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Information Da & Da
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:58 AM - No Replies

„Und du willst wirklich noch spazieren gehen? Bei diesem Wetter?“
Meine Cousine blickte mich fast mitleidig an, als wir das Hotel verließen.
„Damian, du wirst dir noch eine Erkältung holen.“
Ich winkte ab.
„Ach Victoria, noch regnet es ja nicht. Ich muss gleich für mindestens sechs Stunden im Wagen sitzen, da wird mir ein kleiner Sonntagsspaziergang sicherlich nicht schaden. Ich habe ja nicht vor, bis Kap Arkona zu laufen, ich gehe nur einmal die Strandpromenade auf und ab, das ist alles.“

„Wie du meinst! Aber beschwere dich nicht, wenn du einen Schnupfen kriegst.“

Sie grinste mich an. Ich musste lachen.

„Keine Angst, du weißt, ich bin hart im nehmen.“

„Damian! Das war eindeutig zweideutig!“

Sie rückte ihre Brille zurecht.

„Wo bleibt denn Klaus?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Wo dein Mann ab geblieben ist, weiß ich auch nicht. Beim Mittagessen saß er uns noch gegenüber und hat sich mit dem Professor aus Bayern unterhalten, dem Doktorvater des Jubilars. Wahrscheinlich wird er euren Wagen holen, wie ich ihn kenne.“

„Der ist mir gestern Abend daheim mal beim Tanzen auf den Fuß gestiegen!“

Sie tat so, als ob sie es heute noch spüren würde.

„Der Mann kann sich einfach nicht bewegen!“

„Liebste Victoria! Was erwartest du von einem Forstwirt? Er sorgt nur für Eichen, die später dann entweder zu deinem Parkett oder zu meinen Fässern werden!“

Ich steckte mir eine Zigarette an. Sie kicherte wie ein Schulmädchen.

„Deine Ironie hast du, Gott sei Dank, ja nie verloren. Ich glaube, ohne deinen Sarkasmus und deine spitze Zunge hätte ich die Silberhochzeit nie überlebt.“

„Engelchen? Wofür ist Familie denn sonst da?“

Ich blickte sie an.

„Man hilft sich doch in der Not!“

Sie atmete tief durch.

„Du sagst es! Aber wie kann man nur in einem Strandhotel feiern? Und das auch noch in dem Schuppen? Man hätte fast meinen können, man wäre noch in der DDR.“

„Günther ist ja nur besserer Förster, … da kann man sich das Adlon nicht leisten!“

Ich aschte ab. Sie rümpfte ihre Nase.

„Damian! Er ist Amtsleiter der Forstverwaltung! Ah, da ist ja mein Gatte!“

Klaus stieg aus seinem Mercedes und blickte uns kopfschüttelnd an.

„Habt ihr wieder gelästert, ihr beiden Tratschtanten? Über mich etwa?“

„Wer macht denn so etwas? Mein lieber Klaus, man merkt immer wieder dass du bürgerlich bist. In unseren Kreisen lästert man nicht, man tauscht sich höchstens über Dritte intensiv aus!“

Ich blickte meine Cousine an, die sich königlich amüsierte.

„Oder Comtesse? Was sagen sie denn dazu?“

„Damian! Du bist ein Kindskopf! Aber ein ganz lieber!“

Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Wir sehen uns dann im November, beim Geburtstag deiner Mutter.“

„So sie bis dahin noch lebt und Vater sie nicht ins Grab gebracht hat.“

Ich trat meine Zigarette aus. Sie schüttelte nur mit dem Kopf und ich verabschiedete mich noch von Klaus, ihrem Gatten. Dann lenkte ich meine Schritte in Richtung Strandpromenade und drehte dort eine kleinere Runde, ließ mir den frischen Ostsee Wind um die Nase wehen, brachte noch ein Rauchopfern dar und war froh, das Hotel wieder erreicht zu haben.
Ausgecheckt hatte ich ja schon, ich ließ mir nur noch meinen Wagen bringen, warum sollte man den Hotelservice nicht in Anspruch nehmen, schließlich hatte ich ihn ja auch bezahlt.
Als ich an diesem letzten Märzsonntag in meinem 530d Touring stieg, atmete ich erst einmal tief durch.
Noch trennten mich über 600 Kilometer von meinem eigenen Bett. Ich blickte auf die Uhr, wir hatten kurz nach zwei, als ich den Wagen anließ. Auf die Rudolf-Diesel-Gedächtnisminute konnte ich bei meinem nagelneuen BMW verzichten, dass der Motor lief, merkte man nur an der Drehzahlanzeige.
Das war sie also gewesen, die Silberhochzeit von Claudia und ihrem Karl-Hermann, dem einzigen Sohn von Vaters drei Jahre jüngerer Schwester Bernhardine. Auf ihrer Hochzeit war ich auch, aber damals war ich achtzehn, stand kurz vor dem Abitur und meine Eltern waren noch auf der Suche nach einem weiblichen Pendant für ihren einzigen Sohn.
Dass ich zum damaligen Zeitpunkt schon seit fast zwei Jahren das Interesse an der holden Weiblichkeit verloren hatte, konnten sie ja nicht wissen, ich hatte mich nicht geäußert. Erst als Oma mich mit zweiundzwanzig im Bett mit dem Sohn unseres Brennmeisters erwischt hatte, schwante auch meine Eltern, dass mit mir unser Zweig der Familie aussterben würde.
Am Anfang war es zwar schwer, aber schlussendlich akzeptierte meine Familie dann doch die Art und Weise, wie ich mein Leben anging. Sie haben sogar Stefan, die große Liebe meines Lebens, in ihr Herz geschlossen, wir waren ja auch fast anderthalb Jahrzehnte miteinander verbunden.
Als er vor zweieinhalb Jahren von einem besoffenen Autofahrer ins Jenseits befördert wurde, trauerten sie fast mehr als ich. Stefans Art, mit den Leuten umzugehen, war unbeschreiblich, man konnte ihm keinen Wunsch, sei er auch noch so ausgefallen gewesen, abschlagen. Er war einfach Prince Charming, Schwiegermutters Liebling.
Der Grund meiner Anwesenheit auf ihrer Silberhochzeit war ein anderer: Ich war der Vertreter meiner Familie. Zwar bin ich kein Vollwaise, Mama, Papa und Oma leben alle noch, aber mein Vater leidet seit knapp einem Jahr an immer stärker werdender Demenz, fährt kein Auto mehr, geht maximal noch in die Kirche, mehr nicht und das mit 75.
Meine Großmutter, die auch noch auf dem Gut lebt und im nächsten Jahr ihren 90. Geburtstag feiert, ist schwerhörig und gehbehindert. Wenn man böse wäre, was ich aber nicht bin, könnte man sagen, sie leidet dazu noch unter Altersstarrsinn.
Mama mit ihren 64 hatte also genug mit ihren „Kindern“ zu tun: Ich sollte das Banner des Familienzweiges tragen, sie würde daheim bleiben.

*-*-*

Leichter Nieselregen hatte mittlerweile eingesetzt, der Scheibenwischer verrichtete sein Werk. Ich bog in Karow rechts auf die B196 ab, die Tankanzeige riet zum dringenden Nachfüllen. Zwar würde mein Sprit noch für knapp 150 Kilometer reichen, so war es jedenfalls dem elektronischen Display zu entnehmen, aber bis ins heimische Westfalen würde er auf alle Fälle nicht reichen.
Die nächste Tankstelle wäre also meine, mein Wagen hatte Durst! Da ich nicht in die Bredouille kommen wollte, an der Autobahn tanken zu müssen – auch der alte Adel muss sparen – steuerte ich am Ortsausgang von Bergen die dortige Aral-Tanke an.
Ich blieb, auch mit zwei Packungen Zigaretten, einer Dose Cola, einem belegten Brötchen und zwei Schokoriegeln, zwar immer noch im zweistelligen Eurobereich, aber viel fehlte nicht.
Ich bekam auf den grünen Schein nur ein paar Münzen zurück. Ich notierte den Tankbeleg in das Fahrtenbuch, schließlich war ich mit einem Firmenwagen unterwegs, und fuhr langsam an.
Unter dem Abdach des Autohauses, das sich unmittelbar an die Tankstelle anschloss, sah ich eine schlaksige Gestalt stehen, die den Daumen raus hielt. Normalerweise nehme ich keine Anhalter mit, nicht, weil sie nicht mag oder gar Angst vor ihnen hätte, bei den Strecken, die ich normalerweise fahre, lohnt es sich einfach nicht, jemanden mitzunehmen.
Aber der Knabe sah in seinem Outfit etwas hilflos aus und er hatte einen Rucksack und eine Reisetasche dabei, er wollte also irgendwo hin. Wäre es jemand ohne Gepäck gewesen, ich wäre einfach weiter gefahren, aber so hielt ich an und ließ das Beifahrerfenster runter.
Schnellen Schrittes kam er auf mich zu, der Regen wurde stärker.

„Fahren sie nach Hamburg?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich fahre nicht nach Hamburg, sondern nur daran vorbei. Wenn dir das reicht, dann kannst du gerne einsteigen. Aber dein Gepäck verstauen wir besser im Kofferraum, ist erheblich einfacher.“

„Danke! Das ist nett von ihnen.“

Er hastete zurück, griff sich seine Sachen und ging zur Heckklappe.

Ich entriegelte von innen den Kofferraum, wartete, bis er die Taschen abgestellt, die Klappe wieder zugemacht und die Beifahrertür erreicht hatte.

„Deine Jacke legst du am besten auf den Rücksitz, der Wagen hat Sitzheizung.“

Er zog sich seinen Anorak, oder was immer er auch an hatte, aus und legte ihn, säuberlich gefaltet, auf die hintere Bank. Seine Jeans war zerschlissen und sein T-Shirt hatte auch schon bessere Tage gesehen. Als er sich angeschnallt hatte, blickte er mich dankbar an.

„Wir können!“

„Dann mal los!“

Ich startete den Wagen und bog wieder auf die Bundesstraße ab. Wir schwiegen uns erst einmal an. An der nächsten Kreuzung, ich musste stoppen, blickte ich nach rechts und betrachtete meinen Beifahrer etwas genauer.
Dunkelbraune Augen, kurze schwarze Haare, leicht mediterranes Aussehen. Die letzte Rasur hatte er wohl vor Tagen gehabt, leichter Flaum war auf dem ausgeprägten Kinn erkennbar. Ich musste schmunzeln, er hatte, genau wie ich, eine leichte Knollennase und seine linke Wange zierte, ebenfalls eine Parallele zu mir, ein ausgeprägtes Grübchen.

„Auf dem Weg in die Kaserne?“

Fast erschrocken blickte er mich an, ich hatte ihn wohl aus seinen Gedanken gerissen.

„Wie kommen sie darauf, dass ich unterwegs zum Bund bin?“

„Der Rucksack! So einen hatte ich auch, als ich damals bei der Armee war. Das ist aber lange, lange her, lass mich kurz überlegen … mittlerweile zweiundzwanzig Jahre!“

Ich grinste ihn an. Er schüttelte sich.

„Nein! Mit der Bundeswehr habe ich nichts am Hut, jedenfalls noch nicht und wahrscheinlich werde ich auch nie was mit ihr zu tun kriegen. Guttenberg sei Dank!“

„Verweigert?“

Ich blickte ihn neugierig an. Wieder dieses Zucken.

„Nein, das Teil gehört meinem Stiefvater.“

Ich warf noch einmal einen intensiven Blick auf meinen Beifahrer. Es zeichneten sich zwar einige Muskeln an seinen Armen ab, aber definiert waren sie nicht. Auch schien er nicht viel auf den Rippen zu haben, allerdings unterernährt wirkte er auch nicht.
Sein Gesicht wirkte, jetzt wo er kein Basecap mehr trug, erheblich jünger, als noch zu dem Zeitpunkt, wo ich ihn das erste Mal gesehen habe.

„Sei mir bitte nicht böse, aber wie alt bist du eigentlich?“

„Gestern achtzehn geworden.“

Er nuschelte mehr, als er sprach.

„Dann herzlichen Glückwunsch nachträglich!“

Ich hielt ihm meine Rechte hin. Ganz langsam ergriff er sie, von einem Händedruck konnte keine Rede sein, fast unhörbar kam ein „Danke“ aus seinem Mund. Moment mal! Mein Gehirn rotierte, arbeitete auf Hochtouren, hier konnte etwas nicht stimmen!
Es war etwas faul im Staate Dänemark! Ich grübelte, konnte aber mit den Informationen, die ich bis dahin hatte, mir noch kein genaues Bild machen.

„Woher kommst du eigentlich?“

Ich blickte ihn fragend an. Er zuckte mit den Schultern.

„Aus Sassnitz!“

„Das meinte ich nicht. Deiner Stimme nach? … Du stammst nicht aus Meck-Pomm!“

Mein Gehör war, im Gegensatz zu dem meiner Großmutter, ja noch in Ordnung.

„Tippe mal auf Ruhrgebiet.“

„Stimmt genau!“

Seine Stimme überschlug sich fast.

„Geboren und aufgewachsen bin ich in Essen. Bin erst mit vierzehn nach Rügen gezogen, als meine Alte ihren Stecher … Egal! Aber es steht mir ja nicht auf der Stirn geschrieben, dass ich aus dem Pott komme. Woher wissen sie?“

Die Schilder zum Rügendamm waren schon zu sehen.

„Du hast den Slang drauf, den ich von meinen Kunden her kenne. Die meisten von denen sitzen in dem Gebiet.“

„Was machen sie denn?“

Hatte ich seine Neugier geweckt? Ich warf einen kurzen Blick auf meinen Nebenmann.

„Ich bin Chef einer mittelständischen Brennerei, altes Unternehmen, gegründet 1823, seit Generationen im Besitz der Familie. Sei mir bitte nicht böse, wenn ich dich einfach duze, aber bei uns auf dem Land ist das üblich! Ich bin der Damian.“

„Und ich der David!“

Diesmal hielt er mir seine Hand hin. Ein elektrischer Schlag traf mich, was war das? Taute der Kleine auf? Wieso kriege ich weiche Knie, nur weil er mich berührt? Ich bin doch kein Kinderschänder, er könnte mein Sohn sein!
Aber, der alten Schule meiner Großmutter sei Dank, ich brauchte relativ kurz, um mich zusammen.

„Sehr angenehm, lieber David aus Sassnitz.“

„Finde ich auch, lieber Damian aus Westfalen.“ Er grinste mich an.

Wir führen über die neue Hochbrücke nach Stralsund. Der Verkehr wurde zwar etwas dichter, aber er floss. Als wir die Außenbezirke der alten Hansestadt erreicht hatten, fuhr ich in Richtung Autobahn, das Gespräch konnte wieder starten.

„Und was willst du in Hamburg? Deine Freundin besuchen?“

„So was brauche ich nicht! Aber, wie kommen sie … äh … wie kommst du darauf, dass ich jemanden besuche?“

Er wunderte sich. Ich zog die Augenbrauen hoch und blickte ihn an.

„Großes Gepäck, gerade achtzehn geworden … Ich kenne zwar die Ferienzeiten in diesem Bundesland nicht, aber so, wie es aussieht, willst du länger bleiben. Für einen Kurztrip würde der Rucksack reichten, aber mit dem ganzen Gepäck?“

„Wieso fragst du so viel?“

Seine Stimme stockte. Ich zuckte mit den Schultern.

„Vom Sternzeichen her bin ich Jungfrau, also ziemlich wissbegierig, neugierig möchte jetzt nicht sagen.“

Ich grinste ihn an.

„Von daher … und außerdem, ich möchte ja keinen entflohenen Straftäter oder so transportieren: Ich will mich ja nicht strafbar machen.“

Sein Lachen klang gequält.

„Keine Angst, ich fliehe nicht … auch wenn ich auf der Flucht bin.“

Ich blieb erst mal stumm, dachte nach.

„Vor wem bist du auf der Flucht, wenn du nicht fliehst?“

Schweigen.

„Vor meinem Stiefvater!“

„Und warum?“

Ich blickte ihn an.

Schweigen.

„Interessiert dich das wirklich?“

„Ja!“

Ich blickte ihn an und ließ den Abzweig in Richtung Greifswald links liegen und fuhr den Schildern nach in Richtung A20.

„Es interessiert mich wirklich, einmal, weil ich neugierig bin, aber das sagte ich ja schon, und zweitens …“

„Was?“

Verwunderung lag in seiner Stimme.

Ich setze zum Überholen an und ließ den Trabbi, der mich schon minutenlang nervte, endlich hinter mir. „… möchte ich gerne wissen, was hinter dir, deiner Flucht und deiner Person steckt. Ich kann mir nämlich gerade keinen Reim darauf machen!“

„Warum willst du das wissen?“

Eine gewisse Neugier konnte ich heraus hören.

Als ich auf die Autobahn einbog, blickte ich ihn an.

„Ich weiß nur, neben mir sitzt der David aus Sassnitz, der gestern Geburtstag hatte. Da du in Essen geboren bist und von einem Stiefvater gesprochen hast, vermute ich einfach mal, dass du entweder ein Scheidungskind bist oder deine Mutter … nicht verheiratet war, als sie dich bekommen hat. Sie hat dann einen Typen von der Insel kennengelernt und ist mit dir an die Ostsee gezogen, vermutlich um ihrem neuen Mann nahe zu sein.“

Ich blickte ihn an, er blieb stumm.

„Sie müssen geheiratet haben, ansonsten wäre er nicht dein Stiefvater. Du scheinst Probleme mit ihm zu haben, aus welchen Gründen auch immer.“

Schweigen.

„Weiter?“

„Als ich damals meine Volljährigkeit gefeiert habe, war ich so fertig und habe anderthalb Tage im Bett gelegen, weil sich die Welt einfach um meinen Kopf drehte. Profan gesagt, ich war besoffen!“

Ich versuchte, ein Lächeln auf meine Lippen zu legen.

„Du aber stehst, am ersten Tage deiner Volljährigkeit, vollkommen durchnässt mit vollem Gepäck an einer Tankstelle auf Rügen und hältst den Daumen raus. Daraus schließe ich einfach, dein Geburtstag verlief nicht so, wie du gedacht hast. Du bist abgehauen und du willst jetzt einfach deine Freiheit genießen.“

Schweigen.

„Was könnte der Grund gewesen sein?“

Ich atmete tief durch. Was sollte ich machen? Ich könnte meinen Gedanken freien Lauf lassen und mich so zum Hansel machen, aber ich könnte auch ins Schwarze treffen. Was sollte mir schon groß passieren?
Würde ich tatsächlich zum Hanswurst werden, ich würde ihn an der nächsten Raststätte einfach aus dem Auto werfen und das wäre es dann gewesen.

„Ich werde jetzt mal ganz persönlich!“

Ich blickte ihn an.

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen!“

„Nein, die Gedanken sind frei, … lass sie fließen!“

Grinste er? Hätte er mir nicht eine Hilfestellung geben können? Ich atmete tief durch und musterte ihn noch einmal mit kritischen Blicken.

„Probleme mit dem Stiefvater, volles Gepäck, nicht auf dem Weg zur Freundin? … Von deiner Statur und deinen Händen her schließe ich, das du keiner körperlichen Arbeit nachgehst, von daher vermute ich mal, du bist noch Schüler.“

Schweigen.

„Bin ich. Weiter?“

„Wenn du mit achtzehn noch zur Schule gehst, müsstest du eigentlich kurz vor dem Abitur stehen. Wenn man dann von zuhause weg möchte, jedenfalls lässt dein Gepäck darauf schließen, gibt es eigentlich nur zwei mögliche Alternativen.“

Wieso starte ich ihn an? Schweigen.

„Abi dauert noch ein Jahr, habe eine Ehrenrunde gedreht. Welche Alternativen?“

„Du bist in guter Gesellschaft, selbst Einstein blieb mal kleben.“

Ich grinste.

„Möglichkeit eins: Mama und Papa – in deinem Falle der Stiefvater – sind mit der Wahl der Dame seines Herzens überhaupt nicht einverstanden, aber du liebst sie und willst zu ihr stehen, gegen alle Widerstände. Sie könnte, reine Spekulation, schwanger sein, was die ganze Sache zusätzlich noch erschweren würde. Da du aber, wie du gerade sagtest, nicht auf dem Weg zu einer Freundin bist, bleibt nur Lösung zwei übrig!“

Schweigen.

„Die wie aussieht?“

„Du bist schwul! Stiefpapa, und … eventuell auch deine Mutter, finden es nicht ganz so toll, dass ihr Sohn auf Kerle steht und haben etwas gegen deine sexuelle Ausrichtung. Wieso sollte ein vernünftig denkender Mensch wie du, am ersten Tag der Freiheit seine Schullaufbahn abbrechen?“

Ich blickte ihn intensiv an.

„Das macht alles, aber keinen Sinn! Also muss es ein tiefer Bruch sein, der dich antreibt, Sassnitz zu verlassen.“

Schweigen.

„Und was wäre, wenn es so wäre?“

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dem Gesagten richtig lag, war mehr als gegeben. Wie sollte ich jetzt vorgehen? Ich brauchte Antworten!

„Junior ist also schwul und Mama ist dem Stiefvater hörig?“

Schweigen.

„Ja!“

Ich strich über das Lenkrad.

„Das Verhältnis zu Muttern scheint auch nicht so das Beste zu sein, … ich vermute mal, du hast noch jüngere Geschwister, die … von diesem Stiefvater sind. Habe ich Recht?“

Schweigen.

„Ja!“

Ich atmete tief durch.

„Dann frage ich mich jetzt ernsthaft, was du in Hamburg willst?“

Schweigen.

„Vielleicht … einen Neuanfang?“

„Wie soll der denn aussehen?“

Ich blickte ihn ernst an.

Schweigen.

„Ich kann auf einem Schiff anheuern, in einem Lager arbeiten, eventuell …“

„… auf den Strich gehen? Deinen Körper verkaufen?“

Ich tippte mir an die Stirn.

„Dann wärst du wirklich bekloppt, einfach so dein Leben wegzuwerfen!“

Schweigen.

„Was soll ich sonst machen? Ich kann doch nichts! Habe nichts gelernt, bin ein Versager!“

Es waren noch 2.000 Meter bis zum Raststätte „Schönberger Land“, ich setzte den Blinker, ich brauchte eine Pause, ich brauchte frische Luft, ich brauchte eine Zigarette.

„Du kannst alles machen, dir steht die Welt offen mit achtzehn! Aber Strich? Das geht gar nicht!“

„Wieso fahren wir raus? Soll ich aussteigen, weil ich schwul bin?“

Er blickte mich an. Ich schüttelte den Kopf.

„Wir fahren heraus, weil ich erstens Bock auf einen Kaffee habe, zweitens dringend eine Zigarette brauche und drittens, mir platzt gleich die Blase! Noch Fragen?“

Er schüttelte den Kopf und versank wieder in Schweigen. Ich parkte meinen Wagen direkt vor dem Rasthaus, bedeutete ihm, er möge aussteigen. In der Erholungsstätte für gestresste Fahrer am Rande der Autobahn angekommen, lenkte ich meine Schritte erst einmal in Richtung Erleichterungsanlage.
David folgte mir. Ich stellte mich an ein Becken, holte meine Kronjuwelen raus und ließ es laufen. Er tat es mir nach. Ja, ich gebe es zu, ich warf einen Blick auf seine Plätschergeräusche und war erstaunt, was ich das sah: Schlaff knapp eine Handbreit.
Wir tranken kurz eine Tasse Kaffee und verließen dann das Gebäude, ich mag keine Nichtraucher-Restaurants. Der Nieselregen hatte zwar aufgehört, aber richtig klar war es nicht.
Er nahm die von mir angebotene Zigarette dankend an. Wir rauchten schweigend. Es war mir egal, wie viele Leute um uns herum standen, ich nahm ihn einfach in den Arm. David wich erst zurück, ließ dann aber Nähe zu.
Er sagte zwar nichts, aber etwas lag in seinem Blick.

„Dann lass uns mal weiterfahren!“

Ich trat meine Zigarette aus. Er folgte mir.

„Alles klar.“

Bis ich auf die A1 bog, erfuhr ich so Einiges. Er war das Ergebnis einer langen Partynacht, seine Mutter hatte sein Produzenten zuvor noch nie gesehen und nach dem Akt auch nicht mehr, der Vater war somit unbekannt.
Einzig sein Vorname bliebt ihr im Gedächtnis haften, Massimo, der schöne Sizilianer aus Palermo. Aufgewachsen war er zuerst bei den Großeltern, bis sein Opa starb und seine Oma, nach einem Schlaganfall, ins Pflegeheim kam. Die Mutter hatte wechselnde Bekanntschaften, bis dieser Ronny in ihr Leben trat; alle drei Monate einen neuen Vater.
Dieser Mann schien jedoch die einzige Konstante in ihrem Leben zu sein. Sie lebten zwei Jahre in Essen zusammen und seine Schwester kam zur Welt. Dann atmete der gelernte Schiffbauer, seine Mutter war gerade mit seinem Bruder schwanger, für fünf Jahre gesiebte Luft.
Direkt nach seiner Haftentlassung schob er ihr erneut einen Braten in die Röhre. Drei Tage nach seinem vierzehnten Geburtstag wurde das Nesthäkchen Kevin geboren und die Familie machte sich in die Heimat des Vaters auf.
Alles in allem keine schöne Kindheit. Geschlagen hatte der neue Mann seine Mutter und ihn zwar nie, aber es bedarf keiner physischen Gewalt, um ein Kind psychisch fertig zu machen. Ronny zog ihm seine eigenen Kinder vor, er war ja nur das Ergebnis eines ONS seiner Mutter mit einem feurigen Italiener.
Er bekam dieses von seinem Stiefvater und auch seiner Mutter, die ihm vorwarf, ihr Leben verpfuscht zu haben, tagtäglich auf das Butterbrot geschmiert.

„Versteh mich bitte jetzt nicht falsch, aber … wäre es nicht besser gewesen, du hättest die nächsten Monate auch noch durchgehalten?“

Ich blickte ihn intensiv an.

„Jedenfalls bis nach dem Abi?“

Er schüttelte heftig den Kopf.

„Nein! Der Alte wollte mich ja schon am Montag vor Weihnachten aus dem Haus werfen, als er mich erwischt hat, wie mich Walter in seiner Backstube gevögelt hat.“

Walter? Alter Name? Steht der auf ältere Semester?

„Was ist denn da passiert?“

„Dem dicken Walter gehört die Dorfbäckerei und ich habe, um mein Taschengeld aufzubessern, am Wochenende für ihn die Brötchen ausgeliefert. Montag war immer Tag der Abrechnung. Angeblich hätte Geld gefehlt, läppische zehn Euro. Er hat behauptet, ich hätte ihn bestohlen und er würde zur Polizei gehen und mich anzeigen.“

Er wirkte ziemlich niedergeschlagen.

„Da ich wusste, dass er auch auf Kerle steht … na ja, um keinen Ärger mit den Bullen zu kriegen, habe ich ihm halt meinen Arsch angeboten und er hat auch angenommen.“

Das hörte sich ja nicht besonders an.

„Aber wieso hat dann dein Stiefvater dich erwischt?“

„Ich sollte am Abend eigentlich auf meinen kleinen Bruder aufpassen, da meine Geschwister ja wieder mal etwas Besseres vorhatten. Die Abrechnung dauerte normalerweise eine halbe Stunde, da ich aber nach anderthalb Stunden immer noch nicht zuhause war, ist er in die Bäckerei, um zu sehen, wo ich bleibe. Er ist dann gekommen, als Walter in mir kam.“

Er schaute aus dem Fenster. Ich stellte mir das bildlich vor und musste zwangsläufig grinsen. Um wieder Ernst in die Sache zu bringen, räusperte ich mich.

„Also bist du doch nicht gay, sondern hast …“

„Schwul bin ich schon, sonst hätte ich ihm meinen Hintern ja nicht angeboten. Und, ehrlich gesagt, ich habe seinen dicken Schwanz richtig genossen, endlich mal wieder etwas Fühlbares da drinnen.“

Er versuchte ein Lachen.

„Ich hatte gesehen, wie er mit einem Lieferanten vögelte und hab ihn dann heimlich unter der Dusche beobachtet, er hat gut dreiundzwanzig Zentimeter. Richtig ausfüllend!“

„Aber so schlecht bestückt bist du auch wieder nicht!“

Ich grinste ihn an. David schenkte mir ein Lächeln.

„Dann hast du mich also beim Pissen beobachtet?“

„Schuldig im Sinne der Anklage!“

Ich blickte zu ihm hinüber.

„Schlimm?“

Er winkte ab.

„Quatsch! Ich habe mir dein Teil ja auch angesehen, sieht auch nicht schlecht aus.“

„Sind aber nur 19 mal 5, mit deinem Bäcker kann ich also nicht mithalten.“

Ich schmunzelte.

Er grübelte.

„Kann es sein, dass du auch … na ja, dass du auch auf Männer stehst?“

„Schuldig im Sinne der Anklage!“

Ich blickte zu ihm rüber.

„Schlimm?“

„Nö, macht dich nur sympathischer.“

Er giggelte. Das Gespräch wurde lockerer, verlor aber nicht an Ernsthaftigkeit. Er schien sich darüber im Klaren zu sein, dass er, über kurz oder lang, auf dem Strich landen würde, einfach nur, um im Hamburger Großstadtdschungel zu überleben.
Mit seinen gesamten Ersparnissen, gerade mal 280 Euronen, würde er wohl nicht weit kommen. Ich allein hatte ja schon mehr für die Fahrt und das Hotel samt Mittagessen bezahlt. Der Junge tat mir irgendwie leid.
Aber? Was sollte – oder besser konnte – ich schon für ihn machen? Eigentlich gar nichts! Er war ja nur ein Tramper, den ich ein Stück auf dem Weg dahin, wo er hinwollte, mitnahm.
Wir waren ein paar Kilometer vor dem Kreuz Hamburg Ost.
Seine Hand berührte meinen Arm, mich durchzuckten wieder Blitze. Was hatte der Knabe nur an sich, das mich so elektrisiert? Seine dunklen Augen blickten mich an.

„Können wir an der Ausfahrt Barsbüttel raus?“

War die Fahrt zu Ende? Vermutlich ja! Leicht bedröppelt blickte ich auf meine Beifahrer.

„Willst du da raus? Kommst du von da aus überhaupt in die Stadt?“

„Das weiß ich nicht, aber da ist ein Möbelgeschäft mit einem großen Parkplatz. Meine Alten haben da ihr Schlafzimmer her.“

Er grinste mich frech an.

„Rauslassen kannst du mich später, eine Abfahrt vor dem Dreieck Hamburg-Südost, bei IKEA, da ist eine S-Bahn-Station in der Nähe. Ich möchte mich bei dir für die Fahrt bedanken und dir einen blasen.“

Ich war geschockt und gerührt zugleich, setzte automatisch den Blinker.

„Das brauchst du nicht!“

„Ich will es aber!“

Seine Stimme wirkte zum ersten Mal fest.

Das Möbelhaus schien verkaufsoffenen Sonntag zu haben, der Parkplatz war gut gefüllt. Ich fuhr um das Gebäude herum, die Anlieferungszone des Baumarktes, das sich neben dem Wohnparadies befand, war frei, es war weit und breit niemand zu sehen.
Ich machte den Motor aus und drehte mich zu ihm um. Unsere Blicke trafen sich, langsam beugte er sich zu mir herüber und seine Zunge begann, meine Mundhöhle zu erforschen.
Wieder diese Blitze!
Was sollte ich machen? Aus Dank dafür, dass ich ihn mitgenommen hatte, würde er nun an mir nuckeln. Ich kann mir irgendwie billig vor, wie ein Freier. Die Fahrleistung hatte er bekommen, nun würde er seinen Part des Geschäfts erledigen.
Er war jetzt schon auf dem Weg zum billigen Stricher, vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon in einschlägigen Lokalen oder gar am Bahnhof auf Freierfang, um sich das Essen für den nächsten Tag zu sichern.
Seine rechte Hand wanderte nach unten, kam in meinem Schritt zur Ruhe. Er begann, meine Beule, die sich zwangsläufig entwickelt hatte, sanft zu kneten. Sein Versuch, mir den Reißverschluss zu öffnen, war, nach mehreren Versuchen, schlussendlich von Erfolg gekrönt.
Ich spürte, wie seine Finger auf dem Stoff meiner Retro entlangfuhren und wohl auf der Suche nach den Wünschen waren. Ich stöhnte. Meine eigene Rechte glitt über seinen Kopf, fuhr seine Wirbelsäule entlang und versuchte, zwischen T-Shirt und Hosenbund einzutauchen. Leider klappte das nicht.
David löste die Verbindung unserer Lippen, lehnte sich in den Sitz zurück und nestelte an seinem Gürtel. Mit einem Lächeln auf den Lippen hob er sein Becken an und zog die Jeans samt darunterliegender Boxer nach unten, ehe er sich wieder setzte.
Ich glaube sogar, er hat sich die Hose ganz ausgezogen.

„So, jetzt dürfte es gehen.“

Er öffnete auch mir den Gürteln und ruckelte am Stoff. Ob ich wollte oder nicht, es gelang ihm, dass ich mit blankem Hintern auf dem Leder des Sitzes saß. Er leckte mir über die Lippen, seine Linke streichelte meinen Kopf, während die Finger seiner rechten Hand das gleiche mit dem anderen Kopf taten.

