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Information Ein schöner Tag
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:28 AM - No Replies

Genial dieser Tag, wirklich. Raus aus den Federn in aller Frühe schon obwohl es Sonntag war und dann entschied ich mich bei dem herrlichen Wetter einen Ausflug zu machen. Ausnahmsweise mit dem Auto. Ist ja eigentlich viel zu teuer, aber Ausnahmen müssen sein. Lange schon wollte ich mal wieder in diese Ortschaft, am Fuße des Odenwaldes gelegen. Ich fuhr also die 10 Kilometer, mitten hinein in den Ortskern, die Hauptstraße entlang. Erstaunlich viele Autos in der schmalen Gasse, die sich Hauptstraße nennt und alle scheinen einen Parklatz zu suchen. Ich biege irgendwann in eine Seitenstraße ab, finde eine Parklücke und gehe zu Fuß den Weg zum Zentrum zurück.
Schön ist es hier, denke ich, richtig dörflich und doch Leben. Vor allem die Kirche vermittelt dem Ganzen ruhige Dörflichkeit. Und wie um sie herum in den Straßen kleine Geschäfte und Lokale. Viel verändert hat sich in den Jahren hier nichts.
Mein Blick bleibt an einem Straßencafe hängen. Italienisch klingt der Name, aber das ist ja egal.
Langsam schlendere ich dem kleinen Cafe zu, vier Tische samt den Stühlen laden zum verweilen ein, noch waren die Plätze leer. Haben die überhaupt geöffnet am Sonntag? Ja, die Tür steht offen.
Ich lege meine Zeitung vom Vortag (die lag noch im Auto herum) auf einen der Tische und gehe hinein in das Cafe. Zweifellos italienisches Ambiente, einige ältere Leute sitzen schon da und mustern mich. Sicher Bekannte oder Verwandte des Besitzers denke ich.
»Kann ich draußen einen Kaffee bekommen?«, frage ich einen jungen Burschen hinter der Theke. Er scheint mich nicht zu verstehen, dafür kommt aus einer Ecke des relativ kleinen Raums ein »Ja«.
Ich winke dem Mann zu, der vielleicht der Vater des Jungen sein könnte und gehe wieder nach draußen.
Ich setze mich so, dass ich auf die schmale Einbahnstraße sehen kann. Normalerweise sind mir Fußgängerzonen lieber, aber hier stört es mich nicht. Die Autos müssen wegen der Enge langsam fahren und zudem gibt es dann auch etwas zu sehen.
Sehen ja. Ich blicke links die Straße hinauf, wo die Kirche mit ihrem großen Vorplatz den Abschluss bildet. Nach rechts kann man wegen der parkenden Wagen und den Bäumen nicht weit sehen. Über der ganzen Straße aber in Abständen von Hauswand zu Hauswand gespannte Banner: „Achtung, Schule fängt an!“
Gegenüber ein Discounter, Angebote in bunten Farben leuchten in den großen Fensterscheiben. Im zweiten Stock rote Klebebuchstaben „Nachhilfe – auch für Ihr Kind“.
Weiter links über dem Eingang in großen Lettern „Tanzschule Klieber“, an der Ecke „Fahrschule Lohmeier“ . Welch passender Sprung. Schule, Nachhilfe, Tanzstunde und schließlich fahren lernen..
Mein Blick geht nach oben. Ein Himmel wie sonst nur am Mittelmeer. Tiefblau, nirgends eine Wolke, jedenfalls von hier aus nicht. Und es ist hier nicht windig an dem Platz. Noch sitze ich im Schatten, aber die Sonne wird in die Straße scheinen, in ein paar Minuten schon.
Ein Flieger am Himmel kreuzt die Straße scheinbar, silbrig glänzend steigt er vom nahen Frankfurt in den Himmel. Ob viele Leute drin sitzen? Und wo mag er hinfliegen?
Ich nehme meine Zeitung, derweil stellt der Kellner meinen Kaffee auf den Tisch.
„Die Sonne scheint den ganzen Tag“ lese ich im Wetterbericht. Das gilt auch für den heutigen Tag. Es ist mit 14 – 16 Grad nicht grade warm, aber hier spürt man es nicht. Oder ist es eine innere Wärme, die der Kaffee auslöst und es mich nicht so empfinden lässt?
Immer wieder hebe ich meinen Blick wenn ein Auto vorbeifährt, betrachte den oder die Insassen. Ist das Neugier oder Langeweile? Ich gehe der Frage nicht weiter nach, sie ist im Prinzip unwichtig.
Aha, in New Orleans gehen die Aufräumarbeiten weiter.. erste Geschäftsleute kehren zurück. Aber draußen auf dem Atlantik braut sich ein neuer Hurrikan zusammen, man gab ihm den Namen „Rita“..
Ich blicke wieder hoch. Wie schön wir es doch haben hier. Keine Wirbelstürme, kein Hochwasser. Keine Bretterbuden und vor allem nicht so arm wie viele dort. Sollte ich dankbar sein? Ja, eigentlich schon. Gesund, nicht reich aber es reicht, Freiheit hab ich auch. Zum Beispiel genau das jetzt zu tun wozu ich Lust habe. Niemanden fragen müssen, keine Kompromisse. Wie schön.
Jeder dritte Deutsche findet die Freiheit der Homosexuellen zu übertrieben, im übrigen Europa ist es nur jeder vierte, lese ich da. Na ja, was soll’s mich scheren. Ich lebe so wie ich es für richtig halte, trage kein Schild um den Hals dass ich schwul bin und nur wenige um mich herum wissen es überhaupt. So kann es bleiben meinetwegen, mehr verlange ich gar nicht.
Wirklich nicht? Na ja, ein bisschen schon. Wie lange bin ich jetzt alleine, seit Ralf und ich uns getrennt haben? 5 Jahre? Ja, so in dem Dreh. Kommt ja nicht drauf an, es ist so oder so lange her.
Drüben auf der anderen Seite läuft ein älteres Ehepaar. Nun ja, ich nehme an dass es eins ist, sie gehen Arm in Arm. Wie alt mögen sie sein? Ich schätze sie um die Achtzig. Beide haben einen Stock und schlurfen langsam dahin. Sie können nicht schneller, denke ich. Wollte ich mal so alt werden? Und wenn, hab ich dann auch jemand im Arm der mich durch den Herbst des Lebens begleitet?
Ich lehne mich zurück, blicke wie im Gebet wieder nach oben in den Himmel, der immer noch so unnatürlich blau ist. Du bist jetzt 28, sage ich zu mir, so langsam kommt die Zeit wo einfach etwas passieren muss. Sonst ist es vielleicht ganz schnell vorbei.
Wenn du die Wahl hättest, frage ich mich, alleine und dafür frei oder einen Freund und Kompromissbereit zu sein – wozu würdest du dich entscheiden?
Ich horche in mich hinein, warte auf eine Antwort, aber es kommt keine. Alles hat seinen Reiz, sein Für und Wider. Im Moment bin ich froh allein zu sein, aber heut Abend wird es wieder anders aussehen..
Ich sehe mich um und bemerke erst jetzt dass die übrigen Tische besetzt sind. Lauter ältere Leute. Klar, die Jungen schlafen noch oder stehen grad erst auf.
Ich nehme einen Schluck des köstlichen Kaffees als mich mitten in dieser inspirativen Handlung eine Stimme unterbricht
»Ist hier noch ein Platz frei?«
Ich sehe auf und blicke in zwei wache, blaue Augen, umrahmt von langen Wimpern und kleinen Krähenfüßchen, die mir sagen, dass dieser Mann gerne lacht.
Ich nicke und biete ihm mit der Hand einen Platz, nehme aber schnell meine Zeitung und tue so als wäre nichts passiert. Ist es aber doch. Der Mann, der wohl mein Alter haben durfte, legt seinerseits eine Lektüre auf den Tisch. Ein Hochglanz-Politik-Magazin. Schön, das deutet immerhin auf etwas Gehobenes hin. Oder auch nicht. Tarnung nennt man das im Allgemeinen.
Egal, ich mustere mein Gegenüber so unauffällig wie möglich. Am besten die Zeitung hochheben und ab und an mit einem Auge zu ihm schielen. Das fällt um so weniger auf als er ebenfalls sein Magazin aufblättert und vor die Brust hält.
Er hat sich nicht rasiert, zwei oder drei Tage schon nicht. Aber trotzdem sieht er sehr gepflegt aus und dieser Dreitagebart ist sicher keine Ausnahme. Steht ihm nämlich gut und macht ihn – na a, sexy eben.
Einen schönen Anzug hat er an. Karamellfarben, ganz dünn und kein billiger Stoff. Ein hellblaues Hemd darunter, die oberen Knöpfe sind offen und lassen einen Blick auf den schönen, schlanken Hals zu, der von einer eng anliegenden Kette geziert wird. Steht ihm gut denke ich und scanne das, was mein Blickwinkel noch zulässt.
Dunkelbraune Haare, die an den Schläfen schon leicht angegraut erscheinen. Er hat seine Sonnebrille in die Haare geschoben. Na a, so as tun ja sonst nur Angeber, heißt es. Aber ich habe diesen Eindruck von ihm nicht, warum auch immer.
Langsam wandert die Sonne über die Straßenmitte und verjagt den dunkelblauen Schatten, der einigen Gegenständen eine unnatürliche Farbe gibt.
Eine hübsche Nase. Und sehr gepflegte Hände. Was er wohl beruflich macht? Ist mir egal, vielleicht arbeitet er ja auch gar nichts. Seinen Wagen hätte ich sehen wollen, aber weit und breit parkt nichts was zu ihm passt.
Er bestellt einen Cappuccino und liest weiter. Welchen Artikel kann ich leider nicht sehen, aber vielleicht liest er ja gar nicht. Inspiziert er mich am Ende auch, so wie ich ihn?
Mir entweicht ein leiser Seufzer. So leise, dass er es nicht hören kann.
Ralf taucht auf. Eigentlich ist alles was mit ihm zu tun hat abgespeichert auf meiner Festplatte da oben. Als ZIP-Datei. Nur in Momenten wie diesem werden die Daten von damals entpackt und laufen als Text und Bilder ab. Text – Ralfs manchmal erniedrigenden Worte, wenn er meinte mir überlegen zu sein. Wie oft in den vier Jahren die wir zusammen waren hatte ich klein beigegeben, dem lieben Frieden willen.
Natürlich auch Spaß und Freude. Oft saßen wir in solchen Cafes und lästerten über die anderen Bürger.
Die Bilder.. sie gehören ja eigentlich nicht an einem Sonntagmorgen in die Öffentlichkeit, bestimmt nicht, aber nur ich kann sie sehen, sonst niemand. Ralf war hübsch, eigentlich schon schön. Ein Mensch aus einem Katalog. Wir waren Neunzehn als wir uns über den Weg liefen und eigentlich war’s Liebe auf den ersten Blick. Vier schöne, viel zu kurze Jahre. Sie sind vorbei, ein für alle mal. Ralf hat einen anderen gefunden und ich hab ihn nie wieder gesehen. Würden wir jetzt auch hier sitzen wenn es ihn noch gäbe in meinem Leben?
Nun gut, aus und vorbei. Zu schön ist dieser Tag um darüber nachzudenken, viel zu schön. Und zudem ist dieser Mann gegenüber sehr interessant. Er hat keine abgenagten Fingernägel, er wippt nicht ständig mit dem Fuß. Sitzt nur da und liest.
Jetzt fummelt er in seinen Hosentaschen.
»Darf ich rauchen?«, fragt er mich dabei. Wir sitzen draußen, was soll diese Frage. Aber sie sticht mich. Höflich scheint der Unbekannte nämlich auch noch zu sein.
»Natürlich«, antworte ich ihm. Ich hab die Qualmerei vor drei Jahren aufgegeben, es reizt mich auch nicht. Bisher jedenfalls nicht.
Er zieht keine Schachtel aus der Tasche, es ist Tabak. Er dreht also. Lässt so etwas auf den Charakter eines Menschen schließen? Eher nicht. Vielleicht spart er ja auch nur.
Ich beobachte wie er die Zigarette dreht. Das macht er nicht erst seit Gestern. Schön wird die Kippe, gleichmäßig rund. Ein goldenes Feuerzeug. Irgendwie passt das alles nicht zusammen, ich hätte jetzt ein Einwegfeuerzeug erwartet.
Langsam zieht er an dem Glimmstängel, nimmt einen Schluck Cappuccino und liest weiter. Nein, der schaut dich nicht an, du bist ihm egal. Oder tut er nur uninteressiert? Mir fällt auf, dass er keinen Ring trägt.
Aber – was macht er eigentlich hier? Liest er wirklich nur oder wartet er? War er nicht wählen, seine Freundin aber schon und die kommt gleich? Ich sehe mich um in dem Augenblick. Nur, wozu? Wenn sie kommt, dann an diesen Tisch.
Irgendwie muss ich grinsen. Hab’s noch nicht ganz verlernt, diesen Funken Hoffnung zu schöpfen. Eher ein winziges Fünkchen gestehe ich mir dann ein.
Langsam wandert die milde Herbstsonne an den Tisch, taucht dieses Geschöpf in ein schönes, helles und weiches Licht. Jedes Fältchen in seinem Gesicht zeigt einen winzigen Schatten, löst das Gesicht in viele Details auf. Ist er doch schon älter als ich denke? Wozu darüber nachdenken. Er will nichts von mir denke ich und bestelle erneut einen Kaffee am vorbeikommenden Kellner.
Die Menschen haben gewechselt neben mir, ein paar jüngere sind nun auch dabei. Aber niemand schafft es, meinen Blick länger als eine Sekunde auf sich zu ziehen.
Mein Gegenüber liest immer noch und scheinbar an ein- und demselben Artikel, er blättert nämlich kaum.
Hat er grade seinen Blick gesenkt als ich zu ihm hinüber sehe? Mir wird etwas warm, was nicht nur an der Sonne liegt die jetzt auch meinen Platz erreicht. Soll ich ein Gespräch anfangen? Irgendwas Belangloses vielleicht? Wetter? Nee, zu lapidar. Was Besseres fällt mir nicht ein und ich beschließe es nicht zu tun. Wahrscheinlich ist ihm meine Spionage eh schon aufgefallen, dann wäre das jetzt eine Bestätigung für ihn. Nämlich dass er mich neugierig gemacht hat und das kann schnell daneben gehen. Also lieber nicht. Nicht ärgern an so einem schönen Tag.
Das Wetter soll so bleiben, lese ich weiterhin. Fein, dann konnte ich meine Woche Urlaub ja noch ganz toll verbringen. Leider schon zu kühl um schwimmen zu gehen, aber Radfahren, das wäre ideal. Wenn ich es nur nicht alleine machen müsste..
Jetzt blättert er schneller. Scheinbar hat ihn nur ein Artikel so interessiert. Nun klappt er das Magazin zu und legt es auf den Tisch.
Zahlt er jetzt und geht? Nicht doch, junger Mann. Der Tag ist so schön. Hier sitzen und sonst nichts tun, okay?
Was rede ich da zu mir. Warum sollte er dableiben? Hat sicher noch ganz andere Sachen vor.
Wieder kreuzt ein Flieger die Straße da oben am Himmel. Viel größer ist er als der vorhin und man hört auch deutlich das fauchen der Düsentriebwerke. Ralf und ich wollten auch immer in Urlaub fliegen. Weit weg, nur wir zwei. In die Sonne, ans Meer. Schöne Träume hatten wir. Aber sie sind vorbei. Nicht dran denken an so einem schönen Tag. Ein herrlicher Tag eigentlich.
Ich schlürfe meinen Kaffee, nachdem ich die Zeitung endgültig beiseite gelegt habe. Ich mag nicht mehr lesen, nur noch schauen. Der Fremde kommt mir plötzlich gar nicht mehr fremd vor, so, als würden wir uns schon viel länger kennen.
Blödsinn. Eine Stunde ist vergangen, vielleicht auch ein bisschen mehr.
Als hätte sie es geahnt schlägt die Turmuhr die elfte Stunde. Jeder Gong hallt in die Straße. Mal mahnend, mal erinnernd. Wann war ich das letzte Mal in der Kirche? Eine Taufe war’s. Lange her. Ich glaube irgendwie an Gott, nicht an die Institution Kirche. Aber das ist ein anderes Thema. Nicht jetzt. Nicht an diesem schönen Tag.
Der Unbekannte kramt in den Taschen, sucht bestimmt Geld. Er wird gleich zahlen, aufstehen und gehen. Mich alleine hier sitzen lassen.
Er sieht hinein in das Cafe, will auf sich aufmerksam machen. Wie schön wenn er für mich mitzahlen würde weil wir nämlich zusammengehören und dann auch gemeinsam fortgehen. Ein bisschen durch die Straßen wandern, die Geschäfte ansehen. In sein oder mein Auto steigen und hochfahren zum Sendeturm, wo man herrliche Aussicht hat auf die Rheinebene. Der Wind kräuselt die Blätter der Bäume auf der Terrasse am Fuße des Turms, die ersten bunten Blätter weht er auch schon herunter. Es gibt da einen vorzüglichen Rotwein, dessen Trauben da vor der Tür wachsen. Einen Sauerbraten essen oder auch nur Schnecken in Kräuterbutter. Und ganz dicht am Freund sitzen, so dass man seine Wärme spüren und das zitronig, herbe Rasierwasser riechen kann.
Das weht nämlich jetzt von dem Unbekannten herüber und reißt mich aus den Gedankengängen.
Er legt ein paar Euros auf den Tisch weil sich der Kellner nicht blicken lässt.
»Würden Sie für mich bezahlen?«, fragt er wieder so höflich, »ich muss nämlich dringend weg.«
Ich nicke zunächst nur weil ich nichts sagen kann. Er geht also wirklich. Kann ich ihn denn gar nicht aufhalten? Was soll ich sagen?
»Klar, wenn es so eilig ist«, entgegne ich.
Er lächelt mich an, ja wirklich. Seine weißen Zähne.. Ob sie echt sind? Ich meine, dieses Weiß ist fast schon unnatürlich. Dabei raucht er doch.. Und zudem fällt mir jetzt seine fabelhafte Figur auf. Groß und schlank. Wie Ralf damals. Er schon wieder..
Zurück bleibt das Geld, das er in seinen schönen Händen gehalten hat und sonst nichts. Er geht die Straße hoch, biegt irgendwo weiter in eine Seitenstraße und weg ist der Traum. Ein Traum an einem schönen Tag. Jetzt scheint die Sonne ganz in die Straße hinein, durchflutet alles mit ihrem warmen Licht. Ein schöner Tag.
Ist er das wirklich? Von außen ja, sicherlich. Aber in mir ist’s irgendwie leer auf einmal.
Während ich mich einige Male einen Dummkopf schimpfe zahle ich beim Kellner, drücke ihm auch die Münzen des Unbekannten in die Hand. Und bekomme noch etwas heraus. Der Fremde hatte das Geld nicht abgezählt. 60 Cent zuviel.
Ich nehme es, denn Trinkgeld habe ich schon gegeben, lasse die Münzen in meine Jackentasche fallen und gehe langsam in Richtung zu meinem Auto. Viel mehr Menschen sind jetzt unterwegs, fast wie an einem Werktag.
Als ich die Straße einbiege sehe ich – ihn. Der Unbekannte steht bei meinem alten Auto und scheint irgendwie nervös. Er bückt sich, fährt an einer Stelle am Kotflügel über den schon verblassten Lack meines Wagens. Mein Herz klopft auf einmal. Was hat das zu bedeuten? Ich beschleunige meine Schritte, dann stehe ich bei ihm.
Stimmt etwas nicht?«, frage ich ihn.
»Ähm, ist das Ihr Fahrzeug?«
Man sieht, dass er mich soeben erkennt.
»Oh, was ein Zufall… Ich hab beim ausparken nicht aufgepasst..«
Er zeigt auf eine winzige Delle im Lack. So winzig, dass ich mich auch in die Hocke begeben muss.
»Macht nichts, das ist nicht seine erste.. Ach übrigens, Sie bekommen noch etwas..«
Ich greife in die Tasche und halte ihm mit offener Hand die 60 Cent hin.
Er sieht erst in meine Hand, dann mitten in meine Augen und er grinst. Ja, das wusste ich, das kann er gut. Die Krähenfüßchen.
»Oh..«
»Das ist Restgeld von vorhin..«
»Ich hatte es ja eigentlich eilig, aber nun ist’s eh zu spät«, sagt er dann. »Wenn ich noch ein paar Euro drauflege könnte man die Sache mit dem Schaden ja bei einem Bier oder so besprechen.«
Mir trocknet der Mund aus, es wird wieder warm. Sehr warm.
»Also ich hab nichts dagegen«, höre ich mich mit kiekender Piepsstimme sagen.
»Okay, ich lade Sie ein. Nur kenne ich mich hier nicht so aus« sagt er etwas verlegen.
»Kein Problem. Nehmen wir Ihren oder meinen Wagen?«
»Wir nehmen meinen«, sagt er und dann sehe ich erst den Porsche der etwas weiter oben auf der Straße steht.
Wir sitzen auf der Terrasse unter dem Sendeturm, ich halte das Glas Rotwein gegen die Nachmittagssonne und gerate nicht nur ob des betörenden Funkelns ins schwärmen. Ein paar bunte Laubblätter flattern vom Baum über uns und eines landet direkt in meinem Glas.
Ich hab doch gewusst dass er lachen kann. Laut und herzlich. Die Krähenfüßchen..
Wir stoßen an und nehmen einen Schluck.
»Also, das mit der Delle..« beginnt er zu reden. Ich höre zu und doch nicht.
Ich weiß nichts von ihm, noch nicht. Von mir weiß ich jetzt nur, dass ich mich allmählich zu verlieben beginne. In diesen Menschen, in diesen Tag, der hoffentlich noch lange anhält.
Ich finde, es ist ein sehr schöner Tag, ein herrlicher Tag.

Continue reading..

Information Eingeständnis
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:27 AM - No Replies

Der Weg zur Schule. Mit dem Bus fuhr ich ihn schon seit zwei Jahren. Fünf Mal die Woche. Tag ein Tag aus. Immer dieselbe Prozedur. Einsteigen und meinen Platz im hinteren Teil des Busses suchen, den I-Pod einstöpseln um dann in meine Musik abzutauchen.
Jetzt noch 30 Minuten abschalten um dann in der Schule sieben Stunden Konzentration an den Tag zu legen. Das klingt jetzt so als würde ich mich auf die Schule freuen, aber da bin ich wie jeder andere auch.
Mitten in der Nacht aufstehen, also gefühlt ist es so, dann halb verschlafen auf den Weg zur Schule, um zu hoffen, dass man dort die noch fehlenden Stunden Schlaf nachholen könnte. Ich weiß nicht wann ich ihn das Erste Mal wahr nahm.
Es war auf jeden Fall kurz nach den Sommerferien. Er stieg ca. auf der halben Strecke zur Schule in MEINEN Bus. Mir blieb das Herz stehen. Richtig cool mit Ray-Ban Sonnenbrille. Lässig dem Busfahrer die Monatsmarke hingehalten.
Die schon erwähnte Sonnenbrille nach dem abscannen der anderen Fahrgäste nach oben in seine halblangen blonden, lockigen Haare geschoben, um dann schnurstracks auf mich zu zugehen. Mir wurde kalt und heiß zugleich.
Ich lauschte schon lange nicht mehr meiner Musik. Ich war wie elektrisiert. Ich wollte wegschauen, damit ich mich hier nicht gleich blamieren würde. Doch irgendwie fesselte er mich.
Er kam immer näher, stoppte kurz vor mir ab und setzte sich schräg vor mir auf den noch freien Platz. Dann wühlte er in seiner Umhängetasche um dort irgendein Schriftstück rauszuziehen. Dieses fing er an ausgiebigst zu studieren.
Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Seine schwarze Jeans hing auf Halbmast, eigentlich mochte ich diese Mode nicht. Aber bei ihm sah es einfach perfekt aus. Ob es daran lag das ich kurz bevor er sich setzte seine Retro-short zu sehen bekam?
Dunkelblau mit hellen feinen Querstreifen. Diese Streifen betonten seinen wohlgeformten Hintern. Am liebsten hätte ich spontan zugegriffen. Jetzt war mir sicher dass ich schwul bin. Dieser Anblick war definitiv 1000x besser als irgendein aufgetakeltes ‚Tittendekoltee‘ meiner vielen Mitschülerinnen, die das wohl so wie als eine Bewerbung nach dem Motto ‚Nimm mich‘ vor sich her trugen.
Er kratzte sich beim lesen des Briefes am Kinn. Aus meinem Blickwinkel konnte ich seine glatte und pickelfreie Haut bewundern. Und diese wohlgeformten Ohren waren zum Reinbeißen. Also nicht richtig beißen, aber knabbern und mit der Zunge die schöne Form nachzeichnen.
Ich bemerkte nicht mal dass mein I-Pod keinen Laut mehr von sich gab. Accu leer. Egal, wer braucht in solch einer Situation schon einen Accu. Fast hätte ich meine Station zum Aussteigen verpasst.
Nur schweren Herzens stand ich auf ging den Gang zum Ausstieg, nicht ohne vorher nochmal tief einzuatmen um seinen lieblichen Geruch in mir aufzunehmen. Ich traute mich beim Aussteigen nicht nochmals umzudrehen. Und schon war alles vorbei. Ich stand noch lange an der Haltestelle und schaute dem Bus hinterher. Wäre ich doch bloß nicht so feige….
In der Schule dachte ich nur an ihn. Ob er wohl jeden Tag diesen Bus nehmen würde? Ich dachte schon mit gemischten Gefühlen an den nächsten Schultag, Beziehungsweise an die Busfahrt vor dem nächsten Schultag. Abends vorm zu Bett gehen stand ich vor meinem Kleiderschrank um zu überlegen was ich morgen anziehen sollte.
Bisher hat meine Mama das für mich getan. Aber plötzlich war ich erwachsen geworden und überlegte angestrengt was ich anziehen sollte. Sollte ich vor dem Schlafen gehen duschen oder ist es morgens besser, auch wenn die viel zu kurze Zeit dann noch kürzer wäre.
Ich entschied mich für morgens und stellte meinen Wecker auf zwanzig Minuten früher nur um den Bus nicht zu verpassen. Ich glaube ich bin gerade dabei verrückt zu werden. Da lag ich wach im Bett und konnte nicht einschlafen weil ich mir ausmalte dass er morgen hoffentlich wieder in den Bus steigen würde. Zielstrebig käme er dann wieder auf mich zu, um mir dann sein schönstes Lächeln zu zeigen und sich neben mich setzt. ………..
Irgendwann war ich dann wohl doch eingeschlafen. Der Wecker bimmelt und ich schnauzte ihn an. Dann sah ich sein Gesicht. Nein, nicht das des Weckers, obwohl, ich hab noch so ‘n ganz altes Ding mit ‘nem grinsenden Mondgesicht drauf.
Ich sah IHN wie er in den Bus einsteigt. Erschrocken sprang ich aus dem Bett, schnappe mir meine am Vortag bereit gelegten Klamotten und stürmte Richtung Bad. Die Zimmertür von meiner Schwester ging auf und sie schaut mich an als wäre ich ein Einbrecher (meine Schwester, nicht die Tür). Dann fragte sie mich doch glatt ‚ob ich krank sei‘.
Ohne eine Antwort stolperte ich ins Bad und schloss hinter mir ab. Ausgiebig Duschen und dann Eincremen. Die Creme hatte ich mir mal kurzerhand von meiner doofen Schwester ausgeliehen. Ich lächelte verschmitzt in den noch leicht beschlagenen Spiegel.
Oh Gott, sieht das bei mir blöd aus. Ich brauche unbedingt eine so coole Sonnenbrille. Wummern an der Badtür schreckte mich aus meiner Grimassen Show auf. Irgendwas wie Idiot nannte sie mich, meine blöde Schwester.
Ich zog mich schnell an um das Bad zu verlassen. Oha, dieser Blick von ihr hätte mich glatt töten können. Sie stand dicht neben mir und fragte mich, tief einatmend, ob das ihre teure Creme wäre die sie an mir roch.
Ich schaute sie nur gelangweilt an, drehte mich um und stiefelte in mein Zimmer. Nur noch 30 Minuten für den Bus. Schnell in die restlichen Klamotten gestiegen und ab in Richtung Küche, wo es schon nach Kaffee roch.
Mein Kakao und das obligatorische Nutellabrot lagen noch nicht auf ihrem Platz, als ich die Küche betrat. Erschrocken drehte sich meine Mutter um. Auf ihre blöde Frage was ich hier denn schon wolle antwortete ich leicht gestresst das ich hier schon seit 15 Jahre wohnen würde.
Fassungslos über mein frühes Erscheinen machte mir meine Mutter jetzt hektisch mein Brot und den dringend benötigten Kakao. Ich stopfte mir das Brot so gut es ging in einem Stück in den Mund.
Mit dem Kakao wollte ich nachspülen, aber der was zu heiß. Aua! Sonst ist der noch immer nur lauwarm beschwerte ich mich bei meiner Mutter. Sie antwortete nur ‚Nein, mein Sohn, sonst kommst du immer so spät in die Küche, dass er schon wieder kalt ist‘.
Ich wollte gerade zum Bus aufbrechen, als plötzlich meine Schwester in der Tür stand und mir die leere Cremetube vors Gesicht hielt. Was meinst du was so was kostet? fragte sie mich. Geld vermutlich, oder womit bezahlst du sonst für gewöhnlich? war meine Antwort.
Sie holte gerade wütend aus, als meine Mutter dazwischen schrie. Diese Situation nutzte ich, schnell meine Schultasche zu greifen um zu verschwinden. Draußen schien schon die Sonne. Ich atmete einmal tief durch und lief zum Bus.
An der Haltestelle schaute ich auf meine Uhr und musste feststellen dass ich noch über zehn Minuten Zeit hatte. Normalerweise erreichte ich den Bus total abgehetzt oder sah nur die Schlussleuchten. Können 10 Minuten lang sein.
Endlich im Bus setzte ich mich wie jeden Morgen auf meinen Platz und schaltete mein wieder aufgeladenes I-Pod ein. Aufgeregt kaute ich auf meinen Fingernägeln und konnte es kaum erwarten das der Bus die Haltestelle anfahren würde an der dieser Gestern meinen Engel aufgegabelt hatte.
Als der Bus die besagte Haltestelle ansteuerte konnte ich ihn schon erkennen, wieder mit der Sonnenbrille auf der Nase. Wie gestern schon scannte er beim Einsteigen den Bus und setzte sich, zu meiner Begeisterung, wieder auf denselben Platz. Hier konnte ich ihn wieder heimlich anschmachten.
Er holte ein Buch aus der Tasche. Dasselbe Mathebuch wie ich es in diesem Schuljahr benutzte. Er muss also in meinem Alter sein. Er ging allerdings auf eine andere Schule, sonst würde er ja an derselben Haltestelle aussteigen wie ich. Heute hatte er eine Andere, eine schwarz/weiß karierte Unterhose an. Ob ich wohl bald alle seine Unterhosen zu sehen bekam? Vertieft in seinem Schulbuch beobachtete ich ihn. Er strich immer wieder mit der Hand durch seine Haare um sie ein wenig zu bändigen.
Sie fielen allerdings bei jeder Gelegenheit wieder in sein schönes Engelsgesicht. Er hatte eine niedliche Stupsnase und diese zuckte ab und zu wie bei einem Kaninchen. Leider war der Bus wieder viel zu schnell an meiner Schule angekommen. In Gedanken verabschiedete ich mich von ihm mit einem ‚bis Morgen‘ und verließ den Bus. Wieder schaute ich dem Bus noch lange nach.
So verging ein Tag nach dem anderen. Er hatte eine große Auswahl an sexy aussehenden Unterhosen. Seine Jeans waren alle ähnlich geschnitten. Auch hatte eine gute Auswahl an verschieden farbigen Hoodies und darüber immer wieder seine schwarze Lederjacke. An ihm sah jedes Kleidungsstück super aus.
Ich bemerkte dass ich bei Shoppen mit meiner Mutter nach denselben Unterhosen Ausschau hielt. War ich unbemerkt zu einem Retroshorts Fetischisten mutiert ohne dies zu bemerken? Meine Mutter meinte nur dass es mir früher sehr peinlich war als wir nach Unterhosen für mich schauten.
Ich bemerkte wie sich dieser Junge immer mehr in meine Gedanken einschlich. Ich träumte sogar hin und wieder von ihm.
Er steht dann immer vor mir mit seiner Sonnenbrille, schob sie langsam auf seine Nasenspitze herunter schaute mich mit seinen schönen ozeanblauen Augen an, zwinkerte mir zu, um diese coole Brille dann mit dem Zeigefinger wieder hochzuschieben. Er verabredete sich mit mir…..
So, oder ähnlich waren die träume mit und über ihn.
Dann kamen die Herbstferien. Zwei Wochen ohne meinen Sonnenschein. Schon die Wochenenden waren kaum auszuhalten, und jetzt gleich vierzehn Tage. Oh mein Gott, das glaubte ich nicht überleben zu können.
Ich fuhr auch in diesen Ferien hin und wieder mit dem Bus, allerdings um dann an der Haltestelle auszusteigen, an der er immer Einstieg. Ich fing an die Gegend zu erkundigen. Ich wusste nicht wo er wohnte oder ob er überhaupt hier wohnte. Ich schlich durch die Straßen und sah mir alle Häuser an.
Es waren schöne alte Häuser mit grünen Gärten Drumherum. Die meisten hatten alte geschmiedete Zäune und große alte Bäume. Ich ging gemütlich alle Grundstücke ab und las hier und da die Namensschilder und hoffte dass er irgendwo hier wohnen würde.
Ich wüsste allerdings nicht was ich getan hätte, wenn er plötzlich vor mir gestanden hätte. Ich hätte mich bestimmt ganz spontan eingenässt, oder so. Auf jeden Fall hätte ich mich total blöd benommen. Hätte er mich überhaupt bemerkt, geschweige denn als den Jungen wieder erkannt, der ihn ständig im Bus heimlich anschmachtete?
Nach gefühlten zehn Stunden machte ich mich wieder auf den Heimweg. Diese Prozedur wiederholte ich an mehreren Tagen bis ich mir dann einredete dass er wohl mit seiner Familie in den Urlaub gefahren war.
Aufgeregt saß ich am Ersten Tag nach den Ferien wieder im Bus und wartete auf die Haltestelle an der er wieder zu steigen würde. Ich war den Tränen nahe als der Bus ohne anzuhalten die Haltestelle passierte. Ich konnte mich nicht auf die Schule konzentrieren. Ich verpasste sogar meine Haltestelle und musste die eine Station wieder zurücklaufen und kam prompt zu spät.
Die Klassenarbeit setzte ich in den Sand und beim Sport bekam ich den Basketball voll ins Gesicht. Wer hatte mir bloß diesen gebrauchten Tag angedreht? Niedergeschlagen kam ich wieder zuhause an und verkroch mich gleich auf mein Zimmer.
Die nächsten Tage liefen ähnlich ab. Niemand stieg an seiner Haltestelle zu. Ich glaubte ihn nie wieder zu sehen. Auch machte ich mir schreckliche sorgen was wohl passiert sein könnte. Ist er umgezogen, eine andere Schule oder einfach nur krank?
Am darauffolgenden Montag stand er wieder an seiner Haltestelle. Ich wäre am liebsten aufgesprungen und hätte ihn freudestrahlend in den Arm genommen. Glücklich ihn wieder zu sehen freute ich mich nach innen hinein.
Er setzte sich wieder auf seinen Platz und hustete erst einmal, trank einen Schluck aus seiner Wasserflasche um sich anschließend die Nase zu putzen. Jetzt wäre ich zu gerne seine persönliche Krankenschwester und würde ihm beim Fieber messen behilflich sein. Nein, nein, nein ich hätte so ein modernes Thermometer das man nur ans Ohr halten müsste, obwohl…
Es ging nach der Woche der Verzweiflung wieder alles seinen mittlerweile gewohnten Gang. Ich erwischte mich sogar mal dabei, wie ich für mich selbst anfing zu wetten, welche Unterhose er wohl anhatte.
Tja, soweit ist es schon mit mir gekommen. Ich schleppte mich sogar mal mit einem leichten grippalen Infekt zur Schule, nur um meinen Schwarm heimlich im Bus anhimmeln zu können. Meine Mutter glaubte bestimmt, dass ich gerne zur Schule ging.
Es wurde kälter und die Weihnachtszeit brach ganz plötzlich über mich herein. Was könnte ich ihm wohl schenken. Nicht dass ich es getan hätte, einfach nur den Gedanken gedacht. Was hatte er wohl für Hobbys.
Was hörte er für Musik. Was hat er für Freunde. Wie gut war er in der Schule. War er auch schwul? Alles Fragen auf die ich vielleicht eine Antworte bekommen hätte, wenn ich nicht so feige gewesen wäre.
Weihnachten und das Neue Jahr waren Geschichte. Ich freute mich jeden Tag. Irgendwann im Frühjahr überraschte er mich mit einer neuen Frisur. Die blonden Locken waren einer feschen Kurzhaarfrisur gewichen, welche vorn mit etwas Gel in eine strubbelige Form gebracht wurde.
Jetzt wo ich mich endlich dazu durchringen konnte meine braune Haarpracht wachsen zu lassen, schnitt er sich seine schönen Locken ab. Wenn ich gewusst hätte bei welchem Frisör er war, hätte ich mein ganzes Taschengeld geopfert um seine Locken mein eigen nennen zu können.
Nein, ich hätte sie mir nicht eingepflanzt, aber hätte ich mit denen ein ‚Dreamboy-Schrein‘ gebaut. Ich hätte sogar jedes Kaugummi welches er ausspuckte sofort aufgesammelt.
Nach Ostern wurde es wärmer und der Sommer stand mit wärmeren Temperaturen vor der Tür. So langsam ging das Schuljahr zu ende. Ich strengte mich beim Lernen für ihn an, für den Fall das er mich mal im Bus ansprechen würde. Ich hätte ihn niemals angesprochen. Warum wisst ihr ja mittlerweile.
Dann kamen die Sommerferien. sechs lange Wochen kein heimliches anhimmeln. Ich hatte mir sogar mal überlegt ihn heimlich zu fotografieren. Aber das wäre dann doch ein wenig übertrieben gewesen. Sogar dazu traute ich mich also auch nicht.
Ich hoffte ihn in den Ferien mal zufällig irgendwo zu treffen. Im Schwimmbad oder so. Aber nichts war’s. Ich ging sogar hin und wieder in seinem Viertel spazieren ohne einen Blick von ihm zu erhaschen.
Zwei Wochen war ich mit meinen Eltern und meiner blöden Schwester an der Nordsee. Dort liefen auch so einige hübsche Bengels rum, aber keiner reichte an meinen Bus-Schwarm heran.
Neues Schuljahr, neues Glück. Ich musste mich einfach trauen. Ich nahm es mir am letzten Ferientag fest vor ihn anzusprechen. Nach der Uhrzeit fragen oder ihn einfach nur anzulächeln. Keine Ahnung.
Der Erste Schultag im neuen Schuljahr. Alles wie gehabt. Ich saß im Bus und wartete auf die Bushaltestelle, seine Bushaltestelle. Hat er sich in den sechs Wochen Ferien verändert? Hat er sich wie auch ich eine gesunde Sommerbräune zugelegt?
Gleich wäre es soweit. Ich sehe von weitem schon eine Gestalt am Buswartehäuschen stehen. Aber je dichter der Bus kam umso anders sah diese Person aus. Es war nicht mein Junge der jetzt in den Bus stieg. Ich fand ihn nicht einmal interessant. Kurze schwarze, leicht fettige Haare. Eine picklige Gesichtshaut.
Sogar seine platte Boxernase sah nicht ansprechend aus. Alle Klamotten an ihm sahen ein bis zwei Nummern zu groß aus. Er wollte da bestimmt noch reinwachsen. Zu allem Überfluss setzte er sich auch noch auf SEINEN Platz. Ich hätte ihn am liebsten von dem Platz verscheucht. Aber nicht Mal dazu traute ich mich.
Die nächsten Tage waren ähnlich. Zuerst dachte ich noch dass er nur die Ferien etwas verlängert hatte oder krank war. Aber eine Woche nach der anderen verging und ich wurde immer trauriger. Ich fing sogar an mich für meine Feigheit zu hassen. Die Wahrscheinlichkeit auf einen schwulen Jungen zu treffen lagen so laut Statistik bei 1:10. Ich hätte ihn ansprechen sollen, aber dazu war es jetzt wohl zu spät.
Zwei Monate später und ich trauerte immer noch. Meine Mutter machte sich schon sorgen. Und sogar meiner Schwester fiel auf das etwas mit mir nicht stimmte. Bei unseren üblichen Streitereien ließ ich sie einfach stehen und ging in mein Zimmer. ‚Was ist denn los? Mit dir kann man sich ja nicht mal mehr streiten‘ rief sie mir noch hinterher.
Dann kam der Punkt als es nicht mehr ging. Auf die fürsorgliche Frage meiner Mutter beim Sonntäglichem Essen was denn mit mir los sei und das sie sich sorgen mache, fing ich einfach nur an zu weinen und hörte lange nicht wieder auf.
Meine Mutter kam zu mir herüber und nahm mich einfach nur in den Arm und versuchte mich zu beruhigen. Gefühlte Stunden später hatte ich mich wieder im Griff. Ich blickte in die verwirrten Gesichter meines Vaters und meiner Schwester.
Und wieder musste ich weinen. Meine Schwester entschuldigte sich sogar aus lauter Verzweiflung, weil sie dachte dass der ewige Streit zwischen uns der Auslöser gewesen wäre. Ich schüttelte nur den Kopf und versuchte sie anzulächeln. Einige Minuten später hatte ich mich soweit wieder beruhig das ich jetzt reden konnte. Langsam, leise und ein wenig um den heißen Brei herumredend gestand ich meiner Familie dass ich schwul sei.
Mit den Reaktionen hätte ich jetzt nicht gerechnet. Meine Mutter, die die ganze Zeit neben mir gesessen hatte nahm mich sofort wieder in den Arm. Du bist und bleibst mein Lieblingssohn sagte sie mir. Verdattert antwortete ich nur fragend du hast doch nur einen Sohn, oder?
Das darauffolgende Lachen aller Anwesenden löste die Anspannung. Auch mein Vater sagte mir volle Unterstützung zu und sagte noch das er stolz auf mich sei, weil ich mich ihnen anvertraute. Am meisten freute ich mich allerdings über meine ehemals blöde Schwester, die sich bereiterklärte dass sie eine Freundin interviewen wollte, da diese einen schwulen Bruder hatte.
Ich fühlte mich nach langer Zeit mal wieder richtig gut. Wir haben nach dem denkwürdigen Mittagessen noch lange zusammengesessen und uns über alles Mögliche Unterhalten.
Nach einigen Tagen gab mir meine Schwester die Adresse einer schwulen Jugendgruppe in der Nähe. Mit Herzklopfen und auch ein wenig Angst betrat ich die Einrichtung und war angenehm Überrascht.
Zwar war von einer auf der anderen Sekunde jegliche Aktivität in den Räumlichkeiten erstarrt und mich schauten viele Augenpaare neugierig an. Aber ich fühlte mich sofort aufgehoben. Der Gruppenleiter kam auf mich zu begrüßte mich per Handschlag und führte mich unter neugierigen Blicken vieler Jungs durch die Einrichtung. Hier fand ich dann auch später meinen ersten Freund.
Das alles ist mittlerweile lange her. Heute engagiere ich mich selbst Ehrenamtlich in der Jugendgruppe und versuche verzweifelten Jungs so gut als möglich zu helfen. Auch denke ich hin und wieder an meinen unbekannten Dreamboy aus dem Bus zurück. Ich frage mich dann, was wohl aus ihm geworden sein mag. Ich hoffe das er auf jeden Fall glücklich ist, das wünsche ich ihm von ganzem Herzen.

