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Information New SW – (Star Wars) Story
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:02 PM - No Replies

Herausforderungen und Prüfungen des Lebens


Langsam kreiste der müde Waldmond Yavin 4 um den Gasriesen, um den seinerzeit schon die größte Schlacht der Neuzeit getobt hatte, die Schlacht um Yavin.
Doch nach all der Zeit, die selbst nach der Gründung der Neuen Republik vergangen war, würde man kaum vermuten dass auf dem Waldmond Yavins einer der ältesten Orden neu entstanden war.
Luke Skywalker, der Jedi- Meister, der noch vom Großmeister Yoda unterrichtet worden war, war nun geistiger Führer des wie der Phönix aus der Asche neu entstandenen Orden der Jedi.
Ein Orden, dem einst mächtige Meister vorangegangen waren, und der aus mehr als tausend Mitgliedern bestanden hatte. Nun allerdings war er auf eine kleine Gruppe zusammengeschrumpft.

In den müden Hallen des neuen Tempels der Jedi war noch alles dunkel. Das war auch normal, wäre dort nicht ein Schatten gewesen, der im Schimmern der Neonröhren unentdeckt hin und her huschte. Es war Anakin der von einem kleinen nächtlichen Spaziergang wiederkehrte.
Anakin war mittlerweile 16 Jahre alt und für sein Alter ungewöhnlich stark, sowohl körperlich als auch geistig.
Selbst seine beiden Geschwister Jacen und Jaina konnten sich nicht mehr vor ihm verbergen wenn Jacen einen neuerlichen Streich ausgebrütet hatte.
Allerdings schaffte selbst Anakin, der seine Begabung und Stärke offensichtlich von seinem namensgleichen Großvater geerbt hatte, es nicht, seinen Onkel auszutricksen. Jener kam in diesem Moment um die Ecke gebogen und wirkte zwar nicht wütend, schien aber umso mehr enttäuscht.
„Anakin, wieso tust du das, ich habe dir schon etwa zweitausend mal gesagt, dass du den Tempel in der Nacht nicht verlassen sollst?“, fragte Luke, mit tiefen Augenringen im Gesicht.
Anakin zögerte kurz. Er wusste, es hatte keinen Sinn seinen Onkel anzulügen. Er widerstand dem Drang es zu versuchen auch, weil er seinen Onkel liebte und ihm nicht den damit verbundenen Schmerz zufügen wollte.
Also antwortete er wahrheitsgemäß: „Ich wollte nur sehen, wo Kevin und Jaina bleiben. Sie sind vor zwölf Stunden in den Urwald verschwunden und immer noch nicht zurück!“

„Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Anakin. Wieso fällt es dir so schwer die beiden einfach gehen zu lassen? Du weißt was Jaina ihm gegenüber empfindet?“

„Ja, ich weiß. Aber ich kann Jaina nicht spüren, und das macht mir Angst. Ich konnte sie bisher immer spüren.“

„Ich weis Anakin. Doch das mag an der Entfernung liegen die die beiden von uns entfernt sind, meinst du nicht?“

Anakin überlegte kurz. Er hatte nicht an diese doch sehr offensichtliche Möglichkeit gedacht und wollte auch nicht wahrhaben, dass seine Verbindung mit seiner geliebten Schwester so schwach sei, dass er sie nicht auf dem ganzen Planeten spürte. Er hatte schon von Meistern des alten Ordens gehört, die sich über noch weitaus größere Strecken spüren konnten. Wenn man nur mal Meister Yoda nahm, der sehr wohl spüren konnte was in einer Person vorging die sich über mehrere Lichtjahre weit entfernt aufhielt.

Meister Siusk Bass hatte diese Gabe auch. Er war noch älter als Yoda geworden, und trotzdem hatten sie nie das Vergnügen gehabt, sich kennen zu lernen, denn die Apokalypse, die über die Jedi in Form von Anakin Skywalker gekommen war, hatte dafür gesorgt, dass nur sehr wenige Jedi überlebten. Um genau zu sein waren es zwei, und zwar Obi-Wan Kenobi, der alte Meister Anakins, und Yoda, der noch rechtzeitig nach Dagobah flüchten konnte.

„Könnte durchaus sein, aber kannst du sie denn spüren? Ich will doch nur wissen ob es ihr gut geht!“, meinte Anakin anschließend mit gequälter Miene.

Luke wusste, dass er jetzt mit Bedacht vorgehen musste, denn er wollte seinen Neffen nicht verletzen. Also konnte er ihm schon mal nicht sagen, dass er ruhig auf seine Schwester vertrauen konnte. Sie war bereits fertig mit der allgemeinen Ausbildung der Jedi, genauso wie ihr Verlobter Kevin. Um diese Beiden sorgte er sich nicht, zumal er sie wirklich sehr stark wahrnahm, gerade in den letzten Stunden der Nacht.

„Ich kann sowohl deine Schwester als auch Kevin wahrnehmen und beiden geht es gut! Aber nun geh ins Bett. Auf dich wartet morgen wieder eine schwere Meditationsarbeit, du bist noch zu unruhig in deinem Geist!“
Luke wusste, dass diese innere Unruhe von Anakin durch Kevin ausgelöst wurde, denn er mochte ihn nicht besonders, auch wenn er versucht hatte diese Emotion zu verbergen.

„Was hältst du von Kevin, Onkel Luke?“

„Er ist ein guter Junge, aber irgendetwas ist in ihm, was mir vertraut vorkommt aber mich trotzdem beunruhigt!“

Und im selben Augenblick in dem Luke sich diese Worte hatte sagen hören wusste er, dass er gerade einen großen Fehler gemacht hatte. Er hätte das nicht sagen dürfen. Anakin wurde noch viel gequälter, denn er wusste nun, das auch Luke ein Mistrauen gegen Kevin hegte.

„Bitte lass Jaina herausfinden wer und was gut für sie ist, wir tun ihr keinen Gefallen wenn wir sie einfach so trennen. Versprich mir, dass du sie in Ruhe lässt.“

„Ok, Onkel aber . . .!“

Anakin blieb mitten im Satz stehen und ließ die Schultern hängen. Er drehte sich um und ging in Richtung seines Quartieres davon. Luke war nicht wohl bei dem Anblick. Er hatte seinen Neffen noch nie so niedergeschlagen gesehen, aber jetzt konnte er nichts machen.
Er war auch viel zu schwach, um irgendwas zu machen. Seit Mara, seine Frau, nach Coruscant abgeflogen war um seiner Schwester zu helfen, konnte er beim besten Willen kein Auge zu machen. Er konnte nicht sagen woran das lag, aber er vermutete, dass es daran lag, dass er es einfach nicht mehr ertrug lange von ihr getrennt zu sein. Luke konnte sich noch sehr gut an seine Hochzeit erinnern. Sie war von so viel Leid gesegnet gewesen und hatte so vielen Hoffnung gebracht, und ihm brachte es die einzig wahre Liebe die er je kennengelernt hatte.
Er ging in Richtung Tempelspitze davon. Er liebte den Platz, obwohl er ihm einst einen dem Tode nahen Zustand brachte, als er gegen seinen einstigen Schüler und jetzigen Jedi Kyp Durron kämpfte. Damals stand dieser unter der Anleitung des wahrscheinlich mächtigsten Sith-Lord den die Geschichtsschreibung je gesehen hatte, er stand unter dem Einfluss Exar Kuhns.
Exar Kuhn war ca. ein Jahrtausend vor Luke auf dieser Welt gewesen und hatte die Eingeborenen versklavt. Er zwang sie, ihm riesige Bildnisse zu schaffen und Gebäude die alles überschatteten zu bauen, doch nur noch Ruinen waren von dieser Zeit übrig. Eine dieser Ruinen hatten die Rebellen vor mehr als 10 Jahren als Stützpunkt für die Vernichtung des ersten Todessterns benutzt. Luke war damals nur ein einfacher Pilot, wenn auch mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.
Sein Leben hatte sich von Grund auf geändert seit er mit Obi-Wan Kenobi Tatooine verlassen hatte. Niemand hätte gedacht, dass er kurz darauf den Tod des alten Jedi mitansehen musste.
In all der Zeit musste er durch Himmel und Hölle gehen, und jetzt war er Jedi- Meister und General der Truppen der Neuen Republik. Außerdem war er glücklich verheiratet. Seine Frau war niemand geringerer als Mara Jade, die bevorzugte Mörderin des Imperators, doch nach dem Tod des Imperators und seiner Klone erkannte sie ihre Zuneigung der Freiheit und auch Luke gegenüber.
Als die Hochzeit vollzogen wurde war einer von Lukes sehnsüchtigsten Träumen in Erfüllung gegangen, zumal er jetzt endlich ein relativ friedliches Leben führen konnte.
Gelegentlich wurde er noch auf Missionen gerufen, doch das waren meist nur Routinemissionen die keines weiteren Aufwandes bedurften.
Die wirklich aufwendigen Missionen ließ er seine ehemaligen Schüler übernehmen, denn sie brauchten die Erfahrung, sie mussten noch besonders lernen in komplexen Situationen komplex zu denken. Gerade Kyp Durron, sein eigentlicher Lieblingsschüler, ein Junge den er schon wie seinen Sohn sah brauchte dieses komplexe Denken. Damals, als Kuhn ihn für sich vereinnahmte, war es schrecklich für Luke, denn für die Dauer weniger Tage war er an das Geistsein gebunden. Sein Körper, nur mit schwachen Lebenszeichen gesegnet, lag auf dem Altar in der Großen Halle, und er wandelte genau wie Kuhn als Geist umher. Dort war es für ihn an der Zeit, eine der schwersten Tugenden auf die Probe zu stellen: Die Geduld.

An der Spitze des großen Tempels angekommen schaute Luke zu dem gigantischen Gasriesen Yavin empor. Mit diesem Planeten verband er so viel, dass es nicht möglich war es in Worte zu fassen. Aus diesem Grunde wollte er auch den Standpunkt für seine Akademie der Jedi hier haben, in der Abgeschiedenheit. Kaum jemand würde vermuten, dass sich auf diesem Planeten so viel verbarg, nicht nur die Jedi, die immer stärker in der Macht wurden, sondern auch das fortschrittlichste Schiff, das es in der gesamten Galaxie gab, DER SONNENHAMMER.
Seine Schwester, Leia, hatte es ihm im Namen der Republik geschenkt, sie wollten, dass Luke schnellstmöglich zur Verfügung stand, wenn dies nötig war. Doch auch mit diesem Schiff verband der mittlerweile leicht in die Jahre gekommene Jedi Vernichtung und Schmerz.

Luke wusste, dass er bis heute Nachmittag keinen Schlaf finden würde, denn dann kam Mara endlich wieder zurück. Sie war auf einer diplomatischen Mission für Leia, nichts Gefährliches.
Jedoch mochte er es nicht, von ihr getrennt zu sein. Er wusste jetzt, was Han eigentlich ständig durchmachte. Sein Schwager und seine Schwester sahen sich sehr selten am Tag, denn Han war Oberbefehlshaber der Streitkräfte und war mit dem Aufbau derselben beschäftigt. Leia musste ständig zu Konferenzen und diplomatischen Treffen, so dass ihnen nur der Abend blieb. Das war noch ein Grund warum Luke darauf bestand seine Neffen und seine Nichte bei sich zu haben. Abgesehen davon, dass sie sowieso mitten in ihrer Jedi-Ausbildung waren, gönnte Luke Han und Leia die Ruhe.

Sein Neffe Anakin war ein Charakter für sich, sehr mächtig wie sein Großvater, und er war auch in der Ausbildung viel weiter als alle anderen Schüler es in seinem Alter waren.
Schon bald würde er sich der größten Prüfung der Ausbildung stellen müssen, und Luke hatte alles Erdenkliche getan, ihm dies zu vermitteln, bis es letztendlich so weit war. Er hatte den Beginn des Baus von Anakins Lichtschwert für übermorgen eingeplant, doch wollte Luke Anakin zuvor eine andere Prüfung bestehen lassen.

Anakin sollte, angeleitet von Kevin Gaulere, einem weiteren Schüler von Luke und Verlobter von Jaina, die nächsten beiden Tage im Dschungel verbringen, das durfte Anakin bisher nicht da dieser Planet sich mehr als einmal als zu gefährlich erwies.
Nun war Luke aber der Meinung, Anakin wäre so weit, und dies spürte er auch in der Macht, denn Anakin war ein Leuchtfeuer für ihn, so wie er einst für Obi-Wan und, wenn er es auch nicht zugegeben hatte, auch für Yoda.

Kapitel 1

Luke war noch lange nach Tagesanbruch auf der Spitze des Tempels, er wollte mit ansehen wie die Crow, das Schiff seiner geliebten Frau, landete.
Und in diesem Moment sah er ein Blitzen am Himmel. Er wusste sofort, dass dies das besagte Schiff war, und er konnte die warme Energie spüren die seine Frau Mara umfing.
Sie war die unglaublichste Frau der er je begegnet war. So hatte sie unzählige Male versucht ihn zu töten, und nun waren sie verheiratet . . . das nennt man dann wohl Ironie des Schicksals.

Luke sah zu, wie die Crow langsam in den Sinkflug ging und dann zur Landung ansetzte, und schon tat er etwas, was er sonst nie getan hatte in seiner Ruhe. Er sprang angetrieben von der Macht auf den am nächsten liegenden Vorsprung in der Wand des Tempels, und sprang sofort zum nächsten, mit riesigen Sätzen kam er dem Landeplatz immer nähr, schließlich beim letzten angekommen machte er eine Luftrolle und kam sicher und mit Leichtigkeit auf dem Boden auf.
Er wusste, dass es einige seiner Schüler mit großen Augen gesehen hatten, auch einige seiner ehemaligen Schüler, unter ihnen die sanfte Tionne, die ihn mit strafendem Blick musterte.
Luke wusste, dass manchmal sein verhalten nicht auf positive Resonanz bei seinem Jedi-freunden und ehemaligen Schülern traf.
Er war nun mal im Herzen jung geblieben, und er freute sich eben so wahnsinnig seine Mara wiederzuhaben, es war wirklich hart ohne ihre Geborgenheit und Nähe. Sie hatte einen ungeheuren Einfluss auf ihn, und das tat ihm gut damals nach all dem Schmerz den er durch Palpatine und seinen Vater erlitten hatte.
Selbst noch lange später musste er an den ehemaligen Imperator denken, denn einst hatte er ihm mit den dunklen Blitzen der Macht geschadet. Durch diese Blitze hatte sich Kalk auf seinen Knochen abgesetzt, was zu einer Störung der Macht in Ihm führte. Außerdem stand er dem Tode so nahe wie nie.
Aber jetzt, nachdem das alles hinter ihm lag, genoss er das Leben als Jedi- Meister und Begründer des neuen Ordens der Jedi. Eigentlich hatte er ja die Position Yodas eingenommen, aber das würde er sich niemals so eingestehen, denn er hatte höchsten Respekt vor dem toten Meister, der als letzter der Jedi den Titel des Jedi- Lords innehatte.

In diesem Moment öffneten sich die Landeklappen, und die Crow landete so sicher wie eh und je. Doch was spürte er dort, da drin war noch eine weitere starke Präsenz in der Macht.
Er konnte es nicht fassen. Hatte Mara einen potenziellen Schüler gefunden?
Es sah ganz danach aus, und wenn er sich nicht irrte, dann war es ein Mensch, und noch mehr müsste er sich irren wenn es nicht ein Er war.
Jetzt fuhr die Rampe langsam herunter, und er konnte bereits sehen wie Mara dort stand in einer langen Robe gekleidet und wartend, dass sich die Rampe komplett senkte.
Dann stürmte er mit einem Lächeln auf den Lippen los um seine Frau in die Arme zu schließen. Kaum waren sie ineinander verschlungen und in einen tiefen Kuss versunken, als sich Tionne auch schon hinter ihnen räusperte:
„Ähm, ähm, ich weiss zwar, dass ihr euch seit über einem Monat nicht gesehen habt, aber wir haben hier noch ein paar Schüler die nicht das passende Alter haben um damit so konfrontiert zu werden, meint ihr nicht?“

Luke wurde ganz rot aber Mara antwortete statt seiner: „Meine liebe Tionne, du weißt doch, dass wir niemandem schaden wollen, und ich wüsste nicht, dass es jemandem schadet wenn zwei glückliche Menschen sich küssen noch dazu wenn sie miteinander verheiratet sind. Übrigens es ist auch schön dich wieder zu sehen!“
Mit einem Lächeln ging sie die Gangway endgültig runter, nahm das Kontrollgerät für die Crow raus und schloss die Eingangsrampe wieder, was Luke mit einem Stirnrunzeln betrachtete. Mara entging das durchaus nicht, aber sie wollte Luke noch ein wenig zappeln lassen bevor sie ihre Überraschung zeigen würde.

Langsam gingen sie Arm in Arm auf den Tempel zu und unterhielten sich nicht, sie genossen nur gegenseitig ihre Anwesenheit. Für beide war es unschön von dem anderen getrennt zu sein, und so waren sie immer glücklich wenn sie lange zusammen waren. Er machte sich keine Gedanken mehr über den Gast auf Maras Schiff oder Anakins vor ihm liegende Prüfung im Dschungel. Einzig Maras Anwesenheit zählte, und so schritten sie nun durch die Gänge des Tempels auf ihr gemeinsames Quartier zu. Es war noch nicht ganz Zeit für das Frühstück welches alle im Tempel zusammen einnahmen. Mara hatte alle mit ihrer Ankunft geweckt bzw. aus ihrer Meditation geholt. Alle wollten Mara natürlich begrüßen, keiner wollte nicht anwesend sein. Trotzdem waren einige nicht da, aber spätestens beim Frühstück waren sie alle wieder zusammen.

Eine gute Stunde später trat Mara aus der Dusche und glitt in ein neues Gewand, diesmal eine schlichte Robe der Jedi. Luke saß an einem Tisch und zeichnete eine Route auf einer Karte ein, wo groß Anakin und Kevin drüberstand.

„Also hatte Luke sich wohl entschieden,“ dachte Mara, „eine eigenartige Paarung, gerade diese beiden, wo Anakin Kevin nicht mochte und Luke ihm nicht wirklich vertraute, aber gut!“
„Luke, sollen wir?“, fragte sie und reichte ihm den Arm. Luke lächelte und nahm ihn, und mit einem Ruck war Mara schon auf seinem Schoß und in seinen Armen versunken in einen tiefen Kuss. Erst ein leises Klopfen an der Tür holte sie wieder zurück in unsere Welt. Mara ging zur Tür und öffnete sie. Im Türrahmen stand Anakin, der auch sofort auf seine Tante losstürmte:

„TANTE MARA!“, rief er nur vor Freude. Man merkt sofort, dass Anakin seine Tante sehr gern hatte, und Luke konnte bei diesem Anblick nur laut auflachen, er liebte die Familienbanden der Familie Skywalker. Auch als Mara mit ihrem schlechten Ruf in die Familie kam hatte sie eigentlich jeder sofort ins Herz geschlossen, selbst seine Schwester Leia nach anfänglichem Zögern, immerhin galt Mara als ärgste Feindin Lukes, aber nachdem sie ihre Liebe derart bekundet hatten, hatte selbst sie Maras Wandlung eingesehen.

„Anakin, bitte könntest du meine Frau mal loslassen, wir wollten gerade zum Frühstück“, meinte Luke mit einem Lächeln, „möchtest du uns denn begleiten?“

Anakin nickte heftig, und so machten sie sich auf den Weg in den großen Speisesaal, aber nicht ohne dass Luke die bereits fertiggestellte Karte einsteckte. Anakin hatte es gar nicht bemerkt, denn noch war Luke um einiges schneller als Anakin sehen könnte. Er würde ihm sicher nicht die Überraschung verderben, und so verließen sie gemeinsam die Kammer.

Im großen Speisesaal angekommen waren alle anwesend. Wie bereits vermutet waren auch Jaina und Kevin da, wie auch Jacen, der doch in letzter Zeit recht wenig von sich hatte blicken lassen. Er war der Zwillingsbruder von Jaina und auch ein guter Freund von Kevin, jedoch wollte er nicht das fünfte Rad am Wagen bei den beiden sein und so konzentrierte er sich auf sein größtes Hobby, auf seine Tiere.
So konnte Jaina sich darauf konzentrieren ihre Liebe zu Kevin gedeihen zu lassen und Kevin ging es gleich, nur ein Problem hatte er, und das war Anakin. Er wusste, dass der kleine Bruder seiner Freundin ihn nicht mochte, und dabei wollte er nichts als Frieden mit Anakin. Er war nicht allzu weit davon entfernt, für Luke auf erste Missionen zu gehen, und das wollte er ohne dass ihn hier irgendjemand hasste, denn hier war nun sein Zuhause. Seine Eltern waren bei einem Überfall eines ehemaligen imperialen Offiziers ums Leben gekommen, der sein Leben nun in einer Gefängniszelle auf Coruscant dahinfristete. Dies hatte Kevin Luke zu verdanken, denn er war es, der diesen gemeinen Mörder zur Strecke brachte und vor Gericht stellte.
Niemand vermochte damals zu sagen, was mit Ihm geschehen sollte, bis Luke sich einverstanden erklärte ihn mit zur Akademie zur nehmen. Selbst Jaina konnte ihn anfangs nicht leiden, weil er sich von den anderen abgekapselt hatte, denn er dachte, er hätte keine Jedikräfte so wie die anderen Studenten, und vor allem so wie Jaina.

Er mochte sie von Anfang an, nein er liebte sie von Anfang an. Jacen hatte das auch sofort in seinen Augen gesehen, er hatte ein Gespür für Lebewesen und ihre Gefühle. Schon lange war dies nicht mehr nur auf Tiere beschränkt. Seit seine Dschungel-Spaziergänge angefangen hatten, konnte er schon vom weitem die Gefühle seiner Mitschüler und besonders von Jaina und Anakin, die ja immerhin seine Geschwister waren und sonst auch in einer starken Verbindung zu ihm standen.
Kevin war da anders er, war schon die ganze zeit in einem Gefühlskonflikt, das konnte Jacen spüren und das war vermutlich auch der Grund warum sich Kevin zu beginn abkapselte. Mittlerweile war Jacen der beste Freund von Kevin und seine Schwester war doch Unglaublicherweise zu seiner Freundin geworden und zwar richtig, mit Küssen und so. Das wollte er sich zu beginn gar nicht ausmalen aber nun kam er ganz gut damit zurecht, sein Problem an der Sache lag speziell bei Anakin, der Kevin zu hassen schien. Jacen fragte seinen kleinen Bruder einmal was er gegen den doch recht sympathischen Kevin hatte, Anakin antwortete darauf nur:
„Ich kann es nicht erklären irgendetwas gefällt mir nicht an ihm aber es kann auch sein das ich mich irre!“, und da machte es bei Jacen klick den sein Bruder irrte sich in solchen Dingen nur SEHR selten. Also musste sich Jacen doch Gedanken machen? Er wusste wen er fragen konnte und machte sich sofort auf den Weg zu Mara seiner Lieblingstante, sie wusste schnell hinter die Fassade anderer Menschen zu blicken das musste sie können andernfalls wäre sie gestorben als sie noch Mara Jade die linke Hand des Imperators gewesen war. Sie wollte damals sogar Luke umbringen aber geschafft hat sie es nie auch wenn sie eine ausgebildete Jedi war, den das war sie wirklich auch wenn niemand es geglaubt hätte sie ist nur am Leben geblieben weil sie sich als nützlich erwies, das wusste sie auch und so hielt sie Palpatine mit ihren morden und Aufträgen bei Laune, sie hätte wahrscheinlich nie gedacht einmal mit dem Sohn dieses schwarz maskierten Monsters namens DARTH VADER verheiratet zu sein, er der so viele Jedi umbrachte unter ihnen auch Legenden wie Die dunkle Frau, der später seinen weg ins Licht fand. Sie hatte ihn gehasst und deswegen hatte sie auch Luke gehasst.
Irgendwann erkannte sie Lukes Wesen und bewunderte was er mit dem dunklen Lord geschafft hatte, er hatte ein vollkommen schwarzes Wesen welches direkt aus der Hölle zu kommen schien in eine Gestalt des Lichts verwandelt, nur eines musste sich Anakin Skywalker noch stellen und das waren die Geister der Vergangenheit und sie nahmen ihn Freudig in die Reihen der toten Jedi auf was ihn sehr glücklich machte und stolz da er gesehen hatte was er gutes in Luke und Leia geschaffen hatte.
Jacen spürte die Anwesenheit der Jedi hier auf Yavin 4 er konnte es schon seit langen wahrnehmen und freute sich das sie ihren weg zu dem wiedererstanden Orden ihrer Zeit gefunden hatte. Er fühlte sich sicher bei den Gedanken von so vielen Machtverbundenen Wesen umgeben zu sein und er fand es interessant ihren schattenhaften Gefühlen zu lauschen.
Er wusste das kein anderer Jedi mit Ausnahme von Luke das spüren konnte was er spürte und er war bei weitem intensiver geschult als er. Viele der Schüler die Luke hatte waren nur auf bestimmten Gebieten wirklich stark, jedoch Luke selbst und ein ausgewählter Kreis zu denen sowohl Jacen, Jaina, Anakin als auch Kevin gehörten, hatten die Macht sich auf vieles zu verlagern. Gerade Luke hatte diese Macht besessen genau wie sein Vater vor ihm und auch Leia war derart in der Macht ausgeprägt um sich zu verlagern und das half ihr in ihren diplomatischen Gesprächen sehr weiter.
Jacen wusste das seine Mutter sehr stark in der Macht war ungefähr so stark wie Luke und doch war Luke weitaus Mächtiger und ausgeprägter und auch bewanderter in den Riten und Methoden der Jedi er wurde schließlich von dem letzten Jedi ausgebildet der den Titel eines Jedi- Lords trug, Yoda war sehr mächtig gewesen und auch diese Macht konnte er hier spüren es war möglich das Luke seine alten Meister und seinen Vater bald sehen.

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Information Nachtschatten II – Golden Red
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 02:00 PM - Replies (1)