Auch ich spürte sein blankes Fleisch, sein Hintern war ziemlich knackig, wie man es bei einem so jungen Kerl erwarten konnte. Ich ließ die Spitzen meiner Finger über seine Hügel gleiten und kam in seinem Tal zur Ruhr.
Er war heiß! Ich hatte gerade meinen Zeigefinger auf seine Öffnung gelegt, da begann er, damit zu zucken, als wollte er mich einsaugen. Sein Kopf rutschte tiefer und sein Po verlagerte sich ebenfalls.
Seine schlanken Finger schoben meine Vorhaut nach unten, sanft stülpte er seine Lippen über meine Spitze und versuchte, mit seiner Zunge meinen Schlitz zu erforschen. Wohlige Schauer durchfluteten mich!
Ich speichelte die Finger meiner rechten Hand ein und legte sie wieder dahin, wo sie gerade eben noch gewesen waren. Seine Rosette zuckte. Es war leicht, durch den Muskelring zu gleiten und so seine innere Hitze zu spüren, er schien innerlich fast zu kochen.
Ich spürte, wie Davids Zähne sich an meinem besten Stück entlang in Richtung Wurzel arbeiteten. Er änderte noch einmal die Position, seine Nase fühlte ich plötzlich auf meinem Schamhaaransatz und mein Zeigefinger war nun ganz in ihm verschwunden.
Seine Zunge begann zu kreisen, ebensolches tat mein Finger. In diesem Moment hätte ich gerne eine dritte Hand gehabt, ich wollte so viel wie möglich von ihm spüren und fühlen. Leider blieb der Wunsch Vater des Gedanken.
Sein Kopf ging rhythmische auf und ab, immer wieder stieß ich an seine Mandeln. Es war einfach nur herrlich und geil, ungeahnte Schauer durchzucken mich. Er drückte sein göttliches Hinterteil immer tiefer auf meine Finger und wollte wohl mehr in sich haben.
Am Ende waren es drei Finger, die ihn von innen massierten.

„Ich … ich … ich komme!“

Ich konnte nur noch stöhnen, so schnell ging mein Atmen. Anstalten, den Kegel des Vulkans vor Ausbruch zu verlassen, machte er nicht, das Gegenteil war der Fall: Der Staubsauger wurde sogar noch eine Stufe höher gestellt.
Ich konnte nicht anders und flutete die Mundhöhle des Bläsers, der auch brav schluckte. Wohin hätte ich auch sonst spritzen können? Langsam kam ich wieder zu Atem, so eine Explosion hatte ich lange nicht mehr erlebt.
Ich war fix und fertig, aber auch glücklich und zufrieden. Sein Kopf wanderte wieder höher, unsere Lippen berührten sich und unsere Zungen begannen, miteinander Walzer zu tanzen. Ich schmeckte deutlich noch die Sahne, mit der ich ihn gerade gefüttert hatte.
Plötzlich bäumte auch er sich auf, meine Finger waren ja immer noch in ihm beschäftigt. David explodierte regelrecht. Mein Hemd war jetzt zwar ein Fall für die Reinigung, aber das war mir im Moment mehr als egal.
Wir grinsten uns an, küssten uns erneut, er schien glücklich zu sein. Der Junge aus Rügen leckte erst meine Kronjuwelen sauber und versuchte dann, die Reste seines Ausbruchs von meinem Hemd zu saugen, ehe sich unsere Lippen erneut trafen.

„Das war geil! Erheblich besser, als die Nummer mit Walter!“
Er wirkte zufrieden.

Ich lächelte bescheiden.

„Danke für die Blumen, mein feuriger Halbitaliener.“

„Sorry, dass ich dich vollgespritzt habe, aber so einen Analorgasmus hatte ich noch nie. Ich hab mich selber ja gar nicht angefasst.“

Er drückte mir einen Kuss auf die Wange.

„Danke dir!“

Wir saßen immer noch mit freiem Schritt auf den Sitzen und grinsten uns an. Ich kramte nach meiner Schachtel Zigaretten, öffnete die Fenster, griff mir zwei Glimmstängel und entzündete den Tabak.
Es war das erste Mal, dass in meinem Wagen geraucht wurde. Aber auch das war mir egal. Ich reichte ihm einen der Sargnägel und wir genossen einfach nur den blauen Dunst.
Seine Linke lag auf meiner Rechten, wieder kamen diese Blitze, ich spürte ein Kribbeln, das meinen ganzen Körper durchzog. Es war durchaus angenehm, alte, längst vergessene Gefühle kamen in mir wieder hoch.
Ich fühlte mich wohl, sehr wohl sogar. Als er seine Kippe aus dem Fenster geworfen hatte und auch noch die Finger seiner rechten Hand auf meinem Unterarm ablegte, durchfuhr mich ein Stromschlag ungeahnter Stärke. Ich konnte mich kaum bewegen, war fast gelähmt und warf mein Nikotinprodukt ebenfalls über Bord.
Ich drehte mich zu ihm um.

„Ganz dumme Frage: Hast du deinen Perso mit?“

Er schaute mich fragend an, beugte sich dann aber nach vorn, kramte in den Taschen seiner Jeans und nahm sein Portemonnaie heraus. Dann lehnte er sich zurück, öffnete die ledernde Geldbörse und reichte mir den grünlichen Identifikationsausweis.

„Hier! Aber was willst du damit?“

Ich warf einen kurzen Blick auf das Dokument, David Pascal Jablonsky, das Geburtsdatum stimmte. Das Bild war, wie dem Datum auf der Rückseite zu entnehmen, knappe zwei Jahre alt und zeigte einen Jüngling mit lockigen schwarzen Haaren.

„Mit langen Haaren gefällst du mir erheblich besser! Mit diesem Kurzhaarschnitt siehst du fast wie ein Sträfling aus.“

„Wenn man mit siebzehn nur zwanzig Euro Taschengeld kriegt, ist ein Friseurbesuch leider unerschwinglich. Ich hab den Langhaarschneider meines Rasierers genommen.“

Traurigkeit lag wieder in seiner Stimme. Ich grübelte kurz.

„Für selbstgemacht aber gar nicht so schlecht. Andere Frage: Hast du zufällig auch noch deine Zeugnisse dabei?“

„Du willst aber ziemlich viel wissen? Ich bin doch nur ein Tramper!“

Er kratzte sich am Kopf.

„Aber ich kann dich beruhigen: Ich habe meine ganzen Papiere mitgenommen! Sind hinten in der Tasche.“

Ich strich ihm über seine Wange.

„Sehr gut!“

„Was ist gut? Das ich meine Giftblätter dabei habe? Meinst du, damit kann ich auf dem Strich was anfangen und kriege mehr Kohle, nur weil ich in Mathe eine Zwei habe?“

Er starrte mich an. Ich schüttelte mich bei dem Gedanken, dass er sich und seinen Körper verkauft.

„Du sollst doch so etwas nicht sagen! Ich mache dir jetzt ein Angebot …“

„Willst du mich ficken oder soll ich die ganze Nacht mit dir verbringen? Vergiss nicht: Jede weitere Nummer kostet aber Kohle, das gerade war umsonst!“

Sein Ton gefiel mir überhaupt nicht.

„Umsonst ist der Tod und der kostet einem auch noch das Leben!“

Ich blickte ihn ernst an. „Ja, ich will dich! … Und nicht nur für eine Nacht!“

„Willst wohl den Stammfreierbonus haben!“

Verhöhnte er mich? Ich hob mein Becken an, zog mir die Hose wieder hoch, verpackte meine Kronjuwelen und blickte ihn forsch an.

„Ich werde nichts bezahlen, lieber David, nichts! Weder heute noch morgen noch überhaupt! Das, was ich jetzt sage, sage ich nur einmal und du solltest es dir gut überlegen! Ich kann dich gleich bei diesem IKEA absetzen, du nimmst dir eine Bahn in die große Stadt und wirst Stricher mit allen Konsequenzen.“

„Oder? Was ist die andere Alternative? Da kommt doch noch was?“

Seine Stimme klang brüchig.

„Oder … wir lassen das schwedische Möbelhaus links liegen und fahren weiter. Morgen melden wir dich um und bei deiner neuen Schule an. Du wirst dein Abitur machen und später vielleicht studieren oder eine Ausbildung. An den Wochenenden wirst du in meiner Firma arbeiten, irgendwie muss ich die Kosten ja wieder rein kriegen.“

Ich grinste ihn frech an und strich ihm über die Wange.

„Du hast die Qual der Wahl … und jetzt zieh deine Hose hoch, sonst kann ich mich beim Fahren nicht konzentrieren.“

Er tat, wie ihm geheißen, und saß, nach dem Verschließen seiner Jeans, wie ein Häufchen Elend auf dem Beifahrersitz.

„Warum tust du das? Wir kennen uns doch gar nicht! Ich bin doch nur Dreck und schwuler Abfall, wie Ronny immer sagt!“

„Das bist du ganz gewiss nicht! Und sagt so etwas nie wieder von dir: Du bist ein Mensch und kein Abfall!“

Ich blickte ihn ernst an.

„Und diesen Ronny vergisst du am besten sofort! Streiche ihn aus deinem Leben, er spielt keine Rolle mehr! Egal welche Entscheidung du gleich treffen wirst, er ist Geschichte und Schnee von gestern!“

„Wenn ich mit dir fahre? Muss ich dich dann jeden Tag befriedigen?“

Er hielt seinen Kopf gesenkt. Ich strich ihm über die Nase.

„Was würdest du denn als Stricher machen? Da musst du auch …“

„… meine Beine breitmachen und jeden Idioten herüber rutschen lassen. Ich weiß!“

Er stöhnte. Ich startete den Motor.

„Aber du wärst als Stricher dein eigener Herr, hättest keine Verpflichtungen! Könntest aufstehen, wann immer du willst, könntest hingehen, wohin immer du willst, und wiederkommen, wann immer du willst. Du bist niemanden Rechenschaft schuldig, nur dir selber!“

„Und bei dir? Legst du mir ein Sklavenhalsband um und sperrst mich bei Wasser und Brot in einen Käfig, wenn du mich nicht brauchst?“

Er schaute in meine Richtung.

„Und was ist, wenn ich es bei dir nicht aushalte?“

Ich fing an, herzhaft zu lachen.

„Da hat wohl jemand zu viele schlechte Pornos gesehen! Du bist kein Sklave, du bist und bleibst ein Mensch und als solchen werde ich dich auch behandeln. Ich werde dir keinen Peilsender an das Bein binden, aber ich möchte wissen, wohin du mit wem gehst und wann du wiederkommst. Wir haben auf dem Gut gewisse Regeln, die für alle gelten, angefangen bei meiner Großmutter bis hin zum Gärtner.“

„Und was ist, wenn es nicht mit uns klappen sollte? Wenn keine Lust habe, von einem Gefängnis gleich ins nächste zu kommen.“

Fragezeichen lagen in seinen Augen.

„Also, der Kerker auf dem Gut ist seit mehr als hundert Jahren nicht mehr in Gebrauch, von daher brauchst du keine Angst zu haben. Und wenn wir ins Bett gehen und Spaß haben, dann ist das einzig und allein unsere Sache. Wir treiben es, weil wir Spaß daran haben und es mit dem anderen machen wollen. So einfach ist das!“

Ich fädelte mich auf die Autobahn ein.

„Ich will keinen Sex, weil du dich dazu verpflichtet fühlst, denn dann wärst du wirklich ein Sklave und kein Mensch mehr!“

Er blickte mich an.

„Ich höre immer Gut? Bist du Bauer? Ich dachte, dir gehört eine Brennerei?“

„Um Korn zu produzieren, braucht man Getreide und etwas bauen wir auch selbst an, seit letztem Jahr sogar ökologisch! Ist echt der Renner!“

Ich grinste.

„Aber keine Angst, wir haben sogar einen eigenen Mähdrescher und das Korn wird automatisch gedroschen. Du wirst also in ein Fitnessstudio müssen, um etwas mehr Muskeln zu kriegen.“

„Was sollte ich mit mehr Muskeln?“

Er blickte mich verwundert an.

Ich lachte.

„Na, falls es nicht klappt und du das Weite suchst. Als Stricher verdienst du zu wenig und, sei mir bitte nicht böse, aber mit deiner Figur gehst du nie als teurer Escort durch!“

„Das habe ich jetzt auch verstanden!“

Schmollte er etwa? Wir hatten die Ausfahrt Hamburg-Billstedt erreicht. Meine Hände hielten sich krampfhaft am Lenkrad fest. Auf den nächsten Kilometern musste es sich entscheiden. Ich wurde langsamer, dafür schlug mein Herz umso schneller.
Das Schild mit der Ausfahrt kam. Ich starrte auf die Straße.

„Soll ich jetzt den Blinker setzen?“

Anstatt einer Antwort griff er mich in den Schritt.

„Nicht hier, aber am nächsten Waldparkplatz!“

Ich schaute verdutzt aus der Wäsche.

„Warum da?“

„Weil ich erst noch wissen möchte, wie du dich in mir anfühlst!“

Sein Lächeln war süffisant.

„Wenn mir das nicht gefällt, kannst du mich ja immer noch in Hannover oder in Bremen absetzen. Als Stricher kann ich auch da arbeiten.“

Mein Herz machte einen Freudensprung.

„Dann müssen wir aber mindestens noch eine weitere Pause machen, denn ich kaufe nicht gerne die Katze im Sack!“

„Wie meinst du das denn jetzt?“ Hatte ich ihm den Wind aus den Segeln genommen?

Ich blickte ihn schräg von der Seite an.

„Ich bin beidseitig bespielbar und will schon wissen, ob du auch deinen Mann stehen kannst, wenn es darauf ankommt!“

„Äh? Wie jetzt? Ich dachte, ich bin der Stricher und habe nur für dich die Beine breit zu machen?“

Er wirkte leicht konsterniert.

„Ich bin doch nur ein williges Stück Fickfleisch in den Händen des Freiers!“

Ich grummelte, hätte fast explodieren können.

„David! Du bist kein …“

„… Stricher. Ich weiß, hast du ja jetzt schon oft genug gesagt. Aber … dieser Dirty-Talk macht mich irgendwie tierisch geil! Ich habe schon wieder einen Steifen. Fühl mal.“

Er griff meine Hand und legte sie in seinen Schritt. Ich fühlte hartes Fleisch. Wann hatte er sich die Hose aufgemacht?

*-*-*

Victoria und ich standen im Kaminzimmer und ich genoss meine Zigarette. Man sah richtig, dass ihr was auf der Seele brannte.

„Damian! Nun sagt mir endlich, wer dieser junge Mann beim Kaffee an deiner Seite war! Ist das dein neuer Liebhaber? Gut sieht er ja aus, aber ist er nicht etwas zu jung?“

Ich winkte David zu mir, der wohl froh war, sich so aus der Umklammerung meiner Großmutter zu lösen.

„Hier bin ich!“

„Schatz! Darf ich dir meine Cousine vorstellen? Victoria Luise Frederike Amalie … Müller.”

Ich grinste.

„Und liebste Comtesse, das ist David Pascal Massimo Freiherr von Arnetin, seit vorgestern offiziell mein Sohn.“

David beugte sich vor, wollte ihre Hand ergreifen, aber meine Cousine prustete los.

„Dein Was?“

„Mein Sohn! Kurz bevor ich Stefan kennen gelernt habe, war ich noch auf einer Feier in Essen und das ist das Ergebnis eines … kleinen …“, ich senke meine Stimme, „… Missgeschickes!“

Ihre Verwunderung ebbte nicht ab.

„Du willst mich doch im November nicht in den April schicken? Du hast nie ein Sterbenswort von diesem süßen Knaben gesprochen.“

„Wie sollte ich das machen? Ich wusste ja selber nicht, dass es ihn gibt.“

Ich zuckte mit den Schultern.

Sie blickte erst David und dann mich an.

„Aber wollte seine Mutter nie Alimente haben?“

„Anscheinend nicht, aber ich habe mich ja auch nicht mit Namen und Titel vorgestellt. Außerdem … waren wir alle … damals … leicht derangiert, etwas … verschnupft, wenn man das so sagen kann.“

Ich zwinkerte dem Kleinen zu.

„Von seiner Existenz habe ich erst erfahren, als er achtzehn war. Er hat mich gesucht und gefunden. Mama ist ganz vernarrt in ihn.“

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen, er sieht ja auch zum anbeißen süß aus. Eine gewisse Ähnlichkeit ist ja da, die Nase und das Grübchen, du …“

Sie hatte ein leichtes grinsen auf den Lippen.

„… Du hättest öfter Schnupfen haben sollen, das hätte der verstaubten Sippschaft hier mehr als gut getan.“

„Deshalb habe ich ihn ja sofort adoptiert, als er hier auf der Matte stand. Es ist zwar nur eine Adaption unter Erwachsenen, aber meinen Namen hat er jetzt und nur darauf kommt es an.“

Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht laut zu lachen. Sie grinste.

„Dann werde ich zum nächsten Feier wohl mal wieder meine Tochter mitbringen.“

„Ich glaube nicht, dass sich das lohnt, liebste Großcousine.“

David beugte sich zu ihr vor, schirmte ihr Ohr mit seiner Hand ab.

„Damian und ich haben noch eine weitere Gemeinsamkeit, wir stehen nämlich beide auf Männer!“

Victoria griff sich mit der einen Hand an ihr nicht vorhandenes Diadem, mit der anderen fächelte sie sich Luft zu.

„Ich glaube, ich brauche jetzt einen Sherry. Ihr entschuldigt mich?“

Ich machte brav einen Diener.

„Aber selbstverständlich.“

„Wenn wir ihr jetzt noch erzählen, das wir auch noch miteinander ins Bett gehen und Spaß haben, dann …“ David grinste mich frech an. „… braucht sie wohl mehr als dieses spanische Zeug. Wodka?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wohl eher 80-prozentiger Stroh-Rum.“

„Da könntest du Recht haben!“

Er schmunzelte.

„Aber da fällt mir ein, ist es nicht inzestuös, was wir da ab und an machen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Du bist volljährig, ich bin volljährig, blutsverwandt sind wir auch nicht und beim Inzest kommt es auf das Einführen des Gliedes in die Scheide an. Aber eine solche habe ich an dir bis jetzt noch nicht festgestellt. Und außerdem …“

„Außerdem was?“
Er blickte mich neugierig an. Ich zog meine Augenbrauen hoch.
„Wer weiß, wie lange wir das noch machen werden? Deine Flirtversuche mit dem Sohn unseres Brennmeisters sind mir nicht entgangen, mein Lieber. Falls das klappen sollte, hätten wir wieder eine Gemeinsamkeit mehr, denn ich hatte auch mal was mit dem Sohn eines Brennmeisters.“
„Adel verpflichtet! Es bleibt immer alles beim Alten, wie der Vater so der Sohn.“
Er drückte mir einen Kuss auf die Wange und kümmerte sich wieder um Oma, die einem Narren an dem Produkt des Italieners Massimo gefressen hatte

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Information Das 9V-Herz
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:57 AM - No Replies

Das Licht erlischt und mit einem lauten Rums schließt sich die Wohnzimmertür. Viel schneller, als die 340m pro Sekunde, mit der die Schallwellen auf mich treffen und mich durch und durch vibrieren lassen, trifft mich die Gewissheit, nun wieder alleine zu sein.
Ohne einen Blick für mich ist er gegangen. Er, mein Irfan. Und auch der andere. Keine Geste, die ich vielleicht als freundliche Hinwendung, als Gruß deuten könnte. Kein Wort. Und ich bin mir sicher, da war nicht mal mehr ein kleiner Gedanke an mich.
Allein. Die nun eintretende Stille schmerzt in ihrer Intensität. Der Mondschein spiegelt sich in den glänzenden Kugeln am schon geschmückten Weihnachtsbaum wider. Draußen hat leichter Schneefall eingesetzt. Von irgendwo her tönt ein Fernsehgerät. Stimmen sind zu hören, Stimmen von glücklichen Menschen. Es ist eine Zeit des Frohsinns, der Besinnlichkeit, und auch, um an andere zu denken, sich umeinander zu kümmern, jetzt, am Ende des Jahres. Aber nicht für mich! Ich hasse es, allein zu sein, es macht mich einfach krank und unglücklich.
Dabei ist es gar nicht lange her, da war alles noch richtig schön. Und Irfan hatte viel Zeit für mich, war mein bester Freund.
Oft waren wir mit unserem Hobby beschäftigt. Etwa damit, Bewegungsabläufe aus der Natur zu studieren, um sie anschließend, in Bits und Bytes umgesetzt, einem komplizierten Roboter-Model möglichst lebensnah beizubringen. Dem Robert. Irfan gab immer die Diwa, gefilmt von einer Web-Cam. Und ich war der Regisseur an der Aufnahmetaste. Anschließend haben wir seine Bewegungsabläufe Schritt für Schritt in einer langen Prozedur der Mechanik beigebracht. Bionik nennt man das wohl.
Man, was war das lustig, unser anschließendes, schon recht gut gelungenes Synchron-Schaulaufen. Bis auf die öfter mal verbogene Blechnase hat auch fast alles gut geklappt. Nur mit der Eleganz hapert es immer noch, so richtig schön sehen die Bewegungen eigentlich nur bei Irfan aus. Doch den kann man wohl kaum kopieren, denn der ist einzigartig. Und recht klug.
Nur eins verstehe ich nicht: Bei all seiner Klugheit, warum muss der sich immer alles so genau aufschreiben und notieren, kann der sich denn gar nichts gut merken… Ich schaue einmal auf den Bildschirm, und schon habe ich mir den gesamten Inhalt gemerkt. Ein komplettes Programm im Quelltext – kein Problem, Assemblercode inklusive. Meine Klugheit mal vor Irfans Schönheit, ja!
Vor gut einer Woche brachte er noch jemanden mit. Einen Kollegen, sagte er. Marcel. Das kam mir gleich so komisch vor, wie die zusammen vor dem Bildschirm saßen, die Oberschenkel so eng aneinander. Überflüssig war dabei bald nur einer, ich.
Was soll ich nur tun… Mir scheint alles nur noch sinnlos. Keiner mag mich, beachtet mich. Was wäre, wenn…
Langsam fährt der Rechner hoch, ist betriebsbereit. Das Datenkabel an mein Interface ist auch schon angeschlossen. So soll es denn sein, ich will es schnell zuende bringen. Hinweg mit dem schlimmen Schmerz, für immer! Ein simples ‚format c:‘ bringt die Lösung aller meiner Probleme.
„Man, da hab ich ja beinahe vergessen, das dicke Weihnachtspaket aus’m Auto hier zulassen!“ Häh? Hab gar nicht bemerkt, dass dieser Marcel wieder zurück gekommen ist. Der stellt mir ein großes, bunt eingepacktes Paket fast auf die Füße. Und läßt in der Eile das Licht an, als er wieder geht.
Von meinem Vorhaben abgelenkt, ist mein Interesse jetzt ganz dem Paket gewidmet. Ich bin leider sehr, sehr neugierig, und so versuche ich etwas über den Inhalt raus zubekommen. Vorsichtig das Papier angelupft, und, Ritsch… Das war wohl nichts, nun ist das bunte Papier eh schon kaputt. Ritsch-Ratsch, schon steht der Inhalt vor mir. Noch ein Karton.
„XR-2008 vol. 12″, lese ich. In kunstvollen, großen Buchstaben deutlich zu sehen.
Oh Schreck! Das für mein ursprünglich angedachtes Vorhaben erstrebte Ziel scheint nun wahr zu werden, so sehr bin ich überrascht, und meine Lebensfunktionen damit überfordert.
Ein „Extended Robotic 2008″ in der allerletzten Ausgabe 12…
Langsam komme ich wieder zu mir. Mir ist jetzt alles egal – den will ich sehen! Schnell habe ich das mich etwas behindernde Kabel vom Interface an meinem Leib getrennt und in die Ecke gefeuert. Mit vor Aufregung zittrigen Händen versuche ich den Karton zu öffnen, was aber nicht so einfach ist.
Als ich nach Minuten endlich ein Stück vom Inhalt sehe, wird mir richtig warm um’s Herz. Aber hinaus will der Inhalt noch nicht. Tastend versuche ich diesen zu erkunden…
„Eine Robine!“, bricht es aus mir hervor. Diesen Jubelschrei hätte ich niemals unterdrücken können, denn noch nie in meinem Leben habe ich ein anderes Wesen meiner Art aus der Nähe sehen können. Schnell am Kopf gepackt, habe ich sie vollends aus dem Karton gezerrt.
Und dann steht sie vor mir. Einfach wunderbar! Ich kann mich einfach nicht satt sehen, sehe von allen Seiten, von unten, auch von oben. Aber warum sagt sie denn nichts, steht nur einfach immer still da…
Endlich begreife ich, warum. Es fehlt ihr die Energie, die da in Form einer 9V-Batterie, noch in Folie verpackt, im Karton liegt. Ihr 9V-Herz.
Schnapp, schon sind die Kontakte geschlossen. Doch noch passiert nichts. Die Erwartung drückt die Prozessorlast in meinem Inneren in den gefährlichen Grenzbereich.
Dann beginnt sie sich endlich zu regen. Ihre Augen erleuchten. In Blau, meiner Lieblingsaugenfarbe…
* * *
Am nächsten Tag, so etwa gegen Mittag, als Irfan und Marcel zurück in die Wohnung kommen, herrscht das blanke Papierchaos auf dem Fußboden der Wohnstube. Alle Geschenke liegen verstreut in der Gegend. Auch liegt ein DIN-A4-Ausdruck so auf dem Flur, dass sie ihn nicht übersehen können.
Hallo, Ihr Hübschen!
1000-Dank für das schöne Geschenk.
Wir sind denn mal los, etwas die Welt zu erkunden.
Robine hat ja ein Modul für Sonnenenergie integriert, so dass wir wohl etwas länger wegbleiben werden.
Euch ein schönes Weihnachtsfest, (ihr braucht uns eh nicht dabei…)

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Information Chris und Liam
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:57 AM - No Replies

