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  Ju & Ju
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:57 AM - No Replies

Der Bau war ein Relikt späten 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, die Sitzgelegenheiten wirkten fast schon wieder modern, waren aber unbequem bis zum geht nicht mehr. Aber was erwartet man auch von einem Gericht? Es soll Recht gesprochen und kein Schönheitspreis verliehen werden, aber etwas freundlicher hätte man das Ganze dann doch gestalten können; das Farbkonzept an den Wänden war einfach zum Weglaufen!
Ich starrte auf die Wand, massierte mir die Schläfen, ein leichter Kopfschmerz war im Anzug. Was machte ich hier eigentlich? Ich wartete! Wartete darauf, dass ich endlich aufgerufen würde, um eine Zeugenaussage zu machen. Eine Zeugenaussage in einer Sache, die ich längst erfolgreich verdrängt hatte. Vier lange Jahre hatte ich nicht mehr an Enrico gedacht, der plötzlich jeglichen Kontakt zu mir eingestellt hatte. Was hatte ich damals getrauert! Aber aus Trauer wurde Wut und schließlich Vergessen; das Leben musste ja irgendwie weitergehen.
Aber seit genau vier Tagen, seit ich die Ladung aus Briefkasten gefischt hatte, hatte das Vergessen ein jähes Ende gefunden: Enrico spuckte mir wieder im Kopf herum! Ich hatte Albträume, wachte schweißgebadet auf, meine innere Ruhe war dahin. Aber was sollte ich aussagen? Zuletzt hatte ich ihn Ostern 2007 gesehen, dann folgten ein paar Briefe; in seinem letzten Schreiben deutete er einen arabischen Gönner an. Während ich dachte, er wäre der Lustknabe eines orientalischen Scheichs, hatte ein gewisser Benedikt Hartenberg ihn umgebracht, der Tatvorwurf lautete auf Totschlag.
Die Tür zum Saal wurde geöffnet, ein etwas schmächtiger Justizwachtmeister lugte in den Flur. „Herr Kleeve?“ Ich nickte. „Kommen sie bitte, sie sind jetzt dran.“
Ich folgte dem Uniformträger, der mich mehr oder minder zum Zeugenstuhl führte. Nach dem Setzen öffnete ich die Knöpfe meine Sakkos, ließ meinen Blick umherschweifen. Rechts von mir saßen zwei Männer, ein etwas dicklicher Brillenträger in Robe und ein schnuckliger Jüngling, wenn auch in einem etwas billigen Anzug.
Auf der Richterbank saßen drei Berufsrichter, die beiden „Zivilisten“ saßen jeweils Außen, der Mann kam mir vor wie ein Lehrer, die Frau, die neben der Protokollführerin saß, sah aus wie die Schwester meiner Zahnärztin, sie hatte das gleiche Pferdegebiss. Der Vorsitzende Richter, umringt von einem eher sportlichen Typ mit gepflegtem Dreitagebart und einer brünetten Dame mittleren Alters, hatte schlohweißes Haar und trug Brille mit Goldrand.
Zu meiner Linken saß, inmitten zweier Anwälte, ein Mittfünfziger, der aussah wie ein geschniegelter Versicherungsvertreter: Dickes Goldkettchen um den Hals, das Hemd trug er offen, die Hände beringt wie einst die Gabor; zwei uniformierte Beamte standen hinter ihm. Sein weiblicher Rechtsbeistand wirkte normal, Alter nur sehr schwer schätzbar, das männliche Pendant hatte gegelte Haare und einen Leberfleck auf der linken Wange; übergroße Koteletten gehören verboten!
„Herr Kleeve, ich danke ihnen, dass sie der Ladung so kurzfristig Folge leisten konnten. Im bisherigen Verlauf des Prozesses fiel ihr Name und sie sind aufgrund eines Antrags der Verteidigung geladen worden.“ Der Vorsitzende räusperte sich. „Kommen wir erst einmal zu ihren Personalien: Sie heißen Julius Friedrich Kleeve, sind 44, Fotograf und wohnen in Düsseldorf. Verwandt oder verschwägert mit dem Angeklagten Benedikt Hartenberg sind sie nicht?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, den Herren kenne ich überhaupt nicht.“
„Herr Kleeve, dass sie vor Gericht die Wahrheit sagen müssen, dürfte ja bekannt sein. Sie würden sich strafbar machen, wenn sie hier die Unwahrheit sagen, dazu müssen sie noch nicht einmal unter Eid genommen werden. Aber ich mache sie jetzt schon darauf aufmerksam, dass sie immer dann die Aussage verweigern können, wenn sie sich selber einer Straftat bezichtigen müssten.“ Er wandte sich an die Protokollführerin: „§ 55.“
Nach der normalen Belehrung gleich der Hinweis auf das Aussageverweigerungsrecht? Was sollte das? „Ich wüsste nicht, womit ich mich strafbar gemacht hätte.“
Der bebrillte Robenträger überging meinen Einwand. „Herr Kleeve, der Angeklagte Hartenberg behauptet jedoch, ein Bekannter von ihnen zu sein.“
„Es tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, wo ich ihn hinstecken soll.“ Ich zuckte mit den Schultern.
Der Vorsitzende nahm seine Brille ab. „Der Angeklagte hat ausgesagt, sie mehrmals in der Kölner Kneipe ‚Zum Treber‘ getroffen zu haben und später auf einer Art Vernissage in Essen, in den Räumen der Diskothek Blue.“
„Bitte?“ Ich musste die Informationen erst einmal verarbeiten. Der Treber war eine der ältesten Kölner Stricherkneipen, eigentlich kein gewöhnlicher Aufenthaltsort von mir.
Der Weißhaarige spielte mit dem goldenen Teil in seinen Händen. „In Essen hätten sie auch den Angeklagten mit dem späteren Opfer Enrico Jublinski bekannt gemacht. Was sagen sie dazu?“
„Im Treber war ich nur zweimal, einmal zu den normalen Öffnungszeiten, das andere Mal war es ein Shooting ohne Publikumsverkehr.“ Ich schaute den Typen auf der Anklagebank noch einmal genauer an, aber ich wusste im Moment wirklich nicht, wohin ich ihn hinstecken sollte. „Es mag sein, dass ich dem Angeklagten im Blue auf einer Vernissage begegnet bin und wir da ein paar Worte gewechselt haben, denn ich stelle dort öfters aus, der Besitzer ist ein guter Bekannter von mir. Wenn sie das als Kennen definieren, dann kenne ich den Angeklagten, aber zu meinem näheren Umfeld gehört er jedenfalls nicht. Wann genau soll ich ihm denn Enrico vorgestellt haben?“
Der Herr in der Mitte blickte mich streng an. „Nach Auskunft des Angeklagten Ostern 2007.“
„Ostern 2007?“ Ich kratzte mich am Kinn. „Da haben wir den Bildband mit Enrico im Blue vorgestellt; es war, wenn man so will, eine reine Verkaufsveranstaltung; es kommt immer gut, wenn das Modell bei solchen Veranstaltungen auch persönlich anwesend ist. Da soll das gewesen sein?“
Die Brille mit Goldrand nickte. „Sie sollen ihn angepriesen haben wie Sauerbier. Ausdrücke wie ‚geile Schnitte‘ und ‚heißer Feger‘ sollen gefallen sein.“
„Moment! Es mag sein, dass ich Enrico so bezeichnet habe, aber er war er auch wirklich ein scharfes Gerät!“ Ich atmete tief durch. „Seine Bilder sprachen und sprechen für sich, er war ein Naturtalent vor der Kamera! Anpreisen musste man ihn wirklich nicht.“
„Wie der Angeklagte sich ausdrückte, sie hätten …“ Der Vorsitzende blätterte in seinen Unterlagen. „… ihm das spätere Opfer regelrecht aufgedrängt.“
„Sorry, aber das kann überhaupt nicht sein! Auch wenn Enrico und ich kein Paar waren, aber wir führten trotzdem eine Art von Beziehung, er war fast so was wie meine Muse. Ich hätte alles mit ihm gemacht, aber ihn einem anderen aufdrängen? Im Leben nicht!“ Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte mir den Versicherungsvertreter zur Brust genommen.
Der Robenträger lächelte milde. „Wie war denn ihr Verhältnis zum Opfer?“
„Sehr … privat und, man kann sagen, ich habe ihn vergöttert.“ Ich blickte auf den Tisch, der vor mir stand. „Wenn sie so wollen, ich war in ihn mehr als verschossen, fast verliebt!“
„Da haben wir es doch!“ Kotelette grinste hämisch triumphierend. „Der Zeuge war eifersüchtig und hat, nachdem das Opfer Enrico Jublinski ihn für meinen Mandanten endgültig verlassen hatte, diesen aus Eifersucht umgebracht und die Leiche dann am Ufer der Bevertalsperre vergraben.“
„Sie ticken doch linksrum! Wann hätte ich das denn machen sollen?“ Ich hätte ihn würgen können.
Häuptling Silberlocke hob beschwichtigend die Arme. „Meine Herren! Bitte keine Beleidigungen in meinem Gerichtssaal, das dulde ich nicht! Herr Kleeve, dann frage ich sie jetzt direkt: Wo waren sie am Wochenende des 16./17. Juni 2007?“
„Das ist vier Jahre her!“ Ich atmete tief durch. „Ich müsste in meinen Terminkalender schauen; aus dem Kopf kann ich ihnen das nicht sagen.“
„Wie lange würden sie denn brauchen, um sie zu holen?“ Er verdrehte die Augen.
Ich grinste, griff in die linke Innentasche meines Sakkos. „Geben sie mir zwei Minuten, mein alter Tungsten T5 ist zwar nicht mehr der schnellste PDA, aber seit sechs Jahren mein treuer Begleiter.“ Es gibt heute andere Möglichkeiten der Terminverwaltung, aber ich hänge an dem Teil. Zwar dauerte es etwas, bis ich die entsprechende Seite gefunden hatte, aber auch ein alter Wagen kommt ans Ziel. „Also, ich war vom 14. bis zum 19. Juni 2007 für ein Shooting in Rio.“
„Das kann ja jeder behaupten!“ Der gegelte Robenträger ging mir auf den Keks.
Ich griff erneut in mein Sakko, nur diesmal holte ich meinen Reispass hervor. „Ich kann es sogar beweisen! Brasilien stempelt die Pässe auch bei der Ausreise!“
„Es reicht, wenn sie es mir zeigen.“ Häuptling Silberlocke winkte mich mit deiner Goldrandbrille heran. Bevor ich mich auf den knapp sechs Meter langen Weg zum Richtertisch machte, suchte ich noch die passende Seite und drückte das amtliche Dokument dem Vorsitzenden in die Hand. Er lächelte, tat noch einen Blick auf die Datenseite und reichte mir den bordeauxroten Pass zurück. „Tja, Herr Verteidiger, Herr Kleeve scheidet als möglicher Täter aus! Er ist tatsächlich am 19.06.07 aus Brasilien ausgereist.“ Er blickte mich an. „Herr Kleeve, ich wäre ihnen dankbar, wenn Sie mir und dem Gericht erst einmal erzählen könnte, wie sie das Opfer überhaupt kennengelernt haben.“
„Gerne, aber …“ Ich atmete tief durch. „… aber dazu müsste ich etwas weiter ausholen.“
„Tuen sie sich keinen Zwang an, sie sind der einzige Zeuge an diesem Vormittag, wir haben also alle Zeit der Welt, uns ihre Geschichte anzuhören.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Ich grübelte kurz: Wo sollte ich anfangen? „Getroffen habe ich Enrico eher zufällig. 2005 wollte Jonas Schmitz, der damalige Vorsitzende von Looks, eine neue Stricherbroschüre herauszubringen.“
„Looks?“ Diesmal kam der Einwurf vom Staatsanwalt. „Sie meinen das Projekt zur Verbesserung der Situation männlicher Prostituierter?“
Ich nickte. „Genau! Jonas bat mich, die Bilder für diese Broschüre zu schießen. Ich kam aber erst dazu, als die inhaltliche Arbeit schon gemacht war, ich musste sie nur noch bildlich umsetzen. Die Mittel für das Projekt waren ziemlich begrenzt, also keine professionellen Fotomodelle, sondern eine Gruppe von fünf, sechs Strichern: Deutsche, Türken, Thais … eine ziemlich bunte Mischung. Im Treber haben wir dann ein paar dieser Escorts angesprochen, ob sie mitmachen wollten.“
„Weiter.“ Der Vorsitzende winkte aufmunternd mit seiner Brille.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. „Naja, der Wirt vom Treber war auch mit im Boot, bei ihm sollten einige Bilder gemacht werden, wie zum Beispiel ein Anbahnungsgespräch über die Bühne geht. Zu dem Fototermin brachte Boris, das war einer der Callboys, die wir für das Projekt gewinnen konnten, Enrico mit, angeblich sein Mitbewohner.“
„Sie waren sofort hin und weg?“ Die Dame der Verteidigung hatte eine Sopranstimme.
Ich schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil: Ich war sauer, dass Boris einen Fremden mitgebracht hatte. In diesem Milieu sind Aufnahmen eh schwierig und es bedarf eines gewissen Vertrauensverhältnisses zwischen Fotograf und Modell, will man ein vernünftiges Ergebnis erzielen. Da aber einer der Typen, der vorher zugesagt hat, nicht erschienen war, wurde Enrico quasi zwangsverpflichtet, die Location war ja nicht unbegrenzt verfügbar.“
Mein Blick glitt über die Richterbank. „Als die Bilder in dem Lokal abgefrühstückt waren, ging es dann für die Aufnahmen der üblichen Sexualpraktiken in eine Privatwohnung nach Rodenkirchen. Blasen, Wichsen, Lecken, Kuscheln waren kein Problem, da haben alle Stricher mitgemacht, aber sie kamen in Schwulitäten, als es um den GKG ging, das war ihnen dann doch wohl zu heikel.“
„GKG?“ Der Lehrer am Richtertisch schaute mich ungläubig an.
Ich grinste. „Gummi-Kontroll-Griff, also wenn der Freier beim Analverkehr aktiv ist. Es sollte gezeigt werden, wie der Stricher sich – quasi spielerisch – davon überzeugt, dass nur ein ummanteltes Glied in ihn eindringt. Alle, die schon jahrelang im Sexbusiness tätig waren, zogen – im wahrsten Sinne des Wortes – den Schwanz ein. Aber Enrico? Enrico quatschte das älteste Mitglied der ‚Freiergruppe‘ an und meinte: ‚Für einen Fuffi darfste mich vögeln! Wir machen die Aufnahmen, wenn die im Kasten sind, fickst du einfach weiter. Einverstanden?‘ Ich war zwar etwas perplex, aber die beiden hatten ihren Deal und ihren Spaß; damit war für mich die Sache gegessen.“
„So haben sie also das Opfer kennengelernt?“ Die Robenträgerin auf der Richterbank hatte ziemlich rote Wangen bekommen. „Und wie ging es dann weiter?“
„Tja, als wir sämtliche Aufnahmen für die Broschüre im Kasten hatten, ging die Crew zum Essen, das war als Lohn für das Shooting vereinbart.“ Ob all der Erinnerung, die mir hochkamen, konnte ich mir ein Schmunzeln wirklich nicht verkneifen. „Auf jeden Fall, David setzt sich neben mich …“
„Welcher David?“ Der Staatsanwalt war auch noch da.
Ich blickte ihn entschuldigend an. „Stricher haben in der Regel einen Alias, nur Anfänger in dem Gewerbe nennen ihre richtigen Namen. Enrico nannte sich die ganze Zeit David und wurde auch so von Boris, der eigentlich Viktor heißt, uns vorgestellt. Namen in dem Gewerbe sind Schall und Rauch. Wie sagte Shakespeare? Was uns da Rose heißt, wie es immer auch hieße, es würde lieblich duften.“
„Das ist aber ziemlich frei übersetzt.“ Dreitagebart grinste. „Wie ging es weiter?“
„David … oder Enrico saß beim Abendessen neben mir, wir unterhielten uns, flachsten herum, hatten Spaß. Plötzlich fragte er mich, was vernünftige Aufnahmen von ihm kosten würden. Zugegeben, ich war etwas überrascht und fragte nach dem Grund, warum er denn Bilder von sich haben wollte.“ Ich starrte auf das Kreuz, das an der Rückwand der Richterbank angebracht war. „Seine Antwort war einfach: Er wollte weg vom Bahnhof! Er wollte sich die Typen, mit denen er ins Bett steigen würde, selber aussuchen können. Am Bahnhof müsste er jeden dahergelaufenen Penner bedienen, um Kohle zu machen, aber Enrico wollte eine Liga höher spielen, als Escort, als Luxus-Stricher, aber … dazu bräuchte er gutes Werbematerial. Ich gab ihm meine Karte und meinte, er sollte mich aufsuchen.“
„Und wann suchte er sie auf?“ Häuptling Silberlocke blickte mich neugierig an.
Ich legte meinen Kopf schief. „Er wartete auf dem Parkplatz des Restaurants auf mich und fragte, ob ich ihn in die Stadt mitnehmen könne. Als wir kurz vor dem Dom waren, meinte er, man könne die Aufnahme ja auch jetzt schon machen. Was sollte ich sagen? Ich nahm ihn mit zu mir.“
„Wie ging es dann weiter?“ Der Vorsitzende hatte es wohl eilig.
Ich blickte ihn verwirrt an. „Wie soll es weiter gegangen sein? Auf dem Weg hielten wir an einer Tankstelle, ich tankte und er kaufte sich von den 50 Euro, die er für den Fick vom Nachmittag bekommen hatte, eine Stange Zigaretten. Als wir wieder im Wagen waren, meinte er, bis zur letzten Schachtel würde er bei mir bleiben, ich müsse nur für das Essen und die Bilder sorgen. Nach einer Woche verließ er mich dann, kam dann aber nach drei Tagen schon wieder zurück.“
„Aus ihnen wurde also ein Liebespaar?“ Silberlocke lächelte altväterlich.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, kein Paar im herkömmlichen Sinne, eher eine Art Nutzgemeinschaft. Wir hatten unseren Spaß und davon reichlich, aber Enrico schlüpfte schnell in die Rolle eines Major Domus: Er schmiss den Haushalt, ich konnte mich mehr auf meine Arbeit konzentrieren.“
„Sie waren also nicht sein Sugar-Daddy?“ Der Staatsanwalt hatte wohl einige Erfahrungen in dem Metier. „Der Altersunterschied zwischen ihnen war ja doch enorm, über 20 Jahre.“
„Um genau zu sein 21 Jahre und sechs Monate. Wie sich herausgestellt hat, war Enrico zu dem Zeitpunkt unseres Kennenlernens erst 17, aber das habe ich erst später herausgefunden.“ Ich blickte auf den Vertreter der Strafverfolgungsbehörde, der zufrieden nickte.
Der Mann mit den Koteletten unterbrach meine Gedanken, wie ich fortfahren sollte. „Sie haben also Unzucht mit einem Minderjährigen getrieben?“
„Wenn sie so wollen, dann kann man das so sagen, aber Unzucht mit einem Stricher?“ Der Kerl war mir unsympathisch! „Es floss kein Geld, wenn sie das meinen. Ich habe ihn nie für Sex bezahlt, zu keiner Zeit! Es war so eine Art Symbiose, die wir eingingen: Er hatte ein Dach über dem Kopf und …“
„Sie waren also nicht sein Zuhälter?“ Dreitagebart schaute mich fragend an.
Ich konnte nur bestürzt den Kopf schütteln. „Gott bewahre! Ich bin doch kein Lude, das könnte ich gar nicht! Nach der ersten Woche bei mir, fuhr er, verbrachte das Wochenende in Köln. Am Montag stand er dann am wieder auf der Matte, blieb ein paar Tage, um dann wieder in Köln seine Dienste anzubieten. So ging das dann fast ein halbes Jahr, bis Ende 2005. Er kam immer für zwei oder drei Tage und fuhr dann wieder. Nur das Wochenende, an dem er seinen 18.ten Geburtstag feierte, verbrachte er bei mir. Dann habe ich ihn knapp einen Monat nicht gesehen.“
„Hatten Sie Streit?“ Goldrand war neugierig.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Streit gab es so gut wie nie, Enrico war unheimlich harmoniebedürftig. Der Grund war einfach: Ich war im Urlaub und er hatte keinen Schlüssel.“
„Hatten sie denn kein Vertrauen zu ihm?“ Die Zahnarztschwester schien besorgt.
Ich blickte sie leicht verwirrt an. „Vertrauen war da, aus David war längst Enrico geworden. Aber … irgendetwas schwebte immer im Hintergrund, wie ein Damoklesschwert. Enrico hatte mir zwar seine Lebensgeschichte erzählt, aber … diese Geschichte war in sich nicht stimmig: Mal hatte sein Vater seine Mutter schon in der Schwangerschaft verlassen, mal verstarb er bei einem Autounfall, mal saß er jahrelang wegen Bankraubs im Knast. Einmal war er Einzelkind, dann wieder der Nachzügler. Die krasseste Geschichte, die er mal erzählte, war, dass sein eineiiger Zwillingsbruder bei der Geburt gestorben wäre. Wie gesagt, irgendetwas war faul im Staate Dänemark, aber das wunderte mich nicht besonders, denn ein Stricher erfindet sich und sein Leben für jeden Freier neu.“
Mein Hals wurde trocken, ich blickte den Vorsitzenden an. „Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?“
„Selbstverständlich! Frau Sinkewitz, wenn sie einmal so freundlich wären und …“ Er meinte wohl seine Protokollführerin, aber der junge Gehilfe des Staatsanwalts, offensichtlich sein Referendar, war schneller. Als er mir die Erfrischung reichte, berührten sich kurz unsere Hände, ein elektrischer Schlag durchzuckte mich; der Knabe hatte etwas.
Silberlocke griente. „Na, dann hätten wir das ja jetzt auch erledigt. Bitte fahren sie fort.“
Ich trank einen Schluck. „Gerne. Als ich aus dem Urlaub kam, hatte er sich erheblich verändert, er wirkte verhärmt, ausgepowert, traurig, wütend auf sich und die Welt. Er hätte mich vermisst, allerdings konnte ich ihm das nicht so richtig abkaufen.“
„Warum nicht?“ Der dickliche Staatsanwalt wollte es aber genau wissen.
Ich blickte in seine Richtung, schaute aber lieber seinen Assistenten an, der – trotz des Anzugs – erheblich besser aussah. „Es ist ziemlich schwer, es richtig auszudrücken, aber es war wohl eher der sichere Hafen, der ihm fehlte. Bei einem Kunden für eine oder für zwei Nächte Unterschlupf zu finden, ist die eine Sache, aber … ich glaube, ihm fehlte das Gefühl, nach Hause kommen zu können. Er war wohl auf der Suche nach einem Nest, einer Zuflucht. Er blieb ganze zwei Wochen und in der Zeit entstanden auch die ersten Bilder für den Bildband und die Ausstellung. Enrico war ein Naturtalent vor der Linse, als ob er nie etwas anderes in seinem Leben gemacht hätte.“
Das Wasser war warm. „Er wäre wahrscheinlich noch länger geblieben, aber es kam zu dem einzigen Streit, den wir in der ganzen Zeit hatten. Ich habe ihn in flagranti erwischt, wie er …“
„… sie bestohlen hat?!“ War das eine Frage der Verteidigerin oder ein Vorurteil?
Ich schaute die Dame entgeistert an. „Nein, Enrico war zwar Prostituierter, aber nicht jeder Stricher ist auch gleichzeitig ein Dieb. Wenn er in den Supermarkt ging und für mich einkaufte, lagen Bon und Wechselgeld später auf dem Küchentresen, selbst wenn es nur 23 Cent waren. Er ging nie an mein Portemonnaie, selbst wenn es offen auf dem Tisch lag.“ Ich wandte mich wieder dem Richtertisch zu. „Ich habe ihn mit einer Frau erwischt, in meinem Bett! Ich habe zwar nichts gegen Frauen, aber das war mir dann doch zu viel! Das Mädchen, das er bei sich hatte und mit dem er – na, sie wissen schon – sah auch nicht gerade vertrauenserweckend aus. Ich vermute, er hat sie auf dem Drogenstrich aufgegabelt und sie hat ihn wohl an eine Nennschwester aus dem Heim erinnert.“
„Hatten sie nicht gerade gesagt, sie hätten Zweifel an seiner Lebensgeschichte gehabt?“ Die Brille mit dem Goldrand war wieder auf der Nase.
Ich nickte. „Stimmt, aber eine Bedingung für den langen Aufenthalt war absolute Offenheit und Ehrlichkeit, von daher … Außerdem blieb er seit diesem Zeitpunkt bei einer Geschichte und die war in sich auch rund. Sein Vater starb bei einem Unfall, als seine Mutter mit seinem Bruder schwanger war. Sie kam wohl mit dem Verlust nicht zurecht und sprach dann dem Alkohol zu. Das Jugendamt nahm ihr später die Kinder weg, sie kamen in getrennte Pflegefamilien, für Enrico voll ein Griff ins Klo: Ein Pflegevater missbrauchte ihn, ein anderer schlug ihn krankenhausreif. Er landete schlussendlich im Heim und geriet auf die schiefe Bahn. Mit 16 ist er nach Berlin und da auf dem Strich gelandet. Es gab wohl einige Probleme mit der Polizei und er tauchte dann in Köln wieder auf, wo ich ihn …“
„Das stimmt aber so nicht!“ Eine Stimme aus dem Hintergrund meldete sich, ich drehte mich um und erschrak: Da saß eine zweite Ausgabe von Enrico, nur mit Brille und mittellangem Haar. „Unsere Mutter starb an Lungenkrebs und der Alte war der Säufer, der das Weite suchte.“
„Herr Jublinski!“ Der Chefrichter schien ungehalten. „Bitte keine Zwischenrufe! Wir sind hier weder bei Barbara Salesch noch bei einer dieser anderen unsäglichen Gerichtsshows. Wenn sie etwas zu einer Aussage eines anderen Zeugen beizutragen haben, dann können sie das mit Handzeichen andeuten, ich werde sie dann schon fragen.“
„Ist ja gut! Ich wollte es ja nur gesagt haben.“ Hörte ich da ein Schmollen in seiner Stimme?
„Dann bist du wohl Justin?“ Ich lachte den Knaben an. „Viel hat dein Bruder zwar nicht über dich erzählt, aber ihr habt eine ungeheure Ähnlichkeit, richtig erschreckend!“
„Herr Kleeve, das Gleiche gilt auch für sie: Bitte keine Zwiegespräche mit der Zeugenbank!“ Der Oberrichter grummelte immer noch. „Wenn sie dann bitte weiter berichten wollten?“
Ich drehte mich wieder um und lächelte verhalten. „Aber gerne doch. Wo war ich?“
„Vor dem Exkurs in die Lebensgeschichte? Bei dem drogensüchtigen Mädchen und dem Streit, den sie mit dem späteren Opfer hatten.“ Die Brille mit Goldrand wurde mal wieder in der Hand gehalten.
„Nach dem Streit wegen Nadine, so hieß das Mädchen, war erst einmal Funkstille, er war angepisst, ich war es auch. Aber nach anderthalb Wochen haben wir uns ausgesprochen.“ Ich massierte mein Kinn. „Er schien wirklich vernarrt in sie zu sein, denn er kümmerte sich rührend um die Kleine, besonders als sie schwanger wurde; sie war so etwas wie eine kleine Prinzessin für ihn!“
„Dann war das Opfer also gar nicht schwul?“ Dreitagebart hatte Fragezeichen in den Augen.
Ich zuckte mit den Schultern. „Die meisten Lustdiener aus Südeuropa sind heterosexuell und schicken das mit Sex verdiente Geld in die Heimat, unterstützen damit Frau und Kind, aber Enrico? Enrico war dann doch eher homo- als bisexuell, denn, bis auf das eine Mal, wo ich ihn erwischt habe, ist mit Nadine nicht viel gelaufen, jedenfalls habe ich diesbezüglich nichts bemerkt. Die Zwei benahmen sich aber auch eher wie Bruder und Schwester und nicht wie Freund und Freundin.“
Ich trank einen Schluck des ziemlich warmen Wassers. „Es ging sogar so weit, dass er die kleine Einliegerwohnung, die neben meinem Studio liegt, für sie anmietete. Da Nadine, aus welchem Grund auch immer, da nicht einziehen wollte, hat er die Wohnung dann unter der Woche für sich genutzt und ging da wohl auch seinem Gewerbe nach, die Wochenenden verbrachte er weiterhin in Köln.“
„Dass sie sich der Förderung der Prostitution schuldig gemacht haben, ist ihnen wohl klar, oder?“ Der gegelte Typ war mir wirklich zuwider!
Statt meiner antwortete der Staatsanwalt. „Herr Kollege! Was ein Mieter in seinen Räumen macht, ist nicht Sache des Vermieters. Auch wenn Herr Kleeve gewusst haben sollte, dass das Opfer dort der Prostitution nachgeht, es liegt kein § 180a StGB vor, höchstens ein Verstoß gegen eine etwaige Sperrbezirksverordnung. Es wäre somit maximal eine Ordnungswidrigkeit und die ist verjährt!“
„Aber wir hätten dann doch eine mögliche Steuerhinterziehung!“ Die Kotelette grinste mich fies an. „Haben sie die Mieteinnahmen auch angegeben?“
„Ich wüsste nicht, was die Steuererklärung des Herrn Kleeve mit dem Tod des Enrico Jublinski zu tun hat, Herr Kollege!“ Der dickliche Staatsanwalt geriet in Rage. „Wollen sie etwa behaupten, der Zeuge Kleeve hätte wegen ein paar unrichtiger Angaben in seiner Steuererklärung einen Killer engagiert? Er selber war ja außer Landes!“
„Ich meine ja nur, dass …“ Der Angesprochene ruderte zurück.
Der Vertreter der Anklage funkelte böse in Richtung Verteidigung. „Bleiben sie bei den Fakten, Herr Kollege! Nur Fakten zählen, keine Meinungen!“
„Haben sie nicht versucht, Herrn Jublinski ganz in Düsseldorf zu halten?“ Die Richterin wieder!
Ich blickte die Dame an. „Ich habe sogar mit Engelszungen geredet, aber leider ohne Erfolg! Ich habe versucht, ihn zur Abendschule zu bewegen, um wenigstens den Hauptschulabschluss nachzumachen, aber Fehlanzeige! Er wollte nichts mit Ämtern zu tun haben, sich auch nicht anmelden, denn er hatte Angst, dass dann irgendwelche Haftbefehle, die wohl noch gegen ihn vorlagen, vollstreckt werden würden.“ Ich trank einen Schluck. „Er sollte sich arbeitslos melden, um eine Krankenversicherung zu haben, aber selbst Hartz IV wollte er nicht. Auch die Lehrstelle als Fotograf, die ich ihm anbot, lehnte er in Bausch und Bogen ab: Auf dem Strich könne er mehr Geld verdienen als Azubi, er müsse sich ja um Nadine und deren Nachwuchs kümmern.“
„War er denn der Vater?“ Die Frage kam vom Staatsanwalt.
„Ich habe zwar vom Kinderkriegen keine Ahnung, aber …“ Ich grinste ihn an. „… an ein Frühchen glaube ich dann doch nicht, es sei denn, der Fötus ist bereits nach sechs Monaten Schwangerschaft fast sieben Pfund schwer und über 50 Zentimeter groß. Das waren die Daten, die mir Enrico nach der Entbindung des Jungen mitgeteilt hatte.“
Die Frau in der Richterrobe grinste. „Sieben Pfund? Das war dann ein ganz schöner Wonneproppen, dass können sie mir glauben!“
„Sofort und unbesehen!“ Ich lachte sie an. „Enrico war richtig enthusiastisch, richtig aufgekratzt, aber dann kam für ihn die große Ernüchterung: Nadine gab das Kind nach einem Monat zur Adoption frei. Was soll ich sagen? Enrico ließ sie fallen und fiel dabei selber in ein großes Loch.“
„Und wie kam er da wieder raus?“ Die Brille mit Goldrand war wieder auf der Nase.
Ich zuckte mit den Schultern. „Nur sehr schwer, ich habe versucht, ihn abzulenken: Erst waren wir eine Woche auf Malta, dann haben wir die Arbeiten an dem Bildband wieder aufgenommen. Er war erst Feuer und Flamme, fast wieder ganz der alte Enrico, den man nur lieb haben konnte, aber, als das Buch dann fertig war und in Druck ging, wurde er wieder fahrig, hatte zu nichts Lust mehr. Die eigentliche Buchvorstellung ging ja noch gut über die Bühne, aber die Promo-Tour? Da musste ich bitten und betteln, dass er überhaupt seinen Arsch bewegte und mit mir kam.“
„Wie sah denn die Werbetour aus?“ Dreitagebart war neugierig.
„Die Vorstellung des Buches war Mitte Dezember, im Januar waren wir dann ein Wochenende in Hamburg und Berlin, an einem zweiten in München und Stuttgart. Im Februar kamen Frankfurt, Köln und Dortmund. Die Termine im März sagte er komplett ab, erst im April, zu Ostern also, kam er mit zur Vernissage nach Essen. Aber zu dem Zeitpunkt …“ Ich leerte das Glas. „… war er alles andere als ein verlässlicher Zeitgenosse. Ich glaube, es war auf der Fahrt nach Dortmund, da hat er mir erzählt, er hätte in Köln einen gewissen Ben Sowieso kennen gelernt, der ihn regelrecht vergöttern würde.“
Der Hauptrichter lugte über seine Brille. „Hat er diesen Ben näher beschrieben?“
„Leider nein!“ Ich schüttelte den Kopf. „Das Einzige, was ich von ihm weiß, ist, er hätte einige Läden im Ruhrgebiet und wäre auch an Lokalen in Berlin und München beteiligt. Mir kam das Ganze zwar suspekt vor, aber Enrico war der Meinung, er hätte mit diesen Typen das große Los gezogen.“
„Und dann?“ Die Brille mit Goldrand wurde mal wieder als Winkelement missbraucht.
Trauer legte sich in meinem Blick. „Nach Essen habe ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, wir telefonierten zwar noch einige Male, aber alle Gespräche drehten sich um diesen ominösen Ben, der ihn ganz und gar in Beschlag nahm. Das Letzte, das ich von ihm hörte, war eine Nachricht auf meinem AB: Er würde es zu meinem 40.sten Geburtstag nicht schaffen, Ben wollte mit ihm nach Rom.“
„Und das war das letzte Lebenszeichen von ihm?“ Die Stimme der einzigen Volljuristin im Kollegium hörte sich belegt an. „Wie haben Sie reagiert?“
Ich atmete tief durch. „Ich war sauer, aber was sollte ich machen? Enrico hatte schon immer seinen eigenen Kopf, man konnte ihn nicht anbinden. Allerdings … vor Ben war er zuverlässiger. Aber, um den ersten Teil der Frage zu beantworten, das war nicht die letzte Nachricht von ihm.“
„Wie?“ Häuptling Silberlocke bekam große Augen.
Ich griff wieder in meine Innentasche und holte drei Briefe hervor, die ich auf den Tisch legte. „Er hat mir noch geschrieben, aber antworten? Antworten konnte ich leider nicht darauf! Ich wusste nicht, wie ich ihn hätte erreichen können, eine Adresse hatte ich leider nicht!“
„Das Opfer hat ihnen geschrieben?“ Die Stimme des Staatsanwalts überschlug sich fast.
Ich nickte. „Ja, hat er. Wollen sie die Briefe sehen?“
„Gerne!“ Das war alles, was er sagte.
Der gegelte Anwalt sprang auf. „Ich protestiere auf das Schärfste! Der Zeuge kann die Briefe auch selbst geschrieben haben.“
„Herr Verteidiger, ich darf Sie daran erinnern, dass der Zeuge auf ihren Antrag hin geladen wurde. Wenn er neues Beweismaterial beibringt, dann werden wir dies auch berücksichtigen.“ Dem Mann der Staatsanwaltschaft schien die Hutschnur zu platzen. „Man kann ja nötigenfalls mittels eines Sachverständigen klären, wer die Briefe schlussendlich geschrieben hat.“ Er blickte mich intensiv an. „Herr Kleeve, würden sie die Briefe bitte dem Gericht übergeben?“
Ich nahm die Umschläge, erhob mich und brachte sie zum Richtertisch. Nach einem wohlwollenden Nicken des Vorsitzenden begab ich mich wieder auf meinen angestammten Platz. Silberlocke hatte den ersten Brief wohl schon überflogen, räusperte sich. „Dann werden die Briefe jetzt durch Verlesen in Augenschein genommen.“
„Herr Vorsitzender, ich stelle hiermit folgenden Beweisantrag: Die durch den Zeugen Kleeve vorgelegten Briefe sollen durch einen Schriftsachverständigen auf ihre Echtheit überprüft werden.“ Der Verteidiger stand immer noch. „Die Urheberschaft durch das Opfer wird bestritten, außerdem könnte, solange wir vom Inhalt keine Kenntnis haben, der höchstpersönliche Lebensbereich meines Mandanten durch das Verlesen verletzt werden.“
Der etwas dickliche Vertreter der Anklage hatte sich ebenfalls erhoben und winkte nur lapidar ab. „Herr Kollege! Wenn das Opfer an den Zeugen einen Brief schreibt, wo ist da die Privatsphären ihres Mandanten betroffen? Herr Kleeve präsentiert uns Schreiben, die ausdrücklich an ihn gerichtet sind und er ist mit der Verlesung einverstanden, also wo ist das Problem? Dass Briefe vom Opfer existieren, wusste ich nicht, aber da sie jetzt da sind, handelt es sich um präsente Beweismittel. Soll ich den Beweisantrag schriftlich stellen?“
Die drei Berufsrichter steckten kurz ihre Köpfe zusammen, tuschelten miteinander. Der Häuptling richtete sich auf, blickte an mir vorbei auf die Zeugenbank. „Herr Jublinski, könnten sie einmal einen Blick auf die Briefe werfen, ob das die Handschrift ihres Bruders ist?“
Der Angesprochene stand auf, ging zum Richtertisch, warf einen Blick auf die ihm gereichten Seiten. „Ja, das ist seine Handschrift meines Bruders, da bin ich mir sicher.“ Er nestelte an einer Jacke, holte ebenfalls einen Umschlag heraus. „Hier, das ist der letzte Brief von ihm, zu meinem 17.ten Geburtstag; den habe ich immer bei mir. Sie können gerne vergleichen!“
„Danke!“ Die Silberlocke wirkte fast schüchtern, als er das Erinnerungsstück entgegen nahm.
Kotelette saß mittlerweile wieder. „Herr Vorsitzender! Was ist nun mit meinem Beweisantrag?“
„Moment! Es ergeht folgender Beschluss: Erstens …“ Er blickte zu seiner Protokolldame. „… das Gericht zieht sich zur Beratung über die Beweisanträge von Verteidigung und Staatsanwaltschaft zurück. Zweitens: Die Hauptverhandlung wird für 20 Minuten unterbrochen.“ Er schaute nun mich an. „Herr Kleeve, sie sind noch nicht entlassen! Wir sehen uns gleich wieder!“
Ich wusste nicht, wie mir geschah. „Wenn sie meinen!“
Die Richter verließen durch eine Tür hinter ihnen den Sitzungssaal, fast alle Anwesenden erhoben sich, ich tat es ihnen nach. Am Ausgang tippte mir jemand auf die Schulter, ich drehte mich um, es war die zweite Ausgabe von Enrico. „Darf ich sie mal kurz sprechen?“
„Aber immer doch, ich würde nur gerne eine Zigarette …“ Warum war ich so gehemmt?
Mein Gegenüber lachte. „Ich auch!“
Gemeinsam verließen wir das Gebäude, ich hatte keine Lust, erst einen Raucherraum zu suchen. Als wir in der Kälte standen, uns gegenseitig mit Feuer versorgt hatten, lächelten wir uns an. „Du bist also Enricos Bruder?“
„Der bin ich!“ Der junge Mann grinste. „Und du warst sein Lover?“
Ich inhalierte tief. „Ich wäre es gerne gewesen, aber … Enrico ließ niemanden nah genug an sich heran, um diesen Status zu erreichen. Da war immer eine gewisse Distanz zwischen uns.“
„Auch beim Sex?“ Der Brillenträger war wirklich keck!
Ich musste grinsen. „Beim zwischenmenschlichen Spiel kannte dein Bruder keine Grenzen, es war … heftig, wenn man das so sagen kann. Aber im zwischenmenschlichen Bereich, also immer dann, wenn es privater und intimer wurde, konnte dein Bruder ganz gut abblocken. Im Bett war er die größte Sau, im Gespräch die keuscheste Nonne!“
Der Jüngling wirkte leicht verlegen. „Hätte ich jetzt gar nicht gedacht. Bei mir ist es umgekehrt.“
Ich war erstaunt. „Wie meinst du das denn jetzt?“
„So, wie ich es gesagt habe: Bei Gesprächen gehe ich gerne aus mir heraus, habe eine große Klappe, aber im Bett? Da bin ich eher einfach gestrickt.“ Er gluckste. „Hab halt nicht so die Erfahrung.“
Ich winkte ab. „Erfahrungen sammelt man mit der Zeit, aber im zwischenmenschlichen Bereich kommt es – meiner Ansicht nach – eher auf die Grundeinstellung an: Ist man in der Lage, offen und ehrlich, also ohne Hintergedanken, auf seinen Partner zuzugehen?“
„Und Enrico konnte das nicht?“ Er blickte mich verwundert an.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber das lag wahrscheinlich an seiner Lebensgeschichte, an seinen Erfahrungen, die er gesammelt hat. Was meinst du, wie er herumgeeiert ist, wenn es persönlicher wurde? Über Politik konnte man mit ihm reden, ohne Probleme, stundenlang und mit wachsender Begeisterung! Aber wehe, man hat über Familie gesprochen! Ich habe mehr als eine Version seiner Geschichte von ihm gehört. Erst als ich ihm die Pistole auf die Brust setzte, wurde er deutlicher, aber das …“ Ich blickte ihm tief in die Augen. „… aber das war ja auch gelogen, wie ich heute durch dich erfahren habe. Ich nehme es ihm noch nicht einmal übel, dass er mich angeflunkert hat, Enrico war halt so, aber ich bin doch irgendwie auch enttäuscht.“
„Dass er dir nicht das gleiche Vertrauen entgegen gebracht hat, das du ihm gezeigt hast? Meinst du das?“ Er rieb sich die Nase.
Ich nickte. „Stimmt. Grundlage jeder Beziehung, egal ob zwischen Mann und Mann oder Mann und Frau oder Frau und Frau, ist – meiner Erfahrung nach – die absolute Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber dem Partner: Das ist das A und O einer guten Beziehung.“
„Stimmt auffallend! Aber ich glaube, so langsam müssten wir wieder rein.“ Er grinste mich an.
Ich schaute mit Schrecken auf die Uhr. „Wo du Recht hast, hast du Recht; wir haben noch knapp fünf Minuten, dann müssen wir wieder im Saal sein.“
„Dann lass uns mal.“ Er trat die Zigarette auf dem Pflaster aus. „Aber ich muss mich erst noch entschuldigen, ich war – wieder einmal – zu forsch!“
Ich rieb mir verwundert die Augen. „Sorry, aber ich kann jetzt nicht ganz folgen! Was meinst du?“