Warum ausgerechnet jetzt?
Niemand hätte Dexter Hunter Jones als eine bedeutende Persönlichkeit bezeichnet, am allerwenigsten er selbst. Aus seiner Sichtweise führte er ein unauffälliges Leben. Die meisten Bewohner des Hauses in der Manhattener Lower East Side hätten Mr. Jones als einen netten jungen und definitiv nicht unattraktiven Mann von Mitte bis Ende zwanzig bezeichnet.
So ganz genau konnte dies niemand sagen. Wenn er einem seiner Nachbarn begegnete, was eher selten vorkam, verhielt er sich für sein Alter völlig untypisch immer sehr freundliche und schon fast altmodisch Hilfsbereitschaft.
Er trug stets Mrs. Gonzales, der schon etwas gebrechlichen älteren Dame aus dem fünften Stock, ihre Einkaufstypen die Treppe hoch und brachte ihren Müll herunter. Doch, Mr. Jones galt als ein wirklich netter Bursche, über den sich nichts Schlechtes sagen ließ, höchstens dieser gelegentliche Cowboyakzent, der auf eine Südstaatenherkunft hindeutete, wirkte manchmal etwas eigentümlich. Letzteres konnte aber auch ein Modestatement sein. So genau ließ sich dass nicht sagen, da der Mann mehr in die wortkarge Kategorie fiel.
Es war keins, keine Modestatement. Die Beobachtung war absolut zutreffend. Dexter wurde tatsächlich in Nähe von Knoxville im Bundesstaat Tennessee geboren wurde und wuchs dort auch auf. Das er etwas von einem Cowboy hatte, lag schlicht daran, dass er tatsächlich ein Cowboy war, obwohl dies schon einige Zeit zurück lag.
Bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr lebte Dexter auf der elterlichen Farm, war quasi auf dem Rücken eines Pferdes aufgewachsen und hätte sie eigentlich übernehmen sollen. Zu reiten und mit Rindern umzugehen, zählte zu den täglichen Dingen seines Lebens, bis ein einschneidendes großes politisches Ereignis seine und den Rest der Welt auf den Kopf stellte.
Aber wie gesagt, lag dies schon eine ganze Weile in der Vergangenheit, weswegen Dexter nur noch selten daran dachte, obwohl es sein Leben grundlegend verändert hatte. Ohne die mehr als unerfreulichen Umstände und der sich daraus ergebenen neuen Lebenssituation, die sich kurz vor seinem 26. Geburtstag ereignete, wäre er haute kaum in der Lage, die Gemütlichkeit seines drei Zimmer Apartments im Südosten Manhattans zu genießen.
Stattdessen hätte er mit einer stattliche Anzahl Gewehrkugeln in einem Sarg gelegen und wäre zwischenzeitlich wohl auch komplett bis auf die Knochen verrottet. Immerhin lagen zwischen dem Heute und dem Damals fast Einhundertfünfzig Jahre. Ja, Dexter Hunter Jones war ein Vampir und das einschneidende Ereignis der Amerikanische Bürgerkrieg.
Als Südstaat zählte Tennessee zur Gruppe der Konföderierten. Für Dexters Familie hätte Nord- oder Südstaaten eigentlich keine Rolle gespielt. Zählten sie nicht zu den Großgrund- und Plantagenbesitzern, die insbesondere durch das Verbot der Sklaverei erst in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten und als Folge davon ihr Heil in einer Trennung von den Vereinigten Staaten sahen, was letztendlich im Krieg endete.
Für Dexters Vater, Dexter Walcroft Jones sen. stellte es viel mehr einen schweren Schlag dar, seinen Sohn in den Krieg ziehen sehen zu müssen. Doch welche Wahl blieb den Jones? Die Soldaten der Konföderierten setzten sich zwar offiziell aus Milizen und Freiwilligen zusammen, nur hieß freiwillig noch lange nicht, dass jeder die Entscheidung auch frei treffen konnte. Der soziale Druck auf die Jones war erheblich.
Als Farmer ohne Sklaven standen sie immer wieder im Verdacht, mit den Yankees zu sympathisieren, mit dem erst »ein patriotischer Akt der Selbstlosigkeit« aufräumen könnte. Hinzu kam die schlechte wirtschaftliche Lage, in die die Farm nicht zuletzt durch den Krieg mit dem Norden geraten war. Der Sold des Sohnes konnte für eine deutliche Linderung der angespannten Finanzen sorgen.
Wie jeder vernünftige Mensch verabscheute es Dexter, in den Krieg zu ziehen. Er hatte nicht den Eindruck, dass es sein Krieg war. Tatsächlich empfand er die Sklavenhaltung als falsch. Wobei seine Motive ehrlicher Weise weniger altruistischer als finanzieller Natur entsprangen. Die Sklaven waren ihm mehr oder weniger egal. Ihn fuchste der immense Vorteil, den die Plantagenbesitzer aus ihren Sklaven zogen.
Nein, es war wirklich nicht sein Krieg. Das Kriegsgerichtsverfahren, mit dem sich Dexter nach zwei Jahren in der Südstaatenarmee konfrontiert sah, schien diese Einschätzung auch noch unterstreichen zu wollen.
Es rächt sich eben, seinen vorgesetzten Offizier eines Kriegsverbrechens, namentlich der Ermordung nicht am Krieg beteiligter Farmer zu beschuldigen, nur weil diese sich weigerten in einem Akt der verbrannten Erde, ihre Ernte zu vernichten und Viehzeug zu töten.
Dass dieser Offizier anschließend auch noch die Frauen und Töchter der Farmer vergewaltigen ließ und an dieser Aktion tatkräftig teil nahm, rundete das Bild eigentlich nur ab. Statt nun aber diesen Offizier vor ein Gericht zu stellen, landete Dexter vor selbigen und wurde der Insubordination, Feigheit vor dem Feind und des Ungehorsams gegenüber einem Vorgesetzten für schuldig befunden, wofür es in Kriegszeiten nur eine Strafe gab: die Exekution durch Erschießen.
So wie es aussah, sollte Dexter sein siebenundzwanzigstes Lebensjahr nicht mehr erleben. Seine Hinrichtung war für den Morgen genau zwei Tage vor seinem 26. Geburtstag angesetzt. Überraschender Weise, insbesondere für Dexter selbst, kam es ganz anders.
Die Nacht vor seiner Erschießung zeigte sich von der besonders dunklen Seite. Zum einem herrschte Neumond. Zusätzlich hatte sich der Himmel bereits am Nachmittag begonnen zu zuziehen. Gegen frühen Abend setzte dann zuerst fernes Wetterleuchten ein, das von Minute zu Minute näher kam.
Als dann der Regen einsetzte verkrochen sich die Wachen des Militärgefängnises in ihren Unterständen. Erste Blitze durchzuckte die stockfinstere Nacht. Krachender Donner ließ Mensch wie Tier unruhig zum Himmel schauen. Eigentlich befand sich das Jahr noch einige Wochen vor der Tornadosaison – eigentlich.
Dexter lag in seiner Zelle auf seiner Pritsche, lauschte dem tobenden Gewitter und überlegte, was eigentlich falsch gelaufen war. Er war wütend. Nicht über seine bevorstehende Exekution, damit hatte er sich mehr oder weniger abgefunden, sondern dass dieses Schwein von einem Offizier mit seinem Verbrechen davon kam.
Offensichtlich befanden sich die Söhne einflussreicher Plantagen- und Großgrundbesitzer automatisch im Recht. Woher hätte er wissen sollen, dass sein Vater aussichtsreichster Kandidat der bevorstehenden Gouverneurswahlen war?
Da kam ein Skandal wegen ein paar unbotmäßigen Farmern, die vermutlich sogar heimlich mit den Yankees sympathisierten, einfach zur falschen Zeit. Das Problem musste gelöst werden, was hieß, dass Dexter als Unruhestifter verschwinden musste.
Wie Dexter so auf seine Exekution wartend vor sich hin grübelte, meinte er plötzlich etwas fühlen – eine Präsenz. Irgend jemand befand sich mit ihm in der Zelle. Dabei konnte er sich nicht daran erinnern, dass sich die Zellentür geöffnet hätte. Aber bei dem Unwetter draußen, konnte einem derartiges leicht entgehen.
Wer war da bei ihm? Was wollte er? Vielleicht die Freunde des Offiziers, die sich zum Abschluss nochmals nachdrücklich bei Dexter verabschieden wollten? Nach dem er seine Klage gegen seinen Offizier erhoben hatte, wurde er mehrfach von dessen Freunden zusammengeschlagen und… nun ja, rechtschaffend vergewaltigt.
Nein, das waren keine Offiziere oder Wachen. Diese Präsenz war etwas völlig anderes: wild, agressiv, urgewaltig und potentiell absolut tödlich. Dexter setzte sich auf, stierte in die Dunkelheit und konnte doch nichts in der Finsternis ausmachen. Komischer Weise empfand er keinerlei Furcht, sondern Neugier.
War da etwas oder war da nichts? Die Dunkelheit schien absolut undurchdringlich. In der Zelle breitete sich eine dumpfe Stille aus, die dem tobenden Unwetter außerhalb der Gefängnismauern Hohn sprach. Doch plötzlich, als Dexter schon dachte, sich geirrt zu haben und vermutete, sein Geist hätte ihm in Folge der bevorstehenden tödlichen Verabredung mit einem Erschießungskommando einen Streich gespielt, wurde er von extrem kräftigen Händen gepackt und auf die Pritsche gedrückt. Sehen konnte er allerdings immer noch nichts. Nur hören. Obwohl… Hören tat er nicht wirklich. Da war eine Stimme, aber diese war in seinem Kopf und nicht in seinen Ohren.
Du gefällst mir, meinte die Stimme während gleichzeitig die zwei kräftigen Hände sanft und sinnlich über Dexters Körper strichen. Eigentlich hatte ich nur etwas Hunger. Aber heute ist dein Glückstag. Ich schenke dir Leben und die Möglichkeit, dich bei deinen speziellen Freunden angemessen zu bedanken.
Was folgte war etwas, dass Dexter Hunter Jones erst wesentlich später deuten konnte. Die eben noch ausgesprochen erotisch streichelnden Hände verstärkten ihren Griff und packten zu. Schneller als Dexter begriff, fand er sich in einer erbarmungslosen Umarmung wieder. Etwas biss ihm in den Hals und hätte ihn fast aufschreien lassen, wäre nicht gleichzeitig mit dem Biss eine ihm bisher völlig unbekannte Lust und Geilheit einhergegangen.
Dexter spürte mehr als deutlich, wie ihm irgendetwas, ein unbekanntes Wesen, sein Blut aussaugte und er empfand es total erregend. Hoffentlich, so Dexter, hört dieses Gefühl nie auf. Doch es hörte auf, genau so wie sein Herzschlag aufhörte, wobei sich selbst dieses an sich wenig erstrebenswerte Erlebnis als total geil präsentierte. Dexter wusste, dass er starb und kam dabei in seine Hose, wie er noch nie gekommen war – Dann explodierte die Welt.
*-*-*
»Hey, schaut euch den an. Verpennt noch seine eigene Exekution.«
Dexter erwachte mit einem nervenden Dröhnen im Schädel. Er brauchte ein paar Momente, um zu sich zu kommen und zu begreifen, wo er sich befand und was los war: richtig, seine Exekution durch Erschießen.
Offenbar schien er den Wachsoldaten nicht schnell genug wach zu werden, was diese mit einem Eimer kalten Wassers änderten. Dass er deswegen nass wie ein begossener Pudel in den Innenhof des Gefängnisses geführt und dort an die Wand gestellt wurde, spielte nicht wirklich eine Rolle.
Der Himmel hielt seine Schleusen nach wie vor weit geöffnet und ließ es wie aus Kübeln gießen. Vom Anbruch der Morgendämmerung, für die die Hinrichtung eigentlich angesetzt war, konnte nicht wirklich gesprochen werden.
Der schwache Schimmer am fernen Horizont wurde von der schwarzen Wolkendecke fast gänzlich aufgesogen. Dexter konnte es recht sein. Irgendwie bereitete ihm der Gedanke an Sonnenlicht massives Unbehagen. Es war ihm unangenehm und verursachte ein brennendes Gefühl. Die Typen sollten endlich schießen, damit er sich in einem kühlen aber vor allem dunklen Grab ausruhen konnte. Wie absurd seine Gedanken waren, schien Dexter überhaupt nicht zu bemerken.
Die Exekution verlief alles andere als spektakulär, abgesehen von einem etwas launigen Delinquenten, der seine Scharfrichter tatsächlich anfeuerte, sich zu beeilen. Er hätte keine Lust, komplett nass zu werden. Das Peloton nahm Aufstellung, ein Offizier verlas nochmals das Urteil, unterließ es nach letzten Worten zu fragen, um stattdessen unmittelbar anlegen zu lassen und »Feuer!« zu befehlen.
Den Aufschlag der Kugeln empfand Dexter als ausgesprochen unangenehm und lästig, doch das war nicht sein eigentliches Problem. Seit er am Morgen so unsanft mit kaltem Wasser geweckt wurde, ließ ihn Gefühl nicht los, komplett neben sich zu stehen.
Er stand sogar so dermaßen neben sich, dass er überhaupt nicht realisierte, eigentlich tot sein zu müssen. Stattdessen quälten Dexter ein enormer Hunger und eine Müdigkeit, wie er sie noch nie zuvor empfunden hatte. Außerdem nervte ihn die Sonne, die da irgendwo hintern den sich langsam lichtenden Regenwolken drohte.
Die Kugeln in seinem Körper nervten ebenfalls, außerdem hatte die Wucht des Aufpralls ihn von den Füßen gerissen. Aus der Müdigkeit wurde Schläfrigkeit, die Dexter an Ort und Stelle einschlafen ließ. So bekam er auch nicht mit, dass ihn zwei Männer, Sklaven der Südstaaten, aufhoben, in einen Sarg verfrachteten und wenig später auf einem schäbigen Friedhof vergruben. Ein hagerer Tattergreis von einem Priester presste sich ein paar wenig freundliche Worte ab und das war es. Dexter war tot und begraben.
*-*-*
»Hey, wie geht es dir?«
»Ich bin hungrig.«
»Dann lass uns etwas essen!«
Mit diesen drei Sätzen begann Dexters zweites Leben – Als Vampir. Ein Typ namens Jose, seines Zeichens ein junges quirliges mexikanisches Kerlchen, war so nett, Dexter ausgegraben und dabei mit ebenso knappen wie deutlichen Worten zu erklären, dass Dexter von nun ein Vampir sei und was dies für ihn rein technisch bedeutete.
Im Prinzip handelte es sich um eine wenig strukturierte Liste von Does und Don’ts – Sonne schlecht, Nacht gut, Blut sehr gut. Anschließend folgte noch ein kurzer Abriss zum Thema Vampirismus im Allgemeinen und ein paar Details ihrer Situation im Speziellen.
Ihr »Schöpfer«, wie Jose denjenigen nannte, der sie beide in einen Vampir verwandelt hatte, wäre der Meinung, dass Dexters Hinrichtung ein himmelschreiendes Unrecht sei und er deswegen intervenieren musste. Dies war der einzige Grund, warum er Dexter daher am Vorabend seiner Exekution besuchte und verwandelte.
Was hieß, dass Dexter ihm nichts schuldig sei, er aber umgekehrt Dexter auch nichts, weswegen er gar nicht erst auf die Idee komme solle, irgendetwas von Blutsverwandtschaft zu faseln. Joses Aufgabe sei es, ihm alles Wissenswerte über das Vampirtums beizubringen, danach sei er frei und könne tun und lassen, was er wolle.
*-*-*
Dexter Hunter Jones musste lächeln, als er aus seiner Manhattener Wohnung schaute und an den Morgen seiner Exekution zurück dachte. Das tat er jedes Mal, wenn sich dieser Tag, sein zweiter Geburtstag jährte.
Dexter war ein sogenannter freier Vampir, die in der Neuen Welt die überwältigende Mehrheit der Blutsauger bildeten. Hohe noble Häuser, angefüllt mit versnobten Operettenvampiren in Frack und rotem Cape, mochte etwas für das alte Europa sein, hier brauchten sie sie nicht, schließlich war Mann in erster Linie Amerikaner, dem die Freiheitsliebe quasi in die Wiege gelegt wurde.
An dieser Stelle neigte Dexter immer bitter aufzulachen. Freiheit? Deren Bedeutung hatte er am eigenen Leib erlebt. Die dazugehörigen Kugeln lagerten in einem kleinen Einmachglas auf dem Kaminsims.
In Wirklichkeit verschwendete Dexter keine großen Gedanken über die Vor- und Nachteile ein freier Vampir zu sein. Er war das, was er war und hatte sich damit arrangiert. Nach seiner Erschießung und dem Crashkurs in Vampirismus durch Jose zog er es vor, Tennessee für eine Weile den Rücken zu kehren.
Allerdings erst, nach dem er seinen Peinigern, insbesondere seinem ehemaligen vorgesetzte Offizier, noch einen abschließenden und für ihn ausgesprochen sättigenden Besuch abstattet hatte. Anschließend schlug er sich in Richtung Nordosten durch, um sich letztendlich im Big Apple nieder zu lassen. Die Stadt galt als Schmelztiegel unterschiedlichster Abstammungen und Herkunft. Da sollte ein Blutsauger kaum auffallen. Vielleicht, so hoffte Dexter, gab es dort sogar anderer seiner Art.
Es gab sie. Es gab sogar eine richtige kleine Gemeinde Hämophagen, die mehr als willig waren, ihrem Neuankömmling helfend unter die Arme zu greifen. Fast alle Mitglieder der New Yorker Blutsauger waren Auswanderer und zumeist schon etwas älter, sowohl als ehemaliger Mensch als auch Vampir.
Da kam ein junger kräftiger Mann, der sich nicht zu fein war, auch Mal die Hände schmutzig zu machen, gerade recht. In den folgenden Jahren verschaffte sich Dexter ein gewisses Ansehen und gelangte zu bescheidenen Wohlstand, um ein gutes aber nicht übertrieben Leben zu führen, bis zu jenem Tag im zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Sebastian
»Einen schönen guten Abend, Master Florian.«
Master Florian, Eure Lordschaft, Königliche Hoheit, Sire… – Die Titel, mit denen ich bedacht wurde, schienen mindestens so reichhaltig zu sein, wie sie mir gegen den Strich gingen. Ich hegte insgeheim sogar den nicht ganz unbegründeten Verdacht, dass ihre Verwendung in einem direkt proportionalen Verhältnis zu meiner Abneigung stand.
Es war erschreckend, wie wenig der gemeine Arschkriecher und Speichellecker von seinem Verstand gebrauch machte – Immer vorausgesetzt, diese Art Wesen verfügten überhaupt über ausreichende Geisteskraft, um über ihr Handeln zu reflektieren. Ich hätte zumindest erwartet, dass jemand, der sich mit einem Anliegen an mich wendete, ein klein wenig Hintergrundrecherche betrieb. Meine Abneigung gegen die allgemeine Titelschleimerei zählte nicht wirklich zu den Staatsgeheimnissen der Krone.
In diesem Fall ließ mich die Anrede als Master Florian allerdings amüsiert schmunzeln. Zum einem, weil die Person, die mich derart adressierte nicht nur keinerlei schleimscheißerischen Absichten hegte, sondern zu den treuen Mitgliedern meines Hauses zählte. Tomek war niemand geringeres als mein Protokollchef, das heißt genau genommen war er der Protokollchef des Hauses Margaux und des Königs der Vampire.
Einem Titel, den ich inzwischen seit fünf Jahren mehr oder weniger erfolgreich trug und dessen Funktion ich mich bemühte, gerecht zu werden. Andere Leute wurden als Thronfolger geboren, mir purzelte die Krone eher zufällig und unfreiwillig in den Schoss. Eigentlich war Tischlergeselle mit einer Zweitqualifikation als Mobbingopfer mein Beruf.
Von dort war es ein recht merkwürdiger, wenn nicht sogar holperiger und lebensverändernder Weg zum Vampirkönig – einschließlich der zwangsläufigen Verwandlung in einen Untoten, Wiedergänger, Blutsauger oder, wie wir uns gerne selbst nannten, einem Hämophagen.
Dass ich dazwischen auch ein paar wirklich tollen Leuten begegnete, von denen ein Teil sogar zu meinen engsten Freunden, Geschöpfen und Geliebten wurden, stellte sich als der mit Abstand erfreulichste Aspekt der ganzen Geschichte heraus. Einer schaffte es sogar zu meinem Lebensgefährten und Seelenpartner: Constantin Breskof-Varadin, der Mann, der mich erweckte und den ich über die Grenzen von Leben und Tod hinaus liebte.
Was Tomek betraf, zählte er zu jener Gruppe Frauen und Männern, die meine vampirische Familie, mein Haus, bildeten. Tomek und die anderen Mitglieder seines ehemaligen Hauses wurden von seinem ursprünglichen Schöpfer, Baron Bronkovic, der sich später als rachsüchtiger Nachkomme Draculas entpuppte, nach Strich und Faden verraten und in einem Fall fast sogar verkauft.
Langer Rede kurzer Sinn: Nach dem Dracula/Bronkovic während einer Sitzung des Rates der hohen Häuser sich einen gegenseitig tödlichen Kampf mit Tasmanir Musferatu, dem Stammvater der Nosferatu des Westens und geistigen Führer unserer Art, geliefert hatte, stand das Haus plötzlich ohne Stammvater da.
Vollkommen mittellos und ebenso vollkommen verunsichert rief der verbliebene Rest nach Hilfe. Was dazu führte, dass der gerade frisch gewählte und absolut unerfahrene König – meiner einer – dem Ruf folgen und zu ihnen eilen musste, um die dreißig Seelen des ehemaligen Hauses vor dem Untergang zu retten.
Zu der Zeit bestand mein eigenes Haus selbst nur aus drei Personen: Nicolas, einem ehemaligen Nosferatu, Marco, einem Tischlerkollegen und mir. Aber was konnten wir schon ausrichten, außer mit dem Geld der Krone, die drängenden Engpässe überbrücken? Die Ex-Bronkovichs/Draculas hatten eine verblüffende Idee: Sie baten, sich mir anschließen zu dürfen. Ich willigte ein und statt drei zählte von einer Sekunde zur anderen dreiunddreißig Seelen mein Haus.
Wer glaubt, so eine Fusion wäre einfach, der irrt und zwar gewaltig. Die Mitglieder des Hauses Bronkowitch/Dracula bestanden aus gestandenen Vampirinnen und Vampiren. Der Jüngste von ihnen, Janneck, zählte bereits gute achtzig Jahre. Wobei dies nur seine Hämophagenjahre waren.
Als Mensch kamen weitere Zwanzig hinzu, was ihm die Lebenserfahrung eines ganzen Jahrhunderts gab. Ich dagegen konnte gerade mit gut einem Fünftel davon aufwarten. Tomek brachte es sogar auf mehrere Jahrhunderte, Jahrhunderte, die prägten.
So hatte dieser aufrechte und lebenserfahrene Blutsauger überhaupt kein Problem damit zu dienen. Ganz im Gegenteil, genoss er es, ebenso dezent wie effektiv das Haus in der Rolle eines Butlers zu führen und hatte es darin zu wahrer Meisterschaft gebracht.
Sein Geheimnis bestand darin, dienen nicht mit Unterwürfigkeit zu verwechseln, sondern mit Souveränität. Tomek begegnete mir auf Augenhöhe. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Tomek stand über mir, denn er wurde zu meinem Lehrer.
Er war es, von dem ich lernte, wie sich ein Herzog und König bei offiziellen Anlässen zu verhalten hatte. Er vermittelte mir Etikette, Stilgefühl, Diplomatie und Format. Umgekehrt lehrte ich ihm ein wenig Lockerheit, Spaß und die Freude am Genuss – und schuf damit ein wahres Monster.
Wie hätte ich ahnen können, dass er meinen Lehrbeitrag in die subversivste Form unterschwelliger Ironie verwandelte und in seinen staubtrockenen Charakter integrierte?
Dies war der zweite Grund für mein Schmunzeln anlässlich seines Guten-Abend-Grußes. Unserem unvergleichlichem Haushälterehepaar, Lucreica und Anton Varadin-Breskoff, hatte ich einen lange verdienten Urlaub in die ewige Stadt, nach Rom, spendiert und sogar verordnet. Nun zählte Lucretia nicht zu den Personen, die sich so einfach in Urlaub schicken ließen.
Es war schließlich ihr Haus – in dem ich wohnte: Schloss Charlottenhof, ein Geschenk Constantins anlässlich der Gründung meines Hauses. So sehr es mein Mann auch versuchte, war es ihm nie gelungen, den beiden eine Auszeit zum Ausspannen zu verordnen. Wie sollte denn Charlottenhof ohne sie funktionieren? Erst zu Tomek, in dem sie einen verwandten Geist erkannten, entwickelten sie eine Vertrauensbasis, die tatsächlich dazu führte, dass die zwei das Schlösschen zumindest vorrübergehend in fremde Hände gaben.
Während ich mich noch in meinem Bett räkelte, in dem ich den Tag ganz vampirmäßig verschlafen hatte, zog Tomek mit unerreichbarer Nonchalance die schweren Samtvorhänge auf. Dass neben mir Basti und Philip schlummerten, sich sogar eng an mich gekuschelt hatten und nun ein wenig verschmust ebenfalls räkelten, entlockte ihm nicht die Ahnung einer Reaktion, abgesehen von einer fast nicht wahrnehmbaren ironischen Schwingung in seiner Stimme.
Basti und Philip – Die zwei Jungs waren Constantins Hochzeitgeschenk. Seit Jahren zählten sie zu den Freunden des Hauses Varadin-Breskoff, dass damals aber noch nicht den Namen Breskoff trug, und bereicherten als Menschen freiwillig und ausgesprochen gerne den Speiseplan meines Mannes und seiner Familie.
Seit längerer Zeit hegten die beiden einen Wunsch: sie wollten Vampire werden. Ein kniffeliges Ansinnen, da sich unsere Lebensweise doch recht deutlich von denen der Menschen unterschied. Trotzdem wollte Constantin ihnen ihren Wunsch erfüllen, befürchtete aber, dass die beiden jungen Männer im Massenbetrieb seines Hauses, dass gut und gern hundert Seelen zählte, untergingen, weswegen ihm die Idee kam, mir die beiden zum Geschenk zu machen – Natürlich nur, wenn sie dies auch wollten.
Und wie sie wollten. Obwohl sie im ersten Moment ein wenig geknickt waren, als Constantin ihnen den Vorschlag unterbreitete, von mir verwandelt und Mitglieder meines Hauses zu werden. Hatten sie doch anfangs des Eindrucks, abgeschoben zu werden. Dem war aber nicht so. Ganz im Gegenteil. Dies begriffen auch Phillip und Bastian, als Constantin ihnen erklärte, dass er nicht beabsichtigte, sie an irgend einen dahergelaufenen Feld-, Wald- und Wiesenvampirchen abzuschieben, sondern an niemand Geringerem, als an die wichtigste Person in seinem Leben: Nämlich an mich, seinem Seelenpartner, Ehemann und Geliebten, der nebenbei auch noch König aller Blutsauger war. Vermutlich schadete auch nicht, dass sie mich ganz niedlich fanden. Ein Lob, das ich nur zurückgeben konnte. Die Zwei waren einfach nur zum anbeißen.
Als Ort für sein Geschenk hatte Constantin den wohl romantischten aller Orte gewählt, dem Palazzo des geheimen hämophagischen Dogen der Lagunenstadt Venedig. Nach einer gleichzeitig ebenso wilden wie sinnlichen Nacht, die so in etwa unserer Hochzeitsnacht entsprach, und einem durchschlafenen Tag, meinte dieser verrückte Kerl von einem Vampir, dass er noch ein Geschenk für mich hätte und bat Basti und Phillip zu uns herein.
Die beiden sahen wirklich nett aus. Der einen knuffigen und von der stämmigen athletisch-muskulösen Sorte, der andere nicht weniger muskulös, aber mehr in der schlank-agilen Geschmacksrichtung eines Schwimmers. Im ersten Moment dachte ich, Constantin hätte die beiden als Frühstück vorgesehen, doch dem war nicht so. Ganz im Gegenteil.
»Wir möchten Vampire werden.«
Wenn das ihr Wunsch war, dann sollten wir darüber reden. Einladend hielt ich die Bettdecke hoch unter der Constantin und ich lagen und lud die Jungs ein, uns im Bett Gesellschaft zu leisten. Schneller als ich gucken konnte, sprengten sie ihre Kleidung ab und schlüpften zu uns unter die Decke.
Statt sich aber sofort in handfeste sexuelle Handlungen zu stürzen, präsentierten sich meine Hochzeitsgeschenke als ausgesprochene Schmusetiere. Sie krabbelten zu mir heran, schmiegten sich an mich und erklärten mir, dass sie wirklich sehr gerne Geschöpfe der Nacht werden wollten. Wie könnte ich einen derart nett vorgetragenen Wunsch ablehnen? Doch zuvor wollte ich von den beiden wissen, ob es für sie wirklich Okay wäre, meine Geschöpfe zu werden und nicht Constantins.
»Ich glaub schon«, meinte Basti, der eher dem introvertierten Typus entsprach.
»Du glaubst?«, hakte ich nach. Ich wollte zwar nicht, dass die nette Stimmung im Bett kippte, allerdings war mir der Punkt recht wichtig. Niemanden wäre gedient, sähen die beiden mich nur als eine Art Notnagel an, der ihnen den Wunsch, Vampire zu werden, erfüllte, die aber sonst nicht an mir und meinem Haus interessiert waren, dass spätestens mit der Verwandlung auch zu ihrem Haus würde.
»Ähm«, mischte sich Phillip ein, »Wir wissen, worum es bei der Sache geht. Constantin hat uns erklärt, wer und was du bist.«
»Und wer bin ich?«, pikste ich nach, streichelte aber gleichzeitig den beiden Männern über ihre nackten Körper.
»Du?«, lachte Phillip, »Du bist ein süßer Junge, ein total geiler Vampir. Constantin ist herb und kerlig. Ähm…« Phillip lief anlässlich seines Schlusssprungs ins Fettnäpfchen rot an, Biss sich kurz auf die Zunge. Ich musste schmunzeln. »Das heißt nicht, dass du nicht männlich wärst“, beeilte sich das Jüngelchen zu erklären. »Du bist sogar sehr männlich, aber auf eine völlig andere Weise.«
»Stimmt!«, sprang Basti seinem Freund bei, während Constantin die ganze Zeit hinterhältig grinsend zusah und die Szene genoss. Wer fühlte da eigentlich wem auf den Zahn. Ich den beiden Jungs oder die beiden Jungs mir?
»Dein goldblondes Haar geben dir etwas engelhaftes.«
Platsch – Auch Basti hatte sein Fettnapf gefunden. Constantin konnte sich kaum noch unter Kontrolle bringen und laut los zu prusten. »Dem steht aber dein Wesen, deine ganze Erscheinung entgegen“, versuchte Basti die Kurve zu bekommen. »Du verströmst eine unterschwellige Härte und Machtfülle, die weit über Constantin hinaus geht. Sorry, Conni, aber er hat mich nach meiner Meinung gefragt.«
»Hey, Phillip, habe ich dir nicht beigebracht immer offen und ehrlich zu sein?«, mischte sich Constantin ein und wischte sich ein paar Tränen unterdrückten Lachens aus den Augen, »Du hast mit deiner Beobachtung absolut Recht. Flo ist mächtig, womit ich nicht seine Titel meine. Ihr habt mich in meiner Urform erlebt. Nun, Flo ist etwas Besonderes. Durch seine Adern fließt das Blut des ursprünglichen Vampirgeschlechts. Blonde Haare? Ja, die hat er. Die blonden Haare eines Löwen.«
»Willst Du uns einschüchtern?«, lachte Basti etwas verkrampft und versuchte seine Unsicherheit zu überspielen.
»Nein, ich möchte nur, dass ihr wisst, wen ihr als euren Stammvater erwählt, solltet ihr euch entscheiden, Flo als euren Herzog zu akzeptieren und sich von ihm verwandeln zu lassen.«
»Das ist es jetzt, oder? Es wird ernst?«, brachte es Phillip auf den Punkt.
»Ja«, erwiderte ich gleichzeitig ernst, aber auch liebevoll und ein wenig feierlich. »Ich glaube, ihr seid wirklich nette Jungs, nein, junge Männer, die eine Bereicherung meines Haus sein könnten. Ich nehme euch gerne in meine Familie auf. Wenn ihr es wollt. Wenn ihr es wirklich aus tiefsten Herzen wollt. Wollt ihr?«
Sie wollten. Sie wollten mit Leib und Seele und ich war in der Lage, ihren Wunsch zu erfüllen. Die einzige Frage, die es noch zu beantworten galt, war: wen sollte ich zuerst verwandeln? Ich überließ die Entscheidung den beiden, hegte aber einen leichten Verdacht, wer mein erstes Opfer werden wollte: Bastian, der introvertierte.
Was wie ein Widerspruch aussah, passte zur Chemie zwischen den beiden Freunden. Phillip mochte der aggressivere und dominantere Typ sein, der wohl gerne vorpreschte, aber dabei eben auch öfters erst handelte und dann dachte. Er war ein echter Bauchmensch, während Bastian das Kopfwesen darstellte. Seine Schachbegabung sprach Bände. Laurentius musste neidlos anerkennen, das ihm mit diesem jungen Kerl ein mindestens ebenbürtiger Gegner herangewachsen war. Der Mann war neugierig und obwohl stiller und ruhiger als sein Freund, oft die treibende Kraft in ihrer Beziehung.
»Was muss ich machen?«, wollte Bastian von mir wissen.
Ich lächelte und ließ ein klein wenig meines Urwesen durchblitzen. Ich verwandelte mich nicht, sondern umgab meinem Körper nur den Hauch einer Aura. Mein goldblondes Haar schien zu glühen, meine Wesenszüge gleichzeitig sinnlicher aber auch deutlich härter.
Mit einer blitzartigen Bewegung, mit der er weder rechnen noch seine Augen folgen konnten, packte ich Sebastian mit beiden Händen, zog ihn zu mir heran, dass er mit seinem Rücken auf meiner Brust und sein Kopf etwa auf Höhe meiner Schulter zu liegen kam. Noch bevor er realisierte, was mit ihm geschah, hatte ich einen Arm um seine Brust geschlungen und damit festgesetzt.
Das Kerlchen war zwar sportbedingt ziemlich kräftig aber eben doch nur ein Mensch. Mein eher moderat muskulöser Körper konnte nie sein leptosomisches Erbe verheimlichen. Musste er aber auch nicht. Ich war der Vampir und Sebastian mein hilfloses Opfer. Ich weiß nicht, was mich ritt, aber die ganze Vampirgeschichte begann mir richtig Spaß zu machen. Den Kerl so im Arm gefangen zu halten war sehr erregend, nicht zuletzt, weil wir beide nackt waren und die Berührung von Haut auf Haut sehr sinnlich war.
»Du musst sterben«, flüsterte ich Sebastians ins Ohr und leckte ihm über seine Halsschlagader. Ein Schauer durchzitterte seinen Körper, während Phillip von meinen Worten, die er trotz meines Flüsterns natürlich ebenfalls gehört hatte, losspringen und seinen Freund aus meinen Klauen befreien wollte.
»Lass ihn!«, befahl Constantin sanft aber bestimmend und hielt den jungen Mann ebenso sanft und bestimmt fest, »Dass gehört dazu. Sebastian erfüllt nur euren Wunsch. Schau zu und erlebe, wie du später ebenfalls verwandelt wirst.«
Was für ein Vertrauen die beiden Jungs doch zu Constantin hatten. Allein mit den Worten seiner Stimme brachte er Phillip dazu sich zu entspannen, an Constantin zu schmiegen und das Folgende fasziniert zu beobachten.
Basti war reif. Er wollte, dass ich es tat. Und ich? Mir wurde in wohl unpassendsten Moment von allen schlagartig klar, dass der Mann meine erste geplante Verwandlung werden sollte und welche Verantwortung ich damit übernahm. Nicolas war durch den wenig freiwilligen Servius-Novatin-Ritus zu meinem Geschöpf geworden, die Bronkovich waren bereits Vampire, als sie sich mir anschlossen. Und Marco? Der war zwar durch meinen Biss verwandelt worden, doch in einer alles andere als freiwilligen Situation. War er doch gerade damit beschäftigt, in Folge einer tödlichen Schussverletzung das Zeitliche zu segnen. Was für ein ungeiles Setting. Basti hingegen lag in einem Bett aus feinstem und hautschmeichelnstem Stoff und genoss denn sinnlichen und sehr erregenden Hautkontakt mit dem Mann, der ihn in wenigen Momenten töten und anschließend als Hämophagen, meinen Hämophagen, wiedererwecken sollte.
Das verzückte Wimmern meines Vampirkandidaten wurde immer flehender. Der direkte Körperkontakt mit einem zum Biss bereiten und zudem noch sehr lüsternen Vampir blieb nicht ohne Wirkung.
Unserem Lockruf war kaum zu widerstehen, erst recht nicht bei vollflächigen Körperkontakt. Ich verlagerte ein wenig meine Position. Wenn dies schon eine geplante Erweckung werden sollte, dann mit allem drum und dran. In dem Maße, wie ich Bastian sanft aber fest an meiner Brust empor zog, wanderte mein steinharter Schwanz tiefer und erreichte schließlich den Graben zwischen den wohlgeformten Halbkugeln des rückwärtigen Teils dieses jungen Kerls. Der ahnte, worauf das hinaus lief und half sofort mit, bis wenig später meine Eichel an seinem Schließmuskel andockte und um Einlass begehrte.
»Ich werde in dich eindringen. Mein Schwanz wird in dich eindringen und meine Zähne werden sich in deinen Hals bohren. Ich werde dich nehmen, dich lieben, töten und dir Leben schenken. Du wirst Mein werden, mein Wesen, an mich gebunden über Leben und selbst den Tod hinaus. Ist es das was Du willst? Sebastian, willst du frei und ohne Zwang Mein werden?«
In diesem Moment war Sebastian wirklich frei. Kein Vampirruf vernebelte seine Sinne. Er spürte zwar meinen Körper, meine Zuneigung, ja sogar Liebe, fühlte aber genau so, dass ich ihn zu nichts zwang oder drängte.
»Verdammt, ja, ich will. Ramm mir deine Zähne endlich in den Hals! Stoß mit deinem Schwanz zu! Ich will! Mach mich zu deinem Wesen!«
Klare Ansagen erfordern klare Handlungen. Ich drang in ihn ein. Begann ihn nach allen Regeln des Liebensspiels Genuss- und kraftvoll zu ficken, auf dass aus dem Wimmern ein Japsen und Röcheln wurde. Mit jedem Stoß brachte ich Basti einen Schritt näher an seinen Point-of-no-Return, ohne ihm dabei auch nur die geringste Chance zu geben, wirklich kommen zu können. Es war ein diabolischer Ritt, den ich mit ihm veranstaltete, der ihn von Sekunde zu Sekunde mehr lustvoll verzweifeln ließ. Hätte er noch über so viel Selbstkontrolle verfügt, sich sprachlich artikulieren zu können, er hätte mich angebettelt, ihn endlich mit einem Orgasmus zu erlösen, doch so blieb ihm nur verzücktes Gurgeln und ein genussvoll schmerzverzerrtes Gesicht.
Erst, als wirklich nichts mehr ging, bohrte ich meine Zähne in seine Halsschlagader. Während ihn ein gezielter Stoß meiner Lenden über die Klippe katapultierte, überließ ich es seinem noch kraftvoll schlagenden Herzen seinen Lebenssaft in meinen Mund zu pumpen.
Sein Orgasmusbedingt mit Glückshormonen vollgepumpter Körper bekam im ersten Moment gar nicht mit, dass er massiv zur Ader gelassen wurde. Ganz im Gegenteil sorgte eine Komponente meines vampirischen Speichels dafür, diverse Selbstschutzmechanismen des menschlichen Körpers aus zu schalten.
Auch wenn wir Hämophagen es nicht gerne hören mochten, doch änderte dies nichts an der Tatsache, dass es sich bei uns um perfektionierte Jäger handelte, die nur eines kannten: Menschen ihr Blut zu nehmen. Unsere gesamte Physis war auf diesem Zweck hin optimiert. Noch weit bevor Bastian seine Kräfte schwinden spürte, fühlte ich sein nahes Ende – Und handelte.
Der Verwandlungsprozess war uns in die Wiege gelegt. Der Ablauf war Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Bastians Blutverlust hatte ein Niveau erreicht, an dem er zu keinerlei Gegenwehr mehr fähig war. Constantin hatte mich gewarnt, dass dies für viele Menschen einen psychologisch kritischen Moment bedeutete, wenn sie begriffen, dass sie wirklich im Sterben lagen und nur ein mehr oder weniger vertrauenswürdiger Blutsauger zwischen den Tod und einer völlig anderen Existenzform stand.
Es wäre daher extrem wichtig, erläuterte Constantin, dem Vampirkandidaten bei zu stehen, ihn zu halten und zu fühlen geben, dass er auf dem richtigen Weg war. Ich tat mein bestes und überflutete Bastian mit einer Welle voller Zuneigung und Liebe. Der blickte auf, sah mir in die Augen, lächelte matt und erschöpft und verschied.
Dass heißt nicht ganz. Ich wollte keinen Nosferatu erschufen, abgesehen von dem Hauch Totenschädel, der in meiner Erbsubstanz steckte. Bastians Herz hatte aufgehört zu schlagen, sein Körper befand sich auf der Schwelle zum unendlichen Nichts.
Doch mein Wille, meine vampirische Kraft hielt ihn im hier und jetzt. Ich wartete diesen magischen Moment ab, den ich auch bei Marcos Verwandlung erlebte und blickte, ohne meine Zähne aus dem Hals meines Opfers zu ziehen kurz zu Constantin und Phillip. Mein Schöpfer, Freund und Liebhaber lächelte ernst, erwiderte meinen Blick und nickte. Bastian war soweit. Ich schaltete auf Umkehrschub.
Magisch verwandeltes Blut strömte in seinen Körper, erreichte durch die Aorta als erstes sein Herz, das sofort wieder zu schlagen begann. Es war der erste Herzschlag eines erweckten Vampirs. Brennende Hitze durchflutete seinen Körper, ließen ihn sich vor Krämpfen schütteln, winden und beben und trieb Schweißperlen aus seinen Poren. Bastian glänzte vor Feuchtigkeit. Ich hielt ihn in meinen Armen, pumpte weiter Blut in ihn hinein und konnte mir dabei nicht verkneifen, den geilen Kerl auch noch ein wenig zu ficken, bis meine eigene Essenz in ihn hinein schoss und die endgültige Verwandlung einleitete. Das Band war geknüpft. Sebastian war mein, mein Fleisch und Blut, ein wahrer Margaux.
»Ahhhhhhrg!«
Weit aufgerissene blutrote Augen, vollständig ausgefahrene Saugzähne, ein tiefer erster Atemzug und Basti weilte wieder unter uns. Constantin lächelte zufrieden und meinte, dass er es auch nicht besser gemacht hätte. Dabei hielt er immer noch Phillip in seinen Armen. Der arme Mensch wirkte ein klein wenig unsicher, insbesondere, als ihn sein Freund mit eindeutig hungrigem Blick betrachtete und sich dabei über die Zähne leckte.
»Willkommen in unserer Welt, mein Kleiner«, begrüßte ich den blutjungen Vampir in meinen Armen, der ziemlich kräftig und nachdrücklich versuchte, sich diesen zu entwinden. »Nicht so stürmisch! Dein Freund ist kein Abendessen!«
»Nein, ist er nicht“, erwiderte Bastian erschrocken, zwang seinen Blick von Phillip ab und seine Zähne zurück in den Kiefer, ließ sich tiefer ins Bett sinken und schaute stattdessen mich an. »Ich weiß, dass er keine Nahrung ist, aber es brennt so sehr. Dieser Hunger, dieses Verlangen. Es ist so stark.«
»Dem sollte abgeholfen werden können.«, meldete sich nun Constantin, »Jahre lang haben wir von euch getrunken, jetzt sollst du dich von mir nähren. Der erste Biss sollte aber deinem Herzog gelten. Aber trinke nicht zu viel, wenn du willst, dass er noch Phillip verwandeln soll.«
Bevor Basti antworten konnte hatte ich ihm mein Handgelenk in den Mund gedrückt, damit er das tat, was ein jeder frisch geborener Vampir tat: zubeißen und saugen. Phillip, der sich damit nicht mehr direkt dem Fokus ernährungstechnischer Begehrlichkeiten seitens seines Freundes ausgesetzt sah, entwand sich ein wenig Constantins Umarmung, reckte seinen Kopf und schaute neugierig den Jungsauger beim zunzeln zu.
East Village
Die Jahrzehnte strichen dahin. Dexter Hunter Jones erlebte, wie das neunzehnte Jahrhundert sich seinem Ende zuneigte und zum zwanzigste Jahrhundert wurde – Das zwanzigste Jahrhundert! Welche Verheißung es doch versprach: Das Ende von Ungerechtigkeit, Armut, Krieg und Hass, von Unwissenheit und Aberglaube, ermöglicht durch die geradezu magischen Fortschritte in Wissenschaft und Technik.
Wie rosig die Zukunft doch aussah… Und wie deprimierend sich die Wirklichkeit dann entwickelte. Für eine Weile drohte Dexter in eine tiefe Depression zu versinken und überlegte ernsthaft, ob er sich nicht für zwanzig oder dreißig Jahr in seinem Steinsarg unter dem Keller seines Hauses in der Lower East Side verkriechen und die Schrecken der Welt verschlafen sollte. Der erste Weltkrieg, Weltwirtschaftskriese, die große Depression Hitler, Stalin und der zweite Weltkrieg. Massenmord und Genozid.
Die Atombombe. Konnte es noch schlimmer kommen? Die Menschen skizzierten Vampire in ihren Büchern und Filmen als abscheuliche Monster, die Tod und Verderben brachten. Doch in Wirklichkeit nutzen sie das Bild des Vampirs als Spiegelbild ihrer selbst. Kein Hämophage hätte ihnen die Grausamkeiten angetan, die sich die Menschen gegenseitig zumuteten.
Erstaunlicher Weise wurde es nach dem zweiten Weltkrieg nicht schlimmer. In Grenzen schien die Welt sogar ein Stückchen besser, freier und gerechter zu werden. Bürgerrechtsbewegungen erkämpften die Abschaffung der Rassentrennung in den Südstaaten, Frauen gingen auf die Straße, verbrannten ihre BHs und stritten für ihre Rechte. Die Gesellschaft änderte sich. Sogar im Fernsehen küsste ein weißer Raumschiffcaptain, namens James Tiberius Kirk eine schwarze Frau, Lt. Uhura. Und dann die Schwulen… Dexter war hin und weg.
Seit seiner Jugend schleppte er dieses Geheimnis mit sich rum, von anderen Männern sexuell angezogen zu fühlen. Ab und an hatte er sich sogar das eine oder andere Abenteuer gegönnt, um anschließend von einem fürchterlich schlechten Gewissen geplagt zu werden.
Zwei Männer hatten einfach nicht das Bett miteinander zu teilen, zischelte ihm sein Gewissen zu, dass nach wie vor von den Predigten seiner Jugend in der Baptistengemeinde Knoxvills geprägt war. Dexter vergrub seine Bedürfnisse. Selbst im ziemlich toleranten und aufgeschlossenen Kreis der New Yorker Vampire verheimlichte er seine Neigungen, obwohl es da Gerüchte von einem exzentrischen Vampirfürsten in Europa gab, dessen ganzes Haus aus Männern bestand, die Männer liebten. Pah, Europäer!
Doch diese neue Schwulenbewegung hatte etwas an sich. Ausgerechnet im West Village, in der Christopher Street, nur ein paar Blocks von Dexters Domizil entfernt, brach sich die Wut über die ständige Unterdrückung, die permanenten Schikanen, die Razzien der Polizei und brutalen Übergriffe homophober Schläger, Bahn.
Es begann wie so oft wieder mit einer Razzia. Doch dieses Mal ließen sich die Gäste des Stonwall Inns in der Christopher Street, darunter viele auswärtige Transvestiten und Drag Queens, die anlässlich eines Judy Garlands Konzert in New York weilten, nicht mehr rumschubsen und wehrten sich. Sie wehrten sich so sehr und nachdrücklich, dass sich die Polizisten zurückziehen mussten.
Das Verlangen nach Respekt und Anerkennung siegte über die Angst vor Schlagstöcken und willkürlichen Verhaftungen. Dieser Protest, diese Demonstration von Rückgrat und Courage wirkte wie eine Initialzündung. Die Schwulen begannen sich zu solidarisieren und wehren. Fünf Tage leisteten sie den anrückenden Polizeitrupps erfolgreich Widerstand. Erst danach beruhigte sich die Situation. Von da an war alles anders. Der Geist war aus der Flasche und wollte nicht mehr zurück.
Die Unruhen markierten einen Umbruch. Einerseits für die Schwulen weltweit, aber auch für einen sympathischen Vampir, der in früheren Zeiten als Cowboy durch Tennesse geritten war. Mit anderen Worten: Dexter hatte sein Coming-Out, ließ es krachen und begann nachzuholen, was er all die Jahrzehnte zuvor erfolgreich verdrängt hatte.
Die siebziger Jahre schienen eine nicht enden wollende Party zu sein. Drogen, Hedonismus, Sex, Disco, die wildesten Exzessen schienen gerade gut genug zu sein. Ein Traum für jeden Partyfan und das Paradies für alle Blutsauger. Während sich die Nahrungsaufnahme zuvor immer heimlich in den dunklen Ecke der Seitenstraßen abspielte, schien sich im Feier-, Drogen- und Sexrausch der 70iger niemand daran zu stören, wenn ein Typ seine Zähne in die Halsschlagader eines anderen Typens rammte, während dieser gerade im Sling lag und von einem dritten tief und ausfüllen gefistet wurde.
Die Szene feierte, fixte, schniefte, schluckte und fickte, als wenn es kein Morgen gab. Doch wie bei jeder Party kam am nächsten Morgen der unvermeidliche Kater in Form der 80iger Jahre und plötzlich war alles vorbei. Ein mikroskopisch kleiner Virus wurde zur Nemesis der gerade eben erst aufblühenden Community. HIV veränderte die Community grundlegend. Sein Wüten schien sich durch nichts und niemanden aufhalten zu lassen.
Statt Partys standen nun Beerdigungen auf dem Terminkalender. Während die Hinterbliebenen noch damit beschäftigt waren, den Schmerz und der Trauer zu verarbeiten, sahen die reaktionären und fundamental christlichen Kräfte, denen die gesamte Schwulen- und Lesbenbewegung seit langem den Blutdruck in die Höhe trieb, ihre Chance, um zum medialen und allgemeinen Gegenschlag auszuholen. Das Wort von der Schwulenseuche und Gottes gerechter Strafe für die Perversionen der Schwulen machte die Runde – »God hate Fags!« war auf ihren Transparenten zu lesen.
Für Dexter war es die Hölle. Er fühlte sich von der Lage in der Community innerlich zerrissen. Als Vampir konnte ihm der Virus nichts anhaben, sein Metabolismus erlaubte ihm sogar, den Virus aktiv zu bekämpfen.
Er konnte Menschen retten, aber eben leider nicht jeden. Es war sogar noch viel schlimmer: Je mehr Menschen er mit seinem Biss rettete, desto größer wurde die Gefahr als Hämophage erkannt zu werden. Was dies für ihn und alle seine Brüder und Schwestern bedeutete, wollte sich Dexter nicht ausmalen.
Seine Gemeinde ebenfalls nicht: Obwohl freie Vampire waren auch sie dem Codex unterworfen, dessen oberstes Gebot lautete, unter allen Umständen unerkannt zu bleiben, selbst dann, wenn es hieß, Freunden beim Krepieren zusehen zu müssen. Manchmal war es ziemlich schwer, ein Vampir zu sein.
Phillip
»Ist er wirklich…?«, fragte Phillip neugierig aber auch etwas ängstlich.
»Ja, Basti ist jetzt ein Hämophage“, bestätigte ich und schaute dem einzig verbliebenen Menschen im Bett tief und forschend in die Augen. »Und, bist Du dir immer noch sicher, dass Du ihm folgen möchtest?«
»Ja…«, hauchte Phillip unendlich schüchtern, aber auch mit Verlangen in der Stimme, bei der sein Blick sehnsüchtig über Bastian strich und keine Zweifel offen ließ, welche Zukunft er für sich sah.
»Gut, dann lass es uns tun!«
Ohne weitere Worte wechseln zu müssen, nahm mir Constantin den Säugling ab und übernahm dessen Fütterung. Zwei Menschen an einem Tag, sogar direkt nacheinander zu verwandeln, zählten nicht unbedingt zu den Dingen, die ein Vampir, selbst ein Stammvater, einfach nebenbei erledigte.
Basti zu erwecken, den Vampir in ihm aus mir zu erschaffen, strengte nicht nur psychisch an, sondern auch physisch. Oder weniger prosaisch ausgedrückt: Die Sache schlauchte. Basti zu verwandeln, hatte mich erschöpft und ein wenig ausgelaugt. Allerdings stand ich bei den beiden Jungs im Wort, was hieß, dass ich mich zusammenreißen musste. Vielleicht, so meine Überlegung und bedachte Constantin mit einem gleichzeitig wissend und fragenden Blick, war das der Grund dafür, dass mein Seelen- und Lebenspartner so ausführlich mit mir Jagen gegangen war.
Wir hatten fleißig Beute gemacht und uns an den jungen männlichen Venitianern und auch ein paar knackigen Touristen die Bäuche voll geschlagen. Ich war so satt, dass ich mich schon fragte, ob mich Constantin mästen wollte. Er wollte und die zwei Jungs in unserem Bett waren der Grund dafür.
Im Gegensatz zu seinem Freund verzichtete ich darauf, Phillip zu packen und überließ es ihm, sich mir freiwillig hinzugeben. Einen Moment des Zögerns, des Innehaltens, dann krabbelte er zu mir herüber und nahm genau die Position ein, die ich bei Bastis Verwandlung gewählt hatte: Mit dem Rücken an meine Brust und Bauch geschmiegt.
»Du weißt, was ich von dir wissen will?«
»Ja, du willst wissen, ob ich frei und ohne Zwang Dein werden will. Ich kenn den Text. Constantin und seine Freunde haben uns viel von eurer Welt erzählt“, erwiderte Phillip lakonisch, womit er aber nur seine Nervosität und Angst überspielen wollte.
Trotzdem kam die Antwort sehr entschlossen: »Die Antwortet lautet: Ja, ich will! Florian, verwandle mich!«
Es gibt Dinge im Leben, die lassen sich nicht wiederholen. Die erste Liebe. Der erste Kuss. Die ersten Schmetterlinge im Bauch. Unwiederbringliche Momente, die wir Zeit unseres Lebens nicht vergessen und oft genau so lange nachsehnen. Wenn sich doch nur dieser eine Moment zurück bringen ließe. Diese fast schon elektrische Entladung der ersten sinnlichen Berührung, der magische Moment, sich an einen anderen Körper zu schmiegen, seine Wärme, Lust, Lebendigkeit und Liebe zu fühlen und sich am Ende einander hinzugeben. Wie intensiv musste im Vergleich dazu erst die Verwandlung zum Vampir sein? Tod und Wiedegeburt in einem Akt tiefster, schonungsloser und unverstellter Liebe.
Phillip zitterte. Sein ganzer Körper bebte vor banger Erwartung des nachfolgenden folgenden Aktes. Obwohl er wusste, was auf ihn zukam, zuckte er ängstlich zusammen, als ihn meine Hände an den Flanken seines Torsos berührten. Ich ließ ihn wieder los. Meine Geschöpfe sollten ihre Verwandlung als eines der Tiefgreifesten, fantastischsten und schönsten Erlebnisse in Erinnerung behalten.
Einfach die gleiche Nummer wie mit Basti zu wiederholen, erschien mir daher ziemlich billig und Phillip gegenüber unfair und unwürdig. Seine Erweckung sollte so individuell und leidenschaftlich wie Bastis sein, was hieß, seinem extrovertierten Charakter Rechnung zu tragen.
Während Bastian geführt und letztendlich genommen werden wollte, machte dieser junge Kerl mit seiner ganzen Körpersprache deutlich, dass er die Reise bestimmte. Wobei mir natürlich nicht entging, dass er in Wirklichkeit unendlich unsicher war. Wer wollte es ihm verdenken?
»Ganz ruhig“, flüsterte ich Phillip ins Ohr. »Du bestimmst die Show. Du sagst, wenn du bereit bis.«
»Ich bin bereit. Tu es!«, erwiderte der Mann, dessen Rücken bis zu diesem Zeitpunkt an meiner Brust ruhte. Doch dann demonstrierte Phillip, dass er gerne oben lag. Er erhob sich und wandte sich mir zu. Gleichzeitig griff er nach meinem Schwanz, packte ihn auf sehr erregende und geile Weise und positionierte das steinharte Stück zwischen seinen rückwärtigen Halbkugeln. Dieser freche Kerl ließ sich doch tatsächlich so auf meinem Schwanz nieder, dass dieser in ihn in einem Rutsch eindrang, was er offensichtlich ausgesprochen intensiv genoss.
»Frech!«, meinte ich grinsend und erntete einen ebensolchen Gesichtsausdruck. »Du vergisst aber, dass du es mit einem Vampir zu tun hast.«
Die Verwandlung begann mir richtig Spaß zu machen. Phillip war eine Herausforderung, weswegen ich mir etwas Neues einfallen ließ. Ich aktivierte meinen Vampirruf, richtete ihn auf Phillip, veränderte ihn aber so, dass er genau wusste, was mit ihm geschah. Ich schuf ein emotionales Spannungsverhältnis, in dem ich gleichzeitig seinen Fluchtinstinkt reizte, ihn aber auch mit Lust überflutete.
Phillip stöhnte, wimmerte und… bäumte sich dann doch überraschend auf. Beide Hände drückte er plötzlich gegen meine Brust, riß seine bis eben noch geschlossenen Augen auf und sah mich lustvoll an, um dann sehr intensiv meinen Schwanz zu reiten.
Phillip war definitiv reif. Da er nach wir vor in menschlichen Dimensionen dachte, rechnete er nicht mit meiner Agilität. Schneller als er Oops sagen konnte, hatte ich Phillip in meinen Armen und meine Zähne in seinem Hals.
»Wow!«, gurgelte Phillip und gab jeden Widerstand, der eh nur spielerisch war, auf. Der eigentliche Spaß konnte beginnen. Zwischenzeitlich hatte auch Basti seine Mahlzeit an Constantins Handgelenk beendet. Sein Bluthunger war vorerst gestillt, so dass er sich genüsslich dem Schauspiel zwischen Phillip und mir zuwenden und nun eine Verwandlung zu einem Vampir mit den Augen eines ebensolchen betrachten konnte.
