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Information Das Leben ist nicht immer Fair
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:01 AM - No Replies

Die Antwort habe ich bis heute nicht herausgefunden! Aber eines weiß ich, ich bin froh mich gefunden zu haben mit allen Höhen und Tiefen!
Wann habe ich gemerkt, dass ich anders bin? Schwul!
Ich war vierzehn und was sah ich mir in dem Alter an? Halbnackte Männer in Katalogen.
Ach ja hab mich ja nicht mal vorgestellt, mein Name ist Stefan und bin jetzt 23 Jahre alt.
Ich denke oft zurück an die schönen und auch weniger schönen Tage in meinem Leben.
Meine Gedanken gehen wieder zurück. MMHH vierzehn das war noch was. Also weiter, ich begann mir Gedanken zu machen über mich, wurde ruhiger und zog mich oft in mein Zimmer zurück, wollte eben meine Ruhe haben.
In der Schule waren Schwulenwitze an der Tagesordnung. Haste mal einen Jungen etwas intensiver angesehen, kam gleich die Frage „Biste SCHWUL?“
Ich zog mich zurück, wollte ja auch irgendwie dazugehören. Ja zu der so NORMALEN WELT. Das war ein Fehler, dass sollte ich später erst merken.
Nun zurück, unter Zwang versuchte ich ne Freundin zu finden. Habe ich dann auch nur das ich tief in mir drin nicht glücklich war. Die Schule war dann zu Ende und ich begann meine Lehre als Koch. Der erste Tag war nicht gerade toll, alle mussten sich vorstellen und das tat ich dann auch. Tja die erste Woche ging noch, aber dann mussten wir in so ein Sportlager. Der erste Tag dort im Lager, war noch ganz in Ordnung, aber dann fing mein ganz besonderer Alptraum an, der mich bis heute begleitet.
Um sechs Uhr weckte mich recht unsanft eine Lautsprecherstimme. Die Jungs auf unserem Zimmer murrten. Ich schwang meine Beine aus dem Bett und lief zum Schrank um meine Badetasche zu holen.
„Kieck mal Ede der Schwuli ist der erste. Will wohl abchecken wer den nettesten Arsch hat!“
Ich bekam eine Gänsehaut, meinte er mich? Ich beschloss für mich, nicht hinzuhören und ging mit Badetasche und Handtuch bewaffnet zum Waschraum.
Dort angekommen, putzte ich mir die Zähne und danach wusch ich mich. Dabei ging mir diese blöde Bemerkung nicht aus dem Kopf. Wen meinten Sie? Mich? Aber warum?
Mit diesen Gedanken ging ich zurück zu unserem Schlafraum um mich anzuziehen.
Kaum war ich dort angekommen, kam Michael auf mich zu: „Du sag mal stimmt das?“
„Was soll stimmen?“ fragend sah ich ihn an.
„Na das de Schwul bist!“
„Was soll das? Zum mit schreiben NEIN ich bin nicht schwul!“
„Ach so weil Rudolf das sagte!“
„AHA was Rudolf sagt muss stimmen, oder wie soll ich das verstehen?“
„Sorry hab ja nur gefragt!“
Na super, was geht hier ab. Mir wurde schlecht, so richtig. Bin ich jetzt im falschen Film? Nachdem ich mich angezogen hatte, ging ich mit Michael zum Frühstück.
„He Leute da kommt ja das Stück Scheiße. ÄHHH Schwuler na haste die Ärsche begutachtet?“
Alles fing an zu lachen und es wurden in meine Richtung einige obszöne Worte geworfen. Ich wusste in dem Augenblick nicht was ich sagen oder machen sollte. Also sagte ich nichts und setzte mich hin um zu Essen.
„Schwuchtel Du setzt Dich nicht neben mir, haste verstanden!“ dabei landete mein Teller mit dem Brötchen, dass ich mir gerade genommen hatte, auf dem Boden.
Was geht hier nur ab? Was habe ich denen denn getan. Tränen drückten sich in meine Augen und verschleierten meinen Blick. Für kurze Zeit sah ich nichts, nur die Stimmen die an meinem Tisch von irgendeinem Schwulen redeten und ihn beschimpften.
Mein Gehirn registrierte, dass Sie mich meinten. Aber ich habe doch gar keinem was getan. Eine Stimme in meinem Kopf beantwortete meine stumme Frage. Muss man was getan haben um von solchen Idioten abgestempelt zu werden?
Nein, war meine stumme Antwort, sie haben einen den sie verheizen können. So stand ich auf und bückte mich um meinen Teller aufzuheben. In dem Augenblick registrierte ich erst den Fuß der auf mich zukam und mich in die rechte Seite traf. Natürlich verlor ich gegen den Fuß und fiel auf meine linke Seite.
„Jetzt reicht es, hört sofort auf!“
Eine Hand schob sich in mein Blickfeld und packte mich an der Schulter.
„So du setzt dich zu uns!“ dabei zog mich diese Hand nach oben. Wie ein begossener Pudel wurde ich von dieser Hand zu einem Tisch gezogen.
„Hat hier auch irgendwer was dagegen, dass ER bei uns sitzt?“
Es kam keine Antwort und ich wurde auf einen der Stühle, die frei waren gedrückt.
„Hier trink erst mal was.“
Erst jetzt registrierte ich, dass es total ruhig im Essraum war.
„Danke! Warum machen die das?“
„Weil sie dumm sind und ihr Hirn kleiner als eine Wallnuss ist! DARUM! Wie ist Dein Name?“
„Mein Name ist Stefan!“ kam es leise von mir. Ich wollte nicht, dass alle meinen Namen hörten.
„Und Deiner?“ kam von mir die Gegenfrage.
„Patrick“
„Danke, das Du mir geholfen hast!“ ich konnte in dem Augenblick nicht mehr und fing an zu weinen.
„He ist in Ordnung!“
Ich nahm die Tasse und fing an zu trinken. An dem Tisch, an dem ich saß war es verdammt ruhig.
Was ging hier bloß ab, was nur?
„So auf Leute zu euren Gruppen!“
Ich stand zögernd auf, sollte ich zu meiner GRUPPE gehen?
Musste ich wohl. Ich sah kurz zu Patrick, der nickte mir zu.
„Wir sehen uns zum Mittagessen! Alles klar?“
Ich nickte und ging los. Draußen auf dem Appellplatz angekommen, sah ich meine Gruppe schon stehen.
„Ach da kommt ja unser Schnuckel!“ das kam eindeutig von Ede.
„Was hab ich Dir denn getan, dass Du so ein Scheiß von Dir lässt?“ fragend sah ich ihn an.
„Schwuli sieh mich nie wieder so an, ansonsten haste meine Faust im Gesicht!“
Wie bitte was hat der da gerade gesagt. Die anderen standen alle nur da, keiner aber auch kein einziger sagte einen Ton.
Eh ich irgendetwas sagen konnte, sah ich unseren Truppenführer auf uns zukommen.
„So Leute jetzt wird etwas Sport gemacht!“
Wie nicht anders zu erwarten wurde am gesamten Vormittag, blöde Sprüche in meine Richtung abgelassen. Wie einer von der Pest gekennzeichneter wurde ich in den Pausen gemieden.
Alleine saß ich jedes Mal da und dachte nur lass mich bitte aus diesem Alptraum aufwachen. Aber der Alptraum hörte nicht auf und mein Körper agierte wie ein Roboter und machte alles mit.
Nach dem Abendessen, ich saß wie immer bei Patrick am Tisch, ging ich in mein Zimmer und wollte nur noch unter die Dusche. Kaum im Waschraum angekommen, kamen schon die ersten blöden Sprüche.
„Äh die Schwuchtel will duschen!“
Ich sah mich nach einer freien Dusche um, aber alle waren belegt. Da es nur vier Duschen gab standen teilweise zwei bis drei Jungs unter einer Dusche.
„Schwuchtel für Dich ist hier kein Platz!“
Na dann eben nicht, dachte ich bei mir und ging zu den Waschbecken um mich dort zu waschen. Nachdem ich fertig war, nahm ich meine Waschtasche und ging zurück auf unser Zimmer. Dort angekommen zog ich mir meinen Schlafanzug an und legte mich in mein Bett.
Was war hier nur los? Ich fing an zu weinen und musste darüber eingeschlafen sein, denn das nächste was ich hörte war der obligatorische Weckruf zum Frühsport.
Langsam stand ich auf. Zu meiner Verwunderung kam von den anderen kein derber Spruch. Müde wie ich noch war ging ich in den Waschraum und wer stand dort am Waschbecken alleine, EDE!
„Morgen!“ sagte ich gequält und ging zu einen der Waschbecken.
„Willste was von mir Schwuchtel?“
„Was soll das? Ich habe dir nichts getan, lass mich einfach in Ruhe!“
Es kam auf meine Frage, keine Antwort nur weitere beleidigende Sprüche. Na toll soll das jetzt immer so weiter gehen? Wie soll ich das durchhalten? Beachte sie einfach nicht und höre nicht auf das was sie sagen, ging es mir durch den Kopf. OK die Woche bekommen wir hinter uns.
Der Tag verlief genau wie der vorherige. Immer wieder dumme Sprüche und Beleidigungen.
Patrick saß jedes Mal beim Essen neben mir und machte mir Mut das durchzuhalten.
„Stefan sag denen doch dass sie dich mal können.“
„Hab ich schon. Ich habe sogar Ede gefragt was das ganze soll, darauf hat er mir nur gedroht.
„Keine Antwort ist auch eine Antwort!“ sagte ich resigniert.
„Spreche doch mal mit unserem Schuldirektor und bitte ihn um Hilfe!“
„MMHH eine gute Idee, werde ich machen.“
Nachdem Abendessen ging ich nicht in unseren Schlafraum, sondern machte mich auf den Weg zu eben diesen Schuldirektor. Er ist ja schließlich Pädagoge oder wie das auch immer hieß.
Dieser saß als ich zu seiner Baracke kam davor und las eine Zeitung.
„Entschuldigung hätten sie kurz Zeit für mich? Ich habe ein großes Problem!“
„Na wenn es nicht lange dauert, dann erzähl mal!“
Ich erzählte diesem Herrn also über mein Problem, nachdem ich fertig war, schwieg er eine Weile.
„Hast Du irgendetwas getan, das sie dazu bringt dich so zu beschimpfen? Einen Grund muss es ja dafür geben!“ nachdem der letzte Satz heraus war, sah ich ihn erschreckt an.
Wie bitte? Was meinte er, ich hätte Schuld!
„Ich habe gar nichts gemacht, die fingen urplötzlich damit an!“, versuchte ich mich auch noch zu verteidigen.
Was dann von ihm kam, war nur gequirlte Scheiße. Ich sollte mich nicht so haben und und und ….
Wortlos stand ich auf und ging. Soviel zu unserem Herrn Pädagoge. Nachdem was ich verstand, sollte ich nicht hinhören und sowieso trage ich ja auch einen Teil Schuld dafür, dass es so gekommen ist.
Ich war sprachlos und ging zurück. Patrick und ein paar andere saßen draußen vor einer der Baracken.
„Na und konnte er dir helfen?“
Verneinend schüttelte ich den Kopf und erzählte was dieser A… mir gesagt hatte. Die anderen die bei Patrick saßen und alles mit anhörten schüttelten nur die Köpfe.
„Das gibt es doch nicht und so etwas nennt sich Pädagoge und Lehrer.“ Fassungslos sah mich Patrick an.
Ich nickte nur, denn selbst ich verstand die Welt nicht mehr. Das Martyrium ging für mich am nächsten Tag weiter. Es blieb dann nicht nur bei Sprüchen sondern sie schubsten mich rum wann immer sie konnten.
Wenn ich auch nie an Selbstmord gedacht hatte, in dieser einen Woche dachte ich ständig daran. Das einzige was mich davon abhielt, war meine eigene Feigheit. Heute im nach hinein war ich dankbar, das ich den Mut dafür nicht aufgebracht hatte.
Am letzten Tag wurden wir mit Bussen zum Bahnhof zurück gebracht. Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein nervliches Wrack, nach außen hin ließ ich mir nichts anmerken. Innen drin in mir sah es eher verheerend aus.
Patrick und einige andere standen zwar zu mir, aber keiner gab so richtig Paroli gegen die anderen. Wenigstens hatte ich noch welche die mit mir sprachen.
Bei den Bussen angekommen, sah ich Patrick in einen der Busse einsteigen. Leider war der Bus schon voll, so dass ich einen anderen nehmen musste. Ich stieg dann in diesen ein. Als ich mich im Bus umsah, musste ich feststellen, dass alle Sitze schon belegt waren. Also musste ich stehen. Vor mir saßen zwei Lehrer und redeten miteinander. Als der Bus anfuhr, hörte ich aus den hinteren Reihen die Stimme von Ede und seinen Kumpels.
„Seht mal die Schwuchtel ist ja auch hier drin. Schwuchtel zeig mal deinen Arsch!“
Lass Dich nicht fertig machen, sieh raus in die Landschaft. Höre nicht zu… und so weiter, ging es mir durch den Kopf.
Leute könnt ihr euch vorstellen wie lang dreißig Minuten sein können? Nein? Ich weiß es jetzt!
Von den beiden Lehrern kam nicht ein piep nichts. Keine Reaktion, keine Aktion. NICHTS.
Am Bahnhof angekommen stieg ich aus und versuchte soviel Abstand zu den anderen zu bekommen wie es nur ging. Irgendwann stand ich auf dem Bahnhof, in der Näher einer Gruppe von älteren Schülern. Einer von denen sah kurz zu mir und sagte etwas zu den anderen.
„He Du komm doch zu uns, wir beißen nicht!“ kam es dann von einem aus der Gruppe.
Ich nahm meine Tasche und ging zögernd näher.
„He, brauchst keine Angst zu haben, wir tun dir nichts! Du bist doch der, den die untere Jahrgangsgruppe so fertig macht?“
Ich nickte, dabei konnte ich mir nicht die Tränen zurück halten.
„Ist alles in Ordnung!“ kam es von einen der Mädels die bei der Gruppe standen.
Ich konnte nur nicken. Ein großer Kloß verschloss meine Kehle, es kam kein einziges Wort heraus.
„He ihr das ist ne Schwuchtel, mit dem würde ich mich nicht anfreunden!“ kam es hinter mir von einem Jungen der in meine neue Klasse ging.
„Was willst du Arsch uns damit sagen?“ kam es von einem aus der Gruppe, bei der ich stand.
„Hast wohl dein letztes bisschen Grips beim Schiessen verpulvert oder was?“
Aus den Augenwinkeln sah ich wie der Junge erst blass wurde und sich dann umdrehte.
„Lass den quatschen, der ist doch nicht ganz sauber. Komm du bleibst erstmal bei uns!“
So fuhr ich dann im Zug mit der Gruppe mit. Jonas, Stefanie und die anderen waren super nett und ich fragte mich, warum ich nicht die im Lager getroffen hatte. Jedenfalls vergaß ich für ein paar Stunden, den ganzen Mist und konnte auch wieder lachen. Ja mein Lachen war zurück, jedenfalls jetzt in diesem Moment.
Kaum zu Hause angekommen, wurde ich schon von unserem Hund Berry freudig empfangen. Als ob er spürte, dass etwas nicht stimmte blieb er an meiner Seite. Meine Eltern saßen mit meiner Schwester vor dem Fernseher, denn es war ja schon neun Uhr abends.
„Na Stefan, alles klar und wie war das Lager?“
„Ging so!“ kam es knapp von mir. Meine Mutter sah zu mir und sah mich etwas länger an.
„Ist wirklich alles in Ordnung mit Dir?“
„Ja Mutti es ist alles in Ordnung. Ich bin nur müde.“
Ich ging in mein Zimmer nach oben und schloss die Tür hinter mir. Puh endlich in meinen vier Wänden. Ich warf meinen Recorder an und hörte James Blunt. Ich legte mich auf mein Bett und sah zur Decke. Da klopfte es an die Tür.
„Ja?“ kam es fragend von mir.
Die Tür ging auf und meine Mutter sah rein.
„Darf man?“
„Klar darfst Du!“
Sie kam rein und schloss die Tür hinter sich. Dann setzte sie sich zu mir auf das Bett.
„Wirklich alles klar mit Dir? Du machst so ein bedrücktes Gesicht!“
„Nee ist wirklich alles ok. Bin bloß müde!“
„Wenn Du mit mir sprechen willst, dann komm zu mir Stefan!“
Ich nickte zu ihr hin und sie stand auf und verließ das Zimmer. Als ich nochmals nach unten in das Bad lief, hörte ich aus der Wohnstube die Stimme meiner Mutter.
„Klaus irgendetwas ist mit Stefan, er sieht irgendwie fertig aus.“
„Wenn er was hat, dann wird er es uns schon sagen!“ kam es von meinem Vater.
Ich lief leise zum Bad und danach wieder in mein Zimmer. Ich schlief diese Nacht genauso schlecht wie im Lager und wachte ständig auf. Da ich den nächsten Tag noch frei hatte, stand ich auch dementsprechend spät auf.
Geschlaucht wie ich war, stand ich dann irgendwann im Bad und machte mich Tageslicht tauglich. Heute wollte ich noch zu meiner Freundin, wir hatten uns schon zwei Wochen nicht gesehen. Also erst was futtern und dann ab mit dem Fahrrad. Bei ihr angekommen, klingelte ich an der Haustür. Kurz darauf ging die Tür auf und ihre Mutter stand vor mir.
„Hallo Stefan, Petra ist in ihrem Zimmer. Kannst durchgehen.“
Ich ging dann durch die Wohnung und klopfte an ihre Tür.
„Ja wer stört!“ kam es genervt.
„Ich bin es nur.“ Dabei öffnete ich die Tür und trat in ihr Zimmer.
„Ach du, ich dachte jemand anderes!“
Was ist denn das für eine Begrüßung, fragte ich mich und sah Petra an. Sie sah ziemlich genervt in meine Richtung.
„Störe ich etwa? Soll ich wieder gehen?“
„Nee wenn Du schon mal da bist!“
Was war hier bloß los? Das Rätsel löste sich dann ganz schnell auf, da sie kurze Zeit später von einem Typen aus ihrer Berufsschule schwärmte und so wie ich es verstand, waren die beiden auch schon zusammen ausgegangen.
Wenn schon totales Tief, dann glaube ich hatte ich das tiefste Tief erreicht. Ich verabschiedete mich nach zwei Stunden und fuhr mit meinem Rad nach Hause. Auf der einen Seite war ich froh, da ich für Petra nicht wirklich was empfand. Aber warum schwärmt sie mir von dem Typen was vor, anstatt mir nur zu sagen, dass sie einen neuen Freund hat. Tja viel Grips hatte sie noch nie und so wie ich mal später erfuhr, hatte sie den wenigen Grips auch noch im Alkohol ersoffen.
Den Rest des Tages verbrachte ich im Garten und mähte den Rasen. Da ich am nächsten Morgen ziemlich früh raus musste, ging ich auch früh zu Bett. Der nächste Tag fing um vier Uhr dreißig an, da klingelte nämlich mein Wecker.
Ich stand gequält auf und lief nach unten ins Bad. Nachdem das erledigt war, ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee. Puh das war dann auch geschafft.
Angezogen und etwas munterer ging ich dann los, zu meinem ersten richtigen Arbeitstag. Ich fuhr mit der Straßenbahn, bis Friedrichstrasse und stand kurz darauf vor dem Hotel. Na dann los, sagte ich zu mir und ging zum Personaleingang.
Von dort ging ich weiter in den Umkleideraum und begann mich umzuziehen. In dem Moment wo ich gerade meine Arbeitshose hochzog, wurde die Tür geöffnet. Ich sah kurz auf und erkannte Frank, der in meine Klasse ging.
„Schwuchtel wag es ja nicht mich anzuquatschen!“ kam es von ihm.
Ich sah ihn kurz an und ging an ihm vorbei, aus dem Umkleideraum. Als hinter mir die Tür zuschlug, merkte ich erst wie meine Beine anfingen zu zittern und dann kam das was man wohl einen Nervenzusammenbruch nannte. Jedenfalls klappte ich wie ein Taschenmesser zusammen und fing an zu heulen.
Das absolute Tief war also jetzt erst erreicht und ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Einer der Köche die hier arbeiteten, fand mich vor der Tür. Er führte mich erst mal in das Büro unseres OBERKOCHS. Der kam dann kurz darauf und setzte sich auf einen der Stühle die im Raum standen.
„Geht es dir nicht gut?“
Was für eine Frage, ich hätte lachen sollen über diese Frage. Mir ging es so super, das ich hier saß meine Arme um mich geschlungen hatte und hemmungslos heulte. Natürlich bekam er keine Antwort von mir.
„Junge du ziehst dich um und wirst nach Hause gehen.“
Tja wie ein Roboter bewegte sich mein Körper in den Umkleideraum und fing an mich umzuziehen. Dann verließ ich das Hotel.
Zu hause angekommen, sah ich dass meine Mutter schon von der Arbeit zurück war.
„Was machst Du denn hier?“ erschrocken sah mich meine Mutter an.
„Mir geht’s nicht so besonders!“
„So siehst du auch aus. Setz dich und jetzt erzählst du mir alles!“
Und ich fing an zu erzählen, dabei wechselte ich ständig zwischen erzählen und Heulkrampf.
Irgendwann lag ich in den Armen meiner Mutter und hörte nicht mehr auf zu weinen.
„So Sohnemann du gehst jetzt erstmal ins Bad und machst dich frisch. Dann werden wir heute Abend den Familienrat einberufen.“
Am Abend saßen meine Eltern und meine Schwester mit mir zusammen. Ich erzählte in Kurzform was los war.
„Das gibt es doch nicht und dieser Direktor hat nichts unternommen?“
Ich schüttelte als Antwort, zu der Frage meines Vaters, nur mit dem Kopf.
„Günther ich lass es nicht zu, dass der Junge da noch mal hingeht. Erstmal werde ich mit ihm morgen zum Arzt gehen und ihn krankschreiben lassen.“
„Ja und dann, was willst du dann machen?“
„Wir werden zur Berufsberatung gehen! Es wird ja noch andere Berufe geben, die ihm gefallen werden.“
Am nächsten Tag, waren wir dann erst einmal beim Arzt und dann gingen wir weiter zum Berufsberatungszentrum. Meine Mutter erklärte der Dame dann um was es ging und diese nahm mich dann mit in ihr Büro.
Dort angekommen fragte sie mich, was ich denn für Hobbys hätte. Ich fing dann alles was mir Spaß machte aufzuzählen. Da ich kein schlechtes Schulzeugnis hatte, zeigte sie mir dann was an Berufen in Frage kam.
Da ja die Berufsausbildung schon für alle angefangen hatte, konnte ich entscheiden ob ich ein Jahr aussetzte und dann erst mit einer neuen Berufsausbildung anfing, oder aber jetzt noch in eine schon laufende Berufsausbildung ging. Ich entschied mich für die zweite Variante, ich wollte nicht ein Jahr zu Hause rumhängen. So kam ich zu meinem neuen Beruf.
Danach machte die Dame mit mir alles klar und telefonierte dann mit der neuen Ausbildungsstelle. Nach drei Stunden stand ich dann mit meiner Mutter wieder auf der Strasse.
„So Junge und morgen fahren wir zu Deiner alten Schule, diesen Direktor möchte ich noch einiges auf den Weg geben.“ so wütend hatte ich meine Mutter noch nie gesehen.
Am nächsten Tag waren wir dann auf den Weg zu meiner jetzt ehemaligen Berufsschule. Meine Mutter schritt energisch aus und ich hatte mühe mit ihren Schritten mitzuhalten. Was dann im Zimmer des Direktors abging, kann ich immer noch nicht in Worte kleiden.
Meine Mutter stand vor ihm und lies ihn nicht einmal zu Wort kommen. Ein Wirbelsturm war dagegen eine leichte Brise. Jedenfalls nachdem meine Mutter ihren Redeschwall beendet hatte, saß dieser Herr klein und zusammengesunken in seinem Stuhl und stammelte etwas von wie leid es ihm täte.
„So Junge, die Schulbücher kannst du gleich hier auf den Tisch packen und dann gehen wir.“
Nachdem ich die Bücher auf den Tisch gepackt hatte, verließen wir das Zimmer. Im Sekretariat standen einige Lehrer, die hatten wohl die LEISE Ansprache meiner Mutter mitbekommen. Sie sahen jedenfalls betreten weg.
Draußen vor der Schule stand Patrick mit ein paar von den Jungs, die zu mir gestanden hatten.
„Hi wie geht’s Dir?“ kam es fragend von ihm.
„Wer ist der Stefan?“
„Mam das ist Patrick einer derjenigen der mir beigestanden hatte!“
„Ach so, na dann verabschiede dich von ihm und dann fahren wir nach Hause!“
Ich wandte mich zu Patrick und erzählte ihm in Kurzform was nach dem Lager noch passiert war.
„Pass auf Dich auf und ich würde mich freuen wenn ich was von dir höre!“ dabei gab er mir ein Stück Zettel und ging mit den anderen in die Schule zurück.
Im Bus nahm ich den Zettel und fing an ihn zu lesen.
Hi Stefan,
es tut mir so Leid was dir passiert ist. Ich mag Dich und würde mich freuen wenn wir mal was zusammen unternehmen könnten.
Wenn Du Lust hast, hier meine Adresse:
Patrick Limbach
Vogtstrasse 23
Berlin Lichtenberg
Also bis hoffentlich bald und alles Gute für Dich!
Patrick
Ich las den Zettel vielleicht viermal und plötzlich wurde mir bewusst, dass auch ich Patrick mochte.
Am Abend kam dann meine Schwester zu mir ins Zimmer.
„Na Brüderchen geht’s jetzt etwas?“
Ich nickte und sah dabei aus dem Fenster.
„He glaub mir, solche Idioten gibt es nicht überall.“ dabei sah sie wohl den Zettel von Patrick.
„Wer ist Patrick?“
„Patrick ist der, der zu mir gestanden hat!“
„Man und der will Dich wieder sehen?“
„Ja steht ja drauf und seine Adresse.“
„Man das wirst Du vielleicht ist das ein ganz netter und es wird mehr draus!“
„Was meinst du damit? Ich bin nicht schwul!“
„Bruderherz du musst nicht laut werden, aber denk mal über dich etwas nach. Nur wegen diesen Idioten, musst du dich nicht verleugnen!“
„Ich habe aber wirklich keinen angesehen!“
„Das glaub ich dir doch. Man diese Idioten brauchten nur ein Ventil und der warst leider du.“
Ich nickte: „Ich würde meinem ärgsten Feind so was nicht wünschen, was mir da passiert ist!“
„Na dann geh doch morgen mal bei Patrick vorbei. Hast ja schließlich zwei Wochen noch Galgenfrist, bevor deine neue Ausbildung beginnt!“
Das machte ich dann auch. Am nächsten Tag machte ich mich nachmittags auf zu Patricks Adresse. Als ich dann vor dem Haus stand, bekam ich doch etwas Bammel. Bevor ich auf den Klingelknopf drücken konnte sprach mich eine bekannte Stimme an.
„Stefan bist du es oder dein Geist?“
Ich sah zur Seite und erkannte Patrick.
„Hallo Patrick!“ stammelte ich und merkte wie mein Herz anfing zu klopfen. Was soll das dachte ich bei mir, ich freue mich doch nur ihn zu sehen. Patrick sah mich an und grinste. Hoffentlich hat er nichts bemerkt.
„Na dann komm erst mal hoch!“
Oben angekommen, schloss er die Wohnungstür auf. Ich folgte ihm in die Wohnung.
„Geh mal schon voraus, mein Zimmer ist die letzte Tür rechts.“
Ich ging voraus und öffnete besagte Tür. Das Zimmer war nicht groß aber gemütlich eingerichtet. Ein Sofa stand am Fenster auf das ich mich dann setzte um auf Patrick zu warten, dabei wanderte mein Blick durch das Zimmer.
An den Wänden hingen voll viele Poster von Boygroups die zurzeit IN waren. Was mir auffiel, es hingen keine Bilder von irgendwelchen Frauen an den Wänden. Nicht eins.
Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht mitbekam das Patrick das Zimmer betreten hatte.
„Und gefällt Dir mein Zimmer?“
„Wie was jops dein Zimmer gefällt mir!“
Patrick lächelte mich an: „Haste Durst?“
Ich nickte und Patrick verschwand wieder aus seinem Zimmer. Kurz darauf erschien er wieder, mit einer Flasche Cola und zwei Gläsern. Nachdem er die beiden Gläser mit Cola gefüllt hatte, gab er mir eines davon und ich trank erstmal einen Schluck.
„Na wie geht’s die?“ kam es von Patrick dann fragend.
„Es ging mir schon besser. Aber jetzt geht es!“
„Weißt du was bei uns los ist, wegen der Geschichte mit dir?“
„Nee woher, ich geh ja nicht mehr hin!“
„Die älteren Schüler haben sich die Gruppe von Ede und Rudolf vorgenommen und haben denen Prügel angedroht, wenn die hier noch irgendeinen der Schüler fertig machen sollten.“
„Echt und was war noch? Das war doch nicht alles?“ fragend sah ich Patrick dabei an. Dabei fiel mir auf das er mich regelrecht anstarrte.
„Der Direx war dann in unserer Klasse und hat eine heftige Ansprache gehalten. Von wegen wie Scheiße wir uns benommen hätten und so. Dann sind ich und ein paar andere aufgestanden und haben ihn gefragt was er denn dagegen unternommen hätte, nachdem du bei ihm gewesen bist. Natürlich bekamen wir keine Antwort darauf.“
Ich musste erstmal schlucken um das ganze was ich da hörte zu verdauen.
„Und wie geht es bei dir jetzt weiter?“
Ich erzählte ihm dann, dass ich in zwei Wochen eine neue Ausbildung antreten würde. Er freute sich für mich und wir sahen uns diesmal ziemlich lange in die Augen.
„Stefan sei jetzt bitte nicht sauer, aber ich muss dir was sagen….“
Was wollte er mir wohl sagen, dabei sah ich ihn fragend an.
„Man ich mag dich und freue mich das du hier bist. Ich muss dir was zu mir sagen.“
„Was denn? Kann doch nicht schwer sein ODER?“
„Ich bin … schwul!“
Was hat Patrick gesagt? Ich musste wohl ein ziemlich blödes Gesicht gemacht haben, denn Patrick sah mich traurig an.
„Sorry was hast du da eben gesagt…..“ kam es leise von mir.
„Ich bin schwul Stefan! Ich wollte es dir schon im Lager sagen, hab es mir aber dann doch nicht getraut.“
Na super ich wurde im Lager fertig gemacht und Patrick der neben mir saß war schwul. Man wie kann das sein? Warum mir? Warum Patrick? Ich stand langsam auf und wollte nur noch aus diesem Zimmer, aus dieser Wohnung raus. Weg weit weg von Patrick.
„Bitte bleib doch Stefan….“
Ich stand an der Tür und wollte nur noch raus, aber irgendetwas in Patricks Stimme ließ mich an der Tür verharren. Langsam drehte ich mich zu Patrick und sah ihn an. Er selber saß zusammengesunken auf dem Sofa und sah wie ein Häuflein Elend aus.
Irgendetwas in mir drin, sagte zu mir NEIN. Wie die bist du nicht! Nicht wie dieser Ede oder dieser Rudolph oder die anderen. Ich ließ wie in Zeitlupe die Türklinke los und ging auf Patrick zu und setzte mich neben ihn.
„Patrick ich muss dir was von mir erzählen …“ dann fing ich an alles über mich zu erzählen und bei jedem Satz den ich herausbrachte, brachte mich dieser ein Stück näher an die Wahrheit, die ich bis jetzt nicht wahr haben wollte.
Als ich geendet hatte, war es bereits dunkel geworden und mir war klar ICH BIN SCHWUL.
Wie lange ich diese Wahrheit verdrängt hatte, man wie blöd musste man sein das nicht zu erkennen.
Patrick hielt mich schon eine ganze Weile im Arm und hatte nur zugehört, ohne ein Wort zu sagen.
„Patrick ich bin schwul! Die hatten recht ich bin ein Stück SCHEIßE!“
„Du bist kein Stück Scheiße Stefan. Die sind es. Vollidioten und Mutanten das sind die.“
„Aber was soll ich denn machen. Wenn meine Eltern das erfahren?“
„Stefan ich bin auch noch da und stehe zu Dir! Meine Eltern wissen und akzeptieren es, dass ich schwul bin.“
„ Echt deine Eltern wissen es?“
Dann fing Patrick mir von sich zu erzählen. Er hatte es auch nicht einfach auf der Schule. Seinem besten Freund hatte er es gesagt und der hatte ihn danach fallen gelassen und ihm den Rücken gekehrt. Toller BESTER Freund!
Als er geendet hatte war es erstmal ziemlich still, irgendwann sah ich auf die Uhr. Man es war schon halb elf. Ich musste zu Hause anrufen, meine Eltern machten sich bestimmt Sorgen wo ich blieb.
„Kann ich kurz meine Eltern anrufen?“
„Na klar warte ich zeig dir das Telefon!“ dabei sprang Patrick auf und lief in den Flur.
„Sag mal wo sind denn deine Eltern?“ fragte ich Patrick und folgte ihm.
„Die haben Urlaub und sind zurzeit in Spanien. Wenn du willst kannst du über Nacht bleiben.“
Na warum nicht. Ich rief jedenfalls meine Eltern an und sagte ihnen bescheid. Meine Eltern waren erst gar nicht so begeistert, von der Idee bei Patrick zu übernachten. Aber sie gaben dann doch nach.
Meine Schwester wollte mich dann kurz noch sprechen und diese sagte nur: „Kuschelt bloß nicht so doll!“
Man typisch meine Schwester.
Danach machte Patrick sein Bett und mir das Sofa. Wir unterhielten uns noch eine ganze weile, dabei rutschten wir immer enger zusammen und irgendwann in dieser Nacht bekam ich meinen ersten Kuss von einem Jungen. Tja das Sofa blieb natürlich unbenutzt, mehr sage ich jetzt nicht.
Mittlerweile sind jetzt drei Jahre vergangen und ich bin mit meinem Patrick immer noch glücklich wie am ersten Tag. Ja meine Eltern wissen es und was soll ich sagen sie nahmen es ziemlich gut auf. Meine Schwester half mir natürlich etwas dabei und auch Patrick und seine Eltern.
Ich bin endlich angekommen, dort wo ich glücklich bin und das bin ich bei meinem Patrick.
Tschau und ich wünsche euch allen, dass ihr euren Weg geht und euch nie selbst belügt nur um irgendwann aufzuwachen, mit der Gewissheit das ihr Euer Leben aus dem Fenster geworfen habt.

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Information Das Haus am See
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:00 AM - No Replies

