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Information Hot Christmas
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:49 AM - No Replies

„The fire is slowly dying,
And, my dear, we’re still good-bying,
But as long as you love me so,
Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow!“
(‚Let it snow‘, by Sammy Cahn und Jule Styne, 1945)
„Ja liebe Zuhörer, das war der Klassiker von Frank Sinatra. Und es hat absolut nichts mit dem folgenden Quiz zu tun.“
Meine Hand tastete nach dem Wecker.
„Heute beginnt ‚Hot Christmas‘. Wir haben zwei Reisen für je zwei Personen zum karibischen Inselparadies Cu…“
Knack, meine Hand klatschte auf den Wecker. Bei dem Lied zuvor musste ich unweigerlich an einen nervigen Handyspot mit meckernden Tassen denken und murmelte spontan „du kannst mich gaaaaanz viel mal am Arsch lecken.“
Trotz der miesen Stimmung musste ich kichern. Der letzte Arbeitstag vor meinem Weihnachtsurlaub hatte begonnen. Oder sollte ich ‚Zwangsurlaub‘ sagen? Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte ich lieber durchgearbeitet. Aber mein Chef hatte ‚Betriebsferien‘ verkündet, daher auch meine Endzeitstimmung.
Weihnachten… das versprach Singlefrust pur zu werden. Mit Familie war dieses Jahr nicht viel anzufangen. Mein Vater starb schon vor fast neun Jahren an einem Herzinfarkt, meine Mutter war zu Besuch bei meinem Bruder, welcher für seine Firma eine Niederlassung in China aus dem Boden stampfte. Seit Monaten redeten die beiden auf mich ein, dass ich sie doch besuchen solle. Aber ich konnte mich nicht überwinden. Vielleicht auch deshalb, weil in diesem Landstrich Chinas das Weihnachtsfest sehr christlich-traditionell gefeiert wurde.
Eigentlich ärgerte ich mich über die Widersprüchlichkeit meiner Gedanken. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen meine Familie zu besuchen und familiäre Geborgenheit zu bekommen. Aber es wäre nicht mehr als eine Flucht vor meinen eigentlichen Wünschen gewesen. Wie gesagt, so sentimental wurde ich immer erst gegen Ende Dezember.
Also würde es wohl wie in den letzten Jahren ablaufen:
Cindy, meine beste Freundin, hatte auch schon Pläne gemacht, zusammen mit ein paar anderen Freunden. Im Klartext bedeutete das: wir nisteten uns in einem exklusiven Club ein und soffen bis in die Morgenstunden. Auf den folgenden Kater hatte ich schon jetzt keine Lust.

Aber vielleicht, damit ihr mal ein Bild von mir bekommt, sollte ich mich kurz vorstellen.
Mein Name ist Phillip von Leppenberg. Das ‚von‘ hat allerdings keine Bedeutung.
Vor wenigen Monaten wurde ich stolzer Besitzer einer Neun nach der Zwei. Man könnte auch sagen, dass ich mich schnell auf die Dreißig zu bewegte.
Ich arbeite seit meiner Ausbildung als Speditionskaufmann in einer erfolgreichen privaten Spedition. Später habe ich dann meinen Betriebswirt nachgeholt. Mit weiteren Details werde ich keinen hier langweilen, aber sagen wir es mal so, ich bin gut im Job und mir geht es finanziell ganz gut. Das liegt vermutlich auch an meiner, relativ, sparsamen Lebensweise.
Falls ihr euch noch mit Äußerlichkeiten aufhalten wollt: ich bin durchschnittliche 184 cm hoch, mein Idealgewicht habe ich mit zwei überflüssigen Kilos leicht überschritten. Doch das ist durchaus noch schlank, zumindest lappt nichts über den Hosenbund. Ich bin eben ein stinknormaler Typ. Meine Augen sind braun, so wie meine Haare, seit Jahren in pflegeleichter Kürze.
Vielleicht noch ein Wort zu meinen, völlig belanglosen, Vorlieben: die holde Weiblichkeit dürfen andere behalten.
Stichwort Singlefrust, ich bin solo.

Ich schob die Partygedanken beiseite und mich aus dem Bett in die Dusche. Die Sauferei ging mir gerade nur schwer aus dem Kopf und mächtig auf den Sack. Die ganze Clique trank mir in letzter Zeit einfach zu viel. Immer wieder gab es einen neuen Grund. Viel lieber hätte ich mal wieder nen geilen Kerl im Bett.
Noch so ein Punkt an mir, wegen dem Singlefrust. Frustriert war ich nur zu wenigen Gelegenheiten, an Beziehungen war ich, in der Regel, nicht interessiert. Mein Intimleben war ausreichend abwechslungsreich. Aber Weihnachten, das war eben eine dieser wenigen Gelegenheiten. Cindy fand auch, ich solle mal langsam monogam und sesshaft werden. Ich wäre ja immerhin fast Dreißig, da solle man an Stabilität denken. Ausgerechnet Cindy…. Okay, ich war bestimmt kein Heiliger, aber Cindys Verschleiß an Kerlen nahm teilweise schon nymphomane Züge an.
In die Quere kamen wir uns jedoch nie. Sie stand mehr auf jüngeres Gemüse, mit mächtig was in der Hose, aber im Kopf durfte dann ruhig mal etwas weniger sein.
Ich, auf der anderen Seite, wollte mit meinen Liebhabern, in der Regel, auch halbwegs vernünftige Gespräche führen können. ‚Intelligenzbolzen‘, die als besten Anmachspruch „Ficken?“ beherrschten, die waren bei mir meistens falsch. Zu einigen verflossenen ‚Liebschaften‘ hielt ich einen, mehr oder weniger, engeren Kontakt. Auch körperlich.
Ich drehte das Wasser ab und wickelte mich in ein Handtuch. Nach der üblichen Rasur und der wichtigen Mundhygiene heizte ich meine Kaffeemaschine an. In der Zwischenzeit tauschte ich das Handtuch gegen eine bequeme Jeans und einen weichen Pullover. Wir hatten, von Kundenterminen mal abgesehen, keinen besonderen Dresscode in der Firma.
Nach zwei Tassen Kaffee und einer Schüssel Corn Flakes griff ich meinen Autoschlüssel und die Aktentasche. Mit dem Fahrstuhl ging es dann in die Tiefgarage, wo mein nagelneuer Carrera geduldig wartete. Für die Anzahlung hatte ich ein kleines Vermögen zusammengespart. Auch die monatlichen Raten waren nicht ohne, aber bezahlbar. Ich erwähnte es ja bereits: relativ sparsam.
Vom satten Motorengeräusch begleitet verließ ich die Garage und fädelte mich in den Verkehr aus der Frankfurter City heraus in Richtung Flughafen ein.
Um das Gedankenkarussell zu beruhigen, schaltete ich mein Radio ein.
„Wir gratulieren nochmals dem Marco Penzlau zu seinem Gewinn. Heute Mittag verlosen wir dann die zweite und letzte Reise für drei Tage nach Curaçao, Weihnachten am Strand unter Palmen. Musikwissen ist gefragt, also Leute, strengt euch an. Und jetzt geht es weiter im Programm, drei Hits am Stück. Gleich nach der Werbung.“
Ich schaltete auf den CD-Wechsler um und ließ mich mit Songs von Queen berieseln.
Nach knapp zwanzig Minuten Stadtverkehr lenkte ich meinen Wagen auf meinen Firmenparkplatz und betrat das Gebäude.
„Guten Morgen, Louise!“, begrüßte ich unsere Empfangsdame.
„Hallo Phillip. Na, schlecht geschlafen?“
„Na es geht. Wieso?“
„Du siehst etwas übernächtigt aus.“
„Du weißt ja, Urlaub steht an, da schlaf ich immer schlecht“, grinste ich sie an.
„Ja, Du wieder. Sag mal, hast Du das von Gabi gehört?“
Ich stutzte. Gabi war unsere Fachfrau für Konsulate, wichtig, wenn jemand besonderes Frachtgut persönlich begleiten und den Transport überwachen musste.
„Ist ihr was passiert?“
„Du bekommst ja auch überhaupt nichts mit. Ihr Bruder hat heute ein Weihnachtsfest in der Karibik gewonnen, sie wird ihn begleiten.“
Gabi Metten, geborene Penzlau, es fiel mir wie Schuppen von den Augen.
„Doch, gerade kam es im Radio. Ich hab mich nur zu sehr an ihren neuen Namen gewöhnt. Also lässt sie ihren Mann alleine daheim?“
Louise schaute plötzlich so merkwürdig. „Die haben sich vor vier Monaten getrennt. Du bekommst wirklich nichts mit, oder?“
Beziehungen. Wieder ein Beispiel dafür, warum man darauf verzichten konnte. Natürlich wusste ich davon nichts und Gabi hätte auch einen Teufel getan und es mir erzählt. Sie kannte meine Einstellung dazu.
„Das muss mir entgangen sein. Hast Du Post für mich?“ Ich wechselte lieber das Thema.
„Auf Deinem Schreibtisch.“ Sie beendete lieber das Gespräch und wandte sich ihrer Arbeit zu.
Auf dem Weg zu meinem Büro lief mir auch prompt mein Chef über den Weg.
„Hallo Phillip, wie geht es Ihnen heute?“ War hier heute eine Verschwörung im Gange?
„Hallo Friedrich, mir geht es immer gut, wenn ich Sie sehe“, lächelte ich ihm entgegen.
„Sie Schmeichler. Ich wollte Sie eigentlich nur kurz fragen, wie Sie Ihren Urlaub nehmen möchten.“
„Wozu die Frage? Wir haben doch Betriebsferien.“
„Das ist richtig. Aber Sie haben noch neunzehn Tage Resturlaub, mein Lieber. Urlaub ist da, um genommen zu werden.“ Ich hatte sowas schon befürchtet. Seit drei Jahren drohte er schon damit, jetzt wollte er wohl ernst machen.
„Hab ich keine andere Wahl?“
„Mindestens fünfzehn Tage sollten Sie bis Ende Januar nehmen. Den Rest bis Ende März.“ Auch das noch und jetzt kamen die ganzen Feiertage.
„Friedrich, das ist heftig.“
„Ich meine es nur gut mit Ihnen.“
„Wie viel Zeit habe ich für die Planung?“
„Sie können mich jederzeit anrufen, auch zwischen den Feiertagen. Sie sagen mir wann und ich gebe das okay.“ ‚Fair enough‘, wie der Engländer zu sagen pflegt.
„Ich gebe mich geschlagen. Okay, fünfzehn Tage im Januar.“
„Phillip, Sie sind mir ein Rätsel. Man könnte fast meinen, Urlaub wäre eine Strafe für Sie.“ Wie Recht er doch hatte.
Er klopfte mir väterlich auf die Schulter und wir gingen unserer Wege. In meinem Büro lag erschreckend wenig Arbeit herum. Der kleine Aktenhaufen war recht schnell abgearbeitet und ich gab die fertigen Papiere zur Buchhaltung. Zurück im Büro wurde ich schon von Cindy erwartet, die gleich auf mich zusprang, mich stürmisch umarmte und mir zwei Küsschen auf die Wangen gab.
„Was machst Du denn hier?“
Cindy schaute mich beleidigt an. „Wir waren zum Mittag verabredet. Jetzt ist Mittag.“
„Oh, sorry, das habe ich irgendwie vergessen. Na gut, wir können eigentlich los.“
„Wunderbar. Wir nehmen mein Auto, Deins ist mir zu protzig.“ Cindy grinste mich schief an. Sie konnte meinen Wagen wirklich nicht leiden.
„Wie Sie wünschen, meine Herrin!“ Ich setzte zu einer tiefen Verbeugung an und Cindy lachte wieder.
„Sie sind wirklich unmöglich, Herr von Leppenberg.“
Draußen quetschte ich mich dann in die Beifahrerkapsel ihres Cityflitzers und sie startete durch. Natürlich durfte auch bei dieser Fahrt das Radio nicht fehlen.
„…zum zweiten Teil von ‚Hot Christmas‘. Wer will coole Drinks am heißen Pool, statt Schnee schippen vor der Haustür? Also aufgepasst, hier die Aufgabe: heute Morgen haben wir das Spiel mit dem Song ‚Let it snow‘, gesungen von Frank Sinatra, gestartet. Die erste Veröffentlichung war 1945, gesungen von Vaughn Monroe. Wann hat ‚The Voice‘ dem Song seinen Stempel aufgedrückt? Also, ran an die Hörer! Und nun 40 Sekunden Werbung.“
„Man, was ist denn das für eine Frage? Das war auch 1945.“ kommentierte ich das Gewinnspiel.
„Sicher?“ hakte Cindy nach.
„100 Prozent. Das war Anfang Dezember 1945.“ ergänzte ich.
„Ruf an! Los!“, rief sie.
„Ich komme eh nicht durch.“
„Phil, wenn du es nicht versuchst, dann nicht.“
Um jeden Ärger zu vermeiden wählte ich die durchgesagte Nummer. Freizeichen.
„Da sind wir wieder. Und wie ich sehe wartet auch bereits ein Anrufer. Dann holen wir ihn mal ins Studio. Hi, hier ist der Chris von Powerradio Frankfurt, wie ist dein Name?“ Ich hörte die Stimme doppelt, aus Radio und Telefon.
„Ähm, ich … mein Name ist Phillip.“ Meine Stimme kam durch den Lautsprecher und Cindy ließ einen schrillen Schrei los.
„Hi Phillip, hast du eine Lösung? Ganz Frankfurt wartet gespannt, ob wir einen weiteren Gewinner unserer Traumreise haben.“
„Äh, ja. Oh Gott…“
„Phil, ob beten hilft sehen wir gleich. Wie ist deine Antwort?“
„Anfang Dezember 1945″, stotterte ich.
„Wow. Wahnsinn! Wir haben einen weiteren Gewinner für karibische Weihnachten. Drei Tage für zwei Personen. Wen nimmst du mit, schon eine Idee?“
Ich zögerte und Cindy knuffte in meine Rippen. Sie hatte ihren speziellen Hundeblick aufgesetzt, also den Blick einer tollwütigen Dogge der deutlich sagte ‚nimm mich mit oder ich fresse dich‘.
„Meine Freundin Cindy möchte mit.“
„Phil und Cindy, ich wünsche euch viel Spaß. Die Reisedetails bekommt Ihr gleich, bleibt also bitte dran. Und bei uns geht es jetzt weiter mit Musik. Viel Spaß mit ‚Sunshine Reggae‘.“
Während fröhliche Reggaeklänge aus dem Lautsprecher drangen, meldete sich Chris dann ganz privat über das Handy. Er lud uns für den Abend ins Studio ein, um die weiteren Details zu besprechen. Fest stand nur, dass wir den 24.12. bis 26.12. komplett auf Curaçao verbringen würden. Die Flugpläne und Routen würde man uns dann später mitteilen.
Cindy war natürlich total aus dem Häuschen und wollte mir ständig um den Hals fallen.
„Schätzchen, du darfst ja mit. Aber wenn du dein Lenkrad noch öfter vernachlässigst, dann werden wir die Reise wohl nicht mehr erleben.“
Wir kamen trotzdem bei unserem Lieblingsitaliener an und genossen das gute Essen. Cindy war noch immer außer Rand und Band, griff ständig zum Telefon um die ‚tollen Nachrichten‘ zu verbreiten, was für einen tollen Freund sie doch hätte, der ohne sie ‚niiiiiieeeeemals‘ dort angerufen hätte. Zumindest da konnte ich ihr Recht geben.
Ich beglich unsere Rechnung, verabschiedete mich von Paolo, unserem Wirt und dem Chef des Ladens (zudem noch ein ‚enger Kontakt‘ aus der Vergangenheit) und wartete geduldig auf Cindy, die noch schnell ‚für kleine Mädchen‘ musste.
Vor meiner Firma verabredeten wir uns noch fest vor dem Studio.
Louise begrüßte mich mit einem wissenden Grinsen und streckte mir beide Daumen entgegen.
„Ausgerechnet unser Work-a-holic gewinnt eine Reise. Dann mal herzlichen Glückwunsch. Und damit verschwinden auch zwei Mitarbeiter in der Karibik. Du weißt ja: Gabi ist wieder zu haben.“ Louise zwinkerte verschwörerisch und ich verschluckte mich vor Schreck an meiner Spucke. Natürlich bekam ich sofort einen Hustenanfall.
Ja klar, ich war ‚out‘, aber in der Firma hielt ich mich damit schon etwas zurück. Warum? Das war mir selber nicht ganz klar. Es wurde wohl Zeit für eine kleine Offenbarung.
Während ‚la Lou‘ also meinen Rücken mit einer Buschtrommel verwechselte, keuchte ich ihr stoßweise die ungeschmückte Wahrheit entgegen.
„Mit … einer … Frau … wird … nichts … passieren.“
Louise fror mitten im Trommelfeuer auf meine Kehrseite ein. Dann rückte sie ihre Nickelbrille zurecht, strich ihr fliederfarbenes Kostüm glatt und tippelte zurück hinter ihren Empfangstresen.
Ihr Blick wurde sehr vorwurfsvoll. „Du hättest ja ruhig mal vorher einen Ton sagen können.“
„Louise, es gehört aber eigentlich nicht hierher. Außerdem macht es für die Arbeit sicher keinen Unterschied.“
Louise druckste einen Moment herum und dann sprudelte die Wahrheit nur so aus ihr heraus. „Ich hab Gabi sofort nach dem Quiz angerufen und von deinem Gewinn erzählt. Sie hat nämlich ein Auge auf dich geworfen.“
„Das kann sie gerne wieder einsammeln.“
Sie sah mich irritiert an.
„Das Auge, Louise. Es ist eine unappetitliche Vorstellung.“ Sie kniff die Augen zusammen, grinste dann aber leicht.
„Du bist unmöglich, Phillip von Leppenberg.“
„Das kann schon sein. Louise, um einen Gefallen möchte ich dich aber noch bitten: sag Gabi nichts, ich kläre das mit ihr. Okay?“
Louise machte ein merkwürdiges Gesicht, wollte erst zu einem Widerspruch ansetzen aber willigte dann ein. „Gabi bringt mich um, wenn sie erfährt, dass ich es weiß.“
„Wieso soll sie es denn erfahren? Ich sage es ihr bestimmt nicht.“
„Und ich auch nicht.“ Erschrocken drehten wir uns um und blickten in das grinsende Gesicht von Friedrich Gustav Erlenbach. „Phillip, ich wünschte nur, ich hätte es von Ihnen persönlich erfahren.“
Ich seufzte leise. „Es gehört nun mal nicht hierher. Ich definiere mich durch meine Persönlichkeit und meine Arbeit, nicht durch meine sexuelle Ausrichtung. Ich fand es einfach nicht wichtig genug.“
Friedrich lächelte. „Da haben Sie Recht. Na gut, das Thema ist erledigt. Sie dürfen natürlich auch Ihren Partner zu unseren Veranstaltungen mitbringen. Gleiches Recht für alle.“
„Sobald es einen gibt, sehr gerne.“
Ich nickte den Beiden zu und ging in mein Büro. Das war, bis dahin, mein merkwürdigstes Outing. Im Nachhinein wunderte es mich irgendwie, denn in all den Jahren kam mein Privatleben kaum zur Sprache. Es gab ein paar halbherzige Versuche, die ich aber relativ leicht abblocken konnte.
Ich hatte meinen Ruf als tüchtiger Eigenbrödler weg.
Ich arbeitete meinen Schreibtisch leer und fuhr pünktlich meinen PC runter. Louise war auch schon in Aufbruchstimmung.
„Frohe Weihnachten, Lou. Bis nächstes Jahr.“
„Danke Phillip. Dir auch. Viel Spaß in der Karibik und einen ‚Guten Rutsch‘.“
Die Fahrt zum Sender dauerte nicht lang und Cindy erwartete mich schon ganz aufgeregt.
„Man, wo warst du solange? Ich warte hier schon seit ner Ewigkeit.“ Sie sah mich vorwurfsvoll an.
„Es war 18 Uhr ausgemacht, noch volle zehn Minuten Zeit.“
„Jaja.“ Sie griff nach meiner Hand und zerrte mich in das Gebäude. Weit kamen wir aber nicht, ein Pförtner und eine schwere Glastür versperrten den Weg.
„Mein Name ist Phillip von Leppenberg. Ich bin der zweite Gewinner der Karibikreise.“
Der Pförtner griff zum Telefon. „Kandidat zwei ist da.“ Er legte den Hörer auf. „Bitte warten Sie einen Moment.“
Cindy zog mich in die Warteecke, wo eine gemütliche Couch wartete. Knapp fünf Minuten später kam ein Typ herein, der sich als Chris, der Moderator vorstellte. Er erklärte den Ablauf der Reise. Wir hätten uns am 23.12. spätestens um 7 Uhr am Flughafen einzufinden, das Gepäck würde am 22.12. abgeholt und vorgeschickt. Rückreise würde dann am Nachmittag des zweiten Feiertags sein.
Also blieben noch zweieinhalb Tage zur Vorbereitung.
So verlief dann auch das Wochenende relativ stressig. Waschen, bügeln, Klamotten sortieren, einpacken, auspacken, umpacken und zwischendurch eine panische Cindy telefonisch beruhigen. Montags klingelte es dann auch zeitig an der Tür, so gegen sechs Uhr. Zehn Minuten später war mein Koffer unterwegs und ich wieder im Bett. Nach ein paar Minuten döste ich wieder weg. Allerdings nur bis dann das Telefon klingelte.
„Ich kann’s kaum erwarten, eben war der Shuttleservice da. Morgen geht es los, ich bin so aufgeregt!“
„Guten Morgen, Cynthia.“ Sie hasste ihren vollen Namen.
„Du sollst mich doch nicht so nennen!“, giftete sie.
„Und du hast keine Manieren“, gab ich ruhig zurück.
„Oh sorry. Guten Morgen. Was machst du heute?“
„Ich muss noch kurz in die Firma und meinen Reisepass holen. Und dann, ich weiß nicht. Vielleicht noch etwas in der Sauna ausspannen.“
„Aha. Der Herr hat heute seine Gelüste. Wollen wir heute Abend noch einen Absacker zu uns nehmen?“
„Ja, können wir. Aber nicht zu spät. Sagen wir gegen 19 Uhr in der Cocktailbar?“
„Passt. Bis heute Abend, und viel Spaß in der Sauna.“
„Danke, werde ich haben. Bis nachher.“
Ich schwang mich wieder aus dem Bett und folgte der morgendlichen Routine. Nach dem knappen Frühstück fuhr ich also in die Firma, besorgte meinen Reisepass und entschied mich erstmal für einen Besuch in meinem Fitness-Studio. Für die Sauna war es noch zu früh und ein wenig Training konnte auch nicht schaden.
Die Sauna war eigentlich nicht so ganz mein Ding, aber wie anfangs mal erwähnt, ich hatte ein ziemliches Verlangen nach Körperkontakt. Da konnte ich auch mal auf meine intellektuellen Ansprüche verzichten.
Nach dem Training ging ich noch etwas essen und gegen 14 Uhr in die Sauna. Es dauerte auch nicht lange und ein passender Kandidat für den ‚Kontaktsport‘ war gefunden. Gegen 17 Uhr war ich dann auch ‚erleichtert‘ wieder daheim und kümmerte mich um das Handgepäck.
Das Treffen mit Cindy wurde dann noch stressig. Die Gute war völlig aufgedreht und etwas nervig. Wir ließen den Abend früh ausklingen und fuhren nach Hause. Sie schlief in dieser Nacht bei mir, um die Abholung am nächsten Morgen zu vereinfachen.
23.12.2008, 5 Uhr, ‚Hot Christmas‘ beginnt‘
Hektisches Rütteln an meiner Schulter riss mich aus der Traumwelt, hinein in den infernalischen Krach meines Weckers.
„Wie kannst du bei dem Lärm nur so schlafen? Phil, los, es ist fünf Uhr!“
Fünf Uhr? Verdammt, ich war sofort hellwach und sah in das geschminkte Gesicht von Cindy. Meine Freundin war bereits vollständig angezogen.
„Oh Mist, ich hab schlecht schlafen können und den Wecker wohl überhört.“
„Also mich hat er um Vier bereits geweckt. Du hast nen tollen Schlaf.“ Cindy grinste mich verheißungsvoll an. „Schade, dass du schwul bist. Du schaust echt lecker aus, so nach dem Aufwachen.“ Sie verpasste mir einen Klaps auf den nackten Po.
„Ach geh weg“, lachte ich. „Ernsthaft, raus aus meinem Zimmer, ich will mir was überziehen und dann…“
„Ich kenn dich doch, du brauchst zuerst einen Kaffee. Ist schon fertig. Ich warte in der Küche“, unterbrach sie mich und rauschte davon.
Ich schlüpfte in Retro und Shirt, begab mich in die Küche und ließ mich auf meinem Platz nieder. Cindy stellte mir wortlos eine Tasse Kaffee und meine tägliche Ration Corn Flakes auf den Tisch. Im Vorbeigehen wuschelte sie mir noch durch die Haare.
„Philimaus, so zerzaust wirkst du echt total niedlich. Nicht so streng und erwachsen wie sonst. Es wird Zeit, dass wir nen Kerl für dich finden, der das jeden Morgen genießen möchte.“
„Ich bin nicht niedlich!“, brummte ich ihr entgegen. „Und was will ich mit nem Kerl für jeden Tag? Beziehungen sind Stress. Ich habe kaum Zeit für sowas, neben der Arbeit.“
Cindy sah mich ziemlich böse an. „Das ist ja wohl keine Ausrede. Du drückst dich doch nur vor der Verantwortung.“
„Das musst ja gerade du sagen. Ich dachte wir wollten das Thema lassen?“
Cindy seufzte. „Du wolltest das Thema lassen. Aber du hast Recht, ich war bisher auch kein großes Vorbild.“ Sie ging langsam zum Fenster, öffnete es einen Spalt und fingerte eine Zigarette aus ihrem Silberetui. „Los, mach dich fertig, der Shuttleservice müsste bald hier sein.“
„Ach Cindy… es tut mir leid. Wenn Du ein Mann wärst, ich glaub das könnte mit uns was werden.“ Ich wollte mich, so kurz vor dem Flug, nicht ernsthaft mit ihr verkrachen.
Sie drehte sich zu mir um und der traurige Gesichtsausdruck wich einem spöttischen.
„Aber nur dann, wenn du auch ein Mann wärst, Philimausi!“ Die Art, wie sie das letzte ‚i‘ in die Länge zog, jagte mir eine Gruselgänsehaut über den Rücken.
Da das Handgepäck bereits gepackt war, konnte ich mich nach dem Frühstück einer ausgiebigen Duschsession widmen. Das warme Wasser und das duftende Duschgel spülten die trüben Gedanken, zumindest zeitweise, weg.
Ich entwickelte tatsächlich sowas wie ‚Vorfreude‘.
Dass die Reise nicht die Lösung meiner Probleme war, sondern lediglich eine Verlagerung, stand eigentlich fest. Aber es war mal ein Weg aus dem Alltag, mal was Neues und Unbekanntes. Weihnachten bei hochsommerlichen Temperaturen an weißen Stränden war eben nichts Alltägliches für den Durchschnittseuropäer.
Von einem plötzlichen Hochgefühl getrieben, verließ ich das Badezimmer… singend.
„Join the sunshine, sunshine Christmas; let the good vibes get along stronger.
Sunshine, sunshine Christmas, don’t worry, don’t hurry and take it easy…“
Mit galantem Hüftschwung passierte ich so die Küchentür und glücklicherweise hielt das, um die Hüfte geschlungene, Badetuch. Cindys ungläubig geschockter Gesichtsausdruck hätte definitiv nicht noch mehr verkraftet. „Geht es Dir wirklich gut, Phil?“, rief sie mir hinterher.
Ich war gerade fertig angekleidet, als pünktlich um 6:25 Uhr der Shuttleservice klingelte.
„Guten Morgen. Phillip von Leppenberg und Cindy Reile, nehme ich an?“
Wir nickten und begrüßten die Fahrerin. Kurz danach befanden wir uns auf dem Weg zum Flughafen.
Ab in die Sonne
„Hi Phillip, Cindy. Na, schon fit und aufgeregt?“ Chris grinste uns an.
„Ja, alles Bestens. War vielleicht etwas früh.“ Cindy schwieg, sah aber völlig verklärt zu Chris herüber.
Chris bemerkte das natürlich sofort und lachte. „Hey, ich bin natürlich unwiderstehlich, aber nicht das dein Freund noch eifersüchtig wird.“ Naja, lecker sah er schon aus und schlagfertig war er auch, doch irgendwie musste ich da etwas klarstellen.
„Keine Angst, Cindy ist meine beste Freundin, aber nicht meine Freundin.“
„Wirklich? Den Eindruck hatte ich neulich nicht, ihr wirkt sehr vertraut. Außerdem…“ er grinste wieder „sieht sie klasse aus.“
„Ihr fehlt leider das Y-Chromosom, um wirklich interessant zu sein.“ Chris verstand sofort und ich atmete scharf aus, Cindys Ellbogen sei Dank.
„SIE ist auch zufällig Anwesend! Und ich BIN interessant. Pah, Männer!“ Cindy kochte.
Chris reagierte etwas verunsichert, fand aber schnell zu seinem souveränen Lächeln zurück.
„Natürlich bist Du interessant. Sorry, die Situation hat mich gerade kalt erwischt.“ Er zwinkerte meiner Freundin zu.
„Und Du bist also schwul? Das kann ja spannend werden.“
Cindy war, nach seinen Worten, gleich wieder versöhnlich gestimmt. Scheinbar flirteten die Beiden auch gleich los.
„Warum spannend?“ Meine Neugierde war geweckt.
„Surprise, surprise. Ich hab nichts gesagt.“ Wieder dieses freche Grinsen. Den Blicken nach, die Cindy und er miteinander tauschten, war er offenbar Hetero. Fast schon ein wenig Schade.
Nach ein paar weiteren Minuten, in denen der Flirt der beiden stetig heftiger wurde, machten wir uns auf den Weg zum Gate, beziehungsweise in die Wartelounge. Lediglich die Sicherheitskontrolle am Eingang zum Passagierbereich hielt uns noch ein wenig auf.
Chris ‚parkte‘ uns kurz in der Lounge und besorgte Kaffee. Ich hielt derweil Ausschau nach Gabi, konnte sie aber nicht entdecken.
„So Leute, also den Reiseplan kennt ihr ja im Groben. Eure Maschine nach Amsterdam geht bald. In Holland wird der Umstieg recht knapp. Wir haben beim Sender leider falsche Daten bekommen. Euer Flug ist kein Direktflug, ihr werdet eine Zwischenlandung einlegen. Dafür dauert der Flug dann auch etwas über zwölf Stunden. Euer Gepäck ist bereits angekommen und wird heute noch auf das Zimmer gebracht. Jetzt haben wir für euch allerdings ein Doppelzimmer gebucht. Wir wussten ja nicht … egal. Oder stört es Euch?“
„Nein, es ist schon okay so.“
„Für mich auch, er wird schon nicht über mich herfallen“, entgegnete Cindy.
„Gut. Ich werde am ersten Feiertag gegen Abend nachkommen. Vielleicht gibt es da noch ein kurzes Interview, wir werden ja sehen.“
Mein Blick streifte die drei leeren Kaffeebecher. „Mag noch jemand einen Kaffee?“
Die zwei nickten zeitgleich, also ließ ich sie für ein paar Minuten alleine.
Der Stand mit dem leckeren Gratiskaffee war ein paar Meter weiter und ich stellte mich an der kurzen Schlange an. Kurze Zeit später war ich dann auch an der Reihe. Natürlich war genau dann der Filterbehälter voll und ich musste warten, bis eine Servicekraft den Automaten wieder in Gang gebracht hatte.
Die ersten zwei Becher waren bald schon fertig, als plötzlich jemand gegen mich stieß und die zweieinhalb Becher zu Boden fielen. Es glich schon einem Wunder, dass mich der Kaffee komplett verfehlte. Ich sah in das erschrockene Gesicht eines jüngeren Mannes. Für einen Tollpatsch, so dachte ich, sah er eigentlich echt gut aus. Aber das rettete ihn nicht vor meinem Ärger.
„Sag mal, kannst Du nicht aufpassen? Wenn du nicht laufen kannst, dann bleib im Bett!“, zischte ich ihn leise an. Jegliche Emotion wich aus seinem Gesicht und er drehte sich um. Eiligen Schrittes entfernte er sich von mir. „Wenigstens eine Entschuldigung hätte ich erwartet!“, rief ich hinterher.
Ich befüllte also drei weitere Becher und ging genervt zum Platz zurück. „So, ihr Turteltauben, hier ist der Kaffee.“
Chris und Cindy rückten ein Stück auseinander, fast schon ertappt wirkend. Cindy lenkte aber gleich davon ab.
„Was war denn bei Dir los? Du warst eben ziemlich laut.“
„Ach, irgend so ein Depp hat wohl die Kontrolle über seine Füße verloren und die ersten drei Becher vernichtet. Vermutlich habe ich jetzt einen blauen Fleck am Rücken, an der Stelle wo er reingeknallt ist. Und dann entschuldigt sich der Typ nicht einmal.“
„Ach Philimaus, so wie ich dich kenne, hast du den armen Teufel bestimmt bös angeguckt und zusammengefaltet. Da muss man ja Angst bekommen. Du bist echt unheimlich, wenn du sauer wirst.“
„Philimaus?“ Chris lachte schallend. Doch ein neuer böser Blick ließ ihn verstummen. „Oh Cindy, du hast Recht, da kriegt man eine Gänsehaut.“
Ich wollte gerade etwas erwidern, wurde dann aber durch eine Ansage unterbrochen.
„Sehr geehrte Fluggäste, die Passagiere von Flug LH4670, von Frankfurt nach Amsterdam, werden zum Gate A gebeten. Die Maschine steht zum Abflug bereit.“
„So, dann geht es bald los. Ich wünsche Euch eine schöne Reise, bis in zwei Tagen dann.“
Chris schüttelte Cindy und mir die Hand, übergab uns die Tickets und verschwand Richtung Ausgang.
„Na Süße, läuft da was zwischen euch?“
Sie wurde tatsächlich etwas rot, oder viel eher blass-rosa. „Och, ich weiß nicht? Süß ist er ja. Und Single ist er auch.“
„Also eine weitere Kerbe am Bettpfosten, wenn er will?“
Wieder erntete ich einen grimmigen Blick von ihr. „Das geht dich einen feuchten Kehricht an, Herr von Leppenberg!“ Oh ja, sie war definitiv sauer.
Das Boarding lief reibungslos. Wir wurden, gesondert von den anderen Fluggästen, von einem Stewart direkt zu unseren Plätzen gebracht. Cindy überließ mir bereitwillig den Fensterplatz. Allerdings war das weniger selbstlos… sie konnte dem Stewart vom Gang aus besser auf den, zugegebenermaßen appetitlich knackigen, Hintern gucken.
Ich spürte einen erneuten Anstieg meiner Paarungsbereitschaft.
Amsterdam, 9:05 Uhr. Regen und Wind. Die Frisur hält
Nach einer guten Stunde Flug und einem kurzen Date mit dem Stewart auf der Bordtoilette landeten wir sicher in Amsterdam. Der Blick aus dem Fenster ließ mich fast schon erfrieren. Es sah einfach ungemütlich aus.
Die anderen Passagiere strömten aus dem Flieger und wir strömten mit. Der Schalter von Martinair war schnell gefunden und das Boarding voll im Gange. Die Umsteigezeit war wirklich knapp bemessen. Pünktlich um 9:50 Uhr gab der Kapitän Vollgas.
Diesmal saß Cindy am Fenster und ich hatte den Gang für mich. Eine der Flugbegleiterinnen versorgte uns mit einem kleinen Frühstück und Getränken. Wir orderten jeweils einen Kaffee für sofort und eine kleine Flasche mit Prosecco für später. ‚Karibik, wir kommen‘ dachte ich noch und schlummerte auf meinem Sitz ein.
Nach einer ganzen Weile weckten mich ein dumpfer Schmerz in der Seite, in Höhe der Rippen, und ein feuchtes Gefühl auf dem Pullover und meiner Hose. Ich sah auf den Gang und…
„DU schon wieder. Erst der Kaffee am Flughafen und jetzt das. Verdammter Grobmotoriker!“
„E-es tut mir Leid… D-da war eine Turbolenz u-und ich bin dir in die Seite, b-bitte entschuldige.“ Der Tollpatsch sah mich schon beinahe panisch an. Eigentlich ein hübscher Kerl, aber ich hatte die Faxen echt dicke.
„Man, mach dass du weg kommst.“ Ich rappelte mich auf und griff nach meinem Handgepäck. Sicherheitshalber befanden sich da Klamotten zum Wechseln drin. Zu meinem Glück. Ich stieß den Trottel zur Seite und begab mich auf die Toilette. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie der Schwarzschopf seinen Kopf senkte und wegtrottete. Mein barsches Verhalten tat mir ja leid. Der Stoß war zwar nicht besonders heftig, aber er war unnötig.
Mit frischen Klamotten betrat ich den Gang, doch leider war der Weg durch den Speisewagen blockiert. Also lief ich in den Parallelgang. Hier musste ich allerdings ein ganzes Stück weiter nach hinten, um dann wieder in meinen Gang zu kommen. Und dann erspähte ich ein bekanntes Gesicht.
„Hi Gabi!“
„Oh Phillip? Schön Dich zu sehen. Glückwunsch zur Reise.“
„Ja, euch auch. Dein Bruder ist wohl gerade unterwegs?“
„Marco ist vor ein paar Minuten in Richtung Toilette gestürmt, nach hinten. Vorne war wohl belegt.“
„Ja, das war ich. Jemand hat mir meinen Prosecco über die Klamotten gekippt, nachdem meine Rippen sein Knie begrüßen durften. Ich musste mich umziehen.“
„Sachen gibt’s. Aber ich finde es schön, dass Du auch dabei bist. Vielleicht können wir ja mal was unternehmen.“
„Lass uns da später drüber reden, Cindy wartet bestimmt schon auf mich.“ Auf das Thema wollte ich vorerst nicht einsteigen. Bei ‚Cindy‘ versteinerte Gabis Gesicht jedoch deutlich. Aber das sollte erstmal kein Thema sein. „Ciao Gabi, man sieht sich!“
„Bis dann, viel Spaß … euch beiden.“ Jetzt klang sie eindeutig bitter. Schnell lief ich noch ein Stück nach hinten, wich der Toilettentür aus und eilte zügig zu Cindy zurück.
„Na das hat aber gedauert. Musste ein Stewart noch was trockenlecken?“ Cindy grinste mich dreist an. „Du bist ja ein Nimmersatt, Philimaus.“
„Ach Quatsch. Ich kam nur nicht durch und musste auf der anderen Seite lang. Da habe ich Gabi getroffen.“
„Ach, habt ihr also noch nett geplaudert.“
„Wie man es nimmt. Sie wollte wohl sowas wie ein Date ausmachen. Aber das regele ich noch.“
Cindy widmete sich nach dem Mittagessen wieder ihrer Cosmopolitan, nickte dabei immer wieder weg und schlief schließlich ganz ein. Kurz darauf folgte ich ihr in das Reich der Träume.
So verlief auch der restliche Flug: viel schlafen und ab und an was trinken. Von der Zwischenlandung bekamen wir auch nicht viel mit.
Bon Bini – Willkommen auf Curaçao, 17 Uhr Ortszeit
Die Maschine setzte etwas unsanft auf und der rasende Applaus riss mich aus dem Schlaf. Auch Cindy öffnete ihre Augen und nahm den Kopf von meiner Schulter. Ich streckte mich, soweit möglich, um die Verspannungen aus den Muskeln zu schütteln und schielte über meine Freundin hinweg aus dem Fenster. Das karibische Flair war spürbar. Die Sonne strahlte klar unter dem blauen Himmel hervor, während die leuchtend-gelbe Towerspitze an uns vorbei zog.
„Bitte bleiben Sie angeschnallt, bis wir die endgültige Parkposition erreicht haben. Einen schönen Aufenthalt im Inselparadies Curaçao. Merry Christmas.“
„Traumhaft. Phili, ich freu mich so. Danke für die Reise!“, strahlte mich Cindy an.
Der Flieger kam mit einem Ruck zum Stehen. „Für dich gerne. Ohne dich wäre ich ja auch nicht hier.“
Ich bekam einen sanften Knuff in die Rippen, dann schnappten wir uns das Handgepäck und standen auf. Ich schaute zu Gabi rüber, die aber offensichtlich von ihrem von hier nicht sichtbarem Bruder in den Sitz gezogen wurde.
