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Information Irland
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:53 AM - No Replies

Ärgerlich saß ich am Tisch meiner Eltern. Im Sommer hatten sie mich dazu überredet an einem Sprachenprogramm teilzunehmen. Ich war dann auch begeistert von der Idee, aber nun, nach einer längeren Krankheit, hatte ich es verpasst, mir eine Wunschgegend auszusuchen.
So bekam ich eine zugeteilt. Ich ließ grummelnd den Brief fallen, warum ausgerechnet Irland.
„Kevin, nun zieh doch nicht so ein Gesicht“, meinte meine Mutter.
„Ach ich weiß nicht, die anderen sind alle in England, bin der einzige der nach Irland muss“, sagte ich.
„Jetzt tu nicht so zickig“, kam es von meinem Dad, „in Irland rennen bestimmt auch schöne Jungen herum.
Meine Mum fing an zu lachen, stand auf und verschwand in die Küche. Ich verdrehte meine Augen und verschränkte meine Arme dabei vor meiner Brust. Mein Dad schaute mich amüsiert an.
„Es hilft nichts Kevin, da musst du nun durch. Setzt dich doch an den PC und schau nach, wo du genau hinkommst, da ist eine Homepageadresse dabei.“
„Aber nicht zu lange, in einer Stunde gibt es Abendessen“, rief meine Mutter aus der Küche.
So nahm ich mir die Unterlagen und ging hinauf in mein Zimmer. Der PC war schnell hochgefahren und ich kämpfte mich durch den Surfdschungel. Wieso hatte ich mich breitschlagen lassen, ein Jahr eine Sprachschule zu besuchen.
Flug, Daten über den Aufenthalt, alles war in den Unterlagen enthalten. Auch die meiner Gastfamilie.
Man konnte entweder in eine Pension gehen oder in eine Gastfamilie, ich hatte mich damals bei der Anmeldung für eine Gastfamilie entschieden. Siehe da, die McGills hatten sogar eine eigene Homepage.
Ich blättere drin herum bis ein Familienfoto auftauchte. Aha, zwei Söhne und eine Tochter, zwei davon in meinem Alter. Wenigstens etwas, dachte ich mir noch, bevor ich die Seite wieder schloss. Noch zwei Wochen hatte ich Zeit, dann ging es mit dem Flieger nach Belfast.
Da in der Berufsschule auch nichts mehr los war, die Noten standen schon fest, zogen sich diese zwei Wochen unendlich in die Länge. Mein Gepäck glich eher einer Weltreise, aber ich blieb ja schließlich fast ein Jahr in Irland.

* * *

Nun saß ich hier zum letzten Mal im Kreis meiner Freunde, bei einem Bierchen. Ich war gerade vom Friseur nach Hause gekommen, da ging das Telefon und ich wurde ohne eine Chance abzusagen, zu diesem Abend verdonnert.
„Ich dachte, du warst bei einem Friseur?“, meinte Meli grinsend.
„Wieso?“, fragte ich und fuhr mit den Fingern durch meine dichten Locken.
„Du hast noch denselben Wischmopp auf dem Kopf, wie am Sonntag.“
„Bist ja nur neidisch, weil du nicht solch eine Haarpracht hast, wie ich“, sagte ich und ließ es ein paar Mal nach links und rechts fallen, so wie man das von der Werbung her kannte.
Ich gefiel mir so wie ich war, na ja nicht gerade die Farbe, aber das rot der Haare stammte von meiner Mutter. Und die Muskeln, die ich mir immer wünschte hatte ich nicht. Ich war aber auch nicht abgemagert. Jeder hier akzeptierte mich als der, der ich war.
„Meldest du dich wenigstens mal?“, meinte Heiner.
„Bestimmt, weiß eh nicht, ob ich das Jahr durchhalte“, antwortete ich.
„Och, du findest bestimmt einen süßen Typen und bleibst für immer dort“, kam es von Lisa mit einem Schmunzeln.
„Also, die Söhne von meiner Gastgeberfamilie werden es bestimmt nicht, denn ich steh nicht auf rote Haare“, sagte ich, worauf alle anfingen zulachen, als sich Peter gespielt empört durch seine roten Haare fuhr.
„Ach Peterbabe, bei dir ist das was anderes, dich lieb ich heiß und innig“, meinte ich provokant.
Peter lehnte sich zärtlich an meine Schulter.
„Schatz, dass will ich dir auch geraten haben“, säuselte er mir in Ohr, was zu einer neuen Lachattacke führte.
Meine Clique werde ich wohl am meisten vermissen, dachte ich verfiel in eine leichte Depri.
„Was ist Kevin?“, fragte Michaela.
„Ihr werdet mir fehlen irgendwie, wer weiß, ob ich da drüber nicht zum Stubenhocker werde.“
„Du und Stubenhocker?“
Bernd lachte laut auf.
„Am ersten Abend werden dir die Mädchen zu Füßen liegen“, meinte er.
„Jo, und am Zweiten haben wir eine Nachrichtenmeldung, das in einer kleinen Stadt in Irland, das Massensterben der weiblichen Jugendlichen begonnen hat, weil rausgekommen ist, das unser Schnuckel hier schwul ist“, kam es von Peter.
„Wirst du dich in Irland auch outen?“, fragte Thorsten.
„Da fragst mich jetzt was, darüber habe ich mir wirklich noch keine Gedanken gemacht“, antwortete ich.
„Wie alt muss man denn sein in Irland, dass man was anstellen darf?“, fragte Thorsten grinsend.
„Mindestens siebzehn, also nichts für dich“, konterte ich.
Thorsten zog einen Schmollmund und alle fingen wieder an zu lachen. Der Abschied danach war irgendwie nicht so lustig, Die Mädchen hatten Tränen in den Augen und nach einer Weile wir Jungen auch. Aber es half nichts.

* * *

Die Nacht konnte ich überhaupt nicht schlafen. Zu viele Gedanken huschten in meinem Kopf umher. Total gerädert stand ich dann in der Früh auf. Ich zog noch schnell mein Bett ab und verfrachtete meine Bettwäsche in den Wäschesack.
Fertig im Bad und angezogen stand ich nun in meinem Zimmer. Jetzt sah es irgendwie unbewohnt aus. Meine ganz persönlichen Sachen waren in den Koffern, der PC mit einer Haube überzogen, die Pflanzen herausgeräumt.
Tja, ab heute würde ich ein ganz anderes Leben führen. Ohne viele Worte, fuhren meine Eltern mich zum Flughafen. Gedankenverloren zog draußen die Landschaft an mir vorbei. In Händen hielt ich ein kleines Präsent, dass ich von meiner Clique geschenkt bekommen hatte.
Ich hatte es immer noch nicht ausgepackt und so riss ich langsam das Geschenkpapier auseinander. Mit glasigen Augen hielt ich einen Bilderrahmen in Händen. Von Jedem klebte ein Bild darauf, ein kleiner persönlicher Spruch darunter.
Als Erinnerung… damit du uns nicht vermisst….. Jetzt war doch der Augenblick gekommen, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Langsam flossen mir die Tränen über die Wangen. Es war ja nur ein Abschied für ein Jahr, versuchte ich mir einzureden.
Aber was konnte in diesem Jahr alles passieren. Ich nahm mir vor, mit ihnen in Mailkontakt zubleiben, oder zumindest per Brief, falls ich keine Gelegenheit für einen PC fand. Die Mailadressen hatte ich mir vorsichtshalber herausgeschrieben
Ich griff nach meiner Brusttasche, wo ein kleines Büchlein ruhte. Ich hatte es von meinen Eltern bekommen, es nannte sich Moleskine. Mein Dad erzählte mir, dass dieses Notizbuch früher von berühmten Leuten verwendet wurde, wie Hemingway oder Van Gogh, und nun reihte ich mich ein, in die Besitzerliste, dieses berühmten Notizbuches.
Am Ende des Umschlags, war eine kleine Papiertasche angebracht, wo ich unter anderem die Adressen meiner Clique untergebracht hatte. Ich sah jeden auf dem Bild noch einmal an, mit einem leichten Lächeln, bevor ich es in meinem Rucksack verschwinden ließ.
Im Flughafen dauerte es ein wenig, bis mein Gepäck komplett aufgegeben war und es dauerte auch noch fast eine Stunde, bis mein Flug aufgerufen wurde. Nun hieß es auch Abschied nehmen, von meinen Eltern.
Sie drückten mich noch mal kräftig an sich, gaben mir auch die berühmten, unnötigen Elterntipps und Belehrungen, bevor ich schließlich einchecken konnte. Ich hatte einen Fensterplatz verschafft und sah Richtung Empfangshalle, wo ich meine Eltern vermutete.
Ich schnallte mich an, ließ die Sicherheitsbelehrungen über mich ergehen. Kurz nach dem die Maschine abgehoben hatte, kam eine Saftschubse des Weges und ich bestellte mir einen Tee. Ja, einen Tee, irgendwann muss ich mich ja daran gewöhnen, was das englische Nationalgetränk betraf.
Und da ich im englischen Teil von Irland war, würde es dort mittags um vier, bestimmt auch eine Teepause geben. Es war ja nur ein Kurzflug, aber dennoch schlief ich ein und schrak auf, als das Zeichen zum Anschnallen kam.
Ich schaute aus dem Fenster und konnte einen Teil von Belfast sehen. Langsam setzte der Vogel zur Landung an, und durch einen kräftigen Ruck, wusste ich, dass wir wieder Boden unter den Füßen hatten, jedoch diesmal Irischen.
Langsam machte ich mich mit meinem Handgepäck Richtung Ausstieg auf. Der Flug war voll ausgebucht, denn es dauerte eine Weile, bis ich endlich die Gangway betrat. Nach dem Auschecken suchte ich mein anderes Gepäck.
Da fiel mir ein rothaariger Junge mit einem Schild auf. >Kevin Neuman< stand darauf. Das musste der Sohn von McGills sein. Ich lief auf ihn zu.
„Hi Kevin, ging ja schneller als ich dachte, dich zu finden“, meinte er und ließ das Schild sinken, „bin übrigens Kyle.
„Ja, weiß ich, habe ich auf eurer Homepage gelesen“, sagte ich.
„Ja, einer von Dads große Leidenschaften… das Internet. Kann ich dir etwas abnehmen?“
„Nein geht schon, aber du kannst mir zeigen, wo ich mein restliches Gepäck finden kann.“
Kyle sah süß aus. Sein Gesicht war mit Sommersprossen überseht und sein wirres rotes Haar hing ihm frech in die Augen. Sonst war er normal gebaut wie ich.