Nicht eine einzige Welle konnte ich auf dem See ausmachen. Er lag ganz ruhig und friedlich da. Sanft wiegten sich die Weiden im Wind, die den See fast komplett umschlossen. Was heraus stach, war das Häuschen.
Trotz seiner kleinen Maße, prangte es mächtig zwischen zwei alten Weiden. Ich zog den Schlüssel ab und verließ den Rover. Der Wind blies mir sacht durchs Haar, schon etwas kühl für meinen Geschmack.
Mein Blick wanderte abermals über den See. Wie lange ich hier schon nicht mehr war. Ich konnte mich noch sehr gut an die ausgelassenen Sommer erinnern, die ich mit Nick meinem Bruder hier verbracht hatte.
Wie oft waren wir mit Großvater am See gesessen, um stundenlang zu angeln. Oder die endlosen Wanderungen mit Großmutter. Aber das war schon sehr lange her. Meine Großeltern waren gestorben und Nick war in England.
Als Großvater vor drei Jahren starb, vermachte er mir und Nick das Haus. Nick hatte kein Interesse daran und es mir überlassen. Er hatte auch an sonst nichts Interesse, was die Familie betraf.
Ich atmete tief durch und stapfte zum Haus. Viel Arbeit hatte ich vor mir, das wusste ich jetzt schon. Es war nach dem Tod von Großvater nicht mehr viel gemacht worden. Weit und breit kein anderes Haus und somit sehr einsam.
Weit weg von allem, was mich an Gabriela hätte erinnern können. Nichts mehr war so gelaufen, wie es sollte. Seit ihrem Tod vor einem halben Jahr, war nichts mehr so gelaufen wie ich wollte.
Ich hatte die Leitung der Firma meinem Stellvertreter übergeben, nachdem ich sie wieder aus der Flaute heraus gezogen hatte. Alle glaubten, ich wäre verrückt, die Firma noch einmal mit soviel Geld aufzumöbeln.
Doch der Erfolg hatte mir Recht gegeben. Mittlerweile gehörte die Brauerei zu den erfolgreichsten in ganz Irland. Auch das Exportgeschäft war ernorm am Boomen. Aber das alles bedeutete mir nichts mehr, seit es Gabriela nicht mehr gab.
Etwas müde zog ich die Schüssel der Haustür aus meiner Jacke und schloss auf. Eine moderhafte Luft strömte mir entgegen und ich beschloss, erstmal ein paar Fenster zu öffnen, bevor ich mit dem Ausladen des Wagens begann.
Mein erster Weg führte mich nach rechts ins Wohnzimmer. Alle Möbel waren mit weißen Leintüchern abgedeckt. Ich griff nach dem Lichtschalter, aber nichts passierte. Hatte ich nicht angegeben, dass ich das Haus heute wieder beziehe und der Strom wieder angestellt werden sollte?
Ich ging zurück in den Flur, lief ein weiteres Stück nach hinten, bis ich vor der Kellertür stand. Ich öffnete sie und fand auch gleich den Sicherungskasten. Konnte ja sein, das nach so langer Zeit die Sicherung kaputt waren.
Natürlich war auch hier alles dunkel. So suchte ich in meinen Jackentaschen nach einem Feuerzeug, wo ich natürlich, jetzt wo ich eins brauchte, keines fand. So beschloss ich zum Wagen zu gehen, dort musste ich doch eine Taschenlampe haben.
Eine viertel Stunde und ein paar weitere Fluchausbrüche später, lehnte ich entnervt an meinen Wagen. Mit einer Zigarette in der Hand wartete ich, dass die Maklerin, die über das Haus wachte, endlich an ihr Telefon ging.
„Mac Gwyer.“
„Hallo Mrs. Mac Gwyer, hier ist Dominic MacLeann.”
“Hallo Mr. MacLeann, sind Sie schon in Galway angekommen?“
„Ich bin schon eine Stunde hier am Haus, aber ich musste feststellen, dass ich keinen Strom habe“, erklärte ich.
„Oh, Mr. Mac Gregor hat mir extra versprochen ihn anzuschalten.“
„Anscheinend hat er das vergessen“, meinte ich ärgerlich.
„Ich werde gleich bei ihm anrufen, damit er sich darum kümmert.“
„Danke“, sagte ich, obwohl ich das nicht wirklich meinte.
Ich verstaute das Handy wieder in die Innenseite meiner Jacke und zog kräftig an meiner Zigarette. Irgendwie schmeckte sie mir nicht. Ich warf sie zu Boden und trat sie aus. Mein Blick fiel wieder zum See.
Der kleine Steg stand immer noch, wo ich viele Sommer in der Sonne darauf verbracht hatte. Ein kurzer Blick auf meine Uhr – ein Schulterzucken – und schon war ich auf dem Weg zum See hinunter.
Die Erinnerungen kamen wieder, wie ich hier mit Nick spielte. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Steg. Von irgendwo her konnte ich ein Brummen hören, aber klar definieren konnte ich es nicht.
Das Knarren unter meinen Schuhen brachte mich wieder in die Realität zurück. Das gute Stück hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Langsam bewegte ich mich weiter Richtung Wasser.
Ich drehte meinen Kopf nach hinten, denn das Brummen wurde stärker und ich konnte es als Auto einordnen. Jetzt konnte ich den dazugehörigen Pickup sehen, der auf der Privatstraße zum Haus unterwegs war.
Ich lief langsam rückwärts weiter und verfolgte den roten Pickup, bis er das Haus erreicht hatte. Ein Mann in meinem Alter stieg aus und als ich gerade rufen wollte, hörte ich ein Krachen unter mir.
Mit einem Schrei fiel ich nach hinten und anstatt wie gedacht, kam ich nicht auf den Brettern des Steges auf, sondern fühlte plötzlich viel kaltes Nass um mich herum. Ich ruderte wie wild mit meinen Armen, denn meine voll gesogenen Klamotten zogen mich nach unten.
„Geben Sie mir ihre Hand“, hörte ich jemanden rufen.
Plötzlich und ohne Vorwarnung tauchte dieses Gesicht vor mir auf. Ich versuchte nach der Hand zu greifen, was sich aber schwieriger als gedacht erwies. Mittlerweile hatte ich das Gewicht einer Bleiente.
Mein Gegenüber streckte sich noch etwas nach vorne und bekam mich dann letztendlich zu greifen.
„Luka zieh fester!“, hörte ich ihn sagen.
Mit wem redete er? Ich spürte seine kräftige Hand in meiner und den Ruck, mit dem er mich herauszog. Da ich mich nicht sonderlich bewegen konnte oder woanders hin hätte greifen können, landete ich direkt auf ihm.
Plötzlich vernahm ich ein herzhaftes Kinderlachen. Ich drehte kurz meinen Kopf und schaute in ein strahlendes Gesicht.
„Der Onkel ist aber ganz schön nass geworden, Papa.“
„Luka!“
„Ach lassen Sie, er hat ja Recht.“
„Ist Ihnen auch nichts passiert?“
„Nein, geht schon. Vielleicht etwas das Ego angekratzt.“
Mir wurde hoch geholfen und endlich konnte ich auch mein gegenüber genau sehen. Die gleichen blauen Augen wie der Sohn, auch das Lächeln war das Gleiche. Ich wusste nicht warum, aber ich verharrte bei den Augen, die mich so anstrahlten.
„Mein Name ist Jarrett Mac Gregor. Ich soll hier nach dem Strom schauen.“
Ich reichte ihm noch mal die nasse Hand.
„Dominic MacLeann“, erwiderte ich.
„Sie ziehen in das alte Haus ein?“
„Ja, es gehört mir.“
„Dachte immer, das Haus gehörte den alten Mac Gomereys.“
„Meine Großeltern.“
„Dann bist du… ähm Sie… Dominic?“
Er schaute mich fassungslos an.
„Kenn wir uns?“, fragte ich jetzt selber grübelnd.
Ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.
„Vielleicht erinnerst du dich noch an den dicken Jungen, der oft bei deinen Großeltern zu Besuch war.“
Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, Stimmt ich konnte mich sehr gut an den dicken Jungen erinnern, ich hatte einiges mit ihm erlebt. Mein Blick wanderte über Jarrett. Er hob die Arme und drehte sich einmal um sich selbst.
„Du bist Jarrett?“, fragte ich erstaunt.
Noch einmal schaute ich Jarrett von Kopf bis Fuß an. Irgendwie konnte ich das jetzt nicht fassen. Vor mir stand ein muskulöser Mann, in Latzhose gekleidet und da war kein Gramm zuviel.
Jarrett nickt mir bejahend zu. Der kleine Luka stellte sich dicht neben ihn und griff um sein Bein.
„Du bist so… so dünn. Wie hast du das gemacht? Ich meine, du hast wirklich viele, viele Pfunde zuviel drauf gehabt“, meinte ich.
„Ich musste hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen abnehmen, na ja ein paar private Motive waren auch dabei. Meine Eltern haben mich damals in ein Internat geschickt.“
„Ach deswegen warst du plötzlich nicht mehr da.“
„Ja.“
In mir stieg eine Kälte auf und ich begann zu zittern. Die nassen Sachen klebten an meinem Körper.
„Dominic du frierst ja, komm du musst aus den nassen Klamotten. Hast du zufällig was zum wechseln dabei?
„Du vergisst wohl, dass ich hier einziehe!“
Wenn die Situation nicht schon traurig genug gewesen wäre, hätte ich schallend angefangen zu lachen, als ich Jarretts betretenes Gesicht war.
„Komm gehen wir rein… weißt du in welchem Koffer du was zum wechseln hast?“, meinte Jarrett und schob mich langsam vor sich her.
„Luka, könntest du Papas kleinen Werkzeugkoffer aus dem Auto holen?“, fragte er.
„Oki, doki“, meinte Luka und düste los.
„Er ist goldig dein Kleiner“, sagte ich während ich triefend und frierend neben ihm her lief.
„Ja, er ist mein ganzer Stolz!“
„Und seine Mama? Kenn ich sie?“
Jarretts Gesicht verfinsterte sich ein wenig.
„Sorry, ich wollte dir nicht zu Nahe treten.“
„Tust du nicht. Mandy starb bei der Geburt unseres Sohnes…“
Jarrett sah dem kleinen Wirbelwind nach und ich ebenso.
„Komm, du musst rein, du holst dir hier draußen den Tod“, meinte Jarrett und schob mich Richtung Haus.
Käme mir gerade Recht, aber diesen Gedanken verwarf ich schnell wieder.
„Papa, ich habe ihn gefunden“, rief Luka uns entgegen.
Fast gleichzeitig betraten wir das alte Haus und Jarrett schloss hinter uns die Tür.
„Papa, hier ist es aber dunkel.“
Ich musste grinsen, als Luka das anmerkte und Jarrett rollte mit seinen Augen. Er lief an mir vorbei und öffnete die Tür zum Keller. Luka stellte den kleinen Koffer neben ihm auf den Boden und öffnete die Klappe.
„Danke Luka“, meinte Jarrett und wuschelte ihm durch die Haare. Luka quittierte das mit einem stolzen Lächeln. Ich schaute mich um und griff nach einem weißen Leintuch, das über einem Möbelstück hing.
Ich legte es um mich, was aber nicht wirklich etwas brachte. Das Zittern und Frieren blieb. Plötzlich ging im Flur das Licht an.
„Die Hauptsicherung war durch“, hörte ich Jarrett rufen.
Ich sah wie er seinem Sohn etwas gab und der es fein säuberlich wieder in das Köfferchen tat. Danach schloss Luka wieder die Klappe. Der Kleine war goldig, ich musste grinsen.
„So und jetzt… was soll ich dir reinbringen?“
Ich verstand erst nicht, was er meinte, bis das Zittern mich wieder in die Realität zurück brachte.
„Der schwarze Koffer auf der rechten Seite.“
„Okay, ich schaue, ob unten alle Ventile offen sind, dann kannst du ins Bad und duschen gehen.“
„Duschen?“, fragte ich.
„Du bist ins kalte Wasser gefallen, hast blaue Lippen, du brauchst etwas Wärmendes.“
„Ach so. Aber die Heizung braucht doch eine Weile bis das Wasser heiß ist.“
„Du hast wohl nicht mitbekommen, dass deine Großeltern an Fernwärme angeschlossen wurden.“
„Nein habe ich nicht.“
„Okay. Ich bringe dir dann deine Sache nach oben.“
Er schien oft noch hier gewesen zu sein, er kannte sich gut aus.
„Ähm… okay…“
„Luka, bringst du den Koffer wieder in den Wagen?“
„Ja Papa.“
Luka griff sich den kleinen Koffer und verschwand.
„Hm…, ich überlege grad, ob du heute nicht vielleicht bei mir schlafen solltest, Platz hätte ich ja“, riss mich Jarrett aus meinen Gedanken.
„Also wenn die Dusche so funktioniert, wie du gesagt hast, kann ich ruhig hier bleiben. Zudem, falls sich Mrs. Mac Gwyer an alles gehalten hat, müsste mein Schlafzimmer schon aufgestellt sein.”
„Okay, ich hole deinen Koffer.“
„Gut und ich werde nach oben gehen.“
So verschwand Jarrett durch die Haustür und ich schaltete erst einmal das Flurlicht wieder aus. Hier war es ja einigermaßen hell. Ich stieg die Treppe nach oben und blieb oben angekommen erst mal kurz stehen.
Vor meinen Augen konnte ich mich mit Nick kurz spielen sehen, wie wir früher hier über den Flur tobten. Zielsicher steuerte ich mein Zimmer an. Ich öffnete es und war doch erstaunt, dass es tatsächlich eingerichtet worden war.
Ich machte das Licht an und lief zu dem Fenster. Schnell waren die Vorhänge zurückgezogen und das Tageslicht hielt Einzug. Ich warf das mittlerweile nasse Leintuch auf den Boden und begann mich auszuziehen.
Als ich die triefende Jacke über den Stuhl hing, fiel mir mein Handy ein. Shit, dass war natürlich auch im Wasser gelegen. Ich griff in die Tasche und tatsächlich, auch das Handy tropfte.
Oh man, jetzt musste ich mir noch ein neues Handy zulegen. Nach und nach fielen meine Klamotten zu Boden, bis ich nur noch in Shorts da stand.
„Dominic, bist du hier irgendwo?“, hörte ich Jarretts Stimme auf dem Flur.
„Ja, hier!“
Die Tür öffnete sich. Aber als erstes spazierte Luka herein, dich gefolgt von seinem Vater und meinem Koffer. Er beäugte mich kurz. Sah sicher komisch aus, so tropfnass nur in Boxershorts dazustehen.
„Du kannst immer noch mitkommen, wenn du möchtest“, sagte Jarrett.
„Nein, aber danke, ich möchte meinen Wagen heute noch ausräumen.“
„Ich habe nachher Zeit und Luka geht dann eh zu seiner Großmutter. Ich könnte dir also helfen.“
Ich war angetan von seiner Hilfsbereitschaft.
„Da möchte ich nicht nein sagen und nehme gerne deine Hilfe in Anspruch. Wer weiß, was hier noch alles kaputt ist“, lächelte ich.
„Gut, dann bin ich in einer Stunde zurück“, meinte Jarrett und lächelte ebenfalls.
„Ich will zur Oma, Papa“, drängelte Luka.
Er stand zwischen uns und versuchte seinen Vater aus dem Zimmer zu drücken. Natürlich erfolglos. Der stand wie ein Stein da und schaute mich noch immer lächelnd an.
„Dann werde ich wohl duschen gehen…“, sagte ich.
Wir schauten uns immer noch in die Augen.
„Ähm… ja. Dann bis in einer Stunde“, meinte Jarrett und zog Luka hinter sich aus meinen Zimmer.
Was war das jetzt? Ich kratze meine nassen Haare und schaute auf den Haufen nasser Klamotten. Eine Gänsehaut überkam mich und ich dachte wieder an die Dusche. Ich lief zum Koffer und warf ihn aufs Bett. Schnell war er geöffnet.
Ich entschied mich für meinen Jogginganzug, der eh eine Nummer zu groß war. Schnell war eine neue Boxer gefunden und auch Socken. So lief ich ins Bad. Ich öffnete die Holztür und sie gab mit einem Knarren nach.
Was mir als erstes ins Auge fiel, war die weiße gusseiserne Wanne, die mitten im Raum stand. Ein kurzer Blick zur Dusche und mir war klar, dass ich mich da jetzt rein legen wollte. Ich legte meine Sachen auf einen Stuhl neben das Waschbecken.
Dann lief ich zur Wanne und drehte den Heißwasserhahn auf. Ein kurzes Gurgeln in der Leitung und plötzlich schwappte der erste Schwall Wasser aus dem breiten Hahn. Am Anfang noch etwas braun, wurde das Wasser aber schnell klar.
Ich griff in den Strahl und wunderte mich, wie heiß es doch war. So drückte ich erst den Stöpsel ins Loch in der Mitte der Wanne und das Wasser begann zu steigen. Ich drehte noch etwas den Kaltwasserhahn auf.
Durch das heiße Wasser bildete sich Dampf im Bad, der sich gleichmäßig verteilte. Als die Wanne bereits halb voll gelaufen war, testete ich nochmals die Temperatur. Ich schaute mich um, ob ich irgendwelche Sachen für das Wasser finden konnte.
In einem Schränkchen wurde ich fündig. Hier standen noch alle Badeöle, die ich von Oma kannte. Ich nahm eines nach dem anderen heraus und lass die Aufschrift. Hm… Apfel, hörte sich gut an.
Ich stellte die restlichen Flaschen zurück und ging zurück an die Wanne. Schnell hatte ich mich auch noch der nassen Boxer entledigt. Ich schraubte die Flasche auf und ließ langsam etwas von dem Öl ins Wasser laufen.
Schon jetzt machte sich ein leichter Geruch von Apfel bemerkbar. Langsam hob ich den Fuß über den Wannenrand und berührte mit dem großen Zeh das Wasser. Richtige Temperatur, dachte ich und ließ den Fuß eintauchen.
Wenige Sekunden später hatte ich mich völlig in der Wanne niedergelassen und drehte das Wasser ab. Etwas müde lehnte ich mich zurück und legte den Kopf an den Wannenrand. Ich schloss die Augen und genoss die Wärme.
Ich spürte, wie sich mein Körper langsam entspannte und wieder Leben in ihn zurückkam. Aber gleichzeitig merkte ich auch, wie meine Gedanken immer träger wurden und mich die Müdigkeit immer mehr überkam.
„Wir sehen uns heute Abend, Schatz.“ Sie gab mir einen Kuss und öffnete die Wagentür. „Ich hasse dieses Wetter, es könnte endlich mal aufhören zu regen“, sagte sie und lächelte mir noch einmal zu. Sie stieg aus und warf hinter sich die Tür zu. Ein quietschendes Geräusch ließ mich nach hinten schauen und ich sah nur noch, wie der Wagen auf uns zu rutschte. Ich konnte durch die geschlossene Tür Gabriellas Schrei hören. Ich hörte meinen Schrei…
„Dominic… ist mit dir alles in Ordnung?“
Ich schreckte auf und sah in Jarretts besorgtes Gesicht. Ein paar Sekunden später wusste ich auch wieder, dass ich noch in der Wanne saß. Jarrett kniete sich neben mich.
„Alles klar?“, fragte er.
„Sorry… ich muss eingeschlafen sein“, antwortete ich.
„Habe ich gemerkt, du hast mich nicht mal kommen hören.“
Mir wurde mit einem Schlag bewusst, ich lag noch in der Wanne und war deshalb auch nackt. Jarrett kniete vor der Wanne, so war ich also voll in seinem Visier. Ein Gefühl von Scham überkam mich.
Doch Jarretts Augen wanderten nicht einmal in die unteren Regionen, sondern sahen mir in die Augen. Ich rieb mir übers Gesicht.
„Hatte einen scheiß Traum…“, flüsterte ich.
Jarrett ließ sich neben mir auf den Boden nieder.
„Willst du mir davon erzählen?“, fragte er.
Irgendwie war die Situation komisch. Ich hatte Jarrett mindestens fünfzehn Jahre nicht mehr gesehen und jetzt saß er neben mir und war mir vertraut wie nie zuvor. Ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich wohl bei ihm.
Dieses Gefühl hatte ich nicht mehr, seit ich Gabriella verloren hatte. Plötzlich merkte ich, wie sich langsam Tränen lösten.
„Dominic, wenn du mir nichts erzählen willst, ist es okay!“
„Nein… das ist es nicht. In mir herrscht nur gerade ein Chaos.“
Ich drehte den Kopf leicht und schaute wieder in seine Augen.
„Vor einem halben Jahr habe ich meine Frau verloren. Bei Regen hatte ein Fahrer die Kontrolle über seinen Wagen verloren. Gabriella war gerade ausgestiegen…“
Jarrett verzog sein Gesicht. Ich schaute wieder aufs Wasser.
„Sie war sofort tot…“
„Das tut mir Leid, Dominic…“
Ich spürte den Drang zu weinen und gab ihm nach. Ungehindert floss nun das Nass über meine Wangen. Ich spürte Jarretts Hand an meiner Schulter.
„Ich krieg diese Bilder nicht aus dem Kopf… wie sie zwischen den Wagen…“
„Schhht… tu dir das nicht an Dominic…“
Ich lag nackt in der Wanne, heulte und hatte einen Mann neben mir sitzen. Trotzdem war hier irgendwie eine Vertrautheit, die ich schon lange nicht mehr gespürt hatte.
„Komm, das Wasser wird schon kalt sein. Wo hast du ein Handtuch?“
Ich atmete tief durch und wischte die Tränen aus meinem Gesicht.
„Noch in meinem Koffer… das habe ich vergessen.“
„Okay.“
Jarrett erhob sich und verließ das Badezimmer. Ich richtete mich auf und saß nun wieder. Wenige Minuten später kam Jarrett zurück und hielt mir ein Handtuch hin. Ich dachte nicht weiter nach und stand auf. Jarrett reichte mir das Handtuch, als man es unten klingeln hörte.
„Ich geh runter und schau nach“, sagte Jarrett und verschwand wieder.
Ich stieg vollends aus dem Wasser und trocknete mich fertig ab. Schnell war ich in meine Klamotten gestiegen und folgte Jarrett.
„Du musst dich noch einen Augenblick gedulden, Herr MacLeann ist noch oben“, hörte ich Jarretts Stimme.
Ich ging schnell in mein Zimmer, zog die Turnschuhe aus dem Koffer und schlüpfte hinein. Schnell war ich die Treppe hinunter gelaufen, wo ich Jarrett mit einem jungen Mann vorfand.
„Das ist Corbinian Mac Lan, er wird sich um deinen Steg kümmern. Er ist Schreiner. Hab mir erlaubt ihn gleich anzurufen“, erklärte Jarrett.
„Oh, danke, das ist auch nötig… also der Steg…“, oh man, warum begann ich jetzt zu stottern, „Dominic MacLeann ist mein Name.“
„Corbinian reicht…“, sagte der junge Mann und streckte mir seine Hand entgegen.
Ich schüttelte seine Hand.
„Okay, Dominic“, meinte ich und versuchte zu lächeln.
„Wo ist denn das gute Stück?“, fragte Corbinian.
„Gleich hinter dem Haus“, meinte Jarrett und wies auf die Eingangstür.
„Dann schau ich mir das mal an.“
Ich folgte den beiden hinaus. Jarrett erzählte irgendwas von Materialien und anderen Dingen, die ich nicht verstand. Wenig später waren wir am Steg angekommen.
„Oh, der muss wirklich gerichtet werden. Sieht so aus, als wäre hier jemand eingebrochen“, sagte Corbinian.
Jarrett grinste mich an und mir war das plötzlich sehr peinlich.
„Ich werde alles ausmessen und Ihnen dann Bescheid geben was es kostet, Dominic.“
„Okay, danke.“
*-*-*
Mittlerweile war auch der letzte Karton aus meinem Rover geräumt. Alles stapelte sich nun im Flur. Jarrett hatte alle Vorhänge zurückgezogen und auch die Leintücher entfernt, mit denen die Möbel abgedeckt wurden.
Er schaute auf die Kartons und dann auf mich.
„Da steht noch eine ganze Menge Arbeit an“, stellte Jarrett fest.
„He, du hast schon genug gemacht, willst du nicht zu Luka?“, fragte ich und lehnte mich erschöpft an die Haustür.
„Luka schläft bei seiner Oma heute Nacht. Für mich ist das hier mal eine Abwechslung.“
„Abwechslung? Du hast doch sicher viele Freunde hier.“
Jarrett schüttelt seinen Kopf.
„Bekannte vielleicht, aber keine Freunde. Ich lebe mit Luka recht zurückgezogen.“
Ich lehnte immer noch an der Haustür und starrte Jarrett verwundert an.
„Was?“, fragte er.
„Ich hätte echt nicht gedacht, dass du… na ja ein Einzelgänger bist.“
„So kann man es auch nicht nennen. Ich bin schon viel unterwegs, alleine durch meine Arbeit. Seit Kathleens Tod habe ich mich etwas aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen, sie war es, die Freunde hier hatte.“
„Aha… und was machst du dann sonst so, wenn du nicht bei der Arbeit bist und mit Luka beschäftigt bist?“
„Na ja, vielleicht findest du das jetzt lächerlich… oder kindisch. Ich habe eine große Modellbahn auf dem Speicher an der ich oft bastele.“
„Wieso sollte ich das kindisch finden. Wenn ich mal Zeit habe… öhm ich habe alle Zeit der Welt… eigentlich.“
Jarrett schaute mich fragend an.
„Mist, ich habe nicht mal etwas zum Trinken im Haus, sonst könnte ich dir etwas anbieten“, meinte ich.
Jetzt grinste Jarrett.
„Weißt du was“, begann er zureden, „lass uns die Karton auf ihre Plätze räumen, dann habe ich eine kleine Überraschung für dich.
Nun war ich es, der Jarrett wieder fragend anschaute. Er schnappte sich den ersten Karton.
„Soll ich die Kartons mit der Aufschrift… auch dort hinstellen?“
Ich nickte und nahm einen weiteren Karton auf und folgte ihm nach oben. Er begab sich in mein Zimmer und ich ins Bad. Nach ungefähr einer halben Stunde war alles verteilt, der Flur wieder leer.
„Einen Moment bitte“, sagte Jarrett und verschwand durch die Haustür.
Verdutzt schaute ich ihm nach, dann ging ich die Küche. Ich drehte den Wasserhahn auf und wusch mir meine Hände.
„Dominic?“
Jarrett war wohl schon wieder da.
„Hier in der Küche“, rief ich und suchte verzweifelt etwas zum Hände abtrocknen.
Jarrett betrat die Küche mit einem Korb. Er griff hinein und zog ein Geschirrtuch heraus.
„Suchst du das hier?“, fragte er und warf mir das Tuch zu.
„Danke! Sag mal, was hast du alles in dem Korb da?“
„Alles was dein Herz begehren könnte.“
Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu, während Jarrett den Korb ausräumte. Da kamen lauter Köstlichkeiten zum Vorschein.
„Hast du den hiesigen Laden leer gekauft?“, wollte ich wissen.
„Ein guter Koch hat so etwas zu Hause.“
„Du kannst kochen?“, fragte ich verwundert.
„Du nicht?“, bekam ich als Gegenfrage.
Jetzt mussten wir beide lachen. Als Letztes zog Jarrett eine Flasche Wein mit zwei Gläsern heraus.
„Hast du etwas Größeres vor?“, fragte ich, nachdem ich all die Sachen auf dem Tisch nochmals angeschaut hatte.
„Ich dachte, es wär ein kleiner Grund zu feiern, dass wir uns nach all den Jahren endlich mal wieder sehen.“
„Da hast du allerdings Recht. Hast du auch an Teller gedacht? Ich meine, irgendwo muss doch alles, was du da kochen willst, drauf.“
„Oh schei… Daran hab ich nicht gedacht. Wo war ich nur mit meinen Gedanken.“
„Das würde mich auch interessieren“, grinste ich.
Jarrett wurde tief rot im Gesicht.
„Ich schau mal die Schränke durch. Irgendetwas muss ja noch von Grandma Anns Geschirr da sein“, meinte ich.
„Vermisst du nicht die Zeit, also früher, als wir noch Kinder waren?“, fragte Jarrett, der sich am Herd zu schaffen machte.
Ich atmete tief durch.
„Klar, erinnere ich mich gerne an früher. Alles war so unbeschwert… Kindsein eben.“
„Verstehe… man wird erwachsen und das Kind in dir verschwindet.“
„Ist doch normal, oder?“
Endlich wurde ich fündig. In einem der alten Schränke fand ich ein komplettes Service.
„Nein ich finde, man sollte sich etwas Kindliches behalten.“
„Deswegen die Eisenbahn?“, fragte ich neckisch.
Jarrett rollte mit den Augen und wandte sich wieder seinen Sachen zu. Er zog eine Pfanne und einen Topf heraus. Er begann das Gemüse zu schälen und zu schneiden. Ich hörte ein Handy klingeln, es war auf jeden Fall nicht meins.
Schnell wurde der Eigentümer hektisch und zerrte an seiner Hose herum.
„Ja?“, kam es von Jarrett, „ ja, ich hab dich auch lieb… ja schlaf gut… du auch…“
Ich hörte noch ein Kussgeräusch und Jarrett ließ das Handy wieder verschwinden.
„War Luka, er hat mir noch gute Nacht gewünscht.“
„Er telefoniert mit fünf?“, fragte ich erstaunt.
„Luka ist ein helles Köpfchen und drei- oder viermal in der Woche schläft er bei seiner Grandma, da ist es zur Gewohnheit geworden, dass er anruft.“
„Süß“, gab ich nur von mir.
Ich dachte wieder an Gabriella, wie sehr sie sich Kinder gewünscht hatte. Doch ich ihr den nicht erfüllen konnte. Im Bett war ich eine absolute Niete gewesen, womit das Thema gegessen war.
„Einen Cent für deine Gedanken“, meinte Jarrett und stand mit zwei gefüllten Rotweingläsern vor mir.
Ich zuckte etwas zusammen.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Hast du nicht, ich hab nur an etwas in der Vergangenheit gedacht.“
„Willst du darüber reden?“
„Wolltest du nicht kochen?“
„Steht schon lange in der Röhre, wir haben also Zeit.“
Jarrett grinste mich an.
„Hier in der Küche?“, fragte ich und schaute mich um.
„Wo immer du willst“, kam es von Jarrett.
„Wohnzimmer?“
Jarrett nickte. So lief ich ins voraus ins Wohnzimmer und Jarrett folgte mir. Als wir das Zimmer betraten, kam es mir etwas kühl vor.
„Soll ich den Kamin anzünden?“, fragte Jarrett.
Konnte er Gedanken lesen?
„Nein, das geht auch so.“
„Ist aber wirklich kein Problem. Du solltest nach deinem unfreiwilligen Bad im Warmen sein.“
Er ließ mich erst gar nichts dagegen einwenden und verschwand schon wieder aus meinem Blickfeld. Ein paar Minuten später tauchte er mit einem Arm vol Holz auf.
„Wo hast du das denn so schnell her, hast du das auch mitgebracht?“
Jarrett lachte.
„Nein, aber ich kenn mich hier immer noch gut aus. Draußen hinter dem Haus stapelt eine Menge Holz.“
Jarrett kniete sich vor den Kamin und belud ihn. Wenig später entzündete er Papier. Wo er das her hatte, wusste ich auch nicht. Etwa zehn Minuten später brannte das Feuer und Jarrett ließ sich in einer der Ohrensessel fallen.
Ich folgte seinem Beispiel und setzte mich in den anderen Sessel. Er prostete mir zu und nippte an seinem Weinglas. Mein Blick fiel zurück ins Feuer, welches mehr und mehr das Holz einnahm.
„Du bist so ruhig…“, hörte ich Jarrett sagen.
„Ja, ich bin nachdenklich… es ist einfach zuviel passiert.“
„Was hast du eigentlich die ganze Zeit gemacht? Wann bist du fort gegangen, wie lange ist das jetzt her?“
„Lass mich nachrechnen, mit sechzehn bin ich ins Trinity College in Dublin gekommen… fünfzehn Jahre bin ich jetzt weg gewesen. Dort bin ich auch geblieben. Dir sagt Kilkenny was?“
„Ja klar, mein Lieblingsbier.“
„Dann habe ich an dir verdient.“
„Bitte?“
Das verwunderte Gesicht Jarretts amüsierte mich.
„Du weißt, dass ich nicht gerade minderbemittelt bin.“
„Ja, man hat von einigen Millionen Pfund geredet, was dein alter Herr dir hinterlassen hat.“
„Du vergisst das Geld meiner Großeltern. Aber egal. Ich habe mich in die Firma eingekauft und den Laden modernisiert. Ich konnte alle Arbeitsplätze retten und das Geschäft wirft sogar wieder einiges ab.“
„Wow, habe ich also einen Bierspezialisten vor mir sitzen und ich speise dich mit einem Rotwein ab“, sagte Jarrett und nippte an seinem Glas.
„Kein Problem, ich trinke auch Rotwein gerne. Der hier ist sehr gut, aber ich muss zugeben, er hat es in sich, ich merke schon etwas.“
„Dann lass uns etwas essen, müsste auch schon fertig sein.“
Zwei Stunden später und zwei Rotweinflaschen leerer, saßen wir wieder in den Ohrensessel und schwelgten in Erinnerungen. Trotz des guten Essens, Jarrett hatte Irish Stew gekocht, was ich auch schon lange nicht mehr gegessen hatte, merkte ich die Flasche Rotwein, die ich intus hatte.
Man konnte sagen, ich hatte ordentlich einen sitzen. Ich war nur noch am Kichern. Fast gleichzeitig begannen Jarrett und ich zu gähnen.
„Ich werde dann mal langsam nach Hause fahren“, meinte er.
„Nichts wirst du, mit der Flasche Wein intus, fährst du kein Auto mehr.“
„Soll ich etwa das ganze Stück heim laufen?“
„Nein, du wirst hier schlafen. Als Kinder haben wir doch ständig zusammen geschlafen.“
„In deinem Bett?“, fragte Jarrett mit ernstem Gesichtsausdruck und kicherte dann plötzlich los.
„Ist für mich auch kein Problem, aber wenn du lieber hier auf der Couch schlafen willst?“
Wir blickten beide auf das viel zu kleine Teil und schüttelten beide gleichzeitig den Kopf.
„Wenn du wirklich noch einen kleinen Platz frei hast…, bleib ich gerne.“
„Okay… sollen wir noch zusammenräumen?“, fragte ich.
„Ja können wir. Möchte morgen nicht noch einmal anfangen müssen.“
Also erhob ich mich aus meinem Sessel und merkte wie ich leicht schwankte.
„Du bist wohl nichts gewöhnt“, meinte Jarrett hinter mir, der anfing, das Geschirr auf dem Esstisch abzuräumen.
„Kann sein, ich hab schon lange nichts mehr getrunken.“
„Muss ich dich jetzt ins Bett tragen?“, kicherte Jarrett.
„Nein, ins Bett werde ich es grad noch schaffen“, lächelte ich.
Jarrett stellte das komplette Geschirr in die Spüle und folgte mir in den Flur. Ich löschte alle Lichter und bewegte mich weiter schwankend auf die Treppe zu. Plötzlich spürte ich zwei Hände, die meine Hüften umfassten und mich die Treppe hinauf schoben.
Ich konnte nicht anders und begann zu kichern und verschüttete fast meinen Rotwein, den ich immer noch in meiner Hand hielt. Es war einfach so, dass ich unheimlich kitzlig war und Jarretts Hände sorgten dafür, dass ich einfach kichern musste.
„Was ist los, warum kicherst du so?“
„Das kitzelt!“, kicherte ich.
Da verschwanden die Hände und ich drohte fast nach hinten zu kippen. Diesmal spürte ich aber keine Hände, die mich auffingen, sondern ich lehnte plötzlich an Jarrett.
„Willst du wieder runter?“, fragte er und schaute mich lächelnd an.
Ich konnte nicht anders und begann wieder zu kichern. Der Rotwein war mir in den Kopf gestiegen und ich war voll. Langsam dirigierte mich Jarrett Richtung Schlafzimmer. Dass er auch nicht mehr fit war merkte ich daran, dass wir ein paar mal Haarscharf an der Wand entlang schlitterten.
Als wir an der Tür angekommen waren, blieb er abrupt stehen und ich lief auf.
„Ups… sorry, das wollte ich nicht“, meinte er.
„Macht nichts“, sagte ich und rieb mir über die Stirn.
Jarrett drückte die Türklinke hinunter und öffnete die Tür. Beim Hineingehen stellte ich mein Glas aus der Kommode ab. Durch die Lüftungsgitter, die mit dem offnen Kamin verbunden waren, strömte warme Luft ins Zimmer.
Eine mollige Wärme hatte sich breit gemacht und mir war vom Rotwein eh schon warm. Also begann ich mein Hemd aufzuknöpfen, was sich aber als schwierig heraus stellte, da meine Motorik nicht mehr das war, was es sein sollte.
So stand ich schwankend da und fummelte an meinem Hemd herum. Irgendwann hatte ich genug und zog es einfach über den Kopf. Es landete neben den Stuhl, denn zielen konnte ich auch nicht mehr.
Jarrett kicherte weiter, beobachtete den Kampf mit meiner Kleidung. Er hatte es leichter. Schnell war sein Shirt über den Kopf gestreift und die Hose ausgezogen. Zum ersten Mal sah ich ihn nur in Shorts.
Das Bild seiner Leibesfülle von früher kam mir in den Sinn und ich musste unweigerlich lächeln.
„Was ist?“, fragte Jarrett und hob mein Hemd auf.
„Du siehst wirklich gut aus“, sagte ich und nur wenig später wurde mir bewusst, ich hatte einem Mann wegen seines Aussehens ein Kompliment gemacht.
Sein Gesicht färbte sich leicht rot, was eine erneute Kicherattacke bei mir auslöste. Ich bückte mich und versuchte nun auch das letzte Hosenbein vom Fuß zu ziehen. Natürlich bekam ich Übergewicht und kippte nach vorne.
Ein kurzes Fluchen und ich lag auf Jarrett. Wir schauten uns kurz wortlos an und begannen laut zu lachen. Was mich aber etwas wunderte war, dass sich plötzlich ein Wohlbefinden in mir ausbreitete, als ich Jarrett unter mir spürte.
Unser Lachen verstummte und wir schauten uns in die Augen. Seine Pupillen verengten sich und das braun seiner Augen nahm ein seltsames Funkeln an. Plötzlich spürte ich seine Hand an meinem Nacken.
Langsam zog er mich zu sich. Keine Hemmungen, keinerlei Gewissensbisse begehrten in mir auf, ich ließ es einfach geschehen. Meinen Augen schlossen sich und wenige Sekunden später spürte ich Jarretts weiche Lippen auf den meinen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah. Ein Gefühl, als würde Strom durch meinen Körper fließen, ließ meinen Körper erbeben. Nur dieser kleine Kuss setzte eine Gefühlswelt in mir frei, die ich bis dato noch nie erlebt hatte.
Unsere Lippen trennten sich wieder und ich öffnete die Augen. Aber nicht die funkelten Augen von Jarrett bekam ich zu sehen, nein, es war ängstlicher Blick.
„Was ist?“, fragte ich besorgt.
Jarrett drückte mich sanft von sich weg.
„Sorry, dass hätte ich nicht tun dürfen.“
„Was denn?“
„Dich küssen…“
Er wandte sich von mir ab.
„Jarrett, wenn ich es nicht gewollt hätte…“
„Vergessen wir es einfach, okay?“, fragte Jarrett, stand auf und nahm seine Kleidung.
„Was hast du vor?“, fragte ich, noch immer auf Boden sitzend.
„Ich werde nach Hause laufen…“
„Jarrett, ich ….“
„Lass es..“
Er lief schon zur Tür.
„Jarrett, bitte bleib…“
Ruckartig blieb er stehen, während ich aufgestanden war.
„Was für einen Sinn hätte das?“, fragte er mir zugewandt.
Ich lief zu ihm, legte meine Hand auf seine Schulter. Er zog die Schulter weg und meine Hand rutschte ab.
„Tut mir Leid Dominic, ich hab da einen riesen Fehler gemacht… es ist wirklich besser wenn ich jetzt gehe.“
Er griff nach dem Türknauf, aber so wollte ich ihn nicht gehen lassen. Ich griff diesmal nach seinem Arm und der Griff meiner Hand wurde stärker. Jarrett drehte den Kopf und schaute mich vorwurfsvoll an.
„Lass uns bitte reden… okay?“, fragte ich leise.
Jarrett atmete tief durch und es folgte ein Seufzer.
„Komm… bitte.“
Jarretts Widerstand war irgendwie gebrochen, denn plötzlich kam er mir klein und angreifbar vor. Ich zog etwas an seinem Arm und er setzte sich ohne Wehr in Bewegung. Ich zog ihm seine Kleidung aus der Hand und warf sie auf den Stuhl.
Jarrett sagte kein Wort mehr, starrte nur stur auf den Boden. Mittlerweile war ich hinter ihm und schob ihn Richtung Bett. Dort angekommen drückte ich ihn nach unten, dirigierte ihn ins Bett und deckte ihn zu.
Danach lief ich um das Bett und ließ mich neben ihn fallen. Noch immer starrte er vor sich hin.
„So und jetzt Klartext, was ist los?“, begann ich.
„Was soll schon los sein. Ich habe dich geküsst, einen Mann…“, brummte Jarrett.
„Ja, das habe ich gemerkt, überdeutlich sogar.“
Sein starrer Blick löste sich, er setzte sich auf und wandte den Kopf zu mir.
„Verstehst du denn nicht…?“, begann er zu fragen.
Ich schüttelte den Kopf. Er rollte mit den Augen und ließ sich wieder in sein Kissen fallen.
„Tut mir Leid, wenn ich auf der Leitung stehe… ich muss sogar zugeben, dein Kuss hat mir gefallen…, solche Gefühle habe ich noch nie erlebt.“
„Wirklich?“
Ich musste über Jarretts verwunderten Gesichtausdruck lächeln.
„Ja…! Klar, ich bin noch nie von einem Mann geküsst worden, woher soll ich auch solche Gefühle kennen“, sprach ich weiter.
„Du… du warst verheiratet…“, gab Jarrett leise von sich.
Meine Gedanken wanderten zu Gabriella zurück und es war das erste Mal, dass es mir nicht gleich ein Stich in meine Brust versetzte, wenn ich an sie dachte.
„Ja war ich und Gabriella fehlt mir sehr.“
„Und dann gefällt dir, wenn dich ein Mann küsst?“
„Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“
„Du bist nicht schwul…“
„Bist du es?“, fragte ich Jarrett, dessen Blick mir plötzlich auswich.
„Jarrett, wir haben uns einmal ewige Freundschaft geschworen… gilt dies noch?“
„Das war ein Kinderschwur…“
„Für ein Kind warst du aber schon ganz schön bestückt…“
Ein leichtes Lächeln überzog Jarretts Gesicht. Nein ich hatte nicht vergessen, was wir bei den Weiden hinter den Felsen gemacht hatten. Er hob langsam den Kopf und sah mich an.
„Du hast es nicht vergessen?“, fragte Jarrett.
Ich schüttelte den Kopf.
„Wie kann man sein erstes Mal schon vergessen?“
Jarretts Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen.
„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, meinte ich leise und sein Grinsen verschwand.
Jarrett sah mich lang an. Sein Atem war ruhig. Seine Augen funkelten im Schein der Nachtischlampe.
„Kathleen meinte immer, das wäre nur eine Phase bei mir, sie sagte, dass geht irgendwann vorüber.“
Nun senkte Jarrett seinen Blick.
„Doch tief in mir spürte ich etwas, was ich die ganzen Jahre verdrängt hatte. Ich spürte, dass all das falsch war, was um mich passierte, ich eigentlich ein anderes Leben führen sollte. Klar liebte ich Kathleen, aber dennoch quälten mich jeden Tag Selbstzweifel.“
„Warum dass denn?“
Jarrett hob den Kopf und sah mich wieder an.
„Wie würdest du dich fühlen, wenn du mit einer Frau verheiratet bist, tollen Sex hast, aber immer wieder an andere Männer denkst?“, fragte Jarrett.
„Hm…, ich weiß nicht… Gut ich gebe zu, diese Gedanken hatte ich auch ab und wann, aber belastet hat mich das nie.“
„Schön für dich!“
Ich hörte schon den leicht sarkastischen Unterton in Jarretts Stimme. Er verschränkte seine Arme über der nackten Brust und starrte in den Raum.
„Der Kuss eben hat Gefühle in mir ausgelöst, die ich nicht kenne… Aber es gefällt mir, was ich spüre“, sprach ich leise weiter.
„Und was fühlst du?“, fragte Jarrett, ohne mich anzuschauen.
„Schwer zu erklären… hm… Irgendwie fühlt es sich an, als würde Strom durch dich laufen, alles fängt an in dir zu vibrieren…“
„Wirst du jetzt zum Elektriker…, dass ist mein Job“, erwiderte Jarrett und ich musste lächeln.
Auch er musste lächeln und löste sich aus seiner Verspannung.
„Und was wird jetzt?“, fragte ich vorsichtig.
Jarrett atmete tief ein und blies die Luft wieder aus.
„Ich weiß es nicht…“, hörte ich Jarrett leise sagen.
Seine Augen waren leicht feucht und funkelten noch mehr im Schein der kleinen Lampe. Ich hob meine Hand, fasste Jarrett am den Nacken und zog ihn zu mir. Ohne Gegenwehr ließ Jarrett dies einfach mit sich tun.
Und erneut trafen sich unsere Lippen, aber diesmal zu einem innigeren Kuss als vorher.
*-*-*
So langsam wurde ich wach. Wie gewohnt wollte ich mich strecken, wenn ich morgens aufwachte, doch diesmal ging das nicht. Jarretts Kopf lag auf meiner Brust, sein Arm um meinen Bauch geschlungen.
Er sah so friedlich aus, wenn er schlief. Sein Kopf hob und senkte sich sanft zusammen mit meiner Brust. Ich strich ihm eine Strähne seines wilden braunen Haares aus dem Gesicht. Sollte wirklich etwas daran sein, dass ich auf Männer stehe?
War das der Grund, warum ich bei Gabriela im Bett immer versagte? Ich starrte an die Decke kramte in meinen Erinnerungen, ob irgendwelche unerklärlichen Dinge in der Vergangenheit sich mit diesem Punkt erklären ließen.
„Was grübelst du denn?“, hörte ich plötzlich Jarrett brummen.
Ich schaute zu im hinunter und lächelte.
„Guten Morgen Jarrett“, sagte ich.
„Morgen Dominic“, brummte er vor sich hin und begann sich zu strecken.
„Hast du gut geschlafen?“
Er blieb neben mir auf dem Rücken liegen.
„Ja!“, lächelte er, „…wie viel Uhr haben wir denn?“
Ich griff nach meiner Armbanduhr.
„Kurz nach sechs Uhr.“
„Also nichts mit liegen bleiben… Ich muss aufstehen.“
„Die Arbeit ruft wohl?“
„Ja und ich habe heute ein paar Aufträge abzuarbeiten.“
„… ich würd dir ja gern einen Kaffee kochen, aber ich habe leider nichts anzubieten.“
„Kein Problem, wir können uns ja nachher in der Stadt treffen und gemeinsam einen Kaffee trinken.“
„Das ist eine gute Idee, einkaufen werde ich sowieso noch müssen. Und wo treffen wir uns?“
„Lass mich mal überlegen, wo kann man den gut frühstücken…nach was steht dir denn der Sinn… etwas mit Fisch?“
„Ja, warum nicht.“
„Dann könnten wir uns bei McSwiggan’s Restaurant, am oberen Ende der Altstadt in der Nähe des Eyre Square gelegen, treffen.“
„Hört sich vornehm an.“
„Jarrett lächelte wieder und zog mich zu sich.“
„Aber ohne einen weiteren Kuss stehe ich nicht auf“, flüsterte er und schon spürte ich seine Lippen auf meinen.
Ich zerfloss regelrecht in seinen Armen und genoss seine Hand, die mir zärtlich über den Rücken streichelte, was mir eine Gänsehaut bescherte.
„So könnte für mich jeder Morgen beginnen“, meinte er und schlug die Decke zurück.
Ich lag nun auf dem Bauch und schaute ihn an.
„Wär das dein Wunsch?“, fragte ich leise.
Er saß nun am Bettrand mit dem Rücken zu mir. Ich strich sanft mit meiner Hand über seinen Rücken und fuhr die Konturen der Schulter nach.
„Ob das gut wäre?“, fragte er nun und atmete tief durch.
„Man soll nie eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten.“
Er lehnte sich nach hinten, stützte sich mit der Hand auf dem Bett ab.
„Können wir da in Ruhe weiter drüber reden? Ich muss gleich los, ich will da nicht zwischen Tür und Angel drüber reden.“
„Noch bist du in meinem Bett…“
Er beugte sich hinunter und gab mir einen flüchtigen Kuss, dann stand er auf.
„Und wann treffen wir uns?“, fragte ich, während Jarrett in seine Hose schlüpfte.
„So gegen zehn?“
„Ja, bis dorthin bekomm ich einiges gearbeitet.“
Ich stand nun auch auf und zog mir nur mein Tshirt über. Gemeinsam gingen wir nach unten, wo Jarrett sein restliches Hab und Gut einsammelte. Dann begleitete ich ihn zur Tür.
„Okay, dann bis um zehn, ich freu mich schon darauf“, meinte Jarrett und öffnete die Haustür.
Frische Kühle zog herein und es fröstelte mich etwas. Jarrett zog mich noch einmal an sich und ein weiterer Kuss folgte.
„Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, wie süß du bist?“, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf und er grinste.
„Also bis später…“
„Bis später“, sagte ich und schaute ihm nach, wie er zu seinem Wagen lief. Er stieg ein, startete den Motor und der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein kurzes Winken seinerseits und ich sah nur noch die Rückfront seines Pickups.
Ich schloss die Haustür und lehnte mich gegen sie. Ich hatte eine Nacht mit einem Mann verbracht. Na gut… wir hatten nichts gemacht, nur nebeneinander geschlafen, aber trotzdem hat mir das gefallen.
Mein Blick wanderte über den Flur zu den offenen Türen. Ich seufzte. Was soll’s, ich hatte jede Menge Arbeit vor mir. Wenige Minuten später kam ich angezogen wieder herunter und suchte erstmal nach etwas Trinkbarem.
Jarrett hatte mir zwei Flaschen Mineralwasser da gelassen. So schenkte ich mir ein Glas voll ein und trank es in einem Zug leer. Wo sollte ich anfangen. So beschloss ich erstmal hier in der Küche anzufangen und das Geschirr von gestern Abend zu entsorgen.
Eine Spülmaschine musste her. Ich ging an meinen Aktenkoffer, der immer noch neben der Kommode im Flur stand, nahm ihn hoch und legte ihn auf die Kommode, wo ich ihn auch gleich öffnete.
Ein Bild von Gabriella aus glücklichen Tagen prangte mir entgegen. Ich seufzte kurz und nahm es heraus. Ich lief ins Wohnzimmer und stellte die Fotografie auf dem Kaminsims ab. Was wollte ich doch gleich?
Stimmt, ich wollte mir etwas zu schreiben holen. Also zurück in den Flur an meinen Aktenkoffer. Ich zog einen Block heraus mitsamt Kugelschreiber, notierte ‚Spülmaschine’ und nahm mir vor, nachher gleich Jarrett zu fragen, ob das bei mir möglich war.
Ich wollte sowieso einiges Bauliches im Haus ändern und Jarrett würde mir sicher mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich legte den Block auf den Küchentisch und stand nun vor dem Berg Geschirr.
Eine halbe Stunde später und zehn verschrumpelte Finger mehr hatte ich die Küche wieder sauber, als ich draußen ein Motorgeräusch hörte. Ich lief in den Flur und öffnete die Haustür. Etwas enttäuscht stellte ich fest, dass es sich um den Schreiner handelte.
Ich ertappte mich, dass ich auf Jarrett gehofft hatte.
„Guten Morgen Dominic“, rief er mir entgegen.
„Morgen Corbinian“, rief ich zurück.
„Ist noch irgendetwas zu klären, oder kann ich gleich anfangen.“
Da fiel mir etwas ein.
„Wenn Sie so fragen, da fällt mir schon etwas ein.“
Corbinian stellte sein Werkzeugkoffer ab und lief zu mir.
„Wo drückt denn der Schuh?“, fragte er, als er bei mir ankam.
„Ich habe vor einiges in diesem Haus zu verändern und da wären sicherlich auch Holzarbeiten zu tätigen.“
„Und um was geht es da konkret?“
„Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen das gerne zeigen.“
„Ähm… Dominic…, Sie sind mit Jarrett befreundet und ich auch… Sie können also gerne du zu mir sagen.“
„Ja… ähm kein Problem.“
„Und um was geht es jetzt?“
„Moment ich zeige es Ihne… ähm …dir.“
Corbinian lächelte mich an. Dabei übersah ich natürlich nicht seine großen wachen und braunen Augen, die mich gerade anstrahlten. Sichtlich nervös lief ich vor ihm her zum hinteren Zimmer.
Auch hier hatte Jarrett alle Leinentücher entfernt und man konnte den herrlichen alten Schreibtisch sehen, der mitten im Raum stand.
„Hier würde ich gerne mein Arbeitszimmer einrichten“, erklärte ich.
„Ich nehme mal an, der Schreibtisch soll bleiben.“
„Richtig angenommen… aber ich brauche Abstellfläche… Regale.“
„Und sie sollten zum Schreibtisch passen.“
Ich nickte.
„Ich habe zu Hause ein paar Entwürfe von Möbeln, deren Stilrichtung hier fast passen würde. Wenn es dir Recht ist, bringe ich sie das nächste Mal mit.“
„Ja, klar, sicher würde mir das gefallen.“
„Okay. Noch etwas?“
„Ja, du siehst, hier ist es ziemlich dunkel und hinter dieser Wand befindet sich ja die Terrasse zum See. Wäre es möglich eine Tür nach draußen einzubauen?“
„Hm… wegen der Tür müsste ich mit einem befreundeten Glaser sprechen, aber ich denke, dass ist sicher kein Problem.“
„Gut, danke. Das wäre es erstmal.“
„Okay, dann mach ich mich mal an die Arbeit… bis später, Dominic.“
„Brauchst du mich noch für etwas?“
„Eigentlich nicht.“
„Gut, weil ich später in die Stadt möchte.“
„Kein Problem, ich habe alles dabei, was ich brauche.“
Ein paar Minuten später war ich wieder alleine. Ich beschloss im Wohnzimmer anzufangen, damit ich einen Raum hatte, wo ich Gäste empfangen konnte und sie nicht in irgendein Zimmer mit Kisten führen musste.
Ich hielt inne und lächelte. War ich doch vor kurzem zu dem Schluss hierher zu ziehen gekommen, um abzuspannen… Entfernung zur Vergangenheit zu bekommen, war ich jetzt schon wieder kräftig am Planen.
Dann sah ich wieder Jarrett vor mir und das Lächeln wurde stärker.
*-*-*
Unruhig lief ich vor dem Restaurant auf und ab. Es war schon fast halb elf und von Jarrett immer noch keine Spur. Blödsinnigerweise hatte ich natürlich keine Handynummer von ihm, aber er auch keine von mir.
Bei jedem roten Auto sah ich auf, aber es war kein Pickup. Wieder schaute ich auf die Uhr, als ich ein weiteres Auto vernahm und wieder aufschaute. Lächelnd nahm ich einen roten Pickup wahr. Jarretts Pickup.
Aber er war nicht alleine. Auf dem Beifahrersitz sah ich einen blonden Büschel Haare herausschauen. Recht rasant parkte Jarrett seinen Wagen in die Parklücke und der Motor erstarb.
Es ging nur seine Tür auf und wenige Sekunden später stand er dann vor mir.
„Hallo“, meinte ich mit einem Lächeln.
„Tut mir Leid Dominic, mir kam was dazwischen.“
Nun öffnete sich auch die zweite Tür und Luka kam aus dem Wagen geklettert. Jarrett sah mich wehleidig an und hob die Augenbraun.
„He, ist doch nicht schlimm. Euch gibt es eben nur im Doppelpack.“
Luka hatte uns mittlerweile erreicht und suchte die Hand seines Vaters. Jarrett sah zu ihm hinunter.
„Na!“, meinte er zu Luka.
„Guten Morgen“, sagte Luka und versteckte sich halbwegs hinter Jarretts Bein.
Ich ging in die Hocke, so dass ich auf Sichthöhe Luka’s war.
„Hallo kleiner Mann. Darf ich dir nachher ein Eis spendieren, du hast mich schließlich gerettet – aus dem Wasser gezogen.“
Das Lächeln dieses kleinen Mannes erwärmte mein Herz.
„Muss ich zu dir Onkel sagen?“, fragte Luka.
„Nein, musst du nicht. Du darfst auch Dominic sagen.“
Wieder lächelte er von einem Ohrläppchen zum Anderen.
„Dann sag ich Domi“, meinte er, löste sich aus der Hand seines Dads und sprang Richtung Eingang des Restaurants.
Ich stellte mich wieder auf und sah zu Jarrett, der nun auch lächelte.
„Danke“, meinte er.
„Für was?“, fragte ich.
„Wegen Luka…“
„Nichts zu danken, ich mag den kleinen Mann.“
Jarrett seufzte.
„Was ist?“, fragte ich.
„Du bist der … erste, der Luka akzeptiert…“
„Wie meinst du das?
„Ich habe in den vergangenen Jahren ein paar Männer kennen gelernt. Aber jedes Mal, wenn die Sprache von Luka war, wurde ich plötzlich uninteressant.“
„Domiiiiiiii kommst du?“, rief Luka.
Jarretts trauriges Gesicht verwandelte sich in ein Strahlendes.
„Klar komm ich und ich krieg dich bevor du im Restaurant bist.“
Also jagte ich dem kleinen Wirbelwind hinterher, der das laut juchzend quittierte. Jarrett stand da und beobachtete uns schmunzelnd. Als ich ihn schließlich zu packen bekam, zog ich ihn hoch und kitzelte ihn durch.
Luka quiekte wie verrückt.
„Lass uns rein gehen, ich bekomme allmählich Hunger“, meinte Jarrett grinsend neben mir.
„Was? Ich soll den Kleinen einfach so davon kommen lassen“, sagte ich gespielt entrüstet.
Diesen kleinen unachtsamen Augenblick nutzte Luka und bohrte mir seinen kleinen Finger in die Seite.
„Aaaaaaaaaaaaaaaah… du kleiner Teufel, na warte.“
Luka gluckste fröhlich vor sich hin.
*-*-*
Ein traditionelles Frühstück war vor uns aufgebaut. Bacon-Röllchen und gebratene Blut- und Leberwurst. Dazu gab es dann noch Eier und Bratkartoffel und mit einer gedämpften Tomate serviert.
In einem Körbchen konnte man zwischen Toast oder dunklem Sodabrot wählen, die man wahlweise mit Butter, Honig oder Marmelade bestreichen konnte. Natürlich durfte Ahornsirup nicht fehlen.
Als Getränk gab es den typisch irischen Schwarztee, der etwas malzig schmeckte. Orangensaft stand auch noch da. Luka selbst hatte einen großen Eisberg vor sich, den er gerade vergnüglich verdrückte.
„Sieht ja alles sehr lecker aus“, meinte ich und griff nach einem Toast.
„Luka und ich gehen hier oft essen. Sie haben auch immer etwas kindergerechtes da für ihn“, entgegnete Jarrett.
„Ach so, hätte ich kein Eis bestellen sollen?“
„Doch, du hast es ihm ja schon versprochen…“
„Ich hab nicht so eine Übung im Umgang mit Kindern…“
„Dafür kannst du aber mit Luka sehr gut“, meinte Jarrett und nippte an seinem Tee.
„Papa, ist Domi jetzt dein neuer Freund?“, fragte Luka dazwischen.
Ich verschluckte mich fast am Orangensaft, bevor mir klar wurde, wie Luka das jetzt gemeint hatte.
„Luka, der Domi und ich kennen uns schon ganz lange. Da war der Papa noch in deinem Alter, als er den Domi kennen gelernt hat“, erklärte Jarrett seinen Sohn.
„So lange schon, dann ist es ein alter Freund.“
Ich konnte nicht anders und musste kichern. Luka fing an zu lachen und sein herzhaftes Kinderlachen, steckte das halbe Restaurant an.
*-*-*
Luka’s Kopf lag auf der Schulter seines Vaters und schlief.
„Hast du irgendetwas Verderbliches in deinem Wagen?“, fragte Jarrett mich.
Jarrett sah unheimlich süß aus mit Sohnemann Luka auf dem Arm. Ich lächelte ihn an, bevor ich antwortete.
„Es müsste schon einiges in den Kühlschrank. Aber warum fragst du?“
„Hättest du keine Lust mit zu uns zu kommen, ich muss Luka zu seinem Mittagschlaf hinlegen. Deine Sachen kannst du bei mir kühl stellen…“
„Das würde allerdings gehen. Das Angebot nehme ich natürlich gerne an.“
„Fährst du mit deinem Wagen hinterher?“
„Klar, ich weiß ja nicht wo du wohnst. Ich kenne mich hier zwar noch etwas aus, aber ich glaube, ich würde mich trotzdem verfahren.“
„Ich wohne immer noch in meinem Elternhaus. Aber nun müssen wir los. Wenn Luka vorher aufwacht, ist er den ganzen Abend am Quengeln.“
„Das wollen wir doch nicht riskieren oder?“, grinste ich Jarrett an.
Jarrett hob vorsichtig seinen Sohn auf die Beifahrerseite seines Pickups, während ich bereits mein Auto bestieg. Ich startete den Motor und das satte Brummen ließ den Wagen leicht vibrieren.
Langsam fuhr ich aus meiner Parklücke und wartete auf Jarrett, dass ich ihm folgen konnte. Er zog recht zügig an und so hatte ich am Anfang Mühe ihm zu folgen. Wir folgten der College Road, um über die Dublin Road die Headford Road zu erreichen.
Vage erinnerte ich mich an das Haus seiner Eltern und ich wusste noch, dass es nicht weit von dem meiner Großeltern sein konnte, denn Jarrett kam immer mit dem Fahrrad zu uns, wenn wir da waren.
Im Gewirr des Baltinfoile Park bog er in eine kleine Nebenstraße wo er vor einem kleinen Haus zum stehen kam. Groß prangte das Schild am Giebels Hauses. Jarrett Mac Gregor Elektronics.
Ich parkte meinen Wagen auf seinem Kundenparkplatz und stieg aus. Jarrett hob den noch schlafenden Luka aus dem Pickup. Der Weg bis zur Coolagh Road und dann noch bis zu mir – mit dem Fahrrad, war das doch ein ganzes Stück.
Sicher gab es auch irgendwelche Wege, wo man diese Strecke abkürzen konnte, aber dennoch beeindruckte mich schon, wie weit Jarrett damals geradelt war. Mit dem Wagen waren es gerade mal fünf Minuten.
Ich lief hinter Jarrett her und wir durchquerten den kleinen gepflegten Vorgarten, den das Haus zierte. Bevor Jarrett aber die Haustür aufschließen konnte, wurde sie bereits von innen geöffnet.
„Hallo Jarrett, na is der Kleine wieder eingeschlafen.“
„Ja, der Berg Eis, den er bekommen hatte, war wohl doch zu anstrengend für ihn.“
„Kommst du noch kurz ins Büro, wenn du den Kleinen hingelegt hast?“
„Ja, und das ist übrigens ein guter Freund von früher. Dominic MacLeann.“
Ich hob meine Hand zum Gruß und er schüttelte sie.
„Joshua Fadden mein Name. Buchhalter und Jarretts emsige Sekretärin“, stellte sich der junge Mann vor.
Ich hörte Jarretts Kichern und folgte den beiden ins Haus. Joshua verschwand durch eine Tür gleich neben dem Eingang, während Jarrett den kleinen Flur weiter lief und eine Tür mit Aufschrift >Privat< öffnete.
Ich folgte ihm durch diese Tür. An die Zimmereinteilung dieses Hauses konnte ich mich nun wirklich nicht mehr erinnern, so stapfte ich Jarrett einfach hinterher. Er stieg die kleine Treppe hinauf und betrat gleich das erste Zimmer neben der Treppe.
Dies schien wohl Luka’s Zimmer zu sein. Von der Decke hingen einige Modellflugzeuge und auch der Rest des Zimmers war in Richtung Flugzeuge gestaltet. Sogar das kleine Bett, in das Jarrett Luka legte, hatte kleine Tragflächen an der Seite und sogar richtige Räder darunter.
„Toll. Das Zimmer gefällt mir“, flüsterte ich.
„Habe ich mit Corbinian zusammen selbstgebaut“, flüsterte Jarrett zurück, der vorsichtig Luka’s Schuhe auszog.
„So. Luka ist versorgt, wir können wieder nach unten.“
„Und wie lange schläft er jetzt.“
„So gegen drei Uhr wacht er wieder von alleine auf.“
Ich schmunzelte und folgte Jarrett wieder nach draußen.
„Macht es dir was aus, wenn ich kurz ins Büro gehe. Muss kurz schauen, welche neuen Aufträge Joshua für mich hat.“
„Ein süßer Typ“, meinte ich.
„Ja, aber total hetero und glücklich verheiratet seit einem Jahr. Aber er ist einer der wenigen, der über mich Bescheid weiß.“
„Er weiß dass du …?“
„Schwul bin… ja. Aber wie gesagt, dass wissen nur wenige.“
Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich so ruhig blieb. Jarrett hatte sich vor mir geoutet und ich selbst war schwer am Grübeln, ob ich nicht ebenso empfand wie Jarrett. Müsste ich jetzt nicht am verzweifeln sein, wie man es schon so oft hörte.
Aber nichts von all dem passierte. Ich fühlte mich wohl in Jarretts Gegenwart und die Erinnerung an den letzten Kuss, bescherte mir erneut eine Gänsehaut. Noch auf der Treppe verhaarte Jarrett plötzlich und drehte sich um.
Er zog mich an sich und wieder folgte ein Kuss. Noch schöner im Empfinden, wie der am Morgen.
„Das hat mir gefehlt“, meinte er und lief weiter die Treppe hinunter.
Ich konnte nicht anders und grinste über das ganze Gesicht. Wieder folgte ich einfach Jarrett bis wir ins Büro kamen, wo Joshua hinter einem großen Schreibtisch saß.
„Hast du etwas Neues für mich?“, fragte Jarrett, als wir eingetreten waren.
„Zwei Reparaturen und eine Angebotsanfrage für eine Gartenbeleuchtung“, antwortete Joshua und hielt ihm einige Schriftstücke unter die Nase.
Joshua sah zu mir.
„Sind sie Mr. MacLeann, dem das Haus am See gehört?“, fragte er und ich nickte als Zustimmung.
„Ich habe ihren Großvater noch gekannt. Er und mein Großvater waren gute Freunde“, sprach Joshua weiter.
„Das wusste ich nicht. Ich war in den zehn Jahren sehr selten hier.“
„Und nun haben sie vor, hier zu bleiben? Ihr Großvater erzählte damals etwas über eine hohe Position bei einer Brauerei.“
„Das wusstest du?“, fragte Jarrett erstaunt.
„Ja. Aber dafür wusste ich nicht, dass ihr zwei euch kennt“, kam es von Joshua.
„Okay… gut, die zwei Sachen kann ich morgen machen und das Verkaufsgespräch legst du bitte auf den Freitag… morgens… so gegen 11.00 Uhr.“
„Mach ich. Ich rufe gleich dort an.“
„Hast du schon die Sicherungen bestellt?“
„Schon erledigt.“
„Und wann kommen die?“
„Sollen mit der Donnerstagslieferung kommen.“
„Na gut… ein Tag später wird auch noch reichen. Okay, ich bin dann hinten, falls noch etwas wäre“, sagte Jarrett.
„Ich melde mich, falls dein Typ verlangt wird.“
Jarrett lächelte und wandte sich an mich.
„Wir müssen noch deine Sachen zum Kühlen herein holen.“
„Stimmt, die hätte ich beinahe vergessen.
*-*-*
Bei einer Tasse Tee saßen wir in seinem Wohnzimmer und schwelgten in Erinnerungen.
Du hattest doch noch eine Schwester, wenn ich mich nicht irre. Oder?“
„Ja Nelly. Sie ist verheiratet und lebt in Dublin. Sie hat auch Ma zu sich genommen, als ich sie nicht weiterpflegen konnte.“
„War sie ernstlich krank?“
„Nein und sie befindet sich immer noch bei bester Gesundheit.“
„Und dein Dad?“
„Der ist letztes Jahr gestorben…“
„…das tut mir Leid… ich…“
„Nicht schlimm Dominic. Wir hatten eh kein gutes Verhältnis.“
„Weswegen… wenn ich fragen darf.“
„Mein Vater hatte die Überzeugung, um einen Sohn großzuziehen bedarf es einer Frau. Männer können und machen so etwas nicht. Er verlangte von mir, dass ich wieder heirate.“
„Oha…“
„Ja du sagst es. Er verstand nicht, warum ich nicht wieder heiraten wollte und konnte.“
„Hat er den wahren Grund erfahren?“
„Nein, außer meiner Schwester weiß es keiner in der Familie.“
„Papa?“, rief es vom Flur.
„Ich bin hier im Wohnzimmer“, antwortete Jarrett.
Die Tür ging auf und ein total strubbliger Luka betrat das Wohnzimmer. Ich musste lächeln, weil er so süß aussah. Er schaute mich verwundert an, dann seinen Dad. Dann lief er weiter und krabbelte auf meinen Schoss.
Jarrett schaut mich verwundert an, musste aber dann doch lächeln.
„Du Domi?“, sagte plötzlich Luka.
„Ja Luka?“
„Spielst du etwas mit mir?“
Jarrett wollte schon etwas einwenden, aber ich gab Handzeichen, er solle schweigen.
„Ja, was willst du den spielen?“
„Hast du mein Zimmer schon gesehen?“
„Ja, als dein Dad dich ins Bett brachte.“
„Spielen wir mit meinen Flugzeugen?“
„Ja können wir, fliegst du gerne?“
„Ich bin noch nie geflogen, aber Papa war schon einmal mit mir auf dem Flughafen. Da habe ich richtige große Flugzeuge gesehen und die sind gelandet und gestartet.“
Mir gefiel, mit welcher Inbrunst Luka über Flugzeuge erzählte.
„Mal sehn, vielleicht nehm ich dich mal mit, wenn ich wieder fliege“, meinte ich.
Luka’s Augen wurden groß.
„Du kannst fliegen?“
Ich musste lachen.
„Nein, ich muss aber oft geschäftlich mit dem Flugzeug unterwegs sein, so wie dein Dad oft mit dem Auto unterwegs ist.“
„Hast du ein eigenes Flugzeug?
„Einen Firmenjet, aber der gehört der Firma in der ich arbeite, nicht mir.“
„Und mit dem darf ich mal fliegen?“
„Luka!“, sagte Jarrett mahnend im scharfen Ton.
„Ach, lass ihn doch Jarrett“, meinte ich, „mal sehen, vielleicht ergibt sich einmal die Gelegenheit und er kann mitfliegen.“
Luka sprang von meinem Schoss und breitete die Arme aus. Plötzlich stürmte er los und versuchte Geräusche eines Flugzeugs nachzumachen.
„Ich kann fliegen“, rief er und rannte aus dem Zimmer.
„Verwöhn mir den Kleinen nicht so“, sagte Jarrett und nippte an seinem Tee.
„Neidisch?“, fragte ich und musste lächeln.
„Ja…, erwischt!“
*-*-*
Meine Einkäufe waren verstaut, das Feuer im Wohnzimmer brannte und ich ließ mir gerade ein Bad ein, als das Telefon klingelte.
„MacLeann.“
„Hallo Dominic, hier ist Jarrett.“
„Hallo Jarrett, hat dich die Sehnsucht gepackt?“, fragte ich und musste lächeln.
„Auch, aber ich habe einen anderen Grund warum ich anrufe.“
„Und der wäre?“
„Meine Schwiegermutter kann morgen Luka nicht nehmen und ich habe neben den Reparaturen noch ein Beratungsgespräch in Moycullen, das wird sicherlich länger gehen.“
„Soll ich ihn nehmen?“
„Mir fällt ein Stein vom Herzen, dass du selbst fragst.“
„Warum dass denn?“
„Ich weiß nicht… Luka kann schon sehr anstrengend sein und ihr zwei kennt euch ja auch noch nicht richtig.“
„Das beste Mittel um uns näher kennen zu lernen, findest du nicht?“
„Da hast du recht… öhm könnte ich ihn dir morgen früh vorbeibringen?“
„Geht er nicht in den Kindergarten?“
„Um ehrlich zu sein, ist mir dass zu teuer. Und bisher ging es auch so.“
„Wann willst du ihn vorbeibringen?“
„So gegen acht Uhr?“
„Kein Problem, wenn ich das weiß, stelle ich mich darauf ein.“
„Ich bin dir was schuldig!“
„Ach was…, wie kommst du da drauf?“, fragte ich erstaunt.
„He, du tust mir einen riesen Gefallen mit Luka, wo fremdes hätte ich keine ruhige Minute.“
„Du kennst mich aber erst seit gestern wieder…“, sagte ich und grinste.
Anscheinend wusste er darauf nichts zu sagen.
„Noch da?“, fragte ich.
„Ja… vermisse dich… das gestern Nacht… einfach bei dir zu sein, das hat richtig gut getan.“
„Kannst du sofort wieder haben.“
„Du vergisst Luka…“
„Warum… bring ihn gleich mit. Im kleinen Zimmer steht auch ein Bett, da könnte er schlafen.“
„Wird dir das nicht zuviel?“
„Ach was.“
Wieder war Funkstille am Telefon. Anscheinend dachte er gerade über meine Worte nach.
„Gib mir ne Stunde, dann sind wir bei dir“, hörte ich Jarrett plötzlich.
„Ja, lass dir Zeit. Ich wollte sowieso noch baden.“
„Öhm… ja… gut, dann bis nachher.“
„Bye Jarrett.“
„Bye… Dominic.“
Lächelnd aber auch grübelnd drückte ich das Gespräch weg. Gedankenverloren lief ich in mein Zimmer hoch und entledigte mich meiner Kleidung. Was war nur mit Jarrett los. Er sagte, er sei schwul, aber trotzdem legt er mir gegenüber eine Scheu an den Tag, die ich nicht verstehe.
Gut, ich bin mit meiner Situation auch nicht im Klaren, ich weiß nicht was ich will, was sein wird. Ich weiß nur, dass ich mich bei Jarrett so wohl wie schon lange nicht mehr fühle. Kurz denke ich zurück an Gabriella, die sich langsam in den Hintergrund drängt. Sollte ich wirklich wie Jarrett schwul sein?
Ich streckte den Fuß in die Wanne – und ließ einen gellenden Schrei los. Scheiße war das Wasser kalt. Hatte ich den falschen Hahn aufgedreht? Ich drehte den Warmwasserhahn auf und tatsächlich kam da heißes Wasser heraus.
Wo war ich nur mit meinen Gedanken? Ich griff in das kalte Wasser, was mir eine Gänsehaut bescherte und zog den Stöpsel. Also konnte ich mir das Baden aus dem Kopf schlagen. Bis die Wanne wieder voll war, kamen meine zwei Gäste.
Vielleicht später dachte ich, wenn Luka am schlafen war. Ohne Unterwäsche zog ich mir einfach die Jogginghose über und ein Tshirt. Barfuss lief ich die Treppe hinunter. Ob die zwei schon etwas gegessen hatten? Genug Sachen hatte ich ja da. Vielleicht sollte ich mal nach dem Zimmer schauen in dem Luka schlief.
Ich drehte auf der letzten Stufe um und lief wieder nach oben. Mit einem leisen Knarren öffnete ich die Tür zu unserem früheren Kinderzimmer. Jetzt stand nur noch ein Bett da, früher, als Nick und ich hier schliefen, stand hier noch ein Stockbett.
In dem Zimmer hatte sich ansonsten nichts geändert. Die Regale mit den vielen Spielen hingen immer noch. Da fiel mir plötzlich etwas ein. Ich lief zum Fenster und ging auf die Knie.
Ich tastete den Holzboden ab. Irgendwo hier muss es doch gewesen sein. An einer bestimmten Stelle gab die Diele nach und das Holz hob sich an. Das Versteck gab es also immer noch. Ich lächelte und entfernte das Brett.
Natürlich waren nach all den Jahren überall Spinnweben und Dreck. Hier hatte ich meine geheimsten Sachen vor Nick versteckt und er hatte es nie gefunden. Ich griff durch die dreckige Öffnung und bekam die Kiste zu greifen.
Es war eine alte Zigarrenkiste, die mir Grandpa mal geschenkt hatte. Ziemlich verstaubt und mit Spinnweben überzogen kam sie zum Vorschein. Ich drückte das Stück Holz wieder in den Boden und es sah wieder so aus wie vorher.
Ich öffnete das Fenster und hielt die Kiste nach draußen. Ich blies kräftig darüber, so dass sich die dicke Staubschicht löste und wie eine dunkle Wolke nach unten sank. Mühsam versuchte ich die Spinnweben zu lösen, die nun mehr an meinen Finger, als an der Kiste hingen.
Etwas angeekelt schüttelte ich wie wild meine Hand, bis das Zeugs sich endlich löste. Ich schloss das Fenster wieder und ließ mich aufs Bett fallen, das knarrend Zeugnis gab, was für ein Gewicht ich hatte.
Vorsichtig öffnete ich die Kiste und sein Inhalt kam zum Vorschein. Als erstes fiel mein Blick auf einen weißen Stein, den ich sogleich entnahm. Trotz seiner Härte fühlte er sich irgendwie weich an.
Würde einen guten Anhänger abgeben, dachte ich für mich. Mit einem Auge bemerkte ich, dass unter den vielen Papieren, die da in der Box lagen, das Eck einer Fotografie herausschaute. Ich zog es an der Ecke heraus und hielt es gegen das Licht.
Ich wusste nicht mehr, dass dieses Bild überhaupt noch existierte. Ein Bild von Jarrett und mir am See. Arm in Arm und lachend. Jarrett, rund wie eine Kugel und ich, dürr wie eine Bohnenstange.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Wie schnell man doch solche Augenblicke von früher vergessen hat. Gut, nach dem Tod unserer Eltern hatte ich viel verdrängt. Die Sommer bei meinen Großeltern waren aber immer etwas Besonderes für mich.
Die Zeit im Internat hatte ich schon lange verdrängt. Ich hörte ein Auto. Schnell hatte ich die Fotografie in die Kiste gesteckt und verließ das Zimmer wieder. Die Treppe hinunter und zur Haustür.
Kaum hatte ich sie geöffnet, kam mir auch schon ein Wirbelwind entgegen.
„Dommmmmmmmmiiiii, ich darf heut Nacht bei dir schlafen“, rief er ganz laut.
Mit einem braunen Bärchen unter dem Arm erreichte er mich und fiel mir um den Hals. Ich war mittlerweile in die Hocke gegangen.
„Ich weiß Luka, ich habe auch extra ein Zimmer nur für dich.“
„Ich krieg ein eigenes Zimmer?“, jubelte Luka, „Papa hast du gehört, ich hab ein eigenes Zimmer.“
Jarrett kam mit einer großen Tasche beladen nun auch Richtung Haus gelaufen.
„Hallo Dominic, hier sind wir.“
„Willst du hier einziehen?“, meinte ich und zeigte auf die Tasche.
Jarrett lächelte. Luka war inzwischen an mir vorbeigeschlüpft und ins Haus gelaufen. Jarrett schaute ihm nach und dann wieder zu mir.
„Hallo“, meinte er und schaute mich lächelnd an.
„Hallo“, meinte ich ebenso und lächelte zurück.
„Und? War das Bad erholsam?“
Ich schaute verlegen.
„Was ist?“, fragte Jarrett.
„Ich habe aus Versehen die Wanne mit kaltem Wasser gefüllt…“
Jarrett fing schallend laut an zu lachen. Ich lief nun ebenso ins Haus, weil mir so barfuss doch kalt wurde. Jarrett folgte mir und schloss hinter sich die Haustür.
„Luka?“, rief er.
„Jaha… hier bin ich.“
Wir folgten der Stimme und fanden Luka vor dem Kamin im Wohnzimmer. Er saß auf dem kleinen Flokati vor dem Feuer und schaute fasziniert hinein.
„Luka, aber nicht zu dicht dran gehen, du weißt bei heiß verbrennt man sich.“
„Ja Papa.“
„Gibst du mir die Tasche, ich bring sie gleich nach oben“, meinte ich.
„Du, das kann ich doch selbst machen, ich kenne mir hier ja aus.“
„Und Luka, willst du ihn auch bald ins Bett stecken?“
„Guck hin, lange ist er eh nicht mehr wach“, meinte Jarrett und zeigte auf Luka.
Es stimmte. Luka lag mittlerweile auf dem Teppich, mit seinem Bärchen im Arm und starrte aufs Feuer.
„Komm, dann gehen wir beide hoch und richten sein Bett, okay?“, fragte ich.
Jarrett nickte und gemeinsam liefen wir die Treppe hoch.
„Habt ihr schon etwas gegessen?“, fragte ich nun weiter.
„Ja, hatte Essen von meiner Schwiegermutter über.“
„Irgendwo müsste frische Bettwäsche sein. Ich müsste sie nur suchen“, meinte ich als wir die Treppe hinaufliefen.
„Brauchst du nicht, ich habe alles dabei, was Luka braucht.“
Er lächelte mich an, als würde noch irgendwas folgen, aber es kam nichts. So gingen wir in das Zimmer und richteten alles her. Er hatte wirklich an alles gedacht. In der großen Tasche waren Luka’s komplette Bettwäsche und auch ein paar andere nützliche Sachen.
Als wir endlich fertig waren, liefen wir wieder hinunter. Dabei kamen wir am Bad vorbei und mein Blick fiel auf meine Wanne.
„Willst du noch baden?“, frage Jarrett.
„Weiß nicht… dich alleine lassen…“
„Wir könnten ja zusammen…“, sagte er leise und blieb auf der Treppe stehen.
Ich lächelte ihn an.
„Warum nicht…, aber erstmal geht dein Sohnemann vor!“
„Ja, okay.“
Gemeinsam liefen wir wieder ins Wohnzimmer, wo nun Luka wirklich vor dem Kamin eingeschlafen war. Eng an sein Bärchen gekuschelt, hatte er ein Lächeln auf seinem Mund. Ich fand Luka einfach süß und musste lächeln.
Vorsichtig hob ihn Jarrett auf und trug ihn hinauf. Luka brummelte irgendetwas, was ich aber nicht verstand. Als Jarrett Luka versorgt hatte, steckte er noch eine kleine Lampe neben die Tür in die Steckdose.
Dann zog er die Tür zu bis auf einen Spalt.
„So geschafft. Wenn er mal fest schläft, dann hält das bis morgen.“
„Kann ich überhaupt das Wasser einlassen, ist das nicht zu laut?“, fragte ich.
Jarrett lächelte und ich fühlte mich irgendwie ertappt, weil ich nur das Baden mit ihm im Kopf hatte. Ohne weiteres Zutun färbte sich mein Gesicht ein und ich konnte bestimmt jeder Tomate Konkurrenz machen.
Er schüttelte den Kopf und gab mir einen Kuss auf die Nase. Also lief ich ins Bad, während er wieder runter ging. Ich steckte erneut den Stöpsel in die Wanne und drehte diesmal den Warmwasserhahn auf.
Ich hielt sogar meine Hand darunter, nur um sicher zu gehen, dass da auch wirklich das warme Wasser kam. Nachdem auch dies stimmte, zog ich mir mein Shirt über den Kopf und legte es über den Stuhl.
Nur noch in Jogginghose lief ich nach unten und suchte Jarrett. Ich fand ihn vor dem Feuer am gleichen Platz, wo Luka vorhin eingeschlafen war. Ich sagte kein Wort sondern kniete mich einfach hinter ihn und legte meine Arme um ihn.
Er zuckte leicht zusammen, also hatte er mich nicht kommen hören. Sein Blick starrte weiterhin ins Feuer und wir sagten auch nichts. Es bedurfte keine Worte. Wir wussten beide, was in uns vorging.
Er streichelte sanft über meinen Arm und sein Gewicht verlagerte sich nach hinten, gegen mich. Leise knisterte das Feuer vor sich hin.
„Ich muss nach dem Wasser sehen“, flüsterte ich und richtete mich langsam auf.
Er schaute mich an und ich sah, dass seine Augen feucht waren. Ich brachte nur ein gequältes Lächeln über die Lippen, mit dem ich ihn sicher nicht aufmuntern konnte. Sein Kopf wandte sich wieder zum Feuer.
Schnellen Schrittes nahm ich zwei Stufen auf einmal und schaute ins Bad. Noch nicht ganz voll. Aber nach unten gehen brauchte ich nun auch nicht mehr. So stand ich vor der Wanne und wartete bis sie zum richtigen Punkt vollgelaufen war.
Ich goss noch etwas Badeöl nach, was zur Folge hatte, dass die Schaumkrone auf dem Wasser noch größer wurde. Plötzlich spürte ich eine Hand auf dem Rücken und drehte mich um. Jarrett war mir gefolgt.
Er nahm mich einfach in den Arm und drückte mich.
„Jarrett…?“, begann ich leise, aber er legte seinen Finger auf meinen Mund und schüttelte den Kopf.
Also blieb ich ruhig. Ich drehte mich zu den Hähnen und stellte das Wasser ab. Nun war es wieder ruhig, nur den Wind, der draußen blies, war zu hören. Jarrett begann sich auszuziehen, während ich mich als erstes in Wasser begab.
Es war fast zu heiß, aber ich fand es wohltuend. Nun stand Jarrett nackt vor der Wanne und ich musste schlucken, weil Jarrett wirklich eine tolle Augenweite war. Vorsichtig setzte er seinen Fuß zwischen meine Beine und stieg ebenfalls in die Wanne.
Langsam setzte er sich vor mich und lehnte sich dann mit seinen Rücken an meine Vorderseite. Ein Lächeln überzog mein Gesicht und ich legte meine Arme um ihn. Sein Kopf kam auf meiner Schulter zur Ruhe.
Er hatte die Augen geschlossen, während ich ihn beobachten konnte.
„Was siehst du?“, fragte Jarrett plötzlich.
Ich musste grinsen.
„Sorry, ich kann immer noch nicht glauben, was für eine tolle Figur du hast.“
„Daran bist du nicht ganz unschuldig…“
„Ich?“
„Erinnerst du dich nicht mehr, wie du mich am Schluss, bevor du nach Dublin >dicker Schwabbel< nanntest?“
„Das hab ich gesagt?“
„Ja…“
„Öhm… tut mir Leid. Ich kann mich da wirklich nicht mehr daran erinnern. Bei was war das denn?
Auf Jarretts Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.
„Bei unserem letzten Mal…, kannst du dich da wenigstens noch daran erinnern?“
Klar hörte ich den leichten sarkastischen Ton in Jarretts Worten. Und natürlich erinnerte ich mich an das letzte Mal, als Jarrett und ich zusammen Sex hatten. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit jemandem schlief.
„Nach deinem Gesichtsausdruck zu urteilen, erinnerst du dich wieder“, meinte Jarrett.
„Wie soll ich das je vergessen. Es war einfach nur geil.“
„Stimmt, du bist mächtig in mir gekommen. Noch lange habe ich mich nach dir gesehnt.“
Ich grinste, aber gleichzeitig kam die Frage auf, wann ich zu ihm dicker Schwabbel gesagt haben sollte.
„Um dich nicht dumm sterben zu lassen, Dominic… als wir beide kurz vor dem kommen waren, da hast du laut gestöhnt, du liebst es wenn es bei mir dick schwabbelt.“
„Wirklich? Daran kann ich mich wirklich nicht erinnert. Aber was hat das dann mit deinem Abnehmen zu tun?“
„Ganz einfach… ich habe dir das nie abgenommen, dass ich dir gefalle. Ich habe mir dann vorgenommen, wenn wir uns wieder sehen, dann habe ich einige Pfunde verloren.“
„Wie konntest du wissen, wann wir uns wieder sehen?“
„Damals habe ich nicht gewusst, dass du in Dublin bleiben wirst. Ich habe begonnen Sport zu treiben, bin viel Fahrrad gefahren, mehrfach um den See gejoggt.“
„Klar, da purzeln die Pfunde.“
„Stimmt. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich diese Figur so hatte, wie sie bis heute geblieben ist.
„Joggst du immer noch?“
„Klar, denn ich esse auch immer noch so gerne wie früher.“
Ich gab ihm einen Kuss auf seine Nase und er drehte den Kopf wieder nach vorne.
„Bis ich begriffen hatte, dass du nicht mehr kommen wirst, verging einige Zeit. Mittlerweile war ich in der hiesigen Fußballmannschaft.“
„Du spielst Fußball?“
„Ja. Aber die gälische Version. Aber seit Luka auf der Welt ist, habe ich auch dort vorgezogen, es langsamer angehen zu lassen.“
„Gälisch heißt eine Mischung zwischen Fußball und Volleyball oder?“
„Ja, ganz grob ausgedrückt schon.“
„Kein Wunder, dass du so muskelbepackt bist…“
„Findest du? Gefällt es dir denn nicht?“
„Doch und wie…“, sagte ich und grinste.
„Dann ist ja gut“, meinte Jarrett und rutschte an meinem Bauch hinunter, bis sein Kopf unter Wasser war.
Natürlich bleib das in den unteren Regionen bei mir nicht unbemerkt und es begann sich da unten Leben zu sammeln. Jarrett tauchte wieder auf und lehnte seinen Kopf wieder an meine Schulter.
„Mittlerweile habe ich aber mehr Spass am Schwimmen“, redete Jarrett weiter, „seit Luka seinen Schwimmkurs macht, gehen wir regelmäßig zusammen ins Schwimmbad.“
„Dein Element war doch eh immer das Wasser“, erwiderte ich.
*-*-*
Mitten in der Nacht wurde ich wach. Irgendetwas drückte in mein Gesicht. Ich griff nach oben und hatte einen Fuß in der Hand, genau genommen ein Kinderfuß. Es dauerte eine Weile, bis ich realisierte, dass dies der Fuß von Luka sein musste, der sich zwischen mir und Jarrett breit gemacht hatte.
Zu dem war der Fuß eiskalt. Durch das schwache Licht des Mondes, konnte ich langsam die Konturen von Luka erkennen, er lag wirklich da, als hätte ihn jemand hingeschüttet. Vorsichtig drückte ich den Fuß nach unten, bis ich mich ohne Probleme wieder bewegen konnte.
Ich drehte mich langsam um und versuchte Luka in eine halbwegs normale Schlafstellung zu bringen, deckte ihn zu. Ich konnte ein leises Brummeln vernehmen, aber verstehen konnte ich nichts.
Nur dass durch dieses Gebrummel plötzlich Jarrett zusammenzuckte und aufrecht im Bett saß.
„He, ganz ruhig!“, flüsterte ich.
Im schwachen Schein des Mondes konnte ich erkennen, wie sich Jarrett die Augen rieb.
„Seit wann liegt er denn hier?“, flüsterte er zurück.
„Weiß nicht, bin selber eben erst aufgewacht.“
„Tut mir Leid…“
„He muss es nicht. Ich finde das süß!“
„Wirklich?“
„Ja und jetzt schlaf weiter… du musst bald raus.“
„Danke“, flüstere Jarrett und beugte sich herüber, um mir einen Kuss zu geben.
„Papa… mach dich nicht so breit…“
Erschrocken guckten wir beide nach unten, doch Luka hatte seine Augen geschlossen und atmete ruhig und gleichmäßig. Ich hielt mir die Hand vor den Mund um nicht loszukichern. Beide legten wir uns nun wieder hin.
Es dauerte auch nicht mehr lange, bis ich wieder einschlief.
*-*-*
Ein Geräusch ließ mich hochfahren. Mittlerweile war es draußen schon etwas hell. Auch stellte ich fest, dass neben Luka kein Jarrett mehr lag und ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass er wohl schon raus musste.
Luka lag eng an mich gekuschelt, so dass ich fast Schwierigkeiten hatte, aufzustehen. Langsam erhob ich mich und verließ leise das Zimmer. Ich hörte Geräusche aus dem Bad, so beschloss ich nach unten zu laufen.
Mit nur in Shorts eine fröstelnde Angelegenheit. So schlich ich mich zurück in mein Schlafzimmer und zog ein Shirt aus meinem Koffer, den ich immer noch nicht ausgepackt hatte.
Etwas mehr auf der Haut und versichert, dass Luka noch fest schlief, begab ich mich wieder in den Flur. Da Jarrett immer noch im Bad war, beschloss ich ihm einen Kaffee zu kochen. Also tapste ich müde die Treppe hinunter zur Küche.
Ein Blick auf den Kamin zeigte mir, dass da immer noch glühte. So ging ich erst ins Wohnzimmer und legte noch ein paar Holzstücke auf. Das sollte reichen. Wenig später stand ich in der Küche und hatte Wasser aufgesetzt… irgendwo mussten doch die Kaffeefilter sein, die ich gestern gekauft hatte.
Nach kurzer Suche fand ich sie schließlich in einem der Hängeschränke und gleich daneben den Kaffee. Ich nahm Filter und Filterpapier und setzte beides auf die kleine Porzelankanne. Ich war froh, dass ich das gestern alles gekauft hatte.
Das Wasser begann zu kochen und ich goss vorsichtig Wasser in den Filter. Der Geruch von frischem Kaffee machte sich in der Küche breit. Außer dem Knistern des frisch brennenden Feuers im Wohnzimmer konnte ich auch Schritte auf der Treppe hören.
Wenige Sekunden später tauchte auch schon Jarrett in der Küche auf.
„Du bist schon auf? … mmmh riecht es hier gut.“
Ich lächelte und Jarrett nahm mich von hinten in den Arm und drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Daran könnte ich mich ehrlich gewöhnen“, meinte er anschließend.
„Was zum Essen habe ich leider noch nicht…“
„Ist nicht schlimm, ich trinke morgens meist eh nur einen Kaffee und frühstücke später.“
„Gut und der ist auch gleich fertig.“
Jarrett strahlte und ließ mich wieder los. Er setzte sich auf einen Stuhl und zog sich seine mitgebrachten Schuhe an. Erneute Geräusche auf der Treppe ließen mich aufhorchen. Da wird doch nicht… ja wenige Sekunden später hatte ich Gewissheit.
Luka kam in die Küche gelaufen. Er sah so goldig aus in seinem zu großen Pyjama. Er tapste zu seinem Dad, krabbelte auf seinen Schoss und schmiegte sich ohne ein Wort zu sagen an.
i„He, warum bist du schon wach?“, hörte ich Jarrett leise sagen.
„Wollt… doch bye sagen“, murmelte Luka müde.
Mittlerweile war der Kaffee durch und ich hatte Jarrett eine Tasse voll eingeschenkt. Luka blinzelte mich mit einem Auge an und grinste.
„Morgen Domi…“
„Morgen Luka und hast du gut zwischen deinem Papa und mir geschlafen.“
„Ja…“, antwortete er und gähnte herzhaft.
„Kommst du zu mir, dass dein Dad seine Kaffee trinken kann?“
Er nickte und streckte seine kleinen Arme aus. So zog ich ihn von Jarretts Schoss und nahm ihn auf den Arm. Sein Kopf wanderte automatisch auf meine Schulter.
„Süß!“, flüsterte Jarrett.
„Was?“, fragte ich.
„Das steht dir, gefällt mir…“
Er zeigte auf Luka und mich und ich musste lächeln. Ich streichelte Luka sanft über den Rücken, was dieser mit einem Schnurren quittierte.
„Der schläft gleich wieder ein“, meinte Jarrett und nippte an seinem Kaffee.
„Wie lange brauchst du für deinen Auftrag?“, fragte ich und setzte mich auf den anderen freien Stuhl.
„Weiß ich noch nicht, ich rufe dich auf Fälle an.“
Kleine Schnarchgeräusche zeigten mir, dass Luka bereits wieder eingeschlafen war.
„Eigentlich ist er ganz pflegeleicht, auch wenn er schon mal sehr nervend sein kann“, sprach Jarrett leise weiter.
„Ich werde schon mit ihm klar kommen“, erwiderte ich.
Jarrett schaute auf seine Armbanduhr.
„Ich muss dann los und ich meld mich dann später. Okay?“
Ich nickte. Wir standen auf und ich begleite ihn an die Tür.
„Bye“, meinte er und küsste mich sanft auf die Lippen.
„Bye“, gab ich zum Besten und lächelte über das ganze Gesicht.
Dann schob sich Jarrett durch die Haustür hinaus. Ich sah ihm nach, bis er in den Wagen stieg und wegfuhr. Erst jetzt merkte ich, dass ich noch recht müde war und beschloss mich mit Luka noch etwas hinzulegen.
*-*-*
„Domi, spielst du mit mir?“
Irgendwo aus der Ferne hörte ich eine Kinderstimme und irgendetwas rüttelte wie wild an mir. Ich schlug meine Augen auf und sah einen riesigen Blondschopf direkt vor meinem Gesicht.
„Domi, spielst du mit mir?“, fragte Luka nun noch mal und setzte seinen unwiderstehlichsten Welpenblick auf, den er konnte.
„Darf ich erst mal wach werden?“, fragte ich.
„Aber dann spielen wir.“
„Und was?“
„Weiß nicht“, antwortete Luka und krabbelte auf meinen Bauch.
Sonst würde mir ja dieses Leichtgewicht nicht ausmachen, aber ich spürte, wie meine Blase drückte.
„Zuerst geh ich mal auf die Toilette“, meinte ich und machte Anstalten mich zu erheben.
„Au ja, da muss ich auch hin… sogar ganz dringend.“
Schon hüpfte er von mir runter und rannte halb stolpernd zur Tür.
„Kommst du mit?“, fragte er mit leuchtenden Kinderaugen.
„Ja“, meinte ich und arbeitete mich mühsam aus dem Bett.
Ich war tatsächlich noch einmal fest eingeschlafen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich noch mal drei Stunden geschlafen hatte. Luka hatte bereits die Tür aufgezogen und war verschwunden.
Ich rieb mir durch mein strubbeliges Haar und folgte ihm. Als ich ins Bad kam, saß er bereits auf der Schüssel.
„Bin gleich fertig“, meinte er und bekam einen roten Kopf.
„Lass dir ruhig Zeit, bin gleich wieder da“, meinte ich und verließ das Bad wieder.
Ich ging in Luka’s Zimmer, wo er die Nacht geschlafen hatte. Ich schüttelte seine Decke auf und klopfte sein Kopfkissen zu Recht. Dann hob ich das Geschwader Kuscheltiere auf, das wohl in der Nacht aus dem Bett befördert wurde.
„Domi, ich bin feeeeeeeertig!“
Ich musste grinsen. Luka kannte mich doch erst ein paar Tage und doch hatte er mich anscheinend schon in sein Herz geschlossen.
„Domi…, wo bist du denn?“
„Hier, in deinem Zimmer…“, rief ich zurück.
Keine Sekunde später kam Luka herein gerannt. Seiner Hose entledigt, sprang er jetzt nur noch halb nackt mit dem Oberteil herum. Ganz unbekümmert warf er sich auf das gemachte Bett und krabbelte zu seinen Stofftieren.
„Dann können wir dich ja gleich mal anziehen junger Mann, wenn du fertig bist.“
„Och… ich will aber nicht. Du hast ja auch noch nichts an…“
Erwischt, kleiner Schlaumeier.
„Okay, erst ziehen wir dich an, dann zieh ich mich an“, sagte ich.
„Und was soll ich anziehen?“, fragte Luka.
„Da gucken wir mal, was dein Dad alles eingepackt hat.“
Ich stellte die Tasche auf den Tisch und zog den Reisverschluss auf. Als erstes fiel mein Blick auf die Unterhosen, von denen ich gleich eine rausfischte. Eine Jeans… noch einen Pulli mit einer Gans drauf und bunte Socken.
Alles zusammen nahm ich und setzte mich neben ihn aufs Bett. Er hatte sich derweil sein Bärchen geschnappt und drückte es fest an sich.
„Papa hat gesagt, den hat mir Mama gekauft. Weißt du, Mama ist nicht mehr da. Sie sitzt auf einer Wolke und ist ein Engel. Sie passt auf mich auf.“
Er sagte dass so mit Stolz… ich musste schlucken. Der kleine Mann war für sein Alter schon so reif. Ich atmete tief durch.
„Das habe ich nicht gewusst. Aber deine Mama wird bestimmt böse gucken, wenn du dich jetzt nicht anziehst.“
„Glaubst du?“, fragte Luka und riss mir die Unterhose aus der Hand.
Er stellte sich auf das Bett, zog umständlich seine Unterhose an und entledigte sich dem Pyjamaoberteil. Das flog im hohen Bogen auf den Boden. Ich zog meine Augenbrauen hoch und schaute ihn an.
Er grinste verlegen, sprang vom Bett und hob das Teil auf. Dann legte er es fein säuberlich über den Stuhl. Plötzlich hielt er inne, überlegte etwas. Er verließ das Zimmer und tauchte wenige Augenblicke später wieder mit der Hose auf und hänge sie dazu.
Stolz lächelnd kam er wieder zu mir aufs Bett. Ich konnte nicht anders und musste lächeln. Wie ein Großer zog er alles an und präsentierte sich in Siegerpose auf dem Bett.
„Gut, dann zieh ich mich an. Wie sieht es mit Zähneputzen aus?“, fragte ich.
„Oh, Papa hat die bestimmt zu Hause vergessen.“
„Das glaube ich nicht“, erwiderte ich und ging zurück an die Tasche.
In einem Seitenfach fand ich sämtliche Badutensilien die ich für Luka brauchte. Mit der Zahnbürste und der Tube bewaffnet, machte ich mich auf Richtung Tür.
„Komm Zähne putzen Luka.“
„Och menno…“, meinte er, kam mir aber nach.
Im Bad füllte ich den Becher mit Wasser, drückte etwas Zahncreme auf die Zahnbürste und gab sie einem trotzigen Luka. Das Telefon klingelte.
„Ich bin gleich wieder da und ich guck mir deine Zähne an, ob du das auch richtig gemacht hast.“
„Ich mach das richtig, ich bin doch schon groß!“
Ich lächelte und wuschelte ihm übers Haar, bevor ich das Bad verließ, um zum Telefon zu rennen. Auf dem Weg hinunter fiel mir auf, dass, seit ich mich mit Jarrett so gut verstand, nicht einmal der Gedanke an Gabriella aufkam… jedenfalls kein so schmerzhafter wie sonst.
Ich nahm den Hörer ab und meldete mich.
„Dominic MacLeann.“
„Hallo hier spricht Eillien O’Brown.“
„Und was kann ich für sie tun?“, fragte ich verwundert.
„Ich weiß, dass mein Enkel bei ihnen ist…“
„Ach sie sind Jarretts Schwiegermutter.“
„Ja.“
„Freut mich sie kennen zu lernen“, sagte ich, weil mir grad nichts Besseres einfiel.
„Danke… auch wenn der Grund für meinen Anruf nicht so gut ist.“
Ihre Stimme klang traurig und angespannt.
„Ist etwas geschehen?“, fragte ich nun besorgt.
„Jarrett…“
„Was ist mit Jarrett“, fiel ich ihr ins Wort.
„Jarrett hatte einen Unfall auf der Baustelle. Man hat uns umgehend informiert. Er liegt im Krankenhaus.“
Ich musste trocken schlucken und spürte wie meine Beine weich wurden.
„Was… was ist denn passiert.“
„Er ist durch die Schuld eines anderen vom Gerüst gefallen.“
Sie klang sehr gefasst, obwohl ich mir vorstellen konnte, dass sie sehr besorgt war.
„Er liegt im Krankenhaus und ist immer noch ohne Bewusstsein.“
„Hat er sich etwas gebrochen… ist er verletzt?“, stotterte ich.
„Er hat keine inneren Verletzungen und das linke Bein ist gebrochen. Der Arzt meinte er hätte unwahrscheinliches Glück gehabt.“
Mir stiegen die Tränen in die Augen.
„… und seine Bewusstlosigkeit?“, fragte ich leise weiter.
„Das wissen die Ärzte noch nicht.“
Ich riss mich zusammen und wischte mir die Tränen aus den Augen.
„Soll ich Luka zu Ihnen bringen?“, fragte ich mit fester Stimme.
„Dominic… ich darf sie doch so nennen?“
„Ja, klar.“
„Ich hatte gestern Mittag ein langes Gespräch mit Jarrett. Unter anderem erzählte er mir auch von Ihnen. Ich habe meinen Schwiegersohn schon lange nicht mehr mit so leuchtenden Augen gesehen, außer wenn er mit Luka spielt.“
Ich wurde nervös, weil ich nicht wusste, was sie von mir wollte.
„Der Grund, warum ich Sie anrufe, ist, dass ich hier mit meinem Mann in Dublin bei einem Spezialisten bin und meinen Mann nicht alleine lassen kann. Deshalb würde ich Sie bitten nach Jarrett zu sehen.“
„Aber selbstverständlich Mrs. O’Brown.“
„Sagen Sie Eillien zu mir, denn ich denke, wir werden uns sicher noch näher kennen lernen.“
„Danke… und was mach ich jetzt mit Luka…?“, fragte ich.
Und wie aufs Kommando tigerte Luka in eine Küche, wo ich mich gerade befand.
„Frühstücken wir?“, fragte er.
„War das Luka?“, fragte Eillien
„Ja.“
„Können Sie ihn mir mal bitte geben?“
„Eillien, sagen Sie ruhig du zu mir, und Moment ich geb Ihnen Luka.“
Luka horchte auf, als er seinen Namen hörte.
„Luka, hier ist deine Oma, willst du mit ihr reden?“
Ohne einen Ton zu sagen hüpfte er vom Stuhl auf den gerade gekrabbelt war und riss mir förmlich den Hörer aus der Hand.
„Hallo Omimi, ich bin hier bei Domi“, hörte ich ihn sagen, während ich mich auf den freigewordenen Stuhl setzte.
„Ja, ich bin lieb… wirklich.“
Ich musste grinsen.
„Warum ist der Papa krank… heute Morgen hatte er noch nichts.“
Oje, ich hoffte nur, dass er jetzt nicht anfing zu weinen.
„Papa sagt immer, ich soll gut aufpassen, wenn ich wo hochklettere. Und wann kommst du dann?“
Bis jetzt machte er noch einen guten Eindruck, denn er drehte sich zu mir und lächelte mich an.
„Oh toll, dann darf ich noch eine Nacht bei Domi schlafen?“
Sein Lächeln zog sich nun über sein ganzes Gesicht und beide Augen strahlten um die Wette.
„Ja Omimi, ich bin brav…“ sagte er und lief zu mir, „da, Omimi will noch etwas zu dir sagen.“
Er gab mir den Hörer und krabbelte auf meine Beine.
„Ja? Hier ist Dominic.“
„Ich wollte mich nur noch einmal bedanken, dass Si.. du dich so um meinen Enkel kümmerst.“
„Dafür nicht, Eillien.“
„Doch, du bist der Erste, der sich auch für Luka interessiert…“
Sie schien doch mehr zu wissen, als ich ahnte.
„…falls du Luka mitnehmen möchtest, also ich meine ins Krankenhaus, dann gibt das sicher keine Probleme. Ich hoffe ich konnte ihm dass mit Jarrett erklären.“
„Er macht zumindest keinen traurigen Eindruck“, log ich, denn er schmiegte sich eng an mich.
„Gut! Mein Mann und ich werden morgen um die Mittagszeit in wieder in Galway sein.“
„Soll ich ihn dann vorbeibringen?“
„Falls du nicht gerade im Krankenhaus bist, gerne.“
„Das weiß ich noch nicht, Moment meine Handynummer, dann bin ich erreichbar“, meinte ich.
Natürlich hatte ich jetzt den Kopf voller Gedanken und meine Nummer nicht parat.
„Luka, könntest du kurz mal runter gehen, ich muss mein Handy holen.“
„Du hast doch ein Telefon.“
„Ich muss da was nachschauen…“
„Wo liegt es denn?“
Ich hörte ein leichtes Lachen am Telefon.
„Auf der Kommode im Flur“, meinte ich und schon war er in den Flur gesprungen.
Wenige Sekunden später kam er mit meinem Handy zu mir und reichte es mir.
„Danke!“, meinte ich und Luka strahlte über sein ganzes Gesicht.
Während ich die nötigen Tasten drückte um meine Nummer zu finden, kroch Luka wieder auf meinen Schoss. Ich gab Eillien noch meine Nummer und beendete das Gespräch.
„Fahren wir jetzt zu Papa?“, fragte Luka plötzlich.
Ich schaute ihn durchdringend an und nun war nichts mehr von dem Strahlemann zu sehen.
„Ich sollte mich aber erst anziehen und was essen müssen wir auch.“
„Ich habe aber keinen Hunger…“, meinte er trotzig.
„Luka…“, meinte ich mahnend.
„Aber dann fahren wir zu Papa.“
Ich nickte und er lächelte ein wenig. Draußen hörte ich eine Säge anlaufen und erhob mich mit Luka im Arm. Nun standen wir gemeinsam am Fenster und schauten nach draußen.
„Du Domi, das ist Onkel Cori… darf ich zu ihm?“, fragte Luka.
„Na meinetwegen, aber du musst dir noch eine Jacke anziehen.“
„Ich hol sie schnell… lass mich runter…“, meinte Luka und rannte aus der Küche.
Ich folgte ihm, denn ich sollte mich wirklich langsam anziehen und nicht im Shirt und Shorts herumlaufen. Als ich mein Zimmer betreten wollte stürmte er schon wieder aus seinem Zimmer.
Jarrett schien auch Gummistiefel eingepackt zu haben, denn die hatte Luka auch an.
„Aber Luka, den Onkel Cori nicht nerven und auch nicht zu nah ans Wasser gehen“, mahnte ich.
„Oki doki“, rief Luka und rannte die Treppe runter.
Ich wollte noch sagen, dass er langsamer machen sollte, aber da war er schon unten. Ich seufzte. Jarrett lag ohne Bewusstsein im Krankenhaus und jetzt wo ich alleine war, wurde mir bewusst was eigentlich geschehen war.
Mein Kopf realisierte jetzt erst richtig was mit Jarrett geschehen war. Ich begann zu zittern, Tränen liefen mir über die Wangen.
„Nicht noch einmal… dass überstehe ich nicht…“, sagte ich leise und stützte mich am Stuhl ab.
Draußen hörte ich Luka’s vertrautes Lachen. Ich ging zum Fenster und schaute hinaus. Dort sah ich Luka, wie er bei Cori stand und ihm half. Die Tränen versiegten nicht und irgendwie stürmten plötzlich tausend Gedanken auf mich ein.
Jarrett und ich zusammen – ein Sohn – neue Verantwortung – der Job – Jarretts Job- die Umgebung – warum ich hier war – was ich hier überhaupt wollte… Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
Fast mechanisch nahm ich frische Klamotten und zog mich an. Ich ging ins Bad und versuchte mich relativ ansehnlich zu machen. Nach dem ich meine Papiere und mein Geld aus dem Zimmer geholt und mir andere Schuhe für Luka geschnappt hatte, verließ ich das obere Stockwerk.
Ich zog mir meine leichte Jacke über, holte das Handy aus der Küche. Frühstücken würden wir irgendwo unterwegs. Ich wollte nicht alleine mit Luka in der Küche sitzen und eventuell seinen Fragen ausgesetzt sein.
Im Augenblick wusste ich eh nicht, was ich antworten sollte, wenn er nach seinem Papa fragen sollte. Ich verließ das Haus und schloss die Haustür ab. Als ich Cori und Luka erreichte, sah ich, dass er auf einem Stein hockte und genüsslich ein Brot aß.
„Wo hast du das denn jetzt her?“, fragte ich.
„Von mir… Morgen Dominic.“
„Morgen Cori…“
„Ich weiß… was geschehen ist… Luka hat mir schon alles erzählt.“
Ich konnte nicht anders und blickte Cori traurig an.
„He nicht Kopf hängen lassen…, das wird schon“, meinte Cori und lächelte mich dabei an.
Warum lächelte er so, was wusste er? Ich nickte ihm zu.
„Ich möchte dann fahren, Luka“, sprach ich mit fester Stimme weiter.
„Kann ich…schmatz…bei Onkel Cori bleiben?“, fragte Luka mit vollem Mund.
„Willst du denn nicht zu deinem Papa?“, fragte ich verwundert.
„Doch schon, aber Omimi hat am Telefon gesagt, das Papa heute nur schläft und wenn man schläft, wird man gesund und Papa soll schnell gesund werden… und ich bleib hier… weil er doch immer wegen mir wach wird.“
Cori konnte nicht anders und fing zu lachen an. Auf meinem Gesicht zeichnete sich auch ein Lächeln ab.
„Ich weiß nicht, ob du bei Cori bleiben kannst, er muss doch arbeiten.“
„Dominic, das macht mir nichts aus. Luka war schon oft bei mir mit auf der Baustelle.“
„Es macht dir wirklich nichts aus?“
„Nein, ganz bestimmt nicht, aber könntest du mich anrufen, wenn du weißt wie es Jarrett geht?“
„Öhm, könntest du mir deine Nummer geben?“, fragte ich.
„Klar, dann kann ich auch gleich deine abspeichern…“
Wir tauschten unsere Handys aus und gaben unsere Nummern ein, während Luka weiter an seinem Brot kaute. Cori gab mir mein Handy zurück, ich ihm seins.
„Luka du bist brav und hörst auf das was Cori sagt und bleib vom Wasser weg!“
„Ja Papa“, kicherte Luka.
„Hä?“
Bitte was war jetzt das?
„Papa redet immer genauso wie du“, sagte Luka und kicherte weiter.
Ich schüttelte den Kopf und Cori grinste breit.
„Also ich bin dann weg und meld mich dann, sobald ich mehr weiß.“
„Okay, lieb von dir“, entgegnete Cori.
Luka sprang auf und klammerte sich kurz um mein Bein.
„Tschühüsss“, sagte er etwas laut und kicherte wieder.
Ich wuschelte ihn über den Kopf und lächelte. Danach lief ich zurück zum Haus, wo mein Rover stand. Per Knopfdruck öffneten sich die Schlösser und ich steig ein. Ich drehte das Zündschloss und der satte Sound ließ den Wagen leicht erzittern.
Ich wendete und fuhr den kleinen Weg am See entlang hinauf zur Road, bog Richtung Stadt ein und gab etwas Gas. Ohne Schwierigkeiten zog der Rover los und beschleunigte schnell.
Auf der Coolagh Road erreichte ich schnell das Stadtzentrum. Oh ich Idiot. Ich fuhr zum Krankenhaus, aber zu welchem? Ich schüttelte den Kopf, zog den Rover nach links auf eine Parkbucht und stoppte.
Ich zog mein Handy heraus und wählte Coris neu erworbene Handynummer. Ich erklärte ihm kurz, warum ich anrief und wurde mit einem schallenden Lachen belohnt. Gut, das war verdient.
Er erklärte mir kurz, wie ich fahren musste und auch wo ich meinen Wagen parken konnte. Ich bedanke mich artig und verabschiedete mich. Ich schaute, ob ich freie Fahrt hatte und zog mit dem Rover wieder auf die Straße hinaus.
Quer durch die Stadt musste ich also. Cori meinte, wenn ich die Sandy Road fahren würde, wäre es eine große Abkürzung. Er hatte mir aber nicht gesagt, dass diese eine Nebenstrasse war.
Laufend musste ich halten und andere Autos auszuweichen oder vorbei zulassen. An der nächsten großen Kreuzung konnte ich endlich Dublin Road lesen. Ich überquerte die Bothermoore und fuhr das Stück die Sean Mulvoy Road hinunter, bevor ich auf die Dublin Road fahren konnte.
Von hier aus konnte ich auf den Lough Atalia sehen ein weiterer See in Galway. An der nächsten Kreuzung konnte ich schon das Schild Bo Secours Hospital lesen. Bald kam der Bau in Sicht und ich begann nach einem Parkplatz zu suchen.
Ich hatte Glück. Ein älterer Herr verließ mit seinem alten Vauxhall Cestra eine Parklücke. Als er umständlich die Lücke verlassen hatte preschte ich mit einem Hüpfer hinein. Ich ließ den Motor ersterben und stieg aus.
Was machte ich, wenn sie mich nicht zu ihm ließen, ich war schließlich kein Verwandter. Ich betrat das Haus durch die große Glastür und lief direkt an den Schalter.
„Guten Morgen, wie kann ich ihnen helfen?“, fragte eine junge Frau hinter dem Tresen.
„Ich möchte gerne zu Jarrett Mac Gregor, er ist heut Morgen nach einem Unfall eingeliefert worden.“
Sie schaute in ihren Hefter, den sie vor sich liegen hatte.

