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Information Castells
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:54 AM - No Replies

Castells

Der Zug rollte langsam ein. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in Barcelona gewesen war, aber ich wusste, dass ich für eine lange Zeit hier bleiben würde. Zuhause war ich nicht mehr erwünscht, so wurde ich nach alter Tradition bei der Verwandtschaft untergebracht.
Es ruckelte noch einmal und der Zug blieb stehen. Ich stand auf und griff nach meiner Tasche. Ob jemand da sein würde, mich abzuholen? Ich lief an den Fenstern entlang zum Ausstieg. Schon hier sah ich, der Bahnsteig war voll.
Langsam drängte ich mich in den Strom der Aussteigenden und war froh die Tür des Waggons zu erreichen. Ein Schritt noch und ich betrat den Bahnsteig. Die Erleichterung währte aber nicht lange, ich wurde regelrecht zu den Aufgängen geschoben, was die Suche nach einem bekannten Gesicht nicht gerade erleichterte.
„Leonardo?“, hörte ich jemand rufen und drehte meine Kopf in Richtung, wo ich meinen Namen gehört hatte.
Da stand sie, meine Tante, die Schwester meines Vaters. Ich wunderte mich immer wieder, wie sie es schaffte, so jung aus zusehen. Sie musste so um die fünfundvierzig sein, drei Jahre jünger als mein Vater.
Mein Vater. Er war der Grund, warum ich hier war. Mein nicht gewolltes Outing, brach einen Streit vom Zaun, der sich nur Schlichten ließ, wenn ich zur Tante abgeschoben wurde. Zur ihr hatte ich schon immer ein besonderen Draht.
Ich kämpfte mich durch den Strom der anderen Reisenden und erreichte sei endlich.
„Leonardo“, sagte sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht, was meine Laune gleich wieder ansteigen ließ.
„Tante Alba…“, sagte ich noch, bevor sich mich fast erdrückte.
„Lass das ja niemanden hören…, Tante…, wie kannst du nur. Man könnte ja meinen ich bin jenseits der vierzig!“
Sie sagte das mit einem ansteckenden Lächeln.
„Wie war deine Fahrt?“
„Gut…, etwas voll.“
Sie musterte mich von oben bis unten.
„Gut siehst du aus und ich bin froh, dass du so gar nichts von deinem Vater hast.“
Mein Vater. Mein Lächeln verschwand wieder.
„He, nicht die Löffel hängen lassen, dass wird schon wieder. Jetzt fahren wir erst einmal zu mir und dann sehen wir weiter.“
Ich nickte. Eigentlich war mir gerade nicht viel zu Reden zu mute. Die über zweistündige Fahrt aus Madrid brachte genug Zeit mit sich, über die letzten Wochen nachzudenken. Eigentlich hätte ich froh sein müssen, dass ich dort weggekommen war.
Mittlerweile hatte sich der Bahnsteig fast geleert und wir liefen in Ruhe zur Rolltreppe. Wenige Minuten später kam ich mir wie im Flughafen vor. Der größte Bahnhof Barcelonas wurde auch wie ein Flughafen aufgezogen und seit der Provenca Tunnel 2013 fertig gestellt wurde, konnte man mit dem AVE – Hochgeschwindigkeitszug von Barcelona, über Madrid ungehindert bis nach Frankreich fahren.
Ich schulterte erneut meine Tasche und lief neben meiner Tante her. Der Ausgang war bald erreicht.
„Wo stehst du?“, fragte ich.
„Da hinten, wir müssen ein Stück laufen.
Ich folgte ihr weiter und wenige Minuten später, blieb sie vor einem Seat Leon stehen und schloss ihn auf. Ich warf meine große Tasche in den Kofferraum und ließ mich neben ihr nieder.
Tief atmete ich durch. Anstatt den Motor zu starten, schaute sie mich an.
„Ich weiß, dass alles ist jetzt schwer für dich, komplett aus deiner gewohnten Umgebung und von deinen Freunden wegzumüssen. Siehe es einfach als Neuanfang.“
Ich nickte und sie drehte den Zündschlüssel.
„So viele Freunde hatte ich zum Schluss auch nicht mehr.“
„Du wirst sehen, du findest hier schnell neue Freunde.“
„Vielleicht will ich das gar nicht.“
„Leonardo Tirado! Ärger ist nicht gut für dich. Mein Bruder hat wohl wieder volle Arbeit geleistet. Du weißt schon, dass sich dein Ärger auf deine Ausstrahlung und Aussehen auswirkt?“
Oje, hatte ich sie jetzt verärgert?
„Würde ich so wie du, die ganze Zeit herum laufen, sähe ich mindestens zehn Jahre älter aus.
Sieh es mal so, du hast eine Chance auf ein neues Leben und sag jetzt nicht, dein Altes hat dir so wie es war gut gefallen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Leben an der Seite meines Bruders gut wäre. Jede Minute Ärger, bedeutet eine weitere Minute ohne Spaß!“
Diese Bemerkung über meinen Vater zauberte mir ein Lächeln auf das Gesicht. Sie hatte Recht!
„So gefällt‘s du mir schon besser. Mit deinem Charisma wirst du Mädchenherzen zum sieden bringen…, oh…, naja Jungsherzen sicher auch.“
Mit dieser Bemerkung hatte sie nun die Schallmauer durchbrochen. Ein kurzer wechselnder Blick und wir fingen beide laut an zu lachen.
„Du übertreibst mal wieder schamlos Tante Alba. Ich und Charisma.“
„Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?“
„Ständig! Irgendwer muss das schwarze Schaf der Familie ja alttagstauglich herrichten.“
„Dieser Part gehört einzig alleine mir junger Mann.“
„Ich muss dich enttäuschen, dein Neffe rennt dir gerade den Rang ab!“
Vergessen war der Ärger in der Familie, denn ich liebte dieses Wortgeplänkel mit meiner Tante.
„Wer hier wem den Rang abläuft, mag mal dahin gestellt sein! Ich sage dir nur eins, Finger weg von meinen Freunden!“
„Ich denke, die sind mir zu alt…!“
Wieder eine Sekunde der Stille, bevor wir in schallendes Gelächter verfielen.
„So jetzt ist aber gut. Fahren wir nach Hause, da wartet noch eine Überraschung für dich.“
Sie startete den Motor und fuhr zügig aus ihrer Parklücke heraus.
„Eine Überraschung?“
„Ja eine Überraschung und wenn ich sie dir verraten würde, wäre es keine mehr.“
Ich nickte und schaute nach vorne, wo sich Tantchen abmühte, sich durch den Stadtverkehr zu kämpfen.
„Du hast ja sicher keine großen Pläne heute Abend?“
Ich verneinte mit schüttelndem Kopf.
„Gut, dann machen wir uns nachher ausgehfein.“
„Und wo willst du mich hinschleppen?“
„Wo es viel zu lachen gibt!“
*-*-*
Es war wirklich eine Überraschung, als ich meine zukünftige Bleibe betrat. Alba hatte keine Mittel gescheut und mir ein tolles Zimmer eingerichtet. Natürlich gefiel mir der kleine Balkon auf die Straße hinaus am Besten.
„Und? Habe ich dir zu viel versprochen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es gefällt dir also?“
„Klar.“
„Dein Vater ließ mir ausrichten, dass deine restlichen Sachen morgen geschickt werden. Wenn ich vom Büro zurück komme, können wir es abholen. So, ich hoffe du hast in deiner Tasche etwas Anständiges zum Anziehen dabei.“
„Was ist bei dir Anständig?“, meinte ich, stellte meine Tasche aufs Bett und öffnete sie.
Neugierig ließ sie ihren Blick über meine Sachen schweifen.
„Hm…, die Jeans ist genehmigt…, hast du kein Hemd oder so etwas?“
„Eher so etwas“, antworte ich und zog einen kleinen Stapel T-Shirt hervor.
„Nein das geht ja gar nicht… Moment.“
Sie verschwand kurz aus dem Zimmer und kam wenige Sekunden später wieder. In der Hand hatte sie zwei Hemden. Ein Schwarzes und ein Weißes.
„Zieh das Schwarze an und wenn du möchtest, in der obersten Schublade deiner Kommode findest du ein paar passende Halstücher. Mich entschuldige bitte, ich werde mich auch umziehen.“
Und schon war ich alleine. Tantchen verstand es immer wieder mich zu überraschen. Nicht nur, dass mir die Hemden unheimlich gut gefielen, nein sie hatte natürlich passgenau meine Größe geholt.
So entledigte ich mich meiner Klamotten.
„Alba, kann ich vorher noch Duschen gehen?“, rief ich in den Flur hinaus.
„Klar, du kennst dich ja aus“, schallte es aus ihrem Zimmer zurück.
Ich entleerte meine Tasche, in dem ich alles auf den kleinen Schreibtisch setzte. So konnte ich ungehindert an meine Unterwäsche und Duschsachen. Zum einräumen hatte ich später sicher noch genug Zeit.
Auf dem Flur begegneten wir uns kurz und da ich nun nur in Shorts und Handtuch über der Schulter an ihr vorbei lief, ließ sie einen kleinen Pfiff von ihren Lippen.
„Was für eine Verschwendung…, die Frauen werden sich gegenseitig die Augen auskratzen.
Lächelnd betrat ich das Bad.
*-*-*
Auf der Straße angekommen, schlug ich die Richtung zum Auto an.
„Wo willst du hin?“
„Fahren wir denn nicht mit dem Auto?“
„Nein.“
Sie drehte sich um und ihr wallender kurzer Rock, machte die Drehbewegung schwingend mit. So folgte ich ihr und als ich neben ihr lief, harkte sie sich bei mir ein.
„Sag dir Castells etwas?“, fragte Alba plötzlich.
„Du meinst eine Burg?“
„Nein, ich meine Castells, die menschlichen Türme…“
„Da habe ich mal einen Bericht im Fernsehen gesehen. Aber viel wissen tu ich nicht darüber.“
„Das wird sich ändern.“
„Wieso?“
„Weil wir heute Abend auf das Fest der Castells de Barcelona eingeladen sind.“
„Echt?“
„Ja… und ich denke dir wird das viel Spaß machen.“
„Wie kommst du darauf? Soll ich etwa bei so einem Turm helfen?“
„Nein, das nicht, dazu hast du keine Übung…, aber du wirst es gleich selbst sehen.“
Der Geräuschpegel nahm zu und ich konnte vor uns Musik hören. Als wir in die nächste Straße bogen, öffneten sich die Häuser zu einem großen Platz, der voll Menschen war. Die meisten trugen weiße Hosen, ein rotes Hemd und ein schwarzes Tuch um die Hüften gebunden.
„Wow!“, entfleuchte es mir.
Alba grinste nur und ich wusste auch warum. Vor meinen Augen tanzten ausgelassen, viele Kerle in meinem Alter. Ich wusste gar nicht, wo ich zu erst hinschauen sollte.
„Naaaa…?“
Ich konnte nur grinsen.
„Alba, schön dass du auch hier bist!“, hörte ich jemanden rufen und schaute in die Richtung.
Ein älterer Mann kam auf uns zu.
„Josef, versprochen ist versprochen!“, antwortete Alba.
„Alba…, deine Verehrer werden auch immer jünger“, sagte dieser Josef und zeigte auf mich.
„Ich weiß nicht, ob ich ihn Verehrer nennen kann…, dass ist Leonardo, mein Neffe.“
„Der Leonardo?“
Irgendwie fühlte ich mich gerade unwohl in meiner Haut. Man hatte über mich geredet.
„Ja, der Leonardo und er wird eine ganze Weile bei mir nun wohnen.“
Der Mann wandte sich zu mir.
„Herzlich willkommen, Leonardo… fühl dich wie zu Hause!“
„Öhm…, danke!“, meinte ich und schüttelte ihm die Hand.
Alba hatte nicht losgelassen und so folgte ich ihr weiter mitten in die Menge hinein.
*-*-*
„Du hast nie gesagt, dass dein Neffe so ein gut aussehender junger Mann ist.“
Mittlerweile saßen wir am Rande des Platzes an einem Tisch mit anderen Erwachsenen. Alba hatte ein Glas Rotwein in der Hand, während ich mich krampfhaft an einer Cola festhielt. Gesprochen hatte ich nicht viel, es wurden keine Fragen gestellt.
Jedenfalls nicht direkt an mich. Plötzlich wurde ich angerempelt und eine Hand erschien in meinem Blickfeld, die nach der anderen Colaflasche griff, die, die ganze Zeit neben meiner stand.
„Hallo Alba, du warst ja schon lange nicht mehr hier“, hörte ich eine angenehme, jugendliche Stimme hinter mir.
„Rafael, trink nicht so hastig…, du bekommst nur wieder Magenschmerzen“, mahnte ihn die Frau, die mir gegenüber saß.
„Hallo Rafael“, meinte Alba neben mir.
Gut mein Interesse war geweckt, meine Nackenhärchen hatten sich zur Gänsehaut mutiert, so drehte ich mich langsam um.
„Darf ich dir meinen Neffen Leonardo vorstellen?“
Noch eine kleine Drehung meines Kopfes und mein Hintermann kam in Sicht. Ich musste schlucken, denn vor mir stand ein Gott. In seinem sonnengefärbten Gesicht, strahlten mir zwei herrlich braune Augen entgegen.
Die schwarzen Locken hingen ihm wild und frech ins Gesicht, was die Augen noch unterstrich. Er war ungefähr so groß wie ich und schien unter dem Hemd einen gut gebauten Oberkörper zu verstecken.
„Hi Leonardo, ich bin Rafael“, meinte der junge Gott vor mir und hielt mir seine Hand entgegen.
Ich spürte einen Ellenbogen in meiner Seite und erwachte aus meiner Starre.
„Hi…“, antwortete ich und reichte ihm die Hand.
Seine fühlte sich weich und warm an.
„Willst du Leonardo nicht etwas mitnehmen und den anderen vorstellen. Er wird eine Weile bei mir wohnen“, kam es von Alba neben mir.
Dafür hätte ich ihr jetzt gerne den Ellenbogen in die Seite gerammt.
„Aber klar doch“, sagte Rafael und zog mich an der Hand, die er bis jetzt nicht losgelassen hatte, von der Bank.
Schnell waren wir Mitten im Getümmel.
„Du wirst eine Weile hier wohnen?“, hörte ich ihn fragen.
„Hä?“, gab ich von mir, obwohl ich alles genau verstanden hatte.
Er kam ganz dicht an mein Ohr.
„Du wirst eine Weile hier wohnen?“
Wieder stellten sich meine Haare am Nacken auf.
„Ja…“
„Und wie lange bist du schon hier?“
„Seid heute.“
„Dann kennst du ja noch niemanden.“
„Doch!“
„Wen?“
„Dich!“, grinste ich.
Was hatte mich geritten so schnell auf Flirtmodus umzustellen. Hatte ich wegen diesem Thema nicht schon genug Ärger gehabt die letzten Wochen.
„Eins zu null für dich!“, grinste er mir entgegen.
Er hatte meine Hand immer noch nicht losgelassen und so erreichten wir bald den Mittelpunkt des Platzes, einen Brunnen. Viele saßen am Rand, manche standen sogar darin.
„Hallo, mal herhören. Das ist Leonardo, der Neffe von Alba, der ab jetzt bei ihr wohnt“, rief Rafael plötzlich laut neben mir.
„Hi Leonardo“, schallte es mir entgegen.
Ich nickte nur, was sollte ich den auch groß sagen. Nun ließ Rafael mich los.
„Wo kommst du her?“, fragte ich mich ein anderer Kerl in meinem Alter.
„Madrid.“
„Gibt’s da auch Castells?“
„Öhm… ich weiß nicht.“
„Ist das dein erstes Treffen einer Castelltruppe?“
Ich nickte. Eine Trompete ertönte.
„Dann mal viel Spaß, sagte mein gegenüber, dessen Name ich nicht wusste.
Er sah zwar nicht so gut wie Rafael aus, aber war auch sehr interessant. Während ich am Brunnen stehen blieb, gingen die anderen, Richtung Platzmitte. Jemand rief etwas, was ich wegen der Lautstärke nicht verstehen konnte und plötzlich schien der ganze Platz ihm zu antworten.
Es schien ein Gruß zu sein. Um besser sehen zu können stellte ich mich auf einen Vorbau des Brunnens. Jetzt erst sah ich, wie viele Menschen hier versammelt waren. Fasziniert beobachtete ich das Treiben.
Es bildete sich ein Pulk in der Mitte.
„Das nennt man die Pinya“, fing neben mir jemand an zu erzählen.
Ich schaute neben mich, da stand Josef, der mich zu Anfang so nett begrüßt hatte. Ich setzte mich und konnte trotzdem noch genug sehen.
„Dort wird schon fest gelegt, wie hoch der Turm werden soll.“
„Wie festgelegt?“, wollte ich wissen.
Er schaute kurz lächelnd zu mir.
„Ob eine Stufe mit vier Leuten besetzt ist, oder mit drei. Mit Vier kann man einen höheren Turm bauen.“
„Aber…, irgendwie sieht das für mich wie ein Pulk von vielen Menschen aus, die sich zufällig dahin stellen.“
„Nein, bei der Pinya handelt es sich keinesfalls um einen chaotisch zusammen gewürfelten Menschenhaufen, sondern um exakt positionierte und ausgewählte Castellers mit genau festgelegten Aufgaben. Du siehst sie jetzt nicht, aber genau in der Mitte stehen die vier Castellers, die den Turm stützen, alle die darum stehen, sind die Stütze für die gesamte Konstruktion, ihre Aufgabe ist es auch, die Folgen eines Einsturzes zu mildern.“
„Tut das nicht schrecklich weh?“
„Klar gibt das blaue Flecken, aber der Turm stürzt ja dann nicht irgendwie chaotisch ein, sobald man merkt, es stimmt was nicht, hilft man sich gegenseitig, egal in welcher Position man steht, das mindert ebenfalls den Fall, aber daran denkt jetzt keiner.“
Ich sah wie die ersten vier jungen Leute auf diesen Pulk krabbelten, anders konnte man es nicht bezeichnen und wie sie das erste Glied des Turmes einnahmen. Sie legten ihre Hände auf die Schultern des anderen.
„Das nennt man jetzt den Tronc, den Stamm, er beinhaltet immer die gleiche Anzahl von Leuten, in dem Fall vier.“
Weitere Leute kletterten hinauf und ich konnte plötzlich Rafael entdecken, der wohl zur zweiten Stufe des Turms gehörte.
„Wie hoch kann man diesen Turm eigentlich bauen?“
„Der höchste bis jetzt gebaute Turm bestand aus 10 Ebenen, wurde aber bisher nur von wenigen Castellers gebaut.“
„Warum?“
„Es gibt Wettbewerbe, da zählt nicht nur die Höhe des Turms, sondern die Bauart. Es gibt zum Beispiel, die bauen eine Konstruktion aus fünf Leuten und war durch drei Ebenen gestützt, der Turm bekam den Namen die Basilika.“
„Also wird auch auf das Aussehen geachtet.“
„Ja besonders.“
Mittlerweile kletterte nun schon die vierte Ebene nach oben. Ich konnte auch zwei Mädchen sehen. Ich war verblüfft über deren Mut und Stärke.
„Wäre das nichts für dich?“, fragte Josef neben mir, als hätte er meinen Gedanken gelesen.
„Ich weiß nicht, ob ich das könnte.“
„War nur Spaß! Die Jungs und Mädels die du hier siehst, trainieren schon von klein auf, sie haben dir etwas voraus.“
Nun sah ich wie zwei kleinere Jungs den Turm bestiegen.
„So die zwei bilden nun schon die Pom de Dalt, die Kuppel des ganzen.“
„Dann ist der Turm fertig?“
„Nein, noch lange nicht. Das jüngste Mitglied der Truppe klettert dann noch nach oben und setzt sich auf die Schultern der Zwei.“
„Dann käme die Bewertung.“
„Nein, normalerweise muss der Turm auch wieder fehlerfrei abgebaut werden, dann erst wird volle Punktzahl gegeben.“
„Kompliziert…“
„Wenn man die Regeln kennt, geht es.“
Ich sah ein kleines Mädchen mit Helm auf, wie es langsam den Turm hochkletterte.
„Wie alt ist das Mädchen denn?“
„Vier! Das ist unsere Francesca, die Tochter meines ältesten Sohnes.“
„Vier? Hat sie denn keine Angst?“
„Klar hat meine Enkelin Angst, aber der Stolz, dass sie die Spitze des Turmes bilden darf, überwiegt ihre Angst.“
Sie war mittlerweile fast oben angekommen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, der Turm wäre irgendwie schief, aber das konnte auch täuschen. Francesca war angekommen und setzte sich auf die Schultern der zwei Jungs und streckte die Arme aus.
Ein lauter Jubel brach auf dem Platz aus. Das Mädchen hielt sich wieder fest und kletterte wieder hinunter, gefolgt von den zwei Jungs. Immer mehr kletterten hinab, bis auch die letzte
Ebene sich auflöste.
Als alle wieder auf dem Boden waren, fingen alle an zu schreien und hüpften wild umher. Josef begab sich zurück zum Tisch und ich folgte ihm.
„Und, habe ich dir zu viel versprochen“, prostete mir Tante Alba zu.
„Nein, hast du nicht, dass ist voll cool, ich habe so etwas noch nie aus der Nähe gesehen.“
Ich griff nach meiner Cola und wollte trinken, als mich eine Hand an der Schulter zog.
„Hier bist du, du kannst doch nicht einfach abhauen…, komm!“
Das war Rafael. Er zog mich in die tanzende Menge und strahlte heftig.
*-*-*
Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Platz mitgetanzt hatte. Nun saß ich schwer atmend neben Alba und trank von meiner Cola.
„Es macht Spaß dich so zu sehen“, hörte ich Alba neben mir sagen.
Ich lächelte sie an und nahm einen weiteren Schluck von meiner Cola. Mein Blick fiel auf Rafael, der sein rotes Hemd ausgezogen hatte. Der Anblick war göttlich, seine braun gebrannte Haut kam auf der weisen Hose noch mehr zur Geltung.
„Es macht auch Spaß hier zu sein!“
Plötzlich schob sich ein Mädchen an ihn heran und küsste ihn auf den Mund. Meine gute Stimmung verfiel. Klar, ich war doof. Wie konnte ich annehmen, dass dieser Gott schwul war und Interesse an mir haben könnte.
Alba legte ihren Arm um mich, sie schien es irgendwie drauf zu haben, es zu merken, wenn meine Stimmung sich änderte.
„Zieh nicht so ein Gesicht, du bist den ersten Tag hier…!“
*-*-*
Die Morgensonne weckte mich, die durch den Spalt im Rollladen ins Zimmer fiel. Prompt ging die Tür auf.
„Morgen Leonardo, ich bin dann weg. Fühl dich wie zu Hause, ich werde gegen eins wieder zu Hause sein.“
„Okay“, brummte ich und schon war Alba wieder verschwunden.
*-*-*
Sollte ich noch weiter liegen bleiben? Ich hörte die Wohnungstür ins Schloss fallen. Ich hatte eigentlich gut geschlafen und die Erinnerung an gestern Abend kam zurück. Auch wenn ich am Schluss etwas missmutig war, so war es doch ein schöner Abend.
Ich streckte mich und warf meine Decke zurück. Mit einem Ruck stand ich auf und lief ans Fenster. Ich warf die Läden auf uns blickte ins Freie. Es war noch angenehm. Ich schaute vorsichtig ins Freie, da ich ja nur Shorts anhatte und konnte Alba zu ihrem Auto laufen sehen.
Sie drehte ihren Kopf und blickte nach oben. Anschließend winkte sie mir zu, bevor sie das Auto bestieg und zügig wegfuhr. Sonst war noch nicht viel Leben auf der Straße.
Ich beschloss mich zu duschen und etwas zu frühstücken. Ich entledigte mich meiner Shorts, griff nach meinem Handtuch und den restlichen Sachen und verließ mein Zimmer. In der Wohnung war es angenehm kühl.
Ich betrat das Bad und schaute direkt in den großen Spiegel. Mein schwarzes Haar stand wirr in alle Richtungen, ansonsten konnte ich mich nicht beklagen. Seit einem Jahr hatte ich etwas an Muskeln zugelegt, was meine Größe von eins siebenundachtzig jetzt nicht mehr wie eine Bohnenstange wirken ließ.
Plötzlich kam mir wieder Rafael in den Sinn. Neben ihm wirkte ich eher wie das hässliche Entlein. Ich musste an Albas Worte denken, wie gut ich doch aussehen würde, aber hatte nicht jeder etwas an sich auszusetzten?
Geduscht und gefrühstückt hatte ich schnell und entschloss mich dann etwas die Gegend neu kennen zu lernen, denn ständig veränderte sich dieser Stadtteil irgendwie. In knielangen Shorts und T-Shirt war es in der Morgenwärme erträglich.
Ich wusste noch, dass hier irgendwo in der Nähe der große Markt war, wo man sich die ganze Woche mit Lebensmittel und anderen Dingen des täglichen Bedarfs eindecken konnte. Gestern Abend war es schon leicht dunkel, so konnte ich nicht sehen, ob der Platz der Feier und des Marktes derselbe war.
So lief ich den gleichen Weg wie gestern und war kurz danach auf dem Platz von gestern. Es war irgendwie total anders. Es war zwar jetzt der Markt, den ich gesucht hatte, aber der Platz schien ohne die vielen Menschen leer, trotz der Stände.
„Hallo Leonardo…“, hörte ich jemand meinen Namen rufen.
Ich schaute in die Richtung und da stand Josef und winkte mich zu sich. Lächelnd lief ich auf ihn zu.
„Guten Morgen, Josef.“
„Guten Morgen, Leonardo… Lust auf einen Kaffee?“
Ich hatte zwar gerade gefrühstückt, aber ich wollte das nette Angebot nicht ablehnen.
„Klar.“
„Du bist nicht in der Schule?“, fragte er und ging zum Tisch vor seinem Haus zurück.
„Ähm… ich habe… zu Hause die Schule beendet und wollte mich nach einem Job umschauen.“
„Und was würde dich interessieren?“
„Das weiß ich noch nicht so genau.“
Ein paar Becher standen auf dem Tisch und eine Kanne. Josef setzte sich und ich tat es ihm gleich. Er sah mich kurz an, bevor er zwei Becher befüllte.
„Hör mal Leonardo. Ich hatte ein langes Gespräch mit Alba…“
Augenblicklich wurde ich tief rot im Gesicht. Was hatte Alba über mich erzählt? Zu meinem Scham, kam nun auch etwas Wut in mir auf.
„… ja?“
„Sein nicht böse auf Alba, sie meint es nur gut mit dir. Zudem kenne ich deinen Vater, dieses Glanzstück seiner Zunft. Etwas Besseres als bei Alba unter zukommen, konnte dir gar nicht passieren.“
Er hielt mir den einen Becher entgegen, den ich nickend nahm.
„Was hat sie erzählt…?“
„Den Streit mit deinem Vater…, den Grund, was darauf folgte. Ich sage dir gleich, wäre ich dabei gewesen, ich hätte deinen Vater nieder gemacht.“
Moment, die Reaktion von Josef war anders, als ich dachte. Wenn er alles wusste, warum würde er dann auf meinen Vater losgehen. Ich trank einen Schluck vom Kaffee und hüstelte leicht, denn er war recht stark.