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Information Ein falscher Traum von Liebe
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:27 AM - No Replies

Leicht verärgert machte ich mich daran, dass Wohnzimmer aufzuräumen. Oma hatte angerufen, dass es ihr nicht so gut ginge und schon war Mutti losgefahren, samt Sarah im Gepäck.
Anstatt meiner kleinen Schwester zu sagen, sie solle ihre, in der ganzen Wohnung verteilten Spielsachen aufräumen, wurde dass an den großen Bruder abgeschoben. Na ja, Oma war schon wichtig, das leuchtete mir ein, aber Sarahs Unordentlichkeit wurde was das anging, nach meiner Meinung nach, viel zu sehr vernachlässigt.
Das Nesthäkchen eben. Missgelaunt kniete ich auf dem Boden und sammelte sämtliche Utensilien von Sarahs Barbiewelt ein. Wieso mussten diese blöden Puppen auch so viel zum Anziehen haben.
Und wie die aussahen, alle schön zu Recht gemacht. Halb verdeckt unter dem Kissen lag die männliche Barbieversion. Schöne dunkle Haare, muskulöser Körperbau und ein tatenloses Gesicht.
Ich seufzte. Wenn ich da an mich dachte. Wirres blondes Haar und eher eine Dünnversion dieser Spielfigur. Das regelmäßige Tanzen, das ich mir freiwillig auferlegte, hatte natürlich seine Spuren hinterlassen.
Muskeln waren vorhanden, aber eine ausgeprägte Sportlerfigur war es nicht. Ein etwas zu groß geratener Kleiderständer, wie Mutti immer spaßhaft meinte. Über mein Gesicht konnte man streiten.
Während ich immer behauptete, ich sei hässlich, sagte Paps, mit diesem Gesicht würden mir Tür und Tore aufstehen. Was immer er damit auch meinte, ich hätte da schon Einiges daran auszusetzen, aber mich fragt ja niemand.
Einen Unterschied zu dieser Puppe hatte ich allerdings. Ich musste grinsen. Da wo sich bei mir eine kleine Beule auf der Shorts abzeichnete, da war dieser Aufreisertypen glatt wie eine Flunder.
Doch der Rest…, mein Traummann wäre er alle mal. Aber wo sollte ich Küken so jemanden herbekommen, zudem ja auch niemand wusste, dass mich das männliche Geschlecht mehr interessierte, als die holde Weiblichkeit.
Ich hatte auch die letzen Sachen in die Box geschmissen und trug sie in Sarahs Zimmer, als das Telefon klingelte.
„Beuscher“, meldete ich mich.
„Hallo Marc, hier ist Mutti.“
„Hallo Mutti…, ähm ist etwas passiert?“
„Nein Marc, ich wollte dir nur sagen, dass ich deinen Vater nicht erreicht habe. Könntest du ihm ausrichten, dass es bei mir mit Oma etwas länger geht?“
„Klar Mama.“
„Wenn ihr Hunger habt, im Kühlschrank stehen genug Sachen.“
„Kein Problem.“
„Danke mein Großer…, du hast etwas gut bei mir.“
Freute mich zu hören, darauf würde ich sicher irgendwann zurück kommen.
„Gut bis später Mutti. Gruß an Oma.“
„Tschüss!“
Ich legte auf und wollte Sarahs Kiste endlich in ihr Zimmer bringen, als die Wohnungstür aufgeschlossen wurde.
„Hi Paps.“
„Hallo Marc…“, meinte Paps und schaute mir verwundert nach, als ich in Sarahs Zimmer lief.
„Mama ist mit Sarah bei Oma“, rief ich, …kann später werden.“
„Schon wieder?“, seufzte er.
Ich stellte die Box auf ihren Platz und verließ das Zimmer wieder.
„Ja, Oma geht es nicht so gut.“
Paps hängte seine Jacke an die Garderobe und stellte seine Tasche auf den Boden.

„Kann ich mal mit dir reden?“, fragte mich Paps und ich wunderte mich schon über seinen Tonfall.
Ich nickte.
„Komm, lass uns ins Wohnzimmer sitzen.“
Warum beschlich mich das Gefühl, das jetzt nichts Gutes kam. Ich folgte ihm ins Wohnzimmer und ließ mich in den Sessel fallen. Er atmete tief durch und schaute mich lange an.
Mir wurde immer unwohler. Was war nur los?
„Marc, deine Mutter und ich haben da schon lange darüber geredet, aber bisher war noch nichts sicher. Das es Oma Gretchen immer schlechter geht, hast du ja mitbekommen. Man kann sie fast nicht mehr alleine lassen und für ein Pflegedienst ist recht teuer.“
Wieder atmete er durch. Es schien ihm schwer zu fallen.
„Einen Heimplatz können wir uns finanziell auch nicht leisten und zu dem möchten wir deine Oma nicht in ein Heim stecken. Deshalb haben wir beschlossen zu Oma zu ziehen. Platz genug hat sie und du würdest auch endlich ein größeres Zimmer kriegen.“
Von der Stadt wieder auf das Land. Wieder? Als ich klein war, zogen meine Eltern, mich frisch geboren, hier in die Stadt. Aber jetzt in ein kleines Dorf ziehen, wo jeder jeden kennt? Wie war da die Möglichkeit, jemanden kennen zu lernen? Gleich null.
Gut ich hatte hier nicht wirklich Freunde, außer in der Schule, aber das waren eben keine richtigen Freunde.
„Deinem Gesichtsausdruck zufolge scheinst du nicht begeistert zu sein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist es nicht, Paps. Mich bindet außer der Schule und der Tanzunterricht hier sowieso nichts.“
„Und trotzdem machst du ein trauriges Gesicht.“
War jetzt der Zeitpunkt gekommen, um mich zu offenbaren?
„Marc, es gab Zeiten, da kamst du immer zu mir, wenn du etwas auf dem Herzen hattest.“
„Stimmt…, aber…, dass ist nicht so leicht.“
„Wir können auch später reden…“
„… nein…, es ist nur…, ich habe Angst wie du reagierst.“
„Du hast Angst vor mir?“, fragte mich Paps mit großen Augen.
Mit traurigen Augen schaffte ich ihn anzuschauen.
„Vielleicht…, vielleicht willst du dann nichts mehr mit mir zu tun haben…“
„Quatsch Junge, du bist mein Sohn! Was sollte so schlimm sein, dass man seinen eigenen Sohn nicht mehr liebt.“
„Ich wüsste… da etwas…“
„Und das wäre?“
Ich atmete tief durch. Der Kloß in meinem Hals wurde immer mächtiger und ich hatte das Gefühl, dass es mir langsam die Kehle zusammen schnürte. Sämtliches Blut sammelte sich in meinem Kopf, die Wangen glühten.
Meine Hände waren eiskalt und feucht. Mein Herzschlag schien sich zu verdoppeln, ich hörte den Herzschlag in den Ohren. Meine Augen wurden feucht.
„Kann es sein, das es damit zu tun hat, dass du noch nie eine Freundin hattest?“, fragte Paps plötzlich leise.
Entsetzt schaute ich ihn an. Woher wusste er das? Wie konnte das sein?
„Jetzt schau nicht so, junger Mann.“
„… aber woher…?“
„Marc, jetzt überleg mal. Du bist siebzehn Jahre alt, hast noch nie jemand mitgebracht, geschweige denn ein Mädchen. Wenn wir weg sind, schaust du nicht einem Mädchen hinter her. Auf alle Fälle habe ich das noch nie mitbekommen.“

Mein Kopf sank wieder auf Ausgangsstellung zurück und ich starrte auf meine zitternden Hände.
„… wäre es…schlimm…“
Ich spürte, wie Paps seinen Arm um mich legte.
„… du mir keine Schwiegertochter anschleppst, ich nur von deiner kleinen Schwester Enkel zu erwarten hätte, wobei ich hoffe sie lässt sich damit sehr viel Zeit.“
„Sarah ist sechs!“, meinte ich.
„Und? Deine Mutter war knapp älter, als du jetzt, als sie dich bekam.“
„Ja, ich weiß, ich war ein Unfall…“
Ich spürte, wie Paps Hand herunter wanderte und Sekunden später, spürte ich seinen Finger in meinen Rippen. Ich quiekte und zuckte zusammen.
„Du warst kein Unfall…“, meinte Paps, sprach aber dann nicht weiter.
Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch.
„…ich bin schwul… ja…“
„War das jetzt so schwer?“
Ich nickte und mein Kopf sank an seine Schulter.
„Das schleppst du jetzt schon eine Weile mit dir herum. Deine Mutter fragt sich schon lange, wann du damit heraus rückst.“
Ich fuhr hoch.
„Mutti weiß es auch?“
„Klar, sie wusste dass sofort.“
„Wie… was…?“
„Nenne es einfach mütterliche Intuition.“
Ich schaute Paps an.
„Sie weiß es…? Aber…, warum… hat sie… habt ihr nie etwas gesagt?“
„Marc, wie stellst du dir das vor? Ich komme morgens in dein Zimmer und teile dir mit, ach Marc, ich weiß dass du schwul bist?“
Bei dem Gedanken musste ich jetzt grinsen. Nein, dass war wirklich Blödsinn.
„Deine Mutter und ich dachten nur, dass du dir deine Zeit selber einteilen musst und mit dir erst einmal selbst ins Reine kommen musst.“
Eine kurze Pause entstand.
„Gibt es jemand…?“, fragte Paps plötzlich.
„Nein“, seufzte ich, „ersten weiß niemand von mir und zweitens, wer will mich Bohnenstange schon haben?“
„Na ja, dünn bist du ja schon, da hast du Recht, aber du siehst doch gut aus.“
Ich lächelte verlegen.
„Paps…, das ist nicht so einfach. Woher soll ich wissen, dass ein Junge schwul ist und vielleicht irgendwann einmal dasselbe fühlt wie ich?“
„Ich bin zwar kein Liebesdoktor, aber ich denke, du wirst das spüren.“
„Glaubst du wirklich?“
Paps nickte. Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen.
„Maaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaarc, wir sind wieder da…haaaaaaaaaalloo“, hörte ich Sarah brüllen.
„Sarah… leiser! Die Nachbarn!“, folgte sofort von Mutti.
Ein kleiner Wirbelwind kam in Wohnzimmer gerast, sah uns beide auf dem Sofa sitzen und schmiss sich mit voller Wucht auf uns.
„Fräulein Sarah Beuscher, was habe ich dir im Auto gesagt“, hörte ich die strengen Worte meiner Mutter, die nun ebenfalls im Wohnzimmer erschien.
„Och Mami…“
Paps und ich grinsten.

„Sarah, ich sage dass nicht zweimal.“
„Okay…“
Sarah krabbelte von uns herunter und lief in den Flur.
„Und die Schuhe anständig hinstellen, junge Dame!“
„Ja Mamaaaaa“, kam es trotzig vom Flur.
„Na ihr beiden…, ihr sitzt da so bedächtig bei einander…“, meinte Mutti und lies sich in den Sessel fallen.
„Ja, wir haben geredet“, antwortete Paps.
„Etwas Wichtiges nehme ich an, nach Marcs feuchten Augen zu urteilen.“
„Ja…“, meinte Paps und ich nickte.
„… nur der Umzug oder auch etwas anderes?“
Ich spürte, wie mir schon wieder das Blut in den Kopf schoss.
„Ja, wir haben darüber geredet, dass wir zu meiner Mutter ziehen möchten und dann hat unser Junior noch ein bisschen zu erzählen gehabt.“
Muttis Blicke wanderten zwischen uns hin und her und wurde dadurch unterbrochen, dass Sarah wieder auf der Bildfläche erschien.
„Meine Mütze und Handschuhe habe ich auf die Heizung in die Küche gelegt“, verkündigte sie stolz.
„Brav“, meinte Mutti und wandte sich wieder zu uns.
„Geht es vielleicht um das, um was wir uns gestern unterhalten haben?“, fragte sie.
Paps nickte.
„Dazu möchte ich jetzt nichts sagen“, und schaute kurz zu Sarah, „nur soviel, dass du unsere volle Unterstützung hast und wir hinter dir stehen.“
Sie lächelte mich an und schnappte nach Sarah.
„So und du wanderst jetzt in dein Bett!“
Ich sah die beiden gerührt an und wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte.
„Ich will aber noch nicht ins Bett…“, meckerte Sarah, „…noch mit Marc spielen.“
„Keine Widerrede, es ist Zeit für dich“, mischte sich Paps ein.
„Ich bring sie ins Bett“, meinte ich.
Meine Eltern sahen mich an und ich lächelte.
„So mein Hase aufsteigen“, sagte ich und ging in die Knie.
„Au ja… reiten…“
Sarah kletterte auf mein Rücken.
„Hüa Pferdchen!“, rief sie und ich setzte mich in Bewegung.
*-*-*
„Schläft sie?“, fragte mich Mutti, als ich die Küche betrat.
„Ja, weiter als die zweite Seite brauchte ich nicht vorlesen, da ist sie eingeschlafen.“
„Kein Wunder, sie ist im Auto schon fast eingeschlafen.“
„Wie geht es Oma?“
Ihr Blick wurde traurig.
„Ich kann dir die Frage nicht mal richtig beantworten. Einen Tag da denkt man, sie könne noch Bäume ausreisen…, an anderen Tagen, wusste ich nicht, ob ich den Notarzt anrufen soll.“
„So schlimm?“
„Nein, deine Oma ist nicht krank…, ich vermute eher, sie verlässt der Lebensmut. Seit dein Großvater vor fünf Jahren gestorben ist, fühlt sie sich sehr alleine.“
„Aber wir sind doch so oft bei ihr und wenn ich dran denke, wie sie immer so rührend mit Sarah spielt…“
„Dass ist es ja gerade Marc. Ihr geht es gut, wenn wir da sind…, wenn sie jemand um sich hat, gebraucht wird.“

„Ich habe Paps schon gesagt, mir macht es nichts aus, zu Oma zu ziehen. Eine gute Busverbindung zu meiner Schule gibt es auch…, na ja ich muss um einiges früher los…“
„Da kann dich auch Papa mitnehmen“, unterbrach sie mich.
„…, aber sonst ist hier nichts was mich hält.“
„Trotzdem klingst du traurig.“
„Ist es nicht traurig, dass mich hier nichts hält?“
Meine Mutter schaute mich lange an. Sie trocknete ihre Hände ab und kam zu mir an den Tisch.
„Ich kenne das Gefühl, wenn man keine Freunde hat.“
„Du?“
Sie setzte sich neben mich.
„Ja ich! Es mag sein, dass dein Vater und ich jetzt Freunde haben, auf die man sich auch verlassen kann. Aber früher war das nicht so.“
„Seit ihr deswegen in die Stadt gezogen?“
Mum nickte.
„Jemand der mit achtzehn schon schwanger wurde und nicht verheiratet war…“, sie machte eine kleine Pause, „ich wurde schlicht weg gemieden, ich war kein Umgang für die anderen.“
„Also war ich doch ein Unfall!“, meinte ich und spürte plötzlich zwei Finger in meinen Rippen.
Mir entfuhr ein Schrei und ich fuhr nach oben, wodurch ich mit dem Übeltäter, meinem Vater zusammenknallte.
„Man… Marc, hast du einen harten Schädel“, sagte Paps und rieb sie über sein Kinn.
„Das Gleiche könnte ich von deinem Kinn sagen“, erwiderte ich und rieb mir den Kopf.
Mum lachte laut auf.
„Du warst kein Unfall“, meinte Paps und setzte sich zu mir.
„So, ich war also geplant“, meinte ich und grinste die beiden an.
„Wenn man das weitgehend Planung nennen kann… ja!“, sagte Mum.
Sie stellt Paps und sich einen Kaffee hin und mir eine heiße Schokolade.
„Danke“, meinte ich.
„Über was habt ihr geredet?“, wollte Paps wissen und nippte an seinem Kaffee.
„Über den Umzug“, sagte ich, bevor Mum antworten konnte.
Sie lächelte.
*-*-*
Ich ließ mich einfach auf den Boden fallen. Es war die letzte Kiste, die ich von unten herauf tragen musste.
„Na Junior noch fit?“, fragte Paps.
Ich schüttelte den Kopf. Mir tat alles weh.
„Wir haben ja alles geschafft.“
„Ich wusste nicht, wie viel in unserer kleine Wohnung gepasst hat.“
„Wir machen morgen weiter.“
„Okay.“
Er verschwand wieder und ich versuchte mich wieder zu erheben. Als hätte mir jemand die Kraft entzogen, seinen Fuß mit voller Wucht auf meine Brust gedrückt, mühte ich mich langsam auf. Die Haustür unten wurde aufgeschlossen.
„Wir sind wieder daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa“, hörte ich Sarah schreien.
„Sarah nicht so laut“, hörte ich Omas Stimme.
„Marc…, Marc… wo bist du?“
Ab und zu konnte meine Schwester ganz schön stressen.
„Junge Dame, du ziehst jetzt deine Schuhe aus und auch deine Mantel!“
Die energische Stimme meiner Mutter.

„Ich will doch nur Marc sein Geschenk geben…“, meinte Sarah trotzig und ich musste schmunzeln.
Ein Geschenk. Das hörte bei Sarah sich immer so groß an, aber sie brachte dann ein Überraschungsei oder einen Riegel Schokolade. Aber ich fand es süß, wie sie immer an mich dachte.
„Das kannst du auch ohne nasse Schuhe!“
„Okaaaaayyy.“
„Ich bin hier oben“, meinte ich nur, ans Geländer der Treppe gelehnt.
„Hallo Schatz“, hörte ich Paps, „hallo Mutter.“
„Papa guck mal was ich für Marc mitgebracht habe“, rief Sarah laut.
„Kind, geht das auch etwas leiser“, beschwerte sich Oma.
Es half nichts, bevor mir Sarah nicht ihr Geschenk übergab, würde sie wohl keine Ruhe geben. Scheren Herzens schleppte ich mich die Treppe hinunter, bis ich in das Sichtfeld meiner Leute kam.
„Was hast du denn für mich?“, fragte ich.
Die Kleine hatte gerade ihre Schuhe abgestellt, als sie hektisch in Mums Tüten anfing zu wühlen.
„Ich setz mal einen Kaffee auf“, meinte Oma und verschwand in die Küche.
„Sarah, bitte, du schmeißt ja alles daneben“, kam es von Mum und Sarah hatte bereits Wurst und Brot über den Teppich verteilt hatte.
„Ich will doch nur Marc seinen Adventskalender geben.“
„Moment“, meinte Mum, nahm ihr die Tüte ab und zog aus einer anderen Tüte das besagte Teil.
„Marc…, guck hier für dich“, rief Sarah und rannte zu mir hoch.
Deutlich sah ich, wie Mum und Paps durchatmeten. Ich schnappte mir Sarah und ging mit ihr noch ein Stockwerk höher.
„Komm gehen wir in dein Zimmer“, meinte ich nur.
Dort angekommen ließ ich mich auf ihr Bett fallen Sarahs Zimmer hatten wir als erstes eingeräumt, damit sie aus dem Weg war, wenn wir uns den Rest der Zimmer vornahmen. Ihr Zimmer war um das Doppelte größer als ihr Vorhergehendes.
Ich sah jetzt schon die Unordnung, wenn sie mal ihr ganzes Spielzeug verteilt hatte.
„Guck, hier ist der Weihnachtsmann drauf und hat so einen tollen Schlitten und dass ist Rudolf, das Rentier, auch wenn er keine rote Nase hat… sein Schnupfen ist sicher weg.“
Ich musste lachen und nahm mein Geschenk in Empfang.
„Ich hab das gleiche Bild bekommen“, blabberte Sarah weiter.
Man merkte deutlich, wie ihr Gehirn arbeitete.
„Der ist noch unten“, rief sie.
„Sarah… halt!“
Sie blieb abrupt an der Tür stehen.
„Was denn? Ich will doch nur meinen Kalender holen.“
„Ja, aber komm bitte mal erst zu mir.“
„Was ist denn?“
„Versprichst du mir etwas?“
„Ja.. was denn?“
Was denn – schien zurzeit ihre absolute Lieblingsfrage zu sein.
„Du bei Oma sollten wir etwas leiser sein. Der Umzug für sie ist auch anstrengend… okay?“
„Ja“, lächelte mich meine kleine Schwester mit einem fesselnden Lächeln an.
Ich drückte sie kurz und sie rannte aus dem Zimmer.
„Mammaaaaaaaaaaaaaa, wo ist mein Kalender?“, schrie sie die Treppe hinunter.

Ich atmete aus, senkte den Kopf bevor ich ihn schüttelte. Mühsam stand ich wieder auf, folgte ihr auf den Flur und durchquerte ihn bis zur letzten Tür, wo sich mein Reich befand. Hingegen Sarahs Zimmer, stand lediglich mein Bett.
Hilflos sah ich mich in meinem Zimmer um. Wo sollte ich anfangen. Den Rest der Möbel stand entweder wild im Zimmer verteilt, oder war in Einzelteile zerlegt an die Wand gelehnt.
So beschloss ich mir Werkzeug zu besorgen um zumindest meinen Schrank auf zu bauen.
Eine Stunde und unzählige Störungen von Sarah später hatte ich fast alles aufgebaut und an den neuen Platz gestellt. Ich machte mich an den ersten Karton und räumte meinen Schrank ein. Es klopfte an meiner Tür, also konnte es nicht Sarah sein.
„Hallo mein Junge, ich habe dir eine Tasse Tee gebracht.“
„Danke Oma“, meinte ich freudig und nahm die Tasse in Empfang.
Der Duft von weihnachtlichen Gerüchen füllte mein Zimmer.
„Da hast du ja noch eine Menge Arbeit vor dir“, sprach Oma weiter.
Ich schaute auf die Menge Kartons auf dem Boden und nickte.
„Soll ich dir helfen?“
„Nein danke Oma, ich weiß nicht, ob ich heute noch alles ausräume.“
Sie nickte und schaute etwas betrübt.
„Aber wenn du möchtest, kannst du mir beim Bett beziehen helfen, ich will ja heute Nacht noch darin schlafen.“
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich suchte zwischen den Kartons und wurde fündig.
„Mum hat mir extra für das neue Bett Wäsche gekauft“, meinte ich und hob die Tüte hoch.
„Die ist schön“, sagte sie und ich reichte ihr den Packen Wäsche.
Langsam faltete sie die Bettwäsche auseinander, während ich die Kissen vom Bett nahm.
„Ich…, ich wollte mich noch mal bei dir bedanken Junge.“
Verwirrt schaute ich sie an.
„Für was?“
„Dass es dir nichts ausmacht, dass ihr hier her zieht.“
„Nichts zu danken, habe dadurch ja auch ein größeres Zimmer bekommen.“
Sie schwieg und begann das Spannbetttuch aufzuziehen. Ich griff mir die andere Seite und stülpte sie über die Matratze. Schnell waren auch Kopfkissen und die Bettdecke überzogen.
Oma schaute zu den Kartons und dann wieder zu mir.
„Glaubst du, das passt alles in die Regale und Schränke?“, fragte sie.
„Muss es Oma, es war ja vorher auch drin.“
„Aha.“
Sie stand etwas verloren im Zimmer und blickte auf die Kartons. Ich seufzte innerlich. Klar, sie wollte gebraucht werden.
„Die Wäsche kommt ja in meinen Schrank“, meinte ich, öffnete einen weiteren Karton und reichte ihr ein Bündel meiner Klamotten.
Lächelnd nahm sie ihn entgegen und setzte ihn in den Schrank. Wenig später und ein paar Kartons leerer, klopfte es erneut an meiner Tür und Mum schaute herein.
„Wow, ihr seid aber weit gekommen…, ich wollte euch fragen, ob ihr zum Abendessen herunter kommt.“
„Ja gerne“, meinte Oma und lief los.
Als Oma im Flur verschwunden war, wandte sich Mum zu mir.
„Alles klar?“, fragte sie mich.
„Ja…, geht schon.“
„Ähm…, wenn dir das mit Oma zu viel wird, musst du es mir sagen.“
„Nein…, das ist kein Problem… sie will ja nur helfen.“

