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Information Ma & Ma
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 12:21 PM - No Replies

Ich hätte meine Mutter umbringen können, als sie mir kurz vor Feierabend mitteilte, ich hätte noch einen Termin. Anstatt jetzt mit Jost, seinem Johannes und ein paar guten Freunden nackt am Pool zu liegen und den Würstchen bei der Bräunung zuzuschauen, durfte ich mir mit potenziellen Kunden deren arg verwilderten Garten ansehen; und das am Abend vor Christi Himmelfahrt. Ein Blick reichte vollkommen, um zu erkennen, dass man hier ohne Probleme Dornröschen hätte nachspielen können, zumindest die Szene mit der Dornenhecke.
Gut, ich bin zwar Geschäftsführer von Tenhagen Garten- und Landschaftsbau, aber auch ein Chef hat mal Feierabend! Anscheinend gönnte mir meine Mutter, die, mit ihren knapp 60 Jahren, immer noch die gute Seele des Betriebs war, dieses Stück Freiheit nicht. Was hatte sie gemeint, als sie mir diesen abendlichen Treff aufs Auge drückte?
Ich solle mich anstrengen, den Auftrag auch zu bekommen, denn der neue Hauseigentümer wäre der neue Stadtkämmerer und gute Drähte in die Verwaltung könne man immer gebrauchen.
Der Herr der kommunalen Finanzen, Ballenburg mit Namen, ich schätzte ihn auf Anfang bis Mitte vierzig war eigentlich ein umgänglicher Typ und beschränkte sich auf das Wesentliche. Seine Frau jedoch, ungefähr zehn Jahre jünger als ihr Gatte und damit in meinem Alter, glich dessen Wortkargheit mehr als aus.
Sie redete wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma. Der Garten des Anwesens, dass das Paar gerade käuflich erworben hatten, maß knappe 3.000 Meter im Quadrat und befand sich, wie schon gesagt, in einem ziemlich bedauernswerten Zustand. Allein die Beseitigung des Wildwuchses würde im vierstelligen Bereich liegen und die Auffahrt müsste komplett gemacht werden.
Allerdings war das auch kein Wunder, denn die alte Eigentümerin, Josefine Kruse-Hoppeditz, hatte, nach ihrem Schlaganfall vor fünfzehn Jahren, das Haus kaum mehr verlassen. Zwar lag sie schon seit mehr als vier Jahren unter der Erde, aber ein Erbschaftsstreit in der bäuerlichen Familie verhinderte wohl eine schnellere Verwertung des ehemaligen Altenteils des Hofes Kruse-Hoppeditz.
„Und? Was meinen sie? Wie viel wird es kosten, um den Garten wieder auf Vordermann zu bringen?“
Erwartungsvoll blickte mich der Schlipsträger an, als wir am Haus wieder angekommen waren. Ich atmete tief durch.
„Tja, um aus ihrem Garten wieder einen Garten zu machen, der sich auch so nennen darf, liege ich im mittleren fünfstelligen Bereich. Aber mit all ihren Wünschen? Da brauche ich dann doch knapp eine halbe Million.“
„Bitte? Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?“

Dem Anzugträger fielen fast die Augen aus dem Kopf. Ich lächelte ihn süffisant an.

„Doch, denn es sind ihre Sonderwünsche, die das Projekt verteuern. Ihre drei Kinder sind noch nicht in der Grundschule, also rate ich von Schwimmteichen und ähnlichem Wasserarealen ab. Auch würde ich keine Natursteinmauern bauen, sondern eine Hecke pflanzen, passt erstens besser in die Landschaft und ist 95% günstiger. Gleiches gilt für die Auffahrt, bis jetzt ja ein besserer Feldweg, auf dem man bei Regen einsinkt. Sie brauchen einen vernünftigen Unterbau und es ist egal, ob sie nun einfaches Verbundpflaster oder teures Kopfsteinpflaster darauf verlegen.“

„In Zahlen?“

War der Mann kurz angebunden! Ich grinste immer noch.

„Inklusive Unterbau und Arbeitslohn liegt ein Quadratmeter Verbundsteine bei ungefähr 30 Euro, bei Kopfsteinpflaster müssten sie mit der zwei- bis dreifachen Summe rechnen. Ein Meter Natursteinmauer liegt, bei zwei Meter Höhe, bei rund 1.000 Euro, der Meter Hecke kostet, je nach Höhe der Pflanzen, zwischen 30 und 50 Euro und sie brauchen knapp 250 Meter Zaun.“

„Das ist ein erheblicher Unterschied!“

Man sah, dass es in ihm rechnete.

„Um ehrlich zu sein, wir haben gerade erst das Haus gekauft und rechnen so mit 100.000 für den Umbau, also … mehr als 20.000 sind im Moment für den Garten nicht drinnen. Können sie damit was anfangen?“

Ich nickte.

„Dafür kriegen sie auf alle Fälle die Rodung, eine halbhohe Hecke und die Auffahrt. Aber mehr als eine Art englischer Landschaftsgarten, also Rasen und ein paar Rhododendren als Blickfang, ist mit diesem Budget nicht machbar, vielleicht noch ein Obst- und ein Küchengarten. Aber mehr?“

„Dann machen wir das so!“

Ich liebe glückliche Kunden. Wir vereinbarten einen Termin in meinem Büro zwecks genauerer Planung und ich fuhr endlich zu meinem abendlichen Happening.

*-*-*

Meine Mutter kam am Tag nach Pfingsten ins Büro gestürmt, wirkte freudig aufgelöst.

„Junge, Hans hat gerade angerufen, bei seiner Frau haben die Wehen eingesetzt, er wird die nächsten Tage wohl ausfallen. Wir werden die Arbeiten bei Ballenberg wohl verlegen müssen.“

Hätte der neue Erdenbürger nicht früher kommen können?

„Lass mal! Ich werde gleich das Jobcenter anrufen und mir einen Tagelöhner anheuern. Wir wollen ja sowieso erst mit der Rodung anfangen.“

„Ganz wie du meinst, mein Kleiner.“

Meine alte Dame lachte mich an. Ich bin zwar kein Sklavenhalter, aber bei manchen Aufträgen greife ich gerne auf die Möglichkeit von Tagesarbeitern zurück. Wenn nur ein Häcksler zu bedienen ist, wieso sollte ich einen ausgebildeten Gesellen dafür einsetzen?
Da nehme ich doch lieber einen Ungelernten, der die Äste nach und nach in das Gerät einführt. Gut, es mag zwar etwas länger dauern, bis er zu dem gleichen Ergebnis wie die Fachkraft kommt, aber, betrachtet man die Kosten, ist der Hilfsarbeiter unschlagbar günstig.
Ich wollte gerade Mittagspause machen, als das Telefon klingelte.

„Landschaftsbau Tenhagen.“

Mein Gesprächspartner räusperte sich.

„Klaus Sinkewitz vom Jobcenter.“

Jobcenter? War irgendetwas mit dem Tagesarbeiter, den ich für den Auftrag angeheuert hatte? Aber der war doch schon seit drei Stunden bei der Arbeit.

„Herr Sinkewitz! Was kann ich für Sie tun?“

„Herr Tenhagen, hätten sie Interesse an einer Arbeitskraft, die nichts kostet?“

Er wirkte nervös. Es ging also nicht um meine Tagelöhner, ich war erst einmal beruhigt.

„Wen wollen sie mir denn anbieten und warum kommen sie damit zu mir?“

„Ich suche händeringend für einen jungen Mann ohne Schulabschluss eine Praktikumsstelle.“

Er atmete durch.

„Der Kollege Werner von der Tagesvermittlung hat mir gesagt, dass sie des Öfteren ungelernte Kräfte anfordern, von daher dachte ich, ich könnte ihn bei ihnen unterbringen. Allerdings bräuchte er die Stelle am besten schon gestern.“

Arbeit war genügend da und, wenn Hans länger ausfallen sollte, würde ich Ersatz für ihn brauchen. Warum sollte ich extra einen Tagelöhner bezahlen, wenn ein Freiwilliger das Gleiche für Gotteslohn erledigen würde? Also: Warum eigentlich nicht? Versuchen konnte man es ja. „Dann kommen sie mal mit dem Knaben vorbei. Sagen wir, um 14:00 Uhr?“

„Einverstanden … und schon einmal Danke.“

Er legte auf.

*-*-*

Der Diplom-Sozialpädagoge vom Amt war sogar überpünktlich. Drei Minuten vor der vereinbarten Zeit klopfte es an meiner Bürotür. Ich hatte, der Stimme nach, mit einem älteren Mann gerechnet, aber der Typ war mindestens fünf Jahre jünger als ich und ich werde dieses Jahr 33. Ich bot ihm einen Stuhl an.

„Also, Herr Sinkewitz, wo ist denn nun ihr Schützling?“

„Der müsste in einer halben Stunde aufschlagen.“

Er setzte sich.

„Ich wollte erst mit ihnen alleine reden, denn … die Situation ist etwas … verzwickt.“

„Inwiefern merkwürdig?“

Ich blickte ihn fragend an.

„Naja, Matthias …“

Der Brillenträger atmete tief durch.

„Er ist mit elf zum ersten Mal vor seiner Familie geflohen. Alkohol und Prügel bestimmte das Familienleben, der ältere Bruder hing an der Nadel, die Schwester ging auf den Strich, … also alles ziemlich verwahrlost.“

„Keine gute Kindheit!“

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück. Er blickte mich offen an.

„Meiner Ansicht nach hat das Jugendamt zu spät reagiert. Tätig wurde man erst, als Matthias mit knapp fünfzehn in Neapel von der italienischen Polizei aufgegriffen wurde. Es folgten Aufenthalte in diversen Pflegefamilien, in Heimen, psychiatrischen Einrichtungen … und auf der Straße. Anfang letzten Jahres, sein Bruder starb an einer Überdosis, hat es bei ihm Klick gemacht und er hat sich einigermaßen gefangen. Seitdem lebt er in einer betreuten Wohngruppe.“

Die Geschichte war nicht toll, aber weshalb diese Eile?

„Und warum soll er heute noch anfangen?“

„Er ist letzte Woche achtzehn geworden und mit der Volljährigkeit hört die Betreuung durch das Jugendamt eigentlich auf, es sei denn …“, mein Gegenüber schaute mich verzweifelt an, „… der Bewohner ist in einem Beschäftigungs- oder Ausbildungsverhältnis. Wenn das der Fall ist, dann kann er erst einmal dort wohnen bleiben, quasi eine Gnadenfrist, bis er eine eigene Wohnung findet.“

Das leuchtete ein.

„Und damit er nicht wieder auf der Straße landet, soll er ein Praktikum machen?“

„Genau! Offiziell ist seit einer Woche die Jugendabteilung des Jobcenters ist für ihn zuständig.“

Klaus Sinkewitz atmete tief durch.

„Normalerweise hätten wir vor einem Vierteljahr Nachricht kriegen müssen, aber sein Betreuer hatte einen Autounfall und kam in die Reha. Was soll ich sagen? Die Meldung unterblieb und ich habe erst letzte Woche von seinem Schicksal erfahren.“

Ich nickte.

„Sie brauchen also Zeit, um gewisse Sachen zu regeln?“

„Sie sagen es! Wenn ich ihn nicht irgendwo unterbringen kann, droht ihm in der nächsten Woche die Obdachlosigkeit und alle Fortschritte, die er in den letzten dreizehn Monaten gemacht hat, wären für die Katz. Ob er sich dann noch einmal fängt?“

Er zuckte resigniert mit den Schultern. Ich rieb mir mein Kinn.

„Dann ist das Praktikum eigentlich nur pro forma?“

„Nein! Er soll auf alle Fälle arbeiten, Matthias braucht eine Aufgabe, braucht ein geregeltes Leben.“

Der Mann vom Amt wirkte verzweifelt.

„Wenn sie bereit wären, das Praktikum bis Ende August auszudehnen, dann habe ich Zeit, mich als Ansprechpartner zu etablieren und um den Rest, wie Wohnung und Hausstand, zu kümmern. Die Verwaltung hat bei ihm schon mehr als einmal versagt.“

Ich konnte nur zustimmend nicken.

„Gut, dann trage ich als Ende den 31.08 ein. Würde es helfen, wenn ich den Vertrag etwas zurückdatiere? Dann sieht die ganze Sache nicht ganz so getürkt aus!“

Sinkewitz bekam strahlende Augen.

„Er schließt mit ihnen einen Praktikumsvertrag und schickt ihn mir. Aufgrund von Postlaufzeiten und den Feiertage, es war ja Pfingsten, erfahre ich es erst heute, besuche ihn an seinem ersten Arbeitstag und mache dann die Meldung an das Jugendamt, dass er in seinem bisherigen Umfeld erst einmal wohnen bleiben muss.“

Ich lachte.

„So dachte ich mir das.“

In dem Moment klopfte es an die Tür und, ohne eine Antwort abzuwarten, stand meine Mutter im Rahmen. „Junge, unser neuer Praktikant ist da und, ehe du fragst, der Kaffee ist schon in Arbeit.“

Als Matthias den Raum betrat, musste ich erst einmal schlucken. Seine blonden, fast schulterlangen Haare, waren brav zu einem Mittelscheitel gekämmt, das weiße Hemd war ihm wohl zwei Nummern zu groß, er versank regelrecht darin.
Wäre es bodenlang, man hätte ihn als kleinen, schmächtigen Engel beschreiben können. Mein Mund wurde trocken, als er sich grazil auf mich zu bewegte. Er war knapp eine Handbreit kleiner als ich, aber bei meiner Größe von fast zwei Metern ist fast jeder kleiner.
Seine Hand, die er mir zur Begrüßung reichte, war schweißnass; er schien aufgeregt zu sein, wirkte aber zeitgleich auch verschüchtert.
Bei einem Kaffee besprachen wir die Formalitäten und der Mann vom Amt verabschiedete sich dann, ich blieb alleine mit dem engelhaften Wesen.

„Sag mal, wie willst du jeden Morgen zu uns kommen?“

„Bus oder Rad.“

Er strich sich die Haare aus dem Gesicht.

„Führerschein und Auto Fehlanzeige.“

„Mit dem Bus dürfte das schwer werden, wir fangen um acht Uhr an.“

Außer unserem Betrieb gab es nur noch Bauern in der Gegend und der öffentliche Personennahverkehr war in unserem ländlichen Umfeld nicht gerade gut ausgebaut: Die nächste Bushaltestelle lag knapp drei Kilometer entfernt. Ich erhob mich.

„Dann komm mal mit, ich werde dir jetzt zeigen, wo du in den nächsten Monate viel Schweiß lassen wirst. In ein Fitnessstudio wirst du nicht gehen müssen, die Muskeln kommen hier von ganz alleine.“

Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

„Für so etwas hatte ich bis jetzt kein Geld.“

Wir verließen mein Büro und gingen durch das Gartencenter, das auch zu unserem Betrieb gehört. Von dort aus lenkten wir unsere Schritte auf das große Freigelände, dann zur Baumschule und später in die Gewächshäuser, um schließlich, nach über einer Stunde, auf dem eigentlichen Betriebshof den Rundgang zu beenden.
Ich deutete auf eins der Gebäude

„Da sind die Personalräume, da werden wir dich jetzt einkleiden.“

Wir betraten den kleinen Flur und blieben vor der Stempeluhr stehen.

„Wenn du kommst und wenn du gehst, bitte stempeln, die Stunde Pause am Tag wird automatisch abgezogen. Falls du es einmal vergessen solltest, kommst du einfach zu mir und wir tragen die Zeit dann von Hand ein.“

Er nickte geflissentlich.

„Rechts ist jetzt die Damenumkleide, also Sperrgebiet für dich, die Männer ziehen sich hier um.“

Ich grinste ihn an, als ich die Tür öffnete.

„Du kannst dich entweder hier umziehen oder du kommst schon in deinen Arbeitsklamotten, deine Entscheidung. Du solltest jedoch eine komplette Montur in deinem Spind haben, es kann durchaus sein, dass du mal saubere Sachen brauchst.“

„Welcher Spind ist denn frei?“

Matthias Stimme klang etwas verhalten.

Ich ging die Reihe entlang.

„Hier, die 22 ist nicht belegt.“

„An dem Tag bin ich geboren.“

Er lachte mich an. Ich blickte in seine grünen Augen.

„Die Tür rechts führt ins WC, die Benutzung muss sicher wohl nicht erklären, auf der linken Seite geht es in die Dusche, eine Anleitung dafür gibt es auch nicht.“

Verschüchtert blickte er mich an.

„Ich muss hier duschen?“

„Das ist dir überlassen! Du kannst, wenn du willst, aber müssen? Müssen musst du nicht, es ist deine Entscheidung. Die einzige Regel: Dein Spind hat immer verschlossen zu sein. Hier ist zwar noch nie etwas weggekommen, aber …“

Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „… ehe es zu Schwierigkeiten kommt, lieber die Tür abschließen. Dann folge mir mal.“

Von der Umkleide ging es in den Pausenraum.

„Die Kühlschränke sind für alle da, du solltest jedoch deine Sachen markieren, dafür ist der Edding hier. Getränke kannst du entweder selber mitbringen oder dich an den Kisten da bedienen. Dann einfach einen Strich auf die Liste, die Flasche kostet 50 Cent, Abrechnung am Monatsende.“ Ich deutete auf die Küchenzeile.

„Wir haben hier leider keine Kantine, für sein Essen muss man selber sorgen. Die meisten bringen sich Brote mit, aber Mikrowelle und Herd sind für alle da. Nur eine kleine Bitte: Geschirr bitte nach Gebrauch in die Spülmaschine, Essensreste kommen bei den Kollegen nicht gut. Der Kaffee ist frei, nur Tassen nach Gebrauch …“

„… In die Spülmaschine.“

Zum ersten Mal zeigte er mir seine Grübchen. Auch ich musste grinsen.

„Du sagst es! Dann wollen wir jetzt mal ins Lager, du brauchst ja deine Arbeitsklamotten. Welche Konfektionsgröße hast du eigentlich?“

„106 oder 110, je nachdem, wie es ausfällt.“

Er war wieder der schüchterne Engel. Das Lager war der einzige Raum im gesamten Personaltrakt, der immer abgeschlossen war und zu dem nur Mutter und ich einen Schlüssel besaßen.
Ich öffnete die Tür, tastete nach dem Lichtschalter und betrat den mit Regalen vollgestellten Raum und begann meine Suche.

„Tja, deine Größe haben wir leider nicht auf Lager, aber es wird auch so gehen. Hier, probier mal diesen Kittel.“

Das grüne Teil in XL saß ziemlich locker, er schaute verunsichert.

„Tragen wir Kittel bei der Arbeit?“

„Nur, wenn du im Laden arbeitest. Du wirst hier nämlich alles machen, was so anfällt und wo Leute gebraucht werden, also auch mal im Gartencenter arbeiten.“

Ich blickte ihn an. „Im Laden kannst du entweder in deinem ganz normalen Straßenoutfit plus Kittel arbeiten oder du ziehst dein Grünzeug an, hängt ganz von dir und deiner Laune ab.“

Ich wandte mich wieder den Regal zu und reichte ihm eine Packung Gehörschutzstöpsel, danach griff ich mir einen Kapselgehörschutz, im Volksmund auch Micky Maus genannt. Als er sie in Händen hielt suchte ich in einer Kiste noch nach einem Arbeitshelm.
Die Augen des Praktikanten wurden immer größer.

„Wofür ist das denn?“

„Ab und an kann es durchaus auch mal etwas lauter werden, zum Beispiel wenn du am Häcksler stehst oder Steine schneiden musst. Die Stöpsel reichen normalerweise aus, aber wenn du es ruhiger haben willst, nimmst du die Stöpsel und die Kopfhörer. Setz die mal bitte auf.“

„Wird gemacht.“

Matthias setzte sich das schwarze Teil auf die Ohren und ordnete die Haare. „So?“

„Genau, und nun zum Helm.“

Ich setzte ihm die Hartschale aus Polyethylen auf das blonde Haupt, es wackelte ziemlich. Ein leichter Geruch von Schweiß drang in meine Nase. Ich nahm ihm das Teil wieder ab und drehte an der Stellschraube. Wieder auf den engelhaften Haaren, war ich mit dem Ergebnis zufrieden, der Arbeitsschutz saß obenrum fest.
Ich grinste ihn an, als ich dann an seinem Kinngurt hantierte, um den Helm auf seine Größe passend einzustellen. Ich berührte, öfters als eigentlich nötig, seinen schlanken Hals und seine leicht erhitzten Wangen.
Er schluckte, sein Adamsapfel bewegte sich ziemlich heftig. Als alles passte, lachte ich ihn an.

„Du kannst die Teile jetzt abnehmen. Es kann sein, dass du, wenn du ohne Gehörschutz den Helm aufsetzt, das Innenteil noch etwas nachstellen musst, aber das musst du dann bei Bedarf machen.“

„Wann … brauche ich denn einen Helm?“

Sein Puls hatte sich immer noch nicht beruhigt.

„Beim Baumfällen, Baggerfahren, Be- und Entladen. Normalerweise ist das Teil eher hinderlich, aber die Versicherung und der Arbeitsschutz verlangt es.“

Ich wandte mich den Arbeitsjacken zu.

„Wenn du ein Unterhemd anhast, dann zieh jetzt mal bitte dein Hemd aus.“

Sein T-Shirt sah ziemlich verwaschen aus, das Bündchen am Hals war ausgeleiert. Ich reichte ihm ein Oberteil in 50, er sah aus, wie hineingeschossen, die Ärmel viel zu kurz. Bei den Teilen in 56, der einzig anderen noch verfügbaren Größe, sah es zwar etwas besser aus, aber so richtig gefiel es mir dann doch nicht.
Ich setzte die Bestellung von Arbeitskleidung auf meine ToDo-Liste.

„Hallo? Ist da jemand im Lager?“

Eine Frauenstimme durchbrach die schwüle Stille in der Kammer. Ich lachte.

„Keine Angst, liebe Sylvia. Ich kleide gerade unseren Praktikanten ein.“

„Dann ist ja gut! Ich wollte mir nur eine Zigarette rauchen.“

Man hörte, wie eine Tür erst auf- und dann wieder zugemacht wurde.

„Äh, wie sieht das eigentlich mit dem Rauchen hier aus?“

Er blickte auf den Boden.

„Nie vor Kunden! Wenn du im Center arbeitest, solltest du nicht gerade dann eine Zigarettenpause machen, wenn der Laden voll ist.“

Ich lachte ihn an.

„Rauchst du?“

„Ab und an … wenn ich mir es leisten kann.“

Schüchternheit schien sein zweiter Vorname zu sein.

Ich deutete auf die Tür.

„Genau wie ich, bin Gelegenheitsraucher. Dann lass uns eine Pause machen.“

Im Aufenthaltsraum machte ich den Praktikanten mit der Blumenfachkraft bekannt, die am Tisch saß und einen halb vollen Kaffee vor sich hatte.

„Das ist also der Neue? Die Chefin sagte es schon.“

„Der bin ich wohl.“

Schüchtern reichte er ihr seine Hand.

Die Mittvierzigerin grinste.

„Und wo machst du Praktikum? Center oder GaLa?“

Matthias verdrehte die Augen, also übernahm ich die Antwort für ihn.

„Er wird sich zwar mehr mit den Jungs in der Natur rumschlagen, aber er soll überall mal hinein schnuppern.“

„Du willst wohl mal wieder die eierlegende Wollmilchsau.“

Die Brillenträgerin drückte ihre Zigarette aus und stellte ihre leere Tasse in den Geschirrspüler.

„Dann bis später, wir sehen uns!“

Als wir unsere Lungenbrötchen verspeist hatten, gingen wir in die Kammer zurück, diesmal schloss ich vorsichtshalber die Tür.

„Welche Schuhgröße hast du?“

„44 oder 45, je nachdem. Brauche ich auch Arbeitsschuhe?“

Er blickte mich fragend an.

„Ich habe ein Paar Bundeswehrstiefel bei mir zu Hause, die ich anziehen kann.“

Ich musste grinsen.

„Die reichen für den Anfang vollkommen, denn Arbeitsschuhe müssten wir erst noch bestellen. Aber wir brauchen noch Gummistiefel. Hier, probier die mal! Ist zwar 46, aber …“

Er pellte sich aus seinen Turnschuhen.

„Das letzte Mal habe ich die als Kind getragen.“

„Hier gehören sie zum Alltag.“

Ich blickte auf seine Füße und bemerkte ein großes Loch in seiner rechten Socke.

„Außerdem sind sie bei manchen Arbeiten mit dem Hochdruckreiniger angebrachter als die schweren Arbeitsschuhe. Hier!“

Ich warf ihm ein dickes Paar graue Baumwollkniestrümpfe Marke Bundeswehr zu.

„Die ziehst du bitte über deine Socken und die Jeans und dann in die Stiefel.“

Er tat, was ich von ihm verlangte, und zog sich dann unter leichtem Stöhnen die Stiefel an.

„Die sind in Ordnung. Zwar etwas weit um den großen Onkel, aber ich habe eh eine hohe Frist.“

„Dann bin ich ja beruhigt. Du kannst sie wieder …“

Ich suchte noch nach anderen Socken und legte sie zu den anderen Sachen auf den Stapel.

„Werde ich so oft Gummistiefel tragen?“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Nein, das nicht, die sind für deine Stiefel. Es ist ein Unterschied, ob du damit im Park sparzieren gehst oder im Gelände arbeitest. Du sollst ja keine Blasen kriegen, von daher …“

Ich grinste ihn an.

„Alter Bundeswehrtrick: Erst ein dünnes, eng anliegendes Paar Strümpfe über den Fuß, darüber dann die Baumwollsocken; dann reibt nämlich nur Stoff auf Stoff und nicht Stoff auf Haut.“

„Hilft das wirklich?“

Eine gewisse Skepsis lag in seiner Stimme. Ich zuckte mit den Schultern.

„Ich hatte noch nie Blasen mehr an den Füßen.“

„Ich kann es ja mal probieren.“

Er schenkte mir ein Lächeln. Ich war mittlerweile schon auf der Suche nach den Beinkleidern.

„Probier mal bitte die Latzhose.“

Er versuchte, die Latzhose über seine Jeans zu ziehen, was natürlich misslang.

„Du solltest deine Jeans dafür schon ausziehen, sonst wird das nicht klappen.“

„Bitte?“

Er blickte mich erschrocken an.

„Ich soll meine Hose ausziehen? Hier und jetzt?“

„Jepp, es sei denn, du willst mit der Größe Lotto spielen und dich überraschen lassen, wenn du dich morgen umziehst.“

Ich musste grinsen. Verlegen nestelte er an seinem Bund, öffnete langsam einen Knopf nach dem anderen, und zog dann, in einem Rutsch, die Beinkleider nach unten. Ich staunte nicht schlecht, das engelhafte Wesen trug keinerlei Unterwäsche.
Das sehr ansehnliche Teil zwischen seinen Beinen ploppte nach oben, zeigte deutliche Einsatzbereitschaft, meine Zunge wanderte hektisch über meine Lippen. Verstört blickte er mich an.

„Sorry, hätte ich vorher gewusst, dass ich … heute noch auf eine Modenschau muss, dann … dann hätte ich mir natürlich was drunter gezogen.“

„Kein Thema, ab und an laufe ich ja auch so rum.“

Ich musste schlucken, am liebsten hätte ich mich jetzt vor ihn hingekniet und mir seinen Freudenspender einverleibt, aber ich war sein Chef, musste mich zusammenreißen.

„Kleiner Tipp am Rande der Bande: Du solltest, während der Arbeit, immer etwas drunter tragen, denn erstens kann immer mal was passieren und was sollen deine Kollegen sagen, wenn sie in der Gegend immer wieder Flecken sehen?“

Die Röte hatte sich in seinem ganzen Gesicht ausgebreitet.

„Stimmt auch wieder.“

„Für die Anprobe ist es egal, aber sonst …“

Sein Rohr war ziemlich dick. Marius, schau woanders hin! Er schlüpfte in die Hose und zog dir Träger über seine Schultern. Sein Gemächt malte sich mehr als deutlich in seiner Körpermitte ab.

„Ich glaube, die ist eine Nummer zu klein.“

„Moment.“

Ich suchte eine größere Größe, wurde fündig und reichte sie ihm.

„Hier!“

Er pellte sich aus der einen und schlüpfte in die andere Hose.

„Schon erheblich besser.“

„Stimmt.“

Ich ging auf ihn zu und betrachtete mir das Ergebnis aus der Nähe, hantierte dann an den Trägern, machte sie größer. Seinen Freudenspender konnte man von Vorne noch erahnen, aber nur dann, wenn man auch intensiv auf seine Körpermitte starrte.
Der Blick, den ich jedoch hatte, sah etwas anders aus, ich blickte ja von oben auf seine Palme. Ein Abschwellen konnte ich nicht feststellen, aber sein Teil hatte jetzt erheblich mehr Bewegungsfreiheit.

„Ich glaube, die geht für den Anfang. Aber ich werde mit dir wohl in den nächsten Tagen mal zum Einkaufen müssen.“

„Denke ich auch.“

Ein schelmisches Grinsen lag auf seinen Lippen. Ich lehnte mich an ein Regal und beobachtete, wie er aus der Latzhose stieg. Sollte ich jetzt auf ihn zugehen? Himmel! Nein!

„Jetzt hätte ich fast das Wichtigste vergessen?“

Er faltete das grüne Stück ordentlich zusammen und blickte mir direkt in die Augen.

„Was denn?“

Ich griff ins Regal.

„Das Schloss für dein Spind! Hier, pass gut auf den Schlüssel auf.“

Er nahm das Metall und ließ die Hose fallen; ein herrlicher Anblick. Er legte den Schließmechanismus auf den Stapel und zog sich langsam die Hose wieder an. Eine mächtige Spannung lag in der Luft, aber ich konnte nicht es nicht zulassen, dass es auch zur Explosion kam.
Matthias hatte leichte Schwierigkeiten, seinen Teil wieder in der Hose unterzubringen, aber am Ende gelang es ihm doch. Sein Hemd warf er sich nur über, ging gemächlichen Schrittes zu dem Stapel Wäsche, den ich ihm aufgebaut hatte, und schaute mich an.

„Müssen wir hier noch was erledigen?“

Ich schüttelte mich, wurde ich doch aus meinen nicht ganz jugendfreien Gedanken gerissen.

„Nein!“

Zurück in der Umkleide räumte er seinen Spind ein, suchte dabei immer wieder den Augenkontakt zu mir. Als er mit seiner Arbeit fertig war, blickte er mich fragend an.

„Und was liegt jetzt an?“

„Für dich ist jetzt Feierabend, wir sehen uns morgen um 8:00 Uhr.“

Ich machte einen Schritt auf ihn zu.

„Genieß den letzten Tag in Freiheit, denn ab morgen wirst du für jede Minute Freizeit dankbar sein.“

Der Händedruck dauerte länger als nötig und langsam ging er aus dem Personaltrakt. Ich blieb in der Tür stehen und beobachtete das engelhafte Wesen, wie er langsam über den Hof ging, sich immer wieder zu mir umschaute. Erst als er verschwunden war, machte ich mich auf den Weg in mein Büro.

*-*-*

Ich hatte gerade den letzten Schluck meines ersten Bürokaffees getrunken, als es klopfte.

„Herein!“

„Guten Morgen, Chef. Melde mich pünktlich zum Dienst.“

Der Engel stand im Türrahmen. Seine Haare hatte er, wohl mittels Haarband, zu einem Zopf gebunden; mit offenem Haar gefiel er mir zwar besser, aber für die Arbeit war das wohl praktischer.

„Bereit für deine erste Standpauke?“

Er schaute mich erschrocken an.

„Ich … äh … ich weiß jetzt gar nicht? … Es sind doch noch drei Minuten bis acht, oder geht meine Uhr falsch?“

„Deine Uhr geht auf die Minute richtig, aber du solltest zu Arbeitsbeginn schon passend umgezogen sein.“

Ich ging lachend auf ihn zu.

„Aber, da ich es war, der gestern vergessen hat, dich darüber zu informieren, streiche das mit dem Anschiss.“

Unser Händedruck dauerte wieder erheblich länger, als für eine normale Begrüßung nötig.

„Wir fangen den Arbeitstag immer mit einer kurzen Besprechung im Aufenthaltsraum an. Wenn du mir folgen würdest, wäre ich dir sehr verbunden.“

„Nach ihnen.“

Er grinste mich an, als er mir die Tür aufhielt. Im Personaltrakt angekommen, schlugen uns schon verschiedene Stimmen entgegen. Ich begrüßte meine Männer und bat, an die Küchenzeile gelehnt, um etwas Ruhe.

„Leute, das hier ist Matthias, er macht bis Ende August ein Praktikum bei uns. Er wird überall mal hineinschauen und ich möchte euch bitten, ihm, wenn nötig, Hilfestellung zu geben.“

Wie erwartet, gab es einige Hallos und der Praktikant durfte etliche Hände schütteln. Einige Bemerkungen über seine, zum Zopf gebundenen, hellblonden Haare konnte ich aufschnappen.

„Kevin!“

Ich schaute meinen rothaarigen Azubi eindringlich an.

„Deine Haare wären heute fast genauso lang wie die von Matthias, hättest du zu Karneval deine Haare nur getönt und nicht gefärbt. Soll ich das Bild von dir als Froschkönig mit grünen Locken wieder aufhängen?“

Er grummelte, alle anderen Anwesenden grinsten.

„Nachdem wir die Haarfrage geklärt haben und es anscheinend nichts mehr gibt, wünsche ich euch allen viel Spaß bei der Arbeit.“

Allgemeine Aufbruchstimmung machte sich breit.

„Stefan, kommst du mal bitte.“

Während meine Mitarbeiter ihre Wagen bestiegen, kam mein Altgeselle auf mich zu.

„Marius, was kann ich für dich tun?“

Ich ging einen Schritt auf ihn zu.

„Stefan, du bist doch gleich bei Ballenberg. Ich muss mit Matthias noch einigen Formalkram machen, dann bring ich ihn zu dir raus auf die Baustelle. Er soll die alten Gartenwege abbauen, die Steine kommen dann zu uns ins Lager.“

Der grauhaarige Familienvater lachte.

„Also erst einmal die stumpfsinnigen Arbeiten?“

„Genau!“

Ich grinste ihn an.

„Ich möchte dich nur bitten, etwas auf ihn zu achten. Der Junge hat eine ziemlich verkorkste Jugend hinter sich, aber das erzähle ich dir später. Du brauchst ihn zwar nicht mit Glacéhandschuhen anzupacken, aber …“

Mein Vorarbeiter zwinkerte mir zu.

„Alles klar! Aus Kevin haben wir ja auch einen vernünftigen Mann gemacht, ich werde ihn unter meine Fittiche nehmen, keine Angst.“

Wir verabschiedeten uns und ich suchte meinen Praktikanten.

„Matthias, wir müssen noch mal ins Büro und einigen Papierkram erledigen. Kommst du?“

Der Praktikant blickte mich erwartungsvoll an.

„Aber immer doch!“

Die Formalitäten waren schnell erledigt, bereits eine halbe Stunde später schlenderten wir zurück zum Personaltrakt, direkt in die Umkleide. Während er sich aus seinen Klamotten pellte, beobachtete ich ihn; diesmal trug er Unterwäsche.

„Matthias, hast du vielleicht andere Unterhosen?“

Große Augen schauten mich an.

„Habe ich. Aber … was soll die Frage?“

„Nun, wie soll ich es sagen?“

Ich biss mir auf die Zunge.

„Du hast sicherlich die Bemerkungen über deine Haare mitbekommen? Das war zwar eher eine Frotzelei, aber wenn deine Kollegen beim Umziehen diesen Slip sehen? Tangas in Pink sind halt nicht jedermanns Geschmack. Sie könnten …“

„… auf dumme Gedanken kommen, ich könnte vielleicht …“

Er kam sich ertappt vor, wechselte die Gesichtsfarbe.

„Daran habe ich heute Früh in der Hektik nicht gedacht. Was soll ich jetzt machen?“

Ich zog meine Hose aus und warf ihm meine Retro zu.

„Hier, nimm meine! Auch wenn sie zu groß ist, aber damit wirst du heute Abend nicht gleich Gesprächsthema Nummer eins in der Firma werden!“

Er betrachtete das Baumwollstück ganz genau, langsam zog er sich sein rosafarbiges Etwas von den Beinen.

„Danke! Aber … was machen sie denn jetzt? Ich meine, so ganz ohne Unterhose?“

„Ich kann ja auch so in meine Jeans schlüpfen!“

Ich grinste ihn frech an.

„So wie ich gestern?“

Er schenkte mir ein Lächeln.

„Wollen sie meine … vielleicht … anziehen?“

Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet.

„Und wenn sie ausleiert?“

„Nicht schlimm, hab ja noch andere im Schrank. Würde mich freuen, wenn sie sie …“

Er lachte.

„Wir können heute Abend ja wieder zurücktauschen.“

Er riss mich wieder aus meinen Gedanken, ich war Meilenweit entfernt!

„Einverstanden!“

Wir zogen uns an und irgendwie schafften wir es, den Arbeitstag zu beginnen. Ich brachte Matthias zur Baustelle bei den Ballenbergs und gab ihn in Stefans Obhut. Auf der Rückfahrt regte sich Klein-Marius schon bei der kleinsten Erinnerung an das gerade Geschehene.
Wie sollte das enden?

*-*-*

Um kurz vor sechs klopfte es an den Türrahmen meines offenen Büros. Ich schaute vom Monitor zur Tür und sah Stefan, frisch geduscht, im Rahmen stehen.

„Stefan, schon fertig für heute? Setz dich. Ich hoffe, du hast ein paar Minuten Zeit für mich?“

Er rückte sich den Stuhl zurecht.

„Habe ich, allerdings muss ich um sieben zu Hause sein.“

„So lange wird es nicht dauern.“

Ich lachte ihn an.

„Wie hat sich denn der Neue gemacht?“

Der Altgeselle grinste.

„Ganz gut, wenn man das so sagen kann! Das Kerlchen scheint ziemlich zäh zu sein, hätte ich echt nicht gedacht, bei seiner schmächtigen Figur. Fast dreiviertel der Wege hat er alleine ausgebuddelt und auch schon verladen. Im Wagen ist er dann fast eingepennt.“

„Dann dürfte er wohl gleich tot in sein Bett fallen.“

Ich grinste leicht hämisch.

„Mama, kommst du bitte auch mal kurz zu uns?“

Meine Mutter, die im Vorzimmer saß, schien sich anscheinend gestört zu fühlen.

„Muss das wirklich sein? Ich mache gerade die Buchhaltung!“

Mütter!

„Ja, es ist notwendig! Und mach bitte die Tür hinter dir zu.“

„Was gibt es denn?“

Sie funkelte mich immer noch böse an, als sie sich gesetzt hatte.

„Es geht um unseren Praktikanten.“

Ich griff mir die Bewerbungsmappe, die ich von ihm erhalten hatte, und öffnete sie.

„Also Name Matthias Finnemann, geboren am …“

Während der nächsten Minuten gab ich erst einmal seinen Lebenslauf wieder und kam dann zu den Einschätzungen des Mitarbeiters des Jobcenters. Meine Gegenüber blieben stumm, je länger ich sprach, desto bleicher wurden ihre Gesichter. Als ich geendet hatte, blickte ich in große Augen.

„So, mehr gibt es nicht zu sagen, ich wollte nur, dass ihr Bescheid wisst und zu keinem ein Wort!“

Mutter starrte mich immer noch fassungslos an.