Chris
Caren hatte gut reden. Bring die Unterlagen ins Archiv hatte sie gesagt. Dass diese ein Gewicht von hundert Elefanten hatten, wurde nicht beachtet. Es kam mir jedenfalls so vor, dass sie soviel wogen.
„Gehst du mit mir danach noch einen Kaffee trinken?“, fragte ich Caren.
„Nein Chris, es kommt jemand Neues und den möchte ich noch den Betrieb zeigen.“
„Jemand Neues? Noch jemand für deine Sklavenarbeiten?“
„Chris!“, meinte sie und knuffte mir in die Seite, was natürlich zur Folge hatte, dass ich den Stapel Unterlagen fallen ließ.
„Chris Habert, was bist du für ein Tollpatsch!“
„Na hör mal, du hast mich doch…“
„Keine Widerrede! Und nun schau, dass du die Unterlagen wegbringst.“
Sagte doch, dass das hier eine Sklaventreiberei ist. Caren hatte das Glück einen reichen Vater zu besitzen, der sie in allem unterstütze. Auch die verrückte Idee einen Verlag zu gründen, für den kleinen Mann sozusagen.
Dazu noch ein kleines Cafe. Die Idee war an sich gut, doch für einen Aushilfsjob um das Studium zu finanzieren, reine Schufterei. Ich brachte also wie gewünscht, die Unterlagen ins Archiv.
In Inverness schien das gut anzukommen, auf alle Fälle lief der Laden. Man sollte nicht glauben, wie viele private Leute einen Verlag in Anspruch nahmen. Carens Idee hatte eine Lücke gefüllt.
Im Archiv endlich fertig, ging ich wie geplant ins Cafe um mich einem Cappuccino zu laben. Mein Platz war gut, ich konnte die Straße einsehen. Mir machte es Spaß, Leute zu beobachten.
Die Tür ging auf und ein Typ in meinem Alter kam herein, also zweiundzwanzig. Etwas größer als ich, um die 1,80 und die Kopfbedeckung etwas dunkler als meine mittelblonden Haare. Dann noch diese Augen. Für einige Sekunden verblieb sein Blick auf mir haften, bevor er an die Theke trat.
Danach verschwand er in den hinteren Räumen. Ob das der Neue war, von dem mir Caren erzählte. Ich schaute auf die Uhr und bemerkte die fortgeschrittene Zeit. Mum wartete auf mich, ich sollte ihr irgendetwas helfen.
*-*-*
„Melissa, ich habe nichts dagegen, dass mein Enkel schwul ist, ich muss mich erst daran gewöhnen.“
„Dann zieh ihn bitte nicht immer so auf, du verletzt ihn damit, Elsa!“
Oh, war da wieder Kriegstimmung. Ich stand auf der Veranda und war noch nicht bemerkt. Mum und Großmutter hatten sich wohl wieder in der Wolle wegen mir.
„Ich ihn verletzen? Du unterschätzt den Jungen.“
„Der Junge ist zweiundzwanzig Jahre alt.“
„Ja und? Cliff mein Sohn ist über vierzig und wird auch immer mein Junge sein.“
„Dann sollte mein Mann sich auch so benehmen…“
Großmutter seufzte. Zeit für mich aufzutreten, bevor dieser Streit noch eskalierte.
„Hallo Leute, ich bin wieder zu Hause“, rief ich und zog die Haustür auf.
„Hallo Junge“, begrüßte mich Großmutter und das obligatorische Küsschen folgte auch noch.
„Hallo Christian, wie war die Uni?“
„Eine langweilige Vorlesung und anschließend Sklavenarbeit“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
Mum lächelte und spülte weiter ihr Geschirr ab, während Großmutter sich wieder in ihre Räume verzog. Ich hörte Mum hinter mir seufzen, so schnappte ich mir ein Handtuch und trocknete ab.
„Danke junger Mann und wie war dein Vormittag wirklich?“
Ich lächelte.
„Die Vorlesung war wirklich langweilig, nur trockene Theorie, nicht ein Bild an die Wand geworfen. Der alte Hamilton sollte seinen Job an den Nagel hängen, wenn er mit den modernen Medien nicht umgehen kann.“
„Vielleicht braucht er das Geld.“
„Mum, welcher Uniprofessor knabbert am Hungertuch, der hat doch seine Schäfchen sicher schon im Trockenen.“
„Nicht jeder Hochschuldozent verdient soviel, wie dein Onkel…“
Wir schauten uns an und fingen an zu kichern.
„Nicht jeder Dozent lehrt auch das Fach Medien und nicht jeder hält sich für den schönsten Professor von Amerika, Mum.“
Wir kicherten weiter.
„Wo ist Dad?“
„Der…“
Das Lächeln war verschwunden. Sie wusste es nicht und hatte wohl keine Antwort parat. Seit dem großen Streit zwischen den beiden, hatte sich Dad sehr rar gemacht. Er schlief öfter mal im Büro.
Ich gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange und sie lächelte kurz.
„Und was hat es mit der Sklavenarbeit auf sich? Hat dich Caren mal wieder angetrieben?“
„Caren… fehlt nur noch die Peitsche, ständig lässt sie mich nur Botengänge machen, hauptsächlich schleppen.“
„Du bekommst Geld dafür.“
„Hungerlohn!“
„Übertreibe nicht.“
„Das ist noch untertrieben, bei der Schufterei.“
„He, schau dich an. Du hast zugelegt, bist viel muskulöser als du dort angefangen hast. Du hast mehr Farbe bekommen und mit deinen mittelblonden Lockenkopf sieht das richtig gut aus.“
Ich wurde rot. Welche Mutter machte ihrem Sohn solche Komplimente?
„Da werden sich sicher ein paar Jungs mehr nach dir umdrehen.“
„Mum.“
Jetzt hatte sie es geschafft, mit vollem Anlauf in die Tomatenkiste.
„Aussehen ist doch nicht das Wichtigste!“
„Merk ich mir Sohnemann, wenn wir das nächste Mal shoppen gehen und du wieder jedem Hintern hinter herschaust.“
Ich streckte ihr die Zunge raus.
„Junger Mann, du bist mir für eine Ohrfeige noch nicht zu alt!“
Und einen Augenblick später hatte ich den Spüllappen im Gesicht.
„Och Mum… was soll das?“
„Ist deine Schminke ruiniert?“, fragte sie und brach in Gelächter aus.
„Das ist der Dank, wenn man niedere Hausarbeit verrichtet.“
„Christian!“
Und schon wieder schwebte der Spüllappen verdächtig nahe vor meinem Gesicht. Doch bevor ich erneut mit dem feuchten Nass in Berührung kam, nahm ich Reißaus.
„Musst du schon los, oder kannst du mir noch etwas helfen?“
„Deshalb bin ich ja nach Hause gekommen und opfere meine Mittagspause für dich.“
„Welch edle Gesinnung von dir, aber was steckt wirklich dahinter?“
„Gar nichts, wie kannst du nur vermuten, ich habe etwas Anderes im Sinn, als dir zu helfen“, spielte ich mich empört auf.
„Komm Christian, in der Vergangenheit hast du das schon öfter gemacht.“
Ich zog die Unterlippe hervor und schmollte. Anscheinend so überzeugend, dass Mum wieder einlenkte. Sie nahm mich in den Arm und drückte mich kurz fest an sich.
„Ich wollte dich nur kurz bitten, die Pflanzenkübel aus der Garage auf die Treppe vor der Veranda zu tragen.“
„Kein Problem“, meinte ich.
Mir war klar, dass so etwas sonst immer Dad machte, aber da dieser fast nie zu Hause war, blieb es an mir hängen.
Nach einer halben Stunde und vielen Sonderwünschen meiner Mum stand die Blumenpracht wieder an ihrem angestammten Platz.
„So ich muss dann los Mum, sonst kommt Caren wo möglich noch auf die Idee, mich das Archiv aufräumen zu lassen.
*-*-*
Zurück im Verlag hatte sich seit meinem Verlassen nichts verändert. Nur dass meine Ablage an meinem Schreibtisch sich wieder gefüllt hatte. So setze ich mich seufzend hin und begann die Ablage abzuarbeiten.
„Das ist klasse, also sehen wir uns dann morgen wieder“, hörte ich Caren sagen.
Ich schaute auf und sah sie mit dem Typen, der mir heute Morgen eine Sekunde seiner Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Caren schüttelte ihm gerade die Hand.
„Ich werde dann direkt nach der Vorlesung hier erscheinen.“
„Das geht in Ordnung, Liam.“
Liam hieß er also. Ich ertappte mich dabei, wie ich mit der Arbeit inne gehalten hatte und mein Blick auf Liam fiel. Aber wie viel Chancen bestanden, dass dieser Typ so schwul war wie ich. Sicher eins zu einer Million.
So versuchte ich mich wieder auf meinen Bildschirm zu konzentrieren und den Text nach Fehlern abzusuchen. Doch wie sollte es nicht anders sein, es funktionierte nicht, denn meine Augen wanderte immer wieder auf diesen athletischen Körper von Liam.
Die beiden schüttelten sich die Hände und danach war Liam gegangen, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Wie auch, gut versteckt hinter meinem Monitor.
„Na, schon weiter gekommen?“, riss mich Caren aus den Gedanken.
„Äh, ja klar.“
„Gut, ich brauche den Text heute noch…, schaffst du das?“
„Kein Problem.“
So ließ sie mich wieder alleine und verschwand in ihrem Büro. Mein Blick wanderte durch den Raum, aber niemand schien Notiz von uns beiden genommen zu haben und somit auch nicht von Schwärmereien.
*-*-*
„Guten Abend, Christian. Hunger?“
Es überraschte mich Dad an der Küchentheke stehen zu sehen.
„Hallo… ja klar!“
„Wie war dein Tag.“
„Wie immer, sehr lang.“
Dad zog zwei weitere Scheiben Sandwichs aus der Tüte und begann sie zu belegen.
„Majo?“
Ich nickte.
„Hör mal Dad…“
„Ja?“
„Bleibt das nun Dauerzustand bei euch beiden… Mum und dir?“
Er hielt plötzlich inne.
„Das musst du deine Mum fragen.“
„Wieso Mum…, hat sie dich hinaus geworfen oder was?“
„Nein.“
„Vielleicht bist du der Meinung es geht mich ja nichts an, aber die Familie leidet darunter. Klar kann man sich mal streiten, aber irgendwann muss doch auch mal gut sein.“
„Mein Sohn so erwachsen…“, bekam ich als Erwiderung und Dad lächelte etwas.
„Ich meine das ernst!“, unterstrich ich meine Aussage.
„Chris, so einfach ist das nicht… manche Dinge regeln sich eben nicht von alleine.“
„Dann musst du etwas dafür tun…“
Er belegte ein weiteres Sandwich, legte es auf einen Teller, den er zu mir schob. Ein kurzer Blick zu mir, dann wandte er sich dem Kühlschrank zu.
„Wie läuft dein Studium…?“
„Klasse“, meinte ich ärgerlich.
Ich überließ ihm die Entscheidung, wie mein Klasse verstehen zu war. Erbost schnappte ich meinen Teller und lief hoch in mein Zimmer.
*-*-*
Es klopfte an meine Tür. Zwei Stunden war ich über meinen Unterlagen gesessen und es kam mir vor, als hätte ich nicht ein Wort davon in meinen Kopf bekommen.
„Ja?“
Die Tür öffnete sich einen Spalt und das müde Gesicht von Mum erschien.
„Wollte dir noch gute Nacht sagen, ich geh gleich zu Bett.“
„Dad war da…“
„Ich weiß…“
„Und?“
„Was und?“
„Habt ihr miteinander geredet?“
„Wenn du den Austausch einzelner Worte reden nennst… ja.“
Ich atmete tief durch, strich mit der Hand durch mein Gesicht.
„Was hat er gemacht, Mum?“
„Nichts…, er ist einfach gegangen.“
„Mum! Du weißt schon was ich meine.“
„Es gibt Dinge Junge, über die spricht man nicht so gerne.“
„Nenn mich nicht immer Junge, ich bin über zwanzig Jahre alt und es gibt DINGE, die, die ganze Familie betreffen.“
Mum seufzte.
„Heute nicht mehr Christian, ich bin müde und muss morgen wieder früh raus. Gute Nacht… schlaf gut!“
„Gute Nacht“, sagte ich leise und Mum verschwand wieder.
Ich hörte noch Geräusche im Bad und dann war es wieder still im Haus. So konnte das nicht weiter gehen. Es war zum verrückt werden.
*-*-*
Als ich am nächsten Morgen in die Küche kam, war bereits alles ausgeflogen. Nicht mal Großmutter saß an ihrem Platz und lass Zeitung. Mum war sicher schon im Hotel und Dad hatte sicher wieder auswärts geschlafen.
Ich goss mir einen Orangensaft ein und trank ihn halb abwesend auf einen Zug hinunter. Danach stellte ich das Glas ins Waschbecken, schnappte meinen Rucksack und verließ ebenso das Haus.
Gerade noch rechtzeitig, denn fast wäre mir der Bus vor der Nase weggefahren. Eine halbe Stunde später war ich an der Uni. Noch immer in den Gedanken versunken betrat ich das Gebäude.
Doch anstatt, wie gewohnt in die freie Halle zu laufen, prallte ich auf ein Hindernis. Ich kippte vorn über und knallte auf den Boden.
„Entschuldige…, dass tut mir Leid, hast du dir weh getan?“
Die Stimme kam mir bekannt vor. Schwerfällig richtete ich mich auf und richtete meine Klamotten wieder hin. Als ich aufschaute, blickte ich in dieselben Augen, wie ich sie schon tags zuvor bewundert hatte. Vor mir stand Liam.
„Ist dir wirklich nichts passiert?“, fragte Liam besorgt, legte seine Hand auf meine Schulter.
Spätestens jetzt war ich völlig weggetreten und hing an diesen schönen Augen und diesem sinnlichen Mund. Die Berührung seiner Hand durchfuhr mich wie Tausend Stromschläge.
„Hast du die Sprache verloren?“, fragte Liam und legte den Kopf schief.
„Äh… nein und nein mir fehlt nichts, vielleicht an leicht angekratztes Ego. Liam… richtig?“
Mein Gegenüber schaute mich mit großen Augen an.
„Woher… weißt du?“
„Caren… ich arbeite auch für sie… habe dich dort gesehen.“
„Jetzt weiß ich, warum du mir so bekannt vor kamst.“
Oh, man erinnert sich an mich. Hilfe… gleich fang ich an zu schmelzen.
„Kann ich das mit einem Kaffee wieder gut machen?“
Ich nickte schon fast zu heftig, ohne aufzuhören, in diesen Augen zu versinken.
„Gut, ich bin eh nachher bei Caren, da können wir sicher ein paar Minuten ins Cafe sitzen.“
„Okay“, brachte ich nur hervor.
„Dann sieht man sich später.“
Dieses Mal nickte ich nur. Er schüttelte mir die Hand und lief davon. Ich stand nur da und schaute ihm nach, auch als er schon verschwunden war. Wow! Was für ein Mann.
Während der ganzen Vorlesung hingen meine Gedanken bei Liam. Nicht ein Wort hatte ich mitgeschrieben, geschweige denn verstanden. Dass ich unverletzt bei Caren ankam, schien ein Wunder, denn ich wusste danach nicht, wie ich hingekommen war.
„Hallo… was ist den mit dir los? Einen Geist gesehen?“
Caren stand vor mir.
„Äh nein…“
„Welcher süße Junge hat dir so den Kopf verdreht, hm?“
Ich musste grinsen. Caren kannte mich einfach schon zu gut.
*-*-*
„Und, noch viel zu tun?“
Ich schaute vom Monitor auf und Liam stand vor mir.
„Bist du… schon lange da? Habe dich gar nicht kommen sehen.“
„Du warst so beschäftigt, da wollte ich nicht stören.“
„Du störst nicht!“
Könnte mal jemand mir mein blödes Mundwerk zuhalten.
„Hast du Zeit für einen Kaffee?“
„Klar“, meinte ich und stand auf.
„Gut, dann lass uns runter gehen.“
Wie es der Zufall so will, kam Caren aus ihrem Büro.
„Ah Chris, das trifft sich gut. Das ist Liam unser Neuzugang.“
„Wir haben uns schon kennen gelernt, etwas heftig, aber ich lebe noch.“
Caren schaute mich verwundert an und Liam wurde rot.
„Was ist denn passiert?“
„Ich… habe ihn über den Haufen gerannt.“
Caren fing laut an zu kichern.
„Und hast ihm dabei sämtliche Hormone durcheinander geschüttelt“, meinte sie und kicherte weiter.
Rollenwechsel! Diesmal schaute Liam verwundert und ich wurde rot. Konnte sie nicht einmal ihr vorlautes Mundwerk halten. Gut hier wusste eigentlich jeder, dass ich schwul war und keiner hatte Probleme damit.
Aber Liam… Ich wollte ihm das schon irgendwie selber sagen.
„Äh, wir sind kurz im Cafe“, meinte ich um das Thema zu wechseln.
„Okay“, meinte Caren und zog ab.
Ohne ein weiteres Wort zu reden liefen Liam und ich hinunter. Wenig später saßen wir an einem der Bistrotischen.
„Du bist nicht von hier, oder?“, versuchte ich eine Unterhaltung zu beginnen.
„Nein…, bin erst vor kurzen hier her gezogen.“
„Und was hast du vorher gemacht?“
Die Bedienung kam und brachte den Kaffee. Am Gesicht von Liam merkte ich, dass die Frage nicht auf Begeisterung stieß. Die Bedienung war wieder weg und jeder rührte in seinem Kaffee.
„Ich war eine Zeitlang auf einer anderen Hochschule…“
„Und, nicht gefallen?“
„Das hatte nichts mit nicht gefallen zu tun, ich wollte einfach den Ort wechseln, weg von dort.“
Ich traute mich nicht weiter zufragen, warum er dort wegwollte.
„Meine Mum hat konkrete Vorstellungen, was ich einmal beruflich machen soll“, redete er plötzlich von sich aus weiter.
„Da habe ich Glück, meine Mum redet mir da nicht rein, wobei sie mir auch sonst nicht viel sagt.“
Ich seufzte leicht, nach dieser Aussage.
„Auch nicht gut…“, sagte Liam und nahm einen Schluck.
„Und dein Vater, sagt der nichts dazu?“
„Mein Vater…, nein der sagt da nichts zu, oder hat nichts zu sagen…“
„Oh, entschuldige…“
„Kannst du ja nicht wissen.“
Beide starrten wir in unsere Tassen und sagten kein Wort. Das kurze Gespräch hatte schnell ein Ende gefunden. Ich schaute hoch und blickte direkt in seine Augen. Er wich diesem Blick nicht aus.
Meine Hormone erwachten aus ihrem Schlaf und dachten wohl meinen Körper wie wild durchströmen zu müssen. Die roten Blutkörperchen unter meiner Wangenhaut versammelten und drängten sich dich aneinander.
Etwas verschämt schaute ich schnell wieder auf meinen Kaffee, der nun zum, ich weiß nicht wie oft, seine Bahnen im Kreis drehte.
„Ist irgendwas?“, fragte Liam.
Sollte ich gleich mit der Tür ins Haus fallen und sagen…, ach bevor ich es vergesse ich bin schwul und du gefällst mir. Das war nicht ich, nicht mein Stil.
„Nein… nichts.“
„Aha…“
Ich schaute auf meine Uhr, besser gesagt, auf die Stelle, wo sich normalerweise meine Uhr befand. Die hatte ich vorhin ausgezogen und lag noch auf meinem Schreibtisch.
Eine etwas unbehagliche Situation, in der ich mich jetzt befand.
„Du…, du…“, begann ich zu stammeln.
„Ja?“
„Du hast… dich sicher gewundert, was Caren…“
„Wollt ihr die ganze Zeit sitzen?“, unterbrach mit Caren, „oben wartet eine Menge Arbeit.“
„Wir kommen schon“, seufzte ich und brachte meine Tasse zurück.
Caren war so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war.
„Du wolltest etwas sagen?“
„Nicht… so wichtig“, antworte ich und lief die Treppe rauf.
Ich spürte Liams Blick in meinem Nacken, doch drehte ich mich nicht herum.
*-*-*
… drei Wochen später…
„War eine gute Idee, wirklich“, rief Liam.
„Hier bin ich im Sommer immer und wenn es so heiß ist wie heute, ist so ein Bad sehr erfrischend.“
„Aber dass hier fast keine Leute sind.“
„Der See war lange in Privatbesitz. Viele wissen noch nicht, dass er frei gegeben wurde.“
„Dann hoffen wir mal, dass das noch lange so bleibt.“
Ich musste grinsen. Liam und ich hatten uns richtig gut angefreundet, ganz zum Verdruss von Caren. Die Kleine hatte sich in Liam recht heftig verknallt und war leicht verstimmt, dass er soviel Zeit mit mir verbrachte.
Klar, ich war auch in ihn verknallt, aber ich hatte es nicht mal fertig gebracht ihm zu sagen, dass ich schwul war. Wobei, bei den vielen Anspielungen von Caren, würde es mich nicht wundern, wenn er es nicht schon längst geschnallt hätte, oder es von jemand anderem gehört hatte.
Darauf angesprochen hat er mich aber nie. Ich genoss es sehr mit ihm soviel Zeit zu verbringen. Zu Hause wurde natürlich auch bemerkt, dass meine ständigen missmutigen Launen sich stark gebessert hatten.
Meine Augen hafteten auf Liam. Er stieg vor mir aus dem Wasser. Er war… ich konnte fast keine Worte finden, ein Traum für mich. Jeder schnappte sein Handtuch und wir liefen durch den kleinen Wald zum Haus zurück. Dort angekommen, spürte ich plötzlich einen kleinen heftigen Schmerz an meinem Hintern.
„Da konnte ich jetzt nicht wiederstehen“, lachte Liam mich an.
Natürlich konnte ich das nicht auf mir sitzen lassen und wollte mich revanchieren, aber Liam war schon auf die Veranda gerannt. In unserer Küche hatte ich ihn eingeholt und holte zum Schlag aus.
Aber Liam schnappte geschickt, nach meinem Handtuch und hielt es fest. Mit einem kräftigen Ruck wollte ich mein Kampftuch zurück erhaschen, was aber zur Folg hatte, das Liam auf mich prallte.
Unsere Gesichter waren sich ganz nah und beide hielten wir inne. Ich versank in diesen Augen, die mich jeden Tag so faszinierten. Ich weiß nicht, was mich geritten hatte, plötzlich waren meine Lippen auf seinem Mund.
„Christian, bist du zu Hause“, hörte ich meine Mutter auf Veranda rufen.
Liam und ich fuhren auseinander. Er schaute mich verwirrt und ängstlich an.
„Ja, wir sind hier in der Küche.“
„Wir?“, hörte ich ihre Stimme und sie trat in die Küche, „oh, hallo Liam, freut mich dich zu sehen.
„Hallo… Melissa, ich wollte gerade gehen…“, meinte Liam und schaute mich komisch an.
Ich verstand seine plötzliche Reaktion nicht. Eben noch im siebten Himmel und jetzt Rückzug von allen Fronten. Er schnappte sich seine Sachen, zog sein Shirt über und packte den Rest in seine Tasche.
Und schon war er verschwunden.
„Der hat es aber eilig…“, meinte Mum.
Ich zuckte mit der Schulter.
„War irgendetwas?“
„Ähm…“, meine Wangen färbten sich wieder mal rot.
Mum stellte ihre Einkaufstüte ab und schaute mich durchdringend an.
„Was hast du angestellt?“
„Nichts… wir haben uns bloß…“
„Was?“
„Ich habe ihn geküsst.“
„Er ist auch schwul?“, fragte Mum verwundert.
„Das weiß ich nicht.“
„Dann kannst du ihn doch nicht einfach küssen!“
Betroffen schaute ich zu Boden.
„Weiß er, dass du auf Jungs stehst.“
„Nein, bisher ergab es sich noch nicht, ihm das zu sagen…“
„… und dich in ihn verknallt hast.“
„… ähm…“
„Chris, ein Blinder sieht, wie du Liam anhimmelst.“
Ich schaute sie erschrocken an.
„Wirklich?“
„Ja… mach etwas daraus. Ich mag Liam, er würde sicher ein toller Schwiegersohn abgeben.“
Mum schaffte es immer in kürzester Zeit, den tiefsten Rotton meines Gesicht hervor zulocken. Sie lächelte mich an und begann die gekauften Lebensmittel zu verräumen.
Ich nahm mein Handtuch, das ich fallen gelassen hatte und ging ohne ein weiteres Wort auf mein Zimmer. Ich ließ mich auf mein Bett fallen und seufzte laut. Da hatte ich wohl den süßesten Mann kennen gelernt, mich in ihn verliebt, aber über ihn wissen tat ich eigentlich nichts.
Und dann diese Reaktion auf den Kuss. Er küsste mich, nicht ich ihn, also warum ist er so übereilt weggerannt.
*-*-*
Ich war froh das Wochenende war. Keine Vorlesungen und vor allem keine Arbeit im Verlag. Nach ausführlichen strecken meiner Glieder, richtete ich mich langsam auf. Mein Rücken schmerzte etwas, doch ich wusste nicht einmal warum.
Beim Schwimmen gestern hatte ich mich nicht sehr verausgabt, eher das Gegenteil. Liam hatte sich nicht mehr gemeldet und irgendwie traute ich mich nicht ihn anzurufen.
Es klopfte. Ich zog die Decke über meinen Schoss, weil ich wie immer nackt geschlafen hatte.
„Ja?“
Die Tür ging auf und Dad schob sein Kopf heraus.
„Guten Morgen…, schon etwas vor heute Morgen?“
„Eigentlich schon, ich habe noch etwas für das Studium zu tun, was ich am Montag abgeben müsste. Warum fragst du?“
„Och nur so…“
Ohne Grund fragte mein Dad nie etwas.
„Daaad…“
„Ich wollte eigentlich nur fragen, ob du Lust hättest einen kleinen Segeltörn zu machen, aber dein Studium geht vor!“
„Dann mache ich es eben später, das ist kein Problem. Ich zieh mich schnell an, dann können wir los.“
„Okay, ich warte unten auf dich.“
„Gut bis gleich.“
Dad verschwand wieder und ich stand auf um mich anzuziehen. Ich lief zuerst ans Fenster und öffnete es ganz. Warme Luft drang herein. Also konnte ich mich beruhigt leicht anziehen.
Ich zog die extrem kurze Jeans an, die fast genau unterhalb meines Hinter aufhörte, schlüpfte in die Halbschuhe und warf ein dunkelblaues Tshirt über. Ein kurzer Blick in den Spiegel sagte mir, dass es in Ordnung war.
Noch schnell die Silberkette, das Lederarmband und schon war ich fertig. Ich riss die Tür auf und wäre fast mit Mum zusammen gestoßen, wenn sie mir nicht geschickt ausgewichen wäre.
„Wo willst du denn hin?“
„Mit Dad segeln.“
„Dann wünsche ich dir viel Spaß. Kann sein, dass ich nachher nicht da bin, wenn du kommst. Essen ist genug im Kühlschrank.“
„Danke Mum“, sagte ich und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange.
Unten vor dem Haus wartete Dad bereits am Wagen.
„Kann es losgehen?“, fragte er und ich nickte.
Wir stiegen in seinen Wagen und fuhren los. Während der Fahrt war Schweigen angesagt. Dad schaute auf den dichten Verkehr, während ich zum Fenster hinaus schaute.
Am Hafen angekommen liefen wir beide hinunter zur Anlegestelle.
„Packst du das Segel aus?“, fragte Dad.
„Klar, kein Problem.“
Ich öffnete eine Schnalle nach der anderen bis das Segel komplett frei lag.
„Chris, kennt du den jungen Mann dort am Steg, der ständig zu uns herüber starrt?“, fragte Dad plötzlich.
Ich drehte mich um und schaute in die genannte Richtung.
„Ähm, das ist Liam.“
„Und wer ist Liam?“
Da Dad selten zu Hause war, hatte er natürlich nichts mitbekommen, was bei mir so am laufen war.
„Ein… Freund…, er arbeitet auch bei Caren. Ich gehe mal schnell zu ihm hin.“
„Mach aber nicht so lange, der Wind ist gerade so günstig.“
„Okay“, meinte ich und sprang mit einem Satz vom Boot auf den Steg.
Fast ein Fehler. Ich hatte soviel Schwung drauf, dass ich fast auf der anderen Seite ins Wasser gefallen wäre. Diese Szene blieb natürlich nicht unbeobachtet. Liam, zu dem ich nun lief, grinste.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo“, gab er zurück und das Lächeln verschwand wieder.
„Was ist dein Begehr, edler Herr?“, fragte ich um die Stimmung anzuheben, die vielleicht in den Keller zu sinken drohte.
„Eine Entschuldigung…“
„Für was?“
Er schaute mich verlegen an.
„Wenn du die Sache mit dem Kuss meinst, die ist unentschuldbar.“
Anscheinend hatte ich mich falsch ausgedrückt, denn Liams Gesicht wurde traurig.
„Halt“, meinte ich und Liam zuckte förmlich zusammen.
„Ich meine damit, dass du einfach abgehauen bist, denn ich müsste mich bei dir entschuldigen, schließlich habe ich dich geküsst, was ich sehr schön fand!“
Das traurige Gesicht wandelte sich in eine fassungslose Mine. Ich atmete tief durch und setzte nun alles auf eine Karte.
„Falls du es noch immer nicht gemerkt haben solltest, oder Carens laufende Bemerkungen nicht verstanden hast…, ich bin schwul und habe ich mich in dich etwas… ähm… verliebt.“
Die Fassungslosigkeit wich und änderte sich in ein smartes Lächeln. Ein Lächeln zum Schmelzen. Da Liam immer noch keine Worte fand, redete ich einfach weiter.
„Gegen Stummheit habe ich ein sehr gutes Mittel parat. Was hältst du von einem Segeltörn?“
„Ich weiß nicht…“, waren Liams erste Worte.
„Dann hast du auch Gelegenheit, endlich mal meinen Vater kennen zulernen.“
„Du verlangst jetzt aber nicht, dass ich bei ihm um deine Hand anhalte?“
Uh…, kam da der schwarze Humor von Liam zum Vorschein. Die Situation schien gerettet, auch wenn ich nicht wusste, was auf mich zu kam. Ich hob die Augenbrauen und nickte.
„Ja… ich verlange nicht, dass du um meine Hand anhältst… zumindest jetzt noch nicht!“
Nun grinsten wir beide.
„Chris… kommst du?“, hörte ich Dad rufen.
Ich drehte meinen Kopf.
„Ja Dad ich bin gleich bei dir.“
Dann wandte ich mich wieder zu Liam.
„Und?“, fragte ich und hob meine Hand entgegen.
Liam schaute auf meine Hand und griff zaghaft zu. Ich zog ihn zum Boot.
„Dad hast du etwas dagegen, wenn Liam mitfährt?“, rief ich.
„Nein, wieso so sollte ich.“
Ich sprang an Bord und half Liam mit zu folgen.
„Cliff“, stellte sich mein Vater vor und reichte Liam die Hand.
„Liam…“, meinte dieser und schüttelte sie.
„Chris, machst du die Leinen los?“, fragte Dad und begab sich wieder nach hinten.
Erneut sprang ich vom Schiff und löste die drei Taue, mit denen das Segelschiff am Steg gehalten wurde.
*-*-*
„Und ich soll dich wirklich nicht nach Hause fahren?“, fragte Dad erneut.
„Nein Dad, ich gehe mit Liam.“
„Dann wünsche ich euch noch einen schönen Tag.“
„Danke Mr. Habert“, meinte Liam.
„Cliff! Schon vergessen?’“
Liam schüttelte den Kopf und lächelte verlegen. Dad setzte sich in seinen Wagen und brauste los. Ich wandte mich zu Liam.
„Woher wusstest du eigentlich wo ich bin?“
„Ich habe deine Mutter im Hotel getroffen, sie erzählte es mir.“
„Was machst du im Hotel?“
„Ähm… meine… Mutter ist zu Besuch.“
Jetzt verstand ich irgendwie gar nichts mehr.
„Solltest du dann nicht bei deiner Mutter sein?“
„Wieso? Willst du mich los werden?“
Das klang jetzt etwas überzogen. Ich griff nach ihm und zog ihn zu mir.
„Ganz im Gegenteil…“, meinte ich und wollte ihm einen Kuss geben.
Liam zuckte zurück.
„Nicht doch…, wenn das einer sieht!“
„Dann sieht er zwei verliebte Jungs, die sich küssen.“
„Tut mir Leid Chris…, soweit bin ich nicht. Ich bin mal grad einig mit mir und meinen Gefühlen…“
Jetzt war ich aber schon etwas enttäuscht, wollte dies aber nicht zeigen.
„He, ist doch nicht schlimm…, wir haben alle Zeit der Welt.“
Er schaute sich unsicher um und beugte sich leicht vor. Dann bekam ich einen kleinen Kuss auf die Wange. Noch einmal sah er sich verschüchtert um, als wollte er überprüfen, dass es niemand gesehen hatte.
„Was ist los?“
„Ich weiß es nicht… um ehrlich zu sein, ich weiß nicht mal genau, warum ich hier her gekommen bin.“
„Du wolltest dich entschuldigen.“
„Ja, aber das meinte ich nicht.“
„Was dann?“
Liam lehnte sich nach hinten gegen einen Baumstamm.
„Ich kann es nicht richtig erklären.“
„Versuch es.“
„… ich bin hier her gekommen, weil ich mein Leben in den Griff bekommen wollte. Weg von der Hochschule, weg von meiner herrschsüchtigen Mutter.“
Aha, deshalb war er nicht im Hotel, sondern hier. Er verstand sich nicht mit seinem Alten.
„Dann habe ich dich kennen gelernt und auf einmal stand mein Weltbild noch mehr auf dem Kopf, als es vorher tat. Dann ist da noch Caren.“
Er wandte seinen Kopf von mir weg und sah auf den See hinaus.
„Ich weiß nicht mehr, was die richtigen Gefühle sind. Es macht Spaß mit dir zusammen zu sein, aber ich weiß nicht, ob das ich bin.“
Sein Blick wanderte wieder zu mir.
„Sei mir bitte nicht böse…“
Ich schüttelte den Kopf.
„Bin ich nicht und ich bin von deiner Ehrlichkeit angetan. Also wenn ich das richtig deute, weißt du nicht, wie du zu Caren oder mir stehst.“
Er nickte.
„Da kann ich dir aber nicht dabei helfen, Liam. Dass musst du selbst heraus finden.“
„Das habe ich befürchtet.“
„Halt, lass mich ausreden. Ich kann dir nicht bei dieser Entscheidung helfen, aber ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Das hat jetzt nichts mit Eigennutz zu tun, weil ich mich in dich verliebt habe.“
Sein Gesicht wurde wieder rot, aber er lächelte dabei.
*-*-*
„Chris, was tust du denn hier?“, fragte Mum verwundert.
Sie stand hinter der Theke der Rezeption.
„Ich habe Liam begleitet, seine Mutter Mrs. Evans wohnt bei euch.“
„Mrs. Evans ist deine Mutter?“
Liam nickte.
„Ich…, ich werde dann mal nach oben gehen“, meinte er leise.
„Sehen wir uns heute Abend?“, fragte ich.
„Ich weiß es noch nicht…“
„Okay…“, meinte ich etwas traurig, „du hast ja meine Nummer.“
Wieder nickte Liam und drehte sich Richtung Aufzug. Ich sah ihm hinterher, bis sich die Tür des Aufzuges schlossen.
„Der Junge tut mir Leid“, meinte Mum und beschäftigte sich mit irgendwelchen Papieren vor ihr.
„Wieso?“
„Ein Musterbeispiel von Frau!“
Oh, da war jemand total unten durch bei Mum, wenn sie so anfing.
„Sie ist Managerin…, ein hohes Tier und hat Manieren wie ein…“
Sie unterbrach mitten im Satz, weil Gäste kamen. Sie schob mich in den Hinterraum und schloss die Tür hinter uns.
„Was läuft zwischen dir und Liam?“, fragte sie mich direkt.
Ich sah sie lange an und zuckte dann mit der Schulter.
„Was heißt das?“
„Ich weiß es nicht. Ich kann dir nicht sagen, ob etwas läuft oder nicht. Wir haben uns geküsst, dass ist alles.“
„Ist es wegen Caren?“
Ich schaute sie fragend an.
„Chris, ich bin nicht blind, ich sehe wie Caren deinen Liam umgarnt.“
„Er ist nicht mein Liam…“, sagte ich leicht trotzig.
„Aber du liebst ihn.“
Klar liebte ich ihn. Seine Art, sein Handeln, alles an ihm, wie er sich gab. Mum hatte Recht, ich liebte ihn. Ich nickte.
„Man muss auch um eine Liebe kämpfen können, Chris. Und wenn es aussichtslos erscheint, dann musst du eine Entscheidung treffen, ob du weiter leiden willst, oder deinen Weg alleine weiter gehst.“
Ich wusste nicht ob ich weinen sollte, oder lächeln. Meine Augen waren schon feucht. Mum hob die Arme und umarmte mich. Ratlosigkeit machte sich in mir breit.
„Du darfst dich nicht vergessen, schon gar nicht verlieren, Chris. Das muss dir immer wichtig sein. Du zählst auch!“
„Aber er wäre… richtig…“
„Wenn du meinst er wäre richtig, dann kämpfe um ihn.“
Das hörte sich alles so einfach an.
„Und wenn er sich für Caren entscheidet? Dann stehst du alleine da und siehst die beiden jeden Tag. Jeden Tag von neuem wird dein Herz dann durchbohrt, willst du das wirklich? Hast du dazu Kraft?“
„Ich weiß es nicht.“
Sie atmete tief durch und zupfte ihr Kostüm zu Recht.
„Ich muss mich wieder um die Gäste kümmern. Denk darüber nach, was ich eben gesagt habe.“
Ich nickte.
„Ich weiß nicht, wie spät es heute Abend wird, wir haben noch eine Gesellschaft.“
„Ich bin zu Hause.“
„Dann bis später“, meinte sie, gab mir einen Kuss auf die Wange und streichelte sie sanft.
Dann öffnete sie die Tür wieder und verschwand nach draußen. Ich folgte ihr und machte mich auf den Weg nach Hause.
*-*-*
Ich hatte mich am Küchentisch breit gemacht und lass den Text im Buch zum dritten Mal. Mein Hirn war einfach nicht aufnahmefähig. Ständig dachte ich an Liam. Ich schlug das Buch zu und legte es auf meine Notizen.
Hoffnungslos…, das hatte Mum gemeint, dann muss ich mich entscheiden. Schnell hatte ich den Gedanken verdrängt. Diese Wunder der Chemie in meinem Körper wollte ich nicht missen.
Doch dann fiel mir wieder Caren ein. Ich ließ das Buch zu klappen und stand auf. Caren. Sie hatte doch sicher gemerkt, dass ich auf Liam stand. Oder machte Liebe wirklich blind.
Ich rannte nach oben und stand vor meinem Kleiderschrank. Schnell waren die passenden Klamotten gefunden und übergezogen. Wenige Minuten später befand ich mich auf den Weg ins Hotel.
*-*-*
„Nanu, schon wieder hier und so fein gemacht?“, fragte meine Mutter, als sie mich erblickte.
„Weißt du… ähm, ob Liam da ist.“
„Ja…, weiß ich.“
„Ja… und?“
„Er sitzt mit seiner Mutter… und Caren im Restaurant beim Essen.“
Sie sah mich lange an. Ich lief an ihr vorbei und schaute durch die Glastür ins Restaurant. Die drei waren schnell entdeckt und ich konnte sehen, wie ausgelassen sie sich unterhielten.
Mir fiel auch auf, dass Caren ihre Hand auf Liams Hand gelegt hatte. Der Stich ins Herz, von meiner Mutter angedeutet kam plötzlich und heftig.
„Ich hatte es dir gesagt“, hörte ich Mum hinter mir leise sagen.
„Wäre auch zu schön gewesen“, meinte ich nur und versuchte meine Fassung zu waren.
Ich beschloss zu gehen, diese Szenerie nicht weiter beizuwohnen.
„Christian…“, hörte ich Mum.
Ich drehte mich um und schüttelte den Kopf. Kurz darauf verließ ich das Hotel wieder.
*-*-*
Ich wusste weder wo, noch wie lange ich herum gelaufen war, denn ich stand plötzlich wieder vor dem Hotel. Die Tür schob sich auf und von drinnen war Gelächter zu hören.
Die Büsche waren ein guter Sichtschutz und so konnte man mich nicht sehen. Als erstes erkannte ich Caren, dicht gefolgt von Liam und seiner Mutter.
„Es war reizend sie kennen zu lernen Caren“, hörte ich Liams Mutter sagen.
„Ganz meinerseits“, erwiderte Caren und schüttelte ihre die Hand.
Caren lief zum Parkplatz, bestieg ihren Sportwagen und brauste davon.
„Junge ich muss ehrlich zugeben, dass du die Uni gewechselt hast, ohne mich zu fragen, das habe ich dir krumm genommen. Aber diese Entwicklungen hier stimmen mich milde.“
Liam nickte nur und gemeinsam betraten sie das Hotel wieder. Somit war dieses Thema auch für mich abgehackt. Ein kurzer Traum, der mir zeigte, wie schön Liebe sein kann, aber auch, wie sehr es schmerzen konnte.
Ich weiß nicht wie lange ich dort gestanden hatte, als mich plötzlich etwas am Ärmel zupfte. Ich drehte meinen Kopf und schaute in die Augen meiner Mutter.
„Komm, ich bring dich nach Hause.“
Ich nickte und folgte ihr zum Wagen. Während der Fahrt sagten wir beide nichts. Ich schaute hinaus und nahm doch nicht war, was um uns sich abspielte.
„He, wir sind zu Hause… aussteigen.“
Ich sah Mum an. Sie wollte etwas noch hinzufügen, aber ich schüttelte nur den Kopf. Schnell war der Gurt gelöst und ich war ausgestiegen.
„Christian…“, rief Mum, doch ich winkte ab.
Ich wollte einfach nur alleine sein.
*-*-*
Die Uni war aus und ich war froh darüber. Die Nacht schlecht geschlafen, konnte ich den Vorlesungen nur widerwillig folgen. Der Weg zum Verlag verlief mechanisch. Was sollte ich tun, wenn mir jetzt Liam gegenüber trat?
So tun, als wäre nichts geschehen? Die Entscheidung wurde mir abgenommen, gerade, als ich die Tür zum Cafe aufzog.
„He Christian, heute so zeitig?“, hörte ich Caren mir entgegen rufen.
Ich zog den Gurt meiner Tasche über den Kopf und setzte mich zu ihr.
„Ja, die letzte Vorlesung ist ausgefallen.“
„Auch einen Cappuccino?“
„Klar gerne.“
Die Bedienung hinter der Theke hatte wohl zugehört, denn die junge Dame stellte bereits eine große Tasse und den Ausguss des Automaten.
„Du, ich habe gestern die Mutter von Liam kennen gelernt, eine sehr intelligente Frau.“
„Ach ja?“
Ich hoffte, dass ich nicht all zu sehr negativ klang.
„Ja, sie ist Managerin bei einer großen Bank…, du die schwimmen im Geld.“
„Trifft sich doch gut…, dann ist ja Liam eine gute Partie für dich!“
Sie schaute mich an. Da hatte ich mich wohl doch im Ton vergriffen.
„Stimmt irgendetwas nicht?“, fragte sie.
„Nein geht schon. Habe schlecht geschlafen und die Vorlesungen waren anstrengend. Ich geh am Besten gleich nach oben und beginne mit der Arbeit, bevor ich noch die Lust verliere.“
Sie schaute mich an, als würde sie mir das nicht abkaufen, was ich gerade von mir gelassen hatte. Etwas Besseres war mir aber auf die Schnelle nicht eingefallen.
„Und was ist mit deinem Capuccino?“
„Den nehme ich mit hoch…“, sagte ich, griff nach der Tasse und lief Richtung Treppe.
Ich hatte Glück und sie folgte mir nicht. Warum sollte sie auch? Wenig später saß ich an meinem Arbeitsplatz und durchforstete wieder ein weiteres Papierstück nach Fehlern.
„Hi Christian“, hörte ich eine Stimme.
Ich schaute nach oben und Liam stand vor mir.
„Hi Liam…“, meinte ich und vertiefte mich wieder in das Stück Papier.
„Hättest du Lust heute Abend etwas Trinken zu gehen?“
Wieder hob ich meinen Kopf und schaute ihn an.
„Ähm… du…, tut mir Leid, ich muss nachher noch etwas zu Hause für die Uni machen… dass kann länger gehen.“
Wieder eine Lüge. Das sollte nicht zur Gewohnheit werden.
„Okay… kann man nichts machen…, dann viel Spaß noch“, meinte er und zog ab.
Ich schaute ihm noch nach, bis her hinter dem nächsten Regal verschwand. Mein Kopf sank in den Nacken, ich schloss die Augen und atmete tief durch. Tja Christian Habert, da musst du jetzt durch!
*-*-*
Mit freudigen Blicken stellte ich fest, dass meine Ablage leer war. Ich fuhr den Computer herunter, trug die abgearbeiteten Manuskripte an den Nachbartisch und zog gerade meine Jacke an, als Caren auftauchte.
„Schon alles durch?“, fragte sie verwundert.
„Ja, wobei ich mir bei dieser Mordgeschichte nicht so sicher bin, vielleicht solltest du da noch selbst einen Blick darauf werfen.“
„Kann ich machen, aber heute Abend nicht mehr. Hast du noch etwas vor…, ich will mit Liam noch etwas trinken gehen.“
Also hatte Liam schon jemand gefunden, mit dem er weggehen konnte.
„Du, ich muss noch etwas für die Uni machen, vielleicht ein andermal.“
Sie schaute mich durchdringend an.
„Okay, ich bin dann weg, bis morgen“, meinte ich und krallte mir meine Tasche.
„Bis morgen“, meinte sie.
Die Tasche geschultert, verließ ich das Haus um unmittelbar direkt davor in Liams Arme zu laufen.
„Christian…, stimmt irgendetwas nicht.“
„Nein…, warum…, was soll nicht stimmen?“
„Du bist heute so komisch?“
„Vielleicht liegt es daran, dass ich schlecht geschlafen habe… tut mir Leid…, wenn ich daneben bin.“
„Christian, das habe ich nicht gemeint.“
Er lief einen Schritt auf mich zu und hob seine Hand. Ich wich etwas zurück. Fragend schaute er mich an. Auf diesen Blödsinn hatte ich nun wirklich keine Lust.
„Ich muss dann heim“, meinte ich und schob mich an ihm vorbei.
„Christian…, warum weichst du mir aus?“
Ich beantwortete ihm die Frage nicht und drehte mich nicht mal um.
„Ich dachte du wärst mein Freund!“
Nun hielt ich doch inne. Freund. Was war ein Freund? Solange kannten wir uns nicht, dass ich ihn meinen Freund nennen konnte. Langsam drehte ich mich um.
„Was hat das jetzt damit zu tun?“, fragte ich, „ich will nur nach Hause.“
Mein Ton war leicht trotzig. Liam verringerte die Distanz zwischen uns. Er schaute sich um und dann sah er mich wieder an.
„Was ist los Christian, du bist so völlig anders… so abweisend.“
„Jeder kann mal einen schlechten Tag haben…, oder ist das nicht erlaubt?“
„Das glaube ich dir nicht. Was ist los mit dir?“, fragte er und hob abermals die Hand um mich näher an sich heran zu ziehen.
„Es wäre besser Liam…“, begann ich, brach aber mitten im Satz ab.
„Einen schönen Abend noch“, meinte ich dann, wandte mich ab und lief los.