Mum sah sich im Zimmer um.
„Da fehlen wohl noch ein paar Regale.“
„Ich werde schon alles unterbekommen.“
„Deine Regale waren schon vorher übervoll, dass muss ja jetzt nicht auch so sein. Morgen am Samstag werden wir in den Möbelmarkt fahren und schauen was wir bekommen.“
„Okay…“, meinte ich, auch wenn es so gegangen wäre.
*-*-*
Im Haus war Ruhe eingekehrt. Sarah schlief schon längst und der Rest schien auch schon im Bett zu liegen. Ich schlug die Decke zurück, stand auf und lief zum Fenster. Da Oma am Ortsrand wohnte, konnte ich auf die Wiesen schauen.
Jetzt nicht, es war ja dunkel. Ich öffnete das Fenster und eiskalte Luft kam mir entgegen. Es fröstelte mich etwas, aber die frische Luft tat gut. Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und ich sah, dass es zu schneien begonnen hatte.
Ich beschloss mich wieder in mein Bett zu verziehen, denn da war es wärmer. Ich schloss das Fenster, tapste zum Bett zurück. Schnell war ich in meine Decke gekuschelt. Den ganzen Tag hatte ich keine Zeit über all das hier nach zudenken.
Was mich erwartete? Ob ich hier jemand kennen lernte? Ich schloss die Augen und fiel auch etwas später in einen traumlosen tiefen Schlaf.
*-*-*
Am Morgen wurde ich von dem Getrampel meiner Schwester geweckt, die anscheinend einen Stock tiefer zwischen den Zimmern herumrannte. Ich streckte mich und ließ aber sofort davon ab, als ich jeden einzelnen Muskel am Körper spürte.
Draußen schien die Sonne zu scheinen, durch das kleine Fenster fielen Strahlen. Etwas zögerlich raffte ich mich auf. Gleich an mehreren Stellen machte sich mein Körper bemerkbar.
Da hatte ich mir einen ordentlichen Muskelkater eingefangen. Nun war ich doch froh, dass mir Oma beim Einräumen meiner Sachen geholfen hatte. Bis auf drei Kartons war alles leer. Es klopfte an meiner Tür und Paps streckte den Kopf herein.
„Hallo du Langschläfer… keinen Hunger?“
„Morgen Paps… klar Hunger habe ich immer.“
„Papa darf ich jetzt rein“, hörte ich die drängelnde Stimme meiner Schwester.
Ich musste kichern.
„Was habe ich dir vorhin gesagt?“, sagte Paps, den Kopf zu meiner Schwester gewandt.
„Dass ich heute Morgen meinen Bruder in Ruhe lassen soll…, aber er ist doch wach!“
„Lass sie ruhig rein, Paps“, meinte ich, denn vorher würde sie eh keine Ruhe geben.
„Okay, wir sehen uns dann unten… und denk dran, wir wollen noch in den Möbelmarkt.“
„Okay, ich geh noch durchs Bad und muss mich noch anziehen.“
Die Tür schob sie wie von Geisterhand weiter auf und ein kleines Energiebündel kam ins Zimmer gestürmt.
„Ui, ist dass hier groß“, meinte Sarah, Paps lachte und verschwand.
„Hast du schon das erste Türchen aufgemacht? Bei mir war ein Auto drin… und die Schokolade schmeckt super.“
Ach so, an den Adventskalender hatte ich nicht mehr gedacht.
„Du, ich hab ihn noch nicht einmal aufgehängt, weil ich erst alle Kartons leer räumen muss.“
Etwas enttäuscht schaute sie weiter durchs Zimmer.
„So, ich muss noch kurz ins Bad, dann komme ich hinunter, okay.“
„Das Zimmer ist wirklich groß“, meinte sie.
Ich musste grinsen.
„Deins doch auch!“
„Ja… jaaaa …. Jahaaaaaaaaaaaaaaaa.“
Sie kicherte los.
„Nun aber los, ab ich die Küche!“, meinte ich und gab ihr einen kleinen Klaps auf den Hintern.
Jubelnd verließ sie mein Zimmer und rannte die Treppe hinunter. Bis unten hörte ich sie Frühstück rufen. Wird sich dieses Kind wohl irgendwann ändern, fragte ich mich. Also machte ich mich schnell fertig um wenig später ebenfalls in der Küche zu erscheinen.
*-*-*
Froh aus dem Haus zu kommen, saß ich nun bei meinen Eltern im Wagen. Wie ausgemacht fuhren wir zum Möbelmarkt. Mum hatte mir ein paar kleinere Regale für mein Zimmer versprochen und Paps meinte, es würde dort auch noch Bilder fehlen.
Sarah saß neben mir und spielte mit ihrer Puppe. So ließ sie mich wenigstens zufrieden. Es dauerte auch nicht lange, als die berühmten vier großen und gelben Buchstaben in Sicht kamen.
„Mama, darf ich wieder in die Kinderecke?“, fragte Sarah plötzlich neben mir.
„Ja! Aber nur, wenn du dort auch bleibst. Ich habe keine Lust dich nach einer viertel Stunde wieder abzuholen.“
„Warum?“
„Oh Sarah, weil wir Möbel schauen wollen und nicht hier zum Spielen sind.“
Ich schaute Sarah lächelnd an und als ich merke, dass sie gleich wieder etwas sagen wollte, womöglich ein weiteres nervendes Warum, schüttelte ich nur den Kopf und legte meinen Zeigefinger auf die Lippen.
Sie nickte und widmete sich wieder ihrer Puppe.
„Wenn ihr Lust habt, können wir hier auch zu Mittagessen bleiben“, meinte Mum, während Paps bereits auf den Parkplatz fuhr.
„Ich will Pommes“, rief Sarah laut.
„Sarah, ich will gibt es schon gar nicht, dass heißt ich möchte bitte“, ermahnte sie Paps.
Sarah brummelte irgendetwas Unverständliches zu ihrer Puppe und fing dann an zu lachen. Mein Vater fand recht weit vorne einen Parkplatz und stellte unseren Wagen ab. Ich löste erst Sarahs Sicherheitsgurt, bevor ich meinen öffnete.
Wie immer wollte Sarah sofort aus dem Auto stürmen, doch Paps war schneller und hatte bereits ihre Tür in der Hand.
„Sarah, du musst aufpassen, da steht noch ein anderes Auto.“
Jedes Mal dasselbe dachte ich, warf meine Tür zu und lief auf die Durchfahrtsstraße. Mum hängte sich bei mir ein, während Paps Sarah an die Hand nahm.
„Willst du etwas alleine herum stöbern oder mit uns laufen?“, fragte sie mich.
„Ich weiß es nicht. Was wollt ihr euch den anschauen?“
„Wir brauchen einen neuen Esstisch und wir wollten nach einem Sessel Ausschau halten, dann vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten.“
„Dann komm ich mit.“
Sarah wurde in der Kinderecke abgegeben und somit hatten wir auch Ruhe. Na ja Ruhe, es waren noch genug Familien mit nervenden Kids unterwegs. Aber ich ließ mich nicht beirren und schaute mir brav Möbel an.
Bei einer Wohnzimmereinrichtung sah ich ein CD Regal, dass man senkrecht aber auch waagrecht aufhängen konnte. So war es möglich auch DVD unter zu bringen.
„Gefällt dir das?“, hörte ich Paps hinter mir fragen.
Ich nickte.
Er griff nach dem Preisschild und schaute es sich an.
„Nicht teuer, reicht dir eins, oder sollen wir gleich zwei nehmen?“
„Zwei wären besser“, antwortete ich.
Paps griff nach dem Zettel und einem Bleistift.
„Schreib dir die Nummer auf, damit wir es nachher im Lager schneller finden. Brauchst du sonst noch etwas?“
„Ich wollte eigentlich nach einem Bücherregal schauen.“
„Wie sieht es mit Bildern aus, oder Pflanzen? Dein Zimmer ist jetzt doppelt so groß.“
„Dass weiß ich noch nicht, dazu müsste ich die Bilder hier sehen.“
„Dann geh doch schon mal vor, wir kommen gleich nach.“
*-*-*
Mit vollgepackten Einkaufswagen verließen wir das Möbelhaus.
„Und wie machen wir das jetzt? Wir müssten die Rückbank zum Teil umklappen, aber wo soll dann Sarah oder Marc sitzen?“, fragte Mum.
„Wenn ich Sarah auf den Schoss nehme, dann müsste es doch gehen Paps oder?“
Ich hatte mein Kopf zu ihm gedreht und wartete auf seine Antwort, während ich weiter lief.
„Das müsste gehen… Marc pass … auf!“
Ich drehte meinen Kopf nach vorne, aber da war es schon zu spät. Ein Wagen kam angerauscht und erwischte mich. Ich knallte auf die Motorhaube, dann bekam ich nichts mehr mit.
*-*-*
Ich hörte aufgeregte Stimmen um mich herum, aber richtig verstehen konnte ich nichts. Meine Augen zu öffnen ging auch nicht, geschweige denn etwas sagen. Ich spürte nur, dass ich auf dem kalten Boden lag und mir jemand über das Gesicht streichelte.
„Marc… so sagt doch etwas“, konnte ich nun die Stimme meiner Mutter heraushören.
Aber je mehr ich mich darauf konzentrierte, etwas sagen zu wollen, umso weiter entfernten sich die Stimmen. Plötzlich wurde alles schwarz.
*-*-*
Mein Kopf dröhnte etwas, als ich wach wurde. Verschwommen nahm ich meine Umgebung war. Nur langsam gewöhnten sich meine Augen an die komische Beleuchtung. Auch kam langsam die Erinnerung zurück.
Schlagartig wurde mir bewusst, ich war von einem Auto angefahren worden. Ich wollte meinen Kopf anheben und drehen, um mehr sehen zu können, wurde aber von irgendwas an meinem Hals gebremst.
„He, du bist ja wach“, hörte ich eine sanfte Stimme in meiner Nähe.
In meinem Blickfeld erschien ein junger Mann im grünen Titel. Ich öffnete den Mund, aber meine Stimmbänder schienen nicht so zu wollen, wie ich wollte. Es kam nur ein Krächzen heraus.
„Hallo ich bin der Theo und Pfleger hier.“
Langsam bekam ich ein mulmiges Gefühl in der Magen Gegend. Gut ich wusste dass ich einen Unfall hatte, aber was war danach geschehen? Das ich meinen Kopf nicht bewegen konnte ängstigte mich noch mehr.
„Du schaust ziemlich verstört. Ich glaube, ich hole mal die leitende Ärztin, die wird dir alles erklären.“
Und schon war er aus meinem Blickfeld wieder verschwunden. Es dauerte aber nicht lange bis eine Frau in mein Blickfeld kam.
„Hallo Marc, ich bin Doktor Engel, deine Ärztin hier.“
Das Bild der Ärztin verschwamm. Tränen bahnten ihren Weg über meine Wangen. Ich spürte, wie die Ärztin meine Hand nahm.
„Wir haben deine Eltern verständigt, sie werden bald da sein. Ich denke dir schwirren eine Menge Fragen durch den Kopf und warum du hier auf der Intensivstation liegst.“
„Ja“, krächzte ich.
„Gut, deine Stimme wird auch wieder kommen. Du lagst im künstlichen Koma und deine Stimmbänder müssen sich erst wieder an ihren Betrieb aufnehmen.
„Künstliches… Koma?“
„Ja, ein Wirbel deines Genicks ist Gott sei dank nur sehr leicht angebrochen, deshalb trägst du diese Klammern am Kopf, damit du den Kopf nicht bewegen kannst.“
„An… angebrochen? Gott sei Dank?“
Ich musste husten, aber mein Kopf wurde eisern festgehalten.
„Ja, die Klammern sind nur zur Vorsicht, damit du, so wie eben beim Husten, deinen Nacken nicht unnötig bewegst. Deine Füße und Hände reagieren auf Reize und deswegen bin ich froh, weil du keine Lähmungserscheinungen hast. Theo, könntest du Marc etwas zu trinken geben? Aber bitte vorsichtig.“
„Kommt sofort!“
„Und du versuchst jetzt mal so wenig zu reden, wie es geht, nur wenn es nötig ist. Falls du Schmerzen bekommst, sag es sofort.“
Mein Bein tat weh und sonst spürte ich auch den Rest des Körpers.
„Es… tut alles weh.“
„Das kann ich mir gut vorstellen. Du hast neben deinem Genick noch ein gebrochenes Bein und jede Menge Prellungen. Aber dafür, dass du Bekanntschaft mit einem Kotflügel gemacht hast, ist dein Glückskonto heftig überzogen.“
Die Ärztin war entweder sehr locker drauf, oder hatte sich etwas eingeschmissen. Mein Bein gebrochen, dann konnte ich das Tanzen für eine Weile vergessen.
„So hier kommt etwas zu trinken“, hörte ich Theos Stimme.
*-*-*
„Marc?“
Ich öffnete die Augen und sah Mum ins Gesicht.
„Marc…, mein Schatz hallo…“
„Hallo Mum…“
„Hallo mein Großer.“
Paps kam ins Sichtfeld.
„Hallo Paps… ist Sarah auch da?“
„Nein, das wäre zu anstrengend für dich und sie sollte dich vielleicht nicht so sehen.“
„Wieso… wie sehe ich denn aus?“
Aus dem Blickfeld nach oben der Decke und einige Dinge die Hoch standen oder hingen sah ich nicht.
„Ziemlich viele blaue Flecken einen Gipsfuß und ich weiß nicht, ob es dir recht ist, dass Sarah dich nur in Shorts sieht“, erklärte Paps grinsend.
„In Shorts?“
Meine Augen waren weit aufgerissen.
„Wie geht es dir?“, fragte Mum besorgt.
„Wie soll es mir schon gehen. Das Gipsbein wäre ja nicht so schlimm gewesen, aber dieses Ding am Kopf nervt total.“
Mum schaute mich mitleidig an.
„Mum, das geht schon, da muss ich jetzt halt durch.“
„Deine Mum glaubt, sie sei schuld am Unfall, weil sie dich überredet hat, dass wir zu Oma ziehen.“
„Quatsch…“
Ich versuchte ein ernstes Gesicht zu machen, was mir aber nicht gelang, da Paps mich mit seiner Dauergrinserei ansteckte.
„Du hast mich nicht überredet, sondern lediglich gefragt und der Unfall hätte auch in der Stadt passieren können. Wenn, dann bin ich selbst schuld, weil ich nicht aufgepasst habe.“
„Nein die Fahrerin ist schuld, sie war viel zu schnell“, erzählte Paps.
„Was passiert denn jetzt mit ihr?“
„So einiges… Führerschein los, eine Anzeige wegen Körperverletzung und so weiter…“
„Oh man, die arme Frau.“
„Wieso arme Frau“, meinte Mum empört, „sie hat dich fast auf dem Gewissen.“
„Mum, meinst du, sie ist nicht schon genug gestraft, dass sie mich überfahren hat. Ich denke sie wird die Bilder meines erstes Flugversuches ohne Flügel nicht vergessen.“
„Elisa, was hat man mit unserem Sohn gemacht, dieser junge Mann hier kann es nicht sein.“
Dass es Paps nicht ernst meinte, bewies sein Grinsen, nur Mum schaute noch immer trübe drein.
„Mum, es ist in Ordnung, ich steh das alles durch.“
„Es tut mir so furchtbar Leid Junge. Du hättest bald Ferien und…“
Schulferien, daran hatte ich noch nicht gedacht. Ich hatte an überhaupt nichts gedacht, weder Schule, mein Zimmer, das neue zu Hause.
„Mum hör auf, wenn du jetzt noch anfängst zu weinen, mache ich gleich mit.“
„Mittagessen“, hörte ich Theos Stimme.
Mum und Paps wichen zu Seite und Theo kam mit einem Tablett an. Im Hintergrund war plötzlich ein Piepton zu hören.
„Entschuldigung Frau Beuscher…, könnten sie vielleicht die Fütterung ihres Sohnes übernehmen, ich vermute, ich werde gebraucht.“
„Ja, kann ich… aber was meinten sie mit vermuten?“
„Unser zweiter Neuzugang…, er hat vielleicht nicht soviel Glück wie Marc hier.“
Betroffen schauten meine Eltern Theo an.
*-*-*
„Herr Beuscher?“, hörte ich eine weibliche Stimme sagen.
Mein Vater sah auf.
„Ja?“
„Draußen steht ein Polizeibeamter, der sie gerne sprechen möchte.
„Mich?“
„Ja!“
„Okay ich komme.“
Er wandte sich zu mir.
„Bin gleich wieder da und deine Mutter wird sicher auch gleich von der Toilette zurück sein.“
„Geh ruhig, ich lauf dir schon nicht weg! Versprochen!“
Er grinste und ließ mich alleine.
…auf dem Flur des Krankenhauses
„Hallo Herr Beuscher, mein Name ist Phillip Sörens.“
„Und was kann ich für sie tun?“
„Einiges, aber zu erst, wie geht es ihrem Sohn?“
„Den Umständen entsprechend…“
„Herr Beuscher…, ich weiß es wird sich etwas komisch anhören, wenn gerade ich sie das frage…, könnten sie die Anzeige gegen Frau Hennef zurück ziehen?“
„Wieso sollte ich, sie hat fast meinen Sohn umgebracht…“
„Das verstehe ich Herr Beuscher, aber ich habe schon einen Grund, warum ich sie das frage.“
„Da bin ich ja mal gespannt…“
*-*-*
„Und, was wollte der Bu… ähm Polizist von dir?“, fragte ich, als Paps wieder zu mir und Mum zurück kam.
Er schaute sich erst um, bevor er sich zu uns setzte.
„Ich soll die Anzeige zurück ziehen, gegen die Fahrerin…“
„WAS?“, ertönte es aus dem Mund meiner Mutter und meinem zugleich.
Da Dad nicht grinste, war es ernst gemeint.
„Sind die verrückt?“, regte sich Mum auf, „wieso soll die Frau ungeschoren davon kommen?“
„Sie hat einen Sohn…“
„Was hat der mit uns zu tun?“
„Er liegt auch hier…“
Nun schwieg Mum. Da ich den Kopf nicht zu ihr drehen konnte, sah ich sie nur halb. Paps dagegen, war voll in meinem Blickfeld und seine Augen waren traurig.
„Wenn er auch hier liegt“, begann ich leise zu reden, „dann geht es ihm mindestens genauso gut, wie mir.“
„Schlechter…, er liegt noch immer im Koma und…“
Paps schwieg und senkte den Kopf.
„Die arme Mutter“, meinte Mum.
„Ja…, als sie unseren Marc erwischte, hatte sie gerade die Nachricht bekommen, dass ihr Sohn schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde.“
„Sie hat mich wahrscheinlich gar nicht gesehen, oder?“
Paps schüttelte den Kopf.
„Weiß man, was passiert ist?“, fragte Mum.
„Er wurde zusammengeschlagen! Wer es war kann man nur vermuten, dieser Sörens hat sich recht zurückhaltend geäußert.“
„Sörens?“
„Ja, der Polizist der mich sprechen wollte und mich bat die Anzeige zurück zu ziehen.“
„Das werden wir natürlich tun…“
Verwundert schaute ich zu Mum, deren Blicke mich gerade trafen.
„He, ich bin Mutter wie sie und ich weiß was sie durch macht.“
„Ich bin aber wach, ihr Sohn nicht.“
Mitleidig sah sie mich an.
„Paps schau doch, ob die Frau da ist und sag es ihr gleich selbst.“
„Was soll ich ihr sagen?“
„Dass wir die Anzeige zurück ziehen.“
„Das habe ich schon…, äh ich habe es dem Polizisten gesagt.“
„Dann hast du es schon entschieden, ohne mich vorher zu fragen?“, fragte Mum.
Ich konnte keinerlei Verbitterung oder Enttäuschung in ihrer Stimme erkennen.
„Weil ich wusste, wie du entscheidest. Schatz.“
Sie küssten sich vor meinen Augen.
„Könntet ihr dass auf zu Hause verlegen…“, fragte ich verlegen.
Paps grinste wieder.
„Ich komme heute Mittag wieder vorbei“, meinte Mum, „brauchst du irgendetwas?“
„Ein verwendbares Bein und jemand der mir diese Halskrause abnimmt.“
„Die muss leider dran bleiben“, hörte ich Theos Stimme, „… Zeit für die Medikamente.“
„Gut, dann werden wir wieder verschwinden“, meinte Paps, „Theo wäre es möglich uns anzurufen, wen unser Sohn etwas möchte?“
„Ist kein Problem Herr Beuscher, aber ich denke, er ist gut aufgehoben.“
Die Zwei verabschiedeten sich von mir und ein paar Minuten später war ich wieder alleine.
*-*-*
Die Decke anzustarren war mit der Zeit zu langweilig geworden. Ohne Unterhaltung fast tödlich. So schloss ich die Augen und lauschte einfach, was in meiner unmittelbaren Umgebung passierte.
Zu Anfang waren es sehr viele Geräusche auf einmal. Doch dann konzentrierte ich mich auf einzelne Geräusche. Zuerst erkannte ich klar die Schritte des Pflegepersonals. Besuch schien keiner da zu sein, denn ich konnte keine Stimme hören.
Vereinzelt nahm ich jetzt ach das Piepen verschiedener Maschinen wahr.
„Alles klar mir dir?“
Mein Körper zuckte zusammen. Theo stand unmittelbar neben mir. Seine Schritte hatte ich nicht kommen hören. Ich riss die Augen auf.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Schon okay. Was steht an? Spritzen, Medikamente oder Essen?“
„Nichts von all dem, ich habe nur nach dir geschaut.“
„Danke… machst du das bei jedem?“
„Nicht bei allen, nur die mir zu geteilt wurden und bei denen, wo meine Hilfe dringend gebraucht wird.“
„Auch bei dem Jungen?“
„Welchen Jungen?“
„Der kurz vor mir eingeliefert sein worden muss.“
„Ach so, du meinst Felix?“
„Ich weiß nicht wie er heißt, ich weiß nur, dass seine Mutter mich über den Haufen gefahren hat, als sie erfuhr, dass ihr Sohn ins Krankenhaus eingeliefert wurde.“
„Heftig…, sehr heftig!“
„Das kannst du laut sagen. Und wie geht es Felix.“
Theo seufzte.
„Er liegt immer noch im Koma.“
„Wurde er so wie ich ins künstliche Koma gelegt?“
„Nein…, wurde er nicht.“
„Oh… sind seine Verletzungen so schwer?“
Ich spürte, wie meine Stimme trauriger und belegter wurde.
„Darüber kann ich dir nichts sagen, gegen ihn könntest du einen Preis im Schönheitswettbewerb gewinnen.“
Ich wurde rot und Theo grinste.
„So, ich muss wieder weiter, ich schau nach her noch einmal bei dir vorbei.“
„Okay gut.“
Dann verschwand Theo aus meinem Sichtfeld und ich war wieder alleine. Irgendwann übermannte mich der Schlaf.
*-*-*
Als ich wieder meine Augen öffnete schaute ich ins lächelnde Gesicht meines Vaters.
„Hallo Junior…“
„Hallo Paps.“
„Eigentlich brauch ich dich nicht fragen und sicher nervt die Frage, wie es dir geht, dich sicher schon.“
„Stimmt, aber danke der Nachfrage. Seit ich die Drogen gespritzt bekommen habe, schwebe ich auf Wölkchen fünfzehn.“
„Drogen?“
„Die Schmerzmittel.“
„Ach so. Du hast keine Schmerzen?“
„Ich spüre im Augenblick nichts, nur dieses leidige Metallding an meinem Kopf nervt unwahrscheinlich.“
„Daran kann man vorerst nichts ändern. Bist du bereit Besuch zu empfangen?“
„Wie meinst du Besuch empfangen?“
„Na ja. Du liegst hier halb zugedeckt nur in Shorts, siehst aus, als wärst du in Sarahs Farbkasten gefallen…“
„… ist ja schon gut… ja ich bin bereit, für wen auch immer du mir jetzt anschleppst.“
Paps drehte den Kopf und nickte. In den nächsten Sekunden kam eine Frau in Sicht, die ich nicht kannte. Sie hatte rote Augen vom Weinen und sonst sah sie so aus, als hätte sie nicht viel Schlaf hinter sich.
„Hallo“, sagte sie mit leiser und unsicherer Sprache.
„Hallo.“
„Ich bin Frau Hennef, die…“, sie brach ab und ihre Augen wurden wieder feucht.
So sah jemand also aus, wenn er fast jemand auf den Gewissen hat. Aber gleichzeitig tat mir die Frau auch Leid. Erst dass mit ihrem Sohn und dann der Unfall mit mir.
„Hallo Frau Hennef“, sprach ich leise.
„Ich hole mir etwas zu trinken“, meinte Paps hinter Frau Hennef, „bin gleich wieder da.“
Gab es nicht hier im Flur etwas zu trinken, oder warum verließ Paps mein Zimmer so schnell?
Frau Hennef schaute kurz meinem Vater nach, dann wieder zu mir.
„Es tut mir so Leid…, Marc…, dass wollte ich wirklich nicht.“
Ich atmete tief durch und versuchte gefasst zu wirken.
„Frau Hennef…, bitte mache sie sich keinen Kopf wegen mir, dass wird schon werden… ihr Sohn braucht sie vielleicht jetzt dringender…“
„Mein Sohn?“, sie schaute kurz zur Seite.
Ich hätte ja jetzt gerne genickt, aber das konnte ich vergessen.
„Ja, ihr Sohn liegt doch auch hier?“
Sie nickte.
„Wie geht es ihm…, Theo wollte mir nichts sagen.“
Ihre Tränen rannen über die Wangen.
„Felix liegt immer noch im Koma…“, sie zog ein Taschentuch hervor, wischte ihre Tränen weg und putzte sich die Nase, „ein Arm und ein Bein sind gebrochen, mehrere Rippen. Er hat eine starke Gehirnerschütterung, viele aufgeplatzte Wunden, die genäht wurden…“
Sie ratterte das wie eine Maschine herunter, ohne Betonung und völlig lustlos. Da hätte ich lieber fragen sollen, was an ihm heil war.
„Was ist denn passiert?“
Oh, diese Frage hätte ich lieber nicht stellen sollen. Ihr Gesicht war Schmerz verzehrt und ihre Tränen rangen in Sturzbächen.
Ich sah, wie jemand ein Papiertaschentuch in ihre Richtung hob. Es war Paps, der unbemerkt zurück gekommen war.
„Sie können es Marc ruhig erzählen…“, hörte ich Paps Stimme.
Frau Hennef beruhigte sich etwas, putzte abermals die Nase und sah dann wieder zu mir. Danach wandte sie den Kopf zu Paps der zustimmend nickte. Sie atmete tief durch und schaute dann weder zu mir.
„Es war… an dem Tag, als ich mit dir… den Unfall hatte. Felix und ich… haben uns gestritten. Er hat mir etwas gesagt…, was ich bis… ja bis heute noch nicht richtig verstehe… auch wenn dein Vater und auch der nette Polizist viel mit mir geredet hat.“
Sollte ich jetzt fragen, was Felix ihr gesagt hat, oder einfach nur zu hören.
„Was hat er gefragt?“
Meine Zunge war schneller als mein Hirn, ich hatte ihm keine Erlaubnis zu dieser Frage gegeben. Doch das Zentrum der Neugier hatte mein Hirn einfach umgangen. Wieder schaut Frau Hennef zu Paps.
Doch als sie wieder zu mir sah, schüttelte sie nur den Kopf und sah nach unten.
„Soll ich weiter erzählen?“, hörte ich Paps fragen, der nun auch in mein Blickfeld trat und sich neben mich auf das Bett setzte.
Frau Hennef nickte.
„Felix hatte oder hat das gleiche Problem wie du…“
Meine Augen wurden groß. Was meinte Paps damit?
„Er hat seiner Mutter gestanden, dass er wie du auf Jungs stehst…“
Frau Hennef schaute auf und mich etwas geschockt an. Ich dagegen versuchte mit allen Kräften sämtliches Blut in mein Gesicht zu drücken.
„Du… du bist auch…“
„…Schwul?“, beendete ich Frau Hennefs Satz, „… ja das bin ich!“
Sie schaute mich lange an, schwieg aber.
„Auf alle Fälle ist Felix weggelaufen. Frau Hennef fuhr dann am Mittag zum Baumarkt, wo ihr Sohn sich mit Kaufwagenschieben, etwas Geld verdiente.“
Konnte man davon so viele Muskeln bekommen?
„Dort angekommen war er nicht da. Und dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus, den Rest hast du ja dann mitbekommen.“
Wieder wollte ich nickte, doch dieses blöde Eisending hielt mich zurück. Ich seufzte.
„… wer ihn zusammen geschlagen hat…, man weiß nichts?“
„Nein…“, sagten Paps und Frau Hennef fast gleichzeitig.
„Ich… ich weiß jetzt nicht recht, was ich sagen soll. Ich kann mich in Felix hineindenken, aber ich verstehe auch sie Frau Hennef. Was ich zum Beispiel nicht wusste, dass meine Eltern das bereits geahnt haben…“
„… und sie haben nichts zu ihrem Sohn gesagt?“, unterbrach mich Frau Hennef.
„Nein, Frau Hennef. Meine Frau und ich waren der Meinung, dass Marc ganz von alleine zu uns kommen sollte.“
„Ich verstehe das nicht, ich habe nie etwas bemerkt… Felix war ganz normal.“
„Ich bin auch normal“, rutschte es mir heraus, aber auch nur, weil ich auf Frau Hennef jetzt nach diesem Ausspruch etwas säuerlich war.
„Entschuldige Marc, so habe ich es nicht gemeint… ich…“
„Frau Hennef…, kommen sie bitte, ihr Sohn ist aufgewacht“, wurde sie von einer Schwester unterbrochen.
Sie stand ohne ein weiteres Wort zu sagen auf und ließ uns alleine. Mein Blick wanderte zu Paps. Er zuckte mit seinen Schultern.
„Kannst du mal nach Felix schauen?“, fragte ich leise.
„Marc, ich kann doch nicht einfach dazu stehen…“
„Sorry, war eine blöde Idee.“
„Warum das plötzlich gesteigerte Interesse? Nur weil Felix auch schwul ist?“
Die rote Farbe in meinem Gesicht hatte Hochkonjunktur.
„Ich weiß nicht…“
Trotz der Verlegenheit hielt ich dem Blick meines Vaters Stand.
„Junger Mann, habe ich dir eigentlich schon einmal gesagt, wie fies du sein kannst?“
Ich riss meine Augen auf.
„Ich fies?“
Ich verstand jetzt nicht, was er damit meinte.
„Du hast es ja schon als Kind verstanden deine Mutter um den Finger zu wickeln, aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, je älter du bist, um so mehr probierst es bei mir.“
Ich musste lachen. Ich, meinen Vater um den Finger wickeln? So bewusst war mir das gar nicht.
„Es ist schön dich lachen zu sehen…, das erste Mal, seit du hier bist.“
„Sorry, bisher hatte ich auch noch keinen Grund zum Lachen.“
„Ich weiß und das tut mir auch Leid. Aber immer daran denken, es kann nur besser werden.“
Ich seufzte.
„Wie geht es dir da drinnen?“
Ich spürte seinen Finger auf meinem Herz.
„Hm, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Gut, ich gebe zu, seit ihr über mich Bescheid wisst, hilft mir dass schon. Also ich grüble nicht mehr so viel nach, ich kann zu Hause sein, wie ich bin und muss mich nicht verstellen.“
„Das hat dir sehr zu schaffen gemacht, oder?“
„Ja, aber es ist ja nicht vorbei. Außer euch weiß es niemand und ich bin im Augenblick nicht bereit es irgendjemand zu sagen.“
„Das ist deine Entscheidung und entschuldige, wenn ich dir bei Frau Hennef vorgegriffen habe, aber ich dachte, es hilft ihr ein wenig.“
„Ja… etwas Peinlich war das schon, aber es war ja für einen guten Zweck. Könntest du trotzdem?“
„Was?“
„Nach Felix schauen?“
*-*-*
…einen Tag später…
„So und jetzt nehmen wir vorsichtig die Klammern ab“, meinte Frau Engel.
Nach neuen Untersuchungen wurde beschlossen, mich aus diesem metallischen Dauergriff zu befreien und ich konnte dieses Ding endlich loswerden. Theo und ein weitere Schwester lösten Gurte und Klammern. Irgendwie traute ich mich nicht richtig meinen Kopf zu bewegen.
Zaghaft machte ich eine leichte Bewegung nach rechts. Zum ersten Mal sah ich die Seitenwand meines Zimmers, die bis zur Hälfte mit Glas versehen war.
„Schmerzen?“, fragte Dr. Engel.
„Nein, aber ein komisches Gefühl.“
„Da legt sich wieder. Wenn etwas sein sollte… Kopfschmerzen… Übelkeit, Theo, dann rufen sie mich sofort.“
„Geht in Ordnung.“
Theo half mir noch in ein Tshirt, was mich ein paar Mal aufjaulen ließ. Dann räumte er und die Schwester alles zusammen und verschwanden. Das erste Mal, seit ich hier war, konnte ich mich richtig bewegen. Ich nutzte dies natürlich gleich um mich umzuschauen.
Mein erster Blick fiel natürlich auf den Gips, den ich bisher nur mit meinen Händen ertasten konnte. Unten schauten meine Zehen heraus. Dann sah ich mich in meinem Zimmer um. Wenn man es überhaupt Zimmer nennen konnte. Der obere Teil der Wände war aus Glas.
Theo kam zurück. Ich musste feststellen, dass er gar nicht so groß war, wie er mir liegend vorkam. Er trug ein Tablett auf der Hand und bewegte sich in Richtung meines Zimmers.
„So und jetzt gibt es etwas zu essen.“
Er stellte das Tablett ab.
„Das könnte jetzt etwas weh tun, Marc, ich werde die Bett hochstellen.“
Er nahm ein Kästchen mit Kabel daran und drückte einen Knopf. Ein Vibrieren durchfuhr mein Bett und plötzlich hob sich mein Kopfteil an. Es ging langsam von statten, aber zu meinem Glück.
Ich spürte jede Faser meines Körpers, aber es war im ertragbaren Bereich. Als ich fast aufrecht saß, hielt das Oberteil an.
„So ist es besser, oder?“, fragte Theo und zog meinen Nachttisch heran, klappte sein seitliches Brett nach oben, worauf er mein Essen stellte.
Ich nickte vorsichtig. Das ging wieder.
„Normalerweise würdest du in ein normales Zimmer verlegt werden, aber da wir im Augenblick, durch viele Neuzugänge einen Engpass haben, bleibst du erst einmal hier auf der Intensiv.“
„Wieso, so viele Neuzugänge?“
„Draußen ist es spiegel glatt. Weißt du, wie viele Leute im Augenblick stürzten und sich etwas brechen?“
„Nein…“
„Meinst du, du kannst selbst essen, ich weiß dir tut alles weh, aber vielleicht versuchst du es einfach. Ist eine Suppe und leicht zu essen.“
„Ich versuch es einfach, wenn es nicht geht, kann ich dich ja rufen.“
„Ja hier, einfach auf den Knopf drücken, dann kommt jemand von uns.“
So ließ mich Theo wieder alleine. Vor mir standen eine Suppe und ein Brötchen. In der Tasse wird wohl Tee drin sein, dachte ich. Ich hob den Arm und zuckte sofort zusammen. Jede einzelne Rippe glaubte ich zu spüren, von Schulter und Arm ganz zu schweigen.
Mein zweiter Versuch ging also langsamer von statten. Ich griff nach dem Löffel und tunkte ihn in die Suppe. Vorsichtig führte ich ihn zu meinem Mund. Die Suppe war nicht sonderlich heiß, so konnte ich sie ohne Probleme herunter schlucken.
Es hieß immer Krankenhausessen wäre schlimm, aber mir schmeckte die Suppe. Vielleicht auch, weil Hunger verspürte. Ich biss langsam in das Brötchen. Beim Kauen drehte ich meinen Kopf nach links und stellte fest, dass ich nun durch die Fenster in den Wänden in die Nachbarzimmer schauen konnte.
Das Zimmer neben mir war leer, aber eins weiter lag wieder jemand, zumindest vermutete ich dass, weil dort eine Schwester zu Gange war. Langsam aß ich weiter, bis der Teller leer war und das Brötchen weg.
Ein Sättigungsgefühl trat ein und ich legte den Löffel ab. Die Tasse anzuheben, erzeugte schon mehr Schmerz. Ich trank einen Schluck und stellte fest, dass der Zucker fehlte. Ich hörte das Geräusch einer Tür.
Mein Blick folgte dem Geräusch und ich saß, wie Paps die Abteilung betrat. Als er auf mich zukam und bemerkte, dass ich aufrecht saß und ihn sehen konnte, strahlte er mir entgegen.
„He, du hast ja das Ding los und essen tust du auch wieder.“
„Hallo Paps, ja, sie haben es vorhin weggemacht. Aber es geht irgendwie alles recht langsam. Jede Bewegung tut mir weh.“
Paps umrundete das Bett, beugte sich vor und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ich schaute ihn erstaunt an, denn dass hatte er schon sehr lange nicht mehr getan. Dann zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich zu mir ans Bett.
Er bemerkte meinen Blick.
„Was ist?“
„Dass hast du schon lange nicht mehr gemacht…“
Sah ich richtig, mein Vater wurde leicht rot? Er senkte den Kopf.
„Weißt du Marc…, als ich sah… wie dich das Auto erwische… und ich dich dann…“, er schluckte kurz und sah wieder auf, seine Augen waren feucht, „ich dich dann da liegen sah…, dachte ich zuerst, dass ich dich verloren habe.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
„Als du hier im Koma lagst, da fiel mir so viel wieder ein, was wir zusammen schon erlebt hatten. Mir fiel ein, wie herzlich wir immer miteinander umgegangen waren. Aber seit du etwas älter bist und ich viel mehr arbeite, ist das irgendwie verloren gegangen.“
„Ist dass nicht normal?“
„Schon, aber ich vermisse es. Vermisse es dich in den Arm zu nehmen, mit dir Quatsch zu machen, dir beim Schlafen zuzusehen.“
„Du hast mir beim Schlafen zugesehen?“
„Früher oft.“
Ich musste grinsen. Die Vorstellung, dass Paps abends an meinem Bett saß und mir zusah, wie ich schlief, war irgendwie komisch.
„Wenn es dir wieder so gut geht, dann kommst du ja bald in ein normales Zimmer, dann kann dich auch Oma mit Sarah besuchen.“
„Theo hat gesagt, dass ich erst mal hier bleiben werde, da unten alles überfüllt wäre.“
„Ach so.“
„Aber die beiden können auch hier her kommen, wo ist das Problem?“
„Du kennst deine Schwester und auch ihr Organ.“
Wieder musste ich grinsen.
„Stimmt Paps! Aber ich würde mich trotzdem freuen, wenn ich Sarah sehen kann.“
„Sie fehlt dir?“
„Ja, die Nervensäge fehlt mir.“
„Okay, mal sehen, wie wir das machen.“
Mein Blick wanderte zu der Schwester, die zwei Zimmer weiter am Werken war.
„Da liegt Felix“, hörte ich Paps sagen.
„Das dachte ich mir…, weißt du wie es ihm geht?“
„Nicht mehr wie gestern, er ist wach, redet aber nichts.“
„Ich würde ihn gerne mal sehen.“
Ich drehte meinen Kopf wieder langsam zu Paps.
„Kannst es ja versuchen, wie weit du mit deinem Gips kommst.“
Wieder dieses Grinsen im Gesicht meines Vaters.
„Na ja, ewig werde ich ja wohl nicht in diesem Bett liegen.“
*-*-*
Es war Abend geworden. Mir war langweilig. Hier stand kein Fernseher, Musik hatte ich auch nicht und zu lesen hatte ich nichts. Paps hatte mir versprochen am nächsten Tag etwas mitzubringen.
Mein Kopfteil vom Bett hatte ich wieder aufgerichtet, so konnte ich wenigstens die Umgebung beobachten. Bei Felix war die Nachtschwester zu Gange, ich hörte die auch reden, aber verstehen konnte ich nichts.
Zehn Minuten später war es dann ruhig auf der Station. Niemand war zu sehen, nur das Gepiepe verschiedener Maschinen durchbrach die Stille. Plötzlich verspürte ich einen Druck in der unteren Region.
Ich musste auf die Toilette. Bisher hatte ich ja immer in diese blöde Flasche gepinkelt, weil es nicht anders ging. Das war mir schon peinlich genug. Dieses Blöße wollte ich mir aber nicht mehr geben, So beschloss ich einfach es mit aufstehen zu versuchen.
Mein linkes Bein reagierte sofort. Das Rechte, mit dem Gips war schon schwerer. So nahm ich den Gips in beide Hände und hob ihn zum Bettrand hin. Natürlich war dass alles mit Schmerzen verbunden, aber der Wille, alleine auf Toilette zu gehen, war stärker.
Als ich dann fast aufrecht stand, merkte ich ein leichtes Schwindelgefühl. Da musste ich jetzt durch. Ich drückte mich mit den Händen ab und stand, aber nur kurz. Das Gleichgewicht zu halten, war doch schwieriger als ich dachte.
Zweiter Versuch und diesmal blieb ich stehen. Neben dem Eingang zur Station hatte ich eine Toilette entdeckt, aber das hieß auch, mindesten drei – vier Meter ohne etwas zum Stützen zu laufen.
Mit Gipsfuß zu laufen stellte ich mir auch leichter vor. Aber nach dem dritten Schritt hatte ich fast den Durchgang zum Flur erreicht. Erst mal atmete ich tief und, war aber stolz, dass ich es so weit geschafft hatte.
Im Flur selbst hangelte ich mich an der Wand entlang, bis ich die Höhe der Toilettentür erreichte. Ich drehte meinen Kopf und stellte fest, dass ich direkt vor Felix Zimmer stand. Wenn ich schon da war, konnte ich doch einen Blick riskieren.
Vorsichtig drehte ich mich zum Eingang. Wie bei mir hatte Felix ein Bein gebrochen, bei ihm war es da linke und ebenfalls ein Arm war eingegipst. Seine Augen waren geschlossen, er schien zu schlafen.
Aus dem Verband am Kopf schauten wir ein paar blonde Haare hervor. Die Tür hinter mir ging und ich fuhr vor Schreck zusammen.
„Kannst du mir mal verraten, was du hier machst?“, hörte ich leise die Stimme der Nachtschwester.
Ich spürte ihre Hand an meinem Arm und ich drehte mich vorsichtig.
„Ich…, wollte auf die Toilette…“
„Du sollst doch liegen bleiben!“
Sie sah mich an und schien zu merken, was in meinem Kopf los war. Mein Gesicht färbte sich rot.
„Einen Vorschlag. Du hast ja schon einen ganzen ordentlichen Teil geschafft. Ich bring dich jetzt auf die Toilette und wären du dein Geschäft verrichtest, suche ich nach ein paar Krücken, denn so läufst du mir nicht mehr herum.“
Ich nickte und freute mich.
„Wie war dein Name noch mal?“
„Marc.“
„Okay Marc, jetzt stütz dich auf meine Schulter und dann gehen wir ganz langsam zu der Tür hinüber.“
Ich drehte noch einmal den Kopf und schaute zu Felix. Seine Augen waren nun offen und er scharrte mich an. War das ein Grinsen auf seinen Lippen, oder bildete ich mir das ein. Die Schwester zog mich am Arm und riss mich aus den Gedanken.
*-*-*
Ich war die Nacht noch ein paar Mal aufgewacht. Die ungewohnte Bewegungsfreiheit wurde mir im Schlaf zum Verhängnis. Bei jedem Drehen im Schlaf spürte ich die Schmerzen und wurde wach.
Natürlich hinterließ das beim morgendlichen Wecken seine Spuren.
„Du siehst nicht fit aus“, meinte die Nachtschwester, die gerade meinen Puls maß.
„So fühle ich mich auch. Bin laufend aufgewacht.“
„Hast du solche Schmerzen, warum hast du mich nicht gerufen?“
„Nein, wenn ich mich bewege tut es weh.“
„Ach so. Okay, Frühstück kommt gleich.“
So war ich wieder alleine. Da ich schon mal wach war, fuhr ich das Bettoberteil wieder nach oben. Langsam kam die kleine Station wieder in mein Sichtfeld. Draußen war es natürlich noch dunkel,
Die vier oder fünf Betten die belegt waren, waren schwach beleuchtet, sonst war es dunkel. Mein Blick fiel auf meine neu gewonnene Freiheit, sprich die Krücken. Langsam zog ich meine Decke zurück und erneut begann das Prozedere mit dem Aufstehen.
Gut mindestens zwei gefühlte Minuten später stand ich. Mein erster Weg führte mich zum Fenster. Langsam humpelte ich zu der großen Scheibe. Es musste wieder geschneit haben. Ein kleiner Räumwagen fegte über die Wege, die vom großen Parkplatz zum Krankenhaus führten.
Meine Blase machte sich bemerkbar und so humpelte ich Richtung Toilettentür. Als ich gerade dort ankam, wurde die Tür zur Station aufgeworfen. Vor mir stand Theo.
„He, wer hat dir erlaubt aufzustehen und woher hast du die Krücken?“
„Von der Nachtschwester.“
„Sie hat dir erlaubt aufzustehen?“
„Nein, sie hat mir die Krücken besorgt. Aufgestanden bin ich selbst, mir war so langweilig.“
„Du weißt aber schon, dass du eigentlich noch liegen musst.“
Genervt ließ ich meine Augen rollen.
„Dürfte ich jetzt auf die Toilette, sonst mach ich mir in die Hose.“
Theo machte ein Schritt zur Seite und öffnete die Toilettentür. Grinsend ließ er mich alleine.
*-*-*
„Hi Junior“, begrüßte mich Paps, beladen mit zwei Taschen.
„Hi Paps.“
„Ich dachte ich bring dir deine Musik und ein paar Bücher aus deinem Zimmer noch vor der Arbeit vorbei.“
„Das ist lieb von dir, denn ich langweile mich hier noch zu Tode.“
„He, sag so etwas nicht!“
Er zog ein paar Bücher hervor und verstaute sie im Nachtisch. Einige Titel kannte ich nicht und die Bücher sahen relativ neu aus.
„Dass sind nicht meine Bücher.“
„Jetzt schon“, grinste Paps.
Aus der anderen Tasche zog er einen kleinen Laptop heraus.
„Wow, was ist das?“
„Eigentlich dein Weihnachtsgeschenk, aber deine Mutter und ich dachten, du könntest es jetzt schon gut brauchen. In der Tasche sind noch zwei Spiele, die mir der Verkäufer empfohlen hat.“
„Danke.“
Er beugte sich vor und drückte mich sanft.
„Wir sehen uns heute Abend wieder.“
Ich nickte. Er verabschiedete sich noch schnell und war verschwunden. Mit so vielen Dingen ausgestattet sollte meine Langweiligkeit eigentlich besiegt werden. Die Stationstür wurde erneut geöffnet und ich sah Frau Doktor Engel herein kommen. Sie kam direkt zu mir.
„Morgen Marc und wie fühlst du dich heute?“
„Einigermaßen gut.“
„Die Nachtschwester hat mir von deinem nächtlichen Ausflug erzählt. Du bist ganz schön leichtsinnig!“
Ich wurde verlegen.
„Aber es hat einen anderen Grund, Marc, dass ich zu dir komme.“
Neugierig sah ich sie an.
„Wie ich hörte, weißt du wer zwei Zimmer weiter liegt.“
„Felix.“
„Ja Felix.“
„Wie geht es ihm?“
„Den Umständen entsprechend gut. Er hat wie du einen Schutzengel gehabt.“
„Was ist denn genau passiert?“
„Das weiß niemand so recht, weil Felix immer noch schweigt und kein Wort redet. Nur ein älterer Herr kam durch Zufall dazu und sah wie fünf junge Männer wegrannten, er hat auch die Polizei gerufen.“
Ich schaute sie an und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.
„Mir kam der Gedanke…, jetzt wo du wieder mobil bist…, könntest du ihn nicht besuchen und ihn zum Reden bewegen?“
Klar, ich hob geistig mein Diplom für Psychiatrie hoch.
„Meinen sie, ich könnte das?“
„Marc, ich kenne euer beider Vorgeschichte, ihr seid beide im selben Alter…“
Das war eine interessante Neuigkeit.
„… und wenn kein Erwachsener dabei ist, redet es sich bekanntlich leichter.“
Ich musste grinsen, weil sie Recht hatte.
„Würdest du es versuchen?“
„Wenn ich dazu die offizielle Erlaubnis bekomme aufzustehen…“
„Eine Absprache zwischen uns beide…“, meinte Dr. Engel lächelnd.
„Ich versuche es, aber versprechen kann ich es nicht.“
„Musst du auch nicht Marc. Okay, dann werde ich mal wieder meine Runde aufnehmen. Wenn etwas ist, dann melde dich einfach.“
Ich hob mein Ruftaster hoch und lächelte.
„Ach so, bevor ich es vergesse. Er weiß, dass seine Mutter dich angefahren hat.“
„Okay…, meinen Namen auch?“
„Nicht von uns.“
Schon war Frau Doktor verschwunden. Sollte ich gleich hinüber humpeln, oder ihm noch eine Gnadenfrist gewähren. Ich musste grinsen. Unterwegs in Geheimer Mission für die Ärzteschaft.
„Hier ist dein Frühstück“, riss mich Theo aus den Gedanken.
„…ähm… danke.“
„So ich werde Felix kurz füttern, dann kannst du zu ihm.“
Die geheime Mission war keine mehr.
„Okay…“
*-*-*
Das Frühstück war abgeräumt, die Schwestern waren durch und ich widmete mich dem neuen Laptop. Felix hatte Besuch von seiner Mutter. Sie saß schon eine Weile bei ihrem Sohn, aber gesagt wurde nichts.
Ein fallender Stuhl schreckte mich auf und ich sah wie Frau Hennef recht schnell die Station verließ. Ich klappte den Laptop zu und schaute zu Felix hinüber. In seinem Zimmer konnte ich keinerlei Bewegungen ausmachen.
Ich atmete tief durch und stand auf. Es ging nun schon viel besser, als gestern beim ersten Versuch. Mit den Krücken bewaffnet humpelte ich über den Flur, bis ich Felix Zimmer erreichte.
Seine Augen waren geöffnet und ich konnte einzelne Tränen erkennen die über seine Wange kullerten. Mist, das konnte ja heiter werden.
„Hi“, sagte ich leise und humpelte in das Zimmer.
Ich sah, wir er langsam seinen gesunden Arm hob und versuchte sich die Tränen wegzuwischen. Sein Bett war erreicht, so kam ich in sein Blickfeld. Unsere Blicke trafen sich.
„Hi“, sagte ich noch mal.
Seine Augen wanderten nach rechts. Ich sah den Stuhl neben dem Bett liegen. Mich zu bücken hatte keinen Sinn, ich wusste nicht mal, ob ich dann mit eigener Kraft wieder hoch kam. So humpelte ich etwas an die Seite und ließ mich frech aufs Bett fallen.
„Aua… pass doch auf!“
Aha, das Schweigen hat ein Ende.
„Tut mir Leid, einen anderen Platz zum sitzen gibt es ja nicht.“
„Du hättest ja nicht kommen brauchen.“
„Und du könntest etwas freundlicher sein“, gab ich von mir.
„Hat dich niemand gebeten, hier her zu kommen.“
Schlecht gelaunt der Herr. Aber ich konnte den Spieß auch umdrehen.
„Ich wollte nur sehen, wer für meinen Zustand verantwortlich ist.“
„Wieso soll ich Schuld sein?“
Fragend schaute er mich an.
„Bist du, da gibt es nichts daran zu rütteln. Du lässt dich verkloppen, kommst ins Krankenhaus, deine Mutter erfährt davon und fährt mich dann über den Haufen.“
Er sah mich mit großen Augen an und sagte nichts mehr.
„Deswegen bist du schuld.“
Er drehte seinen Kopf weg. Ich hätte jetzt fies sein können und ihn mit kleine tuckige Zicke zu titulieren, aber da ging ich sicher zu weit. Trotzdem musste ich grinsen. Er schaute wieder zu mir.
„Was“, fuhr er mich an.
Felix gefiel mir. Trotz blauer Flecken und jede Menge Kratzer im Gesicht, hatte er etwas, was anziehend war. Sollte ich gleich mit der Tür ins Haus fallen und sagen hi ich bin auch schwul, magst du mich?