Einige Minuten später standen wir im Terminal. Cindy stöhnte auf und zog sich den dicken Winterpulli aus.
In der Nähe des Ausgangs wartete eine junge Dame, die ein Schild mit meinem Namen in den Händen hielt. Sie begrüßte uns auf Deutsch, mit niederländischem Akzent.
„Hallo, herzlich Willkommen. Mein Name ist Ruth, ich wurde vom Sender geschickt und werde mich etwas um euch kümmern. Auf uns wartet ein Wagen zum Hotel.“
Ein paar Meter weiter wartete noch eine Dame auf Marco Penzlau, aber weit und breit war niemand in Sicht. Nachdem wir uns bei Ruth vorgestellt hatten, ging es nach draußen.
Die Wärme traf uns wie ein Faustschlag. Fantastisch! Überall sah man exotische Pflanzen und Palmen. Es war traumhaft. Ruth führte uns zu ihrem Wagen.
„Also, wir fahren jetzt Richtung Willemstad und dann weiter nach Jan Thiel Bay zu eurem Hotel. Ihr werdet es mögen, es liegt direkt an einem der schönsten Strände der Insel.“
Gut fünfzehn Minuten später fuhren wir durch besagtes Willemstad. Cindy und ich bekamen den Mund nicht mehr zu. Die Hauptstrasse wurde von Häusern im Kolonialstil gesäumt. Allerdings erstrahlten sie nicht im typischen Weiß, sondern in verschieden knalligen Farben, viele Pastelltöne. Es war der blanke Wahnsinn. Überall sah man fröhliche Menschen verschiedenster Couleur, noch mehr exotische Pflanzen und Palmen, Palmen, Palmen.
Unser Hotel fügte sich nahtlos in dieses Ambiente ein. Wir verabschiedeten uns dann von Ruth, nachdem sie uns das Zimmer gezeigt hatte. Die Koffer standen schon bereit und wir erfrischten uns kurz. Dann war es schon Zeit fürs Abendessen.
Gabi konnte ich nirgends sehen, vermutlich waren sie in einem anderen Hotel. Also genossen wir unser karibisches Essen alleine in diesem stark gefüllten Restaurant.
„Und was machst du heute noch? Auf Männerfang gehen?“ Ich sah fragend zu Cindy.
„Ich … nein. Ich musste gerade an Chris denken. Der hat so was an sich … Er gefällt mir.“ Cindy gab sich ungewohnt nachdenklich. „Und du, suchst du dir noch einen Kerl?“
„Nein. Ich habe keine Lust mehr für heute.“
Cindy lachte. „Hat der Stewart dich geschafft? Du bist doch sonst so ausdauernd.“
Ich hielt ihr mein Weinglas zum Anstoßen entgegen. „Ich habe einfach keine Lust mehr. Zum Wohl.“
Unsere Gläser klirrten leise aneinander. „Cheers, Phillip.“
Wir saßen einige Minuten schweigend am Tisch und nippten an den Getränken. Dann griff sie plötzlich nach meiner Hand.
„Du machst dir was vor, Phillip.“ Sie sah mir ernst in die Augen. Die Tatsache, dass sie mich erneut ‚Phillip‘ nannte, war ein Zeichen für ein ungewohnt ernstes Gespräch.
„Was mache ich mir denn vor? Ich habe wirklich keine Lust!“
„Das meine ich auch nicht. Denk nicht es würde mir nicht auffallen… Du wirst von Jahr zu Jahr ernster und verschlossener. Du lachst seltener. Du starrst, ob du es glaubst oder nicht, immer mehr Paaren hinterher und guckst wehmütig. Du wirst bald Dreißig. Ich denke du bekommst langsam Torschlusspanik und überspielst es mit deinen Abenteuern und …“
„Das ist doch gar nicht wah…“
„Unterbrich mich nicht! Und es ist wohl wahr. Phillip… bei mir ist es doch genauso. Ich will meinen ‚Mister Right‘. Nur den gibt es halt nicht an jeder Ecke. Bei Chris… irgendwas war anders. Ich wollte ihn nicht sofort in eine ruhige Ecke ziehen und gleich loslegen. Zumindest nicht sofort.“ Sie grinste schief.
Da musste ich ihr zustimmen. Chris schien ein cooler Typ zu sein mit einer offenen und ehrlichen Ausstrahlung. Und sie hatten sich angeregt unterhalten, ohne ein Anzeichen dass Cindy gleich über ihn herfallen würde. Cindy … gut, sie war nicht mal ansatzweise so naiv-doof, wie sie den Menschen glauben machen wollte. Es war ihre Masche. Die Kerle standen auf das naive sexy Blondchen. Sie beherrschte einige sehr unauffällig-obszöne Gesten und hatte die Männer schnell da, wo sie sie haben wollte.
Nein, sie war clever und erfolgsorientiert und führte einen guten Wellness-Salon mit drei Angestellten. Ihren eigenen Salon, wohlgemerkt. Sie kümmerte sich auch um die gesamte Buchhaltung.
Ich spürte einen kurzen Druck auf meiner Hand. „Phil? Warum sagst Du nichts mehr?“
„Ich denke, dass du Recht hast.“ Ich nahm ihre Hand zwischen meine Hände.
„Du hast es nicht nötig, dir mit deinen Abenteuern was zu beweisen. Du bist ein toller Mann und …“, Cindy grinste frech, „und die beste Freundin, die frau sich wünschen kann.“
Damit fiel diese ernste Anspannung von uns ab und ging in ein lautes Gelächter über.
Jemand räusperte sich neben uns. Gabi stand am Tisch und ich zog schlagartig meine Hände zurück.
„Hallo Gabi, ich dachte schon, ihr wärt in einem anderen Hotel untergekommen.“
„Nein, Marco geht es heute nicht so gut. Seit Frankfurt ist er wie verändert. Ich hoffe, er ist nicht krank geworden.“
„Ja, das wäre nicht besonders toll. Ach Gabi, die Dame hier, das ist Cindy.“
Gabi nickte leicht. „Ich kenne sie vom Sehen. Ich … wusste nicht, dass ihr zusammen seid.“
Ich war kurz sprachlos. Ob das für andere immer so aussah?
„Ähm, nein, sind wir auch nicht.“ Cindy nickte zustimmend.
„Wirklich? Es wirkte aber so.“ Gabi schwieg einen Moment und man konnte sehen, wie sie allen Mut zusammennahm. „Kommst du später mal kurz raus? Vielleicht können wir ja mal ein wenig reden.“
Cindy setzte ihren ‚Na los mach‘-Blick auf.
„Wir können ja jetzt eben raus. Ich denke auch, dass wir reden sollten.“
Gabi folgte mir verdattert nach draußen auf die Terrasse und dann ein Stück Richtung Strand, bis wir alleine waren.
„Worüber willst du denn reden, Phillip?“
„Louise … du kennst sie ja. Immer am Tratschen.“ Gabi wirkte etwas erschrocken. „Sie hat mir da etwas erzählt und darüber sollten wir reden.“
„Okay.“
„Ach, ich mach es kurz. Ich … kann mit Frauen sexuell nichts anfangen.“
Gabi seufzte. „Ich verstehe. Da kann ich dann nichts dran machen. Keine Angst, ich fange jetzt nicht mit dem ‚Du hast nur die Richtige nicht gefunden‘-Quatsch an. Oh Gott, und ich habe das in all den Jahren nicht bemerkt. Das hast du gut verborgen. Bei meinem… ach, vergiss was ich sagen wollte. Phil, danke für Deine Offenheit. Ich wünsche euch beiden noch einen schönen Abend. Sehen wir uns morgen?“
„Danke, den wünsche ich Dir auch. Gute Besserung an deinen Bruder. Vielleicht lerne ich ihn ja noch kennen. Bis morgen.“
Gabi verschwand wieder im Hotel und ich ging zur Terrasse zurück. An der Bar bestellte ich einen Mojito und ein Zigarillo. Ich setzte mich an einen Tisch, mit Meerblick, und wartete auf die Bestellung.
Ich zog gerade genussvoll an dem Glimmstängel, als Cindy sich zu mir setzte, mit einem Sex-on-the-beach bewaffnet.
„Wie war es?“
„Gabi hat es gut aufgenommen. Besser als erwartet.“
„Keine Szene? Cool. Aber man kann es ihr nicht verdenken. Bist ja auch ganz lecker, für eine halbe Frau, versteht sich.“
„Na vielen Dank auch“, grinste ich zurück.
Wir tranken noch aus und verkrochen uns recht bald auf unser Zimmer. Frühes Schlafen war ein gutes Mittel gegen den Jetlag.
Wodka-‚Therapie‘ (Gabi)
Phillip war also auch schwul. Und Louise hatte getratscht. Das Gespräch war mir total peinlich, aber jeder Kampf wäre sinnlos gewesen. Ich lief vom Strand geradewegs zur Hotelbar und orderte einen Wodka-Lemon, den konnte ich gebrauchen. Und dann noch einen Zweiten.
Den dritten Drink ließ ich dann doch sein, die Wirkung des Alkohols wurde spürbar und ich wollte noch nach Marco sehen. Mein Bruder machte mir seit der Abreise Sorgen. Irgendwas war im Busch, ich kannte doch mein Sensibelchen. Seit seiner letzten Beziehung hatte er sich total abgekapselt. Sein Exfreund hatte ihn aber auch nach Strich und Faden verarscht. Ohne mein Zureden hätte er ja nicht einmal diesen Anruf beim Sender gemacht. Er hatte sich schon so auf die Reise gefreut. Und plötzlich war wieder alles anders. Seit der Ankunft hatte er das Zimmer nicht mehr verlassen.
An der Tür klopfte ich kurz, bekam aber keine Antwort. Marco lag im Bett, hatte sich in die Bettdecke eingerollt und schlief friedlich vor sich hin.
Ich verschwand noch eben im Bad, um mich ebenfalls bettfertig zu machen und legte mich dann vorsichtig auf die andere Bettseite, doch Marco wachte trotzdem auf.
„Hey Schwesterchen, wie ist es gelaufen?“ Marco hatte mir sämtliche Daumen gedrückt und sah mich nun gespannt an.
„Mit ihm wird es wohl nichts“, seufzte ich. „Ich gehöre zu den falschen 50 Prozent der Bevölkerung.“
„Oh… das tut mir leid für dich.“ Er griff nach meiner Hand.
„Marco, was ist mit dir los? Du bist so verändert. Ist es wegen deinem Ex?“
Er ließ sich ins Kissen fallen und stöhnte frustriert auf. „Nein, daran liegt es nicht. Ich hab…“
„Du hast was?“
„Im weitesten Sinne, Mist gebaut.“ Seine, manchmal sehr indirekte, Art machte mich wahnsinnig.
„Lass dir doch nicht immer alles einzeln aus der Nase ziehen!“
Er atmete noch einmal tief ein. „Also, heute Morgen am Flughafen ist mir ein Typ aufgefallen. Er hat mich ziemlich fasziniert, von der Art her, von der Körpersprache und Ausstrahlung. Sah auch echt süß aus. Und außerdem hat er Männer abgecheckt. Ich habe also allen Mut gesammelt und wollte ihn am Kaffeeautomat ansprechen. Dann hat mir jemand versehentlich einen Koffer gegen die Beine geknallt und ich bin gestolpert und zwar gegen den Typen. Dabei ging der Kaffee zu Boden und er hat mich ziemlich runtergeputzt. Und später… ach egal, ich werde das Zimmer nicht mehr verlassen, dann bin ich auch niemandem im Weg.“
„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich das zulassen werde. Wir feiern morgen schön Weihnachten mit den anderen Gästen und deinen fünfundzwanzigsten Geburtstag ja wohl auch. Vergiss den Kerl einfach. Ich stelle dir Phillip vor, er dürfte dir auch gefallen. Deine Chancen bei ihm stehen auch besser als meine.“
„Mal sehen. Ich will nur diesem anderen Kerl nicht mehr begegnen. Naja, ich hätte es wissen sollen… die schönen Kerle sind doch meistens arrogante Idioten.“
„Auf dich trifft es jedenfalls nicht zu.“ Er wurde leicht rot. „Ich pass schon auf dich auf, Großer. Aber jetzt sollten wir schlafen. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus.“
Mein ‚Sorgenkind‘ kuschelte sich etwas näher an mich heran und schlief bald ein. Dank des Alkohols dauerte es bei mir auch nicht lange.
Frühstücksgast auf Abwegen (Phillip)
Das Rauschen von Cindys Föhn weckte mich auf. Es war bereits 9 Uhr durch. Ich streckte mich genüsslich und genoss die warme Luft, die durch die geöffnete Balkontür herein strömte. Kaum zu glauben, dass in der, gute 8000 Kilometer entfernten, Heimat Eisregen und Minusgrade herrschten.
„Guten Morgen, Du Schlafmütze.“ Cindy trat aus dem Bad. Sie wirkte ungewohnt brav, kaum geschminkt und mit einem relativ weiten Trägershirt über einer knielangen hellen Tuchhose.
„Morgen, Cindy.“ Ich machte Anstalten ins Bad zu gehen.
„Kurzprogramm, Phili. Ich hab Hunger.“
„Zu Befehl, Boss.“ Ich schnappte mir ein schwarzes Muscle-Shirt, die passenden Shorts dazu und verschwand im Bad. Ich beschränkte mich auf Zähneputzen und eine Katzenwäsche. Eine hungrige Cindy durfte man nicht warten lassen.
Das Frühstücksbuffet, das auf der Terrasse angerichtet worden war, war gigantisch. Wir luden uns den Teller mit Brötchen, verschiedenen Brotaufstrichen und Früchten voll und steuerten auf einen der freien Vierertische zu. Das fantastische Panorama genießend, kümmerten wir uns um die Vernichtung des Tellerinhalts. Brötchen mit Maracujakonfitüre, dazu der Blick auf das blaue Meer und den weißen Sand am Strand, waren paradiesisch. Ein Gecko huschte frech über die warmen Steine zwischen den Tischen durch und verschwand zwischen den gelben und weißen Hibiskusbüschen, die am Randbereich der Terrasse wuchsen.
Dann erspähte ich ein bekanntes Gesicht. Gabi sah sich suchend um. Mittlerweile waren alle Tische im Außenbereich belegt. Sie sah zu uns herüber und ich gab ihr einen Wink.
„Hallo Phillip, Cindy. Sind die beiden Plätze bei euch noch frei?“
„Aber klar. Für deinen Bruder und dich ist noch Platz.“
Gabi ging zum Buffet und kam auch schnell zurück. Der Ansturm der Hungrigen hatte mittlerweile stark nachgelassen.
„Marco müsste eigentlich auch gleich hier sein. Das hat er zumindest versprochen.“
„Geht es deinem Bruder denn wieder besser?“, wollte ich wissen.
„Ich denke schon. Die Reise schlug ihm wohl auf den Magen. Ach da ist er … Marco?“
Gabi sprang auf und rannte zum Eingang. „Marco, jetzt warte doch!“
Erstaunt sahen wir ihr nach, konnten ihren Bruder aber nicht erkennen.
„Merkwürdig, dieser Marco, oder, Phil?“
„Was soll ich sagen, vielleicht ist er ja wirklich krank und ihm ist schlecht geworden? Gabi scheint sich jedenfalls sehr um ihn zu sorgen.“
„Was für eine Schande… da sitzt man im Paradies auf Erden und darf das Bett hüten. Grausam“, stimmte Cindy zu.
Auf und davon – die Suche(Gabi)
„… ach da ist er … Marco?“ Marco stand für einen Moment im Eingansbereich zur Terrasse, sah zu mir herüber und versteinerte. Sein Gesicht verlor sämtliche Farbe und dann rannte er ins Hotel zurück.
„Marco, jetzt warte doch!“ Ich war bereits aufgesprungen und rannte ihm hinterher. War er am Ende doch krank?
In der Lobby war keine Spur von ihm zu sehen. Einer der Fahrstühle war auf dem Weg nach oben und hielt in unserem Stockwerk. Ich nahm also gleich den nächsten Aufzug und fuhr hinterher. Oben angekommen stürmte ich zu unserem Zimmer, doch das war leer. Die Tür ins Bad war geschlossen. Ob er sich wohl gerade übergab? Ich hielt mein Ohr gegen das Holz, konnte aber nichts hören.
„Marco?“ Ich klopfte gegen die Tür, aber es kam keine Reaktion. Also betrat ich den Raum und auch hier war niemand. Scheinbar war der Aufzug die falsche Spur gewesen, wir wohnten ja nicht alleine in dieser Etage.
Ich ging zurück zur Lobby und sah mich um. An der Rezeption konnte auch niemand was sagen, dafür war einfach zuviel los. Besorgt ging ich zur Terrasse zurück. Phillip und Cindy saßen immer noch dort.
„Tut mir Leid, irgendwas stimmt nicht mit ihm. Und jetzt ist er wie vom Erdboden verschluckt.“
„Er taucht sicher wieder auf“, versuchte Phillip mich zu beruhigen.
Da fasste ich einen Entschluss. „Phil, vielleicht kannst Du mir helfen.“
Auf und davon – Kriegsrat (Phillip)
Ich konnte nicht glauben, was Gabi mir da erzählte. Der Grobmotoriker war also ihr eigener Bruder. Und weil ich selber schwul war, dachte sie ich könne ihr helfen. Die Geschichte über seinen Ex war heftig und Marco tat mir Leid. Doch der Knaller folgte dann erst noch.
„Ich glaube fast, dass er sich in diesen dämlichen Vollidioten verknallt hat“, schloss sie ihren Bericht.
„Danke für die Blumen“, erwiderte ich ziemlich mürrisch. Aber ich war geneigt ihr Recht zu geben, im Nachhinein. Ich hatte ihm ja nicht die geringste Chance gegeben. Und dass er sich bei mir ein Herz fasste ging mir nahe.
„Was meinst Du?“ Das Wort ‚Bahnhof‘ stand ihr quer über das Gesicht geschrieben.
„Der dämliche Vollidiot war ich. Das im Flugzeug hat er dir aber wohl verschwiegen, doch den Teil kennst du von mir. Seinetwegen musste ich mich umziehen.“
Ich schilderte den Vorfall noch etwas genauer und meine Kollegin bestätigte das Absacken der Maschine zum besagten Zeitpunkt. Wir waren wohl über ein kleines Luftloch gestolpert.
„Ich habe mich wohl nicht gerade mit Ruhm bekleckert.“
Cindy hatte die ganze Zeit über geschwiegen, bedachte mich nun aber mit einem zustimmenden Nicken.
Gabi sank geknickt in ihren Stuhl. „Und dann sieht er mich hier sitzen.“
Cindy sah mich an und ergriff das Wort. „Ich bin für Schadensbegrenzung. Ihr geht ihn suchen und teilt euch auf. Gabi, ich würde in eurem Zimmer warten. Da ich ihn nicht kenne, wäre ich bei der Suche nutzlos. Wenn er zurückkommt, dann schicke ich dir eine SMS, Phil. Einverstanden?“
Der Plan war mehr als brauchbar. „Ich für meinen Teil bin einverstanden. Gabi?“
Sie nickte und damit war es beschlossen. Cindy war wirklich für manche Überraschung gut.
Die beiden Frauen verschwanden in Richtung Zimmer und ich suchte vor dem Hotel, die Küstenstraße entlang. Gabi würde den anderen Bereich, bei den Sport und Freizeitanlagen, absuchen.
Ich genoss das, durchweg atemberaubende, Panaroma auf dem Spaziergang. Ungefähr drei Kilometer lief ich, aber von Marco war keine Spur zu finden. Im Nachhinein tat mir mein Verhalten natürlich leid. Aber ich konnte ja auch nicht ahnen, was es ihn für eine Überwindung gewesen sein musste. Niedlich war er ja schon irgendwie und ich war ein Gefangener meiner Weihnachtsdepression. An solchen Tagen neigte ich eben verstärkt dazu, meinen Verstand in die Hose zu verlagern.
Weit und breit war keine Spur von Marco zu finden. Unverrichteter Dinge kehrte ich also zum Hotel zurück. Es dauerte eine Weile und Gabi wartete bereits am Eingang.
„Fehlanzeige. Auf der Straße war er nicht.“
„In der Freizeitanlage war er auch nicht.“ Gabi seufzte. „Cindy hat vermutlich auch nichts geschrieben?“
Ich nickte. Also gingen wir erstmal zu Cindy, Gabi würde dann an ihrer Stelle warten. Vorab gönnten wir drei uns allerdings noch ein gemeinsames Mittagessen, auch wenn Gabi nicht wirklich viel essen konnte.
„Wie findest du ihn eigentlich?“ Gabi sah fragend herüber.
„Dazu sage ich lieber nicht zuviel. Er sieht ganz gut aus, also ist schon mein Typ. Aber ich kenne ihn nicht und was ich bisher weiß ist, dass er sehr anstrengend sein kann.“
„Könntest du dir denn vorst…“
Ich fiel ihr ins Wort „Gabi, dass ist definitiv das falsche Thema und auf Kuppelversuche reagiere ich ziemlich allergisch.“
Immerhin hatte ich ihr ja schon gesagt, dass ich ihn gerne kennen lernen würde. Fernab von Getränken, fügte ich gedanklich hinzu.
Wir begleiteten Gabi zurück zum ihrem Zimmer, wo uns dann eine positive Überraschung erwartete. Marco war zwischendurch zurückgekommen und hatte einen Zettel hinterlassen, er würde gegen Abend wieder im Hotel sein. ‚Gabi, der an deinem Tisch, das war er.‘ stand im ‚P.S.‘.
Die Stimmung entspannte sich sofort, Marco ging es offensichtlich gut. Die wenigen Stunden bis zum ‚Christmas Eve‘ – Programm verbrachten Cindy und ich am Strand, wo in einer etwas entfernten Ecke bereits einige Vorbereitungen für die Veranstaltung liefen.
Überraschende Bescherung (Phillip)
Cindy nervte tierisch mit ihrem Sonnencreme-Tick. Irgendwann war es aber Zeit um den Strand zu verlassen. Zum einen, weil wir uns für die Feier frisch machen wollten und zum anderen, weil uns die Angestellten höflich zum Verlassen des Strandes aufforderten, um noch ein paar Überraschungen vorzubereiten.
Wir entschieden uns gegen festliche Klamotten, dafür war es einfach zu heiß. Cindy warf sich ein luftiges Sommerkleid über und ich begnügte mich mit Shirt und Shorts. Wobei ich noch nicht sicher war, ob ich das Shirt lange anbehalten würde. Wie gesagt, bei 31°C im Schatten war es schwer auszuhalten.
Im Restaurant war bereits ein prächtiges Buffet aufgebaut. Diverse Geflügelsorten, Fleisch von allen bekannten und auch einigen unbekannten Tieren, Salate in sämtlichen Richtungen und eine Unzahl an Beilagen. Auf der Terrasse war man auch schon fast fertig. Ein Kellner mit roter Mütze trat uns mit einem Tablett entgegen. Wir griffen nach dem Champagner und prosteten und zu.
„Warten wir noch auf Gabi, oder wollen wir gleich etwas essen?“ Cindy sah hungrig zum Buffet rüber.
„Wir sollten gleich essen. Wer weiß, ob und wann Marco auftaucht.“
„Danke Philimaus, du bist ein Schatz.“
Ich wusste nicht warum, aber ich kämpfte mit einer aufsteigenden Nervosität und Hunger wollte sich auch nicht direkt einstellen. Aber ich belud meinen Teller – sparsam – mit saftiger Putenbrust, Reis und einer unbeschreiblichen Mango-Curry-Soße.
Weniger sparsam war ich dann aber bei Wein, Sekt und Champagner. Das warme Wattegefühl, mitsamt debilem Grinsen, stellte sich relativ zügig ein. Allerdings kam leider auch bald ein sentimentaler Anfall dazu.
„Phillip?“ Cindy griff nach meiner Hand. „Alles okay bei dir?“
Als ich nicht reagierte, kniff sie mir in den Handrücken.
„Autsch, was soll das?“
„Ich hab gefragt ob alles okay ist. Und sag jetzt bloß nicht ‚ja‘.“
„Also… ich …“
„Hallo Phillip, hi Cindy!“ Gabi stand plötzlich neben uns, ebenfalls mit einem Teller beladen und setzte sich an den Tisch, nachdem ich mit meiner Hand auf einen der freien Stühle deutete. Es war mir lieber als ein Gefühlsgespräch mit Cindy. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich nervte Cindy jedes Jahr mit dem ‚ich fühl mich allein‘- Spruch. Sie schaute dann, in der Regel, mitleidig und zuckte dann doch nur mit den Schultern: ‚Es liegt in deiner Hand, Phillip.‘ Und sie hatte ja auch Recht.
Gabi aß in Ruhe und wir gaben uns dem gefräßigen Schweigen hin. Zwischendurch besorgte ich mir noch diverse Salate, um dem Gefühl der Alkoholisierung entgegen zu wirken.
Cindy durchbrach die Stille. „Ist Marco wieder zurück?“
Gabi nickte und sah mich nachdenklich an. „Ja, er ist vor einer Stunde zurückgekehrt. Er war in Willemstad und hat noch ein paar Dinge erledigt.“
„Geht es ihm gut?“ fragte ich.
„Wie man es nimmt. Er ist ziemlich durch den Wind.“
„Was meinst du?“
Gabi errötete leicht. „Ich hab ihm seit geraumer Zeit von Dir vorgeschw… erzählt. Und …“, sie unterbrach sich selber und seufzte. „Marco ist ein wenig schwierig, manchmal. Er hört oft auf seinen Bauch, doch der ist nicht immer zuverlässig. Er geriet an einen ziemlichen ‚Idioten‘.“ Sie sprach das Wort sehr scharf aus.
„Und jetzt kommst du.“
„Als neuer Idiot?“, fuhr ich ihr dazwischen.
„Jetzt lass mich doch erst ausreden. Marco ist deinetwegen durcheinander. Das er sich in dich verguckt hat … okay. Ich verstehe ihn. Dein gestriges Verhalten hat ihn ziemlich unglücklich gemacht. Und jetzt ist er eben verwirrt, weil das nicht zu dem Phillip passt, den ich ihm immer beschrieben habe. Zumindest seitdem er weiß, dass du dieser Phillip bist.“
Gabi unterbrach sich selber für einen Moment und trank einen Schluck. Der glänzende Ausdruck in den Augen und die heiser werdende Stimme verrieten mir, dass das Thema sie sehr mitnahm. Offensichtlich liebte sie ihren Bruder sehr.
„Zu dieser Jahreszeit ist es immer besonders schlimm. Er kämpft das ganze Jahr über sehr tapfer mit sich, hat seine Familie hinter sich. Aber Weihnachten … da wird er depressiv und sehr melancholisch und sehnt sich nach der großen Liebe, die bisher unerfüllt blieb. Aber das scheint dir ja fremd zu sein, so wie du dich immer gibst.“ Sie schluchzte unüberhörbar und mir kam die Galle hoch, vor Ärger.
„Was denkst du dir eigentlich? Woher willst du wissen wie ich denke und fühle? Gabi, das ist anmaßend und überheblich.“ Cindy trat mir gegen das Schienbein, bevor ich noch etwas anderes sagen konnte.
„Philimaus, ich würde gerne draußen eine Zigarette rauchen, kommst du bitte mit? Gabi, bitte entschuldige uns für einen Moment.“ Sie wartete nicht auf meine Antwort. Es war ja auch mehr ein Befehl als eine Bitte.
Draußen hielt mir Cindy wortlos ihr silbernes Zigarettenetui entgegen und ich griff zu einer meiner wenigen Zigaretten im Jahr.
„Was sollte das eben?“, fragte ich sie angesäuert.
„Sei froh über den Tritt, mein erster Impuls war eine Ohrfeige. Sag mal, geht es noch?“
„Warum machst du mich jetzt deswegen an? Dazu hatte Gabi kein Recht!“ Ich zog ärgerlich an der Zigarette und verschluckte mich am Rauch.
Cindy wartete brav, bis sich mein Hustenanfall gelegt hatte und fuhr mit ihrem Vortrag fort.
„Wer dich nicht kennt, der kann durchaus auf dieselben Schlüsse kommen. Du weißt, dass sie Recht hat, fühlst Dich ertappt und nun putzt du sie runter. Ganz große Klasse, Herr Phillip von und zu Arschlochtrip. Ich hab genau gesehen, dass du bei ihren Worten schlucken musstest. Marco ist wie du, nur anders.“ Ein schräges Grinsen konnte sie sich nicht verkneifen.
„Aber merkst du nicht, worauf das hinauslaufen soll?“
„Sicher doch, Phili-Schatz. Gabi möchte ihren schnuckeligen Bruder mit meinem schnuckeligen Freund verkuppeln. Allerdings nicht besonders subtil.“
„So subtil wie ein Tritt gegen mein Schienbein.“
Cindy grinste mich an. „Du kannst mich mal ganz subtil am Arsch lecken.“ Da war es wieder.
„Und Du kannst mich gaaaaanz viel mal subtil am Arsch lecken“, lachte ich zurück.
„Ne danke, deiner hat schon genug Zungen gesehen.“ Zum ersten Mal bedauerte ich meinen Aufenthalt in diesem warmen Inselparadies. Cindys unverschämtes Grinsen verlangte eigentlich nach einem Schneeball, mitten auf die Zwölf. Als ob sie meine Gedanken erraten hätte, fing sie an zu pfeifen. ‚Let it snow, let it snow, let it snow‘.
Gabi wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Wir legten noch ein wenig vom Buffet auf die Teller und aßen, während Gabi mehrfach zum Eingangsbereich der Lobby sah. Ihr Bruder wollte sich wohl doch nicht blicken lassen. Insgeheim bedauerte ich es nicht, es bedeutete ja auch weniger Drama für den heiligen Abend.
Wir wurden bald von dem peinlichen Schweigen am Tisch erlöst. Der Veranstalter lud alle Gäste zum Strand, wo bequeme Strandstühle und eine große Bühne auf uns warteten. Als Gewinner von ‚Hot Summer‘ durften wir natürlich in der ersten Reihe Platz nehmen. Der vierte Stuhl blieb weiterhin frei. Cindy setzte sich vorsorglich zwischen Gabi und mich. Die Stimmung zwischen uns war unweihnachtlich angespannt. Natürlich nahm sie mir den kleinen Ausraster übel. Kurz darauf war jedoch alles vergessen, vorübergehend.
Das Showprogramm startete und mir wurde heiß. Das lag natürlich nicht nur an den beiden gut gebauten Kerlen auf der Bühne, im (mehr als dürftigen) Elfenkostüm mit eingeölten Körpern, sondern auch an den Flammen, die sie in den karibischen Himmel spuckten. Das Ganze gepaart mit furiosen Jongliertricks. Man sah fast nur noch wirbelnde Feuerräder, die sie sich gegenseitig zuwarfen.
Ein wahres Showfeuerwerk brannte ab, diverse Tanzgruppen traten auf und auch verschiedene Sänger. Das Live-Programm war unbeschreiblich. Doch mein persönlicher Höhepunkt war ein angekündigter ‚Special-Guest‘.
Ein Weihnachtsmann betrat die Bühne und bekam von der Band eine Gitarre überreicht. Am vorderen Bühnenrand wurde ein Hocker aufgestellt und der Weihnachtsmann setzte sich hin. Außer den strahlend grünen Augen war nichts zu erkennen und sie nahmen mich völlig gefangen. Er fing an zu singen. ‚Let it snow‘, ‚Jingle Bells‘ und bei ‚Silent Night – Holy Night‘ trieb es mir die Tränen in die Augen. Die Stimme war gefühlvoll und mitreißend und es ging nicht nur mir so: leises Schluchzen und Schniefen drang aus den Sitzreihen. Während der Performance fixierte ich diese Augen und manchmal schien es mir, als ob diese strahlenden Smaragde nur für mich leuchteten.
Cindy merkte sehr schnell was los war, dass mich eine riesige Welle von Einsamkeit und Traurigkeit überrollte. Ich sehnte mich nach dem warmen Gefühl, das diese unbeschreibliche Stimme und diese Augen in mir weckten. Sie nahm mich in den Arm und hielt mich fest und ich drückte mein Gesicht an ihre Schulter, damit niemand sehen konnte, wie bei mir alle Dämme brachen. Mein Schluchzen ging in dem tosenden Applaus völlig unter.
Ich spürte den brennenden Blick zweier Smaragde in meinem Rücken und als ich mich endlich wieder gefangen hatte, da war auch mein Weihnachtsmann wieder verschwunden.
Cindy kraulte gefühlvoll meinen Nacken und Gabi sah mich mit einem seltsamen Blick an, studierte mein Gesicht mit chirurgischer Präzision und lächelte plötzlich.
„Vielleicht hab ich dir wirklich Unrecht getan, Phillip. Es tut mir sehr Leid. Bitte verzeihe mir meine Worte von vorhin.“
Ich nickte leicht „Es ist okay. Ganz Unrecht hattest du ja nicht. Mir tut es auch leid.“
Das restliche Programm beachtete ich kaum noch und als es endete, begab ich mich mit den beiden Mädels zur Hotelbar. Gabi verabschiedete sich ziemlich bald und ging, um nach ihrem Bruder zu sehen. Cindy und ich taten dann das, was wir ohne die Reise auch gemacht hätten. Wir nisteten uns in dieser exklusiven Bar ein und tranken fröhlich bis in die späte Nacht.
Katerstimmung (Phillip)
Die Nacht endete viel zu früh, gegen 13 Uhr. Mein Kater war mörderisch, viel schlimmer als in den letzten Jahren. Anders als sonst verbrachte ich fast eine Stunde auf der Toilette und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Cindy ging es ziemlich gut, sie hatte irgendwann auf Wasser umgestellt und war fit. Deshalb ging sie auch zum Hotelarzt und besorgte mir ein paar Tabletten gegen die Übelkeit und die Kopfschmerzen. Als sie zurückkehrte lag ich bereits wieder im Bett.
„Du siehst furchtbar aus, Philimaus.“ Sie löste die Medikamente in einem Glas Wasser auf und stellte einen Kaffee auf den Nachttisch. „So, jetzt trinkst du das hier ganz artig, gönnst dir einen Koffeinschub und ruhst dich noch aus. In einer Stunde ist alles wieder gut“, redete sie auf mich ein.
„Zu Befehl, Ma’am!“ Artig befolgte ich ihre Anweisungen. Es dauerte auch nicht lange und die Restmüdigkeit siegte. Aus der versprochenen Stunde wurden drei. Und tatsächlich, ich fühlte mich wie frisch auferstanden.
Als ob sie es gerochen hätte, steckte Cindy ihren Kopf zur Tür rein.
„Hi Schlafmütze, gut geschlafen?“
„Ja, prima, ich fühl mich spitze.“
„Okay Mausi, dann mach dich mal fertig. Chris ist vor ein paar Minuten gelandet und wird in Kürze hier sein.“ Bei dem Namen ‚Chris‘ lächelte sie wie ein kleines Schulmädchen.
Meine Augen flogen zur Uhr, es war 17:25 durch. „Okay, warte unten, ich geb Gas“, stammelte ich hektisch.
„Ach lass dir Zeit Schatz, du hast sie nötig. Und ich hab ein wenig Zeit mit Chris. Gabi ist nämlich auch noch nicht unten.“
Mit den Worten drehte sie sich um und verschwand wieder. Ich gönnte mir dann auch eine längere Dusche, eine gründliche Rasur und mindestens zehn Minuten Zähne putzen, bis der Rest des Katerfells von der Zunge geschruppt war.
Punkt 18 Uhr erreichte ich dann die Lobby, wo Cindy und Chris auf dem gemütlichen Clubsofa in einer Ecke saßen. Sie bemerkten mich nicht.
„Richtig, sie war nicht die große Liebe und ich kam seither auch ganz gut klar“, meinte Chris zu Cindy.
„Ich verstehe. Wollen wir uns vielleicht mal treffen, wenn wir in Frankfurt sind? Phillip hält mich für eine passable Köchin.“
„Ich würde mich gerne mit dir treffen“, flüsterte er ziemlich leise zurück.
„Ich kann ja Phil mal fragen, ob er uns seine Küche zur Verfügung stellt und dann mitessen möchte.“
„Wieso nicht bei dir?“
Cindy zögerte bei der Antwort. „Weil ich dich mag und nicht will, dass du glaubst ich würde das als Vorwand für …“
Chris griff nach ihrer Hand. „Ich mag dich auch und glaube nicht, dass du einen Vorwand bräuchtest. Frag ihn ruhig, Dein Freund ist ein interessanter Mensch und ich möchte natürlich auch deine Freunde kennen lernen. Wann würdest du denn gerne?“
„Ich habe in den nächsten Tagen Zeit, mein Geschäft bleibt bis zum zehnten Januar geschlossen.“
Chris überlegte nicht lang. „Okay, wir fliegen morgen alle zurück. Ich muss übermorgen abends im Sender sein und ein Tag Ruhe wird euch gut tun. Wie wäre es mit Sonntag?“
Cindy strahlte. „Super. Wenn Phil sein okay gibt, dann gerne. Ansonsten…“
„Ihr Beiden habt das okay. Ich bin einverstanden!“ Simultan flogen zwei Köpfe herum. Chris fing sich sofort und begrüßte mich herzlich. Dann fragte er um Erlaubnis, ein kleines Interview führen zu dürfen. Ich gestattete es natürlich und er zückte ein Diktiergerät.
„Hallo Phillip, ich hoffe du hast den Urlaub hier bisher auch genießen können?“
„Ja, es ist traumhaft hier.“
„Wie hast du den heiligen Abend vor dieser Kulisse hier empfunden?“
„Oh, es ist ganz eigenartig. Statt unserer heimischen Kälte plötzlich in Badesachen am Strand zu sitzen und Feuerspucker zu betrachten. Sand statt Schnee… es war traumhaft. Diese ganz besondere Ausstrahlung und Atmosphäre dieser Insel.“
„Und was war dein persönliches Highlight bisher?“
„Eindeutig der singende Weihnachtsmann gestern Abend. Er hat eine wahnsinnig schöne Stimmung rübergebracht.“
„Unser Überraschungsact also. Gut, ich danke dir für das kurze Interview, noch viel Spaß für die restliche Zeit.“ Chris schaltete das Gerät ab. Ich spürte wieder dieses feuchte Gefühl in den Augen, als ich den singenden Santa erwähnte. Chris hatte das auch bemerkt und deswegen keine weiteren Fragen mehr gestellt. Zumindest nicht offiziell für die Sendung.
„Alles okay, Phillip?“ Er sah mich mitfühlend an.
„Ja, es geht schon. Der Sänger hat mich ziemlich aufgewühlt. Der Gesang ging tief unter die Haut.“
Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Cindy hat da schon was angedeutet. Weihnachten ist noch nicht vorbei und wer weiß, vielleicht trifft dich ja noch das festliche Wunder.“
Wir aßen noch gemeinsam zu Abend. Gabi und Marco tauchten weiterhin nicht auf. Nach dem Essen ließ ich die Beiden alleine und machte noch einen langen Spaziergang am Strand, barfuss durch den warmen und feuchten Sand.
Und so endete auch der letzte Abend in der Karibik.
Aufbruch (Phillip)
„Jetzt beeil Dich doch, wir müssen bald aus dem Zimmer raus sein!“
Cindy war in Hektik. Obwohl ich schon lange schlief, bevor sie ins Bett kam, war sie das blühende hektische Leben.
„Wie war es mit Chris gestern Abend?“ Cindy hielt inne und strahlte mich an.
„Er ist toll. Lustig, charmant und frech, sieht gut aus und geht auf mich ein. Ein Traum! Ich freu mich schon auf Sonntag. Phili, Du musst mir helfen, bitte! Ich will nichts versauen, du musst die Küchenleitung übernehmen!“
„Okay okay“, lachte ich.
Wir packten den Rest zusammen und übergaben die Koffer dem Gepäckservice, der unser Hab und Gut am Flughafen aufgab. Die restliche Zeit bis zum Abflug verbrachten wir im kolonialen Flair von Willemstad. Chris stieß bald zu uns und machte den Vorschlag, wir könnten uns noch die Hato Höhlen ansehen. Also begaben wir uns erst zum Hato International Airport und packten unser Handgepäck in die Schließfächer. Da unser Flieger erst nach 20 Uhr ging, entschieden wir uns, die zwei Kilometer zur Höhle zu Fuß zu gehen.
Schmunzelnd nahm ich zur Kenntnis, dass Cindy und Chris Hand in Hand liefen, inklusive verklärter Blicke, die sie sich hin und wieder zuwarfen. Einerseits freute ich mich für die Beiden, andererseits erfüllte es mich mit einer tiefen Traurigkeit. Ich blieb allein.
