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Information A Never Ending Dream
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:44 AM - No Replies

Endlich war der Tag gekommen. Sebastian freute sich schon seit Wochen auf das Volksfest. Er kam grade von der Schule. Mit einem Lächeln und einem fröhlichen Pfeifen öffnete er die Wohnungstür.
Wie konnte sich ein 19-jähriger Junge wie ein kleines Kind auf den Jahrmarkt freuen? Was war schon besonderes an so einem Tag auf dem Rummel? Achterbahn fahren, Autoskooter oder Süssigkeiten-Stände. Oder war er von was ganz anderem angetan?
Er warf die Schultasche in die Ecke und tänzelte erfreut durch die Wohnung. Würde ihn jemand sehn, er würde denken er hat sie nicht mehr alle. Er freute sich wie auf sein erstes Date. Die fröhliche Stimmung wurde plötzlich unterbrochen.
Das Telefon klingelte. Sebastian drehte sich erschrocken, wie aus seinen Träumen gerissen um und starrte auf das Telefon. Er verharrte einen Augenblick und lief dann in Richtung des klingelnden Apparates.
Er nahm den Hörer ab und sagte: „Ja, hallo?“
„Hallo, Seb!“
Es war seine beste Freundin Johanna.
„Was ist los? Ich freu mich schon voll auf dann.“
Ein lautes Seufzen erklang von der anderen Seite: „Tja, genau deswegen ruf ich an.“
Sebastian setzte einen fragenden Blick auf: „Was ist los?“
„Ich kann nicht!“
„Was?“
„Ich kann nicht!“
„Aber …“
„Es tut mir ja auch leid.“
Ohne zu fragen warum seine beste Freundin denn keine Zeit hat verabschiedete er sich leise und enttäuscht und legte den Hörer auf. Nun war die gute Stimmung wie weggeblasen. Sebastian ließ sich auf die Couch hinter sich sacken und blieb stumm sitzen.
Und was jetzt? War es das mit dem Volksfest? Würde er statt heute, morgen hingehen? Es war immerhin der erste Tag! Das Fest würde noch 10 Tage andauern. Plötzlich schüttelte Sebastian den Kopf. Er beschloss alleine hinzugehen.
Er schnappte sich seine Jacke und marschierte Richtung Tür. Was bewegte einen Jungen ganz alleine auf einen Jahrmarkt zu gehen? Wäre das nicht langweilig? Die Tür fiel zu. Man hörte die Musik schon von weitem.
Ein Mix aus Pop und Schlager. Man hörte einzelne Rufe von Verkäufern und ganz deutlich konnte man die Schreie von der Achterbahn hören. Es war das richtige Feeling eines Volksfestes. Sebastian lief vom Parkplatz immer näher auf das Fest zu.
Bunte Lichter blinkten. Sebastian blieb fasziniert stehen und beobachtete das Leben auf diesem Jahrmarkt ein wenig. Er setzte einen verträumten Blick auf und ein Lächeln huschte über seine Lippen. Seine tiefen brauen Augen leuchteten.
Er war begeistert, das sah man ihm an. Er blieb eine ganze Zeit so stehen, mitten auf dem Weg, vollkommen verträumt. Er lauschte und beobachtete ohne Abbruch. Dann, viel später, fiel sein Blick auf die Losbude. Sebastian wanderte wie in Trance in diese Richtung.
Aber er ging nicht zur Losbude um Lose zu kaufen, nein er stellte sich in weiter Entfernung zur Bude hin und verharrte jetzt da. Er beobachtete das Geschehen an der Losbude. Aber was war da schon besonderes?
Kuscheltiere und Spielzeug in Massen. Leute die ihre Lose öffneten und enttäuscht auf den Boden oder in die Mülltonne warfen. Ein Pult mit einer großen Schüssel, voll mit Losen. Auf einem Stuhl ein alter Mann mit Zigarre, der die Lose verkaufte. Nicht besonderes, eine ganz normale Losbude eben. Oder?
Nein, plötzlich ertönte durch ein Mikro eine tiefe, sehr Vertrauens erweckende, und nette Stimme, welche die Leute aufforderte Lose zu kaufen. Diese Stimme kam von einem süßen Jungen, der lächelnd auf der Lostribüne auf und abwanderte. Er fuchtelte voller Energie mit den Händen durch die Luft.
Er war für diesen Job wie geboren und, dass er es gerne machte sah man ihm an. Der junge Losverkäufer, höchstens 19 Jahre jung, nun er war sehr schlank und hatte sehr enge Kleidung an, eine hautenge abgewaschene Jeans und ein ebenso enges glitzerndes T-Shirt.
Er hatte schöne schwarze Haare, sie waren kurz und glänzten durch das viele Gel. Am auffälligsten waren seine blauen, ozean-blauen, Augen. Sie luden zum Träumen ein. Er hatte ein bezauberndes Lächeln.
Seine Zähne waren elfenbeinweiß und fielen sofort auf. Seine Haut war leicht gebräunt. Er tänzelte noch immer auf dem Wagen herum und rief die Leute zusammen. Es war keine normale Losbude, das merkte man jetzt.
Der junge Losverkäufer tanzte zur Musik von Michael Jackson auf seiner schmalen „Bühne“ herum und motivierte die Leute ohne Unterlass. Er war einmalig. Aber … war es vielleicht er, weswegen Seb so verträumt da gegenüberstand.
Sein Mund öffnete sich und die Augen wurden immer größer. Er bewegte sich nicht vom Fleck. Sebastian verharrte und sein Blick sah wie versteinert aus, aber voller Begeisterung. Nun es ist ganz sicher nicht so, dass Sebastian heute zum allerersten Mal diesen hübschen Losverkäufer entdeckt hat.
Nein, Sebastian besucht ihn jedes Mal wenn er in der Stadt ist. Angefangen hat alles im Oktober letzten Jahres. Seit dem ist er fasziniert von diesem Boy. Seither gab es 3 weitere Feste in der Stadt, auch bei denen fand er wieder den Losverkäufer, oder besser den Losbuden-Tänzer.
Heute war das 5. Mal. Aber immer stellt sich Sebastian nur in einer weiten Entfernung zu der Losbude und beobachtet. War er etwa verliebt in diesen tanzenden Schönling? Nun seinem Blick war sicher so etwas zu entnehmen.
Aber warum geht er nicht einfach hin und spricht diesen Jungen an? Okay, leichter gesagt als getan. Oder warum kauft er nicht einmal Lose um ihn vielleicht einmal näher zu sehn. Warum immer diese Distanz? Nun Sebastian ist sehr schüchtern.
Er war ganz sicher verknallt, aber er war jung und er hatte noch nie einen Freund. Aber fiel es den Losbuden-Mitarbeitern nicht auf, dass da ab und zu ein Junge steht, der sie stundenlang beobachtet? Vermutlich schon, oder?
Obwohl, Sebastian, steht immer gegenüber auf der anderen Wegseite, an einem Süßwaren-Verkaufsstand. Der war etwa 7 Meter weg von der Losbude. Sebastian kommt jeden Tag auf das Fest. Jede Minute, die er Zeit hat kommt er um seinen Los-Tänzer zu beobachten. Und Johanna? Sie kam doch meistens mit.
Weiß sie davon? Hat sie sich auch stundenlang da dazugestellt? Warum hat sie Sebastian nicht geholfen diesen Mann kennenzulernen? Nun, klar weiß sie Bescheid über Sebs Beobachtungsaktionen.
Aber sie hat sicher nie dabei gestanden. Sie versuchte Sebastian gar zu motivieren um endlich zu seinem Schwarm zu gehen und ihn anzusprechen. Aber da scheiterte sie gnadenlos. Sie ließ ihn dann immer eine zeitlang da stehen und vergnügte sich mit anderen Freunden.
Über Sebastians Verhalten konnte sie immer nur den Kopf schütteln. Warum wollte Sebastian überhaupt, dass sie mitkommt? Sie würde eh nicht neben ihm stehen und mit beobachten. Allein war es da besser, oder?
Wohl war, aber Johanna ist für Sebastian so ein gewisser Halt, die einzigste Freundin, auch wenn sie grob sein kann. Er fühlte sich sicherer wenn sie irgendwo da um ihn auf dem Jahrmarkt war.
Aber was hatte er von dieser Sicherheit, er würde sich ja eh nie trauen da vor zu gehen um mit seinem Schwarm zu sprechen. Außerdem war er eh die meiste Zeit allein auf dem Jahrmarkt unterwegs.
Nun welcher Freund oder welche Freundin würde das auch dauerhaft mitmachen? Plötzlich wurde Sebastian wie aus seinen Träumen gerissen. Die Stimme des Los-Tänzers ertönte laut und sein Blick fiel auf Seb. Dieser zuckte zusammen.
Der junge Losverkäufer trällerte: „Und wie wäre es mal mit uns, hübscher Junge? Ein Los und … jedes Los gewinnt!“
Er streckte nun seinen Arm im Rhythmus zur Musik aus und deutete auf Sebastian. Dieser erstarrte und wurde ganz rot. Er schaute erschrocken um sich und zeigte unsicher mit dem Zeigefinger auf sich.
Der Los-Tänzer, er heißt übrigens Richy, nickte und zwinkerte. Dann machte er eine Handbewegung, die andeuten sollte, dass Sebastian herkommen soll. Sebastian schüttelte leicht und unsicher den Kopf, ging dann aber doch langsam auf die Losbude zu. Alle Leute schauten auf ihn.
Es war Seb so peinlich. Er senkte den Kopf und blieb am Ziel stehen.
Da ertönte wieder die tiefe und vertraute Stimme von Richy: „Und jetzt zeigt uns der junge Mann wie man den Hauptgewinn abräumt!“
Sebastian fiel es schwer zu lächeln. Nun er zückte den Geldbeutel und reichte dem alten Mann an dem Lospult einen Zehner. Der ließ den Schein schnell in der Kasse verschwinden und hielt Seb die Losschüssel hin.
Sebastian zitterte leicht, aber er versuchte cool zu bleiben. Er zog 12 Lose und schaute verunsichert zu Richy auf. Der nickte nur lächelnd. Sebastian zwang sich ein Lächeln auf die Lippen.
Dann schritt er zur Seite und öffnete die Lose. Richy derweil tänzelte ohne Pause weiter zur Musik, aber ohne etwas zu sagen. Er beobachtete Sebastian. Dieser schaute traurig auf die Lose, denn wie erwartet hatte er fast nur Nieten.
Tja wieso sollte er auch Glück haben? Er würde einen kleinen Gewinn bekommen, vielleicht ein Feuerzeug, und dürfte wieder gehen. Was für ein Omen! Er würde nie mehr hier her zurückkommen. Es wäre ihm zu peinlich.
Jetzt kannte man ihn. Vielleicht wollten ihn die Losbuden-Mitarbeiter nur vorführen, weil er nur immer da stand. Klar wer wird schon gerne beobachtet?
Wieder die Stimme: „Ich sehe alle Lose sind geöffnet. Dann zeig mal her, Kleiner!“
Sebastian schritt unsicher an Richy heran und übereichte ihm die Lose. Richy ging in die Beuge und nahm die Lose. Das war der erste Kontakt! Er berührte seinen Schwarm. Ein Bitzeln war in seinem ganzen Körper zu fühlen.
Richy strich beim Entnehmen der Lose leicht und unauffällig über Sebastians Hand. Dieser spürte das und schaute verdutzt zu dem Los-Tänzer auf. Er lächelte, diesmal deutlich unverkrampfter.
Richy lächelte dagegen wie gewohnt aus voller Kraft und zwinkerte Seb zu. Richy begutachtete die 12 Lose und lächelte ins Publikum, dann rannte er, zum ersten Mal außerhalb des Taktes der Musik, zur großen Glocke und läutete!
Er schrie: „Hauptgewinn! Hauptgewinn!“
Sebastian schaute etwas verdutzt. Er blickte die Situation nicht mehr. Was war das? Ein Werbegag? Er blieb bewegungslos stehen und schaute Richy fragend an. Dieser ging jetzt wieder in Richtung Seb und sagte mit lockender Bewegung seiner Hand:
„Komm auf die Bühne, Kleiner, du hast gewonnen!“
Sebastian sträubte sich. Richy tanzte wie gewohnt zur Musik und betonte aber seine Handbewegung, die Seb auf die Bühne locken sollte. Sebastian schluckte, aber er wollte sich trauen. Was sollte schon passieren?
Immerhin es wäre noch peinlicher wenn er jetzt nicht da hochgehen würde. Also setzte er sich in Bewegung und schritt die Treppe vorsichtig nach oben in das Licht, zu den Preisen und zu Richy.
Dieser legte nun seinen rechten Arm locker um ihn und lächelte ihn an: „Na, war das so schwer?“
Sebastian unsicher mit Blick auf das beobachtende Publikum: „Nein!“
„Wolltest du nicht immer schon mal hier oben sein?“
Sebastian strahlte: „Ja.“ Richy schaute stolz.
Dann wendete er sich kurz ab von Seb und deutete auf die Vielzahl von Preisen: „Tja, mein Bester, was darf denn sein? Was möchtest du haben? Du hast die freie Wahl!“
Tja es gab nur eine Sache, die Sebastian von diesem Loswagen wollte, nämlich Richy. Tja, aber er war wohl kaum der Hauptpreis. So fiel Sebastians Blick auf ein riesiges Plüschherz über Richy.
Richy schaute über sich und erblickte auch das Herz. Beide Jungs schauten einige Sekunden nach oben. Irgendwie ein magischer Augenblick.
Dann deutete Richy nach oben und fragte: „Das Herz? Willst du das Herz?“
Sebastian nickte. Richy sprang hoch und riss das Herz von der Befestigung. Er überreichte es dem Gewinner und lächelte. Dann schaute er auch schon wieder etwas ernster, eigentlich zum aller ersten Mal an diesem Abend.
Er verschränkte die Arme locker hinter dem Rücken und fragte: „Bist du mit diesem Herz zufrieden?“
Tja, Sebastian war es ja nicht. Aber das konnte er jetzt wohl kaum sagen. Hey es war der Hauptgewinn. Doch wie von selbst schüttelte er mit dem Kopf. Das Publikum setzte einen fragenden und erstaunten Blick auf.
Nur Richy lächelte.
Er setzte zu einer direkten Frage an, dabei musste selbst er kurz schlucken: „Willst du ein anderes Herz?“
Während diesen Worten nickte Sebastian. „… nun willst du, willst du mein Herz?“
Sebastian schossen Tränen in die Augen, so groß, war seine Freunde über diese Worte. Er war wie gelöst, als hätte man ihm eine große Last abgenommen. Er nickte mit einem unendlich glücklichen Lächeln.
Richy legte das Mikro auf die Ablage und legte seine Arme um Sebastian der sein Plüschherz krampfhaft festhielt. Doch just in dem Augenblick ließ er es los und schloss auch seine Arme um Richy.
Das Herz blieb zwischen den beiden Jungs. Es fiel nicht zu Boden. Sie drückten es fest zwischen sich.
Die beiden verharrten so ein kurze Weile, dann lockerte Richy die Umarmung leicht und schaute Sebastian tief in die Augen und sagte: „Du … ich hab mich in dich verliebt …“
Sebastian lächelte und konnte nur noch nicken. Richy drückte ihm einen dicken Kuss auf die Lippen und verfestigte seine Umarmung wieder. Sie küssten sich intensiver.
Der alte Losverkäufer erhob sich von seinem Pult und drehte die Musik lauter. Es lief „Man In The Mirror“ von Michael Jackson. Der alte Mann klatschte im Rhythmus der Musik. Das Publikum ließ sich schnell anstecken und klatschte energisch mit.
Ein fantastisches Bild: 2 sich küssende und liebende Jungs auf der schmalen Losbühne, die bunten Preise und Lichter, die laute und passende Musik und das im Rhythmus klatschende Publikum. Ein wahrer Traum. Alle lächelnden und freuten sich. Das gab es wahrlich noch nie.
“ … I’m Gonna Make A Change
For Once In My Life
It’s Gonna Feel Real Good
Gonna Make A Difference
Gonna Make It Right…“
Plötzlich ein lautes Klingeln. Sebastian zuckte auf. Es war sein Wecker. Aus seinen Träumen gerissen schaute er vorsichtig auf seine linke Bettseite. Da lag Richy. Sebastian lächelte erleichtert und küsste ihn auf die Wange.
Davon wurde auch Richy jetzt wach und öffnete die Augen.
Sebastian lächelte ihn an und sagte stolz: „Ich liebe dich. Ich liebe dich für immer, mein Los-Tänzer.“
Richy lächelte überglücklich.

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Information An & An
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:43 AM - No Replies

Für Angelo!
Die Tagesschau hatte gerade begonnen, als das Telefon klingelte. Wo – verdammt noch mal – lag das schnurlose Teil schon wieder? Mein Gehörsinn funktionierte und ich orientierte mich bei der Suche an der Lautstärke der Melodie, dem Bolero von Ravel. Die Lärmquelle fand ich schlussendlich unter der Tageszeitung auf dem Wohnzimmertisch. Ich drückte die grüne Taste. „Van Drees.“
„Hier auch!“ Meine Mutter war am Apparat. „Das hat aber lange gedauert!“
Ich verdrehte die Augen. „Mutterherz? Ich musste das Telefon erst suchen. Was gibt es denn?“
„Ich wollte nur hören, wie es meinem kleinen Jungen geht!“ Sie giggelte in den Hörer.
Mit 39 bin ich immer noch ihr kleiner Junge, ich konnte nur stöhnen. „Deinem Jüngsten geht es gut, danke der Nachfrage. Was gibt es bei euch Neues?“
„Wir waren heute in Passau, dein Vater ist sogar mit in ein Orgelkonzert gekommen.“
Mein Alter Herr in einem Konzert? Sollte ein Wunder geschehen sein? „Du nimmst mich doch jetzt auf den Arm, oder? Lass mich raten: Es hat geregnet und ihr hattet keinen Schirm dabei?“
Man konnte ihr Grummeln richtig hören. „Andreas! Man könnte meinen, du wärst dabei gewesen!“
„Ich kenne noch meinen Vater.“ Diesmal lachte ich.
„Morgen fahren wir noch einmal in die Tschechei, wir bringen dir auch Zigaretten mit.“ Sie lachte. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob Post angekommen ist?“
„Die Kirchenzeitung war im Briefkasten und die Einladung zur Mitgliederversammlung der Volksbank. Alles andere war für die Firma.“ Ich überlegte kurz. „Ach ja, der alte Kappenberg ist gestorben. Maria hat ihn heute Morgen tot in seinem Bett gefunden, die Beerdigung dürfte Montag sein.“
Geschockt wirkte meine Mutter nicht, schließlich war der Nachbar meiner Eltern im gesegneten Alter von 91 Jahren sanft entschlafen. „Bis dahin sind wir ja wieder zuhause, aber du kannst schon mal bei Thier einen Kranz bestellen. Ich glaube nicht, dass wir Samstag von fünf Uhr aufschlagen werden, denn mehr als 100 fährt dein Vater nicht mehr. Gibt es in der Firma was Neues?“
„Nichts besonders, nur das Übliche.“ Wir plauderten noch ein Weilchen über Belanglosigkeiten wie Wetter und Essen, sie erinnerte mich noch an den TÜV-Termin am Freitag für ihren Touareg. Dann verabschiedete sie sich, sie wollte zurück zum Grillabend, der in ihrem Hotel stattfand.
In drei Tagen würde mein Aufenthalt auf dem Lande also endlich ein Ende haben. Ich machte drei Kreuzzeichen. Meine Eltern leben zwar nicht in der tiefsten Provinz, sondern nur am Rande einer mittelgroßen Großstadt, aber außer einem Tante-Emma-Laden, einer Bäckerei, einem Dorfmetzger, einer Kirche nebst angeschlossenen Friedhof, einer Gaststätte und einem Fernfahrerstückchen gibt es in dem Dörfchen nur viel, viel Natur und noch mehr Landwirtschaft.
Immer dann, wenn meine Eltern im Urlaub sind, also zwei- oder dreimal im Jahr, darf ich das Haus hüten, in dem sich auch unsere Firma befindet. Eigentlich ist es eine Vorsichtsmaßnahme, wir hatten schon viermal ungebetenen Besuch in den letzten 12 Jahren. Die Versicherung riet zwar zum Einbau einer Alarmanlage, aber der nächste Nachbar war 100 Meter entfernt, also akustische oder optische Signale brächten auch nicht unbedingt den notwendigen Schutz vor Diebesgesindel, so jedenfalls die Meinung meines Vaters. Die Kriminalität auf dem Lande ist leider nicht gleich Null. Gut, in dieser Zeit stand meine Wohnung zwar leer, aber meine Eigentumswohnung in der Innenstadt ist relativ sicher: Eine Polizeistation als direkter Nachbar hat auch manchmal seine Vorteile.
Ich schob mir eine Pizza in den Ofen, zappte mich durch die Kanäle, befreite mich vom Hungergefühl. Jetzt musste ich nur noch einen Weg finden, auch den Druck in den Lenden loszuwerden. In der Zeit, die ich hier in der schwulen Diaspora verbrachte, lief sexuell eher wenig, abgesehen von den Feten, die man hier ohne Weiteres feiern konnte. Das Haus war groß genug, Gästezimmer auch genügend vorhanden und das nicht einsehbare Grundstück lud gerade zu zum Nacktbaden im überdachten Pool ein und, wenn das Wetter mitspielt, auch zum nahtlosen Bräunen.
Nach der Mafiatorte und einem Blick in die blauen Seiten, im Städtchen war wieder einmal nicht viel los, war der Entschluss für das weitere Abendprogramm schnell gefasst: Ab zum Rastplatz und dort das Glück versuchen. Kurz ins Bad, den Schritt frisch gemacht, ab in meinen blauen Flitzer und dann ging es auch schon in Richtung Autobahn. Der Parkplatz lag Luftlinie zwar keine drei Kilometer vom elterlichen Anwesen entfernt, mit dem Wagen brauchte man aber das Fünffache, nur um dort wieder parken zu können.
Für einen Mittwoch war relativ viel los, als ich gegen 22:00 Uhr den Motor abstellte. Ich zählte, neben meinem Gefährt, sieben Pkws, fast alle mit Nummernschildern aus der Umgebung und zwei gleichfarbige Lkws aus Berlin. Meine Wertsachen deponierte ich im Handschuhfach, Handy und Portemonnaie brauchte ich bei dem, was ich vorhatte, ganz gewiss nicht. Je weniger man bei sich hat, desto weniger kann man auch verlieren. Das Einzige, was ich auf meine nächtliche Exkursion mitnahm, waren zwei Packungen Nahkampfsocken und eine kleine Flasche Gleitgel: Das musste für den Spaß reichen.
Ich verließ meinen Corsa, richtete noch einmal meine Kronjuwelen. Den Autoschlüssel fädelte ich nach dem Abschließen, quasi als Anhänger, auf meiner silbernen Kette auf, ehe ich sie mir wieder um den Hals legte. Zigaretten kann man verlieren, Feuerzeuge auch, aber ich hatte keine Lust, erst den Waldboden absuchen zu müssen, um den Ort der Lustbefriedigung wieder verlassen zu können.
Entlang der parkenden Fahrzeuge schlenderte ich in Richtung Parkplatzeinfahrt. Mein Blick wanderte über die Rasenfläche nach links, hin zu dem kleinen Platz, auf dem einige Tische und Bänke, wohl zu Picknickzwecken, aufgestellt waren. Dass nachts dort etwas anderes serviert wird als Butterbrote und Kaffee aus Thermoskannen, muss ja nicht weiter ausgeführt werden; auf einem der Tische hatte ich auch schon mal gelegen. Es war niemand zu sehen. Das ganze Geschehen musste sich also entweder in dem Toilettenhäuschen oder im nahe gelegenen Wald abspielen.
Ich betrat das Herrenklo, es war verwaist. Auf der Damenseite jedoch war eine der beiden Kabinen verschlossen, man hörte ein rhythmisches Keuchen, zwei Personen schienen wohl ihren Spaß zu haben. Es müssten sich demnach noch fünf Personen im Wald befinden. Frohen Mutes machte ich mich auf, dort einen Spielgefährten zu finden.
Einige Zeit brauchte ich schon, um mich an die Lichtverhältnisse in dem Laubwald zu gewöhnen. Auf den ersten Metern meines Weges war nicht viel zu erkennen, aber in gewisser Entfernung sah ich das Aufglimmen einer Zigarette. Wie ein Schiff auf hoher See orientierte ich mich an diesem optischen Signal. Kurz bevor ich den Ort des Geschehens erreichte, kreuzte eine Person meinen Weg. Er wurde langsamer, ich wurde langsamer; fast wie in Zeitlupe liefen wir aneinander vorbei. Viele erkennen konnte ich nicht, der Typ war ungefähr so große ich, trug Jeans und ein gelbes T-Shirt, schien so Anfang bis Mitte 20 zu sein, aber nähere Einzelheiten konnte ich nicht feststellen.
Mittlerweile hatten sich meine Augen an die schlechte Sicht im Wald gewöhnt, es war kurz vor Neumond und einige Wolken hatten sich zwischen mir und den Sternenhimmel geschoben. Ich fluchte, denn dort, wo ich vor einer Minute noch die Zigarette hatte aufglühen sehen, hatte sich bereits ein zweiter Mann eingefunden. Sollte ich nun weitergehen oder eine Pause einlegen, um mir das Schauspiel, was wahrscheinlich gleich ablaufen würde, zu beobachten?
Meine Entscheidung ließ mich rasten, ich wollte erst meinen Lungenschmacht befriedigen, um dann tiefer in den Wald zu gehen. Während ich meine Zigaretten aus der Hosentasche zog, spielten die beiden Personen schon miteinander. Der Größere von den beiden lehnte sich an den Baum, der kleinere Part, der etwas pummliger zu sein schien, war mittlerweile auf die Knie gegangen und hatte seinen Kopf in dessen Schritt vergraben. Ich schaute mir das Treiben amüsiert an, der Typ auf dem Waldboden hatte augenscheinlich Probleme, den Verschluss der Hose des Stehenden zu öffnen.
Von meiner momentanen Position aus konnte ich jedoch nur den Hinterkopf des Bläsers und das Gesicht des Geblasenen erkennen, von der eigentlichen Aktion sah ich nicht viel. Deshalb entschied ich mich für einen Stellungswechsel, denn, wenn ich schon spannte, wollte ich es auch richtig machen. Von meiner neuen Beobachtungsstelle bot sich ein besserer Anblick. Der Blonde lehnte sich an den Baum und ließ sich bedienen, ich glaubte, ein Grinsen auf seinem Gesicht zu erkennen. Das Sauggeräusch wurde lauter, dem dunkelhaarigen Bläser schien es richtig Spaß zu machen.
Die Hose des Stehenden war mittlerweile in seine Kniekehlen gerutscht. Als der Kopf des Bläsers kurz nach hinten ging, staunte ich nicht schlecht: Der Prügel, den er sich einverleibte, hatte fast die Länge einer Dose Redbull. Im nächsten Moment schien sich die Nase des Bläsers in den Bauch des Blonden bohren zu wollen. Klein-Andreas wurde es zu eng in seinem Gefängnis, er wollte wohl an die frische Luft und ich tat ihm den Gefallen. Ich bin zwar nicht der Spanner aus Passion, eher der zufällige Beobachter, aber allein das Zusehen machte mich rattig.
Klein-Andreas schien sich zu freuen, meine Kuppe war mehr als feucht, als ich sie kurz streichelte. Mit der rechten Hand spielte ich mit meinem Schwert, in der Linken hielt ich meinen Glimmstängel. Ich überlegte, ob ich den Ort doch verlassen sollte, damit die beiden alleine spielen konnten. Ich zögerte kurz, am Ende der Zigarette wollte ich gehen und mir einen eigenen Spielgefährten suchen. Bis dahin aber wollte ich das Schauspiel noch genießen.
Ich hatte gerade meinen Sargnagel ausgetreten und wollte mich schon vom Acker machen, da winkte mich der Blonde heran. Er tippte dem Knieenden auf die Schulter. „Genug geblasen, das reicht! Los, steh auf und dreh dich rum, ich will dich jetzt ficken!“
Der Bläser röchelte leicht, war er doch seiner Lutschstange verlustig gegangen, aber er nickte nur und erhob sich, drehte sich um die eigene Achse, um sich dann wieder zu bücken. Mit seinen Händen stützte er sich an seinen Oberschenkeln ab, denn der Blonde machte keine Anstalten, seinen Platz am Baum zu verlassen. Er gab mir ein erneutes Handzeichen, ich sollte wohl seine Position am Kopf des leicht pummeligen Typs einnehmen.
Gut, ich hätte mir auch einen eigenen Spielkameraden suchen können, aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute ist so nah? Wer weiß, auf welche dunklen Gestalten ich im dunklen Wald getroffen wäre? OK, der Typ mit dem gelben Shirt, den ich am Eingang des Forstes getroffen hatte, wäre nach meinem Geschmack, aber ob ich auch seinem Beuteschema entsprach? Der Blonde, ich schätze ihn auf knapp 30 und der leicht füllige Bläser, dessen Alter ich nicht erahnen konnte, gefielen mir irgendwie. Warum also nicht mitmachen, wo man schon so nett dazu eingeladen wurde?
Ich ging leise auf den jetzt gebückt Stehenden zu, Klein-Andreas wippte vor lauter Aufregung. Meine Kuppe strich kurz über seine Wange. Er erschrak zunächst, blickte dann erstaunt auf, ich konnte aber ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht sehen. Ohne besonders dazu aufgefordert zu sein, griff er sich meine Stange und begann, heftig daran zu saugen. Der Typ stand wohl auf tiefe Rachenficks, denn er zog mich noch näher, als ich eh schon stand, an sich heran.
Als der Blonde dann in ihn eindrang, stoppte er kurzfristig die Saugbewegungen, ächzte wie Monica Seles zu ihren besten Zeiten. Aber, er schien es zu genießen, sein Jammern wandelte sich schnell in ein lustvolles Stöhnen. Der Blonde hatte sich vom Baum gelöst und steigerte langsam sein Tempo. Er kam mir vor, wie eine Dampflok, die einen schweren Güterzug ziehen musste, erst langsam, dann immer mehr Fahrt aufnehmend. Nach zwei oder drei Minuten hatte er anscheinend seine normale Reisegeschwindigkeit erreicht und fuhr wohl auf gerader Strecke, seine Stöße waren gleichmäßig wie das Klicken und Klacken des Metronoms auf Mutters Klavier.
Der Dampfzug schien jetzt auf einer Gefällstrecke zu fahren, denn das Tempo des Einkolbenmotors erhöhte sich. Der Blonde bäumte sich urplötzlich auf, entweder war die Lok entgleist oder jemand hatte die Notbremse gezogen. Er brach regelrecht auf dem Rücken der Gebückten zusammen und rang heftigst nach Atem. Der Blonde stützte sich, nach einer gefühlten Ewigkeit, vom Rücken des frisch gefickten Bläsers ab und nahm eine aufrechte Haltung an, die er sofort wieder zugunsten des Platzes am Baum verließ.
„Los, du Sau! Dreh dich um und leck mich sauber!“ Zur Unterstreichung des Befehls klatschte seine Hand lautstark auf den Hintern des Dunkelhaarigen. Der Befehlsempfänger reagierte für ihn wohl zu langsam, ein zweiter Schlag erfolgte. „Heute noch, du dreckige Stute!“
Der Typ dockte von mir ab und drehte sich um, machte einen Schritt auf den sich wieder an die Erle lehnenden Typ zu. Klein-Andreas war hart wie Kruppstahl und tropfte aus allen Rohren, als er mir so seinen blanken Hintern präsentierte. Ich stolperte nach vorne und tastete nach der Tunneleinfahrt, sie war mehr als feucht. Ich roch an meinem Finger, der Blonde hatte ihn vollgeschleimt. Ich brauchte mich also nicht erst umständlich zu bücken und nach den Nahkampfsocken zu suchen, ich stieß sofort und erbarmungslos zu.
Wie zu erwarten war, waren alle Hindernisse von meinem Vorreiter aus dem Weg geräumt worden, ich konnte sofort ganz einfahren. Aus dem Largo meines Anstichs wurde schnell ein Andante, das Adagio ließ ich gleich aus. Es war ein geiles Gefühl, in ein volles Loch zu ficken. Ich steigerte meine Stoßfolge, war über die Stufe des Moderato schon längst hinaus und mittlerweile beim Allegro angekommen, als sich der Blonde mit einem breiten Grinsen von uns verabschiedete.
Der Pummel drückte sich jetzt vom Stamm ab, seine Muskulatur drückte meinen Kolben fast ab, ich musste mein Tempo auf Andantino senken. Der Dunkelhaarige stöhnte laut und lustvoll, zog den Ring um meinen Taktstock noch weiter zu. Beim Lento angekommen, griff ich um seine Hüften herum und fand das Pendel zwischen seinen Beinen. Groß war es nicht, steif keine Handbreit, aber das war mir im Moment mehr als egal, denn, je mehr ich vorne spielte, desto offener wurde er hinten.
Schnell fand ich das passende Tempo wieder, ich pflügte ihn in Vivace durch und spielte Presto an seinem Teil. Es dauerte nicht allzu lange, da schüttelte es den Dunkelhaarigen total durch, er entlud sich unter lautem Gestöhne auf dem Waldboden. Mit einem Prestissimo risoluto beendete ich das Stück und ergoss mich Larghetto con fueco in seinem Konzertsaal.
Ich ging um ihn herum, baute mich vor seinem Kopf auf. „Du darfst mich jetzt sauber machen!“
Der Knabe schaute mich verdatterte an, öffnete den Mund, wollte wohl etwas sagen, aber ich unterband jedweden Redeversuch. Was der Blonde konnte, konnte ich schon lange. In einem retardierenden Grave morendo leckte der die Spuren meines musikalischen Ergusses ab, streckte sich dann espressivo und zog sich dann die Hose hoch.
Den Platz am Baum hatte ich mittlerweile eingenommen und suchte nach meinen Glimmstängeln. Ich bot ihm zwar auch eine an, aber er lehnte ab. Mit einem „Danke, man sieht sich!“ verließ er den Ort des Geschehens und ich rauchte in Ruhe die berühmte Zigarette danach.
Als ich wieder aus dem Wald kam und in Richtung Toilettenhäuschen ging, sah ich im Schein der davorstehenden Laterne die hoch aufgeschossene Gestalt im gelben T-Shirt wieder, die wütend gegen den metallenen Papierkorb trat. Vor dem Ausholen hörte ich so etwas wie ‚Scheiße!‘, nach dem laut scheppernden Auftreffen des beschuhten Fußes auf dem Abfallsammelbehälter wurde der Ausdruck wiederholt, jedoch klang die Stimme diesmal etwas gequälter.
Ich betrat die öffentliche Bedürfnisbefriedigungsanstalt, um mein bestes Stück etwas zu säubern. Der Kleine, dessen Arsch mich noch vor fünf Minuten regelrecht gemolken hatte, hat mich zwar sauber geleckt, aber ich wollte mich dann doch lieber selber von dem ordnungsgemäßen Zustand meines Taktstabes überzeugen. Der Kerl hatte ganze Arbeit geleistet, ich brauchte keinerlei Flecken in meiner weißen Retro zu befürchten.
Als ich die Wasserspiele wieder verließ, jammerte die Person auf dem kleinen Vorplatz immer noch. Normalerweise spreche ich an solchen Orten selten jemand an, aber ich ging auf das klagende Etwas zu und hielt ihm meine Zigarettenpackung vor die Nase. „Auch eine?“
„Danke!“ Der Typ griff zu und blickte mich dankbar an. Viel konnte ich in dem diffusen Licht zwar nicht erkennen, aber sein Gesicht schien ebenmäßig zu sein, die mittellangen Haare waren entweder schwarz oder dunkelbraun und nach hinten gekämmt. Als er das Feuerzeug betätigte, konnte ich im Schein der Flamme braune Augen sehen.
Ich steckte mir auch eine Zigarette an. „Auf wen oder was bist du denn sauer?“
„Auf meinen Fahrer, der Idiot ist nämlich weg!“ Eine Coladose diente jetzt als Frustabbauobjekt.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Dann ruf ihn doch einfach an und sag ihm, dass er zurückkommen soll, um dich abzuholen.“
„Das würde ich ja gerne machen, aber mein Handy liegt bei ihm im Wagen!“ Die arme Coladose wurde erneut traktiert und landete irgendwo im Gebüsch.
Ich zog meine Augenbrauen hoch. „Mein Mobilteil liegt in meinem Wagen, wenn du willst, du kannst gerne von meinem Telefon aus …“
„Danke für das Angebot, aber seine Nummer habe ich nur im Handy gespeichert, auswendig weiß ich sie nicht, mein Nummerngedächtnis ist nicht das Beste.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. „Es war sowieso eine Schnapsidee, zu zweit auf den Parkplatz zu fahren!“
„Wieso? Spart erstens Sprit, ist also besser für die Umwelt, und … es soll ja auch offene Beziehungen geben, wo jeder Fremdnaschen kann.“ Ich zeigte ihm meine Grübchen.
Er schaute mich fast vorwurfsvoll an. „Sorry, in einer Partnerschaft kann man sich mal einen Dritten dazuholen, aber Fremdgehen? So etwas gibt es bei mir nicht! Und Silvio und ich ein Paar? Sorry, ich brauche einen Mann und keine tuntige Diva. Wir sind nur Cousins, mehr nicht!“
„Aber beide schwul!“ Ich musste erneut schmunzeln.
„Stimmt, aber da hören auch schon wieder die Gemeinsamkeiten auf!“ Er verzog grummelnd sein reizvolles Gesicht. „Wir sind nur zusammengefahren, weil so ein dummer Mofafahrer gestern meinen Kotflügel als Bremsklotz benutzt hat. Das Ausbeulen ging ja schnell, aber der Wagen steht jetzt in der Lackiererei, frühestens Montag krieg ich ihn wieder.“
Ich blickte ihn mitfühlend an. „Wie heißt du eigentlich?“
„Angelo. Und du?“ Er lachte mich an.
Ich reichte ihm meine Hand, die Berührung dauerte länger als unbedingt nötig. „Ich bin der Andreas. Wenn du mir verrätst, wo du wohnst, könnte ich dich vielleicht ja mitnehmen; ich nehme ja mal nicht an, dass du von hier aus nach Hause laufen möchtest.“
„Ganz gewiss nicht!“ Er schüttelte sich. „Ich lebe im Süden der Stadt, Wilhelmstraße, falls dir das was sagt, in der Nähe der Aral-Tankstelle. Wo wohnst du denn?“
Die Ecke kannte ich, lag sie doch nur ein paar Kilometer von meiner eigenen Wohnung entfernt. „Normalerweise in der Jägerallee, aber im Moment hüte ich das Haus meiner Eltern in Barsen.“
„Also hier gleich um die Ecke, dann wirst du ja sicherlich nur bis zur nächsten Ausfahrt, da drehen und dann wieder zurück.“ Er blickte mich mit traurigen Augen an.
„Normalerweise schon, aber ich müsste sowieso mal wieder bei mir in der Wohnung vorbeischauen. Ich glaube, mein Briefkasten quillt über, und die Blumen könnten auch mal wieder gegossen werden. Deinen Schlüssel hast du?“ Ich grinste, ich war vor drei Tagen zum letzten Mal bei mir daheim.
Seine Augen blickten mich erstaunt an. „Ja, den hab ich in der Hosentasche. Aber das würdest du echt machen? Ich meine, Taxi spielen?“
„Warum denn nicht? Wir sind doch fast Nachbarn.“ Ich lachte ihn an. „Aber sag mal, hattest du, vor dem ganzen Frust, wenigstens deinen Spaß gehabt? Oder war der ganze Abend ein Reinfall?“
Angelo grummelte. „Frag besser nicht! Ich hatte mir einen Typen ausgesucht, aber den hat mir mein lieber Cousin direkt vor der Nase weggeschnappt. Und dann bist du ja dazu gekommen und hast mit den beiden gespielt, beziehungsweise du stecktest in der Diva. Und die anderen Typen hier sind nicht so nach meinem Geschmack, entweder zu dick oder zu jung oder zu tuntig.“
„Oups! Das war also Silvio, den ich vor der Flinte hatte?“ Ich blickte ihn etwas verstört an.
Der Italiener nickte. „Das war er! Hast du ihn gewichst, während du ihn gevögelt hast?“
„Habe ich.“ Was sollte diese Frage? „Hätte ich das nicht machen sollen?“
Der Mann, der etwas größer war als ich, nickte lachend. „Unsere Silvia verträgt zwar 20 Ladungen in seinem Arsch, aber wenn der einmal gekommen ist, dann ist der Abend für ihn beendet.“
„Sorry, das wusste ich nicht.“ Ich war irgendwie verlegen. „Wenn er deswegen gefahren ist, dann muss ich dich ja glatt nach Hause bringen.“
„Wahrscheinlich hat er Danke gesagt, sich die Hose hochgezogen und ist einfach abgehauen.“
Ich nickte bejahend. „Stimmt, auch die Zigarette danach wollte er nicht.“
„Silvio ist Nichtraucher.“ Der Italiener grinste mich an. „Wenn wir miteinander spielen, dann lege ich ihm zu Beginn der Session immer einen Keuschheitsgürtel an. Erst wenn ich wirklich fertig bin, melke ich ihn ab, er soll … ja auch seinen Spaß haben, aber … der KG liegt bei mir zu Hause.“
Ich musste grinsen. „Also bist du der Aktive von euch?!“
„Meistens ja, aber es kommt immer auf den Typen an, mit dem ich gerade zu tun habe.“ Der Mann in dem gelben Shirt leckte sich über die Lippen. „Wenn ich mich ficken lasse, dann will ich auch richtig ausgefüllt sein und bei Silvios Teil merkt man ja nichts.“
Das konnte ich mehr als nachvollziehen, Silvios volle Einsatzbereitschaft betrug knapp ein Dezimeter, wohlwollend geschätzt. „Stimmt, viel hat er ja nicht in der Hose.“
„Du schienst ja erheblich mehr zu haben! Denn so, wie die Diva abgegangen ist, stöhnt sie eigentlich nur, wenn ich sie aufgebockt habe.“ Er schnippte lachend seine Zigarette weg.
Ich tat es ihm nach. „Bisher hat sich noch keiner beschwert, der ihn drinnen hatte.“
„Wirklich?“ Was sollte dieser komische Unterton in seiner Stimme? Wollte er mich necken?
Ich lachte ihn an und öffnete den ersten Knopf meiner Hose. „Kannst dich ja selber überzeugen!“
„Hier? Wo uns jeder sehen kann?“ Er blickte mich fast irritiert an.
„Sind doch sowieso alle zum Sex hier, oder? Aber, falls dir das hier zu öffentlich ist, …“ Ich deutete auf die Erleichterungsanstalt aus Backstein. „… wir können auch da rein, wenn du ihn sehen willst.“
Er wollte! Grinsend packte er mein Handgelenk und zog mich hinter sich her in die Herrenabteilung, steuerte direkt die Kabine an. In dem Verschlag angekommen hantierte er sofort an meiner Hose und befreite, wie einst die GSG9 in Mogadischu, die Geisel in meiner Hose. Als Klein-Andreas wieder an der frischen Luft war und vor Freude zappelte, leckte sich Angelo lasziv über seine Lippen. „Bei dem Teil kann ich nachvollziehen, dass Silvio gejault hat.“
„Naja, so groß ist er auch wieder nicht.“ Mit vollen Segeln maß Klein-Andreas 19 mal 5,5.
Der Italiener griente. „Vom Volumen her dürfte Silvio da mindestens dreimal reinpassen.“
„Was hast du denn zu bieten? Ich darf doch?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, nestelte ich an seiner Jeans und zog sie nach unten, eine Unterhose trug er nicht. Ich ließ meine Hand mit seinen Bällen spielen, das Teilchen zwischen seinen Beinen, dem dadurch wohl Leben eingehaucht wurde, war zwar etwas kleiner als mein eigenes Anhängsel, dafür aber dicker. Ich massierte es weiter.
Angelo lachte mich an. „Und? Zufrieden mit dem, was du siehst?“
„Yepp, das Silvio ächzt und kreischt, wenn du damit in ihm bist, kann ich verstehen. Würde ich aber auch, wenn du mich …“ Ich zog sanft die Vorhaut nach hinten, das Teil sah einfach zum Anbeißen aus.
Die Jeans des Dunkelhaarigen lag mittlerweile auf seinen Knöcheln. „Du bist flexibel?“
„Bin ich!“ Ich lachte ihn an.
Verwunderung lag in seinem Blick. „Ich dachte, du wärst rein aktiv, so wie du Silvio bearbeitet hast.“
„Vertan, vertan! Sprach der Hahn und stieg von der Ente.“ Ich lachte. „Ich lasse mich nicht gerne auf eine Rolle festlegen. Geben ist zwar seliger denn Nehmen, aber dein Teil würde ich gerne nehmen!“
„Du verarscht mich doch jetzt, oder?!“ Er wirkte sichtlich erstaunt.
Ich schüttelte den Kopf. „Wieso sollte ich? Die Festlegung auf eine Rolle ist doch mehr als langweilig! Nehmen wir doch mal den Parkplatz hier: Wenn ein rein Aktiver auf ein Rudel Hengste trifft, kann er nur Frust schieben. Das Gleiche trifft für einen Passiven zu, der sich hier in eine Stutenherde verirrt. Da ich aber nicht gerne enttäuscht werde, kann ich nur sagen, dass ich gerne ficke, aber auch gerne gefickt werde. Mit dieser Einstellung kann ich über all meinen Spaß haben!“
„Stimmt irgendwie!“ Er sprach zwar mit fester Stimme, wirkte aber dennoch verlegen.
Ich blickte ihn an. „Du hast gerade selber gesagt, dass du derjenige bist, der Silvio zum Schreien bringt. Aber bei dem Blonden, den sich dein Cousin geangelt hat, hättest du auch die Stute machen müssen. Wäre das ein Problem geworden?“
Er wechselte verlegen sein Standbein. „Eigentlich nicht, hast ja recht.“
„Siehst du, genauso geht es mir!“ Ich drehte mich langsam um und zeigte ihm meine Rückseite.
Seine Hände strichen von meinen Schultern nach unten. „Du meinst, ich soll …“
Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung und legte ein Lächeln auf meine Lippen. „Würde ich mich sonst etwa so hinstellen und mit einem ganzen Jägerzaun winken? Du kannst Fragen fragen.“
Angelo kam noch ein Stück näher auf mich zu. Seine Hände streichelten sanft meinen ganzen Körper, langsam fuhr er mit seinen Fingern unter mein Shirt, zog es hoch und mir über den Kopf; es landete auf dem Boden. Ich spürte seinen heißen Atem auf meinem Rücken. Der Italiener umarmte mich von hinten, kam mir ganz nah. Wann hatte er sein Shirt ausgezogen? Ich konnte seine blanke Brust auf meinem Rücken spüren.
Seine Männlichkeit presste sich gegen meinen Hintern. Wir rieben uns aneinander. Irgendwann ging er untenrum etwas auf Abstand, nur um mit seiner Kuppe durch mein Tal zu fahren. Ein Schauer nach dem anderen durchflutete meinen Körper. Plötzlich stoppte er. „Sag mal: Bist du naturfeucht?“
„Wieso?“ Ich blickte ihn, über die Schulter hinweg, verwundert an.
Der Engel wirkte irgendwie verwirrt. „Bei dir könnte man ja so … eindringen.“
„Tja, …“ Wieso war ich jetzt plötzlich verlegen? „… bevor ich los gefahren bin, habe ich meinen Schritt frisch gemacht. Ich wusste ja nicht, wem ich begegnen würde. Da einige Typen stürmisch sind und keine Rücksicht nehmen, habe ich vorher meinen Eingang mit Melkfett eingeschmiert, man weiß ja nie, auf wen man trifft! Ist also reiner Eigennutz, den du da spürst.“
„Du meinst also, ich … ich könnte sofort … rein?“ Wieso änderte sich seine Gesichtsfarbe?
Ich griff mir das italienische Anhängsel und positioniert er es an meinem Eingang, ließ ich mich dann sacht zurückfallen, er sollte ja in mich eindringen. Zwar musste ich erst die Zähne zusammenbeißen, sein Teil war doch etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich schaffte es irgendwie. Ich spießte mich mehr oder minder selber auf, er tat nichts, verharrte eher teilnahms-, aber ganz gewiss nicht regungslos und ließ sich von mir an die Kabinentür drücken. Dass er jetzt wahrscheinlich die Klinke in seinem Rücken spürte, war mir egal, die Hauptsache war, sein Teil war komplett in mir; ich spürte den Ansatz seiner Schamhaare an meinen hinteren Backen.
„Meinst du das so?“ Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Ein wollüstiges Stöhnen drang ein mein Ohr. „Genau so meinte ich das!“
„Dann zeigt mal, was du kannst!“ Ich freute mich schon auf das, was kommen sollte.
Angelo brauchte zwar einige Zeit, um uns wieder in eine vernünftige Ausgangsposition zu bugsieren, seine Bewegungsfreiheit war zu Anfang ja fast gleich Null, aber schlussendlich gelang es ihm doch. Ich stützte mich kurze Zeit später an der Wand ab und ließ ihn einfach nur arbeiten. Es war mehr als er- und ausfüllend, was er da mit mir veranstaltete. Als er seinen Rhythmus gefunden hatte, griff er nach vorne und begann, Klein-Andreas im selben Tempo zu bearbeiten.
Die Sauereien, die er mir dabei ins Ohr flüsterte, kann ich leider nicht mehr zur Gänze wiederholen, aber es war einfach nur göttlich, wie er für seinen und meinen Spaß sorgte. Die italienische Nudel, die ich in mir hatte, machte Appetit auf mehr! Der Dunkelhaarige leckte mir über meinen Hals, meine Ohren, und versuchte, nach einer Drehung meines Kopfes, meinen Mund zu erreichen, damit unsere Zungen gemeinsam tanzen konnten. Ich hätte gerne die Zeit angehalten, so göttlich geil war der Moment. Aber, je heftiger er von hinten zustieß und je heftiger er mich vorne bearbeitete, desto schneller nahte auch das unweigerliche Ende, sehr zu meinem Leidwesen. Ich spürte jeder seiner sieben Stöße, mit denen er meinen Darm flutete, meine eigene Sahne flog dabei, fast schon profan, an die weiß geflieste Wand des Kabuffs und tropfte langsam herunter.
Nachdem wir wieder zu Atem gekommen waren und der Herzschlag sich wieder normalisiert hatte, säuberten wir uns oberflächlich, sammelten unsere Shirts ein und grinsten uns an. Ich schaute kurz auf die Uhr und warf dann einen Blick auf den feurigen Italiener. „Ich glaube, wir sollten langsam …“
„Ich würde gerne sofort eine zweite Runde mit dir einläuten, dann allerdings mit vertauchten Rollen, aber …“ Er nickte traurig. „… irgendwie finde ich diesen Ort ungeeignet, um sich richtig zu lieben.“
„Wie meinst du das denn jetzt?“ Ich zog mir die Hose hoch, verschloss meine Kronjuwelen wieder in ihrem Tresor aus Baumwolle und blickte ihn fragend an.
Der Mann, der zwei Finger größer war als ich, zuckte fast hilflos mit den Schultern. „Ich kann mich nur dann richtig hingeben, wenn ich demjenigen, der mich ausfüllt, dabei direkt in die Augen schauen kann. Ich liebe es nämlich, wenn nicht nur sein Schwanz in meinen Arsch, sondern auch seine Zunge in meinen Mund eindringt.“
„Da bist du nicht der Einzige!“ Ich drückte ihm einen Kuss auf die Lippen, öffnete die Tür zu dem Verschlag und zog ihn hinter mir her in Richtung Ausgang. „Das Ganze hier dient doch eigentlich nur der schnellen Lustbefriedigung. Mit echtem Sex, mit Leidenschaft, mit Wollust, mit Hingabe an den Partner … hat das hier doch überhaupt nichts zu tun!“
„Du sprichst mir aus der Seele.“ Er griente mich an und küsste mich.
Während unsere Lippen Vereinigung feierten, suchte ich in meinen Hosentaschen nach meinen Zigaretten. Die Packung war zwar verknittert, aber der Inhalt immer noch (b)rauchbar. Ich steckte gleich zwei Sargnägel an, reichte ihm einen davon. „Mein Wagen ist ein Nichtraucherfahrzeug, von daher … müssen wir hier.“
Schweigend brachten wir das Rauchopfer dar, bestiegen dann, nachdem ich den Schlüssel wieder von meiner Kette abgemacht hatte, meinen kleinen blauen Flitzer und fuhren in Richtung Innenstadt. Auf dem Weg erfuhr ich so einiges über meinen Beifahrer: Er war der jüngste von drei Brüdern, seine Eltern besaßen die alteingesessene Eisdiele Venezia in der Stadtmitte, die der älteste Bruder Paolo wohl eines Tages übernehmen würde, das mittlere Kind Mario hatte vor zwei Jahren sich mit einer Pizzeria selbstständig gemacht. Angelo war aus der Art geschlagen und verdiente als Kfz-Schrauber sein Geld, er wohnte zwar nicht mehr bei Mama über der Eisdiele, sondern zwei Häuser weiter.
Als ich meinen Wagen vor seiner Wohnung in einer Parklücke gestellt hatte, blieben wir erst einmal sitzen. Die Scheiben wurden runtergekurbelt und der Rauch direkt nach draußen geblasen. Der große Italiener blickte mich mit fast traurigen Augen an. „Ich würde dich ja gerne noch einladen, mit mir in meine Wohnung zu kommen, aber … ich weiß, wie und wo das enden würde. Wir würden beide nicht zum Schlafen kommen, aber wir müssen beide Morgen wieder arbeiten.“ Angelo griff mir plötzlich an den Oberschenkel. „Sag mal: Wann ist eigentlich dein Exil beendet?“
„Ich schätze mal, dass meine Eltern am Samstag so gegen vier hier aufschlagen. Dann gemeinsames Kaffeetrinken mit der ganzen Familie, meine beiden Schwestern haben sich samt Anhang angesagt.“ Ich grübelte kurz nach. „Spätestens ab 20:00 bin ich wieder mein eigener Herr!“
Er blickte mich mit freudigen Augen an. „Wenn du mir deine Adresse gibst, dann stehe ich um acht vor deiner Tür, denn ich würde dich wirklich gerne wiedersehen und da weitermachen, wo wir auf dem Parkplatz aufgehört haben. Nicht nur als Dankeschön für die Taxifahrt.“
„Geht mir genauso.“ Ich küsste ihn und griff an ihm vorbei ins Handschuhfach, denn dort lag ja mein Portemonnaie. Ich überreichte ihm meine Karte mit einem tiefen Zungenkuss. „Hier hast Du sämtliche Erreichbarkeiten von mir, würde mich echt freuen, wenn du dich meldest.“
„Darauf kannst du einen lassen!“ Er steckte mir minutenlang die Zunge in den Mund.
Irgendwann kam dann aber doch die Zeit der Trennung und er stieg aus. Ich startete den Motor und ließ ihn, und somit auch mich, allein in der Nacht zurück. In meine Wohnung in der Jägerallee fuhr ich dann doch nicht mehr, sondern direkt aus dem Süden der Stadt in den Norden. Bei meinen Eltern angekommen, summte mein Mobilteil. Angelo schickte mir eine SMS zur guten Nacht. Obwohl ich schon zweimal Druck abgelassen hatte, konnte ich nicht anders, ich musste mir selber noch einmal ein Vergnügen bereiten. An wen ich dabei dachte, muss ich ja wohl nicht weiter ausführen, oder?

Elisabeth, die gute Seele unseres Betriebes, hatte schon längst Kaffee gekocht, als ich gegen neun ins Büro kam. Mein Vater gründete vor fast 46 Jahren die Steuerkanzlei van Drees – Landwirtschaftliche Buchstelle. Vor knapp einer Dekade trat ich in die Firma ein und vor sieben Jahren legte ich die Prüfung nach § 44 Steuerberatungsgesetz, den Zusatz mit der Buchstelle würden wir also weiterhin behalten können, auch wenn mein alter Herr sich in vier Jahren endgültig zur Ruhe setzen wollte.
Die nächste Generation stand auch schon in den Startlöchern, mein Neffe Cedric hatte sein Studium der Wirtschaftswissenschaften gerade begonnen und Interesse bekundet, eines Tages in die Kanzlei einzutreten. Den Namen würden wir auch nicht ändern müssen: Cedric war unehelich geboren und sein Vater war unbekannt; der größte Skandal in Barsen vor zwei Jahrzehnten. Man munkelt zwar, es wäre der junge Vikar gewesen, der damals in der Gemeinde hospitierte und den man danach nie wieder gesehen hat, aber nichts Genaues weiß man nicht.
Wie man dem Zusatz ‚Landwirtschaftliche Buchstelle‘ unschwer entnehmen kann, waren wir auf Bauern spezialisiert. Gut, wir haben auch normale Klienten, die mit Ackerbau und Viehzucht nichts zu tun haben, aber diese Gruppe machte weniger als ein Drittel unseres Mandantenstammes aus. Zwar brachten sie uns die größten Einnahmen, da wir für einige der Handwerker und Gewerbetreibenden die komplette Buchhaltung machten, aber in der bäuerlichen Region wie Barsen rangierte sogar der Dorfbäcker am unteren Ende der Ansehenspyramide.
Elisabeth hatte Hühnersuppe mitgebracht, die sie in der Küche nur noch aufwärmen musste. Meine Mutter kocht normalerweise für sie und Gudrun, unsere andere Vollzeitkraft, mit, aber während der urlaubsbedingten Abwesenheit der Köchin versorgten wir uns selbst. Eine Kantine gab es nicht und jeden Tag ins Fernfahrerstübchen wollte auch keiner.
Als wir beim Mittagessen saßen, blickte mich die alte Dame an. „Andreas, du denkst daran, dass du morgen mit dem Touareg zum TÜV musst? Der Wagen muss um neun in der Werkstatt sein.“
„Ja, die machen auch gleich die Inspektion.“ Ich lachte sie an. „Ich werde dann heute noch groß einkaufen, denn ich habe keine Lust, mich am Wochenende in die Schlangen zu stellen. Gudrun, du kommst doch eh bei VW Weber vorbei. Könntest du mich da morgen früh dort auflesen?“
„Und nach der Arbeit da wieder absetzen?“ Unsere zweite Dame grinste. „Meinst du, die sind in vier Stunden mit TÜV und Inspektion fertig?“
Ich nickte. „Viel kann ja nicht dran sein. Der Wagen muss ja zum ersten Mal zur Hauptuntersuchung und alle Checks sind auch gemacht worden, von daher … kann da nichts schiefgehen.“

Ich stand bei Kaufland an der Kasse, die Tante hinter mir ging mir tierisch auf die Nerven. Eigentlich war es nicht die Frau, die mich in Wallung brachte, es war vielmehr das Kind, das sie bei sich hatte. Der Knabe, der wohl noch in den Kindergarten ging, quengelte in einer Tour, er wollte wohl ein Ü-Ei für seine Einkaufsbegleitung haben, bekam es aber nicht; die Reaktion war entsprechend laut.
Allein um sein falsettartiges Keifen, das in den Ohren schon wehtat, zu beenden, wäre ich geneigt gewesen, ihm das Objekt seiner Begierde zu kaufen, aber ich wollte mich nicht in die Erziehung eines fremden Kindes einmischen. Als der Bengel mir dann auch noch den Einkaufswagen in die Hacken rammte – Absicht unterstelle ich einmal nicht – ließ ich von meinem gut gemeinten Vorhaben ab und hätte am liebsten Backpfeifen als Erziehungshilfe verteilt. Die gestresst wirkende Mutter, die das Treiben ihres Sprösslings fast unbeteiligt mit ansah, meinte nur: „Elvis-Santiago, das tut dem Onkel aua, das macht man nicht.“ Auf die körperliche Züchtigung verzichtete ich dann doch, das Kind war mit seinem Namen gestraft genug.
Im Getränkemarkt erstand ich zwei Kisten Bier, ein Kasten war für mich, mit dem anderen Gebinde wollte ich die Vorräte meines Vaters wieder auffüllen; ich bin ja ein guter Sohn. Als ich, mit vollem Einkaufswagen, den Touareg erreichte, der Kofferraum meines Corsas wäre für die Einkaufsmenge erheblich zu klein gewesen, wunderte ich mich etwas, eine kleine Menschentraube stand am Heck des Fahrzeugs und diskutierte heftig. Ein älterer Herr kam auf mich zu. „Sind sie der Fahrer?“
„Der bin ich!“ Was wollte er von mir? „Was gibt es?“
Er deutete auf den blauen Kastenwagen, der jetzt neben Mutters Auto stand. „Die Dame wollte wohl Unfallflucht begehen, meine Frau hat schon die Polizei gerufen.“
Ich verdrehte die Augen, warum passiert mir das immer? „Was ist denn los?“
„Die Dame wollte wohl ausparken, fuhr dann aber stur rückwärts. Ich hörte nur noch ein Klirren und sah dann die Bescherung.“ Er fuchtelte mit seinen Armen. „Wie gut, dass der Platz neben ihnen frei war, sonst wäre mehr als nur ihr Außenspiegel in Mitleidenschaft gezogen worden. Als sie dann einfach losfahren wollte, habe ich mich ihr in den Weg gestellt! So etwas geht ja überhaupt nicht!“
„Danke vielmals.“ Zu mehr kam ich nicht, denn ein Streifenwagen hielt direkt neben uns und zwei Beamte stiegen aus und begannen mit ihrer hoheitlichen Aufgabe. Der Unfall war relativ schnell aufgenommen, der Sachverhalt ziemlich eindeutig.
Die Dame hinter dem Steuer, es war die die Mutter von Elvis, wollte den älteren Herren, der sie an der Weiterfahrt gehindert hatte, zwar erst wegen Nötigung anzeigen, aber die Polizisten rieten ihr dringend davon ab. Durch sein Verhalten, so der ältere Teil der Streifenwagenbesatzung, wäre es nur bei einer versuchten Unfallflucht geblieben, was weitaus günstiger für sie wäre. Während die beiden sich auseinandersetzten, kam sein jüngerer Kollege dienstbeflissen auf mich zu. „Sie wissen, dass ihr TÜV abgelaufen ist?“
„Aber erst seit ein paar Tagen, …“ Ich lächelte ihn freundlich an. „… Weber hatte in den letzten zwei Wochen leider nichts mehr frei, ich habe erst für morgen einen Termin bekommen. Wenn sie aber die Bestätigung sehen wollen, die liegt im Handschuhfach.“
„Lassen sie mal!“ Er winkte ab. „Dann können sie den Schaden ja gleich da reparieren lassen.“
„Davon können sie ausgehen, denn das ist eigentlich der Wagen meiner Mutter.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Sie fährt ihn zwar, aber Tanken und alles andere … darum muss ich mich kümmern.“
Der junge Mann grinste. „Das kommt mir bekannt vor, meine alte Dame ist genauso.“
Abends um acht erhielt ich eine SMS von Angelo: „Nur noch 48 Stunden. Freue mich schon!“ Ich simste zurück: „Nicht nur Du!“ Dass er abends wieder als Vorlage für meine Erleichterungsübungen diente, lasse ich mal unerwähnt.

Aufgrund des kaputten Spiegels war ich eine halbe Stunde früher in der Werkstatt, der Schaden musste begutachtet und Papierkram erledigt werden. Der Werkstattleiter, ein Herr Sonneburg, der allerdings ziemlich aschfahl aussah, musste das Teil in der passenden Farbe extra bestellen. Er wagte keine endgültige Prognose abzugeben, wann ich den Wagen wieder in Händen halten würde.
Gudrun, die mein bedröppeltes Gesicht sah, als ich das Autohaus verließ, blickte mich fragend an. Auf der Fahrt in den Norden der Stadt berichtete ich ihr von dem Ungemach, das mir wiederfahren war. Mutter, die bisher ja noch nichts von ihrem Glück wusste, und ihr Auto waren ein besonderes Kapitel, sie wünschte mir Glück, dass der Wagen bald fertig werden würde.
Ich hatte mir gerade die Akten von Landschaftsbau Tenhagen gegriffen, als mein Telefon klingelte, Elisabeth war am Apparat. „Andreas, VW Weber für dich.“
„Danke!“ Mehr konnte ich nicht sagen, da hatte sie das Gespräch schon durchgestellt. „Van Drees!“
„Sonneburg vom Autohaus Weber. Herr van Drees, ich habe gute Nachrichten für sie! Also, wir haben den Spiegel gerade per Express reinbekommen, können ihn heute noch anbringen.“
Mir fiel ein ganzes Gebirge vom Herzen. „Die Nachricht ist wirklich spitzenmäßig.“
„Das dachte ich mir, ihr Wochenende ist also gerettet.“ Er schien sich mit mir zu freuen. „Aber vor vier wird der Wagen nicht fertig werden, er ist ja jetzt noch in der Inspektion.“
Ich grübelte kurz ob der neuen Lage. „Wie komme ich dann an Mutters fahrbaren Untersatz? Ich könnte jetzt gleich mit einer unserer Angestellten mitfahren, denn hier von Barsen aus mit dem Bus zu ihnen ist ja mehr als eine halbe Weltreise.“
„Augenblick bitte, ich versuche, einen Abholservice für sie zu organisieren.“ Ehe ich etwas erwidern konnte, hörte ich Pausenmusik: Beethovens Elise in einer billigen Synthesizerversion. In Erwartung, dass der Wagen meiner alten Dame erst am Montag wieder fahrtüchtig sein würde, hatte ich auf eine Reservierung dieser Dienstleistung verzichtet. „Herr van Drees, wir können ihnen den Wagen nachmittags bringen, aber sie müssten dann den Mechaniker wieder zurück in die Stadt fahren.“
„Das dürfte kein Problem werden, aber wie sollen wir das dann mit der Rechnung machen? Soll ich dem Mechaniker das Geld geben?“ Normalerweise zahlen wir bei VW Weber alles immer bar.
Mein Gegenüber schien zu überlegen. „Zahlen können sie auch Samstag oder Montag, wir brauchen, wegen der Versicherung, sowieso noch einige Unterschriften von ihnen.“
„Dann sage ich mal bis Montag, denn ich glaube nicht, dass ich es morgen Vormittag in die Stadt schaffen werde, ich muss hier erst einmal klar Schiff machen.“ Viel sauber zu machen hatte ich zwar nicht, die Putzfrau, die normalerweise jeden Mittwoch kommt, hatte ich vorsorglich für den heutigen Vormittag bestellt, aber ich musste noch den Umzug in die eigenen vier Wände vorbereiten. Ich surfe lieber auf dem eigenen Rechner, als das Ich mit Mutters PC ins Netz gehe, und diverse Kleinigkeiten wie DVDs und Spielzeuge für Erwachsene mussten zurück in die Jägerallee gebracht werden.
Ein Lachen war zu hören. „Alles klar, wir sehen uns dann Montag. Schönes Wochenende!“
Desselbigengleichen wünschte ich ihm auch und widmete mich den neusten Zahlen von Tenhagens Landschaftsbau. Allerdings konnte ich mit dem Inhalt des großen Umschlags nicht viel anfangen: Marius, der Chef des Betriebs, hatte heute Morgen wohl in das falsche Fach gegriffen und uns sämtliche Kostenvoranschläge gebracht. Ein kurzes Telefonat deckte das Versehen auf und brachte mir eine ungewollte Pause von mindestens einer halben Stunde ein, solange würde es mindestens dauern, bis ich die richtigen Papiere in Händen halten würde. Allerdings ließ ich die Zeit, denn die ist bekanntlich ja Geld, nicht ungenutzt verstreichen, ich ging in den Privatbereich des Hauses hinüber und packte die Sachen, die wieder in die Jägerallee sollten, schon einmal in meinen Wagen.
Gudrun und Elisabeth verließen mich um kurz nach eins. Sie hatten den Hof gerade verlassen, als Marius mit seinem alten Pick-up auf die geschotterte Fläche fuhr. Ihm war das menschliche Versehen augenscheinlich peinlich, denn das man mit den gelieferten Zahlen den Monat nicht abschließen konnte, dürfte wohl jedem einleuchten. Allerdings verzichtete ich auf die Standpauke, denn so, wie er seinen Beifahrer, ein jugendliches Wesen mit engelhaftem Haar anschaute, war mir klar, Marius war verliebt: Wurde ja auch Zeit, dass er nicht mehr alleine ins Bett ging.
Mit einem frischen Kaffee bewaffnet werkelte ich dann, nachdem mich die beiden wieder verlassen hatten, weiter und bereitete den Gartenbaubetrieb für den Monatsabschluss vor. Ich hatte die Datei gerade gespeichert, als es klingelte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, es war kurz nach vier und das es nur der Mechaniker von Weber sein konnte, der da Einlass begehrte. Mir fiel fast die Brille von der Nase, als ich Angelo vor mir sah, der mich frech angrinste. „Hallo Andreas! Einmal den Touareg mit neuem Außenspiegel retour! Inspektion und TÜV: alles gut bestanden. Darf ich reinkommen?“
„Aber … selbstverständlich.“ Ich wusste zwar, dass der süße Italiener Mechaniker war, aber wo genau er seine Brötchen verdiente, darüber hatten wir nicht gesprochen. Ich fiel ihm stürmisch um den Hals, der Einlass, den meine Zunge forderte, wurde sofort gewährt.
„Begrüßt du deine Gäste immer so stürmisch?“ Er stand im Flur und lachte mich an.
Ich grinste zurück. „Nur die Besucher, die mir Mutters Wagen aus der Reparatur bringen.“
„Dann habe ich ja Glück gehabt.“ Er schloss die Haustür hinter sich, machte einen Schritt auf mich zu und begann mit einer neuen Runde Lippenakrobatik. „Hier wohnst du also, wenn du im Exil bist?“
Ich kam mir vor wie ein Schuljunge, konnte nur nicken. Nach gefühlten Ewigkeiten, die allerdings keine 20 Sekunden dauerten, betrachtete ich den Engel auf zwei Beinen, der immer noch ein Grinsen auf den Lippen hatte. Die Frage nach einem Bier wurde bejaht und ich zog meine Wichsvorlage der letzten Tage hinter mir her in die Küche. Nach dem Anstoßen führte ich ihn kurz durch die Räume des elterlichen Hauses und, auf der Terrasse angekommen, setzten wir uns und tranken einen kurzen Schluck. „Ich fass es immer noch nicht, dass du mir den Wagen gebracht hast.“
„Als Sonneburg in die Werkstatt kam und fragte, wer den Touareg nach Barsen bringen könnte, hat jeder erstmal in die Luft geschaut, es wollte wohl keiner! Ich hab sofort Ja gesagt, denn ich hab ja die Inspektion gemacht, von daher wusste ich, wem der Wagen gehört.“
Ich schüttelte den Kopf. „Aber van Drees hätte ja auch mein Onkel sein können und der ist Landwirt.“
„Stimmt, aber welcher Bauer würde mit Werbung für einen Steuerberater durch die Gegend fahren?“ Er zwinkerte mir zu. „Wohl keiner! Außerdem konnte ich dadurch früher in den Feierabend. Ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass wir uns heute schon wiedersehen und nicht erst morgen.“
„Um Gottes Willen!“ Unsere Lippen trafen sich zum dritten Mal an diesem Tag.
Er schaute sich um. „Hier lässt es sich wohl aushalten. Wenn ich mir den Pool so ansehe, da bekommt man richtig Lust, sich in die Fluten zu stürzen.“
Ich lachte ihn an und knöpfte mir mein Hemd auf. „Was hält dich davon ab?“
„Ich habe keine Badehose mit.“ Er wirkte plötzlich gehemmt.
„Seid wann bist du schüchtern?“ Meine Finger glitten seinen leicht behaarten Oberarm entlang. „Wir haben uns schon anders gesehen, von daher … kann ich den Einwand leider nicht gelten lassen.“
„Okay, der Punkt geht an dich, aber …“ Er suchte den Boden nach Ausreden ab. „… du solltest mich doch nach Hause bringen.“
Ich hatte mein Hemd aus der Hose gezogen. „Das werde ich auch machen, nur das Wann, mein lieber Angelo, war mit deinem Herrn Sonneburg nicht ausgemacht. Da du weder Frau noch Kinder hast, die auf dich warten, dürfte es eigentlich egal sein, ob jetzt oder später?“ Ich warf mein Hemd auf den nebenstehenden Stuhl und streifte meine Schuhe ab. „Also? Was hindert dich daran, dich mit mir jetzt in die Fluten zu stürzen? Oder hast du andere Pläne für den heutigen Abend?“
„Nein, habe ich nicht.“ Er blickte mich an und bekam große Augen, als ich aufstand und meine Hose auf den Boden gleiten ließ. „Was machst du da?“
„Ich will mit dir eine Runde im Pool drehen und dazu ziehe ich mich aus, denn Schwimmen in Jeans kommt nicht gut, mein Engel!“ Ich griff seine Hände und zog ihn hoch.
Er wehrte sich a la Shakespeare: ‚Nein!‘, sagt ein Mädchen, weil’s die Sitte will und wünscht, der Frager deut’s als Ja. Er blickte mich an. „Das geht doch nicht, man kann uns doch sehen!“
„Ich kann dich beruhigen: Das Grundstück ist nicht einsehbar und der nächste Nachbar ist über 100 Meter entfernt und dürfte jetzt sowieso im Schweinestall sein.“ Ich grinste ihn frech an. „Oder kannst du etwas nicht schwimmen? … Genau! Das wird es sein! Mein Freund ist ein Nichtschwimmer! Warte, ich glaube, im Poolhaus liegen noch die roten Schwimmflügel meiner Nichte; die kann ich dir leihen, damit der Kleine nicht untergeht.“
„Was hast du gerade gesagt?“ Er blickte mich verwirrt an.
Ich versuchte, ernst zu bleiben. „Ich will dir Schwimmflügel holen!“
„Das meinte ich nicht!“ Er zog sich das T-Shirt aus.
Ich blickte ihn verwirrt an. „Gut, den Schuppen als Poolhaus zu bezeichnen ist wohl übertrieben …“
„Das meinte ich auch nicht!“ Er streifte sich die Schuhe ab.
Was meinte er denn dann? „Dass du nicht Schwimmen kannst?“
„Ich habe sogar das Deutsche Schwimmabzeichen in Gold!“ Er zog die Jeans samt Unterhose runter, strampelte sich frei, drehte sich dann zu mir um, packte mich an den Armen und trug mich, als ob ich eine leichte Feder wäre, zum Beckenrand. „Ich bin Italiener, normalerweise müsstest du erst meine Eltern fragen, ob du überhaupt mit mir ausgehen dürftest!“
Mit diesen Worten ließ er mich ins Wasser fallen. Ich rutschte, zu allem Überfluss, auch nach hinten weg, kam so ganz unter die Oberfläche. Als ich prustend wieder auf meinen Beinen stand, blickte ich zu ihm auf. „Entschuldige, dass ich nicht zuerst deine Mama angerufen und gefragt habe, ob du für mich die Beine breit machen darfst. Aber … du hast mir ihre Nummer nicht gegeben!“
Ohne Antwort sprang er ebenfalls hinein und kam dann auf mich zugeschwommen. „Habe ich wohl vergessen, aber Mama wäre höchstens erstaunt, dass ich auch passiv sein kann. Meine Eltern wissen, dass ich schwul bin, dafür hat Silvio schon vor Jahren gesorgt.“
„Dann bin ich ja beruhigt: Du kannst dich ja dann sofort auf den Bauch legen, wenn ich …“ Ich ging auf ihn zu und meine Hände auf seinem Rücken auf Wanderschaft. „… gleich zur Fortsetzung bitte.“
Seine Augen wurden immer größer. „Du … du willst mich … jetzt … hier im Pool?“
„Yepp, ich will dich hier und sofort!“ Ich küsste ihn auf die Nase. „Aber wir machen es besser auf der Liege, denn der Pool-Boy hat frei oder willst du gleich das Wasser nach braunen Teilen absuchen?“
„Nein!“ Er schüttelte den Kopf, grinste aber und griff in meine Körpermitte. „Aber meinst du, es wird bei einer Runde bleiben? Ich bin feuriger Italiener und kann mehr als einmal!“
Lachend schwamm ich an den Rand und stieg aus dem Wasser. „Was ja noch zu beweisen wäre.“
„Worauf du dich verlassen kannst, mein lieber Andreas, worauf du dich verlassen kannst! Du wirst hecheln und stöhnen, bis der Arzt kommt!“ Sein Blick hatte etwas Lüsternes, als er zur Liege ging und sich lasziv hinlegte. Wir stöhnten und hechelten dann aber beide wie Wundhunde, die gerade ein 480-Meter-Rennen beendet hatten. Ich erforschte die italienische Grotte gleich zweimal, ehe sich der Engel zu einem überraschenden Gegenbesuch aufmachte.
Gegen sechs wanderten dann Würstchen und ein paar eingelegte Nackensteaks, die eigentlich für den morgigen Tag bestimmt waren, auf den Grill, wir mussten uns beide dringend stärken. Angelo leerte sein Bier in einem Zug, er hatte anscheinend Durst wie eine Bergziege. „Krieg ich noch eine?“
„Du weißt, wo der Kühlschrank steht, und hast zwei gesunde Beine.“ Ich wendete die Steaks. „Also … selbst ist der Mann, denn hier herrscht Selbstbedienung.“
„Du bist mir vielleicht ein Gastgeber!“ Kopfschüttelnd erhob er sich und dackelte in Richtung Küche. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, auf dem Weg rieb er sich sein leicht ramponiertes Hinterteil; oft schien er den passiven Part bisher nicht übernommen zu haben. Sein Freudenspender wippte im Takt seines Ganges, als er mit zwei Flaschen wieder auf die Terrasse kam, auf das Anlegen von Kleidern hatten wir, auch aufgrund der noch immer herrschenden Temperaturen von fast noch 28 °Celsius, verzichtet. Er reichte mir eins der Mitbringsel. „Hier!“
Ich stutzte. „Ist die für mich?“
„Für wen denn sonst?“ Er lachte mich an. „Oder siehst du hier noch jemanden?“
„Nein, aber … ich dachte, ich sollte dich noch in die Stadt bringen?“ Ich schaute ihn fragend an, denn eine meiner Grundregeln ist, maximal nur eine Flasche Bier, wenn ich noch hinters Steuer muss und unser Begrüßungsschluck bestand schon aus Gerstensaft. Gut, aufgrund der körperlichen Aktivitäten in den vergangenen zwei Stunden dürfte ich den Inhalt zwar schon längst wieder ausgeschwitzt haben, aber Vorsicht ist die Mutter aller Porzellankisten.
Der italienische Engel grinste mich frech an. „Hast du nicht gesagt, das Wann wäre nicht ausgemacht worden? Wir können das Bringen auch gerne auf Morgen verschieben, wenn du …“
Mein Gesicht verzog sich, er schlug mich mit meinen eigenen Waffen. „Also, auf der heutigen Agenda stand eigentlich nur die Vorbereitung meines Umzugs und die ist fast zur Gänze abgeschlossen, ich muss nur noch meinen Rechner in den Wagen laden und das war es dann auch.“
„Na dann, Prost, mein Freund!“ Wir stießen an und tranken einen Schluck.
„Also, wenn du hier bleibst, dann bringt das eh nur Vorteile!“ Ich lachte ihn an. „Erstens können wir gleich noch Spaß haben, wenn du noch eine oder zwei Runden durchhalten kannst … und zweitens können wir morgen dann auch länger pennen.“
„Ich bin Italiener: Ich kann immer, wir haben die Liebe schließlich erfunden!“ Er grinste über beide Backen. „Aber was hat das mit längerem Schlaf zu tun?“
„Tja, meine Eltern kommen morgen aus dem Urlaub und meine beiden Schwestern samt Anhang zum Kaffee. Ich werde daher noch einen Kuchen backen und der Rasen muss noch gemäht werden.“ Ich deutete auf die Grünfläche. „Wenn du morgen früh auf dem Aufsitzmäher den Michael Schuhmacher spielst, könnten wir beide bis zehn im Bett liegen, wenn ich allerdings die Runden selber drehen muss, dann klingelt der Wecker schon um sieben.“
„Ich soll dir also helfen?“ Angelo verdrehte wunderbar seine dunkelbraunen Augen, seine Finger wanderten über meine Wange. „Sag mal, spannst du jeden Mann, der dich hier besucht, so ein?“
„Nur die, die ich sehr mag und mit denen ich mir mehr vorstellen kann.“ Ich stupste ihn leicht auf die Nasenspitze. „Schließlich will ich meinen Eltern ja den perfekten Schwiegersohn vorstellen und der muss bei uns Westfalen mit anpacken können.“
Ein leichtes und lang gezogenes Stöhnen entwich seiner Zuckerschnute. „Einverstanden! Was macht man nicht alles für seinen Freund?“ Wir küssten uns leidenschaftlich, als ich nach dem italienischen Anhängsel greifen wollte, schob er mich grinsend von sich weg. „Andreas! Lass das! Du solltest dich jetzt lieber mit dem Fleisch beschäftigen, das wir gleich essen wollen, mein Teil hat erst einmal Pause. Anscheinend habe ich mir ein Sexmonster angelacht.“
Ich drückte meine Lippen auf seine Stirn. „Wie war das gerade noch? Du kannst immer!? Scheint ja doch nicht so zu sein, aber … schon gut, ich mag auch keine verkohlten Steaks.“
Es wurde noch ein langer und lustiger Abend mit einigen schweißtreibenden Einlagen. Als wir um drei ermattet in der Horizontale lagen, dauerte es nicht lange und ich schlief in den Armen von Morpheus, der in Gestalt Angelos neben mir lag, glücklich und zufrieden ein. Der Schlaf war traumlos, jedenfalls erinnerte ich mich nach dem Wachwerden an kein nächtliches Gedankenspiel. Apropos Aufstehen: Ich war leicht gerädert, denn viel Platz hatte ich während der Nacht nicht gehabt. Erstens war bei mir schon es etwas länger her, dass ich nicht alleine im Bett lag, jedenfalls zum Schlafen, und zweites, das Bett, das ich bei meinen Eltern benutzte, war nur einen Meter breit. Als ich mich, um meine Blase zu entleeren, erhob, drehte sich der italienische Engel um. Ich dachte erst, er wäre auch wach geworden, aber als ich seine regelmäßigen Atemzüge hörte, wusste ich, dass ich falsch lag.
Der Radiowecker neben dem Bett zeigte 9:12 Uhr, als ich mich schlussendlich erhob. Nach einem kurzen Besuch der Wasserspiele linste ich in mein altes Zimmer, es hatte sich an der Situation im Bett nichts geändert, Angelo lag immer noch da, wo ich ihn vor zwei Minuten verlassen hatte. Allerdings waren seine Schlafgeräusche jetzt deutlicher zu hören: Das italienische Engelchen schnarchte leicht. Ich überlegte kurz, griff mir dann aus dem Regal ein frisches T-Shirt und zog es mir auf dem Weg ins Wohnzimmer über. Wir hatten es gestern Abend gerade noch geschafft, unsere Kleidungsstücke von der Terrasse auf das Sofa zu befördern. Ich stieg, unten ohne, in meine Jeans, griff nach hinten: Mein Portemonnaie steckte da, wo es stecken sollte. Sollte ich dem Mechaniker einen Zettel schreiben? Ich entschied mich dagegen, denn der Weg hin und zurück zum Zerealienveredler würde maximal zehn Minuten dauern. Ich brauchte dann aber doch etwas länger, denn neben Brötchen vom Bäcker erstand ich noch etwas Grillfleisch, das gestrige Barbecue war ja nicht geplant gewesen und als guter Sohn ist man ja um den körperlichen Erhalt seiner Erzeuger bemüht.
Das Wecken verlief ohne Probleme, allerdings musste ich erst die morgendliche Versteifung meines Logiergastes wegmassieren, ehe er wieder auf eigenen Beinen stehen konnte. Das Frühstück nahmen wir nackt ein und, nach einer neuerlichen Erkundungstour durch die italienische Grotte, ging jeder so ab kurz nach elf seiner Tagesaufgabe nach: ich in der Küche, Angelo im Garten. Auf die ihm angebotene Einweisung verzichtete er lapidar, er meinte nur, als ausgelernter Mechaniker könnte er mit allem, was irgendwie fährt, auch umgehen.
Während ich die Zutaten für die Biskuitrolle, die es geben sollte, noch zusammensuchte, hörte ich auch schon das dröhnende Rattern des Aufsitzmähers und ab und an kleine Freudenschreie; mein italienischer Engel hatte augenscheinlich Spaß bei dem, was er tat. Allerdings musste ich dann doch die Rührarbeit einmal kurz unterbrechen und ihm zeigen, wie und vor allem wo er den Fangkorb entleeren konnte. Papas Spielzeug hatte den Vorteil, dass, wenn der Korb voll ist, sich das Mähwerk von alleine abstellt, allerdings fiel das dem Schrauber erst nach einer halben Stunde auf. Männer!
Ich hatte die fertige Zitronenrolle gerade in den Kühlschrank gestellt, als sich jemand hinter meinem Rücken laut räusperte. Erschrocken fuhr ich zusammen, drehte mich um und blickte auf die Person, die in der Tür zum Flur stand. Meine Mutter lachte mich an. „Hallo Schatz!“
„Mama? Was macht ihr denn schon hier?“ Ich war mehr als verwundert, sie jetzt schon zu sehen.
Sie kam strahlend auf mich zu und umarmte mich. „Deine Begrüßungen waren auch schon mal freundlicher, mein Sohn. Freust du dich denn gar nicht, mich wieder zu sehen?“
„Doch, natürlich! Aber ich …“ Ich schaute auf die Küchenuhr, es war kurz nach eins. „… so früh habe ich mit euch nicht gerechnet. Hast du nicht was von vier oder fünf Uhr gesagt?“
„Wenn dein Vater gefahren wäre, wären wir jetzt noch nicht einmal in Kassel, aber die Strecke ist ja keine 620 Kilometer, in fünf Stunden inclusive Pinkelpause durchaus machbar.“ Sie lachte mich an. „Dein Vater geistert nämlich seit sechs heute Morgen durch die Gegend, dass er mir damit auf die Nerven ging, brauche ich ja nicht zu erwähnen. Wir haben dann um sieben Uhr schon gefrühstückt und sind um kurz vor acht los, allerdings bin ich gefahren.“
Ich musste innerlich grinsen: Wenn meine Mutter freiwillig Autobahn fährt, muss mein alter Herr wirklich unerträglich gewesen sein. „Wo ist Papa eigentlich?“
„Der kümmert sich um die Koffer, der kann ja auch mal was machen.“ Sie grinste mich frech an.
In diesem Moment kam mein alter Herr in die Küche und schaute mich verwundert an. „Andreas? Äh, du hier in der Küche? Wer sitzt denn dann auf meinem Rasenmäher?“
„Das ist Angelo.“ Zwei Augenpaare blickten mich intensiv an.
Mutter schaltete wieder einmal zuerst. „Entweder du hast einen Gärtner engagiert oder …“
Wie in einem billigen Slapstickfilm aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts kam in diesem Augenblick auch noch der italienische Schrauber durch die Tür zum Esszimmer in die Küche. „Schatz, ich brauche eine Drahtbürste und einen Zwölfer Maulschlüssel, eine der Zündkerzen des Mähers scheint korrodiert zu sein. Wo hat dein Vater sein Werkzeug? Äh … guten Tag.“
„Mama, Papa! Das ist Angelo!“ Ich deutete erst auf meinen italienischen Schrauber, dann auf meine Produzenten. „Angelo, das sind meine Eltern.“
Der Mechaniker schaute mich zwar erst leicht irritiert an, ging dann aber unbeirrt auf meine Eltern zu und begrüßte sie auf das Herzlichste, dabei raspelte er soviel italienisches Süßholz, man hätte damit eine ganze Wagenladung Lakritze herstellen können. Dann funkelte er mich böse an. „Du hättest mir sagen müssen, dass deine Eltern so früh kommen, dann hätte ich Blumen für deine Mutter besorgt und mich mit dem Mäher beeilt. Wie stehe ich denn jetzt da?“
„Was ist denn hetzt mit meinem Aufsitzmäher?“
Angelo wandte er sich meinem Vater zu. „Beim Rasenmähen fiel mir auf, dass der Motor etwas unrund läuft und da habe ich ihn mir mal angeschaut. Wozu ist man Mechaniker? Wenn sie mir verraten, wo das Werkzeug ist, haben wir das Problem in Nullkommanix behoben.“
Paps zog ihn am Arm aus der Küche. „Einmal bitte folgen.“
„Das ist also dein neuer Freund? Nett ist er ja und gut sieht er auch aus.“ Meine Mutter schaute mich grinsend an, als wir wieder alleine waren. „Hast du seine Eltern denn auch schon kennengelernt?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, wir kennen uns ja selbst erst seit Mittwoch, ist also alles noch ganz frisch bei uns. Allerdings dachte ich nicht, dass er so hinterhältig ist und mich so vorführt. Wir haben ja erst in zwei, drei Stunden mit euch gerechnet. Von daher … kriegt er das wieder!“
„Marc Aurel sagte zwar, dass die beste Art, sich zu rächen, die ist, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Aber Junge?“ Mama grinste mich an. „Seit dem Halbfinale bei der WM 2006 haben wir noch eine Rechnung mit den Italienern offen: Zeig denen, was eine Harke ist!“
„Ganz, wie du meinst, Mama, ganz wie du meinst!“
Meine Rache folgte drei Wochen später: Wir hatten uns in der Eisdiele seiner Eltern, die ich da schon kennengelernt hatte, verabredet. Ich war jedoch schon fünf Minuten vor der Zeit da, unter dem Arm trug ich einige Umzugskartons in gefalteter Form. Angelos Mutter blickte mich fragend an, begrüßte mich aber herzlich wie immer.
Aber irgendwann siegte dann doch ihre Neugier. „Was willst du mit den Kartons?“
„Ich? Nichts! Die sind für deinen Sohn!“ Ich grinste sie an, als ich an meinem Espresso nippte.
Man sah, wie es in ihr arbeitete. „Mi figlio will umziehen? Wohin? Zu dir?“
Ich nickte und setzte zur Antwort an, aber in diesem Moment kam mein Mechaniker um die Ecke, er wurde sofort mit einem italienischen Wortschwall begrüßt, der etwas heftiger war. Ich verstand zwar kaum ein Wort, aber allein die Tonlage des Vortrags sprach Bände. Er schaute mich grimmig an, ich zuckte nur unschuldig mit den Schultern. „Angelo, du hättest mir sagen müssen, dass du noch nicht mit deinen Eltern über deinen Umzug zu mir gesprochen hast. Wie stehe ich denn jetzt da?“
Mein Schatz bekam, wie ein Fisch auf dem Trockenem, Schnappatmung, in dem Augenblick zückte sie ihre Digitalkamera und drückte ab. Die Italienerin grinste über beide Backen. „Andreas, sage bitte deiner Mutter, ich schicke ihr das Bild morgen als Email. Sie hat mich angerufen und wollte ein Bild vom Ausgleich haben

