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Information Joaquim
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:40 AM - No Replies

Kennen Sie Liebonia?
Nicht? Schade!
Dort wohnt Joaquim! Er ist ein lieber Junge.
Aber lassen Sie mich Ihnen die Geschichte erzählen und hören Sie mir zu!
Es war einmal,
Irgendwo in Afrika gab es ein sehr kleines Land namens Liebonien.
In Afrika scheint die Sonne oft, eigentlich immer, weshalb die Natur diesen Menschen eine dunkle Hautfarbe gegeben hat.
Sie bekommen keinen Sonnenbrand, schwitzen weniger und müssen vor allem nicht in der Sonne liegen, um braun zu werden!
Bis auf ein paar Weißbrote, aber Neger sind es ja auch nicht!
Und so ist es auch in Liebonia. Fast alle sind schwarz.
Außerdem haben sie, was viele andere nicht haben: einen König und eine Königin! Und drei Prinzen!
Doch konzentrieren wir uns auf den jüngsten der drei Prinzen: Joaquim! Oder einfach nur Joa!
Er ist jetzt 15. Aber in ein paar Tagen wird er 16. Das ist sein Geburtstag!
Und Joa hat auch einen Wunsch! Einen besonderen Wunsch!
Zu seinem Geburtstag wünscht er sich endlich einen Jungen ganz für sich allein! Jemanden, den er mögen kann und darf!
Jemand, der ihn auch liebt!
*
Ach ja.
Ich habe etwas vergessen! Du siehst also, dein Erzähler ist auch nicht mehr der Jüngste!
Also, Liebonia! Liebonia ist ein kleines Königreich. Mit liebenswerten Menschen. Deshalb heißt es Liebonia!
Es ist auch ein reiches Land aufgrund seiner Edelsteinvorkommen. Die Menschen sind aufgeschlossen und offen für Fortschritt. Im Gegenteil!
Ihre Wirtschaft funktioniert auf hohem technischen Niveau. Und auch privat verfügen die Einwohner über alle erdenklichen technischen Spielereien!
*
Das Königspaar residiert natürlich in einem großen Palast auf einem Hügel, an dessen Fuß die friedliche Stadt Loos liegt.
Viele der Palastbediensteten wohnen ebenfalls in Loos. Die Häuser und Wohnungen, in denen sie leben, gehören den Bewohnern selbst. Und in der Regel wird das Haus oder die Wohnung von Generation zu Generation weitergegeben.
Doch es gibt noch ein weiteres, kleines, extravagantes Viertel in Loos. Mit Hochhäusern mit maximal 15 Stockwerken.
In diesen Hochhäusern leben die Neuankömmlinge. Überwiegend Weiße. Europäer, Asiaten, Amerikaner. Und verschiedene andere Nationalitäten.
Da die Liebonier stets das Gute im Menschen suchen und sehen, versuchen sie natürlich auch, die Hochhausbewohner in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Leider gelingt den Lieboniern dies nur gelegentlich!
In dieser Hinsicht ähneln sie anderen Nationen, die Einwanderer in ihre Gemeinschaft integrieren möchten.
Die Einwanderer weigern sich!
*
Und noch etwas gibt es in Loos. Einen öffentlichen Markt. Dreimal die Woche. Immer an den gleichen Tagen.
Joa wollte einmal offiziell zum Markt. Und damals kam er nicht einmal in die Nähe des Marktes! Denn die Menschen, die ihren jüngsten Prinzen besonders lieben, ließen ihn vor lauter Jubel nicht durch.
Aber Joa liebt diesen Markt! Er geht sogar einmal pro Woche dorthin! Allerdings jetzt inkognito! Aus der Not heraus! Und jetzt kommt er immer dorthin.
Aber nur mit Hilfe seines persönlichen Leibwächters. Sein Name ist Sepi.
Die beiden verkleiden sich immer. Es macht ihnen Spaß. Und keiner erkennt sie!
Darüber hinaus hat Joa eine Vereinbarung mit Sepi: Er muss Joa wie einen seiner Kumpel behandeln, ihn duzen und darf unter keinen Umständen Ehrerbietung zeigen. Tut er das, hat Joa das Recht, Sepi zu bestrafen!
Und im Gegenzug übernimmt Joa immer sämtliche Kosten des Marktbesuchs.
***
Joa ist wieder einmal mit Sepi verkleidet auf dem Markt. Den Siegelring mit dem Wappen seines Heimatlandes hat er natürlich im Palast gelassen. Und Joa hat ein Tuch über das Tattoo auf seinem Arm gebunden. Und mit seiner Baseballkappe sieht er jetzt genauso aus wie hundert andere Jungen in seinem Alter. Und außerdem würde ihm in dieser Verkleidung niemand freiwillig zu nahe kommen!
Joa hat die Tiershows immer besonders genossen. Auch die Jongleure und Clowns haben es ihm angetan.
„Sollen wir zurück zum Stand mit dem gefüllten Pitabrot gehen, Sepi? Oder möchtest du lieber etwas Süßes?“
Mit diesen Worten wendet sich Joa provokant an Sepi, dessen Magen bereits verdächtig laut knurrt. So laut sogar, dass Joa es nicht länger ignorieren kann.
„Wir kommen sowieso am Süßigkeitenstand vorbei. Ich hole mir gleich eine gefüllte Waffel und nehme mir dann noch eine Tüte Hohlwaffeln mit, meine Joa.“
Ein böser Blick trifft Sepi! Und ihm wird schon ganz schön heiß?! Jetzt ist es mal wieder Zeit für ein Geschenk! Joa wird ihn bestimmt wieder beschenken!
Und er wird wieder mit knallrotem Kopf herumlaufen! Aber darüber wird sich seine Frau heute Abend freuen! Sepi ist nun seit zwei Jahren glücklich verheiratet!
Und er und seine geliebte Frau haben einen einjährigen Sohn. Und er wurde fast genau neun Monate nach einem Marktbesuch mit Joa geboren!
Doch Joa ließ sich das nicht nehmen und bestand sogar darauf, Pate werden zu dürfen! Sepi und sein ganzer Clan wurden dadurch geadelt. Sein Ansehen stieg enorm. Deshalb ist er nun Joas persönlicher Leibwächter.
Nun steht wieder eine Strafe an, wie vor etwa einem Jahr. Und? Sepi hat morgen frei! Weil? Er ist dann noch so schwach!
Und Joa fängt schon an zu lächeln! Seine Provokation hat funktioniert! Übermorgen lässt er sich von Sepi alles erzählen, was heute zu Hause passiert ist!
Doch zunächst möchte Joa sein gefülltes Fladenbrot. Und dann machen sie sich auf den Weg zu einer besonderen kleinen Boutique.
***
Auch Sepi kennt diese kleine Boutique. Schließlich war er schon einmal hier! Denn dort werden auch besondere Dessous angefertigt! Sofort. Und jeder Wunsch wird erfüllt. Sofern er erfüllbar ist!
Doch Joas Wünsche sind immer erfüllbar! Der Inhaber und Schneidermeister der Boutique ist ein wahrer Meister seines Fachs.
Und Joa grinst schon verschmitzt. Sepi wird langsam mulmig!
Es wäre nicht so schlimm, wenn Sepi nicht so gut ausgestattet wäre! Und wenn Joa nicht so spezielle Wünsche hätte! Und vor allem? Wenn er nicht durch die halbe Stadt laufen müsste!
Die nächste Stunde wird für Sepi zur Qual. Dafür wird der Abend dadurch besonders schön!
Und wenn er ganz ehrlich ist, liebt er Joa auch für diese Strafe!
*
Der Meister erkennt den Prinzen trotz seiner Verkleidung. Und er weiß auch noch, dass er schon etwas für Joa gemacht hat. Und er weiß auch noch, was es war. Und so fragt er Joa schon:
„Soll es wieder für diesen jungen Herrn sein? Und noch eine kurze Hose?“
Joa ist vom Gedächtnis des Meisters beeindruckt und sagt es ihm.
„Ja. Noch eine Shorts. Dieses Mal noch aufreizender und knapper als die letzten. Auch aus glänzendem Stoff. Und dazu noch ein passendes Shirt!“ „Da du das letzte Mal so toll gemacht hast, überlasse ich dir die Farbwahl!“
Der Meister dankt ihm für das Vertrauen und bittet Sepi, in einen kleinen Raum zu kommen, wo er sofort mit dem Maßnehmen beginnt. Und dann beginnt er sofort mit dem Nähen. In nur 20 Minuten ist alles fertig.
Dann hilft der Meister Sepi beim Anziehen und bittet ihn, wieder in den Verkaufsraum zu kommen, um sich von Joa begutachten zu lassen! Und er ist mehr als begeistert!
Der Meister erinnert sich auch daran, dass er Sepi beim letzten Mal ein besonderes Getränk angeboten hat. Beeindruckend! Das Getränk beginnt bereits nach fünf Minuten zu wirken!
Da die leuchtend gelben Shorts wie eine zweite Haut sitzen, sieht man natürlich jedes Detail von dem, was darunter ist, aber ohne wirklich etwas zu sehen.
Die Verhärtung und Versteifung in Sepis Shorts lässt sich jedoch nicht mehr leugnen. Sie ist wirklich, wirklich deutlich zu sehen. Sogar jede einzelne Ader in der Versteifung ist durch die Shorts hindurch sichtbar.
Sepi ist jetzt knallrot im Gesicht.
Und auch Joa macht sich nun auf den Weg in das kleine Nebenzimmer. Dort liegen auch kleine Handtücher bereit. Joa wird nun eines davon brauchen, nämlich
*
Wenige Minuten später kommt Joa wieder aus dem Nebenzimmer. Er dankt dem Meister für diese wirklich hervorragende Arbeit!
Mittlerweile wirkt Joa allerdings wieder etwas entspannter.
Eine leuchtend gelbe Shorts mit zwei blauen Streifen auf der Vorderseite, die zum Schritt hin immer schmaler werden. Das betont den Schritt und verleiht ihm einen provokanten Look!
Sehr erregend!
Und Sepi ist immer noch voll erigiert, was sich dank des verabreichten Tranks in den nächsten Stunden auch nicht ändern wird!
Das blau glänzende Shirt ist farblich auf die Streifen der Shorts abgestimmt und schließt exakt mit dem Hosenbund ab.
*
Joa bezahlt den Meister, bedankt sich nochmals für die hervorragende Arbeit und verabschiedet sich gemeinsam mit Sepi.
Er hat nun das Vergnügen, mit seiner sichtbaren Versteifung durch die halbe Stadt nach Hause zu laufen!
Sepi zieht bewundernde, neidische, aber auch gierige, begehrliche Blicke auf sich. Ganz zu schweigen von einem großen, nassen, auffälligen Fleck auf der Vorderseite seiner gelben Shorts!
***
Am nächsten Tag kommt Sepi, um Joa in seinem Zimmer zu besuchen.
Die Beule in seiner vorschriftsmäßigen hellblauen Uniformhose ist deutlich größer als sonst! Und natürlich muss Joa Sepi wieder ärgern.
„Oh, hallo Sepi! Nett, dass du vorbeikommst. Aber irgendwie läufst du heute etwas komisch. Hast du dich verletzt?“
Man kann die Schadenfreude buchstäblich in Joas Gesicht sehen und in seinen Worten hören!
Oh, danke der Nachfrage, mein Prinz! Es war eine lange, harte Nacht!
Sepi setzt sich zu Joas Füßen. Dann erzählt Sepi ihm in allen Einzelheiten, was Joa so gerne hören möchte!
Dank Sepis Geschichte stehen Joa noch ein paar schöne Stunden bevor! Völlig erschöpft schläft Joa irgendwann in der Nacht ein.
***
Das Gespräch mit seinen Eltern, dem Königspaar, verläuft nicht ganz nach Joas Wünschen. Er will keine Geburtstagsparty! Es ist den ganzen Aufwand nicht wert! Doch jetzt bekommen seine Eltern eine Standpauke!
Joaquim! Man wird nur einmal 16! Außerdem wollen die Leute und deine Freunde mit dir feiern. Sie lieben dich alle. Außerdem haben wir eine Überraschung für dich. Und du liebst Überraschungen! Wir feiern deinen Geburtstag morgen richtig!?
Ich will einfach nur einen netten Jungen. Einen, der mich auch liebt. Und nicht nur meinen Titel! Ich will einfach endlich einen Jungen lieben dürfen! Und noch dazu einen weißblonden Jungen. Mehr will ich nicht! Verstehst du das nicht??
Seine Eltern verstehen ihn, aber? Sie können ihm nicht helfen!
*
Joa verlässt weinend den Thronsaal. Er rennt in sein Zimmer! Dort weint er und zieht dann seine alten Kleider an, die er normalerweise trägt, wenn er auf den Markt geht!
Dann macht er sich auf den Weg zum Stall. Dort steht seit einigen Tagen ein schwarzer Hengst. Joa hat dem Hengst heimlich schon einen Namen gegeben. Blacky! Weil er so schön schwarz ist. Und ein wunderschönes Pferd noch dazu! Was er, Joa, allerdings nicht weiß: Blacky ist ein Geburtstagsgeschenk seiner Eltern für ihn!
Joa weiß auch, dass um die Mittagszeit niemand im Stall ist, weil dort gerade gegessen wird. Und so ist es auch. Niemand ist da. Er geht zu Blackys Box. Spricht mit ihm. Joa erzählt ihm, was für eine Schönheit Blacky ist. Und das scheint ihm zu gefallen. Denn er kommt zu Joa und drückt sich sogar an ihn.
Joa sattelt dann Blacky. Dieser lässt sich das nicht einfach gefallen, sondern scheint sich auf den Ritt zu freuen, der jetzt eigentlich kommen müsste.
Joa führt Blacky aus seiner Box zum Stallausgang. Als er endlich draußen ist, steigt Joa auf. Er will gerade losgehen, als jemand um die Ecke biegt. Es ist ein neuer Stallbursche, der etwas gehört hat und nachsehen will, was los ist.
Plötzlich steht Blacky ein blonder Junge im Weg.
Der Junge fängt nun an zu schreien, dass ein Dieb den edlen Hengst stehlen will. Er möchte, dass ihm jemand hilft, diesen dreisten Dieb zu fangen.
Blacky erschrickt und holt mit der Vorhand aus und stößt Joa ab. Joa, der natürlich auch nicht darauf vorbereitet war, fällt rückwärts vom Pferd. Blacky springt jedoch vor Schreck noch weiter.
Und dabei trifft er Joa mit seinem zurückweichenden Körper leicht an der Brust.
*
Nun kommen die anderen Stallburschen, angelockt von den Rufen Maximilians, des neuen Stallburschen, angerannt. Auch der Stallmeister erscheint. Er sieht Joa als Erster auf dem Boden liegen. Doch wegen der schmutzigen, alten Kleidung erkennt er ihn nicht sofort.
Der Stallmeister kniet nieder und dreht den vermeintlichen Dieb um. Und er wird ganz blass, als er Joa erkennt. Bis auf Maximilian kennt jeder den Prinzen, und nun verlieren auch alle die Farbe aus dem Gesicht.
Der Stallmeister lässt sofort den Arzt rufen. Im Palast ist immer einer. Dann wendet er sich an den neuen Stallburschen.
Weißt du, wer das ist, Max?
Max schüttelt den Kopf.
„Ich dachte, jemand wollte das Pferd stehlen, und ich stellte mich ihm in den Weg. Aber ihr seid alle blass geworden. Wer ist er?“
Der Stallknecht hebt Joaschs rechten Arm hoch. Jetzt sieht man einen großen Ring an seinem Mittelfinger. Ein Siegelring. Mit dem königlichen Wappen. Das weiß sogar Max. Jetzt wird auch er ganz blass!
Es ist Joaquim! Der jüngste der Prinzen! Der Junge wird morgen 16. Es wird ein schöner Geburtstag. Mit vielen Schmerzen. Aber es wird ihm gut gehen. Nur ein blauer Fleck, oder?
Das königliche Siegel! Mein Gott! Einer der Prinzen!? Maximilians Stimme wird immer leiser. Jetzt wird ihm schlecht!
Aber ich kenne den Prinzen noch gar nicht. Ich dachte, er wäre ein Dieb. Ich wollte ihm nicht wehtun! Ich wollte ihm nicht wehtun! Bitte schlag mich nicht! Bitte bestrafe mich nicht!?
Jetzt ist Max richtig krank. Er dreht sich zur Seite und übergibt sich. Dann fängt er an zu weinen.
*
Wenigstens kommt jetzt der Arzt. Er untersucht den Jungen und lächelt dann. Bis auf einen blauen Fleck und einen ordentlichen Schrecken geht es dem Jungen gut. Ich gebe ihm eine Spritze, und dann kannst du ihn ins Bett tragen. Morgen ist er wieder wie neu!
Da Max nichts dafür kann, ist ihm niemand böse. Auch das Königspaar ist informiert. Sie sehen das genauso. Joa soll schlafen, sich ausruhen und erholen!
Max wird sogar angewiesen, sich so gut es geht sauber zu machen, seine besten Kleider anzuziehen und dann in Joas Zimmer zu kommen.
Max ist fast aus dem Häuschen, endlich wieder glänzen zu können und bricht alle Geschwindigkeitsrekorde. Im Handumdrehen ist er wieder wie neu aufgemacht. Aber Max ist wirklich sauber.
Jetzt können Sie sehen, dass Max ein wunderschöner Junge ist.
Hellblond mit leuchtend grünen Knopfaugen. Er würde gut zu Joa passen.
Hell und Dunkel. Dunkel und Hell.
Der Befehl, Max in Joas Zimmer zu lassen, kam vom Königspaar! Sie ließen Maximilian beschreiben und als sie hörten, dass er blond und gutaussehend war, beschlossen sie, Schicksal zu spielen.
Die beiden Jungs müssen zusammenkommen.
Um die restlichen Details soll sich Sepi kümmern!
Und genau das macht er jetzt!
*
Sepi wartet bereits in Joas Schlafzimmer auf Max.
Als Max Joas Zimmer betritt, wird er bereits von Sepi begutachtet. Ja, dieser Junge wäre genau der Richtige für Joa. Und er wird die beiden zusammenbringen.
Sepi erklärt Max, dass er Joas persönlicher Leibwächter ist und somit für ihr Wohlergehen verantwortlich ist. Außerdem erzählt er Max, dass Joa sich einen blonden, hübschen weißen Jungen als ihren Traumprinzen und Partner wünscht.
Und Max ist zufällig blond, gutaussehend und weiß?
*
Max ist nicht dumm und weiß jetzt, worauf Sepi hinaus will.
„Glaubst du, Sepi, dass Joa mich überhaupt will? Ich bin nichts und habe nichts. Und Joa ist so ein hübscher Junge. Ich habe mich sofort in seine braunen Augen verliebt!“
So ein schöner Junge wäre mein Traum! Seine dunkle, fast schwarze Haut erregt mich sehr! Ich würde für ihn sterben, wenn es von mir verlangt wird. Ja, ich habe mich total in diesen schönen Jungen verliebt!?
Dann sehe ich nichts, was deinem Glück im Wege steht. Allerdings ist Joa an einer Stelle sehr stattlich gebaut! Aber damit wirst du klarkommen. Ich helfe dir dabei. Denn wir gehen jetzt in die Stadt und besorgen dir neue Kleider. Ganz wie der Prinz es liebt. Und Joa wird dich bestimmt lieben!?
*
Sepi trägt wieder die gelben Shorts und das blaue Shirt.
Max fallen sowieso fast die Augen aus dem Kopf. Was er an Sepi sieht, findet er sehr erregend.
„Gibt es schon jemanden in deinem Leben, Sepi? Das ist ja eine Offenbarung, die du da mit dir herumträgst. Damit kannst du wirklich jeden glücklich machen, Sepi! Du bist wirklich gut ausgestattet! Ich würde dir auch nicht nein sagen!“
Jetzt fängt Sepi an zu lächeln.
Wir haben doppeltes Glück! Joa bekommt sein heiß ersehntes Geburtstagsgeschenk und du bekommst Joa geschenkt. Denn Joa ist noch besser ausgestattet als ich! Joa ist richtig groß! Und weil du große Geschenke magst, bekommst du ein riesiges Geschenk!
Und jetzt gehen wir in einen bestimmten Laden in der Stadt und kaufen dir neue Kleidung! Der Meister wartet übrigens schon auf uns. Also los.
Mittlerweile war es 20 Uhr. Nur noch vier Stunden bis zu Joas Geburtstag. Doch bis sie beim Schneider fertig sind und Max noch ein paar Dinge erklärt hat, sind die vier Stunden schnell vorbei!
*
Max trägt eine neue rote Shorts und ein blaues Shirt. Alles ist knapp und eng anliegend. Und auch sonst ist alles bis ins kleinste Detail erkennbar. Max ist aber auch gut ausgestattet. Da braucht niemand neidisch zu sein!
Dazu bekommt Max eine lange schwarze Glanzhose. Mit seinen blonden Haaren sieht er einfach bezaubernd aus!
Sepi bekommt zwei kleine Flaschen des Spezialgetränks des Meisters. Dann bezahlt er und verabschiedet sich von Max.
*
Wenige Minuten vor Mitternacht taucht Sepi mit Max in Joas Schlafzimmer auf. Sepi weckt Joa, fragt ihn nach seinem Befinden und gibt Joa den Spezialtrank. Max muss auch die zweite Flasche leertrinken!
Nach ein paar Minuten kann Sepi bereits sehen, wie sich Max' Hose ausbeult. Das Spezialgetränk beginnt zu wirken!
Er beugt sich über Joa und wünscht ihm eine schöne Nacht mit seinem Traumprinzen. Und morgen oder übermorgen möchte er mit Joa über heute Abend sprechen.
Auch Sepi wünscht Joa alles Gute zum Geburtstag!
***
Und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute!

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Information Black or White
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:39 AM - Replies (1)

Schwarz oder Weiß

Es schneite wieder. New York versank langsam im Schnee. Und ich saß zu Hause und versuchte, durch die Feuerleiter das Gebäude gegenüber zu sehen. Da mein Vater bei einem schweren Unfall gestorben war und meine Mutter das Haus verkaufen musste, lebten wir nun in New York.
in einem dieser Wohnblocks, in denen sich niemand kannte. Der Unfall hatte uns einfach ruiniert. Ich war allein zu Hause, weil meine Mutter noch arbeiten musste. Ich saß in meinem Zimmer und hatte gerade meine Hausaufgaben gemacht.
Wieder einmal dachte ich sehnsüchtig an zu Hause, wo alles noch in Ordnung zu sein schien. Ich dachte an meine Freunde, die ich zurücklassen musste. Es hatte keinen Sinn, jetzt darüber nachzudenken; ich war hier und musste das Beste daraus machen.
Meine Mutter musste wahrscheinlich wieder lange arbeiten. Ich ging durch die Wohnung und schaltete alle Lichter aus, bis auf die kleine Lampe in der Küche. Wieder war irgendwo im Haus ein Geräusch zu hören.
Der Streit war deutlich zu hören: Türen knallten, Kinder kreischten. Nachbarn, die sich über den Lärm ärgerten, klopften lauter als sonst an die Wände. Draußen hörte man die Feuerwehr.
Seit Beginn der Kältewelle hatten sie ihre Einsätze verstärkt. Rohrbrüche, brennende Elektroherde und so weiter. Auch im Fernsehen lief nichts. Ich zappte durch die Vielzahl der Programme. Außer vielen Gameshows und Wiederholungen diverser Filme liefen nur Werbespots.
Ich schaltete den Fernseher aus und ging zurück in mein Zimmer. Die Flamme der Kerze auf dem Fensterbrett tanzte unruhig. Das Fenster war nicht luftdicht. Trotz der Tücher, die ich davorgelegt hatte, wehte immer noch der Wind hinein.
Mir wurde übel, also legte ich mich aufs Bett. Eingekuschelt in eine Decke nahm ich mir ein Buch zur Hand. Aber wie immer konnte ich sowieso nicht lesen. Es war viel zu laut in diesem Haus.
Die Wände waren zu dünn und das Haus voller Menschen. Rausgehen war unmöglich. „Viel zu gefährlich für einen Teenager, um diese Uhrzeit draußen zu sein“, sagte Mama. Und dann war da noch die Kälte, und überhaupt? Mit wem?
Ich bewunderte meine Mutter, wie sie sich jeden Abend tapfer durch diese eisige Hülle nach Hause kämpfte. Ich war erstaunt, dass ihr noch nichts passiert war. Hoffentlich würde es so bleiben. Sie hatte den Verlust von Papa noch immer nicht verwunden, und ich auch nicht.
Und immer wenn diese schrecklichen Gedanken an den Unfall zurückkamen und ich spürte, wie sich diese stille Traurigkeit langsam in mir ausbreitete, schnappte ich mir ein Buch aus der Schule und lernte.
Morgen mussten wir einen Aufsatz über den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg schreiben. Die dreizehn Kolonien? Das Britische Empire? Die Schlacht von Lexington und Concord? Es gab so viel zu erinnern.
Irgendwann war ich über meinem Geschichtsbuch und den fernen Geräuschen draußen und hier im Haus eingeschlafen.
*-*-*
„Thomas, steh auf, es ist Zeit.“
Mit diesen Worten wurde ich aus meinen Träumen gerissen. Es war kalt und dunkel im Zimmer. Nur ein schwaches Licht war durch den Spalt der offenen Tür zu sehen.
„Thomas!“
„Ja, ich bin wach.“
Die Tür öffnete sich und das Licht aus dem Flur erhellte mein Zimmer.
„Das Badezimmer ist frei, Sie können hineingehen.“
„Danke, Mama.“
Ich kämpfte mich aus der Flut von Decken, die mich begruben. Etwas übertrieben, aber es hielt mich schön warm. Müde ging ich ins Badezimmer. Wie jeden Morgen dauerte es eine Weile, bis sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten.
Und wie jeden Morgen sah ich dieses zerknitterte Teenagergesicht, das nun zum Leben erwachte. Meine braunen Haare standen wild in alle Richtungen ab und ich konnte jetzt sogar die Abdrücke der Knöpfe auf meinem Kissen sehen.
Ich drehte den Wasserhahn auf, der erst blubberte und seltsame Geräusche machte, bevor ich überhaupt einen Tropfen Wasser sah.
„Mama, wann kommt der Klempner?“
„Er sollte gestern kommen“, hörte ich sie aus der Küche rufen.
Der Wasserstrahl wurde allmählich stärker. Trotzdem wartete ich, bis sich das braune Wasser aufgelöst hatte und klares Wasser zum Vorschein kam. Ich hielt meinen Finger darunter. Eiskalt wie immer.
Die Nachbarn mögen es mir verzeihen, wenn jetzt ein Schrei durchs Haus ging. Doch als ich endlich anfing, mein Gesicht zu waschen, war es lauwarm. So blieb die Nachbarschaft von meinem Urschrei verschont und ich musste den ganzen Morgen nicht frieren.
Mein Frühstück bestand aus einer kleinen Schüssel Müsli und einem Glas Milch. Mehr hatte ich morgens nicht im Sinn. Als dieses Morgenritual vorbei war, ging ich in den Flur und zog mich an.
Jacke 1, anziehen und Reißverschluss schließen. Jacke 2, anziehen und Reißverschluss schließen. Mütze aufsetzen und tief ins Gesicht ziehen. Anschließend den Schal um den Hals wickeln. Nachdem ich den Rucksack geschultert hatte, streifte ich mir die dicken Handschuhe über die Finger.
„Mama, ich bin weg!“
„Okay, Thomas, viel Spaß und pass auf dich auf“, sagte sie, als sie aus der Küche kam.
Sie trug ihren roten Morgenmantel, den ihr Vater ihr geschenkt hatte. Ihr Haar war in ein Handtuch gewickelt. Als sie mich sah, fing sie an zu lachen.
Man könnte fast für einen Sumoringer durchgehen.
Sie küsste mich auf die einzige Stelle, die dafür geeignet war – meine Nase.
„Bis heute Abend“, sagte sie und öffnete die Tür zu meiner Wohnung.
"Tschüss."
Wie üblich nahm ich die Treppe. Der Aufzug war meistens kaputt. Nachdem mehrere Nachbarn darin stecken geblieben waren, war ich davon geheilt, diesen Aufzug zu benutzen. Als ich die Haustür öffnete, wehte mir ein eisiger Wind entgegen.
„Das ist es“, dachte ich. Ich schob mir den Schal über die Nase und kletterte die rutschige Treppe hinunter. In der Nacht hatte es noch mehr geschneit. Irgendwo hörte ich eine Kirchturmglocke. Jetzt musste ich mich beeilen.
Ich brauchte etwa zehn Minuten, um zur U-Bahn zu gelangen. Ich rannte los, aber immer vorsichtig, um nicht auf einer rutschigen Stelle auszurutschen. Keuchend erreichte ich wenig später die Treppe zur U-Bahn.
Der morgendliche Andrang zu den Gleisen ging mir total auf die Nerven. Immer trat mir irgendein Esel auf den Fuß. An diesem Morgen war es ein kleiner, rundlicher, dicker Mann. Vor Schmerzen biss ich auf meinen Schal.
Es war fast unmöglich, die U-Bahn-Türen zu übersehen. Man wurde regelrecht in die Waggons geschoben. Ich habe nicht einmal versucht, einen Sitzplatz zu finden, sondern nur versucht, an einen der Handläufe zu gelangen.
Das Anfahren und Anhalten war knifflig. Schneller als man sehen konnte, saß man auf dem Hinterteil. Der Weg zur Mittelschule war lang. Jeden Morgen war ich fast eine Stunde unterwegs.
Im Sommer war es wunderbar. Manhattan hatte viel zu bieten. Die Schule lag genau zwischen dem Hudson River und dem Central Park. Wenn ich eine Freistunde hatte, ging ich immer in den Central Park.
Doch jetzt im Dezember, bei dieser eisigen Kälte, blieb ich lieber im Schulgebäude. Ich musste zweimal umsteigen, um endlich die U-Bahn zur 70. Straße zu erreichen. Je kälter es draußen wurde, desto mehr Menschen fuhren mit der U-Bahn.
An diesem Morgen war der Andrang wieder besonders groß. Froh, endlich meine Station erreicht zu haben, machte ich mich auf den Weg zum Ausgang. Ich drängte mich durch Geschäftsleute, Arbeiter und andere, undefinierbare Individuen.
Der Zug wurde langsamer und ich hatte den Ausgang erreicht. Auch hier wurde man von der Flut der Aussteigenden einfach hinausgedrängt. Als ich die Treppe erreichte, sah ich Schnee von oben herabfallen. Toll, es schneite schon wieder.
Ich stapfte die Treppe hinauf und spürte, wie es wieder kälter wurde. Ich zog mir wieder den Schal über die Nase. Je näher ich der Schule kam, desto mehr Schüler strömten auf mich zu.
Ich konnte niemanden erkennen, denn alle waren genauso warm eingepackt wie ich. Die wenigen Schulbusse, die noch unterwegs waren, waren bereits angekommen. Doch nur wenige Schüler stiegen aus. Viele blieben wegen der Unwetterwarnungen einfach zu Hause.
Ich hätte auch zu Hause bleiben können, aber meine Mutter hätte das nicht geduldet. In meiner Klasse war ich einer der wenigen, die etwas weiter weg wohnten. Ich war froh, endlich den Eingang zu erreichen.
Ich nahm meine Mütze ab und löste den Schal von meinem Hals. Nur noch ein paar Schritte vom Gebäude entfernt, war mein morgendlicher Arbeitsweg vorbei. Überall waren kleine Gruppen, die sich auszogen und in die Umkleide gingen.
Auch ich war an meinem Schließfach angekommen und öffnete das Zahlenschloss.
„Morgen, Milford?“, hörte ich neben mir.
Das war Lighthouse, einer meiner Klassenkameraden.
„Morgen. Ich dachte, du wolltest nicht kommen?“
„Das habe ich nicht, aber die Überzeugungskraft meines Vaters ist unschlagbar.“
„Genau wie bei meiner Mutter?“
„Haben Sie Geschichte gepaukt?“
„Bis zum Umfallen“, antwortete ich, „ich glaube, ich habe schon wieder alles vergessen.“
Lighthouse grinste.
Vielleicht haben wir Glück und Mrs. Johnson bleibt im Schnee stecken.
„Das tut sie nicht“, hörten wir eine Stimme hinter uns.
Mrs. Johnson stand direkt hinter uns und hatte unser kleines Gespräch offensichtlich mitgehört.
„Der Unterricht beginnt gleich“, sagte sie und verschwand den Flur hinunter.
„Wann haben wir endlich Glück?“, sagte Lighthouse und schlug die Tür seines Spinds zu.
Ich nahm mir die Bücher, die ich brauchte und schloss auch mein Schließfach. Zusammen mit Lighthouse betrat ich den Klassenraum. Etwa die Hälfte der Klasse fehlte noch, wobei nicht klar war, ob sie noch kommen oder fernbleiben würden.
Spätestens wenn die Schulglocke läutete, würden wir es wissen. Ich legte meine Bücher auf den Tisch und ließ mich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
„Morgen, Thomas“, sagte Claire neben mir.
„Morgen, Claire“, antwortete ich und begann herzhaft zu gähnen.
„Du bist noch nicht richtig wach.“
Wie kannst du jeden Morgen so früh aufstehen?
Warum bist du nicht zu Hause geblieben? Das Wetter ist die beste Ausrede.
Nicht für meine Mutter.
Echte Freundschaften gab es hier nicht. Wir kannten uns zwar aus der Schule, hatten aber ansonsten nichts miteinander zu tun, außer wenn wir zufällig in der Nähe wohnten. Claire war eines der wenigen Mädchen in der Klasse, die sich nicht modisch und hip kleideten.
Das heißt nicht, dass sie altmodisch aussah. Sie interessierte sich einfach nicht für Mode. Ich hatte mich mit ein paar Mädchen hier angefreundet. Schließlich waren wir bis zum späten Nachmittag zusammen in der Schule.
Wir hatten nicht mehr viel Kontakt, da Claire am anderen Ende der Stadt wohnte, was für Besuche eine Reise um die halbe Welt bedeutet hätte. Die Schulglocke läutete und es dauerte nicht lange, bis Mrs. Johnson erschien.
Sie blieb in der Tür stehen und ließ ihren Blick durch die Klasse schweifen. Kopfschüttelnd schloss sie die Tür hinter sich und ging zum Pult.
„Die Leute, die heute Morgen nicht da sind, müssen ihre Arbeit wahrscheinlich umplanen.“
Es bestand also keine Chance, dass der Termin wegen schlechten Wetters verschoben werden würde. Sie öffnete ihre Tasche und holte einen Stapel Papiere heraus. Währenddessen versuchte ich verzweifelt, mich an das Gelernte zu erinnern.
Frau Johnson ging durch die Reihen und verteilte die Blätter. Die Klassenzimmertür flog auf und Lucas schritt herein.
„Tut mir leid, Ms. Johnson. Das Auto meines Vaters sprang nicht an.“
"Hinsetzen!"
Auf diese Ausrede sagte sie nichts mehr, denn jeder in der Klasse wusste, dass Lucas‘ Vater kein Auto mehr hatte. Ich blätterte den Prüfungsbogen durch. Vier Blätter sollten in 55 Minuten eigentlich zu schaffen sein.
Na ja, 50 Minuten. Ich nahm meinen Stift und machte meine Kreuze an die richtigen Stellen. Was anfangs einfach schien, wurde mit jedem Blatt schwieriger. Ich strengte mich immer mehr an, mir das Gelernte zu merken.
„Gib es ab!“ riss mich aus meinen Gedanken.
Mist, die letzten drei Fragen hatte ich nicht, also habe ich sie schnell überflogen und meine Kreuze an den richtigen Stellen gemacht, in der Hoffnung, dass es reichen würde.
„Mr. Millford, das gilt auch für Sie!“, hörte ich Mrs. Johnsons mahnende Stimme.
Ich stand auf und legte meine Arbeit zu den anderen. Kaum hatte ich mich vom Schreibtisch abgewandt, läutete die Schulglocke. Vier Minuten, um die Bücher zu wechseln und den Physikraum zu erreichen.
Ich rannte die Treppe hinunter und wäre beinahe gestolpert. Auf der letzten Stufe konnte ich mich gerade noch abfangen. Das war zu meinem Nachteil, denn ich stieß mit jemandem zusammen, der die Treppe hinauf wollte.
„Hey Mann, kannst du nicht vorsichtig sein?“
Etwas verlegen stand ich wieder auf und blickte in das Gesicht eines schwarzen Mannes.
„Entschuldigung, ich bin gestolpert“, sagte ich leise.
Der Schwarze ging wütend und wortlos an mir vorbei. Ich bückte mich vorsichtig und hob meine Sachen auf. Darunter war ein Buch, das mir nicht gehörte.
„Hey, ich glaube, das gehört dir“, rief ich dem Mann hinterher.
Er schien mich gehört zu haben, denn er drehte den Kopf. Ich hielt ihm sein Buch hin. Er rannte die paar Stufen wieder hinunter.
„Danke!“, sagte er und griff nach seinem Buch.
Unsere Blicke trafen sich kurz, als er sein Buch nahm. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden, bis er sich wieder abwandte und die Treppe hinaufeilte. Etwas verwirrt erinnerte ich mich daran, dass ich noch zu meinem Schließfach wollte.
Die Gänge leerten sich langsam, sodass ich Glück hatte und gerade noch rechtzeitig den Physikraum erreichte. Der Kurs war beliebt und der Hörsaal voll. Ich rannte die Treppe hinauf und fand einen Platz in der letzten Reihe.
„Morgen?“, hallte es von unten.
Herr Jason hatte den Raum betreten. Ein lautes „Guten Morgen“ hallte aus den Reihen. Ohne weitere Umschweife begann er mit dem Unterricht.
Das Feldkonzept der Elektronik ermöglicht es Ihnen, die Wirkung von Kräften im Raum zu beschreiben. Mit der Einführung der Feldlinien lernen Sie eine weitere Möglichkeit kennen, Modelle zu erstellen. Sie verstehen dann, wie zahlreiche Geräte, wie Elektromotoren oder die Bildröhren von Fernsehgeräten, auf der Grundlage der auf Ladungen in elektrischen und magnetischen Feldern wirkenden Kräfte funktionieren. Mit der Induktion lernen Sie ein physikalisches Phänomen kennen, das in Generatoren zur Erzeugung elektrischer Energie genutzt wird.
Ich hatte mich für diesen Kurs angemeldet, weil ich noch einen Kurs brauchte, um die Voraussetzungen für meinen Abschluss zu erfüllen. Ich holte mein Notizbuch hervor und machte mir die üblichen Notizen. Ich versuchte, die Gegenstände auf seinem Schreibtisch zu zeichnen, mit denen er verschiedene Dinge illustrierte.
Während die anderen begeistert waren, war mir eher langweilig. Umso mehr freute ich mich auf die nächsten zwei Stunden. Moderne Kunst. Ich habe gern gezeichnet.
Als diese Stunde unbemerkt an mir vorüber war, ging ich in der Pause zu meinem Schließfach. Alle Bücher im Schrank und meine Zeichenutensilien in der Hand.
Das Schulgebäude war U-förmig. Der Kunstraum befand sich auf der anderen Seite des Komplexes. Pünktlich dort zu sein, war angesichts der begrenzten Zeit immer eine Herausforderung. Ich schloss mein Schließfach ab und machte mich auf den Weg.
Etwas später, nach dem Klingeln, betrat ich den Klassenraum. Mir fielen sofort einige neue Gesichter auf, darunter auch der Typ von vorhin. Auf dem Weg zu meinem Platz musste ich mich an ihm vorbeidrängen.
„Hallo“, sagte er und lächelte mich an.
„Hallo“, antwortete ich und setzte mich auf meinen Platz.
Frau Korbinsky betrat den Raum, und sofort wurde es still. Sie mochte kein Geschwätz und verhängte schnell Strafen, die wiederum im Widerspruch zu dem standen, was sie uns beigebracht hatte.
Sie war recht großzügig, wenn es um Themen oder Modelle ging.
„Wie versprochen zeichnen wir heute einen lebenden Menschen.“
Ein breites Grinsen machte sich in den Stuhlreihen breit.
Und damit ich sehen kann, wie gut Ihre Augen mittlerweile geschult sind, sitzt dieses Model fast nackt vor Ihnen.
Ein paar Pfiffe hallten durch den Raum, wurden aber durch den strengen Blick von Frau Korbinsky sofort verstummt.
„Bitte begrüßen Sie unser Model Jakob Milton“, fuhr Frau Korbinsky fort und begann zu klatschen.
Ich musste grinsen, denn ich fand ihre Vorstellungen immer etwas kitschig. Aber ich war erstaunt, als der Typ, den ich an diesem Morgen kennengelernt hatte, an mir vorbeiging.
„Jakob, du kannst deine Sachen über den Stuhl hängen“, hörte ich Frau Korbinsky sagen.
Und dieser Jacob hat sich tatsächlich ausgezogen. Als er nur noch mit engen Boxershorts bekleidet dastand, kletterte er auf den Tisch und legte sich auf die Seite. Ich musste schlucken. Mann, hatte er einen tollen Körper.
„Du kannst anfangen!“, sagte unser Lehrer.
Also stand ich auf und ging zu meiner Staffelei. Ich stellte die Schachtel mit den Bleistiften auf das Tablett. Wie ich es gelernt hatte, begann ich mit dem groben Schnitt. Mit dem Kohlestift zeichnete ich die groben Umrisse auf den Block.
Jacobs Blick wanderte durch den Klassenraum und blieb an mir hängen. Warum starrte mich dieser Typ schon wieder an? Etwas verlegen grinste ich zurück und versuchte, mich auf meine Leinwand zu konzentrieren.
Ich begann mit dem Oberkörper. Mit einem anderen Stift in der Hand versuchte ich, die Muskelstruktur von Jakobs Rumpf einzufangen. Irgendwie vergaß ich alles um mich herum und begann einfach zu zeichnen.
Immer wieder fiel mein Blick auf Jacob. Lernbegierig nahm ich jedes Detail von ihm in mich auf. Mein Bleistift jagte förmlich über das Papier. Ich bemerkte nicht einmal, dass Frau Korbinsky hinter mir stand.
„Thomas, du hast die Pose gut eingefangen, aber mit der Schattierung der Armmuskeln bin ich noch nicht zufrieden. Schau dir Jacob an; durch den Lichteinfall sehen die Muskeln anders aus als auf deinem Bild.“
Als ich wieder zu Jacob aufsah, der von Frau Korbinskys Geplapper fasziniert war, wollte ich gerade meinen Bleistift auf den Tisch legen, als es klingelte.
„Okay, fünf Minuten Pause! Der Tee steht wie immer auf dem Tisch für Sie bereit“, verkündete Frau Korbinsky, bevor sie kurz den Klassenraum verließ.
Jakob war aufgestanden und hatte sich mit einer Decke zugedeckt. Meine Kehle war trocken, deshalb beschloss ich, Frau Korbinskys Früchtetee zu trinken, der mir allerdings überhaupt nicht schmeckte.
Während ich mir eine Tasse einschenkte, sah ich neben mir eine Hand erscheinen, die ebenfalls nach einer Tasse griff und sie mir hinhielt.
„Könnten Sie mir etwas einschenken?“, hörte ich jemanden sagen.
Ich blickte auf und sah Jacobs Augen, der neben mir stand, in die Decke gehüllt. Ich nickte und schenkte ihm Tee ein.
„Ich habe Ihr Bild gesehen“, sagte er.
Als er das sagte, verschluckte ich mich fast an dem Tee.
„Danke“, sagte ich verlegen.
„Das ist mit Abstand die schönste Zeichnung von mir.“
Könnte er bitte aufhören, mir solche Komplimente zu machen? Die anderen sahen uns schon an.
„Gefällt es dir?“, stammelte ich.
„Ja!“, sagte er mit einem breiten Grinsen.
„Danke“, zum zweiten Mal.
Was war los mit mir, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte?
„Ihr Name ist Thomas?“, fragte er als nächstes.
"Ja?"
„Hat Ihr Wortschatz mehr zu bieten als ‚Danke‘ und ‚Ja‘?“
Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Meine Rettung nahte, die Glocke verkündete das Ende der Pause. Auch Frau Korbinsky erschien wieder.
„Und weiter geht’s! Jakob, würdest du bitte zurück an den Tisch gehen?“
Erleichtert ging ich zurück zu meiner Staffelei, während Jakob sich wieder an den Tisch setzte. Diesmal nahm ich mir sein Gesicht vor, was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Denn jedes Mal, wenn Jakob in meine Richtung blickte, zauberte er ein Lächeln auf sein Gesicht.
Ein Gesicht sollte neutral sein, hämmerte es mir in den Kopf. Doch irgendwie konnte ich mich von diesem Lächeln nicht losreißen.
„Thomas, du sollst die Mona Lisa nicht zeichnen“, hörte ich Frau Korbinsky hinter mir sagen, „und du, Jacob, hör auf zu grinsen, du verwirrst meine Schüler.“
Also nahm ich den Radiergummi und versuchte, den Schaden zu begrenzen. Mit ein paar Strichen und Schattierungen wurden die Lippen neutral. Den Augen widmete ich jedoch viel Zeit.
Ich konnte das Funkeln nicht einfangen. Sein Blick wirkte auf mich irgendwie stumpf und leer. Nach dem dritten Versuch gab ich vorerst auf und wandte mich Jakobs Unterkörper zu.
Mein Bleistift huschte erneut über das Blatt. Von seinen Füßen bis zu seinen Knien, weiter über seine Oberschenkel bis… Ich musste schwer schlucken, denn mein Blick wurde von der Beule in der Boxershorts angezogen.
Wie sollte ich so etwas zeichnen? Ich wusste, dass Frau Korbinsky gerne provoziert. Aber hier, wie bei den Augen, hatte ich Schwierigkeiten. Langsam zeichnete ich die Kurven und Formen der Boxershorts.
Wie beim restlichen Körper gab es nur minimale Unterschiede in der Schattierung. Jacob war schwarz und daher war es nicht einfach, Konturen zu setzen. Da man sie aber im wirklichen Leben sieht, mussten sie auch auf dem Bild zu sehen sein.
Ich habe meine Kohle mehrmals gewechselt, um diese subtilen Schattierungsunterschiede in meinem Gemälde einzufangen, und es ist mir gelungen.
*-*-*
Ich stand vor meinem Tablett mit einer Mahlzeit und stocherte nachdenklich darin herum.
„Und, wie war dein Morgen?“, unterbrach Claire meine Gedanken, als sie sich an meinen Tisch setzte.
„Das Übliche?“, antwortete ich.
Ich habe etwas anderes gehört?
Immer noch in Gedanken versunken blickte ich auf.
"Begnadigung?"
Eifrige kleine Geschichtenerzähler haben mir erzählt, dass ihr heute im Unterricht Aktzeichnungen machen müsst.
Jacob trug Boxershorts.
Jakob?
Der Typ, den wir gezeichnet haben?
„Und wer ist Jacob?“, fragte Claire.
Ich ließ meinen Blick durch die Cafeteria schweifen.
„Er ist nicht hier. Sonst hättest du es selbst sehen können.“
„Ich habe gehört, dass Ihre Zeichnung sehr realistisch ist.“
„Es ist wie immer sehr realistisch“, sagte ich genervt, „Sag mal, wer hat dir das alles erzählt?“
„Ich werde darauf achten, meine Quellen nicht preiszugeben.“
Wieder einmal zeigte Claire, wie gut sie informiert war. Sie wusste oft Bescheid, bevor sich das Gerücht in der Schule verbreitet hatte. Trotzdem fand ich Claire eine Quasselstrippe. Sie war einfach immer gut informiert.
„Kann ich es dir irgendwann mal zeigen?“, sagte ich und stopfte mir den nächsten Bissen undefinierbaren Brei in den Mund.
Plötzlich ging das Licht aus.
„Was ist jetzt los?“, fragte Claire.
„Ich weiß nicht“, antwortete ich und versuchte, im Halbdunkel meinen Weg zu finden.
Dann begannen die Leuchtstoffröhren zu flackern und das Licht ging wieder an. Über die Lautsprecher ertönte eine Durchsage.
Aufgrund des Stromausfalls in unserer Nachbarschaft bitte ich Sie, Ihre Sachen zu packen und nach Hause zu gehen. Der Notstromgenerator hat nicht genug Strom, um die gesamte Schule zu versorgen.
Ein lauter Jubel ging durch die Cafeteria.
„Großartig“, sagte ich.
„Hey, warum bist du nicht glücklich?“, fragte Claire.
Wenn in der Nachbarschaft der Strom ausfällt, wie komme ich dann nach Hause? Die U-Bahn ist wahrscheinlich auch betroffen.
Warte einfach ab. Ich werde die Schule auf jeden Fall so schnell wie möglich verlassen, bevor sie es sich anders überlegen.
Mir hat das Essen sowieso nicht geschmeckt. Also nahm ich wie Claire mein Tablett und trug es zurück zur Theke.
*-*-*
Nun stand ich in der eisigen Kälte und wusste nicht, wie ich nach Hause kommen sollte. Geld für ein Taxi hatte ich nicht. Außerdem waren gerade keine Autos unterwegs. Mir fiel nur ein, nach Long Island zu laufen und dann zu versuchen, mit der U-Bahn zu kommen.
Ich hatte keine andere Wahl. Ich holte tief Luft und fuhr los. Der Schnee fiel mittlerweile so stark, dass ich keine Autos mehr auf mich zukommen sah. Nur der Winterdienst war unterwegs und versuchte vergeblich, die Straße freizuhalten.
Mir fiel auf, dass die Idee mit Jersey offenbar auch anderen gekommen war. Wenigstens war ich nicht allein. Nach der Durchquerung des Central Parks und einer Dreiviertelstunde später am East River.
Die Brücke war für Autos gesperrt worden; die Straße war zu rutschig und gefährlich geworden. Umso interessanter war das Bild, das sich bot. Wo sonst Autos auf mehreren Spuren fuhren, strömten nun Menschenmassen über die Queensborough Bridge.
Wie die anderen Studenten, die denselben Weg genommen hatten, betrat ich nun die Brücke. Es war ein verrücktes Gefühl, hier mitten auf der Fahrbahn zu laufen, von der man unter der Schneedecke nur erahnen konnte, wo genau sie war. Manhattan lag hinter mir, in Dunkelheit gehüllt, nur ein paar Lichter brannten.
Wahrscheinlich die Gebäude mit eigener Stromversorgung. Also reihte ich mich ein und begann, die Brücke selbst zu überqueren. Bisher war ich immer nur mit dem Auto darübergefahren, und sie kam mir recht klein vor.
Doch jetzt, zu Fuß, kam es mir unglaublich lang vor. Auf Long Island schien der Strom noch nicht ausgefallen zu sein. Das Viertel war hell erleuchtet. Die dunklen Wolken und der starke Schneefall machten dies notwendig.
Auf der Brücke spürte ich jeden Windstoß, der über unsere Köpfe hinwegfegte. Es war der Wind vom Atlantik, der eiskalt war. Ich zog meine Mütze noch tiefer ins Gesicht, gerade so weit, dass ich noch etwas sehen konnte.
Außer dem Knirschen des Schnees war nicht viel zu hören. Trotz der vielen Menschen auf dieser Brücke hörte man kaum Stimmen. Langsam kam das andere Ufer näher.
Auch ich spürte nun die Kälte, die langsam aber sicher durch meine Kleidung kroch. Die Feuchtigkeit des Schnees tat ihr Übriges. Ich kam auf der anderen Seite an, froh, dort zu sein, aber auch bis auf die Knochen durchgefroren. Jetzt musste ich die U-Bahn-Station finden.
Ich folgte einfach dem Strom der Menschen und ließ mich treiben. Und siehe da, ein U-Bahn-Schild kam in Sicht. Meine Zehen begannen langsam den Geist aufzugeben, oder besser gesagt, ich spürte sie fast nicht mehr.
Auf den Bahnsteigen herrschte ein so großes Gedränge, dass ich es fast nicht bis zu den Informationstafeln schaffte. Umso glücklicher war ich, als ich ankam und einen Zug vorfand, der direkt zu meiner Haltestelle fuhr.
Nun hieß es warten. Der Menschenstrom, der die Treppe herunterkam, riss nicht ab. Und jedes Mal, wenn eine U-Bahn einfuhr, begann das Gedränge. Die Menschen drängten sich in die Waggons.
Der Nächste kam und ich erkannte an der Nummer, dass es meine Schlange war. Ich war schon ziemlich nah am Bahnsteig, als der Andrang hinter mir immer stärker wurde und ich von hinten einen Schubs bekam.
Mit einem Schrei fiel ich nach vorne ... zu weit nach vorne ... Ich sah die Gleise ... hörte das Quietschen der Bremsen ... die Lichter der U-Bahn blendeten mich ... bis ich plötzlich zurückgerissen wurde.
Die Menschen um mich herum sahen mich entsetzt an, während mein Herz so heftig schlug, dass es sich anfühlte, als würde es mir aus der Kehle springen.
„Junge, du musst besser auf dich aufpassen!“
Die Stimme kam mir bekannt vor. Als mir jemand aufhalf, drehte ich den Kopf.
„Jacob?“, stammelte ich.
„Ja? Das ist mein Name“, sagte er mit einem breiten Grinsen.
Ich wollte etwas sagen, aber Jacob schob mich zur Tür des eingefahrenen Zuges.
„Komm, unser Zug!“, sagte er.
„Woher wussten Sie das?“, fragte ich.
„Zum einen stand ich direkt neben dir, als du den Fahrplan studiert hast, und zum anderen standest du so am Rand des Bahnsteigs, dass du unbedingt diesen Zug nehmen würdest. Außerdem fahre ich auch in diese Richtung.“
„Wohnst du auch in Queens?“
"Ja!"
„Ich habe dich dort noch nie gesehen.“
Du weißt, wie groß Queens ist. Außerdem gehen wir wahrscheinlich nicht an die gleichen Orte.
Ich verstehe nicht, was du meinst.
Mittlerweile standen wir im Zug ziemlich dicht beieinander. Als er sich in Bewegung setzte, war ich ganz an Jacob gepresst.
Du bist wirklich lustig, Thomas, weißt du das?
Warum ist das so?
Hallo, schau mich an. Siehst du den kleinen Unterschied zwischen dir und mir? Bist du wirklich so naiv oder tust du nur so?
Ich fragte mich, ob ich wütend reagieren sollte, ich war sicherlich nicht naiv!
Dass du besser aussiehst?
Oh mein Gott, was hatte ich jetzt losgelassen?
Mann, bist du süß. Lieber Thomas, falls du es noch nicht bemerkt hast, ich bin schwarz.
Sicher! Na und?
Weiß? Schwarz, schwarz? Weiß. Fällt dir nichts ein?
Mir wurde das Gespräch langsam peinlich. Die Leute sahen mich bereits an.
„Was soll ich denn denken, es ist doch egal, welche Hautfarbe du hast, oder?“, fragte ich etwas leiser.
Jakob sah mich mit großen Augen an.
„Edles Gefühl, aber werden Sie dazu stehen?“
"Wie meinst du das?"
„Sagen wir, ich nehme dich heute Abend mit in den Club?“
„Welcher Club?“
Macht nichts, akzeptiere es einfach.
Ich bin noch keine achtzehn.
Vergiss das alles, Thomas. Du und ich gehen in den Club zum Tanzen.
Ich hätte mich fast nicht getraut, es zu sagen.
„Ich kann nicht tanzen“, sagte ich kleinlaut.
Jakob fuhr sich genervt mit der Hand durchs Gesicht.
Okay, sagen wir, du bist achtzehn, kannst tanzen und gehst mit mir in den Club, der voller Nigger ist. Was sagst du dann?
Der Mann neben mir, ebenfalls ein Schwarzer, sah mich grinsend an.
Ich weiß nicht, ob ich mich dort wohlfühlen würde.
Sie sehen, Sie haben Vorurteile.
„Unsinn, ich weiß nicht, ob ihr nicht unter euch sein wollt“, verteidigte ich mich.
„UNTER EUCH? Das ist ein weiterer Kommentar in dieser Richtung.“
„Jetzt verdrehen Sie mir nicht die Worte!“, sagte ich leicht säuerlich.
Jakob sah mich fragend an. Wie konnte ich ihm das erklären, ohne ihn zu beleidigen? Jakobs Duft stieg mir in die Nase. Er roch irgendwie nach Vanille.
„Ich kenne Ihre Kultur nicht, verstehen Sie, was ich meine?“
„Ich bin ganz Ohr und wir haben noch etwas Zeit.“
Mittlerweile war der Zug zwei Stationen weitergefahren und der Andrang hatte sich gelichtet.
„Komm, da drüben werden zwei Plätze frei“, sagte Jacob und schob mich vor sich her.
Etwas müde ließ ich mich auf die Bank fallen. Jacob setzte sich neben mich und legte seinen Rucksack auf seinen Schoß. Ich nahm meine Mütze ab und lockerte meinen Schal ein wenig.
„So, und jetzt erklär mir mal genau, was du meinst.“
Puh, er hat nicht aufgegeben!
„Vielleicht denkst du, das ist ein Vorurteil“, begann ich, „aber ich weiß nicht, ob ich mich wohlfühlen würde, denn für mich ist das alles neu. Ich war noch nie in einem Club, geschweige denn, dass ich tanzen kann.“
Jakob wollte etwas sagen, aber ich redete einfach weiter.
Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, mit dir in einen Club zu gehen. Klar, ich habe in Filmen gesehen, wie die Leute tanzen und wie viel Spaß das machen kann – die gute Stimmung. Aber was würden deine Freunde sagen, wenn ich der einzige Weiße unter euch Schwarzen wäre, vielleicht mit einer anderen Lebenseinstellung?
Oh? Jetzt verstand ich Jacob. Ich hatte gerade gesagt, was er die ganze Zeit gemeint hatte. Jacob grinste nur.
„Entschuldigen Sie“, sagte ich.
Jakob legte seinen Arm um mich und wieder roch ich diesen Vanilleduft.
„Hey Junge, alles klar. Und wenn du willst, nehme ich dich wirklich mal mit in den Club.“
Ich wollte etwas sagen.
„Auch wenn du noch keine achtzehn bist und nicht tanzen kannst?“
„Danke“, sagte ich verlegen.
„So, ich muss an der nächsten Haltestelle aussteigen“, sagte Jakob.
„Ich muss noch jemanden mitnehmen.“
Jakob öffnete den Reißverschluss seiner Jacke und suchte nach etwas.
„Was machst du heute Abend?“, fragte er plötzlich.
„Zu Hause sitzen und lernen“, was sonst?
„Schade“, hier ist meine Handynummer. Vielleicht dieses Wochenende, wenn du Zeit hast.
Zeit wofür?
Für den Club am 23.?
Ich grinste.
Gehst du jeden Abend? Auch unter der Woche?
Nicht jede Nacht. Meine Mutter wäre damit nicht einverstanden. Die Schule muss auch. Aber ich wohne in der Nähe, an der 39.
Ich wohne an der 35. Fährst du morgen mit diesem Zug?
Natürlich, was sonst?
„Dann sehen wir uns vielleicht“, sagte ich.
Der Zug wurde langsamer. Jakob stand auf.
Ich sollte jetzt besser gehen. Tschüss, Thomas.
Tschüss, Jacob.
Und plötzlich war er verschwunden. Nur der Vanilleduft lag noch in der Luft. Ich atmete ihn ein, als könnte ich nicht atmen. Ich sah, wie er sich draußen auf dem Bahnsteig umdrehte und mir ein letztes Mal zuwinkte.
Ich winkte zögernd zurück, als der Zug wieder anfuhr. Ich setzte meine Mütze wieder auf und zog meinen Schal fester. Dann stand ich auf und ging zum Ausgang. Der Mann, der neben mir gestanden hatte, nickte und zwinkerte mir zu.
Ich zuckte verlegen mit den Schultern und war froh, dass die Straßenbahn wieder langsamer wurde. Die Tür öffnete sich und ich stand draußen. Ich holte tief Luft. Nun war ich fast zu Hause. Wie an diesem Morgen rieselte der Schnee durch den Eingang.
Die Stufen waren mit Schneematsch bedeckt, ich musste aufpassen, nicht auszurutschen. Oben angekommen, traute ich meinen Augen nicht. Wo heute Morgen noch etwa zehn Zentimeter Schnee lagen, konnte man nicht einmal erkennen, wo die Straße begann oder wo der Gehweg endete.
Auch Autos waren nirgends zu sehen, nur Hügel, wo man sie vermuten könnte. Also folgte ich dem ausgetretenen Weg nach Hause. Zehn Minuten später kämpfte ich mich die Treppe hinauf, tastete nach meinem Schlüssel und schloss die Tür auf.
„Endlich geschafft“, dachte ich, als ich die Haustür zufallen ließ.
„Putzen Sie Ihre Schuhe ab, Sie machen eine Sauerei!“, brummte die alte Dame aus der ersten Wohnung.
Ich nickte und zog sogar meine Schuhe aus. Mit den Schuhen in der Hand rannte ich die Treppe hinauf, bis ich den fünften Stock erreichte. Den Flur entlang bis zur letzten Tür. Unsere Wohnung hatte einen Vorteil.
Es war eine Eckwohnung, daher hatten wir nur einen Nachbarn auf der Seite. Andererseits war es schlecht, weil wir eine kalte Hauswand hatten. Ich schloss die Tür auf und war überrascht, dass sie nicht verschlossen war.
„Schatz, bist du das?“, hörte ich meine Mutter rufen.
„Ja!“, antwortete ich und zog meine Schuhe aus.
Meine Mutter kam aus der Küche.
„Warum bist du schon zu Hause?“, fragte ich.
„Ich könnte Ihnen dieselbe Frage stellen, aber Elaine hat angerufen und gesagt, dass es in Manhattan einen Stromausfall gab und die Schule geschlossen war.“
„Das stimmt, und ich bin die Hälfte des Weges zu Fuß gegangen.“
„Warum ziehst du deine nassen Sachen nicht aus?“, schlug meine Mutter vor und zog mir die Mütze vom Kopf.
Ich zitterte immer noch, weil mir immer noch kalt war.
„Wirf einfach alles auf den Boden, ich mache es später sauber“, sagte sie, „aber zuerst lasse ich dir ein heißes Bad ein.“
Mmm, ein heißes Bad, genau das, was ich jetzt wollte.
„Du hast immer noch nicht gesagt, warum du noch zu Hause bist“, sagte ich.
„Ich habe mit einem Kollegen die Schicht getauscht, deshalb fange ich erst in zwei Stunden an.“
Meine Mutter arbeitete in einer Kindertagesstätte. Sie half bei der Betreuung der Kinder. Ich war ein paar Mal dort und spielte mit den Kindern, was ihnen sichtlich Spaß machte.
Während meine Mutter auf die Toilette ging, begann ich, mich auszuziehen. Erst Jacke, dann zweite Jacke, Pullover und T-Shirt. Ein Kleidungsstück nach dem anderen fiel zu Boden. Und sie waren alle nass.
Nur mit Socken und Boxershorts bekleidet, nahm ich meinen Rucksack und trug ihn in mein Zimmer. Es war schön warm dort.
„Der Klempner war auch da, jetzt funktioniert das Wasser und sogar die Heizung wieder“, hörte ich meine Mutter hinter mir sagen, „du kannst gehen, ich habe dir das Wasser eingelassen.“
„Danke, Mama!“
Das Telefon klingelte und Mama verschwand. Ich ging ins Bad. Ein Duft stieg mir in die Nase und ich musste an Jacob denken. Mama hatte wieder das Vanillebad benutzt. Ich ließ meine Boxershorts fallen und stieg ins Wasser.
War es heiß? Ich zuckte zusammen. Es klopfte an der Tür.
„Ja?“, rief ich.
„Das war Elaine. Du hast den Rest der Woche frei!“
Inzwischen war ich in die Wanne gesprungen und halb im Seifenschaum untergetaucht.
Die Tür öffnete sich und Mama steckte ihren Kopf herein.
„Wegen technischer Probleme ist die Schule bis Ende der Woche geschlossen!“
"Wow!"
Das waren großartige Neuigkeiten.
„Ich wünschte, ich hätte so viel Glück wie du“, sagte Mama reumütig.
Nun ja, das Kinderhaus war nur einen Häuserblock entfernt. Ich war wieder allein und ließ meinen Kopf auf den Wannenrand sinken. Der Vanilleduft überwältigte mich und ich musste wieder an Jacob denken.
Ich hatte die Augen geschlossen und sah ihn vor mir. Nein, nicht im Zug, sondern heute Morgen, fast nackt auf dem Tisch. Erst jetzt merkte ich, wie ich mit meinem Schwanz spielte und dass er inzwischen steif geworden war.
Scheiße, was habe ich nur gemacht? Ich dachte an einen Jungen und streichelte mich. Entsetzt und verwirrt setzte ich mich auf.
*-*-*
Ich lag entspannt auf meinem Bett. Ich hatte Jacobs Telefonnummer in der Hand. Ich hörte, wie meine Mutter sich fertig machte. Ich stand auf und öffnete die Tür zum Flur.
„Schatz, ich gehe. Ich komme heute Abend sehr spät nach Hause. Warte nicht auf mich.“
"Kein Problem."
Sie sah mich an.
„Thomas, wenn du mich so ansiehst, geht dir etwas durch den Kopf, also spuck es aus.“
„Und?“ ‚Ähm… wenn ich morgen keine Schule habe, kann ich dann heute Abend ein bisschen rausgehen?‘
"Bitte?"
„Ach, vergiss es einfach“, sagte ich und war bereit aufzugeben.
„Warte mal, junger Mann. Ich bin es nicht gewohnt, dass du ausgehen willst. Seit Dads Tod, seit wir hier in New York leben, warst du nicht mehr draußen, vor allem nicht nachts.“
Ich sagte nichts und sah sie nur an.
„Mit wem willst du ausgehen? Du kennst hier niemanden, wie auch, wenn du nur zu Hause rumsitzt?“
Sie zog ihre dicken Stiefel an.
„Mit einem Jungen aus der Schule? Sein Name ist Jacob und er wohnt in der 39. Straße.“
Kenne ich die Familie?“
"Ich weiß nicht."
„Und du willst jetzt zu Jacob?“
„Ja, das würde ich gerne. Morgen ist keine Schule.“
„Und wer ist dieser Jakob?“
Wir haben zusammen Kunstunterricht, obwohl er heute Morgen nur Modell war.
Du hast ihn gezeichnet?
„Ja!“, sagte ich verlegen.
Das Bild auch?
Ähm, ja.
Dann zeig mir, dass du bei deinen Zeichnungen nie so schüchtern warst.
Ich ging ins Zimmer und holte die Rolle aus meinem Rucksack. Ich hob den Deckel und holte meine neue Zeichnung heraus.
Zurück im Flur rollte ich das Stück aus.
„Er ist fast nackt!?“, sagte Mama, „Süßer Kerl!“
Ich sah Mama entsetzt an. Aber kein Wort darüber, dass Jacob schwarz war.
„Okay, ich muss los und du übertreibst es nicht mit dem Nachhausegehen, okay?“
Kann ich rausgehen?
„Doch, das kannst du, also tschüss“, sagte Mama, küsste mich auf die Stirn und ging.
Ich ging zurück in mein Zimmer, immer noch ganz aufgeregt. Ich hatte die Zeichnung noch immer in der Hand. Ich sah mich kurz im Zimmer um und legte die Zeichnung weg.
„Ich wollte dich schon lange loswerden“, sagte ich zu einem großen Poster über meinem Bett.
Vorsichtig entfernte ich die Klebestreifen von der Tapete. Das Bild gefiel mir schon lange nicht mehr. Ich war einfach zu faul, es abzunehmen und ein neues aufzuhängen. Dann nahm ich Jakobs Zeichnung und hängte sie über mein Bett.
Ich mochte etwas an Jakob. Ich konnte ihm einfach nicht nahe kommen. Ich verstand nicht, warum Jakob so eine Wirkung auf mich hatte. Mein Blick fiel auf den Schreibtisch, auf dem Jakobs Handynummer lag.
Mit zitternden Händen nahm ich mein Telefon und versuchte, die Nummer zu wählen. Beim dritten Versuch klingelte es.
„Ja, spricht Jakob?“
„Hallo Jakob? Hier ist Thomas.“
„Hey Thomas, du bist’s. Ich habe mich gefragt, weil ich die Nummer nicht kenne. Was ist los?“
„Wissen Sie, dass die Schule bis zum Ende der Woche geschlossen ist?“
„Wie bitte?“ Wow! Nein, das wusste ich nicht, woher auch, das sagt uns doch niemand.
„Ich dachte … ähm, hast du heute Abend Zeit?“
Andererseits blieb es zunächst ruhig.
„Jetzt sei doch mal still, ich verstehe kein Wort!“, brüllte Jakob ins Telefon. „Tut mir leid, meine Schwester ist echt nervig. Du willst heute Abend ausgehen, oder?“
„Ja, mit der offiziellen Erlaubnis meiner Mutter.“
"Wie lange?"
„Sie hat es mir überlassen“, antwortete ich.
„Wow, du hast eine nette Mutter.“
„Danke. Hat sie dein Bild gesehen?“
Welches Bild?
Das, was ich heute Morgen von dir gezeichnet habe.
Eine weitere Pause am Telefon.
Jakob?
Ja?
Ist alles in Ordnung?
Was denkt deine Mutter jetzt von mir, fast nackt auf einem Bild?
Erstens erlaubte sie mir, zu Ihnen zu gehen, nachdem sie Ihr Bild gesehen und gesagt hatte: „Was?“
Was?
„Süßer Kerl“, kicherte ich ins Telefon.
„Du bist verrückt!“
„Nein, bin ich nicht. Hat sie das wirklich gesagt?“
Wieder eine kurze Stille.
„Also, willst du zu mir kommen?“, fragte Jakob.
„Oder was immer dir einfällt. Ich bin für alles zu haben.“
"Alles?"
Ups, was habe ich gesagt?
„Ich lasse mich einfach überraschen“, sagte ich.
„Okay, Sie sagten, Sie wohnen in der 35. Straße?“
"Ja."
„Gut, dann treffe ich dich auf der 24. Straße.“
„Kein Problem.“ Und wann?
„Sagen wir in zwei Stunden?“
"Okay."
„Bis dann?“ „Ich muss erst noch etwas zu Hause erledigen.“
Okay, tschüss, Jacob.
Tschüss Thomas.
Und damit war das Gespräch beendet. Ich hatte ein Date? Wow! Naja, mit einem Jungen, aber was soll’s. Ich stand immer noch in meinen Boxershorts im Zimmer. Mein Blick fiel auf den Spiegel am Schrank.
Ich hatte nicht die gleiche Figur wie Jacob. Ich war dünner, aber immerhin hatte ich ein paar Muskeln, oder zumindest etwas, das so aussah. Wie kam mir dieser Gedanke? Ich betrachtete Jacobs Bild noch einmal, als er da vor mir lag.
Meine Gedanken spielten mit. Warum hing ich plötzlich so an Jacob, warum hatte ich so ein komisches Gefühl im Magen? Was sollte ich überhaupt anziehen? Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf.
Ich holte eine frische Jeans und einen neuen Wollpullover heraus. Würde ich so etwas anziehen können? Draußen war es eiskalt. Ich holte noch ein Hemd im Zwiebellook heraus. Ich sagte Zwiebellook, weil verschiedene Teile zusammengenäht waren.
Das würde klappen. Die Teile waren schnell angezogen. Aber halt, den dicken Pullover konnte ich noch nicht anziehen. Die Wohnung war warm und es würde noch fast zwei Stunden dauern, bis ich losmusste. Also zog ich das gute Stück wieder aus.
Ich ging ins Badezimmer und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah schrecklich aus. Meine Haare standen immer noch zu Berge und mein Gesicht war rot. Die Nachwirkungen davon, dass meine Haare zu lange im heißen Wasser lagen.
Ich nahm das Gel, das ich von meiner Mutter zum Geburtstag bekommen hatte, und schmierte mir etwas davon ins Haar. Nun versuchte ich, meine Haare in verschiedene Richtungen zu glätten. Aber keiner der Looks gefiel mir.
Mist. Ich drehte den Wasserhahn auf und siehe da, ein klarer Strahl warmen Wassers kam heraus. Ich hielt meinen Kopf unter das Wasser und wusch mir das Gel aus den Haaren.
Nach dem kräftigen Trockenreiben waren sie genauso schmutzig wie vorher. Nach längerem Betrachten kam ich zu dem Schluss, dass sie so tatsächlich am besten aussahen.
Zufrieden ging ich zurück in mein Zimmer. Ich schaltete meine kleine Stereoanlage ein und drückte auf „Play“. „Family Affair“ von Mary J. Blige erklang. Im Takt der Musik putzte ich das Zimmer.
*-*-*
Nervös ging ich die 24. Straße entlang. Fast alle Geschäfte waren bereits weihnachtlich geschmückt. Ich war überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung und hatte auch nicht das Gefühl, dass ich welche haben sollte. Papa hatte vor zwei Jahren an Heiligabend einen Unfall.
Letztes Jahr haben Mama und ich Weihnachten zu Hause ausfallen lassen. Wir versuchten, einen ganz normalen Tag daraus zu machen. Das gelang uns nur am Anfang. Irgendwann saßen wir beide auf dem Sofa im Wohnzimmer und wetteiferten darum, wer am lautesten weinen konnte.
Dieses Jahr wollte Mama es anders machen, aber ich war nicht in der Stimmung. Ich hasste Weihnachten.
„Thomas?“
Ich blickte auf. Jacob kam auf mich zu. Auch er hatte sich umgezogen.
„Hallo, Jacob.“
Er kam auf mich zu und umarmte mich kurz. Das war sehr ungewöhnlich für mich, aber ich ließ es zu.
„Na, dann können wir ja auch wieder ins Warme gehen.“
„Wohin willst du mich mitnehmen? In den Club?“
Nein, heute ist geschlossen. Lass dich einfach überraschen, ja?
Okay?
Also gingen wir in seine Richtung zurück, bis wir an die Ecke 24. und 38. Straße kamen. Dort stand ein kleines Schild mit der Aufschrift >Mac Guinness<.
„Was ist das?“, fragte ich.
Ein kleines Irish Pub?
Können wir reingehen?
„Klar, bei uns gibt es nicht nur Bier, sondern auch superleckere Heißgetränke.“
Ich vertraute einfach Jacobs Worten. Er rannte die drei Stufen hinauf und öffnete die Tür. Von drinnen ertönte gedämpfte Musik. Ich folgte Jacob hinein.
„Hallo Jay“, rief der Mann hinter der Bar.
„Hallo Fred!“
"Lange nicht gesehen."
Nicht viel Zeit, weißt du, Ma?
Ja, ich kenne sie nur zu gut.
Könnten Sie mir zwei „Pharis?er“ machen?
Klar, kein Problem.
„Pharisäer?“ Ich habe gefragt.
Lassen Sie sich einfach überraschen, vertrauen Sie mir.
Wenn ich das nicht täte, wäre ich nicht mit Ihnen hier reingegangen.
Jakob nahm es ihm nicht übel, sondern lachte.
„Komm, gib mir deine Jacke“, sagte er und streckte die Hand aus.
Ich zog meine Jacke aus und reichte sie ihm. Er ging zu einer alten Holzgarderobe und hängte unsere Jacken an den hoffnungslos überfüllten Teil. Dann bedeutete er mir, ihm zu folgen.
Die Bar war recht verwinkelt. Kleine Treppen führten zu neuen Sitzbereichen. Fast alle waren besetzt. Einer schien frei zu sein, denn Jakob zog mich am Arm hinein.
Von hier aus hatte man einen guten Überblick über den ganzen Raum. Wir saßen allerdings so weit oben, dass man uns kaum sehen konnte. Fred kam kurz nach uns. Er stellte zwei große Tassen auf den Tisch.
Jakob schob einen Fünf-Dollar-Schein über den Tisch.
„Danke, viel Spaß“, sagte Fred und verschwand wieder.
„Ich lebe seit zwei Jahren hier, aber diese Bar ist mir noch nie aufgefallen.“
„Sind Sie erst seit zwei Jahren hier?“
Ja, davor haben wir in Gloversville gelebt.
Und warum sind Sie dann nach New York gezogen?
Ich schaute auf den Boden, weil dies ein Thema war, das ich mit niemandem außer meiner Mutter besprochen hatte.
„Es tut mir leid, Thomas“, sagte Jacob und legte seine Hand auf meine Schulter, „ich wollte dich nicht beleidigen.“
Ich schaute auf und er konnte sehen, dass ich weinte.
„Scheiße, Thomas, habe ich die falsche Frage gestellt?“
„Nein“, antwortete ich leise, „ich habe seitdem nur mit meiner Mutter darüber gesprochen.“
„Thomas, wenn du es mir nicht sagen willst, tut es mir leid, dass ich es angesprochen habe.“
Er schob mir die Tasse rüber.
„Probier es einfach aus, aber Vorsicht, es ist sehr heiß!“
Ich nahm den Löffel und tauchte ihn unter die Sahneschicht, die das Getränk bedeckte. Ich füllte den kleinen Löffel und blies zuerst hinein, was Jakob wieder zum Lächeln brachte.
Dann steckte ich es vorsichtig in den Mund und versuchte, den Geschmack zu erraten.
„Kaffee?“, fragte ich verwirrt, schmeckte aber sofort, dass da noch etwas anderes drin war.
„Und?“, fragte Jakob grinsend.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Etwas Alkoholisches, aber ich weiß nicht was.“
„Das ist Rum.“
„Schmeckt gut“, sagte ich und tauchte den Löffel wieder in die Tasse.
„Nicht umrühren!“, warnte mich Jakob.
"Warum nicht?"
„Das würde dich eine Runde für die ganze Bar kosten!“, lächelte Jakob.
"Oh?"
Jakob nippte wie ich an seinem Kaffee und sah mich eindringlich an.
„Was?“, fragte ich.
„Wer ist dieser Thomas Millford?“
„Keine Ahnung!“, antwortete ich und nun konnte ich den Rum schmecken.
Kann das sein?
„Ein Geheimnis?“, fragte Jakob erneut.
„An mir ist nichts Interessantes.“
„Ja, du kannst gut zeichnen!“
"Soso?"
„Sei nicht so bescheiden. Niemand hat mich so gut gefangen genommen wie du.“
Ich wurde rot, freute mich aber trotzdem, dass Jakob das Bild gefiel.
„Und was gibt es sonst noch?“, fragte Jakob und betrachtete meinen Kopf von allen Seiten, als wolle er einen Zugang zu meinem Gehirn finden.
Ich fing an zu kichern. Ein warmes, angenehmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Ich zog den Reißverschluss meines Wollpullovers herunter.
„Sie wollten wissen, warum wir hierher gezogen sind?“
„Hey Thomas? Willst du das einfach vergessen? Es ist nicht so wichtig.“
Ich sah Jakob direkt in seine dunklen Augen. Sie funkelten im Kerzenlicht.
„Mein Vater hatte vor zwei Jahren einen Autounfall? Wir mussten unser Haus verkaufen? Und dann sind wir hierhergezogen? Um Abstand zu gewinnen?“
Unsinn. Tut mir leid, Thomas, ich wollte dich nicht daran erinnern.
Kein Problem, ich denke jeden Tag daran.
Ich hatte ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen und starrte Jakob immer noch in die Augen.
„Hast du das beim Mittagessen ernst gemeint?“, fragte Jakob leise.
Was?
Dass ich gut aussehe?
Mist, er hatte es nicht vergessen. Jetzt schaute ich nach unten, mein Gesicht glühte schon. Aber ich wusste nicht, ob es vom Alkohol kam oder weil Jakob neben mir saß.
„Ja“, sagte ich fast unhörbar.
„Das hat noch nie jemand zu mir gesagt, und jetzt sagst du, ein Weißer, es?
Können wir diese Debatte über Weiß oder Schwarz beenden?“, fragte ich.
Jakob legte den Kopf schief und sah mich wieder eindringlich an. Ich begann zu kichern, ohne zu wissen, warum.
So gefällst du mir besser.
„Ich mag dich auch“, antwortete ich und sah wieder auf.
Naja, etwas blass um die Nase, aber ganz passabel!
Ich streckte Jakob die Zunge raus und fing wieder an zu kichern. Ich hatte meine Tasse ausgetrunken.
Was? Ich meine es ernst! Du siehst wirklich gut aus.
Ich musste laut lachen. Einige Leute in der Bar drehten sich zu uns um.
„Lach mich nicht aus, das ist gemein“, sagte Jakob empört.
„Tut mir leid, aber niemand hat mir je gesagt, dass ich gut aussehe, und schon gar nicht, dass ich ein Schwarzer bin.“
Jakobs Augen begannen wieder zu funkeln und seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln. Unsere Gesichter waren nun nicht mehr weit voneinander entfernt. Irgendwie verlor ich mich in Jakobs Augen.
Und irgendwie verlor auch ich die Kontrolle über mich. Langsam bewegten sich unsere Gesichter aufeinander zu. Dann kam der Moment, als wir uns so nahe waren, dass sich unsere Lippen berührten.
Ich schloss kurz die Augen und spürte Jakobs warme, weiche Lippen. Plötzlich traf es mich wie ein Blitz. Ich küsste hier einen Jungen. Entsetzt zuckte ich zurück und starrte Jakob einen Moment lang an.
Dann sprang ich auf und rannte die kleine Treppe hinunter, die wir zuvor hinaufgestiegen waren.
„Thomas, was ist los?“, hörte ich Jacob rufen, aber ich war schon unten.
Ich riss meine Jacke von der Garderobe und stieß sie dabei um.
„Hey!“, rief Fred hinter der Bar.
Ich rannte weiter, wollte einfach nur weg. Raus auf die Straße. Wo ich natürlich auf die Nase fiel, ohne an den Schnee zu denken. Ich stand auf und stolperte mehr oder weniger Richtung Heimat.
Oh Gott, was hatte ich nur getan? Ich hatte einen Jungen geküsst! Scheiße, das geht nicht! Ich zog meine Jacke an, denn ich spürte langsam die eisige Kälte, die hier draußen herrschte.
Ich rutschte ständig aus, es war einfach nicht leicht, im Schnee zu laufen. Aber ich wollte so schnell wie möglich so weit weg wie möglich? Weg von diesem Ort, weg von Jakob.
*-*-*
Ich wusste nicht, wie spät es war, als ich aufwachte. In der Wohnung schien es still zu sein, und im Gebäude war es relativ ruhig. Ich setzte mich auf, spürte aber einen leichten Schmerz im Kopf.
Oh? War das vielleicht der Pharisäer, den ich gestern mit Jakob gesehen hatte? Meine Gedanken stockten, denn plötzlich war alles wieder da? Die Erinnerung kam zurück. Ich schüttelte den Kopf.
Nein, es war kein Traum. Ich hatte Jacob geküsst. Einen Jungen! Ich schüttelte den Kopf und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Ich kroch aus dem Bett und bemerkte, dass ich immer noch die Jeans von gestern Abend anhatte.
Ich zog sie aus und warf sie wütend in die Ecke. Scheiße, was hatte ich nur getan? Was würde Jakob jetzt von mir denken? Die Leute in der Bar. Ich stemmte mich aus dem Bett und stand auf.
Schmerz durchfuhr meinen Körper und ich sah an mir herunter. Meine Beine waren voller blauer Flecken. Verdammt, das tat weh. Es klopfte an der Tür und sie wurde langsam geöffnet.
„Morgen, Junior, na? Was ist mit dir passiert?“
Mama stand in der Tür und starrte mich an.
„Ich bin gestern ausgerutscht“, sagte ich leise und kämpfte gegen die Tränen an, die in mir aufstiegen.
„Thomas? Alles in Ordnung?“, fragte Mama besorgt.
Ich konnte es nicht mehr ertragen und fiel weinend in ihre Arme.
„Mein Gott, Schatz, was ist los?“
Ich konnte nichts sagen, ich schluchzte nur laut. Mama strich mir sanft übers Haar.
„Psst, Thomas, alles wird gut.“
„Nichts wird gut“, wimmerte ich.
„Warum? Was ist passiert?“
„Ich … ich habe …“
Nein, ich konnte es nicht sagen! Mir war das Ganze zu peinlich. Mama zog mich aufs Bett und hielt mich in ihren Armen.
„Thomas, hör zu, du hattest nie Geheimnisse vor mir. Weißt du, dass du mit mir über alles reden kannst?“
Ich musste niesen, griff nach einem Taschentuch und putzte mir die Nase. Mist, jetzt hatte ich mir wahrscheinlich auch noch eine Erkältung eingefangen.
Und? Besser?
Ich nickte.
Was ist mit meinem Großen passiert?
„Ich habe jemanden geküsst“, sagte ich ganz leise.
Ja, und was ist daran so schlimm?
Ich blickte kurz auf und in die Augen meiner Mutter.
„Mama? Es war ein Junge?“
Ich fing wieder an zu schluchzen und fiel ihr in die Arme. Fing meine Mutter jetzt an zu lachen? Hatte ich das richtig gehört?
„Aber Thomas, es ist nicht das Ende der Welt.“
Ich schaute auf und sie lächelte mich an.
„Ich? Dachte ich mir schon, aber irgendwie schön“, flüsterte ich leise und wischte mir die Tränen aus den Augen.
„Ich kann mir vorstellen, dass Küssen immer schön ist.“
„Mama, du verstehst nicht, was ich meine. Ich habe einen Jungen geküsst!“
„Ja, und was ist daran so schlimm?“, fragte sie.
Ich sah sie mit großen Augen an. Sie nahm meine Hände in ihre.
„Schau mal, Thomas. Du bist jetzt siebzehn Jahre alt und wirst im Januar achtzehn. Ich habe dich noch nie mit einem Mädchen gesehen, geschweige denn, dass mir etwas in dieser Richtung aufgefallen wäre.“
Schockiert sah ich sie an. Was wollte sie? Sie konnte es nicht glauben.
Kann es sein, dass du nicht weißt, dass du auf Jungs stehst?
Was? Das kann nicht sein, ich bin schwul? Nein, wie kann das sein?
Offenbar nicht, zumindest schließe ich das aus Ihrem Gesichtsausdruck!
Aber Mama, ich stotterte und fand meine Stimme wieder.
Was?
Ich bin schwul?
Thomas, manchmal kommst du mir ziemlich naiv vor!
„Fang nicht auch noch damit an“, sagte ich bissig.
Begnadigung?
Das hat Jakob gestern schon gesagt.
Jakob? Oh Mann, was muss der nur von mir denken? Ich, schwul?
Hast du Jakob geküsst?
Ich blickte geschockt auf.
„Und was hat er dazu gesagt?“, fragte Mama.
Ich senkte meinen Blick wieder.
„Keine Ahnung. Ich bin weggelaufen.“
„Du?“ Oh, deshalb hast du blaue Flecken.“
Irgendwie schämte ich mich unglaublich. Am liebsten wäre ich unter mein Bettlaken gekrochen und nie wieder herausgekommen.
Du gehst erstmal duschen. Du siehst schrecklich aus und stinkst schrecklich. Wo warst du überhaupt? Hier riecht alles nach Bier!
Ich war mit Jacob in einer Bar in der 39. Straße.
Das Guinness?
Kennst du es?
Klar, ich war schon oft mit Kollegen dort. Fred macht immer so tolle Drinks. Besonders jetzt? Ich liebe es?
kennst du Fred?
Ja, natürlich, wer kennt Fred nicht. Er ist eine gute Seele.
Und? Ich glaube nicht, dass er noch mit mir klarkommt.
Warum nicht?“, fragte Mama neugierig.
Nun, als ich gestern aus seiner Bar stürmte, muss ich die Garderobe umgestoßen haben.
Mama fing an, laut zu lachen. Ich sah sie erstaunt an.
"Was?"
„Das wird teuer für Sie“, sagte sie lachend.
„Warum? Es ist nicht kaputt.“
„Nein, Thomas, wer es umwirft, muss eine Runde ausgeben!“
"Verdammt!"
Junge, pass auf, was du sagst! Geh jetzt duschen, ich mache uns ein schönes Frühstück.
Damit ließ sie mich allein im Zimmer zurück. Ich – schwul? Ich drehte mich um und starrte Jacobs Bild an. Zumindest würde das einiges erklären, aber was sollte ich Jacob erklären?
Ich seufzte und schleppte mich ins Badezimmer.
*-*-*
Mama hatte recht. Eine heiße Dusche konnte Wunder wirken. Ich kam mit einem etwas besseren Gefühl aus dem Badezimmer und ging zurück in mein Zimmer. Nur mit einem Handtuch um die Hüften öffnete ich die Tür und erstarrte.
„Hallo Thomas??
Scheiße! Hätte Mama mich nicht warnen können?
Oh Thomas? Jakob ist hier? Ah, du hast ihn schon gefunden? Ich gehe nur noch einen Ort ab.
Typisch Mama! Ich schloss die Tür hinter mir.
„Was ist mit dir passiert?“, fragte Jacob geschockt und stand auf. „Du hast überall blaue Flecken.“
Ich bin ausgerutscht.
„Bist du Thomas? Tut es weh?
„Du brauchst nichts zu sagen. Tut mir leid, das war ein Ausrutscher. Das passiert nie wieder“, unterbrach ich ihn.
Er stand nun direkt vor mir. Er trug einen Wollpullover und Jeans, ich nur ein Handtuch. Wieder funkelten seine Augen so wunderschön. Ich musste aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, denn irgendwie wurden meine Knie weich.
Thomas, wenn ich das gewusst hätte, tut mir leid, es war alles meine Schuld, ich habe irgendwie das Falsche angenommen,
Hä? Was meinte er jetzt? Ich sah ihn fragend an.
Ich dachte, du wüsstest, dass ich schwul bin.
Hilfe, worauf habe ich mich da eingelassen? Aber irgendwo in meinem Kopf machte es Klick. Könnte es nicht einfach sein, dass
Du hast mir gestern gesagt, dass du mich hübsch findest und dass wir uns so gut verstehen, obwohl wir uns erst gestern kennengelernt haben? Tut mir leid, das wollte ich nicht. War ich wieder zu direkt?
ähm? Kann ich vorher etwas anziehen?
Soll ich gehen?
Ich verzog das Gesicht und legte den Kopf schief. Er sah mich verwirrt an. Ich gab ihm einen leichten Schubs, und er landete auf meinem Bett. Ich ging zum Schrank und holte eine frische Boxershorts heraus.
Jakobs Augen weiteten sich. Ich ließ das Handtuch fallen und zog die Boxershorts an … vor seinen Augen. Ich griff nach meiner Jogginghose und zog sie ebenfalls an. Dann setzte ich mich neben den völlig verwirrten Jakob.
Hören Sie, es ist möglich, dass Sie die Zeichen bereits richtig interpretiert haben.
Aber...
Lassen Sie mich bitte ausreden.
Jakob nickte und hielt den Mund.
Ich hatte nie viele Freunde, oder besser gesagt, überhaupt keine. Als mein Vater vor zwei Jahren starb und wir hierher zogen, machte ich ihm Vorwürfe, weil er keinen Kontakt zu irgendjemandem haben wollte. Erst gestern, als ich dich zeichnete, begann sich etwas in meinem Kopf zu bewegen, das ich nicht verstand ... das ich immer noch nicht wirklich verstehe.
Jakob sah mich nur an. Es klopfte an der Tür.
„Mama, wir sind gleich da“, rief ich.
An der Tür herrschte Stille.
„Meine Mutter hat mir vorhin die Augen geöffnet … für etwas, das mir nicht bewusst war, das ich verdrängt hatte oder einfach nicht wahrhaben wollte.“
„Und was war das?“
„Jakob, ich bin auch schwul.“
Ein Grinsen breitete sich auf Jakobs Gesicht aus. Ich senkte den Blick.
„Entschuldigung, ich habe etwas überreagiert …“
„Ein bisschen?“, fing Jakob an zu lachen. „Du hast Freds Laden in Aufruhr versetzt.“
„Das tut mir leid!“
„Das muss nicht sein!“
„Und jetzt?“
„Was denkst du?“, fragte mich Jakob und hob mein Kinn mit der Hand an, damit er mir wieder in die Augen sehen konnte.
„Was wird jetzt passieren? Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin ratlos.“
„Ich weiß was“, sagte Jacob, ohne mein Kinn loszulassen.
„Was?“, fragte ich leise.
Jacob kam näher und zog mich sanft am Kinn zu sich heran. Wir machten dort weiter, wo ich gestern aufgehört hatte. Wir küssten uns. Ich hob meine Hand und streichelte Jacobs Wange.
Er zog mich ganz zu sich heran und nahm mich in seine Arme. Völlig außer Atem lösten wir uns voneinander.
„Wow!“, keuchte Jacob und sah dabei seltsam verzückt aus.
„Was?“, fragte ich, immer noch ohne zu wissen, was ich gerade getan hatte.
„Dein Kuss. Es war, als hättest du meinen Körper elektrisiert.“
Jetzt spürte ich, wie ich am ganzen Körper zitterte.
„Ich habe noch nie …
„Ich habe einen Jungen geküsst“, beendete Jakob meinen Satz.
Noch nie? Ich hatte nicht mal eine Freundin!
Aber du bist verdammt gut darin.
Ich musste verlegen grinsen.
Ich habe dir gestern gesagt, dass du mir so besser gefällst.
„Lass uns frühstücken gehen“, fragte ich.
Ehrlich gesagt bin ich am Verhungern. Heute Morgen konnte ich keinen Bissen runterkriegen.
Dann los. Mama wartet nicht gern.
Ich stand auf, aber Jakob stellte sich mir in den Weg. Er hob seine Hand und legte sie mir um den Hals. Dann zog er mich wieder an sich und küsste mich erneut. Ich nahm ihn trotzdem in die Arme und streichelte seinen Rücken.
„Für einen Weißen kannst du verdammt gut küssen!“
Ich grinste.
„Für einen Schwarzen fühlst du dich verdammt gut!“
Lachend gingen wir gemeinsam zu Mama in die Küche.
*-*-*

