso heißt dann Tante Sophia Hamilton mit Nachname und nicht Tante Abigail?“, wollte Jayden wissen.
„Weil unsere liebe Tante Sophia Gregory Vater wohl interessant fand und ihn Tante Abigail ausgespannt hat.“
„Scheiße!“, entfleuchte es Molly.
„Das kannst du laut sagen“, meinte ihr Bruder.
„Hat sie doch“, kam es von Sabrina und sie begann wieder zu kichern.
Ich verdrehte genervt die Augen.
„Das heißt, Gregory ist unser Cousin?“, fragte Molly.
Molly schien wohl am schnellsten die ganze Situation zu erfassen.
„Unser Cousin?“, wieder holte Jayden die Frage.
„Ja und er weiß das nicht und heute Mittag ist er zum Tee eingeladen.“
„Oh man, ist das alles kompliziert“, sagte Sabrina.
„Weiß das Grandpa schon“, fragte Molly leise.
„Es wissen alle und nun auch ihr.“
*-*-*
Ich hatte mir meine Jacke geholt, mich dick eingepackt und nach draußen gelaufen. Am Stall sah ich Taylor fegen und wollte schon zu ihm laufen, besann mich aber Besseres. So lächelte ich nur und winkte ihm zu.
Er winkte zurück und ich schlug meinen Weg ein, den ich schon vorher im Sinn hatte. Etwa eine Viertelstunde später und paar Stolperer später, befand ich mich an See. An den Rändern war er schon etwas angefroren und Schnee bedeckte die Eisflächen.
Ich lief weiter, am Bootshaus vorbei. Vor mir waren Bäume, aber auch größere Schneeflächen. Vor allem waren da keine Spuren. Wer sollte hier auch herlaufen? Ich setzte meinen Weg fort und lief am Rand des Sees entlang.
Nach diesen Gesprächen am Morgen, war ich irgendwie froh jetzt alleine zu sein. Halt, das war so nicht ganz richtig. Hier mit Taylor sparzieren zu gehen, wäre sicher auch ganz schön. Aber er musste halt arbeiten, dagegen konnte man nichts tun.
So im Gedanken lief ich einfach weiter. Noch immer dachte ich darüber nach, wie das heute Mittag ablaufe könnte. Sollte ich es Gregory alleine sagen, oder es auch den Großeltern mitteilen?
Ein weiteres Problem hatte sich aufgetan, denn als Sabrina von der ganzen Sache erfuhr, war sie nicht mehr davon abzubringen, mit zu Gregory fahren. Da Mum auch nichts dagegen hatte, schließlich wohnte ja Gregory bei ihren Eltern, hatten alle meine Einwände keinen Zweck.
Ich musste mir eingestehen, dass ich mit der ganzen Situation überfordert war. Dass ich es den Hamiltons erzählen musste, war mir klar, aber das wie machte mir mehr als Kopf zerbrechen.
Vor allem, ich wusste nicht, wie Gregory und seine Großeltern reagieren würden. Die Konsequenzen wurden mir nur langsam bewusst, was alles danach geschehen könnte. Aber Mum hatte Recht, Gregory hatte ein Recht auf seine Familie.
Ohne zu merken war ich an den Schluss des Sees angekommen und sah die großen Tannenbäume in meiner Nähe, von denen Mum so geschwärmt hat. Das war Papas Lieblingsort gewesen, hatte Mum erzählt.
Das erste Mal in meinem Leben wünschte ich mir, dass mein Vater hier wäre. Könnte er mir einen Rat geben? Wüsste er, was zu tun ist? Natürlich hatte ich mir früher schon gewünscht, Papa wäre da, aber noch nie war der Wunsch so dringlich.
Ich stampfte weiter durch den Schnee und hatte die Tannenbäume bald erreicht. Unter den Tanne war der Boden Schneefrei, zu dicht war da grün über mir. Mein Blick fiel auf den See, das Bootshaus, das jetzt gegenüber lag.
Mum hatte auch erzählt, dass Papa ein Familienmensch war und wohl genauso harmoniebedürftig gewesen war, wie ich, sonst wäre er wohl in der Nacht nie zu seinem Elternhaus gefahren.
Mir blieb nichts anders übrig, als die Dinge auf mich zu zukommen zu lassen. Ich musste das Gregory und auch dessen Großeltern erzählen, egal, was danach passierte.
*-*-*
„Wo warst du, du siehst ja richtig durch gefroren aus?“, fragte mich Mum, als ich das Haus wieder betrat und sie im Flur antraf.
„Ich war sparzieren, bin einmal um den See gelaufen.“
„Das ist weit.“
„Hat aber gut getan!“
Sie lächelte. Ich schälte mich aus der Jacke, die mir Mum abnahm. Ich hörte oben Geräusche und schaute die Treppe hinauf.
„Oh, hallo Jack, dich habe ich gesucht!“, rief mir Onkel Henry entgegen, der die Treppe herunter kam.
Mich gesucht? Mum lächelte nur.
„Deine Mutter erzählte mir, dass dir das ganze heut Morgen etwas zu gesetzt hat…“
Mittlerweile war er bei uns angekommen.
„… und ich wollte mich einfach entschuldigen, weil ich einfach so weggelaufen bin, das hätte ich nicht tun sollen.“
Ich wusste nichts darauf zu entgegnen und nickte nur.
„Das gilt auch für mich“, hörte ich Tante Abigails Stimme, die anscheinend gerade aus Richtung Küche zu uns stieß und jetzt in mein Sichtfeld kam.
Was hatte Mum zu den beiden nur gesagt?
„Ähm…, ihr müsst euch nicht entschuldigen…, ich versteh das … irgendwie.“
„Nein, so etwas macht man nicht, besonders nach dem du so ehrlich zu uns warst.“
„Ich…“, verlegen kratze ich mich am Kopf, „ … ich dachte nur ihr solltet das wissen.“
„Du schleppst ganz schön viel mir dir herum“, sagte Mum plötzlich, „warst du deswegen sparzieren?“
Ich nickte ihr zu.
„Mensch Junge“, sagte Onkel Henry, klopfte mir dabei auf die Schulter, „mir tut das alles so leid! Eigentlich ist es an uns Erwachsenen, sich um alles zu kümmern.“
„Ich gebe Henry Recht“, mischte sich nun auch Tante Abigail ein, „du hast in den letzten Wochen, so viel für die Familie getan. Mir kommt die Frage auf, wie du das alles verkraftest?“
Ich schaute die drei an und zuckte mit meinen Schultern.
„Ich… ich weiß es nicht. Ich tu einfach das, was ich denke, was Recht ist.“
„Aber es belastet dich, sonst hättest du nicht so einen weiten Sparziergang gemacht“, sagte Mum.
„Weiten Sparziergang?“, kam es von Onkel Henry.
„Er ist einmal um den See gelaufen“, erklärte Mum.
„Das ist weit!“, meinte Tante Abigail.
Verlegen hob ich abwehrend meine Hände.
„Du bist dir wirklich sicher, Dass du das heute Mittag machen willst?“, fragte Mum.
Ich nickte.
„Wie du schon sagtest, auch Gregory hat ein Recht auf seine Familie und ich denke, so wie er jetzt lebt, ist das kein Zustand!“
„Dein Sohn wirkt so erwachsen“, sagte Tante Abigail gerührt.
„Er ist erwachsen“, lächelte Onkel Henry und klopfte mir erneut so auf die Schulter, dass es langsam weh tat.
*-*-*
Das Mittagessen war zwar wieder reichhaltig, aber dieses Mal ganz einfach gehalten, worüber ich ganz froh war. Ich hatte wirklich die Befürchtung, nach diesen Tagen bei Grandpa, zugenommen zu haben.
Nun lag ich auf dem Bett. Der Tag bis jetzt war wieder angefüllt mit Dingen, die mich zu Hause nicht beschäftigt hätten. Zu Hause, noch so ein Thema. Achtzehn Jahre hatte ich mit Mum in dieser Wohnung gelebt.
Nächsten Monatsende war das dann Geschichte. Wir würden in das neue Haus ziehen und ein völlig neues Leben beginnen, dank Grandpa. Da kam mir wieder Gregory in den Sinn. Würde er mit in das Haus ziehen wollen?
Trotz des Vorhabens, ihm alles zu erzählen, war die Unsicherheit immer noch da. Ich würde Wunden öffnen, die vielleicht schon geschlossen waren, oder sie noch größer machen. So konnte ich wirklich nur hoffen, dass ich das richtige mache. Es klopfte.
„Ja, herein!“, rief ich und setzte mich auf.
Mum kam herein.
„Na, schon fertig?“
„Brauch nur noch meine Schuhe anziehen.“
„Dann mach mal…, dann auf in den Kampf.“
„Kampf? … so konnte man es wirklich nennen.“
„Jack, ich sehe dir an, dass dich das zu sehr beschäftigt. Wir können das Ganze immer noch abblasen.“
„Und dann?“, ich rutschte vom Bett, „spätestens wenn die Schule anfängt sehe ich Gregory wieder und ich weiß, ich werde mich mies fühlen, weil ich nichts unternommen habe.“
„Du hast ja Recht, aber ich mache mir halt meine Sorgen.“
„Das ist lieb von dir, aber wir sollten wirklich langsam los. Wir wissen nicht wie lange wir brauchen und du weißt, Grandpa nimmt seine Mahlzeiten gerne pünktlich ein.“
Mum lächelte. Wenig später, auf dem Weg nach unten kam uns Jayden entgegen.
„Auf Sabrina müsste ihr wohl verzichten, die hat sich in den Kopf gesetzt, reiten zu lernen, ich hole gerade ihren Schal und Handschuhe.“
Die Idee fand ich gut, auch wenn ich jetzt gerne dabei gewesen wäre, schon alleine, weil ich dann in der Nähe von Taylor gewesen wäre.
„Dann werden wir wohl ohne sie losfahren, bis später“, meinte ich und winkte ihm symbolisch zu.
Als wir ins freie traten, kam uns kühle Luft entgegen. Die Wolkendecke war aufgerissen und vereinzelt war blauer Himmel zu sehen. Mir fiel ein, dass wir noch den Wagen vom Schnee befreien mussten, war dann aber doch sehr überrascht, dass das jemand bereits getan hatte.
„Toller Service“, meinte ich lächelnd und stieg ein.
Mum nickte und folgte mir. Eine ganze halbe Stunde brauchten wir bis Newbury und weitere zehn Minuten, bis wir das Haus der Hamiltons gefunden hatten. Ohne ein Wort zu verlieren, stiegen wir aus und traten an die Haustür.
Mum betätigten den Klingelknopf und dann hieß es warten. Drinnen hörte man, wie jemand eine Treppe herunter rannte und wenig später öffnete die Tür vor uns sich.
„Hallo Gregory!“, begrüßte Mum unser gegenüber.
„Hallo Mrs. Newbury… Jack. Ich bin gleich fertig.“
„Dürfen wir noch kurz herein kommen?“, fragte ich.
„Aber natürlich, meine Großeltern wollten dich doch kennen lernen!“
„Aha…“, gab ich von mir und trat mit Mum ein.
Wie nicht anders erwartet, sah auch hier alles etwas altertümlich aus. Die Wände zierten ebenso Röschentapeten, wie bei Grandma und die Möbel, die ich zu sehen bekam, waren dunkel und massig.
Nachdem wir uns unserer Jacken entledig hatten, führte uns Gregory in einen der Räume. Dort saßen schon seine Großeltern, als hätten sie nur auf uns gewartet. Der Großvater erhob sich scherfällig.
„Mr. und Mrs Hamilton“, sagte Mum und streckte ihre Hand aus.
„Mr. Newbury, danke für die Einladung an unseren Enkel.“
Sie schüttelten sich die Hände.
„Nichts zu danken“, erwiderte Mum nur und trat nun zu der Großmutter, die auf dem Sofa saß.
„Hallo…, ich bin Jack“, meinte ich unsicher und schüttelte ihm ebenso in der Hand.
„Du gehst also mit unserem Gregory in die Klasse?“
Ich nickte und endlich ließ er meine Hand wieder los. Sein Händedruck war stark.
„Und benimmt sich mein Enkel in der Schule?“
Er war genauso unauffällig wie ich, aber das konnte ich wohl schlecht sagen.
„Großvater!“, kam es von Gregory.
„Bisher ist Gregory noch nie negativ aufgefallen“, antwortete ich nur.
Er war mir bisher noch nie großartig aufgefallen, warum denn auch?
„Dann bin ich ja beruhigt. Gregory erzählte du bist recht gut in der Schule.“
Mittlerweile hatte Mum neben Gregory Großmutter Platz genommen und ich noch schnell auch Mrs. Hamilton die Hand geschüttelt.
„Ich kann mich nicht beklagen, er bringt immer gute Noten nach Hause!“, kam es nun von Mum, bevor ich antworteten konnte.
Es entstand eine kurze Pause. Gregory hatte seine Winterschuhe gerade angezogen, als ich meinen ganzen Mut zusammen genommen hatte, um mein Vorhaben in die Tat um zusetzten.
„Mr. und Mrs. Hamilton…, Gregory…, bevor wir aufbrechen, möchte ich noch etwas erzählen.“
Während Gregory mich fragend anschaute, legte der Großvater seine Stirn in Falten. Mrs. Hamilton machte eher einen ängstlichen Gesichtsausdruck.
„Also… ich…, Gregory… es geht um deine Mutter.“
Plötzlich stand der Großvater auf und baute sich bedrohlich vor mir auf.
„Verlasst sofort mein Haus!“, fuhr er mich an, so dass ich etwas zurück wich.
„Mr. Hamilton, würden sie bitte meinen Sohn aussprechen lassen!“
Mum hatte nun auch einen recht strengen Ton drauf.
„Ich verstehe sie, aber bitte hören sie sich ihn an, sie können uns dann immer noch vor die Tür setzten!“
„Großvater…, was ist los?“, kam es verständnislos von Gregory.
„Ach mein Junge“, flüsterte Mrs. Hamilton leise und begann zu weinen.
Mum machte etwas für mich Überraschendes. Sie griff nach der Hand von Mrs. Hamilton.
„Du hast fünf Minuten!“, herrschte mich Gregorys Großvater an.
Er wandte sich ab und lief zum Fenster.
„Mr. Hamilton, sie müssen mir glauben, ich verstehe sie voll und ganz…, ich habe selbst von der ganzen Sache vor kurzem erfahren.“
„Das soll ich glauben, ihr reiches Pack, seid doch alle gleich! Als Gregory mir deinen Namen nannte, habe ich gleich gewusst, wo das hinführt, aber meine Frau meinte, ich solle abwarten.“
„Sie tun meinem Sohn Unrecht, Mr. Hamilton. Er wusste bis vor kurzen nicht, von welcher Familie sein Vater abstammte, der kurz nach seiner Geburt, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist! Weder, dass die Familie adelig ist, noch dass er selbst einen Titel besitzt.“
Mit großen Augen schaute mich Gregory an.
„Darf ich den Grund erfahren?“, kam es nun sichtlich ruhiger von Mr. Hamilton.
„Weil ich nach dem Tod meines Mannes, aus privaten Gründen, nichts mehr mit dieser Familie zu tun haben wollte. So habe ich meinen Sohn alleine groß gezogen. Wir wohnen in London, in einer kleinen Wohnung und ich führe eine kleine Schuhboutique, die uns bisher ernährt hat.“
Ungläubig schaute er zwischen Mum und mir hin und her.
„Darf ich mal erfahren, um was es hier geht?“, fragte nun Gregory sauer.
Ich hatte mir ja vieles ausgemalt, aber dass es so heftig verlief, hatte ich mir nicht vorgestellt.
„Darf ich es ihrem Enkel erklären?“, fragte ich Mr. Hamilton.
„Edward, bitte!“, kam es von Gregorys Großmutter.
Mr. Hamilton schloss die Augen und atmete tief durch, dann sank er etwas zusammen. Er hob die Hand und schien wohl damit sagen zu wollen, dass ich sein Einverständnis hatte. Gregory schaute mich dagegen sauer an.
„Ich muss aber leider… etwas ausholen…, damit sie das alles verstehen, was ich sagen möchte. Um ehrlich zu sein, ich kenne zwar Gregory, aber das bezieht sich nur auf die Schule. Ich wusste auch von einem Untermieter bei Sabrinas Eltern, den O’Sullivans, aber nicht, dass es sich dabei um Gregory handelte.“
Ich machte eine kurze Pause, aber es kam keinerlei Reaktion meines Gegenübers. Nur Gregory schaute mich fassungslos an.
„Ich war traurig, als ich Gregorys Geschichte hörte, ich konnte es ihm nach fühlen, weil ich selbst ohne Vater aufgewachsen bin. Auch dass sie nicht über seine Mutter reden, überrascht mich nicht…, meine Mum und ich sind ebenso fassungslos über ihr Verhalten.“
Nun schaute mir Mr. Hamilton direkt in die Augen.
„… und nur… durch einen dummen Zufall, habe ich erfahren… an Weihnachten… wer Gregorys Mutter ist…“
Mir war nun kalt und warm zu gleich. Die eiskalten Hände, die ich ständig aneinander rief waren feucht.
„Du … du kennst meine Mutter?“, fragte Gregory komisch heißer.
Ich nickte und Mrs. Hamilton schluchzte.
„Warum bist du wirklich hier?“, kam es scharf von Gregorys Großvater.
„Weil ich finde… Gregory… hat ein Recht darauf zu wissen, wer seine Mutter ist. Was er daraus macht, das ist alleine seine Entscheidung.“
„Mr. Hamilton“, mischte sich nun meine Mum wieder ein, „ich habe es auch erst vor zwei Tagen erfahren, dass meine Schwägerin, die Mutter ihres Enkels ist! Niemand von uns wusste es… nicht mal ihr eigener Vater…, Gregorys anderer Großvater…“
Jetzt war die Katze aus dem Sack. Gregory schaute fassungslos zwischen uns hin und her. Seine Augen wurden glasig, erste Tränen liefen über seine Wangen.
„Ihr habt das gewusst?“, krächzte er vorwurfsvoll seine Großeltern an.
Mrs. Hamilton nickte.
„… und nichts gesagt…“, fügte er noch hinzu.
Seine Kräfte schienen ihn zu verlassen, denn plötzlich saß er auf dem Boden. Durchdringend sah er mich an. Ich ließ mich vom Stuhl gleiten, kniete vor ihm hin.
„Gregory, es tat mir so weh, dich bei uns so traurig zu sehen und ich wollte dir nur die Möglichkeit geben, ebenso glücklich zu werden.“
„Glücklich? Sieht hier irgendwer glücklich aus?“, fuhr er mich heißer an.
Ich atmete tief und lange durch und griff nach seinen Händen. Er riss sich los stand wieder auf und rannte aus dem Zimmer. Ich hörte, wie er die Treppe hinauf rannte. Auch ich erhob mich.
„Lass ihn bitte, Jack…, er braucht seine Ruhe“, hörte ich Mums Stimme.
„… ich…, ich wollte ihm doch nur sagen, dass er nicht mehr alleine ist… und wir ihm helfen möchten…“
„Dazu kann er sich entscheiden, wenn er dafür bereit ist.“
Verzweifelt schaute ich sie an.
„Jack, seine Mutter hat ihn verlassen, sein Vater, den er sicher liebte, ist gestorben. Was seine Großeltern nicht entscheiden konnten, hat er mit sich selbst ausmachen müssen. Du musst ihn schon verstehen…, dass alles ist wie ein Schlag in sein Gesicht!“
„Sie reden, als würden sie das kennen…“, kam es von Mr. Hamilton.
„Keine Sorge, Mr. Hamilton, ich habe das am eigenen Leib oft genug zu spüren bekommen…, aber ich hatte aber Jack…, der mir viel geholfen hat.“
Darauf sagte er nichts. Nur das leise Wimmern von Gregorys Grandma war zu hören. Mum schaute mich an.
„… in der Familie meines Mannes ist vieles schief gelaufen und andere haben es ausbaden müssen und ich habe nur versucht in all den Jahren das Beste, daraus zu machen, damit es meinem Jack gut geht…“
Sie sagte dies in einem leichten traurigen Ton, aber ich konnte auch etwas Stolz erkennen.
„… so wie ich denke, dass sie ebenfalls nur das Beste für Gregory wollen. Jack wollte mit ihnen reden, weil er Gregory helfen will, er ist nun mal so, es war seine alleinige Entscheidung.“
Nun blickte Mr. Hamilton zu mir.
„Du scheinst zu wissen, was du möchtest“, meinte er.
„… nicht direkt, aber ich versuche das Beste daraus zu machen.“
„Und wie stellst du dir das vor? Wie willst du Gregory helfen?“
„Weil der Vermieter unserer Wohnung und für den Laden die Miete nächsten Monat erhöhen will, müssen wir raus…, weil es einfach zu viel ist und meine Mutter verdient nicht so viel, als das wir uns das leisten können.“
„Aber dann sitzt ihr ja auf der Straße“, kam es entsetzt von Mrs. Hamilton.
„Nicht ganz. Der Vater meines Vaters hat uns ermöglicht, eine andere Unterkunft zu finden, in der rein zufällig auch ein Laden dabei ist und da wäre… eine kleine Wohnung frei… für Gregory.“
„Ich möchte keine Geschenke von dieser Familie!“, kam es trotzig von Gregorys Großvater.
Ich musste lächeln.
„Sie reden wie meine Mutter.“
Nun musste Mum auch grinsen.
„… ich habe gesagt, dass ich für die Wohnung und das Geschäft genauso Miete an meinen Schwiegervater zahle, weil ich nichts geschenkt haben will.“
„Und wie hat ihr Schwiegervater reagiert?“, fragte nun Mrs. Hamilton.
„Mum kann keine Miete an ihn zahlen, weil ihm das Haus nicht mehr gehört.“
Ich sah, dass dies Mrs. Hamilton nicht verstand.
„Der Duke of Newbury versteht zwar, dass ich nichts von ihm annehmen werde, aber er bestand darauf, Jack zu helfen, wo immer er kann. So hat er ihm das Haus überschrieben, wo ich, weil es um die Zukunft von Jack geht, schlecht nein sagen kann.“
Dass er damit Fehler wieder gut machen wollte, davon sagte Mum nichts. Mrs. Hamilton nickte.
„Und nun will er auch Gregory unterstützen und sie wollen ihn bei sich aufnehmen?“
„Ja…, er ist für sich, kann aber jederzeit zu uns kommen.“
„Sie wollen das wirklich auf sich nehmen?“
„Warum nicht? Er ist doch Familie!“
Ich schaute zu Mr. Hamilton, der nichts mehr gesagt hatte. Sein Blick war kritisch.
„Mr. Hamilton, mit dem Geld, das Gregory sparen würde, weil er ja keine Miete an mich zahlen muss, könnte er sie an den Wochenenden öfter besuchen. Ich weiß, dass er es gerne tut, sonst hätte er sich nicht so bemüht, mit uns fahren zu können.“
Sein Blick änderte sich nicht, auch nach dem ich das gesagt hatte.
„Dürfte ich bitte noch einmal versuchen, mit Gregory zu reden?“
„Bist du dir da sicher?“, fragte Mum und auch Mrs. Hamilton sah mich fragend an.
„Ja, ich will dass es Gregory besser geht. Schau Jayden an, was sich für ihn verändert hat.“
„Wer ist Jayden?“, fragte Mr. Hamilton.
„Ein weiterer Cousin von mir.“
„Wie viele seid ihr denn?
„Mit Gregory wären wir jetzt vier! Jayden hat noch eine jüngere Schwester namens Molly.“
„Jack, du gehst jetzt zu Gregory und ich werde den Hamiltons die Familie erklären.“
„Ähm… ja, nur…?
„Willst du jetzt auf einmal nicht mehr?“, kam es von Mr. Hamilton.
„Nein, das ist es nicht…, wo muss ich denn hin? Ich kenne mich hier nicht aus?“
„Treppe rauf, zweites Zimmer links!“
*-*-*
Während ich die Treppe hinauf lief, hörte ich Mum unten reden. Oben angekommen, schaute ich mich kurz um. Zweites Zimmer links hatte er gesagt. Vor der besagten Tür des Zimmers, lauschte ich erst mal, ob ich drinnen etwas hören konnte.
Ich klopfte, aber nichts war zu hören. So klopfte ich abermals und lauschte wieder. Keine Reaktion kam. So drückte ich die Türklinke hinunter und schob die Tür etwas auf.
„Gregory?“
„Was willst du, lass mich alleine!“, hörte ich Gregorys verweinte Stimme.
„Gregory, bitte! Darf ich rein kommen und mit dir reden?“
Ich machte einen Schritt nach vorne, um Gregory sehen zu können. Er lag auf einem Bett und hatte das Gesicht im Kissen vergraben.
„Was gibt es da noch zu reden?“
„Vieles!“
Er zuckte zusammen, er hatte anscheinend bemerkt, dass ich nun im Zimmer stand. Ich schloss hinter mir die Tür und suchte eine Sitzmöglichkeit. So wie bei mir, gab es da nur dem Stuhl vor dem Schreibtisch.
Ich sah mich weiter im Zimmer um, während ich mich darauf niederließ. Gregory richtete sich auf und setzte sich hin.
„Was soll es da noch viel zu reden geben?“
Er hatte seine Brille nicht mehr auf und wischte sich über seine Augen. Ich stutze. Mit dem Wirren Haar, sah er fast aus wie ich.
„Was ist…, warum starrst du mich so an?“
„Ähm…, weißt du, dass wir uns verdammt ähnlich sehen?“
„Hä?“
„Mit deinen wirren Haaren und ohne Brille, ähnelt dein Aussehen meinem!“
Darauf sagte er nichts, er versuchte nur, seine Haare glatt zu streichen.
„Gregory, es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe…, aber ich wollte nur ehrlich sein.“
Als er darauf nichts sagte, erzählte ich ihm, was seit den Ferien im Herbst alles passiert war. Auch das ich mit Taylor zusammen war. Er hörte die ganze Zeit zu, ohne mich zu unterbrechen.
Nur an seiner Gesichtsmimik erkannte, dass es ihm nicht egal war, was ich da alles erzählte.
„Diese Familie ist durch geknallt!“, war das erste, was er nun sagte.
Ich nickte.
„Und dein Großvater will mich nun kennen lernen?“
„Es ist auch dein Grandpa!“
Er seufzte, rieb sich durchs Haar, dass es wieder wirr ab stand.
„Hast du eigentlich nur die Brille?“
„Nein, ich habe auch Kontaktlinsen, die ich aber nicht lange tragen kann, ich bin es noch nicht gewohnt.“
„Dann mach sie rein.“
„Warum?“
„Damit du etwas siehst, wenn wir wieder hinunter gehen und ich die Reaktion sehen will, wenn sie uns beide nebeneinander sehen.“
„Du bist verrückt!“
Es war das erste Mal, dass ich Gregory lächeln sah.
„So wie der Rest der Familie“, grinste ich zurück.
Er Stand auf, hielt aber inne.
„Ihr wollte mich wirklich bei euch wohnen lassen?“
„Ja.“
„Und ich müsste nichts bezahlen?“
„Ja!“
„Und in der Schule würden wir uns auch kennen?“
„Ja, du bist schließlich mein Cousin.“
Er verschwand kurz aus dem Zimmer.
*-*-*
Mum verschluckte sich an ihrem Glas Wasser, dass sie gerade trank, als wir beide gemeinsam wieder den Wohnraum betraten. Mrs, Hamilton fing a zu lächeln.
„Wow, seht ihr euch ähnlich“, sagte Mum.
„Das ist mir vorhin schon aufgefallen“, sagte Mr. Hamilton.
Er schien sich beruhigt zu haben, stand auf und trat vor mich.
„Jack, ich möchte mich bei dir entschuldigen, dass ich vorhin so unwirsch zu dir war?“
„Sie brauchen sich doch nicht bei mir zu entschuldigen, ich verstehe sie doch.“
„Deine Mutter hat uns alles erzählt, so verstehe ich auch ein wenig dich, warum du Gregory unbedingt die Wahrheit sagen wolltest.“
„Sie sind mir nicht mehr böse?“
„Nein, wie gesagt, ich verstehe jetzt deine Beweggründe.“
Ich lächelte erst ihn dann Gregory an.
„Es bleibt nur die Frage, ob uns unser Enkel verzeihen wird, dass wir ihm nichts erzählt haben.“
Mrs. Hamilton sah Gregory erwartungsfroh an.