„Ich sehe schon in deinem Gesicht, dass du viele Fragen hast. Ich sage nur eins und dass auch nur einmal. Ich habe deinen Vater hier aufwachsen sehen, damals ohne Vater recht schwer, dass gebe ich zu, aber dass er jetzt den Moralapostel spielt, davon halte ich ganz und gar nichts.“
„Wieso?“
„Sagen wir mal so, dein Vater war hier kein unbeschriebenes Blatt, er Dinge gemacht, für die man ihn leicht ins Zuchthaus stecken hätt können.“
Ich atmete tief durch.
„Aber das hat doch nichts mit mir zu tun…, ich bin nur hier weil ich…“
Ich verstummte.
„Du bist für etwas hier, für das du dich nicht schämen brauchst. Die Dinge, die dein Vater angestellt hat, dafür müsste er sich noch heute schämen, ein Grund mehr, warum er die Stadt verlassen hatte.“
Ich stellte fest, Josef wusste sehr viel über meinen Vater, mehr als ich. Drinnen hörte ich Gepolter auf der Treppe und wenig später erschien Rafael im Türrahmen.
„Morgen Großvater… oh du hast Besuch, hallo Leonardo.“
„Guten Morgen Enkel, setz dich zu uns.“
„Würde ich gerne, aber ich bin spät dran und zu spät kommen kann ich mir nicht leisten.“
Er lief zu dem Roller, der an der Wand lehnte.
„Wir sehen uns später, nach der Schule.“
Winkend setzte er sich auf den Roller, zog einen Helm auf und schon zog er mit dem Roller davon.
„Immer in Eile der Junge“, meinte Josef und forderte meine Aufmerksamkeit zurück, da mein Blick immer noch in Richtung wegbrausenden Rafael galt.
Natürlich hatte Josef meine Blicke gesehen, aber warum er grinste, wusste ich nicht.
„Leonardo einen Rat zum Anfang, vertraue nicht deinen Augen alleine, lerne erst die Hintergründe kenne.“
Ich wusste jetzt nicht, was er damit meinte, aber ich nickte und trank einen weiteren Schluck von meinem Kaffee.
„Darf ich fragen, was mein Vater angestellt hatte?“
Josef runzelte die Stirn.
„Ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen soll, den Segen von Alba habe ich dazu, aber ich befürchte, dass du deinen Vater in einem anderen Licht sehen wirst, vielleicht noch mehr Wut und etwas Hass auf in produzierst.“
Noch mehr Wut und Hass, ging das denn?
„Ich sehe, in deinem Kopf arbeitet es bereits.“
„Ja, ich dachte, ob es möglich ist noch mehr Wut und Hass auf seinen Vater zu haben. Es geht jetzt nicht um den Moralapostel, da mag wohl einiges stimmen…, aber ich kreide ihm an, dass er mir nie zugehört hat, immer nur seine Meinung zählte, ich war völlig egal.“
„Moralapostel hin oder her, Leonardo. Die Moral legt jeder für sich selbst fest, mit dem was er über Jahre erfahren und gelernt hat. Dein Vater mag zwar viel erfahren haben, aber nach Albas Worten hat er nicht viel dazu gelernt.“
Was hatte er angestellt, dass er hier so in Missgunst gefallen war. Ein schwarzes Schaf will ein schwarzes Schaf erziehen, das hörte sich wirklich lächerlich an.
„Ich möchte nur so viel sagen. Durch die Mitschuld deines Vater ist damals jemand umgekommen und er hatte kein Einsehen, dass er Mitschuld trägt.“
„Jemand ist gestorben?“, fragte ich entsetzt.
„Ja, ein hier bei allen beliebter junger Mann hat den Freitod gewählt und sich erhängt. Natürlich wurde niemand dafür zur Rechenschaft gezogen, ich meine jetzt unsere Gerichtsbarkeit. Aber eine Gruppe junger Männer hatte ihn dazu getrieben.“
„Und mein Vater gehörte dazu…“
„Ja, er war sogar einer der Rädelsführer…“
„Das kann ich mir jetzt so gar nicht vorstellen. Gut Papa wird schnell aufbrausend, wenn ihm etwas nicht in den Kram passt, aber so etwas…nein…“
„… und doch war er mit von der Partie… und es handelte sich um das gleiche Thema, dass dich jetzt beschäftigt.“
„Der junge Mann war schwul?“
Jetzt hatte ich es offen ausgesprochen und Josef nickte nur. Die wildesten Bilder trieb es mir im Kopf zusammen, was sie mit dem Kerl alles angestellt hatten. Die ernsten Falten auf Josefs Stirn lösten sich und ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.
„Leonardo, lass dich von so etwas nie irre führen, höre immer nur auf dein Herz.“
Ich atmete tief aus. Das letzte Mal, als ich auf mein Herz hörte, wurde ich von meinem Vater im Bett mit einem anderen erwischt.
„Alba hat dir dies sicher schon gesagt, sieh es einfach als Neuanfang, weit weg von den Ansichten deines Vaters, hier kann er dir nichts wollen.“
„Wieso?“
„Er wird sich nicht trauen hier aufzutauchen, zu viele Leute hegen noch einen Greul gegen ihn.“
„Und das färbt nicht auf mich ab… wie der Vater so der Sohn?“
„ Das glaube ich nun weniger, hier leben eigentlich nur vernünftige Menschen, auch wenn man oft das Gefühl hat, es sei nicht so. Wenn es aber darauf ankommt, entscheiden hier alle richtig.“
„Redet man noch über diesen Vorfall?“
„Ja, erst gestern habe ich ein Gespräch mitbekommen, aber nicht im Zusammenhang mit dir und deinem Vater. Der junge Mann Luigi, war einer der Mitbegründer des Vereins, den du gestern hier gesehen hast.“
*-*-*
„Ich bin wieder zu Hause“, hörte ich Albas Stimme im Flur.
„Bin in meinem Zimmer“, rief ich zurück.
Sie erschien in meiner offenen Tür.
„Bist du den ganzen Morgen in deinem Zimmer gewesen?“
„Nein, ich war bei Josef und wir haben ein sehr langes Gespräch geführt.“
War da ein kleiner Anflug von Schuldbewusstsein in den Augen meiner Tante zu sehen, oder täuschte ich mich. Sie setzte sich an den Rand meines Bettes.
„…und jetzt bist du sauer auf mich, weil ich Josef alles über dich erzählt habe.“
„Nein.“
„Nein?“, fragte sie verwundert.
„Gut, die ersten paar Minuten vielleicht…, aber das Gespräch mit Josef tat gut und so langsam wird mir bewusst, was mir fehlt, weil ich ohne Großeltern aufzuwachsen bin…“
Alba atmete tief durch und stand wieder auf.
„Daran können wir leider nichts ändern, aber es erinnert mich, dass ich noch zu Friedhof sollte…, du warst nie am Grab deiner Großeltern?“
„Nein…“
„Gut…, hast du Hungern?“
„Immer doch!“
„Hühnchen oder Fisch?“
„Hm… Fisch hatte ich schon lange nicht mehr…“
„Okay, dann lade ich dich zu dem weltbesten Fischrestaurant ein, dass wir hier in Barcelona haben.“
„Öhm… muss ich mich dafür irgendwie besonders anziehen?“
„Nein, du kannst so bleiben wie du bist, aber hast du eigentlich Schwimmsachen mit?“
„Das müsste in meinem restlichen Gepäck sein…“
„… dass wir glaube ich als erstes holen sollten, noch vor dem Essen.“
„Kein Problem.“
*-*-*
Mein Gepäck war schnell gefunden. Ein großer Koffer und zwei Kartons. Etwas schwerfällig trugen wir alles gemeinsam in Albas Wagen.
„Scheint ja alles eingepackt worden zu sein“, meinte ich, als ich den großen Koffer mit Wucht in den Kofferraum schob.
„Viel ist das ja nicht“, meinte Alba.
„Viel Eigenes hatte ich auch nicht. Den Computer hat mein lieber Vater mir gleich weggenommen, ebenso die kleine Musikanlage.“
„Ich glaube, ich muss mal bei meinem Bruder anrufen und einiges klar stellen.“
„Das lässt du schön bleiben, ich will nichts erbetteln.“
„Wer hat denn gesagt, dass ich betteln werde?“
„Du weißt wie ich das gemeint habe.“
„Leonardo Tirado, du wirst dich doch so wohl nicht abspeisen lassen.“
„Wenn ich ehrlich bin, ist es mir mittlerweile egal, ich will mit meinem Vater, oder was auch immer er ist, nichts mehr zu tun haben.“
Alba schob den zweiten Karton auf die Rückbank und schüttelte dabei den Kopf.
„Wenn du meinst, aber für mich ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!“
Ich ließ es dabei und gab darauf keine Antwort mehr und stieg wieder ein. Auch Alba stieg ein und fuhr zügig los. Die nächste viertel Stunde wechselten wir kein Wort. Dann zog sie recht schnell in einen Parkplatz, stellte den Wagen ab und stieg aus.
Ich folgte ihr und hatte Angst, dass ich irgendetwas Falsches gesagt hatte, denn meine liebe Tante Alba hatte wieder diesen Blick drauf, wenn sie sauer war. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, folgte ich ihr weiter.
Sie bog um die Ecke und als ich diese Stelle erreichte sah ich das Meer. Naja, als erstes sah ich so ein komisches Ding am Strand stehen, ich wusste nicht was es darstellen sollte. Vier große Kästen mit Fenstern, die krumm übereinander gestapelt waren.
Alba verschwand in einen Laden. Ich hob den Kopf und konnte Cal Pinxo Platja lesen. Ein feiner Geruch von Fisch flog mir entgegen. Tante Alba sprach kurz, mit dem Mann hinter der Theke, bevor sie sich zu mir umdrehte.
„Komm!“, sagte sie und ich folgte ihr auf die Terrasse, mit Blick direkt auf das mehr.
Das Alba eine große Tasche dabei hatte, fiel mir jetzt erst auf. Sie setzte sich an einen der Tische, hob kurz ihre Sonnenbrille an, durchfuhr ihr Haar mit den Fingern, bevor ihre Augen wieder hinter der Brille verschwanden.
„Versprich mir eins!“
„Ähm was?“
„Bleib so wie du bist und lass dich von anderen nie ändern oder dreinreden!“
Verunsichert nickte ich ihr zu.
„Und lass nie deinen Vater zwischen uns stehen…“, sie atmete tief durch, …entschuldige bitte, aber ich kann nichts dafür, dass mir der Gaul durchgeht, wenn es um meinen lieben Bruder geht.“
„Deshalb musst du dich nicht entschuldigen!“
Ein Kellner kam an unseren Tisch, stellte bei jedem zwei Gläser ab, Teller, Besteck und was man eben zum Essen braucht. Danach verschwand er kurz, um dann mit einer Rotweinflasche und einer Wasserkaraffe zurück zu kommen.
Beiden schenkte er uns Rotwein ein, Die Karaffe ließ er auf dem Tisch zurück. Alba nahm ihr Glas und hob es mir entgegen. Ich tat es ebenso.
„Auf dass du hier heimisch wirst und alle deine Wünsche in Erfüllung gehen!“
Ich nickte und wir stießen an. Der Wein war mir leicht zu trocken, aber sonst schmeckte er gut. Wieder kam der Kellner, diesmal mit zwei Tellern. Der Duft von der Paella de arroz con pescado y marisco stieg mir in die Nase.
Der Reis war extra gewürzt und die Meeresfrüchte waren frisch. Kein Wunder so dicht am Meer.
„Und?“, fragte Alba.
„Herrlich!“, konnte ich nur Antworten.
Von der Menge her konnte das nur eine Vorspeise sein. So war ich froh, dass es heute nicht zu heiß war, sonst wäre mir das schon zu viel gewesen. Schnell war die Portion gegessen. Ich nippte am Wein und bemerkte, dass er jetzt viel besser schmeckte, als vorher ohne Essen.
„Was hast du alles bestellt?“, fragte ich.
„Du wolltest Fisch, dann lass uns auch Fisch essen“, antwortete Alba und grinste breit.
Dann wurden uns Platte mit Scampis serviert, Miesmuscheln und Tintenfisch konnte ich auch darauf entdecken. Beide bekamen wir neue Teller und zum Schluss noch eine Schale mit Zitronenwasser, um später die Hände reinigen zu können.
Alba machte sich daran, ihren Scampi die Schale abzuschälen. Ich machte es ihr nach.
„Ein Vorschlag, Leonardo. Ich würde sagen, dass du jetzt zwei oder drei Wochen, du dich erst einmal erholst, bevor wir gemeinsam einen Job suchen, ist dir das Recht?“
Da ich nicht unhöflich sein wollte und nicht mit vollem Mund sprechen konnte, nickte ich wieder, auch wenn ich nicht wusste, wie sie sich das ganze vorstellte. Aber schnell war das vergessen, denn auch dieses Essen schmeckte frisch gegrillt super gut.
*-*-*
Nach dem Essen, flanierten wir am Strand entlang. Voll ist anders. Nur sehr wenige Leute lagen am Strand. Die meisten, liefen wie Alba und ich, den geteerten Weg hinter dem Strand entlang.
„Eis?“, wollte Alba wissen.
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, bloß nicht! Ich bin voll.“
„Okay, aber irgendwo könnten wir doch einen kleinen Kaffee trinken?“
Dagegen bin ich nicht abgeneigt!“, lächelte ich.
Wenig später hatten wir einen Platz an einem Strandcafe ergattert und schauten dem bunten Treiben vor uns zu.
„Wie gefällt dir Rafael?“, fragte Alba.
„Hä?“
„Komm, du hast mich schon verstanden.
Ertappt, mein Gesicht färbte sich leicht rot und ich war froh meine Augen ebenso hinter der Sonnenbrille verstecken zu können.
„Kein Kommentar“, antwortete ich und nippte an meinem Kaffee.
„Och, du oller Spielverderber, nun sag schon!“
„Neihhhen!!!! Oder soll ich wieder Tante Alba sagen?“
„Untersteh dich!!!“
Ich grinste sie fies an.
„Okay gut, ich sage nur dieses eine“, meinte ich.
Gespannt sah sie mich an.
„Ich kenne Rafael zu wenig, damit ich mir ein Urteil bilden könnte!“, sagte ich und fing an zu lachen.
„Och du! Aber er gefällt dir?“
„Ja, er sieht gut aus, aber das zählt doch nicht alleine!“
„Ah, der Herr hat Ansprüche.“
„Ähm, hat das nicht jeder irgendwie?“
„Doch, ich glaube schon“, meinte Alba und leerte ihre Tasse.
*-*-*
„WAS hast du da rein getan? Backsteine?“, fragte Alba, als sie den zweiten Karton auf mein Bett gleiten ließ.
„Ich weiß nicht was da drin ist, ich dachte, ich bekomm eigentlich nur meine Klamotten nachgeschickt, was genau in den Kartons ist, weiß ich nicht.“
„Vielleicht dein Computer?“
„Das passt da nicht rein und so schwer ist der nicht.“
„Dann werden wir das ja gleich sehen, ich hol eine Schere, damit wir das Klebeband entfernen können“, meinte sie und verschwand aus meinem Zimmer.
Im Flur klingelte das Telefon und Alba nahm ab. So machte ich mich daran, meinen Koffer zu öffnen. Den durfte ich wenigstens noch selbst packen, bevor ich zielsicher und schnell zum Bahnhof verfrachtet wurde.
Mein Vater selbst tat dies. Am Bahnhof selbst kam kein Wort von ihm, er ließ mich aussteigen und brauste kurz danach davon. Das alles tat noch unheimlich weh. Ich setzte mich neben die Kartons auf den Bettrand.
Tränen kamen mir in die Augen. Warum war er so grausam, so war er doch früher nicht. Erst als ich anfing, nicht mehr seinem Ideal von Sohn zu entsprechen, wurde er immer unausstehlicher.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte plötzlich Alba in der Tür stehend.
„Geht schon!“, antwortete ich und wischte mir die Tränen aus den Augen.
Alba legte ihre Hand auf meine Schulter.
„Das wir schon irgendwie, glaube mir, das schaffen wir! Wir sind übrigens heut Abend bei Josef zum Essen eingeladen.“
„Ist wieder ein Fest?“
„Doch nicht unter der Woche, die finden nur am Wochenende statt. Einfach nur ein Abendessen.“
„Okay, dann werde ich mal meinen Koffer leeren.“
„Oh Gott, die Schere, die habe ich vergessen.“
Und wieder war sie verschwunden und ich musste wieder grinsen.
Eine gute Stunde später, war alles verstaut. In den schweren Kartons waren doch tatsächlich Schulbücher und solche Sachen, die mein Vater anscheinend nicht verwerten konnte und ich eigentlich auch nicht.
Egal, bei Alba löste das fast wieder einen Temperamentsausbruch aus, ich konnte sie gerade noch beruhigen. Die Kisten, so beschloss Alba, kamen in den Keller, was bedeutete, dass wir sie wieder runter tragen mussten.
Danach lag ich erschöpft auf meinem Bett.
„Das Zimmer könnte ein paar Pflanzen und Bilder vertragen“, meinte Alba und kam mit zwei Gläser Wasser in mein Zimmer.
„Was für Bilder.“
„Ja…, solche Bilder, die Jugendliche in deinem Alter halt so aufhängen.“
„Du meinst nackte Männer?“, fragte ich grinsend.
„Naja, nackt müssen sie ja nicht gerade sein…“
„Aber gefallen würde die dir sicher auch“, kicherte ich.
Wurde meine Tante etwa rot?
„Ich meinte ja nur…, können wir zum Wochenende bestimmt irgendwo besorgen.“
„Einen nackten Mann?“
Gegen meine Erwartung, kam doch noch eine Anmerkung von ihr.
„Gut ich frage Rafael, ob er für mich Akt steht.“
Ich verschluckte mich an meinem Wasser und Alba fing laut an zu lachen.
*-*-*
Am Abend liefen wir beide den gleichen Weg, wie schon am Wochenende zuvor. Dieses Mal war der Platz ganz leer, nur einzelne Paar gingen darauf sparzieren.
„Hallo Alba… Leonardo, freut mich, dass ihr kommen konntet.“
„Hallo Josef, nochmal danke für die Einladung“, sagte Alba und drückte ihn kurz.
Auch der Rest der Familie wurde herzlich begrüßt, so wie ich auch von ihnen. Rafael konnte ich nicht entdecken und war erst etwas enttäuscht, aber fand dann doch es war besser so, er würde mich doch nur ablenken.
Alonzo, Josefs Schwiegersohn und Rafaels Papa brachte eine große Pfanne an den Tisch, mit einer großen Auswahl an Fleisch. Es duftete herrlich und trotz des n Essen am Mittag, bekam ich wieder Hunger.
Maria befüllte die Teller und verteilte sie, Gläser befüllt mit Rotwein oder Wasser ebenso. Das erste Stück Fleisch zerging auf meiner Zunge und ich wusste, auch heute Abend würde ich bestimmt zu viel essen.
„Leonardo“, rief Alonzo quer über den Tisch“, Josef sagt, du suchst einen Job.
Ich nickte nur.
„Was interessiert dich denn so?“
„Da habe ich mir noch keine richtige Gedanken gemacht…, irgendetwas mit Medien vielleicht, daran hatte ich schon immer Interesse dran.“
„Wie wäre es mit Journalismus?“
„Hört sich interessant an.“
„Leonardo, lass dich bloß nicht einwickeln, mein Mann sucht doch nur einen billigen Sklaven, der ihm seinen Kaffee bringt“, meinte Maria seine Frau.
„Stimmt doch gar nicht, Maria, wie kannst du das nur behaupten.“
„Ich bin lange genug mit dir verheiratet!“
Erst dachte ich, die zwei fangen sich richtig an zu streiten, aber nun begann alles laut an zu lachen und die zwei schenkten sich ein Lächeln.
„Du siehst, du darfst dich nie auf eine deiner Sinne alleine verlassen, gebrauche immer alle“, hörte ich Josef in sein Ohr flüstern.
Was meinte er jetzt damit? Er ließ diese Frage unbeantwortet in meinem Kopf zurück, denn Alba erzählte mir, dass Alonzo bei der hiesigen Zeitung La Vanguardia in Barcelona eier der Redakteure sei und dort immer wieder Jobs angeboten wurden.
„Aber ich habe doch keinerlei Ausbildung.“
„Vielleicht kannst du da eine machen, aber wenn du auf mich hörst, schauen wir uns gerne weiter um, du musst nicht sofort eine Entscheidung treffen. Vielleicht schläfst du da mal drüber.“
Ich nickte und nippte an meinem Rotwein. Lautes Röhren ließ die anderen kurz verstummen, bis Rafael auf seinem Moped auftauchte. Er hatte ein Mädchen auf dem Sozius sitzen. Meine Stimmung war fast wieder auf dem Nullpunkt.
„Leonardo, willst du noch etwas?“, fragte Maria.
„Nein danke, ich krieg nichts mehr runter. Es war einfach zu gut!“
„Danke Leonardo! Alonzo, bei Leonardo könntest du noch in die Schule gehen!“
„Wieso?“
„So viel Charme hast du noch nie an den Tag gelegt!“
Die anderen lachten und ich wurde rot.
„Hallo zusammen!“, rief Rafael und schon war alles von mir abgelenkt.“
Er ging zu seiner Mutter und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange.
„Ihr seid spät“, sagte einer der anderen Männer zu den beiden.
„Ach Papa, du weißt doch immer wo wir sind“, meinte das Mädchen.
„Aber trotzdem hast du pünktlich daheim zu sein.“
„Kinder streitet nicht, wir haben Gäste!“, sprach Josef ein Machtwort und die beiden waren ruhig.
„Man sollte meinen, dein Bruder hat immer alles richtig gemacht“, hörte ich Maria leise zu Alonzo sagen.
Halt, wenn das Alonsos Bruder war, dann war das Mädchen Rafaels Cousine, also nicht seine Freundin.
„Wie viel Söhne hast du eigentlich, Josef?“, fragte ich.
Plötzlich wurde es ruhig am Tisch. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Verwirrt schaute ich zu Alba, die unter dem Tisch nach meiner Hand griff.
„Drei…, aber eigentlich vier, aber Franco unser jüngster, hat sich damals das Leben genommen…, du weißt schon, darüber habe ich dir schon erzählt.“
Ungläubig schaute ich ihn an. Dieser junge Mann, der in den Tod getrieben wurde und mein Vater mitverantwortlich war, war Josefs Sohn Franco? Entsetzt schaute ich alle am Tisch an.
„Ihr entschuldigt“, meinte ich nur, stand auf und verließ fluchtartig den Platz.
Ich hörte noch Alba etwas rufen, aber ich konnte nicht zurück. Zu sehr schämte ich mich plötzlich für meinen Vater. Ich konnte mich hier doch niemals mehr blicken lassen. Irgendwann erreichte ich Albas Wohnung, schloss auf und wenig später lag ich heulend auf meinem Bett.
Was sollte ich denn jetzt tun? Wo sollte ich denn hin, ich wusste nicht mal, ob ich bleiben konnte. Denn ich wollte nicht, dass Tante Alba, wegen mir Ärger bekam. Ich setzte mich auf. Die Tränen liefen ungehindert über meine Wangen.
Hatte mich mein Vater nicht schon genug verletzt? Musste er auch hier mein Leben zur Hölle machen? Es klopfte an meiner Tür und ich fuhr zusammen. Sie öffnete sich und Alba schaute herein.
„Leonardo…“, meinte sie nur, kam zu mir und nahm mich in ihre Arme.
„Er … macht alles kaputt“, schluchzte ich.
„Wer?“
„Mein Vater…“
Ich schaute ihr verheult in die Augen.
„Er ist doch schuld an Francos Tod…“
„Komm mal mit“, meinte Alba und zog mich hinüber ins Wohnzimmer.
Dort saßen Josef und Rafael. Alba drückte mich neben Josef aufs Sofa und setzte sich selbst in einen der Sessel.
„Warum bist du weggelaufen?“, fragte Josef mit ruhiger Stimme.
„Du… hast mir nicht gesagt, dass es dein… Sohn Franco war, der sich wegen meinem Vater umbrachte.“
„Was, dein Vater…?“
„Rafael“, fiel ihm Josef ins Wort, „was hatte ich dir gesagt?“
Rafael senkte seinen Kopf und blieb stumm. Genau vor so einer Reaktion hatte ich Angst.
„Leonardo, du bist nicht dein Vater!“, begann Josef, „was dein Vater alles getan hat, dafür bist du nicht verantwortlich. Du weißt selbst, was er mit dir gemacht hast, warum du hier bist.“
Ich nickte. Einen klaren Gedanken konnte ich dennoch nicht fassen, es war schlichtweg, einfach zu viel.
„Und ich wäre der letzte, der dir einen Vorwurf deswegen machen würde.“
*-*-*
Ich hatte gehört, wie Alba, an diesem Morgen, die Wohnung verlassen hatte. Ich lag seither wach im Bett und starrte Richtung Decke. Josef hatte gestern noch viel erzählt und war dann später mit seinem schweigsamen Enkel wieder gegangen.
Mir gingen die Augen Rafaels nicht mehr aus dem Kopf. Vor diesem Ereignis waren sie strahlend und herrlich anzuschauen. Gestern Abend aber, konnte ich Wut und Traurigkeit darin lesen.
Durch die halb offenen Rollläden spürte ich die Wärme, die die Sonne mit ihren kräftigen Strahlen schon verbreitete. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon nach zehn Uhr war.
So entschloss ich mich, doch endlich mal aufzustehen. Ich schlug meine Decke zurück. Wie immer hatte ich nur in Shorts geschlafen, doch heute Nacht, durch die viele Träumerei, die mir die Vorfälle des gestrigen Abends beschert hatte, fand ich meine Shorts am Boden liegend.
So war ich schon nackt, als ich aufstand und wanderte so ins Bad. Von geilen Gedanken war ich aber weit entfernt, zu sehr bedrückte mich das, was vorgefallen war. Und da war auch noch er, Rafael, in den ich mich, zu meinem Unglück wahrscheinlich verguggt hatte.
Ich schaute in den Spiegel. Meine Augen waren rot unterlaufen, die Lider geschwollen. Da half nicht einmal die vielen Cremetöpfchen von Tante Alba, um die wieder unsichtbar zu machen.
Ich sprang unter die Dusche, mit dem Vorhaben, meine Stimmung zu ändern. Das heiße Wasser auf meinem Körper verfehlte nicht seine Wirkung, ich fühlte mich etwas besser. Körperlich besser!
In meinem Kopf sah es nicht besser aus. Ein Schild mit Chaos dran zu pinnen, wäre noch untertrieben gewesen. Frisch geduscht und angezogen kam ich in die Küche. Dort lag eine Nachricht von Alba auf dem Tisch.
Nach ihrer Meinung täte es mir gut, nicht den ganzen Vormittag in der Wohnung zu verbringen, sprich ich sollte hinaus, mich auf dem Markt umsehen, ob ich eventuell etwas fürs Abendessen zu finden.
Sogar Geld hatte sie mir hinterlassen. Ich schnappte mir also Geld und die Tasche und verließ das Haus. Da ich aber nur den einen Markt kannte und ich aber nicht an Josefs Haus vorbei laufen wollte, änderte ich meine Route.
Plötzlich hatte ich das Gefühl, das mich irgendwie jeder beobachtete. Bildete ich mir das nur ein? Zwei Frauen schauten mich kurz an, betraten aber dann einen Eingang. Vielleicht hätte ich zu Hause etwas Essen sollen, einen Kaffee trinken sollen.