Die Höhlen waren beeindruckend und furchtbar stickig. Nach unserer Ankunft dauerte es nur eine halbe Stunde bis zur nächsten Führung, die ebenfalls nur dreißig Minuten dauerte. Aber wir bekamen einiges geboten. Die Höhlen waren gut ausgeleuchtet, phantastische Tropfsteinformationen erwarteten uns. Mir gefiel die so genannte, ‚Cathedral‘ am Besten. Eine geräumige Höhle, in der Sonnenlicht durch ein Loch in der Decke strömte.
Für mich stand fest, ich würde wieder Urlaub auf dieser Insel machen. Curaçao bot noch soviel mehr. Tauchgänge, ein großes Seeaquarium und einen Nationalpark. Auch das Nachtleben schien interessant zu sein, wie ich einigen Broschüren entnehmen konnte. Das Open-Air-Kino am Mambo Beach, zum Beispiel. Aber alleine hätte ich da nicht hingewollt und Cindy schien für gemeinsame Touren auszufallen, dem schrumpfenden Abstand zwischen Chris und ihr nach zu urteilen. Unwillkürlich musste ich an die Smaragde zurückdenken.
Nach einer kleinen Stärkung und ein paar Getränken machten wir uns wieder auf den Weg zum Flughafen, wir hatten keine zwei Stunden bis zum Abflug übrig.

„Dear passengers, welcome to Martinair. Please prepare for boarding to Amsterdam in fifteen minutes. Sehr geehrte Fluggäste, willkommen bei Martinair. Das Boarding für den Flug nach Amsterdam beginnt in fünfzehn Minuten.“
Wir hielten Ausschau nach Gabi und Marco, in der Nähe des Schalters war keine Spur von ihnen. Cindy und Chris suchten im Loungebereich und ich ging den Weg zu den Toiletten entlang. Und tatsächlich, ich fand Gabi. Sie wartete zwischen den Türen der Damen- und Herrentoilette.
„Hi Gabi, wir dachten schon ihr kommt nicht mit!“
„Oh Phillip. Es tut mir Leid, Marco und ich haben nach Heiligabend viel geredet und kamen kaum aus dem Zimmer. Die letzen Stunden waren wir im Aquarium. Und was habt ihr so getrieben?“
„Cindy und ich waren mit Chris in den Hato Höhlen.“
„Da wären wir auch gerne noch hin. Die Prospektbilder waren echt toll, aber bei den vielen Fischen verging die Zeit wie im Fluge.“
Ich wollte gerade etwas entgegnen, bekam dann aber die Toilettentür ins Kreuz. Ich stand auch etwas ungünstig. Dafür knallte auch jemand von innen gegen die nur halb geöffnete Tür.
Als ich mich umdrehte, um mich zu entschuldigen, stockte mir der Atem.
„Smaragdauge?“, flüsterte ich und ich spürte einen dicken Kloß im Hals und das warme Gefühl des 24.12. kehrte zurück. Zum ersten Mal sah ich Marco direkt in die Augen.
Sein erschrockener Blick wich einem warmen Lächeln.
Epilog
Marco und ich saßen auf dem gesamten Rückflug zusammen. Gabi hatte netterweise den Platz mit mir getauscht. Wir sprachen uns aus und ich entschuldigte mich für mein grobes Verhalten am Anfang der Reise. Chris grinste uns zwischendurch wissend zu. Nun verstand ich auch seine Bemerkung am Flughafen in Frankfurt. Er wusste natürlich, dass Marco schwul war. Allerdings schienen meine Sturheit und Marcos Ängstlichkeit uns im Weg zu stehen. Ich … verliebte mich in seine Sensibilität, seine Verletzlichkeit. In seine Augen, die Stimme. Auch er rückte immer näher an mich heran, bis wir die Armlehne hochklappten, weil es doch unbequem war. Immer wieder strich ich seine schwarzen Strähnen aus dem Gesicht.
Der Abstand zwischen unseren Lippen schwand minütlich, bis er kurz seine Augen schloss, seinen Mut sammelte und mir den zärtlichsten Kuss meines Lebens verpasste. Ich ließ mich in diesen Kuss fallen und sah ihn danach lange verträumt an.
„Marco… ich hatte vergessen wie es ist, wenn man verliebt ist. Danke für die Chance.“
„Du hast dich wirklich …?“
Ich nickte. „Und ich habe echt einiges getan damit das nicht passiert. Ich hatte Angst.“
„Ich möchte dich richtig kennen lernen. Also, ich habe mich auch in dich verliebt. Deine Reaktion bei der Feier, auf meinen Gesang, hat mir Mut gegeben. Ich hatte ziemliche Angst vor dir und hoffe, dass du wirklich so bist wie ich dich jetzt sehen kann.“
Ich nahm ihn in den Arm. „Danke für die Chance.“
Am Sonntag aßen wir dann zu Viert. Marco und Chris brachten jeweils eine Flasche Wein mit und ich reichte spontan neunzehn Tage Urlaub beim Erlenbach ein.
„Phillip, Sie überraschen mich immer wieder. Ich möchte Sie allerdings nicht vor dem fünften Februar sehen, Sie bekommen den Rest auf Überstundenbasis frei, davon haben Sie ja auch genug.“
Und so endete ein unvergessliches Weihnachtsfest und mit dem neuen Jahr begann für Marco und mich ein neuer Lebensabschnitt. Auch bei Chris und Cindy lief es sehr gut. Marco und ich wurden Mitte August von ihr zum Trauzeugen bestellt. Ein halbes Jahr später drehten wir dann den Spieß um.
Unsere Geschichte endet hier. Wir sind nun auf eure gespannt. Frohe Weihnachten!

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Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:48 AM - No Replies

Der Mörder zielte auf den Kopf des gefesselten Mannes.
„Jetzt, Bulle, wirst du sterben!“
Anscheinend gab es wirklich keine Aussicht mehr auf Rettung. Doch plötzlich sprang die Zimmertür auf!
„Hallo Sascha.“
Was? Wie? Wo? Oh. Da waren gleich zwei Zimmertüren aufgesprungen, eine in dem Kriminalroman, den ich gerade las, und eine zweite in dem Büro, in welchem ich saß und meine Arbeitszeit mit Lesen verplemperte. Schnell warf ich das Buch zur Seite und wandte mich meinem Besucher zu.
„Hallo Sven.“
Kriminalhauptkommissar Berger vom Dezernat Organisiertes Verbrechen trat ins Zimmer und schloss hinter sich die Tür.
„Ist dein Chef nicht da?“
„Nein, der hat schon Feierabend gemacht.“
Berger schaute auf die Uhr und schüttelte verwundert den Kopf.
„Feierabend? Um diese Zeit schon? Der hockt doch sonst immer bis spätabends im Büro.“
Allerdings, dafür war KHK Machlitzke berühmt. Und bei seiner Frau und seinen Kindern berüchtigt.
„Familiäre Verpflichtungen. Er hat heute Silberhochzeit, da hat Gertrud ihn vor die Wahl gestellt, entweder mit ihr zu feiern oder gleich die Scheidung hintendran zu hängen.“
Mein Besucher lachte.
„Ich denke bei diesen Alternativen dürfte selbst einem Arbeitstier wie Jens die Wahl leicht gefallen sein.“
„Glaub ich auch, und nach dem riesigen Blumenstrauß zu urteilen, mit dem er vorhin hier weg gedackelt ist, weiß er genau, dass er bei seiner Frau einiges gutzumachen hat.“
„Tja, das dürfte in unserem Job wohl den meisten so gehen. Aber mir ist es eigentlich ganz lieb, dass ich dich hier alleine erwische.“
Nanu? Was hatte das nun zu bedeuten? Wollte er mir wieder vorschlagen, in sein Dezernat zu wechseln? Seit wir vor einigen Monaten die Unterwelt-Größe Viktor Barenkow des Mordes überführen konnten, hatte mein Besucher immer wieder einmal versucht, mich von der Mordkommission abzuwerben.
Bisher war das allerdings stets in Gegenwart meines eigenen Vorgesetzten geschehen. Die beiden kannten sich sehr gut, und das war mehr eine Frotzelei denn wirkliche versuchte Abwerberei. Nun jedoch machte es fast den Eindruck, also wolle Berger die Sache ernsthafter angehen.
„Ach ja? Wieso das denn?“
„Du bist doch noch mit deinem Derek zusammen, oder?“
„Yup. Weshalb fragst du?“
Natürlich war ich noch mit meinem Schatz zusammen, ich wäre ja wirklich schön doof, wenn ich DEN jemals wieder hergeben würde. Und man hatte mir in meinem Leben schon einiges vorgeworfen – Doofheit jedoch gehörte nicht dazu.
„Ich hätte da ein kleines Computerproblem, bei dem ich die Hilfe eines Fachmannes bräuchte.“
Nun, damit war er bei Derek definitiv an der richtigen Adresse. Mit einem früheren Schulfreund führte er als erfolgreicher Jungunternehmer die Firma Data Rescue, die sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen im Bereich Computersicherheit und Datenrettung gemacht hatte.
„Schieß los, worum geht es denn?“
„Wir haben bei einer Hausdurchsuchung einen Computer beschlagnahmt, von dem wir uns einiges an Beweismaterial erhoffen. Leider ist alles verschlüsselt, und dummerweise ist Zeit ein kritischer Faktor. Du weißt ja wie das ist, wenn wir den offiziellen Weg übers LKA gehen…“
Allerdings. Für die kam erstmal ihre eigene Arbeit, dann lange Zeit nichts, und irgendwann ganz am Ende kam die Hilfe für uns stinknormale Stadtbullen.
»Und der Besitzer des Computers ist nicht sonderlich hilfsbereit, oder?«
»Wenn wir den nur hätten. Er ist uns durch die Lappen gegangen, und unter anderem deswegen ruhen unsere Hoffnungen auf dem Rechner. Vielleicht findet sich dort ein Hinweis darauf, wo wir nach ihm suchen können.«
Wortlos griff ich zum Telefonhörer und wählte die Nummer, die ich seit einigen Monaten auswendig kannte (und die wie Musik in meinen Ohren klang).
»Data Rescue, Prosch.«
»Hallo Schatz.«
»Sascha! Schön deine Stimme zu hören. Was gibt’s denn Schönes?«
»Arbeit, Der. Hast du viel zu tun, oder könntest du was einschieben?«
»Ach Menno, es ist Freitagnachmittag. Eine bessere Zeit ist dir wohl nicht eingefallen?«
Ich seufzte.
»Ist nicht meine Schuld, Schatz. Hauptkommissar Berger bräuchte deine fachliche Hilfe. Er hat hier einen Rechner mit verschlüsselten Daten, an die er dringend rankommen müsste.«
»Hm. Na gut. Bring mir das Ding vorbei und ich werde sehen, was ich machen kann. Hoffentlich versaut uns das nicht das ganze Wochenende.«
Ich beschloss, lieber nichts weiter dazu zu sagen.
»Okay, ich komme so schnell wie möglich und bringe dir den Rechner.«
»Gut, ich warte auf dich. Bis nachher.«
»Tschüss.«
Ich legte auf und drehte mich zu meinem Besucher.
»Derek ist einverstanden, wir können ihm den Computer in die Firma schaffen.«
KHK Berger atmete erleichtert auf.
»Ihr seid meine Rettung. Wenn ich mal was für euch tun kann, dann sagt einfach bescheid.«
Mir fiel zwar im Moment nichts ein, was er für uns hätte tun können, aber ich vermerkte sein Angebot in meinem Gedächtnis. Wer weiß, wofür das irgendwann mal gut sein würde.
»Wir sollten uns aber beeilen, nicht dass Derek es sich doch noch anders überlegt.«
Das brachte Berger ins Rollen.
»Dann los, der Rechner steht in meinem Büro. Musst du dich irgendwie abmelden?«
»Nein, ich schalte das Telefon nur um auf mein Handy. In einer knappen Stunde hab ich eh Feierabend.«
»Gut, da nehmen wir am besten deinen Wagen, du brauchst dann gar nicht mehr hierher zurück, und ich lass mich von einer Streife abholen.«
So kam es, dass wir nach einer halben Stunde und einer etwas stressigen Fahrt durch den Leipziger Freitagnachmittagfeierabendverkehr auf das Betriebsgelände von Data Rescue einbogen. Ich klemmte mir den Computer unter den Arm und marschierte in Bergers Begleitung zielstrebig ins Büro von meinem Liebsten. Dieser schraubte gerade ein Rechnergehäuse zusammen, ließ jedoch sofort alles stehen und liegen, als er mich ins Zimmer kommen sah.
»Da bist du ja!«
Vorsichtig nahm er mir den Rechner aus den Händen, stellte ihn auf dem Boden ab, dann bekam ich erstmal seine übliche stürmische Umarmungsbegrüßung. Nicht dass ich was dagegen gehabt hätte…
Plötzlich räusperte sich jemand neben uns. Mist. Berger. Den hatten wir doch völlig vergessen.
»Ich will euch beiden ja nicht den Spaß verderben, aber ich hätte hier ein wenig Arbeit, die nach einem echten Computerprofi verlangt.«
Derek gab es nicht gerne zu, aber er fuhr doch ein wenig auf solche Sprüche ab. Er hatte es gerne, gelobt und als Spezialist anerkannt zu werden.
»Dann mal her mit dem guten Stück. Übrigens, wir sind uns glaub ich noch nicht begegnet. Ich bin Derek, Derek Prosch.«
Artig griff sich Berger das angebotene Patschhändchen.
»Angenehm, Sven Berger.«
Mein Freund schnappte sich nun den Rechner und packte ihn auf den Arbeitstisch.
»Ihr lasst mich jetzt lieber mit dem Ding alleine, zum Arbeiten brauch ich meine Ruhe. Ich melde mich bei Sascha, wenn ich irgendwas rausbekomme, okay?«
»Einverstanden, und Sascha kann sich dann an mich wenden. Falls irgendwas ist, hier ist auch noch meine Karte. Handynummer steht hinten drauf.«
»Okay.«
»Ach ja, tut mir wirklich leid, wenn ich euch irgendwie die Wochenendplanung durcheinander bringe, aber das ist wirklich wichtig und dringend.«
»Schon gut. Ich werde sehen, was sich machen lässt, und mich beeilen. Was großartiges hatten wir eh nicht vor, aber wir wollten eigentlich morgen zum Baden an den Cossi fahren.«
Der Cossi war der Cospudener See, aktuell unser Lieblingsbadeplatz. Berger, der bereits in der Tür stand, drehte sich nochmal um und grinste uns frech an.
»Soso. Knackige Jungs in engen Badehosen angaffen, oder?«
Empört stemmte mein Schatz die Hände in die Hüften.
»Also wirklich! Als ob WIR knackige Jungs in engen Badehosen angaffen würden!«
Genau, auf so eine doofe Idee würden wir niemals kommen!
»Wers glaubt…«
Jetzt war es an der Zeit für mich, Sven den Todesstoß zu versetzen.
»Kannst du ruhig glauben. Wir gehen nämlich immer an den FKK. Also nichts mit Badehosen.«
Nun verschluckte sich Berger an der eigenen Spucke, dann hob er kapitulierend die Hände über den Kopf.
»Ich gebs auf. Mit euch Jungvolk komm ich nicht mehr mit. Aber ich hätte es ahnen sollen, meine Zwillinge gehen auch nur noch an den Textilstrand, wenn meine Frau und ich dabei sind. So, nun hau ich aber ab. Und Sascha, du verschwindest auch besser von hier, damit deine bessere Hälfte auch wirklich zum Arbeiten kommt. Sonst wird es eng mit dem FKK-Strand.«
Mit diesen Worten verschwand Berger und ließ mich mit Derek alleine zurück.
»Tut mir leid, Sascha, aber ich befürchte er hat recht. Ich sollte mich an die Arbeit machen, und dabei kann ich dich wirklich nicht gebrauchen.«
»Schon okay, ich weiß ja, dass du dich in meiner Gegenwart nicht konzentrieren kannst.«
Dafür bekam ich einen herzhaften Knuff in den linken Oberarm verpasst.
»Woran das wohl liegen mag! DU lässt MICH ja nie für länger als fünf Minuten in Frieden, wenn wir zusammen sind.«
Das stimmte vermutlich, aber er war auch einfach zu niedlich, um in Frieden gelassen zu werden. Trotzdem hatten jetzt andere Dinge Priorität.
»Gut, ich verschwinde. Und über das *in Frieden lassen* reden wir demnächst nochmal. Mal schaun, ob ich dich abends beim Kuscheln auch *in Frieden lassen* soll.«
»Untersteh dich! Und nun hau ab.«
Ich gab Derek einen leichten Klaps aufs wohlgeformte Hinterteil, dann ließ ich ihn mit seinen Bits und Bytes alleine. Mittlerweile waren es nur noch wenige Minuten bis zu meinem Feierabend, also beschloss ich, gleich nach Hause zu fahren. Mit einem kleinen Umweg über den Supermarkt. Auf halbem Wege dahin klingelt mein Handy.
»Altmann.«
»Was treibst du dich mit der Konkurrenz herum?«
Ich musste grinsen, auch wenn ich keinen blassen Schimmer hatte, woher mein Chef bereits wusste, dass ich mit Berger unterwegs gewesen war.
»Keine Angst, er hat nicht versucht mich abzuwerben.«
»Ach ja? Und wieso ist er mit dir in deinem Wagen weggefahren?«
»Weil er Hilfe mit einem Computerproblem brauchte und mich gebeten hat, ein gutes Wort für ihn bei Derek einzulegen.«
»Oh. Na gut. Das will ich mal gelten lassen. Ich hatte schon befürchtet, dass er wieder versucht, dich fürs OV einzufangen.«
»Ich hab dir schon mindestens dreieinhalbmal gesagt, dass ich daran eh kein Interesse hätte, Chef.«
»Hm. Ich will dich einfach nicht verlieren, kapiert?«
Das war wohl das größte Kompliment, welches ich je von Kriminalhauptkomissar Machlitzke zu hören bekommen würde.
»Wie gesagt, ich bleibe dir erhalten. Und wenn du möchtest, dass deine Frau DIR erhalten bleibt, solltest du dich jetzt lieber wieder um sie kümmern und nicht weiterhin mit einer Gehirnhälfte im Job rumhängen.«
»Schon gut, schon gut, hast ja recht. Also dann, schönes Wochenende.«
»Danke gleichfalls, und feiert schön.«
Eine Antwort darauf kam nicht mehr, Machlitzke hatte bereits aufgelegt. Grinsend lenkte ich den Wagen auf den Supermarkt-Parkplatz und erledigte die Einkäufe. Anschließend fuhr ich nach Hause und gönnte mir erstmal eine erfrischende Dusche. Nun konnte das Wochenende beginnen und ich hoffte, dass nicht irgendein Einsatz dazwischenkommen würde. Der zu knackende Computer war schon schlimm genug.
Der Nachmittag zog ins Land, es wurde Abend, und noch immer hatte ich keine Nachricht von Derek bekommen. Ich wusste es allerdings besser als bei ihm anzurufen und nachzufragen, er konnte ziemlich zickig werden, wenn man ihn mitten in der Arbeit störte. So bereitete ich lieber erstmal ein schönes Abendessen vor und stellte auch eine Flasche Wein bereit – immer in der Hoffnung, dass er nicht ZU spät nach Hause kommen würde.
Wir hatten die gemeinsame Wohnung kurz nach dem Fall Brauner/Barenkow bezogen. Für uns beide war es eine ziemliche Umstellung gewesen. Ich hatte vorher schon eine kleine Wohnung alleine bewohnt, Derek jedoch bis dahin noch bei seinen Eltern gelebt. Erfahrungen im Zusammenleben mit einem Partner hatte keiner von uns. Wir hatten eine Weile gebraucht, um uns auf die neuen Lebensumstände einzustellen, aber wir hatten uns zusammengerauft und mittlerweile lief es wirklich gut. Die Wohnung war zum Glück groß genug, sodass jeder notfalls einen kleinen Rückzugsbereich für sich ganz alleine hatte. Wir hatten eh mächtig Schwein gehabt, diese Wohnung im 26. Stockwerk des höchsten Leipziger Wohngebäudes mitten im Stadtzentrum zu bekommen. Die Miete war zwar ebenso hoch wie das Haus, aber wir verdienten beide gut und konnten uns das leisten. Und der Ausblick war einfach unbezahlbar.
Nachdem ich alles für ein gemütliches Abendessen vorbereitet hatte, schnappte ich mir eine Flasche Radler und setzte mich auf einen unserer Balkons. Zwar war es dort wegen des Verkehrslärmes etwas laut, aber trotzdem war es herrlich. Auf diesem Balkon ertappte mich dann auch mein Schatz, als er gegen halb acht nach Hause kam. Wegen des Lärms hatte ich ihn gar nicht kommen gehört.
»Ah, hier bist du. Ich arbeite hart und du hockst hier faul auf dem Balkon.«
»Hi Schatz. Schön dass du da bist. Und, hast du schon was rausgefunden?«
»Bisher nicht, das ist alles verdammt gut verschlüsselt. Aber ich denke ich bin auf der richtigen Spur. Morgen früh setz ich mich wieder dran, ich konnte jetzt einfach keine Zeichen auf dem Monitor mehr erkennen.«
»Du Ärmster. Mach es dir bequem, in zehn Minuten gibt es Abendbrot.«
»Mach zwanzig draus, ich spring schnell unter die Dusche.«
»Okay. Möchtest du ein Glas Wein oder erstmal was anderes?«
»Erstmal ein Bier, den Wein trinken wir später.«
»Gut, dann geh duschen.«
Eine halbe Stunde später saßen wir am Abendbrottisch, und Derek sah mit seinen nassen Haaren einfach zum Anbeißen aus. Zum Glück hatte ich zum Anbeißen ein paar andere leckere Sachen vorbereitet, sonst hätte ich für nichts garantieren können.
»Sag mal, hast du eine Ahnung, worum genau es bei dem Fall von deinem Kollegen geht?«
Ich kaute auf dem Kräuterbaguette herum und schüttelte den Kopf.
»Nein, er hat nichts dazu gesagt. Wäre das wichtig für dich?«
»Weiß ich noch nicht, kommt drauf an, was ich morgen finde.«
»Du hast noch gar nichts entdeckt?«
»Nein, aber ich glaube, ich bin ganz dicht dran am Algorithmus.«
»Das schaffst du schon.«
»Ja, aber nicht mehr heute. Ich bin wirklich völlig erledigt. Ich will nachher nur noch ein bisschen vor der Glotze kuscheln und dann ins Bett.«
Herausfordernd grinste ich ihn an.
»Das lässt sich bestimmt einrichten. Und du kannst gerne auch im Bett kuscheln.«
Derek grinste mindestens genauso frech zurück.
»Warum überrascht mich das nicht?«
»Du kennst mich einfach viel zu gut.«
»Ja, und das ist auch gut so.«
Wir flirteten noch ein wenig weiter, dann kümmerte ich mich um die Überreste des Abendessens und die Spülmaschine. Derek hatte ich vorher schon auf die Couch verbannt, der hatte wirklich lange genug gearbeitet für einen Tag. Später gesellte ich mich mit der Weinflasche zu ihm, und es wurde noch ein schöner, gemütlicher Abend…
*.*.*
Am nächsten Morgen wurde ich durch einen Kuss auf die Stirn geweckt. Blinzelnd öffnete ich die Augen und schaute in Dereks Gesicht, welcher sich über mich gebeugt hatte.
»Was ist los, Schatz?«
»Ich mach mich auf den Weg ins Büro. Du kannst ruhig noch liegenbleiben, es ist noch früh.«
Mit vertrieften Augen schaute ich auf die Uhr. Tatsächlich, erst kurz nach halb acht. Der arme Derek. Und das zum Samstag. Ich drehte mich wieder auf die Seite, und kurz darauf war ich erneut eingeschlafen.
Wieder wach wurde ich kurz vor zehn, und ich gönnte mir erstmal einen ganz gemütlichen Vormittag mit einem schönen Frühstück. Gerade als ich gegen elf überlegte, was ich nun mit dem Tag anfangen wollte, klingelte das Telefon.
»Altmann.«
»Ich bins, Sascha.«
Sofort sprangen meine Gehirnwindungen an.
»Hast du was gefunden?«
»Ja, und ich denke, du solltest sofort rüberkommen und auch Berger herzitieren.«
»Mach ich, bis gleich!«
»Tschüss.«
Damit war der gemütliche Vormittag vorbei. Ich suchte die Telefonnummer von Berger heraus und wählte sie an. Nach dem dritten Läuten meldete sich eine junge Stimme.
»Pascal Berger.«
Pascal? Ach so, einer seiner Zwillinge.
»Kommissar Altmann, könnte ich bitte mal deinen Vater sprechen?«
»Kommissar Altmann? Der FKK-Altmann?«
Ich stöhnte auf. Was hatte Berger seiner Familie denn alles erzählt?
»Genau der. Also, wie schauts aus? Ist dein Vater greifbar?«
Ich konnte das Grinsen des Jungen am anderen Ende der Strippe förmlich spüren.
»Ja, Moment, ich hole ihn ran.«
Ich hörte, wie der Hörer auf einem Tisch landete, dann sprinteten Füße davon. Etwa eine halbe Minute später meldete sich die Stimme von Sven Berger.
»Berger. Was gibt’s?«
»Altmann hier. FKK-Altmann.«
Mein Gesprächspartner lachte schallend.
»Sorry, Sascha, aber ich hätte nicht gedacht, dass Pascal das sofort ins Spiel bringt.«
»Du hättest es ihm ja einfach nur nicht erzählen brauchen.«
»Tut mir leid, das konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Aber ich denke mal, dass du nicht deshalb anrufst. Hat dein Freund irgendwas rausgefunden?«
»Ja, er rief gerade an und meinte, dass wir schnellstens zu ihm in die Firma kommen sollen.«
»Alles klar, ich mache mich sofort auf die Socken.«
»Gut, wir treffen uns dort.«
Wir legten gleichzeitig auf, ich schnappte mir Dienstwaffe und Autoschlüssel und machte mich auf den Weg zu Data Rescue. Gerade als ich dort ausstieg kam auch der Wagen von Sven auf den Parkplatz gerollt, und gemeinsam betraten wir erst das Firmengebäude und dann Dereks Büro. Als wir eintraten, blickte er vom Monitor auf.
»Ah, da seid ihr ja. Ging ja schnell.«
»Du hast ja auch den Eindruck gemacht, dass es sehr dringend wäre.«
Derek antwortete nicht sondern zeigte nur auf zwei Drehstühle, die wir uns heranzogen, sodass wir nunmehr alle vor dem riesigen Monitor am Arbeitsplatz meines Freundes saßen. Dieser schaute nun meinen Begleiter durchdringend an.
»Wusstest du, was mich hier auf dem Rechner erwartet?«
Was meinte er nun damit? Gebannt lauerte ich auf Bergers Antwort.
»Ich hatte eine Ahnung, aber nichts Gewisses. Wenn ich aber deine Reaktion sehe befürchte ich, dass meine Ahnung ins Schwarze getroffen hat.«
»Ich fürchte ja.«
Derek drehte sich zum Rechner und klickte ein wenig mit der Maus umher. Nun war ich aber wirklich gespannt was er entdeckt hatte! Im nächsten Moment sah ich es – und im übernächsten Moment hätte ich am liebsten in den Papierkorb gekotzt.
»Oh Scheiße!«
Auch Berger wurde kalkweiß.
»Bestätigt das deine Ahnung?«
»J…ja. Das hatte ich befürchtet. Und gleichzeitig hatte ich es mir nicht SO schlimm vorgestellt.«
Vor unseren Augen lief eine Diashow der widerlichsten Kinderpornobilder ab. Mädchen und Jungen zwischen vielleicht sechs und sechzehn Jahren, die für alle vorstellbaren und noch ein paar völlig unvorstellbare Sexpraktiken missbraucht wurden.
»Ich glaube mir wird schlecht.«
»Ging mir vorhin genauso, Schatz. Ich hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit sowas. Dein lieber Kollege hier hätte mich ruhig ein wenig vorwarnen können.«
Berger machte ein zerknirschtes Gesicht.
»Tut mir leid, vielleicht hätte ich das tatsächlich tun sollen. Aber es war halt wirklich erstmal nur eine Ahnung, ich hatte nichts Handfestes vorzuweisen.«
»Diese Ahnung hätte mir zumindest den größten Schock erspart. Übrigens, die Bilder hier sind noch der harmlosere Teil vom Inhalt der Festplatte.«
Ich konnte es kaum glauben, und auch Berger sah Derek entsetzt an.
»Der HARMLOSERE Teil?«
»Ja, es gibt auch noch gigabyteweise Videos. Gleicher Inhalt, aber halt bewegte Bilder mit Ton und allem was dazugehört.«
Angewidert starrte ich Berger an.
»Und das Schwein, dem der Rechner gehört, habt ihr entwischen lassen?«
»Ja, leider. Als wir mit dem Durchsuchungsbeschluss an seiner Wohnung auftauchten, war er ausgeflogen. Nachbarn haben gesagt, dass er schon seit zwei oder drei Tagen nicht mehr zuhause gewesen ist. Es sah aber nicht nach einem überhasteten Aufbruch aus, vielleicht ist er auch einfach nur in Urlaub gefahren und taucht demnächst wieder hier auf. Ich lass die Wohnung jedenfalls rund um die Uhr überwachen.«
Hoffentlich hatte er recht. So ein Schwein durfte einfach nicht ungeschoren davonkommen.
»Hast du noch etwas gefunden außer den Bildern und Videos?«
»Ja. Es sieht so aus, als wäre das hier nicht nur ein Sammler gewesen sondern auch ein Händler. Ich habe sowas wie eine Kundendatei gefunden, allerdings ist die nicht nur auf dem Rechner verschlüsselt sondern auch noch in irgendeinem Code abgefasst. Noch bin ich da nicht dahintergestiegen, aber ich kann es ja weiterversuchen.«
»Das wäre gut, denke ich mal. Und kannst du mir trotzdem schonmal alles was du hast auf DVD kopieren? Da kann ich es auch unseren Leuten zukommen lassen, vielleicht hat von denen einer eine zündende Idee.«
»Kein Problem, der Brenner läuft schon. Habt ihr in der Wohnung sonst irgendwelche Technik gefunden? DVD-Brenner oder sowas?«
»Ja, ein Gehäuse mit sechs DVD-Brennern, dazu jede Menge Rohlinge. Und einen guten Farblaserdrucker.«
»Ein Händler, ganz klar. Die ganzen Brenner braucht er zum Verfielfältigen, und den Drucker für die Cover. Aber bespielte DVDs waren wohl nicht da?«
»Nein, aber vielleicht hat er noch irgendwo ein Lager, welches wir noch nicht gefunden haben.«
Was allerdings riskanter war als die Daten nur auf der eigenen, gesicherten Festplatte zu haben.
»Oder er produziert jeweils nur auf Bestellung. Bestellung annehmen, produzieren, verschicken – und schon sind die Beweismittel weg. Mal abgesehen von der eigenen Festplatte, aber die ist ja verschlüsselt.«
Berger nickte nachdenklich.
»Könnte hinkommen. Er konnte ja nicht mit deinem genialen Ehemann rechnen, der die Verschlüsselung in ein paar Stunden geknackt hat.«
Derek wurde mindestens zehn Zentimeter größer in seinem Computersessel. Naja, ich gönnte ihm das Lob auch, er hatte es sich verdient.
»Okay, ich wollte euch das nur erstmal zeigen, damit ihr wisst worum es geht. Ich stürz mich jetzt wieder auf diese vermeintliche Kundendatei.«
»Nein.«
Überrascht schauten sowohl Derek als auch ich auf Hauptkommissar Berger.
»Nein? Soll ich nicht versuchen, den Code zu knacken?«
»Doch, das sollst du. Aber nicht mehr heute. Mit dem Material hier hab ich genug, um eine Fahndung nach Schmitzke einzuleiten. Alles weitere hat auch noch Zeit bis Montag.«
Zweifelnd blickte mein Freund zu Berger.
»Sicher?«
»Ja. Außerdem kann ich es mir nicht erlauben, deinen Sascha um sein wohlverdientes Wochenende mit dir zu bringen – sonst tut der mir nie wieder einen solchen Gefallen.«
Ha, genau! Auch Derek schien mit dieser Antwort sehr zufrieden zu sein.
»Prima, dann mach ich hier jetzt alles dicht. Dauert nicht lange, Sascha. Und bis dahin ist auch die dritte und letzte DVD fertig.«
Drei DVDs voll mit diesem Schweinkram. Ich seufzte. Naja, zumindest war jetzt erstmal Wochenende angesagt, da würden wir hoffentlich etwas abschalten können. Zehn Minuten später hatte Berger seine DVDs und verabschiedete sich von uns.
»Dann viel Spaß ihr zwei. Und nochmal vielen Dank für die Hilfe, Derek.«
»Gern geschehn. Viel Glück bei der Suche nach dem Mistkerl.«
Bergers Gesicht wurde grimmig.
»Ich hoffe auch, dass wir ihn bald schnappen können. Und dass er dann eine gemütliche Zelle im Knast bekommt. Mit vielen einfühlsamen Mithäftlingen.«
Das entsprach vielleicht nicht unbedingt der politcal correctness, aber gegen eine solche Entwicklung hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt.
»So, ich bin weg. Tschüss.«
Mit diesen Worten ließ er Derek und mich alleine. Mein Schatz schaltete noch alle Geräte aus, dann verließen auch wir seine Firma.
»Der, soll ich uns zuhause schnell noch was zu essen machen oder möchtest du gleich an den See und dort den Imbiss heimsuchen?«
Mein Freund verzog sein Gesicht.
»Nee, keinen Imbissfraß zum Wochenende. Mir reicht schon in der Woche das Kantinenessen.«
Die Mitarbeiter von Data Rescue nahmen in einer großen Nachbarfirma am Werksessen teil – und dieses hatte ich nach einmaligem Ausprobieren als relativ ungenießbar eingeschätzt. Anscheinend war dies auch keine Ausnahme gewesen, denn Derek meinte dazu: Die gleichbleibend schlechte Qualität des Kantinenessens setzt schon eine gewisse Qualifikation voraus! Galgenhumor nannte man das wohl. Mit seinem Geschäftspartner war er bereits seit geraumer Zeit auf der Suche nach einer alternativen Futterkrippe, war bisher aber nicht fündig geworden.
»Okay, dann mach ich uns schnell ein paar Nudeln mit Tomatensoße, einverstanden?«
Dereks Gesicht hellte sich auf.
»Mit viel Reibekäse?«
Ich lachte.
»Klaro, mit extra viel Reibekäse.«
»Cool! Und was gibt es zum Nachtisch?«
Ich wusste ganz genau, wie ich mein kleines Süßmaul zufriedenstellen konnte.
»Schokopudding mit Eierlikör?«
»Au ja!«
In solchen Situationen wurde Derek wieder zum kleinen Kind, und in gespannter Vorfreude zappelte er auf dem Beifahrersitz neben mir herum. Einfach herzallerliebst!
Zuhause angekommen kümmerte ich mich um das Mittagessen, während sich mein Freund ein wenig auf dem Balkon entspannte. Nach einem sehr angenehmen Essen machten wir uns dann auf den Weg zum Cospudener See, wo wir gegen zwei an unserem bevorzugten Strandabschnitt eintrafen. Kurz darauf lagen wir gut eingecremt in der Sonne und genossen das schöne Wetter. Zwischendurch sprangen wir immer mal ins Wasser, dann wieder ruhten wir uns nach der anstrengenden Arbeitswoche aus. Nach einer Weile dösten wir beide ein…
»Herr Altmann?«
Hä? Mühsam begann ich, mich aus meinem Schlummer herauszukämpfen.
»Sie sind doch Kommissar Altmann?«
Moment mal. Ich war doch immer noch am Badestrand, oder? Wer sprach mich dann so dienstlich an? Ich öffnete meine Augen und kniff sie gleich wieder zusammen – die Sonne war doch arg hell. Nach einiger Blinzelei konnte ich dann doch etwas erkennen. Vor mir stand ein junger Mann, naja, eher noch ein Junge. Splitterfasernackt. Logisch, das war hier ja auch der FKK-Strand. Blond, gut gebräunt, mit einer riesigen Sonnenbrille und einem schüchternen Grinsen im Gesicht.
»Wer will das wissen?«
Das Grinsen wurde noch etwas breiter.
»Ich bin Pascal.«
Ach ja? Und das sollte mir etwas sagen? Aber der Junge erkannte wohl, dass ich noch nicht voll da war.
»Pascal Berger. Wir haben heute früh kurz am Telefon gesprochen.«
Jetzt machte es Klick! Das war der Sohn meines Kollegen, der mich am Telefon als FKK-Altmann bezeichnet hatte. In diesem Moment schob sich ein weiterer nackter Junge neben Pascal. Ein absolut identisch aussehender Junge. Hm. Ja, Berger hatte was von Zwillingen gesagt.
»Und, ist er es?«
Pascal grinste seinen Bruder an.
»Ja. Das ist mein Bruder Patrick, Herr Altmann.«
Mittlerweile war auch Derek aufgewacht und beäugte neugierig das Geschehen. Alles hatte er offenbar nicht mitbekommen, also übernahm ich die Vorstellung.
»Derek, das sind Pascal und Patrick, die Söhne von Hauptkommissar Berger. Jungs, das ist mein Freund Derek Prosch.«
Schüchtern reichten uns die beiden Brüder die Hände.
»Wie habt ihr uns denn gefunden? Habt ihr hier jeden angesprochen und gefragt, ob er FKK-Altmann ist?«
Jetzt lachten die zwei und fühlten sich anscheinend gleich etwas lockerer.
»Nein, Paps hat uns aber beschrieben, wie Sie beide aussehen, und da war es nicht SO schwer Sie zu finden. Die meisten Männer sind ja mit ihren Frauen oder Freundinnen hier.«
»Genau. Und das mit dem FKK-Altmann tut mir leid, Herr Altmann. Das war nicht böse oder respektlos gemeint.«
Ich lachte, die beiden waren irgendwie niedlich. Also nicht im sexuellen Sinne! Nein, es schienen einfach zwei nette Jungs zu sein. Eines allerdings störte mich: so wie sie mich anredeten, kam ich mir wirklich langsam so alt vor, wie mein Name sich manchmal anhörte.
»Schon okay. Aber lasst bitte das mit dem Herr Altmann, da fühle ich mich wirklich wie ein alter Mann. Ich bin Sascha.«
»Und ich bin Derek. Ich bin noch ein Jahr jünger als Sascha der Altmann, also könnt ihr euch das Herr und das Sie auch bei mir verkneifen.«
»Cool!«
In Stereo. Naja, Zwillinge halt.
»Seid ihr den ganzen Strand abgelaufen um uns zu finden?«
Pascal (oder Patrick?) grinste schelmisch.
»Nein, wir hatten uns dort drüben am Baum niedergelassen, und dann sind Sie … oh … Entschuldigung … dann seid ihr uns aufgefallen. Patrick meinte, wir sollten euch in Ruhe lassen, aber ich wollte sehen, ob ihr das wirklich seid. Ich hoffe das war okay?«
Bei der letzten Frage blickte er uns ein wenig ängstlich an, aber Derek zerstreute seine Ängste sofort.
»Klar war das okay. Wie schauts aus, hier ist noch Platz, wollt ihr eure Sachen rüberholen?«
Die Gesichter der Jungs leuchteten auf.
»Dürfen wir das wirklich?«
Derek zwinkerte mir fast unmerklich zu, also ging ich drauf ein.
»Klar, warum nicht.«
Nach einem erneuten gemeinschaftlichen »Cool!« stoben die beiden davon, um ihre Sachen zu holen. Fragend schaute ich Derek an. Nicht dass ich etwas dagegen gehabt hätte, die Jungs zu uns zu holen, aber ich war ein wenig überrascht. Normalerweise war mein Freund von uns beiden derjenige, der etwas länger brauchte, um mit neuen Gesichter warm zu werden. Er zuckte mit den Schultern.
»Du hast es nicht gemerkt, oder?«
»Was gemerkt?«
»Und sowas ist Kriminalkommissar. Ich glaube, Pascal hat uns nicht nur angesprochen, weil er mal sehen wollte, wer FKK-Altmann ist.«
Oh.
»Meinst du er ist…«
Da die Jungs bereits wieder auf dem Weg zu uns waren, unterbrach mich meine bessere Hälfte.
»Du weißt doch, dass mein Gaydar normalerweise immer ins Schwarze trifft.«
Das war allerdings der Fall. Sehr interessant. Und mir war wirklich nichts an einem der Jungs aufgefallen.
»Nur Pascal oder beide?«
Derek lachte auf.