Die setzte ich prompt in die Tat um. Das Verfahren war bekannt. Langsam aber sicher brachte ich Phillip bis fast zum Höhepunkt und hielt ihn dort, direkt an der Klippe zum bewussten Point-of-no-Return, auf dass sich seine Geilheit ins fast Unendliche verstärkte. Warum ließen wir unsere Verwandlungskandidaten dermaßen lustvoll gemein zappeln?
Aus zwei Gründen: Der eine war rein praktischer Natur. Je erregter der Geist, desto erregter war auch der Körper. Die Durchblutung nahm zu, die Atmung wurde tiefer, das Herz schlug schneller. Der ganze Organismus lief beim Sex auf Hochtouren. Die Verwandlung genau in diesem Moment auszulösen, vereinfachte die Prozedur einfach ungemein.
Zum einem verlief der tödliche Aderlass extrem schnell, umgekehrt war beim anschließenden wieder Auffüllen der Körper mehr als willig, das neue vampirische Blut in sich aufzunehmen und in Rekordgeschwindigkeit selbst an die entfernteste Zelle des Körpers zu pumpen. Und der zweite Grund: Es war einfach Mega geil – Für den Vampir wie für sein Opfer.
Nach dem ich Phillip ebenfalls eine ganz Weile zappeln gelassen hatte, war der Punkt gekommen, auch ihn den Garaus zu machen und anschließen zu verwandeln. Meine Zähne steckten bereits in seinem Hals, hatten aber bis dahin noch nicht an ihm gesaugt. Ein klein wenig Druck, etwas nachgebissen und das Blut sprudelte in meinen Mund. Hier bewies sich wieder, dass die beiden Jungs wirklich etwas Komplementäres hatten, wie schwarz und weiß, Pfeffer und Salz, Ying und Yang. Während ich Basti mit meinem Schwanz über dir Klippe befördert hatte, sorgte bei Phillip Biss und Aderlass dafür.
Wie etwas im Globalen gleich, im Detail dann doch erstaunlich unterschiedlich sein konnte. Phillips Blut schoss dermaßen kräftig pulsierend in meinen Mund, dass ich selbst als Vampir Probleme hatte, alles schlucken und verarbeiten zu können.
Und es war viel, sehr viel Blut, über das dieser kräftige, athletische, junge Mann verfügte. Es war, als wenn sein Körper gar nicht abwarten konnte, sich meiner übernatürlichen Gewalt zu ergeben. Als ob es ein abschließendes Statement abgeben wollte, schlug Phillips Herz bis zum allerletzten Blutstropfen mit voller Kraft, um dann, von einem Moment zum anderen, abrupt stehen zu bleiben.
Kraft? Widerstand? Auf jeden Fall. Während Basti sanft, weich und ruhig in meine Armen gesunken war, blieb Phillips Körper demonstrativ… Ja, was eigentlich. Steif traf es nicht wirklich. Natürlich war ihm alle Kraft entwichen, trotzdem verlieb eine gewisse Grundspannung, ein fernes Echo seiner Kraft und Agilität.
Es verwunderte mich dann auch nicht, dass der Lebensfunke, den ich Phillip zusammen mit seinem verwandelten Blut schenkte, diesen regelrecht in Flammen aufgehen ließ. Mit einem gewaltigen Schlag, den jeder im Raum deutlich hören konnten, nahm sein Herz den Betrieb wieder auf.
Während Bastis Wiedererweckung sanft und ruhig verlaufen war, zeigte Phillip deutlich seine Körperlichkeit. Mit jedem Pulsschlag durchwanderte ein kräftiger Schauer seinen Körper. Sein Brustkorb hob und senkte sich und beförderte hörbar Luft in die Lungen des blutjungen Vampirs.
Dass Phillip keine halbe Minute nach seiner Erweckung seine Augen aufschlug, sich blitzschnell orientierte, mich dankbar anstrahlte, Constantin anlächelte und am Ende unendlich verliebt seinen Freund und Geliebten mit seinem Blick liebkoste, obwohl ich immer noch dabei war, Blut zurück in seinen Körper zu pumpen, sprach Bände.
Nach zwei Minuten war aller Lebenssaft zurück übertragen und ich konnte meine Zähne zurückziehen. Phillip zögerte keine Sekunde. Ein ebenso dankbarer wie fragender Blick seinerseits, ein zustimmendes Nicken meinerseits und er sprang auf, hechtete zu Basti, nahm diesen in den Arm, klammerte sich an ihn und ließ ihn nicht wieder los.
»Erinnert dich das an etwas?«, wollte Constantin breit grinsend von mir wissen, krabbelte heran und nahm mich in seine Arme. »Mein König, mein Freund, mein Geliebter, meine Seele!«
***
»Tomek?«
Nach fünf Jahren kannte ich meinen Protokollchef gut genug, um seine Körpersprache lesen zu können. Der Mann hatte etwas auf dem Herzen, überließ es aber mir, ihn danach zu fragen, was ich wortlos mit meinen Blick dann auch tat.
»Ich muss auf eine Änderung des heutigen Terminplans hinweisen. Seine Heiligkeit, Bruder Petrus, Stammvater der Nosferatu des Westens, hat um eine Audienz gebeten und wird in etwa einer Stunde eintreffen.«
»Petrus kommt her?«, hakte ich verblüfft nach.
Mit Petrus, dem kryptischen Nosferatu, verband mich ein sehr spezielles Erlebnis. Er war, wie ich, Absolvent des Servius-Novatin-Ritus. Ein Ritual, dass bis an den Kern der eigenen Existenz ging und danach noch ein gutes Stück darüber hinaus. Während die körperliche Wirkung einfach nur unmenschlich war und über aller Vorstellungskraft ging, lag die erbarmungslose Grausamkeit in seiner psychischen Wirkung.
Das Ritual zerstörte nicht nur den Körper, es zersetzte den Geist, es löste beides auf, bis auf den einen Funken, den einen zentralen Gedanken, für den es sich lohnte, der es überhaupt erst rechtfertigte, für ihn zu kämpfen. Ohne Hilfe eines Ritualpartners und dieser einen Idee, diesem Traum. der alles in sich vereint, wofür es sich lohnt zu leben, konnte niemand diese Prüfung bestehen.
In meinem Fall lautete der Name des Partners auf Bruder Nicolas, einem zwar knuffigen, aber optisch anfangs extrem gewöhnungsbedürftigen Nosferatu. Das Ritual verband uns, kettete uns aneinander. Nicolas wurde zu meinem Geschöpf, einem echten Margaux, was nebenbei auch ein paar Ecken und Kanten der fiesen Nosferatufratze abschliff, so dass am Ende ein herb-attraktiver Kerl übrig blieb.
Im Gegensatz zu Nicolas und mir, weilte Petrus Ritualpartner nicht mehr unter uns. Tasmanir Musferatu, der Stammvater der Nosferatu des Westens und einer der geistigen Führer unserer Art, hatte sich geopfert.
Alles, alle Intrigen und Verschwörungen, aller Heldentum und Mut, aller Verrat und Aufrichtigkeit, Himmel und Hölle hatten zu dieser einen Ratssitzung geführt, in der eben all dies enthüllt und offenbart wurde. Es ging um weit mehr als nur die Königswürde.
Es ging um uraltes Unrecht, um verlorene und verletzte Ehre, vergossenes Blut, Hass und ausgeschlagene Vergebung. Am Ende lagen ein Verräter und ein Held tot in der Ratshalle. Graf Dracula alias Baron Bronkovics war mit dem Versuch gescheitert, mich mit einem vergifteten Stilett zu töten. Tasmanir Musferatu hatte sich geopferte, zwischen uns geworfen und den tödlichen Stich auf sich zog.
Dass sich das Verhältnis zwischen Petrus und mir immer durch eine unterschwellige Verkrampftheit auszeichnete, musste wohl als zu erwartende Konsequenz betrachtet werden. Dabei wusste ich nie so genau, woran es wirklich krankte.
Natürlich hatten sich Petrus und Tamir sehr nah gestanden – auf einer zwar tiefen aber auch nur rein freundschaftlichen Basis. Die beiden Männer waren alles andere als schwul. Allerdings schuf der Servius-Novatin eine Verbindung, die über Freundschaft hinaus ging.
Und vielleicht war es meine eigene Erfahrung mit diesem bizarren Ritual und dem Wissen um die sehr intime Art der Beziehung, die es zum Ritualpartner schuf, dass mich jedes Mal ein schlechtes Gewissen peinigte, wenn ich Petrus begegnete und wusste, ihn mittelbar um etwas sehr kostbares beraubt zu haben.
Mieden wir uns? Nicht gezielt. Wir suchten umgekehrt aber auch nicht den Kontakt, da alle Begegnungen früher oder später in bedrückender Schweigsamkeit endeten. Wir wussten beide einfach nicht, wie wir miteinander umgehen sollten und beließen es bei offiziellen Kontakten. Wenn also Petrus sein Kommen anmeldete, musste etwas Wichtiges anstehen.
»Jungs!«, weckte ich meine ebenso verschlafenen wie verschmusten Bettgenossen. Der eine oder andere wird sich fragen, warum Phillip und Basti überhaupt das Bett mit mir teilten, wo sie doch einerseits ein Paar waren und ich selbst über einen wirklich geilen Mann verfügte. Die Erklärung für diesen Widerspruch war ebenso profan wie bezeichnend: Ich mochte es nicht, allein in meinem Bett zu schlafen.
Verständnis
Auch wenn ich es mir noch so sehr einreden wollte, dass sich mein Charakter mit der Verwandlung in einen Vampir nicht verändert hätte, es stimmte nicht. Ich hatte mich verändert.
Aus einem eigenbrödlerischen, schüchternen, ängstlichen, wortkargen Wesen, dass jeder als willkommen Fußabtreter und Punchingball nutzte, angefangen bei meinem Vater über meine Mitschüler bis später zu meinen Arbeitskollegen, war ein selbstbewusster, kontakt- und kommunikationsfreudiger Mann geworden.
Soweit die gute Nachricht. Niemand dürfte bezweifeln, dass sich mein Charakter, was diese Aspekte betraf, zum positiven entwickelt hatte. Doch wie so viele guten Dinge, kam auch diese mit einem Preis:
Einer Sehnsucht nach körperlicher und geistiger Zuneigung und Nähe. Ich meine hier ausdrücklich nicht Sex, obwohl ich diesen gerne und auch ausgiebig genoss und praktizierte. Es ging um Freundschaft und innere Verbundenheit. So gesehen, war der Preis einer, den ich gerne bereit war zu zahlen.
Vielleicht lag meine Abneigung gegen die Einsamkeit im Bett auch an meinem Job als Stammvater eines Hauses und Blutsaugerkönig. Rein standesgemäß hätte ich in einem Sarg in meiner Gruft schlafen sollen. Gruft? Sarg?
Anfangs wusste ich gar nicht, dass ich über einen Sarg und mein Schlösschen über eine dazugehörige Gruft verfügte, bis mir Lucretia und Anton, nach dem sich die Aufregung über die Ereignisse rund um meine Thronbesteigung gelichtet hatte, die große Tour durch mein Schlösschen gaben.
Gruft? Sarg? Ich habe es versucht, ich habe es aufrichtig und ehrlich versucht. Aber allein in einem Sarg den Tag zu verschlafen, war definitiv nicht mein Ding, obwohl es sich um einen wirklich komfortablen Luxussarg handelte.
Etwas widersprüchlich kuschelte ich ausgesprochen gerne mit Constantin in dessen Schlafsarg. Also kein Sarg. Stattdessen ein Bett in einem sogenannten Königlichen Privatgemach. Ich hätte nie erwartet, dass Ort und Ausstattung der Königlichen Tagruhestätte (Offizieller Titel) Anlass für protokollarische Betrachtungen bot.
Wenn ich Tomek und Lucretia, die sich in dieser Sache sehr bewandert zeigten, richtig verstand, lag alles was den Thron betraf, unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit im Allgemeinen und der anderen Hohen Häuser im Besonderen. Im Prinzip erwarteten die Herren und Damen Hochwohlgeboren nicht mehr von mir, als die Quadratur des Kreises. Ich sollte meinen Hof repräsentativ, aber nicht großspurig führen, konservativ zurückhalten auftreten, mich aber auch stilvoll modern verhalten, mit strenger Hand agieren aber gleichzeitig auch mit Lockerheit und Güte handeln.
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie ich diese Ansprüche erfüllen sollte und war heilfroh, Tomek, Lucretia und deren Team an meiner Seite zu wissen. Schloss Charlottenhof als Sitz der Krone zu wählen, wurde immerhin als gelungener Auftakt meiner Regentschaft gewertet.
Als kleines Jagdschlösschen besaß es eine angemessene aber nicht übertriebene Größe, war repräsentativ und gleichzeitig bescheiden. Gleiches galt für mein Haus. Mit fünfunddreißig Seelen zählten wir zu den kleineren Häusers, was mit Wohlwollen betrachtet wurde.
Mein Geschlecht durchströmte zwar das Blut des ursprünglichen Königsgeschlechts der Hati, was meinem Wort ein beachtliches Gewicht im Rat verlieh, aber dadurch für diverse Häuser eine potentielle Bedrohung ihrer Machtposition bedeuten konnte, das dann aber andererseits durch die überschaubare Größe meines Hauses wieder ausgeglichen wurde.
Mit anderen Worten: Ich war ein König, dessen Wort zwar etwas zählte, der aber niemanden direkt gefährlich werden konnte. Florian der Grüßaugust und Frühstücksdirektor. Jedenfalls nicht als König. Als Herzog Margaux hingegen, der ich nebenbei immer noch war, konnte ich potentiell über die gesamte Macht des Hauses Breskov-Varadin verfügen. Constantin war nicht einfach nur mein Geliebter oder wie es weniger freundlich gesonnene Geister formulierten, ich sein Fickschlitten.
Wir waren Eins. Constantin und ich hatten vor den Augen des Rates das Bündnis des Erdblutes geschlossen, der ursprünglichsten Form der vampirischen Hochzeit. Fürst Constantin Varadin Baron zu Breskov war mein Mann mit dem ich, wenn es drauf ankam, alles teilte, selbst mein Leben.
Es war dieser Balanceakte auf dem Hochseil der Hofdiplomatie, der drohte, mich in einen einsamen Mann zu verwandeln. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich nur überleben konnte, wenn es mir gelang, rechtzeitig dem starren Protokoll gewisse Freiheiten abzutrotzen. Wenn es etwas gab, dass mir wirklich wichtig war – auf das Adelsgedöns hätte ich gut verzichten können – dann Freundschaft und die Nähe zu meiner Familie, der menschlichen, wie der vampirischen. Freundschaft war bei mir untrennbar mit einen Namen verbunden: Christiano Varadin. Der wilde portugiesische Vampir, der als erstes Wesen überhaupt, mir wahre Freundschaft zeigte, wofür ich ihm auf immer dankbar war.
Freunde bedeuteten mir alles. Sie waren für mich das Wichtigste überhaupt, die Basis meiner Existenz und der Grund dafür, warum ich mich ohne sie einsam fühlte, insbesondere in den unendlichen Weiten meiner königlichen Schlafstätte.
Die ersten Tage meiner Regentschaft waren deswegen die reinste Qual. Mir war völlig klar, dass Constantin und ich uns nicht all zu häufig sehen und die meiste Zeit getrennt sein würden. Dafür waren die Verpflichtungen gegenüber unseren Häusern und bei mir zusätzlich auch noch des Throns zu groß. Bei Constantin kam hinzu, dass er obendrein damit beschäftigt war, seine beiden Häuser Varadin und Breskov zu vereinen. In der Konsequenz hockte ich in Charlottenhof und Constantin pendelte zwischen Varadin International und Schloss Breskopol hin und her, von gelegentlichen Abstechern über mein kleines Schlösschen unterbrochen.
Mussten wir uns täglich sehen? Natürlich nicht. Wir waren Vampire, wir hatten alle Zeit der Welt. Doch ließ es mich in einem leeren kalten Bett schlafen. Bis plötzlich eines Morgens, als ich mich zur Tagesruhe betten wollte, Christiano und Simon in meinem Bett lagen und mir ohne ein Wort zu sagen, die Bettdecke aufhielten.
Von da an schlief ich nie wieder allein. Entweder war es mein Urfreund Christiano, der mein Verlangen nach körperlicher Nähe stille, Simon, wenn er zufällig in Charlottenhof weilte, Nicolas und natürlich Basti und Phillip.
Selbst Marco kuschelte sich an mich und ich mich an ihn, was nach unserer gemeinsamen Vergangenheit allerdings einiges an Überwindung beiderseits kostete. Es war wichtig, dass wir diesen Schritt wagten, egal was zwischen uns stand, andernfalls hätte unser altes Leben, die Zeit vor unserer Verwandlung früher oder später einen Keil zwischen uns getrieben. Marco war mein Geschöpf. Es war für mich einfach unerträglich, einen Schatten über uns zu wissen, weswegen ich die Sache ein für alle Mal ausräumen und abschließen musste.
Die Sache war allerdings alles andere als eine Kleinigkeit, nämlich nichts Geringeres als die Vergewaltigung, die er und vier andere Kollegen sich mir gegenüber schuldig gemacht hatten. Wie kann jemand seinem Vergewaltiger verzeihen? Eigentlich gar nicht. Als Mensch wäre ich nicht in der Lage gewesen, nicht mit meinem verkümmerten Selbstbewusstsein, dass meine Peiniger erst zu ihren Handlungen angestachelt hatte. Als Vampir hingegen, eröffneten sich vollkommen neue Blickwinkel.
Zum einen erkannte ich Unterschiede in den Gründen für ihr Tun. Während Typen wie Mario und Andreas mich quälten, weil sie jemand dazu anstachelte und es ihnen wohl auch Spaß und Genugtuung bereitete, mich zu erniedrigen, lagen Marcos Motive völlig anders. Er nutzte einfach die Gelegenheit, Sex mit mir zu haben, weil er zu feige war und nicht genug Mum in den Kochen, um dazu zu stehen, selbst schwul zu sein.
»Wir müssen reden!«
Ich gebe zu, dass es ausgesprochen brutal war, dermaßen den Boss heraushängen zu lassen. Natürlich war es mein Haus und Marco mein Geschöpf, trotzdem gab es so etwas wie Privatsphäre und Anstand. Beides hatte ich in diesem Moment verletzt. Entsprechend verängstigt sah mich Marco an und entsprechend schlecht war mein Gewissen. Ich lief rot an, verzog mein Gesicht zu ein tragisch komischen Mine, ruderte mimisch etwas zurück und schob ein ungelenkes »Bitte« nach.
»Ich bin überrascht“, erwiderte Marco ängstlich und unsicher lächelnd, wie jemand, der schon lange mit dem berühmten dicken Ende gerechnet hatte und wusste, dass genau das jetzt kam.
»Überrascht?«, wollte ich wissen.
»Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass du früher kommst, um mir den Arsch auf zu reißen. Also gut, bringen wir es hinter uns. Wie lautet dein Urteil?«
»Ich habe keins“, entgegnete ich frustriert.
Genau das war ja das Problem mit Marco, dass ich nicht wirklich sagen konnte, woran ich mich eigentlich rieb. »Ich weiß nicht, wo mein Problem mit dir liegt.«
»Wie, ist das nicht klar? Ich habe dich…« Marco stockte und wich meinem Blick aus. Stattdessen schaute er schamvoll zu Boden. »Ich habe dich vergewaltigt. Ich hätte an deiner Stelle ein großes Problem damit.«
»Ja, nein, ach ich weiß auch nicht…«
Jetzt war es an mir, zu stammeln.
»Dich hat es gewurmt, als mich Christiano damals auf ein Bier bei sich einlud, oder?«
Damals, dass war, nach dem mir Marco sein Herz ausgeschüttet hatte und gestand, mich vergewaltigt zu haben. Zu der Zeit glaubten meine Kollegen noch, ich hätte mein Gedächnis verloren und wüsste nicht mehr, was geschehen war.
Und genau dieses Geständnis brachte mich dazu, Marco mit anderen Augen zu betrachten. Er hätte sich nicht offenbaren müssen. Marco hätte, wie die anderen Arschlöcher, auf meine vermeintliche Amnesie setzen und die Sache einfach aussitzen können. Er tat es nicht. Er war sogar bereit, sich der Polizei zu stellen, woran ich nun überhaupt kein Interesse hatte.
Es hätte zu viele Fragen aufgeworfen, was meinem kleinen, blutsaugenden Geheimnis gefährlich nah kommen konnte. Der entscheidende Punkt war, dass Marco die Verantwortung für sein Handeln übernehmen wollte und bereit war, die Konsequenzen dafür zu tragen. Was konnte ich schon anderes tun, als seine Entschuldigung annehmen?
Thema abgehakt? Nicht ganz. Christiano, die alte Ratte, wagte die Nagelprobe und lud Marco auf ein Bier mit uns, das heißt, bei sich, ein. Und schon durfte ich mir und Marco beweisen, dass ich wirklich meinte, was ich sagte, nämlich dass das Thema erledigt sei.
»Ehrlich Antwort: Ja, ich war angefressen und etwas sauer. Aber nicht auf dich oder Christiano. Es ärgerte mich, dass mein Bauch meinem Kopf nicht folgen wollte. Ich meinte, was ich sagte. Vom Kopf her, hatte ich dir vergeben. Aber…«
»Florian, Du musst dich nicht rechtfertigen. Ich weiß, was ich dir angetan habe und dass es unverzeihlich ist.«
Marco lachte ein wenig bitter.
»Ich hätte damals doch lieber zur Polizei gehen sollen und mich verknacken lassen. Kein Knast könnte so hart sein, wie die lebenslange Strafe, dein Geschöpf zu sein. Wobei lebenslänglich wohl ziemlich lang sein wird, oder?«
Shit! Das saß. Bis dahin war mir nie in den Sinn gekommen, wie Marco sich fühlen musste, mein Geschöpf zu sein. Es musste die Hölle sein. Die Blutsbindung verstärkte alle Gefühle, die ein Geschöpf zu seinem Stammvater empfand, auch Schuldgefühle. Da mich Marco bereits vor seiner Erweckung mochte, sogar begehrte, musste sein Verlangen als Vampir schon fast qualvolle Pegel erreichen. Genau so wie sein schlechtes Gewissen. Mich täglich zu sehen, auf eine mehr oder weniger abstrakte Art zu lieben und gleichzeitig zu schämen, musste grauenvoll quälend sein. Und ich war dafür verantwortlich. Der Mann war mein Geschöpf, ein Mitglied meines Hauses und somit sein Wohlergehen meine Aufgabe. Der Eiertanz zwischen uns musste enden.
»Ich wollte dich nie bestrafen“, erklärte ich leise.
»Ich weiß. Ich.“, unterbrach mich Marco.
»Lass mich bitte ausreden“, unterbrach ich wiederum Marco.
»Es war und ist mein Fehler, mich nicht früher mit unserem Problem auseinander gesetzt zu haben. Marco, du bist mein Geschöpf. Ich bin für dich verantwortlich. Und das heißt nicht nur, Dir ein Dach über den Kopf zu geben. Ich will, dass du dich wohl fühlst.«
»Ich fühl mich wohl…“, brauste Marco auf, zuckte über seinen Ausbruch erschocken zusammen und schaute erneut beschähmt zu Boden.
»Ich habe Nicolas. Florian, der Mann ist einfach fantastisch.«
Marco geriet ins schwärmen.
»Ich weiß, dass viele Menschen und sogar Vampire im ersten Moment zurück schrecken. Aber schau ihn dir genau an. Er ist schön, wirklich schön, außen, aber insbesondere auch in seinem Inneren.«
Ich gab ihm uneingeschränkt Recht. Nicolas war ein fantastischer Mann.
»Und wie geht es jetzt weiter?«, wollte Marco sehr berechtigt wissen.
»Du magst mich?«, hakte ich direkt nach, griff dabei nach seinem Kinn, hob es an und schaute meinem gegenüber direkt in die Augen.
»Ja«, kam die ehrliche Antwort.
»Du liebst mich?«
Bei dieser Frage wollte Marco meinem Blick ausweichen und den Kopf senken. Ich hielt ihn fest. Ihm blieb nichts anderes übrig, als mir zu antworten.
»Ja, ich liebe dich. Nicht… Du weißt, nicht so wie du Constantin oder ich Nicolas.«
»Dann stecken wir in einem Teufelskreis. Du bist irgendwo zwischen Liebe und Scham gefangen und ich… Ich weiß es nicht genau. Irgendetwas zwischen Schuldgefühlen, ehrlicher Zuneigung und… Naja, genau das ist das Problem. Uns fehlen die richtigen Worte, um auszudrücken, was uns bewegt. Deswegen müssen wir die sprachliche Ebene hinter uns lassen. Komm mit!«
Marco hatte Angst. Konnte ich es ihm verdenken. Da platzt einfach der eigene Stammvater bei ihm rein, zu dem er eh schon ein kompliziertes Verhältnis pflegte, machte eben diese Verhältnisse zum Thema und wollte dann auch noch, dass er ihm folgte. War es abwegig den Eindruck zu gewinnen, sich auf dem Weg zur Schlachtbank zu befinden?
Marco hatte Geschichten über andere Häusern gehört und wie diese mit Problemfällen umgingen. Danach schien es auch gewisse Nachteile nach sich zu ziehen, als Vampir über eine extrem robuste Physis zu verfügen.
Sie verwendeten Begriffe, wie Verhaltenskorrekturmaßnahme oder negatives Feedback, aber im Endeffekt handelte es sich um schnöde Folter, die diverse Häuser meinten anwenden zu müssen, um ihre Leute auf Linie zu bringen.
Wenn ich den Berichten meiner, genaugenommen Constantins Agenten, glauben schenkte, dann hatte es in Baron van Sandens Haus ein Werkzeug namens Sonnenkatze zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht. Im Prinzip war es eine normale neunschwänzige Katze, sprich eine Peitsche, in dessen Lederstriemen aber Lichtleiterfasern eingewoben wurden, durch die intensives UV-Licht strömte. Das Teil sollte richtig gemein zecken. Wo diese Katze hinlangte, ging Vampirfleisch in Rauch auf.
Zugegebener Maßen glaubte Marco nicht wirklich, dass ich ihm ans Leder wollte. Trotzdem konnte ich fühlen, dass er Bammel hatte – Mit Recht! Denn ich hatte etwas viel, viel grausameres als eine Behandlung mit der Sonnenkatze vor, doch nur so, konnte wir beide loslassen und einen Neustart wagen.
Also führte ich meinen Tischlergesellenkollegen statt in einen dubiosen Folterkeller, den wir, soweit ich wusste, überhaupt nicht besaßen, in mein königliches Schlafgemach. Dort angekommen, schob ich den nervös zitternden Mann in Richtung Bett, was dieser verstand und sich noch nervöser auf der Lümmelwiese nieder ließ. Zwei extrem ängstlich dreinschauende Augen mit Welpenblick blinzelten mich an. Ich glaube, Marco war kurz davor, los zu heulen. Dachte er etwa…
»Du glaubst doch nicht etwa, ich will dich…«
Er dachte, wie sein Nicken und Zittern verriet.
»Junge, für was für ein Monster hälst Du mich?«
Ungläubig schüttelte ich meinen Kopf.
»Wie Du mir so ich Dir? Auge um Auge, Zahn um Zahn, Arsch um Arsch? Mensch Marco, wenn ich dich mit dir stöppsel, dann nur, wenn wir es beide wollen.«
Mit diesen Worten setzte ich mich neben Marco aufs Bett. »Ich habe vor, dir etwas viel grausameres anzutun, und, wenn wir schon dabei sind, du mir ebenfalls“, fügte ich mit leicht gequälten Lächeln hinzu, was bei Marco zu einem erneuten Angstausbruch führte.
»Was… was hast du vor?«, hauchte Marco.
»Ist das nicht klar? Diese eine Sache, die zwischen uns steht und uns auseinander treibt, muss endlich weg. Dass bedeutet aber, dass wir absolut offen zueinander sein müssen und da kenne ich nur einen Weg Den des Vampirs«
»Wow!«, erwiderte Marco, der sofort wusste, worauf ich hinaus wollte. »Du willst mich beißen?«
»Und du mich! Ich will, dass du weißt, was ich empfunden habe und umgekehrt muss ich wissen, was dich antreibt. Ich weiß, dass das hart wird.«
***
Hart war geschmeichelt. Kaum hatte ich meinen Satz beendet, drückte ich Marco mein Handgelenk gegen den Mund. Wenn auf eins Verlass war, dann auf den Beißreflex der Vampire.
Marcos Zähne hatten sich schneller in mein Fleisch gebohrt, als der Kerl »AB positiv« sagen konnte. Wenn Vampire voneinander tranken, dann üblicher Weise nicht zum Zweck der Nahrungsaufnahme.
Wir konnten uns zwar gegenseitig Blut spenden, etwa um einen frisch Erweckten zu füttern, der noch viel zu unerfahren war, um von einem Menschen zu trinken, nutzen die Beiserei aber primär als Mittel der direkten unverstellten Kommunikation.
Unser Blut war unsere Esszenz. Wenn wir es wollten, übertrug es Gefühle, Gedanken, Idee, ja sogar den Kern unseres Wesens. Was Marco konsumierte, kann deswegen nur als Emotionskonzentrat betrachtet werden. Er fühlte, was ich fühlte. Mein Schmerz wurde zu seinem, aber genau so auch meine Liebe und Zuneigung. Ich ließ ihn an der gesammten Widersprüchlichkeit meiner Empfindungen teilhaben. Mir war vollkommen klar, dass diese geballte Form des Emotionstransfers reichlich traumatisch sein durfte, aber da musste er durch. Genau so, wie ich mich seiner Gefühlswelt stellen musste.
Noch während Marco an mir zunzelte, griff ich nach seinem Handgelenk, führte es langsam zu meinem Mund und Biss, nach zustimmendem Nicken, sanft zu. Das Blut strömte und mit ihm seine Gedanken, Hoffnungen und Ängste. Es war überwältigend, traurig, fröhlich, schön und grauenvoll zugleich.
Oh Marco!
***
»Sollen wir darüber reden?«, wollte Marco nach einer Weile des Schweigens wissen, in der wir beide unsere Erlebnisse in der Gefühlswelt des anderen ein wenig verdaut hatten.
»Nein«, meinte ich sanft und lächelte sogar ein wenig. Wir lagen nebeneinander mit dem Rücken in meinem Bett. Bei Marcos Frage hatte ich ein wenig aufgerappelt und ihm zugewandt.
»Ich glaube, wir verstehen jetzt einander. Oder?«
»Wahrscheinlich… Es ist nur… Ist es wirklich war? Du…«
»Ja, ich habe Dir lange verziehen. Nicht erst mit deiner Verwandlung. Mein Fehler war, Dir nie gesagt zu haben, dass es mir Leid tut. Es tut mir wirklich aufrichtig Leid, dich in diese ganze Vampirgeschichte mit hineingezogen zu haben. Ich kann mir vorstellen, dass du einen ganz anderen Entwurf für dein Leben geplant hattest.«
»Statt als Blutsauger zu enden? Vermutlich. Aber das gilt wohl für jeden in unserem Club.« Marco lachte.
»Flo, ich glaube, du gibst mir mehr Kredit, als ich verdiene. Lebensentwurf? Hey, ich war Tischlergeselle. Meine sogenannte Lebensplanung beschränkte sich darauf, keine Scheiße zu bauen und irgendwann eine Familie zu gründen. Was natürlich totaler Quatsch war. Familie? Als Schwuppe?«
»Klemmschwester?«, schlug ich scherzhaft vor.
»Klemmschwester«, bestätigte Marco leicht sarkastisch und blickte schüchtern zu mir hinüber »Du hast mich befreit. Dass ist dir hoffentlich klar.«
»Soweit würde ich jetzt nicht gehen. Ich habe dich in einer absoluten Notsituation verwandelt. Ich wollte dich retten und habe nicht darüber nachgedacht, was das für dich, mich oder unser Haus bedeutet.«
»Klar, ich war mit verbluten beschäftigt. Aber wenn wir schon so offen miteinander plaudern, kannst Du mir sicherlich eine Frage beantworten: Was wäre geschehen, wäre ich nicht angeschossen worden. Oder sogar noch einen Schritt zurück: Was wäre gewesen, wenn ich gar nicht mit in die Befreiung deines Vaters involviert wäre?«
»Gute Frage« Ich überlegte einen Moment. »Ich könnte mir vorstellen, dass Du am Ende trotzdem einer von uns geworden wärst. Mir ist es damals schon aufgefallen. Du weißt schon… Als dich Christiano auf ein Bier eingeladen hat. Du hattest nur Augen für Nicolas.«
»Hör bloß auf! Nicolas – Der Typ hat mir mit seinem Aussehen ja sowas von Angst eingejagt, dass ich mir fast in die Hose geschissen hätte. Doch als er sich dann mit mir unterhielt, war diese Angst weg und ich stattdessen vollkommen von ihm fasziniert.«
»Und Dir kam nichts an uns komisch vor?«
»Oh und wie! Mir war schon klar, dass mit euch Dreien irgendetwas nicht stimmte. Spätestens, als Nicolas eine volle Bierflasche quer durchs Appartement warf und Christiano sie völlig locker aus der Luft fang, war mir klar, dass ihr anders ward. Aber Vampire…? Nee, auf die Idee wäre ich nie gekommen.«
Ich musste schmunzeln, als ich mir die Szene wieder vor Augen rief.
»Christiano liebt es, mit dem Feuer zu spielen. Im Fach über den Bierflaschen lagerten massenweise Blutbeutel.«
»Nee!«, rief Marco ungläubig.
»Echt? Krass! Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich die zufällig gesehen hätte. Wahrscheinlich wäre ich schreiend aus dem Appartement geflüchtet. Oder es versucht. Ich wäre wohl nicht weit gekommen, oder?«
»Ich will es Mal so formulieren: Der Fahrstuhltür wärst Du nicht wirklich nahe gekommen.«
Als Antwort blinzelte mir Marco wissend zu. Die Atmosphäre hatte sich definitiv verändert. Der rosa Elefant, der mitten im Raum stand, über den aber niemand reden wollte, war verschwunden. Wir konnten uns gegenseitig in die Augen schauen und mussten nicht mehr unser Interesse an der Struktur des Fußbodens kultivieren.
»Und jetzt?«, wollte Marco nach einer völlig entspannten und alles andere als verkrampften Pause von mir wissen.
»Nun, es ist acht Uhr morgens. Ich geh jetzt ins Bett und wenn Du möchtest…?«
Marco mochte. Ein paar Momente später lagen wir eng aneinander gekuschelt nackt in meinem Bett. Wir hatten keinen Sex. Nicht dieses Mal. Wir genossen die gegenseitige Nähe und dass wir endlich unverkrampft miteinander umgehen konnten, was wir dann auch taten – Sehr unverkrampft.
Edwin
New York City im August, dass hieß Temperaturen über dreißig Grad, Gluthitze zwischen den Häuserschluchten, röchelnde und an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit kämpfende Klimaanlagen untern den Fensterbänken, dazu regelmäßige Wolkenbrüche, die den Hexenkessel in eine dampfende Waschküche verwandelten.
War es ein Wunder, dass die meisten New Yorker im Sommer das Weite suchten? Wer es sich leisten konnte, verbrachte die Sommerfrische in den Hamptons und wer nicht ganz so betucht war, nur bis Atlantic City, um dort von den Casinos ausgenommen zu werden.
Die Meisten, aber eben nicht alle. Einige, eigentlich sogar eine ganze Menge, blieben mehr oder weniger freiwillig in der Stadt. Dexters Motivation, den Sommer in der kochenden Stadt zu verbringen, hatte sowohl praktische, als auch emotionale Gründe. Er liebte New York. Nach über hundert Jahren betrachtete er sich als Vollblut New Yorker, was nicht hieß, dass er seine Herkunft vergaß. Was das andere betraf… Nun, der Sommer spülte Heerschaaren leckerer Touristen in die Stadt. Dexter war kein Monster. Eigentlich war er als Vampir schon eins, aber kein grausames. Niemand kam bei seinen Mahlzeiten wirklich zu schaden, abgesehen von einem leichten Blutverlust.
Als Vollblutvampir jagte er natürlich nachts. Den Tag verschlief Dexter in seinem Appartement im zweiten Stock des Wohnhauses im East Village. Im Gegensatz zu anderen Mietshäusern dieser Art, befand sich das Haus stets in einem perfekten baulichen Zustand. Die Fassade war gepflegt, Graffitis wurden taggleich entfernt,
Im Treppenhaus und den Fluren funktionierte die Beleuchtung, ebenso der Fahrstuhl, dessen letzte Störung mindestens fünfzehn Jahre zurück lag und selbst dann nur drei Stunden andauerte. Selbst die schmiedeeisernen Balkons wurden regelmäßig gestrichen und befanden sich in einem entsprechend hervorragenden Zustand inklusive der klassischen Feuerleitern.
Ein neugieriges Wesen hätte vermutlich irgendwann gestutzt und wäre ins Grübeln gekommen: Wieso war dieses Haus so gut in Schuss? Die Einnahmen hätten bei den exorbitanten New Yorker Mietpreisen sicherlich ausgereicht, aber nur, wenn der Eigentümer auf seinen Profit verzichtete, was aber ausgesprochen Unamerikanisch wäre.
Hätte jenes wissbegierige Wesen etwas nachgeforscht, wäre es vermutlich vollständig vom Glauben abgefallen. Die Mieten waren in Wirklichkeit lächerlich niedrieg und entsprachen etwa dem Niveau Anfang der 90iger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Dafür gab es im Haus kaum Fluktuation. Die Mieter kannten sich untereinander. Wer einzog, blieb meistens für sehr lange Zeit.
Und noch etwas war erstaunlich: Der Vermieter. Es gab wohl kaum eine unauffälligere Firma als Dark Night Ltd. Ein relativ kleines Büro mit einem Geschäftsführer und einer Sekretärin schien alles zu sein, woraus diese Firma bestand.
Außer Dexters Haus verwaltete die Dark Night Ltd. noch fünfzehn andere Objekte, die alle dem gleichen Eigentümer gehörten. Deren Mieten waren marktüblich, aber nicht überhöht. Die Häuser befanden sich in einem ähnlich guten Zustand.
Am Ende, nach Abzug aller Kosten, blieb ein angemessener aber nicht unverschämter Gewinn übrig, der ordnungsgemäß versteuert, auf ein Überseekonto einer Bank portugiesischen Ursprungs namens Faromar Savings and Loan floss.
Wem die Dark Night Ltd. wirklich gehörte, schien niemand so genau zu wissen. Selbst der Geschäftsführer wusste nicht, wer sein Geldgeber war. Immerhin musste er aus der Stadt sein. Den Briefen nach, die regelmäßig über einen Notar Dark Night zugestellt wurden, deuteten auf einen Eigentümer hin, der seine Häuser ganz genau kannte.
Der Grund war ebenso einfach wie plausibel: Dark Night Ltd., seine Wohnobjekte, ein paar weitere Liegenschaften und Unternehmensbeteiligungen gehörten niemand anderem als Dexter Hunter Jones. Mieter in seinem eigenen Haus zu sein, erschien ihm einfach sehr unauffällig. So konnte er an einem Ort unterkommen, der ihm gefiel und keine Fragen aufwarf, selbst wenn es gelegentlich zu merkwürdigen Umbaumaßnahmen im Haus kam. So meinte die Hausverwaltung vor ein paar Jahren, die Wohnungen könnten neue Bäder gebrauchen. In Wirklichkeit dienten die Umbauten einzig Verschleierungszwecken, etwa der Erweiterung von Dexters Schlafzimmer, einem fensterlosen und nur von innen zu öffnenden Raum, dessen titanverstärkten Wände auch Angriffen mit größeren Waffen widerstehen konnten. Als Vampir war es immer eine gute Idee, Sonnenlicht möglichst zu meiden, es sei denn, zu Asche verbrannt werden, gefiel einem.
Im Prinzip hatte es sich Dexter ganz gut in seinem Leben eingerichtet. Seine kleine Firma sorgte für ein ganz vernünftiges Einkommen. Keine Unsummen, aber mehr als ausreichend, für einen Lebensstandard, der ab und an auch ein klein wenig Luxus erlaubte. Nicht dass Dexter davon regen Gebrauch machte. Als Vampir beliefen sich seine Ausgaben für Nahrung im Prinzip auf Null. Mehr aus Gewohnheit und wegen des Geschmacks könnte sich Dexter ab und an ein gutes Steak – blutig, nicht durch.
Was trieb ein New Yorker Vampir im Big Apple? Was Dexter betraf ging er meistens eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang ins Bett, was hieß, sich in sein fensterloses Schlafzimmer ein zu schließen. Im Prinzip hätte er auch im Rest seiner Wohnung schlafen können, alle Fenster ließen sich elektronisch abdunkeln, außerdem hatte Dexter zwar Schweine treuere aber dafür absolut UV-dichte Scheiben einbauen lassen. Fünf Fledermäuse – Die höchste Schutzklasse. Und so verbrachte unser blutsaugender Cowboy den Tag damit, tief und fest zu verschlafen. Abends, sobald die Sonne zwischen den Häuserschluchten verschwunden war, kroch Dexter aus seinem Bett, schlüpfte unter die Dusche und machte sich stadtfein.
Unter der Woche ging Mr. Jones fast so etwas, wie einem Beruf nach, wenn auch ohne Bezahlung – Ehrenamtlicher Gemeindedienst. In den offiziellen Statistiken des U.S. Census Bureaus über die Abstammung der New Yorker Einwohner tauchte eine Gruppe nie auf, die der Hämophagen. Sie mochten zwar nur auf einen Anteil von 0,2 Promille kommen, bei einer Gesamtbevölkerung von über acht Millionen kam dies aber immer noch auf etwas unter zweitausend Vampire.
Nosferatu und Besucher aus anderen Teilen des Landes und der Welt waren in dieser Rechnung gar nicht berücksichtigt. Um die zweitausend Blutsauger waren genug, um zum einen von einer Community zu sprechen und zum anderen, um für ausreichend Arbeit zu sorgen.
Irgendwelche Probleme gab es immer, die den einzelnen Vampir überforderte. Hier kam Dexter ins Spiel. So organisierte er zum Beispiel schnell und unbürokratisch eine Ersatzwohnung, wenn mal wieder eine andere zu heiß wurde, weil die Nachbarn begannen etwas zu ahnen oder die IRS, die Amerikanische Steuerfahndung, über biblisch alte Mitbürger stolperten, die eigentlich schon längst ihr Vermögen vererbt hätten müssten.
Die Erbschaftssteuersätze in den Vereinigten Staaten waren nicht ohne und das Finanzministerium nicht gewillt, auf diese Einnahmen zu verzichten. Es gab unzählige Gründe, warum ein Blutsauger die Hilfe seiner Mitbrüder und Schwestern benötigtete. Und Dexter liebte es, zu helfen.
Auf die Frage, wann er diese altruistische Ader entwickelte, hätte er keine definitive Antwort geben können. War es der Wunsch, der kleinen Vampircommunity, die ihn nach seiner Flucht aus Tennessee aufnahm, etwas zurück zu geben?
Vielleicht, aber nicht nur, denn Dexters Hilfsbereitschaft beschränkte sich nicht auf Vampire. In seinem Haus ersetzte er fast den Hausmeister und half den älteren Mietern bei ihren täglichen Kleinkrieg mit den Widrigkeiten des Lebens.
In der schwulen Community genoss Dexter ebenfalls einen hervorragenden Ruf als selbstlosen Kerl. Der Grund für seinen Altruismus war völlig banal. Dexter war unabhängig und hatte genug Zeit. Statt einfach nachts nur um die Häuser zu schleichen und ein paar Kehlen anzubeißen, konnte er etwas Sinnvolles tun.
***
»Hi Dex!«, begrüßte ihn Sue Prescott, eine Dreihundertjährige Vampiren im Körper einer Dreiunddreißigjährigen. Sue hieß eigentlich Olga Sobrinsky und stammte aus Polen. Da sie aber der Meinung war, Olga wäre als Name einfach unnewyorkisch, hatte sie sich einen neuen Namen ausgesucht, der sich leicht aussprechen ließ und zum Big Apple passte.
In der Beratungsstelle für Hämophagen kümmerte sie sich um die Finanzen, was in erster Linie auf die amerikanische Form der Geldbeschaffung hinaus lief, dem fund raising. Zum Glück gab es ein paar noble Häuser, die der Meinung waren, ihr Projekt wäre förderungswürdig.
Baron Wilhelm Frantz Ferdinand August Steuben war so einer. Der übergewichtige Stammvater des Hauses Steuben galt als eigentümlicher und schräger Kautz. Er verließ nicht nur niemals seine Stadt, sondern nicht ein Mal sein Haus, das zugegebener Maßen eher einem Palast entsprach. Ausgerechnet dieser Blaublüter, der mit den freien Vampiren wenig zu tun hatte, sponserte das Projekt mit regelmäßigen großzügigen Spenden.
»Hi Sue«, erwiderte Dexter und hängte seine Lederjacke über die Lehne seines Bürostuhls. »Was für eine Klima. 33 Grad und fast hundert Prozent Luftfeuchtigkeit.«
»Hör bloß auf!«, knurrte Sue und nestete an ihren Haaren, die ein ausgesprochen trauriges Bild abgeben. »Nicht mal Haarspray kann das Zeug retten. Ich sage dir, nächsten Sommer verbringe ich in einer Forschungsstation am Südpol. Dexter, stell dir das vor. Ein halbes Jahr keine Sonne. Das muss das Paradies sein.«
»Oder die Hölle. Wenn ich mir vorstelle, ein halbes Jahr lang immer in die selben Hälse beißen zu müssen.«
»Ach, Dex, Du kannst einem Mädchen aber auch jeden Traum madig machen.«
»Stimmt doch gar nicht!«, erwiderte Dexter gespielt entrüstet und schlenderte zur Kaffeemaschine. Aus bisher nicht näher erforschten Gründen erfreute sich der heiße wässerige Auszug gerösteter Bohnen überraschender Beliebtheit im Kreis der blutsaugenden Bürokräfte.
Sowohl Sue als auch Dexter hätten geschworen, erst mit einer Tasse frisch gebrühten Kaffees volle Arbeitsfähigkeit zu erlangen. Nirgends schien die Welt der Vampire denen der Menschen so ähnlich zu sein, als in der Teeküche – in der sinniger Weise überhaupt kein Tee zubereitet wurde – der Beratungsstelle: Unzählige Kaffeebecher präsentierten das gesamte Spektrum möglicher Sauberkeitszustände, angefangen bei mikrobiologisch keimfrei bis hin zur Verletzung der Genfer Biowaffenkonvention.
Dexter griff nach einem Becher, der mehr in die saubere Richtung der Bandbreite tendierte. Ein wenig heißes Wasser, einige Tropen Spülmitteln und ein paar Drehungen mit der Spülbürste und der Kaffeebecher war quietsch sauber.
Das ganze spielte sich mehr oder weniger nebenbei ab. Dexter schien in Gedanken vertieft. Während er darauf wartete, dass die vollautomatische Wundermaschine das Keramikbehältnis mit der heißen braunen Brühe befüllte, tastete der Cowboyvampir die Räumlichkeit ab.
»Suchst Du wen?«, wollte Sue wissen, der Dexters Stirnrunzeln nicht entgangen war.
»Ja.“, antwortete der Angesprochene zögerlich.
»Hast Du Edwin gesehen?«
»Edwin, diesen abgerissenen Hobo?«
Mrs. Prescott rümpfte ihre Nase. Ed, wie er allgemein nur genannt wurde, zählte sie nicht unbedingt zu den Personen, mit der sie gerne Umgang pflegte.
»Sue, Du solltest deine Vorurteilen überprüfen. Ed mag etwas heruntergekommen wirken, ist aber eine grundehrliche Haut und weiß ein paar Dinge, die selbst Dich noch überraschen dürften.«
Damit hatte Dexter sicherlich Recht. Sue aber auch, denn Edwin sah wirklich wie ein Hobo aus. Das lag primär daran, dass er mehr oder weniger einer war. Kein Wanderarbeiter, der auf Güterzügen reiste, aber ein Vampir ohne Heim, der in der Weltgeschichte umher geisterte.
Ed wäre nicht soweit gegangen, sich als obdachlos zu betrachten, dafür unterhielt er zu viele geheime Unterschlüpfe, die allerdings oft nur aus wenig bekannten Räumen und Tunneln von Lager- und Bürohäusern, U-Bahnschächten oder unterirdischen Wartungsgängen der Versorger, wie E- oder Wasserwerk, bestanden. Ed betrachtete sich als wirklich freies Wesen. Dass er sich von Blut ernährte, also zu den Hämophagen zählte, war für ihn nicht mehr als ein körperliches Attribut, ähnlich braunen Augen oder einer Schuhgröße von neun zweidrittel. Selbstverständlich hatte ihn vor unzähligen Jahren – er selbst hatte längst vergessen, wann dies war – ein Vampir erweckt, allerdings sah Ed darin noch lange keinen Grund, sich als etwas anderes als Ed zu betrachten. Mensch, Vampir, dass war ihm eigentlich egal.
Ob es an dieser Lebenseinstellung lag, konnte Dexter nicht sagen, er wusste nur, dass er diesen verschrobenen Typen mochte und wenn er um Hilfe bat, was per se schon ausgesprochen ungewöhnlich war, dann musste ihm einfach geholfen werden.
»Ich weiß nicht, warum Du einen Narren an diesem Typen gefressen hast. Der läuft rum wie der letzte Penner“, setzte Sue nach und hatte sogar Recht. Ed lief rum wie ein Penner. Er selbst hätte sich aber eher als Zugvogel gesehen.
Im Sommer zog es ihn immer in den Süden. Dort waren die Tage im Vergleich zum Norden deutlich kürzer. Hinzu kam, dass in Richtung Äquator die Dauer der Dämmerung immer knapper wurde, während sie in Alaska zu jener Jahreszeit fast gar nicht unterging.
In Key West vollzog sich der Wechsel von helligten Tag zu stockfinsterer Nacht in etwas mehr als einer halben Stunde. Soweit Dexter wusste, trieb sich Ed gerne auf den Keys herum, zuweilen soll er sogar Cuba oder Havanna besucht haben. Im Winter, wenn im Norden die Tage deutlich kürzer wurden, kehrte Ed dorthin zurück.
New York, Boston, Washington, Chicago, San Francisco zuweilen besuchte er auch Kanada und verbrachte den Winter im eiskalten Montreal oder Vancouver. Die angenehmsten Nächte gab es aber in Anchorage.
Da ihm weder Kälte noch Hitze sonderlich störten, war es in seiner Ortswahl wirklich sehr flexibel. Sogar so flexibel, dass niemand sagen konnte, wo Ed als nächstes aufkreuzte. Dexter kannte den alten Haudegen zwar seit fast einem Jahrhundert, doch war es ihm bisher nicht gelungen, ein Muster in seinen Reisen zu erkennen.
Manchmal sah er ihn fast täglich, dann nur alle paar Monate, um ihn anschließend ein Mal die Woche zu sehen, damit er dann ein paar Jahr überhaupt nicht mehr auftaucht, um dann wieder völlig unerwartet in der Tür zu stehen.
Bei allem errativem Verhalten, dass Edwin an den Tag legte, konnte sich Dexter trotzdem immer auf eins verlassen: Wenn Ed sagte, dass er zu einer bestimmten Zeit X an einem Punkt Y sein würde, war er da – Immer. Von dieser Regel hatte es seit 98 Jahren keine einzige Ausnahme gegeben. Bisher. Heute aber nicht und das machte Dexter sehr nervös.
»Ich weiß, du hast ein paar Probleme mit Eds Auftreten«, begann Dexter nachsichtig, »und ja, er läuft wie der letzte Penner rum. Aber das ist eben Ed. Ich… Ich weiß nicht, aber ich mag diesen schrägen Typen und deswegen mach ich mir Sorgen. Er hatte mich gestern angerufen und gemeint, dass er heute Abend bei uns vorbeikommt. Aber er ist nicht da. Ed hat noch nie einen Termin nicht eingehalten. Insbesondere dann nicht, wenn er ihn vorher angekündigte. Sue, ich mach mir ernsthafte Sorgen. Wenn Ed mich versetzt, muss etwas passiert sein – etwas Ernstes.«
Markus
Im Gegensatz zu vielen anderen Blutsaugern war ich genau so wenig ein Abendmuffel, wie ich als Mensch kein Morgenmuffel war. Es fiel mir nie schwer früh aufzustehen, egal ob Morgens oder Abends.
Meinen beiden Freunde fiel es da schon weniger leicht, sich aus den kuscheligen und gemütlichen Bettdecken zu winden, weswegen der Prozess auch von reichlich unartikulierten Grunz-, Grummel- und Knurrlauten begleitet wurde. Dies änderte sich erst nach dem gemeinsamen Besuch der Dusche.
Ein dienstbarer Geist namens Florence, eine liebe aber viel zu schüchterne Vampirin meiner Bronkovicblutsauger, hatte in der Zwischenzeit ein Tablett mit heißem Kaffee, Keksen und körperwarmen Blutkonserven auf der Anrichte meines Schlafzimmers bereitgestellt.
Noch bevor wir uns fertig angezogen hatten, machten wir uns über das Frühstück her. Es hatte sich einfach als die schlauere Vorgehensweise herausgestellt, erst die Blutsbeutel leer zu zunzeln, als schneeweiße Oberhemden, die ich zu offiziellen Anlässen meist trug, mit dem roten Lebenssaft voll zu kleckern.
Während meine beiden Freunde kräftig zuschlugen, ging mir Florence nicht aus dem Sinn. Die Hundertzweiunddreißig Jährige sah trotz ihres Erweckungsalters von zweiundzwanzig Jahren wie ein junges Mädchen aus.
Sie war ein richtiger Backfisch und brachte mich wirklich zur Verzweiflung. Egal welchen Ansatz ich wählte, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, endete es immer darin, dass sie einen hochroten Kopf bekam, auf ihre Füße schaute, verlegen mit ihren Schühchen über den Boden schubberte und kein Wort heraus bekam.
Florence konnte mir einfach nicht in die Augen sehen. Selbst als ich ganz, ganz vorsichtig und unendlich sanft versuchte, ihr Kinn mit meiner Hand anzuheben, wich sie sofort zurück. Wie konnte ich ein guter Stammvater sein, wenn es mir nicht gelang, mit meinen Familienmitgliedern zu kommunizieren?
Ahnte Florence, dass sie mich mit ihrem Verhalten verunsicherte und mein latent schlechtes Gewissen Nahrung verlieh. So sehr mir Tomek versicherte, dass sich alle dreißig Bronkovicianer in unserem gemeinsamen Haus wohl fühlten, so wohl, wie noch nie in ihrem Leben, hatte ich nach wie vor massiv damit zu kämpfen, ihr dienendes Wesen zu akzeptieren. Ich verstand es nicht, aber Florence schien trotz ihrer Unsicherheit glücklich zu sein. Was machte ich nur falsch?
»Sie könnte so viel erreichen…«, murmelte ich vor mich hin und biss in einen Blutbeutel.
»Aber dass tut sie“, entgegnete Basti zwischen zwei Schlucken Blut.
Er entdeckte meinen verdadderten Blick, grinste mich breit an und zog erst seine Zähne aus seinem Blutbeutel und sie dann selbst ein.
»Florence. Du meinst doch Florence, oder?«
Ich nickte.
»Du verstehst es nicht, oder?«, fiel nun Phillip mit ein.
»Florence ist glücklich. Sie mag dich, findet dich sogar niedlich und als Ehre, dir aufwarten zu können.«
»Habt ihr…«
»…mit ihr gesprochen?«, unterbrach mich Basti und trank ein Schluck Kaffee.
»Ja, haben wir. Und ja, sie kann sprechen. Und nochmals ja, sie weiß, dass du ihr die Welt zu Füßen legen würdest, sollte sie es wollen. Aber Sie will das gar nicht. Florence war vor ihrer Erweckung die Tochter einer armen Bauernmagd aus Südfrankreich. Für sie ist dieses Haus ein Schutz. Sie fühlt sich von der modernen Welt überfordert und Dracula, dieses Arschloch, hat nie etwas unternommen, um daran etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil hat er seine Leute an der ziemlich kurzen Leine gehalten. Wenn du ihr wirklich die Welt zu Füßen legen willst, dann lass sie ihren Job machen und du wirst sehen, dass sie früher oder später aus ihrem Schneckenhaus heraus kriechen wird.«
»Himmel!«, stöhnte ich gespielt entgeistert, »was habe ich mir nur für zwei altkluge Monster mit euch beiden herangezogen. Aber wenn wir schon so nett am plaudern sind. Habt ihr eine Idee, was Petrus von mir will?«
Meine Frage hatte einen recht einfachen Grund. Wenn jemand über Insiderinformationen verfügen konnte, dann die beiden. Welche Frage stellt sich jeder Stammvater nach der Erweckung neuer Familienmitglieder?
Jedenfalls war ich der Meinung, dass sie sich diese Frage stellen sollten: Was mache ich mit ihr oder ihm. So ein Hämophage brauchte schließlich eine Aufgabe. Bei Basti und Phillip lag die Antwort nahe. Sie waren intelligent, besaßen eine hervorragende Auffassungsgabe und präsentierten sich ausgesprochen sportlich.
Was lag näher, als aus den Zweien ein Agentenduo zu machen? Und wo konnten sie besser die notwendige Kampftechnik lernen, als bei Bruder Markus, dem Abt und Schwertkampfmeister des Klosters der Bruderschaft der grauen Nebel.
Obwohl ich Markus nachdrücklich fragte, was ich ihm als Gegenleistung für den Unterricht schuldete, wollte er davon nichts wissen. Ganz im Gegenteil wurde er fast böse und meinte, die Frage wäre beleidigend.
Es wäre schließlich eine Ehre, mir, dem Hati, dem Nosferat, einem Vetter der Nosferatu zu helfen. Woher hätte ich ahnen sollen, dass es Bruder Markus einfach diebisch genoss, die beiden Jungs mit fast schon sadistischer Unbarmherzigkeit in die Kunst des Schwertkampfs zu unterweisen.
Nun, ich hätte nur Nicolas fragen müssen, was ich nicht tat. Stattdessen erlaubte ich ihm, Basti und Phillip zu begleiten und seine eigenen Kampfkünste zu perfektionieren. In den letzten fünf Jahren verbrachten die drei Männer regelmäßig mehrere Wochen im Kloster.
Ich kenne niemanden, weder Vampir noch Nosferatu, den dieser spirituelle Ort nicht beeindruckte und innerhalb kürzester Zeit veränderte. Natürlich spürte ich ihre Unsicherheit und die Angst, Wochen in dem Fängen unheimlicher Nosferatu zu verbringen, weswegen Nicolas und ich sie bei ihrem ersten Besuch begleitete.
Es brauchte dann aber nur wenige Sekunden und die beiden Männer waren von Bruder Markus, dem bärigen und völlig unkomplizierten Abt, begeistert und, was fast wichtiger war, Bruder Markus auch von den beiden.
Natürlich behielt er sich seine Entscheidung, die Zwei als Schwertkampfschüler anzunehmen, bis nach einem ersten Probetraining vor, meinte aber, bei ihnen gute Anlagen erkennen zu können.
»Aber das kann bis später warten.«, meinte der Abt und lächelte Nicolas und mich hintersinnig an, »Zeigt den beiden doch bitte ihre Zelle. Ich gehe davon aus, dass eine Zelle reicht, oder?«