„Ich habe dich die ganze Zeit geduzt, obwohl du mir das Du nicht angeboten hast!“ Verlegenheit machte sich auf seinem Gesicht breit, er verlagerte sein Gewicht von einem Bein zum anderen.
Ich konnte nur meinen Kopf schütteln. „Justin, wo ist das Problem? Wäre Enrico nur etwas offener gewesen, aus uns wäre, da bin ich mir sicher, ein Paar geworden. Somit wären wir so etwas wie verschwägert, da ist das Du wohl mehr als angebracht. Findest du nicht?“
„Doch schon!“ Er lächelte. „Aber wir sollten das, nur für uns, noch besiegeln!“
„Und wie?“ Ich blickte ihn neugierig an. „Bier zum Anstoßen habe ich leider nicht dabei!“
Er trat einen Schritt auf mich zu, spitzte seine Lippen und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Ich brauchte einen Augenblick, um die Situation gänzlich zu erfassen, dann aber öffnete ich die Lippen, legte meine Linke auf seinen Hinterkopf, zog ihn langsam zu mir heran. Seine Zunge eroberte meinen Mundraum, aber auch mein Gegenangriff war erfolgreich.
Als wir uns gelöst hatten, lachte er mich an. „Noch drei Minuten! Nun mal los, werter Schwager!“
„Nach dir, lieber Schwager!“ Ich fand ihn einfach nur süß.
Im Saal angekommen saßen die meisten Zuschauer schon wieder auf ihren Plätzen, der Angeklagte, samt Verteidigungsmannschaft und Bewacher, war auch schon wieder anwesend, der Staatsanwalt saß ebenfalls auf seinem Platz, nur das hohe Gericht glänzte noch durch Abwesenheit. Es dauerte etwas, aber dann ging die Tür auf und der hohe Spruchkörper zog im Gänsemarsch wieder ein. Man erhob sich, bis der oberste Robenträger sich räusperte. „Die Verhandlung gegen Benedikt Hartenberg wegen Totschlags wird hiermit fortgesetzt. Nehmen sie bitte Platz.“ Jeder im Saal setzte sich, ich mich auf den Zeugenstuhl.
„Nach Beratung hat das Gericht beschlossen, die durch den Zeugen Kleeve vorgelegten Briefe in Augenschein zu nehmen. Das Gericht geht, nach der Bestätigung durch den Zeugen Justin Jublinski und der vorgelegten Vergleichsprobe der Handschrift des Opfers, von der Echtheit der Briefe aus. Der Beweisantrag der Verteidigung wird daher verworfen, da ihm auch das Geschmäckle einer möglichen Prozessverschleppung anhaftet. Dem Antrag der Staatsanwaltschaft war jedoch stattzugeben, da die Beweiserhebung nicht unzulässig ist, ich verweise auf § 245 Absatz 2 StPO.“ Er blickte sich um. „Ich darf dann beginnen?“ Ich blickte nach vorne, der Brief war mittlerweile in einer Klarsichtfolie verpackt, er rückte sich die Brille zurecht. „Herr Kleeve, ist JFK ihr Spitzname?“
Ich nickte pflichtbewusst. „So werde ich nicht nur von Freunden und in der Szene genannt, es ist auch mein Markenzeichen als Fotograf.“
„Dann wollen wir mal!“ Er räusperte sich erneut und begann seinen Vortrag. „Köln, am zweiten Mai 2007. Hi JFK, ich weiß, ich bin ein Arsch, es tut mir wirklich leid, dass ich mich in letzter Zeit so rar gemacht habe, aber ich musste über einige Dinge in meinem Leben nachdenken. Düsseldorf ist nichts mehr für mich, zu viele Gedanken an Nadine und das Kind, dass die Schlampe einfach weggegeben hat. Aber mit der Bitch will ich Dich jetzt nicht nerven, Du hattest immer Deine Probleme mit ihr. Aber mit Deiner Skepsis hast Du Recht behalten, ich war wohl zu blauäugig.
Ben hat mir letzte Woche einen Job in einem seiner Läden angeboten, ich werde also Barkeeper in einem seiner Betriebe. Er hat gesagt, ich könnte auch bei ihm wohnen. Ich glaube, ich nehme das Angebot an, ich will endlich von der Straße weg. Fühl Dich umarmt und geknuddelt – Dein Enrico – PS: Meine neue Handynummer lautet …“
Er blickte in dir Runde, legte das Papier beiseite und nahm die nächste Klarsichthülle in die Hand. „Köln am 15.05.2007. Hi JFK, danke für Deine SMS. Wie war Dubai? Wenigstens bei dir scheint alles rund zu laufen, bei mir sieht es nicht so gut aus. Ben hat mir zwar einen neuen Pass besorgt, ich heiße jetzt David Husselmann, aber er will plötzlich den doppelten Preis dafür haben, dieses Arsch! Den versprochenen Barkeeperposten gab es auch nicht, ich muss für ihn die Beine breitmachen, also wieder auf den Strich! Warum habe ich dich für ihn verlassen? Ich bin ein Idiot!
Der Arsch verlangt außerdem 500 Miete pro Woche für das Zimmer, ich schulde ihm jetzt also knapp 7.000 Euro! Warum gerate ich immer an die falschen Leute? Das Handy hat er mir abgenommen, ich komme mir vor wie im Knast. Er will mich morgen nach München bringen, um da meinen Arsch anzubieten, da wäre ich Frischfleisch. Fühl Dich trotzdem umarmt und geknuddelt! Dein Enrico.“
Fast mechanisch griff er sich den letzten Brief. „Irgendwo auf der Autobahn, Datum vom 15.06.2007. Hi JFK, ob Du es glaubst oder nicht: Das Arsch hat tatsächlich einen mobilen Puff mit allem Komfort, getarnt als normaler Caravan. Ben fährt und ich sitze hinten und schreibe Dir.
Es gibt endlich etwas Positives zu berichten: Ich hatte in München einen Stammfreier, einen reichen Araber, der mich freikaufen will! Ben scheint einverstanden zu sein, denn seitdem Ibrahim (das ist der Araber) ihm den Vorschlag gemacht hat, bin ich nur noch sein privater Lustsklave. Aber ich hab schon Schlimmeres erlebt: Seine acht Zentimeter (mehr hat er wirklich nicht in der Hose!) tun nicht weh, auch wenn er rammelt wie eine Nähmaschine. Schlimmer ist, dass er mich immer erst mit dem Gürtel oder der Peitsche traktiert, um überhaupt noch einen hochzukriegen.
Wir sind auf dem Weg in sein Wochenendhaus im Bergischen. Ich soll ihm und seinen Freunden dort als Lustobjekt für das ganzes Wochenende dienen, Ben nannte es meine letzte Diensthandlung. Egal! Montag hat der Spuk endlich ein Ende und dann geht es mit Ibrahim endlich in die Freiheit. Wegen meiner Sachen, die noch bei Dir in der Einliegerwohnung liegen, melde ich mich. In Liebe – Dein Enrico – PS: Ich hab nur noch eine 40 Cent Briefmarke, ich hoffe, Du verzeihst mir das Nachporto! E.“
Der Angeklagte schlug mit der Hand auf den Tisch. „Ich fasse es nicht! Der kleine Schwanzlutscher hat Briefe geschrieben! Nach einem zweiten Handy habe ich ja gesucht, aber Briefe?“
„War das der Anfang eines Geständnisses?“ Die Frage des Vorsitzenden war kühl und nüchtern.
Der Versicherungsmensch sprang auf. „Leck‘ mich!“
„Es ergeht folgender Beschluss: Gegen den Angeklagten wird wegen ungebührlichen Verhaltens ein Ordnungsgeld in Höhe von 1.000 Euro beziehungsweise vier Tage Ordnungshaft angeordnet. Herr Hartenberg, sie dürfen hier weder Zeugen noch das Gericht beleidigen! Ist das jetzt klar?“
Statt einer Antwort griff der Versicherungsmensch nach dem Glas, das vor ihm stand, und warf es in Richtung Richterbank. Die beiden Beamten reagierten erst, als es krachend auf dem Boden aufschlug und in tausend Teile zersplitterte. Silberlocke blieb überraschend ruhig.
„Es ergeht dann ein weiterer Beschluss: Gegen den Angeklagten Hartenberg wird ein erneutes Ordnungsgeld in Höhe von 2.000 Euro beziehungsweise acht Tage Ordnungshaft angeordnet, ferner wird hiermit die Fesselung des Angeklagten angeordnet. Meine Herren, legen sie ihm Handschellen an!“ Die Uniformierten kamen der Aufforderung nach. „Herr Hartenberg, noch so eine Entgleisung und wir machen in ihrer Abwesenheit weiter.“ Er machte sich ein paar Notizen. „Gibt es zu den Briefen Anträge oder Erklärungen? Herr Staatsanwalt? Herr Verteidiger?“
Es herrschte absolute Ruhe. Die beiden Bänke tuschelten intensiv, aber die Beratungen am Tisch der Staatsanwaltschaft verliefen aber schneller. „Aufgrund der neuen Beweislage ist es jetzt wohl kein Totschlag mehr, sondern eher Mord. Bezüglich dieser Qualifizierung reicht – nach Ansicht der Staatsanwaltschaft – ein Hinweis auf § 265 Absatz 2 StPO.“ Der Anklagevertreter räusperte sich. „Außerdem kommen jetzt Delikte wie Urkundenfälschung, gefährliche Körperverletzung, eventuell sogar auch schwere Körperverletzung zur Anklage hinzu, ferner die Ausbeutung von Prostituierten und Zuhälterei. Man könnte zwar einen Teil nach § 266 StPO [Nachtragsanklage] heute schon mitverhandeln, aber ich glaube nicht, dass der Angeklagte dem zustimmen würde. Auch sehe ich noch Ermittlungsbedarf hinsichtlich der §§ 180a [Ausbeutung von Prostituierten], 181a [Zuhälterei], 267 [Urkundenfälschung]. Von daher werden wir uns wohl alle bald wiedersehen.“
Der Mann mit der Goldrandbrille blickte zur Anklagebank. „Was sagt die Verteidigung?“
Diesmal war es die Dame, die die Stimme erhob. „Einer Nachtragsanklage hätten wir natürlich nicht zugestimmt, aber wir beantragen nach § 265 Absatz 3 die Aussetzung des Verfahrens.“
Silberlocke zog die Augenbrauen hoch, blickte zur anderen Seite. Der Staatsanwalt hatte wohl damit gerechnet, denn seine Antwort kam prompt. „Frau Kollegin! Was machen sie? Sie brennen hier eine Nebelkerze nach der anderen ab! Erst war es ein Stricher, der unliebsame Konkurrenz ausschaltete, dann war es ein Freier, der das Opfer im Sexrausch tötete und dem ihr Mandant nur half, die Leiche zu beseitigen. Heute sollte der Zeuge Kleeve als eifersüchtiger Täter herhalten, aber auch dieser Versuch ging deutlich in die Hose.“
Er goss sich etwas Wasser aus der vor ihm stehenden Karaffe in sein Glas, trank einen Schluck. „Was sie hier versuchen, ist doch offenkundig; Sie wollen den Prozess nur unnötig in die Länge ziehen. Die am Opfer gefundenen DNA-Spuren ihres Mandanten, die in der Hose des Opfers gefundene Tankquittung von der Autobahn, die mit der Kreditkarte ihres Mandanten bezahlt wurde, die Blutspuren im Kofferraum des Wagens ihres Mandanten, den nur er und keine Anderer fuhr, belegen doch eindeutig, dass nur ihr Mandant der Täter sein kann.“
„Plädieren sie jetzt schon?“ Der gegelte Anwalt grinste den Staatsanwalt frech an.
Der Angesprochene winkte ab. „Herr Kollege, auch sie sollten wissen: Die Schlussvorträge kommen erst nach dem Ende der Beweisaufnahme. Würde das Gericht jedoch ihrem Antrag folgen, müssten wir den gesamten Prozess ja noch einmal komplett neu aufrollen.“
„Meine Herren, ich störe ja nur ungern ihr Zwiegespräch, aber sind noch Fragen an den Zeugen Kleeve? Anträge auf Vereidigung?“ Silberlocke blickte in die Runde.
Die Verteidigerin schien düpiert zu sein. „Wir haben keine Fragen mehr!“
„Ich auch nicht!“ Der Anklagevertreter konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.
Der Vorsitzende schaute mich intensiv an. „Dann bleibt der Zeuge unvereidigt. Herr Kleeve, sie sind hiermit entlassen. Sie können jetzt entweder gehen oder, wenn sie möchten, sich nach hinten auf die Zeugenbank setzen, ihre Entscheidung.“
„Na, dann schaue ich mir den Rest auch noch an, ist ja schließlich meine erste Verhandlung, die ich live miterlebe.“ Ich erhob mich, nur um mich sofort wieder neben Justin zu setzen.
„Dann ergeht hiermit folgender Beschluss: Die Sitzung wird …“ Der Hauptrichter suchte den Blick zu seiner Protokollführerin. „… zwecks Beratung über den Aussetzungsantrag und Mittagspause bis 13:00 Uhr unterbrochen.“
Justin lächelte mich an. „Werter Schwager? Lust auf eine Currywurst?“
„Aber selbstverständlich!“ Ich erhob mich und gemeinsam verließen wir den Sitzungssaal.
Nach einem Blick in den Himmel, die Wolken hatten sich an diesem Septembermorgen arg zusammengezogen und es sah nach Regen aus, disponierten wir um: Aus der Erfindung der Berlinerin Herta Heuwer an einem Stehimbiss wurde eine italienische Teigscheibe in einer Pizzeria. In dem Lokal, das wir nach kurzem Fußmarsch erreichten, wunderte ich mich etwas über die hohe Anzahl der Zweiertische, aber anscheinend hatte man sich als gute Alternative zur Gerichtskantine etabliert; dort ist man ja auch entweder alleine oder maximal zu zweit.
Wir waren zwar nicht die ersten Gäste, hatten aber dennoch fast freie Platzwahl; Justin deutete auf einen Tisch an der Wand. „Nehmen wir den?“
Ich nickte und wir steuerten auf den Essplatz zu. Nach dem Setzen betrachtete ich ihn noch einmal genauer, die Ähnlichkeit mit Enrico war wirklich erschreckend. „Man könnte fast meinen, ihr wärt Zwillinge gewesen, du und Enrico; ich meine, bis auf die Brille sieht man äußerlich kaum einen Unterschied, die Haare lasse ich mal außen vor.“
„Das liegt bei uns wohl in den Genen.“ Ein Grübchen zeigte sich auf seiner rechten Wange, als er mich sanft anlächelte. „Mama und Tante Margret wurden auch immer verwechselt. Aber ein paar Unterschiede gibt es dann doch zwischen ihm und mir.“
„Welche da wären?“ Ich wurde neugierig.
Ein verlegener Blick traf mich. „Eine Narbe vom Skateboardfahren am Unterarm und ich habe etwas mehr in der Hose als er, mindestens anderthalb Zentimeter, außerdem bin ich beschnitten.“
Ich musste schlucken, Enrico war mit knapp zwei Dezimetern gesegnet gewesen. „Oups, da werden aber einige Frauen Probleme kriegen. Wenn ich da an das Teil deines Bruders denke …“
„Welche Frauen?“ Er griente mich an. „Nicht nur Enrico stand auf Männer, ich tue es auch!“
Sein Outing kam etwas überraschend, aber der Zungenkuss vom Vormittag war nicht von schlechten Eltern gewesen. „Das hat dein Bruder nie erwähnt, dass du auch …“
„Naja, er wusste nicht, dass ich bei unseren Spielereien geblieben bin.“ Er spielte verlegen mit dem Besteck. „Er hat mich ja auf den Geschmack gebracht, als wir uns die zehn Quadratmeter bei Tante Margret geteilt haben.“
Welche Neuigkeiten würde ich noch erfahren? „Ihr habt zusammen in einem Zimmer gewohnt?“
„Ja, nachdem Mama damals an Krebs gestorben war, ich war 12, Enrico anderthalb Jahre älter, hat uns Tante Margret aufgenommen. Allerdings mussten wir uns ein Zimmer teilen und wenn der eine …, dann hat der andere das natürlich mitgekriegt.“ Eine leichte Röte stieg in sein Gesicht. „Und dann haben wir es halt oft zusammen gemacht, war spaßiger! Und, ehe du fragst, wir haben auch gefickt, aber ich habe ihn entjungfert, später erst wurde er dann auch bei mir aktiv.“
Die Offenheit war erschreckend. „Dann stimmte das mit dem Heim wohl auch nicht?“
„Nicht so ganz, …“ In diesem Moment trat der Kellner an den Tisch, reichte uns die Karten und erkundigte sich nach den Getränkewünschen. Ich wollte, wie üblich, ein Altbier bestellen, aber wir waren ja in Köln! Der Einfachheit halber orderte ich ein Pils, ich hatte wirklich keine Lust auf eine mögliche Diskussion mit dem Ober, dessen Schürze ein Aufdruck einer Kölner Brauerei zierte. Ich kann diesen Disput sowieso nicht so recht nachvollziehen, Alt und Kölsch sind beides obergärige Biere, haben fast die gleiche Stammwürze, nur der Anteil an Darrmalz ist unterschiedlich. Ohne die Speisenkarte eines Blickes zu würdigen, wollte ich eine mittlere Prosciutto mit Zwiebeln zum Mittag, Justin wählte eine kleine Funghi mit doppelt Käse und ebenfalls ein untergäriges Bier.
Als die Bedienung außer Hörweite war, nahm sein Gesicht ernste Züge an. „Mit 15 geriet Enrico in die falschen Kreise: Ladendiebstahl, Schlägereien, Schwarzfahren, zwar alles nur Kleinigkeiten, aber auch die können zu einem richtigen Berg anwachsen. Trotz Unterstützung vom Jugendamt wurde unsere Tante nicht mehr so richtig fertig mit ihm. Er sollte eigentlich in eine betreute Wohngruppe, stand dann aber bei einem Überfall auf eine Tankstelle Schmiere und wurde erwischt. Um nicht wieder in den Knast zu müssen, ist er dann nach Berlin. Den Rest kennst du.“
„Darf ich fragen, warum du nicht …“ Ich blickte ihn an. „Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst, die Frage ist ja wirklich ziemlich privat.“
„Ich bin nicht Enrico, also warum sollte ich dir nicht antworten?“ Er blickte mich direkt an. „Ich habe das eigentlich nur Tante Margret und ihrer christlichen Einstellung zu verdanken. Nach Mamas Tod zogen wir ja von Rathenow zu ihr nach Brandenburg an der Havel und sie meldete mich dort einfach zum Konfirmationsunterricht an. Dadurch bin ich in eine kirchliche Jugendgruppe und weg von der Straße, auf der Enrico sich seine Zeit vertrieb.“
„Wie ging es dann weiter?“ Ich wollte noch mehr über ihn erfahren.
Er zuckte mit den Schultern. „Mama war es egal, welche Noten wir nach Hause brachten, sie war am Ende ja auch zu schwach. Tante Margret hat immer unsere Hausaufgaben kontrolliert, da mussten wir für die Schule lernen. Auch wenn ich es damals gehasst habe, aber Dank ihr schaffte ich den Sprung zum Gymnasium und mit 19 auch mein Abi, zwar nur mit 2,9, aber immerhin.“
Der Kellner brachte uns die Getränke, wir stießen an. „Und was hast du mit dem Abi gemacht?“
„Bis jetzt noch nichts, ich war erst zwei Jahre beim Bund, habe dann noch für einen Auslandseinsatz verlängert und jobbe jetzt in einem Getränkemarkt.“ Er lachte mich an. „Ab Oktober studiere ich dann Informatik an der FH in Brandenburg, bleibe also in der Heimat.“
Der Kellner brachte uns die Teigscheiben, deren Vorläufer schon bei den alten Etruskern auf den Tisch kam. Die Pizza war zwar nicht hitverdächtig, aber mehr als genießbar, ich habe schon schlechter gegessen. Ich blickte ihn neugierig an. „Kommst du eigentlich zu jedem Verhandlungstag nach Köln?“
„Nein!“ Er schüttelte den Kopf. „Meine eigene Ladung war erst für den zweiten Verhandlungstag, also vor knapp einem Monat. Ich hatte mir da ein Hotel hier genommen, denn ich sollte um 9:00 Uhr schon aussagen. Wie der Staatsanwalt mir erklärte, sagt das Opfer oder der nächste Angehörige immer als erster Zeuge aus.“ Die Regelung war mir neu, aber ich bin auch kein Jurist. „Aber viel konnte ich dem Gericht über Enrico auch nicht erzählen, ich hatte ja schon seit Anfang 2005 keinen Kontakt mehr zu ihm. Ab und an klingelte er zwar kurz durch oder schrieb eine Karte, die letzte kam zu Ostern 2007 aus Düsseldorf, aber das war es dann auch schon. Die Sache mit dieser Nadine war komplett neu für mich, er hat sie nie mit einem Wort erwähnt.“
„Hör mir bloß mit der Tante auf! Wenn ich nur daran denke: Dein Bruder nackt auf ihr und voll in Aktion?“ Ich schüttelte mich. „Mir rollen sich noch heute die Zehennägel auf. Nichts gegen Frauen, aber die hätte man erst in Domestos baden sollen, die war so … ne … die Bettwäsche, in denen es die beiden …, die habe ich sofort verbrannt! Aber ich habe dich unterbrochen; Entschuldigung!“
„Kein Problem. Auf der Rückfahrt nach Brandenburg wurde mir eins klar: Ich kannte mein Bruder und das Leben, das er führte, gar nicht. Auch wenn es sich jetzt dumm anhört, aber ich wollte ihn wieder kennenlernen. Deshalb rief ich den Staatsanwalt an und habe mir den Terminplan geben lassen.“ Auf seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung.
Ich lächelte ihn sanft an. „Das hört sich gar nicht so abwegig an, ich hätte es genauso getan. Aber ich kann nicht verstehen, wie dein Bruder diesem Ben auf den Leim gehen konnte: Um solche Männer hat er früher immer einen riesengroßen Bogen gemacht.“
„Das glaube ich dir sofort, aber viel über Enricos Leben habe ich nicht erfahren, wenn ich ehrlich sein soll. Ich kam dann zur zweiten Prozesswoche wieder, hatte mir hier eine kleine Pension gesucht, aber die erste Woche konnte man total vergessen, da machten nur die Leute von der Polizei und der Spurensicherung ihre Aussagen.“ Er tupfte sich den Mund ab. „In der zweiten Woche wurde es dann interessanter, aber das erwies sich, im Nachhinein, auch als Reinfall. Es ging nicht mehr um meinen Bruder, sondern nur noch um diesen Ben! Tja, dann erwähnte der Freier die Vernissage in Essen und nannte deinen Namen und das Enrico wohl deine Muse gewesen wäre. Der eklige Verteidiger sprang sofort darauf an und bestand auf deiner Ladung. Dann war eine Woche Pause, ich bin wieder nach Hause und gestern dann zurück. Eigentlich sollten in zwei Tagen die Plädoyers erfolgen, aber wie jetzt der Zeitplan aussehen wird, weiß ich auch nicht, ich werde mich überraschen lassen.“
„Wer war denn der Freier?“ Neugierig war ich zwar nicht, aber wissen wollte ich es schon.
Der angehende Student grübelte kurz. „So ein geschniegelter Lackaffe, ziemlich affektiert, gegelte, schwarze Haare, einfach nur bah! War hier mal in der Lokalpolitik tätig, wohl ein ziemlich hohes Tier, ist dann aber nach einem Skandal in der Versenkung verschwunden. Der Name? Moment, ich habe es gleich! Josef war der Vorname, dann irgendein Baum … Buche oder so!“
„Joseph Hainbucher?“ Ich schaute ihn irritiert an.
Er kratze sich am Kinn. „Ja, so hieß er! Kennst du ihn?“
„Leider! Ich sollte für ihn und seine Gruppierung ‚Unser Köln‘ mal Wahlkampfaufnahmen machen, aber den Auftrag habe ich dankend abgelehnt: Ich mache keine Bilder für Nazis!“ Ich atmete tief durch. „Der Typ ist nach außen hin biederer Familienvater, aber schwul wie ein Rudel Friseure. Das der an Enrico Interesse hatte, wundert mich nicht: Für einen langen Schwanz ging der meilenweit!“
Er grinste verschmitzt. „Dann hätte ich also Chancen gehabt?“
„Bestimmt, aber nicht nur bei dem!“ Ich lachte ihn an.
Der straßenköterblonde Brillenträger stutzte. „Bei wem denn noch?“
„Der Typ am Nebentisch starrt uns die ganze Zeit schon an.“ Ich deutete mit dem Finger in die Richtung. „Mich kann er wohl nicht meinen, das ist wohl eher deine Liga.“
Justin schaute sich diskret um. „Meinst du den Monteur in dem blauen Overall?“
„Nein, den blassen Typ am Tisch daneben. Scheint wohl Anwalt zu sein, denn über dem freien Stuhl liegt eine Robe.“ Ich grinste. „Wenn er Richter oder Staatsanwalt wäre, würde er wohl nicht mit dem Juristenkittel durch die Gegend laufen, oder?“
„Das klingt logisch! Ich kann es ja mal versuchen!“ Auch der angehende Student griente.
Ich verdrehte die Augen. „Willst du etwa in Enricos Fußstapfen treten?“
„Um Gottes Willen! Ein Stricher in der Familie ist mehr als genug und wo das endet, haben wir ja gesehen!“ Er hob abwährend die Hand. „Ich will monogam leben und nicht von Blüte zu Blüte …“
„Naja, aber ab und mal Naschen ist erlaubt, oder?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.
Justin schüttelte sein weises Haupt. „Als Single ja, aber als Paar? Da dann nur zusammen!“
„Der Typ, der dich mal kriegt, der kann sich glücklich schätzen. Oder bist du schon liiert?“ Ich winkte den Kellner heran, wir hatten noch eine halbe Stunde bis zur Wiedereröffnung.
Justin griente. „Ich bin Single, denn in Brandenburg den passenden Partner zu finden ist nahezu unmöglich, jedenfalls bei meinem Geschmack, was Männer angeht!“
Der Mann mit der schwarzen Weste kam an unseren Tisch. „Haben Sie noch einen Wunsch?“
„Ja, sogar zwei Begehren. Bringen sie uns bitte noch zwei Espresso und zwei Grappa und dem Herren dort am Nebentisch …“ ich deutete in Richtung des blassen Robenträgers. „… dem bringen sie auch einen Grappa. Und dann hätte ich gerne die Rechnung.“
„Wird erledigt.“ Er zog grinsend ab.
Mein Gegenüber stutze. „Was hast du vor?“
„Der Typ zieht dich mit den Augen ja jetzt schon aus und du wolltest was versuchen, werter Schwager.“ Ich musste grinsen. „Und so schlecht sieht er doch nun auch nicht wieder aus, oder?“
Er verzog sein Gesicht. „Willst du Kuppler spielen?“
„Gott bewahre! Wenn, dann würde ich mich nur selbst verkuppeln und keinen anderen!“ Ich grinste.
Der Kellner brachte uns die Türkentränke und das klare Destillat, präsentierte mir die Rechnung. Das Essen war wirklich günstig, etwas über 20 Euronen für Speisen und Getränke. Ich gab ihm 25 mit dem Bemerken, es würde passen. Auf dem Rückweg kredenzte er dem Robenträger das für ihn georderte Glas. Der Mann mit der ziemlich hellen Gesichtsfarbe schaute verlegen in unsere Richtung, kam dann aber, mit Glas in der Hand, an unseren Tisch.
„Danke für den Grappa.“ Sein Deutsch hatte einen leichten französischen Akzent, einfach süß.
Wir stießen an. Sein Gesicht wies leichte asiatische Gesichtszüge auf. „Gern geschehen.“
„Ich muss mich entschuldigen, aber …“ Der Anwalt, ich schätzte ihn auf um die 30, wirkte verlegen. „… es ist eigentlich nicht meine Art, Leute so direkt anzuschauen, aber …“
„Aber was?“ Justin strich sich keck durch das straßenköterblonde Haar.
Der französische Asiate oder asiatische Franzose wechselte das Standbein. „Ich will ihnen ja nicht zu Nahe treten, aber sind sie das Fotomodell aus ‚Der Stricher David‘?“
„Und wenn es so wäre?“ Justin leckte sich lasziv über die Lippen.
„Nichts, es ist nur …“ Endlich kam etwas Farbe ich die asiatischen Gesichtszüge. „Mein Freund hat mir den Bildband zum Geburtstag geschenkt und die Bilder sind einfach nur … magnifique. Ich wollte, jemand würde mich auch mal so … in Szene setzen.“
„Das ist doch kein Problem. Mein JFK ist ein sehr guter und einfühlsamer Fotograf und gegen Geld knipst er fast alles, nur keine Nazis!“ Justin hielt ihm seine Hand hin. „David ist nur ein Pseudonym für die Öffentlichkeit, eigentlich heiße ich Justin.“
„Angenehm, je suis Thierry, Thierry Boulanger.“ Hielten die Zwei vor meinen Augen Händchen?
Justin löste die Verbindung, griff nach seiner Tasse. „Also Thierry, wenn du ganz lieb bist, wird mein JFK dich ablichten. Die Bilder sollen wohl für deinen Freund sein, oder?“
„Oui, denn Olaf … Olaf studiert jetzt in Budapest, wir sehen uns nur alle paar Wochen!“ Glücklich schien er mit der Situation nicht zu sein, aber wer führt schon gerne Fernbeziehungen.
Der Augenaufschlag des Brandenburgers war einfach phänomenal. „Das hört sich wirklich nicht gut an. Da werden wir uns ganz was Besonderes für … äh … Olaf und dich einfallen lassen. Schatz, reichst du ihm bitte mal deine Karte? Liebenden muss geholfen werden!“
Ich verdrehte die Augen: In welchem Film war ich denn hier? Da aber meine Geldbörse noch auf dem Tisch lag, tat ich, wie mir geheißen. „Äh, hier bitte.“
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Der Anwalt betrachtete die Karte, hielt sie fast wie ein Priester eine Monstranz. „Darf ich sie dann anrufen?“
Der angehende Student schaute ihn fast strafend an. „JFK kann zwar viel, aber telepathisch kann er leider noch keine Termine ausmachen, dazu bedarf es immer noch des Telefons. Und wenn du uns jetzt entschuldigen würdest, wir müssen wieder zurück zum Gericht.“
„Aber selbstverständlich! Es hat mich gefreut, euch kennenzulernen.“ Diesmal reichte er mir zuerst die Hand. „Ich werde mich melden, versprochen.“
Ich erhob mich und Justin tat es mir gleich. „Dann noch einen guten Appetit und vielleicht bis bald.“
„Au plaisir!“ Er stand noch immer an dem Tisch, als wir schon längst den Ausgang erreicht hatten.
Ich schaute meinen Begleiter etwas mürrisch an. „Was war das denn?“
„Das war Thierry Boulanger, der Bilder für seinen Freund Olaf in Budapest haben will!“ Er lachte.
Ich grummelte. „Das meine ich nicht! Was sollte das mit ‚mein JFK‘, mein Lieber?“
„Ach das!“ Er hakte sich bei mir unter. „Hätte ich sagen sollen, mein Schwager? Dann hätte er dich vielleicht für eine Hete gehalten und wir hätten ihm die ganze Familiengeschichte erzählen müssen. War er denn nicht nach deinem Geschmack?“
Der Knabe war wirklich unglaublich, er drehte den Spieß einfach um. „Erstens ist der Kerl befreundet, aber auch wenn sein Freund im Moment in Ungarn ist, ich spiele nur ungern den Lückenbüßer. Zweitens ist mir der Typ zu jung für eine ernsthafte Beziehung.“
Justin stoppte plötzlich, ich wäre fast gestolpert. „Aber Enrico war damals noch jünger als der kleine Franzose von gerade. Hast du nicht oben im Gerichtssaal gesagt, du wärst vernarrt in ihn gewesen? Und wie war das kurz vor unserem Kuss? Wenn Enrico nur etwas offener gewesen wäre, wäre aus euch ein Paar geworden. Wie passt das denn jetzt zusammen?“
„Das ist etwas anderes!“ Warum rechtfertigte ich mich?
Er umrundete mich, blickte mir in die Augen. „Und warum ist das etwas anderes?“
„Weil …“ Herr im Himmel hilf! „… weil … dein Bruder … er … er erinnerte mich irgendwie an Thomas Lange, einen Mitschüler von mir … und meine erste Liebe!“
„Dann wolltest du mit Enrico also deine erste Liebe neu erleben?“ Er schaute mich ungläubig an.
Ich steckte mir eine Zigarette an. „Nein! Das war es nicht, es war …“
„Ja?“ Justin nahm mir den Glimmstängel ab.
Ich griff erneut in die Schachtel. „Thomas war … als seine Eltern erfahren haben, dass er schwul ist, haben sie ihn achtkantig aus dem Haus geworfen, aus dem behüteten Elternhaus direkt in die Gosse. Auch wenn ich es gewollt habe, aber ich konnte ihm damals nicht helfen, ich war ja selbst erst 17. Nach meinem Abi habe ich dann mit seinem Grabstein angestoßen.“ Ich kämpfte gegen meine Tränen. „Als ich dann deinen Bruder sah, da … da … kam alles wieder hoch und …“
Seine Hand hielt mein Kinn hoch. „Da dachtest du, diesmal könntest du helfen?“
„Ja, so in der Art. Aber … es hat … auch nicht geklappt!“ Ich schluckte.
Er zog meinen Kopf zu sich und küsste mich sanft. „Aber dich trifft doch keine Schuld! Hilfe, die einem angeboten wird, muss man auch annehmen. Du bist wirklich nicht dafür verantwortlich, wenn jemand lieber durchs Wasser watet und dabei dann nass wird, anstatt trocken über die Brücke zu gehen, die du ihm gebaut hast.“
„Du meinst wirklich …“ Ich war mir ziemlich unsicher.
Ein erneuter Kuss folgte. „Meine ich! Wenn Enrico erst nach zwei Jahren merkt, dass er dir vertrauen und sich auf dich verlassen kann, dann tut er mir leid. Ich weiß es nach knapp vier Stunden, dass du ein echter Freund bist. Und nun sollten wir uns beeilen, lieber Schwager!“
Wir zogen fast gleichzeitig mit dem Gericht ein. Häuptling Silberlocke bedeutete dem Saal, sich zu setzen. „Hiermit setzen wir die unterbrochene Hauptverhandlung gegen Benedikt Hartenberg wegen Totschlags fort. Nach Beratung durch das Gericht ergeht folgender Beschluss: Der Antrag auf Aussetzung des Verfahrens wird abgelehnt, stattdessen ergeht der rechtliche Hinweis, dass in diesem Fall auch eine Verurteilung nach § 211 StGB infrage kommt.“ Er blickte in den Saal, in dem es in dem Moment mucksmäuschenstill war.
„Als Mordmerkmale kommen hier Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier, Heimtücke und Grausamkeit in Betracht, ferner liegt Verdeckungsabsicht vor.“ Die Verteidigung schrieb fleißig mit. „Diese Entscheidung dient auch der Prozessökonomie, obwohl diese nicht ausschlaggebend war. Eine Aussetzung des Verfahrens hätte gleichzeitig bedeutet, dass das OLG um eine Verlängerung der Untersuchungshaft hätte angegangen werden müssen.“
Der Vorsitzende räusperte sich, die Dame auf der Anklagebank blickte auf. „Obwohl die Strategien einer angemessenen Verteidigung in Fällen von Mord oder Totschlag fast deckungsgleich sind – so habe ich es jedenfalls vor Jahrzehnten in meinem Referendariat gelernt – sieht das Gericht jedoch die Notwendigkeit, der Verteidigung die notwendige Zeit einzuräumen, die sie braucht, um sich an die geänderte Gesamtsituation anzupassen. Von daher ergeht ein weiterer Beschluss: Der Prozess wird für die Dauer von drei Wochen unterbrochen. Wir sehen uns also am 28. dieses Monats um 9:00 Uhr in alter Frische und jugendlicher Schönheit wieder.“
Das Gericht erhob sich und auch die Zuschauer machten sich auf, den Ort des Geschehens zu verlassen. Der etwas dickliche Staatsanwalt räusperte sich.“ Herr Kleeve? Hätten Sie vielleicht mal eine Minute für mich? Ich hätte da noch einige Fragen.“
Ich schaute Justin an, der nickte; gemeinsam gingen wir dann zum Vertreter der Anklage, der dabei war, seine Akten einzupacken. „Womit kann ich Ihnen dienen?“
„Sie sprachen davon, dem Opfer eine Einliegerwohnung vermietet zu haben. Meine Frage ist nun, sind noch Sachen von ihm vorhanden?“ Er blickte mich fragend an. „Es sind zwar vier Jahre ins Land gegangen, aber … wenn sie noch etwas hätten, ich wäre ihnen ziemlich dankbar.“
Ich grübelte kurz. „Was hatte Enrico da? Ein paar Bücher, CDs, Wäsche, Deko-Sachen. Ich habe das Ganze nach einem Jahr in Kisten gepackt und bei mir auf dem Dachboden eingelagert. Wenn Sie sie haben wollen? An mir soll es nicht liegen! Wann wollen sie sie abholen?“
„Nein, ich würde ihn in der nächsten Woche gerne mal meinen Referendar vorbei schicken, damit er die Sachen sichten kann. Vielleicht finden wir noch etwas, das wir gegen den Angeklagten verwenden können.“ Er grinste mich an.
Ich lächelte zurück. „Ich habe zwar keine Termine im Ausland, aber er sollte einen Tag vorher schon einmal kurz durchleuchten, dass ich auch Zeit habe. Aber ich hätte jetzt mal eine Frage.“
„Die da wie lautet?“ Der Staatsanwalt entledigte sich seiner Robe.
Ich blickte ihn etwas verlegen an. „Wie kam man eigentlich auf Enricos genaues Sterbedatum? Ich habe irgendwo mal gelesen, dass man das nach einem Monat nur noch grob schätzen kann.“
„Das stimmt, aber der Angeklagte hat zwei ganz große Fehler gemacht, die uns die Arbeit erheblich erleichtert haben.“ Der vollschlanke Mann lachte. „Hätte er den Toten einfach so verbuddelt, es wäre ziemlich schwer für uns geworden, aber er wickelte Enrico in wasserundurchlässige Teichfolie ein. Der Leichnam war fast so frisch wie am ersten Tag, selbst sämtliche DNA-Spuren vom Angeklagten sind erhalten geblieben.“
Ich musste wirklich grinsen. „Und der zweite Lapsus?“
„Er fuhr zu schnell!“ Ich verstand nur Bahnhof. „Am 18.06.2007 fuhr er mit 150 Sachen durch eine Autobahnbaustelle, dabei wird er von einer Zivilstreife erwischt. Er wird angehalten, pöbelt herum, bei der Durchsuchung des Wagens finden die Beamten 2,6 Kilo Haschisch. Er wird verhaftet, kommt in Untersuchungshaft und wird zu dreieinhalb Jahren verurteilt.“ Der Dicke kicherte. „Als er dann nach drei Jahren wieder herauskam, hatte er wohl nicht mehr an Enrico gedacht! Erst vor fünfeinhalb Monaten wurde der Leichnam bei einer Ufersäuberung von einer Gruppe Pfadfindern gefunden. Der Rest war dann einfache Polizeiarbeit, man musste nur noch eins und eins zusammenzählen.“
Als wir das Gerichtsgebäude verlassen hatten, blickten Justin und ich uns intensiv an. „Wie sehen deine Pläne denn jetzt aus?“
„Gute Frage, die Nächste bitte!“ Der straßenköterblonde Brillenträger zuckte mit den Schultern. „Ich werde wohl jetzt in meine Pensionen fahren, packen und dann heute noch in die Heimat.“
Ich wollte ein Lächeln auf meine Lippen zaubern, aber so richtig gelang es mir nicht. „Wenn du möchtest, spiele ich gerne Taxi. Ich habe heute sowieso nichts mehr vor, von daher …“
„Das wäre nett, denn es ist etwas umständlich, mit dem ganzen Gepäck erst in den Bus und dann in die U-Bahn, ich muss ja zum Hauptbahnhof.“ Das Lächeln auf seinem Gesicht sah leicht gequält aus.
Ich legte meine Hand auf seine Schulter. „Dann folge er mir mal bitte zu meinem Wagen.“
Für das Zusammenraffen seiner Sachen brauchte er keine Viertelstunde, sein Rucksack und die Sporttasche, die er bei sich hatte, landeten im Kofferraum meines Audis A6 Avant. Die Stimmung auf der Fahrt zum Bahnhof war etwas gedrückt, viel gesprochen wurde nicht. In der Komödienstraße, der Dom war schon in Sichtweite, legte er seine Linke auf meinen rechten Unterarm.
„Kannst du mal bitte rechts ranfahren?“ Seine Stimme klang brüchig.
„Sobald ich einen freien Platz finde!“ In der Kölner Altstadt kein leichtes Unterfangen, aber ich hatte mehr Glück als Verstand, denn kurz nach dem Hostel wurde direkt vor mir ein Parkplatz frei, ich hielt, ließ den anderen Wagen ausparken und stellte mich dann in die Lücke.
„Danke!“ Er drehte sich zu mir, strich mir sanft über die Wange. „Ich wollte ja durch den Prozess meinen Bruder neu kennenlernen. Aber, um ehrlich zu sein, viel näher bin ich ihm durch die ganze Verhandlung nicht gekommen, jedenfalls bis heute, bis du aufgetaucht bist und deine Aussage gemacht hast. Bei dir spielte Enrico die Hauptrolle, bei den anderen? Da war er die Leiche, das Opfer oder was weiß ich!“ Er seufzte. „Ich habe eine Bitte!“
Ich blickte ihm in die Augen. „Welche?“
„Ich würde gerne wissen, wie er bei dir gelebt hat.“ Eine Träne kullerte über seine Wange.
Ich fing sie mit dem Finger auf. „Du willst mit zu mir nach Düsseldorf?“
„Wenn es dir nichts ausmacht!“ Justin schluckte. „Aber … ich will es auch aus einem anderen Grund, nicht nur wegen Enrico. Ich will dich näher kennenlernen, aber nicht, weil du der Lover meines Bruders warst, der mir viel aus seiner Vergangenheit erzählen kann, sondern … weil … weil du …“ Er schluchzte. „… weil du du bist. Ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll, es ist …“
Ich zog seinen Kopf zu mir, unsere Lippen trafen sich und unsere Zungen tanzen Walzer. Die Zeit stand still, die Welt um uns herum schien sich aufzulösen, das Universum schien sich im Innenraum meines Autos zu konzentrieren. Was war los? Was war mit ihm los? Was war mit mir?
Plötzlich klopfte es an die Scheibe, ich erschrak; aus dem psychedelischen Farben, die bis gerade noch dominierten, wurde mit einem Schlag wieder das Grau des Alltags. Unsere Köpfe lösten sich, ich drehte mich um und blickte in die Augen einer Knöllchenschreiberin. Ich drückte das Knöpfchen, die Scheibe senkte sich. „Ja bitte?“
„Jungs, wenn ihr knutschen wollt, dann macht das, aber entweder fahrt ihr dazu an den Aachener Weiher oder ihr zieht euch einen Parkschein!“ Sie stemmte ihre Hände in die Hüften.
Die Antwort, auf die sie wohl wartete, kam vom Beifahrersitz. „Wir fahren, aber nicht zum Aachener Weiher, sondern nach Düsseldorf.“
„Nach Düsseldorf?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Das wäre eigentlich Grund genug, das Ticket zu erhöhen, aber macht jetzt, dass ihr wegkommt.“
„Machen wir!“ Ich lachte sie an, startete den Motor und legte den Rückwärtsgang ein.