„Großvater, ich bin euch nicht böse und möchte mich entschuldigen, dass ich euch vorhin das angefahren habe.“
„Und wärst du damit einverstanden, bei Jack und seiner Mutter einzuziehen, denn deine Großmutter und ich hätten nichts dagegen.“
Gregory lächelte wieder.
„Nein habe ich nicht, würde mir sogar gefallen und Jack könnte mir beim Lernen helfen, oder Hausaufgaben mit mir zusammen machen.“
Mist, das war ein Eigentor, aber wenn es einem guten Zweck diente, warum nicht.
„Jungs, wir sollten langsam aufbrechen, euer Großvater hat seinen Tee gerne pünktlich.“
„Pünktlichkeit ist wichtig!“, sagte Mr. Hamilton.
Ich drehte mich zu Gregory.
„Hast du einen ähnlichen Pullover wie ich?“
„Ja, aber der ist etwas bedruckt.“
„Was hast du vor, Junior.“
„Mir einen kleinen Spaß machen!“, grinste ich in die Runde.
*-*-*
Bei der Verabschiedung war auch Mrs. Hamilton aufgestanden, meine Hände in dir ihre genommen und sich noch einmal bei mir bedankt. Nun saßen ich wieder neben Mum, Gregory hinten und waren auf dem Rückweg. Er war nervös und Mum grinste die ganze Zeit neben mir.
„Jack, du bist ein Glückskind, weißt du das?“
„Wieso“, fragte ich und schaute zu ihr hinüber.
„Als Gregorys Großvater aufstand und sich vor dir aufbaute, dachte, er macht dich einen Kopf kleiner!“
„Mein Großvater verabscheut Gewalt“, kam es von der Rückbank.
„Bedrohlich sah er aber trotzdem aus. Aber ich verstehe es, deine Großeltern haben viel auf sich nehmen müssen, wegen… deiner Mutter.“
„Ist sie da?“
„Deine Mutter?“, fragte ich.
„Ja…“
„ Nein, sie ist nach dem Heilig Abend einfach abgereist, in aller Herrgotts Frühe.“
Gregory atmete tief durch.
„Gregory, eins verspreche ich dir“, kam es nun von Mum, „du brauchst sie nicht zu treffen! Das verspreche ich dir!“
„Meine Mutter scheint wohl nicht sehr beliebt zu sein.“
„Sagen wir mal so…, sie ist schwierig im Umgang und hat sich seit damals nicht verändert.“
„Aha…“
*-*-*
Als wir ausstiegen, sah ich Taylor, gerade aus dem Stall kommen.
„Taylor!“, rief ich.
Er schaute auf und sah zu uns herüber. Erst lächelte er, blieb aber dann rück artig stehen. Verwundert kam er auf uns zu.
„Du… du hast noch… einen Bruder…, davon hast du… gar nichts erzählt!“, stotterte er.
Mum fing an zu lachen und umrundete den Wagen. Ich grinste ebenso und gab Taylor ein Küsschen auf die Wange zur Begrüßung.
„Taylor, darf ich dir Gregory meinen Cousin vorstellen? Gregory, das ist Taylor mein Freund.“
Beide schüttelten sich stumm die Hände.
„Verblüffend…“, sagte mein Schatz dann nur, „er würde wirklich als dein Zwillingsbruder durchgehen!“
Gregory lächelte nun verlegen und bevor wir die Unterhaltung fortsetzen konnten, wurde am Haus die Tür geöffnet. Tante Abigail trat heraus. Wie machte sie das nur, stand sie immer hinter einem Fenster versteckt, um zu sehen, wer vorfuhr?
„Hallo zusammen“, rief sie und kam die Treppe herunter.
Sie schaute zwischen mir und Gregory hin und her.
„Ich habe nicht gewusst, dass die beiden sich so ähnlich sehen, Charlotte du hast gar nichts gesagt… hallo Gregory, ich bin Abigail, deine Tante.“
„Bisher trug er auch eine Brille und hatte einen Mittelscheitel“, meinte Mum und stellte sich neben Abigail.
„Hallo“, sagte Gregory und schüttelte verschüchtert Tante Abigails Hand.
„Okay, dann fehlen nur noch Taylors Schwester und ihr Ehemann.“
„Mist, ich wollte ja noch duschen gehen“, kam es plötzlich von Taylor.
„Solltest du, so lass ich dich nämlich nicht an den Tisch!“, grinste Tante Abigail.
Sofort verschwand Taylor wieder. Gerne hätte ich ihn wieder bei mir duschen lassen, aber leider musste ich mich um Gregory kümmern. Ich hatte ihm versprochen, nicht von seiner Seite zu weichen.
„Dann mal rein in die gute Stube, mir wird kalt“, sagte meine Tante und lief die Treppe bereits hoch.
Ehrfürchtig bestieg Gregory neben mir die Treppe hoch.
„Ich habe schon von dem Anwesen gehört, aber hier war ich noch nie“, flüsterte er mir zu.
„Dann hast du jetzt die Gelegenheit, dir alles anzuschauen“, sagte ich zu ihm und gemeinsam betraten wir das Haus.
*-*-*
Nachdem die erste Aufregung sich über den Familienzuwachs gelegt hatte, verteilte sich die Anwesenden etwas, um noch auf Taylors Schwester Chloe und ihr Mann zu warten. Während Mum mit Charlotte sich weiter um die Teetafel kümmerten, saßen Gregory und ich mit Grandpa, in der Bibliothek.
„Der Rest war vom ausreiten noch nicht zurück.
„Ich kann nur immer wieder betonen, wie leid mir das alles tut, ich wusste wirklich nichts von dieser ganzen Sache.“
Gregory nickte nur, aber sagte nichts. Man merkte Grandpa an, dass es ihn sehr belastete. Er war etwas weiß um die Nase und tat mir wie immer leid, war doch sein einziger Wunsch, die Familie vereint zu wissen.
Das Anliegen war gut, aber die Folgen rissen alte, aber auch neue Wunden auf. Ich legte meine Hand auf die seine und drückte sie etwas. Grandpa lächelte mich darauf an. Das sich Gregory nach wie vor unwohl fühlte, war auch ihm nicht zu verdenken, saßen da doch plötzlich wildfremde Menschen bei ihm, die behaupteten seine Familie zu sein.
„Jack hat erzählt, du gehst in seine Klasse, darf ich fragen, ob du schon weißt, was du nach der Schule machst?“, fragte Grandpa.
Gregory schaute mich kurz an.
„Wie Jack möchte ich Informatik studieren.“
„Das weißt du?“
„Du bist einer der besten in der Klasse, wie soll man das nicht wissen. Alle reden da drüber.“
„Davon habe ich nichts mitbekommen.“
Grandpa folgte unserer Unterhaltung, blieb aber stumm.
„Wie denn auch, du hängst nur mit Sabrina herum, nun auch mit dem Neuen…“
Das hatte sich in keinster Weise vorwurfsvoll angehört, eher wie eine Feststellung.
„… Jayden, auch ein Cousin von dir. Er ist mit seiner Schwester und Sabrina ausreiten. Aber wie ich Grandpa schon erzählte, bisher dachte ich, ich bin uninteressant und war froh, das von mir keiner etwas wollte.“
Gregory grinste. Ein echtes Grinsen, das ich bisher noch nicht an ihm gesehen hatte.
„Du weißt wirklich nicht, was man über dich in der Schule redet, oder?“
Erstaunt schaute ich ihn an und zuckte mit meinen Schultern. Grandpas Zustand hatte sich anscheinend etwas gebessert, denn er hatte wieder Farbe im Gesicht. Zudem grinste er nun ebenso.
„Das würde mich interessieren, was redet man denn, über meinen Enkel?“, sagte er nun.
„Das reicht von einem unehelichen Sohn eines hochgestellten Professoren, bis zu Bestechungsgeldern, an die Lehrerschaft.“
„Was?“, entrutschte es mir entsetzt.
Grandpa fing laut an zu lachen.
„Das du vor Weihnachten zum Rektor gerufen wurdest, dann auch noch mit dem… ähm mit Jayden, hat natürlich für noch mehr Gesprächsstoff und Vermutungen geführt.“
Ich schaute zu Grandpa.
„Davon weiß ich wirklich nichts.“
„Es traut sich niemand, ihn anzureden, weil man nicht weiß, woher er kommt, oder stammt.“
„Man hält ihn für arrogant?“, wollte Grandpa wissen.
„Ich würde eher unnahbar sagen.“
Bisher war mir Gregory nie groß aufgefallen, er gehörte zur Klasse und das war es auch schon, so wie viele andere in der Klasse auch. Aber, dass er so viel redet, hätte ich nie erwartet, schon gar nicht, dass er so gut über mich Bescheid weiß.
„Ich lerne viel, in den Sommermonaten segle ich als Ausgleich und seit kurzen weiß ich, dass ich ein Baron bin, mehr gibt es von mir nicht zu berichten. Keine Leichen im Keller…“
„… bist du sicher?“, unterbrach mich ein lächelnder Grandpa.
„Grandpa!“
„Ich sage nur Folterkammer…“
„Grandpa jetzt falle mir doch nicht in den Rücken, die habe ich ja nicht mal gesehen!“
„Ihr habt hier eine Folterkammer?“, fragte Gregory überrascht.
„Die Räumlichkeiten sind noch vorhanden, aber es stehen keine Foltergeräte mehr drinnen. Früher war dieses Haus wohl ein Teil einer Festung, aber davon sind nur noch Mauern übrig“, erklärte Grandpa.
„Und sie sind… und du bist der Duke of Newbury?“
„Ein Titel, aber ich habe keinerlei Privilegien deswegen. Ich bin ein normaler Bürger der Stadt Newbury.“
„Jack meinte, ich besäße auch einen Titel?“
„Ja, Gregory Hamilton, Baron of Newbury“, antwortete ich.
„Echt?“
Grandpa und ich nickten beide.
„… durch die Blutsverwandtschaft deiner Mutter, hast du diesen Titel automatisch bei deiner Geburt bekommen, so wie Jack auch…, aber leider lief es bei euch beiden anders.“
Der letzte Teil des Satz kam traurig herüber.
„Wenn ihr beiden nichts dagegen habt, werde ich mich noch etwas zurück ziehen, bis die anderen da sind.“
Wie Gregory nickte ich nur, während Grandpa schwerfällig erhob und das Zimmer verließ. Ich ließ mich in Grandpas Sessel rutschen, auf dessen Lehne ich die ganze Zeit gesessen hatte.
„Das ist alles so krass, wenn mir das jemand erzählen würde, ich könnte es nicht glauben“, gab Gregory von sich.
Ich sah immer noch zur Tür, in der Grandpa verschwunden war. Mein Blick wanderte wieder zu meinem Gegenüber.
„Ich hoffe, du bist nicht sauer auf Grandpa, er wusste wirklich nichts und zudem ging mir das am Anfang nicht anders. Aber es ändert sich auch nichts. Naja, vielleicht in der Schule.“
„In der Schule?“
„Du hast vorhin von meinem Besuch beim Rektor gesprochen. Du wirst nicht glauben, wie freundlich dieser plötzlich zu uns war, und fragte, ob Jayden und ich mit Titel angeredet werden möchten. Außerdem wollte er wissen, ob wir irgendein Schüleramt in der Schule übernehmen möchten, was dem Adel vorbehalten ist.“
„Echt? Das hätte ich nicht gedacht, aber ich wusste schon immer, dass der Adel, in dieser Schule bevorzugt wird. Was hast du dem Rektor geantwortet?“
„Ich habe gesagt, ich möchte mit normalen Namen angeredet werden und wünsche keinerlei Sonderbehandlungen. Jayden schloss sich mir an.“
„Wirklich, du hättest doch viel mehr Möglichkeiten…“
„… Gregory“, unterbrach ich ihn, „ich möchte durch meine Leistungen weiter kommen und nicht durch irgendwelche Beziehungen, oder weil ich dem Adel angehöre. Du kannst ja diese Möglichkeiten nutzen, wenn du möchtest.“
Gregory schüttelte den Kopf.
„Ich bin wie du froh, wenn ich meine Ruhe habe.“
„Aber woher weißt du, was in der Klasse gesprochen wird?“
„Ich sitze zwar meist alleine, aber in der Nähe ist immer jemand, der sich unterhält. Da schnappt man schon so einiges auf.“
„Du hast das Gerede geglaubt?“
„Eigentlich nicht, aber es hat mich abgehalten, dich anzusprechen.“
„Warum wolltest du mich ansprechen?“, fragte ich verwundert.
„Weil du in den meisten Fächern gut bist und es dir anscheinend sehr leicht fällt, die guten Noten zu schreiben. Und ich… ich brauch Hilfe…, wenn ich studieren will, alleine schaff ich das nicht.“
Ich wusste gerade nicht, was ich auf Gregorys Offenbarung sagen sollte, aber es wurde mir abgenommen, weil es im Flur laut wurde.
„Ein schöner Freund bist du, du hättest mich wenigstens warnen können Jayden Newbury!“
Das war die Stimme von Sabrina.
„Wie oft soll ich noch sagen, ich habe den Ast nicht gesehen!“, entschuldigte sich Jayden.
Angelockt von dieser Unterhaltung, standen Gregory und ich auf und gingen in den Eingangsbereich. Dort standen Molly und Jayden vor dem Weihnachtsbaum, gemeinsam mit Sabrina, die sich den Hintern rieb.
„Bist du vom Pferd gefallen?“, fragte ich belustigt.
Alle drei schauten nun zu uns.
„Nein, ich habe eben einen Ast übersehen, bin erschrocken und dabei ausgerutscht!“
Man sah, das Jayden und Molly versuchten, sich das Lachen zu verbeißen.
„Hallo Gregory“, sprach Sabrina weiter.
Nun hatte Gregory die volle Aufmerksamkeit.
„Dich habe ich schon in der Klasse gesehen“, sagte Jayden überrascht.
„Ich habe dir doch gesagt, Gregory ist in unserer Klasse… Gregory, das ist Molly, Jayden und Sabrina kennst du ja schon.“
„Hallo“, war das einzige, was Gregory sagte.
„Du bist unser Cousin?“, fragte Molly.
„… ähm scheint so“, antwortete er verlegen.
„Oh Gott!“, quiekte Sabrina.
Wir fuhren durch die Schrille der Stimme etwas zusammen.
„Was?“, meinte Jayden, der neben ihr Stand und sich wieder mal das Ohr rieb.
„Dann häng ich jetzt mit drei Baronen in der Schule herum, da denkt doch jeder, ich sammle die!“
„Wer soll denn wissen, dass wir Barone sind? Von mir erfährt keiner was“, kam es von Jayden.
„Und einer Baroness, du vergisst, dass ich nach den Ferien an eure Schule wechsle“, fügte Molly hinzu.
Ich konnte nicht anders und musste lachen, während sich Sabrina ihr Gesicht mit den Händen verdeckte und den Kopf schüttelte. Mum und Tante Abigail kamen aus dem Esszimmer.
„Taylors Schwester kommt…“, sie schaute sich um, „ist Taylor nicht bei euch?“
An ihn hatte ich die ganze Zeit nicht mehr gedacht und ich wunderte mich wieder, wie Tante Abigail wusste, dass jemand angefahren kommt.
„Der kommt gleich nach, hat er gesagt“, erklärte Molly.
„Gut.“
„Tante Abigail, woher weißt du eigentlich“, fragte nun ich neugierig, „wann jemand ankommt? Jedes Mal stehst du an der Tür.“
„Ich kann Hellsehen.“
Mum fing unkontrolliert an zu lachen und ich schaute sie mit großen Augen an. Die anderen kicherten nun auch.
„Quatsch! Am Tor ist eine Kamera angebracht, der Monitor dazu, steht in der Küche. Kommt jemand an, wird mir das von unserem Personal mitgeteilt.“
„… Hellsehen…!“, sagte neben ihr Mum und lachte weiter, „der war gut!“
Sie hob ihren Daumen nach oben, während Tante Abigail die große Eingangstür aufzog.
*-*-*
Als ich ebenso nach draußen trat, sah ich gerade, wie mein Schatz seine Schwester umarmte. Ihr folgte Julien, sein Schwager. Ganz Gentlemen stellte er auch Molly und Jayden vor, die neben Mum und Tante Abigail standen.
„Noch mehr Verwandte?“, fragte Gregory, der neben mich getreten war.
„So gesehen ja, das ist die Schwester von Taylor und sein Schwager.“
„Deine zukünftige Verwandtschaft also“, grinste Gregory.
„Richtig!“
Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und drehte den Kopf. Grandpa war auch nach unten gekommen. Der Pulk vor uns begann sich zum Eingang zu bewegen, so machten Gregory und ich Platz.
Weiteres Hände schütteln war angesagt und ich war froh, als endlich die Eingangstür geschlossen wurde. Danach wurde sich ausführlich über den Weihnachtsbaum unterhalten und die Diskussion kam auf, ob man eher eine Tanne, oder doch lieber eine Kiefer verwenden sollte.
Nach dem über diesen Punkte ausführlich geredet wurde, sich jedoch niemand richtig durchsetzten konnte, beschloss man endlich, die Teetafel aufzusuchen, der eigentliche Grund, dass unsere Gäste hier waren. Ich schob Gregory vor mir her.
Mit zwölf Personen war der Tisch gut gefüllt, aber noch nicht voll. Was mich wunderte, das der Tisch ganz einfach gedeckt war. Nachdem Mum und Tante Abigail so viel Zeit damit verbracht hatten, sich um die Teetafel zu kümmern, hätte ich mehr erwartet.
Wie immer saß ich neben Grandpa, nur dieses Mal saß Gregory neben mir und nicht Taylor, der zwischen seiner Schwester und seinem Schwager Platz genommen hatte. Auf dem Tisch standen Apfelkuchen, Gebäck und Sandwiches.
Natürlich wurde auch am Tisch munter weiter geredet. Während sich Onkel Henry ausführlich für an den Geschäftspraktiken von Julien und seiner Frau interessierte, Tante Abigail mit Mum über die selbst gemachten Sandwiches diskutierten, hörte ich Grandpa zu, wie er mit Gregory sprach.
Ich hielt mich etwas zurück, hatte ich doch am Mittag genug geredet, als wir bei Gregorys Großeltern waren. Neben dem Gespräch, wanderten meine Augen durch die Runde und blieben bei Taylor haften, der gerade in ein Sandwich biss. Als er meinen Blick bemerkte, lächelte er mir breit zu.
„Du bist so still mein Junge“, riss mich Grandpa aus meinen Gedanken.
Ich lächelte ihn an.
„Ich bin nur unter die Zuhörer gegangen“, erklärte ich und hoffte, dass sich Grandpa damit zufrieden gab.
„Ist wirklich alles in Ordnung mit dir, du bist wieder etwas blass um die Nase.“
Ein Wunschgedanke.
„Das Gespräch mit Gregorys Großvater war etwas anstrengend…, ich bin nur etwas müde.“
Gregory nickte wissend.
„Ich hätte dich niemals alleine dahin gehen lassen sollen!“
„Ich war nicht alleine, Mum war bei mir“, was natürlich die Aufmerksamkeit von Mum und auch Tante Abigail auf uns zog.
„Du weißt wie ich das meine, mein Junge. Ich hätte das selbst, in die Hand nehmen sollen. Schließlich trage ich die Verantwortung für die Familie.“
„Joseph, ich denke, das Ganze hat auch seine Grenzen, du solltest, wie Abigail schon gesagt hat, aufhören, Sophia immer wieder in Schutz zu nehmen. Was Jack betrifft“, Mum schaute kurz zu mir, „er war sein alleiniger Wunsch das zu machen, weil er wollte, dass Gregory ein Teil dieser Familie wird.“
Darauf sagte Grandpa nun nichts, legte nur seine Hand auf meine und drückte sie. Die Tür zur Küche ging auf und Harry erschien. Er lief neben Tante Abigail und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Erschrocken schaute sie zu ihm.
„Gut, danke!“, meinte sie und Harry verschwand wieder.
„Charlotte…, ich denke, es ist besser du schnappst dir Gregory und Jack und verschwindest nach oben!“
„Warum das denn?“
„Sophia ist im Anmarsch!“
*-*-*
„Meine Mutter?“, fragte Gregory.
„Was will denn die hier?“, wollte ich wissen.
„Jack, das ist ihr Elternhaus“, ermahnte mich Mum.
„Das meine ich nicht, warum taucht sie so plötzlich auf?“
„Ich habe sie angerufen!“
Das kam von Onkel Henry.
„Du hast was?“, fragte Tante Abigail.
„Ich war sauer auf sie… und am Telefon… entschuldigt, es ist mir so rausgerutscht.“
Mum stand auf.
„Jack… Gregory…“, meinte sie nur.
Taylors Augen waren traurig, als sich unsere Blicke kurz trafen. Tante Abigail hatte sich ebenso erhoben, wie auch Grandpa.
„Gregory, es ist vielleicht besser so, dass du nicht gleich auf sie triffst!“, sagte Tante Abigail und schob ihn vor sich her, Richtung Tür.
*-*-*
Nervös saß Gregory neben mir auf dem Bett, während Mum an meiner Zimmertür hin und her lief. Unten waren laute Stimmen zu hören, aber nicht zu verstehen, was gesagt wurde.
„Jungs, ihr bleibt hier, ich gehe da runter…“, meinte Mum nur und war schon aus dem Zimmer verschwunden.
Mums Name wurde gerufen, dann wurde das Gespräch wieder unverständlich.
„Ich… will sie nicht sehen“, flüsterte Gregory neben mir.
Ich griff nach seiner Hand.
„Musst du auch nicht, Gregory, wenn du nicht willst!“
„Ihr habt nur Ärger wegen mir…, ich hätte nie bei euch mitfahren sollen. #Das war eine saudumme Idee!“
„Halt Stopp!“, sagte ich und drehte mich mehr zu ihm.
„Du hast uns keinen Ärger gemacht, wenn dann deine Mu…, die Frau da unten, die dich auf die Welt gesetzt hat… sie alleine trägt die Schuld an dieser Sache hier und nicht du!“
Ich hatte mich etwas in Rage geredet und Gregory war etwas zurück gewichen.
„Entschuldige…, es ärgert mich nur, wenn jemand Scheiße baut du andere müssen es ausbaden.“
„Du… bist also… nicht sauer auf mich?“
„Ich, wieso denn? Ich bin höchstens sauer auf Sophia, die uns den ganzen Mittag versaut hat!“
Meine Zimmertür wurde aufgerissen und Gregory und ich fuhren zusammen. Herein kam Sabrina, dicht gefolgt von Jayden und Molly. Direkt hinter sich schlossen sie die Tür wieder.
„Boah, ichdachte, die gehen sich gleich an die Gurgel“, meinte Sabrina und ließ sich auf den Stuhl fallen.
„Wären sie auch, wenn Jacks Mama nicht dazwischen wäre“, sagte Jayden.
„Meine Mum?“
Jayden und Molly nickten.
„Deine Tante ist wie eine Furie in Haus gestürmt und gerufen, wo ist er? Wo ist er?“, sagte Sabrina.
„Ja und Tante Abigail wollte sie rauswerfen!“, kam es von Molly.
„Und dann ging es erst richtig los“, fuhr Jayden fort, „ Tante Sophia beschuldigte Abigail ein Erbschleicher zu sein und sie nur hier wäre, weil sie alles für sich haben wollte. Dann fing Onkel Henry an, dass Sophia wohl still sein könne, weil sie schon genug Geld bekommen hätte, um ihre Wettschulden zu tilgen.“
„Sie wettet?“, fragte ich erstaunt.
Gregory, neben mir, sagte nichts.
„Sophia wollte unserem Vater dann eine Ohrfeige geben, dann ist deine Mutter eingeschritten. Dann sind ein paar unschöne Schimpfworte gefallen und…“
„Und was?“, fragte ich Jayden.
„Hat uns Grandpa nach oben geschickt.“
„Und was ist mit Taylor?“
„DER? Der hat sich seine Schwester nebst Mann gekrallt und ist schnell verschwunden“, sagte Sabrina, die mit ihren Dauerwellen spielte.
„Scheiße!“
Gregory schaute mich an. Ich weiß nicht, was mich ritt, ich ließ seine Hand los und lief wütend zur Tür.
„Jack, was hast du vor?“, rief mir Sabrina hinter her, aber ich verließ das Zimmer, ohne zu antworten.
Sauer rannte ich die Treppe hinunter und folgte den lauten Stimmen, in die Bibliothek. Als ich ins Zimmer kam, standen dort alle und fuhren sich an.
„Es reicht!“, schrie ich, „hast du nicht schon genug kaputt gemacht!“
Im selben Augenblick verstummte alles im Zimmer.
„Was hast du kleine Schwuchtel zu melden?“, fuhr mich Sophia an, „ich hätte meinen damals Bruder gleich hinter Gitter bringen sollen, dann wär so etwas wie du erst gar nicht hat auf der Welt!“
„Schwuchtel?“, schrie ich, „und was bist dann du? Deinen eigenen Sohn im Stich lassen, das eigen Fleisch und Blut und…“
Weiter kam ich nicht, sie haute mir eine runter. Aber auch sie wurde nun gestoppt, denn Mum war auf sie zu getreten, hatte ausgeholt und wenige Sekunden später wurde Sophia von Mums Faust nieder gestreckte und ging zu Boden.
„Wage es nie wieder Hand an meinen Sohn zu legen, oder ihn zu beschimpfen!“, sagte Mum sauer.
„Du hast mich geschlagen!“
„Und du hast meinen Sohn geschlagen!“, schrie Mum laut.
Sophia und auch wir anderen zuckten zusammen.
„Pack deine Sachen und verschwinde! Reicht es nicht, dass du unser Leben zerstört hast? Musst es jetzt auch noch dein Sohn los sein…?“
„Er ist nicht mein Sohn…!“, kam es nun eine Dezibel leiser von Sophia.
Ich stand nur da und hielt meine Wange. Tante Abigail hatte ihren Arm um mich gelegt.
„Sophia, du bist so armselig. Gregorys Großvater hat mir die Geburtsurkunde gezeigt, da stand dein Name drin! Kehre einfach in deine Welt zurück, wo du hingehörst und lass uns in Ruhe!“
So aufgebracht hatte ich Mum noch nie erlebt, geschweige denn, dass sie jemanden mit einem Faustschlag niederstrecken konnte. Sophia erhob sich mühselig, niemand half ihr auf.
„Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Ihr werdet von meinem Anwalt hören!“, schrie sie nun wieder und rannte aus dem Zimmer und Onkel Henry hinter her.
„Und wenn schon…“, sagte Mum verächtlich.
Ich sah wie Grandpa sich auf einen der Sessel niederließ und in sich zusammen sackte.
„Grandpa!“, rief ich.
*-*-*
Mum und ich saßen im Wohnzimmer bei den Hamiltons. Gregory hatte erzählt, was vorgefallen war. Auch das Grandpa anschließend einen Schwächeanfall hatte und der Notarzt meinte, dass es besser wäre, in zur Beobachtung ins Krankenhaus zu bringen. Abigail war mit Grandpa ins Krankenhaus gefahren.
„Diese schreckliche Frau“, hörte ich Mrs. Hamilton sagen.
„Ich sagte gleich, sie wird sich nie ändern!“, meinte darauf Mr. Hamilton.
„Großvater, lass es einfach“, sagte Gregory.
„Nimmst du diese… Frau jetzt auch noch in Schutz?“, fuhr Mr. Hamilton seinen Enkel an.
„Nein Großvater, tu ich nicht! Können wir es einfach so halten wie immer und nicht mehr über diese Person reden?“
Mr. Hamilton schien einsichtig zu sein und nickte nur.
„Ich weiß, dass das heute alles nicht so geplant war, aber ich mache Charlotte und Jack keinen Vorwurf deswegen!“
Erstaunt blickte Mr. Hamilton seinen Enkel an und auch ich war etwas verwundert. Plötzlich trat Gregory so selbst bewusst auf.
„Ja, Mrs. Newbury, sie sind an dem Verhalten dieser Frau nicht schuld“, kam es Mrs. Hamilton.
„Großmutter…!“, kam es von Gregory.
Er schaute sie durchdringend an.
„Ja…, entschuldige.
„Charlotte, ich heiße Charlotte“, sagte nun Mum, „Gregory ist schließlich mein Neffe.
Mrs. Hamilton lächelte nun und griff nach der Hand meiner Mutter.