Ich tat alles als Einbildung ab, obwohl mich immer wieder die Blicke der anderen trafen. Die andere Straße zum Markt war erreicht. So lief ich durch den Markt und überlegte, was man am Abend essen konnte.
Die Tomaten sahen lecker aus, mir schwebte ein Tomatensalat vor. Schnell waren drei, vier Tomaten heraus gesucht und der Dame an der Waage gegeben.
„Darf es noch etwas sein?“
Unschlüssig schaute ich auf die vielen Sorten von Gemüse.
„Was möchtest du denn Kochen?“
Ja, das war die Frage. Ich liebte Pasta über alles und ihm fiel das Gericht wieder ein, dass ihm mal seine Mutter beigebracht hatte.
„Haben sie Artischocken?“
„Ja klar“, meinte sie, lief etwas nach rechts.
„Wie viele dürfen es denn sein?“, fragte sie mich und ich folgte ihr.
Ich sah die Größen der Artischocken.
„Eine große oder zwei kleinere.“
„Nehmen wir zwei kleinere, deren Herzen sind aromatischer“, sagte die Frau und packte sie mir ein.
„Dann bräuchte ich noch Petersilie und einen kleinen roten Paprika und Zwiebel.“
„Charlotten hätte ich heute im Angebot.“
„Dann nehme ich davon zwei und noch eine Knoblauchknolle“, weil ich mir nicht sicher war, ob Alba noch etwas zu Hause war.
Ich bekam alles eingepackt und zahlte. Jetzt brauchte ich noch Salami und Nudeln. Beides fand ich und ließ es mir ebenso einpacken. Als ich am Käsestand vorbei lief, fiel mir ein, dass ich auch noch Parmesan brauchte.
So ließ ich mir auch davon ein Stück abschneiden. Ich war jetzt ziemlich dicht am Brunnen, wovon ich am ersten Abend den Turmbau beobachtet hatte. Die Sonne stand jetzt recht hoch, so hielt ich eine kurze Erfrischung für ganz sinnvoll.
„Leonardo?“
Eine mir bekannte Stimme hatte meinen Namen gerufen. Ich drehte mich um und sah Maria auf mich zu kommen, ebenso bestückt mit Einkäufen. Verlegen lächelte ich ihr entgegen.
„Alles in Ordnung mit dir?“
„Ja…, geht.“
„Komm, setzten wir uns kurz…“, meinte sie und setzte sich auf die Bank vor dem Brunnen.
Ich setzte mich neben sie und stellte meine Tüten auf dem Boden ab.
„Du hast eingekauft?“
„Ja, ich möchte Alba und mir heute Abend etwas kochen.“
„Du kannst kochen?“
„Ja, das hat mir meine Mama beigebracht, bevor… sie gegangen ist.“
„Du hattest es nie leicht mit deinem Vater?“
Ich schüttelte den Kopf und plötzlich war wieder diese Traurigkeit da, unter der ich in den vergangenen Wochen öfter gelitten hatte.
„Hör mal, ich habe etwas von dem Gespräch zwischen meinem Mann und meinem Schwiegervater mitbekommen. Niemand hier wird dir einen Vorwurf machen, dafür trägst du keine Schuld.“
„Und warum… schäme ich mich dann so?“
„Du schämst dich wegen deines Vaters?“
Ich nickte und wischte mir dabei die Tränen weg.
„Leonardo, ich kannte deinen Vater, sogar deine Mutter, sie war eine tolle Frau und sehr lebenslustig, wie sie an deinen Vater geraten konnte, weiß ich bis heute nicht.“
„… irgendetwas muss ja gewesen sein, sonst hätte sie ihn ja nicht geheiratet.“
„Da bin ich mir sicher… Du Leonardo, versuch loszulassen, an der Vergangenheit festzuhalten ist nicht gut, war es nie.“
Dies beruhigte meine Gedankenwelt nicht, eher das Gegenteil. Jeder hatte gute Ratschläge, aber wie ich sie anwenden sollte, erklärte mir keiner.
„Deinem Gesicht nach zu urteilen, weißt du nicht, was du machen sollst.“
Ich schaute sie an und plötzlich sprudelte es aus mir heraus. Eine eigentlich wildfremde Frau brachte mich dazu, mein Inneres zu zeigen. In der nächsten halben Stunde schüttete ich Maria mein Herz aus.
Sie sprach nicht dazwischen, hörte nur zu. Als ich fertig war und tief durch atmete, legte sie ihre Hand auf meinen Unterarm.
„Was du mit deinem Vater erlebt hast, reicht für ein ganzes Leben. Ich verstehe auch deine Zerrissenheit, du liebst deinen Vater und du hasst ihn auch.“
„Ja…“
„Du, ich weiß, dass Alba nicht vor drei Uhr heimkommt, willst du mit mir kommen, etwas zu uns?“
„Ich weiß nicht recht…“
„Was willst du denn überhaupt kochen?“
„Pasta mit Artischocke und Salami…“
„Hm, außer Artischocke habe ich eigentlich auch alles zu Hause. Was hältst du von der Idee, dass wir gemeinsam kochen, Alba kann ich anrufen, sie kommt dann direkt zu uns…, als kleine Wiedergutmachung…?“
„Wie kann ich das wiedergutmachen?“
„Ähm, ich meinte eigentlich uns…, damit du nicht mehr das Gefühl hast, wir könnten etwas gegen dich haben…“
Sollte ich das ablehnen? Maria lächelte mich erwartungsfroh an, so nickte ich und stimmte zu.
„Gut, dann lass uns noch ein paar Artischocken kaufen.“
*-*-*
„Hallo, hier habe ich dir einen Pulli mitgebracht, falls es dir später kalt werden sollte“, begrüßte mich Alba.
Ich begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange.
„Als ich dir vorschlug, heute Abend gemeinsam zu kochen, dachte ich eigentlich an einen kleinen Kreis, also du und ich.“
Ich wollte gerade etwas erwidern, als mir Maria mir ins Wort fiel.
„Das war meine Idee… entschuldige, Maria.“
„Du brauchst dich doch nicht entschuldigen, du weißt doch wie gerne ich bei euch bin.“
Maria lächelte.
„Kann ich euch irgendwie helfen?“
„Eigentlich nicht, dein Neffe scheint dass alles perfekt zu beherrschen, …doch eins, ich hasse es Artischocken zu schälen, kannst du das übernehmen?“
„Gerne“, meinte meine Tante und setzte sich an den Tisch.
Ich musste grinsen. Die zwei Frauen unterhielten sich über Tagesgeschehnisse in der Umgebung, während ich meine Zwiebel schnippelte.
„Bin wieder zu Hause…“, hörte ich plötzlich Rafael rufen und wenig später stand er in der großen Küche.
„Hallo Schatz“, begrüßte ihn Maria, bevor er mich bemerkte.
Eisig sah er mich an, Etwas laut für meinen Geschmack, stellte er seinen Helm auf der Anrichte und verschwand dann ohne ein weiteres Wort zu sagen aus der Küche.
„Rafael…!“, rief Maria.
Ich wollte ihm schon nachlaufen, aber Alba, die plötzlich neben mir stand hielt mich zurück.
„Lass mal, dass erledige ich!“, meinte sie und folgte Rafael.
Traurig schaute ich ihr hinterher. Ich wollte nicht, dass man sich wegen mir wegen mir streiten würde. Nicht wegen mir! Sofort war wieder alles da und ich sank in mich zusammen.
„Keine Sorge, wir haben festgestellt, dass Alba einen ganz besonderen Draht zu Rafael hat, er hört eigentlich immer auf sie“, meinte Maria.
„Ich will nicht, dass es wegen mir Streit gibt.“
„Wenn deine Tante nicht gegangen wäre, hätte ich mir meinen Sohn vorgenommen, weil er ein Betragen an den Tag legt, welches ich hier unter meinem Dach nicht dulde.“
„Okay…“, sagte ich und gab mich innerlich dabei irgendwie auf.
„Ich decke draußen schon mal den Tisch. In einer Stunde sind dann alle da…“
Ich nickte und zog den großen Topf auf die Flamme, damit ich die Spaghetti kochen konnte.
„Ich wollte es nicht glauben, als mir Maria erzählte, dass du heute kochst.“
Josef war in die Küche gekommen.
„Hallo Josef“, sagte ich leise.
Er hob seine Arme und drückte mich kurz an sich.
„Ich bin zu Hause!“, hörte ich dieses Mal eine Mädchenstimme.
„Hallo Gabriella“, sagte Josef.
„Hallo Großvater, wo sind denn die anderen?“
„Ich weiß es nicht. Darf ich dir Leonardo vorstellen, gestern ist das irgendwie zu kurz gekommen. Leonardo, das ist meine Enkelin Gabriella, Tochter von meinem Sohn Marco.“
„Und die kleine, du weißt schon, die von der Turmspitze?“
„Francesca? Sie ist die Tochter meines ältesten Sohn Victor, sie wohnen im Nachbarhaus.“
„Gabriella, das ist Leonardo, der Neffe von Alba.“
„Ich weiß, Rafael hat es mir gestern schon gesagt. Ich geh mal rauf, muss noch Hausaufgaben machen…, wann gibt es Essen?“
Josef schaute mich an.
„Etwa in einer Stunde“, antwortete ich.
„Gut, müsste mir reichen, bis später…“
Auch sie verschwand schnell aus der Küche. Plötzlich konnte ich Albas Stimme hören, sehr laut, aber nicht verständlich.
„Was ist denn da oben los?“
„Alba ist rauf zu Rafael, weil…“, ich brach mitten im Satz ab.
Aus reiner Verzweiflung rührte ich im Nudelwasser herum, obwohl ich noch gar keine Nudeln hineingeworfen hatte. Plötzlich spürte ich Josefs Hand auf meiner Schulter.
„Gib ihm Zeit, er wird sich schon fangen.“
„Ist doch egal…“
„Leonardo, so darfst du nicht denken!“
„Ich möchte nur nicht der Grund für irgendwelche Streitereien sein…, das ist alles.“
Josef drehte sich zu sich um. Zum ersten Mal sah ich richtig in Josefs Augen. Ich war mir sicher, dass diese schon sehr viel erlebt hatten. Und jetzt strahlten sie mich an.
„Stell dich nicht tiefer, als du es bist! Die anderen müssen dich so akzeptieren wie du bist, und wer das nicht möchte, ist es nicht wert dein Freund zu sein! Und da schließe ich Rafael nicht aus. Wenn er dein wahres Ich nicht erkennt, ist er einfach nur blöd!“
„Hallo Josef“, hörte ich Albas Stimme und drehte mich um.
Sie war zurück gekommen und hatte einen verschreckten Rafael im Gefolge.
„Hallo Rafael, ich habe nicht gewusst, dass du schon zu Hause bist.“
„Hallo Großvater…“, kam es gedämpft als Antwort.
Alba setzte sich an den Tisch zurück und nahm sich die leicht gekochten Artischocken vor. Mir fiel siedeheiß ein, dass ich langsam anfangen musste zu kochen, sonst wurde aus dem Essen nichts und dann hing sicher der Haussegen schief.
So warf ich die Spaghetti ins sprudelnde Wasser und rührte kurz um. Maria hatte eine für mich riesige Pfanne aufgestellt. Ich suchte den Knopf um die Gasflamme anzustellen und wurde fündig.
Was hinter meinem Rücken geschah, sah ich nicht, aber ich wagte mich auch nicht, mich umzudrehen. Ich nahm die Flasche Olivenöl und ließ etwas davon in die Pfanne laufen. Plötzlich erschien Rafael neben mir.
„Entschuldige…“
Ich sah ihn kurz an. Mir war mittlerweile klar, dass weder ich noch etwas dafür konnte, noch dass ich Rafael es irgendwie krumm nehmen konnte, dass er sauer auf mich war.
„Schon gut…“, antwortete ich und warf die geschnitten Charlotten, den Paprika und etwa die Hälfte der Salami in die Pfanne.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“
Ich schaute in seine traurigen braunen Augen. Mit einem Lächeln drückte ich ihm den Kochlöffel in die Hand.
„Kannst umrühren“, meinte ich nur und wandte mich zu Alba.
Sie saß mit Josef am Tisch und schälte die Artischocken, während Josef die freigelegten Herzen kleinschnitt.
Maria kam zurück und schaute erstaunt, lächelte mich dann aber an.
„Vater, möchtest du ein Gläschen Wein trinken?“, fragte sie Josef.
„Gerne“, erwiderte er.
„Alba?“
„Ich schließe mich an“, grinste sie.
Dann schaute Maria zu uns.
„Rafael, du weißt wo die Cola steht“, sagte sie nur.
Ich nahm mir die leere Schüssel vom Paprika und ging an den Tisch. Dort belud ich sie mit den inzwischen fertig geschnittenen Artischocken. Zurück am Herd, warf ich den Knoblauch und die Artischocken in die Pfanne, zog einem leicht verwirrten Rafael den Kochlöffel aus der Hand und rührte das Ganze um.
„Du brauchst Weißwein hast du gesagt“, hörte ich Maria und sie drückte mir eine offene Flasche in die Hand.
Lächelnd nahm ich sie entgegen und übergoss gleich das Geschmorrte damit. Da die Pfanne etwas größer war als sonst, war die Flasche schnell halb leer. Ich griff nach der Butter und auch hier war es kein kleines Stückchen wie sonst.
Der Weißwein fing an zu köcheln, band sich aber leicht ab, als ich die Butter verrührte. Mit dem Kochlöffel rührte ich kräftig in den Spaghetti, nahm einige auf und hielt sie Rafael hin, der immer noch stumm neben mir stand.
„Was?“, fragte er verwundert.
„Probier, ob sie gut sind“, antwortete ich.
Die anderen grinsten sich eins. Der Küchentisch war bereits sauber gemacht und die drei saßen mit einem Glas Rotwein in der Hand und schauten uns zu.
„Willst du nicht Koch werden?“, fragte Josef, „so gut wie das schon riecht.“
Ich musste nun auch grinsen.
„Nein, eigentlich ist das nur ein Hobby für mich. Täglich möchte ich das nicht machen müssen.“
„Bist du sicher? Maria überlässt dir sicher gern ihren Platz. Täglich für uns zu kochen ist sicher anstrengend.“
Maria nickte und Rafael hatte mittlerweile probiert.
„Und?“
„Noch etwas, würde ich sagen.“
„Hört, hört! Mein Sohn kennt sich mit Spaghetti aus, der rennt ja schon weg, wenn ich frage, ob er die Zwiebel für mich schneidet.“
„Mama!“
Ich konnte nicht anders und musste lachen. Dabei drehte ich das Gas kleiner, denn die Sauce sollte nicht mehr weiter kochen. Ich warf die restlichen Salami hinein, streute die gehackte Petersilie darüber und verrührte das Ganze.
Ich probierte die Sauce und schmeckte, dass da noch ordentlich Pfeffer und Salz fehlten. Auch hier merkte ich schnell, dass es mit einfachen Brisen nicht getan war.
„Hallo“, hörte ich plötzlich Alonsos Stimme, wo seid ihr denn alle?“
„Hier in der Küche“, rief Maria und kurz darauf erschien er in der Küche.
„Oh!“, meinte er, als er mich an Herd sah.
„Leonardo hat sich bereit erklärt, heute Abend mal das Abendessen zu übernehmen.“
„Also wenn es so gut schmeckt, wie es duftet, dann ist es gut.“
„Dann geht ihr schon mal draußen an den Tisch, ich helfe Leonardo noch beim Anrichten“, meinte Maria und scheuchte die anderen nach draußen.
Rafael blieb neben mir stehen. Noch einmal zog ich ein paar Spaghetti aus dem Topf und probierte sie aber dieses Mal selbst. Sie waren genau richtig.
„Hast du eine Zange?“, fragte ich Maria, die sogleich eine Schublade aufzog und mir eine Nudelzange reichte.
Hinter mir kläpperte es leicht und wenig später tauchte Maria mit Porzelanschüsseln auf. Ich dagegen, schöpfte die Spaghetti aus dem Wasser und warf sie direkt in die Sauce. Danach rührte ich alles noch einmal kräftig durch.
Maria schöpfte die Schüsseln voll und drückte sie Rafael in die Hand. Der, schien immer noch etwas verwirrt, trug sie dann nach draußen.
„Halt, der Parmesankäse“, sagte ich.
„Nehmen wir mit nach draußen, nicht jeder von unserer Familie möchte Parmesan“, meinte Maria.
So nahmen wir die restlichen Schüsseln und trugen sie ebenfalls nach draußen.
*-*-*
Während des Essens, lernte ich nun auch den Rest der Familie kennen, der Tisch war voll. Sogar die kleine Francesca war herunter gekommen und saß nun auf dem Schoss ihres Onkels und ließ sich füttern.
Alle waren gut auf und meine Laune hatte sich völlig gesteigert. Niemand erwähnte das von gestern. Lediglich Rafael, der mir gegenüber saß, schaute betrübt auf seinem Teller und stocherte darin herum. Alba rempelte mich an und ich wandte mich ihr zu.
„Leonardo, du hast dich übertroffen, du weißt was dir blüht?“
Verwirrt schaute ich sie an.
„Was?“
„Du wirst ab sofort öfter kochen müssen.“
Alle lachten.
„Wenn das nicht überhandnimmt gerne.“
„Ich nehm dich beim Wort“, rief Maria und hob ihr Glas an.
Wir prosteten uns alle zu. Und wieder fiel mein Blick auf Rafaels traurige Augen. Als alle gesättigt waren und die Schüsseln leer waren, begann die Frauen an, abzuräumen. Natürlich wollte ich auch helfen, aber Alba drückte mich wieder auf die Bank.
„Lass mal, du hast schon gekocht, den Rest übernehmen wir!“, meinte sie lächelnd.
Sogar Gabriella stand auf und half unaufgefordert. Diese Familie gefiel mir immer mehr, vielleicht auch deshalb, weil ich so etwas von zu Hause nicht kannte. Von Vaters Familie hatte ich nur Alba kennen gelernt, denn ihre Eltern waren früh gestorben.
Mama hatte einen Bruder, den hatte ich aber nie kennen gelernt und nach ihrem Tod, machte mein Vater auch keinerlei Anstrengungen, irgendwelche Kontakte zu pflegen. So gab es nur Alba und meinen Vater, den ich kannte und Alba lebte ja hier in Barcelona.
Also von Familie keine Spur. Ich griff nach meinem Glas und automatisch schaute ich wieder zu Rafael. Ich nahm einen kräftigen Schluck und stellte das Glas wieder ab, ohne es aber loszulassen.
„Es… tut mir Leid…, wenn ich dich verletzt habe“, stammelte ich leise zu meinem Gegenüber.
Rafael schaute auf und sah mich mit seinen tiefbraunen Augen an. Mir lief es kalt den Rücken hinunter, aber nicht, weil die Augen interessant finden könnte, nein, sondern wegen dem was ich jetzt sah… Hass und Zorn.
„… du weißt gar nichts…“, warf er mir vor.
„Wie denn auch… ich kenne dich ja nicht…“, flüsterte ich leise
„Das sollten wir es auch dabei belassen“, meinte er, stand auf und ging.
Ich schloss die Augen, atmete tief durch und versuchte nicht zu weinen. Das alles hier tat mehr weh, als das, was mein Vater mir angetan hatte. Was hatte ich Rafael nur getan?
„Lass ihn, er ist ein Sturkopf“, meinte Josef, der sich nun zu mir setzte.
Darauf konnte ich keine Antwort geben.
„Dein Essen war wirklich köstlich, ich hätte mehr gegessen, aber im Alter kann man nicht mehr so viel Essen.“
Gequält lächelte ich ihn an.
„Wo hast du nur so kochen gelernt?“
„Von Mama. Sie meinte immer, ich wüsste nicht, was für ein Mädchen ich einmal bekommen würde. Die heutigen Mädchen könnten ja nicht kochen.“
„Darüber weiß ich nichts. Also meine Schwiegertochter Carlota hat schon früh begonnen, Gabriella beim Kochen mit einzubeziehen.“
Auch hierzu schwieg ich wieder.
„Deine Mutter wusste also nicht Bescheid.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Eigentlich schade…, ich denke, sie wäre stolz, was aus dir geworden ist. Ein stattlicher junger Mann!“
Ich sah zu ihm.
„Ich konnte eigentlich immer mit allem zu Mama gehen, sie hörte mir immer aufmerksam zu.“
„Und dein Vater?“
„Der?“, ich lachte leise kurz sarkastisch auf, „wenn abends das Essen nicht auf der Tisch stand, wenn er von der Arbeit kam, dann war die Hölle los. Und auch sonst tat er nicht fiel, was mit der Familie etwas zu tun hatte.“
„Aber geschlagen hat er dich nicht?“, wollte Josef wissen.
„Nein, nie! Um am Schluss sagte er nur noch, er will sich an so einem Stück Dreck nicht die Finger schmutzig machen.“
Josef schüttelte stumm den Kopf.
„Dann hat er sich in all den Jahren kein bisschen geändert.“
„Soweit ich weiß… ich denke mal nicht, aber ich kann es nicht richtig beurteilen, ich kenne ihn nicht anders“, antwortete ich ihm.
„So ein Sturkopf! Ich dachte immer, der Tod meines Sohnes würde ihm zu denken geben, aber so wie du erzählst, hat sich rein gar nichts geändert.“
„Das tut mir leid…“
„Muss es nicht Leonardo, das ist Vergangenheit und die sollte man ruhen lassen.“
„Leicht gesagt.“
„Wer hat dir gesagt, dass Leben ist einfach?“
Stumm schaute ich ihn an, zuckte mit den Schultern, weil es eine Frage war, mit der ich mich noch nie richtig befasst hatte. Klar dachte ich oft darüber nach, warum alles so war, wie es war, aber dies als über das Leben nachzudenken
„Das Leben ist nicht einfach, jeden Tag stellt es dich vor neue Herausforderungen, die du lösen musst.“
„Darauf kann ich glaub ich verzichten.“
„Das könnte jeder, aber es bleibt davon niemand verschont.“
Und wird dann jeder Tag so schlimm…, wie die vergangenen?“, fragte ich vorsichtig.
„Nein, so darfst du das nicht sehen. Klar, dass was dir in letzter Zeit passiert ist, ist nicht ohne, aber es gibt auch schöne Tage und die solltest du dann in vollen Zügen genießen.“
„Aber wann die kommen…“
„… wirst du dann schon bemerken, wenn es soweit ist.“
Dieses Mal richtig lächelnd schaute ich ihn lange an.
*-*-*
Wieder war eine Nacht vorbei, aber dieses Mal traumlos. Alba war wie gewohnt bei der Arbeit. Ich drückte ein wenig meinen laden am Balkon auf und schaute nach draußen. Sofort spürte ich die warme Luft, die mir entgegen strömte.
Auf der Straße war nicht viel los, so schloss ich den Laden wieder. Was tun, bis Alba nach Hause kam. Josef besuchen? Ich fand es besser. Mal einen Tag auszusetzten, denn seit meiner Ankunft war ich ja jeden Tag bei ihnen.
So lief ich in die Küche und schaute mich um. Ich hatte Lust auf einen Kaffee und versuchte mich an Albas Kaffeeautomarten. Ich drückte den Startknopf und mehrere Lichter begannen zu leuchten, eins davon blinkte.
Ich nahm mir eine Tasse aus dem Schrank und stellte sie unter den Ausguss, dann drückte ich den blinkenden Knopf. Laut surrte die Maschine los und plötzlich lief etwas kurz in meine Tasse.
Ich schaute in die Tasse und stellte fest, dass die Maschine anscheinend erst selbst reinigte. So leerte ich den Inhalt meiner Tasse in den Abfluss und stellte sie erneut unter den Ausguss. Ich beugte mich vor und schaute mir die Symbole genauer an.
Dann drückte ich das Symbol mit einer Tasse. Sofort surrte die Maschine wieder los und wenig später tröpfelte es in meinen Pott. Als die Tasse befüllt war, stellte sich die Maschine selbst ab, heulte kurz auf, bis es wieder völlig still in der Küche war.
Ich griff nach meiner Tasse und setzte mich an den Küchentisch. Dort lag eine Ausgabe der La Vanguardia, der Zeitung, die Alonso erwähnt hatte. So begann ich darin zu lesen und stellte fest, dass sie politisch mehr zur christdemokratisch-rationalistischen Parteien zu geneigt war.
Für Politik interessierte ich mich nicht sehr viel, ich wusste wer an der Regierung war, kannte Namen von führenden Personen, aber damit hatte es sich. In der Sparte Berufe fand ich nichts besonderes, als was mich hätte reizen konnte.
So faltete ich die Zeitung wieder zusammen und trank meinen Kaffee leer. Ich spülte die Tasse aus und stellte sie verkehrt herum auf die Abtropfvorrichtung. Zurück in meinem Zimmer zog ich mir ein Hemd über und schlüpfte in die kurze Jeans.
Ich schnappte mir meinen Geldbeutel, die Schlüssel und schlüpfte in die Flip Flops. So ausgestattet, verließ ich die Wohnung. Nach dem ich die Tür abgeschlossen hatte, wanderte ich auf der Treppe hinunter auf die Straße, ohne eigentlich zu wissen, was ich machen wollte.
Ich wusste noch, dass sich in der Nähe eine Buslinie befinden musste, so machte ich mich auf, sie zu finden.
Eine viertel Stunden später saß ich dann in dem Bus Richtung Innenstadt. Mit dem Handy hatte ich Alba eine Nachricht geschickt, wo ich mich befand, und wohin es ging. Schnell kam eine Antwort und Alba beschrieb mir, wo sie arbeitete und wo wir uns am besten treffen konnten.
Ich bestätigte und ließ das Handy wieder in die Hosentasche gleiten. Viele Leute in meinem Alter konnte ich nicht entdecken, aber das lag wohl daran, dass noch Schule war. Auch Kinder waren nicht viel unterwegs.
Ich erreichte die Innenstadt und stieg aus. Umschauend, versuchte ich mich zu orientieren. Tante Alba hatte etwas von rechts neben dem Rathaus geschrieben, ein größeres Anwaltsbüro sollte dort sein.
So lief ich wie zich andere quer über den Platz und fand wenig später ein großes Schild mit Anwaltspraxen, die sich in diesem Haus befanden. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich etwas früh dran war.
So beschloss ich, mir einfach die Läden neben dem Anwaltshaus anzuschauen, bis Alba heraus kam. Mir fielen gleich die vielen kleinen Boutiquen auf, sie hier die unteren Stockwerke der Häuser zierten.
Dazwischen immer mal wieder ein Cafe oder ein Restaurant. Auf dem Platz selbst standen nur Tische und Stühle bei denen eben erwähnten Cafés. Der Glocke der naheliegenden Kirche schlug zur vollen Stunde, so machte ich kehrt und stand wenig später wieder vor dem Anwaltshaus.
Fast zur gleichen Zeit kam Alba heraus.
„Hallo Leonardo, hast du lange warten müssen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Gut siehst du aus…, komm lass uns einen Kaffee trinken gehen, ich muss mal etwas anderes sehen.“
„So viel Arbeit?“, fragte ich und folgte ihr einfach.
„Nicht direkt, aber nervende Klienten…“
„Kann ich mir vorstellen.“
„Wollen wir draußen sitzen, oder willst du lieber rein gehen?“, fragte meine Tante.