Er rief wieder meinen Namen, aber dieses Mal reagierte ich nicht.
*-*-*
Ich saß mit Mum am Küchentisch.
„Du hast wirklich keinen Hunger?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es tut mir Leid Christian.“
„Muss es nicht. Wie heißt es so schon…, lieber ein Ende mit einem Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“
„Ich würde dir so gerne helfen…“
„Mum, lass gut sein, dass wird schon wieder.“
Sie strich mir übers Haar und stand auf.
„Warte, ich helfe dir beim Abräumen“, meinte ich.
„Das geht schon, ist nicht viel!“
Ich nickte, stand aber trotzdem auf. Draußen war es noch warm, so zog ich es vor, mir noch etwas auf der Veranda die Zeit zu vertreiben. Langsam ließ ich mich auf die Bank nieder und lauschte den abendlichen Geräuschen.
Die Tür zur Küche ging auf und Mum schaute heraus.
„Wenn etwas ist, ich bin in meinem Zimmer“, meinte sie.
„Danke!“, sagte ich mit einem Lächeln.
Schon war sie wieder verschwunden. Der Himmel war klar und nur von weitem konnte man einige Automotoren hören. Sonst war es still. Ein zerbrochener Ast ließ mich aufhorchen und plötzlich trat Liam ins Licht der Veranda.
„Ähm… hallo“, sagte er.
Was sollte das jetzt? Warum war er hier?’
„Hallo“, meinte ich, griff nach dem Kissen, zog es vor mich und verschränkte die Arme vor mir.
„Darf ich dich etwas fragen?“
„Ja…“
Er trat neben mich und setzte sich zu mir auf die Bank.
„War das ernst gemeint?“
„Was?“, fragte ich, weil ich nun nicht wusste, was er meinte.
Er spielte mit dem Reisverschluss seiner Jacke.
„Dass du dich in mich verliebt hast?“
Ich schaute ihn entgeistert an. Warum wollte er das jetzt wissen? Ich war zu keiner Antwort fähig. Er senkte seinen Kopf.
„Entschuldigung…, das hätte ich nicht fragen sollen.“
Ich atmete tief durch und zog die Beine an.
„Warum willst du das wissen?“
Er hob seinen Kopf. Seine Augen funkelten im Schein der kleinen Lampe an der Decke.
„Weil…, weil ich wissen wollte…, ob ich bei dir eine… Chance habe.“
„Eine Chance?… für was?“
„Ich…, oh man ist das schwer…“
Er senkte den Kopf.
„Christian… ich merke, dass ich mehr für dich fühle. Genau genommen, ich habe mich in dich verliebt und… will ohne dich nicht mehr sein.“
„Und was ist mit Caren?“
Sein Kopf fuhr hoch.
„Was soll mit Caren sein?“
„Also gestern hat es nicht so ausgesehen, als würde dir Caren nichts bedeuten?“
„Gestern?“
„Gestern im Restaurant, mit deiner Mutter…“
„Spionierst du mir nach?“
Ich fing an zu lachen.
„Nein Liam, ich spioniere dir nicht nach. Ich wollte gestern zu dir und habe dich mit deiner Mutter und Caren im Restaurant gesehen und dass schien mir sehr vertraut zwischen euch, was ich da zu sehen bekam.“
„Du liebst mich… wirklich, oder?“
„Gott verdammt ja, oder warum meinst du, dass mir das Ganze so nahe geht?“, fuhr ich ihn an und warf das Kissen quer durch die Veranda.
Sein Blick wurde trauriger.
„Aber du hast mir ja gezeigt, dass ich nur zweite Wahl bin, dass du Caren bevorzugst.“
„Stimmt nicht“, kam es fast im Flüsterton.
Er hielt meinem Blick stand, er wich nicht aus. Sollte er wirklich…
„Chris… ich bin… nicht… wie du. Ich kann das nicht so zeigen…“
Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch.
„Das mit Caren…, das war nur wegen meiner Mutter. Scheiße, wenn sie wüsste, dass ich schwul bin…, sie würde mich umbringen.“
„Na komm, übertreib mal nicht…, sie wird dir vielleicht das Erbe streichen…“
„Du kennst sie nicht…, sie ist für so vieles verantwortlich…, auch für Tode…“
Entsetzt schaute ich ihn an.
„Hast du deswegen die Uni gewechselt…?“
Er nickte.
„Sie kann dir ein guter Freund sein…, aber als Feind hast du verloren…, sie macht dir das Leben zur Hölle.“
Ich legte meinen Arm um ihn und zog ihn an mich. Seinen Kopf auf meiner Schulter begann er leise zu weinen. Ich suchte nach tröstenden Worten, aber mir fiel nichts ein. So hob ich mit meiner Hand sein Kinn an und küsste ihn sanft auf den Mund.
Der Kuss wurde erwidert und schon bald merkte ich wie seine beiden Hände Halt auf meinem Rücken suchten.
„Scheiße, was ist denn das?“
Beide fuhren wir erschreckt auseinander und blickten Caren an, die unbemerkt gekommen war.
„Da komme ich her, weil ich mir Sorgen um dich mache und du spannst mir den Freund aus!“, fuhr sie mich an.
„Caren…“, begann Liam.
„Ach halt doch einfach dein Maul. Du bist nicht anders als die anderen Männer!“, keifte sie Liam an, der in sich zusammenfiel.
„Es REICHT, Caren!“
Entsetzt wich sie zurück, denn ich war aufgesprungen.
„Klar tut mir es Leid, wegen dir. Aber keiner von uns kann etwas für seine Gefühle und am wenigsten Liam.“
Ich hörte Liam leise hinter mir wimmern. Die Tür zur Veranda wurde aufgestoßen.
„Was ist denn hier los?“
Mum. Sie war zum unpassenden Augenblick gekommen.
„Ach…fick dich!“, rief Caren und rannte weg.
Mum schaute mich fassungslos an, während ich zu Liam ging und ihn wieder in den Arm nahm. Ich schaute zu Mum und konnte nicht anders als lächeln, obwohl es nicht zu der Situation passte.
Sie lächelte ebenfalls und betrat wieder das Haus. Liam und ich waren wieder alleine.
„Wenn…, wenn sie jetzt meine Mutter anruft?“
„Schhhhh…, dass wird sie nicht tun, Liam. Morgen sieht alles wieder anders aus, sie wird sich wieder beruhigen.“
Er schaute auf. Tränen liefen ungehindert über seine Wangen.
„Glaubst du… wirklich?“
Ich nickte, lächelte ihn an und strich die Tränen weg.
„Ich habe dich lieb“, hauchte ich sanft.
„Ich dich… auch.“
*-*-*
Mein Wecker dröhnte unaufhörlich los und ich richtete mich etwas zu schnell auf. Folge davon, ich landete neben dem Bett. Ein grinsendes Gesicht sah mich an und plötzlich kam meine Erinnerung wieder zurück.
„Ich glaube“, stöhnte ich, „ich muss mir ein größeres Bett anschaffen.“
Liam kicherte. Ich stand auf, rieb mir den Hintern und drückte den Wecker aus. Es klopfte an der Tür.
„Schatz, ist dir etwas passiert?“, hörte ich Mum rufen.
„Nein Mum, ich bin nur aus dem Bett gefallen.“
Es war schon wunderlich, dass sie nicht herein kam wie sonst.
„Dann ist ja gut.“
„Warum kommst du nicht herein?“, fragte ich frech grinsend.
Liam und ich hatten beide Shorts und Shirts an, also konnte keine peinliche Situation geschehen. Zaghaft öffnete sich die Tür und der Kopf meiner Mutter erschien.
„Ich wollte nicht stören…“
Mittlerweile saß ich wieder auf meinem Bett, während Liam noch im hinteren Teil des Bettes halb eingekuschelt lag. Der richtete sich nun auch auf und hatte eine gewisse Röte im Gesicht.
„Du störst doch nicht.“
Sie grinste verlegen.
„Geht es euch beiden gut?“
Ich schaute zu Liam, der etwas lächelte.
„Ja!“
„Gut! Dann geh ich runter und mach schon mal das Frühstück.“
„Danke…“, meinte ich und Mum verschwand wieder.
Währenddessen drehte ich mich und wandte mich wieder Liam zu.
„Deiner Mutter scheint es wirklich nichts aus zu machen, dass ich bei dir im Bett liege.“
„Das habe ich dir aber schon gestern gesagt. Sie weiß seit sechs Jahren, dass ich schwul bin, dann sollte sie sich an so einen Anblick gewöhnt haben.“
„Aha. Da scheinen ja schon viele in deinem Bett gelegen zu sein.“
Ich konnte nicht einschätzen, ob er das nun negativ meinte, oder es im Spaß sagte.
„Genau zwei, falls du es genau wissen willst.“
„Du warst mit zwei Kerlen im Bett?“, sagte er entsetzt.
Seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben, was mir zeigte, dass er gerade dabei war mich auf den Arm zu nehmen. Ich beugte mich nach vor und gab ihm einen langen Kuss.
Wenig später kamen wir in die Küche, wo Großmutter bereits mit ihrer Zeitung saß.
„Grandma, darf ich dir Liam vorstellen. Liam dass ist meine Großmutter.“
Sie schaute von ihrer Zeitung auf.
„Hallo Mrs. …“, begann Liam und streckte seine Hand aus.
„Nenn mich Grandma, wie es allen tun… hallo Liam.“
Sie legte die Zeitung aus der Hand und schüttelte ihm die Hand.
„Setzt euch“, meinte Mum und schenkte bereits Kaffee ein.
*-*-*
„Und du meinst Caren wird sich wirklich wieder beruhigen?“
„Sicher, mach dir da keine Sorgen. Die Kleine wird schon ihren Mr. Right finden.“
Er zögerte.
„Komm lass uns hineingehen, du wirst es selber sehen!“
Wir standen schon eine Weile vor dem Cafe. Liam atmete tief durch.
„Okay…“
Ich zog die Tür auf. Hier war sie schon mal nicht. Ich musste Liam richtig schieben, denn er war anscheinend immer noch nicht ganz überzeugt, dass Caren es nicht so schlimm nahm wie er es vermutete.
Wenig später betraten wir die Räume des Verlages. Caren saß in ihrem Büro und war über irgendwelchen Papieren. Sie schaute kurz auf und senkte den Kopf wieder. Nun war ich auch nicht mehr so sicher.
Trotzdem lief ich zu ihrem Büro und klopfte nicht mal an.
„Morgen…“, sagte ich und wartete auf eine Reaktion.
Sie sah nicht mal auf, geschweige denn sagte sie etwas. Ich wollte mich gerade umdrehen, als ich hinter mir ein zaghaftes Husten hörte.
„Du hättest es mir wenigstens sagen können…“
Ich drehte mich zu ihr, legte meinen Dackelblick auf und legte grinsend den Kopf schief.
„Schau mich nicht so an…, das ist absolut fies von dir!“
„Caren, es tut mir wirklich Leid…, ich wollte dich nicht verletzten und der große schon gar nicht.“
Ein kleines Lächeln zierte ihre Lippen.
„Warum kann ich dir nie lange böse sein…, kannst du mir das mal verraten?“
Sie stand auf und fiel um meinen Hals.
„Du Schuft du…“
„Weil du mich über alles liebst?“
„Einbildung ist auch eine Bildung“, meinte sie und ließ mich wieder los.
Ich drehte meinen Kopf und schaute zu Liam, der immer noch unsicher vor dem Büro stand.
„Ich hätte es eigentlich wissen müssen. Solche perfekten Männer sind entweder vergeben oder schwul.“
Ich grinste.
„Stimmt. Liam ist perfekt und vergeben… Liam… komm“, rief ich und hob die Hand.
Langsam und zaghaft kam er herein. Er griff nach meiner Hand und ließ sich herziehen.
Caren baute sich vor ihm auf.
„Ich sage nur eins Liam, tust du meinem Kleinen hier weh, dann wirst du mich erst richtig kennen lernen!“
Liam sah sie mit großen Augen an und brachte keinen Ton heraus. Bis Caren laut zu lachen anfing.
„Entschuldigt mein Ausraster gestern…, war wohl zu sehr mit träumen beschäftigt.“
„Du… du bist mir nicht böse.“
„Ach was… Ich freu mich für Chris, dass er endlich jemand gefunden hat. Ich werde schon noch irgendwann einen abbekommen.“
Liam schaute mich fassungslos an.
„Ich hab dir doch gesagt, sie reist dir schon nicht den Kopf ab. Dafür kenne ich Caren schon zu gut und lange.“
Liam nickte.
„Ihr gebt wirklich eins süßes Pärchen ab und wann sollen die Hochzeitsglocken läuten.“
„Langsam Caren, ist noch bisschen früh oder?“, grinste ich.
„Also meinen Segen habt ihr auf alle Fälle. Aber was wird deine Mutter dazu sagen?“
Sofort machte Liam wieder ein trauriges Gesicht.
„Oh, da schein ich wohl in ein Fettnäpfchen getreten zu sein.
„Mit vollem Anlauf!“, sagte ich.
*-*-*
„Mum ich bin wieder zu Hause?“
„Alleine?“, hörte ich sie aus der Küche.
„Ja.“
Ich fand sie an der Küchentheke gelehnt einen Kaffee trinken.
„Wo ist Liam?“
„Zu Hause…, du vergisst wohl, dass er genauso studiert wie ich und noch etwas tun muss.“
Sie lächelte.
„Und… glücklich?“
„Ja“, bestätigte ich mit einem Nicken und fiel ihr um den Hals.
„Dann drück ich euch mal ganz toll die Daumen, dass alles glatt geht.“
„Wird schon!“
„… Chris… Liams Mutter hat sich wieder für das Wochenende angemeldet.“
Ich schaute sie an.
„Ich werde schön brav sein und nichts verraten.“
„Christian, dass ist kein Spaß. Ich meine dies Ernst. Du hast selbst gesehen, wie viel Angst Liam vor seiner Mutter hat.“
„Dann gehen wir einfach weg am Wochenende und sie werden nicht aufeinander treffen!“
„Das ist keine Lösung, Chris, er kann sich nicht ewig verstecken.“
Ich wusste das Mum Recht hatte, aber ich wollte einfach nicht daran denken, jetzt wo ich einmal richtig glücklich war.
„Aber man muss es ihr auch nicht gleich auf die Nase binden.“
„Wenn sie es nicht schon längst weiß.“
„Wie soll sie das denn wissen? Liam und ich sind ja gerade mal einen Tag jetzt zusammen.“
„Ich habe da so meine Zweifel. Alles was ich bisher über diese Frau mitbekommen habe, lässt mich erschaudern. Denkst du nicht, dass sie Liam nicht überwachen lässt und ihn hier einfach so studieren lässt?“
Ich zuckte mit den Schultern, weil ich es einfach nicht glauben wollte.
„Ich muss zurück ins Hotel. Sehen wir uns später?“
„Sicher.“
Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Pass auf dich auf Junge.“
*-*-*
Gedanken verloren betrat ich die Räume des Verlages. Liam war nirgends zu sehen, also anscheinend noch nicht da. Caren selbst saß ihrem Glaskasten und arbeitete an etwas.
Als ich an meinen Tisch kam, schaute sie kurz auf und winkte mir zu. Ich stellte meine Tasche ab und schaute auf die Ablage. Randvoll! Schweren Herzens machte ich mich an die Arbeit.
„Chris, kann ich dich etwas fragen?“
Ich hatte nicht bemerkt, das Caren ihr Büro verlassen hatte und nun hinter mir stand. Natürlich fuhr ich zusammen und drehte mich zu ihr um. Sie grinste.
„… und was willst du mich fragen?
„Wie das mit Liams Mutter wird?“
„Jetzt fängst du auch noch an.“
„Wieso auch?“
„Meine Mutter hat heute Mittag auch davon angefangen, weil sich Liams Mutter am Wochenende wieder angemeldet hat.“
„Scheiße!“
„Caren, solch ein Wort aus deinem Mund bin ich nicht gewohnt.“
„Ich habe gestern Abend noch mit meinem Vater telefoniert und ihm unter anderem nach Liams Mutter gefragt.“
„Ja und?“
„Liams Mutter ist eine rücksichtslose, kaltschnäuzige Geschäftsfrau. Wer sich ihr in den Weg stellt, hat schon verloren. Er war froh, als er hörte, dass ich nicht mit Liam zusammen wäre.“
„So etwas Ähnliches hat Liam über seine Mutter auch schon geäußert.“
„Hast du denn keine Angst?“
„Sollte ich?“
Caren lehnte sich an meinen Schreibtisch.
„Chris, mit dieser Frau ist nicht zu spaßen!“
„Und was soll ich jetzt nach deiner Meinung tun? Liam den Laufpass geben?“
„Das habe ich nicht gesagt…, ihr müsst vorsichtig sein, solange ihr nicht wisst, wie sie auf Liams Schwulsein reagiert.“
Besorgt sah sie mich an, aber lächelte.
„Wir werden das Kind schon irgendwie schaukeln.“
Immer noch hafteten ihre Blicke auf mir.
„Was?“
„Deine Augen strahlen… du bist glücklich.“
„Ja!“
„Dann versuch dieses Glück festzuhalten!“
*-*-*
In meinem Magen machte sich ein flaues Gefühl breit. Was würde die Frau anstellen, wenn sie dass über ihren Sohn und mich heraus findet? Oder hatte sie es schon heraus gefunden? Irgendwie fühlte ich mich beobachtet und drehte meinen Kopf.
Aber im Cafe saßen auch nur die Leute, die dort auch sonst waren, ich konnte kein neues Gesicht ausmachen. Sogar der Mann im dunklen Anzug war schon öfter hier gewesen. Etwas berührte meine Schulter und ich fuhr zusammen.
„He, was ist los?“, hörte ich Liams Stimme neben mir.
Ich schaute in sein lächelndes Gesicht.
„Ich war im Gedanken…, entschuldige, ich hatte dich nicht bemerkt.“
Mit funkelnden Augen setzte er sich neben mich.
„Na? Wie war dein Morgen?“
„Informativ.“
„In welche Richtung?“
„Deiner Mutter…“
„Oh…“
„Ja… oh! Hör mal Liam…“
„… du willst Schluss machen…!“
Ich zog meine Augenbraun hoch.
„Wie kommst du jetzt da drauf?“
Er zuckte mit den Schultern. Seine Augen waren traurig. Es war mir egal, ob uns jemand im Cafe zusah, ich griff einfach nach seiner Hand. Auch ihm schien es keine Angst zu machen, denn er zog sie nicht zurück.
„Liam, schon als ich dich das erste Mal sah…, das Cafe betratst, fielst du mir auf. Später als du aus Carens Büro kamst, hat es mich schon erwischt.“
„Schon da? Aber wie konntest du wissen, dass ich schwul bin?“
Er sagte das mit einer Lautstärke, dass ich derjenige war, der seine Blicke durch das Cafe wandern ließ. Keiner hatte aufgeschaut. Sein Daumen strich mir über die Fingerrücken.
„Gar nicht…“, antwortete ich leise.
„Du siehst einen Kerl und verliebst dich in ihn?“
„Nein, Liam. So ist es jetzt auch nicht, aber man wird doch noch träumen dürfen. Schau mal in den Spiegel, falls dir noch nicht aufgefallen ist, du siehst verdammt gut aus.“
Zwei Reihen weißer Zähne kam zum Vorschein und Liam lächelte mich an. Er wurde auch nicht rot, sondern genoss mein Kompliment.
„Das hat mir noch niemand gesagt“, flüsterte er leise.
„Liam, ich möchte nur nicht, dass was hier beginnt, durch irgendwen zerstört wird.“
Sein Lächeln verschwand.
„Ich sage es am Wochenende meiner Mutter.“
Verwirrt sah ich ihn an.
„Bist du sicher…, du hast doch gesagt sie bringt…“
„Chris…“, beschwichtigte er mich, „ich möchte endlich mein Leben leben, dass ist mir in den letzten Tagen bewusst geworden. Sie hat die Fäden schon viel zu lange in der Hand.“
Mein Blick wanderte nur kurz zur Bar und da sah ich, wie der Anzugsmensch uns ansah, aufstand und schnell das Cafe verließ.
„Ist etwas… habe ich etwas Falsches gesagt?“, riss mich Liam aus dem Gedanken.
„Nein Liam…, egal was du tust, ich steh voll hinter dir.“
*-*-*
„Muss du gleich nach Hause, oder hast du noch etwas Zeit“, fragte mich Liam, als wir das Cafe verließen.
„Ich mach heute nichts mehr, mein Pensum an Papierarbeit ist erreicht. Für die Uni muss ich auch nichts mehr machen. Warum fragst du?“
„Ich dachte…, es ist warm, wir könnten beide eine Abkühlung brauchen…“
„Der See…?“
Liam nickte.
„Holen wir deine Badesachen.“
*-*-*
Liam
„Wie lange geht das schon mit euch beiden…, wie lange meinst du, wäre das vor mir verborgen geblieben.“
Entsetzt sah ich sie an. Sie hatte wirklich einen Privatdetektiv auf mich angesetzt.
„Ich… ich wollte es dir sagen?“
„Das ist krank!“, fuhr sie mich weiter an.
„Ich… kann nichts für meine Gefühle…“
„Dieses Mädchen… Caren, das ist doch so ein liebes Mädchen und hat reiche Eltern…“
„… kommt es dir nur darauf an?“
„Was? Geld? Klar, Geld ist wichtig…, wer Geld hat Macht.“
Das war hart zu hören und tat weh, irgendetwas zerbrach in mir.
„Also bin ich auch nur eine Art Ware für dich…“
Darauf erwiderte sie nicht.
„Meine Entscheidung… steht fest. Ich werde hier bleiben und weiter studieren und versuch erst gar nicht den Geldhahn zuzudrehen. Papas Anwälte haben dir schon mehrere Male klar gemacht, dass das Geld von Großvater unantastbar ist!“
„Das ist also der Dank für alles, was ich für dich…“
„… hör auf Mutter“, unterbrach ich sie, „was hast du für mich getan…Geld investiert, wie in eine Immobilie. Tut mir Leid, dass ich nicht so ausfalle, wie du es willst.“
Sie schaute mich angewidert an.
„Dann haben wir uns wohl nichts mehr zu sagen“, meinte ich und verließ ihr Zimmer.
*-*-*
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte mich Chris Mutter, die ich zufällig in der Lobby des Hotels traf.
„Ja, danke Melissa, mir wurde gerade bewusst, was für eine Frau dort oben wohnt und sich meine Mutter nennt.“
Sie legte ihre Hand auf meinen Arm.
„Das tut mir Leid Liam, wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag mir bitte Bescheid.“
„Danke Melissa, ich werde jetzt erst mal eine Runde laufen gehen.“
Das Telefon an der Rezeption klingelte.
„Einen Moment“, meinte Melissa.
Sie lief zur Theke und nahm ab.
„Rezeption, Melissa Habert, was kann ich für sie tun? … Ja… wie sie wünschen…, ich schicke gleich jemanden für die Koffer… ja… auf wiederhörn.“
Sie schaute mich an.
„Was ist?“
„Deine Mutter reist ab…“
„Besser so.“
„Willst du dich nicht etwas zu mir setzten, du bist ganz Bleich im Gesicht?“
Ich merkte selbst, dass etwas nicht stimmte, wusste aber warum es so war. Das erste Mal in meinem Leben, habe ich mich gegen meine Mutter gestellt, oder bessergesagt Erzeugerin, weil eine Mutter nicht so handelt.
Melissa streckte mir ihre Hand entgegen und zog mich in den Raum hinter die Theke.
„Setz dich hier hin, wenigstens bis deine Mutter abgereist ist.“
Ich nickte und lies mich auf den Stuhl nieder. Melissa verließ den Raum und ich konnte hören, wie sie mit Chris telefonierte. Sie erzählte ihm in kurzen Worten, was vorgefallen war.
„Bitte sei vorsichtig, Christian. Ich möchte nicht, dass du mit dieser Frau zusammentriffst. Liam ist bei mir gut aufgehoben… okay, bis gleich.“
Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und versuchte nicht loszuheulen. Ein Monat und alles hatte sich geändert. Aber ich musste ehrlich sein, war es denn vorher besser?
„Guten Abend, Mrs. Evans, es tut mir Leid, dass sie schon abreisen müssen.“
„Ein paar unvorhersehbare Geschäfte. Schicken sie bitte die Rechnung an die bekannte Adresse, wie das letzte Mal.“
„Kein Problem, wenn sie hier bitte noch unterschreiben.“
Ein paar Sekunden herrschte Stille, bis ich die Stimme meiner Mutter wieder hörte.
„Eine Frage noch, ich lese auf ihrem Namenschild Habert, kennen sie zufällig einen jungen Mann namens Christian Habert?“
Ich musste mich beherrschen nicht sarkastisch los zulachen, warum fragte sie, sie wusste doch genau, wen sie vor sich stehen hatte.
„Das ist mein Sohn…“
„Oh…, dann sind sie eine sehr bemitleidenswerte Mutter…, einen schönen Abend noch.“
Dann verstummte das Gespräch.
*-*-*
Chris war mittlerweile eingetroffen und hatte mich im Arm. Durch einen Zufall war auch Caren anwesend und so saßen wir im Ausbereich des Restaurants. Es war nicht mehr so viel los und so gesellte sich Chris Mutter zu uns.
„Melissa, es tut mir Leid, wegen meiner Mutter.“
„Ach Liam, du kannst nichts für deine Mutter, du bist nicht schuld, mich würde nur interessieren, woher sie über Christian Bescheid wusste.“
„Sie hat einen Privatdetektiv auf mich angesetzt…“
„Sie hat was?“, fragte Caren entsetzt.
„Und der hat ihr alles Brühwarm erzählt und womöglich noch Bilder gemacht…“, kam es von Chris.
Er schaute mich an und wurde leicht rot. Mir kam der letzte Abend am See in den Sinn, wo wir mehr als Zungenakrobatik betrieben hatten. Zwangsläufig musste ich grinsen. Caren schaute zwischen uns hin und her.
„Ich will gar nicht fragen“, begann sie lachend, „aber wie geht es jetzt weiter?“
„Normal“, sagte ich.
„Normal?“, fragte Melissa.
„Ja, ich werde weiter hier studieren und sie haben einen Hotelgast weniger, vermute ich, denn meine Mutter wird hier nicht mehr aufkreuzen.“
„Bist du sicher?“, wollte Caren wissen.
„Bei meiner Mutter war und bin ich mir bei gar nichts sicher, aber ich habe ihr gesagt, dass ich hier bleiben werde und mich für Chris entschieden habe.“
Chris strahlte über das ganze Gesicht und drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Hört auf, ich werde neidisch“, sagte Caren und Mum legte ihr Hand auf ihre Schulter.
„Hast du keine Angst, dass sie dir den Geldhahn zudreht?“, fragte Melissa.
„Nein, denn es ist nicht ihr Geld, dass mein Studium finanziert, das brachte mich auch auf den Gedanken, die Uni zu wechseln und nicht dorthin zugehen, was sie bestimmt hatte. Das Geld kommt aus einer Stiftung, die meiner Großvater angelegt hatte.“
„Und da hat sie keinen Zugriff? War ihr Vater so misstrauisch?“, fragte Caren.
„Es ist der Vater meines Vaters und nicht mal er hat Zugriff, ein Vorstand bestimmt, wer davon Geld bekommt und wer nicht, dass ist im Testament meines Großvaters genau festgelegt.“
„Dann bist du da wenigstens unabhängig“, meinte Melissa.
„Was ist mit deinem Vater?“, fragte nun Caren.
„Ich glaube der weilt in Europa…, oder Asien, ich weiß nicht genau wo er ist.“
„Hast du keinen Kontakt mit ihm?“, mischte sich nun Chris in die Unterhaltung ein und setzte sich auf den Stuhl neben mich.
„Nein, nicht sonderlich, weil er ja dann zwangsläufig auch Kontakt zu meiner Mutter haben müsste…“
„Warum haben die dann überhaupt geheiratet…“, wollte Caren wissen.
„Meine Mutter war anscheinend nicht immer so…“
Die Tür von Restaurant sprang auf und Chris Vater trat heraus.
„Ach hier seid ihr…Chris geht es dir gut?“
„Hallo Cliff…, was treibt dich hier her?“, fragte Melissa.
„Ein Fremder hat mich angerufen und mir eine wilde Story über Ermittlungen erzählt und dass ich mich um meinen Sohn kümmern sollte.“
Alle schauten wir uns verwundert an.
„Also mir geht es gut, sogar sehr gut“, sagte Chris und griff nach meiner Hand.
Plötzlich hörten wir vor dem Hotel einen großen Lärm, Scheiben gingen zu Bruch. Wir sprangen auf und liefen zur Vorderseite des Hauses. Dort hing ein Wagen halb in der Lobby.
„Melissa ruf die Polizei und einen Krankenwagen“, rief Cliff.
Der Wagen hatte leicht Feuer gefangen und man sah, dass der Fahrer sich im Innern noch bewegte.
„Kinder bleibt zurück“, rief Cliff und stieg vorsichtig zur Fahrertür, da jede Menge Trümmerteile des Eingangsbereichs um den Wagen herumlagen.
„Ich krieg die Tür nicht auf…“, schrie Cliff und Chris eilte ihm zur Hilfe.
Auch ich wollte mich nützlich machen und folgte ihm.
„… hören sie zu! Ich… bin Privatdetektiv“, hörte ich den Mann am Steuer röcheln, aus dessen Wunde am Kopf Blut rann, „meine Mandantin, will… ihren Sohn… aus dem Weg räumen…“
Jetzt erst sah ich eine hässliche Schusswunde an dessen Schulter, knapp über den Herzen.
„Was… wer?“, rief Cliff und zog an der Tür.
„… bringen …sie ihren Sohn…in Sicherheit…“
Sein Kopf sackte zusammen. Das Feuer am Motor, war mittlerweile so stark geworden, das wir zurücktraten. Irgendwo her konnte man Sirenen hören.
„Wisst ihr war er meint?“, fragte Cliff entsetzt.
„Meine Mutter…“
Weiter kam ich nicht mit meiner Erklärung. Hinter uns bremste ein Wagen scharf. Die Tür sprang auf und meine Mutter trat heraus. Entsetzt nahm ich war, dass sie eine Waffe in der Hand trug, die nun nach oben schnellte und sich auf Chris richtete.
„Du bekommst meinen Sohn nicht!“, schrie sie hysterisch.
Dann folgte ein Schuss. Entsetzt schrien Caren und Melissa auf, die gerade wieder zurück gekommen war. Chris neben mir zuckte und sackte zusammen.
„Chris!“, schrie ich und versuchte ihn aufzufangen.
Aus dem Augenwinkel bekam ich mit, wie sich Cliff auf meine Mutter stürzte, aber ich konnte noch einen Schuss hören. Die Sirenen waren jetzt sehr nah, aber irgendwie drang das jetzt nicht mehr zu mir durch, ich sah nur noch Chris.
Ich hatte Chris im Arm, drückte meine Hand auf die Wunde die am Bauch blutete.
„Chris bitte…, bleib bei mir… verlass mich nicht…“, heulte ich, spürte Carens Hand auf meiner Schulter.
*-*-*
„Sind sie Mr. Und Mrs. Habert?“
„Ja“, hörte ich Cliff sagen, schaute aber nicht auf.
Mein Blick fiel immer noch auf meine blutigen Hände.
„Special Agent Forseith, wie geht es ihrem Sohn?“
„Sie operieren noch.“
Wieder Cliff. Caren saß neben mir auch sie zitterte wie ich.
„Ich weiß, der Moment ist unpassend, aber können sie mir sagen, wie diese Frau mit ihnen in Verbindung steht?“
Nun schaute ich doch auf.
„Es ist meine Mutter!“, sagte ich leise.
Er drehte sich zu mir.
„Sie sind Mrs. Evans Sohn?“
Ich nickte und er trat zu mir.
„Sie sind voller Blut…, sind sie auch verletzt?“
Ich schüttelte den Kopf und fing wieder an zu weinen. Der Special Agent sah mich verwundert an.
„Mr. Evans und mein Sohn sind ein Paar… und seine Mutter war wohl dagegen“, kam es nüchtern von Cliff.
„Könnten wir später vielleicht eine Aussage machen?“, fragte Cliff und der Mann nickte, „ich werde später jemanden vorbei schicken…“
Cliff und Melissa nickten.
„Was passiert jetzt mit seiner Mutter?“, wollte Melissa wissen.
„Sie wurde erst mal in die psychiatrische gebracht, weil sie nicht mehr als zurechnungsfähig gilt, mehrere Beamten waren notwendig um sie still zu stellen. Aber sie wird sicherlich wegen versuchten Doppelmords angeklagt.
„Doppelmord?“, warf Cliff ein.
„Ja der Fahrer des Wagens wurde mit dem gleichen Kaliber wie ihr Sohn erschossen, es würde mich sehr wundern, wenn es nicht die gleiche Waffe ist.“
Entsetzt sah ich den Mann an, was war nur aus meiner Mutter geworden.
*-*-*
Cliff hatte mich und Caren zu meiner Studentenbude gefahren. Mittlerweile frisch geduscht und mit neuen Klamotten saß ich auf meinem Bett.
„Ich versteh es nicht…“, hauchte ich leise.
Caren setzte sich neben mich und nahm mich in den Arm.
„Das wird wohl niemand verstehen, Liam… es tut mir so furchtbar leid.“
Ich nickte leicht.
„Sollen wir wieder ins Krankenhaus fahren?“
„Hat sich Chris Vater noch nicht gemeldet?“
Caren schüttelte den Kopf und ich stand auf.
„Mein Gott Caren, was wenn ich Chris verliere…,dann bin ich schuld…, dann ist er wegen mir gestorben…“
Mein Stand wurde unsicher und ich brach wieder in Tränen aus.
„Liam… Liam, so darfst du nicht denken! Du kannst nichts für deine Mutter… und so nützt du Chris überhaupt nicht…, er wird dich sicher brauchen, also versuch bitte dich zusammenzureißen.“
Ich nickte und wischte mir die Tränen ab.
„Danke Caren!“
„Für was?“
„Dass du für mich da bist!“
„Nicht dafür! …komm lass uns fahren.“
*-*-*
„… ihr Sohn hat sehr viel Blut verloren, aber wir konnten ihn stabilisieren. Die Kugel allerdings hat das Rückgrat getroffen…“
„Das heißt?“, fragte Cliff.
Wir waren gerade eingetroffen, als der Arzt zu Chris Eltern kam.
„Wir wissen nicht, ob er seine Beine noch einmal verwenden kann.“
„Gelähmt? Oh Gott, der arme Junge“, kam es von Melissa und begann zu weinen.
Auch ich war den Tränen nahe und spürte, wie sich der Druck an meiner Hand verstärkte, wo ich Carens Hand hielt.
„Bisher sind die Test negativ verlaufen, Mr. und Mrs. Habert, aber wir können erst Genaueres sagen, wenn ihr Sohn wieder erwacht ist.“
„Können wir zu ihm?“
„Ja… bitte folgen sie mir.“
Er konnte nie wieder laufen…
*-*-*
Eine Woche saß ich nun jeden Tag an seinem Bett und hielt seine Hand. Bisher war noch keine Veränderung aufgetreten. Die Tür ging auf und Melissa kam herein.
„Hallo Liam.“
„Hallo Melissa!“
„Wie lange sitzt du hier schon?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß und fuhr mir durchs Gesicht.
„Hier, ein Kaffee.“
„Danke Melissa.“
Sie blieb neben mir stehen.
„Warum wacht er nicht auf…, die Ärzte meinten doch, er sei über dem Berg…“, sagte ich leise und umklammerte meinen Becher Kaffee, als wäre es das letzte was ich zu trinken bekommen würde.
„Ich weiß es nicht, Liam. Der menschliche Körper ist ein Unikum…“
Es klopfte an der Tür und wurde sachte aufgeschoben.
„Vater?“, sagte ich verwundert, als ich begriff wer da stand.
Melissa schaute mich verwundert.
„Liam…, meint Gott…, entschuldige, ich erfuhr erst gestern Abend was vorgefallen ist und habe gleich eine Maschine hierher genommen.“
Ich stand auf.
„Das ist dein Vater?“, fragte Melissa.
Ich nickte und lief auf ihn zu und er nahm mich zu meiner Überraschung in den Arm.
„Es… es tu mir so leid… wäre ich doch nur hier gewesen.“
„Das hätte auch nichts geändert“, meinte ich monoton und ließ von ihm ab, „darf ich dir Mrs. Habert vorstellen, die Mutter von Chris meinem Freund, den Mutter angeschossen hat.“
Leicht irritiert schaute er mich an, das war wohl etwas viel Information auf einmal.
Verwirrt reichte er Melissa die Hand.
„Sie müssen entschuldigen, die Nachricht war nur kurz, dass meine Frau jemanden niedergeschossen hat und mein Sohn darin irgendwie verwickelt war.“
Melissa nickte, sagte aber nichts.
„Können wir uns kurz draußen unterhalten?“, fragte ich.
Melissa lächelte mich aufmunternd und wissen an.
„Wird schon“, meinte sie knapp, bevor ich meinem Vater nach draußen folgte.
*-*-*
„Was hat sie?“, fuhr mich mein Vater regelrecht an.
„…entschuldige, das muss ich jetzt erst irgendwie verdauen…“
Meinte er jetzt, was seine Frau angerichtet hatte, oder mein Schwul sein?
„Du… du liebst ihn?“
Ich nickte und er griff nach meiner Hand.
„Ich habe wohl zu viele Fehler gemacht in der Vergangenheit und dich stark vernachlässigt…, es tut mir sehr leid.“
„Wieso? Daran bist du doch nicht schuld.“
„Und wie geht es jetzt weiter?“
„Ich weiß es nicht. Chris liegt immer noch im Koma und reagiert nicht.“
„Und deine Mutter?“
„Will ich nie wieder sehen…“
Mein Vater rieb sich erschöpft über seine Gesicht.
„Ich hätte nie gedacht, dass sie zu so etwas fähig ist…, ich weiß dass sie eine skrupellose Frau ist, aber jemanden ermorden?“
„Du scheinst wirklich nicht viel über sie zu wissen… und auch wenn es dich nicht tröstet…, mir ist diese Frau auch fremd geworden…“
„Das tut mir so…“
„Hör bitte auf Vater, das bringt jetzt auch nichts mehr…, ich hätte nur einen Wunsch.“
„Ja… welchen?“
„Lass bitte nie wieder den Kontakt zwischen uns abbrechen…!“
Er nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich.
*-*-*
„Ich weiß warum er nicht aufwacht“, meinte Caren und grinste.
„Warum?“, fragte ich leicht genervt.
„Weil er weiß wie viel Arbeit im Verlag auf ihn wartet, sein Tisch quillt bald über vor Schreibkram.“
Unweigerlich musste ich grinsen und nahm fast nicht das leichte Zucken an meiner Hand war.
„Was ist?“, fragte Caren.
„Seine… seine Finger haben sich bewegt… Chris… Chris hörst du mich?“
„Ich hol Melissa“, sagte Caren und verschwand aus dem Zimmer.
„Chris…?“
Sein Mund bewegte sich, er versuchte zu schlucken und verzog das Gesicht.
„Chris? Hörst du mich?“
Seine Augenlider bewegten sich beide gleichzeitig und langsam kamen die Augen zum Vorschein.
„Liam?“, hörte ich Chris leise krächzten.
„Ja Chris ich bin hier.“
Die Tür ging auf und Caren gefolgt von Melissa und einem Arzt kamen ins Gesicht.
„Er ist aufgewacht“, rief ich ihnen aufgeregt entgegen.
Der Arzt umrundete das Bett und lass auf den Geräten, an denen Chris hing. Dann kam dieser berühmte Kugelschreiber zum Vorschein und leuchtete ihm in die Augen.
„Mr. Habert, sie wissen wo sie sind?“
Chris Augen bewegten sich verwirrt umher.
„Ich denke im Krankenhaus, denn zu Hause haben wir keine Arzt.“
Ich musste grinsen, denn seinen Humor hatte er nicht verloren.
„Mum?“
„Ja mein Junge, ich bin hier!“
„Was ist passiert? Hat mich ein Laster überrollt?“
Doch noch bevor Melissa antworten konnte, machte dies der Arzt.
„Sie sind angeschossen worden…“
„Angeschossen…?
Verwirrt schaute er erst mich dann seine Mutter und Caren an.
„Sie können sich nicht mehr erinnern?“
„Doch… irgendwie… ein Wagen“, dann schaute er auf mich.
„Deine Mutter… sie hat auf mich geschossen…“
Ich nickte und Tränen traten mir in die Augen. Ich wollte etwas sagen, aber wieder kam der Doktor nun mir zu vor.
„Spüren sie das?“, fragte der Weißkittel und piekte Chris in den großen Zeh.
„Was soll ich spüren?“
Der Arzt sah uns an.
„Was ist? Was soll ich spüren?“, fragte Chris und schaute zwischen uns umher.
„Mr. Habert, die Schussverletzung war schwer… sie haben sehr viel Blut verloren…“
Chris schaute zu seinen Füßen hinunter.
„Warum kann ich meine Füße nicht bewegen“, Tränen liefen über seine Wangen.
„Die Kugel hat ihr Rückgrat verletzt…“
Geschockt sah er uns an und fing dann laut an zu brüllen.
„Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeein…!“
*-*-*
Chris
Missmutig schaute ich den Rollstuhl an.
„Können wir?“, fragte Liam.
Er war in den letzten Wochen jeden Tag bei mir gesessen, hatte jede meiner üblen Launen über sich ergehen lassen. Und nun stand er wieder da, lieb grinsend und wartete auf mich. Ich nickte.
Er hob mich sanft an und setzte mich in den Rollstuhl.
„Dein Vater müsste eigentlich schon hier sein“, meinte er und verfrachtete meine Tasche einfach auf meinen Schoss.
„He, Kopf hoch, es kann nur besser werden“, meinte er und küsste mich sanft auf meinen Mund.
„Wenn du es sagst…“, antwortete ich mürrisch.
„Ist mein Schatz aber wieder gut gelaunt und dass wo du hier endlich heraus darfst.“
Dazu äußerte ich nichts.
Er öffnete die Tür, kam zu mir zurück und schob meinen Rollstuhl nach draußen. Zum ersten Mal seit ich hier eingeliefert worden war, verließ ich nicht auf dem Krankenbett das Zimmer. Sonst wurde ich immer zu irgendwelchen Untersuchungen auf dem Bett geschoben.
Er schob mich den Gang runter und hielt erst vor dem Fahrstuhl an, der sich wenige Sekunden später wie durch Wunderhand öffnete. Vor uns stand mein Vater.
„Oh ihr seid schon fertig… hallo Chris… hallo Sohnemann“, meinte er und wuschelte mir durchs Haar.
Noch so ein fröhlicher Mensch.
„Vorsicht…, er ist bissig“, meinte Liam und Dad fing an zu lachen.
„Ha… ha…!“
Dad ging vor mir auf die Knie.
„Hör mal Junge, es ist so wie es ist und wir bemühen uns alle dir so gut zu helfen, wie wir können, der Rest liegt bei dir…“
Ich atmete tief durch und verdrehte die Augen.
„Es tut mir leid, dass ich nicht freudig aufspringe, weil ich endlich hier heraus komme.“
„Ein Lächeln wäre mal ein Anfang“, hörte ich Liam hinter mir sagen.
Ich drehte meinen Kopf und versuchte ein gequältes Lächeln hervorzubringen.
„Das ist ja schon ein Anfang, aber das üben wir noch ein bisschen!“, kam es grinsend von Liam.
„Komm Liam, ich habe direkt vor dem Krankenhaus geparkt, nicht dass der Wagen noch angeschleppt wird.“
*-*-*
Wir fuhren die Auffahrt hinauf, alles sah so aus wie immer. Nein, doch nicht. An der Veranda befand sich eine Rampe. Wohl extra wegen mir angefertigt. Die Tür ging auf und nacheinander kamen Mum, Grandma und Caren heraus.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Dad hielt den Wagen an und Liam war sofort aus den Wagen.
„Hallo“, rief er den Dreien zu und lief nach hinten, kurze Zeit später tauchte er wieder mit meinem Rollstuhl auf.
Er öffnete meine Tür und legte seine Arme um mich. Als wäre ich ein Leichtgewicht, hob er mich aus dem Wagen und setzte mich auf den Rollstuhl.
„Danke“, meinte ich leise und er lächelte mich an.
„Hallo Junge“, hörte ich Grandma, die nun plötzlich vor mir stand und innig an sich drückte. Der obligatorische Kuss auf die Wange fehlte auch nicht.
„Du siehst gut aus“, meinte sie und nickte nur.
„Hallo Chris, ich durfte beiwohnen, als deine Mutter ihren berühmten Apfelkuchen backte, es duftet herrlich im Haus“, meinte Caren und umarmte mich ebenso, nur das Küsschen fehlte.
„Willkommen zu Hause“, lächelte mich Mum an.
Ich lächelte sie ebenso an.
„Schon besser!“, meinte Liam und schob mich grinsend ins Haus.
*-*-*
„Boah, ich kann nicht mehr! Ich hab dies hier so vermisst, das gute Essen…, dass Haus… einfach alles.“
Alle lächelten mich an, doch dann kam ein Gedanken in mir auf.
„Öhm… entschuldigt, wenn ich blöd frage… wer trägt mich jetzt in mein Zimmer hinauf?“
Das Grinsen der anderen wich nicht und Liam stand auf.
„Du wirst dich selbst du deine Muskelkraft ins Zimmer befördern.“
„Hä? Ich soll da rauf krabbeln?“
Alle fingen an zu lachen.
„Nein“, begann deine Mutter, „dein Vater und ich haben beschlossen, dass wir bis auf weiteres oben schlafen werden… in deinem Zimmer und du bekommst unser Schlafzimmer.“
Ich schaute die beide lange an und bemerkte, dass Dad mit seiner Hand die ganze Zeit Mums Hand umschlossen hielt.
„Nach deinem… Unfall hatten wir viel Zeit zum Reden und uns noch einmal zusammengerauft“, meinte Dad.
„Danke“, meinte ich nur, „dann werde ich mir mein neues Zimmer mal in Augenschein nehmen.
Liam sprang auf.
„Lass es mich bitte selbst versuchen“, meinte ich.
Etwas umständlich verließ ich den Tisch und rollte Richtung Schlafzimmertür, welches jetzt ein Schild mit meinem Namen trug, was mir vorher nicht aufgefallen war. Langsam öffnete ich die Tür. Einige meiner Möbel kamen zum Vorschein, aber mir fiel gleich das größere und höhere Bett auf, das vor dem Fenster stand.
„Ein neues Bett…“
„Ja…, wir dachten, wenn Liam hier öfter mal nächtigen möchte, wäre ein größeres Bett doch praktisch“, hörte ich Mum sagen.
Chris hinter mir, beugte sich leichte vorüber zu mir.
„Willst du das denn?“
„Was?“
„Dass ich ab und zu über Nacht bleibe…“
Mir war bewusst, dass ich in den letzten Tagen nicht der Netteste war. Ich hob meine Arme, zog ihn zu mir und hoffte, ein Kuss beantwortete seine Frage.
„Danke“, hauchte er leise.
„So, hier ist Chris Tasche, lassen wir die Herren doch mal alleine.“
Mein Vater zog die Tür hinter sich zu und Liam kniete sich vor mir hin.
„Wie geht es dir?“, meinte er und griff nach meinen Händen.
„Durchwachsen… ich weiß grad nicht was ich denken soll. Ihr tut so viel für mich…, obwohl ich immer so scheiße drauf bin.“
„Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung…“
Er lächelte mich an.
„Ich bin froh, dass ich dich habe“, meinte ich und zog ihn an mich heran.
„Und ich dich!“
Er drückte mich ganz fest an sich.
*-*-*