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Information A little more time
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:42 AM - Replies (1)

A little more time – Teil 1
Ich saß wie immer am PC. Gerade hatte ich mich von meinem Stefan im Chat verabschiedet. Wir hatten uns im großen Chat vor knapp zwei Wochen durch Zufall näher kennen gelernt, irgendein Thema war angeschnitten worden.
* * *
Die Antworten, die „Heartbreaker“, so sein Nick, los ließ, fielen mir gleich auf, ich fing an ihn interessant zu finden. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und flüsterte ihn an, dass ich seine Meinung toll fand.
Er antwortete mir auch prompt, bedankte sich und fragte mich, ob wir ins Sep (Separee) gehen würden, um dort weiter darüber zu reden. Ich zögerte ein wenig, weil ich bis dahin eigentlich nicht oft im Sep war. Flüsternd sagte ich ihm zu.
Ein paar Sekunden später flimmerte auch schon die Einladung ins Sep auf.
Heartbreaker lädt dich ins Sep „Plauderecke“ ein, drücke /xp und tritt ein
Mir wurde ganz anders, meine Hände waren feucht. Langsam tippte ich den Befehl ein und schon war ich bei ihm im Sep.
Heartbreaker Hallo
Eisbaer Hi
Heartbreaker Bist also auch der Meinung, man kann sich auch über das Chat kennen lernen, ohne sich gleich real zusehen.
Eisbaer Ja, natürlich, wenn man keine anderen großen Möglichkeiten hat um jemanden zu treffen.
Heartbreaker Wieso? Gehst du nicht weg?
Eisbaer Weniger..
Heartbreaker Wieso das denn?
Eisbaer Finde das nicht so berauschend in Kneipen rum zu sitzen, wo ich niemand kenne.
Heartbreaker Hast du keine Freunde?
Eisbaer Keine richtigen
Heartbreaker Jetzt hast du einen *g
Eisbaer Oha, so schnell?
Heartbreaker Im Chat ist alles möglich, man muss nur genug Fantasie haben (c:
Eisbaer Fantasie habe ich *fg
Heartbreaker Ferkel *gg
Eisbaer Was du von mir denkst *tzis
Heartbreaker Bis jetzt noch nicht viel
Eisbaer Aha
Heartbreaker Aha?
Eisbaer Schreib ich immer, wenn ich nicht weiß was ich antworten soll.
Eine kleine Pause entstand, er schrieb nichts mehr. Ob er das Sep verlassen hatte?
Heartbreaker Mom Tel
Eisbaer Okay
Also wartete ich artig, bis er wieder zu schreiben anfing. Ich wollte ihn so gern Vieles fragen, aber
irgendwie traute ich mich nicht recht. Es dauerte fast fünf Minuten bis er wieder schrieb.
Heartbreaker Sorry, ging ein wenig länger bist du noch da?
Eisbaer Ji
Eisbaer Mist, ja meine ich.
Heartbreaker Schon klar, wusste was du meinst.
Eisbaer Passiert mir öfter
Heartbreaker Nicht schlimm! (c:
Sollte ich ihm auch ein paar Fragen stellen? Ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen.
Heartbreaker Woher kommst du eigentlich?
Er hatte den Anfang gemacht.
Eisbaer Renchingen
Heartbreaker He, das ist ja ganz in meiner Nähe, komme aus Lahnfelden
Eisbaer Stimmt, mit dem Auto nur 10 Minuten von hier
Heartbreaker Hast du eins?
Eisbaer Ein Auto? Ja. Einen Seat, schon ein bisschen älter
Heartbreaker Ist doch egal, Hauptsache er fährt *g
Eisbaer Stimmt
Heartbreaker Oha, ist es schon so spät? Ich muss morgen wieder früh raus
Eisbaer Schule? Job?
Heartbreaker Bin Schreiner, habe einen kleinen eigenen Betrieb.
Eisbaer Darf ich fragen wie alt du bist?
Heartbreaker Klar, bin 27 und du?
Eisbaer 25
Heartbreaker Und wie heißt du?
Eisbaer Julian
Heartbreaker Bin der Stefan. Also ich muss dann in meine Kiste… sehn wir uns morgen hier wieder?
Eisbaer Gerne
Heartbreaker Okay, dann morgen um die gleiche Zeit. Wünsch dir eine gute Nacht.
Eisbaer Ich dir auch, bis morgen
Heartbreaker Und weg ist.
Ich saß noch eine Weile alleine im Sep. Ohne mich von den anderen zu verabschieden, schloss ich die Webseite. Für mich wurde es auch langsam Zeit, mich auf Ohr zu legen. Stefan spukte mir noch eine Weile im Kopf herum.
War es Zufall, oder warum hatte er den gleichen Beruf wie ich erlernt? Ich freute mich auf den nächsten Tag und nahm mir vor, ihm das zu erzählen und ihn weiter kennen zu lernen. Irgendwann war ich dann doch eingeschlafen.
* * *
Hart riss mich mein Wecker aus dem Schlaf. Wie immer brauchte ich eine Weile, bis ich dieses Gedudel im Radio aushatte. Ich richtete mich langsam auf und schob meine Decke zur Seite. Jeden Morgen so früh aufstehen, wie ich das hasste.
Aber es war ja schon Donnerstag, noch einen weiteren Tag und ich hatte Wochenende. Total müde lief ich in mein Bad und stellte mich erst mal unter die Dusche. Langsam bekam ich wieder Betriebstemperatur und wurde wach.
Frisch gestriegelt setzte im mich an den Tisch und trank hastig meinen Kaffee, weil die Zeit schon wieder drängte. Ich stellte die Tasse in die Spüle, nahm meine Vesperbox und war auch schon zur Tür draußen.
Leise lief ich im Treppenhaus hinunter, denn ich wollte mir auf keinen Fall wieder einen Anschiss von meiner Vermieterin einfangen, dass ich früh morgens nicht so viel Krach machten sollte. Ich wohnte nun schon drei Jahre hier. Mein Vater hatte die Wohnungsanzeige im Ortsblatt gefunden.
Mir schien damals, meine Eltern waren froh, dass ich auszog. Seit meinem Outing war unser Verhältnis zueinander doch sehr abgekühlt. Ich besuchte sie einmal in der Woche, wo ich dann gemeinsam mit ihnen zu Abend aß.
Es wurde über den neusten Dorfklatsch gesprochen, aber peinlich genau aufgepasst, dass kein privates Wort fiel. Ich hatte mich daran gewöhnt. Es war doch noch recht frisch, ich hätte eine Jacke mitnehmen sollen, doch nun stand ich schon vor meinem Wagen.
Schnell war ich im neuen Industriegebiet, wo auch mein Betrieb stand. Ich fuhr auf das Firmengelände und parkte meinen Wagen auf meinen Stammplatz. Gerade noch rechtzeitig schob ich die Karte in die Stechuhr.
Ich zog mich um und war wenige Minuten später an meinem Arbeitsplatz. Als ich die halbfertige Schrankwand sah, war für mich irgendwie schon wieder alles gelaufen. Mit Florian zusammen, einem Arbeitskollegen, sollte ich dieses maßangefertigte Regal bauen.
Der Kunde ließ es sich Einiges kosten, so wurde nur Massivholz verwendet und gerade Birnbaumholz, dass einem jeden Schnitzer deutlich zeigte. Florian lächelte mir zu als er mich kommen sah.
„Und, auch aus dem Bett gefallen?“, fragte er mich.
„Ja, sozusagen“, antwortete ich.
„Machst du dich heute an das Barfach?“
„Kann ich machen, gibst du mir mal den Plan rüber?“, fragte ich und Florian reichte mir die Zeichnungen rüber.
Florian war schon von der älteren Garde in diesem Geschäft. Er hatte mir auch schon einiges im Bezug auf Holz beigebracht. Ich studierte die Maße.
„Florian, weißt du, ob der Spiegel und der Glasboden schon geliefert wurden?“, fragte ich.
„Da musst du Klara fragen“, gab er zur Antwort.
Ich lief die Treppe hoch ins Büro.
„Morgen Klara“, sagte ich als ich eintrat.
„Morgen Julian, was kann ich für dich tun?“
„Ich wollte fragen, ob die Glasbestellung für den Kriechbauer Schrank schon da ist.“
Klara stand auf und zog einen Ordner aus dem Regal.
„Kriechbauer……“, stammelte sie laut und überflog die Aufträge, „hier, ja müsste da sein.“
Sie zog ein Notizzettel hervor und schrieb eine Nummer darauf.
„Im Lager unter der Nummer, müsstest du es finden.“
„Danke Klara“, meinte ich und schon war ich in Richtung Lager unterwegs.
Ich mochte diesen Keller nicht, er hatte keine Fenster und so war hier unten immer muffige Luft. Es dauerte eine Weile bis ich beim Durchsuchen des nun dritten Regals endlich die Lieferung für Kriechbauer fand.
„Wo treibst du dich nur so lange herum?“, fragte mich Florian, als ich zurückkam.
„Weißt doch, mit dem Lager habe ich es nicht so.“
„Lass das ja nicht den Chef hören, der steckt dich sonst in das Loch da runter.“
„Dafür haben wir wohl unsere Lehrlinge oder?“
„Trotzdem, pass auf was du sagst.“
„Ich weiß selbst, dass ich auf seiner Abschussliste stehe.“
„Versteh ich nicht, bist doch einer der Besten hier, der die Maschinen bedienen kann.“
„Florian, keine Chance. Seit er denkt, ich will etwas von seiner Tochter, bin ich bei ihm unten durch, dabei waren wir nur einmal gemeinsam im Kino.“
„Und, läuft da nichts?“
„Florian, ich bitte dich, was soll ich mit so einem Kind anfangen, sie ist erst siebzehn“, meinte ich.
„Hast ja Recht.“
So machte ich mich ans Auspacken des Spiegels, der in die Rückseite des Faches eingepasst werden sollte. Das Holz dafür hatte ich mir schon gestern zugesägt. Ich überprüfte noch mal die Außenmaße des Spiegels. Ich nahm das Holz und ging zur Fräse. Ich spannte den Boden ein.
„Florian, soll ich den Spiegel von unten oder oben einpassen?“, rief ich.
„Nimm die Oberkante, sonst bekommst du später Probleme mit dem Scharnier der Tür“, antwortete er.
Ich zog den Hörschutz auf und startete die Fräse. Nach dem ich das Brett eingespannt hatte, fräste ich langsam die Nut ins Holz. Plötzlich blieb die Maschine stehen, ein kleines Stück Holz splittere ab.
„Scheiße, was ist den nun wieder?“, rief ich und zog den Kopfhörer ab.
„Stromausfall“, meinte Florian.
„Kannst du mal bitte kommen?“
„Was ist denn?“
„Mir ist da ein kleines Stück Holz gesplittert.“
Florian sah sich das Brett genauer an.
„Ist bei euch auch der Strom weg?“, rief Klara oben aus dem Büro.
„Ja“, rief ich ärgerlich zurück.
„Du hast das Astloch erwischt, aber kein Problem. Die Halterung für den Boden wird es verdecken, also vorsichtig einleimen.“
„Okay mach ich.“
Ich nahm mir den Leim, goss einwenig auf ein Stück Holz.. Von den feinen Frässpänen ließ ich etwas darüber rieseln, und verrührte es. Vorsichtig setzte ich das kleine Stück wieder ein.
„Jungs, ihr könnt Feierabend machen“, kam es von Klara.
„Wieso das denn?“ rief Florian.
„Die Stadt hat bei Aushubarbeiten eines der Hauptkabel durchtrennt.“
„Na sauber.“
„Der Chef hat grünes Licht gegeben. Ich schließ dann ab, wenn er ihr fertig seid und um die Stechkarten kümmere ich mich auch.“
„Wenigstens ist bis morgen der Leim trocken“, meinte ich und begann, meinen Arbeitsplatz sauber zu machen.
Eine halbe Stunde später saß ich wieder im Auto und fuhr an der Stelle vorbei, wo das Kabel durchtrennt worden war. Ein größeres Aufgebot an Leuten vom E-Werk und der Stadt war auszumachen. Ich beschloss, gleich noch in den Supermarkt zu fahren, dann konnte ich getrost das Auto am Mittag stehen lassen.
* * *
Mit meinen Einkäufen bepackt, schloss ich zu Hause die Haustür auf. Frau Kiltis, meine Vermieterin, kam mir entgegen.
„Nanu Herr Sprengler, schon zu Hause?“
„Ja, die Stadt hat bei ihren glorreichen Bauarbeiten die Stromversorgung im Industriegebiet lahm gelegt“, antwortete ich.
„Oje, dann wird mein Mann wohl nicht zum Mittagessen erscheinen. Dass die nicht endlich eine andere Baufirma beschäftigen, das ist schon der dritte Vorfall diesen Monat“, meinte sie ärgerlich.
„Da hat das Bauamt wirklich alle Hände voll zu tun“, meinte ich und machte mich auf zu meiner Wohnung nach oben.
Ich stellte meine Sachen auf meiner Küchentheke ab, als mir der PC ins Auge fiel. Ob Stefan seinen PC vielleicht anhatte? Einen Versuch wäre es ja wert. Ich verräumte schnell alles in der Küche, zog mir meine Wohlfühlsachen an und machte es mir vor dem PC bequem.
Emails hatte ich keine, von wem denn auch? Schnell noch das Passwort eingeben und schon war ich drinnen. Das Postfeld blinkte auf, ich öffnete es.
Mitteilung von Heartbreaker, ich drückte auf Öffnen.
„Hallo Kleiner, tut mir leid, wenn ich heute Abend nicht kommen kann oder es sehr viel später wird, aber ich habe außerhalb noch einen Kunden und weiß nicht, wann ich zu Hause bin. Dein Stefan.“
Ein wenig traurig über diese Nachricht war ich schon, aber das „Hallo Kleiner“ gefiel mir irgendwie. Ich hinterließ ihm ebenso eine Nachricht mit meiner Mailaddy, dann verließ ich das Programm wieder.
Ich öffnete die Seite mit den tollen Geschichten drin, in Erwartung, etwas Neues lesen zu können. Die Seite baute sich langsam auf und siehe da, Chris_1985 hatte ein neuer Teil seiner Geschichte „Schutzengel“ raus gebracht.
Ich war so darin vertieft, die Geschichte weiter zu lesen, entschwand in irgendwelche Welten von Fußballern und Mythengestalten, dass ich erschrak, als mein PC verlauten ließ „Sie haben Post.“
Nanu, von wem denn? Schlagartig kam mir Stefan in den Sinn und tatsächlich – es war eine Mail von Heartbreaker in meinem Postfach. Manchmal ärgerte ich mich, dass mein PC so langsam war, und ich keine Geduld hatte, weil ich die Mail lesen wollte.
„Hallo Eisbaer, ich bin doch früher zu Hause und falls du noch on bist, ich warte auf dich. Gruß Heartbreaker.“
* * *
Als ich den Chat betrat, bekam ich sofort die Meldung
Heartbreaker lädt dich ins Sep „Plauderecke“ ein, drücke /xp und tritt ein
Eisbaer Hi, bin daha
Heartbreaker Hi Eisbaer *knuddel
Eisbaer *reknuddel
Heartbreaker Bist aber früh zu Hause, oder ist das normal?
Eisbaer Nein, wir hatten einen Komplettstromausfall in der Firma, so durfte ich früher gehen
Heartbreaker Wo arbeitest du denn?
Eisbaer In einer Schreinerei *fg
Heartbreaker Bitte? Du bist auch Schreiner?
Eisbaer Ja *lachtz
Heartbreaker Hättest du gestern ja sagen können, menno
Eisbaer Nein, die Überraschung wollte ich mir für heute aufheben
Heartbreaker Boah gemein *dich durchkitzelt
Eisbaer *Kreisch und wegrennt
Heartbreaker Nun bleib doch da, bist doch erst grad gekommen *gg
Eisbaer Solange du mich nicht weiterkitzelst
Heartbreaker Nein, dein Tuntengeschreie ertrag ich nicht
Eisbaer Boah *zick
Heartbreaker Ich sag es doch… Tunte @ zick
Eisbaer *lacht
Ich saß wirklich vor meinem PC und musste laut loslachen. Ich fühlte mich irgendwie wohl in Gesellschaft von Heartbreaker.
Heartbreaker Lass mich raten, du bist bei Kimmling, oder?
Eisbaer wie hast du das nur so schnell herausgefunden? *gg
Heartbreaker die einzige billige Konkurrenz im Nachbarort das ist *gg
Eisbaer wir sind nicht billig, ich schon gar nicht
Heartbreaker oh, interessant zu wissen
Eisbaer boah, so war das jetzt nicht gemeint
Heartbreaker nicht wieder zicken Kleiner
Eisbaer *zickt nicht
Heartbreaker *fg
Eisbaer überhaupt, wie groß bist du denn @ Kleiner
Heartbreaker 1,82 m wieso?
Eisbaer *auf Heartbreaker herunter schaut *fg
Heartbreaker Was soll dass jetzt wieder heißen?
Eisbaer ganz einfach ich bin 192 groß *lach
Heartbreaker ui, ein Aussichtsturm
Eisbaer Du bist heut wohl auf Ärger aus?
Heartbreaker Ich? Nie never njet no non niemals *fg
Eisbaer *lach… sich was zu trinken holt
Heartbreaker okay
Ich stand auf und holte mir aus dem Kühlschrank eine Limo, bevor ich wieder zum PC trottete.
Eisbaer Wieder da
Heartbreaker Stört es dich wenn ich eine rauche? *fg
Eisbaer Tu dir keinen Zwang an, ist das von meinem Dad gewohnt
Heartbreaker Du wohnst noch zu Hause?
Eisbaer Nein, habe eine eigene Wohnung
Heartbreaker Wo?
Eisbaer *lacht laut
Eisbaer Nein, nein so schnell nicht
Heartbreaker Was denn? *g
Eisbaer ich kenn dich doch erst einen Tag *mal Ernst guckt
Heartbreaker lachend gefällst du mir besser
Eisbaer weißt ja gar nicht wie ich aussehe
Heartbreaker dann schick mir endlich ein Bild, damit ich es weiß *fg
Eisbaer *grübel
Heartbreaker was denn?
Eisbaer Welches ich nehme?
Heartbreaker *lach
Eisbaer ja lach du nur, du Herzensbrecher
Heartbreaker null
Eisbaer Du hast Post
Heartbreaker Oh, da muss ich gleich mal gucken
Also wartete ich hibbelig, was er zu meinem Aussehen sagen würde. Es dauerte ziemlich lange bis er sich wieder meldete
Heartbreaker Öhm….
Eisbaer was?
Heartbreaker *seine Sonnenbrille sucht…
Eisbaer für was brauchst du eine Sonnenbrille, es ist doch bedeckt..
Heartbreaker weil du so blendend aussiehst *fg
Eisbaer Arsch
Heartbreaker *lacht
Heartbreaker aber im Ernst, du siehst verdammt gut aus
Eisbaer ist mir neu, jedenfalls hat das noch niemand bemerkt
Heartbreaker ich jetzt schon *lieb guckt
Eisbaer danke
Wir verabredeten uns dann doch noch mal für den Abend zum Chatten, weil er per Telefon doch noch zu einem Kunden gerufen wurde. Ich stand im Bad und schaute mich im Spiegel an, konnte aber nichts finden, was Stefan an mir toll finden konnte.
* * *
So ging das die ganze Woche weiter. Wir trafen uns fast jeden Abend im Chat und redeten über Gott und die Welt. Bis zu dem bewussten Abend, als sich alles änderte.
Heartbreaker Jul, ich versteh nicht, weshalb du noch keinen Freund hast
Eisbaer ich will keinen
Heartbreaker das glaub ich dir nicht
Heartbreaker jeder sucht jemanden mit dem er sein leben teilen kann
Eisbaer da gebe ich dir mal Recht
Heartbreaker aus dir soll einer schlau werden
Eisbaer ich kann es dir nicht erklären Stefan
Heartbreaker komm, versuch es wenigstens… ich… ach mist
Eisbaer was ist?
Eine Pause folgte, wo er nichts schrieb. Mir hatte es schon lange die Tränen in die Augen getrieben, denn ich wusste wirklich nicht wie ich im das beibringen sollte.
Eisbaer ich will deswegen keinen Freund… weil …weil ich einen Menschen auf dem Gewissen habe….
Heartbreaker Wie bitte?
Eisbaer also gut…ich erzähle dir was… habs noch nie jemanden erzählt
Heartbreaker *ist ganz Ohr
Eisbaer ich hatte einen sehr guten Freund, sozusagen einen aus dem Sandkasten noch und wir waren immer zusammen
Eisbaer ich war gerade 19 geworden und er hatte sich zu seinem 18ten ein Motorrad geleistet, ich fühlte mich wohl in seiner Gesellschaft
Eisbaer irgendwann gestand er mir er sei schwul und liebe mich…..
Eisbaer und ich… ich konnte mit diesen Gefühlen nicht umgehen, weil das alles zu Neu für mich war… ich aber insgeheim dasselbe für ihn empfand
Heartbreaker und weiter?
Eisbaer er hatte meine Auffassung als Ablehnung missverstanden…
Heartbreaker wieso was machte er
Eisbaer …. am nächsten Tag….. war er tot.
Heartbreaker scheiße, was ist den passiert
Eisbaer er ist in ein Auto gerast.. war sofort tot
Heartbreaker daran bist du doch nicht schuld
Heartbreaker Julian?
Heartbreaker bist du noch da?
Eisbaer ja…
Heartbreaker weinst du?
Eisbaer ….
Heartbreaker Julian hör mir mal zu, das ist doch nicht deine Schuld, wenn er halsbrecherisch fährt
Eisbaer doch.. es war keine Bremsspur zu sehn….. er ist ungebremst ins Auto rein *weint
Heartbreaker darf ich dich anrufen
Eisbaer nein
Heartbreaker warum denn nicht?
Eisbaer ich bring jetzt sowieso kein Wort raus… oh Mann ist doch eh alles scheiß egal
Heartbreaker das ist es nicht… was machst du, wenn sich wieder einer in dich verliebt?
Eisbaer wer soll sich schon in mich verlieben
Heartbreaker ICH
Erstarrt schaute ich auf diese drei Buchstaben, konnte sie nicht richtig begreifen.
Eisbaer verarschen kann ich mich selber
Heartbreaker das war jetzt nicht nett )c:
Eisbaer tut mir Leid
Eisbaer wie kannst du dich in mich verlieben, wir kennen uns doch grad mal eine Woche und das nicht mal real
Heartbreaker es ist aber so… *leise sagt
Eisbaer ach Quatsch, du kennst mich doch gar nicht
Heartbreaker gibst du mir gar keine Chance?
Eisbaer …..heult wieder
Heartbreaker darf ich zu dir kommen?
Eisbaer wie bitte?
Heartbreaker ich setze mich ins Auto und wäre gleich bei dir
Heartbreaker ich weiß wo du wohnst
Ich schaltete den PC aus, ohne darüber nachzudenken, ob ich damit irgendeinem Programm geschadet hätte. Das Telefon ging.
„Sprengler.“
Ich versuchte meine Stimme nicht all zu weinerlich anhören zulassen
„Hier ist Stefan, bitte leg nicht auf!“
Ich schwieg.
„Julian, tut mir leid, wenn ich deinen Wunsch missachte, aber ich kann dich nicht so gehen lassen.“
„Ist schon gut.“
Ich versuchte nicht gleich wieder loszuheulen.
„Julian, das mit deinem Freund tut mir wirklich leid, aber du darfst dir deswegen keine Schuld geben.“
„Er hat sich wegen mir umgebracht..“, sagte ich leise.
„Kann es nicht sein, dass er einfach zu arg in Gedanken war und dieses Auto nicht gesehen hat?“
„Ich weiß es nicht…“
„Also kannst du auch nicht sagen, du bist schuld an seinem Tod“
„Ich weiß gar nichts mehr.. bei mir dreht sich alles.“
Mir wurde auf einmal schlecht. Ich ließ das Telefon fallen und rannte aufs Klo, wo ich mich übergab. Ich wusste nicht, wie lange ich da über der Schüssel hing, aber ich konnte nicht aufhören, zu würgen, auch schon, als nichts mehr kam.
Wie benommen kniete ich auf dem Boden, bis es an der Tür klingelte. Ich drückte auf die Spülung, wusch meinen Mund ab und wankte zur Wohnungstür.
„Ja?“, sagte ich total neben mir in die Sprechanlage.
„Stefan hier, bitte lass mich rein.“
Ich drückte den Öffner.. öffnete meine Wohnungstür, dann war es vorbei. Meine Kraft verließ mich, ich sank einfach zu Boden.
Schemenhaft sah ich wie jemand die Tür herein kam.
„Oh Gott Julian“, hörte ich Stefan sagen.
Ich spürte, wie er mich in den Arm nahm, sich zu mir auf den Boden setzte. Ich konnte nicht anders und fing wieder an zu weinen.
„Ja, lass es raus..“, meinte er sanft.
Ich hatte mein Gesicht in seinem Hals vergraben, spürte seine Wärme, roch seinen Duft, was mich schnell beruhigte.
Er hob meinen Kopf an.
„Und, besser?“
Ich schaute ihm direkt in die Augen und nickte. Er half mir auf und führte mich direkt zurück ins Wohnzimmer zur Couch. Der Telefonhörer lag noch da, wo ich ihn fallen gelassen hatte. Stefan bückte sich und lege ihn auf.
Dann setzte er sich wieder zu mir.
„Hast du das die ganze Zeit mit dir herum geschleppt?“, fragte er leise.
Ich nickte.
„Wem hätte ich das auch erzählen können…?“, gab ich von mir.
„Ist jetzt auch egal, ich bin jetzt da und alles wird gut!“
Nun, wo er vor mir saß, hatte ich endlich Zeit, ihn genauer anzuschauen. Sein wildes schwarzes Haar, schien wohl eine Zeitlang keinen Kamm mehr gesehen zu haben, passte aber zu den dunkelbraunen Augen, die mir lebendig entgegen funkelten.
Trotz seines kantigen Gedichtes, waren seine Lippen weich und voll. Er begann zu lächeln.
„Was ist?“, fragte er.
„Ich schau mir den Mann an, der sich in mich verliebt hat!“, antwortete ich mit ruhiger Stimme.
Er näherte sich mir und gab mir einen sanften Kuss. Mir schien, als schwebte ich in einer Traumwelt. Die Energie, die von Stefan ausging, durchflutete meinen Körper.
„Und, zufrieden?“, kam es von ihm.
„Was .. wie?“
Er begann zu lachen.
„Du bist ja noch süßer, als ich mir das vorgestellt habe.“
„Willst du was trinken“, fragte ich, denn meine Gastgeberpflichten kamen mir ins Bewusstsein zurück.
„Ein Tee wäre nicht schlecht, der dir übrigens auch gut tun würde.“
Noch ein bisschen wackelig auf den Beinen, lief ich in meine Küchennische.
„Schön hast du es hier“, meinte Stefan.
„Klein aber mein“, antwortete ich ihm.
Ich füllte den Wasserkocher mit Wasser auf und schaltete ihn an.
„Was Fruchtiges oder lieber einen Pfefferminz- oder grüner Tee?“, fragte ich Stefan.
„Grüner Tee wäre nicht schlecht.“
Ich holte zwei große Tassen aus dem Schrank, legte bei jeder einen Teebeutel hinein.
„Zucker?“
„Ein bisschen.“
Er stellte sich hinter mich legte einen Arm um mich und ließ seine Hand auf meinem Bauch ruhen. Ich spürte die kleinen Küsse, die er zärtlich meinem Hals verabreichte. Den Kopf auf seiner Schulter ruhend, schloss ich die Augen.
Genoss die Zärtlichkeit, die mir Stefan entgegenbrachte.
„He, du kleiner Genießer, sack mir jetzt bloß nicht weg“, sagte Stefan, der anscheinend spürte, dass ich weiche Knie bekam.
Ich drehte mich um und schaute ihm in seine Augen.
„Du hast es ernst gemeint, dass du dich in mich verguckt hast?“, fragte ich leise.
„Ja.“
„Aber, wir kennen uns gerade mal zwei Wochen ein wenig näher, und auch nur vom Chat.
„Wie soll ich dir das erklären?“, meinte Stefan und zog mich wieder zur Couch.
„Mich fasziniert deine Art, wie du Dinge siehst, mit umgehst. Deine Art dich zu geben, für mich bist du was Besonderes geworden.“
„Nur durch meine Worte, die du gelesen hast?“
„Ja.“
„Ich gebe ja zu, das ich mich zu dir hingezogen fühle, deine Nähe misse, wenn du nicht on bist, aber gibst du mir ein wenig mehr Zeit, dich besser kennen zu lernen?“
„Du bekommst alle Zeit der Welt von mir, ich will ebenso nichts überstürzen. Ich wollte dir lediglich zeigen, dass da jemand ist, der mehr für dich empfindet.“
„Dafür bin ich dir sehr dankbar, Stefan. Das vorhin hat mir gezeigt, wie es in mir aussieht, und wie dringend ich doch jemand an meiner Seite brauche.“
„Julian, du hast das jetzt fünf Jahre mit dir herum getragen, wahrscheinlich noch nie einem erzählt, oder?“
Ich schüttelte betroffen den Kopf.
„Und ich sage dir noch einmal, du bist nicht schuld an seinem Tod.“
Ich stand auf, lief zum Schrank und zog ein Bild heraus.
„Das hier war Robert“, meinte ich und reichte ihm die Fotografie.
Das Bild zeigte ihn, wie er sich lässig an seine Maschine lehnte. Stefan schaute es sich eine Weile an.
„Den kenne ich irgendwo her und du sagst, der sei seit fünf Jahren tot?“, fragte er.
„Ja“, meinte ich ein wenig betrübt.
„Ich will dich jetzt ja nicht in irgendwelche Depressionen stürzen, aber dein Robert lebt.“

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Information Abitreff
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:42 AM - No Replies

Es war kurz vor sechs, als Matthias erschöpft die Haustür aufschloss und sich erst einmal den Schweiß von der Stirn wischte. Fahrradfahren ist zwar gut für die Kondition und man kann damit auch seine Figur einigermaßen in Form halten, aber bei Temperaturen um die 30°-Marke ist dieses körperliche Unterfangen dann doch eine eher transpirationsfördernde Angelegenheit.
Ordentlich stellte er seine Slipper zu den anderen Schuhen, die in dem kleinen Windfang schon in Reih und Glied versammelt waren. Dem 44-jährigen Oberamtsrat schlug im Flur die übliche bunte Mischung orientalischer Gerüche entgegen; die Quelle dieser durchaus positiven Geruchsbelästigung konnte – wie immer – nur die Küche sein. Der Brillenträger lehnte sich lässig an den Türrahmen und betrachtete genüsslich den nackten Rücken der Person, die da, nur mit einer Boxershorts bekleidet, an der Arbeitsplatte stand und Zwiebeln hackte, auf dem Herd standen zwei Töpfe und eine Pfanne.
„Hast du an den Spinat gedacht?“ Cihad warf einen kurzen Blick über die Schulter.
Erschrocken fuhr der Leiter des Rechnungsprüfungsamtes zusammen, dachte er doch, er wäre bisher unentdeckt geblieben. „Habe ich, mein Engel, habe ich! Allerdings hättest du mir auch sagen können, dass der Penny heute dichtmacht, die bauen um und sind jetzt schon am Ausräumen. Ich habe nur noch Rahmspinat bekommen, was anderes gab es nicht mehr. Ich hoffe, das geht in Ordnung.“
„Der ohne Blubb wäre zwar besser gewesen, aber …“ Lachend kam der Sohn eines Berbers auf seinen Mann zu. „… in der Not … gib schon her!“
Matthias hielt ihm die Packung von Popeyes Lieblingsgemüse hin. „Was gibt es denn eigentlich?“
„Kichererbsen-Spinat-Suppe.“ Der 22 Jahre junge Marokkaner grinste.
Der Leiter des städtischen Controllings verzog leicht das Gesicht. „Bei diesem Wetter Spinat?“
„Ist was Leichtes!“ Cihad griff erneut zum Messer.
Matthias ging auf den jungen Mann zu, legte seine Hände auf dessen Hüften und zog ihn an sich ran. „Wenn ich es mir recht überlege, können wir auch auf das Essen verzichten und direkt zum Nachtisch übergehen: Ich nehme den Koch!“
„Du kannst auch wohl nur an das Eine denken!“ Ein gespielter Vorwurf lag in seiner Stimme.
„Sorry, aber ich bin nur ein Mann und kann nicht anders! Wenn ich dich sehe, dann …“ Der städtische Beamte ließ seine Finger langsam unter das Bündchen der Boxer gleiten, zog sie halb nach unten, um die darunterliegenden Apfelbäckchen zu kneten. „… muss ich einfach daran denken … und wenn ich nicht daran denke, dann träume ich davon!“
Der hochgewachsene Jüngling entzog sich den Liebkosungen des Älteren nicht; nein, im Gegenteil, er drückte sich noch stärker an seinen Liebsten, wollte ihn und seine Wärme doch spüren. Als Matthias dann auch noch seine Zunge einsetzte, sie auf Cihads Wirbelsäule tanzen ließ, um dann die feuchten Stellen mit seinem Atem gekonnt zu kühlen, fuhr ein Schauer nach dem anderen durch den Körper des dunkelhaarigen Sohns der Wüste. Cihad wand sich wie eine Schlange, denn zur Stimulation auf seinem Rücken kam in dem Moment noch ein zärtliches Streicheln auf der Vorderseite.
„Schatz! Wenn du so weitermachst, dann … dann …“ Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, denn der Deutsch-Marokkaner nahm jetzt deutlicher und intensiver den Geruch des Beamten wahr und frischer Schweiß ließ ihn einfach verrückt werden vor Geilheit. Er brauchte kein Poppers, keine chemischen Stimulanzien, keine Aphrodisiaka, ihm reichte allein dieser natürliche Duft, um in Fahrt zu kommen, und er war auf dem besten Wege, den Zeitplan für den heutigen Abend über den Haufen zu werfen.
„Dann was?“ Matthias hauchte diese Worte mehr als er sie sprach. „Dann was, Habibi?“
„Dann … dann hätten wir Ulrich und Stefan nicht zum Essen mit anschließender Urlaubsplanung, sondern gleich zu einer Orgie einladen sollen.“ Auch wenn es ihm mehr als schwerfiel, er ließ von seinem Mann ab und wandte sich wieder den Töpfen zu.
Die vier Freunde wollten Mitte September in die US of A, aber das genaue Ziel stand noch nicht fest: der tiefe Süden, der Indian Summer, die legendäre Route 66 oder Nationalpark-Hopping standen auf der Auswahlliste. Der Brillenträger verzog belustigt sein Gesicht. „Wie ich Ulrich kenne, würde der sofort mitmachen, aber Stefan? Der trauert doch noch immer seinem Michael hinterher, obwohl dieser elende Stricher ihn nach Strich und Faden verarscht hat: Räumt erst das gemeinsame Konto leer, macht sich dann aus dem Staub und nimmt dabei auch noch die halbe Wohnungseinrichtung mit, während sein Freund im Krankenhaus liegt!“
„Und deshalb müssen wir Stefan auch wieder aufbauen! Aber apropos Geld: Hast du …“ Der Sohn der Wüste drehte sich plötzlich um. „… noch ein heimliches Konto, von dem ich nichts weiß?“
Der an den Schläfen ergraute Beamte stutzte. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Da hat heute ein Typ für dich angerufen und sich mit Deutsche Bank Dresden gemeldet. Den Namen habe ich zwar nicht richtig verstanden, aber irgendetwas mit E.“ Arabische Augen funkelten ihn an.
Der Kommunalbeamte zog den Koch zu sich heran, küsste ihn leidenschaftlich. „Das kann nur Elmar gewesen sein, denn … außer ihm kenne ich niemanden aus Dresden.“
„Und wer ist dieser Elmar?“ Hörte man da Eifersucht? „Etwa ein Ex von dir?“
Matthias strich seinem Liebsten durch das fast schwarze Haar, das bis zu seinen Schultern reichte. „Wir sind zwar ein paar Mal im Bett gelandet, aber das ist schon Jahre her. Elmar kenne ich schon seit der Grundschule, haben später zusammen Abi gemacht. Eigentlich ist er ein ganz lieber und netter Mensch, aber auch eine Schrankschwuchtel, wie sie im Buche steht.“
„Und wieso ruft er dich jetzt an? Will er etwa wieder mit dir …“ Cihad war nun eindeutig gereizt.
Der Brillenträger atmete tief durch, nur gut, dass der feurige Araber eine Minute vorher das Messer beiseitegelegt hatte. „Es geht wohl um das Klassentreffen am Samstag, haben ja silbernes Jubiläum. Wenn du es genau wissen möchtest, ich habe ihn seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen.“
„Und warum nicht?“ Der Mann aus dem Antiatlas hatte sich anscheinend wieder gefangen.
Der Angesprochene zuckte nur leidenschaftslos mit den Schultern. „Er lebt mit Frau und Kind in Sachsen, also nicht gerade um die Ecke. Außerdem … ich war ja schon eh immer etwas offener mit meiner sexuellen Orientierung, aber Elmar? Elmar konnte oder wollte wohl vielleicht nicht aus dem selbst gemauerten Gefängnis heraus und hat daher das gemacht, was seine ach so treu sorgenden Eltern von ihrem ach so wohlerzogenen Sohn erwartet haben: Bundeswehr, Banklehre, Hochzeit, Eigenheim … die traute Familienidylle halt!“
„Und das im modernen Europa? Ich dachte schon, nur bei uns Arabern bestimmt die Familie über das Liebesleben ihrer Kinder.“ Man konnte eine leichte Resignation in seiner Stimme hören.
Ein gequältes Lächeln huschte über das Gesicht des Staatsdieners. „Wo denkst du hin? Wir leben in einer von Landwirtschaft geprägten Stadt, zudem noch ziemlich katholisch! Als meine Eltern 1972 hier gebaut haben, war ich der erste Evangele im katholischen Kindergarten und auch einer der ersten Schüler, die die damals noch katholische Grundschule im Dorf aufnehmen musste, sonst hätte man ihr die staatliche Förderung gestrichen. Elmars Cousine Petra, die nur drei Straßen von uns entfernt wohnte, durfte plötzlich nicht mehr mit uns fahren, nur weil unsere Mütter mal gemeinsam vor dem Schulhof standen und auf uns warteten. Bei dem Gespräch kam heraus, dass wir ein anderes Gesangbuch haben. Ewiggestrige gibt es auch hier, zwar nicht mehr ganz so viele wie damals, aber es gibt sie leider immer noch!“
„Und wie kam es, dass ihr dann doch … im Bett gelandet seid?“ Jetzt sprach eindeutig die Neugier.
Matthias rieb sich das Kinn, längst verschwunden geglaubte Erinnerungen kamen wieder hoch. „Das war 1992, beim zweiten Abi-Treffen, nach fünf Jahren. Der Wirt hatte irgendwann die Hähne hochgedreht, wollte wohl Feierabend machen. Aber wir wollten mit ein paar Leuten noch weiter um die Häuser ziehen, unser Wiedersehen feiern. Im Taxi ging er mir das erste Mal an die Wäsche, aber das hätte ja auch noch Zufall sein können, wir saßen schließlich zu dritt hinten. Auf dem Klo im Jonathan hat er mir beim Pissen an den Schwanz gefasst und später, im Blueberry, kam dann sein überraschendes Geständnis, dass auch er …“
Der Araber ließ von seinen Vorbereitungen ab. „Und da seid ihr im Bett gelandet?“
„Nein, nicht direkt. Wir haben zwar etwas gefummelt und er ist auch gekommen, aber ich hatte an dem Abend eindeutig zu viel getrunken, bei mir lief also nichts mehr.“ Sanft strich er seinem Liebsten über die Wange. „Auf seinem Rückweg hat er dann – nach sieben Kilometern Fahrt – eine Pause bei mir eingelegt und da ist es dann passiert: Zwar nicht so romantisch, wie man das üblicherweise in Romanen lesen kann, aber wir waren beide befriedigt.“
„Dann hast du also seit 20 Jahren eine Affäre mit ihm?“ Cihad pürierte die Kichererbsen mit dem Zauberstab, daher bekam die Suppe ihre Cremigkeit. „Wann wolltest du mir das erzählen?“
„Amiri, da gibt es nicht viel zu erzählen: Zu einer Affäre gehören nun mal immer zwei Personen und ich bin keiner der Beteiligten! Gut, Elmar hat mich ab und an besucht, wenn er hier bei seinen Eltern war und ich Zeit und Lust hatte, aber mehr ist da wirklich nicht gelaufen: Es war nur Sex, nicht mehr!“ Matthias bemühte sich um Schadensbegrenzung, auch wenn er sich selbst keiner Schuld bewusst war. „Wenn es hochkommt, waren es elf oder zwölf Schäferstündchen in den ganzen Jahren. Was meinst du, wie angepisst er beim letzten Treffen vor fünf Jahren reagiert hat, als ich ihm sagte, wir könnten diesmal nicht Bienchen und Blümchen spielten: Ich war da ja noch mit Jens zusammen und in einer Beziehung bin ich treu, wie du weißt!“
„Ich weiß, Shamsi, deshalb liebe ich dich ja auch, denn wir machen alles gemeinsam.“ Ihre Lippen berührten sich nur kurz, denn die Suppe blubberte kräftig.
„Ich dich auch!“ Ihre Hände umschlossen einander. „Und, ob du es glaubst oder nicht, aber seit dem letzten Treffen herrscht mehr oder minder Funkstille zwischen uns, es sei denn, du betrachtest eine E-Mail zum Geburtstag oder eine Weihnachtskarte als Beweis meiner Untreue.“
„Wallahi! Lass uns den Typen einfach vergessen!“ Ein erneuter Kuss erfolgte, diesmal nur länger.
„Können wir machen, aber …“ Matthias grinste den Studenten der Arabistik an. „… aber du kannst ihn gerne auch persönlich kennenlernen, ich habe keine Geheimnisse vor dir.“
„Von Partnern stand aber nichts auf der Einladung zu deinem Abi-Treffen.“ Verwunderung lag in den arabischen Augen. „Wie soll ich ihm dann begegnen?“
„Ganz einfach: Du spielst am Samstag Taxi und holst mich einfach ab!“
+++
Zwei Tage später, am Donnerstag, frühstückte der oberste Rechnungsprüfer der Stadt zum ersten Mal seit Monaten wieder alleine, Matthias hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, seinen Prinzen aus dem Morgenland zu wecken. Normalerweise nahmen sie gemeinsam die erste Mahlzeit des Tages ein und verließen dann auch zusammen das Haus. Matthias setzte Cihad am Bahnhof ab, damit dieser zur Uni kam, er selber fuhr weiter in sein Büro.
Der Kleine, wie er den hochgewachsenen Berber gerne bezeichnete, hatte sich die Ruhe aber redlich verdient: Die vorlesungsfreie Zeit hatte zwar schon vor zwei Wochen begonnen, aber gestern hatte er seine letzte Klausur geschrieben. Da der Student jedoch ab Montag ein sechswöchiges Praktikum bei der Deutsch-Arabischen-Kulturgesellschaft antreten würde, sollte er die Zeit bis dahin noch einmal richtig ausspannen.
Am späten Vormittag erwachte Cihad, die Müllabfuhr war mal wieder lauter als nötig gewesen. So sehr er auch nach seinem Bettnachbarn suchte, dessen Lagerstatt war leer und verwaist. Langsam stand er auf und machte sich, wie Allah ihn erschaffen, auf ins Badezimmer, um sich zu erleichtern. Dann führten ihn seine Schritte in Richtung Küche, denn neben Kaffeedurst verspürte er ein flaues Gefühl in der Magengegend, profan auch Hunger genannt: Zwei Weißbrotscheiben wanderten in den Toaster und ein Ei in den Eierkocher.
Es war Ramadan: Wäre er ein gläubiger Muslim gewesen, so wäre ihm, wenn er sich richtig erinnerte, selbst der Verzehr trockenen Brotes um diese Uhrzeit verboten gewesen, aber er war alles andere als fromm. Gut, er glaubte zwar an ein göttliches Wesen, aber die Art und Weise, wie der Glaube seiner Väter ihn behandelt hatte, ließ ihn auch jetzt noch, nach über drei Jahren, zusammenzucken und wütend werden. Was ist das für eine Religion, die das Verhalten eines Menschen in den Vordergrund rückte, den Menschen selber aber außen vor ließ? Er liebte nun einmal Männer, konnte mit der weiblichen Hälfte der Weltbevölkerung nichts anfangen, jedenfalls nicht im sexuellen Sinne.
Wäre er in Tazemmourt, seinem Heimatdorf in der Provinz Taroudannt, geblieben und hätte dort nur die einfache Dorfschule besucht, sein Weltbild würde heute wohl anders aussehen, aber es war ausgerechnet sein Vater gewesen, der ihn, Cihad Ibrahim Benlimane, seinen zweitgeborenen Sohn, auf die CAS, die amerikanische Schule in Casablanca, geschickte hatte. Dort lernte er wohl die falschen Dinge und die falschen Fragen zu stellen, jedenfalls für seinen religiösen Vater.
Seine etwas andere Lebensauffassung, seine ziemlich westlich beeinflusste Art, führte oft zum Streit, besonders mit seinem Vater. Damit hätte er ja noch leben können, aber als seine Eltern ihn am Tag nach der feierlichen Verleihung des International Baccalaureate mit seinem Zimmergenossen Rob Adams nackt im Bett und bei gewissen Tätigkeiten erwischt hatten, war das Tischtuch endgültig zerschnitten und Holland in Not.
Wie einen Schwerverbrecher nahmen sie ihn mit zurück in die marokkanische Provinz. Seine Familie, besonders die männlichen Mitglieder, wollten ihn von dieser perversen und sündigen Krankheit heilen, ihn auf den rechten Pfad der Tugend zurückführen. Zum großen Eklat kam es, als es auch dort zu einem Vorfall der zwischenmenschlichen Art kam. Man prügelte auf ihn ein, trat ihn mit Füßen, drückte Zigaretten auf ihm aus und warf ihn dann, nach mehr als vier Stunden körperlicher Tortur, in den Straßengraben; selbst die Gnade der Erlösung, um die er gebettelt hatte, wurde ihm verwehrt; seine Leute wollten ihn leiden sehen.
Die Nachrichten im Lokalradio verkündeten nicht viel Neues, seit Tagen waberten Gerüchte um einen Vergabeskandal beim Bau der neuen Stadtbücherei durch die örtliche Presse, aber nichts Genaues wusste man nicht. Matthias hatte auch nichts erwähnt, aber für ihn endete die Arbeit in der Regel mit dem Verlassen des Rathauses, Akten brachte er nie mit. Die einzig interessante Meldung war, dass die Polizei in den frühen Morgenstunden bei einer Razzia gegen Rechts auch Wohnungen und Häuser in der Stadt durchsucht hatte.
Er hatte es sich gerade am Pool gemütlich gemacht, als das Telefon klingelte. „Benlimane-Richard!“
„Hier auch!“ Sein Gatte meldete sich. „Na? Gut aus dem Bett gekommen?“
„Habe dich vermisst! Warum hast du mich schlafen lassen?“
Ein Lächeln war zu hören. „Du sahst so göttlich aus, wie du so ruhig geschlafen hast, da habe ich es einfach nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken, Habibi.“ Ein Räusperer erfolgte. „Aber deshalb rufe ich nicht an: Wir müssen unsere Pläne für heute Abend ändern.“
Das hörte sich so gar nicht nach seinem Matze an, denn eigentlich wollten sie abends erst ins Kino und anschließend auf ein Bier ins Blueberry, die einzig schwule Kneipe der Stadt. „Und warum?“
„Wir hatten gerade Besuch von Polizei und Staatsanwaltschaft.“ Matthias sprach leise.
„War es wegen der Nazis? Kam gerade im Radio!“ Der Berber stutzte.
„Nein, man hat die Piepenkötter verhaftet.“ Seine Stimme wurde noch leiser, verkam fast zu einem Flüstern, als er seinem Gatten die ganze Geschichte erzählte. Dorothea Piepenkötter, mit halber Stelle Leiterin der Vergabestelle und mit der anderen Hälfte Vorsitzende des Personalrats, war wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und der Vorteilsannahme verhaftet worden.
Matthias selbst hatte den Stein ins Rollen gebracht. Dank des Orkantiefs ‚Ulli’ war zu Jahresbeginn eine der Tannen seines Nachbarn auf das Dach des Schwimmbads gefallen und hatte dabei etliche Pfannen in Mitleidenschaft gezogen, die nun dringend ersetzt werden mussten. Die Versicherung des Nachbarn übernahm den Schaden, bat aber, aufgrund der Vielzahl der Schadensfälle, um aktive Unterstützung bei der Regulierung derselben. Der Beamte fragte daraufhin – von seinem dienstlichen Rechner aus – bei einigen Dachdeckern an, ob diese überhaupt noch Kapazitäten für seinen Schaden freihätten. Einer der Angeschriebenen fragte zurück, ob man diesen Auftrag mit dem „städtischen Gutschriftskonto“ verrechnen könne, denn nur dann würde man ein Angebot abgeben.
Dem Controller kam diese Rückfrage mehr als nur etwas merkwürdig vor. Er stellte Nachforschungen an, stieß dabei auf Ungereimtheiten und informierte letztlich seinen Dezernatsleiter, den neuen Stadtkämmerer Jochem Grementhal. Später schaltete man dann auch den Oberbürgermeister ein und zusammen mit diesem und den Leitern des Personal- und des Rechtsamtes beschloss man, in geheimer Sitzung versteht sich, das Verfahren an die zuständige Stelle der Bezirksregierung und die Staatsanwaltschaft abzugeben; das war vor zweieinhalb Monaten.
Der Controller stöhnte. „Grementhal hat für heute Nachmittag erst einmal eine Amtsleiterkonferenz anberaumt und danach geht es zum OB, Ende offen.“
„Also heute kein Huhn mit Backpflaumen, Honig und Zimt, Habibi?“
„Jedenfalls nicht für mich. Ich werde mich wohl mit einer Currywurst begnügen müssen, so ich denn überhaupt aus dem Amt komme. Der ermittelnde Staatsanwalt will mich gleich auch noch sprechen.“
„Tja, dann weiß ich schon, was es morgen Abend geben wird.“ Cihad versuchte, das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn es ihm schwerfiel. „Aber was soll ich nun mit dem Tag anfangen?“
„Du kannst doch auch allein ins Kino gehen, die Karten sind ja reserviert.“
„Amiri, schon vergessen? Wir wollten in einen Gruselfilm!“ Seine Aufregung war gespielt. „Bei wem soll ich mich bitteschön ankuscheln und wer hält mir die Augen zu, wenn es zu hart wird?“
Matthias lachte. „Auch wieder wahr. Rufst du gleich das Kino an und sagst die Reservierung ab?“
„Werde ich machen.“ Der Sohn der Wüste überlegte kurz. „Ich werde wohl ins Fitnessstudio und was für meinen Körper tun!“
„Wieso? Dein Körper ist perfekt!“ Verwunderung am anderen Ende der Leitung war zu vernehmen.
Der Student lachte. „Danke für die Blumen, aber … ich muss echt mal wieder was an mir machen, denn mein Gatte fordert mich in letzter Zeit nur einseitig!“
„Wie denn das?“ Der städtische Bedienstete wirkte erstaunt.
Der Berber grinste frech. „Auf ihm reiten darf ich nicht mehr, er nimmt mich nur noch, wenn ich auf dem Bauch liege und die Beine breitmache. Wahrscheinlich mag er meinen Anblick nicht mehr!“
„Schatz! Du spinnst!“ Der Amtsleiter schüttelte grinsend seinen Kopf. „Aber geh du ruhig ins Studio und power dich richtig aus. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich entscheiden, auf welche deiner zwei ziemlich reizvollen Seiten ich dich dann drehen werde, Shamsi!“
„Wie meinst du das denn jetzt?“ Nun war der Sohn der Wüste leicht ratlos.
Sein Gegenüber lachte ins Telefon. „Nun, ich kann dich nehmen wie gestern, aber … ich hätte auch mal wieder Lust, auf meinem Kamel durch die Wüste zu reiten! Du verstehst?“
„Habibi, du bist ein Ferkel!“ Cihad gluckste. „Ana tihibbik!“
„Ich dich auch, Amiri! Ich dich auch!“
Im Cardiobereich des Studios herrschte, wohl aufgrund der erhöhten Temperaturen, die für den gebürtigen Marokkaner kein großes Problem darstellten, eine fast gähnende Leere: Nur fünf weitere Sportler, drei davon weiblichen Geschlechts, waren mit ihm im Raum, er hatte also die freie Auswahl. Cihad entschied sich für das neue Laufband, das Heiner, der Eigentümer der Fitnessoase, vor einem halben Jahr angeschafft hatte und bei dem man sogar das Bergablaufen simulieren konnte.
Nach einem fünf Kilometer langen Geländelauf und einer Viertelstunde auf dem Ergometer verließ den arabischen Studenten dann aber doch die Lust nach weiterer sportlicher Betätigung; er war einfach nur geschafft und reif für die Dusche. Zwar geriet er nicht so leicht ins Schwitzen wie sein Matthias, aber er, das Kind der Wüste, musste sich – wenn auch nur ungern – eingestehen, dass er sich mittlerweile an mitteleuropäische Temperaturen gewöhnt hatte. Gegenüber Heiner, der heute Abend Thekendienst hatte, schob er allerdings seine Müdigkeit auf die Art der Hitze.
In der Umkleide traf er auf Cem, der wohl Spinning gemacht hatte, der junge Türke steckte jedenfalls noch halb in seinem Radlerdress. Der ungefähr Gleichaltrige gehörte zwar nicht zur prollhaften Bosporusfraktion, die sonst im Studio ihr Unwesen treibt, aber viel miteinander gesprochen hatten die beiden bis jetzt auch nicht. Gut, ab und an hatten sich ihre Blicke gekreuzt, blieben manchmal auch länger als unbedingt nötig aufeinander liegen, aber angesprochen? Richtig angesprochen hatten sie sich – bis jetzt – noch nicht.
Während Cihad sich unbekümmert seiner Trainingssachen entledigte, sie einfach auf den Boden warf, war sein Gegenüber krampfhaft damit beschäftigt, die enge Radlerhose von den verschwitzten Beinen zu bekommen, ohne die darunterliegende Unterkleidung mit nach unten zu bewegen. Der Student grinste, denn auch nach vier oder fünf Versuchen war dieses Unterfangen noch nicht von Erfolg gekrönt.
Er räusperte sich, als der junge Türke einen neuen Versuch startete. „Zieh das Ding doch komplett aus und steig dann wieder in deine Unterhose; ist erheblich einfacher!“
Entgeistert blickte ihn der Angesprochene an. „Das … das geht nicht! Du würdest mich dann ja …“
„Keine Angst, du hast nichts, was ich nicht auch habe! Aber keine Panik, ich bin jetzt sowieso einen Raum weiter, es wird dich also niemand beobachten.“ Lächelnd deutete er auf die Tür zum Duschbereich und machte sich, nur mit einem Handtuch über der Schulter und Badelatschen an den Füßen, auf in Richtung Wasserberieselungsanlage. Es dauerte keine drei Minuten, dann war der Platz neben dem Berber besetzt.
Als er sich den Schaum aus den Haaren gespült hatte, bekam er fast einen Lachanfall. Cem stand, wie es sich für einen guten Muslim gehört, in Unterhose neben ihm. Allerdings war das Stück Stoff, dass da seine Körpermitte bedeckte, ziemlich knapp bemessen und durch das Wasser fast transparent. „Du zeigst ja mehr als du verdeckst! Ob das in dieser Art korrekt ist?“
Der Türke mit dem netten Gesicht zuckte erst kurz zusammen, grinste dann aber. „Man soll seine Scham immer bedecken, sagt jedenfalls meine Mutter. Aber über die Art der Bedeckung hat sie sich nie ausgelassen. Ihr Leute aus dem Atlas seid da ja wohl etwas freizügiger, wie ich sehen kann.“
„Sorry, wie das in Marokko ist, kann ich dir auch nicht genau sagen.“ Cihad zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Meine Eltern schickten mich mit sechs auf die amerikanische Schule in Casablanca, ins Internat. Wir duschten nach dem Sport immer alle nackt, egal ob Christ, Jude oder Moslem, egal ob Araber, Berber, Amerikaner, Brite oder Japaner; von daher kenne ich es nicht anders.“
„Dann bist du also doch nicht der dumme Kameltreiber aus der Wüste, für den dich alle anderen hier halten?“ Cem verteilte eine Portion Shampoo in seinen Haaren. „Du hast ja kaum ein Wort mit uns Jungs gesprochen, als du hier angefangen hast.“
Cihad verließ den eigentlichen Duschbereich und begann, sich abzutrocknen. „Gesprochen habe ich nicht, weil ich da die Sprache noch nicht konnte, ich musste Deutsch erst lernen.“
„Wie viele Sprachen kannst du denn?“ Neugierig blickte er ihn an.
„Zu Hause sprachen wir entweder marokkanisches Arabisch oder Tamazight mit den Leuten aus dem Dorf, in der Schule kamen dann Englisch und Französisch dazu. Deutsch habe ich hier gelernt und jetzt, an der Uni, mache ich noch einen Sprachkurs in Farsi, für Türkisch hatten sich zu wenig Leute gemeldet.“ Das Handtuch lag mittlerweile wieder auf den Schultern.
„Boah ey, das ist echt eine Menge. Dann ist der ältere Mann, mit dem du hier öfters auftauchst, wohl dein Deutschlehrer?“ Auch die Dusche des Türken wurde jetzt abgestellt.
Der Student grinste leicht. „Matthias hat mir auch Deutschunterricht gegeben, das stimmt.“
„Auch?“ Cem begann, sich ebenfalls trocken zu legen. „Was denn noch?“
Cihad fuhr sich entnervt durch seine Haare. „Was willst du denn genau von mir wissen?“
„Äh …“ Diese direkte Art der Ansprache verschreckte den jungen Türken. „… also …“
„Also was?“ Die Augen des Berbers funkelten.
„Nun, man erzählt sich, dass du und … dieser Mann, dieser Matthias, dass ihr … naja … du sollst …“ Verlegen schaute er sein Gegenüber an, der Blick verharrte aber in der Körpermitte.
„Was soll ich denn bitteschön sein? Sein Lustsklave etwa, den er sich auf dem Souk von Marrakesch für acht Kamele gekauft hat?“ Dem Türken fehlten wohl noch immer die Worte, er starrte ihn weiter an und schwieg. „Du kannst den anderen ruhig sagen, dass ich schwul bin und mit einem Mann – nein – mit meinem Mann zusammenlebe. Ich bin alles, aber ganz gewiss nicht sein Lustsklave!“
Cem verstand nur noch Bahnhof, denn mit einem Outing hatte er nicht gerechnet. „Wie? Du bist mit ihm freiwillig zusammen? Er … er ist doch so viel älter!“
„Wenn du es genau wissen willst, es sind 22 Jahre, aber das Alter spielte nie eine Rolle. Matthias hat mir das Leben gerettet und mich wieder aufgebaut, als ich total am Boden lag und nur noch sterben wollte; ich habe Allah sogar um den Tod angefleht, die Schmerzen und Qualen, die ich meiner Familie zu verdanken hatte, sollten endlich aufhören.“ Der Wüstensohn knallte die Tür zum Duschraum zu.
Der Osmane beeilte sich, dem Berber zu folgen. Als er ihn in der Umkleide eingeholt hatte, legte er seine Hand auf dessen Schulter. „Was zum Teufel hast du da gerade gesagt? Du hast Gott um deinen eigenen Tod gebeten?“
„Habe ich!“ Cihad schluchzte. „Als meine Familie erfahren hatte, dass ich schwul bin, bin ich durch die Hölle gegangen. Am Ende haben mich meine lieben Cousins fast totgeprügelt und mich dann in einen Straßengraben geworfen wie einen räudigen Köter. Matthias fand mich durch Zufall, versorgte mich notdürftig und fuhr mich zum nächsten Arzt. Der aber wollte mir – wohl aus Angst vor meinem Vater – nicht helfen. Mein Vater ist nämlich ein sehr einflussreicher Mann in der Region, meiner – nein seiner – Familie gehört eine der größten Arganölmanufakturen in ganz Marokko. Als auch der zweite Doktor mir nicht helfen wollte, hat mich Matze wieder in seinen Wagen verfrachtet und ist mit mir nach Agadir zu einer deutschen Ärztin gefahren, die hat mich dann gerettet.“
„Krass!“ Mittlerweile lagen beide Hände des Türken auf Cihads Schultern.
„Matze hat das Hospital bezahlt, ohne mich zu kennen und ohne zu wissen, was eigentlich passiert war. Ich sollte mich noch schonen, bräuchte noch Pflege, hat jedenfalls diese Ärztin gesagt, aber als junger Marokkaner zusammen mit einem älteren Ausländer in einem marokkanischen Hotel? Vergiss es!“ Tränen der Wut und Verzweiflung flossen seine Wangen herab. „Matthias hat, als er mit mir aus dem Krankenhaus kam und das Hotel uns nicht ins Zimmer lassen wollte, erst den Rezeptionschef zusammengefaltet und dann den Hoteldirektor strammstehen lassen. Wir kamen schließlich dann doch auf unser Zimmer, wurden aber höflichst aufgefordert, uns doch eine neue Bleibe zu suchen, man wäre ja kein billiges Stundenhotel.“
„Was … was habt ihr dann gemacht?“ Die beiden Köpfe berührten sich fast.
„Ich habe ja nur gelegen und die meiste Zeit geschlafen, war vollgedröhnt mit Schmerzmitteln. Was Matthias genau gemacht hat, weiß ich nicht, aber nach einer Woche saßen wir im Flieger und mein neues Leben hier begann, weg von all der Feindseligkeit.“ Cihad ging wieder etwas auf Abstand. „Erst als wir hier in Deutschland waren, sind wir dann so richtig …“
„Was?“ Neugier lag in dem Wort.
Der Araber deutete nach unten, die Unterhose des jungen Türken war jetzt zwar fast wieder trocken, aber deutlich ausgebeulter als noch unter der Dusche. „… zusammengekommen, sind miteinander ins Bett gegangen und haben uns geliebt. Wie … wie soll ich es sagen? Ich liebe ihn nicht, weil er mir das Leben gerettet hat, bin also nicht aus bloßer Dankbarkeit mit ihm zusammen. Nein, ich liebe ihn, weil er mir gezeigt hat, dass man immer zu sich stehen muss, weil ich ihm vertrauen kann, weil er mein Fels ist, mein sicherer Hafen. Da spielt das Alter wirklich keine Rolle.“
„Entschuldige, ich war blöd!“ Cem schluchzte fast. „Wenn ich das nur vorher gewusst hätte!“
„Was wäre dann gewesen? Hättest du mit deinen Leuten dann etwa nicht über mich geredet? Über den Kameltreiber aus der Wüste, der angeblich das Betthäschen eines alten Mannes ist?“ Der Berber ging zu seinem Spind und begann, sein Straßenoutfit herauszuholen. „Und was machst du jetzt, wo du es weißt?“
Die Frage konnte der junge Türke auch nicht beantworten, er verlagerte verlegen sein Gewicht von einem Bein auf das andere. „Nun, ich … äh … verdammt … ich weiß auch nicht …“
„Kann es sein, dass du vielleicht auch …“ Cihad blickte den Türken intensiv an.
Erschrocken fuhr dieser zusammen. „Das Ich was?“
„Na, dass du auch eher auf Männer abfährst? Oder wie soll ich das da verstehen?“ Cihad grinste und deutete auf den immer noch deutlich gespannten Stoff, der das osmanische Krummschwert vor fremden Blicken schützen sollte.
Cem wirkte immer noch fahriger. „Und … und was … was wäre, wenn es so wäre?“
„Dann wäre es auch nicht schlimm, du bist ja nicht alleine: Es gibt mehr als zwei schwule Muslime auf dieser Erde!“ Der Student holte eine Visitenkarte aus seiner Jacke. „Hier, wenn du mal reden willst, so von schwulem Türken zu schwulem Berber, sag einfach Bescheid. Aber nicht erschrecken, wenn Matthias rangeht: Wir haben nur einen gaymeinsamen Anschluss.“
„Könnten wir das … eventuell gleich machen? Oder hast du schon andere Pläne?“ Der Türke schaute sich intensiv die Bodenfliesen an. „Denn ich weiß echt nicht, ob ich morgen noch den Mut aufbringen würde, dich anzurufen.“
„Kein Thema, ich warte dann draußen … vor dem Studio.“ Cihad stieg in seine Jeans.
Cem blickte ihn verwundert an. „Wieso?“
„Es kann ja durchaus sein, dass du, der stolze Türke, nicht mit dem schwulen Araber gesehen werden möchtest. Was sollten deine Leute sagen?“ Er kniff ihm grinsend ein Auge zu.
Der Angesprochene stutzte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. „So schlimm ist das auch wieder nicht. Erstens ist kaum einer da, der was sagen könnte, und zweitens, wer kann schon etwas dagegen haben, wenn zwei Muslime gemeinsam zum Fastenbrechen gehen? Und genau das werde ich auch gleich meiner Mutter erzählen, wenn ich sie anrufe. Ich brauche ja einen Grund, warum ich noch nicht nach Hause komme.“
„Du bringst mich auf eine Idee!“ Der Berber zog sich sein Shirt über. „Ich warte dann am Tresen.“
Als er sein Wasser, das er vor dem Training getrunken hatte, bezahlt hatte, griff der Student nach seinem Mobilknochen und drückte die Kurzwahl Zwei; Matze Mobil. Nach zweimaligem Läuten nahm sein Gatte ab. „Hallo Schatz! Na, wie war dein Sport?“
„Ganz gut, Engelchen! Wo steckst du gerade?“
„Ich bin gerade rein und warte auf dich, Habibi. Oder soll ich dich abholen?“
„Nein, ich habe eine Mitfahrgelegenheit.“ Der Mann aus dem Antiatlas räusperte sich. „Aber mit der … mit der komme ich gleich zum Fastenbrechen.“
Man konnte deutlich hören, wie Matthias scharf die Luft einsog. „Du kommst was? Und mit wem?“
„Du kennst Cem? Den Türken aus der Spinning-Klasse?“
„Ach, du meinst den Süßen, der bei der Volksbank arbeitet? Ungefähr eins achtzig …“ Es folgte eine kurze Personenbeschreibung, Matthias war halt ein sehr guter Beobachter.
„Genau den! Er hat sich mir gegenüber gerade geoutet und will nun etwas reden.“ Der Berber wirkte gelöst. „Könntest du zwei Pizzen in den Ofen schieben? Ich hab ja nichts vorbereitet.“
Matthias atmete tief durch, denn jetzt durchkreuzte sein Gatte seine Pläne; er hatte sich schon so auf den Kamelritt gefreut. „Mache ich, Shamsi, mache ich, aber … es werden drei Teigscheiben werden, denn ich habe nämlich auch noch nichts gegessen, außer einer Currywurst nach dem Besuch des Staatsanwalts. Aber könnt ihr noch beim Penny am Ligusterpark anhalten?“
„Warum sollten wir?“ Die Verwunderung war nun aufseiten des Berbers.
Der Kommunalbeamte grinste. „Wir haben keine Datteln mehr im Haus, Amiri. Und wenn schon jemand zum Fastenbrechen kommt, dann solltest du auch ein guter Gastgeber sein, oder?“
„Du denkst einfach an alles!“ Cihad lächelte, denn die Palmenfrucht dient oft als Auftakt eines abendlichen Mahls im Ramadan.
Keine 20 Minuten später saßen die drei Männer um den Wohnzimmertisch versammelt und begannen, die Pizzen zu vertilgen. Die Stimmung konnte man durchaus als merkwürdig bezeichnen: Cem, im Studio noch voller Tatendrang und Elan, erschien jetzt irgendwie bedrückt und verschlossen; das Gespräch stockte mehr als es lief. Matthias beendete als Erster sein Mahl. „So, ich werde euch jetzt verlassen, damit ihr ungestört reden könnt, denn … alte Leute stören bei solchen Gesprächen.“
„Quatsch! Cihad wird dir sicherlich schon erzählt haben, weshalb ich hier bin.“ Der Banker blickte ihn verschüchtert an. „Und wenn nicht, wird er es spätestens dann tun, wenn ich wieder weg bin, also … du kannst ruhig bleiben.“
„Cem, ich danke dir für dein Vertrauen. Ich weiß, dass das, was du jetzt vorhast, nicht einfach für dich sein wird, aber glaube mir: Hinterher wird es dir besser gehen.“ Matthias griff nach seinem Weinglas.
Der Banker stutzte. „Oder ich werde tot sein!“
„Nicht so pessimistisch, junger Freund.“ Der städtische Controller legte seinen Kopf schief, schaute den jungen Türken intensiv an. „Ein Geständnis führt nicht zwangsläufig zur Todesstrafe und was hast du schon groß zu gestehen? Du bist kein gewalttätiger Massenmörder, du stehst nur auf Männer und das kommt in den besten Familien vor und führt manchmal sogar bis hin zum Rauchen. Von daher? Du brauchst also nichts Schlimmes zu befürchten.“
„Aber ich verrate meine Familie und werde hinterher alleine sein!“ Er zögerte etwas. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe!“
„Das kannst du natürlich machen, du bist ein freier Mann und das hier ist kein Gefängnis und wir nicht die Wärter. Du kannst versuchen, die Sache nur mit dir selbst auszumachen, so alleine im stillen Kämmerlein, aber …“ Der Beamte trank einen Schluck. „… sei mir bitte nicht böse, aber ich glaube nicht, dass du dann mit dir ins Reine kommen wirst.“
Der Banker hatte Fragezeichen in den Augen. „Wieso? Ich habe bis jetzt immer alles erreicht.“
„Mag sein, aber …“ Matthias zögerte kurz. „… es geht bei der Entscheidung nicht darum, ob du dir einen Neu- oder doch lieber den Jahreswagen kaufen solltest, es … es ist eher die Frage, welchen Weg du künftig einschlagen willst. Auf beiden Strecken gibt es Schlaglöcher und Unwegsamkeiten, aber es ist immer einfacher, Dritte für das eigene Scheitern verantwortlich zu machen. Die Frage ist relativ simpel: Spielst du jetzt Pfadfinder und übernimmst selbst die Verantwortung oder wählst du die leichte Variante und gehst den Weg, von dem andere Leute wollen, dass du ihn gehst.“
Schrecken war auf das Gesicht des Gastes geschrieben. „Wie soll der aussehen?“
„Wahrscheinlich wirst du heiraten, vielleicht ein oder zwei Kinder zeugen, nach außen hin auf ‚heile Familie‘ machen, aber in deinem Inneren? In deinem Innern wirst du einsam sein, dich nach der Umarmung eines Mannes, selbst nach einem intensiven Blick sehnen. Du wirst auf Parkplätze fahren, in Pornokinos gehen und dort anonymen Sex haben. Aber …“ Matthias blickte den Banker an. „… aber wenn dein Orgasmus abgeebbt ist, werden dich sofort wieder Gewissensbisse plagen: Hat dich jemand gesehen? Jemand beobachtet? Deinen Wagen erkannt? Wie erkläre ich meiner Frau, dass ich einen Tripper habe? Von anderen Sachen will ich gar nicht erst reden, aber … es ist deine Entscheidung, welche Route du nehmen willst. Nimm mal Cihad als Beispiel.“
Der junge Türke bekam große Augen. „Was ist mit ihm?“
„Was meinst du, wie sein Lebensweg ausgesehen hätte, wenn seine Eltern ihn damals nicht bei gewissen Spielchen erwischt hätten?“ Der Controller blickte seinen Liebsten an, der zwar erst schluckte, dann aber doch zustimmend nickte. „Es wäre ungefähr so abgelaufen: Cihad geht zurück in die Provinz, sein Vater hat ja Geld in seine Ausbildung investiert und will jetzt die Früchte seiner Saat ernten: Er wird verheiratet, sein Vater bestimmt, mit wem er sich paart, mit wem er sich trifft, was für Geschäfte er macht, einfach alles. Freier Wille? Eigene Wünsche? Fehlanzeige! Er wird ein physisches und psychisches Wrack, da andere Menschen und nicht er selbst über sein Leben bestimmen. Er wäre nie glücklich geworden, denn seine gesamte Umgebung wäre von anderen Wracks bestimmt worden, für die Konventionen mehr zählen als menschliche Seelen.“
„Aber … aber so muss es doch nicht ablaufen, oder?“ Verzweiflung lag in seiner Stimme.
Matthias zuckte mit den Schultern. „Nicht zwangsläufig, es kann noch schlimmer enden!“
„Wie?“
„Ich hab damals in Bonn mit dem Studium angefangen, hatte ein kleines Apartment in der Bonner Nordstadt, ziemlich internationale Nachbarschaft: Türken, Kurden, Inder, Iren, Amis … ein ziemlich bunter Haufen. Erhan betrieb im Viertel die Lotto-Annahmestelle, war damals ungefähr so alt wie ich heute. Ich hab damals für ihn ein paar Briefe formuliert, Schreiben für eine Versicherung und so, nichts Weltbewegendes, aber … wir wurden Freunde oder gute Bekannte oder wie immer du das nennen möchtest.“ Der Brillenträger schüttete sich etwas Wein nach. „Ich kannte seine ganze Familie: seine Frau, seine Mutter, seine vier Kinder. Tja, eines Tages fragte er, ob ich gut in Mathe wäre, denn sein Sohn Servet hätte darin Probleme und er könne dem Gymnasiasten nicht helfen.“
„Was hat das mit mir zu tun?“ Der Banker wirkte ungeduldig.
Matthias trank einen Schluck. „Moment, dazu komme ich gleich. Das mathematische Problem war relativ schnell gelöst, es war ein einfacher Denkfehler, aber … während der Nachhilfe lernte ich Servet besser kennen: Er war genauso schwul wie ich und wir haben uns schlussendlich verbündet: Ich habe ihm und seinem Freund ab und an meine Wohnung überlassen, damit sie ungestört sein konnten. Was ging es mich auch an? Ich bekam Geld für die Nachhilfe, die ich nicht gab, und die zwei hatten ihren Spaß, allen war also gedient! Er hat mir nie verraten, mit wem er da, aber …“ Der Beamte schluckte. „… aber eines Tages kam es durch einen dummen Zufall heraus: Ich erzählte Erhan vom Wochenende bei meinen Eltern, meine Oma hatte sich die Schulter ausgekugelt. Aber, was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste: Servet hatte mich mal wieder als Ausrede gebraucht, um mit seinem Liebsten zusammen zu sein. Angeblich wäre er bei mir gewesen, zum Üben für eine Klausur. Tja, dadurch flog die Sache ist auf und zwei Tage später hat er sich dann umgebracht.“
„Krass!“ Cem wirkte mitgenommen.
Der Brillenträger zuckte. „Deshalb sage ich ja: Reden hilft! Wir sind für dich da, wenn du es willst, aber dann du musst auch mit uns reden, denn sonst? Sonst bringt das nicht viel!“
„Du bist hier unter Freunden!“ Cihad legte seine Hand auf den Arm des Türken.
Der Banker wirkte immer noch unentschlossen. „Aber? Ihr kennt mich doch gar nicht!“
„Das ändern wir doch gerade!“ Der Berber grinste den Türken an. „Hast du nicht deiner Mutter gesagt, du isst heute Abend bei Freunden aus dem Studio? Was soll sie von unserer Gastfreundschaft halten, wenn du nach einer halben Stunde schon wieder bei ihr auf der Matte stehst?“
Man merkte, er war hin und her gerissen. „Ihr meint wirklich?“
„Meinen wir! Betrachte mich einfach als gleichaltrigen Leidensgenossen und Matze als weisen Mann aus dem Abendland, die Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben.“ Die Hand des Studenten hatte die des Türken erreicht, umschloss sie, wollte ihn dadurch wohl beruhigen.
„Na dann …“
Die Lebensgeschichte des Gastes war schnell erzählt: Geboren im städtischen Luisen-Krankenhaus, Kindergarten und Grundschule am Böckenberg, dann Ebert-Realschule und schließlich Lehre bei der Volksbank. Er wurde als Jahrgangsbester übernommen und macht jetzt auf der Abendschule sein Abitur nach. Eine ältere Schwester, die in Berlin Pädagogik studiert, und ein jüngerer Bruder, der den Obst- und Gemüseladen seines Vaters eines Tages übernehmen soll. Die Mutter engagiert sich seit zwei Jahren im Pasta-Club, einer Stadtteil-Initiative ähnlich der Arche, der Vater sitzt für die SPD in der Bezirksvertretung, wird als Kandidat für den Rat gehandelt.
Sein soziales Umfeld hingegen ist nicht ganz so harmonisch, viele Freunde hat er nicht: Für sein türkisches Umfeld ist er zu deutsch, für seine deutsche Umgebung ist er zu türkisch. Außerdem galt er schon immer als Streber und mit denen will ja keiner, weder Deutscher noch Türke, etwas zu tun haben. Als sein Vater mit der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft annahm – er wollte seinen Söhnen wohl den Dienst im türkischen Militär ersparen – kam es zu einem Bruch: Der Bruder seiner Mutter verstieß seine einzige Schwester und deren gesamte Familie für alle Zeiten.
Dass Cem eher dem eigenen Geschlecht zugeneigt ist, entdeckte er so mit 16 oder 17, die Teile zwischen den Beinen seiner Handballfreunde waren einfach interessanter und aufregender als die aufkeimenden Brüste seiner Tanzpartnerinnen. Er war zwar unsicher, denn der konservative Lehrer in der Koranschule hatte nur von der Sünde der mannmännlichen Liebe gesprochen und er hatte diese Worte aufgesogen, ohne sie großartig zu hinterfragen. Er wollte – typisch Streber – seinem Lehrer gefallen, auch wenn er nicht alles verstand, was dieser sagte.
„Ich sollte eigentlich eine Nichte meines Onkels heiraten, wir waren einander versprochen, aber … das hat sich ja – Gott sei Dank – erledigt. Aber die Fragen und Anspielungen meiner Mutter werden in letzter Zeit immer stärker, mein Vater wollte mich sogar schon mal in den Puff schicken, damit ich Erfahrungen sammeln kann. Wenn ich mich jetzt offenbaren würde, ich würde sie nur enttäuschen und auch noch den Rest meiner Familie verlieren.“
„Cem, ich glaube nicht, dass deine Eltern negativ reagieren würden, denn sie scheinen im Hier und Jetzt angekommen zu sein, sonst würden sie deine Schwester ja nicht alleine in einer fremden Stadt studieren lassen.“ Matthias grinste. „Sie sind deinem Onkel um mindestens 200 Jahre voraus.“
„Wie meinst du das denn jetzt?“
Der Beamte stöhnte. „Ganz einfach: Dem Islam fehlt das Zeitalter der Aufklärung, aber nicht nur an den Muslimen, an einigen christlichen Vereinigungen in den USA ist sie diese Ära leider auch vorbeigegangen, aber egal. Was ich eigentlich sagen will, ist …“ Matthias grinste den Gast leicht an. „Ich bin zwar kein Theologe, aber Juden, Christen und Moslems glauben eigentlich alle an den gleichen Gott. Aus Sicht des Islams ist Jesus der Vorgänger von Mohammed, die Christen glauben also nur an einen falschen Propheten. Aber, das ist nun einmal Fakt, die drei großen monotheistischen Religionen haben die gleichen Wurzeln, wenn man das so sagen kann. Hast du dich mal gefragt, woher der unsägliche Hass auf Schwule kommt?“
„Ehrlich gesagt: nein!“ Der Banker zuckte mit den Schultern.
Der Kommunalbeamte nahm seine Brille ab. „Bei den alten Griechen war die mannmännliche Liebe normal, es gehörte einfach zum guten Ton, dass ein junger Mann einen älteren Freund hatte, der ihn anleitete, ihm alles beibrachte, ihm ein väterlicher Freund war, ihn in die Dinge des Lebens, auch die der Liebe einführte. Es war kein Problem, wenn diese besondere Männerfreundschaft andauerte, für den allgemeinen Fortbestand war ja gesorgt. Wieso also diese Homophobie bei den Juden?“
„Ich weiß es nicht!“ Der Mann des Geldes zuckte nur mit den Schultern.
Der Rechnungsprüfer spielte mit seinen Augengläsern. „Ich auch nicht, aber betrachten wir doch mal die Gegebenheiten vor 3000 Jahren: Der Monotheismus war damals ein Novum, die Juden also eine Art Sekte. Was macht eine Gruppe, die an etwas Ausgefallenes, etwas Anderes glaubt und von allen Seiten nur von Feinden umlagert ist? Sie probiert erst einmal, ihre eigene Art zu erhalten: Der Sex wird reduziert, dient nur noch der Arterhaltung und nicht mehr dem Vergnügen der Beteiligten. Wenn ein Mann bei einem Manne liegt, kann er dabei zwar viel Spaß haben, aber er kann dabei keine Nachkommen zeugen, dient also nicht mehr dem Fortbestand. Also, was macht man? Man verbietet dieses unselige Treiben!“
Der Student nickte. „Klingt logisch!“
„Die Christen, quasi eine Abspaltung der Juden, sehen sich mit der gleichen Problematik konfrontiert: der Glaube an den Einen gegen die Vielzahl der römischen Götter. Die Christen siegen schlussendlich. Dann kommt Mohammed, der Prophet, der ist aber auch von Feinden umgeben und stößt daher ins gleiche Horn: Er ist gegen den Spaß und nur auf den Erhalt bedacht.“ Matthias leerte sein Glas. „Die Geschichte geht weiter: Die Christen, mittlerweile erfolgreiche Nachfolger der Römer – die Juden spielen im Weltgeschehen nur noch eine eher untergeordnete Rolle – fangen plötzlich an, sich auf ihr griechisches Erbe, die Wege ihrer Kultur, zu besinnen. Das Ergebnis ist ein Umdenken: Es ist ja doch nicht ganz so schlimm, wenn ein Mann einen Mann liebt, mit ihm zusammen ist.“
„Ist das nicht etwas weit hergeholt?“ Der junge Türke blickte verwundert. „Schwulenhass gibt es auch hier und schwule Lebenspartner sind Eheleuten noch längst nicht gleichgestellt.“
Der Beamte schüttelte seinen Kopf. „Da hast du zwar wahr, wir haben noch lange nicht das Paradies auf Erden, aber ohne die Aufklärung wäre ein Umdenken überhaupt nicht möglich gewesen. Dieser Weg ist hart und steinig und braucht auch seine Zeit, oftmals zeigt er sich nur in Kleinigkeiten, die man kaum realisiert, aber irgendwann erkennt man das gesamte Mosaik. Nur ein kleines Beispiel: David kämpft gegen Goliath, der Kleine besiegt den Großen. Aber David war Jude und müsste daher – gemäß der Tradition – beschnitten gewesen sein. Aber wie stellt Michelangelo den Kämpfer dar? Mit Vorhaut! Also im griechischen Sinne!“
„Mag ja sein! Aber wie soll mir das jetzt helfen?“ Die Frage des Bankers war berechtigt.
„Betrachte doch einfach mal die gesamten Mosaiksteine deiner Familie! Dein Vater sitzt heute in der Bezirksvertretung, wird als Ratskandidat gehandelt, deine Mutter ist karitativ tätig, deine Schwester studiert auswärts.“ Matthias grinste. „Es ist egal, ob dein Vater die deutsche Staatsangehörigkeit nur angenommen hat, um hier gewählt werden zu können oder um dir und deinem Bruder das türkische Militär zu ersparen, es kommt nur darauf an, dass er diesen Schritt getan hat! Deutscher wird man ja nicht über Nacht, er wird sich diesen Schritt lange und reiflich überlegt haben, seiner Familie von seinem Plan berichtet haben. Aber, viel wichtiger, er hat sich entschlossen, diesen Schritt zu Ende zu gehen, auch wenn er mit einer ablehnenden Haltung seiner Umgebung rechnen konnte.“
Cem nicke nachdenklich. „Und was soll ich deiner Ansicht nach machen?“
„Du solltest deinen Eltern sagen, was du fühlst, was du empfindest, wie du tickst!“
„Ich soll mich also outen und den Rauswurf riskieren?“ Cem blickte den Controller ungläubig an.
„Betrachte die Gegebenheiten und ziehe die richtigen Schlüsse daraus.“ Der Brillenträger stöhnte, der junge Türke war störrischer als ein bockiger Esel. „Dein Outing kann nur positiv verlaufen, denn für deine Mutter wirst du immer ihr kleiner, geliebter Sohn bleiben, egal was du machst. Sie wird dich immer lieben, egal ob du liebender Familienvater oder brutaler Massenmörder wirst, denn eine Mutter ist immer – na ja, jedenfalls meistens – auf der Seite ihres Kükens! Gut, bei Vätern sieht es etwas anders aus, aber erstens zahlt sich Aufrichtigkeit immer aus und zweitens würde dein Rauswurf gleichzeitig auch das Aus seiner politischen Karriere bedeuten.“
Cem wirkte irritiert. „Wie kommst du jetzt auf diesen Trichter?“
„Dass man der Jugend auch immer alles erklären muss!“ Matthias seufzte. „Logik! Simple Logik!“
„Sorry, Habibi, aber so ganz kann ich dir im Moment auch nicht folgen.“
„Also, Cems Vater sitzt in der Bezirksvertretung, ist somit politischer Mandatsträger, wenn auch nur ein ganz kleines Rädchen im Getriebe, aber immerhin ein Rädchen. Um vom Volk gewählt werden zu können, muss man zuerst von einer Partei aufgestellt werden und dazu muss man Deutscher sein.“ Der kommunale Beamte schenkte sich nach und blickte den jungen Türken intensiv an. „Um hier politische Verantwortung übernehmen zu können, riskierte dein Vater den Bruch mit der Familie. Es hat sich ausgezahlt, er wurde erst nominiert und dann gewählt. Er hat sich seinen lang gehegten Traum verwirklicht, die Qualen waren also nicht umsonst. Jetzt aber kommt es! Er will diesen Schritt ja auch zukünftig nicht bereuen, will weiterhin – vor sich selber und seiner Familie – gut dastehen, also muss er wiedergewählt werden! Dazu muss er allerdings aber erst wieder aufgestellt werden.“ Der Brillenträger trank einen Schluck. „Auch wenn – subjektiv gesprochen – kein Mitglied des Aufstellungsgremiums einen schwulen Sohn haben möchte, so stellt doch der Rauswurf eines schwulen Sohnes – objektiv gesprochen – einen Akt der nicht tolerierbaren Intoleranz dar. Und nun frage ich euch: Welche Partei, die um Wählerstimmen buhlt, kann es sich heute noch leisten, einen objektiv intoleranten Kandidaten für irgendeine Wahl aufzustellen?“
„Keine!?“ Cem hatte augenscheinlich verstanden.
Matthias gluckste. „By George! You got it!“
„Aber … aber was passiert, wenn er doch … anders reagiert?“ Unsicherheit war wieder zu spüren.
Der Beamte grinste. „Dann solltest du einige Hilfstruppen an deiner Seite haben, die ihn wieder auf den richtigen Pfad der Tugend führen. Sprich also erst einmal mit deiner Schwester, dann mit deinem Bruder. Wissen die beiden Bescheid, kannst du es deiner Mutter sagen und zusammen dann dem vermeintlichen Familienoberhaupt.“
„Nesrin weiß es seit zwei Jahren.“ Cem wirkte gelöst. „Sie drängt mich auch schon lange.“
„Dann passt es ja! Kleine Brüder stellen normalerweise keine große Gefahr dar, also ist der nächste Schritt Operation Mama.“ Matze lachte. „Und? Du bist erwachsen, verdienst dein eigenes Geld. Mehr als rauswerfen können sie dich nicht und für den Fall hätte ich noch eine kleine Einliegerwohnung im Angebot. Also? Wo ist jetzt das große Problem? Nötigenfalls könntest du auch eine kleine Notlüge gebrauchen, allerdings … müssten dazu die Voraussetzungen vorliegen.“
„Die wie aussehen sollen?“ Die Laune des Bankers stieg.
„Tja, dazu müsste ich erstens wissen, was du wirklich in der Hose hast und zweitens, ob du eher a oder p beim Ficken bist.“ Der Beamte grinste Cem frech an. „Von Servet weiß ich nämlich, dass bei den Türken auch ein Schwuler als Mann gelten kann, wenn er der aktive Part beim AV ist; nur der Gefickte ist – im wahrsten Sinne des Wortes – in den Arsch gekniffen. Also? Wie sieht es aus?“
Cem wurde leicht rot. „Naja, ich habe XL und …“
„Ist der in der Zwischenzeit gewachsen?“ Cihad konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Du hattest zwar unter der Dusche eine Unterhose an, aber deiner dürfte nicht größer als meiner sein und ich habe knappe 19 Zentimeter, also maximal L!“
Der Banker kam sich ertappt vor, atmete tief durch. „Ok, es sind 17,6!“
„Und wie sieht es damit aus?“ Matthias formte mit Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand einen Kreis, den Mittelfinger seiner Rechten ließ er darin immer wieder eintauchen.
Mit Cems gesunder Gesichtsfarbe hätte man Werbung für Rotbäckchen machen können. „Aktiv!“
„Wirklich?“
Der Banker räusperte sich, blickte den Berber an. „Ja, wenn ich es doch sage!“
„Na, die Türken auf den Blauen Seiten sind ja auch alle immer nur rein aktiv unterwegs. Aber wenn du sie bläst und ihnen dabei etwas an der Rosette spielst, leicht daran leckst, dann …“ Cihad blickte verträumt. „… dann können es zwei Drittel kaum erwarten, endlich ihre Beine breitzumachen.“
„Und woher hast du diese Erkenntnis?“ Der Banker wirkte unsicher. „Ihr seid doch ein Paar!“
Der Controller grinste. „Sind wir, aber ab und an spielen wir auch zu dritt oder zu viert. Ist ja nur Sex und etwas Spaß sollte man sich gönnen, denn wie heißt es so schön? Variatio delectat, Abwechslung erfreut! Wenn ich dir jetzt einen blasen würde und Cihad würde dich lecken, ich glaube, du würdest schnurren wie ein Kätzchen.“
„Ich … ich …“ Gibt es eine Steigerung von roten Bäckchen?
Der Berber lachte. „Ist doch nichts Schlimmes dabei, wenn man passiv ist und das auch genießt. Bei zwei Typen aus dem Studio, die du ebenfalls kennst, war es anfangs auch so: Die haben sich erst ziemlich geziert, so nach dem Motto ‚In meinen Arsch kommt keiner rein!‘, aber später? Die beiden konnten nicht genug kriegen, bei einem waren wir sogar gleichzeitig drinnen. Das war echt mega, kann ich dir sagen! Gut, bei Mu…“
„Schatz! Keine Namen bitte!“ Matthias verzog kurz das Gesicht. „Einer unserer Spielkameraden … er wollte absolut nur von einem beschnittenen Schwanz bestiegen werden, ich kam also nicht infrage. Hat aber trotzdem Spaß gemacht, der Gute blies besser als ein Staubsauger.“
„Dann durftest du ja auch mal ran!“ Der Banker grinste den Studenten an.
Der Wüstensohn schüttelte mit dem Kopf. „Meinst du, nur weil ich der Jüngere bin und aus Marokko komme, bin ich bei uns das Bückstück? Sorry, aber da muss ich dich leider enttäuschen, lieber Cem. Matthias und ich? Wir sind beide flexibel, mal fickt er mich, mal parke ich bei ihm ein, je nach Lust und Laune. Wie schon gesagt: Abwechslung erfreut!“ Er stupste ihn in die Seite. „Aber du hast Matzes Frage noch nicht beantwortet!“
„Verdammt! Ja!“ Nun war es raus! „Ich lasse mich lieber ficken, als dass ich selber …“
„Und? War das jetzt so schwer?“ Der Berber legte seine Hand auf Cems Oberschenkel.
Der Banker atmete tief durch. „Nein, aber …“
„Aber was?“ Matthias grinste den Gast an.
Der Türke blickte zu Boden. „Jetzt bin ich aufgegeilt und rattig, aber …“
„Aber was?“ Cihads Hand fuhr höher.
Der Banker blickte erst den Controller, dann den Studenten an. „Ich … ich … ich bin nicht gespült!“
„Ich auch nicht!“ Cihad küsste den Türken auf die Wange. „Aber das kann man schnell ändern: Wir haben ein großes Bad. Wenn du also willst, dann können wir …“
„Habibi, vielleicht möchte er dabei lieber alleine sein?“ Matthias blickte die beiden auf der Couch an.
„Mir ist das egal! Aber …“ Cem kniff dem Berber in dessen Kronjuwelen. „… aber wenn dann alle!“
Der Student schaute etwas verwundert. „Alle? Auch Matthias?“
Cem erhob sich grinsend, ging auf den Controller zu, griff nach seiner Hand und zog ihn aus dem Sessel. Matthias hatte damit wohl nicht gerechnet, er stolperte fast in die Arme des Bankers, der, neben seinen Lippen, sofort seine Hände über den Rücken gleiten ließ, um sie auf dem Hintern zur Ruhe kommen zu lassen. Er kniff in die Backen des Beamten, küsste ihn kurz und drehte sich dann zu Cihad um. „Ich will ja meinen Vater nicht unnötig anlügen müssen, wenn ich ihm erzähle, ich hätte zuletzt einen deutschen Beamtenarsch gefickt.“