„Draußen, dir tut die Luft sicher auch gut.“
„Okay“, lächelte sie.
Schnell war ein freier Tisch gefunden. Alba bestellte zwei Kaffee und zog dann eine Zigarettenschachtel aus ihrer Tasche.
„Du rauchst immer noch?“, fragte ich verwundert.
„Ja, aber meist nur morgens, in der Pause, bei der Arbeit, abends habe ich komischer weise kein Verlangen mehr danach.“
Unsere Kaffee wurden Gebracht und Alba bezahlte gleich.
„Gestern Abend hat mir so richtig gut gefallen“, redete Alba weiter, „und dein Essen war wirklich gut. Ich glaube, in Zukunft werde ich wohl mehr auf meine Linie achten müssen.“
„Du doch nicht“, scherzte ich, „du hast doch nirgends ein Gramm zu viel!“
„Alter Schmeichler!“
Ich grinste breit.
„Hast du gestern noch mal mit Rafael reden können?“
„Kurz und bündig…“
„Wie meinst du das?“
Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee.
„Ich wollte mit ihm reden, aber er meinte nur, es zu belassen, er will mich nicht näher kennen lernen und verschwand dann im Haus.“
„So ein Arsch!“
„Alba…“, ich musste trotz der Situation kichern, „doch nicht solche Ausdrücke.
„Ach stimmt doch. Rafael war schon immer einer, den man zu seinem Glück einen Tritt verpassen musste.“
„Glück?“
„Du weißt, was ich meine. Du bist so ein feiner Kerl, dich als Freund, würde ihm gut tun.“
„Wie soll ich das verstehen? Redest du jetzt von normaler Freundschaft oder…“
„Rafael braucht jemand, der ihm ab und zu sagt, wo es lang geht. Wenn er etwas nicht versteht, oder verstehen will, geht bei ihm der Rollladen hinunter und stellt sich stur.“
„Ich soll bei ihm Babysitten?“
„Ach Leonardo…“, redete sie weiter und atmete tief durch, „wenn es so einfach wäre… Babysitten.“
„Baut er irgendwelchen Mist… ist dabei etwas anzustellen.“
„Wenn er das machen würde, hätte er in der ganzen Familie den Ärger. Nein ich rede jetzt nur alleine von Freundschaft.“
„Aber mir schien letztes Wochenende, dass er ganz viele Freunde hat.“
„Oberflächlich ja, aber richtige Freunde hat er keine.“
„Woher weißt du das alles?“
„Gabriella, sie hängt viel mit ihm herum, und sie erzählt mir viel.“
„Aha, dein Spion vor Ort.“
„Sozusagen“, lächelte sie kurz, „dass ändert aber nichts daran, dass er sich dir gegenüber immer noch wie ein Arsch benimmt.“
Dieses Mal hatte sie das Arsch leise ausgesprochen.
„Und wie willst du das ändern?“
„Lass das mal meine Sorge sein, darum kümmere ich mich schon. Ach herrje, schon so spät?“
Sie stürzte ihren Kaffee hinunter.
„Wir sehen uns dann am späten Mittag, wenn du nicht zu Hause bist, dann schicke mir eine kurze Nachricht.“
„Mach ich.“
„Bis später!“, meinte sie und stürmte regelrecht zum Anwaltsgebäude.
Ich winkte ihr hinterher.
*-*-*
Da ich noch keine Lust hatte, gleich wieder zurück zufahren, nahm ich eine andere Buslinie zum Meer. Dort angekommen, entledigte ich mich meiner Flip Flops und lief etwas den Strand entlang.
Das Wasser umspülte meine Füße und ich entschied für mich, dass ein Bad darin mir zu kalt wäre. So ließ ich meinen Blick wandern um irgendwann auf der Promenade hängen zu bleiben.
Genauer genommen an einer Person, die Rafael verdammt ähnlich sah. Gewissheit gaben mir dann der Helm und die Maschine, auf der er saß. Zu ihm zu laufen, davon kam ich sofort wieder ab, zudem er von mehreren Leuten umringt stand.
Ich schaute kurz auf die Uhr und befand, dass ich mich langsam auf den Rückweg machen sollte, wenn ich mit meiner Tante gleichzeitig zu Hause sein wollte. So machte ich kehrt und lief das Stück zurück, dass ich gekommen war.
Noch einmal schaute ich zu Rafael und unsere Blicken kreuzten sich. Ich schaute einfach weg und drehte mich auch nicht noch einmal um. Er hatte sich gestern klar geäußert und so wollte ich mich nicht aufdrängen, oder neuen Ärger provozieren.
Ein Stück weiter an der Promenade angekommen, spülte ich meine Füße ab und schlüpfte wieder in die Flip Flops zurück, bevor ich das letzte Stück zur Haltestelle lief. Mopedgeräusche ließen mich aufsehen, in die Richtung, in der Rafael gestanden hatte.
Eine Gruppe mit Mopeds kam genau auf mich zu. Als diese mich fast erreicht hatten kam mein Bus und ich stieg sofort ein. Zu beiden Seiten zogen die Maschinen am Bus vorbei. Ich setzte mich und schon zog der Bus an.
Beim Rathaus stieg ich in die Linie um, die mich dann das letzte Stück nach Hause brachte. Eigentlich war ich froh, dass ich die Wohnung von Alba erreichte, denn für heute war mein Bewegungsdrang vorerst gestillt.
Mein Vorhaben war aber schnell vergessen, als meine Tante nach Hause kam und mir von ihren abendlichen Plänen erzählte. Ich hatte die Wahl zwischen einer Kneipentour, oder wie fast jeden Abend, seit ich hier war, zu Josef zu gehen.
Heute traf man sich, um für das Turmbauen zu üben, wie es Alba in einfachen Worten mir erklärte. War bei den García Álvarez jeden Abend eine Party, so kam es mir langsam vor. Alba erklärte mir auch, dass es ihr da besonders gut gefiel, es stellte ihr niemand nach, oder belästige sie nicht.
Das war für mich einleuchten, denn meine Tante sah schon gut aus, da gab es sicher ein paar Idioten, die sie dumm anmachten und da sie sich bei Josefs Familie sicher und wohl fühlte, ließ ich mich breitschlagen mitzugehen.
Es gefiel mir dort ja auch sehr gut, wenn da nicht diese blöde Sache mit Rafael wäre. So zog ich mich um und wenig später waren wir auf dem alt bekannten Weg. Dort angekommen bemerkte ich, dass nicht so viele Leute da waren, wie am Wochenende.
Natürlich war wie immer Josef zur Stelle, um mir das zu erklären.
„Nun siehst du die wahre Größe des Turmes, alles andere sind normalerweise Zuschauer oder Besucher.“
„Ist das nicht gefährlich, wenn die dem Turm zu nahe kommen?
„Eigentlich nicht, auch wenn es immer wie das Chaos aussieht, herrscht eine große Disziplin. Niemand möchte, dass es Verletzte gibt. Klar gibt es immer wieder Störenfriede, meist Betrunkene, aber die werden meist von den Aufpassern direkt abgefangen.“
„Aufpasser…, abgefangen?“
„Ja… siehst du da die drei Kerle da, gleich neben dem Torbogen stehen?“
„Denen wollte ich im Dunkeln nicht begegnen.“
„Und so sehen es die meisten Störenfriede auch“, lächelte Josef.
Ein Teil der Familie zog an mir vorbei und begrüßte mich herzlich, während Josef sich bei mir einhängte und wir langsam zum großen Tisch liefen. Dort angekommen, setzte er sich.
„Danke“, meinte er.
Ich lächelte ihn an, setzte mich ihm gegenüber. Die Frauen saßen am anderen Tischende, aber sobald sie uns in ihrem Redefluss bemerkt hatten, wurden wir gleich mit Wein, Wasser und einen Korb mit Brotstücken versorgt.
Ansonsten zogen sie sich wieder in ihre Ecke zurück und ich saß wieder alleine da.
„Willst du nicht ein wenig rüber gehen, das ganze aus der Nähe anschauen?“
„Och, ich fühl mich bei dir gut aufgehoben“, antworte ich, prostete Josef zu und nippte am Wein.
„Das ehrt mich, junger Mann“, erwiderte er und trank ebenfalls von seinem Wein.
„Zudem habe ich heute keine Lust auf Streitereien mit deinem Enkel.“
„Verständlich. Lohnt es sich aber nicht für etwas zu kämpfen, dass man haben möchte?“
Mich faszinierte an Josef, dass er immer so direkte Fragen stellte und musste grinsen.
„Mag sein, dass ich Rafael interessant finde, aber ich kenne ihn einfach zu wenig, als dass ich mir mehr Gedanken um ihn machen könnte.“
Es wunderte mich, dass ich bei Josef so frei reden konnte, ohne stottern und rot werden. Naja, etwas spürte ich schon die Wärme in meinem Gesicht. Bei Josef fühlte ich mich, wie Tante Alba schon sagte, sicher und wohl.
„Aber ein Interesse besteht…?“
Ich nickte einfach.
„Dann solltest du dich weiter bemühen, davon bin ich fest überzeugt!“
„Nur heute nicht, so finde ich es ganz angenehm.“
„Das könnte sich schnell ändern“, sagte Josef und schaute dabei auf den Platz, wo die anderen trainierten.
Ich folgte seinem Blick und verstand was er meinte. Das Unheil nahte, in Form von Rafael. Er stürmte an seinem Großvater vorbei und schnappte sich eine Wasserflasche und leerte sie fast, so durstig schien er.
Ohne ein Wort zu sagen, wollte er wieder zum Platz zurück, aber da schien er nicht mit seiner Mutter gerechnet zu haben. Ein lautes „Rafael“ war zu hören. Er bremste ab, drehte sich um.
„Herkommen!“
Mit Maria wollte ich es mir auch nicht verscherzten. Sie stand auf und zog ihren Sohn zum Haus, was dann kam, verstand ich zwar nicht, aber die Gestik von Maria ließ keinen Zweifel übrig, dass sie ihn gerade herunter putze.
Mir war das alles nicht recht, und ich hatte gute Lust, wieder nach Hause zu gehen. Aber plötzlich spürte ich Josefs Hand auf meiner und sah ihn den Kopf schütteln.
„Wegrennen bringt nichts! Macht es vielleicht sogar nur noch schlimmer.“
„Aber wenn er nun mal nichts mit mir zu tun haben will. Wenn es wegen meinem Schwulsein wäre, würde ich das ja noch verstehen, aber woher sollte er das wissen, Tante Alba oder du hast es ihm ja sicher nicht gesagt.“
Das hatte ich jetzt wohl zu laut gesagt, denn plötzlich wurde es still, Maria sagte nichts mehr und Rafael starrte mich mit großen Augen an. Einzig Alba grinste vor sich hin und nippte am Wein.

„Na toll“, entfleuchte es mir.
Das war jetzt oberpeinlich. Verlegen schaute ich Richtung Platz. Josef kicherte vor sich hin. Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Das war wirklich eine erstklassige Leistung, Leonardo Tirado, absolut Weltklasse.
„So kann man es auch machen“, flüsterte mir Josef zu und kicherte weiter.
Wüsste ich nicht genau, dass wie wenig er getrunken hatte, so könnte man meinen er hatte einen sitzen.
„Stimmt das?“, hörte ich plötzlich Rafaels Stimme, direkt hinter Josef.
Ich traute mich fast nicht aufzuschauen.
„Was denn?“, fragte ich blöde.
„Dass…, dass du schwul bist…?“
„Hab ich ja wohl laut genug gesagt… oder?“
„Du bist kein Schwulenhasser?“
Hä bitte? War ich jetzt im falschen Film. Verwirrt schaute ich ihn an.
„Ich… bitte… was? Schwulenhasser?“
„Jetzt wird mir einiges klar“, hörte ich Josef sagen.
„Dein Vater hasst Schwule und du doch auch!“
„Wer hat dir denn den SCHEIß erzählt?“
„Leonardo“, mahnte mich plötzlich Tante Alba.
„Was denn? Stimmt doch! Wir kann man auf so etwas… Hirnrissiges kommen?“
„Da muss du ihn fragen?“, kam es von Alba und zeigte auf Rafael.
Mein Blick wanderte wieder zu Rafael, der mir plötzlich kleiner vor kam, als wolle er sich hinter seinem Großvater verstecken.
„Wie kommst du denn da drauf?“, fragte ich wie geheißen.
„Ähm… ich dachte… du… dein Vater…“
„Ach Kind, habe ich dir nicht oft genug gesagt, du denkst zu viel nach, ziehst falsche Schlüsse? Färbt da der Beruf deines Vaters ab?“
Ich wusste grad nicht was Josef jetzt meinte, aber eher beschäftigte mich die Frage, warum sich Rafael so angepisst fühlte und über den Schwulenhasser sich aufregte. Außer… nein! War er wirklich… er selbst?
„Es tut mir leid…!“, kam es plötzlich von ihm, „und du bist wirklich schwul?“, fragte er zwei Tonlagen höher, als würde er in Stimmbruch fallen.
Die Damenwelt am Ende des Tisches fing an zu kichern.
„Jetzt steh auf und nehm ihn in den Arm“, flüsterte Josef nun wieder.
„… aber ich kann doch…!“
„Du kannst wohl!“, kam es nun etwas lauter von ihm.
Beschwingt durch den Wein, stand ich auf und lief etwas zögerlich auf ihn zu, bis ich direkt vor Rafael stand.
„Reicht… dir das…?“, fragte ich, nahm ihn in den Arm und küsste ihn so innig ich nur konnte.
Irgendwo in der Ferne fing es an zu Grölen und Klatschen. Dann ließ ich von ihm ab. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er mich an. Langsam hob er seine Hand und tastete über seine Lippen.
„Muss Liebe schön sein“, kam es von Alba.
„Da möchte man sich direkt noch mal verlieben“, kam es dieses Mal von Maria.
Vorwurfsvoll beschenkte ich sie mit einem gespielt bösen Blick.
„Du… du hast mich geküsst“, meinte plötzlich Rafael.
„Ja!“
„Du… du hast mich auf den Mund geküsst.“
„Ja, das macht man beim Küssen“, sagte ich jetzt schon leicht genervt.
„Aber…, aber ich bin ein Junge…“
„Das nennt man wohl dann schwul, wenn ein Junge einen Jungen mag“, sagte ich grinsend.
Ich wusste nicht, warum ich so drauf war, warum ich Dinge tat, sagte, die ich mir so nie zu getraut hatte. Josef schaute mich an und hob sein Glas.
„Im Geist des Weines, liegt die Wahrheit…Prost!“, grinste er.
„Prost!“, kam es von den Damen am Tischende.
„Du bist wirklich…“, sagte Rafael wieder leiser.
„Ja, ja und nochmal ja!“
„Rafael, nun komm, du hast lang genug Pause gemacht“, hörte ich Alonso rufen.
Ungläubig mich anschauend und stolpernd folgte er dem Ruf seines Vaters.
„Ob da das Training jetzt gut für ihn ist?“, fragte Alba, die wie die Anderen jetzt plötzlich bei Josef saß.
Ich schaute sie an.
„Was?“, fragte sie.
„Was war das jetzt?“
„Das wollte ich dich gerade fragen.“
Josef griff nach mir und zog mich zum Tisch.
„Setz dich wieder hin! Maria, können wir einen Schnaps haben?“
„Kommt sofort“, meinte Maria und verschwand im Haus.
Josef schob mir mein Weinglas entgegen, welches ich auch jetzt nahm und in einem Zug leertrank.
„Leonardo…“, kam es von Alba.
„Hab…“, ich schaute zu ihr, „hab ich das gerade wirklich gemacht?“
„Ja!“, lachte sie und die anderen stimmten mit ein.
Maria kam zurück, verteilte kleine Gläser und schenkte ein.
„Komm, trink!“, meinte Josef und hob sein Glas.
Ich griff nach meinem Schnaps, prostete den anderen zu und stürzte ihn ebenfalls im Ganzen hinunter. Dabei vergaß ich wohl, wie stark ein Schnaps sein konnte und fing natürlich gleich an ordentlich zu husten.
Alba klopfte mir kräftig auf den Rücken, dass es fast schon weh tat. Dann stütze ich meinen Kopf auf meinen Händen ab.
„Was hab ich da jetzt bloß getan.“
„Schnaps getrunken!“, kam es trocken von Josef.
Wieder fingen alle an zu lachen.
„Und was mach ich jetzt?“, fragte ich Alba vorwurfsvoll, als wäre sie an allem schuld, was gerade passierte.
„Warten, bis dein Schatz zurück kommt“, beantwortete Alba meine Frage.
„Schatz?“, quietschte ich, „ich weiß ja nicht mal ob er das gleiche empfindet!“
„Du hast ihn doch jetzt geküsst?“
„Ähm… ja.“
„Hat es sich gut angefühlt?“
„…. Ähm ja…“
„Hat er sich gewehrt?“
„…ähm … was?“
„Ob er sich gegen dein Kuss gewehrt hat?“
„… ähm nein!“
„Hat er dir danach eine runter gehauen?“
„…ähm nein…“
„Siehst du!“
„… ähm was?“
„Man Leonardo, bist du so schwer von Begriff, oder bist du wirklich so blöd?“
Vom Platz her kam Geschrei. Wie auf Kommando drehten sich all unsere Köpfe in die Richtung. Anscheinend war der Turm eingefallen und ein großer Haufen von verknoteten Leuten lag auf einander.
Natürlich sprangen wir auf und liefen hin. Besser gesagt, ich versuchte hinzulaufen, denn der eben zu schnell getrunkene Alkohol stieg mir ordentlich in den Kopf und ich schwankte mehr, als das ich geradeaus lief.
Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Arm.
„Langsam Junge, nicht dass du auch noch stürzt!“, hörte ich Josefs Stimme.
Beide blieben wir stehen und sahen wir zu, wie andere halfen diesen Knäul von jammernden und stöhnenden Menschen auseinander zu bringen. Natürlich tat das weh, das konnte ich mir gut vorstellen.
Plötzlich sah ich auch Rafael, zumindest einen Teil von ihm. Kopf, Schulter und ein Arm kamen zum Vorschein. Alonso und Marco kamen zu uns gelaufen.
„Was ist passiert?“, fragte Josef neugierig.
Natürlich wollte ich das genauso wissen.
„Wenn ich es richtig verstanden habe, ist dein Enkel wohl eingeknickt“, kam es von Marco.
„Rafael?“, fragte Josef ungläubig.
„Ja. Christofero meinte, dass plötzlich Rafaels Beine zusammenklappten und dann ist der Turm eingeknickt“, erklärte Alonso
„Oh mein Gott…“, entfleuchte es mir, „bin ich jetzt Schuld, dass der Turm eingeknickt ist?“, fragte ich schon halb panisch, als mir richtig bewusst war, was Alonso gerade über seinen Sohn gesagt hatte.
Josef konnte ein kichern nicht verhindern und bevor Alonso sich fragend an mich wenden konnte meinte er: „Ist jemand verletzt?“
„Ich denke nicht“, antwortete Mario, „vielleicht die üblichen Prellungen und blauen Flecke.“
„Oh mein Gott“, entfleuchte es mir noch einmal, ließ mich auf den Boden nieder, „alles wegen mir.
„Was hat der Junge?“, fragte Alonso verwundert.
„Dem hat dein Sohn den Kopf verdreht?“
„Mein Sohn, Rafael… ihm?“, fragte Alonso nun ungläubig.
„Und sie haben sich geküsst“, setzte Josef noch eins drauf.
„Rafael hat ihn geküsst?“, fragte nun Marco ungläubig.
„Nein, Leonardo hat Rafael geküsst!“, erklärte Josef.
„Ähm… und wieso?“, fragte nun Alonso.
„Weil Rafael wissen wollte ob Leonardo schwul ist.“
„Warum wollte Rafael wissen, ob Leonardo schwul ist?“
„Weil er auch schwul ist?!“
„Aber woher… warum, …wieso…?“
Entsetzt schaute Alonso seinen Vater an und während ich noch versuchte, diese Antwort in meinen Kopf zu kriegen, fingen plötzlich Alba und Maria an zu lachen. Wo die wieder plötzlich herkamen wusste ich nicht.
Maria nahm ihren verwirrten Mann in den Arm.
„Alonso, hast du deinen Sohn je mit einem Mädchen zusammen gesehen?“
„Ja klar, mit Gabriella.“
„Das ist seine Cousine! Ich meine mit einem anderen Mädchen?“
„Ähm… nein…“
„Hat er je eins mit nach Hause gebracht?“
„Wenn du so fragst… nein!“
„Hat dich das nie gewundert?“
„Nein!“
„Männer!“, kam es von Alba und Maria verdrehte ihre Augen.
„Also Rafael und Leonardo…“, sagte Alonso und zeigte dabei auf mich, der immer noch auf dem Boden saß.
„Komm Junge, steh auf, wir gehen zurück an den Tisch.“
Ich folgte Josefs Worte und stand auf und war nur eine Kopfbreite von Alonso entfernt. Er schaute mir direkt in die Augen.
„Wen du meinem kleinen Jungen was antust, wirst du diese Familie erst richtig kennen lernen“, sagte er bestimmend leise, ebenso Marco sah mich ernst an.
„Ich weiß doch gar nicht…“
Jetzt geht dass wieder los“, fiel mir Alba ins Wort, „wir setzten uns jetzt alle an den Tisch, eine Probe wird heute keine mehr anstehen.
So zog mich Josef zum Tisch und ich setzte mich schwerfällig ihm gegenüber. Er goss mir noch Wein ein und schob das Glas zu mir. Nach und nach kamen auch die anderen und der Tisch füllte sich.
Maria und Alba erschienen mit neuen Gläsern und Wein.
„Für heute habe ich genug“, hörte ich Gabriella sagen, die sich am Kopf rieb.
Mit einem total schlechten Gewissen, traute ich mich jetzt nicht, irgendetwas zum Besten zu geben.
„So, jetzt nochmal alles in Ruhe“, fing Alonso an.
Nicht noch einmal, dachte ich und vergrub meinen Kopf in meinen Armen.
„Lass gut sein, Schatz“, hörte ich Marias Stimme, „da trink!“
Ein entmutigendes Okay von Alonso folgte.
Ich hob meinen Kopf, griff nach meinem Glas und trank ebenfalls.
*-*-*
Vorsichtig versuchte ich die Augen zu öffnen. Oh Gott, tat mir der Schädel weh. Hatte ich gestern wirklich so viel getrunken? Meine Wange war warm und mein Kopf hob und senkte sich.
Moment, wo war ich hier, irgendetwas stimmte hier nicht. Meine Hand lag ebenfalls auf etwas angenehm warm weichem. Blinzend sah ich, dass mein Kopf auf einer Brust lag. Entsetzt hob ich den Kopf, bereute es aber sofort, weil man bei diesen Kopfschmerzen keine ruckartigen Bewegungen machen sollte.
Weitaus größer als die Schmerzen, war die Verwunderung, was ich da vor mir sah. Es war Rafael, vor mir im Bett, mit mir im Bett, zusammen. Ich griff nach meinem Kopf, rieb durch die Haare. Was war nur geschehen.
Rafael begann sich zu bewegen und von einem was-mach-ich-hier wechselte es plötzlich zu was-für-ein-süßer-Typ. Seine Augen öffneten sich und sah mir direkt in die meinigen.
„Morgen“, brummte er.
„…Morgen!“
Er hob die Arme, zog mich zurück zu ihm.
„Geht es dir wieder besser?“
„Besser?“
„Naja heut Nacht, warst du übelst betrunken und wir haben dich hier hoch in mein Bett gebracht.“
„Wir?“
„Ja…Gabriella, Alba… meine Mutter, eben die, die noch gut zu Fuß waren…“
Wieder setzte ich mich auf und dieses Mal rutschte die Decke zurück. Beruhigend sah ich, dass wir beide wenigstens Shorts anhatten. Aber mehr Probleme machte mir grad meine angeknaxte Psyche.
„Rafael, ich weiß absolut nichts mehr…, warum liege ich hier bei dir, mit fast nichts an…?“
Verwirrt setzte sich Rafael nun auch auf.
„… stimmt es nicht… hab ich das nur geträumt…?“, stammelte Rafael.
Ich ließ den Kopf sinken, schloss die Augen.
„Rafael, was habe ich?“
„Gesagt…, dass du in mich verliebt bist!“
Ruckartig fuhr mein Kopf hoch und wieder kam der stechende Schmerz.
„Hab ich das?“
„Ja… und?“
„Und was?“
„Hast du das ernst gemeint?“
Das alles wurde mir jetzt etwas zu viel. Ich ließ mich nach hinten fallen und wusste nicht, was ich machen sollte.
„Also nicht…“, hörte ich leise Rafaels leise enttäuschte Stimme.
Ich griff in seine Richtung, bekam seinen Arm zu fassen und zog ihn zu mir. Etwas unglücklich landete er auf meiner Brust und dem Bauch.
„Boah… bist du schwer.“
Dann legte ich beide Arme um ihn.
„Hör mal, ich kann mich an nichts mehr erinnern, was da heute Nacht, oder gestern Abend passiert ist.“
Er wollte etwas sagen.
„Lass mich bitte ausreden!“, meinte ich bestimmend und er schwieg.
„WAS ich weiß, dass am ersten Tag meiner Ankunft, abends ein wunderschöner Kerl, mit einem hinreisenden Lächeln und traumhaften Augen vor mir stand…, sich aber später wie das größte Arschloch benommen hat.“
„Das… das war doch ein rieses Missverständnis…, dass du gestern aufgelöst hast, als du mich geküsst hast.“
„Hab ich…?“
„Und wie!“
Ich schaffte es endlich wieder in Rafaels Augen zu schauen.
„Wirklich? Und wo?“
„Unten am Tisch, wo wir immer essen.“
„Waren wir alleine?“
„Nein, es haben einige mitbekommen… Josef, Alba und Maria und…“
„Ja also fast alle.“
Rafael nickte.
„Und irgendwann später hast du mir dann gesagt, dass du in mich verliebt bist und hast mich noch mal so innig geküsst.“
„An gleicher Stelle…?“
„Ja, nur dass dieses Mal die ganze Familie an Tisch saß.“
Oh… wie peinlich, ich kann mich da nie wieder blicken lassen…“
„Also ich fand… dich unheimlich süß und Papa meinte…“
„Dein Papaaaa? Schee….“, ich verstummte.
„Papa meinte, wir wären ein schönes Paar.“
Mit großen Augen schaute ich ihn an.
„Wirklich?“
Rafael hob sanft den Kopf und nickte.
„Und… und was hast du zu all dem gesagt?“, wollte ich nun auch wissen.
Nun senkte er wieder den Kopf.
„Dass… dass ich mir erst gestern Abend bewusst wurde, dass ich schwul bin und… und mich in dich verguggt habe“, kam es leise von meiner Brust.
Ich zog ihn hoch zu mir, so dass wir in gleicher Höhe waren und uns in die Augen schauen konnten.
„Dann… ist das hier alles… hoch offiziell.“
Rafael nickte.
„Ich kann also alles mit dir anstellen und wir bekommen keinen Ärger… ähm also ich meine…“
Sein Gesicht kam näher.
„Ich weiß was du meinst, und nein keiner macht Ärger, Jeder akzeptiert uns so wie wir sind… ich meine jetzt die Familie…“
Familie…, mein Vater kam mir in den Sinn und ich spürte, wie sich einzelne Tränen lösten.