„Der arme Junge!“

Der Altgeselle rieb sich das Kinn.

„Und was willst du mit ihm machen?“

„Er soll sich erst einmal hier einleben und mit anpacken. Je nachdem, wie er sich macht, würde ich ihm gerne eine Lehrstelle anbieten.“

Ich legte die Bewerbungsmappe beiseite.

„Aber wir haben doch schon einen Azubi für das neue Lehrjahr.“

Stefan blickte mich irritiert an. Meine alte Dame hob die Hände.

„Wo ist das Problem? Dann haben wir halt zwei Stifte!“

Mama hatte gesprochen: Wenn er die Stelle haben wollte, würde er sie auch kriegen.

„So, dann sage ich mal bis Morgen. Ich werde dann jetzt noch zu Jost fahren, ein paar Runden im Pool drehen.“

„Aber erst kontrollierst du noch die Pausenräume. Gestern hat wieder jemand das Licht in der Herrendusche angelassen, es brannte die ganze Nacht.“

Sie erhob sich.

„Mama, das macht doch nichts!“

Ich versuchte, möglichst viel Honig in meine Stimme zu legen.

„Seit über einem Jahr produzieren wir unseren eigenen Strom mittels Photovoltaik und speisen ihn sogar ins normale Stromnetz ein.“

„Meinst du etwa, dass weiß ich nicht? Wenn die Sonne scheint, verdienen wir Geld, scheint sie nicht, müssen wir Strom dazukaufen. Aber da nachts keine Sonne scheint …“

Sie hatte die Türklinke in der Hand.

„Rechnen, mein Junge, Rechnen, kann ich! Aber trotzdem, viel Spaß … beim Schwimmen.“

„Ja Mama!“

Ich stöhnte und fuhr den Rechner runter. Stefan lachte.

„Für deine Mutter wirst du immer der kleine Junge bleiben. Aber mach dir nichts draus: Mir geht es nicht anders, und … ich habe auch noch eine Schwiegermutter!“

*-*-*

Leider war im Angestelltentrakt niemand mehr zu finden, Duschen und Umkleiden waren verlassen. Als ich an die Stelle kam, wo wir heute Morgen uns nackt gegenüberstanden, versteifte sich etwas an mir.
Ich war schon geneigt, meine Hose zu öffnen und dem schmerzenden Patienten etwas frische Luft zu gönnen, als mein Handy klingelte. Johannes war am Telefon und fragte, wo ich bleien würde. Ich versprach, sofort loszufahren.

*-*-*

Am nächsten Morgen stand Matthias um 07:55 Uhr in seinen Arbeitsklamotten in meiner Tür und lächelte mich verschüchtert an.

„Guten Morgen. Sorry, dass ich gestern sofort gefahren bin, ich war echt fertig und wollte einfach nur noch in die Horizontale. Ich habe geschlafen wie ein Baby.“

„Ich hab schon gehört, was du gemacht hast. Stefan war sehr zufrieden mit dir.“

Wurde ich verlegen?

„War ja keine schwierige Sache, nur anstrengend!“

Seine grünen Augen strahlten.

„Wollen wir?“

„Jepp!“

Am liebsten hätte ich ihn abgeknutscht, aber die Tür zum Vorzimmer wurde geöffnet. Die Teambesprechungen am Freitag sind ziemlich kurz, jeder will so schnell wie möglich zu seiner Arbeit und dann ab ins Wochenende. Dieser Freitag war keine Ausnahme. Als Stefans Trupp um vier wieder auf der Matte stand, suchte Matthias mich in meinem Büro auf.

„Chef? Stefan fragt, wo die Schlüssel für den Gabelstapler sind. Er will die Europaletten mit den alten Steinen abladen.“

„Warte, ich komm mit, ich kann eh eine Pause brauchen.“

Ich ging auf ihn zu. Er blickte mich neugierig an.

„Wieso mussten die Steine gestapelt werden? Ist doch eh Bauschutt.“

„Da irrst du, denn an Steinen ist kaum Vergang.“

Ich grinste ihn an, als wir mein Büro verließen.

„Wir verdienen an den Steinen zweimal, einmal für den Abbau und die vermeintliche Entsorgung, dann werden sie gereinigt und als Sonderposten wieder verkauft.“

Der Engel stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

„Die Idee ist gut, aber? Ist sie auch legal?“

„Da müsste ich mal meinen Ex fragen, der ist Anwalt.“

Ich lachte.

„Aber die Eigentümer wollen es ja loswerden, für sie ist es Müll und Müll ist herrenlos und ich entsorge ja nur den Müll für sie.“

Stefan lachte, als er uns kommen sah.

„Marius? Willst du selber Abladen oder uns nur zusehen?“

„Du bringst mich auf eine Idee!“

Ich grinste meinen Vorarbeiter an.

„Matthias muss sowieso das Staplerfahren lernen, also … ihr macht Feierabend und wir laden in einer Übungsstunde ab.“

Die Idee kam sehr gut an, Matthias schien sie auch zu gefallen, denn er blinzelte mir zu. Ich wollte unbedingt mit ihm alleine sein. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren war, aber ich fühlte mich von dem engelhaften Wesen mehr als angezogen.
Wir übten erst das Fahren mit dem Stapler, ich stand neben ihm in der Fahrerkabine, meine Hand lag auf seiner Schulter. Dann kamen erst einmal Leerpaletten auf die Gabel, gefolgt von solchen mit Säcken voller Blumenerde.
Dass wir uns dabei immer wieder berührten, erwähne ich nur am Rande, es war einfach nur himmlisch. Gerade als wir uns an das Entladen des Pritschenwagens machen wollten, kam meine Mutter auf den Teil des Betriebsgeländes und stemmte ich Hände in die Hüften.

„Was macht ihr hier eigentlich?“

„Mama! Ich bringe Matze gerade das Gabelstaplerfahren bei. Wir wollen jetzt den Wagen entladen, also … alles im grünen Bereich!“

Ich setzte meinen Sonntagsblick auf. Meine Produzentin schüttelte ihren Kopf.

„Junge, wir haben seit einer Stunde Feierabend!“

„Was?“

Ich schaute sie ungläubig an.

„So spät ist es schon?“

„Es ist sieben Uhr, mein Junge! Da du nicht da warst, musste ich ja den Kontrollgang machen und ich will gleich zum Kegeln.“

Sie wirkte immer noch leicht erregt.

„Ich habe Vorne schon abgeschlossen, du musst den Personaltrakt nur noch dichtmachen. Ich bin dann mal weg und Jungs? Macht keinen Unsinn, wir sehen uns dann Morgen in aller Frische, pünktlich um acht!“

Matthias blickte mich erstaunt an, als sie wieder weg war.

„Das war deine, äh, ihre Mutter?“

„Wie sie leibt und lebt!“

Ich blickte ihn lächelnd an.

„Aber wir sollten uns trotzdem beeilen.“

„Warum? Hast du auch noch was vor?“

Sein Augenaufschlag war einzigartig. Ich blickte ihm tief in die Augen.

„Nein, heute liegt nichts mehr an. Aber guck mal nach Oben, es wird gleich Regen geben und wir müssen noch abladen.“

Matthias schaute hoch in den Himmel, sein Adamsapfel bewegte sich deutlich.

„Willst du nicht lieber ans Steuer? Du kannst das sicherlich schneller als ich, … äh, … ich meine natürlich sie …“

„Wir können gerne beim Du bleiben!“

Ich strich ihm über die Wange.

„Und du wirst den Wagen abladen, es ist ja deine Übungsstunde. Also … dann mal los.“

„Ey ey, Sir!“

Er lachte und fuhr vorsichtig los.

*-*-*

Nach zehn Minuten war alles geschafft und ich setzte den Mercedes-Transporter unter das Abdach, Matthias parkte seinen Stapler daneben und gemeinsam gingen wir über den Hof in Richtung Personaltrakt.
Die ersten Tropfen fielen und wir mussten einen Schritt zulegen, um nicht vor der Dusche noch nass zu werden. Ich öffnete die Tür und ließ ihn passieren.

„Gerade noch rechtzeitig vor dem Wolkenbruch.“

Matthias lachte, als wir in der Umkleide standen.

„Stimmt, aber … Wo wohnst du eigentlich?“

Ich stutzte etwas ob der Frage, grinste aber.

„Mein Appartement befindet sich direkt neben meinem Büro, ich brauche also nur dreimal aus dem Bett zu fallen und sitze schon am Schreibtisch. Mama wohnt vorne im alten Haus, zusammen mit Oma und Tante Gudrun, der Schwester meines Vaters.“

„Vor drei Damen wäre ich wohl auch geflohen!“

Er hängte seine Jacke an den Haken und lächelte. Ich schüttelte den Kopf.

„Es war keine Flucht, eher … ein fließender Übergang. Als meine Eltern 1990 das Gartencenter bauten, haben sie sich das Apartment als Art Alterssitz errichten lassen, keine Stufen, ebenerdige Dusche und so. Allerdings zog ich dann vor meinem Abi da ein; das Kind brauchte ja seinen Freiraum. Während meines Studiums war es dann mein Gästezimmer und, als mein Vater starb und ich den Betrieb übernahm, bin ich ganz eingezogen. Wieso fragst du?“

„Ich dachte, wir …“, er setzte sich und suchte den Boden ab, „… wir könnten … zusammen duschen.“

Ich war geplättet. Beruhten meine Gefühle auf Gegenseitigkeit?

„Möchtest du denn, dass wir …“

Der Engel nickte, als er aus den Stiefeln stieg.

„Ja, besonders … nachdem ich weiß, dass du auch …“

„Das ich auch was?“

Ich knöpfte mein Hemd auf und ging auf ihn zu. Er erhob sich, blickte mich an.

„Das du auch auf Männer stehst! Genau wie ich!“

„Wie kommst du darauf?“

Was hatte mich verraten? Waren es doch zu viele Intimitäten? Der blonde Jüngling lächelte mich spitzbübisch an.

„Wie du mich in den letzten Tagen angeschaut und berührt hast. Außerdem … hast du dich selbst verraten, als du vorhin von deinem Ex gesprochen hast. Da war von einem Mann die Rede und von keiner Frau, sonst hättest du ja Anwältin gesagt.“

„Oups …“

Wurde ich Rot? Ja, ich wurde!

„Stimmt. Aber? Wie habe ich dich denn angesehen?“

„Wie die Typen vom Bahnhof.“

Er nestelte an seiner grünen Latzhose, ließ sie auf seine Füße gleiten.

„Bahnhof?“

Unsere Eisenbahnstation wurde nur von drei Regionalzügen in der Stunde angefahren. Der schmächtige Engel stieg aus der Hose.

„Nicht hier, in Dortmund. Was macht man als Teenie ohne Geld? Meine Alten versoffen ja lieber ihre Kröten und das Taschengeld vom Amt war ein Witz, reichte noch nicht einmal für eine Packung Zigaretten in der Woche!“

Matthias zog sein Shirt aus und warf es auf die Bank.

„Um Kohle zu machen, geht man entweder Klauen oder fährt zum Bahnhof zu den alten Säcken. Da ich nach acht Anzeigen wegen Ladendiebstahls und so keinen Bock auf Knast hatte, hab ich mich halt am Bahnhof verkauft. Ich bin nun einmal schwul, also …“

Ich musste schlucken.

„Du bist also auf den …“

„Auch wenn ich jetzt meine Job verliere, aber … ich will den Scheiß endlich ganz hinter mir lassen!“

Er zog die blaue Boxer, die er um die Hüften hatte, aus und stand nackt vor mir.

„Ja, ich ging auf den Strich und habe meinen Körper gegen Geld verkauft! Und nun schmeiß mich raus!“

Ich nahm ihn in die Arme, streichelte über seinen Kopf, nestelte an seinem Haarband, er trug heute wieder Zopf.

„Werde ich nicht machen und keine Angst, den Job verlierst du nicht!“

*-*-*

Ich erklärte Matthias, der neben mir am Schreibtisch saß, wie er sein Praktikumsheft zu führen hätte, als meine Mutter am Samstagmorgen ins Büro kam, um die Kassenschubladen aus dem Safe zu holen.

„Mama, Matze isst heute mit uns zu Mittag. Geht doch, oder? Was gibt es denn?“

Meine alte Dame stellte sie sich in die Tür und blickte uns frech grinsend an.

„Für euch? Ihr könnt euch in der Stadt eine Pizza holen oder was aus der Frittenbude mitbringen. Wer weiß, wie lange es bei euch dauern wird. Tante Gudrun wird sicherlich keine Lust haben, für euch extra zu kochen.“

Ich schaute sie irritiert an.

„Äh, wie soll ich jetzt das verstehen?“

„So, wie ich es gesagt habe!“

Sie kicherte wie ein Schulmädchen. Matthias schaute mich ungläubig an.

„Äh, was soll wie lange dauern?“

„Na, dein Umzug!“

Mama kam auf uns zu.

„So, wie ihr beiden euch anschaut? Liebende wollen doch zusammen sein, oder irre ich mich? Da Matthias, oder soll ich lieber Matze sagen, eh bald aus seinem betreuten Wohnen ausziehen muss, kann er auch gleich bei dir einziehen, mein Junge.“

„Mama? Woher …“

Ich schaute sie fassungslos an.

„Frau Tenhagen, ich …“

Unser Praktikant wurde röter als rot.

„Kinder, ich bin zwar 59 aber noch lange nicht von Gestern! Als ich gestern vom Kegeln wieder nach Hause gekommen bin, hab ich dein Fahrrad noch auf dem Hof gesehen. Zuerst dachte ich, Marius hätte dich nach Hause gefahren, da es geregnet hatte, aber …“, sie blickte erst ihn, dann mich an, „… dann sah ich, wie deine Haustür sperrangelweit offenstand. Junge, du solltest wirklich abschließen, wenn du … und Matze, … na … ihr wisst schon, ihr ward ja nicht gerade leise! Und da Matze jetzt das T-Shirt trägt, das Oma dir aus Borkum mitgebracht hat, ist wohl klar, dass er bei dir übernachtet hat.“

Mein Engel schaute sie fassungslos an, ich sah, glaube ich, nicht besser aus.

„Äh, Frau Tenhagen …“

„Ich heiße Ursula, höre aber auch auf Ulla, und … nenne mich ja nie Uschi, denn dann werde ich echt sauer.“

Sie lachte unseren Praktikanten an.

„Und jetzt macht hinne, denn je schneller ihr wieder da seid, desto eher können wir essen. Und Junge? Ruf diesen Typen vom Jobcenter an, sag ihm, dass Matze ab jetzt bei uns wohnt. Aber vielleicht sollten wir damit auch warten, vielleicht kann das Amt seinen Führerschein bezahlen. Die machen doch so etwas, als Eingliederungshilfe, oder? Moment! Wieso seid ihr so ruhig? Junge, hast du ihm noch nicht gesagt, dass du ihn …

„Nein Mama, ich habe die drei Wörter noch nicht gesagt, dass wollte ich erst später machen.“

Ich grummelte.

„Aber das hast du ja jetzt für mich getan! Vielen Dank auch!“

„Matze, du musst meinem Sohn verzeihen! In beruflichen Dingen macht ihm keiner was vor, aber in Liebesangelegenheiten ist er wie sein Vater, …“

Lächelnd schaute sie uns an.

„… der kam auch nie zu Potte! Wenn ich damals nicht die Initiative ergriffen hätte, wer weiß … Aber ich gehe jetzt wohl besser und lasse euch Turteltauben mal alleine. Aber beeilt euch mit dem Umzug.“

Als wir wieder alleine waren, blickte er mich mit seinen grünen Augen intensiv an.

„Du wolltest mir also wirklich sagen, dass du … dich … in … mich …“

Ich zog die Augenbrauen hoch, legte meine Hand auf seine Schulter und drehte sein Gesicht in meine Richtung.

„Ja, wollte ich! Allerdings sollte die Situation … etwas romantischer sein. Ich dachte eher an ein Candle-Light-Dinner als hier zwischen Tür und Angel.“

„Tja, für mich reicht das hier vollkommen!“

Er drückte seine Lippen auf meine und seine Zunge begehrte Einlass in meine Mundhöhle, die ich ihm gern gewährte. Nach einer gefühlten Ewigkeit nahm er meinen Kopf in seine Hände und schaute mir tief in die Augen.

„Ich liebe dich auch! Und um das zu sagen, brauche ich keine Kerzen und keinen Kuschelrock, dazu … brauche ich nur dich! Und jetzt lass uns los, wir wollen Ulla ja nicht warten lassen!“

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Information Lu & Lu
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 12:21 PM - No Replies

Ein verregneter Sonntagnachmittag, es ist kurz nach 16 Uhr. Ich komme gerade aus der Dusche, creme mich, vor dem großen Spiegel in meinem Schlafzimmer stehend, ein; will für mein Date nicht nur äußerlich und innerlich sauber sein, ich will für ihn auch gut riechen. Mein Blick fällt auf die reflektierende Oberfläche, der Kerl, den ich da sehe, sieht gut aus; sogar verdammt gut.
Ok, ich gebe es ja zu, ich bin etwas selbstverliebt, aber es ist nicht meine Schuld, dass ich einen geilen Körper habe; einer meiner Liebhaber verglich mich mal mit dem David von Michelangelo. Mit dieser Statur habe ich jedoch nicht viel gemein, wirklich nicht! Zwar ist mein Oberkörper ebenso wohldefiniert wie der aus Marmor, auch meine Beine und Arme können sich sehen lassen, aber ein Bodybuilder bin ich wirklich nicht. Gut, ich gehe zwar oft ins Fitnessstudio, aber nicht um dort Sport zu treiben und an meinen Körper zu arbeiten, nein, ich suche diesen Ort eher zu Cruisingzwecken auf und Männerfang kann man ja nicht gerade als Sport bezeichnen, obwohl auch dieses Unterfangen ziemlich ausdauernd sein kann.
Was mich aber an diesem Vergleich besonders stört: Mein Anhängsel ist längst nicht so klein und mickrig wie das der ersten Monumentalstatue der Hochrenaissance; bei mir stimmen jedenfalls die Proportionen. Einzig die Gleichrangigkeit mit dem Hinterteil der wohl bekanntesten Skulptur der Kunstgeschichte kann ich akzeptieren: Mein Arsch ist tatsächlich nahezu perfekt geformt.
Aber diese Perfektion ist kein Wunder, es war schließlich „Mutter Natur“ höchstselbst, die meinen apfelförmigen Hintern erschaffen hat und sie hat gute Arbeit geleistet, wie nicht nur ich finde. Meine echte Mutter war früher Primaballerina im tschechischen Nationalballett und betreibt heute eine Ballettschule in Hamburg, mein Vater war, bevor er in die Freiheit floh, russischer Militärmeister im Bodenturnen; er hat es als Unterwäschemodel in so manchen westlichen Versandhauskatalog geschafft.
Wie gesagt, meine wohlgeformte Sitzfläche ist ein Geschenk – ein Geschenk, das ich mehr als genieße. Die Männer fahren voll auf die runden, wohl proportionierten Formen ab, sie lieben meine glatte weiße, fast seidige Haut, und, da jeder Mann Grübchen liebt und ich gleich zwei davon an dieser Stelle mein Eigen nenne, ist das das I-Tüpfelchen, wenn sie meine Backen wollüstig kneten oder gar andere Dinge mit und in ihnen veranstalten.
Aber nicht nur ihre trainierte Muskulatur legten meine Eltern mir in die Wiege, ihnen verdanke ich auch meine enorme Gelenkigkeit und meine fast perfekte Körperbeherrschung. Manch ein Mann gerät schon dann außer Kontrolle, wenn er mit meinen beiden Kugeln nur spielt, sie walkt, knetet oder massiert. Einige Vertreter des männlichen Geschlechts verlieren ihren Verstand jedoch erst, wenn sie mit ihrer Männlichkeit in mein weiches, enges, aber dennoch forderndes Loch eindringen und sich selbst (und damit auch mir!) viel Spaß bereiten. Wenn ich dann auch noch meine Körperbeherrschung, durch die eine oder andere akrobatische Bewegung beim Akt, einsetze, während ich sie zum Orgasmus reite, ja dann kann es durchaus vorkommen, dass ich, anstelle der Zigarette danach, eine echte Liebeserklärung bekomme.
Deshalb ist das Ganze, was letzte Nacht gegen 2:00 Uhr passierte, auch nicht meine Schuld … naja, jedenfalls nicht so ganz. Eine Ursache ist, wie schon gesagt, meine Genetik, der ich einen so schönen und fickbaren Hintern verdanke, aber die Hauptverantwortliche ist eigentlich Marion, seit vier Jahren meine Mitbewohnerin und ihre überaus dümmliche und äußerst dämliche Angewohnheit, sich einen neuen Lover zuzulegen, bevor sie ihren alten Bettgenossen endgültig abgelegt hat.
Und genau dieser Marotte war es auch zu verdanken, dass ich, geweckt durch penetrantes Klingeln und wildes Trommeln gegen die Wohnungstür, aus einem feuchten und ziemlich klebrigen Traum gerissen wurde. Noch nicht ganz Herr meiner Sinne machte ich mich auf den Weg zur Lärmquelle und riss die Tür auf, wollte den nächtlichen Störenfried verscheuchen. Die Hand von Lukas, Marions baldigen Exfreund, wirbelte da nur noch Luftmoleküle durcheinander, traf nicht mehr auf Holz.
Der Blick auf das sonst so attraktive Gesicht des frischgebackenen Betriebswirtes war echt furchtbar: Seine Wangen waren blutunterlaufen, die sonst so kecken schokoladenbraunen Augen wirkten eingefallen. Man sah eindeutig den Zorn auf seinem kantigen Kinn und die kurzen braunen Haare, üblicherweise gestylt und gegelt, waren derart zerzaust, man hätte meinen können, er hätte sie sich ausgerissen. Der Mann mit den breiten Schultern und dem noch breiteren Brustkorb wirkte wie ein Häufchen Elend; ich war richtig erschrocken.
„Was machst du denn hier?“ Immer noch nicht ganz wach stützte ich mich mit meiner rechten Hand am Türrahmen ab und rieb mir mit meiner Linken den Schlaf aus den Augen.
„Ich muss zu Marion!“ Lukas‘ Stimme war brüchig, er rang nach Atem. Plötzlich stürmte er an mir vorbei und steuerte direkt auf das Schlafzimmer meiner Mitbewohnerin zu. Vor der offenen Tür blieb er stehen, sah das gemachte Bett und blickte mich an. „Sie ist nicht nach Hause gekommen, oder?“
Ich schloss die Tür und sah Lukas nach, der in unseren Wohnraum ging. „Sorry, tut mir echt leid.“
Und ich hatte wirklich Mitleid mit dem jetzt geschunden aussehenden Kerl! In all den Jahren, in denen ich mir mit der Friseurin das große Apartment mit Blick auf den Stadtpark teilte, hatte ich schon viele Männer kommen und – buchstäblich – auch durch Marions Schlafzimmer wieder gehen sehen. Aber mit keinem ihrer Typen hatte es so lange gedauert wie mit Lukas, fast sechs Monate!
Er sah wirklich gut aus und gab ihr den Freiraum, den sie brauchte. Einzig erkennbares Manko, jedenfalls für mich, waren die lauten und gewaltigen Stöhn- und Ächzkonzerte, die die beiden bei gewissen Schlafzimmeraktivitäten veranstalteten und mich damit um meinen wohlverdienten Schönheitsschlaf brachten.
Nach all dieser Zeit hatte ich gedacht, Marions Suche nach ihrem „Mister Perfect“ wäre endlich von Erfolg gekrönt gewesen, aber da hatte ich mich offensichtlich vertan. Vor zwei Tagen, ich kam gerade von der Arbeit, entdeckte ich eine Kleiderspur: von der Wohnungstür bis zum Bad. Eindeutig ein Bauarbeiter und somit nicht Lukas. Was sollte der Akademiker auch mit einem Helm, einem Hammer und einer Wasserwaage anfangen? Auch die verschlissenen Arbeitshandschuhe, die direkt neben der braunen Latzhose lagen, waren für seine feingliedrigen Hände wohl zwei Nummern zu groß. Ich lauschte kurz an der Tür: Man hörte die Dusche und eindeutige Geräusche, wohl unter derselben. Allerdings war die Stimme des männlichen Parts der Paarung erheblich tiefer, fast machohaft, und nicht so weich und angenehm wie die des ehemaligen Studenten, und wie die sich bei Paarungsritualen anhörte, wusste ich ja – aus leidvoller Erfahrung.
Verschwanden die Kerle aus ihrem Leben, verschwanden sie zwangsläufig auch aus meinem; bei den meisten ihrer Bettgenossen machte mir das auch wirklich nicht viel aus, sie waren mir oft zu grobschlächtig und proletenhaft. Lukas hingegen war vollkommen anders, ein echter Lichtblick, ein wirklich toller Zeitgenosse: freundlich, höflich, lustig, zuvorkommend; man konnte wirklich gut mit ihm reden. Ihn würde ich wirklich vermissen!
Wenn es mir als Kind schlecht ging, entweder körperlich oder seelisch, kam meine Mutter immer mit einem Eis um die Ecke, wollte mich so wieder aufbauen. Ich überlegte kurz. Im Gefrierfach war ja noch Eiscreme, ein Überbleibsel meines gestrigen DVD-Abends; bei Schmachtfilmen wie „Latter Days“, „Prayers for Bobby“ oder „Sommersturm“ brauche ich einfach Eis zum Glücklichsein. Ich ging ins Wohnzimmer, denn nur von dort gelangt man in die kleine Küchenzeile, die bei uns kaum zur manuellen Nahrungsvorbereitung genutzt wird; Marion und ich stehen eher auf Sachen, die man nur warm machen oder aufbacken kann und muss.
Die Packung mit dem Vanilleeis stellte ich auf den Tresen, nahm den Deckel ab und mir einen Löffel aus der Schublade. Verdammt! Wo sind die Schälchen? Ich überlegte, aber mein Gehirn arbeitete noch nicht richtig; egal, dann muss der Löffel halt reichen. Lukas, der bis dahin ziel- und planlos in unserem Wohnzimmer umhergestiefelt war, hatte wohl mein Hantieren am Kühlschrank bemerkt und kam auf mich zu. Er stellte sich halb neben mich und atmete tief durch. Seine Augen waren zwar geschlossen, aber ich hatte das Gefühl, er war ziemlich nah am Wasser gebaut. Und wenn ich eines hasse, dann sind es weinende Menschen, egal ob Mann oder Frau.
„So, junger Mann!“ Ich nahm einen Löffel Eis, drehte mich zu ihm um, lehnte mich gemütlich an die Arbeitsplatte. „Altes Familienrezept gegen Liebeskummer: Eiscreme!“ Lukas schaute mich ziemlich verwundert an, sagte nichts, stand nur stumm da. „Komm, es hilft wirklich.“ Ich führte den Löffel zu seinem Mund. Er schlug meine Hand zwar nicht weg, aber er wehrte sie dennoch ab, auch ein zweiter Versuch scheiterte. Ich zuckte mit den Schultern. „Na, dann halt nicht!“
Falls der Trick meiner Mutter mit dem Eis mal nicht funktionierte, hatte mein Vater etwas in Petto: Er machte sich zum Hansel, zog erst sich selbst und dann mich auf, um meine Stimmung zu steigern. Und ich wollte Lukas aufmuntern, wenigstens ein wenig. Das Essgerät hielt ich an meine nackte Brust, denn, außer einer weißen Boxer um meine Hüften, war ich ja unbekleidet. „Wenn ich auch nur ein einziges Tränchen in deinen hübschen braunen Augen sehe, dann wirst du das hier ablecken.“ Er blickte mich verwirrt an, verzog dann aber doch etwas seine Mundwinkel; ein leichtes Grinsen konnte ich ihm also schon einmal entlocken.
Ich frohlockte innerlich, blickte den gleichaltrigen Fast-Ex meiner Mitbewohnerin grinsend an. „Ich weiß, ich bin nicht Marion; meine Brust ist flach und unterhalb des Bauchnabels hab ich auch nur ein Loch … auch einen Zaubertrank zum Umpolen kann ich nicht brauen, aber …“ In seinem Gesicht regte sich wieder etwas. „… aber ich will dich wieder lächeln sehen.“
Lukas, der einen halben Kopf größer ist als ich, zögerte kurz, tat einen Schritt auf mich zu. Deutlich konnte ich erkennen, dass seine Mundwinkel wieder ein Stückchen höher gegangen waren. Er grinste zwar immer noch nicht richtig, aber er sah jetzt eindeutig entkrampfter und entspannter aus; die mentale Belastung schien von ihm zu weichen. Ich blies zum letzten Angriff. „Mir ist es vollkommen egal, dass du eine alte und verheulte Hete bist, aber … du wirst das Eis jetzt lecken und dir wird es gefallen! Haben wir uns verstanden?“
Dann passierte es und ein Klümpchen Eis glitt mir vom Löffel, landete direkt auf meiner Brust, etwas oberhalb des linken Nippels. Ich zuckte zusammen, das Eis war kalt und begann, sofort an mir herunterzurinnen. Ein erneuter Schauer überfiel, durchzuckte mich, so als ob ich in eine Steckdose gefasst hätte. Aber diese zweite Reaktion der Elektronen meiner Nervenbahnen war nicht der langsam weichenden Kälte des Vanilleeises geschuldet, vielmehr war es Lukas‘ warmer Atem, der jetzt auf meine Haut traf. Der braunhaarige Betriebswirt hatte seinen Kopf gesenkt, sein Gesicht schwebte plötzlich über meiner Brust. Ein dritter Schauder erschütterte mein Innerstes, als er mich, langsam und wie in Zeitlupe, dann tatsächlich auch berührte. Seine Hände waren warm und seine Finger, leicht wie Federn, tänzelten auf meiner Haut, kamen auf meinen Oberarmen zur Ruhe. Just in diesem Moment spürte ich seine Zunge, wie sie das blassgelbliche Rinnsal des Speiseeises langsam nachzeichnete. Ich wäre fast verrückt geworden.
Mein ganzer Körper begann zu zittern, meine Knie wurden weich und mein Hintern fing an, hektisch zu zucken, als er, nach der für mich ewig andauernden Abwärtsbewegung, wieder nach oben ging, ebenfalls im Schneckentempo, und seine Oberschenkel mit meinen Unterleib zusammenstießen. Dass ich einen ausgewachsenen Harten hatte und meine weiße weite Boxer einem Zelt glich, brauche ich wohl nicht groß zu erwähnen.
Ich hatte Angst, ihn zu berühren. Aus früheren Erfahrungen im Spiel mit heterosexuellen Männern wusste ich, dass es immer einen unsichtbaren Stolperdraht gibt, eine imaginäre Grenze, die man besser nicht überqueren sollte. Welcher schwule Mann hat nicht schon Sätze gehört wie ‚Ich küsse nicht!‘ oder ‚Fass mich nicht an, blas mich nur!‘?
So stand ich fast starr und unbeweglich, als Lukas sich aus seiner Jacke schälte, um dann seine Hand in den Eisbecher, der neben mir auf dem Küchentresen stand, zu versenken. Was sollte das werden? Er betrachtete, genauso intensiv wie ich, den Klumpen aus Milch und Geschmacksstoffen als wäre es ein kostbares Juwel. Sein Gesicht hatte sich irgendwie verändert, es schien immer noch – oder schon wieder – zu glühen, aber die Art und Weise, in der es das tat, war eine vollkommen andere als die zu Beginn seines nächtlichen Besuches.
Plötzlich wurde es wieder kalt auf meiner Haut, er verschmierte den Nachtisch auf meiner Brust, meinem Bauch. Seine warmen Hände ergriffen meine Unterarme, als er in die Knie ging, um dann eine neue, aber ebenso langsame Runde des Leckens und Schleckens zu starten. Aus der anfangs ziemlich sanften Berührung seiner Lippen wurde, nach und nach, ein leichtes und erotisches Saugen und aus dem Saugen, ab und an, ein Knabbern. Eine Schockwelle nach der anderen raste durch meinen Körper, als ich seine Zähne an meiner rechten Brustwarze spürte, sein Mund sich daran fast festsaugte; sein Haar roch gut, würzig und warm.
Als seine Zunge meinen Bauchnabel erkundete, wanderten seine Hände von meinen Unterarmen in meine Flanken, kamen dort aber nicht zur Ruhe, nein, sie kitzelten mich leicht. Sein Mund begab sich wieder auf Wanderschaft, untersuchte erneut meinen flachen Sixpack. Und gerade, als seine Lippen direkt über der Spitze meines Zeltmastes schwebten, packten seine starken Hände meine perfekten Fleischkugeln, und begannen, sie, durch den Stoff hindurch, zu kneten.
Plötzlich stoppte er in seinem, für mich sehr geilen, Tun, blickte nach oben. „Geiler Arsch!“
„Danke!“ Warum krächzte ich?
Lukas drehte mich urplötzlich herum, schien kein bisschen Interesse an meinem Freudenspender zu haben. Stattdessen zog er meine Boxer runter auf die Knöchel, drückte mich gegen die Küchentheke. Seine Hände liebkosten und streichelten, tätschelten und kraulten die Haut an meinem verlängerten Rückgrat, dann krallten sich seine Finger in mein wohlgeformtes Fleisch. Wie ich schon sagte, Männer sind teilweise schon allein vom Anblick meines Hinterteils entzückt (und der Welt entrückt), und das Stöhnen des Braunhaarigen, dass die ganze Zeit über zu vernehmen war, konnte man als seine Art der Wertschätzung meiner Kiste deuten.
Das Nächste, an das ich mich erinnere, war, dass es an meinem Hintern kalt wurde – Eiscreme! Und ehe ich mich versah, leckte Lukas die kalte, zähflüssige Creme von meinen Kekshälften. Es war zum Verrücktwerden, erneut fuhren die Elektronen auf meinen Nervenbahnen Amok; die Stellen meiner Halbkugeln, an denen er gerade nicht knabberte, traktierte er mit seinen Händen sanft und zärtlich, aber dennoch irgendwie auch fest zupackend. Dann rutschten seine Daumen, ob zufällig oder gewollt vermag ich nicht zu sagen, in das Tal hinein und klopften an die Pforte.
Mein ganzer Körper zuckte, mein Rücken bäumte sich auf und das wollüstige Stöhnen drang diesmal aus meinem Mund. Lukas zog meine Backen weiter auseinander, seine feingliedrigen Fingerkuppen klopften nun nicht mehr nur an, nein, sie begannen, in mich einzudringen. Als sich der Gedanke in mir breitmachte, Lukas würde mich nehmen, um mich, wie vormals Marion, in den siebten Himmel der Geilheit zu katapultieren, wurde die Temperatur meiner Spalte erneut gesenkt, ein weiterer Eisklumpen ran mein Tal herunter.
„Ahhhhh!“ Ich konnte nur grunzen, denn als Lukas‘ hungriger Mund mich hinten küsste, seine Zunge in meinem Tal verweilte, nur um dann an meinem, jetzt mit Sahne bedeckten, Tor zu lecken, vergaß ich alles um mich herum. Die Hitze meiner heißen Kiste verdampfte wie von selbst die Kälte der Nachspeise. „Himmel! Ist das geil! Einfach nur geil!“
Lukas‘ Zunge kreiste sanft um mein zuckendes und pulsierendes Loch, begann das weiche Innere zu sondieren. Wie ein Forscher auf einer Expedition ins Unbekannte drang er mit seinem Schmeckorgan in mich ein, sanft und zärtlich. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, mein Atem stockte bei jedem Stich seiner Zunge. Mein Arsch wand sich wild und zügellos vor seinem Gesicht, tanzte hektisch auf und ab, wollte mehr und mehr.
Plötzlich und ohne Vorwarnung umschloss Lukas‘ Rechte, wenn auch vielleicht etwas grob, meinen vor Freude triefenden Schwanz; drückte, quetschte ihn. Ich stöhnte laut auf, musste ihn dadurch wohl erschreckt haben, denn die erst etwas unbeholfene Umklammerung wandelte sich ab da in ein sanftes, ja fast liebevolles und zärtliches Streicheln, als ob es sich bei meinem Anhängsel um ein zerbrechliches Etwas aus filigraner Glaskunst handeln würde. Ich war einfach nur hin und weg!
Sowohl das atemberaubende Rimming seiner Zunge als auch die unerwartete Handarbeit – er hatte meine Vorhaut ganz nach hinten geschoben und versuchte, mit seinem kleinen Finger in meinen Schlitz einzudringen – ließen mich fast abheben. Ich wurde zu einem Spielball der Lust, zu einem bettelnden, winselnden Welpen; ich war kurz vor der Explosion. Die Bälle in meinem Beutel brannten, in meinem Schwanz kribbelte es gewaltig, aber ich wollte noch nicht kommen, jetzt noch nicht! Erst sollte er mich, mit seiner ganzen Männlichkeit, erobern und mich dann an die Grenzen der Glückseligkeit vögeln.
Als ob er meine Gedanken erraten hatte, ließ Lukas von meinem steifen Schwanz ab und riss auch seine äußerst talentierten Lippen von meinem äußerst verwundbaren Eingang. Er erhob sich und ich vernahm das gleitende Geräusch eines Reißverschlusses. Dann, nach einem Moment der Fummelei, wohl um seinen harten Schwanz aus der eigenen Jeans zu holen, spürte ich, wie das Teil, das bisher Marion befriedigt hatte, sich ungestüm an meinem pulsierenden Loch zu schaffen machte, es zu erobern versuchte. Aber leider – typisch Hete – stellte er sich dabei ziemlich unbeholfen an.
„Autsch!“ Ich krümmte mich vor Schmerzen, zog meine Hüften nach vorn, verdrängte so seinen nackten Schwanz aus meinem geplagten Spundloch. Lukas hatte mich zwar fast an den Rand der Ekstase geleckt, aber richtig feucht und aufnahmebereit war ich noch nicht.
„Hey? Was ist los?“ Lukas verlor anscheinend das Gleichgewicht, drückte mich so nur noch mehr auf den Küchentresen. Ich schob ihn etwas nach hinten weg, drehte mich, dank des gewonnenen Platzes, langsam um meine eigene Achse, wollte ihm in die Augen sehen. Unsere Leisten trafen sich, rieben aneinander, und das, was bei ihm gerade eingefallen war, verhärtete sich, sehr zu meiner Freude, sofort wieder.
„Lukas, das wird jetzt schwuler Sex und es wird heftig werden, aber … wenn ein Mann mit einem Mann Spaß haben möchte, ihn nehmen will, dann braucht er ein paar Kleinigkeiten wie Gleitgel und so.“ Ich lächelte ihn süffisant an. „Männer sind leider nicht naturfeucht … naja jedenfalls meistens.“
„Sorry, tut mir echt … echt leid. Ich …“ Sein Hundeblick machte ihn nur noch begehrenswerter. „… ich … ich bin wohl … wohl zu aufgeregt.“
„Kein Problem!“ Er sah mit seinen geröteten Wangen einfach nur zum Anbeißen süß aus. „Eine Tube Gel liegt in der Schublade, im Beistelltisch an der Couch.“
Lukas grinste schelmisch, tat einen Schritt auf mich zu, legte meine Beine um seine Hüften und nahm mich in seine muskulösen Arme. Als er mich so zum Sofa trug, spürte ich seinen wippenden und ziemlich feuchten Schwanz an meinem Hintern. Ich genoss es einfach, wie er seinen starken Körper einfach an mich drückte; ich hätte in seinen Armen vergehen können. Zwar war er noch nicht nackt, aber das tat meinen Gefühlen keinerlei Abbruch. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt und ich hätte in seinen schokoladenbraunen Augen einfach nur versinken können, so sehr machten sie mich an. Ich weiß nicht, wie viele Augenblicke es dauerte, aber plötzlich fand ich mich, auf dem Rücken liegend, auf der Couch wieder.
Lukas begann, sich auszuziehen. Zwar war es kein Striptease, den er für mich hinlegte, aber egal! Zuerst kam das T-Shirt, das er sich über den Kopf zog; sein Körper war einfach phänomenal. Der Bauch war hart und flach, sein Sixpack deutlich ausgeprägt. Sein Oberkörper war breit und muskulös, wohl definiert. Jedes Ruckeln und Wackeln, jedwede seiner Bewegungen ließ mich noch mehr dahinschmelzen. Nun stand er mit nacktem Oberkörper vor mir, sein erigierter Schwanz lugte, in einem fast perfekten 45°-Winkel, aus dem Hosenschlitz.
Ein breites, bewunderndes, wollüstiges Grinsen legte sich auf mein Gesicht, er stutzte, schien leicht verwirrt. „Ludek! Warum schaust du mich so … so komisch an?“

Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. „Du … du bist einfach … einfach nur wunderschön!“
Er verdrehte die Augen und lachte. Aber es war ein eher dumpfes Lachen; typisch Hete, die mit echten Komplimenten nicht ganz klarkommt. Lukas wandte sich kurz ab, stieg aus seiner Jeans, gab mir so den Blick auf seine starken und muskulösen Beine frei. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, man sah, im schummrigen Licht der Stehlampe, genau die Trennlinien: Sein Hintern glänzte in strahlendem Weiß, der Rest seines ansonsten makellosen Körpers war leicht gebräunt.
Ich zog die Schublade des Beistelltisches auf, dort lagerten, für den Fall der Fälle, einige Utensilien, die sowohl Marion als auch ich für Spiele im Wohnzimmer benutzen konnten: Gleitgel, Hygienespray, Kondome in unterschiedlichen Größen (teilweise sogar mit Geschmack), ein Cockring aus schwarzem Nappaleder, ein kleiner Buttplug aus rotem Weichgummi, eine Kette mit blauen Liebeskugel und eine Rolle Minzdragees. Ich griff mir einen der Überzieher, nahm die Tube Schmiermittel und drückte zwei der tablettenähnlichen Atemauffrischer aus ihrer Verpackung; ich hatte Gyros zum Abendessen.
Lukas stand nun nackt vor mir, sein Schwanz wippte im Takt seines ziemlich unregelmäßigen Atems; mir lief, im wahrsten Sinne des Wortes, das Wasser im Munde zusammen. Er hatte sich sogar seiner Socken entledigt; meine Augen glänzten, denn Sex in Socken? Für mich ein Unding, wenn man es in den eigenen vier Wänden treibt. Gut, im Park und auf der Klappe sage ich nichts, wenn mein Gegenüber sie anbehält, aber an solchen Örtlichkeiten zieht man ja normalerweise auch nicht seine Schuhe aus.
Ich streckte meine Hände aus, griff nach seinen glatten Backen, zog ihn in meine Richtung, öffnete meinen Mund und saugte seinen Freudenspender wie ein Staubsauger ein. Ich war wie von Sinnen, seine gestutzte Scham roch irgendwie nach Moschus; wohl die Restausdünstungen seines Duschgels. Meine Zunge tänzelte auf seinem empfindlichen Fleisch, versuchte, so tief wie möglich in den Schlitz zu kommen. Ich liebkoste jeden Quadratzentimeter seiner Männlichkeit, mal liebevoll zärtlich, mal heftig fordernd.
Der Betriebswirt bockte plötzlich, schob seine Hüften weiter in meine Richtung, seine Eichel stieß so an mein Zäpfchen, wollte anscheinend noch tiefer in meine Kehle. Ich tat ihm den Gefallen und gab den Weg frei. Seine Hände packten meinen Kopf, klemmten ihn regelrecht ein. Nur mit Mühe konnte ich etwas nach hinten gehen, um dann den dicken und pulsierenden Pfahl wieder in Gänze in mir aufnehmen zu können. Sein linker Oberschenkel begann zu zittern, seine Atmung wurde flacher, zeitgleich aber auch schneller. So, wie er sich unter meiner fachmännischen Behandlung wand, war das wohl der beste Blowjob, den er je bekommen hatte.
Er tat einen Schritt nach hinten, entzog sich mir, rang nach Luft. „Ludek! Ich kann … ich kann echt nicht mehr! Wenn du … wenn du so weitermachst, dann … dann komme ich … sofort!“
„Alles klar!“ Ich lächelte ihn an, er mich auch. Lukas‘ Blick war eindeutig: Er wollte weitermachen und jetzt nicht einfach aussteigen; falls er mich tatsächlich ficken wollte, dann sollte er das auch tun.
Ich tätschelte – wie zur Beruhigung – die mittlerweile leicht verschwitzte Haut um seine Hüften, erhob mich dann, riss das Kondom auf und reichte es ihm. Eine großzügige Portion des Flutschmittels spritzte ich auf meine Finger, die sofort nach hinten wanderten, um meinen Schacht zu schmieren. Als die Kuppe meines Mittelfingers die Pforte erreichte, öffnete sie sich schon freiwillig; ich war heiß und hungrig auf Lukas und seine 20 Zentimeter festen Schwanzfleisches.
Ich kniete mich auf das Sofa, die Ellenbogen lagerten auf der Lehne. Mein wohlgeformter Hintern streckte sich ihm entgegen, meine rosa Rosenknospe zwinkerte ihm zu, lud ihn ein, endlich das zu tun, wonach es ihm und mir verlangte. Ich drehte mich nach hinten, lächelte ihn an, wackelte noch einmal aufmunternd mit meinem besten Körperteil.
Er tat einen Schritt auf mich zu, seine Rechte legte sich auf meinen wohlgeformten Fleischhügel, drückte und knetete ihn sacht. Die Finger der linken Hand spielten erst sanft auf meinen Nacken, dann fuhr sein Daumen in kreisenden Bewegungen meine Wirbelsäule entlang, ich zitterte wie Espenlaub. Als ich dann seine Oberschenkel an meinen spürte, merkte, wie sein männlicher Stolz sich an meiner natürlichen Öffnung rieb, verging ich fast. Ich blickte mich um, sah, wie er sein Teil noch einmal mit der freien Hand in Form brachte.
Er drehte sich in Startposition, legte seine Spitze vorsichtig in meiner Ritze ab. Seinem eher zaghaften Druck kam ich durch leichtes Pressen entgegen, wollte ihm so das Eindringen erleichtern. Ich wusste echt nicht, ob er und Marion es schon auf die griechische Art getrieben hatten, denn so intensiv tauschen sich meine Mitbewohnerin und ich nun auch wieder nicht über Sexpraktiken aus. Vielleicht war es ja auch das er erste Mal für ihn, auf diese Art Sex zu haben; wie auch immer, er sollte den Fick mit einem Mann von Anfang an genießen.
Etwas Großes bohrte sich ganz langsam in meine hungrige Öffnung, meine kochenden Eingeweide wurden mikrometerweise gedehnt. Es tat zwar nicht richtig weh, das Gefühl der Geilheit überwog, aber das Schneckentempo seines Vordringens war dann doch etwas unangenehm. Sein Stamm war doppelt so groß wie eine Zweieuromünze; wenn ich genügend gedehnt bin, kein Problem, auch einen sofortigen Durchstoß hätte ich tapfer (und glücklich) verkraftet, aber dieses sehr zaghafte Vortasten war zum Auswachsen. Vermutlich wollte Lukas keinen Fehler machen, vielleicht war es ja doch sein erster Akt dieser Art, vielleicht auch sein erstes Mal mit einem Mann; ich wusste es nicht.
Langsam gewöhnte sich jedoch mein begieriger Kanal an die behäbige Schleichfahrt. Vielleicht lag es an der Massage meiner Backen, die er mir nun angedeihen ließ, aber plötzlich genoss ich es regelrecht, Millimeter um Millimeter von ihm aufgebohrt zu werden. Als er ganz in mich eingefahren war, ich seine Kugeln an meinen spürte, verharrte er für einen Augenblick regungslos; mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Dann legte er den Rückwärtsgang ein, fuhr aus, aber nur soweit, um am Schleusentor wieder haltzumachen und erneut den Vorwärtsgang einzulegen. Diese Manöver wiederholte Lukas mindestens zehn-, elfmal; sein Tempo steigerte sich, unsere Glocken schlugen nun immer heftiger aneinander, übertönt nur von den Geräuschen seiner schmatzenden Fahrt.
„Das ist … das ist … so … so verdammt geil.“ Lukas konnte nur noch stöhnen. „Oh Mann! Bist du eng!“
‚Jetzt nicht mehr!‘ Sprechen konnte und wollte ich nicht, ich genoss einfach nur.
Seine Hände umfassten meine Schultern, verkrampften sich fast in ihnen. Anscheinend wollte er dadurch die Hebelwirkung seines harten Kolbens auf seinem Weg in mein glückliches Loch noch verstärken. Tempo und Takt gefielen mir, ich fing an, mich in dem Fick zu verlieren. Bei fast jedem Hub streichelte er meinen P-Punkt, ich wurde schier verrückt. Frauen haben ihren G-Punkt und passive Männer besitzen auch eine ziemlich reizbare Stelle in ihrer Lustgrotte, anatomisch halt nur etwas anders gelagert; für mich ist das der P-Punkt.
Der Druck in meinem Beutel nahm stetig zu, der Mann mit den kurzen braunen Haaren brachte mich zum Kochen. Meine Murmeln zogen sich zusammen, die Produktion meines weißen Sekrets, bald zur Auslieferung bereit, lief auf Hochtouren. Wenn er so weiter machen würde, ich … ich würde bald explodieren; meine Eier wollten sich endlich erleichtern.
Der Griff an meinen Schultern änderte sich plötzlich, auch entzog Lukas mir seinen pulsierenden Freudenspender. Ich war wie geschockt! Was war passiert? Noch während ich mich umdrehte, um nachzusehen, stemmte er mich hoch und warf mich rücklings auf die Liegefläche.

Lukas hatte Schwierigkeiten beim Sprechen. „Ich … Ich will dir in die Augen schauen, wenn … wenn ich dich ficke!“
Er umklammerte mein rechtes Fußgelenk, drückte es zur Seite, um sich selber Platz zu schaffen, und stieg auf die Couch. Er robbte sich auf Knien heran, legte meine Beine um seine Hüften. Seine linke Hand drückte meinen rechten Oberschenkel noch ein Stück höher, dann fühlte ich auf der Unterseite seine Haut, anscheinend hantierten seine Finger an seinem besten Stück, wollten es wohl wieder in die richtige Position rücken.
Es gelang ihm auch, er spießte mich erneut auf, und dann? Dann fickte er mich regelrecht in das Sofa! Seine göttlichen geilen Stöße wurden härter und fordernder, mein Kopf stieß an die Seitenlehne der Sitzfläche. Er bumste mich tatsächlich in den siebten Himmel der Geilheit; ich war sein!
Plötzlich, als ob jemand spontan einen Schalter umgelegt hätte, stoppte Lukas sein geiles Treiben. Ich war wie vor den Kopf gestoßen, wusste nicht, was das bedeuten sollte! Ich blickte ihn an, sah direkt in sein Gesicht. Irgendetwas hatte sich geändert! Seine Augen glänzten, funkelten mich regelrecht an. Lagen gerade noch seine Hände auf meinen Schultern, vergruben sie sich jetzt in meinen Armbeugen. Er leckte sich lasziv seine Lippen, sein Kopf senkte sich, seine Zungenspitze erreichte meine Zähne. Dann drückte jemand wohl eine andere Taste in seinem Gehirn und mit jedem Stoß seiner Männlichkeit in meine Eingeweide, stieß er auch mit seinem Leckorgan in meinen Mundraum vor; es war einfach nur atemberaubend!
Je intensiver seine Bemühungen in meinem pochenden Lustkanal wurden, desto stärker forderte er auch nach der Verschmelzung unserer Lippen. Wir küssten uns nicht nur, wir saugten uns regelrecht fest. Wir verschmolzen, oben und unten mit- und ineinander vereint, zu einer untrennbaren Einheit; wir waren eins!
Es wurde einfach zu viel für mich, denken konnte ich nicht mehr, in meinem Gehirn machte sich eine unendliche Leere breit, die ich, bis zu dem Zeitpunkt jedenfalls, noch nicht kannte. Beim besten Willen, ich konnte und wollte die Explosion nicht länger verhindern. Als seine Finger dann meine Ohrläppchen berührten, sie sanft drückten, war es für mich so, als ob jemand den Abschussknopf gedrückt hätte. Meine verhinderte Nachkommenschaft pumpte sich, Schub um Schub, in milchiger Flüssigkeit eingebettet, aus der Öffnung meines dritten Beines zwischen unsere erhitzen Körper.
Just in diesem Moment bäumte er sich auch auf, die mündliche Verbindung wurde unsanft gelöst. In meinem Innern spürte ich einen enormen Druckanstieg, anscheinend hatte er auch seiner Sahne das Startsignal gegeben. Seine Expeditionen wurden kürzer, sein Stöhnen aber lauter. Ebenso erging es mir, auch mir hatte es den Atem verschlagen. Wir beide konnten nur noch keuchen, lagen aufeinander, mein eigener Klebstoff verband uns.
Ich lag, fix und fertig, auf dem Sofa. Auch wenn es vielleicht nur zwei Minuten waren, in der ich mich nicht bewegte, es kam mir wie eine ganze Stunde vor. Sein Teil hatte mich verlassen, war erschlafft aus der Grotte geglitten. Unsicherheit machte sich in mir breit. Schließlich fasste ich allen Mut zusammen, blickte ihn an. „Lukas? Alles in Ordnung?“
Schweigend musterte er mich, ziemlich intensiv, wusste anscheinend nicht so recht, was er gemacht hatte, was er jetzt sagen sollte; mein Herz rutschte mir in die Hose, die ich nicht anhatte. Dann plötzlich, als ob wieder jemand den Schalter in seinem Kopf umgelegt hatte, schüttelte er langsam seinen Kopf, lächelte mich engelshaft an. „Ich dachte gerade, das nächste Mal …“ Er atmete tief durch. „… das nächste Mal machen wir es lieber in deinem Zimmer, denn im Bett?“ Mir fiel die Kinnlade herunter, als seine Hand meinen wundgefickten Hintern tätschelte. „Im Bett bin ich noch viel besser!“
Tja, diese Episode ist letzte Nacht passiert; ich hoffe, ich habe alles richtig wiedergegeben. Nach diesem äußerst heftigen Intermezzo verließ Lukas mich, drückte mir zum Abschied einen Kuss auf die Lippen und meinte, er würde sich wieder melden. War ich enttäuscht? Eindeutiges Nein, ich war mehr als befriedigt, aber, und das gebe ich unumwunden zu, ich wäre liebend gerne neben ihm eingeschlafen.
Vor knapp einer Stunde, ich saß gerade beim sonntäglichen Spätfrühstück, erreichte mich tatsächlich eine SMS von ihm. Er fragte, ob ich Zeit und Lust hätte und die Luft rein sei. Mein Herz machte einen Luftsprung und, da Marion mal wieder durch Abwesenheit glänzte – sie arbeitete, wie jeden Sonntag, mal wieder an der Steuer vorbei, antwortete ich nur mit einem Wort ‚JA!’ Es dauerte nur eine Minute, dann fiepte mein Mobilknochen erneut. ‚Bin in einer Stunde bei Dir.‘ Freudig legte ich mein Smartphone beiseite, machte mich auf in die Dusche, denn gewisse Vorbereitungen müssen einfach sein.
Und jetzt? Jetzt warte ich, dass es schellt, denn die Stunde ist fast um. Mein Smartphone meldet sich erneut; eine neue Nachricht von Lukas. Sagt er etwa ab? Hat er plötzlich Angst bekommen? War das Ganze zu viel für ihn? War ich nur ein Notnagel, ein Ausgleichsventil für seinen aufgestauten Frust? Ich werde nervös, ziemlich nervös sogar. Auf dem Sofa, der Lustwiese der vergangenen Nacht, öffne ich die Mitteilung: ‚ Ludek, ich will nicht nur die letzte Nacht wiederholen … ich will mehr. Bitte nicht falsch verstehen, aber es ist alles neu und ungewohnt für mich. Hab bitte Geduld mit mir und bis gleich.

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Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 12:20 PM - No Replies

Das war er nun, der Tag. Endlich achtzehn. Der elfte November 2003, diesmal ein grauer Dienstag.
Auf diesen Tag hatte ich mich gefreut, aber auch davor gefürchtet. Heute hatte sich mein ganzes Leben geändert.
Ich war gerade auf dem Rückweg von meinem Anwalt. Endlich Schluss mit Vormundschaft, mit treuhändischer Vermögensverwaltung. Ich war mein eigener Herr.
Wer ich bin? Mein Name ist John Herckenrath. Mein Vater war ein erfolgreicher Geschäftsmann, Unternehmer würde man heute sagen. Meine Mutter war eine begnadete Tänzerin. Sie hatten sich nach einer Ballett-Aufführung in New York kennen gelernt, während einer Dienstreise meines Vaters. Sie reisten viel, flogen durch die Weltgeschichte.
Bis vor drei Jahren… An meinem 15 Geburtstag. Meine Eltern besuchten eine Großtante von Mam in Sydney. „Auntie Martha“ hatte vor kurzem ihren Mann verloren. Sie riefen mich kurz vor ihrem Rückflug vom Flughafen aus an. Der Flieger sollte pünktlich starten. Um 12 Uhr MEZ würde er in Frankfurt landen, um 14 Uhr würden wir in einem Restaurant sitzen und meinen Geburtstag feiern.
Doch der Flieger kam nie an. Ein technischer Fehler, hieß es, nachlässige Wartung. Die Maschine stürzte ins Meer. Ein Bergungsschiff konnte nur noch die toten Körper meiner Eltern, und die von gut 70 anderen Passagieren, aus dem Flugzeug ziehen.
Dann ging alles ganz schnell. Das Vormundschaftsgericht bestellte einen Betreuer und ich „durfte“ ein Apartment in der Frankfurter City beziehen. Privater Unterricht. Dabei wäre ich eigentlich lieber in einem Heim, oder in mein altes Internat zurückgegangen. Einfach unter Menschen. Dann wäre ich in meinem Schmerz nicht so allein gewesen. Aber mir fehlte die Kraft zum Widerspruch. Ich akzeptierte diese Lösung, notgedrungen. Man sah es als Risiko, wenn ich als reicher Erbe in die Öffentlichkeit ging. Es gibt böse Menschen, Neider und Verbrecher.
Ich schluckte meine Trauer herunter, lernte, lernte und tobte mich im Fitnesskeller der Apartmentanlage aus. Immer alles allein, ohne Freunde. Mit 17 wurde ich per Sondergenehmigung zum Abitur zugelassen und bestand es als Jahrgangsbester. Als Sonderling. Immer schwarz gekleidet, immer eine ausdruckslose Mine, niemals ein Lächeln. Lachen kann man verlernen. Niemand schien mich zu mögen. Gut, das lag an mir, ich hätte es anders haben können. Auf Mädels wirkte ich wie ein Magnet. Sie fanden mich anfangs immer „supersüß“. Aber die wollte ich nicht und das ließ ich sie auch deutlich spüren.
Es dauerte nicht lange und man zeigte mit dem Finger auf mich und flüsterte über „diesen arroganten Schönling“.

Es war wieder soweit, der elfte November im folgenden Jahr, erneut ein grauer Tag. Ich schlenderte durch die City. Müde und lustlos. Niemand feierte mit mir, Freunde hatte ich keine und auch meine Verwandten in Australien hatten es irgendwann aufgegeben, mit mir reden zu wollen. Und abgesehen davon, ich wollte auch nicht feiern. Es war immerhin der Todestag meiner Eltern. Es war alles meine Schuld, ohne mich wären sie an dem Tag nie geflogen.
Ich lief einfach drauf los, entfernte mich immer weiter von meiner Wohnung und grübelte über mein weiteres Leben nach. Was sollte ich tun, so allein.
Ich bemerkte nicht, dass die Häuser um mich herum immer dunkler, älter und schmutziger wurden.
Irgendwann stand ich mitten auf einem riesigen Industriegelände, seit Jahren verlassen und umgeben von verfallenden Lagerhäusern. Und hinter den schmutzigen Fenstern sah ich Gesichter. Gesichter von Obdachlosen, Heimatlosen, alt und jung.
Ich erschrak über meine Zerstreutheit und drehte mich langsam um, wollte gehen und erstarrte. Mein Herz klopfte heftig, mir wurde schwindelig und ich sank auf die Knie. Wieder eine dieser kurzen Panikattacken. Ich wollte nicht mehr leben, aber ein Selbstmord kam für mich nicht in Frage, weil ich dann meinen Eltern im Jenseits Rede und Antwort stehen müsste. Ich wollte zurück in ihre Arme, nicht in verständnislose Vorwürfe. Ich träumte oft von ihnen. Meine Mutter nahm mich immer in den Arm und sagte ‚Du musst leben, John. Lebe für uns.’
Diese trostlose Umgebung erschien mir beinahe richtig zum Sterben. Plötzlich befand sich eine schlanke Hand vor meinen Augen. Eine schmutzige, schlanke Hand. Ich sah auf und blickte in die graublauen Augen eines jungen Obdachlosen. Das Gesicht war mit Staub verschmiert, aber er wirkte trotzdem so edel und aufrecht. Ich griff nach der Hand und ließ mir aufhelfen.
„Alles okay bei dir? Du siehst schlecht aus.“ Seine Stimme war klar, rein und sehr melodisch, angenehm zu belauschen.
Ich überwand den kurzen Moment der Überraschung und giftete zurück „Das musst du gerade sagen. Man, geh dich mal waschen!“ Ich riss meine Hand los und bemerkte kurz den verletzten Ausdruck in den Augen meines Gegenübers.
„Ich krieche wenigstens nicht am Boden rum“, flüsterte er leise.
Aus einem Impuls heraus stieß ich ihn einfach zu Boden, teils aus Wut über meine Panikattacke und weil er meine Schwäche sehen konnte. Doch ich war nicht schwach, redete ich mir ein.
„So schnell kann sich das ändern.“ Ich rannte weg und sah aus dem Augenwinkel, wie der Unbekannte langsam aufstand und sich notdürftig den Dreck aus den Klamotten klopfte. ich schickte gedanklich ein ‚es tut mir leid’ zu ihm. Er konnte ja nichts dafür.
Es dauerte eine Weile, bis ich wieder in meinem Loft war. Ich legte meine Klamotten zusammen und setzte mich unter das kalte Wasser in meiner Dusche. Nahezu manisch schruppte ich meine Hand sauber, als ob ich dadurch meine Schwäche abwaschen könnte. Sein Gesicht hatte sich unauslöschbar in mein Gedächtnis gebrannt, der traurige Ausdruck in den Augen und die kleine Träne im Winkel.
Das kalte Wasser brannte am wundgescherten Handgelenk und ich überwand meinen Anfall. Mit warmem Wasser brachte ich mich wieder auf Temperatur. Danach trocknete ich mich notdürftig ab, strich meine dunklen halblangen Haare nach hinten und verließ das Bad. Nasse Fußspuren folgten mir auf dem Parkett durch das Wohnzimmer, bis zum Anrufbeantworter. Zwei Nachrichten warteten.
„Nachricht eins: elfter November 2004, 14:55 Uhr: John? Bist Du da? Hier ist Erwin, Erwin Zinner. Melde dich bitte, es geht um eine weitere testamentarische Verfügung.“
„Nachricht zwei: elfter November 2004, 16:31 Uhr: John? Noch mal Erwin hier. Es ist wichtig, bitte ruf mich im Büro an. 998855663, falls du die Nummer nicht mehr hast.“
Ich nahm mein Handtuch von den Schultern und wickelte es um die Hüfte, bevor ich mich mit dem Telefon auf die schwarze Ledercouch legte.
„Büro Dr. Zinner, mein Name ist Wendiger.“
„Hallo Rita, John Herckenrath. Erwin wollte mich sprechen.“ Er war schon lange ein Freund und Geschäftspartner meines Vaters und wir duzten uns schon lange.
„Schön dass du anrufst, der Chef ist schon ganz aus dem Häuschen. Ich stell dich durch. Ach John: herzlichen Glückwunsch.“ Ihre Stimme klang betroffen.
„Dann stell mich bitte durch“, antwortete ich kühl.
„Hallo John, was war los?“ Erwin fragte gleich in so einem furchtbaren besorgten Tonfall.
„Was soll denn sein? Ich war spazieren. Um was geht es?“
„Ein Nachtrag zum Testament hat uns erreicht. Deine Eltern … konnten nicht wissen, dass du deinen Abschluss früher machst. Deswegen hatten sie verfügt, dass du nach deinem neunzehnten Geburtstag als Assistent in der Geschäftsleitung beginnst, wenn du die Schule beendet hast. Jedenfalls wollten sie dich in den nächsten zwei Jahren einarbeiten lassen und dann, je nach dem, in einen höheren Posten wechseln lassen.“
„Ich habe keine Lust, Erwin. Machs gut.“
„Verdammt John, jetzt hör mir mal zu! Seit vier Jahren ziehst du dich zurück, kaum einer hört was von dir. Nach der Schule wurde es immer schlimmer. Teilweise weiß niemand ob du überhaupt noch am leben bist. Die Arbeit wird dir gut tun, dich ablenken und festigen. Es war der Wunsch deiner Eltern. Bitte.“
„Sie sind TOT! Es gibt keinen Weg sie noch mehr zu enttäuschen. Meinetwegen sind sie tot.“ Ich schrie ihn durchs Telefon an. „Lasst mich doch alle einfach in Ruhe.“, schob ich flüsternd hinterher.
„Das ist doch Blödsinn! Dich trifft keine Schuld. John, schließ dich doch nicht vom Leben aus, sonst bist du innerlich bald so tot wie sie.“
Ich warf den Hörer wütend gegen die Wand und Plastiksplitter stoben in alle Richtungen davon, dann überkam mich ein regelrechter Weinkrampf und ich schlief irgendwann ein.
Ein wahrer Tumult weckte mich auf. Ich hatte keine Ahnung wie spät es war. In meinem Wohnzimmer standen zwei Polizisten, ein Arzt und Erwin. Der Arzt fühlte meinen Puls und nickte Erwin zu. Mir wurde bewusst, dass ich hier noch immer nur mit dem Handtuch lag und es war mir unangenehm.
„Was ist hier los, Erwin? Was machen die Leute in meiner Wohnung?“ Ich versuchte so unterkühlt wie möglich zu klingen.
„Das fragst du noch? Das Gespräch“, er zeigte Stirn runzelnd auf die verstreuten Reste, „wurde etwas plötzlich unterbrochen und ich bekam Angst um dich. Du warst in keiner guten Verfassung.“
„Mir geht es blendend. Danke. Würden die Herren jetzt bitte meine Wohnung verlassen? Wie sie sehen ist alles in Ordnung.“
Erwin nickte den Beamten zu und sie verschwanden nach einer knappen Verabschiedung. Der Arzt blieb allerdings noch.
„Herr Herckenrath, was ist mit Ihrem Handgelenk passiert? Es ist stark gerötet.“
„Aufgescheuert. Es heilt wieder.“ Ich schuldete ihm keine Erklärung.
Er ließ eine Tube mit Salbe auf dem Tisch und verabschiedete sich. „So, die Herren, meine Hilfe wird ja dann nicht mehr benötigt. Ihnen und Ihrer Frau noch einen schönen Abend, Doktor Zinner.“ Die beiden schüttelten sich noch die Hand und der Arzt verschwand.
Erwin griff neben sich zum Sessel und warf mir einen Pulli und eine Freizeithose zu. „Komm, zieh dir das über, es ist schweinekalt hier drin.“
Ich zuckte mit den Schultern und streifte beiläufig das Handtuch ab. Erwins Blick streifte mich und die Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich zog mich vor seinen Augen an, während er mit mir sprach.
„Du bist gut in Form. Wo kommt der blaue Fleck auf deiner Brust her? Der sieht schmerzhaft aus.“
„Boxen“, antwortete ich knapp.
„Du hast extreme Hobbies.“
„Es ist nur Sport.“
„Wie auch immer, es ist dein Leben, John. Und was hast du vor? Dich die nächsten Jahre hier verkriechen, ist das dein Ziel? Klar, dein Erbe reicht sicher für ein vernünftiges Leben. Du hast ausgesorgt. Aber jeder Mensch braucht eine Aufgabe, um sich der Zukunft stellen zu können. Sonst überrennt dich deine Einsamkeit eines Tages. John, ich mochte deinen Vater sehr. Auch deine Mutter war eine fantastische Frau. Und ich mag dich. Du bist beinahe ein Sohn für mich … gewesen. Aber ich kenne dich nicht mehr. Und eins möchte ich ganz bestimmt nicht.“
„Und was möchtest du nicht?“
„Jemals wieder an einem frischen Grab eines Herckenrath stehen.“ Einige Tränen stahlen sich auf sein Gesicht.
„Ich … ach verdammt, ich weiß nicht wie es weitergehen soll. Ich habe keine Kraft mehr. Ich hab manchmal … Panikattacken. Alles um mich wird schwarz und ich denke immer dass sich so der Tod anfühlen muss. Heute hab ich jemanden gestoßen, nachdem er mir nach einer Attacke auf die Beine half. Ich hab ihn beschimpft und bin gerannt. Er sah traurig aus. Ich mache immer alle anderen traurig. Vielleicht wäre mein Tod nicht das Schlechteste.“
„Gott Junge, sag so was nicht! Das Leben ist unser höchstes Gut. Deine Eltern leben in dir und durch dich. Das hier, was du mit dir machst… sie hätten es nicht gewollt.“
„Du hast doch keine Ahnung. Sie sind tot, keinen da draußen kümmert es was sie wollen, oder wollten. Raffst du es nicht? Sie sind TOT verdammt!“ Ich brüllte ihn aus vollem Hals an und plötzlich brannte meine Wange. Er hatte mich geohrfeigt.
„Zieh das Andenken deiner Eltern nicht in den Schmutz, John.“
Ich konnte ihm nicht einmal böse sein und sank auf dem Sofa zusammen.
„Es tut mir sehr leid, Erwin. Ich hab schon wieder alles falsch gemacht.“
Er kam einen Schritt in meine Richtung, kniete auf dem Boden nieder und griff meine Hand.
„Nein, ich hätte das eben nicht tun dürfen. Es tut so weh wie du dich selber zerstörst. Du nimmst keine Rücksicht auf dich. Der Arzt meinte, dass der blaue Fleck vermutlich von einer Rippenprellung begleitet wurde. Stimmt das?“
„Kann sein. Ich konnte mich ein paar Tage nicht richtig bewegen. Aber der Schmerz ist nebensächlich. Er hilft mir. Ich kann mich auf ihn konzentrieren und es heilt mich von meinen Gedanken. Der Schmerz ist bei mir.“
„Hast du schon über professionelle Hilfe nachgedacht?“ Seine Augen glänzten besorgt.
„Bist du eigentlich bescheuert? Ich bin doch nicht irre!“ Meine Stimme hob wieder an.
„John, beruhige dich bitte. Es war nur eine Frage.“ Er schielte, wie er wohl glaubte unauffällig, auf seine Uhr. „Ich habe gleich noch einen wichtigen Termin. Kann ich dich allein lassen? Oder soll ich ihn absagen?“
„Ich bin okay. Geh ruhig. Ich will mich noch hinlegen.“
Erwin wirkte alles andere als beruhigt. Aber er wusste auch, dass ich für heute meine Ruhe wollte. Bevor er aufstand, griff er noch nach der Salbe auf dem Tisch und rieb mein Handgelenk damit ein. Es brannte wohltuend.
„Ich erwarte dich morgen um 10 Uhr in meinem Büro. Auch wenn es dir egal ist, mir ist der Wunsch deiner Eltern wichtig.“
Ich seufzte resignierend auf. „12 Uhr. Ich werde mich nachher betrinken, 10 Uhr schaffe ich nicht.“
„Wie du willst, John, du bist ja schließlich erwachsen, nicht wahr? Dann komm um 14 Uhr, ich habe um eins einen Termin.“ Erwin drehte sich ohne weiteren Gruß um und verließ mein Reich.
Sein letzter Kommentar hatte mir einen Stich verpasst. Aber das hielt mich natürlich nicht von meinem Vorhaben ab. Zwei Stunden und drei Flaschen Champus später schlief ich auf der Couch ein.
Die Novembersonne stand tief und leuchtete grell ins Wohnzimmer. Ich hatte mich während der Sauferei ausgezogen und war irgendwann von der Couch gekullert. Scheinbar ging wohl auch mein Glas dabei zu Bruch und ich lag nackt in den Scherben. Außer ein paar, leicht blutigen, Kratzern war aber nicht viel passiert. Mein Kopf dröhnte allerdings höllisch.
Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir die Zeit, es war kurz nach Mittag. Noch zwei Stunden bis zu dem Termin. Es mag merkwürdig klingen, aber Kopfschmerzen konnte ich nicht leiden, sie trübten den eigentlichen Schmerzgenuss. Also warf ich ein paar Aspirin ein und stellte mich unter die Dusche. Das warme Wasser löste das eingetrocknete Blut und ein rötliches Rinnsal verschwand im Ausguss. Mehr als ein paar feine Narben, kaum sichtbar, blieben nicht zurück. Das Wasser brannte auf der Haut. Das alles verursachte bei mir eine Erektion. Ich unternahm das Nötigste, bis ein Strom weißlicher Flüssigkeit ebenfalls im Abfluss verschwand.
Dabei musste ich an das Boxtraining denken. Der Arzt und Erwin lagen falsch, die Prellung war noch recht akut und spürbar, und sie entstand gerade einmal anderthalb Wochen zuvor.

Mein Boxpartner Frank hatte einen glücklichen Treffer gelandet. Ich sank erstmal auf dem Boden zusammen und er schleppte mich in die Umkleide.
„John, ist alles okay? Brauchst du einen Arzt?“ Seine besorgte Stimme brachte mich zum Lachen, oder eher zu einem gekeuchten Lachen.
„Der Treffer war gut, fick mich, jetzt“, befahl ich und er tat es. Ich stand mit der Brust zur Wand und er presste mich heftig dagegen. Ich wurde fast besinnungslos vor Schmerz und genoss jede Sekunde.