„Wie ist ihr Name?“, fragte sie und dies wunderte mich schon etwas.
„Ähm… Dominic MacLeann.“
„Zimmer Nr 213… die Treppe rauf zweiter Stock, rechter Gang.“
Ungläubig sah ich die Frau an.
„Die Schwiegermutter des Verunglückten hat vorhin hier angerufen und uns mitgeteilt, dass sie kommen werden“, erklärte mir die Dame, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
„Danke“, meinte ich und machte mich auf den Weg in den zweiten Stock.
Auf den Aufzug wollte ich nicht warten, deshalb rannte ich die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
Im zweiten Stock angekommen, suchte ich den Flur nach den Zimmernummern ab und wurde auch fündig. Rechter Gang stimmt. Eine Schwester kam mir kurz vor Jarretts Zimmer entgegen.
„Entschuldigen sie bitte, muss ich irgendwelche Besonderheiten beachten, wenn ich Mr. Mac Gregors Zimmer betrete.“
Die Schwester schaute mich kurz an.
„Nein, gehen sie ruhig rein. Der Patient ist immer noch nicht aufgewacht.“
„Danke.“
Schweren Herzens ging ich zur Tür und wollte anklopfen. Dummer Gedanke, er kann es ja nicht hören und so hielt ich in der Bewegung inne. Ich drückte langsam die Türklinke hinunter und öffnete die Tür.
Als ich Jarrett so im Bett so liegen sah, blieb ich erst einmal geschockt stehen. Mein Blick fiel als erstes auf dessen Kopfverband. Ich atmete tief durch und schloss hinter mir die Tür. Außer den Geräuschen der Maschinen, die neben dem Bett standen, war es hier im Zimmer völlig ruhig.
Jarrett lag da, als würde er friedlich schlafen. Ich nahm einen Stuhl und setzte mich leise neben ihn. Lange sah ich ihn an, wie sich sein Brustkorb langsam hob und wieder senkte. Sein Herzschlag schlug gleichmäßig, die Atmung war ruhig.
Es sammelten sich Tränen in meinen Augen, ihn so da liegen zu sehen. Ich griff nach seiner Hand und streichelte sie sanft.
„Jarrett, du musst aufwachen…“, flüstere ich leise unter Tränen.
„Ich verkrafte es nicht… noch jemanden zu verlieren, der mir etwas bedeutet.“
Immer noch strich ich sanft mit dem Daumen über seinen Handrücken. Ob er mich hörte?
*-*-*
Irgendetwas rüttelte mich – ich fuhr nach oben.
„Entschuldigen sie bitte, ich wollte sie nicht erschrecken.“
Ich schaute zur Seite, wo ein junger Mann stand.
„Sie scheinen eingeschlafen zu sein“, redete er weiter.
Noch immer etwas verwirrt schaute ich zu Jarrett, der immer noch so friedlich dalag.
„Könnten sie kurz dass Zimmer verlassen bitte, ich müsste mich kurz um den Patienten kümmern.“
Ich atmete tief durch und nickte. Noch einen Blick auf Jarrett, dann verließ ich das Zimmer. Nun stand ich auf dem Flur und kam mir so verlassen vor. Einsam und alleine. Ich schaute zur Tür, durch die ich gerade gegangen war.
Eine Kinderstimme ließ mich aufhorchen. Ich schaute den Flur hinunter und konnte am Ende des Ganges Cori mit Luka an der Hand entdecken. Luka schien mich auch erkannt zu haben, denn er riss sich los und rannte auf mich zu.
Ich breitete die Arme aus und fing ihn auf, als er mich erreichte. Die Wucht mit der Luka auf mich prallte, schmiss mich fast um.
„Warst du bei Papa?“, fragt Luka leise und lächelte.
Ich nickte.
„Tun dir die Augen weh, oder warum sind die so rot?“, fragte Luka leise weiter.
Stimmt, ich hatte geweint, daran hatte ich nicht gedacht, ich wusste auch nicht wie ich gerade aussah. Cori hatte uns mittlerweile erreicht.
„Hallo Dominic, schon etwas erfahren?“
„Nein…“
In dem Augenblick gingen über der Tür alle drei Lichter an. Von allen Seiten kamen Schwestern gesprungen und liefen in Jarretts Zimmer.
„Domi, was machen die Leute denn?“, fragte Luka, „Onkel Cori hat gesagt, hier muss man ganz leise sein.“
„Ich weiß es nicht, Luka“, antwortete und versuchte ängstlich einen Blick ins Zimmer zu erhaschen.
Die Tür wurde geschlossen. Ich schaute ängstlich zu Cori, der aber nur mit der Schulter zuckte. Was war nur passiert? Dann wurde wieder die Tür aufgerissen und eine Schwester kam heraus.
„Entschuldigen Sie, können Sie…“, fragte Cori.
„Moment bitte“, meinte die Schwester und ließ uns einfach stehen.
*-*-*
Nun saß ich schon drei Stunden im Wartezimmer. Luka lag auf mir und schlief. Cori war bei mir geblieben. Er hatte alle seine Aufträge für den Tag abgesagt, weil er mir eine Stütze sein wollte.
Jarrett lag auf dem OP-Tisch. Es wurde ein Blutgerinnsel im Kopf festgestellt und seit zwei Stunden wurde operiert. Jedenfalls hatten wir noch nichts Gegenteiliges gehört. Weinen konnte ich nicht und durfte ich auch nicht.
Ich wollte Luka nicht noch weiter beunruhigen. Er hatte mitbekommen, wie Sie seinen Dad aus dem Zimmer geschoben hatten. Er hatte begonnen zu weinen, wollte zu ihm. Jetzt hatte er sich in den Schlaf geweint.
„Jarrett ist für mich irgendwie so etwas wie ein großer Bruder… weißt du?“, begann Cori plötzlich neben mir zu sprechen, nachdem wir uns ewig angeschwiegen hatten.
„Seit…“, ich räusperte mich, mein Hals war zu trocken zum Sprechen, „seit wann kennt ihr euch?“
Cori stand auf und schenkte uns zwei Tee ein. Er reichte mir eine Tasse und setzte sich wieder neben mich.
„Ich habe Jarrett damals auf dem Internat kennen gelernt. Er war der einzige, der sich für mich interessierte und auch zu mir hielt.“
„Wieso zu dir hielt.“
„Ach Dominic, so friedlich ich heute bin, war ich früher nicht. Keiner Schlägerei bin ich aus dem Weg gegangen, kein Besäufnis versäumt. Jarrett hat es geschafft mich davon abzubringen.“
„Das spricht irgendwie für Jarrett.“
„Als wir mit dem Internat fertig waren, trennten sich unsere Wege. Er kehrte nach Galway zurück und ich begann eine Schreinerlehre in Dublin.“
Ich nippte an meinem Tee und spürte wie die Wohltat langsam den Hals wieder befeuchtete.
„Und wie seid ihr dann wieder zusammen gekommen?“, fragte ich.
„Sind wir so gesehen gar nicht. Zwei Jahre später stand Jarrett plötzlich vor meiner Tür. Ich weiß bis heute noch nicht, ob es Zufall war, oder irgendeine Fügung… jedenfalls kam er genau richtig.“
„Wieso, was ist denn passiert?“
„Wie im Internat war ich wieder dem Alkohol verfallen… hatte meine Lehrstelle verloren und na ja… geprügelt habe ich mich auch wieder.“
Ich musterte Cori kurz etwas genauer und befand, dass ich froh war, bisher nie eine Faust von ihm zu spüren bekommen zu haben.
„Er holte mich aus diesem Sumpf und nahm mich mit nach Galway. Er suchte mit mir zusammen eine neue Lehrstelle, bewegte mich dazu, eine Abendschule zu besuchen, um einfach mehr Möglichkeiten später zu haben.“
„Jarrett hatte schon damals ein großes Herz. Wenn es irgendwie Streit zwischen mir und meinem Bruder gab, war er immer da und schlichtete.“
„Du hast noch einen Bruder?“
„Ja, aber der ist in London… unser Kontakt ist sehr spärlich.“
„Ein Bruder hat mir immer gefehlt. Aber seit ich Jarrett habe…“
Er brach mitten im Satz ab und ich schaute zu ihm. Corbinian hatte Tränen in den Augen. Ich stellte meine Tasse neben mir auf dem Stuhl und tätschelte ihm auf den Rücken.
„Es wir schon werden…“
„…Dich muss das doch viel mehr mitnehmen… jetzt wo ihr gerade…“
„Was?“, fragte ich.
„Also… ich geh doch recht in der Annahme… dass du und Jarrett zusammen seid… oder?“
Meine Gesichtsfarbe färbte sich augenblicklich tomatenmäßig rot, was Cori ein Lächeln entlockte.
„Ja… ich… ich weiß auch nicht so recht… sind wir zusammen oder nicht…“, stammelte ich verlegen.
„Also, so glücklich wie in den letzten Tagen habe ich Jarrett noch nie erlebt, seit ich ihn kenne. Na ja, vielleicht als Luka auf die Welt kam.“
Luka rieb sich die Nase, brummte irgendetwas, schlief aber weiter, als sein Name fiel.
„Du weißt über Jarrett Bescheid?“, fragte ich verwundert.
Cori lachte leise.
„Ich wusste es noch vor ihm!“
„Bitte? … bist du auch… schwul?“
„Nein, bin ich nicht. Aber wie gesagt Jarrett und ich sind wie Brüder. Und ich habe das schon geahnt, bevor er diese Kathleen heiraten musste.“
„Wieso musste er sie heiraten… wegen Luka?“
„Nein, die beiden waren ja schon zwei Jahre verheiratet, als Luka zur Welt kam.“
„Und warum musste er sie dann heiraten?“
„Frag mich nicht… da wurde etwas von Abmachungen zwischen den Vätern erzählt, ich habe das nie verstanden.“
„Wie bitte? Ich dachte, wir haben das Mittelalter hinter uns…“
„Tja, mehr kann ich auch nicht dazu sagen. Ich weiß nur, dass nach Kathleens Tod sich Jarretts Gemütslage schwer verbesserte. Luka ist sein ganzes Glück bisher. Einen Mann zu seinem Glück hat er noch nicht gefunden, dies würde ihm noch fehlen.“
Ich wunderte mich, dass Cori so offen vor mir sprach.
„Hatte… hatte Jarrett viele Bekanntschaften vor mir?“
„Nein, würde ich nicht sagen. Jarrett ist eigentlich eher der schüchterne Typ. Er sitzt lieber zu Hause an seiner Eisenbahn, als mit mir in die Kneipe zu gehen.“
„Von schüchtern habe ich bis jetzt noch nichts bemerkt“, kicherte ich und wurde wieder rot, als mir bewusst wurde, was ich da gerade gesagt hatte.
Cori lächelte und nippte an seinem Tee. Traurig schaute er zum Fenster hinaus und nippte weiter an seiner Tasse.
„Mr. MacLeann?“
Ich schreckte auf.
„Ja?“, sagte ich, als ich die Schwester an der Tür wahrnahm.
„Wäre es Ihnen kurz möglich mitzukommen?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete ich und schaute zu Cori, der gleich verstand was ich wollte und mir den schlafenden Luka aus dem Arm nahm.
Dann folgte ich der Schwester. Sie brachte mich zu einem Büro.
„Professor… hier ist Mr. MacLeann“, meinte die Schwester und ließ mich mit dem Professor alleine.
„Ah, Mr. MacLeann, schön dass Sie kommen konnten.“
„Ahm… ich weiß gar nicht, was ich hier soll.“
„Setzen Sie sich doch, ich werde es Ihnen gleich erklären.“
Er wies auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch. Also nahm ich Platz und wartete was da jetzt kommen sollte.
„Mr. Mac Gregors Schwiegermutter hat uns davon in Kenntnis gesetzt, das Sie Mr. Gregors Lebensgefährte sind und…“
Ich wollte etwas sagen, aber ich bekam keinen Ton heraus. Deswegen konnte ich Jarrett ungehindert besuchen.
„Und warum bin ich jetzt hier?“, fragte ich nochmals.
„Folgendes Problem Mr. MacLeann. Wir haben noch ein weiteres Gerinnsel gefunden.“
„Im Kopf?“, fragte ich schockiert.
„Nein… an seiner Wirbelsäule…“
„Und das heißt?“
„Dass Mr. Mac Gregor vielleicht nicht mehr laufen kann.“
Fassungslos sah ich ihn an. Tränen drückten sich durch meine Augen, ich konnte sie nicht unterdrücken.
„Es muss schnellstmöglich entfernt werden sonst sehen wir wirklich die Gefahr, dass er abwärts gelähmt sein könnte.“
„Und warum operieren Sie dann nicht?“, fuhr ich den Professor an.
„Ganz ruhig Mr. MacLeann. Ihr Freund hatte gerade eine Operation am Kopf, wir wissen nicht, ob wir ihn dieser Gefahr aussetzen können, noch eine weitere Operation anzuhängen.“
„Und warum haben Sie dann mich rufen lassen?“
„Wir haben die Möglichkeit zu warten und dann zu operieren. Aber je länger wir warten, desto höher wird die Gefahr der Lähmung oder noch schlimmer einer Amputation eines der Beine… oder wir operieren sofort… aber bei der Verfassung Ihres Freundes ist das Risiko groß, dass wir ihn verlieren würden.“
Ich sah ihn immer noch fragend an.
„Wir wissen nicht, wie wir uns entscheiden sollen…“, sprach der Professor weiter.
„Soll ich jetzt etwa entscheiden, ob …“
Der Professor schaute mich nur an. Ich war fassungslos. Ich sollte über das Leben eines anderen entscheiden. Ich rang nach Luft, mir wurde schlecht.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Mr. MacLeann?“
Ich nickte.
„Haben Sie vielleicht ein Glas Wasser für mich?“, fragte ich leise.
„Aber natürlich…“
Der Professor eilte zu seinem Schrank und kam mit einem Glas Wasser zurück.
„Hier bitte…“
„Danke“, meinte ich und nahm das Glas entgegen.
Ich trank es in einem Zug leer.
„Wie groß ist die Gefahr…wenn sie sofort operieren?“, fragte ich.
„Ihr Freund ist von guter Statur… ich denke 50:50.“
Ich atmete tief durch. Was soll ich jetzt bloss machen. Ich kann doch nicht einfach über Jarretts Leben entscheiden… würde er sowas für mich auch tun… ich war kurz vorm verzweifeln.
Noch einmal atmete ich tief und stieß die Luft laut aus.
„Operieren sie bitte sofort…“, sagte ich fast mechanisch.
„Okay, ich werde sofort alles veranlassen… wenn Sie möchten können Sie der Operation beiwohnen…“
„Beiwohnen?“
„Ja, wir haben einen Besucherraum… von dem man aus die Operation beobachten kann.“
„Ich… ich muss das erst klären. Ich habe den Sohn meines Freundes bei mir, den kann ich nicht alleine lassen.“
„Okay, sagen Sie einfach Bescheid.“
*-*-*
Luka davon zu überzeugen bei Cori zu schlafen war nicht schwer. Wann konnte man schon mal auf einem Hausboot schlafen. Dass ich Cori unbedingt verständigen sollte, wie die Operation ausgegangen war, war mir ein leichtes…oder auch nicht.
Ich saß in der kleinen Kabine leicht oberhalb des Op’s. Jarrett war bereits hineingefahren worden und wurde gerade an die Maschinen angeschlossen. Mir gab es jetzt schon einen Stich ins Herz, als ich sah, wie er da so lag.
Irgendwie hilflos zwischen all diesen Leuten. Man hatte ihn auf den Bauch gedreht und mit Laken abgedeckt, nur eine kleine Stelle Haut war noch zu sehen. Mein Blick fiel auf einen kleinen Kasten, der anscheinend Jarretts Herzschlaf anzeigte.
Bis jetzt zeigte sich noch ein normaler Rhythmus. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. Der Professor schien herein zu kommen, denn plötzlich kam Bewegung in die Sache. Er schaute kurz zu mir hoch und nickte mir zu.
Ich erwiderte sein Nicken. Dann machten sie sich an die Arbeit. Was in den nächsten Minuten kam, hätte ich mir nicht in den kühnsten Träumen vorgestellt. Ich konnte jedes Detail der Operation genau beobachten.
Ein kleiner Monitor im Raum deckte den Rest ab. Ich zitterte am ganzen Körper, saß verkrampft da und hatte Tränen in den Augen. Da lag Jarrett… mein Jarrett. Die Bilder von Gabriella kamen zurück.
Sie lag auf der Trage… blutüberströmt… ich schüttelte meinen Kopf, schloss die Augen und verdrängte diesen Gedanken. Im OP begann plötzlich eine Hektik, auch der Professor operierte nicht mehr.
Mein Blick fiel automatisch auf den kleinen schwarzen Kasten. Die Herzlinie war ungleichmäßig. Der Professor blickte kurz zu mir hoch. Ich hielt den Atem an und glaubte mein Herz würde es gleich zerreisen.
Doch dann operierte er weiter… die Herzlinie schien wieder normal. Ich atmete tief durch und entspannte mich etwas. Meine Augen hingen an diesem kleinen Kasten. Deutlich konnte ich die Ausschläge des Herzens sehn… Jarretts Herz.
Ich traute meinen Augen nicht, als die Ausschläge weniger wurden und unten im OP erneut Hektik ausbrach. Die Zeit schien still zu stehen und ich befand mich wie in einem Taumel … Nebel umfasste mich, meine Gedanken standen still … alles was ich noch wahrnehmen konnte, war die Linie. (Ein Dank an koshka für seine Hilfe an der Beschreibung!!!)
Ich erstarrte zu einer Salzsäule. Ein großer Kasten mit vielen Reglern wurde heran gefahren Jarrett umgedreht, sein Brustkorb frei gemacht. Mir wurde klar, was der Professor vorhatte. Ihn mit Stromstössen zurück zu holen.
Als Jarretts Körper vom ersten Stromschlag durchgeschüttelt wurde, krampfte mir das Herz. Meine Tränen flossen ungehindert die Wangen hinunter. Ich schloss die Augen, konnte den Anblick nicht mehr ertragen.
Das Zittern meines Körpers geriet außer Kontrolle. Ich musste mich halten, um nicht vom Stuhl zu rutschen. Mein nächster Blick fiel wieder auf diesen kleinen Monitor, wo sich Jarretts Herzschläge wieder gleichmäßig fortbewegten.
Ich atmete aus, doch mein Herz schlug mir immer noch hinauf bis in den Kopf. Jarrett wurde nun auf die Seite gedreht und der Professor begann die Wunde zu vernähen. War es das schon? Oder brach er die Operation ab?
Ich stand auf und verließ den kleinen Raum. Vor der Tür sank ich auf den Boden, zog die Knie an mich und fing richtig an zu weinen. Das letzte Mal, als ich so da saß hatte ich um Gabriella geweint.
*-*-*
Benommen saß ich an Jarretts Bett und hatte wieder seine Hand in meiner. Sanft streichelte ich mit meinem Daumen über seinen Handrücken.
„Domi?“, konnte ich leise von Jarrett hören.
„Ja… ich bin da … schhh… du sollst nicht reden.“
Eine einzelne Träne lief aus seinem Auge und tropfte auf das Kissen.
„He Jarrett… es ist alles in Ordnung, die Operation ist gut gelaufen…“, sagte ich leise und beugte mich über ihn.
Seine Augen waren feucht, aber er schaute mich an und sein Mund formte sich zu einem Lächeln. Langsam senkte ich mich nieder und gab ihm einen zärtlichen Kuss. Tränen liefen ungehindert an den Seiten hinab.
„Wir schaffen das… okay? Wir schaffen das gemeinsam!“
Sein Mund formte sich zu einem Ja.
*-*-*
Luka zog wie ein Verrückter.
„Jetzt mach doch langsam Luka, wir sind doch gleich da.“
„Darf ich zu Papa rennen?“
„Klar darfst du, da vorne sitzt er im Rollstuhl.“
Und schon düste Luka über die Wiese direkt zu seinem Dad. Ich wollte ja noch sagen, dass er langsam machen sollte, aber da stolperte er schon und überschlug sich regelecht. Erschrocken blieb ich stehen und wartete, dass das Geschrei losging.
Aber Luka hob nur den Kopf wuschelte sich über seine Haare. Dann stand er auf und rannte weiter. Ich schüttelte nur den Kopf und ging weiter. Ich musste schmunzeln. Der Kleine war echt zäh.
Die letzten Wochen hatte ich sehr genossen. Während Cori die gewünschten Umbauten in meinem Haus fertigte, vergnügte und kümmerte ich mich ausgiebig um Luka. Er hatte derweil seinen Dad erreicht und krabbelte bereits auf dessen Schoss.
Als ich näher kam, hörte ich wie Luka erzählte, was er wieder erlebt hatte.
„Du Papa… ich hab da mal eine Frage.“
„Und die wäre?“, fragte Jarrett mit seiner bekannten ruhigen Stimme.
„Wärst du mir arg böse…, wenn ich zu Domi Pa sage?“
Ich war stehen geblieben. Diese Szene rührte mich doch sehr.
„Wieso sollte ich dir böse sein… du Racker, klar darfst du das.“
„Oki doki… ich geh Enten jagen“, meinte Luka und war schon wieder vom Schoss gesprungen, als ich Jarrett endlich erreichte.
Erst jetzt drehte Jarrett seinen Kopf zu mir und strahlte mich an.
„Na du Pa, wie fühlt man sich in der Rolle?“, sagte er zu mir.
Ich wischte mir eine Träne aus dem Auge.
„Du hattest Recht, ich kann mir irgendwie ein Leben ohne Luka nicht mehr vorstellen“, erwiderte ich.
„Und sein Dad?“
Ich musste lächeln.
„Ohne den noch viel weniger“, sagte ich und hauchte Jarrett einen Kuss auf den Mund, „hallo…“
„Hallo Domi“, kam es von Jarrett und lächelte mich an.
„Müsst ihr schon wieder küssen?“, hörte ich Luka rufen, der am Rand des Teiches stand.
„Wieso? Was sollen wir denn sonst machen?“, rief Jarrett zurück.
„Mit mir spielen!“, rief er zurück.
„Du hast es gehört… man verlang nach uns“, meinte Jarrett und hob mir seine Hand entgegen.
Ich stellte mich vor ihn und zog an der Hand. Mit vereinten Kräften konnte Jarrett aufstehen.
„Brauchst du deinen Stock?“, fragte ich.
„Nimm ihn ruhig mit, wer weiß was Luka alles anstellt. Bis zum Teich halte ich mich an deiner Hand“, antwortete Jarrett.
Hand in Hand liefen wir zum Teich hinunter, wo Luka schon auf uns wartete.
*-* Ende *-*

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Information Das Haus am See von Ocean
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:00 AM - No Replies

Vorwort:
In der kommenden Story steckt wieder eine gehörige Portion Autobiografie, aber auch eine gehörige Portion Fantasie. Hoffe trotzdem, dass beide Portionen eine halbwegs ausgewogene Kost ergeben.
Flucht ins Schilf
Verdammt, nichts als Arbeit! Also, nicht dass ich etwas gegen Geld verdienen habe, aber am Freitagfrühabend hält sich mein Schaffensdrang in überschaubaren Grenzen, vor allem, wenn wie in diesem Fall ein freies Wochenende vor der Tür stand. Als Journalist kann ich diesen Luxus nur aller 14 Tage genießen – mache das dann aber gern in vollen Zügen und fange nicht erst am späten Freitagabend damit an. Aber manchmal kommt es eben anders, als man denkt…

Unser Team war in einer sanierten Barock-Villa, die als bekanntes Ausflugslokal unserer Region fungierte. Dort sollte irgendein Marketingkonzept vorgestellt werden. Und für einen lokalen Fernsehsender herrscht dort natürlich Anwesenheits- und Berichtpflicht. Veranstaltungen wie diese bedeuten jede Menge lokale Prominenz und für mich immer ein Lächeln auf den Lippen, hinter dem sich in diesem Fall der Gedanken nach einem erfrischenden Bad im angrenzenden See verbarg. Bei 30 Grad im Schatten arbeitet halt niemand gern. Jedenfalls nicht in stickigen Räumen. „Warum müssen die das in dem Zimmer machen, der in dem gesamten Haus am wärmsten ist“?, raunte mir Tim zu. Unser junger 17-jähriger Praktikant war für mich der einzige Lichtblick an diesem Nachmittag. Seine Frage brachte messerscharf auf den Punkt, was wohl alle im Raum dachten. Ich grinste: „Damit alle wissen, was für ein heißes Programm hier gleich vorgestellt wird“. Wir lachten, und ich bat ihn, den Laptop in Arbeitslaune zu versetzen. Schließlich musste der Text für den Bericht umgehend in die Redaktion weitergeleitet werden, um in der aktuellen Nachrichtensendung Verwendung zu finden. Für uns war es der letzte Termin, danach war Feierabend, und ich hatte ihm versprochen, ihn direkt nach Hause zu fahren, damit wir beide nicht noch mal ins Büro mussten.