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Information Sechs Kreuze für einen Traum
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:38 AM - No Replies

Eine Berufung

Die Sonne schien in das kleine Zimmer und hüllte alles in gleißendes Licht. Das Zimmer war nicht besonders groß, eben eine typische Studentenbude. Überaus praktisch eingerichtet, Bett, Stuhl, Schreibtisch, Schrank und einige Regale an den Wänden. Viel mehr Platz war auch nicht vorhanden. Aber dieses Zimmer wurde zu seinem Zuhause in den letzten Jahren. Es war seine kleine Welt, die er sich so gemütlich wie es irgend ging eingerichtet hatte.

Viel, sehr viel Zeit verbrachte er in seinem Zimmer, die Küche und das Bad teilte er mit noch zwei anderen Studenten. Er verstand sich mit ihnen, aber zu seinen Freunden zählten sie nicht. Man redete eigentlich nur das nötigste, teilte sich die Arbeit in den Gemeinschaftsräumen, ging aber ansonsten seinen eigenen Weg.

Dabei war Ron, der noch immer tief schlafend in seinem Bett lag, kein Typ, der keine Freunde hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte einige Freunde, mit denen er sich sehr gut verstand. Mit ihnen zusammen hatte er immer wieder Zeit verbracht, viel unternommen und auch so manchen Unsinn getrieben.

Gestern hatten sie sich noch mal alle getroffen, haben bis spät in die Nacht gefeiert, denn es gab etwas zu feiern. Sie hatten es alle geschafft! Das Studium war beendet! Aber bei der Feier kam auch Wehmut auf. Würden sie sich alle noch mal wiedersehen? Wie sollte es mit ihrer Freundschaft weitergehen? Jeder hatte seine Vorstellungen, was er machen würde, aber Ron hatte als einziger noch keinen echten Plan.

Er hatte Sozialwissenschaften studiert, sich seinen größten Wunsch erfüllt. Er liebte es mit Menschen zu arbeiten. Er hatte auch keine Schwierigkeiten, neue Kontakte zu knüpfen, war offen für alles und jeden. Nun aber, nachdem er mit dem Studium fertig war, sollte es losgehen. Aber noch war er sich nicht sicher, welchen Weg er genau einschlagen sollte.

Immerhin stand die Grobrichtung fest: Er wollte mit Jugendlichen arbeiten, ihnen das Leben zeigen und Perspektiven in der heutigen Zeit mit auf ihren Weg geben. In seinem Praktikumsstellen hat er die Arbeit mit den Jugendlichen immer genossen, sie machte ihm am meisten Spaß.

Über die Vermittlung der Uni hatte er einige Adressen bekommen, bei denen er sich bewerben konnte. Auch bei einigen Praktikumsplätzen hatte man ihm versichert, dass sie ihn jederzeit nehmen würden. Also würde er wohl keine Probleme haben, erst mal eine Arbeit zu finden. Aber eine Woche wollte er sich eine kleine Auszeit gönnen. Er wollte nach den anstrengenden letzten Wochen einfach nur mal raus, er wollte es einfach.

Gestern, vor der Feier hatte er schon alle Sachen gepackt und sein Motorrad fertig gemacht. Sein Plan war eigentlich keiner. Er wollte sich nur auf seine Maschine setzten und einfach die Straßen langdüsen, ohne festes Ziel.

Das hatte er schon öfter in den Semesterferien gemacht. Jedes Mal lernte er neue Leute kennen, neue Städte und Landschaften. So sollte es auch diesmal wieder werden. Immer, wenn der Studienstress in den letzten Wochen überhand nahm, setzte er sich einen Moment lang hin und schwelgte in Gedanken. Er sah sich fahren, den Wind spüren und dachte an die vielen Leute, die er kennenlernen würde. Danach ging es ihm besser und die Arbeit ging wieder leichter von der Hand.

Die Sonne ist inzwischen weitergewandert und kitzelte sein Gesicht. Die angenehme Wärme, die er verspürte ließ ihn leicht blinzeln. Auf, auf, ihr müden Leiber, der Wald steckt voller Weiber war der erste Gedanke der ihm kam.

Das war der typische Spruch von Andreas, seines Zeichen Gartenbauarchitekt und einer der engsten Freunde von Ron. Immer wenn Andreas es eilig hatte kam dieser Spruch von ihm. Für Ron war der Gedanke an einem Wald voller Weiber zwar nichts, was ihn motivieren konnte, aber dieser Spruch kam ihn in den Sinn.

Er war plötzlich hellwach, sprang nahezu aus dem Bett und machte sich auf den Weg zum Bad. Bei seinen Mitbewohnern war nichts zu hören, sie waren noch später heim gekommen als er. Auch sie hatten gefeiert.

Seine Laune war spitzenmäßig. Überschwänglich duschte er erst einmal, anschließend Zahnpflege und mit einem Handtuch um die Hüfte zurück in sein Zimmer, das er so liebgewonnen hatte.

Bald, nach seinem Ausflug, müsste er sich eine neue Unterkunft suchen, aber diesen unangenehmen Gedanken schob er beiseite – er hat eine Woche Urlaub! Und nichts sollte die Freude daran mindern!

Ron zog sich die Sachen an, die er schon am Vorabend herausgelegt hatte und machte sich auf leisen Sohlen aus der Wohnung. Er wollte sich noch von seinen Freunden verabschieden, bevor sein Abenteuer beginnt.

Zuerst wollte er Mike und Katrin verabschieden. Sie wohnten ganz in der Nähe, waren das Traumpaar des Studienganges, angehende Anwälte und natürlich Rons Freunde. Schon als er die Treppen heraufeilte hörte er Lachen und viele Stimmen im Flur. Also hatten noch mehr Leute den gleichen Gedanken wie er.

Die Tür wurde geöffnet und Katrin begrüßte ihn stürmisch.

„Schön, dass du noch vorbeikommst. Geh rein, es sind alle da, aber stolpre nicht über unsere Sachen“, sagte sie zu Ron und zog ihn in die Wohnung.

Da waren alle seine Freunde versammelt und begrüßten ihn ebenfalls. Mike, Katrins Schatz, reichte ihm zuerst die Hand. Dann Andreas, der grüne Daumen der Gruppe, Johann der angehende Notar, Paul ebenfalls Anwalt, Kerstin die Tierärztin und natürlich Ralf.

Ralf war kein Student, er machte in der Nähe eine Ausbildung zum Koch. Die Gruppe lernte ihn an einem Abend kennen, als sie unterwegs waren und eine kleine Gaststätte entdeckt hatten.

Das Essen hatte ihnen allen so gut geschmeckt, dass sie den Koch kennenlernen wollten, der es fertigbrachte, allen Geschmäckern recht zu werden. Dann aber staunten sie nicht schlecht, als der Azubi mit seiner etwas zu großen Kochmütze vor ihnen stand.

Seine etwas unbeholfene Art machte ihm sofort sympathisch und so kam es, dass er in die Gruppe aufgenommen wurde. Ron mochte ihn sofort, diese grünen Augen und das braune, halblange Haar dazu ließen ihm immer wieder träumen. Er war anfangs etwas schüchtern, was ihn noch liebenswerter machte, als er sich aber in die Gruppe integriert hatte, lernte man ihn erst richtig kennen und schätzen.

Es gab nichts, was er nicht für einen Freund machen würde. Leider hat er nach Abschluss seiner Lehre keinen Job bekommen, hing quasi in der Luft. Aber er versprühte einen Optimismus, dass sich alle sicher waren, dass er auch etwas finden würde.

„Wollen wir noch in die Mensa zum Frühstück gehen?“

Kerstin machte den Vorschlag, der sofort von allen begeistert aufgenommen wurde. Fröhlich zog man zum Ort der Essenseinnahme, der heute eher schwach frequentiert war.

Die meisten ehemaligen Studenten hatten wohl noch mit einem Kater zu kämpfen, andere wiederum sind gleich gestern nach Haus gefahren. Es wurde eine fröhliche Runde, aber die Zeit zum Aufbruch kam immer näher.

Das Traumpaar wollte zu den Eltern von Mike fahren, wo sie Unterkunft und Arbeit in der Väterlichen Kanzlei hatten. Andreas hat eine Anstellung in Magdeburg gefunden, die er so schnell wie möglich antreten sollte, Johann und Paul wollten ebenfalls nach Hause zu den Eltern und Kerstin blieb noch eine Woche im Wohnheim. Sie hatte noch einige Sachen zu klären, die Zeit bedurften.

Ralf hatte es nicht weit, wohnte er doch in der Nähe bei seinen Eltern und Ron wollte nun auch endlich sein Abenteuer beginnen. Schade, dass Ralf Angst auf dem Motorrad hatte, gern würde Ron ihn auf seiner Fahrt mitnehmen. Immer öfter sah er in seinen Gedanken, wie sie gemeinsam durch die Gegend fuhren, sich treiben ließen und sich vielleicht auch noch näher kamen…

Die Sonne stand fast am höchsten Punkt, als sich alle nochmal in den Arm nahmen, sich zum Abschied noch mal drückten und dann auseinanderstoben. Für keinen der Gruppe war der Abschied schön, jeder hatte eine Traurigkeit zu tragen. Aber alle wollten sich unbedingt wiedersehen, das stand fest!

Ron verscheuchte die trüben Gedanken so gut es ging und zog sich in seiner Bude den Lederkombi an. Die Sachen geschnappt und auf zu seiner geliebten Maschine. Er hatte sie vor fast zwei Jahren gebraucht gekauft. Es war nicht der beste Kauf gewesen, wie sich einige Zeit später zeigte. Allerlei kleine Mängel kamen zum Vorschein, die er immer wieder reparieren lassen musste. Fahren konnte er zwar, aber in technischen Sachen hatte er keinen Durchblick.

So steckte er nach und nach ein kleines Vermögen in die Maschine, aber er wollte sie nicht mehr hergeben. Sein Herz hing an ihr, wenn er sie auch manchmal verfluchte. Ron hatte alles festgeschnallt und noch mal kontrolliert. Er schaute sich noch mal um, aber der Platz war wie leergefegt.

Freudig erregt setzte er den Helm auf und ließ den Starter arbeiten. Nun war er allein und das Abenteuer konnte beginnen!

Sein erster Weg führte ihn in die Nähe von Brandenburg. Sein einziges festes Ziel, das er hatte. Hier, in einem Altenheim wollte er seine Oma besuchen, die ihn im Alter von 7 Jahren bei sich aufnahm, als seine Eltern bei einem tragischen Autounfall ums Leben kamen. Wieder einmal hatte ein betrunkener Autofahrer eine glückliche Familie zerstört.

Er hielt die Erinnerung an seine Eltern stets im Herzen, aber die Trauer um den Verlust hat sich dank seiner Oma gelegt. An vieles konnte er sich auch nicht mehr erinnern. Viel mehr machte er sich Sorgen um seine Oma. Es fing schleichend an. Zuerst vergaß sie Namen, dann fielen ihr Wörter nicht mehr ein und als er sein Studium begann vergaß sie sogar, was sie machen wollte. Die Demenz hat ihre schleichenden Hände nach ihr ausgestreckt. Das tat ihm in der Seele weh, seine geliebte Oma so verwirrt zu sehen.

Es gab damals keinen anderen Weg, als sie in ein Heim zu geben. Das Geld, was ihm seine Eltern hinterlassen hatten, hat die Oma für ihn gut angelegt. So konnte er sich sein Studium finanzieren und sich auch sein Motorrad als einzige Luxusausgabe leisten.

Der Raum war abgedunkelt als er ihn betrat. Er ging zum Bett und ergriff die Hand seiner Oma. Sie drehte den Kopf in seine Richtung. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Erkannte sie ihn? Die Schwester hat gesagt, dass es ihr immer schlechter ginge. Er redete sich ein, dass sie ihn erkannte und erzählte, wie er es immer machte, von sich.

Einen kurzen Moment hatte er den Eindruck, dass sich ihre Augen klärten, als sie ihm direkt anschaute. Er hielt inne mit seiner Erzählung und lauschte ihren ganz leise geflüsterten Worten. Aber sie ergaben keinen Sinn. Es hörte sich so an, als ob sie gesagt hätte, dass er Lotto spielen sollte.

Einerseits machte es keinen Sinn, andererseits waren ihre Augen ganz klar. Oder sollte es eine Metapher sein, eine ihrer Weisheiten, die er nur zu gut kannte, die er immer gemocht hatte? Sie drehte ihren Kopf weg und die Schwester betrat das Zimmer.

„Ich glaub, es ist besser wenn sie jetzt gehen, sie ist erschöpft“, sagte sie freundlich zu Ron.

Er stand auf, drückte nochmals die Hand, die ihm großzog und verließ das Zimmer mit Tränen in den Augen. Auf dem Parkplatz musste er erst einmal tief durchatmen und steckte sich eine Zigarette an. Er rauchte selten, aber in solchen Momenten brauchte er es einfach. Nachdem er sich beruhigt hatte machte er sich auf den Weg ins Unbekannte.

Noch in Gedanken an seine Oma fuhr er einfach die Straßen entlang, durch Orte, die nicht im Gehirn hängenblieben. Einfach nur geradeaus. Er sah nicht die Felder, an denen er vorbeifuhr, nicht die Menschen am Wegesrand die den herrlichen Tag zu einem Spaziergang nutzten. Die Sonne schien kräftig und langsam machte sich auch wieder ein warmes Gefühl in ihm breit.

Er dachte an die schöne Zeit mit seiner Oma, an die Schulzeit, die eigentlich auch ganz schön war und an das zurückliegende Studium. Erst jetzt konnte er begreifen, dass er fertig war. Es kam ihn wie eine Erleuchtung vor, dass er fortan keine Prüfungen mehr hatte oder Hausarbeiten schreiben musste.

Seine Laune besserte sich zusehends. Er konnte langsam wieder klare Gedanken fassen und es wurde ihm leichter ums Herz. Ein Hungergefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Grade war er doch an einem hübschen kleinen Gasthof vorbeigefahren? Ron verlangsamte die Geschwindigkeit, drehte um und fuhr den Weg zurück.

Er stellte sein Motorrad vor dem Gasthof ab und suchte sich einen kleinen Tisch am Rande der Terrasse. Der Sonnenschirm spendete Schatten, den er auch dringend nötig hatte, langsam wurde ihm warm in den Lederklamotten. >Ich sollte mir mal einen Sommeranzug kaufen< ging es ihm durch den Kopf. Die Bedienung, ein etwas unfreundlich wirkender Herr legte wortlos die Speisekarte auf den Tisch.

So unfreundlich die Bedienung war, um so viel besser war das Angebot. Er bestellte sich ein Essen und ein Getränk und ließ es sich gut gehen. Nachdem Ron sich ausgiebig gestärkt hatte, auch eine Zigarette genehmigte er sich, machte er sich auf um noch etwas von der Gegend zu sehen. Er kehrte den Hauptstraßen den Rücken und genoss die Fahrt auf kleinen Wegen, die zum Teil schon fast Feldwege waren.

Seine Stimmung war gut, die Gedanken an den Abschied von seinen Studienkollegen und seiner Oma verflogen, folgte er einen alten, ziemlich holprigen Weg, der scheinbar nur noch von Landwirtschaftsfahrzeugen genutzt wurde. Da passierte es!

Der Motor seiner Maschine ging plötzlich aus, sagte keinen Mucks mehr! Und das inmitten der Einöde! Er stieg ab und lief zweimal um sein Motorrad herum. Leise vor sich hin fluchend, versuchte er den Zündschlüssel zu drehen. Aber es passierte nichts.

>Das hat mir gerade noch gefehlt, mitten in der Pampa und ich hab keine Ahnung, wie ich das Ding wieder zum Laufen bekommen kann< dachte er und zerrte den Helm vom Kopf. Es wurde warm in seinem Kombi und so zog er sich das Oberteil herunter und band die Ärmel um seinen Bauch.

Aus dem Rucksack zog er eine Karte hervor, um zu sehen, wo er war. Aber der Weg war so klein, dass er auf der Karte nicht zu finden war. Nur eine ungefähre Vorstellung hatte er von seinem Standort. Auch ein Blick um 360 Grad brachte keine Erkenntnis. Es war einfach nichts zu sehen, kein Haus, kein Baum, und schon gar kein Schild.

Sollte er die fünf Kilometer zum nächsten Ort zurücklaufen, oder sollte er weiter vorwärts laufen, um wieder zur Zivilisation zurückzukehren? Sollte er das Motorrad schieben, oder nur seinen Rucksack auf dem Rücken mitnehmen? Er setzte sich an den Wegesrand, zündete sich vor Frust eine Zigarette an und grübelte.

An diesem Punkt hätte er vor Wut auf den Tank einschlagen können, aber er wusste genau, dass es nur eine Beule geben würde, nicht mehr. Seine Laune war auf einem Tiefpunkt angekommen. So hatte er sich den Ausflug nicht vorgestellt!

Seine Entscheidung stand fest. Er schob die Maschine an den Wegesrand, schloss sie ab und schulterte seinen Rucksack. Es brachte ja nichts, er musste Hilfe holen. Er wusste weder wo genau er war, noch hatte sein Handy Empfang. Aber wen hätte er schon anrufen können?

Der Ort, den er zuvor durchfahren hatte, machte einen freundlichen Eindruck. Es gab nicht viele Häuser, aber alle sahen gepflegt aus. Also trat er den Weg zurück an, irgendeiner wird sich schon finden, der helfen kann. Gedankenverloren machte er sich auf den Weg als er hinter sich ein Geräusch wahrnahm.

Es hörte sich an wie ein kleines Glöckchen, das da hinter ihm klingelte. Als er sich umsah, konnte er in der Ferne ein Fahrrad auf sich zukommen sehen. Die Klingel machte sich bei jeder Unebenheit bemerkbar. Er hob die Hand, um die schon tiefstehende Sonne abzuschirmen. Er freute sich, dass in dieser Einöde jemand unterwegs war, der vielleicht helfen konnte.

Schnell näherte sich das Fahrrad und kam neben ihm zu stehen. Was er da zu sehen bekam, verschlug ihm die Sprache! Die Haare des Jungen, der nun neben Ron stand, waren strohblond, halblang, ein wenig verschwitzt hingen sie ihm in der Stirn und seine Augen leuchteten blau. Seine Wangen waren gerötet, wobei eine mehr Farbe hatte, als die andere. Er hatte nur ein Hemd an und eine halblange Hose, seine Gestalt war dünn und wirkte auf Ron sehr zerbrechlich, nahezu zart. Er schätzte ihm auf etwa sechzehn Jahre.

„Hallo“, sagte er mit einer sehr sympathischen Stimme, „ist das dein Motorrad da hinten?“ und zeigte in die Richtung, aus der Ron kam. Ron musste sich erst sammeln, zu sehr verwirrte ihn der Anblick des Jungen und nickte nur.

„Kann ich dir vielleicht helfen?“ fragte dieser. Ron musste sich zusammenreißen. Noch nie ist es ihm so ergangen, wie jetzt, es hatte ihm einfach die Sprache verschlagen. „Das ist meine Maschine, sie ging plötzlich aus und nichts tut sich mehr“, brachte er dann endlich heraus.

Sollte dieser Bengel ihm helfen können? Er hatte ein Fahrrad, könnte sicher schnell Hilfe holen und er würde sich die vier Kilometer Fußweg sparen. „Sie ist einfach nur ausgegangen und nichts geht mehr?“, hakte der Blondschopf nach. Ron nickte nur zur Bestätigung.

„Kann ich sie mir mal ansehen, vielleicht kann ich was machen. Ich schraub öfter an Mopeds rum“, sagte er und senkte den Blick etwas. Ron war sich unsicher. Ob dieses Jüngelchen ihm wirklich helfen konnte? Ein Moped war nun mal kein Motorrad. Was aber hatte er zu verlieren. Außerdem fand er die schüchterne Art, wie er sich gab niedlich. Dachte er eben grade niedlich? Der Junge war doch fast noch ein Kind.

„Aber wenn du nichts machen kannst, fährst du ins nächste Dorf und holst Hilfe“, meinte Ron und der Junge sah ihm freudig an und nickte. „Okay, dann lass uns zurückgehen“, sagte Ron und machte den ersten Schritt. „Soll ich den Rucksack aufs Fahrrad nehmen“, fragte der Junge und schaute Ron sehr durchdringend in die Augen, dass ihm ein Schauer den Rücken runter lief. „Nein, lass mal, es ist ja nicht weit, es geht schon“, Ron wollte die Hilfsbereitschaft des Jungen nicht überstrapazieren.

Schweigend liefen sie nebeneinander her. Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Beide schielten ab und zu zum Nebenmann und öfter trafen sich ihre Blicke und beide mussten schmunzeln. Am Motorrad angekommen setzte Ron den Rucksack ab und löste die Verknotung seiner Ärmel, die nun lose herunterhingen.

Er kramte den Schlüssel raus und reichte ihn den Jungen. Mit einem Lächeln griff er ihn und steckte ihn in das Schloss und drehte ihn. Aber wie schon zuvor tat sich nichts, kein Laut gab das Gerät von sich. „Hast du schon mal die Sicherungen kontrolliert?“, fragte er mit einem entwaffnenden Lächeln.

Ron schüttelte mit dem Kopf. Er hatte keine Ahnung von Technik, wusste noch nicht einmal, wo er an seinem Motorrad nach Sicherungen suchen sollte. Der Junge zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und entriegelte mit ihm die Sitzbank. Das hatte Ron auch schon öfter gemacht, lag doch dort sein Notfallpäckchen, das er regelmäßig überprüfte. Auch die Batterie war dort drin versteckt, die er im Winter immer ausbaute. Aber mehr hat er dort drin nicht wahrgenommen.

Der eifrige Moped Schrauber schien genau zu wissen, was er suchte. Tief mit dem Kopf in der Öffnung hängend machte er einige Handgriffe, die Ron sehr professionell vorkamen. Dann richtete sich der Junge auf, hielt ein kleines, farbiges Plastikteilchen nach oben und grinste Ron an.

„Ich glaub, ich hab´s gefunden, deine Hauptsicherung ist durch“, sagte er nicht ohne Stolz in seiner Stimme. Ron war baff! Dieser kleine Kerl hatte sein Problem gelöst! Er musste sich eingestehen, dass dieser Blondschopf viel mehr drauf hatte, als er zum Anfang vermutet hatte.

„Da, das kann ja nicht wahr sein“, kam es stockend aus Rons Mund. „Hast du eine Ersatzsicherung dabei, oder soll ich eine holen?“, fragte der Junge. Ron zuckte mit den Schultern, „ich weiß nicht, ich hab nur das bisschen Werkzeug dabei“, und zeigte auf den schmalen Wickel, den der Junge zuvor aus der Öffnung im Sitz genommen hatte. Dieser griff ihn sich und begutachtete den Inhalt. „Ne, hier ist keine dabei, hast du vielleicht noch einen Ersatzlampenkasten dabei?“ „Nein, nur was da ist“, sagte Ron und kam sich auf einmal hilflos vor.

Der Blondschopf stand auf und ging zu seinem Fahrrad, „ich fahr schnell nach Hause und hol eine Sicherung, nicht wegrennen“, sagte er grinsend und schon trat er in die Pedale. Ron musste lächeln. Wie flink und geschickt der kleine war. Dabei fiel ihm ein, dass er noch nicht mal den Namen des Jungen wusste. Er setzte sich ins Gras und dachte nach. Über sein Ausflug und die Begegnung mit dem schönen Unbekannten.

*-*-*

Olaf trat kräftig in die Pedale. Er kannte den Weg, ist ihn schon dutzende Mal gefahren. Eigentlich war sein Tag total beschissen gewesen. Zuerst rief ihn sein Meister und Lehrausbilder an, dass er sofort zum Objekt kommen sollte, dann machte er ihm alles nicht recht. Wieder einmal ist dem Meister die Hand ausgerutscht. Und nur, weil er ihm nicht den richtigen Schraubenschlüssel gereicht hat.

Aber lange braucht er sich das nicht mehr gefallen zu lassen, noch vier Wochen, dann hat er die Lehre beendet und würde sich sofort eine neue Arbeit suchen. Bei diesem Typen bleibt er auf gar keinen Fall, dass stand für ihm fest! Auch wenn Manfred, sein Meister, ihm eine feste Anstellung versprochen hat, stand sein Entschluss fest. Er wollte sich nicht mehr wie ein kleines Kind behandeln lassen, schließlich war er schon 19 Jahre alt.

Auch wenn seine Eltern das nicht gut finden würden. Sie waren froh, dass Manfred ihnen angeboten hatte, ihren Sprössling nach der Lehre in ein festes Arbeitsverhältnis zu übernehmen. In dieser ehemaligen Grenzregion war es mit Arbeit nicht so gut bestellt.

Die Jahrelange Abgeschiedenheit des Dorfes, das sich in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Staatsgrenze der DDR befand, hat keine rechte Wirtschaft aufkommen lassen, auch nicht nach nunmehr zwanzig Jahren Deutsche Einheit. Olaf wollte nur weg aus diesem Dorf, obwohl es ihm gefiel. Aber das einzige, was er dort machen konnte war entweder „Harzen“ oder bei Manfred arbeiten.

Olaf erreichte den elterlichen Hof, der verlassen war. Die Eltern waren bestimmt bei Nachbarn, um zu klönen. Er lehnte das Fahrrad an die Wand der Werkstatt, die er sich mit seinem Vater in einem ehemaligen Stall eingerichtet hatte. Das meiste hatte Olaf gemacht, schraubte er doch für sein Leben gern an Motoren aller Art herum. Es machte ihm Spaß, außerdem gab es keine andere Beschäftigung im Dorf für einen Jugendlichen in seinem Alter.

Er suchte schnell die passende Sicherung und machte sich wieder auf den Weg. Der Motorradfahrer ging ihm nicht aus dem Kopf. Ständig sah er das Gesicht vor sich, die schwarzen Augen passten einfach super zu seinen dunkelblonden Schulterlangen Haaren. Wie alt mochte er wohl sein, fragte sich Olaf. Er schätzte ihn auf vielleicht 23 Jahre, obwohl er sich eingestand, dass er im Schätzen nicht gut war.

Er musste es erfahren, auch seinen Namen wusste er noch nicht, aber die Blicke, die er immer wieder spürte, hatten ein Kribbeln in ihm ausgelöst, das er schon so lange nicht mehr gefühlt hat. Das spornte ihm an, noch fester in die Pedale zu treten, um endlich wieder bei ihm zu sein.

Nur gut, dass es auf dem Weg Ausweichstellen gab und er grad in eine fahren konnte, als ihm Manfred im Firmenauto entgegenkam. Er fuhr schon wieder wie ein besengter, rechnet der denn nicht mit Verkehr auf dem Weg? Viel los ist ja hier nicht, der Weg führte zum Objekt, wie es alle im Dorf nannten. Es war die alte Grenzkompanie, die hier ihren Sitz hatte. Seit dem Fall der Mauer, war das Objekt verwaist, wurde nur notdürftig aus Mitteln des Bundes instandgehalten.

Mehrere Versuche, es an Investoren zu verkaufen scheiterten, es lag einfach zu abseits und die Wirtschaft in der Gegend beschränkte sich nur auf einige kleine Handwerksbetriebe, die aber auch verstreut lagen.

Und ausgerechnet heute hatte die Sanitärfirma in diesem Objekt zu tun, es sollte die Heizung Winterfest gemacht werden. Wie üblich hat Manfred den Auftrag bekommen, schnell verdientes Geld, wie er sagte. Olaf war zwar nur Lehrling, aber er wusste, dass der Meister nur pfuschte, bei diesem Auftrag. Er hat einfach nur das Wasser aus der Heizung abgelassen und schien damit seine Schuldigkeit getan zu haben. Dass die Rohre noch vollstanden und unweigerlich im Winter zerfrieren würden war ihm egal.

„Hallo, bin wieder da“, rief Olaf schon aus der Ferne und Ron hob seinen Kopf, den er ins weiche Gras gebettet hatte. Olaf hielt und stellte sein Fahrrad hinter das Motorrad. „Sag mal, was ist das eigentlich für ein Weg hier?“ Ron stand auf und ging zu Olaf.

„Das ist ein Weg, der zu einer ehemaligen Grenzkompanie führt, in etwa einen Kilometer ist sie von hier aus“, sagte Olaf und ging zum Motorrad um die Sicherung einzubauen. „Kennst du den bekloppten, der eben hier vorbeigefahren ist?“ Olaf sah lächelnd auf, „das ist mein Meister, der fährt immer wie ´ne Wildsau hier lang. Er rechnet hier einfach nicht mit Verkehr. Eigentlich fährt hier auch kaum jemand lang.“ Olaf arbeitete wieder im Loch des Motorrades.

Ron sah zu, wie Olaf den Schlüssel ins Zündschloss steckte und ihn drehte. Plötzlich leuchteten alle Anzeigen auf. Er betätigte den Starter und der Motor gab sein gewohntes Brummen von sich. Ron fielen jede Menge Steine vom Herzen! Er konnte es nicht fassen, dass dieser Kerl es geschafft hatte!

„Danke“, sagte er zu Olaf, „danke dass du mir geholfen hast.“ Er reichte Olaf die Hand. „Ich heiße Ron, ich hatte mich noch nicht vorgestellt“. Olaf ergriff die Hand und sah ihm lächelnd ins Gesicht. „Ich heiße Olaf und nichts zu danken, hab ich gern gemacht“, und eine leichte Röte überzog sein Gesicht.

Ron liefen leichte Schauer über den Rücken, sie hielten die Hände länger als es normal wäre und beide schauten sich in die Augen. Jeder dachte, wie froh er war, den anderen getroffen zu haben. Sie lösten den Händedruck und Ron zog die Schachtel Zigaretten aus der Tasche, um sie eine zu gönnen.

„Darf ich auch eine haben?“ Olaf schaute ihn erwartend an. Ron überlegte, ob Olaf schon alt genug war um zu rauchen, wischte aber alle Bedenken weg, da sie schließlich keiner sehen konnte. Er hielt ihm die Schachtel hin und gab ihm noch Feuer. Anschließend verstaute Ron alles wieder in seiner Sitzbank und machte diese wieder aufs Motorrad.

Olaf hatte sich zwischenzeitlich ins Gras gesetzt und beobachtete Ron. Er fand ihn einfach toll, so mit dem halbausgezogenen Lederkombi. Seine Bewegungen ließen ihm einen kleinen Schauer über den Rücken laufen. Ron setzte sich zu Olaf ins Gras. „Sag mal, du wohnst in dem Dorf dahinten. Kennst dich bestimmt aus in der Gegend. Ist denn hier eine Übernachtungsmöglichkeit in der Nähe?“

Olaf musste nicht lange überlegen. „Nein, hier in der Gegend wirst du nichts finden, alles nur kleine Dörfer. Da musst du schon noch weiterfahren. Wenn du in Richtung Objekt fährst, musst du nur den ehemaligen Kolonnenweg nach rechts folgen, dann kommst du auf eine größere Straße die nach zwanzig Kilometern in die nächstgrößere Stadt führt. Dort gibt es ein Hotel, in dem du übernachten kannst.“ Olaf sagte es in einem traurigen Tonfall, was Ron mitbekam.

„Wie heißt eigentlich das Dorf in dem du wohnst?“ Olaf musste grinsen. „Neudorf hast du das nicht am Ortseingangsschild gelesen?“ „Nein, ich bin einfach nur gefahren, ohne Ziel. Da interessiert es mich nicht, wie die Orte heißen, durch die ich fahre“, und Ron drückte seine Zigarette aus.

Olaf schaute ihn fragend an. „Machst du dass öfter, ich meine einfach nur zu fahren ohne Ziel?“ „Ja, ist so was wie ein Hobby von mir. Ich fahr einfach, lerne Leute kennen, übernachte irgendwo und genieße nur mal das Leben.“

„Cool, würd ich auch mal machen. Ich hab aber noch keinen Führerschein fürs Motorrad, nur den kleinen fürs Moped.“ „Ja, es macht wirklich Spaß, so kann ich mal abschalten vom Studium.“ Olaf schaute Ron an. „Was studierst du denn?“ „Ich hab Sozialwissenschaften studiert, bin grade fertig geworden und hab mir diese eine Woche gegönnt. Danach muss ich mich um Arbeit kümmern, aber das sollte nicht schwer werden, hab da schon einige Angebote.“

Olaf dachte an seine eigene Situation. Den Führerschein wollte er machen, sobald er die Lehre fertig hat. Aber das Geld hatte er noch nicht ganz zusammen. Aber nur deshalb wollte er auf keinen Fall bei Manfred bleiben. Ron hat es gut, er hat das Studium fertig, ein Motorrad und Jobangebote. Er hatte noch nichts. Seine Laune sank merklich.

„Was machst du eigentlich, wenn ich fragen darf?“, riss Ron Olaf aus seinen Grübeleien. „Ich muss noch vier Wochen machen, dann hab ich die Lehre fertig. Will dann so schnell wie möglich weg von hier.“ „Gefällt es die hier nicht?“, Ron schaute in traurige Augen.

„Doch, es gefällt mir schon, aber es ist ja keine Arbeit hier zu finden.“ „Stellt dich dein Meister nicht ein?“ Olaf schluckte, sollte er einem Fremden sein Herz ausschütten? „Doch, der würde mich sofort nehmen. Aber ich will nicht für ihn arbeiten“, sagte er sehr leise. Das ließ Ron aufhorchen.

„Wieso willst du nicht bei ihm bleiben?“ Ron wollte sich Klarheit verschaffen. Der Junge hatte was auf dem Herzen und er wollte herausfinden, was es ist. „Er ist einfach nur ein fieser Chef. Ich mag ihn nicht. Außerdem haben meine Eltern den Ausbildungsplatz ausgesucht. Mein Fall ist Sanitär und Heizungstechnik nicht, ich wollte immer schon was mit Motoren, Autos und so zu tun haben, aber keine Kanalreinigung.“

Ron musste schmunzeln. „Also hast du einen Beruf lernen müssen, der dir nicht gefällt. Dann kann ich verstehen, dass du nicht bleiben möchtest. Und wenn der Chef dazu noch blöde ist… Aber, was willst du dann machen?“ Olaf zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht, mich vielleicht irgendwo bewerben.“ Ron zog die Schachtel Zigaretten aus der Tasche und hielt sie Olaf hin.

„Auch noch eine?“ „Danke, nett von dir“, und fingerte sich eine aus der Schachtel. „Ich hab zu danken, schließlich hast du meine Maschine wieder flott gemacht.“ Schweigend saßen die beiden nebeneinander. Ron dachte an Olaf, wie gern er ihm doch helfen würde, wenn er es könnte, und Olaf dachte an Ron und sein unbeschwertes Leben. Aber beide schielten immer mal wieder zu ihren Nebenmann.

Als sich ihre Blicke trafen lächelten sie beide. Sie mochten sich, jeder fand den anderen interessant, aber keiner wagte es zu sagen. Die Minuten eilten dahin und die Sonne begann sich zu senken. Beide standen gleichzeitig auf. „Tja, ich muss dann mal weiter, muss mir noch eine Unterkunft für die Nacht suchen.“ Olaf kämpfte mit seinen Gefühlen. Am liebsten hätte er Ron zu sich nach Haus eingeladen, aber das war nicht möglich.

Er konnte unmöglich einen Fremden mit nach Hause bringen, das lange Leben in der Isolation der Grenze hatte seine Eltern misstrauisch gemacht. Sie mochten nicht, wenn der Junge Fremde oder auch Freunde aus der Schule mit brachte. Sie konnten sich nicht einfach öffnen, und das hat auch auf Olaf abgefärbt.

Ron hatte seinen Anzug wieder angezogen und war dabei, das Gepäck festzuzurren. Hin und hergerissen stand Olaf daneben und kämpfte mit seinen Gefühlen. Er wusste, dass Ron kein schlechter Mensch war, er wollte ihm noch so viel fragen, aber er traute sich nicht. Aber genauso erging es Ron. Sonst war er immer aufgeschlossen, aber dieser Junge hat ihn gelähmt.

Es war eine Starre in ihm, die er selber nicht kannte. Er hatte das Gefühl, dass er nichts Falsches sagen durfte, also redete er nur das nötigste. Nur wieso wollte er nicht falsches sagen? Er hatte einfach Angst, etwas kaputtzumachen, das noch gar nicht entstanden war.

Zaghaft hielt Ron Olaf die Hand hin. „Ich hoffe, dass wir uns mal wiedersehen, war echt nett dich kennengelernt zu haben“, mehr konnte er nicht sagen. Er hasste emotionale Abschiede. Und als er die Trauer in den Augen von Olaf sah, wollte er nur noch weg. „Ja, vielleicht sieht man sich noch mal“, sagte Olaf, schnappte sich sein Rad und verschwand.

Ron schaute noch hinter Olaf hinterher, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Noch nie hat er einen Menschen so schnell gern gewonnen. Es schien ihm, als ob Olaf Tränen in den Augen hatte. Sollte er ihm hinterherfahren? Er wollte ihm noch so vieles sagen. Aber spätestens, wenn er wieder vor Olaf stehen würde, fielen ihm keine Worte ein.

Er setzte den Helm auf und startete die Maschine. Kurze Zeit später kam er am Objekt vorbei. Ein kleiner Parkplatz war vor der Umzäunung, die das gesamte Gelände umfasste. Er hielt an, setzte den Helm ab und suchte mit zittrigen Händen seine Zigaretten. Immer wieder gingen die Gedanken zu Olaf. Er konnte dieses Bild nicht loswerden, wie er mit traurigen Augen verschwand.

Als er sich wieder etwas unter Kontrolle hatte, schaute es sich dieses Objekt genauer an. Den Mittelpunkt bildete ein typischer Platten Zweckbau. Er sah noch gut erhalten aus, obwohl er schon knapp zwanzig Jahre leerstand. Zur rechten Seite der Einfahrt waren große Garagen, schräg davor ein Stallähnliches Gebäude ohne Fenster, wie er feststellen konnte. Der Große Plattenbau versperrte die Sicht auf den hinteren Teil des Geländes, aber etwas musste sich noch etwas dahinter verbergen. Er sah nur eine Seitenwand, aber nicht das ganze Gebäude.

Er trat seine Kippe aus und machte sich wieder auf den Weg. Der Kolonnenweg war noch gut erhalten, fast besser als die Straße vom Dorf hier hoch. Die Teilung der deutschen Staaten konnte man noch klar erfassen. Eine breite Schneise zog sich durch den ehemaligen Grenzstreifen, die Vegetation hat noch nicht richtig Fuß gefasst. Jedenfalls fehlten die großen Bäume, die zur linken Seite wuchsen. Da war sicher mal Westdeutschland gewesen, ging es Ron durch den Kopf. Er hatte mit der Studiengruppe mal ein Mauermuseum in Berlin besucht und kannte den ungefähren Aufbau der Grenze.

Sicher war die von Berlin anders, aber die Grundzüge konnte man auch hier erkennen. Langsam fuhr er den Kolonnenweg entlang und traf auf die Straße, die ihm Olaf beschrieben hatte. Spät am Abend fiel er gesättigt ins Bett und schlief vor Erschöpfung auch rasch ein.

Am nächsten Tag hatte er einige Mühe sich aufzurappeln. Alpträume Plagten ihn. Immer wieder sah er seine Oma mit einem Lottoschein in der Hand winken. Olaf fuhr mit dem Moped vor ihm und er schaffte es nicht sich zu nähern. Auch die anderen Freunde geisterten durch seinen Traum. Total gerädert nahm er sein Frühstück ein und dachte immer wieder an Olaf und seine Oma.

Der Kaffee sorgte dafür, dass er die Gedanken wieder auf seine Fahrt richten konnte, langsam verblasten die Erinnerungen an die Nacht. Er startete und die Fahrt ging weiter. Als er an einer Tankstelle halten musste, sah er, dass man dort auch Lotto spielen konnte. Ron war kein Typ, die das Geld zum Spielen zum Fenster rauswarfen.

Lotto hatte immer etwas von bezahlen und nichts zurückbekommen für ihn. Heute wollte er jedoch eine Ausnahme machen. Immer wieder sah er seine Oma vor sich, wie sie lächelte. Was würde sie für Zahlen nehmen? Sicher das ihren Geburtstag, den von Mama und Papa und natürlich seinen. Er machte vier Kreuze in das Kästchen. Fehlen noch zwei. Das Geburtsjahr der Oma? Gut, noch ein Kreuzchen. Schade, dass er nicht wusste, an welchem Tag Olaf Geburtstag hat, er sah ihn wieder vor sich. Wie alt mochte er sein?

Zuerst dachte er, er wäre sechzehn Jahre, aber das konnte nicht sein, schließlich war er bald mit der Lehre fertig. Hat er Abi gemacht? Das aber schloss Ron aus, obwohl er Olaf nicht für dumm hielt. Abi kann aber muss nicht sein. Also, wie alt war er nun? Er machte ein Kreuz in die 19. Zwar konnte sich Ron nicht vorstellen, dass er schon neunzehn war, aber er beließ es dabei.

Er machte nur diesen einen Tipp, wozu auch mehr, dachte er sich. Eigentlich eine dumme Idee, aber bevor er den Zettel zerknittern konnte, schob er ihn über den Tresen, zahlte den Sprit und steckte den Schein in seine Brieftasche.

Auf der Fahrt ärgerte er sich über seine Geldverschwendung. Aber nun war es zu spät und rasch zogen andere Gedanken in seinen Kopf herum. Wieder ließ er sich treiben, besuchte verschiedene Städte und nächtigte mal hier und dort.

Am vorletzten Tag zeigte sein Handy eine unbekannte Nummer an. Er kannte sie nicht und machte einen Rückruf. Es stellte sich heraus, dass es das Altenheim war. Man teilte ihm mit, dass es seiner Oma sehr schlecht ginge. Sofort packte er und machte sich auf den Weg zurück.

Er fuhr diesmal nur Autobahn und Schnellstraßen, immer am erlaubten Limit. >Hoffentlich hält die Maschine das durch< waren seine einzigen Gedanken. Am Abend erreichte er das Heim und wurde von der Schwester zum Zimmer gebracht.

Oma lag wie immer im Bett, nur ihr Gesicht wirkte noch eingefallener. Er ging zu ihr und ergriff ihre Hand. Ihre Augenlieder flatterten, langsam drehte sie den Kopf zu Ron und lächelte ihm ein letztes Mal an…

Die Schwester führte ihn aus dem Zimmer, er hätte den Weg nicht mehr gefunden. Gefühlvoll redete sie auf ihn ein, aber er bekam nichts mit. Ständig wurde sein Körper von Weinattacken geschüttelt. Sicher hat er gewusst, dass es nicht mehr lange gut gehen würde, aber dass es so schnell gehen würde. Damit hatte er nicht gerechnet. Hätte er die letzten Tage bei ihr verbringen sollen? Aber nun war nichts mehr zu ändern. Nun war er ganz allein auf der Welt. Er hatte keine Familie mehr. Als ihm das bewusst wurde, brach er endgültig zusammen.

Die nächsten Tage sah er wie durch einen Schleier. Er konnte sich kaum konzentrieren, immer wieder saß er nur stumm da und starrte ins leere. Zahlreiche Hände ergriffen ihn und halfen ihm bei der Bewältigung der Probleme.

Zur Beerdigung kamen nur eine Handvoll alter Leute, die er von früher kannte. Aber sie konnten seinen Schmerz nicht lindern. Er verkroch sich danach in seiner Studentenbude. Es war keiner seiner Freunde da, er hatte sie auch nicht über seinen schmerzlichen Verlust informiert. Er wollte es mit sich selbst ausmachen.

Die Fotoalben blätterte er immer und immer wieder durch. Da sah er noch mal seine Eltern, seine Oma.

Drei Tage später wachte er auf und als erstes kam ihm ein Spruch seiner Oma in den Sinn: Man muss die Hühnerleiter weiter nach oben steigen, auch wenn sie noch so beschissen ist. Er begriff, was sie damit meinte und rappelte sich auf. Das Leben muss weitergehen, auch wenn es noch so schwerfällt.

Er schnappte sich sein Notizbuch und suchte die Nummer seiner letzten Praktikumsstelle heraus. Dort ließ er sich mit Karl, dem Leiter verbinden. Der Typ war eine Wucht! Er stand zu seinem Wort. Schnell wurden sie sich einig, das Ron vorrübergehend dort arbeiten konnte und vor allem eine Unterkunft bekam.

Den nächsten Tag verbrachte er mit Packen. Es war nicht so viel, so sollte es möglich sein, alles in einen Leihwagen unterzubringen und abzutransportieren. Am nächsten Tag stand er vor Karl, der ihn herzlich wie immer begrüßte.

„Ich freu mich darauf, dich wieder im Team zu haben. Leider kann ich dir den Job nur so lange geben, bis der Kollege wieder genesen ist.“ Karl klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Hauptsache ich komm erst mal unter. Die im Studentenwohnheim machen langsam Druck. Also, danke nochmals, dass ich erst mal hier unterkomme.“

Ron betrat seine Unterkunft. Ein möbliertes Zimmer mit Kochnische und eigenem Bad. Das war nach Jahren in der Studentenbude fast schon Luxus. Er stellte die Sachen ab und machte sich auf den Weg zurück zum Studentenwohnheim. Nachdem er den Leihwagen abgegeben hatte machte es sich zum letzten Mal auf den Weg zum Wohnheim. Etwas Wehmut kam auf, aber er freute sich auch auf sein neues Leben, das nun beginnen sollte, so schmerzhaft der Anfang auch war.

Im Zimmer waren nur noch seine Motorradsachen und ein Rucksack. Er zog sich den Kombi an und verstaute die anderen Sachen im Rucksack. Die Türen der anderen Mitbewohner standen offen, die Zimmer waren schon geräumt. Er sah sich noch mal um und verließ die Wohnung. Beim Pförtner gab er den Schlüssel ab und hinterließ seine neue Anschrift.

Beim Fahren fiel ihm wieder der Lottoschein ein. Das war nun inzwischen über zwei Wochen her, dass er ihn gekauft hatte. Er hielt an einen kleinen Lottoladen, eigentlich hätte er es nicht gemacht, aber der Parkplatz davor sah zu verlockend aus, regelrecht als ob er rufen würde.

„Könnten sie mal bitte nachschauen, ob ich etwas gewonnen habe?“, fragte er die gelangweilt wirkende Frau hinter dem Schalter. „Welche Woche war der Tipp?“ kam es langsam aus ihrem Mund. „Ich weiß nicht genau, wenn sie mal schauen möchten“, und Ron reichte ihr den Schein. „Ah, vor zwei Wochen, na, viel kann es nicht mehr sein, den Jackpot hat da einer aus NRW geknackt, mit nur einem abgegebenen Tipp und es gab noch nicht mal einen zweiten sechser“, sagte sie nun etwas gequält lächelnd. Ron fand es amüsant, sie zu beobachten. Sie war gut informiert, trauerte sie etwa dem großen Glück hinterher. Sie zog aus einem Fach einen Zettel und begann die Zahlen zu vergleichen.

Ihre Augenbrauen zogen sich immer höher, die Farbe wich langsam aus ihrem Gesicht, der Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus. Sie schüttelte plötzlich den Kopf hin und her und begann die Zahlen nochmals zu vergleichen. „Aber, das kann, nein, nein, nein…. Das kann nicht, oder doch?“ Sie war total verwirrt, sprang auf und knallte den Lottoschein und das Blatt Papier auf den Tresen.

„Wenn sie, also könnten sie mal mitschauen?“ Ron wurde nun auch langsam nervös. Was hatte die Dame denn da entdeckt? „Schauen sie hier, da steht die Woche und auf dem Lottoschein steht sie hier“, stammelte sie und zeigte mit den Fingern auf beide Zahlen. Ron sah, dass sie übereinstimmten und noch etwas sah er. Auf dem Zettel der Dame sprangen ihm seine getippten Zahlen entgegen.

Das Kribbeln begann an den Fußsohlen, machte seine Knie weich, der Bauch fühlte sich mit einem mal voll an und der Kopf war plötzlich leer. Er nahm sich beide Scheine und setzte sich auf dem Stuhl, der in einer Ecke stand. Seine Augen sahen es, aber sein Verstand konnte es noch nicht einordnen.

Die Dame kann um den Tresen herum, inzwischen knallrot im Gesicht und hielt seine Hand, die begann zu zittern. „Haben sie den Schein in NRW gelöst?“ Ich nickte nur und sie starrte mich ungläubig an. „Man, wissen sie was sie gewonnen haben?“ Ron schüttelte seinen Kopf, die Sprache hatte er verloren. „Das ist unglaublich junger Mann, sie sind mehrfacher Millionär, ich kann es gar nicht glauben“, ihre Stimme wurde immer schriller und ihr Kopf noch röter.

„Hätten sie vielleicht etwas zu trinken, mein Hals ist so rau“, krächzte Ron. Die Dame eilte wieselflink hinter den Tresen und kam mit einer Flasche Wasser und zwei Gläsern zurück. Zitternd öffnete sie den Verschluss und hatte Mühe nichts danebenzugießen. Sie reichte Ron das Glas und Prostete ihm zu. „Der Sekt kommt bestimmt später“, sagte sie lächelnd.

Ron befeuchtete seine Kehle, es tat wirklich Not. Die Dame eilte wieder hinter den Tresen und holte ein Heftchen hervor. Sie las angestrengt. Ron beobachtete sie, aber er nahm nicht wahr, was sie eigentlich machte. „Sie müssen den Gewinn anmelden, soll ich für sie anrufen?“ Ron nickte wiedermal.

Sie eilte hinter die Theke, griff sich das Telefon und wählte eine Nummer, die sie aus dem Heft ablas. Zuerst redete sie und winkte dann Ron herbei um ihm den Hörer zu überreichen. „Guten Tag, hier ist Herr Krause, Deutsche Lotto AG. Ich bin zuständig für Großgewinne, mit wem habe ich die Ehre?“ „Hier ist Ron Kramer, ich glaub ich hab da was gewonnen.“ „Herr Kramer, wären sie so gut, und lesen mir die Tippscheinnummer vor, die unten auf dem Schein steht?“ Ron musste erst etwas suchen, dann diktierte er sie ins Telefon. „Herzlichen Glückwunsch Herr Kramer, sie haben den Jackpot gewonnen! Wären sie so nett und sagen mir ihre genaue Anschrift und ihre Ausweisnummer.“ Ron musste sich erst die Adresse seiner neuen Unterkunft in Erinnerung rufen, ehe er sie sagte. Noch einige Daten wurden ausgetauscht, dann war das Gespräch beendet. „Ich brauch erst mal ´ne Zigarette“, sagte Ron und ging zu Tür. Die Dame folgte ihm und nahm auch eine, die ihr Ron anbot. „Haben sie schon eine Idee, was sie mit dem Geld machen?“ „Ich hab keine Ahnung, aber als erstes wird ich zum Friedhof fahren“, sagte Ron und blies den Rauch langsam aus den Lungen.

„Ich möchte ja nicht neugierig sein, aber wieso zum Friedhof?“ Ron schmunzelte. „Das kann ich ihnen sagen. Ich muss meiner kürzlich verstorbenen Oma danke sagen.“ Verwundert schaute ihn die Frau an. „Sie hat es mir gesagt dass ich Lotto spielen soll.“ Ron grinste noch immer, drückte die Frau und zog sich den Helm über. „Ich werde noch mal vorbeikommen, dann gibt es Champagner, versprochen.“ Sie winkte ihm noch hinterher, als er schon nicht mehr zu sehen war, im Verkehr abgetaucht war.

Ron fuhr gradewegs zum Friedhof und ging in den Blumenladen. In Gedanken überschlug er seine finanzielle Situation. Er soll zwar mehrfacher Millionär sein, aber im Moment sahen seine Finanzen nicht so gut aus. An reines Barvermögen hatte er noch einige hundert Euro, die für den Aus- und Einzug in seiner neuen Bleibe dienen sollten. Gut, dieses Problem bestand nun nicht mehr, hatte er doch eine schöne Unterkunft gefunden, ohne Geld in Möbel investieren zu müssen.

Auf seinem Konto befanden sich noch gut dreitausend Euro, Geld das aus der Hinterlassenschaft seiner Eltern stammte. Oma hatte es sehr gut angelegt und Ron war auch sparsam, so dass es wirklich für die ganze Studienzeit reichte. Er kaufte ein riesiges Gesteck und legte es am Grab seiner Oma nieder. Er war nicht gläubig, aber mit einem Gebet dankte er für alles, was die Oma für ihn getan hat. Es dauerte eine Weile, bis seine Tränen wieder getrocknet waren und er den Friedhof verließ.

Draußen musste er sich erst mal eine Zigarette anzünden. Langsam machte sich Ron Sorgen. Er sollte langsam wieder aufhören so viel zu rauchen, aber leider brauchte er das jetzt. So viel war in den letzten Wochen geschehen.

Im Jugendheim angekommen machte er sich erst einmal daran, seine Sachen auszupacken, die er vor Stunden einfach nur abgestellt hatte. Kurze Zeit später klopfte es. Man brauchte ihn, er war schon fest von Karl eingeplant. Er kannte noch alle Abläufe, war er doch erst vor einem viertel Jahr hier gewesen. Die Arbeit lenkte ihn ab und erst nach Stunden war er wieder auf seinem Zimmer und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Die nächsten Tage hatte ihn die Arbeit gefangen, kaum hatte er Zeit, über seinen Gewinn nachzudenken. Es machte ihm immer wieder Spaß, mit den Jugendlichen zu arbeiten. Die Zeit verging wie im Fluge und plötzlich wurde er aus einer Gruppenrunde rausgerufen.

Ein Herr im Anzug erwartete ihn. „Guten Tag Herr Kramer“, begrüßte ihn der Herr und reichte ihm die Hand. „Ich bin Herr Krause, können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?“ Ron grübelte, wo er diesen Namen schon mal gehört hatte, bis es ihm wieder einfiel. Das war der vom Lotto!

„Bitte, kommen sie, gehen wir auf mein Zimmer“, und wies ihm den Weg. Auf dem Zimmer reichte Herr Krause ihm nochmal die Hand. „Herzlichen Glückwunsch noch einmal zu ihrem Lottogewinn! Wie fühlt man sich nun als Millionär?“ Ron wusste nicht, was er antworten sollte, zu viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Krause sah das, es war nicht das erste Mal, dass er die Aufgabe hatte, einen Neu Millionär zu gratulieren und wichtige Hinweise und Tipps zu geben.

Das Gespräch dauerte fast zwei Stunden. Ron machte sich eifrig Notizen und versuchte alles nüchtern zu betrachten, als ginge es gar nicht um ihn. Erst als sich Herr Krause verabschiedet hatte machte sich ein ungutes Gefühl in ihm breit.