„Aber nur, wenn sie mich Isabelle nennen!“
„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte nun Mr. Hamilton.
„Wenn du nichts dagegen hast, werde ich bis ins neue Jahr bleiben, Großvater. Ich habe schon mit Charlotte gesprochen, ich kann mit ihnen dann nach London zurück fahren.“
„Selbstverständlich kannst du hier bleiben, dein Großvater hat nichts dagegen, oder Edward?“
„Nein, habe ich nicht!“
Er versuchte etwas zu lächeln, aber es sah irgendwie gequält aus.
„Und wir werden langsam aufbrechen“, sagte Mum und stand auf, „man erwartet uns sicher schon.“
„Mr. Hamilton“, sagte Mum und schüttelte ihm die Hand.
„Edward ist mein Name…Edward.“
„Ich weiß“, lächelte Mum.
Ich war auch aufgestanden und schüttelte den Großeltern die Hände. Gregory nickte ich nur zu.
„Wir telefonieren“, meinte er noch, als er uns zur Haustür brachte.
Wieder nickte ich nur und folgte Mum zum Auto.
*-*-*
„Du bist so still“, meinte Mum neben mir.
„Am liebsten würde ich nach Hause fahren.“
Mum seufzte.
„Und ich bereue, dass du diese Familie kennen gelernt hast.“
Ihr Ton war verbittert.
„Es hat sich nichts geändert und davor wollte ich dich schützen.“
„Das verstehe ich ja Mum, aber hätte ich dann Grandpa… kennen gelernt, oder Jayden und Taylor…“
Ich verstummte, weil mir Taylor wieder in den Sinn kam.
„Was ist?“
Ich raufte mir die Haare.
„Was sollen Chloe und Julien nur von uns denken?“
„Das wir eine ganz normale Familie sind, in der es auch Streit gibt!“
„Mum… bitte“, meinte ich gefrustet.
„Was denn? Das stimmt doch. Nur weil diese Familie Geld hat, ist sie nicht anders als alle anderen Familien in diesem Land!“
„Was ist, wenn sie nun ihrem Bruder seinen Umgang mit mir verbietet?“, fragte ich verzweifelt.
„Jack, zum ersten, Taylor ist alt genug um entscheiden zu können, mit wem er zusammen ist und zweitens kann ich mir nicht vorstellen, dass dies Chloe tun würde, so schätze ich sie nicht ein.“
„Die haben sicher einen schlechten Eindruck von uns.“
„Jack, jetzt hör doch auf dich verrückt zu machen.“
Ich schwieg und hatte Mühe, meine Tränen zurück zu halten. Was war, wenn ich jetzt Taylor, wegen dieser blöden Sache verlor? Ich sah nach draußen und bemerkte, wie wir an der Einfahrt zum Gut vorbei fuhren.
„Mum…, du hast die Einfahrt verpasst.“
„Habe ich nicht!“
„Da stand doch aber gerade Manor Newbury.“
„Da werde ich jetzt bestimmt nicht mit dir hinfahren.“
Fragend schaute ich sie an.
„Ich werde bestimmt nicht, den ganzen Abend deine verrückten Ideen anhören und auch nicht deine Heulattacken ertragen!“
„Aber…, aber…“
„Was?“
Sie lachte.
„Jack, du müsstest dich mal sehen, du erfüllst gerade total das Klischee der Schwulen, fehlt nur noch, dass du anfängst mit deiner Hand vor dem Gesicht zu wedeln und mit den Augen klimperst!“
Für wenige Sekunden herrschte Stille im Wagen, nur das Motorengeräusch war zu hören. Dann fingen wir beide fast gleich zeitig an laut zu lachen, welches sich verstärkte, als ich mit meiner Hand vor dem Gesicht nach Luft wedelte.
„So gefällst du mir schon besser. Jack, wenn du nichts dagegen hast, lassen wir es die nächsten Tage ruhiger angehen, denn ich denke, wir hatten über Weihnachten Aufregung genug.“
Ich hob abwehrend meine Hände.
„Absolut nichts dagegen!“
„Gut, dann kann ich ja umkehren!“
„Muuum!“
*-*-*
Grandpa schien es schon wieder besser zu gehen, hörten wir als wir zum Haus zurück gekehrt waren, mit ein bisschen Ruhe, würde er wieder ganz der Alte sein. Schweren Herzens hatte ich mich von Taylor getrennt.
Er wollte den Abend mit seiner Schwester und deren Mann verbringen, dass hatte ich zu akzeptieren. Aber Mum hatte Recht, die drei hatten nun wirklich keine schlechte Meinung von uns und es wurde noch einige Zeit über Sophia diskutiert, bis wir schließlich heim kehrten.
Nun lag ich auf meinem Bett und genoss die Stille um mich herum. Niemand hatte bisher wie ein wilder an einer meiner Türen geklopft, oder mein Zimmer einfach so betreten. Mir fiel etwas ein.
Ich schaute mich im Zimmer um und entdeckte, nach was ich Ausschau gehalten hatte. So stand ich auf, ging zum großen Bücheregal und entnahm eine kleine Kiste. Mit ihr setzte ich mich wieder aufs Bett und öffnete sie.
Vor mir lagen die Briefe meines Vaters von seiner Mutter. Ich hätte auch gerne die gelesen, die mein Vater geschrieben hatte, um vielleicht mehr über ihn zu erfahren. So konnte ich es aber nur erahnen, was er Grandma geschrieben und mit dem was sie darauf geantwortet hatte.
Erneut nahm ich einen Brief und begann ihn zu lesen.
„… es freut mich zu hören, dass du jemanden kennen gelernt hast und vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit, dass du mir diese Frau vorstellst…“
Mum erzählte, dass sie die Frau nie kennen gelernt hat, so war es anscheinend nie zu dieser Begegnung gekommen. Dies stimmte mich etwas traurig. Es war schlimm genug, dass sich Grandpa und seine Frau sich getrennt hatten, aber das Olivia mit Hilfe von Sophia auch noch den Rest der Familie auseinander brachten, war einfach unverzeihlich.
Nur wegen dem Ansehen und des Geldes wegen. Nicht ohne Grund konnte ich die reiche Sippschaft in meiner Schule auch nicht leiden, denn genau so etwas, hasste ich zu tiefst. Heraus hängen zu lassen, wer man war und wie viel auf dem Bankkonto der Eltern sich ansammelte.
Mir wurde immer mehr bewusst, wie schön ich es doch mit meiner Mutter erwischt hatte. Die vergangene Zeit mit ihr war trotz mancher Entbehrungen immer herrlich.
„… aber danke der Nachfrage, mir geht es gut. Emily liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. So glücklich war ich noch nie in meinem Leben…“
Sie war also nie glücklich gewesen mit Grandpa und trotzdem brachte sie vier Kinder zur Welt. Es war ja auch eine andere Zeit, ohne Internet und Computer. Vorstellen konnte ich es mir trotzdem nicht.
Ich zog den Block und Stift aus der Laptoptasche, die ich dort schon immer deponiert hatte und überlegte, wie ich meinen Brief an Grandma beginnen sollte. Die Idee, den zu schreiben hatte ich von Taylor. Er meinte, so könnte ich ihr alles schreiben, was in meinem Herzen vorging.
Und da war wieder, dieser glückliche Gedanke. Mein Taylor. Ich hatte einen Traum von Freund, in den ich mir über alles verliebt hatte. Nicht nur, dass er verdammt gut aussah, er hatte auch ordentlich was auf dem Kasten.
Er war weder Weltfremd, noch zeigte er Naivität, wie ich es bei Jayden öfter erlebt hatte. Einziger Wehrmutstropfen, wir sahen uns zu wenig, aber auch das würde sich in Zukunft ändern.
Mit Hilfe von Grandpa wollte ich den Führerschein machen und falls mir Mum ihren Wagen nicht borgen wollte oder konnte, wäre immer noch die Möglichkeit den Bus oder den Zug zu nutzen.
Zulange lebte ich in meiner kleinen Welt, die aus Mum, die Segelei und Sabrina bestand. Mehr konnte ich leider nicht vorweisen. Und mit der Aussicht im Herbst nächsten Jahres mit dem Studium zu beginnen zu können, hielt mich auch nicht mehr von diesem Vorhaben ab. Ich nahm also den Stift und schrieb los, was mir in den Gedanken kam.
Hallo Grandma!“
*-*-*
Am nächsten Morgen fand ich leider niemanden vor. Ich hatte nach Tante Abigail gesucht, weil ich ja einen Briefumschlag und eine Marke brauchte. So lief ich in die Küche und fand dort Harry und Caitlin vor.
„Guten Morgen Jack, was wünschen sie, etwas Besonderes zum Frühstück?“, begrüßte mich Caitlin, als sie mich bemerkte.
Etwas peinlich berührt, bekam mein Gesicht wieder Farbe. Harry lächelte etwas.
„Guten Morgen. Nein, danke Caitlin. Ich wollte nur fragen, ob sie vielleicht wissen, wo sich meine Tante Abigail befindet.“
„Sie müsste sich um diese Zeit in ihrem Arbeitszimmer befinden“, antwortete Harry, mit seiner dunklen Stimme.
„Und… und wo wäre das, ich kenne mich in diesem großen Haus immer noch nicht aus.“
„Wenn sie wünschen, bringe ich sie zu ihr.“
„Das wäre nett von ihnen, Harry!“
„Mr. Newbury, sie müssen mich nicht mit sie anreden, ich gehöre…“
„Zum Personal, das habe ich jetzt schon oft genug gehört und bin es langsam leid. Genauso wie für die anderen, bitte ich darum, du und Jack zu sagen. Zum einen bin ich es außer in der Schule nicht gewohnt, dass ich mit meine achtzehn Jahren mit sie angeredet werde, und zum andere sehe ich für mich keinen besonderen Grund, dies hier auch zu machen. Also Jack und du bitte!“
Ich atmete tief durch.
„Wenn sie wünschen…“
Caitlin hüstelte etwas und lächelte mich dann an.
„… wenn du wünschst!“
*-*-*
Harry hatte sich verzogen und ich stand nun vor Tante Abigails Arbeitszimmer. In diesem Teil war ich noch nie gewesen, noch hatte ich gewusst, wie viele Zimmer es hier hinten noch gab. Ich konnte vier weitere Türen ausmachen.
So klopfte ich an die Tür und wartete, dass man mich einließ. Ein „Ja“ war von drinnen zu hören, so öffnete ich die Tür. Vor einem Computer sitzend, traf ich Tante Abigail an.
„Jack? Das ist aber nett, brauchst du irgendetwas?“
„Ja, ich brauche wirklich etwas. Hättest du für mich eventuell einen Umschlag mit Marke, ich würde gerne einen Brief wegschicken.“
„Klar kannst du das haben, aber sag mal, schreibst du keine Emails?“
„Doch“, grinste ich, „mir war einfach nach einem Brief.“
„Gut“, lächelte sie mich an.
Sie zog eine Schublade ihres Schreibtischs auf und zauberte etwas später das Gewünschte hervor.
„Ähm… da wäre noch eine Frage.“
„Die wäre?“
„Gibt es hier irgendwo einen Briefkasten?“
*-*-*
Mein Retter war Taylor, der sich bereit erklärte, meinen Brief mitzunehmen und bei sich im Ort später einzuwerfen. Eine traurige Seite hatte diese Rettung aber auch, ich würde eine weitere Nacht ohne meinen Schatz verbringen.
Das Geheimnis der vier weiteren Zimmer, war auch schnell gelüftet, denn Tante Abigail hatte eine kleine Führung arrangiert. Neben ihrem Zimmer und einem Bad war da auch noch Grandpas Zimmer, der ebenso über ein eigenes Bad verfügte.
In Grandpas Zimmer verharrte ich noch etwas, als ich die Wand mit den vielen Bildern sah. Ich entdeckte mein Foto, dass er von mir zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, neben dem meines Vaters.
Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte man uns für Zwillinge halten können. Klar hatte ich laufend zu hören bekommen, dass ich wie mein Vater aussehe, aber diese Ähnlichkeit hätte ich nicht für möglich gehalten.
Mein Magen meldete sich und ich sah auf die Uhr. Ich war den Morgen auf dem Zimmer geblieben und hatte die Zeit mit Internet und lesen weiterer Brief verbracht. Es war schon Mittagszeit und die anderen saßen sicher bereits am Tisch.
Umso mehr überraschte es mich dann, dass ich der erste im Esszimmer war. Etwas traurig schaute ich auf Grandpas Stuhl, der leer war und ließ mich auf meinem Stuhl nieder. Die Tür ging auf und Mum kam lächelnd herein.
„Abigail, ich komme zwar gerade aus dem Krankenhaus, aber mir geht es soweit gut, dass ich alleine laufen kann!“
Das war Grandpas Stimme. Ich sprang auf und lief zu Mum, die immer noch an der Tür stand. Im Eingangsbereich sah ich dann auch Tante Abigail mit Grandpa, der mich nun anlächelte, als er mich bemerkte.
„Hallo Jack!“
„Hallo Grandpa…, ich wusste nicht, dass du wieder da bist, niemand hat mir etwas gesagt.“
Dann sah ich, dass wir noch einen weiteren Gast zum Mittagessen hatten. Hinter Tante Abigail stand da auch noch Gregory. Fragend sah ich zu Mum.
„Ja, du hast heute Morgen einiges verpasst. Aber nach dem wir alle fanden, dass du Ruhe brauchst, nach dem gestrigen Tag, haben wir dich in Ruhe gelassen“, erklärte mir Mum.
Und ich hatte mich schon gewundert, warum es in meinem Zimmer nicht wie sonst, wie auf einem Durchgangsbahnhof zuging,
„Dass ihr Grandpa nach Hause holt, hättest du mir aber schon erzählen können“, sagte ich vorwurfsvoll, „und wie kommt Gregory hier her?“
„Das hört sich so an, als hättest du etwas dagegen, dass Gregory hier ist“, kam es von Tante Abigail.
„Nein, das stimmt nicht, ich hätte nur gern Bescheid gewusst… na ist jetzt auch egal.“
Mum hängte sich bei mir ein.
„Jetzt spiel doch nicht gleich die beleidigte Leberwurst. Wir waren selbst überrascht, als ein Anruf aus dem Krankenhaus kam und uns mitgeteilt wurde, dass dein Großvater, abgeholt werden möchte und weil ich Abigail nicht alleine fahren lassen wollte, bin ich mitgefahren,“
„Und meinem Vater war es natürlich nicht auszureden, nach dem was gestern vorgefallen war, höchst persönlich bei den Hamiltons vorbei zu schauen und sich zu entschuldigen“, fügte Tante Abigail, Mums Erzählung hinzu.
Ich schaute zu Gregory.
„Ich bin unschuldig, ich wurde von diesen zwei… „Tanten“ entführt!“, begann sich Gregory zu wehren.
Das handelte Gregory einen kleinen Klaps auf den Hintern ein.
„He, ich sagte dir doch, ich will das Wort Tante nicht mehr hören“, beschwerte sich Tante Abigail lächelnd.
Grandpa strahlte über das ganze Gesicht.
„Lasst uns Essen“, meinte er, „ich habe Hunger.“
„Das hört sich gut an“, meinte Tante Abigail und Mum zog mich zurück ins Esszimmer.
Ganz gegen meine Erwartungen gab es heute das einfache „Fish n‘ Chips“ zum Essen. Aber Caitlins panierter Fisch sah natürlich viel leckerer aus, als ich es aus den Fastfoodbuden in London kannte.
Wo ich sonst nur Pommes gewohnt war, wurden richtige gebackene Kartoffelstücke gereicht. Auch Gregory schien es zu schmecken. Ich schaute den Tisch entlang.
„Wo sind eigentlich die anderen?“, fragte ich dann verwundert, weil mir plötzlich auffiel, dass die Ruhe am Tisch, nicht wie sonst, von Sabrina unterbrochen wurde.
„Henry hat die drei heute Morgen nach dem Frühstück ins Auto verfrachtet und ist mit ihnen nach Newbury gefahren, was sie aber genau dort wollten, weiß ich nicht“, erzählte Tante Abigail.
„Sie wissen also nicht, dass Grandpa wieder zu Hause ist?“
„Nein!“, meinte Mum, „auch nicht, das die Hamiltons heute Mittag zum Tee kommen, dein Grandpa hat sie eingeladen.“
Erstaunt schaute ich zu Grandpa, der mich immer noch anlächelte. Ich überlegte kurz.
„Dann werde ich mich mit Gregory und Grandpa kümmern, denn ihr seid ja dann beschäftigt.“
Mum legte ihre Stirn in Falten und sah mich fragend an.
„Wieso?“, fragte Tante Abigail.
„Irgendwer muss doch Caitlin helfen, diese wunderbaren Sandwiches zu machen!“
Alle fingen an zu lachen.
*-*-*
Da sich Grandpa hingelegt hatte und ich nicht noch mehr Zeit in meinem Zimmer verbringen wollte, Gregory war ja auch noch da, beschlossen wir auszureiten. Besser gesagt, ich beschloss es, denn mein Cousin hatte sagen wir mal großen Respekt vor den Tieren.
Gab es da nicht einen besseren Lehrmeister fürs Pferd und Reiten, als mein Schatz? Als wir zum Stall kamen hatte James mit Taylor bereits drei Pferde gesattelt. Tiara schien mich jetzt wirklich schon zu kennen, denn sie hob den Kopf, als sie meine Stimme hörte.
„Hallo James“, begrüßte ich den Stallwart.
„Hallo Jack, das reiten scheint dir wohl wirklich Spaß zu machen.“
„Ich würde lügen, wenn ich es abstreiten würde“, lachte ich, „darf ich ihnen meinen Cousin Gregory vorstellen?“
„Ja, guten Tag Gregory, Taylor hat mir schon von ihnen erzählt.“
Gregory schüttelte ihm nickend die Hand.
„Ähh, sie können ruhig du zu mir sagen…, James…ich bin so alt wie Jack.“
„Kein Problem“, sagte James.
Während mir Taylor aufs Pferd half und James in den Stallungen verschwand, stand Gregory etwas abseits. Sein Blick wirkte leicht ängstlich. Ich strahlte Taylor an.
„Ich hoffe, du wirst jetzt nicht gleich eifersüchtig?“, flüsterte er mir zu, bevor er sich Gregory zuwandte.
„Hä?“, war alles, was ich herausbrachte, was meinte er?
„Gregory, darf ich dir auch helfen?“
Der zuckte zusammen, als Taylor ihn ansprach.
„Bist…, bist du sicher…, das Pferd … mag mich?“, stotterte Gregory plötzlich.
„Aber sicher doch. Pferde spüren, wenn man es gut mit ihnen meint. Darf ich?“
Taylor hob seine Arme an. Gregory nickte verschüchtert. Mein Schatz ging zu Gregory legte seinen Arm um dessen Rücken und griff nach seiner Hand. So schob er meinen Cousin Richtung Pferd.
Ach so, dass meinte er damit, ob ich eifersüchtig werden würde. Ich wusste gar nicht, wie er auf den Gedanken kam, das war doch Gregory.
„So und nun streckst du die Hand langsam aus und lässt Magelan an deiner Hand schnuppern“, erklärte Taylor und hob Gregorys Hand an.
Ein Hengst also. Das Tier hob seinen Kopf und schnupperte an Gregorys Hand und wiehrte leise. Ich strich Tiara langsam am Hals entlang und beobachtete die beiden weiter.
„So, jetzt kannst du ihn ganz vorsichtig an seinen Nüstern streicheln, das mag er“, redete Taylor weiter.
„Nü… üüstern?“, kam es von Gregory.
Deutlich sah ich, wie er sich ängstlich gegen meinen Schatz lehnte. Taylor grinste.
„Die Nase von Magelan…“, erklärte er und führte wieder Gregorys Hand. Teil.
Langsam strich nun mein Cousin über die besagte Stelle.
„Das ist ja ganz weich und warm“, meinte Gregory überrascht.
„Genau“, meinte Taylor und ließ seinen Arm sinken, der die ganze Zeit um Gregory lag.
Er reichte Gregory seine Handschuhe und führte ihn auf die Seite des Pferdes. Taylor erklärte ihm kurz, so wie mir damals, wie das mit dem reiten so ging. Nur mühsam schaffte es mein Freund, Gregory aufs Pferd zu setzten. Auch bei ihm stellte er die Bügel ein.
Dann band er Magelan los und zog das Pferd samt Gregory zum dritten Pferd. Schwungvoll saß Taylor aus und lächelte nun wieder zu mir.
„So, kann es los gehen?“
Ich nickte. Da Gregory wie ich vorher nun auch zum ersten Mal auf einem Pferderücken saß, hatte sich Taylor wohl gedacht, aus Sicherheit Magelan an die Leine zu nehmen und Gregory samt Pferd zu führen.
„Nicht erschrecken“, meinte Taylor noch zu Gregory, als er an der Führungsleine des Pferdes zog.
*-*-*
Alle drei hatten wir roten Wangen, es war trotz Sonnenschein recht kalt. Die Führungsleine zwischen Taylor und Gregory hing nun leicht durch, denn mein Cousin ritt nun zum ersten Mal alleine.
Stolz und strahlend kam er mit uns zum Gut zurück. Als wir gerade den Stall erreichten, sah ich, dass ein Wagen vor das Haus fuhr und Gregorys Großeltern ankamen. Wie immer trat Tante Abigail vor das Gebäude.
„Da kommen wir gerade richtig, deine Großeltern sind da“, meinte ich zu Gregory.
„Wirklich?“
Er schaute wie ich zum Eingangsbereich des Hauses.
„Omaaaaa…Opaaaa, schaut mal“, rief er laut.
Die beiden genannten, drehten ihre Köpfe zu uns, die gerade von Tante Abigail begrüßt wurden.
Alle drei kamen auf uns zu gelaufen.
„Junge, ich wusste gar nicht, dass du reiten kannst!“, rief ihm seine Großmutter entgegen.
„Kann ich auch nicht“, lachte Gregory.
Die Angst vor dem Pferd schien er völlig abgelegt zu haben.
„Taylor hat mein Pferd, die ganze Zeit geführt und Magelan“, Gregory klopfte dem Pferd leicht auf den Hals, „ist ein ganz lieber!“
Es war das erste Mal, dass ich Mr. Hamilton lächeln sah. Taylor war bereits abgestiegen und half nun Gregory vom Pferd. Ich musste mich alleine abmühen.
„Schönens Tier!“, meinte Mrs. Hamilton und strich Magelan sanft über dessen Nüstern.
„Hast du keine Angst?“, fragte Gregory verwundert.
„Nein, warum sollte ich Angst haben“, antwortete Mrs. Hamilton, „ich bin früher viel geritten, so habe ich ja auch schließlich deinen Großvater kennen gelernt.
Dieser lächelte leicht verlegen.
„Das habe ich gar nicht gewusst, du kannst auch reiten Opa?“
Mr. Hamilton nickte.
„Es ist aber schon eine Weile her“, meinte er dann.
„Wollen wir hinein gehen, der Wind frischt auf“, sagte nun Tante Abigail und zeigte Richtung Wohnhaus.
Mrs. Hamilton hängte sich bei Gregory ein und zog ihn Richtung Haus. Mein Cousin drehte den Kopf.
„Danke Taylor, das war phantastisch, das müssen wir unbedingt mal wiederholen!“
„Kein Problem und das nächste Mal, versuchst du es alleine, okay?“
„Naja… ich weiß nicht“, antwortete Gregory unsicher.
Sein Großvater fing an zu lachen.
Als sich die vier entfernt hatten lief ich Taylor hinterher in den Stahl. Dort angekommen sah ich, wie er gerade begann die Pferde von ihren Satteln zu befreien. Überrascht schaute er zu mir, strahlte mich aber dann an.
„Danke!“, meinte ich.
„Für was?“
„Dass du Gregory die Angst genommen hast!“
„Dafür brauchst du dich nicht bedanken. Ich finde es toll, dass es einen weiteren Menschen gibt, der nun Pferde mag!“
Ich grinste ihn an, ging zu ihm hin und küsste ihn einfach.
„Ich muss leider rein, sehen wir uns später noch?“
„Gerne“, beantwortete Taylor meine Frage und küsste nun mich.
*-*-*
Mittlerweile war auch der Rest der Familie eingetroffen und am Tisch, sagen wir mal so, war die Lautstärke wesentlich größer, als noch beim Mittagessen. Das lag wohl daran, dass Gregory seinen Cousins und Sabrina vom Reiten vorschwärmte.
Meine volle Aufmerksamkeit hatte Grandpa, der sich die ganze Zeit mit den Hamiltons unterhielt. Diese saßen ganz ungewohnt mir gegenüber und Mum mit Onkel Henry neben mir. Tante Abigail hatte neben Mr. Hamilton Platz genommen.
Während das restliche Jungvolk, am anderen Ende des Tisches, ihren Spaß hatten, ging es auf dieser Seite des Tisches etwas ernster zu. Natürlich wurde von Sophia gesprochen, aber auch über die Zukunft von Gregory.
Ich saß die ganze Zeit still zwischen Grandpa und Mum und hörte einfach nur zu. Das Gespräch war etwas traurig geworden, als Gregorys Vater zur Sprache kam. Mum hatte sich meine Hand unter dem Tisch gegriffen und hielt sie die ganze Zeit fest.
Sie lächelte mich an, während ich bei Tante Abigail feuchte Augen erkennen konnte.
„Ich versichere euch, Gregory ist hier jederzeit willkommen“, meinte Tante Abigail.
Man war irgendwann zu dem du übergangen, gehörten diese Familien doch irgendwie zusammen. Grandpa griff nun nach meiner anderen Hand, und lächelte mich an.
„Das haben wir alles dir zu verdanken, Jack“, meinte er und drückte nun meine Hand.
Meine rechte Hand wurde aus ihrem Gefängnis unter dem Tisch entlassen und Mum lächelte mich aufmunternd an.
„Zuviel der Ehre, Grandpa, da haben alle daran mitgewirkt!“.
„Ich kann mich Vater nur anschließen, Jack“, kam es von Henry, der die ganze Zeit geschwiegen hatte“, ich habe meine Kinder schon lange nicht mehr so glücklich gesehen.“
Alle schauten nun ans andere Ende des Tisches, wo Gregory, Jayden, Molly und Sabrina ihre Köpfe zusammensteckten und immer wieder lachten. Mein Gesicht färbte sich tief rot.
„Deine Bescheidenheit in allen Ehren“, meinte nun Opa Edward, wie ich ihn jetzt nennen durfte, „ich habe Gregory seit dem Tod seine Vaters nicht mehr so fröhlich gesehen. Danke!“
Oma Isabelle nickte zustimmend. Ich sah zu Mum.
„Das ist alleine dein Verdienst!“, sagte sie.
„Ich weiß nicht…, was ich darauf sagen soll“, meinte ich und kratze mich verlegen am Hinterkopf.
„Am besten nichts, lass es einfach so stehen, Jack“, sagte Tante Abigail.
*-*-*
Zu fünft saßen wir nun auf meinem Bett und Gregory und mir wurde berichtet, was Jayden, Sabrina und Molly den Tag über in Newbury angestellt hatten. Das Gespräch wurde durch Klopfen an meiner Tür unterbrochen. Der Kopf von Taylor erschien.
„Ähm…, Gregory, deine Großeltern wollen aufbrechen…, soll ich ausrichten.“
„Schade“, meinte Sabrina, jetzt wo es gerade so lustig ist.“
„Gregory kann doch Morgen wieder kommen“, sagte Jayden.
„Dann muss ich mich wohl verabschieden“, kam es von Gregory, der sich nun auch erhob.
„Ich denke, wir sollten uns unten alle von Gregorys Großeltern verabschieden“, sagte ich.
Alle setzten sich nun in Bewegung und ich sah, dass Taylor wohl bereits geduscht hatte, denn er trug keine Arbeitskleidung mehr. Ich griff lächelnd nach seiner Hand und strömten mit den anderen hinunter.
Eine kleine Verabschiedungsorgie begann nun vor dem großen Weihnachtsbaum und endete damit, dass wir vor dem Haus standen und dem wegfahrenden Auto hinterher winkten. Als wir dann wieder das Haus betraten, wandte sich Mum an mich.
„Was hältst du von dem Vorschlag, wenn du ein paar Sachen in deine Rucksack tust und mit Taylor mitfährst.“
„Ich soll was?“
„Mit zu Taylor gehen“, meinte Mum.