Ich ging zu meiner Kamerafrau, um mit ihr Einzelheiten für den geplanten Beitrag durchzusprechen. In unserem jungen Team, mit 26 war ich noch einer der Ältesten, war es entgegen irgendwelchen Klischees durchaus üblich, dass Frauen für gute Bilder verantwortlich waren. Irgendwann begann die Prozedur, und tatsächlich schafften es die Initiatoren, ihr Konzept innerhalb einer Stunde vorzustellen. Nach weiteren 30 Minuten, die mit Nachfragen der anwesenden Pressevertreter gefüllt wurden, war der offizielle Teil beendet. Ich bemühte mich redlich, meinen Text locker und fluffig zu verfassen, im Gegensatz zur staubig-trockenen Atmosphäre im Veranstaltungsraum, und bat Tim, das fertige Produkt per e-Mail zur Redaktion zu schicken. Während er also eine Internetverbindung aufbaute und ich die Kamerafrau zum Sender delegierte, um das Material abzuliefern, kam der Landrat auf mich zu. „Tom, bleiben Sie noch einen Moment? Wir wollen auf das gelungene Projekt anstoßen. Und die Presse darf nicht fehlen. Schließlich ist sie uns dabei eine große Hilfe“. Der Politiker, den ich durch diverse Veranstaltungen sehr gut kannte, zwinkerte mir zu. „Und ihr Sender ganz besonders. Kommen sie mit in den Saal?“ Es hieß, Präsenz zu zeigen. Auch nach Feierabend. „Bin sofort da.“ Der Landrat nickte zufrieden und enteilte in Richtung Konferenzraum.

Ich sah Tim achselzuckend an, der natürlich nun noch auf mich warten musste. „Dauert noch ’n Moment.“ Der Junge ließ keinen großen Protest erkennen. „Ich hab eh’ noch nichts vor heute, und meine Eltern sind auch nicht zu Hause“. „Kommst du mit?“ „Nö, der Text ist noch nicht ganz durch, und das ist eh’ nichts für mich. Ich bleib hier und warte auf dich“ „Okay“, lächelte ich ihn an, „ich beeile mich“.

Beeilen ist diesen Kreisen immer so eine Sache. Da wird man in dieses Gespräch vertieft, wird auf jenen Termin aufmerksam gemacht und auf Fehler in Berichterstattungen hingewiesen, die natürlich grundsätzlich immer auf andere Kollegen zurückzuführen sind. Das ganze dauerte also viel länger, als ich dachte. Aber irgendwann schaffte ich es tatsächlich, mich aus der illustren Versammlung zu lösen, die von der Konzeptvorstellungskonferenz längst zur Wochenend-Opening-Party mutiert war.

Ich ging also vom Festsaal zurück zu dem Zimmer, dass als Medienzimmer gedient hatte. Die Tür war offen, und Tim bemerkte gar nicht, dass ich zurückwar. Er saß vorm Laptop und war in irgendetwas vertieft. Ich schlich mich an und warf einen Blick auf das, was den Praktikanten offensichtlich daran hinderte, sich über die anfallenden Überstunden zu beschweren. Unwillkürlich musste ich grinsen – Tim war auf einer Internetseite gelandet, die in Insiderkreisen für die Veröffentlichung „schwuler Stories“ bekannt war und in eine der dortigen Geschichten vertieft. Mein Warten bleib ohne Erfolg, der Junge war in die Welt irgendeiner Story eingetaucht und hatte alles andere komplett verdrängt, selbst als ich mich räusperte, blieb das ohne Reaktion. „Willst du noch fertig lesen, oder wollen wir fahren? Denkst Du, die beiden kriegen sich noch?“

Tim schreckte auf, er sah mich erschrocken an, und seine Gesichtsfarbe begann, schnellstens in Richtung helles Weiß zu tendieren. Er hatte realisiert, dass ich realisiert hatte, was er da las und begann zu zittern. „Ich… ich …. äh, verdammt, scheiße…“ Der Junge rannte aus dem Raum und dem Haus, aus dem Fenster konnte ich beobachten, dass er sich in den am See liegenden Schilfgürtel flüchtete. Da ich davon ausging, dass er von dort nicht sofort wieder verschwinden würde, nahm ich mir die Zeit, den Rechner runterzufahren, ihn einzuladen und in meinem Auto zu verstauen. Vom siebten Sinn getrieben erwarb ich im Biergarten des Lokals noch ein bisschen flüssige und feste Verpflegung und begab mich ebenfalls ins Schilf.
Ich fand ihn auf einer kleinen, von außen nicht einsehbaren Lichtung direkt am Wasser. Er starrte auf den spiegelglatten See, und er hatte Tränen in den Augen. „Was willst du?“ „Meinst du, ich lasse dich hier im Schilf sitzen?“ „Kann dir doch egal sein. Geh doch jedem erzählen, das ich schwul bin. Das versteht doch eh’ keiner. Aber lass mich in Ruhe“. Ich setzte mich neben ihn und reichte ihm ein Taschentuch. Als er nicht reagierte, wischte ich ihm die Tränen aus den Augen, legte meinen Arm um seine Schultern und erzählte ihm in wenigen Sätzen das Ende der Story, die er vorhin begonnen hatte zu lesen und bei deren Lektüre ich ihn gestört hatte. Als ich fertig war, sah er mich an, und seine Angst schien ein bisschen gewichten. „Mensch, wie hast du denn die Geschichte so schnell zu Ende gelesen?“ Ich musste lächeln. „Gar nicht. Ich hab sie vor ein paar Monaten zu Hause gelesen“.

Tim brauchte ein bisschen, um die Tragweite dieses Satzes zu begreifen. Er sah mich mit großen, leicht erröteten Augen an und fragte mich dann ungläubig: „Du … du auch?“ Ich nickte leicht. „Ja, ich auch.“

Er schüttelte sein Kopf, begann zu lachen, und ich hatte immer noch meinen Arm um seinen Schultern. Er legte seinen Kopf auf meine Schulter und flüsterte leise: „Das ich das erleben darf…“ „Wie meinst Du das?“, fragte ich ihn. „Du bist vielleicht der Erste, der mich wirklich versteht. Weißt Du, wann mich zuletzt jemand im Arm gehabt hat? Wann ich mal mit jemandem reden konnte, so richtig, über das, was mich wirklich bewegt? Meine Eltern haben doch nur ihre eigenen Probleme, Hauptsache ich funktioniere richtig.“ Ich streichelte ihm über sein blondes, kurzes Haar. „Na ja“, entgegnete ich ihm, zumindest weiß ich, dass es schwer ist, den Weg zu gehen, dessen Ziel du noch nicht erreicht hast. Vielleicht, weil du den Anfang noch nicht gefunden hast. Aber ich weiß, wie schwer das ist. “ Tim sah mich fragend an: „Wie war das bei dir damals? Wie hast du gemerkt, das du schwul bist?“

Ich überlegte und dachte an Marc, mit dem für mich alles irgendwie begonnen hatte, und begann nach kurzem Überlegen, ihm eine lange Geschichte zu erzählen. Aber da es an Zeit sowieso nicht mangelte und uns beide nichts drängelte, holte ich ein bisschen weiter aus und begann, als ich selbst die fünfte Klasse besuchte.

Sportunfall und Kuschelspiele
Unsere Klasse war damals eine eingeschworene Gemeinschaft, in den überwiegenden Bestandteilen seit der Einschulung zusammen. Irgendwann in diesem Schuljahr gab es einen Neuzugang namens Marc zu verzeichnen, der und den niemanden kannte und somit zunächst fast zwangsläufig zum Außenseiter avancierte.

Das ein Elfjähriger so etwas auf Dauer nicht verträgt, sollte klar sein. Bald hatte sich zwischen Marc und einem weiteren Jungen eine waschechte Fehde entwickelt, die sich irgendwie an einer Nichtigkeit entzündete und dann sehr hartnäckig gepflegt wurde. Mindestens einmal pro Woche gab es eine handfeste Prügelei zwischen den Beiden.

Wer die Struktur einer DDR-Schule kennt, weiß, dass es in jeder Klasse einen Gruppenrat gab. (Für alle anderen sei gesagt, dass so was wie ein Junior-Betriebsrat war. Sozusagen das Verbindungsglied zwischen pädagogischem Personal und Schülerschaft). In meiner Funktion als Mitglied dieser Institution machte ich mich zunächst bei Marcs Familie unbeliebt. Der Rat hatte beschlossen, seine Eltern aufzusuchen und diese zu bitten, ein bisschen mehr Einfluss auf ihren Jungen zu nehmen. Schließlich wollten wir Ruhe in unserer Klasse.

Ebenfalls Ruhe wollte Marcs Vater, als wir mit sechs Mann (na ja, oder sagen wir mal lieber zu sechst) bei ihm vor der Haustür auftauchten. Wir schilderten ihm kurz das aus unserer Sicht weltbewegende Problem, er hielt den Ausbau seines Hauses, mit dem er grad beschäftigt war, irgendwie für wichtiger. Wie konnte er nur? Er brummte irgendwas von „Klärt das unter Euch und lasst mich in Ruhe“ und siebte weiter seinen Sand. Ich schwang mich zum Wortführer auf. „Kommt wir gehen, das hat keinen Sinn. Wie der Vater so der Sohn“. Er schaute mich verblüfft an – das hatte von einem elfjährigen Steppke wohl nicht erwartet. Erst als wir eh schon fast außer Hörweite waren, brüllte er hinterher: „Verschwinde und lass dich hier nicht noch mal sehen“, wobei er wohlgemerkt nur die Einzahl benutzte, obwohl wir zu sechst waren. Uns war klar, wen er damit meinte. Mir war es egal, ich hatte eh nicht vor, noch mal dorthin zurückzukehren. Aber Vorsätze in diesem Alter halten oft nicht lange.

Es gab viele Arten, mir den Sportunterricht schmackhaft zu machen. Handball oder Fußball zum Beispiel, auch wenn ich alles andere als ein begnadetes Talent war. Leichtathletik und Hochsprung weckten meinen Kampfgeist, ich entwickelte den Ehrgeiz, stets bessere Leistungen zu bringen. Das Meisterwerk vollbrachte mein Sportlehrer aber immer, wenn er seine berühmte „Kraft-Zwölf“ aufbaute. Ein Dutzend Stationen, an denen es galt, die unterschiedlichsten Muskeln zu stählen und dabei Punkte zu sammeln, für die es später Zensuren gab.

Dieser Kraftkreis änderte mein Verhältnis zu Marc im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Ich war damit beschäftigt, Seilsprünge meiner Turngruppe zu zählen, als es an der Kletter- und Klimmzugwand plötzlich einen kurzen Schrei gab. Ich sah, dass Marc auf der Matte lag und ganz offensichtlich nicht Junge seiner Sinne war.

Sportlehrer Jentsch, der natürlich nicht an zwölf Stationen gleichzeitig sein konnte, erkundigte sich, was vorgefallen war. „Er ist irgendwie gestolpert und dann mit dem Kopf an den Klimmzughalter gestoßen.“

Autsch. Immerhin hatte unser Enfant terrible mittlerweile sein Bewusstsein wiedererlangt. Er blutete leicht am Kopf, Herr Jentsch wechselte blitzschnell vom Pädagogen zum Mediziner und diagnostizierte: „Das ist halb so schlimm. Das muss nicht mal genäht werden. Marc versuchte, gleichzeitig Stärke zu zeigen und Schmerzen zu verbergen: „Dann kann ich jetzt weiter machen“? Der Sportlehrer protestierte: „Nein, du gehst jetzt nach Hause. Und wenn es heute Abend mit den Schmerzen nicht besser wird, gehst du zum Arzt.“ Heutzutage hätte vermutlich jeder Lehrer einen Rettungshubschrauber benachrichtigt, damals hieß es nur „Wer bringt ihn zu seinen Eltern?“.

Schweigen im Walde, das Interesse, den Verunfallten in den Schoß seiner Familie zu bringen, hielt sich offenbar in Grenzen. Obwohl dafür mindestens eine Unterrichtsstunde draufging. Da sich niemand freiwillig meldete, oblag es dem Sportlehrer, einen Heimwegbegleiter zu bestimmen, und seine Wahl fiel auf mich.

Ich sparte es mir, zu protestieren, hoffte aber inständig, dass Marcs Vater nicht wieder mit Bauarbeiten vorm Haus beschäftigt war. Ich geleitete meinen verletzten Klassenkameraden in die Umkleide, wo er selbst erst mal im Spiegel die Schwere seiner Verletzung überprüfte. „Halb so schlimm. Hab ich schon schlimmer gehabt“ Es folgte eine kleine Aufzählung diverser kleinerer Unfälle. „Hast schon ein bisschen was erlebt, wie?“ Er nickte nachdenklich. „Du hast Glück, dass mein Vater nicht zu Hause ist. Dann würdest du nämlich was erleben.“ Ich grinste leicht.

Marcs Mutter nahm ihn in Empfang, ohne groß zu lamentieren. Offensichtlich war sie kleinere Beschädigungen an ihren Sprösslingen gewohnt (es gab noch einen jüngeren Bruder). Da sie mich noch nicht kannte, war der Empfang recht freundlich, sogar Getränke wurden mir angeboten. Der Lockruf des Unterrichts allerdings war damals noch sehr stark, und mein Plan war, rasch in die Bildungseinrichtung zurückzukehren. Ich strich Marc noch einmal leicht über den Kopf und sagte ihm leise: „Machs gut, Pechvogel“ Er sah mich lange an und fragte fast ängstlich: „Wollen wir Freunde werden?“ Hm. Ich überlegte kurz. So schlimm, wie ich dachte, war der Junge gar nicht. Ich nickte leicht und ging. Das Eis war gebrochen.

Die Klassenfahrt in diesem Schuljahr drückte unserer Freundschaft einen weiteren Stempel auf, gab uns sozusagen den Rest. Beim klasseninternen Fußballspiel gleich am Ankunftstag hatte die Defekthexe bei Marc wieder mal zugeschlagen, er hatte sich den Knöchel verstaucht. Das hinderte ihn selbstverständlich daran, an den geplanten ausgedehnten Wanderungen teilzunehmen. Und da sogar unsere Klassenlehrerin einsah, dass er nicht den ganzen Tag allein im Lager bleiben konnte, gab sie meinem Vorschlag statt, als „Krankenpfleger“ im Lager zu bleiben. „Ihr könnt ja ein bisschen für die Schule tun“, schlug sie vor. Wir lächelten sie beide an und sagten wie aus eine Mund: „Na klar“.

Ich weiß heute wirklich nicht mehr so genau, wie wir uns damals die Zeit vertrieben haben. Nur noch, dass es definitiv ohne Fernseher und Computerspiele ging. Irgendwann kamen wir auf die Idee, uns einen Sonnenuntergang anzusehen. Während die Anderen irgendwelche Karten- oder Gesellschaftsspiele zelebrierten, schlichen wir uns aus dem Lager auf eine kleine Anhöhe und beobachteten nicht nur den glühenden und am Horizont verschwindenden Fixstern. Er tippte mir mit seiner Hand auf die Schulter und deutete Richtung Waldrand, wo ein Rudel Reh scheu aus dem schützenden Dickicht trat. Wir schauten fasziniert und schweigend auf das Naturschauspiel. Marc hatte seinen Arm um meiner Schulter und kuschelte sich an mich. Irgendwie hat es damals bei mir Klick gemacht, oder vielmehr „Plopp“: Amors Pfeil hatte mich zum allerersten Mal getroffen, natürlich ohne das ich damals im Entferntesten davon Ahnung hatte, was mit mir los war.

Von da an waren wir eigentlich unzertrennlich. In den Sommerferien des folgenden Jahres, wir freuten uns – mehr oder weniger – auf die siebte Klasse, verbrachten Marc und ich einen Großteil unserer Zeit mit Schwimmbadbesuchen und Radtouren. Eine dieser Fahrten hatte uns in die Flussauen geführt, wo wir beschlossen, ein wenig zu rasten. Wir breiteten unsere Decke aus, kümmerten uns rasch um die Vernichtung der mitgenommenen Verpflegung und legten uns dann nebeneinander auf die Decke.

Die Sonne zelebrierte muntere Wechselspielchen: Rein in die Wolke – Wind an, Thermometer runter. Raus aus der Wolke – Wind aus, Thermometer hoch, Sonnenbrandgefahr an. Marc wurde das offensichtlich zu bunt. Er verlagerte seinen Standort, bewegte sich unter die Decke. „Komm runter. Du erkältest Dich oder holst Dir `nen Sonnenbrand.“ Der Gedanke, mit diesem Jungen unter einer Decke zu liegen, bereitete mir mehr oder weniger sichtbares Vergnügen, so dass ich nicht lange nachdenken musste, dieser Einladung Folge zu leisten.

Marc wusste genau, was er wollte. „Mir ist kalt“, zitterte er. Nun wechselten zwar die Wetterbedingungen nahezu sekündlich, aber dass bei Temperaturen von minimal 20 bis maximal 30 Grad ein gesunder Mensch Schüttelfrostanfälle bekommen sollte, schien mir doch eher unwahrscheinlich. Entsprechend fragend muss ich ihn angesehen haben. Er sah das, lächelte und versicherte mir äußerst glaubwürdig: „Doch, wirklich… Wärm mich.“, und sah mich mit großen, braunen Waldi-Augen an. Ich begann ihm, über den Rücken zu streicheln. „Hier, fühl mal“, bat er mich und führte meine andere Hand zu seinem Arm.
Tatsächlich schien ihm kalt zu sein: Er hatte Gänsehaut. Ohne lange nachzudenken, nahm ich ihn komplett in den Arm. Und was machte er? Er drückte mir einen Kuss auf die Lippen.

Wir setzten unsere Radtour an diesem Tage nicht fort und blieben am Fluss unter der Decke. Wenn sich andere Spaziergänger näherten, verschwanden wir ganzkörperlich unter dem Wollprodukt. Ein bemerkenswertes Bild für die Passanten: Ein lebendes Wollbündel. Na, was einem da wohl für Gedanken kommen.

Definitiv ähnliche Gedanken hatte Marc, dessen streichelnde Hand langsam und liebevoll an meinem Oberschenkel empor wanderte. Ich protestierte zunächst, aber er sagt mir: „Das gehört doch dazu. Du darfst auch“. Er küsste mich und führte meine Hand zwischen seine Beine. Als hätten es die Naturfreunde gewusst, im Verlaufe der nächsten halben Stunde blieben wir zwei unter unserer Decke unbehelligt. Vielleicht aber hatten wir die Vorbeigeheden auch einfach nur nicht mitbekommen.

Von da an gehörten diese stillen intensiven Momente zu zwei zu unserer Freundschaft dazu. Ich lernte außer Liebe damals noch ein weiteres Gefühl kennen: Eifersucht. Marc beteiligte sich nämlich an dem pubertierenden Partner-Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel. In unserer Klasse gab es damals einen Pool von circa fünf Jungs und fünf Mädchen, die wirklich in jeder möglichen männlich-weiblichen Konstellation Erfahrungen sammelten und austauschten. „Mein“ Marc war einer der Aktivsten, wenn es darum ging, Zungenküsse zu probieren.

Nur gelegentlich zeigte eins der Mädchen für mich Interesse. Es hielt nie länger als eine Woche, ich bemühte mich auch nicht darum, die Beziehung in Richtung dauerhaft voranzutreiben. Dauerhaft wollte ich nur eins: Marcs Zärtlichkeiten.

Garten mit Schuss
Je älter wir worden, desto seltener wurden unsere Momente voller Zweisamkeit. Mittlerweile war die Zärtlichkeit fast aus dem Spiel, es ging nur noch um die blanke Lust und Befriedigung. Für mich war das natürlich weniger befriedigend. Aber ich wusste längst, dass Marc vermutlich nie ähnlich würde empfinden können wie ich. Er stand halt auf Frauen, gelegentliche Abwechslungen nicht ausgeschlossen. Die Freundschaft zu ihm wurde lockerer. Nach der Deutschen Einheit wechselten wir die Schulen, er ging auf die Realschule, ich ans Gymnasium.

Für mich war weit und breit kein Partner in Sicht, an ein Outing war nicht zu denken. Meine Umgebung war komplett hetero eingestellt. Wenn ich nicht allein war, hatten sich alle anderen damals perfekt getarnt. Genauso perfekt wie ich mich selbst.

Die Clique, die damals in losen Abständen von meiner Anwesenheit beglückt wurde, erhielt eines Tages Zuwachs. Fast wie aus dem Nichts tauchten zwei Jungs auf – und blieben. Rico und Maik waren ein bisschen älter wie wir selbst, und deswegen stiegen sie relativ schnell in der Hierarchie auf. Rico schien es in unserem Ortsteil gut zu gefallen, er mietete sich einen Garten mit einer Laube, die ab sofort Anlaufpunkt für die Clique wurde. Ein Jugendtreff im Grünen, eine erwachsenenfreie Zone. Das kam bei uns 16-jährigen natürlich an. In regelmäßigen Abständen, die immer kleiner wurden, gab es also Partys zu feiern. Zunächst aus den nichtigsten Anlässen, später einfach nur der Party wegen.

Maik, der vorsichtig ausgedrückt alles andere als ein helles Köpfchen war, wurde in ebenso kleiner werdenden regelmäßigen Abständen gegen Andre ausgetauscht. Er war ein Freund von Rico aus alten Zeiten, deutlich älter als wir, hatte ein Auto und war außerdem schwul. Dazu stand er, und damit hatte auch niemand ernsthaft Probleme. Jedenfalls nicht offenkundig. Klar, ein fahrbarer Untersatz war genug Grund, den Besitzer und Fahrer zu vergöttern.

Schnell wurde auch klar, warum Maik nicht mehr auftauchte bzw. warum Andre nicht da war, wenn sich Rico und Maik die Kante gaben: Er konnte ihn überhaupt nicht ab. Das war irgendwo verständlich: Denn immer wenn die beiden zusammenhockten, war auch eine Alkholflasche in der Nähe und dazu immer öfter auch noch ein kleines Tütchen, aus dem sich die beiden merkwürdig aussehende Zigaretten drehten.

Eines Tages oder besser eines Sommerspätabends beschlossen die beiden, in völlig zugedröhntem Zustand mit einer in der Laube versteckten Schreckschusspistole in den nahgelegenen Wald zu gehen, um dort die definitiv nicht mehr vorhandene Zielfähigkeit zu testen.

Andre versuchte vergeblich, die beiden aufzuhalten – zwischen ihm und Rico kam es zu einem schlimmen Streit. Die Beiden brüllten sich ohne Rücksicht auf die minderjährige Zuhörerschaft an. „Überleg Dir was Du machst, Du kannst doch nicht mehr klar denken!!!“ Ricos Antwort bestätigte das. „Was willst Du denn, du willst mich immer nur befürworten. Äh.. bevorworten. Bevormunden. Lass misch doch meins machen, isch bin alt genug“. Andre änderte den Ton – von laut auf fast bedrohlich leise. „Du beweist grade das Gegenteil. Warum musst Du jetzt in deinem versoffenen Zustand mit diesem Kunden in den Wald, um zu schießen? Entweder er oder ich. Entscheide dich. Wenn Du jetzt gehst, ist unsere Freundschaft vorbei.“ Rico schien wenigstens zu überlegen. Maik rief seinem Saufkumpan von der Gartentür zu: „Kommst jetzt, oder was?“ Rico wischte alle seine Zweifel beiseite und ging.

Andre schaute ihm wortlos nach, und obwohl es fast schon dunkel war, sah ich deutlich, wie seine Augen von Schritt zu Schritt trauriger wurden. Er zog sich in den separaten Schlafraum der Laube zurück, der als so eine Art Schlafzimmer für Dauergäste diente. Ich wandte mich den restlichen Besuchern zu. In aller Kürze: Drei Mädchen, drei Jungs. Die Sechs hatten ganz offensichtlich anderes zu tun, als sich in den Konflikt dreier Älterer einzumischen oder sich gar mit der Lösung dieses Problems zu beschäftigen. „Hey, habt ihr das eben mitgekriegt?“ Marc, der mit seiner aktuellen Flamme Janina beschäftigt war, brummte ungehalten ob der Störung: „Ja, und? Die zoffen sich doch eh jeden Tag.“ Für meinen unerreichbaren Engel war das sowieso nichts Außergewöhnliches, da zwischen ihm, seinem Bruder und der außerdem noch vorhandenen Schwester auch regelmäßig die Fetzen flogen. Oder was auch immer grad greifbar war.

Für die Jungs in der Gartenlaube waren jetzt auf alle Fälle nur die Mädels greifbar, und ich war natürlich das fünfte, siebte oder wievielte Rad am Wagen auch immer, auf alle Fälle ein überflüssiges. Ich verließ die Kuschelhochburg und überlegte kurz, ob ich Andre stören sollte, der im Gegensatz zu den fidelen Sechs deutlich einsamer im Nachbarraum saß – vermutlich unendlich traurig.

Ich klopfte und trat ein. Er saß auf einer zum Bett umfunktionierten Luftmatratze und hatte Tränen in seinen Augen. Spontan setzte ich mich zu ihm, nahm ihn in den Arm. Er begann mir die ganze Geschichte zu erzählen. Wie sich die beiden kennen gelernt hatten, wie sich die ganz große Freundschaft entwickelt hatte. Rico wusste, dass Andre schwul war. Und er wusste, dass er selbst nicht war. Trotzdem hatten die beiden das ein oder andere nicht jugendfreie Abenteuer erlebt, gingen gemeinsam durch dick und dünn. Bis Maik dazukam. Plötzlich war Rico wie umgewandelt, die beiden soffen und kifften sich beinah den Verstand aus dem Kopf. Andre litt unter diesem Liebesentzug, wie er es selbst nannte. „Is ja okay, wenn da nix läuft zwischen uns. Aber da kommt dieser Typ und macht uns alles kaputt. Ich versteh’ ihn nicht.“

Es war schwer, ihm da irgendetwas Aufbauendes zu sagen. Während ich noch überlegte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen und Rico stand vor uns. Auch bei ihm war etwas aufgerissen, nämlich die Augen. Sein Shirt war blutverschmiert.

Das Haus am See
Tim war aufgestanden. „Werbung!!!“ Er grinste, ich schaute ihn fragend an. „Es scheint spannend zu werden. Da gibt’s immer Werbung. Ich geh noch mal schnell ins Schilf für kleine Praktikanten.“ Er verschwand, kam nur wenige Augenblicke später wieder zurück und machte Anstalten sich wieder hinzusetzen. „Du hast Dir die Hände nicht gewaschen“ Er schaute mich an, wohl um zu ermitteln, ob das eine ernsthafte Aufforderung war. Ich versuchte mir das Lächeln zu verkneifen, offensichtlich mit wenig Erfolg. „Fällt ins Wasser“, entgegnete Tim. Ich stand auf und hatte vor, ihn in den See zu befördern. Er kam mir zuvor, fiel mir in den Arm und sagte: „Warte. So gern ich baden gehen möchte. Aber ich hab kein Handtuch und eine anderen Klamotten mit. Ich konnte ja nicht ahnen, dass aus dieser Pressekonferenz ein Badeausflug wird. Wir können aber an den Biethetalsee fahren, da haben meine Großeltern einen Garten direkt am Wasser. Und sie sind garantiert nicht da, weil sie mit meinen Eltern im Urlaub sind. In Ungarn.“

In diesem Moment liebte ich Ungarn. Es war traumhaftes Wetter, und ein ebenso traumhafter Junge hatte mich grade zum Baden auf ein einsames Grundstück eingeladen. Wir fuhren kurz an meiner Wohnung vorbei, wo ich in Windeseile ein paar Sachen in eine Tasche warf und Proviant für uns zusammensammelte. Ein paar Kilometer später lotste mich Timmy in einen einsamen, fast versteckt daliegenden Feldweg und ließ mich an einem Grundstück stoppen, das den Begriff Garten eigentlich so nicht verdiente. Ein kleines gemütliches Häuschen mit gepflegtem Vorgarten und großräumig umzäunter Rasenfläche, die zur Seeseite hin direkt ans Wasser mündete. Ein Steg war Anlegestelle für ein Ruderboot, im Abendrot zog ein Schwanenpärchen über das Seewasser der untergehenden Sonne entgegen. Das hier war das Paradies.

Wir verstauten unsere Taschen im Haus, zogen uns aus, stürmten das kühle Nass und taten es den Schwänen gleich: Wir schwammen der verschwindenden Sonne entgegen. Tim kannte das Gewässer, steuerte eine Sandbank an. Er hatte Grund unter den Füßen. Ich stellte mich neben ihn und genoss das Schauspiel des Sonnenunterganges. „Das ist so schön.“, flüsterte ich. „Ja“, entgegnete er, „ich hab so was nie noch nie mit einem anderen Menschen gesehen.“ Ich schaute in seine Augen, wo sich Tränen breit machen wollten, nahm ihn in den Arm. Er hielt mich ganz fest. „Hey, Timmy, die Zeit der Einsamkeit ist vorbei. Du kennst mich, und zwar nicht nur von deinem Praktikum. Was uns verbindet, ist mindestens eine Seelenverwandtschaft. Und was aus uns auch immer wird, ich bin ab jetzt immer für dich da. Du bist nicht mehr allein mit deinen Problemen“ Er schaute mich an, erst ungläubig, dann glücklich. „Weißt du, was mir das bedeutet?“ Seine Lippen trafen meine. „Es wird Zeit, zu leben.“ „Ja, das solltest du tun. Schluss mit dem Versteckspiel, wenn du dafür bereit bist. Ich habe selber zu viele Sommer verschenkt.“ „Ach ja, da war ja noch was. Wie ging denn die ganze Geschichte mit Rico nun weiter?“ Ich lächelte ihn an: „Ach, ist die Werbung vorbei? Immer mit der Ruhe Timmy, erst mal schwimmen wir ans Ufer, und dann gibt es was zu essen.

Gesagt, getan. Wir kochten uns ein leckeres Tütensüppchen, brutzelten ein paar Steaks, weil es uns zu aufwändig erschien, wegen zwei Fleischscheiben den Grill anzuschmeißen und setzten uns auf die Terrasse. Als wir aufgegessen hatten, fragte ich ihn: Bier oder Wein? Wir entschieden und für eine Flasche lieblichen Rotwein, machten es uns auf einer Liege gemütlich, wo sich Tim an mich kuschelte und erwartungsvolle Blicke in meine Richtung schickte.

Offene Worte
Andre und ich dachten beide sofort an den Super-Gau. Rico blutverschmiert vor uns, und wir wussten, das die beiden völlig betrunken mit einer Schreckschusswaffe ballern gehen wollten. „Scheiße, was ist los?“ „Das Ding ist losgegangen. Maik hats am Arm erwischt“ „Wo ist er? Wo ist Maik?“. „Der Wald sitzt aufm Weg am Steinrand bei Maik.“ Andre klamüserte sich den Aufenthaltsort zusammen, schnappte sich seinen Autoschlüssel und rannte zur Gartentür. Die Benutzung des PKW war nicht erforderlich, weil sich der armbeschädigte Verletzte mittlerweile bis zum Garten geschleppt hatte. Wimmernd lehnte er an der Pforte. Andre reagierte sofort und richtig, es erwies sich als großer Vorteil, dass er seinen Zivildienst im Rettungswagen absolviert hatte. Er desinfizierte und band die Wunde provisorisch ab und wies dann an: „Ab ins Auto, wir müssen ins Krankenhaus. „Nisch schum Arscht“, protestierte Maik. „Muss das sein?, fragte nun auch Rico. „Hier geht’s ein bisschen mehr als um eure Kinderspielchen mit so einem blöden Ding“ „Kinderspielchen würde ich das nicht nennen“, entgegnete Marc. Als erster hatte er sich eingemischt, bislang hatten wir dem Treiben der Drei nur zugeschaut. „Du hast recht“, erwiderte Andre. Aber es ist kindisch, wenn zwei zumindest nach dem Ausweis Volljährige nachts mit `ner Waffe in den Wald schwanken, um auf Blech oder sonst was zu schießen. Und dann auch noch in dem Zustand. Ihr habt einen an der Waffel“ „Mehr als nur einen“, murmelte Marc neben mir.

Maik hatte die Tragweite seiner Verletzung noch nicht ganz begriffen, glaubte offensichtlich an so etwas Ähnliches wie eine Schürfwunde. „Isch will nisch nachs Krankenhaus. Das wird auch so wieder.“ „Wenn Du Deinen Arm nicht brauchst, okay. Aber das gib mir das bitte schriftlich, damit mich nachher keiner wegen unterlassener Hilfeleistung drankriegt. Rico war kurz in die Laube verschwunden und kam zurück. Mit einer Flasche Korn in der Hand. Das Fass lief über. Es klatschte. Andre hatte Rico erst die Flasche aus der Hand geschlagen und ihm dann gleich noch einmal wenig liebevoll übers Gesicht gewischt. Immerhin schien er jetzt den Ernst der Lage zu begreifen. Andre war wieder Herr der Lage. „Okay, wir fahren ihn jetzt ins Krankenhaus. Dich behalten sie vermutlich zum Ausnüchtern auch gleich da“, sagte er mit Blickrichtung Maik, „und ihr geht bitte nach Hause“, das galt uns. Wir hielten uns dran. Es ging wirklich jeder zu sich nach Hause.

Bereits einen Tag später gab es das Wiedersehen fast aller Beteiligten im Garten. Maik war entlassen, kurierte sich zu Hause aus. Außerdem hatte er von Rico ein zweiwöchiges Gartenverbot auferlegt bekommen. Die beiden Anderen hatten sich am Morgen gründlich ausgesprochen. Rico hatte Andre versprochen, sich von der Flasche und sonstigen Rauschmitteln fernzuhalten. Außerdem wollte er seine unterbrochene Lehre wieder aufnehmen. Die bereits aufgenommenen Ermittlungen der Polizei wurden später eingestellt, es ließ sich nicht wirklich feststellen, was sich im Wald ereignet hatte. Auch anhand der Verletzungen war allerdings die wahrscheinlichste Variante, dass sich Maik selbst angeschossen hatte.

Ricos Versprechen allerdings hielten nicht lange. Als Maik gesund war, wurde er wieder Stammgast im Garten. Und mit ihm summierte sich zunächst zunächst die Anzahl der Flaschen mit hartem Gesöff, dann das Leergut.

Eines Abends hatte ich mich mit Andre vom restlichen Partyvolk in den Schlafraum der Laube abgesetzt. Er beklagte sich: „Ich hab die Schnauze so voll von dem Laden hier“ Wenn er nicht im Garten übernachtete, hatte er bei seiner Oma Obdach, das Verhältnis zur restlichen Familie war irgendwie gestört. Das hatte er mir alles mehr oder weniger ausführlich erzählt, und nun überlegte er ernsthaft, sich eine Wohnung zu nehmen. „Ich hab keinen Bock, den Ganzen Tag im Geschäft zu stehen, abends um acht herzukommen und dann zu sehen, wie es hier „Hoch die Tassen“ heißt. Dieses blöde Gequatsche geht mir so auf den Sack“ Er weinte, ich streichelte ihn, er beruhigte sich. Er streichelte mich, ging mir dabei auch unter das T-Shirt. „Stört dich das?“, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf, ich war für Zärtlichkeiten immer empfänglich. Als Beweis küsste ich ihn auf sein stoppliges Gesicht. „Bist Du schwul?“, fragte er mich. Ich zuckte erst zusammen, dann mit den Schultern. Ich wollte mich nicht ganz offenbaren, weil Andre zwar ein ganz wichtiger Freund geworden war, mehr aber auch nicht. Ich hatte Angst davor, dass er mehr hätte haben wollen, wenn ich ja gesagt hätte. Und Sex mit ihm – das wollte ich nicht. Er schien Gedanken lesen zu können: „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde nichts machen, was du nicht möchtest“, beruhigte mich Andre. Wir hielten uns einfach fest. Plötzlich platzte Marc in den Raum. „Tom, wollen wir…“ Er starrte uns an, grinste und sagte: „Entschuldigung“ und verschwand wieder. Andre schaute mich unsicher an: „Was meinst Du, wie wird er reagieren?“ Das dürfte kein Problem sein. Ich überlegte kurz, erzählte ihm dann aber doch, dass uns ein besonderes Verhältnis miteinander verband. Er lächelte. „Ihr wärt ein schönes Paar.“ „Ja, aber ich glaube nicht dran und er sicher sowieso nicht.“ „Immerhin ist er wieder solo.“ „Woher weißt du denn das?“ Er grinste mich verschmitzt an. „Ist ja nicht so, dass du der Einzige bist, mit dem ich mich hier unterhalte“ Ich muss etwas verwirrt aus der Wäsche geschaut haben, er relativierte: „Aber mit Abstand der Anschmiegsamste. … So, und lass uns mal nach drüben gehen.“

Eine gute halbe Stunde später brachte ich Marc nach Hause, wohl in der Hoffnung, er könnte wieder mal liebebedürftig sein. Statt dessen sprach er mich auf Andre an. „Was habt ihr da vorhin gemacht?“ „Wonach sah es denn aus?“ „Nach zwei Kerlen in einem Bett.“ „Und was ist daran so schlimm? Außerdem haben wir nur geredet.“ Er schien mir das nicht recht zu glauben, deswegen ergänzte ich: „Und ein bisschen gekuschelt haben wir auch.“ „Du hast ihm aber nichts von uns erzählt?“ Ich entschied mich dafür, ehrlich zu sein. „Doch, es hat sich so ergeben.“ Marc schluckte, aber ich versicherte ihm, dass unser kleines Geheimnis bei ihm in sicheren Händen war.

Andre machte Nägel mit Köpfen, suchte sich eine eigene Wohnung und entzog sich somit immer mehr dem Dunstkreis des Gartens. Wir nutzten die Sommerferien für gelegentliche gemeinsame Ausflüge, meist nur Andre und ich, gelegentlich auch Marc, ab und an beteiligten sich auch andere Cliquenmitglieder an diesen Fahrten.

Ich besuchte Andre öfter im Geschäft, wo er arbeitete und entfernte mich auch immer weiter von unserer alten Umgebung, dem Garten am Waldrand und letztendlich auch von der Clique. Die meisten hatten ihre Schulzeit mit dem Abschluss der zehnten Klasse beendet und stürzten sich jetzt in ihre Ausbildung. Mein alter Freundeskreis bröckelte, und es blieben sehr bald nur noch Marc und Andre übrig.

Die Handball-Clique
Natürlich war es nicht so, dass ich am Gymnasium keine Freunde hatte. Aber das beschränkte sich auf das Schulgelände oder maximal gelegentliche Treffen. Eine enge Bindung gab es zu den wenigsten Leuten. Dafür hatte ich nebenbei zum Sport noch eine sehr enge Bindung, und da es nach wie vor um meine eigene Leistungsfähigkeit nicht zum Besten bestellt war, entschied ich mich, die Schiedsrichterlaufbahn einzuschlagen. Unsere Schulhandballer suchten sowieso immer pfeifenden Nachwuchs. Als Nebeneffekt, den ich nicht als solchen betrachtete, liefen zwischen den Toren auf dem Schulhallenparkett einige echt schnucklige Typen rum. Die Leistungsträger der Mannschaft waren Benjamin und Daniel, die sich auch bei mir in die Favoritenrolle gespielt hatten. Dazu kam noch Felix, der im Team nur als Ergänzungsspieler fungierte, bei mir aber zur Stammauswahl gehörte. Alle drei waren im besten Alter von 15 Jahren und wirklich eine Augenweide. Einer von den dreien würde doch wohl…?

Ich erörterte dieses Problem mit Andre. Der grinste. „Du solltest dir vielleicht erst mal über deine Gefühle klar werden. Wen von den dreien findest du denn am niedlichsten?“ „Felix.“ Dann versuch dein Glück. Vielleicht gewinnst du ja erst mal seine Freundschaft.

In dieses Unternehmen kniete ich mich voller Enthusiasmus. Es war auch gar nicht so schwer, an ihn ranzukommen. Felix wohnte einhundert Meter Luftlinie von mir entfernt, und oft genug trafen wir uns am Morgen, um gemeinsam schräg über die Straße zu gehen – denn dort befand sich bereits unsere Schule. Nicht grade die beste Gelegenheit, um ausführliche Gespräche zu starten. Aber lange genug, um sich so richtig heftig zu verlieben. Ich war gern in seiner Gegenwart, und ich war tierisch erpicht, zu erfahren, ob er annähernd ähnlich empfinden würde können. Aber mich selbst outen? Niemals.

Am Vorabend zu seinem 16.Geburtstag waren wir erst eine Runde Billard spielen, gingen dann zu mir, um reinzufeiern. Seine Clique, zu der auch Benjamin und Daniel gehörten, war an diesem Abend im Kino. In einem Film, den sich Felix nicht ansehen wollte. Sehr zu meinem Vergnügen. Für mich war es natürlich eine große Ehre, dass er diesen Abend mit mir verbrachte. Wir stellten uns eine große Flasche Cola auf den Tisch, und da es ja auf die markante 16 zuging, noch eine Flasche Jack Daniels. Ich schlug ihm vor, Brüderschaft zu trinken. Wir taten das – mit dem echten Bruderkuss. Und zwar nicht nur einmal, sondern pro Glas einmal. Fünf oder sechs kleine Mischungen werden es wohl gewesen sein, die wir uns hinter die Binde kippten. Egal, man verlässt die 15 nur einmal.

Um Mitternacht lag Felix kurz in meinen Armen, dann tranken wir aus und ich brachte meinen jungen und mittlerweile schon sehr angeschlagenen 16-jährigen Freund nacht Hause. Wenn ich ihm meine Gefühle hätte offenbaren können, dann an diesem Abend. Was ich nicht tat und damit die große Gelegenheit vergab, Gewissheit zu bekommen, wie es um seine sexuelle Orientierung bestellt war.

Auch Andre hielt das bei meiner Berichterstattung für einen unverzeihlichen Fehler: „Du bist ein Rindvieh. Wenn du dich partout nicht traust, werde ich mich wohl einschalten müssen“. Ich befürchtete nun, dass er munter auf Felix zu gehen und ihn direkt auf eine Neigungen ansprechen würde. Seine Art der Problemlösung allerdings sah ein kleines bisschen diplomatischer aus.

Ab diesem Zeitpunkt hatte die Handballmannschaft unserer Schule einen neuen Fahrer. Zumindest für einige der Auswärtsspiele. Andres Auto wurde als Mannschaftstransportmittel genutzt, und Daniel, Felix und Benjamin nahmen diese Art des Luxus gern an. Andre studierte das Trio, um mir eines Abends seine Ermittlungsergebnisse mitzuteilen. „Also, bei Felix und Benjamin bin ich mir nicht sicher. Es kann sein, tendiere bei beiden aber eher Richtung hetero. Benjamin, das weißt du ja, ist der Frauenschwarm der Truppe, und außerdem hatte er schon mehrere Freundinnen. Der verstellt sich entweder perfekt oder, was sehr viel wahrscheinlicher ist, er ist ein echter kleiner Casanova.

Andre testete weiter, und kam nur zu dem Ergebnis, das zumindest dieses Trio nichts gegen seine Homosexualität einzuwenden hatten.
Little Casanova blieb der Torgarant des Teams und außerdem irgendwann bei Julia kleben. Das Traumpaar des Schulhandballs hatte mein Kandidatentrio auf ein Duo zusammenschmelzen lassen. Das brachte den Chauffeur des Teams auf die Idee, Daniel und Felix zu einem Wochenende zu viert einzuladen: Er, die beiden Sportler und ich. Die Junghandballer waren begeistert von der Idee: Einfach mal irgendwo eine Pension zu entern, das klang cool.

Es ergab sich aber nicht. Das Wochenende der Wahrheit, unter diesem Arbeitstitel lief dieses Projekt bei Andre und mir, fiel gewissen widrigen Umständen zum Opfer. Daniels Eltern verweigerten die Genehmigung, Felix meldete sich am betreffenden Wochenende krank. Bis heute wissen wir nicht, ob er wirklich mit Fieberschüben zu kämpfen hatte oder ob ihm dämmerte, worauf das Ganze hinauslaufen sollte. Noch nicht mal Marc konnte einspringen, weil er am Samstag arbeiten musste. So sagten wir schweren Herzens die gebuchten Pensionszimmer ab.

Einen neuen Versuch gab es nicht. Daniel verließ unseren Ortsteil, schloss sich einer neuen Clique und sehr bald auch einer näher gelegenen Handballmannschaft an. Felix’ schulische Leistungen reichten nicht für das Abitur, er wechselte zum Ende der neunten Klasse an die Realschule, um seinen Abschluss zu machen. Die Lust am Handball hatte er auch bald verloren. Unser Kontakt schlief ebenfalls ganz allmählich ein, bis es später nur gelegentliche Schwätzchen waren, wenn wir uns zufällig wegen unserer Fast-Nachbarschaft über den Weg liefen. Bis heute weiß ich über Felix nicht Bescheid.

Den längsten Kontakt hatte ich mit Benjamin, nun wirklich alles andere als regelmäßig, aber wir sahen uns öfter. Er blieb mit Andre in Verbindung und besuchte ihn in gewissen Abständen. Mal mit seiner Julia, mal ohne. Irgendwann traf ich mich mit ihm noch einmal auf eine Runde Billard und ein paar Bier, ehe auch er aus meinem Gesichtskreis verschwand: Diesmal war der Anlass dafür seine Ausbildung, die irgendwo im hohen Norden der Republik stattfand.

Auch Marc hatte sich rar gemacht, vielmehr seine Eltern: Sie hatten in einem Nachbarort ein neues Haus gebaut, und das bedeutete, dass auch wir zwei uns deutlich weniger sahen.

Ein Auto könnte Abhilfe schaffen: Als ich endlich die 18 geschafft hatte, stand nämlich der Führerschein auf dem Programm. Die Theorie war nicht das große Problem, wohl aber meldeten meine Prüfer gleich zweimal Bedenken an, mich mit der Fleppe auszustatten – obwohl ich mit Andre mehrfach geübt hatte. Da, wo wir gefahren waren, gab es weder Stoppschilder, die missachtet, noch Ampeln, die in gelbem Zustand überfahren werden konnten. Genau das aber waren nämlich die Delikte, die zum Abbruch meiner ersten beiden praktischen Prüfungen führten. Aller guten Dinge sind drei, und als ich an dann endlich das begehrte Dokument in meiner Brieftasche hatte, war es nicht mehr sinnvoll, Marc in seinem neuen Häuschen zu begutachten. Seine Eltern hatten sich getrennt, und die Mutter allein war nicht in der Lage, die Immobilie finanziell zu halten. Für die übriggebliebene Familie bedeutete das, kurz vor Weihnachten vorübergehend in eine Sozialwohnung einziehen zu müssen: In einem alten Plattenbau musste Marc seinen 18.Geburtstag feiern. Er hatte ein paar seiner angeblich engsten Freunde eingeladen, der einzige Gast an diesem Tag allerdings war ich.

Wir setzten uns am Abend in sein Zimmer und machten uns über die alkoholischen Vorräte her. Bowle, Bier, Feigling. Marc wurde immer sentimentaler, er legte seinen Arm und mich, kuschelte seinen Kopf an meine Schulter und philosophierte über die Ungerechtigkeit des Lebens. Als wir am Abend absolut sicher waren, dass der Rest seiner Familie schlief, sah er mich mit glasigen Augen, küsste mich auf den Mund und sagte zu mir: „Lass es uns machen“. Ich hatte zwar zunächst einige Skrupel, weil die Gefahr, in flagranti erwischt zu werden, relativ hoch war, die Lust und der Alkohol zerstreuten aber meine Bedenken relativ schnell. Wir krochen ins Bett, ließen uns gehen und genossen es völlig. Marc war ausgehungert. Hungrig nach Liebe und sogar nach Zärtlichkeit. Trotzdem, die Vorsicht stirbt zum Schluss. Als wir am Ende völlig erschöpft, reichlich angetrunken und ganz eng zusammengekuschelt im Bett lagen, sagte Marc kurz vorm Einschlafen zu mir: „Geh in dein Bett, damit uns hier nachher niemand so findet“. Ich küsste ihn noch einmal und gehorchte dann widerwillig, weil er natürlich recht hatte. Was ich damals nicht wusste: Es sollte unsere letzte zärtliche Abenteuerstunde gewesen sein.

Marc hatte seine Ausbildung, ich büffelte rund ums Abi – eine lange Freundschaft schien in die Brüche zu gehen, weil wir einfach keine Zeit mehr füreinander hatten. Sein Ausbildungsbetrieb war in unmittelbarer Nähe zu dem Geschäft, in dem Andre arbeitete. Es blieb nicht aus, dass beide intensiveren Kontakt pflegten. Während ich mich nach meinem Abi in den Zivildienst stürzte, war Andre soweit, Marc anzubieten, bei ihm mit einzuziehen. Er schien endlich Ersatz für Rico gefunden zu haben – aber so richtig glücklich waren die beiden mit ihrer aktuellen Situation auch nicht. Als ich Andre eines Tages besuchte, Marc war über ein Wochenende in familiärer Sache unterwegs, klagte er mir sein Leid: „Ich bin so ein gutmütiges Schaf. Marc ist ein lieber netter Kerl, aber er beteiligt sich nicht wie besprochen an der Miete, grade mal dass er zu den Lebenskosten was zuschießt. Und dann stell ich mich immer noch in die Küche, mache unser Essen, wasche ab. Ich bin doch nicht seine Mutter.“ Ich war so blauäugig, etwas mehr als eine pure Wohngemeinschaft in Betracht zu ziehen: „Läuft was zwischen euch?“ „Ach. Wenn wir alle Jubeljahre mal kuscheln, dann ist das viel. Küssen ist nicht drin.“ Allerdings schien sich Marc einem Freund aus der Szene nach einer Party direkt an den Hals geworfen haben – Sex in Andres Bett ohne Andre, der sich mehr als nur danach sehnte. Denn DAS hatte er weder von Rico noch von mir und auch nicht von Marc bekommen. Er tat mir eigentlich nur leid. Ich blieb in dieser Nacht bei ihm, und es wäre fast passiert. Aber ich zog im letzten Moment die Notbremse: Ich wollte für ihn kein flüchtiges Abenteuer sein, kein Druckventil. Außerdem war er ein lieber Kerl, aber für mich war ihm gegenüber definitiv keine Liebe im Spiel.

Unbeschwerter Sommer
„Hast Du ihm das damals so deutlich gesagt?“, wollte Tim von mir wissen, der meine Erzählung aufmerksam verfolgt hatte. „Ich weiß es nicht mehr genau. Er war jedenfalls nicht böse, und das war mir das Wichtigste“ Ich trank mein Weinglas aus, und ich sah, dass Tim irgendetwas auf dem Herzen hatte. „Was brennt dir auf der Seele?“ „Du merkst auch alles, hm?“ Damit ließ er meine Frage zunächst unbeantwortet und stellte selbst eine in den Raum: „Wollen wir reingehen? Es wird langsam frisch.“ Ich tat empört: „Hey, hab ich dich nicht gut genug gewärmt?“ „Doch. Aber irgendwie… dir ist übrigens klar, dass wir hier übernachten müssen? Du hast getrunken, und so lasse ich dich nicht zurückfahren.“ „Ich hab nichts anderes vor, Timmy. Willst du gleich ins Bett, bist du müde?“ Er lächelte mich an. „Nein, irgendwie war ich noch nie so wach. Der Wein, deine geile Geschichte, du selbst… ich hab so was alles noch nie erlebt.“

Ich rückte so nah wie möglich an ihn heran, streichelte ihm vorsichtig durch sein Gesicht. „So geil ist die Geschichte eigentlich nicht. Es sind vielleicht verlorene Jahre.“ „Hast du dein großes Glück noch nicht gefunden? So wie du aussiehst?“ „Ach Tim, das war alles nicht so einfach. Außer bei Andre und Marc bin ich fast nirgendwo geoutet. Ich hab es nicht fertiggebracht. Also nein, ich hab es noch nicht gefunden.“ „Aber mir hast du es doch vorhin auch ins Gesicht gesagt?“ „Ja, bei dir war ich mir auch absolut sicher. Die Geschichte auf dem Laptop war ein fast hundertprozentiger Beweis. Eindeutig überführt.“ „Du meinst, Versteckspielen bringt nichts.“ „Nein, jedenfalls kein Glück. Wo schlafen wir heute nacht eigentlich?“ „Komm mit.“

Tim führte mich ins Schlafzimmer. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, wir teilen uns dieses Doppelbett, oder du schläfst im Wohnzimmer auf der Couch.“ „Ich glaub nicht, dass ich heute nacht allein schlafen möchte“ Tims Augen strahlten. Das war die Antwort, die er hören wollte. „Wollen wir noch ’ne Flasche Wein aufmachen?“ Ich nickte: „Und dann?“ „Irgendwann werden wir schon einschlafen. Und wenn nicht, ich hab das ganze Wochenende frei. Außerdem will ich bei dir sein. Du hast mir die Augen geöffnet.“

Wir machten uns bettfertig, kuschelten uns ins Bett und aneinander, dämmten das Licht und stießen an. „Ich glaub, dass dieser Tag heute mein Leben verändern wird.“ Tim schien sich über die Tragweite völlig im Klaren. „Was würdest Du heute machen, wenn du ehrlicher gewesen wärst und dich geoutet hättest“?, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf: „Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Vielleicht wäre ich mit Felix zusammen. Oder mit Daniel. Oder mit irgendwem anders? Ich bin mir ja noch nicht mal sicher, ob ich es falsch oder richtig gemacht habe.“ Tim nickte verständig, trank einen Schluck, schaute mich mit unglaublich zärtlichen Augen an und fragte mich: „Wie genau funktioniert eigentlich schwuler Sex?“ Ich schluckte, antwortete dann aber wahrheitsgemäß: „Ich hab es selbst noch nicht in Vollendung erlebt.“

Wir schwiegen ein paar Minuten, dann küsste er mich, um mir danach sein vollstes Vertrauen auszusprechen: „Weißt du, wie viele damit prahlen, was für ein geile Hengste sie doch sind und wie viel Kirschen sie schon flachgelegt haben? Und wie viel Wallach im Normalfall in diesen Hengsten steckt? Oder das die ganzen Kirschen in den allermeisten Fällen der Kategorie Ernteausfall zuzuordnen sind? Ich glaube, so ehrlich wie du grade war noch nie jemand zu mir. Oder anders: Soviel Vertrauen hat mir noch nie jemand entgegengebracht.“ Wir streichelten uns, schwiegen einen Moment, aber dann antwortete ich ihm: „Weiß du, bis heute Nachmittag warst du für mich ein Arbeitskollege. Ein netter, gutaussehender Praktikant, der in mein Leben trat, zwei Wochen bleibt und dann auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Und dann kam deine Reaktion darauf, dass ich dich beim Lesen auf nickstories.de ertappt habe. Als du vor mir weg wolltest, weil dein großes Geheimnis enttarnt war, wollte ich zu dir. Da war etwas, das uns verband. Die Geschichte, die ich dir dann erzählt habe, kennt in diesem Zusammenhang kein Mensch. Und vermutlich bist du auch der Einzige, der sie jemals komplett zu hören kriegt.“ Tim küsste mich auf die Stirn: „Du hast vorhin gesagt, du bist außer bei Marc und Andre bei fast niemandem geoutet. Also ist da noch was – die Geschichte ist noch nicht fertig erzählt. Wer war da noch, und wie ging es mit Andre und Marc weiter?“ Er sah mich erwartungsvoll an.