„Kein Problem, meine Eltern erwarten uns schon dort.“
„Deine Geschwister auch?“
„Nein, Erin und Nick sind zu Hause geblieben, weil es sonst im Auto zu eng geworden wäre. Und übrigens Erin ist schon vergeben“, sagte er mit einem frechen Grinsen.
Na super, jetzt habe ich doch gleich den Eindruck von einem Schwerenöter hinterlassen, dabei hab ich nur fragen wolle. Ich folgte ihm durch den halben Flughafen, ohne ein weiteres Wort mit ihm zu wechseln.
Das Gepäck kam in Sicht und somit auch ein Ehepaar, das ich schon von der Homepage kannte. Ich streckte freundlich meine Hand entgegen und begrüßte Mr. und Mrs. McGill. Sie erkundigten sich nach meinem Flug und ich versicherte ihnen, das es keinerlei Probleme gab.
Eher jetzt, wo Mr. McGill mein ganzes Gepäck auf den Rollwagen sah.
„Es ist kein Problem für mich ich kann auch irgendwas noch auf meinen Schoss nach vorne nehmen“, meinte ich.
Mrs. McGill lachte und steckte ihren Mann damit an.
„Keine Sorge Kevin, mein Mann wundert sich nur immer, wie es Jungen ebenso zu soviel Gepäck bringen, wie es Mädchen auch tun.“
Ich grinste verlegen. Kyle stand gelangweilt neben uns und tippelte mit dem Fuß, seine Eltern dagegen nahmen anscheinend keine Notiz davon. Wir verließen den Flughafen und steuerten einen großen Parkplatz an.
Mein Gepäck wurde in einen Landrover verladen, also auch genügend Platz. Ich saß hinten bei Kyle, der aber immer noch nichts mit mir redete, was mir aber auch egal war, den ich hatte hier genug zu sehen.
Zudem fuhr Mr. McGill auf der linken Spur, etwas, woran ich mich auch gewöhnen musste. Als wir an einem großen See vorbei kamen, ging die Autobahn auf eine normale Landstraße über. Die bergige Landschaft gefiel mir, wo ich doch von zu Hause nur Flachland gewohnt war.
Nach ungefähr einer Stunde kamen die ersten Hinweisschilder auf Londonderry ins Blickfeld, die Stadt, wo ich in nächster Zeit wohnen würde. Kyle lag am Fenster angelehnt und war eingeschlafen. Wieder schweiften meine Blicke auf die Landschaft hinaus.
„Willst du die paar, freien Tage nützen, um dich hier ein wenig umzusehen, Kevin?“, fragte mich Mrs. McGill plötzlich.
„Das weiß ich noch nicht, ich lasse das einfach auf mich zukommen. Am Freitag soll ich mich sowieso in der Schule melden.“
„Zu was für Kursen hast du dich angemeldet?“
„Für genau drei Kurse, Deswegen bleibe ich hier auch bis Juli nächsten Jahres.“
Ich hatte mich schon gewundert, das du solange bei uns logierst, aber mir soll es recht sein“, meinte Mrs. McGill.
Sie wandte sich wieder Richtung Strasse.
„So nun kommt Derry in Sicht“, sagte Mr. McGill.
„Darf ich ihnen eine Frage stellen?“, kam es von mir.
„Natürlich, ständig“, meinte er.
„Warum nennen die einen diese Stadt Londonderry und andere sie nur Derry?“
„Londonderry, wird hier nur von den Protestanten bevorzugt, bei uns Katholiken bleibt es bei Derry.“
„Ich habe mir natürlich einwenig ihrer Geschichte angesehen und ich weiß auch über die Konflikte Bescheid, die bestehen, aber bei mir zu Hause leben katholische und evangelische Menschen friedlich beieinander.“
„Kevin, glaube mir, wir wären auch froh, es würde ein Ende nehmen, denn Blut wurde schon reichlich vergossen, aber schließlich dauert die Fehde nun schon über 800 Jahre an, und es gibt noch immer genug Randgruppen, die diesen Streit immer noch anschüren“, sagte Mrs. McGill.
„Manchmal frage ich mich, ob die überhaupt wissen, worum es früher ging, bei diesem Streit, oder ob sie nur auf Blutvergießen aus sind?“, kam es Mr. McGill.
„Da wir auf der anderen Seite von Derry wohnen, hast du jetzt die Möglichkeit ein wenig von der Altstadt zu sehen“, sagte Mrs. McGill, um das Thema zu wechseln.
Wir fuhren durch ein großes Stadttor, die Stadt besaß anscheinend noch eine intakte Stadtmauer. Kyle regte sich neben mir und wachte auf.
„Sind wir endlich da? Ich verpasse mein Training noch“, meckerte er ein wenig.
„Ich habe dir schon heute Morgen gesagt, dann lässt du es eben ausfallen, wenn die Zeit nicht mehr reicht“, sagte Mrs. McGill verärgert zu ihrem Sohn.
„Was für ein Sport?“, fragte ich um die Stimmung ein wenig aufzulockern.
„Football, sein ein und alles“, mischte sich Mr. McGill ein, bevor Kyle antworten konnte.
Kyle versuchte noch während der ganzen Fahrt einen Streit vom Zaun zu brechen, aber seine Eltern, reagierten nicht so drauf, wie er sich das wünschte. Sein Dad meinte abschließend nur, er solle endlich bessere Noten nach Hause bringen.
Wir hatten den Stadtrand erreicht und hielten vor einem Cottage. Ich stieg aus dem Wagen und reckte mich erst ein wenig.
„Schön haben sie es hier“, meinte ich zu Mrs. McGill.
Mrs. McGill lächelte. Zuerst wurde mir mein Zimmer gezeigt, damit ich mich frisch machen konnte. Ich stand in der Mitte des Raumes und sah mich um. Hier würde ich also ein ganzes Jahr wohnen.
Zwanzig Quadratmeter, die ich mein Eigen nennen durfte. Ein kleines Bad für mich alleine hatte ich auch im Zimmer. Ich machte mich daran, mein Gepäck auszupacken und alles zu verstauen. Das Foto, das meine Clique zeigte, welches ich zum Abschied bekommen hatte, stellte ich auf den Schreibtisch.
Danach stellte ich mich erst mal unter die Dusche, irgendwie fühlte ich mich nicht so, nach dem Flug. Frisch angezogen ging ich durch den schmalen Flur zum Rest des Hauses. Ich wusste nicht genau, wo sich die Familie befand, so schaute ich eben in jede offene Tür.
Beeindruckt blieb ich vor einem Raum stehen, der wohl eine Art Bibliothek war. Die Regale mit Büchern gingen bis unter die Decke.
„Ein Hobby meines Mannes und Nick unserem Ältesten.“
Mrs. McGill stand neben mir. Ich sah sie fragend an.
„Die Beiden beschäftigen sich mit der Vergangenheit der Iren, besonders mit den Kelten“, sprach sie weiter.
„Ich habe etwas über die Kelten gelesen, aber ein Hobby daraus zu machen?“, sagte ich.
„Ja, manchmal denke ich auch, sie übertreiben es.“
Mrs. McGill schob mich in den Raum und ich konnte mir die Bücher genauer anschauen.
„Das wäre auch eine gute Übung für dich, einfach Bücher auf Englisch zu lesen, damit sich die Worte besser einprägen.“
„Wenn ich mir welche borgen darf, gerne“, sagte ich.
„Das kannst du sicher. Wenn Nick nachher nach Hause kommt, kannst du ihn ja fragen.“
„Wo kann man denn hier ein wenig laufen, ich würde mir gerne noch die Beine vertreten. Der lange Flug und auch die Autofahrt, ich hab nur gesessen.“
„Hinter dem Haus fängt ein kleiner Weg an, der mündet in den Wald und läuft geradeaus zum Gebirge“, antwortete Mrs. McGill.
„Gut, dann werde ich mich mal auf den Weg machen. Wann gibt es Abendessen?“
„In zwei Stunden, sei aber bitte pünktlich, mein Mann mag es nicht, wenn unpünktlich gegessen wird.“
„Geht in Ordnung. Soweit möchte ich dann auch nicht laufen.“
Mrs. McGill lachte mich an.
„Ich habe festgestellt, du sprichst fast fließend englisch, wie kommt das?“, fragte sie mich.
„Meine Mum stammt ursprünglich aus England, ist aber schon vor meiner Geburt nach Deutschland gekommen.“
„Und du willst trotzdem diese Kurse besuchen?“
„Ja, reden kann ich ja, aber mit dem schreiben funktioniert es nicht so richtig.“
Wieder lachte Mrs. McGill, sie schien eine Frohnatur zu sein.
„Gut, dann lauf mal los, wir sehen uns dann beim Essen.“
Ich nickte ihr zu und verließ dann das Haus. Wie sie mir erzählte, fing hinter dem Haus ein Feldweg an. Ich atmete tief durch und genoss die frische Luft. Mir wurde bewusst, dass ich ja viel weiter im Norden war und hier der Winter eher einkehren würde.
Das Laub auf den Bäumen hatte schon sein volles Herbstrot, was bei uns erst begann. Ich zog den Kragen meiner Jacke zurecht und lief los. Ich schaute über die Wiesen Richtung der Berge. Mir gefiel die Gegend.
Es war ruhig, der nahe Stadtlärm verstummte langsam und so war ich alleine mit meinen Gedanken, mit mir selbst. Das tat gut, denn die letzten Tage waren schon stressig auch traurig, aber jetzt fühlte ich mich das erste Mal richtig wohl.
Irgendwoher hörte ich spielende Kinder, konnte sie aber nicht ausfindig machen. Der Weg machte eine Biegung und mündete nun in den Wald. Eng standen die Bäume nicht, trotzdem konnte man nicht weit hinein sehen.
Mir fiel am Wegrand etwas Funkelndes auf. Ich ging darauf zu und bückte mich danach. Es war ein zerbrochener Stein, dessen inneres so etwas wie ein Kristall verbarg.
„Das sind Bergkristalle, die findest du hier oft!“
Ich fuhr erschrocken herum, hinter mir stand ein Junge in meinem Alter.
„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Ich lebe noch“, meinte ich und lächelte.
„Ich kenne dich nicht, bis du neu hier?“, fragte er mich.
„Ja, bin heute erst angekommen. Ich wohne bei den McGills“, antwortete ich.
„Du bist Kevin?“
Etwas erstaunt war ich doch jetzt.
„Woher weißt du meinen Namen?“
„Ganz einfach, ich bin ein sehr guter Freund von Nick, der hat mir erzählt, dass du heute ankommst… ich bin Finley“, sagte er und reichte mir die Hand.