Sein Leben hat sich schlagartig verändert! Nicht nur, dass er mit dem Studium fertig war, er war nun auch reich, richtig reich! Die Gesamtsumme belief sich auf 13,6 Millionen Euro. Er konnte diese Summe gar nicht fassen. Er legte sich auf sein Bett und schloss die Augen und die Welt drehte sich. Ihm wurde schwindlig und musste die Augen wieder aufreißen. Er fixierte einen Punkt an der Decke und ließ seinen Gedanken freien Lauf.

Also, was zuerst kaufen? Ron war nicht der Typ, der Luxusgüter als Symbol des Kontostandes zur Schau stellen wollte und konnte. Er wollte keinen Ferrari, oder eine dicke Uhr. Goldkettchen lehnte er auch ab. Wozu brauchte er all das Geld? Krause hat ihm was von Anlegen gesagt und auch Adressen von seriösen Maklern genannt.

Aber wollte er das Geld noch mehr vermehren um dann vielleicht einer von den reichen Pissern werden, die er schon immer eklig fand? Gut, er war nun auch ein reicher Pisser, aber es machte ihm keine Freude. Er musste sich etwas einfallen lassen, wie er sein Geld einsetzen konnte, ohne das er auch mal so ein Schnösel werden würde.

Was sollte er machen? Krause hat ihm gesagt, dass es gut wäre, sich erst mal einen kleinen Wunsch zu erfüllen. Aber hatte er denn einen Wunsch, den er sich erfüllen musste? Ron dachte nach, was wollte und brauchte er? Ein neuer Laptop kam ihn in den Sinn. Sein alter hatte nun schon einige Jahre auf dem Puckel und ständig hatte er Probleme, ins Internet zu kommen. Das wär doch schon mal ein Wunsch.

Er sollte mal in den nächsten Tagen zu einem Händler fahren und sich auf den neusten Stand bringen zu lassen. Mehr viel ihm im Moment nicht ein, er hatte alles was er brauchte. Eine Wohnung anzumieten wär auch Blödsinn, ging es ihm durch den Kopf. Lange würde er eh nicht im Jugendheim arbeiten. Karl sagte was von drei Wochen. Aber danach? Er musste etwas finden, was ihm Spaß machen würde und er mit seinem Geld etwas bewirken konnte.

Ron stand auf und ging wieder nach unten, wo ihm Karl schon erwartete. „Ron, alles in Ordnung, du siehst so blass aus. Gab es Ärger?“ „Nein, keinen Ärger Karl, es ist alles in Ordnung, ich mach mich mal wieder an die Arbeit“, und ging in den Gemeinschaftsraum des Heimes.

Sofort war er wieder abgelenkt, die Gedanken drehten sich nur um die Jugendlichen. In einem kurzen Moment der Ruhe sah er es auf einmal deutlich vor sich. Die Arbeit mit den Jugendlichen machte ihm so viel Spaß und gab ihm so viel, dass er einen Entschluss fasste. Er wollte sein Geld für Sachen einsetzen, die helfen würden. Aber es sollte keine Stiftung werden, sondern er wollte sein eigenes Ding aufziehen! Aber würde das gut gehen?

Die restliche Zeit war er etwas fahrig, immer und immer wieder dachte er an seine Idee, umso mehr er nachdachte, umso besser kam sie ihn vor. Das müsste so klappen, aber er brauchte Hilfe, viel Hilfe. Zuerst musste er sich klar werden, an wem sich sein Projekt orientieren sollte.

Es gab so viele Einrichtungen, die er persönlich kennenlernen durfte, oder von ihnen aus dem Studium erfahren hatte. Alle möglichen Gruppen hatten ihre Lobby, was auch gut ist, aber er wollte die erreichen, für die keiner da war. Er war nicht in armen Verhältnissen aufgewachsen, aber durch seine Praktika hatte er viele Jugendliche kennengelernt, die nicht kriminell waren, die nicht die Schule geschwänzt haben und die nicht in den Drogen- oder Strichsumpf abgerutscht waren. Für diese Gruppe der sozial schwachen wollte er etwas auf die Beine stellen.

Wie sollte er das machen? Er musste Karl um Rat fragen. Als im Haus endlich Ruhe einkehrte, ging er zum Leiter des Heimes und fand ihn überraschenderweise in seinem Büro vor. „Guten Abend Karl“ sagte er und setzte sich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch. „Hallo Ron, was gibt es, Probleme?“

„Eigentlich nicht. Schönen Dank nochmal, dass ich wieder hier sein darf.“ Karl winkte ab. „Kein Problem. Du hast etwas auf dem Herzen, sprich dich aus“, das war es, was ihn an Karl so gefiel. Nicht viele Worte, aber immer auf den Punkt gebracht.

Ron hatte sich lange überlegt, wie er es anstellen sollte Karls Rat zu erfragen, ohne seine eigene Position darzustellen. „Was würdest du machen, wenn dir der Staat viel Geld in die Hand gibt, mit dem du sozial Schwachen helfen sollst? Ich meine keine Kriminelle oder solche. Ich meine die, die immer zur Schule gehen, aber einfach nur arm sind?“

Karl schaute verblüfft zu Ron. Er schluckte mehrmals ehe er sich zu einer Antwort durchrang. „Also ich würde dieser Gruppe einen, sagen wir mal, einen Erlebnisurlaub bereiten. So, dass sie mal alles vergessen können und sich mal akzeptiert fühlen. Du weißt, da sind viele Jugendliche, die das Herz auf dem richtigen Fleck haben, aber sich einfach nichts leisten können. Die Eltern arbeitslos, viele Geschwister, kleine Wohnung. Daraus entsteht meistens Neid, Gewalt und Hass. Oder viele enden auf dem Strich. Für diese Jugendliche gibt es zwar etliche Einrichtungen, aber ich weiß genau, welche Gruppe du meinst.“

„Karl, ich meine genau die Gruppe Jugendlicher, die schon jahrelang in Armut gelebt haben, aber nie abgerutscht sind. Ich kenne diese Einrichtungen auch, aber sein wir doch mal ehrlich. Sie werden doch alle von asozialen Subjekten untergraben und die Hilfe kommt niemals bei den Bedürftigen an.“

Karl nickte nachdenklich. „Ja, das stimmt, die Hilfe kommt meistens nie da an, wo sie ankommen soll. Man sollte, wenn man so ein Projekt macht, eine Auswahl treffen. Nicht einfach jeden nehmen und vorher den wirklichen sozialen Status prüfen. Kannst du dich noch an die Schlagzeile erinnern, als diese verdammt reiche Frau ihre Kinder in die Suppenküche geschickt hat, um Geld zu sparen?“

„Ja, Karl, kenn ich. Und dass will ich vermeiden, ich meinte, so was soll nicht passieren“, verbesserte Ron sich schnell. Karl grinste nur leicht, natürlich hatte er den Versprecher mitbekommen. Sie diskutierten noch eine Weile um dieses Thema. Ron musste ins Bett, er konnte sich ab einen bestimmten Punkt nicht mehr konzentrieren, aber er hat noch sehr brauchbare Informationen von Karl erhalten.

Ron fiel einfach nur in sein Bett. An Ausziehen, oder einfach nur Körperpflege war nicht zu denken. Er schlief wie ein Stein. Ein Klopfen an der Tür machte ihn wach. „Ron, aufstehen, es gibt gleich Frühstück“, hörte er leise durch die Tür. Entsetzt sprang er hoch, erstaunlicherweise fühlte er sich ausgeruht und frisch. Gut, frisch nicht im Hygienesinne, aber top fit! Er machte eine schnelle Dusche und schlüpfte in neue Kleider, um noch rechtzeitig zum Essen zu erscheinen.

Das Frühstück war in der Gruppe war ein Höhepunkt des Tages. Hier wurden alle Sachen besprochen, die aktuell anlagen. Karl kam mit einem breiten Grinsen in den Raum und warf wie beiläufig die Zeitung mit den großen roten Buchstaben auf den Tisch. Was hatte das zu bedeuten? Ron blickte auf die kleine Schlagzeile im unterem Drittel und verschluckte sich fast an seinen Brötchen.

>Lottomillionär will unerkannt bleiben< Er schaute in Karls Gesicht, aber der zwinkerte ihm wissend zu. Das restliche Frühstück war eine Qual für Ron. Karl wusste es, er hat seinen Versprecher richtig gedeutet, aber er hat es nicht rausposaunt, dafür war Ron ihm dankbar. Er wollte nicht, dass jemand von seinen Gewinn erfährt, deshalb hat er auch mit Krause ausgemacht, dass der Name nicht an die Presse weitergegeben werden darf. Das war im Übrigen auch ein toller Tipp von Krause. Er meinte, dass, wenn es bekannt werden würde, sich viele Bittsteller bei ihm melden würden, die einfach nur abkassieren wollten.

Zu Karl hatte ich Vertrauen, er würde mich nicht bloßstellen, nicht nach dieser Aktion. Aber er war im Bilde. Ron musste mit ihm reden, und zwar sofort nach dem Frühstück! Nachdem alle Heimbewohner den Raum verlassen hatten ging er zu Karl. „Ich muss mit dir reden, es ist wichtig“, sagte er zum Heimleiter und zog ihn in Richtung seines Büros.

Karl setzte sich mit einem Lächeln im Gesicht auf seinen Stuhl und hielt die Hand hinters Ohr, was wohl so viel zu bedeuten hatte, dass er den Ausführungen lauschte. „Karl, bitte sei mir nicht böse, aber ich konnte dir nicht die Wahrheit sagen. Entschuldige, aber der Krause hat mich so gewarnt, ich sollte es keinem erzählen… Bitte, behalt es für dich, bitte Karl!“ „Krause ist der Typ, der gestern mit dir stundenlang geredet hat?“, fragte Karl nach.

Ich erzählte Karl nun alles, angefangen von seiner Oma, über das kennenlernen mit Olaf – zog er etwa die Augenbrauen hoch?- bis hin zum Lottogewinn. Nichts ließ er aus, auch nicht, das er ihn gestern ausgefragt hatte. Karl sah ihn, nachdem er geendet hatte, eindringlich an. „Ron, mach dein Ding, du schaffst das! Such dir Hilfe! Wenn ich dir helfen kann, weißt du, wo du mich erreichen kannst! Ich wünsche dir viel Glück und ich bin sicher, dass du beginnst, dein eigenes Lebenswerk aufzubauen!“

Er stand auf und ging um den Schreibtisch herum auf Ron zu. Die beiden Männer nahmen sich in den Arm. Ron wusste, dass er das richtige tat. Eine Träne bahnte sich ihren Weg in die Freiheit. Auch Karl war ergriffen und musste sich erst mal in sein Taschentuch schnäuzen.

„Hiermit bist du freigestellt, einen Arbeitsvertrag haben wir ja noch nicht unterschrieben. Du hast in den nächsten Tagen sicher viel zu tun. Allerdings musst du dir eine Wohnung suchen. Aber das dürfte ja kein Problem sein“, sagte Karl und setzte sich wieder. Ron nickte nachdenklich. „Wann muss ich wieder raus sein?“ Karl dachte nach. „In einer Woche, schaffst du das?“

Ron zuckte mit den Schultern. „Ich denke, dass ich es bis dahin schaffe.“ „Wir haben gestern nur phantasiert, jetzt kann dein Traum wahr werden“, sagte Karl, „hast du schon eine Idee, wo du dein Traum aufbauen möchtest?“ Ohne lange zu überlegen, einfach aus einem Bauchgefühl heraus hatte Ron den idealen Standort seines Projektes gefunden. „Ich hab da was gesehen, das könnte passen. Muss mich nur erst mal schlau machen, und vor allem Hilfe suchen.“

Ron war den ganzen Tag mit seinem Motorrad unterwegs. Zuerst musste in einer großen Bank ein Konto eingerichtet werden, auf dem Friedhof war er auch noch mal und schließlich hat er noch einige Autohäuser abgeklappert. Ihm wurde bewusst, dass er die ganzen Wege nicht ewig mit seinem Motorrad erledigen konnte.

Bei einem kleinen Händler ist er fündig geworden. Das Auto war zwar schon vier Jahre alt, aber bezahlbar. Noch musste er mit seinen Geldmitteln auskommen, die Überweisung stand erst in zwei oder drei Tagen zur Debatte. Der Händler bot an, dass dessen Azubi das Auto in zwei Tagen vor seiner Unterkunft abstellt. Für den Azubi war es ein günstiger Nachhauseweg und Ron musste nicht noch mal extra hinfahren.

Unterwegs kehrte er noch in einen Shop ein, die Computer verkauften. Der Verkäufer nahm sich Zeit, brachte ihm wieder auf die Höhe des Technikzeitalters und machte an diesem Tag auch noch ein Geschäft mit Ron.

Als er endlich wieder in seiner Unterkunft war, musste er erst mal eine Dusche nehmen. Dann sank er in sein Bett und schlummerte auch sofort ein.

Am nächsten Tag, nach einem ausgiebigen Frühstück in der Runde der Jugendlichen, ging er in sein Zimmer, um den Laptop einzurichten. In den Installationspausen dachte er immerzu an sein Projekt, wie er es anstellen würde, falls es alles klappen sollte. Er musste sich das Objekt seiner Begierde noch mal ansehen war die Erkenntnis die er traf. Also machte er sich am Nachmittag auf den Weg. Das Wetter war gut und er fuhr gemütlich über Schnellstraßen und Autobahnen.

Sein Herz machte einen Hopser, als er wieder in Neudorf einfuhr. Würde er Olaf wiedersehen? So groß war das Nest doch nicht, sicher würde er ihm früher oder später über den Weg laufen. Langsam fuhr er den Weg zur ehemaligen Grenzkompanie nach oben. Wie schon Tage zuvor stelle er seine Maschine auf den kleinen Parkplatz.

Das Tor war mit einer Eisenkette und Schloss gesichert. Es war also kein reinkommen möglich. Er ließ seinen Blick über das Gelände schweifen. Das Haus war groß genug, vielleicht sogar etwas zu groß. Die Garagen machten auch noch einen soliden Eindruck.

Plötzlich klingelte sein Handy und an der Nummer sah er, dass es sich um Ralf handelte. „Hallo Ralf“, begrüßte er seinen liebsten Koch, „was gibt es denn?“ „Hallo Ron, wollte mich nur mal bei dir melden. Hast du Zeit für ein Treffen?“ „Ron, ich bin im Moment leider weg, aber ich melde mich, sobald ich wieder in deiner Nähe bin. Würde mich auch mal über ein Treffen mit dir freuen.“ „Schade“, erscholl es traurig aus der Muschel, „ja, melde dich, wenn du wieder da bist.“ „Ralf, hast du ein Problem? Du hörst dich so niedergeschlagen an?“ Ron konnte die Traurigkeit von Ralf fast körperlich spüren. „Ach Ron, ist doch alles Mist, ich finde einfach keinen Job und ihr seid auch alle nicht mehr da.“

Ron wusste, wie Ralf zu Mute war, aber er konnte ihm auch nicht helfen – noch nicht. „Ralf, ich bin spätestens morgen Abend wieder da, dann reden wir. Ich melde mich.“ „Danke Ron, also bis dann“, klang es schon etwas besser. Ron wusste, dass er für seinen Freund etwas machen musste, aber die Zeit war noch nicht reif, um frühzeitige Versprechungen zu machen.

Er steckte grade das Handy in die Tasche, als sich ein Auto aus dem Dorf näherte. Es kam neben seinem Motorrad zum Stehen und ein beleibter kleiner, freundlich wirkender Herr stieg aus und musterte Ron.

„Guten Tag, haben sie eine Panne mit dem Motorrad?“ Er sah ihn mit einem Blick an, das Vertrauen in Ron erweckte. „Nein, keine Panne. Ich wollte mir nur mal das Objekt ansehen. Ich war schon mal vor ein paar Tagen hier und da ist es mir aufgefallen.“ „So, so, interessieren sie sich denn für die ehemalige Grenze?“ Der Mann machte einige Schritte auf Ron zu und reichte ihm die Hand. „Nein, dafür interessiere ich mich nicht. Ich heiße Ron Kramer“, und schüttelte die Hand. „Ich bin der Heinrich, Heinrich Schubert, der Bürgermeister von Neudorf. Was interessiert sie denn an diesem Objekt?“ Ron war sich nicht sicher, ob er gleich mit seiner Idee rausplatzen sollte. Aber wie soll er es anstellen, ohne dass Heinrich etwas merkte?

„Kann man es denn mal anschauen?“ Ron wurde etwas unsicher. Heinrich beobachte ihn nun eindringlicher. „Anschauen, hm, wollen sie es denn etwa kaufen?“, fragte er und musste über seinen Scherz grinsen. Was soll´s, dachte sich Ron. Falls es klappen würde und das Objekt seinen Vorstellungen entsprach, würde Heinrich Schubert es sowieso als erster erfahren, was Ron vorhatte.

„So abwegig ist der Gedanke nicht, aber ich müsste es mir vorher mal anschauen, falls es noch zu haben ist.“ Heinrich Schubert fiel die Kinnlade runter. Er ließ den Satz von Ron nochmal durch sein Hirn laufen und musterte den jungen Mann nochmals.

„Was wollen sie denn mit diesem Schuppen, wenn ich fragen darf“, und er zog sein Taschentuch heraus um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

„Also, ist es denn noch zu haben?“ Ron pokerte. Der Bürgermeister kam sich vor wie in einem schlechten Film. Sollte dieser Ron wirklich die Absicht haben, dass Objekt zu kaufen? „Also“, begann er langsam, „zu haben ist es noch, das verwaltet alles der Bund. Für die Sicherheit bin ich als Bürgermeister zuständig, also hab ich auch die Schlüssel. Aber was wollen sie denn damit?“

Heinrich Schubert war sich wirklich nicht mehr sicher, was er von Ron halten sollte. Er machte aber auch nicht den Eindruck, als ob der ihn auf den Arm nehmen wollte.

„Ich plane ein Projekt“, sagte Ron und schaute auf den Plattenbau, „und ich glaub, das wäre das richtige Objekt dazu. Aber trotzdem muss ich es mir mal ansehen, sonst kann ich mir keine Vorstellung davon machen, ob es passt.“

Ron hat es so ernst gesagt, dass Heinrich keinen Zweifel mehr an seinen Worten hatte.

„Wenn sie wollen kann ich es ihnen zeigen, wenn ihnen so viel daran liegt“, und Heinrich zog ein gewaltiges Schlüsselbund aus der Tasche. Ron nickte und beide gingen auf das Tor zu. Die schwere Kette fiel und sie betraten den Hof. Er erschien Ron nun noch größer als er es erwartet hatte. „Das hier war der ehemalige Appellplatz der Kompanie“, begann Heinrich seine Ausführungen. Zur Rechten sind die Garagen und dieses kleine Gebäude da war das ehemalige Munitionsdepot.“

Deshalb also keine Fenster, dachte Ron. Aber was von außen so klein ausgesehen hatte, entpuppte sich als eine im Umfang große Doppelgarage. Wenn das alles mit Munition vollgewesen sein soll, mussten die DDR Verantwortlichen wirklich mal mit einem Krieg gerechnet haben.

Heinrich ging auf das Gebäude zu und suchte nach einem Schlüssel. Als er ihn endlich gefunden hatte, brauchte er noch einige Zeit, bis sich die Tür öffnen ließ. „Na, es steht halt schon ein paar Jahre leer“, sagte er Achselzuckend. Ron trat ein und sah zu seiner rechten ein großes Fenster mit Tresen, ähnlich einem Empfang in einer Jugendherberge.

Heinrich nahm seine Führerrolle wieder auf. „Hier zur rechten war das ehemalige UvD Zimmer und geradeaus sind die Treppen in die oberen Stockwerke und zum Keller.“ Beide gingen ein Stück in Richtung Treppe, blieben aber auf dem Flur stehen, der sich in der Mitte des Gebäudes befand und rechts runter bis zur Außenwand führte. Zur linken Seite ging er nur ein Stück, dann kam eine Tür.

„Hinter dieser Tür befanden sich die Speisesäle und die Küche. Gehen wir aber erst mal ein Stockwerk höher.“ Beide gingen die Treppe hoch und standen wieder auf einem Flur, der das Gebäude in zwei Seiten zerschnitt. Nur konnte man von einer Giebelseite zur anderen schauen. Viele Türen waren zu sehen.

„Hier waren die Soldatenunterkünfte, sie können gern in die Zimmer gehen, wenn sie möchten.“ Heinrich öffnete die erste Tür und machte eine einladende Handbewegung. Ron betrat das Zimmer, das ihm riesig vorkam. „Hier haben acht Soldaten gewohnt“, erzählte Heinrich weiter. Ron trat ans Fenster und schaute auf den Appellplatz. „Wo sind die Duschen und Bäder?“ Heinrich zeigte auf die Tür. „Für jedes Stockwerk gab es einen Waschraum mit Toiletten, die Duschen befinden sich im Keller.“ Ron folgte ihm und Heinrich öffnete eine weitere Tür.

Der Waschraum hatte etwas Beängstigendes für Ron. In der Mitte befanden sich steinerne Waschbecken in die in regelmäßigen Abständen Wasserhähne reinragten. Der Boden war mit Fliesen bedeckt, von denen einige ernsthafte Schäden aufwiesen, andere fehlten ganz. An der linken Seite des Raumes befand sich ein Durchgang, der zu den Toiletten führte. Ron ersparte es sich, diese genauer anzuschauen.

„Dieses und das obere Stockwerk gleichen sich“, erzählte Heinrich weiter. Sie gingen wieder zur Treppe und in die untere Etage. Zuerst schlugen sie den Weg nach rechts ein, wo sich die Küche und die Speisesäle befanden. Heinrich öffnete die Tür und sie standen in einem weiteren Flur. Zur rechten war eine Art Tresen, dahinter konnte man noch die Küche erkennen. Aber so wie im gesamten Gebäude, waren keine Einbauten oder Möbel mehr vorhanden.

Auf dem Boden konnte man aber noch sehen, wo früher die Herde gestanden hatten, alte Leitungen ragten aus dem Boden und machten einen jämmerlichen Eindruck. Zur linken Seite war ein großer Speisesaal und eine Tür führte zu einem kleineren Raum. „Das war der Raum für die Offiziere“, erklärte Heinrich weiter.

Ron sah sich um, ihm gefiel der Bau, da würde sich sicher etwas draus machen lassen. Ich brauche unbedingt jemanden, der Ahnung davon hat. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Heinrich ging wieder zum Eingang zurück. „So, dass war die Führung, ach, wie konnte ich das vergessen, der Keller natürlich noch.“ Schon war er auf der Treppe und stieg sie hinab.

Unten war wieder der obligatorische Flur, von einem Giebel zum anderen. Er ging nach links und öffnete eine Tür auf der rechten Seite. „Das hier sind die Duschen“, und durchschritt die Tür. Ron folgte und stand in einem größeren Raum, der wohl dem an- und ausziehen diente. Ein Durchgang führte zum Duschraum. Links und rechts an den Wänden waren Brauseköpfe angebracht, Trennwände fehlten ganz.

„Sieht ja sehr heruntergekommen aus.“ Ron schaute zu Heinrich der nur mit den Schultern zuckte. Er ging wieder in den Flur zurück und öffnete im hinteren Teil eine Tür. „Das hier ist der Kohlebunker gewesen, die Heizung wird noch mit Kohle betrieben. Die Heizungsanlage befindet sich weiter hinten. Wollen sie sie sehen?“ Ron schüttelte mit dem Kopf. „Nicht nötig, davon hab ich eh keine Ahnung, lassen sie uns wieder nach oben gehen.“

Sie verließen das Gebäude und Heinrich hatte zu tun, die Tür wieder zu verschließen. Nach mehreren Anläufen ist es ihm endlich geglückt und drehte sich zu Ron um, der ihm eine Schachtel Zigaretten hinhielt. „Möchten sie auch eine?“ „Danke, da sag ich nicht nein“, erwiderte Heinrich und fingerte sich eine aus der Schachtel. „Was ist eigentlich noch hinter dem Gebäude, das hab ich noch gar nicht gesehen“, und reichte Heinrich das Feuerzeug. „Lass uns hingehen.“ Sie umrundeten das Gebäude und standen vor einem Gebäude, das früher einmal als Hundezwinger gedient hatte. Vom Grund maß hatte es schon beachtliche Ausmaße, war aber durch die vielen Boxen total verbaut, wie Ron fand.

Er schaute sich noch die Wiese an, die auch innerhalb der Umzäunung lag. Sie diente früher mal der körperlichen Ertüchtigung, wie Heinrich bemerkte. „Also, ich glaub, daraus kann man was machen“, Ron schaute zu Heinrich, der sich wieder den Schweiß von der Stirn wischte. Es war noch sehr warm, obwohl sich bereits die Dämmerung bemerkbar machte und alles in ein leicht diffuses Licht tauchte.

„Sie meinen es wirklich, oder? Sie wollen das Objekt wirklich haben?“ Ron hörte aus Heinrichs Worten die Verwunderung heraus. „Ja, wenn ich es für einen angemessenen Preis bekomme, dann nehme ich es. Was gehört noch für Land dazu?“ Ron trat seine Kippe aus und wanderte mit Heinrich zum Tor. „Das kann ihnen das Liegenschaftsamt genauer sagen, ich möchte da nicht viel spekulieren, aber das gesamte Grundstück umfasst schon einige tausend Quadratmeter.“

Ron zog die Augenbrauen nach oben. „Einige tausend, hm nicht schlecht.“ Heinrich nahm die schwere Kette auf und verschloss das Tor. „Darf ich sie noch zum Abendessen einladen, dann können wir noch weiter darüber sprechen, ich kann ihnen noch so vieles erzählen.“ Heinrich sah ihn erwartungsvoll an. Ron überlegte. „Ich muss nachher noch in die Stadt, eine Unterkunft suchen. Aber danke, ich werde später vielleicht noch mal darauf zurückkommen. Langsam muss ich auch ins Bett, es war ein langer Tag für mich.“

Heinrich reichte ihm die Hand. „Also, wenn sie wollen, können sie auch bei mir übernachten, ich hab ein Gästebett frei und meine Frau macht hervorragende Bratkartoffeln, die sie sich nicht entgehen lassen sollten.“ Zögernd ergriff Ron die dargebotene Hand. Vielleicht keine schlechte Idee, ob er Olaf irgendwo treffen würde? „Danke, wenn Sie es mir so schmackhaft machen, sollte ich es mir mal überlegen.“ „Da gibt es doch nichts zu überlegen, folgen sie mir einfach“, sagte er lachend und ging zu seinem Auto. Was soll´s, dachte sich Ron, schloss die Kombi und setzte den Helm auf.

Heinrich fuhr den Weg zum Dorf und Ron folgte auf seinem Motorrad. An einem sehr gepflegten Haus hielt er und Ron stellte die Maschine neben Heinrichs Auto ab. Auf dem kleinen Weg, der zum Haus führte kam eine Frau, die verwundert zu Ron schaute. „Heinrich, hast du Besuch mitgebracht?“ Ihre Stimme klang freundlich und lächelte Ron an.

„Hannelore, das ist Ron Kramer, Herr Kramer, das ist meine Frau“, stellte er die beiden einander vor. Ron reichte der Frau seine Hand, die sie zu seinem Erstaunen fest drückte. Sie konnte zupacken, das sah man ihr auch sonst an. „Guten Abend Frau Schubert, freut mich sie kennenzulernen. Ich hoffe ich mache keine Umstände, aber ihr Mann…“ „Hannelore, ich hab ihm gesagt, dass er eine Nacht hier bleiben kann. Und ein Teil deiner Bratkartoffeln hab ich ihm auch vermacht“, grinste er zu seiner Frau.

„Das freut mich aber! Und es macht keine Umstände, nur mit dem Essen wird es noch etwas dauern. Gehen sie doch mit meinem Mann auf die Terrasse und setzten sich. Ich hab noch in der Küche zu tun.“ Sie drehte sich um und ging ins Haus zurück. Heinrich zeigte den Weg und beide gingen zur Terrasse, um die Blumen gepflanzt waren und alles einen sehr gepflegten Eindruck machte. Ron setzte sich auf den angebotenen Stuhl und Heinrich verschwand kurz im Haus, um kurze Zeit später mit zwei Flaschen Bier zurückzukommen. „Sie trinken doch sicher auch eins?“ und stellte die Flaschen auf den Tisch. „Oh, danke sehr freundlich von ihnen.“ Ron griff sich die Flasche, sie prosteten sich zu und machte einen großen Schluck. „Ist das eine Wohltat, so ein schönes Feierabendbier.“ Ron nickte Heinrich zu. „Das tut wirklich gut, danke nochmals für alles.“

„Sie brauchen mir nicht zu danken. Aber nun mal raus mit der Sprache, was wollen sie denn mit dem Objekt?“ Ron nahm noch einen Schluck aus der Flasche und begann Heinrich seine Vorstellungen zu erklären. Dieser zog ab und zu die Augenbrauen hoch, hörte sich aber alles bis zum Ende an.

„Also, wenn ich es recht verstanden habe, wollen sie dort eine Art Jugendherberge aufbauen, für sozial schwache Kinder?“ Ron nickte und genehmigte sich einen Schluck aus der Flasche. „Ja, die Jugendlichen verbringen hier zwei, drei Wochen damit sie mal abschalten können.“

„Und was für Jugendliche sind das, doch hoffentlich normale, ich meinte sicher keine Verbrecher oder?“ „Nein, es sind normale Jugendliche, keine Verbrecher, wenn es sie beruhigt.“ Das machte es, Heinrich war mit der Antwort zufrieden. Als Bürgermeister wollte er sich keine Kriminalität ins Dorf holen. „Also, die Idee finde ich prima, aber haben sie auch bedacht, was das alles kosten wird, wie viel Arbeit und Geld in das Objekt gesteckt werden muss, um es herzurichten?“

Ron nickte mit dem Kopf. „Ich weiß, es wird ´ne Menge kosten, aber das soll nicht ihre Sorge sein. Sie hätten also nichts dagegen, wenn ich sie recht verstehe?“ „Nein, grundsätzlich nicht, aber ich muss noch den Dorfbeirat befragen, was der dazu meint. Ich bin nur ehrenamtlicher Bürgermeister. Bei solchen großen Sachen müssen die Bewohner auch mit einbezogen werden.“

„Das kann ich verstehen. Was denken sie, wird es Probleme geben?“ Heinrich zuckte mit den Schultern. „Es gibt immer welche, die sich quer stellen. So sind nun mal die Menschen, aber ich glaube, der Großteil der Anwohner wird es begrüßen.“ Heinrich stand auf und schnappte sich die inzwischen ausgetrunkenen Flaschen um neue zu holen.

Ron hörte plötzlich einen Motor aufbrüllen, der danach in einem gurgeln erstarb. Sollte Olaf etwa in der Nähe wohnen und wieder basteln. Sein Herz schlug bei diesem Gedanken bis zum Hals. Heinrich kam mit dem Bier und wieder startete der Motor und ging ebenso in einem Röcheln unter wie vorhin.

„Das ist der Nachbarsjunge, er bastelt oft und gern an allen möglichen Motoren rum. Aber wenn es sie stört, dann sag ich, dass er es lassen soll.“ „Nein, nicht nötig, mich stört es nicht. Heißt er Junge zufällig Olaf?“ Heinrich ließ fast die Flasche fallen. „Woher kennen sie den denn?“

„Ach, er hat mir vor ein paar Tagen geholfen. Ich hatte eine Panne mit dem Motorrad und er kam zufällig vorbei“, grinste Ron. „Also, dass müssen sie mir mal näher berichten“, und reichte Ron die geöffnete Flasche. As er geendet hatte schlug sich Heinrich mit der Hand auf den Schenkel. „Ja, der Olaf ist schon ein feines Kerlchen. Aber ich glaub, der hat einen verkehrten Beruf erlernt. Aber so viele Möglichkeiten gibt es im Dorf nicht, deshalb haben ihn seine Eltern Installateur lernen lassen.“

Wieder stotterte ein Motor, der aber langsam anfing, richtig rund zu laufen. „Sehen sie, der bekommt alles wieder hin.“ „Heinrich, kommt ihr rein essen, der Tisch ist gedeckt. Oder will der junge Mann sich erst einmal umziehen? Es muss doch verdammt warm sein in den Lederklamotten.“

„Das wäre nett, wenn ich mich erst einmal umziehen könnte.“ „Hanne, hast du schon das Zimmer hergerichtet, der Herr Kramer möchte sich doch erst umziehen.“ „Ja, das Zimmer ist fertig, zeig es ihm, ich halte die Bratkartoffeln warm, er soll sich Zeit lassen.“ „Na, dann kommen sie mal und nur keine Scheu, fühlen sie sich wie zu Hause“, und Heinrich zeigte den Weg.

„Hier ist ihr Zimmer, wenn sie sich waschen möchten ist die nächste Tür das Gäste Bad. Lassen sie sich Zeit, wir warten dann unten“, und machte sich auf den Rückweg. Ron stand mit seinem Rucksack im Zimmer. Es war hübsch eingerichtet und die frische Bettwäsche verströmte einen angenehmen Duft. Er wollte die beiden nicht warten lassen, also zog er sich schnell um und ging nach unten in die Küche.

Er konnte leise Stimmen hören, verstand aber nicht, was geredet wurde. Als er eintrat wurde das Gespräch unterbrochen und Heinrich zeigte Ron, wo er sich setzen konnte. Frau Schubert eilte mit der Pfanne herbei und füllte ihn reichlich auf. Er hatte aber auch Hunger, bis auf das Frühstück hatte er noch nichts gegessen. Und es schmeckte ihm!

Während es Essens hat Heinrich seiner Frau die Idee von Ron erzählt. Sie fragte hin und wieder nach und Ron gab weitere Erklärungen. Sie war auch begeistert von der Idee. „Da kommt endlich mal wieder Leben ins Dorf und mit dem Objekt passiert auch endlich mal was. Ist doch eine Schande, alles verkommen zu lassen.“ Hannelore stand auf und wollte Ron noch nachfüllen, der aber dankend ablehnte. „Gehen wir raus, auf die Terrasse und rauchen noch eine“, Heinrich erhob sich und deutete Ron ihm zu folgen.

Sie erzählten grade, als sie wieder einen Motor hörten, der diesmal sehr gut lief und sich nach einem Moped anhörte. Der Fahrer gab Gas und fuhr vom Hof, wenn es Ron richtig deutete. Plötzlich hörte man, wie heftig gebremst wurde. Das Geräusch kam eindeutig von der Dorfstraße unmittelbar vor dem Haus von Schuberts. Der Motor war aus und es herrschte eine gespenstige Ruhe.

„Der wird doch nicht hingefallen sein“, meinte Heinrich und sprang auf um zum Hoftor zu gehen, dicht gefolgt von Ron. Hingefallen war er nicht, aber er saß auf dem Moped und versuchte in der Dunkelheit Rons Motorrad zu betrachten.

Ron legte die Hand auf die Schulter von Heinrich, der sich zu ihm umdrehte. Er legte den Finger auf die Lippen und drückte sich an ihm vorbei. Heinrich ahnte, was Ron vorhatte und sagte keinen Mucks. Ron schlich sich vorsichtig durchs Hoftor, noch hatte ihn Olaf nicht entdeckt. „Guten Abend, schön dich wiederzusehen.“ Olaf bekam einen richtigen Schreck und wäre nun fast doch noch umgekippt.

„Wie kommst du denn hier her?“ Olaf versuchte in der Dunkelheit den Motorradfahrer zu erkennen, dessen Bild er in den letzten Tagen immer vor Augen hatte. Ron stand nun neben Olaf und hielt ihm die Hand hin, die auch freudig ergriffen wurde. „Ich bin hier um etwas zu klären. Toll, dass ich dich wiedergetroffen hab, ich hab dich…“ Ron brach mitten im Satz ab. Jetzt erst wurde beiden bewusst, dass sie sich immer noch an der Hand hielten.

„Kommt doch beide rein, ihr müsst ja nicht auf der Straße stehen bleiben“, erklang die Stimme von Heinrich hinter ihnen. Olaf stieg vom Moped und stelle es neben Rons Motorrad. Dann gingen alle drei zur Terrasse. „Olaf willst du auch ein Bier?“ „Gern Heinrich“, und er setzte sich auf dem Stuhl gegenüber von Ron.

„Schön, dass ich dich wiedersehe“, Olaf konnte Ron aber nicht in die Augen sehen. Seine Gedanken kreisten wie wirr in seinem Kopf herum. Schweigend saßen sie da, bis Heinrich wieder auf die Terrasse kam und Olaf ein Bier reichte.

Schwer ließ er sich in den Stuhl fallen. „Na, Olaf, den jungen Mann brauch ich dir ja nicht vorzustellen“, sagte er lächelnd. „Nein, Heinrich, ich kenne ihn. Aber was machst du hier?“, fragte er in Richtung Ron. „Ich hab mir die alte Grenzkompanie angesehen. Herr Schubert war so nett, sie mir zu zeigen.“

Ron erzählte Olaf, was er vorhatte. Der verzog sein Gesicht zu einem gequälten Lächeln. „Dann bedeutet das, dass du öfter hier bist, wenn ich alles richtig verstanden habe?“ „Ja, Olaf, wenn alles klappt wird es wohl so sein.“ Olafs Gedanken überschlugen sich. Musste er nun all seine Pläne über den Haufen werfen? Er konnte doch unmöglich von hier weggehen, wenn Ron womöglich hier her zieht. Was sollte er nun machen? Bei Manfred zusagen, die Stelle annehmen?

Er wollte einfach in der Nähe von Ron sein, der Kerl hatte sein Herz schon im ersten Moment erobert. Wie und was sollte er nun machen? Wären all die Schmach auf Arbeit es wert, nur um ab und zu mal in der Nähe von Ron zu sein? Würde der sich überhaupt für ihn interessieren?

Unmerklich schüttelte Olaf den Kopf. Seine Gedanken sprangen von gut zu böse, von oben nach unten. Er hielt es nicht mehr aus. Ruckartig erhob er sich und verließ die Runde ohne ein weiteres Wort. Ron und Heinrich sahen sich erschrocken an, schüttelten die Köpfe. „Also so durch den Wind hab ich den Olaf noch nie gesehen.“

Ron überlegte, ob er etwas Falsches gesagt hatte, aber ihm fiel nichts ein. Vom Nachbargrundstück hörte man eine Tür schlagen, dann herrschte wieder Ruhe. „Ich weiß nicht, was mit diesem Jungen los ist. Hätten seine Eltern ihn doch nur erlaubt, eine Lehre zu machen, die ihm auch gefällt. Er ist gut als Kemptner, aber da geht er ein, das ist nicht seine Welt. Er braucht was anderes. Vor allem braucht er Freunde.“ Ron nickte. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Olaf ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

„Entschuldigen sie, aber ich muss mich hinlegen, es war ein langer Tag und morgen wird es auch nicht anders.“ Heinrich erhob sich und ging mit Ron ins Haus. Ron wollte einfach nur ins Bett. Heinrich machte es ihm leicht, verabschiedete sich nur kurz von ihm und wünschte noch eine gute Nacht.

Ron lag im Bett und dachte an Olaf. Wieso ist er wortlos gegangen? Was hab ich falsch gemacht. Ich hab doch nichts gesagt, was ihn hätte verletzen können. Er grübelte noch eine Weile über die Worte von Heinrich nach. Olaf sollte Freunde finden. Wär Ron ein Freund für Olaf? Er wäre es sehr gern, aber da war noch mehr. In Ron erwachte etwas, dass er seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Nicht erst jetzt, schon seit der ersten Begegnung mit Olaf hatte er dieses Gefühl in sich, dass ihn nun nicht schlafen ließ…

Im Nachbarhaus sah es nicht anders aus. Auch hier lag jemand, der nicht schlafen konnte. Olaf lag in seinem Bett und dachte über sich nach. Hatte er sich etwa verliebt? Konnte es denn überhaupt sein, dass er sich nach zwei Begegnungen schon verlieben konnte? Ron war in all seinen Gedanken, egal was er tat. Mitweilen war er so durcheinander, dass er wieder mit dem Meister aneinandergeraten war. Aber nur um Ron ab und zu sehen zu können wollte er nicht bei Manfred im Betrieb bleiben! Das ging einfach nicht.

Vor zwei Tagen hatte er mehrere Bewerbungen abgeschickt. Er musste weg von hier, nun aber änderte sich die Situation schlagartig. Was Ron da mit dem Objekt vorhatte hörte sich interessant an. Da würde er auch gern mitmachen, allein schon um in der Nähe von Ron zu sein. Aber Ron hat während seiner Erzählung keine Andeutung gemacht, dass er ihn mit beim Projekt haben wollte.

Olaf dämmerte langsam in einen sehr unruhigen Schlaf, aber immer wieder sah er sich mit Ron am Wegesrand sitzen, wie sie sich verliebt in die Augen schauten…

Der nächste Tag konnte in beiden Häusern nicht unterschiedlicher beginnen. Ron hatte einigermaßen gut geschlafen. Er war früh erwacht und nahm eine Dusche, die seinen Körper wieder in Top Form brachte. Als er an sich heruntersah, wurde ihm erst jetzt bewusst, dass er sich schon seit Tagen keine Entspannung mehr erlaubt hatte, wollte es aber in einer fremden Dusche nicht nachholen.

Olaf hingegen wachte schweißgebadet auf. Er hatte einen Alptraum, an den er sich Gott sei Dank nicht mehr erinnern konnte. Nur eine Stelle im Traum schien schön gewesen zu sein, wie er später in seiner Schlafhose feststellen konnte. Er stand genervt auf, aß sein Frühstück im Stehen und machte sich missgelaunt auf den Weg zur Arbeit. Es stand heute Arbeit im Nachbardorf an, er musste also mit dem Moped die zehn Kilometer fahren, wo Manfred ihm schon schlechtgelaunt in Empfang nahm.

Ron ging nach der Dusche nach unten in die Küche, wo Hannelore am Herd stand. „Guten Morgen Frau Schubert.“ „Ach, Guten Morgen Herr Kramer. Haben sie gut geschlafen? Ich hab das Frühstück fast fertig, setzen sie sich doch schon an den Tisch, Heinrich kommt auch gleich.“ „Danke Frau Schubert. Ich hab sehr gut geschlafen, aber machen sie sich doch nicht so viele Umstände. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles wiedergutmachen soll.“

„Da machen sie sich mal keine Gedanken“, ertönte die Stimme von Heinrich hinter ihm, der die Küche betrat. „Haben sie denn gut geschlafen?“ „Ja, danke Herr Schubert.“ Hannelore schenkte Kaffee aus und reichte jedem ein kräftiges Rührei mit Speck.

Heinrich musste sich noch in der Nacht Gedanken um Rons Projekt gemacht haben, denn er wollte noch einige Einzelheiten wissen. „Herr Schubert, ich muss erst mal rausfinden, an wem ich mich genau in dieser Angelegenheit zu wenden habe, dann muss ich erst noch den Kaufpreis erfragen der nicht unerheblichen Einfluss auf das Projekt hat.“ „Ja, ich verstehe, ich werde mich auch mal kundig machen, vielleicht bekomme ich ja auch etwas heraus.“

Heinrich schaute plötzlich, als ob ihm ein wichtiger Gedanke durch den Kopf gegangen war, intensiv zu Ron. Der fühlte sich mit einem Mal sehr verunsichert. „Herr Kramer, ich hätte da noch eine Frage, wenn es ihnen nichts ausmacht.“ Ron war plötzlich nervös. Er musste zwei Mal schlucken und bekam kein Ton heraus. Die Tonlage von Heinrich war sehr ernst, er spürte, dass diese Frage sehr wichtig für ihn war. „Herr Kramer, wenn sie dieses Projekt wirklich in Angriff nehmen sollten und alles so klappt, wie sie es sich wünschen, dann brauchen sie doch sicher noch Mitarbeiter, die sie unterstützen?“

Ron nickte Heinrich zu. „Könnten sie sich denn vorstellen, auch jemand aus dem Dorf zu beschäftigen?“ Ron atmete innerlich auf. Heinrich hatte scheinbar denselben Gedanken wie er gestern Abend im Bett. Auch er dachte an Mitarbeiter aus dem Dorf, an einen ganz besonders! Aber es war nicht Rons Art, vorschnelle Versprechungen zu machen. Also musste er diplomatisch antworten. „Ich denke, dass sich da was machen lässt, aber erst muss ich das Projekt wirklich zum Laufen bringen.“ Heinrich setzte ein breites Grinsen auf und hielt Ron die Hand hin. „Ich bin Heinrich, dass „sie“ lassen wir mal, wenn es recht ist.“

Ron ergriff die Hand. „Ron, ich freu mich auf die Zusammenarbeit, Heinrich und Danke für alles.“ Natürlich wurde Ron auch das „du“ von Hannelore angeboten und es wurde noch ein vergnügliches Frühstück. Ron ging nach oben ins Gästezimmer, zog seinen Motorradkombi wieder an und verstaute die Sachen im Rucksack.

Die Schuberts kamen mit vors Haus und verabschiedeten sich von Ron, der den beiden nicht genug danken konnte. Ron hatte Heinrich zuvor noch seine Handynummer gegeben, um erreichbar zu sein, für den Fall, dass Heinrich etwas in Erfahrung bringen konnte.

Ron fuhr mit gemischten Gefühlen nach Hause. Er mochte die Schuberts, vor allen ging ihn Olaf nicht aus dem Kopf. Kaum in seinem Zimmer angekommen, machte sich sein Handy bemerkbar. Herr Krause von der Lotto AG war am Apparat und teilte ihm mit, dass er nun über das Geld verfügen konnte.

Er musste sich erst einmal setzen. Wieder hatte er ein Kribbeln in den Beinen. Nun ist er Millionär, ging es ihm durch den Kopf. Da viel ihm ein Versprechen ein. Zuerst schaute er auf den Parkplatz, aber das Auto stand noch nicht da. Also zog er wieder seine Motorradsachen an und schnappte sich seine Sachen. Am nächsten Laden hielt er und musste nicht lange suchen um ein gutes, perlendes Getränk zu finden.

Beim Rausgehen sah er einen Geldautomaten und steckte seine neue Karte in den Schlitz. Er brauchte kein Geld, aber er wollte seinen Kontostand überprüfen. Was er da zu sehen bekam ließ ihn wieder erschaudern. Er hatte Mühe, die Zahl zu lesen, sie zu verarbeiten.

Am Lottoladen hielt er und als ihn die nette Dame erkannte, setzte sie sofort ihr freundlichstes Gesicht auf. Nur gut, dass um diese Zeit der Laden leer war. Er stieß mit der Dame an, nur einen kleinen Schluck genehmigte er sich, um dann weiterzufahren.

Unschlüssig stand er vor dem Haus, in dem Ralf lebte. Sollte er das erste Mal in seinem Leben von seinen Prinzipien abweichen und Versprechungen machen? Versprechungen, die er nicht wusste, ob er sie auch halten könnte? Schließlich war er noch lange nicht im Besitz des Objektes, hatte noch keine Vorstellungen, ob und wie alles klappen könnte. Aber Ralf hatte sich gestern so traurig am Telefon angehört, dass er mit sich selbst einen Kampf ausfocht, den er nicht gewinnen konnte.

Er klingelte und an der Sprechanlage knackte es. „Ja, was gibt es?“ Ralf hörte sich nicht gut an. „Hallo Ralf, kannst du bitte mal öffnen?“ „Mensch, Ron! Komm hoch!“ Der Summer ging und Ron schob die Tür auf. Oben erwartete Ralf ihn schon. „Ron, komm her!“ und zog den Lederverpackten Jungen in eine Umarmung. „He, Ralf, ist ja gut. Ich wollte nicht anrufen, deshalb bin ich persönlich gekommen.“

Ralf zog ihn in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. „Ron, ich freu mich so, dass du da bist. Die anderen sind alle weg und ich fühl mich so einsam. Noch nicht mal mit Arbeit kann ich mich ablenken. Sag, wie geht es dir?“ Ralf schaute ihn freudig, aber auch betrübt an. Was sollte Ron nun machen?

„Ralf, du bist einer meiner besten Freunde, ich muss dir etwas sagen, was du unbedingt für dich behalten musst, bitte, es ist wichtig!“ Ralf schaute Ron ernst an. „Bist du krank?“, fragte er leise. „Nein Ralf, es ist was anderes, aber ich muss erst wissen, dass ich mich hundertprozentig auf dich verlassen kann.“ Ralf zog die Augenbrauen hoch. „Du weißt, dass ihr euch immer auf mich verlassen könnt. Ich schweige, wie ein Grab, versprochen!“

Ron setzte sich auf den Schreibtischstuhl und Ralf aufs Bett. „Ralf, wenn alles klappt, dann brauche ich deine Hilfe.“ Er fing an zu erzählen, was sich in den letzten Tagen alles ereignet hat. Als er bei seiner Oma war, konnten sich beide nur mit Mühe die Tränen verkneifen. Als er beim Thema Lotto war, schaute Ralf ungläubig. „Du willst doch wohl einen Freund nicht veralbern, oder?“ Ralf stellte die Frage sehr ernst. Er mochte es nicht, wenn man ihn auf den Arm nahm. Ein Scherz ist okay, aber nicht mehr.

Ron fingerte seine Brieftasche aus dem Rucksack und suchte den Kontoauszug, den er Ralf gab. Der schaute darauf, verlor alle Farbe aus dem Gesicht und fiel hintenüber. Er atmete schwer, Ron sah, wie sich sein Brustkorb immer schneller hob und senkte. „Das…. Das ist nicht wahr?“ Ralf schnellte wie ein Blitz in eine aufrechte Position. „Sag, dass das nicht dein Schein ist!“ Er schaute nochmal drauf und las den Namen. „Das gibt es doch gar nicht! Mensch, das müssen wir doch feiern… Ron, ich fass es nicht!“

Es dauerte noch eine Weile, ehe sich Ralf wieder gesammelt hatte. Ron begann von seinem Projekt zu sprechen, vom Objekt, dass er dafür ins Auge gefasst hatte. Er erzählte, wie er es gefunden hatte und dass er gestern da war.

Nachdem er geendet hatte schaute er Ralf in die Augen. Der schien sehr angestrengt nachzudenken. „Und wo soll ich dir dabei helfen?“ „Ralf, wenn es alles klappt, möchte ich dich bei mir im Team haben, als Koch. Aber natürlich nur wenn du willst.“ Und ob Ralf wollte! Er sprang auf, umarmte Ron und eilte zur Tür raus, um mit einer angebrochenen Flasche Sekt zurückzukommen.

„Was anderes hab ich nicht“, sagte er Achselzuckend und schenkte den abgestandenen Sekt in Gläser. Sie prosteten sich zu und Ralf hätte im Kreis lachen können. „Sag, wenn du das Objekt in Neudorf, so hieß es doch, nun nicht bekommst, was wird dann aus mir?“ Ron schüttelte den Kopf, „wenn ich es da nicht bekomme, dann eben ein anderes. Du bist auf jeden Fall dabei!“ Und damit war es amtlich. Ron hatte das erste Mal Versprechungen im Voraus gemacht. Sicher würde er sie halten, aber vielleicht musste er anfangen umzudenken, etwas mehr im Voraus planen. Schließlich würde er in Zukunft Menschen beschäftigen, denen gegenüber er verantwortlich war.

Aber er hatte auch sich gegenüber eine Verantwortung. Es sollte sein Lebenswerk werden, das er nur mit den besten Leuten durchziehen wollte. Also musste er sie sich besorgen und nicht zusehen, dass sie nicht mehr zu haben waren, wenn er sie brauchte. Olaf fiel ihm ein. Er wollte ihn mit einbeziehen. Und das hatte nicht mehr lange Zeit. Bevor er sich nach etwas anderem umsah, musste er mit ihm reden!

Plötzlich wurde es Ron eng in seinem Kombi, sein Kreislauf drohte zusammenzubrechen, jedenfalls hatte er das Gefühl. Die Luft wurde knapp, Hitze schlug ihm ins Gesicht. Ralf sah die Veränderung an seinem Freund, ging zu ihm und half ihm aus seiner Kombi, die Ron sich versuchte vom Körper zu zerren. Nachdem sie es mit vereinten Kräften geschafft hatten, dirigierte er Ron zu seinem Bett und half ihm beim Hinlegen.

„Ron, du musst dich schonen, die letzten Tage waren ganz schön viel für dich. Ruh dich erst mal einen Moment aus, dann geht es gleich wieder besser. Ich mach dir schnell einen Tee.“ Er verschwand in der Küche und Ron fielen die Augen zu.

Nach zwei Stunden wurde Ron durch einen Druck an seinem Rücken wach. Er blinzelte, die Sonne schien ins Zimmer und blendete ihm. Er spürte, dass er nicht allein im Bett lag. Ralf musste es wohl auch umgehauen haben, jedenfalls hat er sich neben ihm ins Bett gelegt und drückte nun mit dem Ellenbogen in seinen Rücken. Ron wollte grade vorsichtig aufstehen, als die Tür geöffnet wurde und sich ein Mann ins Zimmer schob.

Zuerst sah er nur Ron, dann erfasste sein Blick Ralf, der noch immer schlief. Seine Gesichtszüge entglitten ihm und er wurde unnatürlich rot. „Du perverse Sau“, waren die ersten Worte, die Ron sofort in eine senkrechte beförderten. „Mach dass du aus meinem Haus kommst und lass dich hier nie wieder blicken, du Schwein!“

Ralfs Vater stand mit geballten Fäusten im Zimmer und Ron hatte das Gefühl, als ob er gleich tätig werden würde. „Pack deine Sachen du schwuler Hund und verpiss dich! Du hast eine Stunde, du altes Miststück! Ich hab es ja schon immer geahnt, aber dass du diese schweinerein auch unter meinem Dach machst ist das letzte! Verschwinde du abartiges Stück Scheisse!“ und die Tür flog mit lauten Krachen ins Schloss.

Die beiden sahen sich entsetzt an. „Was war das denn jetzt?“

Ron fand als erster die Sprache zurück.

„Ich kann, ich weiß, nein, oh Gott nicht das.“

Ralf war total durch den Wind, dafür arbeitete Rons Gehirn wieder ausgezeichnet. „Ralf, hat es Sinn, mit deinem Vater zu reden, ihm alles zu erklären?“ Ralf sah sich wie ein gehetztes Tier um. Er war total neben sich.

Ron zog sich schnell den Kombi an und eilte aus dem Zimmer. Im Wohnzimmer hörte er Ralfs Vater Poltern. Er griff nach der Klinke und öffnete die Tür. Zuerst sah er Ralfs Vater, der wie ein besengter hin und her lief und wortgewaltig auf die Frau einredete, die Ralfs Mutter sein musste.

„Herr Rappe…“

„Was willst du hier? Pack Dich und verschwinde. Und nimm das Stück Mist mit!“

Ralfs Mutter schaute ihn mit verweinten Augen an.

„Herr Rappe“, begann Ron erneut, sein Ton wurde lauter, „es ist nicht…“

„Verschwindet aus meinem Haus“, brüllte er nun, „eine Stunde, dann seid ihr verschwunden! Ich will keinen von euch mehr sehen!“

Seine Augen waren nun noch kleine Schlitze aus denen es gefährlich funkelte. Er ging zur Tür, stieß Ron unsanft beiseite und kurze Zeit später hörte man die Haustür ins Schloss schlagen.

„Frau Rappe“, begann Ron erneut, „es ist nicht so. Also, wir haben nichts.“

Ron war nun ebenfalls durcheinander. Ralfs Mutter wand sich ab.

„Geht, es ist besser so, sonst passiert noch ein Unglück“, sagte sie resignierend und ein Schütteln erfasste ihren Körper.

Ron ging in Ralfs Zimmer, Dieser saß immer noch auf dem Bett und starrte ins leere. Er kniete sich vor ihm hin und griff seine Hand.

„Ralf, komm, pack deine Sachen und wir verschwinden von hier.“

Ralf sah ihn an.

„Wohin denn wenn ich fragen darf? Ich hab keinen Job, da werde ich auch keine Wohnung finden.“

Seine Augen waren gebrochen und seine Körperhaltung spiegelte die pure Verzweiflung. Ron drückte die Hand seines Freundes fester.

„Ralf, komm, ich kümmre mich erst mal um dich. Aber lass uns schnell deine Sachen packen und verschwinden. Ich hab so ein ungutes Gefühl bei deinem Vater.“

Ralf sah ihn groß an.

„Wo willst du denn mit mir hin?“

„Ralf, das wird sich finden, aber fang endlich an deine Sachen zu packen. Ist es viel, was du mitnehmen musst?“

Ralf sah sich in seinem Zimmer um.

„Nein, nur meine Klamotten, den Laptop und Kleinigkeiten, das dürfte schnell gehen.“

Ralf klang wieder etwas aufgeräumter. Er hatte eingesehen, dass Ron ihm helfen würde und er die Wohnung so schnell wie möglich verlassen musste.

Er rannte in die Küche, holte eine Rolle blauer Müllsäcke und die beiden begannen die Sachen aus dem Schrank zu zerren und in die Tüten zu stopfen. Ralfs Mutter erschien plötzlich im Zimmer, ging auf ihn zu und nahm ihn in den Arm. Beide schluchzten. Ron kam sich in dem Moment fehl am Platze vor und schlich sich aus der Wohnung. Die Tür ließ er angelehnt, er brauchte erst mal eine Zigarette.

Als er fertig war ging er in die Wohnung zurück. Mutter und Sohn hatten sich gefasst und redeten leise miteinander. Als sie Ron bemerkten, verstummte ihr Gespräch. Frau Rappe ging auf Ron zu.

„Danke, dass sie meinem Sohn helfen, das werde ich nie vergessen. Wenn ich mal etwas für sie tun kann, werde ich mich revanchieren.“

Ron machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Sagen sie ihrem Mann, dass zwischen uns nichts, aber auch rein gar nichts ist.“ Sie nickte stumm und drehte sich um.

Ralf machte sich wieder an seinen Sachen zu schaffen, wobei ihm seine Mutter half. Ron zog sein Handy aus der Tasche und bestellte ein Taxi. Nachdem sie alles zusammen hatten schleppten sie die Säcke und Taschen nach unten. Das Taxi kam und der Fahrer kratzte sich am Kopf, als er die ganzen Tüten und Taschen sah. Ron ging auf ihm zu.

„Kennen sie eine günstige Unterkunft für ein paar Tage?“

Der Fahrer nickte und zeigte auf den Berg Sachen.

„Rausgeflogen?“

„Reden wir nicht davon, fahren sie vor, ich komme mit dem Motorrad hinterher.“

Die Sachen waren schnell im Auto untergebracht, als sie in der Ferne Ralfs Vater kommen sahen. Er verabschiedete sich schnell von seiner Mutter und sprang ins Taxi. Ron setzte sich den Helm auf und setzte sich auf seine Maschine.

Der Vater war noch nicht ganz auf ihrer Höhe, als sich der kleine Tross in Bewegung setzte. Sie hielten vor einer kleinen Pension, sehr gemütlich und familiär geführt. Das Einchecken dauerte nicht lange und kurze Zeit später saßen die beiden im Zimmer. Die Sachen lagen in ihren Tüten und Taschen an einer Seite des Zimmers. Sie setzten sich beide und sprachen kein Wort. Ihre Blicke sagten alles.

„Ralf, ich fahr schnell zu mir, mein Auto müsste eigentlich schon da sein. Dann komm ich wieder her und wir besprechen alles weitere, okay?“

Ralf stand auf und ging zu Ron.

„Danke für alles. Du bist ein wahrer Freund.“

Ron grinste ihn an.

„Dafür sind Freunde da. Bis gleich“, und schon war er aus dem Zimmer.

Auf dem Parkplatz konnte Ron sein Auto sehen. Schön, das alles so geklappt hat, freute er sich. Den Schlüssel holte er vom Diensthabenden ab und begab sich auf sein Zimmer. Er musste erst mal eine Dusche nehmen, bevor er sich wieder auf den Weg machte.

Alles ging in Windeseile, er mahnte sich langsamer zu machen. Er hatte es heute erlebt, wie schnell er abklappen konnte. Als er das erste Mal in seinem Auto saß, war es sehr ungewöhnlich. Noch nie hat er ein eigenes Auto besessen.

Er war sehr aufgekratzt, als er alles auf seinen Körper einstellte. Dann ging es ab zur Pension. Ralf öffnete die Tür nur mit einem Handtuch um der Hüfte. Ron musste im ersten Moment schlucken. So hatte er Ralf noch nie gesehen.

Eine zierliche Person ging es ihm durch den Kopf. Keine wohldefinierten Bauchmuskeln, dafür konnte man die Rippen deutlich sehen. Wie kann man nur als Koch so ein Spargel Tarzan sein?

„Hallo Ron, ich musste erst mal duschen, setz dich doch“, und deutete mit der Hand auf den Stuhl.

Ron setzte sich und beobachtete, wie Ralf in den Säcken nach frischen Sachen suchte. Es war nicht ganz einfach, alles zusammenzufinden, schließlich hatten sie alles so gegriffen und in die Säcke gestopft wie es ihnen unter die Hände kam.

Endlich hatte er eine Unterhose gefunden und Ralf löste das Handtuch. Ron zog gedanklich die Luft scharf ein und stierte seinem Freund aus einem Reflex heraus zwischen die Beine. Er konnte nichts dafür und wendete seinen Kopf demonstrativ in eine andere Richtung.

„Es ist dir doch nicht peinlich?“, fragte Ralf, der Rons Reaktionen auf seinem Strip mitbekommen hatte.

Ron wendete den Kopf wieder Ralf zu, der immer noch nackt vor ihm stand und sich grade die Unterhose hochzog.

„Nein, ist es mir nicht“, und er musste sich konzentrieren, dass seine Stimme ihn nicht verriet.

„Ich dachte nur. Du bist auf einmal so rot geworden“, lächelte Ralf, der sich nun ein T Shirt über den Kopf zog.

Ron merkte es nun selbst, dass seine Ohren glühten und zu seinem Entsetzten wurde es ihm eng in seiner Hose.

„Gehen wir essen, wenn du fertig bist“, lenkte er auf ein anderes Thema.

Ralf, der sich inzwischen eine halblange Hose anzog, nickte ihm zu. Im Restaurant setzten sie sich gegenüber und bestellten erst mal die Getränke. Jeder schaute in seine Karte aber beide konnten sich nicht recht konzentrieren.

Ron ging der nackte Körper von Ralf nicht aus dem Sinn, und Ralf dachte an die Reaktion seines Freundes, als er das Handtuch fallen ließ. Schließlich bestellten beide ein Schnitzel mit Pommes und Gemüse. Bei diesem Essen konnte man nichts falsch machen.

„Ron, wie soll es nun weitergehen? Ich mein, ich möchte nicht von dir abhängig sein und dir auf der Tasche liegen.“

Ron schaute zu ihm auf und sah in seine grünen Augen, die er schon immer so strahlend fand.

„Erst mal essen wir und dann wird uns schon was einfallen.“

„Ron, bitte sei mir nicht böse. Aber ich fühl mich so nicht gut. Die Pension kann ich mir nicht leisten, das ist dir doch sicher klar?“

Ron schaute ihn nachdenklich an.

„Ralf, du weißt, was ich geplant habe. Wenn ich das Objekt bekomme, wirst du für die Küche verantwortlich sein. Wenn du willst.“

„Natürlich möchte ich das, ich freu mich auch schon drauf.“

Ralf war seine Begeisterung anzusehen. „Kannst du auch eine Küche von Grund auf einrichten? Ich meine, so mit allen Drum und Dran. Wasseranschlüsse, Geräte, Elektoleitungen und alles Mögliche, was da reingehört?“

Ralf grinste.

„In der Lehre mussten wir so etwas mal auf dem Papier machen. Das hat mir echt Spaß gemacht und ich war der beste in der Klasse.“

„Na dann kram mal deine Arbeit wieder raus. In diesem Objekt muss alles von Grund auf neu gemacht werden, da ist nichts mehr drin.“

„Gib mir die Maße der Küche und ich mach mich sofort an die Arbeit.“

So wie Ralf das sagte, hatte Ron keinen Zweifel mehr, dass er genau der richtige war. Er lehnte sich zurück und freute sich.

„Die Maße kann ich dir nicht sagen, aber wir werden hinfahren und dann wirst du selber sehen.“ Ralf zog die Augenbrauen hoch.

„Wann soll es losgehen, meine Sachen sind gepackt“, und beide mussten losprusten.

Mitten im Essen klingelte das Telefon von Ron. Heinrich hatte gute Nachrichten. Er lauschte den Ausführungen und bedankte sich bei ihm. „Das war der Bürgermeister von Neudorf. Er hat sich erkundigt, wegen dem Objekt. Es ist zu haben, aber ich muss dort hin um einige Sachen zu klären.“

Ralf schaute ihn groß an.

„Kann ich mitkommen, vielleicht kann ich was helfen?“

Ron lachte.

„Natürlich nehme ich dich mit, schließlich brauche ich einen Fahrer.“

Ralf betrachtete ihn lächelnd.

„Der Herr braucht also einen Chauffeur, so, so. Diese Neureichen immer.“

Wieder mussten sie beide lachen. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag und planten, zwei Tage ein, die sie bleiben wollten. Ron erklärte Ralf, dass sie sich wieder in dem Hotel einquartieren wollten, das er bei seiner ersten Fahrt schon genutzt hatte.

Als Ron wieder in seiner Unterkunft angekommen war, fühlte er sich müde und ausgelaugt. Morgen würde ein schwieriger Tag werden, und er brauchte unbedingt Ruhe. Aber er konnte keinen Schlaf finden. Zu sehr ging ihm Ralf durch den Kopf. Er sah ihn in Gedanken mit einem Handtuch um die Hüfte…

Am nächsten Morgen machte er sich mit einer Dusche frisch und musste sich beeilen, um pünktlich bei Ralf zu sein. Der wartete auch schon vor der Pension mit seiner Tasche in der Hand. Als sie sich schon auf dem Weg aus der Stadt befanden, bremste Ron plötzlich. „Planänderung, ich muss noch mal zum Heim zurück.“

Ralf schaute ihn überrascht an, sagte aber nichts. Sie stiegen beide aus dem Auto und liefen zu Rons Zimmer.

„Ich muss in ein paar Tagen eh ausziehen. Also mache ich es gleich, die Sachen sind ja noch alle verpackt und passen bequem ins Auto. Also bist du heute mal dran, mir beim Auszug zu helfen.“

Ralf lächelte gequält.

„Dein Auszug ist aber freiwillig“, und schnappte sich die ersten Sachen.

„Entschuldige, ich hab es nicht so gemeint. Es war dumm von mir.“

Ralf machte ein grinsendes Gesicht.

„Komm Chef, wir wollen noch nach Neudorf“, und schleppte die Sachen zum Auto.

Schnell waren sie fertig, den Schlüssel hatte Ron beim Bereitschaftshabenden abgegeben. Das Auto war zwar ganz schön beladen, aber den beiden blieb noch genug Platz. Ralf saß nun am Steuer und Ron führte einige Telefonate während der Fahrt.

„Was ist der Olaf eigentlich für ein Typ?“, fragte Ralf plötzlich.

Ron zuckte zusammen. Er wollte eigentlich gestern noch bei Heinrich anrufen, um sich die Nummer geben zu lassen, aber er hatte es total vergessen.

„Olaf hab ich kennengelernt, als ich eine Panne hatte, hab ich dir gestern doch schon erzählt“, wollte Ron ablenken.

„Ja, das weiß ich. Ich meinte wie ist er so?“

Ron wusste nicht worauf Ralf hinaus wollte. Ihn plagte ein schlechtes Gewissen, dass er ihn vergessen hatte.

„Bitte warte mal einen Moment, mir ist gerade etwas eingefallen“, und Ron griff wieder zum Handy. Heinrich meldete sich.

„Heinrich, ich hab ein Anliegen. Hast du vielleicht die Nummer von Olaf?“

Er hörte es kurz rascheln und griff sich auch einen Stift und Zettel.

„Also, die von seinem Handy oder die vom Festnetz?“

„Wenn es geht, nehme ich beide Nummern.“

Heinrich diktierte ihm die Nummern. Danke Heinrich, ich komme nachher noch mal zu dir rum und dann sprechen wir uns weiter.“

„Du bist auf dem Weg hier her?“, fragte Heinrich verwundert.

„Ja, in circa einer Stunde bin ich da.“

„Ich freu mich Ron, komm doch einfach zum Mittag zu uns. Hannelore hat einen super Eintopf gemacht, der wird dir schmecken.“

„Heinrich, ich bin nicht allein unterwegs“, er blickte zu Ralf, der sich auf die Straße zu konzentrieren schien.

„Das macht doch nichts, bring deine Begleitung einfach mit, es ist genug da, bis gleich dann.“ Und Ron hörte nur noch das Tuten im Handy.

„Ralf, wir sind beim Bürgermeister zum Essen eingeladen, ich hoffe dir macht es nichts aus. Aber es sind nette Leute, hab ich dir ja schon gesagt.“

Ralf schielte kurz zu Ron rüber.

„Klasse, freu ich mich drauf. Aber Ron, was ist denn nun mit Olaf? Wie ist er so?“

Ron wurde es wieder unbehaglich.

„Später, ich muss erst noch mal anrufen.“ Wieso bohrt Ralf immer wieder nach Olaf? Was will er denn wissen von mir, und wieso überhaupt? Inzwischen hatte er die Nummer von Olafs Handy gewählt.

„Hallo, Olaf Richter, wer ist da?“

Rons Herz schlug bis zum Hals. Er traute sich kaum Luft zu holen. „

Hallo, hier ist Ron, entschul…“, weiter kann er nicht.

„Ron!“

Beide waren überrascht. Ron vom lauten Aufschrei und Olaf vom unerwarteten Anruf.

„Ich muss mit dir reden, es ist wichtig“, Ron hatte sich als erster wieder gefangen.

„Es geht im Moment schlecht, ich bin auf Arbeit und mein Meist…“, und Ron hörte nur noch ein Rauschen und kurze Zeit später ein Besetztton.

Olaf hatte einfach aufgelegt. Was war denn nur mit ihm los? Ron ließ das Handy resigniert sinken. Er schaute wie gebannt aus dem Fenster, aber sein Blick war leer.

„Ron, alles in Ordnung?“, kam die Stimme von der Seite.

Aber Ralf bekam keine Antwort. Er schaute zu seinem Nebenmann und sah seinen leeren Blick. Ralf sagte nichts mehr, fuhr an der nächsten Abfahrt ab und hielt den Wagen. Er stieg aus und lief um das Auto herum, um die Beifahrertür zu öffnen.

„Ron, steige aus und wir rauchen erst mal eine.“

Er zog Ron am Arm und dieser stieg langsam aus. Ralf zündete zwei Zigaretten an und reichte eine davon Ron.

„Los, sag, was war los? Ron, ich bin zwar kein Hellseher, aber mit dir stimmt was nicht. Was ist denn nun mit Olaf. Du machst um dieses Thema einen Bogen, wie die Katze um den heißen Brei. Sag schon, was war denn eben?“

Ralf schaute seinen Freund tief in die Augen und wartete auf eine Reaktion.

„Ach, er hat aufgelegt, einfach so.“

Ron sah trotzig zu Ralf.

„Er hat seinen Meister vorgeschoben.“

„Hast du dir schon mal überlegt, dass er ihn nicht vorgeschoben hat? Der ist vielleicht grade reingekommen und hat ihm beim Telefonieren erwischt, an dem du ja schuld bist!“

Ron überlegte einen Moment und nickte.

„Hast vielleicht Recht.“

„Schick im doch ´ne SMS. Die kann er auch heimlich lesen“, grinste Ralf und trat seine Zigarette aus.

„Weiter?“, fragte er Ron.

Sie stiegen ein und Ron überlegte, was er in der SMS schreiben sollte. Er nahm mehrere Anläufe, bis ihm der Text gefiel und auf senden drückte. Zufrieden mit sich selbst lehnte er sich im Autositz zurück und genoss die weitere Fahrt.

*-*-*

Olaf war so überrascht, dass Ron auf seinem Handy anrief, dass er einen kurzen Schrei losließ, den sein Meister gehört hatte. Er wollte noch schnell zu Ron sagen, dass er nicht sprechen konnte, als Manfred sich vor ihm aufbaute und die Augen sich zu kleinen Sehschlitzen verengten.

Olaf brauchte einige Zeit, eh er die richtige Taste fand, um das Gespräch, was eigentlich keins war, zu beenden. Dann traf ihm schon die Hand des Meisters im Gesicht und dieser fing nun an, eine ellenlange Litanei runterzuspulen, was Lehrlinge durften und was nicht. Olaf war es leid, er konnte einfach nicht mehr.

In zwei Tagen würde er seinen Facharbeiterbrief überreicht bekommen, also noch den heutigen Tag überstehen, dann morgen noch mal und dann wär es vorbei! Wenn Ron doch etwas für ihn tun könnte. Wie sehr brauchte er einen Freund, der ihm aus all dem helfen konnte. Er versuchte seine Tränen zu unterdrücken, als sich sein Handy per Vibrationsalarm bemerkbar machte.

Manfred schaute ihn an, als ob er es gehört hätte, aber Olaf machte weiter seine Arbeit, als ob nichts gewesen wäre. Kurze Zeit später, er war grad auf dem Weg um Material zu holen, zog er es aus der Tasche um die schönste Nachricht seines Lebens zu lesen! >Olaf, möchtest du bei meinem Projekt mitmachen? – vllt. als Technikwart? mfg Ron<

Olaf war wie benommen. Natürlich wollte er! Immer und immer wieder schlug er sich mit den Händen vors Gesicht und auf die Schenkel. Wenn es einen Gott gab, dann hat er im richtigen Moment seine Ohren aufgehabt und ihn erhört! Olaf musste sich in seinem Freudentaumel setzen. Sein Blick war verschwommen und er dachte an Ron.

In diesem Moment sah er Ron nur als seinen Erretter, der, der ihn vor Manfred erlöste und es ihm ermöglichte vielleicht im Dorf zu bleiben. Olaf wischte sich die Tränen aus den Augen und versuchte eine SMS zu schreiben.

„Ron, du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Wer oder was ist Olaf für dich?“

Ron, eben noch auf Wolke sieben kam wieder in der Realität an. Er schaute zu Ralf, der ein schmunzeln im Gesicht hatte.