Während die Objekte der Markuschen Ausführung rot anliefen, zeigte Nicolas etwas Verwirrung in Form einer gekräuselten Stirn: »Und wo sollen wir sie unterbringen?«
»Aber Nicolas«, lachte der Abt laut und mit voller Bassstimme, »kennst Du den Weg zu deiner eigenen Unterkunft nicht mehr? Wir haben Phillip und Basti die linke Zelle neben deiner vorbereitet. Zeig ihnen alles, was sie wissen müssen. Wir sehen uns morgen Abend wieder, dann beginnen wir mit dem Training.«
»Meine Zelle?«, hauchte Nicolas sichtlich berührt.
»Nicolas« Markus wurde ernst, sein Lächeln verwandelte sich in einen gütigen und fürsorglichen Gesichtsausdruck.
»Natürlich Deine Zelle. Sie wird es immer sein, so wie Du immer einer der unsrigen sein wirst. Auch wenn jetzt Florian dein Stammvater ist, wirst du immer mein Sohn sein. Der Mann, den ich vor jetzt knapp sieben Jahren in der Leichenhalle eines Krankenhauses erwecken durfte und der in den fünf, fast sechs Jahren, die er in unserer Mitte verbrachte, wie kaum ein anderer das Wesen und die Seele eines wahren Nosferatu vom Order der Brüder der grauen Nebel durchdrang und annahm. Ich habe es schon früher gesagt und werde es immer wieder und wieder wiederholen, bis ihr es glaubt und verinnerlicht: Nicolas, Florian, ihr seid unsere Brüder. Euch wird unser Tor immer offen stehen. Immer!«
Diese Ansage ließ Nicolas komplett verstummen. Ich kannte ihn. Ich wusste, wie er sich fühlte und dass er damit rang, seine Fassung zu behalten. Da war sie wieder, diese magische Aura des Klosters, diese tiefe Spiritualität, Ernsthaftig- und Wahrhaftigkeit, die alles und jeden zu durchdringen schien. Bruder Markus lächelte. Das tat er eigentlich immer. Aber dieses Mal ging ein zufriedenes Strahlen von ihm aus. Seine Message war angekommen, denn Nicolas musste sichtlich schlucken. Zufrieden mit sich selbst, schritt der Abt von dannen und ließ zwei wollkommen verdadderte Jungvampire, einen verlegenen König und einen seelisch aufgewühlten Exnosferatu zurück. Mission acomplished!
»Kommt!«, forderte uns Nicolas auf, ihm zu folgen, um einige Minuten und zwei vollkommen verwirrte Vampire später, im Gang vor Nicolas Zelle zu landen. »Hier, dies ist eure Zelle!«
»Zelle?«, wollte Basti wissen.
»Nun, dies ist ein Kloster und in Klöstern heißen die Unterkünfte Zellen. Ich kann aber gerne den Bruder Cellerar fragen, wenn ihr lieber im Dormitorium, dem Gemeinschaftsschlafsaal der Pilger tägigen wollt.«
»Ähm, nein, wir… ich.“, stammelte Phillip.
»Jungs, entspannt euch!« Ich musste einfach loslachen. Die zwei waren ja sowas von niedlich eingeschüchtert. Aber damit waren sie in guter Gesellschaft. Mir war es bei meinem ersten Besuch ebenso ergangen. Und selbst jetzt, verspürte ich immer noch die gleiche Atmosphäre, die dafür verantwortlich war. Nur dass sie mich nicht mehr einschüchterte, sondern Ehrfurcht weckte und mir ein Gefühl von Geborgenheit schenkte.»Räumt eure Sachen ein, dann treffen wir uns in zehn Minuten wieder hier. Lasst bitte alle Wertsachen, Schlüssel, Uhren oder ähnliches in eurer Zelle.«
»Warum das denn?«, wollte Basti wissen.
»Lasst euch überraschen«, entgegnete Nicolas verschwörerisch, der genau wusste, was ich vor hatte. Während sich Basti und Phillip noch fragten, in was sie nun wieder herein geraten waren, zogen Nicolas und ich uns in seine Zelle zurück.
Kaum drin, schloss Nicolas die Tür hinter uns, drehte sich um, lehnte sich gegen das Türblatt und ließ seinen Blick über den Raum schweifen.
»Kaum zu glauben, aber sie haben nichts verändert. Sie haben Staub gewischt, das Lampenöl wurde frisch aufgefüllt und das Bett gemacht, aber es ist mein Zimmer. Es riecht sogar noch nach mir.«
»Es ist, wie Markus sagte: Du bist ihr Bruder. Du warst es und du wirst es immer bleiben.«
»Weißt du.“, meinte Nicolas nachdenklich, »dass dies hier der Ort war, an dem wir beide uns richtig kennen lernten?«
»Wie könnte ich das vergessen?«, erwiderte ich versonnen und musterte meinen Marschall. »Wie könnte ich diesen tiefgründigen, hinterhältigen, ebenso abstossenden wie anziehenden Totenschädel von einem Nosferatu vergessen? Nicolas, ich weiß nicht, ob ich Dir das je so deutlich gesagt habe: Ohne dich, ohne dein Opfer, stände ich jetzt nicht hier.«
»Ich würde es nicht als Opfer bezeichnen“, entgegnete Nicolas und ließ, unbeabsichtigt, seine tiefe Zuneigung und Liebe zu mir kurz durchblicken.
»Bist Du glücklich?«, wollte ich sofort wissen.
Wenn ich etwas auf keinen Fall wollte, dann einen unter unerwiderte Liebe leidenden Nicolas.
»Ja, Florian, ich bin glücklich. Wirklich glücklich, dank Dir. Danke, dass Du Marco auf den Pott gesetzt hast und ihr eure gemeinsame Vergangenheit angegangen seid.«
»Es war notwendig. Für Marco, für mich und am Ende auch für Dich.«
Ich seufzte. Plötzlich wurde mir das ganze Gewicht der Verantwortung klar, dass als Stammvater auf meinen Schultern lastete.
»Komm, draußen warten unsere beiden Säuglinge, lass uns mit ihnen baden gehen.«
***
Erst die Dusche und dann: Das Bad. Es entwickelte genau die Wirkung auf meine beiden Neuzugänge, die ich mit erhofft hatte. Die Duschen? Nun ja, Bastis Reaktion traf den Nagel auf den Kopf: »Mein lieber Herr Gesangsverein, davon könnte sich unser alter Sportverein echt noch ne Scheibe abschneiden. Hier machen dir keine Raubspinnen den Platz unter einem rostigen Duschkopf streitig.«
Nach gegenseitigen ein- und abseifen und gründlichen abspülen, schnappten sich Basti und Phillip ihre Handtücher und wollten, wie jeder, der die Riten und Gebräuche, aber vor allen die Bäder der Grauen Nebel nicht kannte, sich ihre alten Klamotten wieder überziehen.
Nicolas schüttelte amüsiert seinen Kopf, bedachte mich mit einem fragenden Blick und schnappte sich, nach dem er mein zustimmendes Kopfnicken registriert hatte, den neben ihm stehenden Phillip während ich nach Basti griff. Zusammen schoben wir die zwei in Richtung Grotte.
»Wow!«, kam es unisono von den zwei beeindruckten Männern und entsprach exakt der üblichen Reaktion beim ersten Anblick der Grotte und schon war die Geschichte auf den üblichen Trampelpfad eingebogen.
Die Halle mit dem übernatürlich effektvoll beleuchteten Wasserbecken entfaltete seine Magie. Andächtig folgten uns die beiden Kerle ins duftende Nass, gaben sich der massierenden Gewalt des Wasserfalls hin und entspannten im seichten Bereich des Beckens. Es wirkte. Basti und Phillip schmiegten sich aneinander und entdeckten, das Zärtlichkeit nicht notwendiger Weise Sex bedeuten musste. Wir entspannten, schmusten ein wenig miteinander, blieben aber züchtig und respektierten die Heiligkeit des Orts, obwohl unsere Jungvampire davon noch nichts wussten.
Wir planschten noch eine Weile, bis es Zeit wurde, sich einer anderen Beschäftigung zuzuwenden. Zum einen knurrte mir der Magen und musste mich beim Gedanken an das speziell gewürzte Blut beherrschen, meine Zähne nicht aus zu fahren.
Zum anderen wollte ich der Bibliothek und der Kaverne der vier Ersten einen Besuch abstatten. Und auch Nicolas hatte die eine oder andere Verabredung mit einigen seiner ehemaligen Mitbrüder. Doch genau in dem Moment als ich das Bassin verließ, tauchte ein alter Mönch auf und machte sich daran, die Kerzen der Leuchter zu ersetzen.
»Bruder Theodor, Ihr scheint aber auch nie zur Ruhe zu kommen“, begrüßte ich den wohl rätselhaftesten Mönch des gesamten Klosters.
»Bruder Florian«, zeigte sich Bruder Theodor erfreut.
»Schön, euch ein Mal wieder zu sehen.«
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Wenn es nur nach mir ginge, verbrächte ich wesentlich mehr Zeit in den Reihen meiner Cousins. Ich fühle mich geborgen und irgendwie vollständig? Macht das Sinn?«
»Auf jeden Fall. Genießt eure Zeit«, erwiderte Bruder Theodor und sah mich dabei aus Augen an, die keinen Grund zu besitzen schienen.
Stattdessen hatte ich den Eindruck, in ihnen die unendliche Tiefe des nachtschwarzen Sternenhimmels zu blicken und in ihnen zu versinken.
»Glaube an dich. Vertraue der Kraft, die in Dir ruht und sie wird zur rechten Zeit erwachen und dir beistehen.«
Ich schreckte wie aus einer Trance auf. Bruder Theodor stand da, lächelte und meinte »Oh, ich muss mich sputen. Da sind noch so viele Kerzen zu wechseln.«
***
»Kutten?«
Auf das Bad folgte das Ankleiden, was bedeutete, sich dem Kloster anzupassen und das hieß Kutten anziehen. Die Reaktion der beiden Neulinge auf diese wenig stylische und alles andere als körperbetonende Kleidung fiel erwartungsgemäß zurückhaltend aus.
Es änderte nichts: wollten sie wirklich gute Schwertkämpfer werden, führte kein Weg um Bruder Markus vorbei, was hieß, für eine Weile im Kloster zu leben, sich seinen Regeln unter zu ordnen und Kutten zu tragen. Die Zwei waren schlau genug, diese Zwangsläufigkeit einzusehen.
Ihr Knurren diente dann auch mehr der Artikulation ihres Missmuts denn wirklichen Protests und verstummte genau in dem Moment als wir die große Halle des Speisesaals betraten. Der erste Schluck auf nosferatischer Art gewürzten Blutes fegte dann auch alle Vorbehalte gegenüber ihrem Klosterbesuch hinfort. Auf diese Weise gestärkt, zeigten sie sich später erstaunlich willig, dem Kloster und seinen Mönche eine Chance zu geben.
»Wenn diese sich als Kleidung ausgebenden Kartoffelsäcke zu den Spielregeln gehören«, meinte Basti satt, »Dann ist das eben so. Wir werden es überleben.«
»Nein, werden wir nicht.«, korrigierte Phillip, »Du vergisst, dass wir schon tot sind.«
»Nicht tot, untot“, stichelte Basti zurück.
***
Das Eis war gebrochen. Nach unserer gemeinsamen Mahlzeit gab Nicolas den beiden die große Klostertour, während ich Albrecht und Jost, die Bibliothekarszwillinge besuchte, um mit ihnen den Fortschritt bei der Öffnung des Archivs der Ersten zu erörtern. Je tiefer wir in den Dokumenten der Kaverne gruben, desto brisanter zeigten sich die Daten. Während seiner Zeit im Kloster hatte Nicolas eine umfassende Ausbildung zum Historiker absolviert. Wer wäre besser geeignet, das Forschungsteam zu leiten? Zusammen mit Simon als Vertreter der Blutlinie Varadin-Breskof, durchforstete er die Unterlagen. Nicolas entschied, welche Dokumente der Bibliothek für weitere Forschungsarbeit zur Verfügung gestellt wurden und welche nicht. Einige Schriften, obwohl hunderte Jahre alt, enthielten immer noch genug politischen Sprengstoff, um einen mittelschweren Vampirkrieg zu entfachen.
Mein Besuch hatte einen ganz anderen Grund: Ich wollte die Diamanten zurück bringen, die ich bei meinem ersten Besuch der Kaverne entdeckt und als eine Art Startkapital für mein eigenes Haus mitgenommen hatte. Ein abgebranntes Haus, als das der Margaux, das zu jener Zeit nur aus Nicolas und mir bestand, gab es damals nicht.
Mein gesamtes Vermögen belief sich auf ein paar Kröten, die ich mir vom Gehalt bei Niederreuter abgespart hatte. Inzwischen hatte sich unsere finanzielle Situation deutlich entspannt.
Da war zum einen die Apanage, die mir für das Amt des Königs als Aufwandsentschädigung von den hohen Häusern gezahlt wurde. Dann stellte sich heraus, dass das Haus Dracula-Bronkovic bei weiten nicht so klamm war, wie sein seliger Stammvater alle Welt glauben machen wollte.
Ganz im Gegenteil verfügten wir dank seines Vermächtnisses über ein erklägliches Bar- und Anlagevermögen, mit dem wir unseren Hausbetrieb gut finanzieren und sogar unsere Mittel, solange wir nicht prassten, moderat ausbauen konnten.
Als Sahnehäubchen tauchte dann noch ein wirklich beeindruckendes Vermögen auf, das meine Mutter als Stammhalterin der Margaux für mich versteckt hatte. Finanziell musste wir uns definitiv keine Sorgen machen, weswegen es für mich einfach eine Selbstverständlichkeit war, die Diamanten zurück zu bringen.
Es war halb drei Uhr nachts, dass wir uns wieder vor unseren Zellen trafen. Der Abt wollte Basti und Phillip dann doch gerne um drei in der Schwertkampfhalle sehen, um mit ihnen ein Probetraining veranstalten.
Ein Mönch brachte spezielle Kampfkutten, deren Schnitt für die Bewegungsabläufe des Schwertkampfs optimiert waren und Basti und Phillip richtig gut aussehen ließen. Zwanzig Minuten später betraten wir die Trainingshalle. Nicolas ebenfalls im Kampfkutte postierte sich mit den beiden Kandidaten direkt in der Mitte der Arena, während ich mich, der zierliche engelhafte blond gelockte Vampir der ich nun mal war, fast schüchtern am Rand auf einer der Zuschauerbänke nieder ließ.
»So, dann wollen wir mal schauen, was sich aus euch machen lässt.«, zerriss plötzlich die Stimme des Abts die Stille des Raums. Ich glaube, ich glotzte wie ein dummer Karpfen. Dieser knuffig, bärige Abt, den ich für einen ausgesprochenen Genussmenschen hielt, war ein Muskeltier.
Kein unförmiger Bodybuildertyp, sondern ein athletisch muskulöser Mann. Spätestens als er nach einem Schwert griff und es mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft wirbelte, dass die Klinge vor unseren Augen verschwamm und nur noch ein sirrendes Geräusch zurück blieb. Eher zischend waren die Atemgeräusche, die Basti und Phillip von sich gaben. Bruder Markus jagte ihnen mächtig Respekt ein. Kratzte dieser Nosferatu doch ernsthaft an ihrer Selbsteinschätzung als ziemlich gute Athleten.
»Okay, jetzt ihr!«, rief der Abt und warf den verdadderten Jungvampiren Schwerter zu, die diese tatsächlich aus der Luft fingen ohne sich dabei Gliedmaßen abzutrennen.
»Brauchbare Reflexe.«
Mit diesem Kommentar begann ein erbarmungsloses Training. Dass heißt, meine beiden Jungs hielten es dafür. Ich konnte es an Nicolas Schmunzeln und seiner nonverbalen Antwort auf meine ebenso rein gestische Frage ablesen.
Er wusste, dass sich Markus massiv zurück hielt. Das bemerkten auch die beiden Kandidaten, die innerhalb kürzester Zeit außer Atem gerieten und schweiß überströmt mit hängender Zunge in den Seilen hingen, während Bruder Markus Puls kaum sein Ruheniveau verließ.
»Ja, ich glaube, aus euch Zwei lassen sich ganz passable Schwertkämpfer formen. Mit etwas Training…«
»Wie lange?«, stellte Basti die falsche Frage.
»So ein- oder zweihundert Jahre“, erwiderte der Abt dermaßen todernst, dass nur Nicolas und ich erkannten, dass der Mann sich diebisch über die zwei frustrierten Sportskanonen amüsierte.
»Den da«, fuhr Markus überraschend fort und zeigte auf Nicolas, »trainiere ich jetzt seit nunmehr fünf Jahren und ich kann sagen, dass er langsam dabei ist, die Grundprinzipien zu begreifen.«
»Danke, ehrwürdiger Abt, für Euer Lob“, knurrte Nicolas nur halb amüsiert.
»Was er dir nicht verrät: Wenn Markus sagt, dass er aus dir einen Schwertkampfmeister formen wird, dann legt er den Maßstab eines Nosferatus an. Nach einer Wochen werden die Zwei, wenn sie sich nicht total dumm anstellen, ziemlich gute Schwertkämpfer sein, gegen die kein Mensch auch nur den Hauch einer Chance hat. Die meisten Vampire aber auch nicht.«, raunte er mir zu. »Markus mag sie. Ich kenne wenige Nosferatu oder in diesem Fall Vampire, denen er ein Meistertraining anbot. Laurentius, Constantins Marschall, ist einer von ihnen und inzwischen selbst ein wahrer Meister des Schwertkampfs.«
In seiner Bescheidenheit unterschlug Nicolas, dass er ebenfalls zu Markus Meisterschülern zählte. In der Zwischenzeit hatte der Abt das Training fortgesetzt und brachte die Jungs wirklich bis an die Grenze ihrer Kraft.
Zum Morgenbrot waren sie fix und fertig, schlürften schweigend und müde ihr Blut und verkrochen sich schneller als wir gucken konnten in der Privatsphäre ihrer Zelle.
***
Die nächsten drei Wochen verbrachten Bastian und Phillip allein im Kloster. Nicolas und ich musste leider bereits drei Tagen später nach Charlottenhof zurück. Wie gerne hätte ich noch ein paar Tage länger in diesen wahrlich heiligen Hallen verbracht. Doch die Staatsgeschäfte gingen vor. Erst am Ende ihrer ersten Trainingsprogramms, nach neunzehn Tagen intensivsten Schwertkampftrainings, kehrten Nicolas und ich ins Kloster zurück, um die beiden Männer in Empfang zu nehmen und ab zu holen.
Unsere Jungs hatten sich verändert. Sowohl äußerlich als auch innerlich. Die Übungen und ständigen Trainingskämpfe hatten ihre Spuren hinterlassen. Basti und Phillip waren nicht direkt muskulöser geworden. Bei einem Abschlusskampf, in dem sie ihr erworbenes Können unter Beweis stellen sollten, und den sie mit entblößtem Oberkörper absolvierten, wurde die Veränderung mehr als offensichtlich. Ihre Körper hatten an Definition gewonnen.
Die Linien der sich unter ihrer Haut abzeichnenden Muskelgruppen und Sehnen präsentierte sich akzentuierter. Auch ohne die bandagierten Fesseln konnten wir erkennen, welches ihr schwertführender Arm war. Der Muskelzuwachs war deutlich zu erkennen.
Selbst ihre Gesichtszüge hatten sich verändert, waren markanter, ein wenig härter aber auch sinnlicher geworden. Nicht übersehen ließen sich die frischen Narben, die an prominenter Stelle Brust und Bauch zierten und mich an mein erstes Bad mit Nicolas erinnerte, dessen Rumpf damals ähnliche Kampfspuren bedeckte.
»Markus macht definitiv keine halben Sachen“, raunte ich Nicolas zu, während unsere Frischlinge in Position gingen.
»Du hast keine Ahnung“, knurrte der zurück und strich sich unwillkürlich über seine eigenen Einstichstellen, obwohl diese durch unser Widererweckungsritual verschwunden waren.
In der Zwischenzeit hatte der Kampf begonnen in dem die beiden gegeneinander antraten.
»Ich habe keine Ahnung vom Schwertkampf«, flüsterte ich leise. »Sind sie gut oder schlecht?«
»Für Anfänger sind sie ziemlich gut. Markus hat Recht, die zwei haben wirklich Potential.«
Klingen klirrten. Basti und Phillip gaben sich keine Blöße. Die Gewalt, mit der sie aufeinander eindroschen, war mir unheimlich. Kein Mensch wäre in der Lage, auf diese Weise zu kämpfen.
Wenn sich jemand seiner vampirischen Kraft bewusst war, dann diese beiden halbnackten Kerle, die mit Kraft, Agilität und Präzision ihre tödlich scharfen Stahlklingen führten, dass ich fast den Eindruck hatte, das Testosteron riechen zu können.
Mein Monster, der Urvampir in mir regte sich, der Geruch von Schweiß und Blut erregte ihn und ließ ihn an den Gitterstäben seines geistigen Gefängnisses rütteln. Komm, lass mich raus! säuselte er mir zu.
Und dann beging Basti einen unglücklichen Fehler. Phillip, aufgeputscht von seinem Adrenalinhigh, sah seine Chance und stach zu. Nun, er versuchte es. In einer blitzschnellen Bewegung, die weit über dem zeitlichem Auflösungsvermögen menschlicher und der meisten vampirischen Augen lag, war Nicolas aufgesprungen, hatte sein Schwert gezogen, dass er stets bei sich führte, und hatte… Ja was eigentlich? Es stoben Funken, dann flog ein Schwert und knallte scheppernd auf den Steinboden.
»Wow!« rief ein völlig entgeisterter Phillip.
»Wow!« kam es von Basti.
»Wie es aussieht, hast Du nicht alles vergessen, was ich Dir beigebracht habe«, ertönte Markus sonore Stimme zufrieden.
Und an die zwei Schwertkämpfer gerichtet.
»Kontrolle, Phillip, Kontrolle. Beim Schwertkampf ist es mindestens genau so wichtig zu wissen, wann Du keinen Stich setzten darfst. Dir ist schon klar, dass Du deinem Freund mit deinem Hieb vermutlich seinen Arm amputiert hättest?«
»Ähm, sorry!«, stammelte Phillip und prüfte mit seinem Blick völlig panisch Basti, ob dieser noch über alle Körperteile verfügte.
»Nun, lassen wir es für heute gut sein.«, verkündete Markus.
»Abgesehen von euren kleinen Schlampigkeiten, bin ich ganz zufrieden. Ihr dürft wieder kommen. Wer weiß, in ein paar Jahren könnt ihr euch dann vielleicht sogar Schwertkämpfer nennen. Dieser Totenschädel da«, Markus deutete auf Nicolas, der verlegen und mit gesenkten Blick neben den beiden Kämpfern stand, »ist fast soweit. Drei Wochen Intensivtraining und er könnte tatsächlich als Schwertkämpfer durchgehen. Natürlich auf unterster Stufe, aber immerhin.«
So langsam begann ich zu verstehen, wie Bruder Markus tickte. Ich glaube, dass es außer mir niemand anderen gab, der den Stolz in Nicolas sah, und das auch nur, weil ich mit ihm auf eine besondere Weise verbunden war.
Von Markus als Schwertkämpfer bezeichnet zu werden, kam einem Ritterschlag gleich. Es gab nicht viele Nosferatu und noch weniger Vampire, die diese Ehre zuteil wurde. Dafür waren die Anforderungen einfach zu hoch.
»Bastian, Phillip«, begann Markus plötzlich sehr feierlich, »Ich danke euch. Euer Training ist für das Erste beendet. Reinigt euch, ruht eine Weile und kehrt zu den Euren zurück. Gebt nun eurer Ausbildung Zeit zum reifen. Lasst Sie keimen, wie einem Samenkorn in fruchtbarer Erde. In einem halben Jahr sehen wir uns wieder.«
Ich hatte zwar kein Schwert geschwungen, schloss mich aber trotzdem der Reinigung an, was hieß, der Grotte einen ebenso langen wie entspannenden Besuch ab zu statten. Nach einer Weile entspannender Wasserfallmassage, schwammen Basti und Phillip zu Nicolas und mir heran, die wir uns im seichten Bereich des Beckens niedergelassen hatten.
»Na ihr Zwei«, begrüßte ich meine Jungvampire und zog sie zu mir heran. »Ihr seid kantiger geworden. Markus muss euch ordentlich rangenommen haben.«
»Du hast keine Ahnung«, knurrte Phillip.
»Kein Sex?«, fragte Nicolas breit grinsend.
»Kein Sex«, knurrte nun Basti. »Ich hätte nie gedacht, dass man dermaßen müde sein kann. Markus ist erbarmungslos.«
»Ich seh schon“, meinte ich und strich Basti über eine markante Narbe, die quer über seine Brust verlief.
»Hör bloß auf!«, grummelten beide Jungs. Auch Phillip trug diverse Narben und begann zu maulen: »Ich weiß, Bruder Markus ist der Abt und ein ehrwürdiger und sogar heiliger Mann, aber er kennt einfach kein Pardon.
Er scheint der Meinung zu sein, dass du aus Fehlern nur dann lernst, wenn sie richtig weh tun. Wisst ihr, wie beschissen sich das anfühlt, wenn sich ein Lungenflügel mit Blut füllt und du nicht mehr atmen kannst. Okay, als Vampir spielt Atmen eine untergeordnete Rolle. Trotzdem geräts du in Panik, wenn du plötzlich Blut hustest?«
»Yupp!« Nicolas grinste. »Ich kenne das Gefühl, Markus persönlichen Schaschlikspieß zu spielen. Oder, wie er es so gerne formuliert: No pain, no gain«
»Aber Du hast gar keine Narben«, stellte Basti irritiert fest.
»Stimmt“, erwiderte Nicolas und sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern. In meinem Haus gab es keine Geheimniskrämerei. Wenn Nicolas seine Geschichte erzählen wollte, dann stellte das für mich kein Problem dar.
»Ich habe mich zusammen mit Florian einem Wiedererweckungsritual unterzogen“, erklärte Nicolas. Kaum hatte er das Wort Wiedererweckungsritual ausgesprochen, begannen die Gesichter unserer Schwertkampfazubis hoffnungsvoll aufzustrahlen, weswegen Nicolas sich genötigt sah, den Kopf zu schütteln. »Freut euch nicht zu früh. Die Sache ist kein Zuckerschlecken.«
»Warum überrascht mich das nicht“, grummelte nun Phillip. »Wo ist der Haken?«
»Um wiedererweckt zu werden, muss du deinen Körper zerstören.«
»Ih!«, kam es synchron von beiden.
»Tja, es hat eben alles seinen Preis.« Nicolas schmunzelte. Ich weiß nicht, ob unsere beiden Freunde den sehr speziellen Blick bemerkten, den er mir zuwarf und den ich in gleicher Weise erwiderte. Wiedererweckungsrituale waren definitiv kein Zuckerschlecken und blieben auf ewig ins Bewusstsein eingebrannt.
Bruder Gideon
»Da stimmt etwas nicht.«
Die letzten eineinhalb Stunden war Edwin unrastig durch das kleine Büro der Beratungsstelle gestiefelt, um mit jeder verstreichenden Minute nervöser zu werden. Am Ende hielt er es nicht mehr aus, griff nach seiner Jacke und meinte zu Sue: »Da stimmt etwas ganz und gar nicht.«
»Da ich dich nicht aufhalten kann, möchte ich dich wenigstens bitten, vorsichtig zu sein.«
Sue wirkte besorgte.
»Es ist noch vor Mitternacht. Trotzdem, pass auf dich auf!«
»Mach ich das nicht immer?«
»Genau das bereitet mir Sorgen.«
***
Wo sollte er mit seiner Suche beginnen? Edwin war ein reiner Einzelgänger mit nur gelegentlichen sozialen Kontakten. Auf keinem Fall war er ein Partygänger. Clubs schieden aus. Selbst Tanzteeveranstaltungen fielen nicht unbedingt in sein Raster sozialer Kontakte.
Dexter bezweifelt sogar ernsthaft, dass Ed überhaupt zu tiefergehenden zwischenmenschlichen oder besser zwischenvampirischen Beziehungen fähig war, geschweige denn, sie von ihm angestrebt wurden.
Der Mann suchte die Einsamkeit. Vielleicht war nicht der sprichwörtliche einsame Wolf, aber auf jeden Fall niemand, der Wert auf feste Bindungen legte. Also, wo sollte er nach jemanden suchen, der jede Form von Verbindlichkeit als Fesseln seiner Freiheit betrachtete?
»Natürlich!«, rief Dexter und klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, »die Pilgerunterkünfte der Nosferatu«
Obwohl Dexter seit mehr als hundertvierzig Jahren sein Leben als blutsaugender Untoter durch sein Unleben stolperte, waren ihm die Nosferatu die ganze Zeit unheimlich geblieben. Einerseits verströmten sie eine eigentümliche Erhabenheit und Spiritualität, aber dann…
Nun ja, sie gewöhnungsbedürftig zu nennen zählte noch zu den mildesten Beschreibungen die Dexter in diesem Zusammenhang in den Sinn kam. Er gab es ungerne zu, aber er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl. Dabei verehrten die meisten Vampire ihre ungleichen Brüder und Schwestern. Sie hatten sogar Recht.
Der Altruismus des Nosferatu war keine Legende, sondern gelebte Praxis. Ohne ihre Pilgerherbergen hätten es reisende Hämophagen weitaus schwieriger gehabt, im Big Apple eine sichere Unterkunft zu finden.
Die unzähligen Tunnel und unterirdischen Gänge, die New York durchzogen, mochten zwar vor Sonnenlicht schützen, waren in den meisten anderen Aspekten aber alles andere als sicher. Dort hausten Gestalten, vor denen sich sogar Vampire fürchteten. So wurde jedenfalls behauptet.
Also zu den Nosferatu. Dexter überlegte, welche die wahrscheinlichsten von Ed genutzte Unterkunft sein konnte. Es dauerte etwa fünf Sekunden, bis der Vampircowboy »DUMBO« rief und ein paar verstörte Blicke der vorbeieilenden Passanten erntete. DUMBO, dass war Down Under the Manhattan Bridge Overpass in Brooklyn, in der Nähe der Waterr/Ecke Pearl Street. Dexter ging im Kopf die verschiedenen Wegalternativen durch und welche ihn am besten ans Ziel befördern konnten. Die nächstgelegene Subway-Station war York St. und lag etwa vier Blocks von den Nosferatu entfernt. Aber Brooklyn? Noch ein wenig zögerlich spähte Dexter in die nächstgelegene ebenso enge wie dunkle Seitengasse. Das könnte gehen… Kurz entschlossen die ziemlich lange Fahrt mit der U-Bahn abzukürzen, schob er sich unauffällig in die Seitenstraße, ließ sich von der dort herrschenden Dunkelheit umfangen, verschmolz mit ihr und schwang sich in die Luft.
Ein dunkler Schatten zog lautlos über die Dächer der Stadt, bewegte sich unbemerkt durch die Schatten der Häuserschluchten und verschmolz mit dem Dunst über der glitzernden Wasserfläche des East Rivers. Hier und da hatte ein argloser Passant das Gefühl, etwas oder jemand würde an ihm vorbei streichen, doch wenn er dann aufschaute, war da nichts, nur ein leichter Windhauch und der eine Sekunde später bereits vergessen.
Dexter landete wie er gestartet war: in einer finsteren Seitenstraße. Er sah sich kurz um, auf dass seine Ankunft von niemand bemerkt wurde und trat aus dem Schatten in das Licht der Straßenbeleuchtung. Auf einem kleinen Platz hatte ein Kaffee Tische, Stühle und nächsten eher witzlose Sonnenschirme aufgestellt. Selbst zur fortgeschrittenen Uhrzeit – es war fast Mitternacht – saßen noch Gäste an den Tischen und genossen Latte Macchiato aus Gläsern. Seit Jahren fragte sich Dexter, warum die Leute plötzlich auf die Idee gekommen waren, heißen Kaffee aus Gläsern zu trinken, an denen sie sich eigentlich nur die Finger verbrennen konnten. Aber wer weiß, vielleicht war er für einige Dinge einfach zu alt. Ab hundert Jahren entwickelte jeder gewisse Schrulligkeiten.
Der Zugang zum Pilgerhaus der Nosferatu befand sich ganz unauffällig an einer etwas dunkleren Ecke eines Bürohauses. Den unteren Teil nahm ein Geschäft für Bürobedarf, ein Kaffee und ein Laden für Sportlernahrung ein.
Die Stockwerke darüber beherbergten allerlei Büros, Mietbüros, um es genau zu nehmen, die von den unterschiedlichsten Firmen genutzt wurden und auf die merkwürdigsten Namen hörten, etwas Fearless Night Ltd. oder Dark Day Trading Inc. Das Pilgerhaus selbst residierte im Untergeschoss oder eher den Untergeschossen.
Das Gebäude reichte, wie die meisten Vampirbauten, tief in den Untergrund. In diesem Fall sollten es vier Stockwerke sein. Es gab aber Gerüchte, dass es noch viel viel tiefer hinab ging und die Nosferatu über ein weitverzweigtes Netz aus Tunneln verfügte, dass die gesamte Stadt durchzog. Von außen wirkte alles ganz unverdächtig.
Es gehörte zu New Yorks Grundgesetzen, sich nicht um die Angelegenheiten seines Nachbarn zu schweren. Diesem ehernem Prinzip treu bleibend, interessierte es keine Seele, dass zur mitternächtlichen Zeit jemand in ein Bürogebäude verschwand.
»Bürger Jones«, wurde Dexter von einem mit Kaputze verhüllten Nosferatu hinter einem Glasfenster einer Einlasskontrolle begrüßt, nach dem dieser den richtigen Weg ins Tiefgeschoss und zum Eingang des Pilgerhauses gefunden hatte.
Der Mönch am Empfang trug netter Weise eine Kutte, die einen großen Teil des Gesichts verhüllte. Dexter stutzte. Woher kannten die Nosferatu seinen Namen? Der Mönch schien Dexters Verwunderung bemerkt zu haben.
Er schlug seine Kaputze zurück und erntete bei seinem Gegenüber ein leichtes Zurückzucken. Der Nosferatu lächelte kopfschüttelnd, dass heißt, er versuchte im Rahmen seiner Möglichkeiten zu lächeln.
»Ihr seid uns sehr wohl bekannt, Bürger Jones“, erläuterte der Mönch.
»Eure selbstlose Tätigkeit für die Beratungsstelle, Euer altruistisches Wesen, Eure Hilfbereitschaft hat Euch sehr viel Respekt eingebracht. Mein Name ist Bruder Gideon. Womit kann ich Euch zu Diensten sein.«
Ebenso verdaddert wie sprachlos brauchte Dexter ein paar Sekunden, um sich zu fangen und seine Gedanken zu sortieren.
»Ähm, Ed, ich meine Edwin«, plapperte der Vampir drauf los, schüttelte den Kopf und begann von neuen.
»Es geht um Edwin. Seinen vollständigen Namen kenne ich leider nicht. Ed ist eine Art Freigeist, niemand, der sich leicht unterordnet und… Nun, gesellschaftliche Konventionen zählen nicht wirklich zu seinen Prioritäten. Wie soll ich ihn beschreiben? Er…«
»Mir ist die Person namens Edwin wohl bekannt“, unterbrach Bruder Gideon freundlich. »Wir haben die Ehre, Bürger Edwin in unserem Haus beherbergen zu dürfen.«
»Haben? Dann ist er noch im Haus?«, hakte Dexter nach.
»Ähm, nun ja. Er hat das Haus heute Nacht nicht verlassen.«
»Schnell, ich muss zu ihm!«
»Sicher. Dies ist ein offenes Haus“, erwiderte der Nosferatu und öffnete Dexter die Tür mit einem Summer, um ihn ins Innere des Pilgerhauses zu lassen.
»Aber erlaubt mir eine Frage: Ihr wirkt aufgewühlt. Stimmt etwas nicht?«
»Wir waren verabredet“, erklärte Dexter und folgte dem vorauseilenden Gideon, dessen Platz am Empfang von einem anderen Nosferatu übernommen wurde. »Edwin hatte mich angerufen, dass er mich heute Abend treffen wollte. Er ist nicht gekommen.«
»Ich verstehe“, meinte Gideon knapp. Zwei Worte und eine besondere Art der Betonung reichten ihm, um Dexter zu vermitteln, dass er dessen Sorge voll und ganz teilte. Der Nosferatu beschleunigte seinen Schritt und brachte sie immer tiefer in den Kaninchenbau.
Edwin, so Gideon, bevorzugte eine Zelle direkt an der Sohle der Höhle. Obwohl der Bau hochmodern, vor nur wenigen Jahren vollständig erneuert und mit den technisch hochwertigsten Einrichtungen ausgestattet war, schafften es die Nosferatu trotzdem, ihren Häusern eine ehrwürdige und vor allen spirituelle Atmosphäre zu verleihen.
»Dies ist Bürger Edwins Zelle«, erklärte Bruder Gideon und klopfte an die Tür. Es gab keine Antwort. Gideon klopfte erneut, doch niemand antwortete.
»Er ist da. Für die Sicherheit unserer Gäste erfassen wir jeden, der kommt oder geht. New York kann eine gefährliche Stadt sein.«
»Ich glaube, wir sollten die Tür öffnen“, schlug Dexter vor, dem inzwischen die Besorgnis überdeutlich ins Gesicht geschrieben stand.
Als einzige Erwiderung beschränkte sich Gideon darauf zu nicken und in seiner Kutte nach seiner Masterkarte zu angeln. Selbstverständlich verfügten die Zellentüren über elektronische Schlösser. Kaum hatte der Nosferatu seine Kodekarte in den Leseschlitz eingeführt, wechselte die Farbe des Kontrolllämpchens von rot auf grün.
Ein schwach schnappendes Geräusch ließ erkennen, dass die Verriegelung aufgehoben war. Gideon zögerte keine Sekunde, drückte die Klinke herunter und stürmte mit der Tür in die Zelle, Dexter unmittelbar hinter ihm.
»Shit!« Bruder Gideon stoppte in seiner Bewegung, was Dexter gegen ihn prallen ließ. »Was?«, stammelte der Vampir verdaddert, sah dann aber, was den Nosferatu hat stoppen lassen und rief ebenfalls: »Shit!«
Auf dem Bett lag ein Körper, der vermutlich Edwins war. Doch dieser Körper hatte nichts mit dem gemein, den Dexter und vor allem Bruder Gideon in Erinnerung hatte. Dieser Körper war eingefallen, trocken wie Pergament. Edwins Mund war weit aufgerissen. Sein Gesicht in einer einzigen Grimasse voller Schmerz erstarrt. Die rechte Hand hielt krampfhaft einen Briefumschlag fest. Der ganze Körper, der nackt auf dem Bett lag, hatte eine graue, aschfahle Farbe angenommen und war dermaßen eingetrocknet, dass die Haut wie Schrumpffolie aussah, mit der Frischfleisch im Supermarkt abgepackt wurde. Eds Knochenskelett tratt in unnatürlicher Weise hervor.
»Himmel, was ist mit seinen Augen?«, rief Dexter entsetzt auf.
War Eds Anblick für sich genommen schon jenseits aller Vorstellung schockierend genug, setzten seine Augen, oder das, was ursprünglich seine Augen waren, noch einen oben drauf. Statt normaler, dass heißt für einen Hämphagen normaler Augäpfel, ruhten dort nun zwei glühend rote Steine. Oder doch nicht?
Vorsichtig traten Vampir und Nosferatu an Ed heran. Was wie Rubine aussah, waren tatsächlich die Augen des Untoten, die sich aber verändert hatten. Es sah aus, als hätten sie sich in eine Art Glaskugel verwandelt in dessen Inneren etwas tiefrot glühte und, kaum dass die beiden ganz dicht waren, erlosch.
Im gleichen Moment zerfiel Edwins Körper. Er löste sich einfach in Rauch auf. Es gab weder Asche, noch nicht ein mal Staub, der sich zusammen kehren ließ, um den armen Kerl wieder zu erwecken. Er verschwand. Einzig der Briefumschlag, den er in seiner Hand gehalten hatte, blieb zurück und segelte, als der Körper komplett verschwunden war, zu Boden.
»Was war das?«, wollte Dexter wissen.
»Ich habe nicht den blassesten Schimmer“, gestand Bruder Gideon ehrlich. »Ich weiß nur eins. Edwin ist tot, endgültig entkörpert und ich glaube nicht, dass es sich um einen natürlichen Tod handelt.«
Bruder Petrus
Nach unserer zwar kurzen aber nicht notwendigen Weise sparsamen Frühstück, fanden wir uns im kleinen Salon ein, der sich in den letzten Jahren mehr und mehr zum meistgenutzten Besprechungsraum entwickelt hatte.
Seine Vorteile sprachen einfach für sich. Klein, aber nicht zu klein, zurückhaltend geschmackvoll, aber nicht langweilig oder steril, mit moderner Büro-, Medien- und Kommunikationstechnik ausgestattet, die sich aber nicht in den Vordergrund spielten und den Charme des Raums unversehrt ließen.
Außer Phillip und Basti, hatten sich auch Nicolas und Christiano eingefunden. Den Botschafter des Hauses Varadin-Breskoff wollte ich bei mir haben, um deutlich zu machen, dass jeder, der mit mir sprach, indirekt auch mit meinem Mann, dem Stammvater eben jenes Hauses Varadin-Breskoff, sprach.
Nicolas, als Marshall meines Hauses, repräsentierte an sich meine Wehrhaftigkeit, was bei Bruder Petrus aber nicht notwendig war. Hier sollte eher Nicolas Erbe als ehemaliger Nosferatu eine Brücke schlagen. Basti und Phillip nahmen offiziell die Funktion von Adjutanten ein, in Wirklichkeit wandelten sie aber auf den Spuren Christianos und übernahmen mehr und mehr ihre Rollen als Agenten des Hauses.
Agent – Das klang schillernd und weckte Assoziationen. Die Wirklichkeit sah wesentlich profaner aus. Offiziell arbeiteten Basti und Phillip nach wie vor für Varadin International. Es gab etwas viel spannenderes als ihre Agententätigkeit.
Die beiden jungen Männer führten soweit wie möglich ihr bisheriges Leben fort. Niemand wusste von ihrem Gattungswechsel vom Mensch zum Vampir. Weder ihre Freunde noch ihre Familien ahnten von ihrem zweiten Leben.
Natürlich stellten sie gelegentlich Frage, etwa zu ihrer Lichtunverträglichkeit, die sie seit ein paar Jahren plagte. Bei der Erklärung mussten wir ein wenig tricksen und uns eine halbwegs plausible aber kaum nachprüfbare Geschichte ausdenken.
Da Viren eh schon einen schlechten Ruf besaßen, lag es nah, ihnen Bastis und Phillips Zustand auch noch in die Schuhe zu schieben. Ihre Verwandlung war ein Experiment. Die zwei Männer hatten mit ihrem Wunsch, Vampire zu werden, eine interessante und für uns existenzielle Frage aufgeworfen: Wie hielten wir es mit unserem Nachwuchs. Wir bekamen keine Kinder, wir verwandelten Menschen.
Das Problem war weniger, dass es uns an potentiellen Kandidaten mangelte, sondern deren Verschwinden zu erklären. Die Nosferatu hatten es da einfacher. Zum einen lebten sie in abgelegenem Kloster, aber viel entscheidender, ihre Mitglieder waren zuvor verstorben.
Dagegen einen mitten im Leben stehenden Menschen einfach verschwinden zu lassen, war mehr als kniffelig. In den hochentwickelten Industrieländern war es fast unmöglich, zu verschwinden, ohne dabei aufsehen zu erregen. Es gab die eigene Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Es gab den Hausarzt, die Bank, die Sozial- und Rentenversicherung, die Nachbarn und am schlimmsten, das Finanzamt.
Basti und Phillip stellten einen neuen Ansatz dar. Mit ihrer Verwandlung betraten Constantin und ich Neuland. Eigentlich begann das Experiment sogar um einiges früher. Als Constantin entschied, den beiden ihren Wunsch zu gewähren, ließ er ein Konzept ausarbeiten, wie sich ein schrittweiser und sehr langsamer Übergang aus der Welt der Menschen in die der Vampire realisieren ließ.
Die Grundidee war simpel und drehte sich um eine ebenso einfach Frage: Was bestimmt unser Leben? Unsere Arbeit. Kaum ein anderer Aspekt hatte einen dermaßen hohen Einfluß auf unseren Alltag, wie unsere Arbeit. Unsere Arbeitszeit bestimmt, wann wir aufstehen oder nach Hause kommen.
Wir verbringen mehr Zeit mit unseren Kollegen als mit unseren Freunden und Familien. Wir gehen auf Dienstreisen. Manch einer geht auf Montage oder arbeitete offshore und ist wochenlang fern von zu Hause. Fand sich hier ein Ansatzpunkt? Als angehende Führungskräfte Varadin Internationals befanden sich die beiden in einem mehrjährigen Traineeprogramm, dass leider regelmäßige Auslandsaufenthalte und Klausuren beinhaltete. Das jedenfalls war die offizielle Lesart. In Wirklichkeit absolvierten Basti und Phillip Schwertkampftraining im Kloster der grauen Nebel oder wurden von Christiano für ihre Aufgabe als meine Agenten ausgebildet.
Die Agententätigkeit war eigentlich ziemlich einfach: Augen aufhalten – Informationen sammeln und analysieren. Das kniffelige daran war zu wissen, welche Information wichtig oder belanglos, welche wahr, welche falsch und welche schlichtweg gelogen war.
Deswegen wollte ich die zwei auch bei Petrus Besuch dabei haben. Wenn der Stammvater der Nosferatu des Westens dem König der Vampire einen offiziellen Besuch abstattete, musste es sich um etwas wirklich Wichtiges handeln.
»Seine Heiligkeit, Bruder Petrus, Stammvater der Nosferatu des Westens«, meldete Tomek seine Ankunft.
Wir erhoben uns, um unserem Gast zu begrüßen. Das Protokoll, das eigentlich für jede Situation eine passende Regel kannte, musste bei dieser Begegnung passen. Stand Petrus protokollarisch nun über, unter oder neben mir? Spielte es eine Rolle? Vermutlich standen wir im Ranking auf gleicher Stufe.
Petrus überraschte uns. Statt mit dem üblichem Gefolge kam er allein. Ich wusste, dass Petrus es verabscheute, mit einer ganzen Entourage auf zu kreuzen und versuchte deswegen immer mit dem protokollarisch gerade eben noch akzeptablen Minimum an Begleitung aus zu kommen. Tomek raunte mir zu, dass ihm dieses Mal zwar zwei Mönche begleitet hatten, diese aber in der Empfangshalle zurück geblieben waren.
»Bitte, belassen wir es bei Petrus.« begann unser Gast und wartete, bis sich Tomek diskret zurück gezogen hatte. Wir waren zu sechst. Basti und Phillip, Christiano, Nicolas, Petrus und ich. Petrus überlegte einen Moment und nickte zufrieden: »Genau die Personen, mit denen ich sprechen wollte. Christiano, ich nehme an, Ihr sprecht auch für Constantin?«
Der wilde Portugise nickte.
»Ja, ich spreche für das Haus.«
»Sehr gut.«, erwiderte Petrus und wandte sich an mich: »Euer Hoheit!«
»Ich glaube, wir waren beim Florian.«, entgegnete ich wesentlich ernster, als die saloppe Formulierung vermuten ließ.
»Ich glaube, uns verbindet mehr, als dass wir auf formelle Anreden zurück greifen müssten.«
»Florian, es gibt da etwas, dass ich mit Dir besprechen muss und etwas, was Du tun solltest“, begann Bruder Petrus.
»Und das wäre?«
»Die UN-Generalsekretärin ließ uns diskret über ihr Büro wissen, dass sie an einem Treffen mit Dir als Staatsoberhaupt der territorialfreien Nation der Hämophagen interessiert wäre.«
»Die UN-Generalsekretärin? Du meinst die Generalsekretärin von der UN?«, wollte ich völlig entgeistert wissen.
»Äh, Moment! Woher weiß die UN von uns? Ich dachte, der Kodex verbietet, Menschen unsere Existenz zu enthüllen.«
»Ähm, im Prinzip ist das richtig, allerdings…«
»Sag es nicht!«, unterbrach ich Petrus, »keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt immer einen Haken, genau so, wie es immer ein Schlupfloch, eine Ausnahme von der Regel, dann wieder eine Ausnahme von der Ausnahme, noch mehr Haken und noch mehr Schlupflöcher gibt.«
»Du bist eindeutig zu viel mit Constantin zusammen“, lachte Petrus.
»Aber im Prinzip hast Du Recht. Der Kodex verbietet uns, sich den Menschen zu enthüllen, es sei denn, sie werden als Blutspender angeworben oder zu Assoziierten oder Freunden eines Hauses. Der Kodex ist in diesem Punkt recht strikt. Das Geheimnis unserer Existenz muss unter allen Umständen gewahrt bleiben. Allerdings kennt auch dieser Grundsatz seine Ausnahmen. Die meisten hohen Häuser sind mehr oder weniger eng mit dem europäischen Hochadel verwandt. Es soll sogar ein Haus geben, durch dessen Adern auch ein wenig japanisches Kaiserblut fließt. Köngin Viktoria von England soll ihre vampirische Verwandtschaft als das Wurzelwerk der Familie bezeichnet haben, welches in der Dunkelheit der Erde im Verborgenen wächst. Aber ich schweife ab. Es gibt im Kodex eine Ausnahme für Regierungs- und Staatsoberhäupter. Außerdem kann die Krone, also Du mein lieber Florian, unter bestimmten Voraussetzungen unsere Interessen im Rahmen internationaler Organisationen vertreten. Wie gesagt, es gibt immer ein Schlupfloch, eine Ausnahme. Im Fall des UN-Generalsekretärs oder in unserem Fall der Generalsekretärin haben wir es sogar mit einem Sonderschlupfloch zu tun. Die Zusammenarbeit mit dem Büro des Generalsekretärs basiert auf einem geheimen Zusatzprotokoll zur Gründungscharta der UN von 1945. Danach genießen wir den Status einer freien, wenn auch nicht territorialen Nation. Nur ein sehr kleiner Kreis von hohen UN-Sekretären weiß von unserer Existenz. Wir verfügen sogar über einen akkreditierten Geschäftsträger. Im Fall der Generalsekretärin geht die Beziehung sogar noch ein wenig tiefer. Sie ist eine Freundin. Ihr Bruder wurde vor fünfzehn Jahren während eines UN-Friedenseinsatzes von einem Heckenschützen getötet. Aber wie du weißt, stellt der Tod für uns Nosferatu nur den Anfang dar. Bruder Bjarni ist ein sehr netter Mönch und eine wirkliche Bereicherung unseres Ordens.«
»Du willst mir also sagen, dass ich nach New York fliegen soll, um mich mit der Generalsekretärin zu treffen?«
»Ja, dass war die Idee.«
»Warum?«, hakte ich nach. Die Motive der Nosferatu, insbesondere ihre Stammväter, gingen immer weitaus tiefer, als sie offen zugaben. Wenn mich Petrus bat, der Generalsekretärin der Vereinten Nationen einen offiziellen Antrittsbesuch abzustatten, dann steckte mit Sicherheit mehr dahinter, als für gute diplomatische Stimmung zu sorgen.
Petrus taxierte mich eine Weile. Blitzte da Verärgerung in seinen Augen auf? Vielleicht, aber wenn, dann nur für einen kurzen Moment. Mein Nachhaken hatte ihn überrascht. Es kam wohl nicht oft vor, dass die Worte eines Anführers der Nosferatu hinterfragt wurden. Ich konnte es an Christianos Reaktion ablesen, der laut und deutlich schluckte und mich mit einem sehr ängstlichen Blick bedachte.
Ich musste mir immer wieder klarmachen, dass die meisten Vampire die Nosferatu als verehrungswürdige, spirituelle Wesen und geistige Führer betrachteten. Wahrscheinlich wäre ich ihnen mit der gleichen Ehrfurcht begegnet, wäre da nicht das Servius-Novatin-Ritual und das Erlebnis mit den Erinnerungen der vier Ersten gewesen. Außerdem war ein kleiner Teil von mir ebenfalls nosferatisch, weswegen ich in den Totenschädelfratzen immer erst den Bruder sah und sie auch so, als Bruder, behandelte.
»Entschuldige, ich wollte Dich nicht verärgern“, gab ich trotzdem klein bei und erntete dafür ein amüsiertes Kopfschütteln.
»Oh Florian!«, begann Petrus verlegen.
»Du verärgerst mich nicht. Du führst mir nur wieder vor Augen, wie arrogant wir zuweilen sein können. Das alte Laster der Nosferatu, von der eigenen Einzigartigkeit überzeugt zu sein und zu glauben, nur Nosferatu wären in der Lage unsere Überlegungen zu durchdringen. Also gut. Du hast vollkommen recht, nachzuhaken. Es gibt da etwas, dass uns Sorgen bereitet. In den letzten vier Monaten kam es in New York zu einer Reihe bizarrer Mordfällen. Der Letzte ereignete sich gestern im Brooklyner Pilgerhaus. Die Opfer sind bis auf einen Fall freie Vampire, wie sie die Mehrheit in Nord- und Südamerika darstellen. Und genau das ist das Problem. Die großen Häuser sehen sich offiziell nicht in der Pflicht zu handeln und da das eine Opfer Angehöriger eines kleinen Hauses war, dass nicht über die Mittel verfügt, eine Untersuchung zu betreiben, bleiben die Mordfälle zur Zeit ungesühnt. Soweit die offizielle Lesart. Hinter vorgehaltener Hand gaben Vertreter der Häuser zu, äußerst nervös zu sein und befürchten, es könnte sich um einen Angriff auf unsere Art handeln.«
»Also soll die Krone intervenieren?«, wollte ich wissen und schaute von Petrus zu Christiano, Constantins Spitzenspion. Der grinste breit, sehr breit.
»Ich verstehe.« I
ch verstand tatsächlich und nickte resigniert.
»Constantin lässt Christiano von der Leine und ich soll als Tarnung den Frühstücksdirektor mimen. Während ich offiziell nett mit der Generalsekretärin plaudere, tut unser portugiesischer Freund hier, was er eben so tun muss. Dass habt ihr euch nett ausgedacht.«
»Och Flo“, meinte Christiano, »niemand geht ernsthaft davon aus, dass wir Dich aus der Sache raushalten könnten. Du hast mit Draculas Enttarnung eine deutliche Duftmarke gesetzt, die jedem Mitglied des Rats deutlich in Erinnerung geblieben ist. Die Häuser verfolgen genau deiner Schritte.«
»Na super. Genau, was ich immer wollte.«
Aber das war wohl mein Job als König: Den Fokus auf mich lenken und damit anderen erlauben, ihre Arbeit zu machen. Ich hoffte nur, Constantin wäre bei mir. Aber leider war mein Göttergatte anderweitig gebunden. Was er genau trieb, wollte er nicht verraten und ich hakte auch nicht nach. Wenn er mir nicht sagen wollte, was er tat, dann musste es dafür sehr gute Gründe geben.
»Also gut. Die Krone wird reisen“, erklärte ich formell, sah zu Petrus und zwinkerte: »War das höfisch genug? Ich habe ein Haus in New York. Ein Erbe von… Ähm… Nun ja, du weisst von wem.«
Am liebsten hätte ich mir die Zunge abgebissen. Wie konnte ich nur so instinktlos sein und Petrus an denjenigen erinnern, der für den Tod seines Seelenpartners verantwortlich war.
»Es ist gut, Flo«, entgegnete Petrus matt und wirkte plötzlich ziemlich müde.
»Ich glaube, es wird Zeit, dass wir dem Eiertanz aufhören. Tasmanir ist tot, endgültig entkörpert. Das können wir, weder Du noch ich, ändern. Ich gebe es zu. Für eine Weile wusste ich wirklich nicht, wie ich dir begegnen sollte. Hat sich Tasmanir wirklich opfern müssen? Dein Showdown mit Dracula… Dieses Gerede, Du würdest ihn weder anklagen noch verfolgen. Du hast ihm sogar die Hand gereicht. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass Du es wirklich ernst gemeint hast. Dass es kein Trick war, um ihn aus der Reserve zu locken. Und deswegen sollte Tamir sterben? Für deine Egoshow?«
»Ich trug einen Schutzpanzer unter der Kleidung.« gab ich zu.
Es gab bisher nur zwei andere Personen, die davon wussten. Constantin, vor dem ich später einen Striptease hinlegte und Christiano, der mir dringend anriet, einen derartigen Schutz zu tragen. Petrus zog seine Augenbrauen hoch, schaute mich einen Moment entgeistert an, um Sekunden später anerkennend zu nicken.
»Ich sagte es schon Constantin«, fuhr ich fort.
»Ich bin kein Selbstmörder. Ich befürchtete, dass Dracula auf mich losgehen würde. Das Tamir dazwischen ging… Ich habe es wirklich nicht geahnt und erst recht nicht provoziert.«
»Ich weiß. Ich weiß es jetzt. Ich habe dich die letzten fünf Jahre beobachtet. Zuerst sah ich meinen Verdacht sogar bestätigt, Du hättest den Tod Draculas geplant. Dass die Bronkovitch/Draculas ausgerechnet sich dir anschlossen… Das war… verdächtig, um es gelinde zu sagen. Schlechtes Gewissen? Eine trickreiche Erweiterung deines mickrigen Hauses? Aber der Gedanke war falsch. Wie Du dich danach verhalten hast. Deine Art, das Amt des Königs auszufüllen. Das war… anders. Deutlich anders als Breskoff. Der Mann war gut, aber eben durch und durch ein Machtmensch und Politiker. Er war ein Stratege, der seine Schachzüge lange und sehr umsichtig plante und sich dabei nie in die Karten schauen ließ. Du hingegen glänzt durch eine fast schon penetrante Authentizität, wenn Du mir diesen Begriff erlaubst. Du bist der reale Florian und eben keine Rolle, die Du spielst.«
»Eben der etwas naive Pausenclown, der niemanden ernsthaft in die Quere kommt?«, wollte ich ein wenig säuerlich wissen.
»Auf keinen Fall!«, widersprach Petrus.
»Authentizität und Naivität sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Du magst mehr instinktiv als strategisch zu handeln, allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass deine Instinkte weitaus besser funktionieren als die Strategien fast aller Stammväter. Außerdem solltest Du nicht vergessen, dass du noch nicht lange im Geschäft bist. Breskoff hat den Job immerhin über tausend Jahre gemacht. Es wäre ein Wunder, wenn er bei so viel Erfahrung nicht zwangsläufig zum Strategen wurde. Aber was Dir an eben dieser Erfahrung fehlt, können Constantin und Christiano beisteuern.«
»Und das isses?«, grummelte ich unzufrieden.
»Nicht ganz.«, Petrus wurde ernst.
»Es sind Vampire gestorben. Gewaltsam und auf keinem Fall freiwillig. Es sind Morde, eiskalte Morde. Und ich befürchte, dass es nicht bei ihnen bleiben wird, sollten wir dem nicht Einhalt gebieten und die Täter dingfest machen. Aber…«
»Es kann gefährlich werden.«, unterbrach ich.
Petrus nickte stumm. Alle Augen lagen auf mir. Nun gut, gelegentlich muss ein König ein Zeichen setzten. Ich stand auf, ging ein paar Schritte, musterte jeden einzelnen im Raum, nickte zwei oder drei Mal. Basti, Phillip, Nicolas, Christiano und Petrus hielten den Atem an und fragten sich, was ich vor hatte.
»Gefährlich?«, meinte ich kalt und verwandelte mich in einer einzigen geschmeidigen Bewegung in meine grauenvolle, monströse und sehr mächtige Urform.
»Nun gut: Gefährlich ist ein sehr relativer Begriff. Packt die Koffer!«