„Herr Jublinski! Da sind sie ja!“ Der Staatsanwalt wirkte irgendwie erleichtert. „Ich hatte versucht, sie letzte Woche zu erreichen, aber ich habe nur ihre Tante erwischt. Sie sind umgezogen?“
Justin grinste. „Bin ich! Ich lebe jetzt bei meinem Freund in Düsseldorf und werde da auch studieren.“
„Sind sie der Glückliche?“ Der Robenträger blickte mich fragend an.
Ich nickte lächelnd. „Gaynau, der Freund bin ich!“
„Dann wünsche ich ihnen viel Glück oder was man in einer solchen Situation auch immer wünschen mag.“ Er lachte, schaute dann Justin an. „Aber darf ich fragen, warum sie ihrem Bruder nacheifern?“
Der straßenköterblonde Student grinste. „Wieso nacheifern? Enrico wollte eine Beziehung, war aber unfähig, eine feste Bindung einzugehen. Ich wollte schon immer eine Bindung eingehen, habe aber nie den passenden Mann für eine Beziehung gefunden, bis ich JFK traf. Wir laden sie auch zur Hochzeit ein, denn sie haben uns ja mehr oder minder zusammengebracht.“
Der dickliche Vertreter der Anklage schmunzelte immer noch. „Meinen Segen haben sie, daran soll es nicht scheitern. Aber eins muss ich ihnen noch sagen! Und da bin ich leicht böse auf sie!“
Ich hob abwährend die Hände. „Wir sind uns keiner Schuld bewusst!“
„Was haben sie mit meinem Referendar gemacht? Der kam ganz verstört zurück, als er bei ihnen die Sachen des Opfers sichten sollte.“ Leichter Unmut lag in seiner Stimme, Justin blickte grinsend zu Boden. „Also! Ich höre!“
Auch ich musste mich beherrschen, den notwendigen Ernst zu wahren. „Sorry, aber unter Enricos Sachen war auch eine Kiste mit Sexspielzeug. Wir sind nur unserer Bürgerpflicht nachgekommen und haben ihm den Gebrauch erklärt. Was können wir dafür, wenn er sie live testen wollte?“
„Der Junge muss echt noch viel lernen!“ Der Anklagevertreter schüttelte den Kopf. „So geht man doch nicht mit möglichem Beweismaterial um! Aber, er kommt ja auch aus Düsseldorf!

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Information Jo & Jo
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:56 AM - No Replies