„Nichts“, beantwortete ich seine Frage.
„Und warum grinst du dann so dämlich?“
„Schau dich an, dann müsstest du auch grinsen.“
Sein Blick war tödlich, aber das war mir egal.
„Ich leg mich mal wieder hin…, wenn etwas ist, ich liege zwei Zimmer weiter“, meinte ich, stand mühsam auf und verließ humpelnd sein Zimmer.
Deutlich spürte ich seinem Blick im Nacken. Für das, dass er schwieg, hatte er viel geredet.
*-*-*
„Hallo Maaaarc“, sagte Sarah im Flüsterton.
Ich musste grinsen. Mum hatte ihr wohl eingebläut, dass sie hier ruhig sein musste, sonst nicht mich besuchen durfte.
„Hallo Kleine, hab ich dich vermisst.“
„Wann kommst du wieder nach Hause…?“
„Wenn mir es noch besser geht.“
„Tut das weh?“
Sie klopfte sachte auf meinen Gips. Ich schüttelte den Kopf und grinste Mum und Oma an.
„Hallo mein Junge“, sagte sie und umarmte mich leicht.
Sarah war aufs Bett geklettert und saß nun neben mir.
„Da hast du auch noch einen Kratzer“, flüsterte sie weiter und zeigte auf meinen Arm.
„Ich habe ganz viele Kratzer Sarah.“
„Behandeln sie dich hier auch gut“, fragte Oma.
„Dass frühe geweckt werden, macht mir etwas zu schaffen, aber sonst sind hier alle in Ordnung.“
Nun lächelte Oma auch. Ich folgte Mums Blick, die Richtung Felix Zimmer schaute. Frau Hennef war kurz vor Mum gekommen.
„Ich sehe, dein Vater hat dich mit allem eingedeckt, was du so brauchst“, meinte Mum plötzlich und zeigte auf die Bücher und das kleine Laptop.
„Da wollte ich dir auch noch einmal danke sagen, Mum.“
„Mama, dass ist gemein, warum bekommt Marc seine Weihnachtsgeschenke jetzt schon und ich muss warten.“
Ich fiel Mum ins Wort, die gerade ansetzte, etwas zu sagen.
„Weil ich immer brav bin“, beantwortete ich ihre Frage.
„Ich bin auch immer brav!“
„So?“
„Ich kann nichts dafür. Omas Vase ist einfach vom Tisch gekullert und herunter gefallen.“
Oma und Mum grinsten.
„Wir haben eine Vase mit Füßen?“
„Quatsch, das gibt es doch gar nicht“, kicherte Sarah los.
„Wie konnte sie dann kullern?“
„Weil ich mit meinem Farbkasten dran gestoßen bin.“
„Aha!“
„Komm Kind, Oma will gucken, ob wir hier ein Kaffee bekommen, vielleicht gibt es auch etwas für dich.“
„Au ja!“
„Sarah“, sagten Oma, Mum und ich gleichzeitig. Dies war wieder die alte Sarah und eine Spur zu laut. Selbst Frau Hennef schaute zu uns herüber.
„Was habe ich dir gesagt, junge Dame?“, fragte Mum mahnend.
„Ich soll leise sein!“, sagte Sarah und rutschte vom Bett.
Oma nahm sie an die Hand und gemeinsam verließen sie die Station.
„Hallo mein Schatz. Tut mir Leid, nach dem Dein Vater gesagt hatte, dir geht es soweit gut um Besuch zu empfangen, konnte ich Sarah nicht mehr davon abhalten, dich besuchen zu wollen.“
„Ist doch nicht schlimm, Mum. Ich habe die Kleine auch vermisst, auch wenn sie eine Nervensäge ist.“
Mum lächelte und wuschelte mir über den Kopf. Wieder fiel ihr Blick zu Felix hinüber.
„Hast du schon mit Frau Hennef geredet?“, fragte ich.
„Warum sollte ich?“
„Mum, du sagst selber immer man soll eine Frage nicht mit einer Frage beantworten.“
„Warum soll ich mit der Frau reden?“
„Du bist immer noch sauer auf sie oder?“
Mum atmete tief durch und setzte sich auf den Stuhl neben meinem Bett.
„Sie hat dich fast auf dem Gewissen. Ich bin nicht dein Vater und kann das mal gerade so wegstecken. Ich hätte dich fast verloren.“
„Hätte! Hast du aber nicht, ich bin noch da.“
Ich sah sie aufmunternd an und sie nickte.
„Frau Hennef hat es schwer. Bisher habe ich noch keinen Mann gesehen, der Felix besucht und Felix selbst ist nicht gerade eine Zierde.“
„Wieso sagst du das, du kennst doch den Jungen überhaupt nicht.“
„Ich war bei ihm drüben und er war nicht gerade freundlich und einmal ist seine Mutter auch weinend weggerannt.“
Mum schaute hinüber und dann wieder zu mir.
„Schau mich nicht so an!“, meinte sie.
„Das hatten wir schon einmal.“
„Hä?“
„Hat Paps auch gesagt…, gestern.“
„Und was wolltest du denn von ihm?“
„Warum sollte ich von ihm etwas wollen?“
„Marc Vincent Beuscher, ich kenne dich genau und wenn du so schaust, willst du etwas.“
Autsch! Wenn Mum mich beim ganzen Namen ansprach, hatte ich meist keine guten Karten.
„Gut, ich werde mit der Frau reden, aber verspreche dir nichts davon!“
Danke“, grinste ich.
Gewonnen! Sie stand auf, zog ihren Strickpulli zu Recht und lief hinüber. Ich sah wie sie an dem Eingang zu Felix Zimmer stehen blieb. Frau Hennef stand auf und ging zu Mum. Sie schüttelten die Hände.
Dass sie miteinander redeten war deutlich zu sehen, aber ich verstand leider lein Wort. Dass es aber um Felix gehen musste, sah ich daran, dass beide laufend zu ihm schauten. Die Tür zur Station wurde aufgestoßen und Oma kam mit Sarah zurück.
Sie sah Mum nicht und lief direkt wieder zu mir.
„Wo ist Mami?“, fragte sie an einem Schokoladenlolli leckend.
„Bei der Frau da drüben.“
„Was will sie von der?“
„Mit ihr reden…“
„Dass ist deiner!“, meinte sie dann und drückte mir einen Lutscher aus Schokolade in Weihnachtsmannform in die Hand.
Oma setzte sich auf den Stuhl, wo vorher Mum saß.
„Du hast alles?“, fragte sie.
„Ja Oma…“
Sie schaute etwas traurig.
„Dein Vater meinte, dass du vielleicht an Weihnachten noch nicht zu Hause bist.“
„Ja, dass hat mir die Ärztin auch gesagt.“
„Schade.“
„Ich weiß Oma, dass es schade ist, aber die hier werden schon ihre Gründe haben, mich hier zu behalten.“
„Ich habe mich so sehr auf ein Weihnachten mit euch gefreut.“
„Mum und Paps sind da und Sarah auch…“
Sie nickte. Sarah saß still auf meinem Bett, lutschte an ihrem Schoko und beobachtete Mum.
„Woher kennt Mami die Frau?“
„Die Frau hat auch einen Sohn und der liegt da drüben im Bett.“
„Ist der auch überfahren worden?“
„So ungefähr“, antwortete ich.
Ich wollte ihr nicht erzählen, dass Felix verprügelt worden war. Sarah währenddessen sprang vom Bett und verließ mein Zimmer.
„Sarah…, bleib hier!“, rief ich, doch die junge Dame hatte ihren eigenen Kopf.
Ich sah ihren Blondschopf, der sich langsam Mum näherte. Sie blieb aber nicht bei Mum stehen, sondern ging an ihnen vorbei ins Zimmer von Felix. Mum und Frau Hennef schienen dass nicht zu merken.
Sarah stand eine Weile an Felix Bett. Plötzlich rannte sie aus dem Zimmer und kam wieder zu mir zurück.
„Du Maaarc…, der Junge da drüben hat gar kein Weihnachtsmann…, ich nehm deinen!“
Schneller als ich reagieren konnte, griff sie nach meinem Lutscher und rannte wieder zu Felix zurück.
„Sarah bleib hier!“, rief ich abermals, doch sie hörte nicht.
Am liebsten wäre ich aufgestanden und wäre ihr nachgelaufen, aber mit dem Gipsfuß unmöglich. So blieb mir nur eins, sie zu beobachten. Besser gesagt ihren Blondschopf, der knapp über die Fenster ragte.
Wieder nahmen die zwei Frauen keine große Notiz von Sarah. Nun sah ich, wie Sarah auf Felix Bett krabbelte.
„Oma, tut mir Leid, aber ich muss da Sarah heraus holen“, meinte ich und machte mich ans Aufstehen.
„Du bleibst liegen, ich werde sie holen.“
Ich atmete tief durch und nickte. Oma stand auf und folgte Sarah. Bei den zwei Frauen blieb sie stehen und deren Köpfe drehte sich Richtung Sarah. Aber nichts geschah. Mum, Oma und Frau Hennef blieben stehen und unterhielten sich anscheinend weiter, während Sarah unbehelligt weiterhin auf Felix Bett saß.
Hallo? Was sollte das jetzt? Ich saß alleine hier in meinem Bett und mein Besuch war bei Felix. Theo kam auf die Station. Er schaute sich kurz die Gruppierung an und kam dann zu mir.
„Du fährst wohl gerne volles Geschütz auf“, meinte er und nahm meinen Arm in die Hand.
„Hä?“
Theo zeigte auf meine Mutter.
„Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, oder nicht ganz, ach ist ja auch egal.“
Ich hatte mich etwas im Ton vergriffen.
„Entschuldige…“
„Schon gut, aber was meintest du, mit nicht ganz?“
„Ich wollte bloß, dass Mum mit Frau Hennef spricht und nicht mehr sauer auf sie ist, dass die mich angefahren hat.“
„Und wer ist die blonde Kleine?“
Theo legte mir eine Manschette an und wollte meinen Blutdruck messen.
„Das ist meine kleine Schwester… Sarah.“
„Goldig die Kleine.“
Ich hörte Sarahs Gelächter bis hier her. So langsam war ich sauer, aber eher weil ich nicht an Felix Bett ziehen konnte.
„Blutsruck ist normal, nur dein Puls ist etwas erhöht“, meinte Theo und sah mich an.
„Was?“
„Lass es langsam angehen!“, antwortete er und ließ mich alleine.
Er ging direkt zu Felix und schien auch bei ihm den Blutsdruck zu messen. Sarah blieb die ganze Zeit auf dem Bett sitzen. Ich war wirklich kurz davor, aufzustehen, als Mum die Hand von Frau Hennef schüttelte.
Sie sagte etwas zu Sarah, die aber wild den Kopf schüttelte. Dann kam sie mit Oma zurück. Ich schaute weiterhin zu Sarah hinüber.
„Eine nette Frau“, meinte Mum zu Oma.
„Sie hat es nicht leicht. Den Jungen alleine erziehen, arbeiten gehen, den Haushalt.“
„Da gebe ich dir Recht.“
Ich schaute die beide fragend an. Oma setzte sich wieder auf den Stuhl und Mum lehnte sich an mein Bett.
„Frau Hennef ist alleinerziehend. Ihr Mann hat sie vor ein paar Jahren sitzen lassen…“
„Oh…“
*-*-*
Mum, Oma und Sarah waren schon eine Weile weg. Ich war aufgestanden und mit der Hilfe der Krücken auf dem Weg zu Felix. Am Eingang blieb ich stehen.
„Hi.“
Felix schaute mich kurz an und drehte dann den Kopf weg. Ich humpelte weiter und ließ mich auf den Stuhl neben seinem Bett fallen, was mir meine Rippen gleich lohnten. Ich verzog das Gesicht und hoffte, dass die Schmerzen bald nach ließen.
„Warum tust du das?“, fragte Felix.
Ich schaute auf.
„Was?“
„Du hast Schmerzen wie ich und trotzdem kommst du hier her, anstatt im Bett liegen zu bleiben.“
Mein Blick ruhte auf seinem Gesicht, doch war ich wusste keine Antwort darauf.
„Wenn du dir irgendwie Hoffnung machst…, dass zwischen uns was laufen könnte…, dann bist du schief gewickelt…“
„Hoffnungen hat man, wenn man sich in jemand verliebt hat. Dich kenne ich ja nicht mal richtig.“
„Dann ist das ja geklärt.“
„Das andere nicht…“
„Was?“
„Wer dich so zu gerichtet hat.“
Felix drehte den Kopf weg, schaute auf die andere Seite. Ich lehnte mich etwas vor.
„Ist es dir egal, dass die Typen frei herum laufen und du hier ans Bett gefesselt bist, nimmst du das einfach so hin?“
Felix atmete tief durch, sein Körper zitterte.
„Du… du verstehst das nicht…“, sagte er mit leiser, weinerlicher Stimme.
„Was soll ich verstehen…?“
„Wenn man liebt…“
„Sorry, dass ich da kein Experte bin… ich noch nie einen Freund hatte…“
Ich wurde leicht säuerlich.
„Wenn dir das Scheiß egal ist, wer dich zusammenschlägt, dann werde gesund, wandere aus dem Krankenhaus und warte bis sie wieder kommen…, vielleicht stehst du ja auch darauf geschlagen zu werden…“
Ich wollte aufstehen, aber meine Arme ließen mich im Stich. Meine Krücken flogen zu Boden.
„Scheiße!“, brüllte ich sauer.
Ich beugte mich nach vorne um die Krücken aufzuheben. Die Ungelenkigkeit wegen meines Gipses strafte mich und ich verlor das Gleichgewicht. Mit voller Wucht knallte ich auf den Boden.
„Au… scheiße tut das weh“, fluchte ich.
Ich hörte es aus dem Bett lachen.
„Arsch!“
„Au“, hörte ich Felix.
„Was?“
„Das Lachen tu weh.“
„Geschieht dir Recht!“
Ich fühlte mich wie ein dicker Käfer der auf dem Rücken lag und nicht mehr aufkam. Nur dass ich auf dem Bauch lag.
„Ich… ich liebe ihn…“, gab Felix plötzlich von sich.
„Hä?“
Irgendwie brachte ich es fertig mich aufzusetzen. Keuchend und mit Schmerzen lehnte ich an die Wand.
„Ich kann… nichts für meine Gefühle…“
„Von was redest… du?“
„Andreas…, ich habe mich ihn verliebt. Wir machen oft zusammen Sport… joggen und so.“
„Weiß Andreas dass du ihn liebst?“
Ein kurzes Schweigen von Felix folgte. War die Frage zu direkt?
„Sieht…, sieht man das nicht? Schau mich an…“
„Entschuldige…, ich habe einen schlechten Blickwinkel vom Boden.“
Ich hörte ein trauriges Lachen.
„Warum hat dir Andreas das angetan…“
„Er… er hat nichts getan…, er stand nur dabei…“
„Er hat zugeschaut wie dich andere verprügeln?“
Wieder folgte keine Antwort.
„Dann ist er genauso Scheiße wie die anderen, die dich so zugerichten haben!“
„Ich… ich liebe ihn aber… immer noch.“
„Du bist ganz schön durch geknallt, weißt du das?“
„Scheiße… ich kann nichts dafür.“
Die Tür zur Station ging auf und Theo kam herein. Natürlich sah er mich sofort.
„Mensch Marc, was machst du denn?“, rief er und kam gleich zu mir gerannt.
„Er… er wollte mein Bett von unten sehen“, gab Felix von sich.
Ich konnte nicht anders und fing an zu kichern, was mir die Rippen natürlich gleich übel nahmen. Felix fing auch an zu lachen.
„Ihr seid mir zwei Witzbolde“, meinte Theo und half mir auf.
„Ich sollte dir die Krücken wegnehmen und dich ans Bett fesseln…, du bist ganz schön leichtsinnig junger Mann.“
Theo war leicht angesäuert.
„Ich hätte gute Lust mit deiner Ärztin zu reden, dass sie dir das Laufen wieder verbietet!“
„Theo…, es ist doch nichts passiert…“, meinte ich.
„Es hätte aber etwas passieren können. Ich weiß nicht, wie es mit deinem Halswirbel aussieht, aber du musst es nicht herausfordern, oder willst du gelähmt?“
Theo sprach sich in Rage. Er führte mich ohne meine Krücken zurück zu meinem Bett. Felix beobachtete die Szene wortlos, während mein Krankenpfleger mich vorsichtig auf mein Bett legte.
„So und da bleibst du jetzt liegen, keinen Ausflug heute mehr…“
„Ja Papa…“, konnte ich mir nicht verbeißen und fing wieder an zu kichern.
„Och du…“, weiter sprach er nicht mehr und ließ mich alleine.
„Und du bist nicht besser“, rief er zu Felix und verließ die Station wieder.
*-*-*
Unsanft wurde ich wach gerüttelt. Ich öffnete die Augen und konnte Theo und eine Schwester wahr nehmen.
„Guten Morgen…“, brummte ich und rieb mir die Augen.
„Ob der Morgen gut wird, steht in den Sternen!“
Oh, da war wohl noch einer sauer. Trotzdem verstand ich nicht, was die beiden da machten.
„Was ist los…?“
„Du wirst umquartiert!“, sagte Theo barsch.
Auf einmal war ich hell wach.
„Wieso denn das?“
„Ein Zimmer ist frei geworden und ihr beide kommt da hin.“
„Wir beide?“
„Felix und du! Dann wird es hier wenigstens wieder leiser und ich habe meine Ruhe.“
Die Schwester kicherte leise.
„Jetzt schau mich nicht so an. Ihr zwei seid richtige Nervensägen! Mein guter Anstand verbietet mir Zicken zu euch zu sagen.“
Das war es. Nun fing die Schwester laut an zu lachen.
„Danke aber auch!“, meinte ich eingeschnappt.
„Bitte gern geschehen!“
Sprachlos sah zu, wie meine Sachen aus dem Schrank befördert und auf meinem Bett verteilt wurden. Der Nachtisch wurde zusammengeklappt und an meinem Bett die Bremsen gelöst.
„… ähm… sehe ich dich dann nicht mehr?“, fragte ich Theo leise, der hinter mir das Bett schob.
„Nein, ich bin Pfleger hier auf der Intensiv, mit den normalen Stationen habe ich nichts zu tun.“
„Schade…“
„Mal sehen, wenn du ganz lieb bist, dann besuche ich dich vielleicht.“
Ich drehte meinen Kopf wieder nach vorne und sah zu, wie ich die Intensiv verließ.
Eine Viertelstunde später stand ich in einem anderen Zimmer, meine Sachen wurden verräumt und nun war ich alleine. Der Blick aus dem Fenster war zwar ein anderer, aber auch hier war alles Schneebedeckt.
Es dauerte noch eine Weile, bis die Zimmertür sich wieder öffnete und nun auch Felix herein geschoben wurde. Er hatte nicht so viele Sachen wie ich, lediglich eine Tasche und Waschzeug lagen neben seinem Gipsfuß.
Als alles fertig war, drehte sich Theo zu uns um.
„Ich wünsche den Herren eine baldige Genesung und noch einen schönen Tag!“
Mit diesen Worten verschwand er. Eine Schwester kam dafür herein.
„Hallo ihr zwei, ich bin Schwester Brigitte, wenn etwas ist, dann einfach Knopf drücken.“
Ich nickte und schon waren wir wieder alleine. Mein Blick wanderte zu Felix, dessen Blick an die Decke gerichtet war.
*-*-*
Es klopfte an der Tür und sie wurde aufgezogen. Mum und Paps erschienen im Blickfeld mit Frau Hennef im Gefolge.
„Da seid ihr ja“, kam es von Mum, „wir sind ganz schön erschrocken, als wir eure Betten leer vorfanden.“
Ich schaute kurz zu Felix, dessen Gesicht aber völlig ausdruckslos blieb.
„Hallo Felix“, sagte Paps und kam zu mir.
„Hallo Sohnemann“, begrüßte er mich und umarmte mich.
Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Felix‘ Blick traurig wurde. Frau Hennef begrüßte ihren Sohn mit einem Kuss auf die Wange, aber er schaute dabei angewidert weg.
„Hallo Marc“, meinte Mum und gab mir ebenfalls ein Kuss.
„Da kann ja Sarah ohne Probleme dich besuchen kommen, wenn du nicht mehr auf der intensiv liegst.“
„Ich weiß nicht…“
„Was?“
„Mum ich weiß gar nicht ob sie mich besuchen will, von Felix scheint sie ja mehr angetan zu sein.“
Meine Eltern grinsten und beide schauten Richtung Felix. Ich ebenfalls und sah gerade noch, wie Felix mir die Zunge heraus streckte.
„Oh die Herren verstehen sich ja schon gut“, merkte Paps an, „ach bevor ich es vergesse, deine Mutter hat die Idee gehabt, Judith zu Weihnachten zu uns einzuladen.“
„Wer ist Judith?“
„Ich…“, meldete sich Frau Hennef zu Wort.
„Da ihr beide hier seid und Judith alleine zu Hause sitz, dachte ich, eine Einladung wäre für beide Seiten sehr gut“, erklärte Mum.
Beide Seiten? Das soll jetzt einer Verstehen.
„Was hältst du davon, Felix?“, fragte Judith.
„mmm…“, brummelte er nur.
Dass ihr die Antwort ihres Sohnes peinlich war, konnte man ihr ansehen.
„Wolltet ihr zwei nicht in die Cafeteria?“, fragte Paps.
„Ach ja“, stieg Mum darauf ein, um ebenfalls die Situation zu retten, „komm Judith, der Kaffee soll toll sein, hat mir meine Schwiegermutter gesagt.
Die zwei Frauen standen auf und verließen unser Zimmer.
„So, nun zu dir junger Mann“, begann Paps und wandte sich an Felix.
„Deine Mutter hat es schon schwer genug…“
„Ist das meine Schuld?“, gab Felix patzig von sich.
„Ja!“
Er drehte sein Kopf und schaute meinen Vater direkt in die Augen.
„Warum bin ich schuld, dass zu Hause alles schief läuft. Ich bin nicht abgehauen und habe die Familie sitzen lassen…“
Felix Augen wurden feucht.
„Deine Mutter auch nicht!“
Ich verstand Paps nicht, warum ließ er Felix nicht in Ruhe. Er sah doch sicher auch, dass dies ihm nicht gut tat.
„Ach… was wissen sie schon…, was geht sie das überhaupt an?“
„Da hast du Recht, mich geht das nichts an. Ich mag es nur nicht, wenn andere ungerecht behandelt werden und Fehler anderer ausbaden müssen.“
Mir fiel das erzählte von Felix ein.
„Ich muss auf Toilette“, log ich, griff nach meinen Krücken und verließ ohne weiteren Ton das Zimmer.
Vor dem Zimmer schaute ich nach dem Schwesterzimmer, wo mich mein nächster Weg hinführte.
„Marc…, was kann ich für dich tun, du hättest doch bloß läuten brauchen“, kam es von Schwester Brigitte, die mit zwei anderen Schwestern im Zimmer saß.
„Eben nicht…, ist es möglich Frau Doktor Engel zu sprechen?“
„Wieso…, geht es dir nicht gut, hast du wieder Schmerzen?“
„Nein, ich müsste sie nur dringend alleine sprechen.“
Die Frauen vor mir schauten sich untereinander an. Dann griff Schwester Brigitte und wählte eine Nummer. Sie schien ihr gegenüber zu erreichen und sprach mit demjenigen.
„Okay, mache ich sofort. Bis gleich …“
Sie legte auf und schaute mich an.
„Ab in den Rollstuhl!“
„HÄ?“
„Du setzt dich jetzt in den Rollstuhl und ich bring dich zu Dr. Engel.“
„… öhm okay…“
Also setze ich mich in den Rollstuhl, was sich mit dem Gips nicht so einfach erwies. Nach ein paar kleinen Umbauten seitens Schwester Brigitte am Rollstuhl und die Fahrt konnte losgehen.
Ein viertel Stunde später fuhr sie mich in das Sprechzimmer der Ärztin.
„Ah… hallo Marc, was ist so wichtig, dass ich nicht zu dir kommen sollte?“
Ich schaute zu Schwester Brigitte. Sie verstand meinen Blick.
„Wenn sie mich wieder brauchen einfach rufen, ich muss wieder hinunter.“
Dr. Engel nickte ihr zu und Brigitte verließ das Zimmer.
„So Marc, wir sind alleine, wo drückt der Schuh?“
„Es geht um Felix, sie meinten, wenn ich etwas erfahre, soll ich es ihnen sagen.“
„Du hast etwas aus Felix heraus bekommen? Moment, ich muss kurz telefonieren.“
*-*-*
Ich verstand nicht, warum ich warten sollte, auf alle Fälle wurde der Rollstuhl langsam unbequem. Es klopfte an der Tür, welche auch gleich aufgezogen wurde.
„Hallo Herr Sörens, dass ging aber schnell“, kam es von Dr. Engel.
„Aber auch nur, weil ich zufällig in der Nähe zu tun hatte.“
Die beide begrüßten sich per Handschlag. Woher kannte ich den Namen Sörens.
„Das ist Marc, der mit Felix ein Zimmer teilt“, stellte mich Dr. Engel vor.
Dieser drehte sich zu mir und reichte mir ebenso die Hand.
„Hallo Marc, ich bin Hauptwachtmeister Phillip Sörens und ich ermittle wegen Felix…“
„Dass er zusammengeschlagen wurde…“, unterbracht den Polizisten.
„Frau Dr. Engel meinte, du könntest etwas zur Ermittlung beitragen.“
Ich nickte und atmete tief durch, denn plötzlich war ich über meine Idee, dass mir anvertraute weiter zu erzählen nicht mehr so begeistert. Ich wusste ja nicht, wie die beiden auf Schwulsein reagieren.
„…ähm… haben sie etwas… gegen Schwule?“, fragte ich ganz direkt.
„Nein!“, lächelte mich der Polizist an.
„Aha…“
Der Polizist zog etwas aus seiner Hosentasche und öffnete es. Dies hielt er mir vors Gesicht.
„Dies ist mein Lebenspartner… heißt Fabian…“
Dr. Engel zog die Augenbraun hoch und grinste nun ebenso, wie dieser Sörens, der das Bild wieder wecksteckte. Okay…, ich entschloss mich dann ihnen alles zu erzählen.
„Also…, es geht darum, dass Felix sich verliebt hat… in einen Andreas, mit dem er viel unternimmt…, oder unternahm. Dieser Andreas stand dabei, als die anderen vier ihn zusammen schlugen.“
„Kennst du den Nachnamen?“, fragte Sörens.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Gut, ich denke, dass wir kein Problem sein. Frau Hennef wird den jungen Mann sicherlich kennen.“
„Die ist mit meiner Mutter in der Cafeteria.“
„Das trifft sich gut, dann werde ich mich gleich auf den Weg machen…Dr. Engel… Marc.“
„Es gibt da noch ein Problem…“, warf ich noch ein.
„Ja?“
„Felix liebt Andreas immer noch…“
„Oh…“, kam es fast gleichzeitig aus den Mündern der Erwachsene.
*-*-*
Felix lag weinend auf seinem Bett, als ich das Zimmer kam. Mein Vater hielt seine Hand und drehte den Kopf zu mir.
„Du warst lange weg“, stellte er fest.
Ich nickte und humpelte müde zu meinem Bett. Der Ausflug hatte mich doch sehr angestrengt. Gerade als ich mich in mein Bett fallen ließ, ging die Tür auf und unsere Mütter kamen zurück.
Natürlich fiel denen der Gemütszustand von Felix sofort auf.
„Mum…“, kam es plötzlich von Felix.
Judith ging zu ihrem Sohn und setzte sich auf sein Bett.
„…es tut mir so Leid…, ich wollte dir kein Ärger machen…“, schluchzte Felix.
Judith nahm ihren Sohn vorsichtig in den Arm. Natürlich ließ mich diese Szene nicht kalt. Mir kullerten ebenso die Tränen herunter. Paps wuschelte mir über den Kopf und meine Eltern lächelten mich beide an.
*-*-*
Draußen war schon dunkel geworden. Es brannte nur Felix Lampe. Seit dem Vorfall heute Mittag hatte er kein Wort mehr gesprochen, nur ein leises Schluchzen war zu hören.
„Felix…?“
„Hm…?“
„Geht es wieder…?“
Er drehte den Kopf zu mir. Seine Augen waren rot. Man hatte ihm am späten Nachmittag den Kopfverband abgenommen und nur noch ein großes Pflaster zierte seine Stirn. Seine blonden Haare hingen ihm wirr ins Gesicht.
„Wie würdest du dich fühlen, wenn du brutal nieder geschlagen wurdest?“
„Ungefähr so, wenn man von einem Auto um gemäht wurde.“
Er sah mich lange an. Anscheinend wusste er keine Antwort darauf. Ich versuchte mich, so gut es ging mit dem Gips, in seine Richtung zu drehen.
„Ich weiß…, ich nerve dich vielleicht…, aber wäre es nicht doch besser, der Polizei zusagen, was… Andreas gemacht hat?“
Felix Kopf drehte sich und er schaute wieder zur Decke.
„Tut mir Leid, Felix…“
„… muss es nicht…, irgendwie hast du ja Recht…, aber ich kann es nicht…“
„… und wenn ich es für dich machen würde?“
„Wieso du…? Du hast doch nichts damit zu tun.“
„Das kommt auf die Sichtweise an… oder?“
„Sichtweise?“
„Wenn dieser Typ nicht ausgetickt wäre, wärst du nicht zusammengeschlagen worden, deine Mutter wäre nicht ins Krankenhaus gerast und ich wäre nicht umgenietet worden. Wie eine Kettenreaktion…“
„Da hat einer in der Schule aufgepasst…“
„Also habe ich indirekt etwas damit zu tun… und…“
„Was und?“
Mich wunderte die ganze Zeit, dass Felix überhaupt nicht mehr aufbrausend und abweisend war.
„… naja… du bist…“
„WAS?“
„Du bist mir nicht völlig egal.“
Felix seufzte.
„Marc…, schlag dir das aus dem Kopf. Okay?“
Dieses Mal seufzte ich und drehte mich weg.
„Wusstest du, dass der Bulle, der in deiner Sache ermittelt schwul ist?“
„Echt?“
„Ja, er hat mir sogar ein Bild von seinem Freund gezeigt.“
„Aha… und wann war das?“
„Heute Mittag.“
„Ich habe gar nicht mitbekommen, dass der hier war…“
„Konntest du auch nicht. Ich habe ihn bei Dr. Engel getroffen.“
„Warum warst du bei Dr. Engel?“
„Ich… ich habe ihr von dir erzählt… wegen Andreas.“
„Du hast WAS? Bist du kirre? Was soll der Scheiß – Au!“
Da war wieder dieses Aufbrausen und wurde gleich durch Schmerz bestraft.
„Reg dich ab…!“
Die Tür ging auf und eine Schwester kam herein.
„Was ist denn bei euch los? Könntet ihr etwas leiser sein? Man hört euch auf dem gesamten Flur.“
Schuldbewusst schaute ich zu Felix, obwohl nur er laut geworden war, aber durch meine Schuld. Die Dame ließ uns ohne ein weiteres Wort zu verlieren wieder alleine. Felix schaute mich böse an.
„Komm Felix… bitte… so kann es doch nicht weiter gehen“, sagte ich im Flüsterton.
„Du verstehst mich nicht…“, flüsterte er sauer zurück.
„Wie denn auch…, dass ist doch krank. Wie kann man in jemand verliebt sein, der einen zusammen schlagen lässt?“
„Danke… gut bin ich halt krank.“
Er war wieder lauter geworden.
„Jetzt hör auf! Du weist ganz genau wie ich das meine!“, erwiderte ich ebenso laut.
Wieder wurde die Tür aufgerissen.
„So geht das nicht Jungs, entweder ihr seid jetzt ruhig, oder einer von euch schläft auf dem Flur!“
Dieses Mal schloss die Schwester unsere Tür heftiger und ich fragte mich, ob dass nicht störte. Felix hatte sich weggedreht. Also war Sendepause und ich wollte nicht auf dem Flur schlafen.
So versuchte ich mich bequem hinzulegen und schloss die Augen. Wenig später wurde die Tür abermals geöffnet.
„Ich weiß nicht, ob sie von den zwei Streithähnen eine Information bekommen werden“, hörte ich die Stimme der Schwester.
Ich schaute auf und sah diesen Sörens und einen Mann der so aussah wie der Typ auf der Fotografie, die mir Sörens am Mittag zeigte. Die Schwester ließ uns alleine.
„Hallo Jungs.“
„Hallo Herr Sörens“, sagte ich.
„Ich bin nicht mehr im Dienst… ich heiße Phillip und das ist mein Freund Fabian.“
„Hallo“, meinte Fabian und gab mir und Felix die Hand, der mittlerweile ebenfalls aufmerksam geworden war.
Die zwei zogen sich Stühle heran und setzten sich zu uns.
„Felix, zu allererst… ich finde es toll, dass du, einen Menschen, den du liebst schützen willst.“
Felix wollte etwas sagen, aber Phillip hob die Hand.
„Dass Marc mir alles erzählt hat, darfst du ihm nicht krumm nehmen. Die fünf Jungs haben eine schwere Straftat begangen und es hätte für dich viel schlimmer ausgehen können. Wir können froh sein, wie mir Frau Dr. Engel erklärte, dass du am Leben bist. Willst du, dass die ungeschoren davon kommen?“
„Phillip, das hat keinen Sinn, ich habe es auch versucht“, meinte ich.
Felix schaute mich an. Es war nicht sauer, sondern ich sah Angst in seinen Augen.
„Felix…“
Dieses Mal war es Fabian, der seine Worte an Felix richtete.
„Als ich damals Phillip kennen lernte, war ich in einer ähnlichen Situation, wie du jetzt und ich hatte ebenso Angst. Gut ich wurde nicht verprügelt, aber auf mich wurde geschossen. Aber Phillip schaffte es, dass ich ihm vertraute und der Fall wurde gelöst.“
„Auf dich wurde geschossen?“, fragte Felix entsetzt.
Fabian nickte.
„Aber dass tut jetzt nichts zur Sache, Phillip kann euch ja irgendwann die Geschichte erzählen, was ich nur sagen wollte, vertrau Phillip, mach das, was er dir vorschlägt, damit dir geholfen werden kann.“
Felix schaute mich an. Zu seinem ängstlichen Blick kam Ratlosigkeit dazu.
„Lass dir bitte von Phillip helfen… auch wenn du für Andreas noch etwas empfindest.“
„Marc hat Recht“, kam es von Phillip, „auch wenn du dass jetzt noch nicht siehst, irgendwann kommt einer, der deine Gefühle erwidert…, in dich verliebt ist.“
Ich lächelte verlegen.
„… oder schon tut.“
*-*-*
Phillip und Fabian waren gegangen und seitdem hatten Felix und ich kein Wort gewechselt. Nur der Schein seiner Lampe erhellte das Zimmer und außer einem leisen Wimmern von Felix war es völlig ruhig.
Etwas genervt schlug ich meine Decke zurück, hob meinen Gips an den Rand und rutschte leicht aus dem Bett. Langsam griff ich nach Felix’ Bett und hangelte mich so hinüber. Der Tag war anstrengend für mich und so ließ ich mich matt auf sein Bett gleiten.
Er reagierte nicht, sondern blieb so auf der Seite liegen, wie die ganze Zeit. Sein Arm lag auf der Decke. Zögernd legte ich sanft meine Hand darauf. Er zuckte zusammen und sein Wimmern verstummte.
„Felix…, es tut mir Leid, wenn ich dich verletzt habe oder verärgert. Aber so kann es doch mit dir nicht weiter gehen…“
Er drehte seinen Kopf zu mir und schaute mich mit verweinten Augen an.
„Warum…? Warum darf ich ihn nicht lieben?“
Sein Körper bebte und er schluchzte erneut auf.
„Weil er dir nicht gut tut…, weil er dich hasst.“
„Er hasst mich nicht!“
„Aus Liebe wird er dich sicher nicht zusammen schlagen lassen haben.“
Der Blick von Felix war fast tödlich, aber er wich…, änderte sich. Ich sah wieder die Angst, wie vorhin als Phillip da war.
„Was…, was soll ich jetzt tun?“
„Auf Phillip hören…“
„Das… meine ich nicht.“
„Was sonst?“
„Was wird jetzt werden…, jeder hat mitbekommen, was passiert ist. Jeder weiß dass ich schwul bin.“
Ich nahm seine Hand.
„Felix, ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder jetzt weiß, dass du schwul bist. Weder von Andreas, der sicher nicht damit hausieren ging, dass er dich deswegen hat verprügeln lassen, noch dass in der Schule jemand was gesagt hat, dass du wegen deinem Schwul seins im Krankenhaus liegst.“
„Denkst du… wirklich?“
„Bin ich mir fast sicher.“
Felix atmete tief durch.
Vielleicht sollten wir versuchen zu schlafen…“, meinte ich und wollte mich schon erheben, als Felix meine Hand festhielt.
„Kannst…, kannst du noch…“
„Was?“
„… bei mir sitzen bleiben? Ich habe Angst…“
Ich blieb bei ihm sitzen und nickte ein.
*-*-*
„Erst streiten sie sich den ganzen Abend und jetzt liegen sie wie ein Herz und eine Seele beieinander“, hörte ich die Stimme der Nachtschwester.
Erschrocken fuhr ich hoch, was ich natürlich sofort bereute.
„Langsam junger Mann, jetzt ist es eh zu spät.“
„… zu spät…, für was?“, hörte ich Felix neben mir brummen.
„Den Erschrockenen zu tun“, antwortete die Nachtschwester, „ ich bin eh nur gekommen, um nach Felix zu schauen. Aber vielleicht solltet ihr die Bett zusammenschieben, dass wär es bequemer.“
Nachdem die Schwester Felix‘ Puls gemessen hatte, verschwand sie mit einem Lächeln. Sie hatte Recht, bequem hatte ich nicht gelegen und mir tat irgendwie alles weh.
„Tut mir Leid…“
Ich sah zu Felix. Ihm schien es etwas besser zu gehen, zumindest hatte seine Augen wieder normales Aussehen.
„Was tut dir Leid?“
„Dass du jetzt Ärger wegen mir hast und…“
„Halt kein Wort weiter! Es war meine eigene Entscheidung bei dir sitzen zu bleiben und es ist auch meine eigene Schuld, dass ich neben dir eingeschlafen bin. Dir kann Leid tun, dass mir jetzt alles weh tut!“
Sah ich richtig, oder war dass ein kleines Lächeln auf Felix‘ Mund?
„Vielleicht sollten wir die Betten wirklich zusammen schieben“, meinte ich und nun grinste er.
„Ja und jeder denkt, die liegen da wie ein altes Ehepaar“, sagte er und zum ersten Mal sah ich Felix richtig lachen.
Seine Augen funkelten.
„Wie spät haben wir es eigentlich?“, fragte Felix.
Ich sah auf die Uhr auf meinem Nachtisch.
„Du meinst wohl früh…, es ist halbsechs morgens.“
Entgeistert schaute er mich an.
„Du hast die ganze Nacht bei mir verbracht?“
Meinte er die Frage jetzt Ernst?
„Scheint so…“, antwortete ich und hangelte mich in mein Bett zurück, dass jetzt natürlich kalt war.
Felix sah mich an.
„Was ist?“
„Mein Bett ist kalt.“
„Meins schön warm.“
Ich streckte ihm die Zunge heraus.
*-*-*
Mein Paps kam herein und blieb erst einmal kurz stehen.
„… ähm hallo Jungs… Ich habe eigentlich gestern Felix ins Gewissen geredet, damit er wieder klarer sieht…, aber das ihr gleich die Betten zusammenschiebt…, dass erstaunt jetzt sogar mich.“
Er schloss die Tür und kam auf meine Seite. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und grinste ihn nur an.
„Das ist meine Schuld“, antwortete dafür Felix.
„Stimmt nicht, du hast keine Schuld, es war meine eigene…“
„Fang nicht schon wieder an…!“
„So ihr zwei, könntet ihr mich über dieses Arrangement mal aufklären, ohne irgendwelche Schuldzuweisungen.
Paps hatte ein Machtwort gesprochen und setzt sich auf mein Bett.
„Phillip und Fabian waren gestern Abend hier und…“, sagte plötzlich Felix neben mir.
„Wer ist Phillip und Fabian?“, fiel ihm Paps ins Wort.
„Herr Sörens und sein Freund“, antworte ich.
„Aha… und was wollten die beiden so spät noch von euch?“
„Mir gut zureden…“, kam es von Felix.
„Und was hat das damit zu tun, dass eure Betten zusammenstehen?“
Felix seufzte.
„Ihr Sohn blieb gestern bei mir sitzen, weil ich Angst hatte und ist wohl eingeschlafen…, neben mir. Und heute Morgen kam die Nachschwester herein und fand uns so schlafend.“
„Aha…“
„Der Vorschlag kam übrigens von ihr, Paps, das war nicht unsere Idee.“
Er schaute zwischen uns hin und her.
„Soso… und warum hattest du Angst?“
Warum musste Paps immer so direkt sein? Erneut atmete Felix tief durch.
„Weil ich nicht weiß, wie es jetzt weiter geht… was kommt…“
„Ich denke, es wäre jetzt erst einmal wichtig, dass du, nein dass ihr beide wieder gesund werdet und dann sieht man weiter.“
Paps sagte das, als wäre schon alles in Planung. Er schaute uns beide weiterhin abwechselnd an.
„Warum…“, begann er plötzlich, „werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht der einzige Grund ist, warum ihr so dicht zusammen liegt?“
Ich verzog das Gesicht und bevor ich antworten konnte, macht das Felix schon.
„Herr Beuscher, es ist…“
„Ich heiße Harald und wenn ich mit deiner Mutter per Du bin, brauchst du nicht Sie zu sagen.“
Paps schien ihn jetzt aus dem Konzept gebracht zu haben, denn Felix sprach nicht weiter. Und da war es wieder, dieses Grinsen meines Paps, als wüsste er wieder über alles Bescheid, mehr als ich auf alle Fälle.
„Soll ich deiner Mutter etwas ausrichten? Sie kommt heute Mittag mit Felix‘ Mutter euch besuchen?“, wechselte er das Thema.
„…ähm… nein.“
„Okay…, wunschlos glücklich. Ich wollte eh nur kurz vorbeischauen. Bin dann wieder weg.“
Ich zog die Stirn in Falten und zog eine Grimasse.
Er drückte mir einen Kuss auf die Wange und stand auf.
„Also, brav bleiben, wenn etwas ist, dann anrufen. Schönen Tag noch…“
Und schon war er draußen.
„Was war das jetzt?“, fragte Felix neben mir.
„Ich weiß nicht…“
„Dein Dad ist cool…“
„Ja…, kann man so sagen.“
Ich ließ mich wieder in mein Kissen gleiten und drehte mich zu Felix. Er ebenfalls zu mir.
„Wenn ich es nicht besser wüsste…, will und jemand verkuppeln…“, meinte Felix.
„Mein Vater? Wie kommst du da drauf?“
„Nur so… ich weiß es nicht.“
„Wäre es schlimm?“
Was hatte mich geritten, das zu fragen? Gut, ich gestand mir selbst ein, dass der Gedanke nicht fernlag. Was ich bis jetzt von Felix mitbekam, gefiel mir und sein Aussehen konnte jedem Barbie Ken standhalten.
„Könntest du mich in deine Hirnwindungen einweihen, was du meinst?“
Ich verdrehte die Augen und fühlte mich bei meinen Gedanken ertappt.
„Dass…, dass wir zusammen kommen.“
Felix hob die Augenbraun, was mit dem Pflaster komisch aussah. Ich musste grinsen.
„Uffz, was für eine Frage. Geht ein wenig schnell…, oder? Du vergisst, was ich gerade hinter mir habe.“
Ich schaute ihn lange an.
„Ich weiß was du hinter dir hast. Aber das ist Vergangenheit.“
„Die Vergangenheit ist noch recht frisch und so schnell kann ich keine Gefühle ablegen…“
„Das verlangt auch niemand…, es war nur ein Gedanken, mehr nicht.“
„Bist du immer so Kopflastig?“, fragte Felix.
„Ich? Sicher nicht.“
„Kommt mir aber so vor.“
„Was weißt du von meinem Hirn.“
„Jedenfalls so viel, dass ich weiß, dass darin ein Chaos herrscht!“
„Wie bei vielen tausenden Jugendlichen auch…“
„Punkt für dich.“
Felix schaute mich an und lächelte.
*-*-*
Es klopfte erneut an unserer Tür und gemeinsam riefen wir herein. Die Tür flog auf und Sarah kam herein gestürmt. Der Griff der Tür knallte gegen die Wand.
„Sarah Beuscher, dass war das letzte Mal dass ich dich mitgenommen habe“, kam es streng von Mum, die mit Felix‘ Mutter unser Zimmer betrat.
Sarah krabbelte auf mein Bett und sah meine Mutter mit traurigen großen Augen an.
„Ich freu mich doch nur, dass ich Marc wieder sehe.“
„Deshalb musst du so laut sein?“
Ich nahm Sarah in den Arm.
„Mum lass sie doch…“
„Dass aus deinem Mund“, sagte Mum und schloss die Tür.
„Sie freut sich halt bei ihrem Bruder zu sein.“
Mum lächelte mich an.
„Wie geht es euch zwei, Dein Vater hat mir von eurem Möbeltausch erzählt.“
Ich wusste, sie spielte auf die zwei Betten an, die zusammen standen.
„Das war die Idee der Nachtschwester“, verteidigte uns Felix, der gerade von seiner Mum sanft umarmt wurde.
Sarah krabbelte auf das Bett bis in die Mitte und ließ sich am Fußende nieder.
„Das ist genauso groß wie dein Bett zu Hause“, kam es kichernd von der Kleinen.
Ich sah erst Sarah dann Mum fragend an.
„Sarah, dass sollte doch eine Überraschung sein, musst du alles ausplaudern.“
Sarah zog eine Schnute und ich musste grinsen. Selbst Felix und seine Mutter lächelten.
„Ich habe ein neues Bett?“, fragte ich scheinheilig.
„Ja, dass sollte eigentlich eine Überraschung deiner Großmutter sein“, antworte Mum und schaute Sarah böse an.
„Ich kann ja immer noch den überraschten spielen“, meinte ich.
„Wenn dir da mal nicht Sarah dazwischen funkt.“
Felix hatte sich noch lange mit seiner Mutter unterhalten. Ich hatte mir meine Krücken geschnappt und war mit Mum und Sarah in die Cafeteria gegangen.
„Schade, dass du Weihnachten nicht zu Hause sein kannst“, meinte Mum und rührte in ihrem Kaffee.
„Ja dann kann er nicht…“
„Sarah!“, unterbrach Mum Sarah, „genug verraten.“
„Aber er ist doch Weihnachten nicht zu Hause, da findet ihn der Weihnachtsmann nicht!“
Ich kicherte und wuschelte ihr über ihren Kopf.
„Keine Sorge, der findet jeden.“
„Weißt du denn schon, wann du heraus darfst?“, kam es von Mum,
„Ich glaube vor Silvester schon, aber das kommt auf meinen Nacken an, hat die Ärztin gesagt.“
„Du weißt schon dass du mehr als ein Schutzengel hattest?“
Sarah kicherte.
„Ja ich weiß.“
Mum atmete tief durch.
„Wird das… was zwischen euch beiden… du weißt was ich meine.“
Mein Blick fiel auf Sarah, die mit ihrer Puppe spielte.
„Wenn ich dass wüsste. Er spricht zumindest mit mir und ist nicht mehr so aggressiv…, auch seiner Mutter gegenüber.“
„Das stimmt, das hat mir Judith auch erzählt.“
„Wie kommt es eigentlich, dass ihr euch schon duzt?“
Wieder kam ein Seufzer, aus dem Mund meiner Mutter.
„Als Herr Sörens uns bat…“
„Sörens?“
„Der Polizist.“
„Ja, ich weiß, der hat uns gestern Abend besucht…“
„Da hatten wir mit Felix Mutter ein langes Gespräch, wo wir feststellten, dass wir uns noch von früher kannten, na ja kannten, sie war in der Klasse unter deines Vaters. Natürlich erzählte sie uns auch über das Pech mit ihrem Mann und dass sie mit Felix so viel Schwierigkeit hatte.“
„Denke das bessert sich jetzt, oder?“
„Ja“, lächelte sie, „es hat sich schon einiges geändert, dank dir.“
„Mir?“
„Ja Felix scheint bei seiner Mutter sehr von dir zu schwärmen, auch wenn du ihm die Leviten gelesen hast.“
„Leviten… ich?“
„Ich kann nur sagen, was Judith mir erzählt hat.“
Ich nickte.
*-*-*
Später war es ruhig auf dem Flur, die letzten Besucher waren gegangen, wie auch das Tagespersonal. Nur noch die Nachtschwester schwirrte durch die Zimmer und sah nach dem Rechten.
Felix war etwas eingenickt, während ich damit beschäftigt war, ihn dabei zu beobachten.
„Was ist so… interessant an mir…?“, brummelte Felix plötzlich.
„Och, ich beobachte nur einen verdammt süßen Kerl beim Schlafen.“
Felix öffnete ein Auge.
„Haben wir noch jemand in unser Zimmer bekommen?“
„Nicht das ich wüsste…“
„Dann träumst du?“
Ich kicherte.
„Was kicherst du so blöd.“
„Weil du plötzlich Gedanken lesen kannst.“
Nun öffnete er auch sein zweites Augen undschaute mich fragend an.
„Was kann ich?“
„Gedanken lesen.“
„Wie kommst du darauf?“
„Weil du weißt, dass ich am träumen bin.“
Vorsichtig bewegte sich Felix.
„Soll ich dir helfen?“
„Es geht schon, ich muss nur langsam machen.“
Umständlich richtete er sich etwas auf. Sein Gesicht zeigte mir, dass es schmerzte. Mitfühlend sah ich ihn an.
„Es geht schon…“, meinte Felix, als ob er wirklich meine Gedanken lesen konnte.
Durchdringend schaute er mich an.
„Du meinst das ernst… oder?“, fragte er.
„Was? Dass du Gedanken lesen kannst?“
Sein Blick senkte etwas.
„Quatsch…, dass du es ernst meinst.. mit mir… mehr fühlst.“
Dieses Mal senkte ich den Blick.
„…du sagtest selbst… man kann nichts für seine Gefühle.“
Felix schwieg.
„Ist es schlimm, das ich etwas mehr als normal für dich empfinde?“, sagte ich leise.
Als er nichts sagte, schaute ich auf. Ich sah, wie Tränen über Felix‘ Wangen kullerten.
„Warum…?“, kam es von ihm heißer und zitterder Stimme, „…warum habe ich dich nicht früher kennen gelernt…, dann wäre mir viel erspart geblieben.“
Er hob seinen Arm und wischte sich die Tränen weg.
„Daran… kann man jetzt nichts mehr… ändern.“
Er sah mich weiter ohne Worte an.
„Aber…“, ich musste schlucken und griff nach seiner Hand, „… vielleicht sieht es in der Zukunft besser… aus.“
„Haben wir eine Zukunft?“
Er hatte WIR gesagt und streichelte mit seinem Daumen über meine Handrücken.
„Ja…, denn auch Träume können war werden“, meinte ich und lächelte.
Er lächelte ebenso, obwohl noch immer die Tränen rannen. Er zog die Nase hoch, ließ meine Hand los und wischte sich erneut die Tränen weg.
„Hilfst du mir…?“
„Bei was?“
„Das alles… durch zustehen?“
„Ist dafür ein Freund nicht da?“
„Freund…, wie sich das anhört…“
„Wie denn…?“
„Ungewohnt…, ich habe einen Freund…, mein Freund…“
Grinsend griff ich wieder nach seiner Hand.
„Ja dein Freund, wenn du mich willst.“
Er lachte und hustete gleichzeitig.
„Klar will ich dich“, sagte er mit krächzender Stimme, „wann krieg ich je so wieder eine Chance, so jemanden wie dich zu bekommen.“
„Na ja…, es gibt da sicher noch andere…“
Weiter kam ich nicht. Felix hat seine Hand befreit und hielt seinen Finger auf meinen Mund.
„Du willst doch nicht… diesen Traum zerstören…“
„Nein…, aber ist es ein Traum… du bist wach.“
„Für mich ist es einer…, denn ich habe das gefunden… was ich wollte… na ja zwar mit Umwegen…, schmerzlichen Umwegen, aber der Traum ist da.“
Natürlich hatte ich gemerkt, dass sich Felix langsam zu mir her bewegt hatte, was sichtlich schwer war, bei seinen Verletzungen. So gab ich mir einen Ruck und mein Gesicht wanderte ganz dich an seins.
Ich hob die Hand und umgriff seinen Nacken.
„Dann lass uns den Traum real werden“, hauchte ich leise, beugte mich noch etwas vor und küsste seine Lippen.
Weich und warm fühlten sie sich an. Ich ließ von Felix ab und sah wie sich seine Augen wieder öffneten. Sie funkelten mir entgegen.
„…Danke…“, meinte er.
„Nicht für das…“, erwiderte ich.
Seine Mundwinkel gingen nach oben. Ich wusste nicht, was die Zukunft brachte, ob sich der Traum von Felix verwirklichen lassen würde. Aber ich wusste genau, dass ich meine Zukunft mit Felix verbringen wollte