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Information Nacht der Gefühle
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 01:59 PM - No Replies

Es war an einem Freitagabend. Ich hatte wieder einmal mächtig Stress mit meinem Freund gehabt, was in der letzten Zeit alles andere als selten vorkam. Leider neigte er dazu seinen Argumentationen nicht nur wörtlich sondern auch körperlich Nachdruck zu verleihen.
Nach dem Streit beschloss ich zu Steven zu fahren. Wir hatten uns im Internet kennen gelernt. Dass er erst 15 und somit 3 Jahre jünger war, machte mir nichts. Bis dato hatten wir uns erst zweimal getroffen aber schon bei diesen Treffen merkten wir, dass wir viel für einander übrig hatten. Nicht was ihr jetzt denkt, sondern auf einer rein freundschaftlichen Basis. Auch mit seinen Eltern, Carolin und Matthias, verstand ich mich sehr gut.
Und nun stand ich also bei eben dieser Familie im Wohnzimmer, hörte hinter mir das Kaminfeuer knistern, sah aus dem Fenster in die Dunkelheit und hing meinen Gedanken nach. Steven und seine Mom waren schon zu Bett gegangen, da sie am nächsten Tag beide früh raus mussten. Ich hatte beschlossen, im Wohnzimmer zu schlafen, damit ich Steven nicht mehr wecken musste wenn ich jetzt zu ihm ins Bett kam. Ich klappte die Couch aus und machte mich bettfertig. Ich zog meine Jeans und den Pullover aus. In Shorts und T-Shirt würde es warm genug sein im Wohnzimmer.
„Meine Güte, Kay, was ist denn mit dir passiert?“
„Oh Matthias, ich dachte du schläfst schon. Ist doch ok, wenn ich auf der Couch schlafe oder?“
„Ja, natürlich. Mach es dir so bequem wie möglich. Aber was ist mit deinem Rücken passiert?“
„Ähm…wieso?“
„Ich konnte eben einen kurzen Blick drauf werfen, als du deinen Pullover ausgezogen hast und was ich da gesehen habe war nicht unbedingt ein schöner Anblick. Wer war das?“
„Ach mein Freund ist ein bisschen ausgerastet. Nicht weiter wild.“
Ich lächelte ihn an aber er zog nur die Augenbrauen hoch.
„Ich hole ne Wund- und Heilsalbe. Moment“
Er holte die Salbe und ich musste mir das Shirt ausziehen und mir den Rücken „verarzten“ lassen.
„So, das wär´s.
„Danke.“ Ich sah auf den Boden und wusste nicht recht was ich machen sollte. Ich schämte mich wegen meinem Freund und dafür was er getan hatte.
„Du solltest dir überlegen, ob du dir nicht einen neuen Freund suchst.“
„Ich weiß.“
Er nahm mich in den Arm. Ich war froh, denn ein bisschen Trost konnte ich wahrlich gebrauchen. Ich drückte mich an ihn und grub meinen Kopf in seine Schulter. So hätte ich ewig stehen können. Bei Matthias fühlte ich mich sicher und geborgen. Allerdings fühlte sich wohl auch was anderes ziemlich geborgen bei ihm. Ich merkte wie mein Blut langsam wohin stieg, wo es eigentlich gerade jetzt nichts zu suchen hatte und ich war mir sicher, dass auch Matthias das merkte.
„Tut mir leid.“
Er lachte.
„Hey, da kannst du doch nichts dafür, wenn dein Körper bei so einem alten Mann wie mir verrückt spielt.“
Ich musste lachen, denn Matthias war wirklich alles andere als alt. Gut, er war schon 39 aber ein jung gebliebener Neununddreißiger. Er machte immer noch allerhand Blödsinn und man hatte immer was zu lachen mit ihm. Außerdem sah er verteufelt gut aus. Er war etwas größer als ich und seine Haare hatten schon leichte graue Ansätze, was sein Aussehen aber eher noch zusätzlich interessant machte…
Er nahm mich wieder in den Arm und drückte mich an sich. In dem Moment merkte ich, dass auch seine Hose etwas ausgebeulter war als unter den Umständen eigentlich normal gewesen wäre. Er streichelte mir über den Nacken, fuhr mit seinen Fingern vorsichtig meinen Rücken herunter, hielt mich dann an der Taille fest und schob mich etwas von sich weg. Er sah mir in die Augen.
„Die beiden andern schlafen schon?“
„J..ja, ich denke schon.“
Meine Stimme zitterte. In dem Moment wusste ich, was passieren würde und ich war vollkommen wuschig und überfordert zugleich. Aber Matthias zog mich an sich heran und küsste mich zärtlich auf den Mund. Ab diesem Moment schaltete sich mein Hirn aus und ließ es nur noch geschehen.
Unter Küssen zog ich ihm sein Hemd und die Jeans aus, so dass auch er nur noch in Shorts da stand. Ich streichelte seinen nur ganz leicht behaarten Oberkörper, presste mich an ihn und spürte seine Erektion. Er streichelte mich ebenfalls und ließ dabei kaum eine Stelle aus. Wir legten uns auf die Couch und küssten uns lange und zärtlich. Ich bahnte mir einen Weg in seine Shorts und er stöhnte lustvoll auf. Es dauerte nicht lange, da flog bei mir und auch bei ihm die letzte störende Hülle davon.
Ich legte mich auf den Rücken, Matthias beugte sich über mich und fing an meinen ganzen Körper zu küssen. Über die Stirn zum Mund, von da zu meinem Ohrläppchen, an dem er zärtlich knabberte, gefolgt von meinem Hals, die Brust hinab, über den Bauchnabel, die Innenseiten meiner Oberschenkel, die Hoden und dann…nahm er ihn in den Mund. Ich dachte ich müsste sterben so ein wahnsinniges Gefühl hatte ich. Er befriedigte mich einige Zeit oral und ich stöhnte und seufzte leise vor mich hin. Anschließend massierte er mich bis ich nach ein paar wunderbaren Minuten kam. Eigentlich hatte ich das noch gar nicht vor gehabt, doch in dem Moment konnte ich es einfach nicht mehr kontrollieren. Außerdem sah es so aus als wollte Matthias es so.
Er lächelte mich an und legte sich auf mich. Es störte ihn nicht, dass ich etwas…nun ja…klebte. Er gab mir einen nicht enden wollenden, innigen Kuss und ich spürte nicht nur dadurch wie erregt er war.
Ich streichelte seinen Rücken und knetete seinen gut geformten Hintern. Er stöhnte wieder auf, rollte sich von mir herunter und ich legte mich auf die Seite, mit dem Rücken zu ihm. Er streichelte meinen Hintern und verteilte an bestimmter Stelle etwas von dem Saft, den ich kurze Zeit vorher verloren hatte. Dann drang er vorsichtig in mich ein… Ich weiß nicht wie lange es dauerte aber es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Ich war wie in einem Rausch und als Matthias seinen Höhepunkt erreichte, spürte ich, dass auch ich noch einmal gekommen war.
Danach machten wir uns sauber, beseitigten etwaige Spuren und kuschelten uns noch einmal eng aneinander.
„Es war wunderbar, Kay.“
Ich lächelte Matthias an und gab ihm einen letzten kleinen Kuss. Wir beide wussten, dass es das erste und letzte mal gewesen und dass es wunderschön war…
ENDE