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, ich bin da keine Ausnahme. Unter der Woche klingelt der Wecker jeden Morgen um 6:30 und, nach den Nachrichten, erhebe ich mich dann von der Schlafstatt, begebe mich, nach dem Füllen des Kaffeeknechts, ins Bad, um dort das allmorgendliche Duschritual zu zelebrieren. Den Gang aufs Klo erledige ich dann meistens gleich in der Duschtasse, es kommt ja eh alles in die gleiche Kanalisation. Frisch gewaschen und gekämmt geht es dann über die Küche, Toaster und Eierkocher wollen ja auch gefüllt werden, zum Anziehen zurück ins Schlafzimmer.
Auch das Frühstück läuft nach immer dem gleichen Schema ab: auf die erste Toastscheibe kommt Marmelade, auf die Zweite der Imkerhonig meines Nachbarn. Der dritte Toast wird nur gebuttert und mit Salz bestreut und zum mittelhart gekochten Ei, kommt von einem anderen Nachbarn, verzehrt. Das letzte geröstete Weißbrot wird mit Nutella beschmiert und meistens hastig verschlungen, denn wenn der Sport im Frühstücksfernsehen ausgestrahlt wird, haste ich ins Schlafzimmer, um mich fürs Büro fertig zu machen.
Meistens starte ich den Wagen, wenn der Nachrichtensprecher beginnt, die Regionalnachrichten zu verlesen. Wenn dann der Verkehrshinweis einen Stau am nahegelegenen Autobahnkreuz verkündet, biege ich rechts in die Hauptstraße ein, die mich zu meinem Büro in der 20 Kilometer entfernten Kreisstadt führt. An der ersten Kreuzung auf der Strecke, wenn man die beiden Einmündungen zu Bauernhöfen so nennen darf, stehen immer die gleichen Jugendlichen, die auf den Schulbus warten. Nur bei schlechtem Wetter nutzen sie den Unterstand.
Montag, der 31.03.2008, war der Tag in meinem Leben, der den Bruch mit meinen so sehr gehegten Gewohnheiten darstellte. Der Grund war meine Geburtstagsfeier am Samstag vorher.
Irgendwann, kurz vor Mitternacht, kam Chris, blonder Spaßvogel vor dem Herrn und ein sehr guter Freund von mir aus Saarbrücken, auf die bekloppte Idee, man könne doch die Badesaison eröffnen. Es lag wohl am guten Landbier, dem schon reichlich zugesprochen worden war, aber alle stimmten dem Vorschlag fast begeistert zu und stürmten bei knapp 15° Außentemparatur den Pool im Garten. An Schwimmsachen hatte kein Mensch vorher gedacht und so entschloss man sich kurzerhand zum Nacktbaden. Gut, vier Badehosen hätte ich verteilen können, aber was sollte der Rest machen? Also ließ ich sie im Schrank und verteilte nur die Badelaken, ehe ich auch ins kühle Nass sprang.
16 nackte Männer tollten sich im Wasser und planschten wie die Kleinkinder im Becken. Es kam, wie es kommen musste, mein Burzeltag entwickelte sich langsam aber sicher zur Sex-Party, zur Gangbang, zur Orgie. Aber alle Anwesenden waren ja alt genug und mündige Bürger. Der Jüngste der Partygesellschaft, Marius, der Gartenbauingenieur, war 32 und der Ex von Markus, meinem Anwalt. Wir waren seit seiner Trennung ein paar Mal in der Kiste gewesen und ich habe den Sex mit dem fünf Jahre jüngeren Blonden einfach nur genossen.
Der Austausch diverser Körperflüssigkeiten dauerte bis in die frühen Morgenstunden, es wurde wie wild durch die Gegend gestreift, wenn man das so sagen kann; feste Paarungen gab es nicht, es war das altbekannte „Bäumchen, Bäumchen wechsle dich Spiel“, was da praktiziert wurde. Ich glaube, der Hahn meines Nachbarn krähte schon, als ich zusammen mit Chris endlich ins Bett ging. Marius lag zwar schon drinnen, wir nahmen ihn einfach in die Mitte. Es folgte ein gemeinsames Rührei-Frühstück gegen Nachmittag und nach einem kurzen Dreier auf der Terrasse im Abendrot, wir hatten inzwischen aufgeräumt, ließ ich den Tag mit einem Bier nackt am Pool ausklingen.
Besagter Montagmorgen begann wie jeder Wochenanfang, ziemlich schrecklich! Ich hörte zwar die Nachrichten im Radio, nahm sie aber kaum wahr. Auch das Frühstücksfernsehen bildete keinen großen Unterschied, erst als ich im Wagen saß und der Moderator, nachdem Verkehrshinweis ausgestrahlt worden war, mich auf die aktuelle Uhrzeit aufmerksam machte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Scheiße!“ Ich hatte vergessen, auf Sommerzeit umzustellen! Ich war exakt eine Stunde zu spät!
Allerdings schien es nicht nur mir so ergangen zu sein, an der Bushaltestelle stand Johannes, der Sohn meiner Nachbarn und hielt den Daumen raus. Normalerweise nehme ich ja keine Anhalter mit, aber bei dem Sprössling der Schulte-Beckendorfs machte ich eine Ausnahme und hielt an. Er kam angerannt und öffnete die Beifahrertür. „Guten Morgen, Herr Geldermann. Können sie mich in die Stadt mitnehmen?“
„Klar kann ich das! Steig ein, ich bring dich sogar zur Schule.“ Da ich eh schon zu spät dran war, kam es auf den kleinen Umweg nun auch nicht mehr an. Wo war meine Disziplin geblieben? „Aber sag mal, wo hast du eigentlich deine Schultasche? Oder gibt es neuerdings Spinde in der Penne?“
„Ach der scheiß Rucksack! Den hab ich in der ganzen Hektik total vergessen, aber den brauch ich heute eh nicht! Einen Taschenrechner und ‘nen Kuli kann ich mir auch leihen, ich schreib heute Gott sei Dank die letzte Matheklausur meines Lebens.“ Er grinste mich an.
„So schlimm?“
„Schlimmer! Wir haben den alten Grohlmann, ein echter Kotzbrocken.“ Er steckte sich den Finger in den Hals, naja, er deutete es jedenfalls an.
„Herzliches Beileid, den durfte ich schon genießen. Kam damals als frischer Studienrat zu uns. Der hat mich mit seinen Fragen im Mündlichen fast auflaufen lassen.“ Ich hielt ihm meine Hand hin.
Er ergriff sie und schüttelte sie kurz. Ein leichter Stromschlag durchfuhr mich bei seiner Berührung, er musste geladen gewesen sein. „Dann sind wir ja Brüder im Leiden!“ Was sollte dieses schelmische Grinsen?
„Wenn du so willst, ja!“ Jetzt grinste ich auch. „Wann kommen eigentlich deine Eltern aus dem Urlaub wieder?“
„Übermorgen. Mama hätte mich ja geweckt, aber mein dämlicher Bruder ließ mich schlafen, das alte Ekel.“ Ich wusste, dass das Verhältnis zwischen dem 18-jährigem und dem vier Jahre älteren Wilhelm nicht gerade das Beste war. Wilhelm war der Hoferbe, er nur der Zweitgeborene und, sehr zur Belustigung seines Bruders, gerade durch die Führerscheinprüfung gefallen.
„Die zwei Tage wirst du auch noch überleben.“
„Denke ich auch. Aber wieso haben sie denn verschlafen? War die Fete so anstrengend?“ Er grinste immer noch.
Hatte man uns gehört oder gar gesehen? Der Pool war zu drei Seiten mehr oder minder geschützt und nur vom Haus her direkt einsehbar und so laut waren wir ja nicht gewesen. Gut, vom Gestöhne mal abgesehen, aber zwischen unseren Häusern liegen gut und gerne 500 Meter. Ich zögerte einige Sekunden mit der Antwort. „Naja, war feuchtfröhlich und unheimlich lustig.“
„Mit Schwimmen um Mitternacht!“ Er lachte mich an.
Hatte er tatsächlich was beobachtet? Das konnte eigentlich nicht sein, hoffte ich zumindest. „Woher weißt du?“
„Naja, ich kam um kurz nach zwölf mit dem Nachtbus aus der Stadt, war mit Freunden erst im Kino gewesen und dann noch kurz im Internetcafé. Als ich ausstieg und nach Hause lief, hörte ich Musik und das Spritzen von Wasser, muss wohl ne richtige Poolschlacht gewesen sein.“ Er grinste mich hämisch an.
Wurde ich bleich? Ich war ertappt. „Naja, es war halt ne ausgelassene Feier.“
„Hauptsache, es hat ihren Leuten Spaß gemacht.“ Was sollte dieser Unterton?
„Doch, Spaß hatten wir.“
„Glaub ich sofort. Darf man hier im Auto rauchen? Vor der Schule geht ja nicht mehr.“ Seit wann rauchte der Kleine?
„Normalerweise nicht, aber … ausnahmsweise … aber asch bitte aus dem Fenster.“ Hatte ich das gerade gesagt? Schon wieder ein Bruch, wo sollte der Tag nur enden?
„Danke. Haben sie mal Feuer?“ Die Strecke wurde kurvenreicher, ich hatte beide Hände am Lenkrad meines Wagens.
„Moment.“ Als ich wieder einen gerade Abschnitt vor mir hatte, griff ich in meine Hemdtasche und reichte ihm das Feuerzeug. Als sich unsere Hände berührten, durchzuckte es mich wieder, diesmal heftiger als beim ersten Mal. Himmel! Was ist mit dir los, Jost? Du stehst doch nicht auf so junges Gemüse, er könnte dein Sohn sein. Konzentrier dich, jetzt kommt die Unfallstrecke.
Ich hörte, wie er den Rauch tief einsog. „Hier, das Feuerzeug.“ Seine Hand ging wieder in meine Richtung. Was machte er denn da? Er steckte es wieder zurück in meine Hemdtasche. Was folgte, war klar! Ein erneuter Stromschlag durchzuckte meine Nervenbahnen, diesmal nah am Herzen. Entweder hatte der Knabe einen Elektroschocker in der Tasche oder ich sollte mal wieder zum Ausspannen in die Sauna. Das konnte echt nicht wahr sein!
Den Rest der Fahrt überlebte ich – Gott sei Dank! – ohne weitere Stromstöße. Nur als er mir beim Abschied die Hand gab und sich brav bedankte, durchzuckte es mich erneut.
Als ich im Büro ankam, funkelten mich die Augen von Claudia Westermann, meiner Sekretärin, erst böse an. „Chef! Wo waren sie? Ich habe mir schon Sorgen gemacht! An ihr Telefon gehen sie nicht und bei ihrem Handy erreiche ich nur die Mailbox.“
Ich tastete in meine Jackentasche. Tatsächlich, der Mobilknochen war nicht an seinem Platz. Was war das für ein beschissener Tag? „Das muss ich zu Hause vergessen haben. Aber jetzt bin ich ja da.“
„Das ist auch gut so. Der Alte hat schon nach Ihnen gefragt. Sie sollen sofort in sein Büro kommen.“
„Was will er denn?“ Normalerweise lässt er mich und meine Abteilung in Ruhe, es sei denn, er hat wieder ein Projekt aus dem Hut gezaubert und will, am besten Vorgestern, einen ausgearbeiteten Finanzierungsplan dafür.
Sie zuckte mit den Schultern. „Das kann ich ihnen auch nicht sagen, ich soll sie sofort zu ihm schicken. Nicht vergessen, ich hab ihm gesagt, sie wären beim Zahnarzt gewesen.“
Ich war erstaunt, sie hatte für mich gelogen. „Warum beim Zahnarzt?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Mir fiel spontan leider keine andere Ausrede ein, warum Mr. Perfect heute unpünktlich ist!“
„Claudia, sie sind ein Schatz. Wenn der Alte gute Laune hat, dann probier ich eine Gehaltserhöhung für sie rauszuschlagen.“ Ich grinste sie an.
Sie schüttelte ihren Kopf. „So, wie der sich angehört hat, wohl eher nicht. Aber egal: Bon Chance!“
Im Vorzimmer vom Alten wurde ich gleich durchgeschleust, es schien also wichtig zu sein. Dem Anklopfen folgte ein kurzes „Herein“, ich öffnete also die Tür und betrat das Allerheiligste. Konrad Schulze-Everding, seines Zeichens alleiniger Inhaber der Everding Bauelemente oHG, telefonierte gerade, anscheinend mit seiner Ehefrau, denn in jedem Satz war so etwas wie: „Ja, Gudrun, wird gemacht.“ Er winkte mich zu sich und bedeutete mir, mich zu setzen. Was für ein merkwürdiger Tag!
„Geldermann! Wo waren sie heute Morgen?“ Er hatte sein Telefonat mittlerweile beendet.
Ich legte alle Unschuld, die ich hatte, in meine Stimme. „Beim Zahnarzt, aber das hat ihnen doch Frau Westermann sicherlich erzählt. Was gibt es denn so Wichtiges?“
„Also, wie sie ja wissen, hat meine Frau bald Geburtstag. Eigentlich wollte ich sie zu ihrem 60.sten mit einer Kreuzfahrt überraschen, aber gestern habe ich erfahren, was sie sich tatsächlich wünscht.“ Er blickte mich fast hilfesuchend an.
Ich zog meine Augenbrauen hoch, das konnte nur teuer werden. „Und was wünscht ihre Gattin sich?“
„Ein Labyrinth!“ Er atmete deutlich höher war aus.
Ich war perplex, was war das für ein verrückter Tag! „Ein Labyrinth?“
Er seufzte und fasste sich ins schlohweiße Haar. „Ja! Sie will ein Labyrinth und den Rasen hinter unserem Haus in einen englischen Landschaftsgarten umgestalten. Ich glaube, ihre dämliche Schwester hat ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt. Sybille ist ja mit diesem englischen Dandy verheiratet, der sein Lebtag noch nie gearbeitet hat.“
Die Grasfläche hinter der Fabrikantenbehausung hatte die Ausmaße von knapp drei Fußballfeldern, ab und an stand mal ein Baum oder Strauch vereinzelt herum, alles in Allem sehr pflegeleicht. Ich räusperte mich. „Und wie kann ich ihnen dabei helfen?“
„Geldermann, erstens will ich wissen, wie viel ich auf dem Konto habe und zweitens, sie haben doch da diesen Landschaftsgärtner an der Hand, der ihren Garten gemacht hat.“ Das war also der Grund, warum ich an Ort und Stelle war.
Ich blickte meinem Chef direkt in die Augen. „Auf ihrem Privatkonto sind knappe 180.000, ein Drittel davon in flüssigen Mitteln. Ich nehme ja nicht an, sie wollen ein Stück von der belgischen Schokolade naschen?“
Seine Gesichtszüge wurden leicht panisch. „Um Gottes Willen! Nie und nimmer!“ Das Kakaoprodukt war der Deckname für Geld, das, sagen wir es so, nicht der unmittelbaren Gewalt des deutschen Fiskus unterworfen war.
Ich grinste ihn an. „Dachte ich mir. Ich werde dann gleich Herrn Tenhagen anrufen und fragen, ob er den Auftrag übernehmen kann. Ich nehme mal an, so günstig wie möglich, also nicht mehr als 20?“
Erleichterung machte sich auf seinem Gesicht breit. „Geldermann, ich sehe, wir verstehen uns. Sie kümmern sich persönlich um die Angelegenheit, alles andere kann zurückgestellt werden. Ich will mit der Umsetzung nichts zu tun haben, das ist nichts für mich grobschlächtigen Bauern. Sie als … äh, sie haben doch das passende Händchen für sowas. Ich will heute noch Ergebnisse sehen.“
„Aber der Monatsabschluss?“
„Geldermann! Da drücken sie doch eh nur ein paar Tasten auf ihrem Rechner und schon ist das Dingen fertig. Sagen sie mir jetzt nicht, dass das Arbeit wäre!“ Da war es wieder, dass alte Vorurteile, unter dem jeder Buchhalter zu leiden hat.
„Alles klar, dann hat jetzt das Projekt … Greystoke absolute Priorität.“ Warum fiel mir ausgerechnet jetzt Tarzan ein?
Zurück in meinem Büro, brauchte ich erst einmal einen Kaffee. Man sah die Neugier in Claudias Augen, als sie mir den Türkentrank servierte. „Na? Kriege ich mehr Geld?“
Ich schüttelte den Kopf. „Daran ist im Moment nicht zu denken, leider. Der Alte hat gestern erfahren, was ich sich seine Frau zum Geburtstag wünscht. Und das ist nicht gerade wenig, wenn man das so sagen kann.“
Sie lachte. „Naja, die Chefin hatte ja immer schon einen, sagen wir, außergewöhnlichen Geschmack. Wenn ich da an das italienische Cabrio von vor zwei Jahren denke, dass sie eine Woche später in den Graben gesetzt hat.“ Sie kicherte wie ein Schulmädchen. „Die Geschichte mit der Kuh, der sie angeblich ausweichen musste, habe ich nie so richtig geglaubt.“
Ich musste grinsen, allein die Reparatur des Ausweichmanövers verursachte Kosten im vierstelligen Bereich. Danach wollte sie in den Wagen jedoch nicht mehr einsteigen, der Verkaufsverlust war enorm. „Ja ja, freie laufende Kühe sind beide uns auf dem Land ja keine Seltenheit. Aber es gibt heute eine kleine Programmänderung: Wir fangen jetzt schon an und fahren den Monatsabschluss, heute Nachmittag bin ich in geheimer Mission unterwegs.“
Meine Schreibkraft war zwar erstaunt, dass sah man ihrem Gesicht an, sagte aber nichts dazu. „Wie sie meinen. Dann werde ich mir jetzt mal die Daten aus der Lohn-Buchhaltung holen, damit wir vor der Mittagspause fertig sind.“
Zwar dauerte es bis halb eins, bis ich das Ergebnis auf dem Rechner hatte, aber ich lag noch gut in der Zeit. Mit Marius hatte ich am Vormittag telefoniert und mich mit ihm zum Mittagessen verabredet, das Projekt Greystoke musste ja besprochen werden. Zuerst war er über die mögliche Mehrarbeit nicht gerade erfreut, aber da der Rat der Stadt über den Auftrag für den Generationenpark noch nicht entschieden hatte, war er froh, seine Leute beschäftigen zu können. Nach einer italienischen Teigscheibe und einem Glas Chianti entschlossen wir uns zu einem sofortigen Lokaltermin, um die Gegebenheiten zu inspizieren.
Der Landschaftsplaner war mehr als zufrieden, das bisherige Aussehen des Everdingschen Gartens ließ sich ohne weiteres in einen Landschaftsgarten englischer Prägung integrieren. Er würde sich sofort an die Pläne machen und mir heute Abend Bericht erstatten. Ich sollte die Sauna schon mal vorheizen.
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, blickte ich auf die Uhr, wir hatten kurz nach Drei. Ich überlegte, was ich machen sollte. Ich könnte zwar zurück in die Firma, entschied mich dann aber doch, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten, für Feierabend, schließlich würde am heutigen Abend für meinen Brötchengeber tätig werden müssen. Jedoch rief ich meinen Chef an und gab ihm brav das Zwischenergebnis durch, er war hellauf begeistert, zumal wir wahrscheinlich den Kostenrahmen nicht erreichen würden.
Auf der Fahrt nach Hause hielt ist erst einmal an der nächsten Drogerie, meine Melkfettvorräte bedurften dringend einer Auffüllung. Die Kassiererin wunderte sich zwar, sagte aber nichts und gab mir brav mein Wechselgeld heraus. Im Supermarkt nebenan war Sekt im Angebot, eine Kiste Freixenet Carta Nevada Semi-Seco wanderte in meinen Kofferraum. Bier hatte ich ja noch.
Die letzte Station der Einkaufstour war mein Nachbar und Eierlieferant Schulte-Beckendorf. Das letzte Ei hatte ich heute Morgen zum Frühstück verspeist, ich hätte am Freitag doch gleich eine ganze Stiege nehmen sollen und nicht nur eine Halbe.
Ich fuhr auf den Hof und der Jungbauer kam mir entgegen. „Hallo Wilhelm, hast du noch ein paar Eier für mich?“
Er grinste. „Herr Geldermann, sie werden lachen! Ich hab so viele, ich muss sie sogar verkaufen. Wie viele sollen es denn sein? Sechs, wie immer?“
Ich nickte. „Denke mal, damit komme ich für die Woche aus. Hab ja keine Frühstücksgäste mehr.“
Während er den 6er-Träger holte, kramte ich nach dem Geld. Der Austausch, Geld gegen Ware, verlief schweigend. „Sonst noch was?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein Danke, jetzt habe ich alles. Und? Wie fühlt man sich so als Herrscher auf dem Hof?“
Er zuckte mit den Schultern. „Herrscher? Wenn dann einer ohne Volk! Mein dummer Bruder treibt sich ja lieber in der Weltgeschichte rum, anstatt hier mit anzupacken, wo Papa im Urlaub ist. Der schafft es ja nicht einmal, sonntags die Hühner zu füttern, obwohl er es versprochen hatte. Wie soll der nur was aus seinem Leben machen, wenn er heute schon so unzuverlässig ist?“ Hatte ich jetzt den Senior oder den Junior vor mir? Er klang wie sein Vater!
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Naja, er macht gerade Abi. Da hat man den Kopf voll anderer Dinge.“
Er wiegelte ab. „Mag ja alles sein, aber deshalb braucht man nicht erst am Sonntag um Sechs in der Frühe mit verdreckten Hosen nach Hause zu kommen, als hätte man sich besoffen in den Graben zum Schlafen gelegt. Dann pennt er bis in die Puppen und verschwindet, ohne ein Wort der Entschuldigung, und treibt sich dann bis zur Tagesschau wieder in der Weltgeschichte rum. Wenn sie mich fragen, mit dem stimmt hier oben was nicht.“ Er tippte sich an die Stirn. „Ich hoffe aber für ihn, er übernimmt heute Nachmittag den Hofladen, sonst …“ Er ballte die Faust.
Halt! Hier stimmte tatsächlich was nicht. Nach eigener Aussage war er mit dem Nachtbus um Mitternacht hier angekommen und für den Kilometer zwischen Bushaltestelle und dem elterlichen Hof braucht man, auch wenn man angetrunken ist, maximal zehn Minuten. Wenn Johannes tatsächlich erst um sechs Uhr auf dem Hof ankam, wie Wilhelm sagte, was hat er dann in der Zwischenzeit getrieben?
Meine grauen Zellen arbeiteten angestrengt und spulten die Feier am Samstag noch einmal im Schnelldurchgang ab. Ich ahnte nichts Gutes! Die Wasserschlacht begann gegen Zwölf, dann folgten die zwischenmenschlichen Interaktionen in wechselnden Konstellationen unter erheblicher Ausschüttung von Testosteron und anderen androgenen Hormonen am Pool und auf der Terrasse. Was meinte Marius, als wir nach dem Fick am Pool leicht zitternd bei einem Bier am Pool zusammen saßen? „Aufräumen können wir nach dem Aufstehen, komm jetzt ins Bett, du kleines Fickloch!“
„Ist ihnen nicht gut? Sie sehen plötzlich so blass aus, Herr Geldermann.“
Diesmal winkte ich ab. „Ich glaube, mir ist wohl das Mittagessen auf den Magen geschlagen. Ich leg mich wohl besser etwas hin.“ Schnell zahlte ich die Hühnerprodukte und verließ den Hof.
Nachdem ich die Einkäufe verstaut hatte, starrte ich geistesabwesend auf den Pool. Wenn ich Eins und Eins zusammenzählte, kam ich immer zu dem gleichen Ergebnis: der Abiturient war ein kleiner Spanner! Erst hatte er die nächtliche Aktion in Augenschein genommen und wohl auf eine Fortsetzung am Sonntag gehofft. Das würde dann auch zu dem Nachmittagsprogramm passen, dass Wilhelm beschreiben hatte.
Ich ging in den Garten und suchte nach Spuren. Erst konnte ich nichts Verdächtiges entdecken, aber auf dem Rückweg sah ich abgeknickte Zweige eines Rhododendrons. Ich schaute genauer nach, unter dem Schutz der Blätter hatte es sich wohl jemand gemütlich gemacht, die Erde war aufgewühlt und man sah etliche Zigarettenkippen. Er hatte von dieser Position aus sowohl den gesamten Poolbereich als auch die Terrasse, somit alle Akteure, im Blickfeld gehabt. Ich war fassungslos.
Als ich Marius, der eine Stunde später eintraf, von der Geschichte erzählte, war auch er erst bestürzt, fing dann aber an zu kichern. Ich schaute ihn ungläubig an. „Was gibbet denn da zu lachen?“
„Jost, der Kleine schient auch verzaubert zu sein!“
„Wie?“ Ich verstand nur Bahnhof.
„Überleg doch mal! Der Kleine weiß, dass du schwul bist, oder?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Gesagt habe ich es ihm nicht, aber … anzunehmen, denn außer meiner Putzfrau kriege ich ja normalerweise keinen weiblichen Besuch.“
„Siehst du! Er kommt mit dem Bus hier an, hört die Musik, das Gelächter, das Geplansche. Der schwule Nachbar gibt ne Party.“ Er hob die Hand, kam fast ins Dozieren. „Eine Hete wäre direkt nach Hause, aber was macht der Bengel? Schleicht sich ins Unterholz, beobachtet uns. Die Temperaturen luden ja nicht gerade zum fröhlichen Verweilen im Freien ein. Wir waren ja in Bewegung, er nicht! Er hat wohl auf eine Livevorstellung gehofft.“
Ich war genervt. „Die hat er ja dann auch bekommen! Aber aus jugendlicher Neugier gleich auf sexuelle Präferenzen zu schließen … Marius, findest du das nicht etwas übertreiben?“
„Nein, nicht unbedingt. Wie viele Kippen hast du gefunden?“
Ich blickte ihn fragend an. „Dürfte fast ne Schachtel gewesen sein, wieso?“
„Also, da haben wir es! Wäre es nur reine Neugier gewesen, hätte er spätestens nach einer halben Stunde dem Strauch Adieu gesagt, denn er hat dann ja das gesehen, was er sehen wollte, nämlich was Neues, Unbekanntes!“ Er blickte mich grinsend an. „Aber der Knabe bleibt bis zum Schluss, ist also mehr als interessiert und kriegt sogar mit, dass wir am nächsten Tag … er will sich auch diese Vorstellung nicht entgehen lassen und kommt ein zweites Mal daher.“
„Du meinst also …“ Ich schüttelte immer noch den Kopf.
„Gaynau. Entweder er ist ein ausgemachter Spanner, was ich in dem Alter allerdings nicht annehme, oder er ist, was wahrscheinlicher ist, eine verkappte Schrankschwuchtel ohne Internet im Haus; Sonst bräuchte er nicht zu spannen, um was zu sehen.“
„Und was sollen wir jetzt machen?“ Ich war ratlos, was sollte man mit einem Spanner machen?
„Wie lange hat der Hofladen auf?“
Was sollte diese Frage? „Bis sechs.“
Er blickte auf die Uhr. „Noch zehn Minuten. Ich hab da so eine Idee. Bin gleich wieder da. Schmeiß du schon mal den Grill an und mach dich nackig.“
Ich blickte ihm fassungslos hinterher und sah nur noch die Haustür ins Schloss fallen.
Als er eine Viertelstunde später zurückkam, blickte er mich fast vorwurfsvoll an. „Du bist ja immer noch angezogen! Ist der Grill wenigstens schon an?“
„Marius! Für zwei Leute und vier Würstchen, denn mehr habe ich nicht mehr im Kühlschrank, lohnt es sich nicht, mit Holzkohle zu hantieren, das Elektronteil tut es dafür auch.“
„Wie du meinst!“ Er begann, sich auszuziehen. Als er nackt in der Küchentür stand, grinste er mich frech an. „Na Jost, worauf wartest du? Hol‘ endlich den Grill raus, ich decke derweil schon mal den Tisch. Und jetzt endlich weg mit deinen Klamotten!“
Ich schüttelte nur den Kopf, aber nachdem ich das Teil von Tefal aus der Abstellkammer geholt und draußen angeschlossen hatte, betrat ich kurze Zeit später auch nur im Adamskostüm die Terrasse. Was machte ich da eigentlich? Er reichte mir ein Bier, aber anstatt mit mir anzustoßen, nahm er den kleinen Jost in den Mund und begann mit rhythmischen Kopfbewegungen. „Kannst du mir sagen, was das Ganze hier soll?“
„Abwarten, jetzt setz dich erst einmal und tätschel mir brav den Arsch, während ich die Würstchen umdrehe.“ Das tat ich dann auch, während er so umständlich wie nur irgendwie möglich, die Fleischprodukte wendete. Danach setzte er sich, um gleich danach wieder aufzuspringen. „Oups, ich kleines Dummerchen! Jetzt habe ich glatt den Senf vergessen. Bin sofort wieder da, mein geiler Stecher!“
Was sollte das tuntenhafte Benehmen? Das kannte ich gar nicht von ihm, er war eher ein ruhiger Vertreter. Als er den Senf auf den Tisch stellte, wackelte er schön mit dem Arsch in Richtung Garten. „Hier, mein scharfer Hengst!“ Was sollte diese Lautstärke? Ich bin ja nicht schwerhörig!
Umständlich legte er mir auch die Wurst auf den Teller, drehte sich dabei aber immer schön in Richtung Garten in Positur. Langsam wurde es mir zu bunt. „Herr Tenhagen, was soll das ganze Theater? Wieso sitzen wir nackt hier?“
„Jost, ich war ja vorhin noch bei dem Kleinen im Laden. Als er mich erkannt hat, ist er richtig süß rot geworden.“ Er grinste mich schelmisch lachend an. „Naja, ich hab dann so im Nebensatz fallenlassen, dass ich auf dem Weg zu dir bin und wir uns einen schönen Abend machen wollen.“
Meine Augen wurden immer größer. „Du hast was?“
Er räusperte sich etwas und wurde ziemlich leise. „Naja, ich hab ihn mehr oder minder durch die Blume gesagt, dass es hier gleich wieder abgehen wird. Kannst du mir bitte mal den Senf geben?“
Ich verschluckte mich fast an meinem Bier. „Du bist verrückt!“
Er schüttelte den Kopf. „Ganz im Gegenteil! Du kennst doch den Spruch, wonach der Täter immer wieder zum Ort des Verbrechens zurückkehrt, oder?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Warte mal! Du willst dem Kleinen …“
Er lachte mich direkt an. „Gaynau! Ich hab dem Kleinen eine Falle gestellt und hoffe, dass er gleich auch hineintappt.“
„Und wir sollen ihm dafür eine Show liefern?“ Ich konnte es immer noch nicht fassen, was ich da gerade gehört hatte.
„So ungefähr, aber nicht das volle Programm, nur die Ouvertüre.“ Freudestrahlend tätschelte er mir den Arm.
„Und wie willst du das anstellen? Ich meine, wir sind ja nur zu Zweit … wenn wir auf ihn zugehen …“ Ich war ratlos.
„Nein, wir nicht, aber ich kann mich von hinten anschleichen! Wozu war ich bei den Feldjägern?“
„Das wird er doch merken, wenn du plötzlich verschwunden bist!“
Marius reckte seine fast zwei Meter in die Höhe und zog mich zu sich. „Stell dich hinter mich und spiel mir an den Brustwarzen. Ja, so ist es gut!“
„Kannst du mir sagen, was das werden soll?“ Er rieb sich mit seinem Oberkörper an mir, immer auf und ab, ich wurde langsam wuschig, denn seine Hand spielte mit meinem Gemächte und kraulte meine Eier.
„Gleich, mein Engel, mach weiter!“ Kurze Zeit später zog er mich zur Liege und drückte mich auf die Polster. „Leg dich hin und leck mir den Arsch!“ Wieso flüsterte er jetzt? Während ich mich auf den Rücken legte, kletterte er über meine Brust und verschlang fast den jetzt einsatzbereiten kleinen Jost. Blasen konnte er!
Ich spielte voller Intensität an den beiden prallen Halbkugeln und hatte meine Nase in seiner Spalte. Unseren vermutlichen Beobachter hatte ich längst verdrängt, als er plötzlich, wie von der Tarantel gestochen, einen Satz nach vorne machte und sich schuldbewusst an seine Kiste griff. „Entschuldige, ich bin nicht gespült. Ich hab ja nicht damit gerechnet, dass du mich so rattig machst, dass ich dich in mir haben möchte.“ Wieso schrie er mich jetzt fast an?
„Ich geh mal schnell ins Bad! Nicht weglaufen!“ Er drehte sich an der Tür stehend noch einmal um. „Stell dich an den Pfeiler und blick verträumt in den Garten, denn du fickst mich gleich. Spiel weiter an dir, wir haben Publikum!“
Er hatte mich in die Realität zurückgeholt. Sollte ich oder sollte ich nicht? Egal, der Tag war eh voller Brüche, da kam es auf den einen mehr oder weniger auch nicht an. Nach drei, vier Minuten legte ich mich wieder, ließ die Beine aber auf dem Boden, meine Kronjuwelen lagen frei. Mit der rechten Hand umfasste ich meinen Schaft und meine Linke spielte ich an meiner Rosette.
Noch ganz mit mir selbst und meiner aufkommenden Geilheit beschäftigt, hörte ich plötzlich einen Schrei und dann ein Stammeln. Ich ließ von mir ab und schaute in den Garten. Tatsächlich! Der Plan war gelungen, Marius hatte Johannes im Polizeigriff und schob ihn, die Hose in den Kniekehlen, zu mir in Richtung Terrasse.
„So, da haben wir den kleinen Spanner!“
„Ich … ich …“ Der Bauernsohn wirkte mehr als verunsichert, fast eingeschüchtert. Kein Wunder, er stand mit heruntergelassener Hose und erigiertem Schwanz vor mir.
„Johannes, Johannes, Johannes! Was soll das?“ Ich ging auf ihn zu.
„Ich … ich … Scheiße!“ Er zog an seinem Begleiter, schüttelte sich und spannte seinen Körper an. Er versuchte wohl zu entkommen, aber Martius war ja nicht gerade der schwächste Vertreter der Gattung Mann. Er hatte ihn fest im Griff.
„Stimmt, es war Scheiße, was du gemacht hast, ganz große Scheiße sogar!“ Ich griff nach seinem Teil, kriegte aber nur, da er sich wieder wehrte, die Eier zu fassen. Ich zog den Beutel nach unten und plötzlich war nur ein Stöhnen zu vernehmen. Mein Unterarm triefte Sekunden danach vor sahniger Nässe.
Marius schien ebenso überrascht zu sein, lockerte wohl kurzzeitig die Umklammerung. Der Abiturient nutzte die sich ihm gebotene Gelegenheit und machte einen Schritt nach vorne. Er wollte weglaufen, aber seine Flucht misslang. Mit der heruntergelassenen Hose war ja seine Bewegungsfreiheit mehr als eingeschränkt, große Sprünge konnte er damit nicht machen. Drei Schritte schaffte er zwar, aber dann kam er ins Straucheln und landete bäuchlings im Pool.
Marius und ich blickten uns an und fingen an, lauthals zu lachen. Das Bild, das sich uns bot, war einfach nur göttlich! Ein halbnackter, gerade noch spannender Teenager lag nun schreiend und fluchend im kühlen Nass.
„Könntet ihr bitte aufhören zu lachen und mir raus helfen?“ Die Stimme klang zwar immer noch leicht weinerlich, hatte aber, im Gegensatz zu seinen ersten Äußerungen hier am Abend, eindeutig an Festigkeit gewonnen.
Ich ging an den Beckenrand und reichte ihm meine Hand. Als er sie ergriffen hatte, zog ich ihn raus. Er stand vor mir wie der sprichwörtlich begossene Pudel. Marius kam aus dem Haus und reichte ihm ein Handtuch. „Klamotten aus!“
Plötzlich war die Verschüchterung wieder da. „Was? … Was soll ich?“
Die Stimme des Landschaftplaners wurde schärfer. „Klamotten aus! Oder willst du dir ne Erkältung holen?“
„Ich … nein … scheiße …mein Handy.“ Er holte seinen Mobilknochen aus der Hosentasche, auch hieraus tropfte es.
„Zieh dich jetzt aus und stell dich nicht an wie ein Mädchen! Was du hast, haben wir auch! Also kennen wir das schon.“ Er machte einen Schritt auf ihn zu, der Kleine wich leicht zurück. „Ich will doch nur deine Sachen in den Trockner schmeißen, mehr nicht! Oder willst du deinem Bruder lieber erklären, warum du nass nach Hause kommst?“ Die Sanftheit war in das Organ zurückgekehrt.
„Ich … nein … scheiße … schon gut.“ Er begann sich langsam, aus seinen Klamotten zu schälen. Marius sammelte jedes Stück sofort ein und ging ins Haus zurück. Als Johannes nun ganz nackt vor mir, fing ich an, ihn ab- und somit wieder warm zu rubbeln. Aber! Da waren sie wieder, die elektrischen Schläge, die er aussandte. Was bedeutete das?
Ich führte ihn ins Wohnzimmer, setzte ihn auf die Couch und schloss die Terrassentür, langsam wurde es auch mir zu frisch. Ich blickte ihn an, er saß da, wie ein Häufchen Elend. Marius trat, wieder angezogen, zu uns und warf mir einen Bademantel zu. „Hier: Ich mach jetzt erst mal nen Kaffee, oder wollt ihr lieber Tee?“
Ich nickte meinem Freund zu und Johannes grummelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart. „Also, eine Kanne Kaffee. Kommt sofort.“
Auf dem Sessel lag noch eine Decke. Ich gab sie meinem Badegast, er sollte sich darinnen einmummeln. „So, und jetzt reden wir beide mal Klartext.“
Johannes hatte sich die Decke umgelegt. „Was soll ich denn jetzt noch sagen? Sie wissen doch alles!“
Ich versuchte, ihn nicht direkt anzusehen, aber es misslang. „Also, dass mit dem Sie lassen wir mal. Du hast mich nackt in Aktion gesehen und gerade in meiner Hand abgespritzt. Da wir uns so intim kennen, wäre diese Art der Anrede mehr als unangebracht, oder?“
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Stimmt. Ging ja ganz doll ab hier …“
„So, aber nun sag mir mal, warum du …“ Ich war unsicher, machte einen Schritt auf ihn zu. Er schaute mir direkt in die Augen und machte eine Geste, mich neben ihn zu setzen. Ich wusste nicht so recht, ob ich der Einladung folgen sollte, aber da wir schon bei der Anrede auf gleichem Niveau waren, warum sollten wir dann nicht auch auf gleicher Augenhöhe das Gespräch führen? Ich setzte mich neben ihn. „Verrätst du mir das Warum?“
„Ich … ich …“ Da war sie wieder, die Unsicherheit. Ich griff mit meiner Linken nach seinen Kopf, wollte ihn streicheln. Er wehrte jedoch die Hand, die ihn Trösten wollte, ab. „Bitte nicht … bitte …“
Nun war die Verwirrung auf meiner Seite. „Warum nicht? Ich tu dir schon nichts.“
„Das ist es nicht, aber wenn sie … äh … wenn du … wenn du mich jetzt berührst und streichelst … dann … dann kann ich für nichts garantieren.“
Ich stutzte. „Wie? Du kannst für nichts garantieren?“
„Dann … dann … dann passiert das gleich wie gerade am Pool!“ Er deutete auf seine Körpermitte.
Ich war sprachlos. Gut, so schlecht sehe ich nun auch wieder nicht aus, aber dass ich eine solche Wirkung auf einen jungen Mann haben sollte, wunderte mich schon. „Gut, dann halte ich mal meine Hände bei mir, während du mir die Frage beantwortest.“
Ein Seufzer der Erleichterung machte sich breit. „Also, ich hab … ich bin … scheiße! Warum ist das so schwer?“
„Was?“ Ich blickte ihn sanft an.
„Ich … Nein! Ich kann nicht!“ Er klang irgendwie resigniert.
„Was kannst du nicht?“
„Das aussprechen, was ich sagen will. Es ist so schwer!“ Erschien innerlich zu beben.
„Gut, dann fangen wir anders an. Wie lange geht das ganze schon?“
„Was?“ Er blickte mich schräg von unten an.
„Na, dass du mich intensiv beobachtest.“
Er atmete tief aus. „Seit knapp zwei Jahren.“
Ich erschrak. „So lange schon?“
„Naja, eigentlich fing alles damit an, als du dir vor vier Jahren den Pool gebaut hast.“
„Bitte?“
„Ja, wenn du auf der Arbeit warst oder im Urlaub, dann bin ich immer hier rüber zum Schwimmen gewesen, bis … naja, bis Papa mich vor dir gewarnt hat. Du wärst anders, würdest mit Männern … Er hat es mir verboten, hier zu baden. Aber du hast Mama ja gesagt, es wäre ok, wenn wir den Pool nutzen.“ Er atmete tief durch, es schien ihm schwer zu fallen. „Naja, dann hab ich so mit 17 festgestellt, dass ich selber so bin.“
„Was?“ Ich hing regelrecht an seinen Lippen.
„Jost, wo hast du deinen Verstand gelassen? Er hat festgestellt, dass er auch schwul ist!“ Marius kam mit einem Tablett ins Wohnzimmer. Er verteilte die Tassen. „Jo, wie nimmst du deinen Kaffee?“
„Schwarz, will ja noch schöner werden!“ Er grinste.
„Hast du aber echt nicht nötig! Jost schon, aber der ist ja auch kurz vor seinem Verfallsdatum, aber mag ihn lieber süß! Aber weiter im Text, ich habe dich unterbrochen!“ Marius reichte mir die Zuckerdose, ich hätte ihn umbringen können.
„Ist er nicht!“ Die Stimme des Kleinen wurde plötzlich härter.
„Was?“ Ich war verdutzt.
„An seinem Verfallsdatum! Er ist … ich bin … er ist mein …“
„Was?“ Marius wusste wohl auch nicht weiter.
Er atmete tief ein, schien allen Mut für den nächsten Satz zu sammeln. „Ich bin ihn Jost verliebt, wenn du es genau wissen willst!“ Wie zum Beweis griff er meine Hand und drückte sie fest.
Ich war sprachlos, Marius anscheinend auch, denn seine Kinnlade fiel ihm runter. Aber er fand, im Gegensatz zu mir, eher seine Stimme wieder. „Er könnte dein Vater sein, ich übrigens auch, wenn ich mich angestrengt hätte!“
„Was soll das ganze mit dem Alter? Das ist doch Scheiße! Mama ist auch 15 Jahre jünger als Papa und sie lieben sich. Bei uns sind es halt fünf Jahre mehr!“
„Ja, aber in der schwulen Welt … ist das irgendwie anders.“ Marius wirkte irgendwie kleinlaut.
„Was ist da? Kann da ein Jüngerer keinen Älteren lieben? Wenn du es genau wissen willst, Marius, ich hab mit der ganzen Messdienergruppe meines Jahrgangs gewichst und gefummelt, hat zwar Spaß gemacht, aber die Erfüllung war es nicht! Die eine Hälfte der Jugendfeuerwehr hat mich gefickt, der anderen Hälfte hab ich meinen Schwanz in den Arsch gerammt, war zwar spaßig, aber nichts hierfür!“ Er tippte sich an sein Herz. „Und am Samstag war ich auch nicht mit Kumpels im Kino, ich hab mich von einem fetten, abgehalfterten Familienvater, dessen Frau in Kur ist, nageln lassen. Aber auch nur deshalb, weil er …“ Jo deutete auf mich. „Weil Jost unerreichbar für mich ist. Ich hab ihn lange genug beobachtet. Er hat nie junge Typen hier zu Besuch, nur in seinem Alter – leider! Ich kann mit Jungs in meinem Alter leider nichts anfange! Als ich hier mit durchgeficktem Arsch ausstieg und das Planschen hörte, da bin ich … bin ich einfach in den Garten, ich hab gesehen, wer was mit wem gemacht hat. Als Jost in diesem Blonden war, wollte ich, ich wäre an dessen Stelle! Darauf hab ich mir einen runtergeholt und hatte einen Megaorgasmus!“
Es herrschte betretenes Schweigen. Ich war einfach nur platt ob dieser Äußerung. Marius erhob sich im Zeitlupentempo. „Äh, ich geh dann wohl jetzt besser. Der Trockner braucht noch ne halbe Stunde und Jost, wir telefonieren wegen Greystoke morgen Mittag.“ Grußlos verließ er das Wohnzimmer und ließ uns alleine.
Johannes blickte mich fast hilfesuchend an. „Und? Bist du jetzt geschockt? Ja, ich liebe dich! Willst du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben? Könnte ich verstehen, ich bin ja nur ein kleiner, dummer Junge! Was sollen wir jetzt machen?“
Ich überlegte, erhob mich und ließ ihn für einen Augenblick alleine. Als ich nach drei Minuten ins Wohnzimmer zurückkehrte, saß er immer noch so dar wie vorher. „Hier!“ Ich warf ihm einen Jogginganzug von mir entgegen.
„Was soll ich denn damit?“ Er blickte mich fragend an.
„Na, was wohl? Anziehen natürlich! Oder willst du nackt über die Straße gehen?“
„Gehen? Ich soll also verschwinden? Aus deinem Leben?“ Er wirkte irgendwie niedergeschlagen.
„Das habe ich nicht gesagt! Aber du wirst jetzt gehen … und … wiederkommen müssen, denn deine Sachen sind ja noch bei mir im Trockner. Nur wann du sie dir abholst?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Den Zeitpunkt, lieber Jo, bestimmst nur du selbst!“
Er blickte mich fragend an. „Wie?“
„Du kannst sie nachher noch abholen oder morgen früh nach dem Aufstehen oder auch nach der Schule, deine Entscheidung. Du weißt ja wahrscheinlich besser als ich selber, wann ich pennen gehe, wann ich aufstehe, wann ich das Haus verlasse und wann ich wiederkomme.“
Er nickte. „Ja, fast auf die Minute.“
„Also, falls ich dich morgen wieder mitnehmen soll, dann solltest du diesmal deine Schultasche nicht wieder vergessen. Und nun geh und komm, wann immer du willst, wieder!“
„Alles klar!“ Bedröppelt zog er sich an und verließ mein Haus.
Epilog: Der Auftrag für den Englischen Gartens wurde, allein wegen der günstigen Kosten, an Tenhagens Landschaftbau vergeben und seit August 2008 hat die Everding Bauelemente oHG einen Auszubildenden, der jeden Morgen um Punkt acht auf der Matte steht. Kein Wunder, ich nehme ihn ja auch immer mit. Das ist ein kleines Dankeschön, denn er weckt mich immer so zärtlich und seine Frühstückseier sind besser als meine.

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Information Je & Je
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:56 AM - No Replies