„Aber…, aber…“
„Was denn? Du willst nicht? Da wird dein Freund aber sehr traurig sein!“
Entgeistert schaute ich zwischen Mum und Taylor hin und her.
„Entschuldige Taylor, mein Sohn ist ab und zu etwas kopflastig!“
Mein Schatz lächelte breit.
„Du meinst wirklich…, ich kann einfach mit so zu Taylor gehen.“
„Warum nicht? Oder willst du noch ein Abend traurig drein schauen, weil dir Taylor fehlt?“
„Danke!“, meinte ich nur, drückte sie kurz und rannte ins Haus.
„Bin gleich wieder da!“
*-*-*
Pünktlich wie immer war Taylors Schwester erschienen und hatte uns abgeholt. Ich wunderte mich zwar darüber, dass sie bereits wusste, dass ich mitfahren würde, aber es schien ihr auch nichts auszumachen.
Beim späteren Abendessen war es genauso lustig, wie mit den anderen am Mittag. Julien erzählte ein paar Geschichten über Taylor, wie tollpatschig er sich doch am Anfang angestellt hatte.
Mein Freund wurde immer kleiner neben mir. Aber sein Schwager zog ihn öfter zu sich, nahm in den Arm und rubbelte sanft über Taylors Haare, was meinen Schatz wieder versöhnte. Recht spät am Abend, wanderten wir endlich ins Bett.
Beide waren wir müde, aber dennoch fit genug, noch ausgiebig zu kuscheln. Aber dennoch schliefen wir eng umschlungen irgendwann ein. Früh am Morgen ging Taylors Wecker. Er musste ja wieder arbeiten gehen, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.
So stand ich mit ihm auf, frühstückten gemeinsam mit Chloe und Julien und ließen uns von ihm dann zum Gut zurück fahren. Nach einem kleinen Kuss trennten sich unsere Wege, erging zum Stall und ich ins Haus.
Leise drehte ich den Knauf der großen Holztür, freute mich einerseits, dass die Tür nicht verschlossen war, wunderte mich aber auch, dass sie bereits aufgeschlossen war. Den Grund dafür, fand ich hinter der Tür.
„Morgen Jack, schon so früh auf?“, begrüßte mich Tante Abigail.
„Oh, guten Morgen Tante. Leider muss Taylor früh aufstehen und pünktlich hier sein, so bin ich gleich mitgefahren, damit Julien nicht auch wegen mir noch mal hier her fahren musste.“
„Daran habe ich gar nicht gedacht…“, sagte Tante Abigail nachdenklich, „… ich sollte mal mit Vater reden, ob Taylor nicht noch Anspruch auf ein paar Tage frei hat, solange du hier bist.“
„Dass würdest du tun?“
„Klar, für meinen Neffen tu ich doch fast alles!“, lachte sie.
„Danke Tantchen“, rief ich erfreut und umarmte sie heftig.
„Langsam, langsam Jack! Du weißt doch gar nicht, ob Vater damit einverstanden ist.“
„Grandpa hat sicher nichts dagegen“, meinte ich und entließ ich sie aus ihrem Gefängnis.
„Gibst du ihm den kleinen Finger, schnappt er sich gleich den ganzen Arm!“, kam es von der Galerie.
Tante Abigail und ich schauten nach oben und entdeckten Mum.
„Nanu, du bist auch schon so früh wach, guten Morgen Charlotte!“
„Morgen Mum!“
„Oh sei doch nicht so laut Jack“, Mum hielt sich den Kopf, „ …guten Morgen ihr zwei. Der Grog gestern hatte es in sich. Ich glaube mein Kopf zerspringt gleich.“
„Soso, ihr habt also gestern wieder gesoffen und das ohne mich!“, sagte ich belustigt.
„… wieder gesoffen, was soll denn das denn bitte schön heißen“, kam es empört von Tante Abigail.
„Mum lief die Treppe herunter und ich hob abwehrend die Hände.
„Das war doch nur Spaß!“
„Auf die Späße kann ich gut und gerne verzichten!“, sagte Mum, die nun mittlerweile bei uns unten angekommen.
„Sich nachts in fremden Betten herumtreiben und sich beschweren, wir hätten gesoffen, wird ja immer schöner!“, kam es gespielt empört von Tante Abigail.
„Aber…, aber…“
Beide Frauen fingen an zu lachen und verschwanden Arm in Arm Richtung Küche. Kopfschüttelnd blies ich in meinen Pony und lief die Treppe hinauf. Im Zimmer angekommen, stellte ich meine Tasche auf dem Schreibtisch ab, kickte meine Schuhe in die Ecke und ließ mich auf mein Bett fallen.
Verliebt und lächelnd nahm ich mein Kissen in den Arm und drückte es fest.
*-*-*
Ich schien noch einmal eingeschlafen zu sein, denn Klopfen an der Badtür weckte mich.
„Bist du schon da?“, hörte ich Jaydens Stimme.
„Mühsam erhob ich mich und schloss die Tür auf.
„Ja bin ich“, grummelte ich, als ich die Verbindungstür aufzog.
Mein Gegenüber zuckte zusammen, denn er war schon wieder auf dem Weg ins sein Zimmer. Plötzlich hörte ich Sabrinas schrille Stimme aus Jaydens Zimmer.
„Jayden… komm schnell schau…, das gibt es doch nicht!“
Ich folgte meinem Cousin in sein Zimmer und schaute neugierig, was geschehen war. Sabrina saß auf dem Bett und hatte ihr Handy in der Hand. Als ich das Zimmer betrat, schaute sie auf.
„Euer Geheimnis ist kein Geheimnis mehr“, meinte sie nur und hielt ihr Handy in unsere Richtung.
„Welches Geheimnis?“, fragte Jayden, die Frage, die auch mir auf der Zunge lag.
„Baron Jack und Jayden of Newbury mit dem Duke of Newbury“, sagte Sabrina nur.
Als ich endlich die kleine Schaufläche des Handys richtig sehen konnte, prangte da ein Bild von Grandpa und uns entgegen.
„Das ist vor der Kirche an Heilig Abend“, meinte Jayden.
„Na und? Das Bild wird hier in der örtlichen Zeitung sein.“
„Nein, das hat mir Gregory geschickt, er hat das aus unserem Klassenchat.“
„Klassenchat?“, fragten Jayden und ich gleichzeitig.
„Ja unser Klasse besitzt einen eigenen Chat, in dem sie sich über alles informieren können.“
„Davon wusste ich nichts“, meinte ich.
„Ich auch nicht.“
„Wie denn auch, du bist ja auch erst kurz in der Klasse, aber dass du das nicht weißt Jack, das wundert mich schon.“
„Mich haben die Belange der anderen in der Klasse, bisher nicht interessiert, warum sollte es mich jetzt interessieren, na und, dann wissen eben die anderen, dass wir adeliger Herkunft sind.“
Jayden nickte.
„Ich wäre mir da nicht so sicher, du solltest die Kommentare danach lesen. Die reichen von freudiger Überraschung bis hin zu Beleidigungen und spekulieren über schlimme Dinge in der Familie.“
Jayden wurde bleich.
„Hat jemand mit bekommen, dass meine Erzeugerin in der Klapse sitzt?“
Erzeugerin statt Mutter, verdenken konnte man es ihm nicht.
„Davon habe ich nichts gelesen, aber die Beleidigungen, die Jack betreffen, kamen meist von den Jungs unserer Klasse… unehelicher Bastard und anderes!“
Mir war das so egal und fing an zu nerven.
„Dann sind sie eben neidisch auf mich. Der Klassenbeste zu sein und auch noch gut auszusehen…, wundert euch das?“
„Wie kommst du jetzt darauf, genau darum ging es in den Beleidigungen.“
„Das hat mir Gregory erzählt, dass man über mich redet…, über meine gute Noten und dass ich gut aussehe.“
„Gregory?“, fragte Sabrina.
„Gregory ist unscheinbar und es fällt nicht auf, wenn er in der Nähe ist und Gespräche zufällig mitbekommt.“
„Und was willst du jetzt tun?“, wollte Sabrina von mir wissen.
„Wie, was will ich jetzt tun? Soll ich etwa einen Lebenslauf über mein Leben in der Zeitung abdrucken lassen, damit die Spekulationen aufhören?“
Sabrina sagte nichts darauf, sondern schüttelte nur leicht den Kopf.
„Es wäre eh nicht unbemerkt geblieben, wenn wir drei nun mit Gregory nach den Ferien herumhängen würden, oder? Zudem wird jedem Auffallen, wie ähnlich Gregory und ich uns sehen.“
„Das wird noch mehr die Neugier schüren“, sagte Jayden.
„Soll ich euch etwas sagen? Das ist mir völlig egal! In einem halben Jahr machen wir den Abschluss und die anderen können mich dann mal kreuzweise!“
Genervt lief ich in mein Zimmer zurück und ließ mich erneut aufs Bett fallen. Mein Handy fiepte.
„Ich hab dir das aufs Handy geschickt“, hörte ich Sabrinas Stimme.
Für was, dachte ich für mich und legte mein Handy, ohne nachzuschauen wieder auf seinen Platz zurück.
„Meinst du, die fangen uns jetzt an, irgendwie zu mobben?“, hörte ich Jaydens besorgte Stimme aus dem Badezimmer.
Ich verdrehte meine Augen und kuschelte mich wieder in mein Kissen.
*-*-*
Als ich die Treppe zum Frühstück hinunter lief, zog mich Mum unten an der Treppe auf die Seite.
„Ähm… Mum was ist?“, fragte ich verwundert.
„Was hat Jayden damit gemeint, ihr seid im Internet…, er hat es gerade seinem Vater erzählt.“
„Ach das…“, sagte, zog mein Handy hervor, suchte nach Sabrinas Mitteilung und zeigte ihr sie dann.“
„Wo ist das her?“, wollte Mum wissen und nahm mir das Handy aus der Hand, um sich das Bild genauer anzusehen.“
„Das hat wohl jemand aus meiner Klasse gepostet, wo der oder die das Bild her hat, weiß ich nicht, Jayden meint, es wurde an Heilig Abend vor der Kirche.“
„War dort noch jemand aus deiner Klasse?“
„Kann ich mir nicht vorstellen!“
„Gregory ist auch aus deiner Klasse.“
„Mum, ich weiß es nicht und Gregory hat es bestimmt nicht gepostet, der hat es selbst gefunden und an Sabrina weiter geleitet. Jayden macht sich jetzt natürlich Sorgen, dass alles könnte sich nach den Ferien, negativ in der Schule auswirken.“
„Wieso das denn?“
„Weil ein paar blöde Heinis aus meiner Klasse blöde Anmerkungen hinter lassen haben.“
Mum sagte darauf nichts, sonder scrollte weiter und lass ein paar Bemerkungen zum Bild.
„Kindisches Volk!“, sagte sie dann und gab mir mein Handy zurück.
„Wenn irgendetwas sein sollte, Jack, dann erzähl es mir bitte.“
„Mum, dieses halbe Jahr, bis zu den Prüfungen, bekomme ich auch noch herum“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Ohne ein weiteres Wort zog sie mich in den Essraum. Verwundert schaute ich sie an, als sie die Tür schloss.
„Mum, was ist denn?
„Irgendwie gibt es immer mehr Probleme, seid wir wieder mit dieser Familie liiert sind.“
„Sag so etwas nicht.“
„Ich hatte damals meine Gründe, mich nach dem Tod deines Vaters, von dieser Familie fernzuhalten, denn es hat uns nur Unglück gebracht. Das war einer davon. Die Probleme, die ständig wuchsen.“
„Willst du den Kontakt wieder abbrechen?“, fragte ich traurig.
„Das habe ich nicht gesagt, Jack! Ich bemerke nur immer wieder, warum mir diese Familie so zu wider war. Aber du verstehst dich gut mit deinem Grandpa und ich will nicht der Grund sein, dass dies wieder zerbricht.“
Ich nahm sie einfach, ohne irgendetwas zu sagen, in den Arm.
„Da wäre noch etwas, was ich dir nicht erzählt habe.“
Ich hob den Kopf und schaute ihr in die Augen.
„Die Mutter deines Vaters war nie auf Geld angewiesen, deswegen war es schon suspekt, dass man deinen Vater verdächtige, dass er die Gelder veruntreut hat, um seiner Mutter finanziell zur Seite zu stehen.“
„Warum erzählst du mir das jetzt?“
„Weil du alles über die Familie wissen solltest. Deine Grandma stammt aus einer alten und reichen Adelsfamilie, das heißt, von ihrer Seite war immer genug Geld da…, auch jetzt.“
„Was meinst du damit?“
„Dass es ein Konto auf einer Londoner Bank gibt, auf dem das Geld deines Vaters liegt, welches er zur Unterstützung von seiner Mutter bekommen hat.“
Das wurde ja immer schöner.
„Und wie viel ist das? Weißt du es?“
„Ein recht hoher Betrag, hat Isaac damals gesagt. Wie viel genau weiß ich nicht.“
„Das heißt, wir haben viel Geld…“
„… und ich habe es nie angerührt.“
Fassungslos schaute ich sie an.
„Aber warum? Jahrelang hast du dich abgeschuftet, damit es uns gut geht! Bist von morgens bis abends in deinem kleinen Schuhladen gestanden! Warum hast du das gemacht, wenn wir nicht darauf angewiesen waren?“
Mittlerweile hatte ich sie wieder losgelassen und ich war laut geworden, was zur Folge hatte, dass bei Mum, die ersten Tränen kullerten.
„Ich möchte dich nur verstehen, Mum! Warum dann all diese unnötige Plagerei?“
Ich bekam keine Antwort, denn die Tür zum Flur wurde aufgestoßen. Onkel Henry und Tante Abigail kamen herein.
„Nichts!“, meinte Mum und drehte sich weg.
Ich schaute zwischen Mum und den beiden hin und her und wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
„Für nichts, war dein Sohn aber ganz schön laut“, kam es nun von Tante Abigail.
An der Tür standen nun auch noch Molly, Jayden mit Sabrina. Ich sah, wie Mum verdeckt über ihre Augen wischte. Tante Abigail nickte kurz Onkel Henry zu, dann ging sie zu Mum, nahm sie in den Arm und schob sie an den anderen zum Zimmer hinaus.
Ich wollte den beiden folgen, wurde aber von meinem Onkel daran gehindert, in dem er die Tür schloss.
„Wir frühstücken jetzt!“, meinte er bestimmend.
Ich blickte ihm direkt in die Augen und er hielt meinem fragenden Blick stand.
„Setz dich!“
Ich atmete tief durch und folgte seiner Anweisung. So lief ich an meinen Platz und ließ mich nieder.
„Was ist denn los?“, hörte ich Sabrina Jayden flüsternd fragen.
Der zuckte aber nur mit den Schultern.
„Heute schon etwas geplant?“, durchbrach Onkel Henry die Stille.
„Öhm, ich werde wohl etwas ausreiten, nach dem Frühstück“, kam es Molly.
„Geht das denn bei dem Schnee?“, fragte Sabrina.
Onkel Henry stellte mir einen Teller mit Ei und Speck hin, obwohl ich nicht sagte, ob ich was wollte.
„Das geht schon, du musst dich nur warm anziehen“, sagte Onkel Henry, der nun einen weiteren Teller befüllte.
„Willst du es nicht doch auch mal probieren?“, kam es von Jayden.
„Ich weiß nicht recht…“, zierte sich Sabrina.
Die Tür ging auf und Tante Abigail mit Mum kamen zurück. Mein Blick folgte meiner Mutter, aber sie schaute mich nicht an.
„Du, Taylor ist ein hervorragender Lehrer, er zeigt dir das bestimmt gerne, nicht Jack?“
Hatte ich mich so im Ton vergriffen und sie beleidigt?
„Jack?“
Was hatte ich da nur angestellt?
„Jack?“, hörte ich jemand meinen Namen rufen und verspürte danach einen leichten Schmerz an meinen rechten Arm.
Erschrocken schaute ich dort hin.
„Was ist denn mit dir los, wo bist du denn mit deinen Gedanken?“, kam es von Jayden, der neben mir saß.
„Hä…?“
„Ich habe nur gesagt, dass Taylor ein guter Reitlehrer ist und es bestimmt gerne Sabrina beibringt.“
„Ähm… ja… tut er sicher.“
Mum hatte sich inzwischen mir gegenüber hingesetzt, mich aber immer noch keines Blickes gewürdigt. Von Tante Abigail erntete ich dafür nur vorwurfsvolle Blicke. Ich stand langsam auf.
„Entschuldigt…, ich muss kurz auf die Toilette und verließ kurz darauf das Esszimmer.
*-*-*
Ich hatte kurz die Toilette in meinem Zimmer aufgesucht, war dann aber nicht mehr in das Esszimmer zurück gekehrt. Irgendwie war ich in der Küche von Caitlin gelandet, ich wusste nicht mal warum.
Still saß ich an ihrem Tisch, während sie am Herd stand und in irgendetwas rührte.
„Haben du keine Hunger?“, fragte Caitlin.
Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte, oder wusste. Das Esszimmer war nicht weit von der Küche entfernt, sie hatte mich bestimmt auch gehört. Trotzdem wunderte es mich, warum sie bisher noch nichts gesagt hatte, als ich einfach in ihre Küche kam und mich setzte.
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber einen frischen Kaffee trinkst du doch sicher?“
„Tee…“, ich schaute sie an, meine Augen wurden glasig, „… Tee… wäre mir lieber.“
Sie nickte mir zu un drehte sich Richtung Küchenschrank.
„Wusstest du dass dein Vater oft hier saß, nachdem seine Mutter verschwunden war?“
Caitlin öffnete den Oberschrank und holte eine große Tasse heraus. Obwohl sie es nicht sehen konnte, schüttelte ich nur den Kopf, weil ich nichts über die Lippen brachte.
Sie drehte sich wieder zu mir, schaute mich kurz an und lief dann zum Herd.
„Ja, immer wenn dein Vater Probleme hatte kam er zu mir. Er hatte ja sonst niemand. Der Duke war immer sehr beschäftigt, und seine Geschwister…, naja, sie hatten auch keine Zeit für ihn. Ich denke, dein Vater litt am meisten darunter, dass seine Mutter gegangen war…, von den anderen kann ich das nicht sonderlich behaupten.“
Wortlos schaute ich ihr zu, wie sie mir einen Tee zubereitete.
„Mit zu Taylor gehen“, meinte Mum.
„Aber…, aber…“
„Was denn? Du willst nicht? Da wird dein Freund aber sehr traurig sein!“
Entgeistert schaute ich zwischen Mum und Taylor hin und her.
„Entschuldige Taylor, mein Sohn ist ab und zu etwas kopflastig!“
Mein Schatz lächelte breit.
„Du meinst wirklich…, ich kann einfach mit so zu Taylor gehen.“
„Warum nicht? Oder willst du noch ein Abend traurig drein schauen, weil dir Taylor fehlt?“
„Danke!“, meinte ich nur, drückte sie kurz und rannte ins Haus.
„Bin gleich wieder da!“
*-*-*
Pünktlich wie immer war Taylors Schwester erschienen und hatte uns abgeholt. Ich wunderte mich zwar darüber, dass sie bereits wusste, dass ich mitfahren würde, aber es schien ihr auch nichts auszumachen.
Beim späteren Abendessen war es genauso lustig, wie mit den anderen am Mittag. Julien erzählte ein paar Geschichten über Taylor, wie tollpatschig er sich doch am Anfang angestellt hatte.
Mein Freund wurde immer kleiner neben mir. Aber sein Schwager zog ihn öfter zu sich, nahm in den Arm und rubbelte sanft über Taylors Haare, was meinen Schatz wieder versöhnte. Recht spät am Abend, wanderten wir endlich ins Bett.
Beide waren wir müde, aber dennoch fit genug, noch ausgiebig zu kuscheln. Aber dennoch schliefen wir eng umschlungen irgendwann ein. Früh am Morgen ging Taylors Wecker. Er musste ja wieder arbeiten gehen, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.
So stand ich mit ihm auf, frühstückten gemeinsam mit Chloe und Julien und ließen uns von ihm dann zum Gut zurück fahren. Nach einem kleinen Kuss trennten sich unsere Wege, erging zum Stall und ich ins Haus.
Leise drehte ich den Knauf der großen Holztür, freute mich einerseits, dass die Tür nicht verschlossen war, wunderte mich aber auch, dass sie bereits aufgeschlossen war. Den Grund dafür, fand ich hinter der Tür.
„Morgen Jack, schon so früh auf?“, begrüßte mich Tante Abigail.
„Oh, guten Morgen Tante. Leider muss Taylor früh aufstehen und pünktlich hier sein, so bin ich gleich mitgefahren, damit Julien nicht auch wegen mir noch mal hier her fahren musste.“
„Daran habe ich gar nicht gedacht…“, sagte Tante Abigail nachdenklich, „… ich sollte mal mit Vater reden, ob Taylor nicht noch Anspruch auf ein paar Tage frei hat, solange du hier bist.“
„Dass würdest du tun?“
„Klar, für meinen Neffen tu ich doch fast alles!“, lachte sie.
„Danke Tantchen“, rief ich erfreut und umarmte sie heftig.
„Langsam, langsam Jack! Du weißt doch gar nicht, ob Vater damit einverstanden ist.“
„Grandpa hat sicher nichts dagegen“, meinte ich und entließ ich sie aus ihrem Gefängnis.
„Gibst du ihm den kleinen Finger, schnappt er sich gleich den ganzen Arm!“, kam es von der Galerie.
Tante Abigail und ich schauten nach oben und entdeckten Mum.
„Nanu, du bist auch schon so früh wach, guten Morgen Charlotte!“
„Morgen Mum!“
„Oh sei doch nicht so laut Jack“, Mum hielt sich den Kopf, „ …guten Morgen ihr zwei. Der Grog gestern hatte es in sich. Ich glaube mein Kopf zerspringt gleich.“
„Soso, ihr habt also gestern wieder gesoffen und das ohne mich!“, sagte ich belustigt.
„… wieder gesoffen, was soll denn das denn bitte schön heißen“, kam es empört von Tante Abigail.
„Mum lief die Treppe herunter und ich hob abwehrend die Hände.
„Das war doch nur Spaß!“
„Auf die Späße kann ich gut und gerne verzichten!“, sagte Mum, die nun mittlerweile bei uns unten angekommen.
„Sich nachts in fremden Betten herumtreiben und sich beschweren, wir hätten gesoffen, wird ja immer schöner!“, kam es gespielt empört von Tante Abigail.
„Aber…, aber…“
Beide Frauen fingen an zu lachen und verschwanden Arm in Arm Richtung Küche. Kopfschüttelnd blies ich in meinen Pony und lief die Treppe hinauf. Im Zimmer angekommen, stellte ich meine Tasche auf dem Schreibtisch ab, kickte meine Schuhe in die Ecke und ließ mich auf mein Bett fallen.
Verliebt und lächelnd nahm ich mein Kissen in den Arm und drückte es fest.
*-*-*
Ich schien noch einmal eingeschlafen zu sein, denn Klopfen an der Badtür weckte mich.
„Bist du schon da?“, hörte ich Jaydens Stimme.
„Mühsam erhob ich mich und schloss die Tür auf.
„Ja bin ich“, grummelte ich, als ich die Verbindungstür aufzog.
Mein Gegenüber zuckte zusammen, denn er war schon wieder auf dem Weg ins sein Zimmer. Plötzlich hörte ich Sabrinas schrille Stimme aus Jaydens Zimmer.
„Jayden… komm schnell schau…, das gibt es doch nicht!“
Ich folgte meinem Cousin in sein Zimmer und schaute neugierig, was geschehen war. Sabrina saß auf dem Bett und hatte ihr Handy in der Hand. Als ich das Zimmer betrat, schaute sie auf.
„Euer Geheimnis ist kein Geheimnis mehr“, meinte sie nur und hielt ihr Handy in unsere Richtung.
„Welches Geheimnis?“, fragte Jayden, die Frage, die auch mir auf der Zunge lag.
„Baron Jack und Jayden of Newbury mit dem Duke of Newbury“, sagte Sabrina nur.
Als ich endlich die kleine Schaufläche des Handys richtig sehen konnte, prangte da ein Bild von Grandpa und uns entgegen.
„Das ist vor der Kirche an Heilig Abend“, meinte Jayden.
„Na und? Das Bild wird hier in der örtlichen Zeitung sein.“
„Nein, das hat mir Gregory geschickt, er hat das aus unserem Klassenchat.“
„Klassenchat?“, fragten Jayden und ich gleichzeitig.
„Ja unser Klasse besitzt einen eigenen Chat, in dem sie sich über alles informieren können.“
„Davon wusste ich nichts“, meinte ich.
„Ich auch nicht.“
„Wie denn auch, du bist ja auch erst kurz in der Klasse, aber dass du das nicht weißt Jack, das wundert mich schon.“
„Mich haben die Belange der anderen in der Klasse, bisher nicht interessiert, warum sollte es mich jetzt interessieren, na und, dann wissen eben die anderen, dass wir adeliger Herkunft sind.“
Jayden nickte.
„Ich wäre mir da nicht so sicher, du solltest die Kommentare danach lesen. Die reichen von freudiger Überraschung bis hin zu Beleidigungen und spekulieren über schlimme Dinge in der Familie.“
Jayden wurde bleich.
„Hat jemand mit bekommen, dass meine Erzeugerin in der Klapse sitzt?“
Erzeugerin statt Mutter, verdenken konnte man es ihm nicht.
„Davon habe ich nichts gelesen, aber die Beleidigungen, die Jack betreffen, kamen meist von den Jungs unserer Klasse… unehelicher Bastard und anderes!“
Mir war das so egal und fing an zu nerven.
„Dann sind sie eben neidisch auf mich. Der Klassenbeste zu sein und auch noch gut auszusehen…, wundert euch das?“
„Wie kommst du jetzt darauf, genau darum ging es in den Beleidigungen.“
„Das hat mir Gregory erzählt, dass man über mich redet…, über meine gute Noten und dass ich gut aussehe.“
„Gregory?“, fragte Sabrina.
„Gregory ist unscheinbar und es fällt nicht auf, wenn er in der Nähe ist und Gespräche zufällig mitbekommt.“
„Und was willst du jetzt tun?“, wollte Sabrina von mir wissen.
„Wie, was will ich jetzt tun? Soll ich etwa einen Lebenslauf über mein Leben in der Zeitung abdrucken lassen, damit die Spekulationen aufhören?“
Sabrina sagte nichts darauf, sondern schüttelte nur leicht den Kopf.
„Es wäre eh nicht unbemerkt geblieben, wenn wir drei nun mit Gregory nach den Ferien herumhängen würden, oder? Zudem wird jedem Auffallen, wie ähnlich Gregory und ich uns sehen.“
„Das wird noch mehr die Neugier schüren“, sagte Jayden.
„Soll ich euch etwas sagen? Das ist mir völlig egal! In einem halben Jahr machen wir den Abschluss und die anderen können mich dann mal kreuzweise!“
Genervt lief ich in mein Zimmer zurück und ließ mich erneut aufs Bett fallen. Mein Handy fiepte.
„Ich hab dir das aufs Handy geschickt“, hörte ich Sabrinas Stimme.
Für was, dachte ich für mich und legte mein Handy, ohne nachzuschauen wieder auf seinen Platz zurück.
„Meinst du, die fangen uns jetzt an, irgendwie zu mobben?“, hörte ich Jaydens besorgte Stimme aus dem Badezimmer.
Ich verdrehte meine Augen und kuschelte mich wieder in mein Kissen.
*-*-*
Als ich die Treppe zum Frühstück hinunter lief, zog mich Mum unten an der Treppe auf die Seite.
„Ähm… Mum was ist?“, fragte ich verwundert.
„Was hat Jayden damit gemeint, ihr seid im Internet…, er hat es gerade seinem Vater erzählt.“
„Ach das…“, sagte, zog mein Handy hervor, suchte nach Sabrinas Mitteilung und zeigte ihr sie dann.“
„Wo ist das her?“, wollte Mum wissen und nahm mir das Handy aus der Hand, um sich das Bild genauer anzusehen.“
„Das hat wohl jemand aus meiner Klasse gepostet, wo der oder die das Bild her hat, weiß ich nicht, Jayden meint, es wurde an Heilig Abend vor der Kirche.“
„War dort noch jemand aus deiner Klasse?“
„Kann ich mir nicht vorstellen!“
„Gregory ist auch aus deiner Klasse.“
„Mum, ich weiß es nicht und Gregory hat es bestimmt nicht gepostet, der hat es selbst gefunden und an Sabrina weiter geleitet. Jayden macht sich jetzt natürlich Sorgen, dass alles könnte sich nach den Ferien, negativ in der Schule auswirken.“
„Wieso das denn?“
„Weil ein paar blöde Heinis aus meiner Klasse blöde Anmerkungen hinter lassen haben.“
Mum sagte darauf nichts, sonder scrollte weiter und lass ein paar Bemerkungen zum Bild.