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Information Mr. Right
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 01:59 PM - No Replies

Nick
Die Sonne schien durchs Fenster rein und zeichnete glitzernd ihren Weg auf der Bettdecke ab. Ich lag in seinen starken Armen und genoss seine Nähe und Wärme. Wie ruhig er da lag, wie langsam und gleichmäßig sein Atem ging.
Ich wagte es nicht mich zu bewegen, aus Angst ihn zu wecken. Stattdessen ließ ich meinen Blick über unsere nackten Körper gleiten, soweit die Decke den Einblick zuließ. Wir lagen ineinander verschlungen auf meinem großen Bett.
Seine Haut war fast so braun gebrannt wie meine und seine dunklen Haare mindestens genauso verwuschelt wie die meinen. Das war der absolute Wahnsinn gewesen – so intim und innig, so wunderschön. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Anfangs hatte ich meine Neigungen gar nicht bemerkt.
Als ich sechzehn wurde und mein damaliger bester Freund zu meinem Geburtstag seine neue Freundin mitbrachte, merkte ich zum ersten Mal so etwas wie Eifersucht in mir hochkommen. Ray hatte schon öfters eine Freundin gehabt, doch noch nie hatte ich mit ansehen müssen, wie er rumturtelte.
Ich verdrängte diesen Gedanken von Eifersucht, reagierte aber permanent gereizt auf Rays neue Flamme. Woraufhin dieser beschloss, dass ich auch eine Freundin bräuchte. Schließlich hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine gehabt und auch nie das Gefühl, mir würde eine gefallen.
Schon gar nicht diese besagten Schmetterlinge im Bauch. Also was blieb mir anderes übrig, als Rays drängen nachzugeben.
Ich höre ihn noch heute sagen: „Meine Freundin hat eine Freundin, die total auf dich abfährt.“
Also wurde die besagte Freundin, ich kann und will mich nicht an ihren Namen erinnern, zu einem gemeinsamen Videoabend eingeladen. Es graute mir vor diesem Abend und natürlich kam dieser schneller als erwartet.
Es schmerzte sehr meinen besten Freund wild knutschend mit seiner Flamme zu sehen, aber das schlimmste war, dass mir diese besagte Freundin an die Wäsche ging. Ich brauchte dringend frische Luft und rannte einfach raus.
Später erzählte ich Ray als Ausrede, sie sei nicht mein Typ gewesen, was er tatsächlich glaubte. Ich wollte es mir einfach nicht eingestehen. Erst als ich ein Jahr später immer noch Single war und mir schon dumme Sprüche und Bemerkungen anhören musste, war ich mir sicher.
Ich war ja nun nicht gerade hässlich und auf meine himmelblauen Augen fuhren die Frauen bestimmt ab. Ray und ich fingen uns an zu streiten. Im Eifer des Gefechts sagte er so etwas wie, dass ich wohl schwul sei, da mir ja noch nicht mal die heißeste Frau der Stadt gefallen würde. Entsetzt sah ich ihn ab, aber er hatte Recht!
Doch das schlimmste war, dass ich in ihn verliebt war. Aber das konnte ich ihm ja nun unmöglich sagen. Nach diesem großen Streit war es nicht mehr wie früher zwischen uns und als Ray einige Wochen später wegziehen wollte, da er woanders eine Lehrstelle bekommen hatte, gestand ich ihm aus Verzweiflung meine Liebe.
Erst lachte er. Dann merkte er wohl, wie Ernst es mir war und sagte, dass er mich immer in Schutz genommen hätte, wenn die anderen so etwas behauptet hatten. Er ging. Er ging ohne ein weiteres Wort.
Ich kannte ihn schon aus Sandkastentagen und konnte diese Reaktion nicht verstehen. Das tat ziemlich weh. Ich wusste ja, dass er meine Liebe nicht erwidern würde, aber dass er mir gleich die Freundschaft kündigen musste, hätte ich nicht erwartet. Auch wenn er dies stumm tat.
Ray hätte lieber schreien sollen oder mich beschimpfen. Das wäre durchaus einfacher gewesen. Daraufhin beschloss ich mich meiner großen Schwester gegenüber zu outen. Sie hatte sich das auch schon gedacht und tröstet mich wegen Ray.
„Irgendwann kommt der Richtige. Oder viele Richtige“, scherzte sie.
An meinem achtzehnten Geburtstag outete ich mich meinen Eltern gegenüber. Mein Vater rastete völlig aus, schrie mich an und schmiss mich raus. Meine Mutter sagte wie immer kein Wort, sie war meinem Vater hörig.
Ich fuhr noch am gleichen Abend zu meiner Schwester. Wir hatten beide damit gerechnet, dass es so kommen würde und meine Schwester hatte mir versprochen, dass ich vorübergehend bei ihr unterkommen könnte.
Ab da sollte es bergauf gehen. Meine Schwester stand hinter mir und bemühte sich, dass ich eine Ausbildungsstelle und eine Einzimmerwohnung bekam. Das war der Beginn von meinem neuen Leben. Schnell fand ich Anschluss.
Mein Nachbar Sven stellte mich seinen Freunden vor. Vor allem Jessy, den alle JJ nannten, hatte es mir gleich angetan. Unsere erste Nacht nach unserem Kennenlernen werde ich nie vergessen. Eingekuschelt in einer dicken Decke redeten wir die ganze Nacht auf dem Balkon über Gott und die Welt.
Als es um zehn Uhr in der WG Frühstück gab, waren wir froh uns bei einem Kaffee aufwärmen zu können. JJ war der Erste, dem ich offen sagte, dass ich auch schwul sei. Erst als ich merkte, wie locker es hier zuging, konnte ich mich ohne Angst outen.
Ich glaube JJ und ich waren uns früh einig, dass wir zusammen gehörten, wir wollten uns aber erst richtig kennenlernen. Die meiste freie Zeit verbrachten wir zusammen und auch die nicht freie. Wie oft bin ich zu JJ, wenn er arbeiten musste und nippte den ganzen Abend an einem Drink rum, da so was ja auch ganz schön ins Geld gehen kann.
Der Eintritt war nach einer Weile für mich als Stammgast frei. Und jetzt nach vier Monaten voller flirten, necken und rumalbern waren wir endlich zusammen. Klar, dass man da mit dem Sex auch nicht warten wollte. Ich bereute es nicht, dass wir es direkt getan hatten. Es war wunderschön!
Jessy
Die Sonne schien ein wenig durchs Fenster. Es war noch früh, aber schon hell. Als ich zur Seite blickte, trafen meine rehbraunen Augen auf ein blaues Meer, in dem ich versank. Ich erinnerte mich wie in Trance an gestern Abend.
Wir waren seit langem mal allein. Nick und ich. Ich hatte frei und er bereits Wochenende. Schon seit Wochen lag es mir auf der Zunge …ich steh auf dich …ich liebe dich. Wie sagt man so was am Besten?
Normalerweise sollte mir das leicht fallen, bei meiner Erfahrung. Bereits mit vierzehn hatte ich mein erstes Mal. Auch wenn ich nicht besonders stolz darauf war, dass es so früh passierte. Ich kannte ihn nur flüchtig, wusste außer seinem Namen, nur dass er schwul war und das reichte schon.
Sammy. Mein Erster. Siebzehn Jahre alt. Er war an der Schule in der Abschlussklasse und nutzte meine Leichtgläubigkeit aus. Ich konnte nicht mal behaupten, dass es gut war, wir hatten es halt getan. Oder besser gesagt, er tat es und ich hielt einfach nur still.
Es ging schnell. Er ignorierte mich danach, tat so, als würde er mich nicht kennen. Sammy hatte nur wenige Wochen darauf seinen Abschluss und ich sah ihn nie wieder, was vielleicht auch besser so war.
Ausgeweint hatte ich mich bei meiner Mutter, die mich alleine groß zog und bis heute meine beste Freundin war. Sie ließ mich auch mit siebzehn in eine Wohngemeinschaft ziehen. Das Haus erbte ich von meinem Onkel.
Unter den Mitbewohnern war Mike, mein bester Freund. Ich hatte ihn mit fünfzehn kennengelernt, ihn quasi umgerannt, da ich spät dran war. Er war drei Jahre älter als ich, also zu diesem Zeitpunkt schon achtzehn und gerade bei seinen Eltern ausgezogen, die nie Zeit für ihn hatten. Er wusste nicht wohin und ich nahm ihn kurzerhand mit nach Hause.
Meine Mutter Barbara lachte mich glatt aus und meinte, dass ich ständig Straßenkatzen auflesen würde. Nur weil ich einmal eine kleine Katze mit nach Hause gebracht hatte, die ich vorm Erfrieren retten wollte.
Mike blieb und so erlebte ich jede Menge. Er war schwul, volljährig, gutaussehend und hatte natürlich jede Menge Freunde, die ich alle kennenlernen sollte. Es begann eine wilde Zeit – eine sehr wilde Zeit.
Ich bereute nichts – fast nichts. Bis auf einige SM-Sachen hatte ich, glaube ich, so ziemlich alles durch. Herumexperimentierten tat ich bis zu meinem achtzehnten Geburtstag. Ich stehe dazu, denn diese Zeit gehört zu mir.
Als mein Onkel starb, war ich sechzehn. Er vererbte mir ein großes Haus nur zwei Straßen von meinem Zuhaue. Meine Mutter musste erst einmal das Erbe für mich antreten, bis zu meiner Volljährigkeit.
Mit siebzehn, wollte ich unbedingt hinüber ins Haus ziehen. Ich nervte meine Mutter so lange, bis sie nach gab. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ich nicht alleine dort einzog, schließlich kostete so ein Haus ja auch einiges.
Neben Mike waren auch schnell noch zwei weitere WG-Mitglieder zu finden, was nicht schwer erschien. Neben mir hatte Mike noch einen sehr guten Freund, namens Ben. Er sah aus wie ein Engel und war nur ein Jahr jünger als Mike.
Außerdem genauso wie ich heilfroh, von zu Hause wegzukommen. Er war bi, wobei es ihn mehr zu Frauen hinzog.
Und der letzte im Bunde war Chris. Er war gerade achtzehn geworden und hatte nur Stress mit seinem Vater. Er machte seine Ausbildung bei meiner Mutter im Krankenhaus, die übrigens Krankenschwester war.
Vielleicht war sie deswegen so locker drauf, weil sie ständig mit allen möglichen Charakteren klar kommen musste. Jedenfalls war Chris froh, bei uns mit einziehen zu dürfen. Eigentlich behauptete er immer hetero zu sein, obwohl ich mir sicher war, dass er und Ben schon mal.
Alles im allem waren wir eine super Mischung. Mit der einen oder anderen Gemeinsamkeit und für alles offen. Am Wochenende war stets Party angesagt und so verging die Zeit bis zu meinem achtzehnten wie im Flug.
Eigentlich wollte Mike eine Riesenparty für mich steigen lassen. Nur womit er nicht rechnete, dass an diesem Wochenende, keiner Zeit zu haben schien. Es waren große Veranstaltungen in den Nachbarstädten.
Im Grunde kein Problem, man könnte ja auch außerhalb groß feiern, nur Mike hatte ein wichtiges Geschäftsessen und ohne meinen besten Freund wollte ich nicht feiern. So kam es, dass ich den Abend erst allein verbrachte.
Es kamen viele Glückwünsche per SMS und einige riefen an. Barbara musste ebenfalls arbeiten. Sie hatte mir aber schon bei einem gemeinsamen Geburtstagsfrühstück gratuliert. Mike überraschte mich jedoch damit, dass er eher als erwartet nach Hause kam.
Er brachte eine Eistorte von unserer Lieblingseisdiele mit, worüber ich mich riesig freute. Mike jedoch entschuldigte sich, er erzählte mir, dass er so gerne eine riesige Party geschmissen hätte. Aber ich erwiderte nur, dass das größte Geschenk sei, ihn bei mir zu haben.
Er wusste es. Er hatte es all die Jahre gewusst. Wie sehr ich ihn liebte. Nur ich hatte nichts gemerkt, denn erst jetzt wurde es mir bewusst. Wie es die Situation so wollte, küssten wir uns und schliefen auch miteinander.
Am nächsten Morgen wurden wir von Chris und Ben überrascht, die den ersten Zug nach Hause genommen hatten, was mir echt peinlich war. Ich verschwand sofort unter die Dusche und heulte erst mal.
Wie konnte das passieren. Ich verliebte mich ausgerechnet in Mike, den Herzensbrecher, der noch nie eine feste Beziehung gehabt hatte. Und ausgerechnet jetzt musste es mir klar werden, dass ich all die Jahre nur auf der Suche nach dem Mann fürs Leben gewesen war. Ich wollte eine feste Beziehung und keine Herummacherei mehr. Ich schreckte hoch, als Mike auf einmal hinter mir in der Dusche auftauchte.
„Was ist los?“, fragte er.
„Ich liebe dich“, schluchzte ich.
„Ich weiß!“, kam es von Mike.
„Scheiße…Ich liebe dich. Warum dich?“, brachte ich unter Tränen hervor.
„Dankeschön“, brummte Mike.
„Was ist an mir so verkehrt?“, wollte er wissen
„Ich will dich nicht teilen! …hörst du! …“
Ich legte meine Arme um Mike und schrie ihn geradezu an.
„Ich will dich nicht teilen!“
„Das musst du auch nicht“, kam es nur schlicht von ihm.
Gesagt, getan. So kamen wir zusammen. Es hielt leider nur ein halbes Jahr. Mike liebte seine Freiheit mehr, als mich. Auch wenn er heute immer noch beteuerte, wie sehr er mich liebt und wie wichtig ich ihm war.
Unserer Freundschaft hatte es zum Glück nicht geschadet. Ich glaube sogar, dass uns die Beziehung fester aneinander schweißte. Wer hatte schon mit seinem besten Freund Sex? Das war nun ein Jahr her.
Die ganze Zeit war ich Single. Es gab da mal den einen oder anderen, aber so richtig kam da nie was zu Stande. Ich hatte auf Drängen meiner Mutter eine Ausbildung als Friseur durchgezogen. Wonach sie mir die Erlaubnis gab, meiner Leidenschaft nachzugehen – dem Tanzen.
*-*-*
Mit meinem Chef kam ich schon immer bestens klar. Wenn er mal außerhalb war, da er noch mehrere Clubs hat, hatte ich stets das Sagen, so wunderte sich auch keiner, als er mir den Club „Cliffs“ eines Tages überschrieb.
Das hieß für mich jedoch mehr Arbeit. Ausgerechnet jetzt musste mein Mr. Right gegenüber einziehen – Nick. Doch dies hielt uns nicht davon ab, zueinander zu finden. Mit meiner offenen Art sagte ich es ihm an jenen Abend.
Wir lachten fiel und alberten rum. Eigentlich wie immer, doch war die Stimmung viel knisternder als sonst.
„Du bist echt toll!“, sagte ich.
„Wie meinst du das?“, fragte Nick.
„So wie ich es sage. Ich mag dich! Ich steh total auf dich! Und ich will nie mehr ohne dich sein!“, antwortete ich ehrlich.
Nick lächelte.
Jessy
Ich schaute in seine schönen, tiefbraunen Augen. Versank in ihnen und vergaß alles um mich herum.
Meine Hände lagen an seinen Hüften und ich zog ihn sanft an mich. Presste meinen Unterleib an seinen. Genoss dieses Gefühl, diese Nähe für einen kleinen Augenblick.
Es gab nur ihn und mich. Hitze durchflutet meinen Körper. Ich konnte es nicht mehr verstecken, wie erregt ich war – wie heiß ich auf ihn war. Zu lange hatte ich auf diesen Moment gewartet. Ihn zu spüren.
Ihn zu schmecken. Ich benetze meine Lippen und küsste ihn zaghaft. Nur kurz. Ein Hauch. Seine Lippen waren so weich, wie sie aussahen. Ich konnte mich kaum zurückhalten, tat es aber und wartete.
Wartete, dass er den nächsten Schritt machte. Geduldig. Auch wenn es nur Sekunden dauerte, bis er sich zu mir vorbeugte, um mich leidenschaftlich zu küssen, kam es mir vor wie eine halbe Ewigkeit.
Seine Lippen berührten meine.
Wie heiß seine Zunge war. Wie gut er schmeckte. Wie gut er sich anfühlte. Ich zog ihn noch ein wenig enger an mich und streichelte dabei sanft durch sein braun gelocktes Haar. Meine Hände konnte ich kaum bei mir behalten, musste mich zwingen ihn nicht gleich hier in der Küche zu vernaschen.
Ihn vielleicht noch gar nicht zu vernaschen. Wahrscheinlich brauchte er noch Zeit, schließlich war es für ihn das erste Mal. Vorsichtig zog ich mich aus dem Kuss zurück und schaute wieder in seine schönen Augen.
Sie leuchteten. Feuer und Leidenschaft spiegelten sich in ihnen wieder. Er nahm meine Hand und führte mich die Treppe hinauf. Eigentlich war doch ich hier zu Hause. Aber er fühlte sich schon lange wohl hier und mir kam es vor, als ob er auch hier wohnte.
So benahm er sich jedenfalls meistens.
Noch eine Treppe, dann standen wir vor meiner Zimmertür. Die ganze dritte Etage gehörte mir, mit einem eigenen Bad und einer großen Terrasse. Er öffnete die Tür und zog mich hinein. Wieder berührten sich unsere Lippen, trafen sich unsere Zungen, waren sich unsere Körper wieder nah.
Irgendwie schaffte ich es die Tür hinter uns zu schließen, ohne dass wir uns voneinander lösen mussten. Er war so fordernd. Hatte ich mit meinem Gedanken doch unrecht, dass er noch nicht so weit war.
Unsere Zungen spielten heftig miteinander, heiß und innig öffneten und schlossen sich unsere Lippen. Wie ich dieses feuchte Spiel liebte. Jetzt konnte und wollte ich meine Hände nicht mehr bei mir behalten.
Ich ließ sie langsam unter sein T-Shirt wandern, streichelte sanft seinen schlanken und dennoch muskulösen Rücken. Als er sich daraufhin von unserem Kuss löste, befürchtete ich schon, doch zu weit gegangen zu sein.
Aber er streifte sich schnell das Shirt über den Kopf und machte sich anschließend an meinem zu schaffen. Welches mit meiner Hilfe auch auf dem Boden landete. Wieder vereinten sich unsere Lippen.
Wie gut sich seine nackte Haut anfühlte, so zart und heiß. Sein Bauch war fast so flach wie meiner und es zeichneten sich zart seine Bauchmuskeln ab, über die ich nur zu gerne streichelte. Jetzt konnte auch er seine Erregung nicht mehr verheimlichen.
Ich schmiegte mich an seine Brust. Wie ich es liebte, dass er gut einen Kopf größer war als ich, auch wenn er 1 ½ Jahre jünger war. Süße achtzehn. Er fummelte unbeholfen an meiner Jeans rum.
„Och Mensch, jetzt helf mir doch mal“, quengelte er.
„Bist du sicher, dass du schon so weit gehen willst? Wenn die Hose erst mal aus ist, kann ich für nichts mehr garantieren“, grinste ich ihn an.
„Dann garantiere doch für nichts“, erwiderte er und zog sich seine Hose aus.
Okay, er wollte es ja so.
Also zog auch ich meine Hose aus. Wir legten uns aufs Bett, Seite an Seite und küssten uns erneut. Jetzt fühlten sich die Küsse noch besser an. Wir schmiegten uns aneinander. Ich versiegelte seine Lippen mit den meinen und ließ anschließend meine Zunge auf Wanderschaft gehen.
Seinen Hals entlang bis hin zu seinem Ohrläppchen, wo er sehr empfindlich war. Das merkte ich daran, dass er leise, kaum hörbar aufstöhnte und über den ganzen Körper eine feine Gänsehaut bekam. Diese Stelle musste ich mir also merken.
Ich liebkoste ihn weiter. Seine Atmung ging schneller. Jetzt ließ ich auch meine Hände auf Wanderschaft gehen. Als ich diese seine Oberschenkel hinauf gleiten ließ, hielt ich für einen Moment inne.
Seine Augen waren geschlossen, sein Atem ging ruhig, wie still er da lag und alles geschehen ließ.
„Wie schön du bist“, mehr bekam ich nicht raus, schließlich konnte ich mein Glück noch immer nicht fassen.
Er öffnete die Augen und lächelte mich an.
„Du folterst mich mit Absicht, richtig?“
„Was?“, ich verstand nur Bahnhof.
Aber im selben Moment drückte er mich in die Kissen. Jetzt war er oben und obwohl er so was noch nie gemacht hatte, war er echt verdammt gut. Der Mann raubte mir gerade den Verstand. Kein Wunder, Schmetterlinge im Bauch hatte ich vom ersten Augenblick.
Dennoch hatte ich nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt, denn normalerweise hatte bei mir so etwas immer länger gedauert. Wir waren einfach auf einer Wellenlänge. Warum hatte es nur vier Monate gebraucht, bis wir zueinander gefunden haben?
Vielleicht war da einfach zu viel Angst. Ich wollte mir einfach sicher sein, dass wir zueinander gehörten und dass alles stimmte. Und jetzt, genau in diesem Moment, saß mein kleiner Traumprinz auf meinem Schoß und liebkoste meinen Hals.
Er hatte also auch meine empfindliche Stelle so schnell gefunden, wie ich seine. Nick brachte mich zum Stöhnen und das sollte schon was heißen, da ich sonst eigentlich nie stöhnte. Sanft drückte ich ihn hoch, küsste ihn erneut und lotste ihn vorsichtig von mir runter.
Neckte ihn noch ein bisschen und biss sanft in seinen Bauch, den ich anschließend mit Küssen übersäte. Ich küsste mich wieder nach oben, zu Nicks Lippen, wo er mich stürmisch empfing. Diese Hitze.
Es knisterte gewaltig in der Luft, was sich verdammt gut anfühlte. Das letzte Mal war eine Ewigkeit her. Wir bissen heftig herum und meine Hände streichelten Nicks Körper…seinen Rücken entlang…zu seinen knackigen Hintern.
Vorsichtig glitten meine Finger zwischen seinen Pobacken. Nick durchlief ein Schauer und er zuckte. Ich hätte mich in diesem Moment ohrfeigen können, denn anstatt dass ich die Sache langsam angehen ließ, ging ich gleich aufs Ganze.
„Ist ok“, sagte ich, „wir müssen nicht!“
Nick lächelte: „Nein! Ich will es. Nur…versprich mir vorsichtig zu sein.“
„Versprochen!“
Wieso sollte ich auch nicht? Schließlich liebte ich Nick und wollte, dass es ihm gefiel und dass er es wiederholen wollte. Mit einem Kuss versiegelte ich mein Versprechen und ließ nun meine Zunge über Nicks Körper wandern.
Erst zu einem seiner Ohrläppchen, um ihn wahnsinnig zu machen, dann knabberte ich an seinen Brustwarzen und biss noch einmal in seinen flachen Bauch. Wanderte küssend erst den linken und dann den rechten Oberschenkel hoch, um anschließend seinen unter mir windenden Körper zu erlösen – IHN zu liebkosen.
Nick stöhnte lustvoll auf. Ich umschloss seine Härte mit meinen Lippen und ließ meine Zunge spielen. Erst als Nick mir über den Kopf streichelte, ließ ich sanft von ihm ab. Als er erleichtert wirkte, schaute ich ihn an.
„Das war echt knapp“, schnaufte Nick.
Ich musste grinsen: „Das ist gut.“
Nun hob ich ein Bein von Nick an und leckte seinen Oberschenkel entlang. Nick konnte kaum noch still halten unter mir. Erst als ich meine Zunge tiefer gleiten ließ, war Nick auf einmal ganz ruhig. Meine Hand hatte sein bestes Stück fest im Griff und meine Zunge bahnte sich ihren weg.
Nick hielt brav still und ich konnte spüren, wie er Vertrauen gewann und los ließ. Mit einem Finger rieb ich langsam über seinen Schließmuskel, vergewisserte mich aber, dass es okay war. Ich hielt kurz inne und feuchtete meinen Finger an, mit dem ich erneut seinen Schließmuskel streichelte.
Nun überraschte Nick mich, der einfach meine Hand nahm. Erst dachte ich, er wolle sie wegschieben, aber stattdessen schob er meinen Finger hinein in seine Hitze.
Im selben Moment zog Nick scharf die Luft ein. „Langsam,“ ermahnte ich ihn und zog ihn an mich ran, zu einem Kuss.
„Geht“s?“, fragte ich besorgt.
„Jetzt ja“, antwortete Nick und küsste mich erneut heiß und innig.
Ich löste mich, widmete mich seinem Ohrläppchen und als Nick sich mir entgegen drückt, fange ich an meinen Finger langsam zu bewegen. Nick streichelte mir über den Rücken und ich entzog meinen Finger seiner Hitze.
Einen Seufzer hörte ich von ihm und konnte ein grinsen nicht vermeiden, da er meine Hand schon wieder nach unten drückte. Unter heißen Küssen öffnete ich die Schublade meines Nachttisches, um nach Gleitcreme und einem Kondom zu kramen.
Unterdessen rutschte Nick zwischen mir nach unten. Beim ersten Versuch übernahm er sich, denn er hustete und würgte.
„Hey, immer langsam“, ermahne ich ihn abermals. Aber er hatte schon zum zweiten Versuch angesetzt und diesmal schaffte er es ohne Probleme.
„Langsam! Sonst …“, warnte ich ihn.
Ich schob ihn wieder hoch, bevor dieses Spiel ein zu schnelles Ende nehmen sollte und massierte sein Loch mit Gleitcreme. Währenddessen versuchte sich Nick darin, mir ein Kondom überzustreifen.
„Ist das kompliziert“, schimpfte er. Ich übernahm diese Arbeit und währenddessen brachte Nick sich in Stellung, als hätte er es schon unzählige Male gemacht.
Vorsichtig drang ich in Nicks Hitze ein, küsste ihn um ihn abzulenken. Langsam, ganz langsam. Erst mal nur bis zur Hälfte. Ich hielt kurz inne, schaute in Nicks wunderschöne, hellblaue Augen.
Er nickte und ich zog ihn an mich ran.
Nick stöhnte lustvoll auf. Ich musste erneut grinsen, konnte und wollte mich jetzt nicht mehr zurückhalten. Langsam fing ich an mich zu bewegen und küsste ihn leidenschaftlich dabei. Nick ließ sich voll gehen.
Wir steigerten den Rhythmus ins Unermessliche. Nick stöhnte immer heftiger, warf seinen Kopf nach links und nach rechts. Und dann wie ein Feuerwerk, explodierten wir unter Ekstase. Ich rang nach Atem und ließ mich neben Nick aufs Bett fallen.
Das ging jetzt aber ziemlich schnell. Vielleicht weil wir einfach viel zu heiß aufeinander waren. Wir lächelten uns an und kuschelten uns aneinander … streichelten … küssten uns.
„Alles okay?“, fragte ich Nick.
„Mir ging es nie besser!“, antwortete dieser, „aber beim nächsten Mal…“, Nicks Hände gingen auf Wanderschaft.
Streichelten über meinen Rücken bis hin zu meinem Hintern und schließlich strichen seine Finger zwischen meinen Backen entlang.
„Beim nächsten Mal will ich dich!“, vollendete er seinen Satz.
„Nichts lieber als das“, konnte ich noch antworten, bevor Nicks Lippen meine fordernd versiegelten.
*-* Ende*-*

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Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 01:58 PM - No Replies

“Say I love you, is not the words, are to hear from you.” (Extreme – More than words)