Wie jeden Donnerstag schwang ich mich auch am letzten Donnerstag im März nach der Arbeit auf mein Rad und fuhr die knapp drei Kilometer in Richtung Nesthauser See. Ich hatte – wie so oft – Hummeln im Hintern, mein Arsch juckte, musste wieder einmal richtig aufgerissen und gefüllt werden. Nur vollgestopft fühle ich mich halt richtig wohl und Kerim hat nun einmal ein geiles Stopfgerät in seiner Hose. Er wohnt in einem dieser Apartmenthäuser, 37 Quadratmeter, mit eigener Terrasse. Seine Wohnung ist zwar nicht riesig, besteht eigentlich nur aus einem einzigen Raum (sieht man einmal vom Badezimmer ab), aber er hat wenigstens sein eigenes Reich, in dem wir uns treffen können, ich wohne ja noch bei Mama und Papa.
Der leichte Frühlingsregen – drei Tropfen in sechs Reihen – machte mir nichts aus, ich wusste ja, gleich würde ich Spaß haben, aber dennoch war meine Stimmung getrübt. In anderthalb Monaten würde ich mir eine neue Ausrede einfallen lassen müssen, um meine wöchentlichen Besuche bei dem Deutschtürken zu tarnen. Bis jetzt liefen unsere wöchentlichen Treffen ja offiziell als Nachhilfe und meine Eltern waren sogar stolz wie Oskar, dass ich, obwohl einer der Besten meines Jahrgangs, noch zusätzlich Zeit und Energie investierte und meine wenige Freizeit opferte, um meine Ausbildung zum Industriemechaniker bei der Deutschen Bahn noch erfolgreicher abzuschließen.
Mein Vater, der als stellvertretender Leiter der Materialausgabe mir die Lehrstelle auf dem kleinen Dienstweg besorgt hatte, sprach von Kerim nur in den höchsten Tönen, lobte ihn – privat und auf der Arbeit – über den grünen Klee. Er konnte es einfach nicht fassen, dass der agile Deutschtürke, trotz seiner beruflichen Mehrbelastung als Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung des DB-Instandsetzungswerkes Paderborn, sich meiner annahm und mir seine Unterstützung in allen Belangen des Lebens angedeihen ließ. Hätte mein Erzeuger jedoch gewusst, was wir tatsächlich da in dem Appartment übten, ich glaube, er würde anders über das künftige Betriebsratsmitglied reden, als solcher war Kerim nämlich im Gespräch; aus Altersgründen, er ist ja schon 25, darf er als Jugendvertreter nicht mehr wiedergewählt werden.
An einer roten Ampel kam ich ins Grübeln. Angefangen hat unsere Fickbeziehung vor fast anderthalb Jahren. Wir Auszubildenden nahmen an einem Teambuilding- und Motivationsseminar teil, bezahlt von der Bahn. Teil dieser tollen Veranstaltung war der Besuch eines Klettergartens: Wir mussten in luftiger Höhe einen Hindernisparcours im Wald überwinden; damals hatte es auch leicht geregnet und Kerim und ich bildeten das letzte Zweierteam. Was soll ich sagen? Kurz vor dem Ziel stürzten wir ab, zwar waren wir beide gesichert und die Fallhöhe auch nicht mörderisch, aber der nasse Waldboden reichte vollkommen, um uns aussehen zu lassen wie die Dreckspatzen.
Im Bus, der uns zurück zur Jugendherberge brachte, wurden wir – wohl aufgrund unseres Geruchs – separiert und zum sofortigen Duschen geschickt. Wir hatten die Gemeinschaftsdusche für uns, die anderen saßen schon beim Abendessen. Was soll ich sagen? Ich starrte ihm auf den Schwanz und der Kerl hat das auch bemerkt. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, Kerims Teil war der erste beschnittene Schwanz, den ich je live gesehen habe; gut, von Videos im Internet einmal abgesehen.
Auf der Realschule waren wir zwar auch ein eher internationaler Haufen – heute spricht man ja lieber von Schülern mit Migrationshintergrund – aber gemeinsames Duschen nach dem Sportunterricht war nicht. Jedenfalls für mich, dazu war ich, der Sohn spanischer Gastarbeiter, zu katholisch erzogen. Körperlichkeit war (und ist) in meiner Familie ein großes Tabu, ich habe meine Eltern bis jetzt auch noch nie nackt gesehen; nicht, dass ich daran irgendein Interesse hätte, aber sich nackt in der Öffentlichkeit zeigen? Für meine Eltern – und somit auch für mich – fast eine Todsünde! Geduscht haben meist nur die deutschen Jungs, wir anderen wuschen uns maximal nur unter den Achseln und das war es dann.
Kerim, frech wie er war und ist, fragte mich, ob ich nur schauen oder auch mal anfassen wollte. Ich war erschrocken, aber gleichzeitig auch total angespannt; ich glaube, ich hatte die härteste Latte meines Lebens, als ich sein Teil zum ersten Mal berührte. Wie alt war ich damals? Ich war im ersten Lehrjahr und hatte – im zweiten Anlauf – den Führerschein bestanden, war also gerade 18 geworden.
Ich war eh eher der Spätzünder in der Familie, lernte erst mit zehn Jahren Fahrradfahren, mit zwölf tat ich meine ersten Schwimmzüge, meine erste Zigarette rauchte ich heimlich mit 16. Meine Mutter meint immer, es läge an meiner schwächlichen Konstitution, ich war ja nur sieben Monate in ihrem Bauch. Tja, und mit 14, ich verbrachte die Herbstferien bei der Familie meiner Mutter in Zahora, nahe dem Cabo Trafalgar, bekannt auch als einer der Schlachtorte von Admiral Nelson, zog ich mir beim Sprung in die Fluten des Atlantiks einen etwas komplizierteren Beckenbruch zu. Das achte Schuljahr konnte ich komplett vergessen, die Ehrenrunde, die ich danach drehen musste, war also nicht meiner schulischen Unfähigkeit geschuldet.
Aber damals in der Dusche blieb es nicht beim Anfassen. Ich war so hingerissen, so gebannt von Kerim und besonders seinem Anhängsel; ich nahm das Teil nicht nur in die Hand, sondern gleich auch in den Mund. Noch unter dem Wasserstrahl begann ich meine ersten Blasversuche, dem Vertreter der JAV schien es zu gefallen, denn der hochgewachsene Deutschtürke stellte sich nur allzu gern als Versuchskaninchen zur Verfügung; ich schluckte zum ersten Mal seine Sahne.
Ob ich damals schon wusste, dass ich eher auf Männer stehe und meinen Eltern nie Enkel schenken würde? Ich weiß es nicht, kann es echt nicht sagen. Gut, gewisse Fantasien waren da, aber was sollte ich auch machen? Sex vor der Ehe ist eine Todsünde, Sex nur so zum Spaß ist eine Todsünde, Sex mit Männern ist eine Todsünde – überall ist Sünde, überall lauert der Teufel, der einen schwachen und kränklichen Geist nur allzu gern versucht; so jedenfalls die Aussage meiner Eltern.
Lena-Marie, Mitschülerin seit der Grundschule, durfte als Kind mit mir spielen, sie war ein stets willkommener Gast in unserem Hause. Aber als sie begann, zur Frau zu werden, ihre körperliche Veränderung sichtbar wurde, da wurde sie zur unerwünschten Person. Sie könnte mich ja mit ihren Reizen bezirzen, mich vom rechten Weg der Tugend abbringen. Wie gesagt, meine Eltern sind ziemlich klerikal eingestellt, sie kennen nur Schwarz und Weiß, selbst Grautöne sind ihnen zuwider.
Mit 17 hatte ich dann aber doch den ersten (und bisher einzigen) Sex mit einer Frau. Sie hieß Ann-Christin, war 16 und die Tochter der Leiterin des Christopherus-Kindergartens. Die Gemeinde hatte für uns Ministranten als Dankeschön eine Fahrt ins Benediktinerkloster Weltenburg organisiert. Das erste Mal ohne Eltern oder Familie im Urlaub, wenn auch nur für eine Woche; ich fühlte mich wie ein Entdecker, es war toll … naja, halt bis auf das Erlebnis mit Ann-Christin. Nicht, dass ich etwas gegen Frauen habe, aber als wir, nach einem Besuch der Klosterbrauerei, uns in einer Scheune dann auch körperlich näherkamen, da wurde mir ganz anders! Gut, der Anfang hatte mir Spaß gemacht, wir knutschten und fummelten, mein Schwanz stand wie eine Eins. Sie schien im Gegensatz zu mir auch schon reichlich Erfahrung zu haben, sie übernahm das Kommando und ich folgte ihr willenlos. Ich tauchte in sie ein, rutschte auf ihr herum, immer raus und rein – so etwas macht man ja dabei. Tja, und dann rollte sie kurz beiseite, löste die Verbindung. Und wie soll ich es sagen? Sie schien auszulaufen, sie blutete wie Sau; mein Schwanz sah entsprechend aus, ich musste raus und kotzen.
Übergeben musste ich mich bei Kerim noch nie! Gut, ab und an schmeckt sein Schwanz auch nicht mehr ganz frisch, aber irgendwie mag ich dieses Aroma, es ist so männlich. Ok, seit einem halben Jahr will der junge Deutschtürke, dass ich ihm, nach der intensiven Beschäftigung mit seinem Schwanz, auch sein Loch lecke, so richtig mit Zunge. Und wenn das dann nicht ganz sauber ist, dann wird mir zwar auch etwas anders, aber ich weiß genau, länger als fünf Minuten dauert dieser Leckdienst nicht, dann hat er meistens genug, dreht mich um und spießt mich auf. Dann habe ich endlich das, was ich will (und weshalb ich überhaupt zu ihm komme!), nämlich (s)einen Schwanz in meinem Arsch; dann bin glücklich, dann bin ich zufrieden, bis es dann später zu einer zweiten Runde kommt.
Meine Geschwister, allesamt älter als ich, hatten so früh wie möglich das Weite gesucht, deshalb konzentrierte sich die ganze Fürsorge meiner Eltern auf mich, den Benjamin. Auch wenn ich es gewollt hätte, ich konnte mich nicht dagegen wehren; die Gefängnistüren waren einfach zu massiv, um ausbrechen zu können. Gut, ich bin zwar volljährig und meine berufliche Zukunft war, bei Bestehen der Prüfung, auch gesichert, aber ausziehen in eine eigene Wohnung? Sorry, dazu fehlte mir das Geld und ein eigenes Auto war mir wichtiger, stand ganz oben auf meiner Wunschliste. Ein Kleinwagen würde schon reichen; Hauptsache, nicht mehr bei Wind und Wetter auf das klapprige Fahrrad angewiesen zu sein.
Endlich! Ich sah die Einfahrt zu Kerims Apartmentanlage und sprang ab, kettete meinen Drahtesel an die Laterne, so wie ich es seit letztem Oktober immer tat. Vorher hatte ich ihn direkt vor seiner Haustür in den Fahrradständer gestellt und da festgemacht, aber Kerim wollte das nicht mehr; der Deutschtürke hatte wohl Angst, man könne mich sehen, wie ich bei ihm ein- und ausgehe. Er hat nämlich drei ältere Schwestern und will nicht, dass die wissen, dass er schwul ist und mit mir …
Naja, zu der Zeit ist auch Yunus, der Sohn eines Bruders einer seiner Schwäger – ich hoffe, ich habe das Verwandtschaftsverhältnis richtig wiedergegeben – in den Komplex gegenüber gezogen, studiert Maschinenbau an der Uni. Aber der Typ gehört zur Familie und die soll ja nichts wissen!
Ich ging dann, wie immer, durch den Garten, klopfte an die gläserne Tür, rückte meine Kronjuwelen zurecht und wartete. Es wunderte mich etwas, dass ich keine Musik aus dem Inneren hörte – bei Kerim läuft sonst immer die Anlage; er braucht eine gewisse Geräuschkulisse zum Glücklichsein, wie er sagt. Wo steckte der Kerl, der mich glücklich machen sollte? Ich vermutete ihn auf dem WC, also klopfte ich erneut, diesmal etwas heftiger, denn ich brauchte ihn, seinen Körper, seine Wärme und besonders seinen harten Schwanz; und den ganz schnell in mir.
„Kerim? Mann, Alter! Wo steckst du?“ Hielt der Kerl etwa eine Sitzung? Ich griff an meinen Hintern, versuchte, die Hummeln zu beruhigen, klopfte ein drittes Mal und blickte mich um. Die Terrassentür der Nachbarwohnung ging auf, ich sah nur einen Kopf, der Typ murmelte etwas. Hatte ich die Stimme richtig verstanden? ‚Da wäre jemand wieder einmal mehr als pünktlich!‘ Ich schüttelte mich; mit ‚Jemand‘ konnte ja nur ich gemeint sein! Was sollte das? Wurde ich, wurden wir beobachtet?
Der Kopf, von dem ich gerade eben nur die dunkelblonden Haarspitzen gesehen hatte, lugte plötzlich um die hölzerne Trennwand der aneinanderliegenden Terrassen, räusperte sich. „Schade für dich, aber … dein Stecher … ist heute leider nicht da!“
„Was? Äh …“ Erschrocken drehte ich mich um, musste schlucken, einmal wegen der Äußerung, dann aber auch, als ich den Typen selbst sah: Mitte bis Ende 20, dunkelblonde, leicht wellige und gegelte Haare und ein unheimlich sympathisches Lächeln auf den spitzen Lippen. Irgendwie erinnerte er mich an meinen alten Deutschlehrer, der lachte auch immer. Aber der Typ, der da jetzt vor mir stand, war nicht Herr Hagemann, der damals schon kurz vor seiner Pensionierung stand, auch hatte er einen Dreitage- und keinen Vollbart wie mein alter Pauker. Gut, eine gewisse Ähnlichkeit war vorhanden, besonders um die Augen, aber das war wohl doch eher Zufall.
Der Typ im Jogginganzug musterte mich, grinste mich dann ziemlich frech an. „Du hast mich schon richtig verstanden: Kerim ist nicht da.“
„Aber …“ Wir hatten uns an dem Morgen doch noch gesehen! Er kam vom Frühstück und ich ging in die morgendliche Pause. Warum hatte er da nichts gesagt? Er hätte mich doch ansprechen können! War was passiert? Hatte er einen Unfall? Lag Kerim etwa im Krankenhaus? „… wo ist er denn?“
„Tja, wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann …“ Der Typ rieb sich den Schritt. „… dann musste er zu irgendeiner Hochzeit, kommt erst am Sonntagabend wieder, sagte er jedenfalls, als er mir auf dem Parkplatz über den Weg lief, hatte eine Reisetasche dabei. Das war vor knapp einer Stunde.“
„Scheiße!“ Mein Gesicht verfinsterte sich schlagartig: drei Tage ohne einen Schwanz im Arsch? Wie sollte ich das nur aushalten? Ich fühlte mich mehr als unwohl.
„Stimmt! Ich hab mich schon so auf … auf euer Konzert gefreut.“ Der Mann mit dem Dreitagebart grinste mich wieder hämisch an. „Aber das wird ja wohl jetzt leider ausfallen.“ Ich zuckte erneut zusammen. Was sollte denn dieser Ausspruch? „Nu tu mal nicht so unschuldig. Ich weiß genau, was ihr hier jeden Donnerstagnachmittag treibt.“ Er lachte, aber nicht dreckig, eher höhnisch. „Von den Geräuschen her … lass mich raten? Der kleine Türke lässt sich von dir erst einen blasen und besteigt dich dann, vögelt dir den Verstand aus der Birne. Habe ich recht? “
Ich war wie erschlagen! Woher wusste der Kerl das alles? Waren wir wirklich so laut? Gut, leise bin ich nicht gerade, wenn Kerim in mir steckt und mich beackert, aber dass wir Zuhörer dabei hatten, war mir neu. Sollte ich auf diese Frage überhaupt antworten? „Äh …“
„Muss dir doch nicht peinlich sein!“ Der Typ klang unheimlich jovial. Mein Gesicht brannte, ich muss wohl ausgesehen haben, wie eine reife Tomate. Er grinste weiter. „Junge! Was meinst du, warum ich jetzt hier und nicht im Fitnessstudio bin? Ich … ich hör euch halt gerne zu, wichs mir dabei einen. Ihr … ihr seid echt besser als jeder Porno im Internet.“ Er lachte erneut, diesmal leiser. „Aber bei dem Schwanz? Da ist das auch kein Wunder.“
„Wie?“ Ich war richtig erschrocken. Woher kannte der Typ in dem grünen Jogginganzug Kerims Teil? Hatte er etwa auch mit ihm? Ich konnte nicht mehr klar denken.
Der Mann mit dem Dreitagebart erkannte wohl meine Pein, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. „Du bist nicht der Einzige, mit dem er …“
„Wie …“ Was sollte dieser Satz? Ich war platt, sank fast zusammen.
Der Typ lachte kurz auf. „Immer mit der Ruhe! Ich hab auch mal mit ihm, kurz nach meinem Einzug hier. Aber … war nicht so nach meinem Geschmack, von daher … bin übrigens der Jens. Willst‘e ne Cola oder …“ Er zögerte einen Moment. „… oder brauchst du auf den Schreck etwas Stärkeres?“ Ich schluckte, schaute ihn an und nickte, wenn auch langsam. Jens deutete auf die Tür. „Na dann mal rein in die gute Stube. Wenn ich vorgehen darf?“
Ich folgte ihm, trat durch die Terrassentür und musste erneut schlucken: Das Zimmer war genauso groß wie das von Kerim, nur dass es sich bei diesem Raum um ein reines Wohnzimmer und nicht um eine ganze Wohnung handelte. Der Typ war hinter einem Tresen verschwunden. Dahinter verbarg sich eine komplette Küche und nicht, wie bei Kerim, nur eine kleine Küchenzeile. „Und, was willst du? Cola? Wasser? O-Saft? Bier? Rum? Whiskey? Sekt habe ich auch noch da!“ Er griente über den Tresen. „Wie heißt du eigentlich?“
„Äh …“ Mein Mund war trocken wie die Wüste von Tabernas. „Jesús …“
„Sorry, wenn du keinen Alkohol magst, dann musst du ja nicht gleich den Herren anrufen! Der dürfte sich hier eh nicht wohlfühlen, obwohl …“ Er rieb sich über sein Kinn. „… obwohl der ja doch oft zu ‚Andersartigen‘ ging: Dirnen, Zöllnern, Aussätzigen. Steht so jedenfalls in der Bibel.“
Ich zuckte erneut zusammen. Was sollte das werden? „Nein, also … ich … ich mag Alkohol, auch wenn ich nicht oft … Nein, mein … mein Name: Ich heiße Jesús; Jesús Manuel Fernández Jiménez. Auf der Arbeit nennen mich alle nur Manu, nur meine Eltern rufen mich Chus.“
„Jesus ist in diesem Lande ja auch ein eher ungewöhnlicher Vorname.“ Sein Lächeln war wirklich süß. „Also Manuel? Was möchtest du haben? Du hast die freie Auswahl!“
„Cola … mit einem Schuss Rum.“ War ich zu vorlaut?
Der Typ nickte freundlich. „Dann also einen Cuba Libre! Aber ich hab leider keine Limetten da, nur einfache Zitronenessenz. Ich hoffe, das stört dich nicht?“
„Nein!“ Ich schüttelte den Kopf, denn den Unterschied kannte ich wirklich nicht.
Er nickte und hantierte an irgendwelchen Schränken, eine Minute kam er mit zwei Gläsern zurück, reichte mir eins, setzte sich in den Sessel, deutete auf das braune Cordsofa. „Setz dich … oder willst du lieber im Stehen trinken?“
„Äh … nein!“ Ich beeilte mich, auf der Couch Platz zu nehmen.
Wir stießen an. Er beobachtete mich genau. „Also, Manuel! Wie lange treibst du es schon mit dem kleinen geilen Türken?“
„Mit Kerim?“ Sollte ich ihm die ganze Wahrheit sagen? Ich zuckte mit den Schultern, dachte kurz nach. Er wusste ja eh schon fast alles, also warum nicht? „Seit … anderthalb Jahren. Und … und Du?“
„Ich?“ Jens blickte mich über den Rand seines Glases an. „Ich hatte nur einmal das Vergnügen, obwohl …“ Er kraulte in seiner Gesichtsbehaarung. „… obwohl das Vergnügen relativ einseitig war.“
Ich stutzte, Kerim verschaffte mir immer die Befriedigung, die ich brauchte. „Wie?“
„Du scheinst echt nicht viel Erfahrung zu haben, oder?“ Er kratzte sich die Brust, ich schaute ihn verdattert an. „Nun, Sex … wie soll ich sagen? Sex soll allen Beteiligten Spaß machen. Und mit ihm? Da war es relativ einseitig, wenn man das so sagen kann, er denkt nur an sich und seine Befriedigung, nicht an die seines Partners. Seid ihr fest zusammen?“
Ich griff mir das Glas. Waren Kerim und ich ein Paar? „Äh … nein …“
„Dachte ich mir!“ Lag da ein gewisser Triumph in seinem Blick? „Da war mein Ex ja noch besser!“
„Dein Ex?“ Ich trank.
„Max, der Mann, der eigentlich mit mir hier einziehen sollte.“ Er wirkte plötzlich niedergeschlagen, griff sich dann aber doch in den Schritt.
Ich blickte ihn fragend an. „Und … und wieso ist er nicht?“
„Ich sage nur: Paderborn! Für ihn ist das tiefste Provinz hier!“ Er lachte kurz auf, aber fröhlich klang das nicht. „Ich hab seit letztem August eine Stelle hier, am Leismann-Gymnasium, Festvertrag. Als Lehrer für Deutsch und Geschichte musste ich da einfach zugreifen. Aber Max? Der wollte einfach nicht aus Köln weg, da haben wir beide studiert. Ich musste im Referendariat immer nach Essen fahren, das war schon stressig genug und dann jeden Tag hierher? Sorry, ich will auch noch etwas vom Leben haben.“ Ich spürte die Resignation in seiner Stimme. „Er hätte einen Vertrag am Abendgymnasium hier kriegen können, deshalb auch die große Wohnung … Aber er? Er nahm lieber die halbe Stelle in Wesseling. Das war es dann! Das Aus nach fünf schönen und geilen Jahren!“
Irgendwie tat mir der Typ leid. „Das ist Mist, aber … aber … hättest du denn nicht … auch woanders?“
„Nicht zu den Konditionen!“ Er zuckte mit den Schultern. „Außerdem … meine Familie kommt hier aus der Gegend und … und ich hatte echt genug von Köln: mehr Schein als Sein. Aber Max? Er konnte nicht genug bekommen. Aber egal – Tempi passati!“ Er blickte mich fragend an. „Und du? Hast du ‘ne feste Freundin und fickst nur nebenbei mit Kerim? So zum Zeitvertreib? Weil sie dir nicht all das gibt, was du brauchst?“
„Zum Zeitvertreib? So … so etwas gibt es?“ Noch mehr Blut schoss in meine Wangen, ich trank schnell einen Schluck; der Cuba Libre schmeckte gut, lag wohl an der Zitrone.
Verwundert musterte er mich. „Manuel, Manuel, Manuel! Du scheinst ja echt noch feucht hinter den Ohren zu sein! Holger, der Nachbar von gegenüber, da, wo du dein Rad immer abstellst, Holger ist verheiratet, hat drei Kinder und ‘ne nette Frau. Aber der Kerl kommt einmal im Monat rüber, lässt sich ficken: Er braucht was im Arsch!“ Konnte ich nachvollziehen, denn das brauchte ich ja auch. „Ich hab zu ihm gesagt, er soll doch seiner Frau einen Strap-On kaufen, dann kann sie es ihm besorgen und er muss nicht mehr fremdvögeln. Was meinst du, was er darauf gesagt hat?“ Ich zuckte mit den Schultern, wusste nicht einmal, was ein Umschnalldildo ist. „Das würde seine Alte nie machen, die würde ihm ja noch nicht mal einen blasen, und mehr als Missionar wäre sowieso nicht drin.“
Ich nuschelte in das fast leere Glas. „Nee, hab keine Freundin. Da sind meine Eltern gegen.“
„Lass mich raten: Die sind streng katholisch und verbieten dir den Sex vor der Ehe?“ Jens grinste.
„Das auch, aber …“ Ich atmete tief durch. „… ich glaube, ich bin schwul!“ So! Jetzt war es raus!
„War doch gar nicht so schwer, oder? Ist doch echt nichts dabei, wenn man auf Männer steht, tue ich doch auch und fühl mich echt gut dabei.“ Er blickte mich aufmunternd an. „Und seit wann weißt du, dass du eher auf Männer abfährst?“
Ich fing an zu erzählen, über mich und meine Eltern, meine Geschwister, meine Hobbys, meine Ausbildung und natürlich über das Verhältnis zu Kerim. Jens stellte ab und an Zwischenfragen, aber wohl eher, um meine Bruchstücke für sich zu einem Mosaik zusammenzusetzen, steuerte aber auch Einiges aus seinem eigenen Leben bei. Irgendwann deutete er auf mein leeres Glas. „Noch einen?“
Ich nickte und Jens dackelte mit den Gläsern zurück in seine Küche. Ich blickte ihm nach, der Kerl sah nicht nur sympathisch aus, nein, man konnte mit ihm auch gut reden. So viele private Dinge hatte ich mit Kerim noch nie besprochen, bei ihm stand eindeutig der Sex im Vordergrund, mein Mund und mein Arsch waren für ihn wohl von größerem Interesse als meine Gefühle. Bei Jens jedoch fühlte ich mich irgendwie wohl und auf eine Art auch verstanden.
Der Mann mit dem Dreitagebart reichte mir mein Glas, setzte sich diesmal neben mich auf die Couch. Wir stießen an, tranken, aber nach dem ersten Schluck verzog ich das Gesicht; das Gesöff schmeckte irgendwie anders. Jens klopfte mir lachend auf den Oberschenkel. „Nicht wundern, ich hab ihn extra nicht so stark gemacht, dafür mit umso mehr Zitrone. Erstens will ich dich nicht besoffen machen und zweitens, falls du in eine Kontrolle kommst, sollst du ja keine Schwierigkeiten kriegen.“
Ich blickte ihn verwundert an. „Wie? Ich bin doch eh nur mit dem Rad unterwegs, von daher …“
„Auch auf dem Rad kann man dir den Führerschein abnehmen.“ Ein Schmunzeln umspielte seine Lippen, der Druck auf meinem Oberschenkel, er hatte seine Hand dort einfach liegen gelassen, wurde stärker. „Auch wenn ich heute nicht mehr in den Genuss eures geilen Konzertes komme, aber … die nächsten Aufführungen will ich nicht verpassen.“ Er zeigte mir seine Zähne. „Obwohl …“
„Obwohl was?“ Nun blickte ich ihn verdutzt an.
Jens griente. „Ich wette, bei mir würdest du noch viel lauter stöhnen!“
Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, aber Jens‘ Hand war plötzlich an meinem Nacken, umklammerte ihn sacht, zog meinen Kopf in seine Richtung und küsste mich. Kerims Lippen spürte ich maximal auf meinem Nacken, wenn er sich in mir ergoss, aber sonst? Auch konnte ich mich nicht erinnern, wann mich ein Mann das letzte Mal geküsst hatte. Mein Opa, als er uns nach Weihnachten wieder in Richtung Spanien verlassen hatte, aber dieser Kuss war flüchtig gewesen, familiär halt und bei Weitem nicht so intensiv wie dieser. Mir verschlug es regelrecht den Atem, dieser Kerl konnte richtig gut küssen, seine Lippen waren hart und weich zugleich, seine Zunge versuchte immer wieder, in meinen Mund einzudringen, ohne dabei aber wirklich aufdringlich zu sein. Und der Dreitagebart? Dessen Kitzeln brachte mich fast an den Rand der Verzweiflung, so geil war das Gefühl.
Seine Hände waren plötzlich überall, auf meiner Wange, auf meinem Hals, auf meinem Rücken, auf meinen Hüften und Oberschenkeln. Ich stöhnte, Jens biss mir sanft in die Unterlippe. Das Nächste, das ich spürte, war seine Hand, wie sie sich unter mein Shirt schob, langsam über meinen Bauch glitt und auf meiner linken Brust zu liegen kam, um dann meinen hart gewordenen Nippel zu zwirbeln; aber nicht nur meine Brustwarze war mittlerweile steif. Ich sank halb zur Seite.
Irgendwie schaffte er es, mir das Teil über den Kopf zu ziehen. Jetzt spürte ich nicht nur seine Hände, sondern auch seine Lippen auf meinem Körper. Er streichelte mich, knetete meine Schultern, kitzelte meine Seiten, leckte über meinen Bauch, saugte an meinem Hals, biss sanft in meine Brust. Ich hätte vergehen können, so geil war ich. Jens hier, Jens da, er war überall und das zeitgleich. Wo sollte das enden? Ich wand mich jetzt schon wie ein Aal, konnte nur noch stoßweise atmen.
Ich öffnete meinen Mund, wollte etwas sagen, aber seine Lippen erstickten jeglichen Laut. Erst als er sich an meiner Jeans zu schaffen machte, sie zu öffnen versuchte, wurde auch ich aktiv. Ich ließ meine Hände über seinen Rücken gleiten, versuchte, unter den Stoff zu kommen. Irgendwie gelang mir das dann auch und ich spürte plötzlich seine warme Haut, meine Finger krallten sich regelrecht in seinen Rücken. Es war einfach nur galaktisch.
Als Jens den ersten Knopf meiner Button-Fly geöffnet hatte, sein kleiner Finger sich zwischen die Baumwolle der Jeans und dem Feinripp meiner Unterhose schob, platzte ich fast, war zum Bersten gespannt. Ich zerrte an diesem grünen Oberteil, riss es ihm fast über den Kopf. Den Reisverschluss, der die Sache erheblich vereinfacht hätte, übersah ich wohl in meiner Geilheit. Aber die wurde beim Anblick seines Oberkörpers nur noch größer: Seine Muskeln waren wohl definiert, seine Brust war leicht behaart, wirkte natürlich. Ich hätte vergehen können.
Die nächsten zwei Knöpfe flogen auf, seine Hand lag nun ganz auf meinem besten Stück, knetete es. Mir wurde ganz schwummerig, verlor fast das Gleichgewicht. Als er dann auch noch die letzten Verschlüsse außer Dienst setzte, seine Finger noch tiefer in meinen Schritt vordrangen und er meinen Kopf zu sich zog, um mich zu küssen, kippte ich endgültig zur Seite, kam halb auf ihm und halb auf der Couch zu liegen. Wir grinsten uns an.
Der Lehrer nutzte die Situation schamlos aus und bugsierte mich in die Rückenlage, er selbst hockte sich hinter meinen Kopf. Seine Hände fuhren unter meine Bündchen, schoben Jeans und Slip nach unten. Ich kam ihm entgegen, stemmte meine Hüften in die Höhe, die Abwärtsbewegung meiner stofflichen Verhüllung sollte ja nicht gebremst werden. Die Teile hingen nun in meinen Kniekehlen. Jens verlagerte sich etwas, nestelte an meinen Hosenbeinen, ruckte und ruckelte an ihnen. Die Jeans glitt plötzlich an meinen Beinen entlang und landete – schlussendlich – auf dem Fußboden; gleiches Schicksal ereilte auch das Feinripp, meine Socken komplettierten den Wäschestapel. Ich lag nun nackt vor ihm, fühlte mich aber mehr als wohl.
Jens, jetzt nur noch in grüner Jogginghose, strich über meine Oberschenkel, spielte mit meinen Kniescheiben, griff sich dann plötzlich meinen rechten Unterschenkel, zog mein Bein in die Höhe. Ich spürte plötzlich seinen heißen Atem auf meiner Fußsohle. Als er meinen großen Onkel in den Mund nahm, daran nuckelte und saugte, war es um mich geschehen; ich bestand nur noch aus willenloser Geilheit und wollte mehr. Meine Hände ließ ich an seinen Seiten entlangfahren, versuchte, am Bündchen angekommen, dieses zu fassen, um den Teil seines Körpers, den ich bis jetzt nicht gesehen hatte, endlich freizulegen. Allerdings war das nicht so einfach, denn eine natürliche Versteifung verhinderte das reibungslose Herabgleiten dieses Kleidungsstückes.
Der Lehrer, immer noch mit meinem Fuß beschäftigt, gab mir Hilfestellung. Es machte plopp und vor meinen Augen tanzte plötzlich ein sabbernder Luststab, halb noch mit Stoff bedeckt. Er stöhnte, aber es klang nicht lustvoll, eher gedrängt. Jens sprang auf, schälte sich aus dem Teil, nahm dann seinen angestammten Platz wieder ein. Ich spürte seine Knie an meinen Schultern und der Ausblick auf die ziemlich tief hängenden Bälle war einfach nur galaktisch geil, mir lief das Wasser im Munde zusammen. Ich griff nach dem, was über den Murmeln war, und war erneut überrascht: Seine Scham war gestutzt und auf der 20 Zentimeter weiten Reise hin zur Spitze des Berges fühlte ich keinen fleischlichen Hügel, nur glatte Haut; er war, wie Kerim, beschnitten.
Seine Hände waren jetzt wieder an meinen Knien, gingen höher. Je näher er meinem Lustzentrum kam, desto mehr beugte er sich über mich, ich konnte nur noch stöhnen. Seine Hand griff nach meinem besten Stück, zog die Pelle noch ein Stück weiter runter. Ein Tropfen seiner Spucke traf auf meinen Schlitz, sein heißer Atem auf meine Kuppe. Plötzlich wurde es warm und feucht. Langsam glitten seine Lippen, gerade eben noch zum Kuss geformt, immer tiefer. Meine ganze Männlichkeit war jetzt in seinem Mund gefangen, ich spürte, wie seine Zähne sanft an meinem Schaft knabberten und immer mehr von ihm aufnahmen; ich verging fast vor Lust.
Als seine Bartstoppeln meine Bauchdecke erreichten, die gespannte Haut dort kitzelten, war es endgültig um mich geschehen, ich war kein richtiger Mensch mehr, ich bestand nur noch aus purer Leidenschaft. Ich drückte das steil aufragende Teil über mir nach unten, nahm es in den Mund, seine Kuppe schmeckte besser als jede Paella. Jens bewegte sich nicht, blieb fast starr in seiner Haltung; ich stutzte. Für Kerim waren meine Mandeln nur ein störendes Etwas auf dem Weg zum eigenen Höhepunkt, er stieß sie immer auf wie Flügeltüren. Bei dem Lehrer aber musste ich erst mit meinem Kopf höher, wollte ich mehr von der Speise aufnehmen.
Jens knabberte und saugte, seine Zunge spielte mit meiner Kuppe, seine Hand mit meinen Bällen; lange würde der Deich nicht mehr halten, den Point-of-no-Return hatte ich längst schon passiert. Der Lehrer hatte – wie selbstverständlich – mein Teil eingesaugt, spielte damit, umspeichelte es, blies mir den Verstand aus dem Hirn. So etwas hatte Kerim in anderthalb Jahren nie getan, maximal wichste er mich, wenn er in mir steckte und mich von hinten durchpflügte, aber auch nur dann, wenn ich darum bettelte oder er mich vorher gefesselt hatte.
Jens‘ Hand rutschte plötzlich tiefer, seine Fingerkuppen waren nun in meiner Ritze. Ich glaube, es war sein kleiner Finger, der auf meine Knospe drückte. Als er an ihr kreiste, sie leicht durchstieß, konnte ich echt nicht mehr: Ich pumpte und pumpte und Jens schluckte und schluckte. Ich war fertig wie tausend Russen, aber auch glücklich und zufrieden wie ein Wanderer in der Wüste, wenn er die rettende Oase erreicht.
Nach gefühlten Ewigkeiten entließ Jens mein Teil, rutschte ein Stück nach hinten. Seine Lippen schwebten plötzlich über meinem Gesicht. Ich öffnete den Mund, erwartete seine Zunge. Die kam auch, allerdings begleitet von den Resten meiner Sahne, die er mir tropfenweise wiedergab; dann erst küssten wir uns. Es war wie ein zweiter Orgasmus, nur diesmal eher in meinem Kopf. Bei Kerim muss ich meine Sahne auch oft auflecken, zumindest wegwischen, er mag kein fremdes Sperma.
Ich drehte mich um meine eigene Achse, wollte Jens zum Abgang bringen. Der Lehrer rückte von mir ab, griff nach meinem Kinn. „Was machst du da?“
„Ich … ich will dir auch einen blasen. Ich bin ja schon gekommen.“ Ich griff erneut nach dem Teil.
Jens erhob sich, schaute mich grinsend an. „Manuel! Sex ist zwar ein gegenseitiges Nehmen und Geben, aber keine Strichliste, die man einfach abhakt.“
„Wie jetzt?“ Nun war ich noch mehr verwirrt.
Der Lehrer strich über meinen Rücken. „Du hattest Spaß, denn du bist gekommen. Ich hatte meinen Spaß, denn ich habe gespürt, wie du gekommen bist. Also hatten wir beide ein ziemliches Vergnügen an dem, was wir da gerade gemacht haben; wieso sollte ich die doppelte Freude genießen?“
„Aber …“ Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, kam aber zu keinem vernünftigen Ergebnis.
„Nichts aber!“ Der Mann mit dem Dreitagebart tätschelte meinen Hintern. „Sex ist zwar körperlich, aber findet hauptsächlich im Kopf statt. Wenn zwei Typen miteinander Spaß haben und gemeinsam kommen, ist das eine tolle Sache, aber das gemeinsame Kommen ist keine Voraussetzung für guten Sex. Aber … das wirst du auch noch lernen!“
„Aber müssen denn nicht beide?“ Klar denken konnte ich echt nicht mehr.
Er schüttelte den Kopf. „Wenn du mir jetzt einen bläst und ich komme, dann ist das Kommen nur noch eine natürliche körperliche Reaktion, wenn auch eine geile, aber sie hat nichts mehr mit dem geilen Erlebnis von eben zu tun. Der kleine Türke scheint dich echt versaut zu haben!“
Ich fuhr mir durch die Haare. Was sagte der Kerl da? Der Höhepunkt jeden Geschlechtsaktes ist doch der Erguss, oder? „Äh …“
„Mi tesoro, es ist … Wie soll ich es ausdrücken?“ Er kratzte sich am Kinn. „Zwei Typen in einem Boot auf dem Meer der Geilheit. Sie können zusammen rudern, sich richtig ins Zeug legen, um zum Ziel gelangen, dann gleicht der Sex einem Wettkampf. Wenn nur einer rudert und der andere das Steuer übernimmt, die beiden sich dabei abwechseln, dann ist der Sex eher wie eine geile Reise, an die man sich gerne erinnert.“
Ich war eindeutig überfordert. Der Sex mit Kerim war bis jetzt immer toll und verschaffte mir die Befriedigung, die ich brauchte. Gut, außer meiner Erleichterung danach gab es nicht viel, was mir später im Gedächtnis haften blieb, aber es lief ja meistens auch nach dem gleichen Schema ab: Ich blies ihn erst, leckte dann sein Loch und zum Schluss fickte er mich, mindestens einmal, meistens zweimal, je nachdem, wie viel Zeit er hatte.
Ich setzte mich auf, fuhr mir durch die Haare. „Und du bist eher … der Reisetyp?“
„Gaynau!“ Er griff nach seinem Glas, trank einen Schluck. „Und das ist auch der Grund, warum ich keinen Spaß mit Kerim hatte: Er sieht Sex als reinen Wettkampf, so nach dem Motto: wer zuerst kommt, der gewinnt. Aber es kommt nicht auf den Sieg an, wichtig ist nur der Wettkampf.“
Das war mir zu hoch, ich war angehender Industriemechaniker und kein Philosoph; Jens erkannte meine Unsicherheit, beugte sich zu mir runter, leckte über meine Nasenspitze, gab mir einen Kuss. Er roch unheimlich gut, eine Mischung aus Schweiß, Zigaretten, gepaart mit einem Hauch von Rasierwasser. Er griff sich die Gläser, dackelte wieder in die Küche. „Es ist wie beim Fußball: Man kann ihn zwar auf das Ergebnis reduzieren, danach werden ja die Punkte verteilt, aber ein Sieben zu Eins muss noch lange nicht bedeuten, dass es auch ein tolles Spiel war, das man gesehen hat.“
Er hatte irgendwie Recht, Schönheit ist nicht messbar. „Und … und wie war der Sex mit Kerim?“
„To be honest … langweilig.“ Er lachte mich über den Küchentresen hinweg an. „Es war kurz nach meinem Einzug hier, wir sind uns im Flur über den Weg gelaufen, haben ein paar Worte gewechselt. Mir war schnell klar, dass er schwul ist und einen wegstecken wollte. Und nach der Episode mit Max? Ich hab dann einfach Ja gesagt und wir … naja … ich blies ihm einen, er fummelte etwas an mir, dann hab ich die Beine breitgemacht. Er kam ziemlich schnell, hat mich dann aber doch zu Ende gewichst, aber nicht, weil er es wollte, sondern eher aus Pflichtgefühl, weil … das für ihn wohl dazugehört.“ Er kam mit den vollen Gläsern zurück. „Und ehrlich gesagt: Was soll ich mit einem Typen, der nur meinen Arsch will, aber keine körperliche Nähe zulässt? Küssen gehört für mich einfach dazu!“
Jens stand jetzt schräg vor mir, stellte die Gläser ab. Ich ergriff die Gelegenheit, packte seine Backen; praktischerweise waren sie in Griffhöhe. Ich sah in seine Ritze, auch hier waren Haare, zwar kein Wildwuchs, alles eher ordentlich gestutzt. Ich spitzte die Lippen und blies direkt auf seine Öffnung, die Härchen wogen sich in meinen Atem wie Schilf im Wind. Ein Schauer schien über seinen Rücken zu laufen, sein Oberkörper zuckte unrhythmisch hin und her.
Ich drückte die beiden wohlgeformten Birnenhälften noch weiter auseinander, ging mit dem Kopf ein Stück tiefer, streckte meine Zunge raus, um damit durch sein Tal zu gleiten. Anscheinend gefiel ihm das, denn ich spürte seine Hand plötzlich an meinem Hinterkopf, wie sie durch meine fast schwarzen Haare wuselte. Je länger ich durch die Hügel wanderte, desto stärker wurde der Druck auf meinen Hinterkopf, er wollte wohl, dass ich ihn mit der Zunge aufspieße.
Es roch nicht streng, eher hatte ich die Reste von Duschgel in meiner Nase. Auch wenn es anders gewesen wäre (von Kerim war ich ja einiges gewohnt), aber ich wollte diesen Mann unbedingt erobern, wollte ihm Spaß bereiten. Es dauerte eine ganze Weile, bis meine Zungenspitze den Muskel so weichgeleckt hatte, dass die Knospe tatsächlich auch aufsprang und ich so noch weiter in ihn vorstoßen konnte, aber jede Minute dieses Spiel war es wert, gespielt zu werden.
Ich versuchte, die ganze Länge meiner Zunge in ihn zu bekommen, aber dieses Unterfangen war nicht ganz von Erfolg gekrönt – leider! Er stand ja vor mir, meine Nase war in seinen Hügeln regelrecht eingeklemmt und nur durch diese konnte ich atmen. Hätte er sich vorgebeugt oder gelegen, ich wäre vielleicht noch zwei Zentimeter tiefer gekommen, aber so blieb der Wunsch Vater des Gedankens. Dass ich, während mein Gesicht und sein Hintern eine fleischliche Einheit bildeten, an mir spielte, meinen spanischen Degen in Form brachte, erwähne ich nur am Rande.
Plötzlich tat er einen Schritt nach vorn, kappte so die innige Verbindung. Verwundert blickte ich ihn an. Jens aber griff mit einem lasziven Grinsen auf den Lippen unter meine Knie, zog mich ein Stück nach vorn; ich lag jetzt mehr auf dem Sofa, als dass ich saß. Das Nächste, das ich wieder realisierte, waren seine Fersen, die sich jetzt an meinen Oberschenkeln rieben. Was hatte der Kerl vor? Ich blickte auf und sah erst den wippenden Stab und den schaukelnden Beutel, dann blickte ich in ein vor Geilheit glühendes Gesicht; er hatte sich gesetzt, auf mich! Seine Hand fummelte an meinem Teil, brachte es wohl in die richtige Position.
„Was … was machst du da?“ Ich konnte nur noch hecheln.
Er leckte seine Lippen, die Mündung meines Gewehrs hatte jetzt wohl die richtige Schussposition. „Nach … nach was …“ An meiner Spitze wurde es warm, ich spürte sein heißes Loch; er ließ sich ein Stück tiefer gleiten. „Nach was sieht das denn aus?“ Mündung und Ziel hatten sich jetzt vereinigt; mir war heiß und kalt und das zugleich. Seine Hände umfassten meinen Kopf, er ließ sich noch weiter auf mich hinab. Ich spürte seine Beckenknochen, wie sie sich in mein Fleisch bohrten. „Ich werde dich jetzt reiten … ich … ich will dich in mir haben.“
Ich war überwältigt, so etwas hatte ich noch nie erlebt! Mein Schwanz hatte bis jetzt nur einmal in einem anderen Menschen gesteckt, damals in Ann-Christin; ein Erlebnis, das ich nie wiederholen wollte. Gut, in manchen Fantasien sah ich mich, wie ich in Kerim steckte und ihm die Freuden bereitete, die er mir sonst antat. Aber der Deutschtürke ließ mich nur an seiner Pforte lecken, durch sie tatsächlich auch hindurchzugehen, würde er nie zulassen.
Aber der Typ, der jetzt auf mir saß und mir meinen sehnlichsten Traum endlich erfüllte, war nicht der vier Jahre ältere Kerim, es war sein Nachbar. Jens begann mit seiner Reitstunde, erst langsam, dann immer schneller werdend. Unsere Lippen vereinigten sich, er saugte mich regelrecht aus, oben wie unten. Er beraubte mich der Hoheit über meinen Mundraum und mein Anhängsel gehörte eh längst ihm, aber das war mir egal, scheißegal. Ich schwitzte wie ein Stier, dabei leistete ich kaum körperliche Arbeit. Meine Murmeln zogen sich zusammen. Wie lange würde ich noch standhalten können, mein Teil glich einer alten spanischen Eiche, aber irgendwann bricht auch das stärkste Holz.
Ich wollte von unten nachstoßen, ihm entgegenkommen, wie ich es in den Filmen im Internet gesehen hatte, aber seine Hände drückten meine Hüften tiefer in die Sitzfläche. Anscheinend wollte er nicht, dass durch meine wahrscheinlich eher unbeholfenen Versuche der Takt der Geilheit aus dem Gleichklang kam. Noch nie in meinem ganzen Leben fühlte ich mich einem Menschen so nah wie just in diesem Augenblick: Ich spürte Wärme, Hitze, Feuchte, Enge; ein Gefühl der grenzenlosen Lust machte sich in mir breit.
Was hatte ich eigentlich in all den Monaten in Kerim gesehen? Gut, er war der Mann, mit dem ich Sex hatte; guten Sex sogar, wie ich bisher meinte. Aber nach diesem Nachmittag? Da war plötzlich alles in meinem Inneren wie auf den Kopf gestellt; ich, Jesús Manuel Fernández Jiménez, war nicht nur körperlich befriedigt, nein, zum ersten Mal in meinem Leben, war ich als Ganzes vollkommen zufrieden und glücklich, sehr glücklich sogar. Ich konnte nicht mehr, konnte meine Sahne nicht länger halten und schrie mein Kommen einfach heraus; so laut ich konnte.
So einen Orgasmus hatte ich noch nie erlebt, ich war nicht mehr Herr meiner Sinne, ich war wie von der Welt entrückt. Während ich meinen spanischen Nektar literweise in seine westfälische Grotte pumpte, schien auch Jens so, als wäre der Heilige Geist persönlich in ihn gefahren. Unsere Leiber bildeten eine Einheit; nur langsam, aber gleichzeitig auch wieder viel zu schnell, normalisierte sich unser Zustand, meine Atemfrequenz war nach fünf Minuten wieder im normalen Bereich.
Jens umklammerte mich immer noch, seine Zunge leckte über mein Gesicht, trocknete mit seinem heißen Atem meine verschwitzten Poren. Ich blickte ihn wie durch einen aufsteigenden Nebelschleier an. „Bitte … Jens … bitte fick mich!“
„Manuel!“ Jens warf seinen Kopf trotzig in den Nacken. „An meiner Aussage von gerade hat sich bis jetzt nichts geändert. Deine Zunge hat mich echt rattig gemacht und da hab ich mir einfach das genommen, worauf ich gerade Lust hatte, nämlich deinen Schwanz. Also Spaß hatten wir beide.“
„Bitte! Ich will dich jetzt in mir haben, ich … ich brauch das jetzt.“ Ich versuchte, meinen Dackelblick aufzusetzen, aber der Kerl blieb stur, schüttelte nur mit dem Kopf. „Bitte! Wenn wir … in einem Boot … auf dem Meer der Geilheit segeln, dann … dann übernimm du jetzt endlich das Steuer!“
Jens griente plötzlich, zog seine dichten Augenbrauen nach oben. „Da lernt aber einer ziemlich schnell! Du schlägst mich mit meinen eigenen Waffen, mein Süßer!“
„Tja, wenn man einen guten Lehrmeister hat, dann …“ Ich frohlockte, war am Ziel meiner Träume. Als er sich erhob und mein Anhängsel so in die Freiheit entließ, vermisste ich urplötzlich die Hitze seines Heiligtums, sie fehlte mir. „Was … was machst du da?“
„Manuel! Wenn ich dich ficken soll, dann muss ich eben ins Schlafzimmer oder siehst du auf dem Tisch eine Tube Gleitgel liegen? Normalerweise liegt sie ja donnerstags griffbereit auf dem Sofa, wenn ich eurem Gestöhne lausche, aber da ich davon ausging, dass das Konzert heute ausfällt …“ Der Lehrer blickte mich fast entschuldigend an.
Meine Schultern sackten in sich zusammen, meine Stimme wurde leise „Du brauchst nicht weg.“
„Wie? Soll ich dich etwa trocken …“ Fragendes Erstaunen, beinahe Entsetzen lag in seinem Gesicht.
Ich musste ihm ein Geständnis machen. „Nein, das nicht. Also, wenn Kerim mich umdreht, um mich zu bumsen, dann … dann achtet er oftmals nicht darauf, dass ich geschmiert bin.“ Ich atmete tief durch. „Deshalb stopfe ich mir vorher immer eine große Portion Melkfett in mein Loch, damit es nicht allzu weh tut, wenn er dann wie ein Karnickel losrammelt.“ Ich lächelte ihn an. „Für die ersten Zentimeter reicht also etwas Spucke, dann wird klappen.“
„Wenn das so ist, dann habe ich eine bessere Idee!“ Was sollte sein hämisches Grinsen?
Jens bettete mich wieder auf den Rücken und krabbelte zwischen meine Beine, meine Fersen legte er auf seinen Schultern ab. Sein Lächeln hatte etwas Laszives an sich. Wahrscheinlich würde er gleich seine Hand zum Mund führen, um gesammelten Speichel auf seinen Fingern zu meiner Knospe zu transportieren. Aber weder seine Rechte noch seine Linke führte er zu seinen Lippen, nein, beide Hände hantierten an seinem wohlgeformten Hinterteil. Was machte er da?
Ein „Ja, das müsste gehen!“ drang aus seinem Mund. Plötzlich fühlte ich etwas Nasses an meinem Loch. Er hatte doch nicht etwa meine eigene Sahne, die ihm mittlerweile wohl wieder aus dem Hintern rinnen musste, genommen, um damit meine Rosenknospe zu befeuchten? Sein hämischer Gesichtsausdruck sagte mir jedoch, dass er genau das tatsächlich auch getan hatte.
Einer seiner Finger, ich glaube es war der Zeigefinger seiner rechten Hand, glitt in mich hinein. Der erste Teil des Weges war durch meine Sahne, die ich ihm Minuten zuvor geschenkt hatte, geglättet worden, dann wurde es etwas schmerzlich, aber kaum hatte er den Verschluss ganz durchstochen, da entdeckte er wohl, gut in der dunklen Kammer versteckt, mein geheimes Schmieröllager, sein vorher angespannter Gesichtsausdruck erhellte sich, wurde zu einem breiten Grinsen.
Ich spürte jede, auch die kleinste Bewegung seines Fingers in meinem Darm, die Wogen der gerade eben abgeebbten Orgasmus brandeten wieder auf. Ich war froh, nicht mehr leer zu sein, und war glücklich, dass es Jens war, der da in mir steckte und mich sanft bearbeitete und nicht Kerim, der meine Pforte nur mit seinem Teil öffnet.
Die Vorarbeiten wurden jetzt mit zwei Fingern erledigt, ich hätte fast vergehen können, ein Geilheitsschauer nach dem anderen durchfuhr meinen Körper. Seine Finger glitten nun reibungslos in mich ein, ich spürte keinerlei Schmerz, ich spürte nur noch Lust, in der ich am liebsten vergehen wollte. Mein Loch zuckte vor Vorfreude, umschloss seine Finger, wollte sie nicht mehr wieder in die Freiheit entlassen.
„Jens!“ Meinen Hüften erlaubte ich eine Bewegung vorwärts, ich wollte einfach so viel wie möglich von ihm in mir haben. „Jens! Bitte! Bitte fick mich endlich!“
„Jetzt weiß ich endlich, warum du Jesus heißt!“ Er lachte laut auf. „Du willst unbedingt genagelt werden, also … dein Wille geschehe!“
Seine Finger gaben mein Loch frei, wurden aber sofort durch ein hartes und pulsierendes Stück Fleisch ersetzt. Ich spürte seine Spitze, wie sie kurz am Eingang verharrte, um dann mit voller Wucht die Flucht nach vorn, in mich hinein, anzutreten. Das war zu viel für mich. Ich spürte seine Scham an meinen Backen, fühlte sein Fleisch in mir, wie es sich mit meinen Eingeweiden anfreundete. Mein Herz raste, jeder Rettungssanitäter hätte sofort den Notarzt gerufen.
Jens legte den Rückwärtsgang ein, stoppte aber kurz vor der Ausfahrt, preschte dann wieder nach vorn. Das Ganze wiederholte er so sechs-, siebenmal, ich sah nur noch Sterne, die vor Geilheit tanzten; vor meinen Augen brannte ein Feuerwerk purer Lust ab. Dann, als er wieder komplett mit seiner ganzen Männlichkeit in mir steckte, machte er eine Pause; anscheinend musste auch er erst einmal durchatmen.
Es war mehr als angenehm, endlich wieder gefüllt zu sein, aber das Gefühl war anders als bei Kerim, überhaupt nicht zu vergleichen. Wenn der in mir steckte, und das geschah meistens zweimal bei einem Treffen, dann dauerte die erste Runde des Spielenachmittags im Schnitt keine zehn Minuten, maximal eine Viertelstunde, dann war er fertig und brauchte eine Pause, eine Zigarette und ein Bier. Dann, nach einem erneuten Anblasen, kam der zweite Durchgang, der etwas länger dauerte und meistens damit endete, dass er auf meinem Rücken, ich kniete immer auf allen Vieren auf dem Teppich, zusammenbrach. Erst bei dieser Besteigung durfte ich mich dann auch endlich erleichtern.
Jens kitzelte an meinen Fußsohlen, meine Beine glitten an ihm herunter, schmiegten sich sanft um seine Hüften, zogen ihn an mich. Erst war es seine linke Hand, die meine rechte Schulter umklammerte, dann folgte der andere Arm, am Ende der Abwärtsbewegung seines Oberkörpers spürte ich seinen Atem auf meinem Gesicht. Erst tanzten unsere Nasenspitzen auf- und umeinander, dann suchte seine Zunge meine Oberlippe, unsere Münder verschmolzen erneut.
Gibt es eine Steigerung von ultimativ? Ich war begeistert, seinen Körper, seinen Atem, seine Wärme, seine Geilheit zu spüren. Ich war glücklich, dass er in mir war, oben mit seiner Zunge, unten mit seinem Zauberstab. Aber das Beste an der Sache war, dass es eben dieser Jens war und nicht das Mitglied der JAV, das sonst für meinen Spaß sorgte. Was hatte ich nur je in diesem Kerl gesehen? Jens, der nur mein Stöhnen kannte, nahm mich als Mensch, bei Kerim war ich nur das Objekt seiner Begierde, ein Mittel zum Zweck der eigenen Lustbefriedigung.
Meine Oberarme waren nun in seinen Armbeugen, mein Kopf lag auf der Sitzfläche; langsam kam er wieder in Bewegung, achtete aber peinlichst darauf, dass unsere beiden Verbindungen nicht getrennt wurden. Unsere Körper rutschten im Gleichtakt des Begehrens aufeinander, rieben sich, unser Schweiß bildete das natürliche Gleitmittel. Dann aber passierte es doch, dass nach einem gewaltigen Stoß seiner Männlichkeit unsere Lippen sich trennten. Ich bedauerte das, sehr sogar, aber diese Unterbrechung war nicht auf ein Desinteresse an meinem Mund zurückzuführen, es lag mehr an der Körpergröße, Jens ist ja eine Handbreit größer als ich.
Als dann sein Mund mein Ohr erreichte, seine Zunge meine Muschel einspeichelte, seine Zähne an meinem Ohrläppchen knabberten, spürte ich – zum dritten Mal an diesem Nachmittag – wie sich die Murmeln in meinem Beutel zusammenzogen, beinahe schmerzlich. Ich konnte es kaum glauben, gut, mein Teil war zwar zwischen unseren Bäuchen eingeklemmt, aber sollte diese Stimulation, die eher seinem Gewicht und der Bewegung geschuldet war, tatsächlich ausreichen, eine dritte Explosion meinerseits auszulösen? Der Mann, nein, dieser Mann, machte mich unheimlich an. Warum kann ich nicht sagen, auch heute noch nicht, aber es war so!
Seine Bewegungen wurden immer schneller, die Härte seiner Stöße immer heftiger, fordernder. Ich hätte ihn gerne noch tiefer in mir gehabt, noch mehr von ihm gespürt, aber leider waren meine Beine im Weg; Abschrauben konnte ich sie ja leider nicht. Ich schwor mir, falls ich noch einmal das unbeschreibliche Glück haben sollte, ihm so nahe zu sein, dann wollte ich es sein, der ihn ritt. In einer Geschichte im Netz hatte ich einmal gelesen, dass man nur durch diese Art der Vereinigung dem anderen so nahe wie möglich ist, so am meisten von ihm aufnehmen kann.
Die Zuckungen seines Körpers wurden hektischer, sein Atem ging schneller, aber auch ich konnte nur noch hecheln; mein Herz raste, schlug so hart, ich dachte, es würde platzen. Ich war kein Mensch mehr, er war kein Mensch mehr, wir waren nur noch ein Knäuel der Lust, der Geilheit, des Verlangens. Im Moment seines Kommens kam auch ich und das gewaltig. Während er in sieben oder acht langen Stößen meinen Kanal flutete, verklebte ich in ebenso vielen Schüben unsere Körper durch meinen eigenen Weißleim.
Ermattet lagen wir aufeinander, rangen beide nach Atem, spürten die Hitze, den Schweiß des anderen. Ich weiß nicht, wie es Jens ging, aber mein Herz hatte lange noch nicht wieder seinen normalen Rhythmus, als ich seine Zunge erneut auf meinen Lippen spürte; sie wollte meine wohl zum Tanzen auffordern und nur allzu gern kam ich diesem Ansinnen nach. Unsere mündliche Vereinigung bestand immer noch, als sein Zauberstab, den Gesetzen der menschlichen Anatomie folgend, sich schon längst aus meinen Eingeweiden verabschiedet hatte. Ich war einfach nur glücklich!
Diese innige Verbindung lösten wir erst, als kein natürlicher Lichtstrahl mehr durch das Fenster drang. Am liebsten hätte ich die Zeit angehalten oder auf Wiederholung gedrückt, aber das funktioniert ja nur am Rechner und nicht im realen Leben. Nach einer gemeinsamen Dusche, die wirklich mehr als nötig war, brachte Jens mich zur Tür und grinste, als er sie öffnete. .„Und, Manuel, bei wem klopfst du nächste Woche?“
„Bei dir natürlich!“ Wie konnte er nach dem Erlebnis überhaupt noch fragen?
Tja, diese Geschichte ist jetzt zwei Monate her und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass es keine sieben Tage sondern nur 20 Stunden dauerte, bis ich wieder an Jens‘ Terrassentür klopfte; von Samstag auf Sonntag hatte ich sogar bei ihm übernachtet, zum ersten Mal in meinem Leben schlief ich neben einem Mann ein. Dank Kerims Abwesenheit lernten wir uns kennen und was soll ich sagen? Spätestens beim gemeinsamen Aufwachen war es klar: Ich hatte mich in den Kerl verliebt – und er sich in mich; einfach ein unbeschreiblich glückliches Gefühl.
Und heute ist wieder Donnerstag und heute fahre ich wieder zu diesem Appartmenthaus. Allerdings nehme ich heute nicht das Rad, denn das steht auf der Ladefläche des Transporters. Ich habe heute nämlich meine Sachen gepackt und ziehe bei meinen Eltern aus und bei Jens ein – die Wohnung ist wirklich zu groß für eine Person.