„Kindisches Volk!“, sagte sie dann und gab mir mein Handy zurück.
„Wenn irgendetwas sein sollte, Jack, dann erzähl es mir bitte.“
„Mum, dieses halbe Jahr, bis zu den Prüfungen, bekomme ich auch noch herum“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Ohne ein weiteres Wort zog sie mich in den Essraum. Verwundert schaute ich sie an, als sie die Tür schloss.
„Mum, was ist denn?
„Irgendwie gibt es immer mehr Probleme, seid wir wieder mit dieser Familie liiert sind.“
„Sag so etwas nicht.“
„Ich hatte damals meine Gründe, mich nach dem Tod deines Vaters, von dieser Familie fernzuhalten, denn es hat uns nur Unglück gebracht. Das war einer davon. Die Probleme, die ständig wuchsen.“
„Willst du den Kontakt wieder abbrechen?“, fragte ich traurig.
„Das habe ich nicht gesagt, Jack! Ich bemerke nur immer wieder, warum mir diese Familie so zu wider war. Aber du verstehst dich gut mit deinem Grandpa und ich will nicht der Grund sein, dass dies wieder zerbricht.“
Ich nahm sie einfach, ohne irgendetwas zu sagen, in den Arm.
„Da wäre noch etwas, was ich dir nicht erzählt habe.“
Ich hob den Kopf und schaute ihr in die Augen.
„Die Mutter deines Vaters war nie auf Geld angewiesen, deswegen war es schon suspekt, dass man deinen Vater verdächtige, dass er die Gelder veruntreut hat, um seiner Mutter finanziell zur Seite zu stehen.“
„Warum erzählst du mir das jetzt?“
„Weil du alles über die Familie wissen solltest. Deine Grandma stammt aus einer alten und reichen Adelsfamilie, das heißt, von ihrer Seite war immer genug Geld da…, auch jetzt.“
„Was meinst du damit?“
„Dass es ein Konto auf einer Londoner Bank gibt, auf dem das Geld deines Vaters liegt, welches er zur Unterstützung von seiner Mutter bekommen hat.“
Das wurde ja immer schöner.
„Und wie viel ist das? Weißt du es?“
„Ein recht hoher Betrag, hat Isaac damals gesagt. Wie viel genau weiß ich nicht.“
„Das heißt, wir haben viel Geld…“
„… und ich habe es nie angerührt.“
Fassungslos schaute ich sie an.
„Aber warum? Jahrelang hast du dich abgeschuftet, damit es uns gut geht! Bist von morgens bis abends in deinem kleinen Schuhladen gestanden! Warum hast du das gemacht, wenn wir nicht darauf angewiesen waren?“
Mittlerweile hatte ich sie wieder losgelassen und ich war laut geworden, was zur Folge hatte, dass bei Mum, die ersten Tränen kullerten.
„Ich möchte dich nur verstehen, Mum! Warum dann all diese unnötige Plagerei?“
Ich bekam keine Antwort, denn die Tür zum Flur wurde aufgestoßen. Onkel Henry und Tante Abigail kamen herein.
„Nichts!“, meinte Mum und drehte sich weg.
Ich schaute zwischen Mum und den beiden hin und her und wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
„Für nichts, war dein Sohn aber ganz schön laut“, kam es nun von Tante Abigail.
An der Tür standen nun auch noch Molly, Jayden mit Sabrina. Ich sah, wie Mum verdeckt über ihre Augen wischte. Tante Abigail nickte kurz Onkel Henry zu, dann ging sie zu Mum, nahm sie in den Arm und schob sie an den anderen zum Zimmer hinaus.
Ich wollte den beiden folgen, wurde aber von meinem Onkel daran gehindert, in dem er die Tür schloss.
„Wir frühstücken jetzt!“, meinte er bestimmend.
Ich blickte ihm direkt in die Augen und er hielt meinem fragenden Blick stand.
„Setz dich!“
Ich atmete tief durch und folgte seiner Anweisung. So lief ich an meinen Platz und ließ mich nieder.
„Was ist denn los?“, hörte ich Sabrina Jayden flüsternd fragen.
Der zuckte aber nur mit den Schultern.
„Heute schon etwas geplant?“, durchbrach Onkel Henry die Stille.
„Öhm, ich werde wohl etwas ausreiten, nach dem Frühstück“, kam es Molly.
„Geht das denn bei dem Schnee?“, fragte Sabrina.
Onkel Henry stellte mir einen Teller mit Ei und Speck hin, obwohl ich nicht sagte, ob ich was wollte.
„Das geht schon, du musst dich nur warm anziehen“, sagte Onkel Henry, der nun einen weiteren Teller befüllte.
„Willst du es nicht doch auch mal probieren?“, kam es von Jayden.
„Ich weiß nicht recht…“, zierte sich Sabrina.
Die Tür ging auf und Tante Abigail mit Mum kamen zurück. Mein Blick folgte meiner Mutter, aber sie schaute mich nicht an.
„Du, Taylor ist ein hervorragender Lehrer, er zeigt dir das bestimmt gerne, nicht Jack?“
Hatte ich mich so im Ton vergriffen und sie beleidigt?
„Jack?“
Was hatte ich da nur angestellt?
„Jack?“, hörte ich jemand meinen Namen rufen und verspürte danach einen leichten Schmerz an meinen rechten Arm.
Erschrocken schaute ich dort hin.
„Was ist denn mit dir los, wo bist du denn mit deinen Gedanken?“, kam es von Jayden, der neben mir saß.
„Hä…?“
„Ich habe nur gesagt, dass Taylor ein guter Reitlehrer ist und es bestimmt gerne Sabrina beibringt.“
„Ähm… ja… tut er sicher.“
Mum hatte sich inzwischen mir gegenüber hingesetzt, mich aber immer noch keines Blickes gewürdigt. Von Tante Abigail erntete ich dafür nur vorwurfsvolle Blicke. Ich stand langsam auf.
„Entschuldigt…, ich muss kurz auf die Toilette und verließ kurz darauf das Esszimmer.
*-*-*
Ich hatte kurz die Toilette in meinem Zimmer aufgesucht, war dann aber nicht mehr in das Esszimmer zurück gekehrt. Irgendwie war ich in der Küche von Caitlin gelandet, ich wusste nicht mal warum.
Still saß ich an ihrem Tisch, während sie am Herd stand und in irgendetwas rührte.
„Haben du keine Hunger?“, fragte Caitlin.
Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte, oder wusste. Das Esszimmer war nicht weit von der Küche entfernt, sie hatte mich bestimmt auch gehört. Trotzdem wunderte es mich, warum sie bisher noch nichts gesagt hatte, als ich einfach in ihre Küche kam und mich setzte.
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber einen frischen Kaffee trinkst du doch sicher?“
„Tee…“, ich schaute sie an, meine Augen wurden glasig, „… Tee… wäre mir lieber.“
Sie nickte mir zu un drehte sich Richtung Küchenschrank.
„Wusstest du dass dein Vater oft hier saß, nachdem seine Mutter verschwunden war?“
Caitlin öffnete den Oberschrank und holte eine große Tasse heraus. Obwohl sie es nicht sehen konnte, schüttelte ich nur den Kopf, weil ich nichts über die Lippen brachte.
Sie drehte sich wieder zu mir, schaute mich kurz an und lief dann zum Herd.
„Ja, immer wenn dein Vater Probleme hatte kam er zu mir. Er hatte ja sonst niemand. Der Duke war immer sehr beschäftigt, und seine Geschwister…, naja, sie hatten auch keine Zeit für ihn. Ich denke, dein Vater litt am meisten darunter, dass seine Mutter gegangen war…, von den anderen kann ich das nicht sonderlich behaupten.“
Wortlos schaute ich ihr zu, wie sie mir einen Tee zubereitete.
„Großmutter Sophie?“, blabberte Jayden mir nach.
„Hallo Jayden… Molly!“, sagte Grandma lächelnd und hielt sich immer noch an meinem Arm fest.
„Das ist deine Grandma, über die niemand spricht?“
Sabrina, ein Trampel wie immer!
„Ja, bin ich“, meinte Grandma, „darf ich mich zu euch setzten?“
Taylor stand sofort auf, zog einen Stuhl vom Nachbartisch hinzu und blieb dahinter stehen. Grandma ließ sich langsam darauf nieder, dann setzten sich Taylor und ich mich auch hin.
„Danke mein Junge!“, meinte sie zu Taylor, der sie breit anlächelte.
„Das ist also dein Freund Taylor… netter Junge!“
Stimmt, ich hatte ihr wirklich alles von mir geschrieben, auch die Sache mit meinem Schwulsein und Taylor. So wusste es auch Emily, die den Brief ja auch gelesen hatte. Und wenn ich es mir genau überlegte, die beiden lebten ja zusammen, also würde mich jemand besser verstehen, als die beiden?
„Ja, das ist er“, meinte ich stolz und nahm seine Hand in meine.
Emily kam zurück und stellte jedem seine Schokolade hin, Sophie gab sie einen Tee.
„Ich bin an der Theke“, meinte sie nur lächelnd und lies uns dann wieder alleine.
Emily war nicht wieder zu erkennen, auf alle Fälle hatte ich sie bis jetzt noch nicht lächeln sehen.
„Du bist unsere Grandma Sophie?“, kam es von Jayden, der wohl wieder seine Sprache gefunden hatte, Molly dagegen reagierte nicht, sondern starrte ihre Großmutter nur an.
„Ja, das bin ich und es tut mir leid, dass wir uns unter diesen Umständen treffen…“
„Wieso? Ich finde es sehr schön hier!“, kam es von Sabrina.
Leider saß ich zu weit weg von ihr, sonst hätte ich sie jetzt ans Bein getreten. Sie hatte aber auch irgendwie Recht. Ich sah meine Großmutter an.
„Es hätten keine besseren Umstände sein können Grandma“, sagte ich.
Sie sah mich fragend an.
„Ist es nicht besser, die beiden wissen, wer und wo ihre Großmutter ist? Du sagtest vorhin, hättest du, wäre – Es ist immer die eigene Entscheidung, die uns auf einen weiteren Weg bringt, mal richtig, mal falsch.“
Niemand von den anderen unterbrach mich.
„Ob es aber richtig oder falsch ist, weißt du nicht vorher. Aber ist es falsch, dass du die Person, die du liebst ablehnst, nur weil du an etwas gebunden bist, das dir nicht gefällt?“
Grandma schien zu wissen, von was ich redete, denn sie nickte leicht.
„Ich muss Jack Recht geben!“, warf nun Jayden ein, „es mag sich zwar schrecklich anhören, aber ich bin froh, dass meine Mutter weg ist. Es war eine gute Entscheidung, bei meinem Vater zu bleiben. Klar ist es traurig, aber ich habe dafür so viel dazu gewonnen, was ich eigentlich nicht mehr missen möchte!“
Hoppla, große Worte!
„Ich gebe meinem Bruder vollkommen Recht und es ist alleine deine Sache gewesen Grandma, ob du deinem Herzen gefolgt bist und nicht deinem Verstand.“
Onkel Henry wusste wohl auch Bescheid und hatte die Geschichte vom Bootshaus seinen Kindern erzählt.
„Kinder, ich bin stolz, solche Enkel zu haben!“, meinte Grandma strahlend.
Ich sah, dass Sabrina sich zu Jayden wandte und frech angrinste.
„Ich sollte mir vielleicht noch einmal überlegen“, sagte sie dann plötzlich zu Jayden, „ob ich deine Freundin bleiben will, wenn in deiner Familie immer alles in die Brüche geht.“
*-*-*
Leider viel zu kurz, war dieses einzigartige Treffen gewesen, denn wir wollten rechtzeitig zum Lunch zurück sein. Herrlich durch die Winterlandschaft zu reiten, trafen wir endlich am Stall ein.
Dort stand jemand und wartete auf uns. Gregory. Ich glaube, wir sollten ein Gespräch mit Grandpa führen, damit er seine Pferde aufstockte, falls wir alle mal, gemeinsam ausreiten wollten.
„Hallo Gregory“, rief ich und winkte.
Er winkte zurück. Endlich am Stall angekommen, war ich doch froh, denn langsam spürte ich die Kälte.
„Wo wart ihr so lange?“, fragte Gregory, der nun mein Pferd festhielt, bis ich abgestiegen war.
„Wir sind in der Nähe eingekehrt und haben uns eine heiße Schokolade genehmigt“, quiekte Sabrina vor Freude, nachdem sie auch vom Pferd runter war.
Für ihre ersten Ausritt hatte sie sich wacker gehalten, dass musste man ihr lassen. Jayden half Taylor die Pferde in den Stall hinein zubringen, während die zwei Mädels ins Haus stürmten. Gregory stand neben mir und schaute den zwei ebenfalls nach.
„Hier in der Nähe? Ich stelle fest, ich kenne mich hier überhaupt nicht mehr aus“, meinte Gregory, der nun mein Pferd streichelte.
„Hier scheint wirklich immer etwas los zu sein.“
Ich schaute ihn an.
„Das ist aber noch nicht lange so…“, meinte ich leise, „aber warum bist du überhaupt hier, ich dachte du verbringst den Tag mit deine Großeltern.“
„Die haben Besuch bekommen und umringt von nur alten Leuten, nein, das muss ich mir nicht antun! Da kam mir Grandpas Anruf, mit einer Einladung zum Lunch, gerade recht.“
„Hier gibt es auch alte Leute!“, grinste ich ihn an.
Er stubste mir in die Seite.
„Du weißt schon, wie ich das meine.“
„Klar! …ähm macht es dir etwas aus, wenn wir hinein gehen, mir wird langsam kalt“
„Nein, kein Problem, aber willst du nicht auf deinen Taylor warten?“
„Mein Taylor…,“, wie er das betonte, „ich denke, der hat noch ein wenig zu tun, bis die Pferde alle versorgt sind.“
„Ach so. Schade, dass ich nicht mitkonnte, aber das wäre ja auch nicht gegangen, mit nur fünf Pferden.“
Ich hängte mich bei ihm ein und zog ihn Richtung Haus. Verwundert schaute er erst meinen Arm dann mich an.
„Vielleicht solltest du dich in nächster Zeit mal mit deinem Grandpa zusammen setzten.“
„Ich? Wieso?“
„Ihn überreden, dass er seine Herde Pferde vergrößert!“
*-*-*
Die Suppe tat so gut und sie schmeckte wie immer hervorragend. Sabrina sprudelte fast über, als sie von ihren ersten Reitversuchen erzählte, aber in einem Punkt hielt sie ihr Versprechen und schwieg darüber.
Wir hatten auf dem Weg nach Hause ausgemacht, nichts von Grandma zu erzählen, weil wir nicht wussten, wie die Erwachsenen darauf reagieren würden, besonders Grandpa. Grandma hatte noch erzählt, dass sie Henry nicht gesehen hatte, weil ihn Emily so wie mich beim ersten Besuch, abgewimmelt hatte.
Ob das gut oder schlecht war, konnte ich nicht sagen. Natürlich hatten wir Grandma auch von Sophia und Gregory erzählt, was sie wiedertraurig stimmte. Trotzdem mussten wir ihr Versprechen, bei unserem nächsten Besuch, ihn mitzubringen.
Am Tisch wurde sich über Sylvester unterhalten, nachdem Sabrinas Erzählgüsse geendet waren. So diskutierte man darüber, ob man ein Feuerwerk veranstalten sollte, oder nicht, denn es war hier eigentlich ganz unüblich.
Stattdessen sang man Schlag vierundzwanzig Uhr, dieses alte Volkslied -Auid Lang Syne-, das jedes Kind von klein auf beigebracht bekam. Zwar konnte sich niemand den ganzen Text merken, aber wenn alle mitsangen, war das ein tolles Gefühl. Wenn dann noch jemand Dudelsack spielen konnte, setzte es dem ganzen die Krone auf.
Auch über das Essen wurde geredet und nach einem längerem, ob man nun klassisch, oder etwas modernes essen sollte, einigte man sich darauf, es bescheiden anzugehen. So riss der Gesprächsstoff während des ganzen Essen nicht ab.
„Vater, möchtest du noch einen Tee?“, fragte Tante Abigail.
„Gerne, aber ich werde ihn lieber drüben in der Bibliothek zu mir nehmen.“
„Wie du wünschst, Vater“, sagte sie und stand auf.
Damit war die Tafel wohl aufgehoben und alle konnten aufstehen. Da Grandpa doch noch etwas wackelig auf den Beinen war, half ich ihm auf und führte ihn das andere Zimmer. Als wir gerade an der Haustür vorbei kamen, öffnete sich diese und ein leicht eingeschneiter Taylor trat ein.
Er schüttelte seinen Kopf und ein paar Schneeflocken fielen zu Boden. Dann klopfte er auf der Matte an der Tür die Schuhe ab.
„Es scheint heftig zu schneiden“, sagte Grandpa lächeln.
Durch die bunten Fenster, neben der Haustür, konnte man nicht gut nach draußen schauen.
„Ja und es scheint nicht weniger zu werden“, entgegnete mein Schatz.
„Dann solltest du heute vielleicht hier bleiben, bei dem Wetter sollte niemand mehr Auto fahren müssen.“
„Ich habe meine Schwester bereits angerufen, sie meinte ebenso es wäre besser hier zu bleiben, sie und Julien haben keine Lust, dem Wetter durch die Nacht zu fahren,“
Ich führte Grandpa weiter zur Bibliothek und Taylor folgte uns.
„Du hast das Mittagessen verpasst“, meinte ich.
„Ich habe mit James gegessen, er hat etwas von zu Hause mitgebracht. Warum ich eigentlich hier bin, ich soll von James fragen, ob wie der alte Traktor in Betrieb nehmen können, denn James denkt, das der Räumdienst heute wohl nicht kommen wird.“
„Räumdienst?“, fragte ich.
„Ja, dein Großvater hat mit dem örtlichen Räumdienst eine Abmachung, dass wenn sie die Straße räumen, sie auch die Baumallee zum Haus Schneefrei machen.“
„Praktisch!“, meinte ich, während Grandpa sich setzte, „aber warum fragst du, ob ihr den Traktor nutzen könnt?“
„Weil das Ding schrecklich laut ist“, erklärte Grandpa, „aber das wirst du noch selbst hören.
*-*-*
Es war wirklich nicht übertrieben, selbst in meinem Zimmer, das zur anderen Seite lag, hörte man diese Höllenmaschine noch. Aber wenn es Taylor half, den Weg zur Straße frei zu legen, sollte es mir recht sein, umso früher bekam ich ihn wieder zu Gesicht.
Ich klappte mein Laptop zu und ging zu meinem Bett hinüber und gerade, als ich mich so richtig eigekuschelt hatte, klopfte es an der Badtür. Genervt schaute ich auf und rief „ja!“. Wer sollte es anders sein, Jayden natürlich.
„Hallo, was machst du?“
„Auf dem Bett liegen…“
„Mir ist langweilig…“
„Wo ist Sabrina?“
Ich schaute Richtung Badtür.
„Die und Molly wollen irgendetwas machen und mich nicht dabei haben.“
Ich musste grinsen, denn im Augenblick kam mir Jayden, wie ein kleines trotziges Kind vor.
„Keine Lust hinauszugehen?“, fragte er dann.
„Jayden, hast du mal raus geschaut?“
Sein Blick wanderte, wie meiner, Richtung Fenster und dicke Schneeflocken schwebten vorbei.
„Ich dachte, wir gucken Taylor ein bisschen zu, wie er, mit dem Traktor den Schnee räumt.“
„Ich bin zwar gerne mit Taylor zusammen, aber bei der Kälte und bei dem Schneetreiben muss das nicht sein.“
„Okay…“, meinte Jayden und schaute sich im Zimmer um.
Er benahm sich irgendwie komisch, meistens aber nur, wenn etwas im Busch war.
„Ist irgendetwas, Jayden?“
„Nein…, nichts.“
Ich rückte etwas zur Seite und hob meine Decke an. Mit großen Augen schaute er mich an.
„Jetzt komm schon, so ist es viel wärmer!“
Langsam krabbelte er übers Bett, ließ sich neben mir nieder und ich schlug die Decke über ihn.
„So und jetzt erzähl mir bitte, was du wirklich auf dem Herzen hast.“
Er schaute mich lange an, dann senkte er den Kopf.
„Es ist wegen Sabrina…“, sagte er fast flüsternd.
„Was ist mit Sabrina?“, fragte ich erstaunt.
„Ich… ich mag sie wirklich gerne…, aber sie ist oft…“
„Laut!“, unterbrach ich ihn.
„…ja und so quirlig.“
„Und das ist dir dann zu viel.“
Jayden nickte.
„Hast du ihr das schon gesagt?“
„…nein…“, kam es leise von meinem Cousin.
„Und warum nicht?“
„Ich traue mich nicht…“
„Du hast vor Sabrina Angst?“
„Ich würde es nicht Angst nennen…, oder vielleicht doch…, ich möchte sie einfach nicht verletzen!“
„Meinst du wirklich, Sabrina ist verletzt, wenn du ihr sagst, sie soll ein paar Gänge zurück nehmen?“
Jayden zuckte mit den Schultern.
„Könntest…, könntest du vielleicht… mit ihr reden?“
„Ich?“, meinte ich erstaunt und zeigte auf mich.
„Ich werde mich sicher nicht in eure Beziehung einmischen.“
„Aber du bist doch ihr bester Freund, können Freunde sich nicht alles sagen?“
„Du bist ihr Freund! Also machst du das mal schön selbst.“
Er seufzte, krabbelte aus dem Bett und ging wieder in sein Zimmer hinüber.
*-*-*
Eng aneinander gekuschelt, lag ich nach dem Dinner mit Taylor im Bett. Heute Abend war mir nicht nach geselligen beieinander sein, auch wenn Gregory hier übernachtete. Jayden hatte sich bereit erklärt, sein Zimmer mit seinem Cousin zu teilen.
Es hatte nicht aufgehört zu schneien und es wäre unsinnig und gefährlich gewesen, Gregory noch nach Newbury zu seinen Großeltern zu bringen.
„Und du kannst Silvester wirklich nicht hier bleiben?“
„Tut mir leid Jack, aber an Sylvester feiern wir immer mit unseren Gästen im Haus. Das ist viel Arbeit und ich muss helfen.“
„Schade“, meinte ich traurig.
„Jetzt schau nicht so“, sagte Taylor und küsste meine Nase.
„Ich dachte nur, jetzt wo ich einen Freund habe, könnte ich mit ihm ins neue Jahr feiern.“
„Hm…, ich hätte ja gesagt, komm zu uns, aber du kannst hier auch nicht weg, oder?“
Ich schüttelte den Kopf.
Taylor atmet tief durch und schaute zur Decke.
„Dann müssen wir eben die restliche Zeit nutzen, bis du wieder nach London fährst.“
Ich winkelte meinen Arm an und stütze meinen Kopf auf der Hand ab.
„Und wie nutzen wir die?“
Taylor grinste und beugte sich zu mir herüber, so dass ich nach hinten fiel, oder er über mir war.
„Ich wüsste da etwas“, grinste er mich frech an.
Er begann mit kleinen Küsschen über mein Gesicht und Hals zu wandern.
„Taylor nicht…ah…, wenn jemand kommt…“
„Du hast beide Türen abgeschlossen! Wer soll da kommen?“, meinte er und küsste mich weiter.
Die Sonne schien in mein Zimmer und hatte wohl auch die restlichen Schneewolken vertrieben, zudem lag mein Sonnenschein in meinem Arm und lächelte. Ob er wirklich noch schlief, oder träumte er gerade von mir?
Saft strich ich ihm eine Strähne aus dem Gesicht und glitt vorsichtig mit den Fingerspitzen über seine Wange.
„Nicht aufhören!“, kam es brummend von meinen Freund.
„Du bist wach?“
Er öffnete seine Augen du strahlte mich an.
„Klar, du vergisst, dass ich normalerweise immer früh aufstehe.“
„Und warum bist du dann noch nicht aufgestanden?“
„Weil es traumhaft schön ist, in deinem Arm zu liegen und ich es noch etwas genießen wollte.“
„Ich wollte ihm gerade sagen, dass er noch liegen bleiben konnte, aber das erübrigte sich, weil jemand an meine Zimmertür klopfte.
„Jack…, bist du schon wach?“, hörte ich Mums leise Stimme.
Taylor grinste mich an.
„Nein!“, rief ich.
Nun kicherte mein Schatz.
„Bitte Jack, mach auf, es ist etwas Wichtiges!“, sagte sie immer noch gedämpft.
Fragend schaute mich Taylor an und ich konnte nur mit den Schultern zucken. So stand ich schweren Herzens auf und lief zur Tür.
„Du solltest vielleicht etwas anziehen“, sagte Taylor hinter mir.
Ich schaute an mir herunter. Stimmt, so nackt wie ich war, konnte ich meiner Mutter schlecht die Tür öffnen. So sammelte ich Shirt und Shorts vom Boden auf, die am Abend zuvor dort vom Bett gelandet waren und schlüpfte hinein. Taylors Sachen warf ich ihm zu, die er schnell unter der Decke verschwinden ließ. So schloss ich die Tür auf.
„Morgen Mum…“, lächelte ich sie an, aber sie schob mich rückwärts ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
„Ist etwas passiert?“, fragte ich nun besorgt.
„Das kannst du laut sagen! Gregory hat gerade angerufen, dass Isabelle, ihren Mann vor dem Haus liegend gefunden hat. Das Schneeschippen war wohl zu fiel für Edward.“
„Oh Gott und jetzt?“
„Er wurde ins Krankenhaus gebracht und Isabelle ist mitgefahren. Gregory sitzt nun zu Hause und weiß nicht was tun?“
Ihr Blick wanderte an mir vorbei.
„Oh, Taylor, ich wusste nicht, dass du hier bist…, entschuldige… ich hoffe, ich habe euch nicht geweckt!“
„Keine Sorge, wir waren beide wach…, guten Morgen Charlotte. Ich muss eh aufstehen, die Arbeit ruft, es gibt viel zu tun, denn heut ist mein letzter Tag!“
„Letzter Tag?“, fragten Mum und ich verwundert im Chor.
„Ja, über Sylvester habe ich immer Urlaub, Chloe erzählte doch, dass wir da Gäste haben und da muss ich helfen!“
Mir fiel ein Stein vom Herzen, dachte ich doch jetzt wirklich, er würde hier aufhören.
„Ach so, dann macht es dir sicher nichts aus, wenn ich dir Jack entführe. Ich möchte mit ihm Gregory abholen und ins Krankenhaus fahren.“
Taylor setzte sich auf und natürlich rutschte die Decke von ihm. Seine tollen Muskeln, mit dem Sonnenschein im Hintergrund schienen zu strahlen. Ich musste grinsen und wandte mich wieder zu Mum. Wurde sich da grad etwa rot?
„Ich zieh mich auch an und komm dann runter“, meinte ich dann nur.
„Okay… äh ja, ich geh auch runter und helfe Abigail uns ein kleines Frühstück zu machen, denn mit leeren Magen sollten wir nicht fahren.“
„Da hast du vielleicht Recht!“
*-*-*
Wir hatten Glück und der Verkehr war zwischen den Feiertagen nicht sonderlich. Etwa eine dreiviertel Stunde später trafen wir vor Gregorys Großelternhaus ein. Er wartete bereits vor der Tür, besser gesagt, er räumte Schnee zur Seite.
Mum bremste den Wagen leicht ab. Hier in den Nebenstraßen war nicht geräumt und die Straße mit einer Schneedecke verhüllt. Die Räder rutschten etwas, aber vor dem Haus kamen wir zum Stehen.
Gregory, der uns kommen sehen hat, hatte die Schneeschaufel und den Besen neben die Haustür gestellt und zu uns auf den Gehweg gelaufen, oder dass was davon übrig war, denn große Schneeberge säumte den Rand.
„Hallo Gregory! Wie geht es deinem Großvater?“, fragte ich, als er einstieg.