„Tja, Kevin, dass weißt du ja schon.“
Er lächelte und mir rutschte mein Herz in die Hose. Verlegen schaute ich auf den Stein, den ich eben gefunden hatte.
„Wollen wir noch ein Stück laufen, oder musst du schon zurück?“, fragte Finley mich.
„Nein, ich will noch ein Stück laufen, bin ja eben erst losgelaufen.“
„Gut, dann kann ich dir auch ein bisschen was zeigen.“
Also lief ich neben Finley her, der wie ein Wasserfall von sich, seiner Familie und der Freundschaft zu Nick erzählte. Mir war das nicht unrecht, ich wusste sowieso im Augenblick nicht, was ich sagen sollte.
Der Wald lichtete sich und der Weg stieg langsam an. wir kamen auf eine Art Plateau, wo man weit in die Ferne schauen konnte.
„Das ist schön“, meinte ich und ließ meinen Blick schweifen.
„Finde ich auch, ist mein Lieblingsplatz. Hierher ziehe ich mich immer zurück, wenn ich alleine sein will“, sagte Finley.
„Du bist eben von hier gekommen?“
Bedrückt schaute Finley zu Boden. Das war jetzt unangenehm, ich wusste nicht wie ich reagieren sollte. Schweigen oder weiter reden? Ich entschied mich für das Reden.
„Ist irgendwas? Ich meine, umsonst wirst du ja nicht hierher gegangen sein.“
„Stimmt schon, aber ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll.“
„Mein Englisch ist soweit gut, verstehen tu ich schon alles“, sagte ich, um es einfach lockerer klingen zu lassen.
Ein Lächeln huschte über Finleys Lippen.
„Das mit dem sehr guten Freund von Nick… kann sein, dass dies nicht mehr stimmt.“
Verwirrt schaute ich ihn an.
„Wieso das denn?“
„Ich habe ihm etwas über mich erzählt und er hat sehr negativ reagiert.“
Ich schwieg einen Moment, denn es war noch nicht allzu lange her, als ich dasselbe erlebte. Vor einem halben Jahr, hatte ich das Versteckspielen satt und outete mich vor meiner Clique. Zuerst sah es so aus, als würde alles schief laufen, aber durch lange Gespräche mit meinen Freunden wurde alles aus der Welt geschafft.
„Ich weiß nicht, was du ihm gesagt hast, aber ich kenne das! Ich habe selbst vor einem halben Jahr, dass Gleiche bei meiner Clique durchgemacht.“
„Und wie ist das ausgegangen?“, fragte Finley leise.
„Gut, es hat ein wenig gedauert, aber ging am Ende alles gut aus und ich bereue nicht ihnen das gesagt zu haben.“
„Och Nick ist so ein Sturkopf, ich konnte nicht mit ihm reden, er lief einfach davon.“
„Und wie lange kennst du Nick schon.“
„Seit dem Kinderhort, wir sind praktisch zusammen aufgewachsen.“
„Dir scheint Nick sehr viel zu bedeuten?“
„Ja tut er, er ist oder war… mein bester Freund.“
„Jetzt male mal nicht gleich schwarz, das wird sich schon einrenken.“
„Ich bin mir da nicht so sicher…“
„Darf ich fragen, was du ihm gesagt hast?“
Finley hob den Kopf und sah mich mit seinen feuchten Augen direkt an.
„Wenn ich dir das erzähle, reagierst du genauso und läufst weg.“
„Überlässt du bitte mir die Entscheidung, wie ich darauf reagiere! Ich bin nicht Nick, gut ich kenne ihn ja nicht mal.“
Finley scharrte mit dem Fuß durch den weichen Boden. Er schaute in die Ferne und ich merkte wie sehr er mit sich kämpfte.
„Ich bin schwul…“, sagte er leise.
Irgendwie brannte nun bei mir die Sicherung durch und ich fing laut an zu lachen. Entsetzt und verwirrt schaute mich Finley an und rannte los. Oh Scheiße, was hatte ich da nur angerichtet. Ich setzte ihm nach und konnte ihn vor der Wegbiegung wieder einholen.
Ich griff nach seinem Arm und stoppte ihn.
„Was willst du noch von mir, renn doch zu Nick und erzähl ihm das doch alles“, schrie mich Finley an.
Er holte aus und wenige Sekunden später, spürte ich einen stechenden Schmerz an meiner Wange.
„Man, Finley! Was soll die Scheiße?“, rief ich, „sorry, wenn ich gelacht habe, aber ich bin selber schwul.“
Finley blieb abrupt stehen und drehte sich um. Betroffen mit verweinten Augen schaute er mich an und stürze rücklings zu Boden.
„Und warum hast du mich dann ausgelacht?“
„Ich weiß auch nicht…, ich habe dasselbe wie gesagt vor einem halben Jahr durch gemacht. Ich fuhr hierher, mit der Angst was mache ich, wenn jemand heraus bekommt, dass ich schwul bin. Und nun lerne ich dich kennen und sagst mir gleich zu Anfang, du bist auch schwul.“
Finley erhob sich und trat wieder zu mir, reichte mir die Hand und half mir auf.
„Entschuldigung, ich wollte dich nicht schlagen, aber das tat eben so weh.“
„Ist meine eigene Schuld, ich hätte vielleicht anderst reagieren sollen“, sagte ich lächelnd.
Finley strich mir über die Wange, die furchtbar brannte.
„Wie kann ich das wieder gut machen?“, fragte er leise.
Ich schaute ihm in seine grünen Augen.
„Könnte wir uns ein wenig anfreunden…, ich meine, ich werde nun ein ganzes Jahr hier leben und könnte schon Freunde brauchen“, antwortete ich.
Ein Lächeln überzog sein Gesicht und er nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich. Ich musste ebenso lächeln, weil ich an den Satz dachte, den Peter losgelassen hatte, ich solle mir keinen Engländer angeln.
Tat ich ja auch nicht, er war ja Ire.
„Du musst los“, kam es plötzlich von Finley.
Fragend schaute ich ihn an.
„Wenn du pünktlich zum Essen sein willst, musst du jetzt loslaufen. Bob, Nicks Vater, fängt gerne pünktlich an.“
Ich schaute auf meine Uhr. War die Zeit so schnell vergangen.
„Ich lauf mit dir noch bis fast zum Haus, aber dann geh ich eine andere Richtung weiter.“
„Sehen wir uns wieder?“, fragte ich.
„Gerne.“
„Hast du ein Handy?“
„Ja, wieso?“
„Ich habe ein Jahresvertrag hier und habe noch keine Nummer eingespeichert, nur die von den McGills.“
Er lächelte wieder und sagte mir seine Nummer, die ich gleich abspeicherte. Auf dem Rückweg erzählte ich ihm von meiner Clique, wer da alles dabei war. Kurz vor dem Haus verabschiedete wir uns mit dem Versprechen uns am nächsten Tag wieder zusehen.
Ich umrundete das Haus, wo mir im Flur Mrs. McGill entgegen kam.
„Und hat dir der Sparziergang gefallen?“
„Ja, ich habe sogar jemanden kennen gelernt. Finley!“
„Was Finley? Ja, ein sehr netter Junge, ist Nicks bester Freund. Er schläft öfter mal hier.“
„Ach ja. Ich geh mir mal dann die Hände waschen, gibt ja gleich essen“, sagte ich.
„Ja, und ich werde den Tisch weiter decken.“
Ich lief den langen Flur entlang in den Anbau des Gebäudes, wo sich mein Zimmer befand. Ich warf meine Jacke über den Stuhl und ging zum Waschbecken m mir meine Hände zu waschen. Verschämt schaute ich mich im Spiegel an, wo ich meine rote Wange sah.
Was wird wohl Mrs. McGill gedacht haben? Als ich meine Hände abgetrocknet hatte, klopfte es an der Tür. Ich rief Come in und sie öffnete sich.
„Hallo, ich bin Nick, wie haben uns noch nicht gesehen.“
Ich musste schlucken, ein Traum von Mann stand vor mir, nur die roten Haare störten mich.
„Kevin“, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen.
Er plauderte ein paar belanglose Worte und ich nickte nur bejahend.
„Ich habe vorhin übrigens Finley kennen gelernt, einen netten Freund hast du da“, sagte ich.
Nicks Gesicht verfinsterte sich.
„Finley ist nicht mein Freund, mit dem will ich nichts mehr zu tun haben“, zischte er ärgerlich.
Wieder schien eine Sicherung bei mir durchzubrennen, so kannte ich mich nicht, denn ich wurde sehr laut.
„Nur weil er schwul ist? Ich bin es auch und wenn du damit Schwierigkeiten hast oder deine Familie, dann pack ich gleich meine Koffer und suche mir eine andere Bleibe, denn hier will ich nicht bleiben.“
Nick schaute mich entsetzt an, ich hatte ihn volle Kanne angeschrieen, was wohl auch im Rest des Hauses zu hören war, denn seine Mutter und sein Vater kamen herein gestürzt.
„Was ist denn hier los?“, fragte Mrs. McGill.
Ich drehte mich weg und zog meinen Koffer unter dem Bett hervor.
„Ihr Sohn hat etwas gegen mich, dann möchte ich lieber nicht hier bleiben.“
„Mal ganz langsam Kevin“, sagte Mr. McGill, „Nick was ist los?“
Nick stand immer noch steif da und sagte kein Wort.
„Ihr Sohn hat was gegen Schwule und ich bin schwul“, meinte ich ärgerlich und ging zum Schrank, fest entschlossen den Koffer zu packen.
Mrs. McGill kam auf mich zu und nahm meine Hände in die Ihrigen.
„Kevin, ich habe nichts dagegen, dass du schwul bist, aber handelst du nicht ein wenig vorschnell?“, fragte sie.
„Vorschnell? Dann fragen sie doch Nick, was mit Finley ist.“
„Finley? “, fragte Mr. McGill.
Ich war jetzt stink wütend, hatte keine Lust mehr irgendwas zu sagen.
Nick schaute sich kurz um und rannte aus dem Zimmer, es war nur noch das Knallen der Wohnungstür zu hören. Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Mr. und Mrs. McGill schauten mich an. Er stellte sich an das Ende meines Bettes.
„Kannst du mir sagen, was mit Nick los ist?“, fragte er.
„Es tut mir leid, wenn ich eben so ausgerastet bin, aber was Nick mit Finley abgezogen hat, ging mir gegen den Strich“, sagte ich.
Mrs. McGill setzte sich neben mich aufs Bett.
„Hängt es damit zusammen, dass Finley auch schwul ist?“, fragte sie leise.