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Information Creatures of the night
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:56 AM - No Replies

Es war ein Tag wie jeder andere auch.
Wie jeden Tag, war er in die überfüllte U-Bahn eingestiegen, mit ihrer Hitze, ihren viel zu vielen Menschen. Er hasste es. Warum er doch täglich hier war? Er tat es, weil er hier nicht auffiel. Das war das gute, an riesigen Städten: Auch wenn man auffiel, die Menschen schenkten einem kaum Beachtung. Warum? Weil sie nur Augen für sich hatten.
Natürlich, manche warfen ihm verängstigte Blicke zu, wenn er mit seinem langen schwarzen Mantel, und seinen schulterlangen glatten, ebenfalls schwarzen Haaren das Abteil betrat, doch es dauerte nicht lang, da sahen sie wieder weg.
Er sah ihre Blicke und er spürte die, die er wegen der Sonnenbrille, die er trug, damit keiner seine Augen sah, nicht sehen konnte. Er hasste es, doch es legte sich meist nach ein, zwei Minuten.
Aber irgendwas war an diesem Abend anders. Es war fast noch mehr los als sonst und der Junge, der ihn sonst lang beobachtete war gar nicht da. Alles in allem recht angenehm, auch wenn es nach Alkohol und billigem Parfum stank. Weiß der Teufel, was diese törichten Menschen daran toll fanden. Oder hasste er es nur, weil er anders war als sie, und alles intensiver wahr nahm?
Seinen Mantel unauffällig enger um sich ziehend nahm er nahe beim Fenster Platz, neben ihm noch ein Platz frei, doch das kümmerte ihn nicht, er starrte zum Fenster hinaus, auf die dunkle Wand, weg von den Menschen in ihren grauen, eintönigen Farben, und ihrem faulig riechendem Blut, verdorben durch ihre Art zu leben, ihre Gier und Oberflächlichkeit.
So sehr waren sie auf ihre kleinen engen Ziele fixiert, dass sie das Glück, dass sie alle hatten, gar nicht wahrnehmen konnten… Doch er wusste es besser, nun, da er all das verloren hatte. Sein Heim, seine Familie… sein Leben… er war nur ein Schatten seiner selbst…
Doch das war ihm Recht, solange ihn der Professor nicht wieder fand. Dieser Optimist ging ihm so sehr auf die Nerven, das war kaum vorstellbar.
Sam gab sich zwar alle Mühe mit ihm, dem „Sorgenkind“ der Organisation, doch da war nichts zu machen. So saß er nun Tag um Tag in der U-Bahn, trank nicht und hörte nicht auf Rat.
Er wartete nur darauf, dass etwas passierte …
*-*-*
Das Knacken seiner Halswirbel hallte durch den Tunnel der U-Bahn, als er sich reckte und streckte und die Blicke waren ihm sicher.
Er konnte es spüren, es hören, dass die U-Bahn gleich kommen würde. Die Mütze zog er sich noch ein wenig tiefer ins Gesicht, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, als ohnehin schon.
Dabei strich er seine dunkelgrauen mittellangen Haare beiseite, so dass sie wieder unter der Kapuze platz hatten. Seine Neongrünen Augen waren so nicht zu sehen, was wohl auch besser so war.
Gerade erst war er aus dem Arrest raus gelassen worden, wollte nicht schon wieder dahin. Die Dunkelheit hatte ihn nicht weiter gestört und auch nicht die Einsamkeit, denn er war sowieso ein Einzelgänger.
Das Schlimme daran war, das Nichtstun. Stundenlang, Tagelang nichts zu tun.
Tief einatmend, genoss er den Gestank, den er eigentlich so sehr hasste. Dann war das Quietschen der U-Bahn auch schon für ihn zu hören. Seine Ohren zuckten leicht, weil sein Gehör außerordentlich gut war und seine Nase wackelte hin und her, weil sein Geruchssinn hervorragend war.
Seine Rute war zum Glück nicht verwandelt, denn nur zu gerne, hätte er sie vor Freude hin und her geschleudert. Am liebsten hätte er laut aufgeheult, doch dann hätte man ihn womöglich in die nächste Klapse gesteckt.
Also beherrschte er sich und wartete ungeduldig auf die U-Bahn, die ihn zur Organisation bringen würde. Schon jetzt musste er schmunzeln, denn Sam würde sich sicherlich sehr darüber freuen, dass er wieder da war.
*-*-*
Seine Sinne schlugen Alarm! Irgendwo, ganz in der Nähe, war jemand… den er nicht kannte… oder noch nicht kannte? Er wusste nur, dass etwas hier ganz und gar nicht stimmte. Oder hatte er nur zu lange nichts mehr zu sich genommen?
Hätte er auf Sam hören sollen? Hatte er nun schon Halluzinationen? Oder entwickelte er nun schon so eine Art vampirischen Stolz? Die U-Bahn hielt und seine Sinne verschärften sich, denn irgendjemand, der gerade eingestiegen war, kam ihm nicht geheuer vor.
Aber es wären ja nur noch zwei Stationen, dann wäre er in der „Unterkunft“ der Organisation, die sich hier, in den Tunneln der U-Bahn verbarg. Er würde achtgeben, wer in der nächsten Station ausstieg und wer blieb… dann würde sich zeigen ob er sich geirrt oder recht gehabt hatte.
Er war sehr angespannt und hoffte, dass er sich geirrt hätte.
*-*-*
Die U-Bahn hielt und er stieg ein. Ein leises Läuten einer kleinen Glocke, die er an einem Halsband am Hals trug konnte man kaum hören, doch es war da. Schnell merkte auch er, dass er nicht alleine war. Es war noch jemand nicht menschliches mit auf der Fahrt.
Innerlich grinsend, blieb er ganz ruhig und lehnte sich gegen eine Wand. Es ruckelte und wackelte und war sehr voll, wie meistens um diese Uhrzeit. Seinen Blick hielt er gesenkt und dennoch erspähte er ihn durch die vielen Reihen von Menschen.
Da saß er, unscheinbar und fremd. Trotzdem roch er anders, als die Menschen, auch wenn er lange kein frisches Blut zu sich genommen hatte.
*-*-*
Da! Er sah ihn… an eine Wand gelehnt… er sah ihn an… hatte ihn gesehen! Also hatte er sich doch nicht geirrt… VERDAMMT! Zum Glück konnte er ja an der übernächsten Station aussteigen und dann so schnell wie möglich die Flucht ergreifen.
Er kannte diesen Typen nicht und er war sich ziemlich sicher, dass der da nicht zu dieser Organisation gehörte… auch wollte er niemals seine Bekanntschaft machen müssen. Wenn er das Sam erzählte… würde sie ihn garantiert für verrückt erklären… eben wie immer.
„Jeremy, du musst mehr trinken, dann geht es dir besser“, würde sie sagen und er würde nicht auf sie hören… eben auch wie immer.
Wieder hielt die U-Bahn… die Leute stiegen aus, denn eigentlich war hier für normale Menschen, Endstation! Angespannt wartete Jeremy, dass auch dieser Typ ausstieg… Die Tür schloss sich und er wagte es nicht, sich noch einmal umzusehen… um sich zu vergewissern, dass der Typ weg war.
Gleich würde er eh, wie immer, aus dem fahrenden Zug springen… denn gleich hätte er die Unterkunft erreicht…
*-*-*
Endlich waren die Menschen weg und so konnte Kay seine Kapuze abnehmen. Durchdringend sah er nochmal zu dem Vampir herüber, seine dunkelgrauen Haare hingen ihm wuschelig ins Gesicht, hinderten ihn jedoch nicht daran.
Kurz leuchteten seine Neongrünen Augen auf. Dann verwandelte er sich in einen Werwolf, was ihm das Abspringen leichter machen würde. Kay machte sich sprungbereit, noch einen letzten Blick riskierend, öffnete er die Tür der fahrenden U-Bahn und sprang in die Dunkelheit.
Auf allen Vieren landete er und rannte dann los, um schnellst möglich die Unterkunft zu erreichen. Gleich hatte er es geschafft und war endlich wieder da, wo er hingehörte!
*-*-*
Ein eisiger Schauer war ihm über den Rücken gelaufen, als er den Blick dieses anderen „Wesens“ auf sich spürte. Aber dann kam sein Ziel. Kurz vor der nächsten Station öffnete er die Tür, sprang ab, bog scharf links ab und drückte einen Stein in der Wand hinein.
Eine Tür tat sich auf und er betrat einen kleinen Raum, der nur aus Metall zu bestehen schien. Hinter ihnen ging die Wand wieder zu. Gut… hier sollte ich erst mal sicher sein…, dachte er, immer noch aufrecht stehend und seine stolze Haltung und Art trotz seiner Erschöpfung aufrecht erhaltend.
Gelernt ist eben gelernt …
Sein Kopf machte ihm dennoch nun langsam schwer zu schaffen. Er schloss die Augen. Langsam ließ er sich nun doch an der Wand zu Boden gleiten. Seine Beine machten nicht mehr mit. Er hätte doch hören sollen, aber das war jetzt egal, nur ein wenig ausruhen…
Verbergen konnte er seinen Zustand jetzt eh nicht mehr. Er nahm die Sonnenbrille ab und rieb sich die von deutlich sichtbaren roten Linien durchzogenen Augen, die er einigen Komplikationen bei seiner Verwandlung verdankte, und die immer dann auftauchten, wenn er länger als zwei Wochen kein Blut getrunken hatte…
Ob der andere das nun sah, war ihm gleich… das Glühen seiner Stirn war jetzt wichtiger. Mit unruhiger Hand fuhr er in eine seiner inneren Manteltaschen und holte ein kleines Päckchen hervor. Er öffnete es und nahm eine kleine Tablette heraus, und schluckte sie ohne zögern hinunter.
Danach schloss er die Augen. Dass dieses Zeug so bitter sein musste… dabei würde es nur das Fieber senken und die Kopfschmerzen unterdrücken, der Blutmangel würde ihm bleiben… Er hasste es, so schwach zu sein…
Es machte ihm Angst, wenn andere seine Schwäche sahen… Aber nun hatte er keine Wahl…
*-*-*
Kay war voller Energie und Tatendrang, war Jeremy in den kleinen Raum gefolgt, schnell durch die Tür gehuscht. Nun saß er da, wie ein Hund bei seinem Herrchen. Unterließ aber das Hecheln, benahm sich.
Schaute stur geradeaus, gegen die Wand. Sicherlich bemerkte er was, der Vampir neben ihn tat, doch ignorierte er es gekonnt. So ging ihm das schließlich nichts an. Außerdem war er gerade erst wieder auf freien Fuß, wollte keinen Ärger und somit wieder eingesperrt werden.
Nun wurde er aber doch etwas unruhig. Hatten sie, sie noch nicht bemerkt. Mussten sie, sie so lange warten lassen. Seine Rute fing nun doch an zu wedeln und ein leises Knurren konnte er nicht unterdrücken.
Wenn sie noch länger hier in den kleinen Raum eingesperrt sein müssten, würde er vermutlich auch noch bellen und heulen. Wie sehr er das hier hasste. Sicherheit ging vor, aber das war eindeutig übertrieben. Dazu kam, dass es hier drin viel zu warm war.
Sollte Kay sich schon wieder zurückverwandeln? Nein, so war die Wärme wenigstens noch ein bisschen erträglich.
*-*-*
Jeremy war zu erschöpft, als dass er sich darum kümmern konnte, wer mit ihm in dem Raum war. Aber er ahnte nun auch, dass dieser Typ sehr wahrscheinlich hierher gehörte… so wie er selbst niemals hier her gehört hatte.
Verdammt… dachte er genervt und wollte aufstehen, brach jedoch zusammen. Die Tür stand nun weit offen…
„Dachte ich mir doch, dass ich dich hier finde, mein Freund“, sprach eine vertraute Stimme.
„Sam..“, sagte er nun doch erleichtert.
Sie hielt ihm dann ihren Hals hin und er trank nun doch gierig ihr Blut.
Jedoch nicht zu viel und ließ schon bald wieder von ihr ab. Dafür musste er sich allerdings von ihr „bemuttern“ lassen, was ihm nun gar nicht gefiel.
„Lass mich, es geht mir wieder gut“, sagte Jeremy, nachdem er sich an Sams Blut gestärkt hatte.
Wie oft hatte er das schon tun müssen…
„Nein, ich lasse dich nicht. Der Professor will dich sehen“, sagte Sam, wand dann ihren Blick dem Werwolf zu, den sie sogleich erkannte und ihn begrüßte:
„Hallo Kay. Schön, dich wieder zu sehen. Auch dich will der Professor sehen. Aber du hast noch etwas Zeit bis dahin, weil der Professor noch nicht da ist. Geh ruhig schon rein.“
*-*-*
Sich nicht weiter um Sam kümmernd, stürmte Kay hinein. Konnte es kaum erwarten, alle wiederzusehen. Die erste Station, war etwas zu Trinken, was er jedoch wieder in menschlicher Gestalt einnahm. Es war auch wirklich warm gewesen in dem kleinen Raum.
„Ihr müsst dort unbedingt eine Klimaanlage einbauen“, ächzte er dann.
Nackt wie Gott ihn schuf, stand er nun am Wasserspender und hörte schon Sams piepsige Stimme sagen, dass er sich etwas überziehen sollte. Ihn störte es nicht sonderlich, seinen Astralkörper zur Show zu tragen. War er als Werwolf doch quasi auch nackt. Nur dass er da Fell hatte.
*-*-*
Sam hatte derweil noch andere Sorgen, denn Jeremy wollte absolut nicht hören. Doch da er noch immer geschwächt war, konnte er sich nicht gegen sie wehren, so dass sie ihn mit sich, in den anderen Raum, schleifte.
Sie legte Jeremy auf das bequeme Sofa, dann sah sie sich um und erblickte Kay, der mal eben nackt am Wasserspender hing und trank.
Die Hände in die Hüfte stemmend maulte sie ihn an:
„Kay! Zieh dir sofort was an! Was soll denn das?! Willst du mich unbedingt ärgern? Herrje, du musst doch nun echt nicht jedes Mal deinen Adoniskörper zur Show stellen.“
Jeremy erholte sich derweil schon mal etwas, hörte nur nebenbei was los war, und dass Sam mal wieder mit Kay, wie sie den anderen Typen nannte, meckerte.
Er schloss die Augen für einen Moment.
*-*-*
Ein gekonntes Brummen kam über Kays Lippen und er schaute Sam böse an.
„Wieso darf der von dir trinken? Darf ich dich jetzt auch anknabbern? Ich hab auch Hunger“, kam es frech von Kay.
Dabei ging er keineswegs auf seine Nacktheit ein.
Genervt ging er dann aber doch in den Nebenraum zu den Spinden und wollte seinen öffnen, aber die Kombination funktionierte nicht.
„Wie soll ich mir bitte etwas anziehen, wenn mein Spind nicht aufgeht? Oder habt ihr den an jemand anderen vergeben? Wo sind dann bitte meine Sachen?“, maulte er dann herum.
Etwas angepisst stand er nun wieder im Türrahmen. Was sollte er auch machen, wenn seine Sachen bei einer Verwandlung kaputt gingen und nicht mehr tragbar waren?
*-*-*
„Nein, du darfst mich nicht anknabbern“, beschwerte sich Sam und ignorierte Kays bösen Blick gekonnt, unter dem Gelächter der anderen.
Sie ging an ihm vorbei in den anderen Raum und winkte ihn zu sich heran. Dann holte sie etwas aus ihrer Hosentasche.
„So hier ist der Schlüssel zu deinem Spind. Wir haben sie ausgetauscht und auch die Schlösser ausgewechselt. Und jetzt zieh dich an“, damit gab sie Kay den Schlüssel.
Anschließend verließ sie das Zimmer und schloss hinter sich die Tür.
Die anderen waren inzwischen schon gegangen, denn der Professor würde wohl heute doch nicht mehr erscheinen. So kümmerte sich Sam um Jeremy, der jedoch schon eingeschlafen war. Sie drehte sich schon um und wollte eben das Zimmer verlassen, um Jeremy schlafen zu lassen, als sie einen weißhaarigen Vampir in der Tür stehen sah, der am Türrahmen lehnte.
„Darius!“, kam es über ihre Lippen und sie lächelte.
„Hallo Sam. Was ist mit Jeremy?“
„Er weigert sich noch immer zu trinken. Verdammt, Darius, du hättest ihn nicht verwandeln dürfen.“
„Tja, nun ist es aber nicht mehr zu ändern und der Kleine wird damit klar kommen müssen. Sag mal, seit wann haben wir hier einen Hund? Es riecht hier nach… nassem Hund.“
„Ja, es ist doch Kay, der wieder da ist“, erklärte Sam.
„Ach ja, Kay“, kam es von Darius und er musste grinsen, kannte er doch auch dessen Angewohnheit gern seinen nackten wunderschönen Körper zur Show zu stellen… den Darius immer wieder bewunderte…
*-*-*
Kay hatte unterdessen seinen Spind aufgeschlossen und zog sich etwas über. Wieder reckte und streckte er sich, so dass seine Knochen knackten. Eine wohlige Gänsehaut umhüllte seinen Körper. So war es viel besser.
Gekonnt fuhr er mit der einen Hand durch seine Haare, doch saßen sie trotzdem nicht, sondern lagen wild wie sie wollten. Dann ging er zurück und schaute Darius durchdringend an. Er kannte den weißhaarigen Vampir bereits.
Schätze ihn sogar, da er bisher der einzige war, der sich nicht mit ihm anlegte. Die Anderen reizten ihn meist solange, bis er die Beherrschung verlor und sie angriff. Denn das war nun mal nicht wirklich seine Stärke.
Sich zusammenzunehmen konnte er schlecht. Auch ordnete er sich eigentlich ungern unter. Doch blieb ihm hier keine andere Wahl, wenn er nicht von den Menschen getötet werden wollte. Ohne Darius zu berühren, jedoch seine Augen auf dessen gerichtet, betrat er wieder den Raum und holte sich noch etwas zu Trinken.
Seine Glocke um den Hals klingelte leise bei jeder Regung vor sich hin.
*-*-*
Bei Kays Anblick grinste Darius, zu gern hätte er ihn jetzt nackt gesehen, aber wusste ja, dass das hier nicht möglich war. Eigentlich gehörte Darius hier gar nicht her, denn er hatte sich schon vor sehr langer Zeit von hier abgesetzt und ein Schloss am Stadtrand bezogen.
Selbst der Professor hatte ihn hier nicht halten können, da Darius viel zu mächtig war und sie alle hier in Gefahr gebracht hätte. Denn er war sehr gefährlich und ihn zu reizen war nicht unbedingt gesundheitsfördernd.
Wenn er wollte, konnte er aber auch ganz nett sein… wenn er wollte, wohlbemerkt. Er war der Vampir, dem alle anderen gehorchten, wenn er es wollte. Nur Werwölfe konnte er eben nicht beherrschen… wollte es aber auch nicht.
Für ihn waren sie sehr interessante und reizvolle Wesen. Er ging nun aber zu Kay hinüber.
„Hallo Kay, schön dich wieder zu sehen. Wie geht es dir, mein Freund?“
„Hallo Darius, mir geht es bestens. Tut gut wieder auf freien Fuß zu sein“, antwortete er.
Nur zu gerne würde er sein eigenes freies Leben führen, wie Darius. Es reizte ihn sehr. Doch war er noch jung und unerfahren. Auch ließ er sich zu schnell reizen und hatte sich auch schon öfters selbst in Gefahr gebracht.
Er hatte keine Angst vor Darius und dessen Macht. Selbst wenn er hätte Angst haben müssen. Vielmehr war alles für ihn wie ein Spiel, dass er nur zu gerne spielte. Vor allem mit der Gefühlswelt spielte er sehr gerne und hatte schon so manches Herz gebrochen.
Bisher konnte ihn Niemand bändigen. Auch machte er sich keine Gedanken, wo er den Tag über schlafen würde. Sicher hatte er außer hier, keine feste Bleibe und da sein Schloss schon ausgewechselt wurde, dann wohl auch sein Zimmer.
Aber bisher hatte er immer ein Bett gefunden. Es war ruhig hier… zu ruhig. Jeremy schien zu schlafen und die Anderen waren bereits wieder gegangen.
„Er kommt mal wieder nicht! Habe ich recht“, kam es sehr genervt von Kay.
Wieder war er umsonst hergekommen. Dabei wusste der Professor doch genau, dass er ab heute wieder hier war. Aber das schien ihm so ziemlich egal zu sein und Kay machte es wütend.
Darius sah Kay an und schüttelte, auf dessen Frage hin, den Kopf.
„Nein, ich denke, dass er hier nicht erscheinen wird. Er hat eine wichtige Mission, irgendwo auf einem anderen Erdteil“, beantwortete er die Frage von Kay, gelassen und mit ruhiger Stimme.
„Na ja, ich muss dann auch mal wieder. Abtrünnige werden hier nicht gern gesehen. Mich hat es aber sehr gefreut, dich mal wieder zu sehen“, fügte Darius grinsend hinzu.
Den schwarzen Umhang, der seinen Mantel umhüllte und mit rotem Samt ausgekleidet war, zog er etwas enger um sich, dann verschwand er spurlos.
Sam, die sich noch immer um Jeremy sorgte, wunderte sich kein bisschen, dass Darius schon wieder verschwunden war. Das war sie von ihm ja schon gewohnt.
Langsam erwachte Jeremy wieder und sah Sam neben sich, als er seinen Kopf ein wenig drehte. Es ging ihm besser, so dass er sich langsam aufsetzte. Zunächst wand sich Sam an Kay.
„Kay, wenn du magst, kannst du erst mal jagen gehen… oder du kommst mit mir und ich zeige dir unsere… „Speisekammer“. Ich will eh dorthin, weil ich für unseren „Kleinen“ etwas Blut holen muss“, lächelte sie ihn an.
Um das „Sorgenkind“ Jeremy kümmerte sich Sam sehr liebevoll, wenn er es denn zuließ, da er der jüngste hier war. Jeremy war erst fünfzehn Jahre alt gewesen, als Darius ihn eines nachts, in einer dunklen Seitengasse fand.
Er hatte ihn gebissen und zu einem Vampir gemacht. Danach hatte er sich nie wieder um ihn gekümmert. Sam war es dann, die ihn fand und hierher gebracht hatte, wo man ihn aufgepäppelt und ihm alles erklärt hatte.
Aber Jeremy war ein Rebell und gehorchte selten bis gar nicht. Und auch diesmal würde es nicht anders laufen. Er würde sich mal wieder aufpäppeln lassen und dann wieder für Wochen verschwinden.
Die Organisation war von dem Professor gegründet worden, um Wesen, wie jungen Vampiren und Werwölfen zu helfen. Natürlich studierte der Professor diese Wesen nebenbei ganz gern, denn sie faszinierten ihn seit frühster Jugend und als er damals auf einen Vampir gestoßen war, der vollkommen hilflos in der Gosse gelegen war, hatte sich sein Traum erfüllt.
Er nahm diesen Vampir, dessen Name… Darius… war, mit sich und pflegte ihn „gesund“… studierte ihn, unterhielt sich mit ihm und half ihm besser zu Recht zu kommen. Nach und nach wurde seine Vampir – und Werwolffamilie größer, so dass er Sam bat ihm zu helfen.
Sam war die Tochter des Professors, die die Leidenschaft ihres Vaters, für diese faszinierenden Wesen teilte und ihm nur allzu gern bei seiner Arbeit half. Nach außen hin, war diese Organisation eine Hilfsorganisation für Menschen in Not.
Das Haus stand genau auf der U-Bahnstation, ein Durchgang, von oben nach unten verband beides.
*-*-*
Ein wenig traurig schaute Kay, Darius hinterher. Er vergötterte sein Leben, wollte so leben wie er. Doch die Anderen würden alles tun, um das zu unterbinden. Dann fiel sein Blick auf Jeremy und er konnte nur den Kopf schütteln, innerlich.
War aber Neugierig was dahinter steckte, warum er sich so gegen dieses Leben wehrte. Normalerweise mochte Kay die Speisekammer nicht besonders, doch heute ging er mit Sam und holte sich dort einen Snack.
Kay war bekannt dafür ein Rowdy zu sein und zu rebellieren. Die Anderen zogen dabei meist den Kürzeren und hatten oft bösartige Wunden. Natürlich war es deswegen auch immer Kay, der bestraft wurde.
Sam begleitend, gönnte er sich nur einen kleinen Snack. Der Jagdtrieb war unerträglich und er würde heute noch los müssen. Nachdem er Wochenlang nicht hatte jagen können, war es beinahe unerträglich geworden.
Dieses Mal setzte er sich neben die Couch auf den Sessel und verschlang gierig sein Mahl, beinahe in einem Stück. Tischmanieren waren wohl nebensächlich. Mit Sicherheit würde er sich gleich wieder etwas anhören müssen.
*-*-*
Aber Sam achtete jetzt mal nicht auf Kays „Tischmanieren“, schließlich war er ja ein Werwolf, da durfte er das… auch wenn es nicht gerade toll aussah. Dennoch schüttelte sie verständnislos den Kopf.
Sie hatte jetzt ganz andere Sorgen, denn jetzt musste sie Jeremy davon überzeugen das Blut zu sich zu nehmen, der sich mal wieder mit Händen und Füßen wehrte. „Hör zu, Jerry, entweder du trinkst das jetzt, oder ich rufe den Professor an… ich kann dir auch gern Darius hierher holen, wenn dir das lieber ist… du hast die Wahl… aber du weißt was passiert, wenn der Professor oder Darius es dir einflößen müssen, nicht wahr“, drohte Sam und funkelte Jeremy böse an.
Jeremy wurde gleich noch etwas blasser, als er ohnehin schon war, nahm die Kristallkaraffe, setzte sie nur widerwillig an seinen Mund an und trank erst mal nur einen Schluck.
„Gut so, und weiter… komm schon Jerry.“
„Bitte, ich schaff das nicht so schnell.“
„Muss ich dir wirklich helfen, hm?!“, drohte Sam abermals.
Auch das wusste Jeremy, dass mit Sam nicht gut Kirschen essen war, so wie sie aussah. Sie war nämlich nicht gerade schlank. Sie war eher sehr füllig und sehr kräftig und wo sie hinlangte, wuchs dann meist kein Gras mehr.
„Ist ja schon gut“, ergab sich Jeremy und trank die Karaffe in einem Zug leer.
Sam grinste.
„Na bitte, geht doch. Muss man immer erst böse werden?“
Jeremy senkte seinen Blick, während Sam ihm liebevoll durch die Haare wuschelte.
„Hach ja, unser Sorgenkind, Jeremy“, sprach sie nun liebevoll zu ihm, „du kannst gehen, Jerry, wenn du magst. Aber gib bitte auf dich acht und keine Sorge, ich sage es dem Professor nicht.“
„Danke“, meinte er nur, dann stand er auf und verließ die Unterkunft wieder.
Sie wand sich zu Kay um, nachdem Jeremy weg war.
„Und du, gehst sicher gleich jagen, nicht?“ und lächelte ihn sanft an.
*-*-*
Kay war mit dem Essen fertig und hatte alles genau beobachtet. Als Jeremy dann ging, schaute er ihm noch nach. Erst auf Sams Frage hin, schaute er sie wieder an.
„Ja, ich werde gleich auf die Jagd gehen!“, bestätigte er dann ihre Frage.
Es trieb ihn geradezu dazu und er konnte sich dem nicht entziehen.
„Wie kann er sich nur dagegen wehren?“, fragte er dann Sam.
Aus irgendeinem Grund machte er sich Gedanken um Jeremy.
*-*-*
„Du kannst dich dagegen gar nicht wehren, das ist nun mal dein Trieb, damit wirst du leider leben müssen. Wenn du dich dagegen zu wehren versuchst ergeht es dir irgendwann wie Jerry“, erklärte Sam und kümmerte sich nebenbei um ihre Arbeit, die sie zu tun hatte.
Nur kurz drehte sie sich zu Kay um und meinte freundschaftlich… nicht böse:
„Und nun ab mit dir, aber übertreibe es nicht“, grinste ihn an und machte dann ihre Arbeit weiter.
*-*-*
Inzwischen flog Darius über der Stadt herum und beobachtete die Menschen… einige gönnte er sich als Mahlzeit, dann jedoch hatte es ihm ein süßer blonder Junge angetan, den er für sich wollte. Er beobachtete ihn vom gegenüberstehenden Gebäude, während seine Augen zu leuchten begannen.
Aber auch Jeremy war rein zufällig in der Gegend und sah Darius oben sitzen. Er wusste, was Darius vorhatte und er wollte sich ihm entgegen stellen. Darius jedoch war schneller als Jeremy, hatte ihn schnell bemerkt, sprang herab und krallte sich Jeremy.
„Pass auf, mein Kleiner… halt dich aus meinen Angelegenheiten heraus, klar?!“
„N-nein..“, gab Jeremy röchelnd von sich.
„Das tut dir weh, hm, wenn ich die Menschen töte oder sie zu meinesgleichen mache.“
Jeremy sah Darius nur angstvoll an…
„Verschwinde und lass mich in Ruhe!“, giftete Darius Jeremy an, dann schleuderte er ihn weit von sich weg, wo Jeremy unsanft landete und liegen blieb.
*-*-*
Kay musste grinsen und begab sich auf die Jagd. Durch die U-Bahn kam gelangte er an eine Station, wo ein Park in der Nähe war. Dort war es für ihn ein leichtes Beute zu machen. Es war nicht allzu viel los und so hatte Kay schnell ein Opfer gefunden.
Sicher merkte er auch, dass er nicht alleine war hier. Er roch Vampire ganz in der Nähe, was aber um diese Uhrzeit nicht außergewöhnlich war. Nur kurz hielt er inne und verwandelte sich in einer dunklen Ecke, bevor er sich an den süßen blonden Jungen heranschlich.
*-*-*
Darius spürte, dass Kay ganz in der Nähe war… dann sah er ihn auch schon und war in Null Komma nichts bei dem Jungen… er wollte ihn für sich und würde Kay nicht an ihn heran lassen. Sehr schnell schnappte er sich den Jungen, der zu schreien begann und verschwand mit ihm, in seinem Schloss, am Stadtrand.
Kay hatte er nicht beachtet. Wenn es um seine Beute ging, war mit ihm nicht zu spaßen und von einem Werwolf ließ er sich erst recht nichts wegnehmen.
*-*-*
Jeremy hatte sich arg den Kopf gestoßen und blutete. Er stand auf und schleppte sich die Straßen entlang… meilenweit weg von der rettenden Unterkunft. Auf die Idee einen Menschen zu töten und Blut zu trinken kam er jetzt nicht… er war einfach nur fertig mit der Welt.
Warum tat Darius das? Was hatte er ihm denn getan?
*-*-*
Kay schaute nicht schlecht, als seine Beute mit Darius verschwand. Hatte er da etwas missverstanden? Wieso nahm der einfach seine Beute mit? Doch dann roch Kay Jeremys Blut – so süß und lieblich.
Er folgte ihm, wie ein Wolf einem verwundeten Reh. Jeremy zog ihn magisch an. Dabei wollte er ihn gewiss nicht töten, sondern ihm lediglich helfen. Nur seine Glocke um Hals verriet ihn, die leise klingelte. Zum Glück sah er als Werwolf eher wie ein großer Hund aus, so dass er kaum Aufmerksamkeit in der Dunkelheit der Nacht erregte.
*-*-*
Natürlich spürte Jeremy, dass er verfolgt wurde und er hörte auch das Glöckchen, was nur bedeuten konnte, dass Kay ihn verfolgte. Leider hatte Jeremy keine Kraft wegzulaufen, schleppte sich nur weiter die Straßen entlang… so gut es ihm eben möglich war… hoffend bald die Unterkunft zu erreichen.
Er war müde, hasste sich und dieses elende Leben als Vampir, das ihm von Darius auferlegt worden war. Dann plötzlich stolperte er über einen Stein, wollte sich wieder erheben… doch umsonst… er schaffte es nicht und blieb, vor sich hin fluchend, liegen.
*-*-*
Kay lief weiter auf Jeremy zu und blieb direkt neben ihm stehen. Wie ein Hund seinem Herrchen helfen würde. Dann stupste er ihn an und leckte kurz über seinen Hals. Er wollte, dass Jeremy sich bei ihm festhielt.
Wenn sie die Unterkunft erreicht hätten, könnte Kay sich zurückverwandeln, doch hier würde er nackt dastehen und zu viel Aufmerksamkeit erregen. Jeremy roch verdammt gut und Kay ließ seine Nase an dessen Oberkörper liegen.
Zur Not könnte Jeremy auch auf ihn reiten. Stark genug war Kay definitiv dafür.
*-*-*
Er hob seinen Kopf an, als er Kays Zunge an seinem Hals spürte… es fühlte sich gut an, auch Kays Nase an seinem Oberkörper ließ er sich gern gefallen.
„Hallo Kay..“, hörte er sich müde sagen.
Er streichelte ihn zunächst, dann hielt er sich an ihm fest, versuchte aufzustehen, knickte noch einmal ein… doch noch war er nicht gebrochen… nein… er kämpfte weiter und erhob sich mit viel Mühe.
„Danke Kay… für deine Hilfe“, bedankte er sich müde, hielt sich aber noch immer an ihm fest.
*-*-*
Mit einem kräftigen Ruck hatte Kay, Jeremy dann auf seinen Rücken geworfen und ging mit ihm die Richtung weiter. Immer wieder stupste Kay Jeremy mit der Schnauze an, wenn er wegrutschte. Hielt ihn dazu an, sich an seinem Fell festzuhalten.
