Welcome Guest, Not a member yet? Create Account  


Forum Statistics

14 Members,   3,536 Topics,   10,207 Replies,   Latest Member is Stanley


Information Eric Einarson – Das Pompeji – Projekt
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:36 AM - No Replies

Chief Inspektor Eric Einarson. Ich schaute in den Spiegel und musste lachen. Zu meiner Jeans und Sneakers hatte ich ein weißes Hemd mit Kravatte gewählt und darüber eine legere Jacke.
Ich fuhr noch einmal durch meine braun, blond gesträhnten Haare und schnappte mir meine Schlüssel. Wenn ich nicht zu spät in meine neue Abteilung kommen wollte, musste ich mich sputen.
Seit einer Woche war es offiziell und durfte mich Chief Inspektor nennen. Lange genug hatte der Weg dahin gedauert. Und ich war auch froh, von dort wegzukommen, wo ich bisher meinen Dienst absolviert hatte.
Ab heute sollte mein Dienst in Reykjavík, der Hauptstadt von Island beginnen. Jeder fragt sich natürlich, warum gerade Island, wo doch England so groß ist. Ich konnte es keinem richtig erklären, ich wollte einfach weg.
Da kam mir dieses Angebot dieser Stelle in Island gerade recht. Freunde hatte ich sehr wenige und so fiel mir es auch nicht weiter schwer, hier her zu ziehen. Schwieriger gestaltete es sich dagegen mit der Sprache.
Klar ich war in Island aufgewachsen, aber in frühster Kindheit war ich nach England verfrachtet worden, weil mein Vater dort einen lukrativen Job angeboten bekam. Schnell war das isländisch vergessen.
Wie oft raufte ich abends verzweifelt die Haare, weil ich nicht weiter kam. Mittlerweile sprach ich wieder die isländische Sprache, aber mit der Schreibweise stand ich noch auf dem Kriegsfuß.
In Island gab es sogar eine Rune im Alphabeth und weitere entliehener Buchstaben aus dem Lateinischen. Ich hatte das Glück, eine Wohnung in der Nähe der Dienststelle zu bekommen. So lief ich gerade mal zehn Minuten, bevor ich etwas ehrfürchtig meinen neuen Arbeitsplatz betrat.
Am Empfang wurde ich gleich weiter geschickt, obwohl ich nicht mal über einen Dienstausweis verfügte. Sportlich wie ich war, nahm ich die Treppe in den zweiten Stock, wo ich mich bei Chief Superintendent Björndottir melden sollte.
Da es nur eine größere Tür in diesem Flur gab und diese offen stand, lief ich einfach hinein. Ein Großraumbüro wäre übertrieben gewesen, aber dennoch hatte ich sieben Leute vor mir, die an ihren Schreibtisch saßen.
Etwas dahinter, durch eine große Glasscheibe getrennt saß eine… eine Frau. Mir fiel das Namenswesen der Isländer wieder ein. Hier gab es kein Smith, Miller oder Backer, natürlich gab es die auch, waren aber nicht typisch isländisch.
Hier wurden die Vornamen der Väter genommen und Sohn (son) oder Tochter (dottir) dahinter gesetzt. So hieß der Vater meiner neuen Vorgesetzten wohl Björn. So wie ich Einarson hieß nach meinem Vater.
Dies galt eben nur für die echten Isländer, nicht den zugezogenen. Mittlerweile hatte ich wohl Aufmerksamkeit erregt, denn ein Augenpaar nach dem anderen blickte zu mir. Chief Superintendent Björndottir schaute auf und erhob sich. Sie verließ ihren Glaskasten und steuerte auf mich zu.
„Hört mal kurz zu…, darf ich euch Chief Inspektor Eric Einarson vorstellen…, er wird uns ab heute hier zur Seite stehen.“
Ihr Alter konnte ich nur schwer schätzen. Sie trug ihre braunen welligen Haare offen. Ihre stechenden Augen verbarg sie hinter einer dicken Brille, doch mehr Eindrücke konnte ich nicht sammeln, denn sie stand bereits vor mir und hob mir ihre Hand entgegen.
„Chief Superintendent…“, weiter kam ich nicht, denn sie unterbrach mich sofort.
„Eric, ein kleine Regel zum Anfang. Wenn wir so wie jetzt unter uns sind, nennen sie mich bitte Anna, wie alle anderen hier. Falls Kollegen anderer Abteilungen oder Fremde zugegen sind, nennen sie mich Chief…, nicht mehr und nicht weniger.“
Ich nickte.
„Dann werde ich ihnen mal ihre neuen Kollegen vorstellen.“
Ich folgte ihr an den ersten Tisch. Vor mir saß ein Asiate.
„Das hier ist Kriminalinspektor Kim Jonson. Er ist hier geboren und wie sie unschwer erkennen können, ist seine Mutter eine Asiatin und es anzumerken, ein Sprachgenie.“
Kims Gesicht wurde rot und ein Kichern ging durch die Runde.
„Gegenüber sitzt Inspektor Hekla Frieddottir, eine Perle am Computer, aber das werden sie schnell merken.“
Sie nickte mir zu.
„Ein weiterer Computerfreak sitzt am nächsten Tisch. Detective Alexander Nimson! Ist ab und zu schwer einzuschätzen, ob man ihn ernst nehmen soll oder nicht.“
Aus einem allgemeinen Grinsen wurde ein Lachen. Bis auf Alexander, der eine schräge Grimasse zog. Sein Gegenüber stand auf und reichte mir die Hand.
„Detective Stefan Harryson!“
Er stand fast stramm vor mir.
„Unser Mann für den guten Ton“, kam als Anmerkung vom Chief lächelnd.
Am Nachbartisch stand nun ebenfalls ein junger gutaussehender Typ auf und streckte mir die Hand entgegen.
„Sergenant Ari Smith, der jüngste in unsere Gruppe, auch noch nicht lange bei uns.“
„… aber mittlerweile unersetzbar!“, kam es von Alexander.
„Ja, weil ich dir jeden Tag deinen Kaffee holen muss“, entgegnete Ari und setzte sich wieder.
Ich musste nun ebenso grinsen.
„Zu guter letzt unser Geschwisterpaar Detective Chief Inspektor Katrin und Detective Lilja Arrondottir.“
Beide nickten mir lächelnd zu. Nach dem Chief hatte ich den höchsten Rang. Das hatte ich nun nicht erwartet. Das Telefon klingelte und Alexander nahm ab.
„Detective Alexander…, am Apparat…“
Er schaute zu Anna.
„Wo…? Das liegt eigentlich nicht in unserem Zuständigkeitsbereich. Warum ausgerechnet wir?
Er erntete von allen Seiten fragende Blicke.
„Okay…, ich werde es ihr ausrichten…“
Er legte den Hörer zurück.
„Ein neuer Mordfall?“, fragte Lilja.
„Na ja…, wahrscheinlich…“
Anna lief an ihm vorbei, Richtung Glaskasten.
„Alexander…, könntest du mir bitte genau sagen, was los ist.
„Es wurden zwei junge Männer gefunden, beide tot, der eine wahrscheinlich erstochen.“
„Und wo liegt das Problem?“, wollte Anna wissen.
Anna lief an ihm vorbei und nahm ein Blatt entgegen.
„Heimaey“, antwortete Alexander nur und schaute seiner Chefin nach, die abrupt stehen blieb.
Ich wollte schon fragen was er meinte, als mich Anna ansah.
„Eric…, sind sie Flugtauglich?“
„Ähm… ja… warum fragen sie?“
„Ari, gibt der Flugcrew Bescheid, dass wir in zehn Minuten starten wollen und gib Heimaey an…, Alexander…, Katrin und Kim kommen auch mit!“
Plötzlich wurde es hecktisch. Anna lief in ihren Glaskasten und holte Jacke und Tasche. Sie blieb vor mir stehen.
„Auf junger Mann… ihr erster Einsatz!“
*-*-*
Noch im Treppenhaus drückte mir Alexander eine Schwimmweste und Kopfhörer mit Mikro in die Hand. Verwundert folgte ich der Truppe die Treppe hinauf. Wenig später stieß Anna eine Metalltür auf und trat ins Freie.
Wir befanden uns auf dem Dach der Polizeistation und ein Helikopter kam in Sicht. Mir wurde es etwas mulmig. Mit flugtauglich dachte ich eher an Flüge mit dem Flugzeug. Der Rotor begann sich langsam zu drehen und alle liefen eilig zu der offenen Kabinentür.
So wie die anderen stieg ich ein und ließ mich auf einen Sitz fallen. Ich beobachtete, wie die anderen ihre Schwimmweste anzogen, den Kopfhörer aufzogen, so tat ich es ihnen gleich. Kaum hatte ich meinen Gurt festgezogen, zog der Helikopter auch schon nach oben.
Anna sagte etwas, aber ich konnte sie nicht verstehen. Kim neben mir, lächelte mich an, griff nach dem Kabel meines Kopfhörers und steckte den Stecker in die Buchse, etwas neben mir in Kopfhöhe.
„So, verstehen sie mich jetzt, Eric?“
„Ja.“
„Ich denke sie werden verwundert sein, dass wir über einen Helikopter verfügen, aber er ist nur Mittel zum Zweck. So erreichen wir manche Tatorte schneller.“
Ich nickte.
„Eric, sagte ihnen das Pompeji-Projekt etwas?“
„Pompeji-Projekt?“
„1973 brach auf Heimaey überraschend dicht an der Stadt ein Vulkan aus. Die Bevölkerung wurde schnell evakuiert, aber auch nur, weil die komplette Fischerflotte, wegen eines Sturmes am Vortag im Hafen lag. Mehr als 100 Häuser wurden von den Lavaströmen zerstört oder überrollt.“
„Davon habe ich gehört ja.“
„Das Pompeji-Projekt, das ich eben erwähnte begann 2005. Zehn Häuser sollten vorsichtig ausgegraben werden und später für die Öffentlichkeit als Museum zugänglich gemacht werden.“
„Und was hat das mit unserem Fall zu tun?“, fragte Katrin.
„In einem dieser Häuser wurden bei den Ausgrabungen wohl zwei junge Männer gefunden.“
„…das heißt, sie liegen da seit 1973?“, fragte ich.
Anna schüttelte den Kopf.
„Nein, es sind frische Leichen, wenn ihr das meint, die man heute Morgen bei Arbeitsbeginn auf der Ausgrabungsstätte gefunden hat.“
„Bisher wurde noch jemand als vermisst gemeldet“, kam es plötzlich von meiner Seite.
Kim hatte sich zu Wort gemeldet.
„Ja, ich weiß“, antwortete Anna, „aber man weiß ja nie, ob vielleicht Fremde oder Einheimische sind.“
„Und warum wird nach uns gefragt?“, fragte nun wieder Katrin.
Anna schaute kurz durch das kleine Sichtfenster nach draußen. Sie atmete tief durch.
„Eins dieser zehn Häuser war mein Elternhaus…“
*-*-*
Nach knapp mehr als einer Stunde, setzte der Helikopter zur Landung auf. Ich konnte zwei Leute sehen, die am Rande des Landeplatzes standen. Die Anderen stöpselten sich ab, zogen die Kopfhörer herunter und öffneten ihre Schwimmwesten.
So machte ich dies auch. Die Tür wurde aufgezogen und einer nach dem anderen verließ den Helikopter.
„Ach bevor ich es vergesse…“, wandte sich Anna zu mir und hielt mir einen kleine Plastikkarte entgegen, „herzlich Willkommen in meiner Abteilung und diese sollten sie auch immer bei sich tragen“, und überreichte mir eine Waffe.“
Ich schaute die Karte an und sah, dass es sich um meinen neuen Dienstausweis handelte. Jetzt wusste ich, wo mein Lichtbild abgeblieben war, dass man von mir verlangte. Bei der Waffe handelte es sich um eine Glock-Pistole aus Österreich.
Mein damaliger Tutor in England hatte eine Vorliebe für Waffen, so konnte ich Einiges bei ihm lernen. Zu meiner Überraschung zauberte meine Chefin auch noch ein Gurthalfter hervor. Ich zog schnell meine Jacke aus, die freundlicherweise Kim entgegen nahm und legte den Gurt an. Schnell war die Waffe verstaut und die Jacke wieder darüber. Anna wandte sich zu den Männern die herbei geeilt waren.
„Chief Superintendent Anna Björndottir…, sie haben nach uns verlangt?“, sprach sie einen der Männer an, die uns empfingen.
„Ja! Superintendent Egill Holmson. Folgen sie mir bitte, der Wagen steht für sie bereit.“
Die anderen folgten schweigsam ihrer Chefin. So bestiegen wir wenige Minuten später zwei Wagen. Anna stieg mit den zwei Männern in den ersten Wagen, während wir vier mit dem zweiten Wagen vorlieb nahmen.
Kim und Katrin saßen mit mir auf der Rückbank, während Alexander es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht hatte. Wir durchfuhren die kleine Hafenstadt und bald kamen die ehemaligen Lavafelder in Sicht.
„Du weißt schon, dass das eigentlich Erics Platz ist“, sagte Katrin plötzlich zu Alexander, während der Wagen sich in Bewegung setzte.
„Warum?“, fragte ich.
„Du hast den höheren Rang!“
Ich schaute sie lächelnd an.
„Ist es wichtig, was für einen Rang ich habe?“
Sie legte ihre Stirn in Falten und begann zu lächeln.
„Damit habe ich sicher keine Schwierigkeiten“, sprach ich weiter, „und das wird auch so bleiben. Ich habe schon gemerkt, dass ich hier nach Anna der Ranghöchste bin, was mich ehrlich auch verwundert hat, aber so etwas ist mir zu wider, dass ständig heraus hängen zu lassen.“
Alexander drehte sich herum.
„Warum?“, wollte er wissen.
„Weil dies an meiner vorigen Arbeitsstelle Gang und Gebe war.“
„Bist du deswegen hier her gekommen und warst du schon mal hier?“, wollte Kim neben mir wissen.
„Ja und nein, ja, ich bin in Island geboren, aber zog mit meinen Eltern als Kleinkind nach England.“
„Dann beherrschst du sicher die englische Sprache!“, sagte er im guten akzentfreien Englisch.
„Ja klar“, antworte ich ihm, während ich merkte, dass mich die anderen komisch ansahen.
„Alexander, ich habe dir gesagt, lerne englisch… dass ist Weltsprache“, meinte Kim, wieder ins Isländisch verfallend, zu Alexander, der leicht verärgert sich wieder nach vorne wandte.
„Die Stelle hier wurde mir angeboten und weil es auf meiner alten Dienststelle nicht so rosig lief, nahm ich es gerne an.“
„Familie und Freunde?“, fragte Kim neugierig weiter.
„Freunde fast gar keine und Familie, meine Eltern und ich sind getrennte Wege gegangen.“
Eigentlich wartete ich jetzt auf ein „Warum“, aber es kam keins.
*-*-*
Die Gegend änderte sich abrupt, plötzlich gab es keine Häuser mehr nur noch Büsche und niederes Gras. Hier war damals also der Lavastrom durchgeflossen und hatte einen Teil der Stadt zerstört.
Der Wagen holperte etwas, die Straße schien nur behelfsmäßig zu sein. Seit dem anfänglich kurzem Gespräch wurde nichts mehr geredet, jeder war irgendwie mit sich selbst beschäftigt, oder ob es an mir lag?
Der Wagen vor uns wurde langsamer und es erschienen Holzgebäude und Baugeräte.
„Wir scheinen da zu sein“, meinte Alexander und löste bereits seinen Sicherheitsgurt.
Unser Wagen hielt. Ich schob die Tür auf und trat ins Freie. Es war recht kühl und ein leichter Wind ging. Während die anderen ausstiegen beobachtet ich Anna. Sie schaute sich um und redete immer noch mit den zwei Männern.
Alexander setzte sich in Bewegung und lief auf sie zu.
„Wunder dich nicht über Alexander.“
Katrin sah mich an.
„Er ist immer etwas forsch und zu neugierig.“
Das sagte sie mit einem Lächeln, was erneut eine Frage in mir aufwarf. Wusste sie über mich Bescheid, so von wegen weibliche Intuition und so, oder hatte meine neue Chefin meine Akte frei zugänglich gemacht.
Aber das wiederum konnte ich mir nicht vorstellen. Es war so wieso ein Ärgernis, dass in meiner Akte, ein Vermerk über mein Privat und Liebesleben gemacht worden war, was niemand etwas anging.
In der vorigen Abteilung war allgemein bekannt, dass ich mich mehr nach der Männerwelt orientierte, was aber auch ein Nachteil war, weil ich ständig damit aufgezogen wurde, auch ab und zu weit unter der Gürtellinie.
Ich schüttelte leicht den Kopf und verwarf alle diese Gedanken. Dies hier war ein Neuanfang.
„Ist etwas?“, fragte Kim neben mir.
„Nein wieso?“, fragte ich zurück.
„Du scheinst sehr im Gedanken, deine Augen schauen traurig, deine Hände zittern.“
Katrin wandte sich nun auch zu mir.
„Anna hätte dir wohl bei Kim auch sagen sollen, dass er immer sehr genau sein Gegenüber beobachtet und sie mit seiner Direktheit, oft konfrontiert.“
„Nein, es ist schon in Ordnung…, eben noch alles sehr neu.“
Damit dachte ich eigentlich, wäre dieser Punkt vom Tisch.
„Wenn etwas ist, sprech mit einfach an“, meinte Kim neben mir und klopfte mir leicht auf die Schulter.
„Das Gleiche gilt für mich auch“, kam es von Katrin.
Sollte ich wirklich so viel Glück haben und anständige Kollegen haben.
„Hat Anna euch meine Akte gegeben?“, fragte ich frei raus.
Beide blieben stehen und schauten mich an.
„Warum sollte sie?“, fragte Katrin.
„Damit ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt.“
„Hör mal Eric, so läuft dass bei uns nicht. Sie hat uns lediglich zu verstehen gegeben, dass wir einen neuen Kollegen bekommen, damit unsere Abteilung komplett ist. Jeder hat irgendwie ein Spezialgebiet, bei dem er sich gut auskennt. Gemeinsam ziehen wir da alle Nutzen daraus.“
Damit kam die nächste Frage auf. Welches Spezialgebiet hatte ich?
„Kommt ihr?“, rief uns Alexander zu.
So nahm dieses Gespräch abrupt ein Ende. Wir folgten Anna und Alexander auf die Baustelle. Ich war verblüfft, als die befreiten Häuser in Sicht kamen. Eigentlich ging ich davon aus, dass es mehr oder weniger sich um mehrere Ruinen handelte, aber hier standen komplett aufgebaute Häuser.
Eins davon war mit Sperrbändern versehen, die wir nun passierten. Mein Gehirn arbeitete mittlerweile auf Hochtouren. Nur weil Anna hier mal gelebt hatte, wurden sie und ihre Truppe außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches hergerufen.
Mit etwas mulmigem Bauchgefühl betrat ich das Haus. Auch hier war ich überrascht. Teile der Zimmer waren eingerichtet und gänzlich sauber.
„Hier“, hörte ich einen der Männer sagen und Anna betrat als erstes den Raum.
„Wir haben nichts verändert.“
Mittlerweile hatten Katrin und ich ebenso die Tür zum Zimmer erreicht. Auf dem Boden waren zwei Körper mit einer Plane abgedeckt, die gerade hochgehoben wurde. Ich traute meinen Augen nicht.
Auf der Stelle drehte ich mich um und eilte aus dem Haus. Draußen angekommen, atmete ich tief durch. Sollte das mein Spezialgebiet sein?
„Der Anblick ist wirklich nicht schön“, hörte ich plötzlich Anna neben mir, „gehen wir ein Stück.“
Wir liefen die Häuserfront langsam ab.
„Eric, ich möchte ehrlich sein. Ein guter Bekannter, der ebenfalls an ihrer ehemaligen Abteilung arbeitet, hat mir ihren Fall geschildert. Ich ließ mir ihre Akte kommen und wurde neugierig auf sie.“
„Auf mich? Was ist so interessant an mir?“
Ich wusste, dass ich leicht ärgerlich geklungen hatte, aber dafür wollte ich mich jetzt nicht entschuldigen.
„Eric, wie sie wissen, ist unsere Abteilung für Fälle zuständig, die sich bei Randgruppen und Minderheiten ereignen, und so gehört dieser Fall ebenso in unseren Zuständigkeitsbereich.“
„Sie wussten das von Anfang an… oder?“
Ich schaute ihr direkt in die Augen.
„Ich weiß vieles, Eric, aber ich bin nicht allwissend. Das die beiden Männer in einer verfänglichen Haltung vorgefunden wurden, überraschte selbst mich, auch wenn sie jetzt mit einem Schwert durchbohrt, wie ein Sandwich auf dem Boden liegen.“
Sie wusste also, dass ich schwul war und dachte wohl, dass ich dadurch meine Hilfe beisteuern konnte.
„Eric…“, sie schaute sich kurz um, „ihr Liebesleben ist mir schlichtweg egal. Ich wollte sie in meiner Abteilung, weil sie ein interessanter Mensch sind, der durch seine Ausgeglichenheit, seinem Verstand mit Herz und seiner Vernunft eine gute Hilfe für unsere Truppe ist.“
„Aber…, sie kennen mich doch überhaupt nicht… woher…?“
„So hat sie ihr Kollege beschrieben, der sehr große Stücke auf sie hält.“
Angestrengt überlegte ich, wer das sein konnte.
„Machen sie sich jetzt keine Kopf, wer oder was sie hier her gebracht hat. Sie sind jetzt ein Mitglied meiner Abteilung und ich erwarte…, ihre volle Unterstützung, mit welcher Hilfe auch immer.“
Ich nickte und bemerkte, dass Alexander auf uns zu geeilt kam. Anna folgte meinem Blick.
„Chief, dies scheint nicht der erste Mord… ähm an…“
„An Homosexuellen?“, fragte ich und sah, dass mich Anna kurz schmunzelnd beäugte.
„Ähm ja… es ist schon das dritte Pärchen.“
„Das Dritte?“, fragten Anna und ich gleichzeitig.
Alexander nickte. Anna sah auf ein Haus und schien sich in ihren Gedanken zu verlieren.
„Alexander…“, sagte sie plötzlich.
„Ja?“
„Sie fordern von den Kollegen alle Unterlagen an, auch von den beiden anderen Fällen. Kim soll sich um eine Unterkunft für uns bemühen und Katrin… ach du weißt schon. Zahnbürste und so Zeug, eventuell etwas zum wechseln.“
„Okay…, wir bleiben über Nacht?“
„Richtig erfasst Alexander.“
Alexander lief ohne weitere Worte zum Tatort zurück. Ich folgte Annas Blicke, die wieder zu diesem Haus schweiften.
„Haben sie hier gelebt?“
Anna nickte.
„Aber nicht lange. Als ich ins Schulpflichtige Alter kam, verkauften meine Eltern das Haus und wir zogen aufs Festland.“
„Also haben sie noch genügend Erinnerung an hier?“
„Klar, auch wenn die Gegend jetzt total anders aussieht, es hängen hier noch viele Erinnerungen in meinem Gedächnis fest. Aber dass ist Vergangenheit, die man nicht mehr ändern kann und ruhen lassen sollte.“
Bei den letzten Worten schaute sie mich durchdringend an.
„Anna, sie sagten, dass wir für Randgruppen zuständig sind.“
„Ja.“
„Warum, werden wir jetzt aber erst zu diesem dritten Mord hinzugezogen?
Sie schaute mich fragend an.
*-*-*
Mit einer Tüte bewaffnet, betrat ich das Zimmer und schaute mich um. Jemand stieß gegen meinen Rücken.
„Hoppla, warum bleibst du stehen“, hörte ich hinter mir.
Ich drehte mich um und Kim stand hinter mir. Ich sah zwei Betten im Zimmer, so schien ich es mit ihm zu teilen.
„Kommt es öfter vor, dass wir bei Fällen wo übernachten?“
„Meist nur, wenn es der Fall erfordert. Aber das kommt meist auf Anna an, sie hat ein Gefühl dafür, wenn etwas mehr Zeit braucht. Welches Bett?“
„Hm?“
„In welchem Bett du schlafen willst?“
„Das ist mir egal…“
„Okay, dann nehme ich das am Fenster.“
Kim steuerte auf das Bett zu und warf seine Tüte auf das Bett.
„Wartet auf dich zu Hause jemand?“, fragte Kim.
„Nein…wieso?“
„Dann hättest du jetzt Zeit die zu verständigen, den spätestens in einer Viertelstunde wird Alexander hier erscheinen und uns zusammenrufen.“
„Okay.“
Ich schaute in die Tüte. Zahnbürste, Zahncreme und Duschsachen, alles war vorhanden. Mit frischer Wäsche konnten sie nicht aufwarten. Woher auch, es kannte niemand meine Größe. Ich stellte die Tüte in das kleine Regal ab und verließ das gemeinsame Zimmer mit Kim wieder um Anna aufzusuchen.
Wie vermutet hatte sie ein Zimmer für sich alleine. Ich klopfte an ihrer Tür.
„Ja?“, hörte ich es von drinnen.
„Hier ist Eric…“
„Kommen sie herein.“
Ich öffnete die Tür und fand Anna an einem Tisch sitzend vor.
„Gut, dass sie kommen, Eric. Ich habe mir ihre Frage von vorhin noch einmal durch den Kopf gehen lassen und ich gebe ihnen Recht, es ist komisch, dass wir nicht informiert wurden.“
Sie zeigte auf den leeren Stuhl neben sich. Ich setzte mich zu ihr.
„Ich habe einige Telefonate getätigt“, sprach sie weiter, „also die Akten wurden an uns geleitet, wurden aber anscheinend auf dem Transport zu uns abgefangen, ebenso die Mitteilung, dass Morde geschehen waren, wurde unterbunden.“
„Wie kann so etwas sein?“, fragte ich ungläubig.
„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht Eric. Irgendwer hat da die Finger drauf…, aber ich werde schon heraus kriegen, wer das ist.“
Ich wollte noch etwas sagen, da klopfte es an der Tür.
„Ja?“, rief Anna.
„Wir treffen uns in fünf Minuten in der Lobby, Anna“, hörte ich Alexanders Stimme.
„Gut wir kommen“, rief Anna und seufzte.
Sie hatte wir gesagt, ob Alexander wusste, dass ich bei ihr war? Anna beugte sich nach vorne und zog ihre Schuhe an.
„Die Dinger bringen mich irgendwann einmal um.“
„Warum besorgen sie sich keine Laufschuhe?“, fragte ich lächelnd.
„Ich nehme es mir immer wieder vor, aber es kommt immer wieder etwas dazwischen.“
*-*-*
Als ich mit Anna unten eintraf, saßen alle schon auf der kleinen Sitzgruppe neben dem Eingang versammelt. Ich folgte Anna und setzte mich wie sie dazu. Mir blieben die skeptischen Blicke von Alexander nicht verborgen.
„Also, was haben wir?“, fragte Anna und riss mich aus den Gedanken.
„Also bei den zwei Toten“, begann Katrin, „ handelt es sich um zwei Touristen aus Rangärding eystra, wurden aber bisher nicht als vermisst gemeldet.“
„Das gleiche gilt für die anderen zwei Paare, also bisher nicht als vermisst gemeldet und ebenso von der Küste vor Heimaey. Es handelt sie hierbei um zwei Frauen und zwei Männer, Zusammenhänge habe ich bisher noch keine gefunden. Vielleicht noch…, einer der Männer, naja eher der jüngere, gerade achtzehn, ist Aktenkundig.“
„Aktenkundig?“, fragte ich, bevor es Anna tun konnte.
„Ja, er wurde aufgegriffen, als er sich als Strichjunge anbieten wollte, das war vor ungefähr vier Jahren.“
„Mit vierzehn?“, fragte Alexander entsetzt.
„Bevor du irgendwelche falschen Schlüsse ziehst, Alexander, du weißt nichts von seinem Umfeld“, warf Anna ein und nahm Alexander so den Wind aus den Segeln.
Ich schaute mir Alexander genauer an und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit diesem Herrn noch Ärger bekommen würde. Unsere Blicke trafen sich, doch ich hielt seinem Blick stand.
Anna schien diese kleine Aktion mitzukriegen und begann erneut zu sprechen.
Alexander, Kim und Katrin, ihr habt eure Aufgabe, Eric, sie kommen mit mir“, befahl sie und stand auf.
Ich tat es ihr gleich und folgte ihr nach draußen. Wir waren einige Schritte gegangen, als sie stehen blieb.
„Eric, was ich nicht in meiner Truppe haben will, sind Rivalitäten zwischen meinen Mitarbeitern. Ich weiß, Alexander ist ein Hitzkopf und spielt oft gerne das Alphamännchen, aber ich bitte sie, seien sie etwas nachsichtig mit ihm, auch wenn er ihnen jetzt recht eisig vorkommt.“
Ich bewunderte die Frau, wie sie so schnell dies alles erfasst hatte. Ohne auf ein Kommentar von mir zuwarten, sprach sie einfach weiter.
„Auch ist mir nicht entgangen, dass Alexander da etwas mit sich herum schleppt und den Platzhirsch nur spielt…“
„Was meine sie…?“
Sie lief einfach weiter.
„Das werden sie noch heraus finden. Darf ich sie etwas Privates fragen?“
Sie drehte sich zu mir um, während ich sie eingeholt hatte.
„Ja…, natürlich.“
„So natürlich ist es nicht!“
„Ich habe da kein Problem damit, Anna.“
„Okay… auf was für einen Typ Mann stehen sie?“
Grinsend sah sie mich an und ich verstand.
„…hm, keine leichte Frage…, aber Alexander ist absolut nicht mein Typ!“
„Gut, dann wäre auch diese Frage geklärt.“
Sie schaute wieder nach vorne.
„Sie möchten keine Beziehungen in ihrem Team?“
Sie lachte.
„Dass habe ich nicht gesagt, aber bevor sich ein Drama bildet, hätte ich gerne klare Linien abgesteckt.“
„Keine Sorge“, lächelte ich und sah einen Laden auf der gegenüberliegende Seite der Straße.
„Anna, hätten wir noch eine viertel Stunde Zeit, bevor wir uns weiter in die Ermittlungen stürzen?“
„Ja…, wieso?“
„Kommen sie einfach mit.“
*-*-*
„Eric, sie sind verrückt, aber ich gebe zu, meine Füße haben sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt, ich spüre die Schuhe kaum.“
Ich musste grinsen, als wir den Schuhladen gemeinsam verließen. Ich hatte sie hier her geschleppt, denn es gab bei Laufarbeiten nichts Schlimmeres als schmerzende Füße.
„So, aber nun gehen wir auf das Revier, wir werden sicher schon erwartet“, meinte sie und setzte ihren Weg von vorhin fort.
Dies war wohl eine Fehlvermutung, wie sich später heraus stellte. Ich hatte noch nie einen so kühlen Empfang erlebt, wie auf dieser Dienststelle. Es erinnerte mich stark an meinen letzten Arbeitsplatz.
Nachdem Anna dem wachhabenden Offizier ihre Dienstmarke unter die Nase gehalten hatte, wurden wir endlich zum Chief der Station geführt. Sein Büro entpuppte sich als kleiner Raum und das Fenster, war nicht der Name wert, welches etwas Tageslicht ins Zimmer fallen ließ.
„Chief Superindent Björndottir, was verschafft mir die Ehre?“, begrüßte er Anna mit Handschlag und musterte mich kurz.
Ihr war dieser Blick nicht entgangen.
„Das ist mein Kollege Chiefinspektor Einarson und wir sind gekommen, weil sie uns ja wohl gerufen haben.“
Die Stimmung im Zimmer sank auf den Gefrierpunkt.
„Das ist wohl ein kleines Missverständnis und auf die Unwissenheit eines unserer neuen Sergenant zurückzuführen, der fälschlicherweise den falschen Dienstweg gegangen ist.“
Was war das hier? Streitigkeiten über den Zuständigkeitsbereich. Ich kam mir vor, wie im Kindergarten.
„Aber da wir jetzt schon einmal da sind, können sie unsere Hilfe doch sicher gebrauchen?“
Der leichte Ton von Sarkasmus schwebte durch das Zimmer und war nicht zu überhören.
„Aber sicher doch.“
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass noch zwei ähnlich gelagerte Fälle anstehen.“
Die Augen des Chiefs verengten sich.
„So? Das ist mir neu, was meinen sie damit?“
„Die Morde an zwei Paaren…“
„Na ja Paare würde ich sie nicht nennen, es handelt sich schließlich um zwei Frauen und zwei Männer.“
Erwischt, also wusste er doch darüber Bescheid und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wurde ihm sein Fehler gerade bewusst.
„Wäre es denn möglich, die Akten dieser beiden Fälle einzusehen?“
„Ich werde meinem wachhabenden Offizier Anweisungen geben, ihnen die Akten zukommen zu lassen.“
„Danke.“
Wir verabschiedeten uns beide von ihm und verließen dessen Büro.
„Was war das jetzt?“, fragte ich.
Anna hielt kurz inne.
„Ich weiß es nicht, aber ich denke, wir werden es heraus finden. Jedenfalls ist das Verhalten auf dieser Station, mehr als komisch. Komm lass uns die Akten holen und dann verschwinden.“
*-*-*
Ich saß nun schon zwei Stunden über den Akten und wurde daraus nicht schlau.
„Entweder war hier jemand unheimlich faul, oder es wurde schlampig gearbeitet“, gab ich von mir und sah auf.
Wir hatten uns in dem Hotel einen kleinen Nebenraum angemietet. Der kleine Konferenztisch war mit Papieren verdeckt. Anna sah mich an, während sich die Tür zum Raum öffnete. Kim kam mit einem weiteren Stapel Papier herein.
„Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat“, entschuldigte sich Kim.
Nach ihm traten Alexander und auch Katrin ein, sie setzten sich zu uns.
„Es ist leichter an Daten der Queen von England zu kommen, als über die Station von hier etwas zu erfahren.“
„So?“, grinste ihn Anna an.
„Ich habe mich mit einigen Kollegen unterhalten, soweit das möglich war“, kam es von Alexander, „der Sergenant, der als erstes am Unfallort war, wurde wegen Unwohlseins beurlaubt, so sagte man mir es auf alle Fälle.“
„Das wundert mich nicht“, kommentierte Anna.
Sie schien kurz zu überlegen und sah uns wieder an.
„Ich habe meine Meinung geändert. Katrin bitte wickle alles Formelle mit dem Hotel ab und Kim du forderst bitte den Helikopter an.“
„Wir bleiben nicht?“, fragte Alexander, die Frage, die sich wohl jetzt selber stellte.
„Nein, denn ich denke, wir können hier im Augenblick nichts weiter ausrichten.“
*-*-*
Als wir wieder im Büro eintrafen, sah ich, dass sich der Stand der Möbel etwas verändert hatte und dicht neben Annas Büro sich nun ein weiterer Schreibtisch befand. Darauf prangte mir mein Namensschild entgegen.
Anna lächelte mich kurz an und betrat ihr Büro. Ich umrundete den Schreibtisch und ließ mich auf dem Bürostuhl nieder. Hekla kam zu mir und überreichte mir einen kleinen Hefter.
„Hier stehen alle unsere privaten Adressen drin, unsere Mailadressen und Telefonnummern. Gleich auf der ersten Seite befindet sich deine Mailadresse und ein Zugangswort, dass du nach betreten deiner Mailbox bitte änderst.“
„Danke…, aber warum eure private Adressen?“
„Es ist immer gut zu wissen, wo die Kollegen wohnen, meist, wenn sich etwas Dienstliches ergibt und keiner hier ist. Es wäre nett von dir, wenn du uns deine Adresse und Telefonnummer hinterlässt.“
„Aber sicher doch… Moment. Ich griff in die Brusttasche meiner Jacke und zog mein kleines schwarzes Büchlein hervor, das ich immer bei mir trug. Ich blättere durch die Seiten, wo ich meine neue Adresse und Handynummer aufgeschrieben hatte.
„Hier, schreib es gleich ab“, meinte ich und gab es ihr, ohne darüber nach zudenken, ob sie vielleicht eventuell den Rest des Inhaltes lesen würde.
„Danke“, meinte sie, ging an ihren Arbeitsplatz zurück.
Sie setzte sich und tippte anhand meines Notizbuches meine Daten ein. Wenig später stand sie wieder vor mir und gab mir mein Eigentum zurück.
„Ich habe an alle hier im Büro eine Mail geschickt, so hat es jeder.“
Ich nickte und steckte das Notizbuch wieder zurück in die Jackentasche. Ich griff nach der Maus und der Bildschirmschoner, Bilder aus der Gegend hier, wandelte sich auf meine Benutzeroberfläche.
In der Mitte öffnete sich ein kleiner Kasten und meine Mailadresse und Passwort wurden verlangt. Ich griff nach dem Ordner und lass diese, um sie wenig später einzugeben. Ein weiter Kasten öffnete sich.
Die Frage, ob ich mein Passwort ändern wollte erschien und ich klickte auf ja. Ein weiteres Feld erschien, wo das neue Passwort eingeben werden sollte und noch mal mit dem identischen Passwort bestätigt werden musste.
Ich überlegte kurz und musste grinsen. Ich gab meine Zahlen und Buchstabenkombination zweimal ein und bestätigte. Eine Mittteilung über das Speichern meines Passwortes erschien kurz.
Nun hatte ich freie Sicht auf mein Arbeitsfeld. Neben diversen Ordnern fand ich einen der mit Aktuell betitelt war. Ich klickte ihn an und sogleich öffnete sich ein neues Fenster, das wiederum mehrere Ordner zeigte.
Anscheinend war man hier sehr fleißig, denn ich konnte verschiedene Daten entdecken, die wir auf der Insel ermittelt haben. So öffnete ich erneut die Daten der Toten, die ich bereits auf der Insel beäugt hatte.
Mir fiel die Datei des jungen Mannes ins Auge, der schon Aktenkundig war. Ich öffnete seine Ordner und mehrere Seiten von Informationen prangten mir entgegen.
„Kim kannst du kurz kommen?“, hörte ich Anna rufen und schaute kurz auf.
Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich Kim und ging zu Anna. Ich widmete mich wieder der geöffneten Seite. Mutter früh verloren, wuchs bei seinem Vater auf, der später wieder heiratete.
Als sich bei dem Paar Nachwuchs einstellte, wurde er schlicht weg vor die Tür gesetzt. Danach schien er wohl abgerutscht zu sein, denn etwas später wurde er dann als Stricher aufgegriffen.
Vierzehn Jahre. Alexander hatte schon Recht, er war sehr jung. Ich schaute auf und sah die anderen emsig an ihren Computer arbeiten.
„Weiß jemand vielleicht, wer den Fall des Jungen bearbeitet hat, oder ihn verhaftet, kann ich dass irgendwo nach lesen?“, fragte ich in den Raum.
„Rechts oben, siehst du einen Quervermerk mit Nummer“, antworte Alexander, „einfach anklicken und du findest alle uns bekannten Daten.“
„Danke“, meinte ich und befolgte Alexanders Ratschlag.
Sogleich ging ein Fenster auf und nach kurzen lesen, stellte ich auch hier fest, dass der, der sich damals die Mühe machte, Daten einzugeben, entweder schlampig, oder zu faul war. Ein Verdacht kam in mir auf und mir lief es kalt den Rücken herunter.
Bilder und Erinnerungen aus meiner alten Dienststelle kamen auf. Ich stand auf und lief zu Anna, deren Büro gerade von Kim verlassen wurde. Ich schloss hinter mir die Tür, was mir sofort ihre Aufmerksamkeit einbrachte.
„Die Tür wird selten geschlossen, außer…, diesen Raum soll nichts verlassen.“
Ich schaute kurz zu den anderen, die alle auf mich starrten. Wieder auf Anna schauend, zeigte sie auf den Stuhl ihr gegenüber. Ich setzte mich.
„Es tut mir Leid, wenn ich gleich an meinem ersten Tag hier…“
„Keine Entschuldigungen!“, unterbrach mich Anna, „sie werden sicher einen Grund haben, oder?“
Ich nickte.
„Also, dann schießen sie mal los!“, meinte sie und lehnte sich zurück.
„Sie werden sicher wie ich gemerkt haben, dass alle Informationen über die Opfer, oder generell, was diese Fälle betrifft, sehr nachlässig oder Lückenhaft geführt wurden.“
„Ja, und?“
„Es erinnert mich stark an meine alte Dienststelle. Ich möchte jetzt niemandem etwas unterstellen, aber die Einträge hinterlassen bei mir den Eindruck, dass die Offiziers dort selbst etwas mit der Sache zu tun haben.“
„Starker Tobak, aber wie kommen sie darauf?“
„Wie gesagt, gab es Fälle bei uns, wo die Einträge genauso stümperhaft geführt wurden. Sie häuften sich und es wurde eine Sonderermittlung beantragt.“
„Intern, oder von dem dortigen Personal?“
„Intern…, wurden von Deputy Chief Constable Gordon Fisher durchgeführt.“
Ich konnte ein kurzes Lächeln auf ihren Lippen erkennen.
„Er…?“, fragte ich nur und sie nickte.
Jetzt fiel es mir wieder ein. Gordon hatte mich zu dieser Ermittlung abkommandiert und mich so zusagen aus dem Schussfeld der Kollegen genommen. Es hatte sich anscheinend herum gesprochen, dass ich oft den Angriffen meiner Kollegen ausgesetzt war.
Irgendwie hat er sich auch die ganze Zeit rührend um mich gekümmert und so etwas wie ein väterlicher Freund geworden. Ich atmete tief durch, da ich nun wusste, wer sich so positiv über mich geäußert hatte.
„Er hat sie angefordert…, zu diesen Ermittlungen, oder?“
Dieses Mal nickte ich.
„Und was ist bei den Ermittlungen heraus gekommen?“
„Dass mindestens vier meiner Kollegen daran beteiligt waren, sich an Ausländern… oder auch Schwulen zu vergreifen…“
„Was passierte mit den vier Herren?“
„Drei Herren, eine Dame…“
Annas Augenbraun wanderten kurz nach oben.
„Suspension…, Gerichtsverhandlung. Die drei Kollegen sitzen hinter Gitter, die Kollegin wurde nur mit einer Bewährungsstrafe belangt, obwohl ich mir bis heute sicher bin, dass sie der Kopf der Bande war.“
„Bande?“
„Entschuldigen sie den Ausdruck, aber es war geplantes Handeln.“
„Und warum bekam sie nur Bewährung?“
„Weil wir ihr nichts Direktes nachweisen konnten“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Und das hat sie nicht gerade beliebter gemacht, dass sie in dieser Sonderermittlung tätig waren.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Und jetzt hegen sie den gleichen Verdacht, bei dieser Untersuchung?“
„Ja!“
„Ich gebe zu, diesen Gedanken auch schon gehabt zu haben, aber nun, wo sie diesen Verdacht teilen, sollten wir dieser Spur nach gehen.“
„Anna…, bevor wir diese Ermittlungen starten…“
„Sie haben Angst, dass hier genauso etwas passieren kann, wie in ihrer alten Dienststelle?“
Ich nickte und krempelte meinen linken Ärmel hoch. Sie sah die Narbe auf meinem Arm.
„Was ist das?“
„Eine lautstarke Auseinandersetzung mit Kollegen und einer zerbrochenen Bierflasche.“
„Aha…“, meinte sie nur und ließ ihren Blick zu den anderen wandern.
Sie stand auf, griff nach der Türklinke, wandte sich dann aber wieder zu mir.
„Eric, es ist Zeit die Fragen ihrer Kollegen zu beantworten, die auf deren Seelen brennen, sind sie bereit dazu?“
Wieder atmete ich tief durch und krempelte meinen Hemdsärmel hinunter.
„Ich bin mir nicht sicher.“
„Vertrauen sie mir?“
„Ja!“
„Oh, das war eine klare, schnelle Antwort und freut mich.“
Sie öffnete die Glastür und trat nach draußen.
„Fahrt eure Computer herunter…, in zehn Minuten unten auf dem Parkplatz.“
„Wo geht es hin?“, fragte Alexander.
„Zu mir…!“
„Oh…“
Sie kam wieder herein und griff nach ihrer Tasche.
„Eric, sind sie mit ihrem Wagen da?“
„Ich habe noch keinen eigenen Wagen und zudem wohne ich nur zehn Minuten von hier weg.“
„Gut, dann fahren sie mit mir.“
*-*-*
Eine viertel Stunde später, saß ich in einem Ford Kuga, neben Anna. Forsch steuerte sie den Wagen durch die Stadt. Die anderen folgten uns in ihren Privatwägen.
„Warum fahren wir zu ihnen?“, fragte ich.
„Bevor ich weitere Fragen beantworte, Eric, wir reden uns mit dem Vornamen an und auch wenn sie erst den ersten Tag da sind, möchte ich ihnen das du anbieten, denn ich denke, das nachher folgende Gespräch mit den Kollegen wird sehr privat.“
„Okay…, warum fahren wir dann zu… dir?“
„Ganz einfach… zwei Gründe. Zum einen finde ich, dass solche privaten Gespräche, die sicher nachher stattfinden, nicht in die Dienststelle gehören, auch nicht den Verdacht den wir hegen, es geht schließlich vielleicht um Kollegen.“
„Und der zweite Grund?“
„Ich mag es gemütlich!“
„Bitte?“
„Eric, ich bin ein sehr harmonischer Mensch und bei so einer Gelegenheit wie dieser, bin ich gerne in Privaträumen und da bietet sich mein Haus bestens an.“
„Fährt ihr öfter zu dir?“
Sie lachte. Verwirrt schaute ich sie an.
„Das heute ist eine Primere!“
„Aha…“
Es dauerte eine Weile, bis wir in einen Vorort von Reykjavík erreichten, namens Grafarvogur, wurde der Verkehr ruhiger. Zum zweiten Mal heute sah ich das Meer. Anna verlangsamte ihr Tempo und bog in eine Einfahrt die von Bäumen gesäumt war.
Vor uns tat sich ein Garten auf, in dessen Mitte sich ein Haus befand. Es war im typischen Baustil für Island, komplett mit Holz verkleidet. Grundtenor war weiß, was aber die blaue Farbe der Fenster und Rähmen hervorstechen ließ.
Anna ließ den Wagen ausrollen. Ich stieg wie sie aus und schaute auf die Kollegen, die nun das Grundstück befuhren.
„Hallo Anna, ihr seid aber schnell da, ich konnte gar nichts richtig vorbereiten!“, hörte ich eine Stimme vom Haus.
Ich drehte mich um und sah einen Mann in der Tür stehen, der Anna recht ähnlich sah.
„Mein Bruder Phillip“, sagte Anna, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
Er kam zu uns und begrüßte seine Schwester mit einer Umarmung und einen Kuss auf der Wange.
„Darf ich dir Eric vorstellen?“, fragte Anna ihren Bruder, als sie gemeinsam den Wagen umrundet hatten.
„Ah, der Neue!“
Ich lächelte und streckte meine Hand aus.
„Hallo!“, meinte ich und schüttelte ihm die Hand.
„Phillip, du hast uns nie erzählt, dass du und deine Schwester so nobel wohnt“, hörte ich Lilja rufen, die mittlerweile auch ausgestiegen war.
„Besteht ein Grund, dir das auf die Nase zu binden?“
Alle lachten. Phillip ging zu ihnen und wurde von allen herzlich begrüßt.
„Mein Bruder bekleidete das gleiche Amt wie ich nur an einer anderen Dienststelle, ist aber seit einem schweren Unfall bei einem Einsatz in Pension…, vielleicht erzählt er dir mal, was damals passiert ist.“
Deswegen war er auch mit allen bekannt. Ari stand mittlerweile neben mir und pfiff leise.
„Nicht schlecht“, konnte ich leise hören, was Anna wieder zum Grinsen brachte.
„Gehen wir hinein“, rief Phillip und wir folgten ihm ins Haus.
*-*-*
Für das, das Phillip wenig Zeit hatte, war eine Menge gerichtet. Auf der Terrasse stand ein großer Tisch mit Bänken auf jeder Seite und auf einem Grill loderte schon Holz. Auf dem Tisch standen Teller und Gläser, verschiedene diverse Getränke und Brotkörbe.
„Warum ich euch zu mir gebeten habe“, begann Anna plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, „Eric und ich hegen einen gemeinsamen Verdacht, der uns etwas in Schwierigkeiten bringen könnte.“
„Passiert das bei euch nicht oft?“, lachte Phillip.
Alle lachten mit, doch ich konnte mich oder Stimmung nicht so anschließen. Anna schaute mich an.
„Bevor wir aber unseren Verdacht äußern, wird, denke ich, Eric etwas weiter ausholen und euch Frage und Antwort stehen.“
In diesem Augenblick schauten alle zu mir. Unwohlsein machte sich in mir breit, aber plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Anna stand hinter mir. Sie ließ los und setzte sich neben mich.
Ich atmete tief durch und schloss kurz die Augen.
„Sicher… es ist schon die Frage gefallen, warum ich von England hier nach Island gewechselt bin. Offiziell, weil Anna mich angefordert hat…“
„Und inoffiziell?“, fragte Alexander.
„Alexander, lässt du Eric bitte ausreden, es fällt ihm, wie ihr sehen könnt, nicht leicht und wird sicher nachher eure Fragen beantworten“, meinte Anna und griff nach ihrem Glas.
Alexander nickte. Weiterhin waren alle Augen auf mich gerichtet. Meine Hände waren kalt und feucht. Ich zitterte leicht und schaute hilfesuchend zu Anna.
„Inoffiziell…“, begann sie, „weil ich finde, dass Eric ein interessanter Mensch ist, der mit seinen Eigenschaften und Wissen in vielen Fällen behilflich sein werden kann.“
„Ich…, ich“, begann ich zu stottern, „… wurde in meiner alten Dienststelle gemoppt.“
Mein Blick wanderte über die Gesichter der Anderen.“
„Warum?“, fragte Katrin.
„Es hat indirekt mit unserem jetzigen Fall zu tun. Auch bei uns wurden Daten wie hier schlampig geführt, was eine Untersuchung nach sich zog. Ich wurde von dem damaligen Deputy Chief Constable zur Untersuchung dazu gezogen.“
„Aber dich deswegen moppen…“, kam es von Ari.
Ich hob die Hand und er redete nicht weiter.
„Es wurde heraus gefunden, dass sich vier meiner Kollegen an Übergriffen an Randgruppen beteiligten, was Suspension und Gefängnisstrafen zur folgen hatte.“
„Aber dafür kannst du doch nichts, daran sind die Kollegen doch selbst schuld“, meinte Hekla.
„Ich…, ich gehöre zu einer dieser Randgruppen…“
Deutlich war ein Fragezeichen in den Gesichtern meiner Kollegen zu sehen.
„Ich bin schwul…“
Es war raus. Ich blickte auf die Tischplatte und traute mich nicht mehr hoch zu schauen.
„Krass!“, kam es von Ari, „und das kam dann raus und sie moppten dich?“
Er sprach einfach weiter, als hätte ich etwas Normales erzählt. Ich atmete noch einmal tief durch und schaute zu Ari, Dabei krempelte ich wie zuvor bei Anna meinen Hemdsärmel hoch und die circa fünfzehn Zentimeter lange Narbe wurde sichtbar.
„Es hat einen Streit vom Zaun gebrochen und es gab sogar einen tätlichen Angriff.“
Ich schaute in die Augen der anderen, die mich betroffen anschauten. Bis auf Kim, der lächelte. Warum auch immer. Aus Alexanders Blick wurde ich nicht schlau.
„Eric und ich“, ergriff Anna wieder das Wort, „denken, dass in Heimaey etwas Ähnliches von statten geht.“
„Die haben die umgebracht?“, fragte Ari entsetzt.
„Nein, soweit möchten wir nicht gehen, daran beteiligt irgendwie“, meinte ich.
„Tut das noch weh?“, fragte Stefan neben mir und schaute gebannt auf die Narbe.
„Ab und zu…“
„Dann kannst du ja froh sein bei uns untergekommen zu sein“, ließ Alexander vom Stapel, was ihm gleich eine Kopfnuss von Katrin einbrachte.
„Aua! Was denn? Ich mein ja nur…“
Phillip kam zurück und brachte zwei Schüsseln mit Salaten mit.
„Ist etwas passiert, oder warum schaut ihr wie eine Trauergemeinde?“
Erneut atmete ich tief durch und schaute zu Phillip.
„Ich habe geraden allen erzählt, dass ich schwul bin und es indirekt etwas mit dem Fall zu tun hat, an dem wir gerade arbeiten.“
„Ich weiß, hat mir Anna kurz vorhin am Telefon erzählt“, kam seine Antwort prompt.
Mein Blick wanderte zu Anna.
„Entschuldige, ich habe keine Geheimnisse vor meinem Bruder.“
„… jemand sagte zu mir, keine Entschuldigung, es wird schon seinen Grund dafür haben und ich sagte auch, ich vertraue dir!“
Natürlich war mir nicht entgangen, wie die anderen Augenpaare an uns hingen, weil wir so vertraut mit einander sprachen, als würden wir uns ewig kennen. Ich musste zugeben, in Anna eine Chefin gefunden zu haben, wo sich dieses Gefühl, von Vertrautheit breit machte.
„So, lieber Eric, nun bist du dran!“, kam es von Lilja.
Fragend schaute ich sie an.
„Du wirst jetzt einem strengem Verhör unterzogen!“
„… aha…“
„Nicht so schlimm…“, kam es von Ari, bei dem ich mir sicher war, dass er dies vor geraumer Zeit ebenso über sich ergehen lassen musste.
„Alter?“
„Sechsundzwanzig.“
„Sieht man dir nicht an, ich hätte dich für etwas jünger gehalten“, meinte Katrin lächelnd.
„Wohnhaft?“
Diese Frage kam von Alexander.
„Kleine Wohnung in der Nähe der Dienststelle, wieso?“
„Wieso was?“
„Warum du das wissen möchtest, du hast doch sicher die Mail von Hekla bekommen und meine Adresse gelesen und ich denke, du als alter Computerkenner, wusstest als erstes, wo ich wohne.“
Anna neben mir lachte auf und Alexander bekam einen Blick, als wäre er durchschaut.
„Um das Ganze zu verkürzen, ich wurde am 13.06.1987 in Árborg, früher Sandvik geboren, besuchte den dortigen Kindergarten, bevor meine Eltern nach Inverness in England zogen, weil mein Vater dort eine gute Stelle geboten bekam.“
„Auch Polizist?“, fragte Ari.
„Nein!“
Alle schienen zu merken, dass ich auf meine Eltern nicht gut zu sprechen war.
„Ich durchlief dort das normale Schulsystem…“
„Kannst du auch gälisch…?“, unterbrach mich Kim.
„Is maith an scáthán súil charad!”
Alle schauten mich fragend an.
„Das Auge eines Freundes ist ein guter Spiegel!“, übersetzte ich und Kim lächelte, ich spreche Englisch, gälisch und mittlerweile Isländisch wieder fließend und wenn es sein muss auch französisch.“
„Alle Achtung, da machst du unserem Kim ja fast Konkurrenz“, meinte Anna neben mir.
„Ja?“, schaute ich fragend zu Kim.
„Englisch, Französisch, verschiedene asiatische Sprachen und Spanisch…“
„Nicht schlecht!“, gab ich bewundernd von mir.
Bevor ich weiter erzählen konnte hörte man vor dem Haus ein Wagen aufheulen. Fast unscheinbar nickte Anna ihrem Bruder zu. Der lief mit seiner Grillzange zu Alexander.
„Könntest du kurz übernehmen?“, fragte er Alexander.
„Aber gerne doch“, antwortete Alexander und erhob sich, während Phillip die Terrasse verließ.
Ich wollte gerade weiter erzählen, als Phillip mit einem anderen Mann zurück kehrte, neben mir erhob sich alles, nur Anna blieb sitzen.
„Bleiben sie bitte sitzen, wir sind hier nicht im Dienst!“, sagte der Mann und sah zu Anna.
Sie erhob sich.
„Deputy Commissioner Gunnar Magnusson, welche nobler Glanz in unserer bescheidenen Hütte.“
Na super, da kommt der Chef des Hauses persönlich und ich erhebe mich nicht, was für einen Eindruck!
„Anna, mir wäre lieber, es wäre ein privater Besuch, aber nach dem Anruf ihres Bruders, dachte ich sollte kurz vorbei schauen.“
Mittlerweile hatte ich mich auch erhoben, während die anderen sich wieder setzten. Anna spürte wohl meine Unruhe.
„Commissioner, darf ich ihnen meinen neuen Mitarbeiter und rechte Hand Chief Inspektor Eric Einarson vorstellen?“
„Ah, den jungen Mann den sie bereits erwähnten“, meinte er und schüttelte mir die Hand.
Alexander hatte seinen Platz am Grill verlassen und war wieder an den Tisch zurück gekehrt. Doch er konnte sich nicht setzten, da der Commissioner an seinem Stuhl stand. So setzte er sich kurzerhand einfach auf Phillips Platz.
„Setzten sie sich doch Commissioner“, meinte Anna und wies auf Alexanders ehemaligen Platz.
„Ich wollte eigentlich nicht lange bleiben…“, er setzte sich, „aber können sie mir noch einmal in aller Ruhe schildern, wie sie auf diesen Verdacht des Amtsmissbrauchs gekommen sind?“
Ich beobachtete die anderen, während des Gesprächs. Schon als Anna mich als rechte Hand erwähnte, wurden ein paar Augenpaare größer.
Als Anna nicht antwortete, spürte ich, wie plötzlich alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war. So schilderte ich in ruhigen Worten, was vor geraumer Zeit in meiner alten Dienststelle passiert war, ohne dabei aber zu erwähnen, dass ich selbst zu einer dieser Randgruppen gehörte.
Der Commissioner schwieg nach meinen Ausführungen und schaute dann zu Anna.
„Dünnes Eis…“, sagte er plötzlich, „… sehr dünnes Eis, Anna. Es ist nicht mein Zuständigkeitsbereich und kann nur hoffen, dass mein Kollege von Selfoss, diese Ermittlungen zulässt. Aber ich verspreche ihnen, ich werde mein Möglichstes tun und ihnen bis heute Abend spätestens bekannt geben, ob sie den offiziellen Dienstweg gehen könnten.
„Danke Commissioner.“
*-*-*
Die Dunkelheit war mittlerweile herein gebrochen und alle machten sich langsam auf, nach Hause zu fahren. Kim bot mir an mich mitzunehmen. Dankend nahm ich an und saß etwas später in seinem Geländewagen.
„Elegantes Auto“, meinte ich.
„Danke, ja er ist schön, auch wenn ich ihn selten fahre. Für die Stadt ist er einfach nichts.“
„Du hast noch ein anderes Auto?“
„Ja einen Kleinwagen, passend für den Stadtverkehr. Und du? Schon etwas in Aussicht?“
Ich schaute ihn an und grinste.
„Meinst du jetzt ein Auto…?“, fragte ich.
„Man soll nie eine Frage mit einer Frage beantworten…“
Ich grinste vor mich hin und schaute wieder nach vorne. Wenig später setzte Kim mich direkt vor dem Haus ab und verabschiedete sich. Ich zog meine Schlüssel aus der Jacke und öffnete die Haustür.
Aus meinem Briefschlitz quoll Post. Da ich erst ein paar Tage hier wohnte, konnte es sich nur um Werbung handeln. Ich zog das Pack voll Papiere heraus und lief die Treppe hinauf. Im dritten Stock angekommen, öffnete ich meine Haustür.
Tief durch atmend schloss ich die Tür hinter mir. Was für ein Tag. Ich hätte das heute Morgen nicht gedacht, als ich die Wohnung verließ, dass dieser, mein erster Tag hier, so verlaufen würde.
Ich schlüpfte aus meinen Schuhen, deponierte sie neben der Kommode, entledigte mich meiner Jacke. Danach lief ich in die kleine Küche, wo ich mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zog.
Gedankenverloren lehnte ich gegen den Kühlschrank und nippte am Wasser.
*-*-*
Es war ungewöhnlich warm heute, so zog ich, als ich das Haus verließ, die Jacke wieder aus, die ich vor Minuten übergestreift hatte. Eine unruhige Nacht hatte mein Schlafpensum stark dezimiert und so gähnte ich herzhaft.
Der Tag gestern war alles andere, als ich ihn erwartet hätte. Alle wussten nun um mich Bescheid. Mein Blick fiel auf die Narbe, die meinen Arm zierte. Bisher hatte ich es immer vermieden sie zu zeigen.
Doch jetzt, wo es jeder wusste, konnte ich sie offen tragen, ohne dass gleich jemand dumme Fragen stellte. Ich warf meine Jacke über die Schulter und lief Richtung meiner Arbeitsstelle. Das Hupen eines Autos ließ mich kurz zusammen fahren und ich wendete meinen Blick zur Straße.
Ein Auto hielt und ich erkannte Kim im einem Kleinwagen.
„Morgen Eric!“
„Morgen Kim!“
„Moment“, rief er, gab kurz Gas und parkte in die nächste freie Parklücke. Ich lief hinter her und blieb am Wagen stehen.
Der Motor erstarb und wenige Augenblicke später stand Kim neben mir.
„Hast du keinen Parkplatz an der Dienststelle?“
„Doch, aber ich wollte noch ein Stück mit dir laufen, als ich dich sah.“
„Okay, wenn du meinst.“
Er verschloss seinen Wagen per Knopfdruck, die Blinker leuchteten auf. Wir setzten uns in Bewegung.
„Und…? Hast du gut geschlafen?“
„Geschlafen? Eher vor mich hin gedöst, richtig schlafen konnte ich nicht.“
„War wohl etwas viel auf einmal gestern?“
„Das kannst du laut sagen. Gestern Morgen hätte ich nicht gedacht, dass der Tag so verlaufen würde.“
„Kann ich mir gut vorstellen. Aber ich prophezeie dir, dass es mit Anna nie langweilig werden wird. Und was dein Coming Out betrifft, ich fand es gut, das es von Anfang an keine Geheimnisse zwischen uns gibt.“
„Geheimnis…, wohl eher einseitig, ich weiß nichts über euch, ihr meine halbe Lebensgeschichte!“
„Verärgert deswegen?“
„Nein!“
„Aber?“
„Es fühlt sich komisch an.“
Kim blieb stehen und wandte sich an mich.
„Ich will mal ehrlich sein. Es war beabsichtigt, dass ich dich vor dem Haus abfange.“
„Wie konntest du wissen, wann ich das Haus verlasse?“
„Ich habe schon eine halbe Stunde im Wagen gewartet.“
„Wieso das denn?“
„Weil ich mit dir reden wollte, alleine, bevor wir auf die anderen treffen.“
Ich musste lächeln. Kim hatte irgendetwas Entwaffnendes an sich. Er wirkte eher schüchtern, was er aber nicht war.
„Und über was wolltest du mit mir reden?“
„Du warst ehrlich zu mir, so will ich auch ehrlich zu dir sein…“
„… das musst du nicht…“
„… lass mich bitte aussprechen, dies hier fällt mir schon schwer genug. Das was ich dir jetzt sage, habe ich noch niemand erzählt. Ich denke Anna ahnt es, weil sie mich gut genug kennt.“
Was wollte er mir jetzt so wichtiges sagen?
„Ich habe mir in der Vergangenheit nie Gedanken gemacht, was mich betrifft. Ich arbeite gerne unter Anna und die Arbeit macht mir Spaß, auch wenn es ab und zu heftig ist.“
„Hat sich jetzt etwas daran geändert?“, konnte ich mir die Frage nicht verbeißen.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, aber auch ja.“
Fragend schaute ich ihn an.
„Bisher war mir nur meine Arbeit wichtig, ich habe nicht viel Privatleben, was aber auch nicht schlimm ist.“
Ich verstand jetzt nicht, was er mir damit sagen wollte.
„Und was hat sich nun geändert?“
„Du!“
„Ich?“
„Ja du! Seit du da bist…, ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll…“
„Ähm, ich bin doch gerade mal erst einen Tag da.“
„Das hat schon ausgereicht…“
Er senkte den Kopf.
„Kim, könntest du mir bitte sagen, was los ist?“
Er schaute auf und ich konnte in diese wundervollen braunen Augen schauen, die mich anfunkelten. Er atmete tief durch.
„Es mag verrückt klingen, bisher war mir das egal, ob ich eine Freundin…, oder einen Freund möchte…, aber ich war jetzt einen Tag mit dir zusammen und plötzlich sehne ich mich nach einer Umarmung…, Zweisamkeit…“
„Du bist auch schwul?“, fragte ich irritiert.
„Das ist es eben was ich nicht weiß, Eric. Bisher habe ich solche Gefühle nie gehegt, egal bei Frauen oder Männern. Und plötzlich tauchst du auf und mein Kopf spielt verrückt.“
Ich konnte nicht anders und musste lächeln. Diese Offenheit von Kim ehrte mich, doch wusste ich im Augenblick nicht, wie ich ihm helfen sollte. So legte ich meine Hand auf seine Schulter und rüttelte etwas an ihr.
„Was hältst du davon, wenn wir das alles langsam angehen lassen. Wenn etwas ist, komm zu mir, rede mit mir… okay?“
Er nickte.
„Komm lass uns hinein gehen, bevor Alexander noch eine Vermisstenanzeige startet.“
Kim lächelte wieder.
„Das wäre ihm sogar zuzutrauen.“
*-*-*
„Morgen zusammen“, sagte ich laut, als ich das Büro betrat.
Anna sah aus ihrem Büro auf und nickte mir zu.
„Guten Morgen“, kam es von den anderen zurück.
„Einen Kaffee?“, fragte mich Ari.
„Du musst mir keinen Kaffee holen, Ari“, meinte ich und hängte meine Jacke über den Stuhl.
„Och, ich tu das gerne“, lächelte er mich an.
„Okay…“, erwiderte ich und setzte mich.
Während Ari durch die Tür verschwand, trat Anna an meinen Tisch. Sie legte einen kleinen Hefter vor mir ab.
„Das ist alles, Eric, was der Commissioner uns geben konnte. Hekla hat es bereits in die Dateien aufgenommen. Es ist sehr dürftig, mehr konnte man uns nicht zu der Dienststelle sagen. Und wie erwartet, war der Kollege des Commissioner alles andere als begeistert, als er von unserem Verdacht erfuhr.“
„Und jetzt, dürfen wir in die Richtung ermitteln?“
„Ja!“, antwortete sie mit einem Lächeln und lief zurück zu ihrem Büro.
Ich blätterte die kleine Akte durch und überflog das Geschriebene. Viel stand da wirklich nicht. Ari kam mit einem Tablett voll Kaffeetassen zurück und stellte mir als erstes die Tasse hin.
„Danke Ari!“
Er lächelte mich an und lief zu den Anderen. Mein Blick fiel auf Kim, der wie gewohnt hinter seinem PC vertieft saß. Ich nahm einen Schluck Kaffee. Heiß und schwarz, so wie ich ihn mochte.
Wie konnte Ari das wissen? Erneut blätterte ich die Akte durch und fand einen kleinen Vermerk am Schluss der Akte. Der Sergenant, der uns rief, lag anscheinend im Krankenhaus, denn er hatte einen Unfall.
Über den Unfall war nichts vermerkt. Ich stand auf und lief zu Anna.
„Meinst du, es bringt etwas, den Sergenant zu besuchen? Erst beurlaubt, dann Unfall, hört sich etwas komisch an.“
„Den Gedanken hatte ich auch, das ufert langsam aus. Er liegt hier in Reykjavík in der City Klinik. Nimm dir jemanden mit und besuche ihn.“
„Wen?“
„Das überlasse ich dir, aber informiere auch die anderen über unsere nächsten Schritte“, lächelte sie mich an.
„Danke.“
„Wofür?“
Ich zuckte mit den Schultern und verließ das Büro, um mich wieder auf meinen Platz zu setzten. Ich fuhr meinen PC hoch und schaute nach den Daten dieses Kollegen. Natürlich waren auch diese Informationen spärlich.
Sergenant David Helgison. Alter dreiundzwanzig und seit einem halben Jahr auf Heimaey stationiert. Eine normale Laufbahn, nicht außergewöhnliches war zu finden. Ich kratzte mich kurz am Hinterkopf und schaute zu meinen Kollegen.
„Ich werde mit Kim, den Sergenant, der uns gerufen hatte im Krankenhaus besuchen, vielleicht ist aus dem etwas heraus zu bekommen“, warf ich einfach in den Raum.
„Gut“, kam es von Hekla, „ich werde mit Lilja weiter versuchen, etwas über die Truppe heraus zu bekommen.“
Mein Blick fiel auf Alexander, der bisher weder einen Kommentar abgegeben hatte, noch irgendwie sonst auf mich reagiert hatte.
„Alexander, könntest du dich eventuell schlau machen, ob es auf Heimaey oder hier in dieser Gegend solche Übergriffe oder Morde gab?“
Er schaute auf.
„Die Informationen über Heimaey sind nach wie vor spärlich, aber für hier sollte es kein Problem sein.“
Aus seiner Tonlage heraus konnte man eigentlich nicht erkennen, ob er dies jetzt gerne tat, oder nicht. Aber sein Blick verriet ihn, dass das etwas nicht stimmte. Aber ich wollte mich damit nicht befassen.
„Danke…“, ich stand auf und griff nach meiner Jacke, „Kim kommst du?“
„Ja“, meinte er und erhob sich von seinem Platz.
„Eric“, rief Anna aus ihrem Büro.
„Ja?“, antwortete ich und drehte mich um.
Sie stand auf und kam zur Tür. Dann warf sie mir etwas zu, was ich als Schlüssel erkennen konnte.
„Ich habe es gerne, wenn alle meine Leute mobil sind“, sagte sie lächelnd und kehrte zu ihrem Platz zurück.
Kim grinste mich an.
*-*-*
„Mist, ich habe vergessen zu fragen welches Auto…“
„Drück doch einfach aufs Knöpfchen“, meinte Kim neben mir, „irgendwelche Blinker werden schon leuchten.“
Ich hob die Hand, drückte auf den Öffner und schaute mich wie Kim um.
„Da“, sagte Kim und zeigte nach rechts.
Mein Blick folgte seinem und ich schaute auf einen SUV von Hyundai.
„Hat das Haus zu viel Geld?“
„Wieso? Wenn du hier unterwegs bist, brauchst du so ein Auto. Viele Straßen in Island sind nicht einmal geteert, bestehen aus einer Schotteroberfläche. Und die geteerten Straßen sind oftmals auch nicht besser.“
„Okay“, meinte ich und öffnete den Wagen.
Er war sehr geräumig. Ich stellte meinen Fahrersitz ein, beugte mich nach vorne um den Zündschlüssel einzustecken, fand aber kein Schloss. Kim zeigte lächelnd auf einen Knopf, direkt neben dem Lenkrad.
„Der Wagen besitzt eine Smart – Key – Funktion, davon habe ich schon gehört, einfach auf Knopf drücken und der Motor startet.“
Ich folgte Kims Worten und drückte den Knopf, aber außer vielen Lichtern die plötzlich aufleuchteten, passierte nichts.
„Kaputt?“, fragte ich und musste dabei grinsen.
„Glaub ich nicht, da ist sicher ein Trick dabei, warte ich schau in der Beschreibung nach.“
Er öffnete das Handschuhfach und zog einen kleinen Hefter heraus. Er blätterte etwas, las kurz, schaute dann zu mir.
„Kupplung treten und Start – Knopf drücken.“
Ich befolgte seine Erklärung und siehe da, der Wagen sprang an.
„Hört sich nicht schlecht an“, meinte Kim, als ich etwas mit dem Gas spielte.
So verließen wir den Parkplatz.
„Wo muss ich eigentlich hin?“
„Du fährst die Grensásvegur Straße vor bis zur Miklabraut.“
Wieder befolgte ich seinen Hinweis. Der Wagen zog kräftig an.
„Ähm… es sieht zwar aus wie eine Schnellstraße, aber du darfst trotzdem wie in der ganzen Stadt nur 50 fahren.“
„Wie überall, oder?“
„Ja, aber Außerorts gilt nur 90, nicht wie 120 oder 130 wie in Europa.“
„90?“
Kim lachte.
„Du kennst die Straßen hier nicht. Wenn du eine länge Reise vor dir hast, kannst du glücklich sein, wenn die ganze Strecke durch geteert ist.“
„Was denn sonst?“
„Schotterwege…, da darfst du übrigens dann nur 80 fahren.“
„Na toll, da kommt man ja nie an.“
„Du wirst dich daran gewöhnen…, ach deswegen ein Grund mehr, warum wir den Helikopter benutzen, damit wir schneller Vorort sind.“
Mittlerweile hatte ich mich auf die vierspurige Miklabraut eingereiht.
„Die erste Abfahrt gleich wieder herunter und dann immer geradeaus.“
„Irgendwann werde ich mich auskennen.“
„Wie, du willst den besten Navigator nicht mehr mitnehmen?“
Ich grinste zu ihm hinüber.
„Wo wir gerade bei dir sind, warum hast du mich mitgenommen?“
Ich fädelte mich in die Ausfahrt ein, schaute kurz zu Kim hinüber.
„Was soll ich sagen…, neben Anna hatte ich bisher zu dir den meisten Kontakt…, ich kenne die anderen noch nicht gut… na ja dich auch noch nicht, was ich ja ändern will.“
Ich lächelte ihn an.
„Bevorzuge mich bitte nicht…“
„Tu ich sicher nicht…, wobei ich dich wirklich lieber mitnehme, als Alexander.“
„Alexander ist ein Thema für sich.“
„Das habe ich schon gemerkt. Seine Blicke vorhin, als ich ihm eine Aufgabe gab, sprachen Bände.“
„Sei ihm nicht böse, er weiß es nicht anders.“
„Wie meinst du das?“
„Dazu reicht diese Autofahrt…, du musst da vorne links nach der nächsten Kreuzung.. nicht aus, lass uns ein andermal darüber sprechen.“
Ich nickte und setzte den Blinker.
„Da vorne, du müsstest das Schild schon sehen.“
Wenig später standen wir auf dem Parkplatz und stiegen aus. Am Empfang zeigte ich meinen Ausweis und fragte nach dem Kollegen. Die Dame, die uns gegenüberstand, tippte etwas in den Computer ein, dann verzog sie das Gesicht.
„Meine Herren, einen Moment bitte.“
Sie griff nach dem Hörer und wendete sich von uns ab. Ich schaute kurz zu Kim, der nur mit den Schultern zuckte. Dann wandte sich die Dame wieder an uns.
„Wenn sie kurz einen Augenblick warten könnten…, es wird gleich der behandelnde Arzt zu ihnen kommen.“
„Danke“, meinte ich und zog mich mit Kim etwas von der Theke zurück.
„Irgendetwas stimmt da nicht“, nuschelte Kim mir zu.
„Der Meinung bin ich auch.“
„Entschuldigung“, hörte ich hinter uns eine andere Frauenstimme, „sind sie die zwei Policeofficers, die den Sergenant David Helgison besuchen möchten?“
Ich holte meinen Ausweis hervor und hielt der Dame, die anscheinend die Ärztin zu sein schien vor die Nase.
„Chief Inspektor Eric Einarson und mein Kollege Kriminalinspektor Kim Jonson“. Stellte ich uns vor.
„Es tut mir Leid ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Kollege vor einer halben Stunde verstorben ist.“
„Was?“, entfuhr es mir.
„Es ist ein Herzstillstand eingetreten, wir konnten ich nicht mehr retten…“
„Einen Augenblick bitte“, meinte ich, das Gehörte zu verdauen.
Ich lief etwas zur Seite und zog mein Handy hervor. Wenige Sekunden später hatte ich Anna am Telefon.
„Ja hallo Eric, was kann ich für dich tun?“
„Sergenant David Helgison ist tot…“
Ein Augenblick herrschte Ruhe in der Leitung.
„Eric, bitte veranlasse eine Autopsie, die nötige Unterlagen, darum werde ich mich sofort kümmern und dem Krankenhaus zukommen lassen.“
„Gut, dir kommt das auch sehr komisch vor, oder?“
„Ja… und versuch bitte Vorort heraus zu bekommen, ob ihn jemand seiner Kollegen aus Heimaey besucht hat.“
„Werde ich machen, ich melde mich dann wieder.“
„Danke, bis später.“
Ich drückte das Gespräch weg und wandte mich wieder Kim und der Ärztin zu.
„Dr. Tinna Gyselhaf berichtete mir gerade, dass eine Ader im Gehirn geplatzt ist…“
Ich nickte.
„Können sie mir bitte vielleicht Näheres über den Unfall berichten?“, fragte ich die Ärztin.
„Unfall? Das war kein Unfall, aber mir glaubt ja niemand…“
Ich schaute kurz zu Kim.
„Können wir uns vielleicht irgendwo ungestört unterhalten?“
„Ja sicher…, aber warum?“
„Das werde ich ihnen gleich erklären. Können sie bitte eine Autopsie anordnen?“
„Das kann ich nicht alleine entscheiden.“
„Doch können sie, gleich werden sich per Fax Anweisungen von meiner Chefin kommen.“
„Na dann…“
*-*-*
„Und sie glauben wirklich, mein Kollege, will das Ganze vertuschen?“
„Sie sagten selbst, dass er mit den Kollegen aus Heimaey sehr vertraut sprach“, antwortete ich.
Etwas mühselig hatte ich ihr alles erklärt und warum wir hier waren. Fassungslos schaute sie mich an.
„Tinna…, ich darf sie doch so nennen?“, fragte ich, sie nickte, „es ist jetzt wichtig, das wir eng zusammen arbeiten. Wenn ich richtig vermute, ist Sergenant David Helgison neben den uns bekannten Opfern, nun das siebente Opfer. Irgendetwas hat er mitbekommen, was sein Leben in Gefahr brachte.“
Die Ärztin rieb sich durch das Gesicht.
„Und mein Kollege hängt da irgendwie mit drin.“
„Mit aller höchster Wahrscheinlichkeit.“
Kims Handy machte sich bemerkbar und er ließ uns kurz alleine.
„Ich kann das immer noch nicht glauben, nicht Einar…, der würde so etwas doch nie machen“, kam es verzweifelt von ihr.
Kim betrat das Zimmer wieder.
„Das war Alexander. Es gibt noch mehr Opfer, die wir wahrscheinlich auf deren Konto verbuchen können und er hat ausgerichtet, dass Anna mit Lilja und Ari hier her unterwegs ist.“
„Gut, solange bleibt Tinna bei uns, ich möchte nicht, dass ihr Kollege etwas mitbekommt.“
„Hat er doch“, meldete sich Tinna zu Wort, „als der Empfang anrief, wegen ihnen beiden, da meinte er, ich solle gehen, er hätte noch etwas zu tun.“
Ich sprang auf.
„Bringen sie mich zu ihrem Kollegen!“
*-*-*
Anna stand am Fenster und schüttelte den Kopf.
„Ich will nicht wissen, wie lange das hier schon so läuft.“
Sie schaute auf die Dokumente des Arztes, die wir vor dem Reißwolf retten konnten.
„Es tut mir Leid“, kam es von Tinna, „ich wusste wirklich nichts davon.“
„Und sie hatten nie einen Verdacht?“
„Nein und wenn, wurde er gleich im Keim von Einar erstickt.“
„Ja, mit dem Herrn befassen wir uns später. Auf alle Fälle müssen wir jetzt davon ausgehen, dass die Kollegen in Heimaey vorgewarnt sich. Kim würdest du bitte seine Telefonate überprüfen, sein Handy nicht vergessen.“
„Wird gemacht.“
„Ari, du überprüfst die Fährverbindung, ob wir vielleicht heraus bekommen können, wer genau von unseren Kollegen hier war und Lilja setzte dich mit Alexander in Verbindung, ob wir Bilder von unser Kollegen haben.“
„Okay.“
Die drei verschwanden. Nun war ich mit Tinna und Anna alleine.
„Wie wird es jetzt weiter gehen…?“, fragte Tinna leise.
Ich schaute zu Anna.
*-*-*
„Du siehst nicht vorteilhaft aus“, kam es von Stefan, an Ari gerichtet.
„Ich weiß nicht, was ich heute Morgen Falsches gegessen habe…“
Ari war ganz blass um die Nase und hing an der Reling.
„Es hätte ja auch jemand etwas sagen können, dass wir dieses Mal nicht den Helikopter nehmen…, boah dieses Geschaukel… Leute ihr entschuldigt…, ich glaub ich muss auf die Toilette.“
Ein Kichern ging durch die Menge, obwohl unser hier sein, nicht gerade einen Anlass dafür gab. Anna hatte bewusst beschlossen, den Helikopter nicht zu benutzen. Ein Anflug der Insel würde automatisch an das Revier gemeldet.
Da wir auch nicht wussten, wie viele Leute involviert waren, hatte Anna noch eine Mannschaft zusätzlich angefordert und alle die hätten im Hubschrauber keinen Platz gehabt. So mussten wir uns dem Wellengang des Meeres hingeben, was nicht jeder vertrug.
Ari kam zurück, seine Augen rot und die Haut noch blasser als vorher.
„Ist mir schlecht…“
„Katrin, könntest du dich bitte etwas um Ari kümmern, vielleicht findet ihr eine Möglichkeit, wo Ari sich etwas hinlegen kann“, meinte Anna.
Katrin nickte, legte den Arm fürsorglich um Ari und führte ihn zurück ins Schiffsinnere. Irgendwie spürte ich Blicke, die auf mich gerichtet waren. Ich drehte mein Kopf leicht nach links und schaute in die Augen von Alexander.
Innerlich seufzte ich. So verließ ich meinen Platz und ging zu Alexander, der sich gerade umdrehte und auf das Meer hinaus schaute.
„Alexander, was ist los?“
„Was soll los sein, es ist nichts.“
Das kam mir ein Spur zu trotzig herüber.
„Hast du irgendein Problem mit mir?“
„Nicht, dass ich wüsste!“
„Und warum glaube ich dir nicht?“
Er drehte seinen Kopf und schaute mir in die Augen. Ich konnte Wut und Verärgerung darin erkennen, aber da war auch noch etwas Anderes. Er sah enttäuscht aus.
„Was weiß ich…“
„Alexander, wenn dir irgendetwas missfällt, dann sag es mir bitte, ich bin mir sicher…“
„Hör auf so geschwafelt zu reden, ich bin kein Auszubildender, dem man immer sagen muss, wo es lang geht“, fiel er mir ins Wort.
Ah, daher wehte der Wind. Wie schon erzählt, benahm er sich oft wie das Alphamännchen und nun wurde ich ihm vor die Nase gesetzt.
„Habe ich nicht vor. Du bist in meinem Alter und wirst ebenfalls genug Berufserfahrung haben…“
Alexander zischte verächtlich. Ich wusste im Augenblick nicht, was ich sagen sollte, um diesen Zustand zu ändern. Viel Zeit hatte ich nicht, die ersten Ausleger der Insel kamen in Sicht. Er drehte sich zu mir.
„Du kommst hier her, machst eins auf, ich armer Schwuler und denkst, alles läuft so wie du willst!“
Meine Augen verengten sich. Wie war das, du wirst es hier besser haben?
„Das denkst du also. Ich kann nichts dafür, dass in meiner Akte für jeden nachzulesen ist, dass ich schwul bin. Muss ich mich jetzt auch noch rechtfertigen, für das, was ich bin? Ich will von niemandem Mitleid, nur etwas Respekt vor der Person, aber wenn dir dass schwer fällt, dann haben wir ein massives Problem.“
Sein Gesicht wurde ausdruckslos.
„Ich dachte hier könnte ich einen neuen Anfang machen, ohne darüber nachzudenken, was mich heute wieder erwartet. Wenn du wirklich damit ein Problem hast…, mit mir ein Problem hast, sollten wir bald möglichst, mit Anna reden, dann sehe ich hier für mich keine Zukunft.“
Alexander sah mich nur an, gab aber keinen Laut von sich.
„Ich wusste nicht mal, dass ich nach Anna, der Diensthöchste bin. Aber ich kann die Situation auch umdrehen. Du hast mein Alter, du hast die gleichen Möglichkeiten gehabt wie ich, warum hast du nicht einen Rang eines Chief Inspektors?“
„Ich…, ich…“
„Ach vergiss es“, fuhr ich ihn an, wendete mich ab und ließ ihn stehen.
Dass ich so laut geworden war, dass es die Anderen mit bekommen hatten, war mir jetzt auch egal. Ich hatte keine Lust, die letzten drei Jahre zu wiederholen, alles noch einmal durchzumachen.
Ich durchquerte das Parkdeck um mir einen ruhigen Platz auf der anderen Seite des Schiffes zu suchen. Ich würde diesen Fall mit Anna noch durchziehen und dann um eine Versetzung bitten, denn auf der Insel wollte ich bleiben.
Ich lehnte mich an die Reling und spürte den kalten Wind, der um meine Nase wehte. Ich wusste nicht, war es der scharfe Wind, oder meine Erinnerungen, die mir die Tränen in die Augen trieben.
„Ich habe dir gesagt, lass es langsam angehen mit Alexander“, hörte ich Annas Stimme plötzlich hinter mir.
Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.
„Was würde das bringen, wenn er etwas gegen mein Schwulsein hat.“
„Hat er das gesagt?“
„… eins auf armer Schwuchtel machen…, Mitleid erregen…“
Mehr sagte ich nicht, denn es tat wieder mal ordentlich weh.
„Du kennst Alexander nicht so gut wie ich und ich kann dir versichern, Alexander hat ganz bestimmt nichts gegen dein Schwulsein.“
„Nicht? Er hat ein Problem mit mir, reicht das nicht?“
„Probleme kann man aus der Welt schaffen…“
„Und der bittere Nachgeschmack bleibt…“
Ich spürte Annas Hand auf meiner Schulter.
„Deine ehemaligen Kollegen müssen dir ganz schön zu gesetzt haben.“
Ich nickte nur und gab kein Kommentar dazu ab.
„Eric, ich weiß, ich verlange viel von dir, wenn ich dich bitte, dies alles bis nach dem Einsatz zurückzustellen. Aber ich verspreche dir, ich werde mich um alles kümmern und dies aus der Welt schaffen. Ich weiß nicht warum, aber in der kurzen Zeit hast du es geschafft, dass mir an dir etwas liegt und ich möchte dich als guten Kollegen nicht verlieren.“
Wieder nickte ich.
*-*-*
Die Fähre hatte angelegt. Die zwei kleinen Transporter rollten von Bord.
„Scheiße…“, kam es von Ari.
„Ari, zügle bitte deine Ausdrucksweise“, kam es von Hekla.
„Aber…, da drüber steht einer von denen, der hat uns doch sicher gesehen und gibt es an seine Dienststelle weiter.“
Alle Augen wanderten automatisch in die Richtung, in die Ari zeigte. Er hatte recht, denn der Kollege war schon am telefonieren.
„Dann müssen wir unseren Plan wohl etwas ändern. Kein Überraschungsbesuch“, meinte Anna trocken von ihrem Beifahrersitz.
„Willst du das Revier stürmen?“, fragte Katrin.
„Wenn es sein muss.“
„Aber…, dass sind Kollegen…“
Katrin sah etwas geschockt zu mir.
„…die selbst oder jemanden dazu angestiftet haben, Menschen umzubringen.
Anna drehte sich zu uns um.
„Ich weiß nicht, mit was für einem Empfang wir rechnen müssen. Ja, ich denke wie ihr, es sind Kollegen, aber… wenn Kollegen gegen das Gesetz handeln, sind sie nicht anders, als die, die wir sonst einbuchten.“
Wir waren mittlerweile auf der Hauptstraße. Noch etwa 700 Meter, bis zum Revier. Ich zog meine Waffe hervor und entsicherte sie. Die anderen taten es mir langsam gleich.
„Sitzen wir hier nicht wie auf einer Zielscheibe?“, kam es von Alexander.
„Alexander hat recht, Anna, wenn wir so jetzt vorfahren und die Herren sich wirklich der Verhaftung wiedersetzten, hocken wir auf einem Präsentierteller.“
„Okay, wir werden mit den Wagen ungefähr 200 Meter vorher anhalten und uns dem Gebäude vorsichtig nähern.“
Ich schaute kurz zu Alexander, der aber meinem Blick auswich. Der Wagen hielt, wie besprochen und Anna stieg aus. Wir folgten ihr. Zu meiner Verwunderung befand sich niemand auf der Straße, auch kein Auto fuhr vorbei.
Anna sprach kurz mit den Kollegen des anderen Wagen, die sich sofort in Bewegung setzten, um die Rückseite des Hauses zu sichern. Dann kam sie zu uns zurück.
„Ari, es ist der erste Einsatz dieser Art für dich und ich möchte nicht, dass du dich unnötig in Gefahr begibst, bleib bitte in Deckung und keine waghalsige Alleingänge. Okay?“
Ari nickte.
„Also los!“
*-*-*
Vor dem Revier war alles ruhig. Auffallend war, dass alle drei Streifenwagen fehlten. Anna nickte Alexander zu, der sich mit Stefan in Bewegung setzte. Mit gezogener Waffe und leicht geduckt, liefen sie an der Hausmauer des Nachbargebäudes entlang, bis sie dessen Ende erreicht hatten.
Kim, Hekla und Lilja zogen nach. Dort angekommen rannten Alexander und Stefan über den leeren Parkplatz und bezogen Stellung rechts und links vor dem Eingang. Nichts tat sich. Entweder wussten die da drinnen wirklich nichts über unser Erscheinen, oder wir tappten gleich in eine böse Falle.
Anna und Katrin setzten sich in Bewegung, gefolgt von Ari und mir. Wir liefen direkt auf den Eingang zu. Alexander nickte Stefan zu und beide rannten die Treppe hoch, stießen die Tür auf und verschwanden im Innern des Reviers.
Man hörte kurz lautes Geschrei, danach war wir Stille, bis Stefan an der Tür erschien.
„Ausgeflogen…“, meinte er und nun betraten wir alle die Station.
Drinnen erwartete uns eine kleine Überraschung. Vor uns stand ein Kollege hinter der Theke mit erhobenen Händen. Sein weißes Hemd zierte ein großer Kaffeefleck, während sein Mund mit Puderzucker verschmiert war.
„Der gute Offizier meint, dass alle ausgeflogen wären zum Einsatz“, sagte Alexander und ließ seine Waffe zurück in den Halfter gleiten.
„Alle?“, fragte Ari, der als letztes den Raum betreten hatte.
Der Offizier nickte.
„Stehen sie bequem!“, sagte Anna laut.
Der Mann senkte seine Arme. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„So und jetzt sagen sie mir genau, um was für einen Einsatz es sich handelt.“
„Ich… ich weiß es nicht genau…, es kam ein Anruf und alle verließen… sehr schnell das Revier.“
„Und sie ließ man zurück?“
„Ich… ich bin neu hier…“
Das erklärte natürlich alles, er konnte nichts darüber wissen. Stefan war nach draußen verschwunden, um den Rest der Kollegen Bescheid zu geben.
„Woher wissen wir jetzt, wohin sie gefahren sind?“, fragte Ari.
Hekla grinste und nahm ihren kleinen Rucksack ab. Sie zog irgendetwas Technisches heraus und wandte sich an den unsicheren Mann hinter der Theke.
„Wie ist die Funkfrequenz ihrer Wagen?“, fragte sie.
Der Mann zuckte mit seiner Schulter.
„Wo steht das Funkgerät?“
Er zeigte auf eine Konsole an der Wand. Sie umrundete die Theke und setzte sich vor die Konsole. Neugierig verfolgte ich ihr Handeln. Nachdem sie das Funkgerät genauer angeschaut hatte gab sie irgendetwas in ihr gerät ein, dass darauf zu piepen begann.
„Also, soweit meine Inselkenntnisse stimmen, befinden sie sich nicht unweit von der Ausgrabungsstätte.“
Sie hob ein kleines Display in die Höhe, welche die Umrisse der Gegend hier zeigte. Darauf waren drei kleine rote Punkte zu sehen.
„Ihr habt es gehört. Katrin, stell bitte zwei Männer von draußen hier ab, damit sie bei dieser Zierde der Polizei bleiben.“
Ein Grinsen ging durch die Menge.
*-*-*
„Die Punkte bewegen sich nicht mehr“, kam es von Hekla.
„Okay. Ich wundere mich, warum sie diese Gegend aufsuchen“, meinte Anna, „dort gibt es nichts.“
„Die Wagen stehen dicht am Wasser.“
„Ein Boot?“, fragte Alexander.
„Möglich, aber sie müssen doch damit rechnen, dass wir den Küstenschutz eingeschaltet haben“, sagte Lilja.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einfach planlos das Revier verlassen haben“, warf ich ein.“
„Das werden wir gleich sehen, da vorne ist die Ausgrabungsst…“
Der rechte Außenspiegel zerfetzte. Stefan trat voll auf die Bremse.
„Raus!“, schrie Anna.
So schnell es ging verließ jeder den Wagen und suchte Schutz, was hier nicht so leicht war.
Vereinzelte Schüsse trafen den Wagen.
„Wo sind wir hier, im wilden Westen?“, kam es von Stefan, der hinter einem Reifen Deckung suchte.
Blut rann leicht über seine Stirn.
„Du bist verletzt!“, kam es von Katrin.
„Nichts Schlimmes, wahrscheinlich hat mich etwas vom Spiegel erwischt.“
„Die Schüsse kommen aus einer Richtung…, von dieser kleine Steingruppe da drüben“, meinte Alexander.
Mittlerweile war auch der andere Wagen angekommen, die Kollegen hatten mehr Glück und konnten bei einer Baumgruppe Schutz suchen.
„Wie gehen wir vor?“, fragte ich.
Die Frage der Fragen. Außer unserem Fahrzeug war kein großer Schutz hier zu sehen.
„Ich komm mir vor wie im falschen Film…, Kollegen die sich beschießen“, meinte Kim, der sich neben mir zusammen kauerte.
Die Schüsse wurden weniger und plötzlich konnte man ein Motorengeräusch hören.
„Scheiße! Die hauen mit einem Boot ab“, hörte ich Alexander rufen, der gleich aufsprang und seine Deckung verließ.
Die Frage, warum die Kollegen ausgerechnet hierher gefahren waren, war mir auch schon in den Kopf gekommen, nun wusste ich Bescheid. Fast gleichzeitig sprangen wir alle auf und folgten Alexander zum Wasser.
Aus dem Augenwinkel heraus sah ich eine Bewegung hinter einem Busch, wenige Sekunden später, wie eine Pistole auftauchte, die Richtung Alexander gerichtet war.
„Alexander…Deckung“, schrie ich und hechtete nach vorne.
Während ich den Schuss hörte, schlugen Alexander und ich hart auf dem Boden auf. Dicht vor meinem Kopf schlug die Kugel ein, Felssplitter trafen mein Gesicht. Gleichzeitig konnte ich hinter mir mehrere Schüsse hören.
Ein kurzer Schrei folgte und hinter dem Busch wankte ein Offizier hervor und brach zusammen.
„Ist jemand von euch verletzt?“, rief Anna.
Alexander drückte mich von sich herunter und schüttelte den Kopf, während Kim sich vor mich kniete.
„Du blutest an der Stirn“, hörte ich ihn sagen, was ich im gleichen Moment selbst bemerkte, da es anfing zu brennen.
„… ein Splitter…“, meinte ich und wischte mir über die Stirn.
Ohne dass jemand etwas sagen musste, hingen Hekla und Lilja an ihren Handys und verständigten Küstenwache und die Kollegen auf dem Festland.
Meine Finger waren blutverschmiert. Kim hielt mir ein Taschentuch entgegen, während Anna nun ebenfalls vor mir auf die Knie ging.
„Soll ich dich nun Mister Leichtsinn nennen?“, fragte sie mich.
„Wieso? Wer war denn leichtsinnig?“
„Du hättest mich ja nicht umstoßen brauchen“, kam es knurrig von Alexander.
„Und dich über den Haufen schießen lassen…“
„Meine Herren…! Darüber reden wir später …!“, kam das Machtwort von Anna und es war Ruhe.
*-*-*
Ein Pflaster zierte meine Stirn. Ich rieb an meinem Arm, der morgen sicherlich blau war. Der Seegang hatte sich etwas beruhigt. Ich hatte es vorgezogen, an der frischen Luft zu stehen, während die anderen drinnen im Aufenthaltsraum saßen.
Eine Benachrichtigung der Küstenwache war noch nicht eingetroffen, ob man die Kollegen dingfest gemacht hatte. So stand ich angelehnt an der Reling und haderte mit mir selbst, wie es nun weiter gehen sollte.
Das kurze Gespräch mit Alexander hing mir nach. Auf neuerliche Streitereien, wie in der alten Dienststelle, hatte ich kein Bock. Aber deswegen die Dienststelle wieder zu wechseln, war auch keine Lösung.
Ich wollte nicht schon wieder wegrennen, denn etwas Anderes war es nicht.
„Einen Penny für deine Gedanken“, hörte ich plötzlich Anna hinter mir.
Ich richtete mich auf und drehte mich zu ihr.
„Muss ich dazu noch etwas sagen? Alexander scheint mit mir nicht klar zu kommen, fühlt sich übergangen…“
„Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Alexander war schon immer ein Problemfall.“
„Hat er deswegen keine höhere Dienstbezeichnung?“
„Richtig. Jemand der Schwierigkeiten mit dem Führungspersonal hat, befördert man nicht so leicht.“
„Du hast Schwierigkeiten mit ihm?“
„Nur anfänglich. Er ist nun über ein Jahr unter mir. Nachdem er alle Grenzen ausgetestet hatte, führte ich mit ihm ein langes Gespräch und seitdem war Ruhe.“
„Bis ich auftauchte.“
„Alexander ist ein Gewohnheitstier. Du bist neu, die Situation ist neu…“
„Verstehe ich, aber es ändert nichts daran, dass er ein Problem mit mir hat.“
„Ich denke, das legt sich.“
Ein Schott wurde geöffnete und automatisch sahen Anna und ich in die Richtung. Alexander kam in Sicht, dicht gefolgt von Katrin und Kim. Sie blieben stehen, aber ich konnte sehen, wie Katrin in an schubste.
Kim schenkte mir ein Lächeln, während Alexander sich nun in Bewegung setzte.
„Da bin ich jetzt aber gespannt“, konnte ich Anna im Flüsterton hören.
Zögerlich erreichte uns Alexander und schaute verlegen zu Boden.
„Ich…, ich wollte mich entschuldigen… und Danke sagen.“
Kurz schaute er auf, um sich gleich wieder weg zu drehen.
„Alexander…“, begann Anna, aber ich bremste sie aus, indem ich meine Hand auf ihren Arm legte.
Alexander stoppte und drehte sich erneut zu uns herum.
„Eine Frage…, warum?“
„Warum was?“, fragte ich zurück.
„Warum hast du dich in die Schusslinie gebracht?“
Ich schaute ihn lange an.
„Weil ich das…, für jeden meiner Kollegen tun würde. Wir sind ein Team, das aufeinander aufpassen sollte, das ist jedenfalls meine Meinung.“
„Aber ich habe dich…“
„Alexander“, fiel ich ihm ins Wort, „lass gut sein. Ich weiß selbst, dass man sich Respekt erst verdienen muss, aber ich denke auch, jedem eine gewisse Art von Grundrespekt entgegen zu bringen, kann nicht so schwer sein.“
Alexander nickte.
„…, danke noch mal“, meinte er und zog ab.
Ich schaute zu Anna, dich mich anlächelte.
„Ich wusste gleich, dass du frischen Wind in unser Team bringst und ich bereue es in keinster Weise, dich angefordert zu haben.“
Ich erwiderte ihr Lächeln.
*-*-*
„Wenn sie Glück haben, bleibt keine Narbe zurück. Aber es war gut, dass sie gleich hergekommen sind.“
Kim hatte mich und Stefan ins Krankenhaus gefahren und ich wurde höchstpersönlich von Frau Doktor Gyselhaf verarztet.
„Wie geht es denn nun bei ihnen weiter?“, fragte ich, während ich mir meine Jacke überstreifte.
„Vorerst wurde mir die Leitung der Station übertragen. Was folgt, weiß ich selbst noch nicht.“
Tinna zog ihre Handschuhe aus und entsorgte sie im Mülleimer.
„Muss ich noch einmal vorbei schauen“, und zeigte auf das neue Pflaster, welches nun meine Stirn zierte.
„Ich denke nicht, ich konnte keine Splitter entdecken und es scheint schon gut zu verheilen. Falls es sich jedoch entzünden sollte, kommen sie bitte gleich vorbei.“
„Okay!“, meinte ich und stand auf.
„Darf ich fragen…, ob sie heraus bekommen haben, von wie vielen Opfern die Rede ist?“
„Wir wissen bis jetzt nur von dreizehn Opfern, aber ich bin mir sicher, nachdem die einberufene Kommission alles durch leuchtet hat, werden es noch mehr werden. Wer weiß, wie lange die das schon gemacht haben.“
„Mein Gott und mein Kollege hat dazu gehört…“
„Sie trifft keine Schuld, Tinna. Aber ich weiß, wie sie sich fühlen müssen, weil es hinter ihrem Rücken geschah.“
Tinna nickte.
„Sind alle Beteiligten gefasst worden?“
„Soweit ich mitgeteilt bekommen habe, sind zwei noch flüchtig, unter anderem der Leiter des Reviers, aber die Insel ist ja recht klein, so denke ich, wird man sie auch schnell gefasst haben.“
Es klopfte an der Tür, Stefan und Kim traten ein.
„Bist du fertig?“, fragte Kim.
Ich schaute kurz zu Tinna und nickte.
„Anna hat schon angefragt, wann wir zurück kommen.“
Ich reichte Tinna die Hand.
„Danke noch mal“, sagte ich.
„Nichts zu danken und vielleicht trifft man sich mal unter anderen Umständen“, erwiderte sie.
Ich verließ mit meinen zwei Kollegen das Behandlungszimmer. Stefans Stirn zierte wie meine ein Pflaster, aber etwas größer als meins. Ich bemerkte ein Grinsen auf Stefans Gesicht.
„Was?“, fragte ich.
„Du hast es der Dame wohl angetan…“
„Ach Quatsch, wir verstehen uns nur gut.“
„Ob das mal gut geht“, merkte Kim an und drückte den Knopf vom Fahrstuhl.
*-*-*
Was vorher zu wenig war, ließ nun meinen Schreibtisch überquellen. Etwas, was ich von Anbeginn meiner Tätigkeit im Polizeidienst nicht mochte. Berichte schreiben. Aber es musste getan werden.
Aber ich freute mich über das gute Team, das hier im Zimmer saß. Recht schnell waren Berichte aktualisiert und konnten abgelegt werden. Während ich über einen Bericht vertieft saß, spürte ich, dass jemand vor meinem Schreibtisch stand.
Ich sah auf und schaute direkt in Alexanders Augen.
„Auch einen?“, fragte er mich und hielt mir einen Becher Kaffee entgegen.
„Danke“, meinte ich, während Alexander sich wieder an seinen Platz begab.
Ich schaute kurz zu Anna, die mir zu lächelte, bevor wir uns beide wieder unseren Schreibarbeiten widmeten.