„Ich weiß es nicht! Großmutter wollte sich melden, sobald sie mehr weiß, aber ich haben bisher noch nichts von ihr gehört.“
Mum ließ den Wagen wieder anrollen und wenig später waren wir wieder auf einer der schneefreien Straßen. Wieder wunderte ich mich, wie gut sich Mum hier auskannte, denn etwa eine viertel Stunde später, waren wir bereits am Krankenhaus.
Auf dem Wag hinein, hängte sich Mum bei mir ein, denn auch hier war nichts geräumt und etwas rutschig. Man sollte eigentlich meinen, vor einem Krankenhaus wird anständig geräumt, aber dies schien für den Parkplatz nicht zu gelten.
Egal, wenn etwas passierte, war man ja gleich versorgt. Am Haupteingang angekommen, stampften wir uns den Schnee von den Schuhen, bevor wir durch die offene Schiebetür das Krankenhaus betraten.
„Wo müssen wir hin?“, fragte ich.
„Notaufnahme, oder?“, kam es von Mum.
„Denke ich auch, aber wo ist die, ich kenne mich hier nicht aus, ich war hier noch nie“, sagte Gregory.
„Da drüben“, meinte Mum und zeigte Richtung eines Schildes, welches an der Decke hing. Darauf stand Notaufnahme mit einem Pfeil nach links. So folgten wir zu dritt diesem Hinweis und kamen bald zu einer weiteren Schiebtür, die nochmal mit dem Aufdruck Notaufnahme versehen war.
Die Tür ging von alleine auf und wir traten ein. Gleich neben der Tür befand sich eine Theke, die aber nicht besetzt war. Gregory lief daran vorbei und schaute sich schon um.
„Gregory warte, so einfach kannst du da nicht hinein sparzieren!“, mahnte ihn Mum.
„Ich suche Großmutter…“
Gute Idee!
„Kann ich ihnen helfen?“, hörte ich eine Frauenstimme hinter mir und drehte mich erschrocken um.
„Ja, ich suche Edward Hamilton, er muss vor kurzen eingeliefert worden sein“, beantwortete Gregory die Frage,
„Darf ich fragen, wer sie sind?“, fragte die Schwester nun.
„Ich bin sein Enkel Gregory Hamilton und dass ist mein Cousin und seine Mutter.“
„Cousin…, soso, ich hätte sie eher für Brüder gehalten“, lächelte die Dame, „ich möchte dem Arzt nicht vorgreifen, aber ihrem Großvater geht es soweit gut! Er wurde bereits in ein Zimmer verlegt.“
Erleichterung machte sich auf unseren Gesichtern breit.
„Einen Augenblick, ich frage nach, in welches Zimmer er gebracht wurde“, sprach die Schwester weiter und begab sich hinter die Theke.
Es schien nicht viel los zu sein, denn die ganze Zeit bekamen wir sonst niemanden zu Gesicht.
Die Schwester hatte zum Hörer gegriffen und war schnell in ein Gespräch verwickelt. Dann legte sie wieder auf und sah uns lächelnd an.
„Er ist im zweiten Stock, Zimmer zwei null drei.“
„Danke“, meinte Gregory nur und war schon auf dem Wag nach draußen.
*-*-*
„Sie wollen ihn ein paar Tage dabehalten! Er hat sich bei dem Sturz zwar nichts gebrochen, aber wohl ordentlich den Kopf gestoßen!“
Großmutter Isabelle saß leicht aufgelöst neben dem Bett ihres Mannes. Gregorys Großvater selbst, hatte einen dicken Verband am Kopf und schlief.
„Dann ist es besser so“, meinte Mum, „mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen.“
„Das hat der Arzt auch gesagt…, warum hat er denn nicht besser aufgepasst? Im Radio sagten sie doch, es wäre glatt draußen.“
„Isabelle“, Mum griff nach ihrer Hand, den Gregory Großmutters Augen füllten sich mit Tränen, „das geht ganz schnell, da kann man noch so gut aufpassen.“
Sie nickte und ihr Blick fiel auf Gregory, der bisher wie ich nichts gesagt hatte.
„Mein Gott Junge, was machen wir denn jetzt? Ich möchte deine Großvater ungerne alleine lassen, aber dann kann ich mich nicht um dich kümmern.“
Gregory wollte etwas sagen, aber Mum war schneller.
„Isabelle, weißt du was, wir fahren jetzt zu euch nach Hause…Gregory soll ein paar Sachen einpacken und wir nehmen ihn dann mit zu uns.“
„Aber das geht doch nicht, ich möchte nicht, dass euch Gregory zur Last fällt und ich weiß nicht, ob dem Duke das Recht ist.“
Ich schaute zu Gregory, der nur mit den Augen rollte.
„Keine Sorge, Isabelle! Gregory ist auf dem Gut immer herzlich willkommen. Er kommt mit und du hast eine Sorge weniger.“
Großmutter Isabelle schaute wieder zu Gregory.
„… und das würde dir nichts ausmachen, Junge?“
„Nein Großmutter und ich kann euch trotzdem jederzeit im Krankenhaus besuchen kommen.“
Sie war aufgestanden und zu ihrem Enkel hingelaufen. Sie nahm seine Hände in die ihre.
„Du benimmst dich und wenn es ein Problem gibt, dann melde dich.“
Gregory lächelte breit.
„Keine Sorge Großmutter, mir wird es schon gut gehen.“
*-*-*
Während der Fahrt wurde fast nichts gesprochen. Nachdem wir Gregory Sachen geholt und am Haus alles verschlossen hatten, waren wir direkt weiter zu Manor Newbury gefahren. Die morgendliche Sonne war wohl ein Trugbild gewesen, denn der Himmel war wieder bedeckt und es fing wieder an zu schneien.
„So viel Schnee wie dieses Jahr hatten wir schon lange nicht mehr.“
„Fällt das in London überhaupt auf?“, fragte ich.
„Schon, da werden die Nebenstraßen genauso wenig geräumt wie hier und in den letzten Jahren waren sie ebenso frei, wie die großen Straßen“, erklärte Mum.
„Dann fahr mal schön langsam weiter, nicht dass wir noch im Graben landen.“
„Wenn du es besser kannst, fahr doch du“, sagte Mum und streckte mir die Zunge heraus.
„Würde ich, wenn ich einen Führerschein besäße!“
„Willst du ihn in nächster Zeit machen?“, kam es von hinten.
Ich drehte den Kopf zu Gregory.
„Würde ich gerne, aber ich weiß nicht, ob ich neben den Prüfungsvorbereitungen genug Zeit habe, auch noch für den Führerschein zu büffeln.“
„Wenn nicht du, wer sonst?“, sagte Gregory grinsend und ich schaute wieder nach vorne.
Der Schneefall schien immer stärker zu werden, der die Sicht erheblich einschränkte.
„Wenn das so weiter geht, sehe ich bald gar nichts mehr vor der Straße“, meinte Mum und kniff die Augen etwas zusammen.
„Müssten wir nicht bald da sein?“, fragte ich.
„Du kannst ja versuchen, ob du die Einfahrt rechtzeitig erkennst, damit wir nicht daran vorbei fahren.“
„Mum, die Einfahrt ist von Bäumen umringt, siehst du hier Bäume?“
Mittlerweile hatte sich Gregory nach vorne gebeugt und sein Kopf war neben mir aufgetaucht.
„Was ist das da?“, meinte er und zeigte auf einen dunklen Schatten vor uns.
Mum verringerte noch weiter das Tempo.
„Ich glaube, das ist ein Auto, das von der Straße abgekommen ist.“
Langsam tuckerten wir daran vorbei, aber erkennen, ob sich noch jemand im Fahrzeug aufhielt, konnten wir nicht.“
„Soll ich halten?“, fragte Mum.
„Bloß nicht, sonst bleiben wir vielleicht auch noch stecken!“
„Wie du meinst!“
„Sind das Bäume?“, kam es wieder von Gregory und seine Hand zeigte erneut nach vorne.
„Könnte sein…, wäre gute, dann hätten wir es nämlich geschafft“, meinte Mum.
Es war tatsächlich die Einfahrt und wohl jeder im Wagen war froh, dass wir es bisher unbeschadet geschafft haben. Kaum hatten wir die Einfahrt passiert, bremste Mum plötzlich ab. Der Wagen rutschte noch etwas und blieb dann im Schnee stecken.
„Mist, warum ist da nicht geräumt? Da kommen ich mit dem Wagen nie im Leben durch!“
„Müssen wir etwa zum Haus laufen?“, fragte ich entsetzt.
„Wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben.“
„Wollte Taylor nicht räumen?“, meckerte ich.
„Da musst du wohl deinen Schatz fragen!“, grinste mich Mum an.
*-*-*
Ich hätte nie gedacht, dass durch ein paar Zentimeter Schnee laufen so anstrengend sein konnten. Wie immer wartete bereits Tante Abigail an der Tür für uns.
„Tut mir leid, dass ihr her laufend musstet. Seit Jahren schon habe ich Vater gepredigt, endlich eine Schneefräse anzuschaffen, aber er meinte immer, der Traktor reicht, bei dem bisschen Schnee.“
„Viel Schnee hatten wir ja nicht, da hat er Recht, aber was ist denn mit dem Traktor?“, fragte Mum.
„Er macht keinen Mucks mehr. James und Taylor versuchen schon seit einer Stunde, das Ding wieder zum Laufen zu bringen, aber bisher erfolglos! Hallo Gregory, wie geht es deinem Großvater?“
„Den Umständen entsprechend. Er hat sich zwar nichts gebrochen, aber wohl ordentlich den Kopf gestoßen. Er soll ein paar Tage im Krankenhaus bleiben, zur Beobachtung.“
„Und weil seine Großmutter sich nicht um Gregory kümmern kann, habe wir Gregory einfach mitgebracht…“, meinte Mum, „…, wir sind doch für einen Esser mehr sicher eingerichtet?“
„Gar kein Problem, Charlotte, zudem wird sich Vater freuen, wenn er hört, dass alle seine Enkel da sind.“
Tante Abigail reichte jedem Von uns ein Handtuch, damit wir etwas die Haare trockenen konnten.
„Eure Jacken gebt ihr mir am besten gleich“, meinte meine Tante, während wir das warme Haus betraten, „und die Schuhe zieht ihr am besten auch gleich aus…, ach so, wo bringen wir Gregory denn am besten unter?“
„Bei mir, wenn er nichts dagegen hat“, sagte ich und Mum, ebenso Gregory, schauten mich erstaunt an.
„Was denn, mein Cousin kann doch wohl bei mir schlafen, mein Bett ist groß genug.“
„Es wäre aber noch ein Zimmer frei da oben…“, meinte Tante Abigail.
„Warum schaust du so komisch?“, fragte Mum.
„Ähm…, es ist Sophias Zimmer.
„Ich glaube, es ist besser, ich nehme Jacks Angebot dankend an!“, meinte Gregory und entledigte sich seiner Schuhe.
*-*-*
Während ich gerade in neue Socken schlüpfte, brachte Gregory, seine Sachen, in meinem Schrank unter.
„Alles klar?“, fragte ich ihn.
Gregory hielt in seiner Bewegung inne.
„Ich weiß nicht, wie Tante Abigail darauf kommt, dass ich im Zimmer dieser Frau schlafen wollen würde!“
„Naja, vielleicht weil sie deine Mutter ist?“
Er drehte sich zu mir.
„Sie ist nicht meine Mutter!“
Er war laut geworden und ich hob abwehrend die Hände.
„… entschuldige“, meinte er, der wohl bemerkt hatte, dass er sich im Ton vergriffen hat.
„… sie ist höchstens meine biologische Mutter, aber auch nicht mehr. Diesen Job, der Mutter, hat sie vor achtzehn Jahren, an den Nagel gehängt.
Er warf seine Tasche unten in den Schrank und schloss die Tür.
„Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich auf dieses Thema gerne verzichten.“
„Kein Problem, Gregory.“
Nervös zupfte er an seinen Sachen herum.
„Ist irgendetwas?“
„… ähm…, meinst du, ich könnte duschen? Irgendwie klebt alles an mir.“
„Kein Problem, das Bad ist gleich hinter der Tür“, meinte ich und zeigte auf die Badtür.
„Da gibt es doch ein Problem… ähm, ich habe zwar die Klamotten eingepackt, die ich von London mitgenommen habe…, aber keine Sachen fürs Bad…“
„Dann bedien dich einfach an meinen Sachen, ich werde runter gehen und Tante Abigail fragen, ob sie vielleicht eine Zahnbürste für dich hat.“
„Danke…, darf ich dich noch etwas fragen?“
„Fehlt dir noch etwas?“
„Nein, dass mein ich nicht! Ich wollte nur wissen, warum du das tust, wir sind doch praktisch Fremde und willst vielleicht, deine Abende lieber mit Taylor verbringen…?“
„Zum einen hat Taylor die nächsten Tage Urlaub und muss seiner Schwester bei deren Gästen helfen, zudem sind wir zwei fremde Cousins, die sich unbedingt schell kennen lernen sollten. Was wäre da nicht besser geeignet, als ein Zimmer zu teilen?“
*-*-*
„Meinst du, die finden den Stall bei dem Schneetreiben“, kicherte ich.
Ich saß mit Grandpa vor dem Kamin und nippte an meinem Grog. Das Zeug schien mir schon wieder in den Kopf zu steigen. Grandpa lächelte.
„Der Hof ist gut beleuchtet, ich denke, sie werden ihn sicher finden. Sie sollen einfach nur James seine Jahresprovision überreichen und ihn heim schicken.“
Bevor ich darauf etwas sagen konnte, hörten wir einen Schrei.
„Was war das?“, fragte Grandpa.
„Ich weiß es nicht!“, meinte ich, stellte die Tasse zur Seite und lief in den Flur.
Mum und Onkel Henry kamen die Treppe herunter.
„Du hast es auch gehört?“, fragte mich Mum, als sie mich erblickte.
Grandpa erschien hinter mir.
„Ja, muss von draußen gekommen sein“, antwortete ich nickend.
„Gregory und Jayden sind draußen“, kam es von Grandpa.
Onkel Henry lief an Mum vorbei zur Eingangstür.
„Das war eindeutig die Stimme einer Frau“, meinte er und zog die Haustür auf.
Was ich zu sehen bekam, als ich hinaustrat, war kaum zu fassen. Während Gregory auf dem Boden lag und Jayden hinter ihm kniete, stand vor ihnen Tante Sophia, die gerade versuchte Olivia, Henrys Frau, davon abzuhalten, meine Cousins mit irgendetwas zu schlagen.
Woher kam plötzlich Tante Sophia und wieso war Olivia da, ich dachte, sie saß in der Klapse.
„Olivia!“, schrie Onkel Henry neben mir, der wohl als erstes seine Fassung wieder gefunden hatte.
Mittlerweile standen wir alle vor dem Haus. Onkel Henry rannte los, besser gesagt, er schlitterte mehr oder weniger auf die zwei Frauen zu und versuchte seiner Frau das Ding abzunehmen, das von Tante Sophia immer noch krampfhaft festgehalten wurde.
„Olivia, hör auf, hast du nicht schon genug angerichtet?“, schrie Onkel Henry seine Frau an und nahm ihr das Ding ab.
„Was habe ich angerichtet?“, schrie Olivia zurück, „…daran ist doch nur dieser keine Dreckschwuchtel schuld…“, und zeigte auf Gregory am Boden.
Ich erstarrte, sie redete über mich.
„Ich habe alles verloren und er wird nicht ungeschoren davon kommen!“
„Ein Teufel wirst du! Das ist mein Sohn Gregory, nicht Jack“, schrie nun Tante Sophia.
„Was redest du da für einen Scheiß, das da am Boden ist doch Jack!“
Olivia bewegte sich nun auf Tante Sophia zu, aber ihr Mann hielt sie zurück.
„Sophia hat Recht, das ist Gregory… Jack steht da oben bei den anderen!“
„Gregory… Sohn…? Was redet ihr?“
Ihre Stimme klang plötzlich noch schriller, aber heißer. Mum war zu mir gekommen und hatte mich in den Arm genommen. In dem Augenblick schaute Olivia nun zu uns, den anderen, die sie wohl jetzt erst bemerkt hatte.
Mit komischen Augen schauten sie nun zwischen mir und Gregory hin und her.
„Ruft endlich jemand die Polizei?“, rief Onkel Henry, seine Frau immer noch fest umklammert.
*-*-*
„Lasst mich rauuuuus!“, hörte ich Olivias schrille Stimme aus dem Esszimmer.
Wir anderen standen im Flur.
„Musstest du sie wirklich an den Stuhl binden?“, fragte Tante Abigail, Onkel Henry.
„Abigail, du hast es selbst gesehen, zu was diese Frau im Stande ist, glaub mir, Henry hat richtig gehandelt!“, meinte Mum.
Während sie bei mir stand und Onkel Henry seine Kids und Sabrina im Arm hatte, stand Gregory starr hinter Grandpa, der etwas weiß um die Nase war, und Abigail. Nur Tante Sophia, stand immer noch alleine, direkt neben der Haustür.
„Warum bist du eigentlich hier, was hast du hier verloren?“, fuhr plötzlich Onkel Henry seine ältere Schwester an.
Wie wir zuckte Tante Sophia zusammen, bevor sie ihn wütend ansah.
„Das ist immer noch …“
Sie brach ab und schaute zu Boden. Tief atmete sie durch und schaute dann zur Decke.
„Du willst wissen…“, sie wurde nun kurz von der schreienden Olivia unterbrochen, „… warum ich hier bin…?“
Nun schaute sie wieder zu uns. Onkel Henry nickte. Ein Lächeln zeichnete sich kurz auf ihren Lippen ab und wieder atmete sie tief durch.
„Ich weiß…, ich habe viele Fehler in meinem Leben gemacht…, aber ich bitte hier niemand um Verzeihung, oder dass er mir vergibt!“
Mum hob die Augenbraun, sagte aber nichts.
„Tse…, da kannst du auch lange drauf warten“, kam es von Tante Abigail, die nun auch recht sauer aussah.
Tante Sophia hob ihre Hände und zuckte mit den Schultern.
„Damit habe ich auch nicht gerechnet, aber als ich mitbekam, dass Gregory hier ist, war ich es plötzlich leid, die Lebefrau zu spielen…“
„Spielen?“, kam es von Tante Abigail, „du warst nie etwas anderes!“
Tante Sophia winkte kichernd ab. Das Kichern hörte sich nicht echt an.
„Abigail, du weißt nichts von meinem Leben, oder? Ja es stimmt, ich habe dir damals Logan ausgespannt, weil ich diesen Mann interessant fand… und die Chance sah, hier endlich heraus zu kommen.“
„Und warum hast du ihn dann verlassen, deinen Sohn im Stich gelassen?“
„Abigail… bitte“, kam es von Grandpa, denn meine Tante war richtig laut geworden.
„Ich habe Angst bekommen…“, antwortete Tante Sophia leise.
„Angst du? Das ich nicht lache! Du hattest doch nie vor etwas Angst!“
Tante Abigail verschränkte ihr Arme vor sich und drehte sich weg.
„Ja Angst… Panik, wie immer du es sehen willst. Als Mutter dieses Haus verließ und ich als Älteste auf euch aufpassen sollte, während Vater seinen Geschäften nachging, war ich es so leid, weil keiner von euch auf mich hörte, besonders Isaac nicht!“
Mum zuckte leicht zusammen, als sie Vaters Name hörte, sagte aber noch immer nichts. Auch die anderen schwiegen.
„Ich bekam Angst, euch könnte deswegen etwas geschehen und Vater würde mir die Schuld geben.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“
Diese Worte kamen nun von Gregory. Bewundernd schaute ich ihn an, denn ich hätte in dieser Situation keinen Ton heraus bekommen. Tante Sophia schaute ebenso kurz zu ihm, dann wieder Richtung Boden.
„Weil ich Angst bekam, wieder zu versagen, wie schon bei meinen drei Geschwistern…, ich dachte… ihr seid ohne mich besser dran…, und bin dann einfach weggelaufen…, wie bei allem in meinem Leben…“
Ich konnte Gregorys Gesichtszüge nicht deuten. Aber wie sollte man in so einem Augenblick auch reagieren? Mit Tante Sophias Antwort hatte selbst ich nicht gerechnet.
„Warum hast du nie etwas gesagt?“, fragte plötzlich Mum.
„Wer hätte mir zugehört?“
„… und warum hast du dann die Nummer mit Isaac abgezogen?“
Lange schaute uns Tante Sophia an, bevor sie etwas sagte.
„Isaac? …, ich bin nicht stolz drauf, was ich da getan habe, aber ich war einfach nur neidisch…, neidisch auf meinen ach so perfekten Bruder, neidisch auf seine perfekte Ehefrau… auf dieses herrliche Ehe Idyll!“
*-*-*
Die Polizei, war trotz des katastrophalen Wetters gekommen und Olivia mitgenommen. Niemand konnte sich erklären, wie sie es fertig gebracht hatte, sich aus der Heilanstalt heraus zu stehlen.
Durch das Wetter, waren viele der Funkmasten gestört und so konnte niemand Onkel Henry auf seinem Handy erreichen und warnen.
Ich war mit Gregory auf mein Zimmer gegangen, während die Erwachsenen unten in der Bibliothek wohl immer noch diskutierten.
„Soll es das wirklich gewesen sein?“, fragte Gregory, der neben mir auf dem Bett lag und wie ich gegen die Decke starrte.
„Jahrelang habe ich mir Gedanken gemacht, warum sie uns verlassen hat, lag es an mir… hatte Vater was falsch gemacht…? Und dann kommt sie, und tut das mit Angst vor der Verantwortung ab! Ich verstehe das nicht!“
„Muss man so etwas verstehen?“, fragte ich und schaute zu ihm hinüber.
Einzelne Tränen lösten sich und rannen über seine Wange. Ich beugte mich zu ihm und zog ihn in meinen Arm.
„He komm, mach dich jetzt nicht verrückt deswegen, dass bringt nichts!“
Mit glasigen Augen schaute Gregory mich an.
„Du bist bis jetzt ohne sie zu Recht gekommen und wirst das auch in Zukunft tun. In London hast du uns und hier deine Großeltern…, einfach versuchen nach vorne zu schauen, damit bin ich auch immer gut gefahren.“
Gregory sah mich lange an.
„Bist du schon immer so eine Frohnatur?“
Ich musste lachen.
„Frohnatur? Ich? Sicher nicht! Da hast du ein falsches Bild von mir. Mag sein, dass ich so auf andere wirke, aber ich habe genauso meine Probleme wie andere.“
Plötzlich fing Gregory an zu grinsen.
„Was?“, fragte ich verwundert.
„Ob dein Taylor jetzt nicht eifersüchtig würde, wenn er uns zwei so sehen könnte.“
Ich musste nun ebenso grinsen.
„Das glaube ich nicht. Taylor weiß, dass ich nie etwas mit jemand anderem anfangen würde, solange ich mit ihm zusammen bin. Zudem… du bist mein Cousin!“
Nun fing Gregory richtig laut an zu lachen.
„Du hast wohl noch nie was davon gehört, dass es auch Cousins mit einander treiben, selbst Brüder.“
„Ja…, Schwanzgröße vergleichen, sich gegenseitig einen runter holen, natürlich habe ich davon gehört“, antwortete ich genervt, „aber aus dem Alter sind wir wohl heraus, denke ich…, oder hast du es so nötig?“
Ich grinste ihn frech an, dann fiel mir etwas ein.
„Bist du etwa auch schwul?“
Mit großen Augen schaute mich mein Cousin an.
„Ich?“, er zeigte auf sich, „wie kommst du da drauf?“
„Du hast davon angefangen… ala Cousins mit einander treiben…“
Er rutschte von meiner Schulter herunter und starrte wieder zur Decke.
„Um ehrlich zu sein, ich habe mir da noch nie groß Gedanken darüber gemacht. Ich hatte noch nie eine Freundin, geschweige denn einen Freund.“
„Dann solltest du beides ausprobieren, damit du weißt, was dir besser gefällt!“
„Mit dir?“
Wieder lachte er und ich streckte ihm die Zunge heraus. An der Tür klopfte es und Mum schaute herein.
„Es scheint euch gut zu gehen“, meinte sie und kam in mein Zimmer, dicht gefolgt von Tante Abigail.
Ich schaute zur Tür, ob da noch jemand kam, aber Tante Abigail schloss die Tür hinter sich.
„Was schaust du?“, fragte Mum, die mein Blick bemerkt hatte.
„Ob da noch jemand kommt…“
„Wer soll da kommen?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ach…, ich weiß auch nicht.“
Während Mum sich neben mich auf den Rand setzte, trat Tante Abigail ans Bettende.
„Ähm… ich wollte mich noch bei euch entschuldigen, dass ich vorhin laut geworden bin“, meinte sie und schaute nervös zwischen uns hin und her.
Ich setzte mich richtig auf, Gregory tat es mir gleich.
„Also ich für meinen Teil, bin weder sauer auf dich, noch hat es mich gestört…, jeder wäre in dieser Lage wohl ein wenig ausgeflippt.“
Gregory nickte neben mir, als wolle er bestätigen, was ich gerade gesagt hatte.
„Danke!“
Ich schaute sie und Mum an.
„Was ist mit…“, ich sprach nicht weiter.
„Keine Sorge, sie wird euch nicht behelligen. Sie wollte zwar wieder weg, wir haben sie aber nicht gelassen“, meinte Mum.
Tante Abigail nickte.
„Wieso?“, kam es bissig von Gregory.
„Gregory, auch wenn sie dir das angetan hat und du nicht gut auf sie zu sprechen bist…, bei dem Wetter jagt man niemand vor die Tür!“, sagte Tante Abigail.
Ich schaute wieder zu Mum.
„Sie wird morgen spätestens nach dem Frühstück, wenn geräumt wurde uns verlassen…, versprochen!“
Ich lächelte sie an.
„Wir gehen wieder und ihr macht nicht mehr so lange, morgen wird ein langer Tag!“, meinte Tante Abigail und Mum erhob sich.
„Keine Sorge, wir werden schon nicht durchmachen“, grinste ich die beiden an und wenigen Sekunden später waren wir wieder alleine.
„Wer geht als erstes ins Bad?“, fragte ich.
„Ähm… ich dachte wir duschen zusammen.“
Wieder dieses freche Grinsen.
„Träum weiter im Legoland“, sagte ich grinsend und streckte ihm erneut die Zunge heraus.
„Okay, dann geh ich halt mal duschen“, meinte er und rutschte vom Bett.
„Hast du alles?“
„Ich denke schon“, antwortete Gregory und zog sich seinen Pulli über den Kopf. Als er sein Hemd anfing aufzuknöpfen, schaute er wieder zu mir.
„Ich hoffe dich stört es nicht, wenn ich nur in Shorts schlafe?“
„Du kannst sogar nackt neben mir schlafen, das ist mir egal.“
„Auch wenn ich dich wieder als Kissen nutze?“, fragte er grinsend und zog sein Hemd aus.
*-*-*
Als ich am Morgen aufwachte, lag Gregory dick eingerollt auf seiner Seite und nur ein Haarbüschel schaute oben heraus. Grinsend richtete ich mich auf und streckte mich. Im Zimmer war es wärmer als sonst, so fröstelte es mich nicht, wie sonst.
So stand ich auf und lief wie immer erst zum Fenster. Es hatte aufgehört zu schneien und der Himmel war herrlich blau. In der aufgehenden Sonne glitzerte der Schnee.
„Was gibt es da zu sehen?“, brummte es hinter mir im Bett.
Ich drehte mich um und sah Gregory, wie er gerade seinen Kopf unter der Decke hervorschob.
„Einen tollen blauen Himmel und viel Glitzerschnee!“
„Oh Gott, auf was für einer Romatikschiene fährst du denn?“
„Auf der „Ich-bin-verliebt-Schiene!““, grinste ich ihn an.
„Oh man, das ist ja nicht zu ertragen!“, meckerte Gregory und zog sich wieder die Decke über den Kopf.
Als wir später dann, durchs Bad waren, dieses Mal gemeinsam, aber ohne duschen, mit Kurzbesuch von Jayden und Sabrina, die es sich natürlich nicht verbeisen konnte, dass Gregory die bessere Figur von uns hatte, waren wir auf den Weg nach unten.
Natürlich merkte ich, dass Gregory nervös herum schaute und nur zögerlich die Treppe hinunter lief. Ich blieb stehen und wartete, bis er auf gleicher Höhe war. Dann legte ich meinen Arm um ihn.