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Information Ja & Ja
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:55 AM - No Replies

Monika lugte durch die Küchentür.
„Jan? Kannst du für Heinz noch was zu Essen machen?“
„Chefin, die Küche ist seit einer halben Stunde zu, geputzt ist auch schon. Ich bin gerade bei der Einkaufsliste für morgen.“ Ich verdrehte die Augen. „Kann dein Bruder nicht etwas früher kommen?“
„Es reicht ja auch eine Kleinigkeit.“ Sie lächelte mich an. „Du kennst ihn doch! Seid ihn seine Frau verlassen hat, ist er … etwas durch den Wind.“
Etwas war gut! Der alte Schmierlappen sollte nicht soviel saufen und auf seine Besuche im Bordell verzichten, dann klappt es auch mit der Ehe. „Rührei geht noch.“

„Dann muss das halt reichen. Ich zapf dir auch schon mal dein Bier an.“ Sie verschwand wieder.

Grummelnd ging ich an den Kühlschrank und fügte mich in mein Schicksal. Pünktlicher Feierabend ist in der Gastronomie sowieso ein Fremdwort und wie viel Überstunden hatte ich in den letzten zwei Wochen, seit Klaus, der eigentliche Koch, mit Maria, der spanischen Küchenhilfe, durchgebrannt war, angesammelt? Ich überschlug kurz und kam auf 63. Also, auf die paar Minuten mehr oder weniger, würde es auch nicht mehr ankommen.
Auf der einen Seite war ich froh, dass ich mit dem homophoben Kerl nicht mehr zusammenarbeiten musste, aber auf der anderen Seite fragte ich mich, wie lange ich noch 10-12 Stundenschichten pro Tag – und das sieben Tage die Woche – durchhalten würde. Es musste eine Lösung gefunden werden, es musste dringend Ersatz her. In den ersten Tagen seiner Abwesenheit hatte Monika ja noch auf seine baldige Rückkehr gehofft, das Ganze als eine Art Kurzschlussreaktionen abgetan, schließlich hatte Klaus Frau und drei Kinder, aber mittlerweile war die Hoffnung der Resignation gewichen.
Als die rubenshafte Frau mich vor zweieinhalb Monaten angestellt hatte, war ich wirklich glücklich, nur drei Wochen nach meinem achtkantigen Rauswurf aus dem Landhotel Rasmussen wieder eine Anstellung gefunden zu haben. Der alte Rasmussen hatte zwar groß getönt, er würde dafür sorgen, dass ich in Ostfriesland nie mehr ein Bein an die Erde kriegen würde, aber Monika Walmsen war es egal, mit wem ich ins Bett gehe; ihr käme es nur auf meine Arbeit an. Zwar nannte sie mich Jan und nicht Jannis, aber das war für mich keine Diskriminierung.

Zum zweiten Mal war meine Homosexualität Grund für einen krassen Bruch in meinem Leben. Gut, die erste Zäsur hätte man vorhersehen können, aber das meine Eltern mich gleich rauswerfen, damit konnte ich wirklich nicht rechnen. Im antiken Griechenland wurde die gleichgeschlechtliche Liebe akzeptiert, im orthodox geprägten modernen Staat ist die Haltung zurückhaltender, um es neutral zu formulieren. Meine Eltern, beide auf Kreta geboren, aber in Deutschland aufgewachsen, erwiesen sich als Hardliner, als ich mich nach bestandener Kochlehre ihnen gegenüber outete.
Mit 19 stand ich also auf der Straße, aber, Dank meines Ausbilders, konnte ich von Hannover nach Bremen wechseln, wo ich zunächst als Tournant, also als Springer, arbeitete, ehe ich dann als Beikoch zum Entremetier kam. In Bremen lernte ich auch Lars-Henrik Rasmussen, der im gleichen Hotel eine Ausbildung zum Hotelkaufmann machte, kennen und lieben. Aus mir und dem zwei Jahre jüngeren Hotelerben wurde ein Paar und wir schmiedeten schon Pläne für eine gemeinsame Zukunft.
Als vor einem halben Jahr die Stelle des Gardemanger im väterlichen Betrieb frei wurde, sollte ich vorausgehen. Die drei Monate bis zum Ende seiner Lehre überlebten wir, dann aber dauerte es keinen Monat und der Alte entdeckte die Liebesweise seines Sohnes und mich in seinem Bett: Er schickte Junior nach Dubai und mich in die Wüste.

Ich brachte das Rührei mit Schinken nach draußen, machte sauber und setzte mich dann zu Monika an den Tresen, um mein Feierabendbier zu genießen. Sie blickte mich mitfühlend an. „Sag mal, kennst du nicht jemanden, der hier anfangen könnte? Klaus wird wohl doch nicht wiederkommen und das Arbeitsamt ist ja auch keine richtige Hilfe! Die Küchenhilfe, die die geschickt uns haben, war doch wohl ein Witz.“

Ich lachte schräg, die Frau hatte nicht nur Fingernägel, mit denen man einen Garten hätte umgraben können, darüber hinaus verfügte sie auch zwei linke Hände. „Werde mich mal umhören, aber …“ Ich trank einen Schluck. „… versprechen kann ich nichts.“

Nach dem Gerstensaft machte ich mich auf meinen Heimweg, zehn Minuten auf dem Fahrrad. Die Nachtluft tat gut, auch wenn ich mit den Gedanken immer noch auf der Arbeit war. Wen aus meiner Klasse sollte ich ansprechen? Mir fiel niemand ein, dem ich guten Gewissens die Stelle hätte anbieten wollen; Monis Reiterstübchen nannte sich zwar offiziell Restaurant, war aber in Wirklichkeit nur eine bessere Frittenschmiede. Gut, es gab zwar einen wechselnden Mittagstisch, aber 80% des Umsatzes wurden mit Schnitzeln, halben Hähnchen, Hamburgern. Bratwürsten und Kartoffelprodukten in frittierter Form gemacht.

Zuhause angekommen, machte ich mir ein Bier auf und den Rechner an, eigentlich wollte ich nur kurz meine Mails checken, landete dann aber wieder auf den blauen Seiten. Ich klickte auf Online – Stadt, außer mir waren noch sieben weitere User in Papenburg online. Vier davon kannte ich vom Chat her, mit zweien war ich sogar schon in der Kiste gewesen, man ist ja auch nur ein Mann.
Unbekannt war mir einzig und alle Kreuzfahrer_BOS, ich klickte, rein informatorisch, auf sein Profil und betrachtete es mir etwas genauer. Die Bilder, die er öffentlich zur Schau stellte, hatten eines gemeinsam: Immer war Wasser im Hintergrund. Wenn sein Alter stimmte, sah der Kerl für seine 42 ziemlich gut aus, athletischer Körperbau, kurze blonde Haare, Brustbehaarung sah man nicht und das Paket auf dem Bild mit der nassen Badehose ließ einiges vermuten, als Schwanzgröße hatte er aber nur L angegeben. Wirklich tolles Profil, aber der Kerl war 20 Jahre älter als ich.

Ich pellte mich gerade aus der Hose, als ein Blöken das Erhalten einer Nachricht verkündete. Er hatte mich angeschrieben. Als höflicher Mensch antwortete ich natürlich.

Kreuzfahrer_BOS: hallo
Jan-Greek: einen wunderschönen
Kreuzfahrer_BOS: ebenfalls – auch noch auf der suche?

Als Status hatte er Chat angegeben, ich war offiziell nicht am Rechner, aber was bedeutet das schon? Seit über zwei Wochen herrschte bei mir Handbetrieb vor, ich war, wenn man das so sagen kann, chronisch untervögelt. Aber Sex mit einem Mann, der drei Jahre jünger war als mein Vater?

Jan-Greek: wer sucht denn nicht? könnte etwas entspannung gebrauchen
Kreuzfahrer_BOS: wie soll die denn aussehen?
Jan-Greek: av, ov, küssen, lecken und dann mal sehen J
Kreuzfahrer_BOS: mal sehen? fesselspiele, ns?

Bei S&M war soft zu lesen, also mag er es wohl etwas härter. Diese Welt der Spielarten kannte ich nicht, Lars und ich waren eher die Kuscheltypen im Bett. Gut, mal ein Klaps auf den Hintern, aber das war es dann auch. Das Frivolste, was wir je gemacht hatten, war Nutella vom Körper des anderen zu lecken. Die Flecken hatte ich kaum aus der Bettwäsche rausgekriegt.

Jan-Greek: beides noch nie gemacht! weiß echt nicht, ob das was für mich ist
Kreuzfahrer_BOS: kann richtig geil sein! aber es kommt immer auf den typen und den ort an
Jan-Greek: wie meinste denn das?
Kreuzfahrer_BOS: na, bei ns brauchst du gewisse örtlichkeiten, wenn du später nicht wischen willst
Jan-Greek: lach – is klar!
Kreuzfahrer_BOS: und es bringt nix, wenn nur einer spaß hat! 6 soll beiden spaßmachen
Jan-Greek: ein gegenseitiges geben und nehmen
Kreuzfahrer_BOS: gaynau! außerdem: mal so eine nummer zwischendurch bringt die abwechslung. immer das volle programm wird auf die dauer langweilig – gibt genügend andere spielarten *g
Jan-Greek: stimmt auch wieder. neugierig bin ich ja
Kreuzfahrer_BOS: sag mal: wann willst du dich denn entspannen?
Jan-Greek: am liebsten sofort – bin echt rattig

Moment! Hatte ich das gerade geschrieben? Gut, der bisherige Chat hatte auf meine 16 Zentimeter nicht gerade unerotisch gewirkt, sie zeigten eine gewisse Spannung. Der Typ schien nett zu sein.

Kreuzfahrer_BOS: nicht nur du J biste a oder p?
Jan-Greek: beim ficken?
Kreuzfahrer_BOS: yepp
Jan-Greek: beides – in letzter zeit eher p, hängt aber vom gegenüber ab

Zu Anfang meiner Beziehung mit Lars war ich der Stecher, dann war es Fifty-fifty und am Ende waren ich derjenige, der meistens die Beine breit machte. Nach unserer Trennung durch seinen Vater war es dann zwar wieder ausgeglichen, aber ich vermisste das Gefühl des Ausgefülltseins schon etwas.

Kreuzfahrer_BOS: bin eher a – passt schon mal *fg
Jan-Greek: stimmt! wie sieht dein teil denn aus?

Neugierig war ich ja schon, was sich hinter der Badehose versteckte. Er schickte zwei Bilder, das Teil sah einfach nur gut aus, mindestens 20 unbeschnittene Zentimeter und ziemlich dick. Ich würde ziemlich ausgefüllt sein, wenn es in mir stecken würde.

Kreuzfahrer_BOS: bitte – und deiner? deine kiste?
Jan-Greek: hab nur die beiden! sorry für die qualität, hab ich mit dem handy gemacht
Kreuzfahrer_BOS: lach – man kann ja was erkennen. deine kiste gefällt mir, sieht stoßfest aus! kann gerne bilder von dir machen, digi habe ich. musst nur nen stick mitbringen, hab keine rohlinge hier
Jan-Greek: vernünftige bilder könnte ich echt gebrauchen. aber jetzt noch ne fotosesseion?
Kreuzfahrer_BOS: was spricht dagegen?

Einen Stick hatte ich, aber es war kurz vor Mitternacht und um neun würde der Wecker klingeln.

Jan-Greek: die uhrzeit! bin gerade von der arbeit gekommen, daher weder geduscht noch gespült
Kreuzfahrer_BOS: kannste auch hier machen – den aufsatz habe ich schon ausgepackt
Jan-Greek: du willst mir dabei zuschauen, wie ich …?
Kreuzfahrer_BOS: gaynau! könnten dabei die ersten bilder machen *g

Was war das denn? Bei Dirty stand nur NS, aber mich beim Spülen beobachten? War das nicht etwas zu heftig? Normalerweise mache ich das privat und nicht in der Öffentlichkeit.

Jan-Greek: weiß nicht – wo wohnst du denn
Kreuzfahrer_BOS: kleines kaff – weener

Ich grinste, die Welt war wirklich ein Dorf. Im Stadtkern von Weener wohnen ungefähr 6.700 der knapp 16.000 Einwohner und schwul ist offiziell kein einziger Bewohner.

Jan-Greek: das gibbet nicht, ich auch! hallo nachbar – bin der jannis
Kreuzfahrer_BOS: und ich der jacob. Kennste die apartments an der marina?
Jan-Greek: kenne ich! da wohnst du? Ziemlich nobel
Kreuzfahrer_BOS: naja – meine firma zahlt das – bin für ein projekt hier
Jan-Greek: wollte, das könnte ich auch sagen
Kreuzfahrer_BOS: willst du nun?

Wollte ich? Ich könnte mir auch einen runterholen und wieder mit dem Dildo spielen, aber ein echter Schwanz im Arsch ist besser als das Gummiteil. Gut, der Knabe könnte mein Vater sein. aber die anderen Leute, die noch online waren, waren auch nicht gerade so mein Fall. Also: Warum eigentlich nicht? Was konnte denn schon groß passieren? Mehr als Schiefgehen konnte es nicht und eine fremde Hand am Schwanz ist eh dreimal besser als die eigenen fünf Finger.

Jan-Greek: ja – wo muss ich denn klingeln?
Kreuzfahrer_BOS: nummer 35 – wie lange brauchst du
Jan-Greek: gib mir ne viertelstunde – aufrauchen, schuhe an, pissen und dann noch fünf min für den weg
Kreuzfahrer_BOS: kriegst 10 minuten – rauchen kannst du auf dem weg

Ich grinste innerlich. Da hatte es jemand anscheinend wohl eilig, den Druck in der Leistengegend abzubauen. Aber egal, mir ging es ja nicht viel anders, rattig war ich auch und, je eher ich bei ihm wäre, desto mehr Zeit hätten wir, um.

Jan-Greek: alles klar – mache mich dann auf den weg
Kreuzfahrer_BOS: beeil dich – deine zeit läuft – piss gleich

Ich loggte mich aus, fuhr den Rechner runter und schlüpfte wieder in meine Jeans, auf Unterwäsche verzichtete ich. Portemonnaie, Schlüssel, Zigaretten? Ich nickte mir selber im Spiegel zu: Alles am Mann! Also, ab in die Schuhe und losmarschiert. Auf dem Weg zu meinem mitternächtlichen Date fragte ich mich zwar, ob es richtig wäre, was ich da machte, aber ich beruhigte mich gleich wieder. Entweder hätte ich gleich Spaß und der Druck auf den Eiern wäre weg, oder, falls man feststellt, es passt doch nicht, dann würde ich wieder nach Hause ins Bett gehen und selber Hand anlegen.
Seine Bemerkung mit den Fesselspielen machte mir überhaupt nichts aus, eher das Gegenteil war der Fall, es machte mich irgendwie sogar an, beim Akt mal wehr- und bewegungslos sein zu müssen. Viel mehr Gedanken machte ich mir um die Wasserspiele, die er wohl mit mir spielen wollte. Aber? An der Pissrinne ließ ich ja auch mal den Blick schweifen, also warum sollte ich mir nicht dabei zusehen lassen? Und in der Dusche? Da habe ich es auch schon mal laufen lassen, aber gespürt habe ich unter dem Wasserstrahl nicht viel. Aber wie würde ich reagieren, wenn er es an mir herunterlaufen lassen wollte? Wenn er mir vielleicht sogar in den Mund … Es schüttelte mich regelrecht, meine Beine wurden schwach. Sollte ich wirklich weitergehen? Ich war mir ziemlich unsicher, aber da stand ich schon vor seiner Haustür. Also! Augen zu und durch! Mehr als flüchten konnte ich nicht. Ich warf daher alle Befürchtungen über Bord, nahm allen Mut zusammen und klingelte.

Die Tür ging auf, ein Mann im Bademantel stand im Rahmen. „Hallo Jannis, schön dass du da bist.“

„Hallo Jacob.“ Unsicher gab ich ihm die Hand.

Er lächelte mir zu. „Komm rein und zieh dich aus.“

„Gerne.“ Ich trat in den kleinen Flur, hing meine Jacke an den Haken.

„Ich sagte Ausziehen und sprach nicht vom Ablegen!“ Der Blonde schüttelte den Kopf, blickte mich scharf an. „Ich bin nackt unter dem Bademantel und so solltest du auch bald sein.“

Er sprach klar und deutlich, duldete wohl keinen Widerspruch. Ich könnte mich jetzt umdrehen und gehen, aber irgendwie zog mich seine Stimme magisch an. Ich schlüpfte aus meinen Turnschuhen, Gürtel auf, Hose runter und zusammen mit den Strümpfen in die Ecke gepfeffert. Der leichte Pullover und mein T-Shirt flogen ebenfalls gemeinsam auf den Boden. „Besser?“

„Geht doch! Warum nicht gleich so?“ Er wuselte durch meine schwarzen Haaren, strich mir über die Brust und griff mir fest an die Eier, zog mich hinter sich her in Richtung Wohnraum. Ich stolperte mehr, als ich gehen konnte. Ich bin eher der softe Typ, auf Härte oder so etwas in der Art stehe ich überhaupt nicht, aber Klein-Jannis schien die Behandlung zu gefallen, er war hart wie der Marmor auf der Akropolis an ihren besten Tagen.
Das Zimmer war voll mit Kartons und Kisten, der Bewohner war augenscheinlich noch mit dem Einzug beschäftigt, allein die Computerecke mit Laptop, Drucker und Modem schien komplett eingerichtet. Ich stand in der Mitte des Raumes, mein Gegenüber griff sich seine Digitalkamera und umrundete mich, machte einige Aufnahmen und murmelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart. Was er genau sagte, verstand ich nicht, aber er schüttelte immer wieder seinen Kopf.
Die Situation war etwas merkwürdig: ich stand nackt in der Wohnung eines fremden Mannes, der mein Vater hätte sein können, und wurde von ihm fotografiert. Unwohl fühlte ich mich nicht, eher etwas angespannt. Aber Klein-Jannis schien jedoch aufgeregt zu sein. Ab und an berührte er mich, mal zart, mal etwas härter. Es war, als würden Hunderte von Strömstößen gleichzeitig durch meinen Körper gejagt; ich wollte fliehen und gleichzeitig bleiben, mein Herz raste, was passierte mit mir?
Jacob blieb hinter mir stehen. „Bück dich und spreiz die Backen. Ich will jetzt dein Loch sehen!“

Ich hatte einen Kloß im Mund, an Sprechen war nicht zu denken. Ich beuge mich vornüber und legte die Hände an meine behaarten Backen und zog sie auseinander. „Bitte!“

„Das geht ja überhaupt nicht.“ Eine erneute Bilderserie erfolgte, dann traf seine Hand meinen Hintern unvorbereitet. Ich zuckte zusammen, Klein-Jannis sabberte reichlich Vorsaft ab.

Ich stellte mich auf, drehte mich zu ihm um. „Was geht nicht?“

„Du musst dich nicht nur spülen, du musst dich da unten erst einmal rasieren. Dein Gestrüpp ist total abturnend.“ Er griff mir ins Gemächt, Klein Jannis machte einen Freudensprung.

Ich blickte ihn entschuldigend an. „Sorry, aber ich hab die letzten zwei Wochen durchgearbeitet.“

„Das heißt nichts, außerdem …“ Er klammerte sich in meinem Schamhaar fest. „… kann das nicht erst in den letzten vierzehn Tagen so gewachsen sein, auch nicht mit Hühnermist als Wachstumsmittel. Du hast dich da mindest eine halbes Jahr nicht rasiert, wenn nicht sogar länger. Also? Wann warst du zuletzt blank da unten?“

„Eigentlich noch nie, maximal die Eier waren blank, obenrum habe ich es immer nur gestutzt.“ Warum schämte ich mich plötzlich. „Und ich kann mir ja schlecht das Loch selbst rasieren, oder?“

„Wenn man will, dann man alles! Komm mit.“ Er verließ, mit der Kamera in der Hand, den Raum.