Der Freitag verlief eigentlich in normalen Bahnen, allerdings nur bis Mittag. Matthias war gerade im Begriff, den Griffel fallen zulassen, als sein Telefon klingelte: Stadtkämmerer Grementhal war am anderen Ende der Leitung. Sein Dienstherr informierte ihn darüber, dass Holger Heinken, der Leiter der Stadtkasse, im Zuge der gestrigen Razzia gegen Rechts in Gewahrsam genommen worden war. Man hatte ein paar Waffen und einige nicht ganz legale Bücher bei ihm – respektive in seiner Garage und auf seinem Dachboden – gefunden. Die Beurlaubung vom Amt war dem Übeltäter zwar schon mitgeteilt worden, aber nun wäre eine weitere Notsitzung fällig.
Cihad war, was man sich unschwer vorstellen kann, nicht ganz so erbaut über diese Entwicklung, bedeutete diese Nachricht doch, dass er die gemeinsame Arbeit im Garten nun alleine würde erledigen müssen. Er stöhnte zwar laut, mähte dann aber dennoch brav den großen Rasen, zupfte vertrocknete Blumenblätter aus Rabatten, schnitt sogar einige Sträucher und säuberte am Schluss auch noch Bürgersteig und Auffahrt.
Normalerweise läuteten er und sein Matthias das Wochenende mit einer gemeinsamen Runde im Pool ein, sie ließen sich treiben, den lieben Gott einen guten Mann sein, aber das war hier und jetzt ja leider nicht möglich. Der Berber duschte und beschloss, anstatt selbst den Löffel zu schwingen, sich vom König der Burger bekochen zu lassen. Er hatte gerade die erste Rindfleischscheibe im Brotmantel verzehrt, als sich sein Gatte erneut meldete.
Die Nachricht, die ihn ereilte, war nicht vielversprechend: Matthias befand sich jetzt in großer Runde mit dem Oberbürgermeister, den Leitern des Personal- und des Rechtsamtes, auch zwei Vertreter der Bezirksregierung waren anwesend. Ein genaues Ende dieser zweiten Krisenrunde innerhalb von zwei Tagen konnte der Brillenträger nicht abschätzen, er bat nur um Verzeihung; man bliebe in Kontakt.
Da er eh schon in der Stadt war, beschloss der Sohn des Berbers, kurz auf ein Bier ins Blueberrys zu gehen. Für ihn war es zwar ungewohnt, dieses Etablissement allein aufzusuchen, er fühlte sich – ohne seinen Mann an seiner Seite – unwohl in diesem Anbahnungstempel sexueller Spiele. Es war oft zu offensichtlich, was die Besucher eigentlich haben wollten: Es ging ihnen nicht um tiefgründige Gespräche, es ging ihnen meistens nur um das Eine!
Der Wirt begrüßt ihn zwar höflich, wollte wissen, wie es ihm gehe, fragte dieses oder erkundigte sich nach jenem, aber der Student wusste genau, dass das Interesse nicht ehrlich war, es war nur der dürftigen Besucheranzahl geschuldet. Außer ihm waren nur fünf weitere Gäste zu diesem ziemlich frühen Zeitpunkt in dem Lokal versammelt, es war kurz vor neun. Drei Gesichter erkannte er von früheren Besuchen wieder: Gunnar und Thomas, zwei Krankenpfleger aus dem gegenüberliegenden Luisen-Krankenhaus, tranken wohl ihr wohlverdientes Feierabendbier und Gerd, ein etwas schmieriger Handelsvertreter mit Halbglatze, war in Begleitung eines weiblichen Wesens. Nur den jungen Typen, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als er selber, der am Info-Brett stand und die Aushänge las, hatte er hier noch nicht gesehen.
Cihad trank in aller Ruhe seine Gerstenkaltschale. Leicht amüsiert registrierte er, wie der Blick des Fremden immer wieder zwischen ihm und dem aufgehängten Lesestoff hin und her wanderte: Der Knabe wollte wohl auch nur seinen Spaß haben, war wohl auf der Suche nach Entspannung. Sollte er ihn ansprechen und dadurch dieser lächerlichen Farce des Anmachens ein Ende bereiten?
Der Typ war neu hier und er war jung, also bestes Frischfleisch für die Massen. Der Mann aus dem Antiatlas hielt kurz inne. Sollte er den Neuling retten? Wer zu einem solchen Zeitpunkt ein solches Etablissement aufsuchte, der kannte sich wahrscheinlich nicht mit den Gepflogenheiten der Szene aus. Er hatte seit seiner Flucht vor seiner Familie auch so Einiges lernen müssen, aber Matthias war ein guter Lehrer, der seinem Schüler nichts Böses wollte, eher das Gegenteil war der Fall.
Die beiden waren zwar – ganz offiziell – Mann und Mann, aber eben auch nur Männer, Männer mit Gefühlen und Gelüsten. Und um eben diesen Begierden tapfer begegnen zu können, hatten sie eine Übereinkunft getroffen: Anmachen ist erlaubt, Anfassen geht auch, aber nie einen Orgasmus ohne Anwesenheit des Partners. Man spielte, wenn überhaupt, nur zu dritt.
Der Mann hinter dem Tresen stellte ihm ein neues Bier hin. Allerdings war nach dem ersten Schluck das Fassungsvermögen seiner Blase im roten Bereich und verlangte nach Entleerung. Allah sei Dank, die Wasserspiele waren leer, er stellte sich an das letzte Pinkelbecken, öffnete seinen Hosenstall. Cihad hatte zwar keine Schwierigkeiten, seine Notdurft in Gegenwart von Matthias zu befriedigen, der hatte ihn schon in weit schlimmeren Situationen gesehen, aber war ein Fremder anwesend, der ihn auch nur eventuell dabei beobachten könnte, irgendein Schalter in seinem Gehirn wurde umgelegt und aus dem sprudelnden Quell wurde ein tröpfelndes Rinnsal.
Der erste Strahl hatte gerade der weißen Emaille Hallo gesagt, als sich die Tür öffnete und der Frischling die Räumlichkeiten betrat. ‚Herr! Lass ihn in eine Kabine gehen!‘ Das Stoßgebet des Berbers wurde allerdings nicht erhört, der Blonde mit den schulterlangen Haaren stellte sich neben ihm an das Pissoir und tat es ihm nach. Der Sohn der Wüste stöhnte innerlich, aber er wollte sich auch nicht die Blöße geben und fluchtartig den Raum verlassen.
Es geschah, was in solchen Situationen immer geschieht, man tauschte Blicke aus, die mit der Zeit intensiver wurden. Auch das Ergebnis dieser Besichtigung war vorprogrammiert: Die Wasserspender versteiften sich langsam. Dem Studenten wurde es irgendwann zu dumm, er konnte sowieso nicht mehr das Ziel verfolgen, weswegen er eigentlich hier war, also schaute er seinen Nebenmann direkt an. Er wollte den Knaben ja sowieso ansprechen und ihn aus möglichen Gefahren retten, also warum das nicht hier und jetzt erledigen? „Na? Gefällt er dir? Du kannst ihn gerne mal anfassen, wenn du willst: Das Teil beißt nicht!“
Der Angesprochene zuckte zwar zusammen, murmelte etwas Unverständliches, aber seine Hand streckte sich nach dem arabischen Anhängsel. Vorsichtig, kaum spürbar, betasteten lange Finger die 19 Zentimeter, die der Student mittlerweile zwischen seinen Beinen hatte. Die Kuppen fuhren zuerst nach oben, spielten mit dem Schlitz, um dann auf der ordentlich gestutzten Oase zur Ruhe zu kommen. „Ist das geil!“
„Ich darf dann ja auch mal, oder?“ Der Student leckte sich die Lippen und, ohne eine Antwort abzuwarten, spielte seine linke Hand mit der zurückgezogenen Vorhaut seines Nebenmannes. Die Bewegungen, die seine Finger ausführten, waren weder hart noch fordernd, aber nach zwei oder drei Streichen krümmte sich der Jüngling, stöhnte laut auf. Da, wo eben noch gelbe Flüssigkeit das Licht der Welt erblickt hatte, war es nun weißer Schleim, der auf das Produkt aus dem Haus Ideal Standard traf. Der Student wirkte irgendwie fassungslos. „Was war das denn?“
„Sorry, aber …“ Der Jüngling rang immer noch nach Atem. „… aber … das war einfach zu viel für mich, auch wenn es mehr als wunderschön war. Danke!“
„Gern geschehen,“ Cihad kratzte sich am Kinn. „Man sagt ja, dass Türken Schnellspritzer sind, aber so schnell? Ich hab dich doch kaum berührt und du …“
„Ich weiß, und es tut mir auch leid, dass ich deine Berührungen nicht länger genießen konnte, aber seit über zwei Jahren bist du der erste Mann, der meinen Schwanz berührt hat.“ Der Jüngling wirkte niedergeschlagen. „Es war einfach nur schön, auch wenn es viel zu kurz war!“
„Man kann es ja wiederholen!“ Der Student hielt dem anderen seine Hand hin. „Ich bin Cihad.“
„Christopher.“ Immer noch mit offenen Hosen hielt man oberhalb der Gürtellinie Händchen. Aber irgendwann, nach gefühlten Ewigkeiten, löste der junge Mann die Verbindung und ließ seinen Arm wieder in Richtung arabischer Körpermitte wandern. „Du sollst ja auch Spaß haben.“
Der Student wehrte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, brüsk ab. „Lass mal besser! Nichts gegen dich, aber … ich muss die Sache sowieso beichten, will sie nicht noch schlimmer machen.“
Christopher schaute sein Gegenüber irritiert an. „Wie? Du erzählst deinem Pfaffen doch nicht etwa, dass du jemandem in einer Schwulenkneipe einen runtergeholt hast?“
„Nein, ich bin kein Katholik, aber …“ Der Berber versuchte, sein immer noch fast einsatzbereites Verkehrsgerät in seiner Hose zu verstauen. „… aber ich werde es meinem Liebsten sagen.“
„Wie jetzt? Du hast einen Freund?“ Verwirrung lag in der Stimme.
„Keinen Freund! Ich bin verheiratet.“ Cihad schüttelte den Kopf. „Gut, vor dem Gesetz ist Matthias nur mein Lebenspartner, aber für mich ist er mein Mann.“
„Und dann lässt du dich auf dem Klo betatschen?“ War das jetzt ein Vorwurf?
Der Student zuckte mit den Schultern. „Wir sind ein Paar, leben mehr oder minder monogam, aber wir sind schwul, von daher … also: Anfassen ist erlaubt, aber kein Orgasmus ohne die Anwesenheit des Partners. Ich konnte ja nicht wissen, dass du so schnell …“
„Stimmt, du konntest ja nicht ahnen, dass ich mehr oder minder zwei Jahre eingesperrt war.“
„Wie meinst du das denn jetzt?“ Der Deutsch-Marokkaner machte seine Hose zu.
Auch der Blonde begann mit dem Einpacken. „Meine Mutter hat mich erwischt, wie ich mit dem Sohn des Nachbarn …, na, du weißt schon, seitdem … überwacht sie jeden meiner Schritte.“
„Und was machst du denn hier? So ohne … Wachhund?“
„Eigentlich sollte mein Vater an diesem Wochenende diese Aufgabe übernehmen, aber mein Alter ist eigentlich ganz in Ordnung: Wir besuchen Oma und Opa, außerdem hat er noch einen Termin hier. Aber Oma liegt im Hospital und er weiß, dass ich Krankenhäuser nicht mag, allein vom Geruch wird mir übel. Paps drückte mir nach dem Anstandsbesuch am Krankenbett einen Zwanziger in die Hand und meinte, ich solle mir einen schönen Abend machen.“
Es war zwar kein Hochdeutsch, was der Jüngling sprach, aber der Sohn der Wüste konnte ihn dennoch gut verstehen. „Und? Weiß dein Vater denn, wo du jetzt steckst?“
„Gott bewahre! Auch wenn er mehr Verständnis hat, aber bei uns hat meine Mutter die Hosen an, er ist eigentlich ein ganz armes Würstchen. Aber Oma ist genauso!“ Er betätigte die Spülung.
Cihad legte den Arm um ihn. „Du! Ich würde gerne die ganze Geschichte hören, aber nicht hier auf dem Klo. Das ist irgendwie der falsche Ort.“
„Stimmt! Lass uns zum Tresen gehen und da weiter quatschen.“ Christopher gluckste. „Dort dürfte es sicherlich gemütlicher sein als hier, auch wenn wir da nicht unter uns sein werden.“
Der Berber hielt kurz inne. „Äh, andere Frage: Wann musst du eigentlich wieder zuhause sein?“
Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. „Papa meinte, ich soll einen der Nachtbusse nehmen, die würden bis 3:00 Uhr fahren. Von daher? Ich habe also noch mindestens fünf Stunden Zeit.“
„Das ist gut, denn ich hätte dich gerne als Entlastungszeugen an meiner Seite. Wenn ich Matthias die Geschichte erzähle.“ Cihad setzte einen Dackelblick auf. „Der glaubt mir nie, dass du so schnell …“
Der Student schloss die Haustür auf, der Eingangsbereich lag zwar im Dunkeln, aus der Ferne jedoch war Musik zu hören, sein Gatte war also schon daheim. Er zog sich die Schuhe aus und bedeutete Christopher, ihm zu folgen. Je näher die beiden dem Poolbereich kamen, desto lauter wurden die Klänge, die an ihre Ohren drangen. Matthias hatte seine Entspannungsmusik aufgelegt, Maria Callas live in concert‘.
Der Berber betrat den Poolbereich, entledigte sich aber vor der Tür noch seiner Socken. Der Gast mit dem komischen Akzent tat es ihm nach. Der Raum lag fast im Dunkeln, hinter dem kleinen Tresen leuchtete nur die Anzeige der Anlage, ansonsten verliehen vier Windlichter, eines auf dem Tisch neben der Liege, auf der er seinen Mann vermutete, die restlichen verteilt, dem Spaßbereich des Hauses eine fast surrealistische Atmosphäre. Nachdem sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, ging Cihad auf die Chaiselongue zu. Sanft stupste er den Liegenden an. „Hallo Shamsi!“
„Habibi!“ Matthias schüttelte kurz den Kopf, anscheinend war er eingenickt gewesen. „Wo warst du? Ich hab versucht, dich zu erreichen, aber … es ging nur die Mailbox ran!“
Der Wüstensohn griff in seine Hosentasche, holte sein mobiles Kommunikationsgerät hervor und ging näher an die Lichtquelle. Ein leicht verlegenes Grinsen legte sich auf sein Gesicht. „Ähm, der Akku ist leer, hab ich gar nicht bemerkt. Ich glaub, ich brauch beizeiten mal wieder ein neues Handy.“ Er beugte sich zu seinem Gatten herunter, umarmte und küsste ihn.
Als sich ihre Lippen wieder voneinander gelöst hatten, zuckte der oberste Zahlenkontrolleur der Stadt erschrocken zusammen, hatte er doch jetzt erst den dritten Mann, der schräg hinter seinem Liebsten stand, entdeckt. „Amiri! Du hättest ja auch was sagen können! Ich liege hier nackt auf dem Präsentierteller und du bringst Gäste mit! Was soll der nun von mir halten?“
„Schatz! Das ist Christopher …“ Cihad deutete auf den Blonden, dann folgte eine Geste in die andere Richtung. „Christopher, das ist Matze, mein Mann.“
Bevor sich die Angesprochenen die Hände reichen konnten, erhob sich der Beamte und versuchte, den seidenen Morgenmantel, den er trug, noch etwas zurechtzurücken, er wollte wohl die Würde des Hausherren nicht zu sehr ramponieren. Allerdings war das Unterfangen wegen des fehlenden Gürtels nicht ganz so erfolgreich. „Hallo Chris.“
„N ‘Abend!“ Man spürte eine plötzliche Verlegenheit.
Der Brillenträger blickte Cihad an. „Engelchen? Kannst du mir verraten, weshalb du einen Gast …“
„Schatz! Ich muss dir was beichten!“ Der Berber wirkte plötzlich unsicher.
Der Beamte setzte sich, achtete diesmal aber auf die Bedeckung seiner Körpermitte. „Und was?“
„Er hat mir einen runtergeholt, ohne … ohne dass du dabei warst.“ Der Blonde war schneller.
Matthias schüttelte sich verdutzt, blickte seinen Mann an. „Du hast was gemacht?“
„Ich war nach Burger King noch auf ein Bier im Blueberrys, da hab ich auch Chris getroffen. Ich musste mal für Wüstensöhne und …“ Der Student suchte anscheinend etwas auf dem Boden.
„… dann stand Chris da und ihr habt euch auf die Schwänze gestarrt, die dann härter wurden, um dann schließlich Hand anzulegen. So in etwa?“ Sauer wirkte Matthias nicht wirklich.
„Nee, ich stand da und Chris kam rein, aber der Rest stimmt.“ Der Berber schüttelte sein langes Haupthaar. „Nachdem er mir dann lange genug auf den Piepmatz gestarrt hatte, meinte ich, er könne ruhig mal anfassen, was er dann auch tat. Ich hab seinen dann auch … Tja, nach zwei oder drei Bewegungen kam er dann auch schon.“
„Wen willst du verarschen? Einem alten Trapper pisst man nicht in seine Flinte! So schnell kommt kein Mensch! Das …“ Matthias blickte seinen Gatten ziemlich verstört an. „… ist einfach unmöglich.“
„Doch ist es! Ich kann es sogar beweisen!“ Christopher beeilte sich, neben dem reuigen Sünder Aufstellung zu nehmen, nestelte erst an seinem Gürtel, zog sich dann die Jeans samt Boxer in die Kniekehlen und präsentierte dem Hausherren seinen Zauberstab. „Hier!“
Matthias war mehr als verwundert. „Tja, ähm, zwar ein netter Prügel, aber für meinen Geschmack etwas zu dicht bewaldet. Du solltest mehr auf dein Äußeres achten, mein lieber Chris.“
„Pack ihn an und wichs mich etwas!“ Der blonde Jüngling bettelte fast.
„Wieso sollte ich?“
„Weil ich dir was beweisen will!“
Der Kommunalbeamte war sich erst unsicher, ob er dieser, wenn auch verlockenden, Aufforderung nachkommen sollte. Schickten ihn die beiden Ende Juli in den April? Aber es konnte sich ja um keine Aufzeichnung der Versteckten Kamera oder anderer Sendungen ähnlichen Charakters handeln, eine Filmcrew war jedenfalls nicht anwesend. Matthias griff nach dem ihm dargebotenen Teil.
Er hielt den ihm dargebotenen Stift ruhig und sanft in der Hand, hatte noch keine Elektronen an seine Finger geschickt, um mit ihnen irgendwelche Aktionen zu starten, da bemerkte er, wie das Anhängsel sich zusehend versteifte und langsam, fast wie von selbst, die volle Einsatzfähigkeit erreichte, er schätzte es auf 18 Zentimeter Länge, der Durchmesser entsprach ungefähr einer Zweieuromünze. ‚Gut, der wird wohl noch nicht so oft mit anderen gespielt haben!‘ Viel mehr dachte der Brillenträger nicht, als er seinen Fingern den Befehl gab, sich langsam in Bewegung zu setzen.
Das Aroma, das dem Mann aus dem Rathaus in die Nase strömte, war eine Mischung aus Urin und und Sperma. Anscheinend hatte sich dieser Christopher nach seinem Abgang nicht richtig sauber gemacht, aber es war gerade dieser Geruch, der Matthias unvorsichtig werden ließ. Er stoppte seine Hand auf halbem Wege, die Kuppe war gerade freigelegt. Er ließ seine Zunge über das helle Fleisch tanzen und kurz in den Schlitz eintauchen, dann ging er mit dem Kopf wieder zurück. Die Aussicht war hervorragend, der Brillenträger hatte alles im Blick. Seine Linke kam nun auch zum Einsatz und tätschelte den ziemlich schwer herunterhängenden Beutel.
Christophers Teil war steifer als steif, soviel war sicher. Matthias packte jetzt etwas fester zu, eine zweite Wichsbewegung erfolgte, diesmal etwas schneller. Der Atem des Blonden beschleunigte sich. ‚Was geht denn hier ab?‘ Der Beamte war nun vollends irritiert, aber er setzte sein Werk fort. Die Streiche drei und vier erfolgten. Der Beamte erhöhte erneut den Druck, sowohl den auf den Wanderstab als auch auf den dazugehörenden Beutel. Ein Keuchen war zu hören. Fünf, sechs, sieben! Der blond gelockte Adonis krümmte sich leicht. Acht, neun, zehn! Der Knabe begann zu zittern, erst das rechte Bein, dann folgte die linke Extremität. ‚Der will doch wohl nicht schon etwa?‘ Elf!
Der Controller ahnte die Gefahr, die da gleich auf ihn zukommen würde, aber er war unfähig, etwas dagegen zu tun. Wie hypnotisiert starrte er auf die Schlange, die er da bearbeitete. Zwölf! „Jaaaaaa!“ Der erste Schuss des weißen Goldes traf die Nase des Beamten, Treffer zwei und drei verkleisterten ihm das linke Auge. Der junge Mann hatte tatsächlich weniger als eine Minute gebraucht, um seinen Saft in die Freiheit zu entlassen. So was hatte er auch noch nicht erlebt.
Der Brillenträger ließ sich ermattet nach hinten fallen, der weiße Saft folgte den Gesetzen der Schwerkraft. Er leckte sich kurz über die Lippen, der Glibber war fast geschmacklos. „Könnte man mir mal ein Tuch reichen?“
Anstatt eines Textils spürte er plötzlich das Kreisen einer Zunge auf seinem Gesicht. Der Beamte öffnete ein Auge, der Engel mit dem lockigen Haaren leckte die Spuren seines Ausbruchs ab. Ihre Lippen trafen sich, er lächelte verschmitzt. „Ich glaube, deine Zunge kann das auch, oder?“
„Bestimmt!“ Cihad schien zu grinsen, genau sehen konnte Matthias immer noch nicht, er genoss einfach die Reinigung. Allerdings wurde diese kurz unterbrochen, der Sohn der Wüste hatte erst sich sämtlicher Kleidung entledigt und tat dieses jetzt auch bei dem blonden Engel. Als Christophers Oberkörper frei jeder Faser war, drückte der Student den Gast wieder zu seinem Gatten, er sollte sein Werk ja vollenden.
Die innige Verbindung wurde plötzlich jäh unterbrochen, der Mann mit den Locken blickte nach unten. „Was … was machst du da?“
„Du machst meinen Mann sauber und ich mache das Gleiche bei dir!“ Der Student lachte und dockte wieder an, polierte mit seiner Zunge das jugendliche Schwert. Je länger diese Reinigungsprozedur jedoch dauerte, desto deutlicher wurden die Anzeichen einer erneuten Kampfbereitschaft. Cihad entließ das pochende Fleisch in die Freiheit, robbte ein Stück zurück, schaute nach oben. „Sag jetzt nicht, du kannst schon wieder?“
Das Gesichtspeeling war mittlerweile beendet. Der Gast mit der ungewohnten Aussprache zog die Schultern zusammen. „Schlimm?“
„Schlimm nicht, nur … nur etwas ungewöhnlich.“ Matthias gluckste. „Wir sollten deinem Teil aber dennoch etwas Ruhe gönnen. Du sollst uns ja nicht zusammenbrechen.“
„Wie? Ihr wollt schon aufhören?“ Enttäuschung war zu hören.
Der Beamte schüttelte den Kopf. „Christopher, davon habe ich nichts gesagt, wir sollten …“
„Ich hab mir meinen ersten richtigen Sex auch etwas anders vorgestellt, so zu zweit, romantisch, mit Kerzenlicht und Kuschelmusik.“ Seine Stimme wirkte brüchig. „Aber … aber jetzt?“
„OK, die Callas ist nicht gerade bekannt für Kuschelrock, aber … die Musik kann man ändern.“ Cihad hatte sich erhoben und steuerte die kleine Bar an. „Kerzen brennen auch, also …“ Die musikalische Untermalung wurde gestoppt, die CD gewechselt, anstelle der klassischen Töne erfüllte jetzt jazzige Loungemusik den Pool. „So, das hätten wir. Und wer kann schon sagen, sein erstes Mal war ein Dreier? Ich kenne keinen! Du etwa, Habibi?“
„Mir ist auch keiner bekannt.“ Der Beamte streichelte über die Brust des Gastes. „Wenn du willst, stoppen wir hier und jetzt, denn … dein Erstes Mal solltest du genießen.“
„Wie jetzt?“ Der Blonde wirkte mehr als verwirrt.
Matthias deutete nach unten. „Du könntest dich jetzt um mein Teil kümmern und Cihad spielt mit deiner Kirsche, oder du legst dich einfach hin und ich massiere dich.“
„Das kann er ziemlich gut.“ Der Berber hatte die Liege wieder erreicht.
Der Controller nahm das Gesicht des Gastes in seine Hände, drückte ihm einen leichten Kuss auf die Stirn. „Es ist dein Erstes Mal, du bestimmst die Musik!“
„Echt jetzt?“ Verwunderung machte sich auf seinem Gesicht breit.
Der Student nickte. „Echt! Der erste richtige Sex mit einem Mann sollte unvergesslich sein! Meinen würde ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen.“
„Wie war der?“ Hörte man da Neugier?
Cihad rümpfte die Nase. „Es war in den Ferien, ich war so 16. Einer der Söhne unseres Vorarbeiters, Hamid, war gerade auf Heimaturlaub vom Militär, er war bei der Marine, ein Bild von einem Mann, sage ich dir. Ich war sofort hin und weg. Er fickte mich im Ziegenstall und, als er fertig war, ging er einfach, ich kam nicht einmal. Ich fühlte mich einfach nur … gebraucht und abartig! Ich wollte keinen Sex mehr, mit niemandem und nie mehr.“
„Und wie kam es dann, dass du … naja … dass du dabei geblieben bist?“
„Schuld war Rob Adams, der kam nach diesen unsäglichen Ferien zu uns in die Stufe.“ Er lächelte Christopher verschüchtert an. „Es hat zwar gedauert, bis wir im Bett landeten, aber das war dann mein Erstes Mal. Und … ehe du fragst; der Vorfall mit Hamid? Das … das war nur Druckabbau seinerseits, also außerhalb der Wertung; habe ich später jedenfalls so für mich beschlossen.“
Der Blonde kratzte sich am Kinn. „Okay! Aber … was ist eigentlich ‚meine Kirsche‘? Matthias sagte …“
Der Berber lachte. „Dein Loch!“
„Wie? Mein … mein Loch?“
„Yepp!“ Der Student ließ seine Finger über den Rücken des Gastes tanzen und im Tal der Könige stoppen. „Cherry heißt auch Jungfräulichkeit. Wenn man sagt ‚to pop one’s cherry‘ bedeutet das also jemanden entjungfern. Naja, und bei Schwulen? Da ist es halt eine der vielen Umschreibungen, die nicht im Wörterbuch stehen.“
Der Blonde überlegte kurz, grinste dann aber Cihad an und leckte sich die Lippen. „Na, dann kümmer dich mal um meine Kirsche.“
Cihad wirkte erst überrascht, aber er tat dann doch, wie ihm geheißen. Christopher war derweil nach unten gerutscht, kümmerte sich intensiv um den Griffel des Beamten und streckte dabei seinen leicht birnenförmigen Hintern hervor. Die Hände des Berbers zogen die Backen auseinander, um seiner Zunge im engen, bewaldeten Tal mehr Platz zu schaffen. Der Student griff kurz durch die Beine und spürte wieder harten Marmor.
Nach fünf oder sechs Minuten Zungenbehandlung sprang der junge Mann plötzlich auf, die Nase des Berbers erlitt dabei jedoch keinen bleibenden Schaden, und er stellte sich breitbeinig über die Liege. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und der Sohn der Wüste griff sich den Stab des Beamten und dirigierte ihn in Richtung des sich langsam senkenden Hinterns. Die Vereinigung stand kurz bevor. Matthias‘ Kuppe hatte gerade das Tor aufgestoßen, war noch nicht ganz in der heiligen Halle verschwunden, da warf sich der blonde Engel zurück, sackte so noch etwas tiefer auf den Stempel des Beamten, aber gleichzeitig feuerte er auch aus allen Rohren.
Nachdem der Gast einigermaßen wieder zu Atem gekommen war, setzte er sich, zur Überraschung aller, selbstständig wieder in Bewegung. Auf und ab, erst ganz langsam, dann aber erfolgte das Muskelspiel in immer schnelleren Abständen, er ritt wie ein gelernter Rodeoreiter auf dem sich nun windenden Beamten. Cihad traute kaum seinen Augen, versuchte er doch immer seinen Abgang so lange wie möglich hinauszuzögern, denn er wusste genau, nach dem Moment der höchsten Freunde fiel er in ein tiefes Loch, wollte nicht mehr gefüllt sein, sondern nur noch kuscheln, die Wärme und die Nähe seines Mannes spüren. Aber Christopher war offensichtlich anders gestrickt.
Matthias genoss die Enge des ihm dargebotenen Kanals, allerdings war der Druck, der auf sein bestes Teil ausgeübt wurde, enorm; lange würde er wohl nicht standhaft bleiben können. Als die Bewegungen schneller wurden, die Kolbenhübe immer tiefer, konnte er nur noch stöhnen, aber mehr als „Ich … geil … ja …“ brachte er nicht über seine Lippen.
Matthias nahm alle Kraft, die er noch aufbringen konnte, zusammen und schrie die Warnung vor der drohenden Vulkaneruption heraus. Aber anstatt aufzuspringen, ließ Christopher sich noch tiefer auf ihn sinken und zog seinen Muskelring noch stärker zusammen. Er spürte deutlich die fünf Schübe der weißen Lava, die der Beamte in sein jungfräuliches Loch pumpte.
Matthias war nass geschwitzt. Als er einigermaßen wieder bei Sinnen war, griff er nach dem Hals des Blonden, zog ihn zu sich herunter. Lippen berührten sich. Zungenspitze traf auf Zungenspitze. Durch die Bewegung nach vorne ploppte der Füller des Beamten aus seinem schützenden Futteral. Aber der Fremde schien ein Nimmersatt zu sein. Während seine Lippen mit denen des Brillenträgers beschäftigt waren, griff seine Rechte nach hinten, suchte wohl nach dem Stab des Beduinen.
Cihad betrachtete die Szene erst mit Unglauben, dann aber, als die Fingerspitzen des Blonden seine freie Kuppe aufgespürt hatten, folgte er ihnen willig wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Sein Gatte hatte gute Vorarbeit geleistet, das Loch war offen wie ein Scheunentor. Matthias‘ Prügel war zwar nicht ganz so lang wie sein eigener Sahnespender, aber dafür war er etwas dicker, zwar nicht ganz rund, eher leicht rechteckig, aber er liebte das Anhängsel seines Mannes. Er ließ sich zwar auch von anderen nehmen, aber am liebsten war es ihm dann doch, wenn sich sein Matthias, sein Mann, sein Geliebter und Freund, in ihm verewigte.
Der Sohn eines Berbers durchpflügte nun die Wüste, die ihn eingeladen hatte. Er spürte an seiner Spitze die volle Hinterlassenschaft seines Gatten. Es war, als hätte man ihm eine Droge gegeben, eine verbotene Substanz in die Blutbahn gespritzt; es war ein ganz besonderer Kick für ihn, in ein volles Loch einzutauchen. Er trieb sein Kamel an. Plötzlich scheute es, bäumte sich auf, um dann wieder weiter durch die sandigen Berge zu traben. Er griff nach vorn, Christophers Kuppe war wieder einmal mehr als feucht. Hatte er etwa schon wieder?
Das engelhafte Wesen mit dem komischen Akzent und der Beamte küssten sich, ihre Gesichter schienen zu verschmelzen. Je mehr sie verschmolzen, desto enger wurde der Ring aus Muskeln, der sich um Cihads bestes Stück zog; lange würde er auch nicht mehr aushalten können. Der Absolvent der CAS tat sein Bestes. Die Krönung wäre gewesen, wenn Matthias jetzt noch zu ihm gestoßen wäre, aber dazu war es schon zu spät, er war schon zu nah an der rettenden Oase. Er wollte zwar seinen Wüstensaft in die Freiheit entlassen, aber eine erneute Muskelkontraktion machte ihm einen Strich durch seine Rechnung: Anstatt auf offenem Feld versprüht zu werden, vermischte sich sein Saft nun mit dem seines Gatten. Er brach auf dem Rücken des Gastes zusammen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die Sauerstoffaufnahmerate hatte sich halbwegs wieder normalisiert, wurden Matthias die zwei Personen, die – mehr oder minder – auf ihm lagen, einfach zu schwer. Er stieß sie von sich, sprang auf, entledigte sich seines Bademantels. Der städtische Beamte machte vier oder fünf Schritte, sprang in das kühle Nass, tauchte unter, nicht nur, um die Spuren der gerade erlebten Vulkanausbrüche zu beseitigen. Nach ein paar Bewegungen im Wasser fand er auf die Füße und sah die zwei Personen, die immer noch auf der Liege lagen. „Was ist los? Kommt ins Wasser!“
Cihad und Christopher folgten dieser Aufforderung, kurze Zeit später waren zwei menschliche Einschläge zu vernehmen. Die drei Männer planschten mehr als sie schwammen, aber das tat dem Spaß keinen Abbruch. Sie neckten sich, sie tauchten sich unter, sie betasteten sich über und unter Wasser, kurz gesagt, es war ziemlich kurzweilig, was sie da taten.
Der Beamte stieg zuerst aus dem Wasser, reichte erst seinem Gatten und dann dem Gast die Hand, um ihnen aus dem Wasser zu helfen. Als er sich wieder auf seiner Liege ausgestreckt hatte, blickte er den blonden Jüngling an, der ihm gegenübersaß. „Also Christopher, dass gerade war … echt spitze!“
„Fand ich auch!“ Er lachte über beide Backen. „You popped my cherry!“
„Wie jetzt?“ Matthias wirkte leicht ratlos.
Cihad grinste. „Habibi! ‚You‘ ist zweite Person, sowohl im Singular wie auch im Plural! Wir haben ihn beide zum Manne gemacht, mein Engel!“
„Und wir haben keine Morgengabe vorbereitet! Sorry, aber hätte ich gewusst, dass ich heute noch jemanden die Unschuld raube, hätte ich einen Kuchen gebacken.“ Er grinste den Gast frech an. „Aber eins muss ich dir sagen, lieber Christopher: Du spritzt schneller als so manch ein notgeiler Türke!“
Der Angesprochene konnte wohl nicht viel mit dem letzten Teil der Aussage anfangen, zuckte nur mit den Schultern. „Ich weiß zwar nicht, wie schnell oder wie langsam unsere südosteuropäischen Mitbürger ihre Wichse verteilen, ich hatte noch nie das Vergnügen, aber … was soll ich auch anderes machen? Seit mehr als zwei Jahren darf ich nur in der Fantasie spielen, aber heute? Heute bin ich mit gleich zwei nackten Männern zusammen, habe Spaß bis zum Gehtnichtmehr und bin endlich keine Jungfrau mehr. Ich fühle mich einfach nur sau geil; ich wollte, es könnte immer so sein!“ Er seufzte herzergreifend. „Auch wenn es kitschig klingen mag, ich wollte, ich könnte die Zeit anhalten.“
Der Beamte rieb sich verwundert die Augen. „Wie jetzt? Du willst mir doch jetzt nicht erzählen, du hättest dich bis jetzt … nur mit der Hand vergnügt?“
„Doch, ist leider so!“ Er seufzte. „Gut, Jenny, die Tochter unserer Putzfrau, hat mir einen Dildo besorgt, mit dem ich geübt habe, aber außer dem und meiner Hand? Ich war immer nur alleine mit mir! Kurz nach meinem Geburtstag hat mich Mama erwischt, wie ich mit Timo, einem Jungen aus der Nachbarschaft, auf meinem Bett lag. Wir haben uns nur gestreichelt und geküsst, mehr ist wirklich nicht passiert, aber als sie uns sah? Sie hat einen Tobsuchtsanfall gekriegt, frag nicht nach Sonnenschein! Wir wären doch krank und abartig! Dann hat sie ihn rausgeschmissen und mich dann mit dem Kochlöffel bearbeitet. Das ist jetzt zwei Jahre her; seitdem …“
„Das glaube ich jetzt nicht!“ Der Brillenträger streckte seine Hand nach dem Gast aus, legte sie auf dessen Oberschenkel ab.
Die Beinschere wurde weiter geöffnet. „Doch! Sie hat mir sogar extra eine Entschuldigung für den Sportunterricht geschrieben, damit niemand meine blauen Flecken sehen konnte.“
„Nicht dein Ernst!“ Selbst Cihad wirkte erschrocken.
Der blonde Jüngling nickte traurig. „Doch! Für meine Mutter zählt nur der Schein, nach außen hin sind wir die heile Familie, aber nach innen? Frag‘ besser nicht! Mein Vater ist ein armes Würstchen, er schiebt eine Überstunde nach der anderen, nur um nicht zuhause zu sein. Ich bin auch lieber weg.“
„Dass eine Mutter so etwas tun kann?“ Matthias schüttelte sich. „Unglaublich!“
Christopher zuckte erneut mit den Schultern. „Sie kann! Seit damals mit Timo überwacht sie jeden meiner Schritte, ich komme mir vor … wie im Knast! Sie hat es sogar geschafft, meine Lerngruppe für das Abi zu vergraulen, niemand wollte mehr mit mir was zu tun haben. Wie würdest du dich fühlen, wenn du mit jemandem Mathe lernen möchtest, aber vorher erst ausführlich über dein Sexualleben ausgefragt wirst?“
„Nicht gut!“ Der Berber atmete tief durch. „Aber du hast dein Abi ja jetzt in der Tasche! Was willst du eigentlich damit anfangen?“
„Ich würde am liebsten Kunst studieren, so in Richtung Fotografie. Ich habe mich heimlich in Münster an der Kunstakademie beworben und sogar eine Zusage bekommen, aber ich glaube, das kann ich knicken: Mama wird das nie zulassen!“ Pure Resignation lag in seiner Stimme.
Der Berber schüttelte sich. „Wie? Du bist erwachsen, ein freier Mensch!“
„Du kennst meine Mutter nicht! Entweder ich studiere in Dresden, wo sie mich kontrollieren kann, oder ich schreibe mich hier für Logistik ein, dann übernimmt Oma die Stallwache! Hat sie bei meinem Vater auch schon gemacht, er durfte nie ein freier Mann sein!“
Matthias hatte nun beide Hände auf den Oberschenkeln des Gastes. „Ich bin zwar kein Experte in Familienrecht, aber ich habe auch mal Jura studiert. Du kannst ohne Weiteres deinen eigenen Weg gehen, Unterhalt müssen deine Eltern für dich sowieso zahlen, egal was und wo du studierst. Wenn du willst, rufe ich morgen einen befreundeten Anwalt an, der dich sofort vertreten kann.“
„Danke, aber … aber was würde das bringen?“ Trauer lag in seinen Augen. „Wo soll ich in der Zwischenzeit hin? Freunde, bei denen ich Unterschlupf finden könnte, habe ich nicht, dafür hat Mutter schon gesorgt! Und zu meinen Großeltern?“ Er schüttelte sich erneut. „Da käme ich vom Regen in die Traufe, denn die Mutter meines Vaters ist genauso ein Drache.“
Die Spitzen der kleinen Finger des Beamten hatten mittlerweile die Haarspitzen der Kronjuwelen des Gastes erreicht. Er blickte spitzbübisch zu seinem Gatten. „Schatz? Was meinst du?“
Der Berber, der neben seinem Mann saß, grinste. „Ich würde sagen, wir nehmen erst einmal den 6er und schauen dann, wie es aussieht. Kürzer geht ja immer, ankleben kann man ja schlecht!“
„Würde ich auch sagen!“ Süffisant lächelte er erst den Gast und dann seinen Liebsten an. „Bist du dann mal so nett und holst den Akkuschneider? Der müsste oben im Bad sein.“
„Wie jetzt? Was habt ihr vor?“ Christopher bekam große Augen.
Cihad hatte sich erhoben und legte seine Rechte auf die Schulter des blonden Engels. „Tja, es ist zwar kein Gesetz, aber alle Bewohner des Hauses sind da unten entweder blank wie ich oder gestutzt wie bei Matthias. Und da du in den nächsten Monaten wohl unser Gästezimmer belegen dürftest, wäre es nicht schlecht, wenn du auch …“
„Ich werde was?“ Ungläubig starrte er den Berber an. „Das … das geht doch nicht!“
Der Student zog den jungen Mann hoch, küsste ihn. „Wieso sollte das nicht gehen? Du willst Kunst studieren, hast sogar einen Studienplatz, also … warum nutzt du diese Chance nicht? Matthias will dir nur helfen, endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Gut, mit deiner Familie könnte es etwas hart werden, aber da musst du durch. Keine Angst, wir helfen dir dabei.“
„Gut? Aber … aber wie soll das gehen?“
„Du ziehst in unser Gästezimmer und wir fahren gemeinsam nach Münster.“ Der Berber lachte. „Und wenn du wieder mal mit uns spielen willst, kein Thema. Fall du jemanden findest, für den dein Herz schlägt, ist das auch kein Problem, hier im Haus gibt es nämlich keine Regeln für nächtliche Herrenbesuche! Hauptsache ist, du stehst rechtzeitig auf, um zur Uni zu kommen … oder zur Kunstakademie, da hat Matthias ein Auge drauf. Manchmal würde ich auch lieber liegen bleiben, aber dann treibt er mich regelrecht aus dem Bett.“
Der Beamte räusperte sich. „Wir, also Cihad und ich, wir bieten dir unsere Hilfe an: Du kannst sie annehmen und glücklich werden, oder du kannst auch ‚Nein danke!‘ sagen; wir sind dir deshalb nicht böse. Es ist deine Entscheidung!“
„Ich weiß, du kannst sie treffen!“ Der Berber wuselte in den blonden Haaren. „Also tue es auch, denn sonst? Sonst wirst du es eines Tages bereuen!“
Stille trat ein, man sah, wie es in dem Blonden arbeitete. „Dann brauch ich keinen Aufsatz!“
„Wie meinst‘e denn das jetzt?“
„Die Haare da unten!“ Er deutete auf den Wildwuchs um sein Gemächt. „Alles ab! Ich will es glatt haben, so als Zeichen des Neuanfangs!“
„Ganz wie du es gerne haben möchtest!“
„Danke! Aber ich kann noch nicht sagen, wann … wann ich hier genau einziehe!“
„Wieso? Du bist doch jetzt hier!“
„Stimmt, aber ich bräuchte ein paar Sachen, die jetzt noch in Dresden sind: Abiturzeugnis, Reisepass, Sparbuch, meine Fotoausrüstung und mein Kuscheltier, … halt solche Sachen.“ Er blickte die beiden fast flehentlich an. „Und zum Anziehen brauche ich ja auch etwas, oder? Gut, hier im Haus könnte ich nötigenfalls nackt rumlaufen, macht mir nichts aus, aber ich glaube nicht, dass das im Zug oder im Hörsaal so gut kommen würde.“
„Wäre zumindest mal was Neues!“
Man besprach noch etliche Einzelheiten und gegen kurz nach drei bestieg Christopher ein Taxi, um zum großelterlichen Anwesen zu kommen. Sollte die Verspätung jemandem auffallen, so sollte er sagen, er hätte den falschen Weg von der Bushaltestelle aus eingeschlagen.