„Wir gehen da jetzt rein und frühstücken ganz normal, okay?“
Er nickte. Vor der letzten Stufe stoppte er plötzlich.
„Und wenn sie noch da ist und mich in ein Gespräch verwickelt?“
Ich atmete tief durch. Hatte er Angst vor seiner Mutter?
„Dann antwortest du brav. Stell dir einfach vor, eine fremde Person fragt dich und antworte dann darauf.“
„Sie ist eine fremde Person!“
*-*-*
Gregory hatte Glück, als wir den Speiseraum betreten hatten, war seine Mutter schon weg. Irgendwie tat es mir aber leid, dass die beiden keine Worte gewechselt hatten. Der Rest des Morgens war dann eher ruhig.
Jeder beschäftigte sich mit irgendetwas und man traf sich erst wieder zum Lunch. Mum hatte Gregory versprochen, mit ihm noch einmal am Mittag ins Krankenhaus zu fahren. Ich hatte keine Lust dazu, so blieb ich auf dem Gut und ging noch einmal sparzieren.
Es war zwar herrliches Wetter und gut kalt, aber mir blieb nichts anderes übrig, die geräumten Wege zu laufen, denn der Schnee war einfach zu hoch.
Als ich zur Teezeit wieder zurück kehrte, waren Mum und Gregory schon wieder zurück. Seinem Großvater schien es so weit gut zu gehen, auch wenn er die Hälfte Zeit des Besuches nur geschlafen hatte.
Nach dem Tee zog ich mich ins Zimmer zurück und krallte mir mein Handy. Ich schrieb Taylor, wie sehr ich ihn vermissen würde und ohne ihn alles so langweilig hier wäre, aber so sehr ich auch wartete, ich bekam keine Antwort zurück.
Die Langeweile verflog spätestens, als vier Herrschaften mein Zimmer stürmten und sich auf meinem Bett nieder ließen.
„Boah, wieder ein Jahr rum…, das ging so schnell!“, meinte Sabrina.
„Auch nicht schneller als sonst“, meinte ich.
„Dafür ist viel passiert“, kam es von Jayden, „… ich kann das alles noch gar nicht richtig glauben. Als wir in den Ferien im Herbst hier her fuhren, war ich richtig sauer auf Mutter. Wieder ein paar langweilige Tage bei Grandpa, dachte ich noch.“
„Langweilig waren sie sicher nicht“, sagte Molly.
„Stimmt“, grinste ich.
Wir hörten unten den Türgong.
„Nanu, wer kann das sein?“, fragte Molly und automatisch schaute ich zu Gregory.
„Sicher nicht!“, meinte er, als er meinen Blick bemerkte, „sonst verbringe ich Silvester hier oben im Zimmer!“
„Ich glaube nicht, dass sie wieder zurück gekommen ist! Kommt, lasst uns schauen wer da unten an der Tür steht.“
So standen wir auf und liefen zur Tür, um wenig später, oben an der Treppe wieder abrupt stehen zu bleiben. Da standen Chloe mit Julien und Taylor. Als mein Freund mich erblickte, fing er an zu strahlen.
„Ich dachte, ihr habt so viel zu tun“, rief ich die Treppe hinunter.
Nun schauten alle nach oben, auch Tante Abigail und Mum, die wohl die drei begrüßt hatten. Wir fünf setzten uns in Bewegung und standen wenig später ebenso unten. Auch Grandpa hatte sich eingefunden.
„Iwo, da hat Taylor sicher übertrieben. Wir sind vorbei gekommen und unseren Neujahrsgruß vorbei zu bringen“, meinte Cloe und hielt Grandpa eine Schachtel entgegen.
Er griff danach und begann sie umständlich zu öffnen. Eine Hackfleischtorte kam zum Vorschein und schnell hatte sich ihr Duft im Flur breit gemacht.
„Das ist aber nett von euch“, meinte Grandpa, „und ihr könnt wirklich nicht bleiben?“
„Leider nein“, antwortete Julien und nahm Chloe in seinen Arm.
„Aber dafür lassen wir diesen jungen Herren hier, der uns sicher noch Silvester mit seiner Tollpatschigkeit ruiniert hätte“, fügte Chloe an.
„Das stimmt doch gar nicht!“, wehrte sich Taylor.
Alle fingen an zu lachen. Erst jetzt sah ich, dass er eine Tasche geschultert hatte.
„Und wie war das mit der Suppenterrine?“, kam es von Julien.
„Die? …die ist mir ausversehen aus der Hand gerutscht…“, kam es verschüchtert von Taylor.
„Genauso wie das leere Backblech dass zu Boden fiel… die umgeworfene Gießkanne…“
„Hör auf… ist ja gut“, unterbrach Taylor seine Schwester, die sich nun wieder an die anderen richtete.
„Ich wünsche euch heute Abend eine schöne Feier und einen guten Rutsch ins neue Jahr“, meinte sie und plötzlich umarmte jeder jeden. Zu guter Letzt hatte ich Taylor im Arm.
„Du bleibst wirklich hier?“, fragte ich noch einmal ungläubig.
Er nickte strahlend und ich drückte ihn eng an meinen Körper. Das wird wohl der schönste Jahreswechsel, den ich je erlebt habe.
*-*Ende*-*

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Information Stiche ins Herz
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:27 PM - No Replies

Es war eine elegante Sportart, die ich mir da ausgesucht hatte. Angefangen hatte alles, als ich vor ungefähr sieben Jahren einmal eine Sportschau mit meinem Dad zusammen schaute und sie über ein größeres Turnier berichteten.
Ich hing förmlich am Fernseher und es dauerte nicht lange bis mich meine Eltern in einem Verein anmeldeten. Als ich das erste Mal, mein Sportdress anhatte, fühlte ich mich wie ein King. Nun waren wir aber in eine Großstadt gezogen und es stand ein Vereinswechsel an.
Ich war mir sicher, dass ich hier viel größere Chancen hatte, weiter zukommen in den Turnieren. Meine Eltern hatten mir auch extra einen neuen Dress geschenkt. Ach so, ihr fragt euch sicherlich, was für einen Sport ich betreibe.
Fechten! Ich bin in einem Fechtverein und das mit einem Florett. Das ist die kleinste Stosswaffe die es gibt, sehr leicht, liegt gut in der Hand. Ach so, ich bin der Kai, bin achtzehn Jahre alt und wie schon erzählt, seit sieben Jahren diesem Sport verfallen.
Nun stand ich hier in der Halle und wartete auf den Trainer, der gleich kommen sollte. Er wollte testen, in welcher Form ich war. Um mich herum standen mehrere Fechter auf der Planche und trainierten eifrig. Ich sehe schon wieder ein Fragezeichen in eueren Gesichtern.
Planche sind die Matten auf den wir fechten, meist so vierzehn Meter lang und so zwei Meter breit. Ich will euch ja schließlich nicht dumm sterben lassen. Ich hörte hinter mir Stimmen und drehte mich wieder zur Eingangstür.
Da kam ein Pulk von Erwachsenen herein, die, die Trainer zu sein schienen. Sie verteilten sich über die ganze Halle und einer davon kam auf mich zu.
„Hallo ich bin Logan und du musst Kai sein“, begrüßte er mich.
Hattet ihr schon mal das Gefühl, jemand in die Augen zu schauen und von einem Holzpfahl erschlagen zu werden? Vor mir stand ein Prachtexemplar von Mann. Ich musste aufpassen, dass ich nicht anfing zu stottern.
„Ja, bin ich. Können wir gleich anfangen?“, fragte ich unruhig.
„Klar“, sagte er und lief auf eine die freie Planche zu.
Ich taperte ihm hinter her und stellte mich ihm gegenüber. Ich ging in meine Engarde – Stellung. Jetzt guckt nicht so, ihr habt sicher auch genug Piratenfilme geguckt und selber früher sicherlich mit Stöcken gekämpft, oder?
Das ist die typische Grundstellung, die jeder, auch Unerfahrene, macht. Dieser Logan nickte kurz mit dem Kopf und schon fing er an. Es kam eine Finte (Scheinangriff) nach der anderen, die ich aber alle irgendwie in den Griff bekam.
In meinem Hochgefühl wurde ich nachlässig und schon hatte er den ersten Treffer gemacht. Beim Florettfechten, war die Trefferfläche recht klein. Man machte nur Punkte, wenn man seinen Gegner nur am Korpus, also keine Beine, Arme und auch nicht den Kopf traf. Logan, hatte mir gerade das Herz durchbohrt.
„Nicht schlecht für den Anfang“, meinte Logan, „weiter?“
Ich nickte und ging wieder in Grundstellung. Gleich fing er wieder mit hohem Tempo an, so dass ich mich fast nur wehren konnte, anstatt selber zu versuchen einen Treffer zu landen. Schnell waren die drei Minuten Kampfzeit vorbei und ich hatte sogar ein paar Treffer landen können.
Er zog seine Maske vom Kopf, ich ebenfalls. Kleine Schweißperlen bildeten sich an seiner Stirn.
„Du fängst gleich im hohem Tempo an, finde ich gut“, meinte Logan, aber deine Schritttechnik könnte man noch verbessern.“
Ich nickte, sagte aber keinen Ton. Ein weiterer Trainer kam hinzu und die beiden besprachen sich, bis Logan sich wieder an mich wandte.
„So Kai, ich habe gerade mit Helmut gesprochen und er meinte auch, das du von uns Einzelunterricht bekommst und für die weiteren Turniere fit gemacht wirst“, sagte er.
Innerlich jubelte ich laut auf, aber äußerlich setzte ich nur ein kleines Lächeln auf. Ich hatte gemerkt, dass ich mit meiner Bescheidenheit weiter kam, als nur zu fordern.
„Da erst letzte Woche, einer der besten Fechter aus dem Verein, ausgeschieden ist, werde ich dein Training übernehmen.“
Meine Blicke hafteten an seinen Augen, die mich derart faszinierten, dass ich vergaß überhaupt etwas zu sagen.
„Kai?“
Er riss mich aus meinem Tagtraum.
„Eh ja?“, stammelte ich.
„Und was meinst du dazu?“, fragte er.
„Das finde ich spitze“, war das einzigste, was ich rausbrachte und bemerkte wie das Rot mir ins Gesicht stieg.
„Willst du noch eine Runde?“, fragte Logan.
„Gerne!“
Also stellten wir uns wieder auf, verneigten uns kurz und schon legte Logan los. Er wandte ein paar Kniffe an, die ich wirklich nicht kannte und auch noch nirgends gesehen hatte. Schnell spürte ich seine Spitze an meinem Bauch.
Er zog die Maske wieder ab.
„Du siehst, du kannst noch einiges lernen“, meinte er.
Ich nickte nur wiederum. Nach dem er die Maske wieder aufhatte, ging er wieder in Grundstellung. Aber diesmal dachte ich, werde ich ihn auch überraschen. Ich wandte zwei drei Finten an, und Stoß dann direkt zu, womit er nicht gerechnet hatte.
Punkt für mich. Bevor ich wieder in meine Grundstellung zurückging, bemerkte ich, dass auf den anderen Planchen aufgehört wurde zu fechten und alle rüberkamen zu zuschauen. Logan versuchte diesmal gleich die Oberhand zu bekommen
Er drängte mich regelrecht ab, bis ich schließlich merkte, dass ich neben die Planche getreten war und diese Runde aus war. Noch ein Trick, den ich nicht berücksichtigte. Logan ging einfach wieder in die Grundstellung.
Ich rückte meine Maske zurecht und stellte mich wieder gegenüber. Wieder fing er im hohen Tempo an, aber ich konzentrierte mich auf seine Bewegungen. Außer dem klingenden Laut, der beim Aufeinandertreffen der Florette erzeugt wurde, war in der Halle nichts zu hören.
Kein Laut kam von den Zuschauern. Jedesmal, wenn Logan einen Direktangriff startete, stöhnte er leicht auf. Er zog noch mal mit dem Tempo an und dann passierte es. Ich trat blöde auf und fiel hin. Als ich meinen Kopf hob, lehnte die Spitze von Logans Florett an meinem Herz.
Die anderen fingen an zu lachen.
„Was lacht ihr so blöd?“, kam es von Logan, „bis ihr so gut fechten könnt, wie Kai hier, dauert es noch eine Weile, also los zurück und weitertrainieren.“
Hoppla, alles wich zurück und trainierte weiter. Logan streckte mir seine Hand entgegen und half mir auf. Etwas länger als mir schien, hielt er meine Hand fest, als ich bereits stand.
„Reicht erst mal für heute, ich habe genug gesehen. Geh schon mal duschen und komm danach zu mir ins Büro, und bring deine Unterlagen mit“, meinte er.
* * *
Heiß lief das Wasser an meinen Körper herunter. Jetzt erst spürte ich jeden einzelnen Knochen in meinen Körper. Na gut, ich hatte zwar nur einen Monat, wegen dem Umzug ausgesetzt, aber dies genügte schon für einen Muskelkater.
Ich hörte draußen im Umkleideraum die Türe gehen, aber keiner kam in die Dusche. Ich stellte das Wasser noch ein paar Grade heißer, bevor ich mich dann endlich entschloss, mich abzutrocknen. Ich band mein Handtuch um und lief zurück zu meinen Klamotten.
Niemand war zu sehen, so zog ich mich in Ruhe an und verstaute den Rest in meiner Tasche.
„Du hast es ganz schön abgedrückt“, kam es von der anderen Seite der Schränke.
Ich fuhr zusammen, weil ich dachte, ich wäre alleine. Neben mir tauchte ein Junge auf.
„Das war eine schöne Vorstellung“, kam es von ihm.
„Danke“, meinte ich.
Ich suchte meine Fechterpass und mein Gesundheitsattest in der Tasche und wurde fündig.
„Auch Florett?“, fragte ich.
„Nein Degen, Florett gefiel mir nicht“, gab er zur Antwort.
„Ich bin Kai“, meinte ich und streckte meine Hand entgegen.
„Derek“, meinte er und schüttelte mir die Hand.
Sie fühlte sich weich und warm an, und ich hatte das Gefühl, wir schüttelten uns die Hände länger als normal. Ich ließ wieder los.
„Bist du hier aus der Nähe?“, fragte Derek.
„Nein vom Stadtrand, Waldsiedlung. Wieso?“
„Das trifft sich gut, dann können wir zusammen nach Hause gehen.“
„Bist du mit dem Bus hier?“, fragte ich.
„Ja, meine Eltern haben nicht so viel Zeit mich herzufahren und ein eigenes Auto habe ich noch nicht“, antwortete Derek.
„Wenn es dir nichts ausmacht, fahr ich dich nach Hause.“
„Du hast ein Auto?“
„Ja habe ich, und sogar selber finanziert, durch Ferienjobs.“
„Wow!“, kam es von Derek.
„Ich muss nur noch schnell meine Papiere abgeben, dann komm ich auf den Parkplatz“, sagte ich.
„Bei Logan?“
„Ja!“
Sein Gesichtsausdruck schien mir plötzlich nicht mehr so fröhlich, er drehte sich weg.
„Okay, ich warte dann draußen auf dich“, meinte er von der anderen Seite des Schranks.
Ohne weiter darüber nachzudenken, ging ich wieder in Richtung Halle, blieb vor der Trainerkabine stehen und klopfte.
„Herein“, hörte ich und trat ein.
„Hier sind alle meine Papiere“, sagte ich, als ich Logan sah.
„Oh danke“, meinte er und griff nach meinen Papieren.
Für einen kurzen Moment berührten sich unsere Hände und ich glaube Stromstösse durchflossen meinen Körper. Auffallend lang schauten wir uns in die Augen.
„Dann sehen wir uns wieder in zwei Tagen!“, meinte er und ich nickte.
Draußen am Wagen stand Derek schon und wartete.
„Dann kann es ja losgehen“, sagte ich und schloss auf.
Unterwegs unterhielten wie uns noch ein wenig über den Verein und Derek meinte dann, ob ich noch etwas Zeit hätte, dann könne ich noch auf eine Sprung mit ihm rein kommen. Ich nahm das Angebot an, und als wir zu ihm kamen suchte ich erst mal einen Parkplatz.
„Daran muss ich mich erst mal gewöhnen, zu Hause hatte ich gleich immer einen Parkplatz“, sagte ich und lenkte in die Parklücke.
„Wo hast du vorher gewohnt?“, fragte Derek.
„Auf dem Land, kleines Dorf mit 2000 Einwohnern.“
„Dann muss dir das ja hier wie einer Großstadt vorkommen.“
„Tut es auch, besonders fehlt mir aber das Grün, hier kann man nicht so gut spazieren gehen.“
„Wenn du willst kann ich dir ein paar schöne Plätze zeigen hier in der Umgebung.“
Wir stiegen aus und ich verschloss den Wagen. Es war eine Doppelhaushälfte in die mich Derek führte.
„Mum, ich bin wieder da!“, rief Derek in Haus hinein, als wir es betraten.
„Schon, bist du geflogen oder was?“, kam es aus der Wohnung.
Eine Frau erschien und nach der Ähnlichkeit zugehen, Dereks Mutter.
„Ja, unser Neuer hat mich heimgebracht, er wohnt in der Nähe. Das hier ist Kai!“
„Hallo Kai“, meinte sie und streckte mir ihre Hand entgegen.
„Hallo Frau Manzig“, meinte ich und war froh, auf das Türschild geschaut zuhaben.
„Wollt ihr ein Kaffee mittrinken?“, fragte sie.
Dirk schaute mich an und ich nickte.
„Ich zeige Kai nur kurz mein Zimmer, dann kommen wir wieder herunter“, sagte Derek.
„Ich kann ihn auch nach oben bringen“; meinte Dereks Mutter und grinste komisch dabei.
„Auch gut! Komm Kai, hier hinauf“, meinte Derek und zog mich hinter sich her.
Oben angekommen, öffnete er gleich die erste Tür. Wo ich jetzt das totale Chaoszimmer erwartete, war ein bequem eingerichtetes und sauberes Zimmer. Derek grinste.
„Was ist?“, fragte ich.
„Gefällt es dir?“
„Klar, ähnlich wie meins, aber lange nicht so sauber“, antwortete ich.
„Na ja, war mal wieder Grundreinigung angesagt, normalerweise seiht es hier auch wilder aus.“
Ich schaute mich um. An den Wänden hingen Bilder, mit fast ausschließlich Männern drauf. Alles Bleistiftzeichnungen und alle, ich mussten wieder grinsen, fast nackt.
„Wo hast du die Bilder her?“, fragte ich.
„Noch ein Hobby von mir, selber gemalt.“
„Und wer hat dir da alles Model gesessen?“, fragte ich keck.
„Bisher noch niemand, aber wenn du möchtest, gerne“, kam als Antwort zurück.
Auf den Mund war Derek sicher nicht gefallen. Und eins stand auch fest, er war genauso schwul wie ich. Zufälle gibt es!
„Was grinst du so?“, fragte Derek und ließ sich auf einen der Sessel fallen.
„Gehe ich recht in der Annahme, nach dem ich jetzt die Bilder gesehen habe und auch sehe, was für CD`s du hörst, dass du auf Männer stehst?“
„Yepp, da mach ich auch kein Geheimnis daraus.“
„Ich eigentlich auch nicht!“
Derek schaute mich mit großen Augen an, so taff war er wohl doch nicht, wie er sich gerade gegeben hatte.
„Sorry, dass hätte ich jetzt nicht gedacht, wohl eher ein Wunschgedanke von mir“, meinte er leicht rotgeworden.
Es klopfte an der Tür und Dereks Mutter kam mit zwei dampfenden Tassen herein.
„Kai, möchtest du Zucker oder Milch?“, fragte sie.
„Nein danke, ich trinke ihn schwarz.“
„Gut, so wie Derek, dann brauch ich nicht noch mal heraufzukommen.“
Und schon war sie wieder weg.
„Schon einen Freund?“, fragte Derek.
„Nein, der Traummann ist mir noch nicht begegnet und du?“
„Auch nicht, ist ja auch schwierig jemand so süßen zu finden.“, antwortete er mit einem frechen Grinsen.
Ich setzte mich nun auch hin und stellte meinen Kaffee auf dem kleinen Tischchen ab.
„Wie lange fechtest du schon?“, fragte Derek.
„Habe mit elf begonnen.“
„Kein Wunder bist du so gut, ich bin erst drei Jahre dabei.“
„Und schon immer Degen?“
„Ja, Florett liegt mir nicht so!“, antwortete er.
„Na ja ich werde sehen, wie es anläuft. Logan scheint auch ein netter Trainer zu sein.“
Wieder verfinsterte sich Dereks Gesicht.
„Habe ich was Falsches gesagt?“
„Nein, das nicht, aber ich mag Logan nicht so.“
„Einen bestimmten Grund… na ja sorry, geht mich auch nichts an“, meinte ich.
„Ich mag ihn einfach nicht.“
„Chattest du?“, fragte ich, zeigte auf den Pc um das Thema zu wechseln.
„Ja, abends, wenn ich meine Hausaufgaben fertig habe.“
„Noch Schule?“
Ja, Berufsschule, will aufs Kaufmännische hinaus.
„Cool, bin auch auf der Berufschule, Richtung Verwaltung.“
„Oh, eine neue Sekretärin“, meinte Derek und fing zu lachen an.
„Besser als eine Tippse in einem Kaufladen“, konterte ich, musste aber dann genauso lachen.
* * *
Es waren ein paar Wochen vergangen und es lief eigentlich besser, als ich dachte. In der neuen Schule kam ich gut mit und auch der neue Verein brachte mir das, was ich erwartet hatte. Beim Turnier letzten Sonntag hatte ich sogar einen Pokal gewonnen.
Logan war ein Thema für sich. Wir verstanden uns recht gut und seine häufigen Flirtereien genoss ich. Hier hatte wohl niemand Schwierigkeiten mit meinem Schwulsein. Ich machte mich Ausgehfein, denn ich hatte ein Date. Mein Erstes mit Logan.
Ich fuhr also zu seiner Wohnung. Den Weg hatte er mir genau beschrieben, so fand ich es auch schnell. Ich hatte eine Flasche Wein dabei, denn auf die Schnelle war mir kein anderes Mitbringsel eingefallen.
Ich suchte nach einem Parkplatz und wurde auch recht schnell fündig. Etwas aufgeregt, verließ ich den Wagen und lief zu dem Wohnhaus. Meinem Klingeln folgte kurz darauf das Summen des Türöffners.
Ich lief die Treppe hinauf, zweiten Stock hatte er gesagt. Logan wartete schon mit einem hinreisenden Lächeln auf mich an der Tür. Er hatte nur eine Shorts an und sonst nichts. Ich musste schlucken, denn Logan war atemberaubend gebaut.
„Komm rein!“, sagte er.
Ich folgte ihm in de Wohnung und schloss die Wohnungstür.
„Hier für dich“, meinte ich und gab ihm die Weinflasche.
„Danke“, erwiderte er und stellte die Flasche auf ein Board.
Langsam kam er näher auf mich zu, und legte seine Arme um mich.
„Danke, dass du gekommen bist, darauf warte ich schon lange“, hauchte er leise.
Und bevor ich irgendetwas antworten konnte, spürte ich schon seine Lippen auf meinen. Seine Hände wanderten über meinen Rücken und ich spürte wie meine Knie weich wurden. Ich wusste gar nicht wie mir geschieht.
Wie in Trance folgte ich ihm in ein Zimmer, bekam nicht groß mit, dass es das Schlafzimmer war. Logan half mir, mich auszuziehen, damit es schneller ging. Dann ließen wir uns auf sein Bett fallen und verloren uns in einen langen Kuss.
Irgendwann wurde ich wach, draußen war es schon dunkel.
„Na, endlich aufgewacht?“, hörte ich Logans Stimme an meiner Seite.
Ich drehte mein Kopf zu ihm und schaute ihm in die Augen.
„Ja, sorry.“
„He, nicht schlimm, Kleiner. Nach dem Ritt wäre ich auch eingeschlafen!“
„War auch geil! Ich habe noch nie so einen Orgasmus gehabt.“
„Das habe ich gemerkt, so wie du gekommen bist!“
Ich vergrub meinen Kopf auf seiner Brust und malte mit dem Finger auf seinem Bauch.
„Du Logan…, ich glaub ich habe mich in dich verleibt!“
Logan richtete sich plötzlich auf und ich rutschte mit dem Kopf herunter.
„Bitte?“, fragte er entsetzt, „wir kennen uns doch erst ein paar Wochen.
Leicht geschockt, über diese Aussage, schob ich mich ein wenig weg von ihm. Empfindest du denn gar nichts für mich“, fragte ich traurig.
„Doch, du Dussel, ich war nur nicht darauf vorbereitet, dass es so schnell geht.“
„Wir sind doch auch recht schnell im Bett gelandet!“
„Sorry, ich konnte dir aber nicht entgegensetzten, „als ich die Tür aufmacht hab und ich dich da stehen sah, wollte ich nur noch dich!“
Ich musste lächeln.
* * *
Nun trafen Logan und ich uns regelmäßig, und es endete immer damit, dass wir im Bett landeten. Meine Eltern machten sich nicht weiter Gedanken, wenn ich am Wochenende nicht nach Hause kam und bei Logan schlief.
Unter der Woche nach der Schule hing ich dann oft mit Derek zusammen wir verstanden uns prächtig. Was mir Sorgen machte, ich war irgendwie zwischen Derek und Logan hin und her gerissen, wo bei ich aber nur mit Logan Sex hatte.
Aber ich spürte immer mehr, wie Derek sich in mich verliebte, obwohl er wusste, dass ich mit Logan zusammen war. Und trotzdem genoss ich es, Mittelpunkt bei den Beiden zu sein. Es ging sogar soweit, dass ich eine Herausforderung von Derek annahm, mit ihm ein Degengefecht auszutragen, obwohl ich die Dinger nicht mochte.
Es ging klimpflig aus und ich verlor natürlich. Dazu verletze ich mich noch an der Schulter, weil ich ungünstig fiel. Das hieß zwei Woche mit dem Training aussetzen, was aber wiederum Logan nicht weiter störte, denn ich war ja eh jedes Wochenende nun bei ihm.
* * *
„Kann ich ein Bild von dir machen?“, fragte Derek.
Wir hatten uns am See getroffen, um ein wenig spazieren zugehen. Er zog ein Foto heraus und ging ein paar Schritte vor.
„Was hast du vor?“, fragte ich.
Er setzte die Kamera vom Gesicht ab.
„Ich will ein Bild von dir, dass lass ich es mir dann vergrößere und hänge es dann auf!“
„Du bist verrückt!“
„Ja, verrückt nach dir.“
Er hob wieder die Kamera an und knipste gerade in dem Augenblick, wo ich wegen seiner Antwort verschämt grinste. Er trat wieder auf mich zu.
„Es tut mir leid Kai, ich kann nichts für meine Gefühle!“
„Das braucht dir doch nicht Leid zu tun, ich fühle mich geehrt!“
„Ich werde dann langsam wieder nach Hause gehen, ich muss noch etwas arbeiten.“
„Schon?“
„Ja, tut mir leid, muss noch an einem Bericht schreiben.“
„Na gut!“
„Holst du mich morgen zu Training wieder ab?“, fragte er und legte ein Dackelblick auf.
„Natürlich, ab morgen darf ich ja wieder trainieren.“
„Gut, dann bis morgen“, sagte Derek und gab mir einen kleinen Kuss auf die Wange, bevor er verschwand.
* * *
Ich lief die Treppe hinauf und klopfte bei Derek an.
„Wer stört?“, hörte ich von drinnen rufen.
Ich öffnete die Tür und trat ein.
„Ich, wer sonst“, grinste ich ihm entgegen.
„Oje, ist es schon zu spät? Ich sitze noch über meinen Hausaufgaben“, sagte er leicht panisch.
An der Wand hing mein Bild, stellte ich fest. Er schien die anderen, anderst hingehängt zuhaben
„Nein, mach mal halblang, ich bin eher zu früh dran.“
„Egal, jetzt habe ich eh keine Lust mehr, weiter zumachen. Und wie geht es deiner Schulter?“
„Wieder besser, aber ich bin ja selber schuld, mich mit Degen auf einen Kampf einzulassen.“
Derek kam auf mich zu und legte seine Hand auf meine Schulter.
„Habe ich an deiner Eitelkeit gekratzt?“, fragte er grinsend.