»Nun übertreib es mal nicht gleich mit deinen Ansprüchen. Nein, nur Pascal. Und nun vergiss das erstmal gleich wieder, okay? Wenn er mit uns drüber sprechen will, dann muss es von ihm selbst kommen.«
Ich nickte nur bestätigend mit dem Kopf, denn in diesem Moment trafen die Zwillinge schon bei uns ein. Verflixt, wie hielt Berger die nur auseinander? Von den hellblond-dunkelblond gesträhnten Haaren bis runter zu den Füßen sahen die beiden absolut identisch aus.
»Und wir gehen euch wirklich nicht auf die Nerven?«
»Nein, Patrick, sonst hätten wir es gar nicht erst angeboten.«
Wie gemein. Derek konnte sie offenbar unterscheiden! Über die Antwort erfreut ließen sich die beiden bei uns nieder, und die nächste halbe Stunde verbrachten wir damit, uns ein wenig kennenzulernen. Die beiden würden in ein paar Wochen sechzehn werden, gingen aufs Gymnasium und interessierten sich wie die meisten Jungs in diesem Alter für Computer, Autos und Fußball. Auch wir erzählten ein paar Dinge über uns, allerdings kam das Thema unserer Sexualität nie zur Sprache. Ich hielt mich an Dereks Richtlinie und überließ es unseren beiden jungen Freunden, es anzusprechen oder es eben bleibenzulassen.
Irgendwann sprangen wir gemeinsam ins Wasser und tollten herum – das war wirklich das Beste, was man bei der herrschenden Hitze tun konnte. Als wir ziemlich erledigt wieder aus dem Wasser kamen, wandte sich Derek an mich.
»Schatz, ich hab ein Attentat auf dich vor.«
Den Kopf schieflegend schaute ich ihn an.
»Schieß los.«
»Losschießen? Nein. Kein solches Attentat. Würdest du mit Patrick zum Kiosk gehen und für jeden ein Eis holen?«
Und wieder zwinkerte er mir zu und es war klar, dass dies kein Vorschlag war, den ich hätte ablehnen können.
»Okay, kein Problem. Los, Patrick, ziehen wir uns was über.«
Ich schlüpfte in meine Shorts, der ebenfalls zum Eisholen verdonnerte Zwilling tat das gleiche, dann machten wir uns auf den Weg, Pascal in der Obhut von Derek zurücklassend. Die ersten Meter liefen wir schweigend nebeneinander her, dann sprach Patrick mich an.
»Wir sollten uns ein wenig Zeit lassen.«
Ah ja. Sollten wir UNS ein wenig Zeit lassen oder den anderen beiden?
»Du weißt, dass Pascal schwul ist, oder?«
Das Bürschchen war ja arg direkt! Aber wenn er so offen darüber reden wollte, dann war mir das auch recht.
»Derek hat es mir gesagt.«
Grinsend schaute der Zwilling mich an.
»Ja, ich hab gleich gemerkt, dass dein Freund es bemerkt hat. Du hast es nicht selbst mitbekommen?«
»Nun komm du mir nicht auch noch mit *und du willst Kriminalpolizist sein*. Nicht jeder Schwule erkennt andere Schwule sofort. Derek hat ein ausgeprägtes Gaydar – ich nicht.«
»Gaydar? Nennt man das so? Naja, jedenfalls stimmt es, mein kleiner Bruder steht auf Jungs. Blöderweise hat er keinen, mit dem er drüber reden kann. Also mal abgesehen von mir und unseren Eltern, aber wir sind halt nicht andersrum.«
Interessant, er war also zumindest in der Familie geoutet. In dem Alter eine reife Leistung.
»Paps hat zuhause öfters mal von seinem schwulen Kollegen gesprochen.«
Ich lachte auf.
»Ha! Ja, das hab ich mitbekommen. Ein gewisser FKK-Altmann!«
Auch Patrick lachte jetzt.
»Jup. Und als er dann heute beim Mittagessen sagte, dass er euch ins Badewochenende entlassen hat, war klar, dass wir auch hierher mussten. Mit etwas Glück würden wir euch ja entdecken – und wie du siehst hat es funktioniert. Okay, ich war mir dann plötzlich nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee wäre, euch so zu überfallen, aber es ist ja alles gutgegangen.«
»Allerdings. Es war also doch keine völlig zufällige Begegnung.«
»Nein. Ich hoffe, ihr seid uns deswegen nicht böse. Aber ich glaube, dass es meinem Bruder guttut, mal mit anderen Schwulen zu reden.«
»Auch wenn diese anderen Schwulen schon SOOOO alt sind?«
Dafür bekam ich einen Knuff in den Oberarm.
»Ja klar, Opas sollen ja angeblich über Altersweisheit verfügen.«
Okay, ich knuffte zurück.
»Pass bloß auf wen du hier Opa nennst, Stift! Ich bin noch nicht so gebrechlich, dass ich dich nicht noch übers Knie legen könnte.«
In dieser Weise frotzelten wir weiter, während wir uns dem Kiosk näherten und dort dann für jeden ein Eis am Stiel kauften. Rückzu mussten wir uns natürlich etwas mehr beeilen, ansonsten wäre uns das Eis davongeschmolzen. Als wir wieder an unserem Lagerplatz ankamen, waren etwa zwanzig Minuten vergangen, und wir fanden zwei lachende junge Männer vor.
»Ah, Eis! Endlich! Her damit!«
Derek war aufgesprungen und riss mir eine der Packungen aus der Hand. Lachend überließ ich ihm die Süßspeise, während Patrick seinen Bruder versorgte. Unauffällig musterte ich diesen. Pascal machte einen sehr gelösten, zufriedenen Eindruck. Da hatte Derek wohl gute Arbeit geleistet. Naja, er würde mir später sicherlich alles darüber erzählen.
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir wieder mit eher seichter Unterhaltung, und gegen halb sieben machten wir uns zum Aufbruch bereit. Wir boten den Jungs an, sie mit dem Auto nach Hause zu fahren, aber sie waren mit den Fahrrädern da und lehnten dankend ab. Als wir uns voneinander verabschiedeten, wandte sich Derek an die Zwillinge.
»Wenn ihr uns wieder mal hier seht, könnt ihr gerne wieder zu uns kommen.«
Die Augen der beiden leuchteten erfreut auf, und mal wieder gab es ein brüderlich in Stereo vorgebrachtes »Cool!« zu hören. Kurz darauf schwangen sie sich auf ihre Räder und radelten davon, und wenig später stiegen auch wir in unser Auto.
»Danke dass du so gut mit gespielt hast, Sascha.«
Ich schaute hinüber zu Derek, welcher entspannt und offensichtlich sehr zufrieden mit sich und der Welt vor sich hinlächelte.
»Das hast du geschickt eingefädelt, Der.«
»Pascal hatte mich im Wasser leise gefragt, ob er mal ein paar Minuten mit mir alleine reden könnte. Und zum Glück hast du gleich kapiert, was ich mit dem Eisholen bezweckte.«
»Ich kenn dich halt schon gut. War nicht so schwer mitzubekommen, was du von mir wolltest.«
Wenn wir nicht im fahrenden Auto gesessen hätten, dann hätte sich mein Kleiner jetzt garantiert ganz heftig an mich rangekuschelt. Ich spürte regelrecht seine romantische Laune.
»Worüber habt ihr denn gesprochen? Oder darfst du mir das nicht erzählen?«
»Doch, Pascal hat mir erlaubt, dir alles zu erzählen.«
»Ging es darum, dass er schwul ist und jemanden zum Reden brauchte?«
Leicht verwundert schaute Derek mich an.
»Woher weißt du das?«
Ich lachte.
»Sein großer Bruder hat es mir erzählt, als wir das Eis geholt haben.«
Nun lachte auch mein Nebenmann.
»Ja, der große Bruder! Pascal hat mir schon gesagt, dass ihn Patrick immer mit den ominösen fünf Minuten aufzieht, die er vor ihm auf die Welt gekommen ist.«
»Aber die zwei scheinen sich prima zu verstehen, oder?«
»Allerdings. Zwillinge halt. So, aber zurück zum Thema. Es ging wirklich darum, dass Pascal auf Jungs steht. Blöderweise kennt er keinen einzigen anderen Schwulen, und da kam es gerade recht, dass er über seinen Vater von uns erfahren hat.«
Das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Der Junge musste sich trotz seiner Familie ziemlich alleine fühlen.
»Und was wollte er so alles wissen?«
»Zum Beispiel wie wir uns kennengelernt haben.«
Ich fing leise an zu kichern, und auch Derek neben mir gluckste vor sich hin. Das war wirklich eine lustige Geschichte, ich war gleich bei unserem ersten Treffen regelrecht über ihn hergefallen! Und das, wo ich auch nicht gerade der Typ war, der versucht süße Jungs im Sturmangriff zu erobern. Nein, Schuld waren nur meine allerersten Versuche, mich auf Inlinern fortzubewegen. Rollen konnte ich schon, aber mit dem Bremsen hatte ich so meine Probleme. Mit dem Ergebnis, dass ich panisch um Hilfe schreiend und mit den Armen fuchtelnd einen leicht abschüssigen Weg runterrollte und mich am erstbesten Hindernis festhielt, welches mir vor die Füße kam. Dieses Hindernis hörte auf den Namen Derek und wurde von mir gnadenlos umgefahren. Naja, zumindest landete ich weich – was man von meinem armen Opfer nicht behaupten konnte. Langer Rede kurzer Sinn: nach meiner dreihundertvierundsechzigsten Entschuldigung hatte er mich genervt gefragt, was er tun müsse, um sich nicht noch die dreihundertfünfundsechzigste Entschuldigung anhören zu müssen. Ich sagte ihm, dass er meine Einladung zum Abendessen annehmen müsse, und der Rest ist Geschichte. Das alles war nun schon ein gutes dreiviertel Jahr her – wie doch die Zeit verging.
»Ich kann ihm ja mal meine Inliner ausleihen…«
Mein Beifahrer lachte laut auf.
»Das hab ich ihm auch vorgeschlagen, aber er meinte, dass er selber welche hätte.«
»Na dann ist doch alles geritzt.«
Derek wurde wieder etwas ernster.
»Wenn es nur immer so einfach wäre. Aber ich hab ihm gesagt, dass er doch einfach mal bei den J.u.n.g.S. vorbeischauen soll.«
»Bei welchen Jungs soll er vorbeischauen?«
»Nicht bei irgendwelchen Jungs sondern bei den J.u.n.g.S. Das ist doch die schwule Jugendgruppe in Leipzig, denen hab ich mal bei einem Hackerangriff auf ihre Webseite geholfen. Erinnerst du dich? Ach nee, das war noch vor deiner Zeit.«
»Ach so, alles klar. Ja, das ist wohl eine gute Idee, Pascal mal dorthin zu schicken. Wenn er sich denn hintraut. Das kostet ja doch etwas Überwindung.«
»Stimmt, aber ich hab vorhin noch kurz mit seinem Bruder gesprochen, der wird ihn notfalls hinschleifen.«
Wieder lachten wir, und kurz darauf waren wir zuhause angekommen. Der Rest des Wochenendes verlief ohne besondere Ereignisse, wir erholten uns einfach nur und genossen die gemeinsame Zeit.
((Anmerkung vom Autor: die J.u.n.g.S. gibt es wirklich. Zu finden sind sie in der Ossietzkystraße 18 in 04347 Leipzig-Schönefeld. Webseite: http://www.gay-in-le.de))
*.*.*
Mittlerweile war es Dienstag geworden, und Derek war es gelungen, den Code der Adressdatei auf dem beschlagnahmten Rechner zu knacken. Diesmal hatten wir uns in meinem Büro getroffen, sowohl Hauptkommissar Berger als auch mein eigener Dienstherr waren anwesend. Machlitzke wollte wohl sichergehen, dass Berger nicht doch wieder versuchte, mich für sein Dezernat abzuwerben.
»Es war ein etwas komplizierterer Verschiebeschlüssel, aber im Endeffekt halt nicht wirklich unknackbar. Ich hab dir alles ausgedruckt. Wenn das alles Käufer von dem Dreck sind, dann kannst du eine Menge Fliegen mit einer Klappe schlagen.«
»Klasse, Derek. Vielen Dank.«
»Gern geschehn. Ach übrigens, hatte sich vor mir schon jemand von euch an dem Rechner versucht?«
Berger überlegte kurz.
»Nicht wirklich. Wir haben ihn mal eingeschaltet, aber als dann die Sicherheitsabfrage kam, haben wir es gleich gelassen. Deshalb hab ich ja dann dich darum gebeten, dir das Ding mal anzuschauen.«
Mein Freund runzelte die Stirn.
»Sehr seltsam. Ich hab auf der Festplatte Spuren von einem Codeknacker gefunden, ganz ähnlich dem Programm, welches ich selber verwendet habe.«
Nun hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit des Dezernatleiters.
»Bist du dir ganz sicher?«
»Ja, absolut. Den Indexdaten nach muss das vor etwa drei Wochen gewesen sein.«
»Dann kann es gar keiner von uns gewesen sein, wir haben den Rechner erst seit letztem Freitag!«
Das war ja wirklich hochinteressant. Was für eine Erklärung mochte es dafür geben? Ich hatte eine Idee.
»Vielleicht hatte dieser Schmitzke sein Passwort vergessen und sein System selbst geknackt?«
Derek schüttelte den Kopf.
»Das glaube ich nicht. Wer immer das war hat hinterher versucht, alle Spuren seines Eindringens zu beseitigen. Nein, ich denke eher, dass da ein Fremder heimlich herumgeschnüffelt hat.«
»Hatte er Erfolg dabei?«
Die Antwort auf Bergers Frage wüsste ich auch gerne.
»Ich denke schon. Wie gesagt, es war mehr oder weniger der gleiche Codeknacker wie meiner, nur eine ältere Version.«
»Also hat derjenige welcher jetzt die gleichen Daten die wir auch haben.«
»Vielleicht – vielleicht aber auch nicht.«
Fragend schauten wir auf den Computerprofi.
»Es ist so: mit diesem Programm konnte ich die Verschlüsselung der Festplatte knacken. Die Kundendatei jedoch war nochmal extra codiert, dafür hab ich ein anderes Programm auf einem anderen Rechner gebraucht.«
»Du meinst, er hat vielleicht nur Datensalat statt der Namensliste?«
»Möglich, Sascha. Aber vielleicht hat er auch die gleichen Schritte gemacht wie ich und hat doch noch den Klartext bekommen. Das jedoch kann ich wirklich nicht sicher sagen, tut mir leid.«
Hauptkommissar Berger erhob sich.
»Nicht so wild, Derek. Du hast uns wirklich extrem weitergeholfen, vielen Dank. Wir gehen einfach davon aus, dass da draußen noch jemand mit einer arg brisanten Namensliste herumläuft.«
Was für eine Vorstellung! Diese Kundendatei war ja ideales Erpressungsmaterial.
»Gut, dann lass ich euch jetzt mal mit euren Ermittlungen alleine. Und falls ihr nochmal meine Hilfe in dem Fall braucht: einfach anrufen. Mir liegt verdammt viel daran, dass dieses Schwein geschnappt wird.«
Ich brachte meinen Freund noch zum Auto, gab ihm einen dicken Schmatzer und trennte mich dann höchst ungern von ihm.
Später am Tag, als endlich der Feierabend heran war, holte ich Derek in seiner Firma ab und fuhr mit ihm zu meiner Oma ins Krankenhaus. Oma Bärbel war die letzte Verbindung zu meiner Familie, nachdem meine Eltern nichts mehr mit mir zu tun haben wollten. Mit einem schwulen Sohn kamen sie einfach nicht klar. Meine Oma hingegen hatte daraufhin Sohn und Schwiegertochter enterbt und sich voll auf meine Seite geschlagen. Nun lag sie leider mit einem gebrochenen Arm im Krankenhaus und langweilte sich dort zu Tode. Nach einem Marsch von mindestens einem halben Kilometer durch sterile Krankenhausgänge betraten wir ihr Zimmer.
»Hallo Oma.«
Die Augen der kleinen, älteren Frau im Bett am Fenster leuchteten fröhlich auf als sie uns erkannte. Oma Bärbel hatte Derek schon kurz nachdem ich ihn umgeskatet hatte kennengelernt und sofort in ihr Herz geschlossen. Manchmal machte ich mir Sorgen, was die beiden wohl ausheckten, wenn sie stundenlang sprachen (garantiert über mich!).
»Hallo Jungs! Das ist aber schön, dass ihr mich mal besuchen kommt! Ist der Strauß für mich?«
»Na klar, Oma.«
Wir gingen an ihr Bett, in welchem sie sich nun mit etwas Mühe aufsetzte, und begrüßten sie.
»Der ist ja wirklich wunderschön. Sascha, geh doch bitte mal raus zur Schwesternstation und hole eine Vase.«
Typisch. Sie hatte Derek anscheinend viel lieber als mich. Schluchz. Innerlich grinsend legte ich den großen Blumenstrauß, den wir auf dem Weg zur Klinik noch besorgt hatten, auf den Tisch und machte mich auf den Weg zur Vasenvergabestelle. Als ich einige Minuten später wieder im Zimmer auftauchte, waren meine Oma und mein Freund mitten in ein fröhliches Geschnatter vertieft.
»Ah, da bist du ja wieder. Stell die Blumen noch schnell ins Wasser, dann machen wir einen kleinen Spaziergang durch den Park. Mir rosten hier sonst noch die Beine ein.«
Genau das taten wir dann auch, und eine Viertelstunde später saßen wir gemütlich auf einer Parkbank und ließen die Sonne auf uns herabscheinen.
»Und, Derek, behandelt dich mein Enkel auch ordentlich?«
Der Angesprochene lächelte verträumt.
»Ja, tut er, Oma Bärbel.«
»Das will ich ihm aber auch geraten haben. Falls er sich mal nicht benimmt, sag mir einfach Bescheid. Ich weiß noch, wie man mit ungezogenen Bengeln fertig wird.«
In spielerischer Kapitulation hob ich die Hände.
»Lass gut sein, Oma! Ich käme nie auf die Idee, mich Derek gegenüber nicht zu benehmen. Ich weiß ganz genau, was ich an ihm habe.«
»Gut für dich. Diesen Jungen zu verprellen wäre ein Zeichen grenzenloser Dummheit.«
Sie knuffte Derek in die linke Wange, was dieser grinsend über sich ergehen ließ. Ich nutzte die Gelegenheit um das Thema zu wechseln.
»Und, Oma, wie geht es dir? Musst du noch lange im Krankenhaus bleiben?«
Oma Bärbel seufzte.
»Mir geht es besser als die Ärzte glauben wollen, aber wenn ich Glück habe, komme ich Ende der Woche raus. Wäre auch besser so, ansonsten werde ich hier noch wahnsinnig vor Langeweile. Das Essen ist auch mies, und Nachtruhe könnt ihr vergessen. Erst letzte Nacht war eine Riesenaufregung, ein Mann im Nachbarzimmer hat beinahe sein Sterbchen gemacht. Ein noch recht junger Mann, das muss man sich mal vorstellen. Aus heiterem Himmel, und keiner weiß, was mit ihm los ist. Und nun liegt er auf der Intensivstation.«
Verwundert schüttelte ich den Kopf.
»Woher weißt du denn das alles schon wieder, Oma?«
»Tja, mein Junge, die Oberschwester hat drei Kinder – und alle drei sind in meinen Kindergarten gegangen. Da kennt man sich halt und unterhält sich ein wenig.«
Soso. Meine Oma hatte fast vierzig Jahre lang in einem Kindergarten gearbeitet und kannte daher tatsächlich Gott und die Welt. Soviel zum Thema ärztlicher Schweigepflicht.
»Naja, jedenfalls war an Schlafen nicht zu denken. Erst hat er ständig erbrochen und in die Hose geschissen, dann kamen Krämpfe hinzu, und am Ende ist er auch noch ins Koma gefallen. Das war ein ständiges Gerenne auf dem Gang, und ein Türenknallen! Es war furchtbar.«
So hörte sich das wirklich an. Nun war aber auch meine berufliche Neugier geweckt.
»Und die Ärzte wissen nicht, was er hat?«
»Ich glaube, die denken jetzt an irgendeine Vergiftung. Aber mehr habe ich noch nicht rausbekommen können.«
Ich war mir sicher, dass das nicht so bleiben würde. Vermutlich hatte ich meine kriminalistische Begabung von meiner Oma geerbt, die in einem früheren Leben wohl bei der spanischen Inquisition angestellt gewesen war. Als Ausbilderin. Vor ihr war einfach kein Geheimnis sicher, wie ich in der Vergangenheit selbst leidvoll hatte feststellen müssen.
»Vergiftung? Hm. Vielleicht komm ich dich dann demnächst beruflich besuchen, Oma.«
Wir unterhielten uns noch eine Weile über alles Mögliche, und meine Oma blühte richtiggehend auf. Als es an der Zeit für den Abschied war, brachten wir sie zurück in ihr Zimmer. Dort war mittlerweile auch ihre Zimmernachbarin wieder eingetroffen, die früher am Nachmittag nicht dagewesen war. Eigentlich hätte sich Oma Bärbel problemlos ein Einzelzimmer leisten können, aber das wollte sie gar nicht. »Alleine sein kann ich im Sarg noch lange genug«, sagte sie immer.
»Hildegard, da bist du ja wieder! Darf ich dir meinen Enkel Sascha und seinen Freund Derek vorstellen?«
Artig begrüßten wir die Frau, die ein paar Jahre weniger auf dem Buckel hatte als meine Oma. Neugierig beäugte uns diese, sie hatte wohl mitbekommen, dass mit »Freund« nicht einfach nur »Freund« gemeint gewesen war. Dann jedoch warf Oma Bärbel uns raus.
»So, nun verschwindet aber wieder. Ihr jungen Leute habt doch garantiert was Besseres zu tun, als euch mit einer alten Frau wie mir abzugeben.«
»Ach Quatsch, Oma Bärbel. Du bist doch keine alte Frau!«
Lachend drehte sich meine Verwandte zu mir.
»Raspelt dein Schatz immer soviel Süßholz?«
Ich nahm Derek grinsend in den Arm.
»Ja, tut er.«
»Na dann ist ja gut. Aber jetzt solltet ihr wirklich gehen, ich will eh noch ein wenig mit der Oberschwester reden.«
Ah ja, Kriminalkommissar Bärbel in vollem Einsatz. Wir verabschiedeten uns von ihr und machten uns auf den Weg nach Hause.
»Deine Oma ist wirklich cool, Sascha.«
»Ja, ist sie. Ich bin verdammt froh, dass ich wenigstens sie noch habe.«
Derek wusste, dass dies ein wunder Punkt für mich war, also vertiefte er das Thema »Familie« nicht weiter. Zuhause gönnten wir uns ein leichtes Abendessen, dann verbrachten wir die Zeit bis zur Heia auf dem Balkon.
*.*.*
Zwei Tage vergingen, bis ich wieder etwas von Hauptkommissar Berger und seinem Fall hörte. Ich bereitete mich gerade auf die Mittagspause vor, als er plötzlich in mein Büro kam.
»Hallo Sascha.«
»Mahlzeit.«
»Ja, das auch. Hör mal, ich hätte nochmal einen Computer, den sich Derek mal anschauen sollte. Was meinst du, geht das klar?«
»Sicher, er hat es ja selbst angeboten. Habt ihr jemanden geschnappt?«
Sven Berger nickte.
»Ja, wir haben uns die Kundendatei vorgenommen, dabei fanden wir ein paar Leute hier aus Leipzig. Bei einem von denen haben wir vorhin die Bude durchsucht und gleich den Rechner beschlagnahmt.«
»Ich hoffe, der Typ hat sich ordentlich erschrocken.«
»Dazu war er gar nicht groß in der Lage.«
Fragend schaute ich meinen Besucher an.
»Wieso das denn?«
»Ich denke, der war sogar froh darüber, dass wir aufgetaucht sind. Als wir klingelten, hat er es gerade noch geschafft, uns die Tür aufzumachen, dann ist er zusammengebrochen. Und die Bude sah aus! Alles vollgekotzt. Der Notarzt meinte, dass wir ihn wohl gerade noch rechtzeitig gefunden haben.«
Ich zuckte mit den Schultern, wenn das wirklich ein Kinderporno-Kunde war, dann hielt sich mein Mitleid in Grenzen.
»Jedenfalls wäre es schön, wenn sich dein Freund mal den Rechner anschauen würde.«
»Kein Problem. Ich melde mich bloß noch schnell bei Jens ab, dann bringen wir den Computer zu Data Rescue.«
Ich erhob mich von meinem Stuhl, und in diesem Moment sprang die Tür wieder auf und traf Kommissar Berger in den Rücken.
»Aua! Mensch, Machlitzke, was soll das?«
Mein Chef schaute verdutzt auf den jammernden Kollegen.
»Oh, entschuldige bitte. Sascha, schnapp dein Zeug, wir haben einen Einsatz!«
Nun war es mit der Ruhe vorbei, ich griff mir Waffe, Handy und Jacke und stürmte zur Tür, an einem immer noch leicht verdattert ausschauenden Kommissar Berger vorbei.
»Bring den Rechner einfach rüber zu Derek, du weißt ja wo du hin musst.«
»Ich … okay.«
Mein Chef und ich stürmten bereits die Treppe hinunter.
»Du fährst, wir nehmen deinen Wagen. Bei meinem funktioniert der Funk nicht richtig.«
Sollte mir recht sein. Auf dem Parkplatz sprangen wir in meinen Dienstwagen, wir schnallten uns an und ich startete den Motor.
»Wohin geht es überhaupt?«
»Gartensparte Immergrün, Geibrechtstraße. Weißt du, wo das ist?«
»Am Paunsdorf Center?«
»Genau. Also los, drück auf die Tube.«
Ich tat genau das, und kurz darauf kämpften wir uns durch den Verkehr.
»Was gibt es denn dort schönes? Ich nehme doch nicht an, dass du mich auf ein Bier in die Gartenkneipe einladen willst.«
»Haha, schön wärs. Die Kollegen in Grün haben in einer Laube eine Leiche gefunden, angeblich unter verdächtigen Umständen.«
Na da wollte ich mich mal überraschen lassen. Einige Minuten später trafen wir an der Gartensparte ein, wo uns ein uniformierter Kollege auch gleich in einen schmalen Weg lotste. Auch ein Notarztwagen stand bereits auf dem Parkplatz.
»Ihr müsst dort hinter, Garten 73, etwa 200 Meter auf der rechten Seite.«
Wir stiefelten los und betraten kurz darauf den genannten Garten, an dessen Ende sich eine kleine Holzlaube befand. Die Tür stand offen, also gingen wir hinein. In der Laube empfing uns ein mörderischer Gestank, obwohl nicht nur die Tür sondern auch noch zwei Fenster offenstanden. Auf einer Couch lag ein Mann, offensichtlich tot, und der Notarzt packte gerade seine Sachen zusammen. Mein Vorgesetzter stellte uns vor.
»Guten Tag. Ich bin Hauptkommissar Machlitzke, Mordkommission. Das ist mein Kollege Altmann. Was haben wir denn hier?«
»Angenehm, Doktor Riemenbrandt. Ihre Kollegen riefen die Leitstelle, nachdem sie den Garteninhaber hier leblos vorgefunden hatten. Leider konnte ich nur noch den Tod feststellen.«
Das überraschte mich nicht, in diesem Gestank musste man ja einfach zugrunde gehen. Wobei natürlich gut möglich war, dass ich hier Ursache und Wirkung vertauschte.
»Viel mehr kann ich noch nicht sagen, nur dass der Mann schon mindestens einen Tag tot ist.«
»Todesursache?«
»Keine Ahnung, tut mir leid. Eventuell eine Lebensmittelvergiftung, aber das muss die Obduktion klären.«
»Alles klar, Herr Doktor. Vielen Dank.«
»Gern geschehn. Die Abholung leiten Sie dann in die Wege?«
»Ja, wir übernehmen ab jetzt.«
»Gut, dann schönen Tag noch.«
Daran, dass das noch ein schöner Tag werden würde, hatte ich in Anbetracht der Umstände meine Zweifel. Der Notarzt verließ die Laube, und Jens wandte sich an den uniformierten Kollegen.
»Wie habt ihr ihn denn gefunden?«
»Eine Gartennachbarin meinte, dass sein Auto schon seit ein paar Tagen auf dem Parkplatz steht, sie ihn aber schon längere Zeit nicht gesehen hätte. Sie ist dann in den Garten und hat versucht, durchs Fenster etwas zu erkennen, sah aber nur, dass der Fernseher lief. Auf ihr Klopfen hat niemand geantwortet, da hat sie dann uns gerufen. Als uns auch niemand antwortete, haben wir die Tür geöffnet und dann das hier vorgefunden.«
Es sah wirklich wüst in der Hütte aus. Überall standen Essensreste und unabgewaschenes Geschirr herum, tatsächlich lief im Hintergrund tonlos der Fernseher, und der Tote schien es in seinen letzten Lebensstunden nicht mehr geschafft zu haben, rechtzeitig aufs Klo zu kommen.
»Haben wir irgendwelche Personalien?«
»Wir haben seine Sachen noch nicht durchsucht, aber laut der Gartennachbarin handelt es sich um einen Paul Schmitzke.«
Sofort war ich hellwach.
»Sagtest du gerade Schmitzke? Paul Schmitzke?«
Sowohl der Kollege in Grün als auch mein Boss schauten mich groß an.
»Ja, wieso?«
»Chef, so heißt auch der Typ, dessen Computer Derek am letzten Wochenende geknackt hat.«
»Was? Bist du dir sicher?«
»Ja, bin ich. Sollte das ein Zufall sein? Ich meine, so häufig dürfte der Name nicht sein, oder?«
»Stimmt.«
Jens griff zu seinem Handy und wählte aus dem Gedächtnis eine Nummer.
»Sven? Ich bins, Jens. Sag mal, sucht ihr noch nach einem gewissen Paul Schmitzke?«
Die Antwort von Kommissar Berger konnte ich nicht hören, aber der anerkennende Blick in meine Richtung sprach Bände.
»Ich glaube, ihr könnt aufhören zu suchen. Wir haben hier einen Paul Schmitzke, und der ist nicht mehr in der Lage, irgendwem davonzulaufen.«
Wieder lauschte er kurz in sein Handy.
»Gartensparte Immergrün in der Geibrechtstraße. Auf dem Parkplatz steht ein Kollege, der zeigt dir, wo du hin musst.«
Kurz nachdem er Berger die Adresse durchgegeben hatte, klappte mein Chef sein Handy zusammen.
»Gute Arbeit, Sascha. Verdammt, ich war auch dabei, als vor ein paar Tagen der Name Schmitzke fiel, aber ich bin nicht drüber gestolpert.«
»Tja, du bist ja auch ein alter Mann, wo ich nur ein Altmann bin.«
»Nun werd mal nicht übermütig, du junger Hüpfer. Schau dich lieber mal ein wenig hier um.«
»Können wir die Bude nicht vorher ein wenig auslüften lassen? Sonst findet Berger, wenn er hier ankommt, nicht nur eine Leiche vor.«
Machlitzke schaute sich kurz um, dann nickte er.
»Hast recht, gehen wir erstmal vor die Tür. Ich muss eh noch die KT rufen.«
Genau das taten wir dann auch, und die Kriminaltechniker trafen praktisch zeitgleich mit unserem Kollegen vom Organisierten Verbrechen ein. Nachdem sich die Spurensicherer einen ersten Überblick verschafft hatten, gaben sie den Tatort für eine vorsichtige Besichtigung frei. Wir betraten erneut die Gartenlaube, in der es mittlerweile zwar nicht frühlingsfrisch duftete, aber zumindest der dickste Gestank hatte sich ein wenig verzogen. Neugierig beschaute sich Kommissar Berger die Leiche.
»Leute, ich glaube ihr habt recht. Wir haben in der Wohnung von unserem Schmitzke ein Foto von ihm gefunden, und ich denke, dass das eure Leiche ist.«
Ich durchwühlte in der Zwischenzeit eine Brieftasche, die ich in einer über dem Stuhl hängenden Jacke gefunden hatte. Volltreffer, ein Personalausweis.
»Paul Schmitzke, 25.9.63 in Leipzig, Ringstraße 67.«
»Bingo, das ist unser Schmitzke. Also einen leichten Tod scheint der ja nicht gehabt zu haben.«
Grimmig schüttelte mein Chef den Kopf.
»Nach dem, was ich von euch über ihn gehört habe, werde ich deswegen keine Träne vergießen. Wir müssen nur noch herausfinden, woran er gestorben ist.«
»Tja, das ist nun euer Job, aber ich würde vorschlagen, weiterhin eng zusammenzuarbeiten.«
»Klar, Sven.«
»Prima. Übrigens, wisst ihr, woran mich dieser Anblick irgendwie erinnert?«
Fragend blickten wir ihn an.
»An die Wohnung von Jörg Pleichelt.«
Das sagte weder Machlitzke noch mir etwas, und Berger erklärte weiter.
»Der Typ, bei dem wir heute die Wohnung durchsucht haben. Bei dem war auch alles vollgekotzt und vollgeschissen, entsprechend abscheulich stank es auch. Allerdings war der noch ein klein wenig lebendig.«
»Hm. Irgendwie komisch.«
Allerdings. Und mir fiel in diesem Moment noch etwas ein.
»Ich bin gleich wieder da!«
Mit diesen Worten verließ ich die Laube unter den verwunderten Blicken der beiden Hauptkommissare. Draußen angekommen griff ich mein Handy und wählte eine Nummer. Nach mehrmaligem Rufton wurde der Anruf entgegengenommen.
»Wenn das mal nicht mein Lieblingsenkel ist.«
Ich musste lachen.
»Das will ich doch arg hoffen, Oma!«
»Ach du bist es nur, ich dachte, es wäre Derek.«
Hmpf! Aber zum Schmollen hatte ich jetzt keine Zeit.
»Sag mal, Oma, hast du noch etwas über den Mann herausgefunden, der vor ein paar Nächten in deinem Nebenzimmer beinahe draufgegangen wäre?«
»Ha, na klar habe ich das! Ich bekomme alles raus.«
Oh ja, das tat sie. Was für mich nicht nur einmal peinlich geendet hatte.
»Aber warum fragst du?«
»Oma, das ist wirklich wichtig. Kannst du mir den Namen sagen?«
»Ist das was Dienstliches?«
»Ja. Ich habe eine Vermutung, und wenn die stimmt, werde ich wohl demnächst im Krankenhaus auf der Matte stehen.«
»Das wäre schön, endlich mal etwas Abwechslung.«
»Der Name, Oma.«
»Ach ja. Moment, lass mich kurz überlegen. Thorsten. Nein, nicht Thorsten. Es war ein etwas ungewöhnlicher Name. Thoralf! Genau. Thoralf Lundström. Der ist übrigens heute früh gestorben. Hilft dir das weiter?«
»Weiß ich noch nicht, Oma, aber vielen Dank erstmal. Ich muss das gleich überprüfen.«
»Gern geschehn, Junge. Und meld dich mal wieder. Morgen darf ich übrigens nach Hause.«
»Alles klar, Oma. Bis später.«
Ich beendete das Gespräch und ging zurück in die Laube, wo sich Jens und Sven immer noch umschauten. Ich wandte mich an Hauptkommissar Berger.
»Sven?«
»Ja?«
»Sagt dir der Name Thoralf Lundström etwas?«
Bergers Augenbrauen schossen nach oben.
»Thoralf Lundström? Und ob der mir etwas sagt! Wie kommst du jetzt gerade auf den?«
»Sag mir erst, woher du den Namen kennst.«
»Du wirst lachen, das war der erste Name von der Kundendatei, den wir heute früh abarbeiten wollten. Allerdings war bei dem niemand zuhause, wir hatten vor, ihm heute am späten Nachmittag nochmal einen Besuch abzustatten.«
»Das könnt ihr euch sparen.«
»Wieso?«
»Thoralf Lundström ist heute früh im St. Georg verstorben. Laut meiner Oma, die in seinem Nachbarzimmer lag, hatte er vor ein paar Nächten einen schweren Anfall mit Erbrechen, Durchfall und Krämpfen, und ist anschließend ins Koma gefallen.«
Damit war für meinen Chef alles klar.
»Leute, soviele Zufälle gibt es nicht. Ich fürchte, wir haben es mit einer Mordserie zu tun.«
Er hatte vermutlich recht, es passte alles viel zu gut zusammen.
»Sascha, du fährst sofort ins Georg und sorgst dafür, dass dieser Lundström schnellstens obduziert wird. Sven, du schaust dir am besten mal seine Wohnung an, vielleicht findet ihr dort irgendwas Brauchbares. Ich kümmere mich um Schmitzke.«
Genau das taten wir dann auch, und die Mühlen des Gesetzes setzten sich in Bewegung. Einige Stunden später versammelten wir uns zum Kriegsrat im Büro von meinem Chef.
»Also in der Laube haben wir einige Dinge gefunden, darunter auch bespielte DVDs. Ihr könnt euch sicher den Inhalt davon denken. Leider war nichts dabei, was uns bezüglich von Schmitzkes Tod weiterhelfen könnte.«
Berger nickte.
»In seiner Wohnung haben wir vorige Woche auch nichts gefunden, was irgendwie auf ein Verbrechen an ihm hingewiesen hätte.«
»Und in der Wohnung von diesem Lundström?«
»Da wird es interessant. Zwar haben wir dort auch nichts gefunden – außer einem Computer, den ich gleich wieder zu Data Rescue geschafft habe –, aber unser eigener Computer ist auf etwas Interessantes gestoßen. Vor gut zwei Wochen hat Lundström einen Wohnungseinbruch gemeldet, bei dem komischerweise nichts gestohlen wurde. Auch an der Wohnungstür wurden erst bei genauerer Untersuchung Einbruchsspuren festgestellt. Eine sehr seltsame Angelegenheit.«
Allerdings. Sehr seltsam. Ein Einbruch, bei dem nichts gestohlen wurde? Und der Betroffene ist zwei Wochen später tot? Lange darüber nachgrübeln konnte ich jedoch nicht, denn nun sprach mein Chef mich an.
»Wie ist es im Krankenhaus gelaufen?«
»Die hatten bereits die Obduktion angeordnet, da sie selber noch keine Ahnung hatten, woran Lundström gestorben ist. Wegen der neuen Fakten wurde die Obduktion vorgezogen, die rufen uns an, wenn es ein Ergebnis gibt.«
»Sehr schön. Die Gerichtsmedizin arbeitet auch schon an Schmitzke. Sven, wie geht es dem anderen Verdächtigen? Diesem Pleichelt?«
»Der liegt auf der Intensivstation im Diako, in kritischem Zustand. Die Ärzte wissen noch nicht, ob er durchkommt. Sollten die Obduktionen von Schmitzke und Lundström etwas finden, könnte das Pleichelts Ärzten vielleicht einen entscheidenden Tip für die Behandlung geben.«
»Nun, wir können wohl auf jeden Fall von einer Vergiftung ausgehen. Die Frage ist bloß, von was für einer.«
»Und wer die Typen vergiftet hat.«
»Genau, Sascha.«
»Wir sollten vielleicht auch ganz schnell die anderen Leute auf Svens Kundendatei abklappern, vielleicht sind die bisherigen drei Opfer nicht die einzigsten.«
»Richtig. Sven, hast du da schon was unternommen?«
»Nein, aber ich denke, ich schicke sofort Streifenwagen zumindest erstmal zu allen Leipziger Adressen.«
»Wieviele sind das?«
»Noch vier oder fünf, dazu noch eine Handvoll aus dem Landkreis.«
»Gut, schick die Leute los. Und wirklich nachprüfen. Wenn niemand aufmacht Notöffnung, wenn es sein muss mit der Feuerwehr.«
»Alles klar, ich kümmere mich sofort darum.«
Hauptkommissar Berger stand auf und ging über den Flur in sein eigenes Büro. In diesem Moment klingelte mein Handy.
»Kommissar Altmann.«
»Guten Tag, Herr Kommissar. Hier spricht Professor Junghans vom Städtischen Klinikum St. Georg. Sie wollten über das Ergebnis einer Obduktion informiert werden?«
»Ja, richtig. Es geht um einen Thoralf Lundström.«
»Genau. Wir haben jetzt die ersten Ergebnisse. Kommen Sie rüber oder sollen wir die Ihnen per Post schicken?«
»Wenn möglich per Post und vorab per Fax, die Faxnummer sollten Sie haben. Und können Sie mir jetzt gleich kurz etwas sagen?«
»Ja. Wir haben es eindeutig mit einer Vergiftung zu tun. Herr Lundström ist über einen längeren Zeitraum hinweg mit einer Arsenverbindung in Kontakt geraten. Dies hat anfangs zu Übelkeit und Unwohlsein geführt, später dann hat sich der Zustand immer mehr verschlechtert, und am Ende ist er an den Vergiftungsfolgen gestorben.«
Das war ja hochinteressant.