Als die beiden Lebenspartner aufwachten, war das Mittagsläuten schon lange verklungen. Cihad blickte über seinen Kaffee hinweg seinen Gatten an. „Meinst du, wir tun das Richtige?“
„Schatz, wir haben Christopher bisher nur ein Angebot gemacht, das muss er erst einmal annehmen.“ Der Beamte griff sich den Süßstoff. „Wenn er es annimmt, dann sehen wir weiter, aber das sind die Probleme von morgen, nicht die von heute! Er hat heute Nacht zwar Ja gesagt, aber wer weiß, ob er nicht in letzter Sekunde noch einen Rückzieher macht?“
„Ich an seiner Stelle? Ich würde nicht zögern! Ich war ja in der gleichen Situation!“
„Schatz, das stimmt nicht so ganz!“ Der Beamte setzte die Tasse ab.
Cihad schaute etwas verwundert. „Wie meinst du das denn jetzt?“
„Du lagst im Straßengraben und hattest – mehr oder minder – mit dem Leben schon abgeschlossen, du konntest also keine freie Entscheidung mehr treffen, ob du mitkommen wolltest oder nicht. Ich habe dich einfach mitgenommen und …“
„… mir dadurch mein Leben gerettet!“ Der Berber lächelte dankbar.
„Stimmt, aber als ich dich aufgelesen hatte, hattest du immer nur ‚Rob‘ gerufen, immer wieder. Ich dachte zuerst, du wärst Opfer eines Überfalls geworden, aber dann?“ Matthias blickte seinen Gatten intensiv an. „Als uns die Ärzte nicht helfen wollten, ich habe in deiner Brieftasche das Bild dieses Surfers entdeckt und die Widmung: ‚With luv – Rob‘. Tja, da wusste ich Bescheid!“
„Und was hättest du gemacht, wenn auf dem Bild eine Frau gewesen wäre?“
„Wohl genau das gleiche, was ich getan habe, aber nur …“ Der Brillenträger grinste den Studenten frech an. „… dann hätte ich dich wohl nicht mit nach Deutschland genommen und hätte auch nicht die beste Entscheidung meines Lebens getroffen, nämlich ja zu dir zu sagen.“
„Du! Ich liebe dich! Hab ich das heute schon gesagt?“
„Nein, aber das höre ich immer wieder gerne!“ Matthias trank einen Schluck. „Aber wir sollten jetzt etwas aufräumen und wir müssen noch einkaufen.“
„Wann musst du eigentlich los?“ Der Berber biss in seinen Toast.
„Laut Einladung fängt der Spaß schon um drei an, mit einer Schulbesichtigung und anschließendem Kaffeetrinken, danach geht es ins Kurhaus zur Zeugnisübergabe für den diesjährigen Abiturjahrgang. Die eigentliche Veranstaltung fängt erst gegen sieben an.“ Matthias lachte. „Es reicht vollkommen, wenn ich um 19:15 Uhr da aufschlage!“
„Und was machen wir bis dahin?“
Der Controller leckte sich lasziv die Lippen. „Wir könnten mal wieder durch die Wüste reiten!“
„Du auf mir oder ich auf dir?“ Cihad klimperte mit den Wimpern.
„Wir auf uns, aber …“ Der Beamte zog die Schultern zusammen. „… dann müsstest du den Einkauf wohl komplett alleine machen.“
„Damit hätte ich kein Problem, die Läden haben ja eh bis zehn auf.“
Bevor jedoch die gegenseitigen Wüstenexpeditionen unternommen werden konnten, musste erst einmal die ganz profane Hausarbeit erledigt werden. Cihad saugte Staub und schwang den Feudel, Matthias kümmerte sich derweil um die Spülmaschine, den Müll und das Altpapier. Die Grünabfälle, die sein Gatte am Vortag produziert hatte, mussten ja auch noch zur Kippe gebracht werden. Auf dem Rückweg fuhr er zur Aral-Tankstelle, sein drei Jahre alter Opel Astra Caravan hatte Durst und musste – nach vier Wochen – auch mal wieder gewaschen werden.
Dort deckte sich der Beamte auch mit zwei Zigarren und einer Packung Davidoff ein. Die Zigaretten brauchte er, der Gelegenheitsraucher, falls er mehr als zwei Bier trinken würde, denn dann würde ihn die Sucht nach Nikotin – wieder einmal – übermannen; er kannte sich ja. Und die Zigarren waren für den Fall, dass Thomas Goldmann am heutigen Abend auftauchen würde, das alte Ritual von damals sollte wiederholt werden.
Acht der 98 Abiturienten des Jahrgangs waren dem eigenen Geschlecht zugeneigt, aber nur zwei, nämlich Thomas und er, zeigten diese Veranlagung auch öffentlich. Auf dem Abiball, der damals noch nicht so vornehm ablief wie heute, tauschten sie, nach dem Entzünden, die obligatorischen Zigarren, um dann öffentlich am Inhalationsgerät des jeweils anderen zu nuckeln.
Cihad schüttete den Inhalt des Wischeimers in den Gulli, alle wischbaren Böden des Hauses waren gereinigt, mussten nur noch trocknen. Auch wenn die Haustür sperrangelweit offen stand, die Fliesen im Flur schimmerten noch Nass. Sein Weg führte ihn daher durch den Garten. Der Poolbereich bedurfte zwar keiner großartigen Reinigung, die Spuren der Rasur hatten sie direkt im Anschluss daran beseitigt, aber die gebrauchten Gläser mussten noch abgeräumt werden.
Er rückte gerade die Liegen wieder in ihre ursprüngliche Position, da entdeckte er unter einer der Ganzkörperablagen ein ledernes Behältnis. Er griff nach dem schwarzen Etwas, für ein Portemonnaie war es eindeutig zu dünn und es gehörte weder Matthias noch ihm, also konnte nur Christopher der Eigentümer sein. Er überlegte: Das Mäppchen musste dem angehenden Studenten wohl beim etwas überhasteten Ausziehen aus der Tasche gerutscht und so unter die Liege gekommen sein.
Neugier übermannte ihn. Der Student öffnete das Teil, es war eine Art Sammelstelle für Scheckkarten und ähnliche Ausweispapiere. Im obersten Fach sah er den Führerschein. Da er einen Faible für amtliche Bilder hatte, betrachtete er das wenig schmeichelhafte Konterfei des Jünglings, der gestern zum Mann wurde. Christopher Alexander Frankenberg.
Mit Schrecken fiel ihm auf, er hatte gar keine Nummer des potenziellen Hausgenossen. Man hatte es schlicht und einfach vergessen, die Erreichbarkeiten auszutauschen. Aber wozu gibt es Internet und Suchmaschinen? Auf Facebook brauchte er keine Minute und das Profil des Noch-Dresdeners war auf dem Monitor zu sehen. Er schickte ihm eine Nachricht mit seiner Telefonnummer und der Bitte um dringenden Rückruf.
Aber Cihad ging mit seinen Suchüberlegungen noch einen Schritt weiter: Wenn Christopher hier seine Großeltern besuchte, dann war die Wahrscheinlichkeit mehr als gegeben, dass diese auch Frankenberg hießen. So viele Träger dieses Namens dürfte es im Städtchen ja nicht geben, also rief er noch das elektronische Telefonbuch auf und fand vier Einträge. Die erste Nummer war besetzt, bei der zweiten nahm niemand ab. Der dritte Eintrag hatte den Zusatz Steuerberater, dort dürfte samstags wohl niemand sein, also tippte er die vierte Nummer. Es läutete.
„Frankenberg.“ Die Stimme am am anderen Ende der Leitung klang etwas brüchig.
Cihad erschrak, hatte er doch vergessen, sich eine passende Geschichte als Grund seines Anrufes einfallen zu lassen. „Äh, Cihad Benlimane-Richard hier. Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche einen Christopher Frankenberg.“
„Christopher? Einen Christopher gibt es hier nicht.“ Man merkte, die Dame überlegte. „Was wollen Sie denn?“
„Ich habe Papiere gefunden: Führerschein, Personalausweis.“ Diese Aussage entsprach ja auch der Wahrheit. „Dann entschuldigen Sie bitte die Störung und schönen Tag noch, Frau Frankenberg.“
„Moment, junger Mann, vielleicht kann ich ihnen ja doch helfen.“ Der Hörer wanderte von einem Ohr zum anderen. „Den einzigen Christopher Frankenberg, den ich kenne, ist der Enkel meines Schwagers, aber der wohnt in Dresden äh … also Christopher, nicht mein Schwager, der wohnt hier.“
„Dann ist er es! Laut Personalausweis wohnt … Moment!“ Er griff sich das amtliche Dokument. „Laut Perso wohnt Christopher Alexander Frankenberg in der Stübelallee.“ Cihad nannte sogar den Namen des Gymnasiums, denn den Schülerausweis des potenziellen Mitbewohners hatte er ebenfalls in den Unterlagen gefunden.
„Dann ist es mein Großneffe!“ Sie atmete tief durch. „Sie müssen entschuldigen, dass ich erst etwas vorsichtig war, aber man hört in letzter Zeit wieder so oft von diesen Anrufen, in denen betagte Senioren Geld für in Not geratene Enkel an Fremde geben sollen.“
„Stimmt!“ Der Sohn der Wüste grinste. „Hätten sie vielleicht die Nummer für mich?“
„Aber gewiss doch! Moment, ich muss nachschauen, mein Zahlengedächtnis ist nicht mehr ganz so gut wie früher.“ Die Dame kicherte. „Aber ich finde es nett, dass sie anrufen: Mir ist vor fünf Jahren mal die Handtasche geklaut worden, mit allen Papieren, als wir mit dem Kirchenchor in Berlin waren. Können Sie sich das vorstellen? Das Geld war mir ja nicht so wichtig, aber was meinen sie, was das für eine Lauferei war, ehe ich alle Unterlagen wieder zusammen hatte. … Ah, da habe ich sie! … Haben sie was zum Schreiben?“
„Aber gewiss doch.“ Er notierte die Nummer, die er nicht auf der Liste fand. Wie sich später herausstellte, war es der Privatanschluss des Steuerberaters, der nicht öffentlich zugänglich war und der nicht weit entfernt wohnte, die Straße kannte Cihad sogar. Man verabschiedete sich freundlich und Cihad tippte schon die Ziffern, aber er hielt plötzlich inne. Falls Opa Frankenberg auch so intensiv nachfragen würde, müsste seine Geschichte durchdachter sein. Die Dame eben hatte ihm – mehr oder minder – ja die Vorlage geliefert. Aber Moment! Laut Absprache war Chris ja mit dem Bus unterwegs gewesen, da kann man auch seine Papiere verlieren. Er wählte.
„Frankenberg!“ Die Stimme klang fest.
Der Deutsch-Marokkaner musste dennoch kurz schlucken. „Guten Tag, Herr Frankenberg. Cihad Benlimane-Richard, ich müsste mal ihren Enkel Christopher sprechen.“
„Meinen Enkel? Was wollen sie von dem?“
„Ich habe im Bus sein Lederetui mit seinen Papieren gefunden, also Personalausweis, Führerschein und so. Leider fand ich keine Handynummer, sonst hätte ich da angerufen.“ Der Student holte Luft. „Und ehe ich in Dresden anrufe, dachte ich, ich rufe erst mal hier alle Frankenbergs an, die im Telefonbuch stehen, und frage, ob er hier zu Besuch ist.“
„Der Junge hat seinen Kopf auch nur noch zum Haareschneiden!“ Ein Grummeln war zu hören. „Er hat noch gar nicht gesagt, dass er was verloren hat! Aber wahrscheinlich hat er das selbst noch gar nicht bemerkt: Er ist … irgendwie … durch den Wind.“
Cihad konnte sich vorstellen, woran das lag. „Soll ich vorbeikommen und ihm das Teil bringen?“
„Bitte?“ Sein Gegenüber schien verwundert. „Nee, das lassen sie mal besser! Der Junge muss endlich lernen, was es heißt, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Wenn sie jetzt das Teil bringen, wird er meinen, man muss nicht auf seine Sachen aufpassen, es gibt ja andere, die mitdenken. Er war heute Morgen in Münster und ist jetzt mit seinem Vater unterwegs, die beiden wollten erst etwas Einkaufen und dann meine Frau im Krankenhaus besuchen.“
„Mir soll das egal sein, ich hab eh noch einiges für die Uni zu erledigen.“
„Jeder muss mal seinen Gang nach Canossa antreten!“ War das Schadenfreude in seiner Stimme? „Der Junge wollte heute Abend zwar wieder ins Kino, aber erst schicke ich ihn bei ihnen vorbei. Darf ich um ihre Adresse bitten?“ Man tauschte die notwendigen Informationen aus und legte dann auf.
Aus dem geplanten Ausritt in die Wüste wurde dann aber doch nichts. Kaum hatte Matthias seinen Liebsten in die Arme geschlungen, als er wieder im Hause war, ihn schon halb ausgezogen, als das Telefon klingelte. Margit Richard, Matthias‘ Mutter (die Genitive mit „von“ gebildet finde ich furchtbar), war am anderen Ende der Leitung. „Schatz! Gehst du bitte bei uns vorbei und holst die Notfalltaschen deiner Großmutter?“
„Was ist passiert?“ Der Beamte stöhnte.
„Ich bin gerade im Luisen-Krankenhaus, deine Oma hat einen Oberschenkelhalsbruch!“
Der Brillenträger fuhr sich durch die Haare. „Wie hat sie das denn wieder geschafft?“
„Frag mich bitte was Leichteres, ich kann es dir auch nicht sagen.“ Ein Schluchzen war zu hören. „Wir haben Kaffee getrunken, ich bin dann nach unten in den Keller an die Waschmaschine, sie saß da noch am Esszimmertisch und hat Zeitung gelesen. Sie muss sich dann wohl abgestoßen haben, ist mit dem Rollstuhl ins Wohnzimmer gerollt, wollte wohl aufs Sofa. Scheinbar hat sie die Bremsen nicht arretiert, jedenfalls … sie lag unter dem Wohnzimmertisch, als ich sie gefunden habe.“
„Mama! Alles klar, ich bin gleich bei dir.“ Er legte auf.
Cihad blickte ihn fragend an. „Was ist los?“
Die spärlichen Informationen waren schnell ausgetauscht. Matthias machte sich auf den Weg zu seinem Elternhaus, das keine 25 Meter entfernt lag. In dem Zweifamilienhaus hatte er als Kind mit seinen Eltern im Erdgeschoss gewohnt, während seine Großeltern in der ersten Etage ihre Unterkunft gefunden hatten. Sein Vater war Jugendpfarrer des Kirchenkreises gewesen, eine eigene Gemeinde hatte er nie gehabt, somit hatte man auch nicht in einem Pfarrhaus gewohnt, sondern privat.
Matthias ging in sein altes Zimmer, mittlerweile stand dort ein Krankenbett, in dem seine fast 90 jährige Großmutter sonst schlief. Er suchte nach der – immer gepackten – Notfalltasche. Seine Oma, die weit später Witwe geworden war als seine Mutter, hatte immer auf ihre eigene Wohnung und ihr eigenes Leben bestanden, sie wollte für sich selbst sorgen und niemandem zur Last fallen. Zwar nahmen die beiden Frauen seit Jahren schon ihre Mahlzeiten gemeinsam ein, aber sie führten dennoch ihr eigenes Leben.
Diese Eigenständigkeit hatte vor knapp einem Jahr geendet, als die Kniegelenke der betagten Seniorin nicht mehr mitmachen wollten. Treppensteigen ging nicht mehr, das Alter forderte seinen Tribut. Oma war in den Rollstuhl gekommen und, sehr gegen ihren Willen, ins Erdgeschoss gezogen, in sein altes Zimmer. Matthias, nach der Renovierung seines eigenen Hauses mittlerweile erprobt, hatte dann mit dem Umbau seines Elternhauses begonnen: Zuerst war das Erdgeschoss seniorengerecht umgebaut worden, dann die Wohnung in der ersten Etage gefolgt, die jetzt endlich vermietet werden konnte.
Matthias fand seine Mutter im Wartebereich vor dem OP, der wirklich nicht einladend aussah. Die sonst so agile Witwe wirkte mitgenommen. Die Frage, ob er bleiben sollte, wurde aber verneint. „Du hast gleich Klassentreffen! Es reicht, wenn meine Mutter, was deine Großmutter ist, einem von uns das Abendprogramm versaut! Ich wollte eigentlich zu Marlene, die gibt heute eine Tupperparty, Tante Marianne wollte auf Oma aufpassen. Weißt du, um was sie mich bat, als wir zusammen mit dem Krankenwagen hergefahren sind?“
„Bis jetzt noch nicht, aber ich bin mir sicher, du wirst es mir gleich erzählen!“
Die Witwe verzog ihr Gesicht. „Sie wollte nur aufs Sofa, um sich diesen Reisebericht aus Ostpreußen anzuschauen! Sie will im nächsten Jahr unbedingt nach Königsberg in ihre alte Heimat! Dann bettelte sie mich mehr oder minder noch an, ich solle sie wegen des kleinen Unfalls ja nicht ins Altersheim geben, da würde sie nur vor die Hunde gehen.“
„Als ob das könntest!?“
Matthias blieb dann aber doch noch so lange im Krankenhaus, bis die Schwägerin seiner Großmutter, besagte Tante Marianne, auftauchte. Für den Rücktransport seiner Mutter war also gesorgt, er konnte ohne große Gewissensbisse von dannen ziehen. Wieder in heimischen Gefilden berichtete er seinem Liebsten die Neuigkeiten, musste sich dann aber doch beeilen, um nicht zu spät „zu spät“ zu seinem Treffen zu kommen, denn auch ein verspätetes Erscheinen will vorbereitet sein.
Als der Beamte gegen 19:10 Uhr das Taxi verließ, stieß er noch auf dem Parkplatz auf Florian Geißler, der gerade dabei war, seinen Wagen abzuschließen. Man begrüßte sich herzlich, umarmte sich sogar. Florian, Mister Death genannt, hatte genau wie der Brillenträger nicht viele Freunde in der Stufe gehabt, allerdings nicht wegen seiner sexuellen Orientierung, sondern eher wegen des Berufes seines Vaters, der in dritter Generation ein Bestattungsunternehmen geführt hatte.
Sie hatten sich gerade in Bewegung gesetzt, als ihre Namen gerufen wurden. Die Stimmen gehörten Gunnar und Heiko Grundenhagen. Mit einem der Zwillinge hatte Matthias gemeinsam Mathe-Leistung, der andere war sein Nachbar im Geschi LK gewesen. Gunnar, der fünf Minuten ältere des zweieiigen Duos, war ebenfalls bei der Stadt und stellvertretender Leiter des Wahlamtes, der jüngere und mittlerweile ergraute Heiko hatte Informatik studiert und ist heute Chef eines Systemhauses in Dortmund.
Zu viert machten sie sich auf, denn das eigentliche Treffen fand auf der kleinen Terrasse des alteingesessenen Ausflugslokals „Zur Schleuse“ statt. Vom Namen her hätte man – ohne Weiteres – auf gutbürgerliche Küche schließen können, aber der Herr der Töpfe und Pfannen war ein Chinese, der wie jeden Abend seine zahlreichen Gäste mit einem üppigen Buffet erfreute. Erfreulich war auch der Preis dieses All-You-Can-Eat-Erlebnisses, keine 15 Euronen.
Als sie das zu diesem Zweck abgesperrte Areal betraten, okkupierten die vier Männer sofort den nächsten freien Stehbiertisch, denn vor dem Essen sollte es, glaubte man dem Programm, einen kleinen Umtrunk geben. Der städtische Beamte blickte sich um, es waren zu diesem Zeitpunkt maximal 30 Personen anwesend; von Michael Waldmann, dem Organisator des Treffens, war weit und breit nichts zu sehen.
Plötzlich ertönte ein Pfiff. Alle Augen richteten sich auf Johannes Schulte, den ehemaligen Stufensprecher, der in der Mitte des Platzes stand und ein Bierglas in Händen hielt. „Leute! Ich habe hier und heute zwar keine offizielle Aufgabe, aber ich habe Hunger! Also: Hiermit eröffne ich unser Treffen. Ich wünsche uns viel Spaß, gute Gespräche und – vor allen Dingen – einen guten Appetit.“
Applaus war zu hören, die Spiele konnten also beginnen. Die Vierergruppe hatte längst Verstärkung bekommen, Klaus Prömpers, Kriminalhauptkommissar und Leiter der hiesigen Drogenfahndung, Berthold Brachtbäcker, Abteilungsleiter bei der örtlichen Agentur für Arbeit, und Gunnar van Haaren, Braumeister des örtlichen Gerstensaftproduzenten, waren zu ihnen gestoßen. Einzig weibliches Wesen am Tisch war Anja Grundhaus, eine der Moderatorinnen des lokalen Radiosenders. Gesprächsthema war, wie nicht anders zu erwarten, die Verhaftungen in der Verwaltungsspitze, wobei der Fokus des Interesses eindeutig bei Holger Heinken, dem beurlaubten Leiter der Stadtkasse, lag. Die Machenschaften von Dorothea Piepenkötter schienen schon wieder vergessen zu sein.
Als Frank Weinski in die Runde trat, musste Matthias schlucken, alte Erinnerungen kamen in ihm hoch. Mit Frank, dessen Eltern sich Mitte der siebziger Jahre ihrer deutschen Wurzeln erinnert hatten und, mit Sack und Pack und Großmutter, aus Glatz hierher übersiedelten, hatte er nicht nur die Schulbank, sondern auch ab und an das Bett geteilt. Es war keine Affäre gewesen, die die beiden verbunden hatte, es waren eher episodenhafte Spielereien Jugendlicher gewesen, die mit dem Abitur abrupt geendet hatten; man verlor sich aus den Augen.
Wiedergetroffen hatte man sich nach knapp zehn Jahren, als Frank, mittlerweile Ergotherapeut am Josefs-Krankenhaus, ins Haus gekommen war, um sich um Matthias‘ Großvater zu kümmern, der nach einer Wirbelsäulenoperation kurzzeitig im Rollstuhl gesessen hatte. Man hatte sich ab und an in der Stadt gesehen oder war sich beim Einkaufen über den Weg gelaufen, der dunkelblonde Recke war inzwischen Vater zweier Kinder.
Der städtische Beamte klopfte dem Neuankömmling auf die Schulter. „Weini! Halt mir bitte meinen Stehplatz frei, ich muss erst einmal Kaffee wegbringen!“
Der Brillenträger hatte gerade ausgepackt und ließ es laufen, als ihn von hinten zwei Arme umschlangen und sich eine Brust an seinen Rücken presste. Der Beamte erschrak, drehte seinen Kopf: Der Feuerwehrmann, der seinen Schlauch hielt, war kein anderer als Elmar. Seine Augenbrauen gingen nach oben. „Elmar! Was soll das?“
„Mann! Ist das geil!“ Der Banker leckte sich seine Lippen.
„Elmar! Ich glaub‘, du spinnst! Was ist, wenn jetzt jemand reinkommt?“
„Na und?“ Der Dunkelhaarige zuckte mit den Schultern. „Die sind alle eh noch mit der Begrüßung beschäftigt! Wir haben also Zeit!“
Der Brillenträger schüttelte verzweifelt den Kopf. „Aber das ist die normale Toilette hier, für das ganze Restaurant.“ Er drehte sich wieder um. „Und, falls du es nicht bemerkt haben solltest, aber ich bin fertig! Du darfst jetzt abschlackern!“
„Gerne! Wie hab ich mich auf deinen Schwanz gefreut!“ Eine Zunge fuhr seinen Nacken entlang.
„Ist ja gut!“ Der Beamte war immer noch umklammert. „Willst Du ihn einpacken oder darf ich das jetzt selbst erledigen?“
„Das mache ich doch gerne!“ Mit etlichen Streicheleinheiten versehen wanderte der Griffel des Beamten wieder in die schützende Stoffhülle, selbst der Reißverschluss der Hose wurde hochgezogen. „Allein dafür hat sich die Fahrt gelohnt!“
Matthias drehte sich um und blickte in die braunen Augen seines Gegenübers. „Elmar! Was soll das?“
„Ich bin halt rattig! Aber, da ich gerade deinen Schwanz halten durfte, glaube ich, dass du nicht mehr mit diesem Jonas zusammen bist.“ Er gluckste.
„Der Jonas hieß Jens und nein, ich bin nicht mehr mit ihm zusammen.“ Er spürte, wie er noch näher an den Körper des Bankmenschen herangezogen wurde.
„Dann können wir gleich …“ Erwartungsvolle Augen blickten ihn an.
Matthias schüttelte sich. „Es gibt zwar keinen eifersüchtigen Jens Mayerling in meinem Leben mehr, aber ich bin auch kein Single! Ich … ich habe einen Partner!“
Freude verwandelte sich spontan in Schrecken. „Wie?“
„Elmar! Ich bin glücklich verpartnert!“ Matthias unternahm einen Befreiungsversuch.
Der Satz wirkte wohl schockierend. „Wie? Du … du … hast … nie was gesagt!“
„Elmar! Ich bitte dich! Du hast nach dem letzten Treffen, bei dem wir mal nicht miteinander im Bett gelandet sind, …“ Matthias blickte sein Gegenüber ernst an. „… da hast du noch nicht einmal meine Weihnachtsmail beantwortet! Wieso sollte ich dir dann so etwas sagen?“
Der Banker aus der sächsischen Landeshauptstadt rang nach Atem. „Ähm, ja … nun … äh …“
„Aber ich verzeihe dir!“ Ein Grinsen umspielte seine Lippen. „Und mein Schatz ist vollkommen anders als Jens, denn … naja … wir spielen auch mal zu dritt!“
„Ihr macht was?“ Die Augen des Bankers wurden größer.
Matthias zuckte mit den Schultern. „Dreier, Vierer … wir haben halt Spaß am Sex.“
„Das glaube ich jetzt nicht.“
„Ist doch nichts dabei! Wir leben halt offen unsere Sexualität aus.“
„Und? Wer ist dein Partner?“
Normalerweise wäre das jetzt der Zeitpunkt, an dem man das Portemonnaie herausholte und die Passfotos seiner Familie voller Stolz präsentierte, aber Matthias griff nur in seine Hosentasche und zückte sein Handy. Nach einigen Tastendrücken hielt er seinem Konabiturienten das Display entgegen. „Hier! Das ist Cihad, mein Mann!“
„Wow! Echt jetzt?“ Die Zunge des Bankers hatte den Mund erneut verlassen. „Der sieht … etwas jung aus, aber … göttlich! Allein dieser Körper! Man kann echt neidisch werden! Wenn ich dagegen meine Alte sehe, könnte ich …“ Er zappte sich wohl durch den ganzen Ordner. „Wie alt ist er? Wo und wie hast du ihn kennengelernt?“
„Heute ist er 22 alt, studiert Arabistik in Münster. Gefunden habe ich ihn vor drei Jahren in einem Straßengraben in Marokko, nachdem er von seiner Familie wegen seiner Homosexualität fast zu Tode geprügelt worden war.“ Matthias griff wieder nach seinem mobilen Kommunikationsgerät.
„So etwas gehört verboten!“ War da Entrüstung zu hören?
„Du sagst es!“
„Und der würde … echt … einen Dreier …“
„Wenn du ihm gefällst?“ Matthias zuckte mit den Schultern und schubste seinen ehemaligen Mitschüler in eine der Kabinen. Er drückte ein paar Tasten, hatte den Fotomodus aktiviert. „Bitte recht freundlich!“ Nach zwei Gesichtsaufnahmen senkte der Beamte das Kommunikationsgerät aus dem Hause Ericsson. „Und jetzt zeig mal, was du so zu bieten hast.“
„Wie jetzt? Willst Du etwa …“
„Mein Schatz will halt erst die Schwänze erst sehen, die ihn später …“
Als ob jemand den Knopf einer Fernbedienung gedrückt hätte, nestelte der Mann aus Dresden an seiner Hose, ließ sie auf seine Knie sinken, der weiße Feinripp wurde ebenfalls gleich mit nach unten befördert. Elmar legte wohl nicht viel Wert auf sein Äußeres, der Wildwuchs um seinen Stamm herum war eine Zumutung für jeden Ästheten. Drei oder vier Griffe, dann war sein Verkehrsgerät einsatzbereit. Zwei oder drei Aufnahmen erfolgten.
Dann drehte sich der Bauernsohn um, stützte sich erst an der Wand ab, um dann etwas tiefer zu gehen, er streckte sein ansehnliches Hinterteil dem Mann hinter ihm entgegen; Matthias musste einige Schritte zurückgehen, um das Bild in Gänze einzufangen. Dann umfasste der Banker seine Backen, zog sie langsam auseinander, legte so den Anblick auf seinen Eingang, der eigentlich ein Ausgang war, frei. „Hast du jetzt alles?“ Elmar atmete heftig. „Ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber ich will nicht nur deinen Schwanz in meinem Arsch haben, seinen auch!“
Matthias lachte. „Du scheinst es ja echt nötig zu haben!“
„Was meinst du denn? Meine Alte kontrolliert mich bis zum Gehtnichtmehr, jetzt habe ich endlich ein Wochenende frei! Ich will also meinen Spaß!“
„Den sollst du auch kriegen!“
„Wann fahren wir zu dir? Können wir nicht schon jetzt?“
So notgeil kann doch kein Mensch sein! „Lass uns erst mal essen und mit den Leuten quatschen. Vor Mitternacht erwartet mein Engel mich nicht zurück.“
„Und wann erfahre ich, ob er … ob er mit mir?“
„Ich schicke ihm gleich die Bilder, dann werden wir seine Antwort ja erfahren.“
Man verließ gemeinsam die Wasserspiele, dann aber trennten sich die Wege, Elmar musste wohl sein Renommee wahren. Die Runde um den Stehbiertisch hatte sich in der Zwischenzeit vergrößert, Klaus Spengler, Busunternehmer, und Gaby Kreist, Hausfrau und vierfache Mutter, waren dazugekommen. Frank Weinski grinste über beide Backen. „Matze! Sag mal: Hast Du in der Zwischenzeit auf dem Klo eine Nummer geschoben? Du warst ja Ewigkeiten weg!“
„Weini! Mein Gatte wartet zuhause auf mich, wieso sollte ich mich hier auf dem Klo vergnügen? Erstens mag ich es bequem und zweitens heiße ich nicht Stefan Kurze-Hennental!“ Matthias grinste und spielte damit auf einen Vorfall auf der Studienfahrt seines Mathe-Leistungskurses an.
Diese Erholungsreisen vom Schulalltag hatten damals unter einem gewissen Motto stehen müssen, um bezuschusst zu werden, also hatte sein Kurs den italienischen Mathematiker Galileo Galilei für die Rundreise durch Italien gewählt. Man war, immer den Spuren des Genies folgend, gerade unterwegs gewesen, den Standort von Padua nach Pisa zu verlegen, als man einen Rasthof in der Nähe von Bologna zwecks Nahrungsaufnahme aufgesucht hatte. Stefan, wohl noch geschwächt von der letzten Nacht, hatte den Beginn der Pause wohl nicht ganz mitbekommen, statt mit den anderen am Tisch hatte er am Tresen seine Spaghetti Vongole zu sich nehmen müssen. Dafür war das Wesen, das neben ihm einen Espresso geschlürfte hatte, eine Augenweide gewesen: Minikleid, Anfang 20, knapp eins achtzig, lange, blonde Haare; kein Vergleich zu der eher vertrockneten Studiendirektorin Berghoff-Dahlheimer, der weiblichen Begleitperson der agilen Truppe.
Stefan, ganz Mann von Welt, hatte mit dem Baggern anscheinend Erfolg gehabt, denn er hatte seinen Daumen in die Höhe gereckt, als er sich mit dem blonden Wesen auf in Richtung der Toilettenanlage gemacht hatte. Das Siegeszeichen hatte aber nur Heiko Grundenhagen richtig mitbekommen, der dem Pärchen in sicherem Abstand, aber dafür mit einsatzbereiter Videokamera, gefolgt war. Die Aufnahmen, die man hinterher zu sehen bekommen hatte, hatte man zwar nicht gerade als künstlerisch wertvoll bezeichnen können, dazu waren sie zu verwackelt gewesen, aber sie hatten dennoch nicht ihre Wirkung verfehlt.
Im ersten Teil der Sequenz hatte man nur einen blonden Kopf vor und zurück gehen gesehen, Stefan hatte sich mit der Hose in den Knien an die Wand der Kabine gelehnt. Die linke Hand der am Boden knieenden Person hatte diese Aktion unterstützt, während deren rechte Finger unter ihrem Rock gespielt hatten. Nach vier oder fünf Minuten des Blasens hatte man sich verlagert, die Blonde hatte sich nun an der Wand abgestützt, das Röckchen gelupft und den gelben Tanga nach unten geschoben.
Stefan, nun ganz in seinem Element und längst jenseits von Gut und Böse, hatte mit seinem Teil erst auf dem recht knackigen Hinterteil gespielt, dann allerdings anscheinend sein Werk vollenden wollen. Er hatte das Wesen in die richtige Position dirigiert und seinen Prügel mit der Rechten wohl in das rechte Loch führen wollen, aber mit seiner Linken um die Hüfte herum gegriffen. Was dann geschehen war, war Slapstick pur gewesen! Er hatte inmitten seiner Bewegung gestoppt, sich scheinbar noch einmal vergewissern wollen, hatte sich dann panikartig umgedreht und enorme Schwierigkeiten gehabt, die Tür zu dem Verschlag wieder zu öffnen. In der letzten Einstellung des Videos hatte man sehen können, wie Stefan, immer noch mit heruntergelassen Hosen, in Richtung Toilettenausgang gelaufen war. Frau Berghoff-Dahlheimer war wirklich ‚not amused‘ gewesen, als er – immer noch derangiert – am Tisch vorbei in Richtung Bus gelaufen war.
„Weiß eigentlich jemand, was Stefan jetzt macht?“ Gaby Kreist wirkte besorgt.
Gunnar van Haaren zuckte mit den Schultern. „Als ich in Weihenstephan studiert habe, habe ich ihn mal kurz auf dem Oktoberfest gesehen: Er wollte mit seiner Truppe aus dem Zelt, ich mit meiner Gruppe hinein. Außer einem kurzen ‚Hallo‘ haben wir da kaum was gesprochen.“
„Wenn jemand was wissen könnte, dann müsste das doch Claudia Berger sein. Die haben doch früher nebeneinander gewohnt.“ Da sprach wohl der Kriminalist aus Klaus Prömpers.
Anja Grundhaus räusperte sich. „Die können wir leider nicht fragen, die ist jetzt Nonne in Sri Lanka.“
„Wie? Echt? Unsere allzeit bereite Claudia? Die ist jetzt im Auftrag des Herrn unterwegs?“ Berthold Brachtbäcker schien vom Glauben abzufallen. „Woher weißt du das?“
Die Radiomoderatorin lächelte verlegen. „Wir hatten doch vor einem halben Jahr mal eine Serie über Auswanderer, ihr Name stand auf der Liste. Aber es kam zu keinem Interview, denn wir haben sie einfach nicht ans Telefon bekommen.“
„Kann passieren, aber deshalb sollten wir jetzt nicht verhungern!“ Florian Geißler war schon immer praktisch veranlagt gewesen. „Lasst uns das Buffet stürmen, denn ein leerer Magen …“
„… denkt nicht gern!“ Gunnar Grundenhagen konnte immer schon gut vervollständigen.
Da Matthias nicht gerne im Stehen seine Nahrung zu sich nimmt, führte ihn sein Weg zu einem der vielen Bierbänke auf dem Areal. Ihm gegenüber saß Frank Weinski, der eher lustlos in seinem Essen herumstocherte. Der Beamte blickte seinen Freund aus Schulzeiten besorgt an. „Weini? Was ist los? Du wirkst so … abwesend.“
„Sorry, aber mir ist im Moment nicht so wirklich nach Feiern!“ Er ließ die Gabel fallen.
Der Beamte richtete seine Brille. „Was ist denn los?“
„Melanie und ich, wir … wir lassen uns scheiden. Ich stecke gerade in einem Rosenkrieg.“
Der Beamte stockte. „Wie jetzt? Scheidung? Ihr habt doch erst vor anderthalb Jahren geheiratet, nach immerhin 16 Jahren Probezeit. Und jetzt trennt ihr euch? Warum?“
„Gute Frage, die Nächste bitte!“ Der Mann mit den grünen Augen stöhnte. „Mein ehemaliger Chef, Professor Knackenger, wollte aus dem alten Josefs-Krankenhaus ja eine Fachklinik für Orthopädie machen und ich sollte der Leiter der Ergotherapie werden. Aber mit zwei unehelichen Kindern und in wilder Ehe in einem katholischen Haus? Vergiss es! Ohne Trauschein hätte ich den Job nie gekriegt.“
„Dann hast du nur wegen der Arbeit geheiratet?“
„Das war … einer der Gründe. Aber jetzt? Nachdem die Ursulinen uns im letzten Jahr gekauft haben? Ade Fachklinik! Ade neuer Rehabereich!“ Er zuckte kraftlos mit den Schultern. „Meine Abteilung wird wohl bald dichtgemacht werden, das Mutterhaus hat eine eigene Ergotherapie, erheblich größer und erheblich rentabler als unsere kleine Klitsche. Meinen Chefposten kann ich vergessen, meine Stelle wohl bald auch! Und Melanie? Sie will sich jetzt selbst verwirklichen! Sie meint, wir hätten uns schon vor mehr als zehn Jahren trennen sollen, dann würde es Sarah zwar nicht geben, aber ihretwegen wäre sie überhaupt noch bei mir geblieben und die Hochzeit wäre der größte Fehler ihres Lebens gewesen.“
„Nicht ihr Ernst jetzt, oder?“
„Doch!“ Er schob den Teller von sich. „Nach der Geburt von Sarah lief sowieso nicht mehr viel zwischen uns, schon gar nicht im Bett. Wenn es hochkommt, haben wir ab da maximal zweimal im Jahr miteinander geschlafen. Ich bin dann ab und an ins Pornokino, zu Nutten wollte ich nicht.“
„Du hättest damals dabei bleiben soll!“ Der Brillenträger versuchte ein Grinsen.
„Matthias! Ich wollte immer Kinder und Melanie? Melanie wollte … sie wollte ja auch.“ Er trank einen Schluck. „Es war einfach … perfekt: Sie, ich, die Kinder, eine kleine Familie. Und wie hätte ich meiner Oma bitteschön einen schwulen Enkel erklären sollen?“
„So, wie ich es auch tat, nämlich mit Worten. Und Frank! Du bist bi, also … von daher …“ Der Beamte zog die Augenbrauen hoch. „… hätte sie es überlebt, ihre Enkel hatte sie ja schon.“
„Scherzkeks!“ Er verdrehte die Augen. „Aber es war alles so einfach, so gewohnt, du … du warst einfach in diesem Rhythmus drinnen, ich weiß auch nicht, wie ich das nennen soll: Der Mensch ist halt doch ein Gewohnheitstier!“
„Also lieber den Anschein wahren, als seine wahre Person ausleben?“
„Das kannst du leicht sagen, du … du warst ja immer … anders! Versteh mich bitte jetzt nicht falsch, aber ich habe dich damals bewundert, du … du hast alles immer so leicht genommen, dir konnte niemand etwas anhaben. Als Thomas und du … als ihr euch geoutet habt … und dann auch noch als Paar auf der Stufenfete erschienen seid? Ich hätte heulen können! Den Mut hätte ich nie gehabt.“
„Weini! Ich verrate dir jetzt einmal ein Geheimnis!“ Matthias wischte sich den Mund ab. „Thomas und ich waren nie ein Paar, nicht für eine einzige Minute! Das, was uns miteinander verbindet, ist der offene Umgang mit unserer Homosexualität.“
„Wie jetzt?“ Erstaunen lag in den grünen Augen.
„Ihr wolltet uns als Paar sehen, also haben wir euch das Paar gezeigt. Es war nur Spaß! Wir wussten von Anfang an, dass aus uns nie etwas Festes wird, dafür sind und waren wir zu verschieden!“
„Wie meinst du das denn jetzt?“
„So, wie ich es gesagt habe! Nach dem Vorfall mit Elisabeth, als wir alle damals zum Test mussten, da …“ Matthias spielte nervös mit seiner Brille. „Thomas und ich … wir sind uns auf dem Gesundheitsamt über den Weg gelaufen, als wir uns die Ergebnisse abholen konnten. Ich hatte den Termin um halb und war zu früh und er …“
„… kam wie immer zu spät!“ Ein Lachen zeigte sich auf seinem Gesicht. „Typisch Thomas!“
„Du sagst es! Er hat auf mich gewartet, war wohl neugierig, ob ich nicht …“ Matthias musste schlucken. „Wir sind dann ins Kaffee Schulte, haben mit Sekt unseren Sieg gefeiert. Das Wochenende drauf haben wir uns im Ferienhaus seiner Eltern so richtig die Kante gegeben und uns ausgekotzt: erst ins Klo, später auch verbal.“
„Ihr hättet ja auch was sagen können!“ Eine gewisse Gereiztheit lag in seiner Stimme. „Ich wäre gern mitgekommen, denn Elli hat dich, Thomas und mich als potenzielle Väter benannt und wollte uns ihr Kind unterjubeln, diese falsche Schlange!“
„Stimmt zwar, aber einen kleinen Unterschied gab es dann doch: Thomas und mir war die Sache damals schon mehr als peinlich, du aber … du hast dich damit gebrüstet, sie flachgelegt zu haben.“ Matthias blickte seinem Gegenüber direkt in die Augen. „Wenn ich mich recht erinnere, hast du Thomas den Schwanz sauber gemacht, nachdem er wieder aus ihr raus war …“
„… und du hast seine Wichse von ihrem Bauch geleckt!“
„Schuldig im Sinne der Anklage!“ Matthias strich sich durch die Haare. „Aber damals war ich noch in Thomas verschossen.“
„Nicht nur du! Unsere Blasaktion, während er mit ihr beschäftigt war, war besser als die gesamte Episode mit Elisabeth, aber … ich wollte mich beweisen, wollte der Mann sein, wollte Nachkommen zeugen. Ich verrate dir jetzt auch ein Geheimnis, aber … das bleibt bitte unter uns!“
„Ich höre!“
„Melanie hat mir immer einen Dildo in den Arsch schieben müssen, sonst wäre meiner nie richtig hart geworden, wenn wir …“ Er lachte kurz auf. „Aber, wenn du in Thomas verschossen warst, wieso ist dann nichts aus euch geworden. Ihr habt doch das Wochenende zusammen verbracht?“
„Frank, der Vorfall mit Elli war auf der Klassenfahrt in der 10, nach der Stadtrallye in Ingolstadt. Zum Gesundheitsamt mussten wir erst knapp ein Jahr später, als das Kind auf der Welt war! In der Zeit ist viel passiert, mein Vater starb, meine Mutter lag mit Hirnhautentzündung im Krankenhaus, …“ Der Brillenträger fuhr sich durch die Haare. „Hast du dich mal gefragt, warum Elli sich ausgerechnet uns, die drei nicht so beliebten Freaks der Klasse, als potenzielle Väter ausgesucht hat?“
„Weil sie einen Dummen suchte!“ Die Antwort klang mehr als flapsig.
Der städtische Controller schüttelte den Kopf. „Nein, weil ihre Oma da noch lebte.“
„Du willst mich doch jetzt nicht auf den Arm nehmen, oder?“
„Nein, Elli wuchs ja bei ihrer Oma auf, ihre Eltern starben bei einem Autounfall, das war 72 oder so. Der alten Lüdenberg gehörte die Gärtnerei oben bei uns im Dorf und Elli sollte den Familienbetrieb eigentlich übernehmen, aber sie wurde schwanger, Vater angeblich unbekannt.“ Matthias steckte sich eine Zigarette an. „Oma Lüdenberg, die müsste damals so um die 70 gewesen sein, war aber katholischer als der Papst und will wissen, wer denn da mit ihrer Enkelin im Bett war. Der Kerl soll das Mädchen heiraten, sie so wieder zur ehrbaren Frau machen.“
„Mag ja sein, aber …“ Frank trank einen Schluck.
„Nichts aber! Denk doch mal nach: Ich bin evangelisch, mein alter Herr war Pfarrer, ich scheide also aus. Thomas ist Jude, darüber brauchen wir gar nicht erst drüber zu reden.“ Er aschte ab. „Du bist zwar katholisch, aber du kommst aus Polen, bist also auch nicht das Gelbe vom Ei.“
Der Ergotherapeut grübelte. „Du könntest recht haben.“
„Ich habe recht, denn: Kaum ist Oma Lüdenberg unter der Erde, heiratet die Enkelin plötzlich den Lehrling aus Italien und macht ihn zum Chef.“ Matthias lachte. „Gut, dass der den Laden später vor die Wand fährt und sie dann mit den Schulden sitzen lässt, ist Pech, aber …“
Frank hatte Fragezeichen in den Augen. „Warum hat sie ihn dann nicht gleich …“
„Weil man mit dem Personal nicht in die Betten steigt und sich schon gar nicht von ihm schwängern lassen sollte!“ Die Zigarette fand ihr Ende im Aschenbecher.
„Frauen sind echt Schlampen!“
„Deshalb kommt mir auch keine mehr auf den Hof! Ok, die leere Wohnung im Haus meiner Eltern würde ich zwar auch an ein weibliches Wesen vermieten, aber mehr?“ Matthias lachte breit. „Ich hab meinen Cihad und der reicht mir zum glücklich sein.“
„Was sagt eigentlich deine Mutter zu ihm?“
„Mama? Mama hat ihn regelrecht adoptiert, ist sogar stolz, dass wir verpartnert sind, denn dadurch wird ihr Bruder leer ausgehen, wenn ich mal nicht mehr sein werde.“ Der Beamte winkte nach der Bedienung, in seinem Glas herrschte gähnende Leere. „Und für Oma ist er der beste Urenkel: Er springt sofort, wenn sie ruft und, ich kann dir sagen, sie ruft oft.“
„Aber wie macht ihr … naja … du weißt schon … wenn ihr miteinander …“
Der Brillenträger blickte etwas verwundert. „Dumme Frage! Wir ziehen uns aus und legen los: Mal er in mir, mal ich in ihm, mal intim zu zweit, mal in der Gruppe. Wieso fragst du so doof?“
„Aber hast du nicht mal beim Einkaufen erzählt, dass du wieder zu deinen Eltern ziehen willst? Ist es da nicht schwer mit der Privatsphäre, wenn man …“
„Ach das meinst du!“ Der Beamte schüttelte grinsend den Kopf. „Meine Mutter wohnt 165, ich hab im letzten Jahr die 169 gekauft, war echt ein Schnäppchen, aber dafür war der Umbau umso teurer. Man kann uns also problemlos besuchen, sei es, um zu quatschen oder um mit uns zu spielen.“
„Zu spielen? Soll das jetzt eine Einladung sein?“ Frank bekam spitze Ohren.
„Frank! Du steckst mitten in deiner Scheidung, du kannst also Aufmunterung durchaus gebrauchen. Ob diese Hilfe nur rein kommunikativ abläuft oder ob auch noch andere Sinne mit ins Spiel kommen? Wer kann das heute schon sagen?“ Matthias grinste frech. „Außerdem müsste ich erst einmal Cihad fragen, ob er es mit uns beiden ‚alten Säcken‘ aufnimmt, denn mich gibt es nur noch im Doppelpack und wir beide müssen mit dem Dritten einverstanden sein.“
Der Ergotherapeut grinste kurz auf, erschrak dann aber. „Matze! Gefahr von links!“



Der Beamte blickte auf, Michael Fröschle war im Begriff, sich neben ihn zu setzen. „Mike, altes Haus! Heute schon Seelen vor dem Fegefeuer gerettet?“
„Ich kann mit deiner ja anfangen.“ Der beleibte Mann grinste, als er sich niederließ. „Das wäre zwar eine Mammutaufgabe, denn du scheinst ja echt unbelehrbar zu sein! Trägst die Regenbogenfahne an deinem Revers, öffentlich! Du solltest dich wirklich schämen …“
„Da scheint sich ja jemand auszukennen!“ Frank gluckste.
Der dickliche Mann hob mahnend den Finger. „Man muss seine Feinde erkennen können, immer und überall. Ach Frank, ich habe gerade gehört, du hast endlich geheiratet? Gratulation, du bist auf dem richtigen Weg. Falls ihr kirchlich noch nicht geheiratet habt, ich habe einen guten Draht zur Pfarrei St. Martin. Wenn du willst, kann ich euch trauen … und auch deine Kinder taufen. Deine Frau ist doch katholisch, oder?“
„Lass mal besser!“ Der Ergotherapeut winkte ab.
Michael stutzte. „Wie? Ihr seid schon vor Gott getreten?“
„Nein, und wir werden es auch nicht! Wenn du es genau wissen willst: Wir treten bald vor den Scheidungsrichter, damit der der Farce von Ehe endlich ein Ende macht!“ Frank funkelte ihn an. „Und wenn du uns jetzt entschuldigen würdest, wäre ich dir mehr als dankbar! Ich ziehe nämlich zu Matthias und wir müssen noch einige Formalitäten wegen … wegen des Mietvertrages klären.“
Der dickliche Mann erhob sich, blickte Frank mitleidig an. „Ich werde für deine Seele beten, denn du begibst dich selbst in Versuchung, wenn du zu ihm in seine Lasterhöhle …“
„Tu, was du nicht lassen kannst, aber kurz zum Mitschreiben: Matthias wird mein Vermieter werden und nicht mein Liebhaber, denn er hat sein wahres Glück schon gefunden! Aber das kannst du eh nicht verstehen, denn dazu bist du … zu weltfremd!“
„Wie soll ich das denn jetzt verstehen?“ Michael war anscheinend pikiert.
„Du magst vielleicht den lieben Gott auf deiner Seite haben, aber …“ Der Ergotherapeut fasste sich an den Kopf. „… dir fehlt jede praktische Erfahrung! Weißt du, wie man sich fühlt, wenn sich plötzlich dein eigenes Leben als einzige Lüge herausstellt? Wenn deine Frau dir plötzlich sagt, sie ist nur wegen der Kinder bei dir geblieben? Weißt du das?“
„Nein, aber Gott …“
„Lass den mal aus dem Spiel! Hast du eigene Kinder? Hast du eine Frau oder einen Partner, den du liebst und der dich? Irgendein menschliches Wesen? Nein! Und du willst mir jetzt ernsthaft erzählen, wie ich mein Leben gestalten soll? Ich bitte dich! Du machst dich echt lächerlich, mit all deinen Schulweisheiten, die bar jeder Grundlage sind! Marcel, mein Sohn, der hat mir in der letzten Woche erzählt, dass er für einen Mitschüler schwärmt! Was soll ich deiner Ansicht nach jetzt machen?“
„Frank, Gott lehrt uns …“ Pfarrer Fröschle suchte wohl nach den passenden Worten.
„Levitikus Kapitel 19, Vers 18: ‚An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.‘ Meinst du das?“ Matthias gluckste. „Oder bevorzugst du dann doch eher Levitikus 20, Vers 13: ‚Und wenn ein Mann bei einem Manne liegt, wie man bei einem Weibe liegt, so haben beide einen Gräuel verübt; sie sollen gewisslich getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.‘? Mike, du hast jetzt die Wahl zwischen dem liebenden … und dem strafenden Gott.“
„Ihr … ihr könnt mich mal!“
Matthias hob die Arme. „Matthäus 5, Vers 20: ‚Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht bei Weitem übersteigt, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.‘ – Amen! Gehe mit Gott, aber gehe!“
Frank blickte den Beamten an. „Ich wusste gar nicht, dass du so bibelfest bist!“
„Schon vergessen? Ich bin der Sohn eines Pfarrers!“ Er lachte. „Aber war das gerade ernst gemeint? Du willst wirklich bei mir einziehen?“
„Natürlich! Melanie hat mir ein Ultimatum gestellt, entweder ziehe ich aus oder sie mit den Kindern. Aber warum sollen die unter unserem Streit leiden?“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist – für alle Beteiligten – einfacher, wenn ich mir eine neue Bleibe suche. Und wenn ich das schon mache, warum soll ich dann nicht in einer freundlichen Nachbarschaft neu anfangen? Ich muss mich erst einmal wieder selber finden, ehe ich an andere denken kann.“
„Alles klar! Komm morgen Nachmittag einfach vorbei, wir sind zuhause. Dann regeln wir den Rest.“ Der Beamte streckte seine Hand aus.
Frank ergriff sie. „Kein Thema, ich werde kommen … äh … erscheinen. Aber trotzdem Danke!“
„Kein Thema!“ Matthias erhob sich. „Aber lass uns jetzt mal wieder zu den anderen gehen!“
Es passierte nun das, was auf Abi-Treffen immer passiert, man schwirrte umher, man trank mit jemandem einen Schluck, mit dem anderen aß man noch ein Häppchen vom Buffet, mit einer dritten Person wurde der Lungenschmacht befriedigt. Genauso machte es Matthias, der auf dieser Tour plötzlich seinem alten Stufenleiter gegenüber stand.
Rainer Habermas, Lehrer für Sport und Französisch, bei dem er nie einen Kurs hatte, klopfte ihm auf die Schulter. „Matthias, eins muss ich Ihnen sagen! Ihre Haarfarbe mag sich zwar geändert haben, aber sonst? Ich habe Sie sofort wiedererkannt. Bei einigen hatte ich ja so meine leichten Probleme, aber bei Ihnen?“
„Danke, es müssten zwar drei oder vier Kilo runter, meint jedenfalls mein Arzt, aber erstens esse ich dazu viel zu gerne, und zweitens, ich bin glücklich verpartnert, muss also keine Konkurrenz fürchten.“ Er grinste. „Gut, auch eine intakte Beziehung ist kein Freifahrtschein zum Sichgehenlassen, zum Rostansetzen, aber … sie macht doch etwas träge, wenn man das so sagen kann.“
Der Lehrer schüttelte amüsiert seinen Kopf. „Auch vom Wesen her sind Sie immer noch der Alte; immer die Sache auf den Punkt bringen und dabei offen und ehrlich seine Meinung sagen, auch wenn man damit aneckt und andere vielleicht verletzen kann. Diplomatisch ist so etwas nicht gerade.“
„Ich weiß, aber …“ Matthias zuckte mit den Schultern. „… so bin ich halt nun einmal. Entweder man kann damit umgehen, oder man kann es nicht. Aber Offenheit hat sich am Schluss immer ausgezahlt, jedenfalls nach meiner Erfahrung.“
„Am Ende gewinnt eh immer die Liebe, aber …“ Habermas grinste. „… verpacken Sie ihre guten Hilfslieferungen nicht immer auf einem wilhelminischen Kanonenboot, das schreckt nur ab.“
Matthias schluckte. „Ich bin also zu hart?“
„Nein, das habe ich nicht gesagt, es ist nur …“ Der Lehrer suchte nach Worten. „Nehmen wir nur mal das Glas Wein, das vor mir steht, als Beispiel: Für den einen ist es halb leer, für den anderen ist es halb voll, aber für Sie, lieber Matthias, beträgt der Inhalt genau 105,3 Zentiliter. Auch wenn Sie zu 100 % Recht haben, aber … geben Sie anderen die Möglichkeit, sich ebenfalls als Sieger fühlen zu können, auch wenn es in Wirklichkeit nicht so ist.“
Gegen elf setzte eine erste Aufbruchswelle ein, man rückte näher zusammen. Matthias hatte gerade Anja Grundhaus mit einigen Hintergrundinformationen zum Fall Piepenkötter versorgt, als Elmar mit drei Bieren in der Hand zu ihnen stieß. Er verteilte die Gläser, man prostete sich zu und echauffierte sich, dass Michael Waldmann, der eigentliche Organisator des Treffens, zu keiner Minute anwesend gewesen war.
Der Mann aus Dresden gähnte plötzlich. „Sorry Leute, alt werde ich heute ganz bestimmt nicht mehr. Matze? Wir haben ja fast die gleiche Richtung; sollen wir uns nicht ein Taxi teilen?“
Der Controller hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden, drehte sich kurz um, zückte sein mobiles Kommunikationsgerät. Er grummelte innerlich; immer noch keine Antwort auf seine MMS mit Elmars Bildern. Cihad hätte ihn angerufen, wenn er hätte auf Tour gehen wollen. Entweder steckte sein Handy am Ladekabel oder in seiner Jacke, dem üblichen Aufbewahrungsort. Wahrscheinlich hatte der Student die Nachricht noch gar nicht gelesen, sein Gatte würde sich also überraschen lassen müssen. Er drehte sich wieder zu Elmar. „Können wir gerne machen!“
Elmar zückte sofort sein Mobilteil und bestellte die Droschke. „Alles erledigt! Wir haben noch eine Viertelstunde, dann müsste der Wagen hier sein.“
Man nutzte die Zeit, um sich von den restlichen Anwesenden zu verabschieden und die Rechnungen zu bezahlen, bei dem städtischen Beamten waren es, inklusive Essen, 23 Euronen, bei dem Banker aus Dresden war es fast das Doppelte.
Die Taxifahrt verlief relativ unspektakulär, was auch kein Wunder war, da Matthias auf dem Rücksitz saß, während Elmar es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht hatte. Der Banker aus Dresden zuckte, als man nach zehnminütiger Fahrt vor dem Beamtenhaus hielt, sein Portemonnaie und bezahlte anstandslos die Taxe. Der Beamte bemühte sich derweil, die Tür zu seinem eigenen Hause zu öffnen; es gelang ihm erst im zweiten Anlauf.
Kaum war die Haustür im Schloss, fielElmar seinem ehemaligen Mitschüler um den Hals. Er küsste ihn, obwohl man das, was er da tat, kaum noch als küssen bezeichnen konnte, er schleckte ihn regelrecht ab, die Zunge war überall und nirgends. Der Beamte konnte gerade noch ein: „Schatz! Ich bin jetzt wieder hier!“ hervorbringen, als ihn eine erneute Attacke seines Konabiturienten jedweder verbalen Artikulationsmöglichkeiten beraubte.
Cihad kam und musterte amüsiert die Szene. „Habibi, wen hast du denn da mitgebracht?“
„Cihad – Elmar; Elmar – Cihad!“ Er blickte seinen Gatten an. „Ich hab dir doch die Bilder geschickt!“
„Mag sein, aber um ein Handy habe ich mich in den letzten Stunden nicht gekümmert, meine Gäste waren mir wichtiger.“ Der Student grinste.
Die Augenbrauen von Matthias gingen nach oben. „Gäste?“
„Gäste! Und zwar zwei an der Zahl!“ Der Sohn der Wüste lachte. „Chris hat gestern seine Papiere hier verloren und kam vorbei, um sie abzuholen. Kaum war er da, da rief Cem an: Das Gespräch mit seiner Mutter lief hervorragend, sie dachte sich schon so etwas. Er kam dann auch noch vorbei, um zu feiern. Wir haben den Grill angeschmissen und saßen bis vor einer Stunde noch draußen!“
„Aha! Und wo sind die beiden jetzt?“
„Die beschäftigen sich am Pool: Cem bringt Chris gerade das aktive Ficken bei!“
Matthias schüttelte sich vor Lachen. „Echt jetzt?“
„So wahr ich hier stehe!“ Der Sohn der Wüste lachte. „War echt lustig, das Treiben zu beobachten, aber so langsam … wird es besser!“
„Wie meinst du das denn jetzt?“ Der städtische Controller rang noch immer nach Atem.
Der Sohn des Berbers zuckte mit den Schultern. „Naja, beim ersten Versuch hantierte er mit seinem Schwanz in der Spalte, dann kam er. Beim zweiten Anlauf war er kaum mit seiner Spitze eingetaucht, dann explodierte er erneut. Beim dritten Experiment war er zwar ganz drinnen, aber … mehr als die Einfahrt war dann auch wieder nicht!“
„Und was hast du gemacht?“ Der Beamte blickte seinen Liebsten neugierig an.
„Ich? Ich war nur Dirigent und Zuschauer, denn du warst ja nicht hier, Habibi!“ Der Student lachte. „Was hast du mir denn eigentlich für Bilder geschickt?“
„Aufnahmen von Elmar! Ich wollte wissen, ob du ihn akzeptierst, so als Spielpartner für einen Dreier!“
Der Student ging einen Schritt zurück, betrachtete die ihm fremde Person. „Zieh dich aus, ich will dich nackt sehen!“
„Wie jetzt?“ Der Dresdener wirkte etwas perplex.
Cihad machte eine ausladende Geste. „Ich könnte jetzt auch an mein Handy gehen und mir die Bilder anschauen, aber warum sollte ich das machen, wenn ich das Original jetzt hier vor mir stehen habe? Außerdem …“ Er ging auf ihn zu und hantierte am Gürtel des Bankers. „… du willst doch ficken oder gefickt werden?“ Der Angesprochene nickte nur. „Also! Dazu ist man besser nackt, bekleidet geht so etwas schlecht!“ Die Hose war mittlerweile in die Kniekehlen gerutscht. „Ah, schon besser!“ Er massierte die Beule, die sich deutlich abzeichnete. Dann zog er den Stoff nach unten, das freigelegte Stück Fleisch wippte vor Freude. „Ich liebe unbeschnittene Schwänze!“
Der Student ging auf die Knie, schob die Vorhaut ganz nach hinten, die Eichel glänzte. „So liebe ich es!“ Er leckte kurz über die Nille, ging dann wieder nach hinten. „Ich will jetzt deinen Arsch sehen!“ Er drehte ihn langsam um, die Hände legte er auf die beiden Fleischhügel, zog sie auseinander, dann leckte er durch die Furche. „Wenn du uns das nächste Mal besuchst, rasierst du vorher dein Loch! Haben wir uns verstanden? Aber heute ficke ich dich so, auch wenn da ein Urwald ist.“ Cihad erhob sich, zog dabei seine Jogginghose herunter und präsentierte sich und seinen Wüstenstab. „Willste den in dir haben? So ganz bis zum Anschlag?“
Elmars Augen glänzten. „Jaaaaaaaaaaaaaa! Geil!“
„Dann ist ja alles klar!“ Der Berber blickte seinen Mann an. „Habibi, würdest du ihn spülen? Du weißt, ich mag keine braunen Reste an meinem Teil.“
„Aber selbstverständlich.“ Matthias reichte seinem Mitschüler seine Hand. „Kommst du?“
Der Mann aus Dresden konnte nicht schnell genug aus seinen Kleidern kommen, warf sie achtlos auf den Boden. „Macht mit mir, was ihr wollt! Aber macht es!“
„Kein Thema!“ Der Student grinste frech. „Ich sag dann den beiden am Pool Bescheid, dass wir gleich eine Orgie feiern werden. Jetzt macht hinne, ich erwarte euch dann im Wohnzimmer!“
Im Badezimmer angekommen deutete Matthias auf die Dusche, die Elmar bereitwillig betrat. Erst wirkte er etwas unsicher, aber der Beamte reichte ihm Duschgel und den zweiten Brauseschlauch mit dem Spülaufsatz. „Hier!“
„Ich soll wirklich?“ Der Mann aus Dresden wirkte plötzlich etwas unsicher.
Der Beamte entkleidete sich. „Elmar? Willst du nun Sex haben oder nicht?“
„Ja!“ Er schluckte. „Was denn sonst?“
„Dann steck dir endlich den Schlauch in den Arsch und spül dich! Cihad ist aufgegeilt! Er hat unsere Freunde beim Sex beobachtet, aber wir haben eine Abmachung: keinen Abgang ohne den Partner! Du kriegst es heute also mit mindestens zwei Schwänzen zu tun!“ Er lachte und betrat ebenfalls die Dusche, begutachtete den Fortschritt. „Das Ganze kann sich auch zur Orgie entwickeln, wer weiß, was alles noch geschehen wird?“
Als die beiden, vorbereitet für das Kommende, das Wohnzimmer betraten, rekelte sich Cihad lasziv auf dem Sofa, spielte an sich selber. Im Fernsehen lief ein Dokumentarfilm: Ein Schwarzer erforschte die Höhle eines Weißen, hatte aber selber Besuch, ein Asiate war in ihm. „Da seid ihr ja endlich!“
„Sorry, dass es etwas länger gedauert hat, aber nicht nur Elmar ist jetzt vorbereitet.“ Matthias griente. „Wo sind eigentlich die beiden anderen?“
„Die schwimmen erst noch eine Runde, wollen sich wohl etwas erholen, aber sie werden gleich zu uns kommen, denn Cem möchte mal richtig genommen werden, wenn ich ihn recht verstanden habe.“ Der Berber blickte Elmar an. „Das könnte dein Part werden, den Türken zu beackern. Du bist doch beidseitig bespielbar, oder?“
Elmar nickte nur, eine artikulierte Antwort war nicht zu registrieren. Auf jeden Fall trat die Dreiergruppe jetzt in näheren Kontakt, man küsste, man leckte und man herzte sich. Das erste Abtasten, die Erkundung des fremden Körpers, war nach knapp zehn Minuten beendet, dann lag Elmar mit dem Rücken auf der Couch. Sein Hintern ruhte jedoch nicht auf einem Kissen, nein, er lag auf der Lehne. Matthias hatte die Fußgelenke seines ehemaligen Mitschülers umfasst, zog sie nach unten, das Loch lag also frei. Cihad, der neben der Couch stand, griff nach der Tube mit dem Gleitgel, schmierte die Öffnung ein. Er hatte ja angekündigt, was er mit Elmar machen wollte, und das setzte er jetzt in die Tat um. Langsam, Millimeter um Millimeter drang er in das ihm dargebotene Hinterteil ein. Sein Gatte hatte auch seine Position gefunden, Elmars Kopf lag zwischen Matzes Beinen und der Mann aus Dresden nuckelte kraftvoll am Griffel des Beamten. Der Brillenträger küsste seinen Liebsten, während der nun langsam begann, den ehemaligen Mitschüler seines Mannes durchzupflügen.
Cihad genoss die Situation, auch Matthias war zufrieden und Elmar? Elmar war einfach nur glücklich, hatte er doch jetzt einen Schwanz in seinem Arsch und einen anderen in seinem Mund, er war mehr als ausgefüllt. Bisher war er nur in seinen geheimsten Fantasien Teil eines Dreiers gewesen, nun aber war er tatsächlich in das reale Geschehen involviert. Er spürte die Stöße des jungen Berbers, die peu à peu immer heftiger und fester wurden, er triumphierte innerlich.
Wie lange hatte ihn niemand mehr anal stimuliert? Vier Monate! Es war auf einer Tagung in Bamberg gewesen, heimlich hatte er den Kongress verlassen und war verabredungsgemäß zum Parkplatz an der A73 gefahren, um sich dort nehmen zu lassen. Den Kontakt zu dem 38jährigen Familienvater aus Zapfendorf hatte er über eine Autobahnsex-Webseite hergestellt. Allerdings war der Zapfen, der ihn damals traktiert hatte, eher ein Zäpfchen gewesen, das sich auch noch ziemlich ungeschickt angestellt hatte und nach dreieinhalb Minuten schon fertig gewesen und dann sofort gegangen war.
Dagegen war Cihads Spieß eine echte Wohltat, auch konnte er wunderbar damit umgehen: Kein dumpfes Raus und Rein wie auf dem Parkplatz, kein Schnell-Schnell; der Student fickte mit und ihn um den Verstand. Und von Matzes Prügel war er schon zu Schulzeiten regelrecht begeistert gewesen; wie oft hatte er sich auf dieses Teil einen runtergeholt? Er hatte damals sogar den Sportkurs gewechselt, nur um Matthias nackt unter der Dusche sehen zu können, so sehr war er von seinem Mitschüler fasziniert gewesen. Jetzt, nach Jahren der Abstinenz, nuckelte er wieder an seinem Lieblingsschwanz.
Die Situation auf dem Sofa wurde von Sekunde zu Sekunde heißer und intensiver. Elmar spürte, wie der Druck in ihm unaufhörlich stieg, lange würde er es nicht mehr aushalten können. Der Student hatte es wirklich drauf, ihn durch seine Kolbenhübe zum Höhepunkt und damit fast in den Wahnsinn zu treiben. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer, aber er weigerte sich beharrlich, das pulsierende Teil seines ehemaligen Mitschülers auch nur für den Bruchteil einer Sekunde aus seinem Mund zu entlassen. Matze sonderte Unmengen an köstlich schmeckendem Vorsaft ab, wie er sich schon auf den Hauptgang freute.
Die Zungen des Beamten und des Studenten tanzten miteinander, als sie fast gleichzeitig ihre Ladungen verschossen: Cihad pumpte seine Sahne in den Kanal, während Matthias sein weißes Gold in die Mundhöhle des Mannes aus Dresden entließ. Elmar selbst war auch gekommen: Sein Nektar landete direkt auf seiner Brust.
Just in diesem Moment der größten Glückseligkeit betraten zwei weitere Personen den Ort des Geschehens. Cem hatte Christopher an die Hand genommen, zog ihn hinter sich her. Badetücher waren um ihre Hüften geschlungen. „Wie? Ihr habt schon ohne uns angefangen?“
„Sorry, Cem! Wir wussten ja nicht, wie lange eure Übungsstunde geht.“ Matthias robbte ein Stück zurück, gab so das Gesicht seines Mitschülers frei. „Du kannst mich aber gerne sauber machen, dann geht es sofort weiter.“
„Gerne!“ Der Türke ließ Christopher stehen, machte sich auf den Weg zum Beamtengriffel.
Der blonde Jüngling starrte auf die drei Personen, die auf dem Sofa zu sehen waren. „Papa!?“
Matthias schüttelte entsetzt den Kopf. „Wie? Papa?!“
„Dein Mann hat gerade meinen Vater gefickt!“
Matthias schüttelte sich. „Wie? Elmar ist dein Vater?“
„Steht so im Familienstammbuch!“ Der angehende Mitbewohner fuhr sich entnervt durch die engelhaften Haare. „Und woher kennt ihr euch?“
„Dein Vater und ich? Wir haben zusammen Abi gemacht und ab und an kommt er halt vorbei, wenn er hier auf Familienbesuch ist.“ Matthias antwortete für den wohl immer noch konsternierten Elmar.
„Ihr habt also schon öfters?“
„Haben wir! Seit 20 Jahren, um genau zu sein.“ Der Beamte wirkte einigermaßen gefasst. „Schatz! Ich glaube, wir brauchen jetzt erst einmal eine Runde Kaffee. Wärst du so lieb und … es könnte auch nichts schaden, wenn du uns drei Duschtücher …“
„Kein Thema!“ Der Student verschwand in Richtung Küche. Cem ging in den Poolbereich und kam mit drei Handtüchern zurück, um die Verkehrsgeräte wenigstens provisorisch abzudecken.
„Ihr beide seid also Vater und Sohn? Ich fass es nicht!“ Der Beamte blickte von einem zum anderen. „Chris, setz dich bitte! Sonst kann ich nicht klar denken.“
„OK!“ Er okkupierte, wenn auch widerwillig, den Sessel, die Beine schlug er züchtig übereinander.
„Christopher, ich muss dir da was erklären.“ Elmars Stimme wirkte brüchig.
„Was?“ Im Gegensatz zu seinem Vater wirkte der Jüngling abgeklärt. „Was willst du mir erklären?“
„Äh, ich … also … ich … ich bin …“ Der Banker stammelte.
Cihad kam mit einigen Kaffeetassen wieder in den Wohnbereich. „Dein Vater ist genauso schwul wie wir alle, er ist halt nur … eine Schrankschwuchtel, eine Klemmschwester. Habibi, der Kaffee läuft!“
„Gut!“ Matthias blickte in die Runde. „Wie kriegen wir die Kuh jetzt vom Eis?“
„Christopher! Lass uns reden.“ Der Mann von der Deutschen Bank flehte seinen Sohn regelrecht an.
Der blonde Engel zog die Augenbrauen hoch. „Was willst du denn mit mir bereden? Dass du auch schwul bist, weiß ich ja jetzt. Das Thema ist durch, jedenfalls für mich.“
„Chris, lass mich erklären …“
„Was willst du mir denn erklären?“ Man hörte deutlich den Trotz in seiner Stimme. „Du hast dich von Cihad ficken lassen, na und? Ich sag dir was, lieber Vater: Hab ich gestern auch getan und ich habe es genossen! Ich hoffe, du hattest auch so viel Spaß wie ich!“
„Christopher, so kannst du das nicht sagen, es ist …“
„Was? Papa? Was?“ Wurde er jetzt bockig? „Als ich ins Zimmer kam, steckte Cihad noch in dir und du warst so mit Matzes Teil beschäftigt, man hätte meinen können, du wolltest es ihm abbeißen. Und es sah nicht so aus, als ob die beiden dich zu irgendetwas gezwungen hätten, eher im Gegenteil.“
„Christopher, ich … ich …“
Matthias wurde es zu bunt. „Elmar! Dein Gestammel ist ja nicht zum Aushalten. Was dein Sohn von dir hören will, ist ein einfacher Satz: ‚Ja, ich bin schwul!’ Auf den Zusatz ‚und das ist auch gut so!‘ kannste ja verzichten. Steh endlich zu dir!“
„Ich … ich … äh … also …“
„Elmar! Wir warten!“ Matthias hatte sich erhoben und trat nun hinter den Sessel. Seine Hand legte er auf Christophers Schulter. „Chris? Vielleicht machst du den Anfang.“
„Papa, ich bin schwul und bin es gerne. Bei Mama durfte ich es ja nie ausleben, aber hier?“ Er legte seine Hand auf die Hand auf seiner Schulter. „Hier kann ich es und will mich nicht mehr verstecken müssen wie zu Hause, dass ja keiner was mitkriegt. Ach! Übrigens: Ich habe einen Studienplatz an der Kunstakademie Münster, das Studium in Dresden kann sich Mama in die Haare schmieren.“
„Wie? Das … das … das ist nicht möglich!“ Elmar brach zusammen. „Was … was soll ich deiner Mutter sagen? Du kennst doch ihre Einstellung: Entweder du studierst in Dresden und wohnst bei uns oder machst hier Logistik und wohnst dann bei Oma und Opa.“
„Elmar? Halt die Klappe! Deine Mutter ist genauso ein Drache wie deine Frau, keinen Deut besser, eher noch schlimmer. Ich kenne deine Holde zwar nicht, aber was Chris gestern alles so erzählt hat, mir kam etliches bekannt vor.“
Elmars Blick war irgendwie leer. „Aber … wie will er denn …?“
„In Münster studieren? Ganz einfach: Er wird erst einmal bei uns im Gästezimmer wohnen und jeden Tag mit dem Zug zur Uni, macht Cihad ja auch. Wo ist das Problem?“
„Aber … was soll ich denn Gudrun sagen, dass er jetzt doch seinen Spleen mit der Kunst …“
„Das ist kein Spleen, mein lieber Elmar. Dein Sohn hat Talent, sonst wäre er wohl kaum angenommen worden.“ Matthias fuhr dem Blonden durch die Haare. „Außerdem dürfte es jetzt, wo er dein kleines Geheimnis kennt, äußerst schwer werden, ihm diesen Wunsch abzuschlagen.“
Mit großen Augen blickte er erst seinen Sohn, dann seinen alten Mitschüler an. „Ihr wollt mich also erpressen? Wollt ihr das wirklich?“
„Gott bewahre, lieber Elmar! Erpressung ist ein ziemlich harter Vorwurf.“ Matthias schüttelte seinen Kopf. „Aber eine Erpressung ist es eigentlich nicht, denn …“
„Was ist es denn dann?“ Wurde Elmar wütend?
„Nun, ein Erpresser muss sich zu Unrecht bereichern wollen. Dein Sohn fordert aber nur das, was ihm nach dem Gesetz sowieso zustehen würde, nämlich Unterhalt fürs Studium, den ihr sowieso zahlen müsstet. Dem Gericht ist es egal, was und wo dein Sohn studiert, also ist der objektive Tatbestand schon nicht erfüllt.“ Der Beamte grinste frech. „Es wäre daher maximal eine Nötigung, aber auch da habe ich so meine Zweifel, ob man das Aussprechen der Wahrheit als verwerflich ansehen kann.“
„Christopher? Ist das wirklich dein Ernst?“
„Dass ich Kunst studieren will und gerne hier leben möchte?“
„Ja … äh … nein …“ Elmar war eindeutig durch den Wind. „Ich meine, dass du …“
Der blonde Engel wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, aber Matthias war schneller. „Elmar, du hast damals den Absprung nicht geschafft, gönne jetzt wenigstens deinen Sohn das Glück, das du nie hattest und wahrscheinlich auch nie haben wirst.“
Alle schwiegen, man hätte das berühmte Fallen der noch berühmteren Stecknadel hören können. Mitten in die Stille platze es plötzlich aus Elmar raus. „Und wie … wie soll es jetzt weitergehen?“
„Cem? Kannst du noch fahren? Ich darf es nicht mehr und Cihad fährt nachts nicht gerne.“ Matthias blickte den Türken fragend an.
Der nickte sofort. „Klar!“
„Also, Cem wird dich jetzt zu deinen Eltern fahren und mit Christophers Tasche zurückkommen, die Sachen wird er brauchen. Chris wird hier bleiben, denn, wie ich deine Mutter kenne, würde die glatt aus dem Krankenhaus kommen, um ihn in den Keller zu sperren.“ Der Beamte grinste, eine gewisse Häme war nicht zu verkennen. „Du wirst dich jetzt von einer deiner Kreditkarten trennen, denn dein Sohn braucht einige Sachen für seinen Neuanfang. Wir kommen dann am nächsten Samstag nach Dresden und ziehen deinen Sohn um, sorg also dafür, dass deine Frau nicht anwesend ist, wenn wir bei euch aufschlagen.“
Elmar konnte nur nicken, als ihm dieser Friedensvertrag diktiert wurde. „Sonst noch was?“
„Das reicht doch für den Anfang, oder? Christopher? Fällt dir noch was ein?“ Der Angesprochene schüttelte stumm den Kopf. „Elmar, eins noch: Du kannst morgen Nachmittag vorbeikommen, vielleicht fällt uns ja eine passende Geschichte ein, wie du die Sache deiner Frau beibringen kannst.“
Cem ging in den Poolbereich, um sich straßentauglich zu machen. Cihad eskortierte Elmar in den Flur, dessen Kleidung ja dort verstreut lag. Christopher atmete schwer, Matthias hatte beide Hände auf seine Schultern gelegt. Als der Türke wieder den Raum betrat, ging er auf den blonden Engel zu, strich ihm liebevoll über die Wange. „Kopf hoch! Das schaffst du schon! Matze und Cihad helfen dir … und … und ich bin ja auch noch da. Ich mag dich nämlich!“ Er drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und verschwand in Richtung Flur.
Cihad betrat den Raum, sah auf den Wohnzimmertisch. „Wo ich jetzt die Tassen sehe! Der Kaffee ist noch in der Kanne. Möchte jemand?“
„Ich könnte jetzt etwas Stärkeres gebrauchen …“ Der blonde Engel blickte nach oben.
„Dann scheiden Wasser und O-Saft also aus, Bier oder Wein?“ Matthias ging um den Sessel herum. „Oder soll es noch stärker sein? Whiskey, Cognac, Wodka? Was hättest du gerne? Aber ich sag dir gleich: Der 80%ige wird nur zum Backen gebraucht!“
„Ein Bier reicht schon.“
„Sollst du kriegen!“ Matthias ging in die Küche und kam mit drei Bügelflaschen zurück. „Hier!“
Der junge Mann hatte augenscheinlich Brand wie eine tibetanische Bergziege, auch der Beamte exte die 0,33 Liter Inhalt in einem Zug. Als er die Flasche auf dem Tisch abgestellt hatte, drehte er sich zu dem angehenden Studenten um, Christopher starrte auf den Boden. Langsam ging Matthias auf ihn zu, löste dabei den Knoten seines Badetuches. Nackt stand er vor ihm, blickte auf ihn herunter. Sein rechter Zeigefinger tippte unter das Kinn des Blonden, führte so den Kopf nach oben.
Dann beugte er sich zu dem blonden Engel herunter, küsste ihn erst zärtlich, dann immer fordernder, nestelte schließlich an dessen stofflicher Umhüllung. Als er die Gerätschaften des Noch-Dresdeners freigelegt hatte, ließ er seine Hand erst den Stamm entlang fahren, wog dann die gestern vom Urwald befreiten Bälle.
Christopher schob Matthias etwas von sich. „Was … was machst du da?“
„Das siehst du doch!“ Matthias grinste. „Ich spiele …“
Der angehende Künstler schüttelte entnervt den Kopf. „Denkst du eigentlich immer nur an Sex?“
„Immer!“ Cihad stand plötzlich hinter dem Sessel, ließ seine Finger die Nackenwirbel entlangfahren und auf den Schultern zur Ruhe kommen. „Und wenn er schläft, dann … dann träumt er davon.“
„Außerdem scheint es dir zu gefallen oder …“ Matthias küsste den jungen Mann auf die Nase. „… wie soll ich das da unten deuten?“
Zwar war noch nicht die volle Einsatzbereitschaft hergestellt, aber viel fehlte nicht mehr, um wieder weiße Salven abschießen zu können. „Äh, ja … aber trotzdem …“
„Was?“ Der Sohn der Wüste ließ seine Hände auf die Brust des Sitzenden wandern.
Der blonde Engel blickte nach oben, sah direkt in die dunklen Augen des Studenten. „Ich habe gerade meinen Vater beim Sex gesehen …“
„Stimmt, so ein Anblick kann echt schockieren!“ Der Berber lachte.
„Das … das meine ich nicht!“ Christopher stöhnte. „Mein neues Leben …“
„Was ist damit?“ Matthias spielte weiter mit dem mittlerweile wieder harten Stab.
Der Blonde atmete tief durch. „Mein neues Leben beginnt schon heute! Nicht erst in drei Wochen, wie ich es eigentlich geplant hatte.“
„Und?“ Der Student massiert die Nippel. „Wo ist der Unterschied? Ob nun heute oder erst in drei Wochen? Du wolltest den Neuanfang und der Neuanfang wollte dich wohl auch, al-hamdu li-llah.“
„Aber ich wünschte, ich wäre … wäre etwas vorbereiteter gewesen!“
„Kilmit ya rayat la ti ammir bayt.“ Der Wüstensohn zwirbelte leicht die Knospen, die mittlerweile hart abstanden. „Das Wort ‚ich wünsche‘ baut noch kein Haus. Gut, dein Umzug wäre dann eventuell einfacher, aber sonst? Auch die längste Reise fängt mit dem ersten Schritt an. Gut, du wurdest jetzt geschubst, aber … der erste Schritt ist gemacht.“
Der neue Mitbewohner stöhnte leicht. „Ja, aber …“
„Es gibt kein Aber!“ Der Controller zog die Vorhaut des neuen Mitbewohners ganz nach unten, ein erneutes Stöhnen war zu vernehmen. „Chris, sei doch mal ehrlich, du wärst in drei Wochen wohl eher heimlich aus dem Haus geschlichen, wie ein Dieb in der Nacht. Jetzt aber? Jetzt kannst du erhobenen Hauptes gehen und das sogar mit väterlicher Billigung. Was willst du mehr?“
„Vielleicht …“ Er rekelte sich lasziv. „… weiter … nachdenken?“
„Nachdenken können wir morgen noch.“ Matthias grinste ihn frech. „Jetzt möchte ich sehen, was du bei Cem alles so gelernt hast!“
„Was ich von Cem …“ Große Augen blickten den Beamten an. „Ich soll dich …“
Der Brillenträger nickte. „Ja, du sollst mich …“
„Warum?“ Er hechelte jetzt ob der beiden Reizungen, denen er ausgesetzt war.
„Erstens saftest du wie ein Verrückter, zweitens sind alle Hausbewohner flexibel und aktiv habe ich dich noch nicht erlebt und drittens …“ Ihre Lippen vereinigten sich kurz. „… ich will mich ja nicht umsonst gespült haben! Habibi, würdest du mir bitte das Gleitgel …“
„Aber immer doch!“
Als Cem eine Viertelstunde später – im wahrsten Sinne des Wortes – dazustieß, entwickelte sich dann doch noch die vor einer Stunde bereits angekündigte Orgie, allerdings war Elmar kein Bestandteil derselben. Nach dem Austausch diversester Liebkosungen und Körperflüssigkeiten – in den unterschiedlichsten Konstellationen – hatten die Vier gegen vier keine große Lust mehr, noch das Gästezimmer herzurichten. Man entschied sich, gemeinsam die Lagerstatt zu teilen.
Zwar verfügen Matthias und Cihad über ein zwei Meter breites Bett, man hatte – des Öfteren – dort schon zu dritt genächtigt, aber für vier er- und ausgewachsene Männer erwies es sich doch als etwas schmal. Aber, wie heißt es so schön, lieber gemeinsam in einem Bett, als allein in getrennten Betten.
Am nächsten Morgen, der eigentlich am Mittag erst begann, wurde erst einmal gefrühstückt. Man stärkte sich, um die verbrauchten Kräfte wieder aufzufrischen. Schweren Herzens verabschiedete sich Cem, war aber bereits nach einer Stunde wieder da, anscheinend hatte er doch einen Narren an dem Noch-Dresdner gefressen.
Zusammen mit ihm traf Frank Weinski ein, der sich ja eigentlich nur seine potenzielle neue Wohnung ansehen wollte. Matthias und er wurden sich schnell handelseinig, vielleicht lag das auch daran, dass Frank seine aktive Unterstützung in Sachen Christopher anbot, denn er, der nebenamtliche Fußballtrainer, konnte uneingeschränkt auf den vereinseigenen Bully zugreifen.
Man hatte gerade die Umzugspläne unter Dach und Fach gebracht, als Elmar auf der Bildfläche auftauchte. Zwar war dieser mehr als überrascht, seinen ehemaligen Mitschüler Frank Weinski hier anzutreffen, aber er ließ es sich zuerst nicht anmerken. Gut, er wirkte etwas angeschlagen, das hätte aber viele Gründe haben können. Aber, im Verlauf des Gesprächs, kam der wahre Grund für die Mitgenommenheit dann doch noch ans Tageslicht. Ein Geheimnis bleibt halt nicht lange verborgen, wenn es mehr als zwei Leute kennen.
Matthias blickte ihn an. „Hat dein Vater eigentlich was gesagt, dass sein Enkel heute Morgen nicht mit am Frühstückstisch saß?“
„Nein, er hat es gar nicht gemerkt. Das Krankenhaus hat heute Morgen angerufen, bei Mutter gab es Komplikation, sie hat jetzt auch noch Pfeiffersches Drüsenfieber oder so was, liegt jetzt erst einmal auf der Isolier-Station.“ Er atmete tief durch.
Frank grübelte kurz. „Sag mal, Elmar, hat deine Frau Ahnung von Medizin?“
„Nein! Wieso fragst du?“ Er blickte ihn verwundert an. „Sie ist auch Bankkauffrau.“
„Gut, dann kannst du ihr ja erzählen, Chris hätte sich bei ihr angesteckt, deshalb bringst du ihn nicht mit nach Hause. Passt zwar nicht von der Inkubationszeit, aber egal!“ Er grinste. „Und dann fahrt ihr am nächsten Wochenende wieder hierher, eine Woche Quarantäne ist ja Minimum. Wir fahren derweil nach Dresden und ziehen deinen Sohn um.“
„Und wie soll ich ihr erklären, dass mein Sohn dann doch nicht im Krankenhaus liegt?“ Die Frage war mehr als berechtigt. „Schon daran mal gedacht?“
Weini lachte. „Dann sagst du ihr einfach, dein Sohn hätte sich unsterblich verliebt und mit Selbstmord gedroht, wenn du ihm nicht eine Woche Freiheit verschaffen würdest. Da du deinen Sohn liebst, hast du ihm, wenn auch widerwillig, diesen Gefallen getan.“
„Und in wen soll er sich verliebt haben?“
Matthias lachte. „Schau dir die beiden doch an! Chris und Cem schmachten sich doch regelrecht an!“
„Sag von mir aus … in eine Türkin.“ Der heimische Banker atmete tief durch. „Ich bin ja doch eher passiv, wenn es um das eine geht. Du verstehst?“
„Wie? Mein Sohn ist doch der … der aktive Stecher?“ War das Unglaube in seiner Stimme?
„Als guten Deckhengst würde ich ihn noch nicht gerade bezeichnen, aber …“ Der Beamte grinste seinen Konabiturienten frech an. „… aber er macht große Fortschritte auf diesem Gebiet.“

Epiloge sind ja eigentlich aus der Mode, aber offene Fragen sollten beantwortet werden, so sie denn beantwortet werden können und beim Leser für ein runderes Bild sorgen. Fangen wir dann mal an:
Cem outete sich bei seinem Vater zwei Wochen nach dem gemeinsamen USA-Aufenthalt; er und Christopher hatten sich der Reisegruppe durch den „alten Süden“ einfach angeschlossen. Der Obst- und Gemüsehändler war zwar erst gar nicht erfreut, keine Enkel von seinem Ältesten zu bekommen, aber er konnte der Sache dann doch noch etwas Gutes abgewinnen: Die Unterstützung seines schwulen Sohnes sicherte ihm die letzten, noch notwendigen Sympathiepunkte des Nominierungsausschusses für den Rat.
Frank Weinski zog, noch vor Christophers Umzug, in die leer stehende Wohnung und bekommt seitdem oft Besuch von seinen Kindern. Er hat schon angefragt, ob er den Dachboden noch dazu mieten könne, denn die Beiden wollen – nach der Scheidung – zu ihm ziehen. Außerdem hat er alle zwei oder drei Wochen einen Übernachtungsgast aus Dresden: Elmar möchte schließlich wissen, wie sich sein Filius an der Kunstakademie so schlägt.
Christopher hat sich häuslich im Gästezimmer eingerichtet und fühlt sich dort pudelwohl. Zwar bekommen Matthias und Cihad die meisten seiner Übungsstunden mit, aber das stört ihn weniger, er genießt das Leben und seine Freiheit in vollen Zügen. Cem würde zwar gerne mit ihm in eine gemeinsame Wohnung ziehen wollen, aber der Student der Künste will sich – gerade erst in Freiheit – noch nicht wieder binden, obwohl er sein Faible für Fesselspiele entdeckt hat.
Matthias liebäugelt seit Kurzem mit dem Haus 167, das nach der Scheidung der Eigentümer plötzlich zum Verkauf steht. Zwar ist ihm der Kaufpreis jetzt noch etwas zu hoch, aber er hat ja Zeit und – nötigenfalls – zwei Banker im Hintergrund. Die zu erwartenden Mieteinnahmen will er in eine zusätzliche Rentenversicherung einzahlen, um seine mickrige Beamtenpension im Alter etwas aufzubessern.
Cihad hielt die Rentenpläne seines Gatten für verfrüht, hatte aber schon eine Verwendung für die Einliegerwohnung des Nachbarhauses. Über heimliche Kanäle in die Heimat hatte er erfahren, dass sein Vater seine jüngste Schwester Hanan, Absolventin des Lycée Lalla Aicha in Rabat, einer ehemaligen Mädchenschule mit Deutsch als zweiter Fremdsprache, im Januar gegen ihren Willen verheiraten wollte. Nur gut, dass er und Matze den Jahreswechsel in Marokko verbringen wollten.
Elmar wartete auf Post aus der Frankfurter Zentrale, hatte er sich doch auf den freiwerdenden Posten des Regionalleiters der Deutschen Bank in den Niederlanden beworben. Seiner Frau hatte er davon noch nichts erzählt, in der Ehe kriselt es, besonders seit dem Auszug des einzigen Sohnes. Angesprochen auf den Auslandsposten sagte er nur, er wäre so schneller bei seinem Sohn als von Dresden aus; Christopher meint jedoch, er könne immer noch nicht zu sich stehen, aber die beiden nähern sich langsam wieder an

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Information Meeresrauschen
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:41 AM - No Replies

Freitag, 10.04.

Ich liebe ja eigentlich spontane Aktionen, aber, um diesen Unternehmungen auch mein Wohlwollen zukommen zu lassen, bedarf es doch schon eines gewissen Maßes an Planung. Die Aktion, die mein Flo an diesem Wochenende mit mir vorhatte, entbehrte jedweder Grundlage auch nur eines logischen Gedankens, jedenfalls aus meiner Sicht der Dinge.

Als er um kurz nach zwölf in mein Büro stürmte, war ich eigentlich schon auf dem Sprung zu einem meiner wichtigsten Kunden. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dem Besuch meines Liebsten. „Schatz. Was ist?” „Rate mal, wo wir heute Abend sind?” „Im Bett?” „Du denkst auch immer nur an das eine!” „Wenn ich dich sehe, …”, ich ließ den Satz unvollendet und schlüpfte in meine Jacke. „Was machst du?” „Ich ziehe mir meine Jacke an und fahre zu Deppermann. Der will heute noch den Vorentwurf für seine Schreinerei sehen.”
Er zog einen Schmollmund. Erst da bemerkte ich eine gepackte Reisetasche neben ihm. „Willst du verreisen?” „Nein, wir!” Ich war leicht irritiert. „Äh, hab ich was vergessen?” Ich kratzte mich an der Stirn. „Marius, ausnahmsweise hast du diesmal nichts vergessen, ich wollte dich überraschen!” „Und womit?” „Menno! Ich wollte mit dir nach Borkum, ein Wochenende ausspannen. Um vier geht die Fähre. Nächste Woche gehe ich ja in Trainingslager und da dachte ich, …” Ich ging auf ihn zu, nahm seinen Kopf in meine Hände und küsste ihn zärtlich auf die Lippen. Sofort öffnete er seinen Mund und meine Zunge spielte mit der seinen.

„Tja, was machen wir nun?” Er schaute mich fragend an. „Hättest Du angerufen! Ich kann den Termin nicht mehr verlegen. Deppermann ist nur noch heute Nachmittag greifbar, fährt morgen zu seinem kleinen Parteitag und du weißt, wenn der Job klappt, habe ich den Stadtauftrag so gut wie sicher.” Wir leben zwar offiziell in einer – der kommunalen Neugliederung der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts sei Dank – Großstadt, aber die Strukturen der Macht sind dennoch eher ländlich geprägt, und was das bedeutet, kann sich jeder an fünf Fingern abzählen.

„Pass auf, ich beeile mich, und dann nehmen wir halt die letzte Fähre. Die geht gegen sechs, wenn ich mich nicht irre. Außerdem kannst du dann in der Zwischenzeit ja schon für mich packen, den Wagen tanken, Simon anrufen, dass wir morgen nicht kommen, die Blumen gießen, …” „Ja, Massa!” Er grinste. „Packen brauche ich nicht mehr, deine Klamotten hab’ ich schon hier!” „Ach ja?” „Wir fahren nur zu Onkel Henning. Da brauchen wir eh nicht viel. Wir sind ja alleine!” „Wieso? Ist er nicht da?” „Doch, aber die Handwerker sind im Haus. Er rief heute früh an und fragte mich, ob ich ihm ein paar Rohre verlegen kann. Und du wolltest ja eh am Wochenende für unser wertes Stadtoberhaupt arbeiten. Da dachte ich, wir verbinden das angenehme mit dem nützlichen und fahren zusammen. Du kannst im Atelier arbeiten und ich quäle mich mit Muffen und den Wasserleitungen.” Er schaute mich mit seinem Dackelblick an, dem ich einfach nicht widerstehen konnte, auch nach mittlerweile drei Jahren unserer engeren Beziehung. Ich versank immer noch in die tiefblauen Augen, die jede Frau in Verzückung gebracht hätten.

Ich nahm meinen Aktenkoffer, er die Reisetasche und wir gingen hinaus in den Laden. „So, Felix, ich bin dann weg!” „Deppermann?” „Jepp!” „Kommst du nachher noch mal rein?”; wollte mein Kompagnon wissen. „Nein! Höhere Umstände! Meine bessere Hälfte will mich auf die Insel entführen!”, ich grinste. „Dann mal viel Spaß auf Borkum und grüß mir Henning. Wir fahren ja nächste Woche mit den Zwillingen zu ihm. Zwei Wochen Ruhe!” „Äh? Hab ich was vergessen?” „Nein Marius, hast du nicht! Ich bring Claudia und die Kinder nur hin, bleibe übers Wochenende und bin dann am 20.sten, das ist der Montag deiner Prüfungsklausur, wieder hier, um aufzuschließen. Steht auf jeden Fall so in meinem Terminkalender.” „Und zwei Wochen Ruhe?” „Zwei Wochen ohne meine Frauen? Was ist das denn? Ruhe PUR für einen 36-jährigen Mann!” Ich lachte, nahm meinen Spatz an die Hand und verließ die Räumlichkeiten von FM Computer, wie unser gemeinsames Geschäft heißt.
Felix (das F) ist Hauptgesellschafter und der Hardwarespezialist bei uns, ich (das M) mache als Juniorpartner in Software und treibe, mehr oder minder erfolgreich, mein Informatikstudium an der Uni voran.

„Wie bist du hier?” „Mit Knut.” Nicht wundern, mein blondgelockter Gatte gibt seinen Autos Namen, verstehe wer will. Für mich sind Autos Gerätschaften, die mich von A nach B zu transportieren haben, mehr nicht, eine Seele? Na ja, war es nicht Sokrates, der Steinen Leben verlieh? Auch egal, irgend so ein alter Grieche halt.
„OK, dann nehmen wir den Firmenwagen. Du kannst mich bei Deppermann rauslassen und fährst dann zu mir. Pack bitte Linus (mein Laptop mit Linux) und Schröder (meinen Notebookdrucker) und die Kabeltasche ein. Ich brauch auch noch die Unterlagen, die auf dem rechten Sideboard liegen, nur für alle Fälle. Dann bringst du Felix den Wagen wieder und nimmst Knut.” Ich gebe nur meinen Rechnern Namen, denn die bringen mich, wie mancher Mensch, auch oftmals zur Verzweiflung.