„Nein, Blödsinn!“
Seine braunen Augen funkelten mich an. Langsam näherten sich unsere Gesichter und unsere Lippen trafen sich zu einem Kuss. Kurz vergaß ich alles um mich herum und ergab mich dem Kuss. Doch dann ließ ich ab von Derek. Ich ging zum Fenster und schaute hinaus.
„Geht das überhaupt, kann man zwei Menschen gleichermaßen lieben?“, fragte ich leise.
Ich spürte wie Derek dicht an mich heran trat.
„Glaube schon, jedenfalls spüre ich, dass ich dir nicht gleichgültig bin!“, erwiderte er ebenso leise.
„Nein, dass bist du sicher nicht, eher das Gegenteil!“
„Und was hindert dich daran? Du kennst meine Gefühle für dich, Kai!“
Ich drehte mich um und sah wieder in seine großen, braunen Augen.
„Derek, ich bin mit Logan zusammen und ich liebe ihn.“
„Dann lass ihn gehen, bevor du erkennst, wer er wirklich ist!“
„Jeden Anderen hätte ich jetzt wahrscheinlich verprügelt, aber bei dir weiß ich, du würdest mich nie anlügen. Aber trotzdem glaube ich nicht, was alle über Logan erzählen.“
„Kai, ich weiß nur, dass ich dich liebe und ich will nicht, dass dich jemand verletzt!“
„Dass ehrt mich total, aber ich muss es wohl erst selbst sehen…“
Derek atmete tief durch senkte seinen Blick.
„Komm lass uns ins Training fahren, sonst kommen wir zu spät“, meinte er und nahm seine Tasche vom Bett.
Ich folgte ihm die Treppe hinunter und verabschiedeten uns von seinen Eltern. Heute war wenig Verkehr und so dauerte es auch nicht lange, bis wir an der Halle eintrafen. Logans Auto stand schon da, aber er war weit und breit nicht zusehen.
„Komisch, sonst wartet er doch immer hier draußen auf mich!“, sagte ich und nahm meine Tasche aus dem Kofferraum.
Derek zuckte kurz mit den Schultern und lief dann Richtung Eingang. Ich folgte ihm und betrat die Halle. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte man meinen können, wir wären zu spät. Alle waren schon umgezogen und in der Halle und schauten einem Kampf zu.
Ich blieb kurz stehen und schaute, wer da kämpfte. Am Kampfstil erkannte ich sofort, dass der eine Logan war. Der andere schien der Neue zu sein, von dem Logan mir erzählt hatte. Dass er diesen Kampf austragen würde, hatte er nicht gesagt.
Ich ging also in die Umkleidekabine und zog meinen Dress an. Derek war schon fertig und knuffte mir lächelnd in Seite, bevor er die Umkleide verließ. Ich räumte meine Tasche in den Schrank und folgte ihm.
Ich schien gerade recht zu kommen, denn der Neue schien Logan gerade abzuziehen. Derek zwinkerte mir zu und ich musste grinsen, weil Logan ein Punkt nach dem anderen verlor. Das Ende nahte und der Neue ging als Sieger hervor.
Die anderen Trainer gratulierten und Logan stand recht zornig alleine auf seiner Seite der Planche. Ich ging hin und wollte ihn aufmuntern, aber wurde bald des besseren beleert.
„Du willst dich also lustig machen über mich“, zischte er, was die anderen aber kaum wahrnahmen.
„Nein Logan, man kann doch nicht alle Kämpfe gewinnen“, erwiderte ich.
„Los auf die Matte mit dir, ich werde dir schon zeigen, wer hier immer siegt!“
Ich verstand ihn nicht, aber ging auf meinen Platz. Die Anderen hatten bemerkt, dass Logan weiterkämpfen wollte und so machten sie Platz. Kurz sah ich den Neuen, denn er hatte nun seine Maske abgezogen. Er war etwas jünger als ich, aber genauso gut in Form, wie ich.
Logan stellte dich in Grundstellung, ich folgte ihm. Er begann gleich in einem sehr hohen Tempo und ich merkte zu spät, dass ich nicht richtig warm war. Das nutze Logan aus und punktete mehrere Male.
Ich spürte auch ab und zu sein Florett. Er wandte Kniffe an, die mir wehtaten. Langsam würde ich wütend, verließ die Defensive. Ich konnte meine Punkte verbessern, bis ich gleich auf mit ihm war. Logan wirkte unkonzentriert und so schaffte ich es, ihn zu schlagen.
Er stolperte nach hinten und fiel hin. Alle klatschen mir zu und ich ging zu ihm hin und wollte ihm aufhelfen. Aber Logan stand einfach auf und ging.
* * *
Noch nie hatte ich mich bei einem Kampf so verarscht gefühlt. Ich fühlte mich wie eine Katze, die ihre Wunden leckte. Das heiße Duschwasser auf meine Haut ließ mich vergessen, was Logan eben mit mir abgezogen hatte.
Warum wollte er mich bloßstellen? Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich mich so wehre. Ohne ein Wort hatte er die Halle verlassen, nicht einmal ein Blick hatte er mir zugeworfen. Ich drehte das Wasser ab und trocknete mich ab.
Noch im Gedanken zog ich mich an und hörte draußen im Gang, sich jemand unterhalten.
„Ich sage dir doch, er weiß nichts davon!“
„Also, ein weiterer Kamerad, auf seiner Abschussliste!“
„Er kann einem wirklich Leid tun, aber sagen tut es ihm niemand.“
„Ja und wir sind wieder einen unserer Spitzenkämpfer los!“
Ganz schnell versuchte ich zu vergessen, was ich da gerade gehört hatte. Ich packte alles in meine Tasche und lief zum Ausgang. Ein paar Leute standen da und verstummten, als sie mich bemerkten, aber ich nahm keine weitere Notiz von ihnen.
Ich kam zum Auto, wollte mit Derek losfahren, als ich seiner Blickrichtung folgte. Ich sah Logan und Sascha am Ende des Parkplatzes stehen, wie sie sich umarmten und küssten. Ich ließ von meinen Wagen ab, schmiss meine Tasche vor mein Auto und lief auf die Beiden zu. Sascha schien sich zu verabschieden und lief davon.
Jetzt erst bemerkte mich Logan.
„Ist es also doch war, was alle sich erzählen, du hast einen Neuen und ich erfahre es als letztes!“, sagte ich.
„Kai, jetzt versteh doch!“, fing Logan an.
„Was soll ich verstehen? Ich liebe dich, du hast gesagt du liebst mich und willst immer bei mir sein und nun das?“
Ich war laut geworden.
„Kai, alles ändert sich, auch Beziehungen!“
„Und warum sagst du mir nichts, lässt mich in dem Glauben, alles ist Friede, Freude, Eierkuchen?“
„Kai, ich…“, er stockte und es fing an zu regnen.
„Sag mir einfach nur warum?“
„Kai, ich kann nichts daran ändern. Ich liebe Sascha nun mal!“
„Was habe ich dir getan, dass du mich jetzt nicht mehr willst, mich nicht mehr liebst?“
„Kai, jetzt nimm das doch nicht so schwer. Es tut mir leid, es geht einfach nicht mehr!“, sagte Logan leise.
„Weißt du was? Du bist das letzte Stück Dreck! Mir was von Liebe vorgaukeln und wenn das nächste Stück Frischfleisch kommt, lässt du mich einfach fallen. Ich hoffe du wirst glücklich damit und dir passiert nicht das Gleiche, und wirst irgendwann mal ausgetauscht! Und noch eins, ich werde nicht aufhören zu fechten, werde den Verein nicht verlassen, wie es wohl meine Vorgänger gemacht haben. Ich wollte das alles nicht glauben, aber jetzt bin ich klüger! Du bist so billig so…, ach scheiße!“
Ich konnte nicht mehr, hatte genug geschrieen und Logan schwieg. Wir standen beide nur da und schauten uns an. Der Regen war mittlerweile so stark, dass ich, ihn auf meiner Haut die Nässe spürte.
Sag mir was ist bloß um uns geschehn
Du scheinst mir auf einmal völlig fremd zu sein
Warum geht´s mir nich mehr gut
Wenn ich in deinen Armen liege
Ist es egal geworden was mit uns passiert
Wo willst du hin ich kann dich kaum noch sehn
Unsre Eitelkeit stellt sich uns in den Weg
Wollten wir nicht alles wagen, ham wir uns vielleicht verraten
Ich hab geglaubt wir könnten echt alles ertragen
Symphonie
Und jetzt wird es still um uns
Denn wir steh´n hier im Regen haben uns nicht´s mehr zu geben
Und es ist besser wenn du gehst
Denn es ist Zeit
Sich ein zu gestehn dass es nicht geht
Es gibt nichts mehr zu reden denn wenn`s nur regnet
Ist es besser aufzugeben
Und es verdichtet sich die Stille über uns
Ich versteh nich ein Wort mehr aus deinem Mund
Haben wir zu viel versucht, warum konnten wir´s nicht ahnen
Es wird nicht leicht sein das alles einzusehn
Symphonie
Und jetzt wird es still um uns
Denn wir steh´n hier im Regen haben uns nicht´s mehr zu geben
Und es ist besser wenn du gehst
Denn es ist Zeit
Sich ein zu gestehn dass es nicht geht
Es gibt nichts mehr zu reden denn wenn´s nur regnet
Ist es besser aufzugeben
Irgendwo sind wir gescheitert
Und so wie´s ist so geht´s nich weiter
Das Ende ist schon lang geschrieben
Und das war unsre….
© Silbermond – Symphonie
Ich drehte mich einfach um und lief los. Die Tränen in meinem Gesicht und die Regentropfen konnte man nicht mehr unterscheiden, es vermischte sich alles. Es dauerte eine Weile, bis ich an mein Auto ankam. Derek stand im Regen und wartete immer noch auf mich.
Ich ging zu ihm hin und er nahm mich in den Arm. Ich fing an zu schluchzen und es zog mir fast die Beine weg. Derek streichelte mir nur über den Kopf und sagte gar nichts. Es verging einige Zeit, bis ich mich wieder gefangen hatte.
„Er hat mich genauso fallen lassen wie dich, Kai. Deswegen wollte ich nie mehr darüber erzählen“, kam es leise von Derek.
Ich schaute ihn traurig an, wusste aber nicht was ich dazu sagen sollte.
„Komm, lass uns fahren“, sagte Derek und streichelte mir über die Wange.
Ich versuchte ein wenig zu lächeln und gab ihm einen Kuss auf die Nase. Ich zog den Schlüssel aus meiner Hosentasche und gab sie ihm.
„Du willst mich fahren lassen?“, fragte Derek.
„Ja, sollst dich ja irgendwann an mein Auto gewöhnen!“
Derek fing zu strahlen an.
„Derek, gib mir einfach ein bisschen Zeit, der Rest kommt von alleine!“
„Danke!“, sagte Derek und gab mir einen Kuss.
* * Ende *

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Information So fern wieder ganz nah
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:26 PM - No Replies

„Schönen guten Morgen, Herr Cervi. Es ist bereits Null Sechs Uhr durch. Ich wiederhole: Null Sechs Uhr. Wir haben Montag, den 31. Januar 2011. Sie wollten von mir geweckt werden. Es folgt die von Ihnen bestellte Morgenmusik.“
Als „True Faith“ von „New Order“ los hämmert, bin ich schlagartig wach und springe aus dem Bett, drehe den Lautstärkeregler auf ein für den frühen Morgen erträgliches Maß. Ja, ich gestehe, ich bin im Moment auf dem Oldie-Trip. Muß halt oft an die schöne Zeit damals, während des Studiums, denken. Und an ihn, meinen besten Freund seit frühen Kindertagen. An David. Leider haben wir uns total aus den Augen verloren. Nun, aus den Augen, ja, aber nicht aus dem Sinn, denn ich träume noch oft von ihm und er fehlt mir sehr. Trotz allen meinen Nachforschungen, scheint er spurlos verschwunden zu sein.
Aber jetzt ist keine Zeit für diese Gedanken. „Los, Silvio Cervi, Du faule Nuss. Seh zu, dass Du in die Puschen kommst! Das wird ein langer Tag!“, treibe ich mich selbst an. WC. Dann schnell rein in die neue Duschzelle. Nachdem die automatische Körperreinigung beendet ist, sorgen Massagedüsen für meine Gesundheit, das anschließende Programm für erweiterte Körperpflege von Haut und Haaren geben mir ein Rundum-Wohlgefühl. An den notwendigen Körperstellen werden dezente Duftstoffe und Geruchsverminderer verteilt. Das Display des Bodycheckers vermittelt wichtige Werte meiner Lebensfunktionen. Alles in „Grün“ und bestens für einen 38-jährigen Mann. Nach jedem Besuch auf dem WC erfolgt sofort eine gründliche Analyse der abgesonderten Stoffe. Allerdings will ich das Ergebnis nicht immer so genau wissen, denn nach einem einsamen, melancholischen Weinabend wird mir morgens dann oft ein Arztbesuch empfohlen und vorgerechnet, welche Lebenszeit ich durch unsachgemäße Ernährung wieder verloren hätte. So ein kühler, einfacher Gebirgsbach ohne den ganzen technischen Schnickschnack wäre mir eigentlich lieber. Und erst das Frühstück! Entsprechend meiner analysierten körperlichen Werte nach neuesten Erkenntnissen rein wissenschaftlich zusammengestellt, so erfolgt meine Ernährung. Schnell all dieses unappetitliche Zeugs mit viel Kaffee runter gespült, die Arbeitsunterlagen geschnappt, schon geht es ab in die Zentrale. Ich bin ja nicht mein Eigentum – ich bin Sklave in einem Forschungsprogramm! Schon länger arbeite und wohne ich in diesem „Sternenstädtchen“ genannten Forschungsbereich der Russen und Amerikaner. Und es wird wieder eine schier endlose Beratung geben.
Die Wissenschaft ist in einer Sackgasse angelangt. Je mehr geforscht wird, je mehr in Forschung investiert wird zwecks Erkennung der Welt und allen Seins, um so mehr wird unsere Erkenntnis gestärkt, dass wir eigentlich nichts wissen. Das sich so steigernde Ergebnis ist: Wir steigern nur das Wissen, dass wir eigentlich nichts wissen! Viele Wissenschaftler haben daher vorgeschlagen, die bemannte Raumfahrt wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Anstrengungen zu stellen, um vielleicht auf anderen Himmelskörpern Anknüpfungspunkte zu finden. Der Mond wurde bereits genauestens erforscht und vermessen, zu anderen Stellen im Universum ist man bereits unterwegs. Und in meiner Tasche sind schon die Arbeitsunterlagen für den letzten abschließenden Forschungsgang auf dem Mond. Und nur weil so ein Dösbaddel vergessen hat, die Forschungsdaten für einen sehr alten, wissenschaftlich äußerst uninteressanten Kraterbereich ordentlich abzuspeichern, „darf“ ich da noch mal hin. Früher konnte man sich einfach so krank melden, Unwohlsein vortäuschen – heute schaut der Chef kurz auf den Monitor in die Personaldaten, und schon weiß der genau, dass ich in fünf Minuten Hunger bekommen werde… Ist das noch die gute, heile Welt?
In drei Tagen soll es losgehen. Ist ja nichts besonders zu Erwähnendes mehr, so ein Mondflug, und steht in keiner Zeitung. Rein in den Raumgleiter, dem neu aufgelegten „Buran“ der Russen. Dann ist kurz Zeit, um was zu lesen während des voll automatisch ablaufenden Fluges. Für diesen Routineauftrag hätten man auch Weltraum-Azubis nehmen können, und ich fühle mich nicht eben geschmeichelt, dass man mich auswählte. Werde mich beim Forschungsleiter beschweren müssen.
Und das auch noch! Da unser Flug ja so was von „wichtig“ ist, hat man uns ein Startfenster gegeben, was uns nun zwingt, wertvolle Arbeitszeit einfach zu verschlafen. In unserem Landegebiet ist es für Stunden noch stockdunkel und ich hab keine Lust, im Dunkeln über das Mondgestein zu stolpern. Mein Kamerad neben mir hat wieder sofort die für ihn typische Haltung eingenommen: Augen zu, Tiefschlaf. Selbst wenn er mal wach ist, macht er ständig einen müden Eindruck, so, als ob ihn immer gleich die Augen zufallen könnten. Viel lieber wäre ich allein zur Schmetterlings-Safari an den Amazonas gefahren, als mit DEM zum Mond. Und dort könnte man vielleicht noch was entdecken… Ich glaube, mein „Kamerad“, ich werde Dich kurz vor dem Einsatzende einfach dort unten lassen, dich einfach zufällig „vergessen“ – die ganze Welt wird froh sein, den Langweiler los zu sein!
Und mich? Freunde habe ich ja auch nicht unbedingt viele, dahinten auf der blauen Ei-Erdkugel. Eigentlich hatte ich bisher nur David. Ich bin nicht so der Typ, der gleich viele Freunde hat. Bin mehr der ganz Stille. Aber ich glaube, wer mich erst mal richtig kennt, kann mich ganz gut leiden. Ich bin gutmütig von der kleinen Zehe bis zur Haarspitze und meistens sehr kameradschaftlich.
War das damals schön, auf unserer kleinen Insel, auf Procida. David und ich, und noch ein paar andere Jungs, immer zusammen bei unseren Unternehmungen. Die hatten viel mit Wasser zu tun. Sind mit Davids Vater und seinem Fischerboot viel aufs Meer raus, um Seefrüchte für unsere Gaststätte mitzubringen. Die Touristen haben alles weggeputzt wie sonst was. Dann das Baden. Meist auf Vivara. Da waren keine Touristen, und auch sonst fast niemand, denn eigentlich darf man da ja nicht hin. Allerdings mußten wir immer über diesen rostigen Gammelsteg laufen. Und wenn später starker Wind aufkam, hatte ich schon mal etwas Angst, in die hohen Wellen zu stürzen. Aber nur dort auf der kleinen Haseninsel konnten wir überhaupt nackt baden, und das war mir schon wichtig. Wegen David, wegen seiner Schönheit.
Im Nachhinein finde ich diese ganzen Schiffsfahrten sehr schön, aber damals hatte es mich manchmal schon mächtig genervt, wenn ich täglich Richtung Neapel später zur Schule geschippert bin, Studium eingeschlossen. Hotel Mama war eben das günstigste im Angebot. Und diese Unmengen von Touristen. Und so fette, dicke, glatzköpfige, alte Männer mit großen Fotoapparaten. „Junge, darf ich Dich bitte mal fotografieren…? Drehst Du Dich bitte auch mal um? Und auch von der Seite? Mhm, schön. Bella Italia!“ Und anschließend mir mit der fettigen Hand noch meinen Knackarsch streicheln… Bäh! Pfui, Teufel! Basta! „Na gut, für 5 Dollar. Nein, keine Lire. Aber nur ganz kurz anfassen!“
Die Wege haben sich leider aus beruflichen Gründen getrennt. Mit leichter Wehmut schlafe ich endlich ein.
In unseren dicken Raumanzügen eingemümmelt, tapern wir in unser Einsatzgebiet. Der Langweiler stockstumm vor mir, vom NASA-Kontrollzentrum kann ich nur ab und an vermehrtes Gähnen über Funk vernehmen. Mit dem Kopf beim Büroschlaf wohl zufällig auf der Sendetaste zu liegen gekommen… Von uns will niemand was wissen. Was wollen wir eigentlich hier? Es ist wirklich ein so schöner Tag! „Du bleibst jetzt hier stehen und hältst die wichtige Funkverbindung ins Kontrollzentrum aufrecht. Dann beobachtest Du noch das Gelände, und passt auf, das sich keiner an uns ran schleicht. Aber sorgfältigst. Verstanden?“ Ist doch immer wieder schön, wenn man die Verantwortung trägt. Den bin ich erst mal für eine Weile los…
Nun, mittels Weltall-GPS und digitalen Aufzeichnungsgeräten ist so eine Aufgabe eigentlich nur noch ein Spaziergang (ich – einschalten nicht wieder vergessen). Ich nutze die Zeit, ausgerüstet mit einem kleinen Hammer, um mir noch fehlende Gesteinsstücke für meine kleine Sammlung zu organisieren. Ansonsten ist es hier wirklich öde. Nur gezackte, scharfe Felsen, wo man aufpassen muß, dass man sich nicht das Fell aufreißt (dann ist wirklich absolut die Luft raus) und viel Staub unter den dicken Schuhen. Die paar Löcher nicht zu vergessen, wo es einige Meter runter geht. … Aha, ich bekomme eine Anweisung über Funk. Bitte auch von diesem Basalt hier ein Stück für den Forschungsleiter… Der kann mich mal bei Mondschein.
Dort in der Felsnische scheint es interessanter. Moment – was ist denn das? Hinter der Felsnische ist ein Gang. Gibt die ja auch auf der Erde, fällt mir ein. Hat tektonische Ursachen von wegen Lavaabfluß. Wasser kann es hier ja nicht sein. Und Lava kenne ich noch genau von Procida. Aber hier ist keine Lava und nichts sonst vulkanisches – hier sind glatte Wände! Die Schwärze des Gesteins schluckt fast jedes Licht. Mir kommt es vor, als würde ich mit einer Kerze am Helm durch die Gegend wackeln, und nicht mit dem aller neuesten Hochleistungslumineszenzdiodenweitstrahler, so schluckt das. Vor mir in Brusthöhe ist ein kreisförmiges Symbol, ca. 15cm im Durchmesser, zu sehen. Was die Natur nicht alles für merkwürdige Formen hervor bringt. Auf dem zeichenförmigen Gebilde in der Mitte ist Staub, nicht gut was zu erkennen. Mit dem Geologenhammer versuche ich kratzend, diesen zu entfernen. „Ding! Dong! Der Fahrstuhl steht gleich zu Ihren Diensten.“
Ein Rütteln an den Schultern bringt mich wieder in die Realität, bevor mich der plötzliche Herztod ereilen kann. Ihn hat mein Geschrei beim Schlafen gestört… Ich werde meine bisherige Haltung zu meinem Kumpel überdenken müssen. Und ich habe jetzt ein persönliches Problem: Mit Raumanzug kann man ganz schlecht duschen, und ich bin wirklich total durch geschwitzt. Auch macht sich im Helm jetzt ein stechender Geruch breit.
Ich hatte bisher keine Ahnung, wie schlecht es der Weltraumforschung eigentlich geht: Kein Toilettenpapier an Bord, Spülwasser – Fehlanzeige, Frischwasser – Fehlanzeige, Wiederaufbereitung der Fäkalien zwecks menschlicher Ernährung statt der üblichen Tabletten… Eine ganze Liste von Abscheulichkeiten! Dann statt der angeschraubten Geräte diese nur mit Blumenbindedraht befestigt… Isolierband das am Häufigsten verwendete Material. Das Signal, welches ständig Treibstoffmangel signalisiert, läßt sich nur dadurch abstellen, dass wir einfach das Anschlußkabel kappen. Sicherheitshalber sind Fallschirme an Bord, was uns sofort wieder beruhigt. Na ja – es hätte ja auch alles viel schlimmer sein können!
Das darf so nie wieder vorkommen. In meinem Eifer und Verantwortungsgefühl versuche ich, die „Abteilung für Mängelreklamationen in der Weltraumfahrt“ zu erreichen. Kein Problem, und ich werde gleich aufgefordert, für die Annahme eines technischen Mangels die „Eins“ zu drücken…
So, jetzt geht es endlich los. Schnell fertig – und weg hier. Als ich die Mappe mit den Arbeitsanweisungen öffne, liegt oben drauf ein kleiner Zettel:
Lieber Herr Cervi und Mitarbeiter,
Bitte verzeihen Sie die wenigen Unregelmäßigkeiten. Aber Humor ist doch, wenn man trotzdem lacht. Im Laderaum liegen zwei Rucksäcke für Gestein und eine Transportkiste. Bitte alles lt. Liste füllen und mitbringen.
Viele Grüße, Ihr Einsatzkommando
Eintragung ins Logbuch:
a) Zwei Rucksäcke und eine große Blechkiste haben heute für die Eröffnung der „1. Internationalen Mülldeponie im Weltall“ gesorgt.
b) Raumgleiter schrottreif und nur bedingt flugfähig.
c) alles ausgebaut, was Treibstoff sparen könnte, auf den Müll
d) Unsere Testamente sind in der roten Mappe!
Mit viel Wut und Hunger im Bauch setzen wir auf das Nachtgestirn hart auf. Nun schmerzt auch noch mein Rückgrat. Mein Mitarbeiter kann ja wohl wirklich rein gar nichts. Der darf jetzt den Gleiter bewachen.
Als ich eine Felsnische entdecke, werde ich stutzig. Das kommt mir doch bekannt vor… Schwarze, glatte Wände, dahinten ist ein schmaler Gang zu sehen. Und dunkel ist es, selbst noch mit Scheinwerferlicht! Neugierig wie immer, taste ich die eigenartigen Felsumformungen in einem 15cm-Kreis am Ende des Ganges ab. „Ding! Dong! Der Fahrstuhl steht gleich zu Ihren Diensten.“ Hilfe – mein Herz bleibt stehen! Mir wird sehr schwindelig…
„Hallo! Silvio! Komme doch bitte zu Dir! Dein Puls ist doch schon wieder normal…“ Na gut, wenn man so überredet wird. Und von so einer netten Stimme… „David?“ Das war jetzt wohl etwas schnell, mit dem „wieder zu mir und hochkommen“. Mit Nebel vor meinen Linsen sehe ich David. „David? Träume ich? Bin ich tot und im Himmel?“ „Nein, Silvio, Du bist bei uns, und wir haben Dich gerufen. Es ist alles in Ordnung, beruhige Dich.“ Mit diesen Worten zieht er mich von der Horizontalen hoch und drückt mir einen Kuß auf meine Lippen. Wie ich das vermisst habe! Himmlisch… Und diese Musik im Hintergrund. „True Faith“ von „New Order“. Bitte noch mal….
Ich bin gewaschen und frisch wie ein Baby nach der Wanne, habe auch gut gegessen. Nun bin ich bereit für Davids Erklärungen.
„Bitte schau mal in diesem großen Raum die vielen rechteckigen und schwarzen Säulen mit den kleinen Fenstern oben, die ein Licht verbreiten, als würden sie leben. Das sind alles sehr große Computer, und mit einer für einen Menschen unvorstellbar fortschrittlichen Technologie ausgestattet. Silvio, das Leben ist eine Illusion, so wie wir meinen, es zu kennen! Alles ist nur vom Prinzip wie Elektrizität. Jeder Mensch, jeder Gegenstand, jeder Gedanke, Du und ich – alles ist nur ein jeweils zugeordneter Speicherplatz in einer riesigen Datenbank. Und das hier ist eine Zentrale von vielen im ganzen Universum. Die Programme heißen Leben und Evolution. Wer sie mal schrieb und wer ganz oben in der Hierarchie dran dreht – wir wissen es nicht. Wir wollen es aber raus bekommen. Wir, das ist ein geheimer Zusammenschluß von… Nein, dazu erst später. Ich habe mir sehr gewünscht, dass Du zu uns kommen darfst. Jetzt bist Du hier und kannst nicht mehr zurück. Bist Du mir jetzt sehr böse?“ Da ich an das schrottreife Raumschiff denken muß, fällt mir meine Antwort sehr leicht. „David: Wenn es irgendwie geht, möchte ich bei Dir bleiben…“
* * *
Als Herr Cervi nicht wieder zurück kommt, macht sich sein Mitarbeiter anhand der Fußspuren auf die Suche. Aber er findet nur einen leeren Raumanzug, und stinkige Unterwäsche daneben liegend. In der rechten Handschuhhand des Anzuges ist ein Datenkristall geklemmt. Nach der Landung des Raumgleiters, besser als Bruchlandung mit Totalschaden zu bezeichnen, und der Rückkehr des Mitarbeiters ins Sternenstädtchen wird der Kristall ausgewertet. Nach Kenntnisnahme des Inhaltes wird er zu den anderen Kuriositäten weit unter der Erde einer nordamerikanischen Wüste gelegt. Es ist nur sehr wenigen Eingeweihten bekannt, warum der Weg zur allgemeinen Erkenntnis so schwierig ist. Und dieses Wissen ist sehr gefährlich für die eigene Gesundheit.
Denn keiner von den Mächtigen möchte was ändern!
Funktioniert wie eine nicht erfüllte Bedingung in einem Computerprogramm:
## Wenn Menschen keine Kriege mehr führen und allgemein abgerüstet haben, dann zur Lösung. Sonst springe wieder auf den Anfang zurück.

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