Continue reading..

Information Engelsgewalt und das verlorene Lächeln
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:35 AM - No Replies

„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte Gabriel Berger wird von dem Vorwurf der mehrfachen Körperverletzung freigesprochen. Die Gerichtskosten sowie die Auslagen des Angeklagten gehen zu Lasten der Staatskasse.
Zur Urteilsbegründung. Der Angeklagte ist nicht aus heiterem Himmel auf den Geschädigten losgegangen. Vielmehr ist er, wie sich in dieser Verhandlung gezeigt hat, dem Zeugen Timo Krist zu Hilfe geeilt, der vom Opfer und zwei seiner Kollegen bedroht und angegriffen wurde. Somit ist das Eingreifen von Herrn Berger als Notwehr zu sehen.
Gegen dieses Urteil gibt es das Rechtsmittel der Revision…“ der Richter blickte zum Staatsanwalt, der Gabriel anfangs heftigst unter Druck gesetzt hatte.
„Die Staatsanwaltschaft verzichtet auf Rechtsmittel“, kam es prompt zurück.
Der Richter fuhr fort. „ Somit ist das Urteil rechtskräftig. Die Verhandlung ist geschlossen.“
Wie im Film lief diese Szene immer wieder vor meinen Augen ab. Ich hatte schon verdammt viel Glück gehabt, dass es so gut für mich ausgegangen war. Ich war ja auch kein unbeschriebenes Blatt. Ich… ich bin Gabriel Berger, siebzehn Jahre alt, einen Meter neunundsiebzig groß, schlank und sportlich. Ich habe kurze blonde Haare, die immer irgendwie verstrubbelt aussehen. Eigentlich seh ich ganz gut aus, was sich bei den Mädels schon oftmals gezeigt hat. Aber wirkliches Glück hatte ich leider nicht bei ihnen. Dabei hätte ich so gerne endlich eine Freundin gehabt.
Das mag wohl an meiner Vorgeschichte liegen. Ich hatte meine Eltern nie gekannt und bin im Heim aufgewachsen. Von Liebe und Zuneigung oder Anerkennung war da nie viel zu spüren. Also hatte ich mir die Anerkennung anderweitig verschafft. Das war entweder bei Schlägereien oder weil ich im Einkaufscenter schon einige Male etwas hatte mitgehen lassen. Auch die Jüngeren im Heim hatte ich abgezockt und ihnen das Taschengeld aus der Tasche gezogen. Für einige Taten wurde ich auch schon betraft, aber glücklicherweise nicht für alle.
Das Urteil von heute Morgen unterschied sich aber von den vorherigen. Ich war wirklich unschuldig. Ich hatte nur einem Jungen, der von fünf Leuten angegriffen worden war, geholfen. Zugegeben, dabei hatte ich etwas unter den Angreifern gewütet. Zwei Nasenbeine waren gebrochen, drei Rippen waren durch und zwei angeknackst. Aber die hatten es auch nicht anders verdient. Zu fünft auf einen einzigen losgehen ist echt feige. Und dann muss da auch noch der Sohn von einem Staatsanwalt dabei sein. Kein Wunder, dass die mich so schnell vor Gericht bringen konnten. Aber die würden sich noch wundern.
Ich schlenderte durch die Stadt. In zwei Wochen ist es wieder soweit. Wieder einmal Weihnachten, wieder in dem bescheidenen Heim und wieder alleine. Und bei dem miesen Wetter mit Regen und Eisregen würde auch keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Nicht einmal am Weihnachtsmarkt. Ich ging gelangweilt an den Rammschläden vorbei. Einzig der kleine Stand mit den Holzfiguren konnte mich ein wenig in Stimmung bringen. Es gab dort Räuchermännchen, kleine Windräder die durch die Wärme der Kerzen angetrieben wurden und Christbaumanhänger. ‚Solche Engel möchte ich später auch an meinem Weihnachtsbaum haben, wenn ich mit meinen Liebsten davor stehe’, dachte ich. Ohne lange zu überlegen kaufte ich mir zwei dieser Engel. Die würden sich in meinem Zimmer gut als kleine Deko machen.
Etwas in Weihnachtslaune eingetaucht ging ich zurück zum Heim und kam dabei an einem schlossähnlichen Gebäude vorbei. Die Privatklinik Stiftsee. Wenn man einmal krank war oder einen Unfall hatte, konnte man von Glück reden, wenn man dorthin kam. Der Ruf des Hauses war exzellent, da dort die besten Ärzte für die, natürlich, Privatpatienten zuständig waren.
Ich nahm meine Tasse frisch gebrühten Kaffee und ließ mich auf die Couch fallen. Man war ich fertig. Um etwas zur Ruhe zu kommen, schaltete ich den Fernseher an und was lief? Gerichtsshows. So einen Schrott musste ich mir nicht antun, vor allem da ich wusste, wie falsch diese Shows eigentlich waren. Ich hatte da ja meine eigenen Erfahrungen gemacht. Also schaltete ich auf MTV und tat mir ein paar der supertollen Musikclips an. Ich spielte dabei kurz mit dem Gedanken morgen diesen Timo zu besuchen, aber verschob die Überlegungen auf später. Bald schlief ich ein.
Endlich draußen aber gleich wieder drinnen – 30. November – Timo
‚Puh, das ist ja gut gelaufen’, dachte ich mir. Ich hatte mich gerade mit Katrin, meiner besten Freundin, getroffen. Wir kannten uns mittlerweile seit vierzehn Jahren und hatten uns damals im Kindergarten kennen gelernt. Geheimnisse hatten wir eigentlich nie voreinander gehabt. Eigentlich? Ja, die letzten anderthalb bis zwei Jahre ungefähr hatte ich ein Geheimnis vor ihr.
Aber erstmal zu mir.
Mein Name ist Krist, Timo Krist. Ich bin ein sechzehn-jähriger mittelprächtiger Schüler, der im Bad länger als seine Mutter braucht. Das liegt an meinen mittellangen dunkelblonden Haaren mit hellen Strähnchen. Die müssen immer perfekt sitzen, sonst geh ich nicht aus dem Haus. Dazu blitzblaue Augen. Na, klingt das gut?
Die Mädels aus meiner Stufe finden das gut, aber das ist mir egal. So kommen wir auch wieder zum Grund des Treffens mit Katrin und dem ‘eigentlich‘ kein Geheimnis. Um es kurz zu machen, ich bin schwul.
Katrin war damit die Erste, bei der ich mich geoutet hatte. Es ist auch total gut gelaufen. Klar, wie ihr jetzt alle vermutet, sie hat es schon geahnt, da ich beim Ausgehen und Shoppen immer nur den Jungs nachgeguckt hatte. Also war es nicht so schwer zu erraten gewesen. Wir hatten auch miteinander überlegt, wie ich es meinen Eltern beibringen konnte. Gut gelaunt und gestärkt durch das Outing ging ich durch den Park nach Hause.
„Du mieses kleines Stück Dreck.“
Ich hörte eine Stimme hinter mir rufen. Wen meinte sie? Ich wollte mich umdrehen und umsehen, doch bevor ich was erkennen konnte, spürte ich einen heftigen Schmerz in der Nierengegend. Der nächste Schlag traf mich direkt im Gesicht, ich konnte fühlen, wie etwas Warmes von meiner Stirn über die Wange runter lief. Dann sah ich sie. Es waren die fünf Jungs, die vorhin im Cafe am Nebentisch gesessen hatten, als ich mit Katrin gesprochen hatte.
Ich versuchte wegzulaufen, doch weit kam ich nicht.
„Kleine dreckige Schwuchtel….“
Ich wurde von zwei Händen gepackt, während drei Schläge in meine Bauchgegend und in mein Gesicht prasselten. Ich schrie verzweifelt um Hilfe, aber niemand kam. Danach wurde es schwarz um mich.
Plötzlich befand ich mich in einem grellen Licht. Ich hörte weit entfernt die Stimmen der Jungen, die mich überfallen hatten. Doch sie klangen anders. Sie klangen panisch und schmerzverzerrt.
Dann war es auf einen Schlag still.
Ich versuchte die Augen ein Stück zu öffnen. Da sah ich ihn, wenn auch etwas verschwommen. Meinen Retter. Ganz in weiß gekleidet und von hellem Licht umgeben. War das ein Engel?
„….ja genau, ein Überfall auf einen Jugendlichen im Stadtpark. Am Westeingang beim Delfinbrunnen…… Ja bitte schnell. Er blutet stark am Kopf……ja er atmet, scheint aber nicht bei Bewusstsein zu sein…okay, ich bleibe bei ihm“
Mein Engel beugte sich zu mir runter. Mein Blick wurde etwas klarer. Es war kein Engel, es war ein süßer Junge mit blonden Haaren, die richtig schön verstrubbelt waren, und blauen Augen. Genau das, was ich an einem Jungen gerne mochte.
„Hey du, keine Angst, der Notarzt ist unterwegs“, beruhigte er mich.
Ich erkannte, dass die Erleuchtung seiner Gestalt von der Straßenlaterne hinter ihm kam und versuchte zu lächeln und etwas zu sagen. Erneut wurde es schwarz.
Das Nächste, an das ich mich erinnern konnte war, dass alles weiß war und ein seltsamer Geruch in der Luft hing.
Ich öffnete etwas mühsam meine Augen, die sich nur langsam an das grelle Neonlicht gewöhnten.
„Hey Timo. Bist du endlich wach? Wie geht’s dir denn?“, fragte mich eine helle freundliche weibliche Stimme.
Ich versuchte meinen Kopf in die Richtung zu drehen, aus der ich die Stimme vermutete. Es blieb beim Versuch, da ich schon bei der ersten Bewegung sofort einen höllischen Schmerz verspürte.
„Hey hey immer langsam. Du solltest es ganz vorsichtig angehen Timo“, hörte ich wieder diese ruhige nette Stimme.
„Was, ähm wo bin ich, wer bist du?“ Es fiel mir schwer zu sprechen, meine Stimme klang total zittrig.
„ Also Timo, du bist in der Privatklinik Stiftsee, mein Name ist Schwester Steffi und bevor ich weiter erzähle, trink erst mal was.“
Sie hielt mir lächelnd ein Glas Wasser hin. Mühsam setzte ich mich unter ihrer tatkräftigen Mithilfe auf und trank ein paar Schlucke.
„Entschuldigung Schwester, ich war noch nicht ganz bei mir. Können Sie mir sagen was mit mir los ist?“
Steffi lachte.
„Also mein Lieber, zuallererst bleibst du mal bei Steffi und beim du, okay? Und zu deiner zweiten Frage, da muss ich dich an den Doc verweisen. Der kann es dir genauer sagen. Ich weiß nur, dass du übel zugerichtet hier ankamst.“
Ich nickte stumm und zuckte etwas zusammen. Langsam kamen die Erinnerungen wieder.
„Steffi? Wie lang bin ich hier?“
„Du wurdest vor drei Wochen eingeliefert“
„Drei Wochen?!“
Im selben Moment erschrak ich.
„Was ist los Timo?“
„Meine Eltern, ich ..ich…meine Eltern. Wo sind sie? Sie machen sich sicher Sorgen.“
„Beruhige dich Timo, wir haben Sie schon verständigt, keine Angst. Deine Eltern sind auch hier im Haus, sie sprechen gerade mit Dr. Lopes. Sie haben dich so schnell es ging hierher verlegen lassen, da ihr den Doc anscheinend kennt.“
Ich nickte.
„Ja, er und mein Vater sind zusammen zur Schule gegangen.“
„Wow, du kannst ja sogar lächeln“, grinste mich Steffi an.
Ihre gute Laune war echt ansteckend, obwohl mir grad gar nicht nach Lachen war.
In diesem Moment ging die Tür auf und ein blonder Junge kam reingestürmt.
„Du Steffi…….“
„Jonas! Du kannst hier nicht einfach reinstürmen. Was denkst du dir denn dabei?“
Der Junge stoppte abrupt.
„Entschuldigung“, nuschelte er.
Steffi sah ihn böse an und machte mit dem Kopf eine Bewegung in meine Richtung.
„Nicht bei mir.“
Jonas kam ein paar Schritte ins Zimmer an mein Bett, den Blick zum Boden gesenkt.
Ich ertappte mich dabei, wie ich ihn anstarrte. ‚Der ist ja richtig süß’, dachte ich, als er so verlegen näher kam.
„Äh…..en-entschuldigen Sie b-bitte. Ich wollte nicht so r-rein-st-stürmen. I-ich….“
Er hob seinen Kopf und sah mich das erste Mal an. Als er noch etwas sagen wollte, kam Steffi ihm zuvor.
„Raus jetzt hier und warte im Schwesternzimmer. Ich bin gleich da.“
Etwas zerknirscht schlurfte der Junge aus dem Zimmer.
„Das war mein kleiner Bruder Jonas. Es tut mir leid, dass er so reingeplatzt ist…..Timo?“
Ihre Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
„Ähm…ja? Sorry, war grad nicht ganz hier.“
Steffi musste wieder grinsen.
„Das hab ich gemerkt. Also noch mal, der KLEINE war mein kleiner Bruder. Er ist zwar schon sechzehn, aber manchmal genauso stürmisch wie ein Zwölfjähriger.“
„Ist doch nicht schlimm, ich fands irgendwie süß.“
Verdammt, was hatte ich da jetzt gesagt.
Steffi legte ihren Kopf etwas zur Seite und guckte mich an.
„Süß? Wie meinst du das?“
„Naja süß wie…süß…also…äh…wie man eben ein stürmisches Kind süß findet.“
„Aaaaahja, naja fürs Erste glaub ich dir das mal. Ich werde mal nach ihm sehen. Der Doc und deine Eltern werden sicher auch bald reinkommen. Ich sehe nachher noch mal nach dir, ja?“
„Ja danke Steffi.“
Sie drehte sich um und ging zur Tür.
„Äh Steffi?“
„Ja?“
„Sag mal, habt ihr hier irgendwas zu lesen? Comics oder so?“
„Keine Lust auf fernsehen?“
„Ne nicht wirklich“
„Ich werd mal sehen ob ich was finde“
„Danke Steffi“
Nach einem letzten Lächeln wandte sie sich endgültig zur Tür und verließ das Zimmer.
Mein Alltag – 20. Dezember – Gabriel
„Gabrieeeel….Gabrieeeel….Los aufwachen, es gibt Essen!“
Die nervige Stimme meiner Betreuerin Frau Urbrüg hallte durch den Flur. „Kann die Alte mich nicht mal in Ruhe lassen?“ Ich rappelte mich hoch und kickte dabei gleich mal die halbvolle Kaffeetasse über Tisch und Teppich.
„Fuck, das war wieder notwendig.“
Schnell versuchte ich mit einem Handtuch den Kaffee aus dem Teppich aufzusaugen und den Tisch abzuwischen, bevor die Großmeisterin dieser Einrichtung das mitbekommen konnte. In dem Moment flog schon die Tür auf und die leicht übergewichtige Dame stand im Türrahmen. Mit hochrotem Kopf starrte sie auf die Bescherung.
„Gabriel Maximilan Berger, kannst du nicht aufpassen? Es nur Ärger mit dir! Musst du immer alles kaputtmachen und jemandem wehtun? Was denkst du dir nur dabei? Du kannst aber auch absolut nichts richtig machen. Wisch sofort die Sauerei weg und komm essen. Und du hast heute Küchendienst, verstanden? Damit du wenigstens zu irgendetwas nützlich bist“
Mit diesen Worten drehte sich um und stampfte, begleitet von einem Erdbeben der Stärke 6.9 bei jedem Schritt, wieder nach unten.
Ich fühlte die Tränen in Richtung meiner Augen steigen. Warum nur? Ich wollte doch auch nur lieb gehabt werden. Liebe und Geborgenheit. Klar, ich hatte auch einiges an Mist gebaut, doch verdiente ich es deshalb, keine Liebe, keine Zuneigung und keine Geborgenheit zu erleben?
Ich wischte mir die Tränen aus den Augen, wusch mir kurz das Gesicht und ging zum Abendessen. Es gab wunderbar fetttriefende Fischstäbchen, die wirklich nur nach Fett schmeckten und total versalzenes Kartoffelpüree. Wenn die uns umbringen wollten, könnten sie das echt weniger qualvoll machen.
Wie immer durften wir während dem Essen kein Wort wechseln. Ich war jetzt mein ganzes Leben hier, aber ich hatte nicht wirklich Freunde in dem Heim. Die, mit denen ich mich verstanden hatte, lebten mittlerweile in einem neuen Zuhause. Simon, einer der wenigen Jungs, mit denen ich mich doch sehr gut verstand, blickte mich fragend an und deutete auf meine Augen. Ich winkte ab, nahm mein Geschirr und brachte es zur Ausgabe zurück. Dort wurde ich auch gleich eingeteilt, die Küche zu putzen und danach den Müll rauszutragen. ‚Toll, jetzt darf ich den Müll der anderen auch noch wegräumen.’
Nach knapp zwei Stunden war die Küche sauber. Eigentlich wäre sie das auch schon eine Stunde vorher gewesen, doch unser Wachhund wollte anscheinend alles vom Boden lecken können.
Als letzte Handlung meines heutigen Putzdienstes machte ich mich mit den Mülltüten auf den Weg zu den Müllcontainern. Vor der Tür erwartete mich ein ekelhafter Eisregen.
‘Ich hab das Glück echt gepachtet’, dachte ich und ging, beziehungsweise rutschte eher, in Richtung Mülleimer. Ich betrachtete dabei die Autos, wie sie, wie auf rohen Eiern, dahin schlichen. Die Scheinwerfer und Rückleuchten spiegelten sich auf der Straße wider, was mich an die Bilder aus Las Vegas erinnerte, die ich aus dem Fernsehen kannte. Da wollte ich auch einmal hin.
Aus dem Augenwinkel merkte ich, dass sich ein Lichterpaar schneller näherte als die anderen und wollte mich in Richtung der Lichtquelle drehen, doch es war zu spät. Der viel zu schnelle Wage kam ins Schleudern und raste direkt auf mich zu. Das Letzte, was ich sehen konnte war, dass der Fahrer mit hektischen Lenkbewegungen versuchte, das Auto unter Kontrolle zu bringen und sein panischer Blick.
Dann kam der Aufprall.
Bekannter Besuch – 20. Dezember – Timo
Ein lautes dumpfes Schlaggeräusch weckte mich aus meinen Träumen.
„Och Ingrid, irgendwann wirst du auch noch lernen, wie man eine Türe öffnet.“
Ich konnte mir das süffisante Grinsen des Mannes mittleren Alters vorstellen, der da vor der Türe stand. Das war typisch für meinen Paps.
„Jaja Marcus, irgendwann zahl ich dir das alles heim. Verlass dich drauf.“
Dafür hatte mein Paps sicher den Ellbogen meiner Mum in die Rippen bekommen.
„Tust du das nicht jeden Tag mit deinen Kochkünsten?“
Darauf fiel meiner Mutter nichts mehr ein. Stattdessen öffnete sie die Tür diesmal in die richtige Richtung und beide betraten mein Zimmer.
Darf ich vorstellen, meine Eltern. Meine Mum, Ingrid, die eigentlich fast immer Unsinn im Kopf hat, aber für die Familie alles geben würde. Sie arbeitet zu Hause als freiberufliche Designerin und ich muss sagen, sie ist echt gut.
Tja, und mein Paps, der steht ihr beim Unsinn machen in nichts nach. Er führt unsere Familientradition väterlicherseits fort und leitet das, von meinem Opa gegründete, Autohaus.
Beide sind unschlagbar nett und sie tun alles, um mich glücklich zu sehen, aber ich bin nicht verzogen, denke ich. Kurz und gut, sie sind leicht chaotisch, aber die besten Eltern, die es gibt.
Meine Mutter stürmte sofort aufs Bett zu und nahm mich fest in den Arm.
„Timo, was ist los mit dir? Was machst du denn für Sachen? Wie ist das denn passiert? Mensch du Armer. Marcus sieh dir mal an, was die mit unserem Schatz gemacht haben. Wer war das? Warum haben die das gemacht? Geht es dir gut? Jetzt antworte doch mal.“
„Das würde er sicher tun, wenn du aufhören würdest, das zu Ende zu bringen, was die Typen versucht haben“, röchelte ich.
Erschrocken ließ meine Mutter mich los und ging einen Schritt zurück. Mein Paps kicherte wie ein Schuljunge.
„Jaja war ja klar, also die große Klappe hast du von deinem Vater. Aber wenn du schon wieder solche Meldungen loslässt, dann kann es dir gar nicht sooo schlecht gehen“, grinste sie mich an.
Mein Paps kam nun ebenfalls zu mir und drückte mich vorsichtig an sich.
„Junge, wir sind so froh, dass es dir besser geht. Aber sag, möchtest du uns nicht erzählen was da passiert ist und warum die auf dich losgegangen sind?“
Diese Frage hatte ich insgeheim befürchtet. Jetzt müsste ich es eigentlich erklären. Erklären, dass es von mir keinen Nachwuchs geben würde, dass ich ihnen einen Schwiegersohn bieten würde aber niemals eine Schwiegertochter. Aber wie mach ich das am Besten? Werden sie mich danach noch genau so lieben? Ja klar, ich hatte gerade erzählt was für tolle Eltern sie schon immer gewesen waren, aber man kann nicht in die Köpfe der Menschen hineinsehen. Ich musste erstmal etwas Zeit gewinnen.
„Ja ähm nein. Ich meine…also ich kann mich nicht genau erinnern, was da wirklich passiert ist und warum.“
Es fiel mir schwer sie zu belügen. Ich wusste ja alles noch sehr genau.
„Ingrid, wir sollten dem Jungen ein wenig Ruhe gönnen, damit er wieder fit wird.“
„Ja aber nein, wir müssen doch wissen was passiert ist.“
In mir stieg leichte Panik auf. Was sollte ich jetzt sagen?
Es klopfte und die Tür ging auf.
Dr. Lopes und ein Mann in einem doch ziemlich schicken Anzug kamen herein.
„Guten Abend“, grüßte der gut gekleidete Herr, woraufhin wir den Gruß erwiderten, ihn aber etwas fragend ansahen.
„Ingrid, Marcus, Timo, das ist Kriminalkommissar Bröger. Er ist der führende Ermittler in deinem Fall. Wir als Ärzte mussten natürlich auch Anzeige erstatten.“
Der Kommissar trat auf meine Eltern zu und gab ihnen die Hand, danach kam er zu mir.
„Timo, würden Sie mir bitte ein paar Fragen beantworten, den Überfall betreffend? Wir sind zwar in der, ich sag mal glücklichen, Lage, dass wir seit einem Monat im Park Überwachungskameras installiert haben und somit die Täter schon ausfindig machen konnten, dennoch hätte ich ein paar Fragen an Sie.“
Meine Mutter schritt sofort ein.
„Nein Herr Dokto…äh Kommissar. Er ist doch…“
„Mum, es ist okay. Ich denke, das bekomme ich gebacken.“
„Willst du…entschuldige wollen Sie, dass ihre Eltern dabei sind?“ Er sah mich etwas seltsam aber doch freundlich an.
„Sie können mich schon duzen. Mir wäre es lieber wenn wir das ohne sie machen“, sagte ich leise.
„Aber Timo…..“
Weiter kam meine Mum nicht. Mein Paps hatte sie am Arm genommen und ging schon zur Tür.
„Ihr sagt bitte Bescheid wenn ihr fertig seid. Okay Timo?“
Ich nickte und meine Eltern gingen mitsamt dem Arzt aus dem Zimmer.
„Timo worum es geht ist Folgendes, wir haben auf dem Videofilm eigentlich alles gesehen und gehört. Es geht nur um ein paar grundsätzliche Fragen.“
Ich zuckte zusammen, als ich hörte, dass das Video mit Ton war.
„Dir macht die Tatsache, dass das Video mit Ton ist, etwas Angst, oder?“
Ich nickte.
„Das war auch der Grund warum ich dich wegen deiner Eltern gefragt habe. Ich denke mal, die beiden wissen nichts von dir und deinem schwul sein oder?“
„Nein, ich habe es noch nicht erzählt. Ich weiß nicht wie sie reagieren werden. Aber eine andere Wahl werde ich nicht haben, als es ihnen bald zu sagen. Sonst kommt es während des Prozesses raus und das muss nicht sein.“
„Da gebe ich dir Recht. Aber erhol dich erst mal ein wenig. Ich bin sicher, sie werden damit klarkommen.“
Ich nickte.
„Timo, woher wussten es die Jungs?“
Ich fing an zu erzählen. Von dem Moment, an dem ich mit Katrin ins Cafe gekommen war bis zu der Stelle, an der ich meinen Engel gesehen hatte. Ich nannte ihn nur vor Kommissar Bröger nicht ‚Engel’.
Er hörte mir aufmerksam zu und machte sich Notizen.
„Hast du eine Ahnung wer dieser Junge gewesen sein könnte? Er hat deine Angreifer ziemlich auseinander genommen.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Nein wirklich nicht. Wenn ich ihn zuvor schon wo gesehen hätte, wäre er mir sicher aufgefallen.“
Kommissar Bröger grinste mich an.
„Natürlich.“
Ich fühlte wie die Röte in mir hochstieg und ich anfing zu tomatisieren.
„Es war ein Junge mit Namen Gabriel Berger. Er kam zufällig vorbei und ist sofort eingeschritten. Das hätte ihn aber fast um Kopf und Kragen gebracht.“
„Wieso das Herr Kommissar?“
„Sagen wir‘s mal so, Gabriel ist kein unbeschriebenes Blatt bei der Jugendkammer und bisher eher negativ als positiv aufgefallen. Bei deinen Angreifern waren auch sehr einflussreiche Jungs dabei.“
„Inwiefern?“
„Einer der Angreifer ist der Sohn des Staatsanwalts Eisinger. Die haben mächtig Druck ausgeübt auf uns. Heute hat die Verhandlung gegen ihn stattgefunden“
„Gegen ihn? Aber…..aber er hat mir geholfen, sonst nichts.“
„Das konnten wir Gott sei Dank anhand der Videoaufnahmen beweisen und Gabriel wurde freigesprochen. Der Richter war der Meinung, dass es Notwehr war.“
Es klopfte wieder und mein Vater steckte den Kopf durch den Türspalt.
„Dürfen wir?“
Kommissar Bröger nickte.
„Ja, ich bin fertig mit meinen Fragen. Wenn noch etwas sein sollte, werde ich mich bei dir melden. Es kann auch sein, dass du gar nicht vor Gericht erscheinen musst, wenn du nicht willst, es gibt ja die Videoaufzeichnung. Das wird sich aber alles erst zeigen. Bis es zum Prozess kommt, werden vermutlich noch Monate vergehen.“
Meine Eltern kamen mit Doktor Lopes wieder ins Zimmer. Kommissar Bröger verabschiedete sich und wünschte mir noch gute Besserung, bevor er ging.
Der Doktor kam zu mir.
„Na Timo, unser Wiedersehen habe ich mir auch anders vorgestellt“, grinste er.
„Nicht nur Sie Doc.“
„Wie fühlst du dich eigentlich?“
„Och, mir geht’s gut, kann ich mit meinen Eltern gleich nach Hause fahren?“
„Nein Timo, das wird nicht gehen. Bei deinen Verletzungen wirst du wohl oder übel noch zwei bis drei Tage bei uns zu Gast sein. Ich kann dich aber beruhigen, Weihnachten wirst du auf jeden Fall zu Hause feiern.“
„Ist es so schlimm?“
Der Doc nahm mein Krankenblatt.
„Ich zitiere: Schädel-Hirn-Trauma, rechts eine Serienrippenfraktur, eine Rippe ist gebrochen und drei angebrochen, links eine angeknackste Rippe, eine Platzwunde über deinem linken Auge, die mit acht Stichen genäht werden musste, ein geprelltes Handgelenk, mehrere Prellungen an Oberkörper und Rücken und ein paar Schürfwunden. Du hast echt Glück gehabt, Timo.“
Meine Augen wurden immer größer.
„Da werde ich bei Germany’s Next Top Model wohl dieses Mal keine Chance haben, oder Doc?“
„Naja, wenn es eine Halloween Sondersendung geben würde, dann wärst du ganz vorne dabei.“
Das konnte nur von meinem Vater kommen.
„Danke Paps, ich hab dich auch wahnsinnig lieb.“
Er wuschelte mir durch die Haare. „Das weiß ich mein Kleiner.“
Die Tür wurde aufgerissen.
„Doktor Lopes, ein Notfall. Ein Jugendlicher ist von einem Auto überfahren worden. Wir müssen diesen Notfall aufnehmen der Krankenwagen kommt bei dem Chaos nicht durch. Wir wissen nichts genaues über seinen Zustand.“
Die Miene von Dr. Lopes verfinsterte sich.
„Ich komme. Ihr entschuldigt mich ja?“
Mit diesen Worten steckte er meine Krankenakte wieder in das Fach am Bett und rannte aus dem Zimmer.
Himmelsboten – 20.Dezember – Gabriel
Leise Stimmen kamen immer näher. Ich öffnete die Augen. Ein Arzt und ein Mann in einem schicken Anzug kamen zu mir. Ich war in einem kleinen karg eingerichteten, eintönig weiß gefliesten Raum. Es war sehr kalt.
„Jetzt sind Sie heute schon zum zweiten Mal hier, Kommissar Bröger“, hörte ich den Arzt beim Näherkommen sagen. Auf seinem Namensschild stand Dr. Lopes.
Auch der Mann namens Bröger stand nun genau neben mir.
„Er wurde mit multiplen Frakturen im Brustbereich eingeliefert, dazu ein schweres Schädel-Hirntrauma, eine Rippe hat die Milz durchbohrt und er hatte eine traumatische Asphyxie.“
„Asphy….was?“
„Asphyxie wird auch Perthes-Syndrom genannt. Dabei wird der Brustbereich so stark gequetscht, dass das Blut hoch in Hals und Kopf gedrückt wird, was weitergehend im Fall dieses Jungen hier zu einer Hirnblutung geführt hat.“
„War er noch am Leben, als er eingeliefert wurde?“
„Ja, es waren noch minimalste Lebenszeichen vorhanden, aber leider konnten wir nichts mehr für ihn tun. Er ist um sechzehn Uhr dreißig verstorben“
‚War er noch am Leben als er eingeliefert wurde?’
„Hallo, ich bin hier“, rief Gabriel, doch keiner der beiden Männer reagierte.
„Doktor, wissen Sie wer der Junge ist?“
„Ja, er hatte ein Portemonnaie mit einem Perso dabei. Der Junge heißt…. Gabriel Maximilian Berger, sechzehn Jahre alt. Schlimm, er hatte sein Leben noch vor sich und das nur weil sich einer nicht im Griff hat und alkoholisiert Auto fährt.“
Der Doktor schüttelte wütend den Kopf.
„Und dann noch genau diesen Jungen, der sich vor knapp drei Wochen für einen Ihrer Patienten eingesetzt hatte.
„Wie meinen Sie das Herr Bröger?“
„Gabriel hat eingegriffen, als Timo überfallen wurde. Er ist der Junge auf unserem Video. Er hat Timo gerettet.“
Betroffen sah der Arzt Bröger an, wandte sich zur Tür und ging. Kommissar Bröger folgte ihm.
Das Licht ging aus.
Alles war dunkel.
Ich konnte nicht fassen, was ich da eben gehört hatte. Ich lag neben den beiden Typen und hatte gerufen. Verdammt, ich war doch nicht tot. Ich musste träumen. Ja, genau das war es. Ich hatte bei dem Unfall eine Gehirnerschütterung erlitten und träumte. Ich musste mich zwingen aufzuwachen. Ich hatte einmal bei Galileo gesehen, dass das das wirklich funktionieren konnte. Ich schloss meine Augen und presste sie fest zusammen. Die Kälte wich allmählich einer angenehmen Temperatur und ich öffnete meine Augen wieder.
Ich erkannte den Raum wieder. Es war derselbe, in dem ich gelegen hatte, als ich die Augen geschlossen hatte. Nur viel heller. Ich suchte die Lichtquelle und fand sie. Aber das konnte nicht sein. Das war unmöglich.
Süßer Zeitschriftenjunge – 20. Dezember – Timo
Meine Eltern und ich redeten noch ein wenig darüber, wie froh sie seien, dass mir nichts Schlimmeres passiert war. Außerdem machten wir eine Liste, was ich für die paar Tage, die ich noch hier war, benötigen würde, darunter mein Handyladegerät, sowie ein paar CDs und DVDs. Meinen Laptop hatte meine Mutter in weiser Voraussicht schon mitgebracht. Ich hatte meine Eltern auch gebeten, Katrin und ein paar Freunde anzurufen und zu informieren, in der Schule wollten sie ebenfalls Bescheid sagen.
Während wir so am Planen waren, flog plötzlich die Tür auf und dieser Jonas stürmte ins Zimmer.
Als er jedoch meine Eltern sah, blieb er stehen.
„Hallo, Entschuldigung aber ich wollte Timo etwas zu lesen bringen. Steffi hat gesagt du hattest nach Zeitschriften und Comics gefragt. Ich hab mal zusammengesucht was zu finden war. Also wir hätten da Frau im Spiegel, Die neue Post, Mickey Maus Comics, Computerzeitschriften und auch paar Bravos.“
Er grinste stolz und legte sie auf den Tisch am Fenster.
„Viel Spaß damit und vielleicht sieht man sich wieder.“
Hatte ich mich getäuscht oder hat er mir zugezwinkert?
Schon war er wieder weg und die Tür flog mit einem lauten Knall ins Schloss.
Meine Eltern sahen mich fragend an, besonders meine Mutter.
„Wer oder was war das?“
„Das, Mum, war der kleine Bruder von Schwester Steffi.“
„Der arbeitet aber nicht hier, oder?“, erkundigte sie sich weiter.
„Nein, ich glaub nicht. Ich hab bisher nicht gefragt.“
Meine Mutter schüttelte den Kopf.
„Was solls, wir müssen jetzt dann aber los Timo. Das Wetterchaos mit Regen, Eis und Hagel hat den Verkehr ziemlich lahm gelegt.“
„Ihr kommt mich aber morgen wieder besuchen ja?“
„Aber sicher. Geh bald schlafen damit du schnell gesund wirst Timo.“
Ich bekam von beiden noch einen Abschiedskuss. Den gab es immer, auch vorm schlafen gehen.
Die Tür ging zu und ich war wieder alleine in meinem Zimmer, was sofort ein Gefühl der Einsamkeit in mir hervorrief. Um mich abzulenken, durchsuchte ich die Zeitschriften nach etwas, was mich interessieren könnte. Ich entschied mich für eine Bravo-Ausgabe aus dem letzten Jahr. Die Artikel hatten sich nicht geändert seit der Zeit, als ich noch Bravo gekauft hatte. Auch bei Doktor Sommer war immer dasselbe. Ein Beitrag interessierte mich besonders:
Ich bin schwul, wie sag ich es meinen Eltern
J.,15:
Ich weiß seit einiger Zeit, dass ich schwul bin. Ich habe es noch niemandem aus meiner Familie oder meiner Clique gesagt, nur meiner besten Freundin und meiner großen Schwester. Ich habe aber vor allem Bedenken, es meinem Vater mitzuteilen. Wie soll ich das alles denn am besten machen?
Lieber J.,
klar verstehe ich dich, dass vor allem die Menschen, die dir wichtig sind, wissen sollen, dass du homosexuell bist. Du brauchst allerdings nichts zu überstürzen und musst auch nicht zuerst deinen Eltern davon erzählen.
Du hast ja den ersten Schritt getan und es deiner besten Freundin und deiner großen Schwester erzählt. Leider hast du nicht geschrieben, wie die beiden reagiert haben. Wenn die beiden es gut aufgenommen haben, dann hast du………………………..
Ich hörte auf zu lesen. Steht doch eh immer das Gleiche drin.
Meine Gedanken kreisten um mein eigenes Outing bei meinen Eltern. Wie würde es ablaufen? Spontan oder doch geplant? Wie wären die Reaktionen? Sofort kamen mir die Geschichten von missglückten Outings in den Sinn und ich spürte, wie sich die Tränen in meinen Augen ansammelten.
„Ähm….“
Ich schreckte hoch. Steffi stand in der offenen Tür.
„Timo ist alles okay mit dir? Du wirkst so abwesend.“
Sie sah meine Tränen und setzte sich an die Bettkante.
„Was ist los? Hast du Schmerzen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du willst nicht reden.“
Wieder schüttelte ich mit dem Kopf.
„Timo, ich möchte dass du weißt, dass du mit mir reden kannst, jederzeit und über alles ja?“
Ich murmelte ein leises, fast unhörbares Danke.
Nach einem aufmunternden Lächeln verabschiedete sich Steffi wieder und verließ das Zimmer. Ich war wieder alleine.
Erscheinungen – 20.Dezember – Gabriel
„Hallo Gabriel“
Die Stimmen dieser beiden Gestalten, die ich da verschwommen vor mir sah, klangen wie ein Singen. So rein, so sanft … so engelsgleich.
„Mit dieser Beschreibung kommst du den Tatsachen schon sehr nahe Gabriel.“
„Was? Ich habe doch kein Wort gesagt“
Die beiden kamen näher.
„Wer seid ihr? Was wollt Ihr?“
„Wir, Gabriel, sind Gesandte des Haniel. Wir sollen dir den Weg zu deiner Erlösung nahe bringen, Gabriel.“
„Wie… Erlösung? Wovon redet ihr da bitte?“
„Gabriel, wie du bereits gehört hast, hat dein Körper seine Lebenszeichen ausgehaucht.“
„Aber….“
Eine der beiden Gestalten trat nun vor mich und berührte meine Brust. Ich fühlte mich, als ob ich schwebte und Wärme durchströmte mich. Der Unbekannte nahm seine Hand von mir und ging einen Schritt zurück.
„Steh auf Gabriel“
Ich versuchte wieder mich aufzurichten und dieses Mal klappte es. Ich hatte keine Schmerzen beim Aufstehen. Ich ging im Kreis durch den Raum. Als ich zur Liege zurückkam, lag dort ein zugedeckter Körper. Ich war neugierig und hatte Angst zugleich, trotzdem ging ich zum Kopfende und schob das Laken zur Seite. Was ich sah, nahm mir die Luft zum Atmen.
„Was? Wie ist das möglich?“
„Gabriel, du weißt, wenn man stirbt, dann wird die Seele jedes Menschen erlöst und steigt in andere Dimensionen auf. Dimensionen, die die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes übersteigen.“
„Ja ich habe davon einmal in einer Reportage gehört. Aber warum bin ich hier? Ich verstehe das nicht.“
„Das, Gabriel, ist etwas kompliziert. Dazu müsste ich ein wenig ausholen. Du kennst den Erzengel Gabriel, derjenige der einst beschlossen hatte, den Menschen nicht mehr zu dienen, sondern die Schwachen zu unterdrücken und sich als Führer auserkoren sah?“
Bei diesen Worten wurde mir der Hals ein wenig zugeschnürt. Ich hatte mich gegenüber Schwächeren auch nie nett gegeben, sondern sie unterdrückt und ausgenutzt, wie Gabriel.
„Ich sehe du, verstehst sehr schnell Gabriel. Dieser gefallene Engel Gabriel hat sich auch den fleischlichen Gelüsten hingegeben, wenn du weißt was ich meine.“
„Ich…du meinst aber jetzt nicht, dass……….dass“
„Doch Gabriel, du bist ein Nachkomme des Gabriel. Ein direkter Nachkomme, ein Nephilim.“
„Ein was?“
„Ein Nephilim, so werden die Kinder genannt, die aus Verbindungen zwischen Engel und Menschen entstehen.“
„Also ein halber Engel?“
„Ein halber gefallener Engel, ja.“
Das Ganze wurde mir langsam suspekt, aber tief in mir wusste ich, dass der Bote recht hatte.
„Gabriel wir wollen dir helfen wieder aufzusteigen und bei deinesgleichen zu sein und dich um etwas bitten.“
Herzlich und Hart – 20. Dezember – Timo
‚Verdammt was soll ich machen.’ Meine Gedanken kreisten dauernd um mein Outing. ‚Aber wie soll ich das anstellen.’ Meine Gedanken wurden jäh durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.
„Ja bitte?“
Nur ganz langsam ging die Tür auf und ein blondes Haarbüschel kam zum Vorschein. Jonas. Mein Herz schlug schlagartig schneller. Wenn er so schüchtern tat, war er so niedlich.
„Hallo“ sagte er leise „darf ich?“
Ich musste lachen.
„Ja klar. Komm rein. Jetzt wo du beim dritten Mal reinkommen an einem Tag das erste Mal geklopft hast, werde ich dich nicht draußen stehen lassen.“
„Danke. Timo richtig?“
„Ja genau. Danke übrigens für die Zeitschriften Jonas.“
„Hab ich gerne gemacht. Weißt du, zu Hause, da bin ich allein und ich komm gern meine Schwester besuchen. Vor allem heute ich musste ihr unbedingt was erzählen.“
„Was denn, wenn ich fragen darf“
Jonas wurde still. Er wollte nicht so recht antworten.
„Sorry Jonas, ich wollte nicht so indiskret sein. Wenn du nicht willst, musst du es ja nicht sagen.“
„Danke. Du hast aber nen geilen Laptop, Timo. Hast du da auch coole Spiele drauf?“
Danke, das war es, was ich meinen Eltern heute noch hatte sagen wollen. Ich wollte Spiele haben. Naja, musste ich eben die zwei bis drei Tage ohne sie auskommen.
„Ne, leider nicht. Kann dir grad nur mit einem Film dienen. Ich wollte sowieso ein wenig gucken. Hast du Lust mit mir einen anzusehen?“
„Naja ich weiß nicht, also ich würde schon gern, weil ich mich ein wenig langweile. Aber Steffi mag das nicht, wenn ich in der Klinik rumlaufe und die Patienten ärgere, wie sie immer sagt“
„Jonas du ärgerst mich nicht, außerdem habe ich dich eingeladen, oder?“
„Ja schon. Ich sollte sie aber fragen.“
Ich dachte nicht lange nach und drückte den Alarmknopf für das Schwesternzimmer.
Schon nach kurzer Zeit ging die Tür auf und eine ältere mürrische Schwester kam rein.
„Äh wo ist Schwester Steffi?“
„Notfall. Was geben Sie sich eigentlich mit dem kleinen Perversling da ab. Ich hab dir schon oft genug gesagt, dass ich dich hier nicht rumlungern sehen will, also hau ab. Du gehörst in die geschlossene Anstalt. Raus hier, los.“
„Moment Schwester, das ist mein Besuch, ich hab ihn hierher gebeten da…..“
„Sie haben ja keine Ahnung. Raus mit dir, du Missgeburt. Geben Sie sich nicht mit so schwulem Ungeziefer ab.“
Fassungslos musste ich zusehen, wie Jonas in Tränen ausbrach.
„Jonas, du bist was? Du bist schwul?“
Leider erwischte ich aufgrund meiner Wut und Fassungslosigkeit über diese Schwester einen komplett falschen Tonfall. Jonas zuckte zusammen, fuhr herum und rannte los.
„Es tut mir leid“, schluchzte er beim Hinauslaufen.
Eine schwere Aufgabe – 20. Dezember – Gabriel
„Ihr denkt, dass ich dieser Aufgabe gewachsen bin?“
„Ja, wir sind überzeugt. Du hast dem Jungen schon mal beigestanden.“
„Ihr meint den Jungen aus dem Park oder? Wie geht es ihm? Ihr könnt keinen anderen meinen.“
„Wieso bist du so sicher Gabriel?“
„Nun ja, ich habe in meinem Leben viel Mist gebaut, und das im Park, das war das erste Mal, dass ich etwas Gutes für jemanden gemacht habe.“
„Das mag sein, aber du hast dich mit all deinen Möglichkeiten für ihn eingesetzt. Wir denken, du kannst ihm aus seiner Situation helfen.“
„Okay, ich werde mein möglichstes tun.“
Mit einem Mal waren die Boten verschwunden und ich stand mitten im Krankenhausflur. Ein ziemlich voll bepacktes Ehepaar kam den Flur entlang. Der Mann trug eine Tasche, in der sich vermutlich Klamotten befanden und die Frau hatte ein Plüschrentier unter den Arm geklemmt, sowie eine Plastiktüte in der Hand.
„Jetzt mach schon Marcus. Timo braucht doch die Sachen.“
„Ingrid stress‘ nicht rum, auf die fünf Minuten kommt es auch nicht mehr an.“
Sie steuerten genau auf mich zu, ohne langsamer zu werden. Wohin sollte ich jetzt bitte ausweichen. Gerade wollte ich mich bemerkbar machen, als die Frau einfach durch mich durch gelaufen war. Daran musste ich mich erst gewöhnen.
Ich folgte ihnen weiter durch den Flur zur Tür des Zimmers 2412 und rätselte dabei, nach welchem System hier die Zimmernummern vergeben waren. Aber es war ganz einfach. Die Zwei stand für den zweiten Stock, Abteilung vier, das war die Abteilung der Patienten, die bald entlassen werden konnten, Flur eins, Zimmer zwei. Ich stand etwas gedankenverloren im Flur als plötzlich ein Junge um die Ecke gelaufen kam. Ausweichen brauchte ich ja nicht, da der Junge, genau wie Timos Mutter einfach durch mich durchlaufen würde. Das dachte ich zumindest. Mit einer ziemlichen Wucht rammte mich der Junge und stürzte zu Boden.
„Kannst du nicht aufpassen, du Arsch“ herrschte er mich an.
„Sorry aber, kannst du mich denn sehen?“
„Klar oder denkst du, du bist ein Geist?“
Er war sehr aufgebracht und musste geheult haben. Die getrockneten Tränen bildeten eine kleine Salzspur auf seinen Wangen, seine Augen waren immer noch feucht. Er beschäftigte sich nicht weiter mit mir und lief weiter.
Meine Aufgabe war es, für Timo da zu sein, aber der Junge weckte mein Mitleid und meine Aufmerksamkeit. Ich beschloss, ihm zu folgen. Er war schon am Aufzug angekommen, als ich um die Ecke bog. Die Türen begannen sich zu schließen. Ich war zu spät. Ich musste an die billigen Hollywood Filme denken, in denen Engel sich nur mit Gedankenkraft an andere Orte versetzen konnten. Ich musste grinsen, als ich an die Eingangshalle direkt beim Aufzug dachte.
Im Bruchteil einer Sekunde war ich…in der Eingangshalle. Die Aufzugstüren öffneten sich gerade und der Junge stürmte hinaus ins Freie. Diesmal beschloss ich, ihm dicht auf den Fersen zu bleiben. Wer wusste schon, ob das Beamen immer funktioniert. Der Junge lief und lief. Nur einmal blieb er kurz stehen und drehte sich um, als ob er gemerkt hätte, dass ihm jemand folgte.
Ich versteckte mich hinter einem parkenden Auto. Warum sah dieser Junge mich? Die Boten hatten mir gesagt, dass niemand mich sehen würde, außer Timo. Der Junge lief weiter durch den Park zu einer kleinen Kirche. Er rüttelte verzweifelt an der Tür, doch diese blieb fest verschlossen. Durch ein Loch schlüpfte er durch den Zaun und lief geduckt, damit man ihn nicht sehen konnte, auf den Friedhof.
„Na dann mal los“, seufzte ich und schlüpfte ebenfalls durch das Loch.
Keine fünf Minuten später war der Junge an seinem Ziel angekommen, einem eher unscheinbaren aber sehr gut gepflegtem Grab. Er kniete sich hin und wühlte in seiner Jackentasche, aus der er eine kleine Kerze hervor holte, die er dann in die Laterne stellte. Verzweifelt versuchte er die Kerze anzuzünden, aber durch den Eisregen waren seine Streichhölzer vollkommen durchnässt. Er murmelte leise vor sich hin.
Gedanken des verlorenen Lächelns – 20.Dezember – Jonas
„Hallo Papa. Ich hoffe, dir geht’s gut. Mir geht’s grad gar nicht gut. Also mit Steffi schon, sie kümmert sich so lieb um mich und darum, dass es uns gut geht. Sie arbeitet hart aber ist immer da für mich. Du weißt ja, sie hat mein Outing sehr gut aufgenommen. Sie meinte ja, dass sie es vorher schon gewusst hat. Irgendwie hat aber die Oberschwester Hilde das heute auch mitgehört, als ich Steffi erzählt hatte, dass ich mich bei meiner Clique geoutet hatte. Ich weiß nicht wie sie das mitbekommen hat, vermutlich hat sie uns belauscht. Ich hab heute im Krankenhaus einen total lieben Jungen kennen gelernt, sein Name ist Timo. Ich dachte ich hab endlich einen Freund gefunden. Also einen, mit dem ich reden kann. Doch dann kam diese bescheuerte Schwester Hilde, hat mich zur Sau gemacht und auf das Heftigste beschimpft. Das tat so weh, Papa. Vor allem neben diesem Timo. Der hat das dann auch gleich gehört, dass ich schwul bin und war total geschockt und hat mich angeschrien, ob das wirklich stimmen würde. Und in den Mistkerl hatte ich mich verguckt. Das erste Mal in meinem Leben.
Diese blöde Kuh. Warum musste sie das tun? Warum hatte sie mich gerade vor Timo so beschimpft?“
Ich spürte einen warmen Luftzug neben mir durch den Eisregen und sah mich um. Niemand war hier. Nur ich. Ich ganz alleine.
Als ich wieder aufs Grab blickte, brannte die Kerze in der Laterne.
„Was? Hallo? Ist hier jemand?“
Keine Antwort.
Ein seltsamer Traum – 20. Dezember – Timo
Ich war wieder alleine im Zimmer. Jonas war heulend raus gerannt und dieses Monster von Schwester war auch verschwunden.
Hatte sie Recht? War Jonas echt schwul?
Er war so süß und ich hatte mich sehr über seinen Besuch gefreut. Hatte er nicht gemerkt, dass ihn gern hatte? Naja, wie sollte er. So wie ich ihn angeblafft hatte. Hatte ich damit alles kaputtgemacht? Mir beziehungsweise uns alle Chancen genommen? Ich hoffte er würde mich morgen nochmals besuchen kommen, dann würde ich ihn fragen. Ich machte das Licht aus und versuchte zu schlafen. Es dauerte eine kleine Ewigkeit.
Ich schlief sehr unruhig und hatte wieder Albträume. Seit dem Überfall musste ich diese Situation fast jede Nacht im Traum neu durchstehen. Ich spürte, wie die Schläge der Angreifer auf mich einprasselten und schrie laut um Hilfe.
Plötzlich war es still und kein Schlag traf mich mehr. Wie in jedem Traum sah ich den weißgekleideten Jungen. Doch dieses Mal war es anders als sonst. Er war wieder von einem Lichtschein umgeben, doch dieses Mal kam das Licht nicht von der Straßenlaterne. Der Junge telefonierte auch nicht, nein, er kam auf mich zu. Es war mein Engel.
„Timo, keine Angst du bist in Sicherheit.“
„Aber wer bist du?“
„Mein Name ist Gabriel.“
„Wie der Engel? Bist du ein Engel?“
Er lächelte.
„Könnte man fast so sagen, ja.“
„Warum bist du hier, Gabriel?“
„Ich möchte dir zeigen, dass Wunder sehr wohl möglich sind.“
„Das glaub ich nicht, Gabriel. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Wunder gibt es nicht.“
„Das denkst du, Timo. Du hattest es immer gut. Aber es gibt so viele Menschen, denen es nicht so gut geht, nimm zum Beispiel mal Jonas.“
„Jonas? Du kennst ihn?“
„Ich habe heute einiges über ihn gelernt.“
„Was? Sag es mir bitte. Und sag, ist er auch…“
„Timo, es ist nicht an mir, dir das zu erzählen. Sieh es so: ich bin hier, um dir einen Weg zu zeigen. Gehen musst du ihn ganz alleine!“
„Wie meinst du das? Wie soll ich den Weg gehen? Ich weiß doch gar nicht wie!“
„Du wirst es merken, wenn es der richtige Weg ist. Achte auf ein Wunder und du wirst sehen.“
Mit diesen Worten war er verschwunden.
Wunder gibt es doch – 21. Dezember – Gabriel
Timo ging es gut und ich war mir sicher, dass er meinen Hinweis verstanden hatte. Auch ich fühlte mich gut, weil ich Timo etwas innere Ruhe hatte geben können.
Ich ging in ein leeres Zimmer, legte mich da aufs Bett und ließ meine Gedanken mit geschlossenen Augen schweifen. Dabei kam mir die süße Schwester in den Sinn, die ich mit Timos Eltern sprechen gesehen hatte. Die war echt süß. Mit diesen schönen Gedanken schlief ich irgendwann ein. Die zwei leicht erleuchteten Gestalten am Fenster bemerkte ich dabei nicht. Auch nicht, wie sie auf mich zukamen und mir über den Kopf strichen.
„Doktor, er kommt zu sich!“
Das war die Stimme der Krankenschwester.
„Hallo Gabriel, wie geht es dir?“
Die andere Stimme kam mir ebenfalls bekannt vor, ich hatte sie schon einmal gehört. Sie gehörte dem Arzt, Dr. Lopes.
„Wie fühlst du dich Gabriel?“
“Äh…keine Ahnung… lebendig, glaub ich. Und mir tut so ziemlich alles weh.“
„Das ist gut, dass du dich lebendig fühlst. Aber so schwer sind deine Verletzungen auch nicht, was mich, ehrlich gesagt, ziemlich verwundert.“
„Wieso? Was ist passiert?“
„Du hattest einen kleinen Unfall beim Müll rausbringen. So denke ich mir das jedenfalls. Die Sanitäter sagten, es sah aus wie auf einer Müllhalde.“
Sie konnten nur den Unfall beim Müll raustragen im Heim meinen.
„Ein Autofahrer hat auf der spiegelglatten Straße die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und ist direkt auf dich zu gesteuert. Der Fahrer konnte das Auto in letzter Sekunde von dir wegsteuern und ist in einen Baum gekracht. Dabei wurdest du, laut Polizei und Augenzeugen, vom Wagenheck gestreift und, salopp gesagt, übel flachgelegt.“
„Wie lang bin ich schon hier? Was hab ich?“
„Du bist jetzt knapp vier Stunden hier und seit deiner Einlieferung bewusstlos gewesen. Für so einen Unfall bist du nahezu unverletzt, es grenzt an ein Wunder. Dein Knie ist geprellt, du hast einige Schürfwunden am ganzen Körper, aber ansonsten eigentlich gar nichts. Du wirst nur in den nächsten Tagen vermutlich noch ein paar blaue Flecken bekommen.“
„Ich dachte, ich wäre tot.“
„Gabriel, das dachten wir auch, als wir von dem Unfall gehört hatten. Da musst du einen sehr guten Schutzengel gehabt haben, oder es war einfach ein vorweihnachtliches Wunder.“
„Muss ich lange hier bleiben?“
„Bis morgen auf jeden Fall, zur Überwachung. Aber ich denke, in zwei Tagen kannst du wieder nach Hause.“
„Nach Hause“, murmelte ich. „Ich habe kein zu Hause.“
Funken sprühen und das Lächeln war verloren – 21. Dezember – Steffi
Der Doc sah mich an und ich verstand. Ich sollte mich ein wenig um den Süßen kümmern. Also den Patienten. Wie kam ich hier auf süß? Was ich gesehen hatte gefiel mir. Er war ziemlich gut trainiert, aber nicht zu viel, hatte schmale Lippen und wunderschöne blaue Augen. Ein Wahnsinn. ‚Hör auf damit Steffi’, zwang ich mich, mich zu beherrschen.
„…..da was?“
Er sah mich traurig an und griff sich ins Gesicht.
„Hab ich da was im Gesicht?“, fragte er erneut.
„Was? Nein, da ist nix.“ ‚Außer deinen wunderschönen Augen’, vervollständigte ich den Satz in Gedanken.
„Kann ich irgendwas für dich tun, Gabriel?“, fragte ich ihn stattdessen und konnte meine Augen nicht von ihm lösen.
Er lächelte das erste Mal. Ich konnte seine strahlend weißen Zähne sehen.
„Mal sehen, Schwester Steffi.“
Er kannte meinen Namen? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ihn irgendjemand erwähnt hatte seit seinem Erwachen. Egal.
„Sag mal Steffi, darf ich aufstehen?“
„Ja, das ist kein Problem, du solltest aber vorsichtig sein, wegen deinem Knie. Anfangs solltest du keine allzu großen Spaziergänge alleine machen.“
„Das trifft sich gut. Ich möchte gerne in die Cafeteria und da brauch ich ja eine Begleitung oder?“, grinste er schon wieder.
„Ja, wäre schon besser“, stimmte ich ihm zu.
„Gut, dann lass uns gehen.“
Er war richtig süß, hatte ich das schon erwähnt?
Wir machten uns also auf den Weg in die Cafeteria und verbrachten dort sehr viel Zeit.
Gabriel hatte mir sehr viel von sich und aus seinem Leben erzählt. Wie er in dem Heim aufgewachsen war und wie sein Alltag so ablief. Gegen zehn Uhr abends wollte ich mich auf den Heimweg machen, da die Schicht wirklich sehr anstrengend gewesen war. Eigentlich hatte ich noch vorgehabt Timo zu besuchen, um zu sehen ob alles okay war, aber dafür war es schon zu spät. Jonas war auch nicht mehr da. Ich hatte ihn zuletzt gesehen, als er Timo die Zeitschriften brachte. Mein kleiner Bruder hatte sich richtig um diese Aufgabe gerissen. So fröhlich hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Seit einem Jahr nicht mehr.
Unsere Mutter war vor 8 Jahren mit ihrem Chef durchgebrannt und hatte meinen Vater, Jonas und mich im Stich gelassen. Anfangs war es sehr schwer gewesen, doch wir hatten es mit vereinten Kräften geschafft. Ich hatte aber bald bemerkt, dass meinen kleinen Bruder irgendetwas bedrückte. Er wollte nicht darüber sprechen. Es hatte sich dann wieder gebessert aber richtig glücklich wirkte er nicht. Schon gar nicht letztes Jahr im April.
Papa war ein gelber Engel. Ein Pannenfahrer für den ADAC. Manche würden sagen, das wäre kein Traumjob, aber er hatte sehr gerne Menschen geholfen und er konnte uns gut ernähren und, zugegeben, er hatte uns auch ein wenig verwöhnt.
An dem Tag, es war der sechsundzwanzigste April, als Jonas mit auf Arbeit war, passierte dann der Unfall. Mein Vater war gerade dabei einen Pannenwagen zu reparieren, als ein Brummifahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Er rammte das defekte Fahrzeug und überfuhr dabei auch leider unseren Vater. Jonas hatte alles mit ansehen müssen.
Die Rettungskräfte waren zwar sehr schnell vor Ort gewesen, aber sie hatten unserem Vater nicht mehr helfen können. Das war der Tag, an dem Jonas das Lächeln verlor.
Gestern sah ich es zum ersten Mal wieder. Sein Lächeln und seine funkelnden Augen, als er Timo begegnet war und von ihm gesprochen hatte.
Müde stieg ich die Stufen hoch in den zweiten Stock zu meiner kleinen Wohnung. Nach dem Tod unseres Vaters hatte ich mich dafür eingesetzt, dass Jonas bei mir bleiben konnte. Das Jugendamt hatte zwar erst seine Zweifel, ob ich mit achtzehn Jahren reif genug dafür wäre, aber wir hatten es geschafft. Ich wollte nicht, dass er in eine Pflegefamilie kommt. Die Wohnung, in der wir zuvor gewohnt hatten, mussten wir leider auch aufgeben, da sie mit meinen finanziellen Mitteln nicht zu halten gewesen war.
Jetzt hatten wir eine günstige Drei-Zimmer-Wohnung, wo jeder sein eigenes Zimmer hatte. Viel blieb nach Abzug der Miete nicht mehr übrig, aber wir kamen über die Runden. Luxus konnten wir uns nicht leisten mit meiner Ausbildungsvergütung und dem Kindergeld.
„Hallo Jonas, ich bin zu Hause.“
Keine Antwort.
Normal kam er immer an, wenn ich die Wohnung betreten hatte. Verwundert entledigte ich mich meiner triefend nassen Jacke und hing sie im Bad auf. Nachdem ich Wasser für den Tee aufgesetzt hatte, ging ich in Jonas’ Zimmer. Sagen wir, ich wollte in Jonas’ Zimmer gehen. Die Türe war abgeschlossen. Das hatte er doch noch nie gemacht. Ich musste ihn morgen dringend fragen, warum er abgeschlossen hatte. Ich trank noch eine Tasse Tee und ging dann zu Bett. Im Traum kam immer wieder Gabriel auf und ich musste zugeben, ich fand ihn nach diesem Abend mehr als süß.
Sorgenvolle Mienen – 22. Dezember – Timo
Das war ein seltsamer Traum. Mein Engel war darin aufgetaucht. Ich war etwas verwirrt. Es war doch sowieso nur ein Traum. Die Monsterschwester kam ins Zimmer, knallte mir das Tablett auf den Tisch und blaffte nur „Frühstück“.
„Ihnen auch einen guten Morgen“, rief ich ihr nach
Sie war schon wieder weg. Ich genoss den heißen Tee und frische Brötchen. So eine Privatklinik hatte schon Vorteile.
Es klopfte.
„Herein“, rief ich mit halbvollem Mund.
Ich hatte so gehofft, dass es Jonas war, doch es war Steffi. Sie sah aber gar nicht so fröhlich aus wie sonst immer.
„Guten Morgen Timo.“
„Morgen Steffi, wie geht’s dir?“
„Gestern Abend super, heute nicht mehr. Jonas ist verschwunden.“
Ich verschluckte mich an meinem Frühstücksbrötchen.
„Wie verschwunden? Wann wo?“
„Ich weiß es nicht, Timo.“ Ihr kamen die Tränen, „Er ist das Wichtigste auf der Welt für mich. Gestern wurde es ziemlich spät hier. Ich hatte mich mit einem Patienten bei einem Kaffee verquatscht und kam erst sehr spät nach Hause. Als ich da ankam, war sein Zimmer verschlossen. Das hatte er noch nie gemacht. Und heute Morgen, als ich um sechs Uhr aufgestanden bin, war er weg. Er hat nicht, wie sonst immer, einen Zettel geschrieben, die Schultasche, Portemonnaie und Handy lagen im Zimmer. Ich mach mir große Sorgen.“
Das Telefon klingelte. Am Display sah ich die Nummer von zu Hause.
„Sorry ganz kurz, das sind meine Eltern“
Steffi nickte. Meine Eltern wollten mir Bescheid sagen, dass sie mich nicht abholen konnten und ich doch mit dem Taxi oder Bus nach Hause fahren sollte. Sie konnten es terminlich nicht schaffen.
„Ist okay, das schaff ich schon. Sei mir nicht böse Paps, ich kann grad nicht.“
„Okay Großer, dann bis nachher und danke für dein Verständnis.“
Ich legte den Hörer wieder auf.
„Also hier war Jonas nicht, Steffi. Das letzte Mal war er gestern Abend hier. Wir wollten uns einen Film am Laptop ansehen. Dann kam aber Oberschwester Hilde rein und hat ihn aufs Schlimmste beschimpft mit Missgeburt und einigen Sachen, die ich nicht gern wiederholen würde.“
Steffi sah mich geschockt an.
„Weißt du, weswegen sie ihn so fertiggemacht hat?“
Ich stockte. Konnte ich es Steffi sagen? Wusste sie, dass ihr Bruder schwul war? Ich entschied mich für das im Moment einzig Richtige. Die volle Wahrheit.
„Ja Steffi. Sie hatte ihn beschimpft, weil er schwul ist.“
„Diese dumme Kuh hat es also mitbekommen gestern.“
Ich atmete erleichtert auf, Steffi wusste es also.
„Was mitbekommen?“
Steffi sah mich an.
„Jonas kam doch gestern hier rein gestürmt wie wild. Bei mir hat er sich ja schon vor einem halben Jahr geoutet aber gestern hat er sich dann vor seiner Clique geoutet und die hatten es locker aufgenommen und super mutig gefunden und es hat ihn echt sehr gefreut. Es war ihm auch total wichtig. Und das hat er mir im Schwesternzimmer erzählt. Auf einmal stand Hilde in der Tür, tat aber so, als wäre nichts passiert.“
Ich sah sie besorgt an.
„Warum ist sie dann gestern Abend so ausgerastet?“
„Das wüsste ich auch gern. Vielleicht liegt es daran, dass sie von ihrem Mann verlassen wurde.“
„Wieso das denn?“
„Er war öfters hier, hat sich dann in den Zivi verknallt und sie verlassen.“
„Ist auch Scheisse aber sorry, da kann Jonas doch nix dafür. Aber ich kann vielleicht was für sein Weglaufen.“
„Wie meinst du das?“, fragte sie bestürzt.
Ich erzählte ihr, wie meine Reaktion war und, dass diese vermutlich total falsch bei Jonas angekommen war, obwohl ich das nicht so gemeint hatte.
Steffi nickte total bedrückt.
„Hey er wird sich melden. Vielleicht musste er einfach spazieren gehen um sich zu beruhigen, ich mache das immer so.“
„Ich hoffe, dass du recht hast Timo. Danke.“
Sie drückte mich herzlich.
„Du Steffi? Ich fahre dann ja mit dem Bus nach Hause und, naja, ich wollte mich bei dir für deine Pflege bedanken.“
Steffi lächelte mich bei diesen Worten zwar dankbar, aber sehr traurig an.
„Nichts zu danken Timo, kannst dich ja gerne mal melden. Du weißt ja, wo ich arbeite.“
„Mach ich, kannst dich drauf verlassen. Und wegen Jonas mach dir keinen Kopf, das wird schon wieder, glaub mir.“
„Ich vertrau dir jetzt einfach mal.“
„Schwester Stefanie, Sie sollen hier nicht sitzen und tratschen, sondern arbeiten. Sparen Sie sich Ihre privaten Unterhaltungen auf für Ihren Feierabend!“
Oberschwester Hilde brüllte durch die Tür ins Zimmer.
Steffi sprang auf und ging zur Tür.
Guten Morgen – 22. Dezember – Gabriel
Die letzten Tage hatte ich so viel erlebt, da wunderte ich mich auch nicht mehr, als ich zu der Erkenntnis kam, dass es die Liebe auf den ersten Blick doch gab. Steffi. Sie war traumhaft. Wir waren uns gestern auch viel näher gekommen. Sie hatte mir, der sie ganz frech in die Cafeteria „entführt“ hatte, den sie nicht kannte, ihre ganze Geschichte erzählt. Ich wusste über alles Bescheid und ebenso hatte ich ihr alles erzählt, einfach alles. Auch die ganzen negativen Sachen mit Gerichtsverhandlung und so. Ich wollte einfach von Anfang ehrlich sein. Sie hatte anders reagiert als die meisten Menschen, denn sie hat mir aufmerksam zugehört und mich nicht verurteilt, ist nicht auf Abstand gegangen. Wir saßen sehr lange in der Cafeteria. Der Chef musste uns dann sogar raus werfen. Man, hatte es mich erwischt.
Die Tür ging auf und Steffi kam mit meinem Frühstück herein.
„Guten Morgen Steffi, wie geht’s dir?“
Ich lächelte sie an, doch sie sah sehr traurig aus, nichts von dem Strahlen von gestern Abend war mehr in ihren Augen.
„Was ist los Steffi?“
Sie kam zum Bett, stellte das Frühstückstablett auf den Tisch und setzte sich auf die Bettkante.