Wir stiegen ein und mein Schatz setzte seine Brille auf. Eigentlich braucht er sie nur zum Autofahren, aber ich finde, die Nickelbrille steht ihm. Er sieht damit besser, intelligenter, süßer und spitzbübischer aus. Aber er meint, wenn er auf dem Eis steht oder an irgendwelchen Toiletten rumhantiert, würden die Augengläser nur stören. Seiner Ansicht nach wäre es ein unüberbrückbarer Gegensatz: Klempner und Brillenträger, na ja, was soll’s?

Wir fuhren mit dem silberfarbenen Meriva in Richtung des neuen Gewerbegebiets. Hier hatte unser OB seinen, d.h. den elterlichen Schreinerbetrieb, angesiedelt. Der Bauantrag dauerte nur drei Monate und er konnte bauen! Nicht wundern, er ist das Stadtoberhaupt.

Der Wagen hielt vor der der Schreinerei Wilhelm Deppermann und Söhne. Ich warf meinem Kleinen, der eigentlich 5 cm größer ist als ich, einen angehauchten Kuss zu und stieg aus, nahm meinen Koffer vom Rücksitz und rückte die Krawatte zurecht. „Das schaffst du mit Links, Großer!” Diese Augen! Nein, konzentrier dich, dachte ich. „Ich bin dann in einer Stunde wieder hier.” „Gut. Denkst du an die Sachen? Musst du tanken?” „Mama, ich bin schon groß!” Diese Stimme! „Ich liebe dich!” „Geht mir auch so! Und zeig’s den Affen!” „Mach ich!”

„Schön, dass du es einrichten konntest. Komm mit!” Der OB kam mir entgegen und schüttelte mir die Hand. „Was macht Vattern?” „Dem geht’s gut. Er lässt dich grüßen und fragen, ob du auch zur Antrittskneipe kommst.” „Braucht er wieder mal eine Mitfahrgelegenheit?” „Du kennst ja deinen Leibburschen! Du bist immer noch sein Fux, auch wenn du jetzt 52 bist.” Ich grinste den OB an und er fing auch an zu schmunzeln. Ja, ja, die Studentenzeit. Um fragenden Blicken vorzubeugen, der OB Klaus Deppermann, mein Vater Dr. med. dent. Urban van Aarp und meiner einer waren und sind Mitglieder ein und derselben Verbindung. Also herrscht zwischen uns das uneingeschränkte Du, jedenfalls wenn man unter sich ist.

Ich blickte auf die Uhr. Es war mittlerweile kurz vor drei, der Termin hat länger gedauert, als eigentlich beabsichtigt, Flo musste wütend auf mich sein, wie lange wartete er mittlerweile auf mich? Eine Stunde?. Die Deppermänner, also unser allseits beliebter OB Klaus und sein arbeitender Bruder Wolfgang, waren sofort mit dem Vorschlag einverstanden, aber der dem Internet vollkommen auf Kriegsfuß stehende Prokurist , Stachowinsky hieß er, glaube ich zumindest, stellte immer wieder eine dämliche Frage nach er anderen. Es zog sich wie Kaugummi.
Es war dann Klaus, der dann dem Spuk ein Ende machte. „Herr van Aarp, der Worte sind genug gewechselt, es sollen Taten folgen! Sie haben den Auftrag!” Ein Stein größeren Ausmaßes fiel mir vom Herzen. Den beiden Deppermännern wohl auch, sie hatten noch anderes vor.

Im Hinausgehen meinte dann unser OB, er legte schon wieder die Hand um meine Schultern: „So, das hätten wir. Marius, bist du Montag auf dem Konvent?” „Denke schon. Wieso fragst du?” „Peter, er …” „Was ist mit deinem Sohn?” „Nun, er will unbedingt Senior…” „Klaus, ich hätte sowieso für ihn gestimmt.” „Gut!” War der Auftrag Stimmenkauf? Mir soll’s egal sein. Geld stinkt nicht. Verbindungen öffnen zwar Türen, aber eintreten muss man selber.

Ich verabschiedete mich und ging die Treppe hinunter. Auf der anderen Straßenseite sah ich Knut. Ich lief auf den kleinen roten Sportwagen mit der Regenbogenflagge am Heck zu und konnte es nicht erwarten, den Fahrer in meine Arme zu schließen.
„Das hat ja Ewigkeiten gedauert!” „Tut mir leid, Flo. aber ich musste erst deinen Parteigenossen überzeugen, der war ja so anstrengend.” Ich grinste ob des eingeheimsten Auftrags und konnte es nicht lassen, meinen Geliebten mit seiner Parteipräferenz aufzuziehen. Na ja, ich weiß ja nicht genau, wo er sein Kreuz in der Wahlkabine macht (eines der ungeklärten Geheimnisse zwischen uns), aber er als GWS (Gas-Wasser-Scheiße) Spezialist ist er doch eher einer anderen Richtung zuzuordnen als der Spross einer Zahnarzt- (väterlicherseits) und Apothekerfamilie (mütterlicherseits).

Um eventuellen Unklarheiten vorzubeugen, ich bin, wie bereits erwähnt der Marius, gerade 26 geworden, trage Brille über meinen dunkelbraunen Augen, habe ebensolches Haar, obwohl, ich muss es ja zugeben, dass schon an einigen Stellen ergraut ist. Aber nur leicht! Und die sieht man nur, wenn die Haare lang sind. Vielleicht liegt es daran, dass ich Kurzhaarfrisuren bevorzuge, ich weiß es nicht. Aber wenn ich meinen Vater und meinen vier Jahre älteren Bruder so betrachte. Bei Alexander ist das mittlerweile ein mittelgroßer Fliegenlandeplatz, in Airportgröße gerechnet, ist die Glatze meines Produzenten mit dem Flughafen Heathrow vergleichbar.

Alexander ist wie mein Vater Zahnarzt und meine Schwester, die drei Jahre älter ist als meine Wenigkeit, hat nach der Babypause ihr Pharmaziestudium wieder aufgenommen und wird eines Tages die Apotheke meiner Mutter übernehmen. Ich bin daher der jüngste Spross der Familie van Aarp und das alte Gerücht, das das jüngste Kind schwul ist, bewahrheitet sich wieder einmal. Und da ich eh aus der Art geschlagen bin, bin ich weder das eine oder das andere, sprich Dentist oder Pillendreher, sondern habe mein Hobby zum Beruf gemacht. OK, es dauert noch etwas, bis ich mein Diplom als Informatiker in der Tasche habe, aber bald wird es soweit sein, da bin ich mir sicher. Schließlich arbeite ich ja auch nebenbei und das nicht zu wenig. Ich bin wirklich kein Student, der erst um zwölf aufsteht. Das musste ich mal loswerden.

Was soll ich großartig über mich berichten? So ganz aus der Art geschlagen bin ich dann aber auch doch nicht, denn ich bin ja immerhin während meines Studiums in eine Verbindung eingetreten (aus eigener Überzeugung wohl gemerkt!) und habe da so zumindest mit der Familientradition nicht gebrochen. Familie hat sowieso einen ganz besonderen Stellenwert für mich. Nicht das ich aus einer Bilderbuchfamilie entstamme, auch bei uns hängt manchmal der Haussegen schief, aber es ist der Zusammenhalt, der mir vorgelebt wird und den ich so schätze. Auf meine Leute kann ich mich stets verlassen, mein gesicherter Rückzugspunkt, wenn man so will. Genau wie ich alles für sie tun würde, würde sie mich, egal in welche Situation ich gerate, mit all in ihren Kräften unterstützen. Es ist fast wie bei den berühmten Musketieren: Alle für einen, einer für alle.

Ehe man mich jetzt falsch versteht: Wir glucken aber nicht aufeinander und jeder von uns hat seinen eigenen Freundes- und Bekanntenkreis und ist ein freier Mensch, der machen kann, was er (oder sie) will. Aber es gibt da den gewissen Rückhalt, der einem das Leben einfacher macht. Und diesen Punkt möchte ich nicht missen, denn er hat mir und uns, d.h. meinem Flo und mir, schon viel geholfen. Ich wüsste nicht, ob wir die Reaktion seiner Mutter auf sein Coming Out damals so gut überstanden hätten, wenn wir allein auf uns gestellt gewesen wären und es da nicht die speziellen Familienbande derer van Aarps gegeben hätte.

„Hast du alles?” „JA!” Hörte ich da eine gewisse Gereiztheit aus seiner Stimme? OK, ich gebe es ja zu, es war nicht die feine Englische, ihn warten zu lassen ohne Nachricht, aber ich hatte immerhin einen Auftrag im Wert von 3.500 Euro für FM Computer an Land gezogen. Würde die nächsten vier Ladenmieten sichern. Und was bedeutet eine Stunde Wartezeit dagegen? „Dann mal los! Ich will raus aus den Klamotten, und Flo, …” Ich schaute ihn an und legte meine Linke auf seinen Oberschenkel und fing ganz langsam an, den Jeansstoff zu massieren. „Verzeih mir!” Er schaute nur kurz nach links, denn der einsetzende Berufverkehr, in den wir hineingerieten, wurde zunehmend dichter und erforderte seine ganze Konzentration. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Schon gut, mein Engel. Wir sind quitt. Ich habe dich überfallen und entführ dich nun. Was macht die eine Stunde?” Meine Hand wanderte höher. „Danke, dass du mir meine Sünde vergibst.” Meine Finger hatten seinen Reisverschluss erreicht. „Na ja, vergeben? Du kannst sie ja abblasen!” Ich öffnete das Tor. „Marius! Was machst du?” „Ich tue Buße!”, sprach’s und ließ meinen Fingern freien Lauf. Ich spürte die kurzen, erst vorgestern gestutzten Haare, und ließ meinen kleinen Finger an der Wurzel liegen. Habe ich erwähnt, dass mein Florian im normalen Leben auf Unterhosen verzichtet? Nur im Eishockeydress trägt er die Liebestöter, wie er selbst Calvin Kleins Erzeugnisse bezeichnet. „Marius van Aarp! Willst du uns umbringen?” „Du weißt doch, ich will in deinen Armen vergehen, mein Schatz!” „Ich ja auch in deinen, aber bitte erst in fünfzig Jahren und nicht mit vierundzwanzig. Das ist definitiv zu jung!” Ich fing an zu lachen. „Stimmt.” Ich zog meine Finger heraus und brachte den Verschluss wieder in Ausgangsposition. „Was soll das denn jetzt?” „Du wolltest doch nicht!”, ich tat entrüstet. „Komm her, du kleiner Nimmersatt!” Da wir gerade eh vor einer roten Ampel standen, beugte er den Kopf zu mir herüber und küsste mich. Sofort begann das Zungenspiel. Er fuhr erst los, als der LKW hinter uns zum zweiten Mal hupte.

Ich nahm meine Krawatte ab und kramte nach meinem Mobilknochen. „Felix! Wir haben den Auftrag!” „Gut, dann kann ich ja auch mit Claudia heute Abend groß Essen gehen.” „Aber nur in die Frittenschmiede!” „Ekel. Aber immerhin. Ach, da kommt Kundschaft! Viel Spaß euch beiden und Gruß an Henning!” „Danke, werde ich machen!” „Ach Marius.” „Ja?” „Dein Schlüsselbund.” „Was ist mit dem?” „Der liegt hier auf deinem Schreibtisch, hab ihn gerade gefunden.” „Shit!” „Ja, ja, das Alter. Mit 26 setzt der Verfall ein!” „Arsch!” „Angenehm, Bärwald.” „Schmeiß ihn bei mir in den Kasten, wenn du gleich nach Hause fährst.” „Werde ich machen, Flo hat ja, Gott sei Dank, auch einen Schlüssel zu deinem Briefkasten. Du musst ja Montag den Laden aufmachen. Ich bin ja bei deinem Vater.” „Ich ruf ihn an, er soll dich ohne Spritze behandeln!” „Untersteh dich!” „Überleg ich mir.” „Mach das, ich muss los.” „Gute Geschäfte noch.” „Euch auch und kommt gesund wieder. Nicht nur Flo braucht dich, der Laden auch.” „Grüß deine Holde!” „Werde deine Schwester grüßen. Bis Montag dann.” Er legte auf. Habe ich erwähnt, dass Felix mein Schwager ist?

Ich legte das Handy weg und widmete mich meinem Spatz. „Du entführst mich also!” Er nickte. „So mit allem drum und dran?” „Jepp. Shit, ich hab die Handschellen vergessen.” Wir lachten beide los und konnten uns kaum halten. Wäre jetzt ein Weiß-Grün Chargierter der verehrlichten Verbindung der Polizia zu … – wo waren wir gerade – aha , kurz hinter Münster, also Steinfurt, hinter uns gefahren, er hätte ob des Schlenkers eine sofortige Alkoholkontrolle angeordnet.

Der Verkehr war zähflüssig. Wir kamen nur langsam voran. Staumeldungen gab es zwar nicht, aber es war Wochenende, viel Ausflugsverkehr. Flo hatte die Strecke jenseits der Autobahn gewählt, landschaftlich sicherlich reizvoll, wäre da nicht der Punkt gewesen, dass wir die Fähre erreichen wollten, die uns zu seinem Patenonkel Henning auf die schöne Insel Borkum bringen sollte.

Na ja, er fährt, er muss es wissen, welche Strecke er fährt; er hat ja geplant. Ich fing an zu dösen. Freute mich schon auf das Wochenende mit dem Mann meiner Träume, auf einen langen Strandsparziergang, auf Möwen und das Meeresrauschen. Auf Flo freute ich mich auch, aber das brauche ich ja wohl nicht gesondert zu erwähnen, oder?

Ich wachte abrupt auf. „Shit!” Der Wagen fing an zu stottern. „Was is’ los?”; frage ich zugekniffenen Augen. „Sprit!? „Kein Benzin mehr!” „Hast du denn nicht getankt?” „Ne, die Tankanzeige war dreiviertel, als ich losfuhr.” „Die ist kaputt!” „Seit wann?” Ich war jetzt wieder klar. „Seit letzter Woche. Ist mir auf der Strecke nach Essen aufgefallen. Hab ich das nicht gesagt?” „NEIN!” „Shit! Hab ich wohl vergessen?” „Was hast du denn in Essen gemacht? Claudio besucht?” Himmel, konnte er eifersüchtig sein, dabei war das damals mit Claudio nur ein, sagen wir es einmal so, ein lustiger Zwischenfall gewesen, mehr nicht. „Nein, mein Engel! Ich war nicht bei Claudio. Ich war bei meinem Bohrer!”

Claudio, die 170 Zentimeter große braunhaarige Promenadenmischung aus Rom. Der Vater aus dem tiefsten Sizilien und die Mutter aus Bozen. Er sang jetzt in irgendeiner Musicalproduktion in Essen. Wir hatten uns, kurz bevor mein eheähnlicher Zustand mit Florian anfing, im Chat kennen gelernt, uns getroffen und gemeinsam das Wort Begehren buchstabiert, wie es so schön heißt. Na ja, für mich war es nur eine gegenseitige Reduktion des Druckes eines bestimmten Körperteils, für ihn anscheinend mehr als ein One Night Stand.
Er war Anlass des einzigen großen Streites zwischen meinem Liebsten und mir, als er kurz nach Florians Einzug in meine Behausung ebensolches auch tun wollte. Weder hatte ich mich in dieser Richtung geäußert noch ihn in sonstiger Weise zu diesem Schritt ermutigt. Der feurige Italiener halt, der Sex und Liebe nicht voneinander trennen kann. Diese Zäsur sollte man, allein wegen seines eigenen Seelenheils, ziehen. Der Mensch ist halt kein vollkommenes Wesen und beileibe nicht engelshaft. Welcher Theologe hat das denn nun wieder der Menschheit überliefert?

Plötzlich war wieder die Sanftheit in seiner Stimme. „Sag das doch gleich, dass du bei Stefan warst. Dann sei der Trip nach Essen vergeben und vergessen.” „Danke mein Herz.” „Stimmt ja, du wolltest dir den neuen Ball bohren lassen. Wie ist der denn?” „Äußerst gewöhnungsbedürftig. Ich hab den richtigen Punkt zwar noch nicht gefunden, aber der kann schon was. Wir arbeiten dran.” „Du und Reinhard?” „Ja, ich und mein Trainer.” Um fragenden Blicken auszuweichen, ich spiele Bowling, immerhin einer Liga höher (jedenfalls vom Namen her) als mein kleiner Eishockeygott, der gerade mit seinem Sprit haderte, und in Essen hat der wohl beste Ballbohrer im nördlichen Ruhrgebiet oder südlichem Münsterland, je nach Standpunkt betrachtet, seinen Pro-Shop.

Der Wagen rollte aus. Ich schaute fragend in das liebste Gesicht auf Erden. „Nu?” „Tja, kennst du die blaue Tankstellenreklame von früher noch?” Ich stutze. Er pfiff nur eine Melodie: We are walking.
„Sorry, my angel, but that’s your turn!” Er schaute irritiert. „Im Ernst! Du brauchst jetzt nicht deinen Dackelblick aufzusetzen, nützt dir gar nichts!” Ein Wimpernschlag. „Äh, du brauchst jetzt nicht so zu gucken.” Er hielt die Augen geschlossen. „Du wolltest mich entführen, also sorg auch dafür, das die Karre fährt.” „Komm doch mit!” „Nichts da! Meinst du, ich lass Linus, Schröder, Snoopy (Laptop mit Windows) und Peppermint Petty (mein PalmTop) allein?” „Du und deine Rechner!”, kam es nur, „Sind die wichtiger als ich?” „NEIN! Aber ich lass doch keine Ausrüstung für die Hälfte deines Jahresgehalts mitten in der Pampa.” Ich grinste. „Hast du keinen Reservekanister?” „Ne, leider!” „Tja, dann ist wohl laufen angesagt.” Diesmal pfiff ich die Melodie.

„Aber ich bin ja nicht so!” „Du kommst also doch mit?” „Nein, aber ich gebe Dir eine Wegzehrung mit.” Ich löste den Gurt und beugte mich vor, nahm sein Gesicht in beide Hände und führte meine Lippen zu den seinen. Er schlug die Lider nieder und gewährte meiner Zunge sofortigen Einlass. Während unsere Zungen einander umrundeten, wanderte meine Hand eine Etage tiefer. Ich drückte an dem, was der Reisverschluss verbarg. Ein leises Stöhnen kam aus seinem Mundwinkel. Ich nahm abrupt Zunge und Hand weg. „So! Und nun Abmarsch! Wir wollen ja noch die Fähre erreichen!” Habe ich schon erwähnt, dass ich ab und an richtig fies werden kann?

Er öffnete missgelaunt die Tür und stieg aus. „Schlüssel lass ich stecken! Nicht weglaufen!” „Schatz, ich laufe nicht weg, dazu bin ich viel zu faul und wegfahren kann ich ja nicht! Ich werde hier auf Dich warten, denn ich werde ja entführt. Aber tu mir einen Gefallen, ja?” „Ich würde für dich durchs Feuer gehen, dass weißt du doch. Also?” „Über glühende Kohlen brauchst du jetzt nicht zu laufen. Aber nimm deine Beine in die Hand, die letzte Tankstelle ist knapp drei Kilometer hinter uns gewesen und wir haben heute noch was vor!” „Du denkst ja immer nur an das eine!” „Ausnahmsweise nicht, auch wenn ich dich jetzt liebend gerne wieder von innen erforschen würde. Aber wir müssen die Fähre erreichen!” „Jaja, Papa, ich geh ja schon.” Er beugte sich noch einmal zu mir herab und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Bis gleich, ich wollte eh heute noch laufen.” „Also, laufe er geschwinde.”
Ich blickte diesem 191 cm großen Blondschopf hinterher, diesem Mann, der nicht nur mein Herz geraubt hat, sondern auch meinen Verstand. „Und was machen wir jetzt schönes?”, sagte ich zu mir selber. Ich nahm Peppermint Petty in die Hand und wollte eine der Nickstories lesen, die ich mir heute Vormittag aus dem Internet gezogen hatte. Ich liebe diese Geschichten und lese sie für mein Leben gern, eine Eigenschaft, die mein Flo leider nicht mit mir teilt. Er liest sowieso nicht viel, außer den Berichten in der Lokalzeitung, und da hauptsächlich auch nur den Sportteil, und den auch dann nur, wenn er etwas mit „unserer” Mannschaft, den Ice Phantoms, zu tun hat.

Ich führte mir gerade die neuste Story meines Lieblingsautors zu Gemüte und hatte gerade die ersten zwei Seiten gelesen, als es an der Scheibe klopfte. „Kann ich Ihnen helfen?”, wollte der Frager wissen. Ich öffnete das Fenster und blickte in ein rundes, aber wohlgeformtes Gesicht. Dunkelbraune Haare und ebensolche Augen sahen mich an, einzig der Oberlippenbart störte mein Empfinden dieser ostfriesischen Naturschönheit. „Danke, aber das können sie nur, wenn sie zufälligerweise Super bei sich haben.” „Kein Sprit mehr?” „Jepp!” „Moment, das haben wir gleich!”, tönte er mit dem schönsten Bariton. Ich schaute etwas ungläubig, aber da kam er schon wieder mit einem schwarzen Kanister. Ich zog den Schlüssel aus dem Zündschloss, öffnete die Beifahrertür und ging zur Tankklappe. Ohne große Worte schraubte er den Einfüllstutzen auf das Plastikgefäß und kurze Zeit später hörte ich das Gluckern des Antriebsstoffes von Knut.

„Wie kann ich das wieder gut machen?”, wollte ich wissen. „Hier!” Ich griff an meine Gesäßtasche und holte mein Portemonnaie heraus und reichte ihm einen Zehner. „Reicht das?” „Dicke! Wäre aber nicht notwendig gewesen, ich helfe gerne Leuten aus der Patsche.” Ich grinste. „Ja, meine bessere Hälfte wollte mich nach Borkum entführen und hat vergessen, vorher zu tanken. Wir wollen die letzte Fähre noch erreichen.” „Das wird knapp. Wo ist die holde Schönheit denn?” „Zurückgelaufen zur Tankstelle!” „Die hat aber dicht! Gehört meinem Onkel und der liegt besoffen im Büro, ist heute Vater geworden.” Er mochte in meinem Alter sein. „Dann Glückwunsch! Was ist es denn? Junge oder Mädchen?” „Endlich ein Stammhalter, nach drei Mädchen!” Sein Grinsen wurde breiter. „Der Familienname bleibt also erhalten!”

Es war mittlerweile mehr als eine Viertelstunde seit dem unfreiwilligen Stopp vergangen, als an der Wegbiegung hinter uns eine Gestalt, die meinem Flo ziemlich ähnlich sah, auftauchte. „Ah, da kommt er ja!” Ich schaute Jost, wie er sich vorgestellt hat, fragend an. „Wer?” „Na, dein Freund, sieht etwas abgekämpft aus!” Erstaunen machte sich in meinem Gesicht breit. „Auch wenn ich auf dem Land lebe, die Regenbogenflagge am Auto habe ich sofort erkannt. Was meinst du, weshalb ich gestoppt habe?” Ich lachte nur und er fiel mit ein.

Der durchtrainierte Kapitän der Phantoms kam außer Atem bei uns an. „Shit!” „Die Tanke hatte zu!” „Woher weißt du?” Er schaute wie der ungläubige Thomas. Ich grinste und klärte die Situation auf. Es sah komisch aus, aber auch er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„So, mein Engel. Jost hat uns mit Sprit ausgeholfen, steig ein und ich fahre. Wir müssen die Fähre erreichen.” Noch immer außer Atem stieg er ein. „Ich glaub zwar nicht mehr, dass ihr sie kriegt, aber probieren könnt ihr es ja. Da kommt gleich noch ne Baustelle. Viel Glück!” Er ging zu seinem Wagen. „Kurze Frage noch!” „Ja?” „Was machen wir, wenn wir sie verpassen?” „Tja, kommt in den Anker, da sind noch Zimmer frei.” „Hotel?” „Ne, Kneipe und Pension, gehört meinem Vater und ich hab heute Dienst.” „Danke!” „Da nicht für!” Er stieg in seinen Mercedes und ich in Knut.

Ich fuhr schweigend los, mein Florian japste immer noch nach Luft. Die Baustelle, die Jost genannt hatte, war wirklich ein Verkehrshindernis erster Kajüte. Um kurz vor sechs erreichten wir den Parkplatz am Emdener Hafen. Am Pier mit unserem gesammelten Gepäck angekommen sahen wir aber nur noch, wie die letzte Fähre des Tages bereits losdampfte.

Zwei fragende Augen blickten mich an. „Shit! Was machen wir nu?” Ich zuckte mit den Schultern. „Tja, die nächste Fähre geht erst morgen früh. Wir können entweder warten, zurückfahren oder ein Lufttaxi nehmen. Du musst entscheiden, denn ich bin ja nur das Entführungsopfer und füge mich bedingungslos deinem Willen!” „Also, zurückfahren will ich nicht, dazu habe ich mich zu sehr auf das Wochenende mit dir gefreut! Außerdem will ich ja Henning bei seiner Renovierung helfen. Back to town scheidet also aus. Lufttaxi kann ich mir nicht leisten bei meinem Gehalt! Also pennen wir im Auto und fahren morgen früh. Ich ruf gleich meinen Onkel an und sag ihm Bescheid.” „Falsch!” „Was?” „Schatz, ich lieb dich zwar abgöttisch, aber aus dem Alter, mit einem Typen, auch wenn er noch so schnuckelig, sexy und geil ist wie du, im Auto zu nächtigen, also, aus dem Alter bin ich raus. Ich brauche ein Bett!” „Aber soviel Geld habe ich nicht mit!” „Na ja, betrachte es als Teil des Lösegeldes! Das Zimmer zahl ich und ein Essen dürfte nach dem Abschluss von heute auch noch drinnen sein!” Er grinste über beide Backen.

Ich nahm mein Gepäck auf. „Also komm!” Ich steuerte wieder in Richtung Parkplatz. Flo hinter mir her. „Schatz!” „Ja?” „Weißt du was?” „Was?” „Ich liebe dich!” „Ich dich auch, mein Engel, auch wenn du mich entführt hast.” Ich öffnete gerade Knut und legte meine Taschen auf den Rücksitz. „Aber mal ne ganz andere Frage! Kennst du ein Hotel hier?” „Ja! Den Anker, da kann man sogar essen.” Flo schaute mich an und fing an zu grinsen. „Weißt du auch, wo der ist?” „Nein, aber das dürfte ja das kleinste Problem werden, Süßer, oder?” „Stimmt, wir können ja fragen!” „Genau, aber das überlasse mir.” „Wieso?” „Weil du mit Henning telefonieren musst. Erklär ihm mal, dass wir aufgrund deiner Vergesslichkeit zu tanken, die Fähre verpasst haben.” „Hmpfff!” „Genau! Von mir ist man ja Alzheimer light gewöhnt, aber von dir? Schatz, auch an dir nagt der Zahn der Zeit.” Er blieb an der Tür stehen. Ich ging um den Wagen herum und zog ihn an mich. „Ich werde dich immer lieben, auch wenn du alt und grau bist!” Wir küssten uns, die Möwen kreischten.

Ich erkundigte ich beim Parkplatzwächter nach einer Tankstelle und dem Weg zum Anker. Beides lag auf einem Weg. Während ich den Mazda durch den abendlichen Emdener Verkehr lenkte telefonierte er mit seinem Onkel. Es war ihm sichtlich unangenehm, aber da musste mein Spatz durch.

Sicherheitshalber erkundigte ich mich an der Tankstelle nochmals nach dem Weg. Wir fuhren um kurz vor sieben auf den Parkplatz vor dem Anker. „So, da wären wir.” Wir stiegen aus und nahmen unser Gepäck in die Hand. Na ja, ich meine Technik, er die Sporttasche mit unseren Klamotten.

Ich drückte auf die Rezeptionsglocke. Kurze Zeit späte kam Jost aus dem dahinter liegenden Büro. „Ah, ihr habt sie doch verpasst.” „Jepp, haben wir. Hast du ein Zimmer für uns?” „Immer doch! Einzel oder Doppel?” „Egal!” „Stimmt, ihr braucht ja eh nur ein Bett.” Er sah uns herzlich an. „Ich gebe euch die 12, französisches Bett mit eigenem Bad. Eine Nacht?” Ich nickte. „Danke! Ach, können wir hier essen?” „Kein Problem. Ich reservier euch einen Tisch und buch euch auf HP, dann kostet das Essen nur zehn mehr pro Nase. Ich will ja den Entführer nicht beuteln.” Er lachte und dieses Lachen war ansteckend.
„Wann wollt ihr essen? Halb?” „Gute Idee das. Dann kann ich mich noch etwas frisch machen.” „Oki, aber ne Altbausanierung habt ihr beide wirklich nicht nötig.” Ich grinste und Flo wurde leicht rot.

Wir nahmen also unsere Gepäckstücke auf und gingen in den ersten Stock. Ein normales, nicht allzu großes Zimmer empfing uns, nett und fast rustikal eingerichtet. Ich stellte meine Sachen in die Ecke und zündete mir erst einmal eine an. Ich hatte ja in den letzten fünf Stunden keine Zigarette angepackt. Bei Kunden rauche ich nicht und auch im Auto wird auf den Nikotingenuss verzichtet, da aber eher aufgrund des dann höheren Wiederverkaufswertes. Flo war mit der Sporttasche beschäftigt und brachte die Kulturtasche ins Bad. „Willst du duschen?” tönte es aus dem kleinen Raum. „Nein, aber ich muss was anderes.” Ich drückte die Zigarette aus und ging ins Bad.

Ich sah, dass er nackt in der Dusche stand. „Wenn du klein musst, kannst du auch hier!” Er grinste mich an. So schnell ich konnte, hatte ich mich ausgezogen und stieg zu ihm in die weiße Emailleschüssel, er war mittlerweile auf seinen Knien. „Ahhhh” Ich ließ es laufen. „Göttlich!”, grunzte mein Flo, „Mehr!” Wir mussten dann aber beide doch duschen.

Ich hoffe, es schockiert nicht. Wir haben diese Spielart ganz zu Anfang unserer Beziehung, mehr oder minder unfreiwillig, entdeckt. Nach unserer ersten gemeinsamen intimen Nacht im dritten Jahrzehnt unseres Lebens, standen wir beide mit unseren Molas in meiner Dusche. Ich wollte eigentlich nicht, dass er mir einen bläst, denn ich verspürte schon einen gewissen Druck in der unteren Gegend. Ich warnte ihn, aber er ließ sich von nichts abhalten. Na ja, und da habe ich …

Er liebt es und ich? Ich auch, jedenfalls von ihm. Es gab in unserer Beziehung oftmals Momente, wo wir so Intimitäten austauschen konnten, ohne das es auffällig wurde. Aber dazu später.

Frisch geduscht gingen wir wieder gegen kurz vor acht nach unten. Jost erwartete uns schon und führte uns gleich zu einem der hinteren Tische. „Hier seid ihr etwas ungestörter als vorne, falls …” Er grinste und gab uns die Karten. „Was wollt ihr trinken?” „Für mich erst mal ein Bier!”, meinte mein Spatz. „Groß oder klein?” „Groß!” „Notiert und du?” „Habt ihr Weizen da?” „Ja. Hell, Dunkel oder Kristall?” „Dunkel.” „OK!”, sagte, sprachs und verschwand in Richtung Tresen.

„Was nimmst du?” Die Karte war nicht allzu umfangreich, eher ländlich rustikal, wie auch unser Zimmer. „Marius? Was ist ein Ostfriesen Schnitzel?” „Gute Frage, kann ich dir auch nicht sagen. Frag doch Jost gleich. Der dürfte das wissen. Aber ehrlich, schon wieder Schnitzel? Flo, du und deine Schnitzelmanie!” Ich grinste, denn anders als beim Sex war mein Liebling beim essen eher konservativ. Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht, oder wie heißt es?

„Und? Schon was ausgesucht?” Jost war wieder an den Tisch getreten und brachte die Getränke. „Was ist ein Ostfriesen Schnitzel?” Jost grinste, das konnte nichts Gutes bedeuten. „Panierte Scholle. Echt lecker!” Flo zog einen Flunsch, Fisch war nicht so sein Metier. Er war eher ein Fleischmagen. Jost konnte die Reaktion meines Liebsten richtig deuten. „Nehmt doch die Ostfriesenplatte, da ist für jeden was dabei!” „Nehmen wir!”, ich entschied einfach, denn so langsam hatte ich richtigen Hunger, ich hatte außer zwei Toasts zum Frühstück und einem kleinen Salat um zwölf noch nichts zu mir genommen. „In Ordnung. Ich bring euch gleich die Suppe. Die gehört dazu!” Er grinste wieder. Ich lag richtig mit meiner Vermutung, dass es sich um eine Fischsuppe handeln würde, aber Flo merkte das erst, als er auf eine Krabbe biss.

Das Essen verlief ohne besondere Vorkommnisse. Ab und an legen wir eine Pause ein, die Platte war wirklich reichhaltig. Irgendwie haben wir sie dann aber doch aufgekriegt, wir waren pappsatt, wie man so schön sagt. Ich griff nach meinen Zigaretten. „Gibst du mir auch eine?” Ich steckte mir zwei Glimmstängel in den Mund und reichte, nachdem angezündet, eine davon meinem Liebsten. Im Gegensatz zu meinem Konsum kommt Flo mit einer Schachtel fast eine Woche aus. Er raucht nur eine nach dem Training oder einem Spiel, die berühmte Zigarette danach und nach einem guten Essen. Und das Essen war gut.

Jost brachte zwei Küstennebel. „So, zur Verdauung.” „Danke!” Er fing an abzuräumen. „Wo kann man denn hier noch hingehen?” „Kommt darauf an, was ihr machen wollt. Aber viel Warmes gibt es hier nicht, leider!” Er seufzte hörbar. „Keine Szene?” „Nur eine sehr kleine, ein angehauchter Laden, eine Klappe am Hafen, aber sonst nichts. Ist halt ziemlich verstockt hier. Der nächste richtige Laden ist in Oldenburg.” Ich schaute auf Flo, er schüttelte den Kopf. „Ich fahre heute keinen Meter mehr.” „Und wo ist der angehauchte Laden?” „Ihr seid schon drin.” Er grinste. Außer uns waren noch drei, vier Leute am Tresen, aber sonst niemand. Und die Herren um den Schanktisch sahen auch nicht aus, als ob. Auch die Ausstattung wirkte nicht wie üblich, hier regierte eher Eckkneipenambiente das Outfit der Lokalität.

„Das ist doch nicht dein Ernst.” „Doch!”, er wurde ganz ernst. „Hier in den altehrwürdigen Hallen des Ankers trifft sich einmal im Monat die schwule Jugend der Gegend.” Flo grinste und deutete auf die Ansammlung der doch etwas gesetzt wirkenden Herren am Tresen. „Und die trifft sich heute!” Jost lachte. „Nee, das ist der Kirchenvorstand! Das Treffen war letzte Woche, aber ab und an verirrt sich dann doch einer. Ihr entschuldigt mich, ich muss wieder.”
Ich blickte auf meinen Flo. „Was machen wir? Stürzen wir uns in Bett, in den Hafen oder in den Trubel?” „Einverstanden, aber andere Reihenfolge!” Ich blickte leicht irritiert. „Erst zum Hafen, ich muss etwas laufen, nach diesem Essen.” Er tätschelte sich den Bauch, an dem ich kein Gramm Fett zuviel entdecken konnte, wohl aber er. „Dann können wir ja noch ein Bier in diesem Szeneladen nehmen und dann ab in die Heia. Wir müssen morgen früh raus, wir haben ja noch was vor!” „Jepp. Verbum carum factum est!” Er verstand und stand auf. Hab ich schon gesagt, dass ich lateinische Sprüche liebe?

Wir schlenderten zum Tresen rüber. „Wir drehen jetzt ne Runde. Können wir dann nachher zahlen?” „Kein Problem, ich hab eure Getränke eh auf die Zimmerrechnung geschrieben. Lauft nicht zu weit, es wird bald was geben.” Ich blickte zu Flo. „Jacke?” „Ne, ist warm genug und wenn ich friere, kannst du mich ja wärmen.” Während dieses Satzes hatte er die Augen geschlossen. „Mach ich doch glatt, mein Herz!” „Hab auch nichts anderes erwartet.”

Wir gingen hinaus und lenkten unsere Schritte in Richtung des nahe gelegenen alten Hafens, in dem nur noch ein paar kleinere Kutter lagen. Es ging ein lauer Wind, der die Wolken nur langsam bewegte. Wir spazierten an der Wasserkante händchenhaltend und schweigend in die angefangene Nacht. Nicht, das wir uns nichts zu sagen gehabt hätten, aber es ist schon ein erhabenes Gefühl, mit seinem Geliebten auch schweigen zu können und nur die Wärme und Körperlichkeit seiner Hand zu spüren. So etwas nennt man wohl Verstehen ohne große Worte. Oder auch Liebe!

Nach knapp einer halben Stunde wurde es mir dann doch etwas kühl. Der Wind hatte aufgefrischt und trieb die Wolken jetzt vor sich her, auf uns zu. „Engelchen, lass uns wieder zurück.” „Mir ist auch frisch, aber Danke!” Ich stutzte. „Du bist die Frostbeule von uns, du wolltest zuerst.” Er kniff mich in die Seite. Ich zog ihn zu mir und wir küssten uns so knapp fünf Minuten. Das etwas lautere Gepöbel dreier Dorfjugendlicher überhörten wir geflissentlich.

Wir beeilten uns dann, denn es setzte ein leichter Regen ein, der, je näher wir dem Anker kamen, immer heftiger wurde.

„Da seid ihr ja wieder.” Der Tresen hatte sich geleert, der Kirchenvorstand musste gegangen sein. Jost stand da und polierte Gläser. „Setzt euch. Was wollt ihr trinken? Das gleiche wie vorhin?” Die Antwort kam unisono: „Jepp!”

Er zapfte das Bier für Flo an und nahm sich dann meines Weizens an. „Scheint sich ja keiner mehr verirrt zu haben.” „Ne, aber heute ist auch Sommerfest in Oldenburg. Ich wollte ja eigentlich auch hin, aber ich musste ja arbeiten.” Er stellte unsere Getränke auf den Tresen, als ein knapp 25-jähriger gut aussehender Türke aus der Küche trat. Ich stutze leicht. „Darf ich euch vorstellen: Erkan, unser Koch.” Er nickte uns freundlich zu und reichte uns seine rechte Hand, die samtig aussah, anders als man sich sonst Kochhände vorstellt. „Bier, mein Schatz?” „Hab ich mir wohl verdient! Und dann mach mal vier Raki. Ihr trinkt doch einen mit?” Mein Erstaunen wuchs immer mehr. Erkan erkannte wohl die Fragezeichen auf meiner Stirn und fing an zu lachen. „Um dir die Verwunderung zu nehmen, meine Eltern stammen zwar aus der Türkei, sind aber orthodoxe Christen. Daher darf ich trinken und auch Schweinefleisch anfassen.” Wir lachten. „Na dann. Sherife!”, eines der wenigen türkischen Wörter die ich kannte.

Jost gesellte sich zu uns und nahm seinen Erkan liebevoll in die Arme. Flo konnte es nicht lassen. „Muss Liebe schön sein!” Wir alle grinsten. „Ist sie auch, aber macht auch nur Probleme!” Jost wurde plötzlich ernst. „Ist nicht einfach, Erkan ist ungeoutet und soll nach dem Willen seiner Eltern nächsten Monat heiraten. Eine Frau, die er mit sechs Jahren zuletzt gesehen hat, die er nicht kennt und auch nicht liebt!” Eine gewisse Resignation lag in seiner Stimme. „Na ja, meine Eltern haben sich ja mit meinem Schwulsein abgefunden, aber einen Türken zum Freund?”

Wir schauten uns alle etwas betroffen an.

„Aber lasst uns kein Trübsal blasen, sondern Spaß haben. Weg damit!” Er stieß mit seinem halbvollen Glas an und wir tranken alle. Flo schüttelte sich etwas. „Noch einen?” „Gerne, aber der geht auf uns!” Die Stimmung hob sich wieder etwas. Während Jost die Gläser wieder füllte, meinte er: „Wie lange kennt ihr beiden euch schon?”

Mein Schatz schaute mich an und fing lauthals an zu lachen. Ich ließ mich von diesem Lachen anstecken und prustete, denn ich hatte gerade das Weizen angesetzt, als die Frage in den Raum gestellt wurde. Wir ernteten fragende Blicke. „Äh, was ist denn an dieser Frage so lustig?” „Na, welches Kennen lernen meinst du denn?” „Na, wann ihr zusammengekommen seid?” Wir lachten wieder, aber diesmal alle, denn die Frage war ja eindeutig zweideutig.

„Jost, ich sehe schon, wir müssen einiges aufklären.” „Ich bitte drum!” Er stellte die Gläser hin. „Willst du oder soll ich?”, meine Frage richtete sich an meinen Spatz. „Mach du, ich mach dann die Berichtigungen.” „Wie immer du es haben willst, meine Eisprinzessin. Aber nicht ohne zuvor …” Ich nahm das volle Glas Raki und stieß an.

„Also, kennen gelernt haben wir uns vor 15 Jahren.” „Also, im Sandkasten.” „Wenn du so willst, Erkan ja, aber der Sandkasten war der Strand von Borkum. Flo war bei seinem Onkel, zu dem wir auch morgen früh fahren, in Ferien und ich mit meiner Oma. Wir logierten im Nachbarhaus. Ich hatte es stark mit den Bronchien und da soll ja Seeluft bekanntlich Wunder wirken.” „Hat es gewirkt!” „Kann man so sagen.”, und nahm mir eine Zigarette.

„Wir haben am Strand gespielt, Wasserschlachten veranstaltet, Sandburgen gebaut. Also alles, was zehnjährige Kinder so machen.” „Da kann ich dir nur zustimmen. Bis dahin ist alles richtig.” „Danke, mein Kapitän!” Jost schaute fragend. „Wieso ist er dein Kapitän? Ich kenn ja eine Menge Kosenamen, aber Kapitän?” „Einfach! Er …”, ich deutete auf meinen Flo, „..er spielt Eishockey und das gar nicht mal so schlecht und ist gerade zum neuen Kapitän der Ice Phantoms bestimmt worden. Ich bin der Webmaster des Vereins. Und von daher …” Zustimmendes Nicken. „Den Verein kenn ich aber nicht. Wo spielt ihr denn?” „Regionalliga NRW.” „Regionalliga?” „Tja, die letzte halbprofessionelle Institution der schnellsten Mannschaftssportart der Welt. Alles darüber, sprich Ober- und zweite Bundesliga und die DEL sowieso, sind Kapitalgesellschaften, da richtest du mir blankem Idealismus nichts mehr aus. Da zählt nur, was in den Bilanzen steht und es interessiert keinen mehr, wie das da hineingekommen ist.”
Allgemeines Nicken. Jost meinte, dass würde er zwar nur vom Fußball kennen, aber er könne es sich ohne Weiteres vorstellen.

„Und dann ist aus der Sandkastenfreundschaft Liebe geworden?”, wollte Erkan wissen. „Nicht ganz, so auf Umwegen. Marius hab ich ja nur in den Ferien gesehen. Meine Eltern, Na ja, meine Mutter und ihr zweiter Mann, wohnten damals in Dorsten, so knappe 80 Kilometer von Marius entfernt. Viel Geld hatten wir nicht und so war dann das Reiseziel in den Sommerferien immer das Ostland auf Borkum bei meinem Onkel. Also nichts mit Sandkasten um die Ecke.” „Stimmt, und um ehrlich zu sein, er war der einzige in meinem Alter im Ostland, da war es dann zwangsläufig, dass man miteinander spielte.” Erkan musste bei dem Begriff grinsen, dabei war wirklich nur der Sandburgenbau gemeint, jedenfalls in den ersten Jahren.

„Ach, ich war nur eine Notlösung?”, konnte Flo zickich sein. „Schatz, falls du dich erinnern kannst, wie viel Häuser gab es denn damals im Ostland. Wenn es hochkommt drei und die beiden Lokale. Da ist die Auswahl an Spielkameraden nicht gerade groß. Da muss man, um in der Einöde nicht zu versauern, miteinander umgehen.” Schön umschifft, ich wollte Erkan nicht schon wieder das Grinsen ermöglichen.

„Aber dann, wie lange ist das jetzt her? Stimmt! Vor zehn Jahren hat er mich verführt und ich musste seinen Schwanz in den Mund nehmen.” „Ach so ist das? Ich hab dich verführt? Du musstest? Hab ich dich gezwungen, mir einen zu blasen oder hast du es freiwillig gemacht? Die Wahrheit, mein Engel, die Wahrheit bitte!” „Ist ja in Ordnung. Ich musste doch, schließlich musste ich ja meine Schulden einlösen.” Er griente und hauchte mir einen Kuss zu. Erkan und Jost schauten uns fragend an. Es würde sicherlich lustig werden, wenn wir die Geschichte, die Flo und mich verband, den beiden erzählen würden.

„Wir haben diese üblichen Jungenspiele gemacht. Zeigst du mir deinen, zeig ich dir meinen. Du rubbelst mir einen, ich rubbele dir einen. Hat ja wohl fast jeder gemacht. Ich war damals 16 und Flo gerade unschuldige 15, als wir …” „Wie groß ist denn der Altersunterschied zwischen Euch?” Erkan wieder. „So knappe anderthalb Jahre.”
Wieder allgemeines Kopfnicken. Flo gluckste: „Na ja, der Sommer mit meinem ersten schwulen Sex, dem ersten Sex überhaupt in meinem Leben, war irgendwie, ich weiß auch nicht, Na ja es war ein komischer Urlaub. Tante Ingrid, die Frau von Henning, war gerade an Krebs gestorben, er war ziemlich fertig deswegen. Ich war zwar bei ihm aber er nahm mich nicht wahr. Als dann Marius mit seiner Oma kam, schob er mich irgendwie ab zu denen ab. Er war wohl froh, mich los zu sein, um seinen Schmerz besser allein verarbeiten zu können. Ja, mein Onkel hat mich in die Arme dieses Sexmonsters getrieben!” Er küsste mich zärtlich auf die Stirn. „Wir haben zwar keine Sandburgen mehr gebaut, aber so ziemlich allen Blödsinn getrieben, den man treiben konnte. Heimlich geraucht und das ganze. Wir haben uns dann ein paar mal in den Dünen einen runtergeholt, aber nur so zum Spaß. Ernst wurde die Situation erst im Wellenbad.” „Ihr habt es im Wellenbad getrieben?” „Ja und Nein. Getrieben nicht. Shit. Schatz, klär du das mal.” Ich lachte, die alten Bilder kamen wieder in mein Gedächtnis.

„Flo und ich sind dann eines Tages zum Wellenbad gelaufen, am Strand entlang. Ich war irgendwie sauer, meine Oma hatte meine Zigaretten entdeckt und mir eine Standpauke gehalten, so von wegen Gesundheit. Ich war genervt und der Kleine hier war nicht gerade pflegeleicht damals, konnte ein richtiger Quälgeist sein. Ich weiß auch nicht mehr, was es genau war, aber …” Ich drückte die Zigarette aus. „Leck mich am Arsch, kam es von ihm. Ich darauf: Lass die Hose runter! Er: Bist ja eh zu feige! Ich: Ach küss doch meinen Schwanz. Und was meint ihr, was dann kam? Mein Flo ganz keck: Ich küsse die hier auf dem Rückweg den Schwanz, wenn du mich im Wellenbad am Arsch leckst.”

Alle grinsten und mein Kufenflitzer wurde rot. „Hätte ich auch nur geringsten geahnt, was du machen würdest, hätte ich das nie im Leben gesagt.” „Was hast du gemacht?” „Mein Engel meinte, Umkleidekabine und Dusche würden nicht gelten, da wären wir ja alleine. Es sollte vor allen Leuten sein.” Ich legte soviel Unschuld in meine Stimme, wie ich konnte. „Was tun, sprach Zeus? Ich konnte ihm ja schlecht die Hose runterziehen, mich hinknien und dann seinen Arsch lecken vor all den Müttern, die mit ihren Kindern da m Bad waren, obwohl diese Idee auch einen gewissen Reiz gehabt hätte. Es musste mir aber gelingen, denn ich wollte ja, das er meinen Schwanz küsst, von blasen habe ich nur zu träumen gewagt. Ich grübelte, wie ich es denn anstellen könnte und hatte plötzlich eine Eingebung. – Wir haben mit ein paar anderen Jungs Wasserball gespielt, wohlgemerkt in unterschiedlichen Mannschaften und das kurz vor der Wellenphase. Na ja, beim Balgen im Wasser hab ich dann irgendwie das Band seiner Badehose zu fassen gekriegt und es einfach herausgezogen. Er war so konzentriert auf das Spiel, das er das mit dem Band gar nicht wahrgenommen. Ja, und dann kamen die ersten Wellen. Flo vor mir, sprang in die erste Welle hinein und da war es geschehen. Die Hose war unten, er war wohl geschockt, stand regungslos da. Jeder konnte sein blankes Hinterteil sehen, die Vorderseite war mir verborgen. Da kam auch schon die nächste Welle. Ich tat, als würde ich den Halt verlieren und hab mich dann auf oder besser hinter Flo fallen lassen und ihn dabei am Arsch geleckt. Ich hatte gewonnen.” Ich grinste.
Erkan konnte sich vor Lachen nicht mehr halten. „Das muss ja ein Bild für die Götter gewesen sein. Für alle eine lustige Situation, und so unzweideutig, kann ja spielenden Kindern passieren, dass sie Hose und Halt verlieren.”

Flo schüttelte den Kopf. „Ihr könnt euch denken, ich stand da wie der begossene Pudel, alle hatten es gesehen und gelacht. Und dann kommt dieser Kerl und meint mit einem fetten Grinsen, seinen Teil der Abmachung hätte er erfüllt. Ich hab ja was am Hintern gefühlt, aber ich dachte nicht, dass das Marius war, der da die Zunge ausgefahren hatte. Auf dem Rückweg wurde sein Grinsen immer breiter und fetter, je näher wir der Stelle in den Dünen kamen. Er legte sich dann in den Sand, öffnete seine Hose, holte sein Ding raus und meinte: Nu bist du dran. Ich stand erst mal ziemlich perplex da. Er fing an zu wichsen, sein Teil wurde härter und stand schließlich, so lange hab ich gewartet. Komm, meinte er, Spielschulden sind Ehrenschulden und ich wäre ja ein Ehrenmann. Tja, ich bin dann runter auf die Knie und hab mich über ihn gebeugt und dann mit geschlossenen Lippen sein Prengel berührt, ungefähr so.” Er presse die Lippen fest aufeinander und nahm sein Bierglas als Demonstrationsobjekt.
„Mein Schatz dann: Das soll küssen sein? Wenn dann richtig! Öffne die Lippen und dann noch mal. Machte ich auch, nur er hatte in dem Moment seine Vorhaut zurückgezogen und sein Becken nach vorn gestemmt. Ich hatte plötzlich die ganze Eichel im Mund. Ein irres Gefühl, schrecklich aber auch angenehm. Ich weiß nicht, wie lange ich das Ding im Mund hatte, es fühlte sich gut an. Ich bin dann mit der Zunge über seine Ritze gefahren und er stöhnt nur, meiner war auch schon hart, so fing auch ich an, mit ihm zu spielen. Er nahm den meinen Kopf und meinte dann, er würde mir helfen, ihn zu küssen. Na ja, so hab ich ihm dann einen geküsst, wie ich dachte. Dass das Blasen war, wusste ich ja nicht, mit naiven 15. Aber er kam ja auch ziemlich schnell. Ich hatte das ganze Zeug im Mund und es war einfach nur geil.” Mein Schatz strahlte mich an.

„Das war also unser erstes Mal. Nun, ich war damals 16 und ziemlicher Einzelgänger. Ich wusste, nein, besser ahnte, dass da was mit mir war. Aber ich dachte, dass ist nur so eine Phase, die jeder durchmacht. Na ja, die Spielereien mit den anderen Jungs haben mir Spaß gemacht und die Spiele mit Flo im Besonderen. Er war ja auch der erste, der meinen Schwanz im Mund hatte. Ich hatte zwar schon etliche Phantasien diesbezüglich, aber die Sache dann auch mit einem Freund gemeinsam zu erleben, ist doch ganz was anderes. Und Schatz!” „Ja?” „Ich danke dir für mein erstes Mal.”

Ich küsste ihn zärtlich auf den und forderte mit meiner Zunge Einlass, den er allerdings nicht gewährte. „Ich glaube, du solltest weitererzählen, unser Gastgeber guckt schon so komisch!” „Ich?”, Jost tat erschrocken, „Nein! Nichts Natürliches ist mir fremd und ein Kuss ist die natürlichste Sache von der Welt. Aber warte mal, ich sperr eben ab, ist ja schon nach elf. Kommt eh keiner mehr bei dem Regen, der da draußen herrscht. Falls doch, muss er ja nicht sehen, was hier so abgeht, im altehrwürdigen Anker.” Erkan hatte es sich auch bequem gemacht und seine Kochjacke ausgezogen und saß nur noch im schwarzen Rippshirt da. Kein einziges Brusthaar störte den Anblick.

Jost kam wieder und füllte erneut die Gläser. „Der geht jetzt auf mich! Weiter!” „Na ja, nachdem Erlebnis war mir klar, das ich schwul bin. Was soll ich sagen? Ich hab zwar oft an Florian gedacht und hab mir dauernd darauf einen runter geholt, aber gesehen haben wir uns dann erst wieder nach drei Jahren zufällig in der Eishalle.” „Stimmt, nach dem Erlebnis damals ließ sich meine Mutter sich zum zweiten mal scheiden, meinen eigentlichen Vater kannte ich damals gar nicht, und ich bin dann mit ihr zu ihren Eltern gezogen, in den Ruhrpott. Ich hab schon mit dreizehn Eishockey gespielt und hab dann halt in der Jugend der Phantoms angeheuert.”

„Und da ha es dann Wumm gemacht?” „Nein, Jost. Ich hab Flo gar nicht wahrgenommen. Wie auch? Ich war damals voll mit meinem Coming out beschäftigt und machte gerade Abi. Ich ging zwar zum Eishockey, aber hab mir nur die Spiele der Ersten angeschaut. Und wer kennt den schon Jugendspieler? Nur die Eltern, die ihre Kidies zum Training bringen. Und Eishockey und Schwul? Das gab es gar nicht in meiner Vorstellung. Flo und die Jugend hab ich gar nicht beachtet. Sie waren nicht existent für mich.” „Seht ihr, ich bin nur gut zum Sex für meinen Schatz. Mein Arsch reicht ihm.” Flo konnte so herrlich übertreiben. „Nu ist aber genug, Herr Stockmann, was sollen die anderen denken?” Auch ich kann vorwurfsvoll klingen.

„Ich hab dann irgendwann mal einen Bericht über ein Jugendspiel im Stadionheft gelesen. Da war von einem Naturtalent namens Florian Stockmann die Rede. Der Name kam mir bekannt vor. Ich hab dann mal einen Ordner, der auch Vater von zwei Eishockey spielenden Kindern war, gefragt, wer denn dieser Stockmann sei? Er schwärmte in den höchsten Tönen von Flo und deutet auf einen der Leute, die da am Zeitnehmertisch standen. Der hatte so gar nichts mit dem Flo von damals zu tun, sah ihm nicht mal ähnlich. Der Typ war größer als ich, breites Kreuz und Bizeps zum schwach werden. Überhaupt nicht der Körperbau des Flos, der mir damals einen geblasen hatte. Ich dachte, das ist nur eine Namensgleichheit und das war es dann auch für mich! Denn ich habe Flo nach dem Urlaub erst einmal Jahre lang nicht mehr gesehen und gehört.”

Ich griff nach den Zigaretten und bot den anderen eine an. „Na ja, ich bin nach dem Abi zum Bund und hab da Johnny kennen und lieben gelernt. Aber …” mir stockte die Stimme und ich kämpfte mit den Tränen. Flo nahm meine Hand und drückte sie zärtlich. Ich hatte ihm eigentlich nie viel von der Zeit damals erzählt, als ich in Hannover war. Wie ich mich gefühlt habe, als der Mann meines Lebens, sprich Johnny plötzlich nicht mehr da war. So für immer weg aus meinem Leben; von jetzt auf gleich hatte er aufgehört, mit mir zu lachen, zu weinen, zu liebe, Späße zu machen, zu leben. Mein durchtrainierter Flo hat es einfach als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass ich schwieg, und auch nicht großartig nachgefragt. Vielleicht wusste er nicht, wie er mit damit umgehen sollte, mit der Liebe und dem Tod. Dafür danke ich diesem Knaben von ganzem Herzen.
„Wir haben uns dann vor drei Jahren dann noch mal gleich dreifach kennen gelernt und sind seit dem Zeitpunkt zusammen. Na ja, mit einigen Schwierigkeiten zwar, aber wir haben uns letzten Endes doch gefunden.”

„Macht es nicht so spannend.” Ich trank einen Schluck, meine Stimme und meine Stimmung hatten sich wieder etwas beruhigt. „Tja, wir sind uns das erste Mal dann im Gaychat begegnet. Ich hab ihn angetickert wegen seines Nicks.” Ich grinste und Flo musste lachen. „OK, der war nicht gut, aber mir ist kein besserer eingefallen.” „Wie war der denn?” „Eisprinzessin!” Wir lachten alle. „Und du?” „Lonesome Rider.” „Und ihr habt euch verabredet?” Erkan war wirklich neugierig. „Nein, um Himmels Willen. Ich war gerade in die erste Mannschaft aufgestiegen, dass, von dem ich Jahre geträumt hatte. Zwar nur erst einmal als Ersatzspieler, aber immerhin. Flo Stockmann in der Regionalliga! Und eine Schwuppe beim Eishockey? Unmöglich! Ich konnte mich vor sexgierigen Damen nicht retten. Jede wollte nur das eine.” Flo schüttelte sich, „Das ging nicht, soweit war ich noch nicht. Ich konnte mich unmöglich outen, das hätte da Aus für mich bedeutet, jedenfalls im Sport.”

„Wir haben eine ganze Zeit lang, so zwei, drei Monate, miteinander getickert und es entwickelte sich eine nette Beziehung, wenn man das so nennen kann.” „Habt ihr denn keine Bilder ausgetauscht?” „Nein, ich wollte nicht. Es hätte mich ja jemand erkennen können, das aufstrebende Eishockeytalent. Ich könnte mich noch heute dafür in den Arsch beißen, so dumm war ich damals.” „Schatz, das kannst du nicht, dafür bist selbst du nicht gelenkig genug.” „Dann darfst du mich beißen, bitte!” Er öffnete die Hose und präsentierte mir sein Hinterteil. Ich bis sanft in die Backe. „Aua!” „Bitte!”
Erkan und Jost staunten nicht schlecht, denn sie erkannten, dass er nichts unter seiner Jeans anhatte. Jost hatte mittlerweile seine Weste abgelegt und sein Hemd geöffnet. Hier waren zwar ein paar Haare auf der Brust, aber nicht zuviel.

„Und dann hatte mein Schatz plötzlich eine Idee. Er wollte Sex!” „Also doch getroffen!” „Nee Jost. Er hat sich eine Webcam geholt und meinte, wir sollten doch mal …” Erkan nickte verschmitzt, „Sowas kenn ich auch.” „Na ja, ich hatte mich eh schon in die Eisprinzessin verguckt. Ich konnte es kaum abwarten, bis wir uns im Chat trafen. Wir machen dann aber meistens einen Privaten Raum auf und quatschten da über alles Mögliche. Über ihn dachte ich nicht mehr soviel an Johnny. Er hat mich über eine schwere Zeit getragen. Wir lagen fast in Allem auf einer Wellenlänge. Ich wollte einfach mehr.”
Zustimmendes Nicken auf der Gegenseite.

„Also, hab ich mir dann auch eine Webcam gekauft. Mir ging es ähnlich wie Marius, auch ich mochte ihn ziemlich doll, aber ich traute mich nicht, ich Doofmann. Und da dachte ich, eigentlich keine schlechte Idee. Du magst ihn, du willst mit ihm, nur du kannst irgendwie nicht aus deiner Haut. Warum also nicht! Wir haben dann öfter nach dem Chat via Cam uns jeder für sich einen runtergeholt, jeder für sich aber dennoch mit dem wissen, es gemeinsam getan zu haben. Irgendwie krank, aber ich kam nicht aus meinem Schrank.”

„Ja, das Gefühl kenne ich. Aber Frage zwischendurch. Noch jemand was zu trinken?”, der Kneipier hat gesprochen. „Ich nehme noch einen, du auch ein Weizen, Großer?” „Eh ich mich schlagen lasse!”, ich grinste, „Aber ich muss erst mal das andere wegbringen.” Ich erhob mich und schaute meinen Göttergatten an. Flo grinste. „Marius ist unheimlich schüchtern, er geht nicht gerne alleine.” Er folgte mir.

Ich stand am Pinkelbecken und holte meinen Schwengel raus und erleichterte mich. Flos Hand streichelte mein Schwanz. Ich lächelte ihn nur dankbar an, ohne große Worte vereinigten sich unsere Lippen. „Ich glaube, wir sollten wieder rein!” „Jepp!”
Wir gingen zum Waschbecken und wuschen unsere Hände. „Die beiden sind irgendwie süß, findest du nicht?” „Doch, ziemlich nett anzuschauen. Hast du Erkans Brust gesehen?” „Dein Blick ist mir nicht entgangen, aber wir sollten es nicht drauf anlegen.” „Stimmt, aber …” „Aber wenn es passiert, auch egal.” Wir blickten uns tief in die Augen. Ich liebe diesen Mann.

Um falschen Eindrücken vorzubeugen, wir, Flo und ich, führen keine dieser offenen Beziehungen, wo jeder der Partner rumpoppen kann, wie er will und dann die Geschehnisse der Nacht am Frühstückstisch dem anderen brühwarm erzählt. Nein, ab und an, spielen wir mal halt zu dritt oder auch zu viert. Wenn man es so sagen will, wir leben unsere Phantasien aus anstatt an ihnen zu vergehen. Vor allen Dingen, wir reden darüber, was uns gefällt und was nicht. Wenn wir was machen, dann nur gemeinsam, denn das ist dann nur ein Spiel, ein Abreagieren, mehr nicht, Gefühle werden in solche Aktivitäten nicht gelegt. Dazu lieben wir uns zu sehr, um für fünf Minuten Spaß unsere Beziehung aufs Spiel zu setzen.

Jost hatte uns verlagert. „Wir sind hier hinten! Auf dem Sofa sitzt es sich doch gemütlicher als auf den Barhockern, oder?” „Wo er Recht hat, hat er Recht!” Wir ließen uns den beiden gegenüber auf dem parallel stehenden Sofa nieder. Florian fläzte sich hin und mein Bein lag auf den Seinen. Erkans Blick fiel auf meinen Schritt, ich hatte vergessen, den Reisverschluss nach dem Wasserlassen zuzumachen, ich Schelm ich.

„Also, wo waren wir?” „Beim Schütteln vor der Cam!” Erkan hatte ein breites Grinsen. „Gut! Tja, da hatte ich eine Beziehung und hatte gleichzeitig keine. Ich kannte Flo zwar vom Tickern, wusste wie sein Schwanz aussah und seinen Hintern hat er mir auch gezeigt, aber Gesicht? Fehlanzeige! Irgendwie verklemmt dieser Typ, dachte ich damals, aber …”

Ich kam mit dem Oberkörper hoch, griff zu meinem Weizen und trank etwas. „Aber dann hat mein Kleiner einen Fehler gemacht.” Ich grinste. „Welchen?”, wollte Jost wissen, „Hast du sein Gesicht gesehen?” „Nein, sein Gesicht nicht, aber sein Tribal auf der Brust. Die Cam war wohl verrutscht. Ich war hin und weg.” „Darf ich mal sehen?”, Erkan wieder. „Bitte!” Flo zog sein Shirt aus und legte es neben sich. „Wow, sieht echt geil aus!” „Hab ich auch gedacht. Ich hab dann das Bild ausgedruckt und war dann in einigen Studios, ich wollte unbedingt wissen, wer der Typ war.” „Du hast es ausgedruckt?” „Habe ich, mein Engel. Ich hab nämlich immer auf Aufnahme gedrückt, wenn wir …” „Ferkel! Hätte ich mir denken können, du süßes, liebes Sexmonster.”
Er haute mir auf das Bein, aber nicht brutal, sondern eher zärtlich. „Schlimm?” „Nein, Marius, nach dem ersten Mal vor der Cam war ich auch nicht besser.” Er zog mich an sich und drückte mir seine Zunge auf die Lippen, die sich sofort öffneten. Das hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gewusst und er von mir auch nicht.

„Das war das erste Kennen lernen. Das zweite war dann offizieller Natur!” „Was kommt denn jetzt?” Flo übernahm die Gesprächsleitung. „Die Phantome kamen zu Saisonende in finanzielle Schieflage. Der Vorstand hat nicht so gut gearbeitet, wie er sollte. Es gab Krach, Spielerstreik, eine Versammlung folgte der nächsten, es war stressig. Es wurde dann schließlich kurz vor zwölf ein neuer Vorstand gewählt. Detlef Entenmann übernahm damals das Ruder.” „Und was hat das mit euch zu tun?” „Tja, mit Entenmann kam Marius offiziell wieder in mein Blickfeld.”

„Ich glaube, ich übernehme jetzt diesen Part. Darf ich?” „Du darfst alles!” „Detlef Entenmann ist ein Bekannter meines Vaters, die kennen sich seit ihrer Bundeswehrzeit. Entenmann ist ehemaliger Oberstleutnant der Panzergenis. Na ja, Detlef wollte Vorsitzender werden und wurde es dann in einer ziemlich heftigen Sitzung auch. Er hatte zwar eine Vorstandsmannschaft hinter sich, aber keinen Webmaster, da der auf der Seite des alten Vorstandes war. Da kam ich ins Spiel. Entenmann ließ durch meinen Vater fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Webseite zu machen, ich würde das Zeugs ja studieren. Ich sagte JA. Aber daran ist Flo nicht ganz unschuldig.”

Jost schaute fragend. „Du studierst das?” „Jepp, ich bin Informatiker und ein Steckenpferd von mir ist die Gestaltung von Homepages, zwar nicht professionell, aber für mehr als den Hausgebrauch reicht es.” „Die vier Preise, die mein Schatz damit schon gewonnen hat, verschweigt er, er ist ja so schüchtern!” Flo griente, machte er mich doch wieder einmal verlegen. Ich stelle meine Leistungen eher in den Dienst der Sache und nicht in den Vordergrund. Ich glaube, es war Bismarck, der mal sagte: PRO PATRIA CONSUMOR (Übersetzt soviel wie: Fürs Vaterland verzehre ich mich).

„Na ja, er war nicht zu finden und da musste ich mich irgendwie ablenken. Ich konnte ja nicht alle Tätowierläden im Revier nach ihm abklappern. Also ran an den Rechner und basteln. Den ersten Entwurf hat er dann auch angenommen und ich machte mich dann gleich ans Programmieren. Tja, so bin ich Webmaster geworden und kam mit den Spielern direkt in Kontakt.”

„Und dann hat es WUMM gemacht?” Erkan rekelte sich mittlerweile auch und hatte seine Beine auf den Schoß von Jost gelegt. „Ne, noch lange nicht. Wo denkst du hin?” Flos Hand kroch langsam meinen Oberschenkel hoch. „Er war verklemmt und ich traute mich auch nicht so richtig.” Jost hatte seinem Freund inzwischen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und spielte an seinen Zehen.

„Entenmann ist damals angetreten unter dem Schlagwort OFFENHEIT. Also wurde berichtet, was das Zeug hält. Ich hab dann eine Vorstellung der ersten Mannschaft aufgebaut, so mit Fragebogen und Bildern und allem Möglichen.” „Er hat seine Digi missbraucht, sage ich Euch. Spieler in Alltagoutfit, im Dress, beim Training, überall!” „Auch in der Kabine?” „Nein, da war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Also keine Nacktaufnahmen unter der Dusche.” Flo grinste. „Die kamen später!”

„Na ja, ich hatte ja die Mailadressen aller Spieler. Ich traf dann Flo unter seinem normalen Nick Florian20 im Chat wieder. Wir tickerten über Belanglosigkeiten, alles aus und um den Verein. Das komische war nur, war Flo unter Flo im Netz, war die Eisprinzessin nicht da. War die da, gab es keinen Flo. Irgendwie merkwürdig, aber ich dachte damals noch nichts Schlimmes. Hätte ja auch Zufall sein können.”
„Aber wie konntest du das wissen?”, Erkans Neugier war geweckt. „Ich hab nicht nur einen Rechner. Auf dem einen lief der normale Chat, auf dem anderen der Gaychat.” Flos Hand war mittlerweile in meiner Hose verschwunden und verharrte dort aber erst einmal regungslos. Auch Jost spielte nicht mehr mit den Zehen sondern ließ seine Hand ebenfalls auf Wanderschaft gehen.

„Tja, aber dann hatte ich Glück. Es war beim ersten Sommertraining, dass ich beobachtete. Flo hatte kein Shirt an und ich sah das Tribal wieder. Oups, das kennst du doch!” Ich streichelte liebevoll die Brust meines Kleinen, der immer noch oben ohne saß. „Gut, hätte auch wieder ein Zufall sein können, aber das war dann doch irgendwie zuviel Zufall, oder? Ich hab dann etliche Bilder von ihm gemacht, sollte ja ein Bericht werden, also nichts Anzügliches.” „Ich dachte nur, der schon wieder mit seiner Cam. Irgendwie lästig der Typ, aber er gehört nun einmal dazu und wenn der Verein schon Kohle zahlt, dann musst du auch das in Kauf nehmen.” „Und dann?” „Ich hab dann mal in einer Nachtsitzung die Bilder übereinander gelegt und siehe da, es passte alles. Meine Eisprinzessin ist Flo, das stand für mich so fest wie das Amen in der Kirche.”

„Da hat es dann aber WUMM gemacht?” „Ne, immer noch nicht. Ich wusste zwar nun einiges mehr, aber wie sollte ich mich ihm nähern, dem Mädchenschwarm, der mit seinen Weibergeschichten permanent angab. Eishockey ist nun mal keine Schwulensportart. Ich kam mir verloren vor!” „Aber wie kamt ihr letztlich zusammen?” „Du meinst unser drittes Kennen lernen, lieber Erkan?” „Ja!” Mittlerweile hatte Jost Hand seinen Schritt erreicht und lag dort wie fest verankert.

„Da hat er mich wieder einmal überrumpelt.” „Flo, nicht überrumpelt, ich hab dich zu deinem Glück gezwungen.” „Ja, ja. Aber bevor du weitererzählst, gibt es noch Raki. Ich könnte mich an das Zeug gewöhnen.” Jost war sichtlich ungehalten, musste er doch seine Hand von dem Ort lösen. Er ging zum Tresen zurück und holte die Flasche zu uns an den Tisch. Er füllte die Gläser und wir stießen an. Eine Tür fiel ins Schloss, wir erschraken. „Keine Aufregung. Das sind die letzten Gäste, dann liegen alle auf ihren Zimmern, bis auf euch. Und hier kommt eh keiner rein, ich hab nämlich die Zwischentür gerade abgeschlossen, damit man uns nicht stört.” „Ah, der Herr schließt uns ein. Was soll das denn bedeuten?” „Nichts, mein kleiner Türke, ich will jetzt nur nicht gestört werden. Es ist gerade so gemütlich. Wir liegen so schön hier …” „Wenn das so ist, …”, meinte Erkan mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, „dann kann ich ja auch …” Er stand auf und zog sich die Hose aus und rekelte sich nur in Unterwäsche auf dem Sofa, seine Füße wieder auf Jostens Schoß. „Endlich bequem!” Auch keine Haare auf den Beinen, echt nett, dachte ich. Flo grinste nur, er dachte wohl das gleiche.

„Erkan, dein Fuß liegt auf meiner Blase. Warte mal.” Jost öffnete sich den Hosenbund. „So, jetzt geht’s.”
Flo hatte mittlerweile auch meine Schuhe auf den Boden geworfen und umklammerte mit seiner Linken meine Fersen, die Rechte war in meiner Hose. „Alle bequem? Kann ich weitermachen?” „Ich bitte darum.”

„Gut. Ich wusste also, dass Flo meine Eisprinzessin war, aber wie sollte ich mich ihm zu erkennen geben? Das war die Frage aller Fragen. Ich wusste erst keine Antwort. Aber dann kam mir die Idee beim Lesen der BLÖD-Zeitung. Die hatten ein persönliches Spielerinterview von irgendeinem Fußballheini gebracht. Ich schlussfolgerte: Entenmann will OFFENHEIT, also warum sollte man nicht auf der Homepage, die ja mein Baby war, ein Interview mit einem Spieler machen. So als Infos für die Fans, die Stars quasi zum anfassen. Kurz und Gut, ich stellte die Idee dem Vorstand vor und sie wurde angenommen. Aber ich konnte ja schlecht mit einem Neuling in der Mannschaft die Reihe anfangen. Und die Frage: Florian Stockmann, bist du schwul, in einem normalen Interview ging ja wohl auch nicht. Tja, und dann kam Todd.”

Fragende Blicke auf der anderen Seite.

Flo lachte. „Todd Thorne, der schwulste Eishockeyspieler Kanadas. Lebt offen und hat keine Probleme damit. Ich bewunderte ihn vom ersten Tag an, als ich ihn sah.” „Das müsst ihr genauer erklären.” „Jost, ganz einfach, jede Mannschaft der Regionalliga durfte zum damaligen Zeitpunkt zwei Ausländer haben. Und bei den Phantoms war einer von denen Todd. Man kannte ihn nicht persönlich, als man ihm den Vertrag anbot, man kannte lediglich seine Statistiken. Er wurde verpflichtet und kam dann über den großen Teich.” „So geht das?” „Jepp. Ihr müsst wissen, Eishockeyspieler sind wie Nutten. Nie treu und ihre Sympathie gehört im Moment dem, der am meisten zahlt.” „Ich bin also eine Nutte?” Flo kniff in mir in mein Gemächte. „Schatz, ist es denn nicht so! Spieler gehen doch zu 99% dahin, wo sie das meiste Geld zu kriegen glauben, oder?” „In der Regel schon, aber wenn ich eine Nutte bin, dann nur die deine.” Er lockerte den Griff und küsste mich.

„Aber wie ging es denn weiter?” „Tja, Entenmann spricht kein Wort Englisch, also fragte er mich, ob ich Zeit und Lust hätte, Todd abzuholen. Ich hatte, denn Eisprinzessin war ja nicht greifbar. Ich traute mich immer noch nicht, ihn direkt zu fragen, ob Flo Eisprinzessin ist. Ich also nach Amsterdam und holte diesen kanadischen Collegeboy ab. Wir fuhren durch Holland und redeten und redeten. Na ja, was soll ich sagen? Ich mochte ihn und er war ganz offen zu mir. Er war etwas traurig, hatte er doch seinen Freund wegen des Vertrages hier in Deutschland verlassen müssen. Kurz vor Enschede ist es dann passiert. Ich musste tanken und wir sind dann aufs Klo. Ich schaute ihm auf den Schwanz beim Pissen, er bemerkte das wohl und fragte dann ganz direkt ins Gesicht, ob ich die volle Sicht haben wolle. Ich grinste nur und wir sind ab in die nächste Kabine. Ich hab ihm dann einen geblasen und er revanchierte sich.”

„Du hast was?”, hörte ich da Eifersucht aus der Stimme meines Liebsten? „Wir haben uns gegenseitig einen geblasen! Ja, was ist dabei?” „Nichts, aber wir haben wieder eine Gemeinsamkeit mehr, mein Engel!”
„Ich klärte Todd dann auf, er solle nicht so freizügig hier damit umgehen. Er sollte ja die Rolle des Charmingboy hier übernehmen und sich die Leute, denen er sich hier offenbarte, genau aussuchen. Ich hab dann die Fragerei im Auto zu meinem ersten Spielerinterview zusammengestellt. Na ja, die Episode in Enschede ließ ich außen vor.” „Kann ich verstehen. Aber wieso spielt den dieser Todd eine so wichtige Rolle?” „Frag Flo!” Flo wurde verlegen. „Können wir das später abhandeln? Die Sprünge würden sonst zu groß.”

„Nein, bleiben wir in der Chronologie, mein Engel.” „Wie du willst. Marius kam mit Todd an und ich war hin und weg, Todd war mir von Anfang an sympathisch. Die Anziehung war da aber eher sportlicher Art, er kann mit dem Puck umgehen, da wird einem schwindelig. Wie gesagt, das Sommertraining findet in einer normalen Turnhalle statt. Wir schwitzen wie die Affen. Ich versuchte immer, eben Todd zu duschen, um so wenigstens einen Blick zu erhaschen. Ich wusste mittlerweile, dass ich auf Jungs stehe und ich hatte ja meine Erlebnisse mit Lonesome Rider, aber Todd fing an mich auch körperlich zu interessieren. In mir erwachte der sportliche Ehrgeiz. Flo, du musst es schaffen, mit diesem Kanuken in einer Reihe zu spielen. Ich wollte unbedingt, aber ich als Neuling in der Mannschaft hatte wohl kaum eine Chance in die Paradereihe aufgenommen zu werden.” Er seufzte und trank einen Schluck.

„Todd sind meine sportlichen Versuche, zu ihm aufzuschließen, wohl auch aufgefallen. Er ermutigte mich immer wieder und half mir oft aus dümmlichen Situationen in den Spielübungen, aber es fehlte irgendwie etwas. Er meinte, wenn wir ein Team werden wollen, müssen wir uns blind verstehen und miteinander harmonieren. Ich fragte mich, wie das gehen sollte?”

„Und, habt ihr es geschafft?” „Haben wir. Ich fragte dann im Chat meinen Lonesome Rider, dem ich eh alles anvertrauen konnte, bis auf meinen Namen und mein Gesicht, wie ein Paar im Sport miteinander harmonieren könnte. Und wisst ihr, was er gesagt hat? Fahrt Tandem!”

Erkan und Jost schauten sich fragend an. „Das war auch meine Reaktion.” „Ich kenn das vom Tanzen her. Habe mal vor der Bundeswehr meine Zeit im Tanzsportclub zugebracht. Wenn du mit einer Partnerin Erfolg haben willst, musst du mit ihr harmonieren, eure Bewegungen müssen gleich sein, und um das zu erreichen, musst du gleich laufen können und das, diesen Gleichschritt, lernt man am besten, wenn man zusammen Tandem fährt. So einfach!” Sie wirkten leicht perplex.

„Und dann sind Todd und Flo eines nachmittags mit dem Tandem zum Training gekommen. Das hatte nicht nur ein lautstarkes Gejaule des Teams zu Folge, sondern mir waren auch die letzten Zweifel an der Identität der Eisprinzessin genommen worden.”
Ich grinste meinen Spatz an.

„Was soll ich sagen, durch das Tandemfahren wurden Todd und ich wirklich ein Team. Wir harmonierten miteinander und verstanden uns beinahe blind. Das Eistraining hatte begonnen, allerdings nicht bei uns in der Halle, sondern in Unna. Dem Trainer fiel auf, dass Todd und ich miteinander gut konnten, Ich hab ja auch für ihn immer den Übersetzer in der Kabine gespielt. Und nach der letzen Eiseinheit kam er in die Kabine und legte sein Vorstellungen über die Zusammensetzung der einzelnen Reihen vor. Und dann platzte die Bombe. Er meinte, während der anstehenden Testspiele solle ich neben Todd und dem Kapitän, der eher Center ist, in den Sturm. Er wolle sehen, ob wir auch im Spiel unsere Harmonie umsetzen konnten. Man war ich Happy!”

„Kann ich mir vorstellen.” „Ja, aber da gibt es ein Problem, ein ungeschriebenes Gesetz im Hockey.” „Welches denn?” Erkan war wirklich neugierig. „Die Haare am Sack!” Ich lachte und schaute auf Erkann, der ein riesiges Fragezeichen auf der Stirn hatte. „Kommt ein Frischling fest in die Mannschaft gibt es so eine Art Aufnahmeritual. Dabei werden ihm, so quasi als Zeichen der Jungfräulichkeit in der Mannschaft, die Sackhaare abrasiert.” Auch Jost musste nun lachen.

„Matthias, unser Torwart, dieser Schuft, wollte mich gleich auf den Kabinenboden werfen und loslegen, aber Gott sei Dank waren wir ja in Unna und nicht bei uns in der Kabine. Es hatte zum Glück niemand ein Rasierer dabei. Und Todd? Er stand auf und meinte nur laut in die Runde: ‚Sorry guys, but he will be my partner and so i will shave him, you will see the result next time.’ Es wagte keiner ihm zu widersprechen, denn er war auf dem Eis der geborene Führer, man konnte der das Eis lesen. Matthias machte noch eine abfällige Bemerkung, so nach dem Motto, wenn es euch Spaß macht, macht es doch alleine, ihr Spielverderber. Man wollte mich ja sich winden sehen!”