Ich lehnte mich noch einige Minuten erschöpft gegen die Wand, bis mich das Telefon aus meinen Gedanken riss.
Ich verzichtete gänzlich auf ein Handtuch und tapste mit nassen Schritten zum Apparat. Doch da war nur die Basisstation. Natürlich, das Telefon existierte nicht mehr. Aber der Anrufbeantworter sprang an.
„John, hier ist Erwin. Vermutlich wirst du nicht ans Telefon können, aber ich möchte dich nochmals an den Termin erinnern. Bis später.“
Die Kopfschmerzen ließen dank der ‚entspannenden’ Dusche langsam nach und ich war bereit für das Treffen. Ich gönnte mir ein kleines Frühstück und durchsuchte meinen Kleiderschrank. Am Ende fiel meine Entscheidung auf eine schwarze Tuchhose, ein tailliertes graues Hemd und ein schwarzes, gehrockartiges Jackett.
Ich entschied mich für ein Taxi, selber fahren kam für mich nicht in Frage, wegen dem Restalkohol. Wirklich fit fühlte ich mich noch nicht.
Erwin traf zeitgleich mit mir ein und wir stiegen schweigend in den Fahrstuhl.
„Rita, machen sie uns bitte zwei Kaffee, John könnte einen vertragen. Wir sind im Büro, keine Anrufe in der Zwischenzeit. Ich bin nicht da.“
„Wie Sie wünschen, Herr Doktor.“
Wir gingen in sein Reich und er deutete auf den freien Stuhl ihm gegenüber.
„John, ich weiß nicht wie ich anfangen soll.“
„Schon klar, du willst, dass ich hier anfange. Aber wozu? Ich hab keinen Plan von dem Kram. Ich bin nicht geeignet für den Job.“
Er schüttelte den Kopf. „Immer ist alles negativ. Du bist für alles Schlechte verantwortlich, kannst dies nicht, kannst jenes nicht. Und wie erklärst du deine Noten? Du warst immer ein erstklassiger Schüler.“
„Und was sagt das aus? Ich lerne gut auswendig. Toll.“ Ich schnaubte verächtlich.
„Ja, das tust du. Aber ohne das Wissen über die Zusammenhänge wird man nicht Jahrgangsbester.“ Er nahm seine Brille ab und massierte seine Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger. „Dein Vater war immer wahnsinnig stolz auf dich und …“
„Mein Vater ist…“, wollte ich ihn unterbrechen.
„Ja John, dein Vater ist tot, ich habe verstanden. Zufälligerweise trug ich seinen Sarg mit.“ Er sprach mit leiser Verzweifelung.
„Ich frage dich noch einmal, glaubst du sie hätten das hier alles gewollt? Glaubst du sie wollten dich einfach zurücklassen? Glaubst du allen Ernstes, sie wollten dass du dich so aufgibst?“
Ich spürte einen dicken Kloß im Hals und schüttelte mit dem Kopf. „Aber sie wären noch…“
„… am Leben wenn sie nicht in das Flugzeug gestiegen wären? Natürlich wären sie noch am Leben. Aber das war doch nicht deine Schuld. Du hattest Geburtstag, wie jedes Jahr. Und wie immer wollten sie an dem Tag bei dir sein. Es hat immer funktioniert. Sie waren traurig, weil du so oft ohne sie auskommen musstest und freuten sich immer auf ihre Heimkehr. Sie waren stolz auf ihren starken Sohn, der sich trotzdem so gut entwickelt hatte.“
„Sie würden mich hassen. Ich bin nicht so wie sie immer dachten. Ich bin anders. Ich habe sie enttäuscht, Erwin.“
„Warum glaubst du das? Warum denkst du so von dir? Vielleicht weil … du schwul bist?“
„Woher…“
„… ich das weiß? Nun, zum einen haben deine Eltern Vermutungen gehabt. Sie bemerkten gewisse Anzeichen. Unter anderem ein Video unter der Matratze. Und sie hielten es nicht für eine Phase. Doch sie kümmerte das nicht, du warst ihr Sohn. Ja, sie haben mit mir darüber gesprochen, schon vor über vier Jahren.“ Ich sank blass in den Stuhl, das Gespräch war mir peinlich.
„Und ich habe dich auch vor einiger Zeit aus einem eindeutigen Club kommen sehen, in Begleitung. Ihr habt natürlich nichts bemerkt… ihr wart beschäftigt.“
Ich rutschte weiter in den Stuhl zurück und meine Rippen wurden ungünstig belastet. Ein scharfer Schmerz durchzog meinen Oberkörper und ich stöhnte unwillkürlich auf. Das Gefühl machte mich an. Erwin deutete das Stöhnen glücklicherweise falsch.
„Das sollte sich ein Arzt ansehen.“
„Nein, alles okay.“ Ich richtete mich wieder auf und Rita klopfte an. In ihrer Hand befand sich ein Tablett mit den zwei Tassen, Milch und Zucker.
„Professor Heimlich, von der Holding, wünscht einen Rückruf, wenn Sie wieder im Haus sind.“
„Danke Rita.“ Er reichte mir den Kaffee und wartete, bis seine Sekretärin die Tür von außen geschlossen hatte.
„Ihr habt es gewusst?“
„Ja, haben wir. Mit großer Sicherheit zumindest.“ Er trank einen Schluck. „Ich sehe es an deinem Blick… ‚warum habt ihr nichts gesagt?’ Weil es deine Sache ist. Und es ist in Ordnung.“
Ich war tatsächlich sprachlos.
„Also, niemand hasst dich deswegen. John, wir möchten dir eine Zukunft bieten. Verantwortung. Eine Aufgabe. Du kannst es, davon waren wir immer überzeugt. Du brauchst kein Studium, um dich zu beweisen. Du kannst das alles lernen. Und wir werden dich fordern. Du wirst Stress haben. Viele Abende hier verbringen. Ich mache dir nichts vor, dein Posten wird dir am Anfang einiges abverlangen. Aber du wirst es schaffen.“
Und ich schaffte es. Beinahe zwei Jahre vergingen, Jahre voll Arbeit und Verdrängung. Mir fehlte die Zeit für mein ausuferndes Leben, weniger Männer, weniger Sex und weniger süße Qual. Die Arbeit machte sogar Spaß. Bis zum nächsten Schock. Erwins Wunsch erfüllte sich. Ein Hirnschlag verhinderte, dass er je wieder an einem frischen Grab der Herckenraths stand.
An einem warmen Augusttag 2006 verabschiedeten wir uns an seiner letzten Ruhestätte.
Mein väterlicher Freund fehlte mir und ich kapselte mich wieder ab. Kein privater Kontakt zu den Kollegen und ich distanzierte mich auch wieder von seiner Familie, wo ich herzlich aufgenommen worden war. Mein einundzwanzigster Geburtstag war einsam wie eh und je. Ich feierte ihn nackt auf meiner Couch und mit drei Flaschen Champagner.
Am nächsten Tag klingelte es gegen Mittag an der Tür, viel zu früh für einen Sonntag. Ich raffte mich von der Couch und trottete zur Videosprechanlage. Es war mein Boxpartner Frank. Ich hatte mich schon einige Wochen nicht mehr beim Training blicken lassen. Also betätigte ich den Summer und setzte mich aufs Sofa. Die Mühe, mich anzuziehen machte ich mir nicht.
Die Tür öffnete sich. „Hi John, wie geht…“ Er sah mich an und stockte. „Du siehst aus wie ausgekotzt.“
„Danke, du siehst auch toll aus“, säuselte ich.
Ich lief langsam auf ihn zu und begrüßte ihn mit einem leidenschaftlichen Zungenkuss. Er war total überrumpelt.
„John, ich … lass das bitte. Ich wollte sehen wie es dir geht. Aber irgendwie… das.“
„Nicht reden.“ Ich zeigte auf meinen Bauch. „Los, schlag zu und schlaf mit mir.“
„Du bist echt irre. Ich kann das nicht.“ Er wurde immer verstörter und mir platzte der Kragen.
„Dann mach, dass du fort kommst, du Schlappschwanz. Ich kann so ein Weichei jetzt echt nicht gebrauchen.“
„Okay, wie du willst. Ein schönes Leben noch.“ Er wandte sich zur Tür, drehte sich aber nochmals um. „John, ich meine es echt gut mit dir, geh mal zu einem Fachmann, du bist nicht normal.“
„Ich bin völlig okay und es geht dich nen Scheißdreck an!“ Ich griff eine der leeren Flaschen und feuerte sie in seine Richtung, aber er hatte die Tür schon längst hinter sich geschlossen. Wie in Trance lief ich zur Tür, stand inmitten der Scherben und gab mich meiner Lust hin.
Zurück an der Couch legte ich ein Handtuch unter meine Füße und schlief kurz darauf ein. Erst am späten Abend wurde ich wieder wach, kehrte die Scherben auf und wischte etwas Blut weg. Es waren nur kleine Schnitte an der Fußsohle, aber jeder Schritt schmerzte ein wenig. Ich schmierte etwas Jod auf die Wunden und wickelte die Füße in Mull. Splitter fand ich keine mehr. Ich zog mir meine Trainingssachen an und schleppte mich zum Aufzug Richtung Fitnesskeller. Ein wenig Muskeltraining schien mir ein gutes Ventil für meinen Frust. Zum Fachmann gehen. Als ob so einer etwas hätte ausrichten können. Ich nahm keine Drogen, trank auch nicht übermäßig, von speziellen Tagen mal abgesehen und tat auch niemandem weh. ‚Von dir mal abgesehen’, höhnte die böse Stimme in meinem Kopf. Gut, das mit Frank hätte böse ausgehen können, ich hatte die Kontrolle verloren.
Ich legte die Langhantel in die Halterung zurück. Die Kontrolle verloren? War ich am Ende zu einer tickenden Zeitbombe geworden? Ich powerte mich an der Hantel richtig aus, bis die Muskeln schmerzten. Zum einen nahm es mir die aggressiven Gefühle und zum anderen machte mich das wieder an. Ich sah mich um, wie so oft war niemand hier unten. Also beugte ich mich dem Schmerz und streichelte mich erneut zum Höhepunkt.
Wie lange würde das wohl noch gut gehen? Erste Zweifel an meinem Handeln kamen auf.
Meine Lust nach Schmerz nahm immer extremere Formen an und mein Verhalten Frank gegenüber war alles andere als fair. Ich beendete mein Training und fuhr wieder ins Loft rauf, zum Duschen. Das Wasser entspannte die überbeanspruchten Muskeln und brannte höllisch in den Fußwunden. Und ich ekelte mich vor mir selbst. Es machte mich diesmal auch nicht an, was vermutlich an den zwei ‚Übungen’ des Tages lag.
Erwin fehlte mir, ich hatte zum zweiten Mal meine Familie verloren. Wirkliche Freunde hatte ich auch nie, was mich nicht wunderte, bei meinem Verhalten.
Nach der Dusche untersuchte ich erneut meine Füße, sie waren soweit in Ordnung. Eine Heilsalbe und ein neuer Verband halfen. Ich entschied mich für einen Spaziergang am Main. Doch der Weg war mir zu weit, also holte ich mein Auto aus der Garage. Natürlich war der Tank fast leer, was aber nicht weiter schlimm war, die nächste Tankstelle war nicht weit entfernt.
„Säule fünf und den Schokoriegel bitte“, sagte ich zum dem jungen Kassierer.
„48,60 Euro bitte.“
Ich gab ihm 50 Euro und stutzte. Er kam mir irgendwie bekannt vor. „Stimmt so.“
Wortlos gab er mir das Wechselgeld.
„Der Rest ist für dich.“ Ich schob das Geld wieder rüber, aber stoppte meine Hand.
„Von dir nehme ich kein Trinkgeld.“ Seine graublauen Augen funkelten mich wütend an. „Du siehst besser aus als damals.“
Es war… er? Aber das konnte nicht sein, er war doch ein Straßenkind, obdachlos. Ich drehte mich um und floh erneut vor diesem Menschen. ‚Ihm hast du auch wehgetan’, höhnte die böse Stimme erneut. ‚Du verletzt Menschen, machst sie unglücklich!’
In Gedanken antwortete ich ‚Ihm geht es doch besser, es hat ihm nicht geschadet.’
‚Das ist nicht dein Verdienst, John. Du bringst Unglück über alle, denen du etwas bedeutest.’
‚Ich bedeute ihm nichts! Lass mich in Ruhe!’
‚Das kann ich nicht, John. Ich bin du. Ertrage mich. Du hast keine Wahl. Erinnere dich an sein Gesicht, damals. Er half dir auf, hatte Angst um dich. Du hast ihn verletzt!’
Ich stürmte zum Wagen, riss die Tür auf. „Halt deine verdammte Fresse!“ Ich brüllte es heraus und die Leute starrten mich an. Er starrte mich an, aus dem Kassenhaus heraus. Die Stimme in meinem Kopf lachte mich aus. ‚Los, tu dir doch weh, verdränge mich durch den Schmerz. Ich komme immer wieder, immer stärker.’
Ich startete den Motor und trat aufs Gas. Der Wagen schlingerte mit durchdrehenden Reifen von der Tankstelle los und ich schoss auf die Straße. Hinter mir quietschten die Bremsen eines anderen Autos und ich hörte den Fahrer hupen. Das Adrenalin pumpte durch meinen Körper und brachte die Stimme zum Schweigen. Erst an meinem Parkplatz am Fluss stoppte ich die Fahrt und sammelte mich einige Minuten. Dann umwehte mich die kalte Novemberluft.
Pierre, ein neuer Weg
Ich konnte es kaum glauben. Nach zwei Jahren traf ich ihn wieder. Ich konnte ihn nie vergessen, obwohl ich es immer versucht hatte. Der traurige Ausdruck in den Augen, der plötzliche Hass gegen mich und der Aufprall am Boden. Ich fühlte mich gedemütigt. Aber es war ein Ausweg in mein jetziges Leben. Mit ihm fing alles an.
Meine Eltern trennten sich als ich sechzehn wurde. Mein Vater, gebürtig aus Toulouse, wollte das alleinige Sorgerecht und mich nach Frankreich mitnehmen. Doch ich wollte in Deutschland bleiben, bei meiner Mutter. Ein erbitterter Kampf vor Gericht entbrannte. Mein Vater stritt um mich wie um eine Sache. Meine Mutter hatte kaum eine Chance gegen ihn. Ich sagte den Richtern, dass ich hier bleiben wollte, aber das Gericht fand, es würde mir in Frankreich besser gehen. Noch bevor ein Urteil gefällt werden konnte, riss ich von zuhause aus und lebte über ein Jahr auf der Straße, mehr schlecht als recht. Dann kam er und änderte alles.
Ich ging wieder heim, wollte mich ändern, nicht mehr ein Fußabtreter sein. Mein Vater hatte den Kampf um mich aufgegeben und war bereits in Frankreich. Meine Mutter heulte nach meiner Rückkehr, tagelang. Aber sie nahm mich wieder auf. In der nächsten Zeit holte ich meinen Realschulabschluss nach und fing danach mit der Suche nach einer Ausbildung an, hatte aber wenig Glück. Ich unterstützte meine Mutter mit kleinen Aushilfsjobs. Und dieses Jahr fällte ich eine weitere Entscheidung und machte mich an mein Abitur. Die Abendschule war nicht kostenlos, also suchte ich einen festen Job und fand ihn, hier an dieser Tankstelle.
Es war nicht viel Geld, aber es reichte für ein normales Leben.
„Spinner gibt es… den sollte man von der Straße holen.“ Eine fremde Stimme unterbrach meine Gedanken.
„Was meinen Sie?“ Ich sah den Kunden fragend an.
„Der Typ, der hier gerade raus ist. Der war doch nicht zu überhören!“
„Ach der … ja, mag sein. Haben Sie getankt?“
„Die vier bitte. Und eine Schachtel Marlboro.“
„Gerne. Macht 81,63 Euro.“ antwortete ich freundlich.
Er gab mir hundert. „82 Euro, das passt.“
Ich bedankte mich und verabschiedete ihn. Dann kam auch schon Martina herein, meine Schichtablösung.
„Hi Pierre, sorry, ich bin etwas zu spät dran. Naja, mein Freund fährt doch morgen wieder nach Münster.“
„Kein Thema, es war recht ruhig. Ich hab schon alles aufgefüllt. Ich mach nur eben noch die Zwischenabrechnung. Und wie war es mit ihm?“
„Wir waren heute ganz romantisch essen. Es war toll. Und wie sieht es bei dir aus an der Liebesfront? Mr. Right schon in Sicht?“
„Nein“, seufzte ich. „Eher Mr. Wrong. Kennst du das, du siehst jemanden, absolut geiler Typ, aber irgendwie hat der nen kompletten Schaden. So ein Psychoarschloch? Dabei sprechen seine Augen eine andere Sprache?“
„Ne du, sowas kenne ich nicht, zum Glück.“
„Ich hab dir doch von damals erzählt.“ Ja, wir waren eng befreundet, Martina wusste alles.
„Du hast viel von dir erzählt. Welches damals meinst du?“
„Mein Leben auf der Straße.“ Martina guckte betroffen.
„Ja, ich erinnere mich.“
„Ich hab ihn wieder gesehen, heute. Vor ungefähr dreißig Minuten, hier.“
„Du meinst doch nicht den Wichser von damals?“
„Nenn ihn nicht so. Doch, ihn meine ich.“
„Ich nenne ihn wie ich will. Das war damals eine miese Aktion.“
„Ich weiß nicht, es muss doch einen Grund haben. Er war vorher doch ganz anders.“
Martina antwortete nicht darauf. Sie wusste, dass ich auch heute noch manchmal von ihm träumte. Ich erzählte ihr die komplette Geschichte von vorhin.
„Sorry Pierre, aber irgendwas tickt bei dem nicht richtig. Wir sollten dich schnellstens unter die Haube bringen, damit du den Kerl vergisst.“
Ich nickte seufzend und machte mich an die Abrechnung, schließlich wollte ich noch lernen.
Als ich heimkam war meine Mutter unterwegs. Dreimal in der Woche ging sie Kellnern, um ihr Gehalt als Empfangsdame etwas aufzubessern. Mir war auch nicht nach Gesellschaft, also machte ich mich nach einem kurzen Imbiss ans Lernen.
Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren und legte mich zur Entspannung kurz ins Bett. Mit seinem Bild vor Augen schlief ich dann überraschend ein.
John
Ich passierte eine Bank am Ufer, auf der eine ältere Frau saß. Ich nahm sie kaum wahr und versuchte die Stimme in meinem Kopf zu bändigen.
„John? Junge, warte doch“, hörte ich eine vertraute Stimme rufen.
Es war Irene Zinner. Ich blieb stehen und sah sie schweigend an. Die Erinnerung an Erwin, und der Schmerz über seinen Tod kehrten langsam zurück.
Sie kam auf mich zu und umarmte mich fest. Ich ließ es geschehen und blendete die schmerzlichen Erinnerungen aus.
„Warum hast du dich nicht mehr bei uns gemeldet? Wir haben es versucht, aber seit Erwins Tod warst du nicht mehr erreichbar.“
„Ich hatte keine Zeit. Seit er weg ist, ist viel liegen geblieben.“ Meine Stimme klang emotionslos.
Sie rückte ein Stück ab und sah mich zweifelnd an. „Ist das alles, was dir dazu einfällt?“
Ich hob die Schultern. „Ich bin an die Einsamkeit gewöhnt. Wenn wir uns heulend in den Armen liegen, kommt er auch nicht wieder. Es hat bei meinen Eltern auch nicht funktioniert. Also warum nicht gleich zur Tagesordnung übergehen? Ändern kann man es ja sowieso nicht.“
Sie fing an zu schluchzen. „Wie kann man nur innerlich so tot sein.“
Ich drehte mich wortlos um und ging ein kleines Stück weiter. Eine einzelne Träne wischte ich weg. ‚Gut gemacht, John. Lass sie in Ruhe, dann kannst du ihr auch nicht schaden. Lass alles hinter dir, du bist nicht für andere Menschen gemacht.’
‚Du irrst, ich habe ihr schon geschadet.’
‚Sie kommt drüber hinweg.’
‚Was weißt du schon?’
‚Interessante Frage, ich weiß was du weißt.’
„Irene, bitte verzeih mir. Ich habe mich schrecklich verhalten. Wir können uns in den nächsten Tagen sehen, wenn du noch möchtest.“
‚John, was tust du? Lass sie in Ruhe, am Ende bringst du sie auch noch um.’
‚Ich habe niemanden umgebracht! Lass mich doch einfach, bitte.’
‚Alle sterben, John, alle sterben, jeder und jede einzelne, ob du willst oder nicht!’
‚Das tun doch alle, verdammt. Es liegt in der Natur!’
Diese Gedanken tobten durch meinen Kopf, mir wurde schwindelig und ich torkelte zum Flussufer. Eine Hand hielt mich fest, bevor ich in das kalte Wasser stolperte. Meine Knie gaben nach und ich übergab mich in den Main. Eine Hand strich mir beruhigend über den Kopf. Irenes Hand.
„Natürlich verzeihe ich dir, mein Junge. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst. Lass mich dir beim Trauern helfen. Ich habe ihn auch geliebt, weißt du?“
Ich nickte leicht und Irene umarmte mich von hinten, bis mein Körper zu zittern aufhörte. Sie begleitete mich zurück zum Auto. Dummerweise taten irgendwann auch die Füße höllisch weh.
„Hast du dich verletzt? Du humpelst“, stellte sie fest.
„Ich hab nur eine Scherbe übersehen und bin hinein getreten, nichts Schlimmes.“
„Kommst du klar?“
„Aber klar, danke, es geht wieder. Ich melde mich auch bei dir.“
Irene gab mir einen Kuss auf die Wange und winkte mir nach, als ich, diesmal langsam, vom Parkplatz rollte. Aber Irene war nur der Anfang. Ich wollte mich auch bei dem Kassierer entschuldigen, für alles. Ich rollte auf die Tankstelle zu, sah aber nur noch ein Mädel an der Kasse. Von ihm war nichts mehr zu sehen. Also startete ich durch und fuhr heim. Morgen war auch noch ein Tag.
Diese innere Stimme machte mir Angst, aber ich wusste, diesmal hatte ich gewonnen. Natürlich sterben Menschen, egal ob sie mich kennen oder nicht. Ich war kein Todesbote.
Körperlich völlig erschlagen begab ich mich früh zu Bett und schlief auch recht bald ein, von wirren Träumen geplagt. Vieles drehte sich um den Jungen von damals. Und er blieb auch in meinem Kopf, beim Aufstehen.
Ich verschwand in der Dusche und fühlte mich danach völlig erfrischt. Vor dem Spiegel griff ich nach dem Rasierschaum und der Klinge, ein altmodisches Rasiermesser, ein Erbstück meines Vaters. Ich brachte es regelmäßig zum Schleifen.
‚Guten morgen, John. Ein schönes Messer hast du da. Wie wäre es mit ein wenig Schmerz, komm, lass mich verschwinden.’
‚Verschwinde doch einfach so.’
Mit zittrigen Fingern verstaute ich das Messer im Badschrank und holte tief Luft. Der Trockenrasierer musste reichen.
‚Du kannst nicht ewig vor dir selber weglaufen. Ich bin immer bei dir, ob du willst oder nicht. Ich bin du, vergiss das nie!’
„Du bist ein verdammtes Arschloch, lass mich in Ruhe!“ Ich brüllte mein eigenes Spiegelbild an. Mir war, als grinste es boshaft, für einen kurzen Moment. Ich schloss kurz meine Augen und atmete mehrmals tief durch. Der Spiegel zeigte nur noch mein verstörtes Gesicht.
Vielleicht brauchte ich wirklich Hilfe? Nein, ich würde mit ihm fertig werden, ganz allein. Er war nur ein Hirngespinst. Plötzlich spürte ich einen kurzen Schmerz an der Hand. Ich traute meinen Augen nicht: das Messer ruhte aufgeklappt in meiner linken Hand und ich hatte einen kleinen Schnitt am rechten Handballen. Ich ließ es ins Waschbecken fallen und versorgte die Wunde, wie üblich mit etwas Jod und einem ausreichenden Pflaster.