Neue Wege
Marc hatte wenig später das Glück, nachdem Andre und ich noch suchten. Ihm lief die ganz große Liebe über den Weg. Die Beziehung zu Bianca wuchs langsam, aber beständig und dann schnell. Bereits nach drei Wochen zog er bei Andre aus und im Haus ihrer Eltern ein, später nahmen sich die beiden eine gemeinsame Wohnung und eine Katze. Wir telefonierten noch einmal (ich mit Marc, nicht mit der Katze), fuhren uns dann einmal zufällig über den Weg und plauderten an einer Bushaltestelle eine Zigarettenlänge lang. Nachdem Marc ausgelernt hatte, suchte ihn die Arbeitslosigkeit heim. Sein Vater, mittlerweile in der Gegend einer niedersächsischen Metropole beschäftigt, besorgte ihm einen Job. Und eine neue Wohnung. Seitdem sind Marc und Bianca in dieser autobahnnahen Großstadt zu Hause. Unser Kontakt besteht aus wenigen, gelegentlichen SMS und noch selteneren Anrufen. Einmal hatten wir ein Wiedersehen geplant, dass mir eine plötzlich einberufene Pressekonferenz verdarb. Aber wir arbeiten dran und sind optimistisch, dass es noch in diesem Leben klappt.

Mit Marcs Auszug änderte sich auch Andres Leben schlagartig. Er tauschte seine Verkaufstätigkeit gegen eine Dozentenstelle, die ihm seine unglaublichen Computerkenntnisse verschafft hatten. Das Haus, in dem seine Wohnung war, wurde grundlegend renoviert, weswegen er eine andere Bleibe mieten musste. Auch unser Kontakt schlief ein. Wir hatten noch einmal e-Mail-Kontakt, dann war Ruhe. Leider.

Nachdem Zivildienst begann ich eine überbetriebliche Ausbildung. Weder in meiner Berufsschulklasse noch in der Gruppe meiner praktischen Ausbildung gab es annähernd interessante Typen, bei denen es sich lohnte, mehr als nur belang- und bedeutungslose Gespräche zu führen. Parallel bot mir ein alter Bekannter aus den Handball-Schiedsrichterzeiten an, ein Projekt für den Lokalsender mitzugestalten und mitzuentwickeln. Ich nahm gern an, und somit stürzte ich mich in ein Abenteuer, dass sämtliche Freizeit auf ein Minimum zusammenschrumpfen ließ.

Nach dem Ende der Ausbildung bot mir die lokale Fernsehstation „Local News Area“ LNA einen unbefristeten Arbeitsvertrag an, den ich natürlich unterzeichnete. Zu etwa dieser Zeit hielt das Internet bei mir Einzug, und irgendwann landete ich vermutlich unvermeidlich auf einer bekannten Gay-Plattform. Meine Stadt war einem Landkreis zugeordnet, in dessen Chatraum ich jetzt regelmäßig anzutreffen war. Allerdings war das, was dort geboten wurde, fast noch uninteressanter als Bohnenkraut aus San Marino: 80 Prozent aller Anwesenden wollten nur Sex, konnten das zwar mehr oder weniger gut umschreiben, je nach Erfahrung, aber es war halt so. 15 Prozent dachten, ich selbst war auf der Suche nach der schnellen Nummer. Mit den restlichen fünf Prozent konnte ich mich allerdings sehr gut unterhalten – wenn sie zeitgleich mit mir online waren. Und das war so gut wie nie.

Trotzdem gelang es mir, mit einem Jungen aus meiner Stadt zunächst Kontakt aufzunehmen, dann länger im Chat zu korrespondieren und zu Schluss sogar ein Date auszumachen. Nach endlosen Chatstunden, die mir aber zeigten, dass Sandro ein helles und humorvolles Köpfchen war, verabredeten wir uns in der Flussaue, an der ich vor etlichen Jahren meine ersten Zärtlichkeiten mit einem Jungen austauschte. Ich ertappte mich dabei, dass ich beim Warten auf ihn an Marc dachte.

Sandro hatte mich etliche Zeit beobachtet, ehe er sich mir zeigte. Dann aber wanderten wir nahezu drei Stunden durch die Auen. Drei Stunden, die nur dem Zweck dienten, uns kennenzulernen. Wir trafen uns öfter, spielten Schach, hörten Musik, waren glücklich und hatten beschlossen, es miteinander zu probieren. Sunny, so sein Spitzname, lebte offen schwul, er wusste allerdings, dass ich dafür damals noch nicht bereit war und akzeptierte das.

Allerdings hatte ich nicht die Zeit für Sandro, die ich gern für ihn gehabt hätte. Nach einem Achtstundentag, der sich oft als viel länger entpuppte, hatte ich nur sehr sporadisch Lust und Zeit, mit ihm ins Kino oder sonst wohin zu gehen. Da ich auch am Wochenende meinem Job nachgehen musste, ging die ganze Geschichte nicht länger als drei Monate gut. Sunny beendete unser Zusammensein, ehe ich auch nur einmal mit ihm Sex gehabt hatte. Zu mehr als Nächtelangem Kuscheln, Fummeln und Knutschen war es nicht gekommen. Ich war Schuld daran, und ich wusste es – war halt irgendwie mehr in meine Arbeit verliebt. Mein erster fester Freund war auf der Strecke geblieben, der neue Weg hatte sich als Sackgasse entpuppt.

Jedenfalls nahm mir Sunny das Ganze nicht übel, und noch heute treffen wir uns zum Schachspiel. Sehr selten, aber immerhin. Sandro ist mittlerweile seit zwei Jahren mit einem Studenten zusammen. Und da der auch ganz viel Zeit für ihn hat, sind die beiden sehr glücklich. Ich blieb zwar weiter Chatnutzer, aber so nah wie Sunny ließ ich nie wieder jemanden an mich heran. Ich war mir fast sicher, auch ohne Liebe leben zu können. Bis mich Bastian, ohne eigenes Zutun und sicher auch unfreiwillig, vom Gegenteil überzeugte.

Hofbräuhaus und Cliquenurlaub
Basti gehörte zur Clique von Stefan, der wiederum der Sohn des Betreibers meiner Stammkneipe war, in der ich nach Feierabend gern mal ein Absackerbierchen trank. Oder gelegentlich auch fünf, wenn die Atmosphäre stimmte. Die Clique traf sich öfter in „Laubenpiepers Eldorado“, ich kannte die Jungs vom Billard und Skat recht gut. Nur Bastian war mir bislang nur vom Hörensagen ein Begriff, weil der im Bayrischen eine Ausbildung zum Reisekaufmann absolvierte. Eines Abends betrat ich völlig erschöpft die Lokalität, weil ich einfach nur noch vorhatte, ein Bier zu kippen und dann Richtung Bett zu schleichen. Ich sah die Gruppe von Stefan und seinen Freunden, und der Junge, der mich da angrinste, ließ mir die Gesichtszüge einfrieren. Der Gedanke an Schlaf hatte sofort einem ganz anderen Platz gemacht. Ich war hellwach.

Wir lagen sofort auf ein und der selben Wellenlänge und quatschten uns fest. Die anderen spielten Billard, okay wir auch, aber uns war völlig egal wie. Den anderen nicht, weil wir um Getränkerunden spielten. Aber trotzdem schafften es sowohl Bastian als auch ich, ohne bezahlte Runde aus dem Match zu gehen. Gemeinsam mit Kneipersohn Stefan – und natürlich seinem Vater – waren wir in dieser Nacht weit nach Tageswechsel die Letzten, die das Gartenlokal verließen.

Als er wieder den Weißwurstäquator in südliche Richtung überquert hatte, hielten wir unsere Verbindung über ICQ aufrecht. Für ihn war das eine gelungene Abwechslung, weil er im Freistaat keine großen Kontakte aufgebaut hatte. Wir chatetten fast jeden Abend und ich wartete auf das Wiedersehen. Er aber auch?

Jedenfalls war nie von Frauen die Rede, wenn wir uns per Tastatur über Gott und die Welt unterhielten. Irgendwann kam seine Frage: „Warum kommst Du eigentlich nicht mal nach München?“ Die Stadt des Olympiastadions, der Isar und des Hofbräuhauses – da hatte ich schon Bock drauf. Auch wenn die genannten Sehenswürdigkeiten dabei nur eine untergeordnete Rolle spielten. Ich war auf eine andere Sehenswürdigkeit der bayrischen Hauptstadt aus.

Eigentlich war die relativ schnell organisierte Fahrt mit Stefan geplant, da der aber aus unerfindlichen Gründen der Faszination einer Grippe statt der einer Weltstadt folgte, musste ich mich allein ins Auto setzen und Richtung Süden fahren. Worüber ich natürlich auch nicht wirklich böse war. Das aufkeimende Problem, dessen ich mir auf der Autobahn bewusst wurde: Ich hatte keine Ahnung, wo Bastian wohnte. Gut, ich hatte einen Straßennamen und eine Hausnummer. Aber dafür keinerlei Ortskenntnis, keinen Stadtplan und kein Navigationssystem. Auf einem Rastplatz ließ ich mir von meinem reizenden Gastgeber die Anfahrt beschreiben. Er bot mir an, mich von einer Tankstelle nahe Ortseinfahrt abzuholen. Ich nahm dankend an. Als er mich später durch den Großstadtdschungel gelotst hatte, wusste ich: Das hätte ich niemals allein gefunden. Eher wäre ich in Bad Tölz am Eisstadion gelandet als in dieser kleinen, unscheinbaren Seitenstraße, die mitten in der Großstadt ländliche Idylle ausstrahlte.

Nach unserer herzlichen Begrüßung zeigte er mir seine Wohnung im Höhner-Stil: zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Und ein Balkon mit Ausblick aufs Grüne. Er fragte mich: „Was hast du vor?“ Ich behielt meine wahren Absichten, die ziemlich viel mit Kuscheln zu tun hatte, für mich, und entgegnete: „Zeig mir die Stadt.“

Ein Wochenende zu zweit vergeht manchmal sehr schnell. Am ersten Abend trugen wir unsere Snooker-Weltmeisterschaft in einem benachbarten Billard-Cafe aus. Ich holte mir mit einem Spiel Vorsprung den Titel. Als wir weit nach Mitternacht todmüde ins Bett fielen, jeder in seins, hatte ich die feste Absicht, Basti noch in ein anregendes Gespräch zu vertiefen. Allerdings blieb es bei der Absicht, weil ich noch schneller eingeschlafen war als mir ein passender Beginn für eine nächtliche Talkrunde zu zweit eingefallen war. Tag zwei ging komplett für eine Stadtrundfahrt mit Zentrumsbegehung drauf. Am Abend lud mich Bastian ins Hofbräuhaus ein – und wir fuhren mit dem Auto. Während ich also die einheimischen Alltagsgetränke verkostete, hielt sich mein Fahrer an koffeinhaltigen Limonaden auf und erntete dafür einige skeptische Blicke sowohl vom Kellner als auch von den Nachbartischen. Am Abend stellte der Colatrinker fest, dass es an der Zeit wäre, für die erlittene Snooker-Schmach vor Vortag Revanche zu nehmen. Überflüssig zu erwähnen, das ich nach all den konsumierten Getränken nicht den Hauch einer Chance hatte und meinen Vortagssieg in eine deutliche Niederlage umwandelte. Das Ende dieses Tages war nahezu identisch mit dem des Vortages, nur das ich diesmal gar nicht erst die Absicht fasste, noch ein Gespräch anzufangen. Wieder einmal versteckte ich mich vor mir selbst. Als ich am Sonntagmittag nach Hause fuhr, hatte ich ein wunderschönes Wochenende hinter mir. Aber mehr auch nicht. Mir fehlte der Mut, Bastian anzusprechen und ihm zu gestehen, dass ich vielleicht ein bisschen mehr als nur Freundschaft für ihn empfand.

Meine nächste Chance ließ nicht lange auf sich warten. Die Clique um Stefan und Bastian hatte für den Sommer ein ganz spezielles Urlaubshighlight geplant. Da ein Großteil der Leute in diesem Sommer das Abitur bestanden hatte, genauer gesagt alle außer Basti und mir, sollte das groß gefeiert werden. Der Plan: Eine Woche Ostseeurlaub auf der Insel Usedom. Und ich sollte mit – und ließ mich natürlich nicht zweimal bitten. Ich musste noch nicht mal selbst fahren und hatte also sieben Tage Zeit, mal völlig abzuschalten und vielleicht auch dafür, meine Gefühle endlich unter Kontrolle zu kriegen. Das Haus in einem Ferienpark in der Nähe von Zinnowitz war ein Traum: Fünf Schlafzimmer, ein großes Gemeinschaftswohnzimmer und eine Küche. Als es um die Bettenverteilung der Zweibettzimmer ging, kam Basti sofort auf mich zu: „Wollen wir?“ Es begann vielversprechend. Ich schrie innerlich: „JAAAA!“ und antwortete ihm brav „Okay, wenn du willst. Ich bin dabei.“

Der Ostseeausflug verlief genau so, wie man es sich vorstellt, wenn zehn Jungs im Alter zwischen 18 und 24 gemeinsam Urlaub machen. Baden, Alkohol, Mädels gucken – na ja, zumindest galt letztgenannter Punkt nur für einen Großteil. Nicht für alle. Gelegentlich unternahmen wir noch den ein oder anderen Ausflug, zum Beispiel zur Seebrücke nach Heringsdorf. Dort veranlassten wir das Personal, uns einen entsprechenden Tisch zusammenzubasteln, weil für eine Zehnertruppe einfach kein zusammenhängender Platz zur Verfügung stand. Dafür ließen wir es uns über den Ostseewellen richtig gut gehen: Jeder trank entweder einen Kaffee, eine Cola oder ein Bier. Dann verließen wir das Lokal, weil uns der Beachvolleyballplatz unserer Ferien-Anlage rief.

Nie habe ich so gern und so ausführlich gebaggert wie in diesem Sommer auf dieser Volleyballanlage. Blauer Himmel, strahlende Sonne und mein freier Oberkörper hatten dafür gesorgt, dass ich aussah wie eine überreife Tomate. Ein ausgewachsener Sonnenbrand, der mir ein wertvolles Argument lieferte, meine neun Reisebegleiter NICHT zur Stranddisco zu begleiten. Nicht, das ich etwas gegen Strand hätte. Aber für Disco war ich noch nie zu begeistern, und so spielte ich mich zum Wächter unseres Feriendomizils auf, während die anderen wieder baggern gehen wollten. Diesmal allerdings mit Musik und ohne Volleyball.

Abends um neun verschwanden die Neun, um nachts um zwei völlig zerstritten zurückzukommen. Es hatten sich zwei Gruppen gebildet, und ich verstand eigentlich überhaupt nicht, um was es ging. Irgendwie war ein Mädchen im Spiel, irgendwie war eine einheimische Jugendgang involviert und irgendwie waren literweise alkoholische Getränke ins Geschehen verwickelt. Vier Mitglieder unseres Reisekomitees beschlossen, nochmals Richtung Disco aufzubrechen, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Und dieses Quartett ließ sich auch durch gutes Zureden nicht davon überzeugen, sich zur Ruhe zu begeben oder wenigstens die Feierlichkeiten bungalowintern fortzusetzen. Drei weitere Jungs, darunter auch Stefan, waren so aufgewühlt, dass unbedingt ein Strandspaziergang zur Beruhigung hermusste. Lediglich Bastian und Karsten blieben zurück, lösten mich als Ferienhauswächter ab und stellten sich eine Flasche Wodka als Verpflegung auf den Terrassentisch. Da ich bis dahin auch noch nie das Vergnügen gehabt hatte, die tiefnächtliche Ostsee zu begutachten, entschied ich mich, mir das Wellengeplätscher im Fastmorgengrauen zu Gemüte zu führen und mir nebenbei die Vorkommnisse des Abends genau erklären zu lassen. Allerdings war niemand mehr dazu in der Lage, ernsthaft den Ausgangspunkt der Zwistigkeiten zu schildern.

Nach einem ebenso lustigen wie ungewöhnlichen Strandspaziergang kehrten wir kurz nach halb fünf gemeinsam mit der Morgenröte zu unserem Ferienhaus zurück. Unser Disco-Quartett war zwischenzeitlich auch wieder eingetroffen, und der letzte Zubettgehende konnte uns grade noch mitteilen, dass alles ruhig und friedlich verlaufen war. Ruhig und friedlich war auch die passende Beschreibung für das Bild, das sich uns auf der Terrasse bot: Basti und Karsten hatten den Wodkapegel der Flasche deutlich gesenkt, ihren eigenen aber insofern angehoben, dass es zum Einschlafen gereicht hatte – im Freien wohlgemerkt. Und selbst im Hochsommer ist es nicht empfehlenswert, im Morgengrauen nur mit T-Shirt bekleidet die Nachtruhe an der im wahrsten Sinne des Wortes frischen Luft zu bestreiten.

„Dann werden wir mal Weckdienst spielen“. Ich entschied mich, die Initiative zu übernehmen, weil ich langsam Sehnsucht nach meiner Matratze, meinem Kissen und meiner Decke hatte. Die Überlegung, ob rabiate oder sanfte Methoden beim morgendlichen Wecken anzuwenden seien, dauerten bei mir nicht lange: Mir stand der Sinn nicht nach Streit. Also fasste ich sanft an die Oberarme beider Schläfer: „Hey, aufwachen! Ihr müsst schlafen.“ Alle grinsten. „Ich meine, es wird Zeit, ins Bett zu gehen!“ Basti lächelte mich selig an, grinste mit glasigen Augen und lallte ein fröhliches: „Ja.“ Tatsächlich schien er voller Tatendrang, erhob sich und begab sich sofort von der Terrasse auf den Rasen, wo er sich umgehend entschloss, wieder eine liegende Position einzunehmen.

Während Stefan Karsten abführte und alle anderen auch schon verschwunden waren, musste ich noch Schwerstarbeit leisten, die darin bestand, Bastian ins Bett zu verfrachten. Die Notwendigkeit war ihm durchaus bewusst: „Scheiße bin ich blau. Bringsu mich ins Bett?“ „Ich werd dich nicht liegen lassen. Arm in Arm stolperten wir in unser Zimmer, und irgendwie schaffte er es wirklich noch, sich die Zähnchen zu putzen, ehe er ins Bett fiel.

Er legte seinen Arm um meinen Oberkörper und, drehte sich zu mir und hauchte: „Danke, Du bist der Beste. Du kriegst jetzt einen Kuss von mir.“ Er ließ den Worten Taten folgen und traf trotz seines Zustandes mit seinen Lippen meine. Er unterstrich diesen Kuss verbal: „Ich fühl mich wohl bei dir. Danke, dass du da bist“ Ich schluckte und setzte zum Geständnis an, suchte einen Moment nach Worten und flüsterte dann: „Basti, ich fühl mich auch wohl bei dir.“ Er brummte wohlwollend .Ich fuhr fort: „Ich glaube, es ist sogar ein bisschen mehr. … Basti, ich hab dich lieb. Kannst du dir vorstellen, dass es zwischen uns mehr geben kann als Freundschaft?“

Was für eine Situation. Draußen ging fast die Sonne auf, neben mir lag der reichlich angetrunkene Bastian, und ich machte ihm früh um halb sechs eine Liebeserklärung. Er schwieg. Ich streichelte ihm über den Kopf, über das Gesicht … aber er antwortete nicht. Er war eingeschlafen. Ich rätselte noch kurz, was er davon noch mitbekommen hatte und war wenig später aber auch out of order.

Als ich am späten Vormittag wieder das Licht der Welt erblickte, ging mein erster Blick aufs benachbarte Kissen. Dort lag Basti mit geschlossenen Augen und sah traumhaft süß aus – und er war schon wach. Als er bemerkte, dass ich mich bewegte, öffnete er die Augen und lächelte mich an: „Hey, Morgen. Gut geschlafen?“ „Hmm. Bisschen wenig, aber gut.“ „Hast du mich heute nacht ins Bett gebracht?“ Ich nickte. „Mann, war ich dicht. Totaler Filmriss. Gut zu wissen, dass du auf mich aufgepasst hast. Und jetzt hab ich Durst“ Ich grinste ihn an: „Wodka?“ Er schüttelte den Kopf: „Jetzt noch nicht. Kaffee. Draußen ist noch keine Sau wach. Willst Du auch einen?“ „Oh ja – wir sehen uns gleich auf der Terrasse.“

Während er Richtung Kaffeemaschine entschwand, blieb ich grübelnd zurück. Hatte er wirklich den totalen Filmriss oder überspielte er die Situation? Ich entschloss mich, auf ein Zeichen von ihm zu warten, aber das tat ich diesen Urlaub vergeblich. Der Mut, meine Gefühle und mich somit selbst noch mal zu outen, fehlte mir. Der Urlaub verging, ich war zwar gut erholt, aber auch völlig verunsichert, was Bastian anging. War da eine Chance?

Romantisches Gewitter
Und wieder lag so ein süßer Kerl neben mir, hatte die Augen zu und draußen ging fast die Sonne auf. Ich sah ihn nachdenklich an, aber Tim hatte noch nicht geschlafen. „Hey, warum erzählst du nicht weiter?“ „Draußen ist es fast hell und ich bin so müde. Außerdem hab ich gedacht, du würdest schon schlafen.“ „Ich hab auf das Happy End der Geschichte gewartet.“ „Optimist. Denkst du, es gibt eins?“ „Wenn du das nicht weißt, wer dann?“ „Lass uns nachher weiter reden, ja?“ „Okay. Wenn du mir noch einen Kuss gibst“. Ich sah ihn an, nahm ihn in den Arm und sah ihm dann tief in die Augen: „Willst du das wirklich?“ Er sparte es sich, mit Worten zu antworten. Unsere Lippen spielten kurz miteinander, genauso wie unsere Zungen. Dann kuschelten wir uns fest aneinander und versanken ins Reich der Träume.

Wach wurde ich erst gegen Mittag, und zwar dadurch, dass mir jemand sanft durchs Haar wuschelte. „Guten Morgen, Großer. Ich weiß ja, dass es fast zu spät ist. Aber draußen ist wunderschönes Wetter, und ich hab uns ein bisschen Frühstück gemacht. Auch wenn es halb eins ist, lass es uns genießen. Das taten wir, und nicht nur das Frühstück. Wir genossen die Sonne und das warme Wasser des Sees, alberten ausgelassen herum und lagen später auf der Terrasse, vermieden in der Nachmittagsglut jede unnötige Bewegung.

Tim wurde plötzlich ernst: „Weiß du, wie dankbar ich dir bin? Endlich jemanden zu haben, bei dem ich völlig offen sein kann. Aber auch jemanden zu haben, der einem hundertprozentig vertraut. Ich hab… ich hab vor dir noch nie einen Jungen geküsst. Es war so schön. Der Abend gestern. Die Nacht, und was auch immer noch an diesem Wochenende passiert.“

Erst mal passierte ein Wetterumschwung. Während wir noch einmal das Seewasser durchflügten, sahen wir schon, dass da irgendetwas auf uns zu kam. Wir hatten nicht beachtet, dass sich die Sonne hinter Quellwolken versteckt hatte. Wohl aber hörten wir das leise Grummeln und bemerkten dann auch den sich verdunkelnden Himmel. „Es spricht einiges dafür, dass wir diese Nacht nicht ewig auf der Terrasse verbringen.“ Tim schien das nicht zu stören: „Ich verbringe den Abend mit dir auch sonst wo.“ „Ich glaube, IM Haus wäre es am angebrachtesten.“

So saßen wir dann am Fenster, beobachteten das niedergehende Donnerwetter und erschraken uns einige Male, weil es ein paar Einschläge in unmittelbarer Nähe gegeben haben musste. Das heftige Gewitter zog uns in seinen Bann, wir saßen eng beieinander und redeten nur wenige Worte. Gegen Abend ließ die Intensität nach, lediglich der Regen prasselte unverdrossen auf das Dach unseres Domizils. Das ließ mich in der Vergangenheit schwelgen. „Gestern haben wir um diese Zeit dem Sonnenuntergang im See zugesehen.“ „Ja“, antwortete Tim, „aber auch diesem Wetter ist eine gewisse Gemütlichkeit nicht abzusprechen“ Wir entkorkten eine Flasche Wein, setzten uns ins Wohnzimmer und genossen im Kerzenschein Regen und Wein. „Was ist mit Bastian passiert, wie ging es nach eurem Ostseeurlaub weiter?“

Die rote Sonne von Bali
Der Kontakt von Bastian und mir blieb intensiv, auch wenn wir uns wenig sahen. Zum Oktoberfest war ich noch einmal in München, und nach mehreren Maß hatte ich mich fast soweit, bei ihm einen zweiten Anlauf zum Outing zu unternehmen – mitten auf dem größten Volksfest der Welt. Zwei Gruppen betrunkener Jugendliche hatten etwas dagegen, die ausgerechnet in unserer unmittelbaren Nähe damit beginnen mussten, ein Brathähnchen- und Bierkrugwettwerfen auszutragen. Da ein eindeutiger Sieger nicht zu ermitteln war, begannen die Fäuste zu fliegen. Wir verpassten es, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen und mussten somit der Polizei überzeugend darlegen, weder Gruppierung A noch Partei B anzugehören. Als uns das ausreichend gelungen war, hatten wir genug und beendeten diesen Tag unspektakulär im Bett. Jeder in seinem, wie gewohnt.

Zwei bis drei Mal pro Woche chatteten wir in den Abendstunden, und eines Tages überraschte mich Bastian mit der Ankündigung, anlässlich seines 20. Geburtstages eine Balireise in Angriff nehmen zu wollen. Er erkundigte sich bei mir: „Was hälst du von Bali?“ „Traumhaft schön, aber sicher unerreichbar“ „So teuer ist es gar nicht. Warum kommst du nicht mit?“ „Ich glaub nicht, dass ich mir das leisten kann.“ „Als Azubi im Reisebüro habe ich die Chance, solche Kurztrips bis zu 20 Prozent billiger buchen zu können. Du solltest es dir wenigstens mal anschauen.“

Einen Tag später hatte ich das entsprechende Angebot in meinem eMail-Briefkasten und musste zugeben, dass sich das Ganze unglaublich verlockend anhörte. Es roch nach einem finanziellen Drahtseilakt, aber einem, der absicherbar war. Fest stand, dass für dieses Geld diese Reise einmalig sein würde. Das erste Mal aus Europa fliehen? Basti wollte meine Begleitung: „Komm, wenn es geht, überleg nicht lang. Wär doch geil, wir zwei unter der roten Sonne von Bali.“ JA VERDAMMT NOCH MAL. Es wäre geil. War dieses Angebot das Zeichen, auf das ich von Bastian gewartet hatte? Ich rechnete es noch mal durch, und mit einem Vorschuss meines Chefs bedacht entschied ich mich dazu, ja zu sagen. Vier Tage Bali, meine allerersten Flüge und Traumboy Basti dazu – es versprach, der aufregendste Urlaub meines Lebens zu werden.

Ich fieberte dem Oktober entgegen. Eigentlich war geplant, zunächst im innerdeutschen Flugverkehr nach München zu fliegen. Aber um nichts in der Welt wollte ich das Gefühl, über den Wolken zu schweben, ohne seelisch-moralische Unterstützung kennen lernen. Bei meiner Flugzeug-Premiere wünschte ich mir einen kompetenten Begleiter – in Gestalt von Fast-Reiseverkehrsmann Bastian. Also fuhr ich mit einem für mich gewöhnlichen Verkehrsmittel Richtung bayrische Metropole und lernte auf dem Weg gleich die Vorteile des Fliegens kennen. Oder standen Sie schon mal über den Wolken im Stau?

Bastis zweiten runden Geburtstag allerdings feierten wir vor unserem großen Aufbruch – in einem Billardcafe. Zur Feier des Tages ließ ich den Jubilar gewinnen, der allerdings auch an jedem anderen Tag als Sieger von der Platte gegangen wäre. Ich konnte mich einfach nicht auf das Match konzentrieren. Ich sah ihn, ich sah den Flughafen und ich sah eine traumhaft weißen Strand. Ich träumte von vier Tagen für die Ewigkeit.

Vom Süden der Republik mussten wir uns zunächst mal in den Norden transferieren lassen – der Direktflug nach Denpasar ging ab Hamburg. Per Taxi zum Airport, dort spulte Bastian mit mir im Schlepptau in aller Ruhe das Programm ab: Gepäckabgabe, sämtliche Kontrollen, Startgatesuche, Einchecken. Das alles wurde problemlos absolviert – und dann saß ich drin in diesem komischen Vogel. Es war ein verdammt merkwürdiges Gefühl, als das Flugzeug zur Startbahn rollte. Basti neben mir erwies sich als sehr fürsorglich. „Halt dich fest, mach alles was du willst. Aber du brauchst keine Angst haben. Achtung, jetzt geht’s gleich los. Ready for takeoff.“ Ich grinste – mach alles was du willst hatte mir noch niemand angeboten. Zunächst hatte ich aber erstmal das Bedürfnis, heil nach oben zu kommen. Und mindestens ebenso groß war das Bedürfnis, wieder heil auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Es war befreiend, den Kontakt zur Erde zu verlieren und in die Wolken einzutauchen. Unter uns verschwand München. Während der Kapitän seine Begrüßungsfloskeln murmelte und uns die Details des knapp einstündigen Fluges erläuterte, erkundigte sich Basti besorgt nach meinem Zustand. Ich lehnte mich erleichtert an seine Schulter und gestand ihm: „Es ist nicht annähernd so schlimm, wie ich dachte“

Die Kürze der Zeit vertrieb uns das Personal unter anderem damit, die Anleitungen für den Katastrophenfall zu geben. Tatsächlich kam die Schwimmweste ins Gespräch. Unwillkürlich dachte ich Michael Mittermeier: „Bei einem Flugzeugabsturz über Mitteldeutschland, ist das letzte was man braucht, so eine Schwimmweste. Gut, es sei denn, sie treffen den Bodensee.“

Wir jedenfalls trafen ihn nicht, landeten unbeschadet in Hamburg, gönnten uns ein Bierchen und warteten auf den großen Flug Richtung Indonesien. Der verlief ebenfalls ausgesprochen ruhig – von wenigen Turbulenzen abgesehen. Als Flugneuling immer ein komisches Gefühl, wenn in 12.000 Meter Höhe plötzlich das Display mit dem Gurt aufleuchtet. Was passiert jetzt? Von ein paar Wacklern und ein paar Geschichtchen von Basti, was er bei solchen Turbulenzen erlebt hatte, abgesehen, hatten wir eine sehr ruhige Reise.

Als mein Reisegefährte mich weckte, hatten wir die Reiseflughöhe bereits verlassen und befanden uns im Landeanflug. Durch das Fenster strahlte sie uns entgegen: Die Sonne von Bali. Ankunft im Paradies.

Am Flughafen erwartete uns der Kleinbus unserer Ferienanlage – es ging Richtung Südwesten. Was dort auf uns wartete, übertraf meine kühnsten Erwartungen um ein Vielfaches: Das Four Seasons in Jimbaran Bay war das Ziel aller Träume. Das Einchecken lief ohne Probleme ab, und unser Zimmer verschlug mir gleich noch mal die Sprache: Mit Blick auf ein blaues Meer, dass eigentlich so nur im Katalog zu bewundern ist. Mit Blick auf den heiligen Gunung Agung, nicht nur Balis höchste Erhebung, sondern auch noch aktiver Vulkan. Während unseres Aufenthaltes allerdings verhielt sich der heilige Berg vorbildlich ruhig.

Das gleiche galt für Bastian: Den ersten Tag verbrachten wir auf der Anlage. Den Vormittag am Pool, den Nachmittag am Strand. 29 Grad, strahlendblauer Himmel, aber sehr viel Wind und das bedeutete: Baden im Indischen Ozean nur auf eigene Gefahr. Trotzdem stürzten wir uns in die Fluten, genossen die Brandung und vergaßen alles um uns herum. Die Zeit stand still … und er mir in den Wellen gegenüber. Ich sah ihn an, und ich hätte ihn verdammt gern geküsst. Er sah mich lange an und schien zu begreifen. „Ich geh raus und sonne mich ein bisschen“, sagte er und strebte Richtung Strand. Hatte er meine Gefühle durchschaut? Zumindest war von diesem Moment an ein Hauch Eis zwischen uns – und das so nah am Äquator.

Nach der abendlichen Nahrungsaufnahme hatte es sich Bastian auf dem Bett gemütlich gemacht und den Fernseher angeschaltet – und schaute: RTL-Shop via Satellit ! Ich meine, kein Paradies wäre perfekt ohne Kochtöpfe aus der Heimat mit 30 Jahren Garantie, oder? Ich schlug meinem Reisegefährten vor, Teleshopping aus good old Germany mit dem tropischen Garten oder einem Cafe unserer Hotelanlage zu tauschen. Er lehnte ab: „Mir steckt der Flug in den Knochen – ich bleib hier. Wenn du willst, geh.“ Natürlich ging ich. Während ich also am Strandcafe den Sonnenuntergang genoss und dabei auf die Weiten des Meeres schaute, fehlten mit nur Zärtlichkeit und menschliche Wärme. Aber ich ahnte bereits, dass ich bei Bastian an der falschen Adresse war. Als ich in unser Zimmer zurückkam, schlief er tief und fest. Ich strich ihm über den Kopf, er knurrte und drehte sich weg.

Am zweiten Tag unternahmen wir eine Inselrundfahrt, und ich sog jede Kleinigkeit in mich auf, denn ich ahnte, dass diese Reise eine unglaubliche Einmaligkeit bleiben würde. Am Abend entschieden wir uns dafür, in die Welt der Hauptstadt Denpasar einzutauchen. Das ging eine Stunde gut, dann bekam Bastian Hunger und hetzte mich durch die Straßen: Auf die Suche nach einem McDonalds Restaurant. Die einheimische Kost war ihm zu unsicher, und das Abendbüffet des Hotels hatte er offensichtlich nur unzureichend frequentiert. Tatsächlich wurden wir fündig und verspeisten im asiatischen Urlaubsparadies McChicken und Hamburger – vermutlich zubereitet in Kochtöpfen mit 30 Jahren Garantie.

Am dritten Tag entschied sich Basti dafür, der Hotelbar und dem Swimmingpool einen Besuch abzustatten, während ich einen Ausflug in den von Reisfeldern umgebenen Künstlerort Ubud unternahm und das einfache Leben der Balineser und ihre einzigartigen Kunstformen kennenlernte. Ich verstand Basti nicht, warum er nicht erpicht war, jede einzelne freie Minute mit Land und Leuten zu verbringen. Am Spätabend wendeten wir uns dann gemeinsam dem Strandcafe zu – und unterhielten uns über den Alltag zu Hause, von gelegentlichen Abschweifungen wie „Man, sieht das toll aus“ oder „Schau dir an, wie das Meer verbrennt. Ist das geil“ unterbrochen. Immerhin erfuhr ich so, dass Bastian besonders darauf aus war, Näheres über seine alte Klassenkameradin Maria in Erfahrung zu bringen. „Wir haben den Kontakt verloren, als ich nach München ging. Aus uns hätte was werden können. Vielleicht wird es noch, wenn ich zurück bin.“

Knack. Irgendetwas zerbrach in mir. Ich sah ihn an, schaute aufs blutrote Meer und spürte, wie mir die Tränen ins Auge stiegen. Die Sonne von Bali versank, und mit ihr meine Hoffnung, aus Bastian und mir könnte etwas werden – trotzdem nahm ich mir vor, die letzte Nacht am Meer zu genießen. Bis früh um drei saß ich am Strand und schwor mir, nie wieder zu tief ins Reich der Gefühle einzudringen.

Den letzten Tag verbrachten wir im Balimuseum in Denpasar und mit einer Küstenrundfahrt – es ist unglaublich, wie facettenreich Traumstrände sein können. Am Nachmittag hieß es bereits, unser Zimmer zu verlassen. Da unser Abflug erst für den späten Abend geplant war, nutzten wir noch einmal die Gelegenheit zum Sonnen- und Poolbad. Die hoteleigene Aufsicht hinderte uns daran, noch einmal in die Ozeanwellen einzutauchen: Der zunehmende Wind ließ die Wellen zu hoch und somit zu gefährlich werden. Die Regenzeit in Bali war bedrohlich nah – für uns allerdings war die Heimfahrt noch näher. Abend um 22 Uhr Ortszeit mussten wir das Paradies zurücklassen, und als wir Stunden später todmüde in München landeten und wenig später bei Basti zu Hause ankamen, waren mir nur noch drei Dinge geblieben: Ein tierischer Sonnenbrand, eine höllische Erkältung und eine unauslöschliche Erinnerung an einen Urlaub, den es für mich so schnell nicht noch mal geben dürfte.

Nach unserem Ausflug Richtung Äquator blieben Basti und ich zwar in losem Kontakt, aber es war nichts mehr wie vorher. Er ist als Reiseverkehrskaufmann beschäftigt, mittlerweile ist er von München zurück in die Heimat umgesiedelt, ich arbeite als Redaktionschef bei „Local News Area“ – da ist für Freundschaft keine Zeit mehr.

Zurück in den Alltag
Tim schaute mich nachdenklich an: „Eigentlich hätte an diese Stelle ein Happy End hingehört“ „Oh ja, das hab ich mir damals auch gesagt. Aber so schön es war, in Sachen Liebe war und ist mir kein Glück vergönnt. Ich war nicht in der Lage, zu meinen Gefühlen zu stehen.“ Tim wollte es genauer wissen: „Was wäre denn anders gekommen?“ „Das ist die große Frage.“ “Siehst du, ich freu mich das du hier liegst. Und ich von meiner Seite aus hoffe, dass es alles andere als einmalig bleibt, dass wir zwei uns so ein tolles Wochenende machen. Ich weiß nicht, ob sich aus uns die große Liebe entwickelt. Das braucht sicher ganz viel Zeit. Aber als Freund werde ich dich nicht mehr loslassen, es sei denn, du wünscht es ausdrücklich. Du hast mir gestern und heute gezeigt, wo das Leben langgeht. Und dafür bin ich dir glaube ich unendlich dankbar.“ Tim küsste mich auf die Stirn, und wenig später schliefen wir ein.

Der Sonntagvormittag war Aufräumarbeiten vorbehalten, und dann hieß es bereits Abschied nehmen, weil Tims Onkel für den Nachmittag seinen Besuch angekündigt hatte. Einer musste ja schließlich gelegentlich überprüfen, dass der Junge den Ungarn-Aufenthalt seiner Eltern und derer Eltern unbeschadet überstand. Ich setzte ihn vor seiner Haustür ab. „Wir sehen uns morgen früh in der Firma“ Tim sah mich traurig an: „Dann bist du wieder mein Chef.“ „Nein, du wirst für mich nie wieder ein Praktikant sein“ „Hast du mal überlegt, ob von den ganzen Leuten im Betrieb nicht noch einer von uns sein könnte “ Ich dachte voller Vergnügen an unsere junge Belegschaft: “Ich hab nicht nur überlegt, ich weiß, dass mindestens noch einer dabei ist. ““Woher? ““Ich hab mir irgendwann vor ein paar Wochen mal den Rechner unsrer Lehrlinge vorgenommen. Und irgendjemand hat in schöner Regelmäßigkeit einen Gaychat besucht.“ Tim lächelte. „Wer ist es?“ „Ich hab die Dienstpläne verglichen. Es kommen genau drei Jungs in Frage, und zwei von ihnen haben laut eigenen Angaben eine feste Freundin. Es bleibt einer übrig. Schlag mal einen Kandidaten vor.“ Tim lachte. „Da brauch ich nicht lange überlegen. Das mit Abstand Süßeste, was bei uns rumläuft, ist der Florian.“ Jetzt war es an mir, zu lächeln. „Du scheinst in dieser Sache mehr Glück zu haben als ich. Wenn von den anderen beiden niemand blöfft, dann ist es wirklich der Flo.

Am Montagmorgen betrat ich das LNA-Büro zur gewohnten Zeit und war auf die ermüdende Wochenbesprechung eingestellt, in der mit allen Mitarbeitern sämtliche Termine durchgekaut wurden. Ich betrat den Konferenzraum, wünschten allen einen guten Morgen, begrüßte den Chef per Handschlag und tat dann das gleiche mit Tim – und kassierte fragende Blicke. Es war nicht üblich, Praktikanten so in Empfang zu nehmen. Wenig später begann der sogenannte Vorlesemarathon, in dem die diensthabende Redakteurin sämtliche für diese Woche vorgemerkten Vorkommnisse vortrug. Als diese 15 Minuten ohne Einschlafen überstanden waren, übernahm der Chef: „Wenn niemand mehr etwas hat, hab ich noch was. Der Tim, unser Praktikant, bekommt heute Verstärkung. Für die nächsten vier Wochen werden wir einen Praktikanten von der Leipziger Journalistenschule bei uns aufnehmen. Herr Renzner, dass dürfte ihr Ressort sein. Nehmen sie sich der Sache bitte an.“ Damit hatte er sich an mich gewendet. Ich leistete mir ein bisschen Ironie meinem Vorgesetzten gegenüber: „Wann trifft die Sache denn ein?“ Es klopfte. „Vermutlich jetzt grade.“ Chefchen hatte die Lacher auf seiner Seite. „Ja, bitte?“ Als unser neuer Praktikant den Raum betrat, blieb mir kurz das Herz stehen: Vor mir stand Benjamin, der Handballgott meiner alten Schule.

Er wiederum schien bestens vorbereitet: „Hallo, mein Name ist Benjamin.“ Dann grinste er mich an: „Hi Renzo. Schön dich zu sehen.“ Ein weiteres Mal kassierte ich fragende Blicke. Denn es ebenfalls alles andere als üblich, dass mich Auszubildende oder Praktikanten mit meinem Spitznamen anreden durften. Nach Beendigung der Besprechung klärte ich kurz Tim auf, wer denn da zu unserem Team gestoßen war. Allerdings war das alles andere als Zufall, eine Kollegin aus unserem Redaktionsteam hatte Benjamin auf der Journalistenschule kennen gelernt. Als beide auf mich zu sprechen kamen, lag klar auf der Hand, wo Benjamin sein Praktikum absolvieren würde.

Im Verlaufe einer arbeitsreichen Woche hatte ich kaum Zeit, mich um einen der beiden Praktikanten zu kümmern. Das einzige, dass ich für Tim tun konnte, war, ihn häufig zu Außenterminen mit Florian einzuteilen. Es war zu beobachten, dass der Umgang miteinander den beiden sehr gut bekam.

Am Donnerstagabend kam Tim freudestrahlend auf mich zu: „Ich hab den Flo fürs Wochenende zum Biethetalsee eingeladen – er hat angenommen. Wie wäre es, wenn du Benjamin auch fragst, ob er Lust hat, ein Wochenende am See zu verbringen? Ihr habt euch bestimmt viel zu erzählen.“ „Ich sollte ihn wirklich fragen. Die Idee ist gut.“ Benjamin fand das auch: „Geil, endlich mal ein bisschen Erholung.“ Es war also beschlossene Sache: Vier Jungs und ein Wochenende am See.

Wochenende zu viert
Wir hatten wieder richtiges Glück mit dem Wetter, der Sommer meinte es gut mit uns vier Kurzurlaubern. Florian war zunächst natürlich überrascht, mich im Haus am See zu treffen: „Herr Renzner, was machen sie denn hier?“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen: „Ich schmeiße dich gleich ins Wasser und lasse dich nicht mehr raus, wenn du noch einmal Herr Renzner zu mir sagst. Mach mich gefälligst nicht älter als ich bin. Wir sind hier nichts anderes als vier Jugendliche, die ein ungestörtes Wochenende verleben wollen. Oder siehst du dich außer Stande, mich noch in die Rubrik jugendlich einzustufen?“ Meine Stimme sollte drohend klingen, aber Flo wusste sofort, wie er es zu nehmen hatte. „Okay … Du bist zwar hier der Opa unter uns, aber jugendlich ist grad so noch okay. Zeig uns doch mal, wie sportlich du noch bist. Wer zuerst im See ist.“ Für den weiteren Fortgang der Story ist es völlig belanglos, welchen Ausgang dieser Sprint zum kühlen Nass hatte.

Wir tummelten uns im Wasser – und irgendwann flüsterte Tim mir zu: „Ich glaube, ich hab mich verliebt. In den Florian. Bist du mir jetzt sehr böse?“ „Nenne mir einen vernünftigen Grund, warum ich dir böse sein sollte“ “Na ja, nachdem letzten Wochenende…“ “Waren wir uns einig, dass wir schauen, was draus wird. Hast Du dich bei Flo schon geoutet oder seit ihr sogar noch weiter?“ „Weder noch, es ist aber nur eine Frage der Zeit, glaube ich“.

Das allerdings war offensichtlich. Beide flirteten herzerweichend, und irgendwann schlenderte Benjamin zu mir und erkundigte sich vorsichtig: „Sag mal, die beiden, läuft da was?“ „Ja. Sie wissen es nur noch nicht.“ „Wie jetzt?“ „Wir erleben an diesem Wochenende den Anfang einer langen Liebe.“ Benjamin lächelte: „Wie romantisch“

Wir schauten aufs Wasser, beide standen auf der selben Sandbank, auf der am vergangenen Wochenende Tim und ich den Sonnenuntergang genossen hatten. Die beiden genossen jetzt nur sich selbst, sahen sich unglaublich tief in ihre Augen. Tim berührte ganz sanft Flo’s Schulter und anschließend seinen Nacken. Ihre Lippen näherten sich, und Tim übernahm die Initiative, küsste Florian schüchtern.

Mit einem Mal war Hektik im Wasser, die romantische Stimmung war sozusagen ins Wasser gefallen. Florian hatte Tim ziemlich heftig von sich gestoßen: „Bis du bescheuert, Mann?“ War er tatsächlich, er hatte nämlich eine GEscheuert bekommen. Mit hastigen Schwimmbewegungen strebte der eben noch so sanft Geküsste Richtung Ufer. Dort angekommen, griff er sich sein Handtuch und flüchtete ins Haus.

Benjamin sah mich fragend an: „Und was war das jetzt?“ Ich hatte sofort die Lösung: „So oder so – ein Missverständnis. Entweder, Flo ist nicht schwul. Oder er kann noch nicht so zu seinen Gefühlen stehen, wie Tim das kann“. „Renzo, so wie die sich angehimmelt haben, schweben die nicht im siebten, sondern mindestens im 21. Himmel. Warum verdammt lässt der sich nicht küssen?“

Tim war aus ebenfalls aus dem Wasser gekommen, griff sich sein Handtuch und warf sich unter Tränen auf die Liege. „Verdammt, alles mache ich verkehrt. Ich hätte ihn nicht küssen dürfen. Mann, ich habs kaputt gemacht, ehe alles angefangen hat.“

Ich ging zu ihm, setzte mich auf die Liege und streichelte ihm leicht durchs nasse Haar. „Ich glaub, du hast ihn nur ein bisschen überfordert.“ Tim war anderer Ansicht: „Warum aber verdammt noch mal denke ich, dass so ein Traumjunge schwul sein könnte, warum? Ich hätte es nie tun dürfen.“ Ich versuchte ihn sanft in die richtige Richtung zu stupsen: „Nein, Tim. So, wie du jetzt denkst, hab ich die letzten Jahre gedacht. Du hast es getan, und selbst wenn er es nicht gemocht hat, dann hast du jetzt wenigstens Klarheit. Aber glaub mir, dass es ihm gefallen hat. Warum auch immer er so reagiert hat. Ich müsste mich arg täuschen.“ „Ich hoffe, Du hast recht. Meinst du, ich sollte mal mit ihm sprechen?“ „Ja, lass ihm noch ein bisschen Zeit. Außerdem steckt Benji grad bei ihm“. Tim musste trotz seiner Niedergeschlagenheit lachen: „Benji?“ „Ja, so hat ihn Andre damals immer genannt. Und – außerdem ist es doch niedlich, oder?“ Tim nickte, war in Gedanken aber schon wieder bei Flo.

Wenig später kam Benjamin aus dem Haus und deutete auf mich: „Geh du mal rein, das Problem ist für dich“. Wir schauten ihn beide fragend an, aber er wiederholte nur: „Geh einfach rein.“

Florian lag auf der Couch – mit rotgeweinten Augen schaute er mich fast ängstlich an. „Herr Renzner, ich… es tut mir leid.“ „Pass auf, wir waren uns einig. Entweder sagst du Renzo oder Tom, aber Herr Renzner möchte ich von dir nicht mehr hören. Und was tut dir leid?“ „Na ja, das draußen im Wasser. Sie müssen, ich meine du musst doch jetzt denken, dass ich schwul bin.“ O Gott, daher wehte der Wind. „Was ist dabei so schlimm?“, kam es leise von der Tür. Benjamin war ins Zimmer getreten. „Hey Leute, wir wollen langsam den Grill anschmeißen. Wollt ihr uns helfen?“ Ich nickte ihm zu: „Wir kommen gleich. Kleinen Moment noch, ja?“ Benjamin nickte, kam auf mich zu, drückte mir einen Kuss auf die Wange und ging wieder nach draußen.

Ich brauchte ein paar Augenblicke, mich zu sammeln, um dann Benjis Steilvorlage sofort zu verwandeln. „Du siehst, dass es nicht wirklich schlimm ist, wenn ein Junge einen anderen küsst. Ich hoffe jedenfalls, dass du damit keine Probleme hast.“ Er sah mich mit großen Augen an: „Ich hab gedacht, dass du damit Probleme hast.“ Er überlegte, fragte dann kaum hörbar und ängstlich: „Bis du selber schwul?“ „Ja, und ich hab es viel zu lange verdrängt. Tim hat mir erst letzte Woche geholfen, richtig dazu zu stehen. Weißt du, es wird immer irgendwelche Idioten geben. Aber das alles wird nicht so schlimm sein wie unterdrückte und versteckte Gefühle.“ Flo verstand sofort, was ich meinte: „Ich hätte nicht weglaufen dürfen. Jetzt denkt Tim, dass ich nichts von ihm wissen will.“ „Geh raus, schnapp dir Tim, setz dich in eine Ecke mit ihm, rede mit ihm. Und ich fresse einen Besen, wenn nicht bis zum Abendessen alles klar ist zwischen euch. Benjamin ich werden uns solange darum kümmern, dass danach alle satt werden. Liebe macht schließlich hungrig. Flo sprang auf, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und strebte Richtung Ausgang: „Danke, Renzo.“

Da saß ich nun im Haus am See, und jeder der Jungs da draußen hatte mich geküsst. Zwei waren dabei, grade ihre Beziehung in Gang zu bringen. Der dritte Romeo, der schon vor Jahren seine Julia gefunden hatte, brachte auf der Terrasse den Grill in Gang. Nur für mich war wieder nichts in Gang zu bringen, außer meine Sentimentalität vielleicht. Ich verzichtete darauf, brachte mich selbst in Gang – in Richtung eines leckeren Duftes, der unverkennbar vom Grill kam.

Ich deckte den Tisch, Benjamin kümmerte sich um die zu brutzelnden Fleischwaren – und genau in dem Moment, als wir fertig waren und den Startschuss zum Essen geben wollten, standen Tim und Flo vor uns. Sie brauchten nichts zu sagen. Das Glück strahlte aus ihren Augen. Ich ging zu den Beiden und umarmte sie: „Jungs, macht das beste draus und lasst euch vor allem nicht unterkriegen“. Tim lachte: „Dazu muss ich aber satt sein.“

Verliebte Blicke, Abendrot am See und Grillwürste – was kann es Schöneres geben? Nun, mir wäre da schon etwas eingefallen. Tim und Flo hatten offenbar auch ihre eigenen Gedanken zum Thema, aber da sie uns nicht einfach so sitzen lassen wollten, schlugen sie eine Partie Lügenmax vor. Die Aufgaben während des Spiels waren klar verteilt: Während Tim und Flo die Richtigkeit des Sprichwortes „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“ bewiesen, brachten Benji und ich die Würfelbecher zum Glühen. Etwas anderes glühte bei den Frischverliebten, nämlich die Augen, die sie nur füreinander hatten. Nachdem Flo die vierte Runde in Folge verloren hatte, entschieden sich die beiden, ins Bett zu gehen. Benji schaute den beiden hinterher: „Schlaft gut – und macht keinen Blödsinn.“ Er schaute mich gedankenverloren an: „Die erste Nacht soll immer die unvergesslichste sein.“ „Gehört hab ich das auch schon, aber ich glaube nicht, dass die beiden heute nacht schon alles erleben werden und erleben wollen. Die haben noch soviel Zeit“ Tim nickte. „Du hast recht. Und was machen wir jetzt?“ „Drin steht noch eine gute Flasche Wein. Oder lieber ein Bier?“ „Lass uns ein Bier trinken“ Wir machten es uns auf der Terrasse gemütlich und begannen zu reden.

Benjamin erzählte von seinem Berufsabschluss und dem Entschluss, die Journalistenausbildung hinterher zu schieben. „Spielst du noch Handball?“ Er schüttelte den kopf. „Ich war auf dem Sprung in die Regionalligamannschaft vom VfL Bad Schwartau“ „Ich unterbrach ihn: „Für den THW Kiel hats wohl nicht gereicht?“ Er lachte gequält. „Ich war beim Abschlusstraining in Schwartau, und der Trainer hätte mich wohl genommen. Ein blöder Zweikampf, ich bin blöd umgeknickt. Doppelter Kreuzbandriss. Der Arzt hat mir geraten, mit dem Leistungssport aufzuhören. Und dann hab ich mich entschieden, in meine Heimat zurückzugehen und in Leipzig auf Journalist umzuschulen, um wenigstens vom Handball berichten zu können.