»Über einen längeren Zeitraum, sagten Sie? Wie würden Sie das definieren?«
»Ich würde sagen zwei bis vier Wochen. Er muss das Gift in kleinen Dosen aufgenommen haben, ansonsten wären seine Reaktionen darauf viel akuter und in schnellerer Abfolge aufgetreten.«
»Wie hat er das Gift aufgenommen?«
»Das kann ich noch nicht sagen. Sie sind doch von der Mordkommission, richtig?«
Ich bestätigte.
»Nun, in der klassischen Kriminalliteratur wird Arsen meist über das Essen verabreicht. Dabei wird aber üblicherweise eine tödliche Einzeldosis verwendet, das kann hier nicht der Fall gewesen sein, es handelt sich ziemlich eindeutig um eine schleichende Vergiftung – es müsste ihm also jemand regelmäßig eine kleine Dosis verabreicht haben. Auch haben wir Spuren einer weiteren Substanz gefunden, die wir noch nicht genau einordnen können. Hilft Ihnen das weiter?«
»Das müssen wir sehen. Ich danke Ihnen jedenfalls für die schnelle Arbeit.«
»Gern geschehn. Wäre es möglich, uns zu informieren, wenn Sie den Fall geklärt haben? Das wäre für uns aus medizinischer Sicht sehr interessant.«
»Das werde ich machen, Herr Professor. Aber ich habe noch eine Bitte an Sie.«
»Nur zu.«
»Im Diakonissenhaus liegt ein Patient in kritischem Zustand, welcher ebenfalls unter einer solchen Vergiftung leiden könnte. Würden Sie sich bitte mit den dortigen Ärzten in Verbindung setzen? Sie können denen das garantiert schneller erklären als ich.«
»Selbstverständlich! Das mache ich sofort. Können Sie mir den Namen des Patienten sagen?«
»Jörg Pleichelt. Er wurde heute vormittag eingeliefert.«
»Alles klar, ich hänge mich sofort an die Leitung. Auf Wiederhören!«
Noch bevor ich antworten konnte, wurde der Hörer aufgeknallt. Ich zuckte mit den Schultern und erzählte meinem Chef, was ich erfahren hatte. Dieser runzelte die Stirn.
»Das nimmt ja ganz schöne Dimensionen an. Versucht da etwa jemand, das Recht in die eigene Hand zu nehmen?«
»Möglich. Vielleicht auch ein Rachefeldzug?«
»Könnte auch sein. Verdient haben es diese Pornoschweine zwar nicht, aber wir sollten zusehen, dass es möglichst nicht noch mehr Opfer gibt.«
Ein frommer Wunsch, wie sich in den nächsten Tagen zeigen sollte…
*.*.*
Eine weitere Woche war ins Land gegangen, und diese Woche hatte uns drei weitere Tote (inklusive des inzwischen verstorbenen Jörg Pleichelt) und vier Patienten in kritischem Zustand auf verschiedenen Intensivstationen in und um Leipzig herum eingebracht. Alle Opfer hatten eine Gemeinsamkeit: sie standen auf der Kundenliste von Paul Schmitzke. Irgendjemand gab sich viel Mühe damit, diese Liste abzuarbeiten und jeden, der darauf stand, möglichst grausam in die ewigen Jagdgründe zu befördern.
Und es gab noch eine weitere Übereinstimmung. Bei jedem bisherigen Opfer war im Laufe der letzten Wochen eingebrochen worden – allerdings hatte es bis auf den ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilenden Thoralf Lundström niemand mitbekommen. Mein Chef hatte die geniale Idee gehabt, die Wohnungstüren von der Kriminaltechnik untersuchen zu lassen, und siehe da: alle zeigten professionelle Einbruchsspuren. Ein paar kleine Kratzer im Schloss waren aber auch wirklich alle Hinweise, es gab keinerlei andere verwertbare Dinge, und natürlich auch keine Fingerabdrücke. Wir konnten davon ausgehen, dass die Ursache der Vergiftung irgendwo im häuslichen Bereich lag. Die Frage war nur: wo? Mehrere Labore untersuchten sämtliche in den Wohnungen vorgefundenen Lebensmittel, bisher war aber keines auf die Vergiftungsquelle gestoßen.
In der Zwischenzeit wurden in einer großangelegten, bundesweiten Aktion sämtliche Personen aus Schmitzkes Kundendatei aufgesucht und befragt. Hauptsächlich ging es natürlich darum, potentielle weitere Giftopfer rechtzeitig zu finden – bisher aber schien sich unser Mörder auf den Leipziger Raum zu beschränken. Es gab dutzendfach Wohnungsdurchsuchungen, und was für meinen Chef und mich ein Fall von Serienmord war, stellte für Hauptkommissar Berger und seine Kollegen einen der größten Fälle von Kinderpornografie der letzten zehn Jahre dar. Die Ermittlungen führten dazu, dass sogar ein Staatsanwalt und mehrere Politiker einem plötzlichen Karriereende entgegensahen. Mittlerweile wurde nicht nur mit der anfänglich gefundenen Kundendatei gearbeitet, auch Derek war voll in die Untersuchungen eingebunden. Praktisch jeder Verdächtige verfügte auch über einen Computer, und auf diesen fanden sich oft genug Informationen, die den Umfang des Falles immer mehr anwachsen ließen.
Leider tappten wir bezüglich der Morde weiterhin im Dunkeln. Als wir gerade mal wieder im Büro darüber nachgrübelten, wie wir dem Killer auf die Schliche kommen könnten, klingelte das Telefon. Eva Schlüter, die gute Seele unseres Büros, welche an diesem Tage gerade wieder aus dem Urlaub zurückgekommen war, nahm den Hörer ab und lauschte kurz hinein.
»In Ordnung, bringen Sie sie hoch.«
Eva legte auf und schaute zu unserem Chef.
»Das war der Empfang. Da ist eine Frau Schultheiß, die sagt, dass sie irgendwas zum Fall Brüsser zu sagen hätte.«
Heinrich Brüsser war einer der weiteren Schmitzke-Kunden, für den jede Hilfe zu spät gekommen war.
»Na da bin ich aber mal gespannt! Hattest du mit dieser Frau nicht schon ausgiebig gesprochen, Sascha?«
»Ja, und da hatte sie nichts Interessantes zu sagen.«
Wir mussten noch drei Minuten warten, dann führte ein Beamter die ältere Dame hinein. Wir erhoben uns und begrüßten sie (mit Ausnahme der im Rollstuhl sitzenden Eva).
»Ah, guten Tag Herr Altmann!«
»Guten Tag, Frau Schultheiß. Darf ich vorstellen? Mein Chef, Hauptkommissar Machlitzke, und unsere Kollegin, Hauptmeisterin Schlüter.«
Nach der Begrüßung nahmen wir alle wieder Platz, und Jens wandte sich an unsere Besucherin.
»Sie haben am Empfang gesagt, dass sie noch Informationen zum Fall des Herrn Brüsser haben?«
»Oh ja! Ich muss mich wirklich entschuldigen, dass ich das vor drei Tagen noch nicht erwähnt habe, aber ich hatte das völlig vergessen.«
Ja was denn nur! Unruhig zappelte ich auf meinem Stuhl herum.
»Sie hatten doch gefragt, ob mir in der Zeit vor Herrn Brüssers Tod mal irgendwas aufgefallen wäre, weil ja auch ein Einbruch stattgefunden hätte.«
Das hatte ich allerdings gefragt, und Frau Schultheiß hatte die Frage verneint.
»Heute früh fiel mir nun plötzlich wieder ein, dass da tatsächlich etwas gewesen war, vor ungefähr drei Wochen!«
Ich spürte, dass sich mein Chef kaum noch halten konnte vor Spannung, trotzdem fragte er ganz ruhig nach.
»Was ist Ihnen denn eingefallen, Frau Schultheiß?«
»Das hier!«
Mit diesen Worten griff sie in ihre Einkaufstasche und holte einen in einer Klarsichttüte verpackten Gegenstand heraus. Eine Luftpumpe?
»Ah ja. Was ist mit dieser Luftpumpe?«
»Herr Inspektor, die gehört niemandem in unserem Haus! Ich habe sie aber bei uns im Hausflur gefunden.«
Zweifelnd schaute ich die ältere Dame an.
»Vielleicht gehört die einem Besucher?«
Ganz entschieden schüttelte Frau Schultheiß den Kopf.
»Nein, ganz bestimmt nicht. Wir sind nur vier Parteien in unserem Haus. Miglers, Schalberts, Herr Brüsser und wir. Herr Brüsser hatte nie Besuch, der mit dem Fahrrad gekommen wäre, und Miglers und Schalberts waren zu dieser Zeit gemeinsam im Urlaub. Die Pumpe muss ein Fremder verloren haben, der nicht ins Haus gehörte!«
Dem Himmel sei Dank für so kleine neugierige Spione wie Frau Schultheiß!
»Sie haben also die Luftpumpe im Hausflur gefunden. Was haben Sie dann damit gemacht?«
»Ich habe sie erstmal in den Keller gelegt, und dann habe ich sie vergessen. Erst als ich heute ein Glas Kirschen fürs Mittagessen holen wollte, ist sie mir wieder aufgefallen. Na, und da habe ich gleich an Sie gedacht, hab sie ganz vorsichtig in die Tüte gepackt und hergebracht!«
Hoffentlich hatte sie das wirklich ganz vorsichtig gemacht! Ich griff zum Telefon und betätigte eine der Kurzwahltasten, welche mich mit der Kriminaltechnik verband.
»Werner? Sascha hier. Kannst du gleich mal jemanden zu Jens ins Büro schicken um einen potentiellen Spurenträger abzuholen? Ja? Danke, bis gleich.«
Ich schaute zu meinem Chef.
»Werner kommt selbst hoch und holt das Ding ab.«
»Sehr schön. Frau Schultheiß, wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie uns die Luftpumpe vorbeigebracht haben. Sagen Sie, hat außer Ihnen noch jemand das Ding angefasst?«
»Nein, niemand. Und auch ich habe nur an einer Stelle zugegriffen. Sie sehen ja, wie schmutzig das Ding ist, ich wollte es später saubermachen. Aber dann habe ich es halt völlig vergessen, und heute früh habe ich wirklich nur mit ganz spitzen Fingern zugegriffen. Schließlich wusste ich ja, dass da vielleicht Fingerabdrücke von einem Mörder dran sein könnten!«
»Das war wirklich sehr schlau von Ihnen, Frau Schultheiß! Vielleicht bringt uns das wirklich weiter.«
Wir verabschiedeten unseren Besucherin, und gerade als sie aus der Tür trat, kam ein niedergeschlagen wirkender Sven Berger herein.
»Spardonk ist tot.«
Ralf Spardonk – einer der kritischen Fälle von der Intensivstation. Das nächste Opfer des unheimlichen Pornokillers.
»Seid ihr irgendwie weitergekommen?«
Bevor wir seine Frage beantworten konnten, trat Werner Hildebrand von der Kriminaltechnik ein.
»Mahlzeit zusammen. Ihr habt was für mich?«
Machlitzke zeigte auf die verpackte Luftpumpe.
»Schau dir das Ding bitte sofort mal an, vielleicht findest du ja ein paar Fingerabdrücke.«
»Hängt das mit eurer Mordserie zusammen?«
Mein Chef erklärte ihm, wie wir zu der Pumpe gekommen waren.
»Alles klar, ich setz mich sofort dran.«
»Danke.«
Vorsichtig griff sich Hildebrand die Tüte und verließ unser Büro. Berger sah nun wieder etwas hoffnungsvoller aus.
»Ihr habt eine Spur?«
»Vielleicht, wenn wir viel Glück haben.«
Mein Chef erzählte unserem Kollegen vom Besuch der Nachbarin.
»Etwas weit hergeholt, oder?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Mehr haben wir leider nicht, das ist bisher das erste, was auch nur ansatzweise nach einer möglichen Spur aussieht.«
»Dann werden wir wohl warten und hoffen müssen.«
»Allerdings. Gibt es eigentlich unterdessen noch weitere Vergiftungsfälle?«
»Nein, Jens, bisher nicht. Aber der Täter hat jeden einzelnen auf der Liste erwischt, der im Leipziger Raum wohnt. Verdammt gründlich.«
Und so würde er vermutlich weitermachen, wenn wir ihn nicht stoppen konnten. Ich stellte die Frage, die wohl jeden Anwesenden interessierte.
»Wo wird er als nächstes zuschlagen?«
Berger zuckte mit den Schultern.
»Wenn wir davon ausgehen, dass er seine Operationsbasis hier in Leipzig hat, dann würde ich auf Halle tippen. Ich habe drei Hallenser auf der Liste, und die wären ja von hier aus problemlos zu erreichen.«
»Hast du diesbezüglich schon was unternommen?«
»Ja, ich hab die Spurentechnik auf die Wohnungstüren angesetzt, die haben aber keinerlei Einbruchsspuren gefunden.«
»Was nicht ist kann ja noch werden. Lässt du die überwachen?«
»Ja, die Hallenser Kollegen sind dran. Das Problem ist, dass Halle nur eine Vermutung darstellt. Genauso könnte er in Dresden, in Chemnitz oder sonstwo zuschlagen. Und ich kann nicht hunderte Wohnungen im gesamten Bundesgebiet rund um die Uhr überwachen lassen!«
Wir grübelten eine weitere halbe Stunde vor uns hin, ohne zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen, bis plötzlich die Zimmertür aufgerissen wurde und Werner Hildebrand hineinstürzte. Er war völlig außer Atem und schwenkte ein Blatt Papier.
»Ich hab was gefunden!«
Sofort hatte er unser aller Aufmerksamkeit.
»Auf der Luftpumpe waren Abdrücke von zwei Personen. Die von der einen Person waren nur an einem Ende, und diese Person hatte wohl nur sehr zaghaft zugegriffen. Von der anderen Person gab es deutlich mehr Abdrücke, und einige davon waren sehr gut erhalten. Ich hab sie abgenommen und einen Volltreffer gelandet.«
Mein Gott, sollten wir wirklich soviel Glück haben?
»Mensch, spann uns nicht auf die Folter, schieß los!«
»Schon gut, Jens, schon gut! Also: die Abdrücke gehören zu einer Irene Wollendorf.«
Eine Frau? Wobei: das passte ja durchaus zu Giftmorden. Angeblich war das ja eine typisch weibliche Art, jemanden um die Ecke zu bringen.
»Und nun haltet euch fest: die Wollendorf ist mehrfach vorbestraft wegen … tata! … Einbruchdiebstahls!«
Wir waren baff. Das passte ja wie die Faust aufs Auge, das konnte einfach kein Zufall sein.
»Und es kommt noch besser. Die Opfer waren doch alle in diesen Kinderpornofall verwickelt, oder?«
Hauptkommissar Berger bestätigte dies.
»Na also. Irene Wollendorf hatte eine Tochter, die mit neun Jahren entführt wurde. Zwei Jahre später fand man ihre Leiche. Sie hatte die ganze Zeit noch gelebt und war ständig sexuell missbraucht worden. Und das ganze wurde auch noch gefilmt und für teures Geld verkauft. Der Täter wurde nie geschnappt.«
Bingo, es passte alles ganz wunderbar zusammen.
»Und wisst ihr, was die Wollendorf für einen Beruf erlernt hat? Ihr kommt nie drauf. Apothekerin!«
Mein Chef räusperte sich.
»Damit hätten wir ja eigentlich alles abgeklärt. Motiv und Gelegenheit, alles vorhanden. Wir müssen noch rausfinden, wie sie auf die Idee gekommen ist, Schmitzkes Computer zu filzen, aber das sollte kein Problem sein, wenn wir sie erstmal in Gewahrsam haben. Das war verdammt gute Arbeit, Werner.«
»Gern geschehn. Hier auf dem Ausdruck steht alles drauf, sogar eine aktuelle Adresse. Also dann, viel Erfolg bei der Jagd.«
Der Kriminaltechniker verließ uns, und wir waren immer noch völlig überfahren von den Neuigkeiten. So recht wollten wir es noch gar nicht glauben. Berger fasste unsere Zweifel in Worte.
»Sollte es plötzlich wirklich SO einfach sein? Fast zu schön um wahr zu sein.«
Resolut erhob sich Hauptkommissar Machlitzke von seinem Stuhl.
»Tja, manchmal hat man Glück und es ist wirklich SO einfach. Es gibt nur einen Weg um das herauszufinden. Wir schnappen uns die Wollendorf.«
Vorausgesetzt, sie hatte sich nicht bereits davongemacht. Oder war gerade anderweitig im »Einsatz«. Auf Grund der Beweis- und Indizienlage war es kein Problem, innerhalb kürzester Zeit einen Haft- und einen Durchsuchungsbefehl zu bekommen.
Mit mehreren Wagen rasten wir zu der angegebenen Adresse. Ein ziemlich runtergekommener Altbau, und an einer Klingel stand tatsächlich der Name unserer Verdächtigen. Natürlich klingelten wir nicht, die Haustür stand eh offen, also marschierten wir direkt hinauf zur Wohnung. Gerade als wir uns dort bemerkbar machen wollten, ging die Tür auf, und eine verhärmte Frau mitte Dreißig trat heraus.
»Wollen Sie zu mir?«
Jens zeigte seinen Dienstausweis.
»Frau Irene Wollendorf?«
»Ja?«
»Frau Wollendorf, Sie sind vorläufig festgenommen wegen Verdacht des mehrfachen Mordes. Wir haben auch einen Durchsuchungsbeschluss für Ihre Wohnung. Unsere Kollegen werden sich jetzt bei Ihnen umsehen, und Sie begleiten uns bitte auf die Dienststelle.«
Die Frau gab ein hysterisches Gelächter von sich.
»Verdammt, konntet ihr blöden Bullen nicht noch ein paar Wochen länger brauchen? Den Mörder meiner Tochter habt ihr doch auch nicht gefunden! Ich hätte noch einiges zu erledigen gehabt.«
Wir schauten uns vielsagend an – das war ja praktisch schon ein Geständnis. Frau Wollendorf bekam Handschellen verpasst und fand sich eine Dreiviertelstunde später in unserem Vernehmungsraum wieder. Sie gab tatsächlich alles zu, sie war richtig gesprächig. Naja, das hatte man ja öfters bei gefassten Serienmördern, die redeten dann wie ein Wasserfall.
Auf die Spur von Schmitzke war sie durch einen ihrer Einbrüche gekommen. Sie hatte den Computer eines seiner Kunden geklaut, und über die Daten darauf hatte sie den Pornohändler gefunden. Da sie öfter mal Computer klaute hatte sie sich einiges an Fachkenntnis angeeignet, es war für sie daher kein Problem gewesen, bei einem »Besuch« die Daten auf Schmitzkes Computer zu kopieren und dann später in aller Ruhe zuhause zu entschlüsseln.
»Alles andere war dann ein Klacks! Ich hab mir ein passendes Gift gemixt und dann ein Schwein nach dem anderen in die Hölle geschickt! Und hättet ihr Bullen mir nicht ins Handwerk gepfuscht, dann hätte ich die Welt noch von einer Menge perverser Schweine befreien können! Ihr Schmalspurdetektive seid dazu ja nicht in der Lage!«
Für sie als professionelle Einbrecherin war es kein großes Ding gewesen, unbemerkt und ohne Spuren zu hinterlassen in die betreffenden Wohnungen einzudringen und das Gift zu deponieren.
»Und wie haben Sie das Gift verabreicht?«
Hauptkommissar Berger stellte die Frage, die uns allen auf den Nägeln brannte. Überheblich lachte die Giftmörderin auf.
»Ha, darauf seid ihr also auch nicht gekommen, warum wundert mich das nicht? Aber ich will mal nicht so sein. Ich hätte die Schweine ja ganz normal vergiften können, aber das wäre zu einfach und ein viel zu harmloser Tod gewesen. Sie sollten sich den Tod immer dann ins Blut holen, wenn sie ihren perversen Leidenschaften nachgingen. Ich habe ein Kontaktgift hergestellt und damit die Computertastaturen und Mäuse bestrichen. Immer wenn sich die Dreckschweine nun durch ihre Kinderpornos klickten, haben sie sich mehr und mehr selbst vergiftet. Genial, nicht wahr?«
Allerdings, genial. Mörderisch genial. Im nächsten Moment wurde mir für einige Sekunden schwarz vor Augen.
»Derek!«
Ich stand auf, taumelte aber und konnte mich gerade noch am Schreibtisch festhalten. Jens und Sven sprangen mir zu Hilfe.
»Sascha, was ist los?«
»Derek!«
»Was ist mit ihm?«
»Er arbeitet die ganze Zeit mit diesen Computern!«
Sofort war den beiden klar, worauf ich hinauswollte. Fieberhaft griff mein Chef zum Telefonhörer und wählte die Nummer von Data Rescue. Er ließ es lange klingeln, aber ohne jeden Erfolg.
»Es geht keiner ran. Was ist mit dem Handy?«
Das Handy, genau! Ich holte meins hervor und drückte die Kurzwahltaste.
»Der gewählte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.«
Ich schrie regelrecht in das Telefon hinein.
»Derek, lass sofort die Finger von den beschlagnahmten Rechnern! Die sind vergiftet!«
Mein Gott, hoffentlich war ihm noch nichts passiert!
»Komm, Sascha, wir fahren rüber. Sven, kümmerst du dich um den Rest hier?«
»Alles klar, beeilt euch!«
Wir rannten die Treppen des Präsidiums hinunter, ich nahm alles nur noch im Halbwahn wahr und hab bis heute keine Ahnung, wie ich das ohne Verletzungen geschafft habe. Kurz darauf rasten wir mit Blaulicht durch den Verkehr und stellten einen neuen Rekord für die Strecke zwischen unserem Büro und der Firma meines Freundes auf. Dort angekommen, sprinteten wir in das Gebäude, welches völlig verwaist aussah. Nicht einmal der Empfangstresen war besetzt. Ich war nun nicht mehr zu halten und rannte so schnell es ging in Dereks Büro. Die Tür aufreissend, stürzte ich hinein und sah meinen Freund, wie er mit dem Kopf auf dem Schreibtisch lag, vor sich eine graue Tastatur. Nein, lieber Gott, bitte nicht das! Ich sprang zu ihm.
»Derek!«
Ich rüttelte ihn an der Schulter und wäre vor Erleichterung beinahe umgekippt als ich sah, wie er sich kurz schüttelte und langsam aufwachte.
»Äh … ja … Sascha! Was machst du denn hier?«
Das war zuviel für mich, ich brach in Tränen aus und sank zu Boden. Das wiederum sorgte dafür, dass Derek sofort hellwach wurde und neben mir in die Hocke ging.
»Sascha, was ist los? Nun sag doch schon! Ist etwas passiert?«
All das nahm ich gar nicht richtig wahr, nur ein Gedanke beherrschte mein ganzes Denken: Derek lebt!
»Komm, Derek, helfen wir ihm hoch. Ich erzähl dir gleich was los ist.«
Ich spürte, wie ich von zwei Seiten angefasst und hochgezogen wurde, dann fand ich mich auf einem Stuhl wieder. Derek zog seinen eigenen Drehstuhl heran und nahm mich in den Arm, dann schaute er fragend zu meinem Begleiter.
»Der Fall ist gelöst, Derek. Wir haben eine Frau verhaftet die zugegeben hat, dass sie die Leute auf der Kundenliste vergiftet hat.«
»Und deshalb ist Sascha so fertig?«
»Ja. Du musst eines wissen: die Frau hat ihre Opfer vergiftet, indem sie die Computertastaturen und die Mäuse mit einer Giftmischung bestrichen hat. Die Tastaturen und Mäuse der Computer, die du seit fast zwei Wochen bearbeitest.«
»Oh. Und deshalb seid ihr hier so reingestürzt?«
»Ja, wir hatten befürchtet, dass du dich vielleicht auch vergiftet haben könntest.«
Derek drückte mich nunmehr ganz fest an sich und strich mir sanft über den Kopf.
»Oh Sascha. Es ist lieb, dass du dir solche Sorgen um mich gemacht hast. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen.«
Ich schaffte es, ein wenig den Kopf zu heben und ihn fragend anzuschauen. Lächelnd streichelte er mich weiter.
»Ich habe die Tastaturen und Mäuse gar nicht angerührt, die stehen unbenutzt im Regal. Ich arbeite immer nur mit meinen eigenen Eingabegeräten.«
Ich konnte nicht anders, ich fing leise an zu kichern, was sich innerhalb kürzester Zeit in lautstarkes Gelächter steigerte.
»Haha … das heißt … haha … das heißt, dass ich mir völlig umsonst Sorgen gemacht habe?«
Derek lachte zurück, und auch Machlitzke grinste vor sich hin.
»Nicht ganz umsonst, Sascha. Ich weiß jetzt ganz genau, wie sehr du mich liebst. Und ich liebe dich auch!«
Er zog mein Gesicht an seines heran und gab mir einen dicken Kuss. Diesen Moment nutzte mein Chef, um sich zu verabschieden.
»Ich werd euch dann mal alleine lassen, Jungs. Sascha, für dich ist die Arbeitswoche vorbei. Für den restlichen Kram brauche ich dich nicht mehr. Genieß ein paar schöne Tage mit deinem Freund. Ich kümmere mich darum, dass jemand die vergifteten Tastaturen und Mäuse abholt.«
Dankbar verabschiedeten wir uns von ihm, und dann saßen wir erstmal eine ganze Weile einfach nur da, uns gegenseitig in den Armen haltend. Nach ein paar Minuten löste sich Derek von mir.
»Du, Sascha, ich muss dir noch was zeigen.«
Neugierig schaute ich ihn an.
»Ich hab da auf einem der Rechner etwas gefunden, was du dir mal anschauen solltest.«
Ich verzog das Gesicht.
»Nicht noch mehr Kinderpornos!«
Mein Freund lachte mich an.
»Nein, ganz so wild ist es nicht. Los, komm rüber.«
Ich rollerte auf meinem Stuhl zu seinem Arbeitsplatz, er klickte ein wenig mit der Maus herum, dann erwachte der Bildschirm vor ihm zum Leben. Völlig verdattert schaute ich auf die Handlung, die sich vor mir entfaltete.
»Das gibt’s doch nicht!«
»Anscheinend doch.«
»Hast du das schon irgendwem gezeigt?«
»Nein, du bist der erste. Aber ich denke, wir sollten irgendwas unternehmen.«
»Stimmt. Nur was? Mit Berger sprechen?«
»Nee, nicht unbedingt. Weißt du was? Wir machen erstmal Wochenende und überlegen uns in aller Ruhe etwas.«
Das war eine wirklich gute Idee, ich hatte genug Aufregung für diese Woche erlebt. Derek schaltete seine Geräte aus, dann fuhren wir in seinem Wagen nach Hause, einem gemütlichen Abend entgegen.
*.*.*
Am darauffolgenden Samstag hatten wir gleich am Vormittag unsere Badesachen gepackt und fuhren an den Cospudener See. Gerade als wir den Parkplatz verließen, kamen zwei Radler mit blockierenden Reifen neben uns zum Stehen.
»Hi Sascha, hi Derek!«
Na so eine Überraschung aber auch! Die Bergerschen Zwillinge. Ich warf meinem Schatz einen vielsagenden Blick zu, der mit einem breiten Grinsen und einem Nicken des Kopfes beantwortet wurde.
»Hallo ihr zwei. Was macht ihr denn hier?«
»Na was wohl, Derek. Wir wollen baden! Das Wetter ist doch wieder super.«
Das war es allerdings, die Sonne ballerte vom Himmel, und an diesem war kein einziges Wölkchen zu sehen. Ich hatte eine Idee.
»Hättet ihr Lust auf eine kleine Tretboot-Partie? Wir wollten heute eigentlich nicht nur am Ufer rumhocken, sondern mal richtig raus aufs Wasser.«
Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber Derek würde mir diese kleine Lüge sicherlich verzeihen. Seinem Grinsen nach zu urteilen hatte er bereits meine Absichten durchschaut. Die Jungs grinsten auch, allerdings aus einem anderen Grunde.
»Cool, Tretboot! Klar!«
So kam es, dass wir zwanzig Minuten später mit einem großen Tretboot inklusive Badeleiter und Sonnendeck in See stachen. Nachdem wir uns ein Stück vom Ufer entfernt hatten, sprangen die Zwillinge auf und waren kurz darauf nackt wie Gott sie geschaffen hatte. Derek und ich zierten uns nicht lange und folgten ihrem Vorbild. Weitere zehn Minuten später hatten wir eine schöne Badestelle erreicht und stürzten uns ins Wasser. In diesem tollten wir dann ziemlich lange herum, bis wir völlig erschöpft wieder unser Wasserfahrzeug erklommen und uns auf dem Sonnendeck niederließen.
»Wow, ich bin total erledigt!«
Da war Patrick nicht der einzigste, wir alle waren völlig ausgelaugt und genossen es, erstmal ganz gemütlich in der Sonne rumliegen zu können.
»Wir haben gehört, dass ihr euren Giftmordfall gelöst habt?«
Gähnend schaute ich zu Pascal hinüber.
»Ja, haben wir.«
Ich warf einen schnellen Blick zu meiner besseren Hälfte, welche grinsend zurücknickte. Also fuhr ich fort.
»Darüber wollten wir eh noch mit euch reden.«
Verwunderung machte sich auf den Gesichtern der Zwillinge breit.
»Ihr wisst doch sicherlich, dass diese Morde mit dem Kinderpornofall zusammenhingen, den euer Vater bearbeitet.«
»Ja, er hat Pascal und mir alles darüber erzählt.«
»Sehr schön. Dann wisst ihr ja auch, dass Derek die ganzen Computer der Verdächtigen überprüft hat.«
Patrick und Pascal nickten, hatten aber wohl noch keinen blassen Schimmer, wohin diese Unterhaltung gehen sollte. Nun mischte sich mein Freund ein.
»Was glaubt ihr wohl wie verblüfft ich war, als ich auf einem der Rechner plötzlich einen Film fand, dessen zwei sehr identisch aussehende, jugendliche Hauptdarsteller mir irgendwie recht bekannt vorkamen.«
Im nächsten Moment musste ich befürchten, dass unseren beiden jungen Freunden die Herzen stehenbleiben würden! Ihre braungebrannten Gesichter konnten sich nicht entscheiden, ob sie nun kalkweiß oder knallrot werden sollten. Auch Derek bemerkte dies natürlich.
»Aha, ich sehe schon, ihr habt eine Ahnung, was ich da entdeckt habe, oder?«
Die beiden konnten nur noch stammeln.
»Ich … wir … aber …«
Ich übernahm wieder den Gesprächsfaden.
»Hört mal, es ist uns völlig egal, was ihr zusammen treibt. Aber verdammt nochmal, müsst ihr dabei unbedingt die Webcam laufen lassen?«
Damit dürfte auch klar sein, was mein Freund auf der Festplatte des beschlagnahmten Rechners entdeckt hatte. Pascal und Patrick bei eher … ähem … intimen Spielchen. Nichts Weltbewegendes, eher pubertäre Rumexperimentiererei, aber halt doch Dinge, die man nicht unbedingt vor der gesamten Weböffentlichkeit bloßlegt.
»Aber … wie … wie ist der Typ da dran gekommen?«
»Keine Ahnung, Patrick. Fakt ist: das Video war auf der Festplatte eines Kinderporno-Verdächtigen. Ich weiß nicht, wie es da hingekommen ist, das solltet ihr am ehesten wissen. IHR müsst doch wissen, wen ihr habt zuschauen lassen. Aber wie auch immer: verkneift euch das zukünftig bitte. Und betet, dass dieses Video nicht zu sehr die Runde durchs Web macht.«
Jetzt waren die beiden Jungs regelrecht verängstigt. Sehr gut. Vielleicht lernten sie ja was daraus. Pascal schaute mich fragend an.
»Habt ihr das Video unserem Paps gezeigt?«
Beruhigend lächelte ich auf die Zwillinge herab.
»Nein, und er bekommt es auch nicht zu sehen, stimmts, Derek?«
»Ja, ich hab es von der Platte gelöscht, bevor ich ihm die Daten kopiert habe. Und wenn ihr uns versprecht, sowas nie wieder zu machen, wird er es auch nie zu Gesicht bekommen.«
Pascal und Patrick überstürzten sich regelrecht in ihrem Bemühen, uns dieses Versprechen zu geben. Damit gaben wir uns zufrieden, und Derek zog einen Schlussstrich unter die Angelegenheit.
»Sehr gut. Wir verlassen uns auf euch, es ist auch nur zu eurem eigenen Besten. Und nun zu einem angenehmeren Thema: wart ihr denn schonmal bei den J.u.n.g.S.?«
Erleichtert über die Themenänderung entspannten sich die Gesichter der beiden Teenager.
»Wir gehen heute nachmittag hin!«
Die Augen von Derek und mir richteten sich auf Patrick.
»Ihr geht beide hin?«
Der Angesprochene zuckte mit den Schultern.
»Klar, warum nicht. Laut Webseite sind auch Heteros willkommen, und ich kann doch meinen kleinen Bruder nicht alleine in die Höhle des Löwen lassen.«
Derek strich ihm zufrieden durch die Haare.
»Das ist die richtige Einstellung. Und nun … nun könntet ihr zwei starken jungen Männer eigentlich mal ein wenig in die Pedale treten und uns rüber zum Hauptanleger bringen. Ich könnte ein Eis gebrauchen.«
Die Zwillinge wollten erst wegen der Sklavenarbeit protestieren, die Aussicht auf Eis vertrieb aber alle Gegenwehr, und schon bald schipperten wir mit der Höchstgeschwindigkeit von zwei Teenagerstärken unserem Ziel entgegen.
Es wurde noch ein sehr schöner Tag, und als ich spätabends neben meinem Schatz im Bett lag, war ich einfach nur zufrieden mit meinem Leben. Ich hatte beruflichen Erfolg, gute Freunde und einen Partner, mit dem ich dies alles teilen konnte. Was sollte ich mehr vom Leben verlangen?

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Information Halloween
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:47 AM - No Replies

„Komm schon Leo!“
„Ja, beeil dich! Wir wollen los!“
Zorro zog an meinem Arm, während die kleine Prinzessin im rosa Tüllkleid aufgeregt vor der Haustüre auf und absprang.
„Moment ich brauch nur noch meinen Umhang.“
Nur widerwillig ließ der kleine Zorro meine Hand los. Ich warf mir das schwarze Cape über die Schultern und betrachtete mich im Spiegel. Ein bleiches Gesicht mit schwarzumrandeten Augen sah mir entgegen. Der Mund war Blutrot und die schwarzen Haare mit Gel zurückgekämmt. So wie man sich den klassischen Film-Dracula vorstellte.
Ich verdrehte bei dem Anblick die Augen.
Doch die Prinzessin und Zorro hatten darauf bestanden.
„Okay, dann lasst uns eure Süßigkeiten sammeln. AUFSTELLUNG!“, rief ich beiden zu.
Vor der Türe stellten sie sich nebeneinander. Beide traten ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Ich rückte die goldene Krone der Prinzessin wieder etwas zurecht. Danach drückte ich Zorro sein Florett in die Hand, das er mal wieder irgendwo liegen gelassen hatte.
Anschießend stemmte ich meine Hände in die Hüften und sah sie herausfordernd an.
„Und was rufen wir wenn jemand die Türe aufmacht?“
„Süßes oder Saures!“, kreischten beide augenblicklich so laut, dass es fast schon den Ohren wehtat.
„Okay, dann wollen wir es mal hinter uns bringen.“
„Es soll dir aber auch Spaß machen!“, beschwerte sich Jasmin, meine kleine Schwester, und schob ihre Unterlippe vor. Scheinbar hatte ich den falschen Ton angeschlagen. Sie zeigte wieder arge Tendenzen zu schmollen. Und das würde mit Sicherheit den ganzen Abend noch anstrengender machen.
„Hey, du weißt doch, dass ich immer gerne was mit dir mache.“, beschwichtigte ich sie, was scheinbar auch ausreichte. Als ich die Haustüre öffnete, rannten beide schon wieder völlig kopflos aus dem Haus, und den kurzen Gehweg entlang.
Kopfschüttelnd folgte ich ihnen.
Eigentlich mochte ich dieses Fest ja nicht. Für mich war es einfach nur ein Feiertag zu dem ich keinen Bezug hatte. Doch bei uns im Dorf gab es scheinbar ein Kind, dass heute Abend an den Haustüren klingeln wollte.
Was ja eigentlich auch nicht schlimm war.
Zu meinem bedauern bekam das jedoch der kleine Heimatverein des Dorfes mit. Normalerweise veranstaltete der im Sommer das Dorffest, im Winter den Rodelwettbewerb auf einem kleinen Hügel und pflegte in der restlichen Zeit das Denkmal in der Dorfmitte für die im Krieg gefallenen.
Jetzt hatte der Verein jedoch seinen Informationsapparat in Gang gesetzt; was hieß es wurde getratscht. Nach ein paar Stunden wusste jeder Haushalt im Dorf, dass man am einunddreißigsten Oktober Süßigkeiten im Haus haben sollte, die man verteilen konnte.
Das war die gute Sache. Immerhin wünschte auch ich es keinem Kind enttäuscht zu werden. Doch die andere war, dass fast alle, besonders die Kinder, von dem Halloween-Virus angesteckt wurden.
Und nun wollten sie ebenfalls diesen importierten Kürbistag feiern.
Leider waren Jasmins und meine Eltern bei Olafs Eltern zum Geburtstag eingeladen. Und so wurde ich dazu auserkoren auf zwei kleine Verrückte aufpassen.
„Wo wollt ihr als erstes hin?“, fragte ich und deute mit meiner Hand auf das linke Haus, in dem auch Olaf wohnte.
„Nein!“
„Nicht dahin!“
Etwas verwirrt sehe ich sie an. „Aber da sind unsere Eltern. Die wollen doch auch eure Kostüme sehen.“
„Deshalb ja. Bei denen bekommen wir nur wieder gute Ratschläge.“
„Bleibt nicht so lange auf.“
„Macht was Leo euch sagt.“
„Ärgert die Leute nicht.“
„Esst nicht alle Schokolade auf einmal.“
Olaf und Jasmin beteten diese Litanei herunter als hätten sie sie einstudiert. Gegen so viel Kinderlogik konnte ich nichts ausrichten, auch wenn es mich schon störte, dass sie den Satz »Macht was Leo euch sagt« mit aufführten.
Notgedrungen schlugen wir in die entgegen gesetzte Richtung ein.
Den nächsten Gartenweg bog Jasmin wieder ein.
Olaf schlug mit seinem Florett nach einem Busch Herbstastern. Bei dem aufklatschenden Geräusch sah ich noch entsetzt hin und wollte ihn schon zu Recht weisen. Doch als einige der Blüten auf den Boden fielen, drückte meine Schwester schon auf die Klingel und ich tat lieber als hätte ich nichts bemerkt.
In der Diele ging das Licht an und Frau Krämer öffnete die Türe.
„Süßes oder Saures!“
Die Beiden hielten ihr ihre Beutel erwartungsvoll entgegen.
„Oh was haben wir denn da?!“
Frau Krämer war schon immer vernarrt in alle Kinder. „Eine wunderschöne Prinzessin und der Rächer mit der schwarzen Maske!“
„Sí, me llamo Zorro.“, sagte Olaf in fast perfektem Spanisch während Jasmin einen ebenso fast perfekten Hofknicks machte. Ich hatte knapp eine Stunde gebraucht um ihnen das beizubringen. Auch wenn ich meine Aufgabe nicht wirklich mochte; was macht man nicht alles für seine kleine Schwester.
„Ohhh! Wie süß!“, kam es auch wie erwartet von unserer Nachbarin.
Sie nahm eine Schüssel von ihrer Kommode und suchte darin herum.
„Da muss ich doch was ganz besonderes suchen!“
Sie zog zwei Orangen aus der Schüssel und ließ sie in die offenen Beutel fallen. Ich sah schon wie die lachenden Gesichtszüge der Beiden maßlosem Entsetzten wichen. Doch dann kamen zum Glück noch zwei große Schokoriegel und zwei Überraschungseier zum Vorschein die ebenfalls in den Taschen landeten.
„Danke, Frau Krämer!“, schrien sie wieder im Chor.
Ich atmete dagegen erleichtert aus. Ich wollte mir gar nicht vorstellen wie Olaf reagieren würde, wenn sie nichts Zufriedenstellendes bekämen, nachdem er bereits ohne Grund über die Astern hergefallen war.