Er griff sich eine Zigarette, seine dritte am heutigen Abend, und fuhr dann fort. „Na ja, das hatte ich überstanden. Wir fuhren nach Hause und er meinte nur, wir sollten doch noch ne Runde mit dem Tandem drehen, es war Samstag Nachmittag und die Mannschaft wollte sich abends zum Grillen treffen. Das Tandem stand bei meiner Mutter in der Garage, wir also zu mir und ich erst einmal hoch, die Klamotten abstellen. Er kam hinter mir her und meinte nur, wir könnten die Rasur ja auch gleich machen, dann hätte ich es hinter mir. Ich war verwirrt, aber was sollte ich machen? Wollte ich zur Mannschaft gehören, musste das sein und dann besser hier bei mir als in der Kabine vor allen anderen. Todd ging ins Bad und kam mit Handtuch, Rasierer und Schaum wieder, selbst an mein After Shave Balsam hatte die Ratte gedacht.”

Ich konnte mir die Situation gut vorstellen, die anderen wohl auch, wenn man ihre Blicke so deuten konnte.

„Ich zog meine Hose aus und legte mich aufs Bett. Er mit einem Waschlappen mein Schamhaar angefeuchtet und schmierte mich dann oben und am Sack mit Schaum ein. Er setzte den Rasierer an und legte los. Also, was soll ich sage? Während er da so hantierte und meinen Schwanz in der Hand hatte, um den Sack glatt zu kriegen, regte sich was. Der kleine Flo wurde hart und steif und stand wie eine eins. Na ja, er beschäftigte sich dann eher mit meinem Schwanz als mit dem Rasierer. Er zog mir die Vorhaut zurück und ließ seiner Zunge freien Lauf. Ich genoss es und er wohl auch. Ich kam allerdings ziemlich schnell und hatte ihm das ganze Zeug ins Gesicht gespritzt, so geil war ich. Er beugte sich über mich und meinte nur, ich solle es ablecken, was ich dann auch tat, war ja eh mein eigenes. Ich war ziemlich abgekämpft aber es sollte noch besser kommen.”

Er drückte die Zigarette aus. „Ich dachte eigentlich, wir sind fertig, da meinte er nur, er müsse die Rasur vollenden, da wären noch ein paar Haare. Er also wieder den Schaum raus und nochmals eingeschmiert, diesmal auch am Arsch. Ich verstand erst gar nicht richtig, aber egal. Er kratzte die letzten Haare weg und spielte dann mit seinem Finger an meiner Rosette. Ich war immer noch oder schon wieder geil, ich weiß es nicht. Er fingerte mich und deutete mein Stöhnen wohl richtig. Er fragte mich, ob er dürfte, ich sagte ja und dann hatte ich auch schon seinen beschnittenen Schwanz in meinem Arsch. Man, ich kann euch sagen, er hat mich entjungfert und fragt nicht wie!”
Seine Augen strahlten. Ich kannte die Geschichte der Rasur zwar schon, aber das es dabei auch zum Analverkehr gekommen ist, war selbst mir neu. Anscheinend hatte ich den Ausspruch von Todd damals falsch verstanden.

Gut, Flo war keine Jungfrau mehr, als wir ein Paar wurden, aber er hatte auch eine gute Wahl getroffen mit demjenigen, der ihn da zum ersten mal…. Was soll es, dass ich nicht der erste in ihm gewesen bin? Wichtig zwischen zwei Menschen, die sich lieben ist, ist doch letztendlich nur das, was ist und nichts das, was in grauer Vorzeit mal war, oder?

Flo setzte den Exkurs mit Todd fort. „Wir sind dann hinterher zum Grillen mit den anderen gefahren, Marius war als Berichterstatter auch eingeladen. Und ich sage euch, allein wenn ich daran denke, werde ich rot. Ich stehe gerade am Grill und will mir ein Würstchen holen, da kommt Todd von hinten und zieht mir die Trainingshose und Shorts runter, jeder konnte die glatte Haut um meinen Schwanz sehen. Alles lachte und feixte, man war mir das peinlich. Todd ganz cool: ‚Dear friends!’ und deutete auf meine nicht vorhandene Schambehaarung, ‚As I promised!’ Der Trainer, Konrad Klünter, meinte nur lakonisch: ‚Na, dann Flo: Herzlich Willkommen in der Mannschaft. Komm, darauf trinken wir einen’ Alles lachte weiter und man beglückwünschte mich, immer noch mit heruntergelassener Hose. Bei einem Bier mit Klünter ist es allerdings nicht geblieben, wir ließen uns vollaufen, ich besonders wegen Todd und meinem Kerl hier. Am nächsten Tag ich hatte Kopfschmerzen, und der Trainer keinen Führerschein mehr.”

Natürlich war die Rasur Thema am Abend. Todd fragte mich im Verlauf der Fete, was ich davon halten würde und ich sagte nur: ‚Smooth like a virgin!’ Seine Antwort: ‚But he is not a virgin!’ muss ich wohl falsch verstanden haben. Aber sei es drum, ich verzeihe den beiden Beteiligten an dieser Sache. So brauche ich mir ja auch kein schlechtes Gewissen zu machen, dass ich damals Flo keine Morgengabe kredenzt habe, als wir uns das erste Mal auf die se Art näher gekommen sind.

Jost Hand lag mittlerweile in Erkans Unterhose. Der, ganz frech, meinte nur trocken. „Ich hab da auch keine Haare mehr! Hier:” Er schob den Bund nach unten und gab den Blick auf ein glattes Stück Haut frei. Flo pfiff leise. „Ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren. Engel, sei du ein Engel und mach weiter!”

„Also, mein erstes Interview hatte ich also. Wer sollte als zweites ran? Ich wollte eigentlich die Hackordnung im Team einhalten, sprich die Ausländer, der Kapitän, den Trainer und die Assistenten. Also folgte in der nächsten Woche das Interview mit dem Kapitän, dann kam der zweite Ausländer an die Reihe und kurz vor Saisonbeginn Konrad Klünter, der Trainer. Und von der Saisoneröffnung der Mannschaft beim Grillen musste ich ja auch noch berichten. Da hätte es Ewigkeiten gedauert, bis mein Flo an der Reihe wäre. Da kam dann nach der Grillaktion die Zweite Vorsitzende in einer Sitzung auf mich zu. Elke meinte, ich sollte nach einem Fremden und Trainer doch ein Eigengewächs aus der eigenen Jugend zum Helden machen. Ratet mal, wen ich genommen habe?” „Deinen Flo?” Eigentlich eine rhetorische Frage, aber egal.

„Genau. Ich hab Flo also eingeladen. War ja ein offizieller Auftrag seitens des Vorstandes, also nichts Verfängliches bei der Einladung. Es war Anfang September und ziemlich heiß. Er kam, nur im Muscleshirt, ich war hin und weg, als ich ihn sah. Er ist halt eine Sahneschnitte.” Er strich sanft über meinen Schritt. Ich löste Gürtel und obersten Knopf und sah meinen Gatten intensiv an. Er nickte nur: „Ist einfacher!”

„Tja, mein Spatz war da, allerdings zu früh. Ich kam gerade vom Training und war entsprechend verschwitzt.” „Du spielst auch Eishockey?” „Gott bewahre, ich halte es lieber mit Bällen. Allerdings sind die schwerer. Ich spiele Bowling.” „In der zweiten Bundesliga!”, hörte ich da einen gewissen Stolz in der Stimme meines Liebsten? „Lenk nicht ab. Also er zu früh, ich verschwitzt, was fragt man? Wollen wir schwimmen gehen? Er: ‚Ich hab keine Badehose!’ So prüde war er! Ich: ‚Egal, ist eh keiner da und wir haben den Pool meiner Eltern für uns.’ Er ziert sich. Ich spring nackt in die Fluten und er? Er wartet und kommt dann schließlich doch hinterher. Das er keine Unterhosen trägt, wusste ich nicht von Flo, wohl aber von Eisprinzessin. Beim Grillen hatte Flo ja auch ne Shorts drunter, vermutlich wegen der frischen Rasur, aber das war mir in dem Moment auch egal. Wir schwimmen ein paar Runden und haben uns dann auf die Liegen gelegt.” „Nackt?” „Nein Erkan, ich gab ihm ein Handtuch und wir lagen dann ganz züchtig da. Wir fingen an zu quatschen und er fragte, ob ich mir keine Notizen machen wollte, es wäre ja ein Interview. Ich sagte nein, ich wolle Eindrücke sammeln und sie ihm dann zur Veröffentlichung vorlegen. Ich wollte ja nicht den gleichen Fragebogen durchgehen, den er schon bei der Spielervorstellung durchgehechelt hat.”

Ich verlagerte mich. Erkan tat es mir nach und wir lagen, beide mit den Füßen auf den Oberschenkeln unserer Freunde, nun Aug in Aug.

„Bei dem Gespräch kam dann das Thema auch auf Borkum. Irgendwie kam mir Flos Name ja bekannt vor, aber ich wusste nicht, woher? Wo sollte ich ihn hinstecken? Wir hatten uns in all den Jahren verändert, besonders körperlich. Aber je länger wir sprachen, desto deutlicher wurde der Eindruck bei mir. Ich meinte dann schließlich, ich hab da so ein paar Bilder in irgendeinem Album, ob er sich die mal anschauen wollte. Er: Können wir machen. Wir also in meinen Bungalow.”

„Bungalow? Ich dachte, du wohntest bei deinen Eltern.” „Tue ich ja auch. Als ich von Hannover und der Geschichte mit Johnny wieder nach Hause kam, hatten meine Eltern mein Zimmer in ein Gästezimmer umgewandelt. Ich musste, wohl oder übel, ins alte Gärtnerhaus ziehen. Ich hab mein eigenes Reich und dennoch die Vorzüge von Hotel Mama.” Alles grinste. „Wir also rein und ich fange an zu suchen und was macht er? Er sitzt am Schreibtisch und liest meine Schreibtischunterlage. Was stand da? Lonesome Rider liebt Eisprinzessin und ein Herz darum herum. Kitschig, nicht? So eine Kritzelei während einer unserer Chats. Was macht Flo? Er nimmt einen Kuli und schreibt was. Ich hab das vor lauter Suchen erst nicht registriert. Er dann: Marius, ich hab da mal ne Frage. Ist nicht einfach und sehr schwierig. Aber bitte eine ehrliche Antwort. Ich: Ich bin die Ehrlichkeit in Person. Er: Gut. Bist du schwul? Ich war von den Socken. Stammle nur: Ja. Er. Dann komm mal her! Ich ging auf ihn zu und er zeigte mir, was er da geschrieben hat.”

„Was denn? Mach es doch nicht so spannend!”

„Na, da stand neben dem Herz: Und Eisprinzessin liebt den Lonesome Rider. Da hat es dann wirklich WUMM gemacht.”

„Stimmt. Aber darf ich mal aus meiner Sicht was beitragen.” Zustimmendes Nicken. „Ich war mir sicher schwul zu sein. Ich hab mich in die Chatgestalt Lonesome Rider verknallt, war hin und weg von ihm. Er war ganz lieb und hat mich nie gedrängt. Ich wollte mein Gesicht nicht zeigen und er hat es akzeptiert. Einfach so. Na ja, ich sehnte mich nach Gebogenheit, Wärme, Liebe und Lust. Gut, die Lust konnte ich mit Marius via Cam befriedigen, aber das andere? Da war eine Leere. Nach dem Fick mit Todd wusste ich aber, ich will nicht mehr alleine sein, ich brauchte jemanden. Zuerst dachte ich, ich hätte mich in ihn verschossen, denn er nahm mich ziemlich sanft. Da waren zwar Wärme des Anderen und Lust, aber Geborgenheit? Eher weniger und vor allem, es war keine Liebe? Ich mochte ihn als Sportskamerad, als Eishockeyspieler, als guten Freund, aber nicht als Liebhaber. Das wurde mir klar, als ich die beiden, Marius und Todd, beim Grillen beobachtet hatte. Sie tuschelten und deuteten mehrmals auf mich und lachten dann. Ich dachte, so ein Arsch. Erst entjungfert er dich und dann erzählt er anderen von der Herrlichkeit dieses Moments. Ich war echt sauer, als die beiden dann noch recht früh sich vom Grillen verabschiedet haben und gemeinsam gefahren sind.”

„Engelchen, wir sind in die Disco abgerauscht und haben abgetanzt. Da war nicht mehr!” Er streichelte meine Füße weiter. Na ja, die Episode in der Sauna lasse ich lieber außen vor. Flo darf ja alles essen, braucht aber nicht alles zu wissen und wie gesagt, dass war vor der Zeit, als wir zusammenfanden.

„Na ja, wem sollte ich was sagen, mit wem über meine Gefühle reden? Und dann kam der Anruf von meinem Gatten hier! Ich sollte zum Interview und über mich was sagen. Ich war verknallt in meine Chatgestalt, aber die war ja nicht real. Ich hab hin und her überlegt, sagst du es ihm oder nicht. Wir kannten uns ja nur vom Sport her, hatten zwar über viel, aber über nichts Persönliches gesprochen. Nur, der Kerl hier aber war mir sympathisch. Ich hab dann allen Mut zusammengenommen und dachte, wenn der so gut mit Todd kann, dann könnte der vielleicht auch verzaubert sein, so wie die zusammengegluckt haben. Dann wird er dich verstehen und nicht gleich rausschmeißen. Na ja, dann ist mir auch noch aufgefallen, dass Lonesome und er oftmals identische Redewendungen gebrauchten, auch von der Figur her gab es eine gewisse Ähnlichkeit, aber ich hatte es nicht zu hoffen gewagt. Ich also mit einem Riesenbammel zu ihm hin und was schlägt mir der Kerl vor? Nackt baden! Ich war fassungslos, wollte er mich vorführen? Was hatte Todd erzählt. Wollte er mich auch ficken? Ich war erst verdattert und brauchte eine Weile, um wieder klar zu werden. Aber dann hab ich zu mir selbst gesagt. Quatsch keine Opern. Was kann dir passieren, außer das es gleich zu einem geilen Erlebnis kommt. Also, trau dich, raus aus dem Schrank. Auch wenn es keine Liebe wird, ein geiles Erlebnis wird es werden. Ich bin dann in den Pool nach. Aber dann? Als er sagte, komm, wir legen uns in die Sonne, dachte ich, jetzt ist es soweit! Die Szenen am Pool kennt man ja von den Filmen her, zwei Jünglinge, nackt, jung, geil und niemand da! Aber dann? Der gibt mir ein Handtuch und will quatschen. Auch gut, dachte ich, er ist der Hausherr. Wir fingen an zu reden und das Gespräch wurde immer intensiver. Wir kamen auf Borkum und da fielen mir die ganzen Sachen wieder ein, Konnte es sein? Konnte es wirklich war sein? Aus meiner Sympathie zu ihm wurde, je länger wir da lagen, immer mehr. Ich fühlte Geborgenheit, Angst, Zärtlichkeit. Viel von dem, was er das sagte, hatte ja auch schon Lonesome zu mir gesagt und in den war ich ja verknallt. Ich war aufgeregt, als er mich in sein Zimmer mitnahm, um die Bilder zu suchen. Zuerst dachte ich, jetzt geht’s ans eingemachte, jetzt lässt er das Handtuch fallen und ab in die Kiste. Aber er? Er fängt an zu suchen, als ob er nichts Besseres in dieser Situation tun könnte. Ich setze mich an den Schreibtisch und schau auf die Unterlage? Was las ich da? Seinen Nick und meinen? Ich traute meinen Augen erst gar nicht, aber es war wohl wirklich war. Das war er! Ich nahm einen Kuli und schrieb mein Geständnis. Er war die ganze Zeit offen zu mir, also stellte ich ihm die Frage ob er auch. Und bei seiner gestammelten Antwort hat es bei mir WUMM gemacht!”

Jost hatte Tränen in den Augen, so gerührt war er. „Tja, und seit diesem Tag sind wir ein Paar. Ich hab ihn nicht mehr von meiner Seite gelassen.” „Kann ich verstehen, ihr passt auch gut zusammen.” Erkan erhob sich aus seiner bequemen Position und warf mir einen angedeuteten Kuss zu. „Kannst ihn aber auch direkt küssen, wenn du willst. Ist doch nichts dabei, oder?” Mein Flo wieder. „Was sagte dein Jost gerade? Ist doch das Natürlichste von der Welt!” Erkan war baff und schaute seinen Jost an, er war auch verwirrt.

„Also Leute, ich bin ja im Allgemeinen keine Spaßbremse, aber wir müssen morgen früh raus und es ist jetzt kurz nach zwölf. Ich würde ja liebend gerne weiterquatschen, aber bitte nicht hier auf dem Besuchersofa.” Manchmal kann ich wirklich fies sein. „Verlegen wir auf unser Zimmer?” Erkan schaute seinen Jost an, ihm war wohl nicht so richtig wohl in seiner Haut. „Geht schon mal vor. Ich räum nur noch etwas auf, damit Vater morgen nicht der Schlag trifft, und komm dann nach. Hier mein kleiner Türe, deine Hose.” Wir erhoben uns und Flo nahm mich an die Hand. Wir verließen den Vorraum, nachdem Erkan die Zwischentür aufgeschlossen hatte und schlichen uns wie Diebe auf Zimmer 12.

Dort angekommen öffnete Flo und machte Licht an. Wir traten ein. Ich warf meine Klamotten ab, meine Hose war ja eh offen und ging ins Bad, Flo hinter mir her. Ich setzte mich aufs Klo. Flo kniete sich vor mir und betrachtete meinen Schwanz. „Du!” „Ja?” „Ich liebe dich mit jeder Faser meines Herzens!” „Ich dich auch!” Wir küssten uns innig und leidenschaftlich.
„Was macht ihr da drinnen?” „Nichts, was du nicht kennst. Komm rein!” Erkan öffnete langsam die Tür, er war ob des Anblicks wohl erstaunt. Flo hatte sich erhoben und sich seiner Jeans entledigt. Er setze sich auf mich und drücke seinen Prengel zwischen meine Beine. „Darf ich?” „Immer.” Man hörte, wie Wasser auf Wasser plätscherte. „Was macht ihr denn da?” „Vertrauen austauschen!” „Wow, so was hab ich noch nie …” Flo wurde schelmisch. „Willst du mal versuchen?” „Darf ich denn?” „Hätte ich sonst gefragt?” Flo erhob sich, ich nahm seinen Schwanz in meinen Mund und leckte ihn trocken. Erkan nahm die gleiche Stellung ein wie Flo, der mittlerweile hinter ihm stand und seine Schultern massierte. Es rieselte und Flo grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Auch Erkan Schwanz erlebte die gleiche Trocknungsprozedur, er stand fast senkrecht von ihm ab und die beschnittene Kuppe leuchtete glänzend. Ich putzte mir erst einmal die Zähne, ehe ich den beiden ins Schlafzimmer folgte. Sie lagen bereits schon im Bett, als ich die Deckenbeleuchtung löscht und zu den beiden ins Bett stieg.
„Ich fass es nicht, was ich gerade erlebt habe. Es ist einfach … geil!” „Siehst du, wenn wir, Marius und ich, in der Öffentlichkeit zusammen sind, kann man sich nicht immer küssen, wie man will. Aber komischerweise hat keiner der Heten, die unsere Liebe eh nie verstehen werden, was dagegen, wenn zwei Männer gemeinsam am Pinkelbecken stehen. Nur, wenn ich dann meine Hand ausstrecke und ich einen Tropfen meines Liebsten ergattere, dann ist das wie ein innerer Orgasmus für mich.” „So hab ich das noch nie gesehen!”

„Aber wie habt ihr das entdeckt?” „Unsere gelbe Seite?” „Wenn man das so nennt? Ich hab das noch nicht gemacht, es ist völlig unbekannt für mich. Unbekannt und neu! Aber auch unheimlich geil, so was habe ich noch nie erlebt, man könnte es wiederholen. Allein der Gedanke macht mich ganz verrückt, so intensiv…” Man sah die Regung, die der Gedankengang bei ihm bewirkte. „Also, wie habt ihr das entdeckt? Hat das nicht Überwindung gekostet?”

„Willst du, Kleiner? Denn dir verdanken wir das ganze ja schließlich und endlich?” „Du konntest dich wieder mal nicht beherrschen, liebster Marius. Ich war wie beim Blasen auf Borkum dein Versuchskaninchen. Also aus Opfersicht.” Er rückte sich in eine bequeme Stellung und stützte seinen Kopf mit der Hand. „Marius und ich waren seit dem siebten September ja zusammen. Aber ich war noch nicht soweit, dass ich mich meiner Mutter offenbaren konnte, geschweige sonst jemanden. Wir waren so knapp einen Monat zusammen, hatten aber noch nie zusammen geschlafen.” „Wie? Wart ihr enthaltsam?”
„Nein, Erkan, geschlafen im Sinne von gemeinsam sich gemeinsam in den Schlaf zu kuscheln und am nächsten morgen in das Gesicht seines Liebsten zu blicken. Mein lieber Flo stellte mich erst mal als einen Freund vom Eishockey bei seiner Mutter vor. Ich hab dann ihm zuliebe dieses Theater mitgemacht, obwohl ich eigentlich dieses selbst auferlegte Schneckenhaus hasse wie die Pest.” „Kenn ich von mir. Meine Eltern kennen Jost auch nur als den Sohn meines Chefs, wenn die wüssten …”

„Tja, und dann kam der 3. Oktober! Ich hab zu meiner Mutter gesagt, dass mich Marius zu einer Feier seiner Verbindung eingeladen hatte. Stell dir vor, ich musste mit zwanzig mich immer noch bei Mama abmelden. Na ja, ich hatte die Erlaubnis, ganz offiziell bei ihm zu übernachten.” „Ihr wart dann aber wohl nicht bei der Feier, oder?” „Nein, wir haben allein zu zweit unsere Vereinigung gefeiert. Was wir gemacht haben, kannst du dir ja denken. Der Anblick meines Kleinen am nächsten Morgen war grandios, so verschlafen wie er aussah, einfach nur süß!” Ich küsste Flo.
„Tja, wir kuschelten noch ein wenig und sind dann mit unseren Molas unter die Dusche, wir wurden ja von seinen Eltern zum Frühstück erwartet. Wir in der Dusche etwas gefummelt und ich wollte ihm den Schwanz besonders waschen …” „Besonders waschen?” „Waschen mit meiner Zunge. OK, ich gebe es zu: Ich wollte ihm einen blasen, zufrieden?” „Jepp, schon besser!”

„Ich also auf die Knie und bearbeite seinen Prügel. Und was macht der Kerl? ‚Schatz, hör auf!’ Ich dachte, ich spinne. In der Nacht konnte er gar nicht genug davon bekommen, drückte er doch meinen Kopf immer wieder tiefer nach unten, ich musste wirklich mehr als einmal schlucken, so tief war der drinnen. Seine Eichel mit meinen Mandeln auf Du und Du.”

„Muss nicht einfach sein, den ganz reinzukriegen, so groß wie der ist.” Erkan wieder einmal. „Du hast mein Mitgefühl! Ich glaube bei spätestens zweidrittel müsste ich passen.” „Wirklich?” „Ja, ich beweis es dir, Flo. Darf ich Marius?” „Tu dir keinen Zwang an.” Er beugte sich über mich und musste nach etwas mehr als der Hälfte schon würgen. Flo grinste. „Ist gut, ich glaub dir ja!” Er packte ihn am Nacken, zog ihn zu sich hoch und drückte seine Lippen auf die des Kochs.

„Na ja, ich mache weiter, halte mich an seinem Becken fest. Er wieder: ‚Hör auf, ich muss gleich.’ Ich verstand, ihm käme es gleich, also machte ich weiter und bearbeite mit meiner Hand seine Nippel. Er wieder: ‚Schatz! Stopp! Ich muss gleich!’ Ich hörte nicht auf ihn und dann kam es tatsächlich. Er hat mir voll in den Mund gepisst.”
„Oups!” „Ne, Erkan, nicht oups. Ich hatte ihn ja mehr als einmal gewarnt. Ich wollte es eigentlich nicht, aber ich kenn mich morgens. Auch wenn ich da eine Latte habe, ich muss immer erst meine Blase entleeren, bevor man das Ding zu was anderem gebrauchen kann. Flo kannte das ja noch nicht. Aber meinst du, er hätte meinen Schwanz aus dem Mund genommen?” „Im ersten Moment war ich voll perplex. Was machte der Kerl da mit mir? Das fand ich unmöglich, aber, was soll ich sagen? Es war gleichzeitig geil und ich fühlte mich einem Menschen noch nie so nah, wie just in diesem Moment. Ich war so geil, ich konnte gar nicht anders. Und als er mich hinterher küsste, hatte ich meinen ersten Megaorgasmus!”

„Wow!” „Genau das richtige Wort. Ich hatte ihn ja gewarnt und dachte, wer nicht hören will, der muss fühlen. Ich rechnete damit, dass er nach dem ersten Tropfen meinen Schwanz ausspuckt und mir eine knallt. Aber Flo? Er ließ nicht locker. Eine Explosion war nichts dagegen, so heftig hatte es ihn geschüttelt, als er hinterher kam.”

Flo kraulte meinen Kopf und schnurrte. „Es war göttlich. Von dem Zeitpunkt an wusste ich, dass ich der Kerl deines Lebens. Mit dem gehst du durch dick und dünn!” „Kann ich mir vorstellen. Aber Marius, was dachtest du in dem Moment?” „Ich konnte nicht denken, ich war fertig. Gut, erst war es ein Spaß, so wie man ihm nach dem Sport unter der Dusche macht. Aber dann wurde mir schlagartig klar, dass ist der Mann fürs Leben.”

„Aber sagt mal, macht ihr das immer?” „Nein, Erkan, das ist eine Spielart von uns. Eine von Vielen. Und, um ehrlich zu sein, man braucht da gewisse Räumlichkeiten für, allein der Hygiene wegen. Ich will ja schließlich nicht darin schlafen!”
Wir lachten alle, ein befreiendes Lachen erfüllte den Raum.

Flo meinte dann in etwas ernsterem Ton. „Mit ihm das zu machen ist was Besonderes für mich. Ich erinnere mich an das erste Testspiel damals gegen Ratingen. Wir lagen nach zwei Dritteln mit zwei Toren hinten, ich habe schlecht gespielt und nichts wollte so richtig klappen. Marius war ja mittlerweile bekannt und auch während der Drittelpausen in der Kabine, er wollte mich wohl in den Arm nehmen. Aber das ging ja nicht! Er konnte mich ja schlecht vor versammelter Mannschaft trösten, obwohl ich das gebraucht hätte. Klünter hat gemeckert wie ein Rohrspatz. Der Trainer dann zu Marius: ‚Und was sagt der Vorstand zu der Vorstellung hier?’ Marius war ja in offizieller Mission in der Kabine. Was macht mein Kerl? Grinste nur und tönte dann: ‚Konrad, ich gehör nicht dem Vorstand an, ich bin nur der Webmaster. Was der Vorstand macht, weiß ich nicht, aber das Internet geht jetzt erst mal pissen und sagt euch dann, was Ambach ist.’ Er ins Klo, man hörte es plätschern, kam zurück und meinte dann: ‚Nach der neusten Netzumfrage dreht ihr das Spiel, ihr gewinnt! Spielt so, wie ihr noch nie gespielt habt, nämlich gut! Und vor allem, spielt miteinander!’ Alles lachte und er dann zu mir: ‚Flo, du kannst ja auch nicht treffen. Du hast einen Fleck am Visier, warte mal!’ Er auf mich zu, kratzte mit vier Fingern am Plexiglas und hielt mir dabei seinen Daumen vor den Mund. Was soll ich sagen? Nach sechzig Minuten stand es vier zu fünf für uns. Ich hab zwei Tore gemacht, so sehr hat mich das aufgebaut. Die Nähe zu ihm, obwohl es ganz normal aussah und sich keiner dabei was gedacht hat. Für die anderen war es Spaß, für mich war es intensive Zuneigung und Liebe.”

Es klopfte. Jost kam mit einem Tablett herein. Vier Gläser und eine Flasche Sekt. Er schaute auf uns drei, die wir da unter der Bettdecke lagen. Er schien im ersten Moment irritiert zu sein, aber ließ sich nichts anmerken. „Ich glaube, es ist eine angenehme Freundschaft geboren. Da müssen wir anstoßen, dachte ich.”
Er goss ein. „Jost, mein Schatz, komm her zu uns.” Erkan stand auf, kam ihm nackt entgegen und nahm ihm die Gläser ab und reichte sie uns. Jost war mehr als verwundert, denn, wie es sich später herausstellte, so locker kannte er seinen Erkan nicht. Jedenfalls nicht im ungezwungenen Umgang mit Schwulen und seiner eigenen Nacktheit. Sie hatten sich zu Anfang ihrer Beziehung nur im Dunkeln geliebt.
Er zog sich aus und schlüpfte unter die Decke. Wir stießen an und sahen uns in die Augen. Flo küsste mich und meine Zunge beantwortete seinen Zugangswunsch diesmal mit einem eindeutigen JA. Jost kam aus seiner Verwunderung wohl nicht ganz heraus schaute in die Runde. Erkan zog ihn zu sich: „Was die können, können wir auch.” Mit der Linken nahm er den Kopf seines Liebsten und drückte ihm sanft einen Kuss auf die Lippen.

„Tja, und was habt ihr dann am 3. Oktober gemacht?” Jost war immer noch konfus. „Nicht wundern, lieber Jost, wir haben gerade deinem Spatz von unserer ersten gemeinsamen Nacht erzählt.” Flo grinste und Erkan hatte ein gewisses Leuchten in den Augen.
Flo trank einen Schluck. „Na ja, ich wusste ja jetzt, dass ist der Typ, mit dem du alt und grau werden willst, aber wie, dass war die Frage. Ich musste die Probleme mit meiner Mutter erst einmal in den Griff kriegen und der Rest würde sich dann auch finden. Ich wollte endlich raus aus meinem Schrank.”
„Und wie hast du es dann angestellt?”, wieder einmal Erkan. „Tja, das wusste ich erst auch nicht so Recht, aber Urban hat den Ausschlag gegeben, damals beim ersten Frühstück.”

Ich musste schmunzeln, die Szene war wirklich zu komisch und mein Produzent hat Flo wirklich überrumpelt, scheint irgendwie in der Familie zu liegen.

Mein eigenes Outing war dagegen eigentlich ziemlich unspektakulär, ich war in der elften Klasse und hatte mich mal wieder unsterblich verliebt. Objekt meiner Begierde war damals Torben, der Sohn unseres neuen Pfarrers. Wir verbrachten unheimlich viel Zeit miteinander, was keinen entging, zumal Religion in meiner Familie eher eine untergeordnete Rolle spielte. Na ja, eines Tages lag beim Abendessen ein Brief und ein kleines Päckchen mit dem Aufdruck ihrer Apotheke auf meinem Platz. Ich war irritiert. Meine Mutter nur: ‚Marius, der Brief ist von Torben, den hat er heute Nachmittag vorbeigebracht, er war ziemlich aufgekratzt. Und das Päcken ist von mir!’ Ich verstand nichts und machte erst das Paket auf, eine Großpackung Kondome, ich wurde rot. ‚Schatz, mir ist es egal, mit wem du glücklich wirst, es ist dein Leben, ich kann dir zwar raten, aber ich kann es nicht für dich führen. Aber wem auch immer du deine Liebe schenkst, wirf dein Leben dabei nicht weg! Ich hätte ja gerne eine Schwiegertochter gehabt, nehme aber auch einen Schwiegersohn!’ Und mein lieber Vater? ‚Deine Mutter hat Recht. Aber komm nie mit einem Burschenschafter nach Haus, dass würde ich nie ertragen!’ ‚Ihr wisst, dass ich …’ ‚Das du schwul bist? Schatz, du bist unser Sohn, wir sind zwar nicht mehr die Jüngsten, aber so verkalkt sind wir auch nicht! Ich wusste es schon lange, eine Mutter merkt so was immer als erste, nur dein Vater war mal wieder etwas begriffsstutziger. Nu lies mal den Brief, was schreibt Torben denn?’ Meine Muter wieder! Ich las das Geschreibsel und schob die Packung Kondome in Richtung Mutter. ‚Was ist?’ ‚Er macht Schluss!’ Sie wieder die Lümmeltüten zu mir. ‚Ne, ne, mein Sohn, die sind für dich! Auch andere Mütter haben schöne Söhne! Auch wenn du sie jetzt nicht brauchst, irgendwann vielleicht erfüllen sie ihren Zweck’ Das war’s.

Der Umgang mit meinen Produzenten war unverkrampft von da an, ich hatte mir umsonst Sorgen und Ängste gemacht. Sie wollten nur an meinem Leben teilnehmen und es nicht reglementieren. Ich konnte jeden meiner Freunde mitbringen, er wurde nie schief angesehen, wohl aber beäugt, ob er denn auch zu mir passen würde und somit auch in die Familie und die wird im Hause van Aarp ziemlich groß geschrieben. Sie standen, so gut sie es konnten, mir in der Zeit nach Johnnys Tod bei. Nach diesem tragischen Verlust hatte ich eigentlich keine Lust mehr, mich irgendwie fest zu binden. Meine Mutter überlegte eine zeitlang ernsthaft, ob sie nicht eine Kontaktanzeige für mich schalten sollte! Mütter eben.

Um wieder zu besagtem Frühstück zurückzukommen: Ihnen und dem Rest der Familie war nicht entgangen, dass ich die ganze Zeit mit Flo zusammenhing und wieder so richtig aufblühte, wieder ganz der alte wurde. Es gab von ihrer Seite keine anzüglichen Bemerkungen. Sie freuten sich mit mir, sie sind halt ein Teil meines Lebens, ein unheimlich wichtiger sogar, aber das sagte ich ja bereits.
„Urban? Wer ist denn das?” „Urban ist mein Vater. Wir sind dann zum Frühstück rüber zu meinen Eltern, wo schon die ganze Familie versammelt war. Meine Mutter, ganz unschuldig: ‚Hattet ihr einen schönen Abend?’ Mein Vater: ‚Hiltrud, frag doch nicht so doof. Die grinsen ja immer noch, also war auch die Nacht schön. Gibst du mir bitte mal die Butter rüber!’ Felix, mein Schwager: ‚Kriegen wir jetzt eigentlich verbilligten Eintritt in die Eishalle?’ Flos Gesichtsfarbe änderte sich. Meine Schwester Svenja: ‚Ach wie niedlich, unsere Eisprinzessin wird rot!’ Flo wird tatsächlich rot. Mein Bruder: ‚Ich hoffe, er hat noch Kondition für das nächste Spiel gegen Herford, so mitgenommen sieht er aus!’ Meine Schwägerin Mareike: ‚Ach lass mal Alexander, er ist noch jung und da kann man so was abhaben! Du machst doch schon nach zweimal in der Nacht schlapp!’ Flo mittlerweile dunkelrot. Mutter wieder: ‚Florian, ich weiß nicht, ob Marius ihnen das gesagt hat, aber wenn sie ihn nehmen, kriegen sie die ganze Sippschaft gleich dazu. Wollen sie?’ Flo mittlerweile röter als rot. Mein kleine Nichte Vicky, die Tochter meines vier Jahre älteren Bruders Alexander mit ihren damals vier Jahren: ‚Ist das jetzt mein neuer Onkel?’ Und mein Flo? Stammelte nur ein JA. Mein Vater dann: ‚Dann herzlich willkommen in der Familie. Ich bin der Urban und das sie schenken wir uns. Ach ja, hier ist ein Haustürschlüssel, ich werde nur ungern gestört! Hiltrud, ist noch Kaffee da?’ Ich frag mich bis heute, wo er den so schnell herhatte.”

Allgemeines Lachen machte sich breit. Flo grinste nur. „Na ja, ich war perplex. Ich hatte ja mit allem gerechnet, aber damit? Gut, mein Schatz hatte mir zwar vorher schon erzählt, dass es keine Probleme geben würde, wenn wir da Hand in Hand zum Frühstück gehen würden, aber mulmig war mir schon. Ich kannte zwar alle schon, jedenfalls mehr oder minder, aber neben meinem Schatz auch gleich ne ganze Familie zu bekommen? Und so herzlich aufgenommen zu werden, als würde man schon seit Jahren dazu gehören? Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen, nicht in meinen kühnsten Träumen!” „Und, hast du es bereut?” „Im Leben nicht! Wenn ich da an meine Mutter denke und wie die reagiert hat.”

Erkan scheint Jungfrau vom Sternzeichen zu sein, so neugierig wie er ist. „Wieso? Wie hat sie denn reagiert?” Herr im Himmel hilf, dachte ich bei mir. Flo erkannte meine Sorge. „Marius, lass gut sein, es geht schon.” Er trank dann aber einen ziemlich großen Schluck und hielt Jost das Glas zum Auffüllen hin. „Du willst wirklich wissen, wie sie reagiert hat? Nach dem Frühstück habe ich beschlossen, zuhause reinen Tisch zu machen. Ich nahm Marius bei der Hand und wir sind dann zu meiner Mutter. Ich wollte, dass sie teilnimmt an meinem Leben, wie seine Eltern an seinem Leben. Aber sie? Nun, sie meinte lapidar: ‚Wie der Vater, so der Sohn! Deinen Vater habe ich an einen Mann verloren und nun auch dich!’”

Eine Träne kullerte seine Wange herunter, mit stockender Stimme fuhr er fort. „Ich wüsste ja, sie würde verlorenen Dingen nie im Leben nachtrauern. Kurz gesagt: Ich solle doch meine Sachen packen und sehen, dass ich glücklich werde, allerdings ohne sie! Ich hätte drei Stunden, dann würde sie wiederkommen und mich nötigenfalls mit der Polizei rauswerfen lassen. Sie hat die Tür ganz leise zugemacht, als sie aus der Wohnung ging und nichts mehr gesagt.”

Stille, ich küsste die Träne weg und nahm meinen Kleinen fest in den Arm.

Diesmal war es jedoch Jost, der nach Minuten das Schweigen brach. „Und wie ging es dann weiter?” Ich legte meinem Spatz den Finger auf den Mund.
„Nun, ich hatte das ganze ja live mitgekriegt. Flo war wie versteinert. Er lag heulend auf dem Bett und ich konnte nichts machen. Ich fragte ihn, was er machen will und er meinte nur, er will weg, so schnell wie möglich. Ich ging zum Telefon und rief meine Eltern an. Ich sagte nur: ‚Paps, komm bitte sofort! Wir brauchen deine Hilfe.’ Er: ‚Was ist los?’ Ich: ‚Flos Mutter hat ihn rausgeschmissen. Wir haben drei Stunden Zeit, dann kommt sie mit der Polizei!’ Er: ‚Erklärungen später! Bis gleich!’ Tja, und dann kam die ganze Familie van Aarp mit drei Wagen, mein Schwager sogar mit seinem Mercedestransporter. Meine Eltern standen in der Wohnung, meine Mutter wollte anfangen, ein paar Sachen zu packen, mein Vater aber nur: ‚Hiltrud, lass den Quatsch! Kümmere dich um den Kleinen, der ist fertig mit den Nerven und der Welt. Flo, sind alle deine Sachen in deinem Zimmer?’ Mein Spatz schüttelte den Kopf. Die Zeugnisse und andere Papiere sind im Wohnzimmerschrank in den Schubladen und dann hab ich noch was im Keller.’ Urban wieder: ‚Mareike, du übernimmst den Keller und Svenja, du kramst ja eh überall rum. Das Wohnzimmer wartet auf dich! Jungs, wir räumen das Zimmer komplett aus, aussortieren können wir später bei uns.’ Tja, nach zwei Stunden waren wir fertig, das Zimmer war sozusagen besenrein als wir gingen. Aber auch der Wohnzimmerschrank war nicht mehr das, was er vorher war.”

„Wie das?” Erkan wieder.

„Tja, wenn meine Schwester erst einmal kramt, dann kramt sie auch richtig. Flo hat zwar durch die Aktion seine Mutter verloren, aber seinen Vater gefunden.”

Staunen stand in den Gesichtern. Ich trank einen Schluck und drückte meinen Schatz.

„Tja, meine liebe Schwester hat einen ganzen Stapel Briefe gefunden, die Heiner, sein Vater, ihm geschrieben hat über all die Jahre. Seine Mutter hatte sie nie geöffnet, aber dennoch aufgehoben. Na ja, und dadurch fanden wir ihn.” „Paps lebt seit über zwanzig Jahren mit Günther, seinem Freund, in der Nähe von Nürnberg und wir besuchen die beiden oft. Sie führen da eine Jugendherberge, lustig nicht? Schwule Herbergseltern.”

Er lächelte wieder, Gott sei Dank. Das Gewitter draußen hatte mittlerweile zum Sturm mutiert. Blitz und Donner wechselten sich gegenseitig ab. Ich kuschelte mich näher an meinen Flo und mein Fuß wanderte in Richtung von Erkans unterer Extremität.

„Und was hast du gemacht, als du rausgeschmissen wurdest? Seid ihr zusammengezogen?” Dreimal darf man raten, wer die Frage gesellt hat. „Die Frage kann man mit einem glatten JEIN beantworten, Erkan. Ich bezog zuerst das Gästezimmer der Familie, Na ja, da standen erst mal meine ganzen Sachen drinnen. Das Gärtnerhaus, wo Marius hauste, war ja nur auf eine Person ausgelegt. Wir haben dann das Dach ausgebaut und leben jetzt auf knappen 120 Quadratmetern.”
„Ist das nicht etwas groß für zwei?” „Nein, jeder hat seine eigene Rückzugsmöglichkeit, wo er die Tür zumachen kann, wenn er will, aber unsere Türen stehen eh meistens offen.” „Bis auf die Episode mit Claudio, mein Schatz. Da war meine zu.” „Ja, lieber Flo, da war sie zu, aber auch nur einen halben Tag!”

„Äh, wie? Wer ist denn Claudio?” Erkan wieder mal wissbegierig. „Ich gebe es ja zu, Claudio war ein One Night Stand von mir. Wir haben uns damals Ende August mal im Chat getroffen und dann, na du weißt schon. Für mich war es nichts anderes als Sex, ich hatte Bock, er hatte Bock und was macht man da?” „Man steigt zusammen in die Kiste!” Jost fasste die Lage in treffende Worte. „Genau, für mich eigentlich als Single eine ganz normale Sache, man hat Spaß miteinander. Mehr nicht, aber Claudio sah halt mehr darinnen.” „Ihr könnt euch vorstellen, ich gerade von meiner Mutter rausgeworfen, ziemlich mitgenommen, und da kommt dieser schnuckelige Italiener und will mir Marius wegnehmen.” „Wie das?” „Ach, er stand eine Woche, nachdem mein Kleiner bei mir eingezogen ist, mit zwei gepackten Koffern vor der Tür. Ich war baff erstaunt, könnt ihr euch vorstellen. Claudio begrüßte mich stürmisch, schmiss die Koffer in die Ecke und frage, wo er seine Sachen einräumen könne. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Jedwede Frage von mir erstickte er mir Küssen. Er liebe mich ja so und er könne nicht mehr ohne mich leben.” „Tja, als ich diese Szene sah, habe ich die Tür zugeschmissen und erst einmal in meinem Zimmer geheult. Marius klopfte an, ich wollte ihn aber nicht sehen, diesen Betrüger!” „Erste Krise?” „Jepp, aber die einzige, die wir hatten. Gott sei Dank!” Ich knuffte Flo.

„Und? Wie habt ihr sie gelöst?” „Ich hatte laut Musik an, ich wollte ja niemanden sehen und hören. Er hat mir den Strom abgedreht, ganz einfach. Ich musste dann ja zwangsläufig mithören, was die beiden da im anderen Zimmer besprachen. Und eigentlich, war meine erste Reaktion falsch gewesen.” „Wie das?” „Ach Erkan, ich bin ins Wohnzimmer rein und hab die beiden knutschend da stehen sehen, dachte ich jedenfalls, aber Claudio hat Marius geküsst, er aber nicht ihn. Das erkannte ich nicht vor lauter Wut und bin dann ab. Nachdem ich nicht rauskommen wollte, stellte mein Gatte den Strom ab. Ich musste oder sollte hören, was da gesagt wurde.” „Was wurde denn gesagt?” „Marius hat diesem kleinen Itaker dann ziemlich schnell und vor allem deutlich klar gemacht, dass er auf dem Holzweg sei. Das das Erlebnis mit ihm zwar schön gewesen sei, aber nicht mehr, und sein Herz jetzt jemand anders, nämlich mir, gehören würde. Ich hab voreilig reagiert und geurteilt, ohne alle Fakten zu kennen. Ich wusste ja, dass mein Schatz einiges an Beziehungserfahrung besitzt und auch nicht gerade als Mönch gelebt hat, aber da habe ich erkannt, dass ich im Jetzt und nicht in der Vergangenheit leben muss, wenn ich mein Leben meistern will. Wenn ich eine Person liebe, dann muss ich auch ihre Vorgeschichte in Kauf nehmen. Er kann sie, seine Erfahrungen, ja nicht in die Altkleidersammlung werfen, oder?” „Stimmt.” „Siehst du, hinterher tat mir Claudio fast leid, so sehr hatte er sich in die Idee verrannt, da könne mehr sein. Und kann man es ihm verdenken, dass man sich in meinen Schnubbel verlieben kann?” „Eigentlich nicht, da könnte man mehr als Appetit kriegen, wenn man ihn so sieht.” „Erkan, jetzt werde ich aber rot. Trotzdem Danke für das Angebot. Die Idee aber lege mal ganz schnell ad acta und ganz weit, weit weg. Mein Herz gehört meinem Flo und das ist auch gut so.” „Schatz?” „Ja?” „Ich liebe dich!” „Ich dich auch, meine Eisprinzessin, ich dich auch!”

„Aber Flo, das war ja mehr oder minder nur eine Bagatelle. Hat das denn keine anderen Probleme gegeben? Ich meine mit deinem Sport, deiner Arbeit?” „Erkan, ich hatte gerade meine Gesellenprüfung abgeschlossen.” „Was hast du gelernt?” „GWS!” „GWS?” „Gas-Wasser-Scheiße. Ich bin Klempner!” Flo grinste. „Also auf der Arbeit gab es keine Probleme. Ich hab einfach nur meine neue Adresse angegeben und das war es dann. Ich hab weiter eine Arbeit gemacht, bin zum Training und das war es. Ich hab aufgrund des Eishockeys eh kaum was mit meinen Arbeitskollegen gemacht. Wenn die faul in der Sonne lagen oder mit ihren Kindern was unternahmen, war ich in der Eishalle und hab trainiert. Die Sache mit dem Sport war da schon weitaus schwieriger.” „Wem sagst du das? Ehrlich gesagt, ich bin froh, dass wir da nicht noch einmal durchstehen müssen.” „Äh, darf man fragen, was daran so schwierig war?”

„Erkan, wenn ich das erzähle, brauche ich noch was zu trinken.” Jost hob die Flasche Sekt in die Luft, sie war leer. Er stand auf. „Das will ich jetzt auch wissen. Ich geh mal eben …” Er wollte sich schon anziehen, da meinte Flo: „Lass die ruhig Hose aus. Du brauchst nur in die Sporttasche zu greifen, da ist eine Flasche Sherry drinnen. Eigentlich ein Mitbringsel für Henning, aber wir können ja morgen, ähh, heute, noch was Neues einkaufen.” Jost tat wie ihm geheißen und kam mit einer schwarzen Flasche wieder. „Soll ich die Gläser spülen?” „Jost, du hast frei, also leg dich wieder hin. Ist zwar nicht stilecht, aber dem Sherry ist es egal, woraus er getrunken wird. Und nu komm zu deinem Türken und beschütze ihn vor dem Gewitter!”, sprach er in Richtung seinen Liebsten und setzte dabei das Spiel seines linken Fußes mit meinem rechten Fuß fort.
Der Angesprochene tat, was Erkan von ihm wollte, schüttete aber dennoch den Sherry ein. „Bei der ganzen Sache mit dem Einzug bei mir habe ich mir da erst keine Gedanken gemacht. Es ging ja erst einmal um Flo, dass er wieder hergestellt wurde.” Ich trank etwas. „Wir haben dann hin und her überlegt, wie wir die Sache angehen sollten. Ich wollte mich ja nicht mehr verstecken, aber sie betraf ja mich nicht allein, sondern uns beide, meinen Marius und mich!” „Mein Produzent meinte nur zu Flo, er solle aus seinem Coming Out kein Runing Out machen. In der Ruhe läge die Kraft und er hatte wieder einmal Recht.” „Was habt ihr gemacht?” „Erst mal das gleiche, wie auf der Arbeit, die Adressenänderung mitgeteilt.” „Aber dann wussten sie ja, dass du bei Marius wohnst.” „Nein, Erkan, das Gärtnerhaus hat die Zufahrt zum Waldmannskotten, das Haupthaus liegt an der Essener Straße. Gut, wer sich bei uns auskennt, der weiß, dass das zusammengehört, aber für die anderen sah das nur aus wie Nachbarschaft. Das sollte für die erst einmal genügen. Ich hatte da so meine Vorstellungen, und vor allem, ich hatte ja das Internet hinter mir, dass machte ich ja selber!” „Mein Schatz war ganz perfide. Als erstes änderte er meine Vorstellungsseite auf der HP. Unter Familienstand war da plötzlich FEST VERGEBEN zu lesen. Das gab zwar eine gewisse Aufregung unter den weiblichen Fans, besonders den Teenies, im Forum, aber das war es schon.” „Bei meiner persönlichen Vorstellung stand das gleiche, aber wer interessiert sich schon für den Webmaster?” „Ich!” „Will ich dir auch geraten haben.”

Ich küsste ihn. „Tja, da waren aber dann auch noch die Mannschaft, der Vorstand und der Trainer. Gut, man kannte mich mittlerweile, es war also nichts Besonderes mehr, wenn ich mit zum Training kam und Flo hinterher wieder mitnahm. Es war halt Nachbarschaft. Einigen ist es zwar aufgefallen, dass wir permanent zusammenhingen, aber das war es dann auch. Auch die Frage nach seiner Freundin und wo die stecken würde, ja, auch Eishockeyspieler können lesen, wurde hingenommen. Flo meinte nur, wenn er seine bessere Hälfte ihnen vorstellen würde, würde man sie ihm nur ausspannen und das Risiko wolle er nicht eingehen. Auch müsse er sie, also mich, vor den weiblichen Fans beschützen, was ja auch stimmte, denn im Forum war unter anderem zu lesen: „Der Schlampe, die sich den süßen Flo gekrallt hat, der kratz ich die Augen aus!” „Hätte sie ruhig machen können, dann wärst du immer auf meine Hilfe angewiesen.” Ich stupste Flo in die Seite. „Über Behinderte macht man keine Späße.”, tadelte ich ihn.

„Wie gesagt, man hatte so etwas wie Einsehen mit meinem Kleinen und seiner Lage. Für Todd war die Sache eh klar, wir haben es ihm und seinem Matthias (Genau der Torwart, der meinen Flo damals rasieren wollte! Die hatten sich mittlerweile auch gefunden!), bereits am folgenden Wochenende gesagt. Die Sache wäre eigentlich glimpflich abgelaufen, wenn da nicht ein nicht Klünter beim Tanken auf Flos Mutter gestoßen wäre und es den großen Knall gegeben hätte.” „Der Trainer?” „Jepp, genau ebenjener Konrad Klünter. Flos Mutter arbeitete an der Tankstelle unweit der Eishalle und wie der Zufall es wollte, die beiden trafen sich und sprachen miteinander. Der Trainer frage wohl, wie es ihr nach dem Auszug gehen würde, sie aber erzählte alles!”

Erkans Arm bewegte sich und seine Hand kroch langsam in meine Richtung. „Und dann?” „Klünter rief mich vor dem nächsten Training zu sich in die Kabine und fragte, ob das stimmen würde, was meine Mutter erzählt hat. Ich schluckte und sagte leise JA und fragte, ob er damit ein Problem hätte, wir hätten uns ja immer gut verstanden. Er fing an zu schreien, wegen einem Schwulen wäre er seinen Führerschein los! Ich solle mich zum Teufel scheren! Schwuppen würde er nicht trainieren. Er rannte raus, knallte die Tür und ist ab in Richtung Vorstandtrakt. Ich stand da wie ein begossener Pudel. In der Kabine starrte mich alles an, ich glaube, jeder hat es mitgekriegt. Todd fragte, was los sei. Ich konnte nicht mehr und fing an zu weinen. Matthias übersetzte ihm wohl das, was da vorher aus der geschlossenen Trainierkabine gedrungen ist. Was macht Todd? Fängt an, sich wieder anzuziehen und Matthias tat das gleiche, das ist bei einem Torwart etwas schwieriger. Gunnar, einer der beiden Assistenten, fragt, was das solle. Und Todd? ‚If he does not coach gays he can’t coach me! I am gay and I am proud of it!’ Stille in der Kabine. Und Dennis, der Kapitän: ‚Jungs, ich bin zwar nur bi, aber das geht nicht! Der kann mich mal!’ Und rafft ebenfalls seine Klamotten. Stefan, der Ersatzgoali: ‚Mein Bruder ist schwul und er ist der beste Bruder, den man sich vorstellen kann.’ Frank (Bester Verteidiger der Liga): ‚Warte, ich helfe dir bei deinen Schonern ehe ich auch die Segel streiche.’ Gunnar: ‚Bist du auch schwul?’ Frank: ‚Ich wüsste zwar nicht, was dich das angeht! Nur, wenn beide Torleute weg sind, was soll ich da noch verteidigen, du Kleinhirn! Etwa den?’ Er zeigte auf den Dritten der Torleute, den Sohn von Klünter. Sean Denburry (der zweite Kanadier, ebenfalls Verteidiger): ‚Sorry, but if one canadian has to go the second will follow!’ In diesem Moment kam Sebi, der Co-Trainer, in die Kabine. ‚Jungs, was ist denn hier los? Warum seid ihr noch nicht auf dem Eis?’ Man erklärte es kurz und er nur: ‚Oups, jetzt haben wir ein kleines Problemchen. Also, Schuhe an und alle, die damit nicht einverstanden sind, mit ab zum Vorstand.’ Mit soviel Unterstützung und Solidarität hatte ich nicht gerechnet.”

„Wir saßen gerade in der Besprechung der Weihnachtsfeier, als die Tür aufflog und der Trainer wutschnaubend in den Saal stürmte. Entenmann: ‚Konrad! Was ist los? Was schreist du so?’ ‚Ich hab den Stockmann rausgeschmissen, den trainier ich nicht mehr!’ ‚Warum?’ ‚Der ist ein elendiger Schwanzlutscher! Ein Arschficker! Der ist schwul!’ Stille. ‚Ich lass mir doch den Sport nicht von diesen Warmduschern kaputtmachen. Der ist draußen für immer und ewig. Der ist nicht ausgezogen, der ist rausgeflogen wegen so einer studierenden Schwullete’ Man hätte ne Stecknadel fallen hören können. Entenmann war wirklich verlegen. ‚Tja, wenn das so ist, dann … äh … dann …’ Ich stand auf: ‚Was ist DANN? Detlef? Ich höre?’ ‚Tja, ein Schwuler im Eishockey? Hier bei uns?’ Ich wurde lauter: ‚Ja, was wäre denn ein Schwuler beim Eishockey? Ein Mensch wie Du und ich, mit Gefühlen, Freuden und Ängsten. Und warum sollte es in diesem Raum keine Homosexuellen geben? Weißt du, was ich im Bett mache? Was Elke macht?’ ‚Ich?’. Die Zweite Vorsitzende, seit Jahren unbemannt, wurde rot. ‚Entschuldige bitte, wenn ich dich gerade als Beispiel missbrauche, aber du sitzt direkt in meiner Schusslinie. Nichts für Ungut.’ ‚OK, aber du hast Recht, Marius. Also, Detlef, nu mal Butter bei die Fische. Was wäre, wenn ein so genannter Rückwärtseinparker hier im Raum wäre?’ ‚Äh…’ ‚Wo bleibt deine Offenheit? Deine Stellvertreterin will es wissen!’ In diesem Moment klopfte es und Sebi trat in den Raum. Entenmann blickte erleichtert, kam er doch so um eine Antwort herum. ‚Will ja nicht stören, aber es gibt da ein kleines Problem mit der Mannschaft.’ Entenmann, wieder Herr der Lage: ‚Ich weiß, der Trainer hat Stockmann rausgeschmissen. Wir beraten gerade!’ ‚Wenn es das nur wäre, …’ ‚Was ist denn noch?’ ‚Nun, wenn der geht, gehen beide Kanadier, beide Torhüter, eine komplette Verteidigung und … äh … einem neuen Kapitän bräuchten wir dann auch noch.’ Sebi kann süffisant sein, wenn er will, aber manchmal auch ein Arsch auf dem Eis. Klünter: ‚Das ist Meuterei! Ich spiel mit keiner Schwulentruppe! Die sollen alle gehen, am besten dahin, wo der Pfeffer wächst!’ Entenmann brach zusammen: ‚Die wollen gehen? Dann brauchen wir ja ne halbe Mannschaft!’ Ich konnte nicht mehr. ‚Nein, Detlef, du brauchst dann nicht nur ne neue Mannschaft, du bräuchtest dann auch einen neuen Webmaster, denn DER ist die studierende Schwulette, die Konrad meinte.’ Ich klappte meinen Laptop lauter zu, als ich es wollte. Entenmann schaute mich fragend an: ‚Du bist …’ ‚Detlef, Mund zu. Marius ist schwul, na und? Er ist der beste Webmaster, den die Phantoms je hatten. Und das sage ich als deine nicht-lesbische Vertreterin.’ Dann Gudrun, ehemalige Chefbuchhalterin der Schreinerei Wilhelm Deppermann und Söhne, die Schatzmeisterin unseres Vereins, die bisher geschwiegen hatte: ‚Mein Enkel ist auch … Egal, wenn Marius geht, gehe ich auch. Soviel Intoleranz kann ich nicht ertragen. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!’ ‚Darf ich mich anschließen?’, das war Sebi, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte. Entenmann stand immer noch mitten im Raum und wusste weder ein noch aus.”

Ich genehmigte mir einen Schluck, ehe ich weiter sprach. „Mittlerweile waren auch die Meuterer der Mannschaft in den Saal gekommen. Ich sah Flo und war froh, er sah zwar verstört aus, aber nicht gebrochen. Dennis, der damalige Kapitän, brach das Schweigen: ‚Was ist denn hier los?’ Sebi ganz unschuldig: ‚Nicht viel, nur die Meuterei hat sich auf der Brücke fortgesetzt.’ Entenmann sah aus wie ein Häuflein Elend, sollte ich zum Todesstoß ansetzen? Ich überlegte kurz und dachte, schlimmer kann es eh nicht mehr werden. Aber ich kam nicht mehr dazu, Wilhelm Hahnenkamp, seines Zeichens ehemaliger Spieß unter Entenmann und jetzt Mannschaftsführer (der kümmert sich um Pässe, Schiedsrichter und sonstiges mit dem Verband), kam mir zuvor. ‚Oberstleutnant Entenmann. Wenn ich das mal zusammenfassen darf! Wenn du dieser schwachsinnigen Entlassung zustimmst, dann verlierst du auf einen Schlag die halbe Mannschaft auf dem Eis und die Hälfte der Truppe hier im Hintergrund. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie Presse und Öffentlichkeit reagieren werden und wie hoch der finanzielle Verlust wäre, aber das ist deine Entscheidung, du bist der Kommandeur hier. Ich frage dich jetzt als dein ehemaliger Spieß. Würdest du, um ein altes, verfallenes Haus zu halten, dein halbes Panzerbattallion sinnlos opfern?’ Totenstille. Dann regt sich was in Entenmann: ‚Herr Klünter, es tut mir Leid. Mir sind die Hände gebunden, aber sie sehen selber.’ Klünter: ‚Bitte? Sie lassen sich was von diesen perversen Schwanzlutschern was sagen? Sie sind doch ein Mann!’ ‚Das bin ich, aber das Ergebnis von fünf minus zwei ist immer drei, egal ob der, der es sagt, homo- oder heterosexuell ist, und wo mein Spieß Recht hat, hat er Recht, dass war schon immer so. Ich glaube, sie sollten jetzt ihre Sachen packen und gehen.’ ‚Mit größter Freude, ich will in diesem Homopuff eh nicht bleiben, sie Schlappschwanz. Aber wir sprechen uns, das verspreche ich ihnen.’ ‚Rufen Sie meinen Anwalt an und nun RAUS! Sebi, übernimmst du das Training bis auf weiteres? Wir haben hier noch viel zu besprechen und Eiszeit ist teuer, also ab!’ ‚Verstanden. Kommt Jungs, wir gehen dahin, wohin wir gehören. Ich will alle in zehn Minuten auf dem Eis sehen! Abmarsch!’ Die Truppe dampfte ab und wir waren alleine.”

Erkans Hand hatte mittlerweile meinen Schwanz erreicht. Er spielte mit meiner Vorhaut und sah dabei ganz unschuldig aus. „Tja, damit endete die Ära Klünter bei den Phantoms. Offiziell hieß es, man hätte sich in Gegenseitigem Einvernehmen getrennt, der eigentliche Grund, seine Homophobie, wurde nicht erwähnt.” „Ist ja lustig. Und was ist dann aus ihm geworden.” „Erst einmal war er ein geschasster Trainer, wie es sie viele gibt.” Flo nickte zustimmend. „Nun, die Saison war ja gerade angefangen und da hatten alle Mannschaften einen Coach. Er war arbeitslos und heuerte dann kurzfristig in Solingen an, als die ihren Trainer wegen Erfolglosigkeit in die Wüste geschickt haben, als es um die Teilnahme an den Play-Offs ging. Das war sein letztes Engagement in NRW, aber auch nur kurz. Die Solinger schafften es nicht, obwohl das letzte Zusammentreffen mit Klünter ja auch nicht ohne war.” „Du meinst das, wo der erste Kuss zweier Männer auf dem Eis als positiv empfunden wurde?” „Genau das, mein Schatz.”

„Äh, ihr habt doch gesagt, Schwul und Eishockey passt nicht zusammen. Wie soll ich das denn verstehen?” Erkans Finger hatten mittlerweile meinen Hintern erreicht und stießen da mit Flos Hand zusammen.

„Richtig. Schwuler ist ein Schimpfwort um den Gegner zu unüberlegten Handlungen zu reizen und die werden halt mit Strafzeiten geahndet, zwei Minuten Kühlbox um die Gemüter zu beruhigen.” „Na ja, und gegen Solingen ging das ziemlich hoch her. Von den Spielern und deren Fans besonders, da war Schwuler noch das angenehmste, was die da so skandierten.” „Ruppig ist gar kein Ausdruck, so haben die geholzt.” „Stimmt, da hat sich Flo die erste Diszi seiner Karriere eingehandelt. Aber was sollte ein Schwuler machen, wenn er das Wort als Schimpfwort hört? Eigentlich abprallen lassen, oder?” „Wenn das mal so einfach wäre. Ich hab das aber auch erst nach dem ersten Drittel damals verstanden, als Sebi mich in der Pause zur Seite nahm.” „Was hat der denn zu dir gesagt?” „Er meinte: ‚Flo, wenn du das nächste mal gegen die Nummer 14 beim Bully stehst, frag ihn, ob er immer noch zur Ruhrtalbrücke fährt.’ Ich: ‚Wieso? Ist der auch?’ ‚Was weiß ich, aber vergelte gleiches mit gleichem!’ Na ja, es hat geklappt, wir gewannen das Bully, ich passte zu Todd und der sofort ins Tor. Wir gingen dann mit Unentschieden in die letzte Pause.”
„Aber wo bleibt der Kuss?” Erkan hatte seine Hand wieder in Richtung Sack bewegt. „Du meinst die Krönung? Die kam eine Minute vor Schluss! Es deutete alles auf ein Remis hin und Klünter hat dann in den letzten zwei Minuten noch den Torwart rausgenommen, um einen sechsten Feldspieler zu bringen. Wir waren in Unterzahl, da konnte Matthias nicht aus dem Kasten. Von den Fans waren nur SCHWULENTRUPPE, SCHWULENTRUPPE; HAHAHA! zu hören, das ganze Drittel lang. Echt nervig, aber da standen die meisten von uns ja drüber. Wir schaffen es, den Puck aus unserem Drittel zu befördern, die Solinger mussten daher neu aufbauen und wir gewannen so etwas Zeit. Die 14 von denen stand an der blauen Linie, ich auf sie zu und ich streckte ihr die Zunge raus und tat so, als ob ich sie lecken würde. Er starrt einen Augenblick zu lang auf mich und ich kann ihm die Scheibe wegkratzen. Ich wusste, Todd müsste mittlerweile fast die Mittellinie erreicht haben, ich passe blind zu ihm. Er umkurvt einen der Verteidiger und schießt ins leere Tor. Erst Totenstille in der Halle und dann wieder: SCHWULENTRUPPE, SCHWULENTRUPPE; HAHAHA! Und was macht Todd, der Verrückte? Ich wollte gerade auf ihn zu, er aber lässt mich links stehen, nimmt sich im Fahren den Helm ab, Stinkefinger in Richtung Solinger Fans und auf Matthias zu. Der reagiert sofort und ebenfalls ohne Helm auf Todd zu. Am Mittelkreis treffen sich die beiden, fallen sich in die Arme und küssen sich. Unsere Fans kreischen vor Begeisterung.” „Flo, wohl aber eher, weil es ein Tor für uns war. Die Bedeutung, die das Spiel für uns Betroffene hatte, war eine andere. Wir waren jetzt eine Mannschaft, die allen Anfeindungen widerstehen konnte. Ich habe den Bericht der EISNEWS noch irgendwo im Schrank liegen. Was stand da? ‚Nach dem Siegtreffer fuhr der Spieler Thorne auf seinen Torhüter zu und zeigte es allen pöbelnden Fans, dass er als Führungsspieler seiner Mannschaft über ihren üblen Anfeindungen und persönlichen Angriffen gegen sich und die Phantoms steht, indem er das tat, was die Krakeeler von ihm über sechzig Minuten behauptet haben. Besser kann man den Spieß nicht umdrehen und denen, die sich nur durch Unrühmlichkeiten Aufmerksamkeit verschaffen, den Spiegel vorhalten.”

Ich griff über Erkan und Jost zur Flasche Sherry. Das mein Schwanz dabei auf Erkans Brust zum liegen kam, war völlig unbeabsichtigt. Na ja, nicht ganz, gebe ich ja zu. Ich schenkte mir noch etwas ein und fragte, ob noch jemand was wollte. Man bejahte und ich musste die angenehme Stellung dann auch leider wieder aufgeben.
Wir saßen jetzt mehr oder minder in dem Bett an die Rückwand gelehnt. „Also, den Abend nenne ich gelungen. Ich hatte lange nicht mehr soviel Spaß. Was meint ihr?” „Stimmt, äußerst angenehm.” Erkan wieder, der seine Hand schon wieder in meinem Schritt hatte, diesmal allerdings für alle sichtbar auf der Bettdecke.

„Aber ich bin mal wieder die Spaßbremse. Schaut mal auf die Uhr, wir haben es kurz vor zwei und wenn wir morgen früh die Fähre erreichen wollen, müssen wir gleich wieder raus. Und ich brauche wenigstens eine Mütze voll Schlaf, sonst bin ich unausstehlich.” „Ist er wirklich so schlimm?” Diesmal kam die Frage von Jost. „Jost, du weißt nicht, wie mein Hintern leiden muss, wenn ich ihn um seinen Schönheitsschlaf bringe.” Flo grinste.

„Ach, da würde ich dir schon helfend zur Seite stehen oder auch liegen.” Erkan grinste über beide Backen. „Jungs, wir könnten ja, Lust hätte ich ja auch, aber was wird dann morgen sein? Ich weiß nicht so recht!” Flo erkannte wohl die Skrupel, die Jost allein bei der Vorstellung dessen, was passieren könnte, plagten. „Ich hab einen besseren Vorschlag. Lasst uns austrinken und wir kuscheln uns dann in den Schlaf. Ich glaube nämlich nicht, dass das Bett einer Orgie standhalten würde.”
Wir lachten alle und taten, wie uns geheißen. Jost löschte das Licht der Nachttischlampe. Ich schlief selig ein, Flo vor mir und Erkan in meinem Rücken. Was will man mehr haben?

Als der Wecker um viertel nach sechs klingelte, waren wir alleine. Die beiden musste sich irgendwann in der Nacht aufgemacht haben, wohl um nicht von anderen Gästen beim Verlassen unseres Zimmers am Morgen beobachtet zu werden. Ich hatte nichts bemerkt und Flo schläft ja eh immer wie ein Stein.
Auf dem Nachttisch fand ich einen Zettel. Herzlichen Dank für die tolle Nacht, auf eine baldige Wiederholung, dann allerdings in privaterem Rahmen, oder wie seht ihr das? Liebe Grüße – Erkan und Jost.

Ich küsste meinen Schatz aus dem Schlaf. Er schaute mir in die Augen. „Da ist ja der Mann meiner Träume. Komm zu mir und noch fünf Minuten kuscheln, ja?” Er zog meinen Kopf zu sich runter, presste seine Lippen auf die meinen. „Äh, Engelchen?” „Ja, Großer?” „Du siehst süß aus, so verschlafen, allerdings …” „Allerdings was?” „Ich liebe dich auch mit Mundgeruch!” Ich lachte. „Arsch!” „Angenehm: van Aarp, Marius van Aarp, der gerade neben dem schönsten Mann der Welt aufgewacht ist.” „Hört sich schon besser an. Keine fünf Minuten mehr? Müssen wir wirklich raus?” „Müssen müssen wir gar nichts, mein Kleiner, aber wenn wir Borkum heute noch erreichen wollen, dann sollten wir das jetzt besser. Oder willst du Henning anrufen und sagen, wir haben die Fähre wegen deiner Schlafmützigkeit verpasst?” „Besser nicht!” „Also?” „Also in drei Teufels Namen: Raus aus den Armen meines Liebsten und ab in das kalte Bad. Kommst du mit?” „Immer doch, aber wir duschen getrennt, ich will ja noch ankommen.” Ich glaube, ich hab schon gesagt, dass ich fies sein kann, oder?

Wir erledigten züchtig voneinander getrennt die Morgentoilette und sind dann runter zum Frühstück. Erkan hatte das Frühstücksbuffet gerade aufgebaut und begrüßte mich herzlich. „Also, an dein leichtes Schnurren im Schlaf könnte ich mich gewöhnen!” „Lass das besser nicht Flo hören und vor allem, was soll dein Jost davon denken?” „Was soll ich nicht hören?” Flo machte sich gerade auf zu uns als sein Mobilteil zu surren begann. „Stockmann!” – „Was? Ich versteh nichts. Ich geh mal raus, vielleicht ist da der Empfang besser. Moment Henning!” Er ging raus und ließ mich mit Erkan allein.

In diesem Moment kam Jost auf uns zu. „Na, gut geschlafen?” „Jepp, mit zwei Wärmflaschen wohl auch kein Problem, oder?” „Ne, was möchtet ihr? Kaffee oder Tee? Tasse oder Pott?” „Kaffee im Pott, einmal mit viel Milch für meinen Kleinen, und ich nehme ihn schwarz mit fünf Süßstoff.” „Fünf? Bist wohl ein ganz Süßer?” „Jepp, jedenfalls meint das mein Kleiner, und der hat schließlich Geschmack!” „Wieso?” „Na, hätte er sonst sich für mich entschieden?” Jost lachte und dackelte ab in Richtung Küche, wo Erkan ebenfalls bereits verschwunden war.

Ich ging zum Tisch zurück und wartete auf meinen Gatten. Er telefonierte wohl noch, so dass die Aufgabe des Brötchenaufschneidens wieder mal an mir hängen blieb. Na ja, was macht man nicht alles für seinen Liebsten.