„Sie wissen das?“
„Ja, schon eine ganze Weile, seine Mutter hat es mir erzählt. Bob schließt du bitte die Tür, wir werden wohl doch heute mit Verspätung mit dem Essen beginnen, aber ich will erst mit Kevin reden.“
„Gut, ich lass euch beiden solange alleine und schau mal nach Nick.“
Sie nickte und ihr Mann verließ das Zimmer.
„Ich will ehrlich sein zu dir Kevin, du bist nicht rein zufällig hier.“
Ich schaute sie fragend an, weil ich nicht verstand was sie meinte.
„Deine Mutter und ich sind Freundinnen und wir haben immer noch regen Briefverkehr, auch wenn sie jetzt in Deutschland lebt.
„Sie kennen meine Mum?“
„Ja, wir sind zusammen hier auf die Schule gegangen, wusstest du nicht, das sie hier aus der Gegend stammt?
„Nein, ich dachte aus England, aber ich habe mir darüber auch noch nie Gedanken gemacht.“
„Du hast es ihr zu verdanken, das du bei uns gelandet bist, sie hat sich sehr dafür eingesetzt.“
„Und ich dachte, ich hab den Platz zugewiesen bekommen, weil ich mich nicht darum gekümmert habe.“
„Nein, dafür hat deine Mutter gesorgt.“
„Darf ich fragen, was das mit Nick zu tun hat?“
Mrs. McGill atmete tief durch.
„Mein Mann und ich hegen schon lang den Gedanken, dass Nick vielleicht schwul sein könnte und als ich erfuhr das Finley schwul ist, dachten wir es würde ihm leichter fallen sich zu outen. Sie sind fast jeden Tag zusammen und …“, sie brach im Satz ab und schaute zu Boden.
„Sind sie sicher, dass er schwul ist?“, fragte ich.
„Nein.“
„Mrs. McGill…“
„Ich heiße Joyce, du kannst ruhig du zu mir sagen.“
„Joyce, darf ich sie… dich etwas fragen?“
Sie schaute auf.
„Ja, natürlich.“
„Ich weiß wie schwer das ist, sich vor seiner Familie zu outen, ich habe das alles selbst durchgemacht. Können sie sich vorstellen, was Nick durchmacht, wenn er wirklich schwul ist?“
„Nein nicht wirklich.“
„Jeden Tag steht man auf, denkt wie wird der Tag heute. Du beginnst mit deinem Versteckspiel am frühen Morgen und versuchst so natürlich zuwirken wie es nur geht. In der Schule benimmst du dich wie deine Freunde, redest über Dinge, die dir vielleicht zu wider sind.“
„Ich verstehe schon, das dies ein wahnsinniger Denkprozess ist, ich wollte Nick doch nur helfen.“
„Haben sie… äh du vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Gib ihm Zeit, jetzt nachdem was heute vorgefallen ist, wird es vielleicht schneller passieren, dass er sich outet, aber um ehrlich zu sein, ich glaube es nicht und Nick wird verschlossener werden.“
Joyce dachte angespannt nach.
„Lassen wir es ruhig angehen, du bleibst auf jeden Fall hier. Wäre ja noch schöner, dass der Sohn meiner Freundin, wo anders wohnt. Du siehst deiner Mutter übrigens sehr ähnlich“, meinte sie und strich mir durch die Haare.
„Ja, ich weiß, den roten Ton habe ich von ihr“, sagte ich.
„Dir gefallen rote Haare nicht?“, fragte Joyce.
„Nicht so sehr“, grinste ich.
„Und auf welche Farbe stehst du dann?“
„So in etwa wie die von Finley“, antwortete ich.
„Oh“, sagte Joyce und wir fingen an zu lachen.

* * *

Nachdem wir gegessen und ich auch noch Erin, die Tochter des Hauses, kennen gelernt hatte, war ich auf mein Zimmer gegangen um ein wenig Ruhe zu haben. Ich nahm mein Moleskine heraus und schrieb ein wenig meine Gedanken hinein.
Ich hörte vor meiner Tür Geräusche und schaute auf. Ich erhob mich von meinem Bett und öffnete die Tür, doch keiner stand davor. Nur auf dem Boden lag ein zusammen gefalteter Zettel. Ich hob ihn auf und öffnete ihn. >Sorry Kevin, das wollte ich nicht! Nick< war darauf zu lesen.
Ich hörte den Türgong und verzog mich wieder in mein Zimmer. Es dauerte nicht lange und es klopfte an meiner Tür.
„Kevin, du hast Besuch“, hörte ich Joyce rufen.
Nun war ich ein Tag hier und es schien schon so, als würde ich schon immer hier zuwohnen. Ich ging also wieder zu Tür und öffnete sie. Ich folgte Joyce, die bereits den halben Flur hinter sich hatte in die Küche.
Dort fand ich Finley vor, der mich mit einem Lächeln begrüßte.
„Hi, Kevin, so sieht man sich wieder“, hörte ich ihn sagen.
„Hallo Finley. Wir wollten uns doch morgen sehen“, sprach ich.
„Joyce hat mich angerufen und meinte Nick wäre verschwunden, nachdem du ihm etwas gesagt hast.“
„Gesagt? Er hat ihn angeschrien“, meinte Joyce und verließ die Küche wieder.
Ich wurde rot. Finley schaute mich an und grinste.
„Einen Tag hier und schon alles auf den Kopf gestellt“, sagte er nur.
„Ich weiß selber, dass ich einen prima Start hingelegt habe, aber ich konnte mich nicht zurück halten, ich sage eben immer, was ich denke.“
„Und was denkst du über mich?“, fragte mich Finley um mich zu necken.
Kann man noch roter werden?
„Erwischt! Also, was hast du dem guten Nick an den Kopf geworfen?“
„Ich hab ihm nur dasselbe gesagt wie du, dass ich schwul bin“, antwortete ich.
„Und?“
Na ja, ich gebe zu ich habe ihn angeschrien, weil ich sauer war, wie er dich abfertigte.“
„Wie hat Nick reagiert?“
„Er ist weggelaufen, ohne einen Ton zu sagen.“
„So wie bei mir also.“
„Ja. Aber ich denke, bei mir hat es ihn mehr getroffen, weil ich ihn vor seinen Eltern bloß stellte.“
„Was hast du?“
„Das kurze, heftige Gespräch fand in einer Lautstärke statt, die hier im Haus wohl nicht zu überhören war, so kamen beide auch in mein Zimmer.“
„Oha!“
„Ja, oha. Danach suchte er das Weite, aber er scheint wieder hier zu sein.“
„Wie das?“
„Ich habe eben den Zettel vor meiner Tür gefunden.“
Ich reichte Finley den Zettel.“
„Das sind ja ganz neue Töne von Nick“, meinte Finley, nachdem er es gelesen hatte.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich nervös.
„Zu ihm gehen was sonst“, antwortete Finley.
Er verließ die Küche und ich folgte ihm. Nach dem wir das obere Stockwerk erreicht hatten, blieb Finley vor einer der Türen stehen. Er klopfte, aber es kam keine Reaktion von Innen.
„Nick, ich kann auch wieder gehen, wenn es dir lieber ist“, rief Finley, blieb aber stehen.
Von drinnen war ein Knacken zu hören und die Tür öffnete sich einen Spalt. Finley öffnete sie und zog mich hinter sich her. Nick saß auf einem Sessel vor dem Fenster und starrte hinaus. Ich sah Finley hilflos an, der mich aber anwies, mich auf Nicks Bett zu setzen.
Er dagegen ging neben Nick auf die Knie.
„Es tut mir leid Nick, ich wollte dich mit nichts verletzen, ich wollte nur ehrlich sein zu dir“, begann Finley.
„Wie lange weißt du das schon?“, sagte Nick leise.
„Dass ich schwul bin?“
Nick nickte, drehte sich aber nicht um.
„Schon eine ganze Weile.“
„Und warum hast du es mir dann nicht früher gesagt?“
„Weil ich es mich nicht traute, um vielleicht einer solchen Situation, wie sie jetzt herrscht, aus dem Weg zu gehen“, antwortete Finley.
Nick schwieg, und Finley schaute zu mir herüber, ich zuckte mit den Schultern.
„Du denkst also auch ich bin schwul?“, kam es plötzlich von Nick.
„Ich denke gar nichts, aber wieso auch?“
„Meine Eltern, denken das!“
„Stimmt es?“
Nick drehte sich um und schaute Finley an. Ich war darauf gefasst, dass er jetzt gleich anfangen würde zu schreien, aber er blieb ruhig.
„Ich weiß es nicht“, kam es fast flüsternd von Nick, der sein Gesicht wieder zum Fenster drehte.
„Sind wir noch Freunde?“, fragte Finley ebenso leise.
Nick nickte kurz und ich hörte ihn schluchzen. Finley nahm ihn zärtlich in den Arm. Mir war unwohl und beschloss zu gehen.
„Nein Kevin, bleibe hier“, hörte ich Nick leise sagen.
Also ließ ich mich langsam aufs Bett zurück gleiten und schwieg weiterhin.
Finley ließ Nick los, der sich die Tränen aus den Augen wischte. Er stand auf und kam auf mich zu.
„Können wir noch mal von vorne beginnen?“, fragte Nick und streckte mir die Hand entgegen.
„Ich bin Kevin und für ein Jahr euer neuer Mitbewohner“, sagte ich und schüttelte ihm die Hand.
Nick lächelte.
„Danke!“
„Für was?“
„Dass du mir eine zweite Chance gibst!“
„Na ja, ich habe dir beim ersten Mal auch nicht wirklich eine Chance gegeben, oder?“
„Nicht wirklich“, sagte Nick.
Finley grinste mich an. Er kniete immer noch auf dem Boden und sah sogar süß dabei aus. Irgendwie war der Faden jetzt verloren, denn ich saß auf dem Bett, Nick stand vor mir und Finley immer noch kniend auf dem Boden.
„Vielleicht sollte ich nun wirklich gehen, ihr habt euch bestimmt noch einiges zu sagen“, meinte ich und erhob mich wieder.
„Willst du nicht hier bleiben?“, fragte mich Nick, als würde er vor etwas Angst haben.
„Wollt ihr beide das wirklich? Ich meine, ihr kennt mich gerade mal ein paar Stunden, du Nick eigentlich seit ein paar Minuten.“
„Schon“, sagte Nick, „aber du wirst jetzt ein Jahr hier wohnen und nachdem wir so … na ja intime Dinge ausgesprochen haben, solltest du hier bleiben.“
„Wirklich? Dein Bett ist äußerst bequem und ich will nicht laufend aufstehen müssen.“
Finley fing laut an zu lachen und erhob sich aus seiner unbequemen Stellung ließ sich auf den Sessel fallen.