„Jonas ist verschwunden. Er hatte sich gestern eingeschlossen, als ich nach Hause kam und heute Morgen, als ich wach wurde, war er weg, ohne Nachricht.“
Vorsichtig nahm ich ihre Hand und hielt sie. Dabei sah ich ihr tief in die Augen.
„Steffi, glaub mir, alles wird gut. Jonas wird nichts passiert sein. Ich bin ganz sicher.“
Leere Wohnung – 22.Dezember – Steffi
Das hässliche Klingeln des Weckers ließ mich aus den Armen von Gabriel hoch schrecken.
Ich wollte nach ihm sehen, doch ich lag allein im Bett. Es war leider nur ein Traum gewesen.
Mühsam schälte ich mich aus meiner kuschelig warmen Decke und tapste ins Bad. Erst nach einer ausgiebigen Morgendusche war ich wirklich wach. Nachdem ich den Wasserkocher eingeschalten hatte, ging ich zu Jonas‘ Zimmer und klopfte.
Keine Antwort.
Also öffnete ich die Tür und ging hinein. Das Bett war zwar zerknittert, aber er hatte nicht drin geschlafen. Er hatte nur darauf gelegen. Auf dem Schreibtisch lagen alle Schreibsachen kreuz und quer verstreut, auf dem Boden lagen einige Papierfetzen. Es roch auch irgendwie seltsam, irgendwie leicht verbrannt. In einem alten Blumentopf am offenen Fenster fand ich auch den Grund dafür. Er hatte tatsächlich irgendetwas darin verbrannt. Ich hob ein paar der Schnipsel auf, die noch halbwegs intakt waren und versuchte zu entziffern, was er darauf geschrieben hatte.
„ös, anken, ed, mo, ut, e G“
Aus diesen Wortfragmenten konnte ich nicht schlau werden und langsam überkam mich Panik. Nirgendwo gab es einen Hinweis, wo er stecken könnte. Keine Nachricht, gar nichts. Ich rannte in den Flur und schnappte mir das Telefon. Sofort hatte ich die Kurzwahltaste 1 gedrückt, für Jonas‘ Nummer. Freizeichen, Gott sei Dank. Ich war so fixiert auf das Freizeichen, dass ich das Summen in seinem Zimmer nicht mitbekam.
„ Hallohoooo hier ist Jonas.“
„Hallo Jonas, wo steckst du?“
„…ich bin grad mal nicht erreichbar. Tja so ist das Leben, wenn ihr dann anruft, wenn ich nicht da bin oder nicht telefonieren will oder mein Telefon irgendwo rumliegt oooooder wenn ich mal wieder meinen Pulli drauf geschmissen hab und gar nix mitkriegt. Jaa, Jonas der Chaot wartet auf eure Nachrichten nach dem Pieps. Ciaoi!“
„Verdammt Jonas, wo bist du? Bitte melde dich schnell. Ich mache mir große Sorgen.“
Ich legte auf und ging in mein Zimmer. Als mein Blick auf die Uhr fiel, erschrak ich. Ich hatte noch genau 20 Minutenum zur Arbeit zu kommen. Schnell zog ich meine Jeans und einen Pulli an. Mehr als meine Haare noch kurz kämmen war nicht drin. Selbst die Jacke warf ich während dem Lauf zur Bushaltestelle erst über.
Leider waren die Straßen aufgrund des Wetters wieder total dicht. Aus dem Grund kam ich auch satte dreißig Minuten zu spät. So schnell ich konnte, schlüpfte ich in meine Schwesternkluft, da ich heute für die Frühstücksverteilung zuständig war, die aber von Oberschwester Hilde schon begonnen worden war.
Dann konnte ich ja noch kurz zu Timo gehen und nachfragen, ob alles okay war und ob er etwas über Jonas‘ Verbleib wusste.
Er wusste leider auch nichts darüber, aber er hatte mir erzählt was gestern Abend hier geschehen war. Auch von seiner Reaktion wegen Jonas‘ Schwulsein hatte er mir erzählt. Er meinte, dass er sich so über die Schwester aufgeregt hatte, dass seine Frage falsch bei Jonas angekommen wäre. Er hätte absolut nichts gegen Schwule. Er machte mir Mut und war dabei echt überzeugend. Ich fühlte mich um einiges besser während dem Gespräch und war mir auch sicher, dass Jonas nichts passiert war.
„Schwester Stefanie, Sie sollen hier nicht sitzen und tratschen, sondern arbeiten. Sparen Sie sich Ihre privaten Unterhaltungen auf für Ihren Feierabend!“
Diese Oberschwester! Am liebsten hätte ich ihr wer-weiß-was an den Kopf geworfen, hatte es mir aber dann doch anders überlegt.
Seufzend ging ich also zur Tür, drehte mich aber an selbiger noch einmal um.
„Schade, dass du nicht schwul bist Timo.“
Schwester Hilde sah mich funkelnd an.
„Erst zu spät zum Dienst erscheinen und dann auch noch private Gespräche führen. Das werde ich mal dem Doktor erzählen. Ich hab immer gesagt, dass Sie nicht zu uns passen und besser etwas anderes machen sollten.“
„Das werden wir noch sehen. Meinem Gefühl nach ist hier eher eine Oberschwester ein Fall fürs Arbeitsamt,“ giftete ich zurück und ließ sie einfach stehen.
Die weitere Frühstücksausgabe verlief dann eigentlich ganz problemlos. Als letztes Zimmer war nun das von Gabriel dran und als ich dieses betrat, strahlte er mich sofort an. Er schien sich sehr zu freuen, mich zu sehen, merkte aber sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich erzählte ihm ohne Punkt und Komma alles, was passiert war, während er mir aufmerksam zuhörte. Als ich meinen Vortrag beendet hatte, nahm er meine Hand und beruhigte mich.
Als seine Hand die meine festhielt, wurde mir ganz warm und ich spürte, dass etwas in mir geschah. Ich blickte ihm lange in die Augen. Langsam beugte ich mich nach vorne. Mein Kopf kam seinem immer näher, bis sich schließlich unsere Lippen trafen.
Schlaflos – 22. Dezember – Jonas
Triefend nass kam ich zu Hause an. Steffi war noch nicht da. Entweder hatte sie noch so viel Arbeit oder sie traf sich endlich mal wieder mit einer guten Freundin. Oder sogar einem Typen? Mensch, das würde ich ihr doch so sehr gönnen. Der dürfte aber nicht zu gut aussehen, sonst müsste ich eifersüchtig werden. Obwohl, ich kannte ja einen Jungen, der zwar kaum zu toppen, aber leider nicht schwul war. Ich warf mich auf mein Bett und vergrub mein Gesicht in meinem Kissen.
„Jonas, Jonas, Jonas, warum verguckst du dich immer in Heteros?“
Diese Frage musste ich mir wirklich stellen, obwohl es bei Timo etwas anderes war. Ich hatte noch nie so viel Wärme in mir gefühlt wie in seiner Nähe, oder wenn ich an ihn dachte.
Ich hatte richtig Schmetterlinge im Bauch.
„Hmmm, wie ist das eigentlich, wenn einer der Schmetterlinge im Bauch verliebt ist? Hat der dann auch…’ Ich musste lachen. „So ein Unsinn kann auch nur mir einfallen.“
Ich döste ein wenig vor mich hin und wurde erst von der zufallenden Wohnungstür wieder geweckt. Steffi war zu Hause. Ich drehte mich um und schlief weiter.
Einige Zeit später wurde ich erneut durch ein diesmal leises Geräusch aufgeweckt. Es klang, als ob jemand ein Streichholz anzünden würde. Ich setzte mich auf und rieb meine Augen, mein Blick fiel auf meinem Schreibtisch, auf dem eine kleine rote Kerze in einer mit Tannenzweigen verzierten Schale stehend vor sich hin brannte. Das war meine einzige weihnachtliche Dekoration im Zimmer.
Doch irgendetwas war anders. Das Fenster war plötzlich geschlossen und es war angenehm warm. Steffi konnte das nicht gewesen sein. Meine Zimmertür war doch abgeschlossen.
Um meine Vermutung zu bestätigen ging ich zur Tür. Wirklich, sie war abgeschlossen.
Seit ich wach war, hatte ich das Verlangen Timo alles zu sagen. Zu sagen, was in mir vorging.
Mein Blick streifte nochmals den Schreibtisch. Dort lagen normalerweise meine Schreibsachen wild durcheinander, doch anscheinend hatte ich sie ordentlich zurückgestapelt.
Ich setzte mich an den Tisch und begann zu schreiben. Ich wusste hinterher nicht, wie viele Briefe ich angefangen hatte. Wie viele Blätter ich zerknüllt oder zerrissen hatte.
Was hatte Papa mir einmal gesagt? ‚Entledige dich deiner bösen Gedanken. Wirf sie weg. Verbrenne sie.’
Ich griff ein neues Blatt Papier und schrieb meine Ängste und meine bösen Gefühle, sowie auch Erinnerungen darauf. Dann ließ ich meinen Blick suchend durch das Zimmer wandern. Auf dem Fensterbrett stand noch immer der Blumentopf meiner alten kleinen Zimmerpalme, die ich auf unerklärliche Weise umgebracht hatte. Ich schnappte mir den Topf, stellte ihn vor mir auf den Tisch und hielt das beschriebene Blatt an die Flamme. Nachdenklich sah ich dabei zu, wie es Feuer fing. Dann warf ich es in den Blumentopf. Ich fühlte mich tatsächlich etwas freier. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es halb drei Uhr nachts war. Aber egal, ich musste den Brief jetzt schreiben.
Fast zwei Stunden schrieb ich mir alles von der Seele. Ich schrieb über meine Vergangenheit, meinen Papa, über Steffi und mich und zum Schluss konnte ich nicht anders und gestand ihm, dass ich schwul war und mich in ihn verliebt hatte.
Ich war schon ziemlich müde, aber bevor ich mich hinlegte wollte ich noch ein kleines Weihnachtsgesteck für Papas Grab machen. Nach einer weiteren Stunde hatte ich auch diese Aufgabe erledigt. Jetzt war noch ein wenig Zeit zu schlafen. Ich entledigte mich meiner Klamotten und legte sie wie immer auf den Stuhl am Schreibtisch. Da es ja ziemlich kalt werden sollte, legte ich meinen Schal unter das Handy, weil ich den ansonsten sicher vergessen würde und kuschelte mich anschließend unter meine Decke.
An Schlaf war jedoch nicht mehr zu denken. Also beschloss ich, das Gesteck jetzt vor der Schule noch zu Papas Grab zu bringen. Ich zog mir meine Jeans und das Shirt an, darüber den weißen Pulli vom Vortag. Nachdem ich mir noch ein Glas Orangensaft aus der Küche geholt hatte, schrieb ich Steffi einen Zettel:
Hey Steffi,
ich konnte nicht mehr schlafen. Ich bringe das Gesteck auf Papas Grab. Ich denke ich bin zum Frühstück wieder da. Ansonsten komme ich nach der Schule zu Dir.
Ich hab dich lieb
Jonas
Ich trank den Orangensaft aus und kippte mir dabei gleich ein paar Tropfen über den Pulli.
Etwas genervt wechselte ich noch eben den Pulli und schleuderte den schmutzigen Richtung Schreibtisch. Den konnte ich nachher auch noch zur Schmutzwäsche legen.
Ich zog mir auch die Jacke wieder an, steckte den Brief für Timo in die Jackentasche, packte das Gesteck und war schon auf dem Weg nach draußen, als mir der Schal einfiel. Also ging ich erneut zurück ins Zimmer, packte den Schal und war schon aus der Wohnung.
Durch meinen etwas hastigem Griff nach dem Schal hatte ich nicht gemerkt, dass mein Handy sowie der Zettel für Steffi vom Tisch gerutscht waren, gefolgt vom schmutzigen Pullover, der beides am Boden bedeckte.
Endlich einmal Glück – 22. Dezember – Gabriel
Nach einem scheinbar unendlich langen Kuss lösten sich unsere Lippen nur langsam voneinander.
„Steffi…….ich…“
Weiter kam ich nicht, denn sie verschloss meine Lippen erneut mit den ihren und es folgte ein weiterer langer Kuss.
„Gabriel, ich weiß es klingt vielleicht blöd, aber……“, begann Steffi
„..ich habe mich auch in dich verliebt, Steffi“, musste ich den Satz vollenden und war wahnsinnig glücklich.
„Das ist doch wohl die Höhe!“, keifte die Oberschwester plötzlich. „Schwester Stefanie, Sie kennen wohl gar keine Grenzen! Herr Doktor Lopes, sehen Sie sich das an. Eine Unverschämtheit, wie diese Person mit unseren Patienten rummacht.“
„Sie halten sich jetzt mal zurück Oberschwester und bewegen sich augenblicklich in mein Büro. Sie, Schwester Stefanie, würde ich auch bitten mitzukommen. Aber verabschieden Sie sich in Ruhe“
Oberschwester Hilde starrte den Arzt entsetzt an.
„Aber…“
„Ich hatte gesagt, Sie sollen in mein Büro. SOFORT!!“
Bei dem Tonfall zuckte sogar die Oberschwester zusammen und ging leise keifend los.
„Ihnen beiden darf ich wohl gratulieren, wenn ich das so sehe“, lächelte uns Doktor Lopes an.
„Da haben sich die Richtigen gefunden, denke ich. Schwester, Sie kommen dann bitte gleich nach ja? Tschüss Herr Berger, wir sehen uns nachher sicher nochmal.“
Steffi gab mir einen kurzen Kuss.
„Bis nachher mein Süßer. Ich hab dich wahnsinnig lieb.“
„Ich dich auch mein Schatz. Noch etwas Steffi, Jonas geht’s gut, glaub mir. Mach dir keine Sorgen.“
Sie lächelte, wir beiden wussten, dass ich recht hatte.
Endlich geht es raus – 22. Dezember – Timo
Hatte sie das eben wirklich gesagt? Hatte ich sie richtig verstanden?
„Schade, dass du nicht schwul bist Timo“, wiederholte ich den Satz leise, den ich verstanden hatte.
Worauf hat sie das bezogen? Warum sagte sie so was? Ich musste sie unbedingt fragen.
Der etwas gestresst wirkende Dr. Lopes kam durch die Tür gestürmt.
„Hallo Timo. Ich wollte dir deine Papiere und deine Rezepte geben für die Medikamente, die du nehmen sollst. Wenn es dir nicht gut geht melde dich bitte, ja? Es tut mir leid, aber ich hab noch ein dringendes Gespräch mit Oberschwester Hilde.“
„Mit dem unverschämten Drachen?“
Dr. Lopes, der bereits wieder auf dem Weg zur Tür gewesen war, drehte sich um und sah mich an.
„Wie meinst du das, Timo?“
Ich erzählte ihm kurz die Geschichte mit Jonas, die gestern vorgefallen war und wie sich Oberschwester Hilde aufgeführt hatte. Seine Miene verfinsterte sich zusehends.
„Also eigentlich wollte ich sie wegen etwas anderem sprechen, aber was du mir erzählt hast, werde ich hier nicht dulden.“
Er half mir noch kurz meine Tasche fertig zu packen und ich begleitete ihn auf dem Weg zum Aufzug.
Die Tür direkt neben dem Aufzug stand offen. Man konnte Oberschwester Hilde wieder rummeckern hören. Als sie Dr. Lopes sah, kam sie auf ihn zu, fuchtelte unentwegt mit den Händen und deutete ins Krankenzimmer. Der Arzt ging aber gar nicht erst auf sie ein, sondern schickte sie in sein Büro zu einer Unterredung, woraufhin sie weitermeckerte. Der zweiten Aufforderung von Dr. Lopes leistete sie dann endlich Folge, denn diese war in ein einem so barschen Ton, dass selbst Oberschwester Hilde sich nicht traute zu widersprechen. Der Doktor winkte mir noch einmal kurz zu und ging dann ins Zimmer.
Ich dagegen machte mich auf den Weg zum Ausgang. Beim Vorbeigehen konnte ich am Doc vorbei ins Zimmer sehen. Kurz erkannte ich Steffi, die sich über eine Person beugte. Sie hatte doch erwähnt, dass sie keinen Freund hatte. Naja, vielleicht hatte sie ein vorweihnachtliches Geschenk erhalten. ‘So ein Geschenk hätte ich auch gerne’, dachte ich. Beim Gedanken an die besagte Person wurde mir richtig warm.
Draußen erwartete mich wie immer eiskalter Regen. Ob das noch was wird mit den weißen Weihnachten? Ich konnte nicht recht daran glauben. Ich ging den kleinen Weg zur Straße.
Ingrid – Mutter auf Abwegen 21.12.2008
Das war wieder so typisch. Ich hatte einen wichtigen Termin und sollte dort meinen Kunden, einem alten Schulfreund, unterstützen. Er hatte eine Kindertagesstätte und ich sollte ihm das neue Design sowie die Werbekampagne präsentieren. Keine hundert Meter vor seinem Haus klingelte mein Telefon.
„Krist?“
„Hallo Ingrid. Toralf hier. Du, ich muss leider den Termin absagen. Wir haben hier echt ein Problem. Eine unserer Betreuerinnen hat von jetzt auf gleich gekündigt und ist gegangen. Jetzt hänge ich hier total in der Luft und muss gleich für sie einspringen.“
„Toralf, das ist ja kein Problem, wir können den Termin auch verschieben. Aber wieso geht die einfach? Das geht doch nicht. Hast du schon einen Ersatz gefunden?“
„Tja, sie kam an, gab mir die schriftliche Kündigung und die Krankmeldung dazu. Normalerweise hätte sie ja eine Kündigungszeit von 4 Wochen aber die 4 Wochen ist sie jetzt krank geschrieben. Ersatz ist leider auch nicht in Sicht. Darum werde ich mich auch erst nach Weihnachten kümmern können. Du bist mir wirklich nicht böse wegen dem Termin?“
„Aber nein, du kannst ja nichts dafür. Dann kann ich wenigstens in die Klinik fahren und Timo abholen. Er wird heute entlassen.“
„Dann kannst du meiner lieben Betreuerin sogar dankbar sein Ingrid“, lachte Toralf „du, sei mir nicht böse, ich muss wieder zu den Kiddies. Ich melde mich die Tage auf jeden Fall nochmal bei dir.“
„Alles klar. Bis dann und halt die Ohren steif!“
„Okay mach ich. Danke Ingrid. Ciao!“
Ich warf mein Handy wieder auf den Beifahrersitz und wendete nicht gerade vorschriftsmäßig den Wagen. Mit ein bisschen Glück könnte ich es noch rechtzeitig schaffen, denn Timo konnte nach der Visite gehen.
Keine zehn Minuten später bog ich in die Einfahrt der Klinik. Vor lauter ‘auf die Uhr sehen’ übersah ich meinen eingemummten Sohn, der ein paar Meter weiter an der Bushaltestelle wartete.
Um meinem Ruf als Frau gerecht zu werden, parkte ich den Wagen etwas schräg über zwei Parkplätze und lief hoch zu Timos Zimmer. Es war leer und wurde gerade sauber gemacht. Da war ich wohl zu spät dran. Also ging ich zurück zu Dr. Martin Lopes‘ Büro. Gerade als ich klopfen wollte, flog die Tür auf und eine hocherregte, etwas fülligere Schwester kam mir entgegen gestürmt.
„Das wird ein Nachspiel haben Doktor“, rief sie über die Schulter und war verschwunden.
Ich schob meinen Kopf in die offene Tür.
„Guten Morgen, Martin.“
Dr. Lopes stand am Fenster und sah nach draußen. Als er mich hörte, drehte er sich um.
„Hallo Ingrid, du willst Timo abholen oder?“ Er kam auf mich zu.
„Ja, eigentlich schon, aber ich denke ich bin zu spät.“
„Ja, er ist vor circa zwanzig Minuten gegangen.“
„Schade. Mein Termin hat abgesagt. Also bin ich schnell hergedüst, um ihn doch zu holen.“
„Dann kannst du jetzt sicher einen Kaffee vertragen oder? Ich brauche mindestens zwei, nach dem was hier heute schon los war.“
„Tja kann ich verstehen. Ich hab ja ein wenig was mitbekommen.“
„Wenn das bloß alles gewesen wäre“, seufzte Martin auf dem Weg zur Cafeteria
Gerechtigkeit siegt – 22. Dezember – Gabriel
Steffi kam nach ein paar Minuten wieder. Sie wollte mir erzählen, was im Büro ihres Chefs vor sich gegangen war. Dazu entführte sie mich heute in die Cafeteria.
Außer dem Kioskbetreiber war niemand hier, aber alles war richtig schön weihnachtlich dekoriert.
Ich war etwas überwältigt, denn bei uns im Heim gab es höchstens einen Weihnachtsbaum mit einer umgewickelten Lichterkette. Wir bestellten uns zwei heiße Kaffee. Der Kioskbetreiber bat uns schon mal Platz zu nehmen, er würde uns den Kaffee bringen, also suchten wir uns einen Platz aus. Dort nahm Steffi meine Hand.
Sie erzählte mir davon, wie der Chefarzt Dr. Lopes beim Gespräch explodiert war. Jemand hatte ihm von Oberschwester Hildes Beschimpfungen Jonas gegenüber erzählt. Der Chefarzt hatte der Schwester sehr eindringlich nahegelegt, sich bis Januar einen neuen Arbeitsplatz zu suchen, da sie ab erstem Januar 2009 in dieser Klinik nicht mehr erwünscht und sie bis dahin suspendiert sei. Das wollte die Dame natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Sie hatte sich nicht einmal entschuldigt für ihr Verhalten. Nein, sie fand es angemessen und richtig. Da fehlten mir wirklich die Worte zu.
Die Tür ging auf und Dr. Lopes kam mit einer ziemlich gut gekleideten schwarzhaarigen Dame Ende dreißig herein. Er winkte uns sofort zu und auch die Fremde grüßte uns mit einem Nicken und einem warmen freundlichen Lächeln. In dem Moment kam endlich unser Kaffee. Der Besitzer entschuldigte sich, dass es etwas gedauert hatte, aber die Maschine hatte nicht so gewollt wie er. Als kleine Entschuldigung servierte er uns eine kleine Schüssel mit Keksen und Lebkuchen.
Dann ging er zum Tisch von Dr. Lopes, um gleich wieder hinter seiner Theke zu verschwinden und die Kaffeemaschine erneut anzuwerfen. Ein wenig konnte ich hören, dass die beiden über den Vorfall im Büro sprachen, doch dann fiel immer öfter der Name ‚Timo’. Irgendwie kam mir der Name bekannt vor, aber woher?
First Contact – 22. Dezember – Ingrid
Martin erzählte mir genau, was im Büro vorgefallen war. Das war doch unglaublich, wie sich manche Menschen verhalten konnten. Der arme Jonas.
Ein schöner Name. Ich hatte Timo auch erst Jonas nennen wollen, aber irgendwie gefiel Marcus „Timo Krist“ besser.
Egal, was wohl in Jonas vorgehen musste, nachdem er so behandelt wurde? Wobei ich auch mit meinem lieben Sohn ein ernstes Wörtchen reden musste. Mein Mann und ich hatten ihn sehr offen und tolerant erzogen. Ich fragte mich, ob er wegen Jonas Homosexualität so nachgefragt hatte oder wegen der Schwester. Ich hoffte auf Letzteres, aber das konnte nur Timo aufklären. Wobei ich es mir auch kaum vorstellen konnte, dass er ein Schwulenhasser sein könnte. Immerhin sprachen einige Indizien dafür, dass er selber schwul war. Das aber würde ich ihn nie fragen. Er wusste doch auch, dass er mit allem zu Marcus und mir kommen konnte. Und wenn er schwul wäre, wäre es doch auch gut. Keine zickige Schwiegertochter. Bei diesem Gedanken musste ich lachen.
„Ingrid?.. Erde an Ingrid“, holte mich Martins Stimme aus meinem Gedankenexkurs zurück.
„Ja Martin? Entschuldige, aber ich hatte gerade mal wieder seltsame Gedankengänge und die waren etwas witzig.“
„Achso. Na bitte erzähl sie mir nicht. Deinen Gedankengängen kann ich sowieso nicht folgen.“
„Achja, die beiden Herrschaften da drüben, die kennen Timo auch.“
Ich sah zu dem sich küssenden Pärchen ein paar Tische weiter.
„Ja also die sind frisch verliebt, da dürfen sie das, oder?“ lachte Martin.
„Ja, auf jeden Fall. Aber dürfen das nur frisch Verliebte? Deine Frau wird sich bedanken.“
„Okay, der Punkt ging an dich. Das ist Schwester Steffi. Sie macht hier eine Ausbildung und hat sich viel um Timo gekümmert, außerdem ist sie Jonas‘ große Schwester, bei der er wohnt.“
Martin hatte vorhin erwähnt, dass Jonas nach dem Tod des Vaters bei seiner großen Schwester lebte.
„Und wer ist dieser überaus gut aussehende junge Mann bei ihr?“
„Das ist Gabriel Berger. Er hat Timo gerettet.“
Eiseskälte und warme Gedanken – 22. Dezember – Jonas
Es war noch dunkel, nur die Straßenlaternen spendeten ein wenig Licht und es regnete immer noch. Papa hatte mir früher immer gesagt, wenn es regnet, weinen die Engel, weil sie traurig sind, wenn die Sonne scheint dann lachen sie und wenn es schneit, sind es Freudentränen.
Wenn das so wäre, dann wollte ich nicht wissen was alles passiert war, dass sie seit vier Wochen weinten.
Ich spazierte Richtung Friedhof. Klar, um diese Zeit, es musste knapp fünf Uhr morgens sein, war er noch abgeschlossen. Doch ich hatte ja mein kleines Schlupfloch. So konnte ich immer zu Papa wenn ich wollte. Ich durfte mich nur nicht dabei erwischen lassen. Immer wieder kontrollierte ich, ob der Brief für Timo auch noch in meiner Tasche war. Den wollte ich ihm heute nach der Schule vorbei bringen. Ich hatte mir auch schon überlegt, wie er ihn bekommen sollte. Ich muss zugeben, ich war zu feige ihm den Brief persönlich zu geben. Ich würde eine Schwester, nur nicht die fette Kuh, fragen, ob Timo wach sei, und wenn er schläft, ins Zimmer schleichen, den Brief hinlegen und wieder hinaus gehen. Sollte er wach sein, würde ich eine der Zeitschriften nehmen, den Brief hinein legen, auf den ich in meiner schönsten Schrift seinen Namen geschrieben hatte und das Heft direkt vor seine Tür legen. So konnte ich sicher sein, dass er ihn erhalten würde. Gerne würde ich zwar sehen, wie er darauf reagieren wird, aber da hatte ich ehrlich gesagt zu viel Angst.
Ich war am Friedhof angekommen und schob dort vorsichtig das Gesteck durch das Loch im Zaun, um dann selbst hindurch zu klettern. Und wieder der Griff in die Jackentasche. Gut, der Brief war noch da. Ich nahm das Gesteck und ging zitternd zum Grab. Die Kerze von gestern trotzte dem Wetter und der Dunkelheit. Fast unnatürlich hell leuchtete sie in der Laterne. Sie schien auch kein Stück runter gebrannt zu sein. Ich platzierte das Gesteck auf dem von mir dafür vorgesehenen Platz, setzte mich neben das Grab und lehnte mich an den Grabstein, um meine Hände etwas an der Laterne zu wärmen.
Die Müdigkeit übermannte mich und ich schlief ein.
Ein neues Gefühl – 22.Dezember – Gabriel
Dr. Lopes und die Dame standen auf und kamen zu uns an den Tisch.
„Gabriel, Schwester Steffi, dürfen wir Sie kurz stören?“
Wir nickten beide. Die Frau kam um den Tisch rum und streckte mir die Hand entgegen.
Ich stand auf und ergriff sie.
„Also das ist…..“ weiter kam Dr. Lopes nicht, denn die Frau, die sichtlich nervös war fiel ihm ins Wort.
„Mein Name ist Ingrid Krist. Ich bin die Mutter von Timo, dem Jungen, dem du das Leben gerettet hast.“ Ihre Stimme wurde immer wackliger und leiser, sie ließ meine Hand los, umarmte mich und drückte mich fest an sich. Sie fing an zu heulen und brachte nur noch ein leises ‘Danke’ heraus.
Etwas überrascht von dieser Reaktion und davon, umarmt zu werden, legte auch ich die Arme um sie und hielt sie fest. Ich war überwältigt von den Gefühlen, die sich in diesem Moment, in dieser einfachen Klinik-Cafeteria, in mir ausbreiteten. Auch ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und ließ mich zum ersten Mal in meinem Leben fallen, ließ alles zu, was ich in den letzten Jahren in mich reingefressen hatte. Und das bei einer fremden Frau. Noch nie war ich so in den Arm genommen worden. Es dauerte noch einige Minuten, in denen absolute Stille herrschte. Es schien auch, als hätte der Regen in diesem Moment damit ausgesetzt auf das Dach zu trommeln, um die Stille nicht zu stören.
Frau Krist und ich hatten uns gegenseitig gestützt und nur langsam lösten wir uns voneinander. Noch immer rannen uns die Tränen die Wangen hinunter.
„Frau Krist, Sie müssen sich nicht bedanken. Ich konnte doch nicht zusehen, wie Timo überfallen wurde, ohne etwas zu tun.“
Sie nahm meinen Kopf in ihre Hände und drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Oh doch, das muss ich. Ich weiß nicht, wie ich das jemals gutmachen kann.“
„Das haben Sie schon gemacht mit ihrer Umarmung“, dachte ich
„Wie meinst du das Gabriel? Ich darf doch Gabriel sagen, ja?“
Ich erschrak.
„Äh ja sicher dürfen Sie das. Nichts, ich hatte nur laut gedacht.“
Ihre Augen fixierten mich, aber dieser Blick war warm, offenherzig und mit unbeschreiblichen Gefühlen verbunden.
„Sie haben mir mit Ihrer Umarmung gedankt Frau…..“
„Ingrid“
Ich blickte sie etwas verwirrt an.
„Ich dachte sie heißen Krist?“
Sie lächelte.
„Ja, das stimmt auch. Aber ich habe auch einen Vornamen und der lautet Ingrid.“
„Ich soll…ich darf Sie…“ stotterte ich.
„Dich, Gabriel.“
Dieses Mal verstand ich den Einwurf, auch wenn es einige Momente gedauert hatte.
„Ich darf dich duzen?“, fragte ich verwundert und glücklich. So etwas hatte ich noch nicht erlebt.
„Ja, außer du magst nicht. Aber dann sag ich auch Herr Berger zu dir.“
„Okay, okay Ingrid, wir bleiben beim du.“
Sie setzte sich neben mich und hielt meine Hand dabei immer noch fest.
„Gabriel, wie meintest du das gerade eben mit dem Satz, dass du für die Umarmung dankbar bist?“
Ich zögerte. Sollte ich ihr alles erzählen? Nein, die Frage stellte sich mir gar nicht. Ich konnte gar nicht anders.
„Ich glaube, den könnten Sie jetzt brauchen, und du auch, Schatz“, sagte Steffi als sie uns zwei Kännchen Kaffee hinstellte. Ich bekam auch noch einen Kuss, den Ingrid mit einem „süß“ kommentierte. Ich sah sie entschuldigend an, doch sie winkte ab.
„Es ist alles gut, Schatz, ich darf eben kurz nach Hause fahren und nachsehen, ob Jonas wieder aufgetaucht ist.“
„Mach dir keine Sorgen, Steffi. Ihm wird nichts passiert sein“, kam es gleichzeitig aus Ingrids und meinem Mund.
Wir sahen uns an und mussten grinsen.
„Bis dann“
Steffi winkte uns zu und ging. Dr. Lopes folgte Ihr nach einer kurzen Verabschiedung von Ingrid.
Ich schenkte inzwischen den Kaffee ein.
„Ein Schuss Milch und ein Stück Zucker, stimmt’s Ingrid?“
„Du hast eine scharfe Beobachtungsgabe Gabriel, Gott sei Dank“, wurde sie wieder ernster.
Der Kioskbesitzer brachte uns neue Kekse und Lebkuchen. Ich sah mir die Schüssel an.
Mir war vorhin gar nicht aufgefallen, dass die Kekse alle Engel waren.
„Möchtest du es mir erzählen Gabriel? Du musst nicht.“
„Ich weiß, aber ich möchte es. Also…ich habe mich bedankt für die Umarmung…weil…weil…ich habe so etwas noch nie erleben dürfen. Also Umarmung schon zum Beispiel von Steffi. Aber diese Umarmung war so wie, bitte nicht böse sein…sie war so, wie ich mir immer vorgestellt habe, wie es sich anfühlt von seiner Mutter umarmt zu werden.“
Ingrid sah mich gerührt aber auch etwas erschrocken an. Ich fing an, ihr alles zu erzählen, jeden einzelnen Tag erwähnte ich und sie saß neben mir, hielt meine Hand und nahm mich auch in den Arm, wenn ich nicht mehr konnte. Dieses Gefühl der ersten Umarmung war jedes mal wieder da und schien immer noch ein Stück intensiver zu sein.
Ich weiß nicht, wie lange wir gesprochen hatten, aber als ich mit meiner Erzählung fertig war, lag ich in den Armen von Ingrid und weinte. Ich hätte nie erwartet, dass sich, außer Steffi, jemand so für mich interessieren würde und so mitfühlend war.
Kalter Weg und warmes Licht – 22. Dezember – Timo
Es war viel zu dunkel für diese Uhrzeit, was vermutlich an den schwarzen Wolken lag, die den Himmel bedeckten und uns diesen eisigen Regen bescherten, der bei den Minusgraden, die hier herrschten, eigentlich schon Schnee hätte sein müssen. Dazu wehte ein eisiger Wind.
Ich wartete mittlerweile schon fünfzehn Minuten auf den Bus. Auf der von innen angelaufenen Anzeigetafel der Haltestelle stand: „Kommt in ca. 3 Minuten“. Das hatte dort aber schon gestanden, als ich hier angekommen war. Ein Zischen und Rattern war zu hören. Ich sah wieder zur Anzeige. Nun war sie vollkommen schwarz.
Na toll, also auf zum Fußmarsch, dachte ich mir, packte meine Tasche und ging los. Die Entscheidung, zu Fuß zu gehen war vermutlich die beste, denn auf den Straßen ging gar nichts mehr. Selbst auf den Gehwegen war es gefährlich rutschig. Es passierte mir nicht nur einmal, dass ich mich fast auf die Fresse gelegt hätte. Die Versuche stehen zu bleiben waren einige Male gekrönt von einem Stich im Brustbereich. War auch klar, den angeknacksten Rippen gefielen solche Tanzeinlagen nicht wirklich.
„Hey du Eisläufer“, hörte ich eine Stimme rufen.
Es war Katrin.
„Hey Süße, schön dich zu sehen“
„Das kann ich nur zurückgeben.“ Sie hielt mir einen Blumenstrauß vor die Nase.
„Der war als Besuchsgeschenk gedacht“, grinste sie „Dann werden sie jetzt dein eigenes Zimmer schmücken dürfen. Ich darf dich doch nach Hause begleiten, oder? Ich nehme dir auch die Tasche ab.“
„Aber nur, weil du die Tasche trägst“, grinste ich sie an.
„Okay du bist gesund. Lass uns gehen. Kannst mir ja mal erzählen, was eigentlich passiert ist.“
Ich fing an, ihr alles zu erzählen, von dem Moment an, wo wir das Cafe verlassen hatten über die Rettung und meiner Begegnung mit Jonas.
Katrin sah kurz auf die Uhr.
„Lass uns über den Friedhof gehen, ist kürzer. Du sollst dich ja sicher schonen.“
Das war mir nur recht, da ich schon etwas fertig war und mich hinlegen wollte. Ich hatte doch einiges an Kondition eingebüßt.
„Und dieser Jonas ist süß?“
„Ja total, er ist echt niedlich und ich würde ihn gern noch einmal sehen und ihm meine Reaktion erklären und, naja dass ich ihn süß finde und so. Du weißt ja.“
„Dich hat es aber ziemlich erwischt, würde ich mal behaupten.“
„Ja ich denke……“
Ich blieb stehen und blickte verwundert über den Friedhof. Ein paar Meter weiter war hinter einigen Grabsteinen ein Licht zu sehen. Warm wie von einer Kerze, aber auch etwas heller.
„Timo? Was ist los?“
„Sieh doch da, dieses Licht!“
„Da ist nichts. Timo, geht es dir nicht gut?“
„Doch, doch“, murmelte ich und ging auf dieses Licht zu.
Ich schlängelte mich zwischen den Gräber hindurch, um näher an das Licht zu kommen, welches, je näher ich kam, immer dunkler zu werden schien. Ein paar Meter vor mir sah ich dann eine Laterne, von der anscheinend auch das Licht gekommen war. Aber nun war es auch nicht heller als das der brennenden Kerze, die darin loderte. Während ich so nachdachte, fiel mir die zusammengerollte Gestalt, die neben dem Grabstein lag, auf. Ich kniete mich nieder.
„Katrin, da liegt jemand!“
Katrin kam sofort angelaufen. Ich versuchte den Puls zu fühlen, aber ein dicker Schal war um den Hals gewickelt. Ich drehte den Körper um und erschrak.
Es war… „Jonas!“
Katrin kam neben mir zu stehen.
„DER Jonas?“
Ich nickte
Leichte Rauchwölckchen stiegen aus seinem leicht geöffneten Mund, also atmete er auf jeden Fall noch. Ich rüttelte an seinem Ärmel.
„Aufwachen, Jonas. Bitte wach auf.“
Er öffnete ein wenig die Augen.
„K…k…k…kalt“, stotterte er bibbernd
Ich zog ihm seine durchnässte Jacke aus und streifte ihm meine über. Seine Jacke zog ich mir an.
„Kannst du aufstehen?“
Er nickte leicht. Oder war das Nicken auf sein Zittern zurückzuführen?
„Katrin hilf mir mal, wir stützen ihn und bringen ihn zu mir. Sind ja nur die paar Meter noch.“
Glücklicherweise war unser Haus keine fünf Minuten vom Friedhof entfernt.
Gemeinsam mit Katrin brachte ich Jonas hoch in mein Zimmer. „Wir setzen Jonas auf mein Bett!” Er zitterte wie Espenlaub.
„Timo bring mir mal zwei oder drei Decken und dann setz bitte Wasser auf für einen heißen Tee.“
Ich tat wie mir befohlen und holte zwei dicke Daunendecken aus dem Schlafzimmerschrank meiner Eltern, die ich zu Katrin brachte. Sie war gerade dabei, Jonas aus dem nassen Pullover zu pellen. Ich tapste runter in die Küche und setzte das Wasser auf, brachte es aber nicht fertig, darauf zu warten, bis es kochte. Ich musste unbedingt wieder nach oben und nach Jonas sehen. Oben angekommen, lag Jonas schon in die Decken gewickelt in meinem Bett. Er zitterte immer weniger, so schien es mir jedenfalls, und so setzte ich mich an die Bettkante, um ihn zu beobachten.
„Ich gehe mal nach unten und sehe nach dem Tee. Ach übrigens, keine Angst er ist nicht nackt, ich hab ihm ein Shirt und Shorts von dir angezogen“, meinte Katrin und ging aus dem Zimmer.
Ich war total verwirrt. Genau das, was ich mir gewünscht hatte, ist eingetreten. Jonas ist bei mir. Naja nicht genau. Mir wäre lieber gewesen, er wäre einfach so freiwillig und gesund bei mir aufgetaucht. Ich beobachtete ihn genau beim Schlafen. Er sah so süß aus und so friedlich. Seine Wangen hatten, vorhin schon fast blau, hatten nun eine rötliche Färbung. Seine Nasenflügel bewegten sich bei jedem Atemzug. Ich konnte nicht anders, strich ihm sanft über die Wange.
„Werd bloß bald gesund, Kleiner-“
Ich entledigte mich der nassen Jacke, was ich wegen meiner leicht eingeschränkten Beweglichkeit eher etwas tollpatschig machte. Dabei fiel ein Umschlag aus der Jackentasche.
Er war total durchnässt, aber ich konnte eindeutig meinen Namen erkennen, der in einer schönen geschwungenen Schrift darauf geschrieben war.
Katrin kam wieder ins Zimmer.
„Hier trink mal einen Tee.“
Bei diesen Worten hielt sie mir eine Tasse hin, die ich zwar nahm, aber gleich zur Seite stellte.
Sie sah mich fragend an.
„Was hast du da Timo?“
„Dieser Brief war in seiner Jackentasche. Er ist an mich adressiert.“
„An dich? Was steht drin?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe ihn noch nicht geöffnet.“
Mit einem Mal fiel mir Steffi ein. Sie machte sich so große Sorgen um Jonas und ich wollte sie unbedingt sofort anrufen. Ich zog das Rezept von Dr. Lopes aus der Tasche und suchte nach der Telefonnummer der Klinik. Als ich sie gefunden hatte, schnappte ich mir das Telefon und wählte die Nummer.
„Privatklinik Stiftsee, guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hier ist Timo Krist. Ich müsste bitte äußerst dringend mit Schwester Steffi sprechen.“
„Es tut mir leid, aber Schwester Steffi hat gerade das Haus verlassen.“
„Kann ich sie sonst irgendwie erreichen? Bitte, es ist ein Notfall. Haben Sie vielleicht die Handynummer?“
„Nein, tut mir leid, aber ich bin nicht befugt, Ihnen die Nummer der Schwester zu geben.“
„Bitte, es ist wirklich ein Notfall. Es geht um ihren Bruder.“
„Ich darf Ihnen die Nummer nicht geben. Es tut mir leid.“
„Okay. Danke trotzdem“
Enttäuscht legte ich auf. Ich musste Steffi irgendwie informieren. Mein Blick streifte durchs Zimmer und blieb an Jonas‘ Klamotten hängen, die Katrin zum Trocknen über den Heizkörper gehängt hatte. Sofort sprang ich auf und griff nach der Hose. Irgendwo musste es sein. Ja hier! Ich hatte Jonas‘ Portemonnaie gefunden, welches ich öffnete und durchsuchte. Nach nur kurzer Zeit hatte ich gefunden, was ich suchte. Eine Notfallkarte.
„Bitte informieren Sie im Notfall Stefanie Stegberg unter folgender Nummer.“ Es war eine Handynummer. Schnell hatte ich sie eingetippt.
‘Bitte geh ran Steffi, bitte’.
Wundersame Zufälle – 22. Dezember – Ingrid
Ich war ehrlich tief bewegt und auch sehr erschrocken von Gabriels Geschichte. Es tat mir wirklich sehr weh, was diesem netten Jungen bisher passiert war. Ich begleitete ihn in sein Zimmer und versprach, ihn nochmals zu besuchen. Sehr nachdenklich ging ich zu meinem Wagen und machte mich auf den Heimweg. Dieses Wetter war wirklich unerträglich. Im Radio liefen die typischen Weihnachtslieder rauf und runter. Ich stand mehr als dass ich fuhr, und so dauerte es fast eine Stunde, bis ich zu Hause war. Dort zog ich meinen Mantel aus und packte meine Arbeitstasche ins Büro. Gerade wollte ich nach oben und nach Timo sehen, da kam mir Katrin entgegen.
„Hallo Katrin, was machst du denn hier?“
„Hallo Ingrid. Ich wollte heute Timo in der Klinik besuchen und hab ihn an der Bushaltestelle getroffen. Da hab ich doch glatt beschlossen, ihn nach Hause zu begleiten.“
„Das ist aber wirklich nett von dir. Wie geht’s ihm denn?“
„Ja gut aber..“
Ich sah Katrin fragend an.
„Ja?“
„Sagt dir der Name Jonas was?“, fragte mich Katrin
„Ja, das ist doch der Bruder von Timos Krankenschwester. Wieso fragst du?“
„Wir haben ihn am Heimweg gefunden. Er lag neben einem Grab und hat geschlafen. Wir haben ihn dann mitgenommen und ihn dick in Decken eingewickelt in Timos Bett gelegt, um ihn wieder etwas aufzuwärmen.“
Was war denn das heute nur für ein Tag? Dieses Jahr gab es nun wirklich keine stille, besinnliche Vorweihnachtszeit.
„Habt ihr Steffi schon informiert?“
Timo hatte im Krankenhaus angerufen, doch Steffi war nicht da. Er hat in Jonas’ Geldbörse eine Karte mit Steffis Nummer gefunden und ruft sie gerade an.“ Katrin war aufgeregt.
„Ich brauch jetzt erstmal einen Kaffee, möchtest du auch einen Katrin?“
„Ne danke. Ich bleib beim Tee, der ist schon fertig. Timo kommt auch gleich runter, wir wollten eine Kleinigkeit essen.“
„Das ist eine gute Idee. Ich mach mal ein paar belegte Brote. Hilfst du mir?“
Wie ich eigentlich nicht anders erwartet hatte, stimmte Katrin sofort zu und so gingen wir zusammen in die Küche, um Brötchen vorzubereiten.
Traurige Nachricht – 22. Dezember – Gabriel
Erleichtert ging ich in mein Zimmer zurück. Es hatte mir sehr gut getan, alles mal los zu werden. Ingrid war echt total nett. So wohl hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ich hatte eine total süße Freundin und jetzt auch noch Ingrid kennen gelernt. Irgendwie zufrieden legte ich mich aufs Bett und sah ein wenig fern. Ich genoss den Luxus, der sich mir hier bot und zappte mich durch das ganze Programm. Vormittags lief nur leider nichts Interessantes.
„Hallo Gabriel“, kam es von der Tür.
Dr. Lopes kam hereingeschneit.
„Wie geht’s dir denn? Du hast dich ja ganz gut mit Ingrid verstanden, was ich so gesehen habe.“
„Ja, sie ist toll. So eine Mutter hätte ich gerne gehabt. Timo hat echt Glück. Sagen Sie, ist Steffi schon wieder da?“
„Leider nicht, aber bei dem Verkehr ist das kein Wunder. Die Straßen sind spiegelglatt und es geht fast nichts mehr.“
Ich nickte etwas traurig. Ich hätte sie so gerne bei mir gehabt.
„Ich schicke sie zu dir, sobald sie wieder da ist“, lächelte er mich freundlich an, „aber eigentlich bin ich da, um dir zu sagen, dass du morgen nach Hause gehen kannst.“
Ich schluckte. Klar freute ich mich, aus dem Krankenhaus zu kommen. Aber wieder ins Heim? Wenn ich daran dachte, wie schön ich es hier hatte und Leute, die mich anscheinend mochten und die es gut mit mir meinten und im krassen Gegensatz dazu das gefühlskalte Heim, wo es keiner von uns Jugendlichen wirklich gut hatte. Ich als einer der Ältesten sowieso nicht. Ich kam mir manchmal wie ein Haussklave vor. Aber das war wohl meine Welt. Ich war zwar in elf Monaten volljährig aber dann würde ich in derselben Anstalt, wegen meiner Vorgeschichte, in betreutes Wohnen kommen. Und da war leider auch die Heimleiterin die Betreuerin. Ich hatte einmal an einem besseren Leben schnuppern dürfen und musste wieder zurück. Aber eines wusste ich, ich würde alles tun, um es auch einmal so schön zu haben. Nicht nur, weil ich Steffi was bieten wollte, nein ich wollte das für mich. In diesem Moment schwor ich mir wieder, nie mehr Mist zu bauen und nie mehr mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.
Im Augenwinkel konnte ich noch erkennen, wie Dr. Lopes mit einem besorgten Blick zur Tür hinaus ging und sein Handy aus der Tasche zog.
Leere Wohnung, erfreulicher Anruf – 22. Dezember – Steffi
Als ich zu Hause ankam, war die Wohnung leer. Jonas war nicht hier. Sein Zimmer war auch so, wie ich es verlassen hatte. Gerade wollte ich ein wenig aufräumen, die Papierfetzen wegwerfen und seinen schmutzigen Pullover, der am Boden lag, zur Schmutzwäsche packen, als ich aus dem Flur den Imperialen Marsch aus Star Wars hörte. Mein Handy. Das war sicher Jonas.
Ich rannte zur Kommode und nahm das Gespräch, ohne auf das Display zu sehen, an.
„Jonas?“
„Nein, hier ist Timo. Hallo Steffi.“
„Hallo. Timo ich mache mir Sorgen. Ich hab immer noch keine Nachricht von Jonas. Ich mach mir große Sorgen, dass ihm was passiert sein könnte.“
„Steffi, ich weiß wo Jonas ist“
„Wo ist er? Geht es ihm gut?“, mir kamen die Freudentränen.
„Ja Steffi, ich hab ihn beim Heimweg am Friedhof gefunden, er hat neben einem Grab geschlafen und hat wahnsinnig gezittert. Ich hab ihn mit nach Hause genommen. Da liegt er jetzt in meinem Bett unter mehreren Decken und schläft.“
„Timo….ich weiß nicht was ich sagen soll. Danke. Kann ich zu euch kommen und ihn abholen?“
„Klaro, komm vorbei. Wir wohnen im Fliederweg 8.“
„Ich bin gleich da Timo. Danke für deinen Anruf.“
Nachdem wir aufgelegt hatten, schnappte ich meine Jacke und stürmte aus der Wohnung zur nächsten Bushaltestelle, wo der Bus gerade zur Abfahrt bereitstand. Ich stieg vorne beim Fahrer ein.
„Ein Mal Erwachsener bitte.“
„Macht eins neunzig“, brummte der Fahrer
Ich griff in meine Jackentasche und fand meine Geldbörse nicht. Ich hatte sie oben im Flur auf der Kommode liegen lassen.
„Entschuldigen Sie, ich hab meine Börse vergessen, aber es ist sehr dringend. Können Sie mal eine Ausnahme machen?“
Der Fahrer sah mich mürrisch an.
„Was ist jetzt, Geld dabei oder nicht?“
Ich schüttelte meinen Kopf.
„Dann verlassen Sie den Bus bitte“
„Aber…..“
„Raus“, schnauzte mich der Fahrer an.
Wütend ging ich raus und warf dem Busfahrer in Gedanken noch ein paar Nettigkeiten an den Kopf. Jetzt hatte ich zwanzig Minuten Zeit um mein Geld zu holen und auf den nächsten Bus zu warten.
Ich ging hoch in die Wohnung und schnappte mein Portemonnaie. Verwundert stellte ich fest, dass die Tür war offen stand und es ein wenig verbrannt roch. Der Geruch musste von Jonas’ Papierverbrennungsaktion kommen, also ging ich in sein Zimmer und öffnete das Fenster. Beim Hinausgehen entschloss ich mich dann doch noch dazu, den Pullover gleich wegzupacken, denn irgendwie störte er mich, wie er da am Boden rumlag. Ich hob ihn hoch und erschrak. Unter dem schmutzigen Kleidungsstück lagen Jonas’ Handy und ein Zettel. Ich hob beides auf und las den Zettel:
Hey Steffi,
ich konnte nicht mehr schlafen. Ich bringe das Gesteck auf Papas Grab. Ich denke ich bin zum Frühstück wieder da. Ansonsten komme ich nach der Schule zu Dir.
Ich hab dich lieb
Jonas
Innerlich war ich sehr beruhigt. Ich hatte schon befürchtet, Jonas hätte sich etwas antun wollen und ist deswegen verschwunden oder wegen Oberschwester Hilde’s Aktion.
Ich packte den Zettel, Jonas Handy, auf dem nur Anrufe von mir verzeichnet waren und dieses mal auch meine Geldbörse ein und ging zur Bushaltestelle zurück. Auf dem Weg hatte ich mich gefragt, woher Timo eigentlich meine Telefonnummer hatte. Ich hatte sie ihm nicht gegeben. Vielleicht ja von Jonas.
Meine Gedanken wurden von dem in die Haltestelle einfahrenden Bus unterbrochen. Abermals stieg ich vorne ein.
„Guten Abend junge Dame, was darf es denn sein?“ begrüßte mich der etwas füllige Busfahrer.
„Ihnen auch einen guten Abend. Eine Erwachsenenkarte bitte“
„Sehr gerne.“
Er tippte auf seinem Minicomputer herum und eine Fahrkarte kam aus dem Ausgabeschlitz.
„Jetzt muss ich Ihnen einen Euro neunzig dafür abnehmen“, grinste der Fahrer wieder.
Ich gab ihm, in Ermangelung von Kleingeld, einen fünfzig Euro Schein.
Er sah mich etwas fragend, aber freundlich an.
„Also, den kann ich nur annehmen, wenn der Rest Trinkgeld ist“, lachte er.
Ich hatte Angst, auch hier wieder raus zu müssen.
„Ich habe es nicht kleiner, tut mir leid.“
„Ach was. Ich bin schon am Ende meiner Schicht und hab wirklich kein Wechselgeld mehr. Hier, nehmen Sie die Karte und Ihr Geld. Ich nehme Sie gerne so mit.“
„Wirklich?“, fragte ich nun doch etwas erstaunt.
„Aber selbstverständlich. Außerdem ist in drei Tagen Weihnachten. Also festhalten bitte, es geht los“, lachte er.
Entweder war er wirklich so freundlich, oder er freute sich einfach, dass er bald Feierabend hatte.
Ich fuhr 12 Stationen mit, bis ich raus musste und stand auf, um zur Tür zu gehen.
„Oh Sie wollen mich wieder verlassen? Sehr schade. Dann wünsche ich Ihnen ein wirklich frohes Fest und dass ihre Weihnachtswünsche wahr werden“, rief er mir nach.
„Danke, Ihnen auch. Ich hab nur noch einen Wunsch, aber dazu bräuchte ich, glaub ich, ein Wunder.“
„Weihnachten ist die Zeit der Wunder, meine Liebe“, er winkte und fuhr dann los.
Erleichterung – 22. Dezember – Timo
Die Erleichterung war Steffi anzuhören als ich ihr erzählt hatte, dass Jonas hier ist und es ihm eigentlich ganz gut ging. Aber ein klein wenig verwundert klang sie bei den Worten, dass er in meinem Bett lag.
Hinter mir raschelte es. Jonas hatte sich auf die andere Seite gedreht und sich dabei etwas abgedeckt. Ich setzte mich wieder neben ihn auf das Bett und deckte ihn richtig zu. ‚Schlaf gut, Süßer’, dachte ich. Sein Brief war vorhin auf das Bett gefallen, als ich sein Portemonnaie gesucht und so nahm ich ihn nun und öffnete den Umschlag. Ich atmete tief durch und begann zu lesen.
>>Lieber Timo,
du wirst dich sicherlich über diesen Brief wundern. Oder vielleicht nicht über den Brief, sondern dass ICH dir einen Brief schreibe.
Eigentlich wollte ich dir alles persönlich erzählen, doch ich traue mich nicht. Weißt du, ich fand dich schon nett, als ich das erste Mal so in dein Zimmer gedüst bin, um Steffi zu sprechen. Das war, weil ich megaglücklich war. Ich hatte mich kurz davor bei meiner Clique geoutet. Das ist mir wirklich sehr, sehr schwer gefallen, doch ich habe den Schritt gewagt und hab nur gewonnen. Sie haben es alle super aufgefasst. Ich denke nicht, dass du nachvollziehen kannst, wie sehr mich das belastet hat, meine Freunde anzulügen. Nicht eine Notlüge, nein, ich spielte ihnen vor, dass ich wer ganz anderer sei als ich wirklich bin.
Ich hatte zwar mit Steffi eine riesig große Stütze, aber ich hatte auch Angst meine Freunde zu verlieren. Ihr hab ich es als erstes erzählt und sie hat mich einfach in den Arm genommen und festgehalten.
Ich weiß nicht, ob du meine Gefühle verstehen kannst und wie gut es mir in den beiden Momenten ging. <<
Ich spürte einen dicken Kloß im Hals und musste schlucken. ‚Und ob ich dich verstehen kann, Jonas’.
Ich las weiter und erfuhr alles über sein bisheriges Leben. Er beschrieb mir seine Kindheit, wie die Familie von seiner Mutter sitzen gelassen wurde und von dem Unfall seines Vaters. Mir kamen die Tränen. Ich fragte mich schon, warum er mir das alles anvertraute. Mir, einem Fremden. Ich konnte nicht anders und gab ihm einen kleinen vorsichtigen Kuss auf die Wange.
>> Es gibt aber noch mehr, was ich dir erzählen will, Timo. Meine Vergangenheit hätte ich dir ohne zu zögern auch direkt erzählt, weil ich das Gefühl hatte, dir vertrauen zu können. Nur seit unserem letzten Treffen weiß ich nicht, wie du darauf reagierst.
Also, das, was die Oberschwester gesagt hat, stimmt. Ich bin schwul. Ich weiß nicht, wie du zu Schwulen stehst. Deine Reaktion gestern hat mir aber etwas Angst gemacht. Du klangst so… aggressiv. So verärgert. <<
Mensch was war ich gestern auch so unfreundlich. Das lag doch nur an der bescheuerten Schwester, die mich so aufgeregt hatte. Jonas, das hatte nichts mit deinem Outing zu tun. Im Gegenteil. Ich hatte doch befürchtet, mich verhört zu haben.
>>Mich vor dir outen in diesem Brief war nicht schwer, nein.
Ich habe mich gestern sehr wohl gefühlt bei dir. Ich habe die Zeit mit dir genossen wie noch nie mit jemandem. Was jetzt kommt, fällt mir schwerer. Ich würde es dir gerne sagen, und dir dabei in die Augen sehen, Timo.<<
Ich sah getrocknete Tropfen auf dem Brief. Jonas hatte beim Schreiben geweint.
>> Timo, in der ersten Sekunde, die wir uns in die Augen gesehen hatten, fühlte ich mich, als wäre in mir ein Vulkan explodiert. Wie eine Blume, deren Knospe sich öffnet, wie wenn sie nach Sonnenlicht und Wärme sucht und sie an einem ganz bestimmten Punkt gefunden hat. Timo, du hast mich total verzaubert mit deiner Art. Deine warme herzensgute Art mit Menschen umzugehen, deine wunderschöne Stimme, deine strahlenden Augen, in denen man ein Leben lang versinken möchte und deine sanften schönen Lippen, deine zarten Finger mit denen du mich berührt hast. Timo, ich habe mich in dich verliebt.
Bitte sei mir nicht böse.
Dein Jonas<<
„Jonas, ich könnte dir nie böse sein. Nicht dir. Nicht in den Menschen, der mein Herz so im Sturm erobert hat wie du. Ich habe mich auch in dich verliebt“, flüsterte ich ihm heulend zu und küsste ihn auf seine sanften warmen Lippen.
Ich legte den Brief zur Seite, kletterte unter die Decke, nahm Jonas in meine Arme und hielt ihn fest. Ich weinte und war unsagbar glücklich. Mit diesen Gefühlen schlief ich ein.
Süße Entdeckung – 22. Dezember – Ingrid
Ich saß mit Katrin am Küchentisch und trank Tee. Wir hatten uns über Timos und ihre Rettungsaktion unterhalten und über den Überfall. Ich hatte ihr auch von Gabriel erzählt. Dem Jungen, der Timo gerettet hatte. Ich konnte es mir nicht erklären, aber ich fühlte mich ein wenig verantwortlich für ihn.
Aber auch an Katrin fiel mir etwas auf. Ich hatte immer schon ein gutes Verhältnis zu ihr gehabt, doch irgendetwas verschwieg sie mir. Das hatte ich im Gefühl.
„Katrin, würdest du bitte mal hochgehen und Timo zum essen holen? Wenn Jonas auch wach ist, soll er doch auch gleich mitkommen.“
„Ja klar, ich eile“, entgegnete sie mir und war schon verschwunden.
Gerade als ich neues Teewasser aufgesetzt hatte, klingelte es an der Tür.
Als ich öffnete, begrüßte mich eine strahlende Steffi.
„Hallo Schwester Steffi“
„Hallo Frau Krist, das Schwester können Sie gern weglassen, bin ja nicht im Dienst.“
„Gut, gut dann lässt du das Frau Krist weg, Ingrid reicht. Komm doch bitte rein.“
„Danke sehr. Wissen Sie, wie es Jonas geht?“
„Also vorhin hat er geschlafen. Timo ist oben bei ihm. Katrin holt die beiden gerade zum essen. Du isst doch sicher ein paar Brote mit uns oder?“
„Da kann ich nicht nein sagen.“
Wie aufs Stichwort kam auch Katrin wieder nach unten, aber alleine.
„Wo sind sie denn?“
„Die beiden schlafen. Ich glaub, für Timo war es auch etwas viel heute.“ Katrin wirkte etwas nervös.
„Darf ich trotzdem kurz zu Jonas?“, fragte Steffi.
„Sicher doch. Katrin, zeigst du ihr, wo Timos Zimmer ist?“
Während die beiden hochgingen, füllte ich Tee in eine Thermoskanne, nahm einen Teller mit Broten und einen mit Keksen und ging auch nach oben. Die Tür war nur angelehnt und ich konnte die beiden Mädels kichern und flüstern hören.
Als ich das Zimmer betreten hatte, waren Katrin und Steffi schlagartig still.
Katrin sah erst auf das Bett und dann mich verunsichert an.
„Du Ingrid. Ich wollte es eigentlich nicht tun, aber ich glaub ich sollte dir da eben was erklären“, fing sie an.
Ich trat näher zum Bett und sah dort einen hübschen Jungen zusammengerollt unter der Decke. Hinter diesem Jungen, der Jonas sein musste, lag Timo eng angekuschelt unter der Decke. Seine Arme waren um Jonas gelegt, als wollte er ihn für immer festhalten und beschützen. Ich freute mich in diesem Moment sehr. Timo wirkte so glücklich. Weihnachten, das Fest der Liebe. Hier war der Beweis.
„Ingrid….“
„Lasst uns runtergehen, damit die beiden in Ruhe schlafen können.“ Ich drehte mich noch mal um.
„Sind sie nicht süß?“
Steffi und Katrin antworteten mit einem Lächeln und wir gingen nach unten.
Erwachen – 22. Dezember – Jonas
War das ein schöner Traum, dachte ich mir. Mein Timo sagt mir, dass er sich in mich verliebt hat, küsst mich und kuschelt sich an mich ran. Aber wenn ich jetzt die Augen aufmachte, würde ich wieder in meinem kleinen Zimmer ganz alleine im Bett liegen. Ich spürte immer noch, wie Timo im Traum seine Arme um mich gelegt hatte und wie er seinen warmen Atem gegen meinen Nacken hauchte.
Da ich ja sowieso keine Wahl hatte öffnete ich die Augen. Wo war ich denn hier gelandet?
Ein großes helles Zimmer, wunderschön eingerichtet. Vor mir auf dem Bett lag ein Zettel. Ich nahm ihn.
>>Lieber Timo,
du wirst……….<<
Wie kam mein Brief hierher? Ich wollte mich aufsetzen, doch da merkte ich, dass wirklich jemand seine Arme um mich geschlungen hatte.
„Ruhig mein süßer Schatz, lass uns noch ein wenig schlafen bitte. Bin noch nicht so fit.“
Das war Timos Stimme! Ich drehte mich um und tatsächlich. Timo lag von hinten an mich gekuschelt da und hielt mich fest.
„Timo? Timo!?“
„Was ist, Jonas?“ Er klang, selbst wenn er verschlafen war, richtig niedlich.
„Was ist hier passiert? Wie komm ich her? Und wie…“
Er streckte sich und gähnte.
„So viele Fragen und kein guten Morgen Kuss?“
„Guten Morgen Kuss? Du willst einen Kuss von mir?“ Ich war noch immer durcheinander.
„Sicher will ich das“, grinste er mich an „aber ich glaube ich sollte dir wirklich erklären wie du hergekommen bist.“
„Also, das hier ist mein Reich, mein Zimmer. Meine beste Freundin und ich haben dich hierher gebracht.“
Ich erzählte ihm, wie wir ihn am Friedhof gefunden und nach Hause gebracht hatten und, dass ich auch Steffi informiert hatte.
„Und noch etwas muss ich dir erzählen Jonas. Beim Aufhängen deiner Jacke ist ein Brief aus deiner Tasche gefallen. Ich habe ihn gelesen.“
Jonas zuckte kurz zusammen. Ich legte meine Arme wieder um ihn.
„Jonas, ich möchte mich für mein Verhalten im Krankenhaus entschuldigen. Ich war so wütend, wie die Oberschwester dich behandelt hat, dass ich mich bei der Frage, ob du wirklich schwul bist, total im Ton vergriffen habe. Ich wollte doch einfach nur sicher gehen.“
„Sicher gehen? Im Bezug auf was?“, fragte er leise
„Ich wollte wissen, ob du wirklich schwul bist. Ich hatte es doch so gehofft.“
„Du…..du hattest gehofft, dass ich schwul bin? Wirklich?“
„Ja wirklich.“ Er sah so verdammt süß aus.
„Du bist mir nicht böse?“
„Dir könnte ich niemals böse sein. Ich kann dem Menschen, den ich liebe, nicht böse sein.“
„Du… du….“
Bevor er weiterreden konnte verschloss ich seine Lippen mit einem sanften zärtlichen Kuss.
Es war, als würden mich tausend Blitze durchströmen, als würde ich schweben.
„Ich liebe dich Jonas!“
Er sah mir tief in die Augen und aus seinem Lächeln wurde ein Strahlen, das alle Mauern, alle Wolken durchbrechen würde.
„Ich liebe dich auch Timo“
Der Schwiegersohn – 22. Dezember – Ingrid
Wir saßen zu dritt in der Küche.
„Du wusstest es schon, Katrin?“
Sie sah mich etwas ertappt an und nickte.
„Ja, ich wusste es seit dem Tag, als er überfallen wurde. Kurz vorher hat er es mir erzählt. Das war auch der Grund, warum er so zugerichtet worden ist.“
Ich sah sie erschrocken an. Katrin erzählte mir, wie der Überfall aus Timos Sicht vor sich gegangen ist. Ich war wirklich geschockt, aber auch beeindruckt von Gabriels Mut, Timo in der Situation zu helfen.
Auch Steffi war sichtlich beeindruckt, selbst wenn sie etwas betrübt wirkte. Als ich sie darauf angesprochen hatte, rückte sie nur zögerlich mit der Wahrheit raus. Sie machte sich große Sorgen um Gabriel. Er hatte es ihm Heim wirklich schwer und er bekam auch keine Unterstützung bei seiner Suche nach einem Ausbildungsplatz.
„Was möchte er denn machen Steffi?“
„Er wollte immer Krankenpfleger oder Einzelhandelskaufmann werden. Hauptsache, er kann mit Menschen arbeiten. Ein einfacher Bürojob oder auch in einer Fabrik, das wäre nichts für ihn.“
„Würde es ihm Spaß machen, mit Kindern zu arbeiten? Sozusagen als Kinderbetreuung?“
„Ja, das würde ihm sicher Spaß machen, doch wer nimmt ihn schon. Immerhin ist er ja vorbestraft.“
Mir kam mein Gespräch mit Toralf in den Sinn.
„Ich werde mich auf jeden Fall einmal umhören, wenn das für Gabriel und dich okay ist.“
„Ja, auf jeden Fall.“
Ich trank den Rest meines Kaffees aus.
„Ich denke, dieses Jahr wird das Weihnachtsfest bei uns etwas größer ausfallen als sonst. Steffi, was hältst du davon, wenn du und Gabriel mit uns das Weihnachtsfest feiert? Jonas wirst du dann aber auch mitnehmen müssen, sonst würde Timo unglücklich sein.“
„Ja genau und das werde ich nie mehr zulassen“, ertönte es hinter mir.
Wir drehten uns alle um zur Tür. Da standen Timo und Jonas, wobei Letzterer, vermutlich aufgrund seiner Aussage, einen hochroten Kopf bekommen hatte.
„Meinst du das ernst Mum?“