Wie ein Hund folgte ich ihm in das Badezimmer. Er deutete auf das offene Klo, ich setzte mich brav auf die Brille. „Aber … aber bitte nicht ganz ab, ja? Etwas … etwas möchte ich behalten, sonst … komme ich mir irgendwie nackt vor.“

Er machte ein paar Bilder, sich griff dann den Langhaarschneider, setzte einen Aufsatz auf. „Kürzen wir es erst einmal auf 12 Millimeter und schauen dann, ob mir das gefällt.“

Hatte ich eigentlich ein Mitspracherecht? Ich spreizte die Beine. „Ok!“

Jacob kämmte mit einem grobzackigen Kamm mein Gestrüpp unten erst einmal zurecht, ehe er den Rasenmäher ansetzte. Ich war wohl nicht der erste, den er auf diese Weise barbierte, es dauerte keine Minute, dann war mehr die Hälfte meines Schamhaare obenrum ab. Die Haare kämmte er aus, sie fielen zwischen meinen Beinen direkt ins Wasser.
„Dann stell dich mal.“ Ich tat, was er von mir verlangte. Der Blonde schüttelte, nachdem er die Digi wieder weggelegt hatte, den Kopf. „Die Proportionen werden nicht stimmen, wenn deine Eier gleich blank sein werden. Einigen wir uns oben auf 6 Millimeter. Einverstanden?“

Warum nickte ich? Warum ließ ich das mit mir machen. „Gerne, es soll ja gut aussehen.“

Er wechselte den Aufsatz und ließ den Rasenmäher erneut über meinen Pelz kreisen, diesmal allerdings ohne vorher durchzukämmen. „Schon besser! Und jetzt mach mal die Beine breit!“ Ich spreizte meine Schenkel so weit wie möglich auseinander. Er hantierte auf meinen Oberschenkeln und an meinem empfindlichen Eierbehälter; da waren sie wieder, die elektrischen Stöße.
Als er das Ergebnis dokumentiert hatte, setzte er sich auch meine Oberschenkel. Sein Bademantel war mittlerweile offen. Sein langes Teil zeigte eine deutliche Regung. Ich wollte meine Hand danach ausstrecken, aber er schlug sie nur weg. „Jannis, jetzt noch nicht. Ich in ja noch nicht fertig und du willst doch nicht, dass ich abrutsche und dich schneide, oder?“

Was hatte er vor? Ich schüttelte zaghaft verschüchtert den Kopf. „Nein!“

„Dann ist ja gut!“ Er setzte den Apparat erneut an, erst einmal in Richtung meines Bauchnabel, von da aus ging es hinauf zu meiner Brust, die Nippel umkurvte er, aber ansonsten musste jedes Haar auf meiner Brust dran glauben. Ich war so etwas von geil, ich konnte es selber kaum glauben. Klein-Jannis stand immer noch wie eine Eins.
Jacob bedeutete mir, meine Arme hinter dem Kopf zulegen. Als ich das tat, surrte der Mäher erst durch meine rechte, dann durch meine linke Achselhöhle. Als er mir danach seine Lippen auf den Mund drückte, hätte ich vergehen können. Unsere Zungen tanzten minutenlang Walzer. Was machte der Kerl mit mir? Von mir aus hätten wir die ganze Nacht so sitzen bleiben können, aber mein Gastgeber erhob sich, grinste mich an und machte erneut einige Fotos.
„So, und nun wird es Zeit, dass ich deinen Eingang wieder freilege. Hüpf am besten mal in die Wanne, ich will ja keine Haare auf dem Fußboden haben.“ Er lachte mich an, reichte mir seine Hand und führte mich in die kalte Emaille. Als ich im Inneren Stand, berührte er sanft meinen Rücken. „Beug dich nach vorne.“ Ich tat es und, nach einigen Bildern, fiel das Haar auf meinen Backen. Dann sollte ich die Backen spreizen und die Talwiesen wurden gemäht.
Für den schmalen Streifen im Tal wurde wohl ein Nasenhaarscheider eingesetzt, das Gerät wurde auf alle Fälle gewechselt. Ich erschauderte, als er mir durch meine nun freie Ritze blies, ich hatte eine nie gekannte Gänsehaut, ich wollte, ich hätte die Zeit anhalten können, so geil war der Moment. „Bleib so!“ Ich verhaarte regungslos. Jacob, der die ganze Zeit hinter mir gestanden hatte, musste die Wanne verlassen haben, denn kurze Zeit später packte er mich an den Hüften, drehte mich zur Wand und forderte mich auf, meine Beine so weit wie möglich auseinander zu stellen.
Ich spürte, wie er eine kühle Creme auf meinen Sack strich, sie regelrecht einmassierte, dann drückte er einen großen Spritzer in meine Kerbe und verteilte sie ebenfalls. Mein Puls raste, aus meiner Spitze tropfte es wie wild. Was machte dieser Mann mit mir? Und ich meinte nicht die Bilder, die er von der Aktion bisher geschossen hatte. Ich war hin und weg. Er gab mir einen aufmunternden Klaps auf meinen Allerwertesten. „Jannis! Wir sind hier erst einmal fertig. Lass uns in Wohnzimmer gehen und eine Runde quatschen.“
Mit zitternden Knien folgte ich ihm zurück in den Wohnraum und wie selbstverständlich hockte ich mich zu seinen Füßen, während er breitbeinig auf seinem Schreibtischstuhl saß. Einen freien Stuhl sah ich auch nicht, aber so hatte ich die beste Sicht auf sein Teil. Am liebsten hätte ich mir seinen Speer einverleibt, ich war irgendwie begierig auf diesen Mann. Er aber streichelte mir nur über den Kopf und erhob sich wieder. „Auch ein Bier?“

„Gerne!“ Mehr konnte oder wollte ich nicht sagen.

Er ging in die Küche, die nur durch einen halbhohen Tresen vom Wohnraum getrennt war. Aus dem Regal nahm er zwei Krüge, aus dem Kühlschrank zwei Flaschen Bier, die er in die Gläser einfüllte. Mit den vollen Gemäßen kam er wieder, reichte mir eins und setzte sich. Wir stießen an und tranken. Mein Mund war so trocken, ich konnte erst stoppen, als ich im Glas den Boden sah. Er lachte mich an. „Da hatte anscheinend jemand wohl richtigen Durst, oder?“

Ich konnte nur nicken. „Hatte ich! Ach hoffe, du bist mir deswegen nicht böse.“

„Nein, wieso sollte ich?“ Er wuselte mir durch die Haare. „Wenn du ein neues haben möchtest, dann bedien dich. Du weißt, wo der Kühlschrank steht.“

Ich blickte ihn verwundert an. „Ich soll an deinen Kühlschrank?“

„Natürlich!“ Er lachte mich an. „Meinst du, ich bediene dich den ganzen Abend?“

Ich trottete zum Kühlschrank und füllte den Inhalt einer neuen Flasche in das Glas. Als ich mich wieder vor ihm niedergelassen hatte, küsste ich ihm, wie selbstverständlich, seine Kniescheiben. Ich fühlte mich komischerweise ziemlich wohl und blickte den Blonden, an dem ich kein Körperhaar entdecken konnte, erwartungsvoll an. „Woher kommst du eigentlich?“

„Geboren bin ich in den Staaten, in Boston, daher auch das BOS in meinem Nick.“ Er legte mir seine Hand auf die Schulter. „Aber ich arbeite für eine Reederei und die hat mich zur Beobachtung eines Projektes hierher geschickt.“

Ich grübelte kurz. „Aber wäre ein Hotel nicht einfacher?“

„Schon, aber auf die Dauer ist eine Wohnung billiger und besser!“ Er lachte mich an-

„Wie das?“ Ich war verwundert.

Er wuselte mir erneut durch die Haare. „Ganz einfach: In einem Hotel könnte ich Gäste wie dich um diese Uhrzeit nicht mehr empfangen. Wenn ich erst um neun oder um zehn aus dem Büro komme, welche Küche würde mir dann noch Essen so zubereiten, wie ich es mag? Hier kann ich Sexspielzeug offen rumliegen lassen, es stört keinen; in einem Hotel müsste ich es erst im Koffer verstauen.“

Seine Worte machen Sinn. „Kann ich nachvollziehen.“

„Siehst du! Mit dem Tagegeld, dass ich kriege, kann ich also entweder in ein Hotel gehen, bin da aber eingeschränkt, oder ich miete mir eine Wohnung und bin ein freier Mann.“

„Du?“ Ich blickte ihn von unten an. „Ich würde dir gerne einen … Blasen, wenn … wenn ich darf.“

„Du darfst alles!“ Seine Hände lagen in meinen Haaren.

Ich leckte über seine Eier, seinen mächtigen Schaft, umkreiste mit meiner Zunge seine Kuppe, versuchte, so weit wie möglich, mit ihr in seinen Schlitz einzudringen und nahm dann den ganzen Kopf in meinem Mund, umkreiste ihn mit meinem Waschlappen. Langsam ging ich tiefer und ich wunderte mich über mich selber, aber ich schaffte es zum ersten Mal in meinem Leben, mit meinen Zähnen den Ansatz zu erreichen ist, selbst bei Lars-Henrik, der ein weitaus kleineres Anhängsel sein eigen nannte, blieb ein Abstand von mindestens zwei Fingern.
Ich weiß nicht, was es war, aber ich weiß, dass es da war: Irgendeine Faszination ging von diesen Kerl aus, den ich heute das erste mal gesehen habe. Ich arbeitete mich wieder nach oben, um mir dann seinen Freudenspender wieder zur Gänze einzuverleiben. Während mein Mund hoch und runter ging, an seinem Schaft entlangfuhr, tastete ich erst vorsichtig, dann immer stärker, die beiden Teile ab, die in seinem Sack verborgen waren. Der Kerl machte mich einfach nur an!
Mein Takt, das Auf und Ab, wurde immer schneller, seine Kopfmassage, die er mir dabei verabreichte, immer intensiver. Ich weiß nicht, was es genau war, aber ich wollte dieses Teil in mir haben, wollte es spüren, wollte es schmecken. Meine Finger spielten mit seinem Beutel und mit den kleinen Fingern wanderte ich tiefer an ihm herab, massierte seinen Damm, glitt über eine Ausstülpung hin zu weichem, sich öffnendem Fleisch. Wir stöhnten fast im Gleichtakt.
Ich brauchte eine kleine Pause und blickte ihn von unten aus an, schaffte es gerade noch, meine Lippen nicht von seinem Lutscher zu lassen. Er lachte mich an und drückte mich nur tiefer in seinen Schritt, es war einfach nur herrlich! Dieser Schwanz! Diese Nille! Diese Grotte, in die sich die ersten Glieder meiner kleinen Finger bohrten!

Wie aus einer fernen Galaxie nahm ich seine Worte war: „Jannis … Jannis … ich … ich … ich komme … komme gleich.“

Anstatt seinen Freudenspender in die Freiheit zu entlassen, saugte ich ihn umso tiefer ein. Ich wollte diesen Mann, wollte fühlen, wie er in mir explodiert. Ich wollte diesen Mann zur Ekstase bringen und wollte ihn schmecken. Er pumpte und pumpte und ich schluckte und schluckte, es war einfach nur herrlich. Lars-Henrik hatte mir des Öfteren ins Gesicht gespritzt, das fand ich eklig, aber, das sich Jacob in mir entladen hatte, fand ich einfach nur geil! Ich blickte ihn an. „Danke!“

Der Mann, der auf dem Schreibtischstuhl saß und mein Vater hätte sein können, atmete tief durch und blickte mich mit gläsernen Augen an. „Ich habe dir zu danken und du nicht mir!“

Ich leckte ihn sauber, genoss die letzten Tropfen seines göttlichen Nektars, blickte ihn unschuldig an. „Wieso? Du hast mir doch was geschenkt und nicht umgekehrt.“

Wer verharrten ungefähr fünf Minuten in dieser Stellung, ich zu seinen Füßen, dann kippte der Blonde mir auf die Schulter. „Ich glaube, wir sollten jetzt unter die Dusche.“

Ich blickte ihn fragend an. „Wieso?“

„Wir müssen die Enthaarungscreme, die ich bei dir aufgetragen habe, noch abspülen.“ Er erhob sich und ging Richtung Badezimmer, ich folgte ihm blind.

Erst als er mich in seine Dusche, das Badezimmer war wirklich phänomenal, bugsiert und den Strahl des Duschekopfes auf mein griechisches Unterteil gestellt hatte, wurde ich wieder einigermaßen Herr meiner eigenen Sinne. Ich genoss es einfach nur, wie er mit einem Topfschwamm erst an meinem Sack und dann in meinem Tal herumrubbelte.
Als er mich dann mit seinen Fingern berührte und dabei in mich eindrang, ich konnte einfach nicht anders: Mein gesamter Körper bäumte sich auf und ich schleuderte ihm Tausende von potenziellen Hellenen in sein Gesicht. Einen solchen Abgang hatte ich seit Jahren nicht mehr!

Wir duschten zu Ende; fast entschuldigend für blickte er mich an. „Du Jannis, sei mir bitte nicht böse, aber wir haben jetzt schon fast zwei. Du musst arbeiten, ich muss arbeiten, wenn … dann sollten wir morgen weitermachen. Aber nur, wenn du willst!“

Ob ich wollte? Ich blickte ihn irritiert an. „Natürlich will ich! Was denkst du denn?“

Wir trockneten uns ab, Jacob cremte, wohl zur Prophylaxe gegen Hautirritationen, mich mit reichlich Bodylotion ein. Ich zog mich an und dann von dannen. Im Bett dachte noch kurz an das Geschehene nach und glitt, ein paar Minuten später, in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich um 08:54 Uhr erwachte. Ich erhob mich, betrachte mich im Spiegel und stellte fest, dass ich nicht mehr der Mann war, der ich noch vor 24 Stunden gewesen war; Jannis Philipos Stafanides hatte sich nicht nur rein optisch verändert, nein, auch innerlich war ich nicht mehr ganz der Alte.

Der Arbeitstag, der um 10:15 Uhr begann, verlief zwar stressig wie immer, aber irgendwas hatte sich verändert. Was es ganau war, konnte ich nicht sagen, aber ich fühlte mich längst nicht so abgekämpft wie in den letzten Tagen, als ich mein Feierabendbier trank.
Als ich wieder daheim war, fuhr ich den Rechner hoch und loggte mich direkt auf den blauen Seiten ein. Als ich Kreuzfahrer_BOS online sah, klickte ich sofort das Nachrichtensymbol auf. „Hallo Jacob, würde gerne da weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben!“

Kreuzfahrer_BOS: grins – bist du dir sicher?
Jan-Greek: bin ich J und wie!
Kreuzfahrer_BOS: dann ist gut! wie lange brauchst du?
Jan-Greek: wenn ich bei dir duschen kann? 8 min
Kreuzfahrer_BOS: dann mach dich mal auf den weg, lieber jannis
Jan-Greek: bin schon wech – bussi

Rechner aus und Schuhe an. Ich klopfte meine Jacke ab: Portemonnaie, Schlüssel, Zigaretten waren vorhanden, also raus aus meinem Bude und zur neuen Marina. Je näher ich seiner Wohnung kam, desto enger wurde es in meiner Hose. Er öffnete mir wieder im Bademantel. „Hallo Jannis!“

„Jacob!“ Ich ging auf ihn zu, drückte ihm einen Kuss auf die Lippen, ehe ich aus meinen Turnschuhen schlüpfte. Er hatte die Tür kaum hinter mir geschlossen, da stand ich auch schon nackt vor ihm.

Er grinste mich frech an. „Da lernt jemand aber ziemlich schnell. Komm erst mal richtig rein.“

Ich steuerte direkt das Badezimmer an. „Kommst du?“

„Wollen wir nicht erst …“ Er deutete auf die Tür zu seinem Wohnraum.

Ich lachte. „Du wolltest doch sehen, wie ich mich …“

„Stimmt, ich hol dann mal die Kamera.“ Jacob verschwand kurz in seinem Wohnzimmer und kam mit dem silbernen Teil in der Hand wieder. „Wir können.“

„Wanne oder Dusche? Wo soll ich? Was ist dir lieber?“ Wieso war ich so aufgeregt?

„Nimm die Dusche, da habe ich einen besseren Blickwinkel.“ Er grinste mich an.

Ich hüpfte freudestrahlend in die Tasse, drehte den Duschkopf ab. Der Edelstahlaufsatz, der gleich in mir verschwinden würde, lag in Seifenhalter, wo auch das Duschzeug stand. Jacob nahm mir die Brause ab, legte sie ins Waschbecken. Ich schraubte die Analdusche auf, griff mir dann die schwarze Tube, drückte mir einen Spitzer des Gels auf den Finger und rieb mir damit meine Rosette ein. Lauwarmes Wasser sollte reichen, ich ließ den Schlauch samt Aufsatz auf den Boden gleiten, ging in die Knie. Ich blickte den Blonden an. „Hast du auch alles im Bild?“

„Habe ich.“ Er lachte und leckte sich lasziv über die Lippen, als er vor mir leicht in die Knie ging.

Hatte ich mich gestern allein noch bei dem Gedanken unwohl gefühlt, mich beim Reinigen meines Kanals überhaupt beobachten zu lassen, war es heute für mich das Selbstverständlichste von der Welt, dass der Blonde mich dabei sogar ablichtete. Irgendetwas stimmte mit mir nicht, aber was es genau war, wusste ich nicht und es war mir eigentlich auch total egal.
Ich flirtete mit der Linse, als ich mir das Teil einführte. Mit zunehmenden Druck in Inneren wich aber auch das Grinsen aus meinem Gesicht. Ich erhob mich, wollte zum Klo, um das Wasser wieder aus mir herauszubefördern, aber Jacob stand mir im Wege. „Könntest du mal kurz da weg? Ich müsste …“

„Aber selbstverständlich.“ Er machte den Weg frei und ein Bild, wie ich auf dem Klo saß und presste.

Auf meinem Weg zurück in die Dusche drückte ich ihm ein Kuss auf die Lippen und griff in seine Körpermitte, auch Klein-Jacob schien großen Gefallen an der Show zu haben. Den Vorgang der Darmbefüllung und Entleerung wiederholte ich insgesamt fünfmal, dann floss nur noch klares Wasser aus mir heraus; ich war also sauber. Aber: Je öfter ich an ihm vorbeikam und je tiefer ich ihm in die Augen blickte, desto mehr versteiften sich seine 21 Zentimeter.
Ich stieg zum siebten Mal die Tasse, allerdings nahm ich diesmal nicht den Schlauch in die Hand, sondern bediente mich wieder am Duschgel, schmierte meine Rosette ein. Jacob grinste mich an, in einer Hand hielt er den Knipsomat, mit der anderen brachte er sein Anhängsel in Form. Ein Finger nach dem anderen verschwand in mir, als ich vier Finger in mir hatte, schaute ich ihn intensiv an. „Willst du meine Finger nicht endlich durch deinen Schwanz ersetzen?“

Er wollte! Jacob stieg zu mir in die Dusche, zog mich zuerst hoch, dann drückten seine Hand meinen Unterarm nach unten, ich war plötzlich leer. Aber nicht lange! Da, wo gerade noch meine Finger waren, setzte er seine Kuppe an und, keine Sekunde später, hob er sein Becken. Er drang in mich ein, jäh und ungestüm, ich spürte sein Fleisch in meinem Hintern. Ich war mehr als glücklich!
„Willst du das so?“ Seine Stimme war erregt, glich eher einem Hecheln. Ich, keiner Antwort fähig, griff nach hinten, schob ihn tiefer in mich hinein. Sein Beutel schlug gegen meine Haut. Ich war geil, glücklich und zufrieden, ich wollte nur ihn und ich hatte ihn auch bekommen. Ich stöhnte und versuchte, noch mehr von ihm in mir aufzunehmen. „Du willst es also auf die harte Tour?“ Ich konnte nur noch nicken. „Dann sollst du es auch kriegen! So, wie du es brauchst!“
Ich fühlte, wie er sich mir entzog, nur um dann, unbarmherzig wie er war, wieder zu zustoßen. Ich hätte schreien können vor Glück, ich fühlte mich, nach langen Monaten der Einsamkeit, endlich wieder geliebt und geborgen. Seine Arme legten sich unter die Meinen, ich konnte mich nur noch abstürzen. Er fickte mich, riss wir im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch auf, aber das war es, was ich eigentlich haben wollte: Ich wollte ihn spüren, wollte in mir haben. Ihn und nur ihn!
Dieses Auf und Ab seines harten Muskels war exakt das, was ich brauchte, wonach ich verlangt hatte. In diesem Moment hätte ich vergehen können, ich wollte ihm gehören, ich wollte eins sein mit ihm. Aber? Ich war eins mit ihm, wir waren vereinigt! Noch ehe er seinen heißen Saft in mir entlud, öffnete ich meine Schleusen und spritzte meinen weißen Saft gegen die Fliesen. Ich zuckte immer noch vor Geilheit und Ekstase, als seine Welle schon längst abgeebbt war.

„Das … das war himmlisch! Das müssen wir unbedingt wiederholen!“ Ich versuchte, mich zu ihm umzudrehen, ihn zu küssen. Ich spürte eine klaffende Leere in mir, aber dafür eroberte meine Zunge seinem Mundraum. Wir schraubten den normalen Duschkopf wieder auf, seiften uns ein, ich konnte meine Hände nicht von ihm lassen. Ich kam mir – nach Monaten – endlich wieder wie ein kompletter Mann vor. Unfähig, auch nur ein Wort zu sprechen, stieg ich aus der Dusche, trocknete mich ab. Jacob folgte mir, rieb mich mit Bodylotion ein, meine Brust presste sich an seine.

Jacob fühlte mich ins Wohnzimmer, wir tranken ein Bier, ich hockte mich, wie selbstverständlich, zu seinen Füßen. Auch wenn wir kein Wort wechselten, ich spürte seine Nähe, seine Anwesenheit; das reichte mir, mehr wollte ich nicht. Als ich dann wieder in den Flur ging und mich anzog, blickte ich ihn fast sehnsüchtig an. „Danke!“

Ich ging nach Hause und fiel ermattet in mein Bett; ich war glücklich, zufrieden, meine Gedanken kreisten beim Einschlafen nur um die Person, die sich im Chat Kreuzfahrer_Bos nannte.

Als ich erwachte, spürte ich eine gewisse Leere in mir. Wie ich den Tag überstanden habe, sorry, das kann ich heute leider nicht sagen. Ich war wie weggetreten, wie von einer anderen Welt. Was machte der Kerl nur mit mir? Was wollte ich wirklich?

Nach fast 10 Stunden Arbeit fuhr ich den Rechner wieder hoch. Kreuzfahrer_Bos war auf den blauen Seiten online, ich tickerte ihn sofort an. „Kann ich kommen?“

Seine Antwort bestand nur aus zwei Buchstaben: JA! Sofort machte ich mich auf den Weg und ging in Richtung Ems. Klingeln brauchte ich nicht, die Tür stand offen. Nachdem ich sie geschlossen hatte, zog ich mich komplett aus und ging nackt in seinen Wohnraum. Klein-Jannis schien sich mehr als zu freuen, er stand waagerecht von mir ab.
Das Wohnzimmer war nicht mehr ganz so vollgestellt wie gestern noch. Zwei Sessel waren freigeräumt, ich bräuchte also nicht mehr vor ihm auf dem Boden zu hocken, obwohl mir das überhaupt nichts ausgemacht hatte. Auf dem kleinen Tisch inmitten des Raumes lag seine Digitalknipse. Ich griff mir das Teil, es war an. Jacob saß an seinem Laptop, starrte wie gebannt auf den Bildschirm, ich tippte ihn sanft auf die Schulter. „Hallo!“

Leicht erschrocken drehte er sich zu mir um, in dem Moment drückte ich den Auslöser. Ich ließ den Fotoapparat wieder sinken, er blickte mich an. „Jannis! Schön, dich zu sehen.“ Der Blonde erhob sich, wir küssten uns, er streichelte meine Wangen. Wieso wurden meine Knie schwach?

Ich grinste ihn an. „Endlich habe ich dich auch mal erwischt.“

„Hast du, aber du willst ja Bilder von dir haben und nicht von mir, oder?“ Er lachte mich an und ging in seine Küche. „Bier?“

„Ja – Nein – Ja.“ Ich lachte ihn an.

Er blickte mich irritiert über den Tresen an. „Könntest du die Antwort vielleicht etwas eindeutiger formulieren? Möchtest du jetzt ein Bier oder möchtest du lieber etwas anderes?“

„Das erste Ja war auf die Bilder bezogen, die ich gerne von mir haben würde. Das Nein war so gemeint, dass ich durchaus nichts dagegen hätte, wenn du auch auf dem einen oder anderen Foto auftauchen würdest, …“ Ich lachte ihn an. „… und das letzte Ja …“

„… galt dann wohl dem Bier. Alles klar, dann habe ich verstanden.“ Grinsend schenkte er ein.

Mit den Krügen in der Hand umrundete Jacob mit offenem Bademantel den Tresen, gab mir einen und setzte sich. Ich lagerte mich, wie zweimal schon zuvor, zu seinen Füßen. Er schaute mich irritiert an. „Ich glaube, auf dem Sessel ist bequemer als auf dem Fußboden.“

„Mag ja sein, aber die Aussicht von hier ist erheblich besser.“ Ich deutete auf sein Teil, das eine gewisse Regung zeigte. Ich brauchte nur an ihn zu denken und mein Teil war steif.

Er grinste mich keck an. „Dann bleib da unten sitzen, du bist der Gast. Aber erst einmal Prost.“

„Jámas!“ Es war zwar etwas schwierig von unten, aber es klappte trotzdem.

Jacob stellte sein Glas ab. „Na, wie fühlst du dich? So mit gestutzten Haaren?“

„Erst war es etwas ungewohnt, aber …“ Ich blickte an mir herunter. „… mittlerweile finde ich es sogar gut, sehr gut sogar. Wie gefalle ich dir denn, so mit gestutzten Haaren?“

„Du siehst auf jeden Fall erheblich besser aus als beim ersten Mal!“ Er kniff mir ein Auge zu.

Ich stutzte etwas. „Wie würde ich denn noch besser aussehen?“

„Ehrliche Antwort?“ Er blickte mich intensiv an.

Ich nickte. „Ehrliche Antwort!“

„Nun, halte mich bitte nicht für verrückt, aber … noch besser – jedenfalls für mich – würdest du ganz ohne Haare aussehen.“ Er lehnte sich zurück.

Ich war irritiert. „Ist das so eine Art … ein Fetisch von dir?“

„Nein, und es hat auch nichts mit Master und Servant zu tun, ein Sklave hat ja kein Anrecht auf Haare unterhalb der Augenbrauen, es ist eher …“ Er atmete tief durch. „… Vergangenheitsbewältigung.“

„Wie muss ich das verstehen?“ Meine Neugier war geweckt.

Er schaute mich intensiv an. „Nun, als mein Vater erfahren hat, dass ich auf Männer stehe, hat er mich erst verprügelt und dann aus dem Haus gejagt. Das Ekel war behaart wie ein Affe, von daher …“

Ich erhob mich, beugte mich zu ihm runter und küsste ihn, streichelte über seinen Kopf. „Komm!“

„Wohin?“ Er hatte Fragezeichen in den Augen.

Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen. „Ins Badezimmer, mein lieber Jacob!“

„Ins Bad?“ Er schaute mich verdutzt an. „Was willst du da machen? Duschen?“

„Das auch! Aber erst einmal wirst du mich komplett rasieren! Alle Haare sollen ab, ich will blank für dich sein.“ Diesmal griff ich an seinen Sack und führte ihn hinter mir her.

„Jannis! Du bist echt verrückt! Weißt du das?“ Er lachte mich an, „Du brauchst das nicht zu machen!“

Ich drehte mich um, blickte ihn an. „Ich bin verrückt nach dir! Und? Wenn es mir nicht gefällt?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Egal! Die Haare werden wieder wachsen! Also komm und rasier mich!“

Im Badezimmer hüpfte ich vor lauter Vorfreude in die Badewanne, harrte der Dinge, die der kommen sollten. Aber was machte Jakob? Er schüttelte nur lachend den Kopf, grinste mich frech an. „Jannis, deine Haare sind eh so kurz, da reicht vollkommen die Enthaarungscreme, die musst nur einwirken. Oder soll ich auch deine Beine und Arme rasieren?“

„Das wäre wohl zu viel des Guten, oder?“ Ich blickte ihn fragend an.

„Du sagst es!“Er lachte mich an und schmierte mir die Creme auf Brust, Scham, Arsch und Achseln. Als alle Stellen eingeklemmt waren, lachte er mich an. „Wir können mit erst einmal ein Bier trinken, das Zeug muss erst einmal einwirken.“

Als wir wieder in seinem Wohnzimmer saßen, erzählte ich ihm, wie mein Vater mich nach meinem Outing aus der Wohnung, aus der Familie und aus seinem Leben geworfen hatte. Wir hatten eine Gemeinsamkeit! Jacob umarmte und drückte mich, küsste mich, streichelte über Körper. Unter der Dusche wurde wieder der Topfschwamm benutzt und ich konnte sein Teil wieder in mir spüren, ich war nur glücklich, zufrieden, was auch immer! Ich war endlich wieder komplett!

Anstatt den Umweg über meine Behausung zu machen, fuhr ich nach meiner Arbeit direkt zu Jacob. Ich klingelte. Er blickte mich erstaunt an, als er öffnete. „Jannis? Was machst du denn hier?“

„Dich besuchen!“ Ich trat ein und zog mich aus, meine Sachen landeten auf dem Fußboden.

Er lachte mich an, leckte seine Lippen. „Sei mir bitte nicht böse, aber … ich kann im Moment nicht!“

„Was ist denn los?“ Ich blickte ihn fragend an.

Er schüttelte sich. „Sorry! Ich habe einige Probleme, aber … nein, eigentlich macht das Projekt, weshalb ich überhaupt hier bin, gewisse Schwierigkeiten. Ich habe heute noch nichts gegessen, habe auch vergessen, in den Supermarkt zu gehen. Es wäre besser, wenn du wieder gehen würdest. Ich … ich dürfte heute … unausstehlich sein.“

„Quatsch mit Soße!“ Ich drängte mich an ihm vorbei in seine Küchenzeile. „Ich darf?“

„Was willst du machen?“ Er blickte mich fragend an.

Ich lachte ihn an. „Ich bin Koch, also kann ich auch aus Resten etwas machen. Wenn ich also dann mal etwas stöbern dürfte, dann kann ich dir zu mindest bei deinem Nahrungsproblem etwas helfen.“

„Tu, was du nicht lassen kannst!“ Er ging wieder in sein Wohnzimmer.

Ich schaute mich in der Küche und im Kühlschrank um: Nudeln waren da, Wurstreste, etwas Frischkäse, ein paar Gurken aus dem Glas, drei Beutel Ketchup einer deutschlandweit tätigen Imbisskette waren im Kühlschrank, Salz und Öl waren auch vorhanden. Ich grinste innerlich. Die Nudeln waren schnell gekocht, auch die passende Soße dazu war einfach hergestellt. Nach etwas mehr als eine Viertelstunde kam ich mit zwei Tellern in das mittlerweile frei geräumte Wohnzimmer. „Du wirst jetzt erst mal etwas essen, dann kannst du dich wieder um deine Pläne kümmern!“ Ich stellte ihm den dampfenden Teller hin. „Guten Appetit!“

„Danke!“ Er nahm die Gabel in die Hand und stocherte in seinem Teller umher. Er probierte, er schmeckte, ließ sich das, was er auf dem Gaumen hatte, wohl munden und grinste mich frech an. „Das schmeckt hervorragend! Und das hast du aus meiner Resten gemacht?“

Ich lachte. „Habe ich! Und wo ist das andere Problem?“

„Da!“ Er deutete auf die Wand, dort Pläne waren festgepinnt. „Probleme auf Deck fünf und sechs.“

Ich ließ meinen Teller stehen und ging an die Wand, betrachtete die Papiere, die dort hingen. Es handelte sich offensichtlich um ein Schiff. „Du arbeitest für die Meyer-Werft?“

„Nein, die arbeiten für uns, bauen ein neues Schiff für meine Firma.“ Er steckte sich die Gabel in den Mund. „Die Soße ist wirklich gut.“

„Danke!“ Ich grinste ihn an. „Aber auch das Problem ist einfach zu lösen!“

Er blickte mich fassungslos an. „Wie meinst du das?“

„Das Tiefkühllager auf Deck Fünf muss näher an die eigentliche Küche und auf Deck Sechs sollten eins der Restaurants nicht in der Mitte der Einkaufspassage sein, sondern hier …“ Ich tippte auf das Papier an der Wand. „… am Ende der Mall, dann kann es von der unteren Küche mitbedient werden!“

Er erhob sich, kam zu mir, legte seine Hand auf meine Schulter. „Was meinst du?“

„Bei dem vegetarischen Restaurant braucht man nur Rohkost, alles andere ist uninteressant. Wo das genau liegt, ist mehr oder minder egal.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber hier, bei dem Bürger-Laden auf Deck sechs! Also entweder gebe ich dem eine eigene Küche, wenn er da bleiben soll, wo er jetzt auf dem Plänen ist, oder ich schiebe ihn eher ans Ende der Passage, dann kann ich ihn auch aus der Küche auf Deck fünf bedienen.“

Jacob schaute mich irritiert an. Er blickte auf die Pläne, dann auf mich, dann wieder auf das Papier. „By George! You got it! Du hast die Lösung unseres Problems! So mir nichts, dir nichts!“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ist einfache Küchen-Ergonomie, mehr nicht! Und jetzt wird erst einmal gegessen, mein Lieber: Ich will ja nicht, dass du vom Fleisch fällst.“

„Ja Mama!“ Er aß weiter, aber ich konnte sehen, dass seine Gedanken bei den Plänen waren. Plötzlich legte er seine Hand auf meine. „Hast du dir mal vorgestellt, auf einem Schiff zu arbeiten?“

„Ich bin Koch, aber auf See? Ich weiß nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern.

Er grinste mich an. „Die Pläne, die du an der Wand siehst, das … das wird mein Schiff werden.“

Panik überfiel mich! Ich zuckte zusammen, mir blieb der Bissen im Hals stecken. Ein Schauer nach dem anderen lief mir den Rücken herunter. Unsere Beziehung würde also spätestens mit dem Stapellauf dieses Kahns enden. Ich war verzweifelt: Mit Jacob hatte ich endlich jemanden gefunden, mit dem ich mich verstand, bei dem ich mich geborgen fühlte, mit dem ich einschlafen und wieder aufwachen wollte, aber … das Ende war also absehbar. Mist! Warum hatte ich nie Glück?
„Dein Schiff?“ Ich schaute ihn fragend an. „Du bist also der Kapitän?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde der Club-Direktor, … man könnte auch Hotelchef sagen.“

„Wenn ich mit dir zusammen bleiben möchte, müsste ich anheuern und für die Passagiere kochen?“

Er blickte mich mit großen Augen an. „Du möchtest mit mir zusammen bleiben?“

„Ja, das möchte ich!“ Ich machte mich ganz klein. „Denn ich … ich habe … verdammt! Ich liebe dich!“

„Darf ich das noch einmal hören?“ Ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht.

Ich war auf 180. „Ich habe mich in dich verliebt! Ich will nicht mehr ohne dich sein und wenn du auf dieses Schiff gehen wirst, dann muss ich ja wohl oder übel mitgehen und in der Kombüse arbeiten, nur um mit dir zusammen sein zu können. Hast du das jetzt verstanden?“

Er lachte. „Habe ich! Aber du wirst nicht in irgendeiner Kombüse arbeiten, mein lieber Jannis!“

Was war das denn? Mochte er mich nicht? War mein Liebesgeständnis für die Katz? „Warum?“

„Du wirst eher Assistent des Küchenleiters, denn… “ Er lachte mich an. „… denn der hat, wie ich, eher geregelte Arbeitszeiten! Ich will meinen Schatz nicht mit den Gästen teilen müssen und das müsste ich, wenn du als einfacher Koch …“

Moment? Was hatte er gerade gesagt? „Äh? Du willst mich?“

„Was denn sonst? Das Gefühl, lieber Jannis, dass du hast, beruht nämlich auf Gegenseitigkeit, auch ich bin in dich verschossen.“ Er griff meine Hand. „Ich liebe dich, du behaarter Grieche! Und jetzt frage ich dich zum ersten und zum letzten Mal: Willst du mit mir auf mein Schiff?“

Seit September steht als Berufsbezeichnung auf meiner Visitenkarte ‚Assistent Food & Beverage Manager‘, ich bin verantwortlich für Einkauf und Personalplanung auf dem Clubschiff. Planung und Gestaltung unserer Kabine übernahm dann doch ich, denn Jacob ist alles, aber kein Innenarchitekt, der ein gemütliches Heim, sei es auch eins auf hoher See, schaffen konnte.