„Du bist also der Sohn von Susan?“
Ich schaute Finley an.
„Du kennst meine Mutter?“
„Nicht direkt, aber sie scheint hier sehr bekannt zu sein, man erzählt noch viel von ihr“, antwortete Finley.
„Bin ich also hier bekannt, ohne es zu wissen?“
„So kann man es sagen“, meinte Nick.
„Auf was habe ich mich da nur eingelassen?“, fragte ich und ließ mich nach hinten fallen, was ich aber gleich wieder bereute, da ich mir mein Kopf an der Rückwand anschlug. Nick und Finley fingen an zu Lachen.
Viel später danach, lag ich in meinem Bett und dachte über diesen Tag nach. Er hätte anders laufen können, aber er tat es nicht. Mit einem Lächeln auf meinen Mund und der Ungewissheit, was noch folgte, schlief ich nach diesem ersten, doch sehr aufregenden Tag ein.

* * *

Durch lauten Krach im Haus wurde ich geweckt. Es schien sich wohl um eine morgendliche Diskussion zu handeln, wer wie lange das Bad benutzen durfte. Erin war wohl der Wortführer und das auch noch recht laut.
Ich sah auf meinen Wecker und vergrub mich wieder in mein Kissen. Wie konnte man so früh am Morgen, solchen Lärm machen? Der Lärm legte sich langsam und ich schlummerte wieder ein. Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten mich wach.
Gähnend richtete ich mich auf und schaute mich in dem ungewohnten Zimmer um. Ich entschloss mich erst mal zu duschen, damit ich vollends wach werden würde. Nach dem Duschen, stand ich unschlüssig vor dem Schrank, nicht wissend, was ich anziehen sollte.
Ich entschloss mich für etwas Bequemes und ging danach in die Küche.
„Schon wach?“
„Wach ist gut“, meinte ich zu Joyce, die in der Küche Essen vorbereitete, „Erins Ansicht, warum sie als erstes ins Bad muss, hat sie lautstark vertreten.“
„Daran wirst du dich gewöhnen, diese Diskussion findet jeden Morgen statt“, meinte Joyce und schob mir eine Tasse Kaffee herüber.
„Danke.“
„Milch, Zucker?“
„Nein danke, ich trinke ihn schwarz.“
Eine kurze Pause entstand, in der Joyce alles im Kühlschrank verräumte und mit dem Abwasch begann.
„Ihr hattet wohl ein erfolgreiches Gespräch in Nicks Zimmer?“
„Warum?“, fragte ich.
„Heute Morgen konnte Nick nicht mal Kyles allmorgendliche schlechte Laune aus der Ruhe bringen, so friedlich war er noch nie beim Frühstück“, antwortete sie.
„Abwarten, wie es sich entwickelt, mit nichts vorgreifen!“, sagte ich und nippte an dem viel zu heißen Kaffee.
„Okay Doktor Neumann, welche Gangart schlagen sie vor?“
Ich verschluckte mich fast am Kaffee vor Lachen, weil ich bemerkte, dass Joyce dies als Spaß auffasste.
„Lass Nick Zeit, dann wird sich alles von alleine regeln, glaub mir“, meinte ich und setzte mich an den Tisch.
Hunger hatte ich nicht wirklich, ich war keiner, der gerne morgens frühstückte. Aber der Geruch, von den leckeren Sachen, die sich überall auf dem Tisch befanden, ließ mich doch in Versuchung führen, etwas zu essen.
„Greif ruhig zu, wir essen erst heute Abend warm, wenn alle wieder zu Hause sind“, meinte Joyce und verräumte das gespülte Geschirr.
„Was machst du eigentlich, wenn die anderen nicht da sind?“, fragte ich.
„Den Haushalt schmeißen“, antwortete sie.
„Nein ich meine, in deiner Freizeit?“
„Ich weiß schon was du meinst, ich male!“
„Du malst?“
„Ja, ich male mit Vorliebe Landschaften.“
„Interessant. Darf ich deine Kunstwerke sehen?“, fragte ich und biss in ein undefinierbares Brötchen, das mehr Zucker intus hatte als ich vertrug.
„Die ich noch zu Hause habe gerne, ansonsten musst du in unseren Laden in der Stadt.“
„Ihr habt einen Laden?“
„Ja, wir verkaufen Antiquitäten, und neben her meine Landschaftsbilder.“
Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis mir Joyce vorschlug, ihren Mann doch gemeinsam zu besuchen, um auch etwas von der Stadt zu sehen. Ich ging also wieder in mein Zimmer um mich Ausgehtauglich anzuziehen.
Joyce lenkte ihren Wagen souverän durch den Stadtverkehr von Derry. Sie zeigte mir auch, wo meine Schule lag, in die ich dann in zwei Wochen täglich musste. An einer kleinen Ladenzeile hielt sie an und parkte.
„An den Linksverkehr werde ich mich wohl nie gewöhnen“, meinte ich, als wir ausstiegen.
Auf einem älteren hölzernen Schild prangte mir >McGills Antiquitäten< entgegen. Ich sah mir die Auslage im Schaufenster an, bevor ich Joyce in den Laden folgte. Sofort fielen mir die Bilder in einer Ecke des Ladens auf.
Bilder in herrlichen Farben, mit schönen Motiven. Unten in der Ecke jedes Bildes waren die Initialen von Joyce zu entdecken.
„Schatz, ich glaube du hast gerade einen neuen Fan gefunden“, hörte ich Mr. McGill hinter mir sagen.
„Guten Morgen, Mr. McGill“, sagte ich, während ich mich zu ihm umdrehte.
„Guten Morgen, Kevin. Nach dem du schon zu meiner Frau du sagst, kannst du es bei mir auch tun! Bob heiße ich.“
„Danke Bob!“
„Wie war deine erste Nacht?“
„Traumreich aber ruhig und erholend“, antwortete ich.
„Das hört sich gut an.“
Ich schaute mich ein wenig um, bestaunte die alten Möbel, die hier standen.
„Und der Laden läuft?“, fragte ich.
„Ja, er wirft genug ab, um davon zu leben“, antwortete Bob.
Mir hatte es eine kleine Figur aus Stein angetan. Gebannt schaute ich sie an, doch der Preis, riss mich wieder aus den Träumen.
„Das ist eine alte keltische Steinfigur“, hörte ich Bob sagen, „sie stammt aus der Zeit, als Patrick lebte.“
„Patrick?“
„Ja Patrick, er erschloss sozusagen Irland für das Christentum. Wenn du mehr Interesse daran hast, zu Hause haben wir jede Menge Bücher darüber.“
„Gerne. Gib es eigentlich alte Schriften aus dieser Zeit?“
„Die Kelten hatten keine Schrift, jedenfalls nicht in der Form, wie wir sie kennen.“
„Wie wurde dann etwas von den Kelten überliefert?“, fragte ich verwundert.
„Meist durch alte Schriften der Römer oder Griechen, die Kelten selbst besaßen nur die Oghamschrift, die aus sechzehn Zeichen bestand. Die wurde für kurze Nachrichten benutzt und meist in stehende Steine eingeritzt, die aber auch nur von den Druiden beherrscht wurde“, antwortete Bob.
„Also, sind alle Überlieferungen aus frührer Zeit, auf die Römer und Griechen zurückzuführen?“
„Ja, selbst bei Patrick ist man sich nicht ganz sicher, ob er nicht mit einer zweiten unbekannten Person, geschichtlich, verschmolzen wurde.“
„Hat er dich schon angesteckt?“, fragte Joyce.
Ich musste Lachen und stellte die Figur wieder zurück ins Regal, die ich die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.
„Muss zugeben, dass alles hört sich schon interessant an. Ich würde gern mehr erfahren, über die Druiden und was es zu der Zeit so gab“, antwortete ich.
„Dann lass ich euch beiden mal alleine und gehe einkaufen“, meinte Joyce.
Sie gab ihrem Mann einen Kuss, wuschelte mir durch die Haare und verließ den Laden. Bob bot mir einen Tee an und kümmerte sich dann um einen Kunden, der eben den Laden betrat. Auf Bobs alten Schreibtisch, lagen überall Schriften und Bücher verstreut.
Auf einem Cover konnte ich Druiden entziffern. Ich nahm es mir und setzte mich auf einen Stuhl. Und da kam wieder mein altes Problem, ich konnte zwar sehr gut Englisch reden, aber lesen und schreiben.
Langsam arbeitete ich mich durch die erste Seite, bevor ich merkte, dass es nur eine Widmung des Autors war. Ich blätterte ein paar Seiten weiter und begann erneut mich durch den Buchstabenurwald zu kämpfen.
„Was liest du da?“, fragte mich Bob, der kurz bei mir vorbei schaute.
„Irgendwas mit Druiden“, meinte ich und zeigte ihm das Cover.
„Stimmt, da steht drin, was man beherrschen musste, um Druide zu werden.“
„Könnte man Druiden eigentlich als Zauberer, der frühen Zeit bezeichnen?“
„Moment, ich beantworte dir deine Fragen gleich, ich muss den Kunden noch fertig bedienen.“
„Kauft er was?“
„Ja!“, sagte Bob, mit einem strahlenden Gesichtsausdruck.
Während Bob die Ware einpackte, vertiefte ich mich wieder in den Text. Das konnte ja heiter werden. Ein Jahr auf dieser Schule und ich hatte so Schwierigkeiten. Also weiter im Text, ich wollte ja was lernen.
Druiden wurden in Irland auch Drui genannt, so weit kam ich, denn Bob kam zurück und setzte sich zu mir.
„Also Druiden würde ich nicht als Zauberer oder Magier bezeichnen, Druide ist der Oberbegriff für die gesamte Priesterklasse gewesen.“
„Also Keiner, der irgendwelche Tricks oder Heilmittelchen auf Lager hatte?“, fragte ich.
„Doch schon, ein Druide hatte sehr viel Aufgaben unter anderem auch Heilung, oder Religion, Weissagung, Dichtung oder auch Recht.“
„Recht? Gab es da nicht irgendwie Herrscher dafür?“
„Bei den Kelten lief das anders, es gab zwar Könige, in Irland auch jede Menge davon, aber ohne einen Druiden konnte ein König nicht handeln, aber ich sehe schon an deinem Gesicht, ich muss weiter ausholen.“
„Ich bitte darum“, sagte ich mit einem Lächeln.
„Das keltische Irland war in ungefähr 150 Kleinkönigtümer auch Tuath genannt eingeteilt. Diese wiederum wurden zu erweiterten Königtümern zusammengefasst, von denen es ungefähr dreißig gab.“
„Hört sich kompliziert an“; meinte ich.