„Ralf, ich hab es dir doch schon ein paar Mal gesagt. Er hat mir geholfen bei einer Panne. Er ist sehr geschickt und sieht….“

Ron schluckte. Hatte er sich verplappert?

„Und sieht gut aus, wolltest du mir das sagen?“

Ron wusste nicht, wie er aus dieser Sache heraus kommen sollte und schwieg einfach.

„Ron, versteh mich nicht falsch, ich hab nichts dagegen, dass du einen Jungen magst. Und scheinbar hat es dir dieser Olaf angetan. Jedenfalls haben deine Augen immer so gestrahlt, als du von ihm erzählt hast.“

Ron schluckte. Sollte er sich vor seinem Freund outen? Niemand wusste etwas von seiner Neigung. Er selbst hatte jahrelang diese Gefühle unterdrückt. Sie flammten erst wieder auf, als er Ralf kennenlernte, den er sich jedoch nicht zu offenbarte getraute. Ralf hatte es ihm angetan, sein Aussehen und seine Art hatten ihn dereinst in seinen Bann gezogen. Aber immer und immer wieder hat er diese Gefühle unterdrückt, sich nie getraut etwas zu sagen.

Dann gestern die Erkenntnis, dass Ralf vielleicht auch auf Jungen stand. Aber war das sicher? Der Vater hat ihn einfach rausgeschmissen, weil er sie in seinem Bett gesehen hatte. Und Ralfs Vater hatte auch gesagt, dass er es schon immer geahnt hatte, dass sein Sohn schwul war. War Ralf schwul? War er selbst schwul? Ron drehte der Kopf. Was sollte er antworten?

„Ralf, darf ich dir zuerst eine Frage stellen, bevor ich versuche deine zu beantworten?“

Ron wollte versuchen etwas Licht in die Dunkelheit zu bringen.

„Also, wenn du fragen willst ob ich schwul bin, dann kann ich nur sagen, dass es nicht so ist. Mein Vater ist ein Choleriker. Ich hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass er mich loswerden will und wir hatten ihm unabsichtlich einen Grund dafür geliefert. Ist das genug für eine Erklärung?“

Ron nickte. Brach da grad eine Welt in ihm zusammen? Dachte er nicht, dass er mit Ralf an seiner Seite sein Leben einfacher würde? Er wär dann nicht allein der, der außerhalb der Normen steht. Aber steht er wirklich außerhalb der Normen? Nur weil von allen gepredigt wird, dass Männlein und Weiblein zusammengehören, muss es doch nicht unbedingt der Norm entsprechen! Er mochte keine Weiblein, das hat er schon im Alter von zwölf Jahren gespürt. Aber er konnte diese Gefühle erst viel später deuten, aber nicht ausleben.

Er mochte Frauen, so war es nicht, aber er konnte sich keine Beziehung mit einer vorstellen. Er hatte, wenn es ihm die Schule und das Studium erlaubte, nur flüchtige Beziehungen zu Männern gehabt, die er aber immer schnell beendete.

Mal schob er vor, dass der Typ zu alt, oder zu jung war, mal zu groß oder zu klein. Er hatte Angst eine Beziehung einzugehen, da es bei ihm nur um Sex ging. Aber nun tat sich etwas in seinem Leben, das er vermisst hatte. Er hatte Olaf kennengelernt und die Schmetterlinge im Bauch waren deutlich größer als die, dereinst bei Ralf.

Dieses Gefühl, schon nach dem ersten Treffen war unbeschreiblich. Er hatte sich verliebt, aber sollte er das Ralf auf die Nase binden? Ron wurde sich in diesem Moment bewusst, dass er wirklich schwul war. Nicht nur der Sex mit Männern, das man vorher noch auf pubertäres rumgemache abtun konnte war es, er konnte sich nur einen Mann an seiner Seite vorstellen.

„Ralf, es ist jetzt nicht so einfach das zu sagen, aber ich bin schwul!“

Nun war es heraus! Er befreite sich mit diesen Worten. Er hatte keine Familie mehr, mit denen er es teilen konnte, aber er hatte einen Freund an seiner Seite, der ihn verstehen würde. „Ron, das hab ich schon immer geahnt.“ Ron schluckte.

„Du bist der erste, dem ich es erzählt habe. Ich bin mir grade erst selbst darüber klar geworden, dass ich es bin.“

„Und Olaf spielt eine Rolle dabei?“

Ron wurde rot und verlegen. Was sollte er auf diese Frage antworten? >Ja! < hätte er am liebsten geschrien, aber aus seinem Mund kam nichts.

Ralf nahm die Abfahrt von der Autobahn und hielt in einer Parknische an. Beide stiegen aus und zündeten sich eine Zigarette an.

„Ron“, begann Ralf zögerlich, „mir ist dein Geld scheißegal, versteh mich nicht falsch, aber du bist mein Freund! Und unter Freunden sollte man sich immer alles sagen können. Glaubst du, dass du Olaf liebst?“

Ron horchte auf und wurde unsicher.

„Bitte sag es keinen, ich hab Olaf erst zwei Mal gesehen. Aber er ist so…, so…, wie soll ich es nur beschreiben?“

„Ron, du hast dich in ihn verliebt“, stellte Ralf nüchtern fest, „das kannst du ruhig zugeben, aber erwidert er deine Liebe auch? Ich mein, ist er auch schwul?“

Ron wurde unsicher, es zog ihm den Boden unter den Füßen weg.

„Ich weiß es nicht.“

Schweigend traten sie ihre Kippen aus und fuhren noch ein Stück, dann waren sie in Neudorf. Ron dirigierte sie zum Haus von Heinrich und sie stiegen aus. Die Schuberts hatten sie schon erwartet.

„Hallo Ron, schön dich wiederzusehen!“

Die Freude der beiden war echt. Als Ron Ralf vorstellte, hielt Hannelore einen kurzen Moment inne, legte den Kopf schief und mustere den Begleiter von Ron.

„Bist du nicht einer von den Rappes aus Berlin?“

„Äh, ja“, stotterte Ralf, der sich sichtlich unwohl in seiner Haut fühlte.

„Komm her mein Kleiner, lass dich drücken“, und Hannelore schloss den verdutzten Ralf in den Arm.

„Rappes Kleiner?“, fragte Heinrich, „das ist ja ein Ding, die Welt ist doch so klein“, und Heinrich drückte ebenfalls den verdutzten Ralf.

„Wo, woher kennen sie mich denn, wenn ich fragen darf?“ Ralf war immer noch durch den Wind, nur die Schuberts lächelten.

„Ralf“, setzte Hannelore zu einer Erklärung an, „ mein Bruder heißt Rolf Rappe, ich glaub das ist dein Vater.“

Ralf wurde bleich.

„Dann, äh, dann bist du meine Tante?“

Er wurde immer weißer im Gesicht. Ron hatte Angst um seinen Freund und griff ihn am Arm und setzte ihn auf einen Stuhl.

Heinrich eilte aus der Küche und kann kurze Zeit später mit einigen Flaschen Bier zurück. „Lasst uns erst mal auf den verlorenen Neffen anstoßen“, und reiche jedem eine Flasche.

Alle prosteten sich zu und Ralf bekam wieder etwas Farbe im Gesicht.

„Ralf, es ist erstaunlich, was du für ein großer Junge geworden bist. Zuletzt haben wir dich als vierjährigen gesehen. Dann brach der Kontakt zu deinem Vater und deiner Familie ab, aber die Ähnlichkeit ist enorm.“

Hanelore schaute Ralf intensiv an.

„Ja, dein Vater. Davon kann ich ein Lied singen. Vor achtzehn Jahren hab ich den Kerl aus meinem Haus geschmissen. Er hat sich benommen, wie ein Rindvieh. Entschuldige, ich kann es nicht anders ausdrücken. Aber der Kerl ist einfach nur verbohrt. Wenn etwas nicht seiner Meinung entsprach, dann hat er so lange geredet und lamentiert, bis alle anderen die Fahnen gestrichen haben. Aber als er dann noch von Themen anfing, die mir gar nicht gefielen, und er sich mit seiner Meinung durchsetzen wollte, hab ich ihn einfach vor die Tür gesetzt.“ Heinrich war sichtlich ergriffen. Die Erinnerungen holten ihn wieder ein.

„Mein Vater hat mich gestern aus der Wohnung geschmissen. Er denkt, ich bin schwul!“, sagte Ralf trocken.

Hannelore schaute entsetzt auf.

„Wie kommt denn Rolf darauf?“

„Er hat gesehen, wie ich mit Ron in meinem Bett gelegen habe.“

Heinrich und Hannelore schüttelten den Kopf.

„Der ist immer noch so bescheuert!“, sagte Heinrich grinsend.

„Bist du denn schwul Ralf?“ Hannelore sah ihn eindringlich an.

„Nein, ich bin nicht schwul, aber würde es etwas ändern, wenn ich es wäre?“

Hannelores Gesichtszüge entspannten sich wieder.

„Natürlich nicht, wie kommst du denn darauf?“

„Sie haben mich so angeschaut, als ob es schlimm wäre.“

„Ralf, das ist doch nicht schlimm, wirklich nicht. Aber mir ging nur durch den Kopf, was du da ertragen musstest. Ich kenn meinen Bruder. Es war sicher heftig. Ach, und sag „du“ zu deiner Tante, dass wir uns gleich verstehen“, und Hannelore herzte Ralf noch einmal.

Während des Essens berichtete Heinrich ausführlich, was er schon in Erfahrung gebracht hatte. Ron beschloss, dass er noch am Nachmittag in die Kreisstadt fahren wollte um die ersten Sachen zu klären. Ralf wollte bei seiner Tante bleiben, wofür Ron vollstes Verständnis hatte. Heinrich bot an, ihm zu begleiten, worüber Ron froh war. Gleich mit dem Bürgermeister zu erscheinen, war eine gute Idee.

*-*-*

Olaf tippte die ersten Zeilen, als ihn ein harter Schlag am Handgelenk traf und sein Handy davonflog.

„Sag mal geht’s noch?“, schrie Manfred ihm mit hochrotem Gesicht an.

„Du bist hier um zu arbeiten, und nicht um zu faulenzen. Ich warte auf das Material und du sitzt hier rum und spielst mit dem Handy!“

Manfred brachte sich in Position und hob den Arm. Olaf schnappte sich im Ausweichen das Handy vom Boden und brachte schnell zwei Meter Abstand zwischen sich und Manfred.

„Komm her“, sagte Manfred drohend.

Olaf schüttelte den Kopf und wich noch weiter zurück.

„Du wirst bei mir nie und nimmer eine Anstellung bekommen. Auf so etwas kann ich verzichten.“

Manfred ging ein Schritt auf ihm zu, den er abermals auswich.

„Ich will deine Scheiß Arbeit auch nicht mehr“, sagte er seinem Meister ins Gesicht und setzte damit alles auf eine Karte.

Manfred blieb mit einem Ruck stehen. Seine Miene verzog sich zu einer grinsenden Grimasse.

„Und ich sorge dafür, dass du auch keine bekommst! Jedenfalls nicht hier in der Gegend.“ Manfred war sich sicher, dass er Olaf nun in der Hand hatte. Aber er irrte.

„Ich nehme heute meine Überstunden die ich zu genüge bei dir gemacht habe und verschwinde jetzt.“

Manfreds Gesichtsfarbe wurde blass.

„Wie redest du eigentlich mit mir? Noch bin ich dein Meister und ich lasse es nicht zu, dass du jetzt verschwindest!“

Olaf ging immer weiter rückwärts, drehte sich um und rannte davon. >Scheisse< hämmerte es in seinem Kopf. Was hab ich nur getan? Aber es musste sein, da war er sich sicher. Es gab keinen anderen Weg. Hoffentlich meinte es Ron ernst, mit der SMS. Das waren seine einzigen Gedanken, als er sein Moped aufschloss und er es versuchte in Gang zu setzen.

Er war fast zu Hause, als er anhalten musste. Ihm war übel und sein Handgelenk schmerzte. Er holte sich eine Zigarette aus der Tasche und musste sich erst einmal beruhigen. Das wird mächtig Ärger geben.

Er dachte dabei mehr an seine Eltern, als an Manfred. Was würden die dazu sagen? Er hatte keine Vorstellung davon. Eins konnte Manfred aber nicht, da war er sich sicher. Er würde morgen seinen Facharbeiterbrief bekommen. So hatte er wenigstens einen Beruf, mit dem er sich notfalls weit weg bewerben konnte, falls das mit Ron nicht klappen würde.

Das war eh sein Plan, lieber wär es ihm natürlich, wenn er mit Ron zusammenarbeiten könnte. Er kam wieder ins Schwärmen. Ein warmes Gefühl machte sich in seinem Bauch breit und vertrieb die schlechten Gedanken. >Mist< durchfuhr es ihm, er hatte noch nicht auf die SMS geantwortet!

Wieder zog er das Handy hervor. Aber im Display konnte er nichts sehen. Er drehte es und sah, dass der Akku verschwunden war. Der muss bei dem unsanften Stoß von Manfred verloren gegangen sein. Was sollte er nun machen. Ein Ersatz Akku war auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Und die Nummer von Ron war nur im Gerät. >Was für ein beschissener Tag< und machte sich die nächste Zigarette an.

Derweil machten sich Ron und Heinrich auf den Weg in die Kreisstadt. In der Küche von Schuberts saßen Ralf und Hannelore und erzählten miteinander. Ralf musste alles erzählen, was sich in den letzten achtzehn Jahren zugetragen hatte. Ab und an schaute er auch aus dem Fenster, als sich ein strohblonder Junge dem Haus näherte.

„Sag mal Tante, hast du schon Enkel?“, fragte er.

„Nein mein Junge, wir haben keine Kinder, leider. Aber wie kommst du darauf?“

Im selben Moment schellte die Klingel.

„Weil du Besuch bekommst“, grinste Ralf.

„Ah, du bist es, schon Schluss heute? Möchtest du noch etwas Eintopf?“, hörte Ralf seine Tante in der Diele reden.

Kurz darauf wurde der Junge von Hannelore durch die Tür geschoben.

„Das ist der Nachbarsjunge“, stellte die Tante den Blondschopf vor, der mit geröteten Wangen in der Küche stand.

„Das am Tisch ist mein Neffe, aber setzt dich doch, ich hol dir einen Teller.“

Olaf musste scharf nachdenken. Von einem Neffen hatte er noch nie etwas gehört. Wo kam der auf einmal hier her? Gut, er sah nicht schlecht aus, mit den grünen Augen. Das braune Haar passte einfach toll dazu.

Hannelore wieselte umher und stellte einen Teller vor dem Jungen, der sich an den Tisch setzte. Ralf beobachtete ihn. Wie alt mag er sein, vielleicht sechzehn?

„Olaf, möchtest du noch ein Stück Brot zum Eintopf?“

Ralf entglitten alle Gesichtszüge! Das war Olaf? In diesen Jungen hatte sich Ron verliebt? Das kann doch nicht sein, so ein junger Kerl? Olaf bemerkte die Veränderung an Ralf.

„Äh, ist was?“, war das einzige, was er rausbrachte.

„Du bist Olaf?“

Ralf betrachtete ihm noch immer mit Unglauben.

„Ja, Olaf. Er wohnt nebenan“, sagte die Tante während sie ihm die Suppe auftat.

Ralf schüttelte unmerklich mit dem Kopf. Steht Ron auf Kinder, war der einzige Gedanke, der ihm durch den Kopf ging.

„Olaf bekommt morgen sein Facharbeiterzeugnis. Er ist dann ein richtiger Kemptner“, sagte Hannelore und tätschelte Olafs Schulter. Ralf holte innerlich tief Luft. Facharbeiter – dann muss er doch mindestens achtzehn, neunzehn Jahre alt sein! Ihm fielen mehrere Steine von Herzen. Olaf schaute so gebannt auf seinen Teller, als wäre er der Mittelpunkt der Welt.

„Wollen wir heute Abend grillen, wenn Heinrich und Ron wieder da sind?“ Die Tante setzte sich auch wieder an den Tisch. Olaf hob mit einem Ruck den Kopf.

„Ron ist hier?“, fragte er mit sich überschlagender Stimme.

„Aber ja doch, er ist mit Ralf gekommen, wegen dem Projekt.

Nun ist er mit Heinrich in der Kreisstadt um was zu klären.“

Hannelore schaute zu Olaf. Sie war überrascht, von der heftigen Reaktion. Hatte Olaf sich irgendwie verraten? Er grübelte und betrachtete wieder seinen Teller. Aus dem Augenwinkel sah er Ralf grinsen

„Ich bin Rons Freund.“, und Ralf hielt Olaf die Hand hin.

Zögerlich erhob dieser den Kopf, legte den Löffel beiseite und gab Ralf ebenfalls die Hand. „Ich bin Olaf, wohne nebenan. Hat Ron von mir erzählt?“

Ein rötlicher anstrich verlieh seinem Gesicht eine besondere Note, wie Ralf feststellen musste.

„Ja, etwas“, und Ralf musste wieder lächeln.

Olaf war scheinbar mächtig an Ron interessiert. Jedenfalls konnte er das Zittern des Löffels sehen. Tante Hannelore erzählte, was sich alles zugetragen hatte und Olaf sog die Informationen förmlich in sich auf.

Ohne viele Worte verabschiedete er sich, nicht ohne auch von Hannelore zum heutigen Grillen eingeladen worden zu sein. Ralf grinste immer noch übers ganze Gesicht als sie wieder allein waren.

„Ralf, du weist mehr als du gesagt hast. Ist da etwas, was ich vielleicht wissen sollte“, Hannelore war gar nicht neugierig.

Ralf schüttelte den Kopf, konnte sein Grinsen aber nicht abstellen. Hannelore ließ nicht mit sich reden.

„Nein, ihr fahrt nicht ins Hotel! Das wäre ja noch schöner! Ich mache das zweite Gästezimmer fertig für dich. Ron werde ich seins auch wieder herrichten.“

Resignierend ließ Ralf die Schultern sinken. Innerlich war er aber froh, dass er so gut von seiner Tante und Onkel aufgenommen wurde.

Die beiden waren einfach spitze, er konnte sich gar nicht vorstellen, dass Hannelore und sein Vater verwandt sind. So unterschiedlich sind die beiden. Wieso konnte sein Vater nicht so sein? Ein schmerz erfüllte seine Brust. Langsam ließ er sich aufs Bett sinken und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als Ralf erwachte war es still im Haus. Er schlich sich auf die Terrasse und sah Hannelore dort sitzen, die über ein Sudoku grübelte.

„Hallo Tante. Sind die beiden immer noch nicht da?“

„Es dauert noch, Heinrich hat zwischendurch angerufen. Möchtest du erst mal einen Kaffee?“ Ralf nickte und Hannelore eilte in die Küche, um noch ein Gedeck zu holen. Sie plauderten eine Weile, bis Hannelore ganz nebenbei fragte, ob denn Ron auf Männer stehen würde. Ralf wäre fast die Tasse aus der Hand gefallen.

„Wie kommst du denn da drauf“, fragte er, nachdem er sich wieder gefasst hatte.

„Ich kann es dir nicht so genau sagen, aber ich hab das Gefühl, als ob sich da mehr entwickeln könnte zwischen Olaf und ihm.“

Ralf dachte nach. Ron war schon mal hier gewesen, also hatte die Tante die beiden sicher schon mal beobachtet. Aber konnte man in so kurzer Zeit etwas mitbekommen?

„Ach, Tante, ich glaub, die beiden werden auch Freunde. Ron ist ein super Typ. Denk nur mal daran, dass er mir ohne lange zu fragen geholfen hat, als mich Rolf rausgeschmissen hat.“

Hannelore lächelte versonnen.

„Ich weiß, dass er ein lieber ist, aber so wie die beiden sich angeschaut haben, als Ron das erste Mal hier war.“

Ralf wollte seinen Freund nicht outen, dass sollte er mal schön allein machen. Aber ihm kam es auch so vor, dass Olaf mehr für Ron empfand. Allein aus der Reaktion heraus, als er erfuhr, dass Ron da ist.

„Steht Olaf denn auf Männer?“, er konnte es sich nicht verkneifen zu fragen.

„Ralf, gesagt hat er es noch nie, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es so ist. Ich kenn ihn nun schon so lange, da denkt man sich seinen Teil. Und Ron würde super zu ihm passen, meinst du nicht?“

In Ralfs Kopf wirbelten die Gedanken. Sollte Olaf wirklich schwul sein? Dann hätte die Geschichte ja noch ein großes Happy End.

„Ich weiß nicht Tante, warten wir es ab. Heute Abend werden wir vielleicht schlauer sein“, und Ralf lenkte sie auf ein anderes Thema.

Plötzlich tauchte vor der Terrasse eine Frau mittleren Alters auf.

„Hannelore, ich muss dringend mit dir reden! Oh, du hast Besuch?“

Ralf stand auf.

„Darf ich vorstellen, das ist Ralf, mein Neffe. Du weißt schon, der Sohn von Rolf.“

Ralf reichte der Frau die Hand.

„Oh, der Ralf. Das ist ja nun schon Jahre her.“ Sie schüttelten sich die Hände und Tante Hannelore eilte in die Küche um noch dein Gedeck zu holen.

„Sie haben sich aber gemacht. Das letzte Mal hab ich sie gesehen, hm, mal nachdenken. Ich glaub da waren sie drei oder vier Jahre alt.“

„Vier“, sagte Hannelore, die das Gedeck auf den Tisch stellte.

„Wo ist nur die Zeit geblieben“, seufzte die Dame.

„Ralf, dass ist Frau Richter unsere Nachbarin und die Mutter von Olaf.“

„Was, Olaf war hier“, schlussfolgerte sie richtig.

„Ja, er hat noch Mittag gegessen bei uns, was ist denn los Ursel, du bist ja total aus den Häuschen.“ Hannelore hatte inzwischen Kaffee eingefüllt.

„Der Manfred hat angerufen und gesagt, dass Olaf von der Arbeit verschwunden ist.“ Nun erst sah Ralf die Niedergeschlagenheit der Frau.

„Ach, der Olaf macht so was doch nicht. Was hat er denn genau gesagt?“

Ursel rührte gedankenversunken in ihrem Kaffee.

„Er hat gesagt, dass Olaf frech geworden ist und alles stehen und liegen gelassen hat.“

„Dann hat er auch einen Grund dafür gehabt“, sagte Hannelore bestimmt.

Ralf wurde es unangenehm, in der Runde zu sitzen. Aber er wollte erfahren, was mit Olaf los war. Das Benehmen war nicht das, was er von Ron über Olaf gehört hatte.

„Olaf hat zu ihm gesagt, dass er nicht bei Manfred arbeiten wollte. Wir haben uns doch so viel Mühe gegeben, dass er eine ordentliche Ausbildung und eine Anstellung bekommt. Was ist nur in den Jungen gefahren. Schon seit ein paar Tagen ist er so komisch.“

Ralf musste nachdenken. Ron hatte ihm aus dem Auto eine SMS geschrieben. Was hatte er ihm mitgeteilt? Aber es musste etwas gewesen sein, was Olaf dazu bewegte, mit seinem Meister zu brechen. Also konnte es nur etwas entscheidendes sein. Ralf grinste, ihm ging ein Licht auf.

In diesem Moment kamen Heinrich und Ron um die Ecke. Ursel sah auf und lächelte gequält. Hannelore berichtete in kurzen Worten ihrem Mann, was vorgefallen war und Rons Ohren wurden zuerst spitz, dann rot. Ralf beobachtete ihm, verbiss sich aber jeden Kommentar. Schwer ließ sich Ron in den Stuhl fallen. Heinrich machte eine wegwerfende Bewegung. „Ursel, der Junge weiß genau was er tut. Vertrau ihm.“

„Heinrich, der Junge wird keine Arbeit im Dorf finden, dann muss er weg. Ich kann…“ und die Tränen rannten der besorgten Mutter über die Wangen.

Heinrich warf einen vielsagenden Blick in die Runde. An Ron blieb er hängen und beide sahen sich verschwörerisch an. Sie mussten also etwas erreicht haben, schoss es Ralf durch den Kopf. Hannelore sah es auch und vier Leute am Tisch fingen erst langsam, dann immer lauter an zu lachen.

Ursel hob verwundert den Kopf und schaute verwirrt in die Runde. Sie wischte die Tränen mit dem Taschentuch beiseite.

„Ist das denn so lustig? Ich finde das nicht!“, sagte sie ernst.

„Ursel, lass es dir erklären, aber vorher hol ich mal eine Flasche Sekt, es gibt was zu feiern“, und Heinrich ging ins Haus und hinterließ eine sichtlich verwirrte Ursel.

Ralf und Hannelore standen auf und räumten das Kaffeegeschirr zusammen, um es in die Küche zu bringen.

„Darf ich fragen wer sie sind“, fragte Ursel Ron, die nun beide allein waren. Ron erhob sich von seinem Stuhl und reichte der Frau die Hand.

„Ich bin Ron Kramer, ein Freund von Ralf.“

„Ah, sehr angenehm, Ich bin Ursula Richter. Ich wohn nebenan.“

Heinrich kam mit klappernden Gläsern und stellte sie auf den Tisch. Nachdem er eingeschenkt hatte und sich alle wieder gesetzt hatten stießen sie an.

„Was gibt es denn zu feiern?“, fragte Ursel nun und schaute Heinrich an. Lächelnd begann er zu erzählen, von Rons Projekt. Ralf erfuhr nun auch, dass das Objekt so gut wie im Besitz von Ron war.

„Woher haben sie denn das Geld dafür?“ Ursel hatte die Frage gestellt, vor der Ron sich am meisten gefürchtet hatte.

Sollte er die Karten auf den Tisch legen, oder eine Ausrede erfinden? Auch Heinrich und Hannelore schauten fragend zu Ron, nur Ralf lächelte.

„Ich, ähm“, stotterte er. Er wollte nicht mit einem Vertrauensbruch beginnen, aber die Wahrheit wollte er auch nicht sagen, konnte er nicht.

„Das Geld kommt von einer Stiftung. Ron ist beauftragt, in ihrem Namen die Geschäfte abzuwickeln“, half ihm Ralf aus der Patsche.

Dankbar schaute er zu seinem Freund, der ihm zuzwinkerte. Von der Antwort befriedigt, erzählte Heinrich weiter. Ursel zog die Augenbrauen hoch. Ihr dämmerte etwas.

„Und hat die Sache etwas mit Olaf zu tun?“

Sie schaute in das grinsende Gesicht von Heinrich.

„Das kann dir Ron erklären“, und schob den schwarzen Peter weiter.

„Also, ich dachte, dass Olaf vielleicht beim Projekt mitmachen möchte. Ich meinte mit festen Arbeitsvertrag und allem Drum und Dran.“

Ursel griff fahrig zu ihrem Glas. Fasst kippte sie den Inhalt über ihre Kleider.

„Und das meinen sie nicht nur so?“

Ihr Erstaunen konnte sie nicht verbergen. Sie hatte heute schon Alle Möglichen und unmöglichen Gedanken gehabt, aber mit einer solchen Wendung hatte sie nicht gerechnet. Ron schaute ihr in die Augen.

„Wenn er will, dann ist er mit bei, mein Wort darauf!“ Ursel hatte keine Bedenken.

„Ich, ich weiß nicht was ich sagen soll.“

Ihr fehlten wirklich die Worte.

„Ich kann ihnen gar nicht genug danken“, sagte sie, „ich nehme ihr Angebot an.“

Ron zog die Augenbrauen hoch.

„Sie können das Angebot nicht annehmen, dass muss er schon allein machen. Er ist schließlich alt genug um selbst seine Entscheidungen zu treffen.“

Nun war sie es, die die Augenbrauen hochzog und das Wort ergreifen wollte. Aber Heinrich kam ihr zuvor.

„Ursel, Ron hat Recht. Du kannst doch den Jungen nicht immer alles vorschreiben, was er machen soll. Er musste doch schon den Beruf lernen, den du ihm vorgeschrieben hast. Hast du dich denn nie gefragt, ob er das auch wollte“

Ursel schnappte nach Luft. Hannelore legte beruhigend die Hand auf ihren Arm.

„Ursel, lass es Olaf selbst entscheiden. Er weiß, was er will. Bei Manfred wäre er eh nicht geblieben.“

Ursel schluckte einen Kloß herunter.

„Woher weißt du das?“

„Er hat es mir schon vor Wochen gesagt. Er ist gut in der Lehre, aber das ist nicht sein Beruf. Du kennst ihn doch, wie gern er an Motoren rumschraubt. Das ist es was er will und nicht verstopfte Rohre reinigen.“

Ursel sah sich unsicher in der Runde um.

„Aber ich muss doch auf meinem Jungen achten. Ich kann ihn doch nicht…“

„Doch du kannst Ursel, du kannst es.“

Heinrich schenkte ihr noch Sekt nach.

„Er wird die richtige Entscheidung treffen“, und Heinrich zwinkerte Ron zu.

Ron aber war sich nicht sicher, ob er auch zu ihm ins Projekt käme. Er hatte sich schließlich noch nicht gemeldet. Hin und hergerissen stand er auf und ging zur Straße um eine zu rauchen. Die anderen schauten ihn hinterher, aber er nahm die Blicke nicht wahr. Es sind schon Stunden vergangen, seit er die SMS an ihm geschickt hat. Hatte er Olaf falsch verstanden? Wollte der vielleicht nicht? Ron traf es wie ein Stachel im Herzen. Er kam sich auf einmal so dumm vor. Hat er denn gedacht, wenn er mit dem Finger schnippt, kommen alle gelaufen? Wie blöd war er nur, das anzunehmen.

Begann er die Realität nicht mehr ins Auge blicken zu können? Hatte ihm das Geld schon sein Urteilsvermögen verblendet? Erste Zweifel kamen an dem Projekt. Wollte er es überhaupt ohne Olaf? Wie stand der zu ihm? Er bekam Magenschmerzen, alles war so sinnlos. Er mochte den strohblonden Bengel doch, mehr als ihm lieb war.

Ron spürte eine Hand auf seiner Schulter. Ralf stand neben ihn, er hatte sein Kommen gar nicht bemerkt.

„Olaf freut sich, dich zu sehen. Ich hab ihn schon kennengelernt, wirklich ein ganz süßer, den du dir da angelacht hast.“

Ron wurde rot und seine Knie wurden weich.

„Du hast ihn schon gesehen?“

„Ja, ihr wart kaum weg, da kam er an. Ich konnte es dir nicht früher sagen, wir haben ja noch keine Zeit gehabt.“

„Was hat er gesagt?“

Ron kramte mit zitternden Fingern eine zweite Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an.

„Also“, setzte Ralf mit einer wichtigen Mine an.

„Nun erzähl schon“, drängte Ron.

„Wenn ich alles richtig deute, dann bist du bei ihm genau richtig.“

Ron schaute verwundert.

„Wie >richtig deute< und >richtig< sein? Sprich nicht in Rätsel, sondern sag was los ist!“ Ron hätte gerade jemand würgen können.

„Ich hab mich mit Hannelore über ihn unterhalten. Sie meinte, dass ihr zwei super zusammenpasst.“

Ron verschluckte sich am Zigarettenqualm und musste Husten.

„Sie meint was?“

„Sie meint, dass ihr ein schönes Paar abgebt.“

„Hast du etwa was von mir erzählt?“

Rons Augen wurden immer größer und seine Fäuste ballten sich.

„Nein, brauchte ich nicht. Sie hat es dir wohl angesehen, dass du schwul bist. Und das denkt sie auch von Olaf.“

„Sie denkt, oder sie weiß?“

„Sie denkt es von euch beiden, aber sicher ist sie sich nicht.“

Ron atmete hörbar aus. Seine Oma hatte es ihm auch schon mal auf dem Kopf zu gesagt, dass er schwul ist, aber er hat es abgestritten. Haben die älteren Damen etwa einen siebten Sinn dafür? Was sollte er davon halten? Er kam sich plötzlich durchschaut vor. Ron wollte nur noch weg.

„Lass uns ins Hotel fahren, es wird langsam spät.“

„Ron, das mit dem Hotel kannst du knicken. Ich kenn meine Tante zwar erst ein paar Stunden, aber sie scheint sehr erfreut zu sein, dass wir bei ihr übernachten. Ich denke nicht, dass du sie davon abbringen kannst.“

Ron schaute unsicher umher. Was sollte er nun machen?

„Ron, sei einfach ehrlich und steh zu dir selbst. Sie mag dich, glaub es mir. Wenn sie dich fragt, erzähl es einfach. Sie hat da keine Vorurteile.“

Ron zog die Schultern hoch.

„Wenn du meinst. Ach, die Idee mit der Stiftung ist toll. Daran hab ich auch schon gedacht. Ich muss mich mal mit unseren Anwälten in Verbindung setzen, ob die da etwas machen können.“

Sie gingen zurück zur Terrasse, wo sich die anderen drei fröhlich unterhielten. Heinrich war Feuer und Flamme für Rons Projekt. Mit strahlenden Augen erzählte er einige Sachen, die er sich vorstellen könnte.

Ron hörte aufmerksam zu und musste einige Sachen, an die er noch gar nicht gedacht hatte zur Kenntnis nehmen. Heinrich schien ein richtiger Organisator zu sein, mit ausgeprägtem Fachwissen. Er sollte ihn auch mit einbinden, kam es Ron in den Sinn.

„Ich geh mal hinüber um meinen Mann Bescheid sagen, dass wir heute Abend hier grillen.“ Ursel stand schon ein wenig angesäuselt auf und reichte Ron die Hand.

„Danke für alles, und ich bin die Ursel für dich.“

Ron grinste und reichte ihr ebenfalls die Hand.

„Ron“.

Heinrich und Hannelore gingen in die Küche und Ron und Ralf zum Auto, um ihre Sachen auf die Zimmer zu bringen. Ron bekam wieder sein Gästezimmer vom ersten Mal, und Ralf das Zimmer gegenüber. Sie zogen sich noch lockere Kleidung an und machten sich auf den Weg in die Küche, um den beiden zu helfen. Ralf schnippelte mit seiner Tante einen Salat und Ron und Heinrich richteten den Grill her.

Gerade hatte Ron die Holzkohle in den Grill geschüttet, als sich jemand neben ihn stellte. Er wendete seinen Kopf und sah in die strahlenden Augen von Olaf.

„Kann ich mal kurz mit dir sprechen“, und zeigte mit dem Kopf in Richtung Straße. Ron stellte mit Schwung den Sack ab und hätte ihm am liebsten umarmt, aber Heinrich stand hinter den beiden. Außerdem wusste er nicht, ob es Olaf recht wäre.

„Ich hab deine SMS bekommen“, begann Olaf, als sie an der Straße standen und sich eine Zigarette aus der Schachtel fischten.

„Und, was hältst du davon?“

Ron musste seine Erregung in seiner Stimme unterdrücken. „Meinst du das ehrlich, ist das wirklich ein Angebot?“

„Ja, es ist mein Angebot. Du weißt, was ich vorhabe und dabei könnte ich dich wirklich gebrauchen.“

Olaf sah ihm in die Augen.

„Ich muss erst noch mit meiner…“

„Musst du nicht, es ist deine Entscheidung. Die triffst du ganz allein. Du bist alt genug um das zu machen.“

Olaf zog die Augenbrauen hoch und eine leichte röte kam in sein Gesicht.

„Du kennst meine Mutter nicht.“

„Doch, ich hab sie eben kennengelernt. Ich glaub sie ist auch der Meinung, dass du kein kleines Kind mehr bist.“

Ron lächelte entwaffnend offen.

„Habt ihr mit ihr…“

„Ja, alle haben wir mit ihr geredet.“

Ron schaute abwartend auf Olaf. Der schien einen inneren Kampf auszufechten.

„Wann kann ich anfangen?“

Das waren die Worte auf die Ron gewartet hatte. Er konnte es sich nicht verkneifen, dem strohblonden Jungen in seinen Arm zu nehmen. Der ließ es sich gefallen und es war für beide ein intensives, und zärtliches Gefühl, dass beide noch nicht kannten. Lange dauerte die Umarmung nicht.

„Übermorgen ist dein erster Tag“, sagte Ron mit belegter Stimme.

„Danke, ich bin pünktlich“, und auch seine Stimme war belegt.

Als sie wieder auf der Terrasse erschienen, wendeten sich drei Köpfe in ihre Richtung. Alle mussten schmunzeln, aber keiner sagte etwas. Die roten Gesichter von Ron und Olaf sprachen Bände.

Scherzend wurde das Abendessen weiter gerichtet. Olaf hatte ganz schön was zu laufen, denn er kannte sich gut aus im Haus der Schuberts. Als alles fertig war, kam die Mutter von Olaf mit dessen Vater. Sie wurden einander vorgestellt.

Reinhard, der Vater schaute Ron mit einem prüfenden Blick an, der ihm aber standhielt. Sie reichten sich die Hände.

„Reinhard, sag einfach du zu mir. Wirst ja bald ein neuer Nachbar.“

Ron lächelte.

„Hallo Nachbar, ich heiße Ron.“

Das Eis war gebrochen. Während des Essens ging es nur um Rons Projekt. Von allen Seiten kamen gute Ratschläge, die er sich gar nicht alle merken konnte. Er hätte einen Stift und mehrere Zettel gebrauchen können.

Alle waren begeistert, vorneweg wie immer Heinrich. Als sich der Abend dem Ende neigte stand Olaf auf und klopfte mit einer Gabel an sein Sektglas.

„Also, ich möchte auch noch etwas sagen.“

Die Gespräche verstummten und alle Aufmerksamkeit richtete sich auf Olaf. Er wurde wieder rot im Gesicht. Er war es nicht gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen, aber da musste er nun durch, er hatte etwas auf dem Herzen.

„Also, morgen bekomme ich in der Handwerkskammer unserer Kreisstadt mein Facharbeiterzeugnis überreicht. Ich möchte euch alle dazu einladen.“

Alle erhoben ihr Glas und prosteten Olaf zu.

„Außerdem möchte ich mich bei Ron bedanken. Ohne ihn, wär ich sicher nicht mehr lange in Neudorf. Ich habe schon mehrere Bewerbungen abgeschickt. Auf keinen Fall wäre ich bei Manfred in der Firma geblieben.“

Olafs Eltern sahen sich zuerst entsetzt an. Das hatte gesessen. Hannelore schaute die beiden wissend an und nickte ihnen zu. Dann machte sich ein Lächeln im Gesicht der Eltern breit, als ob sie es nun endlich verstanden hätten.

Die Gläser wurden noch geleert und schnell verabschiedeten sich die Richters. Ron ging es zu schnell, jedenfalls die Verabschiedung von Olaf, aber sie mussten zeitig ins Bett, wollten doch alle morgen in die Kreisstadt.

Der nächste Morgen war von Hektik begleitet. Im Haus der Schuberts wimmelte es wie in einem Armeisenhaufen. Hannelore war in ihrem Element. Sie schickte Heinrich drei Mal, um die Krawatte neu zu binden.

Ron und Ralf waren auf so ein Ereignis nicht vorbereitet. Sie suchten sich die besten Sachen raus und machten sich auch fertig. Hannelore begutachtete sie und gab letztlich ihr ja.

Vor dem Haus trafen sie die Richters. Alle waren aufgeregt, Olaf hopste von einem Bein aufs andere. Am liebsten hätte ihn Ron in den Arm genommen. Aber das ging nicht. Obwohl Olaf den gleichen Gedanken hegte.

Im großen Saal der Handwerkskammer herrschte reges Treiben. Die angehenden Handwerker saßen in den ersten Reihen, die Angehörigen dahinter. Die Schuberts suchten sich zusammen mit Ron und Ralf einen Platz in der Mitte.

Es folgte ein würdiges Programm und anschließend die Übergabe der Facharbeiterzeugnisse. Als Olaf an der Reihe war, brandete Applaus auf. Die vier rissen den ganzen Saal mit, und Olaf wurde auf der Bühne stehend rot.

Im Anschluss der Feier gab es einen kleinen Stehimbiss. Olaf gesellte sich an die Seite von Ron und Ralf. Sie grinsten sich an, aber keiner sagte etwas. Ein Mann im dunklen Anzug näherte sich der Gruppe. Ron fiel er als erster auf.

„Olaf, herzlichen Glückwunsch zum Facharbeiter. Willst du nicht doch bei mir arbeiten? Vergessen wir das Ganze doch einfach.“

Olaf fiel der Happen herunter, als er die Stimme von Manfred hörte. Er drehte sich zu ihm, wurde rot und holte Luft.

„Nein!“

Olaf sah ihn ärgerlich an. Manfred machte ein flehendes Gesicht.

„Olaf, überleg es dir doch noch mal, bitte.“

„Auf gar keinen Fall werde ich bei dir arbeiten!“

Man konnte den aufsteigenden Ärger in Manfreds Gesicht sehen.

„Gut, wenn du willst. Aber ich verspreche dir, dass du im Umkreis keinen Job bekommst. Dafür werde ich sorgen!“

Er klang drohend, aber Olaf grinste nur. Schnaubend zog Manfred ab.

„Der hat mir heute auch noch gefehlt“, kicherte Olaf, während er sich einen weiteren Happen in den Mund schob.

Am späten Nachmittag saß man wieder auf der Terrasse bei Schuberts. Olaf schaute immer wieder in Richtung Ron, der dasselbe machte. Immer wieder trafen sich die Blicke der beiden und Ralf konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Auch Hannelore bekam dieses Spiel mit und zwinkerte den beiden zu. Es wurden Pläne geschmiedet, wie das Projekt ins Rollen gebracht werden sollte.

„Ron, morgen soll ich ja bei dir anfangen zu arbeiten, aber es gibt sicher noch nichts zu tun. Mit dem Objekt wird es noch dauern, oder?“

Olaf schaute zu Ron.

„Doch, du hast ab morgen Arbeit. Du wirst dich in der Fahrschule anmelden und den Führerschein machen. Die Kosten übernimmt die Stiftung. Der Techniker muss doch fahren können.“

Ron grinste über das verwunderte Gesicht, was sich ihm bot. Zuerst war Olaf wirklich verwundert, dann begriff er und sein Herz machte Freudensprünge.

„Du meinst ich soll, also ich soll wirklich den Führerschein machen?“

Seine Stimme bebte, sein Traum wurde schneller wahr, als er es je für möglich gehalten hatte. Ron nickte, erklärte aber auch gleichzeitig, dass er heute wieder zurückmusste. Olaf war darüber natürlich nicht glücklich, aber er verstand, dass es sein musste.

Eine Stunde später standen Ron und Ralf umringt von allen am Auto und machten sich startklar.

„Wir werden dann übermorgen wieder hier sein.“

„Ihr werdet wieder bei uns wohnen, eure Zimmer lass ich gleich so, wie sie sind“, Hannelores Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.

Sie verabschiedeten sich und machten sich auf die Fahrt nach Hause. Gut, ein zuhause hatten sie nicht in dem Sinne. Ralf hatte ein Hotelzimmer und Ron musste sich auch noch eine Unterkunft suchen. Seine ganze Habe war ja noch im Auto eingelagert.

Der Rückweg verlief schweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach. In der Pension mietete Ron ebenfalls ein Zimmer und sie trugen die Sachen hoch.

„Bis morgen dann, ich hab noch zu tun“, verabschiedete sich Ron von seinem Freund. Der wollte auch nur noch ins Bett und war froh über den schnellen Abschied. Kaum war Ron allein im Zimmer, als sich das Handy bemerkbar machte. Eine unbekannte Nummer aber er konnte sich denken wer da dran war.

„Hallo Olaf, schön dass du anrufst.“

Auf der anderen Seite war ein kichern zu hören.

„Hallo Ron. Heinrich hat mir die Nummer gegeben. Ich wollte nur sagen, dass ich ab morgen mit der Fahrschule beginne. Die haben hier ein Intensivprogramm im Angebot, was ich mitmachen kann. Dann hab ich es in zwei Wochen geschafft.“

Ron war glücklich, wieder die Stimme von Olaf zu hören.

„Das ist ja super, hätte ich gar nicht mit gerechnet, dass es so schnell geht. Aber ich hab noch was vergessen.“

Ron hörte es auf der anderen Seite atmen.

„Du musst auch den Motorradführerschein machen, den wirst du auch brauchen.“

Ron musste grinsen.

„Äh, da muss ich dann erst noch mal nachfragen, ob ich das zusammen machen kann. Aber wofür brauche ich den denn?“

„Ich dachte, dass wir dann mal zusammen fahren können, wenn du Lust hast.“

„Natürlich!“, kam es aus der Hörmuschel. Ron konnte die Freude förmlich spüren.

„Olaf, dann leg dich hin, dass du ausgeschlafen bist. Wir sehen uns dann wieder. Schlaf gut.“ Ron tat es leid, dass er das Gespräch beenden musste, aber er hatte noch etwas zu klären.

„Schlaf du auch gut“, er hörte sich traurig an, „bis dann und melde dich mal wieder.“

Ron suchte in seinem Handy eine bestimmte Nummer, die er jetzt brauchte. Zuerst rief er Johann, den Notar an. Er erkundigte sich, was alles zu beachten war, bei einem Hauskauf. Dieser war zwar überrascht, von Ron solche Fragen gestellt zu bekommen, gab aber bereitwillig Auskunft.

Schließlich bot er seine Hilfe vor Ort an, falls Ron sie nötig hätte. Anschließend wählte er die Nummer von Mike und Katrin, dem Traumpaar der Uni. Nach dem Austausch der neusten Informationen kam Ron zum eigentlichen.

„Du willst eine Stiftung gründen, es aber so machen, dass dein Name nicht genannt wird?“ Mike überlegte krampfhaft.

„Das mein lieber wird nicht gehen, aber ich mach mich mal kundig, wie man das so dreht, dass nicht jeder gleich deinen Namen herausbekommt. Sag mal hast du im Lotto gewonnen?“

Es sollte sicher nur ein Witz sein, aber Ron fühlte sich ertappt.

„Ich erklär es dir morgen. Ich komme dann mal in die Kanzlei. Ich fahr eh bei dir lang.“

„Na, da bin ich aber mal gespannt“, lachte Mike in die Muschel und sie verabredeten sich zum Mittag.

„Ich bring noch einen Überraschungsgast mit, aber den Namen verrate ich nicht“, und Ron beendete das Gespräch.

So, die dringendsten Sachen waren geklärt. Ron zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Er genoss das warme Wasser, schloss die Augen und dachte an Olaf. Wie zu erwarten stellten sich unheimlich gute Gefühle ein, denen er sich hingab. Mit weichen Knien ging er zum Bett und schlief ein.

Am nächsten Morgen war Ralf überrascht, als Ron erzählte, dass sie Mittag essen würden, mit Mike und Katrin. Er freute sich, die Freunde wiederzusehen.

„Ron, ich hab gestern Abend auch noch mal mit meiner Tante telefoniert. Das mit dem Objekt scheint ja zu klappen, da hat sie gesagt, dass wir doch zu ihnen ziehen sollen. So wären wir dichter am Geschehen und bräuchten nicht in dieser Pension Geld auszugeben. Sie freut sich darauf, du kennst sie doch.“

Ron überlegte. Die Idee war gar nicht so schlecht. Was sollten sie hier auch noch. Neudorf würde über kurz oder lang ihr Lebensmittelpunkt werden.

„Ralf, dann lass uns die Sachen wieder packen und ins Auto verladen. Viel Arbeit ist es ja nicht, meine hab ich noch nicht ausgepackt.“

„Ich hab meine Säcke auch noch alle im Zimmer, aber das Auto wird dann ganz schön voll werden.“

„Ralf, ich fahre mit dem Motorrad, dass muss ich ja auch mitnehmen. Da kann das Auto bis unters Dach vollgestopft werden.“

So machten sie sich nach dem Frühstück daran, die Sachen wieder zu verladen. Der letzte Sack musste mit etwas Nachdruck hineingepresst werden, aber sie haben alles untergebracht. Ron zog sich noch die Motorradsachen an und anschließend checkten sie aus. Der erste Weg führte sie zum Friedhof. Anschließend schlugen sie den Weg nach Neudorf ein, um unterwegs noch mal zu halten.

Mike und Katrin erwarteten sie schon. Natürlich war die Freude der vier groß, sich wiederzusehen. Sie setzten sich in eine ruhige Ecke des Lokals und Ron begann zu erzählen. Die beiden schauten sich immer wieder ungläubig an.

Aber als Ron von seinem Projekt erzählte, in dem er sein Geld investieren wollte fanden sie es eine super Idee. Mike sicherte ihm zu, alle Unterlagen vorzubereiten, um eine Stiftung zu gründen.

Ron beauftragte offiziell Mike und Katrin als Anwälte der Stiftung, was die beiden überraschte. Aber zu den beiden hatte er Vertrauen, was er damit zum Ausdruck brachte. Sie gaben ihm noch einige Tipps, gerade was die Geldgeschäfte betraf.

Er musste noch Konten anlegen und Geld umlagern. Dringend war auch ein privates Konto nötig, um seine laufenden Ausgaben besser abrechnen zu können. Sie verabschiedeten sich, nicht ohne die Versicherung von Mike sich zu melden, wenn die Verträge fertig sind.

Als sie Neudorf erreichten fühlten beide schon ein wenig Heimatgefühl. Sie stellten die Fahrzeuge vor dem Schubertschen Grundstück ab und wurden durch Hannelore und Heinrich herzlich begrüßt. Hannelore musste sich ein Tränchen verdrücken, dass sie es wahrmachten und bei ihr einzogen. Es sollte vorerst aber nur eine Übergangslösung sein, wie sich alle gegenseitig versicherten.

Am Abend saßen sie gemütlich auf der Terrasse als sie Schritte im Garten hörten. Olaf kam freudestrahlend an den Tisch und drückte beide zur Begrüßung. Die Umarmung mit Ron dauerte länger als nötig, was den anderen ein lächeln ins Gesicht zauberte.

Begeistert sprach Olaf von der Fahrschule. Seine Augen blitzten Ron immer wieder an. Als er hörte, dass Ron und Ralf jetzt immer in Neudorf bleiben würden, sprang er auf und drückte Ron an sich.

„Und, was ist mit mir, bekomme ich keine Umarmung?“

Ralf schaute zu Olaf, der sich wieder setzen wollte. Erst da fiel ihm auf, dass er nur Ron im Übereifer gedrückt hatte.

„Entschuldigung“, stammelte er und ging zu Ralf.

Wieder wurden Pläne bis in die Nacht geschmiedet, dann löste sich die Runde langsam auf. Ron und Heinrich hatten am nächsten Tag einen Termin in der Kreisstadt, Olaf wieder Fahrschule und Ralf wollte mal einen Tag nichts tun, sich einfach nur mal gehen lassen. Ron brachte Olaf noch zum Tor.

Sie schauten sich zaghaft um, dass sie nicht beobachtet würden und nahmen sich in den Arm. „Danke, dass ich dich kennenlernen durfte“, Ron hatte eine belegte Stimme.

Olaf schaute tief in seine Augen, nickte leicht und die Köpfe der beiden näherten sich.

„Ich bin so froh, dich zu kennen“, Olaf küsste ihm zärtlich auf die Wange.

Beiden war die Nähe zum anderen mehr als angenehm. Am liebsten hätten sie sich stundenlang so im Arm gehalten, aber ein Ruf von Ralf ließ sie auseinanderfahren.

„Oh, ich wollte nicht stören“, kam es von ihm, der mittlerweile hinter den beiden stand. Schnell entfernte sich Olaf und Ralf schaute grinsend zu Ron.

„Was?“, fragte dieser genervt.

„Ich wollte euch wirklich nicht stören. Also hat es echt gefunkt zwischen euch beide?“

Ron schaute seinen Freund an, klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter und nickte.

„Ron, ich wünsch dir viel Glück.“

Beide gingen ins Haus und machten sich für die Nacht fertig. Ron und Heinrich standen im Rathaus der Kreisstadt und warteten nun schon eine Stunde. Dann wurden sie gerufen und eine überaus höfliche Dame erklärte den weiteren Weg zum Erwerb des Objektes. Sie waren überrascht, wie einfach und schnell das ging. Der Bund war wohl froh, das Teil endlich los zu werden. Die Kaufsumme war auch nicht so hoch, wie Ron vermutet hatte, aber die Instandsetzung würde noch etliches kosten.

Bevor sie zum Notar fuhren, hielten sie an der Bank, wo Ron noch zwei Konten anlegte. Eines statte er mit genügend Geld aus, um sich die nächsten Wochen versorgen zu können, das andere erhielt die geschätzten Kosten für die Instandsetzung und die Kaufsumme.

Er rechnete großzügig, hatte er keine Vorstellung von den Kosten. Aber die Summe sollte reichen. Beim Notar wurden sie sofort vorgelassen. Es dauerte noch geschlagene zwei Stunden, bis Ron seinen Namen unter das Schriftstück setzen konnte. Das alles so schnell ging hatte er auch Heinrich zu verdanken, der im Vorfeld schon viel erledigt hatte.

An einem kleinen Imbiss hielten sie und aßen erst mal was.

„Sag mal Ron, ist da etwas zwischen dir und Olaf?“

Heinrich tat als wär die Frage das normalste der Welt, Ron verschluckte sich fast an seinem Bissen. Er schaute sich Hilfesuchend um, aber wer sollte ihm helfen?

„Du brauchst nicht rot zu werden, ist doch schön, das der Olaf endlich jemand hat“, und kaute weiter auf seiner Bockwurst.

„Und ich freue mich für euch beide.“

Damit war für Heinrich alles geklärt und er schaute Ron grinsend an.Ron ging der Gedanke nicht aus dem Kopf. Olaf sein Freund. Er bekam ein seltsam schönes Gefühl in der Magengegend und seine Knie wurden auch etwas wacklig. Er fühlte sich hervorragend. Seine Hand ging zu der Stelle im Gesicht, die Olaf gestern Abend geküsst hatte und er träumte vor sich hin.

„Da hat es einen aber ganz schön erwischt“, und Heinrich biss wieder von seiner Wurst ab.

Ron fing sich wieder und lenkte seine Gedanken ab.

„Heinrich, kann ich dich für dieses Projekt wieder aus dem Ruhestand holen? Ich mein, würdest du mich dabei unterstützen?“

Nun war es Heinrich, der sich fast an seinem Bissen verschluckte.

„Ist das ernst gemeint?“ Er schaute verwirrt, mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet.

„Ja, das ist mein voller Ernst! Ohne dich wär ich noch nicht so weit. Außerdem hast du so viele Ideen das ich glaube, dass du der richtige Mann bist, der mich beim Umbau und allem was danach kommt unterstützen kann.“

Heinrich wischte die Hand an seinem Hemd ab.

„Ich bin dabei, also wird der alte Buchhalter noch mal zum Schreibtisch zurückkehren“, und reichte Ron die Hand.

Der schlug ein und beide aßen grinsend weiter.

„Was sollen wir als erstes tun? Das Objekt haben wir, also müssen Firmen gesucht werden für den Umbau. Ich würde vorschlagen, dass wir auch einen Architekten beauftragen, der sich der Sache annimmt, wenn es ins Budget passt.“

Heinrich war in seinem Element.

Ron gefiel der Gedanke.

„Kennst du denn einen Architekten?“

„Hier in der Stadt sitzt einer, den können wir gleich noch aufsuchen.“

„Lass uns hinfahren. Ach, der Architekt passt schon ins Budget. Allein glaub ich nicht, dass wir das schaffen.“

„Stimmt, es muss so viel beachtet werden, da sollen mal Profis ran“, und Heinrich machte ein zufriedenes Gesicht.

*-*-*

Im Architektenbüro trafen sie nur die Sekretärin an. Diese vereinbarte einen Termin für morgen. Der Architekt und sein Gehilfe sollten gleich zum Objekt kommen. Zufrieden machten sich Ron und Heinrich auf den Rückweg.

„Heinrich, du warst mal Buchhalter?“

„Ja, ich bin erst vor zwei Jahren in den Ruhestand gegangen. Die Arbeit hat zwar nicht immer Spaß gemacht, aber ich hatte noch etwas zu tun. Nun habe ich ja nur noch den Garten. Weißt du, es ist schön, dass ich wieder gebraucht werde. Der Job als ehrenamtlicher Bürgermeister bringt auch nicht so viel Arbeit mit sich.“

„Könntest du dir vorstellen, nach dem der Umbau fertig ist, auch wieder als Buchhalter zu arbeiten?“

Heinrich grinste.

„Wenn der neue Chef nicht so schlimm ist, wie mein alter, dann sicher.“

Ron musste nun auch grinsen. Ralf und Hannelore staunten, wie schnell das ganze Projekt Fahr aufgenommen hat.

„Ron, ich hab mir das Teil noch nicht mal angesehen. Wann machen wir das?“

„Morgen fahren wir hin und schauen. Der Architekt will auch kommen. Ach da fällt mir noch etwas ein“, und Ron nahm die Unterlagen zur Hand.

„Heinrich, kannst du damit etwas anfangen“, und schob ihm eine schlecht kopierte Flurkarte herüber.

„Das ist das Grundstück, was mit zum Objekt gehört. Sieht aber ziemlich groß aus“, staunte Heinrich.

„Das ist gut, das passt mir ganz recht“, sinnierte Ron und vor seinem geistigen Auge entstand sein Projekt in voller Blüte.

„Das muss ich mir morgen mal genauer ansehen, kannst du mir dabei behilflich sein, ich kenn mich doch hier nicht aus.“

Heinrich nickte und gleichzeitig klopfte es an der Tür. Olaf erschien in der Küche und wurde von allen begrüßt. Er wurde erst mal auf das laufende gebracht und staunte auch nicht schlecht, über die schnelle Entwicklung.

Ron konnte seinen Blick nicht von dem strohblonden Jungen lassen. Er spürte wieder den zärtlichen Kuss auf der Wange und verfiel ins Träumen.

„Hallo, Ron, schläfst du schon“, wurde er aus den Gedanken gerissen.

Ralf sah ihn an und lächelte.

„Ich fragte gerade, ob wir nicht einen Vermesser bestellen sollten, der das Grundstück kennzeichnet.“

„Ah, eine gute Idee, ich such nachher noch im Internet nach Adressen.“

Ron war immer noch gebannt von Olaf. Als Ron im Bett lag, dachte er an die Umarmung und den zärtlichen Kuss, den sie sich beide zum Abschied gaben. Diese weichen Lippen und dieser drahtige Körper, den er halten und fühlen durfte lösten in ihm Gefühle aus, die er noch nie in seinem Leben gespürt hat. Er griff sich an seine Erregung und konnte an nichts anderes mehr denken, als an Olaf. Heftig kam er, immer und immer wieder pumpte sein Schwanz die Ladungen heraus. Und er genoss, stellte sich den Akt mit Olaf vor und wurde schon wieder scharf. Im Nachbarhaus ereignete sich zur selben Zeit ähnliches. Olaf lief eine kleine Träne herunter. Wie konnte sich sein Leben in so kurzer Zeit so ändern? Er war sich sicher, dass er sich verliebt hatte. Aber noch war nichts zwischen den beiden ausgesprochen. Aber so kurz er Ron auch erst kannte, so sicher war es, dass seine Gefühle erwidert wurden.

*-*-*

Nach dem Frühstück setzten sich die drei ins Auto und fuhren zum Objekt. Heinrich sprang aus dem Wagen und öffnete die schwere Kette vom Tor und hielt es auf. Ron fuhr auf den Hof und Ralf staunte nicht schlecht.

„Man, das gehört alles dir?“

Ralf staunte und Ron lief es siedend heiß den Rücken runter.

„Ralf, das gehört der Stiftung, denk bitte daran.“

Ralf verstand und machte ein erschrecktes Gesicht, aber Heinrich hatte von all dem nichts mitbekommen. Staunend schaute sich Ralf noch immer um, während Heinrich sich wieder an der Tür zu schaffen machte.

„Ich glaub, wir sollten so schnell als möglich jemand kommen lassen, der das in Ordnung bringt.“

Ralf lächelte Heinrich an. Der begriff sofort, was gemeint war.

„Heinrich, du hast freie Hand. Du kannst die Firmen beauftragen, die Kontonummer bekommst du und natürlich auch eine Vollmacht, wenn wir erst mal wieder in der Stadt sind.“ Heinrich hatte es endlich geschafft, die Tür zu öffnen und sie traten ein.

„Kann ich die Küche sehen?“

Ralf war nun auch in seinem Element. Er wollte Ron zeigen, dass er die Sache ernst nahm und schaute sich in den Räumen um.

„Das ist ja eine Wucht, also da habe ich schon ein paar Ideen im Kopf.“

Staunend lief er durch die Räume und murmelte immer wieder vor sich hin. Auf dem Hof hupte es und Ron und Heinrich gingen nach draußen. Ralf konnte sich nicht dazu bewegen lassen. Er holte seinen Zollstock aus der Tasche und begann wie ein Versessener zu messen. Zwei Herren stiegen aus dem Auto, das können nur die Architekten sein. Man begrüßte sich und stellte einander vor. Dann gingen sie in den Plattenbau und Ron erklärte seine Vorstellungen.

Der Architekt machte sich Notizen, nahm aber kein Maßband zur Hand, was Ron verwunderte. Als sie in der Küche und den Speisesälen angekommen waren, übernahm Ralf. Er erklärte den Architekten schon ziemlich genau, wie er sich die Sache vorstellte. Dieser war so begeistert von den genauen Vorstellungen, dass er kaum noch etwas ergänzen musste. Ralf hatte beim Einrichten von Großküchen wirklich gute Arbeit in der Lehre geleistet.

Ron hörte es nur ganz schwach, aber wieder hupte es auf dem Hof und er ließ die drei zurück um nachzuschauen. Auf dem Hof stand ein kleiner Polo mit einem Aufkleber an der Seite, welcher für eine Fahrschule warb. Sein Herz begann schneller zu schlagen und er rannte die Treppen herunter. Olaf kam ihn entgegen und beide vielen sich in die Arme.

„Schon dich wiederzusehen“, raunte Ron in Olafs Ohr. Der gab ihm schnell einen Kuss auf die Wange und sah sich nach dem Fahrlehrer um, der neben sie getreten war.

„Das ist Herr Frenzel, mein Fahrlehrer und das ist Ron, mein Freu…, äh neuer Arbeitgeber“, stellte Olaf sie einander vor. Sie reichten sich die Hände und Ron grinste Olaf übers ganze Gesicht an.

„Meinst du das ehrlich, mit dem Freund?“, flüsterte Ron ihm ins Ohr.

Olaf wurde rot und machte ein komisches Gesicht.

„Wenn du auch möchtest?“, flüsterte er nun in Rons Ohr.

Beide schauten sich an und der Fahrlehrer stand fragend neben beiden. Dann fielen sie sich in den Arm und drückten sich. Herr Frenzel kratzte sich am Kopf und musste lächeln.

Nach Ewigkeiten lösten sie sich und beide hatten einen hochroten Kopf. Hatten sie sich eben vor einem anderen öffentlich geküsst? Es war ihnen Peinlich, aber die Gefühle hatten sie überwältigt. Sie hörten, wie ein Fenster geöffnet wurde und schauten zum Haus. Dort schauten zwei Köpfe raus und grinsten um die Wette. Heinrich sagte etwas zu Ralf, was sie aber nicht verstehen konnten. Also wurden sie von allen gesehen, schoss es den beiden durch den Kopf, aber sie grinsten zurück und nahmen sich an die Hand.

„Wie macht sich denn der Fahrschüler?“, fragte Ron.

„Sehr gut, ich denke es wird keine Probleme geben. Aber langsam sollten wir weiter Olaf.“ Sei umarmten sich noch mal und Ron schaute dem Auto traurig hinterher.

Ron ging wieder ins Haus, wo die Architekten immer noch mit Ralf beschäftigt waren. Ron ging in die andere Richtung und öffnete eine Tür. Der Raum dahinter war nicht groß. Da könnte man ein Büro einrichten und im ehemaligen UvD – Zimmer ein Empfangszimmer einrichten. Er ging von Tür zu Tür und seine Vorstellungen wurden immer lebendiger.

Er schaute noch im zweiten Stock vorbei, sah sich noch einmal die Zimmer an und ging weiter in die obere Etage. Die Zimmer hier waren auch alle gleich. Aber hier wollte er sich eine Wohnung für sich einrichten. Ob Olaf wohl zu ihm ziehen würde? Dann musste die Wohnung größer ausfallen, schließlich sollte jeder sein eigenes kleines Reich bekommen und ein Wohnzimmer für beide, ein Schlafzimmer… Ron ließ sich treiben und vor ihm tauchte wieder Olafs Gesicht auf.

Die Architekten kamen plötzlich den Flur entlang. Bevor Ron etwas vergessen konnte, erzählte er von seinen eben gemachten Vorstellungen und sie schrieben eifrig mit. Platz hatte er. Er rechnete mit fünf Jugendlichen pro Durchgang, die im mittleren Stockwerk untergebracht werden sollten. Das obere würde Privaträume werden, dass unterste für Küche und Büros genutzt werden.

„Wollen sie wirklich nur fünf Räume im mittleren Stockwerk haben?“ Die Frage vom Architekten überraschte ihn.

„Ich wollte immer fünf Jugendliche pro Durchgang nehmen, für jeden ein Zimmer, aber wieso fragen sie?“ Der Architekt sah ihn an.

„Ihre Vorstellungen von den Zimmern kenn ich. Jedes Zimmer soll ein eigenes Bad und Dusche erhalten. Die Räume sind so groß, dass es mit wenig Aufwand einzurichten ist, aber was machen wir mit den restlichen fünf Räumen, die dann noch übrig sind?“

Ron überlegte. Wäre es sinnvoll, zehn Zimmer einzurichten und auch zehn Jugendliche pro Durchgang zu nehmen? Würde die Gruppe damit nicht zu groß werden?

„Machen sie zehn Zimmer draus“, rang sich Ron endlich durch.

Der Architekt nickte, machte sich eine Notiz und sie gingen wieder nach unten.

„Also, die Räume für Küche und Speisesäle sind schon vergeben und von ihrem Kollegen komplett verplant. Was soll mit den anderen werden?“

„Ich dachte da an ein Büro für mich und Heinrich, einen Empfang und eine große Kleiderkammer.“

Der Architekt machte sich wieder Notizen und schaute von seinem Zettel fragend auf.

„Was ist mit den restlichen drei Räumen?“ Heinrich trat heran.

„Mach doch noch drei Unterkünfte daraus. Lieber zu viel, als zu wenig.“

Heinrichs Idee hatte etwas. So wurde Rons Gruppe von fünf auf dreizehn erhöht, aber es konnte nichts schaden.

Sie stiegen die Treppe hinab und waren im Keller. Der Architekt machte nun einige Vorschläge, für die Wirtschaftsräume, was Ron verwunderte. Noch immer hatte er kein Maßband zur Hand und machte den Eindruck, als ob er sich auskennen würde im Objekt. Der fragende Blick von Ron ließ ihn lächeln.

„Herr Kramer, ich hab dieses Haus vor über dreißig Jahren projektiert, ich hab noch alle Blaupausen zu Hause“, sagte er lächelnd und Ron fiel der Unterkiefer herab.

„Was soll mit der alten Gemeinschaftsdusche werden?“

Ron lächelte.

„Die bleibt, kann ja mal sein, dass wir so schmutzig wiederkommen, dass wir durch den Kellereingang reingehen und uns umziehen und duschen müssen.“

Der Architekt zog die Augenbrauen hoch. Ron erläuterte ihm noch mehr Einzelheiten zum Projekt und er verstand.

„Gut, dann hätten wir im Haus alles geklärt, soll an den anderen Gebäuden auch was gemacht werden?“

Ron nickte und sie gingen nach draußen. Zuerst gingen sie zur Garage, die Heinrich öffnete und die er selbst zum ersten Mal betrat. Hier konnten jede Menge Fahrzeuge untergestellt werden, der Boden war noch in Ordnung nur die Heizungsanlage war total hinüber.

Das wanderte zu den Notizen und sie besahen sich den ehemaligen Munitionsbunker. Das wäre die perfekte Werkstatt für Olaf, schade dass er nicht da war. Ron erklärte seine Vorstellung mit diesem Gebäude. Er wollte große Fenster einbauen lassen und einen Heizungs- und Wasseranschluss. Der Architekt schrieb und stimmte in den wichtigsten Punkten mit Rons Meinung überein, hier und da machte er Verbesserungen, die ihm gefielen und auch mit aufgenommen wurden.

Zum Schluss ging man zu den ehemaligen Hundeställen.

„Am besten abreißen“, war der nüchterne Kommentar von Heinrich.

Aber Ron schüttelte den Kopf.

„Kann man das Gebäude total entkernen?“

Der Architekt dachte nicht lange nach.

„Ja, die ganzen Zwinger kann man wegreißen, so dass nur noch die Außenhülle bleibt.“ Ron lächelte.

„Kann man denn ein Schwimmbecken einbauen vielleicht noch eine Sauna zum Entspannen?“ Der Architekt überlegte kurz.

„Das wäre machbar, aber ein ganz schöner Aufwand. Wie groß soll das Becken denn werden?“

„Ich dachte so an die zwanzig, fünfundzwanzig Meter.“

„Dann müssen sie aber noch anbauen, wenn sie noch eine Sauna dabei haben wollen. Aber machbar ist es.“

„Wird es Probleme mit der Baugenehmigung geben, wenn wir noch anbauen?“

„Ich denke nicht, den Antrag stellen wir und dann sollte es klappen“, der Architekt war von der neuen Nutzung des Gebäudes, was sich eigentlich nicht so recht in das Ensemble einfügte überrascht. War aber von dieser Idee begeistert.

„Aber wir sollten die Fenster vergrößern und noch eine Warmwasseranlage aufs Dach setzen, das spart Heizkosten, bei der Größe des Beckens.“

Ron machte einen zufriedenen Eindruck.

„Machen sie alles fertig und dann reden wir noch mal darüber. Kennen sie vielleicht Firmen, die diese Arbeiten ausführen können und auch Qualität liefern? Nach Möglichkeit möchte ich ortsansässige Betriebe nehmen.“

Der Architekt nickte.

„Ich werde mich sofort an die Arbeit machen. Auch Firmen werde ich kontaktieren und ihnen dann bescheid geben.“

„Ach noch etwas, ich möchte dass sie die Bauaufsicht führen. Wenn es ihnen nichts ausmacht.“

Der Architekt lächelte.

„Natürlich übernehme ich das, ich komme morgen noch mal zu ihnen, wir müssen noch einen Vertrag machen.“

Ron und Heinrich verabschiedeten sich von den beiden und standen auf dem Hof.

„Ron, da hast du dir ganz schön was vorgenommen“, sagte Heinrich nachdenklich.

„Ja, und du sitzt im gleichen Boot“, lächelte Ron ihm zu.

Heinrich legte den Arm um die Schulter von Ron und beide stiegen die Treppe wieder hoch. Aus der Küche hörten sie das Klatschen des Zollstockes, der immer wieder auf den Boden geworfen wurde und dann ein schurren. Ralf war immer noch am Messen und sie wollten ihm nicht stören.

Sie gingen beide in das Empfangszimmer und sahen sich um.

„Schöner heller Raum“, sagte Heinrich und in seinem Kopf richtete er es schon ein. „Heinrich, ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass wir nichts zum Sitzen und keinen Tisch haben. Ich denke, das sollten wir morgen ändern, auch ein paar Schränke sollten wir holen, es wird sicher bald jede Menge Papierkram geben.“

Heinrich nickte und ging ein Zimmer weiter.

„Das wolltest du zum Büro machen. Es sieht doch für den Anfang ganz brauchbar aus.“

Ron stimmte Heinrich zu.

„Also ist heute Nachmittag erst mal Möbelschau angesagt. Und wenn ich schon in der Stadt bin, werde ich gleich noch was anderes erledigen.“

Heinrich sah verwundert zu Ron.

„Ich glaub, dass wir uns einen Transporter zulegen sollten. Nicht nur für die Möbel, später müssen wir auch die Verpflegung und alles Mögliche zum Objekt bringen und immer einen Leihwagen? Da kommen wir mit unserem eigenen besser.“

Heinrich nickte.

„Da hast du Recht, so ein Fahrzeug wäre schon was, aber nimm eins, wo man auch Sitze einbauen kann. Denn ich denke nicht, dass die Jugendlichen vom Bahnhof herlaufen. Das sind immerhin fast fünfzehn Kilometer.“

Ron war Heinrich dankbar für den Vorschlag. Er war einfach unbezahlbar. Ralf kam in das zukünftige Büro und strahlte.

„Na, Ralf, hast du alles im Griff?“

Er schaute in die Runde und sein Gesicht war vor Eifer etwas gerötet.

„Ich hab gehört, dass du nachmittags in die Stadt willst. Da komme ich mit, die haben dort einen Großhandel für Küchen, den werde ich mal einen Besuch abstatten.“

„Vergiss aber die Kaffeemaschine nicht“, sagte Heinrich und sie verließen gut gelaunt das Objekt.

Hannelore hatte einen herrlichen Braten gemacht, den sie sich schmecken ließen. Während des Essens wurden noch Notizen gemacht, was zu aller erst erledigt werden muss. Mit einem Bündel Aufgaben machten sich Ron und Ralf auf den Weg. Ron ließ sich von Ralf an einem Autocenter absetzten. Sofort fiel ihm ein Auto auf, das seinen Wünschen entsprach.

Der Verkäufer kümmerte sich um seine Akten und Ron wurde sichtlich übelgelaunt.

„Ich möchte gern ein Auto kaufen, hätten sie vielleicht Zeit?“

Der Ton war ziemlich trocken und der Verkäufer schaute endlich auf. Ron zeigte nach draußen und ein gezwungenes Lächeln glitt in das Gesicht des Verkäufers.

„Den würde ich gern haben, kann man die Sitze rausbauen?“

Ron stand neben dem Transporter und der Mann legte plötzlich ein Grinsen an den Tag, dass Ron alles andere als gefiel.

„Kann man, ja, ist aber aufwändig. Zahlen sie bar?“

Ron verschlug es die Sprache. Er hatte schon einiges Erlebt, aber das war ja wohl die Höhe.

„Lassen sie mal, ich geh zu einem anderen Autohaus. Vielen Dank für ihre Mühe“, drehte auf dem Hacken um und ließ einen verdutzten Verkäufer zurück.

Weit musste Ron nicht laufen, da stand er vor dem nächsten Autohaus. Diese Marke war zwar teurer, aber die Qualität auch besser. Kaum hatte er das Haus betreten, kam auch schon ein Verkäufer auf ihn zu.