„Hat dir Julia wenigstens über diese schweren Wochen und Monate hinweggeholfen? Seit ihr überhaupt noch zusammen?“ Benji schüttelte unmerklich den Kopf. „Als ich damals an die Küste hoch bin, hat es keine drei Tage gedauert, dann war es aus.“ „Ich hab immer gedacht, ihr seit das Traumpaar, das in jungen Jahren schon das ewige Glück gefunden hat“. „Ach weißt du Renzo, es kommt immer darauf an, wie man die Fassade eines brüchigen Hauses anstreicht. Und mit frischem Anstrich ist eine Bruchbude nicht weniger baufällig.“ „Und jetzt? Bis du Solo, oder gibt es eine Neue?“ “Nee, seitdem glücklicher Single.“

Da wir mittlerweile bereits geklärt hatten, dass es von mir nicht allzu viel Berichtenswertes gab, setzte ich meine Fragestunde fort. „Hast du noch Verbindung zu Andre? „Ja, er ist immer noch als Dozent für irgendeine private Ausbildungsakademie tätig, und genauso immer noch ist er auf der Suche nach dem Glück seines Lebens.“ „Das ist dann wohl die Gemeinsamkeit, die er mit uns hat.“ Benji sah mich forschend an: „Du hast also auch noch nichts gefunden?“ Ich sah ihn traurig an: „Ich bin meilenweit davon entfernt.“ „Er nahm sein Glas, trank einen Schluck und sagte mir dann: „Du bist vielleicht viel näher dran, als du denkst.“

Ich stand ein bisschen auf der Leitung. “Ja, aber die beiden haben ihr Glück gefunden, und es leider dabei versäumt, gleich auch noch meins auszubuddeln.“ Benjamin nahm sich die Zeit, es mir etwas genauer zu erläutern: „Weißt du, als ich vorhin ins Zimmer kam und dich küsste, tat ich das nicht nur, um Flo auf den richtigen Weg zu schubsen. Ich tat es auch, weil ich dich küssen wollte.“

Ich ließ nicht locker, nicht verstehen zu wollen: „Das musst du mir jetzt etwas genauer erklären“ Benji tat auch das. „Weißt du, ich fühlte mich eigentlich schon damals zu dir hingezogen. Du warst irgendwie anders als die Anderen. Ich hab mich aber nie getraut, dich anzusprechen. Ich meine, du bist immerhin zwei Jahre älter. Und warst es damals auch schon. Ich hab auch während meiner Ausbildung in Schwartau immer wieder mal an dich gedacht. Aber nie dran gedacht, dich anzurufen. Hab das irgendwie immer verdrängt. Tja, und als es dann in Leipzig auf der Journalistenschule zu diesem glücklichen Zusammentreffen mit der Claudia aus der LNA-Redaktion kam, wusste ich sofort, wie ich den Kontakt wieder herstellen konnte. Perfekt war es für mich aber erst, nachdem du mich hierher eingeladen hattest.“

Irgendwie war ich der Überwältigung nah. „Woher wusstest du, dass ich schwul bin?“ „Ich hab es überhaupt nicht gewusst bis heute. Nachdem du dich so lieb um die beiden gekümmert und gesorgt hast, habe ich es geahnt und auf alle Fälle gehofft. Nachdem du den Kuss so souverän weggesteckt hattest, war ich mir relativ sicher. Und jetzt grad eben hast du mir die hundertprozentige Bestätigung geliefert.“

Ich erzählte ihm kurz, dass auch ich damals ein Auge auf ihn wie auch auf Felix und Daniel geworfen hatte, dass er aber für mich wegen seiner Bindung zu Julia sehr schnell aus dem Rennen war. „Weißt du, Julia war auch ein bisschen so was wie ein Schutzschild für mich. Ich hab sie wirklich gern gehabt, aber nie geliebt. Du warst in meinen Gedanken, aber irgendwie hab ich mir keinerlei Chancen ausgerechnet. Meine Jugendliebe war damals eigentlich Felix, aber du weißt ja: er war unnahbar. Ich hab nie erlebt, dass er eine echte Beziehung hatte“ „Weißt du, was aus ihm geworden ist?“ „Nur, dass er in Stuttgart bei Mercedes eine Anstellung hat. Mehr nicht. Und eh du mich fragst: Daniel wohnt in Köln und hat dort wohl eine Lehre als Koch absolviert, mit anschließender Übernahme “

Ich sah ihn an, und er sah mich an. „Benji, weißt du, ich denke, dass wir uns jetzt genug über andere Leute unterhalten haben. Die Nacht ist für uns da. Jetzt sind wir dran. Du hast gesagt, dass du mich vorhin küssen wolltest. Willst du mich immer noch küssen?“

Er zog mich zu sich herüber, und unsere Lippen trafen sich. Wir versanken in einem Kuss, der nicht enden wollte und uns ins Paradies oder wahlweise auf Wolke sieben beförderte. Es begann die Nacht der glücklichen Paare.

Vergangenheit und Zukunft
Mittlerweile ist Local News Area fest in „unserer“ Hand. Benji leitet die Sportredaktion, Flo wird in Kürze seine Ausbildung beenden und soll dann als Mediengestalter eine feste Anstellung erhalten, während Tim mit seinem Abi in der Tasche eine Ausbildung mit parallel laufendem Studium beginnen wird.

Vor kurzem waren Benji, Andre und ich zur Hochzeit von Marc und Bianca nach Braunschweig eingeladen. Irgendwann am späten Abend flüsterte mir meine allererste Liebe leise ins Ohr: „Was wir erlebt haben, kann uns keiner nehmen. Werd so glücklich, wie ich es bin.“ „Das bin ich schon, mein Freund“. Wir lagen uns kurz in den Armen und wussten, dass unsere gemeinsame Vergangenheit unvergesslich, aber auch unausgesprochen sein würde. Nur Andre und Tim wussten von unserem kleinen Geheimnis.

Das Haus am See behielt für uns alle Vier natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Dort hatte für unser Quartett die Gemeinsamkeit begonnen, sowohl die Beziehungen von Tim und Florian, als auch die Liebe von Benjamin und mir. Dort hatten wir alle angefangen, neu zu leben. Die verschenkte Zeit zählte nicht mehr. Unser Glück lag und liegt in der Zukunft, untrennbar verbunden mit dem Haus am Biethetalsee.

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Information Das gewisse Etwas
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:59 AM - No Replies