„Ja, mein Kleiner, auf jeden Fall.“ Ich stand auf, ging zu ihm und nahm ihn in den Arm.
„Das heißt, du hast kein Problem damit, Mum?“ fragte er leise.
„Ach Unsinn, wieso sollte ich denn, Timo. Ich liebe dich so sehr und mir ist wichtig, dass du glücklich bist.“
Timo schluckte. Seine Augen wurden leicht feucht. Ich ließ ihn los und wandte mich Jonas zu.
„Du bist jetzt also derjenige, der meinen Sohn so glücklich macht? Hallo Jonas.“
Er streckte mir die Hand entgegen.
„Hallo Frau Krist.“
Ich nahm ihn einfach in den Arm.
„Willkommen in der Familie, Jonas. Einen kleinen Tipp hätte ich aber gleich noch für dich. Wenn du eine liebe Schwiegermutter haben willst, nennst du mich Ingrid, wenn du ein böses Schwiegermonster willst, nennst du mich Frau Krist.“
Wir brachen alle in Lachen aus.
„Was ist hier denn los“, unterbrach uns die Stimme meines Mannes.
„Hallo Marcus“, begrüßte ich ihn, wie immer, mit einem Kuss.
„Na, hier ist ja eine gute Stimmung. Gibt’s was zu feiern?“, blickte er fragend in die Runde
Ich konnte Timos Nervosität förmlich spüren, also stellte ich mich zu ihm und nickte ihm aufmunternd zu. Seine Hand suchte die von Jonas, der sich nun auch neben ihn gestellt hatte.
„Naja Paps eigentlich schon. Ich hoffe, du siehst das auch so.“
„Hmm, im Moment sehe ich die drei, gerade eben noch sehr aufgedrehte, Frauen etwas ruhig und nervös rumstehen. Außerdem steht da ein sehr ansehnlicher hübscher junger Mann neben dir und du hältst seine Hand.“
„Äh…ja. Also das ist Jonas und Jonas…. Also Jonas ist mein Freund. Paps, ich bin schwul.“
„Na, dann gratuliere ich euch beiden. Willkommen bei uns Jonas. Ingrid, hol mal eine Flasche Sekt, das müssen wir doch feiern oder?“
Kaum hatte Marcus ausgeredet, als er auf Timo und Jonas zuging und beide in den Arm nahm. Er sah mich an.
„Das wird dieses Jahr eine größere Feier an Weihnachten, oder?
Ich nickte, während ich den Sekt in die Gläser goss. Wir stießen an und Timo erzählte uns die Geschichte der beiden und nun auch, warum er überfallen worden war.
Steffi musste sich dann schon wieder verabschieden, da sie ja noch arbeiten musste, genau wie Katrin, deren Schicht in der Videothek bald begann.
Timo wollte ebenfalls ins Krankenhaus. Er wollte den Jungen kennenlernen, der ihn gerettet hatte und sich bei ihm bedanken. Jonas musste auch los, denn er wollte noch ein paar Geschenke kaufen gehen. Immerhin war in zwei Tagen Weihnachten.
Wir hatten ausgemacht Timo und Steffi ins Krankenhaus zu fahren, aber zuvor musste ich noch ein paar Worte mit Marcus reden. Ich erläuterte ihm meine Gedanken und meine Idee. Er war sofort dafür zu haben. Wir führten ein paar Telefonate, die überaus positiv verliefen. Eines davon war mit Dr. Lopes.
Die Weichen waren gestellt…
Timo
Da meine Eltern noch etwas sehr dringendes zu besprechen hatten, vermutlich über Weihnachtsgeschenke, machte ich es mir mit Steffi in der Küche gemütlich.
„Timo?“
„Ja?“
„Es freut mich, dass Jonas dich als Freund hat. Ich hatte echt schon Angst, dass du hetero bist“, grinste sie.
„Ich weiß Steffi, ich hatte den Satz im Krankenhaus sehr wohl gehört.“
Sie wurde ein wenig rot.
„Ich finde es toll, dass mein kleiner Bruder glücklich verliebt ist, jetzt brauch ich kein schlechtes Gewissen mehr haben.“
„Schlechtes Gewissen? Warum? Hattest du Angst, er denkt, du hast keine Zeit mehr für ihn, beziehungsweise du liebst ihn weniger, wenn du einen Freund oder eine Freundin hast?“
Sie nickte. „Einen Freund Timo, einen Freund.“
Wir mussten lachen.
„Das ist ein Patient von dir, oder? Ich hab heute Morgen durch die offene Tür gesehen, dass du jemanden geküsst hast.“
„Genau, ein Patient. Aber du kennst ihn.“
„Ich kenne ihn? Woher das?“
„Kennen ist zu viel gesagt. Ihr seid euch schon einmal begegnet. Am Tag deines Überfalls. Ohne Gabriel wärst du jetzt nicht hier und Jonas nicht so glücklich.“
Gabriel, ein schöner Name. Ich erinnerte mich an meine Gedanken und Gefühle, als ich ihn nach dem Überfall gesehen hatte. Als ich dachte, er sei ein Engel.
„Engel Gabriel“
„Was? Wie meinst du das Timo?“
Ich erzählte Steffi von der ersten Begegnung und dass ich ihn für einen Engel gehalten hatte. Genauso wie von meinem Traum.
„Das ist ja echt außergewöhnlich, aber er ist ja ein Engel, meiner“, kicherte Steffi.
„So die Herrschaften, seid ihr fertig? Wir können dann los.“
Mein Paps spielte jetzt unseren Chauffeur. Beim Hinausgehen nahm mich meine Mutter kurz zur Seite.
„Timo, wir sind sehr glücklich, dass es dir gut geht. Jonas ist ein wirklich netter Junge. Ich sage dir das, weil wir genau dieser Meinung sind, aber auch aus einem anderen Grund.“
„Wieso Mama, was ist los?“
„Genaueres möchten Paps und ich dir erst heute Abend sagen, nachdem wir im Krankenhaus waren. Es ist uns sehr wichtig. Aber du brauchst keine Angst haben. Es ist nichts Schlimmes.“
„Okay Mum. Jetzt hast du mich mal wieder verwirrt.“
Was mochte das Wichtige denn wohl sein? Ich hatte die leise Vermutung, dass es etwas mit dem Krankenhaus zu tun hatte.
Die Fahrt ging ganz gut. Das Wetter hatte sich gebessert. Es war zwar immer noch ziemlich dunkel von den Wolken und eisig kalt, doch der Eisregen hatte nachgelassen.
Kurz vor der Klinik bat ich meinen Vater noch einmal anzuhalten. Ich hatte einen Blumenladen erspäht, in welchem ich einen großen gemischten Strauß kaufte. Ich konnte doch nicht mit leeren Händen bei Gabriel auftauchen.
Gleich neben dem Blumenladen war ein kleiner Stand aufgebaut, an dem ein Kindergarten Dosen mit selbstgemachten Plätzchen verkaufte. Auch hier schlug ich zu. Kekse mochte er sicher.
Fünf Minuten später waren wir in der Klinik und Steffi zeigte mir Gabriels Zimmer. Meine Eltern hatten wieder etwas sehr wichtiges zu besprechen und seilten sich ab.
Nun stand ich vor der Tür und bekam es nun doch ein wenig mit der Angst zu tun. Sollte ich einfach reingehen mit einem: ,Hi ich bin Timo, du hast mich gerettet. Danke dafür‘? Nein, das wäre doch etwas seltsam.
Ich klopfte.
„Herein“, hörte ich seine Stimme rufen und so öffnete ich langsam die Tür. Ich atmete tief durch und ging ins Zimmer. Ohne es zu wollen, versteckte ich mich hinter dem Blumenstrauß.
„Guten Abend“, stammelte ich.
„Guten Abend auch. Aber wer bist du? Ich sehe nur Blumen.“
„Mist, sorry. Ich bin Timo. Timo Krist. Du bist mein Engel….also mein rettender Engel.“
Ich hatte mich noch nie so peinlich aufgeführt wie gerade eben.
„Hallo Timo. Ich bin Gabriel. Es freut mich, dass du mich besuchen kommst. Aber woher weißt du denn, dass ich hier bin?“
Ich stellte die Blumen in eine leere Vase und die Keksdose drückte ich ihm in die Hand.
„Deine Freundin Steffi hat es mir gesagt. Sie war bei mir, weil ich Jonas, also ihren Bruder gefunden hatte und der bei mir war. Als sie hörte, dass ich meinen Retter besuchen will, hat sie mir gesagt, dass du das bist. Ach, das ist alles ein wenig kompliziert. Bevor ich dir das erzähle, wenn du es überhaupt hören willst, möchte ich mich bei dir bedanken, Gabriel. Ich weiß, ein paar Blumen und Kekse können nie genug Dank sein dafür, dass du mir das Leben gerettet hast, aber ich bin dir unendlich dankbar, wirklich.“
„Das habe ich gern gemacht. Es war die erste richtig gute Tat, die ich je begangen habe. Ich mach dir ein Angebot. Du erzählst mir diese so komplizierte Geschichte und dann erzähle ich dir meine. Okay?“, sprach er lächelnd.
Ich erzählte ihm alles, was vorgefallen war, seit ich in der Klinik aufgewacht war. Nur ein paar kleine Details ließ ich aus, zum Beispiel, dass Jonas und ich ein Paar waren. Er hörte gespannt zu.
„Lass mich raten. Jonas und du, ihr seid jetzt ein Paar oder?“
„Ja, sind wir. Meine Eltern wissen es auch schon.“ Ich bekam wieder ein breites Grinsen, wie immer, wenn ich an Jonas dachte.
„Das freut mich sehr Timo. Ich beneide dich wirklich um deine Eltern. Ich hab ja deine Mutter schon kennengelernt. Sie ist ein wahnsinnig liebenswerter Mensch.“
Ich sah, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.
„Alles Okay Gabriel? Kann ich was für dich tun?“ Ich setzte mich zu ihm aufs Bett, zögerte kurz und nahm ihn einfach in den Arm.
„Nein, ich glaube nicht. Höchstens Zuhören. Also, ich würde dir erklären, warum es mir so geht.“
„Ja gerne. Aber erst trinkst du mal was.“ Ich gab ihm ein Glas Wasser und ein Taschentuch.
Gabriel schilderte mir seine Erlebnisse der Kindheit, wie es im Heim war und was für Mist er schon gebaut hatte. Schonungslos ehrlich würde ich behaupten.
Ich wusste ehrlich nichts zu sagen als er fertig erzählt hatte. Er lag in meinen Armen und ich hielt ihn fest. In diesem Moment kamen dann auch meine Eltern und Dr. Lopes ins Zimmer.
„Na ihr beiden. Ihr scheint euch ja doch ganz gut zu verstehen.“ Meine Mum kam näher.
„Hallo Ingrid.“ Grüßte er sie höflich. Er duzte sie? Typisch Mum.
„Guten Abend Herr Krist“
„Marcus bitte, hallo Gabriel.“
Auch mein Vater war bei meinen Freunden immer sehr schnell mit dem duzen.
Dr. Lopes kam auch mit ins Zimmer.
„Ach wie schön, gleich zwei Patienten zum angucken. Das ist toll. Timo, alles okay bei dir?“
„Ja danke mir geht’s wunderbar“, grinste ich ihn an.
„Ich hab da was läuten hören, ja. Gabriel, wie geht’s dir denn?“
Gabriel sah ihn etwas zerknittert an.
„Ja, geht schon.“
„Hm okay. Also du hättest ja eigentlich morgen gehen können, aber wir müssen noch was prüfen. Du wirst erst am dreiundzwanzigsten entlassen.“
Gabriel schaute ihn an und es sah so aus, als würde er sich darüber freuen. Kein Wunder, nachdem er diese Dinge über das Heim erzählt hatte.
„Ist okay, hab ich noch einen Tag lang ein schönes Leben hier.“ Sein Lächeln bei dem Satz wirkte allerdings aufgesetzt.
„Du willst da nicht wieder hin, oder?“, fragte ich ihn flüsternd. Er schüttelte als Antwort leicht den Kopf.
Ich sah meine Mutter an und sie nickte leicht. Sie hatte es anscheinend auch gehört und ergriff nun das Wort.
„Gabriel, Steffi hat mir gesagt, dass du einen Ausbildungsplatz suchst. Es sollte was mit Menschen sein, sagte sie.“
„Ja, das stimmt schon. Warum?“
„Also, ich hatte gestern ein Gespräch mit einem alten Schulkollegen. Er leitet eine Kindertagesstätte und eine seiner Angestellten hat gestern gekündigt. Er sucht für Januar jemanden für die Stelle. Also, ich hatte heute nochmals mit ihm gesprochen und von dir erzählt. Ja, also, er würde dich sehr gerne kennenlernen und dir einen Ausbildungsplatz geben, wenn es dir da gefällt.“
„Nein. Du machst jetzt Witze oder Ingrid? Ist das dein Ernst?“
Gabriel fielen fast die Augen aus dem Kopf.
Er breitete seine Arme aus und drückte meine Mum fest an sich.
„Danke Ingrid. Sowas hat noch nie jemand für mich getan. Ich weiß nicht, wie ich mich dafür erkenntlich zeigen könnte.“
„Das musst du nicht Gabriel. Du hast Timo geholfen. Außerdem bist du ein so lieber netter Kerl, da kann ich nicht anders. Soll ich Toralf, also meinem Schulfreund sagen, dass wir übermorgen vorbeikommen?“
„Ja, sehr gerne, Ingrid.“
Meine Mum lächelte ihn an.
„Das freut mich.“
„Gabriel, ist das okay, wenn ich dann mal abhaue? Ich würde gerne noch ein paar Geschenke einkaufen. Hatte ja jetzt noch keine Gelegenheit dazu. Ich würde auch gerne später noch einmal vorbeikommen, wenn ich darf.“
„Klar Timo, kein Problem. Ich würde mich sehr freuen.“
„Wir müssen dann auch wieder los, Gabriel. Wir sehen uns dann übermorgen. Wir holen dich so gegen neun Uhr ab. Ist das in Ordnung für dich?“
„Ja, auf jeden Fall! Ich wünsch euch dann noch einen schönen Nachmittag und Abend. Bis morgen.“
Wir gingen alle nach draußen, wo uns Steffi begegnete.
„Und wie war es, Timo?“
„Er ist ein total netter Kerl. Ich geh ein wenig shoppen und komme nachher nochmal vorbei.“
„Ich weiß, dass er ein super Kerl ist. Ist ja auch mein Freund.“
Ich grinste sie an.
„Sag mal Steffi. Könntest du mir bitte Jonas Telefonnummer geben? Ich hab vorhin total vergessen ihn zu fragen.“
„Auf deinem Schreibtisch liegt ein Zettel. Ich hab dir, während ihr geschlafen habt, seine Nummer, unsere Festnetznummer und die Adresse aufgeschrieben. In weiser Voraussicht.“
„Ach, du bist die beste Schwägerin, die man haben kann.“
„Danke, ich weiß.“
„Bis später dann. Und viel Spaß mit Gabriel.“
„Danke, bis später.“
Wir gingen zurück und meine Mutter schlug vor, noch eben einen Kaffee trinken zu gehen. Nachdem niemand einen Einwand hatte, gingen wir in die Cafeteria, in welcher ich mir eine große heiße Schokolade bestellte. Ich hätte zwar gern einen Kaffee getrunken, aber der liebe Dr. Lopes meinte, das Koffein wäre jetzt nicht gut für mich.
Ich rührte etwas gedankenverloren mit meinem Löffel in der Tasse und dachte darüber nach, was Gabriel mir über das Heim und sein Leben und wie er sich gefühlt hatte, als Mum ihn besucht hatte, erzählt hatte.
„Mum?“
„Du denkst über Gabriel nach, oder?“
Meine Mutter erschien mir ungewöhnlich ernst.
„Ja. Ich würde ihm gerne helfen. Ich hätte da schon ne Idee, aber die ist schwer durchführbar, glaube ich. Außerdem denke ich nicht, dass euch das gefallen würde.“
Mein Vater ergriff das Wort.
„Timo, du hattest dir überlegt, wir haben ja die beiden Gästezimmer. Und eines davon könnte man ja als schickes Jugendzimmer einrichten und Gabriel da unterbringen.“
Mir fiel der Löffel aus der Hand. Genau das hatte ich gedacht.
„Woher weißt du…..“
„Timo, den Gedanken hatten deine Mutter und ich schon vorher. Das ist auch das, was wir mit dir besprechen wollten. Wir beide haben uns das genau überlegt und auch Informationen eingeholt. Es wäre möglich, dass Gabriel bei uns einzieht. Wir wären dann seine Pflegefamilie. Da deine Mutter über Martin und Toralf auch einige Kontakte hat, könnte das noch vor Weihnachten passieren. Ich muss gestehen, wir haben alles soweit in die Wege geleitet, aber noch haben wir das letzte Okay nicht bekommen. Wir wollten erst mit dir darüber sprechen, wie du darüber denkst.“
„Von meiner Seite her ist das absolut in Ordnung. Ich würde mich sehr freuen, einen Bruder zu haben.“
„Wirklich? Also wir meinen das wirklich ernst, Timo.“
„Ich auch.“
„Na dann mal ran an die Telefone. Wir haben gehofft, beziehungsweise sind eigentlich davon ausgegangen, dass du so denkst Timo. Aus dem Grund soll Gabriel einen Tag länger hier bleiben. Wenn wir jetzt sagen, dass wir es machen, dann kann er übermorgen zu uns. Wir wollten ihm nicht einmal einen Tag in diesem Heim zumuten.“
„Das machen wir Paps. Ich bin dabei. Was kann ich tun?“
„Du könntest jetzt beim Einkaufen ein paar Sachen besorgen, die man in einem Jugendzimmer so braucht. CDs, Bücher, DVDs und solche Sachen. Vielleicht kannst du auch nach einem Laptop und einem neuen Fernseher Ausschau halten. Die könnten wir mitnehmen, wenn wir dich abholen. Wäre das in Ordnung für dich?“
„Ja sicher, kein Ding. Ihr denkt aber daran, dass wir noch Klamotten, Schreibtisch, Schrank und ein ordentliches Bett brauchen? Und ne Sitzgelegenheit.“
„Ja. Das wär schon gut. Gut, dass wir das Zimmer neben deinem erst vor zwei Monaten frisch gestrichen haben. Martin? Kannst du vielleicht morgen auf Steffi verzichten? Dann könnten wir sie zum einkaufen mitnehmen.“
„Ja sicher, das ist kein Problem. Timo, wenn du willst kann sie auch jetzt mitkommen. Es ist nicht viel los. Das schaffen wir auch so. Und shoppen zu zweit wäre sicher lustiger.“
„Da hätte ich nichts dagegen.“
Meine Mutter übernahm das Kommando.
„Gut. Timo, du gehst mit Steffi einkaufen. Marcus, du fährst Möbel kaufen und ich geh telefonieren.“
„Ich dachte, das mit den Möbeln machen wir morgen?“
„Nein, das machen wir, beziehungsweise du, heute. Dann haben wir morgen in Ruhe Zeit, das Zimmer wohnlich zu gestalten. Timo, könntest du vielleicht Jonas fragen, ob er uns helfen kann?“
„Ja klar, ich ruf ihn nachher gleich an.“
Steffi kam in die Cafeteria geeilt, nachdem Dr. Lopes sie angerufen hatte.
„Gibt es einen Notfall Herr Doktor? Es klang so dringend.“
„Steffi, schön dass du da bist.“ Ergriff meine Mutter das Wort.
Sie erzählte Steffi von unserem Entschluss, Gabriel bei uns aufzunehmen und der Planung für den restlichen Nachmittag und den folgenden Tag.
„Wirklich? Das wollt ihr machen? Ich weiß jetzt nicht, was ich sagen soll. Gabriel wird vor Glück nicht mehr aufhören zu grinsen. Menno, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
Sie fächerte sich mit beiden Händen Luft ins Gesicht.
„Steffi, Sie haben ab heute Weihnachtsferien. Bitte sagen Sie Gabriel nichts davon. Wäre es trotzdem irgendwie möglich, dass Sie bei ihm morgen Frühstücksausgabe machen wie immer? Damit er keinen Verdacht schöpft.“
„Ja sicher, Herr Doktor. Ich werde da sein. Danke für die verlängerten Ferien.“
„Kein Ding. Das wird vermutlich anstrengender als Arbeit, “ grinste er sie an.
„Dann geh ich mich mal umziehen.“
Kaum gesprochen war sie schon weg. Ich trank meine Tasse aus und zog meine Jacke an, als mir mein Vater mir einen Umschlag zu steckte.
„Hier, ich hoffe das reicht zum shoppen. Die anderen Sachen zahle ich dann mit der Karte.“
„Danke Paps.“
Ich packte den Umschlag in meine Geldbörse.
„Wir sind wirklich stolz auf dich, Timo.“
Meine Mum gab mir noch einen dicken Kuss auf die Wange, als auch schon Steffi angelaufen kam.
„Dann mal los, liebster Doppelschwager.“
Dr. Lopes sah uns etwas verwundert an und Steffi grinste auch wie ein Honigkuchenpferd.
Ich war vor Lachen fast den Tränen nahe und musste ein wenig Aufklärung bei meinen Eltern betreiben.
„Guckt mal, ich bin mit ihrem Bruder zusammen, und sie mit meinem. Deswegen der Doppelschwager.“
Jetzt hatten den Spruch auch meine Eltern verstanden. Gut gelaunt zog ich mit Steffi los ins Einkaufszentrum. Ich hatte mit meinem Dad ausgemacht, dass er mich anruft, wenn er aus dem Möbelhaus raus ist, und zu Hause abgeladen hat.
„Du wirkst ja ganz aufgeregt Timo.“
„Steffi man kriegt ja nicht alle Tage einen Bruder.“
„Ich find das toll von euch, dass ihr ihn aufnehmt. Was müssen wir denn alles besorgen?“
„Alles was so ein Jungenzimmer braucht. Ein Handy, Bücher, DVDs, CDs und paar Kleinigkeiten. Außerdem brauch ich noch Weihnachtsgeschenke für meine Eltern, für Gabriel auch und natürlich für Jonas.“
„Und hast du schon ne Idee?“
„Für meine Mutter einen Bildband über Kanada, meinem Paps möchte ich die Hape Kerkeling DVD und das Hörbuch ‚Ein Mann, ein Fjord‘ schenken. Für Jonas muss es natürlich was ganz besonderes sein, das weiß ich noch nicht genau.
Nach fast zwei Stunden hatten wir so gut wie alles besorgt. Wir hatten für Gabriel auch gleich eine komplette Badezimmerausstattung gekauft. Handtücher, eine elektrische Zahnbürste, Zahnpaste, Deo, Gel und Parfum. Ein paar Bücher, Bildbände, viel Musik, Bettwäsche und auch zwei Modellautos für die Zimmerdekoration. Ich hoffte, Gabriels Geschmack zu treffen, aber Steffi meinte, dass es Gabriel sicher gefallen würde. Ein Pre-Paid Handy war auch schnell besorgt.
Von meinem eigenen Geld kaufte ich dann einen neuen MP3 Player. Unser Berater in der Abteilung war so nett, und hatte ihn gleich mit der Musik einiger CDs bespielt, denn ich wollte den Player nachher mit ins Krankenhaus nehmen und Gabriel geben, damit ihm nicht langweilig war.
Bei uns im Einkaufscenter gab es Schließfächer, in denen man die Einkäufe deponieren konnte. Das war auch wirklich gut, denn wir benötigten doch glatt 5 Fächer für unsere Schätze. Nach einem kurzen Telefonat mit meinem Paps hatten wir noch eine Stunde Zeit, bis er uns abholen wollte. Ich machte mich mit Steffi auf den Weg in den Saftladen. Dort gab es immer frische Fruchtsätze und Fruchtcocktails. An einem Weihnachtsstand sahen wir einen kleinen kuscheligen Teddybären sitzen. Ich sah Steffi an und sie nickte.
„Das ist eine nette Idee. Jeder braucht sowas, auch wenn man schon siebzehn ist.“
Gesagt, gekauft. Der Teddy wanderte zu dem MP3-Player in meine Tasche. Kurz vor der Saftbar zog Steffi mich zu einem kleinen Stand mit Schmuckstücken.
„Timo sieh mal. Diese geflochtene dünne Lederkette mit dem silbernen Anhänger. Glaube, Liebe und Hoffnung. Das wäre doch etwas für Gabriel oder? Ich muss wissen, was der kostet.“
Schon war Steffi beim Verkäufer. Diese Kette war auf jeden Fall etwas Besonderes. Sie bestand aus drei sehr dünnen Lederbändern, die zu einer dünnen Kette verflochten waren. Doch da war noch silbernes mit eingeflochten.
Mir hatte es ein anderes Schmuckstück angetan. Ein dünnes Silberarmband mit eingearbeiteten Lederintarsien. Ich hatte mein Geschenk für Jonas gefunden und betrat ebenfalls den Laden.
„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Verkäufer freundlich.
„Ich hatte diese Lederkette mit dem Anhänger in dem kleinen Schaukasten gesehen. Ich wollte fragen, was sie kostet.“
„Das ist eigentlich nur ein Ausstellungsstück, welches nicht verkäuflich ist, junge Frau. Das sollte zeigen, dass wir jeglichen Schmuck herstellen können. Absolut persönlich und einzigartig. Wie alle Teile in diesem Schaufensterbereich.“
Also auch das Armband, welches ich mir für Jonas ausgesucht hatte.
„Wenn Sie kurz einen Moment warten würden, ich werde kurz meinen Chef fragen. Ich bin sofort zurück.“
Der junge Mann ging in ein Büro und kam kurze Zeit später mit einem schick gekleideten Mann Mitte vierzig wieder, der ein warmes Lächeln auf den Lippen hatte.