„Leonardo, was ist, hab ich was Falsches gesagt, oder gemacht, warum weinst du?“
„Nein, du hast alles richtig gemacht…“
Und warum weinst du dann?“, fragte er erneut und wischte mir sanft eine Träne von der Wange.
„Weil… weil ich glücklich bin und das alles hier…, das ist wie ein Traum erscheint. Noch vor zwei Wochen dachte ich, …die ganze Welt um mich herum stürzt zusammen und jetzt… liege ich mit dem süßesten Kerl der Welt im Bett, darf ihn in meinen Armen halten und er sagt mir er liebt mich.“
Auf Rafaels Lippen machte sich ein breites Lächeln breit.
„Du hast etwas vergessen…“
„Was?“
„Das der süße Kerl gerne geküsst wird!“
Ich musste nun ebenso lächeln, zog ich dicht an mich und wir versanken in einen innigen Kuss.
*-*Ende*-*

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Information Brudergeheimnis
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:53 AM - No Replies

»Sieh zu, dass die Heizung nicht ausgeht, es ist kalt draußen…« hatten sie ihrem Sohn noch unter der Tür zugerufen, bevor sie das Haus verließen, »…und mach kein Chaos. Tante Klara schaut morgen vorbei, nicht dass sie der Schlag trifft.«
Michaels Eltern fuhren zu Freunden, die sie noch vom alten Wohnort her kannten und würden Weihnachten bei ihnen verbringen. Damit war Michael, der von seinen Freunden Mike gerufen wurde, das erste Mal allein im Haus. Ideal, um endlich mal Sachen zu machen, die bei einem 16jährigen sonst zu erheblichen Problemen führen würden…
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Die Beiden nahmen sich vor, endlich die verbotenen Videos anzusehen, die ihnen ihr Schulfreund Ralf über die Ferien geliehen hatte. Zu den Inhalten der Filme hatte er nicht viel gesagt.
»Porno ist glaub ich auf der einen, hab ihn aber noch nicht angesehen« meinte er wie beiläufig, als er Robby die Filme mit in die Ferien gab.
Da Robby in derselben Straße wohnte, stand er nur wenige Minuten nach Michaels Anruf in der Tür, in der Hand eine Plastiktüte mit den Videokassetten.
»Hi Mike. Geil, zwei Tage sturmfreie Bude« sagte er noch in der Tür, während er sich die Schneeflocken von seinem Anorak schüttelte. »Haste genug zu trinken im Schuppen?«
»Logisch. Cola, Limo, Bier, Schnaps und im Keller ist Wein, Knabbersachen und all diese Dinge. Es ist genug da, um nicht aufzufallen, wenn was fehlt.«
Kurz darauf flimmerte der erste Film über die Mattscheibe. Sie saßen auf der Couch, aßen Chips und tranken Cola.
Auf dem Tisch brannten ein paar Kerzen, in der Ecke leuchtete der Weihnachtsbaum und der offene Kamin verbreitete die passende, winterliche Stimmung. Michael kuschelte sich auf der Couch zusammen und schielte zu seinem Freund. »Alles ok?«
»Yepp, schön ist das heute hier, so ganz alleine. Und so richtig gemütlich. Hab ja nix gegen deine Eltern aber wir haben ja auch nix dagegen, wenn sie nicht da sind, oder?« Er lachte.
Michael grinste zurück. »Klar, du hast Recht.«
»Man, der ist total langweilig,« mokierte sich Robby nach einer halben Stunde. Das erste Video war ein Abenteuerschinken erste Güte und für zwei Jungs in dem Alter schlichtweg eine Katastrophe. »Leg mal den Anderen rein.«
»Welchen?«
»Egal, jedenfalls den kann sich Ralf sonst wohin schieben. Hoffentlich hat er noch was Besseres auf Lager.«
Michael legte eine andere Kassette ein und setzte sich wieder neben Robby. Unauffällig schielte er nach einer Weile zu seinem Freund.
Robby war sein bester Freund, sie waren sich seit dem Kindergarten vertraut und es gab keine Geheimnisse voreinander. Aber da war etwas, das Michael in letzter Zeit beschäftigte. Gerade neulich, nach dem Sport, im Umkleideraum.
Robby hatte den Spind neben ihm und bis zu diesem Tag war das Umziehen eine notwendige, wie auch gewohnte Prozedur, genau wie das Duschen davor. Aber da war plötzlich etwas anders. Als sie ihre verschwitzen Sportsachen auszogen, bemerkte Michael den süßlichen Geruch den Robby ausströmte. Er erschrak darüber, noch mehr aber, dass ihn irgendetwas daran erregte. Es war nicht dieser stechende Schweißgeruch, den verabscheute er – oder zumindest empfand er das bei Robby nicht so.
Robby seifte sich später unter der Dusche ein, ließ das Wasser an sich herunter laufen – so wie schon etliche Male zuvor. Michael stand neben ihm und erwischte sich, wie er Robby zum ersten Mal genauer betrachtete. Der schlanke Körper, seine flache Brust, welche von einer schönen Goldkette geziert wurde, das lockere Spiel der Muskeln, die Haut, die wegen Robbys südlicher Herkunft immer leicht gebräunt war, die dichten schwarzen Schamhaare und den Penis, der sich in diesem Polster fast unsichtbar machte. Robby war nur ein Jahr älter als er und manchmal dachte Michael, dass Robby wirklich erwachsener war.
Damals regte sich dieses Etwas in Michael und er zwang sich an etwas anderes zu denken. Nach dem Duschen beobachtete er, wie Robby seinen Slip anzog, wie er mit der Hand seinen Schwanz zurecht rückte, damit er gut in der knappen Hose saß. Michael spürte sein Herz klopfen, fühlte etwas in sich, das er bis dahin nicht kannte. Als sich Robby umdrehte um das Deo aus dem Fach zu nehmen, war es Michael Sekunden gegönnt, den herrlich geformten Hintern zu studieren. Die schmale Taille, die leicht behaarten, geraden Beine. Michael war an dem Tag völlig verwirrt, denn so kannte er sich nicht.
Später, als er zu Hause war, legte er sich, wie immer, auf sein Bett, um sich auszuruhen. Aber dazu kam es an diesem Tag nicht. Immer wieder tauchte Robbys Körper vor ihm auf. Wie im Reflex fasste Michael in seine Hose und nahm seinen Penis in die Hand. Nur wenige Minuten brauchte er bis zum Orgasmus und war daraufhin ziemlich deprimiert. Zumal er viel kräftiger abspritzte als sonst. Was sollte das plötzlich alles?
Dieses Erlebnis hatte ihn noch die Nacht lang verfolgt, dann schien es vorbei zu sein.
Aber jetzt, als er hier auf der Couch neben ihm saß, kehrte die Erinnerung daran zurück, stärker noch als zuvor. Er hatte seine Gefühle verdrängt, das wurde ihm jetzt klar.
Robbys lange Wimpern, die dichten, schwarzen Haare, die in einigen, frechen Locken in die Stirn fielen, das Glitzern der Kerzen in seinen Augen – ein neues Gefühl kam hinzu. Er war schön. Er roch gut, betörend fast und seine Stimme hatte in letzter Zeit etwas, das sich Michael nicht erklären konnte und unruhig machte. Die Hände. Niemals waren ihm Robbys Hände oder seine gepflegten Nägel so aufgefallen.
Michael spürte, wie ihn etwas zu seinem Freund hinzog. Was würde Robby sagen, wenn er jetzt einfach den Kopf an seine Schulter lehnen würde? Aber er dachte auch, dass es etwas Unnormales sein musste. Man durfte als Mann einen anderen Mann nicht schön finden; so gerne er seinen Freund berührt hätte, das durfte man nicht; man durfte sich auch nicht befriedigen, wenn man an einen Mann dachte. Die Gedanken daran begannen ihn allmählich zu ängstigen.
Er kannte zwei Jungen aus der Schule, die sich sogar schon mal richtig geküsst hatten – im Umkleideraum, als sie sich unbeobachtet fühlten. Er sah es, doch sie bemerkten ihn nicht. Er hatte es auch für sich behalten und jetzt erst fiel ihm auf, dass er das nicht abstoßend fand. Und nun dieser heimliche Wunsch, dass gleiche mit Robby zu tun.
Aber er fürchtete sich vor einem Wort, das in der Schule immer einmal wieder fiel – schwul. Es war für ihn kein Wort, es war schlichtweg der Ausdruck für alles Ekelhafte und Schmutzige, was es geben musste. Er hatte sich mit diesem Thema noch nie richtig beschäftigt, es interessierte ihn einfach nicht. Und deshalb konnte dieses Wort, konnte dieser damit verbundene Zustand, nicht auf ihn zutreffen. Er versuchte sich den aufkommenden Gefühlen seinem Freund gegenüber zu widersetzen.
Die Handlung des Films war an ihm vorübergegangen und Michael musste sich darüber nicht ärgern, Robby schien sich auch schon wieder zu langweilen.
»Versuchen wir es mit einem weiteren Film?« fragte Michael.
Robby sah ihn plötzlich merkwürdig an.
»Hey, was ist mit deiner Stimme?«
Michael erschrak. Sollte man ihm seine Gedanken schon anhören? »Nichts, was soll damit sein?« Er versuchte so rasch wie möglich männlich zu klingen, wusste allerdings nicht, wie er das anstellen sollte – er hatte sich ja nicht hören können.
»Weiß nicht, so hast du noch nie geklungen.«
»Quatsch, das bildest du dir ein.«
Michael wurde heiß, als er den dritten Film einlegte.
Als er sich umdrehte, spürte er einen Stich. Zwei Augen musterten ihn, schienen in ihn hineinsehen zu wollen.
»Das ist, glaub ich, der Porno« sagte er beiläufig mit leicht zitternder Stimme.
Er setzte sich neben Robby und nahm einen kräftigen Schluck Wein. Bis dahin hatten sie noch keinen Alkohol an diesem Abend getrunken, jetzt versuchte sich Michael damit zu beruhigen. Was in aller Welt war mit seiner Stimme los?
Der Film lief an wie alle Pornos. Ohne Handlung, ohne Sinn, ohne Spannung. Jeder wartete hier nur auf die Bettszenen, sonst auf nichts. Niemand wollte sich bei einem solchen Streifen geistig anstrengen.
Gebannt sahen die beiden in den Fernseher, saßen dabei wieder dicht beieinander. Obwohl sich Michael im Griff zu haben glaubte, spürte er, dass Robby wie ein Magnet auf ihn wirkte.
Wieder schnappte er Robbys Duft auf, schielte er auf den Hosenschlitz seines Freundes. Dabei wünschte er sich Augen wie ein Chamäleon: Ein Auge auf das Verbotene, eines auf die Augen seines Nachbarn, nur um sicher zu sein, dass der es nicht bemerkte. Deutlich konnte er die Beule zwischen Robbys Beinen ausmachen, malte sich aus, wie das ohne Verkleidung aussah. Natürlich kannte er den Inhalt, aber jetzt hätte er den gern in die Hand genommen. Zu seinem Entsetzen spürte er selbst einen Druck gegen seinen Slip. Erschwerend kam hinzu, dass sich ihre Knie berührten. Warum wich Robby dem nicht aus?
Inzwischen war man in dem Film zur Sache gekommen. Da es sich um einen Soft-Porno handelte, war sehr viel Phantasie notwendig.
»Scheißfilm, man sieht ja gar nichts. Dieser Ralf ist eine Niete« sagte Robby.
»Wir hätten vielleicht Karin und Claudia einladen sollen…« entgegnete Michael. Er merkte, dass es unpassend war, dass er das nur so daher redete, um überhaupt etwas zu sagen. Und, dass er damit etwas provozieren wollte. Wenn er nur gewusst hätte, was.
»Wie kommst du denn jetzt da drauf? Was willst du denn mit denen?« antwortete Robby erst nach einer Weile.
»Ich meine ja nur… Hattest du nicht was mit Karin im Zeltlager?« Michael dachte, dass da was gewesen sein musste. Zu eindeutig waren die Beiden im letzten Sommer zusammen. Dass diese Szene hier nicht reinpasste war ihm im Augenblick egal. Tief in seiner Seele ahnte er schon den Anflug von Eifersucht – ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.
»Die? Vergiss es. Andauernd hat sie mir mit ihrem Freund in den Ohren gelegen. Das war nervig.«
»Auch als ihr die halbe Nacht in deinem Zelt wart?«
»Belangloses Gerede. Ich wusste nachher alles über ihren Scheich. Wo und was er studiert, warum er immer so lange weg war und lauter solche Sachen. Mehr war da nicht.«
»Hättest du sie … ich meine, wenn…«
»Nein.«
Michael stutzte über diese absolut prompte Antwort. Er unterließ es, nach dem Warum zu fragen, vielleicht wollte Robby über diese Dinge überhaupt nicht mit ihm reden. Es war offenbar das einzige Thema, über das er nicht reden wollte. Und deshalb musste sich Michael jetzt Gewissheit verschaffen.
»Robby, hast du schon mal mit einem Mädchen … ich meine so richtig … geschlafen?« Er zitterte förmlich und eine Mischung aus Neugierde und Angst machte ihm zu schaffen. Die Vorstellung, dass ein Mädchen Robbys weiche Lippen küsste, mit seiner Zunge spielte, seine Brust streichelte, die dichten Schamhaare kraulte, seinen Penis in die Hand und vielleicht sogar in den Mund nahm… Michael spürte den Druck in seiner Hose immer schmerzhafter. Robby durfte das nicht merken, aber es war schwierig zu verbergen. Michael kreuzte seine Arme über dem Schoß, um der Enthüllung seiner Gedanken zu entgehen.
»Nein, so richtig noch nicht« antwortete Robby, »aber … Claudia … mir der hattest DU doch was?« fragte der plötzlich.
Michael schluckte. »Ich, wieso?«
»Na, aber jetzt. Der musste man doch bloß in die Augen sehen, wenn dein Name fiel.«
Michael fiel diese unsägliche Begegnung im Jugendheim ein. Dieser Abend war für ihn eine einzige Katastrophe, da ihm Claudia immer dicht auf den Fersen war. Und dann hatte sie ihm im Gang zu den Toiletten abgefangen und an die Wand gedrückt. Das heißt, ihre Brüste drückten ihn an die Wand. Dann spürte er ihre Hand zwischen seinen Beinen. An sich ein für ihn nicht unangenehmes Gefühl, aber hier hätte er darauf verzichtet. Ihr Mund war nass und roch nach Lippenstift und sie drückte ihm ihre Lippen auf seine. Er schob sie weg und gab vor, ganz schnell nach Hause zu müssen, da seine Mutter krank sei. Es gelang ihm mit großer Mühe und später fahndete er nach einer Möglichkeit, diese Begegnung ein für alle Mal aus seinem Gedächtnis zu streichen.
»Wenn du es genau wissen willst – wir haben uns mal geküsst. Und mehr war da auch nicht.« Michael verschwieg den gesamten Vorgang an diesem Abend.
»Das hat sich aber anders angehört« fiel ihm Robby ins Wort. „Der ist so lieb. Und hübsch, findet ihr nicht auch? Hach Gott, und er ist so aufreizend schüchtern. Nicht so ein Draufgänger, wie die anderen Jungs. Und er ist jetzt so schön braun nach den Ferien. Habt ihr seine blonden Strähnen gesehen? Und diese Wespentaille, das findet man bei einem Jungen selten. Wahnsinn“» äffte Robby seine zufällig belauschten Gespräche nach.
Michael spürte Röte in seinem Gesicht. »Wer’s glaubt… Jedenfalls war da nichts. Mit keiner war da was. Ich glaube die wollen nichts von mir.«
Er drehte die Situation auf seine eigenen Gefühle. Er hätte schlecht sagen können: „Ich will von den Weibern nichts wissen“, auch wenn es ihm auf der Zunge lag.
»Schon merkwürdig. Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber wir haben jede Menge uninteressante Typen in der Schule – da gehörst du wohl kaum dazu. Vergiss nicht, dass man dich im Frühjahr als „Boy des Monats Januar“ der Schule nominiert hat« sagte Robby nach einer Denkpause. »Darum frage ich mich, wie du zu der Annahme kommst, die wollen nichts von dir?«
Es wurde unerträglich heiß in Michaels Klamotten. »Aber schließlich bist du es geworden. Der schöne Robby wurde Boy des Monats…« sagte er dann, mit gespielt weiblicher Stimme. »Bestimmt wegen diesem unheimlichen Knackarsch. Und die Beule in der Hose ist auch kein Strumpf… Der Typ ist einfach schweinegeil.« Michael war zu aufgeregt, um sich darüber völlig im Klaren zu sein, dass das nichts als seine eigenen Worte waren. Er MUSSTE das eines Tages einmal sagen.
Robby riss die Augen auf. »Wer hat das gesagt? Los, du erzählst mir sofort, wer so eine Scheiße labert.«
Michael beschwichtigte mit den Händen. »Niemand hat das gesagt, aber ich kann mir denken, dass so manche…«
»Hör auf so einen Mist zu schwallen…«
»Revanche« grinste Michael.
Robby zog die Mundwinkel hoch. »Gut, eins zu eins. Aber was ich gesagt habe, stimmt wirklich.«
»Mann Robby, ist doch egal, was da gesagt wird. Du bist der schönste Junge an der Schule, basta.« Seine Aussage erregte ihn aufs Neue. Er saß hier, mit dem heiß begehrtesten Objekt der ganzen weiblichen Schülerschaft, allein in einem Haus. Die Mädchen würden ein Vermögen bezahlen, wenn ihnen das wieder fahren dürfte.
Robby sah verlegen in seinen Schoß und spielte mit seinen Fingern. »Ja schon, aber ich finde, dass du es hättest werden sollen.«
Michael grinste in sich hinein. Er musste sich eingestehen, dass dies ein Kompliment eines Jungen an ihn war. Sie waren beide hübsch, das hatte die ganze Schule bestätigt. Es bestand kein Grund diese Entscheidung anzuzweifeln. Zudem, es war ein reines ‚Kopf an Kopf-Rennen‘.
»Ich finde, der zweite Platz für mich ist auch Okay gewesen.«
»Ach Mike, was soll’s… Als „Boy des Monats“ bist dann du im nächsten Monat dran, das ist sicher.«
»Und warum sollte ich das werden, wenn ich fragen darf? Erstens bist du noch weit vor mir und dann vergiss Stefan nicht, der Neue. Er wird es werden, da wette ich. Er wird gewählt, wirst sehen.«
»Der? Im Leben nicht« konterte Robby, »außerdem soll der schwul sein – sagt man«.
Michael traf dieses Wort wie ein Kanonenschlag. Da war es also doch, dieses schreckliche Wort, ausgesprochen von seinem besten Freund. Er wurde nervös. »Und was hat das mit dem Aussehen zu tun? Dass er so ist oder sein soll– dafür wird er schließlich nichts können, oder?«
Wieso sich Michael für einen Jungen einsetzte, den er erst ein paar Mal gesehen und noch nie gesprochen hatte war ihm nicht klar. Vielleicht wollte er auch von sich ablenken, wollte hören wie Robby zu seinesgleichen stand.
»Wahrscheinlich hast du Recht. Entschuldige« brummte Robby.
Sie schwiegen, während der Film sie zu langweilen begann.
»Was läuft denn im TV? Mach das aus, so ein Schmarren kann man den Erstklässlern unterjubeln.«
Michael nahm die Fernbedienung und begann zu zappen. Sekundenlang ließ er einen Kanal laufen und schaltete weiter, wenn der Inhalt nichts versprach.
»Komm, gib mir mal das Ding« sagte Robby und griff nach der Fernbedienung.
Ihre Hände berührten sich kurz, Michael spürte den Schlag, der durch seinen Körper ging. Dass Robby seine Hand Sekunden auf seiner ließ, sie nicht wegzog und ihn dabei noch ansah wühlte ihn unendlich auf. Sie hatten sich sicher schon tausendmal berührt. In der Klasse, beim Sport, beim Raufen. Und doch – heute war es anders, völlig anders.
Robby nahm ihm die Fernbedienung aus der Hand, ohne dabei hektisch zu werden. »Mal sehen, ob ich nicht was finde.«
Er ließ einen Spielfilm eingeschaltet und las kurz in der Programmzeitschrift, um was es dabei ging.
»Der hat grade angefangen. Sollen wir uns den ansehen?«
Michael dachte „Alles, ich sehe mir jeden Schrott an, den du sehen willst. Es ist mir völlig egal, was da vorne läuft. Aber du musst hier sitzen bleiben – neben mir. Ewig“.
Michael verstand sich und seine Gedanken nicht mehr. Er erinnerte sich aber an Leserbriefe aus Zeitschriften, dass Jungen in seinem Alter oft homoerotische Erlebnisse hatten. Vorübergehende Schwärmereien für Jungs oder Männer die gut aussahen, berühmt waren oder auch nur eine Vaterfigur abgaben. Genau das musste jetzt für ihn zutreffen. Etwas, das einmal vorüberging, nichts zu sagen hatte, keinerlei Bedeutung besaß.
Einmal hatte Benno aus seiner Klasse über einen jungen männlichen Filmstar gesagt: »Für eine Million ginge ich mit dem glatt ins Bett.« Dabei spielte die Million für Michael keine Rolle. Wichtig war, dass der Junge mit dem Star überhaupt ins Bett gehen würde. Benno war übrigens seit dem Tag hoch in seinem Kurs gestiegen.
Michael atmete sichtlich auf. Mit dieser Erkenntnis konnte er leben. Ein Drittel aller Männer hatten schon mal irgendeine sexuelle Begegnung mit dem eigenen Geschlecht. Und nachher hat ein Großteil trotzdem geheiratet und Kinder bekommen.
Er schenkte Wein in die Gläser und lehnte sich entspannt zurück. Dabei entging ihm nicht, dass er von Robby gemustert wurde – ein schneller, heimlicher Blick zwischen seine Beine. Es waren Bruchteile von Sekunden und wahrscheinlich, so dachte er, nichts weiter, als purer Zufall.
Michael fiel eine Geschichte ein und er beschloss, eine Szene aus dieser Story in die Tat umzusetzen. Er wusste nicht, was ihn dazu trieb, aber er fragte sich auch nicht lange warum.
»Robby, wir kennen uns jetzt schon ewig, aber wir haben noch nie Bruderschaft getrunken.«
Sein Freund sah ihn mit großen Augen an. »Meinst du das wäre nötig? Wir sind die besten Freunde, die ich mir denken kann. In der Schule gibt es ein paar, die sind direkt neidisch auf uns.«
Michael grinste. »Mag sein, aber Bruderschaft ist mehr als Freundschaft.« Er sprang auf und schnippte mit den Fingern. »Nein, ich weiß was Besseres. Blutsbrüder. Das wäre die Krönung, findest du nicht?«
»Und wie stellst du dir das vor?«
Michael stellte sich vor seinen Freund, sah zu ihm herab. Da war er wieder, Robbys Blick. Er glitt an seinem Körper entlang, blieb kurz an seiner Hüfte hängen, wanderte dann wieder in seine Augen.
»Moment, ich komm gleich zurück.« Michael eilte in die Küche. Wenig später kam er zurück und hielt Robby eine Nadel zwischen seinen Fingern vor das Gesicht.
»Damit.«
Robby verzog das Gesicht. »Ich will aber nicht…«
»Blabla. Jammer nicht, das müssen wir jetzt durchstehen.«
Er erhitzte die Nadelspitze über einer Kerze und wischte den Ruß mit einem Tuch ab. Dann öffnete er seine rechte Hand und stach sich in den Daumenballen bis ein winziger Bluttropfen heraustrat.
»Komm, gib mir deine Hand.«
Zögernd hielt ihm Robby seine Hand hin. Michael nahm sie, als bestünde sie aus Glas, betrachtete die schlanken Finger, fühlte die Wärme. Dann piekste er schnell und gezielt an dieselbe Stelle wie bei ihm.
»Autsch.«
»Eh Robby, man kann dein Jammern echt nicht ertragen. Du bist doch ein Mann, oder?«
»Eigentlich schon« erwiderte Robby.
Langsam näherten sich ihre Hände, drückten dann sanft auf die winzigen blutende Stellen, umschlossen sich. Fest drückte Mike die Hand seines Freundes, bereit, sie nie wieder loszulassen.
Michael wähnte sich am Rande einer Ohnmacht, als er in die Augen seines Freundes sah. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Gesichter, er spürte den Atem, schnappte wieder diesen betörenden Duft auf. Das sollte vorübergehende Schwärmerei sein? Nein, das war mehr. Es war schön, unbeschreiblich schön.
»Jetzt sind wir Blutsbrüder« flüsterte er leise, »aber dazu gehört auch der Bruderkuss…«
Michael fürchtete, dass ihn die Hitze, von den Zehen bis in die Haarspitzen, zu verglühen drohte. Es gelang ihm nicht, das leichte Zittern unter Kontrolle zu bringen.
Langsam näherten sich ihre Köpfe. Ohne Gegenwehr berührten sich ihre Lippen für eine winzige Sekunde. Bunte Funken tanzten hinter Michaels Augen. Es war so anders als der Kuss mit Claudia. Da hatte er nichts gefühlt, nichts gedacht. Jetzt aber hatte er das Gefühl, unter Strom zu stehen. Wie gern hätte er Robby richtig geküsst, vor allem aber länger, viel länger.
»Komm, darauf müssen wir auch noch das Glas heben« sagte er und sie tranken die Gläser leer.
Danach war Michael aufgekratzt, nervös, in seinem Inneren unendlich aufgerüttelt. Was war nur in ihn gefahren?
Der Film im Fernsehen verlor an Bedeutung, flimmerte nur vor sich hin.
»Robby, ich glaub ich werd langsam knülle. Ich geh jetzt hoch ins Bett. Wenn du noch schauen möchtest, du weißt wo alles steht. Gute Nacht.«
Michael war sich klar, dass dies eine Flucht war. Eine Flucht vor etwas, das er fürchtete. Eine Handlung, die er vielleicht nicht mehr kontrollieren konnte. Er wäre bereit gewesen Robby richtig zu küssen, so wie die beiden Jungs aus der Schule das getan hatten. Ihn anfassen, überall, ihn schmecken, ihn riechen. Das – so klar konnte er noch denken – wäre dann aber wahrscheinlich das Ende dieser Freundschaft gewesen.
»Schon? Bist du krank?«
Im Grunde schon, wollte Michael sagen. Liebeskrank. Total verknallt in dich und zu allem fähig. Darum lass ich dich jetzt hier sitzen, damit du vor meinen Gelüsten sicher bist. Damit ich dich nicht zu mir zerre und abknutsche, wie im echten Film. Aber du bist keiner wie ich, machst dir nichts aus Jungs. Freunde ja, Sex nein. Pech für mich.
»Nee, wirklich nur müde« sagte Michael.
Auf dem Weg nach oben blieb er kurz auf der Treppe stehen und sah zu Robby hinunter. Sex. Wie um alles in der Welt konnte er an so etwas denken? Schmutzig war das, abnormal. Robby war sein bester Freund. Nie würde er es wagen ihn anzufassen und am Liebsten wäre er zurück und hätte sich für diese schlimmen Gedanken entschuldigt.
Da sich sein großes Bett langsam drehte fand er keinen Schlaf. Er rollte sich unter das Deckbett, versuchte die Augen zu schließen, den schrecklichen Gedanken von vorhin zu verjagen wie ein ungebetenes Gespenst. Aber er blieb. Immer wieder stellte er sich Robby nackt vor. Schwer fiel ihm das nicht, aber jetzt kam dieses unselige Verlangen noch dazu.