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Information It's what they have inside…
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:53 AM - No Replies

Ich befinde mich in einem warmen licht, ein strahlendes licht.
Ich sehe und sehe doch nicht mit meinen Augen.
Ich fühle, doch fühle nicht mit meinem Körper.
Ich schwebe, doch fühle ich festen Grund unter meinen Füßen.
Ein lächeln ziert meine Lippen und doch bewege ich sie nicht.
Es ist so richtig, mein wesen erfüllt eine tiefe liebe.
Liebe zu mir selbst, liebe zu dem all um mich herum.
Mit Freude schließe ich meine Augen und fühle mein Dasein. Ich werde da sein.
Ja, ich werde da sein.
Da, um zu heilen.
Da, um zu lieben.
Da, um zu helfen.
Mit einem leicht wehmütigen seufzen beginne ich mich selbst zu realisieren, meiner Aufgabe voll bewusst.
Angst spüre ich keine, denn ich weiß, es ist richtig so.
Meine Aufgabe erwartet mich in all ihrem Schmerz und ich werde da sein, um ihn zu heilen.
„Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer. Folgende Unwetterwarnung haben wir soeben erhalten: das Sturmtief wird noch in den nächsten Stunden über Deutschland einbrechen. Die Feuerwehr und Polizei rüsten sich bereits verstärkt auf eingehende Notfälle. Die Kliniken sind über die Notbesetzung hinaus gerüstet. Die Wetterbehörde empfiehlt: Bleiben Sie zu Hause, schließen Sie alle Fenster und Türen. Wenn Sie noch mit dem Auto unterwegs sind, so suchen Sie einen sicheren Platz auf, bleiben Sie nicht länger als unbedingt nötig auf den Straßen.“
Mit einem Anflug von Vorfreude hörte ich die Unwetterwarnung, meinen Beobachtungsplatz schon fertig gerichtet. Auf dem Boden vor den Terrassentüren hatte ich schon Decken und Kissen verteilt, Getränke standen daneben. Ich hatte meinen Eltern versprechen müssen, nur ja nicht nach draußen zu gehen. Nun, das hatte ich auch nicht vor, aber zugucken würde ich natürlich trotzdem.
Seit Tagen schon gehen vermehrt Unwetterwarnungen durch sämtliche Kanäle und Wetterstationen. Weite Teile in Europa hatte das Sturmtief schon verwüstet und eigentlich sollte es an Deutschland vorbeiziehen. Eine plötzliche Wende hatte nun alle mit Schrecken erfüllt. Hatte man doch miterlebt, was der Sturm bisher in den Nachbarländern schon angerichtet hat: Entfesselte Bäume, eingestürzte Häuser und zertrümmerte Autos waren da nur das Geringste, denn es hatte sogar Todesfälle und unzählbare Verletzte gegeben. Der Sturm im Moment auf die Versicherung ist schier abartig. Was denken sich die Leute eigentlich?
Dass auch nur eine Versicherungsgesellschaft im Auge solch einer Katastrophe noch Zusatzversprechen macht??
Nun, mir war das relativ egal. Ich bewohnte alleine eine kleine Wohnung in einem mehrstöckigen Bereich, nahe dem Boden, sprich im Erdgeschoss. Unwahrscheinlich dass hier etwas passieren würde. Wie dem auch sei, ich war gerüstet. Hatte mir eben noch eine Tüte Popcorn auf meinen Platz gelegt, das Radio lag auf dem Ortssender gestimmt daneben.
Ich machte es mir auf den Decken auf dem Bauch liegend bequem und beobachtete den Himmel. Es war erschreckend, wie sich wohl auch die Natur auf die bevorstehende Katastrophe einstellte. Im sonst von Vogelgezwitscher erfüllten Garten hinter dem Haus regte sich nichts. Absolut gar nichts. Es schien, als würden sich sogar die Bäume rüsten. Nichts bewegte sich. Absolute Stille erfüllte die Umgebung. Fast schon beängstigend um die Uhrzeit. Mein Blick wanderte über die Welt, die sich vor meinem Fenster ausbreitete. Eine unheimliche Atmosphäre hatte sich gebildet. Als würde die Zeit stillstehen. Nur die Stimme aus dem Radio erinnerte mich noch daran, wo ich war: Alleine mitten in Deutschland, fernab von meinen Eltern, fernab von meinen Freunden.
Ich lachte bitter bei dem Gedanken… „Freunde“ wiederholte ich verächtlich in meinen Gedanken. Schöne Freunde waren das. Die wenigen, die mir nach meinem Outing geblieben waren, hatten mich gänzlich im Stich gelassen, als ich sie am dringendsten gebraucht hätte. Viele hatten gar nichts von meinem Schmerz mitbekommen. Wie auch? Ich hatte meine Stimme nie erhoben.
Und doch… hätten meine wahren Freunde nicht bemerken müssen, wie sehr ich leide? Hätten sie denn nicht sehen müssen, wie sehr ich mich veränderte? Wie ich langsam zu einem mir unbekannten Mann wurde?
Nichts hatten sie bemerkt, sie hatten es einfach hingenommen, dass ich mich immer mehr zurückgezogen hatte. Hatten es hingenommen, dass ich immer schweigsamer und ängstlicher wurde. Hatten sich nie gefragt, warum ich bei der kleinsten Berührung zusammenzuckte. Und hatten MICH verdammt noch mal nie darauf angesprochen.
Waren dafür nicht Freunde da? Dass sie nicht locker ließen, selbst wenn ich mich verschloss??
Ich spürte den Schmerz tief in mir, bekam Kopfschmerzen und schmerzhafte Krämpfe durchzogen meinen Magen. Nein, nicht jetzt! Ich will nicht mehr darüber nachdenken müssen. Ich will einfach nur alleine sein und leben. Eine einzelne Träne stahl sich über meine Wange, die ich trotzig wegwischte. Was machte es für einen Sinn, darum zu weinen? Es war passiert und ich musste weiterleben. Mit einem Seufzen öffnete ich eine der Weinflaschen neben mir und füllte ein selbstverständlich schon bereitstehendes Weinglas. Ich würde mir den Abend nicht versauen mit meinen wehleidigen jämmerlichen Gedanken.
Ich nahm einen großen Schluck von dem Rotwein… selbstverständlich war es ein süßer Wein. Mit einem Grinsen bemerkte ich meine gedankliche Wortwahl. „Süß“ .. jeder Weinkenner würde mich mit Verachtung strafen, denn einen süßen Wein gab es natürlich nicht. Der war dann lieblich, aber nicht süß. Gott, sofern es denn in der beschissenen Welt da draußen einen gibt, mit welch lächerlichen Problemen beschäftigen sich die Menschen eigentlich? Es ist doch scheissegal, ob ich den Wein als lieblich oder als süß bezeichne. Er schmeckt einfach süß, Punkt, Basta!
Mit einem Kopfschütteln trank ich mein Glas in einem Zug leer und stellte es neben mir ab. Voller Spannung wandte mich wieder dem Geschehen draußen zu. Der Himmel hatte sich bereits verdunkelt, schwere Wolken waren am Himmel zu sehen. Sie zogen fast unnatürlich schnell dahin und es war klar, dass es nun nicht mehr lange dauern würde. Mittlerweile wurden im außerstündlichen Takt Unwetterwarnungen im Radio durchgegeben. Was ich eben noch draußen beobachtet hatte, war wohl die bekannte Ruhe vor dem Sturm.
Nachdem ich ein weiteres Glas Rotwein in einem Zug geleert hatte, drehte ich meine Position und lag nun auf dem Rücken. Mit gestrecktem Nacken konnte ich nun viel bequemer den Himmel betrachten. Und was ich da sah, verschlug mir beinahe den Atem. Ein phantastisches Schauspiel bot sich mir, Die dunklen fast schwarzen Wolken rasten nur so über den ansonsten hellblauen Himmel dahin. Als würden sie angetrieben, als würden sie flüchten. Ohne Pause, immer nach vorne, immer schneller.
So wie ich damals. Wobei ich aber wohl nicht geflüchtet wäre, wäre ich nicht mitten in der Nacht vor die Tür gesetzt worden. Ich weiß noch, wie er mir damals gegenüber saß. Er meinte nur, er langweile sich in unserer Beziehung und es wäre wohl das Beste, wenn ich jetzt gehen würde. Ich saß da und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte gezittert und ihn sprachlos angestarrt. Er hatte ganz ruhig dagesessen, einen großen Schluck aus seiner Bierflasche genommen und mich dann verständnislos angesehen. Kalt hatte er mich gefragt: „Warum sitzt du noch da? Ich sagte doch, du sollst gehen.“
Ich hatte noch immer keine Worte gefunden, da meinte er: „Was ist?! Soll ich dich auch noch raustragen?!“
Ich blieb sitzen und starrte auf meine Hände. Passierte das wirklich? War ich womöglich in einem Alptraum gefangen?
Plötzlich war er laut geworden und beschimpfte mich als faules Drecksstück, begann zu schreien, dass ich ihm nur nutzlos auf der Tasche liegen würde. „Nicht mal zum ficken bist du gut, so wie du ständig rumjammerst!“
Ich war bei diesen Worten vollends in Tränen ausgebrochen, aber er beschimpfte mich weiterhin. Ich sei eine verdammte verweichlichte Schwuchtel. Ein jämmerliches Stück Dreck.
Ich begann zu schluchzen und zitterte am ganzen Körper, hatte mein Gesicht hinter meinen Händen vergraben. Er stand wortlos auf und ging aus dem Raum, in drohendem Ton meinte er noch: „Du weißt ja, wo die Tür ist.“
Aber ich war unfähig, mich zu bewegen. Ich flehte innerlich, bitte lass das einen Traum sein. Hoffte darauf, jeden Moment aus diesem Schock zu erwachen. Nach einer scheinbaren Ewigkeit kam er wieder ins Wohnzimmer, ich hob bittend meinen tränenverschleierten Blick. Er hob nur beide Augenbrauen und fragte in einem gehässigen Ton: „Was ist jetzt?! Willst etwa noch einen Abschlußfick?“. Er lachte über seine eigenen Worte und kam mit schnellen Schritten auf mich zu. Ich wich ängstlich auf der Couch zurück, doch er zerrte mich hoch und von den Möbeln weg. Ich keuchte erschrocken, ahnte ich doch, was mich erwartete.
„Los! Runter!“, befahl er und als ich ihm nicht sofort gehorcht hatte, verpasste er mir eine schallende Ohrfeige. Ich schluchzte noch mehr auf, ein brennender Schmerz durchzog meine linke Gesichtshälfte. Ohne dass ich damit rechnen konnte, schlug er mit der Faust in meinen Magen und ich krümmte mich unter dem Schmerz zu Boden. „Na endlich!“, war sein einziger Kommentar, während er seine Hose öffnete. Mit beiden Händen packte er meinen Kopf und führte ihn an seine ‚Männlichkeit’ heran. Dass ihn das anmachte, war nicht zu übersehen. Mir wurde schwarz vor Augen und ich wäre gänzlich zu Boden gekippt, hätte er mich nicht eisern festgehalten.
„Ach? Die kleine Schwuchtel will nicht?… Dann eben nicht!“ Ich wagte kaum zu hoffen und so wurde meine Hoffnung, dass er von mir ablassen würde, auch nicht enttäuscht. Während er mich mit einer Hand grob festhielt, begann er unmittelbar vor meinem Gesicht, sich selbst zu befriedigen. Es dauerte nur ein paar Minuten. Mit einem gemeinen Lachen spritzte er seine Ladung in mein Gesicht. Bei dem Versuch mich abzuwenden, zog er schmerzhaft an meinen Haaren und hinderte mich daran. Ich kniff beide Augen zusammen und spürte die warme ekelerregende Flüssigkeit wie sie meine Stirn traf und sich fließend über meine Wangen einen Weg nach unten bahnte.
Beinahe liebevoll tätschelte er mein Gesicht, verrieb seinen Saft über mein ganzes Gesicht. In einem sanften Ton meinte er: „Und jetzt verschwinde! Ich will bis Samstag nichts mehr von dir in meiner Wohnung sehen.“
Eine Hand am Hosenbund haltend, zog er mit der anderen Hand provozierend den Reißverschluss nach oben, bedachte mich noch mit einem mitleidigen Blick und wandte sich zur Tür. An der Wohnungstür angelangt hielt er inne und drohte: „Ich bin in einer Stunde zurück, solltest du dann noch hier sein, erlebst du die Fortsetzung.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er nach draußen und als ich vor dem geöffneten Fenster seinen Wagen wegfahren hörte, brach ich vollends zusammen. Ein Heulkrampf nach dem anderen schüttelte meinen ohnehin schon geschwächten Körper.
Ein klapperndes Rütteln am Fenster ließ mich in die Gegenwart zurückfinden. Erschrocken stellte ich fest, dass ich wohl fast zehn Minuten total in meinen Erinnerungen versunken gewesen war. Der Sturm schien nahe zu sein, denn seine Arme begannen bereits, nach der Umgebung zu greifen. Die Bäume rundherum wiegten sich noch sanft in dem langsam ansteigenden Luftstrom. Das Klappern stammte von der Jalousie, die ich vergessen hatte ganz hochzuziehen. Mit Schwung stand ich auf und musste mich erstmal einem leichten Schwindel erwehren. Es war wohl nicht ganz ohne den Wein so schnell runterzukippen. Nachdem ich die Jalousie nun ganz an ihren Tagesplatz befördert hatte, legte ich mich wieder, diesmal auf dem Bauch, auf meine Beobachtungsstätte.
In einem atemberaubenden Schauspiel begann der Sturm, die Herrschaft über die Natur und über die Menschen an sich zu reißen. Wie passend, dachte ich so für mich, während ich ein weiteres Glas Wein nachschenkte. Der Herr, wie sein Name übersetzt lautet, reißt die Herrschaft an sich. Ich musste kichern bei dem Gedanken. Oh oh… ich vertrage wohl doch weniger Alkohol, als ich angenommen hatte. Aber das macht mir nichts aus, denn es gibt keinen mehr in meinem Leben, der sich darüber lustig machen könnte.
So wie er es immer getan hatte. In meinem Kopf hallten seine Worte: „Du bist ne richtig verweichlichte Schwuchtel.“ Das waren seine Worte. Dabei war es immer Absicht, dass ich mich so betrank. Im Nebel des Alkohols nahm ich seine Demütigungen nicht mehr ganz so sehr wahr. Zumindest auf die körperlichen Erniedrigungen bezogen. Es stimmt schon irgendwie, man muss nur viel genug trinken, dann wird der Körper irgendwann fast wie taub. Alkohol vernebelt die Sinne, das kann ich nur bestätigen.
Aber heute trinke ich nicht, um mir einen anzusaufen. Zumindest hatte ich das nicht geplant. Ich wollte einfach nur meinen Lieblingswein zu diesem großartigen Schauspiel genießen.
Großartig, ja, das war es wirklich. Am Himmel spiegelten sich alle möglichen Farben… orange zu rosa das am Horizont zu einem fast grellen rot wurde. Dahinter .. noch kaum sichtbar .. konnte man eine tiefschwarze Wolkenfront erkennen. Es hat begonnen.
Fasziniert beobachtete ich die Front, die mit unglaublicher Geschwindigkeit näher heranrückte. Aus den Nachrichten wusste ich, dass der Orkan mit mehr als 160km pro Stunde daher raste. So ein Ereignis sah man nicht alle Tage.
Das wussten auch verschiedene Einrichtungen, beispielsweise die Deutsche Bahn, die zum ersten Mal seit ihrem Bestehen sämtlichen Bahnverkehr eingestellt hatte. Verschiedene Brücken wurden bereits vor Stunden präventiv gesperrt.
Obwohl der Orkan noch vermeintlich weit entfernt war, begann sich eine Unruhe in der Umgebung zu entwickeln. Hier flog eine Fontäne an Blättern vorbei, die fast lustig in der Luft tanzte. Dort bogen sich schon die ersten Bäume. Nach nicht einmal zwanzig Minuten tobte der Sturm bereits über ‚meinem’ Ort, es war phantastisch!
Für meine Vorfreude auf den Orkan hatte ich schon einige böse Blicke geerntet. Wusste doch jeder, wie viel Schaden durch ihn schon entstanden war. Ganze Waldabschnitte wurden einfach so nieder gemäht. Die Bäume entwurzelt und kaum mehr als eine öde Landschaft hinterlassend.
Aber was wussten die anderen schon? Die hatte es jahrelang nicht geschert, womit ich mich beschäftigte. Womit ich mich beschäftigen musste.
Ich liebte einfach diese Naturgewalten, die die ‚Windhose’, wie es in Deutschland ganz brav und brav lächerlich genannt wurde, entfesseln konnte. Es war so beruhigend, dass die Welt, unsere Welt, durchaus in der Lage war, sich zu wehren.
Es war überwältigend miterleben zu können, mit welcher Geschwindigkeit, mit welcher Macht ‚Wind’ auftreten konnte.
Nach nunmehr zwei weiteren Gläsern und mittlerweile der ersten leeren Flasche Wein kehrte Ruhe ein. Suchend ließ ich meinen Blick über die weiten des Himmels über mir wandern. Ich wusste, das war noch nicht alles.
Über mir erstreckte sich nun ein klarer Sternenhimmel, doch außenrum war alles schwarz. Kein einziger Lichtpunkt war am Firmament zu erkennen. Die ruhende Kraft, die Mitte des Orkans. Entgegen meines Versprechens gegenüber meinen Eltern wagte ich mich nun doch nach draußen. Mit Mütze und einer warmen Jacke ausgerüstet blieb ich einfach nur am Straßenrand stehen. Genoss die erfrischende Luft, genoss die Stille, die sich über die Welt gelegt hatte. Ich stand einfach nur da, mit leichtem Schwindelgefühl und hatte die Augen geschlossen, das Gesicht gen Himmel gewandt.
Ach wie schön wäre es, würde doch in meinen Gedanken solch eine Ruhe einkehren. Könnte ich doch auch diesen kurzen Frieden genießen.
Doch ich lebte in ständiger Angst. Angst, mein Ex könnte mich aufspüren. Angst davor, was er dann mit mir anstellen würde.
Zwar hatte er mich damals einfach vor die Tür gesetzt, doch dass ich tatsächlich gehen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Ich weiß noch, wie er zwei Wochen nach unserem letzten Treffen bei meinen Eltern angerufen hatte. Vorgeweint hatte er meinem Vater, wie schrecklich leid ihm sein Verhalten tue. Dabei wussten meine Eltern rein gar nichts über sein Verhalten mir gegenüber. Meine Vermutung war von Anfang an, dass er Angst bekommen hatte, ich würde zur Polizei gehen, nun, da ich nicht mehr unter seinem Einfluss stand.
Aber den Gedanken hatte ich ohnehin nie gehabt. Was hätte ich denen denn erzählen sollen? Dass mich mein eigener Freund über Monate hinweg vergewaltigt hatte? Dass ich mich nie gegen ihn gewehrt hatte?? Das stimmte zwar nicht ganz, denn ich hatte mich gewehrt. Aber die Tatsache, dass er um einiges größer und auch stärker als ich war, hatte jedes Erwehren aussichtslos werden lassen. Mit jedem Mal, da ich es versucht hatte, wurde er nur noch brutaler. Ja, was in Gottes Namen hätte ich dem Freund und Helfer erzählen sollen? Ich hatte ja nicht einmal echte Beweise… jede körperliche Wunde, egal wie schlimm, heilt irgendwann.
Gequält seufzend atmete ich die für Januar überraschend warme Luft ein. Es würde bald wieder losgehen, das spürte ich. Die ersten Blattrosen begannen sich in der Luft umher zu wirbeln. Auch spürte ich vermehrt einen kühlen Luftzug. Ja. Es würde weitergehen. Ich blieb dennoch noch eine Weile draußen stehen und genoss es, wie der Wind schon bald durch meine Kleider fuhr. Einmal brach ein so heftiger Windstoss herein, dass der mich fast umgerissen hätte. Ich blickte mich suchend um, kein Mensch war auf der Straße. Keiner außer mir. Die Rollläden waren allesamt verschlossen. Ich überlegte nicht lange, begann einfach drauflos zu marschieren.
Ich wohnte eigentlich in einem sehr ruhigen Wohngebiet. Na ja, was man halt unter ‚ruhig’ versteht. Die gesamte Siedlung war eine verkehrsberuhigte Zone. Die Straße am Haus vorbeiführend stand unter Schrittgeschwindigkeitszwang und die Straße, die danach zur Hauptstraße führte war immerhin an Zone 30 angepasst. Insofern war es eine ruhige Gegend. Jedoch aufgrund anderer Umstände, nämlich derer, dass das gesamte Wohngebiet von Familien besiedelt wurde, sorgte für die ‚notwendige’ Lautstärke. Vielleicht sollte noch hinzugefügt werden, dass es sich überwiegend um junge Familien handelte. Nicht dass die Eltern im größten Anteil sonderlich jung gewesen wären, nein, die Kinder waren jung. Und junge Kinder machen Lärm. Viel Lärm. Aber wie ich schon zu der Zeit mit meinem Ex erkannte: man gewöhnt sich an nahezu alles.
Völlig in meiner Gedankenwelt versunken schlug ich einen mir allzu bekannten Weg ein. Er führte mich über mehrere größere Felder, auf denen zur Saison Zuckerrüben angebaut wurden, jetzt aber natürlich brach lagen. Ich kam an einem kleineren Waldstück vorbei und stand irgendwann auf einer Brücke. Die Brücke, die über die Autobahn in Richtung Norden führte. Dort stand ich eine Weile und hing meinen Gedanken nach. Der Wind zerrte regelrecht an mir und ich musste mich an der Brückenbegrenzung festhalten, damit ich nicht stürzte. Hin und wieder flogen kleine und auch größere Dinge an mir vorbei, Teils Blätter, teils Papier, das der Orkan wohl einigen Papiertonnen entrissen hatte. Einmal flog sogar ein etwas größerer Ast an mir vorbei, den ich aber nur aus den Augenwinkeln vorüberziehen sah.
Ich schwelgte wieder in Erinnerungen, dachte daran, wie einfach mein Leben früher gewesen war. Vor ihm. Wie frei ich damals gewesen war.
Und jetzt? Immer wieder kamen bruchstückhafte Erinnerungen hoch. Erinnerungen, wie ich ihn kennengelernt hatte. Erinnerungen, wie ich mich anfangs heftig gegen ihn gesträubt hatte. Und daran, wie er ein halbes Jahr lang um mich gekämpft hatte. Um mich .. seiner einzig wahren großen Liebe.
Ich hörte ein bitteres Lachen, das aus meinem eigenen Mund erklang.
„Seine einzig wahre große Liebe“ wiederholte ich in Gedanken. Ohne mich wäre sein Leben sinnlos. Er hätte sich in mich verliebt und er hätte noch nie so starke Gefühle gegenüber einem anderen Mann gehabt. Und ich Idiot hatte ein halbes Jahr später nachgegeben. Ich war dem naiven Gedanken erlegen, wenn er so lange um mich kämpft, dann musste doch was dran sein?
Ich hatte mich einfach nach Zweisamkeit gesehnt. Nach einem Mann, der mich abends daheim erwarten würde. Einfach nach einem Menschen, dem ich meine Zuneigung schenken durfte.
Doch schon bald stellte es sich als eine unverzeihliche Fehlentscheidung heraus. Ich konnte mir im Nachhinein nie erklären, wie er es geschafft hatte, mich so in der Hand zu haben. Ich hatte unter der Beziehung grausamst gelitten. Doch anstatt mir selbst zu helfen oder wenigstens Hilfe von außen zu suchen, hatte ich mich zurückgezogen. Hatte mich mehr und mehr in meine eigene Welt abgekapselt. Hatte den Kontakt nach außen vollständig abgebrochen. Ich hatte mich selbst für ihn aufgegeben, hatte nach seiner Pfeife getanzt. War für ihn immer verfügbar gewesen.
Irgendwann kam der Gedanke auf, allem ein Ende zu setzen. Nicht der Beziehung, nein. Denn dazu hätte mir die Kraft gefehlt. Ich wollte allem, meinem Leben ein Ende setzen. Doch selbst dazu war ich zu feige. Das hatte er mir auch immer wieder bestätigt. Ich weiß noch, als er das erste Mal die frischen Wunden an meinem Handgelenk entdeckt hatte. Anstatt mich in den Arm zu nehmen, mich zu trösten, hatte er mich ausgelacht. Ob ich denn zu dumm sei, um einen richtigen Schnitt hinzubekommen. Wobei, nein, das war gar nicht seine erste Reaktion. Er hatte mich zornig gefragt, was dieser Scheiß zu bedeuten hätte. „Wenn du glaubst, dass du mir total vernarbt noch ins Bett kommst, dann kannst dir wirklich gleich jetzt die Pulsadern aufschlitzen!“ Erschrocken über solch eine harte Reaktion brach ich in Tränen aus.
Er hatte mich gepackt und in die Küche gezerrt, dort nahm er eins der größeren Messer aus dem Schubfach heraus. Er hatte getobt und geschrien: „Wenn du zu blöd dafür bist, soll ich das für dich übernehmen?!“ Er hatte an meinem ohnehin verletzten Handgelenk gezerrt und hielt mir das scharfe Messer direkt über die Pulsadern. Ich hatte Todesangst und endlich, als er mit dem Messer auf die dünne Haut über den Adern drückte, fing ich an zu schreien. Ich wollte mich von ihm losreißen, was natürlich aussichtslos war. Er hatte mich sofort wieder gepackt, riss mich grob an den Schultern herum und presste sich an meinen Rücken. Seine eiserne Umarmung machte es mir unmöglich, mich zu bewegen und wieder brach ich in Tränen aus. Von hinten hielt er meinen verletzten Arm und drückte das Messer wieder auf meine Pulsadern.
„Na?! Willst du, dass ich dir ein Ende setze?!“, hatte er geschrien und als ich nicht fähig war, zu sprechen, schüttelte ich nur schluchzend den Kopf. In gefährlich leisem Ton sprach er dann: „Jetzt hör mir mal gut zu, wenn du nicht willst, dass ich deine jämmerlichen Versuche zu Ende führe, dann lass den Scheiß in Zukunft. Ich hab nämlich keinen Bock, einen entstellten Kerl zu ficken. Ist das klar?“
Als ich nicht reagierte, fragte er noch einmal drohend: „Ob die Sache klar ist, hab ich gefragt!“ Ich beeilte mich heftig zu nicken und erst da ließ er mich los, legte betont ruhig das Messer auf die Ablagefläche der Küche und meinte dann: „Vielleicht solltest du dich jetzt endlich ums Essen kümmern. Ich habe Hunger.“ Damit verschwand er aus der Küche und ich hörte, wie im Wohnzimmer der Fernseher anging. Gänzlich unter einem Schockzustand begann ich zu kochen.
Während ich so auf der Brücke stand, schüttelte ich angeekelt den Kopf. Angeekelt von meiner Feigheit. Angeekelt von den dingen, die ich mit mir hab machen lassen. Ich schüttelte den Kopf … angeekelt vor mir selbst.
Der Wind hatte innerhalb der letzten Minuten stark zugenommen und ich hatte mittlerweile Mühe, mich an dem Brückengeländer festzuhalten. Der Schwindel vom Alkohol machte es mir nicht unbedingt leichter.
Auf der Autobahn herrschte trotz des Orkans reger Betrieb, aber von weitem konnte ich bereits die ersten Sirenen hören. Feuerwehr vermutlich.
Ich schloss meine Augen und gab mich gänzlich dem herrlichen Gefühl hin, das mir Stürme schon immer vermittelt hatten. Macht und alles überwindend. Das war es, was mir an Stürmen und sogar an diesem Orkan solche Freude bereitete: Er konnte alles erreichen, kein Winkel auf dieser Welt blieb ihm verborgen. Er konnte Linderung an einem heißen Tag verschaffen, konnte aber auch Zerstörung und Untergang bedeuten.
Ich bekam Sehnsucht. Auch ich wollte einfach nur sein. Einfach nur aus einer Situation heraus handeln.
Tief sog ich die nun doch deutlich kühlere Luft ein und lächelte.
Ach wie schön es doch nur wäre, einfach nur sein zu können. Ohne Rechenschaft sich selbst gegenüber ablegen zu müssen. Ohne an den nächsten Schritt denken zu müssen. Einfach nur zu sein.
In mir keimte ein schier unüberwindbarer Drang. Der Wunsch mit ihm zu gehen. Mich von dem Orkan treiben zu lassen. Mich von ihm aufnehmen zu lassen, in seinem gedankenlosen, ohne von Reue vergiftetem Dasein treiben zu lassen.
Ohne noch einen einzigen Gedanken zu verschwenden kletterte ich über die Brüstung. Schon alleine das bereitete mir eine große Mühe, der ich beinah nicht gewachsen war. Der Wind zerrte an mir, ließ mich immer wieder schwanken.
Doch nicht so. Nein, ICH wollte entscheiden.
Endlich hatte ich es geschafft, auf die andere Seite des Geländers zu gelangen und blieb dort einige Zeit ruhig stehen. Meine Arme hatte ich nach hinten um das Geländer geschlungen, denn ICH wollte es entscheiden.
Ich fühlte mich frei, mächtig … allem widerstehend. Ein letztes Mal schloss ich meine Augen. Mein Griff um das Geländer herum lockerte sich und ich lehnte mich Stück für Stück weiter vor.
In dem Moment, als ich endgültig losließ, schien die Zeit stillzustehen. Selbst der Orkan hatte aufgehört zu wüten. Stille umgab mich, Ruhe erfüllte mich.
Verwirrt öffnete ich meine Augen. Um mich herum war ein Nebel, ich schwebte. Schwebte über dem Geschehen.
Ich sah mich selbst, wie ich auf der Brücke stand, darunter die viel befahrene Autobahn. Verängstigt wollte ich schreien, doch kein Laut entwich meinen Lippen. Panisch begann ich mich im Kreis zu drehen, nach einem Ausweg suchend.
In dem Moment verdichtete sich der Nebel. Mit einem Ruck drehte ich mich zu der Brücke um, doch ich konnte nichts mehr erkennen. Die Farben um mich herum begannen sich zu verändern, erst nur ein leichter Schimmer, doch schon nach wenigen Augenblicken war ich gänzlich von einem purpurnem und goldenem Licht umgeben, zu meinen Füßen färbte sich der Nebel rubinrot. Ich hatte noch immer Angst, wusste nicht, was mit mir geschah. War es das? Ist es so, wenn man stirbt?
Aber das konnte doch nicht sein, ich hatte mich eben noch selbst auf der Brücke stehend gesehen.
Plötzlich hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach. Eine Stimme, so sanft wie ich noch nie zuvor eine vernommen hatte. Sie sprach: „Mensch, der du bist, fürchte dich nicht.“
Es waren nur wenige Worte, nur leise gesprochen, doch sie lösten schlagartig eine nie gekannte Wärme in mir aus.
Ich wurde vollkommen ruhig und die Angst in mir schwächte komplett ab. War nicht mehr vorhanden. Einfach nicht mehr vorhanden.
Langsam drehte ich mich um und sah ihn. Er lächelte mich so voller Liebe an. Vor plötzlicher Scham brach ich sofort in Tränen aus. Ich versteckte mein Gesicht hinter meinen Händen, wollte nicht, dass mich dieses wundervolle Wesen so jämmerlich, wie ich war, sah.
Doch kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, fühlte ich eine zarte Berührung an meinen Händen. Sie ließ mich beide Hände herabsenken. Ich nahm wahr, dass ich diese Berührung nicht gespürt hatte, denn das Wesen stand noch immer in einem Abstand zu mir, aus dem es mich nicht hätte berühren können. Ich fühlte nur die zarte Kraft, die mich sacht lenkte.
Das Wesen sah mich lange an und sprach dann leise, aber dennoch so klar: „Weine nicht, mein kleiner Mensch. Du bist nicht anders als ich.“
Ich verstand nicht, was es damit meinte und war verwirrt darüber. Denn trotzdem fühlte ich, dass es die Wahrheit sprach.
Ich besah mir die Gestalt schüchtern näher, sie war von einem unbestimmten Schimmer umgeben. Das Gewand, lang und wallend, erschien in einem rubinroten Licht. Ich konnte keine Einzelheiten erkennen und doch sah ich es ganz klar vor mir. Sein Gesicht war so wunderschön. So unglaublich schön.
Die Haare, deren Farbe ich nicht bestimmen konnte, fielen sanft bis über die Schultern hinab. Und die Augen, sie wirkten so vertraut, so sanft und so voller Liebe.
Das Wesen sprach erneut zu mir: „Bist du dir darüber im Klaren, was du im Begriff bist zu tun?“ Es war kein Vorwurf in dieser Frage und doch brach ich erneut in Tränen aus. Ich schämte mich zutiefst vor dieser so liebevollen Gestalt. Und diesmal spürte ich eine Berührung, ich fühlte sie nicht nur. Das Wesen berührte mich tatsächlich. Sanft hatte es seine Hände auf meine Schultern gelegt, doch ich wagte aus Scham nicht, dieses göttliche Wesen anzublicken. Es streichelte leicht wie mit einer Feder über meine Wange, streichelte meine Tränen hinfort. Wärme breitete sich in mir aus. Tiefe Liebe durchflutete mich. Das Wesen lächelte weise und sprach: „Ich sehe, es beginnt dir bewusst zu werden.“
Und weiter sprach es: „Ich bin nicht zu dir gekommen, um dich davon abzubringen. Aber ich schenke dir die Möglichkeit, deine Entscheidung zu überdenken.“
Lange, eine Ewigkeit, standen wir so da. Das Wesen hatte noch immer eine Hand auf meiner Schulter liegen, mit der anderen streichelte es fortwährend mein Gesicht.
Ich verlor mich gänzlich in diesen wunderbaren, weisen Augen, die mich ohne Vorwurf und ohne ein Urteil über mich fällend sanft anblickten. Tiefer Frieden erreichte mein Innerstes, eine Ruhe, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Das Wesen sprach erneut: „Du hast dich entschieden und ich schenke dir die Weisheit über deine Aufgabe.“
Ich lächelte von Glück erfüllt und nickte leicht.
„Du, mein kleiner Mensch, der du mir ebenbürtig bist, wirst mich nie vergessen.“
Ich stimmte wortlos zu und wieder stahl sich eine Träne auf meine Wange. Doch diesmal weinte ich nicht vor Scham. Nein, ich weinte aus purem Glück. Ich weinte, weil ich es verstanden hatte. Ich weinte, weil ich diese tiefe Liebe, die das Wesen ausstrahlte, in mir selbst fühlen konnte. Ich weinte, weil ich durch und durch inneren Frieden gefunden hatte.
Das Wesen näherte sich meinem Gesicht, es sprach leise: „So sei dir immer meiner Worte bewusst. Sei dir alle Zeit bewusst, wer du bist. Sei dir deiner Aufgabe bewusst.“
Ich lächelte von tiefem Vertrauen erfüllt und nickte.
Das Wesen lächelte nun auch mich an, es senkte seinen Kopf und legte seine Lippen auf die meinen. In tiefer wahrer Liebe schloss ich meine Augen und erwiderte den leichten Kuss. Für einen Moment wurden wir eins. Ich fühlte, wie mich eine grenzenlose Energie durchflutete und ließ mich mitreißen in diesem wundervollen Fluss.
Ein lautes Krachen ließ mich hochschrecken. Verwirrt blickte ich um mich. Ich lag auf meinen Decken, lag zu Hause auf meinem Beobachtungsplatz. Erschrocken suchte ich nach dem Grund für den lauten Knall, der mich geweckt hatte. Draußen, direkt vor mir, konnte ich durch die Glastür einen Ast erkennen. Er musste durch die Wucht des Orkans gegen das Glas geschleudert worden sein. Als ich die kleine Lampe neben mir einschaltete, entdeckte ich auf meinem Kissen eine Feder. Eine Feder von weißer Farbe, die ganz leicht, kaum sichtbar, in ein rubinrot überging.
Ich lächelte. In Gedanken sprach ich: „Ich habe dich nicht vergessen.“
Wie als Antwort hörte ich eine sanfte, engelhafte Stimme in mir, die sprach: „Ich brachte dir Ruhe, Gelassenheit, Liebe und inneren Frieden. Trage dies an andere Menschen weiter.“
Ich lächelte glücklich und nickte: „Ja! ich bin mir meiner Selbst bewusst. Ich bin frei.“
Von Liebe erfüllt erhob ich mich und zog meine noch nassen Schuhe aus, legte mich wieder nieder und nahm die Feder an mich.
„Niemals werde ich es vergessen.“

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