„Guten Tag. Sie interessieren sich für unsere Ausstellungsstücke, habe ich gehört? Was hat es ihnen denn angetan?“
Steffi beschrieb ihre Kette und ich das Armband. Der alte Mann setzte ein breites Grinsen auf, bevor er kurz zum Schaukasten ging und die Kette und das Armband holte.
„Bitte sehr. Da jetzt so kurz vor Weihnachten ist, mache ich heute einmal eine Ausnahme.“
„Was kosten die beiden Sachen denn?“, fragte ich.
„Das Armband kommt auf hundertneunundvierzig Euro und die Kette auf hundertneunundneunzig“, antwortete er freundlich.
Steffi schluckte.
„Dann bleibt es vermutlich nur ein Wunschtraum. Das ist bei meinem Budget leider nicht ganz drin.“
„Darf ich es dir auslegen? Immerhin ist das Geschenk für meinen Bruder.“
„Sehr ungern Timo, ich habe ungern Schulden bei jemandem.“
„Dann beteilige ich mich, und du hast keine Schulden.“
Ich bat den Geschäftsinhaber, beide Sachen zu verpacken, ich würde sie nehmen. Ich gab ihm dann meine Bankomatkarte. Steffi bedankte sich vielmals und meinte, dass es ihr aber so peinlich wäre. So bemerkten wir nicht, dass der alte Mann uns die Schmuckstücke und meine Karte zwar zurück gab, ich aber nichts unterschreiben oder meinen Pin eingeben musste.
Erst als wir uns in der Saftbar schon den dritten Cocktail genehmigt hatten, fiel mir auf, dass die Zahlung anders war als sonst.
„Steffi, ich habe weder etwas unterschrieben, noch den Pin eingegeben. Ich glaube, da ist irgendwas schief gelaufen. Lass uns nochmal hingehen und nachfragen.“
Wir bezahlten und machten uns auf den Weg zu dem Stand. Dort wo er vor einer knappen Stunde noch gestanden hatte, war nun ein leerer Platz zwischen allen anderen Ständen.
Wir fragten beim Süßigkeitenstand, gleich nebenan, nach.
„Die haben vorhin gepackt und sind gegangen. Die waren ausverkauft. Dabei haben die heute nur drei Sachen verkauft. An sie beide und an einen Mann. Aber wenn denen das reicht. Als sie fertig waren, haben sie noch das Plakat an die Wand gehängt und sind los. Vermutlich zu einem Auftritt.“
Wir sahen uns das Plakat an.
>>Die Health Care Singers aus Engelsberg wünschen fröhliche Weihnachten<<
Darunter standen noch die Termine, wann und wo der Chor, der mit seinen Auftritten und dem Stand Spenden für Kinder sammelte, seine Auftritte hatte.
Ich sah Steffi an. Sie schüttelte auch nur etwas verwundert den Kopf.
„Timo, Steffi, gerade wollte ich euch anrufen.“
Mein Paps stand hinter uns.
„Hey Paps. Na alle Einkäufe erledigt?“
„Ja, wir haben den halben Ikea leer gekauft“, grinste er mich an.
„Ihr seht aber nicht so aus, als hättet ihr schon was besorgt.“
„Oh doch, das haben wir. Wir mussten die Sachen nur in den Schließfächern deponieren. Es war zu viel. Bevor ich es vergesse.“
Ich zückte mein Portemonnaie und gab ihm die restlichen Scheine aus dem Kuvert wieder.
Er sah mich an.
„Okay, jetzt sehe ich es. Ihr habt tatsächlich eingekauft. Habt ihr euch wegen Fernseher, DVD Player, Stereoanlage und PC schlau gemacht?“
„Ja, alles schon ausgesucht. Brauchen nur dein Okay wegen den Preisen. Handy habe ich auch schon gekauft.“
„Du bist der Beste. Na dann mal los, wir haben noch viel vor.“
Mein Paps war sehr zufrieden mit den ausgesuchten Sachen. Nur beim PC hatte er sich anders entschieden. Er wollte gleich ein richtig gutes Gerät mit Monitor, Drucker und Scanner. Wenn, dann gleich richtig, wie er meinte. Wir gingen zu den Schließfächern, und holten unsere Einkäufe raus, fuhren zur Warenausgabe und holten dort die Elektrogeräte ab. Dann sollte es eigentlich ab nach Hause gehen, doch ich hatte meinen Paps gebeten, mich noch kurz in die Klinik zu fahren.
Steffi und ich gingen gleich zu Gabriel, während mein Paps von Martin abgefangen wurde. Er hatte alles so weit vorbereitet. Gabriel kam morgen zu uns in sein neues Zuhause.
Gabriel
Noch einen Tag länger konnte ich hier verbringen. Ich fand es schon toll. So konnte ich noch ein wenig entspannen. Ich wusste ja, was mich im Heim erwarten würde. Dadurch, dass ich jetzt ein paar Tage nicht da war, würde ich einige Dienste aufgebrummt bekommen. Aber der Gedanke an meine Steffi und einen Freund, Timo, machte die Vorstellung erträglicher. Eigentlich war dieses Weihnachten doch wunderschön. Ich hatte nicht nur eine Freundin, sondern auch einen neuen Freund gefunden. Irgendwie war mir der weitere Gedanke peinlich, ich hatte auch sowas wie Ersatzeltern gefunden. So wie sich Timos Eltern um mich sorgten, das tun doch nur richtige Eltern. Ich kuschelte mich in meine Decke und schlief langsam, relativ zufrieden mit meiner kleinen Welt, ein.
„Guck mal wie süß. Hallo mein Schatz.“
Ich spürte warme Lippen auf den meinen. Es war Steffi.
„Guten Morgen.“ Ich streckte mich und gähnte.
„Eher guten Abend mein Süßer. Ich hab da wen mitgebracht.“
Ich sah an ihr vorbei und sah Timo an der Tür stehen. Er winkte mir zu.
„Hey Timo. Schön dass du auch da bist. Komm doch her. Du musst nicht an der Tür stehen bleiben.“
Er kam näher und wühlte in seiner Tasche.
„Steffi und ich waren gerade shoppen und ich dachte, dir ist vielleicht langweilig. Also hab ich dir was mitgebracht.“
Er hielt mir einen nagelneuen MP3 Player hin.
„Danke Timo. Das ist aber nicht nötig. Ich schlaf doch nur noch bis morgen hier. Du brauchst ihn mir nicht leihen.“
„Gabriel, es geht nicht ums leihen. Das ist deiner. Ich hoffe dir gefällt die Musikauswahl, die wir zusammen getroffen haben.“
Meine Augen wurden immer größer.
„Du meinst jetzt aber nicht, dass das meiner ist, oder? Du hast den nicht für mich gekauft.“
„Doch habe ich. Ich will dir damit eine Freude machen, Gabriel.“
„Komm her.“
Kaum war Timo am Bett angekommen, legte ich meine Arme um ihn, zog ihn zu mir aufs Bett und hielt ihn fest.
„Danke. Menno wollt ihr mich jetzt echt dauernd zum Heulen bringen? Erst deine Mum heute und jetzt du?“
„Nein darauf haben wir es nicht angelegt Gabriel. Wir wollen dich bisschen glücklich machen.“
„Das macht ihr doch schon, indem ihr meine Freunde seid.“
„Steffi, ich werd hier grad festgehalten. Gibst du Gabi das zweite Geschenk auch?“
„Gabi? Du hast mich nicht grade Gabi genannt, oder?“ Ich fing an ihn zu pieken.
Es ging kurz gut, dann erwischte ich eine von Timos angeknacksten Rippen, woraufhin er aufstöhnte.
„Sorry Timo, das wollte ich nicht.“ Es tat mir wirklich leid.
„Kein Ding Gabriel, ich hatte es auch verdient.“ Er grinste mich an.
„So Schatz, damit du, wenn weder Timo noch ich da sein sollten, nicht allein im Bett bist, haben wir dir noch etwas besorgt.“
Sie hielt mir einen süßen Plüschteddy hin. Ich ließ Timo los und kuschelte den Teddy.
Das war sicher ein tolles Bild.
„Danke, mein erstes Stofftier. Ich werde ihn… hmmmmm… Tiffi nennen. Ti für Timo und ffi für Steffi.“ Ich grinste die beiden an.
„Gabriel, bist du mir böse, wenn ich wieder losziehe? Hab noch ein paar Sachen zu erledigen.“ Timo sah mich total lieb dabei an.
„Ne, ist kein Problem. Sehen wir uns morgen dann? Kommst du auch mit? Bitte.“
„Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, aber wir sehen uns sicher noch vor Weihnachten, das versprech ich dir.“
„Okay, dann bis dann.“
„Bis dann. Bis später Steffi.“
Damit ging er und ich war mit meinem Schatz alleine.
„Bis später? Gehst du heute nochmal zu ihm?“
„Ja, seine Eltern haben Jonas und mich zum Essen eingeladen. Also kein Grund zur Eifersucht, mein Süßer.“
„Ich bin doch gar nicht eifersüchtig. Komm bitte mal her.“
Sie legte sich zu mir aufs Bett und küsste mich. Ich kuschelte mich eng an sie.
Die Weichen sind gestellt. (22.12.2008 17 Uhr 43, Timo)
„Timo, es klappt alles. Morgen holt deine Mutter Gabriel ab, fährt ein paar Klamotten kaufen und dann zu Toralf. Sie wird ihn dann ins Heim fahren, wo er zusammenpacken wird und um zwölf Uhr geht es endgültig raus aus dem Heim.“
„Cool, ich freu mich schon drauf. Dann haben wir noch einiges zu tun.“
„Ja, auf jeden Fall. Unterstützung ist schon zu Hause. Auf dem Heimweg von Ikea hab ich Jonas getroffen. Er ist schon am abbauen der alten Schränke. Und er erwartet dich sehnsüchtig.“ Mein Paps grinste mich an.
„Ist es echt kein Problem für dich Paps?“
„Timo, nein. Warum sollte es ein Problem sein? Ich bin glücklich, wenn es dir gut geht. Und mal ehrlich, das Wichtigste ist doch, dass man jemanden findet, der zu einem passt. Ganz egal ob Junge oder Mädchen. Der Sex, das geht niemanden außer euch was an. Auch wenn ich euch bitten möchte, in der Nacht nicht allzu laut zu sein.“
„Paps, wir werden dann, wenn es soweit ist, auch etwas Rücksicht auf die ältere Generation nehmen, ganz klar. Aber ich will es langsam angehen lassen.“
„Ist schon gut Timo. Ich weiß, dass du das Richtige machen wirst. Habe dich sehr lieb.“
„Habe dich auch lieb Paps.“
Paps konnte zu Hause nicht mal in der Garage parken, weil diese voll mit alten zerlegten Möbeln war. Da hatte mein Schatz wohl ganze Arbeit geleistet. Wie aufs Stichwort kam er zur Haustüre raus, mit Verpackungsmaterial von Ikea beladen.
Nachdem er die Kartons auf den Müllhaufen geworfen hatte, kam er stürmisch auf mich zugerannt. Er war drauf und dran mich zu umarmen, blieb aber kurz vor mir stehen und sah mich an.
„Darf ich auch hier?“
Anstatt zu antworten nahm ich ihn in den Arm und küsste ihn. Unser Nachbar winkte uns grinsend zu.
„Frohe Weihnachten, Familie Krist. Dir auch Timo. Ich sehe, du genießt das Fest der Liebe.“
„Danke Herr Grubmüller. Ja ich genieße es in vollen Zügen. Ihnen und Ihrer Familie auch frohe Weihnachten.“
Unter tatkräftiger Mithilfe von Jonas und meiner Mutter schleppten wir unsere Errungenschaften in Gabriels zukünftiges Zimmer.
„Wow Jonas, du hast aber mächtig rein gehauen.“
„Deine Mum hat mir aber geholfen“, grinste er.
Nicht nur, dass die alten Möbel alle weg waren. Nein, Jonas hatte das Bett, eine Kommode, den Schreibtisch, den Couchtisch, den Schreibtischstuhl und die zwei gemütlichen schwedischen Lehnstühle aufgebaut.
„Den Kleiderschrank hab ich leider nicht alleine geschafft.“ Meinte er entschuldigend.
„Bitte? Du hast fast das ganze Zimmer fertiggemacht. Den Rest machen wir gemeinsam, okay?“
„Okay Schatz, aber du beschränkst dich auf das Dekorieren. Du sollst dich schonen!“
Er gab mir einen Kuss. Mein Vater hatte sich indes umgezogen und stand bereit, um Jonas zu helfen.
Der Schrank erwies sich als etwas sperrig, aber nach fast einer Stunde war er fertig. Steffi war inzwischen auch angekommen und half tatkräftig mit, das Zimmer wohnlich zu gestalten. Wir machten nur eine kleine Pause, um belegte Brötchen zu essen. Nachdem die letzten Dekorationsarbeiten abgeschlossen, alle Geräte installiert und ein paar Bilder aufgehängt waren, fielen wir kaputt auf die Couch im Wohnzimmer.
„Das war eine starke Leistung. Das Zimmer sieht spitze aus.“ Meine Mutter war sehr aufgeregt.
„Ich hoffe Gabriel gefällt es auch so.“
„Auf jeden Fall Mum. Ich freue mich auf morgen. Aber jetzt wird es glaub ich Zeit für mich schlafen zu gehen. Ist ja auch schon halb zwölf.“ Ich kuschelte mit Jonas.
„Steffi, Jonas wollt ihr heute noch nach Hause? Ich würde ansonsten vorschlagen ihr bleibt heute Nacht hier. Jonas wird ja sowieso lieber bei Timo schlafen wollen und du, du kannst in Gabriels Zimmer schlafen oder im Gästezimmer. Wenn du möchtest.“
Jonas war natürlich total begeistert von der Idee. Steffi war auch froh nicht mehr raus zu müssen. Sie entschied sich für das Gästezimmer, weil sie fand, dass Gabriel der Erste sein sollte, der in seinem Zimmer schlief.
Nach dem allgemeinen gute Nacht sagen, bei dem sich Jonas von meiner Mum einen Schmatzer auf die Wange eingehandelt hatte, verzogen wir uns nach oben. Auch wenn es spät war, ich musste unbedingt duschen. Jonas war ja schon nach dem Schrankaufbau duschen. Leider. Ich vollzog also meine Waschung unter dem angenehmen heißen Wasser.
Nur mit einem Handtuch bekleidet kam ich wieder ins Zimmer. Jonas lag unter der Decke und beobachtete mich.
„Du siehst lecker aus, mein Schatz.“
„Danke Jonas. Du warst ja leider zuvor schon duschen, da konnte ich gar nichts sehen.“
Er grinste mich frech an.
„Komm unter die Decke und guck es dir an.“
Schnell entledigte ich mich meines Handtuchs, woraufhin Jonas natürlich noch genauer hingesehen hatte. Dann kletterte ich unter die Decke und kuschelte mich an meinen Schatz. Unbeschreiblich schön war das Gefühl, seine nackte Haut an meiner zu spüren. Wir küssten uns lange und leidenschaftlich.
„Jonas?“
„Ja?“
„Also ich weiß nicht wie du das siehst, aber wäre es sehr schlimm wenn wir es langsam angehen lassen? Ich hatte noch nie Sex mit jemandem.“
Jonas atmete hörbar erleichtert aus.
„Ich auch nicht Schatz. Ich weiß, dass ich dich wahnsinnig liebe, aber ich hab nichts dagegen, wenn wir uns ein wenig Zeit lassen würden.“
Ich küsste ihn weiter und schmiegte mich so eng es ging an ihn an. Wir hielten uns gegenseitig fest und schliefen auch bald eng umschlungen ein.
Der erste Schritt oder doch gleich die ersten beiden – 23.12.2008 Gabriel
Ich war schon um sechs Uhr wach und obwohl ich wirklich gut geschlafen hatte, war ich doch sehr aufgeregt. Immerhin war es ein Tag vor Weihnachten. Ich ging zum Schrank und holte meine Klamotten raus. Sie waren zwar hier in der Klinik gewaschen worden, aber damit konnte ich nicht zum dem Gespräch. Ich musste vorher noch ins Heim und mir was Ordentliches raussuchen. Ich sah aus dem Fenster und konnte es kaum glauben. Es hatte in der Nacht begonnen zu schneien und die Welt draußen war in eine sehr dicke weiße Schneeschicht getaucht. Das müssen mindestens zwanzig Zentimeter gewesen sein. Dieses Weihnachten wurde immer mehr zu dem, wie ich es aus kitschigen Filmen kannte und, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Mit einem Lächeln legte ich mich wieder ins Bett und nahm vorsichtig den MP3 Player aus der Schublade.
Ich war immer noch sprachlos. So ein teures Geschenk und das einfach so. Ich fasste spontan den Entschluss, heute beim Einkaufen noch ein Weihnachtsgeschenk für ihn zu besorgen. Für Steffi hatte ich mir schon etwas ausgedacht. Gestern Abend hatte ich noch einen Gutschein für ein Dinner zu Zweit bei Dr. Lopes am PC machen dürfen. Da fiel mir ein, ich würde ihm einen der Engelanhänger für den Weihnachtsbaum schenken. Den zweiten wollte ich Ingrid schenken.
Timo und Steffi hatten genau meinen Geschmack an Musik getroffen. Ich lag ungefähr eine Stunde einfach nur da und genoss die Musik, da kam auch schon Steffi mit dem Frühstück. Sie wirkte sehr aufgeregt und begrüßte mich natürlich mit einem dicken Kuss.
„Na du Held. Freust du dich schon? Ich hab dir zur Stärkung auch extra ein zweites Brötchen gebracht.“
„Ja, ich bin total aufgeregt. Ich muss nur Ingrid bitten, mich kurz im Heim vorbei zu fahren. Ich muss ordentliche Klamotten anziehen. Das hier geht wohl nicht.“
Ich zeigte bei meinen Worten auf den Stapel Klamotten, mit denen ich hier angekommen war und Steffi stimmte mir zu.
„Also DAS geht nun echt nicht. Aber wenn du fertig bist mit frühstücken, kannst du dich gleich anziehen. Ingrid ist schon da und wartet in der Cafeteria auf dich. Ich wünsch dir viel Glück mein Schatz. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch. Und danke für die Wünsche. Kann Glück gebrauchen. Es wär echt toll, wenn das klappen würde.“
„Ich muss dann leider schon wieder weiter, Schatz. Wir sehen uns nachher. Ruf mich bitte gleich an, wenn du Bescheid weißt, ja?“
„Sicher.“
Damit war sie auch schon wieder weg. Ich beeilte mich mit dem Frühstück und schlüpfte in meine Klamotten. Die Haare hatte ich auch noch ein wenig gebändigt, dann ging es auf zu Ingrid in die Cafeteria.
„Guten Morgen, Gabriel.“
Sie steckte schnell einige Zettel weg und musterte mich dann von oben bis unten.
„Mein lieber Gabriel, sei mir nicht böse, aber mit deinen Klamotten müssen wir was machen. So wird das nichts. Ich hab da eine Idee.“
„Guten Morgen Ingrid. Ja, ich weiß, ich sehe schrecklich aus. Können wir noch mal kurz im Heim vorbeifahren? Dann kann ich meine Sachen wechseln.“
„Das wird nicht mehr gehen. Wir besorgen dir eben mal was Neues.“
„Aber ich kann mir was Neues im Moment nicht leisten, Ingrid.“
Sie duldete keinen Widerspruch. Da hatte ich wohl keine Chance.
Wir stiegen in Ingrids Auto und sie fuhr los. Wohin genau wusste ich nicht, denn ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wo das Gespräch stattfinden sollte. Sie fuhr in die Tiefgarage des Einkaufszentrums.
Zielstrebig gingen wir zu Jack & Jones.
„Such dir mal was aus, ich sehe mich auch um.“
Ich sah mir ein paar Sachen an, doch als ich die Preisschilder sah, wollte ich sie wieder zurücklegen.
„Oh gut, du hast was gefunden. Dann probier die Sachen gleich mal an.“
Sie lud mir dabei einen großen Stapel auf die Arme, aus dem ich jedes einzelne Stück anprobierte. Ich konnte mich nur nicht wirklich entscheiden, die Klamotten gefielen mir einfach alle. Ingrid brachte mir noch Schuhe, die ich dann auch gleich anprobieren sollte. Sie passten wie angegossen.
„Schick siehst du aus Gabriel. Ich glaub das lässt du am Besten gleich mal an.“
Ich gab ihr die anderen Sachen zum Zurücklegen, doch sie ging schnurstracks zur Kasse.
„So wir nehmen die Sachen hier und die Teile, die der junge Mann schon anhat.“
„Ingrid…“ ich wollte etwas sagen doch Ingrid sah mich nur mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete.
Sie gab mir die drei vollgepackten Tüten zum Tragen und wir gingen zum Auto.
„Ingrid, wegen den Sachen. Also ich…“
Sie sah mich warm lächelnd an.
„Mach dir darüber keine Gedanken. Es ist Weihnachten und ich denke ein paar Geschenke darf ich dir schon machen, oder?“
„Ja schon, doch ich hab irgendwie ein schlechtes Gewissen deswegen. Du, beziehungsweise ihr, macht so viel für mich.“
„Gabriel ich mache dir einen Vorschlag. Wir reden später ausführlich darüber, ja?“
„Okay. Aber wirklich.“
Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Los, jetzt besorgen wir dir den Ausbildungsplatz.“
„Zu Befehl, Sir.“ Ich salutierte.
Wir fuhren noch etwa zehn Minuten durch die tief verschneite Stadt. Es schneite immer noch dicke weiße Flocken.
An einem netten kleinen bungalowartigen Bau, vor dem viele Kinder im Garten spielten und Schneemänner bauten, hielten wir an. Für einen Moment beobachtete ich die Kinder, es war toll, sie so ausgelassen zu sehen.
Als wir reingehen wollten, sah ich neben dem Eingang einen kleinen Jungen sitzen. Er heulte.
„Hallo Kleiner, ich bin Gabriel. Was ist denn los?“
„Ich bin Max, die…die…die da drüber da, die wollen mich nicht mit bauen lassen. Ich mag aber einen ganz dollen Schneemannengel bauen. Aber die mögen nur so ein Kugelteil machen.“
„Weißt du was Max, ich baue jetzt einen Schneeengel mit dir, ja?“
„Wirklich?“
„Ja. Komm, lass uns anfangen.“
Ich sah zu Ingrid, die mich eigentlich davon abhalten wollte, doch ein Mann mittleren Alters hielt sie zurück.
Max und ich bauten eine tolle Figur und wir hatten auch richtig schöne Engelsflügel gemacht. Max war stolz wie klein Oskar und hing von da an nur noch an meinem Bein.
„Danke Gabriel, der sieht ganz dolle schön aus.“
„Gerne. Weißt du, wie man Engel im Schnee machen kann?“
„Nöööö, wie denn?“
„Guck man legt sich mit ausgebreiteten Armen hin und bewegt dann die Arme und die Beine. Und jetzt sieh hin.“
Ich machte es vor und er sah ganz begeistert drauf.
„Wow. Guckt mal was Gabriel gemacht hat. Einen schönen Engel.“
Die Kinder kamen zu Max und bestaunten erst den Schneemannengel und dann zeigte der Kleine den Kindern, wie man die liegenden Engel macht. Es war wahnsinnig toll, ihnen dabei zuzusehen. Es folgte noch eine kleine Schneeballschlacht, bei der ich mich dann doch schnell vor den Kleinen geschlagen geben musste.
„So, ich muss jetzt aber los. Hat riesen Spaß gemacht mit euch.“
„Och Gabriel, kannst du nicht noch bisschen bleiben?“
Max sah mich traurig an.
„Ich denke aber, im Januar wird Gabriel öfter da sein, wenn er möchte.“
„Ja, er möchte. Stimmt doch Gabriel, oder?“ Max nahm mir ganz frech einfach die Antwort ab.
„Wenn ich eine Chance bekomme, dann gerne.“
„Ich bin übrigens Toralf. Was du hier gemacht hast, war besser als jedes Bewerbungsgespräch. Alle Achtung. Ich denke wir reden drinnen bei einer Tasse Kaffee weiter.“ Toralf machte eine einladende Geste zur Tür.
Wir unterhielten uns ausgiebig. Auch über mein Vorleben. Ingrid hatte ihn schon informiert gehabt und er hatte damit keine Probleme. Er hat mir genau erklärt, wie es im Tagesheim ablaufen und was auf mich zukommen würde. Er fand auch toll, wie ich vorhin mit den Kindern umgegangen war und kam zu dem Schluss, dass er mir den Ausbildungsplatz sehr gerne geben würde, wenn ich wollte.
Und ob ich das wollte! Toralf hatte auch schon alles vorbereitet und so konnten wir beide sofort den Vertrag unterzeichnen. Ich hatte einen Ausbildungsplatz!
Wir verabschiedeten uns von Toralf und den Kindern und fuhren los.
„Hat du was dagegen, wenn wir noch kurz einen Kaffee zu Hause trinken?“, fragte mich Ingrid, die gesehen hatte, dass ich etwas betrübt geblickt hatte.
„Sehr gerne. Dann kann ich ja Timo und Marcus noch mal sehen und frohe Weihnachten wünschen, bevor ich ins Heim muss.“
Ingrid erwiderte nichts und bog in die Hauseinfahrt ein. Im Wohnzimmer warteten schon Marcus, Timo und Jonas. Die beiden kuschelten, wie immer. Sie waren wirklich ein süßes Paar. Leider verflog die Kaffeezeit wie im Flug. Trotzdem wurde die Verabschiedung noch ein wenig hinausgezögert, da Marcus, Timo und Jonas mich begleiten wollten.
Marcus fuhr uns mit einem schicken BMW X5 zum Heim. Es war toll, einmal in so einem Auto mitfahren zu dürfen.
Dann folgte leider doch der Abschied. Aber ich versprach, mich in den Tagen nach Weihnachten zu melden. Beim Hineingehen winkten sie mir alle lieb zu. Ich kämpfte mit den Tränen.
„Ach, der Herr Berger beehrt uns auch mal wieder. Das ist ja toll. Hast dich ja gut vor der Arbeit gedrückt.“
„Guten Tag Frau Urbrüg. Tut mir leid aber ich hatte, wie Sie wissen, einen Unfall. Ich kann nichts dafür, wenn mich einer niederfährt.“
„Ja, das sagen dann alle. So, Gabriel. Du gehst jetzt sofort rauf in dein Zimmer und packst deine Sachen. Du hast eine neue Pflegefamilie. Ich hab zwar keine Ahnung wie das passiert ist, aber egal. Du kannst ab jetzt denen auf die Nerven gehen.“
„A……“
„Ruhe und mach hin. Die werden gleich da sein. Wenn die wüssten, was sie sich mit dir eingefangen haben.“
Nachdenklich ging ich in mein Zimmer hoch. Einerseits freute ich mich ja, hier rauszukommen, weg von dem Drachen. Aber andererseits, was war das für eine Pflegefamilie. Waren die gut zu mir? Wie kamen die überhaupt dazu mich aufzunehmen? Fragen, auf die ich keine Antwort finden konnte. Ich packte meine paar Habseligkeiten in meine Tasche und legte ganz obenauf mein Holzkästchen. Da waren noch die Engel für Timo und Ingrid drin. Ich würde sie gleich anrufen, vielleicht waren sie noch nicht weit weg.
Ich ging wieder in die Eingangshalle und stellte dort meine Tasche ab. Frau Urbrüg wartete schon auf mich. Als ich mich zur Telefonzelle wandte, hielt sie mich fest.
„Das kannst du vergessen Junge. Die Familie ist da und wartet draußen.“
„Ich muss aber noch kurz telefonieren.“
„Du musst hier gar nichts mehr. Hier sind deine Papiere. Jetzt kannst du gehen. Ich hoffe die schaffen es, dir wenigstens ein bisschen Anstand beizubringen. Tschüss Gabriel.“
Sie drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort. Ich wollte ihr noch etwas an den Kopf werfen, aber entschied mich dagegen. Ich hatte jetzt Angst. Wer würde mich da draußen erwarten? Ich nahm meine Tasche und öffnete die Tür. Nachdem ich noch einmal tief durchgeatmet hatte, ging ich endgültig nach draußen.
Niemand war da. Was heißt niemand… Der BMW der Krists stand noch direkt vor der Eingangstür. Sonst war niemand da. Die Pflegefamilie wird es sich vermutlich anders überlegt haben. Wer weiß, was Urbrüg denen erzählt hat. Wieder einmal Pech gehabt. Das war jetzt das zweite Mal, dass mir so etwas passierte.
„Was ist Gabriel. Möchtest du nicht herkommen und deine Sachen einpacken?“
Ingrid kam auf mich zu.
„Wie meinst du das, Ingrid?“
„So wie ich es gesagt habe.“ Sie lächelte mich an.
„Ja, ich sollte hier auf meine Pflegefamilie….du meinst doch nicht?“
„Also wenn du meinst, dass ich meine, dass du meinst ich würde meinen, dass du denkst, dass wir deine Pflegefamilie sind, dann denkst du richtig.“
Ich ließ meine Tasche fallen, stürmte auf Ingrid zu und hielt sie fest so fest ich konnte. Mir schossen die Tränen in die Augen. Marcus und Jonas kamen ebenfalls dazu und nahmen mich auch in den Arm.
Als wir uns voneinander gelöst hatten, nahm ich meine Tasche und packte sie ins Auto. Ich konnte kaum glauben, was mir in den letzten Tagen passiert war. Zum zweiten Mal kam ich heute bei Krists an. Nur dieses Mal war es anders. Ich war zuhause.
Wir gingen in die Küche. Dort waren schon Orangensaft und Sekt vorbereitet. Sie hatten alles so geplant. Die Tüten von heute Vormittag standen auch schon hier.
„Also Gabriel, bevor wir dir dein Zimmer zeigen, möchten wir dich recht herzlich in unserer Familie begrüßen. Wir hoffen, dass du dich wohlfühlst. Du sollst auch wissen, dass du jederzeit zu uns kommen kannst. Egal womit. Wir sind immer da für dich.“
Mir rannen Sturzbäche von Tränen die Wangen runter. Ich schaffte es gerade noch ein ‚Danke‘ zu krächzen.
Timo nahm mich in den Arm.
„Willkommen, großer Bruder.“
Als ich mich ein wenig gefangen hatte, überreichten mir Ingrid und Marcus feierlich den Hausschlüssel und baten mich in den ersten Stock hoch. Ingrid ergriff das Wort.
„Hier links ist das Bad. Darum musst du dich mit Timo streiten. Wir haben in der rechten Spiegelschrankseite ein paar Sachen deponiert. Deine Handtücher und dein Bademantel hängen auch hier rechts vom Waschbecken. Das hier in der Mitte, das ist Timos Zimmer. Hier den Flur entlang geht’s zu unserem Schlafzimmer. Oben im Dachgeschoß sind noch ein Gästezimmer und unser Büro. Und das hier ist dein Zimmer.“
Sie zeigte auf die Tür vor mir.
Ich sah sie an.
„Darf ich?“
„Nur zu.“
Ich öffnete die Tür und ging ins Zimmer. Was mich hier erwartete, war unglaublich. Alles war neu und wunderschön eingerichtet. Sogar ein PC, ein Fernseher und eine Stereoanlage waren hier.
„Das soll mein Zimmer sein?“
Ich konnte es nicht glauben.
„Ja, Gabriel, das gehört dir. Wenn irgendetwas fehlt oder du noch etwas benötigst, dann werden wir es natürlich noch besorgen, keine Frage. Timo hat auch noch etwas für dich.“
Timo kam zu mir und gab mir ein Handy.
„Das ist ein Pre-Paid mit 50 Euro drauf. Ich hab die Nummern von uns allen eingespeichert. Damit kannst du uns immer erreichen.“
Das reichte, um wieder von mir umarmt und halb erdrückt zu werden.
Timo
Mit dieser Umarmung hatte mir Gabriel fast alle Rippen erneut gebrochen. Doch ich konnte ihn verstehen. Ich war sehr froh, dass die Überraschung so gut geglückt war.
Wir hatten Gabriel dann alleine im Zimmer gelassen, damit er sich ein wenig eingewöhnen konnte. Er war jedoch nicht lange alleine, denn Steffi kam bald zu Besuch. Sie konnte aber nicht lange bleiben, weil sie noch Weihnachtserledigungen machen und für die Feiertage einkaufen wollte.
Ich zog mich mit Jonas in mein Zimmer zurück und sah mir Monster AG an. Es klopfte.
„Herein?“
„Hallo Timo, darf ich?“
„Klar doch. Möchtest du mit DVD gucken?“
„Ja gerne, aber vorher möchte ich deine Mum fragen, ob ich ihr was helfen kann.“
„Ähm das lass mal lieber bleiben. Sie würde dich nichts machen lassen. Du sollst einfach ein wenig zur Ruhe kommen. Du kannst hier wirklich auch mal faul sein. Wenn sie Hilfe braucht, dann meldet sie sich. Wirklich.“
„Dann würde ich doch gerne mit euch gucken, wenn ich nicht störe.“
„Gabriel du störst nicht. Außer du kannst nicht mit ansehen, wenn ich meinen Engel küsse.“ Jonas grinste ihn an und küsste mich.
„Timo, ich freue mich sehr für euch. Ich will mich auch nochmal bedanken. Für alles.“
Ich nahm ihn in den anderen Arm und er kuschelte sich an.
Wir mussten alle drei eingeschlafen sein. Jonas und Gabriel waren an mich gekuschelt. Meine Eltern standen in der Tür.
„Na ihr drei. Was haltet ihr davon, wenn wir Pizza bestellen?“
„Ich will ne Hawaii.“ Platzte es aus Gabriel heraus.
„Also wenn das in Ordnung ist.“ Fügte er leicht kleinlaut hinzu.
„Gabriel, du darfst jede Pizza haben, die du möchtest. Timo, du wie immer eine Salami extrascharf?“
„Japp, the same as usual Miss Sophie.” Ich machte wieder einmal den Butler aus Dinner for One nach.
„Du bist so doch schon scharf genug.“ Mein Schatz grinste mich frech an. Auch meine Eltern und Gabriel konnten sich das Lachen nicht verkneifen.
„Jonas, möchtest du mitessen?“, fragte meine Mum ihn.
„Danke Ingrid, aber ich denke, ich werde nach Hause gehen und Steffi ein wenig helfen. Wir wollten ja noch den Weihnachtsputz machen und ich denke sie ist schon froh, wenn ich auch wieder einmal zu Hause bin.“
„In Ordnung. Ihr kommt ja morgen zum Feiern zu uns. Würdet ihr so gegen fünf Uhr da sein? Geht das? Damit ich wegen dem Essen planen kann.“
„Klar, sehr gern. Ich sag Steffi Bescheid. Ich freue mich schon und sie sich auch. Tschüss mein Schatz.“ Er küsste mich lange und zärtlich.
Dann verabschiedete er sich von meinen Eltern und Gabriel und war weg.
Am Abend aßen wir zu Viert. Es war ungewohnt, aber sehr schön. Wir gingen relativ früh zu Bett, allerdings konnte ich nicht einschlafen, also ging ich nochmal zu Gabriel.
„Gabriel, bist du noch wach?“
„Timo, komm rein. Ja ich bin noch wach. Obwohl ich glaube, dass ich träume.“
„Ich muss dich enttäuschen, das hier ist die Realität, kein Traum.“ Ich grinste ihn an.
„Gott sei Dank ist das real. Timo, kannst du verstehen, wie das für mich ist? Ich habe eine Familie. Ihr seid für mich keine Pflegefamilie. Ihr habt mich aufgenommen wie eine richtige Familie. Du bist für mich mein Bruder, der allerbeste Bruder den es gibt.“
„Fehlt nur noch der Name oder?“, witzelte ich.
„Ja. Also nein. Ich meine….“ Er druckste ein wenig rum.
„Ich fühle mich so als Mitglied dieser Familie, egal welcher Name dasteht.“
„Aber du hättest nichts dagegen Krist zu heißen?“
„Nein, absolut nicht. Ich würde diesen Namen voller Stolz tragen. Mein Name Berger ist eigentlich sinnlos. Ich hab da auch keinen Bezug zu.“
„Dann sprich doch morgen mit unseren Eltern.“
Ich konnte erkennen, wie das ‚unsere Eltern‘ ihm eine Gänsehaut verursacht hatte.
„Das klingt so… wunderschön Timo.“
Ich nahm ihn in den Arm.
„Das wirst du noch öfters hören großer Bruder. Ich wünsche dir eine gute Nacht und wunderschöne Träume. Denk daran, das was du in der ersten Nacht in einem neuen Bett träumst, wird wahr.“ Ich gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn und ging in mein Zimmer. Ich war gleich, nachdem ich mich unter die Decke gekuschelt hatte, eingeschlafen.
Mein Handyklingeln weckte mich auf. Auf dem Display stand <Gabriel>. Was um alle Welt..
„Ja, hallo Gabriel?“
„Schönen guten Morgen, oder besser schönen guten Mittag Timo. Mum meinte ich sollte dich aufwecken, da dachte ich, ich könnte das Handy gleich mal testen.“
„Wieso wecken? Wie spät ist es denn?“
„Liebstes Brüderchen, es ist elf vorbei. Wir wollten noch gemeinsam zum Weihnachtsmarkt. Außerdem wurde mir gesagt, dass das Weihnachtsbaumschmücken Familiensache ist, die wir auch gemeinsam machen.“
„Okay, okay. Ich geh duschen und komm dann runter.“
„Erscheinen reicht.“ Gabriel hat sich schnell eingelebt. Solche Meldungen kamen meist von meinen Eltern.
Erst las ich aber noch die SMS von Jonas. Er hatte mir in der Nacht noch geschrieben.
>>Hi mein Engel. Ich danke dir, dass du mir dein Herz, deine Liebe schenkst. Ich habe mich noch nie derart gut gefühlt wie jetzt. Ich will immer bei dir sein und dich glücklich machen. Du bist mein Ein und Alles. Du hast mir mein Lächeln wiedergeschenkt. Ich liebe dich. Bis heute Abend. Dein Jonas, der dich so sehr liebt.<<
Nachdem ich die SMS auf mich hatte wirken lassen, antwortete ich ihm:
>>Guten Morgen Jonas, mein Engel. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich dich liebe und wie glücklich du mich machst. Ich kann nur versuchen, es dir jeden Tag, jede Stunde und jede Minute zu zeigen wie sehr ich dich liebe. Ich will nie mehr ohne dich sein. In Liebe, dein Timo<<
Eine halbe Stunde nach dem Telefonat kam ich in die Küche. Meine Mum hatte mir eine Tasse heiße Schokolade gemacht und Kekse vorbereitet.
„Guten Morgen Großer. Hast du gut geschlafen?“
„Guten Morgen Mum. Ja wie ein Stein.“
„Das hab ich gemerkt. Gabriel hat heut schon mehrfach versucht dich zu wecken.“
„Das hat er schlussendlich ja auch geschafft. Wo ist er überhaupt?“
„Er war vorhin mit Paps einen Weihnachtsbaum kaufen und jetzt versuchen die beiden, ihn halbwegs gerade in den Ständer zu verfrachten. Ich denke, er fühlt sich wohl.“
„Das tut er Mum. Wir hatten gestern noch ein wenig geredet. Er ist so glücklich, Teil unserer Familie zu sein. Er hat dich heute Morgen, als wir geredet hatten, sogar Mum genannt.“
„Wirklich?“
„Wir sind für ihn seine Familie, Mum.“
„Paps und ich hatten überlegt, nach den Feiertagen mit ihm zu sprechen, wenn er sich eingelebt hatte.“
„Worüber denn?“
„Wir hatten uns überlegt, ihn nicht nur zur Pflege aufzunehmen, sondern haben auch daran gedacht, ihn zu adoptieren.“
„Das wäre ja Spitze.“
„Meinst du? Ich weiß nicht, ob wir ihn damit überrumpeln würden.“
„Ich denke, er soll sich erst einmal ein wenig einleben und dann solltet ihr das mit ihm besprechen.“
„Wenn, dann wir alle vier.“
„Ist gebongt Mum.“
„Guten Morgen Kleiner“, hörte ich, als mich zwei Arme von hinten packten und knuddelten.
„Hey Gabriel. Ich habe gehört, du warst schon fleißig heute.“
„Ja sicher. Ich bin ja nicht so eine Pennbacke wie du. Es gibt Leute die stehen morgens auf und verschlafen nicht den halben Tag.“ Er grinste mich frech an.
„Endlich mal jemand, der derselben Meinung ist wie ich.“
Meine Mum grinste genauso frech.
„Worauf hab ich mich da bloß eingelassen.“ Ich stöhnte auf.
„Tja selber schuld Timo. So mach dich fertig, wir wollen auf den Weihnachtsmarkt.“
Meine Mutter wieder. Kaum war ich aus dem Bett, fing der Stress an.
Wir verbrachten fast drei Stunden bei dichtem Schneefall mit Glühwein und Punsch, frischen Keksen, Lebkuchen und Marzipankartoffeln. Natürlich musste meine Mutter noch ein paar neue Christbaumkugeln kaufen, die wir zu Hause gemeinsam an den Baum hängen wollten.
Das Schmücken des Baums erfolgte genauso ausgelassen wie der Besuch am Weihnachtsmarkt. Wir brauchten fast eineinhalb Stunden, doch dafür sah der Baum dann auch wunderschön aus.
„Ich hätte da noch etwas für euch.“ Gabriel kam mit einer kleinen Holzkiste an.
„Ich kam noch gar nicht dazu, Weihnachtsgeschenke für euch zu kaufen. Das ist mir total peinlich.“
„Gabriel, das schönste Geschenk ist, wenn es dir gut geht. Du brauchst uns nichts schenken.“
„Naja, eine Kleinigkeit habe ich aber trotzdem.“
Er öffnete die kleine Schachtel und holte zwei wunderschön geschnitzte Holzengel heraus.
„Die sind für euch. Vielleicht findet ihr noch Platz am Baum.“
„Dafür auf jeden Fall, und wenn ich Kugeln runtermachen muss.“ Meine Mutter knutschte ihn dankbar ab.
Wir machten uns sofort auf die Suche nach einem geeigneten Platz für die Anhänger, der sehr schnell gefunden war.
Der Baum war herausgeputzt, jetzt waren wir an der Reihe. Bei uns lief Weihnachten immer sehr entspannt ab, doch auf angemessene Kleidung legten meine Eltern schon wert. Anzug brauchten wir nicht zu tragen aber schicke Hose und ein anständiges Hemd waren schon erwünscht.
Wir waren gerade fertig geworden, als es an der Tür klingelte. Jonas und Steffi hatten sich auch sehr schick gemacht. Jonas sah zum Anbeißen süß aus.
Wir setzten uns gemeinsam an den großen Tisch in der Küche. Meine Mutter hatte ein Fondue vorbereitet.
„Sag mal Ingrid, wie viele Leute kommen noch zum essen?“ Jonas grinste sie an.
„Ach ich dachte heute sind drei hungrige Jungs und eine Dame zu verköstigen. Da hab ich einfach etwas mehr eingekauft. Normalerweise gibt es bei uns ganz einfach Würstchen und Kartoffelsalat. Nur dieses Jahr ist es einfach was ganz besonderes mit unseren beiden Jungs, einem lieben Schwiegersohn und Schwiegertochter zu feiern.“
In der Stimme meiner Mutter klang sehr viel Stolz mit.
„Darauf sollten wir anstoßen. Auf uns alle und ein schönes Weihnachtsfest.“
Die Schlacht am Küchentisch dauerte fast zwei Stunden. Obwohl wir alle mehr als satt waren, blieb noch eine Menge übrig.
Meine Mutter verschwand im Wohnzimmer. Nach ungefähr fünf Minuten hörte ich das Klingeln unseres Weihnachtsglöckchens. Aufgeregt gingen wir ins Wohnzimmer. Da stand er, unser Weihnachtsbaum. Eine wunderschöne hoch aufragende Tanne mit Strohsternen, roten Kugeln und roten echten Kerzen. Darunter war eine Vielzahl von Geschenken deponiert. Jonas, Steffi und ich legten auch noch ein paar Päckchen dazu.
Ich stellte mich neben meinen Schatz und hielt seine Hand. An die andere Hand nahm ich Gabriel, der feuchte Augen hatte.
„Bei uns ist es Tradition, dass wir ‚Stille Nacht‘ unter dem Weihnachtsbaum selber singen und nicht von CD spielen. Ich hoffe ihr könnt damit leben.“
Allgemeine Zustimmung machte sich breit. Auch wenn ich das Singen bisher immer als altmodisch empfunden hatte, dieses Jahr freute ich mich sehr darüber. Meine Mutter begann zu singen und wir alle stimmten mit ein. Wir sangen alle drei Strophen.
„Dann kommen wir jetzt zur Bescherung.“ Mein Paps begann die Geschenke zu verteilen.
Ich bekam tatsächlich meine Digitalkamera die ich mir gewünscht hatte, ein Paar Bücher, CDs und DVDs. Auch ein schicker, warmer Pulli war unter meinen Geschenken, zusammen mit einem Kuvert mit Geld. Gabriel wusste nicht, wie ihm geschah, als er ein Geschenk nach dem anderen bekam. Es waren einige Klamotten darunter dabei, DVDs, ein paar Computerspiele und ebenfalls ein Kuvert mit ein wenig Geld. Auch Jonas und Steffi wurden von meinen Eltern beschenkt. Im Gegenzug wurden die beiden mit meinen Geschenken, Wein, und einer edlen Flasche Whiskey beschenkt, den Steffi zusammen mit Jonas besorgt hatte.
Gabriel brachte Steffi mit seinem Gutschein aus der Fassung, weil sie sich so wahnsinnig darüber freute. Auch ihr Geschenk an meinen Bruder, die besondere Halskette, war ein Volltreffer. Voller Stolz trug er sie, nachdem sie sie ihm umgehängt hatte und Gabriel sie mit Küssen überschüttet hatte.
Jonas kam mit einem kleinen Schächtelchen zu mir.
„Frohe Weihnachten mein Schatz.“ Ich öffnete die Verpackung und dann das kleine Kästchen. Darin befand sich ein Armband, halb aus Silber, halb aus Leder. An der Innenseite der längeren Silberplatte stand <In Liebe, Jonas> Jetzt war auch ich den Tränen nahe. Er machte es mir sofort um.
Dann durfte ich ihm mein Geschenk überreichen. Er packte es aus. Ich hatte das Selbe Armband gekauft wie er, nur das das Muster und die Anordnung von Leder und Silber waren umgekehrt. Er las die Gravur vor <In Liebe, Timo>. Steffi und ich wechselten kurz fragende Blicke. Jonas fiel mir um den Hals und weinte vor Glück. Ich musste ihm das Band natürlich sofort anlegen.
Ein Geschenk hatte ich noch. Ich ging zu Gabriel.
„Frohe Weihnachten Gabriel. Damit du weißt, wir sind immer da für dich.“
Gespannt packte er das Geschenk aus. Es war ein silberfarbener Bilderrahmen. Darin hatte ich ein Bild von meinen Eltern und mir befestigt. Gabriel brach ihn Freudentränen aus und bedankte sich bei mir.
„Danke Timo, danke euch allen für das schönste Weihnachten meines Lebens. Ich konnte euch leider nicht so viel schenken. Das tut mir auch leid.“
„Gabriel, das schönste Geschenk ist, dass du hier bei uns bist. Dass du mit uns feierst.“
Meine Mutter drückte ihn fest an sich.
„Ich weiß, ihr habt mich so reich beschenkt, aber darf ich euch um etwas bitten?“
Mein Vater kam dazu.
„Egal was es auch ist Gabriel. Du darfst immer zu uns kommen.“
„Darf….darf ich….darf ich…darf ich euren Namen tragen?“
Jetzt war es an meiner Mutter in Tränen auszubrechen, sogar mein Vater konnte sich nicht zurückhalten und weinte.
„Wenn du das willst, sehr gerne Gabriel.“
Mir war, als würden die beiden Engelsanhänger von Gabriel kurz leuchten und die Figuren lächeln.
Gabriel drückte meine Mum noch fester.
„Danke Mum.“
Er sah meinen Vater an.
„Danke Paps.“
Wir kamen alle zusammen und hielten uns in den Armen.
Das war Weihnachten, das Fest der Liebe.

Continue reading..

Information Eiskalter Engel
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:34 AM - No Replies

Ein eisiger Wind fegte über den Friedhof. An einem Grab standen zwei Jungen und hielten jeweils eine rote Rose in den Händen. Beide sahen auf das Grab hinunter. Ein Grabstein in Form eines Engels stand auf diesem. Der Engel hatte seine Hände wie zu einem Gebet gefaltet. Unten auf dem Sockel, auf dem der Engel stand, waren folgende Worte eingraviert:
Hier ruht Kahne lange vermisst,
aber er hat endlich heimgefunden.
Schlaf gut mein Bruder den ich nie
Kennen lernen konnte
Die Jungen legten die Rosen langsam auf das Grab und gingen danach schweigend davon. Der eine Junge nahm die Hand des anderen und sie sahen sich dann lächelnd an. Dem einen Jungen liefen Tränen durch das Gesicht, die der andere mit der freien Hand versuchte wegzuwischen. Es fing an zu regnen und sie verschwanden in der anbrechenden Dunkelheit.

Zitat
Bevor ihr die Geschichte lest, möchte ich noch etwas loswerden. Bei Pitstorie bin ich als Autor etwa ein gutes Jahr. Ich habe hier viele nette Menschen kennen lernen dürfen und ich möchte diese nicht mehr missen. Sie bilden gemeinsam eine Gemeinschaft die auf Respekt und Freundschaft aufgebaut ist. Ich möchte diesen Menschen danken und mein ganz besonderer Dank gilt Pit. Er hat diese Seite ins Leben gerufen und gab anderen die Möglichkeit hier ihre Geschichten zu veröffentlichen und neue Freunde kennen zu lernen. Ich für meinen Teil habe hier Freunde gefunden und dafür sage ich:

*-*-*
Hallo mein Name ist Daniel und ich möchte euch erzählen wie ich und Tobias, Khane fanden. Es ist eine traurige Geschichte und für meine und Tobias seine Familie nicht einfach zu verarbeiten. Also ich fange einfach am Anfang an. Meine Familie lebt in einem kleinen Haus am Rande einer kleinen Stadt. Die Stadt heißt Stetten.
Unsere Familie ist nicht reich und wir wissen manchmal nicht, woher wir das Geld für die Rechnungen nehmen sollen. Zu meiner Familie gehören natürlich mein Vater, meine Mutter, meine Schwester Luisa und ich. In der Schule war ich nicht der Beste und träumte vielmehr von aufregenden Schlachten gegen Trolle und dergleichen. Meine Schwester Luisa, sie ist 18 Jahre alt und macht bald ihr Abitur, lacht immer über meine Geschichten die ich ihr erzähle.
Mein zweit liebstes Hobby ist malen und ich habe ein Buch in dem ich alle meine Gedanken reinzeichne. Freunde hatte ich keine in der Schule. Mit so einem Träumer wie mir wollte keiner zusammen sein.
Nun das wurde aber anders, als ein neuer Junge in der Schule erschien. Sein Name war Tobias. Er war ganz anders als die anderen Jungs in meiner Schule. Schon am ersten Tag setzte er sich in der Schule neben mich, dass war für mich schon ein seltsames Gefühl. Sonst ausgegrenzt und immer alleine, hatte ich bald einen ständigen Begleiter, Tobias.
Es war wie immer, meine Mutter weckte mich am Morgen und ich dampfte ab ins Bad. Danach wieder ab in mein Zimmer und Sachen angezogen und runter in die Küche. Dort wartete schon eine dampfende Tasse Kakao.
„Na und was steht heute auf dem Lehrplan?“ fragte meine Mutter.
„Upps gut das du fragst wir haben ja heute zeichnen und ich hätte beinahe meine Hausarbeit vergessen.“
Na wieder hoch in mein Zimmer und die Zeichnung einpacken die auf meinem Schreibtisch lag.
Tja wozu hat man Mütter! Dann musste ich auch schon los, da ich im Sommer immer gerne laufe und nicht mit dem Bus zur Schule fuhr.
„He warte doch mal.“
Nach der Stimme zu urteilen, konnte das nur der neue, Tobias sein. Ich drehte mich in die Richtung aus der die Stimme kam.
„He Tobias wo kommst du denn her?“
„Ich wohne doch hier!“ dabei zeigte er auf ein einzelnes Haus.
„Ach dann seid ihr das die dort eingezogen sind!“
„Richtig. Was machst du denn heute nach der Schule noch?“
„Lass mich überlegen, erst mal meiner Mutter im Haushalt helfen und danach meine Hausarbeiten machen!“
„Klasse, wir können ja danach was zusammen machen!“
„Warum nicht!“
Als die Schule in Sichtweite kam, sah ich zwei Gestalten vor dem Schultor stehen. Na super, dachte ich, als ich die beiden Gestalten erkannte. Vor der Schule erwarteten mich meine beiden größten Fans, Jan und Marco.
Die beiden gingen in meine Klasse und sie hatten irgendwie Freude daran gefunden, meine Person als VENTIL zu nutzen für ihren schulischen Frust. Jetzt standen, jedenfalls die beiden vor dem Eingang zur Schule und grinsten mir entgegen.
„Sag mal DANIEL, warum sehen die beiden dich so an?“
Bevor ich Tobias antworten konnte, kamen die beiden auf uns zu.
„Äh Tobias mit der Flachzange würde ich mich aber nicht in der Schule zeigen.“
Dabei traten sie neben mich und eh ich mich versah, hatten sie meine gesamte Schulmappe auf den Boden ausgeschüttet. Ich stand einfach nur da und konnte in dem Augenblick nichts sagen.
„Eh seid ihr nicht ganz dicht? Das räumt ihr sofort wieder ein und entschuldigt euch bei ihm!“
Die Stimme die das gerade gesagt hatte, hörte sich ganz nach Tobias seiner an.
„Was dann?“ kam es drohend von Jan.
„Das wirst du dann schon sehen!“
„Tobias lass es, die sind es nicht wert!“, kam es von mir und ich bückte mich nach unten und fing die Sachen in die Schulmappe einzuräumen.
„Nee das wirst du nicht! Das machen die beiden!“
Wie bitte? Wollte etwa Tobias auch auf der Liste von den Schwachmaten stehen?
„So ich würde empfehlen das ihr gleich anfängt, denn die Schule geht genau in zehn Minuten los.“
„Man halt das Maul. Marco komm wir gehen!“
Jan drehte sich um, um zu gehen. Aber was war das, ich konnte das gar nicht fassen. Tobias packte kurz Jan und dieser lag plötzlich auf dem Boden.
„Ich würde empfehlen gleich anzufangen, ansonsten kann ich gerne das noch einmal wiederholen.“
Oh shit wenn die mich alleine treffen, dann bin ich geliefert. Aber so wie Tobias aussah, hätte es keinen Sinn gehabt, an mein Überleben zu appellieren.
Jan fing an, meine Sachen in die Schultasche zu stopfen. Nachdem er fertig war, zischte er zu mir nur, ich wäre so was von geliefert. Au Backe, aber Tobias musste das wohl mitbekommen haben.
„Sollte dir einfallen, meinen Freund mal alleine abzufangen, unterhalten wir uns weiter! Hast Du mich verstanden?“ zischte Tobias Jan an.
Der nickte nur und rannte mit Marco los, in die Schule.
„So komm wir müssen, die Stunde fängt gleich an!“ dabei sah er mich an.
„He was ist denn das?“, dabei bückte er sich und nahm meinen Zeichenblock in die Hand, der noch auf dem Boden lag.
„Hast du das gezeichnet?“, fragte er mich, nachdem er den Zeichenblock aufgeblättert hatte.
„Ja! Warum?“
„Man kannst du gut zeichnen, der Kobold ist dir echt gelungen!“
Ich nickte und nahm ihm meinen Zeichenblock aus den Händen. Als ich den Zeichenblock auch verstaut hatte, rannten wir in die Schule und in unsere Klasse. Kaum saßen wir, fing auch schon der Unterricht an. Na gut, dadurch das Tobias immer an meiner Seite war, hatte ich auch vor Jan und Marco ruhe und so verlief der Schultag relativ ruhig.
Nach der Schule gingen wir gemeinsam nach Hause.
„Wann soll ich dich abholen?“ fragte Tobias mich.
„Es ist besser ich hole dich ab. Weiß noch nicht was ich zu Hause noch helfen muss.“
„OK ich warte dann auf dich!“
So trennten wir uns bei Tobias vorm Haus und ich lief noch ein Stück weiter zu uns nach Hause. Kaum hatte ich unser Haus betreten, kam meine Mutter auf mich zu.
„Junge du musst im Gewächshaus, die Pflanzen gießen. Danach hast du Freizeit!“
Ich brachte meine Schulmappe in mein Zimmer und ging wieder runter um die Pflanzen zu gießen. Nach getaner Arbeit machte ich mich auf den Weg zu Tobias. Als ob er schon auf mich gewartet hatte, saß er vor der Haustür auf der Veranda und grinste mich an.
„Na los, wir gehen in den Wald!“
„Nee da komm ich nicht mit!“
„Warum?“
„Er ist mir unheimlich, da ist mal ein Kind verschwunden. Jedenfalls erzählen die Leute das!“
„Gruselgeschichte stimmts?“
„So ähnlich, da gehen nicht mal die Erwachsenen rein, Pilze suchen oder so!“
„Na sind wir eben die ersten, die da wieder mal spazieren gehen!“
Tobias trabte los in Richtung Wald. Ich folgte ihm zögernd. Der Wald begann kurz hinter unseren Häusern. Meine Eltern hatten mir verboten dort zu spielen und jetzt lief ich Tobias hinterher, ohne ein Wort davon zu sagen.
Wir kamen dem Wald immer näher und mir war gar nicht so wohl dabei, diesen Wald zu betreten. Kurz darauf standen wir bei der ersten Baumgruppe und Tobias wartete dort auf mich. Als ich auf gleicher Höhe mit Tobias war, sah er mich an und grinste.
„Na der Wald sieht aus wie jeder andere, oder siehst du hier irgendwelche Gespenster?“
Ich schüttelte den Kopf, aber unheimlich war der Wald mir doch. Tobias ging am Waldrand entlang und suchte etwas.
„Was suchst du denn?“
„Einen Stock, damit wir das Gestrüpp zur Seite hauen können.“
Er bückte sich und hielt dann einen Ast in den Händen.
„Der müsste erstmal reichen! Na dann wackerer Ritter auf geht’s in den Wald, das Ungeheuer besiegen!“
Tobias lief los und ich hinterher. Kaum waren wir in den Wald eingedrungen, wurde es dämmrig. Die Bäume standen ziemlich dicht und ließen fast keinen Sonnenstrahl durch. Leise gingen wir immer weiter hinein. Seltsam außer dem knarren der Bäume war kein Laut zu hören.
„Tobias komm wir gehen wieder raus. Das ist mir hier zu unheimlich.“
„Nun hab dich nicht so. Wau sieh mal da vorne wird es heller!“
Er rannte plötzlich los.
Was sollte ich machen, also rannte ich ihm hinterher. Es wurde tatsächlich wieder heller und kurz darauf stürmten wir auf eine Wiese.
Tobias und ich blieben am Rand der Wiese stehen und sahen uns um. Mitten auf der Wiese stand eine riesige Eiche. Die musste mindestens zweihundert Jahre alt sein so dick wie der Stamm war.
„Das hier ist einfach wunderbar.“ sagte Tobias leise.
Irgendwie musste ich ihm zustimmen. Überall auf der Wiese blühten Blumen. Es sah einfach toll aus mit dieser riesigen Eiche in der Mitte. Tobias und ich gingen langsam auf die Eiche zu.
„Sieh mal da hängt ein Seil an einem Ast!“
Dabei zeigte ich auf dieses.
„Na da war wohl jemand vor uns schon hier! Komm das sehen wir uns vom nahen an.“
So schritten wir weiter und standen dann vor dem Seil. Ich sah nach oben und konnte einige Bretter erkennen, die auf ein paar Äste befestigt waren. Mit dem Seil konnte man wahrscheinlich dort hinaufklettern. Tobias hatte wohl den gleichen Gedanken wie ich, denn er hing schon an dem Seil und kletterte nach oben.
Ich sah ängstlich Tobias dabei zu.
„Sag mal ist das nicht gefährlich? Wenn nun das Seil reißt?“
„Scheint zu halten!“, kam es kurze Zeit später von oben und Tobias sah runter auf mich.
Tobias kletterte immer höher und dann verschwand er kurz zwischen den Ästen.
„Los komm rauf das musst du gesehen haben. Ist das irre. Komm schon.“
Nee danke, dachte ich aber wenn schon Tobias sich das traute da hoch zu klettern, dann müsste ich es ja auch schaffen. Also begann ich auch am Seil hochzuklettern. Kurze Zeit später war ich auch oben und sah mich nach Tobias um.
Tobias stand auf den Brettern und wie ich jetzt sah, hatte irgendjemand mit den Brettern eine richtige Plattform gebaut. Tobias reichte mir seine Hand und half mir auf diese rauf.
„Wau ist das stark.“
Ich konnte es nicht glauben, von hier oben hatte man einen tollen Blick über den Wald.
„Hier bauen wir uns ein Baumhaus und das ist unser Schloss!“ lachte Tobias.
„Ja ist eine Superidee, aber woher nehmen wir die Bretter?“
„Mein Vater hat hinterm Haus einen Riesenstapel Bretter zu liegen. Da können wir uns bestimmt welche von nehmen“, kam es von Tobias.
„Klasse und wann fangen wir an?“
„Morgen würde ich sagen, gleich nach der Schule!“
Tobias und ich sahen uns danach erstmal um. Derjenige der das hier gebaut hatte, hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Die Bretter waren alle in Ordnung und dabei entdeckten wir auch ein Versteck in dem ein altes Buch versteckt war. Vorsichtig nahm ich es in die Hand und öffnete es.
Leider konnte ich kaum etwas entziffern, von dem was in diesem geschrieben worden war. Dafür waren wunderschöne Zeichnungen auf den Seiten vorhanden. Einige zeigten seltsame Wesen, die zum Teil wie Kobolde aussahen.
„Komm lass uns erst mal hier oben etwas Ordnung machen.“
Wir sammelten die trockenen Äste auf, die überall Rumlagen. Nachdem wir fertig waren, sahen wir der untergehenden Sonne zu, wie sie hinter den Bäumen langsam verschwand. Tobias sah mich an und meinte, dass es der schönste Ort auf der ganzen Welt wäre. Wir kletterten hinunter und verließen unser KÖNIGREICH.
Am nächsten Tag, nach der Schule machten wir uns mit Brettern bewaffnet auf, in den Wald. Wir hämmerten wie die verrückten und langsam nahm unser Baumhaus Formen an. Tobias lachte immer wieder über meine Tollpatschigkeit. Tja er hatte ja Recht, handwerklich hatte ich nicht so viel drauf wie er.
Irgendwann fragte er mich, ob ich mir das Buch schon genauer angesehen hätte.
„Ja gestern Abend habe ich mir es noch im Bett angesehen. Das einzige Wort was ich entziffern konnte war Warangeria.“
„Warangeria genial. Wir werden unser Königreich so nennen.“
Tobias sah mich strahlend an. Dieses leuchten in seinen Augen, hatte mich schon am ersten Tag fasziniert. Es zog mich magisch an und ich hatte dabei seltsame Gefühle im Bauch.
„He du sollst nicht träumen sondern mir sagen wie du den Namen findest!“
„Ja den finde ich toll!“
„Daniel du bist echt ein Tagträumer, aber das mag ich an dir.“
Erstaunt sah ich zu Tobias hoch.
„Wie meinst du das?“
„Na wie ich es gesagt habe. Ich mag dich!“
„Tobias ich mag dich auch.“
Wir bauten daraufhin schweigend weiter, jeder in seinen eigenen Gedanken gefangen. Ich mochte Tobias, er war der erste der sich für mich interessierte und mein Freund sein wollte. Der Einzelgänger Daniel war nicht mehr alleine. Ich musste über meine Gedanken schmunzeln, als mich plötzlich etwas traf.
„Autsch…“
„Was hast du Daniel?“
„Ich weiß nicht irgendetwas hat mich an der Wange getroffen!“
Kaum hatte ich den Satz zu Ende gesprochen, als mich wieder etwas traf. Aber auch Tobias musste es so ergangen sein, denn auch er gab kurz einen Schmerzenslaut von sich. Ich sah nach unten auf den Boden, um das Ding zu finden das mich an der Wange getroffen hatte. Tatsächlich, da lagen zwei Eicheln auf dem Boden.
Kaum hatte ich die Eicheln entdeckt, wurde ich auch schon wieder von mehreren Eicheln getroffen, die vor mir auf den Boden fielen. Plötzlich fing Tobias an zu lachen. Ich sah vorsichtig zu ihm nach oben.
„Warum lachst Du?“
„Weißt Du woher die Eicheln kamen?“
Dabei schwenkte er mit etwas in seinen Händen.
„Woher denn?“
„Es ist ein Vorratsnest von einem Eichhörnchen, muss bei dem Gehämmer sich gelockert haben und runtergefallen sein.“
„Und ich dachte schon, wir würden von irgendjemanden beschmissen.“
Tobias grinste mich von oben an und ich grinste zurück. Plötzlich wurde sein Blick ernst und er starrte etwas hinter mir an.
„Was ist nun schon wieder?“
„Du Daniel, da hinter dir ist ein Erdhaufen. Der sieht aus wie ein Grab!“
Ich drehte mich um und sah in die Richtung in die Tobias sah. Tatsächlich, jetzt sah ich den Erdhügel auch. Ich ging langsam darauf zu. Ich hörte hinter mir Tobias schnaufen, der wohl vom Baumhaus kletterte.
„Warte Daniel!“
Ich blieb stehen und sah mich nach Tobias um. Gerade kam er unten an und lief auch gleich auf mich zu. Nachdem er neben mir stand, gingen wir gemeinsam weiter. Als wir davor standen, hockte ich mich hin und besah mir den Erdhaufen genauer.
Dann sah ich es. Am anderen Ende des kleinen Hügels, stand ein kleines Kreuz. Ich stand langsam auf und ging um den kleinen Hügel herum.
Tatsächlich, das war ein kleines Kreuz, dass aus zwei Ästen zusammengefügt war. Auf dem Kreuz war etwas eingeritzt. Es musste schon länger dort stehen, denn die Buchstaben sahen alt und verwittert aus. Ich bückte mich, um es besser lesen zu können.
KHANE entzifferte ich.
„Tobias da steht ein Name! KHANE!“
Mir wurde es unheimlich und ich dachte an das Kind das hier vor Jahren verschwunden sein sollte. Ich sah zu Tobias, ihm musste es genauso gehen, denn er sah verschreckt aus.
„Sag mal Daniel, das Kind, war es ein Junge oder ein Mädchen.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Es wurde immer nur von einem Kind gesprochen!“
„Komm lass uns gehen.“
Ich nickte und wir gingen zu unserem Baumhaus.
„Meinst du da liegt das Kind?“ fragend sah ich zu Tobias.
„Ich weiß es nicht, aber wir werden es herausbekommen.“
Wir packten das Werkzeug ein und verließen den Ort. Plötzlich war er dunkel und düster, als ob ein großes Geheimnis auf diesem Ort liegen würde. Bedrückt schlichen wir durch den Wald. Nachdem wir bei Tobias waren, brachten wir das Werkzeug in die Garage.
„Komm wir gehen zu mir rauf und sehen mal im Internet nach. Vielleicht finden wir dort antworten.“
Wir gingen nach oben in Tobias sein Zimmer. Als wir in sein Zimmer traten, staunte ich Bauklötzer. Da stand doch tatsächlich ein Mac, auf seinem Schreibtisch. Der Schreibtisch stand vor einem Fenster und dann der Rest seines Zimmers.
Die Wände waren mit Postern von allen möglichen Musikgruppen beklebt. Ein Bett stand an der einen Wand und eine Schrankwand auf der gegenüberliegenden Seite. In dieser standen ein Fernseher und eine Musikanlage.
„Wau dein Zimmer ist echt der Hammer.“
„Danke nun komm her Daniel, wir wollen doch im Internet suchen.“
Ich ging zu seinem Schreibtisch, an dem Tobias saß und schon dabei war irgendetwas einzutippen. Er klickte mit der Maus mehrmals, irgendwelche Links an.
„Ich glaube ich habe etwas gefunden.“
„Na los schieß los, was hast Du gefunden…“
„Hier steht im Jahr Neunzehnhundertdreiundsechzig ist hier ein Junge verschwunden. Sein Name war Khane. Man hatte ihn mit einem anderen Jungen zuletzt zusammen gesehen, bevor er verschwand. Man hat ihn nie gefunden. Seitdem meidet jeder den Wald. Hier steht, der Wald soll verflucht sein. Hier sind auch Fotos von Khane.“
Ich ging näher um sie mir anzusehen. Als erstes sah ich auf einen der Bilder einen Jungen. Ich starrte auf das Bild.
„Der Junge sieht ja fast wie ich aus!“
Erst jetzt musste Tobias auch die Ähnlichkeit aufgefallen sein, denn er sah mich entsetzt an.
„DDDU… hast Recht.“
„Wie war der Nachname von dem Jungen.“
„Warte hier steht es. Mit vollem Namen hieß er Khane Winsten. So heißt du doch auch mit Nachnamen.“
Ich nickte. Aber das konnte nicht sein. Mein Vater hatte mir nie erzählt, dass er einen Bruder hatte. Aber dann die Ähnlichkeit mit mir und dem Foto von Khane.
„Warte hier steht noch mehr. Die Familie Winsten hat, nachdem man Khane nicht gefunden hatte, den Ort verlassen.“
„Mein Vater ist Neunzehnhundertfünfundsechzig geboren worden. Also war mein Vater noch gar nicht auf der Welt, als das passierte. Das Haus in dem wir wohnen, haben seine Eltern ihm vererbt. Sie sind beide kurz hintereinander gestorben. Ich war damals Fünf Jahre alt.“
„Sieh mal hier ist auch ein Klassenfoto. Da steht Khane und das kann doch nicht sein…“
„Was kann nicht sein?“
„Das da ist mein Onkel, der neben Khane steht.“
Tobias Finger zeigte auf einen Jungen. Auf dem Foto sah der Junge zu Khane und nicht in die Kamera. Irgendetwas stimmte nicht. Der Blick des Jungen zeigte nach unten und dann sah ich es, er hielt Khane seine Hand.
„Was hat das alles zu bedeuten?“
„Daniel ich weiß es nicht. Mein Vater hat mir nie erzählt, dass unsere Familie hier mal gelebt hatte.“
„Kannst Du das ausdrucken?“
„Klar warte.“
Kurz darauf spuckte der Drucker die Seite aus und ich nahm sie in die Hand.
„Warte ich drucke das Bild von Khane und das Klassenfoto noch aus.“
Als das Bild von Khane ausgedruckt war, sahen wir uns beide es noch einmal an. Er war mir wie aus dem Gesicht geschnitten.
„Darf ich das mitnehmen? Ich will es meinem Vater zeigen.“
„Klar ich speichere die Seiten noch ab. Ich werde meinen Vater auch mal ansprechen.“
„Wie alt war Khane eigentlich, als er verschwand?“
„Hier steht Fünfzehn Jahre!“
„Das kann stimmen denn meine Großeltern waren als sie starben weit über Achtzig Jahre alt.“
„Mein Onkel ist jetzt 58 Jahre alt. Ich werde meinen Vater heute Abend auch fragen.“
„Woher weißt du eigentlich, das dass dein Onkel auf dem Bild ist?“
„Wir haben ein Fotoalbum, da sind auch Fotos drin von meinem Onkel, als er noch jünger war.“
„Ach so, na dann Tobias ich gehe dann mal.“
„Warte ich bringe dich noch zur Tür.“
Unten an der Haustür sah mich Tobias traurig an.
„Ich hoffe nicht, das dort Khane liegt unter diesem Erdhügel!“
„Ich hoffe es auch nicht! Aber wenn doch, wer hat ihn dort begraben?“
Ich hielt die Blätter in meiner Hand als ich in die Küche kam, wo der Rest meiner Familie mich schon erwartete.
„Wo kommst du jetzt her?“
„Paps entschuldige, aber ich war noch bei Tobias. Ich habe etwas für dich.“
Ich legte das Foto von Khane auf den Tisch. Alle starrten es an.
„Das bist doch Du Daniel.“ sagte meine Schwester als erstes.
„Nein das bin ich nicht! Der Junge auf diesem Foto heißt Khane Winsten.“
Mein Vater starrte, nachdem ich den Namen genannt hatte, mich fassungslos an.
„Das kann nicht sein. Ich hatte nie einen Bruder.“
Stumm legte ich meinem Vater das nächste Blatt hin. Er nahm es in die Hände und begann zu lesen. Seine Hände begannen zu zittern und dann sah er mich an.
„Ich hatte einen Bruder…“
„So wie es aussieht, hattest du einen Bruder“, antwortete ich meinem Dad leise.
„Was?“, fragten meine Mutter und meine Schwester gleichzeitig.
Ich begann die ganze Geschichte zu erzählen, vom Baumhaus bis zu dem kleinen Erdhügel auf dem ein Kreuz stand mit dem Namen von Khane. Mein Vater wollte gleich los um sich den Erdhügel anzusehen.
„Dad es ist schon dunkel, wir können morgen auch noch dorthin!“
„Du hast Recht, wir werden morgen hingehen. Ich werde die Polizei informieren. Aber sag mal, wir hatten dir doch verboten, dort zu spielen.“
„Ja ich weiß, aber ich und Tobias wollten uns den Wald ansehen und dann haben wir das Baumhaus entdeckt. Entschuldigt bitte.“
Betreten schaute ich zu Boden.
„Na es ist ja nichts passiert. Ich rufe vorsichtshalber die Polizei an. Die sollen sich das mit uns gemeinsam ansehen.“
Mein Vater verschwand aus der Küche und ich hörte, dass er kurz darauf telefonierte und mit jemanden sprach. Meine Mutter sah mich ernst an.
„Nacht Ma ich bin müde.“
„Nacht mein Schatz.“
Als ich etwas später im Bett lag, kam mein Vater nochmals in mein Zimmer.
„Daniel ich wusste nichts von Khane. Meine Eltern haben mir nie irgendetwas über ihn erzählt.“
„Dad bist du mir böse?“
„Nein! Ich bin nur traurig, dass du trotzdem wir es Dir verboten haben, in diesen Wald gegangen bist. Zum anderen bin ich froh, dass du uns gleich davon erzählt hast, was ihr dort gefunden habt. Die Polizei holt uns morgen früh ab. Tobias kommt mit, ich habe seinen Vater angerufen. Er sagte mir, dass sein Bruder in die gleiche Klasse ging wie mein Bruder. Er hat ihn wohl schon angerufen. Er wird morgen auch da sein.“
Ich nickte.
„Nun versuch zu schlafen. Ich habe dich lieb.“
Kurz darauf schlief ich ein
Ich wurde mitten in der Nacht wach. Mir war entsetzlich kalt und ich machte langsam meine Augen auf. Das Fenster stand offen und der Mond schien in mein Zimmer. Ich stand auf und ging zum Fenster, um es zu schließen. Der Wind hatte die Gardine zur Seite geweht. Ich wollte gerade das Fenster schließen, als eine Stimme meinen Namen aussprach.
„Daniel…“
Es klang wie ein flüstern im Wind. Ich sah aus dem Fenster, aber konnte niemanden entdecken. Ich machte das Fenster zu, in dem Augenblick wo ich es geschlossen hatte, spiegelte sich in der Scheibe eine weiße Gestalt wieder. Ich wirbelte herum und stand der Gestalt gegenüber. Es schien als leuchtete die Gestalt von innen.
„Wer bist Du?“
„Sieh in mein Gesicht, dann weißt du es!“
Langsam hob ich meinen Blick und dann sah ich in sein Gesicht.
„Kh…ane?“
„Ja der bin ich. Ich möchte nach Hause, bitte hilf mir!“
„Wiiee ssssoll….ich das machen?“
„Du hast mich schon gefunden! Der Hügel!“
„Du liegst dort wirklich?“
„Ja! All die Jahre habe ich gehofft, dass irgendjemand mein Grab findet.“
„Was ist dort passiert?“
„ Ich kann mich nicht erinnern. Wenn ich es versuche, fühle ich nur Schmerz. Walter kann aber vielleicht sagen, was passiert ist.“
„Wer ist Walter?“
„Mein Freund…“ die Stimme flüsterte.
„Er hat mich allein gelassen… Er ist einfach weggerannt.“
Khane sah mich verzweifelt an. Von ihm ging eine nie gefühlte Traurigkeit aus, so intensiv als ob ich sie selbst in mir tragen würde.
„Er sagte er liebt mich und ich vertraute ihm…“
Als ich die Worte verstand, stahlen sich Tränen in meine Augen. Wenn Geister weinen konnten, dann tat das gerade Khane. Denn ich sah in seinem Gesicht Tränen die seine Wange hinunter liefen.
„Ich möchte nur wissen, warum er nicht da war…“
„Ich werde ihn fragen? Khane das verspreche ich dir!“
„Danke. Sag bitte Walter das ich ihn über alles Liebe und ihn nie vergessen habe.“
„Ich sag es ihm…“
„Ich muss gehen…“
Langsam löste sich die Gestalt auf und ich stand kurz darauf alleine in meinem Zimmer. Ich setzte mich auf mein Bett und sah zum Fenster. Was hatte Khane gesagt? Ich soll Walter sagen, dass er ihn liebt und ihn nie vergessen hat. Seltsam……
Ich musste dann eingeschlafen sein, denn mein Vater weckte mich.
„Junge komm frühstücken.“
„Ich komme gleich.“
Mein Vater verließ mein Zimmer und ich stand langsam auf. Nachdem ich aus dem Bad wieder zurück in mein Zimmer kam, zog ich mich an. Ich dachte kurz an Khane und an heute Nacht. War das doch nur ein Traum gewesen? Nein er war da gewesen, denn ich konnte mich noch genau erinnern, wie er aussah und was er gesagt hatte.
Langsam ging ich, nachdem ich angezogen war, hinunter in die Küche. Meine Eltern saßen am Küchentisch und tranken Kaffee.
„Die Polizei ist gleich da. Tobias und sein Vater kommen auch gleich.“
Ich nickte und füllte mir eine Tasse mit Milch und verrührte etwas Kakao darin, Danach setzte ich mich zu meinen Eltern und trank meinen Kakao. Keiner sprach ein Wort. Eine unheimliche Stille lag über uns.
Ich hatte das Gefühl das keiner von uns diese Stille, mit seiner Stimme unterbrechen wollte. Meine Mutter streichelte die Hand meines Vaters und sah ihn traurig an. Plötzlich wurde die Stille, durch das läuten unserer Haustürklingel unterbrochen. Mein Vater stand langsam auf und ging. Kurz darauf stürmte Tobias in die Küche.
„Daniel wie geht es dir?“
Er kam auf mich zu und kniete sich neben mich. Ich sah ihn an und sah die Sorgen in seinen Augen und noch etwas das ich nicht greifen konnte. Aber da lag etwas in seinen Augen, dass mein Herz berührte.
„Daniel…….. er war gestern bei mir!“
Ich fing an zu schluchzen.
„Wer war bei Dir?“
„Khane…“
„Aber Khane ist wahrscheinlich Tod.“
„Ich weiß und ich weiß auch, dass er dort unter dem Hügel liegt. Er hat gesagt ich soll einem Walter sagen das er ihn liebt und ihn nie vergessen hat.“
„Walter? So heißt mein Onkel. Den Namen habe ich dir gestern gar nicht gesagt.“
Nachdenklich runzelte er die Stirn.
„Komm wir müssen! Sie warten auf uns.“
Ich stand langsam auf und Tränen rannen mein Gesicht herunter. Daniel der ebenfalls wieder aufgestanden war, wischte sie mit einer seiner Hände vorsichtig aus meinem Gesicht.
„Komm ich helfe Dir. Wir stehen das gemeinsam durch.“
Ich wusste nicht woher ich plötzlich die Kraft nahm, aber ich machte mich mit Daniel Hand in Hand auf den Weg nach draußen, zu den anderen. Ich hatte heute Nacht Khane etwas versprochen und das wollte ich einhalten. Sie warteten alle auf uns, vor der Haustür.
Wir gingen schweigend in den Wald zu der Lichtung und dem kleinen Hügel. Dorthin wo Khane`s Grab war. Es war still im Wald kein Vogel war zu hören. Als wir vor dem Hügel standen, begann die Polizei alles abzusperren und die Kriminalbeamten, fingen an Spuren zu suchen.
Erst wurde das Holzkreuz vorsichtig aus dem Boden gezogen und dann begannen zwei Polizisten den Boden abzutragen. Ich konnte nicht hinsehen und ging mit Daniel einige Schritte weiter. Wir hörten in der Stille jeden Spatenstich, aber keiner sprach ein Wort dabei. Daniels Hände umfassten mich tröstend und für mich war es ein wunderbares Gefühle, so gehalten zu werden.
`Danke Daniel…` sagte ich in Gedanken zu ihm. Als ob er es gehört hatte drückte er mich noch etwas mehr. Es war auf einmal merkwürdig ruhig geworden. Jetzt erst realisierte ich das keine Spaten mehr zu hören waren, die sich in den Boden gruben. Ganz leise hörte ich jemanden weinen.
Ich drehte mich langsam um und sah zu meinem Vater, der immer noch vor dem jetzt nicht mehr vorhandenen Hügel stand. Mein Vater hielt seine Hände vor seinem Gesicht. Daniel nahm seine Hände von mir und nahm eine meiner Hände in seine und zog mich dorthin. Langsam wie in Zeitlupe gingen wir auf das Grab zu und dann als wir nah genug waren sah ich in dem jetzt entstandenen Loch, wo vorher der Hügel war, ein Skelett liegen.
Das Skelett lag in einer Art Embryohaltung, sein Schädel war an einer Stelle zertrümmert. Ich ließ Daniels Hand los und ging zu meinem Vater. Als ich vor ihm stand, schaute er mich an und nahm mich in den Arm.
Es fing an zu regnen, als ob der Himmel weinte.
STILLE……
Irgendwann ließ mein Vater mich wieder los.
„Wir gehen nach Hause Daniel.“
Mein Vater drehte sich zu Tobias seinem Vater: „ Komm wir gehen zu mir, dort hat meine Frau bestimmt schon heißen Kaffee gemacht.“
Tobias Vater nickte und folgte meinem Vater. Ich und Tobias gingen hinter den beiden hinterher.
„Daniel denkst du er ist umgebracht worden?“
„Wer ist umgebracht worden?“
„Na Khane! „
„Ich weiß es nicht! Er konnte sich daran nicht erinnern, was passiert ist.“
Den Rest des Weges zu meinem Elternhaus, schwiegen wir. Mein Vater unterhielt sich leise mit Tobias seinem Vater, ich verstand kein Wort von dem was sie besprachen. Als mein Elternhaus zu sehen war, sah ich schon weitem zwei Personen davor stehen.
„Wer ist der Mann der da bei meiner Mutter steht?“
„Das ist mein Onkel!“
Unsere beiden Väter gingen etwas schneller zum Haus. Da wir auch nichts versäumen wollten, liefen wir so schnell wie möglich hinterher. Mittlerweile war mein Vater bei Tobias Onkel und meiner Mutter angekommen und gab gerade diesem die Hand, danach gingen sie in unser Haus. Meine Mutter war die einzige die noch auf uns vor dem Haus wartete.
Nachdem wir das Haus erreicht hatten, nahm sie mich in den Arm.
„War es schlimm?“ fragte sie dann leise.
Ich nickte, zu mehr war ich nicht in der Lage. Wir gingen gemeinsam hinein. Ich hörte Stimmen aus dem Wohnzimmer, die sich sehr erregt unterhielten.
„Komm Daniel wir gehen da rein. Du hast ja schließlich noch etwas meinem Onkel zu sagen.“
Ich nickte. Meine Mutter war verschwunden und die Geräusche aus der Küche verrieten auch wohin. Wir traten gemeinsam in das Wohnzimmer wo sich unsere Väter und Walter ziemlich heftig unterhielten.
„Wussten Sie, dass mein Bruder dort lag?“ kam es gerade von meinem Vater.
Es wurde sehr still bevor Tobias Onkel mit gebrochener Stimme antwortete.
„Ja ich wusste es. Ich habe ihn dort begraben.“
„Warum und was ist geschehen, damals?“
Mein Vater war aufgestanden und wanderte ruhelos durch das Zimmer.
„Es war ein Unfall. Wir waren auf dem Baum und hatten gerade die letzten Bretter befestigt. Als wir damit fertig waren, strahlten .. wir uns an. Und dann…“
Walter saß zusammengekauert auf dem Sofa und fing an zu weinen.
„All die Jahre… Ich habe das ganze versucht zu vergessen. Aber ich ..ich kann es nicht. Ich sehe ihn immer noch vor mir…“
Der letzte Satz war kaum zu verstehen und dann sah ich Khane. Er stand plötzlich mitten im Zimmer und sah auf Walter.
„Tobias Khane ist hier im Zimmer.“ flüsterte ich.
„Wo ich sehe ihn nicht?“ kam es genauso leise von ihm zurück.
„Er steht bei deinem Onkel.“
„Ich kann ihn aber nicht sehen, Daniel.“
„Aber ich sehe ihn!“
Khane sah auf und dann sah er mir direkt in die Augen. Es war etwas Flehendes in seinem Blick. Ich ging langsam auf Walter und Khane zu. Als ich bei ihnen war, schaute Walter auf und sah mich an.
Er erstarrte kurz: „Du… siehst aus…wie Khane! Wie aus dem Gesicht geschnitten.“
„Ich weiß, ich habe die Fotos von Khane gesehen.“
„Khane! Ich hatte ihn so lieb, aber… ich… war damals noch nicht bereit.“
„Ich weiß!“
Langsam setzte ich mich neben Walter auf die Couch.
„Er hat es mir versucht zu sagen!“
Jetzt wurde für mich klar was Khane gestern sagen wollte. Khane hatte Walter geliebt, so einfach war die Wahrheit.
„Wie er hat es versucht zu sagen?“
Mein Vater hatte die Frage an mich gestellt.
„Ich bin heute Nacht wach geworden, weil es kalt in meinem Zimmer war und da stand Khane vor mir. Erst war ich ziemlich erschrocken. Aber dann fing Khane an zu mir zu sprechen und bat mich ihm zu helfen. Er sagte er könne sich nicht erinnern, als ich ihn fragte was passiert sei. Er sagte nur das sein Körper dort liegt.“
Ich legte eine kurze Pause ein und sprach dann weiter. Keiner unterbrach mich, alle lauschten meinen Worten.
„Ich soll Ihnen was von Khane sagen. Es war ihm sehr wichtig!“, sagte ich dann zu Walter gewandt.
„Ich soll ihnen sagen, dass er sie liebt und immer geliebt hat.“
Walter fing an zu weinen.
„Er hat mich damals auf dem Baum geküsst und ich habe ihn von mir gestoßen. Er ist nach unten gefallen und mit dem Kopf auf einen Stein aufgeschlagen. Ich wollte das nicht. Ich hatte mich nur so erschrocken und dachte nur daran was die in der Kirche sagen.
Das es abartig ist, dass ein Junge einen Jungen küsst. Oder ein Mädchen ein Mädchen… Ich habe ihn angehimmelt. Ich Liebe ihn noch immer… Oh wie habe ich dafür gebetet das er mir verzeiht….Wie oft gewünscht das es nie passiert wäre und ich aus diesen Alptraum aufwache…“
Walters Schultern zuckten. Neben mir saß ein gebrochener Mann. Seine eigene große Liebe war durch seine Hände umgekommen. Ich konnte förmlich seinen Schmerz und die Last seiner Schuld fühlen und spüren.
Ich hatte verstanden. Khane starb weil er den Mut hatte zu seinen Gefühlen zu stehen. Walter aber hatte Angst vor dem was die anderen sagen würden und anstatt die Liebe zu erwidern, hatte er Khane von sich gestoßen. Es war ein Unfall, aber Khane starb dabei.
Ich sah auf und sah Khane an. Er bückte sich langsam runter und streichelte zaghaft Walters Haar, dann sah er mich an und lächelte.
„Danke jetzt kann ich gehen. Daniel bevor ich gehe, möchte ich Dich um etwas bitten!“
Ich nickte und sah ihn weiterhin an.
„Tobias braucht dich und er liebt Dich!“
Ich sah Khane sprachlos an.
„Stoss ihn nicht zur Seite sondern stehe auch zu Deinen Gefühlen!“
Kaum war das letzte Wort von Khane ausgesprochen, löste er sich auf. Es war still im Zimmer. Die Stille wurde nur vom leisen Weinen Walters unterbrochen.
„Sie haben ihn dort begraben und meine Eltern im ungewissen gelassen. Sie haben ihn eiskalt getötet. Wie ein eiskalter Engel haben sie ihn da liegen gelassen.“
Mein Vater sah dabei anklagend auf Walter. Ich sah zu meinem Vater auf, solch eine Kälte in seinen Augen hatte ich noch nie gesehen. Walter weinte immer noch und ich stand langsam auf. Ich dachte an die letzten Worte von Khane und sah zu Tobias der immer noch an der Tür stand.
Langsam ging ich auf ihn zu und Tobias sah mich an.
„Komm Tobias wir gehen rauf in mein Zimmer. Ich habe dir noch etwas zu sagen und dich auch etwas zu fragen.“
Die Worte schwirrten mir immer noch im Kopf rum. Steh zu deinen Gefühlen, hatte er gesagt.
Aber was empfand ich für Tobias? Nachdem wir in meinem Zimmer waren, setzten wir uns auf mein Bett. Tobias sah mich vorsichtig von der Seite an.
„Mein Onkel tut mir leid. Er leidet….“
„MMHH… Khane hat ihm verziehen… Tobias ich muss dich etwas fragen…“
„Ja was denn?“
„Khane sagte noch etwas zu mir, bevor er verschwand.“
Ich schluckte und überlegte wie ich es sagen sollte und sah zu Tobias. Er sah mir direkt in die Augen. Seine Augen konnten nicht lügen, aus ihnen strahlte mir soviel Wärme entgegen. Khane hatte also Recht.
„Er sagte zu mir das du mich liebst…“
Danach war es still. Tobias der neben mir saß, gab keinen Ton von sich und es schien als ob er kurz den Atem angehalten hatte. Wir schwiegen eine ganze Weile und ich starrte dabei auf meine Füße.
„Daniel?“
„Ja“
„Er hat Recht! Ich liebe dich!“
Wau so etwas hatte mir bisher noch niemand gesagt und dann kamen in mir Bilder hoch. Tobias und ich wie wir in den Wald gingen. Tobias wie er mich anlachte. Tobias wie er meine Hand hielt. Mir wurde plötzlich etwas bewusst, ich liebte diesen Kerl genauso. Khane hatte Recht, Tobias war nicht nur mein Freund geworden. Er war für mich viel mehr in dieser kurzen Zeit geworden, als nur ein Freund.
„Daniel?“
„Ja?“
„Soll ich gehen?“
„Nein! Ich habe dir auch etwas zu sagen!“
„Ich glaube, das will ich nicht hören. Ich denke ich gehe besser….“
„Nein du gehst nirgendwo hin! Ich liebe Dich genauso“, unterbrach ich ihn, bevor er noch was dummes sagen konnte.
Das hatte gesessen. Denn Tobias der bereits aufgestanden war, fiel zurück auf mein Bett.
„Ist das wahr?“
„Ja Tobi es ist wahr!“
Langsam drehte ich meinen Kopf zu ihm und ich blickte in Tobias leuchtende Augen. Ich sah in zwei blaue Seen und dann kamen sie immer näher und plötzlich spürte ich Tobias Lippen auf meine. Es war der wunderbarste Moment in meinem bisherigen Leben.
Der Kuss von Tobias war zärtlich und zugleich fordernd. Seine Zunge spielte an meiner Lippe und langsam öffnete ich sie. Nach einer langen Zeit lösten wir uns und sahen uns in die Augen.
„Daniel vom ersten Moment an, wollte ich dich.“
Ich lächelte ihn an und nahm seine Hand.
„Was wird aus deinem Onkel?“
„Ich weiß es nicht! Ich glaube ihm, dass es ein Unfall war. Nur das er so lange geschwiegen hat, dass kann ich nicht verstehen.“
Ich nickte und stand auf. Langsam ging ich auf das Fenster zu und sah nach draußen. Unten vor dem Haus stand ein Polizeiwagen und ich sah wie Tobias Onkel in diesem einstieg.
5 Wochen später
Walter wurde freigelassen, da er als die Sache passierte, erst 15 Jahre alt war und die ganze Geschichte schon viel zu lange her war. Die Schuld für Khane`s Tod, hatte er ein Leben lang zu tragen und diese sah man ihn an. Er war ein gebrochener Mann.
Mein Vater hatte Walter verziehen.
Ich selber hatte ein paar Tage später, Tobias Onkel das Buch das wir auf der Eiche gefunden hatten, gegeben. Er sagte mir, dass es Khane`s Buch war. Ich hatte ihn dann nach diesem Wort Warangeria gefragt, dass einzige Wort was ich in diesem Buch entziffern konnte. Er hatte daraufhin traurig gelacht und mir gesagt, dass Khane ihr kleines Reich so nannte.
In Gedanken hörte ich seine Worte.
„Khane hatte soviel Fantasie und zeichnen konnte er erst. Daniel nachdem ich dich gesehen hatte, dachte ich erst Khane wär wieder zurück. Du hast soviel Ähnlichkeit mit ihm. Wenn du lachst oder mit Tobias sprichst, sehe ich Khane vor mir. Er war ein wunderbarer Mensch.“
Unsere Väter halfen uns, unser Baumhaus zu Ende zu bauen. Von meinem und Tobias Gefühlen für einander hatten wir dann unseren Eltern erzählt. Sie sagten kein einziges Wort, sondern schlossen uns nur in ihre Arme.
Es war ein regnerischer Tag, an dem Khane auf dem Friedhof seine letzte Ruhestätte fand. Er lag jetzt neben seinen Eltern und mein Vater hatte einen Grabstein anfertigen lassen. Der Grabstein war ein betender Engel der auf einem Sockel stand. Auf diesen hatte mein Vater folgendes eingravieren lassen:
Hier ruht Kahne lange vermisst,
aber er hat endlich heimgefunden.
Schlaf gut mein Bruder den ich nie
kennen lernen konnte
Ich hielt Tobias Hand in meinen Händen, nie wieder wollte ich diese loslassen. Ich sah zu dem Sarg von Khane, der langsam herangetragen wurde und dann sah ich Khane. Khane stand nicht weit von seinem Grab entfernt, unter einem Baum und sah lächelnd zu uns.
Er war nicht alleine zwei andere Gestalten standen hinter ihm und ich erkannte meinen Opa und meine Oma. Alle drei winkten mir zu und dann erschien hinter ihnen ein helles weißes Licht. Alle drei drehten sich zu dem Licht und begannen in dieses hineinzugehen. Erst verschwanden meine Großeltern und bevor Khane in diesem weißen Licht verschwand drehte er sich nochmals zu mir um.
„Tobias ich wünsch euch alles gute und sag Walter das ich auf ihn warte!“
Eine Träne lief langsam mein Gesichter herunter als ich in seine Richtung stumm blickte.
Lebe wohl Khane! Khane drehte sich langsam um und verschwand in diesem Licht

Continue reading..

Information Eine zweite Chance auf Leben…
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:33 AM - No Replies

Ich saß an meinem Schreibtisch und sah diverse Firmenunterlagen durch. Die Sonne war schon untergegangen und die Uhr auf meinem Schreibtisch zeigte mittlerweile zweiundzwanzig Uhr an.
Ich war so vertieft in die Unterlagen, dass das Telefonläuten mich so erschreckte das ich das Glas, das auf dem Schreibtisch rechts von mir stand, vom Tisch fegte. Es zersprang am Boden in tausend Stücke. Ich hob den Hörer ab.

„Melbourgh sie wünschen?“

„Hallo Kay, ich bin es Mathilda!“

Mathilda ist unsere Haushälterin und lebt mit uns zusammen. Mit uns, meine ich mich und meinen Sohn Robin. Robins Mutter war kurz nach der Geburt von Rob verstorben. Sie hatte Brustkrebs im letzten Stadium.
Der Krebs wurde bei ihr festgestellt, als sie im dritten Monat mit Rob schwanger war. Es gab damals nur zwei Möglichkeiten entweder abtreiben oder mit der Hoffnung Leben, das der Krebs noch nach der Geburt von Rob zu behandeln war.
Inge entschied sich für das ungeborene Leben und nahm das Risiko in Kauf. Die Brust hatte man ihr dann entfernt, aber leider hatte der Krebs schon sein tödliches Werk im Körper begonnen.
Der Krebs hatte gestreut. Ich musste dann sehr schnell lernen Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Da ich durch meine Familie, ein Unternehmen leitete, holte ich Mathilda zu uns.
Sie kümmerte sich um den Haushalt und auch um Rob. Mathilda wurde für Rob die wichtigste Person. Ich selbst versuchte so oft wie möglich zu Hause zu sein, nur leider gelang dies mir nur selten.
Rob entwickelte sich zu einem unternehmungslustigen Jungen und war bei seinen Schulkameraden hoch angesehen. Er war ein hübscher Junge, mit seinen fast schwarzen Haaren und seinen smaragdgrünen Augen, war er seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.
Jedes Mal wenn ich Rob ansah, sah ich in das geliebte Gesicht von Inge. Es schmerzte so sehr das ich versuchte Rob aus dem Weg zu gehen, um nicht an Inge erinnert zu werden. Mathilda half mir darüber weg, in dem sie mit mir darüber sprach.
Danach konnte ich etwas besser mit Rob umgehen.

„Was gibt es Mathilda? Ich habe hier noch etwas zu tun, das kann noch dauern!“

„Rob hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus! Ich bin jetzt gerade am Krankenhaus angekommen, aber weiß noch nicht was passiert ist.“

„Mathilda in welchem Krankenhaus ist Rob?“

„Im Stadtkrankenhaus!“

„Ich komme hin. Versuch schon mal herauszufinden was mit Rob ist.“

„Mach ich…“

Ich legte den Hörer auf und stand vom Schreibtisch auf. Ich rannte um den Schreibtisch herum und griff dabei mein Jackett von der Lehne meines Schreibtischstuhls. Kurz darauf stand ich auch schon vor dem Aufzug und drückte den Schalter.
Der Aufzug ließ sich Zeit, so dass ich anfing mit meinen Fingern nervös an der Tür zu klopfen. Endlich ging die Tür auf und ich stürzte in den Aufzug und drückte die Untergeschosstaste.
Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung und meine Gedanken fingen wieder an um Rob zu kreisen. Rob entwickelte sich prächtig. Damit er nicht zu isoliert aufwachsen musste, ging er ab dem dritten Lebensjahr in den Kindergarten.
Mathilda kümmerte sich um alles. Sie war in meinem Alter, also vierundvierzig Jahre und war eine attraktive Frau. Warum sie nicht verheiratet war, blieb mir ein Geheimnis. Mathilda darauf anzusprechen, hatte ich mir nie gewagt.
Als Rob zehn Jahre alt wurde, fragte er Mathilda beim Abendessen, warum sie keinen Mann habe. Mathilda reagierte etwas seltsam, denn sie sah Rob streng an und meinte dass dies ihre Angelegenheit sei.
Seitdem wurde dieses Thema tunlichst in Gesprächen gemieden. Rob war jetzt achtzehn Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, da der Lift anhielt und die Tür aufging.
Ich trat in die Tiefgarage hinaus und ging zu meinem schwarzen Bentley. Kurz darauf steuerte ich diesen aus der Garage und fuhr die Hauptstrasse Richtung Stadtkrankenhaus entlang.

*-*-*

Mathilda stand schon an der Eingangstür des Krankenhauses und winkte mir zu als ich den Weg vom Parkplatz entlang ging.
Ich beschleunigte meine Schritte und stand kurz darauf vor ihr.

„Und hast du etwas heraus bekommen?“

Beinahe ängstlich sah ich Mathilda dabei an.

„Er ist schwer verletzt und die Ärzte operieren gerade Rob. Er hat einen offenen Bruch am rechten Bein und etliche Quetschungen und Rippenbrüche. Aber der Arzt meinte das keine Lebensgefahr besteht.“

Ich atmete auf.

„Was ist eigentlich passiert?“

„Das kannst du den Polizisten fragen, der im Eingangsbereich auf dich wartet. Er will mit dir sprechen, da ich nicht Robs Mutter bin sonder nur die Haushälterin.“

„Mach dir nichts draus. Komm wir gehen zu ihm.“

Ich nahm Mathildas Hand und zog sie hinter mir her in den Eingangsbereich des Krankenhauses, wo der Polizist auch tatsächlich auf einer Bank saß. Zielstrebig ging ich, Mathilda immer noch an der Hand hinter mir herziehend zu diesem.
Dann standen wir endlich vor ihm und ich sprach ihn an.

„Hallo mein Name ist Melbourgh, sie wollten mich sprechen!“

Der Polizist stand auf, reichte mir die Hand und sah mich an. Er musste um die zwanzig sein, zwei blaue Augen blitzten mich an und unter seiner Mütze lugten blonde Locken hervor. Von der Statur war er ziemlich sportlich ausgeprägt.
„Mein Name ist Roy Garnet, Herr Melbourgh.“

Ich drückte kurz seine Hand und nickte zu einer Sitzgruppe die frei war.

„Kommen sie, wir setzen uns dorthin und dann erzählen sie mir was passiert ist.“

Ich ging daraufhin zu der Sitzgruppe und setzte mich auf einen der drei Sitze und sah diesen Polizisten an, der mir mit Mathilda gefolgt war. Mathilda setzte sich zu mir und der Polizist uns gegenüber.

„Was ist passiert Roy?“ fragend sah ich ihn an.

Ich sprach ihn beim Vornamen an, denn den Nachnamen hatte ich schon längst vergessen. Roy nahm seine Mütze vom Kopf ab und drehte sie etwas nervös in seinen Händen.

„Es ist so ich hatte Streifendienst und kam gerade dazu wie ihr Sohn auf dieser Brücke stand…“ stammelte er rum.

„Wie auf der Brücke stand?“

„Es war so, er stand auf dem Geländer der Brücke. Jedenfalls rief ich ihn an, er soll da runterkommen. Er musste geweint haben, denn seine Stimme hörte sich ziemlich verweint an, als er mir antwortete. Dabei musste er wohl das Gleichgewicht verloren haben und ist fünf Meter runtergefallen auf die Gleise. Ich bin…“

Roy liefen mittlerweile die Tränen und er suchte in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch. Mathilda war schneller und reichte ihm eine Packung Tempotaschentücher, die er dankbar annahm.

„Danke!“

Er schnäuzte sich und trocknete etwas unbeholfen sein Gesicht.

„Ich bin dann sofort auf der anderen Seite der Brücke runter und zu… ähm… dem Jungen. Er blutete stark am Bein und da er auf den Schienen lag, habe ich ihn erstmal da vorsichtig aufgehoben und ihn von den Gleisen getragen. Tja und dann habe ich den Rettungswagen gerufen.“

„Was hat Rob ihnen denn auf der Brücke geantwortet?“

Mathilda sah erst Roy an und dann mich. Roy wurde rot im Gesicht und ich selbst spürte, dass irgendetwas an der Geschichte nicht ganz stimmte.

„Roy was ist wirklich passiert?“

Roy rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her. Mathilda stand auf und setzte sich zu ihm.

„Roy?“

Sie nahm Roys Hand und strich mit der anderen über Roys Haare. Dieser fing wieder an zu weinen.

„Roy kann es sein, das dein Spitzname Ronny lautet?“

Mathildas Stimme war sehr leise, aber ich verstand den Satz. Fragend sah ich Mathilda an.

„Kay kannst Du uns einen Kaffee holen? Bitte ich muss mit Roy kurz alleine reden!“

Roy weinte immer noch und zitterte am ganzen Körper. Ich stand zögerlich auf und machte mich auf dem Weg, den besagten Kaffee zu besorgen.

*-*-*

Mathilda

Roy saß neben mir und ich ahnte jetzt mehr denn je, was mit Rob seit einem Jahr los war. Greifen konnte ich es noch nicht und ganz verstehen schon gar nicht, aber ich kam der Wahrheit näher.
Ich nahm Roy in meine Arme und er fing noch stärker an zu weinen. Meine Gedanken wanderten dabei zurück zu dem Tag als ich bei Kay als Haushälterin anfing. Ich war eine von fünf Frauen die sich auf diese Stelle beworben hatten.
Ich konnte mich noch gut erinnern wie Kay, damals noch Herr Melbourgh, mich in seinem Haus erwartete und mit mir über die Bewerbung redete. Ich war gerade sechsundzwanzig Jahre alt und hatte bis vor kurzem meine Mutter gepflegt.
Sie war Demenzkrank und brauchte eine rund um die Uhr Betreuung. Da meine Geschwister alle Familien hatten und ich als einziges noch Solo war, war klar wer die Pflege übernehmen musste.
Fünf Jahre lang pflegte ich sie dann, keiner meiner Geschwister ließ sich in dieser Zeit sehen. Erst nachdem Mutter verstorben war, standen sie vor der Tür. Nachdem das Erbe aufgeteilt war, musste ich feststellen, wenn ich keinen Job bekam, ich auf der Strasse stehen würde mit nichts weiter als das was ich anhatte.
Daher war dieser Job, wenn ich ihn denn bekam, wie ein Geschenk Gottes. Herr Melbourgh und ich unterhielten uns gerade, als eine der Bewerberinnen in das Zimmer stürmte, ohne anzuklopfen.

„Also das ich so ein kleines Kind betreuen soll, dass haben sie aber nicht gesagt. Ich verzichte auf diesen Job!“

„Sie verlassen auf der Stelle mein Haus und das sofort…“, sagte betont ruhig Herr Melbourgh und stand dabei sehr langsam auf.

Die Frau drehte sich um und verließ den Raum. Kurz darauf war die Haustür zu hören und irgendwo schrie ein Baby. Herr Melbourgh war zu seinem Schreibtisch gegangen und stand mit dem Rücken zu mir.
Ich hatte das Gefühl das ihm die Situation zuviel war. Da ich das Baby immer noch hörte stand ich entschlossen auf und folgte dem Geschrei. Ich öffnete die Tür zum Flur und folgte dem Geschrei das von oben zu hören war.
Nachdem ich die Treppe nach oben gefolgt war, hörte ich das Geschrei ziemlich deutlich aus einem Raum, denn die Tür zu diesem stand weit offen. Ich ging hinein und dann sah ich Rob und als er mich aus seinen himmelblauen Babyaugen ansah war es um mich geschehen.
Als ob Rob das merkte, hörte er sofort auf zu weinen und ich nahm ihn vorsichtig in meine Arme.

„Tja den Job haben sie dann. Können sie noch heute hier einziehen?“

Ich nickte nur, denn ich war mit diesem kleinen Jungen zu sehr beschäftigt. So kam ich zu diesem Job und zu dieser wunderbaren Familie. Für Rob wurde ich Mutter, Freundin und Spielgefährtin und Rob wuchs zu einem wunderbaren jungen Mann heran.
Und Kay? Das war eine andere Geschichte. Ich liebte ihn vom ersten Moment und verbarg dies all die Jahre tief in mir drin. Nur einmal hatte Rob dieses Geheimnis beinahe gelüftet, aber ich konnte es gut überspielen so weh es auch tat.
Vor einem Jahr war Rob dann plötzlich von einem Tag auf den anderen immer stiller geworden. Wo sonst seine Freunde die Türklinke in die Hände gaben, wurde es still im Haus. Ich versuchte an ihn heran zu kommen.
Aber außer einen tief traurigen Blick und schweigen kam nichts von Rob. Kay sprach ich darauf an, aber dieser war zu sehr mit der Expansion seines Unternehmens beschäftigt, so dass er das Thema schob und schob und schob.
Und dann vor circa acht Wochen änderte sich Robs Verhalten. Wie verwandelt, als ob nie etwas war, lebte er auf. Er lachte wieder und sah glücklicher aus als jäh zuvor. Ich vermutete, dass er wie alle Teenies seine erste große Liebe gefunden hatte.
Ich konnte mich noch an das eine Gespräch mit ihm erinnern. Rob kam gerade von der Schule und riss die Küchentür auf.

„Hallo Mathi.“

So nannte er mich.

„Na, Großer und wie war die Schule?“

„Wie immer öde. Ich habe einen Mordshunger. Was gibt es denn?“

„Pizza gibt es und was machst Du heute noch?“

Ich drehte mich zum Herd um und holte die Pizza aus der Backröhre.

„Ich treffe mich heute Abend mit Freunden. Da muss ich mir noch überlegen was ich anziehe.“

„Ach du musst noch überlegen was du anziehst? Das hört sich für mich eher an als ob ein Date ansteht!“

Ich musste grinsen, als ich mich zu Rob umdrehte, der am Küchentisch saß und auf seine Pizza wartete. Robs Gesicht hatte die Farbe einer überreifen Tomate angenommen und sah mich mit offenem Mund an.

„Na, habe ich ins Schwarze getroffen?“

Ich stellte dabei die Pizza auf den Tisch und fing an die Pizza zu schneiden.

„Dir… dir kann man auch nichts verbergen. Ja, ich treffe mich heute Abend mit ihr.“

Dabei sah er auf die Pizza und wich meinem Blick aus. Irgendetwas verbarg er vor mir. Warum? Wenn er ein Mädchen kennen gelernt hatte, was war daran so geheimnisvoll?

„Stellst du sie uns irgendwann vor?“

Ich sah zu Rob hin, dieser wich immer noch meinem Blick aus.

„Ja das werde ich, aber es ist für mich noch alles so neu.“

„Na dann lasst euch Zeit. Ich kann es ja auch verstehen, wenn man frisch verliebt ist.“

Ich selber sah im gleichen Augenblick Kays Gesicht vor mir. Wie ich mir wünschte dieses geliebte Gesicht zu Küssen.

„Das werde ich, wenn ich denke dass es Zeit ist.“

Mit diesen Worten nahm er mir den Teller mit der Pizza aus der Hand und begann zu essen. Seltsam und nun hatte ich das Gefühl, das ich kurz davor war zu erfahren, wer die Person war, in die Rob verliebt war.

Roy lag immer noch in meinen Armen und weinte.

„Roy du warst doch nicht zufällig dort? Stimmt das?“

Er konnte nur nicken und schluchzte.

„Was wolltest du dort?“

„Ich wollte Rob dort treffen. Ich wusste dass er dort immer saß auf dieser Brücke und den Zügen zusah, wie diese unter dieser durchfuhren.“

„Woher kennst du Rob?“

„Wir haben uns zufällig auf dieser Brücke getroffen. Er saß dort ganz alleine auf dem Brückengeländer…“

*-*-*

ROY`s Erinnerung 1 Teil

Es war verdammt spät geworden auf Arbeit und nun lief ich die Strasse entlang um so schnell wie möglich in mein Bett zu kommen. Ich war so müde und abgekämpft, dass ich die Abkürzung über die Brücke nahm, die ich sonst um diese Uhrzeit gemieden hätte, da dort keine Straßenbeleuchtung vorhanden war.
Da aber in dieser Nacht Vollmond war und keine Wolke den Mond bedeckte, war es einigermaßen hell um den Weg zu erkennen. Ich war gerade an der Brücke angekommen, als ich die Gestalt sah.
Die Person saß auf der Brüstung der Brücke und sah zum Mond hinauf. Ich wollte eigentlich weitergehen, aber ein unterdrücktes Schluchzen ließ mich aufhorchen und ich blieb stehen.

„Hallo kann ich dir helfen?“ kam es zaghaft von mir.

Die Gestalt zuckte kurz zusammen und drehte sich zu mir um. Langsam ging ich auf die Gestalt zu die mir entgegensah. Als ich nah genug war, konnte ich erkennen dass es sich um einen Jungen handelte.

„Kann ich mich zu Dir setzen?“

Was machte ich da? Ich war müde und ausgelaugt vom Tag und nun setzte ich mich zu einer wildfremden Person. Ich setzte mich auf das Brückengeländer und sah den Jungen an. Er sah im Mondlicht wunderschön aus und in seinen Augen spiegelte sich der Mond. Tränenspuren waren in seinem Gesicht zu erkennen.

„He, warum sitzt du hier und weinst?“

„Weil ich nicht weiter weiß. Weil ich… ach ich weiß auch nicht.“

„So geht es mir auch manchmal. Manchmal geht es mir gut und manchmal da geht’s mir schlecht. Vor allen Dingen geht’s mir echt mies wenn ich nach Hause komme und keiner da ist der auf mich wartet. Mit dem ich sprechen kann und der mich in den Armen hält.“

Was erzählte ich da? Ich kannte den Jungen nicht einmal und erzählte so etwas Persönliches von mir.

„So geht es mir auch manchmal. Mein Vater ist fast nie zu Hause und wenn er mal da ist vergräbt er sich in seinem Arbeitszimmer. Nie hat er Zeit und gerade jetzt brauche ich ihn.“

Ich verstand ihn nur zu gut. Meine Eltern hatten auch nie Zeit für mich gehabt und als herauskam das ihr ach so wunderbarer Sohn schwul ist, war das erste was sie taten, diesen Makel zu entfernen, in dem mich diese sofort vor die Tür setzten. Zum Glück hatte ich Freunde, bei denen ich erst einmal unterkam.

„Wird schon glaub mir.“

Ich nahm aus meiner Tasche eine Packung Taschentücher und reichte sie ihm hin. Ein dankbares Lächeln erhellte dieses Gesicht und seine Augen glitzerten noch mehr.

„Danke!“

„Kein Problem… Bist du oft hier?“

Dabei sah ich zum Mond.

„Ja ziemlich oft. Hier sitze ich oft wenn ich über etwas nachdenke, oder mich beschäftigt.“

„Und was beschäftigt dich so sehr, das du sogar weinst?“

„Ach ist doch egal… Ich kenne dich doch gar nicht und wenn ich es dir sagen würde, weiß ich nicht was du dann machst…“

Ich musste lächeln.

„Man du machst es mir aber auch nicht einfach. Also ich sag dir was über mich, etwas was ich noch keinem erzählt habe. Ich bin schwul!“

Ich erwartete eigentlich das der Junge entweder aufstand und sofort verschwand, oder mir eine verpasste. Ich wartete und wartete eine gedachte Ewigkeit. Aber nichts passierte. Langsam wanderte mein Blick vom Mond zu dem Jungen und sah direkt in seine Augen.
In den Augen las ich erstaunen.

„Echt..?“

Ich nickte.

„Echt!“

Wir sahen uns beide an und wie magisch angezogen kamen unsere Gesichter einander immer näher. Ganz vorsichtig berührten sich unsere Lippen und ich genoss es. Der Junge schien es auch zu genießen. Der kurze Augenblick verflog so schnell wie er gekommen war und unsere Lippen trennten sich.

„Ich weiß auch seit einem Jahr, das ich definitiv schwul bin“, kam es leise von ihm.

„Wie heißt Du eigentlich?“

„Robin! Aber alle nennen mich nur Rob. Und Du?“

„Roy..“

„Ein schöner Name.“

„Danke aber deiner ist auch nicht schlecht und der Kuss war der Hammer..“

„Es war mein erster wirklicher Kuss in meinem Leben.“

„Glaub ich nicht so wie Du aussiehst. Äh ich meine was ich so sehen kann…“

Ich merkte wie mir dabei das Blut ins Gesicht schoss.

„Danke aber was ich von Dir erkenne, sieht auch nicht schlecht aus.“

Ich musste grinsen und sah Rob von der Seite an.

„Rob es war auch mein erster Kuss…“

„Echt nein… das glaub ich dir nicht.“

„Doch es ist die Wahrheit. Ich habe mein Neigung immer verheimlicht. Meine Arbeitskollegen wissen davon nichts!“

„Ich verstehe. Dieser Kuss war für mich auch das erste Mal. Und es war schöner als ich dachte.“

„Hast Du denn niemand mit dem Du darüber sprechen kannst?“

„Mein Vater hat nie Zeit und zum andern weiß ich nicht wie er reagieren würde auf mein anders sein. Mathilda traue ich zwar, aber ich finde nicht die richtigen Worte um ihr es zu sagen.“

„Das kenn ich und wenn man dann den Mut gefunden hat, kann es so passieren wie bei mir, das dass ganze nach hinten los geht.“

Wir schwiegen eine ganze Weile und ich sah Rob immer wieder von der Seite an.

„So ich muss dann mal los.“

Rob stand auf und sah zu mir runter und half mir aufzustehen, in dem er mir seine Hand hinhielt.

„Sehen wir uns wieder?“

Fragend sah Rob mich an, als ich neben ihm stand.

„Gerne… Ich würde mich freuen…“

Ich stammelte da einen Mist zusammen, was sollte nur Rob denken. In diesem Augenblick berührten mich wieder die weichen Lippen von Rob. Wie lange wir uns küssten wusste ich nicht mehr. Nur eines war mir bewusst, das ich diesen wunderbaren Jungen wiedersehen musste.
So fing alles an…

Mathilda

Als Roy kurz innehielt in seiner Erzählung, sah er zu mir auf und dann wanderte sein Blick zu Kay, der neben mir saß. Ich selber hatte gar nicht mitbekommen, dass Kay mit dem Kaffee schon zurück gekommen war.
Kay sah nachdenklich aus und in seinen Augen schimmerten Tränen. Ich nahm seine Hand und drückte sie kurz.

„Wirst du damit klar kommen das Rob schwul ist?“

Abwartend sah ich Kay an. Ich wusste im innersten das Kay zu seinem Sohn stehen würde, aber ich konnte nicht abschätzen wie er jetzt in Gegenwart von Roy reagierte.

„Er ist alles was ich habe. Oh Gott Mathi, ich liebe ihn doch so und ich Idiot habe vor zwei Tagen noch ein Gespräch mit ihm abgewürgt. Ich hatte keine Zeit…. WIE SO OFT.“

„Kay lass es gut sein, die Vergangenheit können wir alle nicht ändern! Aber die Zukunft, die können wir ändern und dort werden wir ändern was wir in der Vergangenheit falsch gemacht haben.“

„Was hätten wir ohne dich, nur all die Jahre gemacht?“

Kay lächelte mich an.

„Pah dann hättet ihr eine andere!“ erwiderte ich.

„Nein, sag so etwas nicht.“

Dabei nahm er mich in seine Arme und drückte mich an sich. Nachdem Kay mich wieder los gelassen hatte, wandte er sich an Roy.

„Roy erzählst du uns was weiter passierte?“

Roy nickte kurz. Zwar rollten noch ein paar Tränen über seine Wangen, aber es sah so aus, als ob auch ihm es gut tat über Rob zu sprechen.

„Bevor Roy weiter erzählt, solltest Du mal nach Rob fragen.“

Kay lächelte.

„Das habe ich doch schon. Sie sind zwar noch mit Rob im OP, aber es sieht ganz gut aus.“

„Echt er kommt durch?“ Hoffnungsvoll schaute uns Roy an.

„Ja der Chefarzt hat eine der OP Schwestern herausgeschickt um uns die frohe Botschaft mitzuteilen.“

„Ich werde alles wieder gut machen…“

Erleichtert sah Roy uns an.

„Das werden wir noch sehen junger Mann! Erst einmal wollen wir hören, wie die Geschichte weitergeht.“

Kay sah dabei Roy scharf an.

„Nimm ihn nicht ernst. So spricht er mit uns auch immer“, wandte ich mich an Roy.

Ich musste leicht schmunzeln, da Kay mich wie ein verletzter Löwe ansah, als ich das sagte.

„Roy erzähl einfach weiter.“

„Also nachdem Rob mich gefragt hatte ob wir uns wiedersehen…..“

*-*-*

ROY`s Erinnerung 2 Teil

„Na klar, sehen wir uns wieder. Morgen hier um achtzehn Uhr einverstanden?“

Erwartungsvoll sah ich Rob an. Dieser sah mich auch an, ich sah wie glücklich er war.

„Na dann bis Morgen und wenn etwas dazwischen kommt, kannst du mich ja anrufen.“

Rob drückte mir dabei eine Karte in die Hand. Da ich im Dunkeln nicht erkannte was es war, dachte ich mir dass es sich um eine Visitenkarte handeln musste.

„Na dann bis morgen.“

Wir trennten uns und Rob lief den Weg entlang und verschwand dann in der Dunkelheit. Als Rob in der Dunkelheit verschwunden war, drehte ich mich um und lief den Weg weiter um nach Hause zu kommen.
Was war nur in dem kurzen Augenblick vom Kennenlernen bis zum ersten Kuss passiert, dachte ich. Ich konnte mir es nicht erklären, all das was ich mir so sehr gewünscht hatte war heute in kürzester Zeit passiert.
Nachdem ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, zog ich meine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Meine Wohnung bestand nur aus einem Wohnzimmer, einer Küche und einem kleinen Badezimmer.
Aber ich fühlte mich in dieser kleinen Wohnung wohl. Beim aufhängen meiner Jacke fiel die Karte, die mir Rob an der Brücke gegeben hatte, aus der Jackentasche. Ich bückte mich und hob die Karte auf. Seltsamerweise war auf der Karte nur Rob sein Vorname gedruckt und seine Handynummer.
Was auf der Karte fehlte war sein Nachname und seine Adresse. Warum war nicht wenigstens seine Adresse auf der Karte? Ich ging mit der Karte in mein kleines Wohnzimmer und setzte mich auf das Sofa. Ich nahm die Fernbedienung meines Fernsehers und schaltete diesen an.
Wie immer war das Fernsehprogramm eher einschläfernd als interessant, so dass ich schnell müde wurde. Ich zog mein Sofa aus und legte mich hin. Die ganze Zeit kreisten meine Gedanken um Rob und mit dem Gesicht von Rob in Gedanken, schlief ich irgendwann dann auch ein.
Der nächste Tag war anstrengend. Auf Arbeit war wieder der Teufel los und unser Chef hatte wieder eine seiner glorreichen Tage, die man besser streichen sollte im Kalender. Abgekämpft kam ich zu Hause an und wollte eigentlich nur meine Ruhe haben, aber ich hatte ja jemanden versprochen, an der Brücke zu sein. Bei diesen Gedanken sah ich Rob sein Gesicht und wie er mir zulächelte.
Sofort begann ich mich auszuziehen und unter die Dusche zu springen. Rob verlieh mir wohl Flügel, wie in der Werbung. Kaum fertig raste ich aus dem Badezimmer und suchte mir frische Sachen zum anziehen aus dem Kleiderschrank.
Puhh so schnell war ich noch nie angezogen und ausgehbereit. Ich nahm meine Wohnungsschlüssel, meine Brieftasche und meine Jacke an mich und verließ hastig meine Wohnung. Ich konnte es kaum erwarten Rob wiederzusehen.
Eine viertel Stunde später stand ich auch schon auf der Brücke und von weitem erkannte ich Rob der am Gelände der Brücke stand und mir entgegensah.
Kurz darauf stand ich vor ihm. Als ich ihn ansah klopfte mein Herz so stark, das ich Angst hatte das Rob es hören konnte. Der aber lächelte mich an.

„Hi, Roy im Tageslicht siehst du noch besser aus!“

„Und Du erst…“

Ich musste dabei schmunzeln und Robs Gesicht kam meinem Gesicht sehr nahe um mir zaghaft einen Kuss zu geben. Kaum lösten sich unsere Lippen sah mich Rob mit seinen grünen Augen an.
In denen spiegelte sich mein Gesicht wieder und das Licht der untergehenden Sonne ließ dieses grün seiner Augen magisch aufblitzen.

„Was wollen wir machen?“

Rob sah mich immer noch an.

„MMMHHH lass mich überlegen. Was hältst Du davon, einen Eisbecher zu essen und ich lade Dich ein?“

„Echt Roy, eine tolle Idee und dann kannst Du mir ja mehr von Dir erzählen!“

Ich nahm Robs Hand und wir gingen die Strasse entlang.

„Ich kenne da ein gutes Eiscafe. Ist nicht mal weit.“

„Lass mich raten… Der Italiener Romano?“

„Kennst Du den?“

„Na klar, wer nicht. Hat ja das beste Eis weit und breit!“, dabei lachte Rob mich an und ich konnte mir ein Grinsen auch nicht verkneifen.

Das Eiscafe war dann auch nicht weit und kurz darauf saßen wir dort an einem Tisch und bestellten uns jeder ein Eisbecher. Rob hatte sich für den klassischen Schokobecher entschieden und ich für einen Krokanteisbecher. Krokant liebte ich über alles, daher war die Wahl mir auch nicht schwer gefallen.
Beim Warten auf die Bestellung, sahen wir uns wieder an und ich musste wieder lächeln.

„Ähm Roy was Du mir gestern gesagt hast, stimmt das alles?“

„Was von dem was ich Dir gestern sagte, meinst Du?“

„Na, das deine Eltern dich rausgeworfen haben und das du niemanden hast!“

„Ja das mit meinen Eltern stimmt..“

Es war eine meiner schlimmsten Erfahrungen, von meinen eigenen Eltern verstoßen zu werden. Ich hörte immer noch die kreischende Stimme meiner Mutter, die mich verfluchte und sagte sie hätte keinen Sohn mehr.
Mein Blick verschwamm bei diesen Gedanken und mir rollte eine Träne die Wange entlang.

„He, sorry ich wollte nicht das du daran erinnert wirst.“

Ich wischte mit meiner rechten Hand die Tränen weg und versuchte Rob anzulächeln. Was ziemlich kläglich scheiterte.
„Du musst dich nicht entschuldigen. Es sind nur keine schönen Erinnerungen, wenn du verstehst.“

Rob nickte.

„Es tut mir echt Leid, was du da durchmachen musstest.“

Ich versuchte diese unangenehme Unterhaltung um meine Eltern abzubrechen.

„Sag mal warum steht auf deiner Visitenkarte kein Nachnahme?“

„Ähm das wollte mein Vater so! Es muss nicht jeder deiner Freunde wissen wie dein Nachname lautet…“, äffte dabei Rob seinen Vater nach.

Ich musste lachen wie er da so saß und seine Augen verdrehte. In diesem Augenblick stand ein junger Mann, mit den bestellten Eisbechern, vor unserem Tisch.

„Na, ihr amüsiert euch wohl so richtig?“, dabei musste der Mann grinsen und stellte unsere Becher ab.

„Lass es dir schmecken Rob und wie ist der Name von deinem Freund?“

Erstaunt sah ich erst Rob und dann den Mann an.

„Wie du kennst Rob?“, fragte ich dann etwas verblüfft den Mann.

„Na klar kenn ich Rob, er ist doch einer meiner besten Gäste… nein einer meiner besten Freunde!“

„Ah ja und mein Name ist Roy. Echt Rob das hättest du mir sagen können.“

„Na ja Christoph, kenn ich schon so lange. Mathi ist mit mir immer hier Eis essen gegangen.“

„Wer ist Mathi ?“

„Das ist Robs Ersatzmama“, antwortete Christoph.

Rob nickte dabei bejahend.

„Hab ich dir doch gestern erzählt.“

„Entschuldige aber alles konnte ich mir dann doch nicht merken. Bin ja nicht mehr der jüngste“, kam es dann noch etwas frotzelnd von mir.

„Sagt mal Leute ist mir irgendwas entgangen?“

Christoph sah Rob nachdenklich an. Der wurde auch prompt knallrot im Gesicht. Ich sah kurz zu Rob und dann zu Christoph. Christoph sah mich in dem Augenblick intensiv an und dann setzte er sich zu uns an den Tisch.

„Jetzt denke ich mal kurz nach. Zwei nette Jungs und dazu noch suppi aussehend kommen in ein Cafe. Dann bestellen sie sich zwei Eisbecher und während sie darauf warten turteln die beiden wie ein verliebtes Paar miteinander. MMMHHH wenn ich so nachdenke…. Rob das hättest mir aber erzählen können, wo ich Dich die letzten Jahre nur angeschmachtet habe!“

Rob der bei den Worten von Christopher immer kleiner geworden war, zuckte beim letzten Satz zusammen und starrte mit offenem Mund Christoph an.

„Du bist… ähm… sorry, aber das ist jetzt zuviel für mich.“

Rob saß einfach nur weiter da und sah Christoph an. Dieser rückte mit dem Stuhl etwas näher an Rob und nahm ihn in den Arm.

„Ja, ich bin schwul und keine Angst ich habe seit zwei Jahren einen festen Freund. Das war jetzt nur ein kleiner Scherz, dass mit den anschmachten. Klar siehst du einfach umwerfend aus. Aber ich kenne dich schon so lange und ich bin nun mal neununddreißig Jahre alt. Was soll so ein alter Kerl mit so einem jungen Schnösel?“

Rob konnte sich ein grinsen dann doch nicht verkneifen. Ich selber konnte mich auch nicht zurückhalten und grinste auch in die Runde. Der Augenblick verflog aber sehr schnell und Rob nahm die Initiative an sich und fing an, von sich aus zu erzählen.
Den Rob den ich gestern kennen gelernt hatte, so unendlich traurig, den gab es nicht mehr. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Rob merkte, dass er nicht alleine mit seinen Problemen da stand, anders zu sein.
Christoph hörte ihm zu und ich auch.