„Guten Tag der Herr, möchten sie sich nur umschauen, oder kann ich ihnen helfen?“

Ron war überwältigt von der Freundlichkeit des jungen Mannes. Zudem sah er auch recht passabel aus, wie er feststellen musste.

„Ich suche einen Transporter bei dem man auch die Sitze ausbauen kann“, stammelte er.

Der Verkäufer lächelte ihn wissend an.

„Dann kommen sie mal mit, ich hab genau das richtige für sie“, und er setzte sich in Bewegung.

Ron musste sich zusammenreißen und zwang seinen Blick zu den Autos. Der Verkäufer stellte ihm einen Wagen vor, der Ron sofort gefiel. Mit einigen Handgriffen konnte man die Sitze entnehmen und eine große Ladefläche tat sich auf.

Die sollte ausreichen, um genügend Material transportieren zu können. Schnell wurde man sich einig. Das Fahrzeug hatte eine gültige Zulassung, was Ron erst jetzt am Nummernschild auffiel.

„Sie können das Fahrzeug gleich mitnehmen, die Ummeldung machen wir für sie und ich komme dann einfach zu ihnen und tausche die Nummernschilder“, bot der Verkäufer an und schenkte beiden eine Tasse Kaffee ein.

Der süße Verkäufer machte den Vertrag fertig und zog die Augenbrauen hoch, als Ron die Art der Bezahlung beantwortete.

Er reichte dem Verkäufer seine Karte und dieser verschwand in der Kassenabteilung und kam immer noch erstaunt zu Ron zurück. Er sagte aber kein Ton, stellte keine Frage, wie es sich ein so junger Herr leisten konnte, das Auto bar zu bezahlen.

Er überreichte den Schlüssel und sie tauschten die Telefonnummern aus. Auf dem Weg nach draußen blieb Ron wie vom Blitz getroffen stehen. Er hatte sich noch nie für Autos interessiert, aber was er da sah, verschlug ihm die Sprache.

Dort stand er, sein heimlicher Traum. Ein SUV stand da und rief nach ihm. Das wäre das richtige Fahrzeug fürs Gelände! Damit konnte man auch ohne aufzusetzen die Kolonnenwege langfahren! Und erst im Gelände. Mittlerweile ist er ganz um das Fahrzeug gelaufen, das genauso groß war wie er. Er schaute durch die Scheibe, konnte aber nicht richtig sehen. „Wollen sie vielleicht dieses Auto haben, statt des Transporters?“

Der Verkäufer stand wieder neben ihm.

„Nein, das nehme ich auch noch“, platzte es aus Ron heraus und ihm wurde ein wenig schwindlig. Nie hätte er es sich träumen lassen, mal ein Auto zu fahren, das ein Stern zierte, aber er konnte es sich leisten. War er aber nicht etwas zu verschwenderisch mit dem Geld?

Warf er es nicht mit vollen Händen zum Fenster raus? Sollte er nicht noch mal eine Nacht darüber nachdenken? Wieder vernünftig werden? >Nein< sagte er sich, er war vernünftig. Er würde so oder so einen Geländewagen brauchen, wieso nicht den nehmen, der ihm gefiel.

Inzwischen kam der Verkäufer mit dem Schlüssel und öffnete den Wagen. Ron setzte sich rein und war überrascht, wie hoch er saß. Man hatte einen tollen Überblick und er fühlte sich sofort wohl in dem Auto. Grinsend sah er den Verkäufer an.

„Den nehme ich, gibt’s noch einen Kaffee?“

„Aber sicher doch. Folgen sie mir ins Büro.“

Der junge Mann war so überrascht, gleich zwei Autos an einem Tag zu verkaufen, dass er gleich noch ein Fläschchen Pikkolo spendierte. Ron zitterte immer noch am ganzen Körper, aber freute sich schon auf die Gesichter, die ihm zu Hause erwarten würden.

Einige Extrawünsche hatte Ron noch, so sollte ein anderes Radio eingebaut werden und eine Hänger Kupplung stand auch auf seiner Liste. Nachdem der Vertrag unterzeichnet war ging der Verkäufer wieder zur Kassenabteilung und wunderte sich, dass die Karte nicht geschreddert wurde.

In zwei Tagen sollten die Arbeiten erledigt und das Auto angemeldet sein. Dann würde es zu ihm gebracht. Ron bedankte sich und stieg froh gelaunt in den Transporter. Der Verkäufer sah noch lange hinter ihm her. So schnell hatte er noch nie an jemanden ein Auto verkauft.

Ron machte sich auf den Weg um ein Möbelgeschäft aufzusuchen. Er wurde fündig und hatte schließlich vier Stühle, eine Tisch und einige Schränke sowie einen Schreibtisch samt Stuhl im Transporter verstaut. Zwei Geschäfte weiter entdeckte er eine Filiale der Telekom. Auch hier hatte er noch einen Termin wahrzunehmen.

Die Dame machte ihm wenig Hoffnung, dass die alte Telefonleitung noch brauchbar wäre, die zum Objekt ging. Aber am morgigen Tag sollten sich Techniker das Anschauen und dann würde man weiter entscheiden.

Sein Handy klingelte und auf dem Display sah er, das Ralf ihn anrief.

„Hallo Ralf, was gibt es?“

„Hallo Chef, es dauert bei mir noch etwas, soll ich dich zwischendurch abholen?“

Ralf konnte ja nicht ahnen, dass er zwischenzeitlich schon mobil unterwegs war.

„Nein, fahr wenn du fertig bist nach deiner Tante, ich bin mobil, hab auch schon eingekauft“, grinste Ron in die Muschel.

„Gut, sag, wie viel darf ich eigentlich ausgeben?“

Ralf war so beschäftigt, dass ihm die Bemerkung von Ron gar nicht bewusst wurde. „

Sagen wir mal so, eine Küche aus Gold soll es nicht werden, aber was gebraucht wird, musst du holen, da hast du freie Hand.“

„Danke, ich muss weitermachen“, und nur ein tuten war in der Leitung zu hören.

Verwundert schüttelte Ron den Kopf. Er stieg wieder in den Transporter und machte sich zum örtlichen Energieanbieter. Dort gestaltete sich die Sache schon einfacher, als bei der Telekom. Morgen früh würde der Strom im Objekt wieder zur Verfügung stehen, versicherte man ihm. An einem Getränkehandel machte er noch einmal kurz halt und lud noch einige Getränkekisten ein. Nun war der Transporter aber ganz voll, gut, dass er die Sitze im Autohaus gelassen hatte. Diese sollten auch gebracht werden, nun aber erst zusammen mit seinem SUV. Beschwingt machte er sich auf den Weg zu Heinrich und Hannelore.

Dort wurde er schon ungeduldig erwartet. Ron sah, wie Olaf am Zaun stand und die Straße beobachtete. Erst als der Transporter neben ihm zu halten kam, erkannte ihn Olaf. Er ging zur Beifahrertür und öffnete diese.

„He, klasse Auto, Leihwagen?“, und Olaf krabbelte ins Auto.

„Nein, das wird mal dein Arbeitswagen, ich hoffe er ist nicht zu groß“, lächelte er ihn an. Olaf bekam große Augen.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

„Doch mein lieber. Aber wenn er zu groß ist, dann …“

„Nein, nein, ich kann es nur nicht fassen.“, unterbrach Olaf Ron.

„Wieso bist du eigentlich eingestiegen, soll ich dich die fünf Meter mitnehmen?“

Ron schaute verträumt zu Olaf.

„Ach, ja, hätte ich fast vergessen. Wir sollen zum Objekt kommen, Heinrich ist da und sagte was von Handwerkern, die dort sind.“

Ron schaute ungläubig.

„Handwerker? Na dann lass uns mal losfahren. Da können wir auch gleich alles ausladen.“ Olaf schaute nach hinten und grinste.

„Willst du schon einziehen?“

Der strohblonde Jüngling machte ihn fertig. Aber keine schlechte Idee, wenn er auch mit einziehen würde.

Am Objekt stand das Tor weit offen und auf dem Hof stand neben dem Auto von Heinrich auch dass einer Tischlerei. Heinrich sah das Auto kommen und staunte nicht schlecht, als Ron und Olaf ausstiegen.

„Ron, ich hab schon mal die Handwerker geholt, um die Tür gangbar zu machen. Glücklicherweise hatten sie eine neue, die auch passt. Wie ich sehe hast du schon eingekauft.“

Ron ging zu den Handwerkern und begrüßte sie, während Olaf dem verdutzten Heinrich erzählte, dass auch das Auto zu den Einkäufen von Ron gehörte. Mit einem Grinsen nahm Ron wahr, wie Olaf Heinrich stolz erzählte, dass das mal sein Dienstwagen werden sollte. Plötzlich wendeten sich beide Köpfe und schauten angestrengt den Weg zum Dorf nach unten. Kurze Zeit später fuhr das Auto von Ron auf den Hof und Ralf stieg aus. Heinrich und Olaf begrüßten ihn, dann ging er auf Ron zu und reichte ihm mehrere Zettel.

„Du hast gesagt, ich hab freie Hand. Das ist erst mal das Wichtigste, was man braucht, Kleinigkeiten kommen auch noch dazu, aber die werden auch noch mal teuer.“

Ron überflog den Zettel und reichte ihm Heinrich.

„Das ist fortan deine Aufgabe“, grinste er.

Heinrich nahm die Zettel und überflog die Summen, die ihm die Augenbrauen hochwandern ließen.

„Hätte das nicht billiger gehen können“, seufzte er aber Ron lachte nur.

„Ich dachte es wird noch teurer. Aber mal Spaß beiseite, wo ist die Kaffeemaschine?“

Ralf setzte ein breites Grinsen auf und ging zum Auto. Dort holte er eine Maschine und hob sie triumphierend hoch.

„An alles gedacht, aber sollen wir uns zu Kaffeetrinken auf den Rasen setzen?“

Ron ging nun auch zum Transporter und öffnete die Schiebetür.

„Hier ist alles, müssen nur noch ausladen, also ran ans Werk.“

Jeder griff sich ein Teil und schleppte es an die Handwerker vorbei, die an der Tür werkelten. Schließlich hatten die drei es geschafft, den Transporter auszuladen und begannen die Schutzfolie abzuziehen.

„Ralf, schau dir die Tische und die Stühle an, die könnte man doch nehmen für die Speisesäle?“

Ralf begutachtete die Sachen genauer und nickte bestätigend.

„Ja, die sehen gut aus, haben die noch mehr davon?“

„Ja, ich hab schon mal gesagt, dass, wenn sie gefallen, ich noch mal komme und noch mehr bestelle.“

Als sie fertig waren räumten sie das Verpackungsmaterial zusammen und wussten nicht wohin damit.

„Heinrich, wir müssen uns noch um die Müllabfuhr kümmern. Ach, und um einen Briefkasten auch. Es werden bestimmt bald viele Rechnungen kommen“, griente Ron.

„Das mach ich morgen, ich kümmre mich darum. Aber Ralf sollte mal einen Kaffee machen, mal sehen ob er das kann.“

Ralf stand auf und schnippte mit dem Finger, „kein Problem, wo finde ich Wasser? In der Küche ist keines, dort sind die Hähne alle abgebaut.“

Moment, ich komme mit suchen, schließlich bin ich Kemptner“, und Olaf sprang auf, um mit Ralf zu verschwinden.

„Ich glaub, wenn die Wasser finden, müssen sie es über offenem Feuer kochen. Der Strom kommt erst morgen“, griente Ron.

Er erzählte Heinrich von seinen Besorgungen und Terminen, die er gemacht hatte und beide packten nebenbei die anderen Möbel aus.

„Zusammenbauen werde ich die Schränke und den Schreibtisch morgen, für heute reicht es.“ Ron reckte sich und wie aus dem nichts standen plötzlich Ralf und Olaf im Raum.

„Leute, wir haben kein Wasser, nicht ein Tropfen kommt aus der Leitung.“

Ralf zuckte mit den Schultern.

„Also haben wir morgen noch was zu erledigen“, sagte Ron und nahm sich einen Zettel und machte sich Notizen.

Die Handwerker meldeten den erfolgreichen Einbau der Tür und übergaben die Schlüssel. Ron machte sie vom Ring lose und überreichte jeden einen.

„Also, es geht los. Morgen wird ein langer Tag und ehrlich gesagt muss ich nun ins Bett.“

Alle nickten Ron zu und er verschloss als letzter die Tür. Hannelore hatte belegte Schnittchen gemacht, die sie schweigend aßen, ein jeder machte sich seine Gedanken. Ron fiel ein, dass er mit Olaf noch gar nicht über die Werkstatt gesprochen hatte, die er für ihn einrichten wollte, aber heute hatte er keine Kraft mehr dazu. Sie waren alle platt, der Tag hatte es in sich.

Ron begleitete Olaf noch nach draußen und kam kurze Zeit mit rotem Kopf wieder zurück. Ralf grinste nur und Heinrich und Hannelore kicherten.

Der nächste Tag begann mit Hektik. Fast hätten sie verschlafen, aber Hannelore bestand darauf, dass sie erst mal in Ruhe Frühstück aßen. Am Objekt wartete schon ein Mitarbeiter vom Energieunternehmen. Er betrat das Gebäude und ging gleich in den Keller. Ron und Heinrich machten sich daran, den Schreibtisch zusammenzubauen und Ralf war wieder in der Küche verschwunden.

„Verzeihen sie, dass ich störe, aber ich muss noch mal zur Firma zurück. Ich brauche noch etwas Material, aber bis zum Mittag sollten sie wieder Strom haben“, sagte der Mann und verschwand.

Ron griff sich sein Handy und wählte die Nummer vom örtlichen Wasserlieferanten. Die Frau am Telefon war sehr freundlich und wollte gleich jemand losschicken, der die Sache überprüfen sollte. Ron war erleichtert. Wieder klingelte sein Handy.

Es war der Architekt, der ihm ein Vorschlag machte, den er nicht ablehnen konnte. In Neudorf gab es schon seit einigen Jahren einen Erdgasanschluss, den fast alle Bewohner nutzten. Zwar würde es einige Euros kosten, die Leitung bis zum Objekt zu legen, aber diese Investition würde sich über kurz oder lang bezahlt machen.

Bis die Leitung verlegt würde, könnte man einen Tank auf dem Hof stellen, der vorerst die Versorgung der Heizung übernimmt. Ron willigte ein und der Architekt wollte noch am Nachmittag vorbeikommen. Kaum hatte er aufgelegt, hupte schon wieder ein Auto auf dem Hof. Die Telekom hat auch ihr Versprechen gehalten, aber es war ernüchternd, was sie zu sagen hatten. Es lag zwar ein Kabel bis zum Objekt, aber das würde nicht ausreichen, um die von Ron gewünschte ISDN Leitung mit Internetanschluss aufzubauen. Vorerst hatten sie aber ein Telefon angeschlossen, das sogar funktionierte, wie sich Ron überzeugen konnte.

Gut, dass sie das Büro in einem der ehemaligen Offiziersräume eingerichtet hatten, es gab sogar Dosen, mit wenigen Handgriffen von den Technikern umgebaut, und funktionierten. Ron unterschrieb den Vertrag und reicht die Durchschrift Heinrich, der diese entgegennahm.

Ron und Heinrich hatten grade den Schreibtisch fertig, als wieder jemand ins Haus kam und rief. Der Techniker des Wasserversorgers war da, im Schlepptau kam der Elektriker wieder und verzog sich gleich in den Keller. Der Kemptner, es war erstaunlicherweise nicht Manfred, der ehemalige Lehrausbilder von Olaf, wollte sich erst mal ein Überblick verschaffen, ehe er den Haupthahn öffnete.

Ron baute weiter mit Heinrich an den Schränken, als der Kemptner ins Büro kam.

„Ich stelle jetzt das Wasser an. Aber sie haben nur eine Entnahmemöglichkeit und die ist im Keller. Aber ich geh davon aus, dass die gesamte Anlage umgebaut wird.“

„Ja, das wird sie“, sagte Ron und ging mit dem Wasserwerker in den Keller.

Die ersten Liter die kamen waren sicher kein Trinkwasser. Der Techniker hatte einen Schlauch angeschlossen, der nach draußen führte. „Das müssen sie ordentlich ablaufen lassen, aber es wird schon besser“, sagte der Mann.

Auch er legte einen Vertrag vor, den Ron unterschrieb.

„Den Schlauch hole ich später mal, auf Wiedersehen“, und schon war er weg.

Ron war begeistert, Telefon ging, Wasser war da, Heizungsproblem geklärt – was fehlt ist Strom, aber im nächsten Moment summte es und eine Neonröhre wurde aus dem Tiefschlaf erweckt.

„So, alles klar, Strom ist da. Aber ein Tipp hab ich für sie, das Kabel was vom Hauptverteiler im Dorf hier rauf führt, sollte erneuert werden.“

Ron nickte.

„Ich werde es auf meine Liste setzten.“

Ron und Heinrich stellten fest, dass die Firmen gute Arbeit geleistet hatten, und das an einem Freitag! Sie bauten grade den letzten Schrank zusammen, als das Fahrschulauto auf den Hof fuhr und Olaf ausstieg. Ron konnte nicht anders und rannte auf den Hof. Der Wagen setzte grade zurück, als sich beide in den Arm fielen.

„Schön, dass du da bist, ich hab noch was mit dir zu klären“, flüsterte Ron ihm ins Ohr.

Am Fenster sahen sie Heinrich und aus dem Speisesaal grinste ihnen Ralf entgegen.

„Komm, ich muss dir was zeigen“, und Ron zog Olaf zum ehemaligen Munitionsbunker. „Das soll deine Werkstatt werden“, Ron ging von einer Wand zur anderen und zeigte, wo er Fenster einbauen lassen wollte.

Olaf war begeistert. Dann standen sie dicht voreinander und schauten sich beide tief in die Augen. Es folgte ein zärtlicher Kuss und beide versanken in den Armen des anderen.

Sie genossen die Nähe des anderen, beide waren erregt, aber sie wurden wieder einmal gestört. Heinrich kam und mahnte zum Aufbruch, das Essen war fertig, Hannelore hatte angerufen. Beim Mittagstisch wurden Hannelore und Olaf die Neuigkeiten verkündet.

Es waren bisher nur kleine Schritte, die sie vorangekommen waren, aber alle waren glücklich, dass es vorwärts ging. Nach dem Essen machten sie sich wieder auf den Weg zum Objekt. Der Architekt kam kurz darauf und besprach sich mit Ron.

Die Zeichnungen die er vorlegte entsprachen seinen Vorstellungen. Auch die geplanten Kosten des Umbaus hielten sich in Grenzen, also stimmte Ron zu. Am Montag würden die ersten Firmen auf der Matte stehen und mit den Arbeiten beginnen, Ron wunderte sich zwar, dass so schnell alle Gewerke antreten konnten, vertraute aber seinen Architekten und Bauberater.

Olaf und Ralf ließen sich von Heinrich alles erklären, was Ron mit dem Haus und den anderen Gebäuden geplant hatte und waren vor allem vom Schwimmbecken begeistert. Olaf schaute sich die Garage genauer an, das wäre später auch sein Aufgabengebiet und war beeindruckt von der Größe. Er hatte auch schon genaue Vorstellungen, wie er alles einrichten würde, aber da musste er noch mal mit Ron reden. Der stieß kurze Zeit später zu den drein und machte ein betrübtes Gesicht.

„Ich muss übermorgen weg. Mike, der Anwalt vom Projekt, hat angerufen, er muss viele Sachen mit mir klären, das geht nicht anders. Ich komme erst am Montag wieder zurück, wenn alles klappt, ansonsten später. Aber ich muss da hin, es geht auch um eure Arbeitsverträge.“ Olaf schaute ihn traurig an.

„He, du bist doch bald wieder da“, versuchte er Ron aufzumuntern, was ihm aber nicht recht gelang. Schließlich fuhren Ron, Heinrich und Olaf noch mal in die Stadt, um die Vollmacht über das Geschäftskonto besiegeln zu lassen.

Ralf verkroch sich derweil in die Küche und machte an Wänden und Boden Markierungen, die er immer wieder verbesserte. Er war grade im Begriff, den Standort des Herdes genau einzumessen, als er hochschreckte. Durch die Theke sah er einen Kopf, und er ballte seine Hände zu Fäusten. „Oh, entschuldige dass ich störe, aber ich suche Heinrich. Hannelore sagte mir, dass er hier zu finden wäre.“ Das Mädchen hatte lockige rote Haare und ein niedliches Gesicht.

„Oh, Heinrich ist im Moment nicht da, aber wenn du warten möchtest“, Ralf hatte sich wieder gefangen und sah das Mädchen interessiert an. Sie gefiel ihm und er ließ alles stehen und liegen.

„Soll ich dir etwas Gesellschaft leisten?“

Wie plump kam sich Ralf bei diesem Spruch vor. Aber ändern konnte er ihn nicht mehr.

Das Mädchen lächelte, „wenn du einen Kaffee machst, warte ich noch“, sagte sie verschmitzt.

Er kam um die Theke herum und sah sie nun ganz. Sie hatte eine tolle Figur, sah gut aus und passte wie die Faust aufs Auge in sein Beuteschema. Zwar hatte Ralf noch nie eine Freundin, aber so sollte sie sein.

„Ich bin Ralf, Ralf Rappe.“

Er reichte ihr die Hand. Sie ergriff die Hand.

„Ich heiße Anne Kundler, freut mich dich kennenzulernen. Ich hab schon gehört, dass du der Neffe von Schuberts bist.“

Ralf wurde etwas verlegen, in dem Dorf sprach sich alles schnell rum.

„Komm mit, ich mach erst mal einen Kaffee, dann können wir weiter reden“, und führte sie ins Büro.

*-*-*

In der Stadt fiel im gleichen Moment die Kinnlade von Heinrich runter. Er hatte gerade unterschrieben und sollte seine Pin testen, indem er einen Auszug vom Konto drucken ließ. Es waren nicht die Abbuchungen die ihm aus der Bahn warfen, es war der Kontostand, der unmöglich stimmen konnte.

„Ron, sag, les ich da richtig?“

Er reichte den Schein rüber und Ron musste abermals staunen. Obwohl er schon einige Sachen gekauft hatte, war die Summe nicht merklich geschrumpft. Gewöhnte er sich etwa an solch große Zahlen?

„Ja, Heinrich, es ist alles richtig.“

„Das kann aber unmöglich stimmen.“

Heinrich bekam sich nicht mehr ein und musste sich erst mal setzten.

„Was ist das für eine Stiftung? Seid ihr die Maffia? Ron, das ist doch etwas faul“, Heinrich entwich alle Farbe aus dem Gesicht.

Auch Olaf wurde unruhig und griff nach dem Zettel. Als er die Zahl erblickte, wurde er auch bleich. Mehrmals musste er die Stellen zählen.

„Ron, du bist sicher, dass die Zahl echt ist?“

Ron wusste, dass es nur einen Weg gab, den er beschreiten konnte. Er bat den Bankangestellten das Büro zu verlassen und erzählte den beiden seine Geschichte. Immer wieder änderte sich deren Gesichtsfarbe, als er unter Tränen von seiner Oma sprach, nahm ihn Olaf in den Arm und machte ihm es leichter zu reden. Staunend sahen sich die beiden an. Als er geendet hatte herrschte Stille im Raum. Olaf hielt ihn noch immer und Heinrichs Kinn zitterte.

„Ich kann das gar nicht glauben, aber ich bin froh, dass du das alles gesagt hast.“

Olaf strich Ron über den Rücken.

„Danke, dass du so ehrlich bist. Ich kann verstehen, dass du dich hinter der Stiftung verstecken wolltest, aber so ist es besser. Natürlich werden wir nichts sagen, zu keinem, versprochen“, und Heinrich schaute zu Olaf, der bestätigend nickte.

Alle verließen nachdenklich die Bank, jeder hatte andere Gedanken. Heinrich dachte daran, was er wohl mit dem Geld gemacht hätte, war aber mächtig stolz, dass ein so junger Kerl alles für seinen Traum einsetzte.

Ron dachte an den Freund, den er erst grade gewonnen hatte. Würde er auch weiterhin zu ihm stehen, oder würde das Geld etwas zwischen ihnen zerstören, was noch nicht mal richtig ins laufen gekommen war. Olaf dachte an die Großzügigkeit von Ron.

Er nahm sein Geld, um etwas für Jugendliche zu machen. Auch ihn hatte er aus eine Lage befreit, die ihm unangenehm war. Er sah ihn weiter als Ron, den er liebte, auch lieben würde ohne das ganze Geld!

Die Fahrt endete am Objekt, dass sie schweigend, aber befriedigt betraten. Aus dem Büro konnten sie lachen hören und waren erstaunt, Ralf in Begleitung vorzufinden. Heinrich begrüßte Anne, ebenso Olaf. Sie wurden einander vorgestellt, aber Ron konnte sich nicht konzentrieren. Ihm gingen immer noch so viele Gedanken durch den Kopf.

„Bin ich nun anders?!“, platzte es aus ihm heraus und in diesem Augenblick konnte man eine Stecknadel auf dem Boden fallen hören.

Ron schaute sich fragend um und erntete ebenso fragende Blicke.

„Sagt, ändert es etwas an eurer Meinung mir gegenüber?“

Ralf dämmerte um was es ging.

„Du hast es ihnen gesagt?“

Ron schaute zu Ralf und nickte. Heinrich stand auf und ging zu Ron. Er zog ihn hoch und drückte ihn an sich.

„Ron, ich hab noch nie einen solchen Menschen wie dich kennengelernt. Es wird sich nichts ändern, ich verspreche es! Das was du das machst, verdient meinen Respekt und ich steh voll und ganz hinter dir!“

Ron rannte eine Träne aus dem Augenwinkel. Das so ein gestandener Mann diese Worte zu ihm sagte, ging ihm nahe. Wie sehr vermisste er in diesem Augenblick seien Vater.

Als Heinrich ihn wieder losließ, schnappe ihn sich sofort Olaf.

„Ich, ich, also wenn, wenn du mich wirklich…“, stotterte er.

Er hatte sich schon überlegt, was er Ron sagen wollte, aber er konnte es nicht, es ging nicht. Bei allem was er gesagt hätte, würde er sich so vorkommen, als ob er sich grade jetzt aufdrängen würde. „Olaf, ich liebe dich.“ Mehr brachte Ron nicht raus, aber ihre Lippen berührten sich und sie versanken in einem tiefen Kuss.

Als sie sich lösten, auch das musste mal sein, waren alle Probleme zwischen ihnen geklärt. Sie fühlten und spürten es. Anne schaute verdutzt von einem zum anderen. Sie hatte noch nicht mitbekommen um was es eigentlich ging.

Was sie aber gesehen hatte ließ sie lächeln. Da hat der kleine Olaf endlich jemand gefunden, mit dem er glücklich ist. Sie kannte ihn schon vom Sandkasten an, wohnten fast Tür an Tür und hatte schon immer geahnt, dass sie keine Chance bei ihm hat.

„Möchte jemand Kaffee?“

Ralf brachte alle wieder zum Durchatmen. Jeder winkte mit der Hand und Ron konnte nur grinsen und zwinkerte Ralf zu. Ralf war auch froh, dass sie es wussten. Aber was sollte er Anne sagen, die immer noch eine fragende Miene hatte.

„Also, falls es kein Staatsgeheimnis ist, würdet ihr mich bitte mal aufklären?“

Anne schaute fragend in die Runde, bei Ron blieb ihr Blick haften. Er zuckte mit den Schultern.

„Anne, ich hab heute schon einmal meine Geschichte erzählt, lass sie dir von Ralf erzählen, bitte sei nicht böse, aber ich kann heute nicht mehr.“ Anne schaute Ralf an, er ein „später“ Zeichen machte.

Beide verließen den Raum und nur Heinrich, Olaf und Ron blieben zurück. Olaf hatte Ron immer noch umklammert und hauchte ihm ein Kuss auf die Wange. Heinrich musste grinsen. Ron fühlte die Wärme, die von seinem Freund ausging und fühlte sich beschützt und geborgen zugleich. Er hätte stundenlang so sitzen bleiben können, aber Heinrich räusperte sich. Olaf ließ Ron los und setzte sich auf den Stuhl neben ihn.

„Ron, hab ich uneingeschränkte Befugnis über das Geschäftskonto?“ Ron war verwundert über diese Frage, schien sie doch schon längst geklärt zu sein. „Sicher Heinrich, aber das muss reichen für den Umbau und noch einige anderer Anschaffungen. Du kennst mein Projekt, das soll mein Lebenswerk werden. Ich möchte nicht klotzen, aber auch nicht kleckern.“ Heinrich nickte nachdenklich. „Ich werde das Geld verwalten, wie es noch nicht mal die Deutsche Bank schafft.“

Die Tür ging auf und Ralf und Anne betraten das Büro mit frischem heißem Kaffee. Anne ging auf Ron zu und umarmte ihn. „Schön, dass du das durchziehen willst“, Ralf hatte sie zwischenzeitlich aufgeklärt. Ron war die Umarmung nicht unangenehm, hätte aber lieber Olaf in seinem Arm gehalten.

In der Runde, die gelöst und locker war, gab es wiedermal viele Informationen, wie man was machen konnte, wer für was verantwortlich war. Ron schaute zu Olaf. Der sofort alles Technische an sich ziehen wollte. Es machte ihm Spaß, seinen strohblonden Freund zuzusehen, wie er sich um die Arbeit riss.

Anne entführte zwischenzeitlich Heinrich, um mit ihm etwas zu besprechen, schließlich war sie deswegen gekommen. Ralf schaute der feschen roten mit einem Grinsen hinterher, dass Ron und Olaf nur zu gut zu deuten wussten.

Aber auch der schönste Abend ging einmal zu ende. Im Haus der Schuberts wurden sie schon erwartet, Hannelore hatte reichlich Bratkartoffeln gemacht, die Pfanne wurde bis auf den letzten Krümel geleert.

Ron musste sich von seinem Freund verabschieden, am nächsten Morgen würden sie sich nicht sehen können, da Olaf zu Besuch bei Verwandten war, am Sonntag musste Ron zu Mike fahren. Es sollten ewig lange Tage werden, die die beiden nur mit vielen SMS und Telefonaten über die Runden bringen würden.

Am Sonnabend wollte sich Ron endlich mal ein wenig Ruhe gönnen. Er zog sich die Schuhe an und wollte zum Objekt laufen. Ralf dauerte das zu lange und bekam den Autoschlüssel um hoch zu fahren. Der Spaziergang tat Ron wirklich gut. Er dachte an die letzten Wochen, an Olaf und was schon alles am Laufen war.

Hoffentlich konnte er Montagabend wieder da sein und Olaf sehen, ging ihm immer wieder durch den Kopf. Er liebte ihn, so wie er war. Würde sich wirklich nichts ändern an der Beziehung? Würde Olaf ihn wirklich auch so lieben, wenn er kein Geld hätte?

Je mehr er nachdachte, umso größer wurden seine Zweifel. Aber er musste sie wegwischen. Noch nie hatte Olaf etwas in diese Richtung verlauten lassen. Er konnte es sich auch nach längerem Überlegen nicht vorstellen, dass Olaf ihn nur des Geldes wegen wollte.

Als er endlich im Objekt ankam, waren seine Gedanken wieder klarer. Ralf fand er immer noch messend und zeichnend in der Küche.

Er selbst machte noch mal einen Gang durch das Gebäude. Im Keller sah er sich noch mal die Dusche an. Die Idee, sie zu behalten gefiel ihm, aber er musste noch eine Zweite einbauen lassen, für die Mädchen, die es ja auch gab. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Es würden sicher auch einige dabei sein, die so einen Urlaub, wie er es nannte, mitmachen wollten.

Auch musste die Kammer für die Outdoorsachen in der Nähe der Duschen sein. So könnte man von draußen kommend aus den Sachen steigen, duschen und wieder in die privaten Sachen steigen, die man vorher im Umkleideraum abgelegt hatte.

Das wäre sicher nur nötig, wenn sie verschlammt und verdreckt von draußen kommen würden, aber es würde nötig sein um nicht das ganze Haus zu verdrecken. Für die Mädchen sollte das gleiche auf der anderen Seite des Kellers gemacht werden.

Ron zückte sein Handy und rief seinen Architekten an, um ihm die Änderung mitzuteilen. Dieser saß wohl grade noch an der Arbeit und sicherte ihm die Änderungswünsche zu. Dann machte er sich auf den Weg nach draußen, zu den ehemaligen Hundeställen. Er stellte sich den Bau ohne Zwischenmauern vor und sah das Schwimmbecken. Das würde eines seiner liebsten Gebäude werden, da war er sich schon jetzt sicher.

Träumend ging er wieder ins Haus zurück um sich im Büro die Verträge durchzulesen, die er schon abgeschlossen hatte. Ralf trat mit einem seligen Lächeln ein und zeigte auf die Kanne Kaffee, die er kurz zuvor angesetzt hatte. Ron nickte und Ralf schenkte jeden einen Becher ein.

„Du denkst an Olaf?“

Ron schaute von den Papieren auf.

„Ja.“

„Es hat dich ganz schön erwischt, man sieht es dir an.“

„Ähm, macht es das?“, fragte Ron leicht irritiert.

Ralf schmunzelte.

„Ja, du kannst froh sein, ihn kennengelernt zu haben, ihr passt wirklich zusammen.“

Ron wurde leicht rot.

„Na, du bist ja der Experte“, grinste er, „was ist eigentlich mit Anne? Es scheint dich auch erwischt zu haben?“

Nun war es Ralf, der seine Gesichtsfarbe änderte.

„Ich weiß nicht“, stammelte er, „sie ist schon toll, aber ob sie was von mir will?“

Ron schaute seinen Freund an.

„Also ich bin in Sachen Mädchen kein Spezialist, aber es hatte auf mich den Eindruck gemacht, als ob sie dich immer so, so, sagen wir mal interessiert angeschaut hat.“

Ralf zuckte mit den Schultern.

„Schön wär es ja“, murmelte er, stand auf und verschwand wieder in die Küche. Hoffentlich sitzt er nicht immer da drin, dachte Ron sich und las die Verträge weiter. Am nächsten Tag machte er sich früh auf um zu Mike zu fahren. Am Abend zuvor hatte er nur kurz mit Olaf telefoniert, viel zu kurz, ging es ihm nun durch den Kopf. Es kam ihm vor, als ob er diesen strohblonden schon ewig kennen würde und sie nicht viele Worte brauchen würden, um den anderen zu verstehen.

Der Tag war ausgefüllt mit viel Schreibkram. An was man nicht alles denken musste, bei einem solchen Vorhaben. Nur gut, dass Mike sich da drin auszukennen schien. Immer mehr Sachen kamen zum Vorschein, an die er nie im Leben gedacht hätte.

Sie arbeiteten bis spät in die Nacht. Der nächste Tag sollte mit Behördengängen ausgefüllt sein. Ron hatte über das ganze Zeug vergessen, bei Olaf anzurufen, und eben dieser traute sich auch nicht, bei Ron anzurufen. Er konnte sich denken, dass Ron Ruhe brauchte.

Der Montag war wie schon befürchtet mit Behördengängen befürchtet, die kein Ende zu nehmen schienen. Erst am späten Nachmittag trennten sich die beiden und Ron machte sich mit einem brummenden Schädel auf den Weg nach Hause.

Vor dem Haus der Schuberts war alles ruhig, so dass er wieder Gas gab und zum Objekt hochfuhr. Dort war er überrascht, über das Gewimmel, was auf dem Hof herrschte. So viele Autos hat der Hof sicher schon lange nicht mehr gesehen.

Vorsichtig drückte er sich an die vielen Handwerker vorbei und ging zum Büro, in dem Heinrich saß und Verträge studierte.

„Hallo, ich bin wieder da“, sagte Ron erschöpft und schmiss einen dicken Ordner auf den Tisch. Heinrich fuhr herum und grinste.

„Ich hab schon mal angefangen, ein bisschen Ordnung in den Haufen zu bringen.“

Ron zeigte auf den Ordner. „

Da kannst du gleich weitermachen. Auch die Arbeitsverträge für dich, Olaf und Ralf sind da drin. Die müssten dann noch unterschrieben werden.“

Ron machte einen müden Eindruck.

„Eine Tasse Kaffee für den Chef“, und Ralf stellte den Becher vor Ron auf den Tisch. Der sah seinen Freund dankbar an und nippte gleich an dem heißen Getränk. „Ist ja schon jede Menge los hier auf dem Bau“, sagte Ron und erntete zwei nickende Köpfe. „Im Keller sind die Elektriker und die Kemptner, im mittleren Stock die Trockenbauer, die Tischler und Fensterbauer verteilen sich übers ganze Gebäude und die Maurer sind an deinem Schwimmbecken beschäftigt“, brachte ihm Heinrich auf den neusten Stand. „Nicht zu vergessen die Fliesenleger, die sind in meiner Küche“, grinste Ralf.

Das geht ja richtig ab hier, dachte Ron, als der Architekt und Bauaufseher das Büro betrat. Man begrüßte sich und er gab Ron die Zeichnungen, die er von den Kellerräumen überarbeitet hatte zur Ansicht. So gefiel es Ron. Der Eingang zur Umkleidekammer war vom Mittelgang aus. Zur linken Seite lag der Raum mit den Sachen und zur rechten ging es in die Dusche. So hatte er sich das vorgestellt.

Der Architekt nahm ihn noch mit nach oben, um seine Vorstellungen der zwei Wohnungen zu präsentieren. Ron war begeistert. Sein Architekt leistete wirklich hervorragende Arbeit. Als sein Blick vom oberen Stockwerk auf den Hof fiel, sah er zwei Personen mit dem Fahrrad halten und sich staunend umschauen.

Die eine Person hatte rote Haare, die andere dagegen war strohblond. Ron hüpfte das Herz in der Brust. Er bekam die letzten Sätze vom Architekten gar nicht mehr mit und eilte zur Treppe.

Auf halben Weg begegnete er den Jungen, der ihm so gefehlt hatte. Olaf ging es nicht anders. Es kam ihnen beide wie eine Ewigkeit vor. Sie nahmen sich stürmisch in die Arme und auch ein Kuss durfte nicht fehlen. Einige Bauarbeiter, die langsam zum Ausgang gingen, sahen sie verwundert, andere angewidert und wieder andere lächelnd an. Aber die beide hatten keine Blicke für sie. Sie waren beide in ihrer Welt und es dauerte eine Weile, bis sie wieder im jetzt und hier gelandet waren.

„Komm, lass uns nach unten gehen und einen Kaffee trinken“, sagte Ron, der als erster die Sprache wiederfand.

Sie gingen nach unten ins Büro und setzten sich. Heinrich saß am Schreibtisch und suchte in den Papieren. Dann gab er Olaf mehrere Zettel.

„Durchlesen und unterschreiben, es sei denn du machst noch einen Rückzieher.“

Heinrich kicherte. Olaf las seinen Arbeitsvertrag, grinste immer wieder zu Ron und staunte nicht schlecht, über seinen Lohn, der doch deutlich höher war, als er bei Manfred bekommen hätte. Olaf machte keinen Rückzieher. Er griff sich den Stift und unterschrieb, anschließend setzte Ron auch noch seine Unterschrift unter das Dokument, ebenso unter die Verträge von Heinrich und Ralf.

Unmerklich kehrte Ruhe auf dem Bau ein, was die drei im Büro erst nach einer Weile mitbekamen, da es still war im Haus. Aber sie konnten aus Richtung Küche lachen hören. Sie gingen den Geräuschen nach und sahen gerade noch, wie zwei auseinandersprangen und etwas rot in ihre Gesichter kam.

„Wir haben, ich meine, ich habe Anne grade die Küche erklärt“, stammelte Ralf.

„Ach so“, sagte Ron mit einem ironischen Unterton in der Stimme.

Im selben Augenblick sahen alle aus dem Fenster. Gemächlich fuhr ein großer SUV, gefolgt von einem Transporter auf den Hof. Ron nahm Olaf in den Arm und flüsterte etwas in sein Ohr.

„WAS?! Deiner?“

Alle schauten zu Ron, dem es wohl etwas peinlich war.

„Das ist dein Auto?“

Ralf konnte es auch nicht fassen. Sie gingen nach draußen, wo sie von Verkäufer des Autohauses begrüßt wurden. Olaf und Ralf standen staunend am SUV und mussten mit dem Kopf schütteln.

„He, ich brauche doch ein Auto, um im Gelände fahren zu können“, verteidigte Ron seinen Kauf und Heinrich sah ihn grinsend an.

„Ich war zwar vom Kontostand irritiert, aber die Abbuchung hab ich gleich gesehen. Wollte nur wissen, wann du damit rausrückst“, sagte Heinrich leise in Rons Ohr.

„Das hab ich echt vergessen. Tut mir leid. Aber das war ein Spontankauf, den ich sicher nicht bereuen werde.“

„Ja, den wirst du brauchen für dein Projekt“, stimmte ihm Heinrich zu.

Nacheinander nahmen hinter dem Lenkrad Ralf und Olaf Platz und strahlten um die Wette. Der Verkäufer und der Fahrer des Transporters hatten inzwischen die Sitze ausgeladen und stellten sie in die Garage, die schon vor Material aus den Nähten zu platzen schien. Ron staunte nicht schlecht, was die Firmen schon alles angeschleppt hatten. Als er wieder auf den Hof trat, sahen sie, wie die beiden die Nummernschilder am Transporter austauschten.

„So, die Papiere und dann noch allzeit gute Fahrt wünsche ich.“ Ron bedankte sich und verabschiedete die beiden.

Im SUV herrschte immer noch reges Treiben. Am liebsten wären Ralf und Olaf gleich eine Runde gefahren, aber der eine durfte noch nicht und der andere traute sich nicht zu fragen. „Ralf, fahr doch ein Stück.“

Das ließ sich dieser nicht zwei Mal sagen. Er winkte Anne auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Langsam fuhr das Auto vom Hof und den Kolonnenweg aufwärts. Er wollte nicht zum Dorf, sondern die Fahreigenschaften auf dem schlechten Weg testen. Ron wurde von Olaf angerempelt.

„Tolles Auto, darf ich auch mal mit fahren, ich mein, wenn du nichts dagegen hast?“

Ron überlegte eine Weile.

„Sicher kannst du fahren, von mir aus auch sofort, aber der Weg ist öffentlich zugänglich. Meinst du nicht, dass wir noch warten sollten, bis du deinen Führerschein hast?“ Olaf nickte. „Alles klar, so lange kann ich noch warten, dauert ja nur noch ein paar Tage.“

Ron war froh, über die Einsicht, lange hätte er diesen Blick nicht mehr wiederstehen können. Die drei gingen zu den ehemaligen Hundeställen, wo sich schon einiges getan hatte. Volle Schuttcontainer standen herum und im inneren konnte man schon die Ausmaße des Gebäudes erkennen.

Zwar standen noch einige Zwischenwände, aber für einen Tag Arbeit war es schon beachtlich, was geleistet wurde.

„Wenn das einmal fertig ist, werde ich jeden Tag ein paar Bahnen schwimmen“, sinnierte Olaf vor sich hin.

„Dann tun wir uns zusammen, ich bin auch dabei“, und Ron legte seinen Arm um Olaf. Sie gingen wieder zum Haus zurück und verschlossen die Tür.

Als sie auch die Garage verschlossen hatten, näherte sich der SUV wieder dem Objekt. Ralf ließ die Scheibe herunter und lehnte sich lässig aus dem Fenster.

„Schade, dass du mich als Koch eingestellt hast. Fahrer würde ich auch gern machen“, und setzte sein breitestes Grinsen auf.

„Dann fahr nach unten, ich und Olaf fahren mit den Rädern, die müssen ja auch wieder zurück.“

Das ließ sich Ralf nicht entgehen und gab grinsend Gas. Heinrich setzte sich in sein Auto und fuhr auch los. Endlich waren Ron und Olaf mal ganz allein. Sie gingen zu den Rädern, aber bevor sie aufsetzten gaben sie sich einen langen Kuss. Schnaufend trennten sie sich wieder. „Olaf, du kannst gar nicht glauben, wie ich mich in dich verliebt habe“, und Ron fuhr zärtlich mit der Hand durch das Gesicht von Olaf und schob ihm eine Haarsträhne zurück.

Olaf sah in Rons Augen.

„Als ich dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass du derjenige bist, den ich wollte. Ich bin so glücklich…“ und wieder verschmolzen ihre Münder.

Die Fahrt ins Dorf dauerte länger als gedacht, aber sie mussten unterwegs einige Male anhalten. Nicht weil es einen Defekt an den Rädern gab, sondern der Grund war einfacher: Es küsste sich schlecht beim Radfahren.

Die nächsten Tage waren ganz dem Bau gewidmet. Auch das Vermessungsbüro meldete sich an und Ron war überrascht, wie groß das dazugehörige Grundstück war. Holzpfähle wurden eingerammt und mit Leuchtfarbe markiert.

Er hatte zwar schon eine Vorstellung von der Gestaltung des Geländes, wusste aber nicht wie er das anfangen sollte. Aber er kannte doch einen, der davon vielleicht Ahnung hatte. Er musste Andreas, seinen Freund mit dem grünen Daumen kontaktieren.

Er war zwar Landschaftsarchitekt, konnte ihm aber vielleicht Hilfe geben. Zwei Tage später war dieser zur Stelle.

„Was ist denn hier los? Wo hast du denn angefangen zu arbeiten?“

Sie begrüßten sich herzlich und als auch Ralf seinen Freund entdeckte war die Begrüßung noch größer. Die drei Freunde tauschten erst mal eine Menge Neuigkeiten aus, ehe Ron auf das eigentliche Thema kam.

„Ich geh dann mal Chef“, sagte Ralf und klopfte Andreas noch einmal auf die Schulter.

„Hab ich das richtig verstanden? Du bist der Chef von Ralf? Los, erzähl mal, was wirklich los ist!“

Andreas schaute ungeduldig zu Ron. Der winkte ihm zum SUV und fuhr mit ihm ins Gelände.

Bei einer Zigarette erzählte Ron seinen Freund die ganze Geschichte und zupfte nebenbei nervös Grashalme ab und zerrieb sie zwischen seine Finger. Staunend hörte Andreas sich die Geschichte an und klopfte zum Ende Ron auf die Schulter.

„Mann, das hätte ich gar nicht von dir gedacht, aber so warst du schon immer. Einen Freund hast du noch nie hängen gelassen und die Arbeit mit den Jugendlichen hat dir auch immer Spaß gemacht.“

Ron war froh, dass Andreas es so leicht aufnahm. Er erklärte ihm was er sich genau vorgestellt hatte und Andreas kratzte sich am Kopf.

„Also, so etwas hab ich noch nie gemacht, aber ich werde es versuchen. Ich bräuchte noch eine Flurkarte mit den genauen Maßen und einige Bilder muss ich auch noch vom Gelände machen. Es wird aber einige Zeit dauern, bis ich das fertig habe.“

„Danke, damit tust du mir einen großen Gefallen. Es soll aber auch nicht umsonst sein, betrachte es als einen offiziellen Auftrag. Außerdem wäre es echt schön, wenn du die Baumaßnahmen überwachen könntest.“

„Das ist kein Problem, wenn es offiziell ist“, grinste Andreas und zog eine Kamera aus der Tasche.

Sie liefen kreuz und quer über das Gelände, Andreas machte sich Notizen und viele Bilder. Als er zufrieden war, fuhren sie zum Objekt zurück. Dort wurden sie im Büro schon von Hannelore erwartet, die den Eintopf samt Geschirr gebracht hatte. Heinrich saß am Schreibtisch und aß nebenbei, Ralf rannte mit dem Teller in der Hand hin und her und die Handwerker saßen auf dem Rasen und machten dort Mittagspause.

„Zuerst muss die Küche fertig werden, dann kann ich endlich kochen und meine Tante entlasten“, sprach Ralf mit vollem Mund.

„Ach, das ist doch kein Problem mein Kleiner“, und seine Tante drückte ihn auf einen Stuhl. „Heinrich, setzt dich auch endlich an den Tisch, oder willst du Magengeschwüre bekommen?“

Ron und Andreas setzten sich ebenfalls und bekamen einen Teller mit herrlich duftendem Eintopf gereicht. Eine halbe Stunde später konnte man im Haus sein eigenes Wort nicht mehr hören. Überall wurde gehämmert, geschraubt, gemeißelt und geflext.

Es ging zu wie in einem Bienenhaus. Ron wurde immer mal wieder gerufen, um Probleme zu klären. Materiallieferungen trafen ein und volle Schuttcontainer wurden abgeholt. Inzwischen wurde die Wiese zum Parkplatz umfunktioniert, die großen Fahrzeuge brauchten Platz zum Wenden.

So wurde es Freitagnachmittag und ein Auto fuhr mit lauten Hupen auf den Parkplatz. Ron schaute aus dem Fenster und sah, wie Olaf aus dem Fahrschulauto sprang und mit einer kleinen Plastikkarte wedelte. Ron lief zu ihm und beide umarmten sich.

„Ich hab´s geschafft, Ron, ich hab endlich den Führerschein!“

Olaf bekam kaum Luft. Herr Frenzel trat auf die beiden zu und wartete, bis sich Olaf beruhigt hatte.

„Die Theorie für den Motorradschein haben wir ja schon gemacht, in den nächsten Tagen werden wir dann noch die praktischen Übungen machen, dafür nehmen wir uns aber Zeit. Das Wetter soll sich ja verschlechtern.“

Olaf nickte seinen Fahrlehrer zu und Ron bedankte sich bei ihm.

„Hat sich ganz schön was getan“, staunte der Fahrlehrer nicht schlecht, als er sich umsah.

„Dann noch viel Erfolg und wir sehen uns Olaf.“

Er stieg in den Wagen und fuhr vom Hof.

„Dann kann ich dich heute ins Dorf fahren, oder?“

Ron lachte, legte den Arm um die Schulter von Olaf und zog ihm zum ehemaligen Munitionsbunker.

„So, mein lieber, mach dir Gedanken, wie du deine Werkstatt einrichten willst. Der Architekt ist noch da und wartet auf dich.“

Olaf gab Ron einen Kuss auf die Wange und rannte ins Haus, um den Herr seiner Begierde zu suchen. Ron schaute ihn grinsend hinterher und schlurft weiter zu seinem Lieblingsobjekt.

Auch hier konnte man die Fortschritte schon mehr als deutlich sehen. Spundwände wurden in die Erde getrieben, um die spätere Grube für das Schwimmbecken ausheben zu können. Auch der Anbau hatte schon ein Fundament bekommen, auf dem sich schon die ersten Reihen Steine befanden. Ron war mit dem Fortschritt der Arbeiten sehr zufrieden, aber eines machte ihm Kopfzerbrechen.

Die Telefonleitung musste erneuert werden, die Gasleitung sollte verlegt werden, Die Stromleitung war auch nicht mehr die beste. Also musste neben der Straße ein Graben ausgehoben werden, in dem alle Leitungen zum Objekt verlegt würden. Er brauchte noch eine Firma, die das erledigen sollte.

Ron sprach mit Heinrich darüber. Der Griff zum Telefon und zehn Minuten später hatte er die Zusage, dass ab Montag begonnen wird mit dem ausheben des Grabens. Es wurde Feierabend und die Geräusche verstummten. Nach und nach verabschiedeten sich die Arbeiter und gingen in ihr verdientes Wochenende.

Heute Abend wollte Heinrich noch mal grillen, auch die Richters waren dazu eingeladen. Es wurde gemütlich und Olaf erzählte immer wieder von seiner Werkstatt. Er war feuerrot vor Begeisterung und allen war anzusehen, wie gut es ihm tat, endlich auch ins Geschehen eingreifen zu können.

Ron kam grad von der Toilette wieder, als er am Arm in eine dunkle Ecke gezogen wurde. Reinhard stand vor ihm und sah ihn ernst an.

„Ist da was zwischen dir und Olaf?“

Der Ton war ungewöhnlich frostig. Ron schluckte nur und brachte kein Ton heraus.

„Ich hab etwas gefragt“, die Stimme wurde immer eisiger.

„Selbst wenn es so ist, es geht sie nichts an, Olaf ist volljährig und kann selbst entscheiden!“ Ron wurde wütend. Sollte der Vater von Olaf etwa einer der homophoben Leute sein?

„Es geht mich aber etwas an! Schließlich ist er mein Sohn! Also, ist da was zwischen euch?“ Ron wich ein Stück zurück und sah Reinhard an. Noch nie hatte er das Gefühl, dass dieser Mensch auch eine andere Seite haben konnte. Stets war er nett und steuerte auch allerhand Ideen zum Projekt bei. „Junge“, begann er mit einem friedlicheren Ton, „ich will doch nur wissen, ob es stimmt, was im Dorf getratscht wird. Es arbeiten bei euch viele Leute, die so manche Sachen über meinen Sohn erzählen. Und über dich. Also, ist da was zwischen euch?“

Reinhards Blick war nicht mehr so streng, wie noch Minuten zuvor.

„Reinhard“, fing Ron an nach Worten zu ringen, „wäre es denn so schlimm für dich, wenn da was wäre? Ich mein, du bist ein besorgter Vater, aber dein Junge hat das Recht zu lieben, wen er will.“

„Also stimmen die Gerüchte.“

Er klang niedergeschlagen und setzte sich auf eine kleine Mauer. Er zog eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche und hielt sie Ron hin. Der ergriff eine und setzte sich neben Reinhard.

„Weißt du, ich hatte es schon immer geahnt, dass mein Sohn…, ähm…, äh, schwul ist. Aber glaubst du nicht auch, dass es vielleicht nur eine Phase ist, dass er sich nur wegen dem Job in dich verliebt hat?“

Ron zog den Rauch tief in seine Lungen.

„Frag ihn. Mehr kann ich dir nicht sagen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass er so denkt.“

„Vater?“ kam es leise aus der Dunkelheit.

Die Köpfe von Reinhard und Ron schnellten in die Richtung und konnten in der Dunkelheit die Silhouette von Olaf sehen.

„Vater, es tut mir Leid, aber ich hab mich in Ron verliebt, ob er nun mein Chef ist oder nicht.“ Olafs Stimme ließ keinen Zweifel an den Worten. Inzwischen war er bei den beiden und ergriff die Hand von Ron. Reinhard versuchte in der Dunkelheit das Gesicht seines Sohnes zu lesen.

„Ron, wehe wenn du meinem Sohn etwas antust, dann rechne damit, dass ich dir wehtue.“, Reinhard erhob sich und reichte Ron die Hand. Beide Männer standen sich gegenüber und wussten, dass sie fortan mehr verband.

Ron und Olaf blieben noch einen Moment stehen und drückten sich.

„Das ging ja leichter als gedacht“, und Olaf begann im Arm von Ron zu zittern.

„Ja“, sagte Ron nachdenklich und drückte seinen Freund fester an sich.

„Wehe, wenn du mich mal bei deinen Vater anschwärzt“, und Ron lächelte. Beide gingen Hand in Hand zum Tisch zurück und Mutter Richter lächelte wissend.

Nachdem sie den offiziellen Segen der Eltern hatten, grinsten die beiden um die Wette. Öfter gingen sie zusammen ins Haus, um zusammen Getränke zu holen und nebenbei Küsschen zu tauschen. Aber als der Abend zu Ende war, musste jeder in sein Bett. Wie gern, hätte Ron Olaf bei sich gehabt, aber auch dem anderen ging es nicht besser.

Am nächsten Tag regnete es. Rons Stimmung war nicht grade sehr gut. Er hatte schlecht geschlafen, ständig wurde er von einem Mann mit Baseballschläger verfolgt und entkam immer nur knapp. Er hatte das Gefühl, die ganze Nacht gerannt zu sein. Die Schuberts sahen es Ron an, wie fertig er war und versuchten ihm aufzumuntern. Aber was auch immer sie anstellten, nichts gelang ihnen.

Aber als sich ein strohblonder Junge an den Frühstückstisch setzte, war er wie verwandelt. Plötzlich schien die Nacht vergessen zu sein und sie alberten um die Wette. Heinrich und Hannelore waren wieder zufrieden und Ralf nickte den beiden zu.

„Junge Liebe, ach wie ist das schön“, sagte er und erntete zwei vernichtende Blicke.

„Kommt Anne heute nicht zu Besuch“, und Ralf entglitten die Gesichtszüge.

„Woher wisst ihr denn davon?“ Olaf grinste.

„Ach, junge Liebe.“

Alle am Tisch lachten und Hannelore schenkte etwas vom selbstgemachten Kirschwein ein. Sie stießen auf das Projekt an und ließen das Leben hochleben. Am Nachmittag kam dann auch Anne und wie auf Befehl, hörte der Regen auf.

„Los, lasst uns spazieren gehen“, schlug sie vor und die anderen waren begeistert.

Zur Sicherheit wurden noch einige Regenschirme eingepackt und der Tross setzte sich in Richtung Objekt in Bewegung. Die Luft roch wieder frisch und die Natur zeigte sich in den schönsten Farben, die der Spätsommer zu bieten hatte. Scheinbar waren sie nicht die einzigen, die diese Idee hatten.

Hinter ihnen schien das halbe Dorf auch zum Objekt unterwegs zu sein. Ron und Olaf, die ganz vorn liefen schlossen Tor und Tür auf und warteten schon auf die anderen. Die Dorfbewohner wurden langsamer und schauten immer wieder zum Haus.

Ron suchte den Blick von Heinrich und nickte ihm zu. Der bat die Dorfbewohner hineinzukommen, was sie auch annahmen. Viele Gerüchte geisterten die letzten Wochen durchs Dorf. Sie wurden von Heinrich herumgeführt, es waren viele darunter, die zum ersten Mal in ihrem Leben das Grundstück betraten, war es doch vorher militärisches Sperrgebiet und danach immer verschlossen.

Ron nutzte die Gelegenheit, um den Dorfbewohnern Rede und Antwort zu stehen. Es wurden auch kritische Anmerkungen gemacht, die Heinrich aber verstand zu zerstreuen. So wurde aus einem Sonnabendspaziergang eine Informationsveranstaltung.

Die Bewohner schauten sich überall um und staunten über die vielen Arbeiten, die schon gemacht wurden. Man musste das Objekt nicht von früher kennen, um zu begreifen, was schon alles geleistet wurde.

Vor allem dem jüngeren Dorfbewohner hatte es das Schwimmbecken angetan. Ron wollte keine voreiligen Bekanntmachungen geben, aber er hatte wiedermal eine Idee im Hinterkopf.

Schließlich machte sich das halbe Dorf wieder auf den Rückmarsch und die Neugierde vieler war gestillt.

Auch viele Gerüchte wurden zu den Akten gelegt. Aber über ein Thema wurde nach wie vor hinter vorgehaltener Hand getuschelt: Hatte Olaf einen Freund? Ron und er hatten sich mit Absicht sehr distanziert gehalten, sollte es doch heute nur um das Objekt und Projekt gehen.

Für den morgigen Tag verabredeten sich Ron, Olaf, Ralf und Anne. Sie wollten gemeinsam in die Stadt fahren. Etwas im Stadtpark spazieren gehen und Eis essen. Aber das Wetter machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Es schüttete wie aus Eimern. So saßen sie im Wintergarten von Heinrich und Hannelore und spielten Monopoly. Sie mussten herzhaft lachen, als Ron der erste war, der die weiße Fahne wegen Zahlungsunfähigkeit schwenkte.

Die nächste Woche stand wieder ganz im Zeichen des Projektes. Einzig das Wetter machte die Arbeiten am Graben zu einem Geduldsspiel. Immer wieder kamen Regengüsse und zwangen zu einer Pause. Ralf und Olaf widmeten sich ihrer eigenen Baustellen, Ron stand jederzeit für Fragen zur Verfügung und Heinrich fuhr mit dem Transporter in die Stadt, um benötigte Sachen zu holen.

Das Büro füllte sich langsam mit allen möglichen Ordnern und Heftern, Ablagen und sonstigem Zeug. Auch konnten sie den Kaffee schon aus richtigen Tassen trinken und die Plastikbecher zur Seite stellen.

Dann mussten sie aber alle mit anpacken und das Büro umräumen. Die Handwerker wollten diesen Raum bearbeiten. Also schleppten sie das ganze Zeug einen Raum weiter, der schon fertig war. Es roch alles frisch und der neue Teppichboden strömte einen angenehmen Geruch aus. Endlich konnte man das Fenster ohne Mühe öffnen, die alten klemmten ständig.

Sie waren fast fertig mit dem Umzug, als ein großer Lieferwagen auf den Hof rollte. Ralf schaute aus dem Fenster und rannte wie ein geölter Blitz nach draußen. Alle wurden neugierig und gingen hinterher. Es war die Küche, die geliefert wurde.

Heinrich nahm die Papiere entgegen und typisch Buchhalter zeichnete er jedes Stück ab. Ralf kontrollierte alles und zeigte für jedes Teil den Platz. Ron war erstaunt, wie groß die Kühltruhen waren, aber Ralf wusste, was er tat.

Sofort holte Ralf die Kemptner und die Elektriker heran und wollte so schnell wie möglich die Geräte angeschlossen haben. Aber so schnell ging das nicht und er musste sich in Geduld üben. Jedoch schrieb er einen Zettel, eigentlich vier Seiten voll, und drückte sei Ron in die Hand.

„So, ab morgen kann ich kochen und meine Tante endlich entlasten. Fahr in die Stadt und kauf die Sachen ein, die ich aufgeschrieben habe.“

Ron betrachtete die Zettel und zog die Augenbrauen hoch.

„Ich denke, die Handwerker wissen, wie sie die Geräte anschließen sollen. Also kannst du auch fahren. Nimm den Transporter und Olaf mit, wenn er Zeit hat.“

Ralf war es nicht recht, machte sich dann aber auf den Weg. Olaf freute sich, das erste Mal mit dem Teil fahren zu dürfen. Die Handwerker waren auch froh, dass sie diesen nervösen Koch mal eine Weile los waren und bedankten sich bei Ron.

Der grinste und ging ins oberste Stockwerk. Dort waren die Fußbodenleger grade dabei, den Teppich in seiner Wohnung zu verlegen. Ron freute sich, dass sie morgen endlich fertig sein würde. In der anderen Wohnung war es noch lange nicht so weit. Er zog sein Handy aus der Tasche und rief beim Möbelhaus an, dass die Sachen morgen Vormittag geliefert werden sollten.

Er setzte seinen Weg durchs Gebäude fort. In der mittleren Etage waren die Elektriker und Kemptner dabei, die restlichen Arbeiten zu machen. Auch hier gab es das gleiche Problem wie in seiner Wohnung.

Die Armaturen für die Bäder waren noch nicht da. Sie sollten aber in der nächsten Woche geliefert werden. So war nur die Sammeldusche im Keller schon bereit. Aber das war für Ron kein Problem.

So sehr er sich auch freute, morgen den ersten Tag hier zu schlafen, so sehr taten ihm auch Heinrich und Hannelore leid, die sich sehr um ihn und Ralf bemühten. Aber der Abschied musste ja mal kommen, das hatten alle gewusst. Ralf müsste noch ein paar Tage bei den beiden bleiben, schließlich war nur Ron seine Wohnung fertig. Inzwischen war er im Keller angekommen, als der Transporter wieder auf den Hof fuhr. Er ging durch den Kellereingang nach draußen und half beim Ausladen mit.

Sie stellten alles in den Speisesaal, Ralf wollte die Sachen allein einräumen, um sie später auch wiederzufinden, wie er immer wieder betonte. Das einzige was gleich in die Küche durfte, waren die eingefrorenen Sachen. Die Kühlschränke und Gefrierschränke liefen schon, was Ralf mit einem zufriedenen Nicken zur Kenntnis nahm.

Olaf wurde aber von Ralf trotzdem eingespannt und er musste auf Zuruf die gewünschten Sachen über die Theke, die zukünftige Essenausgabe, reichen. Es war lustig, die beiden dabei zu beobachten und Ron konnte sich nicht satt sehen an Olaf.

In den letzten Tagen waren beide so sehr eingespannt, dass sie nur wenige Minuten hatten, um mal allein für sich zu sein, aber beide wussten, dass auch wieder ruhigere Zeiten kommen würden.

Anne kam regelmäßig nach der Arbeit zum Objekt und wurde heute auch gleich dazu von Ralf verdonnert, ebenfalls Sachen zu suchen und dem Chefkoch zur Hand zu reichen. Fast hatte Ron den Eindruck, dass Ralf ein kleiner Diktator war, aber er machte alles mit Witz und bei Anne natürlich auch mit Charme.

Als die Handwerker das Objekt verließen, teilte Ron ihnen mit, dass sie ab morgen alle im Haus verköstigt würden. Sie nahmen dankend an, aber einer der Fliesenleger wies auf fehlende Sitzgelegenheiten hin.

Da wurde Ralf erst blass und dann sehr aufgeregt. Er rannte ins Büro und Heinrich musste die Nummer vom Möbelhaus raussuchen. Er hatte Glück und erreichte noch jemand im Geschäft. Nur gut, dass Ron die Tische und Stühle schon bestellt hatte und sie am Lager waren. Sie sollten im Laufe des Vormittages geliefert werden.

Also mussten sich die Handwerker zum Frühstück noch einmal auf ihre Eimer und Werkzeugkisten setzen, wie schon die Tage zuvor, zum Mittag würde es dann schon Stühle und Tische geben. Auch das Essen, das erste was er in seiner neuen Küche zubereiten wollte, stand schon fest. Er freute sich darauf, endlich den Kochlöffel wieder zu schwingen. Beseelt von diesem Gedanken schlief er ein, wachte aber immer wieder auf und musste sich neue Notizen machen.

Ron schlief an diesen Abend auch schlecht. Hannelore schaute ihn beim Abendbrot immer wieder traurig an und schien mit den Tränen zu kämpfen.

„Hannelore, der Junge ist doch nicht aus der Welt. Er bleibt doch im Dorf“, aber die Worte von Heinrich konnten sie nicht trösten.

Zu sehr hatte sie sich an den Jungen gewöhnt, liebte das Gewusel im Haus, das Lachen, dass schon so lange gefehlt hatte. Auch Olaf schlief schlecht. Immer dachte er an Ron, seine Arbeit, was noch alles zu tun war. Auch hatte er morgen Abend Fahrstunden. Die Fahrt in der Dämmerung stand an. Aufgeregt war er nicht, aber er musste wieder früher das Objekt verlassen.

Ralf war als erster von allen wach. Er zog sich an und nahm den Transporter um zum Bäcker zu fahren und frische Brötchen zu holen. Er hatte am Vortag schon eine Bestellung aufgegeben. Dann fuhr er ins Objekt und betrat es als erster. Es war unheimlich im ersten Moment. Kein Ton war zu hören, wo doch am Tag immer so ein Krach herrschte. Er genoss die Stille, setzte Wasser an und machte die Kaffeemaschine fertig. Die Eier landeten grade im Topf, als Ron die Küche betrat.

„He, musst du nicht so eine Kochmütze aufhaben, als Küchenchef?“

Ron konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen und prustete los.

„Leg dich nicht mit dem Koch an, du weißt nicht, was du sonst in deinem Essen findest“, gab Ralf Contra.

Olaf schaute auch in die Küche rein und begrüßte Ralf. Er ist zusammen mit Heinrich und Hannelore nach oben gekommen. Er ging zu Ron, drückte ihn und setzte einen Schmatzer auf seine Wange.

„Morgen mein Schatz, hast du gut geschlafen?“, säuselte er in Rons Ohr.

Ron strahlte wieder. Wie konnte es dieser Junge nur immer wieder schaffen, seine trüben Gedanken sofort zu vertreiben und die letzte Nacht vergessen machen? Er hob Olaf hoch und setzte ihn auf die Essenausgabe. Er strich dem strohblonden das immer länger werdende Haar aus dem Gesicht und küsste zärtlich die Lippen.

„Jetzt geht es mir wieder gut.“

Ralf blickte vom Eier Topf auf.

„He, runter von meiner Ausgabe. Knutscht woanders“, und machte eine Grimasse, die ernst aussehen sollte, aber die beiden konnten sich nicht mehr ein bekommen vor Lachen.

Olaf sprang wieder auf den Boden und beide gingen ins Büro. Dort holten sie den Tisch und die vier Stühle und stellten sie in den Speisesaal. Sie sahen verloren aus, aber für die fünf würde es erst mal reichen, der Schreibtischstuhl musste natürlich auch noch dazugestellt werden. Die ersten Arbeiter trudelten ein und ein Lastwagen bahnte sich den Weg zwischen die Leute.

„Ich werd verrückt“, konnte man Ralf rufen hören, als er aus der Küche gerannt kam.

„Guten Morgen, wir wollen doch nicht, dass sie auf dem Boden essen müssen“, grinste der Fahrer und öffnete die Klappe.

Der Blick war frei auf jede Menge Tische und Stühle.

„Der Chef meinte, es ist eine Notsituation, da haben wir gestern Abend noch beladen.“

Was hatte Ralf da nur am Telefon gesagt, aber es hatte ja geklappt. Heinrich überwachte zählend das Ausladen und Ralf war wieder in seiner Küche verschwunden. Ron und Olaf machten sich ans Auspacken, unterstützt von Hannelore. Auch Heinrich machte sich mit an die Arbeit, als alles ausgeladen war und die Papiere unterschrieben waren.

Pünktlich zum zweiten Frühstück hatte Ralf ein Buffet aufgebaut, das sich hinter keiner Hotelbar verstecken musste. Die Handwerker staunten und erwarteten schon großes, zum Mittagessen. Ralf lächelte vor sich hin, setzte sich an den Tisch und schien sichtlich zufrieden zu sein.

„Wenn das jeden Tag so geht, musst du aufpassen, dass du dein Budget nicht überziehst. Nicht dass wir am Monatsende nur bei Brot und Schmalz sitzen“, und Ron biss herzhaft in sein Brötchen.

„Keine Angst, ich halte mich an die Vorgaben, pass du lieber auf, dass meine Wohnung fertig wird.“ Am liebsten hätte er sich nach diesem Satz auf die Zunge gebissen, als er das traurige Gesicht von Hannelore sah.

Nach dem Essen machten sie sich wieder an die Arbeit. Ron musste einen bestimmten Händler suchen, aber wurde fündig. Sie vereinbarten ein Treffen noch für Vormittag und so machte er sich auf den Weg, Olaf musste natürlich mitkommen. Schließlich waren die Mopeds und Quads sein späterer Job. Er musste sie instand halten, deshalb sollte er auch ein Mitspracherecht beim Einkauf haben.

Beim Händler sah sich der strohblonde Junge die Fahrzeuge an, baute diverse Teile ab und musterte sie genau. Seine Fachkenntnis beeindruckte Ron immer wieder. Er war genau der richtige, den er brauchte, nicht nur der Liebe wegen, ging es Ron durch den Kopf.

Schließlich einigten sie sich auf ein Modell mit etwas weniger Leistung, aber dafür besser in der Wartung. Außerdem sollten die Jugendlichen auch nicht mit vollem Tempo durch die Strecken donnern.

Da fiel es Ron wieder ein. Sein grüner Daumen und nun ernannter Streckenplaner Andreas hatte sich noch nicht bei ihm gemeldet. Ron ist inzwischen dazu übergegangen sich die Geländemopeds näher anzusehen. Auch hier traf er eine Wahl, die sich erst viel später als richtig erweisen sollte.

Ron bestellte von jedem dreizehn Stück, dass alle Teilnehmer eines Durchganges ein Fahrzeug hatte. Für sich und Olaf bestellte er zwei Quads die leistungsmäßig größer waren und auch eine Straßenzulassung hatten. Wer weiß, was sie mal allein Unternehmen wollten?

Sie fuhren wieder auf den Hof und sahen vor lauter Autos gar nicht, das Andreas im Haus auf sie wartete. Er unterhielt sich grade angeregt mit Ralf, als sie ihn in der Küche stehend sahen. „He, da ist ja mein grüner Daumen. Und Erfolg gehabt?“

Ron ging zu ihm und reichte ihm die Hand.

„Andreas, darf ich vorstellen mein Mitarbeiter und Freund Olaf, Olaf, mein Freund Andreas.“ Ron betonte die beiden „Freunde“ verschieden. Sie reichten sich die Hand, Andreas schaute mit gerunzelter Stirn zu Ron, sagte aber nichts weiter.

„Ron, ich hab da einen Vorschlag ausgearbeitet, schauen wir uns den Mal an“, ging zum Tisch und zog aus seiner Tasche einen Plan.

„Ich bin kein Streckenplaner, hab mir aber auf einigen Internetseiten Ideen gesucht und dachte es mir so…“

Andreas hatte letztendlich genau des Pudels Kern getroffen. Ein großer Außenring für Fahrten mit dem Moped mit langen Graden. Im inneren die Strecke für die Quads. Ein altes Wasserloch sollte zum Durchfahren für die besonders mutigen mit eingebaut sein. Auch Huckel und andere Hindernisse sollten in den Streckenverlauf mit eingebracht werden.

„Das ist echt super, wird aber ganz schön lange dauern, das anzulegen“, sinnierte Ron vor sich hin.

Andreas schaute vom Plan auf.

„Gib mir eine Planierraupe und das Ding ist in zwei Tagen fertig. Du willst doch keine befestigten Wege, es sollen doch Geländefahrten werden, die du machen möchtest. Das ist also schnell erledigt. Viel länger dauert es einen Zaun darum zu bauen.“

Das mussten sie leider machen. Die Jugendlichen wären sicher noch nicht im Besitz eines Führerscheines, deshalb musste das Gelände eingezäunt werden. Ein Zugangsweg hatte Andreas auch eingeplant, der vom Hof aus zur Strecke führte. Es musste zwar der Zaun um das Objekt an der Hinterseite geöffnet werden, aber so war ein sicherer Zugang zur Strecke gewährleistet.

Ron war froh, dass der Vorschlag auch von Olaf und Heinrich als gut gewertet wurde. „Andreas, wenn ich die Raupe miete, dann machst du die Strecken klar, oder hab ich dich da falsch verstanden?“

Andreas sah ihn grinsend an.

„Das mache ich tatsächlich, aber erst in zwei Tagen, ich hab noch ein Projekt am Laufen. Aber sobald ich es fertig habe, komme ich und mach mich an die Arbeit.“ Ron reichte seinem Freund die Hand und lud ihm zu einer Besichtigungstour ein.