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#2
2025-05-30, 12:09 PM 
Samstag, 11.04.
Jost brachte gerade die beiden Tassen an, als mein Kleiner mit einem Gesicht ankam, mit der er bei jedem Milchverarbeitungsbetrieb in der Sauermilchproduktion hätte anfangen können.
„Was ist los?“ „Das war gerade Henning.“ „Und was wollte er? Wissen, ob wir schon wach sind, damit wir die Fähre nicht verpassen?“ „Ne, schlimmer. Wir brauchen nicht mehr …“ „Schatz, bitte, du weißt, ich liebe dich, aber bitte sprich nicht so in Rätseln. Wieso können wir wieder fahren? Ich dachte, du solltest ihm die Leitungen machen?“ „Eigentlich ja, aber das ist auf später verschoben, er braucht jetzt dringender erst einmal ein neues Dach?“ „Äh?“ „Das Gewitter von gestern Abend, du erinnerst dich?“ „Schwach! Ich weiß nur noch, wie du geklammert hast, als es donnerte.“ „Du schon wieder! Da draußen muss es wohl noch schlimmer gewesen sein. Auf jeden Fall hat gestern der Blitz bei ihm eingeschlagen und nun fast ist der gesamte Dachstuhl weg. Henning meint, das Studio sieht aus wie nach einem Bombenangriff. Alles schwarz und verkohlt.“ „Oups, da haben wir ja wohl noch mal Glück gehabt, wir hätten ja da wohnen sollen.“ Flo wurde bleich, daran hatte er wohl im Moment auch nicht gedacht.
Jost hatte die ganze Zeit daneben gestanden. „Aber ich dache, für so etwas gibt es Blitzableiter?“ „Normalerweise schon, aber du siehst es ja! Anscheinend hat die Technik nicht funktioniert, oder weiß der Henker! Henning meinte, es würde heute Mittag ein Brandsachverständiger von der Feuerwehr und von seiner Versicherung rauskommen und sich den Schaden ansehen. Wir könnten im Moment eh nichts machen und würden nur stören.“ „Ist klar, er hat jetzt wohl alles andere im Kopf.“ Ich schaute ihn mitfühlend an, ich wusste, wie er an seinem Onkel hing.
„Aber was sollen wir denn jetzt machen, mein Kleiner?“ „Gute Frage, Großer. Ich weiß es auch nicht! Du musst ja noch was tun, damit wir uns das Wochenende hier leisten können.“ „Äh?“ „Du wolltest das Zimmer bezahlen, wenn ich dich erinnern darf?“ „Hab ich das gesagt?“ Jost grinste. „Hast du, ich bin Zeuge!“
Ich zuckte mit den Schultern und gab mich geschlagen. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich genau, was ich in meinem Portemonnaie hatte: Genau 145 Euronen und etwas Klimpergeld. Gut, ich hatte ja noch die stille Reserve in der Brieftasche von 150 für Notfälle, also genug, um die Übernachtung zahlen zu können. Was mein Gatte im Geldbeutel hat, wusste ich nicht, er aber meistens auch nicht! Es ist schon mehr als öfters vorgekommen, dass er mich jovial zum Essen eingeladen hat, ich aber hinterher die Zeche übernehmen musste. Männer!
Um Missverständnissen vorzubeugen, ich weiß immer, was ich mit mir führe. Obwohl in einer modernen Branche arbeitend, bin ich, was Zahlungsmittel angeht, doch eher altmodisch. Bargeld lacht und wenn man in einem Laden steht, und dem Typen an der Kasse beides hinhält, Bargeld und Plastik, gibt es bei Ersterem meistens noch Rabatt.
Ich muss es ja zugeben, ich verfüge auch über zwei Kreditkarten. Aber die eine läuft über die Firma und die andere wurde mir – für alle Fälle – von meiner Mutter aufgenötigt. Gut, Mama hätte bestimmt nichts dagegen, wenn ich sie für uns nutzen würde, aber wenn wir schon losziehen, dann bitteschön auf eigene Rechnung! Mir ist eine selbst bezahlte Mantaplatte lieber, als Kaviar auf Pump. Bin ich altmodisch?
„Gut, also dann …“ „Also was?“ „Also dann frühstücken wir erst mal in aller Ruhe, denn das ist ja im Preis drinnen. Wir können uns dann immer noch überlegen, was wir mit dem Wochenende anfangen. werden. Ich brauche erst einmal eine vernünftige Unterlage, um überhaupt denken zu können. Jost, bringst du uns noch mal zwei Kaffee?“
Er tat, wie ihm geheißen. Flo schaute mich fragend an. „Was denkst du?“ „Tja, du bist der Entführer. Mach du einen Vorschlag.“ „Immer ich! Aber gut, ich hab mich so auf das Wochenende mit dir gefreut, mal weg von zu Hause, mal nur wir allein, nur wir beide.“
In diese Augen könnte ich mich verlieben, wenn ich ihnen nicht schon längst verfallen wäre. „Können wir denn nicht hier bleiben? Ich hab doch eh alles für heute Abend abgesagt und vor morgen Nachmittag werden wir sowieso nicht erwartet.“ „Können könnten wir schon, nur …“ „Nur was, Marius? Wo ist das Haar in der Suppe?“ Er war leicht gereizt, jedenfalls seine Stimme klang so.
„Die Übernachtung wäre ja kein Problem, Schatz, aber ich muss für mindestens sechs, sieben Stunden an den Rechner, und wahrscheinlich auch online gehen. Kannst du dir vorstellen, wie viel die hier für eine Einheit nehmen? Ich bin meinem Geld ja nicht böse, du bist jeden einzelnen Cent wert! Aber zum Fenster rauswerfen will ich es auch nicht. Und ehrlich gesagt, ich habe keine Lust, mehr als das Doppelte für Telefon auszugeben, als unbedingt nötig. Du weißt, wie lange es dauert, die Seite zum testen auf den Server zu laden, und ich hab nur ein Modem an den Rechnern. Du weißt, was ich von Internetcafes halte. Ich glaube nicht, dass ich da einen Laptop anschließen kann.“
„Danke, dass ich dir was wert bin!“ Er warf mir einen Kuss zu. „Aber daran hab ich gar nicht gedacht! Bei Henning hättest du ja einfach den Laptop ans Netzwerk anschließen können.“ Er biss in sein Brötchen. „Dann lass uns zu Ende frühstücken und dann ganz langsam los.“ „Wie du befiehlst, mein Entführer, wie du befiehlst.“
Jost brachte frischen Kaffee. „Und? Wie habt ihr euch entschieden?“ „Marius muss ja noch was tun für unseren Lebensunterhalt. Ihm dürfe die Telefonrechnung zu hoch werden.“ „Jaja, jetzt bin ich wieder der Buhmann.“ „Telefon? Was willst du mit Telefon?“ Ich erklärte ihm kurz den Sachverhalt und er nickte nur. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat, denn er ging ohne ein Wort wieder in die Küche.
„Was war das denn für ein Abgang?“ „Gute Frage, die Nächste bitte. Gibst du mir bitte noch ein Brötchen?“ „Hier sind gleich Zwei!“ „Zwei? Flo, sehe ich so verhungert aus?“ „Das nicht, aber wozu hab ich dich denn entführt? Da kannst du mir auch mein Frühstück machen.“ „Ja, Kind, die Mami schmiert dir gleich ein Brötchen. Was möchte der Kleine denn drauf haben? Leberwurst und Rübenkraut? Oder doch lieber Gauda mit Senf? Sag’s fein der Mami!“ Ich grinste.
Jost kam mit Erkan zum Tisch. „Wir haben euch einen Vorschlag zu machen. Ihr müsst ihn aber nicht annehmen, wenn ihr nicht wollt.“ Flo grinste: „Das haben Vorschläge nun mal so an sich, man kann sie annehmen, man kann es aber auch sein lassen. Nur …“ „… man sollte den Vorschlag erst einmal kennen, ehe man sich positiv oder negativ entscheidet!“, vollendete ich den Satz.
„Also, wenn ihr nichts dagegen habt, könnt ihr gerne bleiben, allerdings nicht hier im Hotel, sondern bei uns. Erkan hat DSL in seiner Bude und wenn du Internet brauchst, dann kannst du seinen Anschluss nutzen.“ „Äh, ich dachte, ihr lebt nicht zusammen!“ „Tun wir auch nicht, aber wir wohnen! Im gleichen Apartmenthaus.“ Jost lachte und Erkan fiel ein.
„Hat sich halt so ergeben, wir haben, wie ihr, die gleiche Adresse.“ „Erkan wohnt Parterre und ich hab meine Gemächer im ersten Stock, von daher fällt es auch telefonmässig nicht auf, wenn er bei mir ist oder ich bei ihm! Schnurlos sei Dank! Wenn ihr wollt, könnt ihr heute Nacht bei Erkan schlafen.“ „Äh, Danke. Aber was macht ihr?“ „Wir? Das gleiche wie ihr, allerdings ein Stockwerk höher.“ Diesmal grinsten wir alle. „Nein, das meinte ich nicht. Aber überlasst du jedem Fremden so mir nichts dir nichts deine Wohnung? Ich kenne zwar die Gastfreundlichkeit der Türken, aber das die soweit geht, war mir neu.“
Diesmal musste Erkan lachen. „Marius, du und Flo, ihr seid keine Fremden! Nicht mehr! Ich hab euch schon nackt gesehen und ihr mich auch! Und wir haben ja schon schließlich eine gemeinsame Nacht in einem viel zu engen Bett hinter uns!“ Er grinste über beide Backen. „Nein, ist wirklich kein Problem. Ob Jost und ich nun unseren freien Abend bei mir oder ihm verbringen, ist egal. Wir würden eh zusammen sein, also wo soll das Problem liegen?“ „Ihr habt heue Abend frei?“ „Haben wir! Wir wollten eh zusammen kochen und dann ins Kino. Aber wenn ihr bleibt, dann machen wir was gemeinsam? Also, was ist nun? Nehmt ihr an?“
Ich schaute meinen Flo an, auch sein Grinsen wurde breiter. „Also, lieber Erkan, ich bin hier nur das Entführungsopfer, mich darfst du nicht fragen! Stell die Frage dem Banditen hier, der muss entscheiden, ich in ja nur die Geisel.“ „Wenn das so ist, Marius, dann bleibt mir nur eins zu sagen!“ Flo räusperte sich. „Lieber Erkan! Lieber Jost! Wir nehmen die Einladung gerne und dankend an, aber das Essen heute Abend geht auf uns!“
Ich rechnete im Stillen nach, ob ich dann doch noch an die Reserve gehen müsste, bei meinem Gatten weiß man ja nie. Er kennt zwar seine Scorerpunkte und seine Strafzeiten aus dem Eff-Eff, aber fragt man ihm nach seinem Kontostand, so erntet man, wenn nicht gerade der Erste ist, lediglich ein klägliches Schulterzucken.
„Kommt gar nicht in die Tüte. Wir gehen nicht essen, wir kochen selber, d.h. Erkan steht am Herd und schwingt die Töpfe. Wozu habe ich mir einen Koch angelacht?“
Flo wurde etwas ernster: „OK, aber dann ist der Einkauf unsere Sache, wir haben schließlich kein Gastgeschenk mitgebracht.“ Jost nickte. „Stimmt, wo du es sagst, fällt es mir auch auf.“ Er zwinkerte mit den Augen in Richtung Flo. „Vorschlag: Ihr holt uns hier um zwei ab, da haben wir Feierabend. Dann gehen wir zwei beiden einkaufen und unsere Gatten arbeiten. Wir kochen bei Erkan, er hat die bessere Küche!“ Wie logisch!
„Also, abgemacht. Äh, Jost, bis wann müssen wir das Zimmer geräumt haben?“ „Bis zehn.“ Ich schaute auf die Uhr, es war kurz nach acht. „Na, Schatz, was machen wir beiden denn dann bis zwei?“ „Genießen wir erst einmal unser Frühstück. Denn es lohnt sich nicht mehr, sich hinzulegen, würde ja nur ne Stunde Schlaf bedeuten und dann ist man hinterher müder als vorher.“ „Stimmt, mein Engel, auch wenn ich deinen verschlafenen Blick so liebe. Aber den ganzen Tag dich und dein verknattertes Gesicht ertragen zu müssen, wäre einfach zuviel.“ „Danke, werde ich mir merken!“ „Hier!“ Ich reichte ihm einen Kugelschreiber. „Was soll ich damit?“ „Es dir aufschreiben, Flo, es dir aufschreiben!“ Ich kann auch manchmal schnippisch sein, sagte ich dass schon?
Wir frühstückten in aller Ruhe, gönnten uns jeder noch ein zweites Ei und zum Abschluss ein Glas Sekt und eine Zigarette danach. Ich blickte auf meine Uhr, es war viertel nach neun. „Sollen wir?“ „Jepp, gehen wir packen.“
Erkan kam aus der Küche. „Na, hat’s geschmeckt?“ „Jepp, hat es, mein Lieber. Mein Gatte hat lange nicht mehr soviel gefrühstückt, er beschränkt sich normalerweise auf Kaffee und Zigaretten.“ Flo hatte sich mittlerweile erhoben und tätschelte mir meinen Bauch. „Äh, Erkan!“ „Ja?“ „Ein Problem habe ich noch?“ „Wo drückt der Schuh, Marius?“ „Was soll ich mit meinen Sachen machen?“ „Welchen Sachen?“ „Na, ich habe zwei Laptops und so einiges andere an Computerklamotten bei mir. Die würde ich nur ungern den ganzen Tag mit mir rumschleppen oder im Auto lassen.“ „Ach so!“ Er griff in die Tasche und gab mir einen Schlüsselbund. „Hier! Der mit der roten Plastikumrandung ist für die Haustür, der Blaue für die Haustür. Wenn ihr reinkommt, den Flur rechts und dann die zweite Tür links. Hängt ne türkische Fahne an der Tür, könnt ihr also nicht verfehlen!“ „Danke, mein Lieber!“ „Da nicht für, Melek!“ Mich wunderte bei diesem Türken überhaupt nichts mehr.
Jost störte die traute Runde. „Schatz, irgendwas fiept in der Küche.“ „Na, dann werde ich mal. Der Ofen ist soweit, ich werde dann mit den Vorbereitungen für das Mittagessen anfangen. Falls wir uns nicht mehr sehen sollten, wir treffen uns dann später bei mir. Den Schlüssel habt ihr ja.“ „Danke nochmals, ich könnt Dich knutschen!“ „Ich dich auch, Marius, aber der Senior ist da, da kommt das nicht so gut.“ Er zwinkerte mir zu und verschwand in Richtung Küche.
„Äh, was ist denn los?“ „Schatz, erklär du ihm das mal, ich muss mal eben dringend irgendwo hin. Ihr entschuldigt mich kurz!“ Ich nahm die Beine in die Hand und machte, dass ich zum Klo kam. Als ich meine Notdurft beendet hatte, waren die beiden immer noch ins Gespräch vertieft. Nicht, dass ich eifersüchtig war, aber mein Flo braucht normalerweise etwas länger, um mit Fremden warm zu werden.
„Na, ihr zwei! Alles geklärt?“ „Ja, Schatz, haben wir. Sollen wir hoch und packen?“ „Jepp. Dann las uns mal!“ Er zwinkerte Jost zu, nahm mich am Arm und wir gingen zur Treppe, hoch zu Zimmer 12, allerdings nicht wie das letzte Mal, als wir wie Diebe in der Nacht die Stiege hoch schlichen.
Ich ging ins Bad, um mich zu rasieren. „Willst du dich schick machen?“ „Wieso?“ „Na, es ist Samstag und du rasierst dich? Zuhause läufst du kratzig rum um diese Uhrzeit!“ „Engelchen!“ Ich ging auf Flo zu und drückte ihm einen rasierschaumgeschwängerten Kuss auf die Wange. „Engelchen! Wir sind aber nicht im Waldmannskotten und außerdem, wenn wir eingeladen sind, mache ich das auch samstags!“ Ich ging wieder zurück zum Spiegel und setzte gerade die Klinge an, als mein Flo von hinten ankam und mich umpackte. Er ließ seinen Händen freien Lauf und wohin die beiden wanderten, brauche ich ja wohl nicht zu verraten, oder?
„Flo, willst du, dass ich mich schneide?“ „Besser nicht, du weißt, ich kann kein Blut sehen. Ich könnte dir keine Erste Hilfe leisten.“ „Würdest mich also verbluten lassen?“ „Im Leben nicht, ich würde Erkan rufen.“ Ich knuffte ihn. „Mach nur so weiter, vielleicht tausche ich dich ja ein!“ „Gib es zu! Du machst das nur wegen dem kleinen Türken und nicht wegen mir! Ich habe doch deine Blicke gesehen!“ „Schatz, was soll das? Du weißt, ich liebe nur dich, gut Erkan ist lieb und nett, aber kein Vergleich mit dir. Er wird dir nie das Wasser reichen können, und außerdem ….“ „Was?“ „Außerdem sind wir eingeladen und da geht man ordentlich hin, hat mir jedenfalls meine Mutter beigebracht. Wo soll ich mich denn rasieren, wenn nicht hier? Etwa auf dem Bahnhofsklo?“ Mein Gatte grummelte. „Aber Flo! Es ist schön!“ „Was?“ „Dass du ohne Grund nach fast drei Jahren immer noch so schnell eifersüchtig wirst!“
Diesmal zog ich ihn an mich und küsste ihn leidenschaftlich. Ich hatte Zeit und Raum vergessen, tauchte nur in seine Augen und ließ mich treiben. Irgendwann war es Flo’s Stimme, die mich in die Realität zurückholte. „Wenn wir bis zehn hier raus sein sollen, solltest du dich beeilen, oder willst du doch unrasiert?“ „Wenn du mich so mitnimmst?“ „Dich würde ich überall mit hinnehmen, egal wie du aussiehst. Aber rasiert gefällst du mir noch besser!“ Er knuffte mich und überließ mich dann doch um kurz nach halb dem Badezimmerspiegel.
Wir verließen das Zimmer so wie wir gekommen waren. Mein Gatte schleppte die Reisetasche, ich die Technik.
„Ich wollte ja schon immer mal!“, Flo grinste mich schelmisch an und drückte die Rezeptionsglocke. Kurze Zeit darauf erschien ein Mittfünfziger, der gewisse Ähnlichkeit mit Jost hatte. Die Wahrscheinlichkeit lag nahe, dass es sich um seinen Vater handelte, den besagten Senior. Etwas Goldenes blitzte an seinem Revers auf. Ich glaube, es war ein Abzeichen, dass ich irgendwo schon einmal gesehen hatte, aber ich konnte es im Moment nicht zuordnen.
„Ich hoffe, die Herren hatten einen angenehmen Aufenthalt.“ „Hatten wir!“ „Können wir sonst noch etwas für Sie tun?“ „Nichts, außer der Rechnung.“ „Wird erledigt! Jost, kommst du mal.“ Er schaute mich an. „Sie müssen entschuldigen, aber seitdem wir so einen Abrechnungscomputer haben, brauche ich immer zehn Versuche für eine Rechnung. Ich muss mich erst noch an das Dingen gewöhnen, früher reichte ja eine Quittung, aber heute …“ Er ließ den Satz unvollendet und starrte mehr oder minder durch mich hindurch ins Leere. „Jost, wo steckst du denn schon wieder?“ „Bin schon unterwegs Papa! Habe gerade das Leergut und das Altglas ins Auto gebracht.“
Der Gerufene kam leicht zerzaust aus der Küche, sah uns erst freudig an, dann jedoch etwas ernster in Richtung seines Vaters. „Ah, die Herren wollen abreisen.“ Ich erkannte den Blick und wurde etwas förmlich. „Leider ja, wir wollen heute Nachmittag noch zu lieben Freunden weiter.“ „Ich verstehe.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen, Flo konnte sich das Grinsen auch nicht verkneifen: „Sehr liebe Freunde sogar!“
„Wenn das so ist, dann! Was haben wir? Zimmer 12, eine Übernachtung, die Halbpension und die Getränke von gestern. Moment.“ Ich rechnete im Stillen mit. Von der Preisliste, die oben im Zimmer an der Tür hing, wusste ich, dass das Doppelzimmer 70 Euro die Nacht ohne und 80 mit Frühstück kostete, Halbpension – sagte er ja gestern – 10 Euro mehr pro Nase, macht Hundert, plus die Getränke, ich rechnete noch mal mit so 20 bis 25 Euronen. Mit dem Inhalt des Portemonnaies dürfte es knapp werden, also doch ran an die Brieftasche und das Gedrückte.
„So, da macht dann genau 91 Euro!“ Ich stutzte. Meine Hand fuhr dann von der Innen- zur Gesäßtasche hinunter. Soviel hatte ich noch! Jost fuhr unbeirrt fort. „Da Sie via Internet gebucht haben, macht das zweimal 37,50 und für gestern Abend stehen hier 16 Euro.“ Na ja, dachte ich, er muss das verbuchen, mir soll es egal sein.
„Den Sekt von heute morgen haben Sie?“ „Ach, den Piccolo?“ „Genau eben jenen welchen!“ Ich grinste. „Oh, den hätte ich glatt vergessen. Dann sind es 94,50.“ Ich reichte ihm zwei Fünfziger. „Stimmt so, der Rest ist für die Kaffeekasse.“ „Danke, dann wünsche ich Ihnen viel Spaß mit ihren Freunden!“ „Den werden wir haben!“
Mit einem Lächeln auf den Lippen verließ ich die Rezeption, oder besser, den Teil des Tresen, der die Rezeption darstellte.
Flo schnappte sich die Tasche und war schon durch die Tür. Ich hatte zwar Erkans Schlüssel in der Tasche, aber für welches Schloss der bestimmt war, konnte ich nicht sagen. Ich hatte vergessen, ihn nach der Adresse zu fragen. Auch Emden verfügt über mehr als zwei Wohnhäuser, wie sich allein beim Anblick des Straßenzuges rund um den „altehrwürdigen“ Anker schließen ließ.
Wir verstauten unsere Sachen, vielleicht wusste ja mein Eishockeygott, wohin er seine Mühle zu steuern hätte, denn er hatte sich, während ich nach dem Frühstück mal für kleine Königstiger, ja mit Jost unterhalten. Allerdings mussten sie über alles, aber nicht über das Wesentliche, sprich die Unterkunft für die kommende Nacht, gesprochen haben. Denn sein Blick war ebenso fragend wie meiner.
„Na, dann wird ich mal wieder rein und fragen.“ Ich stieg aus und ging wieder in Richtung Anker. Im Schankraum war nur der alte Jost, von seinem Sohn und seinem Liebsten keine Spur.
„Haben Sie etwas vergessen?“ „Äh, ja.“ Himmel, was sollte ich sagen? Ich war für den Alten ja ein normaler Hotelgast, ich konnte ihn ja schlecht nach der Adresse seines Sohnes fragen, bei dessen Freund wir die Nacht verbringen sollten oder besser selbiges auch wollten. Ich kam allerdings nur leicht ins stottern. „Äh, wir wollen ja heute Nachmittag noch zu Freunden und irgendwie müssen wir die Zeit bis dahin ja totschlagen. Die Ärmsten müssen samstags arbeiten.“ Ich schaute mitleidig.
„Machen Sie und ihr Begleiter doch einen Stadtrundgang mit. Die Führungen beginnen um elf in der Nähe vom Rathausplatz, der ist ganz einfach zu finden. Da müssen Sie …“ Gut, der Plan an sich war zwar nicht unbrauchbar, denn ich kannte Emden bis dahin ja nur von der Durchfahrt zur oder von der Insel, aber der wohlgemeinte Rat half mir aber in meiner Situation auch nicht viel weiter.
Unhöflich fiel ich ihm ins Wort. „Die Idee ist ja nicht schlecht, aber der Herr von gerade, ich glaube, dass war Ihr Sohn, …“ „Sie meinen Jost!“ „Genau. Der sprach gestern Abend …“ „Tut mir leid, da muss ich Sie enttäuschen. Den können wir jetzt nicht fragen, der ist zum Getränkemarkt, der ist erst in einer Stunde wieder da.“ Mist, wie kam ich jetzt an Erkan bzw. seine Adresse ran? Ich hatte nämlich keine Lust, mich mehr als nötig als Colombo zu betätigen. Von Erkan kannte ich ja nicht einmal seinen Nachnamen, den von Jost schon, der war ja auf der Rechnung. Aber ob er oder Jost auch im Telefonbuch eingetragen waren? Auf stundenlanges Warten im Auto hatte ich auch keine wirkliche Lust, eine Tätigkeit, die – laut Aussage eines Herren Matula – 90% der Detektivarbeit ausmacht.
Neuer Anlauf. „Na, er und der Koch stritten sich noch darüber, ob es sich lohnen würde oder nicht. Vielleicht weiß der ja … “ „Erich?“ „Erich? Nein, wie ein Erich sah der aber nicht aus.“ ‚Eher wie ein Erkan!’, ergänzte ich im Stillen. „Moment mal.“ Er ging in Richtung Küchentür. „Erich, kommst du mal!“ Einen Augenblick später erschien Erkan. „Was ist, Chef?“
Ich war leicht erstaunt, Erkan grinste. „Erich, der junge Mann fragt, worüber ihr gestern Abend gestritten habt und wo er jetzt hin …, äh?“ Er starrte in meine Richtung. Bis jetzt war ja noch kein einziges Wort über irgendeine Örtlichkeit gefallen und wenn Erkan jetzt nicht blitzschnell reagieren würde, stünde ich da wie ein begossener Pudel. Aber Gott, Jehova, Allah, Buddha oder wem auch immer sei Dank, der kleine Türke schaltete.
„Ach Chef, das meinen Sie! Ich dachte, sie sollten zur Kesselschleuse, die ist ja einmalig in Europa. Der Junior wollte sie in die Kunsthalle schicken. Er meinte, da wäre es auch besser wegen des möglichen Regens, den sie angesagt haben.“ Beim Wort Kunsthalle musste der Alte schlucken, anscheinend mochte er das Geschenk des Verlegers an seine Heimatstadt nicht besonders.
Die Situation war gerettet, ich blickte mich um und entdeckte, neben der Rezeptionsglocke, einen Aufsteller mit kleinen Stadtplänen von Emden. Ich nahm mir einen Solchen, holte einen Kugelschreiber aus meiner Innentasche hervor und reichte beides dem fast brusthaarlosen Türken. Mein Blick fiel auf den Alten. Die Sonne, die durchs Fenster hereinfiel, spiegelte sich an der Nadel in seinem Revers.
„Wenn Sie mal so freundlich wären, und beides einzeichnen könnten?“ Ich kniff ihm ein Auge zu. „Aber selbstverständlich. Augenblick!“ Der Alte beäugte ihn, während er den Plan auseinander faltete. Er hatte anscheinend verstanden, denn er malte drei Kreise und schrieb eine Nummer. „So, dass wären zum einen die Kunsthalle und zum anderen die Schleuse. Und wenn Sie doch lieber was gutes Essen wollen, nehmen Sie die Mitte.“ Er drückte mir den Plan zusammengefaltet in die Hand. „Vielen Dank. Was kriegen Sie für den Plan?“ „Nichts, ist ein Werbegeschenk der Stadtverwaltung für Fremdengäste.“
Ich verließ den Anker und ging Richtung Knut. Mein Göttergatte war schon ganz ungeduldig. „Was hat das denn schon wieder so lange gedauert?“ „Jost war nicht da und ich musste eine Klippe umschiffen.“ „Eine Klippe? Du sprichst wieder einmal in Rätseln, mein Liebster!“ Ich zog sein Gesicht zu mir und drückte ihm einen Kuss auf den Mund, um ihn ruhig zu stellen.
Ich klärte ihn auf und er konnte, nachdem ich geendet hatte, sich auch eines Lachens nicht erwähren. „Und, was machen wir?“ „Tja, ich würde vorschlagen, wir steuern erst einmal in Richtung Bett!“ „Du denkst immer nur an das EINE!“ „Wenn ich dich sehe!“, ich grinste, „Nein, aber ich habe keine Lust, den ganzen Computerkram den ganzen Tag mit mir rumzuschleppen oder im Wagen zu lassen.“ „Stimmt auch wieder! Also, auf zu Erkan.“ Er drehte den Schlüssel um und brauste los.
Ich nahm den Plan und dirigierte ihn durch die Stadt und das ohne größere Schwierigkeiten, Na ja, die zwei Einbahnstraßen waren auf dem Plan ja nicht eingezeichnet gewesen, also woher konnte ich das wissen? Wir kamen schließlich und endlich doch an, zwar auf einigen Umwegen, aber wir waren schlussendlich am Ziel.
Mein Göttergatte parkte gerade vor dem Haus Nummer 17 ein, als mein Mobilknochen klingelte. Ich drückte die grüne Taste. „Hier ich! Wer da?“ Die Nummer war unterdrückt. „Schwesterchen! Wie ist die Lage?“ Flo blickte zu mir. „Claudia?“, flüsterte er, ich nickte. „Nein, Claudia, wir sind nicht bei Henning und wir werden auch nicht zu ihm fahren. Ich glaube, ihr müsst euch einen neuen Urlaubsort suchen.“ – „Nein, bei Henning hat der Blitz eingeschlagen, das Dach ist weg!“ – „Weiß ich auch nicht, er hat einen Dachschaden!“ – „Svenja, nun mal halblang. Ich weiß auch nichts Genaues – ich gib dich mal weiter!“ Ich reichte Flo das Teil. „Flo hier!“ – „Kann ich auch nicht genau sagen! Ich habe heute Morgen mit Henning telefoniert.“ – „Claudia, wir haben gestern die letzte Fähre verpasst und mussten in Emden übernachten. Es gab ein Gewitter und da hat bei Henning der Blitz eingeschlagen. Ich werde gleich noch mal mit ihm sprechen.“ – „Ob euer Urlaub gefährdet ist, weiß ich auch nicht.“ – „Svenja!“ – „Claudia Svenja Bärwald! Nu schrei mich nicht so an! Ich werde gleich telefonieren und dich dann nachher anrufen, wenn ich was Neues weiß.“ – „Ja, tschüss!“ Er drückte die rote Taste. „FRAUEN!“
Ich blickte ihn mitleidsvoll an. „Was hat sie denn?“ „Frag mich was Leichteres!“ Ich legte meine Hand auf seinen Schenkel. „Flo!“ „Ach Schatz, deine Schwester ist wirklich kompliziert. Sie meint tatsächlich, es wäre Absicht, dass ihr Urlaub torpediert wird.“ „Bitte?“ „Ich weiß es doch auch nicht, aber dein Schwesterherz muss mal wieder allein sein, die Zwillinge quäken, Felix im Laden, und ich glaube, sie hat ihre Tage!“ „Dann ist Svenja unausstehlich!“
Um fragenden Blicken entgegenzustehen, meine Schwester heißt mit vollem Namen Claudia Svenja Bärwald geborene van Aarp. Normalerweise ist sie Claudia, die gutgelaunte, lebenslustige und äußerst liebenswerte, familienorientierte Frau. Aber wehe, sie hat ihre Launen (und die kriegt sie normalerweise mindestens einmal im Monat), dann mutiert die liebe Claudia zur wehrhaften Svenja. Svenja ist aufmüpfig, egoistisch, auf sich bezogen, die geborene Emanze halt, die hinter allem und jedem das Übel vermutet. Der Name Svenja kommt dabei übrigens von ihrer Patentante, der ersten Frau unseres vielgeliebten Oberbürgermeisters. Damals war er noch Student und sie eine kleine, städtische Schreibkraft, die ihn mit einer Scheinschwangerschaft mehr oder minder zur Ehe nötigte.
Wenn mein Bruder oder ich als Kinder etwas ausgefressen hatten, wurden wir beim vollen Namen gerufen. Wenn es hieß: Alexander-Günther (Großvater mütterlicherseits) oder Marius-Friedrich (Großvater väterlicherseits). Dann wussten wir, dass irgendetwas im Busche war, aber Claudia war immer Claudia, egal was sie angestellt hatte. Sie wurde nie zur Claudia-Svenja, sondern mutierte gleich zu Svenja, dem Biest. Und dann war Holland sprichwörtlich in Not.
Wir packten Knut aus und trotteten über die Straße. Wir hatten Glück, es kam gerade jemand aus der Haustür, das leidige Suchen nach dem richtigen Schlüssel entfiel also.
Ich stellte Linus ab und kramte nach dem richtigen Schlüssel – der Blaue passte auf Anhieb. Vielleicht sollte ich heute Lotto spielen. Ich drückte die Klinke herunter und wir betraten Erkans Reich. Die Wohnung war, sagen wir einmal, sehr übersichtlich, zwar nur etwas über vierzig Meter im Quadrat, aber nett und gut geschnitten.
Vom ungefähr drei Quadratmeter großen Flur ging es links in eine Art Wandschrank, rechts in Badezimmer. Der Architekt hatte sich was einfallen lassen, denn in dem knapp zweieinhalb mal drei Meter großem Nassbereich waren die normalen Badezimmerutensilien so geschickt angeordnet, man konnte mit zwei Mann bequem nebeneinander hantieren und hatte sogar noch Platz für eine Waschmaschine.
Folgte man dem Flur, so trat man in den Wohnbereich, der, ich schätze einmal, so dreieinhalb mal sechs Meter maß. Man lief auf eine große Ottomane zu, die vor dem Panoramafenster stand, daneben der Ausgang zur Terrasse. Auf der linken Seite befanden sich nach- oder besser nebeneinander Bücherregal, Schreibtisch, Computer, Stereoanlage, Fernseher und was der moderne Mensch noch so an Kommunikationsdingen benötigt. Diese Schreibtisch-Technik-Wand endete an einer halben Mauer. Ich spähte über selbige und fand die halboffene Küche. Man hatte wohl diese Bauweise gewählt, damit die innenliegende Küche besser mit Frischluft versorgt werden konnte.
In der Mitte der rechts liegenden Wand befand sich ein durch einen Vorhang aus den späten Sechzigern oder frühen Siebzigern geschützter Bogen, der ins Allerheiligste, sprich Erkans Schlafzimmer, führte. Über Geschmack lässt sich ja bekannter weise trefflich streiten, obwohl man es ja eigentlich nicht tun sollte, aber was man an braunen Strickkordeln mit beige eingewebten Holzperlen schön finden kann, bleibt mir ein Rätsel. Flo dachte anscheinend das Gleiche, als er, die Schnüre beiseite schiebend, unsere Reisetasche auf Erkans Bett schmiss.
Im Gegensatz zur Küche, die von all möglichen Gerätschaften fast überquoll, war das Schlafzimmer eher griechisch, sprich spartanisch, eingerichtet. Ein Schrank, der die ganze Breite der rechten Wand einnahm, ein anderthalb Meter breites Bett, ein Nachtisch mit Lampe und Radiowecker und vor der linken Fensterecke ein „Stummer Diener“, die Wände waren kahl und hätten einen neuen Anstrich ruhig vertragen können.
Ich schaute auf die Uhr, es war viertel vor elf. „Und was machen wir zwei Hübschen mit dem angefangenen Vormittag?“ „Gute Frage? Irgendwelche Vorschläge? Jetzt fang bitte nicht wieder mit dem Entführungskram an.“ Mein Gatte grinste.
Ich zog den Plan, den ich mir im Anker eingesteckt hatte, aus der Gesäßtasche. Nachdem ich ihn ausgebreitet hatte, brabbelte ich vor mich her bzw. in meinen nicht vorhandenen Bart: „OK, also, wir hätten da zum einen Stadtrundgang im Angebot. Des Weiteren entnehme ich diesem lustigen Faltblatt der Stadttouristik, dass es auch eine Kanalfahrt, also quasi Emden vom Wasser aus gibt. Man kann dann aber auch in die Kunsthalle, zur Kesselschleuse oder …“ Ich schaute in die wundervollsten blauen Augen, die ich kenne. „… Oder wir machen nichts und gehen ins Bett und machen dann da was. Das sind, zusammengefasst, die Möglichkeiten, die wir bis zwei haben, mein Engel.“
Ich grinste meinen blondgelockten Göttergatten schelmisch an, ich gab’s ja zu, gelockt ist übertrieben, so lang wurden sie nie, dass man darin richtig wuseln konnte. Schade eigentlich, aber diesem Fetisch konnte ich bisher bei noch keinem Mann, der mehr war als eine flüchtige Bettbekanntschaft, so richtig ausleben. Meine bisherigen Beziehungen, gut, jetzt rechnen wir die Jugendschwärmeiereien mal nicht mit, denn Beziehungen waren dass ja nicht, jedenfalls von meiner heutigen Sichtweise dies Thema betreffend aus gesehen, konnte man an einer Hand, eher an zwei Fingern, abzählen. Da waren Johnny während der Bundeswehrzeit und jetzt Flo. Lars, der mich mehr oder minder seelisch unterstützend durch das ABI brachte und Stefan, der mich zu Beginn meines Studiums unter seine Fittiche nahm, waren zwar mehr als so genannte Lebensabschnittsgefährten, aber mein Herz besaßen sie nie zu 100%.
Aber zurück zu den Haaren, ich schweife mal wieder ab. Es war keine Saison und da durften die Haare schon etwas länger sein und man konnte sie wachsen lassen. Flo ging nur noch alle zwei Monate zum Frisör und nicht mehr alle zwei Wochen, wie während der Liga. Sobald es wieder aufs Eis ging, fielen die Haare, sehr zu meinem Leidwesen. Ich müsste wohl noch bis an sein Karriereende warten, um eine Prinz-Eisenherz-Ausgabe in Blond zu kriegen.
„Irgendwelche besonderen Wünsche, Marius? Sag aber jetzt nicht Bett!“ „Also, den Stadtrundgang können wir wohl vergessen. Der startet normalerweise um 11:00.“ Ich blickte auf meine Uhr. „Ich habe keine Lust, mich jetzt abzuhetzen und durch die halbe Stadt zu laufen, damit wir pünktlich am Stadtgarten sind.“ „Stimmt, alte Männer kommen ja schnell aus der Puste. Solltest weniger rauchen, mein Schatz!“
Manchmal konnte er schnippisch sein, mein kleiner Kufenflitzer. „Und eine Bootsfahrt dürfte ebenfalls nicht so prall sein, bei den Temperaturen.“ Flo hatte Recht, das Thermometer zeigte nicht einmal 19 Grad und von See kam ein leichter Wind auf. Ich wusste zwar nicht, in welchen Booten man durch die Kanäle schipperte, aber Rückzugsmöglichkeiten gab es auf solchen Wasserfahrzeugen eher weniger.
„Also bleiben Kunsthalle und Schleuse!“ „Stimmt!“ „Wir nehmen dann die Schleuse!“, entschied ich. Mein Flo war leicht irritiert. „Meinst du, nur weil ich Klempner bin, hätte ich keinen Sinn für so was?“ „Schatz, du bist sehr kunstsinnig, aber erstens weiß ich nicht, welche Ausstellung gerade läuft und auf finnische Industrieruinenfotographie der 50er habe ich wirklich keine große Lust, oder Du?“
Er schüttelte ebenfalls den Kopf. „Außerdem hätten wir für das Museum nur eine gute Stunde Zeit, wenn wir zu Fuß gehen. Lohnt sich also nicht!“ „Wieso nur eine Stunde?“ „Irgendwo hab ich mal gelesen, dass man beim Museumsbau schlicht die Parkplätze vergessen hat oder so. Die Besucher müssen in ein nahe gelegenes Parkhaus ausweichen, also Wagen lohnt sich nicht. Wenn wir dann noch eine Kleinigkeit essen wollen und dann noch mal eine halbe Stunde Rückmarsch einkalkulieren, müssten wir spätestens um kurz vor eins wieder da raus, wenn wir vor den beiden wieder hier sein wollen.“
Mein Gatte nickte zustimmend. „Und die Schleuse?“ „Liegt auf dem Weg in Richtung Innenstadt, von hier aus gesehen. Ich würde sagen, wir besichtigen das Wunderwerk der Technik und bummeln dann durch die Stadt.“ „Dann machen wir das so.“ Er kam auf mich zu und zog mich an sich. Seine Lippen vereinigten sich mit den meinen und seine Zunge umspielte die meinige. „Schatz!“ „Ja?“ „Dürfte auch besser sein?“ „Wieso?“ „Weil wir dann noch etwas Zeit für uns haben.“ Er grinste und ließ seine Hand in Richtung meines Schritts fahren und drückte zu. „Den hab ich heute Nacht richtig vermisst.“ Er zog einen leichten Flunsch und erstickte meine mögliche Antwort mit einem langen Kuss.
Es war dann doch viertel nach elf, als wir das Apartmenthaus verließen.
Es dauerte keine zehn Minuten und wir kamen bei der einzigen in Betrieb befindlichen Kesselschleuse Europas an. Es ist schon imposant zu sehen, was da von einem eher unbekannten Berliner Regierungsbaumeister namens Germelmann entworfen worden war und nach nur zehnmonatiger Bauzeit im Februar 1887 in Betrieb ging. Das Wunderwerk an technischer Errungenschaft der wilhelminischen Ära verbindet den Ems-Jade-Kanal, den Emder Stadtgraben, das Fentjer Tief sowie das Faldendelft miteinander und wird jährlich von 2800 Schiffen, größtenteils Sportboote, genutzt. Ihre endgültige Form mit vier Kammern erhielt sie aber erst bei ihrer ersten Renovierung von 1911 bis 13, denn Germelmanns Werk erreichte schon bald nach Fertigstellung seine Kapazitätsgrenze, er ging vielleicht deshalb nicht in die Architekturgeschichte ein.
Die Schleuse besteht aus einer Zentralkammer, dem so genannten 33 Meter breiten Kessel (daher auch der Name), und vier weiteren, etwas kleineren Schleusenkammern. Man fährt in die erste Kammer und wartet, bis der Wasserstand dieser Kammer dem des Kessels entspricht, fährt dann in den Kessel ein, dreht in die richtige Richtung, und man fährt wieder raus – so einfach. Na ja, die Entwässerung des Ems-Jade-Kanals steht heute im Vordergrund, ansonsten würde es dort öfter heißen: Land unter im Hinterland.
Wir liefen in der Anlage herum und schauten uns um, wobei das größere Interesse an der Technik eindeutig bei Flo lag als bei mir. Während er immer die Arbeits- und Funktionsweise verstehen und nachvollziehen will, egal ob es sich um eine Mikrowelle oder, wie in diesem Falle, um Schleusen handelt, bin ich eher daran interessiert, was zum Schluss hinten rauskommt.
Ich geh mal zum Schleusenhaus, mein Engel! Kommst du mit?“ „Ne, alte Männer brauchen Ruhe. Ich werde mich hier auf die Bank setzen, eine rauchen und mich erst mal von dem Schuh im Stein befreien.“ Während ich mich also setzte und dem Fremdkörper in der Fußbekleidung meiner rechten unteren Extremität widmete, zog er von dannen. Ich blickte ihm nach, am Himmel zogen dunklere Wolken auf.
Ich steckte mir eine an und starrte ins Leere. Irgendwie fühlte ich mich matt und ausgelaugt, die Nacht war wohl doch zu kurz. Ich dachte an den Auftrag von Deppermann, die bevorstehenden Klausuren, unsere beiden neuen Emder Freunde, an Alles und an Nichts.
Ich hatte die Augen wohl halbgeschlossen, als mein Kapitän mich aus diesen wirren Gedanken riss. „Schatz, ich habe mit dem Schleusenwärter gesprochen, wir können die nächste Schleusung vom Fahrstand oder wie das heißt aus beobachten, wenn wir wollen. Wollen wir?“ Ich blickte in seine Augen. „Wir wollen!“ Ich erhob mich gemächlich und wir gingen in Richtung des Wärterhäuschens. Eigentlich wollte ich ja nicht, aber was macht man nicht alles für seinen Liebsten?
Flo klopfte an der einfach aussehenden Holztür, die den Eingang zum Schleusenhaus bildete, ich vermutete eine Auflage des Denkmalschutzes, unter dem die ganze Anlage seit ihrer Komplettrenovierung in den 80 Jahren stand. Ich stand schräg hinter ihm und blickte durch das Fenster in das innere des Fahrstandes. Die Gestalt, die sich da jetzt zur Tür aufmachte, kam mir irgendwie bekannt vor, ich wusste allerdings nicht, woher.
Die Tür sprang auf. „Ah, da sind Sie ja! Ihren Bekannte gefunden?“, tönte der Bass des weißbehemdeten Mannes. „Ja, Herr Schulze-Pelkmann, darf ich Ihnen vorstellen?“ Flo trat einen Schritt beiseite und gab so den Blick auf mich frei. Ich erstarrte genau wie mein Gegenüber. Der Mittfünfziger fand allerdings schneller seine Stimme wieder. „Sie? – Raus, Sie Schwein. Sehen sie zu, dass sie Land gewinnen, Sie perverser Kinderschänder oder ich ruf die Polizei!“ Er drehte sich um, schmiss die Tür Flo vor der Nase zu und fluchte auf Platt.
„Was war das denn?“ Flo blickte mich mitfühlend an. Mittlerweile hatte ich mich auch einigermaßen wieder gefangen, allerdings muss ich immer noch kreideweiß gewesen sein, denn Flo griff nach meinem Ellenbogen und führte mich vom Ort des Geschehens.
„Marius, wer war das? Und wieso bezeichnet er dich als Kinderschänder? Ich dachte, du würdest hier niemand kennen!“ „Dachte ich auch, aber Flo …“ „Ja?“ „Ich brauch jetzt erst einmal was zu trinken!“
Flo schaute sich um und dirigierte mich in Richtung des nahe gelegenen Kaffees, das wir auf dem Weg zur Schleuse entdeckt hatten. Wir ließen uns an einem der freien Tische nieder, mir ging es wirklich nicht blendend. „Ich bestell dann mal.“ Flo entschwand ins Innere des Lokals und kam nach kurzer Zeit mit zwei vollen Cognacschwenkern wieder. „Die Bedienung meint, wir sollten besser reinkommen, es würde gleich regnen. Aber ich sagte, du bräuchtest frische Luft. Hier! Der Kaffee kommt gleich“ Er stellte beide Gläser ab. Ich nahm eines, setzte an und kippte das Zeug in einem Schluck hinunter.
Es brannte auf meiner Zunge, ich schüttelte mich. „Das tat gut!“ Flo nickte. „Kriegst jetzt wenigstens wieder etwas Farbe ins Gesicht. Hier!“ Er schob mir auch das zweite Glas herüber. Ich stoppte ihn allerdings auf halben Weg. „Ne, gleich, ich bin doch kein Alki!“ „Und kein Kinderschänder! Also! Was war das gerade?“
In diesem Moment brachte die Kellnerin zwei Tassen Kaffee. Sie deutete auf das leere Glas. „Ja, noch einen, bitte!“
Nachdem ich den Inhalt des Zuckerpäckchens in den Türkentrank gerührt hatte, nippte ich an dem Kaffee. Auch er brannte, jedenfalls war das der Eindruck, den meine Geschmackspupillen von dem Bohnentrunk hatten. Flo sagte nichts, ließ mich gewähren. Er wusste, ich musste erst einmal verdauen und würde dann von selbst anfangen.
„Also, mein Engel. Das … Das war gerade mein ehemaliger Schwiegervater!“ Flo zog die Stirn in Falten. „Der Vater von Johnny?“ Ich nickte schweigend, mein Gegenüber allerdings hatte wohl mehr als nur eine Frage auf den Lippen.
„Ich weiß, ich hab dir von damals nie viel erzählt, vielleicht war das ein Fehler, ich weiß es nicht. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich den Kerl je wieder treffen würde.“ Ich setzte die Tasse ab und steckte mir eine neue Zigarette in den Mundwinkel. Ich hielt ihm die Packung hin, er nahm auch eine.
Wir rauchten schweigend. „Du weißt, Johnny kam damals bei einem Autounfall ums Leben.“ Mein Kapitän nickte. „Und der Kerl von eben wollte mich damals vom Friedhof schmeißen!“ Ich schüttelte mich, diesmal allerdings vor Ekel.
„Kanntest du ihn denn nicht?“ „Nein, Gott bewahre. Als ich Johnny damals kennen gelernt habe, waren seine Eltern schon lange geschieden. Seinen Vater hab ich das erste Mal auf der Beerdigung gesehen. Das einzige, was ich wusste, dass er nach der Scheidung zurückgegangen ist nach Ostfriesland. Ich wusste allerdings nicht wohin, über ihn wurde nie gesprochen und, ehrlich gesagt, es hat mich auch nicht besonders interessiert.“
Ich drückte die Kippe aus. „Johnny und ich, wir lebten ja in der Einliegerwohnung seiner Mutter in Hannover. Gut, während wir beim Bund waren ging das, aber Johnny war ja schon entlassen und meine Dienstzeit war auch kurz vor ihrem Ende. Drei Tage vor seinem Tod haben wir dann den Mietvertrag für eine gemeinsame, größere Wohnung unterschrieben. Ich hatte meinen Studienplatz in Hannover und er ist wieder angefangen zu arbeiten in seiner alten Firma als Groß- und Außenhandelskaufmann. Eigentlich lief alles prima, …“
„Willst du mir die Geschichte erzählen?“ Diesmal stutze ich. „Haben wir soviel Zeit?“ „Wir haben alle Zeit der Welt, mein Engel. Und was zu essen kriegen wir hier auch. Aber wenn, bitte klar und deutlich und nicht so viele Sprünge, ja?“
Er hatte gesprochen und ich fügte mich. „Wo soll ich anfangen?“ „Am Anfang! Wie habt ihr euch kennen gelernt?“ „An einem regnerischen Samstagnachmittag in der Teeküche.“ Ich grinste. „Ich hab in der Grundi ja Fernschreiber gelernt und bin dann zum Fliegerhorst versetzt worden. Johnny hat da als Dispatcher Dienst geschoben. Na ja, wir haben uns bei meinem ersten Wochenenddienst zum ersten Mal gesehen. Wir kamen so ins quatschen während der Kaffeepause. Was soll ich sagen, er war mir sympathisch, aber Schwul beim Bund?“ Ich schüttelte auch im Nachhinein den Kopf. Die Situation für Schwule beim Bund ist irgendwie Schizophren. Man wird nicht mehr wegen seiner Homosexualität ausgemustert, wie es früher der Fall war, sondern nur noch wegen der psychologischen Folgen, die das „Anders-Sein“ mit sich bringt. Das kommt zwar auf das gleiche raus, ist aber offiziell nicht dasselbe. Das verstehe wer will.
„Ich wusste ja nicht, ob er auch. Gut, da waren einige Anzeichen, aber Nichts Genaues weiß man nicht. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt und haben die Pause lang überzogen, ich kriegte von meinem Feldwebel meinen ersten Anschiss.“ „Komm zum Wesentlichen!“ „Gut. Er fragte, was ich an dem freien Abend machen wollte. Ich sagte, nach Hannover fahren und mal die Kneipenszene abchecken, vielleicht Disco oder so. Er fragte mich, ob ich ihn mitnehmen könnte, sein Wagen wäre in der Werkstatt und die Zugverbindungen wären samstags die Hölle. Na ja, ich hab ihn nach dem Dienst mit nach Hannover genommen und ihn am Hauptbahnhof abgesetzt.“ „Und dann!“ „Na, ich bin in die Sauna gefahren.“
Ich trank den letzten Schluck Kaffee. „Nach knapp einer halben Stunde dachte ich, ich träume. Ich traute meinen Augen nicht. Er lief mir über den Weg, in der Sauna! Er blieb stehen, ich blieb stehen, er guckte, ich guckte. Er fing an zu lachen, ich fing an zu lachen und wir fielen uns in die Arme. Na ja, von Stund an waren wir ein Paar.“
Ich trank den zweiten Weinbrand wieder in einem Zug, ich wollte wohl die aufkommenden Gefühle betäuben, die mich bei dem Thema überkamen. Mein Flo, der an seinem Glas nur genippt hatte, schob mir das Produkt aus billigem Bleikristall rüber. Ich danke ihm auch heute noch für das Verständnis, dass er mir nicht nur da entgegenbrachte.
„Wir brauchten uns nur anzuschauen, und wir wussten, was der andere gerade denkt, wie er gleich reagieren wird, was er sagen wird. Irgendwie …“ „Das perfekte Paar?“ „So ungefähr. Es war, als wären wir füreinander bestimmt gewesen. Mehr als eineiige Zwillinge, wenn du so willst. Wir machten alles zusammen, waren fast symbiotisch.“
Ich kramte nach meinen Zigaretten.
„Die freie Zeit während des Dienstes verbrachten wir dann meistens bei ihm und seiner Mutter. Er hatte die Einliegerwohnung im Haus von Katharina gehabt. Für die kurze Zeit ging das ja, aber wenn man mal mehr als zwei Tage zusammen war, ging man sich dennoch gehörig auf die Nerven. Es war einfach zu klein.“ „Aber wir hängen doch auch die ganze Zeit aufeinander, Marius.“ „Nein Schatz, du gehst deinem Beruf nach und ich meinem Studium. Aber Johnny und ich machten alles zusammen, er brachte mich ins Theater, ich ihn zum Bowling. Also…“
Erst jetzt zündete ich mir den Glimmstengel an.
„Na ja, was wir gemacht haben, brauche ich wohl nicht zu sagen. Wir waren die Harmonie schlechthin. Wir haben dann beschlossen, gemeinsam was aufzubauen. Ich hab mich in Hannover um einen Studienplatz beworben und ihn auch gekriegt. Da war aber klar, das die Behausung zu klein sein würde.“ „Ja, aber wir sind, wenn wir daheim sind, ja auch meistens in einem Zimmer, mein Engel.“ „Ach Flo, ja, aber du hast dein eigenes Zimmer und ich habe auch mein eigenes Reich. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber wir hätten eine Rückzugsmöglichkeit, wenn wir sie denn nutzen wollten. Allein die Tatsache, dass es diese Örtlichkeit gibt, bedeutet doch viel; jedenfalls mir. Und du weißt, wenn ich für Klausuren lerne, bin ich unausstehlich. Du bist dann beim Training oder lässt mich in Ruhe, aber wir wohnten damals auf weniger als 35 Quadratmetern in Langenhagen. Allein die räumliche Nähe hätte uns irgendwann umgebracht, da bin ich mir sicher. Und wenn nicht die, dann zumindest seine Schwester Stefanie, die mehr bei uns rumhing als mit ihren Freundinnen.“ Ich griente bei dem Gedanken an die kleine Brünette. „Es ist ja so cool, einen schwulen Bruder zu haben, der mit seinem Freund zusammenlebt. Schwule sind ja soooo interessant!“
Ich trank jetzt auch Flos Glas aus. „Ich hab da drinnen belegte Brötchen gesehen? Auch eins?“ Mein Flo, ich liebe ihn. Ich nickte nur und er verschwand und kam, als ich gerade die Zigarette ausdrückte, mit zwei Käsebrötchen und zwei Weinbrand an.
Voll Heißhunger biss ich in das Teil. Die Kellnerin brachte noch einen Kaffee. So gestärkt fuhr ich fort. „Das Schlimmste kommt aber erst noch!“ Ich steckte mir noch eine Zigarette an und überlegte kurz, ob ich den vierten Wienbrand auch noch kippen sollte. Ich entschied mich dann doch dagegen, obwohl der Gedanke verlockend war. Irgendwie wollte ich vergessen, aber ich wollte die Geschichte, die mich lange Jahre so bewegt hat, auch endlich loswerden.
„Das Dumme war, wir konnten uns nicht einigen, in welchen Farben wir die Küche einrichten wollten.“ Ich schaute meinen Gemahl an. „Ich war für Rot und Grau, Johnny wollte Blau und Weiß. Wir waren am Tag vor seinem Tod in etlichen Möbelgeschäften, von IKEA bis Porta und haben nach Küchen gesucht. Zuhause ging die Diskussion weiter. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und bin ins Bett, denn ich musste ja um halb sechs raus, Sieben war Dienstbeginn und ne halbe Stunde musste man rechnen. Es goss in Strömen den Morgen. War keine angenehme Fahrt zur Kaserne.“
Ich trank den Rest Kaffee und starrte ins Leere. „Wir hatten uns für den Nachmittag in Garbsen verabredet. Ich nach dem Dienst zum Möbelhaus und hab gewartet und gewartet. Über eine Stunde, als er nicht kam, war ich richtig sauer, ans Handy ging niemand und bei seiner Mutter konnte ich auch keinen erreichen. Ich bin dann zu uns gefahren und wollte ihm gehörig den Marsch blasen“
Ich stockte. „Vor dem Haus sah ich den Notarzt stehen und bin sofort rein. Unten fand ich niemanden. Ich dann hoch, Stefanie nahm mich heulend in die Arme und stammelte, Johnny sei Tod! Unfall! Auf dem Weg nach Garbsen! Katharina war zusammengebrochen, daher der Notarzt. Ich versuchte, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, ging aber schlecht. Ich hatte an dem Morgen alleine gefrühstückt und ihn pennen lassen, denn ich wollte den Tag nicht mit der Fortsetzung der Küchenstreitigkeiten beginnen. Wir sind also im wütend auseinander …“
Meine Stimme stockte, jetzt brauchte ich doch den Cognac.
Flo sah mich teilnahmsvoll an. „Deshalb willst du immer so lange reden, wenn wir uns mal in der Wolle haben?“ Ich nickte. „Du!“ „Ja?“ „Ich mag das auch nicht! Auch wenn mir manchmal die Augen bei deinem ganzen Gerede zufallen, aber wer im Streit Schlafen geht, steht mit Streit auch wieder auf, und dazu liebe ich dich viel zu sehr, um mir das selber anzutun.“ Er nahm meine Hand und drückte sie.
„Stefanie ist dann bei ihrer Mutter geblieben und ich bin dann ins Krankenhaus, um ihn zu identifizieren. War kein sehr schöner Anblick!“ „Kann ich mir vorstellen. Wie ging’s weiter?“ „Nun ja, ich hab erst mal in der Kaserne angerufen und mir frei genommen, das war das kleinste Problem. Dann musste ja die Beerdigung vorbereitet werden und das ganze. Katharina konnte man zu nichts gebrauchen, so fertig war sie und Stefanie war ja gerade erst achtzehn, als das passierte. Mehr oder minder die ganze Sache blieb an mir kleben!“
„Aber konnte dir denn keiner helfen? Wo waren Hiltrud und Urban?“ „Schatz, meine Eltern hätten mir sicherlich geholfen, aber die waren aus Anlass ihres dreißigsten Hochzeitstages irgendwo in Namibia auf Elefantensafari. Meine Schwester war im achten Monat mit den Zwillingen schwanger und Alexander stand mitten im Examen und musste sich um die Kleine kümmern, da seine Liebste mit Beinbruch im Krankenhaus lag. Es kam eins zum Anderen.“
„Wenn es kommt, dann meistens Dicke. Sorry, der Spruch ist platt.“ Er verzog leicht das Gesicht. „Stimmt, aber er trifft zu. Frag mich bitte nicht wie, aber irgendwie haben wir die ganze Sache dann doch irgendwie geschafft. Nur mit einem hab ich nicht gerechnet.“ „Mit was?“ „Mit Johnnys Vater!“ „Dem Typ von eben?“ „Jepp. Ich kannte ihn ja nicht und er wurde auch mit keiner Silbe erwähnt. Johnny und ich waren ja schon ein Jahr lang zusammen und ich habe mir nichts dabei gedacht. Na ja, er blockte immer ab, wenn es um seinen Vater ging und auch Katharina und Stefanie wurden immer einsilbig, wenn er erwähnt wurde. Ich konnte zwar ahnen, dass da was nicht stimmte, aber ich hab nicht weiter nachgehakt. Wie alt war ich damals auch? Gerade mal knappe zwanzig!“
Ich blickte meine Kleinen an. „Ich brauch etwas Bewegung.“ „Gut, gehen wir, du kannst ja auch beim Laufen erzählen.“ „Stimmt, bin ja multitaskingfähig!“
So langsam kamen die Lebensgeister wieder, auch trotz der hochgeistigen Getränke, die ich intus hatte. Flo ging in den Laden und kam nach kurzer Zeit wieder. „Wir können!“ Ich erhob mich und folgte ihm, denn er bestimmte die Richtung.
„Wo war ich?“ „Bei Johnnys Vater! Aber mal eine ganz andere Frage. Wie hieß er eigentlich richtig?“ „Wer?“ „Na, Johnny! Ich glaube nicht, dass Johnny sein Geburtsname war!“ „Stimmt.“ Ich grinste. „Johann Clemens Schultze genannt Pelkmann, gesprochen mit Bindestrich.“ „Wirklich nicht gut, irgendwie – bäuerlich!“ „Wieder richtig. Sein Vater war Bauer, im wahrsten Sinne des Wortes.“ „Wie das?“ „Hab ich auch erst später erfahren. Johnnys Großeltern wollten die Hofnachfolge geregelt wissen, bevor sie seinem Vater oder seinem Onkel den Hof überschreiben wollten. Es muss einen echten Wettlauf unter den beiden Brüdern gegeben haben, wer als erster heiratet und einen männlichen Erben präsentiert.“
Wir passierten die Feuerwehr und standen wieder einmal vor Wasser. Ich glaube, der Abschnitt hieß Falderndelft, aber ich kann mich auch irren. „Du, da ist ein kleiner Park, sollen wir uns nicht lieber setzen?“ Mein Gatte kann mitfühlend sein, wenn er will. Er konnte ahnen, dass es jetzt ans Eingemachte ging, wie man so schön sagt.
Wir erreichten eine Bank und setzten uns. Ich zückte die Schachtel. „Du rauchst zuviel!“ „Ich weiß!“
„Was soll ich sagen? Es gab ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Brüdern. Der eine heiratete zwar früher, aber dafür kam bei dem anderen das Kind eher. Also mehr oder minder Gleichstand. Allerdings hat Johnnys Vater die Rechnung ohne seine Frau gemacht. Katharina kam aus Hannover, war ein Kind der Stadt, war jung und hatte was anderes im Kopf, als morgens um fünf die Kühe zu versorgen. Sie hatte ja ihren Sohn und zwei Jahre später kam dann Stefanie. Sie meinte, es würde reichen, wenn sie für die Kinder sorgen würde und sie wollte auch noch was vom Leben haben. Aber auf dem Land? Na ja, sie hatte wohl auch ihre Schwierigkeiten mit ihren Schwiegereltern, jedenfalls, Johnnys Eltern haben sich dann scheiden lassen, als er gerade mal elf war. Sie ist dann zurück nach Hannover, zurück zu ihren Eltern.“
Ich drückte den Glimmstengel aus. „Es hat dann noch erheblichen Streit ums Sorgerecht gegeben. Er hat mal Stefanies Ballettlehrer verprügelt, weil er beim Training angeblich seine Tochter begrabscht hat, was allerdings nicht stimmte. Und ganz ausgeflippt ist er, als Johnny dann auch noch mit dem Theaterspielen begann und Gesangsunterricht genommen hat.“ „Kann ich mir vorstellen!“ „Na ja, er hat dann nochmals kräftig Hand angelegt, als Johnny dann in den letzten Schulferien nicht zu ihm auf den Bauernhof wollte sondern lieber ins Theatercamp nach Amsterdam. Der Schauspiellehrer bekam ein sattes Schmerzensgeld wegen eines gebrochenen Kiefers und sein Vater eine Bewährungsstrafe. Von da an war jedweder Kontakt abgebrochen und er Persona non grata in Hannover!“
„Aber zur Beerdigung kam er?“ „Ja, es war ja sein Sohn, der da zu Grabe getragen wurde. Ich habe Katharina mehr oder minder noch dazu überredet, sie wollte erst nicht. Hätte ich besser auf sie gehört, wäre das Ganze nicht passiert!“ „Was?“ Ich blickte in seine Augen und umklammerte seine Hand. „Er kam mit seiner gesamten Sippschaft in einem Bulli angefahren, erst zum Haus in Hannover, eine Stunde vor der Beerdigung. Ich öffnete ihm die Tür und roch schon die Fahne, die er hatte. Aber ich kannte ihn ja nicht und ließ die Leute rein.“
Ich blickte stumm vor mich hin. „Der erste Klops kam dann im Flur bei der Vorstellung. Wer ich denn sei? Der neue Liebhaber seiner Ex-Frau vielleicht?“
Ich schüttelte mich, denn die alten, längst vergessenen Erinnerungen kamen wieder hoch. „Ich verneinte diese dämliche Frage und stellte mich als der vor, der ich war, nämlich Johnnys Freund. Er muss mich da allerdings nicht richtig verstanden haben, denn in dem Moment kam Stefanie und sagte nur: ‚Papa!’, da wusste ich, wen ich da ins Haus gelassen hatte.“
Ich strich Flo über den Kopf. „Dann bei der Trauerfeier fing er an zu lachen, als die Altistin anfing mit „Morning has broken“, er rülpste bei „So nimm denn meine Hände“ und pfiff bei „Candle in the Wind“. Wirklich peinlich!“
„Kann ich mir vorstellen.“ „Als der Sarg dann aus der Kapelle getragen wurde und wir, d.h. Katharina, Stefanie und ich am Ausgang standen und die ganze Gemeinde uns kondolierte, fing er an zu Pöbeln. Was ich denn da machen würde? Er müsse da stehen, denn er hätte ja seinen Sohn verloren! Was ich mich erdreisten würde, seine Stelle einzunehmen. Ich hätte ja seinen Sohn verführt und hätte kein Recht, zu trauern, ich sei ja nur ein perverses Arschloch! Ich solle am besten verschwinden!“
Er nahm mich in den Arm und wir blieben minutenlang still neben einander sitzen. Nach einer Weile drückte er meine Schulter. „Ich glaube, wir sollten langsam los!“ Ich blickte auf die Uhr. „Du hast Recht!“ Es war kurz nach eins.
„Hast du Hunger?“ Ich zuckte nur mit den Schultern. „Komm, du musst was essen, oder du pennst mir am Rechner gleich ein. Außerdem müssen wir was gegen deine Fahne tun.“ Er grinste mich an.
Es war komisch, aber Flo ging einfach zur Tagesordnung über, so, als ob nichts geschehen wäre, als ob ich da gerade keinen Seelenstriptease vor ihm vollführt hätte. Gut, Flo kannte mich wohl besser als ich mich selbst. Er wusste, ich würde jetzt nichts mehr sagen, würde mich einigeln. Ich kann mir zwar die Probleme anderer anhören und meistens auch die richtigen Ratschläge erteilen, aber ich auf der Couch? Nein, ich war immer der Mensch auf dem Sessel, ich war die seelische Müllhalde, auf die man seine Probleme werfen konnte.
Er ahnte wohl, dass ich irgendwann darüber weiter reden müsste, aber er drängte mich nicht. Das würde er nie machen, er fing mich diesmal auf und ich hatte keine Angst, mich fallen zu lassen, denn ich wusste, er ist da. Für dieses, nennen wir es Verständnis, bin ich ihm heute noch unheimlich dankbar. Hab ich schon gesagt, dass ich diesen Kufenflitzer über alles liebe?
Mein Kapitän dirigierte mich durch die Straßen. Wir kamen an einem kleinen holländischen Imbiss vorbei. „Lust auf Frikadeln?“ Ich nickte und er holte zwei dieser Fleischprodukte, die in Größe und Form an Bratwürste erinnern, aber keine sind, da sie ohne Darm in eine gerade Form gepresst werden. Sie bestehen eigentlich aus einer Mischung aus gemahlenem Schweine-, Rind- oder Geflügelfleisch und werden mit Weizen- oder Sojamehl gebunden. Sie werden frittiert und nach Wunsch mit verschiedenen Saucen und Beilagen serviert, ich bevorzugte die Variante „speciaal“ mit Curry-Ketchup, Flo hat nimmt sie lieber mit „Frietsaus“, einer speziell gewürzte Mayonnaise, aber gehackte, rohe Zwiebeln dürfen auf keinen Fall fehlen.
Ich hatte dieses Fastfood-Erlebnis der besonderen Art zum ersten Mal, als ich mit beim Auswärtsspiel in Grefrath war und meinen kleinen Hunger in der Frittenschmiede der dortigen Eissporthalle stillen wollte. Ich machte wohl den gleichen Fehler wie die meisten Leute, die nicht an der niederländischen Grenze wohnten. Ich dachte, als ich das Wort nur las, mir würde eine gewöhnliche Frikadelle serviert, aber vertan, vertan sprach der Hahn und stieg von der Ente. Etymologisch haben sie zwar den gleichen italienischen Ursprung, aber Art und Weise der Herstellung stehen doch diametral gegenüber.
So gestärkt machten wir uns auf den Heimweg in die fremde Wohnung, die heute Nacht unsere Schlafstätte sein sollte. Ich packte meine Gerätschaften aus, als Flo mich auf ein Bild im Regal aufmerksam machte. „Du, wer ist denn der Typ im weißen Gewand hier auf dem Bild?“ Er deutete auf einen Bilderrahmen, der drei ältere Herren zeigte, einen davon in weißem Priesterornat, und drei jüngere Männer. Einen erkannte ich als Erkan. „Gute Frage, die nächste bitte!“
Wir waren gerade mit dem Aufbau fertig. Flo hatte mir geholfen, meine kleine Peanuts-Lösung mit Spike, dem kleinen Bruder von Woodstock (für Uneingeweihte: gemeint sind Router), als sich ein Schlüssel in der Tür umdrehte und unsere Gastgeber in selbiger standen.
Die beiden kamen auf uns zu und wir begrüßten uns, als ob wir uns Jahre nicht gesehen hätten, dabei waren nicht einmal vier Stunden seit unserem letzten Zusammentreffen vergangen.
„Erkan?“ „Ja?“ „Wie soll ich ins Internet?“ „Äh?“ „Soll ich über deinen Rechner oder kann ich direkt ans Modem?“ „Mir egal, du bist der Experte.“ „Wenn ich selbst rein soll, dann brauch ich für Spike die Zugangsdaten von deinen Provider.“ „Spike?“ „Der kleine silberne Kasten mit den beiden Strippen, auch Router genannt.“ Flo half mir aus der Patsche. „Warte mal!“ Erkan ging zum Rollcontainer unter dem Schreibtisch und gab mir einen Schnellhefter. „Hier. Das sind die Internetunterlagen. Das Passwort findest du da auch irgendwo!“ Er gab mir den Ordner, einfach so.
Jost drängte zum Aufbruch. „Ich will ja nicht euren Technik-Talk stören, aber wenn wir heute Abend essen wollen, müssen wir zum Einkaufen. Auch wenn wir keine Kleinstadt mehr sind, aber bis vier müssen wir spätestens die Liste abgehakt haben, denn da machen die meisten Geschäfte hier zu. Wir brauchen noch ein Huhn, Krabben und vor allen Dingen Feigen?“ „Was gibt es denn?“ „Lasst euch überraschen!“ Erkan wieder. „Wir machen einen Ausflug durch die drittgrößte Küche der Welt – ich koche türkisch!“
Eigentlich eine logische Konsequenz bei einem vom Bosporus stammenden Koch, wie ich fand.
Gut, ich kenne Döner in allen Variationen vom Türken um die Ecke, aber der blank rasierte Koch führte mich, als unsere Gatten das Appartement zwecks Einkauf verlassen hatten, in die Geheimnisse der türkischen Küche ein.
Er meinte, es sei in der Türkei üblich, dreimal am Tag sitzend zu essen. Man fängt wie überall üblich mit dem Frühstück – „Kahvalti“ an. Das bestünde typischerweise aus Brot, Schafskäse, grüne und schwarze Oliven, Tomaten, Gurken, Konfitüre und Tee. Den Lunch isst man entweder zu Hause oder in einem „Lokanta“, wo man kleinere heiße Gerichte isst, z.B. Suppen, und traditionelle Gerichte, wie „Lahmacun“, verschiedene „Döner“-Arten und viele gegrillte Fleischsorten mit Salat, als Beilage und Desserts inklusive frisches Obst. Das Abendessen beginnt, wenn alle Familienmitglieder nach Hause kommen und ihre Tageserlebnisse am Tisch austauschen. Das Menü besteht aus drei oder mehr verschiedenen Gerichten nach einander und beginnt in der Regel um Acht; Nahe Verwandte, beste Freunde oder Nachbarn essen öfters mit, ohne direkt Eingeladen zu sein. Meistens fängt das Diner mit kleinen Aperitifs, „Meze“ genannt an. Man trinkt Wein oder das Nationalgetränk „Raki“. Ansonsten fängt das Abendessen mit Suppe, gefolgt von Fleisch- und Gemüsegerichten mit Salat an. Danach werden Olivenöl-Gerichte wie „Dolma“ – gefülltes Gemüse oder gefüllte Weinblätter serviert, gefolgt von süßen Desserts und frischem Obst. Nach dem Essen wird Tee und Türkischer Kaffe genossen.
Er hatte für den Abend geplant: Raki – Rote Linsensuppe – Krabben in Öl – Gefüllte Weinblätter – Tscherkessen-Hühnchen und zum Nachtisch, vor dem Mokka, gefüllte Feigen. Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen.
Während er anfing, in der Küche Ordnung zu schaffen, obwohl? Unordentlich sah sie eigentlich nicht aus! Da bin ich von Flo und mir im Waldmannskotten schlimmeres gewohnt.
Na ja, ich startete Snoopy, der mit der Meldung: „Kann CHARLIE BROWN (d.h. den Server) nicht finden“ aufwartete. Ich mag die Figuren von Charles Monroe Shulz und habe nicht von ungefähr die am heimischen Netzwerk beteiligten Gerätschaften nach Figuren aus der wohl berühmtesten Comicserie der Welt – jedenfalls meiner Ansicht nach – benannt.
„Ach Erkan?“ Ich klickte die Meldung weg. „Ja, mein Lieber?“ „Wieso nennt Dich Josts Vater eigentlich Erich?“ „Ganz einfach, er war froh, einen Koch gefunden zu haben, der etwas mehr kann als Schnitzel und Bratkartoffeln. Aber …“ „Aber was?“ Er kam auf mich zu und umfasste mich. „Na ja, kannst du dir das nicht denken?“ „Nein!“ Ich blickte in fast zwei schwarze Augen, die sich den meinigen in diesem Augenblick näherten. Er küsste mich leidenschaftlich, ich wollte eigentlich nicht, aber ließ es doch geschehen.
„Erich!“ „Nein, bitte nicht du auch!“ „Also, erkläre es mir!“ Er räusperte sich. „Na ja, der Alte meinte, es sei nicht gut für ein deutsches Geschäft wie dem Anker einen türkischen Koch zu haben, auch wenn der auf dem Petersberg bei einem Sternekoch gelernt hat und seine Lehre als Landesbester abgeschlossen hat, mit Urkunde von der Landeshandwerkskammer Nordrhein-Westfalen.“
Ich war verwundert, der kleine Türke überraschte mich immer wieder.
„Jost Vater ist etwas – sagen wir radikaler, auch in seinen Ansichten. Wenn der wüsste, dich ich schwul bin und mit seinem Sohn mehr teile, als nur die Adresse, dann wüsste ich, was ich machen würde.“ „Und was wäre das?“ „So schnell wie möglich weg hier.“ „Und warum?“ Er starrte mich an.
„Gut, er würde dir und euch das Leben zur Hölle machen, aber es gibt doch mehr als den Anker. Ihr könnt doch überall anfangen.“ „Wir? Das ist ja gerade das Problem, das ich habe.“ „Äh?“ „Jost und ich haben zusammen in Königswinter gelernt und uns da ineinander verliebt. Ich war dann nach der Lehre ein Jahr im Vierjahreszeiten in München, habe es aber vor lauter Sehnsucht nach ihm nicht ausgehalten und bin dann hier nach Emden. Kannst du dir das vorstellen? Von München hierher?“ Ich nickte.
„Für Jost war von Anfang an alles klar, er würde nach der Lehre zurückgehen, als Junior anfangen und irgendwann den Laden hier übernehmen und ausbauen. Aber es ist sein Plan, nicht meiner oder unserer.“ Eine nicht zu überhörende Resignation lag in seiner Stimme.
Diesmal stand ich auf und zog ihn an mich. Unsere Lippen vereinigten sich und meine Zunge spielte mit der seinen. „So, ehe wir was machen, was wir beide bereuen könnten, machen wir das, was mir machen sollen: arbeiten. Also, ab in die Küche und ich sehe auch zu, dass ich fertig werde.“
Ich fütterte Spike mit den entsprechenden Daten und schon war ich im Netz. Ich baute eine Verbindung mit Charlie Brown auf und schon war ich auf dem heimischen Server. Aber anstatt sofort mit der Arbeit anzufangen, checkte ich erst mal meine Mails.
Während ich da so die geistigen Ergüsse mancher Absender, man könnte auch Werbemüll zu diesen Elaboraten sagen, mehr oder minder überflog, ging mein Blick auf Wanderschaft und blieb wieder bei dem Bild auf dem Regal stehen.
„Du, wer ist eigentlich der Herr in der weißen Soutane?“ „Wo?“ „Das Bild da, auf dem Regal!“ Erkan kam näher und nahm das Bild in beide Hände. Er reichte es mir und zeigte auf den Bildmittelpunkt. „Das ist seine Allheiligkeit, Bartholomios der Erste.“ Ich stutze. „Ich kenne zwar seine Heiligkeit, den Papst, aber eine Allheiligkeit?“ Erkan grinste. „Na, das ist der offizielle Titel des Patriarchen von Konstantinopel. Seine Allheiligkeit Bartholomios, durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch. Er ist fast ein Papst, aber nur fast.“
Ich blickte ihn fragend an. „Na, dann werde ich dich mal in die Welt von uns Orthodoxen einführen. So gut wie die drei hier …“ Er deutete auf die Personen, die auf dem Bild um ihn herum standen, „ … kann ich das zwar nicht, aber versuchen werde ich es.“ „Wer sind die denn?“ „Mein Onkel und mein Bruder. Der neben meinem Onkel ist mein Vater.“
Er verschwand wieder in Richtung Küche. „Wo soll ich anfangen?“ „Am Anfang bitte!“ „Gut, am Anfang war das Wort …“ „Na, etwas später kann es schon sein!“ „Wie du willst. Also …“ Während er mir mehr oder minder die Geschichte der Kirche insgesamt und die der Ost-Kirche im Besonderen erzählte, schnitt er Zwiebeln, hackte Knoblauch, setzte die Brühe an, rührte einen Teig, und, und… und.
Ehrlich gesagt, ich hatte bis dahin nicht soviel Ahnung von der Materie, von der Kirche im Allgemeinen und der Orthodoxie und ihrem Leben in der westeuropäischen Diaspora im Besonderen. Er brachte die ganze Sache jedoch allgemeinverständlich gut rüber. Ich wusste hinterher, dass seine Allheiligkeit wohl Ehrenoberhaupt aller Orthodoxen ist, aber nicht die Gewalt seines römischen Kollegen hat. Während der oberste Brückenbauer an der Spitze einer Organisation steht und entsprechend Macht über alle kirchlichen Mannen unter ihm hat, ist der Patriarch nur Primus inter Pares (Erster unter Gleichen).
„Aber sag mal, woher weißt du das alles?“ „Wieso?“ „Tja, ich bin zwar auch Christ und hab auch immer brav den Konfirmandenunterricht besucht, aber du hast ja mehr oder minder die gesamte Kirchengeschichte runtergebetet, wenn man das so sagen kann!“ Er musste lachen. „Na ja, ist halt familiär bedingt. Mein Onkel war früher so was wie der Chefbuchhalter der Verwaltung des Patriarchen, mein Opa ist Priester, mein Bruder auch und zwar als persönlicher Sekretär des Vorsitzenden der Finanzsynode und mein Vater ist mittlerweile stellvertretender Leiter der Metropolitenverwaltung hier in Deutschland. Du siehst, ich bin ziemlich klerikal vorbelastet.“
Wir lachten beide. Während des Vortrages hat sich seine Stimmung gebessert. „Aber sag mal, wieso ist denn dein Opa Priester. Der darf doch keine Kinder haben, oder gibt es kein Zölibat bei euch?“
Hätte ich bloß mal nichts gefragt, es folgte ein zweiter Vortrag. Ich erfuhr, dass das Sakrament der Weihe ist in drei Stufen aufgeteilt ist. Die erste Stufe ist das Diakonat, die zweite das Priestertum und die dritte die des Bischofs. Es können zwar nur Männer geweiht werden, aber nur Bischöfe, die zugleich auch immer Mönche sind, sind zum Zölibat verpflichtet. Aber: Keine Regel ohne Ausnahmen. Bischöfe kommen nicht zwangsläufig aus dem unverheirateten Klerus, denn es werden häufig verwitwete Priester zum Hirten geweiht. Priester und Diakone dürfen verehelicht sein, allerdings müssen sie dieses vor ihrer Weihe tun und bei einer Trennung sich nicht wieder verheiraten.
Wer jedoch Karriere machen will, der sollte unbeweibt bleiben, genau wie bei den Katholen.
„Und dein Bruder?“ „Der ist mit Kirche verheiratet. Der wird seinen Weg machen und ganz nach oben!“ „Will der mal Patriarch werden?“ Ich meinte das eher im Spaß, aber Erkan wurde ernst. „Ja. Er ist einer der wenigen, die es ohne Schwierigkeiten mit der Regierung werden können!“ „Wie das?“ Ich war erstaunt.
„Na ja, das Patriarchat von Konstantinopel ist zwar in der orthodoxen Welt mehr oder minder das wichtigste, hat aber nur 3,5 Millionen Gläubige, und die Wenigsten leben in der Türkei, die meisten im Osten von Griechenland. Das ist nur eine Folge des Türkisch-Griechischen Krieges.“ „Wann war der denn?“ „Der letzte? Von 1920 bis 1922.“ „Aha.“ „Nachdem das osmanische Reich mehr oder minder zerstückelt wurde, …“ „Es gab ein türkisches Versailles?“ „So in der Art. Nur war das der Vertrag von Sèvres. Gebietsmäßig wurde ziemlich abgespeckt: der Irak, die arabische Halbinsel, Syrien, der Sinai, Jordanien, der Libanon, Armenien, Kurdistan wurden eigenständig oder gingen an andere. Thrakien und Smyrna, die Gegend um Izmir, sollten selbstständige Staaten werden. Na ja, der Sultan unterschrieb, um seinen Thron zu retten, aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Mustafa Kemal, der spätere Atatürk, rief die Republik aus und es kam zum Krieg.“ „Bürgerkrieg?“ „Wie man will, wir nennen es Befreiungskrieg. Atatürk mobilisierte und koordinierte. Seine Truppen haben es geschafft, die schon im Land stehenden fremden Armeen zu schlagen. Sèvres wurde ja ne ratifiziert und durch den Vertrag von Lausanne ersetzt. Ostthrakien, Armenien, Kurdistan und Smyrna blieben türkisch. Es kam allerdings zu einem gewollten Massenumzug. Die in Kleinasien ansässigen Griechen mussten nach Griechenland, die dort wohnenden Türken zurück in die Türkei. Meine Familie ist dann von Izmir nach Istanbul gezogen, um näher bei ihrem geistigen Führer zu sein. Sie waren schon immer sehr kirchlich eingestellt.“
„Aber ich verstehe immer noch nicht, warum das deinen Bruder dazu prädestinieren sollte, Patriarch zu werden.“ „Ach, der Vertrag von Lausanne besagt, dass Ihre Allheilichkeit türkischer Staatsbürger sein muss. Errol ist sogar in Istanbul geboren. Deswegen!“
„Aber für dich ist es Izmir und nicht Smyrna, Istanbul und nicht Konstantinopel, oder?“ „Für mich? Gute Frage? Was bin ich?“ „Ein sehr liebenswertes Wesen, mein Engel.“ „Danke für die Blumen, aber im Ernst. Was bin ich? Ich bin in Bonn geboren, als Sohn türkischer Eltern. Ich bin Türke für die Deutschen, für die Türken bin ich Deutscher. In Deutschland und der Türkei gehöre ich einer religiösen Minderheit an. Und ich bin schwul. Ich bin also ein Vertreter der Minderheit der Minderheit in der Minderheit.“ Ich war baff erstaunt, irgendwie eine logische Konsequenz, die er da zog.
„Aber du bist du, ein Mensch! Und nur das zählt!“ „Marius, ich bitte dich! Wo lebst du?“ „Im Hier und Jetzt!“ „Im Hier und Jetzt? Ich bitte Dich! Meine Eltern wollen mich im nächsten Monat verheiraten, weil sie denken, dass es das Beste für mich und die Familie sei! Mein Chef ist ein rassistisches Arschloch, das mich unter Wert bezahlt! Mein Freund verfolgt seine eigenen Ziele. Ich sitze zwischen allen Stühlen!“