„Seit einem Jahr weiß ich definitiv das ich schwul bin. Wenn ihr mich fragt woher ich das so genau weiß, ganz einfach ich habe mich in meinen Sportlehrer verliebt. Ich habe beim na ja…“, seine Stimme wurde sehr leise, „onanieren immer an ihn gedacht und wie er mich küsst und so. Und damit fing mein Dilemma an. Ich fühle mich damit überfordert und in der Schule machen ja alle so dreckige Witze über Schwule. Wem hätte ich da sagen können, ich fühle so?“

„Tja nicht einfach das alles. Ich kenne es aus eigener Erfahrung. Aber glaub mir, hat man sich selbst erst einmal akzeptiert, wird es schon leichter und das mit der Umwelt das bleibt immer ein Kampf.“

Christoph schaute dabei Rob an und dieser nickte. Mir selbst wurde bewusst, wie einsam ich mich fühlte. Ich musste wohl ein ziemlich bedrücktes Gesicht gemacht haben, denn Robs Hand strich kurz über meine Hand.

„Roy was ist los?“

Ich sah zu Rob und mir wurde in diesem Augenblick bewusst, das ich jetzt die Möglichkeit hatte aus meinem Versteck hervorzutreten und zu mir zu stehen und das nur weil ich Rob kennengelernt hatte.
Christoph der wohl mehr ahnte als wusste, sah mich an und lächelte mir zu.

„Also Roy ist dein Name?“

Ich nickte und sah zu Rob, der mich echt verliebt ansah.

„Na, ich merk schon, ich störe hier nur.“

Christoph stand auf und wollte sich schon abwenden als Rob nach seiner Hand griff und ihn zurückhielt.

„Christoph, entschuldige aber wir haben uns erst gestern kennengelernt. Ich möchte Roy gerne näher kennenlernen.“

„Kein Problem ihr zwei und wenn ihr mal wieder hier seid, dann könnt ihr mir ja erzählen, wie ihr euch kennengelernt habt.“

Unser Eis war mittlerweile zum Teil geschmolzen, aber wir löffelten dann tapfer das was vom Eis übrig war auf. Zufrieden und mit einem Lächeln im Gesicht sah mich Rob an.

„Und was machen wir jetzt?“

„Den nächsten Eisbecher ausprobieren…“, erwiderte ich und sah Rob an, der wieder so süß seine Augen verdrehte.

„Oh nein, bitte nicht das reicht mir vorerst, sonst platze ich!“

„Na komm ich bezahle erst mal und dann können wir ja noch etwas laufen! Einverstanden?“

„Das hört sich schon besser an. Aber ich zahle klar?“

„Nein ich. Du bekommst doch bestimmt nur ein kleines Taschengeld?“

„Wenn du wüsstest…“, lachte Rob.

„Ja wissen tu ich über Dich kaum etwas. Nicht mal deinen Nachnamen!“

„Mmmhh, ja da hast du Recht…“, traurig sah mich Rob dabei an.

Aus seinem Gesicht war das Lächeln sofort verschwunden.

„Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?“

„Nein aber lass mir bitte etwas Zeit. Bitte!“

Ich nickte und zeigte dem Kellner, der an der Theke stand und sich so wie es schien zu langweilen, das ich bezahlen wollte. Kurz darauf war das dann erledigt und wir machten uns auf den Weg nach draußen. Die Sonne war schon untergegangen und wir liefen den Weg zur Brücke zurück.

„Sag mal Rob… Du sagtest vorhin das Mathi deine Ersatzmutter ist. Wie soll ich das verstehen?“

„Mathi ist zu uns gekommen als ich noch ein Baby war. Meine Mutter ist kurz nach meiner Geburt gestorben und seitdem kümmert sich Mathi um mich.“

„Ach so tut mir leid.“

„Macht nichts. Mein Vater hat ja nie Zeit. Er arbeitet den ganzen Tag und wenn er mal zu Hause ist, dann telefoniert er nur mit seinen Geschäftsfreunden. So richtig war er nie für mich da.

„Warum hast du Mathi nichts von dir erzählt? Ich meine sie ist doch dann deine engste Bezugsperson?“

„Vielleicht hast du Recht. Aber es ist so, das ich Angst habe, das sie denkt sie hätte was falsch gemacht!“

„Was falsch gemacht? Das du schwul bist?“

Ich sah kurz zu Rob hinüber. Dieser hatte seine Hände in den Hosentaschen vergraben und stapfte auf dem Boden blickend neben mir her.

„Ich weiß nicht. Vielleicht ja, aber ich weiß es wirklich nicht..“

„Macht nichts. Hast du Lust mal meine Wohnung zu sehen?“

„Ja, das wäre echt toll!“

„Na ok. Dann lade ich dich morgen zu mir ein.“

Ich blieb unter einer Laterne stehen und zog aus meiner Brieftasche eine Visitenkarte heraus. Diese reichte ich Rob hin, der sie mit einem strahlenden Lächeln entgegennahm.

„Danke und wann soll ich da sein?“

„Na so um siebzehn Uhr. Ist das für dich ok?“

„Oh ja Klasse… Danke..“

Eine Spitze konnte ich mir dann doch nicht verkneifen.

„Auf der Karte steht auch mein Nachname, damit du die richtige Klingel drücken kannst.“

„Bitte lass mir Zeit…“

Oh man ich und mein verdammtes Mundwerk.

„Sorry, war nicht so gemeint.“

Von Rob kam keine Antwort, daher schaute ich zu ihm hin und er sah mich an.

„Angenommen, aber nur wenn ich einen Kuss bekomme…“, dabei sah er mich mit funkelnden Augen an.

Wie konnte ich da Nein sagen und ich drückte ihm ganz sanft einen Kuss auf seine wundervollen weichen Lippen. Robs Arme umschlangen mich und auch ich drückte ihn an mich so fest ich konnte. Ich wollte diese wunderbare Wesen nicht mehr missen und das beim zweiten wiedersehen.
Nachdem wir uns endlich wieder getrennt hatten sah ich Rob noch einmal an. Meine Hand fuhr vorsichtig durch sein Gesicht und dann an seiner rechten Wange hinab. Wir gingen dann den Weg weiter und erzählten uns abwechselnd, etwas über unser bisheriges Leben.
Es wurde ziemlich spät und ehe wir uns versahen war es dann auch schon nach dreiundzwanzig Uhr.
Ich schaute auf meine Uhr und die Ziffernblätter dieser leuchteten mir entgegen.

„Oh ist doch ganz schön spät geworden. Ich muss morgen früh fit sein, muss ja arbeiten!“

„Mhh und ich habe noch keine Schulferien…“

„Na dann also bis morgen bei mir…“

Robs Augen funkelten mir entgegen.

„Ich freu mich schon darauf deine Wohnung zu sehen…“

Langsam näherten sich unsere Gesichter und wir gaben uns einen langen, sehr langen Kuss hin.

„Wau es wird von mal zu mal schöner…“

Ich musste lächeln denn mir ging es genauso.

„Also bis morgen Rob. Sei Pünktlich siebzehn Uhr da!“

„Ja, mach ich. Schlaf schön…“

Wir trennten uns voneinander und ich blieb stehen und sah ihm nach, bis dieser im dunkeln verschwunden war. Danach machte ich mich auf dem Heimweg und zu Hause angekommen legte ich mich auf mein Sofa.
Aber der Schlaf wollte nicht kommen. In Gedanken sah ich nur Rob sein Gesicht und dann fühlte ich seine weichen Lippen auf den meinen. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn der Wecker schrillte in den höchsten Tönen.
Der Tag verlief wie immer. Kaum war ich auf der Dienststelle angekommen, erwartete mich Jochen, mit dem ich seit einem Jahr zusammen Streife fuhr, um mir mitzuteilen, dass ich mit Jan zur Streife eingeteilt war.
Jan so hieß er, war durch sein introvertiertes Auftreten und seinen blöden Witzen bei vielen der Kollegen angeeckt und daher auch nicht beliebt. Missmutig machte ich mich auf den Weg zu unserem Streifenwagen, wo Jan davor stand und auf mich wartete.

„Na Roy, haben wir heute das Vergnügen, gemeinsam Dienst zu schieben?“

Missmutig nickte ich in seine Richtung und öffnete die Beifahrerseite. Jan stieg auf der Fahrerseite ein und legte sich den Sicherheitsgurt an. Ich tat dies instinktiv auch und schloss die Beifahrerseite.

„Na, dann wollen wir mal.“

Er startete den Motor und wir fuhren los. Nachdem wir vom Hof auf die Hauptstrasse rechts abgebogen waren, fing Jan an wieder seine dreckigen Witze zu erzählen. Ich sah aus dem Seitenfenster und versuchte so gut es ging ihn zu ignorieren, was aber sehr schwer war.
Beim erzählen stieß Jan immer wieder mit seinem rechten Ellenbogen in meine linke Seite.

„Was soll das?“, entnervt sah ich zu Jan.

Dieser ignorierte meine Frage und erzählte mit einem grinsen im Gesicht weiter, dabei hörte er auf mit dem Ellenbogen zu stoßen.

Irgendwann begann ich abzuschalten und träumte vor mich hin, ich sah Robs Gesicht vor mir und ich musste wohl dabei gelächelt haben, denn Jans Gebrüll weckten mich auf und ich sah erschrocken in seine Richtung.

„Na an was für ein nacktes Weib haste denn jetzt gedacht??“

Angewidert sah ich ihn an.

„Kannst Du Deinen dreckigen Jargon für Dich behalte?“

„He ist doch nur ein Witz!“, erwiderte Jan und sah dabei nach vorn auf die Strasse. Plötzlich bremste er abrupt und zeigte mit seiner rechten Hand nach vorne.

„Schau Dir mal die zwei Schwulis an. Einfach abartig dieses Volk und die halten tatsächlich noch Händchen.“

Ich sah zu den beiden jungen Männern, die grade über die Strasse gingen.

„Na denen werde ich den Arsch abfahren.“

Jan stellte die Sirene des Fahrzeugs an und fuhr mit quietschenden Reifen los. Ich sah noch aus den Augenwinkeln wie die beiden Männer zur Seite sprangen, wobei einer von den beiden das Gleichgewicht verlor und nach vorne auf den Bürgersteig stürzte.

„Bist Du bescheuert…“, schrie ich Jan an und stellte die Sirene aus.

„Das war doch lustig wie die beiden ihre Ärsche eingezogen haben…“, lachte Jan und sah mich kurz an.

„Ich werde das heute unserem Vorgesetzten melden, glaube bloß nicht dass Du da raus kommst!“, sagte ich zu Jan und sah aus dem Fenster.

Jan hatte mittlerweile das Tempo des Fahrzeugs gemindert und fuhr weiter.

„Ach sag bloß Du hast mit den zwei Schwulen Mitleid? Bist wohl auch so einer?“

Ich antwortete nicht, sondern starrte weiterhin aus dem Fenster.

„He, ich rede mit Dir?“

Ich drehte mich langsam zu Jan hin und sah ihn direkt an.

„Du drehst auf der Stelle um und fährst zurück zum Revier!“

Ganz ruhig sprach ich den Satz aus und sah weiterhin Jan von der Seite an. Dieser drehte tatsächlich das Fahrzeug und fuhr dann an den Straßenrand.

„So mein lieber Roy, solltest Du das tatsächlich melden, mach ich Dich kalt! Hast Du verstanden?“

Eiskalte Augen sahen mir dabei direkt in meine Augen.

„Weißt Du was Jan, Du kannst mir drohen wie Du willst. So etwas wie Dich muss man melden und das werde ich!“

Ich sah weiterhin Jan an. Abrupt drehte sich Jan um und löste seinen Gurt.

„Na bestens, dann steige ich mal aus. Viel Spaß noch beim Dienst!“

Er öffnete die Autotür und stieg aus. Danach drehte er sich nochmals zu mir um.

„Wir sehen uns wieder mein Bester!“

Bei diesen Worten bekam ich eine Gänsehaut.

„Was soll das Jan steig sofort wieder ein!“

Jan drehte sich um als ob er meine Worte nicht hörte und lief vom Auto weg. Fünf Minuten saß ich im Auto und konnte immer noch nicht begreifen was vorgefallen war. Dann nahm ich das Funksprechgerät in die Hand und rief die Zentrale an.
Nachdem ich der Zentrale berichtet hatte was vorgefallen war, beorderte man mich sofort zurück. Ich fuhr den Wagen zurück zum Revier. Auf dem Hof des Reviers erwarteten mich auch schon Thomas und Daniel.
Als ich den Wagen eingeparkt hatte und ausgestiegen war, kamen beide auf mich zu.

„Was ist denn jetzt genau passiert?“

Thomas, der Gefragt hatte sah mich dabei ernst an. Ich erzählte dann erst einmal den beiden was passiert war.

„Man na der wird noch was erleben! Hat er wenigstens seine Waffe dagelassen?“

„Nein!“, dabei lief es mir eiskalt den Rücken hinunter und mir dröhnten die Worte von Jan im Kopf

‚Wir sehen uns wieder mein Bester!`

*-*-*

Roy

An dieser Stelle hörte ich erst einmal auf zu erzählen und sah kurz auf zu Herrn Melbourgh. Dieser aber sah auf den Boden und drehte den leeren Kaffeebecher gedankenverloren in seinen Händen.

„Ich gehe uns noch Kaffee holen.“

Mathilda stand auf und verschwand in die Richtung wo der Kaffeeautomat stand.

„Das ist ziemlich viel was ich da verdauen muss, über Rob. Oh man, was hab ich da alles falsch gemacht?!“

Herr Melbourgh sah dabei mich direkt an.

„Es tut mir Leid, aber ich glaube er hat wenigsten Menschen die ihn so nehmen wie er ist. Wenn er das gewusst hätte wäre es nie dazu gekommen“, sagte ich und schaute zu Boden, da mir klar wurde das ich solche Worte von meinen Eltern nie hören würde.

„Roy wie alt sind Sie?“

„Ich bin zwei Jahre älter als ihr Sohn also zwanzig“, kam es von mir.

Robs Vater stand auf um sich neben mir zu setzen.

„Weißt Du Roy, ich war am Anfang etwas reserviert zu Dir aber je mehr ich Deiner Geschichte zuhöre um so symphatischer wirst Du mir. Und ich habe genug Menschenkenntnis, nur bei meinem Sohn hat dies wohl nicht funktioniert. Was ist passiert? Warum kam es dazu?“

„Dazu muss ich die ganze Geschichte erzählen. Ich kann nur sagen, dass wir uns wie im Flug gefunden und verliebt haben und dass einige Umstände dazu führten, dass Rob dachte dass ich ihm etwas vorgemacht habe. Was aber nicht stimmt!“

„Da bin ich aber gespannt!“, kam es von Mathilda, die gerade vom Kaffeeautomat zurück kam.

*-*-*

Kay

Mir wurde dieser Junge immer symphatischer und irgendwie mochte ich ihn jetzt schon. Ich selber machte mir wirklich starke Vorwürfe, dass ich Rob nie wirklich zugehört hatte. Aber wie Mathilda schon so schön formuliert hatte, die Vergangenheit konnte man nicht mehr ändern aber in der Zukunft die gleichen Fehler vermeiden.
Ja man lernt nie aus, auch ich nicht. Ich war gespannt wie die ganze Geschichte, die Roy erzählte ausgehen würde. Mathilda gab mir einen der Becher mit dem heißen Kaffe und den anderen Roy, der diesen dankbar annahm.
Mir tat Roy unendlich Leid und da Weihnachten nicht mehr weit war, überlegte ich schon wie ich Roy zu unserem Weihnachtsfest einladen könnte. Aber das sollte Rob entscheiden. Roy fing wieder an zu erzählen.

„Also nachdem mir klar wurde, dass Jan noch seine Pistole bei sich hatte, bekam ich es dann doch mit der Angst…“

*-*-*

ROY`s Erinnerung 3 Teil

Nachdem ich mit Thomas und Daniel das Revier betreten hatten, hörte ich schon von weitem unseren Chef brüllen.

„Wo bleibt Garnet? Wenn er da ist sofort zu mir mit ihm!“

Ich hörte eine Tür zuschlagen.

„Na dann ab in die Höhle des Löwen zur Raubtierfütterung…“

Thomas sah mich dabei mitleidig an.

„Dann muss ich da wohl durch…“, und trabte Richtung Chefzimmer.

Dort angekommen klopfte ich an die Tür und wartete.

„Herein…“, erschallte es aus dem Raum.

Ich öffnete die Tür und trat ein. Mein Chef Herr Smith saß auf einem Stuhl hinter seinem Schreibtisch und sah mich wütend an. Bevor ich überhaupt was sagen konnte, brüllte er los.

„Was war da los und wo ist Herr Baker?“

Ich begann das ganze nochmals zu erzählen und auch Jans Drohung an mich ließ ich nicht aus. Als ich fertig war, war mein Chef erst einmal ruhig. Nervös spielte er mit seinem Kugelschreiber in der Hand und sah unverwandt aus dem Fenster dabei.
Herr Smith war leicht übergewichtig und sein Haar war sehr dünn. Das Gesicht selber sah irgendwie aufgedunsen aus und aus diesem stachen zwei kleine Äuglein hervor. Über der Oberlippe trug er einen fein säuberlich gestutzten Bart.
Im Ganzen war er nicht das was eine Frau als Mann suchte und trotzdem war er verheiratet mit einer sehr attraktiven Frau. Seine Frau hatten wir im Revier bei einem Fest kennengelernt und alle waren ziemlich überrascht, dass diese attraktive Frau mit unserem Chef verheiratet war.

„Herr Garnet sie sind für heute beurlaubt. Eine Fahndung nach Herrn Baker läuft. Mehr können wir nicht tun. Morgen melden Sie sich wieder zum Dienst und dann werden wir weitersehen.“

Ich nickte und sah zu ihm hin, dieser hatte mittlerweile seinen Kugelschreiber auf den Schreibtisch gelegt und sah mich an.

„Ist in Ordnung Herr Smith.“

Da dieser nicht weiter reagierte verließ ich den Raum und lief zum Umkleideraum um mich umzuziehen. Dieser Tag war schon ziemlich seltsam, aber da ich wusste, dass heute Rob zu mir kommen sollte, hatte ich noch genug Zeit in meiner Wohnung aufzuräumen und noch etwas zum Essen einkaufen zu können.
Thomas war mir in den Umkleideraum gefolgt und sah mich fragend an.

„Was?“, fragte ich.

„Und was sagt unser Chef?“

„Fahndung nach Jan läuft und ich kann für heute Feierabend machen.“

„Na dann mach Dir mal einen schönen Nachmittag und wenn was ist, hast Du meine Telefonnummer.“

Ich sah zu Thomas und nickte ihm dankbar zu.

„Das werde ich auch machen.“

Thomas verließ daraufhin den Raum und ich zog mich erst einmal um. Kurze Zeit später war ich auf dem Heimweg. Immer wieder erwischte ich mich, dass ich unbewußt mich umdrehte um zu sehen ob mir jemand folgte.
Aber es war weit und breit keine Person zu sehen. Zu Hause angekommen, fing ich erst einmal an aufzuräumen. Nach gefühlten drei Stunden war ich mit meiner Arbeit fertig und ich machte mich fertig um einkaufen zu gehen.
Ich überlegte auf dem Weg zum Supermarkt, was ich uns zum Essen machen sollte. Da mir nichts einfiel, blieb ich bei Spaghetti mit Thomatensoße hängen. Na ja zugegeben nicht sehr einfallsreich, aber es war schnell zubereitet. Dazu holte ich dann noch eine Flasche Weißwein extra trocken.
An der Kasse hatte ich plötzlich das Gefühl das mich jemand beobachtete und ich drehte mich kurz zu dem Verkaufsraum um, aber ich konnte niemanden entdecken der mir bekannt vorkam. Ich musste mir das wohl einbilden, bei dem was ich heute erlebt hatte.
Ich bezahlte an der Kasse meine Ware und packte diese dann in einer Einkaufstüte ein und verließ den Laden. Immer wieder hatte ich auf dem Rückweg zu meiner Wohnung das ungute Gefühl das ich beobachtet wurde.
Immer wieder schaute ich mich um. Nachdem ich meine Wohnung erreicht hatte und die Wohnungstür geschlossen hatte, atmete ich erst einmal auf. In der Küche packte ich meinen Einkauf aus und begann alles vorzubereiten, für das Essen.
Ich wollte Rob mit einem Essen überraschen. Gerade war ich dabei die Thomatensoße abzuschmecken, als es an der Haustür klingelte. Ich sah auf die Uhr, die mir anzeigte dass es tatsächlich schon siebzehn Uhr war. Als ich die Wohnungstür öffnete, stand Rob vor mir und strahlte mich an.

„Hallo, na da bist du ja wirklich pünktlich!“

„Du hast eben gefehlt und was machen wir jetzt?“

Rob strahlte mich an und ich konnte seine Grübchen sehen die sich auf seinem Gesicht zeigten.

„Komm erst mal in meine bescheidene Wohnung und leg deine Jacke ab. Ich hab etwas zum Essen vorbereitet.“

„Wau echt ? Na da bin ich ja gespannt.“

„Na ist nichts Überwältigendes. Es gibt Spaghetti und Thomatensoße….“

„Hört sich lecker an..“

Rob betrat darauf meine Wohnung und ich schloss hinter ihm die Wohnungstür. Rob sah sich neugierig um und ich stapfte schnellen Schrittes in die Küche um alles zum Essen vorzubereiten.

„Soll ich dir irgendwie helfen?“

Rob stand an der Küchentür und sah in meine Richtung.

„Ja kannst Du schon mal das Besteck und die Teller in das Wohnzimmer bringen?“

„Klar doch. Riecht echt lecker deine Thomatensoße!“

„Alles nur für Dich.“

Ich drehte mich dabei zu Rob der in die Küche gekommen war und jetzt sehr nah bei mir stand. Robs Gesicht strahlte und kam meinem Gesicht näher und näher und dann ganz zaghaft berührten sich unsere Lippen.
Es war wie ein Blitz der von meinen Lippen durch meinen ganzen Körper fuhr. Zögernd trennten sich unsere Lippen und Rob nahm dann die Teller und das Besteck und verschwand aus der Küche.
Ich nahm dann die Schüssel mit den Spaghetti und die Thomatensoße, die ich in eine andere Schüssel getan hatte und ging ihm nach. Rob stand am Fenster und sah in die anbrechende Dunkelheit. Vorsichtig stellte ich die beiden Schüsseln ab und trat zu Rob.

„Roy ich hätte nie gedacht, dass ich einen Menschen wie dich finden würde. Ich hätte nie gedacht das die Zeit in der wir uns nicht sehen, so furchtbar langsam vergehen können.“
Ich schlang meine Arme, von hinten, um Robs Oberkörper und drückte ihn an mich.

„Geht mir genauso. Ich hätte nie gedacht das ich hier stehen würde und einen Jungen in meinen Armen halte.“

Rob drehte seinen Kopf zu mir und drückte mir einen Kuss auf die Wange.

„Komm sonst wird das Essen kalt.“

Zaghaft löste ich mich von Rob und nahm seine Hand um ihn zum Tisch zu ziehen. Nachdem wir am Tisch saßen, zündete ich noch die Kerze an die ich auf diesen vorher gestellt hatte und dann begannen wir zu essen.

„Total lecker…“

Rob strahlte mich an und die Flamme der Kerze ließen das grün in seinen Augen aufblitzen.
Ich fing an zu lachen da Robs Mund rund herum mit Thomatensoße beschmiert war.

„Was gibt es denn so Komisches?“
„Du hast Thomatensoße im Gesicht…“

Ich lachte als Rob einen Schmollmund zog.

„Na komm nicht schmollen…“, dabei nahm ich eine der Servietten und wischte vorsichtig die Thomatensoße aus Robs Gesicht.

„So nun siehst du wieder besser aus..“

„Na warte…“, bevor ich etwas sagen konnte war Rob bei mir und kitzelte mich durch. Ich musste herzhaft lachen und bald lagen wir auf dem Boden.

Rob auf mir sitzend und ich versuchte unter Lachen seine Hände abzuwehren. Die waren aber überall und dabei rutschte mein Shirt nach oben und Robs Hände trafen auf meine nackte Haut.
So plötzlich wie Rob mich angefangen hatte zu kitzeln, so plötzlich hörte er damit auf und seine Hände begannen meinen Oberkörper zu erforschen. Dabei näherte sich sein Gesicht dem meinen und wir versanken in einen langen Kuss, wobei Robs Hände weiterhin auf Erkundung waren.
Vorsichtig begannen auch meine Hände auf Erkundung zu gehen. Es war einfach unbeschreiblich schön und ich genoss die Berührungen von Rob und dieser wohl auch denn er stöhnte bei meinen Berührungen auf und seine Küsse wurden immer fordernder.
Wobei mir es nicht anders erging. Irgendwann etliche Zeit später lagen wir auf dem Sofa und ich hielt Rob in meinen Armen. Unsere Sachen lagen kreuz und quer im Zimmer herum.

„Es war wunderschön mit Dir…“, dabei drückte ich Rob zärtlich an mich. Rob streichelte über meine Brust und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Roy ich habe mich in dich verliebt und es fühlt sich gut an…“, flüsterte Rob mir ins Ohr.

„Ja es fühlt sich sehr gut an und Rob ICH LIEBE DICH….“

Ich war einfach nur glücklich und so lagen wir da starrten in die Kerzenflamme die auf dem Tisch stand und hielten uns in den Armen. Jeder dem anderen so nah und ich wünschte mir die Zeit würde nie vergehen.

„Oh shit schon so spät… Roy ich muss nach Hause ansonsten kann ich mir was anhören…“

Wir sprangen beide auf und suchten im Adamskostüm unsere Sachen zusammen. Dabei kam es dann auch ab und zu, zum Austausch von Zärtlichkeiten. Nachdem wir fertig angezogen waren brachte ich Rob zur Wohnungstür.
Wir sahen uns an und küssten uns so intensiv, als ob jeder Angst hatte das dass heute ein Traum war und nicht die Realität. Etwas traurig aber auch glücklich verabschiedeten wir uns dann und Rob verschwand im Hausflur. Ich hörte noch die Haustür zuschlagen, dann umfing mich Stille und ich trabte in meine Wohnung und schloss die Wohnungstür.
Im Wohnzimmer angekommen starrte ich auf das leere Sofa, wo noch vor wenigen Minuten Rob und ich eng aneinander geschlungen gelegen hatten. Bei der Vorstellung wie wir dort lagen und er mich auf die Stirn küsste traten mir Tränen in die Augen und ich fing an zu heulen, wie an dem Tag wo meine Eltern mich auf die Strasse warfen wie Abfall.
Aber diesmal waren es keine Tränen der hoffnungslosen Art sondern Tränen der Hoffnung auf einen Neubeginn in meinem Leben und auch für das Glück das auch mir einmal in den Schoß fiel.
Die nächsten Tage und Wochen waren angefüllt mit Arbeit und die Abende verbrachte ich nur mit Rob. Unsere Liebe wuchs in dieser Zeit immer mehr. Und auch der Sex wurde von mal zu mal besser.
Das einzige was unser Glück überschattete war der verschwundene, wie vom Boden verschluckte Kollege Jan. Die Suche nach ihm war bisher erfolglos, aber das was die Kollegen im Revier verängstigte, war das Jan in psychologischer Behandlung stand und der Psychologe der ihn behandelte ihn als gefährlich einstufte.
Jan war nach dem was der Arzt feststellte, eine tickende Zeitbombe und sie tickte, dass sollte ich bald am eigenen Leibe erfahren. Es war Freitag und Rob hatte versprochen um Achtzehn Uhr bei mir zu sein. Ich war gerade dabei sein Lieblingsessen vorzubereiten als das Telefon anfing zu klingeln.
Ich ließ die Tomaten, die ich gerade in der Spüle abspülte, in diese fallen und lief zum Telefon. Ich nahm das Telefon in die Hand.

„Hallo wer will mich sprechen?“

Am anderen Ende meldete sich niemand, aber ich hörte deutliche Atemgeräusche im Hörer.

„Hallo was soll das… Wer ist da?“

Dann hörte ich nur noch, wie der Hörer auf der anderen Seite aufgelegt und die Verbindung unterbrochen wurde. Verwundert schaute ich auf den Telefonhörer und legte dann diesen wieder auf die Ladestation.
Seltsam war der Anruf schon. Ich schüttelte verständnislos den Kopf und ging in die Küche zurück. Ich nahm eine der Tomaten und wollte gerade damit beginnen diese zu zerlegen, als es an der Wohnungstür klingelte.
Da ich Rob schon erwartete, rannte ich zur Haustür und riss diese freudestrahlend auf. Mein Lächeln gefror sofort, als ich in das Gesicht von Jan sah. Ich bemerkte nur einen Stich in meinem linken Unterarm, danach versank die Welt im Dunkeln.

*-*-*

Kay

Roy hatte aufgehört zu erzählen. Man sah ihm an, dass ihm schwer fiel, über das erlebte zu erzählen.
Er tat mir Leid und ich ahnte was kommen würde, spontan nahm ich Roy in meine Arme und drückte ihn an mich. Er fing in meinen Armen an zu zittern und seine Arme umschlossen spontan meinen Körper.

„Ist gut Junge, wenn es zu fiel ist für dich, darüber zu erzählen, dann vertagen wir das Ganze.“

„Nein, ich möchte dass sie mich verstehen und meine Geschichte kennen. Erst dann werden sie verstehen was Rob gedacht hat.“

Roy ließ mich zaghaft los und wischte sich dann die Tränen aus den Augen. Als ich kurz zu Mathilda sah, lächelte diese uns beiden zu.

„Bitte erzähl weiter Roy…“ Mathildas Stimme war leise und bittend.

Roy hatte sich ein Taschentuch aus seiner Hose geangelt und wischte sich damit die Nase ab.

*-*-*

ROY`s Erinnerung 4 Teil

Als ich zu mir kam, wusste ich nicht wo ich war. Es war dunkel und ich lag auf dem Boden. Das erste was ich bemerkte war das meine Hände und meine Füße gefesselt waren. Ich wollte um Hilfe schreien, doch auch das gelang nicht, da Klebeband auf meinem Mund geklebt war. Plötzlich hörte ich in meiner Nähe Schritte die immer näher kamen.

„Na mein bester wie geht’s dir??? Ach ja kannst ja nicht sprechen! Ist das Klebeband wohl schuld????“

Jans Stimme war eiskalt. Was wollte er von mir?

„Na Roy überlegst du gerade warum du hier bist? Na, streng dein Gehirn ein bisschen an, vielleicht kommst du drauf. Wenn nicht ist auch egal. Nein egal nicht, denn du sollst schön langsam abkratzen!“

Was sollte das denn. Jan war ich nie vorher begegnet, außer in unserem Revier. Ich starrte in die Dunkelheit und versuchte herauszubekommen woher Jans Stimme kam. Nach dem Echo das seine Stimme warf mussten wir in einem leeren Raum sein.
Ich zuckte erschrocken zusammen, als Jans Stimme wieder anfing zu mir zu sprechen.

„Ich habe dich mit diesen Jungen gesehen und weiß das du eine scheiß schwuchtel bist. Und Schwuchteln mein lieber sind abartig das hat mein Vater mir beigebracht. Weist du wie mein Bruder hieß? Na fällt dir sein Name ein? …Nein?“

Worauf wollte er hinaus? Ich verstand nicht worüber er sprach. Woher sollte ich den Namen seines Bruders kennen. Ich versuchte mich zu erinnern, aber da war nichts und dann ganz plötzlich wie ein Stromschlag durchzuckte es mich.
Bernd!
Ich sah ein lachendes Jungengesicht und hörte Bernds Stimme in meinen Erinnerungen.

‚Roy ich habe dich so vermisst…’

Tränen traten mir in die Augen, als ich an Bernd meine erste große Liebe dachte. Meine Gedanken rasten nur so. Bilder die ich tief in mir drin vergraben hatte, traten plötzlich mit einer Deutlichkeit vor mir auf und sie taten weh. Sehr weh.
Ich fing an zu schluchzen und die Tränen rannen mir die Wangen herunter. Ich begann zu frieren. Was hatte Jan mit Bernd zu tun?

„Na wie ich höre erinnerst du dich… mmhhh es war lustig wie Bernd von der Brücke fiel. Na was sollte ich auch mit einem schwulen Bruder. Diese perverse Sau hatte es nicht verdient zu leben.“

Jans Stimme war noch kälter geworden.

„Weißt du wie er gebettelt hat um sein erbärmliches Leben und als er merkte das er keine Chance hatte… da hat dieser Perversling sich noch in die Hose gemacht. Und jetzt mein Lieber wird mit dir abgerechnet. Darauf habe ich die ganzen Jahre gewartet und jetzt geht mein Plan auf. Deine Familie hat erstaunlich schnell auf meine Briefe reagiert. Nur leider habe ich dich dann aus den Augen verloren. Warst zu schnell weg, bevor ich zugreifen konnte…. “

Wieder trat Stille ein und ich hörte wie Jan irgendetwas suchte, denn nach den Geräuschen zu urteilen suchte er seine Kleidung ab. Kurz darauf hörte ich ein klicken und dann kamen die Schritte näher. Ich fühlte etwas Kühles über meine Handgelenke streichen.
Bevor ich wusste was er da tat, traf mich ein stechender Schmerz der durch meinen ganzen Körper fuhr. Als der Schmerz nachließ, fühlte ich etwas Warmes an meinen Händen entlanglaufen.

„So ich wünsche dir noch viel Spaß beim krepieren.“

Ich hörte wie Jan kurz auflachte und dann entfernte er sich und seine Schritte wurden immer leiser. Eine Tür quietschte auf als diese geöffnet wurde. Kurz darauf schloss sie sich mit einem lauten Knall.

Jan war Bernds Bruder. Ich erinnerte mich noch an den Tag wo ich Bernd das letzte Mal sah. Wir hatten uns bei mir verabredet. Bernd und ich saßen uns gegenüber, aber irgendwie wirkte Bernd verängstigt.
Ich hatte ihn gefragt was los sei, weil er kaum ein Wort sagte. Aber er rückte nicht damit heraus. Kurze Zeit später verabschiedete er sich und rannte die Strasse zurück. Er sagte nur zu mir er müsse nach Hause, sonst bekäme er Ärger. Das einzige was er mir da lies war ein Brief, diesen sollte ich aber erst lesen wenn er weg wäre.
Der Brief war ein Abschiedsbrief von ihm. Er hatte darin Schluss gemacht mit mir und mich gebeten ihn nicht mehr anzusprechen. Eine Welt brach damals für mich zusammen. Danach habe ich nie wieder etwas von Bernd gehört.
Jetzt wusste ich warum. Bernd war Tod. Umgebracht durch die Hand seines eigenen Bruders. Verzweiflung machte sich in mir breit. Ich wollte hier nicht so sterben und schon gar nicht Jan davonkommen lassen.
Bei meinen vergeblichen Versuchen die Fesseln von meinen Händen zu lösen, schnitten diese immer fester in meine Handgelenke. Dabei merkte ich das dadurch auch die Blutung zum stillstand kam.
Meine Handgelenke taten weh. Ich wimmerte auf vor Schmerzen und dann versuchte ich das Klebeband, durch reiben auf dem Boden, vom Mund zu bekommen. Nach endlosen Versuchen löste sich das Klebeband.
Dann fing ich an um Hilfe zu schreien. Ich weiß bis heute nicht wie lange ich da unten gelegen habe und geschrien habe. Aber irgendwann hörte ich Geräusche und die Tür wurde aufgetreten.
Ein Lichtstrahl blendete mich, der auf mich gerichtet wurde. Kurz darauf wurde mir schwarz vor den Augen. Als ich zu mir kam, lag ich in einem Krankenbett.

*-*-*

Mathilda

„Jetzt wird mir einiges klar. Rob war die letzten zwei Wochen so ruhig und sprach plötzlich nicht mehr. Es war wie vorher, bevor er dich kennen gelernt hatte.. Er wusste ja nicht was mit dir passiert war. Plötzlich warst du nicht mehr da. Er muss gedacht haben du wolltest von ihm nichts mehr wissen.“

Kay der immer noch neben Roy saß, schüttelte den Kopf.

„Was ist eigentlich aus Jan geworden? Hat man ihn gefasst?“

Roy nickte.

„Jan hatte mich in einem Mietshaus im Keller versteckt. Ein Mieter aus dem Haus hatte beobachtet wie Jan etwas Schweres in das Haus trug. Da er ihn nicht kannte ist der Mieter irgendwann doch runter und hat nachgesehen. Dabei ist er auch in den Keller gegangen und da hat er meine Schreie gehört. Die Frau des Mieters hatte sich die Autonummer aufgeschrieben, mit dem er vor dem Haus parkte. Die Polizei hat dann eine Großfahndung eingeleitet. Kurz darauf hatte man ihn. Jan setzte dann auf einer Bundesstrasse sein Auto gegen einen Baum. Er hat das nicht überlebt.“

„Was ich nicht verstehe ist, warum hat man seine Wohnung nicht durchsucht, nachdem er verschwunden war.“ Kay sah fragend zu Roy.

„Ja das war das Schlimmste. Die auf dem Revier haben geschlampt, unter der Adresse die er angegeben hatte wohnte er gar nicht. Erst nachdem sie das Unfallfahrzeug von ihm durchsucht haben, fanden sie einen Wohnungsschlüssel. An diesem war ein Schlüsselanhänger dran mit seiner richtigen Adresse. Was sie dort gefunden haben weiß ich nicht. Jedenfalls wollen meine Kollegen mir darüber nichts erzählen. Wenn ich Frage, weichen alle aus. Mein Chef will mich morgen sprechen. Vielleicht erfahre ich dann mehr.“

Mir tat Roy immer mehr Leid, er musste viel durchgemacht haben und es taten sich immer mehr Fragen auf. Was hatte Jan Roys Eltern geschrieben und was wurde in der Wohnung gefunden. Ich sah die beiden lächelnd an und mit etwas Wehmut.
Ich hatte Roy schon jetzt sehr lieb gewonnen und ich begriff, dass Roy und auch Rob in diesen zwei Wochen gelitten haben mussten. Beide mit ihren Gedanken bei dem anderen. Der eine im Krankenhaus und ohne die Möglichkeit Rob anrufen zu können und Rob der dachte Roy hätte ihn fallen gelassen.
Wir schwiegen alle drei, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken. Ich dachte an meine Gefühle zu Kay und ich nahm mir vor, ihm diese zu gestehen. Mehr als mich aus seinem Leben rauswerfen konnte er nicht.
So in Gedanken versunken bemerkte ich nicht wie sich jemand neben mir hinsetzte. Erst als meine rechte Hand von zwei vertrauten Händen umfasst wurden, wurde ich aus diesen gerissen. Ich schaute auf und sah in Kays Augen. Kay sah mich merkwürdig intensiv an.

„Mathilda heute hat sich soviel ereignet und mir ist einiges klar geworden. Ich… ich habe nicht wahr haben wollen das….“

„Es ist gut Kay! Ich habe auch so einiges zurückgehalten. Ich hätte es schon längst sagen sollen, was ich fühle! Ja Kay ich liebe Rob wie meinen Sohn und Dich…“

Ich seufzte und sah zu Roy der auf seinem Stuhl zusammengesunken saß und an seinem Atem erkannte ich, dass er eingeschlafen war. Sein linker Ärmel war hochgerutscht und ich sah den Verband an seinem Handgelenk.

„Mathilda wenn das alles überstanden ist, dann möchte ich so einiges ändern und das erste ist zu dir ehrlich zu sein.“

Mein Blick wanderte von Roy zu Kay und sah ihn fragend an. Was wollte er ändern?
Er merkte wohl, dass ich nicht wusste was er mir sagen wollte.

„Mmh, es ist nicht einfach sich einzugestehen das man jemanden liebt. Ich wollte nichts falsch machen, dachte Rob würde es nicht verstehen und mich hassen!“

„Warum sollte er dich hassen?“

„Wenn ich dir meine Liebe eingestanden hätte. Ich hab gedacht Rob würde es nicht zulassen! Ich weiß auch nicht, vielleicht hatte ich auch Angst wenn ich es dir sage, dass du uns dann verlässt.“

„Ohh Kay, wie lange habe ich darauf gewartet das du mir das endlich sagst. Es… es ging mir doch nicht anders und ich hätte euch nie verlassen. Dazu habe ich euch zwei zu sehr in mein Herz geschlossen…“

Tränen rannen meine Wangen hinunter. Kay stand auf ich sah verschwommen seine Silhouette, die kurz darauf vor mir kniete. Er nahm meine beiden Hände und dann hörte ich die Worte auf die ich mein ganzes Leben gewartet hatte.

„Mathilda ich Liebe Dich und ich möchte dich fragen willst du meine Frau werden?“

Ich konnte nur noch nicken und dann spürte ich zum ersten Mal seine Lippen auf meine. Es war der Moment in dem ich begriff, das dass Leben für mich mehr bereit hielt. Meine Lippen lösten sich von seinen und dann, dann sagte ich endlich das Wort was ich schon längst habe sagen wollen.

„Ja.. ja ja jaaaaa!“

*-*-*

Kay

Als ich Mathildas Antwort auf meine Frage hörte, war es für mich die Erlösung endlich anzufangen mit meinem Leben. Nein mit unserem Leben.

„Sobald Rob wieder gesund ist werden wir Heiraten.“

„Na das wird ja Zeit…“

Die Stimme klang müde und es war auch etwas genuschelt. Wir drehten uns beide um und sahen in Robs müde Augen. Er lag auf einem Krankenbett. Ein Arzt stand neben ihm und ein Krankenpfleger der mühsam sich ein Lachen verkniff, sahen uns an.

„Wie geht es dir Rob, mein kleiner Liebling?“

Mathilda war aufgestanden und nahm Robs Hand.

„Glaub ganz gut, na ja laut dem… Arzt dauert das wohl mit dem Bein …“

„Rob hat alles gut überstanden, nun muss er schlafen!“, sagte der Arzt.

„Roy es war kein Traum??? Roy….“

Rob sah auf Roy der in seinem Stuhl immer noch zusammengesunken saß und schlief.
Tränen schimmerten auf Robs Gesicht. Ich trat auf Rob zu.

„Ja mein Junge, er hat dich gerettet und er hat uns alles erzählt…“

„Ich dachte ich habe das geträumt…, Paps…“

Rob fing an zu weinen.

„Schhh… Junge er hat dich nicht verlassen und auch nie vergessen… Aber das wird er dir alles erzählen…“

„Paps ich… ich…“

„Ich weiß und ich liebe dich noch vielmehr…“

Ich beugte mich vor zu Rob und flüsterte ihm ins Ohr.

„Roy wird bei uns und bei dir leben. Ich werde alles wieder gut machen mein Sohn, für all die Jahre die ich nicht bei dir war.“

Robs Arme zogen mich zu ihm heran.

„Paps ich liebe dich!“

Vier Worte die mich in diesem Augenblick so glücklich machten.

„Und Paps versprich mir Mathilda nie…, nie wieder los zu lassen. Sie ist meine Mama die ich nie kennen lernen konnte.“

„Ja mein Junge das verspreche ich dir…“

„Entschuldigung aber er braucht jetzt wirklich Ruhe!“

Der Arzt sah mich ernst an. Ich nickte und sie schoben Rob den Flur weiter entlang.

„Komm Mathilda wir gehen erst einmal nach Hause und den da…“, ich grinste, „nehmen wir gleich mit. Aber erzähl ihm bloß nicht, dass Rob weiß das er hier war!“

„Warum?“, fragend sah Mathilda mich an.

„Das erzähle ich dir nachher zu Hause. Ach und noch etwas, nicht das du denkst das du weiter in deinem Zimmer schläfst…“

Ich sah Mathilda an und diese musste lächeln.

„Ich hab es gewusst du bist ein ganz schlimmer, Mister Melbourgh!“

*-*-*

Mathilda

Ich sah Kay nochmals an und drehte mich dann zu dem schlafenden Roy. Vorsichtig schüttelte ich ihn an der Schulter. Roy wachte dadurch auf und sah mit müden Augen mich an.

„Bin wohl eingeschlafen…“, dabei fuhr er mit seiner rechten Hand durch seine Haare und gähnte.

„Komm Junge wir fahren nach Hause. Rob ist aus dem OP und schläft noch. Der Arzt war gerade hier.“

„Kann ich… kann ich nicht hierbleiben und warten bis er wach wird?“

„Nein Roy, komm los wir fahren jetzt und du kommst mit zu uns und schläfst dich ordentlich aus.“

Kays Stimme hörte sich nicht an, als ob er ein Nein akzeptierte und Roy schluckte nur.

„Ich kann doch zu mir nach Hause gehen..“

„Nein kannst du nicht und mal ganz ehrlich so gesund siehst du noch nicht aus. Ich möchte, dass du bei uns übernachtest und morgen sprechen wir dann, wie es weiter geht.“

Roy sah verständnislos erst auf Kay und dann zu mir. Ich nickte nur bejahend und zog Roy von seinem Stuhl hoch. Gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg. Roy schlief im Wagen wieder ein und ich drückte sacht Kays Hand und lächelte ihm zu.

„Es war richtig Roy mitzunehmen. Ich werde Roy morgen zum Revier begleiten. Vielleicht bekomme ich da etwas heraus über Roy und diesem Jan.“

„Mach das mein Engel. Ich werde mich um seine Eltern kümmern und diese kontaktieren. Mal hören was die zu sagen haben.“

*-*-*

Roy

In meinem Traum sah ich wieder und wieder wie Rob von der Brücke stürzte. Schweißnass wachte ich auf. Ich lag in einem Bett, dass aber definitiv nicht meines war. Ich blickte mich um, aber außer dem Bett einen Schrank und einem Nachttisch war nichts weiter in dem Raum.
Wo war ich bloß? Bis mir einfiel das ja Kay und Mathilda mich zu sich nach Hause genommen hatten. Also musste ich wohl bei der Herfahrt eingeschlafen sein. Aber wie kam ich bloß in dieses Bett und ich sah erschrocken unter die Bettdecke und atmete auf.
Meine Unterwäsche hatte ich noch an. Vorsichtig schlug ich die Bettdecke zurück und stand auf. Langsam ging ich zur Tür und öffnete diese. Die Tür führte auf einen großen Flur von dem einige Türen abgingen.
Von irgendwo drang Musik an mein Ohr und ich überlegte schon dem nachzugehen, aber dann viel mir ja ein das ich außer meiner Unterwäsche nichts anhatte.

„Guten Morgen Roy…“, kam es in dem Augenblick vom Ende des Flures her und ich erkannte Mathilda.

Sie lief den Flur zu mir entlang. Kaum angekommen, grinste sie mich breit an und drückte mich an sich.

„Na wie ich sehe bist du wach. Das Bad ist gleich neben deinem Zimmer und ich habe dir von Rob ein paar Sachen hingelegt. Wenn du fertig bist, dann einfach die Treppe runter und der Musik folgen, da ist dann die Küche und es erwartet dich ein Frühstück mit mir.“

Mathilda schob mich dabei zur Tür auf der auch in großen Buchstaben Bad drauf stand.
Kaum war ich im Bad, wurde auch schon die Tür geschlossen. Ich sah mich erst einmal im Bad um.
Super Dusche war schon mal vorhanden und auch eine Toilette, die ich dann auch erst einmal benutzte. Nachdem ich damit fertig war, zog ich mich ganz aus. Mathilda hatte mir zwei lange Einweghandschuhe hingelegt die ich über meine Hände zog und dann über die beiden Verbände an meinen Handgelenken.
Somit gut ausgerüstet, ging ich unter die Dusche. Es war herrlich und ich musste beim duschen an Rob und mich denken, wie wir gemeinsam geduscht hatten. In meiner unteren Leistengegend schienen die Erinnerungen, das gleiche zu bewirken denn es regte sich etwas sehr schnell.
Schnell schaltete ich die Brause auf kalt und schon war alles wieder in bester Ordnung.
Nachdem ich fertig war suchte ich die Sachen die mir Mathilda hingelegt hatte. Diese lagen auf einem Badezimmerschränkchen.
Ich zog diese an und dann kämmte ich meine Haare. Ich sah mich im Spiegel an, tiefe Augenringe lagen unter meinen Augen und ich sah immer noch etwas müde aus. Was soll`s, dachte ich und verließ das Bad.
Ich folgte dann dem Flur in die Richtung in die vorhin Mathilda entlanglief. An der Treppe angekommen hörte ich von unten Musik und Mathildas Stimme, die zu der Musik mitsummte.
Ich folgte den Geräuschen die Treppe hinunter. Vor mir erstreckte sich wieder ein Flur, am hinteren Ende war eine Tür auf aus der die Musik deutlich zu hören war. Dann sah ich Mathilda wie sie gerade an der Tür vorbeilief und mit irgendetwas beschäftigt war.
Ich ging zu der offenen Tür dabei sah ich mir die Bilder an den Wänden an. Fast alle waren von Rob, Mathilda und Kay. Ein einziges war in dem Flur von einer Frau die ich nicht kannte. Sie hatte blondes Haar und genau die gleichen grünen Augen wie Rob.
Die Ähnlichkeit zwischen ihr und Rob waren frappierend. Es konnte sich nur um seine Mutter handeln. Auf dem Bild war sie schwanger, denn sie hielt ihre Hände auf einem in meinen Augen riesigen Bauch. Sie lächelte und doch war sie im Gesicht leichenblass.

„Nun komm schon das Frühstück isst sich nicht von allein“, klang Mathildas Stimme aus der Küche.

Daraufhin lief ich zu der Küche und stand dann in dieser. Die Küche war riesig. Die gesamte rechte Seite der Küche war mit Einbauschränken versehen. In der Mitte des Raumes stand ein Herd mit Arbeitsplatte.
Geradezu stand an der Wand ein riesiger Kühlschrank. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Der musste vom Inhalt geschätzt, Lebensmittel aufnehmen die ich in einem Jahr nicht mal verputzen konnte. Auf der linken Seite saß Mathilda an einem langen Esstisch und lächelte mich an.

„Nun komm Roy und setz dich. Du hast heute noch einen Termin!“

Ach ja der Termin bei meinem Chef. Ich sollte ja heute zu ihm kommen. Da ich noch krankgeschrieben war und auch die nächsten drei Wochen laut Arzt zu Hause bleiben sollte, hatte mich Thomas angerufen und mir den Termin durchgegeben.

„Ich komme mit Roy! Aber nur wenn du es möchtest.“

„Man das wäre echt nett. Mathilda noch eine Frage wie bin ich denn in das Bett gekommen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern, außer das wir zuletzt im Krankenhaus waren und dann zusammen zu euch gefahren sind.“

Mathilda lachte auf.

„Frag Kay er hat heute früh über Muskelkater geklagt…“

Wir lachten daraufhin gemeinsam, dann fiel mir das Gespräch wieder ein von gestern und das heute ja mein Chef mit mir reden wollte. Ich hörte abrupt auf zu lachen und sah in meine Kaffeetasse, die mir Mathilda rübergeschoben hatte.

„Roy es wird schon und danach gehen wir zu Rob. Mal sehen wie es ihm geht.“

„Wird er überhaupt mit mir sprechen wollen? Ich habe ihn nicht im Stich gelassen…“, wieder liefen Tränen der Verzweiflung meine Wangen runter.

„Junge wenn wir es verstanden haben, dann wird Rob es auch verstehen. Zum anderen möchte Kay, dass wir heute Abend zusammen Essen gehen. Er möchte dir etwas vorschlagen.“

Ich verstand gar nichts mehr. Meine Gedanken wirbelten nur so herum.

„Mathilda es tut mir Leid, aber ich möchte euch nicht weiter belasten. Rob wird gesund das ist das Wichtigste. Ich gehöre nicht hierher…“

Mathilda rutschte mit ihrem Stuhl neben meinem Stuhl und zog mich an sich.

„Du gehörst zu Rob. Eines weiß ich. wenn wir zulassen, dass du jetzt gehst, wird Rob mit uns nie mehr reden. Zum anderen haben Kay und ich dich genauso gerne und deshalb heute auch das Essen. Wir wollen mit dir darüber sprechen wie es weiter gehen soll.“

*-*-*

Mathilda

So schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt. Roy blockte plötzlich, als ob er Angst hatte das wir ihn fallen lassen würden. Ich verstand ihn ja, erst von seinen Eltern auf die Strasse geworfen und dann die letzten Jahre zurückgezogen ohne Freunde gelebt zu haben. Obwohl er hatte doch davon gesprochen das ihm Freunde geholfen hatten.

„Roy ich habe da mal eine Frage…“

Roy sah mich mit Tränen in den Augen an.

„Du hattest gestern doch erzählt, dass dich nachdem deine Eltern rausgeworfen hatten, Freunde aufgenommen hatten. Was ist eigentlich aus denen geworden?“

„Es war ein Freund der mir geholfen hat, aber der ist nach England gezogen um dort zu studieren. Er hatte mich auch nur für eine Woche aufgenommen, danach hatte ich eine Wohnung gefunden.“

„Wie hast du eigentlich das Ganze bezahlt. Ich meine du warst doch bestimmt in der Ausbildung?“

„Ich war beim Jugendamt, die haben mir geholfen in der Zeit der Ausbildung alles zu bezahlen. Da meine Eltern auf die Anschreiben von denen nicht reagierten, haben sie das Kindergeld und was mir noch zustand erstmal vorgeschossen.“

Ich verstand so langsam, Roy war die ganze Zeit auf sich allein gestellt, er hatte einfach verlernt Menschen wieder zu vertrauen. Rob war der erste den er wieder an sich heran ließ. Ich blickte ihn an und sah in Gedanken wie Roy seine Mauer wieder versuchte aufzubauen. Aber das durfte ich nicht zulassen. Ich sah zur Uhr. Es war nach zehn Uhr also mussten wir so langsam los. Der Termin bei Roys Chef war um elf Uhr.

„Roy wir müssen langsam los.“

Roy blickte von seiner Tasse auf und sah auch zur Uhr. Seufzend stand er auf.

*-*-*

Kay

Ich war in meinem Büro und dachte an die vergangene Nacht mit Mathilda. Wir hatten uns das erste Mal geliebt und es war unbeschreiblich. Die Gefühle die wir für einander die ganze Zeit schon gehegt hatten, lebten wir in dieser ersten Nacht aus.
Ich musste lächeln als ich an das Gesicht meiner Sekretärin dachte, die im Vorraum saß, als ich heute früh in mein Büro ging. Ich musste wohl einen Gesichtsausdruck gehabt haben, den sie bei mir nicht kannte.
Als erstes erledigte ich dringende Telefonanrufe mit meinen Vertragspartnern und jetzt musste ich los, denn ich wollte zu Rob um mit ihm zu sprechen. Ja Roy war jetzt ein wichtiges Thema, das mit Rob geklärt werden musste.
Zum anderen musste ich auch mit Rob über die anstehende Hochzeit von Mathilda und mir reden.
Ich stand auf und ging zur Garderobe um meinen Mantel anzuziehen, als die Bürotür aufging und Frau Munch meine Sekretärin eintrat.

„Entschuldigung Herr Melbourgh sie haben Besuch. Ein Herr Smith von der Polizei möchte sie sprechen.“

„Schicken sie ihn herein Frau Munch und bringen sie uns Kaffee.“

Ich hängte meinen Mantel wieder an und wartete darauf, dass Herr Smith eintrat. Es dauerte auch nicht lange und er stand im Zimmer.

„Hallo Herr Melbourgh entschuldigen sie die Störung, aber ich muss mit Ihnen reden. Hätten sie für mich kurz Zeit?“

„Natürlich Herr Smith. Kommen sie setzen wir uns dort hin.“

Dabei zeigte ich auf eine Sitzgruppe die sich in meinem Zimmer befand. Wir setzten uns und Herr Smith sah sich interessiert um.

„So ein Büro hätte ich auch gern, aber sie wissen ja die öffentlichen Kassen haben kein Geld für so etwas.“

„Warum wollten sie mich sprechen Herr Smith. Ich weiß wer sie sind und bevor sie fragen woher, Herr Baker hat uns von ihnen erzählt.“

Herr Smith starrte mich kurz an.

Na gut dann kennen sie ja Herrn Baker. Er hatte es nicht leicht in letzter Zeit. Darüber werden sie ja dann auch informiert sein?“

Ich nickte.

„Er hat davon gesprochen. Warum sind sie eigentlich hier?“

„Ich weiß dass Herr Baker mit ihrem Sohn befreundet ist, wenn sie wissen wie ich meine!“

Ich sah diesen Herrn Smith genau an. Was wollte er jetzt sagen mit sie wissen wie ich meine?

„Entschuldigung, aber was geht sie die Freundschaft zwischen meinem Sohn und Roy an?“

„Gar nichts, aber aufgrund das wir Herrn Baker sein privat Leben nach der Sache die ihm passiert ist genauer untersuchten, stießen wir dabei auf ihren Sohn. Ich bin eigentlich hier um sie um etwas zu bitten und nicht um jemanden zu verurteilen.“

Das Gespräch schien interessant zu werden.

„Um was für eine Bitte handelt es sich?“

„Sie wissen, dass ich heute mit Herrn Baker einen Termin habe?“

Ich nickte bejahend, worauf wollte er hinaus?

„Für Herrn Baker wird dieses Gespräch und was ich ihm zu sagen habe, nicht leicht sein. Ich bitte sie daher um ihre Hilfe. Wir haben herausgefunden, dass Herr Baker ähm… Roy sein erster Freund, der Bruder von Jan war und das Jan diesen umgebracht hat. Das schlimme daran ist das er Fotos danach von seinem Bruder gemacht hat, nachdem er abgestürzt war. Die Ermittlungsakte von damals gibt nicht viel her, man ging von Selbstmord aus. Das es sich um Mord handelte, darauf hatten die Spuren keinen Hinweis geliefert. Das ist das erste, des Weiteren haben wir Jans Tagebuch gefunden, in dem dieser seine krankhaften Fantasien eingetragen hat. Demnach hatte er etwas damit zu tun das Roy´s Eltern Roy aus dem Haus geworfen haben. Er hat wohl diesen anonym Briefe zukommen lassen, in denen er Roy als Kinderschänder anprangerte. Die Briefe hatten ja letztendlich wohl Erfolg.“

Das stand also in den Briefen drin über die Jan gegenüber Roy gesprochen hatte. Smith sah mich an.

„Roy wird wieder an alles erinnert werden und er benötigt jemanden der ihn auffängt und soviel ich weiß ist er zurzeit bei Ihnen zu Hause. Es liegt mir viel an diesem jungen Mann, er ist im Revier beliebt und macht seinen Job sehr gut. Meine Angst ist das er seelisch nicht mit dem Ganzen klar kommt.“

„Ja das ist unsere Befürchtung auch daher kommt Mathilda mit um ihm sozusagen den Rücken zu stärken. Zum anderen wird er erst einmal ob er will oder nicht bei uns wohnen.“
Erleichtert lächelte mich Smith an.

„Dann bin ich eine Sorge erst einmal los. Unter uns ich habe mich mit den Eltern von Roy in Verbindung gesetzt. Wir hatten ein sehr intensives Gespräch über Roy und als diese erfahren hatten, dass die Briefe ein einziger Schwindel waren, haben sie es bereut Roy auf die Strasse geworfen zu haben. Sie wollten wissen wo er wohnt, aber ich konnte die Information nicht an sie geben. Das soll Roy dann selbst mit sich ausmachen.“

„Mhh das mit den Eltern von Roy lassen sie meine Sorge sein. Bitte sagen sie Roy nicht, dass seine Eltern davon wissen.“

Bittend sah ich ihn an.

„Wenn sie meinen. Aber irgendwann wird es ja doch dazu kommen das sie sich über den Weg laufen.“

„Ich weiß und ich lass mir etwas einfallen. Könnten sie mir die Adresse von Roy´s Eltern geben?“

Smith nahm sein Notizbuch aus der Tasche und riss eine Seite heraus. Darauf schrieb er dann die Adresse auf und gab sie mir.

„Ich muss los Herr Melbourgh. Wenn irgendetwas sein sollte hier meine Telefonnummer. Sie können mich auch privat jederzeit anrufen, wen sie Hilfe brauchen.“

Er reichte mir eine Visitenkarte, die ich entgegennahm und stand auf. Ich stand auch auf und führte ihn zur Tür. Wir beide reichten uns die Hände.

„Passen sie auf Roy auf bitte.“

Nachdem Herr Smith verschwunden war, stand ich immer noch grübelnd da. Warum machte sich Roy´s Chef so viel Sorgen um ihn? Vielleicht war es auch so auf einem Polizeirevier, das die Kollegen gegenseitig auf den anderen aufpassten. Nun musste ich aber los zu Rob.

*-*-*

Roy

Ich trat mit Mathilda in das Büro meines Chefs. Dieser saß an seinem Schreibtisch und sah mich ernst an. Herr Smith stand auf und ging um seinen Schreibtisch herum und begrüßte uns.
Mathilda stellte sich im vor und dann bat er uns Platz zu nehmen.
Nachdem wir an seinem Schreibtisch saßen, setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und klappte eine Akte auf, die vor ihm lag.

„Da dieses Gespräch sehr persönlich ist, möchte ich erst einmal das DU anbieten.“

Ich nickte nur verstehend.

„Mathilda und wie lautet ihr Vorname?“

„Jochen… Bevor ich anfange eine Frage in welcher Rolle ist Mathilda hier Roy?“

„Als meine Freundin und Vertraute, da ich sonst niemanden habe.“

„Ich weiß Roy und es tut mir auch Leid.“

Ich sah kurz zu meinem Chef und dann auf Mathilda die mich aufmunternd ansah.

„Roy warum du hier bist ist Folgendes, wir haben Jans Wohnung durchsucht. Dabei haben wir einige nicht erfreuliche Entdeckungen gemacht.“

Jochen reicht mir einen Stapel Bilder über den Tisch.

„Schau dir die Bilder an, wir haben Zeit.“

Ich begann die Bilder mir anzusehen. Die ersten zeigten den Flur einer Wohnung und die Küche. Es war nichts Besonderes darauf zu sehen. Dann kamen Bilder die eindeutig in einem Wohnzimmer gemacht waren. Eines der Bilder erzeugte bei mir eine Gänsehaut. Auf diesem Bild war die eine der Wände des Wohnzimmers fotografiert worden. An dieser Wand waren Bilder von Personen angebracht. Erkennen konnte ich davon keines da das Bild die gesamte Wand zeigte. Danach kamen einige Bilder auf denen dann vom nahen die Bilder einzeln fotografiert waren.
Ich sah auf diesen Bilder von mir unbekannte männliche Jugendliche. Dann kam eines das mir den Atem verschlug. Rob war darauf zu sehen. Links unten war ein Zettel an das Bild angebracht. `Tod durch ertrinken` stand dort drauf.

Ich sah erschrocken zu Jochen.

„Wollte er Rob etwas antun?“
„Wir glauben ja. Von den fünf Bildern die du vorher gesehen hast, konnten wir drei Personen identifizieren. Sie sind alle Tod. Bis jetzt galt für diese Tod durch Unfall. Aber jetzt ist uns klar, dass es keine Unfälle waren.“

Ich legte Rob`s Bild beiseite und dann sah ich das Gesicht eines Jungen auf dem nächsten Foto und meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Bennie …..“

„Das ist Jans Bruder auch durch einen Unfall ums Leben gekommen.“

„Nein Jan hat es mir in der Nacht wo er mich entführt hatte gesagt. Er hat ihn von einer Brücke gestoßen….“

Ich schluchzte und Mathilda nahm mich in den Arm.

„Wenn es hilft erzähl uns von ihm….“

Mathilda drückte mich auffordernd.

*-*-*

Roys Erinnerung Teil 5

Bennie wenn ich heute an ihn zurückdenke, dann nur mit Liebe. Bennie hieß eigentlich Bernd, aber ich nannte ihn nur Bennie. Wir hatten uns im Park kennengelernt. Dort war ich oft, wenn zu Hause mal wieder dicke Luft war.
Bennie war wie mein zweites ich, immer wenn ich an etwas dachte, dachte er das gleiche und wir mussten oft darüber lachen. Eines Abends meine Eltern hatten mich mal wieder fertig gemacht wegen einer schlechten Zensur in Mathe, saßen wir im Park sehr lange auf dem Rasen und unterhielten uns.

„Roy sag mal hast du schon mal daran gedacht einen Jungen zu küssen?“

„Nee Bennie das ist doch abartig…“

„Entschuldige meine blöde Frage…“

„Warum blöd? Du kannst mich alles fragen. Aber wenn ich ehrlich bin, das sagen die Blödmänner in meiner Schule.“

„Was?“

„Na das dass abartig ist und das die nicht ganz richtig im Kopf ticken..“

„Find ich nicht!“

„Wie findest du nicht?“

„Na das dass abartig ist. Wenn eben zwei sich lieben, ob nun Junge und Mädchen, oder Mädchen und Mädchen, oder Junge und Junge. Was soll daran schlimm sein. Ich meine na ja die können doch auch glücklich dabei sein.“

Ich fing an zu grübeln. Komisch, irgendwie hatte Bennie recht, denn ich hatte ja Bennie auch ganz doll lieb. Na ja bis jetzt dachte ich das ist so bei einer Freundschaft.

„Roy ?“

„Entschuldige ich habe gerade nachgedacht. Mhhh ja du hast recht was ist dabei, wenn die sich lieben. Wenn ich so darüber nachdenke ist es gar nicht so abartig sondern irgendwie schön.“

Plötzlich spürte ich zwei Lippen auf meiner Wange, aber ehe ich reagieren konnte waren diese auch schon weg.

„Was machst du da?“ fragte ich.