„Nicht so schlimm. Diese Dreißig wurden von sieben Provinzkönigen regiert und diese von einem Hochkönig, den man auch Ard ri nannte.“
„Und jeder hatte einen eigenen Druiden?“
„Ja, jeder!“
„Das gibt ja ganz schön viele.“
„Druiden kannst du mit unserer heutigen Rechtssprechung vergleichen. Sie machten Vorschläge, oder urteilten Menschen ab und der König führte diese Vorschläge oder Urteile aus.“
„Für mich hatten Druiden immer etwas magisches“, sagte ich.
„So gesehen, hatten sie in der Zeit schon etwas Magisches. Alleine durch ihr Grundwissen in der Heilkunde über Pflanzen, Wirkungen durch Kräuter hatten sie diesen Schein.“
„Also könnten die erfundenen Geschichten, die man sich über Druiden erzählt, durchaus möglich sein, oder?“
„Ja, das können sie.
Anscheinend freute sich Bob über mein Interesse. Er war voll in seinem Element und erzählte mir noch mehr von Druiden und Königen dieser Zeit. Es dauerte nicht lange und Joyce tauchte mit ihren Einkäufen wieder auf.
„Hallo ihr beiden, und habt ihr euch gut unterhalten?“, fragte sie.
„Sehr gut!“, sagte ich mit einem Lächeln.
Bob lächelte ebenfalls.
„Hast du wieder ein Opfer für deine Keltengeschichten gefunden“, sagte Joyce und ich merkte, dass dies er liebevoll gemeint war.
„Ja, Kevin zeigt großes Interesse an diesem Thema.“
„Gut, dann könnten wir doch irgendwann am Wochenende aufs Land fahren, etwas angucken, oder so“, meinte Joyce.
„Sicher, Nick wird bestimmt mitfahren. Außer ihr beiden habt noch nicht alles geklärt zwischen euch“, sagte Bob zu mir.
„Doch, soweit ist alles ausgebügelt“, gab ich von mir.
Bob sah mich länger an und ich bemerkte er hatte etwas auf dem Herzen. Ich schaute zwischen Bob und Joyce hin und her.
„Was ist?“, fragte ich.
„Das würden wir dich gerne fragen!“, sagte Joyce
„In Bezug auf was?“
„Nick!“, sagten beide gleichzeitig.
„Also, ich kann euch da nicht viel erzählen, er hat sich zu dem Thema, für das ihr euch sicher interessiert, also ob er schwul ist, nicht geäußert. Und außerdem würde ich auch nichts sagen, dass ist alleine Nicks Aufgabe, euch das zu erzählen!“
Beide sprachen kein Wort, aber nickten mir zu.
„Ich hoffe ihr seid mir nicht böse deswegen, aber im Grunde genommen geht es mich auch nichts na, ich bin nur Gast bei euch“, schob ich leise hinterher.
„Nein sind wir nicht und du hast auch völlig recht, falls dir Nick etwas anvertraut, sollst du das auch für dich behalten, finde ich edel von dir“, meinte Bob.
„Ich hätte auch nichts anderes erwartet, von dem Sohn meiner Freundin“, lächelte Joyce.
„Da du gerade von meiner Mutter anfängst. Sie scheint hier ja sehr bekannt zu sein?“, fragte ich.
„Ja, das ist sie heute noch!“, grinste Bob.
„Darf ich den Grund erfahren, also ich meine, hat sie irgendwas Schlimmes gemacht, um so in den Gedächtnissen zu bleiben?“
„Schlimm war vielleicht der Schlag, dem sie unserem Kapellmeister damals versetzte, der tat sicher weh“, grinste Bob.
Ich sah die beiden verwirrt an.
„Nun reiß doch nicht einfach einen Teil aus der Geschichte heraus, wenn dann erzähle Kevin die komplette Version“, meckerte Joyce.
„Ist ja schon gut, Liebling“, meinte Bob.
Also setzte sich Joyce zu uns und Bob schenkte noch einmal Tee aus. Dann begann Bob zu erzählen.
„Wie jedes Jahr, feiern wir am 17. März den St. Patrick Day zum Gedenken an Patrick, der an diesem Tag 461 gestorben ist. Nun ja, so wie immer beteiligte sich die ganze Stadt an den Feierlichkeiten, auch die Schulen.“
Bob nahm einen Schluck, bevor er weiter sprach.
„Die Oberstufe, in der wir und auch deine Mutter waren, hatte sich für die Parade, die wieder stattfinden sollte, etwas Besonderes überlegt. Es wurde alles mit den Stadtältesten besprochen und genehmigt.“
„Und was habt ihr euch so besonderes überlegt?“, fragte ich.
„Wir wollten an die typischen irischen Klänge und Tänze erinnern und diese auch auf der Bühne vortragen.“
„Und was für ein Problem gab es da?“, fragte ich weiter.
„Probleme hatten wir mit dem Kapellmeister, der wie jedes Jahr für die Musik zuständig war und eine weiter Musikgruppe neben sich nicht duldete“, kam es von Joyce.
„Ich dachte aber, es wäre alles genehmigt worden“, meinte ich.
„Ja, das schon, aber der Kapellmeister stellte sich quer“, sagte Bob, „als wir unsere Auftritte hatten und die Tänze zeigten und unsere Musikgruppe, ihre Musik zum Besten gab, stellte er seine Kapelle einfach an eine andere Stelle auf und spielte seine Musik wie jedes Jahr.“
„Oha“, entfleuchte es mir.
„Ja! Die Gäste waren sehr irritiert, da sie nun nicht mehr wussten welcher Musik sie zu hören sollten“, meinte Bob.
„Und was hat das mit meiner Mutter zu tun?“, fragte ich.
Beide begannen zu lachen.
„Deine Mutter gehörte zu unserer Tanzgruppe. Sie hüpfte wütend von der Bühne, mitten im Tanz rannte zur Kapelle, scheuerte dem Kapellmeister eine und entriss ihm seinen Dirigentenstab. Abrupt und vor Schock hörte die Kapelle auf zu spielen und deine Mutter kam zurück und beendete mit uns den Tanz“, erzählte Bob grinsend.
Ich verzog ein wenig das Gesicht und fuhr mir über die Wange.
„Und was passierte dann?“
„Du wirst es kaum glauben, der Kapellmeister wurde von den Ältesten danach getadelt, mit der Begründung, dass er sich in die Bemühungen unserer Stadt, durch die Jugend, eingemischt und gehindert hatte. Deine Mutter musste sich nicht einmal bei dem Mann entschuldigen“, erzählte Bob weiter.
„Und das hat wohl jeder in der Stadt mitbekommen?“, fragte ich leise.
Beide nickten und grinsten sich eins.
„Und jeder in der Stadt weiß natürlich, dass ich der Sohn bin?“, fragte ich weiter.
„Na ja nicht jeder, aber viele!“, lachte Bob.
„Oh Gott, wo bin ich hier nur hingeraten“, sagte ich, wodurch die Beiden nur noch mehr lachten.
„Da kann ich mich ja nirgends mehr sehen lassen, mich hält doch jeder für den Sohn einer Schlägerin“, sagte ich.
„Nein, so schlimm ist es nicht, deine Mutter genießt hier sehr hohes Ansehen“, sagte Joyce.
„Von dem Allem, hat sie mir nie was erzählt“, meckerte ich.
„Sie wird sicherlich ihre Gründe haben“, kam es von Joyce.
„Das kann ja echt heiter werden, gibt es noch mehr Überraschungen von den ich nichts weiß.
Joyce und Bob grinsten weiter und nippten an ihrem Tee.

* * *

Am späten Mittag kamen Nick, Kyle und Erin aus der Schule zurück. Mir gefiel die Schuluniform die sie trugen. Alle drei verschwanden gleich auf ihr Zimmer um sich anscheinend umzuziehen. Ich dagegen hatte mich auf mein bett zurückgezogen und versuchte in einem Buch zu lesen, dass mir Bob empfohlen hatte.
Feiner Teegeruch durchzog das Haus und lockte mich zu Joyce in die Küche.
„Auch eine Tasse?“, fragte sie.
„Ja, danke gerne.“
Es dauerte nicht lange, bis auch der Rest in der Küche eingefunden hatte. Nick hatte sich auf die Eckbank verdrückt und lass in irgendeinem Buch. Erin und Kyle stritten sich um etwas aus der Schule, das heute wohl die Runde gemacht hatte.
Ich beobachtete die Drei und nippte an meiner Tasse Tee.
„Du Nick, Kevin war mit mir heute bei Dad und hat großes Interesse an den Kelten gezeigt“, sagte Joyce plötzlich.
„Wirklich?“, fragte er und sah mich an.
Ich nickte ihm zu.
„Hättest du Lust nachher noch spazieren zu gehen?“, fragte er weiter.
„Ja, können wir machen. An die große Lichtung?“
„Die kennst du schon?“
„Du vergisst, dass ich dort Finley kennen gelernt habe.“
„Stimmt, also wollen wir?“
„Jetzt gleich? Da muss ich mich wärmer anziehen, draußen geht ein ziemlicher Wind!“
„Okay, in fünf Minuten draußen vor der Tür.“
Schnell war ich umgezogen und traf Nick draußen vor der Tür, Wir gingen denselben Weg, den ich gestern auch genommen hatte. Diesmal dauerte es nicht so lange, bis wir die kleine Anhöhe erreicht hatten.
Die ganze Zeit hatte Nick keinen Ton neben mir gesagt. Irgendwie genoss ich die Stille
„Wie ist es eigentlich einen Jungen zu küssen?“, fragte Nick plötzlich.
Etwas verschreckt schaute ich ihn mit großen Augen an.
„Da fragst du den Falschen“, antwortete ich leise und lief weiter.
„Wieso… du bist doch schwul?“
„Das heißt aber nicht, dass ich schon einen Jungen geküsst habe.“
„Du hast nicht?“
„Nein!“
„Hätte ich jetzt nicht gedacht“, sagte Nick und vergrub sich noch weiter in seine Jacke.
„Nick, es macht keinen Unterschied zwischen Mädchen oder Jungen. Meinst du für mich ist es leichter einen Freund zu finden, wie für dich eine Freundin, eher viel schwerer.“
„Wieso dass denn?“
„Nick es läuft nicht jeder mit dem Schild herum, ich bin schwul.“
Er grinste vor sich hin.
„Nehmen wir an, ich würde mich in dich verlieben.“
Nick wollte schon etwas sagen, aber ich ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen.