Es fühlte sich gut für ihn an, Jeremy so dicht zu spüren. Doch hatte er keine Ahnung warum er das überhaupt tat.
*-*-*
Froh, dass er nicht mehr allein war und Kay ihm half, hielt er sich nun an ihm fest, damit er nicht wegrutschen konnte.
„Danke“, flüsterte Jeremy und streichelte Kay lieb.
Er dirigierte ihn durch die Straßen und schon bald hatten sie den Unterschlupf erreicht. Jeremy löste sich von Kay, schob den Stein hinein und die Tür öffnete sich. Gemeinsam mit Kay schleppte er sich in den Raum, wo Sam anscheinend schon auf sie beide wartete.
„Danke Kay… das hast du gut gemacht“, lobte sie Kay und lächelte.
Dann nahm sie Jeremy hoch, leicht genug war er ja, und brachte ihn in das andere Zimmer, wo sie ihn auf das Sofa legte.
„So, mein Lieber, hier bleibst du jetzt liegen und du wirst Trinken, ist das klar“, sprach sie streng zu Jeremy… der nur müde und erschöpft nickte.
*-*-*
Kay verwandelte sich direkt und ging den Beiden nach. Er machte sich Sorgen um Jeremy. Warum auch immer… Unbewusst über seine Nacktheit setzte er sich neben Jeremy und strich vorsichtig über dessen Wunde am Kopf.
Wie in Trance nahm er ihn in den Arm und fing an die Wunde sauber zu lecken. Dieses Mal würde Jeremy trinken, dessen war er sich bewusst.
*-*-*
Gerade noch hatte Jeremy seine Augen geschlossen, als er spürte, wie sich jemand zu ihm setzte und seine Augen gleich wieder öffnete. Sogleich lief er puterrot an, als er Kay bei sich sitzen sah, der zudem nackt war und über die Wunde an seinem Kopf strich.
Und seine sonst so bleichen Wangen wurden noch etwas röter, als Kay ihn in den Arm nahm und die Wunde sauber leckte. Er hielt still, wagte es nicht sich zu bewegen… schaute Kay nur fragend an… entspannte sich aber… warum auch immer… ein wenig.
Sam war in die Speisekammer gegangen und holte zwei Karaffen Blut für Jeremy. Als Sam dann zurück kam und sah, was Kay tat, und dass er mal wieder nackt war, sah sie dies mal drüber hinweg, lächelte stattdessen, ließ es ihm durchgehen, weil er Jeremy sozusagen gerettet hatte.
„Kay“, fragte sie, „magst du Jerry das Blut zu trinken geben, bitte?“ und sah ihn sanft an.
„Ich habe noch einiges zu tun und du würdest mir einen großen Gefallen tun“, bat sie Kay.
*-*-*
„Sicher“, antwortete er, als wäre es selbstverständlich und als hätte er es schon unzählige Male getan.
Er nahm die Karaffen entgegen und stellte ein davon auf den Tisch ab. Dann hob er sanft Jeremys Kopf an und legte die andere Karaffe an dessen Lippen an. Das Blut war frisch, doch es roch nicht nach einer frischen Mahlzeit.
Aber Kay überwand sich und hielt es trotzdem weiter Jeremy hin, half ihm dabei zu Trinken. Strich dabei sanft über dessen gerötete Wangen, die ihn schmunzeln ließen.
*-*-*
„Danke Kay, das ist lieb von dir“, bedankte sich Sam, wand sich dann an Jeremy:
„Und du Jerry, wirst trinken, hörst du?! Ich will keine Klagen hören“, mahnte sie das Sorgenkind, der aber nicht zuhörte, da seine Augen nur den Körper von Kay fixierten… ihn fast schon gefangen nahmen.
Sam verließ den Raum, hinter sich die Tür schließend, und ging ihrer Arbeit nach. Mit einem fast schon hypnotischen Blick sah Jeremy Kay an, der seinen Kopf anhob und ihm die Karaffe hin hielt.
Er wollte nicht trinken, aber Sams Drohung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, so dass er nun doch den Mund öffnete und sich von Kay „füttern“ ließ. Er schloss die Augen, als Kay seine erröteten Wangen streichelte und dabei schmunzelte.
Dennoch trank er brav weiter, bis die Karaffe leer war. Danach wollte er nicht mehr… schaute, lieber Kay fasziniert an, während die Röte von seinen Wangen nicht weichen wollte.
*-*-*
Nachdem die erste Karaffe leergetrunken war, stellte Kay sie auf den Tisch. Dann stand er auf und nickte.
„Geht doch“, sagte er, „Dann werde ich mir mal etwas überziehen, oder trinkst du dann nichts mehr?“
Kaum hatte er das gesagt, wand er sich um zum gehen. Doch drehte er sich noch einmal zu Jeremy um, als er im Türrahmen stand.
„Ich komm gleich wieder, wenn du magst, kannst du gerne schon einmal mit der zweiten anfangen“, zwinkerte er ihm zu.
„Damit wir gleich Zeit für andere Sachen haben“, fügte er schelmisch hinzu.
Dann ging er in den anderen Raum rüber und öffnete seinen Spind. Langsam zog er sich etwas an und schaute auch noch mal in den Spiegel. Müde schloss er kurz die Augen. Jetzt hatte er immer noch nicht gejagt und dabei hatte er Hunger.
Bald würde der Tag anbrechen und es wäre dafür zu spät. Aber sein Instinkt sagte ihm, dass Jeremy jetzt wichtiger sei. Also ging Kay in die Speisekammer und gönnte sich dort noch einen Happen. Den er aber da aß, bevor er wieder zurück zu Jeremy ging.
*-*-*
Noch immer fasziniert schaute Jeremy Kay an, konnte aber nicht antworten… jedes Wort war ihm irgendwie im Halse stecken geblieben… seine Röte im Gesicht wollte und wollte einfach nicht vergehen.
Als Kay nun meinte, dass er sich was anziehen wollte, sah Jeremy ihn mit einen traurigen Hundeblick an… so als wollte er das nicht… aber er sagte auch jetzt nichts… nickte nur brav, als Kay ihm vorschlug doch schon mal die andere Karaffe anzufangen.
Allerdings hatte er nun „tausend Fragezeichen“ über dem Kopf, als Kay meinte, dass sie dann Zeit für andere Sachen hätten… denn er verstand jetzt noch nicht so wirklich, was Kay damit meinte. Nachdem Kay nun das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Jeremy auf, nahm gehorsam die andere Karaffe vom Tisch, sah noch einmal zur Tür und begann dann erst das Blut aus der Karaffe zu trinken.
Schluck für Schluck und ganz langsam leerte er die Kristallkaraffe und stellte die nunmehr leere Karaffe neben die andere auf den Tisch. Dann legte er sich wieder hin, sein Kopf tat noch immer ein bisschen weh, aber nicht so sehr wie vorhin… das verdankte er ohne Zweifel Kay.
So schloss er nun die Augen und entspannte sich etwas, jedoch schlief er nicht. Nur am Rande bekam er dann mit, dass Kay das Zimmer wieder betrat.
*-*-*
Grinsend betrat Kay das Zimmer, als er sah, dass der Kleine brav war und das Blut getrunken hatte. Er reckte und streckte sich noch einmal, dann legte er sich einfach zu Jeremy auf die Couch. Da diese so schmal war, lag er nun halb auf Jeremy.
Leckte dann sanft über dessen Mundwinkel, um sie zu säubern und ließ seinen Kopf auf dessen Brust zur Ruhe kommen. Ein Gähnen konnte er nicht unterdrücken, denn er war schon sehr müde. Dann schloss er seine Augen und horchte nach Jeremys Atem.
*-*-*
Jeremy wusste nicht wie ihm geschah, als sich Kay nun zu ihm auf das Sofa legte und dann auch noch so halb auf ihm drauf lag. Herrje, wusste Kay, denn nicht was er mit seiner Aktion auslöste? Oder war es vielleicht seine Absicht? Jeremys Gesichtsröte ließ nun gar nicht mehr nach.
Es fühlte sich ja schön an und auch, dass Kay seine Mundwinkel sauber geleckt hatte, aber er kam irgendwie noch nicht so ganz drauf klar, sah an die Decke und würde wohl nicht schlafen können.
Zudem sich nun auch so… hmm… ja… merkwürdige Gefühle bei ihm einstellten, die er noch nicht so wirklich kannte. Jedoch bewegte er sich keinen Millimeter von der Stelle… blieb ganz still liegen.
*-*-*
Kay merkte Jeremys Unruhe, auch wenn dieser sich nicht bewegte. Also drehte er seinen Kopf und schaute zu Jeremys Gesicht hoch. Liebevoll streichelte Kays Hand über Jeremys Wange und blieb dort auch liegen.
„Versuch ein wenig zu schlafen! Das wird dir gut tun und du wirst dich morgen besser fühlen!“, sagte er dann mit ruhiger Stimme.
Sanft strich seine Hand über Jeremys Augenlider, damit dieser sie schloss.
*-*-*
Zwar nickte Jeremy verstehend, aber so wirklich schlafen konnte er nicht. Er schloss zwar auch seine Augen, aber die Unruhe blieb. Das Gefühl war schön, als Kay über seine Wange strich und seine Hand dort liegen ließ.
Egal wie sehr er sich bemühte, der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen. Also öffnete er seine Augen wieder, löste sich sacht von Kay und stand auf. Sehr schnell hatte er die Unterkunft und auch den U-Bahn Tunnel verlassen.
Auf der Straße angekommen, lief er einfach irgendwohin. Bei einem großen, sehr hohen Gebäude blieb erstehen, betrat es und ließ sich per Fahrstuhl ganz nach oben fahren. Auf dem Dach angekommen, suchte er sich eine sehr dunkle Ecke, legte sich dorthin, rollte sich, wie ein Kätzchen zusammen und schlief dann, mit einem Gedanken an Kay, ein.
*-*-*
Als Sam so weitgehend fertig mit ihrer Arbeit war, wollte sie noch einmal nach Jeremy sehen, doch als sie den Raum betrat war er verschwunden. Sie suchte ihn, konnte ihn aber nicht finden… nur Kay lag auf dem Sofa.
Dass Kay ihm nichts getan hatte war ihr auch klar, aber wo konnte Jeremy bloß sein? Hatte Darius vielleicht seine Finger im Spiel? Sie überlegte hin und her, kam aber auf kein vernünftiges Ergebnis.
*-*-*
Kay hatte es zwar bemerkt, dass Jeremy gegangen war, doch war er viel zu müde gewesen, um etwas zu unternehmen. Auch war es nicht seine Aufgabe, den Kleinen an etwas zu hindern. So schlief er den Tag über hier in der Unterkunft auf dem Sofa.
Rollte sich ebenfalls zusammen, so gut es ging und träumte wie immer wilde Dinge. In seinen Träumen durchlebte er oft immer wieder seine Verwandlung. Er war dann wieder ein Mensch, der mit 17 Jahren bei seinen Großeltern im Wald zu Besuch war, wo sie eine Hütte hatten.
Aus Langeweile hatte er alleine einen Spaziergang gemacht und war erst spät zurückgekommen, als es schon dunkel war. In der Hütte war alles ganz dunkel gewesen, als er zurückkam. So überraschte er einen Werwolf, der seine Großeltern getötet hatte.
Doch der Werwolf war bereits gesättigt, weshalb er Kay nicht fraß. Nur weil Kay ihn gesehen hatte, biss der Werwolf ihn und machte ihn somit zu einen von ihnen. Als dann seine Eltern ihn am nächsten Tag abholen wollten, tötete er Beide.
Schon immer hatte er sie gehasst, weil sein Vater immer öfters die Beherrschung ihm gegenüber verlor und ihn schlug. Seine Mutter hatte alles nur mit angesehen und nie etwas unternommen. Kay war zu einer Bestie geworden.
*-*-*
Sam war irgendwann schlafen gegangen, wusste sie doch, dass Jeremy immer wieder hier her zurück kam, also machte sie sich erst mal keine weiteren Sorgen um ihn. Irgendwann am Tag kam dann auch endlich mal der Professor wieder und schaute nach dem rechten, auch freute er sich, dass Kay wieder da war und so friedlich schlief.
Da alles okay schien, ging er in sein Büro und sah die Unterlagen durch. Jeremy schlief ebenfalls ruhig und friedlich, auch als es bereits Tag war, schlief er weiter. Da die Sonne den Platz nicht erreichte wo er lag, schlief er den ganzen Tag durch.
Niemand wusste so wirklich wo er sich aufhielt, außer… Darius… Aber er wartete die Zeit ab… wartete bis es dämmerte, dann verließ er sein Schloss, flog zu dem Gebäude und sah Jeremy dort liegen.
Er grinste. Eine Weile sah er ihn an, dann bückte er sich, hob den Jungen auf und flog mit ihm zum Schloss, wo er ihn sogleich in ein separates Zimmer brachte und ihn dort auf das Bett legte. Sonst tat er aber erst mal nichts weiter.
Der blonde süße Junge, den er Kay vor den Augen weggeschnappt hatte, hatte er zu seinesgleichen gemacht, der war nun sein persönlicher Diener. Natürlich überlegte Darius zunächst, ob er Jeremy dem Professor oder Sam übergeben sollte… oder ihnen wenigstens Bescheid sagen sollte… aber dann entschied er sich dagegen… er würde mit dem Jungen sicher noch eine Menge Spaß haben…
…und niemand wusste wo der Kleine war…
*-*-*
Pünktlich, als es anfing zu dämmern, erwachte Kay. Er war wie immer etwas gerädert und musste erst einmal wach werden. Eine Dusche half ihm dabei, bevor er sich etwas Neues anzog. Sicherlich bemerkte er, dass der Professor da war und störte ihn auch gleich.
„Hallo Professor. Ich bräuchte bald wieder neue Anziehsachen“, begrüßte er ihn eher ruhig.
Im war es unangenehm, aber es nützte nichts, denn bei jeder Verwandlung gingen die Sachen kaputt und immer mussten neue her. Da er kein Geld verdiente, geschweige denn einkaufen gehen konnte, musste er den Professor darum bitten.
*-*-*
Eben war der Professor noch ziemlich beschäftigt, als es an seine Tür klopfte und Kay das Büro betrat. Er hörte sich in Ruhe an, was er zu sagen hatte und nickte einwilligend.
„Ich verstehe dich, Kay und du sollst deine neuen Sachen bekommen, aber, ich habe da auch eine kleine Überraschung für dich“, sprach er, stand auf, ging an einen Schrank und holte ein kleines Päckchen heraus.
Er übergab es an Kay.
„Hier drin befindet sich ein Anzug, der jede Verwandlung mitmacht, so dass du nicht mehr nackt sein wirst, wenn du dich zurück verwandelst. Die anderen Sachen und was du noch so brauchst, werde ich gleich bestellen, dann hast du sie morgen. Okay?“
Sam hatte wie immer viel zu tun, doch machte sie sich langsam Gedanken um Jeremy. Deshalb ging auch sie zum Professor, der ja ihr Vater war, klopfte an die Tür und öffnete diese.
„Oh, Entschuldigung, ich wollte gewiss nicht stören… aber… Vater… Jerry, ist verschwunden… niemand weiß wo er ist. Ich habe auch alle anderen schon gefragt… auch Darius, aber niemand weiß wo er sich aufhält. Ich habe echt Angst, dass ihm was passiert ist.“
„Einen Moment, Sam, ich kümmere mich gleich darum“, erwiderte Jeff (der Professor)
Sam nickte nur und verließ das Büro wieder, hinter sich die Tür schließend. Jeremy schlief noch immer und machte irgendwie keine Anstalten zu erwachen. Darius ließ ihn noch schlafen… er hatte ja viel Zeit und Geduld…
*-*-*
Erstaunt nahm Kay den Anzug an sich und testete ihn auch gleich, als Sam hereinkam. Dass Jeremy verschwunden war, besorgte ihn irgendwie. Es war ihm wohl doch nicht so gleichgültig, wie er dachte.
„Ich kümmere mich um Jeremy!“, verkündete er dem Professor, „außer dem Anzug werde ich erst mal weiter nichts brauchen, danke.“
Dann verließ er das Büro, fest entschlossen Jeremy zu finden. Kaum, dass er die Unterkunft verlassen hatte, verwandelte er sich und schnüffelte nach Jeremys Geruch. Schnell hatte er dessen Spur aufgenommen und flitzte durch die halbe Stadt, bis hoch zu dem Hochhaus.
Doch es war kein Jeremy mehr da und dort war noch ein Geruch – der von Darius! Also hatte Darius gelogen, dass er nicht wusste wo Jeremy war? Unsicher setzte Kay sich auf den Boden und versuchte sich zu konzentrieren.
Mit aller Kraft dachte er an Darius und mit einem Mal sah er das, was Darius sah. Kays Augen leuchteten hell auf und er sah den Strand, das Meer und das Schloss in dem Darius lebte. Sicher würde Darius es spüren, aber es gab keine andere Möglichkeit.
Irgendwie musste Kay schließlich herausfinden, wo Darius lebte. Jetzt wusste er es und rannte so schnell ihn seine Pfoten trugen zu diesem Ort. Es war ein langer und beschwerlicher Weg, aber Kay gab nicht auf, dachte die ganze Zeit an Darius und verdrängte den Gedanken an Jeremy gekonnt.
Er hoffte, dass Darius so denken würde, dass er seinetwegen kommen würde. Aber Darius war nicht dumm, wenn Kay Pech hatte, konnte er sich denken, dass Kay wegen Jeremy zu ihm kam. Dennoch versuchte Kay es mit einer List, indem er sich Darius Nackt vorstellte.
Außerdem stellte er sich vor, wie Darius einen Menschen das Blut aussaugte. Dabei würde Kay sich dann langsam mit gesenktem Blick nähern. Erst mal abwarten, bis Darius fertig sei und dann erst sich über das Fleisch hermachen.
Darius stellte somit das Leittier dar für Kay. Inständig hoffte er, dass Darius dieser Gedanke gefiel, der Boss zu sein. Endlich erreichte er völlig erschöpft das Schloss…
*-*-*
Jeff hatte Kay nur erstaunt nachgesehen, konnte nicht einmal mehr protestieren… nun, er würde dennoch ein Auge drauf haben und sollte Kay oder Jeremy oder den anderen was passieren… nun… er hatte da so seine ganz eigenen Mittel „seine“ Wesen zu beschützen und zu verteidigen.
Aber auch Sam machte sich große Sorgen um Kay und Jeremy, aber sie konnte nichts weiter tun, als abzuwarten.
*-*-*
Da Jeremy noch immer schlief und anscheinend gar nicht erwachen wollte, konnte sich Darius Kay widmen. Er nahm seine Gedanken wahr und sie gefielen ihm schon sehr, dennoch war und blieb er misstrauisch.
Seine Erfahrung sagte ihm, dass Werwölfe nun mal nicht die Freunde von Vampiren waren, zudem sich Werwölfe niemals Vampiren unterordnen würden. Da er Kay nicht mal ein kleines Bisschen traute, rief er seinen Diener zu sich, den süßen blonden Jungen, mit Namen Cecil, zu sich und befahl ihm, sich um Kay zu kümmern.
Auch ließ er von sich einen Doppelgänger entstehen, der in der Eingangshalle stand und auf Kay wartete, so dass er sich um Jeremy kümmern konnte. Cecil verließ das Schloss und traf auf den Werwolf Kay.
„Hallo, du bist Kay, richtig?“, sprach Cecil ihn an.
Darius versuchte inzwischen Jeremy aufzuwecken…
*-*-*
Unsicher schaute Kay den blonden Jungen an, der ihm durchaus bekannt vorkam.
„Hallo. Ja, ich bin Kay und wer bist du?“, wollte er dann von ihm wissen.
Vorsichtig beschnupperte er den Jungen, der ihm nicht wirklich geheuer war. Aber was blieb ihm anderes übrig, als sich in die Höhle des Löwen oder besser gesagt, des Vampirs zu begeben.
*-*-*
„Ich bin Cecil und ich habe den Auftrag dich zu meinem Herren zu bringen“, antwortete Cecil.
Cecil ließ seinen Charme spielen und lächelte Kay an.
„Bitte, kommst du mit mir?“, bat er fragend, aber lieb lächelnd und reichte ihm die Hand.
*-*-*
Darius hatte es inzwischen nun doch geschafft und Jeremy erwachte. Er sah sich verwundert, leicht desorientiert und sehr erschrocken um, dann erblickte er Darius.
„Darius!“, war erst mal alles was er hervor brachte.
„Ja, Darius. Ich hoffe du hast gut geschlafen, mein Kleiner.“
„Was soll ich hier… was willst du von mir?!“, wollte Jeremy wissen, während er ein wenig Angst bekam.
„Nun, ich möchte nur ein bisschen Spaß mit dir haben“, antwortete Darius und grinste schon ziemlich fies.
Was unten im Schloss vor sich ging sah er natürlich vor seinem geistigen Auge. Er war es, der seinen Doppelgänger und Cecil lenkte…
*-*-*
Kay nahm die Hand von Cecil und ließ sich hineinführen, wo er den Doppelgänger erblickte.
„Darius, schön dich zu sehen“, begrüßte er ihn und verwandelte sich zurück in die Menschengestalt.
Sofort roch er, dass Darius nicht er selbst war, aber er spielte das Spiel mit. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig.
„Ich habe dich vermisst“, lächelte er, „Irgendwie…“
„Können wir nicht irgendwohin, wo wir ein wenig ungestört sind?“, hakte er nach und strich sanft mit dem Finger über Darius Doppelgängers Schultern.
*-*-*
Nachdem Cecil Kay ins Schloss geführt hatte, verschwand er und ging seiner eigentlichen Arbeit nach.
„Ich freue mich auch dich wieder zu sehen, Kay. Willkommen in meinem kleinen bescheidenen Heim. Sicher, wir können hier überall ungestört sein“, antwortete der Doppelgänger und führte Kay in die Bibliothek.
Der echte Darius merkte natürlich, dass Kay seinen Doppelgänger enttarnt hatte, aber er würde einen Teufel tun und sich Kay selbst stellen… er war ja anderweitig beschäftigt.
In der Bibliothek angekommen, bot er ihm einen Platz an.
„Also Kay, wir wissen doch beide, dass dies hier kein Höflichkeitsbesuch ist und du sicher nicht nur hier bist um mich zu besuchen… also, was willst du, Kay? Und belüge mich bloß nicht, ich würde es merken.“
*-*-*
Kay musste schmunzeln, da er genau wusste, dass Darius Bescheid wusste.
„Du hast etwas, was ich will und ich weiß auch, dass du ihn mir nicht freiwillig geben wirst. Also nenne deinen Preis!“, kam es kühl von Kay und seine Augen begannen zu leuchten.
Durchdringend schaute er den Doppelgänger in die Augen und direkt in Darius innerstes. Darius sollte ihn keineswegs unterschätzen, auch wenn er noch jung und unerfahren war, hatte er sehr wohl Macht. Vielleicht nicht so viel wie Darius, aber er brauchte sich nicht zu schämen.
*-*-*
Der Doppelgänger grinste, denn Darius wusste genau, wovon Kay sprach.
„Ah, du meinst Jeremy, nicht wahr, Kay. Aber, es gibt keinen Preis. Jeremy gehört mir… nur mir! Ich habe ihn erschaffen und ich will ihn auch behalten!“, meinte Darius und war nicht bereit aufzugeben.
„Außerdem was hast du mit einem Vampir zu schaffen? Was willst du mit Jeremy? Hast du etwa schon vergessen, dass sich Vampire und Werwölfe nicht unbedingt wohlgesonnen sind?“, stichelte Darius nun.
„Also, verzieh dich und lass mich mit Jeremy allein. Ich gebe ihn nicht heraus…, vergiss es“, fügte Darius hinzu und sah Kay durchdringend in die Augen.
*-*-*
Kay ließ sich nicht erweichen und erwiderte Darius Blick.
„Was ich mit Jeremy will, ist meine Sache und du brauchst auch nicht zu sticheln! Nur weil du ihn erschaffen hast, ist er nicht dein Eigentum. Er gehört niemandem, außer sich selbst! Wieso schickst du mir einen Doppelgänger? Hast du jetzt etwa Angst vor einem Werwolf? Hast du Angst mich zu Jeremy zu lassen? Vielleicht würde ich ihn dir wegnehmen? Denkst du dass ich so viel Macht habe? Hier ist dein Reich und ich wollte nie Streit mit dir, konnte dich immer gut leiden. Warum tust du Jeremy das an?“, sprudelte es aus Kay heraus.
Irgendwie musste er Darius doch aus der Reserve locken können, auch wenn er sich dabei in Gefahr brachte. Darius hatte doch auch immer an ihm Interesse gehabt. Warum war er jetzt so stur? Verdammt nochmal!
*-*-*
Während der Doppelgänger Kay noch mit seinen Blicken gefangen hielt, verschleppte der echte Darius Jeremy an einen anderen Ort im Schloss… jedoch würde er unauffindbar sein… selbst für eine Spürnase, wie Kay.
Darius war besessen von Jeremy, nur deshalb hatte er ihn damals verwandelt. Er hatte ihn doch schon so lange beobachtet. Wenn Jeremy zur Schule ging… wenn er sich mit seinen Freunden traf und so weiter…
Er liebte Jeremy, vom ersten Augenblick an, da er ihn sah, abgöttisch und würde eher sterben, als ihn herauszugeben. Schließlich löste sich der Doppelgänger auf und der echte Darius erschien vor Kay.
Elegant setzte er sich in einen Sessel, schlug seine Beine übereinander und sah Kay an.
„Ich werde dir jetzt mal etwas erzählen, als ich Jeremy damals sah, war er gerade mal fünfzehn Jahre alt. Ich sah ihn, wenn er zur Schule ging, sich mit Freunden traf oder auch wenn er traurig war und weinte, wenn er lachte… vom ersten Moment an, da ich ihn sah… war ich ihm verfallen.
Deshalb verwandelte ich ihn, wollte ihn bei mir haben… leider wurde ich gestört und musste fliehen. Denn damals hatte ich noch nicht so viel Macht, wie jetzt. Kay… was ich dir damit sagen will ist, dass ich ihn abgöttisch liebe und ich eher sterben würde, als ihn wieder herzugeben.
Ich kann dich echt gut leiden, Kay, aber bitte… nimm ihn mir nicht weg… nimm mir Jeremy nicht weg. Lass mich nicht zu deinem Feind werden. Ich würde auch töten… um ihn zu behalten“, erzählte Darius Kay, erklärend.
Er schloss einen Moment die Augen, dann öffnete er sie wieder und sah Kay sanft, aber abwartend an.
*-*-*
Kay konnte kaum fassen, was er da hörte. Doch dann reagierte er offen und ehrlich, ging dabei auf Darius zu.
„Ich möchte auch nicht dein Feind sein, weil ich dich bewundere. So ein Leben, wie du führst habe ich mir immer gewünscht. Sollte Jeremy mit diesem Leben einverstanden sein, werde ich nichts dagegen unternehmen. Aber sein Schmerz frisst mich innerlich auf…
Ein wenig traurig bin ich nun schon, denn ich dachte, du hättest Interesse an mir“, mit diesen Worten schaute er Darius mit einem traurigen Hundeblick an.
Kay stand jetzt direkt vor ihm und war versucht sich zu ihm zu beugen, seine Hand auf Darius Wange zu legen. Nur wagte er es nicht, nachdem was er gehört hatte.
„Aber ich bin ja nur ein Werwolf und bin euch Vampiren nicht wohlgesonnen. Vielleicht bist du mit einem Vampir wirklich besser dran…“ mit diesen Worten senkte er traurig seinen Blick, konnte Darius nicht mehr in die Augen sehen.
*-*-*
Geduldig hörte Darius Kay zu und verstand nun warum er hier war und anscheinend ging es Kay nicht nur um Jeremy. Diesen Blick von Kay… diesen unwiderstehlichen Blick… konnte Darius nun auch nicht ertragen.
„Kay, auch wenn du „nur“ ein Werwolf bist, ich mag dich trotzdem. Außerdem meinte ich es allgemein, dass Werwölfe und Vampire sich nicht so gut verstehen, aber das gilt doch nicht für uns.
Natürlich habe ich Interesse an dir, du bist mir ein guter Freund… aber du wirst dich ja wohl kaum in mich verliebt haben, oder…? Und wie du schon sagtest, bewunderst du mich nur für das Leben, das ich führe… zumindest wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe.
Ich würde dir auch gern anbieten hier bei mir im Schloss zu leben… aber würdest du das auch wollen…?“
Darius legte eine kurze gedankliche Pause ein und sprach dann weiter, während er Kay in die Augen sah, der so dicht vor ihm stand und anscheinend versucht war ihn zu berühren.
„Also gut, ich hole Jeremy her… soll er selbst entscheiden, ob er hier leben möchte oder nicht… wenn nicht, dann kannst du ihn meinetwegen mitnehmen… aber dann… möchte ich euch beide nie wieder… wirklich nie wieder… hier sehen.“
Seine letzten Worte waren nunmehr ein trauriges Flüstern gewesen. Sein Herz… alles in ihm krampfte sich zusammen, bei dem Gedanken, dass er Jeremy nun doch verlieren würde… da konnte er sich eigentlich auch gleich selbst vernichten und würde seiner Umgebung damit wahrscheinlich noch einen großen Gefallen tun.
Traurig sah er Kay an… dann verschwand er und tauchte nur wenig später mit Jeremy wieder in der Bibliothek genau vor Kay auf.
Jeremy sah erst mal nur zwischen beiden hin und her.
„Jeremy, Kay will dich“, begann Darius, „wieder mit sich nehmen… aber ich liebe dich schon seit einer halben Ewigkeit und ich biete dir ein Leben, wie ich es führe… hier im Schloss. Aber du allein entscheidest, was du möchtest. Willst du mit Kay gehen, oder bleibst du bei mir?“
Traurig… abwartend sah Darius Jeremy an.
Jeremy schien nun doch ein wenig überfordert zu sein und blickte weiter zwischen beiden hin und her.
„Darius, ich liebe dich aber nicht. Du hast mir mein Leben genommen… hast mich zu einem Vampir gemacht… hast mich nun auch noch entführt und nun bietest du mir ein Leben hier im Schloss an… mit dir zusammen?!“
Jeremy schüttelte den Kopf…
„Nein, Darius, das kann ich nicht. Lieber bleib ich bei Jeff, Sam, Kay und den Anderen. Auch wenn es kein Luxusleben ist, aber dort wird mir geholfen, sie sind meine Freunde und irgendwie auch zu meiner Familie geworden… nachdem du mich meiner Familie ja entrissen hast. Ich werde mit Kay gehen und ich bitte dich uns in Frieden ziehen zu lassen.“
Darius nickte verstehend… traurig… doch zeigte er es nicht… gab sich nicht die Blöße sich Tränen hinzugeben.
…NEIN…
„Geht… aber lasst euch hier nie wieder sehen…“, sprach er traurig und wusste nicht ob er sich übergeben oder lieber gleich vernichten sollte.
„Cecil!“, rief Darius, woraufhin sich auch gleich die Tür öffnete und Cecil den Raum betrat.
„Ja, mein Herr, was kann ich für euch tun?“, fragte der Kleine.
„Bring Jeremy und Kay raus! Danach bist du frei und kannst gehen wohin du magst“, befahl Darius, mit einer tiefen Traurigkeit in seiner Stimme.
Cecil nickte, sah Jeremy und Kay an, dann führte er sie aus der Bibliothek und schließlich auch aus dem Schloss heraus.
Darius verschwand dann aus der Bibliothek und tauchte tief unter dem Schloss, im Keller wieder auf. Er suchte seine Gruft auf, ging hinein und hob den schweren Deckel des schwarzen, mit rotem Samt ausgekleideten Sarg an.
Noch einmal sah er sich um, dann ließ er das Schloss, Kraft seiner Gedanken und seiner Magie, um Jahrhunderte altern. Im Inneren des Schlosses war nun alles voller Staub… kein Glanz mehr… Spinnweben zeigten sich nun in den Ecken.
Nur teilweise und ganz langsam zerfiel das Schloss nun und zeigte den Gemütszustand des Vampirs an, während sich Darius in seinen Sarg legte und den Deckel schloss.
Anschließend schloss er auch seine Augen und fiel tieftraurig und vollkommen verzweifelt in einen tiefen Schlaf… begleitet von blutigen Tränen, die aus seinen Augen rannen und um ihn herum eine regelrechte Blutlache bildeten.
So blutete Darius aus und vernichtete sich somit langsam und qualvoll…
*-*-*
Kay war so froh, dass sich alles zum Guten gewendet hatte, auch wenn es traurig um Darius war. Von der Organisation würde ihm keiner eine Träne nachweinen, aber tief drinnen in Kay, gab es eine Traurigkeit.
Doch jetzt siegte die Freude darüber, dass Jeremy wohlauf war. Kaum dass sie draußen standen, umarmte Kay Jeremy ganz feste und wollte ihn gar nicht mehr loslassen.
„Geht es dir auch wirklich gut?“, fragte er und tastete den jungen Vampir regelrecht ab, ob auch wirklich alles dran war an ihm.
Aber ließ er ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern legte seine Hände auf dessen Wangen und küsste ihn. Er raubte ihn seinen ersten Kuss, hatte schon Angst gehabt, dass Darius sich den genommen hatte. Liebevoll und hingebungsvoll legte er seine Lippen auf Jeremys und küsste ihn.