„Ich wollte mal sehen wie es ist einen Jungen zu küssen.“

„Das war doch kein richtiger Kuss, Menno Bennie…So macht man das!“

Ich wandte mich zu Bennie der mich wie erstarrt anstarrte und dann trafen sich unsere Lippen. Es war herrlich. Bennies Lippen schmeckten nach Honig und ich wollte plötzlich mehr. Auch Bennie schien es zu gefallen, denn er öffnete seinen Mund und ganz plötzlich spürte ich seine Zunge an meinen Lippen, die um Einlass bat. Ich öffnete langsam meinen Mund und dann ganz plötzlich trafen sich unsere Zungen. Ich weiß nicht wie lange wir uns geküsst hatten, aber mir wurde klar das ich mehr für Bennie empfand als nur Freundschaft.
Als wir uns dann zaghaft voneinander getrennt hatten, war es für eine ganze Weile ruhig. Keiner sprach von uns ein Wort. Seltsam wenn ich heute daran denke, war es fast als wenn wir Angst hatten das unsere Freundschaft jetzt an dieser Stelle ein Ende finden würde.
Bennie durchbrach als erster die Stille.

„Es war schön und ich weiß jetzt auch warum ich mich in deiner Nähe so wohl fühle. Weil da mehr ist als nur Freundschaft…“

Bennies Worte drückten genau das aus was auch ich empfand. Wie sollte ich in Worte fassen, was gerade in mir drin abging. Meine Gedanken schwirrten nur so im Kopf herum. Mir wurde plötzlich klar, warum ich mich so sehr zu Bennie hingezogen fühlte. Diese Gefühle hatten mich immer verunsichert wenn ich an Bennie dachte, oder wir zusammen waren. Und jetzt der Kuss.

„Bennie was passiert mit uns. Ich fand es schön sehr schön… diesen Kuss..“

„Ich habe davon gelesen….. na von zwei Jungen die sich lieben, das war vor zwei Wochen und da war mir klar, das ich dich ganz doll mag…. „

Ich sah zu Bennie der mich auch ansah. Aber diesmal war sein Blick anders. Mir wurde bewusst, dass der Kuss vieles zwischen uns geändert hatte. Das wir uns geändert hatten.

„Ich weiß seitdem das ich dich Liebe!“ Bennie sprach den Satz leise aus, als ob er zu sich selber sprach und ich nahm allen Mut zusammen und antwortete ihm.

„Bennie ich mag dich genauso.. Mehr als ich je geahnt habe.“

Ich hob meine Hand und streichelte zärtlich über Bennies Wange. An diesem Abend haben wir uns unsere Liebe eingestanden und auch ein Teil von uns kennengelernt den wir noch nicht kannten.
Die nächsten Wochen waren für uns die schönsten die es je gegeben hat. Jeder für sich erkannte in diesen Wochen das wir nicht auf Mädchen standen sondern auf Jungs. Ich lernte mich von einer ganz neuen Seite kennen und erkannte erst jetzt warum ich die letzten zwei Jahre so unglücklich war. Bennie eröffnete mir eine neue Welt und ich las auch das Buch, dass Bennie an dem Abend erwähnte. Das Buch war schön und traurig, aber es gab ein positives Ende, denn die beiden Jungen fanden zueinander.
Ich weiß nicht mehr wann es anfing, dass Bennie trauriger wurde und auch immer ruhiger. Aber irgendwann fiel es mir auf und ich fragte ihn was los sei. Bennie wollte es mir aber nicht sagen. Er meinte es wäre nichts und ich würde mir das nur einbilden. Dann kam der Tag an dem ich Bennie das letzte mal sah und ich seinen Brief las, in dem er mit mir Schluss machte. Warum stand in diesem Brief nicht, daher fühlte ich mich tief verletzt und die nächsten Wochen und Monate waren für mich die Hölle. Ich schloss die Schule ab und bewarb mich bei der Polizei und kurz darauf warfen mich meine Eltern aus dem Haus. Irgendwoher mussten sie von meiner Neigung erfahren haben, denn mein Vater sagte dass er mit einem Kinderschänder und Schwulen nichts zu tun haben wolle.

*-*-*

Roy

An dieser Stelle hörte ich auf zu erzählen. Die Erinnerungen an Bennie waren schon schlimm genug, aber zu wissen das er kurz nach unserer Trennung umgebracht wurde von seinem eigenen Bruder, das war dass schlimmste an der Geschichte. Jochen zog ein Buch aus einer der Schubladen seines Schreibtisches und legte es vor mich hin. Ich erkannte das Buch, in diesem hatte Bennie oft geschrieben. Immer wenn ich fragte was er denn da eigentlich hinein schrieb, sagte er, wenn er fertig wäre dann bekäme ich es zu lesen. Wieder sah ich sein Gesicht vor mir, seine klugen braunen Augen, seinen Schmollmund den er immer aufsetzte wenn ich ihn geärgert hatte. Ich hörte sein Lachen, das mich immer daran erinnerte, dass ein Teil von ihm bei mir geblieben war.
Jetzt lag sein Buch vor mir. Es war ein kleines Tagebuch, das man in jedem Schreibwarenladen bekam. Ich schlug es vorsichtig auf und erkannte seine Handschrift. Er hatte eine Vorliebe an jedem Anfangsbuchstaben einen Schnörkel ranzuhängen.
Und da stand in seiner ordentlichen Handschrift:

Für meinen Schatz Roy, damit er mich nie vergisst!!!!
Ich Liebe Dich Dein Bennie

Tränen tropften auf das geöffnete Tagebuch und hinterließen nasse Spuren auf dem Papier.

*-*-*

Mathilda

Was musste Roy durchgemacht haben. Ich sah zu seinem Chef, selbst er sah ergriffen aus.

„Roy es tut mir Leid…“, kam es von Jochen. Roy saß zusammengesunken auf seinem Stuhl und weinte.

Er tat mir unendlich Leid.

„Jochen ich werde jetzt erst einmal mit Roy nach Hause fahren. Könnten Sie heute Abend eventuell bei uns vorbei kommen? Dann könnten wir nochmals in Ruhe miteinander reden.“

„Ich werde um zwanzig Uhr bei Ihnen sein. Macht es etwas aus, wenn ich meine Frau mitbringe? Sie kennt die Geschichte.“

„Machen Sie das.“

Ich stand auf.

„Roy komm wir fahren zu Dir und packen ein paar Sachen von dir zusammen und fahren dann erst einmal zu uns.“

Roy stand wortlos auf. Das Tagebuch hielt er in der Hand.

„Bis heute Abend Jochen.“

Ich nahm Roy bei der Hand, was dieser wortlos hinnahm und wir gingen zusammen aus dem Raum. Wir gingen durch das Polizeirevier. Roy´s Kollegen standen im Gang und sahen diesen mitleidig an.
Keiner sagte ein Wort, aber man sah ihnen an das sie wussten worüber im Büro von Jochen gesprochen wurde. Ein Kollege löste sich aus der Gruppe und kam auf uns zu. Kurzerhand drückte er Roy an sich.

„Es tut uns allen Leid was du alles durchgemacht hast und wir stehen zu dir.“

Ich sah in das Gesicht des Mannes, der Roy in die Arme genommen hatte und er sah mich über Roys Schulter direkt an. Er hatte Tränen in seinen Augen und ich sah da noch mehr. Ein Wissen um das was Roy verloren hatte und auch warum Roy seine Gefühle versteckt hatte. Ich sah soviel in seinen Augen. Da war soviel Liebe und Zärtlichkeit und Kraft. Er löste sich von ihm vorsichtig und Roy fing an zu schluchzen. Ich ging langsam auf die beiden zu und nahm zaghaft Roys Hand.
Ich sah kurz nochmals zu dem Mann und dieser sagte leise zu mir.

„Passen Sie auf ihn auf!“

Ich nickte und zog Roy weiter und kurz danach waren wir an meinem Auto. Roy stieg in das Auto ein und ich auch. Wir fuhren zu seiner Wohnung. Nachdem wir in der Wohnung von Roy waren, sah ich mich erst einmal in dieser um.
Roy selbst ging wortlos den Flur entlang. Ich ging ihm nach und stand kurz darauf in einer kleinen Küche.

„Möchtest du einen Kaffee oder einen Tee? Hab aber nur Kamillentee..“

Es waren Roy´s erste Worte, nachdem wir aus dem Büro von Jochen gekommen waren.

„Ich nehme einen Kaffee..“

Er füllte eine Kaffeemaschine die auf einem kleinen Tisch stand mit Wasser und holte aus einem der Schränke eine Filtertüte und eine Kaffeedose heraus. Nachdem er fertig war stellte er die Kaffeemaschine an und sah dann zu mir.

„Entschuldige bitte aber es war vorhin zu viel für mich.“

„Du musst dich nicht entschuldigen. Ich verstehe dich und mir wird langsam klar, was du eigentlich durchgemacht hast.“

Ja verstehen war der erste Schritt in die richtige Richtung. Roy hatte alles verloren. Bennie, seine Eltern, seine Freunde und sich selbst. Er hatte gelernt sich hinter einer Maske zu verstecken und sich selber verleugnet.
Ich sah Roy in die Augen, dort sah ich unendliche Traurigkeit. Ich ging auf ihn zu und nahm ihn in meine Arme. Er ließ es geschehen, ohne sich zu wehren.
Wie lange wir dort standen kann ich nicht sagen, aber ich merkte, dass es Roy gut tat. Worte waren hier fehl am Platz, daher schwiegen wir beide und ich sah aus dem Fenster und sah die ersten Schneeflocken fallen.

*-*-*

Kay

Ich war im Krankenhaus angekommen und saß jetzt am Bett meines Sohnes der mich fragend ansah.

„Wo ist Roy?“

„Rob Mathilda ist bei ihm er musste zu seinem Chef. Es ist alles sehr kompliziert. Ich glaube es ist besser wenn Roy dir alles erzählt.“

„Ich verstehe überhaupt nichts. Ich dachte er wollte nichts mehr von mir wissen. Er hat sich nicht gemeldet.“

„Oh Junge glaub mir du wirst alles verstehen.“

Ich sah meinen Sohn an und musste feststellen, dass er kein kleiner Junge mehr war, sondern ein fast erwachsener Mann. Was hatte ich nur versäumt. Ich konnte die Jahre nicht zurückholen.
Rob sah mich direkt an, als ob er meine Gedanken gehört hatte.

„Paps lass uns nach vorne blicken. Ich hab dich so lieb.“

Ich nickte nur, zu mehr war ich nicht in der Lage.

„Rob ich weiß um dich und Roy…“

Robs Gesicht wurde blass und er sah mich ängstlich an.

„…und ich Liebe dich so wie du bist. Mathilda und ich möchten gerne das Roy zu dir zieht in unser Haus. Wenn du es denn auch willst?“

„Ich weiß nicht. Was ist wenn er mich gar nicht liebt?“

Nun war es doch Zeit, Rob Roys Geschichte zu erzählen und ich fing an diese zu erzählen.

*-*-*

Roy

Mathilda und ich waren schließlich am Krankenhaus angekommen. Nachdem wir bei mir zu Hause meine Sachen eingepackt hatten. Mathilda tat mir gut, wir hatten bei einer Tasse Kaffee dann über vieles gesprochen.
Über mein Leben und auch über Rob. Nun standen wir vor dem Krankenhaus und ich bekam es mit der Angst zu tun. Was wenn Rob mich nicht mehr wollte? Als ob Mathilda meine Angst spürte, nahm sie mich in die Arme und dann zog sie mich unaufhaltsam zum Eingang und kurz darauf standen wir vor einer Tür.
Mathilda klopfte kurz an diese und öffnete dann die Tür. Zuerst sah ich Robs Vater der auf einem Stuhl saß und mit jemanden sprach. Als die Tür weiter aufging, sah ich Rob der seinen Vater ansah und Tränen in den Augen hatte.
Mathilda schob mich dann in den Raum und dann stand ich vor dem Bett in dem Rob lag. Kay hatte aufgehört zu erzählen und war aufgestanden.

„Komm Mathilda lassen wir die beiden alleine. Ich brauche jetzt einen Kaffee.“

Ich stand immer noch vor dem Bett. Kay und Mathilda waren aus dem Zimmer verschwunden. Rob sah mich an.

„Willst du dich nicht zu mir setzen?“

Es waren die ersten Worte die ich von Rob nach einer gefühlten Ewigkeit vernahm. Langsam setzte ich mich in Bewegung und setzte mich auf den Stuhl, auf dem vorher Kay gesessen hatte.
Ich sah zu Boden nachdem ich mich gesetzt hatte. Ängstlich wartete ich ab.

„Roy?“

Ich hob vorsichtig meinen Kopf. Unsere Blicke trafen sich und ich sah in Robs Augen. Er sah mich an und seine Augen strahlten so viel Liebe aus.

„Rob es tut mir so Leid…“

„Nein Roy es tut mir leid. Ich war es der zweifelte…“

Verwundert schaute ich Rob an.

„Dad hat mir deine Geschichte erzählt. Es tut mir Leid wegen Bennie.“

„Oh…“, war alles was über meine Lippen kam.

„Setz dich bitte zu mir …“

Robs Hand klopfte dabei auf sein Bett. Ich stand langsam auf und setzte mich vorsichtig auf sein Bett. Seine Hand berührte die meine und als er sie hatte, drückte er sie fest.

„Roy, …ich liebe dich und ich danke dir das du mich gerettet hast. Ich war dumm und es tut mir Leid, dass ich an dir gezweifelt habe.“

Ich sah vorsichtig zu Rob. Wie magisch angezogen trafen sich kurz darauf unsere Lippen. Wie bei unserem ersten Kuss durchfuhr mich wieder bei der Berührung seiner Lippen ein Stromschlag der durch meinen ganzen Körper fuhr.
Es war unbeschreiblich. Wir brauchten keine Worte, soviel Liebe lag in der Berührung unserer Lippen. Langsam fast eine Ewigkeit später trennten sich unsere Lippen und wir sahen uns wortlos an.
Ich wusste, dass hier an diesem Bett in diesem Zimmer mein neues Leben begann. Ein Leben das ich nicht mehr alleine bezwingen musste und es machte mich stark. Als ob Rob die Veränderung fühlte, die in mir vorging, nahm er meine Hand.

„Wir werden es schaffen. Liebe heilt alles, glaube mir Roy!“

Ich beugte mich wieder zu Rob und unsere Lippen trafen sich zu einem weiteren Kuss.

*-*-*

Mathilda

Nun waren drei Wochen vergangen. Rob war seit zwei Tagen wieder zu Hause. Roy ging es von Tag zu Tag besser und man konnte zusehen wie er wieder ins Leben zurückkam. Kay hatte wahr gemacht was er versprochen hatte und arbeitete nicht mehr soviel.
Das Leben war auch zu Kay zurück gekommen. Unser Hochzeitstermin war auch schon geplant, im nächsten Jahr sollte es soweit sein und Rob freute sich darüber. Was ich allen drei noch verschwieg, war das ich seit der ersten Nacht mit Kay in anderen Umständen war.
Ich fühlte es sofort nach dieser Nacht, das etwas sich in mir verändert hatte. Es war wie immer mein siebenter Sinn. Ich war bei meiner Frauenärztin, die mir dann bestätigte, dass es so sei.
Roys Arbeitskollege, der der ihn damals in die Arme geschlossen hatte, ich wusste auch mittlerweile seinen Namen. Thomas war sein Name war auch da gewesen und hatte sich mit Roy lange unterhalten.
Nachdem Thomas gegangen war, strahlte Roy. Verwundert hatten wir Roy angesehen und als Roy uns erzählte das Thomas auch mit einem Mann zusammen lebte, da verstand ich Thomas Blick als er mich damals ansah, als er Roy in den Armen hielt.

„Mathi kommst du? Wir wollen los…“

Rob holte mich abrupt aus meinen Gedanke.

„Stimmt wir wollten ja zum Grab von Bennie das hätte ich beinahe vergessen!“

*-*-*

Roy

Nun stand ich vor dem Grab von Bennie. Es war ein kleines Grab. Ein Holzkreuz stand auf diesem auf dem sein Name stand. Das war alles was an Bennie erinnerte und es tat weh.
Vor mir verschwand erst das Kreuz mit seinem Namen, dann sein Grab, dann verschwand alles um mich herum.

*-*-*

Roys Erinnerung Teil 6

Ich hörte Bennies Lachen und dann stand er vor mir.

„Roy wie habe ich dich vermisst?“

„Ich Dich auch Bennie…“, liebevoll sah ich Bennie an.

Bennie nahm meine Hand und zog mich hinter sich her.

„Wo willst du denn mit mir hin?“

„Das ist ein Geheimnis Roy, warte es ab.“

Kurz darauf stand ich mit Bennie an unserer Bank im Park. Dort wo wir uns das erste Mal getroffen und kennen gelernt hatten. Was ich für Bennie fühlte, hatte ich aus Angst, dass er sich von mir angeekelt abwendet, nicht erzählt. Was ich aber auf der Bank sah, verschlug mir den Atem. Auf der Bank lag ein Umschlag und ein Schokoladenherz lag auf diesem.

„Was ist das? Was ist in dem Briefumschlag?“

Etwas ängstlich hörte ich Bennies Stimme.

„Lies den Brief er ist von mir an dich!“

Vorsichtig schob ich das Schokoladenherz zur Seite und nahm den Briefumschlag. Ich öffnete diesen und nahm den Brief heraus. Ich faltete diesen auseinander und las die Zeilen. Mit jedem Wort das ich las, klopfte mein Herz schneller. Als ich zu Ende gelesen hatte, traten mir Tränen in die Augen.

„Ist das wahr Bennie?“

„Jedes Wort ist wahr ich Liebe dich.“

Ich fühlte zwei Arme die mich umfingen und mich an seinen Körper zogen. Dann berührten mich zwei Lippen ganz vorsichtig und zärtlich. Wie eine Feder strich seine Zunge über meine Lippen. Diesen Augenblick hielt ich in meinen Gedanken fest.

„Bennie…“

„Ja?“

„Ich Liebe dich auch. Ich hatte Angst wenn ich es dir sage, dann würdest du wegrennen..“

„Genauso ging es mir. Ich hatte vor diesem Moment Angst und jetzt bin ich glücklich das du genauso fühlst wie ich.“

Bennies Augen sahen dabei in die meinen und ich sah das Glück darin. Bennie lachte mich an und ich wusste in diesem Augenblick, nichts war mehr wie vorher. Wir hatten endlich den letzten Stein unserer Mauer abgerissen und mir tat sich eine Welt auf, in der ich die Liebe die ich für Bennie empfand, ihm zeigen und fühlen lassen konnte.
Diesen einen Augenblick hatte ich tief in mir versteckt. Wollte diesen nie verlieren, die Erinnerung an unseren ersten Kuss und an unser Eingeständnis das wir füreinander mehr empfanden als nur Freundschaft.
Ich sah in meinen Erinnerungen Bennie, wie er ausgelassen über den Rasen des Parks rannte und mich dabei ansah. Sah wie seine Haare sich im Wind bewegten, sah seine braune Augen die so lustig funkelten wenn er mir etwas wichtiges erzählte. Ich sah uns beide wie wir dort im Winter einen Schneemann bauten. Ich sah uns im Sommer wie wir auf der Wiese saßen und gemeinsam zum Sternenhimmel aufsahen. Jeden kleinsten Moment den ich mit Bennie erlebte, erlebte ich wieder.

*-*-*

Roy

Eine Hand berührte meine Hand und drückte sie zärtlich. Ich sah zu Rob und in seinem Blick sah ich Liebe, Traurigkeit und das wissen was in mir gerade vorging. Mathilda und Kay standen etwas abseits und sahen zu uns. Ich löste meinen Blick von Rob und sah wieder zu dem kleinen Kreuz.

„Das ist alles was an Bennie noch erinnert.“

„Ich weiß Roy, aber du hast viele Erinnerungen von ihm. Die bleiben und Roy erinnere dich an die schönen Momente mit ihm. Ich glaube das hätte er gewollt.“

Ich löste mich von Rob und kniete mich vor dem kleinen Grab hin und legte drei Rosen auf dieses. Danach nahm ich Robs Hand und wir gingen auf Mathilda und Kay zu. Ohne ein Wort zu sprechen machten wir uns zu viert auf um Weihnachten zu feiern. Mein erstes Weihnachtsfest, das ich nicht alleine feierte.
Ich sah mich noch einmal kurz um und da sah ich Bennie wie er dort an seinem Grab stand und mir nachwinkte. Ich blieb kurz stehen und sah zu ihm. Plötzlich kam Wind auf und es fing an zu schneien. Mit dem Wind und dem Schnee verschwand Bennies Gestalt, wie Rauch löste er sich auf. Was blieb war sein Grab mit dem kleinen Kreuz.
Langsam drehte ich mich wieder um und ich wusste, Bennie geht es gut dort wo auch immer er ist. Ich hatte mein Erinnerungen und Bennies Tagebuch, all das erinnerte mich an ihm und ich wusste, irgendwann würde ich ihn wieder sehen. Irgendwann.
Aber jetzt fing mein zweites Leben an, an der Seite von Rob und ich sah in eine Zukunft, die mir gefiel. Lächelnd sah ich Rob von der Seite an und ich wusste ich war endlich zu Hause angekommen.

*-* Ende *-

Continue reading..

Information Eine Träne für dich
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:32 AM - No Replies

Der Zug bremste und ich lief durch den wackelnden Flur Richtung Ausgang. Livington. Hier war ich geboren. Häuser, die ich nicht kannte, wanderten an meinem Blickfeld vorbei. Der Zug kam nun endlich zum Stehen.
Der Polizist brachte mich zum Zug… freundlich winkte er mir zu und wünschte mir Glück.
Ich griff nach meiner Kette und spielte mit dem Anhänger. Das Amulett meiner Mutter. Ein Bediensteter öffnete von außen die Tür.
„Danke“, meinte ich, stieg aus und verdrängte die Erinnerung.
„Soll ich ihren Koffer nehmen?“
„Gerne“, meinte ich und reichte ihm mein Gepäck.
Ich sah mich kurz um. Nichts hatte sich an dem alten Bahnhof geändert. Vielleicht ein neuer Anstrich. Es sah fast genauso aus, wie vor dreißig Jahren, als ich den Zug bestieg.
„Kommen sie?“, fragte der Mann.
Ich schreckte aus meinen Gedanken heraus.
„Ja, sicher“, antwortete ich
„Da sie der einzige junge Herr sind, der aus dem Zug steigt, darf ich wohl annehmen, dass sie Mr. Summers sind.“
Ich war erstaunt.
„Ja… aber woher…“
„Die Agentur hat ihr Kommen gemeldet. Der Wagen, den sie bestellt haben, steht vor dem Bahnhof bereit.“
Ich lächelte und bedankte mich. Ich folgte dem Mann durch den kleinen Empfang hinaus auf die andere Seite. Er führte mich zu einem Z3 Cabriolet und öffnete den Kofferraum. Er legte den Koffer hinein und schloss die Klappe wieder.
Ich gab ihm ein Trinkgeld und er verschwand wieder im Bahnhofsgebäude. Ich warf meine Tasche auf den Rücksitz und stieg ein. Ein Blick nach vorne verriet mir meine eigene Dummheit.
Ich war in England, hier wurde links gefahren. Grinsend stieg ich aus und wechselte die Seite, um auf der Fahrerseite des Wagens einzusteigen. Ich startete den Motor und fuhr aus der Parklücke.
Sarah erwartete mich erst am Mittag. Dass ich einen früheren Flug aus den Staaten erwischt hatte, wusste sie nicht. So verließ ich auf der Hauptstraße den kleinen Ort Livington. Ich genoss die Natur um mich herum.
Die weiten Wiesen, die nur durch Natursteinmauern unterbrochen waren. Ich musste mich etwas zusammenreißen, um nicht auf die rechte Straßenseite abzukommen. Nach mehreren Ortschaften kam ich an einem Anwesen vorbei.
Gut, ich hatte mich verfahren, ich sah es ein. Ich bog zu dem Anwesen ein und rollte langsam über den nicht befestigten Weg. Kurz vor der Einfahrt des Anwesens sah ich einen Typen in meinem Alter.
Ich ließ den Wagen ausrollen und der Motor erstarb. Der Mann schaute auf, als ich ausstieg.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte er mit angenehmer Stimme.
„Wenn sie sich hier auskennen, ja“, antwortete ich und kratzte mich am Hinterkopf, „ich glaube, ich habe mich verfahren. Ich weiß nicht, wo ich hier bin.
„In England“, meinte der Typ und grinste frech.
„Soviel weiß ich auch“, erwiderte ich.
„Sie sind aus den Staaten… stimmts?“
„Ja…, aber woher wissen sie?“
„Weil sie auf der rechten Seite fahren.“
Ich schaute zum Wagen. Stimmt, ich stand auf der rechten Seite.
„Das hier ist Gordon Folk. Wo wollen sie denn hin?“, meinte der Typ und strich sich seine braunen welligen Haare aus dem Gesicht.
Ich schaute zu dem großen Haus. Das war also Gordon Folk, das Objekt meiner Begierde. Was für ein Zufall.
„Graves Point…“
„Dann fahren sie diese Straße circa 2 Meilen weiter und biegen dann nach rechts ab.“
„Danke…“, meinte ich, „… sie arbeiten hier?“
Der Typ lachte. Ein schönes Lachen, ein ansteckendes Lachen.
„Nein“, begann er, „ich helfe der alten Dame des Anwesens ab und zu ein paar Groschen zu sparen. Sie würde nie einen Handwerker durch diese Tore lassen.“
„Jetzt kann ja jeder ungehindert durchlaufen“, meinte ich und zeigte auf das Torteil, das auf dem Rasen lag, wo der Typ vor mir gerade daran gestrichen hatte.
Er grinste wieder und ich verlor mich kurz in seinen grünen Augen, bevor ich mich eines Besseren besann.
„Noch mal, danke“, meinte ich und ging wieder zurück zum Wagen.
Ich startete den BMW und drehte. Ein kurzes Lächeln und ich fuhr wieder zurück zur Landstraße. Ich folgte den Anweisungen des Typen und fand tatsächlich Graves Point. Ich durchquerte die Ortschaft.
Ziemlich am Ende kam ein kleines Schild >Sarah Holden< am Straßenrand. Ich bog links in den Feldweg und durchquerte einen kleinen Wald. Vor mir erschien ein kleines Cottage. Wieder ließ ich den Wagen ausrollen und stoppte kurz vor dem Gebäude.
Ein leises Hämmern machte mich neugierig. Ich folgte dem Geräusch. Als ich das Haus fast umrundet hatte, fand ich einen kleinen Schuppen. Ich klopfte an die Tür, aber es kam keine Antwort.
Ich zog an dem Seil und öffnete die Schuppentür. Als ich meinen Kopf hineinstreckte, sah ich Sarah, wie sie gerade an einer Skulptur arbeitete.
„Sarah?“, sagte ich leise, um sie nicht all zu sehr zu erschrecken.
Sie wirbelte herum.
„David…, ich habe dich erst am Mittag erwartet“, meinte sie und stürmte auf mich zu.
Sie fiel mir um den Hals und umarmte mich fest. Sarah und mich verband eine tiefe Freundschaft. Als damals meine Mutter starb und ich ins Waisenhaus verfrachtet wurde, war Sarah da, um mich aufzufangen.
Drei Jahre waren wir unzertrennlich, bis wir getrennt wurden. Ein reiches Ehepaar aus den Staaten adoptierte mich.
„Ich habe einen Flug früher genommen.“
Sie drückte mich von sich weg und musterte mich.
„Du siehst so fabelhaft aus. Und sowas bleibt der Frauenwelt vergönnt!“
„Danke“, meinte ich verlegen.
Sie schaute an mir vorbei.
„Bist du alleine gekommen?“.
„Ja…“, meinte ich und senkte den Blick.
„Oh…“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wie machst du das? Verjagst du alle Männer?“
„Sie gehen irgendwann alle von alleine…“, meinte ich etwas betrübt.
„Egal. Ich freue mich, dass du es endlich gepackt hast, in deine alte Heimat zu kommen.“
„Lang genug hat es gedauert… ich weiß.“
Mir fielen Bilder an der Wand auf. Mit Kohlestift gemalt. Ich ging darauf zu und betrachtete sie. Ich sah ein Zimmer mit vielen Betten.
„Denkst du ab und zu daran?“, meinte Sarah und umarmte mich von hinten.
„Jeden Tag… sowas kann man nicht vergessen.“
>Schrubbend auf dem Boden kniend spürte ich die Oberin im Nacken. Ich war ihr ein Dorn im Auge. Sie mochte mich nicht, weil ich auch so viel mit Sarah zusammen war.<
„Komm, lass uns einen Tee trinken“, meinte Sarah und riss mich aus den Gedanken.
„Ein guter Freund gibt morgen Abend eine Geburtstagsparty für mich und du gehst mit“, meinte Sarah, während sie mit eine Tasse voll schenkte.
„Ähm… du hast doch gar keinen Geburtstag“, sagte ich.
„Psst… verrate es nicht“, entgegnete Sarah und lachte fröhlich.
Ich schüttelte den Kopf, sie hatte sich nicht verändert. All die Jahre war unser Kontakt nicht abgebrochen und irgendwie hatte sie es geschafft, mich hier her zu locken, an den Ort, wo ich nie wieder hinwollte.
*-*-*
Der Tisch lag voller Geschenke und der Raum war voller Leute. Das Haus des Freundes gefiel mir. Er war stilvoll, aber schlicht eingerichtet.
„Hallo Lucas, darf ich dir David Summers vorstellen, meinen Freund aus den Staaten“, hörte ich Sarah rufen.
Ich drehte mich um und sah in die gleichen Augen wie am Vormittag. Nur stand da nicht der Typ in verwaschener Janes und farbverschmierten Hemd, sondern ein elegant gekleideter Mann im Anzug.
„Der Mann mit dem Hotelimperium?“, meinte dieser Lucas und reichte mir die Hand.
„Ihre Queen hat ein Imperium, ich vermiete nur Betten an Leute“, erwiderte ich und schüttelte seine Hand.
Er hatte das gleiche Lächeln wie am Vormittag auf den Lippen. Wieder verlor ich mich in den Augen, bis Sarah mich von der Seite anstieß und mir ein Sektglas reichte.
„Auf uns“, meinte Sarah und stieß mit mir an.
Später saßen wir auf Lucas’ Terrasse und schauten dem Sonnenuntergang zu.
„Und sie sind Architekt?“, fragte ich.
„Schuldig im Sinne der Anklage“, meinte Lucas und nippte an seinem Whisky.
„So, die Letzten sind gegangen“, hörte ich Sarah sagen.
Sie stand angelehnt an der Terrassentür. Ihr Gesicht war bleich und fahl.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Lucas.
Mit dieser Frage war er schneller.
„Ja…“, meinte Sarah und lief langsam zum nächsten Stuhl.
Ich sprang auf und half ihr, als ich bemerkte, wie sie schwankte.
„Soll ich einen Arzt rufen?“, fragte Lucas besorgt.
Sarah ließ sich auf einen Stuhl sinken und schüttelte den Kopf.
„Das bringt nichts…“, sagte Sarah leise.
„Aber dir ist nicht gut“, versuchte ich sie zu überzeugen.
„Das machen die Tabletten.“
„Welche Tabletten?“, fragte ich.
„Gegen den Krebs… nur so kann ich die Schmerzen ertragen.“
*-*-*
Lucas stand neben mir, als der Pfarrer die letzten Worte sprach. Ich legte eine Rose auf den Sarg und ging. Lucas folgte mir.
„Warum hat sie denn niemandem etwas davon erzählt?“, fragte ich traurig.
„Sie wollte das Mitleid der Leute nicht…“
Ich blieb an einem Baum stehen und atmete tief durch.
„Sie hatte eine schwere Kindheit… sie war immer so offen und nun… Geburtstagsparty… es war ihre Abschiedsparty“, meinte ich sarkastisch und wischte mir die Tränen aus den Augen.
Ich spürte Lucas Hand auf meiner Schulter.
„He… sie ist bei ihren Freunden gestorben und so hat sie es sich gewünscht.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Es ging alles so schnell…, sie hatte es gewusst und nichts gesagt…“
„Was hast du jetzt vor?“
Ich schaute auf.
„Ich wollte eigentlich gar nicht kommen…, Sarah hat mich so bekniet. Und jetzt… jetzt möchte ich nicht mehr weg von hier. Sie hat mir alles hinterlassen… es gehört mir.“
„Sarah hat erzählt, du bist hier geboren?“
Ich nickte.
„Aber recht früh nach Amerika gegangen.“
„Willst du in dem alten Cottage von Sarah wohnen, oder im Hotel bleiben?“
Ich sah ihn an.
„Du könntest bei mir wohnen… du weißt, ich habe eine Menge Platz…“, sagte Lucas leise.
„Ich weiß nicht…“
„Ich würde mich freuen… Du hättest auch dein eigenes Reich…“
Ich nickte und er klopfte mir freundschaftlich auf die Schultern.
„Danke.“
„Und noch mal die Frage, was hast du jetzt vor?“
„Gordon Folk kaufen und es wieder herrichten und du hilfst mir dabei.“
„Gordon Folk ist nicht zu verkaufen.“
„Du willst dich nur drücken.“
„Ich scheue keine Arbeit, aber Gordon Folk ist wirklich nicht zu verkaufen. Die alte Dame trennt sich schon ungern von jedem Groschen. An diesem Grundstück und Haus hängt ihr ganzes Herz.“
Ich schaute mich um.
„Was suchst du?“
„Den Grabstein meiner Mutter“, antwortete ich.
„Sie liegt hier?“
„Ich weiß es nicht!“
In den nächsten Tagen durchforstete ich mit Lucas Sarahs Haus, das sie mir vermacht hatte. Ich packte ein, was mir gehörte und verschloss das Haus. Die Kohlestiftbilder von Sarah hatte ich unter dem Arm.
*-*-*
„David, ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht hierher kommen. Wenn dich Mrs. Amsmus entdeckt, kriege ich Ärger.“ „Mr. Hampton meinte, wenn du nicht bezahlst, brauche ich nicht mehr kommen“ Sie zog ihr Amulette aus und legte es in meine Hand. „Gib das Mr. Hampton, ich zahle nächste Woche. Und nun geh, bevor Mrs. Amsmus kommt.“ Doch es war zu spät. Mrs. Amsmus machte einen ihrer zahlreichen Kontrollgänge. „Schnell, versteck dich da hinter den Kisten und komm erst wieder raus, wenn ich es sage.“ Ohne ein Wort zu sagen, versteckte ich mich hinter den Kisten. Meine Mutter nähte weiter und begann zu husten, als Mrs. Amsmus neben ihr stehen blieb. „Jane, du musst schneller werden, sonst kann ich dich hier nicht mehr lange beschäftigen!“ „Mrs. Amsmus, ich werde schneller.“ Das sagst du jedes Mal.“ Die Frau lief weiter und meine Mutter fing an zu husten. Sie nahm ein Taschentuch vor den Mund, doch der Husten wollte nicht besser werden. Sie stand langsam auf und beugte sich etwas vor. Der Husten hörte nicht auf. Bis meine Mutter zu Boden fiel und sich nicht mehr bewegte.
Ich schreckte aus dem Schlaf heraus. Jede Nacht die selben Bilder. Es blitze und donnerte. Draußen konnte ich Pferde hören. Ich sprang aus dem Bett und lief zum Fenster. Draußen versuchte Lucas, seinen zwei Pferden Herr zu werden.
Ich schlüpfte in meine Turnschuhe, zog meine Jacke über und lief nach draußen. Heftig trieb es mir den Regen ins Gesicht.
„Kann ich dir helfen?“, rief ich.
„Ich muss die zwei in den Stall bringen“, hörte ich Lucas.
Ich schnappte mir ein Seil und betrat das Gatter. Wenig später standen beide in ihren Boxen.
„Sie ist ein schönes Pferd“, meinte ich und streichelte ihr über die Nüstern, „ sie wird sicherlich ein ebenso schönes Fohlen zur Welt bringen.“
Ich drehte mich zu Lucas, der hinter mir stand.
„Du siehst auch gut aus“, meinte Lucas und lächelte.
Ich starrte ihn mit großen Augen an.
„Sarah hat mir viel… von dir erzählt… auch dass du…“
„… dasd ich schwul bin“, beendete ich den begonnen Satz.
Lucas nickte und sein Grinsen wurde zu einem Lächeln. Sein Gesicht näherte sich langsam und wenige Sekunden später spürte ich seine Lippen auf meinen. Ich war nicht fähig, ihn in die Arme zu nehmen, ich war stocksteif vor Kälte.
„Du frierst ja“, meinte er.
Ich öffnete die Jacke und er sah, dass ich darunter nur meine Schlafhorts und ein Tshirt anhatte.
„Kein Wunder. Komm, lass uns ins Haus gehen!“
Durchnässt folgte ich ihm ins Haus. Er warf mir ein Handtuch zu, während ich mich meiner nassen Turnschuhe entledigte. Als ich die Jacke an die Gardarobe hing, stand Lucas plötzlich hinter mir.
Er tupfte über mein tropfendes Gesicht und seine Augen funkelten im Schein des Kamins. Langsam zog er mich an sich und unsere Lippen trafen sich erneut.
*-*-*
Ich ließ Honig auf mein Brötchen fließen, während Lucas an seinem Kaffee nippte.
„Im Generel Register Office sind alle Sterbefälle genau registriert…“, hörte ich ihn sagen.
„Bitte?“, fragte ich noch im Gedanken.
„Du suchst doch deine Mutter… im Generel Register Office sind alle Sterbefälle der letzten, was weiß ich wie viel Jahre aufgenommen.“
„Dann werde ich da mal heute Morgen vorbei schauen.“
„Und ich werde mal vorsichtig bei Lady Folder vorfühlen und sie auf ein weiteres Kaufgebot vorbereiten.“
„Ich dachte, sie verkauft nicht.“
„Bisher hat sie jedes Angebot abgelehnt.“
„Zu wenig Geld?“
„Am Geld lag es bestimmt nicht…“
Zwei Stunden später fuhr ich auf den Parkplatz des Generel Register Office. Ich lief die schwungvolle Treppe zur großen Tür hinauf und betrat das Haus. Hinter einer aus dunklem Holz gefertigten Theke, saß ein Mann.
Er war am telefonieren und beachtete mich erst gar nicht. Artig stand ich da, bis er den Hörer auflegte.
„Sie wünschen?“, fragte er, ohne aufzublicken.
„Ich suche nach meiner verstorbenen Mutter…“
„Name?“
„Also … ich weiß nur den Vornamen… Jane.“
Nun schaute der Mann interessiert hoch.
„Ich war erst vier Jahre alt, als ich von meiner Mutter getrennt wurde. Mit sieben wurde ich von einer amerikanischen Familie adoptiert… ich kann mich nicht an den Nachnamen erinnern.“
„Ohne Namen kann ich ihnen nicht weiterhelfen.“
Was sollte ich denn jetzt tun?
„Wissen sie, wo ihre Mutter gestorben ist?“
„Ja… in meinem Geburtsort… Livington…“
„Dann sollten sie dort in den Kirchenbüchern schauen, ihre Geburt müsste registriert sein. Oder bei der örtlichen Polizei, dort müsste ihre Mutter ja gemeldet gewesen sein, denn so viele Jane’s, wird es ja nicht gegeben haben.“
„Ich danke ihnen!“
„Nichts zu danken.“
Also fuhr ich die ganze Strecke zurück direkt zur Polizei. Ein weiblicher Officer verließ gerade das Haus.
„Hallo. Können sie mir sagen, ob der Chief zu sprechen ist?“, fragte ich höflich.
„Steht vor ihnen.“
„Oh… Verzeihung… sie sind so… jung.“
„Das höre ich öfter.“
So erzählte ich ihr meine Geschichte in Kurzfassung. Sie hörte geduldig zu.
„Ich wollte fragen, ob der Polizist, der mich zu der Zeit zum Zug brachte, noch im Dienst ist.“
„Das kann eigentlich nur der alte Freddy sein. Nein, er ist seit 4 Jahren in Pension und…“
„Können sie mir seine Adresse geben?“
„Ja, klar.“
Wenig später saß ich wieder im Wagen und fuhr zum Ort hinaus. Es dauerte etwas, bis ich das kleine Anwesen am Ortsrand erreichte. Vor mir tat sich das weite Land auf. Saftige Wiesen, unterbrochen von einzelnen Baumgruppen.
Auf einer Koppel mit Schafen sah ich einen Mann im Rollstuhl sitzen. Eine Frau trat aus dem Haus und kam auf mich zu. Ich erzählte ihr mein Anliegen.
„Ich weiß nicht, ob ihnen mein Mann weiterhelfen kann… Seit er vor zwei Jahren den Schlaganfall hatte… ist er nicht mehr derselbe.“
Etwas entmutigt betrat ich die Koppel, bis ich >Freddy< auf seinem Rollstuhl erreichte.
„Morgen, Sir.“
„Morgen mein Junge. Sind das nicht prächtige Tiere?“, fragte er und schaute mich kurz an.
Ich nickte und ging neben ihm in die Hocke.
„Sir, ich weiß nicht ob sie mir weiterhelfen können. So vor ungefähr dreißig Jahren, haben sie einen kleinen Jungen zum Bahnhof gebracht…, das war ich. Meine Mutter war gestorben und ich im Waisenhaus. Wissen sie vielleicht noch etwas über meine Mutter?“
Er schaute mich lange an.
„Gold… die Haare so golden…“, sinnierte er.
Dann wanderten seine Augen wieder zu den Schafen.
„Sie brauchen viel Auslauf“, sprach er dann weiter, als wäre ich nicht mehr anwesend.
Enttäuscht ging ich zurück zum Haus, wo mich die Ehefrau schon erwartete.
„Eine Tasse Tee?“, fragte sie.
Ich nickte.
Wenig später saßen wir vor dem Haus an einem kleinen Tisch.
„Ich kann mich noch etwas daran erinnern, dass Freddy damals noch mal in den Ort gerufen wurde“, erklärte dessen Frau, „er hat sie zum Bahnhof gebracht, aber wie ihre Mutter hieß, daran kann ich mich nicht erinnern.“
Völlig entmutigt trank ich meinen Tee.
„Sie sollten es vielleicht bei Pastor Duke probieren. Er war damals dabei, er müsste eigentlich alles noch wissen.“
„Lebt er noch hier?“
„Er ist sogar noch im Amt.“
Wenig später fuhr ich vor der anglikanischen Kirche vor. Die Tür stand offen. Ich betrat die Kirche und fand den Pastor auf einer Leiter vor. Er schien wohl gerade eine Birne in einer Lampe auszutauschen.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte er von der Leiter herab.
Eine Frau, die am Altar sauber machte, drehte sich zu uns um. Wieder erzählte ich meine Geschichte und mir blieb nicht verborgen, dass sich das Gesicht des Pastors verfinsterte.
„Da kann ich ihnen nicht weiter helfen…“
„Aber…“
„Das ist viel zu lange her, als dass ich mich erinnern kann… sie müssen mich entschuldigen…, aber ich habe noch Einiges zu tun.“
Die Frau hinter dem Pastor schaute mich traurig an.
„Danke… für ihre Zeit“, meinte ich und verließ das Gotteshaus.
Warum war er jetzt so feindselig? Mein Handy klingelte. Ich zog es aus der Jacke.
„Ja?“
„Hallo David, hier ist Lucas, wo bist du gerade?“
„In Livington, wieso?“
„Könntest du nach Gordon Folk herauskommen? Die alte Lady will sich deinen Vorschlag anhören.“
„Kein Problem.“
„Und wie verläuft deine Suche?“
„Später… ich bin in einer viertel Stunde ungefähr bei dir.“
„Okay… bye!
„Bye.“
Ich fuhr noch schnell zu Lucas’ Anwesen, um meine Unterlagen zu holen. Wie versprochen traf ich eine viertel Stunde später in Gordon Folk ein. Ich fuhr die große Auffahrt hinauf. Das Gebäude war sehr imposant.
Es wirkte viel größer, als auf den Bildern, die mir Sarah hatte zukommen lassen. Wenig später traf ich mit Lucas und Lady Folder zusammen. Anhand meiner Unterlagen unterbreitete ich ihr meine Pläne und mein Kaufgebot.
Sie selbst hatte irgendwann mal begonnen zu renovieren. Doch es war alles mit großen Kosten verbunden. So standen in jedem Zimmer vereinzelt Gerüste. Alles in allem war es eine riesige Baustelle.
„Und sie wollen wirklich alles restaurieren… die bisherigen Angebote waren mit Baggern und Abriss verbunden. Sie sehen, ich habe mich selbst probiert… aber das liebe Geld.“
Ich nickte.
„Das wird teuer!“
„Das weiß ich, aber das Haus ist es wert, es zu erhalten.“
„Stimmt und ein Hotel im Ort, das würde der Infrastruktur der Gegend gut tun“, mischte sich Lucas ein.
„Okay… sie bekommen es, aber ich werde von Zeit zu Zeit schauen, ob sie sich auch an alles halten, was sie mir da eben versprochen haben.“
„Kein Problem.“
Lucas lief mit mir durch den Garten des Anwesens.
„Und wann könntest du anfangen?“, fragte ich.
„Sobald ich die Pläne durch habe, also nächste Woche.“
„Gut, dann kann ich ja schon mal das Geld anfordern.“
„Und, wie war deine Suche.“
Ach so, die Suche. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.
„Nach deinem Gesicht zu urteilen… erfolglos.“
„Ja… ich weiß ja nicht mal ihren Nachnamen und niemand scheint sich so recht an sie zu erinnern.“
„Irgendetwas werden wir schon finden.“
Ich zuckte mit den Schultern und lief weiter den Weg entlang.
*-*-*
Zwei Wochen später hing ich bereits über den Plänen. Der Stuckateur hatte zwei Wände des großen Kaminzimmers fertig, als ihm eine kleine Unebenheit in der Wand auffiel. Bei näherer Untersuchung stellte man fest, dass das Mauerwerk der dritten Wand im oberen Teil zur Decke hin komplett ausgetauscht werden musste.
So saß ich nun über den Plänen, wie man es umgehen konnte, Teile der neuen Wände mit zu beschädigen. Ich spürte ein leichtes Tippen auf meiner Schulter.
„David?“, hörte ich Lucas Stimme.
Ich drehte mich um.
„Die Frau des Pastors hat dies gerade für dich abgegeben“, meinte er und reichte mir einen Umschlag.
„Kannst du mir weiterhelfen?“
„Bei was?“
„Die dritte Wand muss fast vollständig ersetzt werden und das geht nicht, ohne die rechte Seite zu beschädigen.“
Ich zeigte auf die Wand und Lucas verstand, was ich meinte.
„Was liegt hinter dieser Wand?“, fragte Lucas.
„Das Esszimmer…“
„Wie wäre es mit einem Durchbruch und später einer Verbindungstür? Da könnte man den Teil stehen lassen und bräuchte das bereits restaurierte nicht angreifen.“
Ich schaute auf die Pläne und fand, dass dies gar keine so schlechte Idee war.
„Ob das die Decke trägt?“, fragte ich besorgt und öffnete nebenbei den Umschlag, den mir Lucas gegeben hatte.
„Wir ziehen einen Querträger ein und schon ist genug Stabilität gegeben.“
Ich zog ein Blatt aus dem Umschlag und faltete es auf.
>Ihre Mutter heißt Jane Gold<
Ich ließ das Blatt sinken und schaute zu Lucas.
„Die Frau vom Pastor hat dir das gegeben?“
Lucas nickte.
„Das meinte der alte Freddy mit Gold, er konnte sich an den Namen noch erinnern… ich hatte es nur nicht verstanden.“
„Was wirst du jetzt tun?“
„Nach London fahren zum Generel Register Office.“
David legte sanft seine Hand auf meine Wange und wischte mir eine Träne weg. Ob ich nun endlich das Grab finden würde? Am Mittag war ich bereits unterwegs nach London, denn ich wollte mir Gewissheit verschaffen.
Dort angekommen, saß der gleiche Mann wie vor Wochen hinter der Theke.
„Haben sie den Namen?“
„Ja, Jane Gold.“
„Dann kommen sie mal mit“, meinte er und erhob sich.
Ich folgte ihm durch ein Wirrwarr von Gängen voll mit Regalen.
„1970 sagten sie?“
„Ja, so ungefähr“, meinte ich.
„Hier… Livington 1950 bis 1980.“
„Danke!“, meinte ich und der Mann ließ mich alleine.
Ich zog das nahe liegendste Buch heraus, das mit der Aufschrift 1970. Ich begann darin zu blättern und suchte nach dem Namen Gold. Nach einer halben Stunde rieb ich mir die Augen und schloss das Buch.
Kein Eintrag. So nahm ich mir das nächste Buch vor. Und so ging es weiter und weiter. Nach etwa zwei Stunden kam der Mann zurück.
„Und, etwas gefunden?“
Ich schüttelte den Kopf und rieb mir erschöpft über das Gesicht.
„Dann muss sie noch leben.“
„Bitte?“
„Sie muss leben, denn alle Sterbefälle werden genau registriert.“
„Und im Ausland…“
„Sie kennen die penible Gerichtsbarkeit der Engländer anscheinend nicht, auch dies wäre hier vermerkt.“
„Sie lebt…?“
Der Mann nickte.
*-*-*
Ich saß mit einem Glas Rotwein vor dem Kamin, starrte ins Feuer und immer wieder tauchte das Wort WARUM auf.
„Wirst du sie aufsuchen?“, hörte ich Lucas leise fragen.
Ich schaute auf. Er stand am Tisch und hatte den Zettel mit Mutters Adresse in der Hand.
„Warum sollte ich…?“
„Du hast nach ihr gesucht.“
„Da dachte ich auch, sie wäre tot.“
„Und was ändert das jetzt? Sie lebt…, freu dich doch!“
„Wie kann ich mich da freuen?“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Warum hat sie mich hergegeben… warum?“
„Sie wird schon ihre Gründe gehabt haben.“
„Gründe?“, ich lachte kurz sarkastisch auf, „sie wollte mich nicht haben.“
Ich trank den Rotwein mit einem Zug hinunter und schenkte mir nach.
„Das weißt du doch nicht…“, kam es von Lucas.
„Sie hatte dreißig Jahre Zeit, mich zu finden und was war? Nichts!“
„Du kannst doch nicht einfach deine Mutter verurteilen… solange du nicht ihre Geschichte gehört hast.“
„Die kenne ich bestimmt schon“, meinte ich und trank wieder einen kräftigen Schluck Wein.
„Fehlt dir das Vertrauen… etwas Vertrauen in deine Mutter?“
„Ich habe schon lange mein Vertrauen in die Menschheit verloren. Jeder ist sich nur selbst der Wichtigste, egal was andere tun.“
Ich goss mir Rotwein nach, während ich Lucas’ fassungslosen Blick registrierte.
„Ist das wirklich deine Meinung?“
„Weißt du… als mich meine Eltern adoptierten, war die Welt noch heil. Vier Jahre danach bekam meine Adoptivmutter ein eigenes Kind. Von dem Augenblick wurde ich immer uninteressanter und schließlich wurde ich ganz abgeschoben… auf ein Internat. Da ist nicht mehr viel mit Vertrauen…“
„Machst du es dir nicht etwas zu leicht? Wenn es schwierig wird, umdrehen und wegdrehen… die Schuld haben die anderen!“
Darauf konnte ich nichts antworten.
„Hör auf, vor dir selbst wegzurennen, du bist das Problem, nicht die Anderen. Ich habe mir auch geschworen, nach meiner letzten Beziehung, niemals mehr einen Freund zu haben. Aber ich merkte schnell, ich gehe daran ein. Doch wenn du so denkst, dann lass ich es lieber, bevor ich daran kaputt gehe.“
Ich stand fassungslos da und Lucas machte kehrt.
„Okay… dann mal gute Nacht“, meinte Lucas und verließ das Kaminzimmer.
Ich schaute ihm traurig hinterher. Keine Umarmung… kein Kuss. Zornig feuerte ich das Glas in den Kamin, stützte mich auf den Sessel und versuchte, die Tränen zurückzudrängen, die mir in die Augen schossen.
Ich saß am nächsten Morgen in meinem Wagen. Lucas hatte ich beim Frühstück nicht angetroffen, er hatte schon zeitig das Haus verlassen. Mir war eh nicht nach Reden zumute. Schon zwei Ortschaften hatte ich durchquert, die nächste sollte es sein.
Hampire. Wie Livington eine weitere kleinere Ortschaft. Ich fragte mich nach der angegebenen Adresse durch, bis ich vor einem kleinen alten Haus stand. Ich drehte den Zündschlüssel und der Motor erstarb.
Langsam öffnete ich meine Wagentür und stieg aus. Wieder schaute ich auf den Zettel, um mich zu vergewissern, dass die Adresse stimmte. Ich schloss den Wagen und betrat die kleine Treppe, die durch den nett angelegten Vorgarten führte.
Ich stand vor der dunklen Haustür und hob langsam die Hand. Noch einmal tief durchatmen und ich klopfte an. Ich wartete, hörte aber von drinnen keinen Laut. Die Tür blieb verschlossen. Ich klopfte noch einmal, aber ohne Reaktion.
Ich ging zwei Schritte zurück und schaute mich um. Ich hörte neben dem Haus ein Geräusch und folgte diesem. Eine Seitentür stand offen und eine ältere Frau trat heraus.
„Sind sie Jane Gold?“, fragte ich, die Frau erschrak.
Sie hatte mich anscheinend nicht gehört.
„Ja… kann ich ihnen helfen.“
„Ähm… ich bin David… ihr Sohn…“
Mit großen Augen schaute die Frau mich an.
„David…?“
Ich nickte. Sie stand da und starrte mich nur an.
„War wohl keine gute Idee, herzukommen“, meinte ich und machte mich auf den Rückweg.
„David… halt, warte bitte.“
Ich drehte mich um.
„Wieso? Damit du mir erzählen kannst, warum du mich nicht wolltest?“
Ich schien sie gekränkt zu haben, ihre Augen wurden glasig. Wer fragte aber, wie gekränkt ich mich fühlte. Wie sehr ich sie vermisst hatte, mich nach ihr gesehnt hatte, im Glauben, sie wäre tot.
„David… bitte lass mich erklären…“
Sie wies mit der Hand ins Haus. Ich ging die Schritte zurück und betrat mit ihr das Haus. Es war schlicht eingerichtet. Keine Bilder an den Wänden. Ich folgte ihr in die Küche. Sie ging an einen Schrank und holte eine Schuhschachtel hervor.
Sie öffnete den Deckel und zog einen großen Stapel Briefe hervor.
„Das sind alles Briefe von Ämtern, Behörden… Hilfseinrichtungen… die ich ohne Hinweis auf dich zurückbekommen habe.“
Sie schmiss den Stapel auf den Tisch.
„Du hast mich gesucht?“
„Ja, klar habe ich dich gesucht. Als du dich damals zwischen den Körben versteckt hast, bekam ich einen Hustanfall, schlimmer als je zuvor. Mir wurde schwarz vor Augen und ich brach zusammen. Ich wachte erst wieder im Krankenhaus auf. Dort wurde mir gesagt, dass du vorübergehend im Waisenhaus einquartiert wurdest.“
„Ja, das war ich, aber man sagte mir dort, du wärst tot… und ich wurde dann von einer Familie aus Amerika adoptiert.“
Meine Mutter atmete tief durch und sank auf einen Stuhl.
„Als ich wieder bei Kräften war, ging ich zu dem Waisenhaus, ich wollte dich wieder zu mir holen. Aber alles, was die mir sagten, du wärst nicht mehr da… Auf mein Drängen hin, mehr Informationen frei zugeben, weigerten die sich und warfen mich raus.“
„Aber das is doch ungesetzlich.“
„Das war denen egal… ich habe so viele Frauen kennen gelernt, die das gleiche Schicksal erlitten haben. Allein erziehende Mütter denen die Kinder weggenommen wurden.“
„Das ist ein Skandal.“
„Ja, das war es, als die Geschichte ans Tageslicht kam… aber da war es zu spät, deine Spuren waren verwischt.“
Mir standen mittlerweile selbst die Tränen in den Augen. Sie hatte mich wirklich gesucht…
„Mir ist nur Misstrauen entgegen geschlagen. Als die Sache heraus kam und seine Kreise zog, war es endgültig aus. Ich bekam keinerlei Informationen, da alle Akten in der Sache vernichtet worden waren.“
Ich setzte mich zu ihr an den Tisch. Zaghaft nahm ich ihre Hand in die meine.
„Und wie hast du mich gefunden…?“
„Ich war hier, um eine Freundin aus dem Waisenhaus zu besuchen… sie ist gestorben… und auf dem Friedhof… kam mir die Idee, dein Grab zu suchen.“
„Du bist das erste Mal wieder hier?“
„Ja.“
„Warum hast du so lange gewartet… du musst doch jetzt… 36 sein, oder?“
„Ja… bin ich. Ich war in den letzten Jahren sehr mit Arbeit eingespannt. Ich führe mittlerweile eine große Hotelkette in den Staaten. Und Sarah… meine verstorbene Freundin hat mich bekniet, herzukommen… mich sozusagen mit einem Objekt hier hergelockt.“
„Objekt?“, fragte meine Mutter.
„Ja, Gordon Folk…, ich habe es gekauft.“
Ein Lächeln machte sich über dem Gesicht meiner Mutter breit.
„Gekauft? Hast du denn soviel Geld?“
„Mutter…, in meinem Beruf redet man nicht über Geld.“
„Bist du verheiratet… hast du Kinder?“
Autsch, darüber hatte ich gar nicht nachgedacht. Aber wir hatten mit den Wahrheiten angefangen, ich sollte damit nicht aufhören.
„Also das ist so… nein, ich bin nicht verheiratet… keine Kinder.“
„Schade.“
„Daraus wird auch nichts… werden.“
„Wieso?“
„Ich bin… schwul…“
Ich war auf alles gefasst, nur nicht auf die Reaktion meiner Mutter.
„Gibt es wenigstens einen Schwiegersohn?“, meinte sie lächelnd und drückte dabei meine Hand.
„Es gibt da jemanden… ihn aber als Schwiegersohn zu bezeichnen?“
„Liebst du ihn?“
„Ja…“
„Aber?“
Ich ließ die Hand meiner Mutter los und verschränkte die Arme vor meiner Brust.
„Ich weiß nicht recht…“
„Was weißt du nicht?“
„Ich bin mir nicht sicher… ob das etwas wird.“
„Wenn du es nicht probierst, wirst du es nie wissen.“
„Ich bin so oft enttäuscht worden…, ich weiß nicht, ob ich das nötige Vertrauen aufbringen kann.“
„David…, ich habe mich nach deinem Vater nie wieder in einen Mann verliebt… Möglichkeiten gab es genug, doch ich wollte es nicht. Und jetzt sieh mich an… ich bin eine alte Frau und lebe alleine… spreche mit meinen Pflanzen, verbringe die meiste Zeit im Garten.“
Traurig dachte ich an Lucas, den ich wahrscheinlich schon verloren hatte.
„Du hast jetzt mich.“
„Hab ich das?“
Zögernd nickte ich, ohne mir darüber im Klaren zu sein, was werden sollte. Ich griff an meinen Hals und öffnete den Verschluss meiner Kette. Ich zog sie aus und legte sie in die Hand meiner Mutter.
„Wer war mein Vater?“
Erstaunt sah sie sich die Kette an.
„Die hast du noch?“
„Das Einzige, was mir von dir geblieben war.“
Lächelnd betrachtete sie sich die Kette, bevor sie sie mir zurückgab.
„Dein Vater war ein feiner Mann.“
„Na ja, so fein konnte er nicht sein…, er hat dich mit mir sitzen lassen.“
„Hat er nicht… Er wusste nicht mal, dass es dich gibt.“
„Bitte?“
„Dein Vater war verheiratet… ich im Dienste seiner Familie. Jung und naiv verliebte ich mich in ihn.“
„Er hätte für dich sorgen können.“
„Nein, das wollte ich nicht…“, meinte meine Mutter.
Sie atmete tief durch und räumte die Briefe in die Schachtel zurück. Ich wollte nicht mehr fragen. Sie würde es mir schon erzählen, wenn sie dazu bereit war.
„Um auf deinen Freund zurück zukommen… verschenk nicht die Chance, die du hast… nicht dass du es bereuen wirst.“
Sie nahm meinen Kopf in die Hand und küsste mich auf die Stirn.
*-*-*
Ich fand Lucas am Stall. Er stand auf einer Leiter und hämmerte etwas am Dach.
„Hallo…“, meinte ich.
Er setzte ab und schaute auf mich herunter.
„Hallo…“
Er legte den Hammer beiseite und stieg zu mir herunter.
„Ich habe…“, begann ich, aber Lucas unterbrach mich.
„David… nach unserem letzten Gespräch ist mir deutlich geworden, dass wir wohl nicht zusammen kommen sollten.“
„Du hattest Recht, Lucas… mit allem, was du gesagt hast.“
„Was hat dich zu dem Sinneswandel gebracht?“
„Meine Mutter… ich habe sie gefunden… mir sind viele Dinge eingefallen… die ich einfach verdrängt habe.“
Lucas sagte nichts, starrte mich einfach nur an.
„Habe ich denn überhaupt noch eine Chance?“, fragte ich.
Lucas schaute zu Boden und schüttelte den Kopf.
„Ich habe einen Auftrag in Frankreich angenommen. Kommenden Monat bin ich weg.“
Mir stiegen die Tränen in die Augen.
„Na dann“, meinte ich und zuckte mit den Schultern.
Ich drehte mich um und ließ Lucas stehen. Es wurde eine schlaflose Nacht mit vielen Tränen.
Am nächsten Morgen ging ich wieder meiner Arbeit nach. Lucas ging mir so gut es ging aus dem Weg, es war auch besser so. Irgendwann entschloss ich mich, auch wieder in das Haus von Sarah zu ziehen, um nicht in Lucas’ Arme zu laufen.
Die Restaurierung ging gut voran und an den Mittagen traf ich mich mit meiner Mutter, denn wir hatten uns viel zu erzählen. Sie gab mir Tipps für den Garten und brachte mich auch darauf, Sarahs Haus in ein Art Museum umzuwandeln.
Die Wochen vergingen und ein Raum nach dem anderen wurde fertig gestellt. Am Abend vor der Fertigstellung durchschritt ich die Räume.
„Das ist ja wunderbar geworden!“
Ich drehte mich um, Lady Folder war gekommen.
„Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich geglaubt, dass das Haus wieder in seinem alten Glanz erscheint.“
Ich lächelte.
„Junger Mann, sie haben tolle Arbeit geleistet“, meinte sie und reichte mir dir Hand, „Danke!“
„Es freut mich, dass es ihnen gefällt.“
„Gefallen? Es ist traumhaft“, meinte sie und drehte sich einmal um die Achse.
„Ist Lucas nicht da?“, fragte sie, als sie mich wieder ansah.
Ich senkte den Kopf. Sie nahm meine Hand.
„Manchmal muss man sein Glück selbst in die Hand nehmen…, dafür kämpfen“, meinte sie.
„Dazu ist es wohl zu spät…“ erwiderte ich.
„Ach was. Fürs Kämpfen ist es nie zu spät!“
Mit diesen Worten ließ sie mich alleine, während ich am Fenster stand.
*-*-*
Am nächsten Morgen gab es einen kleinen Umtrunk mit den Bauleuten, wo ich offiziell die Schlüssel zum Haus überreicht bekam. Meiner Mutter war auch anwesend. Sie freute sich für mich und bestaunte das Haus.
Am kommenden Wochenende war eine kleine Feier geplant, auch zum Andenken an Sarah. Den ganzen Tag gab es noch Kleinigkeiten, die ich noch zu erledigen hatte. So kam ich erst am Abend zurück, als es schon dunkel wurde.
Ich hatte in allen Zimmern im Erdgeschoss Lichter angemacht und trat dann in den Garten von Gordon Folk. Meine Mutter hatte mir einen Korb voller Gras mitgegeben. Im gewissen Abstand zum Haus lief ich einen Bogen und streute das Gras aus.
„Was machst du da?“
Ich erschrak, denn Lucas war unbemerkt auf die Terrasse getreten.
„Ein alter schottischer Brauch, soll die bösen Geister vom Haus fernhalten. Ich wusste nicht, dass du noch hier bist.“
„Ja… es hat sich da etwas geändert.“
Lucas kam die Stufen herunter, bis er vor mir stand. Ich hielt inne und setzte den Korb ab.
„Es scheint schon zu wirken, denn gute Geister haben mir da etwas zugeflüstert.“
„Und was?“, fragte ich und sah in seine funkelnden Augen.
„Dass es hier einen lieben Mann gibt, der auf seinen Prinzen wartet.“
Ich biss mir auf die Unterlippe, denn ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte.
„Gibst du mir noch mal eine Chance?“, fragte nun Lucas.
„Aber… Frankreich…“
„Ich habe das Angebot rückgängig gemacht.“
Ein warmes Gefühl durchfloss mein Körper… ein Lächeln zeigte sich auf meinen Lippen.
„Dann hat das Gras ja wirklich geholfen.“
„Heißt das ja?“, fragte Lucas.
Ich fiel ihm um den Hals und begann zu weinen.
„Ja, klar heißt das Ja… Lucas… ich liebe dich!“
„Ich dich auch David, ich dich auch!“
Unsere Lippen trafen sich und endeten in einem langen endlosen Kuss
** Ende **

Continue reading..

Online Users
There are currently 2 online users. 0 Member(s) | 2 Guest(s)

Welcome, Guest
You have to register before you can post on our site.

Username
  

Password
  





Search Forums

(Advanced Search)