Langsam ließ ich durch meinen heißen Blick, die Kerze auf dem Tisch schmelzen. Das Wachs tropfte nur so den Tisch hinunter und zog lange Fänden, wie heißer Käse.
Es ließ mich grinsen, doch zuckte ich zusammen, als ich einen Betreuer hinter mir vernahm.
„Brix! Nicht schon wieder“, schimpfte Tamir, einer der Betreuer, „Du machst auch nur Blödsinn. Wie soll man das denn je wieder aus dem Teppich bekommen?“
Ich legte meine weißen Katzenohren an und zog meine weißen Samtpfoten an mich heran.
Nichts durfte man hier.
„Lass mich raten, du hast mal wieder nichts dazu zu sagen. Geh auf dein Zimmer! Später werde ich dich unterrichten welche Strafe zu bekommst. Ach ja, du hast einen neuen Zimmergenossen. Sei diesmal netter, als zu den Anderen“, donnerte es von Tamir auf mich ein.
Langsam stand ich auf und flitzte dann den Gang entlang, indem ich mich in kurzen Abständen immer wenige Meter teleportierte. So ging ich den meisten aus dem Weg, was mir lieber war.
Nun war ich schon seit gut einem Monat hier im Internat und hatte noch kein Wort von mir gegeben. Außerdem machte ich nur Unsinn. Aber mir war nun mal langweilig. Immer nur Unterricht, lernen hier und da. Nicht mal der Sport war so was wie Freizeit.
Vor meiner Zimmertür hielt ich an und stellte meine Ohren auf – Ich lauschte, was im Zimmer vor sich ging.
Doch anstatt etwas zu hören, was drinnen vor sich ging, hörte ich hinter mir zwei Schüler tuscheln. Mit meinen Smaragdgrünen Augen fixierte ich sie schnell.
*-*-*
Wegen meines entsetzlichen Aussehens hatten mich meine Eltern nicht haben wollen und schickten mich von Anfang an weg. Seit meiner Geburt wurde ich von Heim zu Heim gegeben und danach von Internat zu Internat geschickt.
Nun bin ich hier, in diesem Internat und weiß schon jetzt, dass es auch hier nicht so sehr viel anders werden wird. Irgendwann kommen nämlich alle dahinter, wie ich wirklich aussehe und dann beginnt, wie immer, der Spießrutenlauf für mich.
Doch zur Zeit sitze, na ja… hänge ich eher oben in einer dunklen Ecke dieses Zimmers, verwandelt in eine Fledermaus und erwarte meinen Zimmergenossen, doch reden werde ich nicht, denn auch meine Stimme ist die eines Scheusals.
Mein Name ist Asudem. Nein, es ist nicht mein richtiger Name. Dieser Name ist eigentlich gar kein richtiger Name, er ist nur eine Abfolge von Buchstaben, die ich mir selbst ausgedacht habe.
Mein Aussehen gleicht dem eines Wesens aus der griechischen Mythologie und genau den Namen dieser Figur bekam ich irgendwann auch.
Doch wird mein Name ungesagt bleiben… zumindest vorerst.
Natürlich sieht niemand hinter meine Maske, denn ich bin ein sogenanntes Chamäleon und, anders als dieses griechische Wesen, kann ich mich in jeden Menschen und jedes Tier verwandeln, nur eben nicht in komplexe Waffen oder Gegenstände.
Mit den Verwandlungen verändern sich natürlich auch meine Stimme und Fähigkeiten dementsprechend, je nach dem wen oder was ich gerade darstelle.
Seit meinem achten Lebensjahr versuche ich diese Maske aufrecht zu erhalten, was nicht immer ganz einfach ist.
Jetzt bin ich vierzehn Jahre alt und sitze in diesem Internat für Mutanten fest.
Na toll, wirklich ganz toll.
Niemand, noch nicht einmal meine Lehrer und diese komischen Betreuer wissen wie ich wirklich aussehe, nur meinen Namen, den man mir gab, den wissen sie. Nur habe ich sie gebeten mich nicht so zu nennen… schon gar nicht vor anderen Menschen.
Irgendwann werde ich hier sowieso verschwinden und ich weiß auch schon wie.
Draußen auf dem Flur können meine Fledermausohren Töne und Worte vernehmen, jedoch rühre ich mich nicht vom Fleck, hänge in der hintersten, dunkelsten Ecke des Zimmers, in der Hoffnung, dass mich hier niemand entdeckt und auch mein Zimmergenosse mich nicht so schnell sieht.
*-*-*
Das Getuschel hörte schlagartig auf und so ging ich ins Zimmer. Es schien leer zu sein, weswegen ich wohl auch nichts gehört hatte.
Seufzend ließ ich mich auf mein Bett fallen, zog meine Knie an mich heran und vergrub mein Gesicht in meinen Armen. Jetzt würde ich wieder bestraft werden und das nur, weil mir so langweilig war.
Sollten sie mich doch alle zufriedenlassen.
Der Unterricht kotzte mich auch total an und Hausaufgaben machte ich sowieso nie. So nervte mich auch meine Schultasche und ich schmiss sie einmal quer durchs Zimmer. Dabei fielen ein paar Bücher raus, wovon ich zwei mit meinem Blick in Flammen aufgehen ließ.
Dann schmiss ich mich aufs Bett und vergrub mein Gesicht in mein Kissen. Meine Ohren legte ich an, weil ich nichts und Niemanden hören wollte.
Sie konnten mich alle mal gern haben, mit ihren Regeln und diesen Blicken, die von oben herab kamen.
*-*-*
Noch immer kopfüber in der dunklen Zimmerecke hängend, sah ich meinen Zimmergenossen das Zimmer betreten. Dieser schien schlecht gelaunt zu sein.
Ich blieb ruhig und verhielt mich still, beobachtete nur alles, was er tat.
Als er aber begann seine Schultasche herum zu werfen, erschrak ich mich doch und flatterte aufgeregt in dem Zimmer herum, um mich nur wenig später in einen kleinen Löwen zu verwandeln und geschickt auf dem Boden des Raumes zu landen. Natürlich achtete ich strikt darauf meine normale Gestalt nicht zu zeigen.
So ging ich auf das Bett zu, auf dem mein Zimmergenosse lag.
Auf das Bett springend, beschnupperte ich ihn still, aber anscheinend wollte er nichts und niemanden sehen oder gar hören. So sprang ich wieder von dem Bett herab und lief unruhig im Zimmer herum.
Was tat ich hier eigentlich?
Ich wollte doch nur hier weg und mich irgendwohin verkriechen.
*-*-*
Hatte ich mich getäuscht oder war da wirklich etwas gewesen? Vorsichtig schaute ich auf und sah scheinbar meinen Zimmergenossen in der Form eines kleinen Löwen.
Ich starrte ihn wie erstarrt an, wie er im Zimmer herum lief.
Dabei hatte ich ihn gar nicht bemerkt.
Doch plötzlich klopfte es an der Tür und nach einem kurzen Moment durchtrat Tamir die Tür, ohne diese zu öffnen. Auf ein ‚Herein‘ hätte er wohl auch lange warten müssen.
„Ach, wie ich sehe, kennt ihr euch bereits. Da keiner von euch was sagt, werde ich euch mal eben vorstellen. Asudem, das ist Brix. Brix, das ist Asudem.
Ihr werdet vorerst das Zimmer teilen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das etwas bringen soll. Nun ja…
Brix, du wirst heute das Bad schrubben, als Strafe. Melde dich später bei mir, wenn du soweit bist, dann zeige ich dir, was du zu tun hast. Ich hoffe wirklich, dass du es endlich lernst, nicht immer Blödsinn zu machen.
Außerdem werdet ihr morgen früh beide von mir unterrichtet werden. Um 8 Uhr! Seid bitte pünktlich!“, kam es von Tamir.
Dabei sah er auch Asudem an und nickte uns zu, bevor er wieder durch die Tür hindurch verschwand. Im Grunde war Tamir ganz nett, im Gegensatz zu manch Anderen hier und man merkte, wie weh es ihm tat, die Strafen zu verteilen.
Mein Blick fiel auf Asudem, als Tamir draußen war.
*-*-*
Na, wunderbar, jetzt wusste ich zwar wie mein Zimmergenosse hieß, aber weder er noch ich hatten das Bedürfnis zu reden.
Herrje, was hatte Brix denn ausgefressen, dass er bestraft wurde?
Sollte ich ihn fragen?
Nein, besser nicht. Er würde sich nur vor meiner Stimme erschrecken. Zwar konnte es mir ziemlich egal sein, weil ich eh keinen Kontakt zu denen hier wollte, aber ich ließ es dennoch bleiben zu reden.
Unterrichten wollte Tamir uns, super, das war genau das was ich brauchte und unbedingt wollte… ironisch gedacht.
Mich würde der jedenfalls morgen früh nicht sehen, denn ich hatte eh vor, noch in dieser Nacht zu verschwinden.
Ich fragte mich nun allerdings warum mich Brix so anschaute. Da ich aber nicht bereit war zu reden, dachte ich mir nur meinen Teil. Ich verwandelte mich in einen Menschen und legte mich auf mein Bett, an die Decke starrend.
*-*-*
„Ein Formwandler“, rutschte es mir kaum hörbar heraus. Dabei erschrak ich mich selbst vor meiner Stimme, weil ich sie ewig nicht gehört hatte.
Wieso ausgerechnet jetzt? Wobei ich Asudem gar nicht kannte.
Aber ich war so beeindruckt von seiner Kunst, da kamen meine Fähigkeiten mir so kleinlich vor. Das was ich jedenfalls jetzt nicht wollte, war meine Strafe antreten. Nur wenn ich nicht dahin ging, würde mich spätestens morgen noch etwas schlimmeres erwarten.
Oder aber ich würde wieder mal versuchen abzuhauen. Bloß hatte ich bei den anderen Versuchen gerade keinen Zimmergenossen. Das würde die Sache erschweren.
*-*-*
Wow, Brix konnte ja doch reden, nur war ich noch immer nicht bereit zu reden, drehte mich nur auf meinem Bett um, schaute Brix an und nickte nur bedächtig.
Da ich aber wusste, dass es wohl ziemlich unhöflich war nicht zu reden, wenn einen wer ansprach… wie auch immer… versuchte ich zu antworten, verstellte aber meine Stimme, so dass sie etwas erträglicher klang:
„Ja, ich kann mich verwandeln, in wen oder was auch immer… nur nicht in Gegenstände oder komplexe Waffen.“
Natürlich würde ich ihm nicht verraten, was ich diese Nacht zu tun gedachte, wusste ich doch nicht ob er mich dann vielleicht verraten würde. Immerhin kannte ich ihn ja noch nicht.
*-*-*
„Dann könntest du dich auch ganz klein machen und einfach hier verschwinden“, platzte es aus mir heraus.
Obwohl ich mir sicher war, dass die Überwachung einen auch so ausfindig machen würde.
Dennoch war die Vorstellung hier einfach heraus zu spazieren, sehr verlockend.
Obgleich ich nicht einmal wusste, wohin ich sollte, wenn ich es wirklich schaffen würde, hier herauszukommen.
Langsam stand ich auf und schaute sehnsüchtig zum Fenster hinaus. Mit meinem flitzen hatte ich es noch nie geschafft bisher.
*-*-*
„Ja, das könnte ich.“, antwortete ich auf seine Feststellung: „Ich könnte aber auch fliegen.“, fügte ich hinzu.
„Hast du denn auch vor von hier zu verschwinden?“, fragte ich Brix.
Die Vorstellung nicht allein fliehen zu müssen war gar nicht so schlecht. Man wäre dann nicht so allein. Doch stellte ich mir gedanklich die Frage, wo konnten wir unterkommen, falls uns die Flucht gelang?
Auf der Straße zu leben war auch nicht grad das Wahre, zudem ich eh noch minderjährig war. Dies würde die Sache nicht gerade vereinfachen. Wir hätten keine Bleibe und ich würde allein sowieso keine Bleibe bekommen. Okay, ich könnte mich auch in einen Erwachsenen Menschen verwandeln… aber was dann…
Sollten wir dann nicht so besser hier bleiben?
Unsicherheit machte sich in mir breit, während ich Brix nachsah, wie er zum Fenster ging und hinaus schaute.
*-*-*
„Tja, ich denke, dass es so oder so gesehen wird. Egal ob man fliegt oder sich ganz klein macht“, antwortete ich, dabei sah ich Asudem an, „ Ich habe es schon mehrmals versucht hier herauszukommen. Dabei wüsste ich nicht mal wohin ich überhaupt sollte.“
Aus irgendeinem Grund mochte ich Asudem. Zum ersten Mal war mir neben Tamir jemand sympathisch und dazu noch mein Zimmergenosse.
Vielleicht war es ja doch nicht so schlecht hier im Internat und konnte sogar ganz witzig werden. Mein inneres böses Ich, was immer gerne Streiche spielte und ärger machte, hätte am liebsten gefragt, was wir jetzt zusammen ausfressen.
Aber es gab bald Abendbrot und seine Fähigkeiten zu nutzen, machte wirklich hungrig.
*-*-*
„Ich weiß auch nicht wohin, aber ich werde wahrscheinlich heute Nacht hier verschwinden. Für mich ist das Leben von Anfang an eine Qual und ich möchte so gern für immer verschwinden. Aber ich kann mich nicht mal töten, weil sich mein Körper sofort heilen würde.
Ich kann niemandem meine wahre Gestalt zeigen, weil diese so abscheulich ist, dass selbst meine Eltern mich nicht wollten. So muss ich immer verwandelt bleiben.
Aber weißt du was, ich helfe dir bei deiner Strafe, okay. Wir kriegen das schon hin.“, erzählte ich Brix und mit meinen letzten Worten versuchte ich mich wieder abzulenken.
Sicher, ich würde vielleicht gern hier bleiben, zudem mir Brix sympathisch war, aber auch er würde schreiend davon laufen, würde er meine wahre Gestalt zu sehen bekommen, denn so war es immer.
Genau wie das Wesen, aus der griechischen Mythologie, namens Medusa, deren Namen ich trage, habe ich statt Haare… Schlangen auf dem Kopf, meine Haut ist giftgrün, meine Augen haben keine Farbe… leuchten weiß. Statt Hände und Füße habe ich Klauen.
Ja, ich bin ein Ungeheuer… ein Monster!
Deshalb muss ich verwandelt bleiben. Nur des Nachts, wenn ich großes Pech habe, verwandle ich mich in meine eigentliche Gestalt zurück.
*-*-*
„Schade eigentlich, dass du gehen willst“, kam es von mir, „Aber es ist lieb, dass du mir helfen willst. Tamir ist auch voll in Ordnung. Er setzt sich immer für mich ein und ich weiß auch, dass diese Strafe eigentlich eine ist, wegen der ganzen letzten Sachen, die ich angestellt habe.
Dieses Mal, habe ich nur eine Kerze geschmolzen und es ist alles auf den Teppich getropft. So schlimm war das nun auch nicht.
Also meinst du, ich sollte gleich mal meine Strafe antreten?“
Unsicher schaute ich Asudem an. Aber im Grunde hatte er ja recht, denn sonst könnte irgendwann nicht mal mehr Tamir mich in Schutz nehmen.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du so schrecklich sein sollst. Hier gibt es Wesen, davon träumt man nachts“, fügte ich dann hinzu, „Außerdem ist doch der Charakter wichtig und nicht wie man aussieht. Schau mich an, total niedlich und es nervt, weil mich alle auch so sehen. Nur bin ich keineswegs niedlich!“
Mit meinen Katzenohren und Katzenpfoten, die ich zwar auch zu Händen verwandeln konnte, es aber selten tat, sah ich einfach nur goldig aus. Dazu kam, dass alles in einem reinen weiß leuchtete, wie die Unschuld vom Lande.
„So alt bist du aber auch noch nicht, oder?“, wollte ich dann wissen und setzte mich zu Asudem aufs Bett, „Ich werde die Tage sechzehn Jahre alt.“
*-*-*
„Nein, ich bin erst vierzehn Jahre alt und werde erst nächstes Jahr fünfzehn.“, beantwortete ich Brix’s Frage und schaute Brix kurz an, der sich neben mich aufs Bett gesetzt hatte, um dann meinen Blick wieder zu senken.
Seine Vermutung bezüglich meines Aussehens machte mich nachdenklich, denn er sah ja wirklich zu niedlich aus… während ich nur ein Monster war.
„Ich werde dir meine wahre Gestalt besser nicht zeigen, glaub mir, bisher ist noch jeder vor mir schreiend davon gelaufen. Es mag schon sein, dass es auch andere gibt, die mein Schicksal vielleicht teilen, aber sie leiden wahrscheinlich nicht so sehr darunter.
Mein Charakter? Hm… ich weiß nicht mal ob ich überhaupt einen Charakter habe.“, sprach ich nachdenklich, mehr zu mir selbst als zu Brix.
„Wenn du es schade findest, würde ich gehen, dann bleibe ich eben erst mal und versuche hier mein Glück. Ich weiß eh nicht wohin ich gehen könnte.“, meinte ich hinzufügend und hatte eine Idee: „Was hältst du davon, wenn ich deine Strafe antrete. Ich kann mich in dich verwandeln und putze dann das Bad.“
Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, sah ich auch schon aus wie Brix und setzte mich in meinem Bett auf, so dass ich nun neben Brix saß.
„Wo muss ich mich denn melden, um die Strafe anzutreten?“, fragte ich Brix.
*-*-*
Etwas perplex schaute ich Asudem an, als plötzlich mein Double neben mir saß.
„Das willst du echt machen“, fragte ich total neben mir, „Aber wieso tust du so was für mich? Ich meine, du bist der erste mit dem ich rede, weil du mir aus irgendeinem Grund sympathisch bist, aber so was kann ich gar nicht annehmen.“
Vorsichtig näherte ich mich Asudem, der jetzt genauso aussah wie ich. Zaghaft streichelte ich sein Gesicht. Er sah mir haargenau gleich. Wahnsinn! Ich war mehr als beeindruckt.
„Siehst du überall so aus wie ich?“, fragte ich frech und hob sein Shirt hoch. Denn immerhin wusste er ja nicht, wie ich unter meiner Kleidung aussah.
*-*-*
In Brix‘ erstauntes Gesicht schauend musste ich unwillkürlich grinsen und genoss nebenbei dass er mein Gesicht streichelte.
Allerdings fragte ich mich ob er mein Gesicht auch streicheln würde, wenn er wüsste wie ich richtig aussah…
Dann jedoch beschwerte ich mich, als er mein Shirt einfach so anhob: „Hey, lass das! Natürlich sehe ich, wenn schon, überall so aus.“, musste aber auch gleich wieder grinsen, während ich mein Shirt wieder runter schob.
Mein Körper kopierte alles haargenau, das wusste ich und das war es auch, was ich schon irgendwie toll an meinem Körper fand. Aber das war auch schon alles was ich an mir gut fand.
„Na ja, was soll ich denn sonst tun? Ich hab eh grad nichts zu tun und das bisschen Arbeit wird mich nicht umbringen. Zudem bin ich Arbeit gewohnt, außerdem bist du mir auch sympathisch. Also, wo muss ich mich melden?“, beantwortete ich Brix‘ Frage.
*-*-*
Grinsen musste ich auch auf Asudem Reaktion hin. Außerdem war ich versucht noch woanders nachzusehen, doch schien mir das nun doch zu frech.
„Tamirs Büro ist im Erdgeschoss bei dem Sekretariat, wo die anderen Büros auch sind, Sein Name steht am Schild der Tür. Glaube Zimmer siebzehn ist das… Danke“, sagte ich stattdessen und lächelte Asudem an.
Er war wirklich nett und ich bereute es nicht, mein Schweigen gebrochen zu haben.
„Aber denk dran, kein Wort! Die Anderen müssen das hier nicht wissen“, fügte ich noch schelmisch hinzu.
„Wenn ich das irgendwie wieder gut machen kann, sag es einfach. Ich steh in deiner Schuld“, kam es noch dankend von mir.
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„Ach wo, schon gut, du musst nichts wieder gut machen.“, erwiderte ich: „Versprochen, ich schweige wie ein Grab.“
Genauestens hatte ich mir gemerkt, was mir Brix gesagt hatte, dann erhob ich mich von meinem Bett und verließ das Zimmer.
„Bis nachher dann.“, meinte ich noch, dann war ich auch schon auf dem Weg ins Erdgeschoss zum Büro von Tamir.
Wobei mir einige Mitbewohner und auch Lehrer usw. entgegen kamen und mich teils lächelnd, teils seltsam anschauten.
Höflich klopfte ich an, nachdem ich das Büro erreicht hatte.
*-*-*
„Bis nachher“, hatte ich Asudem noch hinterher gerufen, dann hatte ich mich in seinem Bett unter seiner Decke eingerollt. Nur für den Fall, dass jemand reinkommen würde. So dachte man eben, das Asudem schlief.
Tamir saß unterdessen in seinem Büro und hatte das Klopfen mit einem ‚Herein‘ quittiert. Er hielt Asudem tatsächlich für Brix und ging mit ihm ins Bad.
Dort erklärte er ihm die Aufgabe und sagte ihm noch, dass er bis zum Abendbrot fertig sein müsse. Außerdem kam wie schon so oft, von ihm die alte Leier, dass er es nur gut meine und sie gemeinsam an Brix Verhalten arbeiten könnten.
Dann ging er wieder zurück in sein Büro und würde vor dem Abendessen nachschauen kommen.
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Au man, na toll, jetzt durfte ich mir diese Belehrung anhören. Aber ich ließ es über mich ergehen, ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Ich nickte nur demütig und folgte Tamir ins Bad.
Das Bad erreicht machte ich mich sogleich an die Arbeit, schrubbte und wischte alles sehr ordentlich und sehr sauber, ließ auch keine Ecke aus, polierte alles auf Hochglanz.
Natürlich kotzte mich das gewaltig an, aber ich würde mich nicht beschweren. Warum auch, hatte ich es Brix doch angeboten.
Außerdem hatte ich so Zeit, nachzudenken… über vieles nachzudenken. Was fand Brix so sympathisch an mir? Warum wollte ich so plötzlich hier bleiben? Oder sollte ich doch eine Flucht versuchen?
Nein, ich würde Brix enttäuschen, wo ich ihm doch versprochen hatte, hier zu bleiben. Seit wann kümmerten mich eigentlich andere? …seltsam…
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Kurz vorm Abendbrot ging Tamir nachschauen und nickte zustimmend.
„Sehr gut! Wirklich. Bitte benehme dich ab jetzt, damit ich dir nichts mehr aufbrummen muss, ja?… Nun aber ab mit dir zum Essen. Denk bitte an morgen früh und bring Asudem mit!“, sagte Tamir noch, bevor er ebenfalls zum Essen ging.
*~*
Ich war unterdessen in Asudems Bett eingeschlafen. Hatte somit gar nicht mitbekommen, wie spät es war.
*-*-*
Ich nickte ebenfalls, was so viel bedeuten sollte, dass ich… oder eher Brix… ab jetzt gehorsam wäre. Na ja, wenigstens war Tamir mit meiner Arbeit zufrieden gewesen, was mich freute, ich es jedoch nicht zeigte.
Dann ging ich aber zunächst in mein Zimmer zurück, wo ich Brix in meinem Bett liegend vorfand. Langsam und sehr leise ging ich auf das Bett zu, setzte mich drauf und begann Brix vorsichtig zu wecken, indem ich sacht über die Bettdecke strich.
„Hey, Schlafmützchen, aufwachen. Es gibt Abendessen und die Strafe ist auch abgegolten.“, flüsterte ich Brix zu, hoffend er würde mich hören und aufwachen.
Währenddessen verwandelte ich mich in einen Schäferhund, redete nun nicht mehr, sondern stupste Brix mit der Schnauze an.
*-*-*
Schnurrend reckte und streckte ich mich. Musste dann jedoch lachen, als Asudem als Schäferhund da saß und mich an stupste.
„Hey, das kitzelt“, kicherte ich und umarmte ihn.
„Danke!“, flüsterte ich und schmiegte mich schnurrend an ihn.
„Na dann wollen wir mal was futtern gehen“, sagte ich, nachdem ich mich von Asudems Hals gelöst hatte.
Dankbar schaute ich ihn an und war sehr beeindruckt, wie echt er aussah. Eigentlich schon zum Erschrecken echt, für eine Katze.
*-*-*
Wäre ich jetzt ein Mensch gewesen, hätte ich wohl zu weinen angefangen, als sich Brix so an mich kuschelte und sich bedankte. Ich ließ es mir gefallen, obgleich es für mich sehr befremdlich war, da mir nie jemand so nahe gekommen war oder sich an mich geschmiegt hatte.
Es war ein schönes Gefühl und ich genoss es sehr.
Da ich jetzt keinen Bock hatte mich wieder zu verwandeln, konnte ich natürlich auch nichts erwidern, aber ich leckte ihm sanft die Hände und schaute ihm treu doof, wie es eben nur ein Hund tun konnte, in die Augen.
Aber ich nickte, als Brix meinte, dass wir erst mal was futtern gehen wollten. Nachdem mich Brix losgelassen hatte, ging ich schon mal zur Tür und wartete dort auf Brix. Vorerst blieb ich aber ein Schäferhund.
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„Jage mich aber nicht über den Flur“, scherzte ich noch, bevor ich die Tür öffnete und neben Asudem herging, in Richtung Cafeteria. Es war wie immer sehr voll hier und wimmelte von Schülern.
Langsam ging ich die Wand entlang und nahm mir ein Tablett. Dann suchte ich mir zu Essen aus, was ich mochte und nahm mir auch etwas zu Trinken nach Wahl. Ich war eine richtige Naschkatze und konnte gar nicht ohne Süßes.
Weshalb wohl auch die Hälfte aus Süßem bestand. Natürlich wartete ich bis Asudem soweit war, bevor ich einen freien Tisch hinten in der Ecke ausfindig machte.
Kurz nickte ich Asudem zu, bevor ich rüber ging. Von dort konnte man alles super überblicken.
Die Lehrer nahmen ihr Essen ebenfalls hier ein und saßen an einen großen Tisch in der Mitte des Raumes. Trotzdem wurde viel geredet und es herrschte eine unangenehme Lautstärke im Raum, wie ich es fand.
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Den Scherz von Brix hatte ich verstanden und hätte ich lachen können, hätte ich mich vor Lachen wohl über den Boden gerollt.
Kurz bevor wir die Cafeteria erreicht hatten, verwandelte ich mich wieder in einen Menschen, sonst hätte es wohl etwas zu komisch ausgesehen.
Jetzt war ich ein Junge mit mittellangen schwarzen Haaren und braunen Augen.
So verwandelt betrat ich mit Brix die Cafeteria und suchte mir, nach Brix, ebenfalls etwas zu Essen aus.
Da ich überhaupt keine tierischen Produkte aß und somit streng vegan lebte, nahm ich mir etwas Salat und ein Glas Orangensaft, mit beidem ging ich mit Brix mit an den Tisch, den er wohl schon ausgesucht hatte.
Dort angekommen, stellte ich mein Tablett auf den Tisch und setzte ich mich auf einen Stuhl, der nahe am Fenster stand, wo ich nur ganz kurz nachdenklich hinaussah.
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Ruhig und ohne ein Wort von mir zu geben, nahm ich mein Essen und Trinken zu mir. Als Asudem ebenfalls fertig war, nickte ich ihm fragend zu.
Er müsste schließlich nach der ganzen Arbeit ziemlich Müde sein und jetzt waren die Duschen noch frei, was ich meist ausnutzte. Das würde ich Asudem erzählen, sobald wir wieder auf unserem Zimmer waren.
Sicher bemerkte ich Tamirs Blicke, da Asudem und ich zusammenhockten, doch störte es mich nicht. Sollte er denken, was er wollte. Mir war es egal.
Trotz dass mein Äußeres teils einer Katze glich, duschte ich sehr regelmäßig und war keineswegs Wasserscheu. Nur waren manche Schüler hier sehr aufdringlich, weswegen ich meist direkt nach dem Abendbrot duschte. So ging ich eben gewissen Leuten aus dem Weg.
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Meinen Salat hatte ich verzehrt und auch den Orangensaft genossen, nun schaute ich wiederum kurz aus dem Fenster, erst dann schaute ich Brix an.
Nachdem er mir zugenickt hatte, nickte ich ihm ebenfalls zu… auch wenn ich gerade nicht so wirklich wusste was er wollte, doch war ich mir sicher, dass er mir nichts böses wollte.
„Wollen wir dann langsam wieder?“, fragte ich Brix.
Ich stand auf, nahm beide Tabletts an mich und brachte diese dorthin wohin sie gehörten… wohin sie die anderen auch brachten.
„Komm, gehen wir. Ich glaub, ich könnte etwas Schlaf vertragen.“, meinte ich hinzufügend und gähnte herzhaft, hielt mir aber, wie es sich gehörte, die Hand vor den Mund.
*-*-*
Es verwunderte mich nun schon, dass Asudem einfach so hier vor allen Leuten mit mir sprach. Wo auch er doch als so unnahbar galt. Ich hielt meinen Mund und würde den Teufel tun, bevor ich etwas jetzt sagte.
So ging ich ruhig neben Asudem her in unser Zimmer. Erst als die Tür hinter uns ins Schloss fiel, eröffnete ich das Wort.
„Ich dachte du redest eigentlich auch nicht. Aber gut, das musst du ja selber wissen. Für mich bleibt mein Mund weiter geschlossen, wenn wir draußen sind. Weil ich keine Lust habe, dass mir irgendwelche blöden Fragen gestellt werden. So wissen alle, was Sache ist, und dass man von mir keinen Ton erwarten kann.
Was ich doch eigentlich wollte war, dir ein kleines Geheimnis verraten. Du warst sicherlich auch schon in vielen Internaten, oder? Dann weißt du auch, wie manche hier drauf sein können. Wenn wir jetzt direkt nach dem Abendbrot duschen gehen, haben wir unsere Ruhe und anschließend kannst du dich gerne ausruhen, okay?“
*-*-*
Ruhig hörte ich Brix zu was er mir erzählte und senkte beschämt meinen Kopf, als er mich wegen des Sprechens ansprach.
Wieder hatte ich einen Fehler gemacht… na ja, wie eben immer, war ja nicht anders zu erwarten. So war ich eben… ein Trottel.
Als er jedoch davon sprach duschen zu gehen und wie es hier lief, versuchte ich überall hinzusehen, nur ihn konnte ich nicht anschauen. Nachdem er fertig war, stammelte ich:
„Entschuldigung, ich… es tut mir leid, dass ich geredet hab. Und dann… also… ich… vertrage das Wasser nicht so gut. Wenn ich mit Wasser in Berührung komme, brennt sich das Wasser in meine Haut ein, wie Säure und fügt mir furchtbare Schmerzen zu. Auch kann ich mich dann für eine gewisse Zeit nicht mehr verwandeln.
Ich darf nicht duschen. Mein Körper reinigt sich von allein.“, gestand ich Brix entschuldigend.
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„Du musst dich doch nicht entschuldigen. Entscheide selber, ob du reden möchtest. Nur wollte ich, dass du weißt, dass ich weiter schweigen werde. Alles gut, okay?“, versuchte ich Asudem zu beruhigen und legte meine Pfote aus seine Schulter.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, bevor ich ihn verwundert ansah.
„Wow, ich wünschte mein Körper könnte das auch. Ich werde dann mal duschen gehen. Falls du gleich schon schlummerst, wünsche ich dir eine gute Nacht“, sagte ich.
Dann suchte ich meine Sachen zusammen und ging zu den Duschräumen. Dort angekommen, nahm ich eine angenehme Dusche und pflegte mich ausgiebig.
Anschließend trocknete ich mich ab und zog mich wieder an, bevor ich flitzend zurück Richtung Zimmer verschwand.
*-*-*
Wow, Brix hatte mein Geständnis und meine Entschuldigung erstaunlich gut aufgenommen, das war ich so nicht gewohnt, aber es freute mich ehrlich. Sollte diesmal wirklich mal alles anders laufen?
Würde ich vielleicht sogar einen Freund finden… meinen ersten Freund? Ich nickte nur verwundert und schaute ihm kurz und mit einem: „Danke, dir auch eine gute Nacht.“ nach, bevor ich mich splitterfasernackt auszog und anschließend ins Bett legte.
Nur kurz starrte ich gedankenverloren an die Decke, dachte nach… was aber nicht viel brachte. Schließlich schlief ich erschöpft von den vielen neuen Eindrücken ein.
*-*-*
Wieder im Zimmer angekommen, sah ich Asudem schlafen. Er sah so friedlich aus und so verhielt ich mich leise und legte mich ebenfalls hin. Doch konnte ich nicht einschlafen, wälzte mich unruhig hin und her.
Irgendwann stand ich auf und starrte aus dem Fenster. Draußen war es schon dunkel, doch in den Gängen konnte man noch ab und an etwas hören. Es war noch früh am Abend. Kein Wunder, dass Asudem müde war, nach der ganzen Arbeit.
Unruhig tigerte ich im Zimmer auf und ab, weil ich einfach nicht einschlafen konnte. Ob ich mich zu Asudem legen dürfte?
Einen Moment überlegte ich, dann atmete ich kräftig durch und huschte zu ihm unter die Decke. Hier war es schön warm und angenehm.
*-*-*
Da ich schon tief und fest schlief hatte ich nicht mitbekommen, dass Brix wieder ins Zimmer gekommen war, so bekam ich ebenfalls nicht mit, wie er herum tigerte. Als ich mich jedoch im Schlaf, in meinem Bett herum wälzte und drehte, spürte ich plötzlich, dass wer neben mir lag!
Sogleich war ich hellwach! Erschrocken und erstaunt zugleich schaute ich Brix an.
„Was… wie… ich mein, was… warum… liegst du in meinem Bett?!“, fragte ich ihn und mein Gesicht wurde erst puterrot, dann verwandelte ich mich, weil völlig unkontrolliert, in meine eigentliche Gestalt zurück.
So zog ich mich in die hinterste Ecke des Bettes zurück, weil das war ich nun gar nicht gewohnt, weshalb ich wohl auch so erschrocken reagiert hatte… aber auch meine Nacktheit war einer der Gründe.
*-*-*
Ich war gar nicht über Asudems Gestalt erschrocken. Mir war es nur peinlich, wie er reagierte.
„Entschuldige“, kam es verlegen von mir, „Aber… aber ich konnte nicht schlafen… und da… da dachte ich halt…“
Mehr bekam ich nicht zustande, denn da ließen auch schon unkontrolliert die Tränen über meine Wangen.
Irgendwie versuchte ich mich zu beruhigen und wischte wie wild in meinem Gesicht herum.
„Ist… ist das deine wahre Gestalt?“, wollte ich von Asudem wissen.
Dann ging ich langsam auf ihn zu und schaute ihn genau an. Während ich schniefend vor ihm hockte, lächelte ich ihn an und stupste spielerisch einen der Schlangenköpfe mit der Pfote an.
„Du bist gar nicht schrecklich!“, sagte ich dann.
„Tut mir leid. Ich werd dann mal wieder in mein Bett“, fügte ich hinzu und wollte aufstehen, um rüber zu gehen.
*-*-*
Verdammt, diese Verwandlung… ich hätte mich am liebsten erhängt, so sauer war ich auf mich. Und dann auch noch meine Reaktion… ich konnte doch echt nichts richtig machen. Vielleicht hatten alle anderen ja doch recht.
Schnell verwandelte ich mich in einen blonden Jungen, man war das peinlich gewesen und dann spielte Brix auch noch mit diesen Ungeheuern.
„Nein, bitte… warte…“, stammelte ich: „Mein Name ist eigentlich nicht… Asudem… mein Name ist Medusa und ich habe den Namen eben nur umgedreht. Bitte, verzeih mir meine Reaktion, es tut mir leid.“, entschuldigte ich mich und strich ihm sanft die Tränen aus dem niedlichen Gesicht, die sich dann schmerzhaft in meine Haut, am Finger einbrannten.
Nur ein wenig verzog ich schmerzhaft das Gesicht.
„Wenn du magst… kannst du mit in meinem Bett schlafen… ich ziehe mir nur schnell was an, okay. Es tut mir leid. Ich möchte nicht, dass du traurig bist.“
Warum fand mich Brix nicht schrecklich? Warum war er nicht schreiend weggerannt?
*-*-*
„Und wie soll ich denn jetzt nennen? Ist dir Asudem lieber?“, fragte ich unsicher.
Sicher bemerkte ich, wie Asudem schmerzhaft sein Gesicht verzog. Es tat mir so leid. Doch konnte ich seinen Finger so auch kaum in den Mund nehmen.
„Von mir aus, bleib ruhig nackt. Wir können ja auch ein wenig herumspielen“, rutschte es mir raus. Ob ich damit mein Nachtlager wieder in mein eigenes Bett verdonnerte, war mir nicht klar.
Asudem war noch sehr jung und ob er überhaupt Erfahrungen damit hatte, wusste ich nicht. Obwohl ich mir sicher war, dass er zumindest schon mal an sich selbst herumgespielt hatte.
Es wäre für mich zumindest nicht das erste Mal. So was tat man eben hier, wenn man sich langweilte und eben auch manchmal zu zweit oder gar zu dritt oder mit mehreren.
Erwartungsvoll schaute ich wie die Unschuld vom Lande in Asudems Augen. Er sah richtig niedlich aus, so als blonder Junge.
*-*-*
„Wenn wir allein sind kannst du mich ruhig Medusa nennen, das ist mir egal, oder such dir einen Namen aus, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit.“, bat ich Brix, mit sanfter Stimme.
Doch errötete ich, als Brix meinte, dass ich ruhig nackt bleiben könnte, während sich die kleine Verätzung an meinem Finger von selbst heilte.
„Nein… ich… werde mir besser etwas anziehen. Herumspielen… ich… nein, mag das nicht. Weil… also weil…“, schluckte den Rest des Satzes herunter und sprach dann weiter: „So was… ist mir… peinlich und… unangenehm.“, senkte meinen Kopf, während ich aufstand, an meinen Schrank ging und mich, zumindest mit einem Shirt und einer Shorts bekleidete.
Außerdem hatte ich schon mal heimlich gesehen, als zwei Menschen so was taten… und fand es …einfach nur… ich weiß nicht… es war so peinlich und irgendwie eklig. Schon wie sie herum gestöhnt hatten und anscheinend Freude dabei empfanden, das war für mich einfach nur zum Wegrennen, denn ich war damals erst zehn Jahre alt. Nun wusste ich nicht, wie ich mich richtig verhalten sollte, denn ich war mir unsicher und wollte Brix nicht schon wieder weh tun oder traurig machen.
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Schade, dachte ich so bei mir, doch würde ich gewiss Niemanden zu seinem Glück zwingen.
„Ist schon okay“, sagte ich. Da ich seine Hintergründe nicht kannte, wieso er nicht wollte, beließ ich es dabei und ging nicht weiter darauf ein. Sonst hätte ich ihn womöglich davon überzeugen wollen, dass es sich toll anfühlte.
Nun kuschelte ich mich wieder unter die Decke. Dieses Mal an der Wandseite, damit Asudem einfach so reinschlüpfen konnte.
Ich war froh bei ihm schlafen zu dürfen, denn so konnte ich bestimmt zur Ruhe finden.
Gedankenverloren beobachtete ich Asudem dabei, wie er sich anzog. Als Junge hatte er einen tollen Körper. Doch war es für mich rätselhaft, ob Asudem überhaupt Sex haben könnte. Zudem es ja ein Austausch von Körperflüssigkeiten war und Flüssigkeiten ihm schadeten.
Demnach dürfte er wohl auch nicht küssen oder irgendwo geleckt werden oder gar mit jemandem intim sein, weil es dabei ja auch feucht hergeht.
Dass mein Kopf dabei etwas rot wurde bemerkte ich dann auch endlich und vergrub mich bis zu den Augen unter der Decke.
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Nachdem ich mich angezogen hatte, huschte ich in mein Bett, zu Brix unter die Decke, doch hielt ich einen gewissen Abstand zu ihm.
Zum Glück hatte er Verständnisvoll reagiert und nicht weiter nachgefragt, wofür ich ehrlich dankbar war.
Kurz schaute ich Brix an und sah, dass er leicht rötlich im Gesicht war, sich jedoch so halbwegs unter der Decke zu verstecken suchte.
„Hey, was ist denn los mit dir, hm?“, fragte ich Brix, denn ich bemerkte, dass er über irgendwas nachdachte.
„Hab ich was falsch gemacht, oder kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich Brix weiter, konnte ich mir doch keinen Reim drauf machen, was mit Brix los war.
So hoffte ich, dass ich ihm, wie auch immer, helfen konnte.
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„Nein, nein, alles gut! Lass uns jetzt schlafen, okay“, sagte ich und schloss die Augen. Was würde es bringen, alles zu erklären. Asudem war scheinbar nicht wie die Anderen. Er war eben speziell und so musste man ihn nehmen.
Meine Gedanken würden mein Geheimnis bleiben und da ich noch nicht schlafen konnte, stellte ich mir so das eine oder andere vor.
Schmunzelnd ließ ich mich in meine Traumwelt treiben und vergaß beinahe, dass ich nicht alleine im Bett lag, aber eben nur beinah.
*-*-*
Soviel dazu… scheinbar war ich es nicht wert, dass Brix sich mir anvertraute. Nun gut, musste er ja auch nicht, ich würde ihn sicher nicht zwingen.
Nun ja, was hatte ich mir auch vorgestellt? Etwa, dass er anders wäre als die Anderen… wäre ja auch zu schön gewesen. War ja auch klar, wer wollte schon was mit einem Monster zu tun haben?
Dabei war Brix anfangs so lieb gewesen und ich begann wirklich ihn gern zu haben.
Dass ich irgendwas falsch verstanden haben könnte, daran dachte ich in diesem Moment nicht.
Ich sagte nichts mehr, aber ich wusste was ich zu tun gedachte.
Scheinbar gehörte ich auch hier nicht her. Mein Schicksal war es wohl doch auf der Straße zu leben.
Traurig starrte ich an die Decke, sagte aber weiterhin nichts.
Da Brix ruhig und still war, dachte ich er würde schlafen, so stand ich aus dem Bett auf, ging zu meinem Kleiderschrank und bekleidete mich nun vollständig. Leise schlich ich mich an die Tür, öffnete diese, blickte noch einmal zurück und verließ dann das Zimmer, hinter mir die Tür leise schließend.
Auf dem Flur angekommen, öffnete ich das Fenster, verwandelte mich in eine Fledermaus und flog davon.
Nein, hier wollte ich nun auch nicht mehr bleiben. Weit weg führte mich mein Weg und irgendwann landete ich irgendwo in einer kleinen sehr dunklen Seitengasse. Hier verwandelte ich mich in eine kleine schwarze Maus und verkroch mich in einer finsteren Ecke.
Niemand würde mich hier finden.
In ein paar Blätter, die hier herum lagen, „kuschelte“ ich mich ein und schlief mit kleinen Tränen in den Augen ein.
*-*-*
Irgendwann war ich endlich eingeschlafen. Zwar hatte ich die Tür gehört, mir aber nichts dabei gedacht. Vielleicht musste Asudem einfach nur austreten.
Ich träumte die schönsten Sachen und irgendwann als ich wach wurde, war es bereits morgen. Im Internat herrschte reges Treiben und große Unruhe. So früh Morgens war es sonst eher Still.
Da Asudem nicht im Zimmer war, ging ich auf dem Gang hinaus und schaute mich um. Während ich den Gang entlang lief, hörte ich auch schon, was Sache war.
„Hast du gehört“, sagte ein kleiner Vampir zu einem Elfen, „Es hat mal wieder einer versucht hier auszubrechen.
Sofort musste ich an Asudem denken und rannte zum Sekretariat. Dabei hatte ich es so eilig, dass ich mit Tamir zusammenstieß.
„Na, zu dir wollte ich gerade. Komm mal schön mit!“, sagte er zu mir und brachte mich in ein Zimmer.
*-*-*
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war die Welt, um mich herum, plötzlich so riesig groß, aber dann fiel mir ein, dass ich mich ja am Abend zuvor in eine Maus verwandelt hatte.
So blieb ich auch erst mal und huschte hin und wieder ein Stück an einer Hauswand vorbei, unbeachtet von den vielen Menschen, die an mir vorbei gingen.
Die nächste Gasse erreicht, verwandelte ich mich unbeobachtet in einen Raben und flog doch noch einmal zur Schule, wo ich mich zunächst nur auf ein Fensterbrett setzte und in den Flur hinein schaute.
Da sah ich auch schon, dass Tamir Brix beim Wickel hatte und ihn mit in ein Zimmer nahm.
Herrje, was hatte ich da denn wieder angestellt?!
Er hatte doch gar nichts angestellt… oder doch…
Aber warum nahm Tamir ihn jetzt so plötzlich mit?
Sollte ich die Sache vielleicht besser aufklären?
Definitiv… ja!
So flog ich, durch das noch immer offene Fenster im Flur, verwandelte mich schnell in einen blonden Jungen und rannte Tamir und Brix nach.
Vor dem Zimmer stehend, klopfte ich kurz an und betrat es sogleich, nun auch wenn es sich eigentlich nicht gehörte, aber ich musste die Sache aufklären… wenn es denn darum ging, dass ich abgehauen war.
Im Zimmer stehend schaute ich erst Brix, dann Tamir an und sprach ruhig:
„Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht hier gewesen und einfach fortgegangen bin. Es war nicht die Schuld von Brix. Ich wollte hier nicht sein. Ich weiß nicht was ich hier soll und ich fühle mich hier nicht wohl, aber auch das ist nicht Brix‘ Schuld.
Ich gehöre hier eben einfach nicht hier, verstehen sie?!
Wenn sie wollen bestrafen sie mich… ich habs eh verdient, aber lassen sie Brix bitte in Ruhe, er hat nichts getan.“
Nach dieser Ansprache, senkte ich mal wieder demütig meinen Kopf, dann rannen auch schon die Tränen über mein Gesicht, die sogleich meine Gesichtshaut verätzten und mir unsägliche Schmerzen zufügten.
Wie sehr hatte ich mir gewünscht, dass es in der Nacht geregnet hätte… dann wäre von mir jetzt nichts mehr übrig gewesen.
Vielleicht war das ja die Lösung meines Problems… ein großes Wasserbecken mit viel Wasser drin, das mich dann mit Sicherheit und in Sekundenschnelle vernichten würde.
Dies war aber nur so, wenn meine Haut mit Wasser in Berührung kam, wenn ich Wasser trank oder andere Flüssigkeiten zu mir nahm, konnte mir nichts passieren, da meine Organe gegen Flüssigkeiten immun waren.
*-*-*
Gerade war Tamir mit mir in den Raum gegangen, als Asudem den Raum betrat und nach seiner Ansprache fiel ich ihm einfach um den Hals.
Meine Arme hielten ihn fest und ich drückte ihn an mich. Er war wieder da und ich war so froh darüber. Am liebsten hätte ich ihn nie wieder losgelassen.
Hinter mir hörte ich nun Tamir reden: „Asudem, das steht nicht in meiner Macht, dich zu bestrafen. Du hast eine riesige Dummheit begangen. Aber wir hatten dich die ganze Zeit über im Auge. Hier kommt und geht keiner, ohne das ein wachsames Auge alles mitbekommt.“
Kaum hatte er das ausgesprochen, betrat eine große falkenähnliche Gestalt den Raum.
„Der Direktor wird dich bestrafen, Asudem. Ich kann nur versuchen dich in Schutz zu nehmen, da du selber wieder hergekommen bist. Nun beruhige dich bitte und verspreche mir, es nicht wieder zu tun. Du bist doch erst einen Tag hier, dass du dich da noch nicht wie Zuhause fühlst, ist doch klar.
Schau mal Brix an. Er ist schon seit Monaten hier und findet keinen Anschluss. Macht nur Dummheiten. Doch in dir, scheint er jemanden gefunden zu haben, der ihm etwas gibt, wonach er die ganze Zeit gesucht hat.
Gib uns wenigstens eine Chance und auch mir. Lass mich euch unterrichten und zeigen auf was es ankommt. Dann wird es nicht mehr so sein, versprochen!“, fuhr Tamir fort.
Als er das sagte, spürte ich es zum ersten Mal, dass seine Worte bei mir ankamen und ich schaute Asudem tief in die Augen. Damit wollte ich ihm sagen, wir sollten es versuchen, aber nur zusammen!
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Total überrascht war ich, als mich Brix umarmte, das hatte ich nicht erwartet, aber ich konnte diese Umarmung nicht erwidern… ließ es einfach geschehen, stand einfach nur da wie eine Statue.
Ich hörte Tamirs Worte und doch erreichten sie mich nicht. Zu viel hatte ich schon erlebt, in meinem jungen Leben. Glauben und vertrauen konnte ich Niemandem mehr, egal was auch immer dieser Betreuer sagte. Als dann auch noch dieses falkenähnliche Wesen das Zimmer betrat wusste ich, was ich zu tun hatte…
Ich nickte jedoch, auf Tamirs Ansprache hin… was sollte ich auch sonst tun. Nein, fliehen würde ich nicht mehr, aber sie konnten nicht verhindern, was ich vorhatte. Warum verstand eigentlich niemand, wie ich mich fühlte?
Diese ständigen Verwandlungen kosteten mich Kraft und doch brauchte ich diese Kraft auf, nur um meine eigentliche Gestalt zu verschleiern. Weitere Tränen liefen über mein Gesicht und brannten sich tief in die Haut ein.
Nun ja, Bestrafungen jeglicher Art kannte ich ja schon, da kam es auf eine Strafe mehr oder weniger auch nicht drauf an. Ich hasste mich und was ich war. Womit hatte ich solch eine Gestalt verdient?
Mein ganzes Dasein war doch ohnehin schon Strafe genug… wofür auch immer. Zwar bemerkte ich Brix‘ Blick und erwiderte diesen auch, aber mein Blick war leer und von Tränen getrübt.
Warum war ich eigentlich zurückgekehrt? Aber dann erwiderte ich:
„Sie verstehen mich kein bisschen. Können sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie ich mich fühle… gestraft mit solch einer verabscheuungswürdigen Gestalt?! Können sie sich vorstellen, wie sehr ich mir den Tod wünsche?!
Töten sie mich, bitte…“, meine letzten Worte kamen flehend.
„Bitte, ich will doch nur sterben.“, bat ich leise hinzufügend und sank dann in mir zusammen… lag auf dem Boden… zusammengekrümmt… Tränen überströmt.
Da meine Haut nun schon stark verätzt war, löste sich meine Verwandlung auf, mich umgab die Dunkelheit und ich wurde bewusstlos.
*-*-*
Erschrocken trat ich von Asudem zurück und konnte kaum glauben, was er da sagte. Meine Hand machte sich automatisch und knallte ihm eine runter. Im Nachhinein tat es mir mehr weh, als ihm.
„Hast du sie noch alle!“, schrie ich dann und konnte mir das Erstaunen von Tamir bildlich vorstellen, sah ihn aber nicht an, sondern weiterhin Asudem.
„Ist dir gar nicht bewusst, dass du vielleicht jemandem etwas bedeuten könntest? Wie kannst du dir wünschen tot zu sein? Denkst du, du bist der einzige, der viel durchmachen musste? Sag so was nie wieder, hörst du!“, kam es weiter von mir und mit den letzten Worten liefen auch bei mir die Tränen über die Wangen.
Dann kniete ich mich runter zu Asudem und schlang erneut meine Arme um ihn.
„Verzeih mir“, schluchzte ich anschließend. Meine Hand schmerzte so sehr, als hätte jemand mich geschlagen und nicht umgekehrt. Doch irgendwie musste ich ihn doch zu Vernunft bringen und mir fiel nichts Besseres ein.
*-*-*
Wie aus weiter Ferne hörte ich Brix‘ Worte, nahm auch die Ohrfeige schweigend hin, bevor mich die Bewusstlosigkeit erwischte.
Irgendwann erwachte ich aus der Ohnmacht, spürte Tränen auf meine Haut tropfen, die diese wiederum verätzten und ein schluchzendes „verzeih mir“, doch stand ich schnell auf, nachdem ich mich von Brix befreit hatte.
Ich schaute nur kurz in die Runde, erst Tamir, dann dieses falkenähnliche Wesen, dann Brix:
„Wisst ihr was… ihr könnt mich alle mal… hier bleibe ich keine Sekunde länger!“, fauchte ich die Drei an: „Bei dem geringsten Vergehen wird man hier sofort bestraft und dir, Brix, ist wohl nichts besseres eingefallen, als mich zu schlagen… Toll, wirklich toll! Und dann sagst DU mir, was von wegen… jemandem etwas bedeuten?! Na danke, darauf verzichte ich gern!“, mit diesen Worten rannte ich aus dem Zimmer, raus auf den Flur.
Dort entdeckte ich das, noch immer offene, Fenster. Sogleich verwandelte ich mich in eine Eule und flog davon.
Nein, noch einmal würde ich sicher nicht zurückkehren. Ich hatte für immer die Nase gestrichen voll… von allem. Ich hasste mich, ich hasste die ganze Welt… einfach alles und jeden.
Nachdem ich mehrere Kilometer geflogen war, landete ich und wurde unsichtbar. Niemand sollte mich mehr sehen oder finden können. Ich war einfach nur noch traurig und bitter enttäuscht.
Ein verlassenes Haus sollte meine Unterkunft sein, ja… irgendwie würde ich schon durchkommen. Nachdem ich das Haus betreten hatte, schaute ich mich um und richtete es mir dann gemütlich her. Anschließend verließ ich das Haus wieder und besorgte mir irgendwoher was zu Essen.
Da mich als Unsichtbarer niemand sehen konnte, war es für mich sehr einfach, mir alles zu besorgen, was ich brauchte.
*-*-*
Ziemlich fertig saß ich am Boden und schaute Asudem hinterher. Das falkenähnliche Wesen folgte ihm direkt und Tamir sagte irgendetwas zu mir, was mich nicht erreichte. Wie in Trance stand ich auf und ging auf mein Zimmer.
Warum nur verstand er mich nicht? Da dachte ich endlich jemanden gefunden zu haben, der mich versteht und dann so was. Ich verkroch mich in meinem Bett unter der Decke und kam erst mal nicht hervor. Die Zeit verging, doch ich blieb, wo ich war.
Ein Klopfen vernahm ich von der Tür und hörte ich auch die Tür darauf, sowie Schritte. Es setzte sich jemand zu mir auf mein Bett, aber ich zuckte nicht einmal.
„Brix…“, vernahm ich Tamirs Stimme, „Ich bin froh, dass du deine Stimme wiedergefunden hast. Bitte rede mit mir. Ich habe immer versucht, dich in Schutz zu nehmen. Jetzt mach nicht alles kaputt, nur wegen Asudem…
Wir werden ihn beobachten, aber erst mal in Ruhe lassen. Es soll nur sicher gestellt sein, dass er sich nichts antut. Vermutlich braucht er erst mal Zeit…
Brix, bitte.“
Ein Seufzen hörte ich noch von Tamir, dann legte er seine Hand auf meinen Rücken, was mich zusammenfahren ließ. Alles in mir sträubte sich gegen diese Berührung. Warum hatte Asudem mich alleine gelassen? Warum?
*-*-*
So nach und nach besorgte ich mir alles was ich brauchte und schloss mich dann in dem leer stehenden Haus ein. Dann wurde ich wieder sichtbar, aber nun behielt ich meine eigentliche Gestalt, denn hier konnte mich eh niemand sehen.
Ich setzte mich auf den Boden, lehnte mich an eine Wand und starrte ins Leere. Aber ich weinte nun nicht, überlegte vielmehr was ich jetzt tun sollte oder wollte. Fakt war, dass ich auf Dauer hier nicht bleiben konnte und wahrscheinlich irgendwann in diese Schule zurückkehren musste. Aber was dann?
Ich dachte an Brix, den ich wahrscheinlich ziemlich enttäuscht hatte, auch musste ich irgendwie an Tamir, den Betreuer denken. Ja, sie waren ja irgendwie schon gut zu mir gewesen… aber ich hatte Angst, dass das alles nur gespielt sein könnte und ich wollte auch nicht andauernd bestraft werden. Das hatte ich nun wirklich schon zu oft durchmachen müssen.
Irgendwie wusste ich nicht was ich tun sollte und auch nicht was ich tun sollte. Dass ich mich mit meiner Gestalt würde abfinden müssen, war mir nun auch langsam klar. Mir würde wohl nichts anderes übrig bleiben.
Brix hatte sich zudem erstaunlicherweise nicht erschreckt, hatte es gelassen genommen und zudem gemeint, dass er es wohl nicht so schrecklich finden würde. Nun ja, das war dann wohl doch eher Ansichtssache.
Sollte ich nun wirklich zurückkehren?
*-*-*
Tamir zog seine Hand wieder weg und stand auf.
„Okay, du brauchst wohl auch Zeit. Aber du kannst nicht ewig unter der Decke bleiben. Du weißt doch, dass ich für dich da bin, wenn etwas ist…“, hörte ich ihn sagen und erneut seufzen, bevor er den Raum verließ.
Und ob ich hier ewig bleiben könnte! Zusammengekauert unter meiner Bettdecke blieb ich sitzen und rührte mich nicht. Meine Gedanken galten einzig und allein Asudem, obgleich ich genau wusste, dass Tamir für mich da war. Ich wollte bei Asudem sein!
Aber ich wusste auch, dass sie mich nicht gehen lassen würden. Zudem hatten sie Asudem gewiss sowieso in Beobachtung. Ich fühlte mich einsam und allein gelassen.
*-*-*
Trotzdem ich hungrig, wie ein Wolf, war, konnte ich nichts essen. Mein Magen war einfach zu… warum auch immer. Ich konnte mir auf meine Gefühlslage keinen Reim machen.
So fasste ich den Entschluss, es doch zu versuchen, auch auf die Gefahr hin, dass ich mir erstens großen Ärger einhandeln würde und zweitens… nun ja, es würde wohl nicht anders laufen, als in den anderen Heimen und Schulen.
Aber egal, was hatte ich schon zu verlieren. Also verließ ich das Haus doch wieder, verwandelte mich in eine weiße Taube und flog zur Schule zurück. Dass ich beobachtet wurde, hatte ich vergessen, zudem es mir egal war.
Also flog ich widerwillig zur Schule zurück. Dort angekommen, flog ich direkt in das Flurfenster hinein und verwandelte mich in meine eigentliche Gestalt zurück. Klar, sah ich, wie mich die anderen erschrocken anschauten, aber ich achtete nicht mehr drauf, sollten sie doch denken was sie wollten.
Zunächst ging ich in mein Zimmer… Tamir würde ich mich später noch stellen und meine Strafe erwarten. In meinem Zimmer zog ich mich um und bemerkte dann, dass Brix in seinem Bett unter der Decke kauerte.
Unsicher ging ich auf das Bett zu, setzte mich drauf und strich mit der rechten Hand über die Bettdecke… sagte aber nichts.
*-*-*
Erneut hatte jemand das Zimmer betreten. Doch ich war mir sicher, dass es nicht Tamir war. Die Schritte hatten sich anders angehört und auch als derjenige sich zu mir aufs Bett setzte, war es anders.
Aber auch die Hand, die mich berührte, fühlte sich irgendwie gut an. Vorsichtig zog ich die Decke weg und schaute mit Tränen in den Augen Asudem an, der doch tatsächlich in seiner richtigen Gestalt da saß. Einfach, als wäre er nie weg gewesen.
Stürmisch umarmte ich ihn, aus Angst, er wäre nur ein Traum oder würde sich gleich wieder in Luft auflösen. Meine Hände zitterten und ich bekam weiche Knie.
„Es tut mir so leid“, schluchzte ich, „Bitte, lass mich nie mehr allein!“
Er roch so gut und sein Aussehen war kein bisschen schrecklich für mich. Ich hatte nur Angst ihm durch meine Tränen weh zu tun und versuchte sie zu unterdrücken.
*-*-*
Ach herrje, da hatte mich jemand aber sehr vermisst, wie ich feststellen musste.
Ich ließ mir die Umarmung gefallen, nahm ihn dann auch vorsichtig in die Arme, wollte ihm aber nicht weh tun. Mir tat es leid, dass er nun Tränen in den Augen hatte… wieder hatte ich jemandem wehgetan… au man…
„Ist schon gut, ich bin ja da. Ich werd versuchen hier klarzukommen… kein Plan… ob ich es schaffe.“, erwiderte ich leise und ruhig.
Irgendwie schien ihn mein Aussehen tatsächlich nicht zu stören. Aber warum nur?
Nun, ich nahm es erst mal so hin und war ihm auch irgendwie dankbar, dass er mich so akzeptierte, wie ich eben war und aussah.
Sacht strich ich über Brix‘ Rücken, versuchte ihm so ein wenig Trost zu spenden.
*-*-*
„Ich frage mich jeden Tag, ob ich hier klar komme und wie ich klar kommen soll“, antwortete ich.
„Lass es uns zusammen versuchen“, flüsterte ich und genoss seine Streicheleinheiten sehr. Auch ich begann seinen Rücken zu streicheln, ganz sanft und liebevoll.
Meine Tränen versiegten und ich schloss genießend die Augen. Ein wenig fing ich sogar an zu Schnurren, ließ mich einfach treiben.
Asudem roch so gut und alles in mir sehnte sich nach ihm. Diese Umarmung fühlte sich viel besser an, als alles was ich zuvor erlebt hatte.
*~*
Unterdessen hatte auch Tamir von Asudems Rückkehr erfahren und war zum Direktor geeilt. Er setzte sich dafür ein, dass Asudem keine Strafe bekam.
Schließlich war Asudem genug gestraft, durch alles was er durchgemacht hatte. Tamir übernahm die volle Verantwortung für Asudem und Brix. Denn er war sich sicher, dass er sich in ihnen nicht täuschte und sie es wert waren.
Sie brauchten keine Strafen, sondern mussten nur lernen zu vertrauen. Jetzt wo sie einander hatten, würden sie vermutlich auch viel besser hier klarkommen, dessen war sich Tamir sicher.
Nun würde er die Zwei aber fürs erste zufriedenlassen.
*-*-*
Langsam und ganz vorsichtig lehnte ich meinen Kopf an Brix‘ Schulter und genoss nun auch seine Streicheleinheiten, was sich so wunderbar anfühlte… und doch so fremd, da ich so etwas nun gar nicht kannte.
Niemand hatte mich bisher gestreichelt oder… gern gehabt… geschweige denn mich so akzeptiert wie ich war… beinahe trieb es mir, bei dem Gedanken, die Tränen in die Augen.
Flüsternd antwortete ich:
„Gut, versuchen wir es gemeinsam. Vielleicht kommen wir dann besser hier klar.“, dann schwieg ich, genoss seine Berührungen… sein Streicheln… dieses sanfte Streicheln.
Über meine Haut zog sich eine angenehme Gänsehaut und ich schloss genießend die Augen.
Ich begann ihn wirklich zu mögen.
„Danke.“, flüsterte ich Brix zu, ließ ihn aber nicht los, hielt ihn fest… wollte ihn gar nicht mehr loslassen… zudem er nun auch noch zu Schnurren begann… was nun wirklich zu süß war.
*-*-*
Wie froh ich war, dass Asudem meine Berührungen ebenfalls zu genießen schien. Ich konnte und wollte damit nicht aufhören. Doch war ich mir unsicher, ob ich weiter gehen sollte.
Irgendwie reichte mir das hier nicht. Aber es war nicht rein sexueller Hinsicht und nicht nur von der Lust getrieben. Da stecke mehr dahinter.
Mein Kopf schmiegte sich an den seinen und meine Hände erkundeten nun eher forschend seinen Rücken. Alles noch zaghaft und unsicher.
Nein, es war zu früh, dachte ich bei mir. Jedoch konnte und wollte ich diesen Moment nun nicht hergeben und genoss es einfach, so wie es war.
Herrje, mein Herz raste richtig und ich war wirklich glücklich über diesen Moment. Nur stellte sich mir auch die Frage, wie ich es anstellen sollte, dass sich so was wiederholte. Wollte Asudem dieses hier denn genauso wie ich?
*-*-*
Wie süß Brix doch war und so unglaublich niedlich… wie er sich an mich schmiegte, so dass ich es kaum glauben konnte. Ich genoss diese Zweisamkeit sehr, die ich das erste Mal in meinem Leben zu spüren bekam… und diese Zärtlichkeiten… ich genoss alles in vollen Zügen.
Doch plötzlich spürte ich eine Wandlung an mir, denn ohne dass ich es wollte, verwandelte ich mich. Ich schaute ein wenig hoch, schaute an die Spiegeltür meines Kleiderschrankes und erblickte ein recht jungenhaftes Gesicht… zart und sanft schien es, das von schulterlangen, dunkelbraunen Haaren umrahmt wurde.
Die Schlangen waren weg, ich schaute auch kurz auf meine Hände, die keine Krallen mehr waren, auch meine Haut war gar nicht mehr grün. Diese war nunmehr milchkaffeebraun und schimmerte samtig.
Sollte das jetzt meine wirkliche Gestalt sein?
Was ich auch versuchte, es ließ sich nicht mehr rückgängig machen.
Meine nunmehr braunen Augen begannen richtig zu strahlen, obgleich ich es noch nicht so wirklich fassen konnte.
Hatte Brix das, mit seiner Unvoreingenommenheit, seiner Güte, und dass er mich tatsächlich so akzeptierte wie ich war, bewirkt?
Nun, es schien wohl so…
Leise Tränen der Freude rannen aus meinen Augen… doch verätzten sie meine Haut nun nicht mehr. Mein Herz hüpfte beinahe vor Freude.
Jetzt ließ ich Brix erst recht nicht mehr los… war ich ihm doch mehr als dankbar und mochte ihn sehr gern.
*-*-*
Ich hatte nichts gegen Asudems Gestalt gehabt, aber jetzt war er der absolute Hammer. Er war total niedlich und seine Augen strahlten richtig.
„Wow“, brachte ich hervor und schaute ihm tief in die Augen.
Meine Tatzen verwandelte ich zu Händen, wie ich es auch immer zum Essen tat und streichelte liebevoll über Asudems Gesicht, wischte somit die Tränen ein wenig fort.
Dann konnte ich nicht anders und legte meine Lippen zaghaft, ja gar schüchtern auf die seinen, um sie auch schon wieder scheu zu entziehen.
Durfte ich das? Mochte Asudem das überhaupt. Während mein Blick an dem seinen hing, streichelte meine andere Hand weiter liebevoll über seinen Rücken.
Dabei legte ich meinen Kopf ein wenig schräg und ließ meine Ohren hängen.
*-*-*
Wie nicht anders zu erwarten, bekam auch Brix meine Verwandlung mit und sein Kommentar bewies mir, dass ich mich nicht geirrt hatte… dass es eben kein Traum war.
Als er mir nun so tief in die Augen schaute senkte ich, leicht errötend, aber kurz den Kopf, spürte dabei, wie er über meinen Rücken streichelte… meine Tränen sanft wegwischte… irgendwie schien es mir noch immer wie ein Traum.
Sollte ich etwa auch mal Glück haben? Doch was war das?!
Er hatte mich tatsächlich geküsst, aber er hatte sich mir so schnell wieder entzogen, dass ich keine Gelegenheit bekommen hatte, den Kuss zu erwidern. Aber es hatte sich schon irgendwie gut angefühlt, wenn auch ungewohnt.
Immerhin war es ja der erste Kuss den ich bekam, was mich nun noch schüchterner machte und mich noch etwas mehr erröten ließ. Dennoch musste ich ein wenig schmunzeln, als Brix nun die Ohren hängen ließ und den Kopf ein wenig schief legte… herrje, war er niedlich.
„Du bist wirklich niedlich und total süß.“, brachte ich leise hervor, konnte seinem Blick aber nicht standhalten, senkte meinen Blick ein wenig.
*-*-*
Diese Worte von Asudem gingen runter wie Öl bei mir. Liebevoll legte ich meine Hand unter Asudems Kinn und zog sein Gesicht an das meine heran.
Erneut küsste ich ihn. Dieses Mal etwas länger und außerdem schloss ich meine Augen dabei.
Mein Herz begann wie wild zu schlagen, bei dem, was ich hier tat. Dann löste ich mich wieder und merkte wie die Hitze in mein Gesicht stieg. Vermutlich sah ich jetzt aus, wie eine Tomate, was meine hellgrünen Augen wohl noch mehr leuchten ließen.
„Du bist viel niedlicher. Schmeckst du überall so süß?“, fragte ich dann doch etwas frech nach. So gerne würde ich ihn überall küssen, nur hatte ich Angst, dass er es nach wie vor nicht wollte.
Mit gesenktem Blick schaute ich Asudem an.
*-*-*
Oh je, jetzt küsste mich Brix noch einmal und diesmal länger, so dass ich nun die Chance bekam den Kuss zu erwidern, was ich natürlich nur sehr zaghaft und scheu tat, denn Erfahrungen in dieser Sache hatte ich gar keine.
Dennoch fühlte es sich schon gut an.
Grinsend bemerkte ich danach, dass Brix auch etwas rot im Gesicht geworden war, aber er sah so noch viel niedlicher aus. Und dann diese grünen Augen… einfach nur toll.
„Stimmt ja gar nicht, ich bin nicht niedlich, aber du bist echt niedlich.“, widersprach ich Brix und lief dabei knallrot an. „Wie meinst du das, ob ich… überall… also… „
Irgendwas wollte ich fragen, schluckte aber den Rest des Satzes runter, traute mich nicht weiter zu reden bzw. zu fragen.
Liebevoll streichelte ich Brix, als er mich mit seinem gesenkten Blick anschaute. Natürlich verstand ich nicht was er genau wollte… wie denn auch.
*-*-*
Jetzt musste ich grinsen. Asudem schien scheinbar keine Ahnung zu haben. Ich hingegen hatte schon ein paar Erfahrungen und wusste somit genau, was ich wollte.
Vorsichtig kam ich erneut Asudems Gesicht näher, doch dieses Mal küsste ich ihn nicht nur, sondern leckte noch sanft über seinen Hals. Erst hatte ich Angst, dass er wieder Verätzungen davon tragen könnte, merkte aber schnell, dass nichts passierte.
„So meine ich das zum Beispiel…“, bestätigte ich mein tun.
Dann legte ich meine Hand auf Asudems Brust und streichelte diese sanft, wobei ich gekonnt über seine Brustwarzen rieb.
*-*-*
Nachdem mich Brix noch einmal geküsst hatte, begann er meinen Hals zu lecken, was sich nicht schlecht anfühlte, in mir aber seltsame Gefühle hervorrief, mit denen ich nichts anzufangen wusste… auch nicht wusste was sie zu bedeuten hatten.
Zudem machten mir diese Gefühle ein wenig Angst, doch zeigte ich diese Angst jetzt nicht, auch wenn ich mich jetzt gern ein wenig von Brix entfernt hätte.
Seine Worte… seine Erklärung hörend… verstand ich zwar ein wenig, doch starrte ich Brix mit großen Augen an… regte mich aber nicht. Auch dann nicht, als er meine Brust streichelte und meine Brustwarzen leicht hart wurden.
Was tat er hier mit mir? Was sollte ich tun? Was waren das für Gefühle, die ich spürte? Fragen über Fragen gingen mir durch den Kopf, aber ich fand keine Antwort darauf. Allerdings war es mir auch zu unangenehm Brix meine Fragen zu stellen, wollte mich vor ihm nicht noch mehr zum Clown machen, als ohnehin schon.
*-*-*
Asudem schaute mich mit großen Augen an und so hatte ich wieder das Gefühl, dass es noch zu früh war. Also zog ich ihn sacht zu mir rüber und legte mich einfach mit ihm hin.
„Das hier ist aber auch ausreichend“, betonte ich dann und kuschelte mich an ihn.
Alles war wirklich viel gewesen und ich war einfach nur müde und erschöpft. Außerdem wollten wir sicherlich morgen früh ausgeruht bei Tamir sein.
Da wäre es sicherlich nicht falsch, sich eine Mütze voll Schlaf zu holen. So jedenfalls ließ es sich sehr gut aushalten.
Irgendwie machte sich zwar auch ein wenig Hunger bei mir bemerkbar, aber es ging auch mal ohne Abendbrot.
*-*-*
Nun war ich doch ein wenig verwirrt, aber auch erleichtert, dass nichts weiter passiert und Brix so lieb und verständnisvoll war.
Lächelnd nickte ich und ließ mich von ihm hinlegen, schmiegte mich an ihn, genau wie er sich an mich kuschelte und legte meinen Arm um Brix.
Es war schön seine Nähe und Wärme zu spüren.
„Danke.“, flüsterte ich Brix dankbar zu und küsste ihn lächelnd auf die Wange: „Gute Nacht und schlaf schön.“, meinte ich hinzufügend und streichelte sanft seine linke Wange.
Anschließend schloss ich die Augen und da ich schon sehr müde gewesen war, schlief ich sogleich ein.
Es war so schön warm und kuschelig bei ihm und doch so ungewohnt, da ich so etwas ja nicht kannte. Ich war mir aber sicher, dass ich mich sehr schnell daran gewöhnen würde.
*-*-*
Auch ich schlief bald darauf ein, da ich ebenfalls sehr müde war. Der nächste Tag begann für uns früh. Aber wir wollten es ja versuchen.
Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, gingen wir zu Tamir, der uns erstaunt ansah.
„Guten Morgen ihr zwei“, begrüßte er uns mit einem Lächeln auf den Lippen, „Na dann wollen wir mal gleich anfangen.“
Er ging mit uns auf den Sportplatz und erzählte Asudem nebenbei die gute Nachricht, dass er nicht bestraft werden würde. Voraussetzung war aber, dass wir Beide ab jetzt mit ihm trainierten und uns von ihm unterrichten ließen.
Ich willigte ein, da ich schon sehr gespannt war, was er uns alles beibringen wollte.
Als erstes sollten wir gegeneinander um die Wette laufen und auch wenn es ein Wettkampf war, oder gerade deswegen, machte es sehr viel Spaß.
Seit langem lachte ich mal wieder und das von ganzem Herzen.
*-*-*
Ich freute mich sehr, als Tamir meinte, dass ich nicht bestraft werden würde und bedankte mich.
Na ja, was den Unterricht anging, musste ich wohl oder übel mitmachen, auch wenn es mir ganz und gar nicht passte. Aber ich hatte Brix versprochen, dass ich bleiben und wir es gemeinsam versuchen wollten, also hielt ich mich auch dran.
Um die Wette laufen… au man, musste das denn echt sein?! Ich hasste so was, nur Brix schien es zu gefallen, denn er lachte. Na, wenn er denn meinte. Allerdings ließ ich mir viel Zeit mit dem Laufen, so dass Brix das Wettrennen gewann, was mich aber nicht störte.
So verging Tag um Tag und so war ich jetzt schon über einen Monat hier und verstand mich mit Brix super und auch mit den Anderen hatte ich kein Problem mehr… so kam ich auch mit den Betreuern nun sehr gut aus.
Natürlich konnte ich mich auch weiterhin verwandeln, auch wenn ich nicht mehr so scheußlich aussah. Ich verwandelte mich nun aber immer weniger und dann auch nur, wenn es sein musste, denn nun hatte ich es ja nicht mehr nötig.
Wen Brix und ich allein waren kam es immer wieder mal vor, dass wir uns küssten und streichelten, aber mehr passierte nicht. Im Unterricht lernte ich sehr gut und passte auch gut auf, was uns Tamir beibrachte.
Nun war mal wieder Freitagabend und wir hatten den Unterricht schon seit einer ganzen Weile hinter uns.
„Und was machen wir heute?“, wollte ich von Brix wissen, nachdem wir wieder in unserem Zimmer waren.
*-*-*
Herrje, wieso musste er mich denn so was fragen? Wo ich so gerne, so viele schlimme Sachen mit ihm anstellen würde. Bisher hatte ich mich immer beherrscht, doch wusste ich nicht, wie lange ich es noch aushalten würde.
Ich wollte Asudem endlich nahe sein.
„Ähm…“, antwortete ich, „…wir könnten es uns gemütlich machen? Oder hast du eine Idee?“
Gekonnt stellte ich die Frage zurück. Vielleicht fiel ihm ja etwas ein, wo wir nicht unbedingt eng aufeinander hockten. Irgendwie war ich heute so in Fahrt, dass ich für nichts garantieren konnte.
Im Grunde war es ja verständlich. Denn immerhin hatte ich keine Minute für mich gehabt, um Druck abzulassen. Wir klebten förmlich die ganze Zeit über aneinander. Ob Asudem schon mal an sich selber herumgespielt hatte, wusste ich nicht. Auch nicht, ob ich es ihn fragen sollte.
Seine schönen vollen Lippen schauten mich so einladend an, dass ich sie wie blöd anstarrte.
*-*-*
Auf Brix‘ Gegenfrage hin, nickte ich, schaute ihm liebevoll, sanft in die Augen und antwortete ihm:
„Ja, ich… habe eine Idee, aber… na ja, wie soll ich es sagen… ich… habe, von Tamir, die Erlaubnis bekommen heute die Schule für ein paar Stunden zu verlassen und würde gern ein wenig Zeit allein verbringen wollen.
Ich mein, das hat echt nichts mit dir zu tun. Ich mag dich echt gern. Du bist für mich zu einem sehr guten und wunderbaren Freund geworden… nur… wir hocken jetzt schon seit über einem Monat ständig aufeinander und nun würde ich eben gern mal etwas für mich sein.
Bitte, sei mir nicht böse, okay. Ich komme wieder, das verspreche ich dir.“
Ich schaute meinen Freund sanft an und lächelte… merkte aber auch, wie er mich anschaute… ja, fast schon anstarrte. Aber ich konnte damit nicht viel anfangen, weshalb ich nicht drauf eingehen konnte.
„Und wenn ich wieder da bin, reden wir mal miteinander, okay. Weil ich so einige Dinge nicht verstehe und diese gern von dir erklärt haben würde.“, fügte ich, noch immer lächelnd, hinzu.
Mit diesen Worten ging ich an meinen Kleiderschrank, suchte mir ein paar Sachen raus, zog mich um und ging zur Tür. Noch einmal drehte ich mich zu Brix um und lächelte ihn liebevoll an.
Dann verließ ich das Zimmer, hinter mir die Tür schließend. Auf dem Flur angekommen, öffnete ich das Fenster, verwandelte ich mich in einen Raben und flog davon.
Jetzt wollte ich ein paar Stunden meine Freiheit genießen und tat es auch. Ich genoss dieses Gefühl, meine Flügel auszubreiten und durch die Lüfte zu fliegen.
Ich würde diese Zeit weiterhin genießen und dann in die Schule, zu Brix, zurückkehren… immerhin hatte ich es ja versprochen und würde mich selbstverständlich daran halten.
*-*-*
Das hatte mich nun schon sehr getroffen, dass Asudem allein sein wollte. Auch wenn er es mir erklärt hatte, so hatte ich mit der Frage etwas anderes interpretiert. Ich dachte, er bezog die Frage auf uns Beide und nun saß ich hier und wusste nichts mit mir anzufangen.
Es hätte alles so schön werden können.
Seufzend ließ ich mich auf Asudems Bett sinken. Alles roch hier nach ihm und ich steckte meine Nase ins Kissen. Jetzt war Asudem gedanklich bei mir und langsam fing ich an mich zu streicheln.
Anfangs langsam und zaghaft, eben wie Asudem es meistens tat. Doch dann ging ich immer einen Schritt weiter, wobei ich mir viel Zeit ließ.
Meine Hände waren in Gedanken Asudems Hände, die nun unter meiner Kleidung mich streichelten und genau da berührten, wo ich es gerne hatte. Eine Gänsehaut machte sich über meinen Körper breit und meine Männlichkeit stand wie eine Eins.
Langsam und ausgiebig fing ich an mich zu bearbeiten. Dabei roch ich immer wieder an Asudems Kissen. Stellte mir vor ihn zu küssen, was wir schon so oft getan hatten und ihn ebenfalls zu streicheln.
Wie gerne würde ich ihm jetzt einen runterholen.
*-*-*
Sehr weit weg war ich geflogen, dann landete ich in einem kleinen, aber wunderschönen Wäldchen, wo ich mich zurückverwandelte und durch den Wald ging.
Es roch so herrlich nach Tannenbäumen, dann die Ruhe dazu und das Gezwitscher der Vögel, das die Ruhe ab und zu durchschnitt, ließ mich träumen.
Es war einfach nur zu schön und so genoss ich alles was mir der Wald bot.
Während ich ruhig durch den Wald spazierte dachte ich über Brix nach. Er war so lieb zu mir und ich verdankte ihm, dass ich endlich nicht mehr als Ungeheuer herumlaufen musste. Außerdem mochte ich ihn wirklich sehr gern. Außerdem war er mir in diesem einen Monat zu einem wunderbaren Freund geworden, mit dem man auch mal richtig Mist bauen, oder aber mit ihm reden konnte.
Dennoch verstand ich noch immer nicht so richtig was genau er von mir wollte. Sicher, die Küsse hatten sich schon toll angefühlt, aber warum tat er das? Warum hatte er meinen Hals angeleckt? Warum das alles?
Ich hatte keine Peilung davon… verstand es absolut nicht und würde dringend mit ihm über alles reden müssen. Denn ich war mir ziemlich sicher, dass es irgendeine logische Erklärung für das alles geben müsste.
Nach etwa zwei Stunden verwandelte ich mich wieder in einen schwarzen Raben und flog zur Schule zurück, wobei ich wiederum die Aussicht und auch das Fliegen sehr genoss.
Klar, ich hätte noch etwas fortbleiben können, aber erstens wollte ich Tamir zeigen, dass er mir vertrauen konnte und zweitens, wollte ich unbedingt wieder zu Brix.
Unterwegs landete ich vor einem Geschäft und kaufte für Brix, von meinem Taschengeld, eine Kette, an der ein niedlicher kleiner Katzenanhänger dran und der mit kleinen Strasssteinchen besetzt waren, die wunderschön glitzerten.
Diesen wollte ich ihm, als Zeichen unserer Freundschaft und meiner Dankbarkeit schenken.
Die Kette ließ ich schön verpacken und auch ein Schleifchen drum binden und machte ich dann wieder auf den Weg in die Schule.
Eine gute halbe Stunde später erreichte ich die Schule, flog durch das Flurfenster wieder ins Gebäude hinein und verwandelte mich zurück. Aufsehen erregte ich hier nicht mehr, denn sie alle hatten sich schon an mich gewöhnt, zudem ich ja kein Monster mehr war.
Leise öffnete ich die Tür und betrat unser Zimmer, was ich dann aber zu sehen bekam, ließ mich zurückweichen. Brix lag auf meinem Bett und streichelte seinen Unterkörper. Er schien es zu genießen, doch ich verstand es nicht, da ich so etwas eben noch nie getan hatte.
Erschrocken ließ ich das Geschenk fallen, das dann dumpf auf dem Boden landete.
„Brix…“, flüsterte ich stammelnd vor mir her: „…was… tust du… da? So was… tut man… doch… nicht…“, während ich immer weiter rückwärtsging und die Wand hinter mir bald erreichte, wo ich mich zu Boden sinken ließ.
Ja, ich hatte so etwas schon gesehen und auch damals hatte es mich erschreckt. Mit großen Augen schaute ich mal zu Brix und mal schaute ich auf meine Knie… meine Hände… wusste nicht wohin ich sehen sollte.
Warum tat er das, und dann auch noch auf meinem Bett?
Schließlich verwandelte ich mich in eine Fledermaus und flog, mal wieder, in die hinterste, dunkelste Ecke, des Zimmers. Wo ich mich an die Wand krallte und meine Flügel um mich legte.
*-*-*
Das dumpfe Geräusch und auch Asudems Worte ließen mich zusammenzucken. Schnell bedeckte ich meine Blöße und dabei war ich gerade so in Fahrt gewesen.
Doch fasste ich mich schnell wieder und schaute hoch zu Asudem, der als Fledermaus verwandelt in der Ecke saß.
„Alles gut. Komm bitte wieder runter. Wenn du mich lässt erkläre ich dir alles in Ruhe. Außerdem ist das nichts Schlimmes. Ganz im Gegenteil! Es ist etwas sehr schönes, wenn man sich selber verwöhnt. Aber noch schöner ist es, wenn man es zu zweit macht…“, versuchte ich zu erklären.
Irgendwie kam mir alles falsch vor, was ich sagte, obgleich ich mir soviel Mühe gab. Die Worte wollten nicht so, wie ich es wollte und ich hoffte sehr, dass Asudem mich verstand.
Nur zu gerne würde ich ihm zeigen, wie schön so was sein konnte. Würde ihn gerne berühren und vielleicht auch seine Hände auf meinen Körper spüren.
*-*-*
Nach einer kleinen Weile hörte ich Brix‘ Worte, die ich zwar irgendwie verstand und dann auch wieder nichts damit anfangen konnte, da ich es eben nicht kannte.
Aber ich wollte meinem Freund die Chance geben, mir das alles zu erklären, also flog ich runter, verwandelte mich dabei aber in einen mittelgroßen Tiger und ging auf Brix zu.
Nun konnte er es mir erklären, so von Katze zu Katze.
Mit meiner „Schnauze“ hob ich das kleine Päckchen auf und hielt es ihm hin, dabei schaute ich ihm mit treu doofen Blick in die Augen.
Noch war ich aber nicht bereit mich wieder in meine normale Gestalt zu verwandeln, wollte erst seine Erklärung hören und dann entscheiden.
*-*-*
„Ist das für mich?“, fragte ich zaghaft nach und schaute dem Tiger in die Augen. Asudem wäre mir in seiner realen Gestalt zwar lieber gewesen, aber Katze war Katze, oder nicht?
„Weißt du…“, begann ich zu erklären, „Es ist ein ganz schönes Gefühl sich zu streicheln, aber noch schöner ist es, wenn es jemand anderes tut.“
Dann schaute ich Asudem, der immer noch als Tiger vor mir stand, tief in die Augen und begann sein Fell zu lecken. Liebevoll und sanft säuberte ich ihn. Erst am Hals und wanderte ich weiter runter zur Brust.
Dabei schlang ich meine Arme um seinen Hals und gab mich dem Gefühl ganz und gar hin.
*-*-*
Ich nickte, auf die Frage meines Freundes hin, ob das Geschenk für ihn sei. Anschließend hörte ich mir seine Erklärung an.
Ich verstand, ja, aber für mich war es …ich weiß nicht… unangenehm… ja fast peinlich.
Als er nun aber mein Fell zu lecken begann, konnte ich nur ein leises Fauchen von mir geben, leckte zwar über sein Gesicht und seine Haare, aber ich zog mich auch ein wenig zurück… peinlich berührt.
Da ich mich in der Tiergestalt nicht sprachlich mitteilen konnte, verwandelte ich mich in meine eigentliche Gestalt zurück, schob Brix sacht von mir und schaute ihn an.
„Was tust du da mit mir und warum tust das?“, wollte ich von ihm wissen: „Mir ist das peinlich… ich kenne so was nicht.“, erklärte ich kurz, doch traute ich mich nicht ihm in die Augen zu schauen.
Abschließend fügte ich hinzu: „Ja, das Geschenk ist für dich.“, doch schaute ich noch immer den Boden besonders interessiert an.
*-*-*
Jetzt musste ich erst mal in das Geschenk schauen und war sprachlos, als ich es geöffnet hatte. Einen Moment brauchte ich, doch dann konnte ich wieder was sagen.
„Danke… die Kette ist wunderschön!“, sagte ich und musste glatt eine Träne unterdrücken, so gerührt war ich.
Anschließend versuchte ich es erneut zu erklären.
„Dir muss das nicht peinlich sein und ich mache das, weil ich dich sehr gerne hab. Es fühlt sich eben schön an, so was miteinander zu teilen. Magst du es denn, was ich da tue? Wenn ja, dann muss es dir nicht peinlich sein“, sagte ich und schaute Asudem an.
Mir fiel es so schwer mich auszudrücken und ich würde ihm am Liebsten alles zeigen. Nur sah ich schon alles scheitern, weil ich einfach zu dumm war, Asudem zu erklären, wie schön so was sein konnte.
*-*-*
„Nichts zu danken. Die Kette ist ein Zeichen meiner Freundschaft zu dir und meiner Dankbarkeit.“, erklärte ich Brix ruhig, traute mich aber noch immer nicht ihn anzusehen.
Da war die Erklärung, die sich logisch für mich anhörte… er tat das weil er mich sehr gern hatte. Okay, soweit verstand ich das jetzt.
Nur stand ich jetzt vor der nächsten Frage: Tat man so was nur weil man jemanden sehr gern hatte? Ich hatte Brix auch sehr gern, aber ich tat so was nicht mit ihm… hmm…
„Ich…“, begann ich Brix zu antworten: „…weiß nicht… ja… es fühlt sich schon… gut an… aber… mir ist es …trotzdem… peinlich und… ein bisschen …na ja… unangenehm. Ich… hab auch irgendwie… Angst davor.“, stammelte ich stotternd.
Ich starrte vor mich hin… betrachtete den Fußboden, als wäre dieser jetzt ganz besonders interessant. Irgendwie kam ich mir total verblödet vor, als hätte sich meine frühere Gestalt auf mein Hirn gelegt und mir meine Intelligenz genommen.
Na toll… wahrscheinlich machte ich mich vor Brix gerade so richtig zum Obst. Aber ich konnte doch andererseits auch nichts dafür, dass ich Angst hatte.
„Verzeih mir bitte, ich… hätte dich nicht so sehr… mit meinen Fragen bedrängen sollen. Es… tut mir… leid.“, entschuldigte ich mich, mit noch immer gesenktem Blick.
*-*-*
„Alles gut! Du musst dich nicht entschuldigen. Lieber du fragst und bist ehrlich. Jedoch brauchst du keine Angst zu haben. Versuche mir doch einfach zu vertrauen. Wir gehen es langsam an und wenn du etwas nicht möchtest, oder sich nicht gut anfühlt, so können wir jederzeit aufhören.
Bisher hast du es sicher auch noch nicht bereut hier geblieben zu sein, oder? Dann kannst du mir hierbei auch vertrauen“, sagte ich ganz ruhig und ging dabei auf Asudem zu. Ich konnte es nicht lassen und küsste ihn zärtlich. Herrje, wie mich diese Lippen anzogen.
Aber ich wollte Asudem auch nicht überrumpeln. Denn immerhin war es mir wichtig, dass wir beide unseren Spaß dabei hatten. Als ich den Kuss gelöst hatte, schaute ich meinen Freund erwartungsvoll an.
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Ganz ruhig hörte ich mir an, was Brix zu sagen hatte und nickte verstehend.
„Ich habe es bisher nicht bereut hiergeblieben zu sein, das stimmt. Und ich weiß auch, dass ich dir vertrauen kann… aber ich… also gut… okay… ich sag dir… wenn ich was nicht möchte.“, willigte ich ein, auch wenn ich dabei ein mulmiges Gefühl in der Magengegend hatte.
Brix‘ Kuss erwiderte ich mit geschlossenen Augen, denn das kannte ich ja schon und ich wusste, dass es sich schön anfühlte… so sanft und zärtlich, dass man sich darin verlieren konnte.
Als Brix den Kuss gelöst hatte und mich nun so erwartungsvoll und so süß anschaute, konnte ich nicht anders, als verlegen zu lächeln und spürte dabei wie mein Gesicht zu glühen begann… sich wahrscheinlich mal wieder in ein leuchtendes Rot tauchte.
Jedoch schaute ich nun mal nicht zu Boden, sondern erwiderte seinen Blick ebenso erwartungsvoll, während mein Herz so laut pochte, dass ich meinte, Brix müsste es hören können.
Was erwartete mich nun, was würde mein Freund mit mir anstellen? Eine Frage, die sich so wahrscheinlich nicht beantworten ließ, so dass ich es drauf ankommen lassen müsste.
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„Das freut mich und schau, von den Küssen kriegst du ja auch schon nicht genug. Dann wirst du alles andere auch mögen“, versicherte ich Asudem lächelnd.
Anschließend näherte ich mich ihm erneut, um ihm abermals zu küssen. Meine Hände fingen derweil an, ihn frech zu streicheln. Sein Gesicht glühte und auch mein Körper schien in Flammen zu stehen.
Sanft strich meine Zunge über Asudems Lippen und bat um Einlass. Vorsichtig nahm ich seine Hand und führte sie unter mein Shirt, um sie auf meine nackte Brust zu legen. Daraufhin zeigte ich ihm ganz langsam, wie ich gestreichelt werden wollte.
Es fühlte sich so gut an. Immerhin hatte ich mich lange danach verzerrt. Noch eine Weile küsste ich Asudem, bevor ich küssender weise seinen Hals erkundete und sein Ohrläppchen. Kurz konnte ich mich nicht beherrschen und hauchte ihm ein paar Worte ins Ohr.
„Du bist so sexy.“
Jedoch hielt ich mich zurück und versuchte Asudem Zeit zu lassen. Was gar nicht so einfach zu sein schien, wenn man richtig heiß war.
*-*-*
Nachdem Brix noch ein paar Worte an mich gerichtet hatte, ging er auch schon gleich… zumindest so halbwegs zum Angriff über, so dass ich gar nicht wusste wie mir geschah. Seine Zunge strich über meine Lippen, die ich nur sehr zaghaft öffnete, jedoch erst mal nichts weiter tun konnte, da ich mich ja nicht auskannte.
Brix führte mich, schien mir so gut, wie alles zeigen zu wollen, so bekam ich nur wenig später seine nackte Haut zu spüren, wo er anscheinend gern berührt werden wollte. Das Gefühl war mehr als seltsam und ich war doch versucht meine Hand zurückzuziehen… tat es aber nicht, wollte ihn nicht enttäuschen.
Au man, Brix ging ja wirklich ganz schön ran, denn eine Gänsehaut überzog meinen Körper, als er meinen Hals küsste und sich an meinem Ohrläppchen zu schaffen machte. Mein Gesicht glühte noch etwas mehr, doch tat ich noch immer nichts weiter, als alles weitgehend geschehen zu lassen.
Ich sollte sexy sein… sicher nicht… Hart musste ich schlucken, bei dem was Brix so mit mir anstellte und noch immer war es mir ein wenig peinlich, aber ich wehrte mich nicht… sagte aber auch nichts.
Obgleich er schon ziemlich ran ging, schien er mir etwas Zeit zu lassen, was ich gut fand, dennoch stand ich einfach nur da, wie zu einer Salzsäule erstarrt… wusste nicht so recht, was ich tun sollte.
*-*-*
Erneut griff ich nach Asudems Hand und zog sie wieder unter meinem Shirt hervor. Nun lächelte ich ihn an und zog ihn rüber zu seinem Bett. Dort machte ich es mir gemütlich und klopfte erwartungsvoll neben mich.
„Hab keine Angst! Ich werde dich nicht beißen. Versprochen!“, versuchte ich Asudem zu beruhigen.
Er war so süß und unschuldig. In mir brodelte es wie wild und ich wusste nicht, wie ich mich zurückhalten sollte.
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Endlich hatte Brix von mir abgelassen, doch schien er noch immer nicht so ganz fertig mit mir zu sein, denn er wollte doch tatsächlich, dass ich mich zu ihm auf mein Bett setzen sollte. Nickte nur und ging langsam auf mein Bett zu… scheu wie ein Reh, schaute ich meinen Freund dabei an. Mein Herz klopfte noch immer, wie bei einem Dauerlauf.
Schließlich hatte ich mein Bett erreicht, schaute meinen Freund noch einmal an, dann setzte ich mich stocksteif neben ihn, auf mein Bett. Ich wusste nicht was mich erwartete, doch wollte ich meinem Freund vertrauen, auch wenn ich ein mulmiges Gefühl dabei hatte.
Neben Brix sitzend schaute ich zu Boden… konnte es mir nicht so gemütlich machen, wie er es getan hatte.
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Liebevoll legte ich meinen Arm um Asudem und meine Hand auf seine Schulter.
„Hey, mach dich locker“, flüsterte ich in sein Ohr und knabberte ein wenig daran. Dann konnte ich nicht anders und kitzelte ihn ein wenig durch, um ihn anschließend in die Kissen zu drücken.
Verträumt schaute ich Asudem in die Augen und lächelte ihn an.
„Alles gut. Lass dich ein wenig von mir verwöhnen, ja?“, sagte ich dann, bevor ich langsam meine Hand unter sein Oberteil schob.
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Alles ging so unglaublich schnell, dass ich gar nicht so schnell denken konnte. Eben noch legte er seinen Arm um mich und flüsterte mir etwas zu und schon im nächsten Moment kitzelte er mich, doch war ich dagegen immun und somit überhaupt nicht kein bisschen kitzlig.
Und dann, schon im nächsten Augenblick lag ich auf meinem Bett, wo er mich hinein gedrückt hatte und mir nun lächelnd in die Augen schaute. Zwar erwiderte ich seinen Blick, doch begann mein Körper ein wenig und unmerklich zu zittern.
Ich sollte mich von ihm verwöhnen lassen… oh je… Doch wiederum wollte ich ihn nicht enttäuschen, nickte nur wortlos, wusste einfach nicht was ich in dieser Situation hätte sagen sollen.
Denn er hatte seine Hand schon unter mein Shirt geschoben, was sich ja nicht schlecht anfühlte, aber doch so unbekannt war. Dies alles hier… war für mich wie ein unbekanntes Land, in das ich von meinem Freund geführt wurde.
*-*-*
Erneut küsste ich Asudem liebevoll und zärtlich, während meine Finger seine nackte Haut ertasteten und streichelten.
Sicher bemerkte ich seine Unsicherheit, nur hoffte ich sehr, dass er sich entspannen würde. So gerne wollte ich ihm die Zärtlichkeiten zeigen, die ich in Gedanken schon so oft mit ihm geteilt hatte.
Wieder küsste ich Asudems Hals, um anschließend seine Lippen in Beschlag zu nehmen. Dann stupste meine Nase, die seine an und ich unterbrach für einen kurzen Augenblick den Kuss.
„Hast du dich noch nie selber angefasst oder gestreichelt? Hier zum Beispiel?“, wollte ich dann wissen, wobei ich frech mit der Hand über seine Hose streichelte, worunter sich seine Männlichkeit befand.
Gekonnt streichelte ich langsam mit leichtem Druck, wobei ich Asudem wieder tief in die Augen sah.
*-*-*
Den nächsten Kuss von Brix erwidernd und auch ein wenig seine Zärtlichkeiten genießend, schloss ich zunächst meine Augen, bis er den Kuss unterbrach und mir eine Frage stellte, die ich hätte schon längst mit ihm klären sollen…
„Nein, ich… habe mich… noch nie… dort… berührt.“, antwortete ich und hatte schon ein paar kleine Tränen in den Augen, denn es war mir nun sehr peinlich, dass mich Brix dort berührte und streichelte.
Meine Beine zusammendrückend, bat ich meinen Freund:
„Bitte… nicht… bitte, hör auf… ich… mag das nicht… ich hab Angst.“ und wand meinen Kopf, peinlich berührt, zur Seite.
Ich rückte weg von ihm und kauerte mich, mit angewinkelten Beinen, in eine Ecke meines Bettes. Auf meine Knie schauend flüsterte ich schuldbewusst:
„Es… tut mir leid… ich… kann das nicht. Verzeih mir… bitte…“
*-*-*
Ich war etwas fix und fertig über Asudems Reaktion und wollte schon einfach gehen, da ich mich dafür hasste, so weit gegangen zu sein. Asudems Tränen machen es nur noch schlimmer, aber ich blieb.
Liebevoll schlang ich meine Arme um meinen Freund.
„Schh, beruhige dich. Es ist alles gut. Ich sagte doch, wenn du etwas nicht möchtest, höre ich sofort auf. Tut mir leid, dass ich so weit gegangen bin. Verzeih du mir!“, bat ich ihn und kuschelte mich in die Ecke hinein, an ihn.
Denn so gerne ich all das wollte, war ich mir sicher Asudem zu nichts zwingen zu wollen.
„Außerdem brauchst du keine Angst zu haben. Vielleicht solltest du dich wirklich erst einmal selbst erkunden, bevor wir so was hier machen. Davor brauchst du auch keine Angst zu haben, es ist wirklich wunderschön und dann wirst du mich sicherlich verstehen. Aber jetzt beruhige dich erst einmal“, sprach ich weiter und versuchte Asudem zu trösten.
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Tatsächlich hatte Brix aufgehört und zeigte so viel Verständnis… zudem entschuldigte er sich. Och manno, das brauchte er doch nicht. Plötzlich tat er mir so unglaublich leid, dass ich mich dafür hasste, dass ich Angst hatte und ihn nicht einfach an mich heran ließ.
Dabei wusste ich doch genau, dass ich ihm vertrauen konnte und er mir niemals wehtun würde. Aber es lag wohl tatsächlich daran, dass ich damit noch keine Erfahrungen hatte.
Als sich mein Freund nun zu mir in die Ecke kuschelte und seine Arme um mich schlang, kuschelte ich mich ebenfalls an ihn, legte meine Arme auch um ihn und begann ihm zärtlich über seinen Rücken zu streicheln.
„Bitte, du musst dich nicht entschuldigen. Es ist alles gut“, flüsterte ich meinem Freund zu, streichelte mit der rechten Hand weiter über seinen Rücken und mit der linken Hand streichelte ich seine Wange.
„Es tut mir leid, dass ich dir so viele Sorgen bereite“, flüsterte ich weiter, kam seinem Gesicht näher und traute mich dann doch…
Liebevoll legte ich meine Lippen auf die seinen, küsste ihn sanft und voller Zärtlichkeit. Sacht löste ich den Kuss, schaute Brix erst mal liebevoll in die Augen, ehe ich in sein Ohr flüsterte.
„Können wir noch mal von vorn beginnen? Aber bitte langsam und nicht so schnell“, schaute ihm dann wieder in die Augen… hoffend, dass er nicht allzu böse auf mich wäre.
*-*-*
Gerne erwiderte ich den Kuss und grinste: „Gern können wir das!“
Liebevoll zog ich Asudem richtig zu mir aufs Bett und legte mich neben ihn. Ganz dicht kuschelte ich mich an ihn und blieb erst mal einen Moment so liegen, bevor ich ihn erneut küsste.
Mein Körper stand immer noch in Flammen und ich konnte nichts dagegen tun. In meiner Hose war es wirklich sehr eng, da meine Männlichkeit ihren eigenen Willen hatte und schon ganz hart war.
Mit aller Kraft versuchte ich das zu ignorieren und konzentrierte mich voll und ganz auf Asudem. Ich wollte ihm Zeit lassen und auf jede noch so kleine Geste achtgeben. Es sollte schön für ihn sein.
Ganz liebevoll streichelte ich erst mal über seinen Rücken, wie ich es schon oft getan hatte.
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Neben Brix auf dem Bett liegend, schloss ich die Augen, versuchte mich zu entspannen, was im ersten Moment nicht so einfach war, mir dennoch langsam gelang. Die Streicheleinheiten meines Freundes genoss ich nun, drehte mich zu ihm um und kuschelte mich an ihn, begann auch ihn streichelnd zu erforschen… liebevoll… zärtlich.
Gedanklich versuchte ich ihm einfach zu vertrauen, sagte mir, dass er mir sicher nicht weh tun würde. Dazu war er doch viel zu lieb und zärtlich, um mir wirklich weh tun zu können. Um mich etwas abzulenken, küsste ich Brix ein ums andere Mal, ließ meine Hände langsam unter sein Shirt gleiten, suchte und fand die nackte Haut, streichelte diese sanft, zog dabei kleine Kreise auf seiner Haut.
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Mein Herz fing an zu rasen, als Asudems Hände meine nackte Haut berührten. Ich hatte das Gefühl vor Freude zu platzen. Endlich sollten wir uns näher kommen. Liebevoll und sehr zärtlich erwiderte ich den Kuss und ließ Asudem erst mal langsam Fuß fassen. Erst nach einer ganzen Weile begann ich ebenfalls meine Hände unter sein Oberteil zu lassen.
Sehr Vorsichtig ging ich vor und übereilte dabei nichts. Legte meine Hand erst mal nur auf seine Haut und genoss dieses Gefühl. In diesen heißen Küssen konnte ich mich sowieso verlieren und ließ einfach alles geschehen.
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Ja, so war es gut… und ebenso fühlte ich mich nun auch… gut. Natürlich versuchte ich mich zu entspannen, Brix zu vertrauen, was auch langsam in meinem Gehirn ankam. Noch immer hielt ich meine Augen geschlossen, genoss Brix‘ Hände auf meiner Haut, die sich so warm und weich anfühlten, dass ich mich nun wirklich vollends entspannte.
Meine Hände allerdings schienen sich zu verselbstständigen, denn sie wanderten streichelnd einfach am Körper meines Freundes herab… tiefer und noch tiefer… so erreichten sie den Hosenbund… wo sie Halt machten.
Währenddessen fühlte sich mein Körper an, als würde er zu glühen beginnen und ich seufzte leise auf.
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Herrje, Asudem stellte mich gerade extrem auf die Probe. Wie sollte ich mich da zusammenreißen? Doch tat ich es, auch wenn es mir schwer fiel.
Meine Hose schien zu platzen, vor Spannung und meine Hände begannen Asudems Körper zu erkunden. Langsam und mit viel Gefühl, immer darauf bedacht, einen Schritt zurück zu gehen.
Währenddessen löste ich zaghaft den Kuss und küsste Asudems Hals, um wieder zu seinen Lippen zu gelangen.
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Da ich schon ein wenig von Brix gelernt hatte, wanderte meine Hand streichelnd weiter und erreichte die Körpermitte meines Freundes… streichelte sacht darüber.
Ich spürte, wie hart es in seiner Hose war und war schon versucht meine Hand wieder wegzuziehen, doch gehorchte sie mir nicht, sondern strich weiter über Brix‘ Hose… langsam… aber beharrlich und mit ein wenig Druck.
Was tat ich da eigentlich? Ich hatte doch null Erfahrungen damit, na gut, ich tat eigentlich nur das, was Brix vorher mit mir getan hatte.
Als Brix meine Hals zu küssen begann, neigte ich meinen Kopf noch etwas zur Seite, damit er meinen Hals besser küssen konnte, doch da hatte er schon wieder meine Lippen in Beschlag genommen.
Und so ganz langsam begann ich seltsame Gefühle zu spüren, die sich in meinem ganzen Körper ausbreiteten und mich wiederum leise aufseufzen ließen.
*-*-*
Auch ich musste seufzen, als Asudems Hand auf meiner Hose rieb. Da er seinen Hals geneigt hatte, küsste ich ihn nur kurz und begab mich dann erneut zu seinem Hals, den ich zärtlich liebkoste.
Dabei wanderte nun auch meine Hand langsam tiefer und streichelte Asudems Bauch. Immer tiefer glitt sie, machte jedoch vorerst noch halt, bevor sie wieder über seine Hose glitt. Erst mal musste ich schauen, wie er reagierte, ob es jetzt okay war, für ihn.
Ich merkte schon, dass er es jetzt mehr genoss. Außerdem war ich mehr als heiß, so dass ich kaum mehr nur mit dem Kopf dachte, sondern mehr mit meinem Unterleib.
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Plötzlich hörte ich mich leise stöhnen, als ich die Hand meines Freundes über meine Hose gleiten spürte. So als könnte ich nicht anders hob ich mich ihm nun ein wenig entgegen, streckte mich der streichelnden förmlich entgegen.
Natürlich vergaß ich dabei Brix nicht und machte weiter mit dem was ich tat, rieb weiter über seine Hose, wanderte ein wenig nach oben und öffnete seine Hose… so als wollte ich es jetzt echt wissen. Langsam ließ ich meine Hand in seine Hose gleiten…
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Ein lautes Aufstöhnen kam über meine Lippen, als Asudems Hand in meine Hose fuhr. Die ganze Zeit über hatte ich das hier gewollt und nun endlich geschah es. Meine Männlichkeit bekam endlich etwas Platz und dazu noch Asudems Hand zu spüren.
Ich tat es meinem Freund gleich und öffnete ebenfalls seine Hose. Wobei ich vorsichtig über seine Männlichkeit fuhr, bevor ich sie in die Hand nahm und langsam bearbeitete. Aber immer noch bedacht, mich jeder Zeit wieder zurückzuziehen.
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Was passierte denn hier gerade? Ich spürte Brix‘ Hand an meiner Männlichkeit, hob mich der Hand noch etwas mehr entgegen, während mein Stöhnen nun etwas lauter wurde.
Die Männlichkeit meines Freundes hatte ich ebenfalls in die Hand genommen und begann diese streichelnd zu massieren… ob es richtig war, was ich tat, konnte ich nicht wissen, doch Brix‘ Reaktion zeigte mir, dass ich vielleicht doch mal etwas richtig machte.
Immer intensiver massierte ich die Männlichkeit meines Freundes und zog seines Hose langsam, aber geschickt etwas herunter, um ihn dann besser streicheln und massieren zu können.
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Asudem schien es zu gefallen, was ich tat und so massierte ich seine Männlichkeit ebenfalls intensiver. Auch zog ich seine Hose ein wenig runter, um besser ran zu kommen. Es fühlte sich toll an, was er tat. Zwar noch etwas holprig, aber gerade das, machte es extra geil.
Meine Erregung wuchs immer mehr und lange würde ich nicht mehr brauchen. Ich konnte es auch gar nicht mehr zurückhalten, da ich es viel zu sehr ersehnt hatte und so kam es mir mit einem erneuten Stöhnen in Asudems Hand.
Das war für mich wie ein Ansporn und ich massierte Asudems Männlichkeit noch intensiver, als vorher.
*-*-*
Als ich nach einer Weile etwas Feuchtes an meines Fingern spürte und meine Augen öffnete, schaute ich in Brix‘ zufriedenes Gesicht. Es schien ihm wirklich sehr gefallen zu haben.
Doch dann spürte ich auch, wie Brix meine Hose ebenfalls runterzog und meine Männlichkeit ebenfalls massierte. Meine Männlichkeit wurde ebenfalls sehr hart und es löste in mir unbekannte und ungeahnte Gefühle aus, die ich nicht mehr kontrollieren konnte.
Ich bewegte mich der streichelnden Hand entgegen, mein Rücken bog sich leicht durch, dann spürte ich eine heiße Welle, die mich überschwemmte… mich laut aufstöhnen ließ und ich mich nun auch ergoss. Mein Herz hämmerte derweil gegen meinen Brustkorb, als gäbe es kein Morgen mehr, während meine Atmung nunmehr ein erregtes Keuchen war.
Erst jetzt wusste ich was Brix meinte… als er sagte, dass es schön wäre…
*-*-*
Nachdem es mir bekommen war, war ich zufrieden, doch als Asudem ebenfalls kam, war ich mehr als zufrieden und unser kleines Spiel schien ein perfektes Finale gefunden zu haben. Noch einmal küsste ich Asudem und grinste breit.
„Und? Bereust du es?“, fragte ich ihn.
Für mich hatte es sich so gut angefühlt, wie nie zuvor und ich hatte schon einige solcher Spiele mitgemacht. Doch mit Asudem war es irgendwie anders. Es fühlte sich so toll an und vollkommen schön.
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Noch ein wenig außer Atem, musste ich mich erst einmal erholen, konnte Brix nicht sofort antworten, dennoch erwiderte ich seinen Kuss.
Die Augen wieder öffnend, schaute ich Brix, mit glasigem, von Lust verhangenem Blick, in die Augen.
„Nein,“, antwortete ich schließlich noch ein wenig keuchend: „…ich habe es nicht bereut… es hat sich schön angefühlt.“, dann jedoch begann mein Gesicht zu erröten, als ich gewahr wurde, dass ich noch immer so halbnackt neben Brix lag, und meine Wangen schienen förmlich zu glühen.
Tatsächlich hatte ich es nicht bereut, mich auf dieses „Spiel“ eingelassen zu haben.
*~*
So verging die Zeit auf dem Internat recht schnell und bald hatten Asudem und Brix ihren Abschluss. Sie gingen getrennte Wege und lebten ihr Leben.
Doch wie sagt man so schön: Man trifft sich immer zweimal im Leben!
*~*
Es war recht frisch heute Morgen. Meine Ohren versteckte ich deshalb unter einer dicken Wollmütze und meine Tatzen huschten in die Jackentaschen. So konnte ich als normaler Mensch durchgehen, wenn man mich nicht kannte.
Müde war ich irgendwie, da es noch recht früh war. Ich hatte noch Zeit und so ging ich zum Bäcker, wo ich mir einen Kaffee gönnte und ein belegtes Brötchen. Gedankenversunken stand ich am Stehtisch und aß mein Frühstück.
*-*-*
Nach meinem Abschluss an dem Internat, das ich mit gut abgeschlossen hatte, verließ ich das Internat. Brix und ich trennten uns… gingen getrennte Wege. Ich hatte mir in einer kleinen Stadt eine Einraumwohnung genommen, die für mich vollkommen ausreichte und bezahlbar war.
Die Wohnung verließ ich nur, wenn es unbedingt sein musste, denn, nach meinem Fortgang aus dem Internat wurde ich leider wieder dieses Scheusal, das ich war, als ich in das Internat gekommen war.
In meiner Wohnung brauchte ich mich wenigstens nicht zu verwandeln, so blieb ich wo ich war. Ich arbeitete nur von zuhause aus und dann auch nur via Internet.
Da ich aber auch mal einkaufen musste, blieb es mir nicht erspart, dass ich mich wieder in einen Menschen verwandeln musste, was mich nun noch mehr Energie kostete und ich mich immer wieder beeilen musste, um nicht in der Öffentlichkeit Medusa zu werden.
In der Zwischenzeit hatte ich mir einen anderen Namen zugelegt und nannte mich in der Öffentlichkeit Kilian.
Wieder einmal war es Wochenanfang und ich musste meine Wohnung, zwecks Nahrungssuche verlassen. Es war kalt draußen, das wusste ich, deshalb verwandelte ich mich in einen jungen Mann, zog mich witterungsgerecht an und verließ meine Wohnung.
Mein direkter Weg führte mich zunächst zum Bäcker, danach würde ich schnell in den Supermarkt huschen und dann blitzschnell wieder heim gehen. Ich betrat den Bäckerladen und grüßte, als ich bei der Theke ankam.
*-*-*
Als ich mit dem Frühstück fertig war, brachte ich meinen Teller und die Tasse zur Theke. Doch schusselig wie ich war, kippte mir die Tasse mit dem Anstandsschluck um. Ausgerechnet auf einen jungen Mann, der sich wohl gerade etwas kaufen wollte.
„Entschuldigung. Das tut mir Leid“, versuchte ich die Situation zu retten.
Mit meiner Tatze griff ich nach einer Serviette und rieb auf dem Mantel herum, den der Mann trug. Natürlich erkannte ich Asudem nicht in den Mann, da ich ihn in dieser Menschengestalt noch nicht kannte.
*-*-*
Gerade als ich meine Bestellung aufgeben wollte musste so ein Trottel mir den Rest seines Getränks über den Mantel kippen und ich schnauzte ihn zunächst an:
„Kannst nicht aufpassen, man?!“, dann jedoch sah ich, als der „Trottel“ versuchte meinen Mantel zu „reinigen“ diese Hand, die beinahe einer Katzentatze glich…
Ich erinnerte mich an… Brix… das konnte nur Brix sein…
„Brix?“, fragte ich erstaunt und schaute meinen ehemaligen „Schulkameraden“ und Freund an.
Dass ich ihn hier wieder traf… hmm… ob das wohl Schicksal war…?
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Etwas perplex schaute ich auf, in die Augen des Mannes. Doch er war gar kein Fremder. Jetzt, wo ich ihm in die Augen schaute, konnte ich es sehen und spüren. Ja, vielleicht sogar riechen.
„Asudem?“, fragte ich unnötigerweise mit einem Lächeln im Gesicht.
„Aber, wieso hast du eine andere Menschengestalt?“, wollte ich dann wissen.
Meine Tatze hörte unterdessen einfach nicht auf, den Kaffeefleck zu bearbeiten. Als wolle sie die versäumte Zeit einfach schnell nachholen.
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„Warte bitte kurz.“, meinte ich, gab schnell meine Bestellung ab, bekam was ich wollte und bezahlte alles dann.
Anschließend wand ich mich Brix wieder zu, kehrte der Verkäuferin nach einem Dankeschön, den Rücken zu.
„Ich heiße nicht mehr Asudem… ich nenne mich jetzt Kilian. Und die andere Gestalt… hm… leider bin ich, nach dem Internat wieder zu dem Scheusal geworden und verlasse meine Wohnung deshalb kaum noch.
Aber egal… wie geht es dir denn?“, laberte ich drauf los, hielt meinen Einkauf in der linken Hand.
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„Okay… Kilian“, sagte ich etwas gewöhnungsbedürftig, „Ich denke immer noch, dass du deine wahre Gestalt nicht verstecken musst…
Mir geht es soweit gut. Ich arbeite in einem Laden hier um die Ecke, wo sie Spielzeug verkaufen, habe eine kleine Wohnung, nur denke ich, dass irgendetwas fehlt.“
Dabei schaute ich in Asudems Augen und konnte gar nicht anders, als mich in ihnen zu verlieren. Wieso hatten sich damals nur unsere Wege getrennt? Was es Schicksal, dass wir uns jetzt wiedertrafen?
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„Aber ich muss sie verstecken, was glaubst du wie die Verkäuferin…“, ich zeigte mit dem Kopf in Richtung der Frau hinter uns: „…reagieren würde, würde sie Schlangen auf meinem Kopf sehen und meine Klauen, die sich Hände nennen…“, meinte ich etwas spöttisch.
„Komm, gehen wir, ich muss noch schnell in den Supermarkt und dann heim, weil die Verwandlungen jetzt nicht mehr so lange anhalten und sie mich unglaublich viel Kraft kosten.“, meinte ich und verließ damit auch schon das Geschäft.
Die Worte meines Freundes ließ ich mir durch den Kopf gehen und lächelte ein wenig.
„Ich habe auch eine kleine Wohnung, wohin ich mich zurückziehe und auch von dort aus arbeite.“, erzählte ich: „Was fehlt dir denn in deiner Wohnung, hm?“, wollte ich dann von meinem Freund wissen… erwiderte seinen Blick, senkte diesen dann aber recht verlegen.
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Ich folgte Asudem, da ich noch immer Zeit hatte, bis ich zur Arbeit musste. Einen Moment musste ich nachdenken, doch dann sagte ich es ganz offen und ehrlich.
„Du fehlst in meinem Leben. Seitdem unsere Wege sich getrennt haben, ist nichts mehr wie vorher. Wir hätten uns nie trennen sollen.“
Sanft legte ich meine Hand an seinen Arm und küsste ihn einfach so. Es kam über mich und ich wusste nicht wohin mit all meinen Gefühlen, dass ich sie in diesen einen Kuss steckte.
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Herrje… als hätte ich es mir gedacht… Wie Brix meinte, fehlte ich ihm in seinem Leben. Zugegeben… er fehlte mir ja auch, aber… ich lebte sehr zurückgezogen, hatte mich an das Alleinsein gewöhnt. Und nun… war da wieder Brix und küsste mich… einfach so.
Alle Gefühle prasselten auf mich hernieder, derer ich mich nicht erwehren konnte. Aber ich durfte jetzt nicht weinen… denn wie damals verätzen Flüssigkeiten meine Haut… nicht aber meine Organe. So verkniff ich mir die Tränen, die sich gerade anbahnten, und erwiderte den Kuss meines Freundes nur allzu gern.
„Du fehlst mir doch auch… aber…“, ich schluchzte: „…ich lebe sehr zurückgezogen und habe mich an die Einsamkeit gewöhnt… ich…“
Ich konnte nicht weiterreden, durfte nicht weinen und doch standen mir die Tränen in den Augen, die ich nur mit viel Mühe zurückhalten konnte.
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„Geht mir doch ähnlich. Aber es liegt alleine an uns, das zu ändern!“, sagte ich.
„Nicht weinen, bitte. Alles ist gut! Glaub mir. Jetzt wo ich dich wieder habe, lass ich dich nicht so einfach gehen“, fügte ich hinzu.
Mir waren diese Worte mehr als ernst und ich würde alles daransetzen, um an Asudems Seite sein zu dürfen.
Sanft nahm ich ihn an die Hand und ging einfach mit ihm weiter in Richtung Kaufhaus. Er wollte einkaufen und das sollte er jetzt auch. Danach würde ich ihn nach Hause begleiten und wir würden sehen was kommt.
Vielleicht wäre heute mal ein guter Tag für eine Krankmeldung.
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Bei Brix‘ Worten konnte ich nur noch zustimmend nicken. Er hatte natürlich Recht mit dem was er sagte. Es lag einzig und allein an uns, das zu ändern.
Während wir gemeinsam in Richtung Supermarkt gingen, keimten in mir Gedanken auf, die ich nicht wegschieben konnte und stellten sich mir Fragen, wie:
Was, wenn ihn meine eigentliche Gestalt doch irgendwann stören würde?
Was, wenn auch er mich irgendwann fallen lassen würde?
Ich bekam es mit der Angst zu tun. Warum stellten sich mir diese Fragen, wo ich doch wusste, dass Brix von Anfang an, so anders auf mich reagiert hatte… nicht schreiend davongerannt war.
War es vielleicht, weil ich mich schon zu sehr an die Einsamkeit gewöhnt hatte und nun kalte Füße bekam, vor einem Zusammenleben?
Da ich nun schon spürte, dass sich die Verwandlung bald aufheben würde, zog ich meine Mütze und auch meine Kapuze tiefer ins Gesicht, so dass beinahe nur noch meine Augen und ein wenig meiner nunmehr wieder grünen Haut zu sehen waren. Meine Hände oder besser meine Klauen versteckte ich verzweifelt in den Handschuhen.
Herrje, ich schämte mich so sehr für mein Aussehen, auch wenn ich mich mit der Zeit damit arrangiert hatte, war es für mich jedes Mal eine Qual, so durch die Straßen zu gehen. Wobei es jetzt im Winter okay war, da ich mich in meinen Sachen verstecken konnte… aber sobald es wärmer wurde… nun ja…
Nein, ich hasste mich nicht mehr, denn im Internat hatte ich gelernt, dass ich mich nicht zu hassen brauchte, da mein Körper trotz allem beeindruckende Fähigkeiten besaß.
So erreichten wir den Supermarkt und betraten diesen sogleich.
Es war nicht allzu viel was ich einkaufen musste und so nahm ich mir einen Einkaufswagen und ging mit meinem Freund schweigend durch die Gänge. Als erstes kaufte ich etwas Obst und Gemüse ein, danach Backwaren, diverse Süßigkeiten und was zum Mittag, natürlich fehlten auch die alkoholfreien Getränke nicht.
Ich durfte keinen Alkohol trinken, da dieser meinen Körper vollkommen austrocknen und einen nicht wieder gutzumachenden Schaden anrichten würde. Da ich ahnte, dass Brix mich weiter begleiten würde.
„Möchtest du etwas Bestimmtes essen oder trinken?“
*-*-*
Sicher hatte ich bemerkt, dass Asudem sich verwandelt hatte, aber es störte mich nach wie vor nicht im Geringsten. Als er mir jedoch diese Frage stellte, schaute ich auf die Uhr.
„Ich muss bald arbeiten. Doch würde ich dich gerne später treffen und dann sieht das, was du im Wagen hast, schon sehr gut aus“, antwortete ich grinsend.
Liebevoll strich ich über seine Wange und zupfte ein wenig seine Mütze zurecht. Ihn störte es scheinbar gesehen zu werden, deshalb wollte ich ihm dabei helfen, unerkannt zu bleiben.
Anschließend begleitete ich ihn wieder still schweigend. Wir gingen zur Kasse und anschließend zu Asudem.
Hilfsbereit half ich ihm beim Tragen der Einkäufe und beim Einräumen.
„Dann komme ich später in der Mittagspause zu dir? Ja?“, sagte ich zu ihm, als ich wieder meinen Mantel und meine Schuhe anzog, da ich los zur Arbeit musste.
Lächelnd ging ich auf ihn zu und küsste ihn erneut.
*-*-*
„Gut, okay, dann bis nachher.“, antwortete ich und erwiderte seinen Kuss liebevoll und zärtlich.
Ich war ihm für seine Hilfe sehr dankbar, auch wenn ich sie vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte, aber Brix hatte es gut gemeint und das rechnete ich ihm hoch an. Wie immer war er sehr liebevoll zu mir, so dass ich mich zeitweise fragte, ob ich das überhaupt verdient hatte.
Nachdem Brix schließlich gegangen war, um zur Arbeit zu gehen, machte ich mir erst einmal etwas zu essen und setzte mich dann in meinem Zimmer an den PC, wo ich sogleich zu arbeiten begann, immerhin musste ja auch ich Geld verdienen, nur konnte ich mir meine Zeit frei einteilen, stand also nicht so unter Druck.
Zwischendurch bereitete ich das Mittagessen vor, damit mein Freund nachher was Warmes in den Magen bekam, nicht hungern und warten musste. Natürlich kochte ich fleischlos, denn noch immer war ich ja Vegetarier und so lebte ich auch.
Irgendwie freute ich mich auf Brix, trotz aller Selbstzweifel.
*-*-*
Die Arbeit ging mir heute sehr leicht und schnell von der Hand. Da ich meine Pfoten immer noch zu Händen verwandeln konnte, hatte ich keinerlei Probleme, Spielzeuge zu reparieren und verkaufen.
Bald war es Mittag und gut gelaunt ging ich in die Mittagspause, freute mich sehr auf Asudem.
Eine Kleinigkeit musste ich jedoch noch mitnehmen. Es war ein Buch vom hässlichen Entlein. Vielleicht, so hoffte ich, würde es Asudem auf andere Gedanken bringen und ihn verstehen lassen, dass es nicht wichtig ist, wie man aussah.
Nervös ging ich zu Asudems Wohnung und klingelte. Im Treppenhaus kam mir schon ein angenehmer Geruch entgegen. Asudem schien gekocht zu haben.
Mhhh.
*-*-*
Gerade hatte ich meine Arbeit beendet, auch das Mittagessen war fertig und der Tisch war ebenfalls schon gedeckt, als es an der Tür klingelte und ich sogleich an die Tür eilte, um diese zu öffnen.
Mit einem strahlenden Lächeln, zumindest soweit dies bei dieser Gestalt möglich war, empfing ich Brix und ließ ihn eintreten.
„Hallo, mein Freund, schön, dass du wieder da bist. Bitte, folge mir in die Küche, das Mittagessen ist schon fertig und der Tisch ist auch schon gedeckt. Ich hoffe, du hast ordentlich Hunger mitgebracht.“, plapperte ich drauf los und umarmte meinen Freund liebevoll.
Schließlich führte ich meinen Freund in die Küche und hoffte ihm würde das Essen schmecken. Ich stellte noch etwas zu Trinken hin und Gläser, dann strahlte ich ihn wieder an.
Irgendwie gewöhnte ich mich ganz langsam wieder an Brix.
*-*-*
Auch ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd und schaute Asudem liebevoll in die Augen. Für mich würde er immer Asudem bleiben, auch wenn er jetzt den Namen Kilian vorzog.
Außerdem war er für mich keineswegs abschreckend, denn ich kannte ihn besser, als jeder Andere. So setzte ich mich an den Tisch und bediente mich.
„Es sieht richtig lecker aus und man konnte es schon im Hausflur riechen. Ich freue mich sehr darauf, mit dir essen zu dürfen“, sagte ich ganz offen.
Danach probierte ich das Mittagessen und es zerging auf meiner Zunge, so köstlich war es.
„Wow, wo hast du so gut kochen gelernt?“, wollte ich von Asudem wissen, bevor mich eine ganz andere Frage beschäftigte, „Sag mir bitte, hast du je wieder so eine Beziehung zu jemandem gehabt, wie zu mir?“
Mein Herz pochte wie wild und schlug mir bis zum Hals. Damals war ich wohl noch zu jung, um es zu begreifen, dass es zwischen uns viel mehr als nur ein Spiel war.
*-*-*
Hach, schön… wie sehr freute ich mich, dass sich Brix freute und anscheinend ziemlich großen Hunger hatte.
Ein wenig schaute ich ihm beim Essen zu, ehe ich mich ebenfalls bediente und zu essen begann. Mittendrin musste ich direkt grinsen, als er fragte wo ich so kochen gelernt hätte.
„Ich hab mir das Kochen selbst beigebracht.“, gab ich Brix zur Antwort und freute mich, dass es ihm so gut schmeckte, wurde dann jedoch direkt rot, was durch meine grüne Haut nicht zu sehen war, ich jedoch bemerkte, dass mein Gesicht beinahe zu glühen schien.
So beantwortete ich, mit einem Kopfschütteln, seine anschließende Frage.
„Nein, hatte ich nicht. Nachdem wir das Internat verließen und sich unsere Wege trennten… habe ich allein und zurückgezogen gelebt. Mein einziger Gefährte war die Einsamkeit. Nie wieder hatte ich zu jemand so eine Beziehung, wie zu dir. Ich hatte mich damals in…“, ich stockte… sollte ich wirklich… ja…“…in dich verliebt. Aber ich hatte mich nicht getraut es dir zu sagen.“
Ich legte mein Besteck weg, schaute auf meinen Teller, dann liefen auch schon die Tränen an meinen Wangen herab und verätzten natürlich wieder meine Haut. Schluchzend und ungeachtet der Schmerzen sprach ich weiter.
„Als wir das Internat verließen… wurde ich wieder dieses Scheusal, wie sollte ich mich denn in dieser Gestalt einem Menschen nähern? Wie konnte… sollte ich …dich… je vergessen? Ich konnte es nicht.“, mit diesen Worten vergrub ich das Gesicht in meinen Händen und weinte hemmungslos… auch auf die Gefahr hin, dass mein Gesicht wahrscheinlich bald nur noch aus rohem Fleisch bestehen würde.
*-*-*
Froh über dieses Geständnis, aber auch erschrocken, über Asudems Tränen, stand ich auf und ging zu ihm rüber. Ich kniete mich zu ihm runter und nahm seine Hände von seinem Gesicht.
„Es gibt keinen Grund mehr zu weinen! Jetzt bin ich doch da! Ich liebe dich auch“, sagte ich und versuchte seine Tränen fortzuwischen.
Dann konnte ich nicht anders und legte meine Lippen auf die seinen, strich mit meiner Zunge über seine Lippen und bat um Einlass. So lange hatte ich mich danach gesehnt. Unterdessen legte ich seine Hände, in die meinen und parkte alles auf seinen Knien.
*-*-*
Wie? Was? Hatte Brix das eben wirklich gesagt? Er liebte mich auch? Das konnte doch unmöglich wahr sein. Und doch hatte er es gesagt und ich hatte es nur allzu deutlich vernommen.
Mit dicken Tränen, der Freude in meinen Augen, vermischt mit wenigen Zweifeln, schaute ich Brix an, so als könnte ich es nicht glauben. Und doch freute sich mein Herz, machte beinahe Luftsprünge.
Trotzdem mein Gesicht wie Feuer brannte, da es mal wieder stark verätzt war, erwiderte ich den Kuss meines Freundes nur allzu gern, öffnete auch meinen Mund und hieß seine Zunge willkommen. Meine Zunge spielte mit der seinen und es erzeugte in meinem Bauch ein kribbelndes Gefühl.
Meine Hände hielten die Seinen fest, wollten sie nicht mehr loslassen.
Endlich würde sich mein Traum doch noch erfüllen, mein Traum von einem gemeinsamen Leben mit Brix, den ich, seit damals, über alles liebte.
*~*
Beide hatten sich endlich wiedergefunden und sich ihre Liebe gestanden. Sie wurden ein Paar und zogen bald zusammen. Endlich waren Beide glücklich.
Auch, wenn Asudem sich immer noch schwer tat, half Brix ihm dabei, besser mit sich selbst und seinem Aussehen klar zu kommen.
So wurden sie zusammen sehr glücklich.