„Wie sollte ich das anstellen? Zu dir hingehen und sagen ich liebe dich?“
„Du kannst es ja versuchen!“, kam es von Nick.
War das jetzt Spaß oder im Ernst gemeint, ich wurde unsicher.
„Haha, sehr lustig. Wenn ich Pech habe, bekomme ich dann eins auf die Nase.“
„Würde ich nie tun“, sagte Nick und hob die Hand, als wolle er mir das schwören.
„Wieso weißt du nicht ob du schwul bist oder nicht?“, fragte ich nun ihn.
Stille trat ein.
„Wie soll ich das erklären…?“
„Ruhig und gelassen, ich bin ganz Ohr!“
„Du denkst jetzt sicher an Finley, oder?“
„Ja, der kam mir dabei auch in den Sinn.“
„Stimmt schon, das ich mich mit oder bei Finley, sehr wohl fühle.“
„Aber du weißt nicht, wie du damit umgehen sollst?“
„Nein weiß ich nicht. Und als Finley mir sagte er wäre schwul, bekam ich Panik.“
„Vor dir selbst?“
„Woher weißt du?“
„Nick, ich habe dass alles schon selbst durch gemacht.“
„Also bin ich jetzt schwul?“
„Mach mal langsam. Denkst du an Sex?“
„Was soll die Frage?“
Ich blieb stehen und schaute ihn an.
„Du denkst sicher an Sex, aber wie denkst du daran, ich meine, hast du Vorstellungen von Mädchen oder Jungen?“
Nicks Augen wurden immer größer.
„Ich habe da noch nie mit jemandem darüber geredet.“
„Wenn du nicht möchtest, ist es nicht schlimm, ehrlich nicht“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Doch, doch, aber das Gespräch lässt mich gerade nicht kalt.“
„Spielen die Hormone verrückt?“, fragte ich grinsend.
„Nicht nur die“, bekam ich von Nick als Antwort zurück.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und nahm Nick einfach in den Arm und drückte ihn einen Kuss auf den Mund. Der anfängliche Widerstand, sein Sträuben, seine Abwehrhaltung verschwanden.
Ich drückte ihn sanft von mir Weg und sah ihm in seine Augen.
„Man kannst du geil küssen“, sagte Nick lächelnd.
„Damit ist deine Frage jetzt ja wohl geklärt, wie es ist, Jungen zu Küssen“, sagte ich und lief weiter.
„Dann beantworte ich mal deine Frage und sage Ja!“
„Was ja?“
„Ich denke an Sex mit Jungen, aber auch mit Mädchen.“
„Was wiegt mehr auf?“, fragte ich.
„Jungen… besser gesagt Finley“, kam es leise von Nick und ich blieb wieder stehen.
„Du hast dich in Finley verliebt, kannst aber noch nicht zu deinen Gefühlen stehen, oder?“
„Kevin, du bist überhaupt der Erste, mit dem ich darüber rede.“
„Du weißt, dass Finley dich liebt?“
„Bitte?“
„Meinst du, warum Finley dir das gesagt hat, sich vor dir geoutet hat? Er wollte ehrlich sein zu seinem Freund und keine Geheimnisse vor dir haben. Er liebt dich, er kennt dich sehr gut und auch schon sehr lange.“
Nick schaute mich nur an, aber sagte nichts zu mir.
„Ich dränge dich zu nichts, aber denk in Ruhe mal darüber nach, was du machen willst, ob du zu dir stehen willst. Ich tu es auf alle Fälle und bin für dich da!“, sprach ich leise weiter.
Nick fiel mir um den Hals und weinte leise.

* * *

Zwei Tage war ich nun da und war schon so vereinnahmt. Wieder lag ich in meinem Bett und schrieb nieder, was ich den Tag so erlebte. Zu Hause hatte ich Angst, dass es mir hier zu langweilig werden könnte.
Dachte, ich würde starkes Heimweh bekommen. Und nun war ich gerade dabei, im Leben eben. Ich legte mein Tagebuch Weg und löschte das Licht. Es dauerte nicht lange und ich fiel in einen langen unruhigen Schlaf.
Als ich erwachte lag ich auf einer Wiese, die Sonne schien und ich hörte Gemurmel in der Ferne. Zuerst wusste ich gar nicht was los war. Wo war ich, wie bin ich hier her gekommen? Ich richtete mich auf.
Ich lag auf keiner Wiese sondern auf der kleinen Lichtung, wo ich am Vorabend mit Nick war. Aber es sah irgendwie anders aus. Genauso hatte ich komische Kleidung an. Es war ein braunes Gewand und ich hatte Sandalen an.
Total verwirrt stand ich auf. Es war die gleiche Lichtung, aber ich konnte die Häuser nicht sehen, es standen einfach keine da. Nur ein paar alte Holzhütten mit einer großen Feuerstelle konnte ich ausmachen.
Leise schritt ich dem Gemurmel nach, das aus der Nähe zu kommen schien. Ich sah einen alten Mann im weißen Gewand. Seine Haare waren ergraut, ebenso sein Bart, der lange nach unten hing.
„Ich habe euch erwartet, junger Kevin“, sagte er plötzlich und drehte sich zu mir.
Erschrocken blieb ich stehen.
„Ihr kennt meinen Namen?“, fragte ich leise.
„Ja, ich habe deinen Geist gerufen, damit du mir hilfst“, sprach der Mann weiter.
„Meinen Geist? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr“, kam es von mir.
Der Mann schritt auf mich zu und blieb dicht vor mir stehen.
„Auch wenn du es nicht glaubst, du bist nun im Jahre 452, ich habe dich hier hergeholt, um mich deiner Hilfe zu bedienen.“
„Meiner Hilfe, wem kann ich schon helfen, überhaupt in dieser Zeit, ich weiß doch überhaupt nichts.“
„Doch junger Kevin, du wirst mir eine sehr große Hilfe sein, ich habe die Sterne gefragt und sie haben mir dich geschickt.“
War ich am verrückt werden, oder träumte ich, ich wusste es selbst nicht mehr. Unsicher sah ich mich um, konnte aber aus dem Wald und der Wiese nichts weiter erkennen.
„Mein Name ist MacConroy und ich bin Maghnus Druide“, stellte sich der Mann vor.
„Das ich Kevin bin, wisst ihr ja bereits. Aber sagte mir bitte, für was braucht ihr mich?“.
„Es steht ein großer Krieg zwischen den Tuathen an und ich brauche dich um ihn zu verhindern“, antwortete MacConroy.
„Einen Krieg? Ich verhindern? Wie stellt ihr das euch vor?“, fragte ich entsetzt.
„Mit deinem Wissen über unsere Kultur, wirst du mir Hilfe genug sein, aber nun kehre zurück in deine Welt, wir werden uns hier wieder sehen“, sagte er und langsam wurde alles um mich Dunkel herum.
Ich lag wieder in meinem Bett, es schien schon später zu sein, denn die Sonne war bereits aufgegangen. Total von der Rolle sprang ich aus meinem Bett und lief zu der kleinen Bibliothek. Ich stand vor den großen Regalen und suchte nach einer Jahreszahl.
Überall hingen kleine Hinweiszettel.
„Willst du nicht erst frühstücken?“, kam es von hinten.
Erschrocken drehte ich mich um, Joyce stand vor mir. Langsam wurde mir bewusst, dass ich nur in Shorts vor ihr stand, das war oberpeinlich.
„Ich habe… habe etwas geträumt und wollte etwas nachsehen“, stammelte ich.
„Gut, dann zieh dich erst mal an und dann wird gefrühstückt, danach kannst du immer noch schauen“, sagte Joyce und verschwand wieder.
Es schien noch jemand da zu sein, ich hörte Joyce in der Küche mit jemandem reden. Peinlich berührt lief ich wieder in mein Zimmer und stolperte fast über Nick.
„Morgen Kevin“, sagte er und half mir wieder auf.
Er musterte mich von oben bis unten, denn ich stand immer noch nur in Shorts da.
„Nett“, meinte er grinsend und lief die Treppe hoch in sein Zimmer.
Hoch rot lief ich zurück in mein Zimmer und stellte mich gleich unter die Dusche. Kann es etwas Peinlicheres geben, wie das eben? Fertig angezogen, erschien ich wenig später in der Küche, in der Joyce und Nick saßen und noch am Frühstücken waren.
„Morgen“, brummelte ich und setzte mich an den Tisch.
„Du bist ja wirklich total daneben, was hast du nur geträumt?“, fragte Joyce und schenkte mir einen Kaffee ein.
Ich erzählte ihnen haargenau, was ich geträumt hatte. Sie sahen sich beide nur kurz an und fingen dann laut an zu lachen.
„Ich habe ja schon viel gehört, Kevin, aber das jemand von den Kelten so vereinnahmt wurde, bis jetzt noch nicht“, kam es von Joyce und biss von ihrem Brot ab.
„Moment“, sagte Nick und verschwand kurz um kurz darauf mit einem Buch wieder zu erscheinen.
„Komisch, aber diesen MacConroy und Maghnus gab es wirklich, Mum“, sagte Nick und setzte sich wieder zu uns.
„Und die Zeitangabe stimmt auch ungefähr“, sprach er weiter.
Mir war das doch jetzt sehr unheimlich, weil ich dieses Buch, dass Nick in der Hand hatte noch nie gesehen hatte, geschweige denn etwas aus dieser Zeit wissen konnte.
„Für einen Traum war das auch sehr genau, was du uns da erzählt hast“, meinte Joyce plötzlich.
Ratlos saßen wir alle drei am Tisch. Nick überflog die Seiten
„Von was für einen Krieg hat der geredet, ich kann keine Angaben darüber finden“, sagte Nick und blätterte weiter.
„Es war doch nur ein Traum, das habe ich bestimmt irgendwo gelesen, woher sonst kenne ich die Daten und Namen so genau?“, fragte ich.
„Kevin, diese Zeit ist mit Berichten und Überlieferung sehr mager, also es gibt nicht viel darüber zu lesen. Es ist nur eins gewiss, dass Maghnus hier um diese Zeit Provinzkönig war“, sagte Nick.
Mir blieb der Bissen fast im hals stecken, ich fing an zu husten. Joyce klopfte mir auf den Rücken und hielt mir ihr Glas Wasser entgegen. Am Liebsten würde ich das jetzt alles vergessen, und versuchte das Thema zu wechseln.
„Warum bist du heute nicht in der Schule?“, fragte ich Nick.
„Lehrerausflug“, betrifft aber nur unsere Stufe“, antwortete Nick.