*-*-*
Irgendwie war Jeremy schon sehr traurig, dass Darius‘ Dasein so endete. Sehr traurig sah er wie das Schloss halbwegs zerfiel und konnte es irgendwie nicht fassen. Als Kay sich dann ihm widmete sah er ihn nur fragend an… auch Kays Umarmung fühlte sich seltsam, aber sehr merkwürdig an.
Auf Kays Frage hin hatte Jeremy nur genickt, denn zum Antworten hatte Kay ihm ja keine Zeit gelassen und ihn… herrje… hatte er das wirklich getan… hatte er ihn wirklich gerade ….geküsst… Jeremy erwiderte zwar den Kuss, aber irgendwie… hmm… wusste er grad nicht was er denken oder fühlen sollte… fühlte sich sehr überrannt und ein wenig überfordert… wusste damit jetzt irgendwie nichts anzufangen.
*-*-*
Cecil sah dem ganzen nur mit gemischten Gefühlen zu, er ließ sich zu Boden fallen und weinte herzzerreißend.
„Darius…“, schluchzte er und konnte im Moment nicht klar denken. Die Trauer um „seinen Herrn“ machte ihn fast wahnsinnig… zumal er sich sehr in ihn verliebt hatte. Noch immer Tränen überströmt und schluchzend stand er schließlich auf, ging wieder auf das Schloss zu und betrat das schon halb zerfallene Gemäuer.
Er würde Darius suchen und finden und er würde ihn zurückholen… Was war sein Leben denn ohne ihn wert?
*-*-*
Kay löste sich nun doch verlegen von Jeremy. Die Röte war ihm ins Gesicht geschrieben und er merkte auch Jeremys Traurigkeit.
„Wenn du doch bleiben willst, bleibe ich mit dir hier!“, kam es dann von Kay.
„Obwohl es dafür jetzt bestimmt zu spät ist, oder?“, fügte er zaghaft hinzu.
Cecils Reaktion tat ihm weh und er würde gerne irgendwie helfen.
Oder sollten sie lieber einfach gehen? Sam und Jeff machten sich bestimmt schon große Sorgen um sie.
*-*-*
„Nein, nein, alles gut… mach dir mal keine Sorgen, Kay. Es ist nur… na ja, irgendwie… ich weiß auch nicht… so seltsam“, antwortete Jeremy und sein Gesicht nahm eine leicht rötliche Färbung an.
„Warum hast du mich… ähm… geküsst?“, wollte er wissen, denn darauf kam er im Moment so gar nicht klar.
Er konnte Darius noch spüren… noch war er nicht tot und vernichtet.
„Zu spät ist es noch nicht… er ist noch nicht vernichtet“, fügte Jeremy in Gedanken hinzu.
Cecil hatte derweil den Eingang des Schlosses wieder erreicht und machte sich sogleich auf die Suche nach Darius. Er wollte ihn finden und ihm helfen… irgendwie… bitte… Da er das Schloss schon ganz gut kannte, hatte er schnell den Keller erreicht und suchte dort nun jeden Winkel ab… aber nichts…
Vollkommen verzweifelt ließ er sich wieder auf den Boden fallen und schrie, dass es einen Stein erbarmt hätte.
„BITTE! DARIUS! ICH WILL DIR DOCH NUR HELFEN… WO BIST DU?“, schrie er in die Stille des Kellers hinein.
„Ich liebe dich doch, Darius… bitte… wo bist du?“, fragte er nunmehr flüsternd.
Er wusste, wenn Darius noch nicht vernichtet war, würde er ihn hören können und ihm ein Zeichen geben. Aber noch war alles ruhig…
*-*-*
Etwas verlegen schaute Kay, Jeremy an.
„Ich… weiß nicht genau…“, stammelte er.
Er mochte Jeremy sehr gerne, doch wie sollte er ihm das nun sagen. Vielleicht brauchte er das auch einfach gar nicht. Vorsichtig nahm er Jeremys Hand und legte diese in seine.
„Na ja… Ich mag dich halt!“, fügte er dann hinzu.
Ihm fiel es schwer über seine Gefühle zu reden. Manches Mal war so etwas auch nicht einfach. Doch manches Mal brauchte man das auch gar nicht. Dann ergab sich alles von alleine.
*-*-*
Jeremy schaute Kay nun noch etwas fragend in die Augen, aber jetzt verstand er Kay schon etwas besser.
„Du magst mich?“, fragte er unnötigerweise, „ich… mag dich auch“, fügte er dann aber hinzu.
Ein wenig verlegen senkte er seinen Blick, schaute auf seine Hand, die in Kays Hand lag.
Hieß das, dass Kay ihn… nein… sicher nicht… oder doch…
Natürlich… er hatte ihn doch geküsst und nur weil mal jemanden mochte küsste man denjenigen doch nicht gleich… ergo, kombinierte Jeremy, dass Kay ihn …liebte… Aber sollte er ihn drauf ansprechen? Was würde Kay dann sagen?
Zumal Kay genauso verlegen zu sein schien, wie er selbst. Herrje, war das schwierig…
*-*-*
Noch immer schluchzend und weinend saß Cecil auf dem feuchten Boden des Kellers und seine Gedanken kreisten nur um Darius.
„Biiiiitteee…“, flüsterte er abermals in die Stille hinein.
Dann… endlich bekam er, was er wollte… ein Zeichen…
Vor seinem geistigen Auge erschien ein Bild und Cecil prägte sich dieses Bild genau ein, dann stand er wieder auf, wischte sich die Tränen ab und suchte nach eben der Stelle, die er sich eben noch eingeprägt hatte.
Wenig später hatte er die Stelle gefunden, öffnete die Gruft und betrat diese sogleich. Vor sich sah er einen großen schwarzen Sarg, auf dem edle Applikationen zu sehen waren. Aber der Sarg war zu und der Deckel sah sehr schwer aus. Jedoch hatte Cecil nicht vor aufzugeben und versuchte alles um den Sarg zu öffnen.
Er weinte und fluchte, schlug mit der Faust gegen den Sargdeckel, aber noch immer war er nicht bereit aufzugeben. Mit all seiner Kraft versuchte er noch einmal den Sarg zu öffnen, denn er wollte Darius, verdammt noch mal, zurück holen.
Endlich vermochte es Cecil den schweren Deckel anzuheben und es kostete ihn wirklich viel Kraft, war er doch nicht grad sehr kräftig. Aber endlich und schließlich hatte er den Sarg doch geöffnet und sah hinein.
Was er erblickte ließ ihn zunächst zurück weichen. Darius war schon halb zerfallen, aber er „lebte“ noch, das konnte Cecil deutlich spüren. Wiederum gebrauchte er all seine Kraft, hob Darius an und schleifte ihn aus dem Sarg. Er legte ihn auf den Boden, biss sich brutal in sein rechtes Handgelenk und musste sich dabei noch einen Schrei verkneifen, denn das tat ihm höllisch weh.
Er hob Darius Oberkörper an, öffnete seinen Mund, mit ein wenig Gewalt und ließ sein Blut in Darius‘ Mund tropfen und spürte dabei, dass sich Darius langsam wieder regte. Dann, und für Cecil sehr überraschend, griff Darius nach seinem Handgelenk, biss hinein und begann sogleich heftig zu saugen.
Natürlich freute sich Cecil sehr, dass Darius endlich wieder werden würde, auch wenn er jetzt zunehmend schwächer wurde. Als Cecil schon fast am Ende und zusammenbrechen war, hörte Darius auf zu saugen und setzte sich auf.
Liebevoll und dankbar sah er Cecil an, der ihn gerettet hatte… ihn mit seiner Liebe gerettet hatte. Sanft nahm Darius Cecil hoch und trug ihn auf seinen Armen ins Innere des Schlosses… wobei er das Schloss ganz nebenbei wieder in seinen Urzustand versetzte.
Er brachte den Kleinen in sein Schlafzimmer, legte ihn dort auf das Bett und verschwand kurz, um nur wenig später mit einem Opfer wieder zu kommen. Nachdem er etwas Blut in eine Kristallkaraffe abgefüllt hatte, ging er auf das Bett zu, nahm Cecil in die Arme und gab ihm das Blut zu trinken.
Langsam trank Cecil das Blut und sah Darius währenddessen liebevoll an. Darius lächelte Cecil an und nachdem der Kleine das Blut ausgetrunken hatte, legte Darius ihn wieder hin, lächelte ihn an und streichelte ihn zärtlich.
„Danke, dass du mich… gerettet hast, mein Kleiner“, flüsterte Darius Cecil zu, der ihn nur lieb anlächelte.
„Ich liebe dich, Darius.“
Darius lächelte still, nickte nur… sagte aber jetzt erst mal nichts… streichelte Cecil nur sanft.
*-*-*
„Ja, ich mag dich… sehr sogar!“, kam es von Kay, der Jeremys Hand dabei fest drückte.
„Lass uns zur Unterkunft gehen! Sam und Jeff machen sich sicherlich schon große Sorgen um dich“, fügte er dann ablenkend hinzu.
Es war einfach zu viel Gefühlschaos zur Zeit und Kay war einfach nur froh, dass es Jeremy gut ging.
Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht und er würde Jeremy schon noch zeigen, wie gern er ihn wirklich hatte. Aber dafür brauchten sie ein ungestörtes Plätzchen und vorher sollten die Anderen erst mal Bescheid wissen, dass es Jeremy gut ging.
Das Schloss verwandelte sich nun langsam wieder zurück in seinen Ursprung, was hieß, dass es Darius gut ging und Cecil es geschafft hatte. Also konnten sie ohne schlechtes Gewissen von hier fortgehen.
*-*-*
Jeremy nickte einwilligend, nachdem er gesehen hatte, dass sich das Schloss tatsächlich wieder verändert hatte. Hatte es Cecil… der kleine Cecil wirklich vermocht Darius zu überzeugen? Jeremy freute sich für ihn und wünschte beiden, in Gedanken, alles Gute.
„Ja, gehen wir zurück“, ging Jeremy auf die Ablenkung ein, denn auch er kam mit diesen vielen Gefühlen nicht so wirklich klar.
Kays Händedruck, zeigte ihm dennoch, dass etwas Wahres an dem was er gedacht hatte, dran sein müsste. Gemeinsam gingen sie zurück zur Unterkunft, wo sie nach einigen Stunden auch ankamen. Sam war froh, dass es „ihrem kleinen” Jerry, gut ging und nahm ihn sanft in die Arme, nachdem sie die Unterkunft wieder betreten hatten.
Sie schaute ihn sich genau an… ob ihm auch wirklich nichts fehlte.
„Ja, Sam, jetzt ist gut… mir fehlt nichts… hör auf mich zu bemuttern… verdammt!“, motzte Jeremy, dem diese Fürsorge mächtig auf den Zeiger ging.
„Du bist aber nun mal der Jüngste hier und unser Sorgenkind“, verteidigte sich Sam und wuschelte Jeremy durch die Haare.
„Boah, ja, jetzt reichts ja… du gehst mir echt voll auf den Wecker, man… hör auf! Sonst kann ich auch gleich wieder verschwinden und dann seht ihr mich nie wieder! Ist das klar?!“, wurde Jeremy nun doch sehr ungehalten.
Sam schwieg nun und entfernte sich, kopfschüttelnd… so hatte sie ihren Jerry noch nie erlebt… was hatte der Junge nur? Schnurstracks ging sie in das Büro ihres Vaters und erzählte ihm von Jeremys Ausraster…
*-*-*
„Mich wirst du aber nicht los! Ich finde dich überall“, grinste Kay, Jeremy an.
Er konnte Jeremy durchaus verstehen, aber ahnte auch, dass da noch etwas kommen würde. Es war heute schon einiges los und so wurde Kay wieder mal blöd angepöbelt.
„Boa, hier stinkt es nach nasser Hund!“, kam es von einem Vampir und ein anderer, der neben ihm stand rümpfte die Nase und lachte.
Noch versuchte Kay sich zu beherrschen, doch hatte er die Beiden durchaus auf dem Kicker. Ungern ließ er sich so etwas gefallen, war kurz davor sich einen der Beiden zu schnappen.
*-*-*
Auf Kays Bemerkung hin grinste Jeremy zwar, doch so wirklich in Ordnung war mit ihm derzeit nichts. Aber auch Jeremy, der dieses Gepöbel unmittelbar mitbekam, schaute in die Richtung der Beiden.
Er war eh schon geladen und stinksauer, dann und so als hätte man etwas verpasst, ging er auf den Vampir los, der diesen Kommentar abgelassen hatte. Er griff ihn an, obgleich der viel Größer war als er selbst, aber das war Jeremy nun egal, packte ihn am Kragen.
„Hast du Spinner ein Problem mit Werwölfen, hä?! Willst du was auf die Fresse haben, oder was?! Halt einfach die Schnauze, oder ich zieh dir richtig eine rein!”, schrie Jeremy fauchend.
Dann sah er zu dem anderen, der gelacht hatte, und fauchte auch ihn an.
„Was gibt es da zu glotzen?! Verzieh dich, man!“
Und redete sich nun richtig in Rage… er war wütend und wurde diese Wut irgendwie so gar nicht los, und das obwohl er niemals so etwas tat oder getan hätte… auch hätte er niemals Sam so angemotzt.
Was war nur mit ihm los?
*-*-*
Kay wusste nicht was mit Jeremy los war, aber er nahm sich den anderen vor, der gerade reißaus nehmen wollte.
„Du bleibst schön hier!“, sagte er und fletschte seine Zähne.
Natürlich geschah das alles nicht gerade leise und so würde sicherlich gleich jemand kommen und es roch nach Arrest. Aber vielleicht würde das die Gemüter wieder beruhigen.
*-*-*
Jeremy konnte sich nicht zusammennehmen, hob seine Faust und verpasste diesem Typen richtig eins auf die Nase. Er konnte sich einfach nicht mehr beherrschen! Natürlich bekamen das nun auch Jeff und Sam mit, die eilig das Büro verließen und gerade dazu kamen, als Jeremy dem anderen Vampir eine rein zog.
„JEREMY!“, schrie Jeff, packte den kleinen Vampir am Kragen und zog ihn von dem anderen weg.
Sam packte derweil Kay am Kragen und zog ihn ebenfalls von dem anderen weg.
„Was ist passiert? Was sollte das, Jeremy?! Los antworte!“, fragte Jeff.
Jeremy immer noch stink sauer sah Jeff an.
„Der da…“, zeigte auf den anderen Vampir, „ …hat gesagt, dass es hier nach nassem Hund stinken würde und Kay damit beleidigt und der andere hat gelacht und die Nase gerümpft… ist das etwa okay?!“
Jeff hörte es sich an und sah dann auch die beiden anderen Vampire an. Dann sah er Kay.
„Ist das wahr, hat es sich so abgespielt?“
*-*-*
Eigentlich wollte Kay sich in Schweigen hüllen, wie immer, wenn so etwas geschah. Doch Jeremy hatte die Wahrheit gesagt und deshalb nickte er zustimmend.
„Ja, so war es!“, antwortete er und schaute Jeremy an.
Sollte es dieses Mal etwas anders ablaufen, als sonst? Sicher würden sie trotzdem bestraft werden oder hatten sie Glück? Kay riss sich von Sam los, wollte aber keineswegs Ärger machen. Er wollte nur nicht am Kragen festgehalten werden.
Dann rückte er seinen Anzug zurecht und fuhr mit der Hand durch seine Haare.
„Ist doch auch so! Hier riechst doch auch komisch“, konnte sich der eine Vampir nun nicht verkneifen.
*-*-*
Jeremy nickte noch einmal, nachdem Kay es bestätigt hatte. Gerade wollte Jeff noch etwas sagen, als sich Kay von Sam löste… was nicht weiter schlimm war und Jeff nun Jeremy auch losließ. Aber was Jeff dann zu hören bekam, ließ ihn nur mit dem Kopf schütteln und wand sich dann an den anderen Vampir.
„Das ist doch wohl nicht dein Ernst, was du hier von dir gibst, Ken!“, regte sich Jeff auf, „da hast du nicht umsonst gesagt! Deine Strafe dafür, sechs Monate Arrest, wegen Beleidigung! Und du..“, er wand sich an den anderen, „Savi… bekommst ebenfalls sechs Monate Arrest, dann habt ihr beide genug Zeit zum Überlegen“, bestimmte er, ließ dann auch schon die Hauswächter erscheinen, die die Beiden fest hielten und dann weg brachten.
Schließlich wand er sich an Kay und Jeremy.
„Kay, ich verstehe dich und du wirst nicht bestraft, aber bitte versuche dich etwas mehr zu beherrschen, okay.“
„Jeremy… mit dir bin ich noch nicht fertig, du kommst erst mal mit mir… das was du dir hier leistest geht gar nicht! Also, mit kommen!“, befahl Jeff und Sam schnappte sich den Kleinen und zog ihn mit sich, während Jeff ebenfalls den Raum verließ.
*-*-*
Erst grinste Kay triumphierend, doch dann wäre er am Liebsten dazwischen gegangen, als Jeremy von Sam geschnappt wurde. Unsicher schaute er ihnen nach, ging sogar ein paar Schritte hinterher. Er würde nicht zu lassen, dass Jeremy eine Strafe bekäme!
*-*-*
Sam und Jeff brachten Jeremy ins Büro. Jeff setzte sich und auch Jeremy musste sich setzen, nur Sam blieb an der Tür stehen… nur um eine mögliche Flucht zu verhindern.
„Also Jerry, was ist los mit dir, hm? So hast du dich doch sonst nicht benommen“, fragte Jeff.
„Keine Ahnung… ich war halt sauer, auf den Typen, weil der doch Kay beleidigt hat. Ich mag Kay… ich hab ihn echt gern und da konnte ich das doch nicht so hinnehmen.“
„Jerry, das meine ich auch nicht. In diesem Fall hast du dich ja auch sehr tapfer verhalten, als du deinen Freund verteidigt hast. Was ich meine ist, wie du dich Sam gegenüber benommen hast.“
„Ja, sorry… tut mir leid. Ich habs nicht so gemeint. Ich weiß auch nicht warum ich so ausgerastet bin.“
„Jerry, für dieses Mal, lasse ich dir das gerade noch durchgehen, weil du nun mal unser Kleiner und das Sorgenkind hier bist… aber das nächste Mal… geht es für dich nicht mehr so glimpflich ab. Hast du mich verstanden?“
Jeremy nickte brav und senkte seinen Blick. Jeff sah Jeremy an und irgendwas in seinem Verhalten erinnerte ihn stark an… Darius… als er noch sehr jung und gerade erst hier neu war.
„Jeremy?“
„Hm?“
„Ich würde dich gern hypnotisieren… ist das okay für dich?“
„Warum denn das? Ich denke, es ist alles okay“, fragte Jeremy, sich weigernd.
„Warum nicht… hast du etwas zu verbergen, hm?“
„Ich möchte das eben nicht“, widersetzte sich Jeremy standhaft.
„Ich könnte dich auch dazu zwingen, also…“
„Nein, ich will das nicht.“
„Ich verstehe… oder sollte ich dich vielleicht mit…Darius ansprechen, hm?“
Jeremy schwieg nun… Jeff durchdringend ansehend.
„Darius, wenn du mich hören kannst… und ich weiß, dass du mich hörst… dann gib den Jungen frei… Du quälst Jeremy damit nur! Hör auf damit!“
„Warum sollte ich damit aufhören… ich fühle mich wohl in Jeremys Gedanken.“
„Darius, Jeremy hat dir nichts getan… gib ihn frei! Ich kann auch andere Maßnahmen ergreifen… du weißt das, nicht wahr.“
Darius verstummte und Jeremy sackte in sich zusammen. Jeff nickte zufrieden… er hatte ihn also freigegeben.
„Sam, bring Jerry in den anderen Raum und leg ihn auf das Sofa. Stell was zu Trinken für ihn hin, er wird es brauchen.”
Sam nickte, schnappte sich Jeremy und trug ihn auf den Armen in den anderen Raum, wo sie ihn vorsichtig auf das Sofa legte und ihn sanft zudeckte. Dann ging sie in die Speisekammer…
*-*-*
Kay ging direkt zu Jeremy rüber und setzte sich zu ihm.
„Was ist mit ihm?“, fragte er besorgt, „Jeremy?“
Liebevoll legte er eine Hand auf seine Stirn, streichelte ihn ein wenig. Zum Glück war sonst niemand hier und Kay setzte sich nun zu Jeremy aus Sofa, ans Kopfende auf die Knie und nahm dessen Kopf auf seinen Schoß.
Sehr zärtlich ließ er nun seine Fingerspitzen über Jeremys Gesicht fahren und wartete, dass er erwachte.
*-*-*
Bevor Sam den Raum verließ, wandte sie sich an Kay.
„Darius hatte seine Gedanken besetzt und ihn gelenkt… aber jetzt ist alles wieder gut.“
Sie verließ das Zimmer endgültig, um Jeremy eine Karaffe Blut aus der Speisekammer zu holen. Damit kehrte sie wieder in den Raum zurück und stellte diese auf den Tisch, blickte Kay lieb an und lächelte.
„Bitte, kümmere dich ein wenig um ihn, ja. Ich danke dir“, dann verließ sie den Raum und widmete dich wieder ihrer Arbeit.
Eine halbe Stunde später erwachte Jeremy und öffnete ganz langsam die Augen…
*-*-*
Kay war die ganze Zeit über so sitzen geblieben und hatte Jeremy gestreichelt. Er wollte einfach warten, bis er erwachte. Dann endlich öffnete er seine Augen und Kay lächelte ihn an.
„Hey, mein Kleiner… Geht es dir besser?“, begrüßte er ihn und streichelte wieder sein Gesicht.
Einen sanften Kuss gab er ihm dann auf die Stirn, einfach so.
„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und dachte schon, dass du ewig schlafen wolltest“, lachte er dann.
„Komm, trink ein bisschen etwas, dann geht es dir gleich besser“, fügte er noch hinzu, bevor er nach der Karaffe griff und Jeremy beim Trinken half.
*-*-*
Gerade hatte Jeremy die Augen geöffnet, da sah er auch schon in das lächelnde Gesicht von Kay, der ihn liebevoll und sanft streichelte. Er lächelte zurück, schloss dabei aber ein wenig verlegen die Augen, um sie auch gleich wieder zu öffnen.
„Ja, mir… geht es besser… danke“, flüsterte Jeremy und sah Kay mit einem Blick an, der jedes Bambicasting sofort gewonnen hätte, als Kay ihm einen Kuss auf die Stirn gab. Kays Kommentar quittierte er ebenfalls mit einen Lachen.
Schließlich ließ er sich mal wieder von Kay füttern und trank brav die, ihm angebotene, Nahrung, obwohl er sich bei Sam immer wieder gewehrt hatte, aber bei Kay trank er brav alles aus.
*-*-*
Liebevoll leckte Kay anschließend über Jeremys Mundwinkel und stellte die leere Karaffe dann auf den Tisch. Sanft stupste seine Nase gegen Jeremys und seine Finger streichelten dessen Wangen. Sie waren allein und es war ganz ruhig in der Unterkunft. Als wäre es der perfekte Moment, wagte Kay es nun doch.
„Ich liebe dich!“, flüsterte er.
Damit schmiss er alle Zweifel über Board. Sollten sie doch Vampir und Werwolf sein, war das nicht egal. Ob Mann und Frau, oder Mann und Mann, ob Frau und Frau und eben ob Vampir und Werwolf.
Einzig und allein die Gefühle zählten.
*-*-*
Mit großen strahlenden Augen sah Jeremy Kay an und musste grinsen, als dieser ihn an der Nase anstupste und seine Wangen so unglaublich sanft streichelte. Kays anschließende Worte vernehmend wusste Jeremy nun auch endlich, was das für Gefühle waren, die in seinem Bauch herumflatterten, als wären es Schmetterlinge.
„Ich liebe dich auch“, kam es von ihm, denn so fühlte er wirklich.
Er machte sich gar keine Gedanken darüber, dass sie so vollkommen anders waren. Ihm war es auch völlig egal, dass Kay ein Werwolf und er selbst ein Vampir war.
Jeremy lächelte Kay total süß und lieb an, hob ein wenig seinen Kopf, legte seinen rechten Arm um Kay und zog ihn etwas an sich heran… dann folgte er seinen Gefühlen und küsste Kay sanft und sehr zärtlich auf die schönen weichen Lippen.
Seine Augen schlossen sich dabei genießend und er hatte nicht vor Kay, in nächster Zeit, so schnell wieder loszulassen.
*-*-*
Nur zu gerne ließ Kay das geschehen und erwiderte den Kuss. Seine Hände blieben auf Jeremys Wangen liegen und streichelten ab und an diese. Ein sanftes Brummen kam von Kay und er gab sich total seinen Gefühlen hin und genoss diese Nähe sehr.
Alles um sich herum vergessend, küsste er Jeremy leidenschaftlich und liebevoll. Seine Zunge suchte sich den Weg in Jeremys Mundhöhle, wo sie mit dessen Zunge zu spielen begann. Doch sonst tat Kay nichts weiter. Er genoss es einfach Jeremy zu küssen und ließ sich treiben.
*-*-*
Ohne den Kuss zu lösen, erhob sich Jeremy ein wenig und erwiderte Kays leidenschaftlichen Kuss nur allzu gern und begrüßte dessen Zunge spielerisch.
Währenddessen schickte er aber seine Hände schon mal forschend, aber zärtlich streichelnd über Kays Körper und was er spürte gefiel ihm sehr. Sehr schnell hatte er den Saum des Shirts erreicht, ließ seine linke Hand unter das Shirt gleiten und streichelte dort die weiche Haut sanft.
Mit seinen Finger zog er spielerisch kleine Kreise auf Kays Bauch, wanderte noch etwas hoch und umkreiste dann dessen Brustwarzen, während er mit seinen Lippen küssend an Kays Hals herab wanderte.
Das Shirt hebend, ließ er seine Zunge erst über die linke, dann über die rechte Brustwarze gleiten, streichelte sie mit seiner Zunge… konnte es aber auch nicht lassen leicht hinein zu beißen. Seine rechte Hand wanderte derweil in die Nähe von Kays Gürtellinie…
*-*-*
Genießend schloss Kay die Augen und quittierte Jeremys Zärtlichkeiten mit einem genüsslichen Brummen. Der Kleine wusste scheinbar definitiv was er tat und er machte es sehr gut. Doch er konnte das auch!
Also zog er Jeremys Kopf zu einem Kuss heran und dann wurden auch Kay Finger ungeduldig und suchten unter dem Oberteil nach nackter, weicher Haut. Die war auch schnell gefunden und während Kay, Jeremy küssend aufs Sofa drückte, streichelte er dessen Bauch.
Dann rutschte er runter und fing an den Bauch zu küssen. Seine Zunge glitt über die Haut und versank kurz im Bauchnabel, bevor sie den Hosenbund erreichte.
*-*-*
Den heißen und innigen Kuss erwidernd, ließ sich Jeremy von Kay aufs Sofa drücken und genoss nun dessen Zärtlichkeiten in vollen Zügen, wobei er sich ein leises Stöhnen nicht verkneifen konnte.
Kay war der absolute Wahnsinn… ein Gott… der genau wusste, wie er Jeremy erregen konnte.
Seine Hände streichelten Kay überall wohin sie kamen… seinen Rücken, seine Schultern… seinen Kopf, doch als Kay seine Zunge in seinem Bauchnabel versenkte drückte Jeremy seinen Kopf, wohlig seufzend, schon leicht ins Polster hinein, denn er war sehr empfindlich.
Als er spürte, dass Kay seinen Hosenbund erreicht hatte, stöhnte er leise auf, hob sich Kay entgegen, während er leicht fahrig über Kays Haare streichelte und diese leicht zerwühlte…
*-*-*
Jeremys Hände in seinen Haaren spornten Kay an und er öffnete die Hose. Erst mal fuhr er sanft mit der bloßen Hand über Jeremys empfindlichste Stelle, bevor er mit der Hand in die Hose ging und diese ganz öffnete.
Seine Lippen konnten nicht widerstehen und befeuchteten Jeremys Unterwäsche, bevor er dessen Männlichkeit befreite. Gierig fuhr er mit der ganzen Länge seiner Zunge die Männlichkeit entlang, bevor er Jeremy tief in die Augen sah und seinen Mund über dessen Männlichkeit stülpte.
Genüsslich saugte er daran, bevor er mit dem Kopf auf und ab ging. Seine eine Hand streichelte unterdessen weiter Jeremys Bauch und fuhr mit dem Finger kleine Kreise auf der Haut.
*-*-*
Nun war es mit Jeremys Beherrschung vorbei, als er Kay an seiner Männlichkeit spürte und quietschte kurz auf, was dann in ein sehr erregtes Stöhnen überging. Seine Männlichkeit reagierte sofort auf Kays Zärtlichkeiten… wurde langsam sehr steif und hart, streckte sich Kay beinahe entgegen.
Jeremy drückte seinen Kopf ins Polster, sein Rücken drückte sich ebenfalls schon durch und seine Hände zerwühlten weiter Kays weiche Haare, während er sich ihm entgegen streckte. Da er so etwas ja nicht kannte, währte dieser Spaß nicht so lange wie es Jeremy gern gehabt hätte und er ergoss sich laut stöhnend in Kays Mund.
Ein wenig erschöpft blieb er zunächst liegen… grinste dann aber vor sich hin, bei dem was er gerade dachte. Blitzschnell hatte er nun Kay rücklings auf das Sofa gelegt und sich auf ihn. Frech grinsend sah er ihm in die Augen, küsste ihn und streichelte ihn, bis auch er an Kays Gürtellinie kam und seine Hand leicht auf dessen Männlichkeit legte, die noch in der Hose verborgen lag,
Mit seinem Mund wanderte er nun ebenfalls den Bauch herab, umrundete den Bauchnabel und öffnete währenddessen die Hose seines Lieblings. Sehr langsam, aber geschickt entfernte er Kays Hose und befreite dessen Männlichkeit aus dessen Gefängnis. Ein wenig erstaunt schaute er sich kurz Kays Männlichkeit an, die eine beachtliche Größe aufwies, um dann zunächst nur sanft daran zu lecken, sie zu küssen.
Während er mit seinen zarten Fingern die Hoden seines Lieblings massierte, begann er leicht an dessen Männlichkeit zu saugen… wurde dann aber auch sehr gierig… leckte aber auch ab und zu an Kays Hoden liebevoll, sanft… zärtlich…
….als Vampir war er eh im Saugen unschlagbar…
*-*-*
Kay hatte alles geschluckt, was Jeremy ihn gegeben hatte und ließ sich nur zu gerne jetzt von ihm verwöhnen. Nur stöhnte er nicht, er knurrte eher leise, was ab und an von einem Brummen begleitet wurde. Eben eher Werwolf typisch.
Seinen Kopf warf er wild mal nach rechts, mal nach links. Jeremy konnte wahrhaftig gut saugen. Lange hielt Kay es nicht aus, denn dafür hatte er viel zu sehr die Rosarote Brille aufgesetzt und war viel zu heiß.
So ergoss auch er sich, in den Mund seines Liebsten und hatte anschließend ein breites Grinsen auf den Lippen, als er das Nachglimmen des Orgasmus genoss.
*-*-*
Jeremy schluckte was Kay soeben los geworden war und leckte sich lasziv über die Lippen, während er ihm verliebt und grinsend in die Augen sah.
Schließlich krabbelte er wieder zu Kay hoch und küsste ihn.
„Ich liebe dich“, hauchte er in den Kuss hinein und streichelte zärtlich über Kays Wangen.
Er hatte definitiv seine große Liebe gefunden… auch wenn er sie nicht gesucht hatte. Jeremy liebte Kay wirklich und nahm sich auch vor die Unterkunft bald möglichst zu verlassen und sich mit ihm etwas eigenes zu suchen, wo sie gemeinsam leben konnten… sofern es Kay auch wollte.
Okay, sie kannten sich erst kurz, aber sie liebten sich doch und waren sich nun schon so nahe gekommen… was sollte dann noch gegen ein Zusammenleben sprechen…? Zwar war die Unterkunft relativ sicher, aber für immer und ewig wollte er hier nicht bleiben… und immer unter Jeffs und Sams Aufsicht stehen.
Nein, danke…
*-*-*
„Ich liebe dich auch!“, antwortete Kay und schmiegte sich an Jeremy.
Auch er hatte Zukunftspläne und die fielen genauso aus wie die von Jeremy!
*-*-*
Epilog
Nachdem Jeremy und Kay irgendwann über ihre Zukunftspläne gesprochen hatten, waren sie sich einig, dass sie hier nicht bleiben wollten. Sie suchten sich ein kleines, aber sehr hübsches Häuschen, kauften es und zogen aus der Unterkunft aus.
Natürlich waren Sam und Jeff davon nicht gerade begeistert, insbesondere Sam war sehr traurig, denn sie mochte Jeremy sehr gern, aber sie wusste auch, dass er sein eigenes „Leben“ hatte und musste ihn somit traurig ziehen lassen.
Kay und Jeremy lebten glücklich zusammen und so langsam verschwand auch Kays Aggressivität, die er ab und zu hatte. Sie gingen gemeinsam jagen, woran sich Jeremy natürlich erst noch richtig gewöhnen musste, was aber dann auch kein allzu großes Problem mehr darstellte.
Auch bei Darius lief es nun etwas besser. Cecil hatte es wirklich geschafft und Darius offen und ehrlich seine Liebe gestanden, die dieser irgendwann tatsächlich erwiderte, obwohl ihm immer noch Jeremy im Kopf herum schwirrte.
Aber er hatte auch gesehen, dass Jeremy nun vergeben und mit Kay zusammen war, so dass er sich Cecil nun doch endlich zu wand und ihn lieben konnte. Jedoch ging er Jeremy und Kay möglichst immer aus dem Weg… es tat ihm nämlich weh die beiden so zu sehen.
So ganz kam er allerdings nie über Jeremy hinweg… auch wenn Cecil ihm all seine Liebe gab…
~ (ENDE) ~