Er staunte nicht schlecht, was schon alles entstanden ist, das Schwimmbecken nahm auch schon Form an und der Anbau war fast fertig. Als sie in einer ruhigen Ecke allein waren schaute Andreas zu Ron.

„Sag, ist Olaf wirklich dein Freund?“

„Ja, er ist das Beste, was mir jemals passiert ist.“

„Meinst du nicht, dass er ein wenig zu jung für dich ist? Er ist doch noch ein Kind.“

Andreas schaute seinen Freund musternd in die Augen.

„Er ist neunzehn, hat eine abgeschlossene Lehre und ich liebe ihn“, Ron schaute unsicher.

Andreas dagegen holte tief Luft und nickte bedächtig.

„Also, dass sieht man ihm nicht an. Entschuldige, ich wollte, ich meine…“

„Ist schon gut Andreas. Das geht nicht nur dir so, dass sie ihn falsch einschätzen. Aber du hast Recht, er sieht verdammt schnuckelig aus“, und beide gingen lachend ins Haus zurück.

Dort wurde durch den Chefkoch und Olaf das Mittag zur Ausgabe vorbereitet. Ralf weihte seine neue Küche mit einem deftigen Eintopf ein, was unter den Bauarbeitern zu einigen spöttischen Bemerkungen herhalten musste. Aber als sie erst mal aßen, wurde deren Appetit immer größer. Er hatte es geschafft, sie alle in seinen Bann zu ziehen, auch mit so einem einfachen Essen. Heinrich fand es spitze und Hannelore sagte so etwas wie: >Hätte ich auch nicht besser hinbekommen<.

Alle waren zufrieden und Ron glücklich, den Koch zu haben, der ihm schon immer Gaumenfreuden bereitete. Nach dem Essen verabschiedete sich Andreas von seinen Freunden, mit der Zusage am Montag die Arbeiten aufzunehmen. Der Nachmittag tröpfelte so vor sich hin. Ron wurde immer mal wieder gerufen, Olaf war am Einrichten der Werkstatt und Heinrich sichtete die neuen Unterlagen und Rechnungen. Hannelore war bei ihrem Neffen in der Küche und half dort etwas aus.

Ron schaute grade aus einem der Fenster im mittleren Stock, als der Möbelwagen mit seinen Sachen den Hof befuhr. Er eilte die Treffen hinunter und wies den Trägern den Weg zu seiner Wohnung. Nun war er ganz mit dem Einrichten seiner Heimat beschäftigt. Er wuselte im Zimmer umher und zeigte, wo was stehen sollte. Olaf trat vorsichtig hinter ihm und legte eine Hand auf seine Schulter. Fast hätte er aufgeschrien, konnte es aber grade noch so unterdrücken.

„Ich muss los, die Fahrstunde“, sagte der strohblonde und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange.

Schon war er verschwunden und Ron eilte wieder durch sein Wohnzimmer, das grade eingeräumt wurde. Der Lärm im Haus verebbte, die Feierabendzeit war ran und Ron glücklich, dass die wichtigsten Sachen aufgebaut waren. Es war noch viel zu tun, aber die nächsten Tage hatte er Zeit. Olaf und Ralf wollten ihm am Wochenende helfen. Das Haus leerte sich, bis am Ende nur noch Heinrich Hannelore und Ralf im Büro saßen. Sie waren alle zufrieden mit dem Tag, wenn auch Hannelore nicht so glücklich schaute.

Die drei verabschiedeten sich und Ron ging noch mit nach draußen um das Hoftor zu schließen. Dann war er allein auf seinem Grundstück. Das wurde ihm nun erstmals in der Stille bewusst.

Er zündete sich eine Zigarette an und drehte eine kleine Runde über den Hof. Ein Gefühl der Erregung stieg in ihm auf. Er konnte es einfach nicht fassen, der Herr über das Ganze zu sein. War er nun im Begriff, egoistisch zu werden? Nein, so war es nicht, aber er erfreute sich an seinem Besitz. Er ging ins Haus, verschloss die Tür und eilte in seine Wohnung.

Viele Sachen hat er noch nicht da, aber etwas zum Umziehen hatte er schon. Er wollte sich nach diesem Tag erst einmal frisch machen. Also suchte er die Sachen und… Verdammt, wo war das Handtuch? Er hätte seine Tasche auch umkrempeln können, aber es war keines zu finden. Sie lagen noch alle im Haus der Schuberts. Und um diese Zeit noch mal loszufahren, hatte er auch keine Lust mehr.

Er nahm die Sachen unter den Arm und ging nach unten. Diese Stille war er gar nicht gewohnt. Kein Mensch weit und breit. Zum ersten Mal ganz allein im Haus, brachte seine Fantasie zum überkochen.

Was würde er jetzt mit Olaf machen, wenn dieser hier wäre? Sie könnten gemeinsam duschen und nackt durchs Haus laufen, sich einfach so trocknen lassen. Aber wieso sollte er es nicht allein machen? Also ging er zu den Duschen im Keller und zog sich langsam aus.

Hoffentlich gab es schon warmes Wasser, gesagt hatten es die Handwerker, aber selbst getestet hatte er es noch nicht. In der Dusche drehte er vorsichtig den Hahn auf und nach kurzer Zeit war das Wasser angenehm warm. Er stand in dieser großen Gemeinschaftsdusche ganz allein, es war für ihn ein seltsames Gefühl.

Kein Mensch würde kommen, aber wie sehr sehnte er sich Olaf herbei. Was würde er mit dem strohblonden Jungen alles anstellen. Seine Hand wanderte seinen Körper immer weiter herunter, bis er seine Erregung ergriff.

Unter dem warmen Strahl der Dusche schloss er die Augen und versuchte sich Erleichterung zu verschaffen, aber so richtig wollte es nicht gelingen. Zu ungewohnt war die Umgebung. Er öffnete die Augen wieder und schüttelte mit dem Kopf. Er griff zum Rasierer und begann sich nach Tagen zu enthaaren. Er mochte es, seinen Körper so makellos zu sehen. Viel Zeit ließ er sich dabei. Endlich war es geschafft und kein unnötiges Haar zierte mehr seinen Körper. Er duschte sich noch ab und ging in den Umkleideraum.

Dort betrachtete er sich in einem der Spiegel und war zufrieden mit seinem Aussehen. Er drehte sich mehrmals, um auch alles von sich zu sehen, nein, eitel war er nicht, aber er mochte seinen Körper, er war stolz darauf. Einige Kilo mehr würden ihm sicher auch stehen, aber bei der Küche von Ralf, war er sich sicher, diese auch auf die Rippen zu bekommen.

Wieder tauchte das Bild von Ralf vor ihm auf. Er besah sich selbst im Spiegel und begann sich langsam zu verwöhnen. Kurz vor dem Höhepunkt hörte er auf, streichelte sich selbst und nach einer Pause wiederholte er das Ganze.

Bald würde er nicht mehr können und der Punkt wäre überschritten dachte er grade wieder, in einer der vielen Pausen. Aber er wollte, er musste sich Erleichterung verschaffen und begann wie ein wilder an sich zu reiben. Der Höhepunkt kam so kräftig und überwältigend über ihn, dass er taumelte und sich, immer noch entleerend, rückwärts auf die Bank fallen ließ. Seine Augen hatte er vor Geilheit geschlossen und genoss einfach nur das Pulsieren seines Schwanzes.

So heftig war er schon lange nicht mehr gekommen und öffnete seine Augen, um sie sogleich wieder zu schließen. Sein Gehirn schien bei der Flut der Informationen zu kochen, alles an seinem Körper begann zu zittern, aber er traute sich nicht, die Augen wieder zu öffnen. Er fiel in ein Loch, das er so tief noch nie erlebt hatte. Immer mal wieder, kurz nach dem Höhepunkt, fiel er in ein solches Loch. Dann dachte er immer daran, ob es wirklich wert war, sich mit diesem Typen einzulassen. Was vorher noch schön und geil war, war im nächsten Augenblick einfach nur noch abstoßend und fade.

Aber dieses Loch war tiefer. Er fühlte sich so beschissen, wie noch nie, nach einem Höhepunkt. Das lag aber nicht an der ungewohnten Umgebung, die ihm auch schon solche Gefühle verschafft hatte. Es lag an dem Bild, das seine Augen wahrgenommen hatten, als er sie kurz öffnete.

Und dieses Bild ließ sich nicht löschen. Es war keine Einbildung, zu klar war es. Er begann zu zittern, als er weiche Hände auf seinen Knien spürte. Mit aller Kraft presste er die Augen und den Mund zusammen, um nicht loszuschreien. Dann spürte er einen warmen Hauch an seiner Wange und ein kleines Licht begann in seiner Grube zu leuchten.

Er merkte, wie die Hände auf seinen Knien sich ein Stück nach oben schoben und der Hauch im Gesicht kam näher. Das Licht wurde etwas heller und erstrahlte plötzlich, als sich zwei warme Lippen auf die seinen legten.

Er wurde ruhiger, das Zittern ließ nach und seine Lippen öffneten sich leicht. Eine Zunge verlangte Eintritt und zaghaft öffnete er den Mund weiter. In diesem Moment wuchs sich das Licht zu einem wahren Feuerwerk aus.

Er schaffte es, seine Arme, die immer noch schwer wie Blei waren anzuheben und sich auf dem Rücken seines gegenüber sitzenden zu legen. Die Lippen lösten sich wieder von seinen und er hatte das Gefühl, aus der Grube gesprungen zu sein.

„He, keine Angst. Sei ganz ruhig und schau mich an“, eine bekannte Stimme nahm er wahr und ein warmer Schauer durchflutete seinen Körper.

Er öffnete zaghaft die Augen und sah in zwei wunderschöne blaue Augen, die etwas von einigen strohblonden Haarsträhnen verdeckt waren. „Ich liebe dich“, und die Augen kamen wieder näher, bis er wieder die weichen Lippen auf seine spürte.

Er ließ sich fallen, aber nicht mehr in die Grube, sondern in ein noch nie erlebtes Glück. Olafs Hände schoben sich weiter in seinen Schritt, glitten über die Tropfen der Lust, die er noch vor wenigen Sekunden vergossen hatte und umfasste dann seine Taille und glitten seinen Rücken nach oben.

Von dort wanderten sie über seine Schultern zu den Brustwarzen und wieder über Glückstropfen. Schließlich hielten sie seine Männlichkeit und strichen um seine Scham, die sich so glatt und rutschig anfühlte. Die Lippen lösten sich wieder und beide sahen sich an. Ron begann mit seinen Armen den Rücken von Olaf zu streicheln.

Dieser schloss vor Verlangen die Augen und ein Laut drang aus seinem Mund. Er fuhr mit der Hand unter sein Hemd und spürte zum ersten Mal diese glatte, seidige Haut seines Freundes. Olaf hob die Arme und Ron streifte ihm das Hemd mit einer schnellen Bewegung über den Kopf. Ron stand auf und zog Olaf mit in die Senkrechte.

Er umschlang seinen Körper und zog ihn dicht an seinen. Er spürte auf seiner nackten Haut die Erregung, die sich in der Hose von Olaf bemerkbar machte.

„Darf ich?“, fragte er vorsichtig und schob die Fingerspitzen unter dem Hosenbund.

„Ja“, hauchte ihm dieser ins Ohr und zog seinen dünnen Bauch noch weiter ein, so dass die Hose fast schon von allein runtergerutscht wäre. Aber die Erregung hielt sie. Ron fuhr mit den Fingerspitzen den Hosenbund nach vorn herum und hob diesen über den steifen Schwanz seines Freundes. Die Hose rutschte bis zu den Knöcheln herunter und beide standen nackt und eng aneinander in der Umkleidekabine.

Es war ein berauschendes Gefühl für Ron, der eben noch in der tiefsten Grube seines Lebens gesessen hatte. Er wurde auch wieder erregt, von den Berührungen der Hände auf seinem Rücken. Sein Schwanz begann sich langsam wieder zu erheben und dann spürten sie beide, wie ihre Schwänze dicht aneinander lagen und sich heiß, sehr heiß anfühlten.

Ron setzte sich wieder auf die Bank und betrachtete Olaf seine Erregung aus nächster Nähe. Es war ein schöner, nicht zu großer und zu langer, aber dafür steil aufgerichteter Schwanz, den er zu sehen bekam. Er war umringt von einem Kranz Schamhaaren und auch der Sack war leicht behaart.

Er legte seine Hände auf den festen Po von Olaf und zog ihn dichter zu sich. Als er ganz dicht bei ihm vor dem Gesicht war, öffnete er seine Lippen und nahm ihn in seiner Höhle auf. Olaf entwich ein Stöhnen, und Rons Hände bemerkten ein Zittern in den kleinen strammen Apfelbäckchen. Langsam schob er mit den Lippen die Vorhaut zurück, setzte neu an und leckte über die entblößte Eichel.

Das Zittern wurde stärker und Ron bewegte mit seinen Händen den Unterleib von Olaf so, dass dieser immer ein Stück in seine Mundhöhle vordrang, dann wieder zurück. Nach einigen Bewegungen ging ein Zucken durch Olafs Körper. Er warf den Kopf in den Nacken, stöhnte laut auf und sein Schwanz begann zu pumpen.

Ron zog ihn dicht an sich heran und merkte, wie sich sein Freund ergoss. Er schluckte das erste Mal in seinem Leben den Saft eines anderen und war so überrascht vom schnellen Eintreffen des Ereignisses, dass er immer mehr saugte, dann wieder schluckte. Olafs Körper zitterte wie Espenlaub, er sank leicht nach unten, seine Knie gaben immer mehr nach, bis er auf den Fliesen ankam und seinen Kopf auf die Knie seines Freundes legte. Er atmete hechelnd, hielt die Augen geschlossen und Ron war dankbar.

Er strich mit seinen Händen über den Rücken von Olaf, der nach einer ganzen Weile seinen Kopf hob und ihn von unten ansah.

„Das war das geilste, was ich bisher erlebt habe.“

Er sagte es mit sehr leiser, zitternder Stimme und Ron strich weiter über seinen Rücken. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich beide wieder beruhigt hatten. Sie atmeten ganz gleichmäßig und Olaf erhob sich aus seiner Position und setzte sich neben Ron. Beide hielten sich im Arm und nahmen den Geruch des anderen auf. Sie schauten sich in die Augen und ein unendlich langer und zärtlicher Kuss folgte.

„Lass uns duschen, ich klebe“, brachte Ron als erster wieder einen klaren Gedanken vor. Olaf nickte, sie standen auf und gingen in die Gemeinschaftsdusche.

Bevor sie das Wasser anstellten nahmen sie sich noch mal in den Arm und küssten sich. Rons Erregung stand noch immer, was Olaf zu einen Lächeln brachte.

„Nach dem Duschen mach ich es dir“, und Olaf drehte den ersten Hahn auf.

Die Stimmung war plötzlich ganz gelöst. Sie seiften sich gegenseitig ein und alberten auch wieder rum.

„Findest du das besser, ich mein ohne Haare am Schwanz“, und Olaf sah Ron fest in die Augen.

„Ja, es ist auch viel hygienischer“, sagte Ron und wollte wieder nach Olaf greifen. Der hatte sich aber mit einer schnellen Bewegung aus dem unmittelbaren Bereich von Ron entfernt, stand nun an der Ablage, und griff sich den Rasierer von Ron.

„Dann will ich es auch machen“, sagte er und setzte den Rasierer ungeschickt an.

„Warte, pass auf und schneid dich nicht“, rief Ron und machte einen großen Schritt auf Olaf zu.

Dieser hielt inne und sah ratlos zu Ron.

„Ich hab so ein Teil noch nie in der Hand gehabt, kannst du es mir zeigen?“

Ron nahm ihm den Rasierer ab und nickte. Er hockte sich vor Olaf und begann ihn die Schamhaare zu entfernen. Erst war es ungewohnt für ihn, einen anderen zu rasieren, dann hatte er den Kniff raus.

Es dauerte nicht lange und Olaf sah an sich herunter und schaute sich das ungewohnte Bild an, das er sich selber bot. Er strich mit der Hand über seine Scham und sein Schwanz begann sich wieder zu erheben.

„Das ist ein echt geiles Gefühl, ich glaub ich könnte schon wieder“, sagte er leise und Ron lächelte.

Sie duschten sich noch ab.

„Wir müssen aber lufttrocknen“, sagte Ron und Olaf schaute ihn verwirrt an.

„Ich hab keine Handtücher hier.“

„Ah, verstehe.“ Olaf griff Ron am Arm und zog ihn auf den Flur.

Beide gingen, nackt wie sie waren zur Kellertür und Ralf verriegelte sie von innen und sah Ron grinsend an.

„Solltest du in Zukunft immer machen. Dann kann dich auch keiner überraschen.“

Ron lächelte gequält.

„Was willst du überhaupt hier, ich mein, eigentlich hätte ich dich erst morgen erwartet.“

Olaf senkte den Kopf.

„Ich dachte, ich besuch dich mal in deiner ersten Nacht.“

„Bleibst du bei mir?“

„Wenn ich darf“, und er schaute Ron grinsend an.

„Sicher kannst du bleiben, hast du schon was gegessen nach der Fahrschule?“

„Nein, lass uns Ralfs Kühlschrank plündern“, und zog Ron zum Treppenaufgang.

Nackt wie sie waren gingen sie durch das Haus und machten sich in der Küche über einige Leckereien her, die Ralf sicher nicht für ein Abendmahl in dieser Form eingekauft hatte. Anschließend gingen sie noch in den Keller, holten ihre Sachen, ohne sie aber anzuziehen und gingen in die Wohnung von Ron. Sei bezogen das Bett gemeinsam, stellten hier und da fest, was noch alles fehlte in der Wohnung und kuschelten sich dann ins Bett.

„Ron, ich liebe dich“, kam es auf einmal ganz leise.

Er drehte sich zu seinem Freund und seine Hand ging auf Wanderschaft. Als sie flach auf seiner Brust lag, konnte er den Herzschlag spüren.

„Ich dich auch. Schon vom ersten Tag an.“

Olaf seine Hand ging ebenfalls auf Wanderschaft und kam auf dem Schenkel von Ron zu liegen. Er schob sie höher und spürte die Erregung von Ron. Zärtlich zog er ihm die Vorhaut runter und begann seinen Mast zu reiben. Ron suchte ebenfalls den Kontakt zum Freund, seines Freundes und machte es ihm nach.

Glücklich schliefen sie nah beieinander liegend ein und beide hatten einen schönen Traum.

*-*-*

Am nächsten Morgen kitzelte die Sonne ihre Gesichter. Sie schlugen fast gleichzeitig die Augen auf und sahen einander lächelnd an.

„Guten Morgen mein Schatz“, und Ron schaute verliebt zu Olaf. Der streckte sich erst einmal. „Hast du auch so gut geschlafen, wie ich?“ Ron nickte.

„Lass uns frühstücken, mal sehen ob Ralf schon da ist.“

Sie standen auf und zogen sich erstmals seit gestern Abend wieder etwas an.

„Du weißt, dass wir das nie mehr machen können. Wenn Ralf hier erst eingezogen ist, geht es nicht mehr, dass wir nackt durchs Haus laufen. Und wenn erst mal die Jugendlichen hier wohnen, dann schon gar nicht.“

„Schade, mir hat es gefallen so ungezwungen rumzulaufen. Es ist doch eine etwas andere Erfahrung.“

„Bleibst du heute da, oder musst du wieder nach Hause?“

„Darüber wollte ich mit dir noch reden. Also ich dürfte schon dableiben…“

„Aber?“ Ron sprach aus, was Olaf nicht beendete.

„Aber willst du eigentlich, dass ich hier bleibe?“ Ron schnappte sich den strohblonden Kerl, umarmte ihn, gab ihn einen Kuss auf den Mund und sagte: „Ja“.

Olaf strahlte seinen Freund an.

„Du kannst von mir aus auch deine Sachen holen und bei mir einziehen.“

Olafs grinsen wurde noch breiter.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich.

„Nach dem Frühstück fahr ich los und hol sie.“

Damit hätte Ron nun nicht gerechnet, aber ihm war es recht.

„Wir müssen aber zuerst noch in die Stadt einkaufen. Du weißt, was wir noch alles für die Wohnung brauchen.“

Olaf nickte.

„Dann werden wir den Vormittag nutzen um in die Stadt zu fahren, am Nachmittag holen wir meine Sachen und am Abend…“

Er ließ den Satz unbeendet, aber Ron verstand und grinste.

„Gut, machen wir es so. Nun aber nach unten und mal schauen, ob Ralf schon da ist.

Ralf stand in der Küche und grübelte. Als er die beiden sah hob er eine Augenbraue hoch. „Morgen ihr zwei.“

Sie kicherten über den Gesichtsausdruck von Ralf und wünschten ihm ebenfalls einen guten Morgen.

„Ich hab keinen kommen gehört und das Haus war auch noch verschlossen. Habt ihr beide…“ „Ja, wir haben beide hier geschlafen“, nahm ihn Ron den Satz aus dem Mund.

Er schaute erstaunt, dann begann er zu grinsen.

„Ah ha.“

Ron grinste ihn immer noch an und Ralf nickte wissend.

„Hast du einen Kaffee für uns? Außerdem, was machst du an einem Sonnabend hier?“

„Kaffee mach ich gleich und um dir deine zweite Frage zu beantworten, ich arbeite, auch sonnabends“, drehte sich um und bestückte die Maschine.

„Wir wollen nachher noch in die Stadt, etwas für unsere Wohnung holen“, begann Ron beiläufig. Ralf drehte sich ruckartig um.

„Eure Wohnung?“

„Ah, das wollte ich dir noch sagen, Olaf zieht bei mir ein.“

Ralf schaute von einem zum anderen, sah strahlende Gesichter und musste nun auch lächeln. „Schade dass meine Wohnung noch nicht fertig ist, dann hätten wir drei heute noch feiern können.“ >Gut das seine Wohnung noch nicht fertig ist, so können wir heute noch feiern< dachten die beiden und erahnten den Gedanken des anderen.

„Ralf, es dauert doch nicht mehr lange, dann ist es soweit.“

Ron setzte sich an den Tisch, gefolgt von Olaf mit Tassen in der Hand und Ralf mit dem Kaffee.

„Wie war die erste Nacht in der neuen Wohnung? Man sagt ja, was man dann träumt wird wahr.“

„Also ich hab gut geschlafen, aber was ich geträumt habe, hab ich vergessen“, Ron nahm einen Schluck Kaffee.

„Ich hab was geträumt, es war gut, aber ich werde es nicht verraten“, grinste Olaf und nippte auch an seiner Tasse.

„Hauptsache es wird wahr“, sagte Ralf abwesend und blättere in der Anleitung vom Konvektomaten.

Sie verabschiedeten sich vom immer noch lesenden Ralf und machten sich mit dem Transporter auf in die Stadt. Dort hatten sie allerhand einzukaufen und fuhren wieder, nach einem kleinen Imbiss, zurück, um die Sachen nach oben zu schleppen.

Ralf war immer noch in der Küche beschäftigt, grüßte sie nur kurz und war wieder weg. Als sie die Sachen eingeräumt hatten gingen sie wieder in die Küche.

„Das ist ja ein ganz tolles Gerät, aber ich glaub um es zu bedienen, muss ich auch noch studieren“, und Ralf schüttelte resignierend den Kopf.

„Also ich kann dir dabei nicht helfen“, sagte Ron und zuckte mit den Schultern, „du wolltest dieses Teil haben, also sieh zu, wie du damit klarkommst.“

Ralf schaute auf.

„Die Grundfunktionen kenn ich ja, aber was man damit noch alles machen kann ist beeindruckend. Nur es ist alles so komisch beschrieben.“

„Du hast ja noch Zeit, um alles zu probieren. Wir fahren ins Dorf, um die Sachen von Olaf zu holen.“

„Soll ich einen Kaffee machen, wenn ihr wiederkommt?“

„Das wäre sehr nett von dir. Also, bis gleich.“

Die beiden stiegen wieder in den Transporter und fuhren zum Haus der Richters.

*-*-*

Ron schnappte sich ein großes Blumengebinde und ging zuerst zum Schubertschen Haus. Hannelore war erstaunt und glücklich, Ron wiederzusehen. Er erklärte kurz den Grund seines Besuches.

„Das ist ja toll, also zieht er wirklich zu dir. Ursula hat gestern schon was zu mir gesagt, aber ich konnte es nicht glauben.“

Rons Gedanken rotierten. Gestern schon was gesagt? Da wusste er selbst noch nicht mal, dass es so kommen würde. Als er dann im Richterschen Haus war, begann er zu begreifen. Die Sachen waren fast alle schon gepackt, das hätte Olaf nie und nimmer in der kurzen Zeit eben geschafft.

„Olaf, seit wann wusstest du, dass du bei mir einziehen wirst?“

Olaf schaute ihn mit seinem hinreißensten Ausdruck an.

„Ich wusste es seit unserem ersten Treffen“, und gab ihm einen Kuss.

Da hatte er Ralf aber mit der Antwort überrumpelt. Der lachte und schnappte sich Sachen um sie zum Transporter zu bringen. Mutter und Vater von Olaf halfen auch und so war der Auszug des Sohnes schnell erledigt.

Der Abschied viel nicht schwer, wohnte der geliebte Sohn immer noch im Dorf. Als sie auf den Hof fuhren, hupte Olaf und Ralf erschien zusammen mit Anne auf dem Hof. Sie begrüßten sich und Anne gratulierte Olaf zum Ein- und Auszug. Sie packte auch sofort mit an und mit vereinten Kräften waren die Säcke und Taschen schnell nach oben gebracht. Zum Auspacken blieb Olaf keine Zeit, auch die Säcke von Ron blieben vor den Schränken stehen.

Alle vier saßen gemütlich bei einer Tasse Kaffee.

„Morgen wollen Anne und ich in die Stadt, kommt ihr mit?“

Ralf schaute in die Runde.

„Nein, wir müssen noch auspacken und in der Wohnung noch etwas machen. Aber nächstes Wochenende können wir gemeinsam was unternehmen.“

Ralf und Anne nickten.

„Kann ich dein Auto haben?“

Ralf wirkte plötzlich ganz schüchtern, als er Ron die Frage stellte.

„Welches möchtest du denn?“

„Also wenn ich darf…“

„Hier“, und Ron reichte ihm den Schlüssel von SUV.

„Danke“, kam es grinsend von Ralf.

Kurze Zeit später verabschiedeten sich die beiden und Ron schloss hinter ihnen das Tor und die Haustür. Wieder waren sie allein und es herrschte wieder diese einmalige Stimmung im Haus. Ron ging nach oben, wo er Olaf beim Auspacken der Sachen fand.

„He, schnapp dir ein Handtuch und lass uns duschen, auspacken können wir auch noch morgen.“ Ron grinste lüstern, aber Olaf nahm den Vorschlag sofort an. Sie zogen sich aus und wie gestern gingen sie splitternackt durchs Haus in den Keller. Diesmal hatten sie aber Handtücher dabei, wie sie lachend feststellten.

Nach dem Tag tat die Dusche den beiden richtig gut. Sie seiften sich gegenseitig ein und erlösten sich von ihren Qualen. Lachend gingen sie in die Küche, bereiteten sich etwas zu essen und verschwanden in der Wohnung. Zum ersten Mal testeten sie auch den Fernseher, aber alles funktionierte einwandfrei.

Am nächsten Tag waren beide beschäftigt, ihre Sachen in die Schränke zu verstauen. Anschließend richteten sie die Wohnung her, dekorierten und Bilder kamen an die Wand. Es machte ihnen so viel Spaß, dass sei die Zeit darüber vergaßen.

Sie suchten im Kühlschrank noch einige Leckereien, die sie dann gemeinsam im Bett verdrückten. Grade wollte Ron sich Olaf nähern, als dieser bemerkte, dass sein Schatz schon schlief. Er zog die Decke richtig über ihn und hauchte einen Kuss auf die Wange. Er sah so niedlich aus. Er schaute ihm noch eine Weile zu, als auch ihm die Augen zufielen.

Ein Poltern riss die beiden aus dem Schlaf. Die Sonne schien ins Zimmer und der Alltag hatte sie wieder. Unten auf dem Hof wurde die bestellte Raupe abgeladen. Sie gaben sich nur flüchtig einen Kuss und rannten nach unten. In der Küche war Ralf beschäftigt, das Frühstück herzurichten. Immer mehr Handwerker eroberten das Haus wieder und rissen es aus seinem Schlaf.

Kaum hatten sie aufgegessen, kam auch schon Andreas gut gelaunt und setzte sich auf eine Tasse Kaffee zu ihnen.

„So, dann kann es losgehen. Ich fahr nachher noch mal alles ab, mache mir Zeichen und fange dann an die Strecken anzulegen.“

„Was ist mit dem Zaun?“

Ron schaute zu Andreas.

„Die Arbeiter kommen morgen. Es geht wohl schneller als gedacht.“

Andreas schaute zufrieden in die Runde.

„Auf, auf ihr müden Leiber, der Wald steckt voller Weiber“, Andreas erhob sich und Ron grinste über den schon lange nicht mehr gehörten Spruch von ihm.

Alle machten sich wieder an die Arbeit. Heinrich saß auch wieder im Büro und ordnete Akten.

„Ron, so wie ich das sehe, werden die Arbeiten schneller fertig, als ursprünglich gedacht. Wann soll es denn losgehen mit dem ersten Durchgang?“

Ron traf die Frage wie ein Hammer. In zwei Wochen würde wirklich alles fertig sein, also hieß es keine Zeit mehr zu verlieren, um den ersten Durchgang zusammenzustellen. „Heinrich, in zwei Wochen wollen wir die ersten Gäste begrüßen, ich werde mich gleich darum kümmern.

Er schnappte sich das Telefon und seinen Adresskalender und begann zu telefonieren. Er hatte genügend Stellen, die er anrufen konnte. Immer wieder erklärte er den Verantwortlichen, worum es ging und welche Jugendliche in Frage kommen würden. Die Jugendlichen sollten sich untereinander nicht kennen, um schon im Vorfeld Gruppenbildungen auszuschließen.

Auch wollte er den ersten Durchgang auf zehn begrenzen. Es sollte sich erst mal einspielen, sie mussten sicher viel improvisieren. Einige Einrichtungen, die er anrief standen der Sache ziemlich skeptisch gegenüber. Sie wollten erst mal abwarten, wie sich das Projekt entwickelte und dann entscheiden, ob sie Jugendliche schicken wollten.

An Abend hatte er schon fünf Namen auf seiner Liste zu stehen. In den nächsten Tagen hatte er schon neun, fehlte noch einer. Er rief bei Karl an, der sehr erfreut war, etwas von ihm zu hören. Ron erzählte wie weit sie waren und dass es in einer Woche losgehen würde. Karl hörte aufmerksam zu.

„Ron, ich hab da jemand, der passen würde, Ich frage ihn und dann melde ich mich noch mal bei dir.“

Ron war zufrieden. In den letzten Tagen lief alles hervorragend. Ralf hatte seine Wohnung bezogen, die Zimmer waren eingerichtet. Auch das Schwimmbad war fertig, in der nächsten Woche sollte noch die Technik eingebaut werden, dann stand nur noch die Wasserfüllung an. Auch die Werkstatt von Olaf präsentierte sich in einem sehr guten Zustand, die Garage stand voll mit Mopeds und Quads und die meisten Gewerke waren abgezogen. Der Versorgungsgraben war fertig und die Leitungen lagen.

Auch das Telefonnetz wurde von der Telekom eingerichtet und der provisorische Gastank konnte wieder verschwinden. Und das wichtigste: Ralf hatte seinen Konvektomaten voll im Griff. Täglich bewirtete er seine Mannschaft mit einem herrlichen Mittag und bastelte schon am Plan für den ersten Durchgang.

Bei Ron und Olaf war alles wie am ersten Tag. Sie duschten nun in ihrer Wohnung zusammen, freuten sich auf jeden neuen Tag, um dann abends vor Erschöpfung ins Bett zu fallen. Anne kam jeden Tag zum Objekt und machte sich bald unabdingbar.

Als Ron ihr vorschlug, mit einzusteigen wäre er fast zu Boden geknutscht worden. Ralf strahlte übers ganze Gesicht und die beiden waren das glücklichste Paar als Anne zu ihrem Ralf zog.

Die Strecken waren fertig, Ron und Olaf ließen es sich nicht nehmen sie einzuweihen. Sie hatten ihren Spaß und sahen nach dem fahren auch entsprechend aus. Selbst Anne und Ralf schnappten sich ein Quad und fanden Spaß an der Sache. Ralf war aber nicht dazu zu bewegen, sich auf ein Moped zu setzen. Das überließ er Anne.

Heinrich sah die Sache sehr wohlwollend. Mehr und mehr übergab er Arbeiten an Anne, die als gelernte Bürokauffrau alles im Griff hatte.

Ein feierlicher Augenblick war das befüllen des Beckens. Sie standen ehrfürchtig dabei, als es „Wasser Marsch!“ hieß. Nach zwei Tagen war es dann auch endlich voll, aber so sehr sich die Heizung auch mühte, war die Temperatur grade mal auf achtzehn Grad gestiegen. Jedenfalls fand sich keiner aus der Mannschaft, wie sie sich mittlerweile nannten, der es einweihen wollte.

Am Sonntag vor der Anreise des ersten Durchgangs liefen Ron und Olaf durch das Objekt um noch einmal alles zu inspizieren.

„Schau mal, das Becken hat schon zweiundzwanzig Grad“, stellte Ron erstaunt fest.

„Na dann Chef, bade mal an“, grinste Olaf.

„Du kommst aber mit rein, oder hast du Angst?“

Olaf wiegte den Kopf hin und her.

„Ich weiß nicht, mir ist es noch zu kalt, ich bin doch so eine Frostbeule.“

„Komm mach schon, wer als erster drin ist, darf sich verwöhnen lassen“, und Ron zog seine Schuhe aus. Willst du nicht erst mal eine Badehose holen?“

„Dann werde ich nur zweiter“, sagte dieser und streifte schon sein Hemd über den Kopf.

Olaf betrachtete seinen Freund von der Seite. Jetzt fiel auch seine Hose und die Boxer fielen als letztes. Es gab einen Klatscher und Ron war im Becken.

„Los, komm rein, es ist wärmer als man denkt.“

Er drehte sich rum und machte einige kräftige Schwimmbewegungen. Am Ende der Bahn hielt er sich am Beckenrand fest und schaute zu Olaf, der sich nun ebenfalls begann auszuziehen. Als er seinen Schatz nackt am Beckenrand stehen sah, kam ihn wieder der Gedanke, den er schon vor längerer Zeit hatte. Er musste mal mit der ganzen Mannschaft darüber reden.

Olaf stand noch immer am Beckenrand und hielt den Fuß ins Wasser, als hinter ihm die Tür aufging und die Stimmen von Ralf und Anne zu hören waren. Er ließ sich vor Schreck ins Wasser fallen und hörte nach dem Auftauchen Gelächter.

„He, ihr seid ja schon drin. Los Anne, das können wir auch.“

Er zog sich die Schuhe aus und schaute zu Anne, die ihm skeptisch ansah.

„Hab nicht solche Angst und mach mit.“

Ralf hatte sich inzwischen ganz ausgezogen und stand auch nackt am Beckenrand.

Er setzte zu einem perfekten Köpper an und kam erst nach einigen Metern wieder aus dem Wasser hoch.

„Los, komm, es ist einfach toll“, rief er ihr zu und schwamm nach Ron an den Beckenrand.

Olaf presste sich immer noch an den Rand des Beckens. Ihm war es peinlich, dass er so überrascht wurde. Ron und Ralf gingen dagegen ganz natürlich mit ihrer Nacktheit um, obwohl Ron mit seinem Körper zu kämpfen hatte. Besonders ein Körperteil machte ihm zu schaffen, aber mit wirren Gedanken lenkte er sich ab. Noch nie hatte er Ralf nackt gesehen. Aber dieser Körper hatte es in sich.

Drahtig und durchtrainiert war er, auch zwischen den Beinen war alles in Ordnung. Anne hatte inzwischen auch ihre Scheu abgelegt und zog sich aus. Sie sprang ins Wasser und fühlte sich gleich wohl.

„Mann, ist das herrlich, hätte es nie gedacht.“

Olaf bewegte sich langsam von Beckenrand weg, machte einige Schwimmzüge und bald fühlte er sich pudelwohl im Wasser. Ron stieg aus dem Wasser und holte einen der Schwimmbälle, die am Rand lagen und warf ihn zu Olaf, der gab weiter an Anne und die traf Ralf am Kopf. Es entwickelte sich eine wahre Wasserschlacht mit Ball und bald vergaßen sie alle, dass sie nackt waren.

Als sie alle zur Ruhe kamen hielten sie sich am Beckenrand fest und ließen sich treiben.

„Sagt mal, was haltet ihr davon, das Becken immer nur nackt zu benutzen. Ist doch viel besser, als mit den nassen Klamotten am Leib“, sagte Ron und erntete Beifall.

„Aber wir müssen eine Regel machen, sagen wir mal an allen Tagen mit „M“ gehen die Männer rein und an allen Tagen mit „D“ gehen die Damen rein.“

Dieser Vorschlag von Anne wurde angenommen.

„Was ist mit den anderen Tagen?“

Olaf schaute in die Runde.

„Ich hatte schon immer den Gedanken, dass die Dorfbewohner das Becken auch mit nutzen sollten. Wie wäre es, wenn wir sie am Sonnabend und Sonntag Zutritt gewähren. Am Freitag ist dann für alle im Haus gemischt, also Weiblein und Männlein.“

„Sollen die Dorfbewohner auch nur nackt rein?“

Ralf schaute zu Ron. Der schüttelte mit dem Kopf.

„Nein, nur Montag bis Freitag ist Textilfrei. Am Wochenende mit den Dorfbewohnern zusammen natürlich nicht. Außer in der Sauna, aber das versteht sich von selbst, dass man da ohne Sachen reingeht.“

Der Vorschlag wurde von der ganzen Mannschaft angenommen und als erstes in das neu zu erstellende Regelwerk aufgenommen. Sie stellten in lustiger Baderunde weitere Regeln für das Objekt. Jeder schien durch seine Nacktheit alle Scheu abgelegt zu haben.

Das würde bei einigen Jugendlichen auch Schwellen abbauen. Das war Rons Konzept, den anderen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, ohne Unterschiede.

Sie kletterten aus dem Wasser und es war so normal für sie, dass sie gar nicht mitbekamen, dass sich Anne auch in der Herrenkabine duschte. Sie trockneten sich ab und gingen wieder in das Schwimmbad um ihre Sachen anzuziehen. Nach diesem Bad fühlten sie sich noch zusammengehöriger, als sie es schon waren.

Das hat ihre Verbundenheit noch mehr gestärkt. Am Abend wurde noch eine Flasche Sekt geköpft und auf den ersten Durchgang angestoßen. Es sollten nur acht Jugendliche kommen, zwei hatten gestern abgesagt. Grade die zwei Mädchen wollten auf einmal nicht mehr und machten einen Rückzieher.

Sicher, Mopeds und Quads waren nicht ausgesprochene Mädchensachen, aber es ging ja nicht nur da drum. Sie mussten auch nicht mitfahren, wenn sie nicht wollten. Zu keiner Aktivität bestand ein Zwang. Sie sollten nur mal andere Leute kennenlernen, ein Gruppengefühl entwickeln und mal von allem abschalten.

Die Nacht war für Ron und Olaf kurz. Sie kuschelten eng beieinander und malten sich die Sache in den schillerndsten Farben aus

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Information Vampirblut
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:37 AM - No Replies

Prolog
Leigh ist zwanzig Jahre alt, lebt und wohnt in Sydney (Australien). Er hat schulterlange dunkelbraune Haare und braune Augen. Von der Statur her, ist er sehr sportlich und schlank.
Vergil und Derek sind Vampire, die irgendwo in einer anderen Zeit… in einem anderen Land existieren.
Was aber passiert, wenn Vampire auf einen Menschen, aus einer anderen Zeit und einem anderen Land kommt, treffen… das könnt ihr hier lesen.
Mehr möchte ich dazu aber nicht verraten.
Worum es hier genau geht… sorry, aber das vermag ich eh nicht zu sagen, da sich meine Charaktere und Stories eh immer verselbstständigen und machen was sie wollen. Aber das kennt ihr ja sicher selber sehr gut, nicht.
*-*-*
Wie jeden Tag ging ich zur Uni und dachte an nichts weiter als an die bevorstehende Klausur, für die ich schon ziemlich lange gelernt hatte… jeden Tag stundenlang… wieder und wieder der selbe Stoff.
Seit nunmehr drei Semestern studierte ich Mathematik und hätte nie gedacht, dass es mir so viel Spaß machen, und dass ich so viel Elan darin entwickeln könnte… würde. Ja, es machte mir einfach Spaß dieses Fach zu studieren.
Endlich in der Uni angekommen, begann wenig später mein Kopf zu rauchen, denn ich saß an der Klausur, für die ich wochenlang gelernt hatte. Leider konnte ich mich heute irgendwie so gar nicht konzentrieren, wie ich es eigentlich wollte, denn immer wieder hörte ich eine Stimme in meinem Kopf. Eine Stimme… die mir sehr bekannt vorkam.
Natürlich versuchte ich diese Stimme aus meinem Kopf zu verdrängen, aber es gelang mir nur mäßig. Auch versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen, was nicht so ganz einfach war wie gedacht, mir aber einigermaßen gelang.
Nach zwei Stunden hatte ich den Test endlich beendet. Ich packte meine Sachen zusammen und verließ schon bald die Uni wieder. Auf dem Weg nach Hause ging ich shoppen und etwas essen, um mich ein wenig abzulenken.
Es dämmerte bereits, als ich mich auf den Heimweg machte. Die Straßenlaternen gaben zwar Licht ab, doch strahlte jede Laterne nur auf ihren Fleck, was dazu führte, dass es mir sehr dunkel auf den Straßen vorkam. An einigen Orten schien es sogar so finster, dass ich kaum die Hand vor Augen sehen konnte.
So lief ich eilig durch die Straßen und hoffte nur, dass ich mein Zuhause schnell erreichen würde. Allerdings hatte ich noch immer diese Stimme in meinem Kopf, die einfach nicht verschwinden wollte.
Verdammt, was war das nur?
Ich wusste es nicht, obgleich ich die Stimme sehr wohl kannte. Es war eine Stimme aus einem Game… einem Game das ich vor einigen Jahren gern spielte und schon von Anfang an mochte. Und die Stimme stammte eindeutig von einem Vampir… dem Hauptcharakter aus dem Videospiel.
Aber das konnte doch nicht sein. Er war doch eh nur ein fiktiver Charakter aus einem Spiel. Wie sollte er also in meinen Kopf gekommen sein… das war doch vollkommen unmöglich. Diesen Charakter gab es in der Realität doch gar nicht.
Ich schien wohl schon Gehörhalluzinationen zu haben, oder war ich einfach nur etwas überspannt… hatte vielleicht zu viel gelernt in letzter Zeit.
So ging ich weiter die Straßen entlang und wusste, dass ich in etwa zehn Minuten daheim sein würde. Aber ganz plötzlich spürte ich ein mächtiges Ziehen… es machte mir Angst und konnte mich zu allem Überfluss nicht mehr bewegen. Ich wollte weglaufen …entfliehen, aber ich hatte keine Chance.
Ich schloss die Augen, hoffend es würde sich geben. Allein, als ich die Augen öffnete und mich umsah waren die Häuser verschwunden und mich umgab ein ländliches Idyll. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte ich mich, beinahe panisch zu orientieren, was mir jedoch nur mäßig gelang.
Das träumte ich doch sicher nur…
Zu meiner Beruhigung stellte ich fest, dass ich meinen Rucksack noch immer dabei hatte… das war sehr gut, denn so fühlte ich mich um einiges besser. Es war immerhin mein Glücksrucksack, den ich immer und überall mitnahm.
Nachdem ich mich nun einigermaßen beruhigt hatte, ging ich langsam ein paar Schritte und sah mich immer wieder um. Es war niemand zu sehen und es war hier verdächtig ruhig… zu ruhig für meinen Geschmack.
Aber hier stehen zu bleiben nutzte ja nichts, so machte ich mich langsam auf den Weg die Gegend zu erkunden. Ich lief und lief und so langsam schaltete sich mein Gedächtnis ein. Ich kannte diese Gegend sehr gut… zumindest schien es so.
Noch einmal blieb ich stehen und sah mich um. Nun wusste ich es… ja, ich kannte diese Gegend nur allzu gut.
Aber diese Gegend konnte es doch gar nicht mehr geben und ich durfte eigentlich gar nicht hier sein… denn dies hier war doch nur noch eine fiktive Landschaft. Aber was, zum Teufel noch mal, hatte ich hier verloren und wie war ich hierher gekommen?!
Ich ging weiter und erreichte ein paar Stunden später eine Stadt. Die Stadt, die sich London nannte, betretend, sah ich mich immer wieder um und so langsam dämmerte mir wo ich mich befand. Was die Zeit anging befand ich mich sehr wahrscheinlich im Mittelalter.
Aber diese Stadt kannte ich dennoch besser als meine „Westentasche“, die ich nicht hatte… aber egal. Wichtig war jetzt nur, dass ich wusste wo ich mich befand.
Nun brauchte ich nicht mehr lange zu suchen und ich würde das Vampire-Caven gefunden haben.
Im Vampire-Caven trafen sich regelmäßig Vampire aus allen Ländern und Ecken der Erde. Hier wurden Feste gefeiert, oder man traf sich hier nur mal auf ein Glas… Blut und tratschte über andere Vampire oder Menschen.
Menschen hatten zu diesem Caven allerdings keinen Zutritt. Nun ja, die Menschen, in dieser Zeit machten eh einen großen Bogen um das Gebäude.
Mich immer wieder ein wenig umsehend, lief ich weiter… stoppte urplötzlich und versteckte mich.
Was ich nämlich zu sehen bekommen hatte ließ mir fast das Blut in den Adern gefrieren. Ein Vampir, den ich zudem sehr gut kannte, hatte sich an einem Menschen zu schaffen gemacht und genoss ganz offensichtlich dessen… Blut!
Also ich fand es ja immer schon ganz toll es zu spielen… es jetzt aber so richtig zu sehen… au man, das war wirklich ganz was anderes. Mich überkam der Ekel und ich musste echt aufpassen, dass ich mich nicht übergab und womöglich Panik kriegte… was mich sehr wahrscheinlich verraten hätte.
Ich versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben, denn so wie Vergil gerade aussah war er eindeutig auf der Jagd und würde sehr vermutlich auch vor mir nicht Halt machen. Bei dem Gedanken, er könnte mich finden, stieg in mir schon eine leichte Panik hoch.
Und erst jetzt fiel mir auf, dass ich hier wahrscheinlich auffallen würde wie ein bunter Hund, denn meine Klamotten passten schon mal gar nicht in diese Zeit… die ja eher mittelalterlich war. Auch mein Rucksack passte hier nicht so wirklich her, denn niemand dieser Menschen hier besaß so etwas… zumindest nicht in dieser Form.
Aber woher sollte ich jetzt andere Sachen bekommen? Und mit dem Rucksack würde ich zudem eh auffallen, denn diesen nahm ich, wie gesagt, immer und überall mit hin.
So gut wie möglich zog ich mich weiter in das Versteck zurück und hoffte, dass er mich hier nicht finden würde. Dann jedoch hörte ich Schritte auf mich zukommen…
*-*-*
Eben zu dieser Zeit befanden sich auch noch einige andere Leute auf den Straßen. Unter diesen befanden sich auch einige Wächter. Aber auch ein sehr, sehr junger Vampir befand sich auf der Straße und war ebenfalls auf der Jagd. Aber er wagte sich nicht in das Gebiet von Vergil wusste er doch um dessen harte Strafen.
Heute jedoch war er eigentlich unabsichtlich in Vergils Gebiet geraten, aber Vergil schien anderweitig beschäftigt zu sein und bemerkte ihn nicht.
Hatte sich da eben nicht etwas bewegt?
Der junge Vampir ging auf die Stelle zu, an der er etwas gesehen hatte…
*-*-*
„Wer bist du?“, fragte mich der junge Vampir, nachdem er mich entdeckt hatte.
Erschrocken, stand ich auf und wich zunächst zurück, sah ihn an und erkannte den jungen Vampir, dessen Name Derek war.
„I-ich… mein Name ist… Leigh.“, antwortete ich stotternd.
„Woher kommst du? Ich habe dich hier noch nie gesehen und… deine Kleidung… ist sehr fremd.“
„W-woher… ich …komme… d-das ist schwer zu erklären… ich… ähm… kann es nicht erklären, verzeih.“
Derek grinste und meinte dann:
„Hmm… na gut, aber du hast Glück, dass ich dich gefunden habe. Hätte Vergil dich gefunden… nun, dann wärst du jetzt schon nicht mehr am Leben.“
„I-ich weiß…“, stotterte ich wieder.
„Was ist denn los mit dir, hm? Kannst du nicht richtig reden?“
„V-verzeih… natürlich kann ich richtig sprechen…. es ist nur… ich… habe einfach Angst.“
„Vor mir musst du keine Angst haben. Komm, ich bring dich von hier weg, damit Vergil dich nicht findet, ok.“
„Ja, okay… aber ich würde Vergil trotzdem gern kennen lernen.“
„Bist du sicher, was du dir da wünschst?“
„Ja… ich bin mir sicher.“
„Okay, wie du willst. Aber sag nachher nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte. Ich hoffe du weißt worauf du dich da einlässt.“
Ich nickte nur und sah Derek an, der Real noch viel hübscher aussah, als hinter der Mattscheibe. Nun konnte ich auch meine Freunde verstehen, warum sie Derek so sehr mochten.
„Also gut, dann komm mit mir.“, erwiderte Derek und ging schon mal voraus.
Schnell eilte ich ihm nach… nun, auch wenn ich mich hier sehr gut auskannte, aber ich wusste ja nicht ob er mich nicht vielleicht irgendwohin führen würde, wo ich mich nicht auskannte.
Erst als ich ihn von hinten sah fiel es mir auf, dass er noch keine Flügel hatte, denn ich hatte mich im Stillen schon gewundert, dass er nicht flog. Aber dann fiel mir auch ein, dass Vergil ihn ja dann schon bestraft hätte… soweit ich wusste.
Er tat mir schon leid, denn er war so lieb und gut zu mir gewesen… hatte mir geholfen und mich nicht angegriffen. Sollte ich es ihm vielleicht sagen, was mit ihm passieren würde? Doch was würde ich damit ändern? Würde sich dadurch die Geschichte ändern?
So schnell ich konnte lief ich ihm nach und bat ihn:
„Derek, bleib bitte stehen. Ich muss unbedingt mit dir reden.“
Derek blieb stehen und sah mich an.
„Was ist denn los? Hast du jetzt doch Angst bekommen?“
„Nein, ich habe keine Angst bekommen. Aber Derek, da wo ich herkomme… da seid ihr Teil eines Videospiels. Und daher kenne ich euch alle und auch die ganze Gegend hier. Ich weiß auch, dass Vergil böse ist und er dich irgendwann sehr hart bestrafen wird.“
Mit einem Blick, der Bände sprach, sah mich Derek an und fragte:
„Was ist ein Videospiel? Und… warum wird mich Vergil bestrafen?“
„Vielleicht erkläre ich dir später mal was Videospiele sind, wenn wir lange genug überleben, aber jetzt musst du mir einfach glauben, was ich sage. Denn du wirst vielleicht bald eine Metamorphose durchmachen und fledermausartige Flügel bekommen.
Daraufhin wird Vergil dich hart bestrafen. Er wird dich in den Abgrund werfen lassen und du wirst dann vernichtet.
„Woher weißt du das alles?“, fragte mich Derek ein wenig erschrocken und erstaunt zugleich.
„Wie gesagt, ich weiß es von dem Spiel her und ich weiß auch, dass du schrecklich leiden wirst. Vergil wird deine Flügel verletzen… bitte, du musst mir glauben… ich will dir nichts Böses.“
Derek sah mich weiterhin an und schwieg zunächst. Dann jedoch fragte er:
„Und es ist wirklich wahr, was du mir erzählst?“
„Ja, bitte, du musst mir glauben. Ich will nur, dass du dich in Sicherheit bringst.“
„Wenn du dich hier so wunderbar auskennst, wie du sagst… dann sag mir doch mal bitte, wo ich mich in Sicherheit bringen soll… wo Vergil doch fast jeden Winkel hier in England kennt.
Und wenn es denn wahr ist, was du sagst, dann werde ich wohl mein Schicksal akzeptieren müssen. Denn Vergil würde mich auf jeden Fall finden… egal wo ich mich zu verstecken suche.“
Nun sah ich Derek ratlos in die Augen und seufzte traurig. Ich wusste, dass er Recht hatte und überlegte nun wie ich ihm helfen konnte. Es musste doch eine Lösung für das Problem geben… irgendeine Lösung… bitte…
„Ich weiß, dass du Recht hast, aber… ich könnte doch mal mit Vergil reden und vielleicht kann ich ihn umstimmen.“
„So? Und was willst du ihm sagen, hm? Willst du ihm sagen was passieren wird? Was glaubst du wird er dann tun?“
„Ich weiß nicht was er dann tun wird… aber ich könnte es zumindest versuchen.“
„Tze… er wird dir niemals zuhören. Im Gegenteil… er wird dich schneller töten, als du denken kannst und dann kann ich mein Testament machen.“
„Ich möchte es trotzdem versuchen… bitte, gib mir die Chance.“
„Sag mal… du glaubst echt an Wunder, oder? Glaubst wirklich, dass er dir auch nur einen Moment zuhören wird?! Also entweder bist du nur besonders dumm oder lebensmüde.“
„Einigen wir uns auf verrückt, denn ich habe vor mit ihm zu reden… egal was dann passiert. Ich weiß selbst, dass Vergil nicht böse ist… er ist das Böse selbst… dennoch glaube ich mit ihm reden zu können.“
„Au man, du bist wirklich verrückt. Aber gut, dann versuch es halt.“
„Danke Derek. Ich mag dich und möchte deshalb versuchen dir zu helfen… auch wenn ich dafür vielleicht mein Leben verlieren sollte.“
Derek schüttelte nur den Kopf, nahm mich dann an die Hand und ging mit mir weiter. Wir schwiegen den ganzen Weg. Es schien, als würden wir Beide… jeder für sich… seinen eigenen Gedanken nachhängen.
Nach weiterem Schweigen und schier endlosen Wegen erreichten wir eine ländliche Gegend, auch diese Region kannte ich aus dem Game. Ich wusste wohin er mich führte… zu Vergils Anwesen…
Wir erreichten das Anwesen und irgendwie stieg in mir nun doch die Panik hoch… wusste ich doch wie gemein und gefährlich Vergil war. Auch Dereks „Brüder“, die ich ebenfalls aus den Spielen kannte, waren nicht so sehr viel besser.
Würde ich es wirklich schaffen mit Vergil zu reden?
Irgendwie glaubte ich nicht mehr so recht daran, aber versuchen wollte ich es dennoch.
Noch immer fragte ich mich warum und wie ich hierher gekommen war.
„Hör mal, am besten lässt du erst mal mich reden, okay.“
Ich nickte zustimmend, doch schwieg ich nun. Wir betraten das Anwesen, doch waren wir zunächst allein. Krampfhaft versuchte ich mich zu beruhigen, denn ich wollte keine Angst zeigen, was mich womöglich noch mehr in Gefahr gebracht hätte.
„Ist alles okay mit dir?“, fragte mich Derek und sah mich sorgenvoll an.
„Ja, alles okay. Mach dir keine Sorgen.“
„Bist du sicher? Ich mein, ich merke doch, dass du Angst hast. Und wenn ich es schon merke, wird Vergil… es erst recht merken und dann hast du keine Chance.“
„Das weiß ich doch… und… ich versuche ja gerade mich zu beruhigen.“
„Mach das und… beeile dich… Vergil ist im Anmarsch.“
„Okay.“, erwiderte ich leise und zitterte nun schon ein wenig.
Das Gefühl ich würde keine Luft mehr bekommen verstärkte sich… Tränen der Angst rannen langsam über mein Gesicht und tropften leise… einsam zu Boden. Mein Herz schlug so schnell als könnte jeder Schlag der Letzte sein.
So sehr ich Vergil in dem Spiel mochte, so sehr fürchtete ich mich nun vor ihm… zumal ich ihn ja dabei beobachtet hatte… wie er einem Menschen das Blut brutal aussaugte. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, was er mit mir tun könnte.
Bei dem Gedanken wurde mir schlecht und mir schnürte sich regelrecht die Kehle zu.
Doch allzu viel Zeit, über irgendetwas nachzudenken hatte ich nicht, denn schon betrat Vergil das Anwesen und ich wich immer mehr zurück.
Vergil schien vorerst aber keine besondere Notiz von mir zu nehmen und ging auf Derek zu. Beide begrüßten sich und ich sah dem Ganzen mit gemischten Gefühlen zu.
Natürlich freute ich mich irgendwie schon Vergil endlich mal in real sehen zu können, der so lange Jahre meine Lieblingsfigur gewesen war. Und er sah genauso aus, wie ich ihn aus dem Spiel kannte.
Herrje, da konnte man ja schwach werden…
Ihn jetzt so zu sehen war schon etwas besonderes für mich, auch wenn ich wusste, dass ich mich andererseits gerade in ziemlich großer Gefahr befand.
Gegen Vergil, das wusste ich, hätte ich im Ernstfall nicht die geringste Möglichkeit mich zu wehren. Er konnte mich ganz schnell und leicht töten.
„Derek, wer ist das da?!“, fragte Vergil, auf mich zeigend.
„Vergil, darf ich vorstellen, das ist Leigh. Er möchte gern mit dir reden.“
„Ist das so?! Worüber sollte ein Mensch schon mit mir reden wollen?“
Ich hörte das Gespräch mit an, versuchte allen Mut zusammen zu nehmen, trat auf ihn zu und mischte mich nun ein:
„Bitte Vergil, es stimmt, ich würde gern mit dir reden. Darf ich?“
„Du scheinst ja ziemlich mutig zu sein. Ich könnte dich jetzt ganz leicht töten… das weißt du, nicht wahr.“, erwiderte der Vampir gehässig und näherte sich mir noch etwas.
Ich schluckte hart, als er so nahe vor mir stand, dennoch nahm ich all meinen Mut zusammen und antwortete:
„Ja, das weiß ich, denn ich kenne dich sehr gut und ich weiß auch wozu du imstande bist. Aber bitte, Vergil, gib mir die Gelegenheit mit dir zu reden. Es ist wichtig… bitte.“
„Nun gut, wenn es dir so wichtig ist… dann sprich.“, willigte er ein.
So begann ich zu erzählen was ich wusste und Vergils Augen verengten sich währenddessen immer wieder ein wenig. Er sah immer wieder zwischen Derek und mir hin und her, während er meinen Ausführungen aufmerksam zuhörte.
Nachdem ich meine Darlegung endlich beendet hatte fragte mich Vergil:
„Woher weißt du das alles? Und woher kommst du überhaupt?“
„Da wo ich herkomme kennen euch sehr viele Menschen. Ihr seid eigentlich ein Teil eines Spiels. Daher kenne ich euch ebenfalls. Ich kenne eure ganze Geschichte… jedes Detail ist mir bekannt. Meine Welt ist… die reale Welt. Eure Welt ist eigentlich eine fiktive Welt… die sich jemand ausgedacht hat.“
„Wenn das so ist, wie kommst du dann aber hierher?“
„Das weiß ich leider auch nicht so genau. Ich war auf dem Weg nach Hause und hörte immer wieder deine Stimme in meinem Kopf… dann befand ich mich urplötzlich hier in eurer Welt.“
„Hmm… und wie kommst du nun wieder zurück in deine Welt?“
„Auch das weiß ich leider nicht. Ich kann nur hoffen, dass ich das alles nur träume und irgendwann aufwache.“
„Nun, für einen Traum scheinst du mir aber sehr real zu sein.“
„Ich glaube es doch selbst nicht und ich möchte auch wieder nach Hause… in meine Welt.“
„Tja, da du es nicht weißt und wir es auch nicht wissen… bleibst du eben erst mal hier. Und da du dich ja anscheinend so gut mit Derek verstehst, wird er sich um dich kümmern.“
Nickend willigte ich ein, doch sah ich Vergil erstaunt an. Hatte DER da es gerade wirklich gesagt? Ich konnte nicht glauben, was ich von ihm gehört hatte. War DER da wirklich der Vergil, den ich kannte… oder hatte den jemand ausgetauscht?
„Und… was wird nun mit… Derek?“, wagte ich Vergil zu fragen.
„Darüber werde ich nachdenken und dann eine Entscheidung treffen.“
„Bitte Vergil, tu ihm nichts… er kann doch nichts dafür. Ich bitte dich. Ich weiß nämlich auch, dass du es irgendwann sehr bereuen wirst… wenn du ihn so hart bestrafst.“, bat ich ihn inständig und erklärend.
„Ich werde es mir überlegen… versprechen kann und will ich aber nichts.“
„Okay… schon gut.“, erwiderte ich… mehr wagte ich nicht zu sagen.
Ich wollte ihn nicht unnötig reizen oder provozieren… wo er mich doch am Leben gelassen hatte… zumindest noch….
Vergil verließ, ohne noch ein Wort zu verlieren, das Anwesen.
Derek und ich sahen uns an, zuckten mit den Schultern und wussten erst mal nicht was nun werden würde. Noch traute ich dem Frieden nämlich nicht so ganz. Man konnte ja nie wissen was diesem Vampir noch so einfiel.
„Na komm, wir suchen dir erst mal was, wo du schlafen kannst.“, meinte Derek schließlich.
„Hmm… ja, okay. Aber sag mal, hat irgendwer Vergil ausgewechselt, oder so? Ich mein, niemals hätte ich damit gerechnet, dass er mir zuhören und mich am Leben lassen würde.“
„Ich bin auch ziemlich überrascht, das hätte ich so auch nicht erwartet. Aber sei trotzdem vorsichtig… man kann ja nie wissen.“
„Das werde ich… wobei ich gegen ihn wahrscheinlich eh keine Chance hätte.“
„Das stimmt wohl, aber nun komm, ich bring dich hier weg… bevor meine Brüder kommen.“
Ich nickte einwilligend, dann verließen wir das Anwesen ebenfalls.
„Wohin gehen wir jetzt eigentlich?“, fragte ich meinen Begleiter.
„Ich bringe dich nach London… zur Villa von Jonas.“
„Ah ja… Jonas… ich verstehe.“
„Ihn kennst du auch, nicht?“
„Ja, aber er ist in dem Spiel, ein eher… na ja… langweiliger Charakter.“, erwiderte ich lachend.
„Verstehe… aber dort bist du erst mal in Sicherheit und Vergil wird dir dort nichts anhaben können.“
„Hoffen wir es mal. Aber… wenn ich es mir so recht überlege, dann könntest du doch auch dort unterkommen und dich somit vor Vergil… schützen.“
„Stimmt schon, aber ich habe nicht die Absicht meinem Schicksal zu trotzen… und ihm zu entfliehen.“
„Warum nicht, Derek. Du hast es doch am allerwenigsten verdient bestraft zu werden.“
„Mag schon sein, aber ich bin kein Feigling und ich werde mich meinem Schicksal nicht entziehen…. ich werde mich ihm stellen… egal wie auch immer es aussehen mag.“
„Warum, Derek… warum?“
„Wie ich schon sagte, ich bin kein Feigling.“
„Gut, wie du meinst… dann will ich auch nicht zur Villa und werde dein Schicksal teilen.“, stellte ich mich nun stur.
„Was soll das, Leigh?!“
„Was das soll?! Das fragst du mich nicht wirklich. Ich bin auch kein Feigling und wenn du dich nicht in Sicherheit bringst, dann will ich das für mich auch nicht.“
„Du vergisst aber, dass du ein Mensch bist und ich nicht.“
„Das ist mir so ziemlich egal, denn du hast ja scheinbar auch vergessen, dass du noch sehr jung bist und er dich leicht vernichten könnte.“, wurde ich nun noch etwas sturer und war nicht bereit aufzugeben.
„Was soll das? Warum willst du unbedingt sterben?“
„Diese Frage kann ich zurückgeben. Warum willst du dich unbedingt bestrafen lassen, hm?“
„Das sagte ich bereits, aber du… hast doch gar keinen Grund.“
„Doch Derek… ich habe einen Grund.“
„Und der wäre?!“, erwiderte Derek fragend und schon ziemlich genervt.
„Weil ich dich mag. Reicht das als Grund?“
„Ja, okay… ich bleibe dann eben auch dort.“
„Danke Derek.“, bedankte ich mich und freute mich, dass ich „gewonnen“ hatte.
Derek sah mich fragend, aber grinsend, an und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Dieser Gesichtsausdruck brannte sich tief in mein Gedächtnis ein.
Schmunzelnd schüttelte der junge Vampir den Kopf, drehte sich um und ging dann voraus. Ich beeilte mich ihm zu folgen.
*-*-*
Vergil war derweil am nachdenken. Er wollte und konnte nicht glauben was Leigh ihm erzählt hatte. Sollte er Derek wirklich verschonen? Während er nachdachte fragte er sich warum er überhaupt darüber nachdachte… das hatte er doch sonst nie getan.
Ihm kam die ganze Sache jedenfalls ziemlich merkwürdig und nicht unbedingt geheuer vor.
Er konnte sich einfach nicht vorstellen woher Leigh das alles wusste. Sicher, der junge Mann hatte ihm alles erklärt und kannte Details die er normalerweise nicht hätte wissen können. Dennoch war er sich sicher, dass Leigh ihn nur hinters Licht führen wollte.
Das… allerdings… wollte er sich nicht gefallen lassen…
*-*-*
In Jonas‘ Villa angekommen trafen wir sogleich auf den sehr alten Vampir und ich rollte in Gedanken schon mit den Augen. Au man, der war hinter der Mattscheibe hässlich und langweilig und in Real ebenfalls.
Na, das konnte ja heiter werden.
Doch ich bemühte mich um beste schauspielerische Leistungen und gab mich gespielt freundlich.
Ebenfalls freundlich wurden wir von Jonas empfangen:
„Hallo Derek. Wen hast du denn da mitgebracht?“
„Hallo Jonas. Darf ich vorstellen, das ist Leigh.“
„Hallo Leigh.“, begrüßte mich dieser langweilige Vampir.
Ich spielte mit und erwiderte:
„Hallo Jonas.“
Derek sprach dann weiter:
„Jonas, ich möchte dich bitten Leigh hier Unterschlupf vor Vergil zu gewähren.“
„Hmm… wenn ich das richtig sehe ist er ein Mensch und wir sind Vampire. Meinst du wirklich, dass das so klug ist, Derek?“
„Das ist schon richtig, aber ich…“, versuchte Derek noch etwas zu erwidern, als ich mich einmischte:
„Jonas, ich weiß, dass du mir nichts antun wirst… dazu kenne ich dich zu gut. Bitte gewähre Derek und mir deine Gastfreundschaft.“
„So? Und warum sollte ich das tun?“
„Nun, ich kenne Einzelheiten über Vergil und überhaupt über euch alle, die ich eigentlich nicht kennen dürfte, wenn ich… von hier stammen würde. Ich habe Vergil einiges erzählt, das ihm nicht gefallen dürfte und ich fürchte, dass er Derek hart bestrafen wird.“
„Und das wäre?“
Ich erzählte nun auch Jonas was ich wusste und was sich, in nicht allzu ferner Zukunft, abspielen würde. Jonas hörte mir gespannt zu und nickte ab und an ein wenig mit dem Kopf.
„Hmm… ja, das verstehe ich gut. Ich werde euch den Unterschlupf gewähren. Ihr seid hier in Sicherheit. Aber sag mal Leigh… warum willst du Derek so unbedingt retten? Und das mit deiner Welt und den Videospielen habe ich auch noch nicht so ganz verstanden.“
Mich bedankend erläuterte ich Jonas die Sache mit den Videospielen und meiner Welt noch einmal ganz genau. Sodann erklärte ich ihm auch warum ich Derek retten wollte. Dann verstand auch er was ich meinte.
„Ah ja, jetzt verstehe ich, danke. Und bitte fühl dich hier, wie zu Hause.“, meinte Jonas, bevor er sich entfernte und mich mit Derek allein ließ.
„Danke.“, flüsterte ich noch… doch hatte der es sicher nicht mehr gehört.
Gemeinsam sahen wir uns die Villa an und ich bekam nun auch „Ecken“ zu sehen, die ich nicht kannte. Wir unterhielten uns währenddessen über alles Mögliche und ganz plötzlich fiel mir etwas Wichtiges auf:
Wenn das hier die Welt aus dem Spiel war… und danach sah es aus… was suchte dann Derek hier? Ihn gab es doch in dieser Zeit gar nicht. War hier etwa was durcheinander geraten? Oder hatte sich diese Welt vielleicht verselbstständigt?
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, doch getraute ich mich nicht Derek davon zu erzählen. Er war eh schon verwirrt genug und das wollte ich nicht noch verstärken. Vielleicht würde es ja doch nicht so kommen, wie ich es kannte.
Wenn sich denn diese Welt wirklich verselbstständigt hatte… und davon ging ich derzeit aus… würde Vergil Derek vielleicht doch nicht bestrafen und… so langsam beschlich mich eine ungute Vorahnung.
Hatte ich unter Umständen mit meinen Ausführungen, Warnungen und Bitten alles kaputt gemacht? Hatte ich Vergil vielleicht jetzt auf diesen folgenschweren Entschluss oder die Idee gebracht?
Wenn ich jetzt wirklich einen Fehler gemacht hatte… so könnte ich mir das niemals verzeihen.
Sicher sie alle hier waren „nur“ Charaktere aus einer Spielserie, dennoch waren sie mir von Anfang an, als ich diese Serie entdeckt hatte, sehr ans Herz gewachsen. Wobei ich Derek anfangs nicht so mochte und eher Vergil zugetan war. Doch jetzt und hier änderte sich meine Meinung über Derek.
„Leigh?“
„Hm?“
„Hörst du mir zu?“
„Wie… was… ich… entschuldige bitte… ich war grad irgendwie in Gedanken.“
„Woran hast du denn gedacht?“
„Och… nichts weiter… ich dachte nur gerade an Zuhause.“, log ich, wollte ich ihn doch nicht unnötig beunruhigen und unter Umständen noch mehr verwirren.
„Bist du sicher, dass das alles ist, hm?“
„Ja, ja… mach dir mal keinen Kopf. Es ist alles okay.“
„Na gut, wenn du meinst. Was ist… willst du dich hier noch etwas umsehen?“
„Also, um ehrlich zu sein, bin ich doch ganz schön kaputt, denn es war schon sehr aufregend heute. Ich würde jetzt lieber etwas schlafen.“
„Hmm… ja, dann müssen wir mal sehen, ob es hier wo ein Bett oder irgendwas gibt.“
„Ach wo, ich schlaf auch auf dem Fußboden… wenn ihr wenigstens eine Decke hättet.“
„Ich denke mal, da wird sich sicher was finden. Komm mal mit.“, meinte Derek und ging mit mir in einen Nebenraum.
Bereitwillig ging ich mit Derek mit… ich wusste, dass er mir nichts antun würde… obgleich er ein Blutsauger war. In einem relativ kleinen Raum angekommen, sah ich dort tatsächlich ein Bett stehen. Es war nicht sehr groß und auch nicht unbedingt luxuriös, doch zum Schlafen würde es allemal reichen.
Ich sah Derek an und grinste:
„Hey, ich denk ihr habt hier kein Bett.“
Derek erwiderte nichts und grinste stattdessen einfach nur zurück.
„Aber ich danke dir.“
„Bitte… und ich wünsche dir eine gute Nacht.“, erwiderte der junge Vampir und verließ das Zimmer, hinter sich die Tür schließend.
Nun war ich allein… in diesem Zimmer… zum Umfallen müde. Ich nahm meinen Lieblingsrucksack ab und stellte diesen in die Ecke des Zimmers. Sodann setzte ich mich seufzend auf das Bett, sah zum Fenster und starrte hinaus, während ich über alles noch einmal nachdachte.
Völlig übermüdet legte ich mich schließlich ins Bett, deckte mich zu und schlief ein. Natürlich hatte ich nicht mehr darüber nachgedacht in welcher Gesellschaft ich mich befand… so auch nicht, dass es für mich hier eigentlich ziemlich gefährlich werden konnte.
Was wäre denn, wenn die Blutsauger ihren Blutdurst nicht mehr unter Kontrolle kriegten und mich womöglich töteten…. mich bis auf den letzten Tropfen Blut aussaugen würden…?
Dennoch schlief ich sehr gut… auch ohne Albträume…
*-*-*
Zwischenzeitlich hatte nun auch Vergil mitbekommen, dass Derek und Leigh in Jonas‘ Villa untergekommen waren und der alte Vampir den Beiden seine Gastfreundschaft gewährte.
Dies machte Vergil nun aber sehr wütend.
Was denken sich die Beiden eigentlich? Vertrauen sie mir wirklich so wenig? Das werden sie bereuen… insbesondere …Leigh., dachte Vergil und machte sich auf den Weg zur Villa…
*-*-*
Trotz der ungewohnten Umgebung, und anders als erwartet, schlief ich sehr gut und ziemlich fest. Ich drehte mich um und spürte unerwartet etwas Hartes im Rücken. Sogleich schlug ich die Augen auf und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich mich nicht mehr in „meinem Zimmer“ befand.
Schnell setzte ich mich auf und sah mich um. Wie ich sehen konnte saß ich auf dem Fußboden, jedoch nicht in „meinem Zimmer“. Ein wenig desorientiert blickte ich mich weiter um, doch konnte ich mit der Umgebung nicht allzu viel anfangen. Ich kannte diese Umgebung schlicht und ergreifend nicht.
„Ah, du bist wach… wie schön.“, hörte ich plötzlich Vergils Stimme.
Schnell sprang ich auf, als ich Vergil vor mir stehen sah.
Na toll…, dachte ich nur und erwiderte:
„Was willst du von mir, Vergil?!“
„Was ich will? Ich will Antworten von dir! Ich glaube dir deine Geschichte nämlich nicht!“
Schlimmer konnte es, meiner Meinung nach, kaum kommen… als hier mit diesem fiesen Blutsauger allein zu sein. Also war ich in der Villa doch nicht so sicher gewesen, wie ich dachte… das hätte ich mir allerdings auch denken können.
Jedoch versuchte ich so freundlich wie möglich zu sein und mir nicht anmerken zu lassen, dass ich Angst hatte.
„Ich habe dir doch schon alles erzählt. Bitte Vergil, du musst mir glauben.“
„Was ich muss oder nicht… entscheide ich selbst und deine Geschichte glaube ich dir nicht!“
Schneller als mir lieb war, packte mich Vergil am Kragen und hob mich hoch. Meine Beine hingen nun in der Luft. Ich zappelte und versuchte freizukommen, aber es gelang mir nicht. Gegen Vergils monströse Kräfte konnte ich nicht ankommen… keine Chance.
Nun bekam ich es richtig mit der Angst zu tun, denn der Vampir fletschte die Zähne. Ich dachte echt, dass dies mein Ende wäre und musste hart schlucken…
„B-bitte… l-lass mich runter… bitte…“, röchelte ich flehend und vor Angst zitternd.
„Nein…. zuerst will die ich Wahrheit von dir wissen… Bübchen!!!“, fauchte mich Vergil an, während er mich ganz nahe an sich heran zog.
„A-aber… ich… ich sage… d-die Wahrheit… bitte… glaub mir d-doch…“, antwortete ich stotternd… röchelnd nach Atem ringend.
Tränen rannen aus meinen Augen… Tränen der Angst… der unglaublichen Angst und ich machte gedanklich schon mal mein Testament, als Vergil es sich wohl doch anders überlegte, von mir abließ und mich wieder auf den Boden stellte.
„D-danke…“, stotterte ich, noch immer vor Angst zitternd… meine Kleidung ein wenig zu Recht zupfend.
„So, und nun will ich die Wahrheit wissen!“, herrschte mich Vergil an.
„Aber ich habe dir die Wahrheit gesagt. Was bitte, hätte ich davon, dich zu belügen? Allerdings ist mir eingefallen, dass es Derek in dieser Zeit hier und jetzt gar nicht geben dürfte, denn Derek wird von dir eigentlich erst sehr viel später erschaffen.“, versuchte ich diesem sturen Blutsauger zu erklären.
„Woher willst du das alles wissen, verdammt noch mal?!“
„Ich weiß es eben… woher… das erklärte ich dir bereits.“, stellte ich mich nun ebenfalls stur… auch auf die Gefahr hin, dass dies vielleicht mein Ende bedeutete.
„Also gut, und was genau willst du jetzt von mir?“
„Von dir? Nichts. Was sollte ich auch von dir wollen? So interessant bist du nämlich nicht und du musst auch nicht denken, dass sich alles nur um dich dreht. Du bist eben nicht die Achse, um die sich alles dreht.“, versuchte ich Vergil zu „beleidigen“… obgleich ich es eigentlich nicht so meinte.
Ich mochte ihn… aber so wie er sich hier benahm und sich darstellte… nein, das war selbst für mich, der ich immer wieder behauptete böse zu sein, zu viel.
Erstaunt sah Vergil mich an und grinste fies.
„Du hast ein ziemlich loses Mundwerk, für einen Menschen, und du scheinst ziemlich viel Mut zu haben, dass du es wagst so mit mir zu reden.“
„Ich werde dir mal was sagen, Vergil. Nein, ich bin nicht mutig… ich habe Angst vor dir und das gebe ich auch zu, aber… und nun sperr mal deine Lauscher auf… ich konnte dich eigentlich immer sehr gut leiden, aber was du hier abziehst, und dass du mich bedrohst… ist echt erbärmlich.
Du bist nämlich nicht der Einzige dem man etwas angetan hat. Es gibt noch sehr viel mehr Menschen denen sehr viel mehr Leid angetan wurde.“
Vergil schwieg nun und hörte mir erst mal einfach nur zu. Dann fragte er mich:
„Du mochtest mich? Warum?“
„Weil du all das verkörpert hast, was ich gern gewesen wäre oder gehabt hätte. Aber jetzt bilde dir bloß nichts darauf ein. Was du hier tust ist Unrecht. Ich mein, ich verstehe, dass du wütend bist und dich rächen willst, aber es sind nicht alle Menschen böse und es haben auch nicht alle Menschen dir das angetan, oder.“
Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck sah er mich an, doch nun schwieg er. Dann drehte er sich von mir weg und verließ das Gebäude… und ließ mich somit allein.
Na toll… , dachte ich: …und was nun?
Das war ja mal wieder super gelaufen… echt. Wohin sollte ich nun gehen? Diesen Ort kannte ich nicht, aber ich hatte einen recht guten Orientierungssinn und diesen gedachte ich nun einzusetzen.
Das einfachste schien mir, wenn ich jetzt einfach dort entlang ging, wo Vergil den Raum verlassen hatte. Ich hoffte nur, dass mich dieser Weg hinaus in die Freiheit führen würde.
Also machte ich mich auf, um dieses Gebäude… oder was auch immer… zu verlassen. Aber wohin ich auch lief ich fand den Weg hinaus nicht. Immer wieder kam ich an irgendwelchen Kreuzungen an.
Es war echt zum Verzweifeln. Mein Orientierungssinn war vollkommen im Eimer, wie es schien.
Noch war ich aber nicht bereit aufzugeben und versuchte mir genau einzuprägen wo ich entlang lief. Hier sah alles irgendwie total gleich aus. Ich war müde und total kaputt… wusste nicht mehr ein noch aus. Verdammt, was sollte ich denn tun?
So setzte ich mich an eine Wand, um mich ein wenig zu erholen und nachzudenken.
Ich wusste, dass es hier irgendwie einen Weg raus geben musste… mir musste nur etwas einfallen.
Das würde ich Vergil nie verzeihen, dass er mich hier so allein sitzen ließ. Wollte er mich wirklich tot und am Boden sehen? Hasste er mich so sehr? Aber warum? Was hatte ich ihm denn getan? Ich verstand gar nichts mehr.
„Okay, Vergil, du hast es geschafft… ich bin verzweifelt. Ist es das was du wolltest?“, fragte ich leise in die Stille des Ganges hinein.
Dann jedoch hatte ich eine Idee. Ich erinnerte mich an das Märchen der Gebrüder Grimm „Hänsel und Gretel“, blieb nur zu hoffen, dass es funktionieren würde.
Ich kramte in meiner Hosentasche und … Bingo… da war es… mein Schweizer Taschenmesser… das mich immer und überall hin begleitete. Ich zog meine Jacke aus, klappte das Taschenmesser auf und zerschnitt meine Jacke in ganz viele kleine Stückchen, was natürlich auch eine ziemlich lange Zeit in Anspruch nahm.
Ich ahnte nämlich, dass ich vielleicht nur immer wieder im Kreis gelaufen war. Nun, das würde ich ja gleich herausfinden.
Ich hob meinen Pullover ein wenig hoch, so dass eine kleine Kuhle entstand. Dort hinein legte ich die vielen Stückchen von meiner Jacke. Das Taschenmesser klappte ich wieder zu und tat es in meine Hosentasche.
Sogleich stand ich auf, blickte mich um und lief dann langsam geradeaus, wobei ich immer wieder ein kleines Stückchen Stoff fallen ließ.
Nach mehreren Stunden und vielem Fluchen meinerseits schaffte ich es schließlich und erreichte den Ausgang… hinaus in die Freiheit.
Hach… war ich froh dieses Gebäude endlich verlassen zu haben.
Jetzt war ich nur noch müde und vollkommen erledigt, aber noch hatte ich die Villa nicht wieder erreicht, wobei ich noch gar nicht wusste, ob ich da wieder hin wollte. Eigentlich wollte ich nur noch zurück in meine Welt und nach Hause… nach Hause in mein Bett und einfach nur noch schlafen.
Da es derzeit aber noch nicht danach aussah, dass ich so schnell wieder zurückkehren konnte, machte ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft oder wenigstens einer Ecke, wo ich mich erholen und ein wenig schlafen konnte.
Irgendwie irrte ich nur noch umher und doch erkannte ich dieses Gebiet nun wieder, aber noch war ich beinahe Lichtjahre von der Villa entfernt. So lief ich einfach weiter… immer der Nase nach.
Plötzlich hörte ich hinter mir eine bekannte Stimme…
„Leigh? Leigh!!!“
Ich blieb stehen und drehte mich um.
„Derek, was suchst du denn hier?“
„Ich habe dich gesucht, nachdem du nicht mehr auffindbar warst. Wo bist du gewesen?“
„Vergil hat mich entführt… tze… soviel zu „in der Villa bin ich sicher“. Er hat mich bedroht und mich dann irgendwo… allein gelassen. Aber ich habs geschafft und bin diesem Labyrinth entkommen.“
„Leigh, es tut mir echt leid. Verzeih mir.“
„Ach, schon gut. Aber sag mal, kann ich irgendwohin? Ich bräuchte dringend etwas Schlaf.“
„Ja, sicher. Komm einfach mit mir. Ich bringe dich von hier weg.“
„Ist es sehr weit weg?“
„Nein, ist es nicht. Vertrau mir.“
„Okay.“, willigte ich ein und ging mit Derek mit.
Derek führte mich in ein Waldgebiet. Und auch dieses Gebiet kannte ich nicht. Es war völlig neu für mich. Schließlich erreichten wir eine kleine, aber sehr hübsche Holzhütte, die wir sogleich betraten.
„So, da wären wir. Hier wird dich Vergil nicht finden. Er kennt diese Hütte und auch das Wäldchen hier nicht… und du kennst das hier, wie es scheint auch nicht, hm.“
„Nein, das hier kenne ich nicht tatsächlich nicht. Danke Derek.“
„Nichts zu danken. Jetzt ruhe dich erst mal aus und schlaf ein wenig. Hier findest du alles was du brauchst. Ich werde ab und zu nach dir sehen, okay.“
„Danke Derek, das ist echt nett von dir.“, bedankte ich mich.
„Ist schon okay. Wir sehen uns. Bis dann.“, verabschiedete sich Derek und verließ dann das Haus.
Ich sah mich, trotz meiner Müdigkeit, erst mal in dem Häuschen um und fand hier wirklich alles was ich brauchen konnte. Dann jedoch übermannte mich die Müdigkeit. Ich ging in das Schlafzimmer, legte mich auf das Bett und schlief sogleich ein.
*-*-*
Derek war wieder zur Villa gegangen und berichtete Jonas von alledem was Vergil mit Leigh getan hatte.
Der alte Vampir bat Derek sich weiterhin um Leigh zu kümmern.
„Natürlich Jonas, das werde ich gern tun.“
„Gut, dann werde ich mich derweil um Vergil kümmern und mit ihm reden müssen.“
„Ich werde Leigh erst mal seine Tasche bringen… die braucht er sicher.“
„Mach das, Derek und bleib bei ihm, okay.“
Derek nickte, ging in das andere Zimmer, schnappte sich den Rucksack des jungen Mannes, verließ dann die Villa und machte sich auf den Weg zu Leigh.
Wenig später erreichte der junge Vampir das Häuschen wieder, betrat es und schloss hinter sich die Tür. Da es hier sehr ruhig war, schlussfolgerte er, dass Leigh schlafen würde. Also ging er ins Schlafzimmer und sah Leigh tatsächlich auf dem Bett liegen und schlafen.
Er stellte den Rucksack neben dem Bett, auf den Boden und verließ das Zimmer dann wieder, nachdem er sich noch einmal nach Leigh umgedreht hatte.
Im Wohnzimmer angekommen, setzte sich Derek in einen Sessel und dachte nach. Jedoch überfiel ihn bald der Bluthunger und er verließ für kurze Zeit das Haus, um sich nach einer Mahlzeit umzusehen. Natürlich hätte er sich auch an Leigh vergreifen können, aber das wollte er eben nicht.
Wenn Vergil nicht in der Nähe war vergriff sich Derek niemals an Menschen. Er ernährte sich dann lieber von Tieren. So tat er es auch jetzt. Sehr schnell hatte er sich einen Fuchs gegriffen, diesen gebissen und dessen Blut getrunken.
Jetzt da er sich etwas gestärkt fühlte kehrte er in das Haus zu Leigh zurück. Noch einmal sah er nach ihm und er sah auch, dass er fror. Also nahm er eine Decke, die sich auf dem Bett befand und deckte den jungen Mann damit zu.
Anschließend entfernte er sich wieder aus dem Zimmer. Derek wollte Leigh nicht weh tun, das würde er aber, würde er in dem Zimmer bleiben. Er fand einfach, dass Leigh das nicht verdient hatte.
So begab er sich ins „Wohnzimmer“, setzte sich dort auf den Boden, lehnte sich an eine Wand und schloss ein wenig die Augen, während er nachdachte…
*-*-*
Als ich wieder erwachte war es schon sehr hell draußen, aber ich fühlte mich wie gerädert. Ich setzte mich auf und sah mich, noch etwas schlaftrunken und ein wenig orientierungslos, um. Dachte ich doch nicht mehr daran wo ich mich befand.
Ich fasste mir vorsichtig an den Kopf, schloss noch einmal kurz die Augen, öffnete sie wieder und stand dann langsam auf. So ganz langsam kam in mir die Erinnerung hoch und ich wusste nun wieder, wo ich mich befand.
Langsam bewegte ich mich zum Fenster und sah hinaus. Die Sonne schien und es war keine Wolke am Himmel zu sehen, ergo das beste Wetter, um die Erkundungstour durch England fortzusetzen. Aber zunächst verließ ich das Zimmer und trottete ins Wohnzimmer, wo ich Derek, an eine Wand gelehnt, vorfand.
Er schien zu schlafen… ja klar, es war ja auch heller Tag.
So ging ich zum Fenster und zog den Vorhang zu… oder was sich so Vorhang nannte. Er schien es doch tatsächlich vergessen zu haben, dass die Sonne ihm schaden konnte.
Irgendwie fasziniert sah ich Derek an und konnte mir irgendwie vorstellen mich mit ihm anzufreunden. Sehr schnell verwarf ich allerdings den Gedanken wieder. Irgendwie konnte ich mir nun doch nicht vorstellen, wie eine Freundschaft zwischen einem Menschen und einem Vampir aussehen sollte.
Ich verließ das Wohnzimmer wieder, ging ins Schlafzimmer zurück und holte die Decke von dem Bett. Anschließend ging ich wieder ins Wohnzimmer zurück und deckte Derek mit der Decke zu. Na ja, vielleicht brauchte er die Decke ja nicht… er war doch eh untot… spürte er eigentlich, wenn ihm kalt wurde?
Egal, es konnte ja nicht schaden und er würde mir schon nicht gleich den Kopf deswegen abreißen… immerhin hatte ich es ja gut gemeint.
Ich verließ dann das Zimmer und kurz darauf auch das Haus.
Das Wetter war wirklich herrlich. Es war nicht zu warm und nicht zu kalt. Der Geruch des Waldes war einfach nur traumhaft. Es roch so frisch wie nach einem warmen Regenschauer. Der Duft der Tannen, die hier vereinzelt standen, belebte meine Sinne und so schloss ich, für einen Moment, die Augen.
Minuten später öffnete ich meine Augen wieder und sah mich hier noch ein wenig um. Irgendwie hörte ich ein merkwürdiges Grummeln und wunderte mich zunächst, dann aber fiel mir ein, dass ich seit gestern Mittag nichts mehr gegessen hatte. Somit war es wohl mein Magen, der sich beschwerte und nach Nahrung verlangte.
Für mich stellte sich nun aber die Frage: Woher sollte ich hier etwas Essbares bekommen? Das dürfte etwas schwierig werden… hier so mitten im Wald. Erschwerend kam hinzu, dass ich nun nicht grad ein Experte in „Kräuterkunde“, und was hier noch so für Gemüse wuchs, war.
Also hieß es für mich nun, einen Weg aus dem Wald zu finden. Ich erinnerte mich aber dann an den Weg, den Derek gestern noch mit mir gegangen war. Damit war es nun für mich ein Leichtes aus dem Wald heraus zu finden.
Da es heller Tag war ging ich davon aus, dass Vergil wohl, ebenso wie Derek, schlafen würde.
Ich machte mich also auf den Weg, den Wald zu verlassen. Auf irgendeine Weise musste ich eine etwas größere Ortschaft erreichen, um an etwas Essbares zu kommen.
Den Wald hatte ich schon weit hinter mich gelassen, als ich stehen blieb und mir auf halber Strecke einfiel, dass ich hier sicher irgendein Zahlungsmittel benötigen würde. Nur wusste ich leider nicht womit die hier bezahlten und wo ich gegebenenfalls das Zahlungsmittel herbekommen sollte.
Hmm… schwierige Sache… ich beschloss also mich irgendwie durchzuschlagen.
So lief ich weiter den Weg entlang, genoss die Landschaft und das wunderbare Wetter.
Auf meinem Weg erblickte ich rechts von mir ein paar wunderschöne Häuser und Gärten. Hier wohnten dann wohl die etwas besser betuchten Leute. Ich blieb also stehen und sah mich hier ein wenig um.
Erleichtert stellte ich fest, dass es hier doch tatsächlich Obstbäume gab. Diese Tatsache kam mir nur allzu gelegen, denn wie gesagt, ich hatte Hunger und keine rechte Lust meinen Weg in eine Stadt fortzusetzen.
Wie ein gemeiner Dieb sah ich mich um, schlich mich an einen der Gärten heran und pflückte mir zwei Äpfel und zwei Birnen. Das sollte für den Anfang zumindest reichen.
Natürlich wusste ich, dass man so etwas nicht tut, aber sorry, ich hatte eben großen Hunger.
Anscheinend hatte mich aber niemand gesehen, so dass sich mein Gewissen sehr schnell beruhigte.
Ich machte also kehrt und ging in aller Ruhe den Weg zurück, wobei ich einen Apfel und eine Birne aß.
Dann jedoch musste ich meinen Rückweg ganz plötzlich unterbrechen:
*-*-*
Anders als erwartet schadete das Sonnenlicht hier nicht allen Vampiren… nur eben den Anfängern und niedrigen Vampiren. Den höhergestellten und alten Vampiren konnte das Sonnenlicht nichts anhaben, die waren schlicht und ergreifend immun dagegen.
So eben auch Vergil. Er war zwar noch nicht so „alt“, aber er war das Oberhaupt der Vampire oder hielt sich zumindest dafür.
Vergil schien somit auch nicht unbedingt viel vom Schlafen zu halten, denn er streifte durch die Gegend und missbrauchte hier und da einen Menschen zu Nahrungszwecken.
Gerade wollte er wieder zulangen, als er jemanden an sich vorbeilaufen sah, der ihn anscheinend nicht gesehen hatte.
Vergil beobachtete ihn eine Weile, aus seinem sicheren Versteck, denn der Typ war stehen geblieben und sah sich um. Dann stahl der auch noch die Früchte von den Bäumen. Also das war doch wohl die Höhe!
Na, dem würde er noch Bescheid geben.
Aber zunächst ließ er ihn mal machen und beobachtete ihn währenddessen weiter.
Du kehrst um… so so… mal sehen wohin du willst. Vielleicht sollte ich dich aber auch einfach nur töten…, dachte Vergil bei sich, kam aus seinem Versteck heraus und folgte Leigh...
*-*-*