Jeden Tag dasselbe, immer stand ich in diesem blöden Stau. Mittlerweile könnten sie fertig sein mit ihrer Baustelle. Seit letztem Jahr bauten sie nun an dieser Umgehung, nie sah man irgendwelche Arbeiter, auf der Baustelle. Kein Wunder, so werden die
nie fertig, dachte ich mir, als mein Vordermann sich wieder in Bewegung setzte.
Anscheinend lief es jetzt ein bisschen, wenn auch nur im Schritttempo. Der Gedanke, dass ich jetzt nach Hause fuhr und Feierabend hatte, beruhigte mich. Der ganze Tag heute war schon schiefgelaufen. Die Kunden am Telefon waren heute mehr als Beschwerdefreundlich.
Seit ich die Frachtverteilung in unserer Spedition übernommen hatte, saß ich nur noch im Büro und hing den ganzen Tag am Telefon. Nur Preisgespräche, Verspätungen und Lieferengpässe. Und seit die Schweiz, ihren Verkehr anders regelte, war ein pünktliches Ankommen in Italien fast unmöglich.
Da war ich froh, dass ich nicht mehr einer unserer Lkwfahrer war, sondern nur im Büro saß. Hört sich auch einfach an, aber das Frachtgut für fünfundzwanzig Wagen zusammen zustellen, brachte mich mehr als einmal am Tag in Rage.
Nun saß ich aber in meinem Auto Richtung zu Hause. Immer noch langsam schob sich die Autoschlange durch den Ort. Umso mehr freute ich mich, als ich endlich meine Strasse erblickte und abbiegen konnte.
Ich stellte meinen Golf in die Garage, weggehen wollte ich heute Abend nicht mehr. Ich schloss gerade die Haustür auf, als meine liebe Nachbarin, Frau Bierapfel mich vom Nachtbargrundstück rief.
„N´abend Herr Vogel, scho Feierowed?“
„Ja endlich und dann noch Wochenende, was wünscht man sich mehr…“, gab ich zur Antwort.
„Do hawe se recht. Kenne se mol riwer komme, ich hät do e Frog an sie?”
„Was ist denn?“ fragte ich, als ich an ihren Zaun getreten war.
„Es geht dorum, ob ihre Firma a für Privatleut Sache ausfahre würd.“
„Ist zwar teuer, ja das machen wir auch.“
„Ich wollt au nur froge, weil en Bekannter von meinem Sohn, mit seinem Hausstand nach Italie umziehe will. Sie wisse doch mein Sohn schafft beim Fernseh und do will oiner von dene Promis umziehe.“
„Und um welchen Promi handelt es sich?“
„Och ich weiß net recht, sie wisse doch, do renne doch imma so viel gwichtige Leit rum.“
„Da gibt’s ja nun wirklich viel zu viel.“
„Do muss ich ihne Recht gewe, ich weiß nur, der muss was mit Musik zu tue hawe.“
„Musik. Ihr Sohn soll doch einfach mal bei uns anrufen, Moment, hier ist meine Karte vom Geschäft.“
„Oh danke, mein Sohn kummt nochhär no vorbei, do kann ichse ihm glei gewe.“
„Ja, machen sie das. So jetzt muss ich aber rein, der Freund ihres Sohnes soll doch einfach mal anrufen.“
„Ich werds ausrichte Herr Vogel, no en schener Owed.“
„Danke gleichfalls, Frau Bierapfel.“
Erneut schloss ich die Haustür auf und nahm meine Tasche vom Boden. An diesen Dialekt werde ich mich nie gewöhnen, dachte ich. Jetzt wohne ich schon sieben Jahre hier, aber Schwierigkeiten mit dem Verstehen hab ich immer noch.
Ich betrat meine Wohnung und lies die Tasche neben der Gardarobe fallen. Ich sollte morgen einkaufen gehen, dachte ich, als ich den leeren Kühlschrank sah, oder jetzt noch vielleicht, hatte es ja nicht weit zum Supermarkt, nur ein paar Strassen weiter. Aber zu erst ging ich mal duschen.
Im Supermarkt war ich mir unschlüssig was ich kaufen sollte, weil ich nicht wusste, was ich mir am Wochenende kochen sollte. So schob ich meinen Wagen durch die Gänge und hielt Ausschau. Dabei hätte ich fast Sabine übersehen, die ihren Wagen voll in meinen hinein lenkte.
„Hallo Sabine.“
„Hallo Mike.“
„Und auch noch unterwegs, die letzten Besorgungen zu machen?“
„Ja grad noch. Hör mal kommst du auch zu der Fete von Klaus?“
„Ich weiß noch nicht so recht, weil wenn Florian auftaucht, da ich echt keine Lust drauf hab.“
„Bist du immer noch nicht über eure Trennung hinweg?“
„Geht eigentlich, aber ich hab seine ewigen Entschuldigungen satt.“
„Das hat er sich ja selber zu zuschreiben, verstehe es immer noch nicht warum er sich mit diesem Dieter eingelassen hat, ist doch voll der Macho.“
„Wo die Liebe hinfällt Sabine.“
„Hast ja Recht, enttäuscht bin ich jedenfalls trotzdem von Florian.“
„Da bist du nicht die einzigste. Mal sehen, vielleicht komm ich doch, wär mal Zeit mal wieder aus meinen vier Wänden rauszukommen.“
„Okay, dann vielleicht bis morgen, ich muss weiter Peter wartet zu Hause.“
„Was macht sein Knie?“
„Er kann mittlerweile wieder ganz gut laufen, bin froh das er sich endlich operieren lassen hat. Die Humplerei hat doch ganz schön genervt.“
„Dann ist ja gut, also tschüss dann, und ein Gruß an Peter.“
„Ja mach ich Ciao.“
Ich fand dann doch noch endlich die richtigen Sachen. Ich ging zur Kasse und bezahlte. Es war doch mehr, wie ich kaufen wollte, aber das war ja immer so. Ich lief mit meinen schwerbeladenen Rucksack in Richtung nach Hause.
Zu Hause angekommen, verstaute ich alles und machte es mir dann im Wohnzimmer bequem. Sollte ich morgen wirklich auf die Fete gehen, Lust hatte ich ja nicht direkt. Aber nur wegen Flori, mich die ganze Zeit in der Wohnung zu verstecken, dass sah ich dann auch irgendwie nicht ein.
Also geh ich morgen zu der Fete, egal was oder wer kommen mag. Ich schaute mir das langweilige Programm im Fernseher an und irgendwann muss ich dann eingeschlafen sein. Irgendwann tief in der Nacht, wachte ich dann auf. Ich schaltete den Fernseher aus, und schleifte mich ins Bett, wo ich gleich wieder einschlief.
*-*-*
Die ersten Sonnenstrahlen weckten mich, sie schienen mir direkt in die Augen. Ich hatte beim Schlafen gehen vergessen, den Rollladen runter zu machen. Ich musste niesen, als ich direkt in die Sonne schaute. Ich streckte mich und genoss die kuschelige Wärme meines Bettes.
Ich konnte ja liegen bleiben musste ja nicht arbeiten. Wieder kam mir die Fete in den Kopf und dann war all die Erinnerung an Florian wieder da, wie ich ihn kennen lernte. Ich musste bei dem Gedanken grinsen, als er mir damals voll in mein Eis reingelaufen ist, weil er nicht schaute, wo er hinlief.
Das Eis lief ihm an der Wange herunter und tropfte in seinen Halsausschnitt, so geschockt war er im ersten Augenblick. Zu seinem Pech lief er dann noch rückwärts und fiel in den Brunnen. Ich weiß noch, wie ich fast in die Hosen gemacht habe vor lachen.
Und dann der riesige rote Rosenstrauß, der er mir als Entschuldigung nach Hause brachte und vor meiner Wohnungstür stolperte und inmitten der Rosen auf den Boden fiel. Florian ist immer ein Tollpatsch gewesen.
Das war alles vorbei, aber egal, Hauptsache es tat nicht mehr weh. Er hatte sowieso geklammert, was ich nie vertrug. Jetzt hieß es Ausschau halten nach was Neuem. Aber fest sollte es schon sein, so One – Night – Stand war nicht meine Sache.
Als ich wieder aufwachte, war es bereits Mittagszeit. Schweren Herzens stand ich dann doch auf, musste mich ja endlich mal wieder ansehnlich machen. Was sollte ich heut Abend nur anziehen, was Aufreizendes oder etwas Kühles und Abweisendes.
Ich ging erst mal ins Bad und wusch mich ein wenig, um nicht ganz so verdrückt vom Bett auszusehen. Da ich wusste dass die Feten von Klaus schon recht früh anfingen, suchte ich mir dann doch die Klamotten raus, die anziehen wollte. Essen wollt ich nichts mehr, aber einen Kaffee musste ich haben, sonst lungere ich den ganzen Abend herum.
Fertig gestylt verließ ich meine Wohnung. Ich lies mein Auto stehen, zu Klaus war es ja nicht weit, und falls ich was trinke, muss ich ihn dort nicht stehen lassen. Ich genoss die Mittagsbrise und lief gemütlich die Allee entlang.
Ein paar Autos standen schon vor dem Haus von Klaus. Florians konnte ich nicht entdecken. Also ging ich rein, die Haustür stand offen.
„Hallo noch jemand da?“
„Hi Michael, schön dass du doch kommst, Biene meinte sie wär sich da nicht so sicher“, sagte Klaus der aus der Küche stürmte.
„Ich hab nur gesagt vielleicht kommt er nicht, mehr nicht“, meinte Sabine, die im unmittelbar folgte.
„Jetzt bin ich ja da, wo ist der Kaffee?“
„Dir wird deine Kaffeesucht mal noch zum Verhängnis“, kam es von Sabine und verschwand wieder in der Küche, „komm einfach mit hier steht genug.“
„Mmmh, wies hier lecker duftet“, meinte ich und lief dem Geruch nach.
Sabine schenkte mir bereits einen Pott voll Kaffee ein und reichte ihn mir. Überall in der Küche waren Leckereien verteilt, man konnte schlemmen nach Herzenslust.
„Willst du nicht mal einen von meinen Liebesknochen probieren?“ fragte mich Sabine.
„Liebesknochen?“
„Ja die hier“, meinte sie und hielt mir einen Teller unter die Nase.
Ich nahm einen und bis hinein, schmeckte lecker.
„Oje ich befürchte ich nehme heut ein paar Kilo zu“, sagte ich zu Sabine.
„Könntest du gebrauchen, hast du abgenommen?“ kam es von der Tür.
„Ah, hallo Harald, nein, nur vorteilhafte Kleidung an“, antwortete ich grinsend.
„Lange nicht gesehen Kleiner und wie steht’s?“
„Immer noch gut, stimmt wir haben uns ja ne Weile nicht gesehen.“
„Ja seit dem Abend, als ich dich stockbesoffen nach Hause gebracht habe.“
„Du warst stockbesoffen?“ fragte mich Sabine entrüstet, „so kenn ich dich ja gar nicht.“
„Ich weiß, hab ein bisschen tief in die Flasche geguckt“, gab ich zur Antwort.
„Bisschen ist gut, ich konnte Mike gerade noch abhalten in der Kneipe, in der wir waren, einen Strip hinzulegen“, meinte Harald lachend.“
Ich wurde feuerrot im Gesicht.
„Jetzt weiß ich auch endlich warum mich dort jetzt alle immer angrinsen“, sagte ich kleinlaut.
Sabine und Harald fingen an zu lachen.
„Na ihr drei, so fröhlich? Wollt ihr nicht in den Garten zu uns anderen kommen?“, fragte Klaus der grad in die Küche kam.
Ich schnappte wieder meine Kaffee und lief Richtung Garten.
„Hi Michael, da bist du ja endlich“, kam es von Miriam, die sich gleich stürmisch mir um den Hals schmiss.
„Miriam, Mike ist zwar solo, aber du wirst wohl doch trotzdem keine Chancen haben bei ihm, wann kapierst du das endlich?“, fragte Joe und nahm mich in den Arm zur Begrüßung.
„Man soll die Hoffnung nie aufgeben, gell Miriam?“, kam es von Andrea und begrüßte mich ebenfalls mit einer Umarmung, „und das ist Georg ein Freund, den hast du noch nicht kennen gelernt.“
Ich schüttelte Georg die Hand.
„Wo steckt unser Obertollpatsch?“ fragte Joe laut.
„Ich weiß nicht wann er kommt“, meinte Klaus.
Jeder wusste, dass es sich nur um Florian handeln konnte, den Joe meinte. Irgendwie blieben alle Blicke bei mir heften.
„Schon gut Leute, ich bin drüber weg, macht euch keinen Kopf deswegen“, sagte ich und alle widmeten sich wieder ihrem Kaffee oder Kuchenstück.
„Hallo Leute, ich bin da, wer noch?“ drang es aus dem Haus.
„Hier Susanne“, drang es aus uns wie im Chor.
Susanne trat an die Balkontür.
„Hallo Leute, zum zweiten. Na alle schon dabei sich mit Kalorien zufüllen?“
„Ja Susanne, wir schlemmen in vollen Zügen“, sagte Joe und schob sich das letzte Stück seiner Sahnetorte rein.
Eine kurze Begrüßung jedes einzelnen folgte. Ich setzte mich mit Harald, auf die Bank und genoss weiter meinen Kaffee. Plötzlich stand Florian an der Balkontür.
Keiner nahm so richtig Notiz von ihm, nur kurze Begrüßungen. Das fand ich jetzt aber nicht richtig. Nur weil er mir den Laufpass gegeben hat, ist es nicht richtig, ihn jetzt wie einen Aussätzigen zu behandeln.
Also stand ich auf um Florian zu begrüßen. Ich wusste zwar, dass dann sämtliche Ohren an uns hafteten, aber das war mir egal.
„Hi Flori, lange nicht gesehen“, sagte ich.
„Hallo Michael, stimmt.“
„Kein Mike mehr?“
„Ähm, ich dachte Mike nur bei guten Freunden“, sagte er unsicher.
„Bist doch ein Freund oder nicht?“
„Ja schon, aber ich dachte…“
„Denk nicht, sondern rede. Geht’s dir gut?“
„Ich kann nicht klagen, und dir?“
„Gut siehst du doch“, versuchte ich zu schauspielern, was mir auch gelang. Er nahm es mir hab und schaufelte eine Sahnetorte auf seinen Teller.
Jetzt war das Eis irgendwie gebrochen und alle redeten mit Florian. Irgendwie fand ich es zwar immer noch blöd, aber ich wollte nicht, dass deswegen eine miese Stimmung auf dem Abend lag.
Ich setzte mich zurück zu Harald und wir plauderten ein wenig von der Spedition.
„Und du musst wirklich nicht mehr fahren?“ fragte Harald.
„So wie es der Chef behauptet nicht, vielleicht in Notfällen, wenn Not am Mann ist aber das kommt recht selten vor, “ gab ich zur Antwort.
„Dann bist du sicherlich froh über deine geregelte Arbeitszeit?“
„Ja bin ich, zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, weil ich ja jetzt jeden Abend fast pünktlich zu Hause bin, aber da gewöhne ich mich sicherlich schnell daran.“
„Oh Klaus kommt mit dem Grillgut, da wird ich mich mal zu Grill stellen und aufpassen, dass nichts anbrennt wie das letzte Mal.“
„Mach dies, Harald, ich will auch keine Kohlsteaks essen.“
Beide lachten wir.
Der Abend klang gemütlich aus. Ich hob meinen Bauch, hatte anscheinend doch zu viel gegessen, na ja auch getrunken. Wir verabschiedeten uns alle voneinander, und so machte ich mich leicht schwankend auf den Heimweg.
„Warte Mike“, rief es hinter mir her.
Ich drehte mich um und Joe kam mir hinterher gesprungen.
„Kann ich ein Stück mit dir gehen, wir haben ja fast denselben Weg“, fragte er.
„Gerne Joe, bin ich schon nicht so alleine.“
„Und alles in Ordnung?“
„Wenn du damit meinst, ob ich genug gegessen hab und getrunken, so muss ich mit Ja antworten.“
„Nein dachte eher wegen Florian.“
„Ach so, deswegen. Nein, war in Ordnung, er hat mich nicht genervt und sonst sich auch den ganzen Abend von mir fern gehalten.“
„Dann ist ja gut.“
„Warum seid ihr alle so besorgt um mich, das Thema Florian ist gegessen, Schnee von gestern.“
„Wir haben uns halt Sorgen um dich gemacht, die letzte Zeit dich selten gesehen.“
„Ist ja lieb von euch, aber mir geht es wieder gut. Und was macht die Liebe bei dir?“
„Unverändert.. nur das der Typ, den ich liebe jetzt wieder solo ist.“
„Oh Joe, bitte. Such dir doch endlich mal nen gescheiten Freund.“
„Du wärst ein gescheiter Freund.“
„Joachim, wie oft soll ich dirs noch sagen. Für eine enge Beziehung, reicht es eben nicht bei mir. Ich mag dich gern als Freund, aber mehr halt doch nicht.“
Joe schaute traurig daher. O Mann, musste ich wieder ins Fettnäpfchen treten. Joe war ja ein süßer Kerl, aber nicht mein Geschmack. Ich legte meinen Arm um und er lehnte seinen Kopf an.
„Ich fühle mich ja sehr geehrt, dass du mich liebst, aber mehr als ein Freund kann ich eben nicht sein“, sagte ich leise und spürte seine Hand auf dem Rücken, dass mir komischerweise ein Wohlgefühl brachte, dass ich schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Am nächsten Morgen wurde ich mit angenehmen Küssen geweckt. Ich öffnete die Augen und Joe lag in meinen Armen. Wie vom Blitz getroffen fuhr ich hoch.
„Ist was?“ fragte mich Joe erschrocken.
„O Mann, wie kommst du in mein Bett?“
„Ähm, zum Ersten du liegst in meinem Bett, wir sind bei mir. Und zum Zweiten bist du gestern freiwillig mit zu mir gegangen.“
„Sorry ich wusste im ersten Augenblick, was los ist.“
Ich sank wieder zurück zu Joe in deine Arme.
„Keine Sorge Mike, du hast mir schon gestern Abend gesagt, das hier ist einmalig, und wird nie wieder vorkommen.“
„Und du hast trotzdem mit mir geschlafen?“
„Nicht böse sein, aber ein langgehegter Wunsch ist in Erfüllung gegangen, ich durfte endlich mal eine Nacht mit dir verbringen.“
„Und du bist in keinster Weise verletzt?“
„Nein bin ich nicht, mach dir deswegen keinen Kopf. Es war einfach nur eine wunderschöne Nacht mit dir“, meinte er zu mir und zog mich zu einem Kuss zu sich.
Am späten Mittag traf ich endlich in meiner Wohnung ein. Mir ging Joe nicht mehr aus dem Kopf. Wie war das eigentlich, geht mir One-Night-Stands gegen den Strich. Und was war das heute Nacht.
Ich ging erst mal unter die Dusche. Jede einzelne Faser meines Körpers schien nach Joe zu riechen. Ich wusste selber nicht warum ich nicht mehr für ihn empfand, als einen normalen Freund. Ich mochte ihn sehr und das war alles.
Doch seit heute Nacht hatte dies sich wohl geändert. Keine Minute verging, dass ich nicht an ihn dachte. Mein Körper verlangte nach ihm. Ich stieg aus der Dusche, trocknete mich ab. Nackt legte ich mich auf mein Bett und spürte die harte Erektion zwischen meinen Beinen.
Er war ja auch ein süßer Kerl. Seine dunkelbraunen gelockten Haare betonten seine grünen, großen Augen. Er war ungefähr so groß wie ich, um die 185, und sein Body… wow, man merkte, dass er ein Schwimmer war, kein Gramm Fett zuviel. Im Gegensatz zu mir.
Das viele sitzen im Lkw und jetzt auch im Büro, hatte sich schon bemerkbar gemacht. Ich wog sicherlich das Viertelste mehr als er. Was mir auch auffiel, war seine lockere Art. Er war eine reine Frohnatur, immer ein Lächeln übrig, und wenn ich mich recht erinnere, noch nie hatte ich Joe down gesehen.
Über den Gedanken musste ich wohl eingeschlafen sein. Ich wachte auf, weil es mich fror, war ja nicht angezogen. Ich stand auf zog mir meinen Jogging über und ging in die Küche und machte mir eine Kleinigkeit zu essen.
*-*-*
Am nächsten Morgen stand ich wieder pünktlich im Morgenverkehrsstau. Mittlerweile hatte ich mir angewöhnt früher von zu Hause wegzufahren, um nicht in letzter Sekunde im Geschäft anzukommen.
Der Wagen meines Chefs und meiner Kollegin standen bereits da, auch waren schon Mitarbeiter dabei drei Lkws zu beladen. Ich schloss meinen Wagen ab und lief über das Gelände Richtung Büro.
Mit einem Wink begrüßte ich meine Kollegen auf der Rampe. Ich lief ins Haus, stempelte meine Karte ab und lief die Treppe rauf zu meinem Büro.
„Morgen Michael, gut dass du kommst“, sagte meine Kollegin Christiane zu mir.
„Wieso ist schon wieder die Hölle los?“ fragte ich.
„Auch, aber der Chef erwartet dich dringend, wegen einem Auftrag. Und die Polentour ist ins Wasser gefallen, die Firma dort hat Pleite gemacht.“
„Oh Mann, dass heißt wir können alles wieder auseinander packen und an die jeweiligen Firmen zurückschicken“, ärgerte ich mich.
„Keine Sorge Michael, dass Lager ist bereits dabei, alles zu sortieren.“
„Gut dann geh ich mal zum Chef und frag was er will.“
„Bis gleich Michael.“
Ich lief den langen Flur entlang und stoppte vor der Tür meines Chefs. Ich zupfte meine Klamotten zu Recht und klopfte.
„Herein.“
Ich öffnete die Tür und trat ein.
„Morgen Vogel, endlich kommen sie, ich brauch sie dringend.“
„Morgen Chef, was steht an?“
„Haben sie schon ab Mittwoch bis zur nächsten Woche Freitag etwas vor?“
„Nee, eigentlich nicht.“
„Dann setzten sie sich mal. Ich weiß nicht wie sie es geschafft haben, so einen Kunden an Land zu ziehen, aber sie haben es.“
„Welchen Kunden, wenn ich fragen darf?“ meinte ich erstaunt.
„Einen Musikverlag, der welcher die Gruppe, wie heißt sie?“ mein Chef durchstöberte seine Papiere und zog ein Blatt hervor, „ach ja Blue heißen die und kommen aus England, kennen sie die?“
„Ja hab ein paar Lieder zuhause von ihnen, aber was hat das ganze mit mir zu tun?“
„Ganz einfach. Ich erkläre es der Reihe nach. Die Gruppe Blue möchte eine Tour in Europa starten. Es wurden von uns vier Lkws gebucht, Fahrer stellen die. Drei für die Tour und einen für den Umzug.“
„Umzug?“
„Ja, während die Gruppe auf Tour ist, wird ein kleines Häuschen in der Toskana hergerichtet, wo die Jungs während der Pausen unterschlupfen können. Musikstudio und Ausrüstungen müssen da runtergefahren werden.“
„Soll ich das koordinieren?“
„Nein Vogel sie sollen es hinfahren.“
„Wieso ich, ich wollt doch nicht mehr fahren, das wissen sie doch.“
„Weil es ausdrücklich gewünscht wurde.“
„Von wem?“
„Fragen sie nicht mich, es wurde mir so mitgeteilt.“
So langsam begannen meine grauen Zellen zu arbeiten. Frau Bierapfel hatte ihrem Sohn den Marc, meine Karte gegeben. Marc kannte mich gut und bekam auch mit, dass ich mich von Florian getrennt hatte, und vor allem Marc hatte Einfluss.
„Und warum brauche ich dann solange Zeit bis nächste Woche?“
„Sie sollen bei der Tourplanung dabei sein, denn die Herren wünschen, dass sie die Führung des Lkwkonvoi übernehmen sollen.“
„Jetzt mal langsam.“
„Vogel sie haben schon richtig verstanden. Ich brauche nur noch ihre Einwilligung, alles andere habe ich schon geklärt.“
Er übergab mir sämtliche Papiere und gab mir die Hand.
„Vogel vertreten sie unsere Firma würdig. Wäre toll wenn wir noch mehr solcher Aufträge bekämen.“
„Okay Chef.“
Total neben der Rolle verließ ich sein Büro und ging zurück in meines.
„Du siehst aus, als hätte der Chef dich ein Kopf kürzer gemacht“, sagte Christiane zu mir.
„Nein , schlimmer.“
„Was ist denn du bist ja ganz weiß, setz dich doch erst mal.“
„Das wundert mich nicht.“
„Jetzt erzähl schon.“
„Der Chef schickt mich auf Tour.“
„Wie auf Tour? Ich dachte du machst keine Fahrten mehr?“
„Wollte ich auch nicht, aber dieses Angebot ist zu verlockend.“
Ich erzählte ihr in groben Zügen, alles was mir der Chef mitgeteilt hat. Sie verzog das Gesicht.
„Das heißt ja, dass du über den ganzen Sommer nicht hier bist, sogar bis in den Oktober.“
„Das heißt auch, dass du einen neuen Kollegen kriegst, weil so wie ich die Sache sehe, ich dich hier für die Koordination brauche.“
„Wirklich?“
„Christiane, ich kann nicht alles von unterwegs anleiern, ich brauch jemanden, der für mich die Dinge hier regelt. Das heißt aber auch, dass ich dich Tag und Nacht erreichen können müsste, geht das?“
„Hört sich ja voll spannend an, natürlich Michael, auf mich kannst du zählen.“
„So und ich ruf jetzt erst mal, diesen Menschen von Musikverlag an. Da steht nur Philipp auf der Karte.
„Okay lass dich nicht stören.“
Ich telefonierte den ganzen Vormittag und kam total erschöpft in die kleine Kantine unseres Betriebes. Einer der Fahrer rief mich zu sich.
„He Mike, hast mal wieder das Glückslos gezogen“, meinte er.
„Wieso glücklos, weil ich wieder auf Tour gehe?“
„Nein, weil der Chef meinte, du bekommst unseren neuen Truck.“
„Echt Herbert, dass hat er gesagt?“
„Ja gerade vorhin, als er ihn vom Lehrbuben hat waschen lassen.“
„Wow, da bin ich platt, wollte schon immer so einen Fahren.“
„Jetzt hast du ja die Gelegenheit dazu.“
„Ja die hab ich“, sagte ich noch im gehen mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Und zwar für eine lange Zeit wieder.
*-*-*
Am Abend kam ich das erste Mal seit langem wieder spät nach Hause. Dieser Philipp erzählte mir Sachen am Telefon, an die ich noch gar nicht gedacht hatte. Ich war den ganzen Mittag damit beschäftigt, Sachen zu organisieren, die ich für die vier Lkws noch brauchte. Mein Chef war überglücklich und lies mir da freie Hand.
So lies ich alles grad im Flur stehen und lies mich im Wohnzimmer auf die Couch fallen. Langsam durchlief ich Gedanken noch mal den vergangenen Tag, nur langsam realisierte ich, was dieser Tag mir alles gebracht hatte.
Das Telefon klingelte.
„Michael Vogel.“
„Hi Mike hier ist Joe, endlich zu Hause.“
„Ja endlich bin völlig fertig.“
„War heut soviel Stress?“
„Was machst du jetzt noch?“
„Ich hab eigentlich nichts vor gehabt, einen gemütlichen Abend und dann in die Heia.“
„Kommst du auf ein Bier noch vorbei, dann erzähl ich dir die neusten Neuigkeiten.“
„Hört sich interessant an, gib mir ne halbe Stunde ich muss noch duschen.“
„Ok, ich auch, also bis gleich Joe.“
„Ja bis gleich.“
Ich legte auf. Jetzt hatte ich doch wirklich Joe eingeladen, ohne mir auch richtig darüber Gedanken zu machen. Na egal. Ich zog mich schnell aus und stieg unter die Dusche. Tat das heiße Wasser gut auf meiner Haut.
Richtig entspannt und frisch trocknete ich mich ab und zog meine Wohlfühlklamotten an. Kaum hatte ich mir es bequem gemacht, ging auch schon meine Türklingel.
„He hallo Joe, toll das du noch gekommen bist.“
„Du weißt doch wie neugierig ich bin, und wenn du mir so was am Telefon sagst, bin ich gleich vorwitzig.“
„Komm rein und mach’s dir bequem, ich hol schon mal das Bier aus dem Kühlschrank.“
Joe lief ins Wohnzimmer und ich ging in die Küche um das kaltgestellte Bier zu holen.
„Und was ist jetzt so Aufregendes passiert?“ rief Joe aus dem Wohnzimmer.
Ich nahm das Bier und zwei Gläser und lief zu ihm.
„Kennst du die Gruppe Blue?“
„Meinst du die, die gerade so einen Hit haben mit dem Elton John?“
„Ja genau die.“
„Ja kenn ich, hab ein Album von ihnen zu Hause. Außerdem finde ich den Antony so goldig.“
„Aha, da kann ich dich ja so richtig eifersüchtig machen.“
„Wieso?“
„Weil ich mit den Jungs auf Tour gehe.“
„Wie auf Tour?“
„Steh auf, du sitzt auf der Leitung Joe. Die Gruppe Blue macht diesen Sommer eine Europatour. Und meine Firma ist für den Transport, der Gerätschaften gebucht worden.“
„Du bist die ganze Zeit in ihrer Nähe?“
„Nicht nur das. Sie bekommen in der Toskana ein Haus eingerichtet, für die Pausen zwischen den Auftritten, und da bring ich alle Gerätschaften persönlich hin und darf dort fast zwei Wochen verweilen.“
„Oh Mann bist du ein Glückpilz.“
Auf einmal wurde Joes Gesichtsausdruck traurig.
„Was ist?“
„Dann bist du ja die ganze Zeit für mich unerreichbar.“
„Schlimm?“
„Ja schon irgendwie. Ja ich weiß, das an der Samstagnacht war einmalig, aber irgendwie bekomm ich es nicht auf die Reihe…“, meinte Joe.
„Was bekommst du nicht auf die Reihe?“
„Nicht böse werden, wenn ich das jetzt so offen sage, aber als wir miteinander schliefen, warst du so hingebungsvoll, so voll Liebe…., und du sagst du liebst mich nicht..“
„Wenn ich ehrlich bin Joe, ich weiß selber nicht was mit mir los ist. Ich war am Sonntag selber verwirrt über meine Gefühle.“
„Soll das heißen ich kann mir ein bisschen Hoffnung machen?“
„Das soll heißen, wenn du nicht in einer Minute in meinem Bett bist, schmeiß ich dich raus“, sagte ich mit einem frechen Grinsen.
„Gut dann geh ich“, sagte er regelrecht tonlos.
„Was…..?“
„Ätsch verarscht, komm alter Mann oder muss ich dich erst ins Bett tragen?“
„Warte Joe, ich wird dir gleich zeigen, was ein alter Mann alles kann.“
Es war schon spät.
„Musst du wirklich schon gehen?”
„Ja ich möchte doch pünktlich zur Arbeit kommen“, meinte Joe, der immer noch in meinen Armen lag.
„Vorschlag, ich weck dich morgen, wir frühstücken zusammen und ich fahr dich zuhause vorbei, dann kommst du auch pünktlich“, meinte ich.
„Ist das dein Ernst?“
„Ja ist es, ich fühl mich so wohl, wenn ich deine Nähe spüre. Ich will nicht ohne dich einschlafen.“
„Habe ich den großen Mike endlich klein gekommen?“
„Irgendwie schon. Was machst du mit mir, hast du mich einer Hirnwäsche unterzogen?“ sagte ich lächelnd.
„Natürlich, tu ich immer mit meinen Opfern. Und dann vernasch ich sie ohne Ende.“
„Dann tu mal“, meinte ich und zog ihn zu einem Kuss zu mir.“
„Deinen Kaffee mit Milch?“ rief ich ins Bad, wo Joe gerade duschte.
„Gerne, aber keinen Zucker bitte.“
Ich setzte mich an den Tisch und schlurfte an meinem Kaffee. Joe kam nur mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad und setzte sich zu mir.
„Was wird nun aus uns beiden?“ fragte mich plötzlich Joe.
„Ich weiß es nicht Joe, kannst du mir noch ein bisschen Zeit lassen?“
„Soviel du willst Michael ich will dich zu nichts drängen, das wär das letzte, was ich wollte.“
„Trink dein Kaffee aus und zieh dich an, wir müssen gleich los.“
Er nahm mich in den Arm und gebe mir einen langen Kuss.
„Wie war das? Du willst mich zu nichts drängen?“
„Ja wieso?“
„Dann nehme die Hand aus meinen Boxer, sonst kann ich für nichts garantieren.“
Joe fing laut zu lachen an.
*-*-*
„Morgen Mike, na gut geschlafen?“ fragte mich Christiane, als ich das Büro betrat.
„Ja, nur zu wenig. Morgen Christiane.
„Warst du so aufgeregt, wegen der Tour?“
„Nein ich war nicht alleine“, gab ich kleinlaut von mir.
„Hört, hört, wenn hast du denn in deinem Spinnennetz eingefangen?“
„Joe.“
„Da hast du doch den absolut Süßesten von allen geschnappt. Warum schaust du dann so verbittert drein.“
„Ganz einfach Christiane, weil ich mir meinen Gefühlen über Joe nicht im Klaren bin.“
„Es ist doch immer das Gleiche, mit euch Männern“, sagte Christiane und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Ich tat es ihr gleich. Wenig später raufte sich Christiane die Haare.
„Und der Chef meint wirklich, dass dies jetzt ein neuer Zweig unserer Firma werden soll, Popgrößen durch die Länder zu kutschieren.“
„Ja warum nicht?“, fragte ich.
„Wenn ich sehe, wie komplex das jetzt schon ist, was wir am Vorbereiten sind, was gibt das erst wenn die Tour am laufen ist.“
„Das wirst du noch früh genug erleben, Christiane.“
„Du solltest dich mal langsam fertig machen du hast gleich einen Termin mit Philipp.“
„Oh Mann, ich werde langsam vergesslich. Gut das ich dich habe. Danke.“
„Nichts zu danken, und nun verschwinde.“
Ich rannte die Treppe hinunter und stieg draußen in meinen Wagen. Im Rückspiegel sah ich Christiane wild fuchtelnd auf mich zugerannt kommen. Ich ließ mein Fenster herunter und schaute in ihre Richtung.
„Wie wäre es wenn du deine Papiere mitnimmst?“, fragte sie und winkte mit meinem Ordner.
„Oh Mann wo hab ich nur meinen Kopf heut.“
„Ich denke bei Joe“, antwortete sie, drehte sich um und ging.
Sie hatte Recht, Joe ging mir wirklich nicht mehr aus dem Kopf. Ich startete den Wagen und führ vom Firmengelände. Ein Stückchen Autobahn und schon war ich bei der gewünschten Ausfahrt. Schnell hatte ich im Industriegebiet die Musikfirma gefunden. Ich stellte meinen Wagen auf dem Parkplatz vor dem Gebäude ab.
An der Pforte wurde ich gefragt wohin ich wolle und ich gab ihm das Schriftstück das Philipp mir geschickt hatte.
„Gehen sie durch den Haupteingang, dann die Treppe hoch und danach den ganzen Flur entlang, Philipp hat sein Zimmer auf der linken Seite“, sagte der Pförtner darauf hin zu mir.
Ich lief den beschriebenen Weg ins Haus hinein. Drinnen war ein wildes Treiben. Die Treppe führte genau in der Mitte des Gebäudes nach oben, und so konnte ich in alle Büros schauen. Es kam mir vor wie in einem Bienenstock.
Den Flur hinunter und schon stand ich vor der gesuchten Tür. Naja sie stand offen. Drinnen saß ein junger Mann. An seiner Tür klebte ein Schild >Tourmanagerassistent Philipp Greif<. Ich klopfte am Rahmen um auf mich aufmerksam zu machen. Philipp winkte mich zu einem Stuhl, er war am telefonieren.
„Wann kommen sie an? Schon, menno da muss ich mich ja sputen um an den Flughafen zu kommen und grad heut verreckt mein Auto. Ich find schon ne Lösung, also bis gleich.. Tschau Davide.“
Er legte den Hörer auf.
„So, du bist sicherlich Michael?“
„Ja bin ich.“
„Und ich muss dich gleich vertrösten, ich muss nämlich dringend irgendwie zum Flugplatz.“
„Kein Problem, mein Wagen steht draußen, da können wir im Auto reden.“
„Du würdest mich hinfahren, das ist ja super. Da hast du schon bei mir etwas gut. Also los komm die Maschine landet inner halben Stunde.“
„Wer kommt eigentlich.“
„Blue.“
Das konnte ja heiter werden. Ich saß mit Philipp im Wagen fuhr Richtung Flughafen, wo ich das erstemal gleich die Gruppe Blue real kennen lernen würde.
„Das mit den Lkws geht in Ordnung. Sie sind bis morgen alle gepackt. Unsere Leute arbeiten schon den ganzen Tag daran“, sagte ich zu ihm.
„Und du fährst den Truck in die Toskana?“ fragte Philipp.
„Ja das wird, ich fahre, morgen um sieben geht es los.“
„Super, bin froh, dass dies alles so schnell geklappt hat.“
Ich lenkte den Wagen zum Parkplatz des Flughafens.
„Michael, fahr bitte da vorne rechts.“
„Aber das ist doch Sperrgebiet.“
„Mit diesem Ausweis kommen wir rein“, meinte er und hob mir einen Tourausweis unter die Nase, „für dich hab ich übrigens auch einen machen lassen.“
„Danke.“
Ich hielt vor der Schranke und ein Sicherheitsbeamter kam zu mir ans Fenster.
„Können Sie sich ausweisen?“ fragte dieser mich.
Philipp gab mir meinen Ausweis, und ich zeigte ihn dem Mann.
„Okay sie können passieren.“
Die Schranke ging hoch und fuhr in das gesicherte Gelände. Die Maschine schien gerade gelandet zu sein. Philipp reichte mir noch ein Band, dass ich mit meinem Ausweis um den Hals hängen konnte.
„Verlier ihn nicht, mit ihm hast du überall Zutritt, was unsere Firma betrifft“, sagte Philipp.
Er lief zu einer Frau mit einer schwarzen Weste, auf deren Rücken das Logo von >Music on Tour< der Name des Musikverlages stand, sie schien hier ebenfalls zu warten. Er winkte mich zu sich.
„Michael, das ist Bea unsere Tourmanagerin, also meine Chefin“, sagte Philipp.
Ich gab Bea die Hand.
„So junger Mann, also ein neues Mitglied unserer Crew“, meinte sie, „du wirst dich schnell an uns gewöhnen und vor allen an den Stress. Aber nach der dritten oder vierten Tour wirst du auch als alter Hase hier laufen.“
Ich schaute sie verwundert an. Dritte oder vierte Tour. Was meinte sie.
„Ach Bea, er weiß noch nichts von seinem Glück“, meinte Philipp.
„Dann muss ich wohl alles erklären. Also hör zu, alles in Kurzfassung. Weil wir es leid sind, uns immer ein Transportunternehmen zu chattern, wenn wir auf Tour gehen, haben wir kurzer Hand bei deinem Chef eingekauft. Uns gehört jetzt die Hälfte deiner Firma. Dein Chef leitet weiterhin die Firma, jedenfalls den Teil, der weiterhin sich mit dem Ausfahren der Waren zu tun hat.“
„Und was hab ich dabei für einen Rolle?“, fragte ich immer noch ein wenig durch den Wind.
„Also Marc hat mir so von deinen Qualitäten vorgeschwärmt, das wir dich ab sofort, alleine mit den Transport und Aufbau unserer Tourgerätschaft betrauen werden, du bist zwar deinem Chef nicht gleichgestellt, aber hast genauso viel zu sagen wie er.“
Jetzt war ich doch ein wenig platt. Ich konnte es kaum fassen, was mir da Bea gerade gesagt hatte.
„Lassen wir das Michael erst ein Mal verdauen, Bea und kümmern wir uns um die Jungs schau sie steigen eben aus“, meinte Philipp und trabte zum Jet.
Als wären sie ewig schon Freunde fielen sich Philipp und die Jungs um den Hals. Sogar Bea kam von jedem ein Küsschen zur Begrüßung. Ich stand ein wenig abseits und beobachtete das ganze Treiben.
(alles Englische wieder auf Deutsch! Anm. v. Autor)
„Und wer ist das?“ fragte Simon.
„Das ist unser Neuer, der Michael, verantwortlich für Transport und Aufbau“, sagte Philipp.
„Ah der Nachfolger von Tommy, hallo Mike“, meinte Lee.
Er sagte gleich Mike zu mir, was eigentlich nur meine engeren Freunden sagten. Aber aus seinem Mund klang das auch irgendwie nett.
„Hallo“, sagte ich jetzt doch ein wenig schüchtern.
Nicht jeden Tag hatte ich jemanden Berühmtes vor mir stehen. Jeder gab mir nacheinander die Hand und sagte seinen Vornamen. Bei Lee kam es mir vor, als würde er etwas länger meine Hand halten. Aber sicher bildete ich mir das nur ein, als er mich mit seinen unwiderstehlichen Augen ansah.
„Ich würde sagen, wir fahren erst ins Hotel, danach in die Firma um die Hauptbesprechung durchzuführen“, sagte Bea.
„Fährst du bei den Jungs mit?“ fragte ich Philipp.
„Eigentlich schon…,“ wollte er gerade sagen aber Lee fiel ihm ins Wort.
„Ich fahr mit Mike“, meinte Lee.
„Ähm…“, ratlos schaute ich zu Philipp, „ich hab ja nicht mal ein verdunkeltes Auto.“
„Wer schaut auch schon nach einem normalem Auto mit dem hiesigen Kennzeichen“, antwortete Philipp mit einem Lächeln im Gesicht.
„Dann geht das klar ich fahr mit Mike hinter euch her“, sagte Lee und zeigte fragend Richtung meines Golfes.
„Deiner?“
„Ja“, gab ich zur Antwort.
„Wow und mit allen Schikanen. Der gefällt mir.“
„Du hast doch sicherlich selbst einen tollen Wagen.“
„Ja hab ich, aber keinen Führerschein.“
Ich schloss den Wagen auf und wir setzten uns rein.
„Keinen Führerschein?“
„Ich bin zwar schon neunzehn, aber wann sollte ich den machen, bei dem Geschäft hab ich ja so gut wie nie bisher Zeit gehabt.“
„Ja das stimmt, kann ich nachvollziehen.“
Ich startete das Auto und rollte langsam den kleinen Tourbus hinterher.
„Und wie lange bist du schon dabei jetzt?“, fragte mich Lee.
„Seit drei Tagen offiziell seit heute.“
„Oje, also ganz neu im Geschäft.“
„Ja, wieso oje?“, fragte ich verwundert.
„Du wirst es merken, spätestens bei Tourbeginn… einladen …ausladen… aufbauen… und das die ganze Tour lang. Vor allem die weiten Strecken.“
„Die bin ich gewohnt, ich bin Brummifahrer, besser gesagt war, hab vor einem viertel Jahr damit aufgehört und war bis jetzt nur noch im Büro tätig.“
Wir kamen langsam ans Tor. Vor dem Tor standen plötzlich unzählige Leute, die vorhin noch nicht da standen.
„Irgendwer bekommt immer raus, wenn wir wo auftauchen“, meinte Lee und ging auf seinem Sitz in Deckung.
Das Hauptaugenmerk galt eh dem Auto vor mir und so konnte ich ungehindert das Gelände ebenfalls verlassen. Wieder auf der Autobahn, kam Lee aus seiner Versenkung heraus, und setzte sich wieder normal hin.
„Und was machst du sonst so, außer Brummi fahren.“
„Nicht viel, meistens mit meinen Freunden herum hängen“, meinte ich.
„Und keine Freundin?“
Sollte ich es ihm sagen, oder gute Mine zum bösen Spiel machen.
„Nein hab keine“, gab ich knapp zur Antwort in der Hoffnung, das er es dabei bewenden lies.
„Versteh ich nicht, so gut wie du aussiehst, müssen sie dir doch scharenweise nachrennen.“
Man der lässt wohl nicht locker, was soll`s werde ich halt ein bisschen direkter.
„Nein du, ich hab nicht so viel Interesse an Mädchen.“
„Auch schwul? Man dir sieht man das wirklich nicht an, das hätte ich jetzt nicht gedacht.“
Hab ich mich jetzt verhört, oder sagte er gerade auch…
„Aber einen Freund hast du oder?“ fragte er weiter.
Gibt das jetzt ein Verhör fragte ich mich.
Nein, zurzeit wieder solo und du?“
Gegenangriff.
„Wo soll ich einen Freund herhaben, wie soll ich denn die Zeit aufbringen, für einen Freund. Ich bin der Meinung, für so eine Freundschaft muss man hundert Prozent da sein, kein so ein Flickwerk, heute hier morgen da. Wenn ich ein Freund hätte, möchte ich auch die Zeit für ihn aufbringen, die ihm zusteht. Aber bei meinem Job ist das ja eh nicht möglich.“
„Und so verzichtest du lieber auf einen Freund?“
„Ja.“
Seine Augen hatten plötzlich einen traurigen Schein angenommen.
„Du verlangst dir aber viel ab, finde ich Lee“, sagte ich.
„Wieso?“
„Hör mal, einfach auf einen Liebe zu verzichten, weil du nicht genügend Zeit dafür aufbringen kannst. Ich würde erbärmlich eingehen, das kannst du mir glauben.“
„Tu ich ja fast, ich flüchte mich halt in meine Musik und versuche da alles zu geben.“
„Das merkt man an euren Balladen, wie du dich ins Zeug legst. Aber eine Dauerlösung ist das nicht. Wenn die große Liebe eines Tages auftaucht, was machst du dann?“
„Ich weiß es doch selber nicht, davor habe ich ja Angst. Eines Tages mich derart zu verlieben, dass ich nicht mehr an meinen Prinzipien festhalten kann.“
„Wissen die anderen über dich Bescheid?“
„Innerhalb der Gruppe ja, und einige aus dem Management auch. Sonst niemand, wegen der Presse, die würden mich in der Luft zerreisen.“
„Kann ich mir vorstellen.“
„Mike, kann ich eine Bitte an dich stellen?“
„Wenn es nicht in Schwerarbeit ausartet, sicher.“
„Kann ich zu dir kommen, wenn ich jemanden zum Reden brauche, ich kenne dich zwar erst kurz, aber du gehörst zu einen der Menschen, zu denen man sofort volles Vertrauen hat.“
„Danke. Kannst natürlich jederzeit zu mir kommen wenn ich in deiner Nähe bin.“
„Also die nächsten fünf Monate“, grinste Lee.
Ich schaute ihn von der Seite an.
„Also doch Schwerarbeit, ich werde es überleben.“
Mittlerweile waren wir am Hotel angelangt. Ohne Probleme waren wir in die Garage des Hotels gefahren. Ein paar Securityleute standen bereit, um uns vor neugierigen Fans zu schützen. Wir fuhren gleich hoch in die Suiten, die für die Gruppe gebucht worden waren.
Ich folgte Lee in sein Zimmer, der etwas anderes anziehen wollte.
„Man, das Zimmer ist ja so groß wie meine Wohnung“, meinte ich und schaute mich überall um.
„Einer der Vorteile, wenn man zu den Berühmten gehört“, sagte Lee und entledigte seiner Klamotten.
Antony kam herein.
„Lee hast du zufällig meine schwarzen Pulli gesehen, der mit den weisen Streifen“, fragte er.
„Hab ich’s mir doch gedacht, dass du ihn mitnehmen wolltest, hier ich hab ihn für dich mit eingepackt“, sagte Lee und schmiss ihm den Pullover zu.
„Unser Kleiner wieder, immer umsorgt er uns, danke Lee“, gab Antony von sich und schon war er wieder verschwunden.
Ich setzte mich und beobachtete Lee beim Anziehen.
„Und gefällt es dir?“
Erschrocken aus meinen Gedanken gerissen, fragte ich, „was gefällt?“
„Was du siehst, du starrst mich so an…“
Eiskalt erwischt, wurde ich rot wie eine Tomate.
„Na sag schon“, forderte er mich auf.
„Ja“, sagte ich zu mehr war ich grad eh nicht fähig.
„So fertig, wir können zur Besprechung.“
Ich stand auf und wollte bereits das Zimmer verlassen, als Lee mir nachrief.
„Hast du nicht etwas vergessen?“ fragte er und winkte mit meinen Unterlagen.
„Ach Mann, das passiert mir laufend, das ich was vergesse.“
„Keine Sorge, ich kann ja ein wenig auf dich acht geben“, sagte Lee lachend und gab mir meinen Ordner.
Mein Handy klingelte.
„Ja.“
„Hallo Mike, Joe hier und wie geht’s?“
„Gut ich hab grad einem bildhübschen Mann beim Anziehen zu geschaut.“
„In der Spedition?“
„Ich bin im Hotel.“
„Jetzt mal der Reihe nach, ich versteh grad nur Bahnhof.“
„Du Joe, tut mir leid, ich muss jetzt dringend in eine Besprechung, aber ich erklär dir das heut Abend bei einem Glas Bier, okay?“
„Ja ist gut.“
„He Kleiner, nicht böse sein, aber ich hab jetzt halt einen neuen Job, aber ich erkläre dir das alles heute Abend genau. Bei dir oder bei mir?“
„Können wir später noch ausmachen. Also bis später, … Großer.
„Cu Joe.“
„Doch einen Freund“, meinte Lee, der die ganze Zeit unbemerkt neben mir gelaufen war.
„Im ganz weitesten Sinne, ich will mich im Augenblick noch nicht binden, hab genug vom letzten. Aber egal komm rein mit dir, die anderen warten sicher schon.“
Und so war es auch. In einem kleinen Konferenzraum saßen die anderen schon und unterhielten sich angeregt.
„He Lee, Bea hat eine ganz tolle Idee gehabt“, sagte Duncan.
„Um was geht es?“ fragte Lee und setzte sich mit mir auf die zwei freien Plätze.
„Wir wollten doch während der Tour ein wenig ausprobieren, neue Songs schreiben“, meinte Simon.
„Ja und?“ fragte Lee erneut.
„Bea und Philipp haben uns ein Haus in der Toskana besorgt, wo die Firma uns ein komplettes Tonstudio aufbaut.“
„Nicht schlecht.“
„Mike ich hab gerade deinen Chef angerufen, er meinte dein Truck ist fertig und du kannst morgen pünktlich losfahren“, sagte Philipp zu mir.
„Geht in Ordnung, ich fahr nachher noch vorbei um den Rest abzuklären“, gab ich zur Antwort.
Mir schien als das Lee auf einmal traurig schaute, aber die Besprechung brauchte meine volle Konzentration, so verflog dieser Gedanke schnell wieder.
Bea sprach in groben Zügen die Tourstädte an, was ablief, welche Hallen gemietet worden waren, in welchen Hotels abgestiegen wurde. Sie durchsprach mit mir den engen Zeitplan, der Transporter und ich versuchte einige Ideen einzubringen, um es ein weniger stressfreier zu gestalten.
„Also Marc hat nicht übertrieben, als er mir dich entfohlen hat“, sagte Bea.
Ich nickte dankend und dachte noch, dass ich mich bei nächster Gelegenheit bei Marc für den tollen Job bedanken musste.
Philipp gab mir später noch die Grundausstattung mit Klamotten von der Firma. Jetzt besaß ich ebenfalls so eine Weste, mit dem Logo hintendrauf und auf der Kappe stand >Blue<. Ein paar Tshirts waren auch dabei. Zu dem bekam ich noch ein zweites Handy, damit ich von der Firma jederzeit besser zu erreichen war.
Ich verabschiedete mich von allen, denn ich wollte ja noch bei der Spedition vorbei schauen. Dort angekommen lief ich gleich zu meinem Chef.
„Herzlichen Glückwunsch zur neuen Stelle“, begrüßte mich mein Chef.
„Glückwunsch zum neuen Partner.“
„Danke Junge, mit dem Patzen Geld, das ich von denen bekommen habe, krieg ich endlich die zwei Sattelschlepper, die ich schon lange kaufen wollte.“
„Dann haben wir ja beide etwas Gutes davon gehabt“, gab ich zur Antwort.
„Christiane hat alle deine restlichen Papiere vorbereitet, den Schlüssel, dann müssten sie alles haben was sie brauchen Vogel.“
„Gut Chef, dann verabschiede ich mich mal, wir sehen uns in zwei Wochen wieder. Muss jetzt heim noch packen.“
„Okay Vogel, machen sie es mal gut und fahren sie vorsichtig, der Truck ist neu.“
„Keine Sorge Chef, ich behandle ihn als wäre es meiner.“
„Dann bin ich ja beruhigt, also Tschüß.“
Ich gab ihm noch mal die Hand zum Abschied und draußen war ich. Wie er gesagt hatte, lag alles auf meinem Schreibtisch. Ich nahm die Papiere, ordnete sie zu den anderen und machte mich auf dem Heimweg.
*-*-*
Zuhause fiel mir Joe ein, mit dem ich mich eigentlich treffen wollte. Also nahm ich das Telefon und wählte seine Nummer.
„Hier Florian bei Joe, wer spricht?“
Ich drückte den Ausknopf. Was machte Florian bei Joe, fragte ich mich. Irgendwie war ich jetzt von der Rolle. Nein anrufen wollte ich nicht noch mal. So machte ich mich an meine Tasche und packte noch die fehlenden Klamotten rein.
Was will Flo bei Joe, was hat der da zu suchen, es hat doch niemand mit bekommen, das ich mich mit Joe enger anfreunde. Ich beschloss mich an diesem Abend mich überhaupt nicht mehr zu melden, sondern früh ins Bett zu gehen, weil ich ja am nächsten Morgen ja schon um sieben losfahren wollte.
Wie verabredet, stand Herbert am Morgen schon bereit, um mich in die Spedition mitzunehmen. Fast wortlos fuhren wir durch den Morgenverkehr.
„Du bist wohl das frühe Aufstehen nicht mehr gewohnt Michael.“
„Nein bin ich wirklich nicht mehr.“
„Aber ein Morgenmuffel warst du ja schon immer“, lachte Herbert.
Ich gab nur einen Gähner von mir. Auf dem Gelände war noch alles dunkel, ich merkte wie schnell so was in Vergessenheit geriet. Früher als ich noch regelmäßig fuhr, war es Gewohnheit, einer der ersten zu sein, und alles in Betrieb zu setzten und die Lichter an zuschalten.
Jetzt wo ich fast zwei Stunden später immer anfinge, verschwendete ich keinen Gedanken mehr dran. Also lief ich mit Herbert durchs Gebäude und schaltete alles auf „on“. Langsam trudelten auch andere Kollegen ein, die mit ihren Trucks vom Hof fuhren oder sie noch beladen mussten.
Ich ging zu dem neuen Track und schloss ihn auf. Noch mal kontrollierte ich alles am Wagen und auch ob die Ladung festgezurrt war. Ich drückte den Anlasser und ein satter Sound kam unter dem Führerhaus hervor.
Plötzlich klopfte es an meine Scheibe. Erschrocken schaute ich nach dem Geräusch. Joe. Ich drehte die Scheibe herunter.
„Joe um Gottes Willen was willst du so früh hier?“ fragte ich.
„Auf Wieder sehn sagen, du hast dich gestern nicht mehr gemeldet.“
„Hab angerufen… war aber besetzt“, log ich.
„Schade hätte so gerne noch ein bisschen geredet mit dir. Hier noch eine Kleinigkeit für dich, damit du mich nicht vergisst.“
Ich schaute ihn traurig an und wusste warum ich Abschiede nicht mochte. Ich nahm das Päckchen entgegen und gab Joe einen Kuss. Er sprang vom Trittbrett herunter und winkte noch mal bevor ich Gas gab und vom Gelände rollte.
Auf der A5 war um diese Zeit noch nicht so viel los ich kam zügig voran. Frankfurt hatte ich lang hinter mir gelassen, nächstes Hindernis das Walldorfer Kreuz. Jeden Tag kamen von dort Staumeldungen.
Aber heute hatte ich Glück, nur erhöhtes Verkehrsaufkommen. An dem Rasthof Bruchsal hielt ich an. Ich vertrat mir die Beine einwenig, und genehmigte mir einen Kaffee. Als ich nach draußen kam, stach mir gleich mein Truck ins Augen.
So komplett weiß, hob er sich deutlich von den anderen ab. Nur der schwarze Schriftzug >Music on Tour< auf der Rückseite mit Kontaktnummern war zu lesen. Ich unterhielt mich noch ein wenig mit anderen Fahrern und setzte meine Fahrt dann fort.
Nach Karlsruhe kam ich wegen einer Baustelle in den ersten Stau. Die Morgensonne blendete ganz schön und gab auch schon schwach ihre Wärme ab. Nur im Schritttempo beobachtete ich die Leute in den benachbarten Autos.
Ein kleines Kind versuchte verbissen einen Legostein in eine zu kleine Schachtel zu drücken. Das ging eine ganze Weile so. Plötzlich hatte es dann doch ein Erfolgserlebnis. Der Stein war drin… die Schachtel kaputt.
Langsam ging es zügiger voran, der Stau löste sich auf. Der Lkw vor mir ging mir langsam auf die Nerven. Er tuckerte mit gemütlichen Siebzig vor mir her. Ich schaute in den Rückspiegel… freie Fahrt. Ich setzte zum Überholen an und merkte endlich was für eine Kraft in dieser Maschine steckte.
Ich ließ den Langweiler hinter mir und hatte wieder freies Sichtfeld vor mir. Gegen die Mittagszeit kam ich hinter Weil am Rhein an den Zoll ich fuhr an den mir zugewiesenen Parkplatz und stieg mit den Wagenpapieren aus.
Die Kontrolle lief recht zügig, heute muss wohl mein Glückstag sein, hier am Grenzübergang war ich schon oft, wesentlich länger gestanden. Wenn ich mich beeilte konnte ich zum Kaffeetrinken auf dem Gotthard sein.
Langsam quälte ich mich auf der Stadtautobahn durch Basel. Mit meinem langen Sattelschleppzug hatte ich eh keine Chance hier Spurenwechsel zu betreiben. Bis Luzern war es noch ein gutes Stück, also brauchte ich mir noch keinen großen Gedanken über das Durchkommen machen.
Seit drei Jahren versuchte die Schweiz dir dortige Stadtautobahn auszubauen, aber da genau an diesem Stück, die A1 und die A2 der Schweiz auf der selben Strecke verliefen, war dort jeden Tag der Verkehrskollaps vorprogrammiert.
In dem Päckchen von Joe war ein kleiner Brief mit einem Bild von ihm und eine Cd. Selber gebrannt vermutete ich. Ich schob sie ins Cdfach und lauschte der Musik, die er mir aufgenommen hatte.
Gegen zwei erreichte ich Luzern und wie ich schon im Vorfeld vermutet hatte, kroch ich im Schritttempo durch Luzern. Dafür hatte ich einen schönen Ausguck auf den Vierwaldstädter See. Einige kleine Jachten und Schaufelraddampfer zogen ihre Kreise auf dem See.
Ich hoffte bald durch zusein, denn an einigen Stellen war es verflucht eng für meinen Truck, viel Luft nach oben und zur Seite hin hatte ich nicht. Endlich kam der Seligbergtunnel in Sicht. Nach dem Tunnel kam die große Brücke die den See durchschnitt. Danach hatte mein Truck zu arbeiten es ging jetzt ständig bergan.
Bei Ansteg fingen sie an den Verkehr von uns Trucks zu trennen. Langsam fuhr ich einen zwanzig Tonner hinter her. Ungefähr einen Kilometer vor dem Gotthard, kam das Ende der Schlange von Lkws in Sicht. Ich bremste langsam ab, bis ich schließlich hinter meinem Vordermann zu Stehen kam.
Ich stieg aus und unterhielt mich mit den anderen Fahrern, die vor mir standen. Ein Beamter der Schweizer Polizei überreichte jedem eine Nummer. Ich sah dass ich erst mit der zweiten Welle durch den Gotthard fahren konnte.
Seit dem schweren Unglück im Gotthard, durfte der Tunnel immer nur von einer Seite mit Lkws befahren werden. Zudem musste man mindestens hundertfünfzig Meter Abstand zum Vordermann halten. Wenn Pkws zwischen drin waren noch mehr.
So setzte ich mich zurück in meinen Truck und schon setzte sich die Kolonne in Bewegung. Bis zum vierten Platz vor der Schranke kam ich nach vorne, bevor ein weiterer Beamter uns zum Stoppen aufforderte.
Jetzt hieß es warten, bis die Lkws durchgefahren waren und die kommenden von der Südseite durch waren. Ich machte es mir auf meinem Sitz bequem und lass mir noch mal in Ruhe den Brief von Joe durch.
Hallo Mike,
du bist nicht mal richtig fort, da vermisse ich dich schon schrecklich. Ich weiß, wir waren erst ein paar Abende zusammen, mehr als ich mir je erhofft habe, aber ich fühle mich nach wie vor sehr zu dir hingezogen. Deine Offenheit mir gegenüber schätze ich sehr und hoffe, falls es wirklich mal dazu kommen sollte, dass wir beide fest zusammen kommen sollten, dies du beibehältst. Ich wünsche dir eine gute Fahrt und dass du mir gut zurückkommst.
Dein Joe.
Der Junge ist echt in mich verliebt, und ich bin so unfair und lass ihn über meine Gefühle im Unklaren. Wobei ich mir doch selber noch unsicher war. Stimmt ich hab mich schon ein wenig verguckt in Joachim, aber es hat eben noch nicht klack gemacht in mir, das Gefühl fehlt, dass ich mit diesem Menschen alt werden möchte.
Zum anderen war da jetzt noch Lee, der mir sehr offen war. Gut, es war nicht meine Art normalerweise mit einem neun Jahren jüngeren etwas anzufangen, aber Lee hatte was, irgendetwas was mich sehr reizte.
Der letzte Lkw schien aus dem Tunnel gefahren zu sein, der Beamte von vorhin wies uns an unsere Motoren zu starten. Langsam rollten meine Vordermänner an und ich zog ihnen nach. Siebzehn Kilometer durch den Tunnel mit Fünfzig und einem großen Abstand, das wird eine lange langweilig Strecke dachte ich.
Fast eine halbe Stunde dauerte es bis wir durchwaren, und wie nicht anders zu erwarten, empfing uns auf der italienischen Seite, das gegensätzliche Wetter wie auf der Deutschen. Es goss in Strömen.
Na sauber dachte ich. Der Regen hatte mir noch gefehlt Ich wollte es zumindest noch bis Bellinzona schaffen, wo ich auf dem großen Rastplatz übernachten wollte. Mehr schlecht als recht konnte ich meine Fahrt fortsetzen. Das Spritzwasser meiner Vordermänner lies die Sicht fast auf Null sinken.
Total übermüdet, kam ich auf dem Rastplatz an. Zuerst tankte ich, weil ich mich morgen damit nicht aufhalten wollte, wo eh die Großzahl meiner Kollegen, dann an der Zapfsäule Schlange standen. Ein wenig abseits stellte ich meinen Truck ab.
Ich schnappte mein Duschzeug und lief zur örtlichen Dusche. Viel Betrieb war noch nicht, ich war recht früh dran. So bekam ich schnell eine Dusche. Ich ließ das lauwarme Wasser an mir herunterlaufen und genoss es.
Aus der Nachbardusche, hörte ich leise Stöhnlaute, und mir wurde bewusst, dass da zwei Herren zu Gange waren. Amüsiert wusch ich mich. Als ich aus meiner Dusche trat, öffnete sich die Nachbarzelle und zwei sehr junge Männer traten heraus.
Meinem Blick ausweichend, bekamen sie beide rote Köpfe und zogen von dannen. Ich rasierte mich noch und lief dann ebenfalls zurück zum Truck. Ich sah noch wie die Zwei in einen kleinen Bridgenwagen stiegen und dachte mir, na ja da hätten sie ja wirklich nicht viel Platz gehabt. Auf dem Kennzeichen stand >Li< am Anfang. Also Livorno, dort wo ich auch hinfahren wollte.
*-*-*
Am nächsten Morgen wurde ich geweckt von anfahrenden Lkws. Ich schaute auf meine Uhr. >7.03< Na da hatte ich sogar noch Zeit zu frühstücken. Ich stieg aus meiner Koje, die wegen ihrer Breite eher als Ehebett durchgehen würde. Meine Klamotten schnell übergestreift, war ich ausgestiegen und Richtung Rasthof unterwegs.
Die schweren Wolken von gestern waren verschwunden, die ersten Sonnenstrahlen versprachen einen herrlichen Tag. Nach dem üppigen Frühstück, musste ich mich dann aber doch sputen, damit ich in etwa meinen Zeitplan einhielt.
Der Truck zog kräftig durch und ich rollte wieder auf der A2. Keine halbe Stunde später kam ich an die Grenze zu Italien. Zu meiner Verwunderung wurden wir alle durchgewinkt, kein Truck wurde unter die Lupe genommen.
So nächster Halt sollte in Höhe Mailands, also gab ich Stoff um möglichst schnell aus dem Gebirge heraus zukommen. Mein Handy klingelte.
„Vogel“
Eine fremde Nummer.
„Hallo Michael hier ist Philipp und gut über die Grenzen gekommen?“
„Hallo Philipp guten Morgen. Ja überraschend gut. Habe ungefähr noch fünfunddreißig Kilometer bis Mailand.“
„Dann bist du ja wirklich zügig vorangekommen Hör mal, wenn du in Castellina ankommst erwartet dich dort ein Herr Rossi. Er wird dich dann einweisen. Ich werde mit den Jungs dann heute Abend eintreffen.“
„Schon? Ich dachte erst morgen.“
„War der Wunsch der Jungs.“
„Okay dann bis heute Abend, Gruß an Bea.“
„Mach ich, bye Michael.“
„Bye Philipp.“
Ich würde also Lee schon heute Abend wieder sehen. Interessant. Das Handy klingelte erneut. Die Nummer der Spedition wurde angezeigt.
„Vogel.“
„Hallo Michael, hier ist Christiane.“
„Heut morgen ist ja schon der Teufel los, du bist jetzt schon der zweite Anrufer in fünf Minuten.“
„Tja, die Arbeit ruft halt. Folgendes es geht um die Beladung der drei anderen Trucks. Ich blick da nicht so ganz durch, in wen was kommt.“
„Schau mal in den roten Ordner der neben dem Palmentopf steht.“
„Ja den habe ich.“
„Da steht genau drin was in welchen Lkw reinkommt. Einen für.. moment ich muss mal grad eben überholen.“
Ich zog an dem Lkw vorbei und reihte mich wieder auf der alten Spur ein.
„So bin wieder da. Also ein Lkw ist für die Bühne bestimmt, der zweite wird mit der Lichtanlage beladen und der letzte hat die ganze Unterhaltungselektronik intus.“
„Dann geht das in Ordnung“, meinte Christiane.
„Passt aber auf, dass ihr die empfindlichen Teile am Schluss einladet, um sie besser sichern zu können.“
„Okay wird gemacht Michael, dann wünsch ich dir mal eine weitere gute Fahrt. Wo bist du eigentlich jetzt?“
„Kurz vor Mailand.“
„Oh wie neidisch ich bin, ich glaub ich mach doch noch den Lkwführerschein.“
„Mach das, du ich muss aufhören ich komme an die erste Mautstadion.“
„Gut also bis dann, ich meld mich wieder.“
„Geht klar Christiane. Ciao.“
*-*-*
Ich reihte mich in der Reihe der Lkws ein und fuhr im Schritttempo Richtung Station. Der Morgenverkehr hatte eingesetzt und mir schien die Italiener kamen aus allen Richtungen gefahren. Ein heilloser Wirrwarr von Autos und Gehupe vor den Schranken.
Die Station ließ ich hinter mir und folgte der Umgehung von Mailand. Die Sterecke war mir wohl bekannt, zu oft bin ich sie schon gefahren. Schnell war Mailand trotz hohem Verkehr umrundet und ich war wieder auf der A1.
Bei San Angelo verließ ich sie und fuhr den dortigen Rasthof an. Drei Busse aus Norddeutschland, waren auch auf dem Parkplatz und ich musste schauen, keinen der zahlreichen Schülern vor den Truck zubekommen.
Kaum war ich ausgestiegen sprachen mich einige Mädchen an, ob ich von der Firma wäre, wo die Gruppe Blue betreute. Bei meinem Bejahen, fingen die Damen an wild zu kichern und ich setzte meinen Weg zur Toilette fort.
Danach schaute ich so schnell wie möglich weg zukommen um mich nicht noch mehr Fragen der Damen erwehren zu müssen. Vorbei an Piacenza kam ich bald an das Autobahndreieck, wo ich mich Richtung La Spezia halten musste.
Jetzt kam das schwierigste Stück für mich. Teilweise nur mit fünfzig Stundenkilometer kroch ich den Berg hinauf, durch unzählige Tunneln und engen Kurven. Nach Berceto fing es an wieder bergab zugehen.
Bei La Spezia wechselte ich auf die A12 Richtung Livorno. Ein Blick auf das Meer konnte ich kurz erhaschen, aber ich dachte in den nächsten Tagen hatte ich bestimmt noch Zeit ans Meer zufahren.
Gegen Mittag verließ ich endlich die Autobahn und schleppte mich langsam auf der schmalen Landstrasse entlang, bis ich Höhe Cecina, das Schild Castellina lass. Jetzt wurde es wirklich eng für mich.
Mit Mühe und Not kam ich langsam, wie sollte ich es nennen… bei uns wäre es ein breiter Fußgängerweg, voran. Castellina.
*-*-*
Ich fragte eine ältere Dame nach dem Haus, wo ich erwartet wurde. Freundlich wies sie mir den Weg. Noch zwei Straßenzüge weiter und ich war da.
„Senior Vogel?“
„Si.“
(*Ebenfalls auf Deutsch)
„Wir haben sie schon erwartet, die Jungs werden gleich mit dem Abladen beginnen. Den Truck können sie nachher dann dort drüben neben die Halle stellen. Aber kommen sie erst mal herein, stärken sie sich ein wenig, die Arbeit wird schon gemacht.“
„Danke“, sagte ich und schloss die Hecktüren auf, um das Entladen zu beschleunigen.
Mein Handy ging schon wieder.
„Ja.“
„Hi Mike.“
„Flo?“
„Ja ich, was machst du?“
„Ich? Ich bin im sonnigen Italien.“
„In Italien? Du bist nicht zu Hause?“
„Nein, wie kommst du darauf?“
„Dein Golf steht in der Garage, da dachte ich du wärst daheim.“
„Du bist bei mir zu Hause?“
„Ja steh vor der Haustür.“
„Das tut mir leid, ich bin erst nächsten Donnerstag wieder zu Hause.“
„So lange bist du weg?“
„Ja mein Lieber ich habe ein neuen Job.“
„Einen neuen Job, wird ja immer toller mit dir.“
So langsam ging mir das Gespräch auf die Nerven, irgendwie musste ich versuchen ihn abzuschütteln.
„Du Flo, ich muss jetzt weiter machen die Pflicht ruft.“
„Ja ich will dich auch nicht weiter stören, ruf an wenn du zu Hause bist.“
„Okay also Bye.”
“Bye.”
Was sollte das jetzt. Ich folgte Herrn Rossi ins Haus. Er führte mich dort in die Küche.
„Greifen sie zu Herr …“
„Sagen sie Michael zu mir.“
„Gut ich bin Angelo.“
„Angelo, gehören sie auch zur Firma?“
„Ja schon seit drei Jahren, jedenfalls für alles was mit Italien zu tun hat.“
„Ist hier auch jemand unter Vertag in Italien?“
„Ja natürlich der junge Tiziano Ferro.“
„Den kenne ich der hatte letzten Sommer bei uns einen riesen Hit“, sagte ich.
„Vielleicht bekommen sie ihn ja auch zu Gesicht, wenn Leute von Deutschland da sind, lässt er sich immer gerne blicken.“
Ich aß, als hätte ich schon lange nichts mehr zu essen bekommen, es schmeckte einfach zu gut.
„Michael, wollen sie sehen wie die Musikanlage angeschlossen wird?“
„Gerne Angelo, man kann nie genug dazu lernen“, gab ich zur Antwort.
„Jetzt wusste ich warum dieses Haus ausgesucht wurde, es hatte einen Keller. Großzügig und mit hohen decken ausgebaut. Italienische Häuser jedenfalls die alten, hatten eher Katakomben, und die neuen wurden so hoch gebaut, dass die Kellerräume eher als Erdgeschoss missverstanden werden konnten.
Zwei junge Männer machten sich an der Anlage zu schaffen. Ich war erstaunt über die Räumlichkeiten. Ein schalldichter Glaskasten und auf der anderen Seite eben das große Mischpult.
„Könntest du uns kurz helfen“, sagte der eine zu mir.
„Gorgo und das hier ist Mario“, stellte er sich und den anderen vor.
„Michael, natürlich helfe ich gern“, sagte ich in meinem besten italienisch.
„Zieh bitte das Kabel hier durch die Öse und schließ es dann bei Nummer 43 und 63 an.“
Ich tat wie mir geheißen. Er gab mir das nächste Kabel und ich zog es wiederum durch die Öse.
„Nummer 44 und 62 bitte.“
„Bei Nummer 62 steckt schon ein Kabel drin.“
„Wirklich? Da ist dann etwas falsch“, meinte Gorgo und kam zu mir auf die Rückseite.
„Ah schau hier die Nummer 67, da gehört dieser Stecker rein.“
Er zog ihn vorsichtig heraus und steckte ihn um, meinen Stecker konnte ich so ungehindert an Nummer 62 anschließen.
So verbrachte ich den Rest des Mittags damit, Kabel an verschiedene Stellen anzuschließen. Gorgo nahm eine Gitarre und setzte sich in den Glaskasten. Mario ließ eine mir bekannte Melodie und Gorgo begann dazu zu spielen und zu singen.
say I love you, is not the words, are to hear from you.
its not that I want you, not to say
but if you, only you
i bee there every be to show me
are you feel more than words
is all to have to do to make real
than your word
have to say
that you love me
cause i now ready now
Total fasziniert hört ich Gorgo zu. Während des Singens, betätigte Mario einige Knöpfe um das Klangbild zu verbessern.
„Können alle bei euch so toll singen?“ fragte ich leise Mario.
„Nicht alle aber die meisten“, sagte Mario grinsend.
Gorgo wiederholte diese Zeilen noch mal in einer anderen Tonlage und genauso wie vorhin, war ich hin und weg
Mir fiel ein, dass ich noch den Truck, aus der Einfahrt fahren musste. Ich gab Mario einen Wink, er nickte, und ich stieg die Treppe nach oben. Am Wagen angekommen, verschloss ich das Heckteil und sicherte es.
Ich startete den Motor und lies den Truck langsam rausrollen, bis ich wieder voll auf der Straße stand. Einige Jungen beobachteten mich vom Straßenrand. Ich stellte ihn neben das Hallengebäude, aktievierte die Alarmanlage und schloss den Truck ab.
Zurück am Haus kam eine schwarze Limousine gefahren und hielt in der Auffahrt. Die Tür ging auf und Philipp stieg aus dem Wagen. Er schaute mich an nickte und grinste über das ganze Gesicht. Er gab mir ein Wink zu ihm zu kommen.
„Hi Michael, schau mal in den Wagen rein.“
Ich schaute ihn fragend an, aber kam seiner Bitte nach. Drin lagen im hinteren Bereich die Vier von Blue, friedlich schlafend wie kleine Babies. Deswegen musste er so grinsen.
„Und wie willst du sie wach bekommen.“
„Gar nicht komm lass uns ins Haus gehen, der Chauffeur wird sich um das Gepäck kümmern, ich denke dann werden die schon von selber aufwachen. Und zu dem hab ich jetzt ein riesen Durst und Hunger.“
„Dann geh gleich in die Küche. Angelo hat ein riesiges Buffet auffahren lassen“, meinte ich.
„Gut komm mit und erzähl mir von der Fahrt.“
„Ich komm gleich rein, ich möchte nur jemanden kurz anrufen.“
„Okay bis gleich.“
Ich lief ein wenig in den Garten hinein und wählte Joes Nummer.
„Ja.“
„Hi Joe.“
„Mike hi, endlich meldest du dich.“
„Ja dachte auch ich muss dich kurz anrufen um zu hören wie es dir geht.“
„Das ist lieb von dir, das du an mich denkst. Was machst du jetzt noch.“
„Ich weiß es noch nicht, ich hab den Rest des Abends frei, auf jeden Fall mir den Sonnenuntergang anschauen und an dich denken.“
„Warum sagst du mir so was nicht, wenn du bei mir zu Hause bist Mike?“
„Liegt wahrscheinlich an der Atmosphäre von diesem Ort, du weißt ja Italien hat mich schon immer fasziniert.“
„Ja und die schönen Italiener.“
„Hör ich da etwa Eifersucht?“
„Ich und eifersüchtig, nie, wie kommst du darauf.“
„Eine andere Frage, warum wusste Flo nicht das ich unterwegs bin?“
„Ich hab ihm nichts gesagt er war gestern kurz da, um mir eine versprochene Cd vorbei zubringen, aber da haben wir nicht über dich gesprochen.“
Irgendwie fiel mir gerade ein Stein von Herzen. Gleichzeitig fuhr ich zusammen, weil mir jemand von hinten am Hals kraulte. Ich schaute erschrocken um Lee stand hinter mir.“
„Erschreck mich doch nicht so“, sagte ich zu Lee.
„Mit wem redest du da gerade englisch?“ fragte Joe.
„Ach das war Lee, der hat nichts Besseres zu tun um mich beim Telefonieren zu erschrecken“, antwortete ich.
So langsam, kam ich mit den Sprachen durcheinander.
„Dann machen wir mal für heute Schluss denke ich“, sagte Joe.
„Kann ich dich morgen um dieselbe Zeit wieder anrufen.“
Welcher Teufel hat mich geritten, diese Frage zu stellen.
„Gerne Mike, ich warte morgen drauf, also bye.“
„Bye Joe.“
„So hast du endlich Zeit mich zu begrüßen“, meinte Lee und fiel mir um den Hals, ich erwiderte die Umarmung.
„Sind sie nicht süß die beiden?“
Duncan und Simon kamen auf uns zu gelaufen. Ich wurde genauso herzlich begrüßt von ihnen, wie eben von Lee, als würde ich schon die ganze Zeit zur Familie gehören.
„Wo ist Antony?“ fragte ich.
„Ach der“, meinte Simon, er hat es gleich vorgezogen ins Haus zu stürmen, als er was von Essen hörte. Aber ich denke wir gesellen uns mal zu ihm. Kommst du mit?“
„Gerne.“
Lee stürmte vorne raus und Duncan hinter her, wie zwei kleine Jungs, die etwas angestellt hatten.
„Du Mike, kann ich dir noch was sagen, bevor wir den anderen folgen und rein gehen?“
„Ja Simon, natürlich.“
„Also ich wollt mich noch mal bedanken, dass du dich ein wenig Lee angenommen hast, seit er dich kennt ist er dass erste mal seit langen nicht mehr den ganzen Tag schlecht gelaunt.“
„Danke Simon, ich hab zwar nicht viel dazu beigetragen, aber wenn es dadurch Lee besser geht, ist es gut.“
Simon umarmte mich noch mal, und lief dann mit mir ins Haus. Antony war kräftig am Essen, ebenfalls Duncan und Lee. Ich setzte mich zu Philipp.
„So, wie geht es denn nun weiter?“ fragte ich ihn.
„Erst mal genießt du die Ruhe hier und spannst ein wenig aus. Wie ich von deiner Kollegin Christiane erfahren habe, hast du seit Ewigkeiten, keinen Urlaub mehr gemacht“, meinte Philipp.
„Stimmt, da hat sie Recht.“
„Nebenher mach dich einwenig mit der Elektronik vertraut, weil wenn es um den Bühnenbau geht, solltest du noch einiges wissen.“
„Die Bühne selber ist kein Problem, da habe ich schon einige Erfahrung, aber die Technik, als Licht und Musik. bin ich blutiger Anfänger.“
„Eben, die nächsten Tage kannst du, Mario und Gorgo ein wenig über die Schultern schauen. Sie sind einer der besten Techniker, die wir haben, du wirst sie noch oft bei Touren sehen. So jemand fehlt uns noch vor Ort in Deutschland, aber wir haben noch keinen gefunden, der das übernehmen würde. Die meisten haben halt Familie und sind nicht bereit ihre Familien allein zu lassen während wir auf Tour sind. Irgendwelche Einwände?“
„Geht in Ordnung.“
Die Tage verflogen natürlich, wie es im Urlaub so üblich ist. Ich verbrachte einige schöne Tage mit den Jungs, lernte sie besser kennen und sah doch, dass sie trotz Starrummel, ganz normale Jungs waren.
Tiziano kam wirklich zu Besuch, und ich stellte fest, dass Lee sehr fiel Zeit für ihn aufbrachte, ihm eigentlich nicht von der Seite wich. Ich hoffte nur, dass dies was Lee befürchtete nicht eintrat, dass er sich unsterblich verlieben würde.
Am letzten Abend war ich mit Lee an den Strand gefahren und wir beobachteten gemeinsam den Sonnenuntergang.
„Tiziano ist in einer festen Beziehung, in der er aber nicht glücklich ist“, sagte Lee plötzlich.
„Und was heißt das für dich.“
„Das ich einen absoluten süßen Jungen kennen gelernt habe, an den ich nicht drankommen werde.“
„Also verliebt…?“
„Ja, ich wusste es, dass dies kommt.“
„Ertragbar?“
„Noch, aber ich weiß nicht wie lang.“
Ich nahm Lee in den Arm und ich spürte wie seine hand unter mein Shirt wanderte. Ich ließ ihn einfach gewähren. Es wurde langsam dunkel und wir lagen im Sand, seine Hand wanderte forschte über meinen Körper was bei mir nicht ohne Folgen blieb.
„Du Lee, wir können hier aufhören, oder wenn du willst weiter machen, ich habe nichts dagegen. Ich mag dich sehr, ich bin dein Freund, aber eine feste Freundschaft kann ich nicht eingehen, da gibt es jemanden anderen, in den ich im Begriff bin mich zu verlieben.“
„Das habe ich mir schon gedacht. Aber Lust auf dich hätte ich schon.“
Ich zog ihn zu mir heran und gab ihm einen Kuss.
*-*-*
Früh startete ich morgens um nicht gleich in den Morgenverkehr zukommen. Lee war in sein Zimmer gewandert, nachdem wir uns voneinander ausgiebig verabschiedet hatten. Es war nichts passiert.
Wir lagen nur die ganze Nacht nebeneinander und genossen die Wärme des anderen. Traurig war ich schon irgendwie, Lee war ein netter Kerl, doch wurde mir bewusst wie sehr mir Joe fehlte. Ich genoss jeden Abend unsere Telefongespräche.