„Herr Herckenrath, Professor Heimlich möchte Sie sprechen. Es geht um den letzten Auftrag, den Sie von Doktor Zinner übernommen haben.“
„Danke, stellen Sie ihn durch.“
Wir gingen noch die letzten Details durch und ich verabschiedete mich in den Feierabend. Bald würde nichts mehr an Erwin erinnern, keine Anfragen mehr, wo ständig sein Name erwähnt wurde. Ich packte meine Sachen und marschierte zum Auto. Die Krawatte pfefferte ich auf den Beifahrersitz. Mein nächstes Ziel war die Tankstelle.
Er war nicht da. Diesmal ging ich aber hinein, es war eine andere Kollegin als gestern.
„Hallo, ich würde gerne mit dem Kollegen von gestern sprechen. Wann ist er wieder hier?“
Sie beäugte mich misstrauisch. „Was wollen Sie denn von ihm?“
Das war eine gute Frage. Ich erinnerte mich düster an ein Mathebuch, das vor ihm auf dem Tresen lag. Immerhin war er mal obdachlos, vielleicht holte er die Schule nach? Innerhalb von Sekunden hatte ich eine Idee und lächelte sie an, alles oder nichts.
„Wir haben uns gestern über die Schule unterhalten. Er kann wohl etwas Nachhilfe gebrauchen. Jedenfalls habe ich Zeit und wollte das mit ihm durchsprechen.“
Sie nickte erleichtert. „Ja das stimmt, Pierre hat leichte Probleme mit dem Stoff. Er kommt morgen wieder zur Frühschicht, bis 16 Uhr. Er ist vor einer halben Stunde erst heim.“
„Danke. Dann werde ich etwas früher kommen.“ Es war fast schon zu einfach. Jedenfalls schien er sich gut mit ihr zu verstehen, sonst würde er kaum mit ihr darüber reden. Frühschicht, also ging er wahrscheinlich zur Abendschule. „Hoffentlich kriegt er mit der Nachhilfe keine Terminprobleme. Der Job, die Abendschule, die Freundin und irgendwann braucht er ja auch Zeit für sich.“
„Ach, mit Job und Schule hat er keine Schwierigkeiten.“ Sie lachte kurz. „ Eine Freundin ist auch keine da, dabei könnte er schon einige haben.“
Sie kicherte. Ich fand die zusätzliche Info interessant. Also schien er auch noch schwul zu sein. Fand ich ihn eigentlich attraktiv? Ja, zugegeben, er war mein Fall. Aber er war wütend auf mich, mit Recht. Aber das wollte ich ja noch klären…
„Gut, ich halte sie mal nicht weiter auf. Bis dann.“ Ich nickte ihr zu und verabschiedete mich.
„Bis dann, und ich finde es toll, dass Sie Pierre helfen wollen.“
„Kein Ding.“
Im Auto wunderte ich mich über mein Verhalten. Ich kam mir vor wie ein Stalker, aber das Mädel war einfach zu mitteilsam. Dennoch, ich hatte was ich wollte und fuhr zufrieden heim. Noch während der Fahrt verabredete ich mich mit Irene und löste damit mein Versprechen ein.
Pierre
Ich war etwas in Eile, ein Bus fiel aus und ich war zwanzig Minuten später daheim. Ich warf ein Fertiggericht in die Mikrowelle, packte meine Schulsachen zusammen und sprang unter die Dusche. Ich war kaum damit fertig, da klingelte auch schon das Telefon.
„Hi Pierre, Karina hier.“
„Hi Kari, na, wie läuft die Schicht?“
„Alles ruhig. Aber sag mal, warum hast du mir nichts von der scharfen Schnitte erzählt? Er hat heute nach dir gefragt, wegen der Mathenachhilfe. Du Schlawiner, habt ihr auch praktische Biologie auf dem Plan?“
„Bitte wer? Ich weiß nix von Nachhilfe.“
„Na komm, du erinnerst dich nicht an den großen Dunkelhaarigen? Geile Figur und sehr gepflegt? Ihr habt euch gestern über Mathe unterhalten.“
Die Beschreibung passte nur auf einen, der gestern bei mir war. Was für ne abgefuckte Geschichte hatte er ihr bloß aufgetischt? Und woher wusste er von meinen Matheproblemen? Echt unheimlich, der Typ. Aber woher kam sein Interesse an mir?
„Pierre?“
„Sorry, Kari, ich erinnere mich, bin etwas im Stress.“ Ich wollte es mal drauf ankommen lassen.
„Er kommt morgen wieder, während deiner Schicht.“
„Danke für die Info. Ich mach mich mal schnell fertig. Bis morgen!“
„Gerne. Und erzähl mir alles, auch die schmutzigen Details! Bye mein Hübscher.“
Wir beendeten das Gespräch und ich verdrückte den Mikrofraß. Ich stand wirklich unter Zeitdruck und konnte nicht lange über die Situation nachgrübeln. Für heute stand eine Englischklausur an.
Einige Stunden später dröhnte mir der Kopf. Die Klausur war machbar, doch danach stand Mathe auf dem Plan. Ich kam mit dem Lernen einfach nicht mehr nach und ständig neuer Stoff.
Und dann war da noch mein unbekannter ‚Freund’. Ich war schlichtweg nervös und hatte sogar ein wenig Angst. Dieser seltsame Ausraster auf dem Tankstellengrundstück, wo er plötzlich losgebrüllt hatte. Ich konnte den Grund dafür nicht erkennen, hatte aber auch erst spät reagiert. Seine Flucht mit dem Auto war gefährlich. Über Mathe hatten wir ja wirklich kein Wort gewechselt, vom handfesten Wechselgeld-Clinch mal abgesehen. Immerhin ein cleverer und treffender Vorwand, um Kari auszuquetschen. Sie gluckte manchmal schon stark und versuchte mich zu schützen.
Ich ließ das Buch auf den Schreibtisch fallen und rieb über meine Augen. Sofort war sein Bild wieder da. Dieser erkennende Blick, dieser Ausdruck von Schuld, Reue und Zweifel. Ich hatte ihn sofort wieder erkannt. Er hatte sich eigentlich nicht wesentlich verändert. Sein Gesicht wirkte härter, seine Figur irgendwie straffer, erwachsener und gereift. Er hielt sich gut in Form. Er war schon irgendwie faszinierend, schon damals.
Natürlich war es falsch, ihn vor zu verurteilen, nach den zwei kurzen Momenten, die er in mein Leben getreten war. Es gab ja vielleicht auch einen Grund für sein … merkwürdig feindseliges Verhalten.
Meine Grübeleien setzten sich bis in meine Träume fort. Dementsprechend fertig war ich auch nachdem mein Wecker die kurze Nacht beendet hatte. Die Wechseldusche brachte ein paar meiner Lebensgeister zurück. In der Küche wartete bereits meine Mutter.
„Guten Morgen, Großer. Du siehst furchtbar aus.“ Sie stand auf und brachte mir eine Tasse Kaffee, schwarz wie die Nacht.
„Hab schlecht geschlafen. Die Schule… und sowas“, murmelte ich.
„Wir kriegen das auch ohne deinen Job hin. Ich kann noch eine Extraschicht pro Woche einlegen.“
„Mama, das Thema hatten wir doch schon. Du tust mehr als genug für mich. Ich will nicht wieder versagen. Du hattest schon soviel Kummer wegen mir.“
„Den Starrsinn hast du von deinem Vater.“
Ich hasste die Vergleiche mit ihm, aber die Diskussion wollte ich mir ersparen. Es war eh an der Zeit.
„Ich muss los, wir sehen uns.“ Nach einem weiteren Schluck Kaffee gab ich ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und stieg in den Bus zur Arbeit. Die Schulkinder waren unerträglich laut, wie immer. Aber die Fahrt dauerte ja nicht besonders lang.
„Moin Chef!“
„Hi Pierre, perfektes Timing. Ich muss auch gleich zur anderen Filiale rüber, denen geht das Kleingeld aus.“
„Muss ich noch irgendwas auffüllen?“ Ich sah mich flüchtig um.
„Nein, alles erledigt. Meine Frau war bis eben hier und hat mich unterstützt. Du siehst ja den Spritpreis, es war schon ziemlich was los. Der Tanklaster kommt auch gegen Mittag.“
„Okay, dann wird’s wohl stressig heute.“
„Du packst das schon. So, ich bin dann weg. Bis morgen!“
Es wurde wirklich stressig. Richtig hart wurde es um die Mittagszeit herum. Die Autos drängelten sich dicht an dicht und der Tanklaster blockierte einen großen Teil der Zufahrt. Der schaffte es auch irgendwie immer zur Stoßzeit.
Die Zeit ging natürlich schnell rum und eine halbe Stunde vor Feierabend war es dann soweit, sein schwarzer Wagen rollte aufs Gelände. Allerdings machte er keine Anstalten um hereinzukommen.
Im Gegensatz zu Karina.
„Hi Kari, den größten Ansturm hast du verpasst. Die Preise sind vorhin wieder etwas hoch gegangen.“
„Das macht nichts, es war gestern heftig genug. Und, wo hast du die Nachhilfe versteckt?“
Ich deutete auf seinen Wagen. „Er ist da drin. Bisher ist er aber noch nicht ausgestiegen.“
Sie schaute angestrengt nach draußen. „Klar, er telefoniert, sieht man doch.“
Ich sah wohl schon Gespenster, natürlich hatte sie Recht. Alles hatte eine logische Erklärung. Trotzdem verursachte er bei mir eine Gänsehaut.
John
Das Treffen mit Irene und ihrer Familie war nett, im weitesten Sinne. Natürlich war die Stimmung noch sehr gedrückt. Auf der Kommode im Wohnzimmer stand ein Bild von Erwin, mit einem schwarzen Band verziert. Ein rotes Grablicht und ein kleines Blumengesteck lagen daneben. Nach dem Abendessen saßen wir noch eine Weile zusammen und tranken gemütlich das ein oder andere Glas Wein. Am Ende siegte die Vernunft und ich ließ mein Auto stehen.
Das Taxi lieferte mich gegen 23 Uhr vor meiner Haustür ab und ich ging recht zügig schlafen. Immerhin erwartete mich noch eine Verabredung mit Pierre.
In dieser Nacht träumte ich schlecht, sah seltsame Bilder von Tod und Leiden. Pierre und mich, beide mit Blut überströmt, schrille Schreie und der Himmel brannte. Ich wachte schweißgebadet auf und schleppte mich ins Bad. Im Spiegel erwartete ich fast, mein mit Blut verschmiertes Gesicht zu sehen, aber ich blickte nur in mein blass-müdes Antlitz.
In meinem Kopf erklang ein leises, hämisches Kichern. ‚Halte bloß dein Maul‘, murmelte ich leise. Ich warf mir eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht und nahm mir vor mit diesen irrsinnigen Selbstgesprächen aufzuhören. Es war nur in meinem Kopf, nichts weiter, nur im Kopf, pure Einbildung.
Mach dir nichts vor, John‘, höhnte es, aber ich ignorierte die Stimme. Nur Einbildung, sonst nichts.
‚Du bist so erbärmlich, John. Alles geht den Bach runter, ich bin dein einziger Freund‘
Wütend wischte ich die Seifenschale aus Keramik vom Waschbecken. Als sie mit einem lauten Knall am Boden zerschellte, brachen auch bei mir die Tränen aus. Ich presste ein ersticktes „Lass mich doch bitte endlich in Ruhe“ hervor und rutschte zu Boden.
Ich wusste nicht, wie lange ich auf den Fliesen hockte, aber das Telefon riss mich aus meiner Apathie.
„Ja?“
„Schneider-Riem hier. Hallo Herr Herckenrath, alles in Ordnung mit Ihnen?“
Na prima, das war der Empfang, ich wurde in der Firma vermisst.
„Hallo Frau Schneider-Riem. Mir geht es heute nicht gut, habe völlig verschlafen. Wie spät ist es eigentlich?“
„Kurz nach 11 Uhr. Machen Sie sich keine Gedanken, wir haben Ihre Termine bereits abgesagt. Gute Besserung.“
„Danke. Bis morgen dann.“ Ich musste wohl Stunden im Bad verbracht haben.
Ich besorgte mir einen Besen mit Kehrschaufel aus der Abstellkammer und beseitigte die Reste der Seifenschale. Den dringenden Wunsch, mich zu verletzen, bekämpfte ich eisern und entsorgte die Splitter ohne blutigen Zwischenfall. Der Anblick des Scherbenhaufens sendete dennoch ein wohliges Kribbeln in die Leistengegend.
Es war nicht mehr viel Zeit bis zum ‚Date‘, also entwickelte ich einen Schlachtplan. Zuerst war Fit- und Wellness angesagt. Erst verausgabte ich mich im Keller an den Geräten und legte mich danach in den vorbereiteten Whirlpool, eine der neueren Annehmlichkeiten in meinem Loft.
Pünktlich um 15 Uhr stand ich gestriegelt und gebügelt im Wohnzimmer und suchte nach freien Plätzen in einem etwas besseren Restaurant. Es ging überraschend schnell und ich reservierte einen Tisch für zwei Personen.
Langsam steigerte sich meine Nervosität und ich hatte keine Ahnung warum. Erwartete ich etwas von diesem Treffen? Optisch sagte er mir jedenfalls zu. Aber das war nicht alles. Er war konsequent, hatte Prinzipien. Mit dem Trinkgeld hatte er mich sauber auflaufen lassen. Er verdiente bestimmt nicht wahnsinnig viel und konnte sicherlich jeden Euro gebrauchen. Das nennt man dann wohl ‚Charakterstärke’.
Damit kam ich dann zum nächsten Punkt, er verachtete mich. Aber das hoffte ich ja korrigieren zu können. Mein Verhalten tat mir ja nun wirklich Leid. Ich warf einen Blick auf die Uhr und seufzte, es war beinahe 15:30.
Daheim hielt ich es nicht mehr aus und fuhr deswegen vorzeitig los. Die Fahrt war viel zu kurz und meine Hände waren nass geschwitzt. Offensichtlich war mir sein Wohlwollen sehr wichtig.
Von meinem Parkplatz aus beobachtete ich ihn, wie er mit seiner souveränen Freundlichkeit einen Kunden nach dem anderen bediente. Zwischenzeitlich warf er schwer deutbare Blicke in meine Richtung. Ich horchte in mich hinein und spürte etwas wie ein warmes Kribbeln in meinem Bauch. Wie er sich wohl anfühlte? Seine Haut wirkte so weich und zart und er hatte einen ganz leichten Bartschatten, was ihm einen sehr erotisch-männlichen Touch gab. Alles passte an ihm. Rational betrachtet fand ich ihn wahnsinnig anziehend.
Ich hatte eine spontane Idee. Von meinem Handy aus rief ich einen Blumenlieferservice an, der sich auch schon für die Firma als zuverlässig erwiesen hatte. Ich bestellte zweiundzwanzig Rosen in das Restaurant, zwei Bündel mit jeweils elf Blumen. Ein Symbol für den elften November, für den ich mich entschuldigen wollte.
Ich beendete das Gespräch nach der Terminabsprache und sah wieder in die Tankstelle hinein. Pierre unterhielt sich mit einer jungen Frau, die Kassiererin von gestern. Beide sahen zu mir herüber. Also hatte sie ihn ‚vorgewarnt’. Nun gut, damit hatte ich rechnen müssen. Dann wusste er vermutlich schon, dass ich sie angelogen hatte. Sie klopfte ihm auf die Schulter und streckte den Daumen hoch. Offensichtlich hatte er sie nicht aufgeklärt, worüber ich insgeheim dankbar war. Er verabschiedete sich mit einem Kuss auf ihre Wange und trat heraus.
Zögerlich und mit langsamen Schritten kam er auf mich zu. Er drehte sich leicht zur Seite und warf einen unsicheren Blick zu seiner Kollegin, die auflachte und ihm eine ermutigende Geste zuwarf. Er straffte sich und lief etwas schneller in meine Richtung. Direkt vor der Tür atmete er sichtbar durch und öffnete die Beifahrertür, ohne jedoch einzusteigen.
„Was willst du? Warum tischt du ihr diese Nachhilfestory auf?“ Er wirkte nervös und versuchte das mit schlecht gespieltem Ärger zu überdecken.
„Hallo … Pierre. Ich … würdest du dich bitte kurz zu mir setzen? Ich möchte nicht in aller Öffentlichkeit …“ Das hatte ich ja toll hinbekommen. So sprach man als wirrer Teen, aber ich doch nicht.
„Okay, aber nur kurz. Ich gebe zu, du machst mich neugierig.“ Er setzte sich hin und schloss die Tür. „Also? Und sag mal, wie kamst du eigentlich ausgerechnet auf Mathenachhilfe? Gut geraten, echt.“
„Ja, also nicht direkt geraten. Das Buch lag am Sonntag auf dem Tresen, mit Klebezettel gespickt. Vermutlich schlägst du öfter verschiedene Sachen nach.“
„Wow, gut beobachtet. Aber warum das Ganze?“
„Weil ich mich entschuldigen möchte. Ich will dich für mein Verhalten um Verzeihung bitten, für damals, auf dem Industriehof. Es tut mir Leid.“ Pierre schluckte leicht und sah nachdenklich aus.
„Damit hätte ich nicht gerechnet. Das war damals schon ziemlich heftig von dir. Aber ich habe mir immer eingeredet, dass du deine Gründe gehabt haben wirst… trotzdem war es totale Scheiße von dir.“
„Schuldig“, grinste ich schief. „Ja, ich hatte meine Gründe, aber es war falsch von mir das an dir aus zu lassen.“
„Seit diesem Tag frage ich mich, was dich so aus der Bahn geworfen hat. Du hast echt grausam ausgesehen.“
Ein undefinierbares Gefühl von Ärger stieg in mir auf und ich kämpfte es mühsam nieder.
„Es war mein neunzehnter Geburtstag. Und der vierte Todestag meiner Eltern.“ Ich unterdrückte eine Träne und sah aus dem Augenwinkel heraus, wie sich seine Hand kurz in meine Richtung bewegte, in Richtung meiner Schulter. Er zog sie aber sofort wieder zurück.
„Das tut mir wirklich sehr Leid. Also, wie ist es denn passiert, wenn ich fragen darf. Ich will dir nicht zu Nahe treten.“ Er sah mich mit leicht gesenktem Kopf an.
Vor der Frage hatte ich mich gefürchtet und war mir nicht sicher, ob ich diese Geschichte ohne Zusammenbruch erzählen könnte. Doch sein Blick war so warmherzig, dass ich es wagen wollte.
„Es gibt nicht viel zu erzählen. Sie waren zu Besuch bei einer Großtante meiner Mutter, in Australien. Sie bestiegen rechtzeitig das Flugzeug zurück und … alles meine Schuld…“ Mein Hals schnürte sich schmerzhaft zu und ich verstummte. Pierre bemerkte es sofort und diesmal legte er seine Hand tatsächlich auf meine Schulter. Die Berührung fuhr durch meinen gesamten Körper und löste einen wohligen Schauer in mir aus und meine Augen füllten sich schlagartig mit einem Meer aus Tränen. Ich schluchzte hemmungslos drauf los. Pierre war sichtbar überfordert und zog meinen Kopf reflexartig an seine Schulter. Sein Arm lag nun auf meinem Rücken und streichelte ihn vorsichtig.
„Hey, pssssscht. Du kannst doch nichts dafür, hey, es war ein Unfall.“ Er wiegte mich sanft in seinen Armen und es beruhigte mich tatsächlich.
„Das ist nicht wahr, natürlich ist es meine Schuld gewesen. Ohne mich …“ Außer zu Erwin hatte ich noch mit keinem über meine Selbstvorwürfe gesprochen.
„Und was ist mit den anderen Menschen in dem Flugzeug? Ist das auch deine Schuld?“ Unfälle, egal wie schrecklich, passieren.“ Seine Stimme drang beruhigend in mein Ohr und schenkte mir ein wohlig-wattiges Gefühl im Kopf. Ich dachte über seine Worte nach. Irgendwo klang es logisch.
„Die anderen Passagiere sind aber nicht meinetwegen eingestiegen.“
„Wart ihr eine glückliche Familie?“
„Ja, sehr. Auch wenn sie oft unterwegs waren, sie hatten immer ein Ohr für mich und gaben mir immer das Gefühl wichtig zu sein.“
„Dann wären sie ohne dich vielleicht auch nicht besonders glücklich gewesen. Es ist schwer was dazu zu sagen, ich kannte euch ja nicht. Und auch deinen Namen kenne ich nicht.“
„John. Ich heiße John. Und entschuldige meinen Ausbruch eben. Ich wollte dich bestimmt nicht vollheulen.“
„Ist okay. Dieses Treffen hat sich ziemlich merkwürdig entwickelt. Eigentlich wollte ich dich zum Teufel schicken, ein für alle mal.“
„Und warum tust du es nicht einfach?“ Meine Stimme klang patziger als ich es wollte.
„Hey langsam. Ich wollte es, okay? Im Moment weiß ich nicht was ich gerade will.“
„Also, vielleicht möchtest du ja etwas essen? Ich habe einen Tisch bestellt.“
Er sah mich erstaunt an.
„Du bist wohl auf alles vorbereitet, was? Was soll die Show, was ziehst du hier ab?“ Pierre langte an den Türgriff und wollte das Auto verlassen.
„Nein, bitte bleib sitzen. Ich habe den Tisch reserviert, ja. Aber ich … ich hab gehofft…“
„Du hast was gehofft?“ Der Zauber der letzten Minuten war verflogen und er sah mich extrem misstrauisch an.
„Vergessen wir das. Sorry. Ich wollte dich nicht bedrängen.“
„Jetzt rück endlich mit der Sprache raus!“
„Ich … also falls du mir verzeihen kannst…“ mein Gestammel wurde langsam sogar mir peinlich und er sah mich fragend an.
„Ich hab gehofft wir könnten uns etwas besser kennen lernen.“ Er zog eine Augenbraue nach oben.
„Warum willst ausgerechnet du mich kennen lernen?“
Ich entschied mich für den frontalen Angriff.
„Weil ich dich sehr anziehend finde. Du wirkst sehr stark auf mich, einfühlsam, selbstbewusst und ziemlich attraktiv.“
Ihm fiel zuerst die Kinnlade herunter und dann wurde er rot.
„Sorry, ich bin normal nicht so direkt, zumindest nicht außerhalb der Szeneclubs. Aber deine Kollegin hat indirekt was angedeutet.“
„Oh Kari mit ihrer großen Klappe. Du hast die Andeutung richtig verstanden. Und es haut mich ziemlich um. Das muss ich erstmal verdauen.“
„Darf ich dich zum Essen einladen?“
„Ich kann nicht. Die Abendschule…“
Die Enttäuschung stand mir ins Gesicht geschrieben.
„Jetzt guck nicht so. Ich würde gerne mit dir essen gehen… Ach verdammt, ich hab jetzt eh keinen Kopf für die Schule. Also gut, lass uns den Abend zusammen verbringen und etwas beschnuppern.“
„Ist das wirklich dein Ernst?“
Er nickte nur stumm. Um diese Kari zu erlösen, die mittlerweile ihre Nase an der Scheibe platt drückte und ihre Augen mit einer Hand gegen das Sonnenlicht abschirmte, startete ich den Motor und rollte Richtung Innenstadt.
„Ich hätte nie gedacht, dass du auch schwul bist … John.“
„Dir steht es auch nicht gerade auf die Stirn geschrieben.“
„Punkt für dich. Aber was will ein Typ wie du von mir? Du wirkst nich gerade so, als ob du am Hungertuch nagen würdest und ich… ich bin irgendwo am untersten Mittelfeld.“
„Und was sagt das über dich aus? Ich erinnere mich noch gut daran, wer du damals warst. Und ich sehe auch, wo du jetzt stehst. Du bist ein Kämpfer. Vermutlich mehr, als ich es je sein werde und du arbeitest hart um voran zu kommen. All das hier hab ich, mehr oder weniger, geschenkt bekommen. Mich interessiert deine Geschichte, was damals war und wie du es hierher geschafft hast.“
Er lächelte verlegen. „Irgendwie tun mir deine Worte gut. Es ist nicht wirklich besonders leicht, aber ich bin schon einmal fortgelaufen und habe nicht vor, diesen Fehler zu wiederholen.“
Er erzählte mir die Geschichte mit seinen Eltern und dem Wendepunkt, der mit meinem unrühmlichen Verhalten fest verknüpft war. Seine Gegenwart tat mir gut, ich fühlte mich unbeschwert, er benahm sich so natürlich und schenkte mir sein Vertrauen.
„Und verzeihst du mir?“
Er guckte mich schief an. „Ob ich dir verzeihe, dass dein Verhalten mich wieder vernünftig gemacht hat?“
Ich musste zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig herzhaft und ehrlich lachen, so wie er mich dabei ansah.
„Hey du Trampel, das ist nicht komisch“, grinste er und knuffte mir in die Rippen. „Aber gut, ja. Es ist vergeben und vergessen.“
Kurz darauf erreichten wir das Restaurant. Pierre stieg vor der Tür aus und ich fuhr noch auf den Parkplatz, stellte den Wagen ab und verschloss die Türen.
Der Lieferservice wartete bereits vor der Tür und ich deutete dem Fahrer, mir unauffällig zu folgen.
Pierre und ich betraten das Restaurant. Sofort kam ein Ober auf uns zu.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich habe einen Tisch für zwei Personen reserviert, auf den Namen Herckenrath.“
Der Ober brachte uns zu unserem Tisch, in einer ruhigen Ecke. Pierre sah sich neugierig um.
„Toller Laden. Sieht ziemlich teuer aus.“
„Keine Sorge, du bist mein Gast“, lächelte ich ihn an. Er erwiderte mein Lächeln.
„Ich habe noch eine kleine Überraschung vorbereitet.“
Wieder zog er eine Braue nach oben, was von Mal zu Mal niedlicher aussah.
Ich gab dem Blumenboten einen Wink und deutete auf Pierre, der die Rosen mit einem fragenden Blick entgegennahm.
„Was ist das?“ Er verbesserte sich sofort, „Ich mein klar, es sind Rosen, aber wofür?“
„Zwei mal elf Rosen. Der 11.11. war der Tag an dem wir uns trafen.“
Er schaute mich verlegen an.
„Das Datum wusste ich überhaupt nicht. Aber danke. Das ist eine süße Idee.“
Der Lieferant fühlte sich in der Situation etwas unwohl und ich entließ ihn mit einem Kopfnicken, natürlich nicht ohne ihm vorher ein angemessenes Trinkgeld zu geben.
Der Ober fragte uns nach den Getränken und brachte die Karten. Pierre wirkte etwas unsicher bei der Auswahl. Die Karte war doch eher speziell, also sprang ich ein.
„Also, ich nehme ein Rumpsteak, medium, mit Zwiebeln und Kräuterbutter. Als Beilage Kartoffelröstis und einen kleinen Salat.“
„Sehr wohl. Und Sie, mein Herr?“
„Ich nehme das auch.“
„Vielen Dank.“
Der Ober verschwand und ließ uns allein.
„Danke für die Starthilfe, ich war noch nie in so einem Schuppen.“
„Macht nichts. Mir geht dieses affektierte Gehabe auch ziemlich auf die Nerven, aber das Essen hier ist absolute Spitzenklasse. Der Koch beherrscht die Steaks perfekt.“
Pierre nickte leicht, erwiderte jedoch nichts. Das Gespräch kam zum Erliegen und ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus.
„Sag mal, wie steht es eigentlich um deine weiteren Pläne, also nach dem Abi?“ Ich hielt die Stille nicht aus, fürchtete die Einmischung meiner inneren Stimme. Und die würde alles ruinieren.
„Ich bin mir nicht ganz sicher. Du weißt ja von meiner Vergangenheit. Am liebsten würde ich mich um die soziale und psychologische Betreuung Obdachloser kümmern, die Jungs aus der Stricherszene, zum Beispiel.“
„Hast du damals auch … angeschafft?“ Der Gedanke behagte mir nicht.
„Nein, keine Sorge. Ich habe mich mit betteln und kleineren Diebstählen über Wasser gehalten. Das Anschaffen ist ein merkwürdiger Teufelskreis. Anfangs denkst du dir ‚leichtes Geld‘. Die meisten hatten vorher schon ein kleines Drogenproblem und finanzieren sich darüber, aber der Verbrauch steigt ja stetig. Ich habe niemals Drogen genommen und kam natürlich auch so relativ gut über die Runden. Und mein Körper war mir schon immer zu schade, um ihn zu verschachern. Sex ist etwas Besonderes für mich.“
Seine Worte ließen mich ein wenig nachdenken. Sex war für mich so normal wie Essen und Trinken, ohne eine tiefere Bedeutung. Und das galt auch für die Wahl meiner Partner bisher, auch sie war ohne Bedeutung. Er deutete mein Schweigen allerdings total falsch.
„Ich wollte dich nicht langweilen. Ich bin immer ziemlich redselig, wenn … ich jemandem vertraue.“
„Nein, du langweilst mich überhaupt … du vertraust mir?“ Seine Aussage löste ein weiteres Kribbeln in mir aus. Ich war einfach nur noch fasziniert von ihm.
„Ja. Ich weiß nicht warum, verdient hast du es eigentlich nicht. Aber… all der Aufwand hier, das alles. Du gibst mir irgendwie das Gefühl besonders zu sein.“
Er stockte kurz, lachte leise und schüttelte den Kopf. „Ich begreife dich nicht. Vor nicht mal einer Stunde wollte ich dich noch zur Hölle wünschen und nun entlockst du mir vermutlich noch das letzte Geheimnis. Du hast es geschafft, ich möchte dich wirklich besser kennen lernen.“
„Trinkst du ein Glas Champagner mit mir? Ich würde gerne auf unseren Neubeginn anstoßen.“
Er nickte und ich bestellte zwei Gläser der teuren Brause.
„Also dann, Pierre, auf unseren Neuanfang. Cheers.“ Unsere Gläser stießen mit einem leisen Klingeln aneinander und ich sah ihm tief in die Augen, welche mich freudig anstrahlten.
Auch wenn es vielleicht viel zu früh war, doch ich, für meinen Teil, hatte mich in den atemberaubenden Halbfranzosen verliebt.
Pierre
Ich war hin und her gerissen. John stellte sich als sehr facettenreicher Typ heraus. Aber gerade die unterschiedlichen Seiten machten ihn interessant und beängstigend zugleich. Manchmal wirkte er sehr kalt, hatte einen eisigen Schutzmantel um sich gehüllt, dann wieder sehr warmherzig, aufmerksam und zuvorkommend. An diesen Zwischenfall vom Sonntag dachte ich überhaupt nicht mehr. Im Großen und Ganzen präsentierte er sich mir als ein perfekter Gentleman. Und nicht zu vergessen, er war verdammt attraktiv.
Das Essen war wirklich wahnsinnig gelungen und die Atmosphäre umwerfend. Er zeigte sich sehr interessiert an mir und meinen Wünschen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich hatte mich scheinbar ein wenig in diesen Menschen verschossen, vielleicht auch mehr als ein wenig.
Aber ein Blick auf die Uhr riss mich zurück in die Wirklichkeit.
„John, du hast mich wirklich positiv überrascht und der Nachmittag mit dir war wirklich schön. Aber ich muss wirklich noch was für die Schule machen, wenn ich schon nicht dort war. Mathe steht bald an.“ Ich war deswegen wirklich frustriert und wollte den Abend eigentlich nicht so beenden. John sah mich für einen Moment so seltsam an, so frostig. Dieser Blick ließ mich zittern. Doch dann änderte es sich schlagartig.
„Kein Problem. Du erinnerst dich noch an meinen Vorwand? Zufälligerweise bin ich wirklich ganz gut in Mathe. Ich würde dich gerne unterstützen.“ Mit einem Mal war sein warmes Lächeln zurück.
„Echt? Das ist lieb von dir. Hast du denn heute noch Zeit?“
„Ich habe nichts geplant. Wir können eigentlich sofort zu dir.“
„Das ist keine gute Idee. Meine Mutter arbeitet nebenbei in einem Lokal und hatte letzte Nacht lange Dienst und ist heute wieder sehr früh zur Arbeit. Sie schläft vermutlich.“
„Dann komm zu mir, ich hab Platz und es schläft auch niemand.“
„Okay, das klingt gut.“
John verlangte nach der Rechnung und bekam eine Ledermappe gereicht. Er kritzelte etwas hinein, legte eine Kreditkarte dazu und gab dem Kellner die Mappe zurück.
„Vielen Dank, Herr Herckenrath. Beehren Sie uns bald wieder.“
John stand auf und stellte sich hinter mir auf. Er forderte mich auf aufzustehen und zog dann den Stuhl ein wenig zurück. Dann schnappte er sich meine Jacke.
„Darf ich bitten?“ Seine Augen blitzen schelmisch auf und er half mir in die dicke Jacke.
„Vielen Dank, der Herr“, erwiderte ich und hielt ihm scherzhaft den Arm hin. Doch John hakte sich sofort ein. Im ersten Augenblick war mir das furchtbar unangenehm, wegen der ganzen Leute um uns herum, aber er zog mich dicht an sich heran und seine Wärme und Nähe beruhigte mich.
Beim Auto angekommen öffnete er mir auch die Tür und schloss sie leise hinter mir, bevor er hinter dem Auto entlang ging und sich ebenfalls hinein setzte.
„Wohin darf ich Sie bringen?“
Ich lachte. „Ich habe Nachhilfe bei John Herckenrath.“
„Sehr wohl!“ Auch er konnte sich das Grinsen nicht mehr verkneifen.
Wir fuhren ein ganzes Stück und näherten uns dabei auch meiner Tankstelle, die in einem recht teuren Teil Frankfurts residierte. John hatte seinen Arm lässig auf die Mittelkonsole gelegt und wirkte recht entspannt. Ich betrachtete seine Hand. Er hatte schöne Hände, sehr gepflegt. Bei genauerer Betrachtung sah ich einen weißen Zipfel unter dem Handballen hervorlugen. Es sah sehr nach einem Pflaster aus.
„Hast du dich verletzt?“ Ich zeigte auf die Stelle.
„Ach das… ja, ich hab etwas ungeschickt in mein Rasiermesser gegriffen. Ist aber eigentlich nur ein Kratzer.“
„Oh, tat sicher weh.“
Er nickte leicht und wirkte etwas verunsichert. Ich rutschte mit meinem kleinen Finger näher an seinen, bis sie sich ganz leicht berührten. Er warf mir einen ermutigenden Blick zu und ich berührte seinen Handrücken mit meinen Fingerspitzen. Die Haut war warm und wahnsinnig weich. Meine Finger folgten seinen Adern bis zum Handgelenk und wieder zurück. Im Licht der vorbeihuschenden Laternen sah ich die Haut unterhalb des Jackenärmels, welcher leicht verrutscht war. Er hatte eine Gänsehaut. Ich legte meine Hand auf seine. Er drehte sie um und hielt meine leicht fest. Mit dem kleinen Finger strich ich sanft über den verletzten Handballen.
„Pierre, du machst mich grad ziemlich nervös.“
Sofort zog ich die Hand zurück und merkte überhaupt erst, was ich da angestellt hatte. Die Situation war irgendwie erregend.
„Tut mir Leid, ich weiß nicht, warum ich das überhaupt gemacht habe. Das ist sonst nicht meine Art.“
„Nein, so meine ich das nicht. Es fühlt sich toll an. Aber du lenkst mich ziemlich ab und wir wollen ja heil bei mir ankommen.“
Er strich mir zärtlich über die Wange und konzentrierte sich die letzten Minuten auf den Verkehr, bis wir in eine Tiefgarage rollten.
Kurz darauf betraten wir den Aufzug, wo er einen Schlüssel unterhalb der Knopfleiste einsteckte und fuhren in den zehnten und letzten Stock.
„So, hier ist mein Reich.“ Er ließ mir den Vortritt und ich sah in sein traumhaftes Penthouse-Loft. Dann marschierte er an mir vorbei und verschwand in ein angrenzendes Zimmer, um kurz darauf mit einem Tablett zurück zu kommen.
„Sorry, ich wusste nicht was du haben möchtest. Also hier sind Wasser, Cola, Orangensaft und ein paar Energydrinks. Und komm ruhig rein, die Couch ist bequemer.“
Er machte ein paar Schritte auf mich zu und hielt mir lächelnd die Hand entgegen. Ich griff spontan zu und er führte mich zum Sofa.
„So, setzt dich bitte. Was möchtest du trinken?“
„Ein Wasser bitte.“
„Kommt sofort. Dann können wir ja gleich loslegen.“
„Ach Mist“ entfuhr es mir.
„Was ist denn?“
„Meine Bücher liegen zu Hause. Ich hole sie mir meistens nach der Arbeit von daheim.“
„Okay, macht nichts. Jetzt trink erstmal einen Schluck und komm zu Ruhe. Ich habe im Keller noch eine Kiste mit Schulbüchern, dein Lehrbuch sollte auch dabei sein. Ich hole es kurz. Fühl dich in der Zwischenzeit wie zuhause und schau dich ruhig etwas um, wenn du magst.“
Er wuschelte kurz über meinen Nacken und verschwand in Richtung Tür. Die angenehme Gänsehaut ließ bald nach und ich sah mich tatsächlich etwas um. Die Einrichtung war modern und bestimmt sauteuer. Es dominierten Chrom, schwarzes Leder, hellgraue Wände und viel Glas. Normalerweise empfand ich sowas als kühl und steril, doch farbige Bilder an den Wänden lockerten die Atmosphäre auf. Der helle Parkettboden wirkte ebenfalls wie ein Stilbruch, fügte sich dennoch harmonisch in das Gesamtbild ein. Das riesige Badezimmer erstrahlte in einem tiefen Blau und erinnerte mich sehr an Lapislazuli. Im Bad selber war noch eine weitere Tür. Dahinter fielen mir dann fast die Augen aus den Höhlen. Ein weiterer Raum gab die Sicht auf einen großen Whirlpool frei.
„Nicht schlecht“, murmelte ich vor mich hin.
„Ja, darin lässt es sich aushalten. Du bist herzlichst eingeladen.“
Ich wirbelte erschrocken herum und sah direkt in Johns Augen.
„Man, du hast mich ganz schön erschreckt.“
„Ich weiß“, lachte er. „Komm, der Pool hat Zeit.“ Er hielt mir sein Mathebuch vor die Nase.
„Ja, das ist das Richtige.“ Ich folgte ihm ins Wohnzimmer.
„So, dann leg mal los, wo klemmt es?“
„Integral- und Differentialrechnung“, antwortete ich zerknirscht. „Ein Albtraum.“
„Okay, na das kriegen wir bestimmt hin. Gut, wir haben gleich 19 Uhr. Mal schauen, wie weit wir kommen.“
Und dann ging es los. Er suchte sich ein paar Aufgaben aus einem Übungsbuch und testete meine Kenntnisse. Hier und da verbesserte er meine Ansätze, erklärte das ein oder andere und ich fing an den Stoff zu begreifen. Er war ein total begnadeter Erklärer. Er steigerte den Schwierigkeitsgrad etwas und nach ein paar Startschwierigkeiten klappte auch das.
Wir rückten unmerklich immer näher zusammen. Die nächsten Aufgaben waren wieder ein Stück schwerer, gingen mir aber relativ locker von der Hand. Doch je näher er mir kam, desto intensiver roch ich seinen Duft. Langsam verging mir die Lust auf Mathe und ich wollte ihm dafür ganz nah sein.
„Noch eine letzte Aufgabe? Ich halte nämlich nicht mehr lange durch. Gleich ist Mitternacht.“ brummte er mir zu, nur wenige Zentimeter von meinem Ohr entfernt. Ein wohliger Schauer durchfuhr meinen Körper und ich ließ den Stift fallen. Sein Gesicht schwebte in geringer Entfernung vor meinem. Meine Hand griff langsam hinter seinen Nacken und ich zog ihn näher an mich heran. Er wehrte sich nicht und ich berührte seine Lippen zu einem zärtlichen Kuss.
Seine Lippen lagen warm und weich auf meinen, sein Kuss war zärtlich, unaufdringlich und raubte mir fast den Verstand. Und plötzlich schoss mir sein Satz durch den Kopf.
„Mitternacht? Verdammt, ich muss heim, sonst komm ich morgen nicht…“ Er legte mir seinen Finger auf den Mund.
„Psssscht. Du kannst hier schlafen, es ist auch nicht weit zur Tankstelle.“
„Das ist wirklich okay für dich?“
„Was für eine Frage! Du kannst natürlich auf der Couch schlafen, wenn du willst, aber ich würde mich freuen, wenn du heute Nacht bei mir bleiben würdest. Doch bevor du das entscheidest, möchte ich lieber noch eine Fortsetzung von eben.“
Seine Hände legten sich sanft auf meine Wangen, er beugte sich ein Stück vor und sog meine Unterlippe spielerisch zwischen die seinen.
Seine kontrollierte Zurückhaltung machte mich schier wahnsinnig und ich steigerte mich weiter in den Kuss hinein, schickte meine Zunge auf Erkundungstour. Ich verlor völlig mein Zeitgefühl, bis er den Kuss unterbrach. Mir entfuhr ein frustriertes Keuchen, ich wollte nicht aufhören, ganz im Gegenteil. Mein Körper sehnte sich nach ihm und ich wollte mit ihm schlafen, so gänzlich untypisch für mich, gleich am ersten Abend.
„Pierre, sei mir nicht böse. Lass dir etwas mehr Zeit, um mich kennen zu lernen, bevor du diesen Schritt gehst. Ich möchte nicht, dass du am Ende vielleicht etwas bereust.“
Ich sah ihn erstaunt an, unfähig sauer über die Unterbrechung zu sein. Seine Worte waren überlegt und sehr vernünftig.
„Sorry, du hast Recht. Du machst mich einfach verrückt nach mehr.“
Er lachte leise. „Und du mich erst. Hätten wir nicht aufgehört, dann hätte ich eine Sekunde später für nichts mehr garantieren können.“
Seine ausgebeulte Hose unterstrich diese Worte mehr als deutlich.
Die Geilheit verflog und wich einer inneren Wärme und auch mein Verstand arbeitete wieder.
„John, ich habe aber noch ein ganz anderes Problem. Ich kann die Sachen hier morgen nicht wieder anziehen.“
Er überlegte einen Moment und verschwand in einem der Räume, die ich bisher noch nicht besichtigt hatte.
„Hier, ein Shirt und eine Retro. Du kannst dich im Bad umziehen und mir dann die Sachen geben. Ich habe auch einen Waschtrockner. Morgen ist wieder alles frisch.“
Ich nahm die Sachen dankbar entgegen und verschwand ins Badezimmer. Normalerweise hatte ich ja kein Problem mit Nacktheit, zum Beispiel beim Duschen nach dem Sport, oder im Fitnesscenter. Aber vor John erschien es mir unangebracht.
Nun, er bekam ja in Kürze doch mehr zu sehen als ich gedacht hätte. Das ärmellose, weiße Lycrashirt schmiegte sich wie eine zweite Haut an mich. Auch die gleichfarbige Retro zeigte fast mehr als sie verbarg. Der Anblick im Spiegel gefiel mir. Ich packte meine Sachen zusammen, leerte die Taschen und brachte ihm das Wäschebündel. Meine, von ‚Vorfreude‘, feucht verklebte Boxer wickelte ich tief im Bündel ein.
Ich spürte seinen Blick auf mir, wie er mich ausführlich musterte und dann den Mund zu einem frechen Grinsen verzog.
„Du bist echt ein ziemlich leckerer Anblick.“ Mir schoss wieder diese gesunde Röte ins Gesicht.
John verschwand in einer kleinen Kammer, die sich als Waschraum herausstellte, und war kurz darauf zurück.
„Und, wo willst du schlafen?“
„Wenn ich dich kennen lernen soll, dann sollte ich unbedingt auch deine Schlafgewohnheiten studieren.“
„Super, ich freue mich echt. Na, dann komm mal mit.“ Er hielt mir die Hand entgegen und führte mich ins Schlafzimmer. Es haute mich beinahe aus den Socken. Allein das Bett maß gut und gerne drei mal drei Meter, eine kuschelige Bettburg mit Kissen und Decken gefüllt. Das dunkle Nussbaumholz aller Möbelstücke bildete einen interessanten Kontrast zu dem warmen Terrakotta der Wände.
„Such dir einen Platz aus, ich bin auch noch schnell im Bad.“
Er ging zum Schrank und kramte ebenfalls eine Retro hervor, ließ allerdings das Shirt im Schrank. Zu meiner Verwunderung streifte er seine Klamotten ab und verstaute sie in einem Wäschesack im Schrank. Er stand nackt vor mir und ich musste ihn einfach ansehen. Fast wie ferngesteuert trat ich näher an ihn heran und betrachtete ihn. Er hatte einen wahnsinnig schönen und definierten Körper. Seine leicht gebräunte Haut war fast makellos. Nur wenige dezente Narben, die ich erst beim näheren Hingucken entdeckte, gaben ihm ein wildes Aussehen.
„Ich bin gleich wieder da“, sprach er und hauchte mir einen Kuss auf den Mund.
Nervös krabbelte ich in das riesige Bett. Es gab genug Platz, um weit getrennt voneinander zu liegen. Insgeheim hoffte ich ja, dass er genau das nicht geplant hatte.
John
Das kalte Wasser floss an meinem Körper entlang und kühlte mein Verlangen etwas ab. Seine hungrigen Blicke hatten mich ziemlich angemacht und ich wusste eigentlich nicht, warum ich die Bremse gezogen hatte. Wir wollten es doch beide. Aber Pierre war so anders als alle anderen, mit denen ich sonst die Nächte verbrachte. Er zeigte ehrliche Gefühle und wirkliches Interesse. Und zwar nicht nur, sondern auch an meinem Körper. Pierre sprach mich auf mehreren Ebenen an. Das durfte einfach nicht sofort wieder kaputt gehen.
Ich schaltete das Wasser aus, trocknete mich ab, schlüpfte in meine Short und ging zurück ins Schlafzimmer. Pierre lag bereits im Bett und sah mich abwartend an. Die Unsicherheit stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Hi“, kam es in einem heiser-nervösen Tonfall von ihm.
Ich lächelte ihn an und krabbelte unter die Decke.
„Wenn du möchtest… das Bett ist groß genug… aber du kannst natürlich auch näher kommen.“
Er wurde leicht rot „Liest du meine Gedanken? Ich würde wirklich gerne noch etwas kuscheln, wenn du das auch willst.“
„Nichts lieber als das.“
Schüchtern kroch er etwas weiter heran und blieb ruhig neben mir liegen. Es schien fast, als hielte er die Luft an.
Also rückte ich das letzte Stückchen vor, presste mich an ihn und er drehte sich auf die Seite. Pierre kuschelte sich mit dem Rücken an meine Brust und ich legte den Arm um ihn. Seine Wärme durchflutete meinen Körper und Geist. Der Duft seiner Haare durchströmte meine Nase.
„Pierre?“
„Ja?“
„Ich glaube … ich habe mich in dich verliebt. Du gibst mir ein wahnsinnig schönes Gefühl, wie ich es in der Form noch nie erlebt habe.“
Er drehte seinen Kopf in meine Richtung an sah mir liebevoll in die Augen.
„Ich verstehe was du meinst. Es geht mir genau so.“ Er griff nach meiner Hand auf seinem Bauch, zog sie zu seinen Lippen und küsste sie, bevor er sie fest auf seine Brust presste. Ich spürte seinen schnellen und kräftigen Herzschlag. Mit der anderen Hand griff ich suchend hinter mich und schaltete die Nachttischlampe aus.
„Gute Nacht, Pierre, träum was Schönes.“
„Danke, du auch“, brummelte er glücklich in das Kissen. Und so schliefen wir dann auch ein.