„Na, sieh mal einer an, wen haben wir denn da. Leigh… wenn ich mich recht erinnere.“
An nichts Schlimmes denkend hörte ich die Stimme dieses möchte-gern-Obervampirs, blieb stehen und drehte mich erschrocken um.
„Vergil… ähm… hallo… was tust du denn hier?“
„Das Gleiche könnte ich dich auch fragen.“
„Ich bin nur ein wenig spazieren gegangen… mehr nicht.“
„Ach, und die Früchte in deinen Händen sind dir dann wohl nur so zugeflogen, oder was?!“
„Herrje, jetzt mach doch mal keinen Aufstand. Ich hatte eben Hunger… was sollte ich denn tun? Außerdem, du hast es gerade nötig mir Vorwürfe zu machen… wo du doch nicht so sehr viel besser bist… eher noch schlimmer als ich… denn du bist nur ein schäbiger Mörder. Oder fliegt dir das Blut der Menschen auch einfach so zu, hä?!“
Ich wusste natürlich, dass ich mich, mit dem eben Gesagten, ziemlich in Gefahr brachte… aber mehr als mein Leben konnte ich eh nicht verlieren. Klar, ist das schon schlimm genug, aber ich wagte es dennoch und provozierte diesen Vampir ein wenig.
Blieb nur zu hoffen, dass er sich nicht allzu schnell angegriffen fühlen würde und nicht allzu schnell beleidigt wäre.
„Für einen Menschen bist du ziemlich frech und lehnst dich sehr weit aus dem Fenster. Ich könnte dich jetzt ganz leicht töten… das weißt du.“
Gelangweilt sah ich in der Gegend herum, dann sah ich Vergil direkt in die Augen und erwiderte:
„Ist das alles was dir einfällt… mich töten zu wollen? Soll mir das jetzt echt Angst machen? Man, das wird langsam echt langweilig… meinst du nicht auch…?“
„Willst du mich provozieren, oder was?!“, regte sich Vergil auf.
„Hmm… vielleicht… aber… nur ein wenig.“, gab ich, gespielt gelangweilt, zurück.
Während meiner kleinen Unterhaltung mit Vergil beobachtete ich ihn aufmerksam und ließ ihn nicht aus den Augen. So sah ich, dass sich seine Augen schon zu kleinen Sehschlitzen verengten, so als wollte er mich jeden Moment angreifen oder als sollte ich am besten auf der Stelle tot umfallen.
„Was ist denn nun, hat es dir dir Sprache verschlagen, hm? Du bist es nicht gewohnt, dass man mit dir so redet, richtig. Natürlich nicht, denn du würdest denjenigen dann auf der Stelle töten. Hab ich Recht? Aber an mich scheinst du dich ja nun nicht wirklich heranzutrauen…“
„Schweig… wenn dir dein Leben lieb ist!“, befahl Vergil und schien sich nur noch sehr wenig unter Kontrolle zu haben.
„Nein, ich werde nicht schweigen. Warum auch? Denn wenn du gewollt hättest, dann hättest du mich schon längst töten können und dich nicht noch eine halbe Ewigkeit mit mir unterhalten. Oder bist du etwa schon satt? Hmm…. vielleicht willst oder kannst du mich aber auch nicht töten.“
„Wo ist eigentlich Derek?“, fragte Vergil zusammenhanglos, ohne auf das von mir gesagte einzugehen.
Dies ärgerte mich nun sehr und ich sah ihm herausfordernd, aber auch erstaunt und ein wenig verärgert, in die Augen.
„Was ist denn nun? Bekomme ich etwa keine Antwort auf meine Fragen?“, versuchte ich das Gespräch wieder aufzunehmen.
„Und ich habe dich gefragt, wo Derek ist. Also antworte!“
„Keine Ahnung, wo sich Derek aufhält. Such ihn doch selbst.“, erwiderte ich frech.
„Du weißt genau, wo er sich aufhält, richtig? Sag es mir einfach und ich lasse dich in Ruhe.“
„Und wenn ich es nun aber echt nicht weiß. Was willst du dann tun?!“
Vergil schwieg zunächst und schüttelte nur den Kopf. Nach einer Weile erklärte er gehässig:
„Du weißt aber schon, dass Derek sehr gefährlich ist und wenn du ihn versteckt hältst, wird er dich irgendwann töten.“
Ich lächelte Vergil nur überlegen an, wusste ich doch, dass er mich gerade belog. Denn wenn dem so wäre, hätte Derek mich längst töten können. Immerhin hätte er ja die ganze Nacht dafür Zeit gehabt. Okay, er konnte es immer noch tun, aber daran glaubte ich keine Sekunde.
„Ist das so?! Sag mal, du glaubst wirklich, was du mir hier erzählst, oder. Wenn dem so wäre, dann hätte er es längst tun können… meinst du nicht auch.“
„Du kommst dir wohl sehr schlau und überlegen vor, was. Aber warts nur ab… du wirst noch an meine Worte denken.“, erwiderte Vergil drohend, dann verwandelte er sich in eine Fledermaus und flog davon.
Wie viel schlauer ich war, konnte er ja nicht wissen, denn ich ahnte, dass er mich sicher überlisten wollte.
Ich sah ihm eine Weile nach, dann setzte ich meinen Weg, allerdings in eine gänzlich andere Richtung, fort. Ich musste doch nur eine Weile „herumirren“, so dass es ihm vielleicht irgendwann zu langweilig werden würde und er meine vielleicht-Verfolgung aufgab.
Immer weiter lief ich der Stadt entgegen und hoffte meinen Verfolger abhängen zu können. Tatsächlich hatte ich ihn am Himmel fliegen sehen… somit war es doch wohl offensichtlich, dass er mich verfolgte… wo es hier doch sonst keine Fledermäuse gab.
Die Stadt hatte ich fast erreicht, als mir jemand von hinten nachrief:
„Leigh, jetzt bleib doch mal stehen!“
Ich drehte mich um und rollte genervt mit den Augen.
„Derek… verdammt, was machst du denn hier?“, fragte ich den Vampir und wartete schon förmlich darauf, dass Vergil hier auch gleich erscheinen würde.
„Ich… habe dich gesucht, nachdem ich dich im Haus nicht mehr auffinden konnte.“
Au man, Derek, du Trottel…., dachte ich bei mir und schüttelte resignierend den Kopf.
„Was hast du denn?“, fragte mich Derek.
Ich zeigte nach oben und erwiderte:
„Sieh mal nach oben. Na, was meinst du wohl, wer das ist, hm?“
Derek richtete seinen Blick nun ebenfalls nach oben und meinte:
„Das sieht aus, als wäre es Vergil.“
„Das sieht nicht nur so aus… er ist es… oder siehst du hier noch mehr Fledermäuse?“
Gerade wollte Derek etwas erwidern, als sich auch schon der möchte-gern-Vampir Vergil zu uns gesellte.
„Hab ich dich endlich gefunden, Derek. Ich wusste doch, dass ich Leigh nur folgen musste. Denn wo Leigh ist, bist du auch nicht weit… nicht wahr.“
Während Derek seinen Kopf senkte und schwieg, sah ich zunächst zwischen den beiden Vampiren hin und her, dann sprach ich genervt:
„Wisst ihr was, mir ist das, mit euch Beiden zu dämlich. Ich hau ab und sehe zu, dass ich wieder in meine Welt komme. Ihr könnt meinetwegen machen was ihr wollt, ich verzieh mich… hoffentlich auf nimmer wiedersehen!“
Mit diesen Worten ließ ich die beiden Vampire stehen und machte mich auf den Weg, das Portal zu finden, durch welches ich wieder in meine Welt gelangen könnte. Ich wusste, dass es sich ganz in der Nähe von London befand. Ich musste also nur irgendwie dorthin gelangen.
Dann jedoch fiel mir ein, dass ich meinen Rucksack in dem Haus vergessen hatte. Also machte ich kehrt und ging den ganzen Weg zurück zu dem Wäldchen…
*-*-*
„Danke, dass du ihn beschützt hast.“
„Ja, schon gut. Aber eines sag ich dir, noch einmal spiele ich nicht das Kindermädchen für deinen Freund. Das war eine Zumutung.“
„War er wirklich so schlimm?“
„Na, was glaubst du denn? Was meinst du, was der mir alles an den Kopf geworfen hat und wie er versuchte mich zu provozieren.“
„Ach, ehrlich? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“
„Ja, jetzt rede nicht so viel, lauf ihm schon nach.“
„Okay, danke.“
Vergil nickte nur grinsend, dann sah er von Derek nur noch eine „Staubwolke“ und er war verschwunden.
*-*-*
Nachdem ich diese schier unendlich langen Wege hinter mir gelassen hatte, erreichte ich das Wäldchen und kurz darauf auch das Haus. Ich betrat das Haus, ging ins Schlafzimmer und sah dann auch schon meinen Rucksack an dem Bett stehen.
Schnell schnappte ich mir meinen Rucksack, sah mich noch einmal kurz um und verließ dann das Haus wieder. Jetzt wollte ich nur noch eines: das „Portal“ finden und dann nichts wie weg… ab nach Hause… in meine Welt.
Ich war müde, genervt und irgendwie fertig… zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig.
Den kleinen Wald hatte ich bald hinter mir gelassen und war auf dem Weg nach London. In etwa wusste ich ja noch wohin ich musste. Nach gefühlt stundenlanger Suche sah ich mitten in der Landschaft eine Verzerrung, das aussah wie eine Spiegelung.
Ich ging also drauf zu und betrachtete die Sache erst mal genauer.
So, wie es aussah war es tatsächlich ein oder das „Portal“… das mich vielleicht wieder in meine Welt zu bringen vermochte. Zumindest wollte ich alles versuchen, um in meine Welt zurückkehren zu können.
Noch einmal sah ich mich hier um. Ich wollte einfach die Atmosphäre in meinem Gedächtnis speichern und diese nochmal richtig auf mich wirken lassen.
Schließlich war ich soweit und wollte in meine Welt zurückkehren. Ich trat vor das Portal… bereit es zu betreten, als ich eine Stimme meinen Namen rufen hörte.
*-*-*
Stundenlang war Derek herumgeirrt, war auch noch mal in dem Haus gewesen… hatte Leigh aber verpasst und kam folglich zu spät.
Er überlegte wo er Leigh noch suchen sollte, dann fiel ihm ein, dass er ihn ja in London das erste Mal gesehen hatte. Also machte er sich auf den Weg in die Stadt. Dort angekommen fand er Leigh wiederum nicht.
Schon ziemlich traurig und verzweifelt wollte er die Suche nach seinem Freund aufgeben, als ihm Vergil zu Hilfe kam.
„Vergil… es war alles umsonst… ich kann ihn nicht finden. Er wird wohl schon…“
„Jetzt sei doch mal still, Derek und komm einfach mit mir mit. Ich weiß wo er ist. Schnell, wir müssen uns beeilen.“, mahnte Vergil, nahm Derek an die Hand und verschwand mit ihm.
Gerade rechtzeitig hatte Vergil mit Derek die Stelle erreicht, wo sich Leigh befand und eben das Portal betreten wollte. Er ließ ihn los und Derek rannte, als sei der Teufel hinter ihm her, auf seinen Freund zu, während er dessen Namen rief.
„Leigh! Bitte, warte!“
*-*-*
Leicht erschrocken drehte ich mich um und sah Derek auf mich zu rennen.
„Derek…?“, fragte ich sehr erstaunt in die Stille hinein.
Schließlich stand Derek vor mir und sah mich an.
„Bitte, geh nicht… und wenn… dann nimm mich wenigstens mit… bitte.“
„Derek, nein… du würdest dich da niemals wohlfühlen. Und weißt du eigentlich worauf du dich da einlässt? Ich mein, du kennst mich kaum und außerdem… warum willst du eigentlich mitkommen?“
„Ich mag dich einfach und möchte dich als Freund einfach nicht verlieren. Ich mein, ich weiß natürlich nicht worauf ich mich einlasse, aber ich würde es gern versuchen.“
„Versuchen?! Du kannst dann nie wieder hierher zurück. Ist dir das klar?“
„Aber du kannst doch jetzt auch zurück.“
„Ja, schon, aber vielleicht ist es dann nicht mehr möglich. Überlege dir genau was du willst, Derek.“
„Ich weiß was ich will… ich möchte dich begleiten… bitte.“
Nun mischte sich auch Vergil ein:
„Leigh… warum zögerst du, Derek mitzunehmen?“
„Ach ja… der möchte-gern-Vampir. Dachte ich es mir doch, dass du auch deine Finger mit im Spiel hast.“
„Leigh, ich werde dir jetzt mal was erklären, okay.“
Ich nickte und sah Vergil an.
„Derek sieht dich, warum auch immer, als seinen Freund an. Er hat mich gebeten auf dich aufzupassen… und ich muss wirklich zugeben, dass du es mir nicht leicht gemacht hast. Also, was soll das? Warum zögerst du?“
„Ganz einfach, weil ich ganz genau weiß, dass er sich in meiner Welt nicht wohlfühlen würde. Es ist eine vollkommen andere Welt, als eure hier. Verstehst du das?!“
„Bitte, ich möchte trotzdem mit dir gehen.“, mischte sich nun auch wieder Derek ein.
„Okay, okay… ihr habt gewonnen. Aber jammere mir nicht irgendwann die Ohren voll und ich spiele auch ganz sicher nicht das Kindermädchen für dich. Klar, soweit?!“
Nachdem ich eingewilligt hatte den Vampir mitzunehmen, konnte ich fast ein Leuchten in Dereks Augen erkennen, der heftig nickte. Er schien sich, wie ein Kind an Weihnachten, zu freuen.
Vergil stand nur daneben und grinste, wofür ich ihn am liebsten eine hinein gehauen hätte, aber ich nahm mich zusammen.
Die beiden Vampire verabschiedeten sich noch voneinander, dann wand sich Vergil noch einmal an mich.
„Du wirst aber auf Derek aufpassen, okay.“
„Ja, ja… ich wusste doch, dass wieder mal alles an mir hängen bleibt.“, erwiderte ich genervt.
Vergil schüttelte nur den Kopf und schien so seine Zweifel, an dem von mir Gesagten, zu haben. Aber mir war es egal, ich wollte jetzt einfach nur zurück.
„Derek, kommst du jetzt, oder was…!“
Der schwarzhaarige Vampir nickte, kam dann zu mir und sah mich mit strahlenden Augen an.
Ich nahm ihn an die Hand und betrat mit ihm das Portal. Ein mächtiges Ziehen ging wieder durch meinen Körper, dann und als hätte man was verpasst, standen wir an genau derselben Stelle, wo ich verschwunden war…
*-*-*
Vergil hatte den Beiden noch eine Weile nachgesehen und tatsächlich überlegt das Portal ebenfalls zu betreten. Da es ihm aber nicht geheuer vorkam, ließ er es bleiben und machte stattdessen seine eigene Welt unsicher.
Derek wünschte er aber alles Gute und hoffte wirklich, dass er in der „anderen Welt“ zu recht kommen würde.
*-*-*
Zufrieden stellte ich fest, dass ich meine Welt wirklich wieder erreicht hatte, dann sah ich neben mich und Derek an. Der Vampir sah sich sehr verwundert um und seine Augen schienen dabei immer größer zu werden.
„Ja, da wären wir… das ist meine Welt. Hier lebe ich. Und was sagst du dazu?“
Derek reagierte nicht, sondern sah sich stattdessen noch immer erstaunt um.
„Ähm… Derek? Ist alles okay, mit dir?“
„Ja, natürlich. Was, ist denn?“
„Nichts, schon gut. Aber nun komm erst mal, wir gehen jetzt zu mir nach Hause.“
Derek nickte nur, dann ging ich mit ihm zu mir nach Hause. Natürlich sah er sich auch weiterhin sehr verwundert um und stellte mir beinahe unzählige Fragen, die ich ihm nach und nach beantwortete.
Eine viertel Stunde später hatten wir meine Wohnung erreicht. Ich schloss die Tür auf, ließ ihn eintreten und betrat meine Wohnung dann ebenfalls… hinter mir die Tür schließend.
„Tja, das ist mein kleines Reich und erst mal auch dein neues Zuhause. Komm, ich zeig dir hier alles.“, sprach ich Derek an, der sich nach wie vor erstaunt umsah.
Da der Vampir mal wieder nicht reagierte… womit ich mich wohl in nächster Zeit würde abfinden müssen… ließ ich ihm seine Zeit und ihn ein wenig in Ruhe.
So ging ich allein ins Wohnzimmer und stellte meinen Rucksack, wie immer, in eine Ecke. Mein nächster Gang führte mich in die Küche, wo ich mir erst mal was zu Trinken und zu Essen genehmigte.
Irgendwann sah ich auf und erblickte Derek, der vor der Küche stand und sich noch immer staunend umsah.
„Du kannst ruhig reinkommen. Komm, setz dich zu mir.“, bot ich ihm an und endlich reagierte er auch mal…
„Und, was sagst du? Gefällt es dir?“
Derek sah mich an und nickte.
„Es ist einfach toll hier. Ja, es gefällt mir sehr. Aber sag, was ist das alles hier?“
Ich erklärte ihm alles. Angefangen vom Kühlschrank, über den Küchenschrank usw..
Von der Küche ging es weiter ins Bad, dann ins Schlafzimmer und schließlich ins Wohnzimmer, wo er noch sehr viel mehr Fragen stellte. Als ich ihm den Fernseher vorführte und er es nicht fassen konnte, dass sich die Bilder bewegen können, kriegte er sich kaum noch ein.
Ich konnte natürlich nicht anders, als in mich hinein zu grinsen.
„Es ist… toll… ich weiß echt nicht was ich sagen soll.“, schwärmte Derek und fügte hinzu:
„Ich habe es nicht bereut mit dir hier her gekommen zu sein.“
„Ja, ist schon okay. Aber, und jetzt hörst du mir mal genau zu, okay.“
Der Vampir nickte und sah mich aufmerksam an.
„Hier, in dieser Welt darfst du keine Menschen töten. Hast du mich verstanden?“
„Ja, natürlich. Ich habe eh nur dann Menschen getötet, wenn Vergil dabei war.“
„Gut, dann sind wir uns ja einig. Aber auch Tiere darfst du hier nicht einfach so töten.“
„Aber wovon soll ich mich denn… na ja… ernähren?“
„Siehst du, das ist es was ich meinte. Aber keine Sorge, ich werde dich schon nicht verhungern lassen. Also, ich habe einen Freund, der ist Arzt…“, begann ich zu erklären, wurde dann aber von Derek unterbrochen.
„Was ist ein Arzt?“
„Das ist ein, wie man bei euch sagte… Heiler und bei uns sagt man dazu eben Arzt oder Mediziner. Ich werde gleich zum Krankenhaus gehen und meinen Freund fragen, ob er mir für dich ein paar Blutkonserven geben kann, okay.“
„Was ist das… Blutkonserven?“
„Das werde ich dir dann zeigen. Ich gehe jetzt los und besorge dir welche. Du bleibst bitte hier, okay. Ich bin gleich wieder da.“
„Okay. Darf ich solange die Bilder in dem Kasten da anschauen?“
Ich lachte laut los und erwiderte dann:
„Ja, klar darfst du. Das ist ein Fernseher, Derek.“, und zeigte und erklärte ihm auch wie er den Fernseher mit der Fernbedienung bedienen konnte.
„Also, ich bin gleich wieder hier.“, sprach ich noch, doch dachte ich mir schon, dass Derek mir jetzt wahrscheinlich nicht zugehört hatte, denn seine Augen klebten förmlich an dem Fernseher.
Na ja, so war er zumindest beschäftigt. Ich schnappte mir meinen Rucksack und verließ die Wohnung, auf dem Weg zum Krankenhaus.
Bis zum Krankenhaus war es nicht sehr weit, so dass ich es sehr schnell erreichte.
Im Krankenhaus angekommen, traf ich zum Glück auch schon auf meinen langjährigen Freund Scott.
Sogleich sprach ich ihn an:
„Hi Scott, du ich bräuchte mal deine Hilfe.“
„Hey Leigh, was ist denn los?“
„Also, das ist ein bisschen schwer zu erklären. Also ich bräuchte …ähm… so zehn Blutkonserven.“
„Blutkonserven? Wofür brauchst du die denn?“
„Das kann ich dir jetzt nicht so genau erklären… das ist ein bisschen schwierig. Bitte, hilf mir.“
„Ja, gut, okay… du bekommst sie. Aber irgendwann will ich auch eine Erklärung dazu haben. Und noch was: Zu niemandem ein Wort darüber.“
„Kein Problem. Danke.“
„Nichts zu danken. Komm einfach mit.“
Ich nickte und ging mit Scott mit.
Im Nu hatten wir den Kühlraum erreicht und Scott gab mir die Blutkonserven, die ich dann in meinem Rucksack verstaute. Ich bedankte mich bei meinem Freund und verließ auf dem schnellsten Wege das Krankenhaus wieder.
Etwas später hatte ich meine Wohnung erreicht, schloss die Tür auf und betrat meine Wohnung… hinter mir die Tür schließend.
Die Schlüssel hängte ich an den Haken und machte mich dann bemerkbar.
„Derek, ich bin wieder da.“, meldete ich mich etwas lauter.
Das Wohnzimmer erreicht sah ich Derek noch immer vor der Glotze und grinste.
Ja, ja, vom Mittelalter in die Moderne und dann gleich fernsehen… alles klar.
Ich setzte mich zu meinem neuen Freund auf die Couch, nahm die Fernbedienung und schaltete zunächst das Fernsehen aus. Dann sprach ich ihn an, nachdem er nun doch endlich bemerkte, dass ich wieder da war.
„Hallo, mein Freund, ja ich bin wieder da. Hörst du mir jetzt mal bitte zu?“
„Ja, natürlich… ich ähm… verzeih.“
„Schon gut. Also, ich habe hier etwas für dich.“, sprach ich, holte eine Blutkonserve aus meinem Rucksack und gab sie ihm.
Derek nahm das kleine Päckchen an sich und sah es sich an.
„Das ist eine Blutkonserve. Diese kannst du mit deinen Zähnen durchbohren und das Blut darin trinken. Versuch es nur.“
Derek nickte und sah es sich noch eine Weile an, bevor er sich wirklich daran traute. Schließlich biss er in das „Plastik“ hinein und begann das Blut zu trinken.
„Und, schmeckt es dir?“
Derek sah mich an und nickte.
„Gut, dann leg ich die anderen Konserven mal in den Kühlschrank, okay.“
Wieder nickte mein neuer Freund nur und ließ sich weiterhin das Blut schmecken.
Mein Weg führte mich in die Küche, wo ich die Blutkonserven in den Kühlschrank legte. Dann setzte ich mich einen Moment auf das Fensterbrett, in der Küche, sah hinaus in die Nacht und dachte nach.
Mein Leben würde sich nun wohl stark verändern. Ich war es ja nicht gewohnt mit jemandem zusammenzuleben. Na, das konnte ja heiter werden. Und irgendwie hoffte ich insgeheim, dass es Derek hier bald nicht mehr gefallen würde und er vielleicht doch wieder zurück wollte.
Vielleicht konnte ich ihn ja raus ekeln, oder so ähnlich. Ja, ich gebe es zu, mir gefiel die ganze Sache überhaupt nicht. Es war ja nicht so, dass ich Derek nicht mochte, aber das hier war, verdammt noch mal, mein Reich. Warum war er nicht einfach dort geblieben?!
Und sogleich fiel mir noch etwas ein. Hatte Vergil nicht gesagt, dass Derek ihn gebeten hatte auf mich aufzupassen?! Warum hatte er das gewollt? War das vielleicht ein abgekartetes Spiel von den Beiden gewesen? Hatten sie mich überlisten wollen?
Nein, nein, nein… ich wollte nicht daran glauben. Das war doch kompletter Unsinn. Warum hätten sie das tun sollen? So ein Schwachsinn!
Die Stille und meine Gedanken wurden durchbrochen von Derek, der zu mir, in die Küche kam und mich fragte:
„Ähm… wo soll das hier hin?“ und hielt mir das leere Päckchen hin.
Unwillig erhob ich mich, kletterte vom Fensterbrett runter und zeigte ihm den Müllschlucker.
„Da hinein kommt der Abfall, okay.“, erklärte ich genervt und fügte hinzu:
„Ich werde jetzt duschen gehen und du kannst dich wieder ins Wohnzimmer begeben und weiter fernsehen. Alles klar?!“
Derek nickte ein wenig traurig. Das sah ich natürlich und irgendwie tat er mir nun wieder leid.
Deshalb sprach ich entschuldigend:
„Hör zu, Derek. Ich bin es nicht gewohnt, dass hier bei mir jemand wohnt. Ich war bislang immer allein und werde mich wohl an vieles erst gewöhnen müssen. Es ist nicht böse gemeint, wenn ich etwas genervt klinge. Ich hab halt im Moment keinen Nerv für so was, sorry.“
„Kann ich dir bei irgendwas helfen?“, fragte mich Derek.
„Nein, es geht schon. Lass mich nur einfach für eine Weile in Ruhe, einverstanden. Ich will jetzt einfach nur noch duschen und dann brauche ich dringend etwas Schlaf.“
„Okay… ähm… darf ich… noch…“, versuchte Derek mich etwas zu fragen, wurde jedoch von mir unterbrochen:
„Derek, du wohnst jetzt hier, kapiert und du musst mich nicht fragen, ob du fernsehen darfst. Tu es einfach. Ich lege dir noch ein Kissen und eine Decke auf die Couch, dann kannst du im Wohnzimmer schlafen.“
„Danke.“, bedankte sich Derek ziemlich eingeschüchtert.
Ich erwiderte nichts, aber ich ging an Derek vorbei, ins Schlafzimmer, holte eine Decke und auch ein Kissen, damit ging ich dann ins Wohnzimmer, wo ich die Couch als Bett herrichtete.
„So, das war es. Wenn du müde bist, legst du dich da drauf und schläfst.“
Derek nickte wieder, ich rollte genervt mit den Augen und entfernte mich aus dem Zimmer, hinter mir die Tür schließend.
Ich atmete tief durch, dann ging ich ins Bad, wo ich mir eine angenehm warme Dusche gönnte und mich langsam wieder entspannte. Anschließend trocknete ich mich ab, verließ das Bad und ging dann ins Schlafzimmer. Aus dem Kleiderschrank holte ich mir eine Boxershorts und bekleidete mich damit.
Gähnend und total fertig legte ich mich ins Bett, schaltete das Fernsehen an und schloss kurz darauf meine Augen, um sogleich einzuschlafen…
*-*-*
Derek erkundete inzwischen das Wohnzimmer und sah sich alles genau an. Ihm gefiel, was er sah. Danach verließ er das Zimmer und machte in aller Ruhe einen Rundgang durch die Wohnung. Alles wurde von ihm genau betrachtet und er wusste, dass er sich hier sicher sehr wohl fühlen würde.
Am Schlafzimmer angekommen öffnete er leise die Tür und sah zunächst nur hinein. Dann betrat er das Zimmer und sah sich auch hier ein wenig um. Leighs Bett erreicht, sah er ihm eine Weile beim Schlafen zu. Er lächelte und verließ das Zimmer leise wieder, ohne Leigh zu wecken.
Wieder das Wohnzimmer betreten, schloss Derek die Tür, ging ans Fenster und sah sehnsüchtig hinaus. Irgendwie musste er nun doch an Vergil und an seine Heimat denken… ihm kamen erste Zweifel.
Er wand seinen Blick von Fenster ab und setzte sich auf die Couch. Prüfend strich er mit der rechten Hand über das Kissen und die Decke. Beides war sehr weich und fühlte sich wirklich gut an. Auch daran würde er sich sehr schnell gewöhnen können.
Schließlich schaltete er das Fernsehen wieder an und legte sich dann auf die Couch. In die Decke kuschelte er sich ein und spürte auch schon die Wärme und die Weichheit, die von der Decke ausgingen. Er fühlte sich jetzt wirklich so wohl, dass er sogleich… mit einem Gedanken an Leigh… einschlief…
*-*-*
Als ich am nächsten Tag aufstand, fühlte ich mich schon sehr viel besser. Es war Wochenende und das hieß für mich, dass ich alles ruhig angehen lassen konnte. Keinen Stress, keine Unruhe und keine Uni.
Allerdings dachte ich nun wieder an Derek, der mein Wohnzimmer besetzte und wahrscheinlich schlief. Das hieß für mich aber auch… Freiheit ade…
Aber ich wollte mir nun nicht das Wochenende verderben, ging in die Küche, bereitete die Kaffeemaschine vor und ging dann ins Bad, wo ich mir eine eiskalte Dusche genehmigte, die mich erfrischte und belebte.
Anschließend wickelte ich mir das Badetuch um die Hüfte und ging wieder in die Küche, nahm mir eine Tasse Kaffee und setzte mich auf die gepolsterte Küchenbank, nachdem ich die Tasse auf den Tisch gestellt hatte.
Meinen Blick ließ ich aus dem Fenster schweifen und machte dabei Pläne was ich heute so tun wollte.
Ich überlegte und dachte noch eine ganze Weile nach, als ich ein „Oh… Entschuldigung…“ vernahm, mich umdrehte und Derek in der Küche stehen sah. Mein Gesicht lief sogleich rot an.
Um nicht gar so dumm auszusehen und meine Überraschung zu überspielen, erwiderte ich:
„Ja, ich wünsche dir auch einen guten Morgen, Derek.“, dann stand ich auf und verließ die Küche mit den Worten:
„Entschuldige mich bitte, ich gehe mir nur schnell was anziehen.“
Ich schälte mich an Derek vorbei… was für meinen Geschmack schon viel zu dicht war… und verschwand dann schnell im Schlafzimmer… die Tür hinter mir schließend.
Ein paar Sekunden stand ich nur mitten im Zimmer und atmete ein paar mal tief ein und aus. Erst dann suchte ich mir ein paar Sachen heraus und zog mich an. Wie immer trug ich schwarze Bekleidung, denn so fühlte ich mich wesentlich wohler. Dann zog ich mir noch schwarze Sportschuhe an, kämmte meine Haare und band sie nach hinten zusammen.
Mit alledem fertig verließ ich das Zimmer wieder, ging in die Küche, wo ich auf Derek traf, der sich auf die Küchenbank gesetzt hatte und mich fragend ansah.
„Was hast du denn?“, fragte ich ihn, während ich meine Tasse vom Tisch nahm und mich auf die Fensterbank setzte.
„Das frage ich dich auch, Leigh.“
„Was soll denn los sein?“, fragte ich den Unwissenden spielend.
„Du bist vorhin ziemlich schnell weg gewesen. Warum?“
Während ich weiter aus dem Fenster sah, antwortete ich:
„Ich zeige mich nicht gern halbnackt vor anderen. Deshalb wollte ich mir nur schnell etwas anziehen.“
„Verstehe, aber warum war dein Gesicht so rot angelaufen?“
„Herrje, Derek, weil es mir unangenehm war, okay.“
„Schon gut, ich verstehe dich.“
Ich sah Derek an und sprach ruhig:
„Nun, mach dir mal keine Sorgen. Es ist alles okay.“ und lächelte ihn sanft an.
Dann erklärte ich es ihm.
„Hör mal, Derek. Hier kannst du so, mit diesen Sachen nicht herumlaufen. Ich werde dir erst mal ein paar Sachen von mir geben und dann gehen wir nachher einkaufen, okay.“
„Okay.“
„Gut. Ach ja, was ich noch sagen wollte: Ich treffe mich heute Abend mit meinen Freunden und dann gehen wir in eine Bar. Möchtest du hier bleiben, oder mitkommen?“, fragte ich Derek und sah ihn an.
„Also, ich… würde gern mitkommen, wenn ich darf.“
„Okay, dann werden wir dich mal einkleiden, nicht. Dann gehen wir für dich einkaufen.“
„Danke.“
„Ach, schon gut. Du musst dich nicht andauernd bedanken. Du bist jetzt hier zuhause.“
„Na ja, du darfst nicht vergessen, dass ich erst frei geworden bin und da muss ich mich an vieles erst gewöhnen. Sonst habe ich immer alles befolgt, was man mir sagte und musste mich eben auch bedanken, wenn man mir mal etwas Gutes tat. Gib mir ein bisschen Zeit, okay.“
„Na, klar, mach dir da mal keinen Kopf…. du bekommst so viel Zeit, wie du brauchst. Ach ja, und meine Freunde lässt du aber in Ruhe, okay.“
„Ich sagte dir doch schon, dass ich kein Menschenblut trinke.“
„Ich weiß, ja, das sagtest du, aber ich möchte, dass du zur Sicherheit, heute Abend, bevor wir los gehen, etwas Blut zu dir nimmst. Und noch etwas, du erzählst und zeigst bitte auch niemandem, dass du ein Vampir bist. Die Menschen hier, glauben nicht an Vampire und wenn doch, dann haben sie meist Angst davor.“
Derek nickte brav und doch spürte und sah ich seinen Blick über meinen Körper wandern und mich mustern.
Meinen Blick wieder von ihm abwendend, sah ich zum Fenster hinaus und wartete irgendwie auf seine Antwort… auch wenn er ja schon verstehend genickt hatte.
„Ich werde mich an das halten, was du gesagt hast.“
Ich sprang von der Fensterbank runter und ging zum Ausgang, drehte mich um und fragte:
„Was ist, kommst du, Derek?“
„Ja, natürlich.“, erwiderte er und kam zu mir.
Gemeinsam gingen wir in mein Schlafzimmer. Ich öffnete meinen Schrank und sah Derek abschätzend an.
„Gut, du hast in etwa die gleiche Größe, wie ich.“, meinte ich.
Dann kramte ich in meinem Schrank und holte einige Sachen heraus. Eine schwarze Hose, ein dazu passendes Hemd usw… eben alles was er noch so brauchte. Ich hatte sogar noch ein paar neue Schuhe, die ich noch nie getragen hatte… auch diese gab ich ihm.
Natürlich musste ich ihm dann erst mal zeigen, wie er eine Schleife binden musste, nachdem er sich im Bad umgezogen hatte.
Wow… er sah richtig gut in meinen Sachen aus… beinahe zum verlieben… aber nur beinahe. Ein bisschen blass vielleicht… aber sehr hübsch.
Ich verschwand noch einmal kurz in der Küche und trank noch einen Schluck Kaffee, dann verließ ich die Küche wieder, sah Derek auf dem Flur stehen, der ungeduldig zu warten schien.
„Ich komm ja schon“, moserte ich und griff nach meinen Schlüsseln.
Gemeinsam verließen wir meine Wohnung, nachdem ich mir meinen Rucksack geschnappt hatte.
Auf dem Weg zum Auto, fragte mich Derek:
„Was ist eigentlich eine Bar?“
„Ach herrje… okay, also… man geht in eine Bar, um Freunde zu treffen, etwas zu trinken und sich zu amüsieren. In einer Bar wird meist Alkohol in Form von diversen Getränken ausgegeben.“
Derek nickte verstehend, dann hatten wir mein Auto erreicht und ich meinte:
„Derek, das ist mein Auto und da steigen wir jetzt ein und fahren einkaufen.“
„Nein, da steige ich nicht ein…“, weigerte sich Derek, der das ja nicht kannte und für den es wohl sehr gefährlich auszusehen schien.
„Derek, komm, ich zeige es dir, ja.“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
Ich schloss das Auto auf, öffnete die Tür und setzte mich hinein, dann stieg ich wieder aus.
„Siehst du, es ist nichts passiert. Also, steigst du jetzt ein?“, fragte ich ihn und öffnete die Beifahrertür.
Zunächst berührte Derek das Auto skeptisch und besah es misstrauisch, während ich ihm grinsend zusah. Aber ich ließ ihm Zeit, denn drängen wollte ich ihn ja nun auch nicht.
Schließlich und endlich schien er es für gut zu befinden und setzte sich in das Auto hinein. Ich schlug die Tür zu, dann ging ich um das Auto herum, stieg ebenfalls ein, schloss meine Tür und steckte dann den Schlüssel ins Zündschloss.
„Derek, bitte erschrecke dich jetzt nicht, okay. Dir wird hier nichts passieren.“
Der junge Vampir nickte.
Ich drehte den Schlüssel und startete somit den Motor, der sogleich aufheulte. Dann trat ich auf Gaspedal und fuhr los.
War ja klar, dass Derek mal wieder große Augen bekam und sich wunderte. Ich hingegen konnte nur in mich hinein grinsen, während ich mich auf den Straßenverkehr konzentrieren musste.
Ich erklärte dem jungen Vampir gleichzeitig einiges und er hörte mir aufmerksam zu. Mir war natürlich auch klar, dass das hier ein mächtiger Kulturschock für ihn sein musste. Ich hatte ihn ja gewarnt, aber er hatte es so gewollt.
Er war ja noch sehr jung und ich war mir somit sicher, dass er damit ganz gut zurecht kommen würde. Zumindest würde ich ihn mit all meinen Kräften unterstützen…
*-*-*
In der anderen Zeit machte sich Vergil nun doch Gedanken um Derek. Er vermisste ihn und er hasste Leigh, dass er ihm seinen Freund genommen hatte.
In der Hoffnung, seinen Freund vielleicht doch wieder sehen zu können, ging er noch einmal an die Stelle, wo Leigh und Derek verschwunden waren. Aber die Spiegelung und damit das Portal war verschwunden.
Er würde seinen Diener und Freund wohl tatsächlich nicht mehr wieder sehen. Dies ließ Vergil sehr traurig werden. Trotz aller Hoffnungslosigkeit wartete er an der Stelle …noch immer hoffend, dass Derek vielleicht doch wieder erscheinen und zu ihm zurückkehren würde…
*-*-*
Nach einer Stunde hatten wir ein großes Einkaufszentrum erreicht. Ich parkte mein Auto im Parkhaus, dann stiegen wir aus und ich schloss mein Auto ab.
Aus dem Parkhaus führte eine Treppe direkt in das große Kaufhaus hinein. Da es hier sehr voll war, nahm ich meinen Freund an die Hand und meinte:
„Wie du siehst, ist es hier sehr voll, deshalb nehme ich dich jetzt an die Hand, damit wir uns nicht verlieren, okay.“
Derek nickte und lächelte mich an.
Ich lächelte einfach nur zurück, dann ging ich mit ihm zunächst in die Abteilung für Männerbekleidung. Hier verbrachten wir an die zwei Stunden, bis wir wirklich alles zusammen hatten. Dabei bekam ich nun auch mal Dereks andere Seite zu spüren. Er zickte doch recht oft herum, weil ihm dies oder jenes nicht gefiel.
Nun, scheinbar hatte er sich doch sehr schnell an das Leben hier gewöhnt. Ich schmunzelte und grinste vor mich hin, aber ich richtete mich weitgehend nach seinen Wünschen. Als Student hätte ich es mir zwar eigentlich nicht leisten können, aber ich bekam monatlich eine gewisse Summe von meinen Eltern und konnte es mir somit leisten Derek einzukleiden.
Nach diesem Stress meinte ich:
„Komm, wir gehen erst mal essen… ich hab Hunger.“
Derek nickte und folgte mir.
Schnell hatten wir das Kaufhausrestaurant erreicht und setzten uns an einen Tisch.
„Möchtest du auch was essen?“
„Ich weiß nicht… ob… na ja… es mir bekommt.“
„Du kannst es doch aber mal versuchen, hm.“
Derek nickte schüchtern und ich grinste, als ich die Speisekarte nahm und etwas zu essen aussuchte.
Der Kellner kam an unseren Tisch und ich bestellte, was ich wollte. Dann ging der Kellner wieder weg und ließ uns allein.
„Und, bist du immer noch begeistert, hm?“, fragte ich meinen Freund grinsend.
„Ja, es ist… wunderschön hier und es sieht so toll aus. Und es gibt hier so viele tolle Sachen.“, schwärmte mir Derek vor.
Ich nickte und lächelte ihn an.
„Ja, das glaub ich dir, dass es dir hier so gut gefällt. Es ist hier schon anders, als bei euch. Aber was ich sagen wollte: Wenn dir hier mal was zu viel wird oder du dich überfordert fühlst, dann komm zu mir und sprich mit mir, okay.“
Derek sah mich lächelnd an und nickte bejahend.
Der Kellner kam an unseren Tisch, stellte das Essen, vor mir, auf den Tisch. Ich bedankte mich und der Kellner entfernte sich. Sogleich begann ich zu essen und fragte Derek:
„Na, magst du auch mal probieren?“
„Ich weiß nicht… ich traue mich das irgendwie nicht.“
„Na komm… wenigstens ein bisschen, ja.“, bat ich meinen Freund.
„Na gut.“, willigte er ein.
Derek nahm sich die Gabel, die auf seinem Platz lag, und nahm sich einen kleinen Bissen von meinem Teller. Einen Moment sah er sich den Bissen an und steckte sich diesen dann skeptisch in den Mund.
Er kaute drauf herum und schluckte es dann runter. Anerkennend nickte er:
„Das ist echt gut.“, meinte Derek und sah mich lächelnd an.
Ich lächelte kurz zurück und aß dann weiter…
*-*-*
Nach dem Restaurantbesuch kaufen wir noch ein paar Lebensmittel ein und fuhren dann heim.
In meiner Wohnung angekommen packten wir alles aus, was wir gekauft hatten. Die Lebensmittel legte ich in den entsprechenden Schrank und in den Kühlschrank.
Für Dereks Bekleidung machte ich in meinem Schrank etwas Platz und zeigte ihm, wie er die Wäsche zusammenzulegen hatte. Natürlich ließ ich ihn das auch gleich mal selbst machen, damit er sich daran gewöhnte.
So nach und nach zeigte ich ihm was in der Wohnung alles zu tun war. Auch erklärte ich ihm:
„Hör mal, Derek…, wenn man in einer Wohnung zusammenlebt, muss jeder mithelfen und etwas tun. Ich studiere Mathematik und muss daher sehr viel lernen. Deshalb habe ich kaum oder sehr wenig Zeit, außer am Wochenende. Es wäre schön, wenn du mich ein wenig unterstützen könntest.“
„Ja, natürlich, ich werde dir gern und jederzeit helfen. Was ist eigentlich Mathematik?“
„Mathematik hat was mit Zahlen und Rechnen zu tun. Es ist sehr kompliziert und sehr teuer, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Aber ich habe das Glück, dass alles von meinen Eltern bezahlt wird und ich somit nicht arbeiten muss.“
„Das hört sich allerdings sehr kompliziert an. Aber du scheinst sehr gute Eltern zu haben, oder.“
„Ja, meine Eltern sind total klasse und echt lieb.“
„Da bist du wirklich zu beneiden. Ich habe leider keine Eltern mehr.“
„Och, da mach dir mal keine Sorgen, ich stelle dich meinen Eltern vor… glaub mir, sie werden dich lieben.“, erwiderte ich tröstend.
Derek grinste, während ich mir noch eine Tasse Kaffee gönnte.
„Komm setzen wir uns noch ein bisschen hierher.“, bot ich Derek an, der sich sogleich neben mich setzte.
„Ach ja, was ich sagen wollte, du nimmst bitte, bevor wir nachher losgehen, etwas Blut zu dir, okay. Ich will nämlich nicht, dass du mir zusammen klappst oder jemanden anfällst… weil du Hunger hast.“
„Ja, ist okay. Aber keine Sorge, ich falle echt niemanden an… das sagte ich dir aber schon.“
„Ja, das sagtest du mir schon. Ich wollte dich auch nur noch einmal daran erinnern.“, antwortete ich und nahm einen Schluck Kaffee zu mir.
„Ähm… wann gehen wir heute eigentlich los?“, wollte der junge Vampir wissen.
„Wir treffen uns um zweiundzwanzig Uhr mit meinen Freunden Scott und Lee vor der Bar. Wir brauchen aber nicht so bald los, weil wir eh mit dem Auto dorthin fahren. Wir haben noch gut zwei Stunden Zeit und sollten uns dann langsam fertig machen. Ich geh jetzt duschen und du kannst derweil etwas Blut zu dir nehmen.“
Mein Freund nickte einwilligend und ging an den Kühlschrank.
Ich verließ die Küche, ging ins Bad und duschte ausgiebig. Anschließend huschte ich ins Schlafzimmer, schloss die Tür und zog mich an, dann stylte ich meine Haare und war dann fertig.
Bekleidet mit einer blauen Designerjeans, einem weißen Poloshirt und weißen Turnschuhen verließ ich das Schlafzimmer wieder und gesellte mich zu Derek in die Küche.
Ich lehnte mich lässig an den Türrahmen und sah Derek zu, wie er das Blut trank.
„Na, schmeckt es?“, fragte ich den jungen Vampir neckend und grinste.
Derek sah auf und mich an. Er nickte und sah mich nun mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte… der aber Bände sprach.
„Ja, nun schau nicht so… trink aus und mach dich dann auch fertig. Verträgst du eigentlich Wasser? Ich mein, kannst du duschen oder baden?“
Derek nickte wieder, dann hatte er auch schon das Blut ausgetrunken und entsorgte den „Plastikbeutel“ im Müllschlucker… wie ich es ihm gezeigt hatte. Ich freute mich, denn er schien sehr schnell zu lernen.
„Na, dann geh jetzt duschen, dann ziehst du dich im Schlafzimmer um. Wo deine Sachen liegen weißt du ja.“
„Okay, danke.“
„Schon gut. Aber noch ein Danke und ich versohle dir den Hintern. Alles klar?!“, neckte ich den jungen Vampir weiter.
Derek sah mich nur fragend an, dann ging er an mir vorbei und verschwand dann im Bad.
Ich selbst ging ins Wohnzimmer, nahm das Telefon und rief Lee an. Nachdem er abgenommen und sich gemeldet hatte, meldete ich mich ebenfalls und begrüßte ihn:
„Hallo Lee.“
„Hallo Leigh.“
„Du, hör mal, ich bringe noch jemanden mit. Er ist ein guter Freund von mir und ich will ihn ungern allein lassen. Er braucht etwas Gesellschaft.“
„Ja, klar, ist doch kein Problem.“
„Ich wollt dir nur Bescheid sagen, damit ihr euch nicht wundert.“
„Okay, danke.“
„Also dann bis gleich.“
„Ja, bis gleich.“, erwiderte Lee, dann legten wir beide auf.
Anschließend setzte ich mich an meinen PC, schaltete ihn an und sah nach meinen Emails. Au man, es waren jede Menge und so würde ich noch sehr viel zu tun haben, wenn ich die alle beantworten wollte. Aber dafür hatte ich jetzt keine Zeit.
Morgen war ja auch noch ein Tag, so dachte ich… denn ich wollte mir nun echt nicht den Abend mit irgendwelchen Emails, die ich beinahe täglich von irgendwelchen Verehrerinnen aus der Uni bekam, verderben.
Ich hatte wahrlich nicht wenige Verehrerinnen, aber sie alle interessierten mich nicht. Ich war bislang immer ein Einzelgänger gewesen und hatte mich nie für zwischenmenschliche Beziehungen interessiert und so sollte es, meiner Meinung nach, auch bleiben.
Dass Derek jetzt bei mir wohnte… passte mir zwar nicht so wirklich, aber ich akzeptierte ihn. Und solange er mich in Ruhe ließ und mich nicht anpackte, konnte er meinetwegen bei mir wohnen bleiben.
Das Letzte, das ich jetzt brauchen konnte, war eine Liebesbeziehung. Auf so etwas wollte ich mich niemals einlassen.
Irgendwann kam Derek ins Wohnzimmer und er hatte doch tatsächlich dieselben Sachen an, wie ich.
Ich grinste und lobte ihn.
„Hey, das sieht richtig gut aus.“
„Danke.“
„Nichts zu danken. Du bist wirklich sehr hübsch. Dann pass mal schön auf, dass dich in der Bar nachher kein hübsches Mädchen anspricht.“
Derek sah mich fragend an und ich musste, bei seinem niedlichen Gesichtsausdruck einfach nur noch lachen.
„Tja, mein Kleiner, in einer Bar kann es schon mal vorkommen, dass sich ein Mädchen für dich interessiert. Und so wie du aussiehst… brauchst du darauf nicht lange zu warten.“, erklärte ich ihm.
„Das… will ich aber nicht.“
„Dann kannst du sie freundlich abweisen. Aber sag, warum willst du das nicht?“
„Ähm… das möchte ich jetzt nicht sagen.“
„Warum nicht? Mir kannst du alles sagen… ach… Moment… du bist doch nicht etwa… schwul? Ich mein, magst du Männer?“
Ich sah Derek eindringlich an, dann sah ich, dass er zögernd nickte.
„Okay,… alles klar. Aber mich lässt du bitte in Ruhe, denn ich bin definitiv nicht schwul.“
„Ich lasse dich in Ruhe… keine Sorge.“
„Gut, dann wäre das ja wohl geklärt.“, antwortete ich, fühlte mich aber irgendwie nicht mehr so ganz wohl in meiner Haut.
Dennoch hoffte ich, dass Derek wirklich nichts von mir wollte und er mich in Ruhe ließ.
„Was… ist das da?“, fragte mich Derek und zeigte auf meinen PC bzw. meinen Laptop.
„Das ist ein Computer. Damit kann man die verschiedensten Sachen machen. Man kann damit spielen, schreiben oder mit anderen Menschen reden.“
Derek sah mich nun noch etwas fragender an und ich grinste ihn einfach nur an, dann bot ich ihm an:
„Komm, ich zeige es dir.“
Er stellte sich neben mich und ich zeigte ihm, was man mit dem Computer alles tun konnte und seine Augen wurden nun noch etwas größer.
„Ja, mein Kleiner, da wirst du noch sehr viel zu lernen haben.“
Derek stand neben mir und nickte bedächtig.
Ich sah auf die Uhr und meinte dann:
„Wir müssen langsam los.“
Dann schaltete ich den Computer aus, erhob mich und ging hinaus in den Flur. Ich schnappte mir meine Schlüssel und fragte Derek:
„Kommst du?“
„Ähm… ja… ich… bin schon da.“, antwortete er, wahrscheinlich noch immer sehr fasziniert von allem hier.
Ich nahm ihn an die Hand und ging mit ihm zu meinem Auto. Wir stiegen ein und ich fuhr uns zur Bar. Dort angekommen parkte ich mein Auto, wir stiegen aus und gingen auf die Bar zu, wo wir auch schon von meinen Freunden erwartet wurden.
Vor ihnen stehend stellte ich sie einander vor:
„Darf ich vorstellen, Scott, Lee, das ist Derek… Derek, das ist Scott und der da ist Lee.“
„Hallo Derek.“, kam von Lee und auch Scott begrüßte meinen Freund.
„Hallo Scott… hallo Lee.“, erwiderte Derek die Begrüßung meiner Freunde.
„Ja, also, gehen wir rein?“, fragte ich meine Freunde grinsend.
Alle drei nickten, dann betraten wir die Bar.
Wir setzten uns an die Bar und bestellten zunächst drei Gläser Bier.
Ich fragte Derek:
„Und für dich ein Wasser?“
Derek nickte, sah mich aber fragend an. Ich zwinkerte ihm zu. Dann beugte ich mich zu ihm hinüber und flüsterte:
„Das ist auch nur, damit es nicht so merkwürdig aussieht, okay.“
„Okay.“
Ich nickte, dann bestellte ich und schon bald standen die Getränke vor uns.
Es war natürlich sehr laut in der Bar, aber noch nicht allzu voll. Wir unterhielten uns und bezogen auch Derek mit ein, der sich stark im Hintergrund hielt. Er schien zunächst mal alles zu beobachten und einfach nur zuzuhören.
Meine Freunde und ich hatten wirklich sehr viel Spaß zusammen und hatten uns eine Menge zu erzählen.
Wie ich erwartet hatte, wurde Derek von einem sehr hübschen Mädchen angesprochen, die zunächst nur mit ihm reden wollte. Er war sehr vernünftig, höflich und freundlich, wie ich bemerkte, und unterhielt sich mit ihr… auch wenn er sehr schüchtern war.
Herrje, diese Schüchternheit war ja wirklich zu niedlich. Ich grinste in mich hinein.
An diesem Abend trank ich noch sehr viel Alkohol, jedoch merkte ich selbst nicht, dass ich schon sehr betrunken war und beinahe nur noch lallte.
Irgendwann, es war schon etwa viertel vor zwei in der früh, meinte Scott zu mir:
„Leigh, du solltest echt nach Hause gehen und deinen Rausch ausschlafen.“
„Nein, ich will noch bleiben.“, zickte ich herum und war nicht bereit nachzugeben.
Lee und Scott packten mich dann an den Armen und schleiften mich, mehr oder weniger aus der Bar raus, während Derek ihnen folgte.
Draußen angekommen war mir, als bekäme ich einen mächtigen Schlag auf den Kopf, denn vor mir drehte sich alles…
*-*-*
„Derek, kannst du Autofahren?“, fragte Scott, den jungen Vampir.
„Nein… ich kann das nicht.“
„Okay, dann werde ich euch jetzt nach Hause fahren.“, meinte er und hievte Leigh, mit Hilfe von Derek, in das Auto.
Derek setzte sich dann auf den Beifahrersitz.
Lee hatte sich von Beiden verabschiedet und war dann ebenfalls heim gegangen.
Scott setzte sich ans Steuer und fuhr los.
Auf dem Weg zu Leighs Wohnung unterhielt sich Scott mit Derek über zumeist belanglose Dinge. So auch darüber, was mit Leigh los war und warum er nicht mehr oder kaum noch reagierte. Scott erklärte Derek alles was er wissen wollte.
Eine halbe Stunde später hatten sie die Wohnung erreicht, Scott parkte das Auto und gemeinsam brachten Derek und Scott Leigh in dessen Wohnung.
„Na dann, mal ab mit ihm ins Schlafzimmer, dann kann er seinen Rausch ausschlafen.“, meinte Scott und brachte seinen Freund gemeinsam mit Derek ins Schlafzimmer.
Eine Weile standen sie noch in dem Raum und gaben auf Leigh acht, wobei sie sich weiter unterhielten.
„Woher kommst du eigentlich, Derek?“
„Das ist schwer zu erklären.“
„Versuchs doch mal.“
„Na ja, eigentlich komme ich aus einer anderen… Zeit.“
„Ach, und aus welcher? Und wie bist du hier her gelangt?“
Derek erzählte dann wie sich alles zugetragen hatte und Scott hörte ihm einfach nur zu.
Nachdem Derek dann seine Erzählung beendet hatte, schaute ihn Scott fragend an.
„Heißt das… ich mein, heißt das jetzt echt, dass du ein… Vampir bist?“
„Ja…“
„Wow… unglaublich. Ich… würde gern… also magst du mir vielleicht mal deine Zähne zeigen?“
Der junge Vampir nickte, öffnete seinen Mund und ließ seine langen Eckzähne erscheinen.
„Wow… und die sind echt, echt?“
„Ja… leider.“
„Leider?“
„Ja, weil… ich bin nicht stolz darauf ein Vampir zu sein.“
„Au, das ist dann natürlich hart. Mensch das tut mir echt leid für dich.“
„Na ja, ich muss halt damit klarkommen.“
„Ja, das stimmt. Ach, Moment mal, dann brauchte Leigh das Blut für dich, richtig?“
„Stimmt.“
„Hey, mach dir mal keine Sorgen, wenn du wieder was brauchst, sag Leigh Bescheid oder ruf mich an. Von mir bekommst du jederzeit was brauchst, okay.“
„Okay. Aber… was ist denn… anrufen? Wie macht man das?“
„Ach so, das weißt du gar nicht… gut, komm mal mit, ich zeigs dir.“, bot Scott an und ging mit Derek ins Wohnzimmer.
Scott nahm das Telefon und zeigte Derek wie er damit telefonieren konnte.
„Und dann kann ich dich hören?“
„Ganz genau.“
„Das hört sich toll an.“
„Ist es auch. Hier, ich geb dir mal meine Telefonnummer und wenn was ist, dann kannst du mich jederzeit anrufen.“
„Dankeschön.“, freute sich Derek.
„Hey, nichts zu danken. Aber ich muss jetzt auch nach Hause. Kann ich dir noch irgendwas helfen? Brauchst du irgendwas?“
„Nein, alles okay. Ich danke dir.“
„Na, dann gute Nacht und schlaf schön.“
„Danke, das werde ich. Ich wünsche dir auch eine gute Nacht.“
„Danke, mein Freund.“, erwiderte Scott und verließ dann die Wohnung, hinter sich die Tür schließend.
Derek sah ihm noch kurz nach, dann ging er noch einmal ins Schlafzimmer, wo er sich zu Leigh auf das Bett setzte.
Lange sah er ihm zu, wie er schlief und sich ab und zu räkelte. Derek überlegte, ob er Leigh ausziehen sollte, denn so schlief sein Freund doch eigentlich nicht und es sah für ihn schon sehr unbequem aus.
Er entschied sich dafür und begann das Poloshirt von Leigh vorsichtig zu entfernen. Als er aber die darunter liegende Haut sah… die so weich und zart aussah, konnte er nicht anders und begann die Haut, angefangen am Hals, bis hinunter zum Bauch zu streicheln und sanft zu berühren.
Und tatsächlich fühlte sich Leighs Haut genauso an, wie sie aussah. Derek streichelte ihn weiter, während Leigh wohlig aufseufzte. Mutig und sehr geschickt entfernte Derek nun auch die Hose seines Freundes und ließ diese neben das Bett, zu dem Poloshirt, fallen.
Verliebt sah er Leigh an, streichelte wiederum seinen Bauch und dann die Beine, wobei er dann auch die Strümpfe entfernte. Nun lag sein Freund nur noch in Boxershorts vor ihm und Derek streichelte Leigh zunächst einfach nur weiter.
Während er ihn streichelte, sah er ihm ins Gesicht, kam dem Gesicht nun ganz nahe… zögerte einen Moment und küsste Leigh dann sanft auf die weichen Lippen.
Mit allem hätte Derek gerechnet, aber nicht damit, dass Leigh seinen Kuss erwidern würde. Aber Leigh tat es und erwiderte den Kuss.
Natürlich wusste Derek nun auch, dass Leigh das alles nicht bewusst tat, da er ja stark alkoholisiert war, dennoch gefiel es dem jungen Vampir…. zudem sich Leigh jetzt nicht wehrte.
Noch einmal und diesmal etwas mutiger, küsste Derek Leigh, streichelte ihn weiter und legte seine Hand dabei auf Leighs Männlichkeit, die ja noch in der Boxershorts verborgen lag.
Noch immer im Delirium stöhnte Leigh erregt auf und hob sich der Hand entgegen. Derek grinste und ließ seine Hand in die Boxershorts hinein gleiten, um die Männlichkeit seines Freundes nun richtig berühren und streicheln zu können.
„N…nicht…“, stöhnte Leigh und doch hob er sich der streichelnden Hand entgegen, während sich seine Männlichkeit langsam aufrichtete.
Derek ließ nun auch die Boxershorts verschwinden, die dann den anderen Kleidungsstücken, neben dem Bett, Gesellschaft leistete.
Fasziniert sah er sich den wunderschönen Körper seines Freundes an und konnte sich kaum daran satt sehen. Dann jedoch hatte er das Bedürfnis diesen schönen Körper einfach nur überall zu küssen, was er auch tat.
Es gefiel ihm und der Geschmack seines Freundes gefiel ihm sehr. Er leckte und küsste sich an dem Körper herab, kam an der Männlichkeit an… leckte und küsste auch diese.
Nun wurde Leighs Stöhnen lauter, was für Derek das Zeichen war, dass er es richtig machte. Er nahm nun die Männlichkeit in seinen Mund auf und begann daran zu saugen und es ein wenig mit der Zunge zu ärgern.
Laut stöhnte Leigh auf, dann ergoss er sich auch schon, mit einem äußerst erregten Stöhnen, im Mund seines Wohltäters. Derek schluckte, was Leigh gerade los geworden war. Sein Freund schmeckte nicht schlecht, wie er fand.
Jedoch hatte diese ganze Sache nun auch ihn sehr erregt, weshalb er sich nun auch auszog und ein leises Stöhnen nicht so ganz unterdrücken konnte.
Behutsam spreizte er die Beine seines Freundes, kniete sich dazwischen und begann Leigh zu weiten.
Wahrscheinlich instinktiv, oder wie auch immer, begann sich Leigh zurückzuziehen und stöhnte schmerzvoll auf. Sogleich ließ Derek ein wenig von ihm ab, doch versuchte er es abermals und weitete Leigh weiter.
Als er fand, dass er ihn genug geweitet hatte, befeuchtete er seine Männlichkeit mit etwas Speichel, spreizte Leighs Beine noch ein wenig und drang vorsichtig in ihn ein.
Wiederum stöhnte Leigh nun schmerzvoll auf, aber Derek ließ sich nun nicht mehr beirren. Er bewegte sich aber noch nicht in seinem Freund, sondern ließ ihm Zeit sich an ihn zu gewöhnen.
Leigh schien sich ihm entgegen zu bewegen, so begann Derek nun sich in seinem Freund zu bewegen. Zunächst sehr langsam, als er es aber nicht mehr aushielt, weil er schon viel zu erregt war, wurden seine Stöße sehr viel heftiger und härter.
Auch konnte er ein sehr erregtes Stöhnen nun nicht mehr unterdrücken und sein Körper bog sich lustvoll nach hinten, während er sich weiter in Leigh bewegte.
Mit einem äußerst erregten Stöhnen ergoss sich Derek schließlich in dem schönen Körper unter sich, beugte sich zu Leigh herab und küsste ihn noch einmal, bevor er sich aus ihm zurück zog.
Dann streichelte er Leighs Gesicht noch einmal. Anschließend suchte er die Boxershorts, hob diese auf und zog sie Leigh wieder an, um ihn dann behutsam zuzudecken.
Nur noch einen zärtlichen… sanften Kuss gab er ihm, dann entfernte er sich, mit einem geflüsterten „Schlaf gut, mein Schöner.“, aus dem Schlafzimmer, nachdem er seine Sachen zusammen gesucht und aufgesammelt hatte. Hinter sich schloss er leise die Tür.
Sodann ging er ins Bad, duschte gründlich, ging dann ins Wohnzimmer, wo er sich seinen Slip anzog und sich dann glücklich und zufrieden auf die Couch legte. Er deckte sich zu und schlief sogleich ein.
*-*-*
Als ich am nächsten Tag erwachte fühlte sich mein Kopf an wie eine Eckkneipe und ich mochte eigentlich gar nicht aufstehen. Ich stand dennoch auf und verließ mein Schlafzimmer, wie ich es gewohnt war, nur mit einer Boxershorts bekleidet.
Mein erster Gang führte mich ins Bad, wo ich mich erleichterte und anschließend etwas erfrischte.
Als nächstes ging ich in die Küche, wo ich erstaunlicherweise auf Derek traf, der mich sogleich begrüßte.
„Guten Morgen, Leigh.“
„Morgen… Derek.“, mehr konnte er von mir jetzt nicht erwarten… und das war schon sehr viel.
„Na, hast du gut geschlafen?“, fragte er mich liebevoll.
„Es geht… mein Kopf fühlt sich an, als würde er gleich platzen“, gab ich zurück, während ich mir erst mal einen Kaffee kochte.
„Du warst ja auch ziemlich betrunken, gestern Abend. Scott hat mir geholfen, dich nach Hause zu bringen“, erzählte mir Derek.
„Ja, ja, ich weiß…“, antwortete ich, nahm mir dann eine Tasse Kaffee und setzte mich, wie gewohnt, mit der Tasse in der Hand, auf das Fensterbrett.
Zum Fenster hinaussehend, schwieg ich zunächst. Derek saß auf der Küchenbank und ich spürte förmlich, dass er mich ansah.
Nach einer Weile sprach ich Derek an:
„Das nächste Mal… solltest du eine Creme oder ein Gleitgel nehmen, bevor du mich nimmst…“, und sah ihn nun an.
Derek sah mich auch an… sein Blick war erstaunt und verlegen zugleich.
„Ja, ja, du brauchst mich nicht so anzusehen… ich weiß Bescheid… ich habe es gemerkt… auch wenn ich noch so betrunken war. Aber wie gesagt, das nächste Mal nimmst du Gleitgel… denn es war nämlich das erste Mal, dass ich mit jemandem in dieser Art zusammen war.“
„Ich… ähm… es tut mir leid… aber ich…“
„Hey, es ist okay… denn wenn ich es nicht gewollt hätte, hätte ich mich gewehrt. Also, kein Grund sich zu entschuldigen. Aber jetzt will ich die Wahrheit hören… was empfindest du für mich?“
„Ich… liebe dich.“, gab Derek nun zu.
„Seit wann?“
„Na ja, seit ich dich… das erste Mal gesehen habe.“
„Deshalb wolltest du unbedingt mitkommen, hm.“
„Ja… ich… wollte bei dir sein.“
„Jetzt verstehe ich auch den Aufstand, dass du unbedingt mitkommen wolltest.“
„Ich habe es Vergil erzählt und er hat mir deshalb geholfen.“
„Okay, es ist ja nun auch egal. Aber ich kann dir jetzt noch nicht so wirklich sagen, dass ich dich liebe. Bitte versteh das.“
„Ich verstehe das… und es ist schon okay.“
„Ich möchte dir aber dennoch sagen, dass es mir gefallen hat… was du heute Morgen getan hast.“
„Ehrlich? Und du bist mir nicht böse deswegen?“
„Nein, ich bin dir nicht böse deswegen, und wenn du magst… würde ich das gern öfter haben wollen.“
„Wirklich? Ich darf dich öfter… also…“
Ich nickte und grinste ihn an.
„Darf… also darf ich dich… küssen? Du… hast so schöne weiche Lippen.“
Ich spürte, wie mein Gesicht, bei dieser Frage von Derek, eine leicht rötliche Farbe annahm. Deshalb sah ich zunächst wieder aus dem Fenster, kletterte dann vom Fensterbrett runter und setzte mich dann zu Derek auf die Küchenbank.
Den jungen Vampir ansehend, nickte ich zögernd. Sogleich näherte sich Derek mir, sah mich einen Moment an, schloss dann seine Augen und begann mich zärtlich zu küssen.
Auch ich schloss nun meine Augen. Derek hatte so schöne weiche Lippen, dass ich einfach nicht anders konnte, als den Kuss zu erwidern. Währenddessen spürte ich die Hände des jungen Vampirs auf meiner Haut, wie sie mich sanft streichelten.
Mein Widerstand war gebrochen. Ich konnte diesem jungen Vampir nicht mehr widerstehen. Er löste in mir Gefühle aus, die ich nicht kannte… mir aber sehr gefielen. In meinem Bauch begann es, wie verrückt, zu kribbeln.
Den Kuss, zwecks Sauerstoffmangels, lösend, sah ich Derek an und flüsterte ihm zu:
„Ich… glaube… ich liebe dich… auch.“
„Glaubst oder weißt du es?“
„Ich… weiß es.“
Derek grinste mich frech an, was mich aber sogleich wieder erröten ließ.
„Kein Grund gleich rot zu werden, mein Schöner.“, flüsterte mir Derek zu, mich weiter streichelnd.
Fragend fügte er.
„Darf ich ein bisschen von deinem Blut kosten?“
Ein wenig ängstlich sah ich ihn an und erwiderte:
„Wenn du es nicht übertreibst… und mich am Leben lässt… okay.“
„Natürlich werde ich es nicht übertreiben und selbstverständlich lasse ich dich am Leben… ich möchte dich schließlich nicht verlieren… ich liebe dich doch.“
Zögernd nickte ich und gab mich ihm hin.
Zunächst nahm er mich in seine Arme und küsste mich sanft. Dann wanderte er mit seinen Lippen zu meinem Ohr, leckte es und flüsterte:
„Hab keine Angst… ich werde ganz vorsichtig sein.“
Ich spürte, wie er dann mit seinen unglaublich weichen Lippen an meinem Hals hinab wanderte und dort eine bestimmte Stelle liebevoll… sanft… zärtlich… leckte.
Die Augen schließend stöhnte ich leise auf und neigte meinen Kopf noch etwas zur Seite, damit Derek besser an meinen Hals heran kam.
Zufrieden seufzte er gegen meinen Hals, als er merkte, dass ich es ihm erleichterte. Er küsste meinen Hals sanft, dann ließ er seine Zähne langsam… sanft… fast zärtlich in meine Halsschlagader gleiten.
Ich stöhnte schmerzvoll auf, während sich mein Herz fast überschlug und meine Finger sich in Dereks Kleidung krallten.
Sodann spürte ich, wie er mein Blut aus mir heraus zu saugen begann, jedoch stöhnte ich nun lustvoll auf, denn er hatte seine Hand sacht auf meine Männlichkeit gelegt und streichelte sanft darüber.
Natürlich regte sich mein Glied sofort und ich spreizte meine Beine. Derek kam der nicht gesagten Bitte nach, glitt mit seiner Hand in meine Boxershorts und begann dort mein Glied zärtlich zu streicheln und zu massieren, während er mein Blut trank.
Er trank und trank und mir wurde schon schwarz vor Augen, dann jedoch spürte ich eine mächtige Orgasmuswelle über mich kommen, die ich laut heraus stöhnte. Nur wenig später umhüllte mich die Dunkelheit…
*-*-*
Als Derek bemerkte, dass sein Liebling ohnmächtig war und schlaff in seinen Armen hing, hörte er sogleich auf zu saugen, leckte noch einmal über die Bissmale am Hals, so dass diese gänzlich verschwanden.
Dann stand er auf, hob seinen Liebling hoch und ging mit ihm ins Wohnzimmer, wo er Leigh behutsam auf die Couch legte und sanft zudeckte.
Dann ging in die Küche und suchte nach etwas zu trinken und zu essen. Er fand eine Flasche Orangensaft und er fand auch etwas Schokolade. Beides nahm er an sich und ging damit wieder ins Wohnzimmer.
Sorgenvoll aber lächelnd sah er Leigh an und streichelte ihn.
„Komm schon wach auf… bitte…“, bat er flüsternd.
*-*-*
Irgendwann kam ich aus meiner Ohnmacht zurück und sah in Dereks Gesicht.
„Hallo, mein Süßer. Na, wie geht’s dir, hm?“
„Ich fühle mich irgendwie schwach.“, antwortete ich und schloss noch ein wenig die Augen.
„Nein, komm, bleib bei mir… nicht die Augen schließen.“, bat Derek liebevoll.
Ich öffnete meine Augen wieder und flüsterte:
„Vor mir dreht sich alles…“
„Ja, ich weiß, ich hab doch etwas zu viel erwischt und es tut mir leid. Hier, komm, trink das… dann geht es dir gleich besser.“
Derek füllte ein wenig Orangensaft in ein Glas, hob meinen Kopf hoch und hielt mir das Glas an die Lippen. Ich trank langsam, aber ich merkte, dass es mir gut tat.
„Ja, so ist es gut. Warte, ich habe hier noch etwas Schokolade für dich… die solltest du auch essen… dann geht es dir bald wieder besser.“
Derek stellte das Glas auf den Tisch zurück und fütterte mich dann mit der Schokolade, die er mir, Stück für Stück, in den Mund legte.
„Na, geht es wieder, hm?“
„Ja, danke.“
„Schhh… schon gut, mein Schöner. Ich liebe dich.“
Sogleich errötete ich wieder, sah Derek an und erwiderte:
„Ich liebe dich auch.“
Derek beugte sich zu mir herab und küsste mich liebevoll… zärtlich …sanft, so dass ich nicht anders konnte, als diesen Kuss zu erwidern. Wie ein Drogenabhängiger auf Entzug, hing ich an Dereks Lippen.
Tatsächlich begann ich ihn wirklich zu lieben. Niemals hätte ich mir vorstellen können jemanden zu lieben und froh zu sein, dass ich nicht mehr allein war. Aber nun war es soweit und ich wollte mich wirklich niemals wieder von Derek trennen.
Er hatte mir gezeigt wie schön Liebe sein kann und wie schön es sein kann, wenn man von jemandem verwöhnt wird.
„Magst du dich zu mir legen?“, fragte ich Derek bittend.
„Gern, wenn ich darf.“
Ich nickte, machte Platz, er legte sich zu mir und krabbelte mit unter die Decke.
Zärtlich lagen wir uns in den Armen und küssten uns leidenschaftlich. Dann verführte er mich noch einmal und ich bekam kaum noch genug von ihm.
Als wir dann irgendwann ein wenig erschöpft einschliefen, war ich einfach nur noch der glücklichste Mensch überhaupt.
Derek hatte es geschafft… mich und mein Herz erobert… in kürzester Zeit… etwas… das niemandem sonst je gelungen war und auch niemals gelungen wäre.
Aber er hatte es geschafft…
Derek…
*-*-*
Epilog
Leigh lernte Derek, mit der Zeit, richtig lieben. Beide waren nun ein Pärchen und trennten sich niemals voneinander.
Leigh outete sich auch vor seinen Freunden Scott und Lee. Beide hatten Verständnis dafür und sahen nun auch Derek als ihren Freund an.
Derek hatte natürlich noch sehr viel zu lernen, aber irgendwann hatte er alles ganz gut im Griff und kam sehr gut in der modernen Zeit zurecht. Dies verdankte er nicht zuletzt der Hilfe von Leigh, Scott und Lee.
Niemals bereute er, dass er mit Leigh mitgegangen war.
Noch ganze fünf Jahre blieb Leigh ein Mensch, dann ließ er sich von Derek zu einem Vampir machen, denn er wollte seinen Liebsten nicht irgendwann allein lassen, wenn ihn der Tod holen würde.
Leigh wurde ein sehr, sehr hübscher Vampir und Derek war sehr stolz auf seinen Liebling. An das Bluttrinken musste er sich allerdings erst gewöhnen. Irgendwann war aber auch das kein Problem mehr.
Scott ließ beiden immer wieder Blut zukommen, damit die Beiden nicht verhungerten.
Weil sich die vier Freunde niemals verlieren wollten, wurden Scott und Lee irgendwann auch zu Vampiren. Irgendwann wurden auch Scott und Lee ein Pärchen, nachdem sie zu Vampiren geworden waren, und zogen irgendwann zusammen.
Wobei hier Scott der treibende Keil war und Lee seine Liebe gestanden hatte. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sich Lee natürlich zunächst dagegen gewehrt. Aber Scott hatte nicht aufgegeben und Lee letztlich erobert.
Die Vier blieben Freunde… für immer.
ENDE