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Information Ein bisschen Familie
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:26 AM - No Replies

Alles sah so aus wie immer, nichts hatte sich verändert. Ein Jahr lang war ich fortgewesen, ein Sozialjahr in Mexiko. Ich war froh, dass der Stadtverkehr so heftig war und das Taxi langsam fuhr.
So konnte ich alles in Ruhe anschauen. Ich war einen Tag früher zurückgekehrt als geplant, die Familie erwartete mich erst morgen. Mich hatte es einfach gepackt, weil ich es nicht mehr ausgehalten hatte.
Langsam bog das Taxi in unser Viertel ein und kurz darauf kam unser Haus in Sicht. Auch hier war alles beim Alten. Der Fahrer hielt vor der Auffahrt und stellte den Wagen ab. Ich sah auf das Display und zog mein Geld heraus.
Euro, daran musste ich mich auch erst gewöhnen, anderes Land, andere Währung. Danach half mir der Fahrer beim Ausladen und wenig später stand ich alleine vor der großen, hölzernen Haustür.
Ich zog aus meinem Brustbeutel den Schlüssel hervor und schloss auf. Natürlich war keiner da, alle waren auf der Arbeit, oder wie Oliver, mein Zwillingsbruder, beim Studium. Dad war Anwalt, hatte eine große Kanzlei, genoss hohes Ansehen in der Stadt.
Mum war Psychologin, hatte eine eigene Praxis, womit klar war, dass unsere Familie bessergestellt war und einfach viel Geld hatte. Einen großen Bruder hatte ich noch, Christian, arbeite in der Bank.
Nur ich war so etwas wie das schwarze Schaf in der Familie. Ich machte mir nicht viel aus Geld. Halt Stopp, werdet ihr sagen, bei dem Reichtum ist das sicherlich leicht. Weit gefehlt! Ich lief keinesfalls in Designerklamotten herum, verbrachte jeden Abend in irgendeiner Nobeldisco und genoss das Jetsetleben.
Nein, ich ging schon als Teenager Zeitungen austragen, um mein eigenes Geld zu haben, weil ich das großzügige Taschengeld meiner Eltern nicht mochte. Auf den Partys, die meine Eltern oder meine Geschwister veranstalteten hielt ich mich meistens fern.
Und als ich vor einem guten Jahr damit kam, ein soziales Jahr in Mexiko einzulegen, hing der Haussegen komplett schief. Mittlerweile hatte sich die Situation beruhigt, alle hatten sich daran gewöhnt, mich telefonisch in Mexiko zu erreichen.
Was wiederum auch schwierig war, weil ich das Geschenk, ein Handy von meinen Eltern ablehnte. So mussten sie darauf warten, bis ich mich ab und zu meldete. Das war nun aber alles vorbei, ich war wieder zu Hause.
Die Befürchtungen meiner Eltern, ich könnte mir eine Mexikanerin angeln, hatte ich auch nicht erfüllt. Ich stellte meine zwei Koffer im Flur ab und schloss hinter mir die Tür. Langsam schritt ich durch die Wohnung.
Hier hatte sich anscheinend doch etwas geändert. Das komplette Stockwerk wurde anscheinend renoviert. Alles war jetzt neutral in weiß gehalten, etwas gewöhnungsbedürftig, aber besser als die typische Eiche rustikal, was hier vorher herrschte.
Ich lief durch das große Wohnzimmer, öffnete die Terrassentür und ging in den Garten. Auch er war wohl frisch angelegt worden. Hier hatte wohl meine Mum, ihren Spleen für Chinesisches durchgesetzt.
„Flo?“, hörte ich jemand laut rufen.
Ich machte kehrt und betrat das Haus wieder. Ein lächelnder Oliver kam auf mich zu gestürmt, und fiel mir um den Hals.
„He, kleiner Bruder, du bist ja schon da!“, meinte er.
„Ja, ich konnte es einfach nicht mehr aushalten und wollte euch wiedersehen.“
Kleiner Bruder, er war zwei Minuten älter als ich und hielt mir dies nun auch schon ewig vor. Klar wir waren Zwillinge, aber bis auf unsere Augen und vielleicht ein bisschen das Gesicht unterschieden wir uns sehr. Und eben auch von den Größen. Er war kleiner als ich.
„Und dass soll ich dir glauben?“, fragte er, während er die Umarmung lockerte..
„Gut siehst du aus, die braune Farbe steht dir!“
„Danke, kann mich auch nicht beklagen.“
„Und was steht jetzt an? Studium, oder noch ein Praktikum?“
„Jetzt lass mich doch erst einmal ankommen.“
„Schon klar, dachte du weißt genau, was du vorhast.“
„Das habe ich auch, auch wenn ich damit wieder bei Mum und Paps anecken werde. Aber wann tu ich das einmal nicht?“
Oliver prustet laut hinaus.
„Da kann ich mich ja wieder mal auf ruhige besinnliche Tage freuen, wenn du als Blitzableiter für unsere Eltern herhalten musst.“
Ich schaute Oliver an.
„Es gibt wirklich Dinge, die werden sich wohl nie ändern“, meinte ich und löste mich aus der Umarmung meines Bruders.
„Ich werde erst einmal auspacken gehen“, sagte ich und lief zu meinen Koffer.
„Ach so, dass weißt du ja noch gar nicht!“, begann mein Bruder.
„Was?“
„Du hast ein neues Zimmer!“
„Wie, ich habe ein neues Zimmer?“
„Mum und Dad haben das Dachgeschoss ausbauen lassen, dass du und ich bezogen haben und
Christian wohnt eh nicht mehr hier.“
„Christian ausgezogen – neues Zimmer? Dass muss ich erst einmal verdauen!“
„Komm Brüderchen, ich helfe dir hoch tragen.“
Also folgte ich Oliver, bestückt mit nur einem Koffer, hinauf ins Dachgeschoss. Es war in zwei gleich große Teile untertrennt.
„Links ist mein Reich und rechts gehört dir!“, sagte Oliver.
Er öffnete die Tür und ließ mich eintreten. Wow! Das Zimmer war riesig.
„In Mexiko haben viele Familien so ein Zimmer als Wohnung!“
„Nun, wir sind in Deutschland, also gewöhn dich daran“, meinte mein Bruder und ließ mich alleine.
Meine wenigen Möbel aus meinem alten Zimmer, verloren sich regelrecht. Zuerst stellte ich meinen Koffer auf den Boden, neben den Anderen, den Oliver herauf getragen hatte. Die große Fensterfront ließ genug Licht herein.
Durch eine Glastür trat ich hinaus auf die Terrasse. Der Ausblick auf die Nachbargärten war recht gut und es schien sich auch hier viel geändert zu haben. Neue Gärten anzulegen war hier wohl zur Freizeitbeschäftigung geworden.
Die Seuferts von gegenüber hatten einen neuen großen Pool, in dem gerade zwei Jugendliche schwammen.
„Das sind Simon und Pia, die kennst du doch noch?“
Ich erschrak, denn unbemerkt war Oliver hinter mich getreten.
„Simon? Der war doch immer kugelrund!“
„Jetzt nicht mehr, seit er in einem Internat ist!“, entgegnete mir Oliver.
„Im Internat?“
„Ja, seine schulischen Leistungen waren abgesackt, da haben seine Eltern beschlossen ihn in ein Internat zu stecken, was ihm wohl nicht nur bei den Noten gut getan hat.“
Ich hörte ein Bellen unten im Flur.
„Oh, Mum scheint schon zurück zu sein“, sagte Oliver und schon konnte ich ihre Stimme hören.
„Oli, bist du da?“, rief es die Treppe hinauf.
„Ja und ich bin nicht alleine“, antworte Oliver.
„Hast du Besuch?“
„So würde ich das nicht sagen, der bleibt wohl länger hier!“
Ich hörte ihre Schritte die Treppe heraufkommen, aber bevor ich sie sah, kam Asta unser Hund hereingestürzt und begann wild zu bellen. Kurz darauf erschien meine Mum.
„Florian! Du bist schon da?“
Lächelnd ging ich zu ihr und sie schloss mich in ihre Arme. Sie schien mich überhaupt nicht mehr loslassen zu wollen. Fest wiegte sie mich in ihren Armen.
„Endlich ist mein Jüngster wieder zu Hause, ich hab dich so vermisst!“
Neue Töne meiner Mutter? Ich war das nicht gewohnt. Langsam löste ich mich aus ihrer Umarmung.
„Lass dich ansehen Junge… gut siehst du aus, dein Sozialjahr schien dir ja besser bekommen zu sein, als ich glaubte.“
„Man tut was man kann“, entgegnete ich.
„Oh man ich hab total vergessen, dass ich noch einen Termin habe!“, kam es plötzlich von ihr, Jungs wir reden heute Abend ich muss noch mal weg!“
Wie schon gesagt, es gibt immer Einiges, was sich nicht geändert hat. Auch die knappbemessene Zeit meiner Mutter. Und schon war sie wieder verschwunden.
„So ich lass dich nun auch mal alleine, damit du in Ruhe auspacken kannst“, sagte Oliver und war ebenso schnell verschwunden.
Nur Asta stand wedeln vor mir.
„Na, alter Junge, erkennst du mich noch?“
Mit einem Wuff, schien er meine Frage zu beantworten. Also legte ich meinen ersten Koffer aufs Bett und öffnete ihn. Als Erstes fiel mein Blick auf eine Fotografie, die oben auf lag. Diego, den Arm um mich gelegt, schaute lächelnd in die Kamera.
Das Foto stammte vom großen See, wo wir oft baden waren. Wir waren in dem Jahr sehr gute Freunde geworden, wir sprachen über alles, er half mir auch ab und zu über mein Heimweh weg.
Er war das, was ich hier am meisten vermissen würde. Ich hatte nie groß Freunde, geschweige den einen Freund. Früher dachte ich, es wäre nicht so wichtig, aber seit Diego in mein Leben getreten war, wurde mir der Ausdruck und seine Bedeutung erst richtig bewusst.
Das Bild war sein Abschiedsgeschenk, er hatte es Rahmen lassen. So stellte ich es auf den Schreibtisch, der am Fenster stand. Es dauerte dann noch eine Weile, bis ich endlich alles ausgepackt hatte.
Die restlichen Erinnerungen an Mexiko stellte ich auf das Regal an der Wand. Als ich die Koffer auf dem Dachboden verstaut hatte. Beschloss ich erst mal unter die Dusche zu gehen. Herzhaft gähnte ich. Die Zeitumstellung – natürlich!
Müde ließ ich mich, nach dem Duschen, auf mein Bett fallen, wo ich auch gleich in meine Traumwelt eintauchte. Ich war wieder am großen See, wo ich herrliche Zeiten verbracht hatte.
***
Ein Fluchen riss mich aus dem Schlaf. Draußen dämmerte es schon, hatte ich solange geschlafen? Ich zog mir ein Shirt über und lief die Treppe hinunter. Das Fluchen kam aus der Küche.
Langsam schob ich die Tür auf und fand meine Mum dort mit Dad vor.
„Wo soll ich denn um die Uhrzeit noch einen Handwerker herbekommen?“, schimpfte Dad.
„Wieso, was ist denn?“, fragte ich.
Mein Dad zuckte zusammen und drehte sich herum
„Florian. Hallo!“
Auch er zog mich in seine Arme und drückte mich fest an sich. Das hatte er schon lange nicht mehr getan, nicht mal, als er sich damals am Flughafen von mir verabschiedete. Er erdrückte mich regelrecht.
„Mum hatte schon erzählt, dass du heute schon gekommen bist, aber als ich heimkam, hast du geschlafen, ich wollte dich auf keine Fall wecken!“, sagte er.
Was war denn hier auf einmal los, alle so freundlich und fürsorglich? Vor einem Jahr, bevor ich wegging, sah das noch ganz Anders aus. Jeden Tag hatten wir uns in der Wolle. Und jetzt dieser Friede, da war doch etwas im Busch.
„Ist nett von euch. Was ist denn nun kaputt?“, fragte ich.
„Der Abfluss ist verstopft, überall läuft das Wasser herum“, antwortete mein Dad verärgert und legte wieder einen verzweifelten Blick auf.
„Lass mich mal nachsehen!“, meinte ich und kniete mich vor den Unterschrank.
„Was hast du vor?“, fragte Mum erstaunt.
„Ich sehe nach, ob ich etwas machen kann!“, antwortete ich.
„Du willst was? Kannst du so etwas überhaupt?“
„Mum, ich habe in Mexiko geholfen, Hütten aufzubauen und dabei auch Waschbecken angeschlossen.“
Ich steckte einen Stöpsel in den Abfluss, um nicht die ganze Brühe aus dem Waschbecken abzubekommen, wenn ich das Abflussrohr ausbaute. Langsam drehte ich die Schnalle auf. Gut dass ich einen Eimer untergestellt hatte, denn schon kam mir das Restwasser entgegen, das sich noch im Rohr befunden hatte.
Ebenfalls fiel auch noch ein Büschel Haare aus dem Rohr.
„Mum, hab ich dir nicht schon immer gesagt, du sollst Astas Haarbürste nicht über dem Küchenbecken sauber machen?“, fragte ich und hob ihr den Büschel Dreck entgegen.
Etwas verstimmt schaute sie mich an, sagte aber keinen Ton. Ich setzte das Rohr wieder zusammen, drehte die Verschlüsse fest zu und zog dann den Stöpsel aus dem Becken. Ohne Schwierigkeiten floss das Wasser ab.
„Alle Achtung Herr Sohn, war dein soziales Jahr wohl doch nicht für die Katz!“, kam es von
Dad.
„Wenn du jetzt meinst, ich übernehme hier im Haus sämtliche Hausmeisterlichen Tätigkeiten, dann muss ich dich enttäuschen!“
„Schade, wir hätten ein Haufen Geld sparen können, Handwerker sind teuer!“, meinte er lächelnd.
„Investier das Geld lieber für einen Häcksler der in den Abfluss eingebaut wird, dann ist das Rohr nie wieder verstopft“, sagte ich.
„So etwas gibt es?“, meldete sich nun auch meine Mum zu Wort.
„Klar“, sagte ich und wusch meine Hände.
„Hunger?“, fragte mich mein Dad.
„Deutsches Essen? Klar, wie sehr habe ich das vermisst!“
Wenig später saßen wir am Tisch und vesperten. Oliver war auch dazu gekommen und ich erzählte von Mexiko, was ich erlebt hatte. Schweigend klebte meine Familie an meinen Lippen.
„Du könntest ein Buch schreiben, so wie du erzählst!“, meinte Oliver und schob sein letztes Stück Brot in den Mund.
Ich musste grinsen.
„Um ehrlich zu sein, dass hier habe ich schon ein wenig vermisst, meine Familie um mich herum, auch wenn ich dort unten sehr herzlich aufgenommen wurde. Aber ich will versuchen, die Kontakte, wenigstens aufrecht zu erhalten.“
„Im Zeitalter des Computer kein großes Problem“, sagte Dad.
„Diego hat keinen Pc, die können froh sein, wenn sie einmal vierundzwanzig Stunden Strom am Stück haben. Nein, ihm werde ich schreiben müssen und hoffen der Brief kommt irgendwann dort an.“
„Na ja, jetzt bist du erst mal wieder da. Und was hast du jetzt vor?“, fragte Mum.
„Bis ich mit dem Studium anfange werde ich mir einen Job suchen, irgendwie muss ich ja mein Zimmer einrichten.“, meinte ich und wartete auf Widerrede, aber nichts desgleichen kam.
„Hör mal Florian, wenn du Geld verdienen willst, für Anschaffungen für dich, finde ich gut. Wenn es aber um Einrichtung geht Möbel oder so etwas, dann bezahlen wir das und keine Widerrede.“
Also doch!
„Okay und wie viel darf ich ausgeben?“, fragte ich vorsichtig.
Damit hatte ich meine Eltern wohl überrascht, denn es kam nicht gleich eine Antwort.
„Such dir erst einmal etwas heraus, dann reden wir weiter. Ich habe morgen Zeit, wir können zusammen in den großen Möbelpark fahren“, meinte mein Dad.
War ich hier in einem falschen Film. Wieso ging meine Familie so auf mich ein, mir war das total fremd. Meine Mum schien meine Gedanken lesen zu können.
„Florian, in dem Jahr wo du weg warst und wir kaum etwas von dir zu Hören bekamen, wurde uns bewusst, wie sehr du uns fehlst. Wir sehen dass hier als neuen Start in der Familie und wollen versuchen, einiges Besser zu machen.“
Die Psychiaterin hatte gesprochen und ich musste lächeln.
***
Ich lag fast die halbe Nacht wach, die Zeitumstellung machte sich doch mehr bemerkbar, als ich dachte. Dad hatte mir noch ein paar Adressen gegeben, wo ich mir eine Arbeit suchen konnte.
Das er mit mir morgen wirklich, oder besser gesagt heute, es war schon fast drei Uhr, in den Möbelpark fahren wollte, hatte mich doch sehr verwundert. So lange ich denken kann, hatte er nie etwas mit mir unternommen.
Mit dem Gedanken schief ich dann doch ein. Als ich wieder aufwachte, fror ich. In Old Germany war es halt doch kälter, als in Mexiko. Ich hatte die Balkontür offen gelassen und nun zog ein kühles Windchen in mein Zimmer.
Da ich nackt schlief und meine Decke, den Standort Boden vorzog, weil ich ja nie ruhig im Bett lag, überzog es meinen Körper mit einer Gänsehaut. Ich stand auf und blieb vor dem Spiegel am Schrank hängen.
Deutlich zeigte sich eine Linie ab, wo ich sonst knappe Shorts getragen hatte, der Rest war braun. Auch hatte ich an Muskeln zugelegt. Wo früher, ein schlichtes Haut und Knochen meinen Körper darstellte, konnte ich jetzt mit Muskeln prahlen.
Ich musste grinsen, als ich auf meinen Schwanz schaute, der halbsteif von mir wegstand. Diego machte sich beim Nacktbaden immer über meine Weißwurst lustig. Die Unbefangenheit von Diego vermisste ich auch.
Ich lag oft in seinen Armen und hatte dort auch einige Nächte verbracht. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, zusagen, ich wäre deswegen schwul. Ich genoss einfach die Nähe von Diego und das war alles.
Aber wenn ich mir recht überlegte, während der Zeit in Mexiko, hatte ich mir deswegen auch nie Gedanken gemacht, auch nicht, welches Mädel mir gefallen könnte, es stand einfach nicht zur Debatte.
Gut, es dauerte eine Weile, bis ich voll akzeptierte, dass ich eben nur etwas für Jungs übrig hatte und nicht für Mädchen. Aber dies hatte ich in Mexiko zurückgelassen, die Unbekümmertheit, wie ich war.
Hier wollte ich doch erst mal ausloten, woran ich war, wie wer in der Familie reagieren würde. Wieder zog ein kalter Hauch über meine Haut und ich beschloss mich zu duschen. Ich ging kurz ins Bad und stellte fest, Oliver stand schon unter der Dusche.
„Morgen Oliver“, rief ich, der sichtlich zusammen zuckte.
Ich hatte ihn wohl gerade bei Etwas gestört. Unverschämt wie ich war zog ich die Tür der Duschkabine auf, wo gerade Oliver seinen steifen Schwanz in der Hand hatte.
„Lass dich nicht stören“, meinte ich knapp und musste grinsen.
„Arschloch!“, kam es von Oliver und zog die Tür wieder zu.
„He, Brüderchen, dass ist doch etwas ganz normal!“
Ich bekam keine Antwort und so ging ich, nach dem Gang zur Toilette, wieder in mein Zimmer um mich anzuziehen. Ich merkte, dass die Klamotten, die ich in Deutschland zurückließ, mir nicht mehr recht passten.
Sie lagen doch recht eng auf meiner Haut, wie gesagt ich hatte zugelegt. Ich klopfte bei Oliver an der Tür.
„Wer stört?“, kam es von drinnen
„Schon wieder ich!“, antwortete ich und öffnete die Tür.
Er schien sich noch für eben zu schämen, denn er hatte eine rote Birne, die mich wieder in ein Grinsen versetzte.
„Was will mein hoch herrschaftlicher Herr Bruder von mir?“
„Etwas zum Anziehen!“, antwortete ich, „meine Wäsche ist noch nicht trocken und was neues habe ich nicht.“
„Lass mal sehen, was ich dir abtreten könnte“, sagte Oliver.
Er zog seinen Schrank auf und ich staunte Bauklötze.
„Sag mal, hast du eine Boutique ausgeräumt?“
„Wieso? Ein Mann von Welt braucht so etwas!“
Ich konnte mich nicht mehr halten und prustete los. Oliver griff ins seinen Schrank und zog gezielt Klamotten heraus.
„Hier probier aus!“, meinte er und reichte mir die Teile.
Schnell war mein Tshirt ausgezogen und ich schlüpfte in die schwarze Jeans. Dann zog ich das weiße Hemd über und krempelte die Ärmel hoch.
„Dir steht das besser als mir, muss ich feststellen!“, kam es von Oliver und ich spürte seine bewunderten Blicke.
„Danke!“
„Florian, bist du fertig?“, hörte ich es im Flur rufen.
„Der Hausherr ruft und ich folge!“, meinte ich und ließ Oliver in seinem Zimmer zurück.
„Bin gleich fertig Dad, muss nur noch die Schuhe anziehen“, rief ich die Treppe hinunter.
„Okay, ich warte dann im Wagen!“, bekam ich zur Antwort.
Oh Socken brauchte ich auch noch, nach einem Jahr barfuss laufen, musste ich mich erst wieder daran gewöhnen, Strümpfe oder Socken anzuziehen. Schnell noch einen Knoten in jeden der Schuhe und meine Jacke schnappend, rannte ich nach unten.
„Morgen Florian. Und gut geschlafen?“
„Geht so, die Zeitverschiebung macht mir noch zu schaffen“, was ich mit einem Gähnen unterstrich.
„Dann mal auf zum Möbelpark!“
Ich sah meine Dad beim Hinausgehen etwas näher an. Er war älter geworden. Seine Haare an den Seiten zeigten ein deutliches Grau und auch sein Gesicht, sah müde und abgespannt aus. Seine Augen waren matt und traurig..
Ich wusste nicht, was in diesem Jahr, alles hier passiert war Gut ich bekam mit, das meine Oma gestorben war, aber ich konnte halt nicht zur Beerdigung kommen. Ich hatte mir fest vorgenommen, an ihrem Grab vorbei zu schauen.
Dad war sehr an seiner Mutter gehangen, vielleicht war seine Verfassung deswegen so. Ich wusste nicht, ob ich einfach mal fragen sollte. Mittlerweile stiegen wir in seinen Mercedes, auch ein neues Model wie ich feststellte.
„Was ist? Warum starrst du mich so an?“, fragte mich mein Dad.
„Ich starre nicht, sondern ich schaue mir meinen Dad an!“
„Und was siehst du?“
„Einen Mann, der Einiges durchgemacht hat…“
War ich jetzt zu weit gegangen? Seine Augen wurden trauriger. Er startete den Wagen und zog zügig aus der Parklücke heraus. Ein Reifenquietschen sagte mir, dass mein Vater wohl nicht geschaut hatte, ob die Strasse frei war.
Aber er sagte keinen Ton, sondern fuhr einfach weiter.
„Tut mir leid, Dad!“
„Warum?“
„Ich wollte dich nicht…“
Ich brach den Satz ab, denn ich wusste nicht was ich sagen sollte ohne ihm noch weiter weh zu tun. Was war nur aus ihm geworden. Vor einem Jahr hatten wir uns heftig gestritten und jetzt, machte ihn ein Satz von mir nieder.
„Irgendwann musst du es ja sowieso erfahren…“, begann er plötzlich.
Er lenkte den Wagen in eine Parkbucht und stieg aus. Ich tat es ihm gleich. Ohne, dass ich es bemerkt hatte, standen wir vor einem Cafe. Dad schloss den Wagen ab und lief schnurr stracks in dieses Cafe hinein.
Wieder folgte ich ihm. An der Theke bestellte er zwei Kaffee und setzte sich dann an den Tisch. Wortlos setzte ich mich zu ihm. Nervös suchte er etwas in seiner Jackentasche und hatte es wohl dann auch gefunden.
Zum Vorschein kam einer Zigarettenschachtel.
„Seit wann rauchst du wieder?“, fragte ich erstaunt.
Er atmete tief durch und zündete sich eine Zigarette an. Er zog kräftig an ihr und blies den Rauch kräftig in die Luft.
„Papa, wenn ich dich irgendwie verletzt habe, so tut es mir Leid, aber bitte schweig mich nun nicht an!“
„Florian, du hast mich nicht verletzt…“, er unterbrach, da unser Kaffee gebracht wurde.
„Danke!“, meinte er zu der Bedienung, die uns gleich wieder alleine ließ.
„Bevor deine Oma starb, saß ich noch eine ganze Weile an ihrem Krankenbett…, sie erzählte mir leise Dinge von früher, die ich nicht wusste.“
Er nippte kurz am Kaffee und zog wieder nervös an der Zigarette.
„Darf ich?“, fragte ich und zeigte auf die Schachtel.
Ohne ein Wort nahm er sie und gab sie mir. Normalerweise rauchte ich ja nur noch selten, aber im Augenblick war mir einfach danach.
„Sie hat mir Sachen von deinem Großvater erzählt, die ich einfach nicht glauben konnte. Ich wäre fast im Streit gegangen und deine Oma wäre alleine gestorben…“
„Was… was war denn so furchtbar, dass sie erzählt hatte?“
„Ich habe einen Bruder!“
„Bitte?“
Jetzt war ich wirklich von den Socken. Mein Dad war als Einzelkind aufgewachsen, es wurde nie von einem Bruder gesprochen.
„Dein Großvater hatte auf einer Geschäftsreise eine kleine kurze schmutzige Affäre… er bemühte sich nicht mal es meiner Mutter zu verheimlichen.“
Ich hatte meinen Dad noch nie so erlebt. So aufgebracht, innerlich zornig, er sprach so abfällig über seinen Vater, den er doch vor uns Kinder immer so in den Himmel gehoben hat.
„Oma nahm es hin, verzieh ihm, auch… als neun Monate später sich die Affäre bei ihnen meldete. Mein Gott ich war vier, habe von dem allem nichts mitbekommen, war zu klein dafür, um zu merken, was das zu Hause ablief.“
„Dad, du bist doch an nichts schuld!“
„Weißt du, warum dein Großvater bei seiner Frau geblieben ist?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das Geld hatte Oma, dein Großvater war nichts ohne sie, er blieb nur wegen des Geldes bei ihr. Und mir hat er immer den liebenden Vater vorgegaukelt.“
„Glaubst du nicht, er hat dich geliebt?“
Mein Vater fing sarkastisch an zu lachen, dass sogar die Bedienung hinter der Theke zu uns rüber schaute.
„Alles erstunken und erlogen! Jede freie Zeit verbrachte er mit der Anderen… und deren Sohn. Und meine Mutter hat sogar Geld gegeben, damit der Junge anständig aufwächst… hat ihn sogar seinen Namen gegeben…“
„Dein Bru… Stiefbruder…?“, rutschte mir so heraus.
Er nickte nur und drückte die Zigarette aus. Jetzt verstand ich plötzlich, warum auch alle so nett und herzlich zu mir waren, besonders mein Dad.
„Bist du böse auf ihn…?“, fragte ich leise.
„Er kann doch überhaupt nichts dazu…, ich bin sauer auf meinen Vater, dass er so eine linke Ratte war.
So hatte ich meinen Dad noch nie über jemanden Anderen reden hören. Verblüfft nippte ich nun ebenfalls an meinem Kaffee, bei dem ich völlig vergessen hatte, Milch und Zucker hinein zu tun.
Widerwillig schluckte ich die Brühe hinunter.
„Schlecht?“, fragte mein Dad.
„Nein, ich habe nur etwas vergessen.“
Schnell holte ich nach, was ich vergessen hatte, um diesen Kaffee für mich genießbar zu machen. Nach dem ich eine Weile in meinem Kaffee gerührt hatte, entschloss ich mich doch weiter zu bohren.
„Und was geschieht jetzt?“, fragte ich vorsichtig.
„Ich weiß es selber nicht.“
„Weißt du wo er ist?“
„Ja…!“
„Und?“
„Was und? Er lebt in der Nachbarstadt, hat dort ein kleines Häuschen, dass er sich selbst verdient hat, mit seiner Arbeit… ist verheiratet und hat zwei adoptierte Kinder.“
„Hast du ihn schon getroffen?“
„Nein.“
„Willst du?“
Mein Vater fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und atmete tief durch.
„Florian, wie du weißt, war deine Oma sehr vermögend und sie hat uns einen großen Patzen Geld hinterlassen, aber… aber auch meinem Bruder.“
„Ist ihm das Geld zugestellt worden?“
„Nein!“
„Wie nein?“
„Deine Großmutter hat ihm ein Konto eingerichtet und solange sie lebte jeden Monat etwas darauf eingezahlt. Dein Großvater hat davon nichts gewusst, sonst hätte er wahrscheinlich auch dieses Konto geplündert. Darauf wurde auch das Erbe eingezahlt“
„Öhm…, ich will ja nichts sagen, aber willst du ihm das Geld nicht geben?“
„Doch…, aber ich weiß nicht wie. Ich kann doch nicht einfach hingehen und zu ihm sagen, ich bin dein Bruder hier ist die Kontonummer deines Kontos, dass deine so genannte Stiefmutter einmal für dich angelegt hatte.“
Stimmt, dass hörte sich sau blöd an. Und schon war ich am Überlegen, was man tun könnte.
„Was ist?“, fragte mein Dad.
„Ich überlege, was man tun könnte, was sonst.“
„Mein Sohn und sein großes Herz.“
Ein kleines Grinsen war auf seinen Lippen zu sehen.
„Florian, ich habe bevor du nach Mexiko gingst, nie verstanden, wo du deine soziale Ader her hattest, auch nicht warum du so… warum du Sachen gemacht hast, die mich immer wieder auf die Palme gebracht haben.“
„Das wollte ich nie, Dad. Aber ich habe in Mexiko einiges über mich gelernt, warum ich so bin, wie ich bin, sozusagen das schwarze Schaf der Familie, dass sich nie angepasst hat.“
„Du bist kein schwarzes Schaf… und wenn, steht dieser Part jemandem Anderen zu.“
Ich wusste, dass er Opa damit meinte.
„Aber ich habe auch in diesem einem Jahr viel gelernt, als du nicht da warst, verstand dich plötzlich!“
„Wie kommt’s?“, fragte ich verwundert.
„Bei meinen Nachforschungen über deinen „Onkel“, habe ich herausgefunden, dass er Sozialarbeiter in einem Kinderheim ist. Ich habe mich ausgiebig mit dem Thema befasst, und dann vieles an deinen Reaktionen mir gegenüber verstanden.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, mir gingen gerade so viele Dinge durch den Kopf, besonders, ob ich nun meinem Dad, etwas anvertrauen sollte, was ich mit mir herumtrug.
„Dich beschäftigt aber auch irgendetwas und ich denke mal, dass hat jetzt nichts mit dem zu tun, was ich dir eben erzählt habe.“
Mir kam die Frage auf, wer der Psychologe in unserer Familie war, er hatte mich eiskalt erwischt.
„Ich weiß nicht, ob dass jetzt hier her passt…“, meinte ich leise.
„Wenn wir doch gerade schon bei den Wahrheiten sind?“
Dad hatte seine Stirn in Falten gelegt und schaute mich durchdringend an.
„Es ist nicht so leicht für mich … Dad, weiß nicht wie ich es sagen soll…“
„Könnte es etwas mit Diego zu tun haben?“
Was wusste dieser Mann und warum grinste er so wissend? Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss, schaute kurz auf und nickte.
„Flo…, ich habe soviel gelesen in der letzten Zeit und bei manchen Dinge musste ich oft an dich denken. Es passte alles so zu dir, erklärte mir dein Verhalten mir gegenüber.“
„Weil ich schwul bin?“, fragte ich kleinlaut.
„Ja!“
„Du wusstest das?“
„Nicht direkt, aber ich vermutete es!“
„Und Mum? Und Oliver?“
„Mit denen habe ich nicht darüber geredet. Aber Florian, danke, dass du mir es sagst!“
Huch, das ging ja jetzt leichter als ich dachte. Etwas beschämt, traute ich mir wieder in die Augen meines Vaters zu schauen, die mich, jedenfalls nicht böse anschauten.
„Du bist mir nicht böse?“
„Warum sollte ich?“
„Ach ich weiß auch nicht…, ich habe soviel Gedanken im Kopf und nun deine Geschichte noch von deinem Bruder… ich hab Chaos im Hirn.“
„Das wollte ich nicht, Junge!“
„Nicht schlimm Dad, mich freut mehr, das wir mal länger als eine halbe Stunde zusammen sind und reden, anstatt uns anzugiften, wie wir es früher getan haben.“
Er nickte mit einem Lächeln und steckte sich eine weitere Kippe an. Plötzlich hatte ich einen Einfall.
„Was hältst du von einem Praktikum in einem Kinderheim?“
„Bitte?“
„Ich meine, ich könnte doch ein Praktikum machen, da wo mein Onkel arbeitet.“
Ich spürte, wie es im Kopf meines Vaters begann zu arbeiten.
„Ich weiß nicht Recht“, gab er zur Antwort.
„Du kannst dir es ja in Ruhe überlegen, aber erstmal sollten wir nach Möbel gucken, sonst wird sich Mum fragen, was wir den ganzen Morgen gemacht haben.“
„Stimmt Junge, an die Möbel habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.“
„Okay, dann zahlen wir und schreiten zur Tat!“
Nun lachte mein Dad und er gefiel mir so schon viel besser.
***
Dass wir einen unterschiedlichen Geschmack hatten, was Möbel betraf, war mir ja schon vorher klar, aber das mein Dad nun meinte, er müsste mich auf eine Trendlinie drücken und mein Zimmer so einrichten, wie es ihm gefiel, war er schief gewickelt.
Es brauchte einige Überredungskunst, ihm die Designermöbel auszureden. Und es dauerte noch eine Stunde, ihn davon zu überzeugen, welche Möbel ich gerne hätte.
Bereitwillig unterschrieb er die Bestellung, an deren Rechnungsbetrag nun doch eine vierstellige Zahl stand. Wenn er mich schon nicht überzeugen konnte, seine Vorstellungen von Möbeln mit einzubeziehen, so wollte er doch gute Qualität kaufen.
Dass er mehrere Male seine Hand auf die Schulter legte, oder durch mein Haar wuschelte, war mir nicht verborgen geblieben. Seine Nähe tat mir gut, ich war glücklich. Wieder zurück, wollte er gerade die Haustür aufschließen, doch er drehte sich kurz zu mir um.
„Dein Vorschlag ist gut, aber wie willst du das anstellen?“
Die Gedankensprünge meines Dad’s würden sich wohl auch nie ändern.
„Was meinst du bitte?“, fragte ich
„Dieses Praktikum in dem Kinderheim.“
„Hast du eine Telefonnummer?“
„Für was benötigst du die?“
„Anfragen, ob sie Praktikanten nehmen und dazu brauch ich nun mal eine Telefonnummer oder eine Adresse.
„Liegt oben im Büro!“
Ich lächelte und er schloss endlich die Tür auf.
„Da seid ihr ja endlich!“, rief uns Oliver entgegen, „Mum ist in einer Konferenz und euch konnte ich nicht erreichen. Dad’s Handy lag im Wohnzimmer.“
„Was ist denn los?“
„Wir müssen zum Tierarzt, Asta hustet schon die ganze Zeit Blut!“
„Bitte?“, fragte Dad schockiert.
Wir folgten Oliver auf die Terrasse, wo Asta auf einer Decke lag. Daneben stand ein Eimer mit blutverschmierten Papiertüchern.
„Mein Gott Asta!“, rief Dad und beugte sich zu ihm hinunter.
Asta schien uns bemerkt zu haben, aber auch zu schwach um sich zu erheben. Er hob kurz den Kopf, ließ ihn aber gleich wieder sinken.
„Oliver, hole aus der Garage die Decke von Asta und lege sie auf den Rücksitz vom Mercedes. Florian, nimm du bitte die Papierrolle mit, ich werde Asta hinaustragen!“
Er drückte mir den Schlüssel in die Hand und hob Asta hoch, der etwas jaulte und wieder anfing zu husten. Dann sah ich, dass er wirklich Blut hustete, alles auf Dad’s Pullover, dem das aber egal zu sein schien.
„Flo, bitte, gehe voraus und öffne mir die Haustür!“
Ich löste mich aus meiner Starre und rannte voraus. Oliver stand schon am Wagen und ich öffnete den Mercedes per Funk. Schnell hatte Oliver die Decke ausgebreitet und Dad konnte Asta ablegen.
Ich wiederum rannte ins Haus, schloss schnell die Terrassentür, schnappte mir Dad’s Handy und rannte wieder hinaus zum Auto. Der Motor lief schon, Oliver saß bei Asta hinten und die Tür zum Beifahrersitz stand noch offen.
Ich sprang hinein, konnte gerade noch die Tür zuziehen, schon gab Dad Gas. Mir wurde etwas schlecht, weil Dad wirklich fuhr wie ein Henker. Sogar über eine rote Ampel fuhr er und beim Tierarzt, auf dem Parkplatz, quietschten die Reifen.
Er sprang aus den Auto lief herum und holte Asta aus dem Wagen. Mit Oliver rannte er in die Tierklinik. Ich zog den Schlüssel vom Zündschloss ab, stieg ebenso aus und schloss den Wagen.
Wie oft war ich hier als Kind mit Asta, als er Spritzen bekam. Langsam trabte ich den Zweien hinterher. Ich sah auf dem Boden ein paar Blutflecken, nahm ein tempo und wischte sie weg. Dad war anscheinend mit Asta gleich dran gekommen, denn ich konnte sie nirgends sehen.
Nur eine Dame hinter der Theke lächelte mich an.
„Was kann ich für sie tun?“, fragte sie.
„Mein Vater ist eben mit einem Hund angekommen“, antwortete ich.
„Behandlungszimmer drei!“, entgegnete sie mir nur und wies in die Richtung der Zimmer.
Also folgte ich ihrem Hinweis und wurde auf fündig. Oliver stand im Flur.
„Wo ist Asta und Dad?“, fragte ich.
Da drinnen zum Röntgen.
„Röntgen?“
„Ja, Dr. Kimmerling will die Lunge röntgen.“
Ich wusste nicht was ich sagen sollte und setzte mich einfach neben Oliver. Dabei berührte ich sein Bein und spürte wie er zitterte.
„He, großer, es wird schon!“, sagte ich und nahm ihn in den Arm.
„Er hat einfach angefangen zu spucken, ich konnte überhaupt nichts machen.“
„Oliver, du hast doch keine Schuld daran.“
Ich sah Tränen in seine Augen und drückte ihn noch fester an mich. Leise begann er zu weinen, legte seine Kopf auf meine Schulter.
Wer hätte gedacht, dass mein Bruder so viele Gefühle zeigen kann. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich nicht ebenso wie er fühlte, aber Asta war immer auf Oliver fixiert gewesen, also mehr sein Hund.
Ich hatte das ihm nie zum Vorwurf gemacht, warum denn auch. So saßen wir eine ganze Weile da, bis plötzlich etwas in meiner Jacke zu fiepen begann. Ich erinnerte mich, dass ich Dad’s Handy in der Jackentasche hatte und zog es heraus.
Mum! Ich nahm das Gespräch entgegen.
„Hallo Mum, ich bin es, Florian.“
„Florian? Ist etwas mit deinem Vater passiert? Man sagte mir Oliver hat mich versucht zu erreichen, aber zu Hause meldet sich keiner.“
„Wir sind alle drei in der Tierklinik… Asta geht es nicht gut?“
„Was hat er denn?“, fragte sie besorgt.
„Er hustet Blut.“
„Okay Florian, ich bin bald bei euch!“
Antworten konnte ich nicht mehr, denn meine Mutter hatte bereits das Gespräch beendet. So steckte ich das Handy wieder zurück in die Jackentasche. Die Tür ging auf und Dad trat heraus.
„In einer Viertelstunde wissen wir mehr!“, sagte er nur und durchsuchte wieder seine Taschen. Als er die Zigaretten heraus zog schüttelte ich nur kurz den Kopf.
„Nicht hier Dad!“, meinte ich.
„Was? Ach so, ja klar!“, sagte er und steckte die Schachtel wieder ein.
Nervös lief er den Gang rauf und runter. Es war eine Weile vergangen, als die Tür zum Gang aufgestoßen wurde und Mum herbeistürmte.
„Was ist mit Asta?“, fragte sie und drückte kurz Dad.
„Wissen wir noch nicht. Er wurde gerade geröntgt. Hilbert vermutet, dass etwas mit der Lunge nicht stimmt.“
„Der arme Kleine!“
Wieder wurde die Tür aufgestoßen und da kam doch tatsächlich auch noch Christian.
„Ich habe ihn in der Bank angerufen“, erklärte Mum.
Was war das hier? Irgendwie kam ich mir fehl am Platz vor. Christian bemerkte mich nicht mal, sondern ging gleich zu unseren Eltern.
„Und?“, konnte ich ihn fragen hören.
„Wissen wir noch nicht“, kam es von Dad.
„Hallo Christian!“, sagte ich etwas lauter.
Der drehte sich um und schaute erstaunt.
„Flo, du? Wow ich wusste nicht, dass du schon da bist!“
Na toll, wenn es dem Hund dreckig geht, wird gleich ein jeder informiert. Kommt der Sohn nach einen Jahr nach Hause… nein ich blieb ruhig und ließ mir nichts anmerken. Oliver stand auf und lief zu Christian.