Irgendwann hörte er Geräusche neben sich. Robby zog sich aus und legte sich neben ihn, deckte sich zu und löschte die kleine Lampe. Michael war jetzt wieder fast nüchtern, aufgeregt wie vor Stunden. Da lag Robby neben ihm, ganz nah, zum Greifen nah. Und er lag da schließlich nicht zum ersten Mal. Schon oft hatten sie hier oben gefeiert, geredet, Karten gespielt, mit dem PC gearbeitet. Meistens war Robby dageblieben wenn es spät wurde, obwohl er nur ein paar Minuten nach Hause hatte. Aber noch nie hatte sich Michael etwas dabei gedacht. Da waren keine Gefühle, keine Gedanken, nicht das bewusste aufschnappen von Düften oder Geräuschen. Ja, einmal, ein einziges Mal hatte Robby gefragt, ob er sich ab und zu selbst befriedigen würde. Und wie oft. Aber das fragte er nur, weil er befürchtete es zu übertreiben. Michael beruhigte ihn, einmal am Tag wäre das mindeste. Aber da hatte Michael nicht weiter drüber nachgedacht.
Er drehte sich auf den Rücken, legte seinen Kopf in die Arme. Es war sinnlos, eines Tages würde es zu einer Katastrophe kommen. Er war schwul, das stand nun für ihn fest, jetzt und immer. Einmal würde man es merken, und dann?
Claudia bedeutete ihm nichts, nicht das geringste. Er hatte ihr gegenüber nie solche Gefühle gehabt wie für Robby heute. Irgendwann würde der es bemerken und dann wäre es eben vorbei mit der Freundschaft. Warum nicht jetzt reinen Tisch machen? Es würde egal sein, wie er es anfing, am Ende würde alles auf das gleiche Ergebnis zurückführen: Robby würde aufstehen, sich anziehen, leb wohl sagen und für immer verschwinden. Aus dem Zimmer, aus dem Haus, aus seinem Leben. Er würde sich in der Schule neben jemand anderen setzen und womöglich auch noch über ihn herziehen. Zwar konnte er sich nicht erinnern, dass Robby jemals schlecht über die Schwulen in der Schule geredet hätte, aber hier ging es ja um seine Ehre. Er konnte und durfte nicht mit einem Schwulen befreundet sein. Nicht Robby, dieser hübsche Junge, dem alle Mädchen hinterher sahen, wenn er in seinen engen Jeans durch das Schulgebäude stolzierte. Ja, das tat er, denn er war sich seiner herrlichen Figur sehr wohl bewusst. Auch sein ewig gebräunter Körper, die makellose Haut, vor dessen Kulisse sich die silberne Creole in seinem Ohr besonders gut machte und vor allem auch dieser knackige Hintern, Robbys liebenswerte Art – all das machte ihn unwiderstehlich. Halt nicht nur für die Schülerinnen…
Manchmal zeigte ihm Robby die Zettel, die er von Mädchen in seine Tasche geschmuggelt bekam. Ausnahmslos Liebesgeständnisse, Offenbarungen. Sie waren hinter ihm her wie die Teufel der armen Seele. Robby lachte nur darüber, fühlte sich manchmal sogar genervt. Dennoch – es konnte gar nicht anders ein, Robby durfte sich die schönsten Mädchen heraussuchen und Michael war sicher: Da war auch das Bett nie weit. Merkwürdig nur, dass er mit ihm, als seinen besten Freund, nie darüber redete. Andererseits – Robby hatte ihm ja bestätigt, dass er noch nie so richtig Sex mit einem Mädchen hatte.
»Schläfst du schon?« hörte er Robbys leise Frage.
»Nein. Ich kann nicht.«
Robby stützte seinen Kopf auf den Arm und betrachtete seinen Bettgenossen. »Ich habe schon den ganzen Abend das Gefühl, dass dich etwas beschäftigt. Was ist los mit dir?«
»Ja, das tut es. Aber… nein, lass es. Es ist nicht so wichtig.« Die Angst seinen Freund zu verlieren brachte seinen Vorsatz, ihm die Wahrheit zu sagen, ins Wanken. Er drehte sich um und zog die Decke eng an sich.
Kurz darauf spürte er Robbys Hand auf seinem Arm. »Das würde dir so passen. Vergiss nicht, dass wir Blutsbrüder sind. Da gibt es ab jetzt kein noch so kleines Geheimnis mehr.«
»Robby, das ist kein Geheimnis. Das ist … es ist mehr…« Er nahm sich zusammen. Robby würde jetzt nicht mehr locker lassen, dafür kannte er ihn zu gut.
»Brüderchen, bitte, ich höre?«
»Mann Robby, manchmal tut die Wahrheit aber auch verdammt weh.«
»Schön, aber wie schmerzhaft – das wirst du schon mir überlassen müssen.«
Michael knipste das Licht über dem Bettrand wieder an und sah in Robbys Augen; er dachte verrückt zu werden, als er diesen aufreizenden Duft wieder aufschnappte.
»Schön, was ich dir jetzt sage, wird dir nicht gefallen. Ich fürchte es ist auch das Ende unserer Freundschaft, aber ich denke, du hast recht: Nur die Wahrheit kann beständig sein.«
»Ich höre, Kleiner. Ich bin ziemlich gespannt, was es ist, das unsere Freundschaft beenden kann.« Mit seiner Hand fuhr er durch Michaels Haare.
»Seit wann sagst du ‚Kleiner‘ zu mir? Das hast du noch nie getan. Und dann, es sind doch bloß zwei Zentimeter.«
Er nahm Robbys Hand und drückte sie. Vielleicht war es die letzte Gelegenheit, ihn überhaupt noch einmal anzufassen.
»Weil mir dieses Wort gefällt. Und weil es – wie du bemerkt hast – stimmt. Und außerdem bin ich immerhin ein Jahr älter als du. Also, was ist mit dir los?« Robby grinste merkwürdig.
Michael holte Luft. Es würde ihn Monate seines Lebens kosten, diesen Freund zu verlieren. Und einen anderen würde er nicht finden, niemals. Aber es blieb ihm am Ende nichts anderes übrig. Er ließ sich in das Kissen fallen und starrte an die Decke, um seinem Freund nicht in die Augen sehen zu müssen. »Es wird dir nicht passen, aber du hast es so gewollt.«
Robby blies die Luft hörbar aus seinen Lungen. »Also, ich sag’s mal so: Ich habe was gegen Rauschgift, gegen Diebstahl oder Mord, Betrügereien oder gegen eine ganz vorsätzliche Lüge. Alles was da nicht drunter fällt, kann ich akzeptieren.«
»Also schön. Ich bin dir übrigens nicht böse, wenn du dann nichts mehr mit mir zu tun haben willst.« Michael räusperte sich. So einfach, wie er dachte, schien es doch nicht zu werden. Er holte Luft. »Ok, dann zähle ich jetzt mal auf, was mich an dir beschäftigt.«
»Oh, an mir? Da bin ich aber mal ganz Ohr.«
»Deine tolle Figur zum Beispiel, du bist nicht nur hübsch, sondern schön, deine Haare, deine Haut, dein Hintern, wie aus dem Katalog.« Als er bemerkte wie weit er damit schon gegangen war, nahm er seinen ganzen Mut zusammen. Da er das Ende dieser Freundschaft kommen sah, löste er sich von seinen Hemmungen. Er legte seinen Kopf auf Robbys Brust und streichelte seinen Bauch. Robby wehrte sich nicht. Leise, als würde er nur zu sich selbst reden, setzte er seine Beichte fort.
»Deine Hände. Ich wünschte mir sie würden mich streicheln, überall. Und meine umschließen deine Taille, fahren den Hintern hinunter … und sie greifen in deinen Slip … und deine sinnliche Lippen würde ich gerne auf den meinen spüren, dich schmecken; meine Nase schnuppert deinen ganzen Körper ab, meine Zunge würde nicht nur deine kleinen, dunklen Brustwarzen gerne lecken…« Er lag ganz still, lauerte auf das Ergebnis seines Geständnisses.
Robby hatte regungslos zugehört, sein Blick wanderte Michaels Körper entlang.
»Und weiter?« fragte Robby scheinbar ungerührt.
»Nichts weiter, das würde mir am Anfang schon ziemlich genügen. Mit anderen Worten: Ich bin schwul, daran gibt es nichts zu zweifeln – und ich mag dich. Sehr sogar. Ich weiß ja nicht, was Liebe ist, aber so könnt ich sie mir gut vorstellen. So, nun weißt du Bescheid« beendete Michael seine Beichte und legte sich wieder zurück.
Robby verzog keine Miene, Michael kam es vor, als unterhielt er sich über das Wetter mit ihm.
»Und was erwartest du jetzt von mir?« fragte Robby, der keinen Blick von Michaels Augen nahm.
»Nichts, gar nichts. Du allein musst entscheiden, was du jetzt tun willst. Ich sagte dir dass ich nicht böse bin, wenn du jetzt aufstehen und lieber gehen willst, weil eine verdammte, weinerliche Schwuchtel gar nicht dein Freund sein kann – oder darf. Ich verspreche dir auch, dir nicht hinterher zu laufen. Aber eines Tages wärst du auch so dahinter gekommen, ich bin dem Zufall nur zuvorgekommen. Auch wenn ich es traurig finde, ich werde es wohl oder übel überleben.«
Robby stützte seinen Kopf auf den Arm und schien nachzudenken.
»Du sagst gar nichts. Hast du verstanden was ich gesagt habe? Ich steh auf dich oder ich mag dich sehr gern oder ich liebe dich, ganz wie du es auslegen willst – und ich bin ein Junge« sagte Mike hastig.
»Ich hab seit längerem mitgekriegt, was du bist« antwortete Robby ruhig.
Langsam legte er seine Hand auf Michaels Brust, malte dann mit einem Finger kleine Kreise um den Bauchnabel. »Das war verdammt ehrlich. Aber etwas habe ich dir vorhin noch verschwiegen,« sagte er »ich werde nämlich außerdem ziemlich wütend wenn…«
Michael spürte wie sich sein Körper verkrampfte. Jetzt musste es kommen, jetzt würde das Schreckliche geschehen, das Urteil fallen. Ein paar letzte Worte, dann wäre diese Freundschaft zu Ende. Das Heulen wollte er sich aufheben, wenn Robby gegangen war, jetzt damit anzufangen würde allzu weibisch aussehen. Er konnte trotzdem nicht verhindern, dass seine Augen feucht wurden.
»Wenn was?« fragte er mit zitternder Stimme.
Robby rückte plötzlich näher, fuhr Michael wieder durch das dichte braune Haar. Er erstarrte unter der Berührung, traute sich nicht zu atmen.
»…wenn es jemand wagt, dieses saudumme Wort Schwuchtel in meiner Gegenwart in den Mund zu nehmen« sagte Robby wieder lauter. »Und noch etwas – wage es nicht, dem Neuen schöne Augen zu machen. Dann bekommst du es mit mir zu tun.«
Michael verstand die Worte nicht, nicht die Bedeutung, nicht die Tragweite. Er sah nur wieder in diese von langen Wimpern umrahmten Augen, spürte den Atem, die Körperwärme, die Berührung.
»Was …?« fragte er am ganzen Körper zitternd.
»Weil ich mich dann auch angesprochen fühle« sagte Robby mit einem Grinsen im Gesicht.
»Das bedeutet,« setzte Michael ein »… ich kann’s einfach nicht fassen …« Er schlug sich mit der Hand auf die Stirn. »Und ich Idiot habe es nie bemerkt. Warum hast du mir nie ein Zeichen gegeben?«
»Weil ich erst wissen wollte, wie du zu schwulen Jungs stehst. Aber das hab ich ja erst heute herausgefunden.«
»Und was wird jetzt? Mit uns, mit der Klasse, mit den Weibern?«
»Keine Ahnung und ehrlich gesagt, ist es mir im Moment auch ziemlich egal. Wir haben vielleicht keinen leichten Weg ab jetzt, aber zusammen kriegen wir das hin« sagte Robby leise, als könnte sie jemand hören.
Michael gönnte sich den Gedanken, einen Triumph erlangt zu haben. Vor allen anderen, vor allem den Mädchen. Er hatte es geschafft, sich den „Boy des Monats“ zu angeln und damit den hübschesten Kerl der ganzen Schule.
Er umarmte Robby fest, sehr fest und drückte ihn lange an sich. Vor Michaels Gesicht öffnete sich ein sinnlicher Mund, reckte sich eine glitzernde Zunge, blinkten weiße Zähne.
Beherzt griff Michael Robbys Haare, zog den Kopf zu sich heran, öffnete seinen Mund, ließ die Zunge hinein, spielte mit ihr, immer heftiger. Er spürte eine Hand auf seinem Slip.
Eine Träne löste sich aus Michaels Auge, lief seine Wange hinunter.
»Hey, Kleiner, was ist los?« fragte Robby und kraulte Mikes Haar.
Michael drückte ihn noch fester an sich. »Nichts, noch weniger als nichts. Ich freue mich vielleicht ein bisschen viel…«
Robby fing die Träne mit seinem Finger auf und leckte sie ab. »Ich kann mir denken, dass das nur ein Vorgeschmack ist« sagte er grinsend.
Michael lachte. »Ich weiß nun auch endlich was der Spruch bedeutet „ich hab Blut geleckt…“
Robby nahm Michaels Hand und steckte sie in seinen Slip. »Der möchte anscheinend etwas von dir…«
»Pass auf, dass ich dich nicht fresse…« hauchte Robby in einer sekundenlangen Pause zwischen den Küssen, mit denen er jetzt Michaels Körper bedeckte »und vergiss nichts, von dem, was du aufgezählt hast, mit mir zu tun…«
»Bestimmt nicht. Aber eines muss ich jetzt gleich wissen…« fragte Michael erregt.
»Was denn?« murmelte Robby während er Michaels Gesicht leidenschaftlich abküsste.
»…ob der da unten auch zwei Zentimeter größer ist« und zog an Robbys Slip, bis sein Penis heraussprang.
Michael griff zu, spürte wie Robbys Schwanz in seiner Hand größer wurde. »Ich fürchte, das sind mehr als zwei Zentimeter…« sagte er erregt.
»Da gibt’s nichts zu fürchten, außerdem mag der Küsse auch ganz gern – wenn sie von einem so geilen Jungen stammen sowieso…

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Information Blutrausch
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:52 AM - Replies (1)

Blutrausch – Teil 1

Oliver
„Wohin gehst du?“, fragte ich ihn.
Ich stand am Fenster und drehte mich während der Frage zu ihm um.
Es war tiefste Nacht, alles dunkel um uns herum. Er Raum wurde einzig und allein von einer kleinen Kerze auf dem Tisch erhellt.
„Weiß ich noch nicht. Es ist ziemlich weit, nicht gerade in der nächsten Stadt oder so. Aber du weißt genau, dass ich nicht anders kann. So eine Chance bekomme ich nie wieder.“
„Und was ist mit uns? Bin ich dir so unwichtig?“
„Hatten wir das nicht geklärt?“
„Nein hatten wir nicht. DU hast das alles für DICH geklärt und mir nicht mal eine Chance gegeben zu sagen, wie ich darüber denke. Immerhin geht es hier auch um mein Leben. Ich hatte für dich alles liegen und stehen lassen. Hab für dich alles aufgegeben.“
„Hey. Du stellst mich hier irgendwie als das Allerletzte hin. Das ist nun echt nicht fair.“
Alex versuchte mich in den Arm zu nehmen, doch ich entzog mich seiner Annäherung.
„Fair? Du redest von fair? Alex lass es einfach sein. So wie es aussieht, bin ich dir total egal. Und meine Gefühle scheinen dir auch egal zu sein. Alles andere ist wichtiger als unsere Beziehung. Die letzte Zeit war ich nur dein Freund, wenn ich dir in den Kram gepasst hab.“
Ich warf Alex einen sehr verbitterten Blick zu. „Aber das stimmt doch gar nicht. Ich war doch immer für dich da, wenn du mich gebraucht hast Oliver.“
„Wirklich? Wusstest du, wie es mir geht? Hast du es gemerkt, wenn ich mit dir reden wollte? Hast du mir zugehört? Hast du überhaupt eine Ahnung, wie ich meine Gefühle verstecken musste, weil jedes Mal, wenn ich mit dir reden wollte, der liebe Alex müde war oder lieber poppen wollte? Aber was genau in mir los ist, was ich seit Jahren in mich reinfressen musste, das weißt du nicht. Du hast mir lieber immer alles von deiner Rezeption erzählt. Wer, wann, wo, was gesagt hatte und solche Dinge. Gibt es bei dir nichts Wichtigeres im Leben?
Ich setzte mich auf die Couch und zog die Beine an den Körper.
„Hey, hör auf mit den Vorwürfen. Du weißt, dass das alles nicht stimmt. Du weißt, dass ich dich wahnsinnig gern habe. Mach es mir doch nicht so schwer.“
„Ach, ich mach es dir schwer? Wer von uns will denn weg? Denkst du, eine –Beziehung basiert auf gern haben?“, mein Ton war eiskalt.
„Entschuldige. Ich denke, es hat im Moment einfach keinen Sinn zu reden. Lass uns morgen weiterreden.“
„Keinen Sinn? Du hörst mir ja nie zu. Weißt du was? Mach doch was du willst“, meinte ich nur noch und sprang auf. Ich schnappte mir meine Jacke und stürmte aus der Tür, welche mit einem sehr lauten Knall ins Schloss fiel. Alex wollte noch etwas sagen, aber dieses Mal, das erste Mal in unserer bisherigen Beziehung, beachtete ich ihn nicht.
Es war kalt und der Regen nahm seit drei Tagen kein Ende. Der Wind zog durch meine Jacke und ließ mich zittern. Ich hätte doch die dicke Jacke, die ich letzten Winter gekauft hatte, nehmen sollen, doch bei meinem fluchtartigen Aufbruch wollte ich nur weg und hatte nicht darauf geachtet. In einer kleinen Gasse blieb ich an der Ecke stehen und suchte etwas Schutz vor dem Wind. Mir war nicht aufgefallen, dass sich noch jemand in der Gasse aufgehalten hatte.
Mir wurde eiskalt. Jeder einzelne meiner Muskeln fing an zu zittern. Ich musste kurzzeitig das Bewusstsein verloren haben. Als ich meine Augen wieder aufgeschlagen hatte, zuckte ich erschrocken zusammen. Ein Junge kniete vor mir und strich meine nassen Haare aus der Stirn.
„Hallo. Geht es dir nicht gut?“, fragte der fremde Junge.
Er war nicht älter als ich selbst, circa 20, vielleicht auch 21. Ich selbst war ja auch erst 21, hatte hellblonde Haare, die nicht so gefärbt waren und eisblaue Augen. Ich hatte, trotz Nichtbesuchen eines Fitness-Studios und keiner sportlichen Betätigung, eine ansehnliche Figur, bei der die Muskeln, warum auch immer, etwas ausgeprägter waren als normal üblich.
Die schwarzen Haare meines Gegenübers hatten jegliches Styling verloren. Er hatte fast schwarze Augen und was seine Statur betraf: Er war recht durchschnittlich.
Keine zu starken Muskeln, aber auch kein Hämpfling.
„Ähm…. Deine Blicke machen mich etwas verlegen“, meinte er mit seiner leisen aber trotzdem durchdringenden, sehr angenehmen Stimme. „Entschuldige. Ich war etwas in Gedanken. Mir geht es gut“, antwortete ich leise und versuchte aufzustehen, doch meine Beine hatten scheinbar anderes im Sinn und gaben nach.
Der Junge fing mich sofort auf und hielt mich fest, dabei betrachtete er mich mit einem, meiner Meinung nach, besorgten Blick. Genaueres konnte ich in seinen dunklen Augen im Dunkel der Strasse nicht erkennen. Der Unbekannte hielt mich mit einem Arm fest und legte seine Hand auf meine Stirn.
„Du hast Fieber“, murmelte er leise. Kaum hatte er dies gesagt, spürte ich eine unbändige Müdigkeit und verlor erneut das Bewusstsein. Diesmal für länger, denn ich merkte nicht, wie der junge Mann kurz mit weit geöffnetem Mund an meinem Hals roch, innehielt und kurz überlegte. Dann erst packte er mich, hob mich hoch und ging los.
Langsam spürte ich wieder Leben in mir. Ich dachte kurz an die dunkle Gasse, in der ich zusammengebrochen war und an den Fremden.
Erst hatte ich angenommen, es hätte aufgehört zu regnen, doch als ich meine Augen öffnete, erkannte ich, dass mich besagter Junge irgendwo hingebracht haben musste. Ich lag keineswegs mehr in der dunklen Gasse, sondern auf einem riesigen Himmelbett, welches sehr alt aussah. Neugierig ließ ich meinen Blick durch das Zimmer schweifen und entdeckte einige dunkle Möbel, welche ebenfalls sehr alt wirkten. Insgesamt war es sehr dunkel und wirkte auch ein wenig düster, was von den dunklen schweren Vorhängen noch verstärkt wurde. Sie schlossen jegliches Licht von außerhalb aus.
Erhellt wurde der Raum lediglich von ein paar Kerzen, außerdem roch ich einen unbestimmten süßlichen Duft, dessen Quelle ich nicht
Erst nach einigen Minuten fiel mir auf, dass sanfte, leise Klänge zu hören waren, deren Quelle ich ebenfalls nicht ausfindig machen konnte, bis ich sah, dass die Tür einen Spalt weit offen stand. Scheinbar hatte jemand im angrenzenden Raum Musik eingelegt, die verdächtig nach Mike Oldfield klang. Warum ich das so genau wusste? Nun, ich war seit Ewigkeiten ein großer Fan des Musikers und hätte ihn vermutlich noch aus einem Mix aus Heavy Metal, Punk und Techno heraushören können. Ich stand auf, nahm den Bademantel, der sorgsam gefaltet auf einem Stuhl neben dem Bett lag und zog ihn über. Kurz lugte ich durch den Türspalt und ging dann hindurch. Wie das Zimmer, in dem ich aufgewacht war, war auch dieses sehr dunkel gehalten und wurde nur durch Kerzenschein erhellt. Außerdem befanden sich auch hier kaum Möbel, auf dem ersten Blick konnte ich nur einen kleinen Schrank, eine Couch und einen Tisch ausmachen
„Na bist du wieder wach?“, fragte mich plötzlich jemand.
Ich drehte mich erschrocken um und sah dem fremden Jungen in die Augen.
„Du bist vorhin in der Gasse zusammengebrochen. Ich hab dich hergebracht, weil ich nicht wusste, wohin sonst. Aber bis auf das Fieber scheint es dir gut zu gehen.“
„Na ja, das dürfte relativ sein“, erwiderte ich und ließ mich auf der Couch nieder.
„Warum nimmst du einfach so einen dir fremden Jungen mit nach Hause?“
„Weil ich dich da nicht liegen lassen konnte, es regnet ununterbrochen. Du hättest dir den Tod geholt.“
„Vielleicht wollte ich das sogar“, meinte ich leise und schloss die Augen.
„Ich heiße übrigens Raijin. Wie ist dein Name?“
„Oliver.“
„Gut, dann hör mir mal zu, Oliver. Du wirst jetzt erst mal ein heißes Bad nehmen und dich aufwärmen und ich mach dir in der Zwischenzeit was Warmes zu essen.“
„Ich will nichts essen.“
„Na gut, dann bekommst du einen heißen Tee. So und jetzt komm erst mal mit“, sagte Raijin leise und nahm meine Hand, als ich keinerlei Anstalten machte, mitzugehen.
Er führte mich ins Bad und ließ Wasser in die Badewanne ein.
„Ziehst du dich allein aus, oder soll ich das auch noch machen?“, fragte Raijin noch immer leise.
Ich sah ihn verlegen an und schüttelte dann den Kopf.
„Ich mach das allein.“
„In Ordnung. Lass dir Zeit“, meinte Raijin nur noch und schloss hinter sich die Tür.
Ich lies mir den Bademantel am Körper entlang nach unten gleiten und sah mich auch hier um, während die Wanne voll lief.
Eigentlich sah es aus wie ein normales Bad, doch auch hier war das Fenster verhangen und alles wurde nur durch Kerzen erleuchtet, wenn auch nicht mit so vielen wie im Wohnzimmer.
Langsam stieg ich in die Badewanne und lehnte mich zurück. Ich hatte zwar nichts gesehen, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass Raijin irgendetwas ins Wasser gegeben hatte. Es roch süßlich und ließ mich ein wenig träumen. In mir kamen Erinnerungen hoch, welche ich vor langer Zeit sehr tief in mir begraben hatte.
Momente, in denen ich mit Alex alles andere vergessen hatte, nur noch wir beide waren wichtig gewesen. Der Moment unseres Kennenlernens kam mir in den Sinn. Der Moment, als Alex mich angesprochen hatte. Ich hatte wie so oft am Spielplatz im Park um die Ecke gesessen und war in meinen Gedanken versunken gewesen. Damals war Alex auf mich zugekommen und hatte mich gefragt, was denn los sei, weil mein Blick soviel Trauer und Unruhe ausgestrahlt hatte.
Bis heute wusste ich nicht, warum er das gemacht hatte, aber bis vor ein paar Tagen oder sogar Wochen hatte ich es nie bereut. Ich beschäftigte mich eine Weile mit diesen Gedanken, bis ich meine Augen wieder öffnete. Ich wollte nicht immer wieder Alex‘ Gesicht vor mir sehen, als er mir gesagt hatte, er werde die Stadt verlassen, egal ob ich mitgehen würde oder nicht. Stattdessen sah ich nun Raijin in die Augen, der mich besorgt ansah.
„Oliver? Alles in Ordnung?“
„Nein“, murmelte ich leise.
„Aber geht schon…muss ja.“, vervollständigte ich den Satz und versuchte zu lächeln.
„Na ich weiß nicht. Du bist mir hier eben fast eingeschlafen und außerdem hast du rote Augen und Fieber. Das erachte ich nicht unbedingt als ‚geht schon‘“, meinte Raijin und sah mich immer noch besorgt mit seinen dunkel funkelnden Augen an.
„Na komm! Raus mit dir, das Wasser ist schon kalt. Ich gebe dir Sachen von mir zum Anziehen.“
Raijin nahm ein großes Badetuch aus dem Regal und hielt es mir ausgebreitet hin. Ich musste ihn wohl sehr verlegen angesehen haben, denn Raijin grinste leicht.
„Na los, du hast nichts, was ich nicht schon mal gesehen hab.“
Ich zögerte noch einmal und stand dann doch auf. Raijin wickelte mir das Badetuch um die Schultern und strich mir ein paar Strähnen aus dem Gesicht.
„Möchtest du heute Nacht vielleicht hier bleiben? Ich möchte dich nur ungern so nach Hause gehen lassen.“
Ich brachte kein Wort heraus, also nickte ich leicht und sah nach unten. Ich konnte und wollte heute nicht mehr zurück in die Wohnung. Nicht zurück zu Alex. Nicht zurück zu dem Gefühl, unerwünscht zu sein beziehungsweise wie ein Gegenstand behandelt zu werden, den man nur aus dem Schrank holte, wenn man ihn brauchte.
„Okay.“
Raijin atmete erleichtert auf und ging ins Schlafzimmer zurück. Schon kurz danach kam er mit einem Pyjama ins Bad zurück und sah mich prüfend an.