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Information Verbotene Zone
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 10:36 AM - No Replies

Entsetzt starrten alle zur oberen Kante des Steinbruchs. Sand rieselte, kleine Steine lösten sich und rollten den Steilhang hinunter.
Die Hände vor dem Mund zu einer Sprechmuschel geformt, schrie ich hinauf: »Zurück, Tobias, geh um Gottes Willen nicht weiter vor!«
Aber Tobias schien mich nicht zu hören, stand da oben am Abgrund und winkte mit den Armen. »Seht her, ich stehe oben, ganz oben!«
Dann brach der Boden unter Tobias weg, löste sich ab wie eine Eisscholle und riss ihn mit sich. Ohne einen Laut stürzte der Junge 30 Meter in die Tiefe.
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In der Dunkelheit dauerte es eine Weile bis ich begriff, dass ich schweißgebadet auf meinem Bett saß. Ich fuhr mit den Händen über das Gesicht. Der zweite Albtraum in dieser Nacht, noch schrecklicher als der erste. Es war gerade 3 Uhr geworden.
Ich stand auf und ging ins Bad, an Schlaf brauchte ich in dieser Nacht nicht mehr zu denken.
Ich schüttete mir eiskaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete mich im Spiegel. Zweifellos, mein Aussehen hatte gelitten. Vierundzwanzig Jahre alt, schon Sorgenfalten und Ringe unter den Augen, die Blässe unter der gebräunten Haut, das waren die Auswirkungen der letzten Nacht.
Ich setzte mich an den kleinen Küchentisch und zündete mir eine Zigarette an, hielt das Feuerzeug an den Docht einer Kerze auf dem Tisch.
Im Haus war es praktisch Totenstill und hätte ich es nicht besser gewusst wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass das Landheim mit 25 Schülern bewohnt war. Aber diese Stille trügte. Tobias, einer dieser Schüler, war während unserer Nachtwanderung verschwunden, schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Meine Schuldgefühle drohten überhand zu nehmen. Sollte Tobias etwas zugestoßen sein und man mich damit in Verbindung bringen – ich wagte das Szenario nicht auszudenken.
Ich war Hausmeister und guter Engel in dem Landheim und ein 12 – Stundentag war nicht selten, aber ich liebte diesen Job. Eine Chefin nebst Sekretärin, ein Koch, zwei Küchenhilfen, zwei Putzfrauen und ein Gärtner waren hier anwesend. Um die Technik und alles was das Haus selbst betraf kümmerte ich mich. Das Heim lag mitten im Wald, bis zum nächsten Ort war es ein guter Kilometer.
»Du wirst eines Tages Schwierigkeiten bekommen,« hatte mich meine Freundin Britta damals gewarnt als man mir diese Stelle anbot, »bei deinem Aussehen. Die werden dir am Ende auflauern. Du solltest dich besser bei einer Fotoagentur bewerben..« fügte sie ironisch hinzu.
Ja, ein bisschen achte ich schon auf mein Aussehen. Morgendliches Jogging um die Anlage und eine gewisse Vorsicht beim Essen waren mir heilig.
Ein Jahr nach Brittas Verheißung wurde mir klar, was sie damit andeutete. Nur konnte niemand ahnen, wie sich diese „Schwierigkeiten“ entwickeln würden.
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Es kam jener Montagnachmittag im August, als der Bus mit der neuen „Besetzung“ für die nächsten acht Tage eintraf. Es regnete und war kühl, so wie dann auch die Gesichter der Schüler. 10 Mädchen und 15 Jungs, alle zwischen 14 und 17.
Ich begrüßte die vier Lehrkräfte und half dem Busfahrer beim abladen der Gepäckstücke. Gerade als ich mich nach einem der Koffer bückte, sprach mich jemand an.
»Lassen Sie, ich kann das selber tragen« hörte ich eine Stimme neben mir.
Ich sah hoch zu dem Jungen der sich vor mir aufgebaut hatte.
Ich kann mich nicht mehr erinnern wie viele Schüler ich bis dahin betreut hatte, aber dieser Blick, die braunen Augen, dieses verhaltene Lächeln, die schlanke, große Gestalt im Ganzen – so etwas war mir noch nie bewusst aufgefallen.
»Oh. Tschuldigung. Ich wollte ihn nicht tragen, nur abladen« antwortete ich leicht verdutzt.
Später, als die Zimmer belegt waren und sich die Schüler im Speisesaal versammelt hatten, stellte ich mich vor und gab die Hausordnung bekannt. Wie es schien war diese Gruppe ziemlich diszipliniert und störte nicht ständig wie ich das bis dahin gewohnt war.
Im Grunde hatte ich ja keine großen Probleme mit den Kids. Es dauerte eine Zeitlang bis ich daran gewöhnt war, dass man mich bei allen Aktionen dabeihaben wollte. Die Mädchen rissen sich darum wer mir die Einladungen für etwaige Festlichkeiten überbringen durfte.
Britta hatte nicht unrecht. Kraft meines Amtes war es allerdings auch Rechtens überall dabei zu sein. Aufsichtspflicht heißt das wohl und die Lehrer waren dankbare Nutznießer. Die kleine Disco, Wanderungen, Sportveranstaltungen, Grillpartys – bei allem wollte man mich dabei haben. Aber bereits bei Anflügen von Flirts steuerte ich mein Boot aus der Rinne.
Es war eine wirklich vorbildliche Gruppe. Keine Partys auf den Zimmern bis zum Morgengrauen, keine Beschädigungen, keine Raufereien. So vergingen die ersten Tage ohne Aufregung, zumal die Gruppe tagsüber auf Besichtigungsfahrten ins Umland war.
So konnte ich mit Ruhe das dank eines Sponsors neu gebaute kleine Schwimmbad im Keller betriebsfertig machen und einen Tag später dürften es die Kids einweihen; wegen Regens fiel nämlich das eigentlich geplante Sportfest buchstäblich ins Wasser.
Ich hielt mich ständig in der Schwimmhalle auf, prüfte mit Argusaugen die technische Anlage. Nur gelegentlich sah ich dem Treiben im Becken zu.
Der Junge, der mir bei der Ankunft aufgefallen war, lehnte teilnahmslos am Beckenrand, mischte sich nicht unter seine Kameraden.
Ich setzte mich zu den Lehrkräften, die auf den billigen Liegestühlen saßen. »Dieser Junge da drüben, hat der ein Problem?«
»Nun, es scheint so. Wir wissen nicht was mit Tobias los ist, seit einiger Zeit hat er sich sehr verändert. Aber er ist andererseits Musterschüler. Das grenzt manchmal auch ab« antwortete eine der Lehrerinnen.
Ich nickte. Das war ja im Prinzip schon Grund genug. Aber wieso interessierte der mich überhaupt?
Abends war Disco angesagt. Normalerweise haben Lehrer oder ich keinen Zutritt, bis 23 Uhr konnten die Kids dort unter sich sein. Aber wie immer wurde ich von den Schülern fast schon gezwungen wenigstens einen Drink mit ihnen zu nehmen. Darunter sollte oder musste man alles trinkbare ohne eine Spur Alkohol verstehen, doch schon der erste Schluck aus einem angebotenen Glas verriet mir die außerordentliche Verdünnung. Ich tat, als würde ich es nicht merken.
Tobias stand Abseits am Rand des Tresens und starrte auf die wuselnden Schüler auf der kleinen Tanzfläche.
Ich ging zu ihm hinüber, ahnte dass ich mich weit vorlehnte, aber der Junge begann mich zu beschäftigen.
»Hallo Tobias.«
Er sah mich musternd an. »Hallo.«
»Ist alles Ok mit dir?«
»Wieso fragen Sie mich das?« Seine großen Augen schienen traurig.
»Mir fällt auf, dass du dich nie am Treiben deiner Kameraden betei¬ligst.«
»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht« sagte er forsch, ohne mich dabei anzusehen.
»Oh, schon vorbei. Schönen Abend noch.«
Da ich Ähnliches geahnt hatte war ich nicht sonderlich berührt von dieser Antwort. Mich beunruhigte nur, dass er eigentlich ein hübscher Bursche war und diese Sorte im Grunde eher im Mittelpunkt stand, vor allem bei den Mädchen.
Am anderen Tag stand die Besichtigung des alten Steinbruchs auf dem Programm. Da ich das Gelände bestens kannte, spielte ich dabei regelmäßig den Führer über das unter Naturschutz stehende Gebiet. Es war wichtig, dass die Gruppe zusammen blieb und keiner den Weg verließ.
Am Ende des Rundgangs, als die übliche Zählung stattfand, fehlte tatsächlich einer der Schüler. Ich brauchte nur kurze Zeit um zu festzustellen, dass es Tobias war. Mein Herz begann zu rasen. In Sekunden spielte sich ein Horrorszenario in meinem Kopf ab.
»Hat jemand den Tobias gesehen?« rief ich aufgeregt in die Gruppe. Die Schüler sahen in die Runde, schüttelten mit dem Kopf.
»Da oben, da ist er« rief plötzlich einer der Schüler und zeigte zur oberen Kante des Steinbruchs.
Dort oben, in über 30 Metern Höhe, stand er wie eine Statue. Hinter ihm wiegte der hohe Kiefernwald im Wind, Sand rieselte, kleine Steine lösten sich und rollten den Steilhang hinunter.
Tobias winkte mit den Armen und rief: »Seht her, ich stehe oben, ganz oben!«
Die Hände vor dem Mund zu einer Sprechmuschel geformt, schrie ich hinauf: »Zurück, Tobias, geh um Gottes Willen nicht weiter vor!«
Er reagierte nicht. Ich wusste dass es keine Sekunde zu verlieren gab. Der Abhang war durch einen Stacheldraht gesichert, und es war eine verbotene Zone. In der Vergangenheit hatten sich immer wieder Lawinen aus Sandstein gelöst. Tobias hatte den Draht überklettert.
Ich rannte an den Rand des Steinbruchs, verletzte mir die Hand beim Übersteigen des Stacheldrahts und stieg den Berg nach oben. Immer wieder sah ich zu Tobias hinauf während ich mir einen Weg durch Gebüsch und hüfthohem Gras bahnte.
Schnell blieb mir die Luft weg, ich kam immer langsamer voran. Jede Bewegung wurde zum Kraftakt, aber ich durfte keine Zeit verlieren.
Mein Gesicht glühte und der Schweiß klebte die Klamotten an mir fest als ich am höchsten Punkt ankam. Tobias konnte mich nicht sehen, ich war hinter ihm oben angekommen.
Er stand nur einen knappen Meter vor dem Abhang, starrte in die Tiefe und bewegte sich nicht. Der kräftige Wind verhinderte, dass Tobias das knacken der Äste unter meinen Füßen hören konnte, so kam ich bis auf Armlänge an ihn heran.
Wir fielen nach hinten als ich ihn entschlossen an seiner Jacke zurückzog.
Überrascht sah er mich an. »Haben Sie mich jetzt erschrocken.«
Ich stand auf, ging an den Abhang und winkte den anderen unten im Steinbruch mit dem Daumen nach oben.
Ich wandte mich ihm zu. »Du uns etwa nicht? Sag mal, bist du Lebensmüde?« brachte ich fast atemlos hervor.
Er sah mich an, wie das noch kein Mensch je getan hatte und zog die Schultern hoch. »Wer weiß.«
Ich kochte plötzlich vor Wut. »Das wird Folgen haben. Niemand macht hier grade das was er gerne möchte, und verarschen lasse ich mich von solchen wie dir erst recht nicht. Falls du einen Drang zum Geltungsbedürfnis hast – nicht hier im Landheim. Haben wir uns verstanden?«
Er stand auf, klopfte sich den Sand aus den Klamotten und kam auf mich zu. Sehr langsam tat er das.
Ich fragte noch immer ziemlich ungehalten: »Nun, was sollte das grade?«
Er starrte auf den Boden vor mir. »Und wenn ich es sage,« antwortete er, »was wird das ändern?«
»Das könnte ich dir vielleicht sagen, wenn ich es weiß.«
Er schien nachzudenken. »Gut.«
Dann zog er zwei Fotos aus seiner Jackentasche, betrachtete eins davon lange bevor er mir es gab. Es zeigte ihn mit einem anderen Jungen zusammen an einem Tisch, sie hatten ihre Arme über die Schultern gelegt und lachten in die Kamera.
»Und?« fragte ich.
Dann gab er mir zögernd das zweite Foto. »Deshalb« sagte er leise dazu.
Auf diesem Bild küssten sich die beiden. Man sah dass es ein tiefer, leidenschaftlicher Kuss gewesen sein musste, fest pressten sie ihre Lippen aufeinander. Mir fiel dabei auf, dass der andere Junge auch recht hübsch war. Die beiden, so dachte ich in dem Moment, passten gut zusammen.
Ich gab ihm die Fotos zurück und begann mich zu beruhigen.
»Ok, ich denke, ich weiß Bescheid. Aber glaubst du damit alleine zu sein? Deshalb bringt sich doch keiner um. Wenn das jeder tun würde..«
»Warum sagen Sie nicht, wenn das jeder Schwule tun würde?. Oliver war der einzige, der mich verstanden hat – und wir haben uns geliebt.« sagte er leise.
»Wieso war?« fragte ich neugierig.
»Vor 4 Wochen ist er mit seinen Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen.« Seine Stimme begann brüchig zu werden. Flehend sah er mich an und ich fürchtete der Situation in einigen Augenblicken nicht mehr gewachsen zu sein.
Plötzlich nahm er meine Hand. »Sie sind ja verletzt.«
Erst jetzt fiel mir auf dass meine Hand blutete. »Nicht weiter schlimm« antwortete ich.
»Schöne Hände haben Sie.«
Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ein Mann meine Hand umschlossen. Nunja, kein Mann in dem Sinne. Aber in einer Art, die mir unbekannt war. Ich schwankte zwischen zurückziehen oder gewähren lassen. Er nahm sein Taschentuch und wickelte es um die blutende Wunde. Es war ein merkwürdiges, neues Gefühl. Ich zog meine Hand zurück.
Ich weiß nicht wie lange wir so dastanden, bis er mir plötzlich um den Hals fiel. Hemmungslos ging sein Schluchzen in Weinen über, fest krallte er sich auf meinem Rücken in die Jacke. Ich legte meine Arme um seine Hüfte und ließ ihn. Es kam mir vor, als hätte er seinen Gefühlen das erste Mal freien Lauf lassen können. Sein Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt und ich hielt ihn sehr, sehr fest.
Der Wind hatte nachgelassen und die untergehende Sonne schien auf uns, als ich ihn nach einiger Zeit von mir schob. Der Ausdruck tiefster Trauer stand in seinem Gesicht, seine feuchten Augen glitzerten und ich wischte ihm mit einer Hand die Tränen von den Wangen.
Er tat mir plötzlich unendlich Leid, alles was in der letzten Stunde geschehen war versank in einem einzigen Verzeihen. Das war nicht gespielt oder gekünstelt, Tobias‘ Trauer war echt.
»Es tut mir sehr leid um deinen Freund, aber trotzdem: tu so etwas nie wieder.«
»Ich weiß auch nicht was in mich gefahren ist.«
Mir war klar dass Tobias nach Anerkennung suchte. Zuwendung, Aufmerksamkeit – das Fehlen all dieser Dinge dürften ihn zu der Handlung getrieben haben. Ich fragte mich, wen er ins Vertrauen hätte ziehen können. Seine Eltern, seine Freunde?
Ich nahm ihm am Arm. »Komm, lass uns runtergehen, die warten auf uns.«
»Werden Sie mich verraten?«
»Blödsinn. Das geht niemanden etwas an. Ich verspreche es dir.«
Ich log später den Lehrern das Blaue vom Himmel, um Tobias vor Strafe zu schützen.
Am Abend konnte ich nicht einschlafen. Ich machte mir Sorgen um Tobias. Wie konnte man ihn überzeugen dass das Leben weiterging? Dass ich trotz meiner Einrede, es würde schon nichts passieren, keinen Schlaf fand hatte aber noch eine andere, mir unbekannte Ursache: Tobias‘ Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich war ihm da oben durch die dichten, braunen Haare gefahren, spürte die Nähe zu seinem Körper. Auch die Art wie er meine Hand hielt begann jetzt meine Sinne zu verwirren. Er schien so verletzlich, zerbrechlich, zart. Er war mit seinen Händen ein paar Mal meinen Rücken auf und abgefahren und ich hatte mich gegen diese Berührungen nicht gewehrt.
Erst an diesem Abend fiel mir all das auf. Tobias sagte mir beim Abstieg, dass er bald 17 würde. Ich glaubte eine Art Verantwortung für ihn übernehmen zu müssen, zumindest so lange er hier war.
Aber es kam alles so anders.
Nachdem sich das Wetter wieder gebessert hatte, beschlossen die Schüler ihr Sportfest an dem kommenden Samstag zu feiern. Die Vorbereitungen fingen schon Donnerstags an und man wollte unbedingt einen Schwimmwettbewerb mit einbeziehen. An sich war das Becken viel zu klein, aber ich ließ sie.
Es war schwierig überall gleichzeitig zu sein. Das kleine Sportfeld in dem schmalen Tal sah nach dem Regen verwüstet aus und die Büsche um die Zuschauerränge waren üppig gewachsen. Aber ich fand eine Menge Helfer unter den Schülern, ich staunte über ihr Engagement.
Mein Versuch, auch Tobias verstärkt einzubeziehen, scheiterte kläglich. Da ich nun um seinen Seelenzustand wusste, verlangte er anscheinend grade von mir größtes Verständnis. Ich musste passen, nichts was ich ihm anbot war ihm, sich und seiner Trauer scheinbar würdig. Ich zweifelte manchmal, ob seine Trauer nicht doch allmählich zur Ausrede wurde.
Da ich keinen Rat mehr wusste rief ich eines Abends Britta an. Sie bereitete sich auf ihr Examen vor und hatte schon eine Weile keine Zeit mehr für mich, aber immerhin stand in 2 Monaten unsere Hochzeit auf dem Plan. Sobald sie ihre Prüfungen bestanden hatte, wollten wir uns hier in der Ortschaft eine schöne große Wohnung mieten.
»Alexander, ich steh voll im Stress. Ich glaube auch nicht dass ich dem Jungen helfen könnte. Jedenfalls jetzt noch nicht.. Es fehlt an der Zeit, weißt du«
»Ist schon Ok, ich dachte ja nur, vielleicht hast du so ne Notlösung parat.«
»Vielleicht solltet ihr beiden mal ein paar Stunden ganz für euch alleine haben. Reden ist die beste Medizin. Mach ihm mal den Vorschlag, wenn er nicht will wird er es dir sagen.«
Ich grübelte den nächsten Tag darüber nach, ob ich ihm diesen Vorschlag wirklich machen sollte. Reden, ja, aber wo, wie lange und worüber? Und ohne Wissen der Lehrer ging nichts und die würden dem sowieso nicht zustimmen. Wer, letztendlich, war ich denn auch? Und hinter ihrem Rücken? Unmöglich.
Ich war am anderen Tag gerade mit einem Wassertest des Schwimmbeckens beschäftigt als Tobias sich neben mich kniete.
»Hi. Ist das Wasser in Ordnung?«
»Hallo Tobias. Weiß ich noch nicht.« Ich freute mich dass er anscheinend wieder am Leben teilnahm. Und ich freute mich dass er jetzt hier bei mir war.
»Machen Sie den Job hier schon lange?«
»Zwei Jahre werden es jetzt.«
»Und keine Familie?« Ein merkwürdiger Tonfall lag in Tobias‘ Stimme.
Ich sah ihn an. Er trug ein blaues Trägerhemd und enge Khakihosen. Er sah wirklich gut aus. »In zwei Monaten werde ich heiraten.«
»Oh.« Er nickte, enttäuscht wie mir schien.
»Hör zu, Tobias. Ich würde mich gern mit dir unterhalten. Einfach so, ohne Zwang, ohne Fragen, ohne Thema. Mich macht einfach traurig dass ich dich zu nichts ermuntern kann.«
»Und Sie meinen, danach wäre das anders?«
»Ich meine gar nichts. Aber vielleicht möchtest du dich mal aussprechen. Du brauchst nur ja oder nein zu sagen.«
Er zögerte, spielte mit seinen Fingern. »Ich überleg es mir.«
»Übrigens, bei welcher Disziplin wirst du bei eurem Sportfest mitmachen?«
Er lächelte gequält. »Zuschauer.«
Ich sah ihm nach. Ich hatte eine derartige Antwort erwartet.
Der Tag vor dem Sportfest war heiß, zu arbeiten gab es für mich nichts Wichtiges und so entschloss ich mich einem Sonnenbad zu frönen – was selten genug vorkam. Ich baute die Hängematte hinter dem Geräteschuppen auf, wo sich eine kleine, versteckte Wiese befand. Unter normalen Umständen entdeckte sie niemand, da sie durch einen hohen Bretterzaun umgeben war. Betreten konnte man sie nur wenn man den Schuppen durchquerte. Es war meine kleine Insel der Glückseligkeit inmitten des gelegentlichen Chaos‘ . Leider hatte ich dafür nur an den Wochenenden Zeit – wenn überhaupt.
„Lauter lose Vögel“, ein Buch das mir ein Freund letzte Weihnachten schenkte, sollte jetzt endlich gelesen werden.
Ich schwang mich in die Matte und holte tief Luft. Endlich ein paar Stunden Ruhe. Die Balgen waren am Sportfeld und trainierten fleißig. Einer der Pädagogen war Turnlehrer und von daher musste ich mich diesmal um nichts kümmern.
Als die Matte so sanft hin und herschwang und ich in die Sonne blinzelte, kam die Erinnerung an den Steinbruch wieder zurück. Und mit ihr diese Gefühle. Tobias tauchte auf, verschwamm wieder, einmal lachte er, dann hörte ich sein Schluchzen. Es war angenehm an ihn zu denken und gerade das machte mich nervös.
Durst machte sich nach einer Weile bemerkbar. Ich schwang mich aus der Matte, lief durch den Schuppen hinaus in den großen Hof. Bis hierher konnte man die Kids hören, sie hatten offenbar ihren Spaß an der Sache.
Mehr aus Eingebung sah ich an der Fensterfront des Haupthauses hoch. Tobias lehnte aus seinem Fenster und sah zu mir herunter, er hatte trotz des schönen Wetters nicht einmal sein Zimmer verlassen. Kurz darauf war er verschwunden
Ich überlegte ob es überhaupt einen Sinn machte mit ihm zu reden; das konnten andere besser als ich. Er war diese ganze Aktion nicht wert, sollte er machen was er wollte oder für richtig hielt.
Ich holte mir eine Flasche Wasser aus dem Büro, ging zurück, legte mich wieder in die Hängematte und begann das Buch weiterzulesen.
Ein „Hallo“ erschrak mich. Tobias stand plötzlich neben mir. Ich ließ das Buch sinken und starrte ihn an.
Nein, keine Fragen, kein Aushorchen. Nichts mehr. Tobias musste selbst mit sich klarkommen.
»Bitte, wolltest du etwas von mir?« Ich ließ meine Frage absichtlich nicht sonderlich freundlich klingen.
Er musterte mich. Mein Gesicht, die Brust, den Bauch, die Beine, ich konnte an seinem Blick erkennen wo er grade angekommen war. Ich hatte meine Badehose an und nicht wie üblich die Shorts, was mir jetzt irgendwie peinlich vorkam.
»Eigentlich wollte ich nur sagen dass wir ja mal reden können.«
Ich schluckte. Alles hatte ich erwartet, nur das nicht. »Na schön, immerhin. Und wann dachtest du..?«
»Jetzt. Und hier.«
Ich überlegte. Es waren noch fast zwei Stunden bis zum Abendessen. »Schön, warum nicht. Warte, ich zieh mir noch schnell etwas an.«
Er folgte mir durch den Schuppen, überholte mich dann aber und stellte sich mir in den Weg.
»Nein« sagte er entschlossen.
»Was nein?«
»Zieh nichts anderes an, bitte« sagte Tobias leise.
Mir wurde heiß. Er duzte mich plötzlich und ich ahnte die Gefahr in der ich mich – wir uns – befanden.
Er hielt mich an den Armen fest. »Du bist so schön, Klamotten verderben den Anblick.«
Ich war zu verdutzt um sofort reinen Tisch zu machen. Aber da war plötzlich auch etwas anderes: Ein unbestimmter Reiz verhinderte eine entsprechende Reaktion auf diesen merkwürdigen Wunsch. Ich erkannte das Flehen in seinen Augen, der Schuppen war fast dunkel und nur ab und zu fiel Sonnenlicht durch einige lose Bretter. Es war angenehm warm hier, roch nach Heu, nach moderndem Holz. Es war ein gefährlich geeigneter Ort für… Ich zwang mich, aufkommende Gedanken in dieser Richtung nicht weiter zu spinnen.
»Tobias, was soll das?«
»Sag jetzt nichts« flüsterte er und kam mir immer näher.
Wir waren fast gleich groß und er kam bis auf einige Zentimeter an mein Gesicht heran. Ich roch seinen Atem, schien trotz der Hitze seine Körperwärme zu spüren. Dann stemmte ich mich mit beiden Händen gegen ihn. »Ok, das reicht. Lass das jetzt, ich bin nicht..«
»nicht schwul, ich weiß. Aber ich weiß dass du es trotzdem willst, ich spüre es seit der ersten Minute. Und du bist schön, sehr schön.«
Wie konnte er so etwas behaupten? Keine Sekunde dachte ich daran etwas mit ihm… Mir fielen die Erinnerungen ein die ich ständig an ihn hatte. Es war nicht das Erlebnis am Steinbruch, es war Tobias selbst. Trotzdem, unmöglich.
»Du spinnst. Ich habe nie vorgehabt mit dir..« wehrte ich weiter ab.
Er legte seinen Zeigefinger auf meinen Mund. »Du redest zuviel. Komm, lass dich nicht so hängen. Niemand wird etwas erfahren..«
»Nein, kommt nicht in Frage« sagte ich energisch.
Plötzlich legte er seine Hand um meinen Hals und zog mich kräftig zu sich. Ich spürte seine Lippen auf meinen, versuchte ihn abzudrängen. Dann drückte er seine Zunge an meine Zähne und seine Hände fuhren wieder zärtlich über meinen Rücken.
Ich wehrte mich plötzlich nicht mehr, meine Anspannung ließ nach, ich ließ seine Zunge die meine suchen und miteinander spielen. Ich dachte nicht über den Geschmack nach, nicht über die Folgen die das haben könnte, nicht über Britta, nicht über meine Gefühle als Mann.
Als wir uns nach ewigen Zeiten langsam trennten und ich in diese Augen sehen konnte, kamen Zweifel in mir hoch. Mein Penis drückte gegen die Badehosen und obwohl Tobias das merken musste hatte er mich dort nicht berührt. Ich starrte ihn an.
»Du bist wahnsinnig. Ich kann meinen Job verlieren.«
»Pst. Du redest schon wieder. Was willst du denn? Niemand hat das gesehen. Komm, lass uns auf dein Zimmer gehen..« flüsterte er erregt.
Nun hatte ich mich in der Gewalt. »Niemals. Vergiss es. Vergiss diesen… diesen Kuss und vergiss mich. Ich bin nicht der Richtige für dich, du musst dir einen anderen suchen.«
»Nein, die anderen sind kein Maßstab für mich. Du, du allein bist es.«
»Wie stellst du dir das vor? Es geht nicht. Und denk dran, in zwei Monaten heirate ich, falls du das vergessen haben solltest.«
Zwei Augen sahen mich an, fragend, ungläubig, enttäuscht. Langsam ließ er mich los, sah an sich herunter. Ich fürchtete einen erneuten Weinkrampf, aber er sah wieder zu mir auf.
»Gut, wenn du denkst… Entschuldige, aber du bist meinem Freund so ähnlich. In fast allem. Sein Tod tut immer noch verdammt weh.. Warum jetzt ein zweites Mal?«
Gebeugt drehte er sich um und verließ den Schuppen.
Ich sah ihm nach, konnte seine Gefühle erahnen. Ich setzte mich auf den alten, verwurmten Holzbock und schlug meine Hände vor das Gesicht. Er hatte sich entschuldigt. Seine Gefühle waren mit ihm durchgegangen, wer konnte ihm das übel nehmen? Er tat mir mehr Leid als je zuvor.
Ich rannte aus dem Schuppen. »Tobias?!«
Er war noch nicht weit gekommen, blieb stehen ohne sich umzudrehen.
Ich stellte mich vor ihn, nahm in an den Armen. »Tobias, nicht du – ich muss mich entschuldigen. Es tut mir leid, ich.. ich war so grob zu dir.«
Er lächelte. »Wirklich?«
»Wenn ich es sage. Komm, lass uns auf mein Zimmer gehen. Aber nur reden, hörst du?«
Sein Gesicht hellte sich auf. »Ja, nur reden, klar.«
Bis zum Abendessen erfuhr ich dass er bei Zieheltern lebte weil seine Eltern früh gestorben waren und dass er es zu Hause nicht aushielt weil man ihn dort zu sehr einengte. Sein Freund war schon mit ihm im Kindergarten gegangen und irgendwann hatten sie bemerkt dass es mehr als Freundschaft war, das sie verband..
Zu mehr hatten wir keine Zeit, aber er war bereit sich noch einmal mit mir zu treffen. Denn ich bezweifelte, dass das alles war was er mir zu sagen hatte.
Ich lag schon im Bett an diesem Abend als es an der Tür klopfte. Ich wusste dass es Tobias war und ich fürchtete mich vor dem was jetzt passieren könnte. Ich ließ ihn trotzdem herein, meine schier unendliche Neugier ließ mir keine andere Wahl. Und dann war da auch dieses Gefühl, immer wenn ich an ihn dachte.
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Der Tag begann zu erwachen, die Vögel sangen, die Sonne stieg über dem Wald auf. Ich nahm das Kopfkissen neben mir und drückte es fest an mich.
Dann stand ich auf, trat an das weit geöffnete Fenster und sah hinaus in den Wald, sog die Morgenluft in mich auf. Ein Sommertag wie im Bilderbuch. Und die Nacht davor passierte Revue.
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Nachdem ich Tobias hereingelassen hatte, setzte er sich neben mich auf das Bett, irgendwie hatte er eine Flasche Rotwein organisiert. Meine Spannung begann sich allmählich zu lösen, wir redeten, wir lachten, wir tranken und ich amüsierte mich über sein Husten auf den ersten Zigarettenzug.
Eine Zeitlang lagen wir so nebeneinander und ich ließ mich von ihm treiben. Von ihm, seiner Jugendlichkeit, seinem ansteckenden Lachen. Nichts schien von seiner Traurigkeit übrig geblieben zu sein. Ich freute mich darüber.
Er erzählte aus seinem Leben und ich betrachtete ihn dabei. Sein Hemd stand offen und ich ließ meinen Blick über seinen Körper streifen. Und zum ersten Mal musste ich eingestehen dass Tobias sehr anziehend war.
Was war das bloß, das mich zu dieser Erkenntnis trieb? Oder geschah nun etwas völlig anderes, etwas, das ich bis dahin einfach ignoriert hatte? Wie konnte es sein, dass ich eine Art Erotik im Zimmer zu spüren glaubte? Ich lernte ein angenehmes, neues Gefühl kennen. Aber in mir regte sich auch der Wiederstand gegen dieses Gefühl. Es konnte, es durfte nicht sein.
Irgendwann nestelte er an der Hüftkordel meiner Shorts.
Ich packte seine Hand. »Bis hierher, junger Mann, und nicht weiter. Du bist 16. Was ich tue ist strafbar. Ende der Diskussion.«
»Aber es wird doch keiner erfahren. Außerdem werde ich in einer Woche 17.«
»Das mag sein, aber ich kann damit nicht leben, verstehst du? Ich darf es einfach nicht. Verführung Minderjähriger ist das eine, Verführung Schutzbefohlener das andere. Ich geh für beides in den Knast und komm nicht mehr raus. Und zum Schluss: Ich bin nicht schwul.«
Zum Teufel mit dem Gesetz ging es plötzlich durch den Kopf. Ich war erregt wie selten zuvor, an einem Punkt angelangt wo dürfen und wollen zu verschmelzen drohten in Gleichgültigkeit. Es reizte mich ihn wieder zu küssen, in den Arm zu nehmen, durch seine Haare zu fahren. Die Gefahr, dass jemand meine Verfehlung aufdecken würde war minimal, wenn nicht sogar Null, aber ich riss mich zusammen. Bin ich wirklich nicht schwul?
»Ja, aber doch nur wenn es jemand weiß. Außer mir und dir ist da aber keiner, oder?« versuchte er es erneut.
»Tobias, du kapierst es nicht. Ich kann es nicht, ich will es nicht und ich darf es nicht.«
Langsam schien er zu begreifen. »Ich finde das jetzt nicht fair von dir. Du hast mir Hoffnungen gemacht..«
Ich schüttelte den Kopf. »Da irrst du dich. Wir sagten wir reden miteinander, nichts anderes.«
Er stand auf und sah mich vorwurfsvoll an. »Wie du willst. Vergiss es, wir haben uns nichts mehr zu sagen.« Erstaunlich leise schloss er die Tür als er mein Zimmer verließ.
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Und nun starrte ich nach dieser Nacht hinaus in diesen Traumtag und grübelte. Ich hatte das einzig richtige getan. Dass er nun schmollte war logisch. Ich sehnte mich nach Britta und einem langen Gespräch mit ihr.
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Das Sportfest wurde ein voller Erfolg, es gab keine Verletzten und keine Tränen, sie waren stolz auf ihr Werk. Tobias ging mir aus dem Weg sobald wir uns begegneten, strafte mich mit abweisenden Blicken. Ich nahm es hin, so war es für uns beide am besten.
Das Wetter blieb schön und es war fast Vollmond, gerade richtig für die geplante Nachtwanderung.
Auf dem Weg in den Speicher, wo ich so wichtige Dinge für alle Fälle wie Taschenlampe, Decke, Kerzen, Erste-Hilfekasten und andere Utensilien holen wollte, kam ich an Tobias‘ Zimmer vorbei. Wie durch Zufall stand er plötzlich unter der Tür.
»Ah, schön Sie grade zu sehen. Nehmen Sie mich so mit?« Er drehte sich elegant um seine Achse. Und ich studierte jede seiner Bewegungen, beobachtete seinen schlanken Körper. Was, so fragte ich mich, faszinierte mich so an diesem Jungen?
Überrascht, dass er noch mit mir redete und dabei das mir unangenehme Du wegließ, entschied ich mich zu einer Antwort.
»Nein, ich hätte gern dass du etwas Helles anziehst.«
»Etwas Helles?« Er lachte. »Damit Sie mich wiederfinden im Dunkeln?«
»Schon möglich.« Ich weiß heute, dass es weiter nichts als Vorahnungen waren.
»Aber ich hab nichts Helles zum anziehen.«
»Und deine Kameraden, die können dir doch was leihen?«
»Die? Niemals. Ich nehm von denen nichts.«
Ich überlegte. »Schön, dann schauen wir mal bei mir nach. Vielleicht hab ich ja was passendes.«
Wenig später standen wir in meinem Zimmer vor dem Kleiderschrank. Während ich in meinen Klamotten stöberte, spielte Tobias mit meinem Handy, ich beobachtete ihn durch den großen Spiegel an der Schranktür.. Er war wirklich ein sehr hübscher Kerl.
Aber er schien diesmal keine Anwandlung zu haben, mich herumzukriegen. Dabei standen die Chancen in meinem Zimmer nicht schlecht – aus seiner Sicht gesehen.
Mir fiel der weiße Blazer in die Hände, den mir Brittas Bruder einmal schenkte weil er ihn nicht mochte. Ich hatte das Stück noch nie getragen. »Hier, versuchs mal mit dem.«
Tobias zog den Blazer an und passte ihm wie angegossen. »Geil, wie in Miami Vice. Schönes Handy übrigens, gefällt mir.«
»Um zehn Uhr unten im Hof. Sei pünktlich« erwiderte ich, es war höchste Zeit geworden.
Es war noch nicht ganz dunkel als wir losmarschierten. Ich beschloss, Tobias nicht eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Was zur Folge hatte, dass ich mit ihm ganz am Schluss der Gruppe lief. In das Kichern und Lachen der anderen mischte sich Tobias wie erwartet nicht ein.
»Kann ich dir was tragen helfen?« fragte er irgendwann. Wir waren zu weit hinter der Gruppe als dass uns jemand hätte hören konnte.
»Danke, es geht.«
Er stellte sich vor mich. »Schade dass es dunkel ist.« Da war wieder dieser Ton in seiner Stimme.
»Wieso?«
»Ich kann so dein hübsches Gesicht nicht richtig sehen.«
Es ging zu schnell, ich konnte es nicht verhindern: Ohne Zögern küsste er mich auf den Mund.
Der Strudel drehte sich wieder. Meine Bedenken, das Gesetz, die Moral, alles was mich bisher an solchen Dingen hinderte, drohte zusammenzustürzen wie ein Kartenhaus. Ich musste einsehen, viel mehr für diesen Jungen zu empfinden als ich mir eingestehen wollte.
Ich setzte den Rucksack ab, nahm Tobias fest in meine Arme und ich ließ mich gehen, erneut von meinen neuen Gefühlen fortziehen. Wir küssten uns heftiger als im Schuppen, unsere Hände waren überall. Und ich spürte meinen Schwanz gegen den Slip drücken. Einerseits war mir das peinlich, andererseits versuchte ich mich auch nicht dagegen zu wehren.
Erst als er meinen Gürtel öffnen wollte, kam die Angst zurück.
»Du hast einen Steifen, du willst es« sagte er erregt.
»Lass es. Ich… es darf nicht sein.« Energisch schob ich ihn von mir. Zum zweiten Mal hatte ich es zu weit kommen lassen. Aber diesmal war es allein meine Schuld. Was war bloß los mit mir?
Ich nahm meinen Rucksack wieder auf, wir waren schon weit von der Gruppe abgefallen, aber offenbar hatten sie unser Fehlen noch nicht bemerkt. »Komm, es hat keinen Sinn mit uns.«
Stramm marschierte ich los, versuchte die Stimmen der Gruppe zu orten. Unauffällig schloss ich mich den anderen an.
Bei einer kleinen Rast an einer Waldhütte stellte ich fest, dass mir Tobias nicht gefolgt war.
Die Lehrer machten sich daraufhin mit mir auf die Suche, wir leuchteten den halben Wald ab, aber der Junge blieb verschwunden. Wir hofften er wäre alleine zum Landheim zurückgekehrt oder würde sonst schon irgendwann auftauchen.
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*
Nun saß ich also da bei Kerzenlicht, starrte in die ruhige Flamme. Einen ganzen Tag schon warteten wir vergebens auf Tobias‘ Rückkehr, hatten noch einmal eine Suche gestartet, riefen schließlich die Polizei um Hilfe. Die wollte zunächst kein großes Aufhebens machen, für ein Verbrechen gab es keine Anzeichen. Erst wenn Tobias am Morgen nicht aufgetaucht wäre wollten sie mit einer großangelegten Suchaktion beginnen.
Immer wieder stand ich auf, ging zum Fenster und sah in die Dunkelheit.
Es war kurz vor Mitternacht, als eine Nachricht auf meinem Handy eintraf.
„ Hallo Alex. Du kannst mich an einer bekannten Stelle finden. Ich warte auf dich. Tobi. „
Er hatte offenbar meine Handynummer herausgefunden, das Ganze sah nach Planung aus.
Diese bekannte Stelle konnte nur der Steinbruch sein. Schweiß brach mir aus. Sollte ich ihm antworten, sofort dorthin fahren, abwarten? Was hatte er überhaupt vor? War er einfach nur wild entschlossen mich herumzukriegen? Wollte er sich vielleicht doch etwas antun? Reizte er mich nur? Zu viele Fragen.
Ich zog mich an, suchte einige wichtige Dinge für eine Nacht da draußen zusammen und fuhr mit dem Jeep an den Steinbruch. Ich malte mir aus was mich erwartete. Möglicherweise drohte er, sich etwas anzutun wenn ich nicht nachgab. Was dann? Unmögliche Szenarien sausten durch meinen Kopf. Wenn ich nachgab saß ich in der Falle, ließ ich mich nicht auf seine Forderung ein, könnte das zum Äußersten führen.
Als ich in den Steinbruch einbog bot sich mir ein gespenstisches Bild.
Tobias stand wieder da oben, hatte eine starke Taschenlampe vor sich auf den Boden gelegt und ließ sich anstrahlen. Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet mein Blazer war, der das Licht so stark reflektierte. Ruhig stand Tobias da und hob beschwörend die Arme.
Er sah mich und rief: »Na, wie seh‘ ich aus von da unten? Was ist, Alex, hast du es dir überlegt? Ich liebe dich, und du mich auch. Wir sollten das jetzt hier zu Ende bringen!«
Das Echo hallte unwirklich in den umgebenden Steilwänden, so, als würde er seine Forderung etliche Male wiederholen. Mich fror plötzlich. Er würde sich herabstürzen, davon war ich überzeugt. Schlimmer aber war, dass der Boden unter ihm wegbrechen konnte; dass es ein Unfall würde, den ich mit zu verschulden hatte. Es blieb mir keine Wahl. Wenn ich ein Unglück verhindern wollte, musste ich nachgeben, Strafe hin oder her. Mit dieser Erkenntnis musste ich leben, irgendwie.
»Ok, Tobias. Bleib da stehen, ich komme zu dir rauf.«
Ich nahm den Rucksack und die Taschenlampe, machte mich auf den Weg nach oben. Ich ließ mir diesmal Zeit, denn er würde warten bis ich bei ihm war.
Oben angekommen setzte mich in einigen Metern Abstand hinter Tobias auf den Boden, versuchte ruhig zu bleiben. Jetzt wurde der Junge von der Seite angestrahlt und er sah noch gespenstischer aus als von unten. Aber auch faszinierend.
»Nun, wie hast du dir das vorgestellt?« fragte ich nach eine Weile.
Langsam drehte er sich zu mir um. »Du fragst noch? Ich habe mich in dich verliebt und möchte dass du bei mir bleibst. Ich werde das Schicksal nicht ein zweites Mal herausfordern. Wir sind auserwählt und das weißt du.«
Ich suchte nach Worten. Was immer ich jetzt gegen seinen Willen aussprach könnte es eskalieren lassen. Trotz der heiklen Situation nahm mich sein Anblick gefangen. Nicht vergessen waren die Minuten, in denen wir uns sehr nah waren. Nicht vergessen auch meine Gefühle für ihn.
Ich hätte zum Schein nachgeben können, aber damit würde ich es nicht ändern. Bei ihm bleiben konnte ich wohl kaum, und Liebe? Dass er etwas für mich empfand stand wohl fest, aber wie sah es in mir aus? Was fühlte ich? Bisexuell? Nicht das große Unglück, aber es war eine ewige Wanderung zwischen den Gefühlen.
Britta tauchte vor meinen Augen auf. Die Nächte mit ihr, die Hochzeit – alles lief in Sekunden vor meinen Augen ab.
War es das was ich wollte, wirklich ersehnte? Frau, Heim, Kinder? Und was würde aus meinem Sohn, wenn er Tobias ähnlich werden würde? Ulf fiel mir ein. Der einzige mit dem ich mit 14 Doktorspiele veranstaltete. Aber gefühlt hatte ich dabei nichts, nicht wirklich. Hatte ich es nur verdrängt, „weil ein Mann sowas nicht macht“ ? fegte es durch meinen Kopf.
Ich wurde immer ruhiger. »Schön, ich denke wir bleiben erst Mal hier oben. Ich schlage jetzt das Zelt auf und dann sehen wir weiter.«
Tobias sagte nichts. Er blieb dort stehen während ich das kleine Zweimannzelt aufschlug. Ich hatte Zeit bis zum Morgengrauen, dann musste ich sein Auffinden bekannt geben.
»Was ist? Kommst du? Allerdings müssen wir uns einen Schlafsack teilen. Aber ich denke das wird kein Problem, der ist groß genug.« Ich wusste nicht was ich damit sagen wollte. Kein Problem für ihn oder mich?
Ich sah ein Lächeln in seinem Gesicht. Er nahm die Taschenlampe und krabbelte zu mir ins Zelt.. Dann zog er sich bis auf seinen Slip aus und kroch hinein in meinen Schlafsack. Sofort rückte er dicht an mich. Und meine Gedanken verschwammen in einem seltsamen Nebel.
Wir sagten kein Wort, aber die Spannung war beinahe unerträglich. Ich befreite meinen eingeengten Arm und Tobias legte seinen Kopf darauf. Er lag nur da und atmete ruhig.
Was war so tragisch an dieser Situation? Ich fühlte keine Abneigung, mein innerer Widerstand bröckelte zusehends ab. Seine Nähe war mir auf einmal angenehm, und obwohl ich mich gegen diesen Gedanken sträubte, fühlte ich so etwas wie Geborgenheit.
Ich streichte mit der Hand durch seine Haare, fuhr über seine Stirn, seine Augen. Ganz dicht kuschelte er sich jetzt an meinen Körper heran. Wie ein keines Kind, das sich geborgen fühlt.
Irgendwann legte er seine Hand auf meine Brust und ließ sie dort liegen. Er küsste meine Wange, legte sich wieder zurück. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, wie liebevoll und zärtlich ein 16-jähriger sein kann. Und nie auch, dass es mir angenehm sein könnte.
»So möchte ich bei dir bleiben, ein Leben lang« sagte er.
»Ich wüsste nicht wie wir das anstellen sollen« erwiderte ich.
»Du hast jetzt nicht nein gesagt. Du würdest es also tun?« sagte er mit leiser Stimme.
»Ich weiß es nicht. Aber ich glaube es wäre sehr kompliziert.« Gänzlich unmöglich schien es mir jedoch nicht mehr.
Fest presste er plötzlich seine Lippen auf meine, heftig und intensiv spielten unsere Zungen, ungestüm fast waren seine Hände überall an meinem Körper. Es war ein seltsames Gefühl von ihm berührt zu werden. Doch auch für mich war es irgendwie berauschend, bewusst seine Haut zu fühlen, über seine Brust zu streicheln, seinen Bauch, ihn zu riechen und zu schmecken..
Er griff meinen Slip und zog ihn nach unten. »Sag nicht, das würde dir nicht gefallen.«
Ich schwieg. Mich beschäftigte vielmehr: Was sollte ich jetzt tun? Reizte es mich wirklich ihn auch da anzufassen? Oder ergab sich das alles nur aus der Situation? Meine Gedanken verloren eine bestimmte Richtung, ich verfiel plötzlich einem völlig unerkannten Rausch. Erneut ließ ich mich von ihm fortziehen. In eine Welt die ich nicht kannte, die aber weder kalt noch bösartig war. Nicht einmal dunkel. Und von der ich immer mehr glaubte, dass es auch meine Welt war.
Fest packte er meinen Steifen, begann ihn zu massieren und entgegen meiner Erwartung geriet ich sehr schnell an den Rand des Orgasmus. Es gelang mir nicht es hinauszuzögern, aber Tobias spürte das. Als sich seine Lippen um meine Eichel schlossen, sprühten plötzlich tausend bunte Sterne vor meinen Augen.
Ich jappte nach Luft, so schnell und heftig kam es mir.
»Du kannst mich ruhig anfassen, ich zerbreche nicht« flüsterte er etwas später, als könne er Gedanken lesen.
Dann fiel der letzte Vorhang meiner moralischen Gesinnung und ich ließ meinen neuen, erotischen Wünschen freien Lauf. Ich stürzte hinab in diese unbekannte, reizvolle Welt. Ich leckte über seine Brust und den Bauch.
»Nimm ihn« hauchte Tobias, »er mag‘ s auch am liebsten mit dem Mund.«
Zart massierte ich seine Eier und nahm seinen Penis in den Mund, so tief ich es konnte. Kurz darauf bäumte sich Tobias‘ Körper auf und ich schluckte seinen Samen fast gierig hinunter.
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Leicht schimmerte das fahle Morgenlicht durch das kleine Zeltfenster. Vögel sangen um uns herum und Tobias schlief eng umschlungen in meinem Arm. Meine Hand zitterte leicht als ich mit einem Finger sachte über sein Gesicht fuhr.
Er ist kein kleiner Junge mehr, beruhigte ich mich, du hast dich nicht versündigt. Es gibt keinen Grund für Schuldgefühle. Ich hatte diese Nacht meine Konventionen gebrochen und es war nichts erzwungen, es geschah nichts was wir nicht beide wollten. Hier war kein Ort der Sünde, es war einfach passiert und ich würde lernen müssen mit diesem Gedanken zu leben, rückgängig machen konnte ich es nicht.
Und ich zweifelte nicht mehr daran, dass ein neues Leben für mich begonnen hatte. Keine Nacht war bis dahin so berauschend wie diese, auch mit Britta nicht. Schwul zu sein ist schön, dachte ich plötzlich.
Tobias schlug die Augen auf und streckte sich.
»Guten Morgen Alex, hast du gut geschlafen?« fragte er müde.
Ich fuhr ihm über die Wangen. »Falls du auf den moralischen Kater anspielst: Den hab ich nicht. Ich habe sehr gut geschlafen.«
Wieder drückte er mich fest wie ein Schraubstock. »Was ist, hast du Lust? Ich würde es jetzt gern noch mal machen. Du warst so toll…«
Mir war nicht ganz klar was er mit „toll“ meinte, aber ich nahm an, dass er auf eines anspielte: bei einem Mal war es letzte Nacht nicht geblieben.
So sah ich es als Kompliment. Da seine Hände nun wieder überall waren, schlug ich meinen schwachen, aber wieder vorhandenen Widerstand endgültig nieder. Es gab keinen Grund mehr, nein zu sagen. Wahrscheinlich würde es den nie mehr geben..
»Wenn du mich so fragst..«
Wir beendeten das Liebesspiel, das denen der vergangenen Nacht in nichts nachstand, mit einem langen Kuss. Darüber, wie es weitergehen sollte, redeten wir nicht.
Wir zogen uns an, was in dem kleinen Zelt mühevoll aber auch spaßig war.
»Überall klebt dein Sperma an mir und keine Dusche weit und breit« witzelte Tobias. Unbefangen ging er mit der Situation um, was mir sehr viel schwerer fiel.
»Und der Schlafsack – der hat jetzt dringend ne Reinigung nötig…« fügte ich dann trotzdem hinzu.
Über das Handy informierte ich dann die Lehrer und die Polizei. Tobias hätte sich hoffnungslos verirrt, erzählte ich ihnen, und niemand schöpfte Verdacht, als ich nach unserer Ankunft im Landheim die Story vom Zufall erzählte. Nun würde man mich anstelle einer Bestrafung auch noch hoch leben lassen. Das Schicksal geht manchmal seltsame Wege.
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In den folgenden Tagen hatten wir zwei nicht viel Zeit über die Zukunft zu reden oder nachzudenken. Ich riet Tobias, sich das Ganze noch einmal genau zu überlegen, es würde sich schon eine Lösung finden.
Für mich begann keine leichte Zeit. Die Nächte waren geprägt von dem Erlebnis auf dem Steinbruch und Tobias war ständig in meiner Nähe, aber es ergab sich keine Möglichkeit mehr mit ihm zu schlafen. Ständig waren seine Kameraden um ihn, denn er begann sich ihnen anzuschließen. Ich freute mich über diese Veränderung und nahm mir die Freiheit, mir das zuzuschreiben.
Heimliche Küsse gelangen uns bei wenigen Gelegenheiten, aber sie entschädigten wenigstens für alle Entbehrungen. Mein Wunsch, ihn dauernd um mich zu haben wurde in mancher Stunde unerträglich. Aber auch das Wissen, dass es so nicht weitergehen konnte.
Ich grübelte Stundenlang über meine Zukunft, fürchtete, Tobias könnte keine Ausnahme gewesen sein und das bedeutete irgendwann das Ende meiner Arbeit hier.
Britta zog ich in einer besonders einsamen Nacht ins Vertrauen, am Telefon beichtete ich ihr alles.
»Beruhige dich,« sagte sie, »ich habe so was ähnliches eh befürchtet.«
»Du meinst, du wusstest dass ich schwul bin?«
»Nunja, nicht direkt. Aber Frauen spüren solche Dinge schon eher mal. Lass gut sein, es ist so sicher besser.«
»Und warum wolltest du mich dann heiraten?«
»Auch Frauen täuschen sich gelegentlich..«
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Dann kam der Tag der Abreise. Der Abschied von Tobias war sehr viel schlimmer als ich es befürchtet hatte, aber es blieb uns keine andere Wahl.
Hinter dem Bus, von neugierigen Blicken verborgen, umarmten wir uns und dabei knabberte er mir am Ohrläppchen.
»Du siehst gut aus, du schmeckst gut, du riechst gut, – du bist gut. Ich liebe dich – und ich werde dich nie vergessen.« hauchte er mir ins Ohr.
Eine Gänsehaut lief mir den Rücken hinunter. »Tobi, pass auf dich auf, versprich es mir. Und keine Dummheiten, Ok?«
»Versprochen.«
Aus dem CD-Player des Reisebusses klang „Fool, if you think it’s over “ von Chris Rea herüber.
Ich geriet in einen freien Fall. Waren es Tränen die meinen Blick verwischten? Tränen von einem der glaubte, ein gestandener Mann zu sein? Sollte ich Tobias loslassen? Oder einfach sagen, er solle seinen Koffer wieder ausladen und hier bleiben?
Ich schob ihn von mir und wir sahen uns an, doch der Blick in seine Augen war fast unerträglich. In wenigen Sekunden lief unsere Zeit wie ein Film vor meinen Augen ab und seine Blicke sagten alles, was es noch zu sagen gab.
Ein Kuss, ein einziger Kuss noch zum Abschied – aber ich riss mich mit aller Gewalt zusammen und mir nun richtig bewusst, dass ich mich tatsächlich in einen Jungen verliebt hatte.
Noch einmal drückten wir uns, dann wandte sich Tobias ab und ließ mich stehen.
Verschwommen sah ich, wie er sich auf seinen Platz setzte und mich aus dem Fenster ansah. Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Gesicht und hob zaghaft die Hand. Ein vages, letztes Winken und der Bus setzte sich in Bewegung.
Als er die schmale Straße den Wald hinunterfuhr, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich wusste dass es ein Abschied für immer war und zurück blieb eine unsägliche Leere.
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Britta wurde zu meiner besten Freundin und ich lernte einen anderen Mann kennen. Michael überredete mich, den Job im Landheim aufzugeben und in seiner Firma als Hausmeister anzufangen. Michael ist schon dreißig, aber er hat soviel von Tobi – ich weiß heute, dass das Alter nicht jene Rolle spielt die man ihm zuschreibt. Jung sein ist das eine, eine feiner Mensch zu sein das andere. Beides muss sich aber nicht ausschließen.
Nach fast zwei Jahren bekam ich einen Brief von Tobias, in dem er seine Hochzeit mit seinem Dennis ankündigte und mich um Verzeihung bat. In dem Brief waren die beiden Fotos die er mir damals oben auf dem Steinbruch gezeigt hatte und er schrieb von einem Neuanfang. Ich habe diese Fotos heute noch.
An manch freien Tagen im Sommer fahre ich mit Michael zu dem Steinbruch, dann zelten wir da oben heimlich in der verbotenen Zone. Im nächsten Sommer möchte Tobi mit Dennis dort hinaufkommen und wir vier werden uns viel zu erzählen haben.
Wahrscheinlich hat Tobias verhindert, dass aus mir eines Tages ein sehr unglücklicher Ehemann geworden wäre

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