Er fiel ihm in die Arme und schluchzte dort weiter. Nun saß ich alleine auf den Stühlen, kam mir merkwürdig vor, irgendwie ausgeschlossen. Ich stand auf, gab Dad sein Handy und die Schlüssel für den Wagen und ging ohne ein Ton zu sagen, einfach hinaus.
Draußen angekommen, setzte ich mich auf eine großen Stein. Ich wusste jetzt nicht, was ich von all dem halten sollte. Gut ich war ein Jahr weg, habe ein Jahr nicht an dieser Familie teilgenommen, aber jetzt, hallo ich war wieder da.
Plötzlich dachte ich an Diego, der mir bei der Abreise zärtlich einen Kuss auf die Wange drückte und „See you – miss you!“ ins Ohr hauchte. Auch wenn durch Armut und Notstände, die Leute in Mexiko da unten nicht viel hatten, Diego verstand es immer, eine kleine, heile Welt zu schaffen, in der ich mich wohl und geborgen fühlte.
„Na du… alles okay?“
Ich schreckte aus meinem Tagtraum und drehte mich um. Christian stand vor mir. Er wuschelte mir übers Haar und lächelte mich an.
„Ja, alles klar!“, antwortete ich.
„Du siehst gut aus!“
„Danke“, erwiderte ich knapp.
„Heute gekommen?“
„Nein, ich bin schon gestern angekommen.“
„Und schon eingelebt?“
Was sollte das jetzt… Frage – Antwortspiel, oder wie hält man mühsam eine Unterhaltung aufrecht?
„Geht so, richtig da bin ich noch nicht.“
„Wird schon“, meinte er und hob mir Zigaretten entgegen.
Schon die zweite heute, dachte ich und nahm mir eine.
Nun kamen auch Mum mit Oliver im Arm, der immer noch weinte aus der Klinik gelaufen. Sie schaute uns an und schüttelte den Kopf.
„Was ist den?“, fragte Christian.
Astas Lungen sind voll mit Metastasen, Hilbert meint, es wäre besser für ihn, in einzuschläfern.
„Das bekommt man doch nicht von jetzt auf nachher, dass hätte man doch merken müssen!“, sagte Christian vorwurfsvoll.
„Ich habe nichts gemerkt!“, kam es weinerlich von Oliver.
Ich stand auf und schnippte die Kippe weg, sagte aber keinen Ton. Ich blieb einfach abseits stehen. Der Hund war jetzt im Augenblick wichtiger und ich steckte einfach zurück. Es tat weh, nicht mit einbezogen zu werden.
Oder reagierte ich zu empfindlich, mutierte zur Zicke? Dad kam heraus mit glasigen Augen.
„Hilpert kümmert sich um alles!“, sagte er zu Mum und streichelte Oliver über den Kopf.
„Tut mir leid, Oliver“, meinte er noch, bevor er an den Wagen lief.
***
Ich saß in meinem Zimmer und schaute auf das Bild von Diego. Etwas traurig ließ ich mich auf mein Bett fallen starrte auf die Decke. Es klopfte leise an meiner Tür, aber ich hatte keine Lust Antwort zu geben.
Langsam öffnete sich die Tür und Dad schaute herein.
„Stör ich?“, fragte er.
„Nein.“
Er schloss die Tür und setzte sich zu mir aufs Bett.
„Wird wirklich Zeit, dass du Möbel bekommst, hier sieht es so leer aus.“
„Leer? Bisher hat mir das immer gereicht…“
Er schaute mir in die Augen.
„Das heut Mittag hat dir nicht gefallen, stimmt’s?“
Ich wollte nichts dazu sagen, starrte einfach weiter zur Decke.
„Flo sieh mal, du warst ein Jahr weg, meinst du, das Leben ist hier stehen geblieben?“
„Das habe ich nicht gesagt“, sagte ich trotzig.
„Du weißt der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ich denke, es wird auch jetzt wieder alles normal, wenn du eine Weile wieder da bist.“
„Wenn ihr euch wieder an mich gewöhnt habt?“
„Florian, du weißt ganz genau wie ich das meine! Weißt du wie oft ich in deinem Zimmer gestanden habe? Wie oft ich dich einfach gern bei mir gehabt hätte?“
Er legte seine Hand auf meinen Arm.
„Sei bitte nicht böse Flo, das wird sich alles einrenken!“
„Ich bin nicht böse, es tat nur so weh, ich kam mir so ausgeschlossen vor, als gehöre ich nicht mehr zur Familie!“
„Flo, du bist mein Sohn, du wirst immer zur Familie gehören.“
„So wie dein Bruder?“
Okay, das war jetzt gemein. Ich war zu weit gegangen, Dad’s Gesicht verfinsterte sich. Ich beugte mich nach vorne und umklammerte ihn
„Tut mir leid Dad, das hab ich nicht so gemeint!“
Er strich mir durchs Haar sagte aber kein Ton. So saßen wir eine ganze Weile da. Keiner von uns Beiden sagte ein Wort.
„Ich habe dir die Adresse mit Telefonnummer heraus gesucht.“
„Ich löste mich aus der Umarmung und sah ihn an.“
„Glaubst du es gelingt?“
„Wie ich dich kenne, mache ich mir keine Gedanken, bisher hast du alles geschafft, was du dir vorgenommen hast!“
Ich lächelte. Er drückte mich noch mal kurz an sich, bevor er mein Zimmer verließ. Ich stand auf legte den Zettel auf meinen Tisch und verließ ebenso mein Zimmer. Ich lief über den Flur bis zu Olivers Tür und klopfte sanft.
Als kein Laut aus dem Zimmer kam, betrat ich es einfach. Oliver lag in seinem Bett und weinte leise vor sich hin. Ich schloss die Tür wieder und setzte mich zu ihm aufs Bett. Anscheinend hatte er mich überhaupt nicht war genommen.
„He, großer es tut mir leid…“, begann ich.
Er reagierte nicht und wimmerte nur leise weiter. Also beschloss ich wieder zu gehen. Unten angekommen, ging ich in das Büro meines Vaters. Ich klopfte, aber von drinnen war nichts zu hören.
Ich drückte die Klinke hinunter und schaute ins Zimmer. Es war leer. So ging ich hinein und umrundete den alten großen Schreibtisch. Ich zog den großen Lederstuhl nach hinten und setzte mich darauf.
Ich griff in die Brusttasche meines Hemdes und zog den Zettel hervor, den mir Paps vorhin gegeben hatte. Ich studierte noch einmal kurz die Nummer, bevor ich den Hörer nahm und die Nummer eingab.
Es tutete eine Weile und ich wollte schon auflegen, als dann doch eine Verbindung zu Stande kam.
„Martens!“
Jetzt stand ich auf dem Schlauch, der Mann auf der anderen Seite hatte den selben Nachnamen wie ich.
„Hallo, ist da jemand?“, hörte ich ihn sagen.
„Ja, Entschuldigung, ich war kurz etwas verwirrt“, antwortete ich.
„Und wie kann ich ihnen helfen?“, hörte ich die Stimme sagen.
„Also ich… Florian ist mein Name… wollte sie fragen, ob man bei ihnen im Heim ein Praktikum machen kann?“
„Klar geht das, wäre es aber nicht besser, sie würden vorbei kommen und sich persönlich vorstellen und erst einmal umschauen, ob dies hier das Richtige für sie ist?“
„Also ich habe erst gerade ein soziales Jahr in Mexiko abgeschlossen und viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun gehabt, aber ich würde gerne vorher bei ihnen vorbei schauen.“
„Und wann hätten sie Zeit… Chris hör auf Kevin zu ärgern, du weißt, er kann sich nicht wehren… entschuldigen sie bitte, aber hier ist gerade wieder ein kleiner Tumult im Haus.“
„Kein Problem. Wie wäre es denn Morgen?“, fragte ich.
„Moment, ich muss nachschauen, wann wir hier etwas Luft haben.“
Ich hörte Blättergeraschel.
„Würde es gegen zehn Uhr gehen? Da sind alle aus dem Haus, auch die Kleinen im Kindergarten.“
Da ich im Augenblick ja nichts weiter vorhatte, keine Planung bestand sagte ich natürlich zu. Ich verabschiedete mich höfflich und beendete das Gespräch. Kaum hatte ich aufgelegt, öffnete sich die Zimmertür und Paps kam herein.
„Nanu, du hier?“
„Ja, ich habe mich gerade beim Kinderheim beworben.“
„Und?“
„Ich soll mich morgen um zehn Uhr vorstellen kommen.“
„Das ging aber flott.“
Er schaute mich kurz etwas durchdringend an.
„Hast du noch was auf dem Herzen?“, fragte er.
„Weißt du, wie dein Bruder mit Nachnamen heißt?“
Als würde bei meinem Vater ein Licht aufgehen, veränderte sich seine Gesichtmimik.
„Oh, entschuldige, dass hätte ich dir vorher sagen sollen. Er trägt unseren Familiennamen, meine Vater hatte ihn kurz vor seinem Ableben adoptiert.“
Still saß ich da und schaute ihn an. Er sagte aber nun ebenso nichts, so entstand eine längere Pause.
„Flo, ich weiß, dass ist jetzt alles so komisch… neu… unfassbar.“
Ja, mit unfassbar traf er das ganz genau.
„Soll ich für dich anrufen und das Ganze wieder abblasen?“
Ich schüttelte den Kopf. Irgendwo tief in mir drin, sagte mir etwas, dass ich dies machen sollte, dass es das Richtige war.
„Fährst du mich morgen dahin?“
Ohne in seinen Terminkalender zu schauen nickte er, was mich wiederum verwunderte.
„Danke Flo!“
„Nichts zu danken!“, antwortete ich und ließ meinen Vater alleine in seinem Arbeitszimmer.
Sollte ich noch einmal nach Oliver schauen, oder mich einfach in mein Zimmer zurück zuziehen? Ich beschloss in den Garten zu gehen. So genau war noch keine Zeit, diesen chinesischen Garten meiner Mutter zu betrachten.
Also öffnete ich die Terrassentür und lief hinaus. Verschiedene Wege bahnten sich durch Sträucher und Bambusstöcken. Ich schlug einfach einen Weg ein und folgte ihm. Erst jetzt fielen mir die Blumen auf, die dort neben den gepflasterten Wegen wuchsen.
Es war einfach herrlichen Farben und auch der Duft der Blüten stieg mir in die Nase. Nach einer Wegbiegung fand ich ein kleines Häuschen, gebaut wie ein Minitempel, wie man ihn zu dutzenden in China wohl fand.
Ich steckte meinen Kopf durch den Eingang und hatte eigentlich so einen dicken Buddha erwartet, aber hier stand außer einer Bank und ein paar Kerzenhalter nichts im Raum. Also ließ ich mich auf die Bank nieder und ließ meinen Blick durch diesen kleinen aber sehr sauberen Raum wandern.
Die Wandmalereien waren interessant. Fasziniert schaute ich mir die aufgemalten Landschaften an. Mein Blick blieb an einem See haften. Augenblicklich hatte ich wieder Diego vor Augen.
Eng umschlungen am Ufer liegend… ich hörte sogar, das Wasser plätschern und Stimmen. Stimmen? Ich zuckte zusammen und merkte, dass ich mit offenen Augen geträumt hatte. Das Plätschern und das Wasser waren aber geblieben.
Ich stand auf und verließ diesen Minitempel und folgte den Geräuschen. Hinter einem Art Riesenbonsai konnte ich in den Nachbargarten blicken. Wie gestern war da Simon, aber diesmal nicht mit Pia, seiner Schwester, sondern einem anderen Jungen.
Ich erwischte mich dabei, wie ich deren Körper fixierte. Oh Mann, hatte ich es so nötig? Klar mir fehlte Diego wahnsinnig, aber hier jetzt wie ein Spanner hinterm Busch zu stehen und zwei Jungs zu beobachten, die im Wasser herumtollten und sich küssten… bitte die küssten sich!
Mir blieb die Luft weg. Simon küsste einen Jungen…, ich rieb meine Augen. Hatte ich jetzt Wahnvorstellungen? Nein, es war eindeutig ein Kuss und das Wesen in Simons Arm, war ein… göttliches Wesen. Ich wischte mir über den Mund, begann ich jetzt schon an zu sabbern.
Ich drehte mich um und rannte den Weg zurück, den ich gekommen war. Kurz vor dem letzten Busch knallte ich mich Oliver zusammen.
„Hast du sie nicht mehr alle, was ist denn in dich gefahren“, schrie mir Oli entgegen.
Das Plätschern verstummte augenblicklich.
„Entschuldigung, ich habe dich nicht gesehen“, antwortete ich.
„Aber warum rennst du wie ein Irrer durch Mum’s Garten? Ist dir ein Geist begegnet?“
Ein Geist? Nein zwei küssende Jungs.
„Könntest du mal etwas leiser reden, dich hört man ja in der ganzen Nachbarschaft“, versuchte ich ihn zu besänftigen.
„Wer denn?“
„Simon, zum Beispiel!“, flüsterte ich nun fast.
„Na und? Der ist jeden Mittag im Pool.“
Seine Stimme hatte endlich wieder Normalton angenommen.
„Aber küssend mit einem Junge?“, rutschte mir heraus.
Oh Mann, warum hatte ich die Begabung immer alles zu sagen, was ich dachte.
„Ja, dass ist sein Freund Lars, die sind schon seit drei Monaten zusammen, haben sich im Internat kennen gelernt.“
„Du hast nichts gegen Schwulsein?“, fragte ich jetzt doch etwas verwirrt.
„Nein, warum sollte ich?“
Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf stieg. Ich stand wieder auf und streifte den Dreck von meinen Klamotten.
„Warum fragst du?“, fragte Oli, der nun auch wieder aufstand.
„Ich… ich…“
„Oliver, bist du das?“, rief es aus dem Nachbar Garten.
„Ja und Florian ist auch bei mir“, tönte mein Bruder.
„Florian ist wieder da?“, hörte ich Simons Stimme.
„Ja, seit gestern.“
„Nun kommt doch mal an den Zaun, ich möchte hier nicht die ganze Nachbarschaft unterhalten.“
Mein Bruder schob mich vor sich her, wieder denselben Weg, den ich eben zurück gerannt war, bis wir endlich am Zaun waren. Vor mir tauschte Simon und dieser Lars auf, mir blieb fast die Luft weg.
Vom meinem Balkon aus, sah Simon ja schon gut aus, aber dass, was sich nun vor mir präsentierte, hatte rein gar nichts mehr von dem Simon, den ich mal kannte.
„He Florian, schön dich wieder zu sehen!“, kam es von dem Selbigen.
„Hallo Simon!“
„Darf ich dir meinen Freund Lars vorstellen?“
„Hallo Lars!“
„Hallo Florian, habe schon viel von dir gehört.“
„Von mir?“, fragte ich jetzt noch mehr verwirrt.
„Ja klar! Simon hat mir laufend von dir vorgeschwärmt, als ich ihn kennen gelernt hatte.“
„Lars, jetzt übertreib nicht“, meinte Simon und knuffte ihn in die Seite.
Da ich davon ausging, dass beide meine Und Olivers Unterhaltung mitbekommen hatten, wunderte mich es nicht, dass sie jetzt so unbefangen vor mir sprachen.
„Ich übertreibe nie, da kam Flo da, Flo hier!“, widersprach Lars.
Simon wurde rot, aber ich auch.
„Recht hattest du ja, Florian ist wirklich ein süßer Schnuckel, aber ich denke mal, ich brauch mir keine Gedanken machen, er ist zwei Jahre älter als du und zu dem ja nicht schwul!“
Was soll ich jetzt machen, hysterisch loslachen? Weglaufen? Gegenangriff… Lars schien sich seiner Sache so ziemlich sicher zu sein.
„Lars… ich bin zwar älter als Simon, aber das mit dem schwul stimmt nicht!“
Nun kullerten drei Kinnladen vor mir auf den Boden.
„Was?“, rief Oliver plötzlich.
„Sorry Bruderherz, ich wollte dir das eigentlich auf einem anderen Weg sagen.“
Oliver drehte sich um und ging.
Simon und Lars schauten mich immer noch an, als wäre ich aus Gold.
„Jungs, tut mir Leid, aber ich denke, ich muss mich erst mal um meinen Bruder kümmern. Man sieht sich!“
Und so ließ ich die beiden stehen und folgte meinem Bruder. Er stand auf der Terrasse, mir den Rücken zugedreht.
„Oliver… was ist?“, fragte ich leise.
„Vertraust du mir so wenig?“, kam die Gegenfrage.
„Was hat das mit Vertrauen zu tun?“
„Bitte? Ich bin dein Bruder, wir haben uns früher immer alles erzählt!“
„Ja früher, aber ich war ein Jahr nicht da und da hat sich einiges geändert!“
„Was soll sich denn geändert haben? Ich bin noch so, wie ich war.“
Er hatte sich mittlerweile herum gedreht und schaute mich an.
„Ich aber nicht, dies eine Jahr hat soviel in mir verändert soviel in mir bewegt und dann komm ich heim und fühl mich irgendwie ausgeschlossen, weil es eben nicht mehr das zu Hause ist, dass ich verlassen habe.“
Oli schaute mich schockiert an.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht verletzten, aber ich kann doch nicht einfach zu dir kommen und sagen hallo Oli dein Bruder ist schwul! Wie stellst du dir das vor?“
Ich spürte selber, dass ich mich im Ton vergriff, aber mir platze langsam der Kragen.
„Klar tut mir das auch weh, das Asta eingeschläfert werden musste, aber das sogar Christian mich so begrüßte, als würde er mich jeden Tag sehen, tat schon unheimlich weh… vielleicht hätte ich doch in Mexiko bleiben sollen!“
Jetzt war ich derjenige, der weg lief, doch Oliver hinderte mich daran, indem er mich an der Hand festhielt. Er fiel mir um den Hals und fing an zu weinen.
„Ich muss doch erst einmal mit mir selber ins Reine kommen“, sagte ich nun fast heißer und begann ebenso zu weinen an.
„Tut mir leid Flo, ich habe da nicht drüber nachgedacht“, sagte Oliver und hob seinen Kopf um mich anzuschauen.
„Wer hätte das gedacht, mein kleiner Bruder ist schwul…!“
Jetzt lächelte Oliver etwas und ein Geräusch ließ uns zum Balkon blicken. Da standen Dad und Mum. Sie hatte ebenso Tränen in den Augen und mein Dad zwinkerte mir lächelnd zu. Sie hatten anscheinend alles mitbekommen und ich befürchte die ganze Nachbarschaft ebenso, was mir aber egal war.
Meine Eltern kamen zu uns und nahmen uns auch in den Arm.
*-*-*
Ich überprüfte meine Klamotten im Spiegel. Meine… ich musste grinsen. Natürlich hatte ich mir wieder etwas von Oliver geliehen um doch etwas Eindruck zu schinden, wenn ich mich nachher im Kinderheim vorstellen wollte.
Es klopfte an meiner Tür und mein Dad schreckte den Kopf herein.
„Bist du fertig, können wir?“, fragte er.
„Wenn du mich so mitnimmst?“
„Klar, aber bist du sicher, ob du dich so vorstellen willst?“
„Wieso?“, fragte ich und schaute an mir herunter und mir fiel gleich auf, was er meinte.
Ich hatte noch keine Socken und Schuhe an. Das war wirklich etwas, woran ich mich gewöhnen musste. Ich ließ mich aufs bett fallen schnappte mir Socken und zog sie an, das Gleiche folgte mit den Schuhen.
„So und los kann es gehen.“
Ich schnappte mir meinen Rucksack und folgte meinem Vater nach unten. Kurz verabschiedeten wir uns noch von Mum, die sonderbarerweise noch zu hause war und schon ging es ab mit dem Auto.
Mein Vater saß ruhig neben mir, aber ich spürte die Nervosität in ihm.
„Kommst du dann noch mit hinein?“, fragte ich.
„Wie? Was hast du gesagt?“, kam die Gegenfrage.
„Ich habe gefragt, ob du noch mit reinkommen willst?“
„Nein… noch nicht.“
Die weitere Fahrt verlief sehr ruhig, beide starrten wir auf den Verkehr und doch denke ich hatten wir beide dieselben Gedanken. Nach circa einer halben Stunde hatten wir das Kinderheim in der Nachbarstadt erreicht.
Mein Vater verabschiedete sich kurz von mir und fuhr, wie soll man sagen, eben wie eine gesengte Sau davon, seine Reifen quietschen sogar. Ich schaute ihm noch nach und schüttelte ungläubig den Kopf.
Dann drehte ich mich um und schaute mir das Haus näher an. Ein grauer Kasten, der mich stark an meine alte Schule erinnerte. Ich atmete noch einmal tief durch und betrat das Haus. Mir fielen gleich die bunt bemalten Wände in Eingangsbereich auf, was mir aber auch sehr gefiel, ebenso die vielen Grünpflanzen.
Was mich aber auch wieder wunderte, dass die bei einer Horde Kinder, die hier bestimmt wohnten noch so unbeschadet aussahen.
„Kann ich ihnen helfen?“
Ich fuhr zusammen, denn ich hatte nicht gemerkt, dass sich jemand mir genähert hatte. Eine kleine Drehung nach rechts und mir stockte der Atem. Da stand… nein das konnte nicht sein…
„Ist ihnen nicht gut?“, fragte mein Gegenüber.
Ich schüttelte kurz den Kopf.
„Doch… ach so. ich bin Florian… ich habe gestern wegen eines Praktikums hier angerufen und sollte mich heute vorstellen.“
„Florian… und weiter?“
„:..Marten…“
Mein Gegenüber sah mich verwundert an.
„Ja, so heiße ich!“, sagte er.
„Ähm… ich meine, ich auch, Florian Marten.“
Vor mir stand mein Dad, nein nicht mein Dad, sondern sein Bruder. Konnte es sein, dass man sich so ähnlich sah? Etwas jünger eben, aber das Gesicht glich sich… einfach Wahnsinn. Wir standen da und starrten uns an. Er fand anscheinend als erstes seine Worte wieder.
„Dann gehen wir mal erst in mein Büro!“, sagte er und ich folgte ihm.
„Sie waren in Mexiko?“, versuchte er das Gespräch weiter zu führen.
„Ja, ich habe an einem Aufbauprogramm als Soziales Jahr teilgenommen.“
„Und gefallen?“
„Ja, klar. Auch wenn in Mexiko viel Armut herrscht, es ist für sich auch ein wunderschönes Land.“
„Und jetzt ein Praktikum in einem Kinderheim?“
„Ich möchte mich einfach orientieren, was ich machen will.“
„Gute Einstellung. Dann werde ich mal etwas über dieses Haus erzählen. Wir haben hier, bis auf wenige Kinder, zur Adoption frei gegeben Kids, der Rest sind Waisen. Einige darunter zeigen sich als schwierig, gerade die, die schon etwas älter waren, als sie hier abgeliefert wurden.“
Im ersten Moment hatte ich das Gefühl, er würde diesen Text nur herunter leiern, wie ein Nachrichtensprecher im Fernsehen. Aber je mehr er erzählte, umso stärker spürte ich, wie sehr er sich hier in die Sache hineinkniete, in ihr aufging.
Vielleicht ein Grund, weil er nie eine richtige Familie hatte, jedenfalls von der väterlichen Seite her. Meine soziale Ader wurde immer mehr geweckt, je mehr er aus seinem beruf hier erzählte.
„Möchten sie sich gerne ein wenig hier um sehn?“
„Ja klar und Herr Marten, ich bin zwar schon achtzehn, aber könnten sie mich bitte mit DU und Florian anreden, ich komm mir bei dem SIE etwas komisch vor.“
„Klar, wir sind hier alle per du, ich bin Jost!“, antwortete er und streckte mir lächelnd seine Hand entgegen die ich nun zum zweiten Male schüttelte.
„Danke, Jost!“
Also folgte ich Jost in das Innere des Hauses. Er zeigte mir ein paar Zimmer und ich musste Grinsen, weil hier das Chaos herrschte, eben normale Zimmer von Jugendlichen. Bei einem Zimmer ging er sogar hinein öffnete das Fenster.
„Dass der Junge auch immer alles so dicht zu haben muss und nicht lüftet“, meinte Jost.
Hier schien jemand alleine zu schlafen, jedenfalls stand hier nur ein Bett drin.
„Einzelzimmer?“, fragte ich.
„Ja, Leon hat hier einen gewissen Sonderstatus, was nicht heißt er kann sich alles erlauben“, antwortete Jost.
„Schwieriger Jugendlicher?“, fragte ich weiter.
„Na ja, wie man es nimmt. Leon wird bald achtzehn und müsste uns dann eh verlassen, aber ich suche immer noch nach einer Lösung, ihn ordentlich unterzubringen!“
„Wieso, was ist mit ihm?“
„Das möchte ich dir jetzt nicht sagen, falls du dich mit ihm anfreunden solltest, dann soll er dir das selber sagen, ich möchte da nicht vorgreifen. Leon ist ein ganz lieber Junge, sehr ruhig und anpassungsfähig, aber er kann auch jähzornig werden. Dann ist er ungenießbar.“
Jost ließ das so im Zimmer stehen und verließ mit mir das Zimmer auch wieder.
„Wann willst du anfangen?“, fragte Jost.
„Am Liebsten gleich!“, sagte ich strahlend.
Jost grübelte kurz.
„Wäre eigentlich kein Problem, ich könnte auch die Papiere fertig machen, dass geht schneller, wenn du dabei bis. Willst du jemanden anrufen, dass du heute hier bleibst?“
„Eine gute Idee!“, meinte ich und zog mein Handy aus der Tasche.
„Lass stecken, du kannst von meinem Büro aus telefonieren.“
„Danke!“
Also folgte ich ihm durch den Wirrwarr von Gängen, wo ich mich mit Garantie verlaufen würde, in sein Büro.
„Wo sind eigentlich die anderen Mitarbeiter?“, fragte ich, als mir endlich auffiel, dass uns noch niemand begegnet war.
„Die haben jetzt eine Freistunde, weil ja alle ausgeflogen sind. Die meisten nutzen dass für Besorgungen oder Gänge auf die Ämter, was bei uns öfter anfällt.“
Etwas später wählte ich Dad’s Nummer. Jost saß an seinem Schreibtisch und schrieb irgendetwas am Computer.
„Hallo Paps, ich bin es Flo!“
„Bist du schon zu Hause?“, hörte ich meinen Dad fragen.
„Nein, ich bin noch im Kinderheim und werde auch gleich da bleiben.“
„Oh, gefällt dir die Stelle so gut?“
„Ja, sehr gut sogar.“
„Kannst du frei reden?“
„Nein.“
„Ist mein Bruder da?“
„Ja ist er!“
„Und wie findest du ihn?“
Die Stimme meines Vaters wurde immer leiser und brüchiger, als würde er weinen.
„In Ordnung, sehr nett!“
„Okay, dann will ich dich nicht weiter aufhalten!“
„Moment!“
Ich wandte mich an Jost.
„Jost, wie lange geht eigentlich mein Arbeitstag, wegen abholen oder öffentlichen Verkehrsmittel?“, fragte ich ihn.
„Wenn du willst bis nach dem Abendessen, also so gegen acht“, antwortete Jost.
Ich widmete mich wieder meinem Vater.
„Paps, wann bist du heute in der Kanzlei fertig?“
„Könnt passen, wenn du willst könnt ich um acht bei dir sein… war er das gerade… Jost?“
„Ja, war er.“
„Okay Flo, ich hole dich dann heut Abend ab, wir sehn uns Tschüss!“
„Tschüss Paps!“
Etwas nachdenklich, legte ich den Hörer wieder auf. Meinem Vater schien dass sehr nach zu gehen. Aber ich war bereit, alles zu tun, um dies aus der Welt zu räumen.
„Kanzlei Marten?“, fragte mich Jost plötzlich.
„Ja, dass ist mein Vater“, antwortete ich aus den Gedanken gerissen.
„Mit der hatten wir mal zu tun, vertrat einen Jungen, dessen Eltern ihn plötzlich zurückhaben wollten, weil da es eine Klausel im Testament des Großvaters gab und sie dann nichts erbten.“
„Und hat mein Vater gewonnen?“
„Ja, zum Glück des Jungen.“
„Was sind dass für Eltern, geben deine eigenen Sohn zu Adoption frei, und würden ihn für Geld wieder haben wollen?“
„Tja Florian, bei Geld hört vieles auf, da verkauft man notfalls sogar Kinder!“
Ich wollte gar nicht weiter denken, dass war ein Fass ohne Boden.
„Und du hast meinen Vater da nicht persönlich kennen gelernt?“
„Nein, ich war zu der zeit mit einer starken Grippe ans Bett gefesselt.“
Ich wollte einfach das Thema nicht weiter vertiefen.
„Und was soll ich eigentlich hier ganz genau machen?“, fragte ich.
„Ich würde sagen, du bleibst bei mir und schaust dir meinen Tagesablauf an. Jeder von uns ist praktisch als Hausmutter oder Vater, in meinem Fall, für einige Kinder zuständig. So die Art wie in einer Familie, die wohnen in den Zimmer Stockweise auch nebeneinander.“
„Und wer ist in deiner kleine Familie?“, fragte ich neugierig.
„Also erst einmal Leon, dessen Zimmer du vorhin gesehen hast. Dann gibt es Felix, er ist sieben, der jüngste bei mir, er bewohnt sein Zimmer mit seiner Schwester Lea, die neun Jahre alt ist. Dann gibt es Susanne zwölf Jahre alt, wohnt mit Corina dreizehn Jahre alt zusammen.“
Einen bunt gemischten Haufen, dachte ich mir.
„Und dann noch meine zwei Chaoten, Tobias und Martin, bei elf Jahre alt und die Wirbelwinde schlecht hin, aber dass wirst du noch selber merken.“
„Und hast du auch eine eigene Familie?“
„Ja, klar, ich habe sogar zwei Kinder hier vom Heim adoptiert und lebe mit ihnen und meiner Frau am Rande der Stadt.“
„Ich habe noch zwei Brüder und… und unser Hund… der ist gestern aber verstorben…“
„Das tut mir leid, was für einen hattet ihr?“
„Einen Labrador, er hatte Metastasen wurde gestern eingeschläfert…“
„Armer Hund… ich weiß, es ist vielleicht etwas zu früh dafür, aber wollt ihr wieder einen Hund?“
„Ich weiß nicht, für Oliver, wäre es ja ganz toll, er ist sehr an Asta gehangen, mit ihm groß geworden.“
„Ich frage aus dem Grund, weil meine Frau Hunde züchtet, unter anderem auch den Labrador. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit Oliver eine Freude zu machen.“
„Da muss ich erst einmal mit meinen Eltern reden!“
„Kein Problem, die Hunde rennen nicht weg.“
Das Summen des Druckers lenkte mich ab.
„So, ich mache dir jetzt ein Vorschlag. Du bleibst heute den ganzen Tag hier, schaust dir alles an und dann kannst du immer noch unterschreiben.“
Jost legte mir zwei Blätter vor, die ich erst einmal genau durchlas. Wenn ich eins von meinem Dad gelernt hatte, so war es Dokumente wo ich meine Unterschrift drunter setzte genau durch zu lesen.
„Ich habe hier sogar ein Zimmer?“, fragte ich erstaunt, als ich einen Zusatz im Vertrag lass.
„Ja, klar, es kann schon mal vorkommen, dass du über Nacht hier bleiben musst, falls es Vorkommnisse gibt, die das erfordern. Aber wie gesagt, ist dass sehr selten!“
Ich nickte ihm zu und gab die zwei Blätter zurück.
„Was mich jetzt doch wundert, warum dass jetzt so einfach war, dass ich diese Stelle bekomme, ich meine so ohne schriftliche Bewerbung vorne weg“, sagte ich.
„Sagen wir es einfach mal so, ich habe gute Menschenkenntnisse, dass bringt der Job so eben mit sich und du gefällst mir gut, deswegen.“
Mit dieser Antwort musste ich mich wohl zufrieden geben, aber wundern tat ich mich immer noch.
„Hast du eigentlich ein Fach in der Schule, wo du gut warst?“, fragte Jost.
„Na ja, ich hatte Mathe Leistungskurs, warum fragst du?“
„Wegen der Hausaufgaben, Hilfe und Kontrolle ist hier wichtig!“
„Aha!“
Jost grinste.
„Hört sich alles schlimmer an, wie es ist, du wirst merken, hier geht es ziemlich locker zu.“
„Dann bin ich mal gespannt.“
Jost schaute auf die Uhr und räumte kurz noch etwas den Schreibtisch auf.
„So, es ist gleich zwölf Uhr, dann kommen die ersten aus dem Kindergarten“, meinte Jost.
„Und wo kann ich meine Sachen deponieren?“, fragte ich.
„Lass deine Jacke und deinen Rucksack einfach hier in meinem Büro!“
Es klopfte und eine Frau kam herein.
„Hallo Jost, ich bin wieder zurück! Oh, du hast Besuch?“
„Ja, das ist Florian, der ein Praktikum hier machen möchte, besser gesagt macht, ist schon fast alles und Dach und Fach.“
„Hallo Florian, schön dich kennen zu lernen, ich bin die Gudrun, für die blaue Gruppe verantwortendlich.“
Fragend sah ich Jost an.
„Unsere Gruppen sind farblich eingeteilt“, erklärte mir Jost, „ich habe die rote Gruppe.“
Ich wandte mich wieder zu Gudrun.
„Hallo Gudrun“, meinte ich und reichte ihr die Hand.
Sie entführte mich dann und ich lernte den Rest der Truppe kennen, die mittlerweile alle wieder eingetroffen waren. Für jede Truppe gab es zwei Betreuer. So war Barbara mit Jost für die rote Gruppe verantwortlich.
Gudrun wurde von Johannes unterstützt, dann gab es noch die gelbe Gruppe, dort waren Andreas und Sieglinde tätig. Als Mädchen für alles gab es noch eine Zivi, Kevin. Aber am meisten beeindruckte mich Festus, der so genannte Heimopa.
Er war fürs Grobe zuständig, wenn mal kleinere Reparaturen anfielen, aber auch für die Kinder schien er ein Highlight zu sein, wie mir Gudrun bestätigte. Jost holte mich zum Essen ab.
Jede Gruppe hatte ihren eigenen Essraum mit Küche. Barbara stand am Herd und ein herrlicher Duft durchzog den Raum.
„Und wann gibt es Essen?“, fragte ich.
„Wenn auch die Großen von der Schule zurück sind, wenn es geht, essen wir immer gemeinsam“, antwortete Jost.
Draußen auf dem Flur hörte ich Gepolter und Geschrei.
„Aha, unsere Chaoten sind zurück“, hörte ich Barbara sagen.
Jost lief zur Tür und streckte den Kopf zum Flur hinaus. Ich hörte ihn nur kurz Martin und Tobias rufen und es war augenblicklich ruhig.
„Gut gezogen!“, sagte ich.
Barbara fing laut an zu lachen.
„Das hat nichts mit Erziehung zu tun, sie wissen nur, wenn sie über die Stränge schlagen, dass sie Dauerküchendienst haben, so vermeiden sie dass tunlichst, um nur den eingetragene Küchendienst zu absolvieren.“
„Auch eine Lösung!“
„Kannst du mal den Tisch decken?“, fragte Barbara.
„Klar, wenn du mir sagst, wo alles steht!“
So zeigte mir Barbara, die Plätze für Geschirr und Besteck.
„Für neun?“, fragte ich.
„Zehn, du willst ja mitessen oder?“
Ich lächelte und machte mich ans decken. Jost sorgte für die Getränke, als die Tür aufgerissen wurde.
„Hallo ich bin wieder da!“, schrie da ein kleiner Junge.
„Felix, dass ist nicht zu überhören“, meinte Jost, „Hände gewaschen?“
„Ja, guck!“
Er hob die Hände hoch und drehte sie vor Josts Gesicht.
„Gut, also ab auf deine Platz.“
Felix lief zu seinem Platz, hielt aber inne, als er mich bemerkte.
„Wer bist du denn?“, fragte Felix und bohrte mir seine Zeigefinger in den Bauch.
„Ich bin der Florian.“
„Wohnst du jetzt auch hier?“
„Nein Felix, Florian macht bei uns ein Praktikum!“, sagte Barbara.
„So wie Kevin?“, fragte Felix.
„Ja, so in etwa“, antwortete Jost, „aber nicht so lange.“
Felix drehte sich wieder zu mir.
„Spielst du nachher mit mir?“
„Klar!“, antwortete ich.
„Ja, aber erst sind die Hausaufgaben dran“, kam es von Barbara mahnend.
„Blöde Hausaufgaben“, meckerte Felix und ließ sich auf einem Stuhl nieder.
Erneut ging die Tür auf und eine ganze Meute kam herein gestürmt. Mit lauten Hallos wurde begrüßt und sich an den Tisch gesetzt. Meine Anwesenheit wurde gar nicht registriert.
„Könnt ihr mal kurz still sein, ich möchte euch Florian vorstellen!“, sagte Jost laut, was den Geräuschpegel sofort reduzierte.
Alle Augen waren auf mich gerichtet und ich ließ meinen Blick über die Gesichter wandern. Bei einem blieb ich haften und das schien wohl Leon zu sein, der aber sofort wegschaute, als sich unsere Blicke trafen.
„Florian wird die nächsten vier Wochen hier ein wenig helfen. Also seid nett zu ihm!“, meinte Jost.
„Sind wir das nicht immer?“, fragte eines der Mädchen und kicherte.
„Klar Susanne, du allen voran!“, meinte Barbara, während sie einen großen Topf mit Spaghetti auf den Tisch stellte.
„Super Spaghetti“, meinte einer der Jungs, der sicher entweder Tobias oder Martin war.
Er hatte sich bereits über den Topf gebeugt und wollte sich herausschöpfen, als ihn Jost mahnte sich wieder zusetzten.
„Florian, du setzt dich am Besten neben Leon, da ist noch ein freier Platz.“
Ich nickte und umrundete den Tisch. Dass die Augenpaare der Kids weiterhin auf mich gerichtet waren, störte mich nicht weiter. Bis auf Leon, der stur zum Tisch schaute. Ich setzte mich neben ihn und Barbara und Jost kamen ebenso zu Tisch, mit einem weiteren Topf und Salat.
Das Essen wurde verteilt und dann ging es los, sechs hungrige Mäuler stürzen sich aufs Essen. Leon neben mir, stocherte eher im Salat herum.
„Kannst du mir mal bitte den Salat reichen?“, fragte ich ihn.
Erschrocken schaute er kurz auf, gab mir aber schließlich den Salat, bevor er sich wieder seinem Essen widmete.
„Jost erzählte mir, du warst ein Jahr in Mexiko?“, fragte mich Barbara.
„Ja, als Aufbauhelfer. Es sind zwar schon zwei Jahre vergangen, seit dem letzten Erdbeben in Mexiko, aber bei den Armen, hat sich da nicht viel geändert, vieles liegt noch in Schutt und Asche.“
„Und, was genau habt ihr dort gemacht?“, fragte Barbara weiter.
Am Tisch wurde es langsam ruhig, jeder hörte auf das, was ich erzählte. Ich begann von der Schule zu erzählen, die wir in Leichtbauweise dort errichtet hatten und dass ähnlich wie hier, die Kinder dort ein Mittagessen bekamen.
Auch das der Strom dort rar war, oft einfach abgeschaltet wurde. Auf einem Kommentar von Tobias fingen alle an zu lachen, dass es nichts für ihn wäre, wenn er keine Musik mehr hören konnte.
Auf mein Erzählen, dass dort fast niemand ein Radio, geschweige denn ein Fernseher besaß, verstummte es wieder am Tisch. Auch erzählte ich vom dortigen Kinderheim, wie viele Kinder sich ein Zimmer teilten.
„Will noch jemand ein Nachtisch?“, fragte Barbara um die Stille zu beenden.
Fast alle bejahten dies und so verteilte sie an jeden einen Pudding. Als auch dieser vertilgt war, standen die Kids auf und trugen ihr Geschirr zur Spüle. Leon nahm wortlos meinen Teller mit.
Jost hob erstaunt seine Augenbraun und lächelte mich an.
„Was ist?“, flüsterte ich.
„Dass tut er sonst nie!“, antwortete Jost ebenso leise.
Auch Barbara schaute uns verwundert an. Da es eine festen Küchenplan gab, blieben Felix und Tobias zurück, während die Anderen die Küche wieder verließen. Ich folgte Jost, während Barbara bei den Zweien blieb.
„Wenn du willst, kannst du zu Leon, ich weiß nicht, aber er hat sich heut so anders am Tisch verhalten, sonst kommen meist kurze Bemerkungen von ihm, die, die anderen aber nicht wahrnehmen.“
„Ich habe bemerkt, dass er die ganze Zeit geschwiegen hat.“
„Vielleicht kannst du ja das Eis bei ihm brechen, du hast ja ungefähr sein Alter.“
Jost schaute mich durchdringend an.
„Was?“, fragte ich.
„Tut mir Leid…, aber die ganze Zeit überlege ich, ob ich dich nicht kenne, du kommst mir so bekannt vor.“
Sollte ich etwas sagen? Nein, das war zu früh, aber woher sollte er mich auch kennen. Ich war sein Neffe, aber das wusste er ja nicht.
Ich wüsste nicht woher“, antwortete ich nur.
„Egal. Also schau mal bei Leon rein, wir sehn uns später wieder.“
*-*-*
Es war schon eine komische Situation, dass musste ich zugeben und am liebsten wäre ich jetzt bei Dad um mit ihm reden zu können. So entschloss ich mich, kurz auf die Terrasse hinaus zu gehen um ihn anzurufen.
Leider hatte ich Pech. Seine Sekretärin sagte mir, er wäre in einer Besprechung und könnte nicht gestört werden. Artig bedankte ich mich und betrat wieder das Haus. Aus den Zimmern konnte ich leise Musik hören.
Bei einem Lied der Schlümpfe musste ich Lachen, das war bestimmt Felix Zimmer. Ich ging also weiter, bis ich an der Tür zu Leons Zimmer angekommen war. Sachte klopfte ich und wartete.
„Ja?“, war von drinnen zu hören.
Langsam öffnete ich die Tür und schaute hinein.
„Kann ich dir etwas Gesellschaft leisten?“, fragte ich.