„Müsste passen. Komm einfach rüber, wenn du fertig bist.“
Ich konnte nur ein leises „Ja“ hauchen.
Raijin
Ich ging aus dem Bad und ließ mich im Wohnzimmer auf die Couch fallen. Der Tee stand schon fertig zubereitet vor mir auf dem Tisch und dampfte vor sich hin. Ich ließ meinen Blick zu einer brennenden Kerze wandern und versank bei dem Anblick der Flamme für einen Moment in Gedanken.
„Ich bin fertig. Sollen die Kerzen brennen bleiben nebenan?“, riss Oliver mich zurück in die Gegenwart.
„Ja. Da passiert nichts, die stehen sicher. Komm bitte her.“
Ich deute auf den freien Platz neben mir auf der Couch und reichte ihm eine Tasse Tee.
„Möchtest du reden?“
Oliver schüttelte leicht den Kopf.
„Okay. Möchtest du Fernsehen?“
Oliver sah sich kurz um.
„Du hast keinen Fernseher“, sagte er verwirrt. Ich musste ein klein wenig lachen.
„Stimmt, hier nicht. Komm mit. Meine Wohnung hat zwar noch nicht viel, weil ich erst hergezogen bin, aber ich hab einen Fernseher, da kannst du dir sicher sein“, fuhr ich grinsend fort.
Ich stand auf und ging mit Oliver in ein anderes Zimmer.
„Mein eigentliches Wohnzimmer ist das hier.“
Ich ließ mich auf die große Couch fallen und bot Oliver einen Platz an.
„Du hast viele Kerzen stehen.“
„Ich hatte am Anfang noch keine Heizung an, weil…naja dazu später mehr. Sagen wir, es gefällt mir sehr gut.“
„Sieht auch gemütlich aus, aber wirkt ein bisschen düster vor allem durch die verhängten Fenster. Hat das einen Grund?“
„Ich weiß, aber um ehrlich zu sein, mag ich es auch ein bisschen düster.“
„Warum?“
„Ich bin oft allein und es ist … sagen wir mal, ich fühle mich einfach wohler, wenn es so aussieht hier. Das ist schwer zu erklären. Dazu müsstest du mich besser kennen, damit du es verstehst.“
„Ich versteh es auch so“, meinte Oliver leise und ging zum Fenster.
„Warum bist du so traurig?“, fragte ich vorsichtig und stellte seine Tasse auf den Tisch.
Oliver lachte kurz bitter, ehe er sich zu mir umdrehte und mir in die Augen sah.
„Weil mein Freund, ach halt, das ist er ja nicht mehr, zumindest nicht für mich,… weil mein Ex-Freund meint, er muss die Stadt wegen seiner neuen Arbeit verlassen und ich muss mitkommen. Beziehungsweise anscheinend ist es ihm total egal, ob ich das will oder nicht. Er hört mir ja nicht mal zu. Ich war anscheinend nur ein Spielzeug für ihn. Verdammt dieser Idiot.“
Oliver, der sich ziemlich in Rage geredet hatte, ließ sich auf den Boden unter dem Fenster sinken und zog die Beine an den Körper. Sein Gesicht vergrub er hinter seinen Händen. Ich setzte mich neben ihn und strich ihm durch die Haare, worauf er mich mit verheulten Augen ansah. An seinen Wangen rannen die Tränen noch immer entlang. „Es ist in Ordnung, wein dich erst mal aus, das hilft“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
Ich zog ihn etwas näher an mich heran und hielt ihn so lange fest, bis Oliver vor Erschöpfung in Morpheus‘ Arme glitt. Vorsichtig legte ich ihn auf die Couch, damit er sich ein wenig ausruhen konnte, während ich mich in der Küche versuchen und etwas zu essen zaubern wollte. Das scheiterte jedoch an der gähnenden Leere in meinem Kühlschrank. Ein Blick in selbigen hinein reichte, um festzustellen, dass ich dringend einkaufen gehen sollte. Nach einem Blick auf die Uhr schnappte ich meinen schwarzen Ledermantel und schrieb eine kurze Einkaufsliste.
Schon wollte ich los, machte jedoch an der Tür noch einmal kehrt und ging in die Küche zurück. Dort schrieb ich einen kurzen Zettel für Oliver und legte diesen im Wohnzimmer auf den Tisch. Noch einmal strich ich Oliver sanft durchs Haar, ehe ich mich endlich auf den Weg machte und zur Kaufhalle ging.

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Information Bis dass die Mutter uns scheidet
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:50 AM - Replies (1)

Manchmal ist die Wahrheit hart und FALSCH!

Es war ein Montagmorgen. Der Wecker ertönte. Es war 7 Uhr. Markus rekelte sich aus dem Schlaf und streckte sich. Ein lautes Seufzen ging durch den Raum. Er öffnete die Augen, schaltete den Wecker unsanft aus und drehte sich noch einmal auf die linke Seite um, wo er sich an seinen Schatz kuschelte.
Er legte seinen rechten Arm um dessen Oberkörper und drückte ihn an sich. Den Kopf lege er sanft auf dessen Rücken. Mit einem zufriedenen Lächeln drückte er sich noch fester an Henrik, seinem Allerliebsten. Kurze Zeit verharrten sie so.
Nach wenigen Minuten dieses harmonischen Bildes von zwei, nur mit einem Hot Pan bekleideten, Jungs, die eng aneinander gekuschelt und zufrieden dalagen, drehte sich Henrik langsam um und setzte sich auf.
Markus löste seine klammernden Hände von ihm und blickte verschlafen schräg nach oben in Henriks Gesicht. Der strich ihm über den Wuschelkopf und küsste ihn dann sanft auf die Lippen.
Er lächelte und sagte: „Hat nicht eben dein Wecker geklingelt?“
Markus nickte nur stumm. Henrik schaute auf den Wecker: „Nun, Schatz, es ist kurz nach 7 Uhr. Ich glaub die Schule ruft, hm?“
Markus klammerte sich mit beiden Händen um den Bauch des sitzenden Henrik und kuschelte sich fest in ihn. Henrik schüttelte neckisch grinsend den Kopf und schaute auf seinen Schatz.
Er tippte ihm ganz leicht auf die Schulter: „Na komm, du Schlafmütze, hm?! Komm mit mir ins Bad. Oder willst du mich alleine duschen lassen?“
Markus löste seine Umarmung und schaute wieder zu Henrik auf. Energisch schüttelte er seinen Kopf. Er legte die Arme um den Hals seines Liebsten und stieg langsam aber sicher rückwärts aus dem warmen Bett.
Er zog Henrik sanft mit sich. Dieser stellte sich jetzt auch. Markus verfestigte jetzt wieder seine Umarmung und presste ihm einen liebevollen Kuss auf die Lippen. Henrik legte seine Arme jetzt auch fester um Markus.
Mit den Fingern streichelte er sanft über dessen Schultern. Markus löste sich langsam von den Lippen seines Freundes.
Verträumt blickend entwichen ihm die ersten Worte des Morgens, er war eben ein Morgenmuffel: „Weißt du, dass ich dich ganz doll liebe, mein Schatz?“
Henrik lächelte glücklich und nickte zufrieden: „Ja, das weiß ich. Und ich liebe dich auch!“
Auch über Markus‘ Gesicht strahlte jetzt. Er gab Henrik noch einen intensiven Kuss, er konnte sich fast nicht mehr von ihm lösen.
Doch dann zog er ich zurück, ein lautes Schmatzen ertönte. Markus gab seinem Freund einen Klaps auf den Hintern und drückte ihn sanft Richtung Badezimmer: „Dann gehen wir mal duschen, hm?!“ Arm in Arm gingen die beiden nun auf die Badezimmer zu.
Seit 2 Monaten und 2 Tagen waren sie nun zusammen. Vom ersten Tag an war es eine harmonische Liebe. Es gab nur selten Streit, aber das gehört ja sicher zu jeder Beziehung. Es war eigentlich Liebe auf en ersten Blick.
Kennen gelernt haben sich die beiden auf der Eröffnungsgala von der neuen Vorabendshow von Henrik. Henrik Vandyk, ja, er war Showmaster. Nach dem Abitur hatte er sich eigentlich entschieden zu studieren.
Doch wie der Zufall es so wollte, wurde er von einer Agentur in einer Diskothek entdeckt. Henrik war damals etwas verdutzt, als er plötzlich angesprochen und gefragt wurde, ob er denn schon mal dran gedacht hatte, zum Fernsehen zu gehen. Henrik war total baff.
Er hätte sicher mit allem gerechnet, aber damit? Nun, das war vor zwei Jahren. Damals war er 20 Jahre jung. Er ist sicher nicht der schlecht aussehendste Mann, sonst wäre er wohl kaum angesprochen worden. Henrik war etwa 1,85 m groß und schlank.
Er war leicht gebräunt und hatte glatte Haut. Seine Muskeln waren gut proportioniert, nicht zuviel und nicht zuwenig. Er hatte einen verträumten Blick. Was einem zuerst auffällt, sind seine tiefbraunen Augen, die zum Verlieben aussehen. Seine braunen Haare hatte er zum Mittelscheitel gekämmt.
Er war ein Mann, auf den die Blicke einfach fallen, ein wahrer Traummann. Nun war er damals vollkommen unentschlossen gewesen. Sollte er zu dieser Agentur gehen oder doch nicht? Er hatte sich ständig gefragt, ob er das überhaupt bringen konnte.
Die Vorstellung war für ihn einerseits superpositiv gewesen, und sein Selbstbewusstsein war gestärkt worden, andererseits hatte er Angst zu versagen. Eine Freundin, die er mit seinem Gedankenkonflikt mit einbezogen hatte und nach ihrer Meinung fragte, hatte damals nur gemeint, ob er spinnen würde, er solle auf jeden Fall hingehen.
Was hatte er schon zu verlieren gehabt? Eigentlich hatte sie ja recht gehabt. Henrik hatte dann sein Selbstbewusstsein ausgepackt, die Agentur angerufen und einen Termin vereinbart. Dann war eigentlich alles recht schnell gegangen.
Damals hatte er sich zunächst mal in einer Soap profilieren sollen. Die Agentur hatte ihm eine Hauptrolle vermittelt. So ist er wie die Jungfrau zum Kinde zum Fernsehen gekommen und er hatte es eigentlich gar nicht verstehen können.
Lange Zeit hatte er sein Glück gar nicht fassen können: Er war im Fernsehen, ja, er hatte es geschafft, für ihn hatte sich etwas erfüllt, wovon jeder Jugendliche mal träumt.
Knapp anderthalb Jahre war er bei der Soap geblieben, dann hatte er von dem Sender ein Showkonzept vorgeschlagen bekommen. Henrik hatte wieder gezögert, aber dann hatte er gewusst, dass er eigentlich genug Power hatte, um auch dies zu schaffen.
Er hatte sich damals noch ein wenig Bedenkzeit geben lassen, aber dann doch ziemlich schnell zugesagt. Etwa 3 Monate später ist er aus dem Drehbuch raus geschrieben worden, so dass er sich ganz der neuen Show widmen hatte können.
Es war eine Show für Jugendliche: Talk, Reportage, Musikclips, eigentlich alles was die Teenies interessierte und er war mittendrin. Knapp zweieinhalb Monate hatte die Vorbereitung zur Show gedauert.
Kurz vor Start der neuen Show hatte er noch ein Gespräch mit der Chefin des Unterhaltungssektors gehabt. Sie war eine zähe und erfolgsorientierte Frau. Sie war streng, aber gerecht. Sie hatte auch einen Sohn, nämlich Markus.
Nun, bei dem Gespräch sollte es hauptsächlich um die Motivation von Henrik gehen, immerhin würde er einen ganz neuen Sektor beschreiten, und das noch als Laie, der nie Showbusiness gelernt hatte.
Henrik hatte das Büro dieser Frau betreten, von der die Kollegen nie etwas Gutes erzählt hatten. Er hatte sie immer nur aus der Ferne gesehen, irgendwo auf den ewigen Studiogängen, niemals ein wirkliches Wort mit ihr gewechselt.
Die Frau war ihm fremd gewesen und mit ihr würde er sicher nie grün werden. Nun gut, aber sie war seine Vorgesetzte. Mit Eisesmiene hatte sie von ihrem Schreibtisch auf ihren Jung-Showmaster geschaut.
Sie hatte mit der rechten Hand auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch gedeutet, ohne mit dem Blick von ihm zu weichen. Dieser Blick war so starr gewesen, dass Henrik leicht zusammengezuckt war. Er war auf sie zugegangen und hatte sie begrüßt – keine Reaktions- dann hatte er sich gesetzt. Danach hatte sie nach wenigen Sekunden des Schweigens mit dem Gespräch begonnen:
„Nun, Guten Tag, Herr Vandyk!“
„Guten Tag, Frau Liebermann.“
„Sie wissen, warum ich Sie herbestellt habe?“
„Nun, wegen meiner neuen Show?“
„Gewissermaßen. Nun Sie wissen vielleicht, dass ich sicher nicht begeistert bin, dass Sie diese Show übernehmen. Aber mein Kollege vom Showprogramm weicht nicht ab von Ihnen und lobt Sie in den höchsten Tönen.“
„Danke.“
„Tja, allein Ihre Vergangenheit und Lebensweise …“
„Was meinen Sie?“
„Unterbrechen Sie mich nicht! Sie wissen genau, was ich meine!“
Zögernd sagte Henrik: „Nein!“
„Ach? Denken Sie, wir vom TV schlafen. Denken Sie, dass wir uns nicht mit den Lebensweisen unserer Showmaster auseinandersetzen?“
„Aber wie? Warum?“
„Denken Sie doch mal an die Presse! An dieser Show hängt sehr viel. Ihre Vergangenheit und Ihr jetziger Standard sind mir eigentlich ein Dorn im Auge!“
Etwas beängstigt hatte Henrik gesagt: „Was meinen Sie, Frau Liebermann? Welcher Standard“
„Um dieses Gespräch nicht in die Länge zu ziehen: Es stört mich, dass Sie schwul sind und dass Sie vor noch 3 Jahren als Callboy arbeiteten.“
„Na und?“
„Na und? Was meinen Sie, wenn die Presse das rauskriegt?“
„Wie sollte Sie das rauskriegen?“
„Wie naiv sind Sie eigentlich. Hören Sie, ich hab es auch herausgefunden!“
„Und jetzt?“
„Jetzt sage ich Ihnen, was für Sie in Zukunft gilt!“
„Und das wäre?“
„Dass Sie Callboy waren, können wir nicht verschleiern. Damit dürfen wir uns auseinandersetzen, wenn die Presse dahinter kommt. Nun, mir wird was einfallen, mir ist immer was eingefallen! Und für Ihre Homosexualität gilt: Ab sofort werden Sie diese Neigungen keineswegs mehr zeigen!“
„Aber, wie …“
„Nichts aber! Haben Sie einen Freund?“
„Nein!“
„Gut. Hörn Sie, Sie sind ein Mädchenschwarm und wenn das rauskommt fällt die Show und nicht nur das, auch Sie. Für so manches Showkonzept muss man eben mal auf was verzichten!“ „Aber auf die Liebe …“
„Hörn Sie, ich verzichte für diesen Job auf mein Privatleben, das ist mein Opfer. Ich arbeite hier 12-15 Stunden am Tag.“
„Ich weiß nicht!“
„Wie wichtig ist Ihnen Ihre Karriere?“
Henrik war den Tränen nahe gewesen. Er war so froh gewesen mit dem, was ihm hier in den Schoß gefallen war. Konnte er auf Liebe verzichten? Er wollte darüber aber erst mal nicht nachdenken, so nickte er stumm und sagte: „Ja, ja … ich werde auf Sie hören. Ich will diese Show. Ich bin froh hier zu sein.“
Frau Liebermann hatte streng gemeint: „Jetzt fangen Sie bloß nicht an zu heulen, mein Gott!“
Sie hatte sich zurückgelehnt und herrisch auf Henrik geschaut, dann hatte Sie gelächelt: „Tja, Herr Vandyk, that’s Showbusiness! Gehen Sie jetzt wieder an Ihre Arbeit! Ich hoffe wir haben uns verstanden! Auf Wiedersehen!“
Henrik war nach draußen getrottet. Endlich war der Tag der Eröffnungsgala gekommen. Henrik Stimmung hatte sich längst wieder stabilisiert gehabt. Der Ablauf des Abends war etwa so gewesen: erst würde der Programmdirektor das neue Konzept der Presse vorstellen, dann sollte sich Henrik präsentieren und das Publikum etwa 15 Minuten unterhalten. Darauf sollte das Buffet eröffnet werden. Die erste Show würde dann eine Woche später live über den Bildschirm flimmern.
Auf dieser Gala war Henrik erstmals wieder den Weg von Frau Liebermann gekreuzt. An diesem Tag hatte Sie Ihren Sohn Markus an Ihrer Seite gehabt. Scheinbar hatte Sie versucht, Fernsehen und Privatleben etwas zu kombinieren. Markus war Henrik gleich aufgefallen.
Er war ein niedlicher Boy. Er hatte schöne hellblaue Augen und einen wirren Wuschelkopf. Frau Liebermann und er waren auf Henrik zugekommen. An diesem Tag war sie so anders gewesen. Sie hatte gelächelt und war freundlich gewesen, aber das hatte wohl eher an der Anwesenheit der Presse gelegen.
Sie hatte Henrik die Hand gereicht und ihn begrüßt. Henrik hatte etwas verdutzt geschaut. Dann hatten Sie ihm ihren Sohn vorgestellt. Markus hatte Henrik die Hand gereicht und ein breites Lächeln gezeigt. Hier waren die großen weißen Zähne aufgefallen. Henrik hatte zurück gelächelt. Die beiden waren in diesem Begrüßungsakt verharrt.
Frau Liebermann hatte nun kurz einen grimmigen Blick in Richtung Henrik losgelassen und leise mit einem bizarrem Unterton gesagt: „Haben Sie sich jetzt nicht genug die Hand geschüttelt?“ Henrik war zurückgezuckt und hatte wieder ernst geschaut. Im Hintergrund hatte der Programmdirektor die Presse begrüßt und mit seiner Rede begonnen.
Frau Liebermann hatte den Kopf geschüttelt. Sie hatte die beiden stehen lassen und war Richtung Bühne getappt. Markus und Henrik hatten ihr noch kurz nachgeschaut, dann hatten Sie sich wieder einander zugewandt. Henrik hatte ein Gespräch begonnen: „Nun, du bist also der Sohn?“
Markus hatte wieder gelächelt: „Ja, genau, der bin ich!“
Eigentlich war Henrik vollkommen sprachlos gewesen, aber er hatte trotzdem versucht, ein Gespräch zu etablieren: „Aha, und .. äh, was, was machst du hier?“
„Na ja, ich, ich wollte einfach mitkommen. Ich kenne dich aus deiner Soap.“
Henrik hatte wieder gelächelt.
„Ich bin, na ja, hört ich vielleicht kindisch an, … ein Fan von dir.“
„Hm, was soll ich sagen, freut mich.“
„Ich wollte dich halt mal sehen. So live, halt!“
„Das ist dir ja auch gelungen.“
„Ja.“
Das Gespräch war verstummt. Keiner der beiden hatte so recht was zu sagen gewusst. Sie hatten sich nur intensiv angeschaut. Plötzlich war im Hintergrund der Aufruf für Henrik ertönt, er solle auf die Bühne kommen. Applaus.
Henrik hatte sich noch zu folgenden Sätzen gezwungen und hastig gesagt: „Du, ich muss jetzt. Hast du … ich meine, Zeit, dass wir, wir uns mal treffen können?“ Markus hatte erfreut gelächelt und aus seiner Tasche eine Visitenkarte gezaubert: „Hier, meine Nummer.“
„Danke, Dankeschön und bis bald, ja!?“
Markus hatte genickt. Henrik hatte die Bühne betreten. Er hatte sich verliebt. Mittlerweile war es schon 12 Uhr mittags. Markus war schon lange in der Schule, und Henrik war allein in seiner Wohnung. Heute war ein großer Tag für ihn.
Er hatte heute ein großes Gespräch mit dem Programmdirektor. Heute ging es darum, dass seine Show in das Samstagabendprogramm kam. Er um 20:15 Uhr! Er freute sich wie ein Honigkuchenpferd.
Das einzige, was ihn bedrückte, war, dass er die Beziehung zu Marks geheim halten musste, sowohl vor der Öffentlichkeit als auch vor Frau Liebermann. Von diesem Konflikt zwischen ihm und Frau Liebermann hatte er Markus so direkt noch gar nichts erzählt, auch wenn sie sich sonst alles sagten. Das saß ihm im Nacken.
Dass Markus schwul war, wusste dessen Mutter nicht. Für ein Outing war nie Zeit. Sie hockte ja nur im Büro rum und kümmerte sich nicht um ihren Sohn. Markus hatte auch kein wirkliches Interesse, ihr das mitzuteilen.
Er kannte ihre Einstellung dazu. Aber letztendlich war es ja auch nicht wichtig. Markus bekam seine Mutter sowieso nur höchstens 2-3 Stunden pro Woche zu Gesicht und das ist nicht gerade viel. Gespräche kamen so gut wie nie zustande.
Aber er war sehr verwöhnt. Wenn seine Mutter schon nie Zeit für ihn fand, durfte er sich wenigstens kaufen, was er möchte. Das nutzte Markus dann doch aus. So hatte er ja auch ausgenutzt, dass seine Mutter solche Connections hatte, so hatte er ja immerhin Henrik kennen gelernt.
Henrik verließ nun die Wohnung, schloss die Tür ab und fuhr Richtung Sendezentrale. Am Empfang wurde er schon freundlich empfangen und gebeten, sich doch schnellstmöglich bei Frau Liebermann zu melden. Henrik betonte, dass er bald diesen Termin hatte. Die Empfangsdame nickte und bat ihn, doch zu Frau Liebermann zu gehen.
Es schien dringend und es war alles mit dem Programmdirektor abgesprochen. Henrik nickte. Er marschierte mit einem flauen Gefühl im Magen in die Richtung des Büros von Frau Liebermann. In Gedanken überlegend, was er denn nun wieder angestellt haben könnte, klopfte er an die Tür. Ein eisiges „Herein!“ ertönte.
Henrik trat ein und kaum war er drin, plapperte die Unterhaltungs-Chefin schon wütend los: „Was erlauben Sie sich?“
Henrik war vollkommen baff: „Was bitte?“
„Na was wohl, Sie Schanzlutscher?“
„Bitte was?“
„Sie ficken meinen Sohn und fragen was???!“
Henrik schluckte.
„Hören Sie, ich kann Sie fertig machen, davon konnten Sie bisher nur träumen!“
„Sie können mir gar nichts!“
„Ich weiß, der Programmdirektor hat sich in Sie verguckt für den Samstagabendbereich. Aber ich warne Sie!“
„Lassen Sie Ihre Drohungen!“
„Was ist Ihnen wichtiger? Liebe oder Karriere?“
„Beides!“ „Ich fordere Sie hiermit auf meinen Sohn in Ruhe zu lassen.“
„Und wenn nicht?“
„Dann mach ich Ihnen das Leben zur Hölle!“
„Sie können mir gar nichts!“
„Das werden wir sehn.“
Henrik öffnete entrüstet die Tür und verließ das Büro. Die Tür schlug er hinter sich zu. Es vergingen nun einige Tage und es blieb merkwürdig ruhig. Waren die Drohungen doch nur eine Überreaktion?
Aber leider würde Henrik ihr so eine Intrige zutrauen. Was sollte er machen? Markus einweihen? Diese Lösung hörte sich so einfach an, doch was würde passieren. Würde er zu seiner Mutter gehen und protestieren und sie zur Rede stellen.
Doch was ist, wenn er das tut, dann ist das schon das Aus. Denn Frau Liebermann würde sicher nicht so einen Angriff ihres Sohnes auf ihre Person auf sich sitzen lassen und außerdem hängt dann der Familiensegen schief.
Obwohl, tut er das nicht schon jetzt? Es war eine zu schwere Entscheidung. Würde er ihn um Stillschweigen bitten nach der Offenbarung über das wirkliche Gesicht seiner Mutter? Das würde sicher auch nicht lange gut gehen, denn irgendwann würde Markus ausrasten und die Mutter zur Rede stellen.
Und dann ist ja immer noch das Problem, dass sie partout die Trennung herbeiführen würde. Oder eine 3. Lösung? Eine Scheintrennung? Doch wie hat sie damals im ersten Gespräch gesagt: Sie findet alles raus.
Und wenn sie es ganz geheim halten würden und sich nur versteckt treffen würden? Aber was machen die beiden denn im Moment? So sieht die Realität ja schon aus. Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist nicht! Eine verzwickte Sache. Die Entscheidung scheint so schwer.
Jeder würde sagen: Entscheide dich für die Liebe, Henrik. Aber war der, der das behauptet, jemals wirklich erpressbar. Der Beruf macht Henrik Spaß, was würde er tun ohne Showbiz? Was würde er mit dem schlechten Image, das ihm die Frau Liebermann angedroht hatte herbeizuführen, noch anfangen können, sowohl im Showgeschäft, als auch in der Welt da draußen.
Was ist so schlimm, wenn man geoutet wird in der Presse? Was ist so schlimm, wenn die Vergangenheit rauskommt? Es ist einfach peinlich und mehr als Image schädigend! Irgendwann würde es das Publikum schon wieder vergessen. Klar, aber eine Samstagabendshow rückt dann auch immer weiter in die Ferne. Also gegen die Liebe?
Henrik war verabredet mit seinem Freund Markus. Sie trafen sich in einer Eisdiele. Henrik saß schon wartend da, als Markus mit einer Zeitung unter dem Arm angelaufen kam. Markus setzte sich, er war ganz blass.
Henrik schaute ihn besorgt an und fragte, was denn los sei. Markus schaute ihn stumm an und legte wie in Trance die Zeitung mit dem Titelblatt nach oben auf den Tisch. Henrik schaute verdutzt und geschockt auf das, was da vor ihm lag. Er nahm die Zeitung und schaute sich das an, was sich ihm da offenbarte. Das war die andere Seite des Showgeschäfts?
Henrik Vandyk. Fliegt er bald aus dem Showgeschäft. Die dunklen Geheimnisse des Mädchenschwarms.
Henrik las jedes Wort mit weit geöffneten Augen, sein Mund öffnete sich langsam. Er staunte nicht schlecht. „…bisher sind es nur Gerüchte um den Beau. Aber laut einer Geheiminformation ging der Jüngling in seinem Herkunftsland auf den Strich. … Was dran ist? Wir bleiben dran! …“
Henrik legte die Zeitung verdutzt nieder und schaute Markus an.