Ich blickte ihn schweigend an. „Erkan. Mal eine Frage. Wie haben deine Eltern reagiert, als du von München nach Emden gezogen bist?“ „Wieso willst du das wissen?“ „Keine Gegenfragen! Wie haben sie reagiert?“ „Marius, ich bin sowieso der Verlierer in unserer Familie. Ich war das Nesthäkchen! Meine Schwestern und mein Bruder haben studiert, sind gemachte Menschen. Ich aber habe mit Ach und Krach nur meine Mittlere Reife gemacht. Mein Vater hat mir dann die Lehrstelle auf dem Petersberg besorgt, selbst dazu war ich selbst nicht in der Lage. Das einzige Mal, wo er stolz auf mich war, war, als ich die Auszeichnung gekriegt habe zum Abschluss. Als ich dann aus München weg bin, dachten sie, München wäre zu groß, ich war alleine. Ich brauche Überschaubarkeit, auch in meinem Umfeld. Mutter meinte, es wäre sicherlich eine unglückliche Affäre, ein Mädchen, was mich vertrieben hätte, weshalb ich weg wollte. Für meinen Vater war es nur eine Enttäuschung mehr, eine von vielen, die ich ihm bereitet habe. Wenn ich keine Kinder haben werde, wird unser Name aussterben. Und das schmerzt meine Leute!“
Ich war wie versteinert. „Und was wäre, wenn du deinen Eltern die Wahrheit sagen würdest?“ Ich bereute die Frage schon, als ich sie ausgesprochen hatte.
„Die Wahrheit? Wer will die denn wissen? Was aus mir wird, ist mir egal, aber wenn ich vor der Hochzeit kneife, dann ist meine Familie entehrt. Und wenn ich offen sagen würde, dass ich schwul bin, dann könnte mein Bruder seine Karriere vergessen, der Bruder eines möglichen Patriarchen eine Schwester? Meine Mutter würde vielleicht noch zu mir halten, aber alle anderen würden sich nur noch von mir abwenden, und das mit Recht. Ich bin eine einzige Enttäuschung. Auch wenn es in der Türkei Schwule gibt, aber man wird, wenn überhaupt, nur geachtet, wenn man der ist, der fickt. Ich aber bin der Passive, die Frau, der Gefickte. Dafür wird keiner Verständnis haben.“ Er schluchzte. „Das Beste ist wohl, ich bring mich um!“
Ich nahm ihn in die Arme und streichelte über seinen Kopf. „Psst. Alles wird gut. Mir wird schon was einfallen, mach keine unüberlegten Sachen!“ Ich drückte ihn fester an mich.
In meinem Kopf reifte eine Idee, nein, Idee wäre zuviel gesagt, eher ein Gedanke kam mir in den Sinn. „Erkan?“ „Ja?“ „Wann bist du weg aus München?“ „Vor anderthalb Jahren, wieso?“ „Wann genau?“ „Mitte August. Im September bin ich hier angefangen.“ „War jemand vom weiblichen Personal schwanger, zur damaligen Zeit?“ „Wieso willst du das wissen?“ „Antworte einfach!“ „Cordula war schwanger, aber was soll das?“ „Cordula Wer?“ „Strauß!“ Ich grinste ob des Namens. „Wer war sie?“ „Eine von der Rezeption! Marius, was soll das?“ „Wie alt war sie? War sie verheiratet?“ „Mensch, Cordula war 23 und ledig. Es hat einen großen Aufstand gegeben, sie ist dann gefeuert worden. Sie hat mir richtig leid getan.“ „Hast du noch ihre Nummer?“ „Wieso fragst du?“ „Weil du sie anrufen wirst!“ „Wieso sollte ich?“ „Weil wir ein paar Informationen brauchen!“ „Welche Informationen?“ „Nun, wir müssen herausfinden, wann sie ihrem Kind das Leben geschenkt hat, welches Geschlecht es hat und ob ein Vater angegeben wurde, in der Geburtsurkunde.“
„Wieso willst du das wissen?“ „Tu mir und dir bitte den Gefallen und ruf sie einfach an.“ „Aber was soll ich ihr sagen?“ „Na, du hättest aufgeräumt und wärst über ihre Adresse gestolpert. Da wäre dir die ganze Geschichte wieder eingefallen und du wolltest dich mal erkundigen.“ „Ja, aber welchen Sinn soll das haben?“ „Den Sinn kann ich jetzt noch nicht genau sagen, aber vertrau mir einfach und ruf sie an. Ja?“ „Ich weiß zwar nicht, was du damit willst, aber bitte.“ Er drehte sich um, ging zum Regal und holte ein kleines ledernes Notizbuch vor.
Er nahm das Telefon und wählte eine Nummer. Er stellte den Lautsprecher auf Mithören. Ich setzte mich auf die Ottomane, mit Zettel und Stift bewaffnet. Ich formulierte einige Zettel vor, auf einem stand Name, auf dem anderen Geburtsdatum, der dritte Bogen trug die Aufschrift Vater, versehen mit einem großen Fragezeichen.
Ich konnte die Stimme besagter Cordula hören, wie sie mit Erkan sprach. Er brachte die kleine Notlüge, er hätte ihre Nummer beim Aufräumen wieder gefunden, glaubwürdig vor. Nach acht, neun Minuten hatten wir die notwendigen Informationen. Ich bedeutete meinem kleinen Türken das Gespräch zu beenden, was er dann auch schlussendlich nach drei Versuchen tat. Diese Cordula hätte sicherlich noch gerne weiter gesprochen, aber die Zeit drängte.
„Kannst du mir jetzt sagen, was das Ganze soll?“ „Sofort. Gib mir mal bitte das Telefon.“ „Hier!“ Er schaute mich an wie der ungläubige Thomas. „Was machst du?“ „Ich liefere dir den Grund, die Hochzeit abzusagen, ganz ohne Gesichtsverlust, für dich und deine Familie.“ Ich wählte eine Nummer in München.
Ich hörte eine Bandansage. Nach dem ominösen Pfeifton schrie ich nur in den Hörer: „V4 an V3 – brauche Hilfe! Jemand da?“ Ich hatte Glück, denn es rappelte tatsächlich in der Leitung. „Marius, mein Lieber. Wie ist es?“ „Jessica, bist du es?“ „Ja, bin ich. Was gibt es?“ „Ich brauche mal Thomas!“ „Der ist in der Wanne. Moment, ich bring ihm mal das Telefon.“ Ich hörte Schritte und eine sich öffnende Tür und Jessicas Stimme, die meine Anwesenheit am anderen Ende der Leitung verkündete. „Schatz, dein Leibfux.“ Gegrummel im Hintergrund. „Einstein, altes Haus. Was gibt’s so wichtiges, dass du mich beim Baden störst?“ „Äskulap! Gut, das ich dich erreiche. Ich brauch deine Hilfe.“ „Was liegt an? Steckst du in Schwierigkeiten?“ „Ich nicht, lieber Thomas, aber ein sehr guter Freund von mir.“ Ich schaute auf Erkan.
„Schieß los! Wie kann ich helfen?“ „Kannst du es mit deinem ärztlichen Ethos vereinbaren und eine Bescheinigung ausstellen, dass jemand nicht der Vater eines Kindes sein kann und du demjenigen rätst, sich wegen seiner Qualität des Spermas in ärztliche Untersuchung zu begeben?“ „Ein Spermiogramm! Kein Problem, aber ohne Untersuchung? Nu erklär mir das mal!“ „Thomas, ich habe hier ein Bild der Mutter und des Kleinen vor mir liegen, aufgenommen kurz nach der Geburt. Das Baby ist eindeutig ein Mischling, Vater offensichtlich ein Mensch schwarzer Hautfarbe. Aber derjenige, um den es geht, hat die gleiche Haut wie du und ich!“ Auch ich kann lügen, aber lüge ich, wenn ich ein nicht vorhandenes Bild beschreibe und lediglich meiner Phantasie freien Lauf lasse?
„Wenn das so ist, kein Problem. Schick mir am besten die Daten und ich mache das fertig und jage es Montag mit der Post raus.“ „Gut, werde ich machen, aber du müsstest mir noch einen Gefallen tun!“ „Welchen?“ „Könntest du die letzte Ziffer der Jahreszahl falsch schreiben? Eine Position weiter links?“ „Du meinst, wenn ich dich richtig verstehe, nur mal so als Beispiel, aus einer Neun eine Acht machen?“ „Genau!“ „Einstein. Du weißt, ich stehe mit den Dingern auf Kriegsfuß. Ich kann mich gerne mal vertippen. Sonst noch was?“ „Nein, im Moment erst einmal nicht. Ich, besser wir, danken dir. Ich melde mich dann nach meiner Klausur“. „Mach das“ „Und Thomas, nochmals Danke!“ „Da nicht für! So, und nu lass mich weiterbaden. Ich erwarte dann deine Mail und ich mach das Ganze noch dieses Wochenende fertig. Bis die Tage!“ Thomas legte auf.
„Was war das denn?“ „Das war Teil eins!“ Ich nahm den Hörer und wählte erneut, diesmal eine Mobilnummer. „Kahr! Wer stört?“ „Wilhelm! Ich bin es, dein Einstein!“ „Marius, altes Haus, ich bin im Dienst. Du kannst mich auch billiger erreichen. Hast du die Nummer?“ „Nein, leider nicht griffbereit! Gib sie mir noch einmal, bitte!“ Ich notierte eine Nummer der Uniklinik in Mainz, wo mein lieber Freund und Zipfelbruder gerade seinen Dienst schob.
„Rechtsmedizinisches Institut Mainz, Dr. Kahr!“ „Willi?“ „Ja!“ „Marius hier!“ „Altes Haus, was liegt an? Ewigkeiten nichts mehr von meinem besten Präsiden gehört! Was macht die Homepage des Verbandes?“ „Willi, jetzt nicht. Ich hab ein kleines Problem, das ich allein nicht lösen kann!“ „Was hast du gemacht?“ „Ich nichts. Es geht um einen guten Freund von mir. Der ist in argen Schwierigkeiten!“ „Was ist los?“ „Nun, Erkan, dass ist der mit den Problemen, ist im letzten Jahr von München aus nach Emden, eine Freundin von ihm wurde schwanger und er sollte der Vater sein. Aber der Vaterschaftstest war negativ, nur die Frau lässt nicht locker, die will an sein Geld!“ „Genau wie meine Verflossene, die will auch immer nur an mein Bestes.“ „Wie, mit Susanne ist Schluss?“ „Ja, ich hab sie in flagranti erwischt und rausgeschmissen!“ „Wann?“ „Vor knapp zwei Monaten, du hattest Recht mit deinem Verdacht an Sylvester. Und ich hab dich deshalb noch angeschrieen, ich Idiot! Die angemessene Entschuldigung kommt persönlich auf der Verbandstagung im Mai.“ „Brauchst du nicht!“ „Werde ich aber, ist doch Ehrensache! Aber zurück zum Problem. Ich brauche eine Speichelprobe von allen Beteiligten.“ „Muss das sein?“ „Ja, da kann ich nichts machen! Ist vorgeschrieben!“ „Mist, dann wird er wohl zahlen müssen. Wir kommen nämlich nicht an das Kind ran, dass ist das Problem!“ „Tja, er muss er erstmal zahlen und es dann auf den Prozess ankommen lassen, leider.“ „Was soll’s? Na ja, uns Äskulap hat den privaten Vaterschaftstest durchgeführt und ihm geraten, ein Spermiogramm zu machen.“ „Unser Thomas? Unser V3?“ „Ja, er war in München bei meinem Leibburschen in Behandlung. Ich hab ihn erst später kennen gelernt.“ Was ja auch stimmte.
„Ja, sag das doch gleich! Was schreibt er denn?“ „Warte mal!“ Ich raschelte mit Papier. „Erkan Charagüzel stellte sich am blablabla in meiner Praxis vor. Er verlangte Aufklärung, ob er Vater des am 21.08.2003 geborenen Connor Josef Strauß, Sohn der Cordula Franziska Strauß, wohnhaft blablabla sein kann. Nach den durchgeführten Untersuchungen kann medizinisch eindeutig festgestellt werden, dass der o.g. Patient nicht Vater des Kindes ist. Dann kommt euer Kauderwelsch und dann der letzte Absatz: Dem Patienten wird darüber hinaus angeraten, ein Spermiogramm anfertigen zu lassen. München – Datum – Unterschrift Dr. med. Thomas Busiol.“ „Das reicht mir, wenn Äskulap das gemacht hat, dann brauch ich nichts Weiteres. Frag mal deinen Freund, wann er irgendwann nach dem Gutachten eine Woche Zeit hatte.“
Ich schaute Erkan an. Der zuckte mit den Schultern. „Ich hatte zwischen den Jahren frei. Musste erst an 6. Januar wieder anfangen.“ „Hast du gehört, Willi?“ „Ja, hab ich. Bin ja nicht taub. Ich brauch noch seinen genauen Namen, Anschrift, Geburtsdatum, Krankenkasse und Versichertennummer.“ „Warte, ich gebe ihn dir selber.“ Ich reichte Erkan den Hörer. Er gab bereitwillig Auskunft.
„Herr Doktor, ich danke Ihnen.“ „Lass mal den Doktor weg, ich bin der Willi. Wenn du ein Freund von Marius bist, dann bist du auch mein Freund. Grüß ihn schön von mir, da kommt gerade ein Kalter rein! Sag ihm, ich trinke heute Abend einen auf ihn und melde mich Montag.“
Erkan war verwirrt, mein Willi wieder. Ein sehr guter Freund und Bundesbruder, mit dem ich mehr als eine Nacht durchgemacht habe, ohne allerdings was zu machen. Er war eine Hete durch und durch, aber trotzdem konnte man mit ihm Pferde stehlen. Er war einer der Wenigen, die in meiner Verbindung wussten, dass ich schwul bin, aber er machte nie ein Aufheben darum, er ging einfach zur Tagesordnung über.
Ich werde nie vergessen, wie er extra für meinen 25.sten Geburtstag seine Susanne in Italien im Urlaub zurückließ und mit seiner Maschine, einer alten BMW, über die Alpen nach Westfalen gebrettert ist, nur um sein Versprechen zu erfüllen, mit mir ein Bier auf mein „Vierteljahrhundert“ zu trinken. Das hatte er mir nach achtzehn Bier auf unserer ersten gemeinsamen Kneipe gegeben.
„So, mein Schatz, ich glaube, wir brauchen was zu trinken!“ Erkan zuckte mit den Achseln und ging in die Küche. Ich hatte ja die Daten, die der kleine Türke Willi gegeben hatte, mitgeschrieben. Ich machte die Mail an Thomas fertig und schickte sie ab. Erkan kam mit zwei Gläsern Raki zurück.
„So, jetzt erkläre mir mal, was das ganze sollte. Ich hab nur Bahnhof verstanden.“ Er reichte mir eins der Gläser und wir stießen an. „Das war gerade dein Alibi für die Absage der Hochzeit.“ „Wie das?“ „Ganz einfach! Willst du die Frau heiraten, die dein Vater für dich ausgesucht hat?“ „Nein, natürlich nicht! Ich kenn sie ja noch nicht einmal.“ „Also!“ „Also was? Sprich deutlich, ich bin Türke.“ Er grinste.
„Nun, ich spare mir jetzt jeden Kommentar, was ich von dieser Art der Verbindung halte.“ Ich würgte. „Eine solche Ehe wird in der Regel dann abgesprochen, wenn sie beiden beteiligten Familien irgendwelche Vorteile bringt. Der Hauptgrund für deinen Vater dürfte wohl gewesen sein, dass sein Name nicht ausstirbt. Dein Bruder darf ja nicht, wegen des Zölibats, deine Schwestern gehen ja auch nicht, die haben ja wahrscheinlich die Namen ihrer Männer angenommen, also bleibst nur du als Stammhalter. Logisch?“ „Ja.“ „Also, wenn dein Vater unbedingt Enkel haben will, du aber keine kriegen kannst, weil du unfruchtbar bist …“ „Bin ich aber nicht!“ „Auf dem Papier schon! Deine Unfruchtbarkeit wird von Spezialisten in München und von einem Rechtsmedizinischen Institut bestätigt. Also: Keine Kinder für Erkan.“
Er nickte. „Da du das weißt, wäre es dem anderen Teil gegenüber äußerst schäbig, wenn die Heirat doch stattfinden würde. Sobald die Schreiben eintreffen, wirst du sie deinen Eltern zeigen. Dann wird sich dein Vater wohl oder übel damit abfinden müssen, dass es mit einer Namensvererbung nichts wird, deine Mutter wird ihre Vermutungen bestätigt wissen und alle leben glücklich und zufrieden. Wenn ich deinen Vater richtig einschätze, wird er zwar etwas brauchen, aber er wird deine Entscheidung, nicht zu heiraten, verstehen. Im Gegenteil, du würdest die Ehre der Familie eher beflecken, wenn du an der Heirat festhalten würdest.“
„Ich könnte dich knutschen!“ „Dann tue es doch!“ Er kam auf mich zu und seine Lippen senkten sich. „Aber warum tust du das alles für mich? Wir kennen uns doch kaum!“ „Du kleiner dummer Türke! Ich mag dich! Deshalb tue ich das. Na ja, ich habe es ja lediglich nur angeleiert, ausführen und mit den Konsequenzen leben, musst du. Auf jeden Fall gewinnst du so die Zeit, die du brauchst, um nachzudenken! Nachzudenken über dich, deine Zukunft und deinen Jost!“ Ich küsste ihn.
„Du?“ „Ja?“ „Was riecht da so komisch?“ Aus der Küche drang ein leichter Geruch zu uns herüber. „Mist! Die Milch!“ Erkan rannte in die Küche und versuchte zu retten, was zu retten war. Aber es war leider ein Satz mit X. „Ich werde wohl improvisieren müssen!“ „Macht nichts, wird bestimmt gut!“
Ich machte mich wieder an den Rechner. „Erkan!“ „Marius?“ „Wie spät haben wir eigentlich?“ „Wieso? Hast du noch was Bestimmtes vor?“ „Nein, aber ich frage mich langsam, wo unsere beiden Geliebten bleiben! Es ist kurz vor fünf.“ In dem Moment rumpelte es an der Tür und die beiden kamen mit einigen Tüten herein. „Ihr habt ja anscheinend ganz Emden aufgekauft!“ „Hör auf. Wir waren in vier Läden, um den Gockel hier zu kriegen! Im türkischen Supermarkt wurden wir dann fündig. Hier Schatz!“
Jost drückte seinem Liebsten einen Kuss auf den Mund und das Federvieh in die Hand. „Bitte, dein Turn!“
„Und, was habt ihr so gemacht!“ Flo kam auf mich zu und küsste mich. „Viel, aber zum Programmieren bin ich nicht gekommen. Na ja, jedenfalls nicht soweit, wie ich sein wollte.“ „Was habt ihr denn gespielt? Tetris?“ „Nein, was viel wichtigeres haben wir gemacht, d.h. eigentlich hat Marius gemacht, ich hab nur dabei gesessen. Aber das erzählen wir euch später. Jemand Tee?“ Flo kniff mir in die Seite. „Gerne!“
Erkan servierte den Tee in türkischen Gläsern und die drei setzten sich auf die Ottomane, ich rollte mit dem Schreibtischstuhl zum Tisch. „Was machen wir jetzt?“ „Ich wollte noch ne Runde Joggen gehen. Kommt jemand mit?“ Flo schaute in die Runde. „Auf mich musst du verzichten, Schatz, ich mach lieber Gehirnjogging.“ Er grinste mich an und warf mir einen Kuss zu. „Außerdem muss ich noch etwas tun. Ihr entschuldigt mich.“
Ich rollte Richtung Schreibtisch und fing an zu tippen. „Was ist mit dir, Erkan?“ „Ne, besser nicht. Ich hab ja noch das Huhn, daran kann ich auch meine überschüssigen Energien auslassen!“ Er grinste. „Na ja, ich muss sowieso noch was ausbügeln!“ „Was denn?“ „Mir ist da ein kleines Missgeschick passiert!“ Jost schaute fragend seinen Liebsten an. „Warst du mit was anderem beschäftigt?“ „Ja, mit dem Telefon. Mir ist dabei die Milch angebrannt, oder wieso sollte ich denn bei den Temperaturen die Terrassentür offen haben?“ „Sorry.“
„Wie es aussieht, werden wir wohl oder übel alleine laufen müssen. Du kommst doch mit, Jost, oder hast du auch was anderes vor?“ „Ne, einer muss dir ja den Weg zeigen. Aber bitte nicht so schnell, ja?“ „Versprochen. Ich werde extra langsam laufen.“ „Na, dann werde ich mich mal umziehen.“ Sagte, sprachs und ging. „Ich wird mich dann auch mal fertig machen.“
Mein Schatz eilte in Schlafzimmer und hantierte mit der Reisetasche. Es dauerte keine drei Minuten, und er stand in seinem dunkelblauen Laufanzug aus Lyra vor uns im Wohnzimmer. Erkan schmunzelte. „Man könnte meinen, du wärst …“ „Sei froh, dass er nur den anhat. Sein Neongelber in der Wäsche!“ Wir mussten alle lachen.
„Hier mein Schatz!“ Ich reichte Flo das Telefon. „Was soll ich damit?“ „Na, erst einmal Onkel Henning anrufen und dann Claudia. Hast du ihr versprochen!“ „Kannst du nicht mit deiner Schwester?“ „Kann ich, aber auch dazu musst du erst einmal mit Henning sprechen.“
Er wählte und sein Gesicht wurde immer strahlender, je länger er sprach. „Leute. Es gibt gleich was zu feiern. Die Brandschau war gut, wenn man das so sagen kann. Henning braucht zwar ein komplett neues Dach, aber am Haus selbst sind keine Schäden. Er meint, in zwei Wochen wäre alles wieder wie neu. Claudia und die Zwilling können also kommen. Sie werden allerdings bei Oma im Haus nächtigen müssen. Er weiß nicht, ob der Innenausbau bis dahin auch fertig ist. Die Bauarbeiter kommen Montag und fangen mit dem Abriss des Dachs an.“
„Na, dass ist doch mal ne gute Nachricht. Schwitzende, muskelbepackte Bauarbeiter!“ Ich grinste. „Du schon wieder. Du denkst doch immer nur an das eine!“ „Wenn ich dich sehe!“ Ich zog meinen Flo an mich und küsste ihn leidenschaftlich. Wir wurden unsanft unterbrochen. „Na, dann kann ich mich ja wieder umziehen, wenn ihr …“ Jost stand in der Tür. „Nein, ich komm schon, der Lüstling hier wollte sich nur verabschieden.“ „Muss Liebe schön sein!“ „Ist sie Jost! Ist sie!“ Mein Flo wieder.
Nachdem die beiden abgedackelt waren, widmete ich mich meiner Arbeit und Erkan dem Huhn. Er hatte in Nullkommanix das Huhn in Salzwasser gekocht, das Fleisch vom Knochen gelöst und quer zur Faser eingeschnitten. Er zerstieß gerade Knoblauch und die Nüsse.
„Du, Marius?“ „Ja?“ „Aber was soll ich machen, wenn mein Vater noch so ein Test verlangt?“ Ich war etwas perplex. Ich stand auf und ging in die Küche und umfasste den am Herd stehenden von hinten. „Dann mein Lieber, brauche ich nur deine Versichertenkarte und den Termin.“ „Äh?“
Ich drehte ihn zu mir um, wir sahen uns an. „Mein lieber Erkan, das einzige Risiko an der ganzen Geschichte ist, der Arzt darf dich nicht kennen! Ich werde dann als Erkan Charagüzel in die Praxis, ins Röhrchen wichsen und das war es dann!“ „Du willst für mich?“ „Ja, wir haben ungefähr die gleiche Statur und mit einem Frisörbesuch deinerseits …“ Ich grinste ihn an und gab ihm einen Kuss.
„Ich weiß, dass ich nie Vater werden kann. Schon seit ich sechzehn bin.“ „Du bist …?“ „Ja, ich bin unfruchtbar. Habe leider nur einen zu 10% normal arbeitenden Hoden, der andere hängt da nur so mit sich rum. Daher ist meine Spermienanzahl weit unter Normalniveau und die Schwimmfähigkeit der kleinen Freunde ist fast gleich Null!“ „Aber woher weißt du?“ „Ach, ich war damals auf Klassenfahrt, wir machten eine Schnitzeljagd und waren relativ früh fertig. Henrik, Marc, Nadja und ich. Na ja, wir haben dann unseren Sieg gefeiert und sind in der Kiste gelandet.“ „Alle miteinander?“ „Nein, alle nacheinander über Nadja rüber. Ich könnte heute noch kotzen, das Wichsen und knutschen mit Marc, als Henrik auf ihr lag und sich abmühte, war viel besser …“ „Und dann?“ „Dann wurde Nadja schwanger und wir alle mussten zum Test. Damals war man noch nicht so weit wir heute, wir mussten noch ins Röhrchen … Na ja, das Ergebnis kennst du.“
„Du Ärmster!“ „Wieso? Was will ich mit Kindern? Ich hab meine Nichten und Neffen und wenn ich die ab und an sehe, dann reicht das völlig.“ „Magst du keine Kinder?“ „Doch! Am liebsten gut durchgebraten!“ Ich grinste und küsste ihn.
„Nein, Marius, jetzt mal im Ernst! Stört dich das nicht?“ „Ja, es stört mich was daran!“ „Und was?“ „Na, ich krieg immer Komplexe, wenn ich mir einen Porno anschaue.“ „Wie das?“ „Na, die Hengste spritzen über eine Unmenge und das meterweit und bei mir? Zwei, drei Tröpfchen und das war es dann!“ „Du Ärmster!“ Diesmal nahm er mich in den Arm und küsste mich.
„Du!“ „Ja?“ „Ich glaube, wir sollten mal wieder zu unseren Tätigkeiten zurück.“ „Meinst du?“ „Ja, ich meine, lieber Erkan. Unsere Gatten können jederzeit hier auftauchen und wir sollten ihnen doch keinen Grund zur Eifersucht geben, oder?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ach ich weiß auch nicht!“ „Was denn?“ „Na. Ich sehe euch beiden, Flo und dich. Ihr seid irgendwie … Da ist eine Vertrautheit, die ich bei euch spüre. Darum beneide ich euch. Das ist anders als bei Jost und mir.“ Die Sache wurde brenzlig.
„Hast du mal mit Jost darüber gesprochen?“ „Über was?“ „Na, über das wir uns die ganze Zeit unterhalten. Das du wegen ihm München aufgegeben hast, wie du dich hier fühlst und das Alles!“ Ich drückte ihn. „Und vor allen Dingen, was du bei ihm fühlst oder halt nicht!“ „Nein, leider. Ich wollte ja immer, aber wenn ich den Mut dazu hatte, ergab sich keine Gelegenheit. Es kam immer was dazwischen. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt könnte. Ihn vor die Wahl zu stellen? Was mache ich, wenn er nein sagt?“ „Tja, das ist das Risiko, dass du eingehen musst. Das ist das Leben! Wenn er dich so liebt, wie du ihn, dann wird er zu dir stehen und mit dir kommen! Wenn nicht, dann musst du alleine sehen, wie du klar kommst.“ „Ich hab Angst!“ „Ich weiß!“
Ich schloss ihn fest in meine Arme, seinen Tränen ließ er freien Lauf.
„Störe ich?“ Flo stand plötzlich im Raum. „Schatz, schon wieder hier?“ „Ja, und wie mir scheint, gerade noch im rechten Augenblick!“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Nein Kleiner, du störst nicht. Gib mir mal dein Mobilteil. Ich muss mal eben telefonieren.“ Er reichte es mir wortlos und sah Erkan an, direkt in sein verweintes Gesicht. Er zog ein Taschentuch aus seiner kleinen Hosentasche und ging auf Erkan zu. „Hier! Putz dir erst mal die Nase, du Heulsuse!“ Er stupste ihn in die Seite. „Was hat der böse Mann mit dir gemacht?“ „Gar nichts und doch alles. Alles ist anders, seid ihr hier seid!“
Ich ging auf die Terrasse und steckte mir erst einmal eine an. Ich sog den Rauch tief in mich und drückte die Kurzwahltaste zwei. Mein Mobilteil war unter eins gespeichert, Sebi, sein Trainer unter der Drei. Die Zwei war Heiner, sein Vater.
Es bimmelte. „Schatz, was ist los, dass du deinen alten Vater an einem Samstagabend anrufst? Krach mit Marius?“ Ich grinste. „Nein, lieber Schwiegerpapa, dein Sohn, was mein Gatte ist, hat keinen Stress mit mir!“ „Marius! War ja auch nur Spaß.“ „Ich weiß!“ „Was verschafft mir denn die Ehre?“ „Heiner, es kann sein, dass ich deine Hilfe brauche!“ „Wie soll ich dir hier von Franken aus helfen? Was ist los? Rede schon, du westfälischer Dickschädel!“ „Den verbitte ich mir! Aber Spaß beiseite. Kennst du jemanden, der einen Koch gebrauchen kann?“ „Einen Koch?“ „Ja, einen Koch!“ „Na ja?“ „Was?“ „Wo hat er denn gelernt?“ „Auf dem Petersberg, war Bester Lehrling seines Jahrgangs in NRW. Ist dann nach München ins Vierjahreszeiten und der Liebe wegen zurück zu seinem Hotelfachmann nach Emden.“ „Schwul?“ „Jepp!“ „Na, ich wer mich mal umhören, was sich machen lässt. Bis wann brauchst du eine Antwort?“ „Am besten bis gestern!“ „So schlimm?“ „Ja, so schlimm. Ist ne längere Geschichte, denn ich weiß nicht, ob diese Liebe das Wochenende überstehen wird.“ „Nicht gut! Einen Koch könnte ich erst in zwei Monaten gebrauchen, denn da geht meine Hauswirtschafterin in Mutterschutz. Aber nach Günthers Herzinfarkt suchen wir eher ein Paar, das uns entlasten kann, also Hotel und Küche. Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten.“ „Ja, Papa! Du bist alt, ich weiß!“ „Ich warne dich, Bursche. Mit dir nehme ich es noch alle mal auf. Aber ich werde mich mal gleich umhören. Ich glaube, das Kurhotel im Nachbarort sucht einen Koch, aber Genaues kann ich dir nicht sagen.“ „Danke dir trotzdem. Aber tu mir einen Gefallen, ja?“ „Welchen?“ „Schick die Antwort bitte auf mein Handy. Flo muss ja nicht unbedingt mitkriegen, dass ich …“ „Das du mal wieder Schicksal spielst?“ „Genau!“ „Kein Problem und grüß mir meinen Sohn. Marius?“ „Ja?“ „Hab dich lieb!“ „Ich dich auch, Schwiegerpapa. Und die besten Wünsche von uns beiden an Günther!“ „Werde ich ausrichten. Ich melde mich, spätestens morgen.“ „Danke.“ „Schönen Abend noch, ihr beiden!“
Ich schnippte den Zigarettenstummel in die Büsche und machte mich auf ins Wohnzimmer. Erkan schien sich gefangen zu haben. Er hielt zwar noch immer Flos Taschentuch in der Hand, aber es rannen keine Tränen mehr.
„Na, ihr zwei Hübschen!“ Beide schauten mich an. „Schatz, schöne Grüße von deinem Erzeuger!“ Flo grinste. „Großer, ich hätte dir auch so die Nummer gegeben, du hättest nicht auf meine Kosten mit meinem Paps telefonieren müssen.“ „Du bist charmant wie immer!“ „Ich weiß!“ „Aber damit es dir nicht so geht wie Günther, geh besser duschen. Du bist verschwitzt mein Schatz, und dich habe keine Lust, Krankenschwester zu spielen, obwohl das sicherlich einen gewissen Reiz hätte. Du völlig wehrlos in meinen Händen!“ Ich grinste verschmitzt.
„Du kannst es nicht lassen! Aber wo du recht hast, hast du recht.“ Er ließ von Erkan ab und ging ins Schlafzimmer. Ich ging auf Erkan zu. „Alles wird gut! Vertrau mir!“ Ich legte meine Hand um seine Schulter. Er zitterte immer noch.
Flo schob den Vorhang zurück. Er stand da, wie Gott ihn erschaffen. „Ich geh jetzt duschen!“ Er taperte in Richtung Badezimmer.
„Kann ich dich allein lassen?“ „Ja, ich muss eh noch was machen, wir wollen ja gleich essen.“ Ich küsste Erkan und folgte Flo ins Bad. Ich schmiss meine Klamotten auf den Boden und bin zu meinem Schatz unter die Dusche.
Ich zog den Vorhang hinter mir zu und umarmte meinen Schatz. Flo sah mich liebevoll an und nahm mich in seine Arme. „Großer! Du zitterst ja!“ „Vor Glück, mein Engel. Ich habe dich und bin ich froh, dass es so ist!“ Wir küssten uns.
„So, und nun klär mich mal auf. Was habt ihr gemacht und wieso hat Erkan geweint?“ Ich fasste, so gut es ging, die Geschehnisse des Nachmittags zusammen. Der kleine Türke tat mir leid. Ich mochte ihn irgendwie und erkannte, dass er innerlich zerrissen sein musste. Seine Situation war nicht einfach. Ich hatte ja erfahren, dass der nach seiner Ehrenrunde vom Gymnasium runter ist und dann die Realschule auch nur mit Ach und Krach gemeistert hat. Er hat da wohl gemerkt, mit sechzehn, siebzehn, dass er anders ist, anders als die Anderen. Und bei dem ganzen klerikalen Hintergrund ist seine Einstellung, die quasi einer Selbstzerfleischung gleichkommt, wohl nachzuvollziehen.
„Hattest du wirklich den Eindruck, er könnte sich was antun?“ „Ehrlich gesagt, Flo, ich weiß es nicht genau. Er liebt Jost, aber er ist sich nicht sicher, ob die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Es scheint mir, als ob er auf einen Beweis dieser Liebe wartet.“ „Meinst du wirklich?“ „Ja, und wir sind daran nicht ganz unschuldig, mein Engel!“ „Wieso?“ „Na, die beiden sind hier in der schwulen Diaspora. Erkan mag keine Fernbeziehung, da geht es ihm wie mir. Er ist dann nach einem Jahr der Trennung zurück zu seinem Jost, seiner Jugendliebe. Er hat die Möglichkeiten, die München ihm bot, nicht genutzt, vermutlich weil er sie nicht nutzen wollte. Oder zumindest zum damaligen Zeitpunkt nicht nutzen konnte. Und dann kommen zwei, die ganz natürlich mit sich selbst und ihrer Liebe umgehen.“ „Wir also!“ „Genau. Für uns zwei beiden, die wir wissen, was wir von- und aneinander haben, ist es ganz natürlich, einen anderen mal zu küssen, ihn in den Arm zu nehmen, zu Shakern, ohne daraus eine Staatsaffäre zu machen.“ „Du meinst, wir haben ihm einen Garten gezeigt, und er will unbedingt die Früchte …“ „So ungefähr. Das Problem ist nur, es geht nicht allein um die Früchte in Nachbars Garten. Er weiß nicht, wie er mit dem Wissen um diesen Garten richtig umgehen soll. Wenn er ihn betritt, wird es kein Zurück mehr geben. Er muss das, was er kannte, zurücklassen. Aber er hat gerade erst erkannt, dass es da noch was anderes gibt.“
„Und die Aktion mit Thomas und Willi?“ „Die wird ihm erst einmal Zeit verschaffen. Auch wenn es eine Notlüge und keine Lösung ist, aber der erste Druck, nämlich die bevorstehende Hochzeit, ist erstmal weg. Wir müssen Zeit gewinnen, alles andere wird sich zeigen!“ „Wir …?“ „Ja, wir. Denn wir haben die Geister gerufen. Er hätte sich ohne uns nie so weit vorgewagt. Also sind wir irgendwie verantwortlich.“ „Großer, das ich glaube auch. Jost meinte nämlich heute beim Einkauf, wir wären wie eine Droge für Erkan. So frei und ungezwungen hätte er ihn nie gesehen, wie in den letzten Stunden.“ „Und?“ „Nichts, aber eines ist merkwürdig. Er scheint irgendwie besorgt zu sein. Kannst du dir vorstellen, er und Erkan haben sich zu Anfang ihrer Beziehung nur im Dunkeln geliebt. Erkan wollte das nicht. Jost meinte, es hätte Jahre gedauert, ehe er Erkan zum ersten Mal nackt im Hellen gesehen hat.“ Mir fiel die Szene von gestern Abend wieder ein.
„Was machen wir nun?“ „Erst mal abtrocknen“ Ich krieg langsam Schwimmhäute zwischen den Zehen, Kleiner! Dann essen und abwarten, wie sich die Sache entwickelt. Wir können Erkan nur helfen, aber er muss diese Hilfe auch wollen.“ „Stimmt. Hast du eigentlich ein Handtuch mitgebracht?“ „Nein, ich dachte, …“ Wir lachten und riefen unisono: „Erkan!“
Der kleine Türke kam nach einer Minute ins sein Badezimmer. „Na, habt ihr es unter der Dusche getrieben?“ Ich grinste Flo an. „Leider nicht, wir brauchen aber was von dir!“ „Was?“ „Handtücher!“ „Moment!“ Er verließ das Bad und war kurze Zeit später wieder da.
Flo hatte inzwischen den Vorhang zurückgezogen, als Erkan mit den Frottees wieder zurückkam. Der kleine Türke konnte den Blick von uns nicht abwenden. „Wenn ich das so sehe, hätte ich gerne mitgeduscht, aber einer muss sich ja ums Essen kümmern, leider!“ „Du Ärmster!“ Flo trat aus der Dusche heraus und drückte Erkan an sich. „Aber du kannst mir ja den Rücken trocken rubbeln. Der alte Mann da kann das ja schon selber!“ Er grinste und Erkan warf mir das andere Handtuch zu und widmete sich Flos Rückseite.
Allerdings kam er nicht weit, denn nach kurzen Schlüsselgeräuschen an der Haustür stand Jost in der Tür. „Na, was macht ihr denn da?“ „Die türkische Gastfreundschaft genießen!“ Mein Flo wieder.
Erkan verschwand schweigend in Richtung Küche, gefolgt von Jost, der etwas ungläubig guckte. Flo und ich beeilten uns und sind, nur mit den Handtüchern bekleidet, ins Schlafzimmer. Flo warf mir meinen Jogginganzug entgegen und stieg selber in seinen. Jost war ja auch ziemlich leger bekleidet, in seinen braunen Leggings.
Ich verstaute meine Jeans und sonstigen körperlichen Habseeligkeiten in die Reisetasche und kämmte mich. Na ja, kämmen war zuviel, ich strich einfach mein Haar nach hinten und das war es dann mit der Stylingprozedur.
Ich blickte auf die Uhr. Es war zehn vor acht. „Erkan, wie lange brauchst du noch?“ „Viertelstunde!“ „Dann kann ich mir ja noch Zigaretten holen. Jost, weißt du, wo hier eine Bude ist?“ „Bude?“ „Kiosk.“ „Ach so, warte, ich komm mit. Denn wenn ich dir den Weg beschreiben würde, würdest du ihn nie finden. Ist etwas kompliziert hier. Schatz! Wo ist mein Handy?“ Er schaute sich um. „Ach da! Im Anker ist heute eine kleine Feier und falls Paps anruft, ich steck’s mal besser ein.“ Ich ging zurück ins Schlafzimmer und holte mein Portemonnaie. „Wir können!“
Draußen vor der Tür steckte ich mir erst mal eine an. „Auch eine?“ „Gerne!“ Ich gab Jost Feuer. „So! Welche Richtung?“ „Hier entlang!“ Ich folgte ihm. „Die Luft tut gut.“ „Kann ich mir vorstellen, nach deinen ganzen Weinbränden, und den ein oder anderen Raki hattest du heute Nachmittag auch schon!“ „Woher weißt du?“ „Ich hab Erkans Spezialabfüllung in der Küche gesehen. Und die war gestern noch voller als gerade!“ „Na ja, brauchte einfach einen!“ „Hast du den Schock mit deinem Ex-Schwiegervater gut verdaut?“ „Hat Flo erzählt?“ „Hat er. Muss ja nicht einfach gewesen sein für dich. Ich glaube, ich wäre ausgerastet.“ „Na ja, ich war baff erstaunt. Ich hätte nie gerechnet, den Kerl ausgerechnet hier wieder zu sehen.“ „Kann ich mir vorstellen. Wir müssen jetzt links.“ Wir gingen um die Ecke.
„Na ja, man kann nicht alles haben!“ „Was meinst du?“ „Na, in der Beziehung zu Johnny hatte ich in Katharina eine hervorragende Schwiegermutter und einen beschissenen Schwiegervater, bei Flo ist es umgekehrt. Heiner und ich verstehen uns blendend.“ „Weil er auch schwul ist?“ „Das auch, aber nicht ausschließlich! Menschlich klappt es. Und mit seinem Onkel Henning verstehe ich mich auch. Also, Familienanschluss ist gegeben.“ „So, da wären wir!“
Ich kaufte gleich zwei Päckchen, man wusste ja nie, wie lange der Abend dauern würde. Nachdem Jost auch seinen Einkauf getätigt hatte, machten wir uns auf den Rückweg. „Und wie sieht es bei dir aus?“ „Wie meinst du?“ „Na, dein Verhältnis zu Erkans Eltern.“ „Äh …“ „Falsches Thema?“ „Nein, aber seine Eltern habe ich damals in der Lehre kennen gelernt, war ab und an bei ihnen. Sie wohnten ja in Bonn, nicht weit vom Petersberg entfernt. Ich mochte sie, aber sie durften ja nicht wissen, dass wir ein Paar sind, bei ihrem Hintergrund!“ „Gut, aber kommst du damit klar?“ „Das wir unsere Liebe vor ihnen verstecken müssen?“ „Das auch!“ „Na, es ist genauso wie mit meinen Eltern. Die haben zwar toleriert, dass es von mir keinen Nachwuchs geben wird, aber akzeptiert haben sie es nie. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher, aber mein Vater würde der Schlag treffen, wenn ich ihm Erkan als Schwiegersohn präsentieren würde!“ „Warum?“ „Na ja, mein Produzent ist, sagen wir, sehr konservativ. Gegen ihn war Franz-Josef Strauß ne linke Socke.“ Ich grinste, denn den Namen Strauß hatte ich an diesem Nachmittag bereits schon einmal gehört.
„Als Paps dann in den Stadtrat kam, war klar, dass ich sofort nach der Lehre zurück muss! Es war von vorneherein klar, dass ich eines Tages den Anker übernehmen werde, nur der Tag kam früher als gedacht.“ „Wie das?“ „Na ja, es fehlte eine Kraft hier und als Erbe muss man ja wohl in den saueren Apfel beißen. Ich hab dann München sausen lassen und bin zurück.“ „Du hast München sausen lassen?“ „Ja, Erkan und ich haben uns damals gemeinsam im Vierjahreszeiten beworben, er als Koch und ich als Assistent des Direktors. Wir sind auch beide genommen worden. Nur, ich habe die Stelle nie angetreten.“ „Warum?“ „Ich folgte dem Ruf der Familie, als guter Sohn! Was meinst du, wie es mir ging? Weit weg von meinem Liebsten!“ „Beschissen?“ „Das ist noch gestrunzt! Ich hasse Fernbeziehungen!“ „Nicht nur du!“ „Stimmt, die sind bescheiden.“ „Aber wie kam Erkan dann wieder zu dir hier nach Emden?“ „Nun, das war komisch. Ich brauchte einige Zeit, um mich hier einzuarbeiten. Na, ich hab einige, Na ja, besser etliche Unregelmäßigkeiten in der Küche entdeckt und musste dann, so nach knapp einem Jahr, den Koch entlassen. Ich schrieb das Erkan und drei Tage später stand er hier auf Matte. Ich war einfach nur happy!“ „Kann ich mir vorstellen!“
Wir gingen rechts um die Ecke, wieder Richtung des Appartementhauses. „Jost, mal ne kurze Frage.“ „Welche?“ „Ist aber sehr intim!“ „Kein Problem! Ich muss ja nicht antworten!“ „Stimmt auch wieder. Also: Hast du Erkan mal nach seinen Motiven gefragt?“ „Wie meinst du?“ „Na ja, ich habe zwar keine Ahnung von der Gastronomie, aber ich kann mir vorstellen, dass eine Anstellung in einem renommierten Hotel ein Sprungbrett für die eigene Karriere darstellt.“ „Stimmt!“ „Also, dein Erkan gibt seine Stellung im berühmten „Vierjahreszeiten“ – mir nichts, dir nichts – von heute auf morgen auf und kommt hier nach Emden, um im Anker zu arbeiten. Und der Anker ist ja wirklich kein Haus, um Staat in seinem Lebenslauf zu machen, oder?“ „Du meinst …“ „Genau, ich meine! Erkan mag auch keine Fernbeziehungen, genau wie du. Er litt unter der Trennung und war froh, dir helfen zu können. Er wollte es und tat es auch, er pfiff auf seine eigene Karriere. Und jetzt bedenk mal seinen Hintergrund! Er musste sich und seiner Familie auch etwas beweisen. Was meinst du, wie seine Familie den Umzug aufnahm?“ „Du, Marius?“ „Ja?“ „So hab ich das noch nie gesehen!“ „Solltest aber mal darüber nachdenken!“ „Werde ich gleich machen, aber erst nach dem Raki!“
Er steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür zur Nummer 17.
„Na, ihr beiden! Irgendwas angebrannt?“ „Großer! Alles gekriegt?“ Ich grinste ihn an, ging auf ihn zu, küsste ihn. Er strahlte mich an. „Der Abend dürfte gerettet sein!“ Er grinste und unsere Zungen spielten miteinander.
„So, nun mal Pause!“ Jost verteilte vier Gläser Raki. „Danke!“ „Thanks!“ Wir stießen an. „Auf einen netten Abend!“ „Cherrio!“
Erkan wurde ernst. „So, nun mal alle um den Tisch!“ Flo und er hatten während unserer Abwesenheit die Möglichkeit zum Abendmahl aufgebaut. Es gab chilenischen Rotwein zur Roten Linsensuppe, die herrlich duftete und noch besser schmeckte. Ich hätte nie gedacht, dass Linsen so gut schmecken können. Es war fast biblisch. Wir brachen das Fladenbrot und aßen es während der Suppe.
Der zweite Gang, die in Öl gebackenen Krabben, waren nicht so nach Flos Geschmack, er ist halt kein Fischmagen. Dafür entschädigten ihn die anschließenden mit Pinienkernen und Reis gefüllten Weinblätter und das Huhn mit der Walnusssauce. Es waren, wenn man in ein Restaurant geht, zwar alles in allem nur Vorspeisen, aber auch vier Vorspeisen hintereinander können satt machen.
„Ich glaube, ich brauche eine Pause!“ „Die kommt sowieso! Ich muss mich jetzt um die Feigen kümmern. Kann etwas dauern!“ Erkan erhob sich und marschierte in Richtung Küche. Flo stapelte die Teller und dackelte hinterher. „Na, dann können wir uns ja religiös betätigen?“ „Wie meinst du, Marius?“ „Na, wir bringen ein Rauchopfer dar!“ Jost lachte. „Warte, ich hole mal den Aschenbecher!“ Er ging an den Schreibtisch und setzte sich dann hinterher neben mich, während des Essens hatte er mir gegenüber gesessen. Er schaute mich an.
„Du!“ „Ja?“ „Ich hab über das, was wir draußen besprochen haben, nachgedacht.“ „Hab ich mitgekriegt, du hast ja kaum was gesagt.“ „Ja, ich war in Gedanken immer noch draußen.“ „Und, schon ein Ergebnis gefunden?“ „Nein, leider“.
„Nicht so gut. Ich glaube, dein Erkan möchte endlich von dir wissen, woran er bei dir ist!“ „Hat er was gesagt?“ „Nicht direkt. Er ist nicht dumm. Er sieht uns, mich und Flo, und spürt da eine Vertrautheit, die er bei euch vermisst.“ „Darüber hat er nie gesprochen!“ „Du aber auch nicht!“ „Stimmt, ich war einfach nur happy, als er hier aufschlug und Zeit war nicht gerade einfach für mich und uns hier.“
„Na, was führt ihr denn so wichtige Gespräche?“ „Flo, nichts besonderes. Dein Marius wollte gerade anfangen, über den heutigen Nachmittag zu sprechen.“
Ich war erstaunt. Ich überlegte, ob ich ihm in die Parade fahren sollte oder nicht. Ich entschied mich für letzteres, denn es war ja schlussendlich eine Sache zwischen ihm und seinem Türken. „Aber verraten habe ich noch nichts, den die Hauptperson fehlte ja!“
Während wir uns über die noch warmen, nach Rotwein duftenden Feigen hermachten, erzählte ich von der Idee, wie man meiner Meinung nach Erkan vor seiner bevorstehenden Hochzeit bewahren könnte.
„Und wenn ich seinen Vater richtig einschätze, wird er das Geständnis positiv auffassen.“ „Hoffe ich auch. Mir ist zwar nicht wohl bei dem Gedanken, meine Eltern belügen zu müssen, aber was soll es! Auf eine Lüge mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an!“ Ich grinste den kleinen Türken an. „Stimmt. Mundus vult decipi, ergo decipiatur!“ Leichtes Erstauen auf Emder Seite. „Die Welt will betrogen werden, also sei sie betrogen.“
Flo grinste, er kannte meine Vorliebe für lateinische Floskeln.
Es war mittlerweile kurz vor elf und es lag eine gewisse Anspannung in der Luft, fast wie vor einem Gewitter. Ich wusste nicht, ob es gut sein würde, wenn es zwischen den beiden hier und jetzt zu einer Aussprache kommen würde. Gut, manchmal können solche klärenden Gespräche reinigenden Charakter haben, aber oftmals tragen sie nur zur Verhärtung der Fronten bei. Irgendwie waren wir in einer Zwickmühle. Durch das Auftauchen von Flo und mir hat es in der Beziehung von Jost und seinem Erkan erkennbare Risse gegeben. Gut, diese Spannungen mussten zwar schon vorher vorhanden gewesen sein, aber bis dato waren sie unter einer dicken, selbst angelegten Schicht Putz verborgen, die jetzt langsam zu bröckeln begann.
Es galt, eine Klippe zu umschiffen und erst einmal Zeit gewinnen. Denn beide mussten für sich und ihre eventuell gemeinsame Zukunft nachdenken.
„Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich könnte jetzt etwas Bewegung vertragen! Wer kommt mit auf einen kleinen Spaziergang um den Block?“ „Marius, Schatz, bist du krank? Du willst freiwillig laufen?“ „Nein, Flo, nur faul und voll!“ Ich grinste meinen Kufenflitzer an, zog dabei aber die Augenbrauen hoch. „Na, was ist nun? Muss ich allein in die Nacht?“ „Nicht böse sein, mein Engel, aber ich war ja schon joggen und noch mal raus? Lieber nicht!“ Den gleichen Blick warf ich Erkan zu. „Ne, lass mal. Flo und ich werden dann hier klar Schiff machen, und außerdem wollt ich gleich noch unter die Dusche. Ich fang langsam an zu müffeln.“ Er verzog sein Gesicht. „Na Jost, dann bleiben wir zwei ja nur noch übrig!“ „Jepp, aber willst du so raus?“ „Wie?“ „In Jogginghose?“ „Stimmt, ist ja nicht gerade eine laue Sommernacht da draußen. Werde dann mal eben …“ Ich stand auf und ging in Richtung Schlafzimmer.
„Bin in fünf Minuten wieder da.“ Ich hatte die Hose schon gewechselt, als ich die Tür zufallen hörte. Ich zog mein Handy aus der Jogginghose, ich hatte eine SMS. „Hallo Dickschädel! Stelle ist noch frei, er kann sich im Laufe der Woche vorstellen. Daten folgen morgen. Aber wir würden auch beide nehmen, falls …! Grüß meinen Sohn und dicken Kuss von uns beiden. H & G“
„Das hast du ja wieder gut hingekriegt!“ Flo stand hinter mir. „Was?“ „Na, du gehst spazieren und ich darf abwaschen.“ Er zog einen liebenswerten Flunsch. „So was nennt man Arbeitsteilung!“ Ich grinste und küsste ihn. „Ne, aber ist auch besser so. Nimm dir mal Jost zur Brust, der war so schweigsam den ganzen Abend über. Zwischen den beiden ist so Einiges nicht in Ordnung, wie ich finde.“ „Sehe ich genauso. Was meinst du, sollen wir es zum Gewitter kommen lassen?“ „Klärendes Gespräch wäre besser, ich mag nämlich nicht im Regen stehen.“ Unsere Lippen vereinigten sich noch einmal.
Ich blickte ihm tief in die Augen. „Was haben wir nur gemacht?“ „Gute Frage, ich nehme den Publikumsjoker!“ „Gibt es nicht!“ Er legte die Stirn in Falten. „Na, das Einzige, was man uns vorwerfen könnte, ist, dass wir Erkan wachgerüttelt haben. Seine Probleme waren ja schon vor uns da, wir haben ihn nur damit konfrontiert. Was er daraus macht, wie er damit umgeht, ist letztlich seine ureigenste Sache.“ „Wo du Recht hast, hast du wahr! Das gleiche gilt allerdings auch für Jost, da scheint auch nicht alles Gold zu sein, was da glänzt.“ „Gut, du nimmst dir Jost vor und ich red mit Erkan. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht wieder hinkriegen, mein Großer!“ Ich hatte Shirt und Pullover übergezogen und wandte mich schon wieder Richtung Vorhang.
„Aber Flo, kurze Frage noch?“ „Bitte?“ „Wie tauschen wir die Ergebnisse unserer äh Einzelgespräche aus? Wir können ja schlecht erst ins Schlafzimmer und Kriegsrat halten.“ „Stimmt auch wieder! Aber warte! Wir bauen es in die Begrüßung ein. Wenn wir mit Schatz anfangen, ist die Stimmung positiv, beim Vornamen neutral, und ohne Anrede sollten wir zusehen, dass wir Land gewinnen.“ „So wird es gemacht! Der Rest wird sich finden! Ach, ich hätte da eine Stelle für ihn, nur so zur Info!“ „Du?“ „Nicht ich. Ein Kurhotel in Franken!“ „Ach, deswegen der Anruf bei Paps!“ Ich nickte und küsste ihn noch einmal auf die Stirn. Wir gingen zu Erkan ins Wohnzimmer.
„Warum macht ihr das alles?“ „Was?“ „Na, das Alles! Flo und du, ihr tretet in mein Leben und von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr so, wie es gestern noch war. Ich hatte noch nie eine Begegnung mit solchen Folgen!“ „Das ist vielleicht der Grund, warum! Flo und ich sind ja nicht ganz unschuldig daran, wie dir jetzt zumute ist. Wir mögen dich und daher versuchen wir, was zu machen.“ „Aber die Probleme waren ja schon vorher da, nur …“
Ich nahm ihn in die Arme. „Ich weiß, aber wir waren diejenigen welchen, die die Geister riefen. Und uns soll’s ja nicht so gehen, wie dem Zauberlehrling.“ „Zauberlehrling?“ Flo stand mittlerweile hinter mir. „Und sie laufen! Nass und nässer, wirds im Saal und auf den Stufen: welch entsetzliches Gewässer! Herr und Meister, hör mich rufen! Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Ballade von Goethe, durfte ich mal auswendig lernen.“
Es rumpelte an der Tür, Jost stand in selbiger und spielte mit seinem Schlüssel. „Bin schon fertig.“ Ich zog mir nur noch die Jacke an und bin auf ihn los. „Bis gleich, Engelchen.“ „Bleibt nicht zu lange weg – so lange brauchen wir ja auch nicht, um die Spülmaschine einzuräumen.“ Er warf mir einen Kuss zu und wandte sich dann wieder Erkan zu, der regungslos in der Küche stand.
„Große Runde oder kleine?“ „Jost, nehmen wir die mittlere Tour.“ Wir verließen das Haus Nummer siebzehn und machten uns auf den Weg. „So, jetzt mal Butter bei die Fische! Du wolltest mit mir reden! Also! Hier bin ich! Der Spaziergang ist ja nicht rein zufällig, oder? Und sag jetzt nicht, du machst immer einen Abendsparziergang!“ Im Schein der Straßenlaterne konnte ich ein Grinsen auf dem Gesicht meines Gegenübers erkennen. „Nein, es stimmt, ich wollte mit dir reden. Vor Erkan wäre es … Na ja, sagen wir, es hätte peinlich werden können. Aber das können wir gleich machen, aber erst einmal …“ Ich kramte nach einer Zigarette. „Mist!“ „Was?“ „Suchtstengel vergessen!“ „Hier!“ Er bot mir eine an. Der Sparziergang war gerettet.
„Jost, kommen wir gleich zur Sache. Es ist was faul im Staate Dänemark, um mal klassisch anzufangen. Du solltest, wenn dir was an Erkan liegt, baldmöglichst was unternehmen.“ „Jetzt sag mir mal, was ich machen soll, Marius!“ Ich blickte mein Gegenüber starr an und sog den Rauch tief ein. „Jost, wenn ich die passende Antwort wüsste, wären wir jetzt nicht hier!“ „Wie?“ „Na ja, ich hab heute lange mit Erkan gesprochen. Er ist, sagen wir es mal so, verzweifelt!“ „Wie das?“ „Verzweifelt ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber …“ Jost schaute mich an. „Du, da ist eine Bank, wir brauchen nicht laufen!“ „Auch gut, oder besser!“
Ich setzte mich und rang nach Worten. „Wieso ist Erkan verzweifelt?“ „Na, er hat wohl größere Panik, als er zugeben mag.“ „Kann ich verstehen. Eine bevorstehende Hochzeit wäre auch nicht nach meinem Geschmack!“ „Stimmt, aber das ist nicht der Hauptgrund meiner Ansicht nach!“ „Sondern welcher?“ „Nun, wenn man mich fragen würde, würde ich sagen, der Grund liegt tiefer. Ich bin zwar nicht Freud, aber ich meine von mir sagen zu können, dass ich über eine gewisse Menschenkenntnis verfüge.“ „Und was sagt Siegmund?“ „Was der Wiener sagen würde, weiß ich nicht. Aber der Westfale sagt folgendes: Lassen wir jetzt mal seine Religion und seine Herkunft außen vor. Seine Geschwister haben alle Abi und studiert. Sein Bruder könnte Kirchenkarriere machen, seine Schwestern sind erfolgreich und verheiratet mit Kindern. Was hat er? Gerade mal die Mittlere Reife und eine Lehre als Koch!“ „Aber immerhin als Bester seines Jahrgangs!“ „Gut, aber was macht er mit der größten Chance seines Lebens?“ „Du meinst München?“ „Genau! Du hast hier Schwierigkeiten und er kommt! So einfach über Nacht! Hast du dich mal nach seinen Gründen gefragt?“ „Er meinte, er hätte sich nicht so wohl gefühlt. So alleine in München.“ „Du Dummerchen! Das hast du ihm geglaubt?“ „Ja, …“ „Quatsch mit Soße! Er liebt dich. Er hat aus Liebe zu dir darauf verzichtet. Er fand die Trennung unerträglich.“ „Oups!“ „Genau das richtige Wort! Und was hat er hier vorgefunden?“ „Na mich!“ „Gut, und wen noch?“ „Du meinst, …“ „Ja, ich meine deinen Vater! Der scheint ja nicht gerade auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung herumzulaufen.“ „Wie kommst du darauf?“ „Nun, ich hab Augen im Kopf und kann logisch denken.“ Mein Gegenüber stutzte.
„Noch eine?“ „Gerne!“ Ich nahm mir noch eine Zigarette. Ich sollte wirklich weniger rauchen! „Ich hab Anstecker am Revers deines Vaters gesehen. Ich brauchte eine Weile, aber nun weiß ich, wo ich schon mal gesehen habe! Das war das interne Parteiabzeichen der Reps in Gold!“ „Äh? Woher weißt du?“ „Jost. Ich hatte mal eine kleine Affäre mit dem Sohn des Kreisvorsitzenden der Braunen in Steinfurt. Daher! Aber das ist ne andere Geschichte, die hier und jetzt nicht hingehört!“ „Also?“ „Nun, ich zähle eins und eins zusammen! Die Abneigung deines Vaters gegenüber Ausländern, Erkan Erich zu nennen? Was soll das! Und dann dein Ausspruch von gestern: Dein Schwulsein wäre OK, aber Erkan als Freund?“ „Du meinst also, es liegt an mir und meiner Familie?“ „Wenn du so willst. Ja! Aber eigentlich …“ Ich stand auf und ging ein paar Schritte.
„Jost, der Punkt ist der….“ „Ja?“ „Ne, lass mich es mal anders formulieren. Liebst du Erkan?“ „Ja! Eindeutig. Ohne ihn könnte ich mir ein Leben nicht mehr vorstellen!“ „Hast du ihm das einmal gesagt?“ „Nicht direkt!“ „Warum nicht?“ „Weiß ich eigentlich auch nicht, ich dachte eigentlich, …“ „Was?“ „Ach, ich weiß auch nicht!“ „Jost, der Punkt ist der, Erkan wartet verzweifelt auf ein Zeichen!“ „Auf ein Zeichen?“ „Ja, ich möchte es mal so ausdrücken. Er wartet auf ein äußerliches Zeichen der inneren Verbundenheit!“ Ich warf die Zigarette in die Nacht.
„Marius, nun kläre mich mal auf!“ „Ach Jost! Du liebst Erkan und Erkan liebt dich!“ „Ja, das kann man sagen!“ „Gut, das hätten wir geklärt. Aber dein Erkan ist von Zweifeln geplagt!“ „Inwiefern?“ „Du zeigst es ihm nicht!“ „Wie?“ „Na ja, Er kommt hierher, um dir zu helfen.“ „Das hatten wir schon!“ „Gut, aber für dich!“ „Wie?“ „Jost! War es für dich klar, den Anker eines Tages zu übernehmen?“ „Eindeutig JA.“ „Gut. Aber Erkan hat den Eindruck, und unter uns gesagt, kann ich ihn da in seiner Ansicht nach verstehen! Erkan hat den Eindruck, es ist DEIN Plan, nicht euer Plan, und das ist der Punkt, der ihn zur Verzweifelung bringt.“
„Du meinst, ich sollte ihm zeigen, dass er mir wichtig ist.“ „Ja, und wenn Du mich ganz persönlich fragst, solltest du noch einen Schritt weitergehen.“ „Wie weit?“ „Jost, Geschwister hast du nicht, oder?“ „Nein.“ „Also, der Anker wird dir erhalten bleiben, egal .was passieren wird.“ „Worauf willst du hinaus?“ „Wieso bist du damals nach deiner Lehre zurück? Nichts gegen Emden, aber das ist doch Provinz hier. Du wolltest doch auch nach München?“ „Na, meine Mutter hatte Brustkrebs und fiel aus und mein Vater machte ja in Politik. Da musste ich einfach.“ „Kann ich verstehen. Wie geht es ihr heute?“ „Besser. Aber die ist froh, weniger mit meinem Vater zusammen zu sein. Sie mag seine Ansichten nicht so besonders. Ich hab aus Versehen mal einen ihrer Arztbriefe gelesen.“ „Und?“ „Du kannst lachen. Der Tumor war gutartig, also kein großer Grund zur Aufregung. Aber sie nutzt das immer noch zu ihren Rückzügen. Ich war ja froh, nach vier Wochen mal einen Samstag frei zu haben.“ „Und den verbringst du ausgerechnet mit uns!“ Ich lachte, er fiel ein. „Bin halt masochistisch veranlagt!“
Er hielt mir erneut die Packung hin, ich griff zu. „Wusstest du, dass dein Erkan mal mit dem Gedanken an Selbstmord spielte?“ Er starrte mich an. „Bitte?“ „Ja. Ich hatte jedenfalls den Eindruck. Er ist wirklich verzweifelt!“ Ich nahm ihm das Feuerzeug ab und steckte mir die Kippe an.
„Aber warum?“ „Na, ich denke mal, er sah keinen anderen Ausweg! Wie ein Kurzschluss klang mir das nicht“ „Aber warum nur? Ich bin doch für ihn da!“ „Jost, er hat zwar dich, aber wen hat er sonst? Auf seine Familie kann er nicht hoffen und du warst ja auch nicht immer da! Jedenfalls nicht in dem Maße, dass er für sich selbst, für sein eigenes Seelenheil brauchte.“ „Aber …“ „Nichts aber. Jetzt kommt seine Erziehung, sein Werdegang, hinzu – zwangsläufig! Er kann nicht aus seiner Haut. Er ist in seinen Augen ein Verlierer und …“ „Nein, er ist kein Verlierer!“ „Dann zeig ihm das!“ „Marius! Wie soll ich ihm das denn zeigen?“
Ich setze mich wieder neben den Emder. „Das ist ja die Frage, die mir die ganze Zeit im Kopf herumspukt. Aber eine Lösung habe ich noch nicht gefunden, jedenfalls keine so einfache, wie die für Erkans Problem mit seiner Hochzeit.“ „Das nennst du einfach?“ „Ja!“ „Dann möchte ich nicht wissen, wie bei dir eine schwere Lösung aussieht! Aber Spaß beiseite. Irgendwelche Ansätze?“ „Keine, die dir auf Anhieb gefallen dürften!“ „Du, wer sagte heute morgen eigentlich, dass man die Vorschläge erst kennen muss, ehe man positiv oder negativ beantwortet?“ Ich grinste.
„Flöt!“ „Also!“ „Na ja, es hängt alles in allem von dir ab, lieber Jost.“ „Inwiefern?“ „Du hast keine Geschwister?“ „Nein, wieso fragst du?“ „Betrachtest du den Anker als deine Lebensaufgabe?“ „Lebensaufgabe? So weit würde ich nicht gehen, aber …“ „Aber was?“ „Ich bin der einzige Erbe, quasi Familientradition. Schließlich gehört uns der Anker seit über achtzig Jahren.“ „Also kam nichts anderes für dich in Frage?“ „Marius! Woher soll ich das wissen? Ich hatte mich ja auch in München beworben, und wenn das damals nicht mit meinen Eltern gewesen wäre, wer weiß, wo ich jetzt sein würde?“ „Du oder ihr?“ „Erkan und ich! Ich hätte damals auch nach Berlin gehen können, hatte sogar eine Stelle in Wien und ein Angebot aus Venedig. Aber mein kleiner Türke mag Berlin nicht und im Ausland hätte es sicherlich Schwierigkeiten mit der Aufenthaltsgenehmigung gegeben, also blieb München über.“ „Das ist ja schon mal was!“ „Was?“
Ich grinste über alle beiden Backen, wenn jetzt gleich noch die richtige Antwort kam, dann konnte man den Sekt aufmachen. „Kann ich das so zusammenfassen, dass du, wenn es eine entsprechende Möglichkeit geben würde, dass ihr beiden zusammen an einem Ort, in einem Beherbergungsbetrieb, arbeiten, leben und lieben und so weiter?“ „Äh. Jetzt mal langsam! Ich bin vom Land!“ „Also, ganz langsam zum Mitschreiben: Würdest du zusammen mit Erkan von hier weggehen und irgendwo zusammen neu anfangen wollen?“
Er starrte mich an. Ganz langsam und fast unbeholfen kam ein „Ja!“ an mein Ohr. Ich brauchte einen Moment, um das Gehörte zu verarbeiten. „Super! Annuntio vobis gaudium magnum, habemus papam!“ „Äh? Was?“ „Ich verkünde euch große Freude, wir haben einen Papst!“ „Äh?“ „Um es anders zu sagen, wir haben des Rätsels Lösung gefunden!“ „Das erklär mir mal!“ „Ganz einfach. Ich hab heute nicht nur mit meinen Freunden telefoniert, sondern auch noch mit meinem Schwiegervater.“ „Ja und?“ „Na, ich habe Heiner gefragt, ob er eine Stelle für Erkan wüsste, falls er von hier weg …“ Ich musste jetzt auf der Hut sein. „Äh? Du wolltest, dass Erkan geht?“ „Nein! Es war nur, um ihn nicht ins bodenlose fallen zu lassen. Aber weißt du, was Heiner mir noch sagte?“ „Nein, woher!“ „Stimmt auch wieder. Also, er meinte, er und sein Günther wollten kürzer treten und suchten eigentlich ein Paar. Einen Koch und einen Assistenten.“ „Du meinst, für ihre Jugendherberge?“ „Nein, keine gewöhnliche Jugendherberge, sondern das größte Jugendhotel in Franken mit Sauna, Solarium, Schwimmbad, Tennisplätzen, Konferenzräumen und.. und… und. OK! Es ist zwar nicht das Vierjahreszeiten oder das Adlon, aber immerhin etwas, wo ihr beide anfangen könnt. Gemeinsam eine Zukunft aufbauen. Und bei den Chefs dürfte euer Liebesleben auch kein Problem sein.“ Ich grinste.
„Mit dem Gedanken könnte ich mich anfreunden. Was sagt Erkan? Weiß er das schon?“ „Kann ich nicht sagen. Ich habe mit ihm noch nicht gesprochen, jedenfalls noch nicht über die Möglichkeit, dass ihr zusammen …“ „Äh?“ Ich klärte ihn kurz über das Jobangebot des Kurhotels auf. Den weiteren Rückweg verbrachten wir schweigend.
An der Tür angekommen zog Jost mich am Ärmel. „Marius, sag bitte noch nichts. Ich muss erst eine Nacht darüber nachdenken. Es ist alles etwas viel auf einmal. Versprichst du mir das?“ „Natürlich. Nicht einfach, von jetzt auf gleich sein ganzes Leben umzukrempeln.“ Er öffnete die Haustür und blieb aber zögernd im Eingang stehen. „Ich kann nicht!“ Eine gewisse Resignation lag in seiner Stimme. „Was?“ „Jetzt wieder da rein. Ich will allein sein und nachdenken. Ich brauche einfach Zeit!“ Ich nickte stumm. „Was soll ich Erkan sagen?“ „Sag ihm, meine Mutter hätte angerufen und ich müsste noch in den Anker. Ich werde mich dann gleich bei ihm melden.“ „Versprochen?“ „Versprochen!“ Er ließ mich in der Tür stehen und ging in Richtung seines Wagens.
Ich wartete noch, bis er in selbigem saß und den Motor startete und machte mich dann auf zu Erkans Wohnung. Ich kam mir vor wie der arme Heinrich auf seinem Gang nach Canossa.
Ich kramte in meiner Hosentasche, fand aber keinen Schlüssel, also klingelte ich. Flo öffnete. „Schatz, das hat ja gedauert.“ Ich umarmte ihn und drückte ihn am mich. „Ich bin etwas durchgefroren.“ „Merke ich. Erkan ist noch in der Dusche. Wo ist …!“ Ich legte meinen Zeigefinger auf seinen Mund.
Ich zog die Jacke auf und hängte sie an die Garderobe. Im Wohnzimmer setzte ich mich wieder auf den Schreibtischstuhl und starrte ins Leere. Flo umfasste meine Schultern von hinten. „Was ist passiert? Fehlschlag?“ „Kann ich noch nicht sagen, Schatz. Jost will allein sein und nachdenken. Er scheint auf dem richtigen Weg zu sein, aber er muss die Entscheidung von sich aus treffen.“
Flo nickte verständnisvoll und setzte sich auf meinen Schoß. „Ach, mein Großer, was haben wir nur gemacht?“ „Gute Frage! Ich weiß es nicht!“ Ich schüttelte den Kopf, meine Hand wanderte sein Bein entlang und blieb auf seinem Schritt liegen. Ich fühlte sein drittes Bein. Meine Finger wanderten weiter in Richtung Hosenbund und begehrten Einlass, schließlich umfasste den nicht so kleinen „Kleinen Flo“.
„Wo hast du Jost gelassen?“ Erkan war mittlerweile im Bademantel aus dem Bad gekommen und starrte wohl schon eine zeitlang uns, besser meine Hand bzw. deren Ruheort, an. Ich blickte ihn an. „Äh, seine Mutter hat angerufen. Er musste noch mal in den Anker. Er will sich aber gleich melden, wie lange es dauert.“ „Das braucht der nicht! Ich werde jetzt da anrufen. Die sollen ja erfahren, dass sie ab nächsten Ersten einen neuen Koch brauchen. Ich geh nach Franken.“ Er kramte auf dem Sofa nach seinem Telefon. „Nein, Erkan, dass dürfte jetzt schwer werden. Da scheint viel zuviel Stress zu sein im Moment.“ „Er und der verfluchte Anker. Wenn er Stress will, kann er ihn haben!“ Er ging auf uns zu und baute sich vor unseren Gesichtern auf. „Es wird endlich Zeit, dass ich für mich meine Entscheidungen treffe!“ Er öffnete den Gürtel und entblößte sein nicht mehr ganz schlaffes Teil. Flo, wahrscheinlich ob des Spiels meiner Hände, griff es sich und fing an, den kleinen Türken zu blasen. Ich wollte es eigentlich nicht, denn nach einem Dreier war mir in der Situation wirklich nicht zumute, aber: halb zog sie ihn, halb sank er nieder. Mein Mund folgte dem meines Gatten und ich hatte plötzlich Erkans Eier im Mund.
Ein Telefon störte das Blaskonzert. „Das wird Jost sein!“ „Von mir aus, der AB kann ja rangehen.“ „Erkan, sprich wenigstens mit ihm.“ „Gut, aber ihr bewegt euch keinen Zentimeter!“ Flo nickte. „Keine Angst, wir bleiben hier.“ Er grinste mich an.
„Charagüzel!“ – „Jost, was ist?“ – „Ach!“ – „Gut, dann musst du da wohl durch.“ – „Ja, ich werde unseren Besuch von dir grüßen.“ – „Dann sehen wir uns also zum Frühstück!“ – „Dann bis um elf. Ach, und sag deiner Mutter, ich komme morgen zwei Stunden später. Ich muss mich ja um unsere Westfalen kümmern.“ – „OK, dann soll Heiko gleich die Mittagsschicht mit übernehmen und ich mach dann morgen ab fünf für ihn.“ – „OK, ja, dann bis morgen!“
Er legte auf, steckte den Schlüssel in die Tür und drehte halb um. „So, jetzt sind wir ganz ungestört, keine Überraschung mehr möglich.“ Auf dem Weg zu uns entledigte er sich seines Bademantels und grinste uns an. „Ich glaube, du solltest besser mal die Jalousien runterlassen, bevor wir weitermachen.“ Flo wieder!
Erkan tat wie ihm geheißen. Flo erhob sich und da meine Hand immer noch an seinem Schanz fest verwurzelt war, rutsche seine Jogginghose runter. „Na, die brauch ich ja wohl jetzt nicht mehr.“ Mit einem Ruck war sie unten und er strampelte sich aus dem Stück Baumwolle, wobei er gleich die Socken mitnahm, denn meine kleine Eisprinzessin mag alles, aber keine Intimitäten mit Socken.
Erkan trat an ihn heran und half ihm, sich seines Shirts zu entledigen. Ich sah die beiden Nackten und konnte mich eines Lächelns nicht erwähren. Mittlerweile war auch ich so erhitzt, dass ich mir keine großen Sorgen um das Morgen machte, ich war einfach nur noch geil.
„Marius. Ist es dir nicht unbequem in der Hose?“ „Doch, etwas!“ „Dann runter damit.“ „Ach ne, dazu bin ich viel zu faul.“ Flo grinste mich an. „Immer diese Paschas! Na warte!“ Er beugte sich zu mir herunter und öffnete Gürtel und Hose. Ich rutschte auf dem Schreibtischstuhl nach vorne und streckte ihm mein Becken entgegen. In diesem Moment kam es von dem kleinen Koch. „Nicht bewegen, Flo!“ „Was?“ Erkan ging erst in die Küche und dann zum Tisch und stellte dann den Teller mit den gefüllten Feigen und eine Tube Honig neben meine Eisprinzessin. „Darf ich?“ „Alles, was du willst. Aber ich helfe dem Kerl erst mal aus seinen Kleidern.“ Mein Kleiner zog mir erst die Hose samt Boxer aus, danach die Socken und dann folgten Pullover und Shirt. Erkan trat hinter ihn und kniete sich hin. Er nahm die Tube mit Honig und drückte etwas von dem Bienenprodukt auf die Fingerspitzen seiner rechten Hand. „So, und nun zeige ich euch mal eine ganz besondere Art, Feigen zu essen. Kommt aus dem Serail.“ Er grinste, spreizte die Backen meines Kleinen mit seiner linken Hand auseinander, rieb dann das Loch mit Honig ein und angelte sich vom Teller eine der köstlich zubereiteten Scheinfrüchte und drückte sie in die beschmierte Öffnung. „So, es ist angerichtet!“ Ich lachte. „Das will ich sehen!“ Ich krabbelte unter Flo hindurch, der sich auf die Lehnen des Schreibtischstuhls stützte und uns seinen Allerwertesten präsentierte.
„Sieht echt nett aus.“ Ich beugte mich zu ihm und biss ein Stück ab. „Willst du auch mal?“ Ich brauchte den kleinen Türken nicht großartig aufzufordern, er nahm sich gleich ein großes Stück, nur noch wenige Millimeter ragten heraus. Ich machte mich an den Rest. Der Geschmack der Dattel und des Honigs waren herrlich, die ich da aufsaugte und ableckte. Flo grunzte zufrieden, wie da meine Zunge um ihn spielte.
„Wow! Die Art zu essen, lass ich mir gefallen. Ich kenne zwar schon Sahne, Marmelade und Nuss-Nougat-Creme vom Schwanz zu lutschen, aber das war wirklich geil. WOW.“ Er schüttelte sich. „Aber Schatz, mach mir jetzt keine Dummheiten. Ich geh jetzt mal eben kurz unter die Dusche.“ Ich blickte Flo an und nickte nur, während er in Richtung Bad verschwand.
Erkan schaute mich an. „Während Flo wahrscheinlich das macht, was ich gerade gemacht habe, kann ich dir ja auch die Erweiterung zeigen!“ Er grinste wie ein Honigkuchenpferd. Er nahm die Utensilien und verlagerte uns in Richtung Ottomane. Mit seinem Bauch legte er sich auf die Sitzfläche und reckte mir sein Hinterteil entgegen. „Den Honig!“ Ich tat, wie mir geheißen und schmierte sein Hintern mit dem dünnflüssigen Zeug ein. Vorsichtig drückte ich die Feige in das Loch. Ein insgesamt herrlicher Anblick.
„Warte eben, ich will den Teppich nicht dreckig machen. Ich wasch mir mal eben kurz die Finger, die kleben.“ Ich erhob mich und ging in die Küche. Nachdem ich mit sauberen Fingern meine Ausgangsposition wieder erreicht hatte, war ich etwas verdutzt, ich sah alles, aber keine Frucht des Ficus Carica mehr. „Äh! Wo ..“ „Rate mal!“ Ich musste lachen. „Ferkel! Mit Essen spielt man nicht!“ „Tut mir leid, Feigen werden schon seit der Antike häufig gegen Verstopfung verabreicht! Also ist das kein Essen, sondern eher Medizin, oder?“ „Ja, aber kann man eine Verstopfung auch rektal bekämpfen?“ „Weiß ich nicht, aber so geht’s auch.“ „Na dann wird ich mal.“ Ich kniete mich zwischen seine Beine und fing an zu lecken und zu saugen. Es dauerte einige Zeit, aber schließlich und endlich hatte ich die Frucht zwischen meinen Zähnen.
In diesem Moment kam Flo aus dem Bad. „Was macht ihr denn da?“ „Gefüllte Feigen a la Erkan. Schatz, musst du unbedingt kosten.“ „Na, probieren geht über studieren.“ Mein Schatz kniete sich neben mich. Ich wiederholte die Prozedur, drückte aber diesmal die Dattel gleich ganz hinein. „So, nun mal guten Appetit.“ Ich erhob mich und überließ die beiden ihrem Treiben. Ich ging erst mal ins Bad und wusch mir die verklebten Hände, danach führten mich meine Schritte erst mal in Richtung unserer Reisetasche, um die Nahkampfsocken und das Gleitgel zu holen. Aus dem geöffneten Schrank entnahm ich noch zwei Badetücher. Ich konnte mir spielend leicht ausrechnen, was als nächstes folgen würde.
Die Schilderungen, wer jetzt wen und wie, möchte ich mir ersparen, denn dafür gibt es sicherlich andere Seiten im Netz und, werter Leser, etwas soll ja auch Deine Phantasie angeregt werden, aber soviel kann ich sagen, Flo und ich verdanken Erkan unseren ersten (und bisher einzigen) Doppeldecker (oder wie immer das auch heißt J )!
Ermattet saßen wir alle nebeneinander auf dem Badelaken vor der Ottomane und rauchten die berühmte Zigarette danach. Es war mittlerweile eins durch.
„Ich hoffe, ihr kommt mich in Franken besuchen, wenn ich da arbeite und wir wiederholen das.“ „Aber klar, du kleiner Türke. Da Jugendhotel, das mein Vater mit seinem Freund führt, ist ja keine drei Kilometer entfernt. Und Paps besuche ich mindestens alle zwei Monate!“ „Ich freu mich schon!“ Erkan wirkte glücklich und zufrieden.
„Wir uns auch, Erkan, aber die Frage ist, ob wir Dich oder Euch besuchen!“ „Äh, Marius, wie meinst du das denn jetzt.“ „Nun, ganz einfach, aber … Wo ist der Aschenbecher?“ „Hier!“ Flo reichte ihn mir. Ich drückte die Kippe aus, erhob mich und ging in die Küche. „Erkan, wo steht der Raki?“ „Warte!“ Er folgte mir und schenkte drei Gläser voll ein. „Was ist los? Nun mache es nicht so spannend. Was meinst du?“ „Sofort, setzen wir uns wieder.“
Flo blickte mich an. Ich pflanzte mich neben ihm und legte meinen Arm um seine Schultern. Erkan zu meiner Linken. „Also. Ich habe ja heute einige Telefonate geführt. Soweit so gut. Meine Eisprinzessin wird dir sicherlich von der Stelle in dem Kurhotel erzählt haben.“ „Ja, darüber haben wir gesprochen und …“ „Du wirst sie annehmen!“ „Woher weißt du?“ „Flo sprach mich mit Schatz an, als ich reinkam!“ „Äh?“ Flo klärte ihn kurz über unseren Verständigungscode auf.
„Gut, aber trotzdem verstehe ich immer noch nicht, wieso ihr uns besuchen wollt!“ „Erkan, ganz einfach. Ich hab meinem Schatz über die Stelle in dem Kurhotel erzählt, aber von der anderen Sache weiß er auch noch nichts.“ „Was hast du wieder angestellt, Marius-Friedrich?“ „Nichts Schatz, ich bin unschuldig wie der Engel Gabriel, als er der Jungfrau Maria die Geburt des Erlösers prophezeite.“ Ich griff nach den Zigaretten. „Bei dem Telefonat mit deinem Vater erfuhr ich von Heiner, dass er selbst erst in zwei Monaten einen Koch gebrauchen könnte, denn ab da an wäre seine Hauswirtschafterin in Mutterschutz. Sie suchen aber eher ein Paar, das sie unterstützen könnte, da nach Günthers Herzinfarkt beide etwas kürzer treten wollen.“ „Stimmt, so was hatte er mal erwähnt.“ „Na ja, und die SMS, die Heiner mir heute Abend geschickt hat, sagt, dass sie auch euch zwei nehmen würden. Das ist alles!“
Ich trank mein Glas aus und griff nach der Flasche Rotwein. Sie war leer. Ich erhob mich erneut und ging in die Küche, diesmal war es einfach, der Chilene stand auf dem Küchentisch. Ich entkorkte und ging zu den beiden, die sich aneinander gekuschelt hatten, zurück.
„Noch jemand?“ Da die beiden mit dem Kopf schüttelten, goss ich mir nur selbst ein Glas ein. Ich setzte mich im Schneidersitz vor die beiden.
„Du wusstest also, dass es für Jost und mich eine Chance geben würde?“ „Ja!“ „Wusste Jost von der Möglichkeit?“ Ich überlegte kurz, ob ich der Bitte des Ostfriesen folgen und meinen Mund halten sollte, aber ich entschied mich schlussendlich doch für totale Offenheit gegenüber unserem lieb gewonnenen Gastgeber. „Schuldig im Sinne der Anklage!“ „Und da lässt du mich mit euch?“ „Ja!“
Er trank sein Glas Raki in einem Zug.
„Erkan, dass wir uns richtig verstehen. Den Entschluss, hier Schicht im Schacht zu machen, den hast du alleine getroffen.“ „Stimmt. Nachdem ich mit Flo gesprochen habe und nach dem Nachmittag. Hast ja recht!“ „Und den Auslöser zum Dreier haben wir ja nicht gegeben, oder?“ „Nein, auch wieder wahr, aber als ich euch beiden da so gesehen habe, da konnte ich einfach nicht mehr. Der Anblick war zuviel für mich! Ich war so geil…“ Flo grinste. „Erkan, aber du hättest das Spiel ja nach dem Telefonat beenden können. Mein Großer hat dich ja mehr oder minder zum Telefon prügeln müssen.“ Der Koch blickte verlegen.
„Was soll ich sagen? Entweder mache ich das alleine oder zusammen mit Jost. Meine Entscheidung steht! Auch wenn ich es begrüßen würde, er würde mit mir kommen, aber ich will nur eins, weg von hier! Zwar am liebsten mit ihm, aber wenn nicht anders, dann auch ohne ihn. Ich will mein Leben hier nicht verplempern.“ „Nun, Melek, bist du mir böse? Flo wusste ja nichts davon. Er ist unschuldig. Der Böse sitzt dir gegenüber!“ Anstelle einer Antwort beugte er sich vor, küsste mich leidenschaftlich und sein Mund wanderte dann abwärts.
„Stopp!“ Der brusthaarlose Osmane blickte mich an. „Was ist?“ „Nichts! Nur vor einer zweiten Runde müsste ich mal für Königstiger.“ Ich erhob mich und machte mich auf in Richtung Bad. Die beiden schauten sich an, grinsten und folgten mir nach.
Es ging auf drei Uhr zu, als wir mit geputzten Zähnen den weißgekachelten Sanitärbereich der Wohnung wieder verließen. Wir räumten noch kurz auf, rauchten noch eine und verschwanden dann im Schlafzimmer, wo wir uns dem Schlaf der Gerechten hingaben.
Irgendwann wurde mir kalt im Rücken. Schlaftrunken blickte ich auf den Wecker. Kurz nach neun. Ich tastete mit meiner rechten Hand nach hinten, wo der kleine Osmane geschlafen hat, aber da war keiner mehr. Ich umfasste wieder meinen Flo und schlief sofort wieder ein.
Gegen zehn wurde uns dann die Bettdecke weggezogen. „Aufstehen, ihr zwei Hübschen!“ Wie kann ein Mensch nur so fröhlich sein am frühen morgen? „Äh?“ „Raus mit euch. In einer Stunde gibt es Frühstück, jedenfalls wollte Jost da kommen. Und wir sollten noch die Spuren der Nacht beseitigen, wenn ihr versteht.“ Flo war mittlerweile ebenfalls aus den Federn und anscheinend schon putzmunter. „Aufstehen!“ „Lass mich schlafen!“ „Weniger trinken, mein Engel! Raus aus den Federn!“ Ich blickte in vier Augen. Nein, ich sah nicht doppelt, aber meine Eisprinzessin und der Koch hatten sich anscheinend verbündet, mich aus dem Bett zu kriegen. Ihre Köpfe waren dicht beieinander. Flo wollte schon anfangen, mich zu kitzeln, etwas, das ich morgens überhaupt nicht abkann. „OK, Waffenstillstand. Gib mir ne Tasse Kaffee um die Lebensgeister zu wecken und ich steh auf. Freiwillig!“ „Darauf kann ich mich einlassen.“ Der Hausherr verschwand aus dem Schlafgemach und brachte mir das Gewünschte, es duftete nach gerösteten Bohnen.
Ich trank zwei Schlucke und stand senkrecht im Bett. Erkan brachte mir einen Pott türkischen Mokka! Der Tag konnte ja heiter werden.

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