Das schrille Piepen des Weckers beendete meinen kurzen Schlaf. Ich glaubte sofort an einen schönen Traum von Pierre und mir, aber der warme Körper, der sich nach wie vor an mich presste, rettete diesen Traum in die Wirklichkeit. Ich befreite meinen Arm aus seiner Umklammerung und schaltete den Wecker aus. Dann schmiegte ich mich wieder an ihn.
„Guten Morgen, Pierre. Es ist Zeit.“
„Noch fünf Minuten“, brummte er.
Er rückte noch ein Stück dichter und rieb mit seinem Po, vermutlich unabsichtlich, über meinen Schritt. Plötzlich kicherte er.
„Ihr seid ja beide schon wach.“
„Das liegt nur an dir.“ Ich streichelte ihm über den Kopf. „Du siehst sogar morgens zum anbeißen aus.“
Er drehte sich um und lächelte mich verschlafen an. „Du aber auch.“
Dann zog er meinen Kopf zu sich und küsste mich. Sein Arm schob sich unter mir durch und er presste sich immer weiter an mich. Die andere Hand griff um mich herum und er streichelte meinen Rücken. Er wurde immer fordernder, die Küsse immer wilder. Seine Erregung presste sich fest an meinen Bauch.
„Pierre“, keuchte ich atemlos, „ich garantiere gleich wirklich für nichts mehr!“
Als Antwort löste er sich von mir und zog das Shirt aus, nur um sich dann wieder an mich zu pressen und mit den wilden Küssen fortzufahren.
„Willst du das wirklich?“, fragte ich unsicher.
„Bitte, halt die Klappe, John“, stöhnte er.
Seine Zunge schob sich tiefer in meinen Mund und machte jedes weitere Wort unmöglich. Seine Schüchternheit war völlig verflogen und er kontrollierte das weitere Geschehen. Plötzlich lag ich auf dem Rücken und Pierre auf mir. Die leidenschaftlichen Küsse schalteten meinen rationalen Verstand aus und ich gab mich seinem Willen hin. Als er den Kuss unterbrach wollte ich protestieren, aber seine Lippen suchten sofort einen neuen Angriffspunkt. Fordernd küsste und leckte er sich an meinem Hals entlang, wanderte langsam über das Schlüsselbein und verweilte eine Weile auf meiner Brust.
Gerade als ich dachte, er könne mich nicht noch mehr erregen, setzte er seinen Weg weiter fort. Er übersäte meinen Bauch mit unzähligen heißen Küssen und arbeitete sich immer weiter vor. Seine Zunge leckte über den Stoff meiner Retro und er knabberte an der Beule.
Meine Hände gruben sich tief in seine Haare und ich drückte mein Becken etwas nach oben. Er unterbrach seine ‚Tortur’ einen Moment und grinste mich lüstern an.
Dann schob er seine Finger in den Hosenbund und zog meine Retro ein Stück nach unten. Meine Erektion blieb am engen Bund hängen und bog sich ein Stück nach hinten. Doch dann gab der Widerstand nach und mein Ständer ploppte nach vorne.
„Na, wen haben wir denn hier? Du siehst ja lecker aus“, wisperte er.
Seine Zunge leckte gierig am Schaft entlang und plötzlich stülpte sich ein warmes Paar Lippen über die Spitze. Ein undefinierbares Geräusch entfuhr mir, ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Und kurz darauf bahnte sich dieses unbeschreibliche Gefühl an, das Kribbeln im Magen, das lustvolle Ziehen in den Lenden und ich kam zum Höhepunkt. Ich konnte Pierre nicht vorwarnen, aber er bemerkte es rechtzeitig. Allerdings zog er sich nicht zurück, sondern schob seinen Kopf noch weiter nach unten. Mein Körper zitterte unkontrolliert, als die Nachbeben wie eine Welle über mich hereinbrachen.
Pierre löste sich wieder und positionierte seinen Kopf über meinem. Der nächste Kuss war unbeschreiblich zärtlich. Ich schmeckte die letzten Reste meines Höhenflugs. Er griff nach meiner Hand und führte sie in seine eigene Hose. Kaum hatte ich ihn berührt, da ergoss auch er sich in einem warmen Strahl über meine Hand.
Nach ein paar Minuten zärtlichen Kuschelns sah Pierre zur Uhr.
„Oh verdammt, ich werde zu spät kommen. Wann fährt hier der Bus?“
„Ich fahr dich. Los, geh duschen, ich mache uns ein kleines Frühstück. Eine Zahnbürste findest du im Spiegelschrank.“
„Danke, du bist ein Schatz“, lächelte er.
Wir standen auf und ich gab ihm noch seine Klamotten aus der Maschine. Sie waren fast nicht verknittert. Pierre verschwand im Bad und ich kümmerte mich den Kaffee und Toast.
Ich dachte an Pierre und fühlte mich zum ersten Mal seit Jahren wirklich glücklich.
‚Du weißt, dass dir das auf Dauer nicht reicht. Du brauchst den Schmerz, du sehnst dich danach. Du wirst alles wieder zerstören, wie immer, Johnnyboy.’
„Diesmal nicht. Alles wird gut.“
‚Ja, mach dir nur was vor. Wir wissen es beide besser.’
„Was meinst du?“ Pierre stand in der Küchentür und sah mich an.
„Das mit uns, das wird wundervoll.“
„Ja, das glaube ich auch ganz fest.“
‚Oh wie niedlich… du wirst euch beide vernichten.’ Ich ignorierte die zynische Stimme in mir.
Wir kamen gerade noch pünktlich an der Tankstelle an und verabschiedeten uns, nach dem Rufnummerntausch, mit einem Kuss. Dann fuhr ich noch kurz zum Duschen heim und war bald auf dem Weg zur Arbeit.
Pierre
Der Tag an der Tankstelle verging wie im Flug. Ich war durch und durch glücklich. John hatte mich völlig in seinen Bann geschlagen. Bisher war ich noch nie so schnell aufs Ganze gegangen, aber bei ihm fühlte es sich irgendwie richtig an. Vielleicht lag es an seiner Zurückhaltung am Vorabend. Und auch am Morgen. Er war so darauf bedacht, dass ich nichts Unüberlegtes tue – das hatte mich restlos überzeugt.
Kurz vor dem Schichtwechsel war nichts mehr zu tun. Ich stand an der Kasse und durchlebte den heutigen Morgen immer und immer wieder. Das war, unbestritten, der schönste Sex meines Lebens und dabei hatten wir nicht mal miteinander geschlafen. Die Gedanken erregten mich wieder sehr und ich stand mit einem seligen Lächeln herum.
Ich bemerkte auch nicht, dass Karina mittlerweile vor mir stand und mich kritisch begutachtete.
„Die Fünf und eine detaillierte Beschreibung deiner letzten vierundzwanzig Stunden bitte.“
Ich zuckte ertappt zusammen und bemerkte weiterhin nicht, dass Karina vor mir stand.
„Sie haben nicht an der Fünf… oh, hi Kari“, lächelte ich sie verlegen an. Meine Ohren glühten und sie lachte auf.
„Oha, du musst mir wohl nix mehr erzählen, dein Gesicht sagt alles. Aber sei froh, dass ich kein Kunde bin. Also, sag schon, war es schön? Ist er nett?“
„Er hat mich zum Essen eingeladen, in nen total elitären Schuppen, aber das Essen war der Hammer. Dann hat er mich zu sich eingeladen. Ich habe die Schule geschwänzt. Wir haben Mathe gelernt, bis Mitternacht. Und ich habs begriffen. Eigentlich alles ganz leicht. Dann wollte ich heim, aber er bot mir an, ich könne bei ihm schlafen. Und das haben wir auch gemacht, nur geschlafen und geküsst. Es war toll. Und heute Morgen… man, Kari, John ist der Wahnsinn.“
Karina drückte kurz meine Hand. „Es hat dich mächtig erwischt, hmm? Ich freu mich für dich, wurde ja Zeit, dass unser süßer Pierre endlich in feste Hände gerät. Erzählst du mir ein wenig mehr von ihm?“
Ich zögerte etwas. Immerhin wusste Karina eine Menge über mich, so wie Martina auch. Unter anderem auch die Geschichte von damals. Karina war auf den ‚Typen’ auch nicht gut zu sprechen.
„Genau genommen hab ich das schon.“
„Wie meinst du das?“
„Damals… die Sache mit dem Typen, als ich auf der Straße lebte.“
„Deeeeeer war das?“ Ihre Stimme wurde leicht schrill.
„Ja, aber beruhige dich, es ist alles ganz anders. Er wollte sich für damals entschuldigen, nachdem er mich wieder erkannt hatte.“
„Dann war das mit der Nachhilfe nur ein Vorwand? Gerissener Bursche…“
„Ja, es war einer und ich wusste das auch, ich wollte dich nur nicht beunruhigen. Und letztendlich hat er mir ja Nachhilfe gegeben. Er ist ein genialer Lehrer.“
„Und dann hat er dich angegraben und verführt?“ Karina war nicht begeistert.
„Falsch… ich … naja… er hat mich gestern Abend ziemlich ausgebremst. Ich war total benebelt von ihm und wäre ihm fast an die Wäsche gegangen. Aber er hielt das für eine schlechte Idee, solange ich ihn nicht besser kenne. Ich solle mir sicher sein, dass ich das wirklich will.“
„DU bist ihm an die Wäsche? Wow, dass passt ja gar nicht zu dir.“ Das Erstaunen stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Ja, komisch, oder? Aber ich wollte ihn, war mir eigentlich da schon sicher. Kari, ich hab mich total in ihn verknallt.“
„Das sieht man dir auch an. Und wie ging es weiter? Du strahlst dieses ‚Ich hatte Sex’ aus. Hat er dich heute Morgen verführt?“
Ich errötete wieder und sah zu Boden. „Nein. Ich hab ihn heiß gemacht und er hat wieder gefragt, ob ich mir sicher sei. Doch diesmal hab ich mich nicht bremsen lassen. Es war fantastisch.“
„Wow… Pierre, du überraschst mich. Na dann… herzlichen Glückwunsch. Und wann seht ihr euch wieder?“
„Wir haben noch nicht darüber gesprochen.“
„Und was ist, wenn er genau darauf aus war? Wenn er genau das wollte und dich jetzt in den Wind schießt?“
„Kari, was soll das? Wieso sagst du sowas?“
„Weil mir der Typ unheimlich ist. Also alleine wegen diesem Nachhilfe-Vorwand. Er hat mich eiskalt angelogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und ich hab nichts davon bemerkt.“
Der Einwand war berechtigt. Aber sie musste sich einfach täuschen, John war so warmherzig und einfühlsam. Doch da war noch seine andere Seite, diese kalte Ausstrahlung. Die Unsicherheit in mir wuchs und ich bemerkte, dass meine Augen feucht wurden.
„Pierre? Hey, ich wollte dich nicht traurig machen. Ich hab nur so ein komisches Gefühl, dieser John ist mir suspekt.“
Plötzlich klingelte es in meiner Jackentasche. Eine SMS von John. Ich las sie und reichte meiner Kollegin wortlos das Handy.
„Hallo mein süßer Franzose. Ich hätte dich gerne abgeholt, schaffe es aber nicht rechtzeitig aus dem Büro. Ich möchte dich aber wieder sehen. Darf ich dich zur Schule bringen? Dein John.“
Sie reichte mir das Handy. „Okay, ich hab mich vielleicht getäuscht.“
„Ist okay. Ich verstehe dich ja auch, was die Schilderung eures Gesprächs angeht. Es war schon irgendwie merkwürdig. Aber dann… alleine gestern. Er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er scharf auf mich war und am liebsten gleich mit mir geschlafen hätte. Und dann bricht er es ab. Wenn es wirklich das war, was er wollte, hätte er es einfacher haben können. Und ich bin sonst wirklich nicht von der schnellen Sorte.“
„Klingt eigentlich ganz logisch. Okay, ich bin erstmal überzeugt. Aber wenn er dir weh tut, dann kriegt er es mit mir zu tun.“
„Ich denke nicht, dass das nötig sein wird. So, ich brauche einen Moment, er hat meine Adresse noch nicht.“
Schnell tippte ich eine Antwort in das Handy, mit der Adresse und dem Hinweis, er solle bei ‚Schneider und Marais’ klingeln. Meine Mutter hatte, nach der Scheidung, ihren Geburtsnamen angenommen. Ich blieb, zwangsläufig, bei dem Namen meines Vaters, meinem Geburtsnamen.
Ich verabschiedete mich bei Karina, wie üblich mit einem Küsschen links und rechts auf die Wange und begab mich zum Bus.
Meine Mutter war noch nicht daheim und ich machte mir schnell eine Dosensuppe. Nach dem Essen suchte ich meine Unterlagen zusammen. Ich hörte, wie sich ein Schlüssel in die Haustür schob und von außen aufschloss. Meine Mutter kam also heim. Ich wollte ihr natürlich gleich die Neuigkeiten erzählen. Sie wusste ja, dass ich schwul war.
„Pierre? Ich bin daheim und hab dir jemanden mitgebracht, er stand vor der Eingangstür.“
Hinter meiner Mutter schob sich John durch den Eingang.
„Hi Pierre, ich hab dir deine Matheaufgaben mitgebracht, wir können dann auch gleich zur Schule.“ Er wirkte etwas hilflos und sah mich unsicher an. Ich kostete den Moment noch etwas aus und ging dann grinsend auf ihn zu.
„Maman, darf ich dir John vorstellen? Also, das ist John. John, meine Mutter. Du hast sie ja bereits getroffen.“ Er hob fragend eine Augenbraue.
„Na komm, nicht so förmlich. Willst du mich nicht richtig begrüßen?“ Ich packte ihn am Revers und zog ihn zu mir, für einen zärtlichen Begrüßungskuss.
„Maman… John ist… mein Freund?“ Ich sah ihn erwartungsvoll und auch etwas ängstlich an.
Dann löste sich seine Anspannung und er lächelte mich warmherzig an. „Wenn du das möchtest, dann ‚ja’, ich bin dein Freund. Ich hab so gehofft, dass du das willst.“
„Oh, na das ist ja eine Überraschung. Seit wann seid ihr denn zusammen?“
„Seit gestern“, antwortete ich.
Mum baute sich vor John auf und betrachtete ihn von oben bis unten. „Du bist also der Freund meines Jungen.“
John wurde zusehends nervöser, doch dann lachte sie ihn an „Dann sei willkommen. Ich bin Ingrid.“ Sie schaute mir tief in die Augen und wandte sich wieder an meinen Freund. „Er hat wirklich Geschmack. Und du natürlich auch“, sagte sie mit einem Zwinkern.
„Ja, sie haben einen zauberhaften Sohn.“ Er reichte ihr die Hand.
„Das habe ich wirklich. Und, wie ich bereits sagte: mein Name ist Ingrid. Wenn wir uns gut verstehen sollen, dann will ich dieses ‚Sie’ nicht mehr hören, okay?“ Sie funkelte ihn belustig an.
„Okay, damit kann ich leben. Hallo Ingrid.“ John setzte sein strahlendstes Lächeln auf.
„Pierre, jetzt weiß ich wenigstens, von wem du dein fantastisches Aussehen geerbt hast“, sagte er und setzte zu einem formvollendeten Handkuss an. Die Familie Schneider-Marais errötete simultan.
„Oh oh, Pierre Pascal Marais, pass auf, dass dir keiner diesen Charmeur wegschnappt. Manieren hat er auch noch.“
„Maman!“
„Pascal? Der Name ist auch sehr schön!“ John zuckte zusammen, als er mein angesäuertes Gesicht sah.
„Hab ich etwas Falsches gesagt?“ Mein Freund wirkte plötzlich merkwürdig gehetzt. „Pierre, es tut mir leid, was hab ich gemacht?“
Er schien panisch zu werden. „Hey, alles okay, es liegt nicht an dir. Mum, du weißt, dass ich diesen Namen hasse. Es ist SEIN Name. Du sollst mich nicht so nennen. Er wollte mich dir wegnehmen.“
Meine Mutter guckte zerknirscht. „Entschuldige bitte.“
John stand immer noch zur Salzsäule erstarrt. Warum war er nur so ängstlich? Es war doch nicht sein Verschulden. Ich ging zu ihm und umarmte ihn. Seine Anspannung wich allmählich.
„Du bist mir wirklich nicht böse? Ich will dich nicht verlieren.“
Daher wehte also der Wind. Unwillkürlich musste ich an seinen Heulkrampf gestern denken, wegen seiner Eltern. Seine Ängste vor Verlusten waren wirklich tief verankert.
„Hey, deswegen doch nicht. Aber wie hättest du das wissen sollen.“
„Okay, danke.“ Er umarmte mich ganz fest.
Bald darauf machten wir uns auf zur Schule.
John
In den nächsten Tagen und Wochen näherten wir uns immer weiter an. Wir verbrachten jede freie Minute zusammen, besuchten sogar Irene, die sich wahnsinnig für uns freute. Natürlich bemerkte sie auch, dass er mich zum Positiven verändert hatte. Pierre und ich lernten viel zusammen und er verbesserte sich in Mathematik. Wobei das noch untertrieben war, er schrieb die beste Klausur seiner Klasse. Meine innere Stimme war verstummt und ich betrachtete sie als besiegt.
Pierre gab mir alles was ich brauchte. Wir hatten bisher noch nicht richtig miteinander geschlafen, zuvor wollten wir unsere Testergebnisse abwarten. Natürlich hätten wir Kondome nehmen können, aber hier waren wir uns einig: ganz oder gar nicht. Wir wussten uns auch anders zu helfen. Ich verspürte keinen Drang nach Schmerzen mehr. So dachte ich es jedenfalls. Alles schien so perfekt.
Am 22.12. war es dann soweit, der Arzt rief uns an und bestellte uns in die Praxis. Die Ergebnisse waren beide negativ.
Den Abend und den folgenden Samstag verbrachten wir jedoch im Vorbereitungsstress. Am ersten Feiertag waren wir alle, also Pierre, seine Mutter und ich, bei Irene eingeladen. Natürlich waren noch andere Gäste geladen und wir boten uns für die Vorbereitungen an.
Aber der Sonntag, Heiligabend, sollte nur uns gehören. Wir schliefen lange aus und freuten uns auf unser ‚erstes Mal’. Gemeinsam schmückten wir mein Loft und brachten kistenweise weihnachtliche Dekoration an. Pierre flirtete mich den ganzen Tag über heiß an und die Stimmung knisterte.
Ich bestellte noch den Lieferservice, der uns mit leckeren Speisen versorgen sollte.
Die Vorfreude wuchs, ich wollte ihn endlich in mir spüren.
Doch nicht nur die Vorfreude wurde größer. Ein verdrängtes Verlangen meldete sich an. Der Gedanke ihn zu spüren, hart genommen zu werden. Ich kämpfte dagegen an und verschloss diesen Gedanken in der hintersten Ecke meines Gehirns.
Gegen 18 Uhr klingelte es an der Tür.
„Feinkosthaus Wehrling, ich bringe Ihre Bestellung“, tönte es aus der Sprechanlage.
„Gut, bitte in den Aufzug, ich lasse Sie nach oben. Und bitte nur den blauen Knopf drücken, das ist die interne Klingel.“
Kurz darauf ging das Aufzugsignal an und ich gab mein Stockwerk frei. Der Aufzug setzte sich automatisch in Bewegung.
„Guten Abend, Herr Herckenrath. Das macht 126,90 Euro.“
Ich griff nach dem Geldbeutel und zählte, aber es fehlten zehn Euro.
Also griff ich zum nächsten Schein und übergab ihm 200 Euro. „Danke, das stimmt so. Frohe Weihnachten.“
„Also, sie haben mir 200 gegeben.“
„Genau. Ich hab den Schein gesehen. Machen Sie sich einen schönen Abend von dem Trinkgeld.“
„Danke, vielen Dank“, strahlte er. „Ihnen auch Frohe Weihnachten.“
Pierre nahm ihm grinsend die Thermobox aus der Hand und brachte die Speisen an den Esstisch.
„So, hier haben Sie die Kiste zurück, von mir auch Frohe Weihnachten.“
Der Lieferant verschwand wieder im Aufzug.
„Schatz, den hast du ziemlich nervös gemacht mit dem Geld.“ Pierre strahlte über das ganze Gesicht.
„Ich glaube ja eher, dass er dich scharf fand. Du hast dich aber auch sexy angezogen. Dieser ‚Hauch von Nichts’ steht dir.“
„Ah merci, cherie. Du machst misch très verlegön.“
„Die Franzosennummer ist echt scharf, mein lieber Pierre“, lachte ich.
„Oui, isch weiß.“ Er griff nach meiner Hand und führte mich zum Tisch. Dann zündete er einige Kerzen an, löschte das Licht und goss uns die Gläser mit einem leckeren, natürlich französischen, Rotwein voll.
Das Essen war erstklassig. Wir fütterten uns gegenseitig und der Wein lockerte die Stimmung immer mehr. Irgendwann stand er auf und deutete mir ihm zu folgen. Er steuerte schnurstracks auf das Schlafzimmer zu. Ich holte ihn ein und stoppte ihn kurz vor der Tür.
„Nimm mich, hier und jetzt“, hauchte ich ihm ins Ohr. Er grinste und drängte mich gegen die Wand. Seine Küsse wurden immer stürmischer. Unsere Kleidungsstücke fielen zu Boden, eins nach dem anderen. Plötzlich kniete er wieder vor mir und verwöhnte mich mit seinen Lippen.
Dann stand er auf und knabberte an meinem Ohr. Dabei flüsterte er mir heiser ins Ohr.
„Okay, aber vorher möchte ich auch noch deine Lippen spüren.“
Sanft drückte er mich an den Schultern nach unten. Sein steifer Schwanz wedelte vor meiner Nase herum und verströmte seinen herrlichen süßlich-herben Duft.
„Nachtisch“, entfuhr es mir und ich nahm ihn in mir auf. Pierres Knie gaben kurz nach und er stöhnte laut auf.
Nach einer Weile hielt er meinen Kopf fest. „Stopp, Stopp bitte, sonst komme ich.“
Also stand ich auf und wir küssten uns erneut. Nach einer Weile drehte er mich herum und ich beugte mich vor. An der Wand fand ich Halt und er näherte sich langsam. Seine feucht-warme Spitze drängte sich vorsichtig an den empfindlichen Ringmuskel.
„Bereit?“ Seine Stimme war nicht mehr als ein heiseres Keuchen. Als Antwort schob ich ihm mein Becken entgegen und seine Eichel verschwand ein Stückchen in mir. Er verstand das Zeichen sofort.
Ich spürte, wie er wahnsinnig zärtlich und gefühlvoll weiter in mich eindrang.
„Ist alles okay? Bin ich zu schnell?“
Ich lehnte mich weiter gegen die Wand.
„Nein, alles okay, du kannst ruhig noch fester“, stöhnte ich atemlos. Gleichzeitig machte sich wieder dieses andere Verlangen in mir breit.
Pierre steigerte sein Tempo etwas und ich hörte seinen Atem, wie er stoßweise über meinen Nacken strich. Er hielt meine Brust fest mit seinem Arm umklammert und schmiegte sich liebevoll an mich.
‚Los, Johnny, sag ihm was du willst, machen wir uns doch nichts vor, du willst es!’ Die dunkle Stimme in mir wurde immer lauter. Und mein innerer Widerstand zerbrach, ich war machtlos.
„Pierre“, keuchte ich, „bitte dreh meinen Arm auf den Rücken.“
Er hielt inne. „Bist du bescheuert? Was soll das?“
Ich spürte wie er schlagartig in mir erschlaffte und sich aus mir zurückzog.
„Was ist das denn für eine kranke Nummer?“
In mir brach Panik aus, was hatte ich da nur angestellt?
„Es tut mir leid, bitte denk nicht mehr dran. Ich weiß nicht was über mich gekommen ist. Bitte, mach weiter!“
„Nee du, sorry, aber ich habe jetzt echt keine Lust mehr.“
„Pierre, bitte, es kommt nicht wieder vor.“
Er drehte sich wortlos von mir weg und verschwand im Schlafzimmer. Kurz darauf kam er in Jeans und Pulli wieder heraus. Mittlerweile saß ich nackt auf dem Boden, an die Wand gelehnt und heulte. Pierre setzte sich neben mich und legte seinen Arm um mich.
„Sorry, ich kann jetzt wirklich nicht mehr. Ich liebe dich, aber es gibt Grenzen. Der Gedanke dir Schmerzen zu bereiten… bitte, hör auf zu weinen.“
Er griff vorsichtig nach meinem Kinn und sah mir in die Augen. Ich konnte keinen Hass in ihnen erkennen. Er wischte mit dem Daumen die Tränen weg und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen.
„Sei mir nicht böse, aber ich geh zu meiner Mutter, sie arbeitet in der Kneipe, nicht weit von hier. Ich komme aber wieder, okay?“
Ich riss mich von ihm los und sammelte meine Klamotten ein. „Viel Spaß, bis dann.“
„Man John, was ist denn? Ich brauch nur etwas frische Luft. Warum siehst du mich so an? Du machst mir Angst.“
„Denk an den Schlüssel, sonst kommst du nachher nicht rein.“
„Okay, wie du willst. Bis später.“
Pierre sah mich traurig an, schnappte sich Jacke und Schlüssel und verschwand ohne ein weiteres Wort.
‚Johnny, Johnny… hab ich es dir nicht gleich gesagt? Du machst es kaputt. Das ist alles was du kannst. Zerstören, verletzen und nochmals zerstören. Und jetzt sei brav, gib uns was wir brauchen.’
Wie in Trance folgte ich den Anweisungen der Stimme und begab mich ins Bad, direkt unter die Dusche. Gute 50 Grad prasselten auf mich ein und brannten fürchterlich. Genau das, was ich jetzt brauchte. Ich griff nach meinem Schwanz und tat was die Stimme verlangte. Ihr hämisches Lachen begleitete mich.
Pierre
Ich verließ die Wohnung mit einem schlechten Gefühl, aber ich kam einfach nicht an ihn heran. Vielleicht war meine Reaktion etwas überzogen, aber sein Wunsch ging mir wahnsinnig gegen den Strich. Was wollte er damit bezwecken? Aus meinem Selbstverteidigungskurs wusste ich, wie schmerzhaft das sein konnte.
Meine Mutter war natürlich nur ein Vorwand. Zum einen hatte sie jetzt genug in der Kneipe zu tun und darüber reden konnte ich auch nicht. Aber das wäre wohl passiert, da sie immer merkte, wenn etwas mit mir nicht in Ordnung war. Ich lief also nur einige Zeit vor dem Haus auf und ab. Meine innere Unruhe wuchs. Plötzlich musste ich an den Ausraster denken, damals vor der Tankstelle. Irgendwas stimmte nicht mit ihm, auch wenn er sich seit diesem Dienstag im November in keinster Weise auffällig benahm. Er war immer fürsorglich und einfühlsam, trug mich auf Händen.
‚Gut’, dachte ich mir, ‚ ich gehe da jetzt wieder rein und bring ihn dazu, mit mir zu reden. Wir müssen das klären.’
Der Aufzug brachte mich zügig nach oben und ich betrat das Loft. Ich blickte direkt auf die Couch, die nassen Stellen davor und auf John, der nackt, krebsrot und in Embryonalstellung auf ihr lag.
„John!“ Ich rannte zum Sofa und rutschte beinahe noch in einer der Pfützen aus.
„John, hörst du mich?“ Er reagierte nicht. Ich rüttelte an seiner Schulter und erschrak: sein Körper glühte förmlich. Als ich ihn anfasste stöhnte er leise und schmerzvoll auf, rührte sich sonst aber nicht weiter.
Dankbar, dass mein Chef mich regelmäßig zu Ersthelfer-Kursen geschickt hatte, stellte ich fest, dass John stark überhitzt war und vermutlich Verbrühungen hatte. Ich rannte ins Bad und ließ lauwarmes Wasser in die Wanne laufen. Mehr als fünfzehn bis zwanzig Grad sollten es nicht sein. Nebenbei registrierte ich den beschlagenen Spiegel und die Duschkabine.
Was hatte er nur getan? Die Badewanne war mittlerweile ausreichend gefüllt und die Temperatur war okay. Ich flitzte zurück in den Wohnbereich und er lag noch da wie zuvor. Sein Atem war nur noch flacher. Ich bekam langsam Panik und schnappte ihn mir. Er war zwar schlank, dafür aber recht groß und trainiert, also schwerer als er aussah. Ich trug ihn vorsichtig ins Bad und legte ihn in die Wanne. Dann wählte ich 112 und verlangte einen Notarzt.
Quälende zehn Minuten später klingelte es endlich an der Tür. Ich lotste den Arzt nach oben und ging wieder ins Bad.
„Wie ist das passiert?“
„Ich weiß es nicht genau. Wir hatten Streit und ich ging raus. Als ich wiederkam lag er völlig apathisch auf dem Sofa, die Haut gerötet und der Körper fühlte sich heiß an. Hier drinnen waren Dusche und Spiegel völlig beschlagen.“
Der Arzt untersuchte John und ein Sanitäter drehte das Duschwasser auf.
„Knappe 50 Grad, Herr Doktor.“
„Gut. Herr Marais, sie haben alles ganz richtig gemacht. Der Puls ist im Rahmen, die Haut normalisiert sich wieder. Sie nehmen ihn bald besser wieder aus der Wanne heraus. Hat er in den letzten Monaten einen Unfall gehabt oder sich anderweitig verletzt?“
„Davon weiß ich nichts, warum fragen sie?“
„Er hat relativ viele Narben, einige sind erst frisch verheilt, andere schon älter. Sie fallen eigentlich kaum auf. Aber die Häufung ist ungewöhnlich.“
„Ich weiß wirklich nichts. Wir sind erst seit einem guten Monat … zusammen.“
„Verstehe. Dann haben Sie bitte noch ein Auge auf Ihren Freund. Wenn noch etwas sein sollte, hier ist meine Karte. Ich habe noch bis Übermorgen Notfallbereitschaft. Na dann, Frohe Weihnachten.“
„Danke, Frohe Weihnachten.“
Die Truppe rückte ab. John sah tatsächlich schon fast wieder normal aus und ich hob seinen glitschigen Körper mit großer Mühe aus der Wanne. Vorsichtig tupfte ich ihn wieder trocken, falls die Haut doch noch gereizt war. Dann brachte ich ihn ins Bett und kuschelte mich an ihn heran, in der Hoffnung, dass er bald aus seiner Starre erwachen würde und dann meine Nähe spürte.
Langsam kam ich wieder zur Ruhe und merkte, dass mich die Situation mental völlig überforderte. Was war hier nur los? Ich vergrub mein Gesicht in seinen Haaren und schlief irgendwann leise weinend ein.

‚Umpf’. Ein heftiger Schlag in die Rippen weckte mich auf. John wand sich in meinen Armen und schlug um sich.
„Nicht … verlassen … bleib … nicht … bitte … nicht verlassen…“
„John, wach auf, du träumst.“ Ich rüttelte an seiner Schulter und unterdrückte den dumpfen Schmerz in den Rippen. Mit einer weiteren Bewegung stieß er mich zur Seite und ich flog beinahe aus dem Bett. Also kletterte ich auf ihn drauf und fixierte seine Arme mit meinen Oberschenkeln. Noch immer warf er sich hin und her. Mit beiden Händen rüttelte ich an seinen Schultern.
„John, hörst du mich? Wach bitte auf, es ist alles gut, ich bin hier!“
Endlich eine Reaktion. Seine Augenlider zuckten allmählich und er öffnete sie langsam.
John
„Was ist passiert? Wie komme ich hierher?“ Pierre kniete auf mir und sah mich besorgt an.
„Du hattest einen Albtraum. Und was passiert ist, das würde ich auch gerne wissen. Du warst total überhitzt und überall stark gerötet, sah sehr nach heißem Wasser aus. Sehr heißes Wasser.“
‚Shit’ dachte ich. Die Wahrheit konnte ich ihm jetzt bestimmt nicht erzählen.
„Ja… du bist verschwunden und ich wollte duschen, weil ich mich wegen der Sache so schlecht gefühlt hatte. Ich bin in der Dusche ausgerutscht und muss wohl den Hebel verrissen haben. Alles halb so wild, ich bin ja noch herausgekommen.“
„Nicht so wild? Ich dachte du kratzt ab! Du hast mir eine wahnsinns Angst eingejagt. Nicht so wild?“ Seine Stimme wurde leicht hysterisch.
„Es war ein Unfall, nichts weiter. Bitte beruhige dich doch.“
„Nichts weiter, ein Unfall? Man, John, was stimmt nicht mit dir? Erst dieser merkwürdige Wunsch und jetzt das. Nur ein Unfall. Das hätte ganz anders ausgehen können.“
„Ich habe es verbockt… wenn du gehen willst, ich verstehe, wenn du mit mir nicht zusammen sein willst.“ Meine Augen füllten sich mit Tränen. Die Stimme hatte Recht, es war von Anfang klar, dass ich Pierre verlieren würde.
„Sag mal, spinnst du jetzt total? Ich wollte doch nur wissen, was hier passiert ist! Ich mache mir große Sorgen um dich. Aber ich liebe dich und möchte bei dir sein.“ Sein fassungsloser Blick traf mich tief, „oder möchtest du, dass ich dich verlasse?“
„Nein! Natürlich nicht, wie kannst du das nur fragen?“ Ich wollte nach seinen Händen greifen und ihn festhalten, doch mir wurde jetzt erst bewusst, dass er meine Arme mit seinen Schenkeln fest an meinen Körper presste. Gleichzeitig sah ich die leichte Verfärbung auf seiner rechten Brustseite.
„Was ist mit dir passiert?“ Ich deutete mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung seiner Brust an.
„Du hast schlecht geträumt und wild um dich geschlagen. Dein Ellbogen… naja, deshalb…“ Er kletterte wieder von mir herunter und legte sich neben mich. Mit den Fingern tastete ich vorsichtig nach der Rötung und er atmete zischend ein.
„Das tut mir leid, ich wollte dir nicht wehtun.“
Pierre drehte seinen Kopf zu mir und ich bemerkte die Tränen, die an seinen Wangen herunter liefen.
„Ich weiß, John. Aber ich verstehe nicht, warum du von mir möchtest, dass ich dir wehtue.“
„Ich hole dir einen Eisbeutel, warte kurz.“ Ich stand auf und ging in Richtung Küche.
Er nahm den Beutel entgegen und drückte ihn auf die Rippen. Ich beobachtete die feine Gänsehaut, die sich um den Beutel herum langsam ausbreitete. Er schwieg weiterhin und ich wusste, worauf er wartete.
„Es wird nie wieder vorkommen, wirklich. Natürlich möchte ich nicht, dass du mir Schmerzen bereitest. Das heute Abend… es war nicht mehr als ein Kurzschluss. Ich mag es, wenn du so dominant wirst und hatte gedacht es würde den Effekt noch verstärken. Ich wollte mich dir völlig ausliefern. Ich war mir sicher, dass du mir keine Schmerzen zufügen würdest.“
‚Nette Lüge, mein Johnnyboy. Ob er da wohl drauf reinfällt? Du bist eine verdrehte kleine Schlampe und er wird es noch merken.’
„Sicher? Also… dominant… damit kann ich mich vielleicht anfreunden, ich bin auch gerne aktiv. Aber … sowas vertrag ich nicht noch mal.“
„Versprochen, nie mehr.“
‚Er ist verblendeter als gedacht. Fein gemacht, mein lieber Johnny, treibe dein falsches Spiel. Du schaffst das doch nie.’
Ich presste meine Hände gegen den Kopf, diese Stimme, warum verschwand sie nicht einfach?
„Alles okay bei dir?“ Seine freie Hand befühlte meine Stirn.
„Ja, ich habe nur rasende Kopfschmerzen bekommen.“
Und diesmal sagte ich wirklich die reine Wahrheit. Er versorgte mich mit Schmerztabletten und kuschelte sich an mich. Bald schliefen wir wieder ein.
Pierre
Das Telefon schrillte vor sich hin und weckte mich auf. John lag nicht mehr neben mir und der Radiowecker zeigte 9:23 Uhr an. Schwerfällig rappelte ich mich hoch und begab mich auf die Suche nach meinem Freund.
In der Zwischenzeit sprang der Anrufbeantworter an.
‚Hallo, dies ist der Anschluss von John Herckenrath und Pierre Marais. Im Moment können wir leider nicht ans Telefon gehen, aber bitte hinterlasst uns eine Nachricht, nach dem Piep.’
Ich musste schmunzeln, er hatte tatsächlich die Ansage geändert und es damit offiziell gemacht.
‚Hallo ihr zwei, hier ist Irene. Wenn ihr nachher kommt, dann bringt bitte noch Zucker mit. Zwei Pfund dürften reichen. Mir ist alles beim Backen draufgegangen und ich hab es erst eben bemerkt, als ich den Punsch machen wollte. Also, bis später.’
John war nirgends zu finden und ich machte mir sofort wieder Sorgen.
Zurück im Schlafzimmer griff ich nach dem Pullover neben dem Bett und ein Zettel fiel herunter.
„Guten Morgen, Du Langschläfer. Wenn Du mich suchst, ich bin im Keller. Ich liebe Dich, Kuss, John“
Krafttraining hörte sich verlockend an. Ich schlüpfte in meine Sportklamotten, schnappte mir eine Flasche mit Saftschorle und zwei Gläser und fuhr mit dem Aufzug nach unten.
John lag auf der Hantelbank und stemmte ein paar Gewichte. Er trug nichts außer der engen Trainingshose und bemerkte mich nicht. Ich beobachtete ihn und das Spiel seiner Muskeln, wie sie sich unter der Haut bewegten. Sein Körper glänzte verführerisch unter dem Deckenlicht.
Er legte die Hantel zurück in die Halterung, winkelte die Beine an und machte ein paar Bauchmuskelübungen. Dieses Schauspiel machte mich schon ziemlich an und ich stellte meine Mitbringsel auf dem Boden ab. Das leise Klirren erregte seine Aufmerksamkeit.
„Hey Pierre!“ er strahlte mich an.
„Hi“, krächzte ich heiser vor Erregung. Ich lief langsam auf ihn zu und er verfolgte jeden meiner Schritte mit seinen Augen. Neben ihm angekommen, legte ich meinen Finger auf seinen Bauch, fuhr die Linien seiner Muskeln entlang, immer höher über die Brust und endete schließlich an seinem Mund.
Ich atmete tief den Duft seines Schweißes ein und mein Finger fuhr die Konturen seiner Lippen nach. Dann kletterte ich mit einem Bein über die Bank und hockte mich breitbeinig auf seinen Schoß. Er wollte es etwas dominanter? So sollte er es haben.
Ich beugte mich vor und neckte seine Lippen mit meiner Zunge. Er wollte sofort zum Kuss übergehen, aber ich zog mich ein Stück zurück. Das Spielchen wiederholte ich einige Male und ich spürte seine steinharte Erregung unter meinem Po wachsen.
Seine Hände fuhren über meinen Rücken und ich richtete mich leicht auf, führte seine beiden Arme hinter seinen Kopf und drückte sie ganz leicht auf die Bank. Allein der symbolische Charakter meiner Handlungen ließ ihn laut aufstöhnen. Erst jetzt gab ich ihm den Kuss, nach dem er so sehr verlangte.
Zugegeben, die Nummer gefiel mir bisher auch und schärfte mich total an.
„Dreh dich um“, flüsterte ich ihm ins Ohr und ich stand auf.
Er reagierte ohne zu zögern. Ich befreite ihn von seiner Sporthose und er ließ sofort jeweils ein Bein auf jeder Bankseite hinunter.
Wortlos entledigte ich mich meiner eigenen Hose und vollendete den gestrigen Abend.
Wir lagen danach noch eine Weile auf der Bank, bis ich mich aus ihm zurückzog. Er lächelte mich dankbar an.
„Das war Wahnsinn. Danke.“
„Mir hat es auch sehr gefallen. Mit der Rolle kann ich tatsächlich leben. Heute Nacht war ich mir noch nicht ganz sicher, aber jetzt… dein Vertrauen zu mir …“, ich stockte kurz, „war irgendwie ziemlich geil.“
Er nickte lachend und kurz darauf zogen wir uns an. Dann reinigten wir noch die Hantelbank, die John völlig eingesaut hatte. Er hatte wirklich nicht gerade wenig auf die Bank gespritzt, und das ohne zusätzliche Stimulation.
Wir leerten durstig die Flasche mit Saftschorle und gingen zurück ins Loft, direkt unter die Dusche. Dort bedankte er sich nochmals bei mir, mit seinem begnadeten Lippenspiel. Er ließ mich aber nach dem erneuten Höhepunkt nicht frei und machte weiter. Aber nur so lange, bis er sicher war, dass ich entspannt genug für eine Revanche war. Er drehte mich vorsichtig herum und liebte mich zärtlich von Hinten.
Als wir die Dusche verließen, waren meine Knie butterweich und John stützte mich ab.
„Das war so ziemlich der absolut schärfste Start in den Tag.“
John grinste. „Ich hätte nichts gegen häufigere Wiederholungen.“
Die Wiederholungen mussten allerdings erstmal warten, es stand ja noch die Feier bei Irene an. Auf dem Hinweg besorgten wir noch zwei Packungen Zucker bei Martina, die heute Tankstellendienst hatte. Sie begrüßte mich herzlich und warf John einen grimmigen Blick zu. Sie konnte ihn, sehr zu meinem Leidwesen, überhaupt nicht leiden. Zumindest Karina hatte sich an ihn gewöhnt.
Die Weihnachtsfeier selbst verlief etwas steif. John fühlte sich den Tag über zusehends unwohler und wirkte sehr abwesend.
„Was ist los mit dir?“ John reagierte erst, als ich ihn dezent anstieß.
Seine Augen schienen von einer weiten Reise zurückzukommen. „Nichts, mach dir keine Sorgen. Ich habe nur wieder Kopfschmerzen.“
„Willst du heim?“
Er nickte fast unmerklich. „Ja, aber lass uns noch ein wenig spazieren, ich brauche frische Luft.“
„Okay, ich sage Irene bescheid.“
Sie hatte natürlich Verständnis dafür, auch wenn sie den frühen Aufbruch bedauerte.
John lief weiterhin abwesend neben mir her, bis zum nahe gelegenen Park. Schneeflocken fielen unentwegt auf unsere Mäntel und bedeckten den Weg vor uns. Eine einzelne Person lief uns im Park entgegen und blieb plötzlich stehen.
„John? Lange nicht mehr gesehen“, meinte der Unbekannte.
„Hi Frank… ja, seit meinem Geburtstag nicht mehr. Und darf ich dir meinen Freund vorstellen? Frank, der Mann an meiner Seite ist Pierre. Pierre, das ist Frank, ein Trainingspartner vom Boxen.“
Frank hielt mir die Hand hin. „Hi Pierre. Boxpartner und ein ehemals guter Freund von John, dachte ich zumindest einmal.“
„Das gehört hier nicht her“, zischte John.
„Ja, da hast du durchaus Recht. Ich muss eh weiter. Viel Spaß noch und viel Glück, Pierre.“
Frank lief weiter und ließ mich völlig verdattert zurück. Viel Glück?
„Was meinte er damit?“
„Vergiss ihn einfach… sein Gerede brauchen wir nicht, er will sich nur rächen. Komm!“
„Wofür denn rächen? Was war zwischen euch los?“
„Das geht dich nichts an, jetzt komm.“ Unsanft griff er meinen Unterarm und zerrte mich hinter sich her.
„Stopp!“ Langsam wurde ich wirklich sauer und riss mich von seinem schmerzhaften Klammergriff los. „Was zur Hölle ist in dich gefahren?“
Seine Stimmung wechselte blitzartig und er sah mich flehend an. „Ich… bitte, sei nicht böse, aber lass uns nicht mehr über ihn reden. Es führt zu nichts. Pierre, schau mich bitte nicht so sauer an. Es tut mir leid.“
Mir platzte der Kragen. Diese wechselhaften Stimmungen der letzten Tage schlugen mir mächtig auf den Magen.
„Nein. Ich habe zwar wirklich keine Lust mich ausgerechnet Weihnachten mit dir zu streiten, aber ich versteh dich einfach nicht? Du hast mir gerade ziemlich wehgetan. Und was habe ich dir getan, dass du mich so anranzt? Ich nehme mir jetzt ein Taxi und fahre nach Hause. Zu meiner Mutter. Alleine.“
„Bitte tu mir das jetzt nicht an, ich brauche dich, Pierre.“ Er brach, wie so oft, in Tränen aus.
Doch diesmal brachte es nichts, mittlerweile war ich sauer.
„Ich tue dir was an? Und was machst du hier?“ Der Kloß in meinem Hals wuchs und ich stand selber kurz vor einer Heulattacke.
„Ruf mich an, wenn du wieder normal bist, John. Und wenn du endlich mal mit mir reden willst.“
An der nächsten Hauptstraße fand ich ein Taxi und fuhr heim. Meine Mutter war noch arbeiten und ich weinte mich in den Schlaf.
John
Er ließ mich einfach allein. Und es war meine Schuld.
‚Er hasst dich. Du verdienst ihn nicht, verstehst du das langsam? Er ist viel zu gut für dich.’
‚Ich kann mich ändern, kann ihm ein guter Freund sein.’
‚Ja ja… wie oft willst du dir das denn noch sagen? Johnnyboy, du hast es verschissen. Er will dich nicht mehr!’
‚Du lügst, wir kriegen das hin.’
Die Stimme in meinem Kopf lachte nur.
‚Lach mich nicht aus, verschwinde du Bastard!’
‚Du verkommene kleine Schlampe. Du wirst alles verlieren. Es ist eh zu spät, warum holst du dir nicht das, was du wirklich brauchst?’
‚Er würde es nicht tun…’
‚Wer spricht denn von ihm?’
War es wirklich vorbei? Langsam lief ich zu Irene zurück und holte meinen Wagen. Mein Kopf fühlte sich so furchtbar leer an und ein inneres Gefühl lenkte mich durch die Stadt. Ich parkte in einer Seitenstraße und bewegte mich durch die leeren Gassen.
Vor einer eisernen Tür blieb ich stehen. Sie führte direkt in ein privat geführtes Etablissement, unter Insidern auch als ‚Joyful Pain’ bekannt, ein Underground SM Club.
Der Barbereich war in zwei Segmente unterteilt, die jeweils durch ein Symbol gekennzeichnet waren. Auf der einen Seite prangte ein Hammer und ich ließ mich in der anderen nieder, durch einen Ambos markiert. Eine ganz einfache Bildsprache: Hammer schlägt Ambos.
Es dauerte nicht lange, und ein grobschlächtiger Mittvierziger befahl mir mitzukommen. Bald darauf ergab ich mich seinem Ledergürtel und den wohltuenden Schlägen auf meine nackte Kehrseite, bis er mich hart und erbarmungslos nahm.
‚Ja John, du kleine dreckige Hure, jetzt bekommst du was du verdienst.’ Meine innere Stimme war zufrieden.