Ich folgte den beiden, die schon zum nächsten Haus liefen. Sie hatten bereits geklingelt als ich noch auf der Straße war. Doch es öffnete niemand die Türe. Auch nicht als ich schließlich neben ihnen stand. Das ganze Haus war dunkel und scheinbar niemand zu Hause.
„Und was machen wir jetzt“, fragte meine Schwester.
„Zahnpasta unter die Türklinke schmieren!“, antwortete ein sichtlich begeisterter Zorro. Mit einer Hand griff er in seine Tasche. Eine ungeöffnete Zahnpastatube kam zum Vorschein.
„Nein das wirst du nicht machen!“, unterbrach ich schnell seine Handlung und nahm ihm die Tube ab.
„Aber wir müssen doch Saures geben.“
„Nur wenn jemand nichts Süßes geben will.“
„Das haben die doch auch nicht.“
„Das konnten sie ja auch nicht, weil sie nicht zu Hause sind. Also werden wir einfach zum Nächsten gehen. Es gibt noch genug Häuser wo ihr was bekommt.“
Ich schob beide wieder von der kleinen Treppe zur Straße. In den nächsten Häusern war zum glück jemand zu Hause. Und es gab auch Süßigkeiten. Zwischen einzelnen Stationen kamen uns immer mehr Sagengestalten entgegen. Elfen, Ritter, Geister und auch Figuren aus Science-Fiction Filmen begegneten wir.
Ich hatte schon aufgehört die Häuser zu zählen. Die Beutel hatten sich bereits gut gefüllt, als wir vor einem weiteren Haus standen.
„Me llamo…“, fing Zorro grade an, als die Prinzessin ihren Knicks unterbrach.
„Kannst du damit nicht aufhören! Das nervt!“
„Das muss ich als Zorro sagen. Und du machst doch auch immer eine blöde Verbeugung!“
„Das ist keine Verbeugung! Das ist ein Knicks!“
Mit Entsetzen sah ich wie Zorro sein Plastikflorett zog und die rosa Prinzessin ihre Fäuste ballte. Schnell sprang ich die zwei Stufen hoch. „Nicht streiten! Sonst gehen wir sofort wieder nach Hause!“
„Du hast mir gar nichts zu sagen!“, kam es trotzig von Olaf.
„Was war das zweite, was die Eltern gesagt haben?“, wollte ich mit erhobenen Augenbrauen von ihm wissen.
„Mach was Leo sagt“, war es kaum von ihm zu hören. Jasmin grinste triumphierend.
„Und das gilt auch für dich!“, schob ich deshalb nach. Beide sahen schmollen auf den Boden vor sich. Sie hatten völlig verdrängt, dass die Hauseigentümer schon in der offenen Türe standen.
„Tut mir leid. Guten Abend Frau Steffens, Herr Steffens“, begrüße ich sie.
„Hallo Leo.“ Beide lächelten uns zum Glück an. „Ihr beiden habt wirklich tolle Kostüme.“
„Und das war wirklich mal eine beängstigend gruselige Vorstellung.“
Herr Steffens grinste schon fast diabolisch.
„Ähm… ja… wir haben auch lange dafür geübt“, lächelte ich sie gequält an.
Danach wendete ich mich wieder meinen Schützlingen zu.
„Ihr müsst aber noch etwas sagen; da fehlt noch etwas.“
„Süßes oder Saures“, kam es leise von beiden während sie noch immer auf den Boden sahen.
Dass sich die Steffens mittlerweile auf die Unterlippe bissen um nicht zu lachen, war zumindest für mich nicht zu übersehen. Doch auch sie griffen nach bereitgelegten Süßigkeiten und verteilen diese.
Und auch diese Portion konnte sich sehen lassen. Auf jeden Fall war ich froh, dass Jasmin und Olaf nicht mitbekamen wie sie ihre Strategie verfeinern konnten. Ich winkte den Steffens kurz zu, nachdem ich entschuldigend mit den Schultern gezuckt hatte und rannte mal wieder den Beiden hinterher.
Sie hatten scheinbar eine genaue Vorstellung der Reihenfolge. Ihren Streit hatten sie schon vergessen und waren schon wieder am nächsten Haus angekommen.
„Oh… Hier sind doch nickt nur… little dwarfs… auf der… Straße“, hörte ich eine Stimme hinter mir.
Auch die Worte, die eigentlich deutsch sein sollten waren mit einem breiten amerikanischen Akzent durchsetzt.
Ein kleiner »Darth Vader« rannte an mir vorbei, doch zu dem passte die recht dunkle Stimme nicht. Verwundert drehte ich mich um. Erschreckt machte ich einen Schritt zurück als ich hinter mir eine Gestalt in groben Leinen gewickelt sah. Überall waren breite Bahnen des Stoffes eng um den Körper gewickelt. Selbst ein Teil des Kopfes war eingewickelt. Mit ein paar Schritten kam die Gestalt auf mich zu.
Nervös starrte ich ihn an.
Im Licht der Laterne, unter der ich stand, konnte ich ihn nun besser sehen. Doch das sorgte auch nicht dafür mich zu beruhigen. Wenn auch aus anderen Gründen. Er hatte eindeutig nicht seinen gesamten Körper eingewickelt.
Oder die Bandagen waren verrutscht. Zumindest war ein schmaler Streifen eines Beins und des Bauchs zu sehen. Ein etwas größerer zog sich von der Brust bis zur Seite. Unter den Bandagen am Kopf lugten einige blonde Haare hervor. Ich schluckte trocken als ich ihn so vor mir stehen sah.
„Hi, ick bin Nick“, streckte er mir seine Hand entgegen.
Wieder war der amerikanische Slang zu hören.
„Ich bin Leonardo, aber die meisten nennen mich Leo“, schaffte ich es mich vorzustellen.
„Und sammeln du auch Süßik…Süßickie… ehh… sweets?“
Ich musste grinsen wie er scheinbar immer wieder über einige Wörter stolperte.
„Nein. Ich mag dieses Fest eigentlich nicht. Ich muss auf meine kleine Schwester und einem ihrer Freunde aufpassen.“
„Really? Ick liebe Halloween. Aber heute… passe ick auf Jeremy auf, mein kleiner Bruder. Er wollte auch hier in Deutschland auch… sweets… sammeln. Ick bin zu alt for „trick and treat“, lachte er mir entgegen.
„Dann hab ich das euch zu verdanken, dass ich heute auf zwei kleine Monster aufpassen muss?“
„Maybe“, sagte er vage.
Sein Grinsen war dagegen sehr eindeutig. Irgendwie konnte ich meinen Blick nicht davon lösen. Und auch das, was ich ihm am liebsten wegen diesem Abend an den Kopf geschmissen hätte, blieb an irgendwelchen Synapsen in meinem Kopf hängen.
Stattdessen starrte ich ihn einfach nur an, wahrscheinlich mit einem ziemlich verklärten Blick.
So ganz wusste ich nicht, ob ich noch wegen des Halloweenabends sauer auf ihn war, oder weil Nick es scheinbar geschafft hatte mich innerhalb von zwei Minuten um den Verstand zubringen.
Bevor es jedoch für mich wirklich peinlich werden konnte, wurden wir durch laute Stimmen vom Haus abgelenkt.
„Ihr machte das falsch!“, kam es gedämpft und mit leichtem Akzent von Darth Vader.
„Gar nicht, in Deutschland sagt man das so!“
Auf seltsame Art amüsiert, sah ich, dass wieder die Waffen gezogen wurden. Diesmal war noch Laserschwert dabei. Ein kurzer Blick zu Nick zeigte dass er genauso fasziniert war. Doch wenn die drei wirklich aufeinander losgehen würden, standen die Chancen nicht schlecht, dass Nick und ich den Ärger bekommen würden.
„Nicht schon wieder!“, flüsterte ich und lief zum Haus, um eine größere Ausschreitung mal wieder zu verhindern. Nick folgte mir.
„Was hab ich über das Streiten gesagt?“, wollte ich von ihnen wissen.
„Das galt doch nur bei uns beiden.“
Olafs Kinderlogik hatte scheinbar eine Lücke in meinen Anweisungen gefunden.
„Nein das gilt für alle. Und auch für Jeremy!“
„Wer ist Jeremy?“, fragte mich meine Schwester.
„Ich bin Jeremy!“, sagte Darth Vader und klappte seine Maske nach oben.
Darunter kam eine jüngere Version von Nick zum Vorschein. Ebenfalls blonde Haare und blaue Augen. Nur sein Gesicht war etwas runder.
„Hallo, ich bin Jasmin und das ist Olaf.“
„Hi, was hast du denn schon bekommen?“ Auch für Olaf schien der Streit nicht mehr zu existieren. Alle drei durchwühlten ihre Beutel. Sie verglichen die Ausbeute, bewerteten die Qualität und gaben sich Tipps wo man die Besten Sachen bekam.
Nick und ich standen daneben und beobachteten die Wendung des Geschehens sprachlos. Von der Haustüre war dagegen ein lautes Räuspern zu hören. Erstaunt sah die Dreiertruppe auf.
„Trick or treat!“ „Süßes oder Saures!“
Mit Blick auf das gemeinsame Ziel kamen nun beide Sprüche gleichzeitig und alle drei hielten ihre Beutel auf. Während sie jetzt ihre Süßigkeiten erhielten zogen Nick und ich und schon etwas zurück.
„Die bringen mich echt noch mal um den Verstand.“
„Das muss an deinen liegen. Jeremy ist immer lieb.“ Nick hatte wieder das grinsen zum schwachwerden auf den Lippen.
„Idiot“, lachte ich nun ebenso.
Zusammen beobachteten wie die Prinzessin zum nächsten Haus rannte. Jetzt gefolgt von Zorro und Darth Vader.
„Ich glaub wir verbringen noch etwas mehr Zeit zusammen.“
„Yeah.“
Irgendwie klang das auf einmal ziemlich distanziert. Etwas irritiert sah ich ihn an.
„Alles in Ordung?“
„Ehh… yes… sure… Let’s follow the others.“
Nick hatte komplett ins englisch gewechselt. Allerdings mit einem Akzent den ich kaum verstand. Schweigend folgten wir den Süßigkeitenjägern. Während wir dem Gartenweg zur Straße folgten zog ich beiläufig ein Plastikflorett aus einem kleinen Busch. Nick sah mich fragen an.
„Zorro ist vergesslich“, erklärte ich.
Was wieder ein grinsen meines Begleiters auslöste.
„Ihr Deutschen seid eckt… eh… strange?“
„Merkwürdig? Komisch?“, schlug ich ihm vor.
„Yeah.“
Ich blieb stehen und sah ihm nach bis er sich zu mir umdrehte.
„Das müsst ihr toten Ägypter gerade sagen!“, sagte ich mit ernster Mine.
Diesmal brach Nick in Lachen aus. Der schien echt unter Stimmungsschwankungen zu leiden.
„Lass uns den… eh… dwarfs… folgen.“
„Ich glaube das Wort, was du ständig suchst heißt »Zwerg«“, korrigierte ich Nick.
„Shwerck.“
„Zwerg!“
„Swerk.“
„Zwerg!“
„Zwerk.“
„Ich glaub so kann man das gelten lassen.“
„Yes, Herr Lehrer“, bestätigte Nick.
Jetzt war ich es der wieder anfing zu lachen.
Mein Lachen wurde erst unterbrochen als die Prinzessin auf mich zu rannte, gefolgt von Zorro. Jasmin umarmte mich in Hüfthöhe.
„Dürfen wir? Bitte!“
„Ja! Bitte!“, kam es anschließend von Olaf.
„Ähh… nein?!“
Ich kam mir ziemlich überrumpelt vor. Was ja auch so war. Und in so einem Fall lieber erst mal alles ablehnen, war eine Lektion, die ich als großer Bruder schnell gelernt hatte.
„Du bist der blödeste Bruder den es gibt.“
Jasmin ließ mich augenblicklich los.
„Ja genau! Blöder Bruder!“, fiel Olaf mit ein.
„Ich bin nicht dein Bruder“, versuchte ich erst einmal Olaf ruhig zu stellen.
„Oh… ja… stimmt. Aber warum dürfen wir nicht?“
„Weil ihr mir nicht gesagt habt was ihr überhaupt wollt. Also?“
Beide wurden wegen ihres Überfalls wenigstens etwas verlegen.
„Jeremy hat noch eine Halloween-Party und uns gefragt ob wir auch kommen.“
„Das solltet ihr eure Eltern fragen. Das kann ich doch nicht alleine entscheiden.“
„Also du hast nichts dagegen?“
Jasmin lächelte mich an. Die Anzahl ihres Augenaufschlags erreichte rekordverdächtige Ausmaße.
„Ähh… ja…nein…also…“, stotterte ich.
„Ja! Danke!“ schrien beide und rannten mit Jeremy zur nächsten Station.
Das hatte ich wohl ziemlich vergeigt.
„Aber… ich… hab doch…“, ungläubig sah ich den Drei nach, als sie schon zum nächsten Haus rannten.
„»Strange« trifft es nicht ganz.“
Nicks Augen blitzen.
„Die machen mich echt noch verrückt!“
Ich trat einen kleinen Stein vom Gehweg.
„Ick sag doch, liegt an deinen!“
Diesmal stimme ich mit in sein Lachen ein. Wir gingen langsam auf dem Gehweg entlang während die drei in jeden Vorgarten rannten um zu klingeln.
„Kommst du auch zur Party?“, fragte mich Nick leise.
„Ich glaub nicht, dass ich kommen sollte, wenn die beiden nicht dürfen.“
„Oh… Yeah… Okay. Dann bin ick wohl allein unter den… Swerk.“
„Zwerg“, kam es wieder unbeabsichtigt von mir.
Nick sah mich belustigt an.
„Tut mir leid“, entschuldigte ich mich.
„Is Okay. I know mein deutsch ist nicht gut.“
„So schlecht ist es auch nicht. Ein ziemlicher Akzent und ein paar Wörter fehlen, aber man versteht dich doch zumindest.“
„Sag das lieber nicht mein Vater.“
Nick war kaum zu verstehen, so leise sprach er. Wieder schien er in ein Stimmungsloch zu fallen.
„Im nächsten Haus sind meine Eltern. Da können wir wegen der Party fragen“, ohne mein zutun waren wir wieder an unseren Ausgangspunkt angelangt.
„Oh… okay… good…“
Jeremy lief diesmal als erster zur Haustüre. Jasmin und Olaf schienen noch zu diskutieren ob es auch gut war jetzt zu klingeln, oder sie erst noch weitere Häuser abklappern sollten. Doch da war es schon zu spät. Olafs Vater öffnete die Türe.
„Sind sie es?“, war aus dem Haus zu hören.
„Ich glaub das kann jetzt schlimm werden“, flüsterte ich Nick zu.
Er sah mich fragend an.
„Du hältst mich und die beiden Kleinen schon für komisch… und das sind unsere Eltern…“, erklärte ich ihm breit grinsend.
Nick sah zwischen mir und der Haustüre hin und her. Was wirklich in seinem Blick war konnte ich nicht sagen. Erwartung? Neugierde? Entsetzen? Was er nach diesem Abend von uns denken würde wollte ich lieber gar nicht wissen.
Jetzt kamen auch Olafs Mutter und meine Eltern an die Türe.
„Bisher ist es nur die »Dunkle Macht«“, antwortete Olafs Vater.
Jasmin und Olaf standen noch etwas abseits.
„Die beiden anderen sind wohl etwas zurückhaltender.“
„Bei den Kostümen vielleicht eher »antiquierter«.“
„Das heißt stilvoller“
„Das bedeutet was anderes“
„Na und? Das sind unsere Kinder! Da passt das auf jeden Fall.“
Nicht nur Nick folgte dem Dialog irritiert. Mir ging es genauso, immerhin blieb schon am Anfang die Logik auf der Strecke. Ich hoffte wirklich, dass Nick nicht allzu viel davon verstand. Wäre es nicht erst halb sieben Abends gewesen, hätte ich mir wirklich Gedanken gemacht wie viel sie schon getrunken hatten.
Doch letztendlich standen die drei Kleinen nebeneinander vor der Türe und riefen, „Trick or Saures“, worauf sie sich im laufe des Abends geeinigt hatten.
Unsere Eltern guckten etwas erstaunt, aber sie füllten die Beutel noch etwas mehr mit Süßigkeiten.
„Ihr habt noch was. Da ist noch was drin“, fingen Jasmin und Olaf diesmal an zu diskutieren.
Jeremy beteilige sich erstaunlich schnell daran.
„Wolltet ihr nicht eigentlich noch etwas anderes fragen“, unterbrach ich sie schließlich.
Ihr Blick fiel auf mich, dann auf Nick und schließlich auf Jeremy. Scheinbar reichte dies um sie an ihr vorhaben zu erinnern.
„Dürfen wir noch zu Jeremys Halloween-Party?“
„Leo hat es erlaubt“, wurde ich dann auch mit herein gezogen.
Unsere Eltern sahen mich erstaunt an.
„Das hab ich so nicht ganz gesagt“, rechtfertigte ich mich.
Doch unsere Eltern lächelten mich nur an. Sie kannten ihre Kinder wohl gut genug, um zu wissen, dass es oft einen Unterschied zwischen Jasmins und Olafs Realität und dem Rest der Welt gab.
Allerdings war ich es, dem plötzlich der Gedanke durch den Kopf schoss, was ich hier überhaupt machte. Ich wollte doch auch zu der Party. Naja, eigentlich… irgendwie… zumindest… den Abend mit Nick verbringen. Eine Halloween-Party würde ich dafür auch in Kauf nehmen.
„Ähm, aber das ist trotzdem kein Problem. Ich geh auch mit und pass auf die beiden auf.“
„Okay.“
„Wie jetzt?“, fragte ich irritiert.
„Ich sagte ist in Ordnung“, wiederholte mein Vater.
Damit war sie die Diskussion scheinbar beendet. Sie gingen wieder ins Haus und ließen uns
fünf vor der Haustüre stehen.
„Wir wünschen euch beiden viel Spaß“, sagte meine Mutter noch.
Dabei sah sie mich an und nicht Jasmin und Olaf. Kurz bevor sie die Haustüre schloss sah ich noch ihr breites Grinsen. Ich merkte wie sich mein Kopf mit Blut füllte. Im Dunkeln war das jedoch scheinbar nicht zu sehen.
„Was war das?“
Nick sah mich fragend an.
„Unsere Eltern.“
Ich versuchte es so belanglos wie möglich klingen zu lassen.
„Die Party geht übrigens in Ordnung.“
„Strange!“
Dass Nick das nicht ganz ernst meinte erkannte ich an seinem Lachen.
„Kommt ihr gleich mit?“, fragte er kurz darauf.
Er hatte sich schon auf den Weg zur Straße gemacht. Die Entscheidung darüber wurde mir von Jasmin und Olaf abgenommen. Zusammen mit Jeremy wollten sie auf dem Weg allen noch fehlenden Häusern einen Besuch abstatten. Doch schon beim dritten Haus klingelte das Dreiergespann einfach wieder an jeder Haustüre an der wir vorbeikamen.
Zusammen mit Nick ging ich langsam neben ihnen die Straße entlang. Auch wenn das Dorf in dem wir wohnten nicht wirklich groß war, brauchten wir auf die Art ziemlich lange bis wir am Ziel waren.
Bei einem alten, aber frisch renovierten Haus bog Nick ebenfalls in den Gartenweg ein. Irgendwo aus seinen Bandagen schaffte er es erstaunlicher Weise einen Schlüssel hervorzuziehen. Als er die Türe aufschließen wollte wurde sie jedoch schon von innen geöffnet.
„Wo wart ihr denn? Die ersten aus Jeremys Klasse sind schon da!“
Ein Mann Mitte vierzig stand in der Türe. Er hatte braune Haare, aber das Lächeln war das gleiche wie bei Nick. Jeremy rannte mit seinen neuen Freunden sofort an ihm vorbei ins Haus.
„Sorry dad. We’ve met new friends. And Jeremy…“
„Du sollst hier deutsch reden“, unterbrach ihn sein Vater.
„Sorry dad…“
„Nick!“
„Entschuldigung.“
Nick sah vor sich auf den Boden. Sein Vater schien wirklich nicht viel von seinen Sprachkünsten zu halten und umso versessener darauf zu sein, dass sie besser werden. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und unterbrach die angespannte Situation.
„Hallo, ich bin Leo. Jeremy hat meine Schwester eingeladen, da hab ich dann Nick begleitet.“
Etwas irritiert und aus dem Konzept gebracht ergriff Nicks Vater meine Hand und stellte sich ebenfalls vor. Die kurze Pause nutzte ich sofort. Ich wandte mich wieder an Nick.
„Zeigst du mir nun wie ein Halloween-Party aussieht?“
„Klar, komm mit.“
Nick zog mich hinter sich her.
„Nick“, sein Vater hielt uns noch kurz auf, diesmal jedoch wieder mit einem grinsen im Gesicht.
„Ich glaub deine Mutter will dir auch noch was sagen. Irgendetwas mit »fast nackt aus dem Haus gehen«.“
Nick wurde kurz rot und zog mich weiter ins Haus. Auch das innere davon sah alt aus. Bei etlichen Wänden war das Fachwerk freigelegt und nur die Zwischenräume verputzt worden. Der Boden bestand aus dunklen Dielen.
Einen Kontrast bildeten die neuen, hellen Möbel. In der Diele führte eine steile Treppe ins Obergeschoss. Doch Nick ging direkt weiter, durch eine Türe in den hinteren teil des Hauses.
Ich folgte ihm einfach.
Wir standen in einem großen Raum der durch offenes Fachwerk in unterschiedliche Bereiche geteilt war. Das Licht war gedämpft. Überall auf den Schränken und oben in den Regalen, wo man sie nicht umwerfen konnte, brannten Kerzen.
In einer Ecke stand ein kleines Buffet mit etwas zu Essen und Getränken. Die Restliche Dekoration bestand aus kleinen Kürbissen und ausgeschnittenen Papiergeistern die von der Decke hingen.
„Wow. Das hätte ich jetzt nicht erwartet“, gab ich ehrlich zu.
Nick strahlte mich an.
„Den Aufbau hab ich gemacht. Die…ghosts“, Nick wedelte mit seiner Hand und deutete auf die Papiergeister, „die hat Jeremy mit seiner Klasse gemacht.“
Während ich mir das geschmückte Zimmer genauer ansah kamen immer mehr Kinder in Jeremys alter an und es wurde immer voller.
„Kommen auch welche aus deiner Klasse?“, fragte ich Nick.
„Nein das ist Jeremys Party. Wäre nicht gut wenn viele aus meiner Klasse da wären. Die würden wohl doch noch was anderes erwarten. Und so viele Freunde hab ich hier noch nicht.“
„Oh, okay. Und was würden die erwarten?“
„Alkohol! Damit habt ihr hier doch echt kein Problem.“
Nick hatte wieder ein Grinsen im Gesicht, das mir zeigte, dass das nicht ganz Ernst gemeint war. Zumindest nicht nur der einzige Grund. Meine Freunde würde auch andere Musik und eine makabere Dekoration mit viel Blut erwarten. Aber so ganz konnte ich den Spruch nicht auf mir sitzen lassen.
„Und wir haben auch nicht so viele Probleme mit »explicit nudity«“
Während ich das sagte drehte ich einen der geschnitzten Zierkürbisse in meiner Hand. Nicks geschockter Blick war schon fast zu spüren. Ich dagegen musste mich beherrschen nicht sofort loszulachen.
Erst als er so gar nicht reagierte, drehte ich mich mit dem Kürbis zu ihm.
„Und diesem Ding… hättest du auch mehr anziehen können. Das ist auch völlig nackt.“ Ich wedelte mit dem Kürbis vor seinem Gesicht herum. Mein Grinsen konnte ich mir da nicht mehr verkneifen. Und auch Nick begriff scheinbar meinen Humor und brach in Lachen aus.
„Mach mir doch nicht solche Angst!“, japste er schließlich nach Luft.
Die nächste Stunde verbrachten wir damit die kleinen Partygäste zu unterhalten. Nicks und Jeremys Eltern hatten sich schon früh verabschiedet und schienen alles ihren Söhnen zu überlassen. Wir bauten alle möglichen Spiele auf und waren am Ende die Schiedsrichter. Von den meisten Sachen hatte ich noch nie etwas gehört und Nick musste sie mir in Vorfeld erst noch erklären.
»Mummy Wrap«, also »Mumien Wickeln« war eines der wenigen Spiele die ich wirklich kannte, aber noch nie selbst gespielt hatte. Nick wollte auch jetzt grade wieder anfangen mir das Spiel zu erklären, als ich ihn schon unterbrach.
„Wenn jemand schon eingewickelt ist, muss man ihn dann auswickeln.“ Meine Zunge war wieder mal schneller als mein Verstand.
Nick sah mich nur an, zeigte mir dann einen Vogel und versorgte die ersten Teilnehmer mir Toilettenpapierrollen. Ich beobachtete ihn, wie er mit Händen und Füßen erklärte wie das Spiel funktionierte. Die Hälfte der Wörter, die er benutzte, waren mal wieder englisch und wurden von Jeremy korrigiert.
Irgendwie fand ich das mal wieder richtig niedlich.
Nervös wartete ich wegen meines Spruchs auf Nicks Rückkehr. Doch als er wieder zu mir kam, lehnte er sich, ohne noch etwas dazu zu sagen, an die andere Seite des Türrahmens den ich schon als Stütze nutzte.
Wir beobachteten wie die Rollen abgewickelt wurden, bis ich das Schweigen zwischen uns nicht mehr aushielt. Wahrscheinlich vor allem, weil ich nicht wusste ob er mir meinen Kommentar von vorhin nicht doch übel nahm.
„Wo kommst du eigentlich her?“, fragte ich ihn weil mir nichts Besseres einfiel.
„USA.“
„Hab ich mir fast schon gedacht.“
Ich verdrehte demonstrativ meine Augen. Nick kichert leicht bevor er genauer wird.
„Buffalo, New York.“
„New York? Cool!“
„No. Buffalo in dem… State… New York. Das ist fünfhundert Kilometer von New York City.“
„Oh. Und woher kannst du so gut deutsch?“
„Mein Vater ist hier… eh… born. Er ist mit meinen Großeltern in die USA gekommen, da war er so alt wie ick.
Aber er meint ick müsste es besser können.
Jeremy hat deutsch einfacher gelernt, er war oft bei unseren Großeltern und die haben deutsch mit ihm gesprocken. Aber ick konnte es irgendwie nickt so einfach lernen. Deshalb mein Akzent. Ick soll hier so sogar extra… lessons… bekommen“, sagte er etwas leiser.
„Also ich find das… niedlich.“ Rutsche es mir heraus. Ich konnte nicht verhindern dabei rot zu werden.
„Was heißt »nietlick«?“
„Ähm… ich weiß das englische Wort nicht“, redete ich mich raus. Nick sah mich nur kurz an, zuckte mit seinen Schultern und füllte Chips in die nächste Schüssel. Mit beiden Händen hob er sie über seinen Kopf und schlängelte sich durch die Kinderschar, die ihn sofort umringte, zum Buffet.
Danach kam er wieder zu mir zurück.
Wir standen wieder an der Küchentür. Jeder lehnte an eine Seite des Rahmens und wir beobachteten das chaotische Treiben im Wohnzimmer.
„Du hattest Recht. Du wärst hier echt nur unter »Shwerck« gewesen“, sagte ich mit ausdrucksloser Mine, auch wenn es mir schwer fiel.
„»Zwerk« heißt das!“, Nick grinste mir triumphierend entgegen.
Er hatte es wirklich geschaffte seinen Akzent für diesen einen Satz auf ein Minimum zu reduzieren. Ein wenig ungläubig sah ich ihn an.
„Und warum ist dein Vater nicht mit deinen Sprachkünsten zufrieden?“, wollte ich neugierig wissen.
Ich sah Nick an, der wie bisher neben mir stand. Doch jetzt hatte er seinen Blick auf den Boden gerichtet. Das Thema schien wirklich ein rotes Tuch für Nick zu sein.
Seine Mimik fror förmlich ein.
Er sah schließlich auf sein Glas und drehte es in seiner Hand. Dann machte er eine schnelle Bewegung und schleuderte mir dessen Inhalt ins Gesicht, ohne mich anzusehen. Ich sah ihn dagegen geschockt an und merkte wie mir die Schminke herunter lief.
„Was sollte das denn?“, fuhr ich ihn an.
Die Schminke lief mir in die Augen und brannte. Nick griff nach einem Handtuch und reichte es mir. Noch immer sah er mich nicht an.
Ich wischte mir durch das Gesicht bis es nicht nur trocken war, sondern ich auch den Eindruck hatte, keine verlaufene Schminke mehr zu tragen.
Als ich meine Augen wieder öffnete grinste er mich an.
„Ick wollte nur wissen wie du ohne… make up… aussehen… Muss nach der Bowle gucken.“ Nick schob den letzten Satz schnell hinterher. Er lief mit einer Packung Saft und einer Flasche Wasser zum Büffet.
Mich ließ er völlig verwirrt zurück. Nick schlängelte sich dagegen wieder selbstsicher durch die Kinder. Ich wusste, wie schon den ganzen Abend, nicht wirklich was ich von ihm halten sollte.
Als er die Bowle nachgefüllt hatte, zog sein Bruder an seinem Arm.
„Nick! Wir haben noch nicht »Apple Bobbing« gespielt.“
„Aber für »Apple Bobbing« habt ihr doch alles! Apple, … bowl… und Wasser!“
„Das heiß Schüssel! Aber ich kann die Äpfel doch nicht einfach reinschmeißen um sie dann selbst rauszufischen!“ Jeremy stand seinem Bruder herausfordernd gegenüber. Scheinbar war er für Nick das, was für mich Jasmin und Olaf waren.
Ich beobachtete Nick wie er einen Beutel mit Äpfeln in eine große Schüssel mit Wasser kippte. Als die erste ihren Kopf in die Schüssel tauchte und nach einem Apfel fischte, war mir klar was »Apple Bobbing« war.
Nick kam wieder zu mir und lehnte sich an seine Seite des Türrahmens.
„Leo?“, hörte ich ihn. „Ich glaub ich muss was klarstellen.“
Neugierig drehte ich mich zu ihm. Doch Nick sah nur weiter geradeaus ins Wohnzimmer.
„Ick weiß was deine Mutter gemeint hat, als sie uns beiden viel Spaß gewünscht hat. Und dass du Halloween nickt magst und trotzdem hier bist. Ick weiß auch was »nietlick« heißt. Und ick hab gemerkt wie du mich ansiehst.“
„Oh… und jetzt?“
Ich schluckte trocken und sah ihn weiter an. Nick schien noch immer das treiben der Kinder zu beobachten.
„Jetzt… sollten wir noch etwas klarstellen!“
Nick drehte sich zu mir. Die anderthalb Schritte, die wir auseinander standen, hatte er schnell überwunden. Ich war kurz davor Panik zu bekommen als ich sein ausdrucksloses Gesicht direkt vor mir sah.
Doch das, was ich befürchtete blieb aus. Stattdessen kam er immer näher. Er schloss seine Augen und ich spürte seine warmen Lippen auf meinen. Auch wenn ich, im Gegensatz zu Nick, meine Augen noch offen hatte, blendete ich alles um uns herum aus und bekam nichts mehr mit.
Nach einer halben Ewigkeit löste er sich wieder von mir. Er öffnete seine Augen und grinste mich an.
„Nicht aufhören“, flüsterte ich leise.
„Okay.“
Sein Grinsen wurde noch breiter. Nick legte seine Hand in meine Nacken und zog mich wieder zu sich ran. Ich konnte fast jeden einen Muskel von ihm fühlen, als er sich ganz an mich drückte.
Spätestens jetzt war ich der Meinung, dass Nick definitiv viel zu viele Bandagen um sich herumgewickelt hatte. Aber das ließe sich ja später noch ändern.
Ich war völlig in unserem Kuss versunken, als wir unnötigerweise gestört wurden.
„Ihhh!“ „Ahhh!“
Wurde um uns herum gekreischt. Nur widerwillig ließ ich wieder von Nick ab. Ihm schien es nicht anders zu gehen. Wir sahen uns um und mussten beide lachen. Wir sorgten wohl grade für den richtigen Halloween-Schock bei den Kindern, die jetzt um uns herum standen und uns beobachteten.
„Ich glaub ich bin total krank.“
„Why?…Ähh…Wieso?“
„Ich steh auf Mumien!“ grinste ich Nick an.
*Happy Halloween*

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Information Folgen eines Missverständnisses
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:47 AM - No Replies

Nach und nach – Stunde um Stunde sitz ich nun hier und warte. Worauf ich hier warte? Darauf das ich abgeholt werde. In den vergangenen 3 Stunden war so viel passiert. So viel was ich nie gedacht hätte das es passieren würde, aber ist das nicht meistens so? Die meiste Zeit über denkt man nicht daran „ was wäre wenn“, das wär auch zu mühselig. Wenn ich mir aber vor 3 Stunden die Frage gestellt hätte ob ich jemals einen Toten sehen würde, also so richtig von Nahem und so. Ich wäre niemals davon ausgegangen, abgesehen von eventuellen Unfallopfern die man evtl. irgendwann mal sieht, einen Toten zu finden, noch dazu jemanden den ich kenne.
Der Tag hatte gut angefangen. Ich hatte frei, da mein Ausbildungsbetrieb Betriebsferien hat, so das ich auch Urlaub habe, ich bin Nils, 19 Jahre alt und Auszubildender zum Industriemechaniker. Heute bin ich vor knappen drei Stunden aufgestanden, habe dann mit meinen Eltern gefrühstückt und sie sind danach zur Arbeit gefahren.
Ich mochte die Ferien, wie schon in der Schulzeit, dennoch war ich die meiste Zeit recht einsam. Die wenigen Freunde die ich hatte waren in der Schule oder auf ihrer Ausbildungsstätte oder Arbeiten. Mein bester Freund Steven hatte auch frei, er war mit mir in einer Ausbildungsgruppe im gleichen Betrieb. Frei aber nicht besonders viel Zeit. Er musste viel Stoff nachholen. In der Praxis war er Spitze aber Theorie lag ihm einfach nicht, irgendwann musste man auch um den Aufwand gering zu halten mit der Theorie arbeiten und das hatte er in den vergangenen Monaten mehrfach gemerkt, so geschickt er doch ist, es ist nicht jedes Problem mit Probieren zu lösen. Leider war er auch sehr temperamentvoll, was besonders im Betrieb bereits zu lauten Auseinandersetzungen mit dem Ausbildungsleiter führte.
Es klopfte, ich ging zur Tür, schaute durch den Spion, da stand Steven. Er sah sauer aus. Ich öffnete die Tür und schon landete seine Faust in meinem Gesicht. Er schrie mich an:
„Wieso hast du mit ihr geschlafen?“
Ich wusste überhaupt nicht was er meinte Mein Gesicht vor Schmerz haltend fragte ich ihn, was er meinte. Er erwiederte, dass mich einige Leute mich mit seiner Freundin gesehen und dass wir rumgemacht hätten.
Gerade er hätte es besser wissen müssen, aber sein Temperament schaltete sein Hirn aus. Er drehte sich um rannte los, auf die Straße. Ich sah ich nur noch wie er flog. 15 Meter im hohen Bogen. Ich war geschockt, gelähmt, nicht mehr Herr meiner Sinne und doch rannte ich hin. Ich sah seinen Körper, merkwürdig verkrümmt. Ich rief seinen Namen, er hörte mich nicht mehr. Er konnte niemanden mehr hören. Mir wollte das einfach nicht bewusst werden, ich kniete neben ihm. Ich hörte im Hintergrund jemanden telefonieren und jemand anderer versuchte zu erklären.
Ich hörte eine Sirene, konnte aber nicht von ihm weg gucken. Seine Augen waren geöffnet und sie schauten mich an, leer und ausdruckslos aber doch irgendwie mit einem Hauch von Vorwurf.
Wieso Vorwurf?
Bin ich denn nicht Schuld, das mein bester Freund hier liegt – und tot ist?
Er dachte ich hätte mit seiner Freundin geschlafen. Er war schon immer sehr besitzergreifend ihr gegenüber, aber gerade er hätte wissen müssen, dass das nicht stimmen konnte. Wir waren neulich unterwegs gewesen – ja – haben rumgeschäkert aber das bedeutete bei uns nichts. Einerseits weil sie meine beste Freundin wie er mein bester Freund war, andererseits weil sie nicht das war, was ich suchte. Aber egal.
Ein Polizist half mir auf, setzte mich in einen Streifenwagen und sicherte den Unfallort. Ich bekam alles nur am Rande mit.
Wieso war es dazu gekommen?
Wieso ist er gestorben?
Ein Unfall? Ja.
Verursacht durch ein Missverständnis.
Verursacht durch mich.

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Information Ferien auf dem Bauernhof
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:46 AM - No Replies

Ich wusste nicht ob ich mich freuen oder sauer sein sollte. Klar war es toll, dass ich den einen Teil des ausgebauten Dachstuhls bekommen hatte, aber Feriengäste auf unserem Hof?
„Max, ich glaube dein Vater hat das nicht richtig erklärt. Im Sinne von Feriengästen, wie du glaubst, haben wir das nicht gemeint“, sagte meine Mum.
Ich schaute sie beide fragend an.
„Du kennst doch Jürgen, oder?“, sprach sie weiter.
Ich nickte. Klar kannte ich Jürgen. Eigentlich schon von klein auf. Er war ein Freund meines Paps, der jetzt in so einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche arbeitete. Er hat schon viel erzählt und ich wunderte mich, wie er das so locker wegstecken konnte.
Klar hatte ich mir schon Gedanken gemacht, meinen Zivildienst vielleicht bei ihm zu machen. Doch so richtig war ich davon nicht überzeugt, das auch zu können.
„Also, Jürgen ist an uns mit einer Bitte herangetreten, die wir ihm einfach nicht abschlagen konnten“
„Und die wäre?“, fragte ich nun doch interessiert.
„Du weißt ja, wo Jürgen arbeitet“, begann Paps.
Wieder nickte ich.
„Jürgen fragte, ob wir nicht bereit wären, einen seiner Fälle bei uns aufzunehmen… also kein Feriengast… eher ein Dauergast auf Zeit.“
„Ihr wollt jemanden aus dem Heim hier aufnehmen?“, fragte ich etwas zu schockiert.
„Ja, dazu haben wir uns entschlossen“, antwortete meine Mum.
„Ich will ja nix sagen, aber ihr hättet mich da doch sicher schon früher informieren können oder? … ich komm mir jetzt etwas übergangen vor.“
„Tut mir Leid, Max. Bis heute war noch nicht mal klar, ob wir die Genehmigung dazu überhaupt bekommen. Die Papiere sind heute erst gekommen.“
„Papiere?“, fragte ich.
„Die hier“, meinte mein Paps und stand auf.
Er lief zur alten Kommode und zog einen dicken Briefumschlag aus der Schublade und reichte ihn mir, als er zurückkam. Mit großen Augen sah ich ihn an und zog die Blätter heraus. Amtliche Briefköpfe – jede Menge Daten.
„Donatus Gehdecke…“ las ich laut vor, „so alt wie ich.“
„Auch er wird bald achtzehn.“
„Und ihr meint das geht gut?“, fragte ich, „der Name klingt etwas komisch… hat sicher einen Spitznamen.“
Meine Eltern schauten mich beide an.
„Max, es kommt auch etwas auf dich an“, sagte meine Mum.
„Auf mich?“
„Ja, wie du Donatus aufnimmst. Er wird eine Weile ein Teil dieser Familie sein. Und du gehörst zu dieser Familie.“
„Kann ich darüber noch nachdenken, bevor ich da eine klare Antwort gebe. Ist jetzt alles etwas viel.“
„Na ja soviel Zeit hast du nicht mehr… eigentlich gar keine, denn Jürgen und Donatus kommen heute schon und wir müssen jetzt eh hinne machen“, meinte mein Paps mit einem Blick auf die Uhr.
„Man stellt mich mal wieder vor vollendete Tatsachen… aber das bin ich von euch beiden ja schon gewohnt. Da bleibt mir ja nicht viel übrig… bisher habt ihr zumindest immer das Richtige gemacht, da werde ich euch auch in dieser Hinsicht vertrauen.“
„Vroni, wer sitzt da? Diesen jungen Mann kenne ich nicht“, meinte Paps lachend.
Mum grinste und stand auf.
„Gut, ich werde dann ins Büro gehen, muss noch die Rechnung für den Eggert fertig machen“, sagte ich.