Jetzt befand ich mich auf dem Heimweg und konnte es kaum erwarten ihn wieder zu sehen.
Bis zum Gotthard kam ich ohne Schwierigkeiten, doch dann war finish. Wegen zu hohem Verkehrsaufkommen war der Verkehr für Güter und desgleichen gesperrt worden. Jetzt saß ich am Südportal des Gotthardtunnels fest.
Was blieb mir anderes übrig, als Quartier aufzuschlagen. Ich beschloss noch ein wenig zu laufen. Hier oben war es kühl geworden und ich steckte mir eine Zigarette an. Es wurde rasch dunkel, und es sah herrlich aus, wie die Spitzen der Berge das Abendrot wiederspiegelten.
Zurück beim Truck legte ich mich ein wenig schlafen. Da vor morgen sieben Uhr ja dann eh kein Durchlassen mehr war. Ich versuchte noch Joe anzurufen, aber der Empfang meines Handys war gestört. Ich schloss enttäuscht die Augen und war bald eingeschlummert.
*-*-*
Schnell war ich an der Schweizer Grenze, den Gotthard hatte ich am Morgen problemlos hinter mir gelassen. Erst wollte ich in einem durchfahren, aber ich besann mich des besseren und machte bei Karlsruhe eine halbe Stunde Pause.
Gegen späten Mittag traf ich dann endlich wieder in der Spedition ein. Ich musste das Tor aufschließen, es war ja schließlich Samstag. Wie vereinbart, wartete Joe schon auf mich, weil ich ja sonst nicht nach Hause kam. Freudig warf er mich fast um, als er mich umarmte.
„Hallo Mike, mein Gott, hab ich dich vermisst.“
„Und ich dich erst Joe.“
Es folgte ein langer Begrüßungskuss, dann ließ er wieder von mir ab. Ich öffnete das Tor zum Hof.
„Warte noch einen Moment, ich stell den Truck nur noch ab“, meinte ich und stieg ein.
Ich fuhr den Lkw auf seinen Platz, schmiss die Schlüssel und die Papiere in den dafür angebrachten Kasten und schloß hinter mir das Tor zum Hof.
„So und jetzt habe ich den ganzen Abend für dich Zeit“, sagte ich und schmiss meine Tasche auf den Rücksitz von Joes Wagen.
„Die wirst du auch brauchen“, meinte Joe frech grinsend.
„Und wie geht es jetzt weiter“, fragte mich Joe, als ich aus dem Bad kam.
„Inwiefern?“
„Uns beiden deinem und meinem Job?“
„Was ist mit deinem Job?“
„Die Firma in der ich arbeite hat zum ersten Konkurs angemeldet. Dann bin ich meine Arbeit los.“
„Das tut mir leid Joe, ehrlich.“
„Du weißt nicht zufällig, ob jemanden einen Techniker für Kommunikationsgeräte braucht?“
„Ehrlich gesagt vielleicht, aber ich kann dir noch nichts versprechen.“
„Willst du mich jetzt auf den Arm nehmen?“ fragte Joe entgeistert.
„Werde ich dir gleich sagen, warte einen Moment“, gab ich ihm zur Antwort.
Ich nahm mein Telefon und wählte die Nummer von Philipp.
„Hallo Philipp.“
„Hi Michael gut zurückgekommen?“
„Ja bin ich, du ich hab eine Frage, ich habe von Gorgo gehört, euch fehlt noch ein Techniker vor Ort, ist die Stelle noch frei?“
„Ja ist sie. Warum?“
„Ach ich hätte da einen jungen Mann“, ich ließ meine Blicke zu Joe gleiten, der mich immer noch ungläubig anschaute“, der ab ersten eine neue Stelle sucht.“
„Mensch Michael, dass wäre spitze. Kannst du ihn Morgen mitbringen, wir haben ein außerordentliches Meeting, wo ich dich auch brauchen könnte.“
„Moment ich frage“, ich nahm den Hörer bei Seite“, Joe hast du morgen etwas vor?“
Joe schüttelte nur den Kopf.
„Ja er hat morgen Zeit, wann sollen wir da sein?“
„So gegen elf Uhr, danach gehen wir dann noch gemeinsam essen.“
„Geht in Ordnung wir werden da sein.“
„Also bis Morgen Michael, und bring deine Papiere mit, wir haben einige Änderungen vor.“
„Gut. Bis Morgen. Bye.“
„Bye.
Ich legte auf und schaute Joe an.
„Morgen stelle ich dich bei deinem neuen Arbeitgeber vor.“
„Wow, jetzt bin ich platt. Du hast mir grad vielleicht eine Arbeitsstelle besorgt.“
„Ja, habe ich. Und…? Wie gut kennst du dich mit Musik und Lichtanlagen aus, also ich meine solche wie man auf den Bühnen verwendet.“
„Gut ich habe nämlich erst auf Firmenkosten einen Kurs dafür belegt.“
„Kein Wunder sind die Pleite gegangen.“
„Menno, sei nicht so böse zu mir.“
„Bin ich nie. So Problem Job gelöst. das andere war was wird aus uns, oder?“
„Ja.“
„Willst du mich nicht mehr?“
„Mehr denn je.“
„Dann tu, was du nicht lassen kannst.“
„Inwiefern?“
Ich lief zu ihm hin, kniete mich neben ihm aufs Sofa, und gab ihm einen Kuss. Seine Hand wanderte unter mein Handtuch, was mir ein leichtes Erzittern bescherte.
„Was hat dich umgestimmt?“
„Wie umgestimmt.“
„Vor drei fast drei Wochen hast du noch gesagt, du könntest nur ein Freund für mich sein mehr nicht.“
„Da war ich auch nicht fast zwei Wochen ohne dich.“
„Das soll heißen?“
„Das ich mich in dich verliebt habe.“
Nur schwer konnte ich mich aus den starken Armen, von Joe befreien. Aber es half nichts, ich musste auf die Toilette. Als ich zurück kam lag Joe in seiner ganzen Pracht auf der Decke. Ich schluckte.
Was für einen bildhübschen Jungen hatte ich da kennen gelernt. Ich legte mich wieder zu ihm und er war zwar nicht richtig wach, zog mich aber gleich wieder zu sich. Ich genoss seine nackte Haut auf meiner, spürte die Wärme die von seinem Körper ausging.
*-*-*
Zwei Stunden später wurde ich von Kaffeeduft geweckt. Ich öffnete meine Augen und Joe hielt mir eine Tasse Kaffee unter die Nase.
„Morgen, du Schlaftier.“
„Schlaftier ist gut, aber auch nur weil du mich heute Nacht nicht hast schlafen lassen“, antwortete ich.
„Wer hat denn auch gedacht, dass du nach der dritten Runde schon schlapp machst“, meinte Joe frech.
„Wärst du so lieb und stellst mal den Kaffee ab?“
„Ja warum?“ sagte Joe und stellte ihn auf den Nachttisch ab.
Ich packte ihn und kitzelte ihn durch, die Überraschung lag auf meiner Seite, er konnte sich nicht wehren. Da wir beide nackt waren, lies es nicht lange auf sich warten, dass wir wieder aufgeheizt übereinander herfielen.
„Joe es ist zehn Uhr, gehen wir jetzt lieber duschen und machen uns fertig. Wir haben einen Termin um elf.“
„Du Michael ich fahr nach Hause, weil ich eh was anderes anziehen will, und wir zu zweit unter einer Dusche… na ja… zu spät kommen, wäre da vorprogrammiert.“
„Okay, dann fahr heim ich hole dich in einer halben Stunde ab, reicht dir das?“
„Natürlich, ausreichend.“
Er stieg in seine Klamotten, während ich noch immer nackt auf dem Bett saß. Von seinem Abschiedskuss konnte ich gar nicht genug bekommen.
„Und wenn der Alltag eingekehrt ist, treiben wir zusammen Sport, um deine Kondition zu verbessern.“
„Kondition?“
„Ja, dass du nicht beim nächsten mal, nach dem drittenmal schlapp machst“, sagte Joe frech grinsend.
*-*-*
Eine halbe Stunde später saß Joe wieder neben mir. Er hatte sich wirklich fein gemacht. Wir fuhren zum Meeting.
„Glaubst du kannst Philipp mit deinem guten Aussehen beeindrucken?“ versuchte ich Joe aufzuziehen.
„Natürlich, damit hab ich bis jetzt noch jeden Mann herumgekriegt, inklusive dich.“
„Ähm .. Philipp ist nicht schwul…“, meinte ich und begann zu grinsen.
„Gibt’s in dem Laden nicht eine Frau, der ich den Kopf verdrehen kann?“
„Du willst einer Frau den Kopf verdrehen, weißt du überhaupt, wie das geht?“
Ich musste mich wirklich beherrschen, um nicht los zu lachen.
„Kann doch nicht so schwer sein. Wenn ich unterwegs bin, schauen mir doch auch laufend Frauen hinterher.“
„Du hast eine große Phantasie Junge.“
„Irgendetwas Großes, muss ich doch haben“, entgegnete mir Joe.
„Das ist wohl auch nicht das einzigste…“, sagte ich grinsend und riskierte einen Blick zu Joe, „ist ja auch nicht zu übersehen.“
„Echt?“ erschrocken schaute Joe an sich herab.
Ich fing an zu lachen.
„Mensch Mike, was soll das? Muss du mich jetzt auch noch aufziehen?“
„Schlimm?“
„Ja, ich bin schon nervös genug, da musst du nicht auch noch drin rumrühren.“
„Entschuldige, ich wollte dich nicht ärgern“, meinte ich mit einem hämischen Grinsen.
„Nein überhaupt nicht du Schuft“, er beugte sich zu mir rüber und gab mir einen Kuss.
Es waren bereits alle da, von der Truppe. Ich ging mit Joe zu Philipp.
„Hallo Philipp“, sprach ich ihn an.
„He, morgen Michael, erholt siehst du aus.“
Ich musste unweigerlich grinsen, nach der Nacht mit Joe wunderte mich das.
„Danke Philipp, darf ich dir Joachim verstellen, der Techniker, von dem ich dir gestern am Telefon erzählt habe.“
„Ah, hallo Joachim, lass uns kurz, da drüben setzten, dann können wir alles bereden.“
„Dann lass ich euch Zwei mal alleine und gehe Bea begrüßen.“
Beide nickten mir zu und ich überlies sie sich selbst.
„Morgen Bea.“
„Morgen Mike, na wieder fit nach der Tour nach Italien.“ Sagte die Angesprochene.
„Na sicher, hat mir auch sehr Spass gemacht“, entgegnete ich.
„Wo hast du denn den süßen Schnuckel aufgetrieben? Gehört der etwa zu dir?“
Erstaunt schaute ich Bea an. Woher wusste sie?
„Nicht wundern Mike, ich habe durch meinen Beruf eine gute Menschenkenntnis. Ich wusste von Anfang an, dass du schwul bist“, versuchte sie mir zu erklären.
„Na toll, tucke ich etwas so herum, dass dies auffällt?“
„Nein das nicht, außerdem hat mir Marc schon einen Tipp im Voraus gegeben, dass du zur Zeit nicht so gut drauf wärst, weil bei dir eine Beziehung in die Brüche gegangen wäre. Und da ich neugierig war, erzählte er mit halt eben, dass es sich um einen Mann handelte.“
„Ich muss unbedingt jetzt doch mal mit Marc reden.“
„Kannst du, er kommt heut morgen auch noch, wir warten eigentlich nur auf ihn. Beantwortest du jetzt meine Frage?“
Welche?“
„Ob der“, sie wies mit dem Kopf Richtung Joe, „zu dir gehört.“
„Ja, dass ist mein Freund.“
„Das ist ja sehr gut. so ein Team kann ich gebrauchen.“
„War das jetzt ironisch gemeint?“ fragte ich sie.
„Nein, ganz im Gegenteil. Ihr im Team werdet bestimmt bald unersetzlich werden.“
„Danke.“
Joe kam mit einem breiten Grinsen im Gesicht zu mir zurück.
„Mike ich habe die Stelle, Mann danke.“
„Nichts zu danken, habe ich doch gern getan.“
„Ich soll mich nachher nur noch mit dem Hauptverantwortlichen für Transport und Aufbau zusammen setzten, das wäre mein neuer Chef“, sagte Joe.
„Das trifft sich gut, du hast ihn vor dir.“
„Wie, vor mir?“
„Joe ich weiß, dass ich dir noch nicht alles erzählt habe, aber ich bin fest hier bei Music on tour angestellt und verantwortlich für eben den Transport und Aufbau. Du arbeitest also unter mir“, sagte ich lächelnd.
„Dann kann ich wohl die Stelle nicht annehmen“, erwiderte Joe, mit einem ernsten Gesichtsausdruck.
„Wieso?“ fragte ich entsetzt.
„Weil ich lieber auf dir arbeite, als unter dir“, lachte Joe und ich merkte, dass er mich gründlich aufs Glatteis geführt hatte.
„Rache ist süß mein Kleiner.“
„Da freu ich mich schon drauf“, meinte mein Schatz.
Ich zwickte ihn leicht in den Hintern, und es entfuhr ihm ein leises „Aua“. Einige der Anwesenden schauten zu ihm herüber und ich musste lachen und setzte mich an den Tisch. Die Tür ging auf und Marc kam herein.
„Hallo zusammen, entschuldigt die Verspätung.“
Er kam zu mir klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und gab mir ein Zettel.
„Melde dich bitte nach her bei deinem Chef von der Spedition bei euch in der Firma ist eingebrochen worden.“
Ich schaute ihn fassungslos an, er aber zuckte nur kurz mit den Schultern. Bea räusperte sich und verlangte Aufmerksamkeit.
„Also Leute, die Tour steht so weit. Zwei Neuzugänge möchte ich euch noch vorstellen. Einmal haben wir hier Joe unser neuer Tontechniker.“
Alle schauten zu Joe und nickten, er lächelte einwenig verlegen.
„Zum zweiten haben wir einen Nachfolger für Tommy gefunden, das ist Michael oder einfach Mike. Er übernimmt ab sofort sämtliche Aufgaben von Tommy und ist auch als solcher zu behandeln, bitte keine Späße.“
Ich schaute Bea fragend an.
„Mike, dass wirst du noch früh genug merken. Mit Neulingen treibt die Crew gerne Späße. Und an den Rest, wer es noch nicht weiß, Mike und Joe sind ein Paar, also keine falschen Hoffnungen verbreiten.“
Marc schaute zu mir herüber und grinste. Unter dem Tisch merkte, wie Joe seine Hand auf mein Bein legte und es beruhigend streichelte.
„So nun weiter meine Damen und Herren“, sagte Bea.
„Choreographie steht so weit, wie mir Florence bestätigte. Die Trucks sind zum Eröffnungskonzert nach Rom unterwegs.“
Florence und ich nickten gleichzeitig.
„Philipp, du fliegst zurück zu den Jungs und erscheinst am Freitag mit ihnen in Rom zu ersten Probe an der spanischen Treppe. Marc, wie sieht es aus, hast du dein Filmteam zusammen?“
„Ja habe ich, geht alles klar.“
„Für die, die es noch nicht wissen, Marc ist zuständig für die Doku über Blue, die zusammen mit der nächsten DvD über die Konzerte auf den Markt kommen soll. Ihr fliegt am besten heut Abend auch mit Philipp auch gleich mit oder?“
„Ja ist alles arrangiert. Marc und seine Crew sind dabei“, meinte Philipp.
„Ihr müsst euch nur noch mit Bob vom Security absprechen, damit ihr überall hineinkommt und nicht mit jemand von der Presse verwechselt werdet.“
„Schon passiert“, sagte Marc.
„Du Mike wirst mit deinem weißen Truck morgen hier antanzen und den Rest der Ladung verstauen.“
Ich nickte.
„Greg, sind alle Klamotten der Jungs fertig?“
„Noch ein paar Feinarbeiten, aber wenn Mike morgen kommt sind wir fertig“, antwortete Greg.
„Will ich doch hoffen und denk dran, wir brauchen noch ein komplette Ausstattung für Joe hier, lass dir nachher die Maße geben“, sagte Bea.
Ich bewunderte die Frau, was sie auf dem Kasten hatte. Schon alleine was im Vorfeld alles zu bedenken war. Ich merkte dass Joe neben mir unruhig wurde. Bea gab ein Zeichen an Philipp.
„Hier sind die Tourpläne. Die Hauptverantwortlichen sind rotmarkiert mit entsprechender Handynummer dahinter“, sagte Philipp.
Er verteilte an jeden einen Ordner.“
„Änderungen bekommt ihr wie immer rechtzeitig mitgeteilt. Falls es irgendwelche Schwierigkeiten gibt, wendet euch an mich. Ich bin mit Bob zusammen bei den Jungs. Fragen wegen Unterbringungen oder Geldangelegenheiten, da ist Sabrina zuständig. Bea ist dann schon in Spanien unterwegs, der nächste Halt unserer Tour um alles ab zuklären.“
Sie nickte und lächelte in die Runde.
„Alles was mit Transport und Aufbau, Ton und Technik zu tun hat, Joe und Mike ansprechen, sie haben alle Pläne von den Hallen und Örtlichkeiten wo wir Auftritte haben.
Ach so Joe, du brauchst dir keine Gedanken wegen den zwei noch anstehenden Arbeitswochen bei deiner alten Firma zu machen, einer unserer Anwälte kümmert sich bereits darum, dass du freigestellt wirst. So und wenn jetzt keine Fragen mehr da sind könnten wir essen gehen, ich habe nämlich Hunger.“
Eine allgemeine Zustimmung war zu hören. Ich stellte mich in eine Ecke und wählte meinen Chef an.
„Ja.“
„Vogel hier, was is passiert?“
„Ach Vogel sie sind es. Heute Nacht ist eingebrochen worden bei uns, aber der Schaden ist gering. Sie haben sich an einem Lkw der aus den Niederlanden zurückgekommen ist, zu schaffen gemacht.
Da hat wohl jemand versucht, mit unserem Lkw etwas zu schmuggeln, na ja er hat es geschmuggelt, aber ist nicht heran gekommen, weil unsere Überwachung den Alarm ausgelöst hat.“
„Und was war in dem Truck?“ fragte ich.
„Heroin im Wert von 250.000 Euro.“
Ich ließ einen Pfiff von mir.
„Eine Menge Moos.“
„Ja die Ware ist beschlagnahmt, den Truck haben wir Gott sei dank schon wieder zurück. Kommen sie morgen noch vorbei?“, fragte mich der Alte.
„Ja natürlich, ich muss noch einiges mit Christiane abstimmen.“
„Das ist gut dann können sie auch gleich noch eine kleine Einweisung für ihren Nachfolger machen.“
„Wenn es sein muss Chef, klar mach ich.“
„Sie werden sich freuen es ist ein alter Bekannter von ihnen.“
„Da lass ich mich ja mal überraschen Chef.“
„Gut also bis Morgen, mein Typ wird hier verlangt. Tschüß Vogel.“
„Tschüß Chef.“
Am Mittagstisch erzählte ich was in meiner Firma vorgefallen war. Bea regte sich leicht darüber auf.
„Und auf unseren Konzerten kommen dann die scheiß Typen und verteilen es an unsere Kidies, ich wüsste nicht wenn ich mal so einen Typ in die Finger bekäme, was ich mit dem anstellen würde“, meinte sie und nahm einen Schluck von ihrem Wein.
Joe schaute mich an.
„Was?“ fragte ich ihn.
„Ich wollt dir noch mal danke sagen, Großer, gestern Morgen sah es noch sehr düster aus bei mir, aber dank dir hat sich das alles verändert.“
„Tja, wer mich abkriegt, kriegt mich voll. Und eins ist sicher Joe, alles was ich für dich tun kann, werde ich machen.“
„Du bist so lieb Mike. Womit hab ich so einen Freund verdient.“
„Gar nicht“, sagte ich grinsend.
Er verstand und erwiderte mein Lächeln.
„Was steht heute Abend noch an?“, fragte ich ihn.
„Sabine meinte, ob wir zwei heute Abend nicht mit kegeln gehen wollten, sie hat mich vorhin zu Hause angerufen.“
„Schick ihr eine SMS, dass wir kommen. Habe Lust den ganzern Haufen zu sehen und zu zeigen, dass ich mir etwas ganz Liebes eingefangen habe“, sagte ich und bekam einen Kuss als Belohnung von Joe.
Das Kegeln war wie immer ein Heidenspaß. Zudem gewannen Joe und ich fast alle Spiele. Harald war darüber sichtlich verärgert.
„Irgendetwas stimmt am dem Ausspruch, Glück in der Liebe Pech beim Spiel nicht, wenn ich mir unsere zwei Turteltauben betrachte.“
„Harald, dass ist alleine Können“, sagte mein Joe und die Lacher waren auf seiner Seite.
Am Schluss verabschiedeten wir uns alle von einander. Florian war einer der letzten und ging an mir vorbei.
„Bis morgen Mike“, sagte er und war verschwunden.
„Morgen?“, fragend schaute ich Joe an, er zuckte nur mit den Schultern.
*-*-*
Joe war schon recht früh zur Firma gefahren. Er wollte sich noch ein bisschen einweisen lassen, von den dortigen Leuten, die für die Technik zuständig waren. Ich dagegen war unterwegs zu Spedition.
Ich parkte mein Golf und lief hoch zu meinem Büro. Auf dem Flur vor dem Büro stand Christiane mit jemand.
„Florian?“, sagte ich doch eine wenig verblüfft.
„Ja, Mike.“
„Was suchst du hier.“
„Ich arbeite ab heute hier“, sagte er leicht verlegen.
„Tja Mike, der Chef hat ihn Freitag eingestellt, damit ich meine Hilfe habe“, meinte Christiane.
„Ich weiß zwar, dass Flo ein Organisationstalent ist, aber lass ihn auf keinen Fall was anlangen oder machen, er ist der größte Tollpatsch, der rumläuft“, sagte ich frech grinsend.
„Schon gemerkt Mike, die Kaffeekanne ist schon hin“, sagte Christiane lachend.
Flo fing ein wenig an zu schmollen.
„Komm Flo, ich hab nicht viel Zeit dir zu erklären, was hier so läuft. Der Rest muss dir eh Christiane erklären“, meinte ich zu Flo.
Die nächste halbe Stunde versuchte ich Florian darüber aufzuklären, wie es hier im Laden so läuft. Mit sichtlichen Erfolg! Er verstand schnell um was es ging.
„So Christine ich muss hinüber zu Music on Tour, könntest du vielleicht dafür Sorgen, das mein Golf später in die Halle gestellt wird?“
„Geht klar Mike mach ich.“
„Wenn irgendetwas sein sollte, kannst du mich ja auf dem Handy erreichen.“
„Gut, bis dann.“
„Ciao ihr zwei und vertrag euch, ich will keine Beschwerden hören.“
Flo zog eine Grimasse und ich verschwand lachend aus dem Büro.
*-*-*
Mit dem Truck war ich eine dreiviertel Stunde später bei Music on Tour. Der Pförtner kannte mich inzwischen und lies mich gleich passieren. Ich drehte auf dem engen Hof und fuhr rückwärts an die Rampe.
An der Rampe erschien Joe. Ich stellte den Motor ab und lies mich aus dem Führerhaus gleiten.
„Morgen mein Schatz, habe dich schon vermisst“, sagte Joe.
Er hüpfte von der Rampe und viel mir um den Hals.
„So lieb ich es, begrüßt zu werden. Morgen mein Engel, na gut geschlafen?“
„Sehr gut, wie ein junger Gott.“
„So siehst du auch aus.“
„Danke Großer.“
Ein Kuss folgte.
„Siehst prima aus in den Klamotten, überhaupt schwarz steht dir gut“, meinte ich als ich ihn begutachtete.
„Was ist mit dir los, dass du mich heute Morgen so mit Komplimenten überschüttest.“
„Ich liebe dich, ganz einfach.“
„Das brauchst du mir nicht sagen, obwohl ich es gerne höre.“
„Ich kann es gar nicht oft genug sagen, dass ich dich liebe Joe!“
„Du alter Romantiker.“
Alles fertig zum Einladen?“
„Ja alles, bis auf eine Lichtbatterie, sie sind vorhin beim Rausfahren vom Wagen gefallen, müssen gerade noch die Birnen und Gläser ausgetauscht werden.“
„Wer war denn da so unvorsichtig.“
„Ich nicht, unser Lehrjunge, der seit kurzen hier beschäftigt ist, er wollte sich einen Weg sparen und hat den Wagen so voll geladen.“
„Der geht aber nicht mit auf Tour oder?“
„Keine Sorge, der ist noch nicht volljährig, also darf er noch nicht mit, aber er ist recht passabel vom Aussehen her, der Junge.“
„Was?“
„Mike du bist süß, wenn du so eifersüchtig guckst.“
„Bin immer süß.“
Wir lachten beide. Ich schloß den Aufleger auf und die Männer begannen der Hänger zu beladen. Ich passte auf, dass sie das Gewicht gleichmäßig auf den Wagen verteilten und es richtig verankerten, so dass die Ladung nicht verrutschten konnte.
Auch der Lehrjunge mit der reparierten Lichtbatterie kam auch noch rechtzeitig. Ich schaute zu Joe und musste lachen wie er mich so hämisch an grinste. Bea erschien auf der Rampe.
„Morgen Jungs“, rief sie.
Ein einheitliches Morgen schalte von den Arbeitern zurück.
„Morgen Mike, ich habe da noch etwas für dich, könntest du in Frankfurt morgen einen kurzen Zwischenstop einlegen wir haben dort bei einer Firma noch ein Ersatzteil bestellt, dass wir dringend in Rom bräuchten.“
„Natürlich geht das. Hast du die erforderlichen Unterlagen da?“
„Ja hier, fällt mir ein Stein vom Herzen, brauchen wir schon nicht die Lieferung mitzubezahlen, wenn wir es abholen.“
„Ich fahr also mit dir nach Rom und wo schlafen wir unterwegs?“ fragte mich Joe.
„Das kann ich dir zeigen komm mit.“
Ich ließ ihn in das Führerhaus steigen und setzte mich neben ihn.
„Zieh mal den Vorhang zurück“, sagte ich zu ihm.
Er tat das Geheißene, und bekam große Augen.
„Das ist ja so groß wie ein Ehebett hier.“
„Ja ist es.“
„Da kann man ja gut auf Beutefang gehen, wenn man so eine Schlafkoje hat.“
„Meinst du warum ich diesen Truck unbedingt wollte. Willst du mal Probeliegen.“
„Lockst du deine Opfer immer so in die Koje?“
„Natürlich und dann falle ich über sie her und saug den letzten Saft aus ihnen heraus.“
„Aha, ein kleiner Möchtegern-Vampir, an was bin ich da nur geraten.“
„An mich, einer der dich aufrichtig liebt und sein Leben mit dir teilen möchte.“
„Das möchte ich auch.“
Wir gaben uns einen zarten Kuss, wurden aber vom Klopfen an meiner Tür unterbrochen.
„Meister wir sind fertig mit beladen“, kam es von draußen.
Ich lehnte mich an offene Fenster.
„Währt ihr so gut und legt ihr mir noch ein paar Extraspanner rein, ich muss morgen in Frankfurt noch eine weitere Ladung aufnehmen.“
„Geht klar Chef machen wir.“
„Was guckst du so trollig?“ fragte mich Joe.
„Es ist das erste Mal, das jemand Chef zu mir sagt.“
„Dann gewöhn dich mal schnell daran, du bist jetzt Chef.“
„Ja irgendwann, jetzt ist es aber noch ungewohnt.“
*-*-*
Es klingelt, ich war gerade fertig mit packen. Ich ging zur Tür und öffnete.
„He Joe schon da?“, fragte ich als mein Schatz vor der Tür stand.
„Ja ich hab mich beeilt, ich konnte es zu Hause alleine nicht mehr aushalten.“
„Du weißt aber, dass wir erst morgen um sieben fahren.“
„Ja ich weiß, aber ich dachte, wenn ich bei dir schlafe, brauche ich nicht früher aufzustehen, sondern kann mit dir gemeinsam aufstehen.“
„Kein Problem, komm erst mal rein.“
Joe stellte seine große Tasche in die Ecke und setzte sich zu mir auf die Couch.
„Ist was?“, fragte ich, als ich sah, dass Joe was beschäftigte.
„Ja ich habe eine Frage an dich.“
„Und welche?“
„Heute Morgen als du mir erzählt hast, dass Flo deinen Job übernommen habe, fragte ich mich, warum er das wohl macht.“
„Ganz einfach, er hat gemerkt, dass er immer noch mich liebt.“
„Und du?“
„Ich? Nein Joe, das ist vorbei, Flo hat mir so wehgetan, da ist kein Fünkchen Liebe mehr übrig.“
„Was ist an Flo so anders als an mir?“
„Wow, gleich solche Megafragen, aber Moment ich beantworte sie dir. Erst mal deine Ausstrahlung.“
„Meine was?“
„Deine Ausstrahlung Joe. Du bist der ruhige Gegenpol zu mir. Du bringst mich immer wieder auf die Erde zurück. Dann deinen Dickkopf, den ich so an dir liebe. Florian ist jemand der mit dem Strom schwimmt und immer die ideale Meinung annimmt, die gerade ihm passend erscheint.
Du dagegen, vertrittst deine eigene Meinung, sagst mir, wenn dir was nicht passt. Und solch einen Partner habe ich mir immer gewünscht.“
„Das ist ja eine richtige Liebeserklärung“, meinte Joe verlegen.“
„Ja ist es.“
„Dann bin ich jetzt wohl daran eine Liebeserklärung abzugeben.“
„Brauchst du nicht, deine ganze Art wie du dich gibst, wie du für mich da bist, einfach alles, das sind mehr als die Worte >ich liebe dich<, dass ist die größte Liebeserklärung überhaupt.“
„Du bist so rede gewandt kannst einfach alles in Worte fassen…“
„Das Wort alleine aber zählt nicht, Joe. Wie gesagt die Art und Weise wie jemand liebt ist wichtig, ich liebe dich kann jeder sagen, es auf diese Art zu zeigen nicht.“
„Wechseln wir das Thema, sonst hast du hier einen flennenden Freund vor Rührung vor dir sitzen.“
„So schlimm.“
„Ja, deine Worte rühren mich tief, so habe ich dass nie gesehen.“
„Das bist eben du Joachim, du zeigst deine Gefühle offen. Wenn du etwas liebst, überschüttest du es mit Gefühlen, zeigst was du fühlst. Versteht nicht jeder, aber der Richtige schon. Du hörst auf dein Herz nicht auf deinen Verstand.“
„Ist aber schon oft ein Fehler gewesen, muss ich zugeben.“
„Bereust du deine bisherigen Herzentscheidungen.“
„Nein, ich würde alles genauso alles wieder machen, auch wenn ich weiß ich handle mir dadurch Ärger ein.“
„Eben du denkst nicht über die Konsiquensen nach, du handelst einfach, aber das ist nicht falsch. Würden das mehrere Menschen so machen, gäbe es viel weniger Ärger in den Beziehungen und Freundschaften. Ich weiß aber auch, dass du viel angreifbarer bist, durch deine Art.“
„Ja bin ich, habe ich gemerkt, aber ich kann nicht anders.“
„Bist eben so wie du bist und dafür liebe ich dich, mein Schatz.“
Ich zog ihn an mich heran unsere Gesichter näherten sich Zentimeter für Zentimeter. Seine Hand strich mir zärtlich über mein Gesicht, über die Lippen. Er legte seine Hand um meinen Nacken und zog mich vollends zu sich und seine Lippen berührten die meinen.
Erst sanft, fast spielerisch, als wollte er meine Lippen anknabbern. Noch immer hatte er seine Augen geöffnet, ich versank in diesem Grün, das mich immer mehr in seinen Bann zog. Ich schloß die Augen, hatte das Gefühl in ein anderes Reich zu entschweben.
Noch immer lag seine Hand ruhig auf meinem Nacken. Zaghaft aber fordernd war sein Kuss. Seine Zunge verlangte Einlass, nicht heftig sondern auf eine ruhige Art, bei der ich es gerne gewähren lies.
Seine Zunge berührte meine und sie begann einen Tanz der Gefühle, als würden sie mit Stromstössen, dem anderen mitteilen, was man selber fühlte. Ich versank langsam in den Armen von Joe.
Seine Hand wanderte über meinen Körper, tastete jede Faser meines Körpers ab, die er erreichte. Wie kleine Stromstösse durchfuhr es mein Körper. Jede neue Berührung seitens Joes, löste bei mir eine neue Welle von Empfindungen aus.
Ich tat es ihm gleich lies ihm die gleiche Zärtlichkeit zukommen, wie er mir. Er setzte ab und holte tief Luft.
„Wow Mike, so einen Kuss voll Leidenschaft habe ich noch nie erlebt. Mir ist fast das Herz stehen geblieben.“
Ich knöpfte sein Hemd auf fuhr durch die Öffnung, an die Stelle wo sein Herz saß. Ich konnte ein wildes Pochen spüren. Ich schaute abermals in die funkelnden Augen von Joe. Ich sah die pure Lust in ihnen.
Ich intensivierte meinen Kuss und auch Joes Hände wanderten diesmal unter meine Kleidung. Ich stand auf packte Joe und trug ihn hinüber ins Schlafzimmer. Dort angekommen lies ich ihn sanft aufs Bett gleiten.
Meine Zunge wanderte über seine glatte Brust und umwanderte die Warzen. Ein leichtes Beben in seinem Körper war zu spüren. Er zog mir mein Tshirt aus, ich sein Hemd. Er drückte mich zu sich herunter und ich spürte seine warme, weiche Haut auf meiner.
Seine Hände strichen über meine Rücken und ein erneuter Schauder überkam mich. Heiß rieben wir die Körper aneinander. Er kaute an meiner Unterlippe und schaute mit tief in meine Augen. Ich konnte die pure Liebe meines Jungen sehen und spüren.
Ich ließ mich fallen, tief fallen. Ich ergab mich seiner Lust und vergaß alles um mich herum. Wir waren zu einem Körper zusammen geschmolzen. Ich spürte seine zartstreichenden Finger überall. Mittlerweile waren wir nackt, hart stand die Erregung zwischen uns.
*-*-*
„Ist eigentlich das erste Mal, das ich mit dir so eine lange Fahrt im Truck mache“, sagte Joe neben mir.
„Stimmt, bin auch echt froh, dich als Beifahrer dabei zu haben.“
„Kann mir vorstellen, dass du oft einsam warst.“
„Ja schon…“
„Wann müssen wir herunter von der A5?“
„Noch zwei Ausfahrten, dann kommt unsere, hole du schon mal die Papiere heraus, das Industriegebiet liegt dicht an der Autobahn.“
„Mach ich.“
Plötzlich hörten wir einen lauten Knall.
„Scheiße, der Aufleger reagiert so schwer, da muss ein Reifen geplatzt sein, Joe heb dich bitte fest.“
Ich hatte enorme Schwierigkeiten den Wagen gerade zu halten und auch noch die Geschwindigkeit zu mindern. Ich hörte Reifen quietschen. Da der Hänger leicht schlingerte, kam ich zu dicht auf die Nebenspur und drängte überholende Autos ab.
Langsam konnte ich den Truck auf den Seitenstreifen abbremsen, bis ich dann ohne weiteren Schaden endlich halten konnte. Ich stieß erst mal die Luft aus. Joe saß kreidebleich neben mir.
„Noch mal Glück gehabt“, meinte ich und schaltete die Maschine ab und machte die Warnblinkanlage an.
Ich schaute in den Spiegel und konnte grad eine große Lücke entdecken. Ich öffnete meine Tür und versuchte so schnell wie möglich von der Straße herunter zukommen. Joe hatte bereits auch das Führerhaus verlassen und reichte mir meine Warnweste, die ich gleich überzog.
„Danke!“
Danach schauten wir uns beide den Schaden an, sprich den geplatzten Reifen.
„Mike ist es normal, dass ein fast nagelneuer Reifen platzt?“
„Normalerweise nicht, außer er war fehlerhaft. Aber das sieht nicht nach einem Fehler aus, sondern schau mal hier, da hat jemand mit was scharfen Messer entlanggeschlitzt.“
Joe schaute mich erschrocken an. Ich nahm das Warndreieck und lief hinter den Wagen um es auf zustellen. Während ich lief, rief ich per Handy in der Firma an und sagte Bescheid, dass sie das Unternehmen bitte informieren sollen, dass wegen der Reifenpanne sich unsere Ankunft verschieben würde.
Danach wählte ich die Nummer der Spedition an. Dort war ein Durcheinander. Wir waren schon der fünfte Truck, der sich jetzt meldete. Bei den anderen wurde ebenfalls festgestellt, dass sich jemand an ihren Reifen zu schaffen machte.
Soweit ich überblicken konnte, war es bei uns auch nur ein Reifen. Ich schlug meinem Chef die Polizei einzuschalten. Danach machte ich mich daran den Reifen auszuwechseln. Da der Hänger über hydraulische Stützen verfügte konnte ich die ohne Probleme durch ziehen.
Ich gab Joe den zweiten großen Schraubenschlüssel, damit er das Ersatzrad lösen konnte. Ich wiederum machte mich an die Arbeit und löste das defekte Rad.
„Mike hilfst du mir mal das Rad herunter zuheben.“
„Komme Joe, Moment“, ich legte die Muttern auf die Seite und nahm Joe das Rad ab, das er mit von der Zugmaschine entgegenhob.
Für den ganzen Wechsel, brauchte ich wirklich fast ein Stunde. So saßen wir wieder im Führerhaus und konnten weiterfahren.
„Ist dir das schon öfter passiert.“
„Ja schon zweimal, aber im Ausland, da waren halt die Straßen dran schuld.“
„Das hätte ganz schön ins Auge gehen können.“
„Ist es aber nicht.“
Das Ersatzteil war schnell eingeladen und ich bemühte mich schnell wieder auf die Autobahn zu kommen.
„Ich denke mal wir werden heute Abend vor dem Gotthard übernachten, weiter werden wir nicht kommen, wegen dem Nachtfahrverbot“, meinte ich zu Joe.
„An mir soll es nicht liegen, da wo du hin gehst, da werde ich auch sein“, entgegnete Joe mir grinsend, „wo wir gerade bei schlafen sind, was hast du eigentlich mit mir heute Nacht angestellt?“
„Wieso angestellt?“
„Mir tun alle Knochen weh.“
„Hat dich der alte Mann überfordert?“
„Jo lach du nur, das nächste Mal verbiege ich dir wieder deine Knochen.“
„Tu nicht, was ich nicht auch tun würde“, grinste ich und fuhr die Auffahrt der A5 rauf.
Ohne weitere Schwierigkeiten, schafften wir es bis zum Gotthard, wo ich auf die Raststätte rausfuhr.
„Mike ich geh mal schnell auf die Toilette, ich platze gleich.“
„Okay ich muss eh noch mit Philipp telefonieren.“
Ich nahm mein Handy und wählte ihn an.
„Hallo Mike, gut dass du dich meldest.“
„N´abend Philipp, ist etwas passiert?“
„Nein, ich wollte nur wissen wie weit ihr noch gekommen seid.“
„Bis zum Gotthard, aber ich komme pünktlich in Rom an.“
„Dann ist ja gut. Übrigens, dass mit den Reifen müssen dieselben gewesen sein die auch den Stoff in dem einen Truck versteckt haben, es waren die selben Fingerabdrücke.“
„Sehr beruhigend, gibt es dann noch…. Moment mal, ich sehe da gerade etwas an meinem Truck was da nicht hingehört.“
Ich kroch unter den Aufleger und rüttelte an einer Box, die ich vorher noch nie gesehen habe. Ich löste sie leicht und eine Tüte mit weißem Zeug kam mir entgegen geflogen.
„Philipp ich glaube wir haben da ein Problem.“
Es war nun schon Mitternacht, und Joe war endlich neben mir eingeschlafen. Ich wiederum saß und schaute durch den Vorhang nach draußen, ob sich etwas tat. Wo sich die Schweitzer Polizei verschanzt hatte wusste ich nicht, es wurde uns lediglich per Handy mitgeteilt uns ganz gewohnt zu benehmen und auch im Truck schlafen zu gehen, es würde uns nichts passieren.
Philipp hatte alles in die Gänge gebracht und in Deutschland die Drogenfahndung verständigt. Ich weiß nicht wie, die das fertig bekommen haben, aber plötzlich wurden wir von einem anderen Truckerfahrer angesprochen, er wäre von der Polizei, das Gelände würde jetzt überwacht, falls die Leute versuchten ihre Drogen heute Nacht von unserem Wagen zu holen.
Joe und ich waren ganz schön aufgeregt und versuchten uns so normal zu benehmen wie nur möglich. Und nun lagen wir in unserer Koje im Truck. Joe hatte die Ruhe weg, er atmete tief und fest. Ich legte mich neben ihn und versuchte ebenfalls ein wenig zu schlafen.
Kaum war ich eingenickt, wurde ich auch schon von einem Geräusch geweckt. Ich hörte angespannt in die Stille. Da war es wieder, irgendjemand war am Hänger. Ich versuchte Joe zu wecken, doch der schlief tief und fest.
Dann ging alles recht schnell es wurde laut draußen, von allen Seiten hörte ich Schreie und jede Menge Leute. Autos bremsten vor unserem Truck. Ich traute mich durch dem Vorhang nach draußen ins Freie zu schauen.
Da klopfte es an die Fahrertür, ich fuhr zusammen.
„Herr Vogel kommen sie raus, es ist alles vorbei“, hörte ich von draußen jemanden rufen.
Ich nahm allen meinen Mut zusammen und kletterte nach vorne in die Fahrerkabine. Ich schob den Vorhang beiseite. Vor dem Truck stand ein Polizist. Ich öffnete meine Tür und stieg aus.
„Herr Vogel es ist alles vorbei, wir haben dank ihnen drei Burschen geschnappt, alte Bekannte so zusagen.“
„Dann bin ich aber froh“, gab ich erleichtert zur Antwort.
„Dann legen sie sich mal wieder schlafen ich denke sie haben ja morgen noch eine ganze Menge zufahren. Und wenn sie Bea treffen, sagen sie bitte einen Gruß von Theo, sie weiß dann Bescheid“, meinte der Polizist.
„Mach… ich.“
Der Polizist ging und ich kletterte wieder ins Führerhaus zurück. Wo war ich da nur rein geraten. Und vor allem woher kennt er Bea. Ich zog mich endlich aus und kuschelte mich neben meinen Schatz, der von all dem nichts mit bekommen hatte.
*-*-*
„Morgen Großer.“
Ich öffnete meine Augen und mein Schatz hatte sich über mich gebeugt.
„Ich habe geschlafen wie ein junger Gott, dein Truck ist wirklich voll geil“, meinte Joe.
„Das habe ich gemerkt, du hast heute Nacht überhaupt nichts mit bekommen, oder?“ fragte ich ihn.
„Heute Nacht? Nein, nicht dass ich wüsste. Was war denn?“
„Oh Mann, du hast ja wirklich nichts mitbekommen. Hier war ein großes Polizeiaufgebot mit Festnahme und so.“
„Das hast du doch wohl geträumt oder?“
„Nein Kleiner du hast es verschlafen“, grinste ich.
Mit großen Augen schaute ich meinen Kleinen an, gab ihm einen flüchtigen Kuss und stand auf. Ich erledigte meine Morgentoilette in der Raststätte frühstückte mit Joe noch ein wenig und schon waren wir wieder auf der Autobahn.
Wir ließen dieselbe Prozedur am Gotthardtunnel über uns ergehen wie schon vor ein paar Tagen vorher ich das tat.
„Geht das noch lange?“ fragte Joe, als wir den Tunnel durchquerten.
„Ganze siebzehn Kilometer mein Lieber“, gab ich zum Besten.
„Oh Mann, zum Glück muss ich da nicht jeden Tag durch, irgendwie fühl ich mich unwohl hier drinnen.“
„Hast es ja gleich geschafft, sind nur noch fünf Kilometer.“
„Du hast gut reden.“
Die weitere Fahrt verlief ruhig. Am Zoll zu Italien brauchten wir etwas länger, weil wir noch verschiedenen Papierkram ausfüllen mussten. Den nächsten Halt machten wir nach Mailand um uns die Füße zu vertreten.
Später bei Parma bog ich nicht wie gewohnt Richtung La Spezia ab, sondern fuhr weiter nach Bologna, immer der A1 nach. Sie führte direkt nach Rom. Gegen späten Mittag und total erschöpft, wegen der Hitze, kamen wir endlich in Rom an.
„Dachte nicht, dass mein Traum, mit dir eine Nacht in einer traumhaften Stadt zu verbringen, so schnell in Erfüllung gehen könnte“, meinte Joe zu mir.
„Du siehst doch Wünsche gehen in Erfüllung. Aber jetzt müssen wir Aufpassen, ich muss zur spanischen Treppe fahren, hilf mir doch bitte mit, zu schauen wo ich hin muss.“
„Mach ich doch gerne Mike, ist das der Stadtplan?“
Ich nickte. Er nahm sich den Stadtplan und versuchte sich zu orientieren. Schon nach wenigen Sekunden wusste er genau wo wir waren, und sagte mir wie ich fahren musste.
*-*-*
„Endlich seid ihr da, ich dachte schon, ihr werdet noch festgehalten“, kam uns Bea entgegen.
„Hallo Bea wir dachten du bist schon in Spanien“, sagte Joe.
„Hab meinen Terminplan eigentlich nur wegen euch umgeschmissen, hab mir doch Sorgen gemacht.“
„Keine Sorge“, meinte ich, „ein Polizist Namens Theo hat uns entlassen und gemeint es wäre alles in Ordnung. Soll dir übrigens einen Gruß ausrichten.“
„Von Theo also, da wundert mich nichts mehr, dass Philipp alles so schnell in die Wege leiten konnte“, gab Bea von sich.
„Wer ist Theo?“ fragte mich Joe.
„Mein Exmann“, sagte Bea und beantwortete Joes Frage damit.
„Oh“, kam es fast gleichzeitig aus Joes und meinem Munde.
„Mike, sag den Jungs sie können gleich auspacken, wenn Philipp mit >Blue< eintrifft, will ich die ersten Proben gleich ansetzten.“
Sie wandte den Kopf weg, „Sabrina sind die Jungs und Mädels von der Tanzgruppe schon da?“
Irgendwo aus dem Getümmel kam Sabrina hergerannt.
„Hallo Mike und Joe… ja Bea sie wärmen sich schon auf“, meinte Sabrina.
„Danke Sabrina, dass du eingesprungen bist, wenn Philipp kommt kannst du dich wieder mit den Unterbringungen befassen.
Ich ging mit Joe zu Gorgo und Marco hinüber und stellte sie einander vor. Ich selber eilte zum Truck zurück, um das Abladen zu überwachen.
*-*-*
Etwa eine Stunde später war dann alles geschafft, ich konnte den Truck zu den anderen drei stellen. Am Absperrzaun hatten sich schon viele Schaulustige versammelt. Die Sicherheitskräfte hatten jetzt schon zu tun, damit niemand unerlaubt auf das Gelände eindringen konnte oder mit Touristen, die sich beschwerten, weil die spanische Treppe für die Öffentlichkeit gesperrt war.
Dann wurde der Trubel lauter, Blue war im Anmarsch. Ich hatte so ein Specktakel noch nie gesehen. Wild schreiende Mädchen, Spruchbänder, Blitzlichtgewitter. Der kleine Tourbus hielt hinter den Truck, wo man von außen keinen Einblick hatte.
Simon stieg als erstes aus, gefolgt von Antony und Duncan. Ich wartete auf Lee, aber er ließ sich nicht blicken. Ich lief zum Tourbus. Simon sah mich und lächelte.
„Hallo Mike freut mich dich zu sehen. Und alles fertig?“
„Hi Simon, ja alles fertig, ihr könnt sofort anfangen.“
Duncan und Antony kamen zu mir und nahmen mich zur Begrüßung in den Arm.
„Wo ist euer Kleiner?“, fragte ich kleinlaut.
„Du meinst die Heulsuse, die sitzt noch im Wagen“, kam von Duncan und lief mit seiner Tasche zur Umkleidebox.
Ich ging zum Wagen und schaute ins Innere. Da saß Lee zusammen gekauert und war am Heulen.
„Das geht jetzt schon seit wir aus Castellina weggefahren sind, so ein kleiner Italiener hat ihm das Herz gebrochen“, meinte Simon und ging mit Antony verärgerlicht ebenfalls zu den Boxen.
„He Kleiner…“, sprach ich Lee leise an.
Er schaute auf, ich stieg in den Bus. Er fiel mir in die Arme und schluchzte laut.
„So schlimm?“ fragte ich.
Er nickte mit dem Kopf.
„Tiziano?“
„Ja“, kam es leise von ihm.
„Was hat er denn gemacht oder gesagt?“
Lee fing an sich langsam zu beruhigen. Er zog ein Taschentuch heraus und trocknete sich die Tränen ab.
„Er meinte er hat sich in mich verliebt…“ kam es zaghaft von Lee.
„Das ist doch nett.“
„Es ist aber genauso, wie ich befürchtet habe. Ich hab ihn auch sehr lieb, aber er tourt herum ich auch, wann ist da noch Zeit für uns.“
„Es findet sich immer eine Möglichkeit. Ich hab jetzt zwar das Glück, dass mein Kleiner bei mir ist…“
„Du hast deinen Freund dabei?“, fiel mir Lee ins Wort.
„Ja, er arbeitet nun auch für Music on Tour als Tontechniker.“
„Hast du ein Glück.“
„Ja habe ich und bei dir wird sich das auch einstellen. Was sind schon Entfernungen, ihr beide du und Tiziano seid doch flexibel.“
„Ja schon, ..“
„Aber?“
„Ich weiß nicht, wie ich es verkrafte ihn längere Zeit nicht zu sehen.“
„Lee wenn du ihn wirklich liebst, überstehst du auch das, glaube mir und nun komm aus dem Bus ich will dir Joe vorstellen.“
„Welcher ist es denn?“
„Der bei der Technik steht, der dunkelhaarige.
„Der? Wow, da hast du ja eine richtige Sahneschnitte. Wo hast du denn den her?“
„Ist mir einfach nachgelaufen.“
„Echt wow, bin platt.“
„Komm ich möchte ihn dir vorstellen.“
„Meinst du?“
„Jetzt zier dich nicht so, Joe beißt dich nicht.“
„Also gut.“
Seine Stimmung hatte sich wesentlich gebessert. Lee flachste mit Joe herum, als würden sie sich schon ewig kennen. Ich stand am Rande und beobachtete die beiden. Dabei stellte ich fest wie sehr ich in meinen Schatz verliebt war.
Ich wusste genau welche Gestik er anwandte, um etwas zu erklären. Seine Augen sprachen aus vollem Munde, wenn er mich ansah.
„Lee kommst du, eure Probe fängt in zwei Minuten an“, unterbrach Philipp das Geschehen.
„Bin schon unterwegs“, kam es von Lee und schnappte seine Sachen.
„Der ist ja wirklich goldig“, sagte Joe zu mir.
„Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“
„Nein, wie kommst du darauf, ich liebe immer noch dich… nur dich mein Großer“, sagte Joe und drückte mir einen Kuss auf die Wangen.
Was konnte ich da noch dagegen setzen. Ich stand machtlos da und lies diesen traumhaften Kuss über mich ergehen. Die Umstehenden grinsten.
„Noch nie ein Liebespärchen gesehen, und warum steht ihr hier rum, gibt es nichts zu arbeiten?“, sagte ich den bösen Chef spielend.
Ich dagegen lief zu Sabrina um zu fragen, wo wir heute Nacht untergebracht wären. In der Nähe vom Piazza di Trevi waren ich und Joe und ein paar andere Kollegen in einem kleinen Hotel untergekommen.
„Willst du dir nicht noch die Proben anschauen?“ meinte Joe, als ich meine Tasche nahm.
„Doch, du hast eigentlich recht. Ich hab die Jungs noch nie Live gesehen. Aber danach gehen wir ins Hotel.“
„Solche Sehnsucht?“
„Ja und wie.“
Ich hatte selten so eine gute Performanz gesehen. Die Jungs waren einfach fit. Bei dem Lied >One Love< lief es mir kalt den Rücken runter. Mit den tanzenden Mädels und Jungs im Vordergrund, besonders die Jungs hatten es mir angetan. Die italienische Gattung, sieht doch recht feurig aus.
Während des Lieds, umtanzte einer dieser Schmachtstücke Lee. Dem vielen bald alle Augen aus. Der freie Oberkörper braungebrannt und stark behaart, so rieb er sich an Lee. Er tat mir leid, weil er bestimmt das gleiche dachte wie ich.
Was mich wunderte, dass Simon zu den beiden herübertanzte, und sich ebenfalls an dem jungen Italiener rieb. Gehörte wohl zu Tanzeinlage. Joe lehnte sich an mich, wippte zum Takt der Musik und genoss sichtlich das Spektakel.
„Komm lass uns gehen ich will unter die Dusche, ich klebe überall“, sagte ich zu ihm.
„Na lass uns mal gehen. Gehen wir noch irgendwo in einer kleinen Traveria essen?“
„Gerne, habe auch Hunger.“
Wir gaben Sabrina einen Wink, dass wir gingen. Die Securityleute ließen uns zum Tor hinaus. Einige Mädchen, die vor dem Gatter warteten, gafften uns an, als hätten sie noch nie männliche Wesen gesehen. Ich schob Joe vor mir her, bis wir durch die Menschenmenge waren.
Wir nahmen uns ein Taxi und so waren wir schnell bei dem kleinen Hotel. Ich bezahlte den Taxifahrer, und verabschiedete mich auf Italienisch. Wir checkten ein und ein junger Bursche führte uns auf unser Zimmer.
Zimmer war gut. So klein das Hotel aussah, so groß waren aber die Zimmer im Innern. Joe lies seine Tasche fallen und ging erst mal auf den Balkon zum Innenhof. Langsam kam eine abendliche Brise auf.
Ich stellte mich hinter ihn schloß meine Arme um ihn und drückte ihn an mich. Er drehte ein wenig seinen Kopf und gab mir einen Kuss.
„So ich geh erst mal duschen“, meinte ich und löste mich von ihm.
Ich lief zum Bad und öffnete die Tür.
„Joe komm mal her, dass musst du dir ansehen.“
Joe verließ den Balkon durchquerte das Zimmer bis er neben mir stand.
„Ist die groß genug für zwei?“ fragte ich mit einem frechen Grinsen.
Mitten in dem Bad stand eine alte, große, gusseiserne Wanne. Joe ging hinein und lies das Wasser ein, und noch bevor er die Tür erreichte, hatte er schon sein Tshirt über den Kopf gezogen. Ich strich ihm über seine glatte Brust, was er mit einem tiefen Seufzer beantwortete.
Auch ich entledigte mich schnell meiner Klamotten und folgte Joe nackt ins Bad. Ich konnte es nicht lassen, und küsste seine Hintern, als er in die Badewanne stieg. Ich stieg ebenfalls rein und lehnte mich zurück auf Joe. Er nahm mich in die Arme und ich schloss meine Augen.
*-*-*
Total erfrischt lagen wir beide nackt auf dem Bett.
„Wo fahren wir eigentlich als nächstes hin?“ fragte mich Joe.
„Wenn alles gut läuft, sind wir schon morgen Nacht auf der Autobahn Richtung Florenz.“
„Wieder alles einpacken, das geht wohl die ganze Zeit so?“
„Ja Joe. Aber irgendwie finde ich das geil. Und mit dir an meiner Seite sowieso.“
„Das finde ich auch.“
Er legte sein Bein auf die meinen und senkte seinen Kopf auf meine Brust.
„Du wolltest doch essen gehe, ich dachte du hast Hunger“, meinte ich.
„Ja ich habe Hunger auf dich.“
„Gut dann gehen wir danach essen… oder auch nicht“, sagte ich und fing an zu grinsen.
*-*-*
Der nächste Tag verlief stressig. Joe war damit beschäftigt sich von Gorgo und Marco einweisen zu lassen. Ich ging mit Philipp die Fahrtpläne durch, damit wir im Zeitrahmen blieben. Die Zeit verging schnell, so war es bald Abend und die Pforten öffneten sich für die Besucher.
Schnell füllte sich das Areal vor der Bühne. Bei der winzigsten Bewegung auf der Bühne oder der Treppe, sei es auch nur ein Arbeiter, fing das Volk an zu johlen. Joe und Gorgo ließen die Lichtbänke spielen. Das heizte die Zuschauer nur noch mehr auf.
Nebel machte sich auf der Bühne breit, das Licht wurde gedämmt. Takte spielten an, und Sorry seams for the heardest word, fing an zu spielen. Die Jungs kamen einer nach dem anderen auf die Bühne.
Das Schreien der Fans ging ins Unermessliche. So was hatte ich wirklich noch nie erlebt. Philipp der neben mir stand, grinste mich an.
„Dass ist immer so, kaum sind sie auf der Bühne, geht das Geschrei los. Aber etwas anderes. Was ist eigentlich mit Mark los. Seit ich bekannt gegeben habe das du und Joe ein Paar seid, ist er komisch drauf“, meinte er.
„Ist mir noch gar nicht aufgefallen“, gab ich zur Antwort ohne meine Augen von der Bühne zu wenden.
„Vielleicht ist er ja auch…“
„Mark?“ Der nicht, ganz bestimmt nicht Philipp.“
*-*-*
Ich lief zum Kamerawagen. Ich wollte gerade die Tür öffnen, als mir Marks Kameramann entgegen kam. Bildete ich es mir nur ein oder hat dieser junge Mann gerade geheult. Ich schaute ihm hinter her, aber er war zu schnell um ihm noch irgendetwas anzumerken.
Ich klopfte an der Tür.
„Ich hab doch gesagt, es gibt nichts mehr zu bereden“, hörte ich Mark von drinnen rufen.
Die Tür flog auf und Mark schaute mich an, er hatte wohl nicht mit mir gerechnet. Er gab mir ein Zeichen hereinzukommen, und verschwand wieder im Inneren des Wagens. Mein Blick traf Joe, der gerade in der Nähe an mir vorbei lief.
Er schaute mich fragend an, ich zuckte nur mit der Schulter. Ein Nicken und ein Kuss kamen zurückgeflogen. Ich stieg ein und schloß die Tür hinter mir. Mark saß an seiner Anlage und schien Bilder nach zu bearbeiten.
„Was ist los Mark?“ fragte ich.
„Was soll schon sein, alles ist in Ordnung“, bekam ich als Antwort.
„Deswegen hat Uli mich auch gerade heulend fast über den Haufen gerannt.“
Eine Pause entstand. Mark schaltete alle Geräte ab und senkte seinen Blick.
„Hab ich jetzt gerade etwas Falsches angeschnitten?“ fragte ich.
„Nein.“
„Du musst mir nichts erzählen Mark, aber ich bin dein Freund und wir kennen uns schon lange genug, dass du weißt, du kannst mir vertrauen.“
„Das ist es nicht Mike.“
„Was dann?“
„Ich… oh Mann warum ist das alles so kompliziert.“
Ich saß da und schaute ihn an, aber sagte kein Wort darauf.
„Als das mit Flo auseinander ging, hab ich …“
Holla die Waldfee, da hatte Phillip wohl mit seiner Vermutung Recht. Ich hätte nie gedacht, dass Marc schwul wäre.
„Du hast dir gedacht, du hättest eine Chance bei mir?“
„Ja…. Mike du hast selber gesagt, wir kennen uns schon lange… und…“
„Warum hast du nie etwas gesagt, Mark. Entweder meine Menschenkenntnis hat bei dir ausgesetzt, aber ich wusste nicht, dass du schwul bist.“
„Wie konntest du auch. Ich weiß es ja erst selber seit Kurzem.“
Jetzt wurde die Unterhaltung interessant. Immer noch versuchte ich Blickkontakt zu bekommen, aber er schaute stur zu Boden.
„Wir gesagt wir kennen uns schon lange Mike. Bisher dachte ich immer, ich dachte so oft an dich, weil wir uns eben schon so lange kennen. Mich wunderte mich nur, dass ich mich freute, als es mit Florian auseinander ging. Ich weiß das hört sich jetzt sehr egoistisch an.
Und als ich mitbekam, dass du mit Joe zusammen bist, ist wohl bei mir eine Sicherung durch gebrannt. Ich hatte mich in dich verliebt Mike.“
Er schaute auf und ich sah, dass er Tränen in den Augen hatte.
„Mark, dass ehrt mich sehr, aber wie du siehst, habe ich jetzt meinen Kleinen, den ich sehr liebe.“
„Ich weiß und dass macht es ja noch schlimmer, ich bin neidisch auf Joe, regelrecht eifersüchtig.“
„Versteh ich Mark und was sollte das gerade eben mit Uli?
„Uli und ich schlafen in einem Zimmer zusammen, na ja und gestern Abend, ich weiß nicht wie kamen wir uns halt näher.“
„Uli? Der hat doch normalerweise eine Freundin nach der anderen. Ihr habt miteinander geschlafen?“
„Ja haben wir. Uli ist bi.“
„Ich muss irgendwie Tomaten auf den Augen haben, so etwas ist mir gar nicht aufgefallen“, meinte ich, „und warum hat er eben geweint?“
„Weil ich ihm gesagt habe, das gestern war einmalig und wird nie wieder passieren.“
„Wieso Uli ist doch nett und…“
„Mike ich liebe dich und ich will keinen anderen.“
„Das gibt dir aber kein Recht, jemanden anderen zu verletzten“, sagte ich jetzt doch ein wenig energisch.
„Er meinte, er habe sich in mich verguckt und könnte sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen…“
„Dann müsstest gerade du wissen wie er sich jetzt fühlt, oder?“
„Ja schon..“
„Aber?“
„Aber ich liebe ihn nicht so wie dich Mike, ich mag ihn ja, er ist goldig, aber mehr ist da nicht da…“
Es klopfte an der Tür. Ich stand auf und öffnete. Es war Joe.
„Du Mike ich habe gerade ein weinendes Bündel namens Uli hinter unserem Truck gefunden, weißt du was los ist?“
„Sehr kompliziert sag ich nur Joe. Moment ich komme gleich zu dir.“
„Okay ich geh zurück zu Uli.“
Ich nickte ihm zu und schloß die Tür wieder.
„Also was machen wir jetzt?“, fragte ich Mark, während ich mich wieder zu ihm setzte.
„Ich weiß es nicht“, kam leise von ihm.
„Also ich würde vorschlagen, du und Uli redet noch mal miteinander. Uli ist ein liebes Kerlchen und hat es verdient, dass er eine richtige Erklärung bekommt, oder?“
„Hast ja Recht…ich mag ihn ja auch…aber Mike versteh mich bitte, wenn ich mit ihm zusammen bin, denke ich oft an dich und da krieg ich das Gefühl, ich betrüge ihn.“
„Mag sein Mark, aber wenn du ihm das nicht sagst bekommt er einen falschen Eindruck von dir. Ich geh jetzt zu ihm und hol ihn hier her.“
Mark nickte nur. Also stand ich auf und verlies den Wagen. Joe wartete bereits an unserem Truck.
„Gut dass du kommst, ich muss sofort wieder zu Gorgo zurück. Ach noch etwas, ich liebe dich“, sagte er mit einem schelmischen Grinsen.
Ich gab ihm einen Kuss und er zog ab. Am Boden, angelehnt an der Hinterachse, saß Uli völlig zusammen gekauert.
„Hi Uli.“
Er schaute kurz auf, um gleich wieder seinen Kopf in seinen Armen zu vergraben.
„So Uli, du gehst jetzt wieder zu eurem Wagen zurück und redest noch mal mit Mark.“
„Was soll dass bringen, ich bin doch eh nur ein One-Night-Stand für Mark.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher. Rede einfach mit ihm, ich denke er wird dir alles erklären.“
„Meinst du?“
„Ja, also los rüber mit dir.“
Ein Lächeln huschte über Ulis Lippen.
„Danke.“
„Nichts zu danken.“
Ich lief zur Bühne und suchte meinen Kleinen.
„Mike hier bin ich, Und alles geregelt?“
„Ja, hab ich.“
„Und was war jetzt?“
„Och ich denke, hier wird es bald ein neues Pärchen geben.“
„Oh was für eine Überraschung.“
„Gelle.“
„Wie sieht dein Zeitplan aus, heute?“ fragte mich Joe.
„Also wenn du Zeit hättest könnten wir nachher, so ungefähr für drei Stunden in die Stadt und uns einwenig umschauen, man kommt ja nicht jeden Tag nach Rom.“
„Ja hast recht, ich brauch hier noch ne dreiviertel Stunde.“
„Gut, ich hol dich dann ab.“
„Ein Kuss, eine kurze Abschiedszene.. ach wie Herzerweichend…“
*-*-*
Eine Stunde später waren wir dann in Rom unterwegs. Mit einem Eis in der Hand waren wir auf dem Piazza Navona unterwegs, vorbei an den drei prächtigen Brunnen.
„He pass auf dir tropft das Eis herunter“, sagte Joe zu mir.
„Wo denn?“
„Da an deinem Handrücken.“
Er bückte sich ein wenig und leckte mir über den Handrücken.
„Ich sollte vielleicht das Eis wo anders rüberlaufen lassen“, meinte ich frech.
„Du wieder, nur das eine wieder im Kopf“, sagte Joe und schüttelt gespielt entrüstet den Kopf.
„Es ist schön hier, könnt ich mich daran gewöhnen.“
„An was, dass Eis von mir abschlecken zu lassen?“ fragte Joe grinsend.
„Nein, mal im Ernst, mir würde es gefallen hier zu leben.“
„In Rom?“
„Nicht gerade in Rom, sondern auf dem Land, mir gefallen die Menschen hier die Mentalität die hier herrscht.“
„Und das Essen“, lachte Joe.
„Könntest du dir vorstellen mit mir hier ein kleines Häuschen zu kaufen?“
Joe antwortete nicht sofort, man merkte dass er angespannt überlegte.
„Du würdest wirklich mit mir zusammen ziehen wollen, auch zuhause?“
„Joe du wohnst immer noch bei deinen Eltern, willst du nicht mal etwas Eigenes haben oder mit jemanden zusammen ziehen?“
„Doch schon, aber es ist halt Gewohnheitssache, so wie ich im Augenblick lebe.“
„Wäre das zu viel verlangt, dein bisheriges Leben für mich auf zugeben.“
„Nein wäre es nicht, Mike sicherlich nicht, du weißt wie sehr ich dich liebe.“
„Und was sträubt sich in dir dagegen diesen nächsten Schritt zutun? Wir lange kennen wir uns jetzt schon, seit der Berufsschule. Du kennst mich mittlerweile besser als ich mich selbst.“
„Du hast eigentlich recht, es gibt nichts mehr was mich bei mir zu Hause hält, und ich denke meine Eltern sind froh wenn ich mein Domizil bei ihnen endlich räume.“
„Mein Häuschen ist groß genug für uns zwei, mein Angebot steht. Aber ich denke du hast jetzt genug Zeit darüber im Klaren zu werden was du willst. Die nächsten zweierhalb Monate hast du mich immer um dich.“
„Das stimmt und ich finde es lieb von dir, dass du mir Bedenkzeit gibst.“
„So bin ich eben…“
„Das lieb ich und hass ich auch ab und an dir…“
„Hasse?“
„Ja weil du dich ab und zu arg hineinhängst, und ich schon beobachtet habe, wie sehr dich solche Sachen selber hinunter ziehen. Ich kann es nicht haben dich leiden zu sehen, dass war schon als du noch mit Florian zusammen warst und jetzt auch nicht. Aber ich denke, mir bleibt nichts anderes übrig es zu akzeptieren.
Du wirst immer der letzte sein, der irgendjemand eine Hilfe abschlägt, du wirst für jeden der deine Hilfe benötigt da sein, und das wiederum liebe ich an dir.“
„Danke Joe, dass ist mir auch sehr wichtig. Und mit dir an meiner Seite, denke ich, bin ich auch stark genug, so manche Dinge durchzukämpfen.“
„Und das wäre, gibt’s da schon etwas in Aussicht?“
„Wenn ich recht überlege, eins haben wir schon gelöst nämlich Uli und Mark, stände nur noch eins an.“
„Und wer?“
„Tiziano und Lee noch.”
„Tiziano Ferro?“
„Ja genau dieser.“
*-*-*
Nach dem traumhaften Konzert der Jungs, begannen wir sofort mit dem Abbau. Ich kontrollierte das Einladen der Trucks und Joe hatte alle Hände voll zu tun, mit Gorgo und Marco, die Tontechnik sicher zu verstauen.
Als ich Sabrina sah rief ich sie zu mir her.
„Sabrina könntest du mir einen kleinen Gefallen tun?“
„Und der wäre?“ wollte sie wissen.
„Ich bräuchte eine Telefonnummer… die von Tiziano Ferro, wäre das möglich?“
„Eigentlich schon, weil’s du bist ich geb sie dir nachher.“
„Danke Sabrina, du bist ein Schatz.“
„Ich weiß.“
Mit einem breiten Lächeln lief sie weiter und überließ mich meiner Arbeit. So langsam bekamen wir klar Schiff, bevor die Stadtmänner anrückten und die Bauzäune entfernten. Auch die Stadtreinigung war schon da und begann den Müll zu entfernen, den die Fangemeinde hinterlassen hatte.
Ich dagegen sicherte meine Ladung und suchte Joe, damit wir endlich losfahren konnten. Er kam mir schon entgegen und streckte mir einen Zettel entgegen.
„Hi Schatz ich bin soweit fertig, den soll ich dir von Sabrina geben, und du sollst noch schnell zu Philipp kommen, da scheint was passiert zu sein.“
„Oje, hoffentlich keine Terminänderungen“, meinte ich und lief zu Philipps Wagen.
„Hi Philipp was ist, ich möchte dann gern losfahren“, sagte ich.
„Folgendes, in den kleinen Tourbus ist jemand reingefahren, bis auf den Fahrer haben es alle gut, na ja bis auf den enormen Schrecken, gut überstanden.“
„Und Bruno?“
„Er saß halt am Lenkrad, er liegt mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus, weil er nicht angeschnallt war.“
„Und was willst du von mir?“
„Ähm, Lee fragt ob er mit euch zweien nach Florenz fahren dürfte, die anderen drei habe ich schon auf andere Wagen verteilt und Bob fährt bei mir mit.“
„Moment“, sagte ich und drehte mich um.
„Joe komm mal rüber bitte.“
Joe rannte zu mir.
„Hättest du was dagegen wenn Lee bei uns mitfährt, der Tourbus hatte ein Unfall.“
„Nein, wieso denn auch.“
„Ich wollte nur fragen. Also Philipp gebe Lee bitte Bescheid, das Joe und ich in ungefähr zwanzig Minuten fahren wollen.“
„Mach ich und danke noch mal Mike“, sagte Philipp.
„Warum hast du mich gefragt?“ meinte Joe.
„Was gefragt?“
„Ob ich was dagegen hätte ob Lee bei uns mitfährt.“
„Horch mal Joe, ich kann für mich entscheiden was ich will, aber bei dir möchte ich doch lieber fragen und nichts über deinen Kopf hinweg bestimmen.“
„Du musst mich sehr lieben, wenn du so Rücksicht auf mich nimmst.“
„Ja tue ich.“
Joe nahm mich in den Arm und presste sich ganz fest an sich. Danach folgte einer dieser irren Küsse von Joe.
„Ich will ja nicht stören… oder soll ich einfach mitmachen?“
Wir ließen von einander ab, und Lee stand vor uns. Ich schaute Joe an und er grinste mich frech an. Er und ich nahmen fast gleichzeitig Lee in den Arm und drückten jeweils einen Kuss auf die Wange.
„Hilfe, wo bin ich da nur hingeraten?“, fragte Lee gespielt entsetzt.
„Du kannst jederzeit dir ein anderes Auto suchen“, meinte mein Joe.
„Nein, ich will schon mit euch fahren, vielleicht kann ich ja noch was von euch Alten lernen.“
„Hör dir diesen Grünschnabel an, ich denke dem muss eine Lektion erteilt werden“, sagte Joe und grinste mich komisch an.
„Du meinst wirklich?“
„Warum denn nicht Mike, ich bin schon immer offen gewesen.“
„Das kann ja heiter werden.“
„Wovon redet ihr jetzt überhaupt“, fragte Lee verwundert.
„Lass dich überraschen, aber steig erst mal ein, damit wir fort kommen“, meinte ich und lief auf die Fahrerseite.
Wir beschlossen durchzufahren und dann in Florenz zu übernachten. Joe und Lee unterhielten sich die ganze Zeit angeregt. Es wurde kein Thema ausgelassen, über alles diskutiert. Ich saß daneben, lenkte meinen Truck und warf hier und da meine Meinung ein.
Ich fuhr an den von Sabrina angebenen Platz wo das Konzert steigen sollte. Einige der Arbeiter waren schon da, das Gelände großzügig abgesperrt. Ich stellte meinen Truck ab und mit dem Taxi fuhren wir zum gebuchten Hotel.
„Guten Abend meine Herren, was kann ich für sie tun?“ fragte der Herr hinter der Rezeption.
„Ebenfalls einen schönen Abend. Hier wurden für Music on tour Zimmer gebucht“, gab ich von mir.
„Könnte ich bitte die Namen erfahren?“
„Michael Vogel, Joachim Kern und Lee Ryan.“
„Einen Moment bitte.“
Er durchforstete die Unterlagen, und winkte einen Pagen her.
„Bringe die Herrschaften zu >305< und >306<, Goevanni.“
Ich trug uns ein und wir folgten dem Genannten. Im Aufzug merkte ich die verstohlenen Blicke von Goevanni. Er mochte gerade um die siebzehn sein. Ich machte mir einen Spass und nahm Joe in den Arm und küsste ihn auf die Wange.
Hochrot führte uns der Junge, in unser beider Zimmer. Joe gab ihm ein Trinkgeld und er lies uns alleine.
„Was sollte das eben?“ fragte mich Joe.
„Och nichts, wollte nur den Kleinen ein wenig verwirren“, antwortete ich.
„Das ist dir gelungen, so nervös der gerade war. Hast du dir diesen Palast angeschaut, womit haben wir verdient, dass wir ein Zimmer in so einer Nobelherberge bekommen.“
„Weiß ich nicht, aber ich habe gesehen, dass das ganze Stockwerk angemietet wurde von unserer Firma.“
Es klopfte an einer Seitentür. Joe ging hin und öffnete.
„Das ist ja praktisch, eine Verbindung zu Lees Zimmer“, meinte er.
Lee kam herein und lies sich in einen Sessel fallen.
„Und was machen wir jetzt?“ fragte Lee.
„Also ich weiß was ich jetzt machen werde, ich geh nach der Fahrt erst mal duschen, egal was ihr vorhabt“, meinte ich und begann mich auszuziehen.
Ich weiß nicht warum, aber heute Abend war ich irgendwie komisch drauf. Jeden reizen, wo es nur geht, wusste selber nicht warum. Ich schmiss meine Klamotten über den Stuhl, holte mein Duschzeug aus der Tasche und lief nackt an Lee vorbei ins Bad.
Joe grinste. Lee konnte seinen Blick nicht von meiner Lendengegend wenden.
„Leute hier ist ein Whirlpool, soll ich den alleine benutzen?“ fragte ich.
„Also ich komm sofort“, sagte mein Joe, „wie steht es mit dir, Lee?
„Ich weiß nicht recht…“ kam es von ihm.
„Was ist das Problem Lee“, fragte ich angelehnt an der Tür vom Bad.
„Ich war noch nie… hab noch nie…“
Verschämt sah er auf den Boden.
„Ich weiß ich bin neunzehn… bin halt ein Spätzünder. Ich war noch nie so mit einem Mann zusammen, ich meine nackt“, sagte Lee.
„Dann wird es Zeit Lee komm zieh dich aus, oder soll ich dir helfen?“
Joe übernahm die Initiative. Ich lief zurück ins Bad und lies den Whirlpool voll laufen. Eine Hand strich mir über den Rücken, Joe stand neben mir so wie ihn Gott schuf. Dahinter einwenig verschüchtert Lee.
Ich schaute Joe in die Augen und er nickte mir zu. Er glitt ins Whirlpool. Ich dagegen ging zu Lee und nahm ihn in den Arm. Sein Körper zitterte. Ich lies meine Hände über seinen Rücken wandern, strich zärtlich auf und ab, küsste seine Schultern und über den Hals.
Aus dem Zittern wurde ein leises Stöhnen.
„So und nun komm mit rein Lee“, sagte ich und lies von ihm ab.
Seine Erregung war deutlich zu sehen.
„Wow, nicht schlecht, da bekomm ich ja Minderwertigkeitskomplexe, bei dem Prachtexemplar“, sagte Joe und machte Platz als wir ins Wasser stiegen.
„Jetzt übertreib nicht, so groß isser auch wieder nicht“, sagte Lee verschämt.
„Das können wir ja nachher vergleichen“, sagte ich frech.
Joe nahm Lee in den Arm und begann ihn zu küssen. Lee ergab sich ihm vollends. Meine Hände strichen unter Wasser über die Körper der beiden. Abwechselnd küsste ich und Joe, Lee der total weggetreten schien.
Plötzlich bäumte er sich auf und stöhnte laut auf. Der Junge war nur durch küssen und streicheln gekommen. Der Orgasmus war gewaltig Lee schien sich nicht zu beruhigen, er bebte am ganzen Körper.
Joe schaute mich erstaunt an.
„Ups, was war das?“ fragte er mich grinsend, „ich habe doch noch gar nicht angefangen.“
„Ich denke der Kleine hat ganz schön viel aufgestaut, wenn er noch nie…“
„Du hattest Recht, die Nacht kann wirklich noch heiter werden.“
*-*-*
Weil mein Arm schmerzte, wachte ich auf. Lee lag eng angeschmiegt neben mir, Joe dicht dahinter. Beide lagen auf meinem Arm. Ich versuchte ihn vorsichtig herauszuziehen. Alle drei waren wir immer noch nackt.
Die Körperwärme von Lee und Joes Hand die auf meinem Hintern ruhte, ließen wieder Gefühle in mir aufsteigen.
„Da sind zwei aufgewacht“, sagte Lee und grinste mich frech an.
„Zwei?“, brummte Joe.
„Ja Mike und sein Kleiner. Ich denken dagegen sollte wir etwas tun.“
Ich schaute auf die Uhr.
„Ich muss euch beiden enttäuschen, aber die Zeit drängt wir sollten aufstehen“, meinte ich.
Joe beugte sich zu mir herüber und gab mir einen Kuss.
„Für eine kleine Nummer wird es noch reichen“, sagte Joe keck und ich spürte bereits Lees Hände, wie sie meine untere Region erforschten.
*-*-*
„Morgen ihr drei,“ begrüßte Philipp, als wir zum Frühstück erschienen.
Wir setzen uns an den Tisch und kurze Zeit später folgten die anderen drei der Band. Simon kam auf mich zu.
„Mike hättest du kurz Zeit für mich?“
Joe schaute mich an, ich hob nur die Augenbrauen.
„Natürlich Simon, ihr entschuldigt?“
Allgemeines Nicken, ich erhob mich und lief in die Empfangshalle und lies mich dort mit Simon in den großen Ohrensesseln nieder.
„So was hast du auf den Herzen?“ fragte ich ihn.
„Lee!“
„Wie Lee?“
„Ich …man ist das schwer. Ich dachte bisher, ich hab den Kleinen lieb wie einen Bruder. Aber nachdem ich von euerer nächtlicher Aktion gehört hatte, wurde ich eifersüchtig. Ich liebe Lee.“
„Wow… ähm …na ja. Wie hast du von uns… was hast du gehört?“, fragte ich jetzt doch leicht verwirrt.
„Ich habe das Zimmer neben euch, ich konnte alles hören und entschuldigt…ich habe ebenfalls eine Verbindungstür zu euch…, da hab ich durchs Schlüsselloch geschaut… ich hätte am liebsten mit gemacht.“
„Jetzt bin ich doch ein wenig perplex. Sorry.“
„Nein ich muss mich entschuldigen, dass ich euch so einfach beobachtet habe.“
„Simon, dass meinte ich nicht damit. Du hattest bis vor kurzem eine feste Freundin, deswegen bin ich verwirrt, über dein morgendliches Geständnis.“
„Ach so.“
„Das ist nicht schlimm Simon, nur was möchtest du dann von mir.“
„Ich… weiß nicht… wie ich es Lee sagen soll. Als er uns damals erzählte er sei schwul, war ich der jenige der am blödesten reagierte.“
„Was hast du gemacht.“
„Ich hab ihm die Freundschaft gekündigt.“
„Au, das war nicht gut.“
„Ja weiß ich selber, unsere Band wäre daran fast zerbrochen. Wir haben dann aber eine ganze Nacht miteinander geredet und danach, war alles wieder beim Alten, ich passte sogar noch mehr auf ihn auf als vorher.“
„Und du denkst jetzt, wenn du es Lee sagst, könnte er etwas Ähnliches mit dir abziehen.“
„Ja, davor habe ich Angst.“
„Ich glaube das nicht Simon. So ist Lee nicht.“
„Wie bin ich nicht“, kam es von hinten.“
Lee stand an meinem Sessel. Simon senkte den Blick und schaute zu Boden. Ich schaute zu Lee.
„Setze dich mal in meinen Sessel, ich glaube Simon hat dir was zu sagen…,“ meinte ich und räumte den Platz.
Mike ich kann nicht…, hilf mir bitte“, kam es leise von Simon.
Ich atmete tief durch.
„Also Lee, kannst du dich noch daran erinnern, als du Simon gesagt hast, du wärst schwul?“
„Ja, das werde ich nie vergessen, er beschimpfte mich und wollte von mir nichts mehr wissen, warum fragst du?“
„Moment dazu kommen wir gleich. Wie hast du dich damals gefühlt, nach deinem Outing gegenüber Simon.“
„Mir hat es fast das Herz zerrissen, Simon war mein Vorbild.“
„Würdest du so was auch machen, wenn sich dir jemand outet?“
„Nein niemals, ich weiß doch selber wie so was weh tut.“
„Dann kannst du mir das jetzt beweisen… Simon hat sich in dich verliebt……“
*-*-*
Später, als ich mit Joe zur Konzertbühne fuhr, erzählte ich ihm alles. Wie Lee mit großen Augen vor Simon saß und dieser anfing zu Weinen, wie sie sich beide in die Arme fielen und sich sogar einen kleinen Kuss gaben.
„Und was wird jetzt aus Tiziano?“, war die einzige Frage von Joe.
„Ich denke die Nummer werde ich mal aufheben, man weiß ja nie“, sagte ich frech grinsend, was mir einen Hieb in die Seite brachte.
Der Aufbau der Bühne, verlief routinemäßig, meine Truppe, die mir unterstand, waren ja schon alte Hasen. Ich sah verträumt den Jungs zu, wie sie mit Florence, neue Schritte einstudierten. Bei Simon und Lee schien es wirklich gefunkt zu haben. Beide waren gut drauf und sprühten voll Tatendrang.
Wie ich von Philipp erfahren hatte, wurde durch die nächtliche Polizeiaktion, in der Schweiz, ein ganzer Hehlerkreis hopps genommen. Die Gefangenen waren sehr geständig, dass man sogar die Hintermänner zu fassen bekam.
Ich für meinen Teil hatte jetzt alles, was man sich erträumen konnte. Einen Traumjob, der sehr viel Spaß machte, aber was wichtiger war, einen Mann fürs Leben, der mich über alles liebte und ich ihn.

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