Einige Stunden später wankte ich in mein Loft und stieg in das kalte Wasser in der Badewanne. Das kühle Nass linderte den Schmerz meines geschundenen Körpers. Danach versorgte ich die roten Striemen mit einer Heilsalbe und legte mich ins Bett. Aber ich bekam kein Auge zu. Das quälende Wissen, dass ich Pierre betrogen hatte, nagte an mir.
Irgendwann übermannte mich dann doch der Schlaf.
Als ich die Augen wieder öffnete, war es bereits nach 18 Uhr, der letzte Weihnachtstag stand kurz vor seinem Ende. Von Pierre war keine Spur zu sehen. Aber das konnte auch nicht sein, wir hatten am Vortag nur einen Schlüssel dabei und den trug ich.
Die Schmerzen im Gesäß waren fast vollständig verschwunden, was mich nach den wenigen Stunden etwas wunderte. Auf dem Anrufbeantworter blinkte eine Nachricht.
„Nachricht eins: 27.12.2006, 15:33 Uhr: John, melde dich bitte. Es tut mir leid, ich hätte dich nicht alleine lassen dürfen. Ich habe gestern den ganzen Tag auf eine Nachricht gewartet und halte es ohne dich nicht mehr aus. Ich war heute bei dir, hatte aber keinen Schlüssel und du warst nicht da. Ist alles okay? Du fehlst mir.“
Seine Stimme klang verheult und es tat mir furchtbar leid. Was hatte ich nur getan. Und dann das Datum… ich hatte den gesamten Feiertag verschlafen. Das erklärte natürlich auch die gute Heilung.
‚Wie willst du ihm jetzt noch in die Augen sehen?’
‚Er darf es nicht erfahren. Niemals.’
‚Ach Johnny, das war uns doch beiden klar. Aber wie wirst DU damit fertig. Wir fühlen es doch, deine quälenden Gewissensbisse. Und wir wissen auch, dass es nur einen Weg dagegen gibt. Du wirst ihm weiter wehtun, in weiter betrügen.’
‚Bitte… sei still … ich will das nicht hören.’
‚Ich soll schweigen? Dass ich nicht lache, es ändert nichts an der Tatsache. Er wird leiden, nur deinetwegen. Immer und immer wieder. Du verlierst ihn, zerstörst ihn, wie alles andere auch.’
„Nein, mein Freund. Ich suche mir professionelle Hilfe und werde dich vernichten! Du machst mir das Leben schon lang genug zur Hölle.“
‚Das wagst du nicht!’
„Und ob. Ich tue es für ihn und mich.“
Erwin hatte mir damals, kurz vor seinem Tod, eine Karte gegeben, von einem Spezialisten. Eigentlich wollte ich sie wegwerfen, aber behielt sie dann, als Erinnerung an ihn. Er hatte Recht, die ganze zeit über. Ich hoffte nun, dass es noch nicht zu spät war.
Da ich nicht davon ausging, dass Doktor Reinhardt heute arbeitete, wählte ich direkt die angegebene Handynummer. Nach einem kurzen Tuten meldete sich auch jemand.
„Reinhardt.“
„Hallo Doktor Reinhardt, mein Name ist John Herckenrath. Erwin Zinner hat Sie mir empfohlen.“
Ich schilderte ihm meine Situation und ließ, sehr zu meiner Überraschung, kein Detail aus. Die nächste Überraschung folgte sofort, er wollte mich gleich morgen in seiner Praxis sehen. Wir machten 13 Uhr aus.
Dann rief ich sofort bei Pierre an.
„John! Wo hast du gesteckt? Ich war ganz krank vor Sorge“, antwortete er gleich nach dem ersten Klingeln.
„Ja… ich habe mich dumm verhalten.“ Jetzt war guter Rat teuer, wie erklärte ich diesen Vorfall am Besten? „Ich habe mich nach deinem Weggang ziemlich betrunken und gestern durchgeschlafen. Es tut mir leid.“ Wirklich Leid tat mir hauptsächlich diese Lüge. Ich wusste, dass es falsch war, aber die Wahrheit hätte jetzt restlos alles zerstört.
„Ist denn wieder alles okay mit dir? Soll ich vorbeikommen? Du fehlst mir, John. Ich hätte nicht gehen dürfen.“
Vorbeikommen… ich hielt es für eine schlechte Idee, aber es war wichtig. Zur Not hätte ich mir etwas einfallen lassen müssen.
„Okay. Ich glaube wir sollten uns wirklich unterhalten. Du hast ein Recht darauf. Und Pierre, ich verstehe dich, es war okay. Mein Verhalten, dir gegenüber, war schrecklich.“
„Ich bin sofort bei dir, gib mir vierzig Minut…“, ich hörte hektisches Getuschel im Hintergrund, „zwanzig Minuten, Maman fährt mich.“
„Gut, bis gleich.“
Ich nutzte die verbleibende Zeit für eine kurze Dusche und natürlich begutachtete ich meine Kehrseite. Die Striemen waren leider immer noch recht deutlich sichtbar. Ich zog mich an und hoffte auf das Beste.
Pierre war pünktlich da und brachte, zu meiner Überraschung, seine Mutter mit hoch. Ingrid sah mich auch gleich sehr kritisch an.
„Du siehst schlecht aus“, meinte sie.
„Es ging auch schon mal besser“, antwortete ich.
„Pierre ging es auch schon besser. Er hat die ganze Zeit auf deinen Anruf gewartet, er hätte das Telefon mit seinem Leben verteidigt, falls nötig.“
Pierre stand einfach nur schweigend da und guckte zerknirscht.
„Pierre, Ingrid, es tut mir alles wirklich Leid. Aber ich würde das lieber mit Pierre alleine besprechen, wenn du gestattest. Es gibt da zwei, oder drei Dinge, die er wissen sollte.“
Ingrid sah ihren Sohn eindringlich an und er nickte stumm.
„Okay, ich warte im Auto.“
„Maman, bitte fahre nach Hause. Ich schaffe das schon.“
Sie beugte sich dem flehenden Blick. „Nun gut. Wenn etwas ist, dann melde dich.“
Ein letzter, wortlos-giftiger Blick traf mich und sie ging.
„Das hab ich wohl verdient.“
„Ja, hast du auch. Ich hatte echt Angst, dir wäre etwas passiert. Und du pennst hier in aller Ruhe deinen Rausch aus. Wie hättest du dich denn gefühlt, wenn es andersrum gewesen wäre?“
„Ich wäre vor Angst um dich tausend Tode gestorben“, gab ich bedrückt zu.
„Und glaubst du, es war bei mir anders?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Gut. Dann erzähl mir endlich was da los war!“
„Frank und ich … da war mal etwas. Aber glaub mir, es war vor deiner Zeit, aber auch nicht sehr lange davor. Doch es gab gewisse Differenzen. Und jetzt… Pierre, das ist alles etwas kompliziert und ich werde dir irgendwann vielleicht alles darüber erzählen können. Aber ich bin noch nicht so weit.“ Irgendwann würde er die ganze Wahrheit erfahren, aber erst musste ich diese Dämonen in mir besiegen.
Er verstand meine Worte allerdings völlig falsch. „Liebst du ihn?“
„Pierre, oh Gott, nein! Das ist es nicht. Ich liebe nur dich!“
„Und warum hast du mich bis jetzt noch nicht geküsst?“ Sein niedlich-schüchternes Lächeln nahm vorerst die gesamte Anspannung von uns und ich küsste ihn.
Dann passierte etwas, dass ich insgeheim befürchtet hatte: Pierre wollte mehr. Und so schwer es mir auch fiel, ich musste ihn bremsen.
„Was ist los John? Geht es dir nicht gut?“
Und wieder musste ich zu einer Lüge greifen. „Du weißt, ich war betrunken und es war wohl rutschig. Ich hatte wohl einen kleinen Unfall mit dem Gehsteig. Mein Hintern tut mir weh.“
„Leg dich auf die Couch, aber auf den Bauch bitte.“ Pierre verschwand im Bad und kehrte mit Salbe gegen Sportverletzungen zurück.
„Los, hinlegen, ich schau mir das mal an.“ Sein Ton wurde etwas herrischer und es gefiel mir. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass meine Notlüge seinem Auge standhielt.
„Oh man, wie hast du das denn hinbekommen. Das sind ja lauter Striemen, fast wie abgeschürft.“
„Ist vielleicht beim Pinkeln passiert. Ich weiß es ja nicht genau, habe einen totalen Filmriss.“
„Das sieht nicht besonders toll aus. Hoffentlich brennt die Salbe nicht, die ist gut bei Prellungen, aber nicht optimal bei Abschürfungen.“
Natürlich brannte die Salbe und die, leider, logische Konsequenz folgte sofort.
„Pierre, bitte schlaf mit mir.“
„Bist du etwa auch auf den Kopf gefallen? Ich denke ja nicht daran, solange du verletzt bist.“
Damit war das Thema für ihn beendet und ich fügte mich seinem Wunsch. Ich konnte mir nicht helfen, aber sein Blick auf meine Rückseite wirkte misstrauisch.
Der Rest des Tages verlief relativ ruhig. Wir sprachen nicht sehr viel, aber Pierre fand bald zu seiner Vertrautheit zurück und zu seinem Kuschelbedürfnis. So schliefen wir zwar nicht miteinander, aber er hielt mich die ganze Nacht über fest in seinen Armen. Ich selber schlief kaum und dachte an den bevorstehenden Termin bei Doc Reinhardt. All meine Hoffnungen ruhten auf diesem Mann. Ein normales Leben, das war alles was ich mir wünschte.
Der erste Termin verlief vielversprechend. Doktor Reinhardt war mir auf Anhieb sympathisch und er gewann mein Vertrauen. Er war der erste Mensch, der über all meine Abgründe Bescheid wusste und mir jederzeit das Gefühl gab, ein vollwertiger Mensch zu sein.
Er verschrieb mir vorübergehend Medikamente, um meine emotionale Lage zu stabilisieren und mein Zustand besserte sich Tag für Tag, Woche für Woche. Auch Pierre bemerkte die Veränderungen und unsere Beziehung vertiefte sich zusehends. Ich hatte keine weiteren Rückfälle und das ‚Joyful Pain’ gehörte seit Weihnachten der Vergangenheit an.
Ich glaubte mittlerweile fest daran, dass ich in Zukunft ein normales Leben führen könnte.
Nach vielen Einzelgesprächen wollte Dr. Reinhardt langsam tiefer in meine Psyche vordringen und nach ein paar Sitzungen, es war am vierzehnten Februar, stießen wir auf erbitterten Widerstand. Meine ‚dunkle Seite’ hielt sich lange versteckt und an diesem Tag riefen wir sie für kurze Zeit an die Oberfläche. Mein Kartenhaus zerbrach in diesem Moment. Mein Arzt versicherte mir, dass dies nur ein kleiner Rückschlag sei, wir müssten uns intensiver um meine verborgenen Ängste und Sorgen kümmern, doch ich, für meinen Teil, hatte wieder versagt.
Er gab mir einen neuen Termin für den Folgetag, nach seiner normalen Sprechzeit und ich ging zurück zur Arbeit.
Pierre
Diese seltsamen Striemen, irgendwie glaubte ich ihm kein Wort. Er wusste, was da wirklich passiert war. Und irgendwann würde er reinen Tisch machen. Ich war mir nur nicht mehr sicher, ob ich das alles wirklich erfahren wollte. Mein Gefühl bei der Sache war unschön.
„Pierre, bitte schlaf mit mir.“
Sollte das jetzt ein mieser Scherz sein? Sein Verhalten verunsicherte mich ungemein und ich ging automatisch wieder etwas auf Distanz.
„Bist du etwa auch auf den Kopf gefallen? Ich denke ja nicht daran, solange du verletzt bist.“ Ich versuchte möglichst locker zu klingen.
Den Rest des Tages schwiegen wir, weitestgehend. John wirkte ziemlich verloren und warf mir mehrmals ängstliche Blicke zu. Ich hielt diese Distanz selber nicht mehr aus und gab dem Bedürfnis, mich an ihn zu kuscheln, schließlich nach. Das vertraute Gefühl kehrte langsam zurück und später dann, im Bett, klammerte ich mich förmlich an ihn. Er hatte mir so gefehlt und ich konnte in der Nacht zuvor nicht richtig einschlafen. In seinen Armen löste sich all dieser Druck und ich fiel in einen tiefen Schlaf.
Am nächsten Tag wachte ich erst nach Mittag auf. John war nicht mehr in der Wohnung. Auf dem Tisch standen frische Blumen und ein Zettel lag daneben.
„Hallo Pierre,
bitte mach Dir keine Sorgen, ich bin bald wieder da.
Alles wird gut, bitte vertrau mir, ich liebe Dich!
Dein John“
Die Sorge war dennoch sofort wieder da, aber als er eine Stunde später wieder zurückkam, da strahlte er mich zuversichtlich an.
„Man, wo warst du?“
Er deutete auf seinen Hintern. „Ich war bei einem Doktor. Alles wird wieder gut.“
In den nächsten Tagen und Wochen wurde es immer besser. Er kam meist fröhlich von der Arbeit nach Hause, wir unternahmen viel und seine düsteren Stimmungen wurden immer weniger.
Sogar Martina schloss mit ihm einen Waffenstillstand und meine Mutter näherte sich ihm schon nach kurzer Zeit wieder an.
Auch beim Sex war er völlig verändert, er gefiel sich öfters in der aktiven Rolle und forderte nicht mehr meine dominante Seite. Das freute mich dann sehr, ich liebte den romantischen Kuschelsex.
Meine Stimmung wirkte sich auch in der Abendschule aus, das Lernen fiel mir zusehends leichter und mein Notenschnitt verbesserte sich rapide.
Ich empfand unser Glück als perfekt und ich wollte es noch perfekter machen.
Am Valentinstag fuhr ich wie üblich zur Arbeit. In der Mittagspause brachte mich mein Chef in die Stadt zu einem Juwelier, wo ich zwei Ringe hatte gravieren lassen.
Dann telefonierte ich mir die Finger wund, um einen Tisch in einem romantischen Restaurant meiner Preisklasse reservieren zu lassen. Nach einigen Versuchen hatte ich dann Glück.
„Sehr schön. 18 Uhr ist perfekt. Ja, bis dann.“ Der Tisch war reserviert. Ich freute mich wie ein Schneekönig, ein Valentins-Candlelight-Dinner mit John und allem drum und dran.
Stolz begutachtete ich die zwei silbernen Ringe, die ich mir hart erspart hatte. Heute würde ich ihn fragen, ob er sein Leben mit mir ganz offiziell verbringen wolle.
Mein Chef löste mich auch zeitig ab, damit ich John nach Feierabend am Büro überraschen konnte. Ich musste ja noch heim und mich in Schale werfen.
Mit dem Wagen meiner Mutter bewaffnet, traf ich pünktlich 45 Minuten vor seinem Feierabend ein. Ich wollte gerade aussteigen und ihn besuchen, als er plötzlich aus dem Gebäude trat und sich geradewegs zu seinem Auto begab.
„Na, das passt ja nun überhaupt nicht“, lachte ich und beschloss, ihm heimlich zu folgen.
Aber er fuhr nicht nach Hause, sondern in eine ziemlich heruntergekommene Ecke, nicht weit vom städtischen Rotlichtmilieu. Mir wurde etwas flau im Magen, die Sache gefiel mir nicht.
Er durchquerte einige schmale Gassen und parkte schließlich in einer schmalen Einfahrt. Ich hielt in einem ausreichenden Abstand an und beobachtete ihn, wie er auf ein schmutziges Haus zusteuerte.
Er verschwand tatsächlich in diesem seltsamen Gebäude. Das flaue Gefühl hatte sich mittlerweile in echte Magenschmerzen verwandelt. Ich verließ mein Auto und steuerte das Haus an. Nervös wanderte ich einige Minuten vor der Tür auf und ab. Der äußere Eindruck war schrecklich, es wirkte wie ein schmieriger Hinterhofpuff. Entschlossen stieß ich die Tür auf und folgte der Treppe nach unten, direkt ins Gewölbe.
Der Laden war fast leer. Außer dem Wirt schien sich keiner im Hauptraum aufzuhalten. Furchterregende Gegenstände hingen zur Dekoration an den Wänden. Darunter Seile, Handschellen, diverse Ledermasken und auch Peitschen.
Vielleicht war John ja nur auf der Toilette. Ich setzte mich auf eine der Bänke auf der rechten Seite. Ein großer Schmiedehammer zierte diese Reihe. Die andere Seite war mir zu hell, da hätte ich mich wie auf dem Präsentierteller gefühlt. Der Wirt kam grinsend auf mich zu.
„Tja, schlechter Tag heute, es ist ruhig. Aber vielleicht lässt Harry dich ja an seinen Jungen ran. Der Kleine kann nie genug bekommen.“ Dieser Satz ließ mich innerlich gefrieren.
„Ist sonst niemand hier?“
„Nein, die zwei sind alleine. Da durch die Tür. Kannst ja erstmal zugucken, vielleicht sagt dir der Kleine ja auch nicht zu, ist so ein hübscher Yuppiebengel.“
Das konnte doch nur John sein. Ich ging zügig auf die angedeutete Tür zu und trat hindurch. Nach ein paar Schritten um die Ecke hörte ich merkwürdig klatschende Geräusche. Hinter einem Torbogen sah ich einen älteren Kerl im Lederanzug, der seinen Gürtel auf ein sehr bekanntes Hinterteil sausen ließ. Völlig geschockt beobachtete ich die Szene, unfähig mich zu rühren. Bis dieser hässliche Typ plötzlich seine Hose fallen ließ. Er spuckte sich in die Hände und rieb sein Teil damit ein. Dann drang er ruckartig in meinen … Freund ein.
In diesem Moment zerriss etwas in mir. Ich griff nach der Schachtel mit den Ringen und schleuderte sie in diesen abscheulichen Raum.
„Fröhlichen Valentinstag, John.“
Mehr konnte ich nicht sagen, die Stimme versagte. Die Tränen schossen mir in die Augen und ich rannte aus dem Keller, raus aus dem Laden und immer weiter. Ich hörte ihn noch meinen Namen schreien, bevor ich den Laden verließ. Mein Herz brannte und verursachte einen völlig ungekannten Schmerz.
Ich schaffte es irgendwie nach Hause. Meine Mutter war noch nicht daheim. Ich rannte in mein Zimmer, schloss die Tür und lehnte mich mit dem Rücken dagegen, während ich langsam zu Boden sank.
Nach einer Weile hörte ich, wie die Haustüre ins Schloss fiel. Für meine Mutter war es allerdings noch zu früh. Es konnte nur John sein. Und plötzlich klopfte es an meiner Tür.
„Pierre, bist du da drin? Bitte, lass uns reden.“
„Verschwinde.“
„Pierre, bitte… ich habe das alles nie gewollt. Lass es mich bitte erklären.“ Der flehende Ton in seiner Stimme bereitete mir schon körperliche Schmerzen und steigerte meine Wut. Ich sprang auf und öffnete ruckartig die Tür.
„John, was bin ich eigentlich für dich? Ein Kuscheltier, das du bei Bedarf zum Spielen aus der Kiste holst, bevor du dich mit einem Gürtel vermöbeln lässt? Und diese Striemen damals, sie sahen aus wie vorhin. Du warst öfter in diesem Club. Hingefallen, pah, dass ich nicht lache. Du hintergehst mich seit Wochen und spielst ein unmenschliches Spiel mit mir.“
„Nein, Pierre, ich liebe dich, wirklich! Ich mache doch schon eine Therapie, will das in den Griff kriegen. Ich wollte dich nie anlügen, aber ich hatte Angst dich zu verlieren.“
„Bitte geh. Lass mich in Ruhe. Ich muss erstmal über uns nachdenken.“
„Bitte, schick mich nicht fort, ich brauche dich doch!“
„Du lässt dich von irgendwelchen Kerlen brutal ficken, verarschst mich seit Wochen, lügst wegen deiner Verletzungen. John, wenn ich es bin, den du angeblich brauchst, warum ziehst du so eine gottverdammte Scheiße mit mir ab?“ Ich schrie ihm die Worte ins Gesicht. Er hatte mich verletzt und gedemütigt, wie noch kein Mensch zuvor.
„Bitte…“
„Raaaaaaauuuuuus hier!“
John brach in Tränen aus.
„Leb wohl“, schluchzte er und rannte die Treppen herunter.
„Leb wohl?“, flüsterte ich.
Ich wollte doch nur Zeit, um damit fertig zu werden. Verdammt ich liebte ihn doch, trotz allem.
Ich rannte hinterher und sah ihn in seinem Wagen. Plötzlich heulte sein Motor auf und das Fahrzeug katapultierte sich auf die Straße. Innerhalb von Sekunden beschleunigte das Auto auf eine irrwitzige Geschwindigkeit.
„Jooooohn, pass auf! Das Stoppschild!“ Ich schrie aus Leibeskräften, aber natürlich hörte er mich nicht. Scheinwerferlicht näherte sich von Rechts, kurz bevor er die Kreuzung erreichte. Ich hörte das laute Brummen eines großen Fahrzeugs. John hielt weiter auf die Kreuzung zu.
Ein Lkw schoss über die Kreuzung und ich hörte nur noch das schrille Heulen seiner Bremse, einen lauten Knall, das Kreischen von Metal und das Zerbersten von Glas. Die Trümmer von Johns Fahrzeug fegten über die Straße und kamen an der nächsten Hauswand zum stehen.
Wie in Trance folgte ich der Straße und blieb ein paar Meter vor seinem Auto stehen. Durch die zerstörten Scheiben sah ich seinen leblosen Körper im Auto. Meine Beine gaben nach und ich verlor mich in einer gnädigen Ohnmacht.
John
Das war es also, ich hatte alles zerstört, wie immer.
„Bitte…“ Ich wollte ihn um eine letzte Chance anflehen, doch er schnitt mit das Wort ab.
„Raaaaaaauuuuuus hier!“
Die Dämme brachen und die Tränen verschleierten alles. Das war es dann also.
„Leb wohl“ Meine Stimme versagte und verkümmerte zu einem heiseren Flüstern. ‚Ich werde dich immer lieben’, setzte ich in Gedanken nach. Dann floh ich aus seiner Wohnung, stürmte zum Auto und gab Gas. Die Tränen brannten in den Augen und ich schloss sie für einen Moment.
‚Du wolltest ja nicht hören, Johnnyboy. Es war von Anfang an vergebens.’
‚Er bedeutet mir alles!’
‚Das hast du ihm sauber bewiesen, du Flasche. Alles was du anfasst geht zu Grunde.’
‚Ich schaffe es nicht ohne ihn.’
‚Du brauchst ihn nicht. Du hast doch mich!’
Ich öffnete die Augen und alles ging ganz schnell. Ich raste auf ein Stoppschild zu und von Rechts näherte sich ein Lkw. Ich trat sofort auf die Bremse, aber es war zu spät.
‚Oh Johnny was hast du nur getan. Aber freu dich, du bist mich los.’
„Ich werde dich nie vergessen, Pierre. Aber ohne mich bist du besser dran, ich liebe dich.“
Ich wollte nicht sterben, nicht so, aber es gab kein Entkommen. Also ergab ich mich in mein Schicksal und wartete auf das Ende. Durch den Aufprall flog mein Kopf gegen die Scheibe, ich spürte ein hässliches Knacken im Hals und alles wurde dunkel.
Pierre
Ich schlug langsam die Augen auf. Das helle Licht blendete mich. Ein merkwürdig steriler Duft stieg mir in die Nase. Es roch nach Krankenhaus.
„Herr Doktor, er wacht auf.“
„Ich kümmere mich um ihn, danke, Schwester. Herr Marais? Ich bin Ihr behandelnder Arzt, Professor Klein. Wie geht es Ihnen?“
„Was ist passiert, warum bin ich hier? Wo ist John? Geht es ihm gut?“
„Ganz langsam bitte, Herr Marais. Sie sollten ruhig bleiben. Sie hatten einen schweren Schock und waren ohne Bewusstsein.“
„Was ist mit John? Ist er schwer verletzt?“
„Herr Marais, die Rettungskräfte konnten nichts für ihn tun. Herr Herckenrath war vermutlich sofort nach dem Aufprall tot.“
„Das kann nicht sein. Lassen Sie mich zu ihm!“
„Herr Marais, bitte beruhigen Sie sich.“
„Ich will sofort zu ihm!“, brüllte ich ihn an.
Ich spürte einen kleinen Stich und kurz darauf wurde es wieder dunkel.
„Pierre? Bist du wach?“ Ich kannte die Stimme, konnte sie aber nicht zuordnen. Eine Hand hielt die meine und streichelte vorsichtig darüber.
„Pierre, bitte wach auf!“
„Maman?“
„Ja mein Kleiner, ich bin es.“
Ihre verheulten Augen versetzten mir einen kleinen Stich. „Ist es wahr, John ist tot?“
Sie nickte stumm und atmete kurz durch.
„In zwei Tagen ist seine Beerdigung.“
„Maman, wir hatten einen furchtbaren Streit. Ich wollte ihm noch soviel sagen. Und jetzt ist er weg.“
Sie nahm mich in den Arm und hielt mich einfach fest. Noch am selben Abend durfte ich wieder nach Hause. Dort wartete der nächste Schock. Im Briefkasten steckte ein großer Umschlag, an mich adressiert. Der Absender war eine Kanzlei aus Frankfurt.
Mir fehlte einfach die Kraft und meine Mutter öffnete den Brief.
„Das solltest du selber lesen. Aber besser nicht jetzt.“
„Nein, ist schon gut. Zeig her.“ Ich versuchte mutiger zu klingen, als ich es war.
„Ich bleibe bei dir.“ Sie reichte mir einen Brief aus dem Papierstapel, der unverkennbar Johns Handschrift trug.
Mein geliebter Pierre,
wenn Du diese Zeilen liest, dann lebe ich nicht mehr. Aber es bedeutet auch, dass ich Dich bis zu meinem Ende lieben durfte.
Ich habe es vielleicht nicht immer zeigen können, aber Du bist immer alles für mich gewesen. Und dennoch habe ich Dich nicht verdient. Ich hasse mich für viele Dinge, die ich Dir wahrscheinlich angetan habe. Es gibt eine Seite an mir, von der ich hoffe, dass Du sie nie kennen lernen musstest.
Mein Herz gehört Dir, für immer und ewig, mein strahlender und rettender Engel.
Wenn es einen Gott gibt, dann werde ich es jetzt wissen. Und wenn es ihn gibt, dann werde ich meine Hand schützend über Dich halten. Ich wünsche Dir einen Menschen, der Dich verdient, der Dich liebt und verehrt. Einen Menschen der Dich glücklich macht und dem Du all Deine Liebe schenken kannst.
Tu das, was ich nicht konnte. Lebe frei von Zwängen, Ängsten und Selbstvorwürfen. Ich weiß, dass ich mich niemals von meiner Schuld befreien kann, aber in Deinen Armen vergeht all dieser Schmerz.
Bitte verzeihe mir diese wirren Worte. Ich sitze gerade an meinem Schreibtisch und heule Rotz und Wasser. Es ist nicht leicht, wenn man seine Gedanken über den eigenen Tod niederschreibt, ohne zu wissen wann, wo oder wie.
Pierre, damit Du niemals wieder in Sorge und Nöten leben musst, gebe ich Dir alles was ich besitze. Und um es auch offiziell zu machen…
Hiermit vermache ich, John Herckenrath, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, Dir, Pierre Pascal Marais, meinen gesamten Besitz.
Mein Anwalt besitzt eine vollständige Auflistung aller Konten und Urkunden. Diese Listen und Dokumente sind diesem Brief beigefügt. Er wird auch die Umschreibung auf Dich veranlassen.
Pierre, ich wünsche Dir alles Gute für Dein Leben und hoffe, dass Du mich in guter Erinnerung behalten wirst.
In ewiger Liebe,
Dein John.
Ich ließ den Brief kraftlos auf den Tisch fallen. „Ich liebe dich auch, John.“
Meine Mutter begeleitete mich zur Beerdigung. Nur wenige Menschen nahmen Abschied von ihm. Außer uns nur Irene und, sehr zu meiner Überraschung, Frank. Jener Frank aus der Weihnachtsnacht.
Auch in den folgenden Tagen tauchte er immer öfter bei mir auf, half mir bei den Unterlagen und war für mich da.
Mein Leben verlief langsam wieder in normalen Bahnen.
Epilog
„Pierre, jetzt beeil dich doch, das Taxi wartet.“ Frank drängelte ungeduldig.
„Jetzt mach bitte nicht so einen Stress, den Flieger erwischen wir doch auf jeden Fall. Man, es sind noch fast drei Stunden.“
Er trat näher an mich heran. „Du bist ziemlich nervös, oder?“
„Ja. Wir verlassen Frankfurt für eine ganze Weile. Berlin bietet mir zwar eine gewaltige Chance, aber hier…“
„Es ist jetzt über zwei Jahre her. Manchmal habe ich Angst, dich an einen Toten zu verlieren.“
„Erzähl doch keinen Blödsinn. Natürlich habe ich ihn geliebt, aber du bist der Mann an meiner Seite. John ist tot und mir ist das absolut klar. Er ist Vergangenheit, uns gehört der Rest.“
„Hättet ihr noch etwas mehr Zeit gehabt, dann hättest du ihn vielleicht sogar retten können.“
„Vielleicht. Aber das werden wir nie erfahren. Ich denke, dass er jetzt gerettet ist, in guten Händen, bei seiner Familie.“
Er umarmte mich für einen liebevollen Kuss. „Ich lasse dich nie im Stich, Pierre.“
„Okay, lass uns verschwinden, ich habe alles zusammen.“ Frank ging vor und ich drehte mich ein letztes Mal um und betrachtete Johns Loft.
Das Taxi stand in den Startlöchern und fuhr sofort los.
„Halten Sie hier bitte an und warten Sie, ich habe noch etwas zu erledigen.“ Der Fahrer fuhr rechts ran und hielt, direkt neben dem Friedhof.
„Kommst du zurecht, oder soll ich mitkommen?“
Ich atmete tief durch und sammelte meine Kraft. „Ich denke es geht schon. Aber du kannst gerne nachkommen. Lass mir bitte nur ein paar Minuten alleine, okay?“
Frank nickte zögerlich.
„Danke.“
Ich stieg aus und stellte den Jackenkragen hoch. Es war wieder November, in drei Tagen wäre sein Geburtstag gewesen. Der Himmel war wolkenverhangen und ein kalter Wind pfiff über die gesegnete Ruhestätte. Ich folgte dem Weg und stand bald an meinem Ziel. Ein letztes Mal, für lange Zeit, betrachtete ich den Stein aus weißem Marmor. Das goldene Paar Engelsflügel legte sich schützend um seinen Namen.
‚Hier ruht John Herckenrath. Geboren am 11.11.1985. Viel zu früh gestorben, am 14.02.2007. Der unbändige Sturm in seinem Herzen verlöschte sein Licht.’
Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und sprach mit zittriger Stimme.
„Hi John. Ich war lange nicht mehr hier, verzeih mir bitte. Es ist soviel passiert… Erinnerst du dich noch an meinen Traum? Er wird endlich wahr. Frank und ich… ja Frank… aber dazu sage ich gleich mehr.
Wir haben hier ein Projekt aufgezogen. Die ‚John Herckenrath Stiftung’. Wir bieten kostenlosen Unterricht für obdachlose Kinder. Ja, auch für die Jungs vom Bahnhof. Die Stadt hat uns dafür offiziell belobigt. Und weißt du was? Ich bin echt ein prima Mathelehrer, dank dir. Die Schule habe ich geschafft, sogar mit einer glatten Eins.
Die Kinder brauchten eine Weile, um uns zu vertrauen, aber mittlerweile läuft es toll. Nun wird die Stiftung ohne mich auskommen müssen. Stell dir vor, ich werde in Berlin studieren, Psychologie. Die haben sich schon richtig um mich gerissen. Und wir werden das Projekt dort fortsetzen.
Frank geht mit mir nach Berlin. Und … ich liebe ihn. Er hat sich sehr um mich gekümmert. Dein Tod war schwer für mich. Er hat mir übrigens nie erzählt, was da zwischen euch vorgefallen ist und ich bin dankbar dafür. Dennoch, ich habe eine vage Vorstellung. Er ist ein guter Mann und auch er liebt mich.“
Meine Gedanken kreisten im Kopf umher. Es gab etwas, das wollte ich ihm schon lange sagen.
„John, ich verzeihe dir. Mittlerweile weiß ich, was mit dir los war. Das alles war nicht deine Schuld, du hast nichts dafür gekonnt. Ich habe auch niemals aufgehört dich zu lieben. Aber ich darf nicht stehen bleiben.
Ich wünschte ich könnte dich um Erlaubnis fragen, ob du einverstanden bist. Nein, eigentlich nicht um Erlaubnis. Vielmehr um deinen Segen. Aber…“
Ich verstand vor lauter Schluchzen meine eigene Stimme nicht mehr. Die Tränen brannten kalt auf der Haut.
„Du wirst mir leider niemals eine Antwort geben können. Leb wohl, John. Ich werde dich nie vergessen.“
Ich wollte mich umdrehen und gehen, doch ich starrte gebannt in den Himmel. Ein einzelner Lichtstrahl durchbrach die Wolkendecke und tauchte sein Grab in einen warmen Schimmer. Es war, als streichelte mir das Licht über die Wange.
„Danke. Alles Gute, da oben.“
„Komm, lass uns gehen.“ Mein Freund stand hinter mir, Tränen der Rührung in den Augen. Ich griff nach seiner Hand auf meiner Schulter und wir verließen den Friedhof Hand in Hand.

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Information Liebe … so ist das!
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 12:19 PM - No Replies

Ich schlummerte gerade noch sanft vor mich hin, da klingelte das Telefon. Ich schreckte auf und schaute müde und genervt auf die klingelnde Nerv-Box.
Eigentlich wollte ich nicht an das Telefon gehen, aber irgendwie hörte es nicht auf und genervt meldete ich mich schließlich mit einem kurzen „Hallo“.
Es war mein Freund, der mich von seinem Ski-Urlaub mit seinen drei Freunden anrief. Mich wollte er ja dorthin nicht mitnehmen.
Ich erwiderte entgeistert: „Es ist 8 Uhr morgens! Es ist Sonntag! Was sagt dir das??“
„Was bist du denn so gereizt? Wir kommen eben von der Party und ich musste an dich denken und wollte deine Stimme hören.“
„Und das fällt dir um 8 Uhr morgens ein? Drei Tage hast du dich nicht gemeldet bei mir und heute Morgen musst du anrufen?“
„Na ja vielleicht bin ich ja noch etwas beschippst.“
Er lachte.
„Ja, das ist aber nicht mein Problem. Ich hatte ne anstrengende Woche in der Schule. Und am Freitag hab ich wieder ne Zensur versiebt!“
„Du bist ja so süß, mein Kleiner!“
Ich wusste, dass ihn das nicht interessiert. Nie hörte er mir zu. Ich war froh wenn er endlich wieder auflegen würde und ich weiterschlafen konnte.
„Hallo? Warum antwortest du nicht? Ich hätte dich jetzt gerne bei mir!“
„Sag mal, interessiert es dich eigentlich wie es mir geht? Ich habe eine Zensur versiebt und dich interessiert es mal wieder gar nicht.“
Ich war jetzt richtig sauer. Und auch nicht mehr müde vor lauter Zorn: „Warum hast du angerufen?“
„Ich liebe dich!“
„Schlechtes Gewissen, hm?“
Ich wusste, dass er mich betrog. Ich spüre so etwas einfach.
„Nein, echt du bist sooo süß!“
„Du wiederholst dich!“
Im Hintergrund, am anderen Ende des Hörers, nahm ich plötzlich etwas wahr was mich verblüffte.
„Sag mal, bist du nicht alleine?“
„Doch, warum fragst du?“
„Du kannst mich doch nicht verarschen, ich höre doch im Hintergrund eine Stimme und du bist auch etwas außer Atem.“
Ich merkte wie ich nicht noch mehr sauer wurde, sondern eher ruhiger und das verblüffte mich.
„Timo ist noch kurz mit aufs Zimmer gekommen und wir wollten noch kurz einen Absacker trinken und ich bin eben so schnell die Treppen hoch, weil ich deine Stimme hören wollte.“
Vielleicht beruhigten sich meine Stimme und mein Puls, weil ich vielleicht jetzt endlich aus der Beziehung rauskam. Ich wollte einfach nur einen Grund. Vielleicht war das ja der Grund. Das Ende. Ich traute mich einfach nicht groß aufzumucken.
Eigentlich konnte er ja tun und lassen was er will. Ich fühlte mich wie in einer „Schein-Offenen-Beziehung“.
„Geiler Arsch,“ sagte eine fremde Stimme.
Ich schluckte kurz und fragte: „Was? Wer war das?“
Am anderen Ende des Hörers wurde es still und ich hörte nur wie Kevin, mein Freund, leise sagte: „Pssst, nicht so laut!“
“ Was soll wer nicht so laut sagen?“ fragte ich mit ganz ruhiger Stimme. Mir wurde klar, dass ich mit Kevin innerlich wirklich abgeschlossen hatte. Ich wollte nicht mehr und war wild entschlossen es jetzt und heute zu beenden.
„Kevin, was ist los?“ fragte ich.
Ich fühlte mich so stark. Es war komisch. Hab ich wirklich ein Jahr nur gewartet, um diese Beziehung mit einem Grund zu beenden? Ich musste krank sein. Egal.
Kevin: „Der ist besoffen. Der fummelt überall rum. Die alte Sau. Jetzt ist er ruhig!“
„Warum gerade jetzt?“
„Er hat jetzt ne Beschäftigung!“
Ich konnte mir vorstellen was es für eine Beschäftigung war und ich hörte wie Kevin auch immer unruhiger in seiner Stimme wurde. Süffisant fraget ich nur: “ So? Was für eine Beschäftigung hat er denn?“
Kevin reagierte nicht sofort und ich merkte, wie er abwesend war.
„Hmm der schmeckt so gut.“
Nun war ich doch wieder schockiert. Meine Vermutung war anscheinend wahr. Ich konnte, obwohl ich darauf vorbereitet war, es einfach nicht glauben. Betrügt mich mein Freund, während er mit mir telefoniert?
Das wäre die Krönung seiner Unverfrorenheiten, die er sich schon des Öfteren geleistet hatte.
„Siehst du er ist beschäftigt!“
„Fragt sich bloß wie,“ entgegnete ich.
„Wie?“
„Na was hat er denn ‚Leckeres‘ im Mund?“
Mein Freund schwieg kurz, dann antwortete er mit einer Frage: „Wie ‚im‘ Mund?“
„Na was schmeckt ihm denn?“ wiederholte ich langsam, so dass es jeder Idiot verstehen musste.
„Er trinkt Schnaps! Du erinnerst dich? Absacker? Ich hab’s ihm rübergeschoben.“
Ich verdrehte die Augen.
Er konnte so herrlich lügen ohne rot zu werden. Das war mein größter Fehler. Ich konnte ihm bisher nie so richtig lange böse sein. Spätestens wenn er mit seinem Dackelblick vor mir stand, war es normalerweise um mich geschehen.
War ich deshalb wild entschlossen jetzt mit ihm per Telefon Schluss zu machen? Da er mich mit seinen Augen nicht anschauen konnte? Er blieb ja schließlich noch bis Donnerstag beim Skifahren.
„Ja, ja, wer es glaubt wird selig. Kevin, ich weiß, dass du sehr gut lügen kannst.“
Ich war auf seine Reaktion gespannt.
„Ich lüge nicht. Warum musst du immer so misstrauisch sein? Du weißt ich liebe dich. Hältst du mir immer noch nach, dass ich dich nicht mitgenommen habe? Das hatte seinen Grund!“
„Ja den kenn ich. Dieser Grund heißt fremdficken!“ sagte ich bissig.
„Jetzt hör aber mal auf und halt die Klappe. Immer hör ich mir diesen Scheiß an! Ich kann bald nicht mehr. Ich habe mich sehr gefreut auf Donnerstag. Aber so langsam zweifele ich an dir. Die Kraft fehlt mir.“
„Dir fehlt die Kraft? Wozu fehlt dir die Kraft?“ schrie ich fast schon hysterisch ins Telefon.
„Du hast mich ja hier schon betrogen und da kam dir der Urlaub mit deinen Freunden gerade recht. Das du fremdgehst ist schlimm genug, aber dass du mich dabei auch noch anrufst, setzt allem die Krone auf.“
Ich wollte das Gespräch beenden, aber irgendetwas in mir lies mich nicht die Taste drücken, die mich erlöst hätte. Wollte ich wirklich alles hier am Telefon JETZT erledigen?
„Du vergisst aber eines!“
„Ach ja? Was?“
„Keiner meiner hier anwesenden Freunde, weder Timo, noch Frank, noch Ludger sind schwul!“
„Bi!?“
„Hör mal die haben Schiss neben mir zu liegen. Die haben Panik ich versenke meine Morgenlatte aus versehen in ihnen! Und auf die bist du eifersüchtig!?“
„Und bitte WARUM wolltest du mich nicht mitnehmen?“
„Schatzi, ich weiß was du von Heten und ihren Saufgelagen hältst. Das wollt ich dir ersparen. Ich bin halt der Typ der sowas mitmachen kann und der auch darin Spaß findet. Du aber nicht. Das weißt du doch. Lächle mal, Kleiner. Außerdem hab ich ne Überraschung für dich!“
Ich merkte wie ich doch wieder weich wurde, obwohl ich es doch nicht wollte.
„Eine Überraschung? Was denn für eine Überraschung?“
Ich konnte ihm auf seine Sätze nicht mehr antworten, viel zu aufgeregt war ich nun wegen der Überraschung, die er angekündigt hatte. Was konnte es sein? War es was positives? Oder wollte er mir nur sagen, dass es aus ist zwischen uns?
„Eigentlich hasse ich es ja wenn du so eifersüchtig und zickig bist. Grundlos. Ich weiß bald nicht mehr wie ich dir meine Liebe beweisen soll. Ich fühle mich immer als wartest du nur auf den Tag mich loszuwerden. Ich versuche es also mit meiner letzten Überraschung: Ich komme nicht am Donnerstag. Ich bleibe bis Sonntag!“
„Wie? Das – Das ist deine ‚Überraschung‘?“
„Ja!“
„Wie?“
„Schatzi, du hast doch Donnerstag und Freitag frei genommen, weil ich zurück komme!“
„Ja! Und?“
„Sandra hab ich beauftragt dich hierher in den Schnee zu bringen. ZU MIR.“
Ich war nun total baff und wusste nicht was ich sagen konnte und stammelte nur
“ Ich? .. zu dir? … in den Schnee? .. Am Donnerstag? .. Mit Sandra?“
„Ja Schatzi, nun bist du wohl perplex. Ich vermisse dich unendlich und freu mich noch ein schönes langes Wochenende mit dir zu verbringen. Timo ist jetzt eingeschlafen. Ich lieb Dich mein Schatz, Versuch nun noch etwas zu schlafen und sorry wegen der frühen Störung.“
Ich war immer noch sprachlos.
„Schatzi?“, fragte Kevin.
Ich stotterte.
„Ja, ja, ja, ja, ja!“
„Kommst du?“
„Ja klar komme ich am Donnerstag“ rief ich begeistert.
„Ich LIEBE dich!“
Entweder er konnte einfach nur saugut lügen oder er war der beste Freund den man sich wünschen konnte. Ich verabschiedete mich verliebt von ihm und legte den Hörer auf. Bis zu meinem nächsten kleinen Eifersuchtsanfall.
Liebe … so ist das!