„Gut, mich wirst du bei den Tieren finden, deine Mum im Laden.“
*-*-*
Seit einem Jahr hatte ich das Büro so halb unter mir, weil ich der einzige war, der gut mit dem Pc konnte. Der Hof und der Laden waren ja auch schon genug Arbeit. Auf Stall misten hatte ich auch keinen Bock, wobei ich schon ab und wann half, wenn Not am Mann war.
Doch der Betrieb lief gut, wir hatten genug Personal. Sonst half ich gerne noch im Laden mit, Kundschaft bedienen. Der Umgang mit Menschen machte mir eh sehr viel Spass. Zum dritten Mal vertippte ich mich jetzt schon an der Rechnung von Eggert.
Meine Gedanken hingen bei Donatus. Wie wird er wohl sein? Er kommt aus München, also ein Stadtkind. Wie wird so einer auf das Landleben reagieren? Blöde Frage, wie wird er sein aus einem Heim für schwer Erziehbare.
Ich musste grinsen. Er war ja schon gestraft mit so einem Namen, aber er klang auch irgendwie wieder schön.
Dann war da noch etwas, worüber ich noch gar nicht nachgedacht hatte. Hier wusste es jeder und es war kein Geheimnis, dass ich auf Jungs stand, meine Eltern waren da doch sehr eine große Hilfe gewesen.
Bisher hatte ich keinen Ärger hier. Aber wie würde es mit ihm sein? Nachdem ich nun zum dritten Mal schon die Zahlen eingegeben hatte, stimmte die Rechnung endlich. Kurz auf Enter drücken und schon surrte leise der Drucker.
Ich heftete den Durchschlag ab und steckte die Rechnung in ein Couvert. Das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ans Ohr und meldete mich mit meinem üblichen Sprüchchen.
„Hof Saibling, sie sprechen mit Maximilian Saibling.“
„Hallo Max, hier ist Jürgen.“
„Oh hallo Jürgen, Mum und Dad erwarten dich bereits.“
„Ja ich weiß, deswegen ruf ich auch an. Wir hatten eine kleine Panne. Na ja, was heißt klein, mein
Wagen ist von der Straße geschlittert und jetzt hänge ich im Graben.“
„Aber euch ist nichts passiert oder?“
„Nein, Donatus und mir geht es soweit gut. Nur der Junge zittert am ganzen Leib, war wahrscheinlich doch etwas viel für ihn.“
„Des stimmt doch goa ned, red ned so an Scheiß“, hörte ich es im Hintergrund.
Oh weia, war der super drauf, das konnte ja heiter werden.
„Ja und braucht ihr jetzt Hilfe?“, fragte ich, als hätte ich das jetzt nicht gehört.
„Ja, könntest du deinen Vater fragen, ob er meine Karre rausziehen kann?“
Ich musste kichern.
„Jetzt weißt du, warum ich dich das letzte Mal unbedingt zu einem Geländewagen überreden wollte.“
„Ja… jetzt weiß ich, was du meintest.“
„Gut, ich lauf gleich zu Paps rüber und sag ihm Bescheid.“
„Das ist nett von dir, also bis gleich.“
„Halt, du hast mir doch noch gar nicht gesagt, wo du stehst.“
„Oh man, bin ich wieder schusselig heute. Also ich steh kurz vor Pilgramsberg.“
„Öhm, wie kommst du denn da rüber?“
„Sei mir ruhig… ich hatte die verrückte Idee, Donnie die Gegend etwas zu zeigen.“
„Donnie? Ach so, du meinst Donatus. Okay, dann bis gleich.“
„Ja, bis gleich, aber beeilt euch bitte.“
„Wir werden es versuchen. Tschüss Jürgen.“
„Tschüss Max.“
Ich legte auf und düste gleich hinaus auf den Hof. Paps sagte, er ist bei den Tieren. Also lief ich schnurr stracks zum Stall hinüber, wo ich ihn auch fand. Er kniete gerade zwischen den Kühen.
„Paps?“, rief ich.
„Ja Max, ich bin hier.“
„Schon gesehen. Du, Jürgen hat angerufen, hatte einen kleinen Unfall mit seinem Wagen.“
„Ach du schei… ist ihm was passiert?“
„Nein ihm und Donnie geht es gut, nur der Wagen hängt im Graben, er kommt nicht mehr raus. Er meinte ob wir vielleicht nicht helfen könnten.“
„Donnie?“
„Der Junge… Donatus…“
„Ach so, ist das deine Namenskreation?“
„Nein, die habe ich von Jürgen. Also hast du Zeit?“
„Mist, dass auch immer alles zusammen kommen muss… ich kann hier grad nicht weg.“
Plötzlich flog mir etwas entgegen, was ich als Schlüsselbund erkennen konnte und gerade noch so auffing.
„Ähm… was soll ich mit deinen Schlüsseln?“
„Nimm den Holländer und hol die beiden ab.“
Ungläubig sah ich Paps an.
„Ich darf den Neuen fahren, habe ich das richtig verstanden?“
„Ja, darfst du, aber fahr jetzt, bevor ich es mir anders überlege. Ketten und Zugseile findest du in der braunen Kiste neben der Werkbank.“
„Ähm… okay… danke… bin schon weg.“
„Und Max… übertreibe es nicht gleich, okay?“
„Ja… versprochen, mach ich nicht.“
Schon war ich wieder aus dem Stall. Wow, ich durfte Paps neuste Errungenschaft fahren. Ich lief zur großen Garage rüber und zog das Tor auf. Da stand das Prachtstück. Ein New Holland TSA Plus 135 mit 162 PS.
Ich war so verliebt in das Teil und es hatte meine Lieblingsfarbe in Royalblau. Paps hatte mich nur noch nie damit fahren lassen. Er meinte die alten Traktoren würden mir völlig reichen.
Und dafür hatte ich extra den Führerschein gemacht, um auch mit so einem Teil schon mit siebzehn fahren zu dürfen. Eine Sondergenehmigung von der Ortsverwaltung machte es möglich.
Ich ging an die braune Kiste neben der Werkbank und fand auch gleich das Zugseil und die Ketten. Beides verstaute ich in der Box hinter der Fahrerkabine. Dann lief ich um das große Hinterrad zur Tür und stieg ein.
Sanft federte der Sitz unter meinem Gewicht. Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. Satt ertönte der Sound des Motors. Ach, wie ich das liebte. Langsam tuckerte ich aus der Garage.
Zu meiner Überraschung standen dort Mum und Paps. Ich hielt neben ihnen und öffnete meine Tür.
„Pass mir ja auf das gute Stück auf“, mahnte mich Paps.
„Jetzt lass ihn doch, er wird schon nichts kaputt machen“, kam es von Mum.
„Wo steht Jürgen eigentlich?“, fragte Paps.
„Bei Pilgramsberg“, antwortete ich.
„Wie kommt er denn da hin?“
„Das fragst du ihn am besten selbst. Also bis nachher. Falls Eggert vorbei kommt, seine Rechnung liegt auf dem Schreibtisch im Büro.“
„Danke Max und pass auf dich auf“, sagte Mum.
„He, ich bin doch bald wieder da…“
„Hoffentlich noch am Stück“, kam es von Paps.
Ich streckte ihm die Zunge raus und schloss die Fahrertür wieder. Dann gab ich etwas Gas, der Traktor machte einen kleinen Hüpfer und der Motor war aus. Ich hörte Paps Lachen, während ich den Motor neu startete.
*-*-*
Wenig später fuhr ich auf der Landstraße und mit meinen 80-90 Sachen musste ich auch schnell die beiden erreichen. Es dauerte auch nicht sehr lange, bis ich Jürgens Auto im Straßengraben entdeckte.
Ich fuhr mit dem Schlepper an die Seite und parkte, den Motor ließ ich laufen. Ich öffnete die Fahrerkabine und stieg aus.
„He, hallo Max, dachte nicht, dass du kommst“, begrüßte mich Jürgen.
„Das habe ich auch nicht gedacht. War selber erstaunt, dass Paps mir den Schlüssel von seinem Heiligtum anvertraut.“
„Es ist aber auch ein schönes Teil.“
„Wie machen wir es am Besten… hinten anhängen und rausziehen?“, fragte ich und schaute Richtung Auto.
Dort konnte ich im Inneren jemanden sitzen sehen.
„Wird das Beste sein, dann werde ich Donnie mal aus den Wagen schmeißen, er sitzt da schon die ganze Zeit wie angegossen.“
Aufmerksam beobachtete ich, wie er um den Wagen lief, die Beifahrertür öffnete und ein Gespräch begann. Ich konnte zwar nicht verstehen, was Donnie von sich gab, aber am Ton merkte ich schon, dass er sehr gereizt war.
Das konnte wirklich heiter werden. Ich lief zur Box an der Rückseite des Schleppers und entnahm ihr die Ketten und Zugseile. Als mein Blick wieder zum Auto wanderte, konnte ich dann endlich diesen Donnie entdecken.
Er war etwas größer als ich, die halblangen Haare bis zur Schulter schwarz gefärbt. Sonst war überhaupt alles schwarz an ihm. Das komplette Outfit. Von den Schuhen bis zur Jacke alles schwarz.
An seinem linken Ohr prangte ein großer Ohrring, glänzte im Sonnenlicht. Bevor er aber merkte, wie sehr ich ihn anschaute, machte ich mich lieber daran Jürgens Wagen zu schaffen.
„Darf ich dir Max vorstellen, er ist der Sohn der Familie, in der du unterkommst“, hörte ich Jürgen sagen und hob den Kopf.
„Hallo“, meinte ich.
Donnie nickte mir nur zu und verzog sein Gesicht zur Grimasse.
„Das ist ja voll das Landei“, hörte ich ihn sagen.
„Das Landei hat gute Ohren und das Landei hat auch einiges drauf, aber ich denke, in den Genuss wirst du nicht kommen“, sagte ich und ging stinkig zum Schlepper zurück.
„Donnie, was soll das, warum verscherzt du es dir gleich wieder… willst du wirklich ins Gefängnis?“
„Vielleicht wär ich da besser aufgehoben, niemandem im Weg…“
Was redete der da für ein Quatsch? Warum sollte er ins Gefängnis? Ich blieb aber ruhig und stieg in den Traktor.
Ich fuhr erst mal an Jürgens Wagen vorbei und da die Straße nicht sehr breit war, hatte ich alle Mühe den Traktor gedreht zu bekommen, was mir aber schließlich doch noch gelang.
Jürgen hängte die Kette in die Abschleppöse und ich legte den Rückwärtsgang ein, und gab dann langsam Gas. Die Räder ruckten etwas, bevor sich der Trak in Bewegung setzte.
Jürgen war inzwischen wieder im Auto hinter dem Lenkrad. Donnie stand ein paar Meter weit weg auf der Wiese. Landei – der hat doch echt nen Knall. Jürgens Wagen setzte sich nun in Bewegung und ich gab etwas mehr Gas. Es gab einen kleinen Ruck und das Auto kam frei.
Jürgen startete sofort den Motor und ich stieg aus, um die Kette zu lösen, damit er nun den Wagen mit eigener Kraft vom Graben wegbewegen konnte. Donnie stand die ganze Zeit nur da und beobachtete mich, ich spürte deutlich wie sein Blick auf mir ruhte. Schließlich verlud ich die Sachen wieder in der Box und stiefelte zurück zu Jürgen.
„Danke Max, ging ja schneller als ich dachte.“
„War kein Problem mit Dads neuem Trak.“
„Okay, dann mal weiter, ich muss auch wieder zurück fahren heut.“
„Dann mal los“, meinte ich und bestieg den Traktor wieder.
Beim Einsteigen fiel mein Blick noch mal auf Donnie. Ich konnte seinen Blick, der auf mir ruhte nicht richtig definieren. Er schaute auch nicht weg, als ich ihn fixierte. Ich öffnete die Fahrertür und stieg in den Schlepper.
Ein kurzer Blick auf meine Kleidung und ich startete den Motor. Gut, ich hatte Arbeitskleidung an. In der Latzhose sah ich nicht gerade on Top aus. Aber es war eben nützliche Kleidung.
Ich drückte das Gas herunter und die Pferdestärken ließen den satten Sound unter der Haube aufheulen. Recht schnell zog der Trak an Jürgens Auto vorbei. Aus dem Augenwinkel heraus, sah ich wie Donatus einstieg.
Ich ertappte mich dabei, dass mir Donatus gefiel. Er hatte irgendetwas an sich, was mich gefangen nahm. Zwanzig Minuten später ließ ich den Holland auf dem Hof ausrollen. Paps und Mum kamen fast gleichzeitig aus dem Haus und dem Stall.
Langsam stieß ich rückwärts in die Halle zurück, wo des Traktors Stammplatz war.
„Und wie fährt er sich?“, fragte Paps, als ich die Fahrerkabine öffnete und der Motor erstarb.
„Cool, der hat echt einen guten Zug drauf.“
„Wusste, dass er dir gefällt“, meinte Paps lächelnd.
Ich warf ihm den Schlüssel zu und hüpfte vom Traktor.
„Und hast du Donatus schon gesehen?“
Ich ließ ein kurzes >Ja< verlauten.
„Das hört sich nicht grad begeistert an, Junge.“
„Bin ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Mir scheint, der Herr wird noch einigen Ärger ins Haus bringen.“
Paps schaute mich fragend an.
„Schau ihn dir selber an, was für einen Eindruck du bekommst. Ich geh hoch in mein Zimmer und zieh mir etwas anderes an, danach findest du mich wieder im Büro.“
„Willst du nicht dabei sein, wenn wir ihm sein Zimmer zeigen?“
„Ich denke, er wird sicher kein Interesse an meiner Anwesenheit haben.“
„Bist du dir sicher? Ich meine…“
„Paps“, fiel ich ihm ins Wort, „er denkt ich bin ein Landei… wird schon irgendwie werden, mach dir mal keine Sorgen. Aber erwarte nicht von mir, das ich mich Himmel hoch jauchzend um diesen Kerl kümmern werde.“
Ich lief aus der Halle, direkt aufs Wohnhaus zu. Auf den Ruf meiner Mutter reagierte ich dabei nicht, sondern betrat das Haus. Schnell rannte ich hinauf in mein neues Reich, knallte die Tür hinter mir zu und stand erstmal mitten in meinem kleinen Wohnzimmer.
Was denkt sich der Arsch überhaupt, mich als Landei zu bezeichnen. Er kennt mich ja nicht mal. In mir brodelte es und ich hätte am liebsten nur geschrieen, so sauer war ich. Ich ging an meine Anlage, zog Limp Bizkit aus dem Regal und lege die Cd ein.
Die Schublade fuhr zurück und die Cd wurde geladen. Ich drückte auf die Vorwärtstaste auf das dritte Lied und drehte den Volumeknopf höher als sonst. Tief atmete ich durch, während das Lied startete.
Hart schlug der Bass aus meinen Boxen. >Just drop dead< konnte es etwas Passenderes geben? Ich knöpfte die Riemen meiner Latzhose los und zog sie aus. Im Takt wippend feuerte ich die Latzhose in die Ecke.
Das Wort Landei spukte mir im Kopf herum. Ich lief ans Fenster und öffnete beide Flügel, kühle Luft drang in mein Zimmer und so atmete ich tief durch. Als ich plötzlich ein Tippen auf meiner Schulter spürte, erschrak ich regelrecht.
Ich fuhr herum und meine Mum stand vor mir.
„Könntest du mal den Krach leiser stellen?“, meinte sie mit erhobener Stimme.
Ich lief schnell zur Anlage, drückte auf Stopp und von einer Sekunde auf die andere war es muksmäuschen still. Erst jetzt sah ich auch Jürgen und Donnie im Türrahmen stehen und wurde mir peinlich bewusst, dass ich nur in Shirt und Shorts da stand.
„Donnie, deine Zimmer liegen auf der anderen Seite“, hörte ich Mum sagen, als ich mich endlich aus meiner Starre löste.
Donnie sah mich an und lächelte, bevor ich mich wegdrehte.
*-*-*
Mum hatte ohne ein Wort mein Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen. Ich saß derweil auf meinem Sofa und grübelte vor mich hin, als es an meiner Tür klopfte.
„Ja?“, rief ich.
Die Tür ging auf und Donnie lugte herein.
„Ko i eina kemma?“
„Wüsste nicht warum“, gab ich trotzig zurück.
Donnie schien das nicht zu stören, er lief herein und schloss die Tür hinter sich.
„He, Oida … bin i dir irgndwie afn Schlips tretn oder sowos? … hob ghert, i soi doud umfoin…“
„Und warum bist es nicht?“
„Bin i da ebba znah kemma?“, fragte er im tuckischen, süffisanten Ton.
Das war jetzt zuviel. Ich sprang auf und wuchtete mich auf ihn, was natürlich zur Folge hatte, dass wir beide gegen meinen Schrank krachten.
„Du Oarsch“, rief Donnie, rieb sich kurz am Kopf, bevor schneller als ich schauen konnte, seine Faust hervorschnellte.
Ein paar Sekunden später durchfuhr mein Kinn ein heftiger Schmerz und ich wurde nach hinten geschleudert. Plötzlich schmeckte ich Blut an meinen Zähnen, irgendwie machte es dabei klick und ich sprang erneut auf Donnie.
Wie verrückt geworden schlug ich auf ihn ein. Er schrie, wehrte sich und schlug zurück. Irgendwann spürte ich Hände, die mich von Donnie wegzogen.
„Seid ihr verrückt geworden, spinnt ihr jetzt total?“, schrie meine Mum
*-*-*
Ich saß auf dem Drehstuhl vor meinem Schreibtisch. Die Musik lief leise, auf dem Pc flimmerte der Bildschirmschoner. Mein Blick war Richtung Fenster gerichtet. Ich schaute nach draußen und tat es wiederum nicht.
Zu sehr war ich in meine Gedanken versunken, das Draußen rückte da eher in den Hintergrund. Mein Gesicht schmerzte. Vorhin im Spiegel machten sich bereits die ersten farbigen Flecken breit. Ich war enttäuscht, verletzt und traurig.
Warum hatte ich mich so gehen lassen, war so ausgetickt? Ich verstand mich selbst nicht mehr. Es klopfte. Ich gab keine Antwort und starrte weiter zum Fenster hinaus.
„Maximilian?“, hörte ich die leise Stimme meiner Mum.
Sie nannte mich bei meinem vollen Vornamen, was bedeutete, dass ein ernstes Gespräch anstand.
„Hm?“
Ich hörte wie sich meine Zimmertür schloss. Wenig später spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich zuckte zusammen, weil die Stelle wehtat. Ich fragte mich, ob es an meinem Körper eine Stelle gab, die nicht wehtat.
„Geht es dir etwas besser?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Max, ich kenn dich nicht wieder. Du hast doch sowas noch nie gemacht“, hörte ich Mums vorwurfsvolle Stimme weiterreden.
Ich wollte und konnte keine Antwort geben.
„Wir haben uns überlegt, ob es überhaupt noch Sinn macht, dass Donatus hier bleibt, wenn du dich schon in der ersten Stunde nicht mit ihm verstehst.“
„Normalerweise…“, ich brach ab.
„Was?“
„Er soll bleiben…, ich will nicht, dass er wegen mir ins Gefängnis muss.“
„Was weißt du über das Gefängnis?“
Ich drehte den Kopf und sah sie an.
„Ich habe lediglich eine Unterhaltung zwischen Jürgen und Donnie mit angehört, wo es um Gefängnis ging, mehr weiß ich nicht. Warum fragst du?“
„Weil Donatus, falls er das hier vermasselt, in eine Art Gefängnis geht.“
„Art?“
„Es ist sowas wie eine geschlossene Anstalt.“
„Wieso denn das? Donatus ist doch nicht verrückt… nur weil er sich jetzt mit mir geprügelt hat…“
„Maximilian, die Sache verhält sich viel komplizierter und ich kann dir das nicht so genau erklären.“
„Kann wahrscheinlich niemand. Und er muss dann wirklich in eine Geschlossene… mit siebzehn?“
„Er wird bald achtzehn.“
„Ich würde ja nicht gerade sagen, ich mag ihn besonders, aber sowas wünsch ich nicht mal meinem ärgsten Feind.“
Mein Mum lächelte und streichelte mir sanft über die Wange, was natürlich gleich zu einem schmerzverzerrten Gesicht meinerseits führte.
„Er hat dich aber auch ganz schön zugerichtet.“
„Geschieht mir recht, warum hab ich mich auch provozieren lassen“, meinte ich verärgert.
„Stimmt, bin ich auch nicht von dir gewohnt.“
„Wo… wo ist Donatus?“, fragte ich leise.
„In seinem Zimmer…, warum fragst du?“
„Ich überlege, ob ich zu ihm gehen soll.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“
Ich schaute meine Mum nur an.
„Willst du dich noch einmal prügeln, hat das eben nicht gereicht?“
„Mum!“
„Was? Ich verstehe dich grad nicht. Gut ich weiß, du bist bisher Schwierigkeiten bisher immer aus dem Weg gegangen… ich war vorhin auch richtig erschrocken, weil du dich geprügelt hast… aber was willst du jetzt bei ihm?“
„Mich entschuldigen…“
Mum schaute mich ungläubig an, aber dann lächelte sie und wuschelte mir über den Kopf.
„Ich bin stolz auf dich, Max, weißte das?“
Ein Lächeln zierte meinen Mund.
„Und warum plötzlich dieser Sinneswechsel?“
„Hm… Ich weiß auch nicht. Ich will nicht behaupten, dass Donnie mir jetzt irgendwie Leid tut… aber es gibt ja sicher einen Grund dafür, dass er so ist, wie er ist. Und hat er nicht einfach noch eine Chance verdient?“
Meine Mum beäugte mich komisch, sah mich von unten bis oben an.
„Was?“, fragte ich.
„Ist da irgendwie noch mein Sohn drin?“, fragte sie und begann zu kichern.
Ich verzog mein Gesicht zu einer Fratze und sie begann zu lachen.
„Aber mal im Ernst, Max. Du hast schon recht… aber ich weiß nicht… ob das für dich…“
Sie brach ab.
„Was meinst du?“
„Max, ich habe mir im Vorfeld, natürlich schon Gedanken über dich gemacht, wie du auf Donatus reagieren wirst. Er ist ein äußerst attraktiver Junge und…“
„Mum… ich hab da echt nicht… na ja drüber nachgedacht, …also ich mein…“
„Und warum stotterst du jetzt?“
Ich wurde rot.
„Ich weiß zwar einiges mehr über Donnie, da mich Jürgen ins Vertrauen gezogen hat, aber ob er schwul ist, kann ich dir nicht sagen.“
Verlegen schaute ich auf.
„Ach Mum…, ich wär ja schon froh… wenn wir Freunde werden würden, du weißt selbst, wie es damit steht.“
„Etwas was ich übrigens nicht verstehe. Früher bist du mit deinen Kumpels immer herumgezogen und jetzt… es ist sehr still geworden um dich. Du sitzt entweder im Büro oder in deinem Zimmer… also jetzt hier oben. Wenn Paps dir nicht ab und zu Arbeiten draußen geben würde… du kämst überhaupt nicht mehr raus.“
Ich sah Mum eine Weile an, bevor ich den Kopf senkte.
„Es hat sich soviel geändert“, begann ich, „ich… ich weiß auch nicht. Es ist halt einfach so gekommen… die Interessen waren verschieden, man hat weniger Zeit…“
„Meidet dich jemand wegen deinem Schwulsein?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, das nicht.“
Sie atmete tief durch.
„Gut! Ich werde wieder hinunter gehen. Jürgen wird sicher bald aufbrechen wollen.“
„Sag ihm einen Gruß von mir… und dass mir dieser verpatzte Anfang leid tut.“
„Das sagst du ihm schön selber.“
„Och Mum… bitte.“
„Nein… die Suppe die man sich einbrockt, muss man auch selber auslöffeln!“
Sie drehte sich um und verließ mein Zimmer. Schweren Herzens stand ich also auf und folgte ihr. Jürgen war wirklich am Gehen und ich entschuldigte mich bei ihm und ganz gegen meine Erwartungen, machte er mich nicht einen Kopf kürzer, sondern redete mir noch Mut zu.
Sein komisches Grinsen dabei konnte ich mir aber überhaupt nicht erklären. Ich ging wieder nach oben und dort angekommen blieb ich kurz im Flur stehen. Vor mir war die Tür zu Donnies Hälfte des Dachstuhls.
Sollte ich wirklich? Ich ging noch die paar Schritte auf die Tür zu und hob die Hand zu klopfen. Ich zögerte und wurde unsicher. War es richtig, was ich hier machte? Langsam senkte sich wieder meine Hand.
Gerade wollte ich mich von der Tür abwenden, als ich drinnen Geräusche hörte. Mein Ohr wanderte automatisch näher an die Tür. Ich konnte nicht verstehen, was Donnie sagte, aber anscheinend schimpfte er mit sich selber.
Nun fest entschlossen klopfte ich an der Tür. Die Stimme verstummte.
„Ja?“
Ich öffnete die Tür und schaute hinein. Im Gegensatz zu meiner Hälfte kam bei Donnie nicht gleich das Zimmer, sondern ein kleiner Flur. Auf dem Boden verstreut lagen die Klamotten, die Donnie vorhin anhatte.
„Hallo?“, sagte ich vorsichtig.
Ich schaute Richtung Zimmertür, aber Donnies Kopf erschien an der Badtür.
„Was willst denn du hier?“, fragte Donnie und ich schaute ihn verwundert an, weil er keinen Dialekt mehr redete.
Ich trat langsam ein und schloss die Tür hinter mir.
„Falls du eine zweite Runde willst… danke nein… ich hab die Nase voll!“
Ich schüttelte den Kopf, brachte aber keinen Ton heraus. Donnie trat aus dem Bad heraus, hatte nur eine karierte Shorts an.
„Und was willst du dann?“
Erst jetzt sah ich Kratzer und Striemen auf Donnies Körper, die unmöglich von mir sein konnten.
„Was ist, noch nie einen fast nackten Typen gesehen.“
Wieder schüttelte ich den Kopf, aber eigentlich damit zu sagen, dass ich wegen was anderen gekommen war.
„… das heißt doch… ich hab… bin…“
„Seit wann stotterst du?“, fragte mich Donnie, lehnte sich an die Wand und verschränkte eine Arme vor der Brust.
„… ich wollte mich entschuldigen?“
„Was…?“
Ich hob den Kopf und sah ihn direkt in die Augen.
„…ich wollte mich entschuldigen, für das was ich vorhin getan habe.“
Donnie fing an zu kichern – drehte er jetzt ab?
„Also bis jetzt hat sich noch niemand entschuldigt, dessen Schlagmaschine ich zu spüren bekam.“
„Du bist schon öfter…?“
Donnie drehte sich um und lief zurück ins Bad. Dabei konnte ich eine hässliche Narbe an der linken Taille entdecken.
„Wieso? Ist das wichtig?“
Und schon war er im Bad verschwunden. Was sollte ich darauf antworten?
„Ich wusste nicht…“
„Was wusstest du nicht? Was hier für ein abgewracktes Teil auftaucht?“
Wieder erschien Donnies Kopf in der Badtür. Er war genauso verschwollen wie ich im Gesicht.
„Keine Sorge, ich pack mein Krempel und dann bin ich weg.“
„Das möchte ich nicht…“, sagte ich leise.
„Was faselst du da?“, fragte Donnie und trat wieder aus dem Bad.
„Ich… möchte nicht…, dass du gehst.“
Ich senkte meinen Kopf und schaute zu Boden.
„Auf welchem Trip bist du denn?“, fragte er.
„Sag mir einen Grund, warum ich bleiben sollte?“, sprach er weiter.
Ich wurde plötzlich total unsicher. Was hatte ich da gerade nur gesagt. Auch merkte ich nicht, wie sich plötzlich Tränen an meinen Augen sammelten. Ich drehte mich um und lief wieder in den Flur.
„Maximilian…“
Nicht, dass er mich gerufen hatte, ließ mich stoppen, sondern wie er meinen Namen aussprach. Es klang so ruhig und sanft. Langsam drehte ich mich um und stellte fest, dass Donnie direkt hinter mir stand.
„Gut… ich gehe nicht… aber unter einer Bedingung!“, sprach Donnie genauso sanft weiter.
„Die wäre…?“, fragte ich mit kraftloser Stimme.
„Keine Prügel mehr… okay?“
„Das wollte ich gar nicht…“
Donnie legte einfach die Hand auf meinem Mund, so dass ich nicht weiter reden konnte.
„Vergessen wir einfach die Sache. Jürgen hat gesagt, dass hier ist meine letzte Chance und ich hab schon genug Scheiße hinter mir… ich will hier nicht…“
Was wollte er, warum brach er mitten im Satz ab?
„Was?“, fragte ich.
Er lief in seinen Teil des Dachstuhls zurück und ich folgte ihm einfach. Irgendwie automatisch sammelte ich die verstreuten Klamotten im Flur zusammen und legte sie über die kleine Kommode.
Aus dem Bad hörte ich die Dusche und ich lief weiter hinterher. Als ich gerade zur Tür kam, sah ich wie Donnie nackt in die Dusche stieg und den Vorhang schloss. Was für ein Hintern, dachte ich und ärgerte mich gleichzeitig über diesen Gedanken.
„Willst du nicht auch unter die Dusche?“, hörte ich ihn rufen und fuhr zusammen.
Er wusste also, dass ich hier war. Der Vorhang wurde zurückgezogen und Donnie lugte heraus.
„Konnst scho herkemma, i beiß scho ned“, sagte Donnie.
„Ich weiß nicht recht… ich…“
„Hast du noch nie mit jemandem nackt geduscht?“
Ich schüttelte den Kopf. Einladend winkte er mit der Hand. Ich schluckte schwer. Sollte ich das jetzt wirklich machen. Langsam bewegte ich mich weiter ins Bad, während mich Donnie immer noch auffordernd anschaute.
Ich zog mein Shirt aus und ließ es auf den Boden fallen. Dann rutschte auch langsam die Shorts runter, bis ich endlich nackt vor Donnie stand. Breit grinsend machte er unter der Dusche Platz.
Ich war noch nicht richtig drinnen, da hob Donnie die Hand, legte sie um meinen Nacken und zog mich zu sich. Sekunden später spürte ich seine Lippen auf den meinen. Ich schloss meine Augen und ließ ihn gewähren.
Seine Zunge forderte Einlass und auch diese ließ ich zu. Ich war viel zu perplex um irgendwie erfassen zu können was da gerade abging. Plötzlich spürte ich seine Hand an meinem Schwanz und ich musste leicht aufstöhnen.
Seine Lippen entfernten sich.
„Und? Gefällt dir das du kleine Dreckschwuchtel?“
Geschockt riss ich die Augen auf und sah einen fies grinsenden Donnie vor mir. Ich brachte meine letzte Kraft auf und schubste ihn von mir weg. Fast wäre ich dabei selbst noch gestürzt.
Ohne meine Klamotten zu nehmen, rannte ich aus dem Bad und aus der Wohnung, um zu mir zu kommen. Ich knallte meine Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel um. Angelehnt an der Tür bekam ich einen Weinkrampf und sank langsam an der Tür herunter.
Warum hatte Donnie das gemacht, warum benahm er sich wie ein Arschloch. Ich flennte mir die Seele aus dem Leib, saß nackt auf dem Boden und um mich herum bildete sich eine Pfütze.
Es klopfte an der Tür und ich fuhr zusammen.
„Max… mach doch auf… das war doch nur Spass…“
Ich stand mühsam auf und lief langsam rückwärts von der Tür weg. Wieder klopfte es.
„Hau ab… verschwinde… lass mich in Ruhe du Arsch“, schrie ich und ließ mich weinend auf das Bett fallen.
Niemand mehr klopfte an der Tür, nur noch mein lautes Schluchzen war zu hören.
*-*-*
Irgendwann musste ich mich in den Schlaf geheult haben, denn erneut hörte ich ein Klopfen und fuhr hoch.
„Maximilian, bist du da drin?“
Die besorgte Stimme meiner Mutter. Ich versuchte mich etwas zurecht zu finden und schnappte mir eine neue Shorts. Die Erinnerung an gerade eben kam zurück. Unweigerlich pressten sch Tränen hervor.
Auf einmal war alles wieder da, was eben passierte. Eben? Mein Blick auf die Uhr sagte mir, dass das schon drei Stunden her war.
„Junge, jetzt mach doch auf…“
Zitternd ging ich an die Tür und schloss auf. Wenige Sekunden später öffnete sich die Tür wie von selbst und meine Mum kam herein.
„Kannst du mir mal sagen was los ist? Ich war grad bei Donatus und hab diesen Zettel gefunden und… Max… was ist mit dir… hast du etwa geweint… ist dir nicht gut?“
Ich schüttelte nur den Kopf, hob die Hände abwehrend vor mich und ließ mich wieder schluchzend aufs Bett fallen. Ich konnte einfach nicht mehr, es tat so weh. Ich zuckte am ganzen Körper es schüttelte mich regelrecht.
„Mein Gott Maximilian, was ist denn passiert?“, rief meine Mutter, was ich aber nur entfernt wahrnahm.
„Max!“
Dunkel…
„De Beruhigungsspritzn hob i eam a gem. Wenns am Körper zvui wird, ziagt’a de Bremsn.“
„Kommt er irgendwann wieder zu sich?“
„Ja bestimmt, Frau Saibling, mochan’s eana do koa Sorgn.“
Wer sprach da? Ich wusste gar nicht was los war. Alles fühlte sich so schwer an, nichts konnte ich bewegen.
„Oh mein Mann kommt zurück. Ich hoffe er hat gute Nachrichten.“
„Suachan de imma no?
„Ja…“
Von was redeten die da? Ich versuchte etwas zu sagen, aber mein Sprechapparat schien mir nicht zu gehorchen.
„Ah, i glaub da junge Mann wird langsam wach“, hörte ich eine Männerstimme, die ich immer noch nicht einordnen konnte.
„Max? Verstehst du mich?“
Das war eindeutig Mum, aber warum redete sie so komisch, klar verstand ich sie. Vorsichtig öffnete ich die Augen, was irgendwie gar nicht so leicht war.
„Mu…m?“
„Ja, Max ich bin hier.“
„Was ist… denn passiert?“
„Du bist Ohnmächtig geworden Maximilian“, hörte ich Doc Festbruggner sagen.
„Guten Abend beisammen und wie geht es unserem Patient?“
Das war eindeutig Paps. Ich drehte den Kopf und konnte ihn an der Tür entdecken.
„Er ist aufgewacht“, sagte Mum.
Er kam zu mir und kniete sich neben mich ans Bett.
„He, Mensch Junge, was machst du denn für Sachen. Du hast deiner Mum einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“
„Tut mir Leid, Paps.“
„Was ist denn passiert?“
Ich drehte den Kopf weg, die Tränen schossen wieder in die Augen.
„Schhhht… Max nicht doch… ganz ruhig“, hörte ich Paps neben mir sagen.
„Frau Saibling, kemman’s. Mir gemma etz liaba“, meinte Doc Festbruggner.
„Ja, sie werden unten übrigens auch noch gebraucht“, sagte Dad.
Ich hörte, wie Schritte mein Zimmer verließen, Paps aber blieb neben mir auf dem Boden sitzen. Mein Kopf drehte sich langsam wieder zu ihm zurück. Er war nicht nur mein Paps, sondern in den letzten zwei Jahren ein richtiger Freund für mich geworden.
Bisher konnte ich mit allem zu ihm, er hatte immer ein offenes Ohr für mich.
„Hat es vielleicht mit diesem Zettel zu tun?“, fragte Paps weiter.
Mein Blick wanderte auf den Zettel, den Paps aus der Hemdtasche zog. Ich runzelte die Stirn, weil ich nicht wusste, was für ein Zettel dies war. Paps faltete ihn auf und hielt ihn mir vor die Nase.
Hallo Max,
entschuldige, dass ich so ein Arschloch bin, aber ich musste so handeln. Du hast richtig vermutet ich bin schwul, aber ich möchte nicht, dass du dich in einen wie mich verliebst, denn ich bin es nicht wert. Wenn du diesen Zettel in Händen hältst, bin ich schon über alle Berge und aus deinem Leben. Glaub mir, du hast etwas Besseres wie mich verdient, denn ich bin nur Abschaum. Ich wünsche dir viel Glück und bald einen süßen Freund…
Donnie
„Das hat er wirklich geschrieben?“, fragte ich entgeistert.
Paps nickte, „lag auf seinem Bett.“
„… er ist weg“, seufzte ich.
„Nein…, nicht ganz. Jürgen und ich haben ihn wieder eingefangen.“
„Er ist da?“
Plötzlich war alles verflogen, die Wut, der Zorn. Ich wollte nach diesem Brief ihn nur noch in den Arm nehmen.
„Kann ich ihn sehen?“
„Ähm, willst du ihn wirklich sehen…, vor zwei Minuten hättest du sicherlich noch nicht solche Wünsche geäußert.“
„Paps… er hat was an sich, was mich irgendwie anzieht.“
„Das Brustpiercing?“, kicherte Paps.
„Nein… aber woher weißt du?“
„Als wir Donnie gefunden hatten ist er vor Schreck die Böschung runter gekullert, dabei hat er sich wohl das Shirt verrissen.“
Etwas besorgt setzte ich mich auf.
„Du solltest liegen bleiben.“
„Und du hast vorhin gesagt, der Doc wird unten gebraucht… ist Donnie verletzt?“
„Nur eine Schramme an der Stirn, mehr nicht. Max… was ist zwischen euch beiden passiert? Die Schlägerei kann es ja nicht alleine gewesen sein.“
„Ich kann da… nicht drüber reden…“
„Max, du musst mir nichts erzählen, aber ich denke, wenn du es mir sagst, geht es dir vielleicht besser. Oder was meinst du?“
Ich schüttelte den Kopf. Wie würde Paps reagieren, wenn ich ihm das unter der Dusche erzählen würde. Ich war total neben der Rolle. Eigentlich sollte Donnie mir scheiß egal sein, darauf erpicht sein, dass er hier nie wieder auftaucht.
Und doch wollte ich ihm keine Steine in den Weg werfen. Er hatte sicher genug mitgemacht. Schon alleine die Narben auf seinem Körper sprachen Bände.
„Jetzt ruhst du dich erst mal aus Junior, wir können auch später weiter reden.“
Er strich mir sanft über mein Haar, verließ mein Zimmer und ließ mich mit meinen Gedanken alleine. Ich verstand die Welt nicht mehr, was war nur mit mir los? Warum konnte ich nur noch an Donnie denken?
Irgendwann war ich über meinen Gedanke eingeschlafen, denn irgendetwas ließ mich aufschrecken – wach werden. Ich hörte leise Schritte, die sich meinem Bett näherten. Plötzlich spürte ich eine Hand, die über meine Haare strich und wie ein Kuss auf meine Wange gehaucht wurde.
„Schlaf gut, mein Retter“, hörte ich eine Stimme flüstern.
Das war eindeutig Donnies Stimme. Doch bevor ich etwas sagen konnte, hatte er das Zimmer bereits verlassen. Total verwirrt, aber mit einem Lächeln schlief ich wieder ein.
*-*-*
Als ich erwachte, brannten meine Augen und mein Hals war furchtbar trocken. Mein Kopf fühlte sich wie eine Matschbirne an. Mühsam kämpfte ich mich aus meinem Bettzeug und setzte mich auf. Mein Gesicht vergrub ich in meinen Händen.
Ich überlegte, ob ich mich nicht wieder hinlegen sollte, aber der Drang, die Toilette aufzusuchen, war mehr als überreizt. Also erhob ich mich langsam und schwankte auf unsicheren Füssen in mein Bad,
Eine halbe Stunde später kam ich wie ein neuer Mensch wieder heraus. Was eine heiße Dusche doch alles bewirken konnte. Notdürftig zog ich mir was über und beschloss nach unten zu gehen.
Mein Blick fiel kurz auf die Uhr – kurz vor zehn. So spät war ich schon lange nicht mehr aufgestanden. Als ich mein Zimmer verließ, hielt ich kurz inne und lauschte, konnte aber auf der Gegenseite nichts hören.
Was er wohl gerade machte? Im Gedanken versunken lief ich die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, wo mich ein herrlicher Duft von Kaffee empfing.
„Max, bist du das?“, hörte ich Mum rufen.
„Ja“, rief ich zurück.
Sie lugte aus der Küche.
„Junge ich wär doch zu dir hochgekommen…“
„Mum mir geht es soweit wieder gut… ich bin kein kleiner Junge mehr“, protestierte ich gespielt.
„So groß bist du aber auch wieder nicht“, erwiderte Mum mit einem komischen Unterton und verschwand wieder in der Küche.
Was meinte sie denn jetzt damit. Ich folgte ihr.
„Wie meinst du das jetzt?“, fragte ich und setzte mich an die Theke.