„Ich kann es nicht fassen, Markus!“
„Tja, die kriegen alles raus!“
„Aber …!“
„Hey, ich hab das auch verstanden, du warst 16 und wurdest von deinem Vater gezwungen!“
„Die Öffentlichkeit versteht so was nicht.“
„Ja für die zählen Skandale! Kannst du nicht so was wie ne Pressekonferenz machen?“
„Wo denkst du hin? Wenn das offiziell bestätigt wird, bin ich verloren in dem Geschäft!“
„Und jetzt?“
„Noch ist es nicht offiziell. Ich … muss hoffen!“
„Na ja, vielleicht kannst mit meiner Mutter reden. Immerhin, ihr gehört das Blatt da!“
„Was? Das ist Ihre Zeitung?“
„Ja. Aber scheinbar hat sie keinen Einfluss auf das Abgedruckte. Sie wäre ja blöd, oder?“
Leise nuschelt Henrik in sich: „Oder gerissen. Verdammt!“
Markus schaute verdutzt: „Was sagtest du?“
Da klingelte aber schon Henriks Handy. Er schaute auf das Display. Der Programmdirektor. Henrik drückte auf die ‚Annehmens-Taste und sagte vorsichtig und unsicher: „Ja?“
Der Programmdirektor bat ihn ohne weiteren Kommentar, sofort zu ihm zu kommen. Henrik seufzte und sagte zu. Markus schaute immer noch verdutzt. Er kam nicht mehr mit. Henrik steckte das Mobiltelefon wieder in die Tasche und sagte, er müsse dringend in die Studios.
Markus griff nach seiner Hand und sagte noch schnell: „Henrik, du schaffst das. Es wird schon nicht so schlimm. Denk immer daran: Ich liebe dich!“
Henrik nickte wortlos und verschwand. Markus schaute ihm noch lange nach. Eine Träne wich aus seinem linken Auge.
Henrik atmete tief ein und klopfte an die Tür des Programmdirektors. Der bat ihn herein. Henrik trat ein und fand den Big Boss vor und neben ihm stehend Frau Liebermann. Henrik begrüßte die beiden. Er widmete Markus‘ Mutter nur einen kurzen grimmigen Blick. Der Programmdirektor griff in eine Ablage auf seinem Schreibtisch und zog die aktuelle Zeitung hervor und warf sie auf den Tisch. Dann verschränkte er die Arme.
Henrik schluckte und verteidigte sich: „Das sind doch nur Gerüchte!“
„Ja, noch! Aber wenn die Presse da weiterstochert?“
„Was soll sie herausfinden? Es ist nicht wahr!“
„Tja, wissen sie, was die sich aus den Fingern zaubern im Sommerloch?“
Henrik schaute verdutzt auf Frau Liebermann. Scheinbar war der Boss nicht eingeweiht.
Dann senkte er seinen Kopf und flüsterte: „Was soll ich tun?“
Der Chef des Fernsehprogramms stützte sich mit seinen kräftigen Händen auf den Eichholz-Schreibtisch und fuhr mit lauterer Stimme fort: „Tja, mein Lieber, das weiß ich auch nicht. Aber solang das hier durch die Lande geht, gibt es keine Show und wenn sich das als Wahrheit bestätigen sollte, was ich für Sie nicht hoffe, dann gibt es gar keine Show mehr. Dann können Sie von mir aus zu RTL! Die sind Skandale gewöhnt!“
Henrik schaute noch immer auf den Boden.
„Hoffen Sie auf ein Wunder!! Ich lasse sie beiden jetzt alleine. Entwickeln Sie von mir aus eine Strategie oder was weiß ich! Ich geh in eine Konferenz!“
Der Programmdirektor wanderte wütend ab Richtung Tür und öffnete diese. Er drehte sich noch mal um und betonte: „Und verlassen Sie mir dieses Büro nur mit einer positiven Lösung! und … machen Sie die Tür zu beim Rausgehen. Verstanden?“
Frau Liebermann nickte. Ihr Blick schien betroffen, doch Henrik durfte gleich feststellen, dass das Fassade war. Sie setzte sich zufrieden lächelnd auf den großen Chefsessel und steckte sich eine Zigarette an.
Dann sagte sie spöttisch: „Na? Was sagen Sie nun?“
Henrik schritt auf sie zu und fauchte: „Was soll das? Damit ruinieren Sie nicht nur mich, sondern auch sich!“
„Lächerlich! Wenn Sie gehen, schlag ich ein neues Gesicht und ein neues überarbeitetes Konzept vor. Das geht schnell. Sie sind schnell vergessen!“
„Sie ….!“
„Ja?“
„Vergessen Sie es!“
Frau Liebermann streichelte langsam den Hörer des Telefons.
Dann hob sie ab und streckte Henrik den Hörer entgegen: „Ein Telefonat und ein Gespräch und Sie sind wieder drin!“
„Oh nein!“
„Dann kommt morgen Artikel Nummero 2! Hm, ich dachte da an: Vandyk: Schwuler Callboy – 3 Jahre Strich in Holland! Na, was sagen Sie?“
„Sie sind Abschaum!“
„Ein Abschaum, der Sie im Griff hat, mein Lieber!“
Henrik war die innere Wut anzusehen.
„Ich habe Fotos!“
Henrik schaute sie entsetzt an und fragte erstaunt: „Was? Wo …. Woher?“
„Tja, ich bin eine gute Reporterin gewesen, bevor ich mich auf den Chefsessel geschlafen habe.“
Markus schüttelte den Kopf und fing an zu weinen. Er wischte sich die Tränen schnell weg aus dem Gesicht. Frau Liebermann hielt Henrik erneut den Hörer entgegen. Henrik schüttelte wieder den Kopf, ungläubig.
Er wusste nicht, was mit ihm passiert. Er ging langsam, unentschlossen, auf den Schreibtisch zu und nahm den Hörer. Frau Liebermann lächelte zufrieden: „Na also. Sie sind gar nicht so dumm, wie ich dachte!“ Sie wählte die Nummer ihres Sohnes. Schon bald ging Markus auch ran an das Telefon.
Henrik versuchte nicht zu schluchzen und sprach in den Hörer: „Markus, du ich muss … ich muss dir was sagen. Es ist wichtig. Ich kann es nicht länger für mich behalten. Ich muss mit dir reden!“
Markus: „Was ist denn los, Schatz? Du klingst so komisch!“
„Hast du Zeit?“
„Ja.“
„Ich komme jetzt, okay?“
„Ja. Aber sag doch …“, kam es unsicher von der anderen Seite.
Frau Liebermann drückte das Gespräch weg.
Sie riss Henrik den Hörer aus der Hand und drohte: „Und wehe, Sie machen jetzt irgendeinen Scheiß!“
Henrik zitterte bei diesen Worten. Er verließ stumm das Büro und ging in Richtung Tiefgarage. Markus saß auf seinem Sofa in seinem Zimmer. Da hörte er die Klingel. Ganz aufgelöst rannte er die Treppen hinunter und öffnete.
Es war Henrik. Henrik schaute Markus nicht in die Augen und trat einfach ein in die Wohnung.
Markus folgte ihm mit seinen Blicken und fragte verzweifelt: „Was ist los?“
„Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll!“
„Sag es einfach, Schatz. Du weißt du kannst mir alles sagen!“
Henrik schaute in die Richtung von Markus, vermied es aber in seine Augen zu schauen und sagte: „Ich liebe dich nicht!“
Markus war den Tränen nahe: „Was??“
„Ich liebe dich nicht … nicht mehr! Es ist vorbei!“
„Wieso?“
„Das ist der Grund!“
„Welcher Grund?“
Markus fing an zu weinen. Henrik sah die Tränen seines Liebsten und weinte ebenso los.
Markus schaute ihn ungläubig an und fragte: „Warum … Henrik, Schatz, warum weinst du?“
„Ich weiß es nicht.“
„Es ist nicht wahr, oder?“
Markus setzte sich und wischte sich die Tränen von den Wangen. Es nutze nichts, er musste immer mehr heulen.
Er verstand die Welt nicht mehr: „Warum jetzt?“
Henrik schüttelte den Kopf und ging ohne Markus nur eines Blickes zu würdigen zur Tür. Er wusste, wenn er ihm jetzt in die Augen schauen würde, dann würden das seine Nerven nicht mitmachen.
Er schaute noch einmal zurück und sagte flüchtig: „Mach es gut.“
Henrik verließ unter Tränen die Villa und verschwand flüchtend in Richtung Auto. Auf dem Weg flossen ihm die Tränen immer intensiver aus den traurigen Augen. Umdrehen? Er würde am liebsten für einige Tage einfach von der Bildfläche verschwinden, aber er wusste, er hatte seine Show und es galt Business as usual.
Wo war er da hingeraten, was hatte er getan, im Hinterkopf immer den Satz: „That’s Showbusiness!“ War es das wert?!

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Information Billy und der Weihnachtsmann
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:49 AM - No Replies

Billy drückte sich an die Hauswand und suchte Deckung vor dem eisigen Wind. Es war bitterkalt an diesem Heilig Abend und die ersten Schneeflocken des Jahres tanzten auf den schmutzigen Bordstein. Allmählich fühlte er die Kälte durch seine verschlissene Jacke schleichen, spürte wie sie unaufhaltsam durch seine Schuhe kroch. Lange würde er heute Abend nicht mehr hier warten, das nahm er sich vor. Er beobachtete die anderen Jungs wie sie zu den haltenden Limousinen der Freier gingen und die Preise verhandelten. Meist stiegen die Jungs ein und Billy dachte, sie würden es bei der Kälte lieber um die Hälfte billiger machen als zu erfrieren.
Er umklammerte seinen Brustkorb mit den Armen und sah seinem weißen Atem nach. Dann stampfte er mit den Füßen, ohne damit jedoch der Kälte entkommen zu können.
Pit stieg eben in eines der Autos. Billy konnte den Fahrer in der Dunkelheit nicht erkennen, aber er wusste dass Pit nicht zu jedem ins Auto stieg, auch heute Abend nicht. Pit war wählerisch und er konnte es sich leisten. Er ist eben hübsch, dachte Billy leicht wehmütig. Nein, Pit ist ein sehr schöner Junge. Und deswegen stand er auch nie lange hier, hatte er die teuersten Klamotten am Leib, wohnte in einer eigenen Bude. Einmal sagte er zu Billy, er würde das so lange machen bis er sich ein Haus auf Staten Island kaufen könnte.
Billy sah sein Spiegelbild in der Schaufensterscheibe neben sich. Er hatte abgenommen in den letzten Wochen, kaum ein Freier hatte ihn mitnehmen wollen. Die tiefe Narbe auf seiner Stirn, die schiefe Nase.. Obwohl er schon fast achtzehn war wurde er die Pickel in seinem Gesicht nicht los. Geld für den Friseur hatte er auch keines übrig und so zog er die Kapuze seiner Jacke tief über das Gesicht. Er seufzte. Er würde lieber gar kein Geld verlangen heute Nacht; es würde ihm schon reichen wenn nur einer käme und ihm ein warmes Bett bieten würde.
Billy wusste nicht wie spät es war. Eine Uhr besaß er nicht mehr, die hatte er vor zwei Tagen aus Hunger an einen Passanten verkauft. Von den anderen Jungs war inzwischen keiner mehr auf der Straße. Josh und Ben machten sich eilig davon, er sah sie drüben in den Schnellimbiss gehen.
Hunger – der begann jetzt seinen Magen zu verkrampfen und er empfand die Kälte immer schlimmer. Der Schnee war auf dem kalten Boden liegen geblieben und es kam immer mehr dazu. Billy durchsuchte alle seine Taschen und insgesamt fand er einen Dollar fünfzig. Damit konnte er nichts anfangen und beschloss, vor dem Shoppingcenter betteln zu gehen. Das war dort zwar streng verboten, aber vielleicht konnte er ein paar Dollar scheffeln bevor man ihn davonjagte. Außerdem profitierte er von der warmen Luft an der Eingangstür.
Er drehte sich noch einmal um bevor er sich auf den Weg machte. Der Platz war nun völlig leer und kein Wagen fuhr mehr durch die Straße. Die Freier machten sich jetzt einen gemütlichen Abend mit den Jungs und Neid machte sich in Billy breit.
Als er einige Straßen weiter um die Ecke bog, erstrahlten die Lichter des Centers und wie vor Ehrfurcht blieb Billy stehen. Überall bunte Lichterketten, leise war auch Weihnachtsmusik zu hören. Auf dem Platz vor dem Eingang stand ein mit Lichtern übersäter Tannenbaum, über 30 Fuß hoch. Es waren noch viele Menschen auf den Straßen, aber Billy erkannte in vielen auch jene, die Gott und das Leben vergessen hatte – seinesgleichen. Die Kleidung, die Haltung, die Gestik – das waren die Erkennungsmerkmale dieser Gestrandeten.
Er lief langsam auf den Tannenbaum zu, blickte empor zur Spitze wo eine große, goldene Kugel prangte.
»Hey Billy, laufen die Geschäfte nicht?«
Billy erkannte den Mann nur an der Stimme, zu vermummt waren dessen Gesicht und Körper. Es war der alte Jones. Malcolm Jones war kein Stricher, er bettelte in der ganzen Stadt und er war bekannt. Er hütete schon mal kleine Kinder, wenn die Eltern shoppen gingen oder führte Hunde aus. Man kannte und duldete ihn, Strichjungen wie Billy dagegen nicht. Er fragte sich oft ob man ihm ansehen würde dass er mit Männern nach Hause ging um Geld zu verdienen. Er scherte sich wenig darum, aber ab und zu dachte er ernsthaft darüber nach.
»Hast recht, Malcolm, die Freier haben keine Kohle mehr. Alles ausgegeben für Frau und Familie. Da bleibt für unsereiner nichts mehr übrig.« Es ärgerte ihn, lügen zu müssen. Die meisten seiner Kumpels waren schließlich auch mitgenommen worden.
»Tja, so ist wohl das Leben. Frohe Weihnacht, trotzdem« sagte Jones und trottete weiter.
»Dir auch«. Billy war bei diesen Worten zum heulen zumute. Es waren fast alle Bettler hier an diesem Abend und nur mit viel Glück konnte er damit rechnen, ein paar lumpige Dollars abzustauben.
Ein Weihnachtsmann ging vor der Tür des Centers auf und ab, drückte den Kindern ein kleines Päckchen in die Hand und schien sich sehr an den strahlenden Gesichtern zu erfreuen. Billy lächelte einen Augenblick als er sich an seine Kindheit erinnerte. Wie viel Respekt er dem Mann in Rot entgegenbrachte und wie schade es war, dass man irgendwann nicht mehr an dieses Märchen glauben konnte. Väter, Onkels, Cousins verbargen sich meist hinter dem Bart und Mantel. Nichts war von der einstigen Vorfreude und der unterschwelligen Angst vor der Rute geblieben.
Das helle Licht, der Schnee, die Musik, die lachenden und fröhlichen Gesichter der Menschen – Billy wurde zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, richtig traurig. Auch wenn dies kein Abend dafür war, alle anderen Menschen waren ja glücklich und zufrieden. Er sehnte sich nach seinen Eltern, seinen Geschwistern, einem Zuhause. Aber das gab es für ihn nicht mehr seit man ihn aus dem Haus geworfen hatte.
„ So einen wie dich braucht die Welt nicht. Niemand. Sieh zu wie du zurechtkommst!“
Das waren seines Vaters letzte Worte an ihn, nachdem er ihn dabei erwischte wie er sich mit Joe, dem Nachbarsjungen, küsste.
„ Du bist nicht unser Sohn. Verschwinde aus meinem Haus, und zwar für immer.“
Das war vor einem halben Jahr. Damals schien es gar nicht so schwierig zu sein, allein in dieser Großstadt. Da konnte er unter den Brücken schlafen oder im Park, Freier gab es jede Menge und Geldprobleme kannte er nicht. Aber jetzt, jetzt war alles anders. Er schien in einem Teufelskreis zu sein. Die Freier nahmen ihn immer seltener mit, meinten manchmal ohne Hemmungen dass er sich gefälligst waschen sollte und pickelige Typen wären sowieso was für den Babystrich.
Als alles noch großartig lief, da ließ er sein Geld zum großen Teil in der Spielhalle wo er sich mit seinen Kumpels oft aufhielt. Und irgendwann hatte er Schulden. Steve, der älteste und kräftigste unter den Strichjungen, vermöbelte ihn weil er die Schulden nicht zurückzahlte. Das büßte Billy mit einem Eckzahn, einer tiefen Narbe auf der Stirn und einer gebrochenen Nase. Da er kein Geld für einen Arzt hatte blieb seine Nase schief und die Lücke in seinem Mund. Er musste seine Schulden abstottern und so kam der Abstieg.
Er war den Tränen nahe als er sich vorstellte, von keinem mehr genommen zu werden. Außerdem dachte er in letzter Zeit sehr viel über eine Freundschaft nach, ein echter Freund, das war alles was er sich wünschte. Aber so wie er jetzt aussah würde ihn niemand mehr wollen.
Er starrte weiter auf den Tannenbaum als ihn jemand ansprach.
»Na, was ist mit dir?«
Billy drehte sich um und sah dem Weihnachtsmann ins Gesicht. Klare, hellblaue Augen, eine rote Nase. Mehr konnte er nicht sehen, der weiße Bart verdeckte den Rest.
»Was soll sein?« Billy war zu überrascht als dass er eine vernünftige Antwort geben konnte.
»Erzähl mir nicht dass alles Okay wäre. Ich hab eine Träne gesehen, und die stammt nicht vom kalten Wind.«
Was ging den das an? Musste er sich so anplappern lassen? Aber je länger Billy in diese Augen sah, desto ruhiger wurde er. Verstohlen wischte er die Träne von seiner Wange, dann schniefte er.
Der Weihnachtsmann blinzelte ihm zu und drehte seinen Kopf. »Komm mal mit.«
Billy war alles egal, er zögerte nicht. Er sah wie der Mann vor ihm in seinem roten Mantel herumkramte. Als sie ein Stück weit aus dem Lichterschein waren zog er eine Schachtel Zigaretten aus einer Tasche. »Hier, ich denke das hilft ein bisschen bei der Kälte.«
Zitternd griff Billy zu und ließ sich Feuer geben. Der Weihnachtsmann rauchte nicht.
»Nun, was treibst du hier?«
Billy überlegte sich seine Worte gut. Immerhin konnte hinter dieser festlichen Fassade jemand ganz anderes stecken, es gab in letzter Zeit viele Übergriffe auf die Schwulen und Stricher in der Gegend.
»Ich hab kein Zuhause. Das ist mein Problem.«
»Aha. Nun gut, es geht mich nichts an warum und wieso, aber ….« Der Mann machte eine Denkpause. »Warte hier, in einer Stunde ist mein Dienst beendet, dann sehen wir weiter.«
Billy nickte und der Mann ging ohne weitere Worte zurück zum Eingang des Centers.
Es schneite immer heftiger, der Wind nahm zu und es wurde noch kälter. Billy wusste, dass er nun keine Stunde mehr hier warten konnte. Die Bettler und Penner verschwanden nach und nach, würden jetzt ihre Quartiere aufsuchen oder die Heilsarmee.
Das riesige Thermometer an der Fassade des Centers zeigte -12 Grad und man konnte zusehen wie es weiter fiel.
Billy hatte das Gefühl überhaupt keine Kleidung zu tragen, so intensiv spürte er jetzt die Kälte. Er konnte keine klaren Gedanken mehr fassen und beschloss einfach in das Center hineinzugehen. Nur eine Stunde lang, bis dieser Weihnachtsmann seinen Dienst beendet hatte.
Gerade als sich die automatische Tür vor ihm öffnete stand ein Wachmann vor ihm.
»Nun, kleiner Penner, aufwärmen? Ist nicht. Entweder du zeigst mir wenigstens 20 Dollar oder du verschwindest auf der Stelle. Ich denke da ist keine Wiederholung nötig, okay?«
Billy nickte fast unmerklich und kehrte um. Er blickte noch einmal zurück, den Weihnachtsmann konnte er nirgends sehen. Dann ging er zurück zu „seinem“ Platz, vielleicht fand sich doch noch ein Freier für diese Nacht.
Kaum ein Mensch begegnete ihm jetzt. Die Leute würden zu Hause sein, in einem warmen Zimmer, saßen um den Weihnachtsbaum, hörten oder sangen Lieder und tauschten ihre Geschenke. Und anschließend gab es ein feines Abendessen. Billy rannen die Tränen herunter, er machte sich nicht die Mühe sie abzuwischen. So verlassen und allein hatte er sich noch nie in seinem Leben gefühlt.
Er stand wieder auf seinem angestammten Platz, aber kein einziges Auto fuhr vorüber. Nur ein Schneeräumer raste die Straße hinunter, gespenstisch spiegelten sich seine gelben Blinklichter an den Häuserwänden.
Bleierne Müdigkeit überfiel Billy und er begann langsam, nicht mehr zu frieren. Er setzte sich auf den Gehsteig, lehnte sich an eine Laterne und schloss die Augen. Er sah sich im Wohnzimmer sitzen, sah seine Eltern, seine Geschwister. Er hörte Musik, Lachen, muntere Unterhaltung. Die Kerzen an dem Weihnachtsbaum leuchteten und goldenen Kugeln glitzerten.
Plötzlich krabbelte etwas auf seine Hose, dann spürte er ein nasses Etwas in seinem Gesicht. Billy öffnete die Augen und sah einem kleinen Mischlingshund in die munteren Augen.
»Nanu, wo kommst denn du jetzt her?« Billy konnte plötzlich wieder lächeln. Der weißbraune Hund war kleiner als eine Katze und trug kein Halsband.
»Abgehauen oder rausgeworfen – wie ich?« Billy nahm den Hund in seine Hände und hob ihn übermütig über seinen Kopf. Der Hund quiekte und schwänzelte wild.
Billy öffnete seinen Mantel und schnell verschwand der kleine Hund darunter. Billy steckte seine kalten Hände in den Mantel, das Tier kuschelte sich hinein und ganz ruhig blieb es dann so liegen. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich Billy nicht mehr alleine. Wohlig spürte er die Wärme die von dem Tier ausging. Er würde für den Kleinen schon sorgen, selbst wenn er dafür stehlen musste. Aber erst ausschlafen, Morgen früh würde er sich darum kümmern.
Billy saß im Wohnzimmer bei seiner Familie. Es hatte leckeren Braten mit Nudeln gegeben und nun trank er mit seinen Eltern einen Glühwein.
Dann ein Klopfen an der Balkontür. Billy sah seine Eltern an und sie forderten ihn auf, die Tür zu öffnen.
Er stand auf und ging, von einer seltsamen Kraft gezogen, zur Balkontür, öffnete sie und der Weihnachtsmann kam ins Zimmer. Er klopfte sich den Schnee von seinem roten Mantel und stellte seinen Jutesack ab. Billy sah in diese Augen, die er irgendwo schon einmal gesehen hatte.
»Nun, mein Junge, brav warst du habe ich gehört. Deshalb habe ich ein besonderes Geschenk für dich. Du darfst mit mir kommen, ich zeige dir etwas.«
Billy strahlte. Der Weihnachtsmann nahm seine Hand und sie gingen hinaus auf den Balkon. Es schneite plötzlich nicht mehr, dafür funkelten tausende Sterne am Himmel. Billy fror auch nicht, eine angenehme Wärme durchflutete seinen Körper.
Einer der Sterne über ihnen am Himmel wurde langsam immer heller, begann fast so grell zu leuchten wie die Sonne.
»Was ist das?« fragte er neugierig.
Der Weihnachtsmann lächelte. »Das ist dein Stern. Jeder Mensch hat einen Stern.«
»Mein Stern? Und warum wird er so hell?«
»Seine Zeit ist vorbei.«
Billy spürte wie er vom Balkon abhob, gezogen von dem Weihnachtsmann. Sie strebten auf das helle Licht zu.
Billy erwachte. Er richtete sich langsam auf, sah sich um. Er kannte nicht das Bett, nicht das Zimmer. Und er wusste nicht wer da neben ihm lag. Ein offenbar junger Mann, dessen Gesicht tief in das Kopfkissen vergraben war, schlief neben ihm.
Er sah seine Kleider auf dem Boden, sein Blick fiel auf den Stuhl vor dem Bett. Ein roter Mantel lag darüber, ein weißer Bart hing an der Lehne und Stiefel standen davor.
Der junge Mann neben ihm streckte sich, hob den Kopf aus dem Kissen und sah ihn an.
»Na, Billy, gut geschlafen?«
Diese schöne Stimme. Und wie hübsch der Bettgenosse war.
»Wer bist du? Wie komm ich hierher?«
»Beides ist für dich nicht wichtig.«
»Und wieso war ich zu Hause bei mir?«
Der junge Mann lächelte. »Du warst nicht zu Hause. Das hast du geträumt.«
»Aber… jetzt weiß ich immer noch nicht wie ich hierher gekommen bin. Vor allem aber – wo bin ich?«
»Warum willst du das wissen? Reicht es dir nicht, dass es so ist?«
»Eigentlich.. Doch, es reicht mir.«
Billy legte sich zurück.
»War etwas heute Nacht – ich meine zwischen uns?« wollte er schließlich wissen.
»Oh ja, das kann man so sagen.«
Er schluckte. »Ich kann mich aber an nichts erinnern.«
»Musst du auch nicht. Du wirst dich daran gewöhnen dass es hier, wo du jetzt bist, keine Erinnerungen mehr geben wird. Vorhin ist vorbei und ein Morgen gibt es noch nicht. Es zählt nur das Jetzt.«
»Aber ich kann mich an einen kleinen Hund erinnern..«
Der junge Mann lächelte. »Ja, der. Den kannst du nicht vergessen. Er kümmert sich um Jungs wie dich. Macht es am Ende leichter.«
Billy verstand es nicht, aber er wähnte sich in einem tiefen, schönen Traum. Er stützte seinen Kopf auf den Arm und betrachtete seinen Gastgeber. Er streckte seine Hand aus und fuhr dem jungen Mann durch die dunklen, kurzen Haare.
»Es ist schön hier. Und gar nicht kalt.«
»Hier wird dir nie mehr kalt sein.«
*
»Mann, der ist hart wie ein Stein« flüsterte Pit leise. Zusammen mit Ben starrte er auf den eingeschneiten Körper. Er wischte ihm den Schnee aus dem blassen Gesicht und Billy machte einen friedlichen Eindruck.
Pit stupste Billys Körper ein paar mal an, aber der Körper rührte sich nicht.
»Es heißt, man schläft einfach ein. Man spürt nichts, nur Müdigkeit. Und schwupp – ist es vorbei« sagte Ben.
»Eigentlich beneidenswert. So möchte ich auch mal von hier weg.«
»Sieh doch, Billy lebt. Er atmet noch« rief Ben plötzlich.
»Quatsch, der ist mausetot.«
»Nein, sieh doch…«
Da streckte der kleine Hund seinen Kopf aus dem Mantel.
»Ach du lieber Gott. Schau dir das an.« Pit nahm den Hund und zog ihn heraus. »Wo hat der den bloß her gehabt?«
»Egal, der bleibt bei uns. Kommt sonst auch um in dieser lausigen Kälte« sagte Ben und steckte den Hund unter seinen Mantel.
Aber lange blieb er dort nicht. Rasch schlüpfte er aus dem Mantel und rannte durch den Schnee die Straße hoch.
Die beiden sahen ihm nach.
»Der hat’s aber eilig.«
»Macht nichts, Pit, der wird schon jemanden finden..«
Dann sahen sie wieder zu Billy.
»Wo er jetzt wohl ist?« fragte Ben nachdenklich.
»Er wird nicht mehr frieren, der arme Teufel, das ist sicher. Vielleicht rennen dort eine ganze Menge hübscher Jungs herum. Und man kann’s treiben ohne Geld, weil man keins mehr braucht..« sinnierte Ben.
»Du bist pietätlos, weißt du das?
»Wieso? Kann doch sein« sagte Pit. Schulterzuckend fügte er hinzu: »Naja, vielleicht liegt er ja auch beim Weihnachtsmann im Bett…«

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