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Information Liebe wider Willen
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 12:01 PM - No Replies

Eine Melodie, sanft, rein, anziehend. Ein unaufhörlicher Strom durch sein Blut. Eine Welle von Gefühlen, die zu begreifen zu groß sind. Endlose Reihe Töne in einer endlosen Melodie zusammengefasst. Vereint mit seinem Herzschlag. Verschmolzen mit seinen Sinnen. Verbunden mit seiner tiefen Stimme. Nichts anderes existiert außer dieser Melodie, diesem Gesang, dieser Stimme.
Nichts. Weit und breit kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze. Nur noch dieser Moment bis in alle Ewigkeit. Keine Realität. Keine Schmerzen, kein Erwachen aus süßen Träumen die einem nie erfüllt werden. Nur noch dieser eine Moment. Nur für ihn. Ein dunkler Raum, ohne Fenster und wenn er welche hätte o sah er sie nicht und wollte es auch nicht. Er wollte nicht mehr in die Realität, die ihn so verletzt hatte.
Keine Wunden, kein Blut, keine Schmerzen. Nichts sollte mehr existieren, nur noch diese Stimme. Diese reine, tiefe Stimme. Eine Stimme, die tief in ihn hinein schrie, ihn rief und ihn wecken wollte, manchmal auch nur um ihm bewusst zu machen, das jemand bei ihm war. Doch heute rief sie nach ihm, wollte ihn aus seiner Traumwelt zurückholen und ihn wieder in die Arme schließen können.
Aber würde er die Augen öffnen, wäre alles zurück. Schmerz, Leid, Verletzungen. Alles, auch seine verhasste Liebe, die er nie akzeptieren konnte. Sie war nicht real. Sie würde ihn zerstören, würde ihn mitreißen in die Tiefe.
„Wach bitte wieder auf. Komm schon, das kannst du nicht machen. Du hast versprochen dir meine Lieder anzuhören, bis meine Stimme nicht mehr singen könne, bis ich nicht singen wollte.
Und jetzt reißt du dich einfach los, lässt mich allein und willst nicht mehr zurückkommen. Ist es das was du mir sagen wolltest, als du lächelnd zwischen uns gelaufen bist. Hast du genug von mir. Willst du das ich nie mehr singe.“
„Nein. Ich will weiter deine Lieder hören, aber ich will nie wieder diese Liebe empfinden. Ich kann ihr nicht entfliehen, wenn ich dich sehe, schmerzt es, als würden tausend Messer auf mich einstechen. Verstehst du das?“
„Ja.“ Sagte er leise und sah nach unten. „Warum bist du so lange nicht aufgewacht?“
„Weil ich es nicht wollte. Ich wollte nur deine Lieder, deine Stimme hören, ohne dich zu sehen. Denn brachte es mir keinen Schmerz. Du hast dich in mich eingebrannt ohne mich zu fragen. Meine Brust ist noch immer heiß von deiner Berührung. Meine Hände spüren noch immer deine Haare und ich fühle noch immer deine Küsse auf meinen Lippen.“ Sagte er leise und öffnete die Augen. Seine Augen waren so glänzend von den Medikamenten, das man meinen könnte sie wären aus Glas. Aber das änderte nichts an ihrer Schönheit. So Grün wie ein Smaragd. Ein strahlen wie ein Ring aus Edelsteinen.
„Warum hast du dich dazwischen geworfen?“
„Hätte ich es nicht, könntest du nie mehr singen. Weißt du nicht worauf er gezielt hat?“
„Nein.“ Meinte er leise und sah seinem Geliebten so starr in die Augen, dass er glaubte darin zu ertrinken. Dieser setzte sich langsam auf und hielt seinen Finger auf eine Stelle über halb der Brust des anderen, dicht unter seiner Kehle. Er strich langsam mit seinem Finger darüber und näherte sich ihn. Als er die Stelle mit seinen Lippen berührte, spürte er wieder das Feuer, welches ihn verbrannte.
Welches ihn an sich riss und sie beide zusammen fesselte. Fesselte in eine Welt, die nicht akzeptiert werden könne, nicht von ihm, nicht von seinen Freunden, nicht von dem Rest der Welt. Noch die Fans würden es zulassen ihren Star an ihn zu verschenken.
„Koi. Bitte bleib bei mir. Nur in meiner Nähe. Du kannst nicht so weit weg gehen ohne mich. Denkst du denn nicht mal an meine Gefühle. Denkst du ich verbrenne nicht in deinem Feuer. Meinst du ich bin ohne Folgen bei dir. Du hast dich genauso in mein herz gebrannt. Willst du nicht verstehen, oder kannst du es nicht. Wir sind längst nicht mehr in der Lage ohne einander zu sein. Ich brauche dich um singen zu können und du brauchst meine Lieder um existieren zu können.“ Sagte der andere und riss Koi an sich. Dieser versteifte sich leicht und schloss die Augen, ehe er langsam seine Hände auf des anderen Rücken legte und sich festklammerte.
„Singst du heute Abend?“
„Ja. In einem angesagten Club.“
„Dann solltest du langsam gehen.“ Sagte Koi flüsternd und küsste ihn federleicht auf die Schulter. „Oder willst du deine Fans enttäuschen?“ In dem Moment klopfte es zaghaft. Koi legte sich wieder hin und sah zur Tür.
„Ich will nicht stören, aber wir müssen los. Das Konzert beginnt gleich, Yóru.“
„Ich komme gleich.“ Sagte Yóru und sah seinen Manager kurz an. Als dieser gegangen war, sah er wieder zu Koi und strich mit einem Finger über dessen Lippen. „Ich werde heute ein neues Lied singen, nur für dich. Hörst du? Vielleicht begreifst du dann meine Gefühle. Ich will dich nicht zerrissen in meine Arme schließen, sondern im Ganzen und will auch dein Herz für mich und deinen Köper und alles andere von dir.
Ich werde dich nicht zwingen, aber ich zerbreche an dir, wenn du mir nicht endlich näher kommst. Ich weiß nicht mehr wohin mit meinen Gefühlen, meine Lieder sind überhäuft von ihnen. Durchdrungen von meiner Leidenschaft, meiner Sehnsucht, meiner Liebe. Ich will nicht mehr als bei dir sein. Es reicht mir doch auch, wenn du nur in meiner Nähe bist, du musst ja kein Verhältnis anfangen. Aber lass mich nicht länger frieren.“
Bat Yóru leise und beugte sich über ihn. Er küsste ihn sanft auf die Lippen und spürte schon bei dieser kleinen Berührung das Feuer und die Leidenschaft. Als er sich von Koi löste brannte dieser Kuss auf seinen Lippen und auch Koi spürte diese Hitze und legte zwei Finger auf seine Lippen, ehe er die Augen schloss und langsam einschlief. Die Ärzte gaben ihm soviel Beruhigungsmittel und Schmerztabletten, das Koi nicht mehr dagegen kämpfen konnte.
Die ersten Wochen schlief er von sich aus einen tiefen Schlaf, der einem Koma gleich kam, aber er hörte immer wieder Yórus Gesang. Seine Stimme zog ihn zurück in die schmerzhafte Realität. In das Leid, welches ihre Liebe mit sich brachte. Sein Körper war heiß an den Stellen, die Yóru berührt hatte, sie brannten nach innen und fraßen sich in sein Herz, seine Knochen.
„Da bist du ja Yóru? Wie geht es ihm?“
„Er ist erschöpft-. Die geben ihm hier soviel Beruhigungsmittel und Schmerztabletten, das er sich kaum bewegen kann.“
„Beruhigungsmittel?“
„Er schreit in der Nacht wenn er aufwacht. Er lässt auch keinen Arzt an sich. Wenn ihn jemand berührt, versucht er ständig wegzulaufen. Daher geben wir ihm dieses Zeug. Wir können ihn sonst nicht behandeln. Er sagte einmal unter Narkose, dass er brennt. Ich weiß nicht was er hat. Aber wenn das so weiter geht, braucht er einen Psychiater. Wir wissen nicht mehr was wir machen sollen.“ Sagte ein Arzt hinter ihnen.
„Er ist gesund. Das hat nichts mit seiner Verletzung zu tun. Er braucht nur Zeit.“ Sagte Yóru leise und ging.
„Ist er etwa auch so?“
„Nein. Fassen sie den Kleinen nur nicht ständig an. Es hat andere Gründe, warum er so reagiert. Die haben nicht mit einem Seelenklempner zu tun, sondern sind natürlicher Herkunft. Behandeln sie seine Verletzung, um den Rest kümmern wir uns. Und lassen sie keine Presse hier rein. Nur uns beide und seine Eltern. Verstanden?“
„Ja.“ Sagte der Arzt verdattert und sah dem Manager nach.
Dann ging er in Kois Zimmer und wollte ihn untersuchen, als dieser, die Augen aufschlug und ihm auswich. „Ich will mir nur deine Verletzung ansehen. Ich werde dich nur dort berühren. Ich verspreche es dir.“ Sagte der Arzt vorsichtig. Koi sah ihn misstrauisch, ließ den Arzt jedoch nach der Verletzung sehen und wehrte sich nicht weiter. Er war auch zu müde um sich zu wehren.
„Könnte ich heute Abend einen Fernseher bekommen?“
„Willst du dir einen Film ansehen?“
„Nein. Ein Konzert.“ Sagte Koi leise und sah dem Arzt auf die Finger, während dieser seine Verletzung behandelte. Ein glatter Durchschuss durch seine linke Schulter.
„Ich werde einen Fernseher herstellen lassen. Du solltest noch schlafen. Ich sehe späte noch mal nach dir.“ Sagte der Arzt und ging. Koi sah noch eine Weile aus dem Fenster und legte sich dann wieder hin. Er schlief schon nach einigen Augenblicken und erwachte, als er jemanden die Tür öffnen hörte.
„Wo ist es dir lieber?“ fragte die Schwester. „Soll ich den Fernseher ans Fenster stellen oder hier vorne?“
„Am Fenster.“ Sagte Koi leise und setzte sich auf.“
„Brauchst du noch etwas?“
„Nein. Danke.“ Sagte Koi leise und nahm die Fernbedienung entgegen. Er setzte sich halb auf und lehnte sich gegen das Kissen hinter ihm. Als er den Fernseher einschaltete, wunderte er sich gar nicht, welcher Sender eingestellt war. Wie immer sahen die meisten im Krankenhaus nur einen Sender, Nachrichten. Er suchte einen der Musiksender und hatte auf Anhieb den richtigen erwischt, nämlich den, der Yórus Konzert übertragen würde. Yóru war noch nicht auf der Bühne und trotzdem herrschte schon Gekreische.
Koi konnte immer hinter der Bühne sitzen und zuhören, da er für einige Zeit immer die Aufnahmen geschnitten hat. Koi schloss die Augen, als das Konzert anfing und versuchte nicht Yóru zu sehen, sondern nur die Lieder zu hören. Doch es gelang ihm nicht ganz. Unmerklich schlich sich doch sein Gesicht in Kois Gedanken und als Koi es bemerkte beließ er es dabei. Er liebte Yórus Augen, wie sie ihn ansahen, wie sie leuchteten wenn er sang. Er liebte das Singen, aber eines liebte er noch mehr.
Koi spürte die Leidenschaft mit der Yóru heute sang. Er spürte die Nähe, die Sehnsucht. Sein Bitten nach ihm. Plötzlich öffnete Koi die Augen und starrte zum Fernseher. Yóru trug wieder das Outfit, welches Koi an ihm liebte. Ein schwarzes schlichtes Hemd, schwarze Hose und sein Haar hatte er offen. Es fiel ihm ins Gesicht und bildete einen seidenen Schleier aus silbernen Haarsträhnen, die ihm bis auf die Schulter fielen.
Yóru trug ein silbernes Kreuz um den Hals mit einem kleinen Stein in Form eines Herzens. „Das kannst du nicht machen.“ Sagte Koi leise und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Er spürte die brennende Hitze auf seinem Körper, seinen Lippen. Spürte wie Yóru sein Haar berührte. Roch den süßen Geruch des weichen Parfüms welches Yóru durchdrängte. Fühlte die zarten Hände auf seiner Brust.
Koi schloss die Augen und er wusste, das Yóru dieses Lied gemeint hatte. Dieses Lied, welches für allein war. Welches nur er verstehen konnte. Welches Yórus Gefühle und Empfindungen ihm überbrachte. Nach einiger Zeit schlief Koi sanft unter Yórus Gesang ein. Er spürte noch immer das Feuer der Leidenschaft, die Yóru ihm gesandt hatte. Als er eine Berührung an der Schulter spürte, wachte er auf und schlug die Hand zur Seite.
„Ganz ruhig. Ich will mir nur die Verletzung ansehen.“ Sagte der Arzt beruhigend.
„Sie sind anders als die anderen Ärzte.“
„Warum? Weil ich mich um dich kümmere?“
„Nein. Die anderen untersuchen mich immer komplett und halten mich fest, wenn ich es nicht zulassen will.“
„Du magst es nicht, wenn man dich berührt.“
„Nein.“
„Warum?“
„Weil es mir dadurch etwas anderes nimmt.“
„Was ist dieses andere. Eine Berührung eines bestimmte Menschen?“
„Ja.“ Sagte Koi leise und sah zum Fernseher.“
„Ich habe ihn abgeschaltet. Das Konzert war lange vorbei und ich dachte mir, die andere Musik würde dich nur wieder wecken.“
„Danke.“
„Er macht sich Sorgen um dich. Er heute schon zweimal nach dir gefragt. Er konnte noch nicht herkommen, aber er sagte, ich solle dir ausrichten, das er versucht so schnell wie möglich zu kommen.“
„Dummkopf. Er weiß, dass er dies nicht kann. Die werden ihn festhalten und solange mit Fragen bombardieren bis er zu müde ist um hier her zu kommen.“
„Warum? Ist es nicht gut für sein Image?“
„Nein. Nur sein Manager schleust ihn ab und zu raus.“
„Du bist ihm sehr wichtig scheint mir.“
„Ja. Ich habe auch eine Zeit lang seine Videos geschnitten.“
„Und du hörst seinen Liedern zu. Nicht wie diese so genannten Fans die nur kreischen und gar nicht hören können was er singt.“ Sagte der Arzt lächelnd.
„Er hat eine schöne Stimme. Ich höre ihm gerne zu.“
„Ist er diese bestimmte Person?“ fragte der Arzt vorsichtig. Als Koi ihn verwirrt ansah, sprach er weiter. „Du hast gestern gesagt, dass er dir das nicht antun kann.“
„Woher wissen sie das?“
„Ich war im Zimmer. Ich habe auf dem Stuhl gesessen, da ich dachte du schläfst. Ich wollte dich nicht wecken und so habe ich nur das Konzert verfolgt. Du hast gezittert als er das eine Lied gesungen hat.“
„Er hat mir etwas verständlich gemacht, oder es versucht.“
„Es sind seine Berührungen die du nicht verlieren willst. Habe ich recht?“
„Ja. Mein Körper ist heiß an den Stellen die er berührte. Es brennt sich tief ein.“
„Warum bist du dann so traurig?“
„Weil es nicht geht. Ich kann ihm nicht nachgeben. Das einzige was dann geschähe, wäre Leid und Schmerzen zu ertragen. Das was ich will käme nicht und das was er will kann ich ihm nicht geben.“
„Was will er denn, was du ihm nicht geben kannst?“
„Alles. Er will alles von mir.“ Sagte Koi leise und zog sich zusammen. Sein ganzer Körper fühlte sich heiß an. Seine Lippen brannten von dem Kuss, der, so sanft er war, so viel Leidenschaft übertragen hatte, das er ihn nicht vergessen konnte.
„Du solltest schlafen. Ich sehe später noch einmal nach dir.“
„Sie müssen das für sich behalten.“ Sagte Koi eindringlich und sah ihn durchdringend an.
„Ich weiß. Ich werde nichts erzählen. Außerdem würde ich sonst zwei Patienten verlieren.“ Sagte der Arzt lächelnd.
„Zwei?“
„Dich und Yóru. Er hat mich darum gebeten dich zu pflegen. Er sagte mir ich solle mich nur um deine Verletzung kümmern und dich sonst nicht berühren, wenn es nicht nötig war. Ich sagte doch er macht sich Sorgen.“ Sagte der Arzt und ging. Koi legte sich hin und schloss die Augen. Sein Körper brannte wie Feuer. Seine Lippen spürten die Leidenschaft, die in ihm loderte. Seine Hände wollten ihn berühren. Langsam schlief er ein und erwachte erst wieder, als er Yórus sanfte Hand in seinem Haar spürte und öffnete die Augen.
„Wie geht es dir? Der Arzt sagte, er gibt dir kein Beruhigungsmittel mehr.“
„Nein. Tut er nicht. Ich bin auch ganz brav und lasse mich untersuchen, solange er mich nur dort berührt.“ Sagte Koi leise und sah zum Fernseher.
„Du hast das Konzert gesehen?“
Ja. Ich habe auch deine Botschaft verstanden, aber ich kann dir nicht nachgeben. Ich habe das Gefühl zu verbrennen, wenn ich bei dir bin. Dabei will ich nichts anderes, als dich zu berühren.“
„Dann tu es doch. Ich werde dich nicht daran hindern.“ Sagte Yóru verzweifelt. „Ich kann nicht mehr. Ich will dass du bei mir bleibst. Es muss ja nicht für immer sein, aber wenigstens jetzt.“
„Du verlangst zu viel von mir. Ich kann dir nicht alles geben. Ich kann dir nicht mal genug geben ohne mich zurückzuziehen.“ Sagte Koi leise und setzte sich hin. Als er sich Yóru näherte, umarmte dieser ihn zärtlich und küsste ihn leidenschaftlich auf die Lippen. Koi wollte sich ihm entreißen doch seine Kraft reichte seelisch nicht aus.
Er wollte bei ihm bleiben, doch hatte er auch Angst vor der Sehnsucht die in ihm so unermesslich gestiegen war, das sie ihn schmerzte. Er klammerte sich an Yóru fest und wollte ihn nicht mehr loslassen. Wollte nur noch bei ihm sein, wollte die Leidenschaft spüren, wollte Yórus Lippen spüren, seine Küsse innerlich aufnehmen. Er wollte seine Hände auf Yórus Rücken festkrallen und ihn nie wieder gehen lassen. Doch als er seine innere Angst spürte, riss er sich los und sah Yóru schweratmend an.
„Entzieh dich nicht immer wieder. Ich kann das nicht. Ich will dich festhalten, wenn du einmal nahe bist und ich will dich an mich reißen.“ Sagte Yóru leise. Koi spürte die Flammen auf seinem Rücken, seiner Hüfte. Überall wo Yóru ihn erneut berührt hatte. Spürte die Lippen Yórus auf seinen und schmeckte den süßen Geschmack seiner Zunge. Er fühlte noch immer wie Yóru sein Haar berührt hatte und an seinen eigenen Händen fühlte er noch immer Yórus Herzschlag, obwohl er diesen gar nicht mehr berührte.
„Es brennt.“ Sagte Koi leise. Er legte sich langsam hin und sah Yóru in die Augen. Dieser sah ihn besorgt an. „Es tut weh wenn du mich berührst, dennoch will ich dass es nicht aufhört. Ich will von niemandem sonst berührt werden. Nur von dir, aber ich kann es nicht akzeptieren.“ Sagte Koi leise und sah zum Fenster.
Das Mondlicht spielte in seinen Augen, brach sich mehrmals und ließ Kois Augen erstrahlen. Yóru legte seinen Kopf auf Kois Bauch und eine Hand auf dessen Brust. Koi strich ihm sanft durchs Haar und berührte mit einem Finger Yórus Lippen. „Tut mir leid. Ich weiß ich tue dir weh, aber ich kann nicht anders.“
„Ich weiß aber warum kannst du dann nicht wenigstens meiner Nähe sein. Nur bei mir bleiben, sollst du. Das ist alles was ich verlange.“ Sagte Yóru leise und schloss die Augen.
„Lass mir Zeit.“ Sagte Koi flüsternd und schlief ein. Yóru sah ihn sanft an und küsste ihn noch einmal auf die Lippen. Koi erwiderte den Kuss ohne dabei aufzuwachen und drehte sich zur Seite. Yóru ging leise aus dem Zimmer und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar.
„Wie geht es dir?“ fragte der Arzt vorsichtig und sah ihn besorgt an.
„Ich weiß auch nicht. Ich will ihn haben, aber ich kann ihn nicht halten.“
„Das ist normal. Liebe ist nun mal ein Spiel. Gib ihm die Zeit die er braucht. Er ist verwirrt und deine Nähe macht es schlimmer. Du bedrängst ihn ohne es zu wollen oder zu merken. Er ist noch nicht sicher und weicht dir deswegen aus. Aber im Ganzen fühlt er sich zu dir hingezogen.“ Sagte der Arzt ruhig und legte eine Hand auf Yórus Stirn.
„Woher wollen sie das wissen?“
„Er hat es mir gesagt. Nun geh lieber nach Hause. Du wirst dich erkälten wenn du nicht genug schläfst.“
„Wie soll ich schlafen wenn er mir im Kopf rumspukt?“
„Versuch es. Ich kümmere mich schon um ihn.“ Sagte der Arzt lächelnd und ging in Kois Zimmer. Yóru ging derweilen langsam nach Hause. Als der Arzt sich auf die Kante des Bettes setzte, schreckte Koi hoch und ergriff unbewusst den Ärmel seines Kittels. Er legte eine Hand auf die Kois und versuchte ihn so zu beruhigen.
„Wo ist Yóru?“
„Ich habe ihn nach Hause geschickt, da er sonst Fieber bekommt. Er schläft zu wenig, wegen dir.“ Sagte der Arzt lächelnd. „Er macht sich Sorgen, aber noch mehr will er dein Herz. Kann ich mir deine Verletzung ansehen?“
„Ja.“ Sagte Koi leise und ließ den Arzt ihn berühren. „Ich muss dich heute noch komplett untersuchen, weil ich wissen muss wie du auf die Medikamente reagierst. Geht das in Ordnung?“
„Mir bleibt wohl keine Wahl. Ich kann es nur nicht leiden wenn so viele auf mich einreden oder mich festhalten.“ Sagte Koi und lächelte sanft.
„Ich weiß. Deswegen frage ich dich vorher ob du eventuell etwas dagegen hast. Du bist heute offener. Ich wusste nicht, das du ein so schönes Lächeln hast.“ Meinte der Arzt und lächelte ebenfalls. Koi sah ihn verlegen an und ließ sich untersuchen. „Ich denke ich kann mir vorstellen warum Er dich liebt.“
„So?“ fragte Koi überrascht.
„Du bist erstens sein Typ und zweitens hast du etwas an dir was einen an dir fasziniert.“
„Sein Typ?“
„Ja. Er mag es wenn jemand strahlende Augen hat. Egal bei wem. Das er sie mag heißt aber nicht ausschließlich, das er sich verliebt.“
„Und was ist das Faszinierende?“
„Deine Art. Wenn man dich näher kennt hast du eine Wirkung auf andere, als würde in dir ein Feuer lodern, das sich von Neugier nährt und Leidenschaft ausstrahlt die jeden anzieht. Du brauchst demnächst keinen Verband mehr.“
„Sie beobachten genau, habe ich recht?“
„Yóru ist manchmal wie ein kleiner Bruder für mich und da interessiert mich schon, wen er liebt. Aber du bist mir schon vorher aufgefallen, bei einem seiner Konzerte. Alle haben nur geschrieen, nur du hast vorne in einer Ecke gestanden und zugehört. Wahrscheinlich ist dies ein weiterer Grund für seine Zuneigung.“
„Wahrscheinlich.“
„Bist du müde?“
„Ja.“
„Dann schlaf. Ich sehe nachher noch mal nach dir.“
„Okay.“ Sagte Koi leise und legte sich langsam hin. Der Arzt deckte ihn vorsichtig zu und strich ihm sanft über die Stirn. Koi ergriff leicht seine Hand und hielt sie fest, als er einschlief. Der Arzt setzte sich neben ihn und beobachtete ihn eine Weile. Als Koi Yórus Namen flüsterte, lächelte der Arzt sanft und lehnte sich an. Er blieb bei ihm und als Koi aufwachte sah er ihn lächelnd an.
„Wie geht es dir?“
„Besser.“ Sagte Koi leise und bemerkte, dass er die Hand des Arztes festhielt. Er sah diesen verlegen an und ließ ihn los.
„Schon okay. Ich habe nichts dagegen. Du hast seinen Namen beim einschlafen geflüstert. Ich dachte erst du gehst davon aus, dass er hier ist und bin sitzen geblieben. Aber du hast auch meinen Namen gesagt. Was hast du geträumt?“
„Ich weiß nicht mehr. Ich fühlte mich nur wohl. Es ist anders in deiner Gegenwart als in der seinen. Ich fühle mich leichter und beruhigter. Bei Yóru fühle ich mich erdrückt und weiß nicht wohin ich gehen soll, um aus der Enge zu entrinnen.“
„Er will dich eben bei sich haben und du wehrst dich dagegen. So kommt es das dir seine Nähe bedrängend vorkommt. Wenn du dich entschieden hast musst du ihm dies zeigen. Er weiß nicht wie er sich dir nähern soll.“
„Ich kann mich nicht entscheiden. Mein Herz sagt, ich will ihn. Mein Verstand aber will keine Probleme. Wenn ich mich ihm hingebe, wird die Presse sofort hinter ihm her sein und ihm das Leben schwer machen und ich will auch nicht solch einen Rummel. Ich will nur ihn. Nicht seine Fans, nicht die Presse noch sonst was. Nur ihn. Aber das geht nicht. Wenn dann muss ich alles andere auch nehmen und das erdrückt mich.“
„Das kann ich mir vorstellen, aber es gibt eine Möglichkeit wie du ihn haben kannst ohne den Rest zu bekommen.“
„Welche?“
„Es hängt mit deiner Entscheidung zusammen, aber ich kenne eine Gegend in der niemand euch irgendwie vermuten würde. Du könntest dein Leben weiterleben und er das seine und im geheimen seid eben verliebt. Somit ist euch beiden geholfen. Du hast nicht den Trubel und er hat dich. Er braucht dich um überhaupt leben zu können. Der einzige der ihn töten kann das bist du. Und so wie es mir scheint ist er der einzige der dich töten kann, habe ich recht? Ihr seid schon so nahe verbunden, warum tust du euch das an?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ich kann euch helfen, aber ihr müsst eurer Gefühle alleine unter Kontrolle bringen.“
„Ja.“
„Ein Ja? Zur meiner Hilfestellung, oder zu deinen Gefühlen?“
„Beidem. Ich rede mit ihm, aber erst wenn ich hier raus bin. Die Zeit muss er mir geben. Ich will nur noch diese Zeit für mich sein und noch ein wenig nachdenken.“
„Und du möchtest nicht dass er dich besucht.“
„Ja. Außerdem ist es riskant für ihn hierher zu kommen.“
„Das weiß er. Ich werde es ihm sagen. Und jetzt solltest du dich noch ausruhen.“
„Ja.“
„Schlaf gut.“

Koi wachte am nächsten Morgen sanft auf. Es war warm im Raum und er hatte nicht seine üblichen Albträume durchstanden, sondern einfach nur einen ganz normalen Traum geträumt, mit allen seltsamen Dingen und unwirklichen Momenten. Er ließ seine Augen noch geschlossen, auch wenn er längst wach war. Er spürte die Gegenwart einer Person, aber es war nicht Yóru. Er ließ sich noch etwas treiben und genoss die Nachwirkungen des Traumes. Als er langsam die Augen öffnet, schien ihm die Sonne ins Gesicht. Er schloss seine Augen kurz wieder und öffnete sie dann noch einmal vorsichtig. Daraufhin drehte er sich zur Seite.
„Na wie fühlst du dich?“
„Besser.“ Sagte Koi lächelnd.
„Du hast dich also entschieden?“
„Ja. Und ich denke, dass es die richtige Entscheidung ist. Aber das weiß ich erst genau, wenn ich die Entscheidung war mache.“
„Na gut. Aber ich muss dich dennoch jetzt komplett untersuchen und ich möchte dich dann auch langsam hier entlassen können. Du musst wieder mal etwas unter Leute. Viel Besuch hattest du ja nicht.“
„Wie auch. Ich kenne nur Yóru und seine Band.“
„Keine Eltern?“
„Ich bin im Heim aufgewachsen und von dort abgehauen. Yórus Manager hat mich aufgenommen, zur Schule geschickt und die Technik etwas übernehmen lassen.“ Sagte Koi leise und erinnerte sich langsam. Der Arzt war plötzlich sehr still und Koi bemerkte dies. „Was haben sie? Warum sind sie so still?“
„Ich habe mit mir gerungen, ob ich dir etwas Bestimmtes sage. Aber ich weiß, das ich damit auch verlieren kann.“
„Was wollen sie mir denn sagen?“ fragte Koi verwirrt und ließ sich untersuchen. Einen Moment blieb es still, dann rang sich der Arzt doch durch und fing an zu reden.
„Ich weiß das ich damit wahrscheinlich dein Leben auf den Kopf stelle und ich will dich nicht aus deiner Welt reißen, deshalb überlasse ich dir die Entscheidung, ob du mir das alles jetzt glaubst oder nicht und ob du meine bitte erfüllst oder nicht.“ Er schwieg einen Moment, als würde er nach Worten suchen. Koi blieb still. Er wusste nicht was der Arzt ihm sagen wollte. Was konnte er schon sagen, was seine Welt auf den Kopf stellen kann. Er war doch nicht viel älter als Koi selbst. Vielleicht drei Jahre, oder vier. „Was ich sagen will ist eigentlich, dass es Zeit wird, dass du wieder nach Hause kommst.“ Koi erstarrte, vergas sogar zu atmen. Hatte er da richtig gehört? Was wollte er ihm sagen?
„Was heißt das?“ fragte Koi verwirrt und versuchte wieder langsam zu atmen.
„Das heißt, dass ich meinen Bruder wieder zu Hause haben möchte. Ich war noch zu klein um damals etwas ausrichten zu können und als ich 13 Jahre alt war, habe ich versucht dich irgendwie ausfindig zu machen. Aber ich konnte dich nicht finden. Ich habe auch hier immer mal im Computer nachgesehen, ob du in einem Heim bist, aber Fehlanzeige und jetzt weiß ich ja auch warum. Aber ich habe dich dennoch weitergesucht.
Als ich von Yórus Manager, nachdem ich ihn fragte, gehört habe, das du allein bist und er deshalb immer hier her kommt, um nach dir zu sehen, habe ich mich etwas gewundert. Er sagte auch ich solle dich untersuchen, damit du nicht von den anderen Ärzten belästigt wirst, da nun mal am Anfang etwas schwierig warst. Na ja. Und da kam ich nun mal nicht drum rum dein Blut zu untersuchen. Allerdings fiel mir dabei einiges auf.
Du hast die gleiche Blutgruppe wie ich, was natürlich nicht viel sagen muss, aber es gibt da etwas was nur in unserer Familie ist und zwar haben wir alle ein bestimmtes Merkmal im Blut. Eine Art kleiner Sender. Vater war in der Forschung und hatte damals diesen Sender entwickelt um verlorene Kinder zu ihren Eltern zu führen, wenn diese das Bedürfnis dazu verspüren. Dir hat er diesen Sender in der Nacht gegeben, als er erfuhr, dass Mutter dich weggeben wollte. Er war dagegen, aber er wusste, dass sie in der Nacht, in der auf Reisen war, gehen würde und dich nicht wieder mit nach Hause bringt. Ich wusste von dem Sender und danach gesucht, nachdem sich einiges glich, und außerdem siehst du ihr sehr ähnlich. Zusätzlich konnte ich nun auch über die Datenbank einiges herausfinden.“
„Was ist mit Mum und Dad?“
„Mum ist letztes Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie war auf dem Weg nach Hause, als sie ein betrunkener Autofahrer erwischte. Sie starb noch am Unfallort. Dad ist danach zusammengebrochen und liegt hier im Krankenhaus. Er konnte es nicht verkraften, nachdem er dich auch verloren hatte und nicht wusste wo du warst. Deshalb habe ich seit dem letzten Jahr verstärkt nach dir gesucht, aber du warst nicht zu finden.“
„Kann ich denn zu ihm?“
„Natürlich.“ Sagte er und lächelte etwas. Als Koi sich hinsetzte, sah er ihm einen Moment in die Augen.
„Soll ich dir was sagen?“ fragte Koi lächelnd.
„Was denn?“
„Ich habe mich schon gefragt, wann ich dich endlich mal kennen lerne.“
„Du wusstest von mir?“
„Yórus Manager hat von dir erzählt. Ich wusste nicht wie du aussiehst, oder wie du heißt, oder wo du arbeitest, aber er sagte, wenn ich mich allein fühle, solle ich an den Menschen denken, den ich am meisten vermisse und der nie da ist auch wenn ich es mir gewünscht habe. Und um ehrlich zu sein. Fehlte mir immer dieselbe Person ich wusste nur nicht wer dies ist. Aber jetzt weiß ich auch warum ich mich bei dir nicht so erdrückt fühle, wie bei Yóru.“ Daraufhin umarmte er ihn und hielt sich kurz an ihm fest.
„Ich heiße übrigens Dan.“ Sagte dieser grinsend.
„Okay. Du musst aber noch einiges erzählen, sonst weiß ich gar nichts über dich und du kennst mein halbes Leben bereits.“
„Kein Problem.“
„Aber jetzt will ich Dad sehen.“
„Na dann komm. Er wird sich sicher freuen, aber erwarte nicht so viel. Er ist wie gesagt nicht ganz so fit.“
„Ja.“ Koi zog sich etwas über und folgte Dan den Flur entlang fast am Ende des Ganges führte eine Treppe nach oben. Dort lagen nur wenige Zimmer. Beim dritten Raum angekommen, klopfte Dan kurz und öffnete die Tür. Aus dem Raum kamen warme Sonnenstrahlen und der Raum selbst wirkte freundlich.
„Hallo Dad. Na wie geht’s dir?“ fragte Dan leise und setzte sich ans Bett. Koi schloss die Tür und blieb davor stehen.
„Gut.“ Sagte der Mann matt und lächelte kurz. Er wirkte sehr schwach. Sein Gesicht war eingefallen und seine Augen waren Glanzlos. Er war sehr hager und wirkte auf Koi, als würde da ein Teil fehlen. Etwas, was diesem alt aussehenden Mann seine Jugend geraubt hat.
„Das freut mich. Ich habe dir jemanden mitgebracht.“ Sagte Dan lächelnd.
„Du weißt ich will keinen Besuch.“
„Ich glaube nicht, dass du diesen Besuch wieder wegschicken wirst.“ Sagte Dan noch immer lächelnd und sah zu Koi. „Komm her.“ Sagte er daraufhin leise. Koi zögerte einen Moment und ging dann doch zum Bett. Er sah Dan einen Moment Hilfe suchend an und ging dann bis ganz an das Bett heran. Der alte Mann sah weg und machte Koi etwas unsicher, aber Dan stupste ihm in die Seite.
„Hallo Dad.“ Sagte Koi leise und wartete auf eine Reaktion. Als keine kam, wollte er gerade gehen, aber Dan hielt ihn fest, als sein Dad nun doch aufsah. Koi erschrak etwas, als er in die Augen des Mannes sah, die plötzlich Angst widerspiegelten.
„Dad. Ist schon in Ordnung, er ist wirklich hier. Du träumst nicht.“ Sagte Dan beruhigend. Eine ganze Zeit war es nur still, dann lächelte der alte Mann und ein Glitzern kam in seine Augen.
„Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Sagte er lächelnd. Koi lächelte ebenfalls sanft und atmete durch. Die Spannung war verschwunden und er spürte nun die vertrauten Gefühle wieder, die er zuvor auch schon bei Dan gespürte hatte. „Komm her, kleiner. Wo warst du die letzten 17 Jahre denn nur?“ fragte er leise und nahm Koi in den Arm.
„Eigentlich ganz in unserer Nähe, Dad. Da wo man ihn am wenigsten finden kann. Er war bei Yóru.“
„Dem Sänger, von dem du erzählt hast?“
„Ja.“
„Und ich würde auch gern bei ihm bleiben.“ Sagte Koi leise. Seine Stimme zitterte leicht und sein Vater sah ihm in die Augen.
„Du bist also der Engel in seinem Leben, hm?“ Als Koi leicht nickte, rannen ihm einige Tränen an den Wangen runter. „Dann bleib bei ihm, aber komm ab und zu mal zu mir.“
„Natürlich. Jetzt werdet ihr mich nicht mehr los.“ Sagte Koi grinsend.
„Das will ich auch hoffen, kleiner Bruder.“ Sagte Dan leise und wuschelte ihm durchs Haar.
„So. Ich will euch nicht rausschmeißen, aber ich muss jetzt erst mal frühstücken und so wie Koi aussieht, sollte er sich noch etwas ausruhen.“
„Okay. Ich komm heute Abend noch einmal her.“ Sagte Dan leise.
„Bring Koi ruhig mit, wenn er dann noch aus seinem Zimmer darf.“
„Ich habe die Verantwortung über ihn und ich sage er darf.“
„Das ist schön. Also sehen wir uns heute Abend.“
„Ja. Bis dann Dad.“ Sagte Dan noch und stand schon auf.
„Koi? Lass dich nicht unterkriegen klar? Die anderen sollen doch reden, so lange du glücklich bist, kann dir die Welt egal sein.“ Sagte sein Dad lächelnd und nahm Koi noch einmal in den Arm.
„Ja.“ Sagte Koi leise. „Danke.“ Daraufhin ging er mit Dan nach unten.“
„Soll ich Yóru bescheid sagen?“
„Nein. Ich will ihn selbst anrufen, aber sag mir vorher, wann du mich nun hier entlässt.“
„Heute Abend, deshalb darfst du auch mit zu Dad. Und danach wollte ich dich zu Yóru fahren.“
„Okay. Aber ich ruf ihn jetzt selbst an.“ Sagte Koi lächelnd.
„Ist gut und ich hol dir frühstück.“
„Danke. Sagte Koi leise und legte sich ins Bett. Er nahm das Telefon zur Hand und wählte Yórus Nummer. Es klingelte keine zweimal, als am anderen Ende schon abgehoben wurde.
„Ja?“ fragte Yóru.
„Hi ich bin’s.“ Sagte Koi leise und hörte wie Yóru aufatmete.
„Wie geht’s dir?“
„Ich darf heute Abend raus.“
„Soll ich dich abholen?“
„Nein. Dan fährt mich zu dir.“
„Dan?“
„Der Arzt.“ Sagte Koi und konnte sich ein grinsen nicht verkneifen. Er war im Moment mehr als erleichtert und glücklich.
„Seit wann nennst du ihn so?“ fragte Yóru sanft, als er hörte, das Koi einen bestimmten Grund hatte.
„Seit ich weiß, das er mein Bruder ist.“
„Dein Bruder?“ fragte Yóru sanft.
„Ja. Und bei meinem Dad war ich auch eben.“
„Das freut mich für dich. Jetzt höre ich dich seit langem wenigstens wieder einmal mit fröhlicher Stimme und ohne Unterton von Traurigkeit.“
„Tut mir leid dass ich dir Sorgen gemacht habe.“
„Schon Okay.“
„Nein. Es ist nicht Okay. Ich weiß dass du dich auch schlecht fühlst und ich habe dir wehgetan, das tut mir leid. Aber ich habe mich auch entschieden. Und bei dieser Entscheidung bleibe ich.“ Sagte Koi lächelnd.
„Welche ist deine Entscheidung?“
„Ich bleibe bei dir.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Wer hat dich zu der Entscheidung gebracht?“
„Dad. Er sagte, mir soll doch die Welt egal sein, wenn ich nur selbst glücklich bin und ich bin mit dir glücklich, aber erdrück mich dies Mal nicht.“
„Nein. Bestimmt nicht.“ Sagte Yóru entschuldigend. „Dann sehen wir uns heute Abend?“
„Ja. Aber erst gehe ich noch zu Dad.“
„Ist in Ordnung, ich halte die Zeit schon noch aus, jetzt wo ich weiß, das du mir gehörst.“
„Ich liebe dich“, sagte Koi und legte auf. „So, hier ist dein Frühstück.“
ENDE

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