Sie guckte mich nur kurz an, sagte aber nichts und schenkte mir einen Kaffee ein.
„Wo ist Paps überhaupt?“
„Die sind heut morgen recht früh nach Regensburg gefahren.“
„Die?“
„Ja, dein Vater macht mit Donnie ein paar Besorgungen.“
„Besorgungen?“
„Ja, sie wollen Kleidung für Donnie besorgen.“
„Kleidung?“
„Bist du jetzt zum Papagei geworden und wiederholst alles?“
Ohne dass ich auf die Frage antwortete, fing Mum an zu lachen. Ich war jetzt schon etwas verwirrt.
„Donnie hat nicht mal etwas Richtiges anzuziehen, und da wir gestern Abend eine lange Unterhaltung hatten, kamen wir eben auch auf dieses Thema zu sprechen.“
„Gestern Abend?“
„Fängst du schon wieder an? Was ist denn mit dir los?“
„Ach ich weiß auch nicht. Mir ist, als hätte ich eine Lücke im Kopf – etwas fehlen würde.“
„Wird schon…“, meinte Mum.
Wir saßen eine ganze Weile zusammen. Im Laden war nicht viel los und so konnte Mum bei mir bleiben. Wir merkten auch nicht, wie die Zeit verging. Denn als ein Wagen bis vor das Wohnhaus fuhr, sah meine Mum erschrocken auf die Uhr.
„Schon so spät? Ich hab noch nicht angefangen zu kochen. Ich glaube, du musst mir helfen, Max.“
„Kein Problem, was gibt es denn?“
„Einen Nudelauflauf, den hat sich Donnie gewünscht.“
Irgendwie musste gestern hier ja ganz schon viel gesprochen worden sein. Mein Mum warf kurz einen Blick hinaus.
„Da legt’s di nieda“, hörte ich Mum sagen.
Sie sprach eigentlich nur noch im bayrischen Dialekt, wenn sie total verblüfft war. Interessiert schaute ich nun auch zum Küchenfenster hinaus. Nun verstand ich auch, warum sie so verblüfft war.
Dad und Donnie waren zurückgekommen und irgendwie – wie sollte ich sagen, hatte sich Donnie total krass verändert. Ich spürte plötzlich die Hand meiner Mum, wie sie mir das Kinn hoch drückte.
„Mund zu, es zieht!“, kicherte sie.
Was ich da aus dem Wagen steigen sah, verschlug mir regelrecht den Atem. War das wirklich Donnie? Seine schwarzen Haare waren ab. Kurz geschoren wie ein Schaf und die Klamotten. Ich schluckte.
Er trug ein leicht glänzendes, eng anliegendes schwarzes Hemd, dazu schwarze Lackschuhe und schwarze Stoffhose. Ich war schlichtweg hin und weg. Donnie sah irgendwie… edel aus.
„Jetzt geh schon raus…“, hörte ich meine Mum aus weiter Ferne sagen.
„Hm… was?“
Meine Mum fing laut an zu lachen. Wie angewurzelt hing ich immer noch am Fenster und konnte meinen Blick nicht von Donnie lösen. Ein Knuff in die Rippen holte mich in die Realität zurück.
„Du bist zum Schießen junger Mann, du solltest dich mal im Spiegel sehen. Dass dir der Sabber noch nicht aus dem Mund läuft, ist grad ein Wunder.“
„Mum!“
Sie begann zu lachen. Mittlerweile betraten Paps und Donnie die gute Stube.
„Hallo ihr zwei, anscheinend ward ihr erfolgreich wie ich sehe“, begrüßte Mum die zwei.
„Hallo Vroni, ja Erfolg auf ganzer Linie“, erwiderte Donnie.
Sie duzten sich schon, ich hatte wirklich etwas verpasst. Natürlich duzten sie sich schon, Donnie würde hier für eine ganze Weile wohnen. Oh man, mein Hirn drehte Purzelbäume. Donnies Blick fiel auf mich.
„Hallo Max…“, sagte er leise.
Sein Mund zeigte ein leichtes Lächeln doch in seinem Blick lag etwas Trauriges.
„Hi…“, antwortete ich ebenso leise.
„Du Vroni, ich habe mir auch etwas geleistet, soll ich dir das mal zeigen“, hörte ich Paps und sah wie er Mum aus der Küche zog.
Donnie stellte den Pulk von Tüten ab und kam zu mir.
„Max…, ich wollte mich noch einmal bei dir entschuldigen. Was ich da gemacht habe, war absolut Scheiße von mir. Ich hoffe, du wirst mir das irgendwann mal verzeihen…“
„Das habe ich… schon“, sagte ich nun noch leiser.
Donnies Augen waren feucht und auch ich spürte wie sich das Nass den Weg zu meinen Augen bahnte.
„… danke… Aber Max… da ist noch etwas. Mir war das, in meinem kleinen Brief wirklich ernst. Ich möchte nicht, dass du dich in mich verliebst…“
„Zu spät…“, hauchte ich nur noch.
„Och Max…“, sagte er und nahm mich in den Arm.
Er drückte sich ganz fest an mich und ich konnte seinen Duft in mir aufnehmen. Sanft schob er sich wieder von mir weg, ließ aber beide Hände auf meinen Schultern liegen.
„Max… deine Eltern haben mir gestern Abend ein riesiges Angebot gemacht… das ich gerne annehmen würde.“
Ich sah ihn fragend an.
„Du weißt sicherlich…, dass ich in ein paar Monaten wie du achtzehn werde. Deine Eltern schlugen vor… dass ich bis dorthin Zeit hätte… mir zu überlegen… ob ich ihr realer Sohn werden will.“
Ich verstand gerade nicht, was er mir sagen wollte.
„Sie haben von einer Adoption gesprochen Max, also wären wir dann… Brüder.“
„Brüder?“, fragte ich jetzt halb irritiert und etwas schockiert.
Darf man einen Bruder lieben? Ich war irgendwie kurz vor dem Black Out.
„Würde dir der Gedanke gefallen?“, fragte Donnie sanft.
Ich wusste nicht warum, aber ich nickte.
„Max… du wirst sehen, als Freund wäre es nicht lange gut gegangen… Spätestens in einem Jahr wäre alles in die Brüche gegangen. Doch als Bruder… ich weiß nicht mehr was ich sagen soll. Ich wünschte mir, du würdest dich freuen…, doch du stehst nur da und weinst.“
Wieder musste ich schlucken, wischte mir fast mechanisch die Tränen weg.
„Und… und warum hat mir das niemand vorher gesagt?“, fragte ich mit weinerlichen Stimme, „ich gehöre doch zur Familie.“
Anscheinend erfreut, dass ich überhaupt Reaktion zeigte, hellte sich Donnies Gesicht etwas auf.
„Da muss ich deine Eltern in Schutz nehmen. Ich weiß nicht, wie lange wir geredet haben. Ich habe ihnen meine ganze Geschichte erzählt… Jürgen war auch noch da, ergänzte das, was ich nicht erzählen konnte…“
„Wie meinst du das?“
„Das erzähle ich dir später, lass mich bitte erst ausreden, das hier fällt mir schon schwer genug.“
Ich hing an seinen Lippen, versank in seinen glasigen braunen Augen. Und in diesen Menschen sollte ich mich nicht verlieben? Ich atmete tief durch, seufzte und nickte ihm zu.
„Jedenfalls sagte dein Vater plötzlich zu deiner Mutter, was sie denn von einer Adoption halten würde. Ganz aus heiterem Himmel. Selbst Jürgen war von dieser Frage überrascht.“
„Dad hat den Vorschlag gemacht?“, fragte ich und spürte plötzlich ein komisches Gefühl in mir.
„Ja dein Dad… er meinte, er hätte sich immer zwei Jungs gewünscht… dass einer nie allein sein würde.
„Das wusste ich nicht…“
„Das wusste nicht einmal deine Mum. Sie war genauso sprachlos wie du eben.“
Er schaute mich an.
„Und was hältst du davon?“, fragte er wieder leise.
„Du mein Bruder?“
Er nickte.
„Ein schöner Gedanke…“
„Aber…?“
„Ich hab… mich in dich verliebt.“
Ein breites Lächeln zierte plötzlich sein Gesicht. Er beugte sich nach vorne und gab mir einen sanften Kuss. Etwas verwirrt schaute ich ihn an.
„Du kannst mich als Bruder lieben… und ein Freund kann ich auch sein…, aber eben nicht der Freund, Max! Tut mir Leid, aber wie gesagt, das ginge nicht gut.“
„Das habe ich kapiert…, trotzdem fällt es mir schwer.“
„Du hättest wirklich nichts dagegen?“
„Wieso dagegen…, meine Eltern würden dich adoptieren und ich bekäme einen Bruder.“
„Na, na, das hört sich jetzt aber nicht überzeugend an.“
„Du verstehst mich falsch Donnie. Ich meine, ich finde die Idee gut, aber warum ist dir meine Meinung so wichtig?“
„Max, dass war gestern Abend meine einzigste Bedingung an dieser Sache. Ich habe deinen Eltern gesagt, ich möchte erst mit dir reden, bevor ich überhaupt eine Entscheidung treffen möchte.“
„Aber wieso? Ich verstehe das nicht, Du kennst mich ja nicht mal richtig.“
„Max… gestern war nicht der beste Tag für mich…“
Er zog mich zum Tisch und wir setzen uns.
„Die Idee von Jürgen, mich in einer Familie unterzubringen, stieß mir erst schwer auf. Ich weiß fast gar nicht mehr, wie lang ich in diesem Heim gewesen bin… nur eines blieb mir im Kopf… wie mich damals meine Eltern einfach abgegeben hatten und sich nie wieder blicken lassen haben.“
„Das tut mir Leid, Donnie.“
„Muss es nicht… das ist allein die Schuld meiner Eltern. Aber zurück zu Jürgens Vorschlag. Tief in mir hatte ich eine kleine Hoffnung, vielleicht doch die Chance zu haben, aus diesem Loch endlich heraus zukommen.“
„War es wirklich so schlimm in dem Heim?“
„… sind dir gestern beim Duschen die vielen Narben und Flecken nicht aufgefallen?“
„Doch… ! Sind die alle vom Heim?“
„Einige davon… aber egal, ich sah plötzlich eine Chance, da herauszukommen. Doch auf der Fahrt zu euch kamen mir plötzlich Zweifel. Und dann passierte das mit dem Unfall und wenig später bist du aufgetaucht.“
„Ja und?“
„Du sahst irgendwie so unbedarft aus, so friedlich und glücklich. Da ging bei mir gleich das Rollo runter. Ich hatte auf diese Friede – Freude – Eierkuchen – Welt keinen Bock mehr. Und dann noch gleich bei unserem ersten Gespräch oder besser gesagt versuchtem Gespräch polieren wir uns in die Fresse.“
„Donnie du musst mir glauben, ich bin sonst nicht so…“, unterbrach ich ihn.
Erst jetzt fiel mir die leichte blaue Färbung auf, die um sein linkes Augen prangte. Ob er es überschminkt hatte?
„Ja, das glaube ich dir auch. Denn du bist danach zu mir gekommen…, warst wieder so lieb und ich Arsch zieh so eine Geschichte ab, weil ich Angst hatte, du kommst mir zu Nahe.“
„Und was hat deine Meinung über mich geändert, denn außer diesen zwei unschönen Treffen, hast du ja nicht sonderlich viel von mir mitgekommen.“
„Deine Eltern.“
„Hä?“
„Ja, deine Eltern schwärmten mir regelrecht von dir vor und machten mir klar, was für ein Mensch du wirklich bist. Diese ganzen Eindrücke gestern, der erste Tag… einerseits so Scheiße gelaufen und doch war da etwas, das ich bis jetzt noch nicht kannte. Hier im Haus ist ein Zusammenhalt, ein Vertrauen… Max ich kenne so etwas nicht.“
Ich ließ mich etwas zurück sinken, schaute Donnie an.
„Und ich muss zugeben, ich möchte dieses Gefühl der Vertrautheit nicht mehr missen. Ich weiß ich bin erst einen Tag da, aber schon alleine deine Eltern, sie haben mich so lieb aufgenommen… und jetzt ist mir halt wichtig… ob du, Max, mich als deinen Bruder akzeptieren würdest.“
Ich wusste nicht, sollte ich strahlen oder vor Glück weinen. So entschied ich mich für eine Mischung von beidem. Ich begann zu strahlen und gleichzeitig fielen rannen mir die Tränen über die Wangen.
Ich fiel Donnie um den Hals, drückte ihn fest an mich.
„Klar will ich dich als Bruder“, sagte ich weinerlich.
„Danke… Max“, hörte ich Donnie in mein Ohr hauchen.
*-*-*
Ich saß wieder mal über den Papieren im Büro. Die Ferien näherten sich ihrem Ende. Die Tür flog auf und Donnie kam hereingerannt. Ein übler Stallgeruch folgte ihm.
„Max, du musst kommen. Helga hat gerade ihr Kälbchen bekommen, das musst du dir ansehen“, rief er total aufgeregt und zog schon an meinem Arm. Ich musste grinsen und ließ mich von meinem Arbeitsplatz wegziehen.
In den letzen zwei Wochen hatte sich Donnie so sehr geändert. Aus dem traurigen, trotzigen Kerl vom ersten Tag, war ein richtig lieber netter Junge geworden, mein zukünftiger Bruder. Bis auf ein paar formelle Schwierigkeiten, stand dem Ganzen nichts mehr im Wege.
Donnie zerrte mich durch den Flur hinaus in den Hof.
„Das ist sooo süß Max, komm schnell.“
Ich musste jetzt laut lachen.
„Was ist denn?“, fragte Donnie erstaunt und hielt plötzlich inne.
„Du müsstest dich mal sehen, du kleiner Dreckspatz. Und deine Geruchsfahne ist ja auch nicht vom Feinsten.“
Er roch an sich und schaute mich wieder an.
„Wieso, ich riech doch wie immer.“
Wieder konnte ich mich nicht zurück halten und fing an unkontrolliert zu lachen.
„Was denn? Jetzt komm, das Kleine angucken.“
Er zog mich weiter in den Stall, wo ich auch Mum und Paps vorfand.
„Guck da, ist das nicht niedlich?“
Ich verbiss mir ein Kichern, denn es war grad so gar nichts an Donnie, wie ich ihn kennen gelernt hatte. Die Stimme ein par Tonlagen höher und hippelig wie ein kleines Kind.
„Habt ihr schon einen Namen?“, fragte ich.
„Nein, wir wollten eigentlich Donnie einen aussuchen lassen“, antwortete Paps der gerade seine Hände im Eimer wusch.
„Was? Ich darf einen Namen für die Kleine aussuchen?“, frohlockte Donnie regelrecht.
„Öhm… Donnie, es ist ein er“, sagte Mum und diesmal konnte ich mir das Lachen nicht mehr verbeißen.
„Der tut schon die ganze Zeit so komisch, was hat er denn?“, fragte Donnie und zeigte auf mich.
Nun grinsten meine Eltern auch.
„Und was für einen Namen willst du dem Kalb geben?“, fragte Paps.
„Wie wäre es mit Ignaz?“, fragte Donnie und kraulte das Kalb zwischen den Ohren.
„Wieso Ignaz?“, fragte ich.
„So hieß mein Großvater.“
„Hieß?“
„Ich weiß nicht ob er noch lebt…“
„Aha“, brachte ich nur heraus – im vollen Anlauf in ein Fettnäpfchen – na sauber!
„Also mir gefällt Ignaz sehr gut, dann nehmen wir den Namen“, warf Mum ein.
Paps rieb das Kalb, das langsam versuchte auf die Beine zu kommen, noch etwas mit Stroh ab. Donnie näherte sich dem Kalb und wollte danach greifen.
„Halt Donnie“, warf Paps ein, „Ignaz muss es alleine schaffen aufzustehen.“
„Aber er hat doch solche Schwierigkeiten.“
„Eben drum, er muss lernen auf eigenen Beinen zu stehen, sonst wird er nie lebenstüchtig.“
In Donnies Kopf arbeitete es, dass spürte ich deutlich. Klar dachte auch ich bei den Worten, die Paps gerade von sich gegeben hatte, auch an Donnie. Er trat einen Schritt zurück, neben mich.
Ein kurzer Blick in sein Gesicht sagte mir, dass es in ihm ordentlich brodelte. Gerne hätte ich etwas zu ihm gesagt, bloss was? So legte ich meinen Arm um seine Hüften und zog ihn etwas zu mir.
Er schenkte mir ein kurzes Lächeln, bevor er wieder zu Ignaz schaute. Langsam, aber mit wackelnden Beinen stand Ignaz neben seiner Mutter. Später saßen wir hinter dem Stall auf der Mauer, die das Anwesen und den Bach trennte.
Ich schaute Donnie an.
„Ja, ich weiß, ich sollte mir blöde Rauchen endlich abgewöhnen“, meinte er und zog kräftig an seiner Kippe.
„Habe ich etwas gesagt?“, fragte ich.
„Nein, aber so komisch geguckt.“
„Ich guck nicht komisch.“
„Doch tust du“, und Donnies Finger schoss mir in die Seite.
Mit einem lauten Schrei und einer unmöglichen Sitzhaltung, verlor ich das Gleichgewicht und burzelte rücklings die Mauer hinunter. Donnie grinste breit.
„Tu das nie wieder!“, rief ich und versuchte mich aus meinen Verknotungen zu lösen.
„Wieso? Was passiert dann?“
Ich streckte ihm die Zunge heraus und rappelte mich wieder auf.
„Darf ich dich was fragen?“
Erstaunt schaute ich Donnie an.
„Klar, was denn?“
„Wer weiß eigentlich hier über dich so Bescheid. Deine Eltern hab ich ja schon mitbekommen, aber gibt es sonst noch wer?“
„Hm, eigentlich wissen es alle… nach einem unfreiwilligen Outing.“
„Unfreiwillig?“
„So kann man es nennen, wenn man über ein für nicht sichtbares Mikro sagt, ich bin schwul und die ganze Schule hört zu.“
„Bitte?“
„Ach ist nicht so wichtig.“
„Wer gackert muss auch legen, also ich bin ganz Ohr.“
Ich atmete tief aus.
„Wir hatten irgendetwas im Büro des Hausmeisters zu machen, als Jochen mich wieder mal aufzog, dass ich schwul sei. Da ist mir halt der Kragen geplatzt und ich hab ihn angeschrieen, >ja der Max ist durch und durch schwul<. Dumm war halt nur, dass Fränzchen an der Sprechanlage des Hausmeisters herumspielte und alle in der Schule meinen Satz hörten.“
„War sicher sehr aufschlussreich für die anderen.“
Ich zuckte mit den Schultern, weil ich keine Antwort drauf wusste.
„Hattest du danach argen Ärger?“, fragte Donnie weiter.
Ich schüttelte den Kopf.
„Es gab hin und wieder mal bisschen Ärger, aber Idioten gibt es überall.“
„Das kannst du laut sagen.“
Irgendwie klang das jetzt enttäuscht und traurig.
„Sind daher deine…Narben?“, fragte ich und schaute ihn an.
„Vielleicht… ist egal… will nicht drüber reden…“, kam es trotzig zurück.
„Öhm… war dein Brüdergefasel doch nicht ernst gemeint?“
Wenn ich so nichts aus ihm heraus bekam, machte ich es eben auf die Tour.
„Wieso? Was meinst du?“
„Also wenn es meinem Bruder nicht gut ginge, wäre ich für ihn da… und wenn du sagst du bist mein Bruder… dann bin ich für dich da… egal mit was du ankommst.“
Endlich drehte Donnie seinen Kopf zu mir und sah mir in die Augen. Seine Augen waren feucht.
„Ja klar, du bist für mich mein Bruder, Max. Aber ich weiß nicht…“, er senkte seinen Kopf, „ wie ich dir das alles erzählen kann… Vielleicht bist du dann enttäuscht und willst nichts mehr… von mir wissen.“
„Ach Quatsch, wie kommst du den da drauf. So schlimm kann nichts sein, was du mir nicht erzählen kannst.“
„… es ist viel schlimmer…“
Er wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Würdest du bitte mir überlassen, wie ich das alles auffasse?“
Er schaute wieder zu mir.
„Und wenn du dann doch…“, begann Donnie zu reden.
Ich drückte meinen Zeigefinger auf seinen Mund und schüttelte den Kopf. Er seufzte und atmete tief durch.
„Ich war halt immer zur falschen Zeit mit den falschen Leuten zusammen.“
Ich schwieg und ließ ihn einfach reden.
„… habe schnell gelernt, mein Schwulsein zu meinen Gunsten einzusetzen. Wenn ich mal knapp bei Kasse war… dann… bist du jetzt enttäuscht von mir?“
Erschrocken sah ich ihn an.
„Wie kommst du jetzt da drauf?“
„Weil ich für Geld mit anderen ins Bett gegangen bin.“
„Würde ich hier sitzen, wenn es mich stören würde. Lieber Donatus, mir ist es wurscht, was in deiner Vergangenheit passiert ist, es zählt das heute, das hier!“
„Wirklich?“
„Nein, ich verarsch dich… klar du Nase, klar meine ich das ernst.“
„Deine Mum hatte Recht…“
„Mum? Mit was hatte sie Recht?“
„Das ich dir alles erzählen soll…“
„Wie kommt sie da drauf?“
„Jürgen meinte, wenn ich den Mut aufbringe, soll ich deinen Eltern…“
„Unseren Eltern!“, unterbrach ich ihn.
Er lächelt kurz.
„… ich soll ihnen alles von mir erzählen.“
„Und, hast du es getan?“
Er nickte.
„Gut, mir scheint, sie haben es gut aufgenommen, denn ich seh nirgends Spuren von einer Mistgabel oder so.“
Jetzt erst merkte Donnie, dass ich versuchte, ihn aufzumuntern. Ein kleines Lächeln zierte sein Gesicht, das war ja schon ein kleiner Erfolg.
„Weißt du, dass du absolut lieb bist?“, fragte Donnie leise.
„So hat mir das noch niemand gesagt…“, entgegnete ich.
Donnie schaute mir tief in die Augen. Erste Anzeichen einer Gänsehaut machten sich bemerkbar.
„Es gibt noch so vieles was du noch nicht von mir weißt… aber ich denke nach und nach werde ich dir das alles erzählen.“
Aus den Gedanken gerissen, nickte ich ihm zu, ohne auch nur eine Sekunde von diesen traumhaften Augen abzulassen.
„Max?“
„Ja?“, fragte ich verträumt.
„Was machst du da?“
„Hm?“
„Was DU da machst?“
„Ich… wieso, was mach ich denn?“, fragte ich und musste schmunzeln.
Donnie schaute nach unten und ich folgte seinem Blick. Erschrocken sah ich, wie meine Hand sanft über sein Bein streichelte. Schnell zog ich sie zurück.
„Entschuldige, das habe ich gar nicht bemerkt…“
Donnie fing an zu kichern.
„Du bist mir einer“, sagte Donnie und wuschelte mir über den Kopf.
Er zog an seiner Kippe und warf sie zu Boden und trat sie aus. Obwohl er doch nur ein paar Wochen älter als ich war, kam er mir viel älter vor – erwachsener und männlicher. Ich seufzte.
Er blickte mich kurz an und lächelte, dann machte er einen eleganten Sprung über die Mauer und lief zum Wasser. Meine Blicke folgten jeder Bewegung. Bruder – wie konnte er nur auf so eine verrückte Idee wie Bruder kommen.
Ich wollte ihn als Freund, zum Kuscheln und Schmusen … und mehr.
„Stimmt was nicht?“, fragte mich Donnie.
Ich schaute auf.
„Wieso?“
„Du guckst so traurig.“
„Schon okay, nicht so wichtig.“
Donnie kam wieder zu mir zurück und pflanzte sich nun richtig dicht an mich.
„Was ist los mein Kleiner?“
Wie er dieses >mein Kleiner< aussprach, ich schmolz dahin.
„Wir sind bald Brüder und können über alles reden, hast du selbst gesagt.“
Ich schaute ihn an.
„Darin liegt das Problem.“
„In was?“
„Das wir Brüder werden… bald sind…“, sagte ich, stand auf und ging zum Wohnhaus zurück.
*-*-*
Ich konnte mich auf die Buchungen nicht richtig konzentrieren. Immer wieder träumte ich vor mich hin und starrte auf den Monitor. Donnie war ich in den letzten Tagen so gut es ging aus dem Weg gegangen.
Natürlich war es nicht unbemerkt geblieben. Paps und Mum hatten mich schon ein paar Mal gefragt, was los sei, aber ich hatte sie einfach stehen lassen. Wieder zuckte ich zusammen, entrissen meiner Träume – Träume über Donnie, wie schön es werden könnte.
Ich riss mich zusammen und verglich zum hundertsten Male die Zahlen. Ich wusste, dass Donnie jetzt draußen bei Paps im Stall half. Zu gerne wäre ich hinaus, um den beiden zu zusehen. Na ja, eigentlich eher Donnie.
Ich liebte ihn – aber eben nicht wie einen Bruder, die Gefühle waren tiefer und inniger. Und nur deshalb hatte ich mich zurückgezogen, weil ich gegen diese Gefühle ankämpfte. Vielleicht legte sich das ja, wenn es amtlich wurde, dass Donnie mein Bruder wurde.
„Max, kannst du dich mal vom Pc losreisen?“
Ich schaute erschrocken auf. In meinen Gedanken versunken hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, wie meine Mum das Büro betreten hatte.
„Hm… was?“
„Ich habe gefragt, ob du Zeit hast, der Praktikant ist da.“
Verwirrt schaute ich sie an.
„Welcher Praktikant?“
„Oh Max, wo bist du nur mit deinen Gedanken. Ich habe dir doch erzählt, dass wir für vierzehn Tage einen Praktikanten bekommen, den Xaver. Was ist denn mit dir los?“
Da hatte ich jetzt wirklich etwas verpasst, denn ich konnte mich an das überhaupt nicht erinnern.
„Wir unterhalten uns später darüber, aber jetzt kommst du mit!“
Sie griff über den Schreibtisch und zog energisch am Ärmel meines Shirts.
„Ja doch!“, konnte ich nur sagen und ließ mich aus dem Zimmer ziehen.
Flotten Schrittes folgte ich ihr in die gute Stube, wo ein Mann und ein Junge in meinem Alter warteten.
„Das hier ist Max unser Sohn. Er macht für uns die Büroarbeit, aber das kann er dir ja selber zeigen“, erklärte meine Mutter.
Der Mann stand auf und reichte mir die Hand.
„Severing ist mein Name“, sagte er und schüttelte meine Hand.
„Max…“, antwortete ich verlegen.
„Das hier ist Xaver“, sprach er und trat zur Seite.
Das erste Mal hatte ich uneingeschränkte Sicht auf den Jungen. Pah… Jungen… vor mir stand ein Gott. Das einfallende Sonnenlicht, hinter ihm am Fenster, verlieh ihm ein besonderes Strahlen.
„Hallo“, meinte Xaver.
Als ich nicht gleich antwortete, bekam ich einen Rempler von hinten.
„Hallo Xaver“, meinte ich und streckte auch ihm meine Hand entgegen.
Als sich unsere Hände berührten, war es mir, als würden ganze Feuerkaskaden durch meinen Körper wandern. Seine Hand war so weich, so sanft, doch der Druck war enorm.
„Am Besten zeigst du Xaver den ganzen Hof, dann kann ich mich noch etwas mit seinem Vater unterhalten“, meinte Mum zu mir.
Ich nickte und bewegte mich Richtung Tür. Xaver folgte mir ohne Worte. Als wir endlich das Haus verließen, blieb ich erst mal stehen. Wieder blieb mein Blick auf Xaver haften. Sein wirres halblanges, braunes Haar, hing in Strähnchen ins Gesicht, trotzdem konnte ich die stechend grünen Augen erkennen.
Erst ein Lächeln seinerseits, riss mich aus den Gedanken.
„Wie kommst du eigentlich darauf, hier ein Praktikum zu machen?“, fragte ich ihn gerade heraus.
„Mein Vater hatte die Idee dazu“, antwortete er und das erste Mal konnte ich seine Stimme richtig vernehmen.
Sie war etwas dunkler als meine, doch war sie sehr angenehm. Ich spürte wie sich in meinem Nacken eine Gänsehaut breit machte.
„Hört sich nicht gerade überzeugend an…“
Er zuckte mit den Schultern.
„Also gut, dann zeige ich dir mal den Hof.“
Ich lief mit ihm direkt zum Stall, wo ich Donnie und Paps bei der Arbeit vermutete. Ich zog die Stalltür auf und ließ Xaver den Vortritt. Ihm folgend ließ ich die Stalltür ins Schloss fallen.
Wie angenommen waren Paps und Donnie gerade dabei, den Kühen Heu in die Fresskübel zu füllen.
„Paps!“, rief ich und er schaute auf.
„Das ist Xaver, er wird sein Praktikum die nächsten…“
„Das weiß ich“, meinte Paps und kam auf uns zu.
„Hallo Xaver, finde es toll, dass du dich für das Praktikum hier entschieden hast.“
„Hallo Herr Saibling… eigentlich war es die Idee meines Vaters, aber er dachte wohl, könnte mir nicht schaden, auch andere Höfe zu sehen.“
Mein Blick haftete an Donnie, der immer noch am Heu verteilen war. Er hatte kein Shirt an, nur die Latzhose. Seine Arme glänzten und ich war versucht, meinem inneren Drang nachzugeben und zu ihm zu laufen.
„Das ist Donnie, gehört auch zu unserer Familie“, hörte ich Paps sagen.
Als Donnie seinen Namen hörte, schaute er auf und grinste zu uns herüber. Mir entging nicht, dass mein Nebenmann genauso starrte wie ich.
„Dann wollen wir mal weiter“, sagte ich.
Ich wartete erst gar nicht ab, ob er mir folgt, sondern verließ zielstrebig den Stall. Das ist mein Donnie, er soll ja die Finger von ihm lassen. Oh, ging ich da jetzt nicht etwas zu weit? Wie kam ich darauf, Xaver könnte schwul sein.
Gedanklich hatte ich schon alle Metzelmesser meines Vaters in der Hand, zum Abwurf bereit.
Ich lief Richtung Metzgerei, total in meinen Gedanken versunken, bis ich plötzlich eine Hand an meiner Schulter spürte.
„Du, äh…“
Ich blieb stehen und drehte mich um. Klar, Xaver stand hinter mir.
„Was?“, fragte ich in einem ziemlich genervten Ton.
„Du musst mir nicht alles zeigen, das langweilt dich sicher genauso wie mich.“
Oh, es langweilte den Herrn. Gut, dann konnte ich mir diesen Sparziergang ja sparen. Meine Laune war plötzlich auf null. Nuller ging es gar nicht!
„Gut, dann kann ich ja zurück an den PC.“
„Kann ich mitkommen, dass würde mich schon eher interessieren.“
Hilfe, was hatte ich verbrochen mit dieser Gottheit bestraft zu sein.
„Wenn du willst“, sagte ich weiterhin genervt.
„Alles klar mit dir?“, fragte er mich, während ich mich zum Haus hin umdrehte.
Ich wüsste nicht, was ihn das anginge, besonders nicht, dass ich heiß und innig in meinen zukünftigen Bruder verliebt war. Ich fühlte mich plötzlich unwohl in meiner Haut. Die Gottheit hatte ihren Lack ab, sank in meiner Beliebtheitsskala immer mehr.
„Wie kommst du drauf, also ich… äh…meine, seh ich so schlecht aus?“, fragte ich.
„Öhm… nein, aber du bist mit deinen Gedanken laufend woanders.“
Und? Braucht dich das zu interessieren? Was dachte der Typ eigentlich, kennt mich zehn Minuten und meinte mich schon in- und auswendig zu kennen?
„Hab schlecht geschlafen, sorry.“
Was ja auch stimmte. Ich war die halbe Nacht wachgelegen, mit der Gewissheit, dass die Liebe meines Lebens nur ein paar Meter von mir entfernt in seinem Bett schlummerte.
„Oh shit, schon so spät“, hörte ich Xaver hinter mir murmeln.
„Du wir können auch gleich zu deinem Vater zurückgehen, wenn du es so eilig hast.“
Betreten lief er neben mir her.
„Musst du noch irgendwo hin?“, fragte ich, obwohl ich es eigentlich gar nicht wissen wollte.
„Ja, ich habe mich mit Gila verabredet.“
Gila? Wer ist Gila?
„Du kennst doch Gila, oder? Die Tochter vom Schenkhof.“
Schenkhof? Ach ja, stimmt ja drüben bei Stallwang. Die hatten eine Tochter?
„Die haben eine Tochter?“
„Ja und wir sind schon über ein Jahr zusammen.“
Die Sonne ging auf! Er hatte eine Freundin. Meine Laune stieg rapide an.
„Dann sollten wir vielleicht deinen Vater aus den Fängen meiner Mum befreien, damit ihr abzischen könnt… und du willst wirklich hier ein Praktikum machen?“
„Bleibt mir etwas anderes übrig?“, fragte er mit traurigen Augen.
„Vielleicht solltest du mal mit deinem Dad drüber reden. Hast du denn andere Interessen?“
„Ja klar, ich würde gerne studieren und nicht auf dem elterlichen Hof versauern.“
„Da hast du wirklich ein Problem, das du aber lösen solltest.“
„Und du, willst du nichts anderes machen, als hier zu arbeiten.“
„Doch, ich mach meinen Betriebswirt, also werde studieren.“
„Hört sich etwas langweilig an, also ich würde gern in den Medienbereich.“
„Ist sicher interessant“, meinte ich und wir betraten wieder das Wohnhaus.
*-*-*
„Herr Severing wird uns dann mitteilen, wann sein Sohn anfängt“, meinte Mum und schöpfte Donnies Teller voll.
„Danke reicht“, meinte Donnie und nahm ihr den Teller aus der Hand.
„Ich weiß nicht, ob Xaver überhaupt zu uns kommen will?“, warf ich ein und hielt mein Teller hin.
„Wieso? Weiß du wieder mehr als wir?“, fragte Paps, der sich gerade einen Löffel Suppe in den Mund schob.
„Also… ich hatte da ein kleines Gespräch mit Xaver…“
„Seid ihr euch also näher gekommen?“, fragte Donnie frech.
„Muss dich enttäuschen, Bruderherz… er hat eine Freundin.“
Donnie schaute mich grinsend an und meine Eltern schauten recht verwirrt in die Wäsche.
„Irgendwas haben wir verpasst“, raunte dann Paps zu Mum.
„Denkst du? Ich weiß zum Beispiel nicht, was mit unserem Herrn Sohn los ist, seit Tagen verkriecht er sich in seinem Zimmer.“
Boah, musste sie jetzt davon anfangen, ausgerechnet wenn Donnie dabei ist. Meine Laune purzelte wieder ins Unermessliche.
„Würde mich allerdings auch interessieren“, kam es kleinlaut von Donnie.
„Könnten wir bitte das Thema wechseln und nicht gerade am Esstisch davon reden“, sagte ich genervt.
„Gibt es einen besseren Ort als am Esstisch? Jetzt sind wir alle beieinander.“
Ich seufzte. Mein Blick fiel auf Donnie, der mich etwas traurig anschaute.
„… ähm, das ist eine Sache zwischen mir und Donnie… die möchte ich nicht am Esstisch klären. Okay?“
Meine Eltern erwiderten auf meine Antwort überhaupt nichts, sondern aßen ruhig weiter. Einzig Donnie schaute mich mit großen Augen an. Ich konnte den Blick nicht deuten, war es Traurigkeit oder Erstaunen – Verwirrung.
„Und warum will Xaver hier nicht arbeiten?“, fragte plötzlich meine Mum.
„Er meinte, dass er eigentlich studieren möchte und nicht auf dem elterlichen Hof arbeiten möchte“, antwortete ich und nahm mir noch eine Brotscheibe.
„Da steht ihm aber noch einiges bevor. Ich kenn den Severing, der ist sehr von sich eingenommen und setzt seinen Kopf immer durch“, meinte Paps.
„Dann wird es Zeit, dass dies mal jemand ändert“, kam es leise von Donnie.
*-*-*
„So und jetzt sagst du mir bitte was los ist! Die ganze Woche gehst du mir aus dem Weg… vorhin redest du mich plötzlich mit Bruderherz an und dann so eine Ankündigung, du musst etwas mit mir regeln.“
Donnie hatte sich vor mir aufgebaut, oder sollte ich aufgeplustert sagen. Er stand noch immer nur mit Latzhose bekleidet, vor mir.
„Das habe ich gesagt, damit meine Eltern Ruhe geben…“, sagte ich und drehte mich weg.
„Hör mal Kleiner, so geht das aber nicht! Wenn es irgendetwas gibt, dass dich an mir stört, dann raus mit der Sprache.“
Donnie hatte mich am Arm gepackt und herumgezogen.
„Aua… du tust mir weh!“
Entsetzt ließ Donnie los und wich einen Schritt zurück. Ich rieb an meinem Arm, ohne aber meinen Blick von ihm zu lassen.
„Tut mir Leid, Max… das wollte ich nicht.“
Seine Stimme klang plötzlich so komisch, eben total anders. Vorher noch mit fester Stimme, so jämmerlich fast lautlos hörte sie sich jetzt an. Seine Augen waren weit aufgerissen und ich hatte plötzlich das Gefühl, er hätte Angst vor mir.
„Es tut nicht mehr weh und ich bin auch eher erschrocken.“
Mir kam es vor, als würde Donnie innerlich zusammenfallen. Sein Gesicht hatte jegliche Färbung verloren und ich bekam Angst, dass er vielleicht gleich umkippen könnte. Ich stand auf und er wich noch mehr zurück, hob die Hand schützend an.
„Donnie? Was ist mit dir?“, fragte ich.
Er sagte gar nichts, sondern schüttelte nur seinen Kopf und ging noch mehr auf Abwehrhaltung.
Als ich an seinen Arm griff, fuhr er zusammen.
„Bitte nicht wieder schlagen…“, rief er und hielt seine Arme über den Kopf.
„Donnie, was soll das? Ich will dich doch nicht schlagen?“, rief ich entsetzt.
Er sank auf den Boden, hob immer noch die Arme, fing laut an zu schluchzen.
„Donnie, bitte… ich will dich nicht schlagen…“
Ich ging neben ihn auf die Knie, traute mich kaum ihn zu berühren.
„Ich liebe dich doch… ich würde dir nie etwas tun…“, sagte ich mit heiserer Stimme.
Langsam sanken Donnies Arme zu Boden. Er weinte immer noch.
„Tut mir leid Donnie, ich kann nichts für meine Gefühle… ich dachte, es würde mir etwas bringen, wenn ich mich etwas von dir fern halte. Aber das hat meine Gefühle zu dir nur noch bestärkt…“
Was mache ich jetzt nur? Mum und Paps rufen? Vorhin sagte ich noch so großspurig, es wäre etwas zwischen Donnie und mir.
„… ich liebe dich auch…“, hörte ich plötzlich ganz leise Donnies weinerliche Stimme.
Er hob seinen Kopf und ich sah in seine dick aufgequollenen Augen.
„… aber du darfst mich nicht lieben…“
„Warum?“ fragte ich.
„Guck mich doch an… meinst du so etwas kannst du auf Dauer lieben? Irgendwann werde ich sicher für dich zur Enttäuschung… wenn ich es nicht schon bin…“
„Ja, stimmt du hast mich schon einmal enttäuscht oder besser gesagt mich verletzt… aber ich habe dir vergeben, weil ich nun weiß, warum du das gemacht hast.“
Er schaute mich seinen verweinten Augen an.
„Bist du wirklich sicher, dass du das willst? Ich meine… ich werde dein Bruder… auf dem Papier.“
„Und du meinst, dass hält mich davon ab, dich weiter hin zu lieben? Lieber Donatus, ich bin verrückt nach dir, es vergeht keine Sekunde, wo ich nicht an dich denke. Es gibt nichts auf der Welt, das ich nicht mit dir in Verbindung bringen würde.“
Er senkte seinen Kopf.
„Ich… ich habe das nicht verdient… nicht so einen lieben Menschen wie dich.“
„Quatsch! Wer hat dir denn den Floh ins Ohr gesetzt? Jeder verdient nur das Beste.“
Er kicherte leise.
„Du bist das Beste?“, fragte er mit einem schwachen Lächeln.
„Auf jeden Fall, das Beste, was unser Hof zu bieten hat!“
Ich weiß nicht wie lange wir uns in die Augen sahen, noch immer kniete ich neben ihm. Langsam hob er die Hand, die zu meinem Nacken wanderte. Sanft zog er mich zu sich, bis sich unsere Lippen trafen.
*-* Ende *-*

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