Er schaute mich kurz an und nickte nur. Ein Wandel war durch das Zimmer gegangen. Wo heute Morgen noch das Chaos herrschte, war jetzt alles ordentlich einsortiert.
„Hast du aufgeräumt?“, fragte ich.
Leon schaute mich fragend an.
„Jost hat mir heut morgen alle Zimmer gezeigt, auch deins hier… sah etwas…“
„Chaotisch aus, ich weiß!“, fiel mir Leon ins Wort, „und was willst du jetzt genau hier, hat dich Jost geschickt?“
Ich hörte diesen abfälligen Ton in seiner Stimme.
„Du, sorry, ich wollte dich nicht stören, ich wollte dich eigentlich nur näher kennen lernen.“
Leon hielt in seine Bewegung inne, schien zu überlegen, was er darauf antworten sollte. Er ging zum Fenster und schaute hinaus.
„Entschuldigung wenn ich mich im Ton vergriffen habe!“, hörte ich ihn sagen.
„Hast du nicht, ich dringe schließlich in deine Privatsphäre.“
„Privat? Hier ist nichts Privat!“
Oh Mann wie soll man an diesen Typen heran kommen. Ich schwieg und ertappte mich dabei, wie ich ihn musterte und stellte erschreckend fest, dass er ganz mein Typ war. Seine braunen Haare, die wirr in alle Richtungen standen.
Seine Figur, nein er war nicht dick, eher muskulös gebaut, schien viel Sport zu treiben.
„Machst du eigentlich Sport?“, fragte ich.
„Ja, ich schwimme viel und geh laufen, warum fragst du?“
Er drehte sich zu mir um.
„Och ich habe nur bemerkt, dass du ziemlich gut gebaut bist.“
Was erzähle ich hier, bin ich blöd. Konnte ihm ja gleich auf die Nase binden, dass ich schwul bin.
„Danke, das gilt für dich aber auch.“
„Nur dass ich kein Sport treibe, das hat mir alles Mexiko beschert.“
„Fehlt dir Mexiko?“
„Etwas!“
„Jemand kennen gelernt in Mexiko?“
„Ja, habe ich…“
Frage – Antwortspiel, aber ich machte einfach mit.
„Also ich meine… Freundschaft…“, meinte er zögerlich.
„Ja, das meinte ich auch. Er heißt Diego und fehlt mir.“
„Ich habe keine Freunde.“
„Und warum?“, fragte ich ganz banal.
„Wer will schon etwas mit einem aus dem Heim zu tun haben.“
„Ist dass nicht Klischee denken“, fragte ich zurück.
„Klischee? Viel über Heime weißt du nicht, oder?“
„Nein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, nur weil er aus einem Heim stand, anders behandelt wird, als jemand der in familiärer Umgebung aufwächst.“
Leon atmete tief durch, als wollte er etwas sagen, aber tat es nicht.
„Für mich bist du normal wie jeder Andere, den ich kennen lernen möchte. Da ist deine Herkunft kein Thema.“
„So? Wirklich?“
„Klar!“
„Und warum möchtest du mich kennen lernen?“
Jetzt bloß nicht rot werden und irgendetwas stammeln.
„Weil ich dich interessant finde!“
Hatte ich das gerade gesagt?
„Ich? Interessant?“, schaute mich Leon fragend an und drehte sich wieder zum Fenster, „was soll denn bitte schön an mir interessant sein.
„Das will ich ja gerade herausfinden, in dem ich dich kennen lerne.“
„Hoffentlich täuscht du dich da nicht!“
Seine Worte klangen alle so verbittert.
„Leon, das Erste, was ich in Mexiko gelernt habe, war, meine Vorurteile abzubauen. Nicht in allem etwas Negatives zu sehen, oder vor allem zu vermuten. Ich weiß, dass ist nicht leicht, aber man kann das Lernen!“
„Und was dann? Dann kommt das Nächste… du bekommst es wieder reingedrückt… bist wieder da, wo du immer bist… alleine…“
Die ganze Zeit stand Leon am Fenster, schaute mich kein einziges Mal an. Ich schritt zu ihm, blieb dicht hinter ihm stehen.
„So wenig Vertrauen in dich selbst?“, fragte ich leise.
Leon zuckte zusammen, als er realisierte, dass ich so dicht hinter im stand.
„Was hat das mit meinem Vertrauen zu tun?“, hörte ich leise, seine Stimme zitterte.
„Ich habe mal gelesen, wenn man sich nicht vertraut, kann man anderen auch nicht vertrauen!“
Leons Kopf drehte sich leicht zur Seite und er blickte mich schüchtern von unten herauf an. Seine Augen waren feucht, die braunen Rehaugen funkelten unter den Tränen, die sich dort angesammelt hatten.
Der Typ machte mich Jeck. Ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich plötzlich so von Leon angezogen und doch sagte mir meine innere Stimme, die Pferde klein zuhalten, nichts zu sagen, was diesen Kerl vor mir in eine weitere Krise zu stürzen.
„Wer sagt mir, dass ich nicht wieder enttäuscht werde“, fragte er fast nicht hörbar.
„Leon, das kann ich dir nicht versprechen. Man weiß nie, wenn man Vertrauen investiert, ob du auch dieses Vertrauen zurückbekommst. Zu dem muss man sich Vertrauen erst einmal verdienen!“
„Du hörst dich an wie Jost! Ihr seid euch irgendwie ähnlich“, meinte Leon und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Ich hatte sogar das Gefühl, kurz ein Lächeln auf seine Lippen zu sehn.
„Das kann gut sein…“, rutschte mir heraus.
„Bitte?“
„Ach, nicht so wichtig, dass erzähle ich dir ein anderes mal.“
Leon schaute mich einfach nur an, mit diesem glasklaren Blick mit seinen braunen Augen. In mir schien alles zu schmelzen, ich spürte, wie ein Schaudern über meinen Rücken ging und musste schlucken.
„Ist etwas?“, fragte er mich.
„Nein!“
Diesmal war ich es, der sich wegdrehte. Mein Blick wanderte durch das Zimmer, nahm alles in sich auf, was ich in kurzer Zeit wahrnahm.
„Dein Vertrauen in dich, scheint auch nicht das Größte zu sein“, hörte ich Leon sagen.
Jetzt musste ich lachen, er hatte mich mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Ich zeigte aufs Bett und Leon nickte. Also ließ ich mich einfach nieder und schaute ihn an.
„Ja, du könntest Recht haben, aber ein Grundvertrauen ist da. Nur kann ich nicht gleich jedem die intimsten Sachen über mich erzählen, denn ich nicht kenne.“
„Stimmt könnte ich auch nicht.“
„Aber dennoch scheinst du mir zu vertrauen!“, meinte ich und hielt seinem Blick stand.
„Wie kommst du darauf?“
„Du hast am Fenster Dinge gesagt, hast deine Tränen nicht unterdrückt, obwohl du mich eigentlich nicht kennst.“
„Ich weiß nicht warum…, bei dir ist es irgendwie etwas anderes…, du hast etwas Interessantes an dir“, meinte Leon.
„He, dass war mein Spruch, nicht klauen!“
Jetzt fing Leon schallend an zu Lachen und ließ sich neben mir auf sein Bett fallen.
„Danke!“, sagte ich.
„Für was?“
„Dass du mir dein Vertrauen geschenkt hast.“
*-*-*
Lange hatten wir nicht mehr geredet, denn Leon hatte jede Menge auf und dabei wollte ich ihn nicht stören. Ich war auf dem Weg zu dem Küchenraum, denn ich verspürte Kaffeedurst. Auf dem Flur war es friedlich, es schienen wohl alle um diese Zeit an ihren Hausaufgaben zu sitzen.
Ich öffnete die Tür und fand Barbara und Jost im Raum vor. Beide saßen am Tisch und hatten Tassen in der Hand.
„Auch einen Kaffee?“, fragte Jost.
„Ja, danke gerne!“
Er erhob sich, holte eine neue Tasse aus dem Regal und goss Kaffee ein.
„Milch und Zucker?“
„Ja danke.“
„Und, wie ist es gelaufen?“, fragte Barbara.
„Was?“, fragte ich.
„Ach ich lief vorhin an Leons Zimmer vorbei und hörte ihn lachen, eine weitere Seltenheit, die wir nicht von ihm kennen.“
„Wir haben uns ganz normal unterhalten, mehr nicht.“
„Warum so bescheiden, junger Mann?“, fragte Jost, „bisher haben es noch nicht viele geschafft, Leon zum Lachen zu bringen, bis auf Felix vielleicht, aber über den gibt es ja oft genug etwas zulachen.“
„Kann ich mir vorstellen. Aber wirklich, wir haben nur ganz normal geredet, über ihn über mich, mehr nicht!“
„Über ihn?“, fragte Barbara erstaunt.
„Ja!“
Jost und sie schauten sich kurz an.
„Das freut mich zu hören. Und hast du es dir überlegt?“
„Was denn?“
„Ob du deine Praktika hier machst!“
Ich musste lächeln.
„Klar, aber das wusste ich schon von Anfang an.“
„Wieso?“
„Wenn ich mir bisher etwas in den Kopf gesetzt habe, wurde dies auch umgesetzt!“
„Oh, noch ein Dickkopf!“, grinste Barbara.
Ich schaute sie fragend an. Sie schaute nur zu Jost, der verlegen lächelte.
*-*-*
Ich war etwas die Strasse hinunter gelaufen, während ich auf Dad wartete. Jost hatte mir zwar angeboten mich Heim zufahren, aber ich erinnerten ihn daran, dass mich mein Vater abholte. Er wollte mich zwar noch bis draußen begleiten, wahrscheinlich auch um Dad kennen zu lernen, aber ein Streit zwischen Corinna und Susanne hielt ihn davon ab.
Vielleicht war es besser so, denn ein Gegenübertreten von den Beiden, wäre nicht so gut gewesen. Erst musste ich noch mehr erfahren, bevor ich die Zwei miteinander bekannt machen wollte.
Ich musste grinsen. Wie bei einer verdeckten Mission war ich hier unterwegs. Dann kam mir plötzlich Leon wieder in den Sinn, sein Blick, der mich gefangen hielt, als neben mir ein Auto stoppte.
„Haben sie ein Taxi bestellt?“, hörte ich eine mir vertraute Stimme.
„Ja, bringen sie mich bitte in den Audenwald Nummer 7!“
Ich stieg lächelnd in den Wagen meines Vaters, der sofort auch losbrauste.
„Und wie war es?“, fragte er, doch etwas nervös.
„Gut, ab Montag kann ich offiziell anfangen. Aber mal sehen, vielleicht schau ich morgen gleich wieder vorbei.“
„Morgen?“
„Ja, morgen. Warum?“
„Deine Mutter hat angerufen. Das Möbelhaus hat gemeint, die Ausstellungstücke, die du dir ausgesucht hast, könnten sie gleich liefern, weil sie die Aufbauten sowieso ändern wollten.“
„Ach so, dann sollte ich morgen lieber zu Hause bleiben, oder?“
„Ja!“
Ich wusste, dass eine Frage in meinem Dad brannte.
„Er ist so wie du!“, sagte ich einfach.
„Bitte?“
„Jost ist dir sehr ähnlich, also ich meine nicht nur jetzt vom Aussehen, seine Art hat mich sehr an dich erinnert.“
„Wolltest du mir das heut Mittag am Telefon sagen? Frau Kleelein hat mir gesagt du hast angerufen.“
„Ja, weil ich, als Jost dass erste mal vor mir stand, ich dachte du stehst vor mir. Und er reagierte auch sehr nachdenklich, als er meinen Nachnamen hörte.“
„Kein Wunder, hier ist der Name auch sehr selten… meinst du, er hat etwas gemerkt?“
„Wie gemerkt.
„Flo, schau in den Spiegel, du kannst nicht verleugnen mein Sohn zu sein.“
„Stimmt auch wieder. Er hat einmal gemeint, er meinte mich zu kennen, mehr aber nicht.“
„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte ich Dad.
„Das weiß ich auch noch nicht so genau, aber irgendwie wird es schon funktionieren.“
„Dein Wort in Gottes Ohr“, meinte Dad und konzentrierte sich weiter auf den Verkehr.
*-*-*
Fertig ließ ich mich aufs Bett fallen, dass knarrend nachgab. Eigentlich war ich froh, dass ich ein neues Bett bekam, dies hier würde es sicherlich nicht mehr lange machen. Ich stütze meinen Kopf auf und schaute zum Fenster, wo das restliche Licht des vergehenden Abends herein schien.
Augenblicklich war mein Gedanke wieder bei Leon. Ich ließ meinen Kopf wieder nach hinten fallen und starrte zur Decke. Lieber Flo, ich glaube du hast dich verguckt, sagte ich leise zu mir, nahm mein Kissen und kuschelte mich eng hinein.
So musste ich eingeschlafen sein, denn ich wachte am nächsten Morgen, recht früh wieder in meinen Klamotten auf. Im Haus war alles ruhig und so schaute ich auf meinen Wecker, der kurz nach fünf anzeigte.
Also schlief noch alles im Haus. Ich streckte mich und stand auf. Schnell hatte ich mich meiner Sachen entledigt, warf sie einfach über den Stuhl. Die ersten Sonnenstrahlen erhellten den Garten, so trat ich hinaus auf den Balkon, ohne groß darüber nachzudenken, dass ich eigentlich nackt war.
Ich schaute in den Garten hinunter und war erstaunt, dort einen rauchenden Dad zu sehen.
„Dad?“, sagte ich leise.
Erschrocken drehte er sich um und schaute zu mir hoch.
„Was tust du so früh hier draußen?“, fragte ich weiter.
„Das könnte ich dich auch fragen?“
„Ich glaube, ich habe mich noch nicht ganz an die Zeitumstellung gewöhnt.“
„Und ich habe nicht mehr schlafen können.“
Stumm standen wir beide da und schaute uns an, bis mein Vater die Stille zerbrach.
„Du siehst wirklich gut aus, dass muss ich dir lassen!“, meinte er grinsen.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich völlig nackt vor ihm stand. Etwas beschämt ging ich in mein Zimmer zurück und zog mir eine Shorts über. Ich hörte Dad, die Stufen der Wendeltreppe heraufkommen.
„Du, wir sind ähnlich gebaut, ich schau dir schon nichts ab!“
Etwas betreten wusste ich darauf keine Antwort.
„Ist dir das wirklich jetzt peinlich?“
„Ich weiß nicht, irgendwie schon.“
„Braucht es wirklich nicht!“
Ich nickte nur. Was sollte ich auch schon groß dazu sagen. Es war eben nicht mein Ding nackt herum zulaufen, wenn jemand in der Nähe war. Klar ich konnte mich sehen lassen, aber dies war eben etwas, was mir alleine gehörte, diese Privatsphäre, was ich nur mit jemand teilen wollte, den ich liebte.
In meinem Kopf machte es irgendwie Klick, ich spürte, wie sehr ich mich nach diesem Jemand sehnte.
„Alles klar mit dir?“
„Geht schon!“
Ich dachte wieder an Leon, mir war klar, ich hatte mich in den Kleinen verguckt. Er hatte etwas an sich, was in mir die Hormone verrückt spielen ließ, mein Denken beeinflusste. Dad kam zu mir und nahm mich einfach in den Arm.
„Ich habe eigentlich nie groß darüber nachgedacht, aber mir ist aufgefallen, dass du hier nie richtige Freunde hattest… warum?“
„Dad, ich weiß es auch nicht. Vielleicht bin ich eben ein Einzelgänger.“
„Aber jeder braucht doch jemanden, sei es nur um zu reden.“
Bisher habe ich auch alles mit mir selber ausgemacht“, sagte ich mehr zu mir selbst.
„Und hat sich jetzt daran etwas geändert?“
„Ich habe gestern diesen Jungen kennen gelernt und seitdem bin ich mir da nicht mehr ganz sicher. Ich sehe dich und Mum, ich sehe überall nur Menschen die irgendwie mit jemandem zusammen sind.“
„Du bist einsam!“
Einsam traf die Situation. In Mexiko fiel mir das nicht sonderlich auf, ich hatte immer Beschäftigung und da war ja auch noch Diego, der immer da war. Seine Freundschaft, die ich schätzen gelernt hatte.
„Ja!“
„Und was denkst du dagegen zu tun?“
Ich schaute meinen Dad nur an, wusste aber keine Antwort darauf. Es tat jetzt irgendwie weh, niemanden zu haben. Auch wenn bei diesen Gedanken immer ein Teil an Leon abtrifftete, wusste ich nicht, ob dass der richtige Weg war.
„Wie weiß man, dass jemand der Richtige für einen ist?“, fragte ich.
„Du stellst Fragen. So etwas weiß man nicht. Du kannst auf deinen Verstand hören, dann kommen wahrscheinlich nur vernünftige Argumente gegen die Person. Du kannst aber auch auf dein Herz hören, dann läufst du aber Gefahr, nur mit der rosa Brille durch das Leben zu laufen.“
„Also eine gesunde Mischung, zwischen beidem?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Und was soll ich dann machen?“
„Ich würde auf mein Herz hören… im Nachhinein, denke ich, habe ich dass viel zu wenig getan. Aber dass ist meine Meinung, dass musst du für dich ganz alleine entscheiden.“
Das machte die Sache nun auch nicht einfacher. Ich hatte den totalen Wirrwarr im Kopf und sollte nun auch noch versuchen Ratschläge umzusetzen. Auf mein Herz hören, dass hatte ich bisher immer gemacht.
Ich war damit immer gut gefahren, würde die damaligen Entscheidungen jedes Mal wieder treffen, die ich getroffen hatte. Doch jetzt funkte mir irgendwie mein Verstand dazwischen, jedes Mal wenn ich an Leon dachte und ich wusste nicht warum.
Willst du eine Kaffee?“, fragte Dad.
„Was?“
„Ob du auch einen Kaffee möchtest, ich gehe jetzt hinunter in die Küche und mache mir einen.“
„Okay, ich komme gleich nach!“
Und schon war mein Vater verschwunden. Ich schaute mich im Spiegel an und bemerkte, dass meine Augen feucht waren. Was war nur los mit mir… ich schnappte mir etwas zum Anziehen und verdrückte mich ins Bad.
*-*-*
Ich hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten, wieder stand ich vor den Eingang des Hauses, in dem Leon wohnte. Um die Zeit war er in der Schule, so zog ich die Tür auf und lief hinein. Es war unheimlich still, klar, alle anderen waren ebenso in der Schule.
Oliver hatte den Part übernommen, auf meine Möbel zu warten, so konnte ich ungehindert wieder hier herkommen. Ich lief zu Jost Zimmer und klopfte, aber es kam keine Antwort. Ich drückte die Türklinke hinunter und streckte den Kopf in den Raum.
Es war niemand da, so entschloss ich mich, einfach meine Sachen ab zulegen und dann nach den Anderen zu suchen. Als ich meinen Rucksack in die Ecke abgelegt hatte, fielen mir Fotografien auf dem Schreibtisch auf.
Ich umrundete diesen und schaute mir die Bilder genauer an. Dort stand Jost mit zwei Kinder im Arm und daneben eine Frau, einen kleinen Hund haltend.
„Das ist meine Frau Lissy und die Kids Alexander und Jessica!“
Ich fuhr zusammen, denn wieder mal hatte ich Jost nicht kommen gehört.
„Du siehst glücklich aus!“, meinte ich und nahm das Bild in die Hand.
„Bin ich auch!“
Ich stellte das Bild zurück auf den Tisch und schaute kurz zu Jost und wurde total unsicher, warum ich überhaupt hier war.
„Was ist?“, fragte Jost.
„Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll.“
„Einfach gerade heraus!“
Jost zeigte auf die Stühle und so setzten wir uns.
„Wenn das so einfach wäre, es gibt soviel zu erzählen.“
„Betrifft es das Thema Familie?“
„Ja, mich und dich auch Leon, meine Familie… deine Familie…“
„Das ist sehr viel!“
„Ja und deswegen fällt es mir auch schwer, jetzt da offen darüber zu reden.“
„Hör mal Florian, du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht willst, praktisch bin ich ein Fremder für dich, den du seit gestern erst kennst.“
„Das stimmt so nicht…“
„Was stimmt nicht?“
„Das ich dich nicht kenne… nein, klar ich kenne dich persönlich erst seit gestern, aber dich als Mensch kenne ich schon viel länger.“
Jost schaute mich fragend an.
„Kaffee?“
Ich nickte. Er stand auf nahm die Thermoskanne und zwei Tassen, schenkte ein und setzte sich wieder.
„Kann ich hier rauchen?“
Diesmal nickte er und schlürfte kurz an seinem Kaffee. Ich sah einen Aschenbecher auf dem Fenstersims stehen und holte ihn mir. Langsam zog ich eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie mir in den Mund.
Bevor ich sie jedoch anzünden konnte, hatte Jost schon ein Feuerzeug in der Hand und hielt es mit Flamme vor mich hin.
„Danke!“, sagte ich und zog einmal kräftig daran.
„Was hast du gemeint, du kennst mich als Mensch schon etwas länger?“
„Ich weiß, ich werde jetzt weit ausholen, eventuell dich sogar verletzten, aber ich denke es muss sein…“
„Was meinst du Florian?“
„Kennst du deinen Vater?“
Über Jost Gesicht viel ein Schatten, anscheinend hatte ich schon jetzt einen Wunden Punkt getroffen. Aber er blieb bei mir sitzen und schaute mich weiter an.
„Ja, den kenne ich, aber er ist gestorben.“
„Das weiß ich, da war ich drei Jahre alt.“
Das Fragezeichen auf Jost Stirn wurde immer größer.
„Du hast gesagt, es kommt dir so vor, als würdest du mich kennen.“
Jost nickte wieder.
„Was weißt du über deinen Vater?“
„Nicht viel, nur dass er verheiratet war und aus einer reichen Familie stammte und mir seinen Nachnamen hinterlassen hatte.“
„Du wurdest mit Jost Marten getauft?“
„Ja.“
„Und du hast nie versucht, den anderen Teil der Familie kennen zu lernen, zu wissen wer es ist?“
„Welche Familie?“
„Der Familie deines Vaters!“
„Nein, meine Mutter hatte mich gebeten, das sein zu lassen und später fand ich dass nicht mehr so wichtig.“
„Und wie wäre es, wenn die Familie nun dich kennen lernen wollte?“
„Bitte? Ach nein, das könnte ich mir nicht vorstellen nach all den Jahren.“
„Und wenn es so wäre?“
„Florian, auf was willst du hinaus?“
„Jost… ich bin… dein Neffe…!“
Endlich war es heraus, mir lief es kalt den Rücken herunter, ich konnte Jost Gesicht nicht deuten, wie er jetzt reagieren würde.
„Du bist was… mein Neffe?“
Jost ließ fast die Tasse fallen, die er noch immer in der Hand hielt.
„Ja… mein Vater ist dein… Stiefbruder.“
„Könntest du mich bitte alleine lassen!“
Ich sah Jost schockiert an, aber ich wollte auch seinen Wunsch akzeptieren. So stand ich auf und verließ wortlos sein Zimmer. Als ich die Tür hinter mir zuzog, wurden meine Knie weich ich rutschte an der wand herunter und fing an zu weinen.
Was hatte ich jetzt nur angerichtet. War es ein blödes Hirngespinst von mir, diese Sache durchzuziehen. Ich wollte doch nur helfen. Doch je mehr ich darüber nachdachte, um so blöd und kindisch kam mir dieser Einfall vor.
„Flo?“
Ich hob den Kopf und Leon stand vor mir.
„Flo was ist denn passiert?“
Er kniete sich vor mir hin und legte seine Hand auf meine Schulter.
„Ich habe alles falsch gemacht…“, brachte ich nur jammert heraus.
„Was hast du falsch gemacht?“, wollte Leon wissen.
Ich hob wieder den Kopf und sah in die besorgten Augen von Leon.
„Leon, es ist lieb, dass du dich um mich kümmern willst, aber ich will dich nicht auch noch mit meinen Problemen belastet, du hast sicher genug selbst davon.“
Ein Ruck ging durch Leons Körper, seine Augen wurden feucht. Deutlich spürte ich, wie sehr ich ihn nun gekränkt hatte. Ich wartete nur darauf, dass er aufsprang und davon lief.
„Sind Freunde dafür nicht da… einander zu helfen?“, fragte er leise.
Eine einzelne Träne löste sich aus seinem Auge und bahnte sich den Weg über seine Wange. Ich hob die Hand und strich sie sanft weg.
„Doch…!“, meinte ich nur.
Er streckte mir seine Hand entgegen, die ich ergriff und er zog mich hoch. Seinen Arm um mich liegend, liefen wir in sein Zimmer.
*-*-*
Ich war eine ganze Weile einfach nur da gegessen und hatte auf den Boden gestarrt ohne einen Ton zu sagen. Ich spürte nur Leons Hand, wie sie mir sanft über den Rücken strich. Es tat irgendwie gut, ich wurde ruhig, meine Atmung war wieder normal und ich hatte aufgehört zu weinen.
„Ich weiß nicht mit was ich anfangen soll…“
„Von vorne?“, fragte Leon.
Also erzählte ich ihm einfach, was seit meiner Ankunft in Deutschland sich schon alles zugetragen hatte. Er hörte aufmerksam zu und unterbrach mich nicht.
„Dann habe ich dich kennen gelernt…“, unterbrach ich meine Erzählung.
„Ja und?“
„Was ja und, Leon ich bin schwul, dass habe ich dir doch erzählt… ich habe dich kennen gelernt und mich … mich in dich … verliebt.“
Leon schaute mich nur an und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich hätte dir das nicht erzählen sollen, ich belaste dich viel zu sehr damit!“
Leon wischte sich die Tränen aus den Augen und schüttelte den Kopf.
„Nein Flo, bitte nicht… du bist nicht schuld… es ist etwas Anderes… oh Scheiße ich dachte ich würde irgendwann mal darüber hinweg kommen…“
Die Tür ging auf und Gudrun streckte den Kopf herein.
„Da bist du ja…, kannst du mir sagen, was hier los ist?“, sagte sie in einem etwas strengen Ton, „Jost sitzt in seinem Büro und weint und nun finde ich Leon hier auch weinend sitzend, was hast du gemacht.“
Irgendwie brannte bei mir jetzt eine Sicherung durch. Ich sprang auf und rannte zur Tür hinaus, ich wollte nur noch weg.
„Flo!“, hörte ich noch Leon schreien, aber da hatte ich den Ausgang schon erreicht.
Ich rannte wie von Sinnen auf den Gehweg, bevor ich kurz stoppte. Einfach nur weg dachte ich und rannte weiter. Was hatte ich nur angerichtet. Ich war nun vier Tage da und hatte Menschen die ich mochte oder liebte verletzt.
Ich hätte doch in Mexiko bleiben sollen, da war alles noch in Ordnung, alles so einfach, da konnte ich unbekümmert ich sein, keiner der etwas an mir auszusetzen hatte, keinen den ich verletzten konnte.
Ich rannte einfach drauf los, wusste nicht wohin. Irgendwann bekam ich Seitenstechen und musste verschnaufen. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und tippte Vaters Nummer ein.
Es klingelte eine Weile, bis mein Dad abnahm.
„Hallo Flo, ich stecke gerade in einer wichtigen Besprechung!“
„Papa…“, ich musste erst mal Luft holen, „ hol mich bitte!“
„Flo, was ist den passiert, du hörst dich nicht gut an.“
„Papa hole mich einfach bitte“, sagte ich nun weinend.
„Okay, wo bist du?“
Ich schaute mich um, aber ich kannte mich ja nicht aus.
„Ich sehe eine Kirche… mit einem großen goldenen Kreuz auf der Spitze…“
„Okay, die Peterskirche, bleib einfach wo du bist, ich bin gleich bei dir.“
„Ja…“, meinte ich und drückte das Gespräch weg.
Es war zwar nicht kalt, aber ich zitterte am ganzen Körper. Verzweifelt hielt ich Ausschau nach dem Wagen meines Vaters, obwohl er ja noch nicht da sein konnte. Und es dauerte auch eine Weile, bis er endlich an einer Straßenkreuzung auftauchte.
Er schien kurz zu stoppen, aber hatte mich dann bemerkt. Reifenquietschend fuhr er an und stoppe unmittelbar vor mir. Dad sprang heraus und kam auf mich zu.
„Flo, was ist den passiert?“
Weinend fiel ich in seinen Arm, drückte mich fest an seine Brust. Ich schluchzte und es zog mir fast die Beine weg. Dad hielt mich fest, so konnte ich nicht umfallen.
„Flo, so sag doch etwas.“
„Ich habe alles falsch gemacht…“brummelte ich in seinen Pullover.
„Was hast du falsch gemacht?“
„War einfach nur eine scheiß Idee und überhaupt, ich hätte in Mexiko bleiben sollen…“
Meine Traurigkeit schlug in Zorn um. Sauer auf mich, wütend auf meine Blödheit.
„Florian, könntest du mir jetzt mal bitte sagen, was passiert ist?“
So erzählte ich ihm, was in den letzten Stunden passiert ist. Er wurde fahl im Gesicht, bekam Tränen in die Augen und drückte mich wieder an sich.
„Flo, es tut mir leid, ich hätte dich damit nicht belasten sollen, ich hätte dir das nie erzählen dürfen. Es war meine blöde Idee, dass deine Idee funktionieren könnte.“
„Flo!“, rief jemand und ich und Dad drehten uns gleichzeitig um.
Da stand Jost und schaute uns fassungslos an, als er erkannte, wer mich da im Arm hatte. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und löste mich von Dad. Er selbst stand da, wie eine Salzsäule, keiner Regung fähig.
Mir wurde dass alles irgendwie zuviel… mein Zittern wurde stärker, ich schnappte nach Luft und plötzlich wurde alles um mich herum schwarz.
*-*-*
„Er kommt wieder zu sich!“, hörte ich eine Stimme.
„Leon, jetzt lass ihn doch einmal in Ruhe zu sich kommen.
Diese Stimme konnte ich Gudrun zuteilen.
„Du hattest Recht, er sieht aus wie Jost auf seinen Jugendbildern.“
Diese Stimme kannte ich nun wieder nicht. Langsam öffnete ich die Augen und vor meinem Gesicht tauchte Leons besorgtes Gesicht auf.
„Mensch Flo, was machst du für Sachen?“, hörte ich ihn sagen.
Ich griff mir an den Kopf und fuhr mit der Hand über mein Gesicht.
„Was ist denn passiert?“, stammelte ich.
„Du hast hyperventiliert und bist ohnmächtig geworden!“, sagte Gudrun.
„Ja, einfach umgekippt“, kam es von Leon.
Mit einem Schlag war alles wieder da, alles was sich zugetragen hatte… Jost und Dad.
„Scheiße, wo sind Jost und Dad…?“, fragte ich und fuhr hoch.
„Junger Mann, du bleibst erst einmal liegen, der Arzt hat gesagt, du sollst noch liegend bleiben.“
Ich folgte der Richtung, aus der die Stimme kam. Da stand Lissy, Jost Frau, die mich anlächelte.
„Mit den beiden ist alles in Ordnung. Sie sind in Jost Büro und reden“, sprach sie weiter.
Leon drückte mich wieder ins Kissen.
„Warum bist du weggerannt?“, fragte er und ließ seine Hand auf meiner Brust ruhen.
„Ich denke, wir lassen die zwei Herren auch mal alleine, Lissy, oder was meinst du?“, sagte Gudrun.
„Eine Tasse Kaffee?“, fragte Lissy.
„Nichts lieber als das!“, entgegnete Gudrun.
So verschwanden die Beiden aus dem Zimmer und ich war mit Leon alleine. Ich blickte mich kurz um und stellte fest, ich war wieder in Leons Zimmer, ich lag in seinem Bett und er saß direkt neben mir auf der Bettkante.
Draußen vor der Tür konnte ich Getuschel und Gekicher hören. Leon stand auf und zog mit einem Ruck die Tür auf. Mit Gepolter und Geschreie schwappte ein ganzer Hort Kids herein.
„Könntet ihr mir mal sagen, was ihr vor meiner Tür zu suchen habt?“, pflaumte Leon die Sechs an.
„Das war Felix Idee!“, rief Martin.
„Stimmt doch gar nicht!“, wehrte sich Felix.
„Das ist mir egal, könntet ihr mich und Flo bitte alleine lassen?“
Corinna fing an zu kichern und Susanne sah mich grinsend an.
„Okay, lassen wir die Turteltäubchen alleine!“, kam es von Tobias und scheuchte die Anderen hinaus.
„Was ist eine Turteltaube?“, fragte Felix.
Alle fingen an zu lachen und schon waren Leon und ich wieder alleine. Etwas verlegen setzte er sich wieder zu mir.
„Ich glaube, ich muss dir auch etwas sagen“, fing Leon an.
Gespannt schaute ich Leon an. Er nahm meine Hand in die Seine und strich sanft darüber.
„Als du vorhin gesagt hast du liebst mich… halt, lass mich aussprechen“, meinte er, als er bemerkte, dass ich was sagen wollte, „ habe ich nicht wegen dir anfangen zu weinen.“
„Ich bin … wie du vielleicht schon vermutet hast auch schwul, nur habe ich bisher nur schlechte Erfahrungen damit gemacht.“
„Das tut mir leid Leon, ich wollte dir nicht zu…!“
„Halt Flo, lass mich bitte weiterreden!“
Ich nickte und schwieg.
„Ich bin ein paar Mal an die Falschen geraten und auch wenn du jetzt protestierst, ich bin eben ein Naivchen gewesen, dass jemand vom Heim einen wahren Freund finden könnte. Nur bei dir, als ich dich dass erste Mal sah, hatte ich gleich ein anderes Gefühl, du strahlst soviel Wärme aus, erzählst so blumig, dass man sich in deiner Nähe einfach wohl fühlen muss.“
Danke“, brachte ich nur heraus.
„Und als du mir deine Freundschaft angeboten hast, kam der Frust, der letzten zwei Jahre hoch, die Enttäuschungen, die ich erleben musste.“
„Dass wollte ich nicht!“
Leon legte sein Finger auf meine Lippen und ich schwieg wieder.
„Aber mit deiner freundlichen Art, deinen strahlenden Augen, wurde mir bewusst, dass du anders bist, als die… egal. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und nur noch an dich gedacht. Ich war unkonzentriert in der Schule und ich habe mich entschuldigen lassen, bin wegen Unwohlseins heimgegangen, deswegen war ich vorhin auch so früh da. Und dann finde ich dich weinend auf dem Flur vor. Ich, der normalerweise diesen Part bis jetzt immer übernommen hatte. In mir sind Gefühle wach geworden, die ich dachte mir sonst immer nur eingebildet zu haben.“
Auch wenn das nun alles etwas schnell ging, genoss ich diese Liebeserklärung von Leon. Ich streckte meinen Arm aus, legte meine Hand um Leons Nacken und zog ihn sanft zu mir. Ich spürte ein leichtes Zögern, aber dennoch ließ er sich von mir herunterziehen.
Ich gab ihm einfach einen Kuss, ohne darüber nachzudenken, ob er dass nun wollte oder nicht. Dass er es wollte, spürte ich spätestens, als seine Hand über meine Haare streichelte und sein Kuss inniger wurde.
Sehr langsam löste er sich von mir und setzte sich wieder auf.
„Wow!“ kam von ihm.
„Was?“
„Ich träume!“
„Nein, das war real!“
Er grinste wie ein Schelm.
„Darf ich noch einmal?“, fragte er und ohne meine Antwort abzuwarten, beugte er sich wieder zu mir und küsste mich nun von sich aus.
Mein Körper fing wieder an zu zittern, aber diesmal nicht, durch die negativen Eindrücke der letzten Stunden, sondern dieses Kribbeln, das durch meinen Körper wanderte. Seine weichen Lippen auf meinen, ohne irgendwelchen Druck, die nur sanft sich leicht auf meinen Lippen bewegten.
Es klopfte und Leon setzte sich erschrocken wieder auf.
„Ja?“, fragte Leon.
Die Tür ging auf und Jost schaute herein. Ich richtete mich auf.
„Du Jost, ich glaube ich sollte mich bei dir entschuldigen…“, fing ich an.
„Für was?“, fragte Jost und lächelte mich an.
Bitte? Vorhin hat er mich noch aus dem Zimmer geschickt und jetzt…?
„Ich meine…“, stotterte ich.
„He Flo, mach mal halb lang, ganz ruhig, es ist alles in Ordnung“, meinte Jost und mein Dad erschien hinter ihm an der Tür.
Leon schaute verwundert zwischen den beiden hin und her.
„Ist das dein Vater?“, fragte er, „hast Recht, die sehen sich wirklich verdammt ähnlich.“
Jetzt wo ich beide vor mir hatte, musste ich Leon Recht geben, es war nur der Altersunterschied zu erkennen.
„Ist jetzt… alles klar… bei euch beiden?“, fragte ich vorsichtig.
Jost schaute kurz zu Dad und dann wieder zu mir. Beide grinsten sich eins.
*-*-*
Es war herrliches Wetter und ich lag neben Diego am Ufer des kleinen Sees. Die Sonne tat gut auf meiner Haut. Irgendetwas Feuchtes spürte ich in meinem Gesicht, wollte Diego schon anmotzen, er solle seine Scherze lassen, aber halt…
Ich war nicht mehr in Mexiko, ich war in Deutschland. Erschrocken öffnete ich meine Augen und sah eine kleine Hundeschnauze vor mir.
„Wer bist du denn?“, fragte ich verwundert und drückte dieses flauschige Etwas von mir meinem Gesicht weg.
„Euer neuer Hund!“, hörte ich jemand sagen.
Ich hob den Kopf und sah Leon am meinem Bett sitzen.
„Wie kommst du hier her?“
„Schon vergessen…Grillfest…?“, meinte er lächelnd.
Aber doch erst heute Mittag! Wie viel Uhr haben wir denn?“
„Kurz nach zwölf und somit ist auch geklärt, wer von uns der Langschläfer ist…“, sagte Leon beugte sich vor und gab mir einen kleinen Kuss auf die Nase.
„Mmmmhh, daran könnte ich mich gewöhnen, aber warum hat mich denn niemand geweckt?!“
„Habe ich doch jetzt, und dass mit der feuchten Hundschnauze, kannst du jeden Morgen haben?“
Ich rollte mit den Augen und zog Leon zu einem weiteren Kuss zu mir.
„Ah, hast du den Herrn endlich wach gekriegt, ich habe es nämlich vergebens probiert!“
„Du hättest ihn vielleicht wach küssen sollen Oliver!“
Ich schaute in Olivers verblüfftes Gesicht und fing laut an zu lachen, mein Kleiner hatte es echt drauf.
„Egal! Er soll sich endlich aus den Federn schwingen unten ist es voll und man verlangt nach ihm! Und dich nehme ich lieber mal mit“, sagte er zu dem Wollknäuel auf meinem Bauch und verschwand mit diesem auf dem Arm.
Ich wandte meinen Kopf wieder zu Leon.
„Du hast gehört, du sollst aufstehen!“
„Och jetzt wo es grad so schön ist…!“
„Na ich gehe auf jeden Fall wieder runter…“
„Ist ja schon gut, ich steh ja schon auf.“
Ich schlug die Decke zurück und räkelte mich.
„Mmmh…lecker!“, sagte ein grinsender Leon.
Ich erhob mich aus meinem Bett und nahm ihn in den Arm. Seine Hand wanderte über meinen Rücken, während ich ihn küsste.
„Das solltest du lieber lassen!“, meinte ich.
„Wieso? Gefällt es dir nicht?“
„Im Gegenteil, aber so kommen wir nicht aus meinem Zimmer, weil ich sonst über dich herfalle!“
Leon legte wieder dieses schelmische Grinsen auf und fuhr wieder mit der Hand über meinen Rücken.
„Du warst gewarnt!“, sagte ich und drückte ihn auf mein Bett, was in einer wilden Knutscherei endete.
„Soll ich eine Arzt holen um euch zu trennen?“, fragte jemand an der Tür.
„Ist mein Zimmer ein Bahnhof?“, fragte ich zurück.
Ich stieg von Leon herunter und schaute zur Tür, wo ein grinsender Jost stand.
„Ich könnte wenigstens von meinem Neffen erwarten, dass er seinen Onkel mit Anstand begrüßt und ich nicht meckernd aus dem Zimmer komplimentiert.“
Ich stand auf und ging zu ihm, ihn drückend zu begrüßen.
„Na gut geschlafen Großer?“, fragte Jost.
„Na ja, es fehlte zwar etwas, aber danke ich habe gut geschlafen.“
„Gut, dann komm endlich runter, ich habe nur mit Mühe Felix davon abhalten können, nicht hier hoch zu rennen.“
„Das wäre allerdings eine Überraschung geworden!“, sagte ich.
„Wieso?“, kam es von Leon, „er weiß ja jetzt was Turteltäubchen sind!“
Alle drei fingen wir schallend an zu lachen.
„Gebt mir fünf Minuten, dann komm ich runter, nur noch kurz ins Bad.“
„Und dann kommst du in dem Aufzug herunter?“, fragte Jost und zeigte auf meine verknitterten Boxershorts.
„Probleme damit? Oder hast du Angst Lissy könnte feststellen ihr Neffe sieht wesentlich besser als ihr Mann aus“, konterte ich und drückte einen Finger in seinen, na ja etwas rundlichen Bauch.“
„Sie schätzt Qualität und nicht so grünes Gemüse wie dich!
„Also mir gefällt dieses grüne Gemüse“, mischte sich Leon ein und umarmte mich von hinten.
„Ach ihr zwei! Bis gleich, ich geh wieder runter.“
Lachend schauten wir Jost nach, wie er das Zimmer verließ.
„Du Flo…liebst du mich noch!“
„Ja, aber klar doch!“, antwortete ich und schon wieder klebten unsere Lippen aneinander.
*-* ENDE *-*