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Information Das Gericht
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:58 AM - No Replies

In was für eine gottverdammte Scheiße war ich da hinein geraten! Nie, selbst in meinen schlimmsten Albträumen nicht, hätte ich geglaubt, einmal hier zu sitzen, auf der Anklagebank des Jugendgerichtes unserer Stadt.
Nervös schaute ich zu meinem Verteidiger hinüber, der mir zwar aufmunternd zulächelte, aber mir trotzdem nicht das Gefühl gab, hier schnell und problemlos heraus zu kommen. Im Saal sah ich meine Eltern sitzen, mein Zwillingsbruder Dominic wartete als Zeuge draußen vor der Tür.
Mein Vater zeigte mir den hochgereckten Daumen – wieder so ein Symbol, welches mich nicht sonderlich beruhigte. Anjas Vater war auch da, dieser allerdings schaute mich hasserfüllt an.
Verdammt! Da hinten saß auch Jan, gemeinsam mit seinen Eltern! Was hatten diese drei hier zu suchen?
»So, Herr Marnot, nehmen Sie bitte mal hier vorne Platz.«
Scheiße, es ging los. Mit Knien weich wie Gummi erhob ich mich, ging zum Stuhl in der Mitte des Raumes und setzte mich dort an den Tisch.
»Sie heißen Nicolas Marnot, sind am 13.3.1988 geboren, waren also zum Tatzeitpunkt 16 Jahre alt. Darf ich eigentlich noch du sagen?«
Ich sollte es mir mit der Richterin wohl lieber nicht verderben.
»Ja, kein Problem.«
»Gut. Du wohnst hier in Bardegen, noch bei deinen Eltern.«
Zum Glück war mir wenigstens die Untersuchungshaft erspart geblieben.
»Von Beruf bist du Schüler und gehst in die 11. Klasse am hiesigen Schiller-Gymnasium. Ist das soweit alles richtig?«
»Ja.«
»Gut. Herr Staatsanwalt, die Anklage bitte.«
Der Typ mit den eiskalten Augen, mit denen er mich schon die ganze Zeit durchdringend gemustert hatte, erhob sich von seinem Stuhl.
»Dem Schüler Nicolas Marnot wird Folgendes zur Last gelegt. Am Abend des siebzehnten Dezember 2004 lud er die Zeugin Anja Schlosser unter dem Vorwand, gemeinsam Schulaufgaben machen zu wollen, zu sich nach Hause ein.«
Ja, das hatte ich tatsächlich. Anja hatte gefragt, ob ich ihr bei einer Englisch-Hausarbeit helfen könnte. Und ich selten dämlicher Hund war darauf eingegangen!
»Seine Eltern und sein Bruder waren zu diesem Zeitpunkt zu einem auswärtigen Verwandtenbesuch, sodass sich der Angeklagte mit der Zeugin ganz alleine im Haus befand.«
Leider!
»Im Verlaufe des Abends wurde der Angeklagte immer zudringlicher, die Zeugin jedoch wollte sich nicht auf mehr als ein wenig Kuschelei einlassen. Davon ließ sich der Angeklagte jedoch nicht beeindrucken und erzwang den Geschlechtsverkehr mit der Zeugin. Der Angeklagte wird daher der Vergewaltigung beschuldigt, Verbrechen strafbar nach Paragraph 177 Absatz 2 Strafgesetzbuch.«
»Du hast die Anklage gehört, möchtest du dich dazu äußern? Ich nehme an, du hast dich mit deinem Anwalt dazu beraten?«
Herr Schober war ja ein netter Mensch und sicher auch ein guter Anwalt, aber mit seinem Latein war er auch ziemlich schnell am Ende gewesen.
»Ja, ich werde mich äußern.«
»Sehr schön. Also, was hast du zu dem Tatvorwurf zu sagen?«
Ich versuchte, meine Gedanken zu sammeln und zu ordnen. Gar nicht so einfach in einer solchen Situation.
»Es stimmt, Anja war an diesem Abend bei mir. Ich wollte ihr bei einer Schulaufgabe helfen, aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass es ihr gar nicht darum ging.«
»Worum ging es ihr denn dann?«
»Sie wurde ziemlich schnell zudringlich, sie sagte, dass sie sich in mich verliebt hätte.«
Na das war ein Schock gewesen!
»Und was hast du dazu gesagt?«
Was wohl?
»Ich habe ihr gesagt, dass ich sie zwar nett finde, sie aber nicht liebe.«
»Und dann?«
»Dann hat sie sich mir regelrecht an den Hals geworfen! Sie hat mich geküsst und gleichzeitig das Hemd aufgerissen.«
Ich wusste in diesem Moment gar nicht, wie mir geschah, ich war völlig neben der Spur. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit, dass sie so weit gehen würde.
»Und weiter, Nicolas.«
»Ich wollte das nicht, also habe ich sie von mir gestoßen und ihr noch einmal gesagt, dass ich nichts von ihr will, dass ich sie nicht liebe. Daraufhin hat sie mir eine geknallt, noch gesagt, dass ich schon sehen werde was ich davon habe, und ist davon gestürmt.«
»Ha, das wird wirklich immer lustiger. Jetzt stellt sich der Täter als Opfer dar. Das ist alles andere als glaubhaft, Herr Marnot!«
Ich hatte es gewusst, dieser Staatsanwalt wollte meinen Skalp. So höhnisch wie der mich jetzt angrinste, war ich für ihn schon längst verurteilt und hinter Gittern.
»So war es aber!«
»Ganz ruhig bitte, in meinem Gerichtssaal wird nicht herum geschrieen.«
Jaja, da sollte man noch ruhig bleiben.
»Nicolas, wie lange war Anja bei dir zuhause?«
Sonderlich lange war das nicht gewesen.
»So etwa 10, 15 Minuten. Sie kam gegen 19 Uhr, und etwa 19.15 Uhr verließ sie das Haus schon wieder.«
»Das ist aber komisch, Herr Marnot, laut ihrer eigenen Aussage ist sie nach 20.30 Uhr von Ihnen vergewaltigt worden und erst nach 21 Uhr von Ihnen weggegangen! Das deckt sich auch mit der Aussage ihrer Mutter, die sagt nämlich, dass Anja erst gegen 21.30 Uhr völlig aufgelöst zuhause aufgetaucht wäre. Wie erklären Sie sich das, Herr Marnot?«
»Woher soll ich denn wissen, wo sie sich die ganze Zeit herumgetrieben hat? Bei mir war sie jedenfalls nicht!«
»Haben Sie dafür eventuell auch Zeugen, Herr Marnot?«
»Nein, ich war ja wie gesagt alleine zuhause! Aber haben denn Sie Zeugen dafür, dass es anders war?«
Damit stand ja wohl Aussage gegen Aussage, und hieß es nicht »im Zweifel zugunsten des Angeklagten«?
Nun schaltete sich die Richterin wieder ein.
»Ich sehe schon, so kommen wir hier nicht weiter. Nicolas, nimm bitte neben deinem Verteidiger Platz. Wir hören als nächstes die Zeugin Anja Schlosser.«
Anja kam in den Saal, warf mir wütende Blicke zu und setzte sich dann auf den Stuhl, auf dem eben ich selbst noch gesessen hatte.
»Darf ich noch du sagen? Danke. Also, du heißt Anja Schlosser, bist jetzt siebzehn Jahre alt, zum Zeitpunkt der Tat warst du sechzehn. Du wohnst hier in Bardegen bei deinen Eltern, gehst aufs Schiller-Gymnasium und bist mit dem Angeklagten weder verwandt noch verschwägert. Ist das richtig so?«
»Ja.«
»Gut. Ich muss dich noch belehren, du bist hier als Zeugin vor Gericht, das heißt, du musst die Wahrheit sagen. Solltest du das nicht tun, könntest du dafür bestraft werden. Hast du das verstanden?«
»Ja, habe ich. Ich werde die Wahrheit sagen.«
Na da war ich aber mal gespannt!
»Also, Anja, wir haben gerade den Nicolas vernommen, der schildert den Abend ganz anders als du es in deiner Aussage bei der Polizei getan hast. Er sagt, du wärest nur etwa eine Viertelstunde bei ihm gewesen, und du wärest es gewesen, die aufdringlich geworden wäre. Nachdem er dich abgewiesen hatte, seiest du wütend aus dem Haus gerannt.«
»Ha, dieser verdammte Lügner! Klar, der will jetzt seinen Kopf aus der Schlinge ziehen!«
Das wollte ich tatsächlich, aber ich hatte nicht gelogen.
»Na dann erzähl uns mal ganz genau, wie aus deiner Sicht der Abend abgelaufen ist.«
Und jetzt kam sie wieder, Anjas Phantasiegeschichte vom angeblichen romantischen Abend, an dessen Ende ich dann zudringlich geworden wäre und sie vergewaltigt hätte. Hach wie gut sie auf die Tränendrüse drücken konnte!
Fast alle Anwesenden schauten jetzt vorwurfsvoll und voller Hass in meine Richtung. Mein Gott, das war fast eine Oscar-reife Vorstellung! Endlich war sie fertig, und mein Anwalt schaltete sich ein.
»Frau Schlosser, als Sie an diesem siebzehnten Dezember nach Hause kamen, haben Sie niemandem etwas von einer angeblichen Vergewaltigung erzählt. Ja, Sie sind sogar erst am achtundzwanzigsten. Dezember überhaupt zur Polizei gegangen! Wieso?«
»Wieso wohl! Weil ich mich geschämt habe!«
»Ach, nicht etwa, weil es erst nach dieser Verspätung logisch nachvollziehbar war, dass es keinerlei äußere Anzeichen mehr für die angebliche Vergewaltigung gab?«
»Nein! Ich habe mich einfach geschämt und mich schmutzig gefühlt! Erst nach zehn Tagen war mein Kopf wieder einigermaßen klar und ich wusste, dass ich dieses Schwein nicht so einfach davonkommen lassen durfte!«
»Bitte keine Beleidigungen hier im Gerichtssaal!«
Darum wollte ich aber auch bitten.
»Das nehme ich Ihnen nicht ab, Frau Schlosser. Ich werde Ihnen sagen, wie es meiner Meinung nach abgelaufen ist. Sie haben sich in meinen Mandanten verliebt und wollten ihn an diesem Abend verführen. Als er sie abgewiesen hat, wurden Sie wütend, haben ihm eine heruntergehauen und sind dann davon gestürmt. Ein paar Tage später dann war ihnen das aber noch nicht genug, sie wollten sich für diese Abfuhr noch ordentlich rächen. Deshalb haben sie die Geschichte mit der angeblichen Vergewaltigung erfunden, die aber niemals wirklich stattgefunden hat!«
RA Schober war gut, das musste ich ihm lassen.
»Nein! Er hat mich vergewaltigt! Ich war nie in ihn verliebt, und das konnte ER nicht verkraften, deshalb hat er mir das angetan!«
Träum weiter, du dumme Kuh. Die Richterin seufzte.
»Ich glaube, wir können hier abbrechen. Vielen Dank, Anja, du kannst dich dahinten hinsetzen. Wir hören als nächstes die Zeugin Elvira Schlosser, die Mutter von Anja.«
Frau Schlosser kam in den Saal, und wenn Blicke töten könnten, hätte sich die Verhandlung in diesem Moment in Ermangelung eines Angeklagten erledigt gehabt.
»Nehmen Sie bitte Platz, Frau Schlosser.«
Es folgte die Aufnahme der Personalien sowie die übliche Zeugenbelehrung.
»Frau Schlosser, wir haben jetzt zwei völlig verschiedene Geschichten gehört. Ihre Tochter hat von einer Vergewaltigung berichtet, der Angeklagte hingegen hat ausgesagt, dass außer einem kurzen Streit nichts vorgefallen wäre und Ihre Tochter schon nach wenigen Minuten wieder sein Haus verlassen hätte.«
Die Schlosserin fuhr auf.
»Ja, das sieht diesem reichen Pack ähnlich! Die glauben doch, dass sie wegen ihrem Geld alles haben können! Und nun wollte er auch noch meine arme Tochter haben, und als sie da nicht mitspielte, hat er sich einfach genommen was er wollte!«
Na klar, die arme Anja, das Unschuldslamm. Irgendwer sollte ihre Mutter vielleicht mal darüber aufklären, was für ein Früchtchen da unter ihrem Dach lebte!
»Frau Schlosser, ich kann Ihre Aufregung verstehen, aber bitte mäßigen Sie sich etwas.«
»Ich werde es versuchen, Frau Richterin.«
»Vielen Dank. Erzählen Sie uns jetzt bitte einmal, wie Sie den Abend des 17. Dezember erlebt haben.«
»Meine Tochter wollte an diesem Abend den da drüben besuchen, er wollte ihr bei irgendwelchen Hausaufgaben helfen. Ich dachte mir nicht viel dabei, obwohl Anja mir ein paar Mal erzählt hatte, dass der Typ sie immer so komisch anschaut. Sie fand ihn ja auch ganz nett, sie konnte ja nicht ahnen, was für ein Verbrecher das ist!«
»Vorsicht mit solchen Bezeichnungen, Frau Schlosser! Mein Mandant ist kein Verbrecher!«
»Natürlich ist er einer, ein ganz brutaler Vergewaltiger!«
»Nun beruhigen Sie sich bitte alle mal wieder ein wenig. Wir sind ja hier zusammengekommen, um herauszufinden, ob es ein Verbrechen gegeben hat und ob der Angeklagte dieses Verbrechens schuldig ist. So, Frau Schlosser, bitte erzählen Sie jetzt weiter. Was hat sich an diesem Abend zugetragen.«
Wenigstens die Richterin schien mich noch nicht komplett verurteilt zu haben.
»Anja kam so gegen halb zehn nach Hause. Sie war völlig verstört und verheult und rannte sofort auf ihr Zimmer.«
»Sie sind sich sicher, dass es gegen 21.30 Uhr war?«
»Ja, mein Mann und ich hatten ›Wer wird Millionär‹ geschaut und als die Sendung vorbei war ein wenig herum gezappt. Etwa 10 Minuten später kam Anja nach Hause.«
»Hat Ihre Tochter Ihnen irgendetwas darüber erzählt, was vorgefallen war?«
»Nein, Herr Staatsanwalt, an diesem Abend hat sie nichts erzählt. Ich wollte noch mit ihr reden, aber sie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen.«
»Wann hat sie Ihnen von der Vergewaltigung erzählt?«
»Von der ANGEBLICHEN Vergewaltigung, Herr Kollege!«
»Das werden wir noch herausfinden, wie angeblich die Vergewaltigung war, Herr Kollege!«
»Meine Herren, bitte bleiben Sie doch sachlich! Frau Schlosser, beantworten Sie bitte die Frage des Herrn Staatsanwalt.«
»Das war erst einen Tag nach Weihnachten. Anja war die ganze Zeit sehr verstört und verschlossen gewesen, und ich habe sehr lange gebraucht, um zu ihr durchzudringen und die Wahrheit aus ihr herauszubekommen.«
Die Wahrheit? Dass ich nicht lache!
»Was hat sie Ihnen erzählt?«
Und wieder durften wir uns die Lügengeschichte von diesem kleinen Miststück anhören.
»Es ist mir dann gelungen, sie davon zu überzeugen, dass sie die Sache anzeigen müsse, also sind wir am achtundzwanzigsten Dezember gemeinsam zur Polizei gegangen.«
Während der Aussage ihrer Mutter saß Anja mit verheulten Augen im Gerichtssaal, wie ein Häuflein Elend. Was für eine schauspielerische Meisterleistung und damit der nächste Nagel in meinem Sarg.
Die Richterin entließ Frau Schlosser aus dem Zeugenstand, und als nächstes wurde mein Bruder aufgerufen.
»Herr Marnot, Ihr Bruder hat mir erlaubt, ihn noch zu duzen, darf ich das bei Ihnen auch?«
»Ja klar, nur zu.«
»Gut. Also, du heißt Dominic Marnot, bist siebzehn Jahre alt, wohnst hier in Bardegen bei deinen Eltern, bist noch Schüler auf dem gleichen Gymnasium wie der Angeklagte und die Zeugin Schlosser.«
»Stimmt.«
»Dominic, der Angeklagte ist dein Bruder, daher musst du hier keine Aussage machen. Wenn du aber aussagst, dann muss alles was du sagst der Wahrheit entsprechen, ansonsten würdest du dich strafbar machen.«
»Ich möchte aussagen.«
»Das habe ich mir fast gedacht, schließlich hat dich der Verteidiger deines Bruders als Zeugen benannt. Also, was kannst du zu dem Tatvorwurf gegen deinen Bruder sagen.«
»Zur Tat selber kann ich nichts sagen, ich war ja mit unseren Eltern bei Verwandten in Dorleben. Aber ich kann einiges zu Anja sagen!«
Ob das helfen würde?
»Na dann schieß mal los!«
»Anja war schon eine ganze Weile hinter meinem Bruder her, sie verfolgte ihn in der Schule beinahe auf Schritt und Tritt.«
Einsatz Dr. Schober.
»Hat dein Bruder irgendwann auf irgendeine Weise auf diese Annäherungsversuche reagiert?«
»Nicht wirklich. Er war davon etwas irritiert, hat Anja aber nie irgendwie ermutigt. Im Gegenteil, er hat verschiedene Versuche von ihr, mit ihm etwas zu unternehmen, immer wieder unter Vorwänden abgeblockt.«
Nur bei dieser dämlichen Englisch-Hausarbeit hatte ich meine Prinzipien vergessen.
»Das können übrigens auch noch andere Klassenkameraden von uns bezeugen. Anja war richtig aufdringlich Nicolas gegenüber. Aber das kannte man von ihr ja schon.«
»Wie meinen Sie das, Herr Marnot?«
Interessierte das den Staatsanwalt wirklich?
»Anja verknallt sich alle zwei Monate in einen neuen Typen, und den verfolgt sie dann regelrecht. Egal ob der nun auch was von ihr will oder nicht.«
»Und mein Mandant wollte nichts von ihr, habe ich das richtig verstanden?«
»Absolut! Nic hatte keinerlei Interesse an Anja!«
»Du kannst dir also auch nicht vorstellen, dass er sie tatsächlich unter einem Vorwand ins leere Haus gelockt und dann dort vergewaltigt hat?«
»Niemals! Nicolas würde so was nie tun! Auf gar keinen Fall!«
Mit hochgezogener Augenbraue schaute ich Dom warnend an. Mein Bruder schien das zu kapieren, aber so recht glücklich war er damit wohl nicht.
»Vielen Dank, Dominic. Gibt es noch weitere Fragen an den Zeugen? Nein? Dann bist du entlassen und kannst dich dort hinten hinsetzen.«
Dominic nickte mir aufmunternd zu, dann setzte er sich auf den Stuhl, der am weitesten von Anja entfernt war. Auch eine Art Aussage…
»Also in meinen Augen war das eine reine Gefälligkeitsaussage für den Bruder. Frau Vorsitzende, ich würde vorschlagen, jetzt noch die psychologische Gutachterin zu hören.«
»Ja, das scheint mir auch der richtige Zeitpunkt zu sein.«
Die Gutachterin wurde aufgerufen, und kurz darauf betrat eine aufgetakelte Frau in den Vierzigern den Gerichtssaal. Die Personalien wurden aufgenommen, die Belehrung erfolgte, dann ging es mit der Vernehmung weiter.
»Frau Doktor Schulze-Rosenthal, Sie haben im Auftrag des Gerichts mehrere Gespräche mit der Zeugin Anja Schlosser geführt. Was haben Sie dabei über die Zeugin und über den Tatvorwurf der Vergewaltigung herausgefunden?«
»Nun, in unseren Sitzungen stellte sich Anja als eine mittlerweile wieder recht starke junge Frau heraus, die zwar noch Schwierigkeiten mit der Verarbeitung des Geschehens hat, aber auf dem besten Wege zur Bewältigung der Angelegenheit ist. Sicher trägt auch diese Verhandlung und die Bestrafung des Täters dazu bei.«
»Sie gehen also davon aus, dass der Tatvorwurf gegen den Angeklagten tatsächlich zutrifft und nicht – wie vom Angeklagten behauptet – einzig der Phantasie der Zeugin Anja Schlosser entspringt?«
Na da hatte sich ja ein Pärchen gefunden, Staatsanwalt und Gutachterin schienen genau auf der gleichen Wellenlänge zu liegen.
»Ja, für mich gibt es da gar keinen Zweifel. Alle Anzeichen deuten auf eine reale Vergewaltigung hin, die anfängliche Verstörtheit und Verschlossenheit, das erst allmähliche Vertrauen fassen den Eltern und mir gegenüber, später dann der Wille, das alles trotzdem durchzustehen und den Täter seiner gerechten Bestrafung zuzuführen. All das ist absolut typisch für das Opfer einer solchen Tat, ich sehe daher auch keinen Grund, an Anjas Aussagen zu zweifeln.«
Das war’s dann wohl. RA Schober versuchte noch, die Doppelnamen-Tante etwas in ihrer Meinung ins Wanken zu bringen, aber das war wohl nicht von Erfolg gekrönt. Die Richterin entließ die Gutachterin, und als nächstes war der Vertreter der Jugendgerichtshilfe dran.
Dieser malte zwar ein sehr positives Bild von mir, aber das würde wohl kaum etwas am Gesamteindruck und an meiner Verurteilung ändern. Genüsslich erhob sich der Staatsanwalt zu seinem Plädoyer.
»Hohes Gericht, Herr Kollege, die heutige Hauptverhandlung hat in meinen Augen den Tatvorwurf gegenüber dem Angeklagten eindeutig belegt. Er hat tatsächlich die Zeugin Anja Schlosser in sein Haus gelockt, um ihr dort körperlich näher zu kommen. Als sie jedoch seinen Avancen widerstand und ihm klarmachte, dass sie nicht bereit wäre, mit ihm zu schlafen, hat er sich das was er wollte einfach mit Gewalt genommen. In vollem Bewusstsein was er da tut hat er die Zeugin Schlosser vergewal…«
»DAS IST DOCH ALLES SCHWACHSINN!«
Oh nein, alles, nur nicht das!
»NIC HAT DIE DUMME TUSSIE NICHT VERGEWALTIGT!«
Alle Augen drehten sich zu dem Zuschauer, der durch seinen Aufschrei den Staatsanwalt unterbrochen hatte.
»Ruhe im Saal! Was ist denn das für ein Benehmen vor Gericht! Wer sind Sie, und wieso unterbrechen Sie den Staatsanwalt bei seinem Schlussplädoyer?«
Ich ahnte, was jetzt kommen würde, und verzog schmerzhaft das Gesicht.
»Ich bin Jan Vollmer, ein Klassenkamerad, und ich kann die ganze Sache hier aufklären! Nicolas hat Anja nicht vergewaltigt!«
Ich musste versuchen, das doch noch zu stoppen.
»Lass gut sein, Jan! Sag nichts!«
»Nein, Nic, jetzt muss alles raus! Ich kann dich doch nicht in den Knast wandern lassen!«
Ich seufzte und blickte auf den Tisch vor mir.
»Frau Vorsitzende, wenn der junge Mann tatsächlich etwas zur Aufklärung beizutragen hat, dann sollten wir ihn doch noch anhören. Schließlich geht es hier um einen sehr schweren Tatvorwurf.«
»Ich stimme Ihnen zu, Herr Schober. Haben sie Einwände, Herr Borinski?«
Borinski hieß der Staatsanwalt, und er hatte überraschenderweise keine Einwände.
»Gut, dann treten wir nochmals in die Beweisaufnahme ein. Kommen Sie bitte nach vorn, Herr Vollmer, und nehmen Sie Platz.«
»Danke. Sie können mich übrigens duzen.«
»Schön. Also, du heißt Jan Vollmer. Wie alt bist du?«
»16.«
»Du wohnst sicher noch bei deinen Eltern, und hast ja schon gesagt, dass du ein Klassenkamerad von Nicolas und damit auch von Anja bist.«
»Das ist richtig.«
»Du bist jetzt Zeuge vor Gericht, du musst also die Wahrheit sagen, ansonsten würdest du bestraft werden. Da ich nicht weiß, was du hier aussagen wirst, weise ich vorsorglich schon einmal darauf hin, dass du nichts sagen musst, wodurch du dich selber belasten würdest. Hast du das verstanden?«
»Ja, das habe ich.«
»Gut, dann erzähl uns jetzt mal bitte, wieso du so überzeugt bist, dass Nicolas die vorgeworfene Vergewaltigung nicht begangen hat.«
»Ganz einfach, er war zu dieser Zeit mit mir zusammen!«
»Wie meinst du das?«
»An diesem Abend rief Nic mich gegen 19.20 Uhr an. Er war ziemlich verstört und bat mich, zu ihm zu kommen, er müsse mir etwas Wichtiges erzählen. Er sagte am Telefon nicht, worum es genau ging, aber ich spürte, dass da irgendwas vorgefallen war. Wir wohnen nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt, ich bin also sofort losgerannt und war gegen halb acht bei ihm. Von da an bin ich bis zum nächsten Morgen bei ihm geblieben – wie soll er da halb neun Anja vergewaltigt haben?«
»Na das ist ja interessant. Was hat mein Mandant Ihnen denn erzählt, weshalb hat er Sie so schnell sprechen wollen?«
»Er hat mir genau das erzählt, was er auch hier ausgesagt hat. Anja hat versucht, sich an ihn ranzumachen, er hat sie abblitzen lassen, sie hat ihm eine gescheuert und ist dann abgezogen. Zwei Minuten später hat er mich angerufen.«
»Sie wollen also behaupten, dass der Angeklagte hier das Opfer ist, dass er gar nichts von der Zeugin Schlosser wollte und sie sich das alles nur hat einfallen lassen, um sich an ihm für die Abfuhr zu rächen?«
»Genau so ist es! Nicolas hatte nicht einmal ansatzweise Interesse an der Tussie!«
»Wieso können Sie sich da so sicher sein? Ich glaube nämlich, dass Sie hier lügen und ihrem Freund ein falsches Alibi verschaffen wollen!«
»Ich lüge nicht! Nicolas wollte nichts von Anja, gar nichts! Er ist näm…«
»Jan, lass es!«
»Nein, Nic, das muss jetzt endlich raus!«
»Ja was muss denn nun raus! Nicolas, unterbrich bitte den Zeugen nicht! Jan, erzähl jetzt bitte
alles!«
»Ganz einfach, Nicolas ist schwul, ich bin es auch, und wir sind seit einem halben Jahr ein Paar!«
Rrrrrummmssss. Das schlug im Saal ein wie eine Bombe. Überall klappten Kinnladen herunter. Ich schaute zu meiner Familie. Dominic grinste vor sich hin, na ja, der wusste es ja schon vorher und hatte nur geschwiegen, weil ich ihn darum gebeten hatte. Unsere Eltern schauten etwas verdutzt, dann aber zeigte sich auch auf ihren Gesichtern ein Lächeln. Puh, das schien ja gut zu gehen. Okay, ich hatte kaum etwas anderes erwartet, ein Bruder meiner Mutter war auch schwul, und es gab niemals irgendeine blöde Bemerkung darüber, ganz im Gegenteil.
»WAS? DU BIST EIN ARSCHFICKER?«
Anja war aufgesprungen und kreischte durch den Saal!
»Deshalb hast du mich weggeschoben, als ich es uns etwas romantischer machen wollte? Du verdammte schwule Sau!«
»Anja, sehe ich das richtig, dass du gerade zugegeben hast, dass es gar keine Vergewaltigung gegeben hat?«
Tja, meine liebe Anja, da bist du wohl in die selbstgegrabene Grube gefallen. Ihr wurde das wohl auch erst in diesem Moment klar, schweigend fiel sie wieder auf ihren Stuhl zurück. Die Richterin wusste offensichtlich ganz genau, was sie von diesem Ausbruch zu halten hatte.
»Das betrachte ich als ein ›Ja‹. Aber Jan, nun sag mir mal bitte, wieso du erst jetzt mit der Wahrheit herausrückst. Und warum hat Nicolas auch nichts davon gesagt! Hier ging es immerhin um eine hohe Strafe für ihn, und es sah von der Beweislage her gar nicht gut für ihn aus.«
»Nic wollte mich schützen.«
»Schützen? Wieso und vor was?«
»Na ja, uns war klar, dass die einfache Aussage, dass ich in der fraglichen Zeit bei ihm war, nicht ausreichen würde. Das hat ja auch der Staatsanwalt gerade gesagt, er hat uns ja vorgeworfen, dass wir ein falsches Alibi abgesprochen hätten. Wir mussten uns also outen. Nicolas hätte das getan, wenn es nur um ihn gegangen wäre. Aber er hat darauf verzichtet, weil er mich schützen wollte. Meine Eltern sind ziemlich konservativ und haben kein gutes Wort für Homosexuelle, daher wollte ich mich erst outen, wenn ich auf eigenen Füßen stehe. Aber ich konnte jetzt nicht einfach zusehen, wie Nic in den Knast wandert! Ganz egal, was jetzt mit mir und meinen Eltern passiert!«
»Stimmt das, Nicolas?«
Ich seufzte, nun war ja eh alles zu spät, das große Geheimnis war raus.
»Ja. Ich wollte, dass Jan in Sicherheit weiterleben kann. Er hatte solche Angst vor dem was passieren würde, wenn es seine Eltern erfahren würden.«
Jans Vater arbeitete auf dem Bau, war das, was man üblicherweise als »echten Kerl« bezeichnet, und hatte fast immer etwas an seinem Sohn rumzumäkeln. Seine Mutter hingegen war das typische Hausweibchen, das niemals auf die Idee kommen würde, irgendetwas selber zu entscheiden oder gar das Wort gegen den Herrn im Haus zu erheben.
Blöderweise waren beide im Gerichtssaal anwesend, und ich hatte genauso großen Schiss wie Jan vor dem, was jetzt wohl passieren würde. Und es ging schon los. Herr Vollmer hatte sich von seinem Stuhl im Zuschauerbereich erhoben und stürmte nach vorne zum Zeugenstand.
So schnell, dass selbst der anwesende Wachtmeister nicht mehr eingreifen konnte, griff er sich seinen Sohn.
»Jan, ich bin stolz auf dich!«
Häh?
»Ich muss ein verdammt schlechter Vater sein, wenn du solche Angst vor mir hast! Und trotzdem hast du dich jetzt überwunden und hast die Wahrheit gesagt!«
Ich war wohl im falschen Film. Herr Vollmer umarmte seinen Sohn und hatte genau wie dieser Tränen in den Augen!
»Du… Du… Du bist nicht wütend auf mich?«
»Nein, ich bin wütend auf mich selber. Auf dich bin ich stolz! Du hast dich benommen wie ein richtiger Mann!«
»Es freut mich ja sehr, dass die Befürchtungen des Zeugen Vollmer seine Familie betreffend anscheinend nicht eingetreten sind, aber trotzdem sollten wir jetzt wohl zusehen, dass wir mit der Verhandlung ein Ende finden. Herr Vollmer, nehmen Sie doch bitte mit Ihrem Sohn derweil noch hinten Platz.«
Von den Stühlen für die Zeugen war nur noch einer frei, aber das machte dem über zwei Meter großen Riesen vom Bau nichts aus, er setzte sich und nahm seinen deutlich kleiner geratenen Sohn auf den Schoß, welcher glücklich zu mir herüber lächelte.
Und nun war es soweit, auch ich konnte zum ersten Mal seit Wochen wieder positiv in die Zukunft schauen, und ein Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit.
»Herr Borinski, Sie können jetzt ihr vorhin unterbrochenes Plädoyer fortsetzen, es dürfte ja jetzt ziemlich kurz ausfallen.«
Harhar, jetzt stehst du dumm da, nicht wahr?
»Ja, Frau Vorsitzende. Im allerletzten Moment hat sich herausgestellt, dass hier der falsche Täter auf der Anklagebank sitzt. Nicolas Marnot ist – genau wie die meisten von uns – das Opfer einer Intrige der Zeugin Schlosser geworden. Einer wohldurchdachten Intrige, bis zum späten Auftritt des Zeugen Vollmer deutete tatsächlich alles darauf hin, dass der Angeklagte die ihm vorgeworfene Tat wirklich begangen hat.«
Widerstrebend musste ich ihm da zustimmen.
»Es sind Fälle wie dieser, welche leider immer wieder die Glaubwürdigkeit echter Vergewaltigungsopfer in Frage stellen, von daher hat die Zeugin Schlosser einen viel größeren Schaden angerichtet, als »nur« einen Unschuldigen vor Gericht zu zerren. Frau Schlosser, Sie können sich schon mal darauf einrichten, demnächst dort drüben auf dieser Bank zu sitzen, dafür werde ich sorgen!«
Und ich würde mir diese Show nicht entgehen lassen!
»Der Angeklagte ist unschuldig und selbstverständlich freizusprechen.«
Genau! Was anderes hatte ich auch nie behauptet.
»Herr Schober.«
»Hohes Gericht, Herr Kollege, ich kann mich den Worten des Herrn Staatsanwalt nur anschließen. Ich hoffe nur, dass wir alle aus diesem Fall lernen werden, dass das anscheinend Offensichtliche nicht immer auch die Wahrheit sein muss. Ich beantrage Freispruch für meinen Mandanten.«
»Vielen Dank. Nicolas, du hast das letzte Wort.«
Sollte ich wirklich noch irgendwas sagen? Würde ich mich unter Kontrolle halten können?
»Ich… Jan… Du hättest das nicht zu tun brauchen, aber ich bin dir trotzdem sehr dankbar. Ich liebe dich, und wir werden das was jetzt kommt gemeinsam durchstehen. Und Anja… Ach vergiss es einfach.«
Ich wollte mir nicht jetzt noch eine Strafe wegen Beleidigung einhandeln. Nach meinem Schlusswort zog sich die Richterin mit den beiden Schöffen zur Beratung zurück. Erwartungsgemäß brauchten sie aber für das Urteil nicht sehr lange.
»Bitte erheben Sie sich.«
Ich schob den Stuhl zurück und stand mit allen anderen Anwesenden auf.
»Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: der Angeklagte wird auf Kosten der Staatskasse, die auch seine notwendigen Auslagen trägt, freigesprochen. Nehmen Sie bitte Platz.«
Es folgte noch die Urteilsbegründung, die ich nur noch mit einem Ohr wahrnahm, der Rest von mir war bereits bei Jan und lauerte darauf, ihn endlich in die Arme nehmen zu können.
Dann war es soweit, ich bedankte mich noch kurz bei meinem Anwalt, dann schoss ich zu meinem Schatz, der vom Schoß seines Vaters aufsprang und mir in die Arme fiel.
Alle Spannung in uns löste sich in Wohlgefallen auf, während wir uns wortlos in den Armen lagen. Wir bekamen gar nicht mit, wie sich der Saal leerte, und waren völlig überrascht, als plötzlich nur noch wir und unsere Familien herumstanden.
»Ähem… Wenn ihr zwei dann mal wieder von euch ablassen könntet… Frau Vollmer, Herr Vollmer, ich denke, es gibt jetzt einiges zwischen uns zu besprechen. Was halten Sie davon, wenn wir alle zusammen zum Italiener um die Ecke gehen? Schließlich gibt es auch was zu feiern.«
Überraschenderweise waren alle mit dem Vorschlag meiner Mutter einverstanden, sogar Jans Vater grinste vor sich hin. Selbst bei unserer sehr deutlichen Zurschaustellung körperlicher Nähe hatte er nicht einmal mit der Wimper gezuckt.
Anscheinend hatten sowohl Jan als auch ich ihn falsch eingeschätzt. Na ja, sollte mir nur recht sein. Wir zogen also los, raus aus dem Gerichtssaal und rein in eine zwar noch recht ungewisse, aber doch längst nicht mehr so unheilschwangere Zukunft…

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