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Information Ch & Ch
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:55 AM - No Replies

Ch&Ch

Es war kurz vor Ende des letzten Jahrtausends, also zu einer Zeit, in der Digitalkameras gerade die Türen der Versuchslabore verlassen hatten und frisch auf den Markt kamen. Jedenfalls waren sie für mich als armen Studenten zum damaligen Zeitpunkt unerschwinglich. Aber mein größtes Hobby ist nun einmal die Photographie und ich nannte – Oma sei Dank – eine ziemlich gute (und teure) Fotoausrüstung mein eigen. Alles in allem, so knappe fünf Kilo inklusive passenden Koffer, die ich da mit mir rumschleppen musste, wenn ich meinem zweiten Hobby, dem Reisen frönte. (Unter uns gesagt, ich habe sogar mal ein Stativ mit auf das Kleine Matterhorn geschleppt, nur um eine einzige Rundaufnahme zu machen.)
Das Erlebnis, über das ich euch berichten will, ereignete sich auf meinem ersten Tripp nach New York. Ich, Christoph Alexander von Waldendorf, hatte mein Jura-Studium in München gerade beendet und wollte noch etwas erleben, ehe ich mich in die Beschaulichkeit des Allgäus zurückziehen müsste. Die Vergabestelle in München hatte mich dem Landgericht Kempten zugeteilt, wirklich toll; ich hätte kotzen können.
Am Nachmittag des zweiten Urlaubstags hatte ich den gesamten Skulpturenpark vor den Vereinten Nationen abgelichtet und mir beim deutschen Fleischer in Grand Central einen kleinen Imbiß gegönnt. Den Abschluss des Knipsmarathons dieses Tages in der Stadt, die niemals schläft, sollten ein paar Schnappschüsse auf der 5th Avenue bilden.
Besonders war ich an St. Patricks Kathedrale interessiert. Das neugotische Gotteshaus aus Stein und Marmor, seit 1879 dem Schutzheiligen der Iren geweiht, ist Sitz der Erzdiözese New York und mit 2200 Plätzen zwar nicht mehr in den Top-Ten der Kirchen der Welt. Wer aber dem Trubel zwischen Rockefeller Center, Olympic Tower und dem Kaufhaus Saks entgehen will, der ist zu jeder Zeit willkommen: Ruhe kann man hier finden.
Ich also aus dem Bahnhof an der 42.sten Straße raus, dessen Halle größer ist als das Kirchenschiff von Notre Dame in Paris, und rechts hoch in Richtung Fünfter Avenue. An der Ecke steht die New York Public Library, zu deren Kostbarkeiten unter anderem ein von Jefferson handschriftlicher Entwurf der Unabhängigkeitserklärung gehört. Eine originale Gutenbergbibel und Handschriften von Galilei lasse ich jetzt mal unerwähnt, ist ja europäisches Kulturgut.
An den steinernen Löwen, die den Eingang zu der 1911 im Beux-Arts-Stil gebauten Bibliothek flankieren, kann man nicht nur Lesehungrige photographieren; da pulsiert das Leben. Mir hatte es ein ungefähr 180 cm großer Bodybuildertyp mit mittellangen, blonden Haaren und Nickelbrille angetan, den ich zuerst unabsichtlich, dann aber mit gewissem Verlangen, auf das Cellulaseacetat bannte. Was er las, konnte ich nicht sagen, aber er strahle inmitten all des Trubels, der um ihn herrschte, eine gewisse Ruhe und Gelassenheit aus. Jedenfalls, ich hatte um diesen Lesetempel mit seinen über 9 Mio. Bestandsbüchern und dem angrenzenden Bryant Park mehr Bilder gemacht, als eigentlich geplant. Das Ergebnis war: mir sind schlicht und ergreifend einfach die Filme ausgegangen.
Leicht genervt blieb mir daher nur der Rückzug in Richtung Hotel, die Kathedrale musste bis zum nächsten Tag warten. Der Weg hin und zurück zu meiner Filmlagerstätte hätte die Lichtverhältnisse derartig geändert, dass man nur noch mit Stativ hätte vernünftig knipsen können, aber das lag wohlbehalten in meiner Münchener Studentenbude.
Ich spulte den Film zurück und verstaute selbigen nebst Kamera in den schützenden Schaumstoff meines Photokoffers und schulterte das Aluminiumtragegerät. Meinen wertvollsten Besitz klemmte ich unter meinem rechten Arm ein und machte mich auf den Weg über eine der teuersten Einkaufsstraßen der Welt. Ich wollte mir aber wenigstens einen optischen Eindruck vom Sakralbau verschaffen, also keine Metro, sondern den Weg zum YMCA an der 63.sten Straße West per pedes!
An der Ampel überprüfte ich noch einmal den Sitz des Tragegurtes, ließ die rechte Hand baumeln und machte mich, wie so viele andere um kurz nach fünf auf den Weg in Richtung Central Park. Wohl noch wütend über meine eigene Unachtsamkeit, zu wenig Filme eingepackt zu haben, war ich doch mehr mit mir selber als mit meinem Umfeld beschäftigt. Ich blickte auf den „Lachs-Tower“, den kleinen Bruder und Vorläufer des Empire State Building. Jedenfalls sind gewisse Parallelen zwischen dem Salmon-Tower und dem Empire-State-Building unverkennbar, der gleiche Architekt war am Werk.
Nun kann es passieren, dass ein Unterarm, wenn dessen Träger in die eine Richtung geht und dabei, zum Schutz vor irgendwelchen Taschendieben, die es ja auch im Big Apple geben kann und soll, ein Behältnis unter Zuhilfenahme des Oberarmes an den Körper presst, dass ein solcher Unterarm in leichtes Schwingen gerät.
Dieses Schwingen an sich ist ja nicht schlimm, sondern nur eine natürliche Reaktion auf die Bewegung, aber da besagte Bewegung nicht vor der unteren Extremität, sprich Hand und Fingern, halt macht, kann das Ganze zu einer Reizung der Merkel-Zellen führen. Auf Deutsch: Man kann irgendetwas berühren. Während in der freien Natur dies eher Sträucher und Gräser sind, sind dies in einer Stadt eher Schilder, Stromkästen und – je mehr Einwohner ein urbanes Gebilde hat – auch Menschen.
Ungefähr in Höhe des „Tripple-F“ (FRED F. FRENCH BUILDING)spürte ich, dass mein kleiner rechter Finger, der eh immer leicht abgespreizt ist, menschliche Haut berührte. Die Abspreizung liegt jedoch nicht darin begründet, dass ich schwul bin, sondern ist auf ein Missgeschick beim Handball zurück zu führen. Beim Versuch, einen Sieben-Meter zu halten, traf der 450 Gramm schwere Ball mit voller Wucht auf den kleinen Kameraden. Das Ergebnis war ein dreifacher Bruch mit einhergehendem Bänderriss, und ebenjener ist nicht ganz korrekt verheilt.
Ich maß der flüchtigen Berührung keine allzu große Bedeutung zu, ich saß ja eh mit mir über mich und meine Vergesslichkeit zu Gericht. Der Körperkontakt wiederholte sich allerdings kurze Zeit später in der Höhe der Benetton-Filiale und dann erneut, als ich die ersten Schaufenster von Saks passierte. Ich schaute kurz nach der Quelle des Kontakts: mittelgroßer Ami, ungefähr mein Alter, Gesicht und Haare allerdings unter Brille und Basecap verborgen, man sah nicht viel, leider.
Ich blieb an der Kreuzung zur 50.sten stehen, schaute auf die europäisch anmutende Fassade der Kathedrale, zuckte seufzend mit den Schultern und kreuzte auf die andere Straßenseite, um mir das Gotteshaus näher anzuschauen. Lange blieb ich jedoch nicht stehen, ich wechselte die Trageseite meiner Fototasche und setzte den Weg fort. Das Schwingen der Hand war diesmal auf der linken Seite.
Am Olympic Airways Building erfolgte ein erneuter Hautkontakt, ich kümmerte mich nicht darum. Bei Cartier eine erneute Reizung der Merkel-Rezeptoren, diesmal schaute ich nach der Quelle: Das Basecap kam mir bekannt vor, aber die blaue Mützen mit den drei Buchstaben NYC sah man hier öfters. Die Proportionen der bebrillten Störungsquelle gefielen mir jedenfalls.
Auf der anderen Seite sah ich eine 666, das Tishman Building, in dem die NBA ihre offizielle Verkaufsstelle hat. Basketball interessiert mich weniger, also legte ich einen Zahn zu. Die Störquelle folgte weiter, wie ich feststellte. Ich grinste innerlich.
Vor der Dunhill-Filiale stoppte ich. Mein Verfolger tat ebensolches. Ich schaute ihn an, zwar nicht direkt, ich bediente mich der Reflexion des Schaufensters. Das Spiel setzte ich beim Nachbarladen, ESCADA, fort. Daneben hat ein Deutscher Modeschöpfer namens Boss seine Verkaufsstelle. Mein Schatten kniete sich nieder und tat so, als ob ihn sein Schuh zumachen wollte. Ich blickte auf die italienischen Treter, es waren Slipper.
Nach dem Coca-Cola-Haus und einigen weiteren (un-)absichtlichen Handkontakten warf ich einen genüsslichen Blick in die Auslagen von Tiffany’s. Dort wird zwar viel, aber kein Frühstück serviert, jedenfalls nicht für Otto-Normal-Verbraucher.
Ich wechselte erneut die Straßenseite. Wenn mein Verfolger mir jetzt nacheilen sollte, wollte er was, da war ich mir sicher. Allerdings ging ich nicht allein über die Straße, ich geriet in eine japanische Reisegruppe, die im Gegensatz zu mir, ihre Produkte fototechnischer Art um den Hals trugen. Fast schon betrübt hielt ich nach meinem Schatten Ausschau, sah ihn allerdings nicht. Mist!
Ich blieb an der Ampel vor Bergdorf Goodmans stehen, schulterte meinen Aluminiumkoffer wieder auf die rechte Seite. Allerdings erfolgte die Aktion mit mehr Schwung als unbedingt notwendig. Ich traf mit der unteren Ecke des Photokoffers meinen Nebenmann in der Magengegend, so etwas wie „Argh!“ drang an mein Ohr. Ich drehte mich um und sah jemanden, der, leicht nach vorn gebeugt, sich mit der rechten Hand den Bauch hielt.
Man hat ja schon von den horrenden Schadensersatzansprüchen in den Staaten gehört und ich war leicht panisch. „Sorry, so sorry!“, konnte ich nur stammeln. Mehr als eine verwaschene 7/8 Jeans, hellgrünes Shirt und Basecap sah ich nicht. Langsam kam mein Unfallopfer wieder zu sich, er streckte sich. Ich sah in eine Sonnenbrille und erkannte meinen Schatten wieder.
„Hi.“ Er grinste mich an. „Are you ok?“ „Yeah, I am all right. Are you always so impetuous?” Ich grinste. „If I can’t see the eyes of my opposite.”Er nahm Basecap und Brille ab und schüttelte sein blondes Haupt. Das konnte nicht wahr sein! Vor mir stand mein Modell von der Bibliothek. Von Nahem sah er sogar noch besser aus als durch den Sucher meiner Kamera.
„I am Christopher.“ Ich hielt ihm meine Hand hin und er ergriff sie. „Chester.“ „Nice to meet you, Chester!“ „I am pleased as well, Chris.“ Wir hielten uns immer noch an den Händen. „Photographer?“ Er deutete mit der linken Hand in Richtung Koffer. Ich lächelte. „No, only a tourist.“ „But with a heavy hobby.“ Seine Lachfältchen traten deutlich hervor, er hatte wunderschöne graugrüne Augen, in die ich stundenlang hätte abtauchen können.
In diesem Moment rammte uns ein dickbäuchiges Etwas. Der grauhaarige Mittfünfziger, hinter dem wir beide, Chester und ich, uns hätten ausziehen können ohne gesehen zu werden, grummelte nur so etwas wie „Damned faggots!“ und zog von dannen. Wir standen ja noch immer Hand in Hand vor der mittlerweile wieder roten Ampel. Quasi eine menschliche Barriere inmitten der pulsierenden Fünften Avenue.
„What are you going to do?“ Ich schmunzelte. „Nothing, merely holding hands with you!” Erschrocken ließ er meine Hand los und änderte seine Gesichtsfarbe in leichte Rottöne. Ich grinste in ein fragendes Gesicht. „To be honest, I was on my way to my hotel to have a rest – and to prepare for the night at Christopher Street.” „Where do you stay?” Ich deutete, mehr oder minder durch das vor uns liegende Plaza, in Richtung Central Park. „YMCA‘s.“ Chester blickte auf seine Uhr und griente mich an. „OK, let’s move! We have more then three hours, at nine I will meet some friends at Sheridan Square.”
Tja, das war die Geschichte, wie ich Chester William Milles den Dritten kennen lernte. Was wir dann da im sechsten Stock des roten Backsteinbaus an der 63.sten Straße West taten, ist eine andere Geschichte, die ich euch vielleicht das später einmal erzähle.

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