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Information Driving Home for Christmas
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:25 AM - No Replies

Ich lief durch den verschneiten Wald. An der einen Hand hielt ich Stephan, die andere steckte tief verborgen in meinem schwarzen Mantel. Das Thermometer hatte -5°C angezeigt, bevor wir vor einer Stunde zu unserem Spaziergang aufgebrochen waren. Die Kiefern waren von einer feinen Schneeschicht bedeckt und der Weg lag gefroren zu unseren Füßen. Von weitem konnte man die Lichter unserer Kleinstadt herüber scheinen sehen und sich ganz dicht aneinander kuscheln. Ich atmete die Kalte Luft tief ein und genoss ihr pieksen in meinen Lungen. Weihnachten stand vor der Tür und besinnliche Tage bevor. Von weitem hörte man die Glocken schlagen.

Doch was sollte das denn? Sie wurden immer lauter und schriller. Das Bild löste sich auf und nur noch der Lärm meines Weckers war zu hören.
Grummelnd drehte ich mich um und verpasste ihm einen Schlag, so dass er verstummte, kuschelte mich wieder in meine Decke und schloss die Augen erneut.
Zehn Minuten später, das gleiche Spiel noch einmal. Jetzt sah ich auch genauer hin und stand sofort im Bett. Mist! Ich musste unbedingt aufstehen! In einer halben Stunde würde das Praktikum in der Uni losgehen und ich lag hier immer noch rum.
Aber der Traum war toll. Nur Wirklichkeit würde das sicher nie werden, denn mein bester Freund Stephan, von dem ich geträumt hatte tickte nicht so wie ich. Leider.
Ich stand also auf und verkürzte meine allmorgendliche halbe Stunde im Bad auf das Nötigste. Gerade so konnte ich der Versuchung widerstehen, die Pflicht sausen zu lassen. Schließlich war heute der letzte Tag vor den Weihnachtsferien und nach dem Botanik Praktikum würde ich mich in mein Auto setzen und endlich nach Hause fahren.
Ich sollte mich vielleicht vorstellen. Ich bin der Patrick Neumann, 20 Jahre jung und studiere jetzt seit fast drei Monaten schon Biotechnologie in Frankfurt / Main. Knapp 600 km entfernt von meinem kleinen Heimatstädtchen im Brandenburgischen. Endlich würde ich meine Eltern und Geschwister wiedersehen. Auch meine Freunde durften da nicht fehlen, denn obwohl wir jetzt in alle Winde verstreut waren, kamen zu Weihnachten alle nach Hause.
So, jetzt aber schnell. Ich wuchtete meinen Koffer aus der Wohnung, die ich mir mit zwei weiteren Studenten im Wohnheim teilte, polterte mit dem Ungetüm die Treppe nach unten und hievte es in mein Auto. Hoffentlich war die Innenstadt nicht verstopft, so dass ich die paar Kilometer bis zur Uni gut durch kam.
Alles lief glatt und so stand ich 10 Minuten später vor dem Labor. Jetzt nur noch schnell das Mikroskop aufbauen und dann kann´s los gehen.
Kaum war ich fertig, erhob sich auch schon der Dozent und begann mit dem Unterricht.
Das Blatt… wie langweilig. Querschnitt, Flächenschnitt, bla, bla, bla. Das hatte ich alles in der Schule schon und so gingen die zweieinhalb Stunden nur sehr schleppend dahin.
Plötzlich vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Zum Glück hatte ich es auf „Lautlos“ gestellt, denn ansonsten hätte das wieder Stress mit der Assistentin gegeben, die auf solche Sachen regelrecht allergisch reagierte.
Ich holte es unauffällig hervor und las. Die SMS war von Stephan.
„Hey Patti,“ Das war ich. Eigentlich ja Patrick und auch nur er darf mich so nennen. Für alle Anderen bin ich Pat.
„Du kommst doch heut auch hoch oder? Weißt du schon, wann du da bist? Lass uns doch dann auf nen Bier bei mir treffen. LG Steph“
Cool, da war der Abend dann wohl gerettet. Ich dachte schon, die ganze Familie würde gleich auf mich einstürmen und ich müsste mich allem stellen, aber wenn ich noch zu meinem besten Freund Stephan konnte, hatte ich eine gute Chance, mich abzuseilen, wenn es mir zu viel wurde. Schnell schrieb ich ihm zurück, dass ich wohl erst gegen späteren Abend ankommen würde, wir uns aber gern noch treffen könnten.
Der Rest des Unterrichts verging nun wie im Fluge. Was Vorfreude doch alles möglich machen kann.
Als der Dozent seine Ausführungen beendete, ging sofort das große Kramen los. Die Ersten waren schon vor fünf Minuten gegangen um ihren Zug in Richtung Heimat zu erreichen. Einige Koffer standen noch im hinteren Teil des Labors rum. Fast jeder wollte nach Hause. Überall wurden schöne Festtage gewünscht und der obligatorische Gute Rutsch war auch oft zu hören. Ein paar andere Studenten, mit denen ich mich in den letzten Wochen ein wenig angefreundet hatte, überschütteten auch mich mit guten Wünschen, die ich brav zurück gab.
Als ich meine Zeugs zusammengepackt und das Mikroskop wieder in den dazugehörigen Schrank geräumt hatte, machte ich mich mit guter Laune auf, zu meinem kleinen Autochen, das draußen auf dem Parkplatz auf mich wartete.
Ich stieg also ein, warf noch meine Weihnachts CD ins Radio und fuhr los. Tanken musste ich noch, bevor ich auf die Autobahn einbog und dann ging´s endlich auch für mich Richtung Heimat. Die Weihnachtsgeschenke für meine Eltern und meine Schwester hatte ich zum Glück schon gestern Abend mit in den Koffer geworfen und hätte sie also gar nicht vergessen können.
Als ich auf die A7 fuhr sang Cris Rea gerade „Driving Home for Christmas“. Das passte wie die Faust auf´s Auge und ließ mich jetzt erst richtig in Weihnachtsvorfreude verfallen. Die Kilometer flogen nur so dahin, während ich immer auf der Mittelspur dahin rollte. Mein Tempo hielt ich ungefähr bei 120 km/h, ließ die LKWs rechts von mir gemächlich dahin tuckern und die, die schneller als ich fahren mussten, konnten ungehindert an mir vorbeiziehen.
Als ich dann endlich am Berliner Ring angekommen war, konnte ich mein zu Hause fast schon riechen. Noch ein paar Kilometer Landstraße, dann war ich da.
Meine Eltern begrüßten mich stürmisch, als ich mein Auto vor unserem Haus parkte. Ich war noch nicht einmal ausgestiegen, da kamen sie schon aus der Tür.
„Junge, da bist du ja endlich!“ Meine Mutter lief mit ausgestreckten Armen auf mich zu und umarmte mich. Mein Vater klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und meine kleine Schwester Juliane umarmte mich ebenfalls herzlich. Sie war vier Jahre jünger als ich und ging noch auf das ortsansässige Gymnasium. Nachdem ich die ersten Erzählungen hinter mich gebracht hatte, meine Sachen ausgeladen und in meinem Zimmer verstaut hatte, rief ich kurz bei Steph an, dass ich in fünf Minuten bei ihm wäre, packte mich dick ein und lief die 200 Meter, die er von mir entfernt wohnte, hinüber.
Ich klingelte und schon öffnete er mir freudestrahlend.
„Hey, da bist du ja! Komm rein. Wie geht es dir, siehst gut aus.“
Er war gar nicht mehr zu bremsen, aber nach seinem letzten Satz brach er ab und wurde ein bisschen verlegen.
Ich hingegen begrüßte ihn ebenso freudig und musterte ihn erst einmal ausgiebig, während er meinen Mantel aufhing. Gut sah auch er aus. Mir war gar nicht mehr bewusst gewesen wie gut, aber seine Ausbildung bei der Polizei trug sicherlich ihr Übriges dazu bei. Seine Muskeln hatten sich eindeutig vermehrt, denn vor ein paar Monaten saß sein Lieblingspullover, den er an hatte, noch nicht so straff an den Armen.
Ich ohrfeigte mich innerlich und wand meine Aufmerksamkeit wieder meinen Schuhen zu, die ich gerade versuchte aus zu bekommen.
Nachdem ich auch seine Eltern kurz begrüßt hatte, verschwanden wir nach oben in sein Zimmer. Viel hatte sich hier nicht verändert. Er holte noch das versprochene Bier und wir machten es uns gemütlich auf seiner Couch. Wir quatschten über dies und das, seine Ausbildung, mein Studium, was die anderen aus unserer Clique trieben und hörten uralte Weihnachtslieder.
Sein lächeln war immer noch so entwaffnend wie eh und je. Aber genau das war das Problem. Er war nicht schwul wie ich und als Freund wollte ich ihn auf keinen Fall verlieren. Als ich mich vor 5 Jahren bei ihm geoutet hatte, nahm er das ganz locker auf, meinte aber auch, dass er nicht damit umgehen könnte, wenn ich mich in ihn verlieben würde. An besagtem Tag brachte ich mein Vorhaben, ihm meine Liebe zu gestehen dann nicht mehr fertig und es war dabei geblieben.
Immer wieder, wenn meine Gefühle für ihn zu stark wurden, erinnerte ich mich an diesen einen Tag vor fünf Jahren und riss mich zusammen, sie unter Kontrolle zu bringen.
Einige Stunden und einen halben Kasten Bier später saßen wir immer noch da und lachten über Anekdoten aus der Schule, über Partys, lästerten über Leute, die wir beide nicht mochten und Stephan war immer näher zu mir gerutscht. Da wir beide schon nicht mehr so ganz klar waren genoss ich das und begann ihn immer häufiger, wie aus versehen, zu berühren.
Auf einmal sah er mir direkt in die Augen. Sie fesselten mich total. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden und dann tat er das, was ich nie zu träumen gewagt hatte: sein Gesicht näherte sich dem Meinen und damit auch seine Lippen. Ich spürte seinen süßen Atem auf meiner Haut. Nebenbei wanderten seine weichen Hände über meine Arme auf die Schultern, schlängelten sich meinen Hals hinauf und streichelten mich im Nacken. Dann trafen seine Lippen auf meine und ein wahnsinniges Kribbeln durchfuhr mich. Erst sanft und vorsichtig, dann immer stürmischer küsste er mich, bis wir uns nach einer halben Ewigkeit wieder trennten.
Völlig perplex muss ich ihn angesehen haben, doch er lächelte nur.
„Was… was war das denn?“, stammelte ich und sah ihn immer noch total entgeistert an.
„Ein Kuss.“, grinste er verschmitzt.
Ich war schon drauf und dran ihm dafür eine zu scheuern, denn verarschen konnte ich mich selbst.
„Haha. Als wenn ich das nicht selbst wüsste.“, schleuderte ich ihm verständnislos entgegen.
Wäre er nüchtern, hätte er das sicher nicht getan, da war ich mir so was von sicher!
Auf einmal bekam er ganz traurige Augen.
„Ich dachte du magst mich?“, fragte er kleinlaut und sah dabei schon wieder so süß aus, dass ich mir selbst schon wieder den Riegel vor schieben musste.
„Ich mag dich auch, sehr sogar, aber das ist ja gerade das Problem. Du bist nicht schwul und morgen wirst du das hier schon wieder bereuen.“ Mit einem schweren Seufzer ließ ich mich wieder zurück an die Sofalehne fallen.
Man war das verzwickt. Auf der einen Seite würde ich jetzt zu gern seine Nähe genießen, aber auf der anderen Seite gäbe das spätestens, wenn wir wieder nüchtern wären, den schlimmsten moralischen Kater, den es geben konnte.
„Warum sollte ich das morgen bereuen? Und woher willst du wissen, dass ich dich nicht genauso mag wie du mich?“ Er blickte mich schon wieder mit seinen sagenhaft grünen Augen an.
„Ganz einfach, du stehst nicht auf Typen. Darum kann ich mir da ziemlich sicher sein.“, gab ich zur Antwort.
Wusste der Junge eigentlich, wie wuschig er mich mit diesem Blick machte?
„Ganz sicher?“ Man, musste er es denn unbedingt darauf anlegen? Wollte er mich testen?
„Ja!“, antwortete ich schnippisch. „Spiel nicht mit mir!“, setzte ich noch etwas nachdrücklicher hinzu.
„Patti, wie lange kennen wir uns jetzt schon? Hm?“ Er überlegte kurz. „Ziemlich genau 15 Jahre müsste es her sein, das du mich auf dem Rodelberg vom Schlitten geschubbst hast.“, er lachte kurz auf. „Seit dem sind wir unzertrennlich oder? Bis auf dein blödes Studium in Mainhattan.“
„Ich weiß. Und wir haben uns immer alles erzählt. Daher bin ich mir ja auch sicher, dass du mich nur testen willst.“
Traurig blickte er zu Boden. „Vielleicht hast du mir immer alles erzählt.“ Wieder Pause.
Was hatte er da gerade gesagt? Er hätte mir NICHT immer alles erzählt?
„Ich hab dir was verschwiegen, weil ich dachte, du würdest mir nicht glauben, oder dich verarscht fühlen.“ Er sank noch ein wenig mehr in sich zusammen, als es das in den letzten Minuten schon geschehen war.
Außerdem verstand ich gar nichts mehr. Ich würde ihn niemals für irgendetwas auslachen oder ihn nicht ernst nehmen. Schließlich waren wir die allerbesten Freunde.
„Nun spuks schon aus.“
In dem Moment, als er dem Mund aufmachte um mir zu antworten, durchzuckte mich die Erkenntnis.
Da sprach er es auch schon aus.
„Patti, ich liebe dich.“
Unfähig irgendetwas zu sagen, umarmte ich ihn nur. Auf diesen Satz von ihm hatte ich so lange gewartet, hatte so lange davon geträumt, diese vier Worte aus seinem Mund zu hören und hatte die Hoffnung schon so lange aufgegeben.
„Ich dich doch auch“, flüsterte ich in sein Ohr.
Morgen werden wir wie immer am Tag vor Heilig Abend im Wald spazieren gehen und in diesem Jahr werde ich endlich seine Hand halten dürfen. Genauso, wie ich es heute Morgen noch erträumt hatte.

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