„Du hast also frei heute?“
„Ja, und schon etwas vor heute morgen?“
„Nein, ich dachte, Joyce hat eine Idee, wusste ja nicht, dass du heute zu hause bist.“
„Ich sehe schon, mein Typ ist heute nicht gefragt. Soll ich Mittagessen kochen?“, mischte sich Joyce in das Gespräch.
Nick sah mich kurz an und schüttelte den Kopf.
„Nein, ich rufe nachher noch Finley an und sind dann über Mittag nicht zu Hause“, sagte Nick.
Ich sah ihn fragend mit großen Augen an, aber ich bekam keine Reaktion von ihm. Nach dem Frühstück, halfen wir beide noch alles zu verräumen. Kaum aus der Küche hing Nick auch schon am Telefon und hatte Finley an der Strippe.
„Okay, wir warten hinter dem Haus auf dich, bye bis gleich“, sagte Nick und legte auf.
„Was stehst du hier noch herum, zieh dir was über, Finley kommt gleich vorbei uns abzuholen“, meinte Nick zu mir.
Sprachlos ging ich in mein Zimmer, zog meine festen Schuhe an und kam mit meiner Daunenjacke zurück an die Haustür, an der Nick schon wartete.
„Ohne Klamotten, machst du einen besseren Eindruck“, sagte er und ließ mich in der offenen Haustür stehen.
Wie in Trance lief ich hinter ihm her und konnte Finley hinter dem Haus entdecken.
„Morgen ihr zwei, nah gut geschlafen?“, fragte Finley.
„Ich schon, aber unser Festländler hier hatte eine Vision“, meinte Nick.
„Eine was?“, fragte Finley und ich gleichzeitig.
„Kevin, du hast viel zu detailliert geträumt, als dass sich es nur um Träumerei handeln würde, oder was denkst du Finley?“
„Um was geht es denn eigentlich?“, fragte Finley.
In kurzen Worten gab Nick meinen Traum wieder.
„Und was hast du jetzt vor?“, fragte Finley.
„Ich will mit euch an den Ort des Geschehens, um zu schauen, ob wir irgendetwas finden können“, antwortete.
„Aha“, sagte ich nur.
Finley grinste mich an.
„Keine Sorge Kevin, Nick und sein Vater sind den Kelten verfallen, ich bin das schon gewohnt“, sagte Finley zu mir.
Ich schaute zwischen Nick und Finley hin und her.
„Also, wenn ihr meint, wir finden dort was, lasst uns gehen“, sagte ich und lief langsam zwischen den Beiden hinter her.
Ich konnte nicht verstehen was Nick zu Finley sagte, aber dieser strahlte über beide Wangen. Anscheinend hatte das Gespräch gestern Abend doch gefruchtet und Nick wollte Finley seine Situation erklären.
Jedenfalls bekam ich noch mit, dass Finley Nick einen kleinen Kuss auf die Wange drückte.
„Wenn ich euch beide störe, sagt es bitte, ich kann auch wieder zurücklaufen“, meinte ich.
Die Beiden sahen sich an und grinsten. Sie ließen mich zu ihnen aufholen und henkten sich beide bei mir unter.
„Du bist der Grund, das wir uns wieder vertragen, da wollen wir dich doch nicht alleine lassen“, meinte Finley.
Nick beugte sich zu mir ein wenig rüber und drückte mir einen Kuss auf die Wange, Finley tat dasselbe von der anderen Seiten. Erstaunt schaute ich beide an.
„Für was nun das?“, fragte ich.
„Für deine Hilfe. Du hast uns beiden geholfen, obwohl du uns nur wenig kennst, das nenne ich einen wahren Freund“, antwortete Nick.
„Ich bin derselben Meinung wie Nick, du hast uns mit deiner offenen Art gezeigt, wo es lang geht!“, sagte Finley.
„Ist ja schon gut, hört auf, sonst glaub ich euch das Märchen vom barmherzigen Samariter noch“, meinte ich.
Beide fingen an zu lachen und bogen mir in den Wald.
„Wo sagtest du, bist du aufgewacht?“, fragte Nick.
„Da oben!“, sagte ich und zeigte die Stelle vom Traum.
„Und dann?“, kam es diesmal von Finley.
„Dann bin ich hier runter gelaufen, und dort am Wegrand, traf ich dann MacConroy“, antwortete ich.
Nick drückte mit den Schuhen das hohe Gras hinunter. Finley machte sich am Busch zu schaffen.
„Was macht ihr da, wenn ich fragen darf?“, warf ich ein.
„Wir suchen nach Hinweisen“, antwortete Finley.
„Hinweisen? Das ist doch über 1600 Jahre her, was ich geträumt habe“, meinte ich.
„Hier kommt her, ich habe etwas gefunden“, rief Nick.
Finley und ich rannte zu Nick, der vor einem hochkant stehenden, kleinen Quader stand.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Das ist ein Oghamstein, davon gibt es vielleicht 300 in Irland“, erklärte Nick.
„Ogham? Davon hat mir gestern dein Vater etwas erzählt, ist das nicht die Schrift, die, die Druiden verwendet haben?“, fragte ich.
„Ja, siehe hier an der Ecke, hier wurden die meisten Schriftzeichen eingeritzt. Oghamschrift besteht aus ursprünglich sechzehn Zeichen und wurden später auf zwanzig verbessert. Man glaubt, sie stammt von der römischen Schrift ab, da die Zeichen sehr der römischen Zahlen gleichen, aber das sind wie gesagt nur Vermutungen“, erklärte Nick.
„Und was steht da nun?“, wollte ich wissen.
„Das kann ein Fluch sein, aber auch nur ein Hinweis auf einen Weg, der hier verlief“, meinte Nick.
„Du solltest in deinem nächsten Traum fragen, was MacConroy da hin geschrieben hat“, sagte Finley grinsend.
„Ja und mir gleich noch die Übersetzung dieser zwanzig Buchstaben beibringen, damit ich alles lesen kann“, sagte ich verstimmt.
Aber das dauerte nicht lange, denn wir fingen alle drei an zulachen. Es war irgendwie unheimlich von diesem Platz geträumt zu haben und dann auch noch etwas zu finden, was aus der Zeit stammt. Ich löste mich von den Beiden und lief zur Lichtung hinauf.
Oben angekommen ließ ich erst mal meinen Blick schweifen. Ich atmete tief durch und ließ meinen Gedanken freien Lauf.
„Einen Cent für deine Gedanken“, sagte Nick hinter mir.
„Nichts, rein gar nichts. Ich genieße nur die Aussicht und lass mich treiben.“
„Gut so, ich dachte schon, dieser Traum macht dir zu schaffen“, sagte Nick.
„Um ehrlich zu sein, das macht es auch. Aber hier oben kann man sich einfach von allem lösen.“
„Ich weiß, warum das mein Lieblingsplatz ist“, meinte Finley und nahm Nick in den Arm.
Ich dagegen ließ mich einfach nieder, setzte mich im Schneidersitz auf den Boden und schaute weiter in die Ferne. Die Beiden taten es mir gleich und setzten sich zu mir. Während ich weiter den Horizont entlang blickte, saßen die beiden neben mir und küssten sich.
Das Zeitgefühl hatte ich schon lange verloren, denn plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
„Es freut mich junger Kevin, das du wieder gekommen bist.“
Ich drehte mich um und hinter mir stand MacConroy. Wieder hatte ich diesen komischen Umhang an.
„Ich schlafe doch gar nicht, warum bin ich dann hier?“, fragte ich verwundert.
„Du hast einen Tagtraum, noch eine Möglichkeit für mich, mit dir Kontakt aufzunehmen“, antwortete MacConroy leise.
„Ihr habt gesagt, ich kann euch helfen einen Krieg zu verhindern, wie meintet ihr das?“
„Schwarze Wolken ziehen über das Land. Es gibt einen jungen Priester, der versucht, eine andere Religion ins Land zu bringen“, antwortete MacConroy.
„Patrick?“, fragte ich.
„Ihr kennt diesen Fremden?“
„Ja, in dem Irland, in dem ich lebe, verehrt man diesen Patrick, weil er den Glauben in das Land gebracht hat“, erklärte ich.
„Und du?“
„Ich bin nicht von hier, ich stamme aus Deutschland“, antwortete ich.
„Wo liegt das, von diesem Königreich habe ich noch nie etwas gehört“, sagte MacConroy.
„Das gab es zu eurer Zeit noch nicht. Es liegt auf dem Festland, dass sich hinter England befindet.“
„Ich sehe, du bist ein Reisender und schon viel herum gekommen.“
„Wenn man es so sieht, ja bin ich.“
„Dieser Patrick ist einigen ein Dorn im Auge. Königreiche, die sich schon bekehren lassen haben, stehen in Ungnade mit den Königen, bei denen Patrick noch nicht war.“
„Aber Patrick will doch euren Glauben nicht unterdrücken“, sagte ich stolz, weil ich auch mal etwas Geschichtliches wusste.
„Das sage ich auch nicht, aber viele Führer denken er bringt Unheil über uns.“
„Er ist nicht das Böse“, sagte ich.
„Was meinst du damit, junger Kevin?“
„Ich meine damit, er ist nicht der Teufel, verführt euch nicht zur Sünde.“
„So was kennt unser Volk nicht. Wenn hier etwas Unrechtes tut, muss er mit seinem Leben bezahlen. Zudem muss er die von Unrecht verfolgte Familie entschädigen.“
„Wie viel ist denn ein Leben wert?“
„Das kommt auf den Rang des Opfers an“, meinte MacConroy, „je nach Stellung, bekommt man ein Stück Vieh oder zwei.“
„Ihr habt wohl noch kein Geld?“, fragte ich eher aus Spaß jetzt.
„Wieder etwas aus eurer Zeit, was wir nicht kennen“, antwortete MacConroy.
„Eine Frage möchte ich euch noch stellen. Was habt ihr auf den Stein geschrieben, der da unten am Wegrand steht?“
„Das ich euch am gestrigen Tage getroffen habe“, sagte MacConroy.
MacConroy hielt mir ein Kleeblatt entgegen und drehte sich um.
„Kevin… Kevin, du träumst ja nur noch, los wir wollen weiterlaufen.“
Das kam von Nick, der hinter mir aufgestanden war. Ungläubig sah ich ihn an.
„Was ist?“, fragte er.
„Ich war wieder in der Vergangenheit“, antwortete ich leise.
„Quatsch, du saßt die ganze Zeit vor mir und an mich gelehnt“, sagte Finley.
„Ich habe aber mit MacConroy gesprochen, über Patrick und den Krieg“, erzählte ich.
Nick ließ sich wieder nieder und ich drehte mich um zu den Beiden. Wieder versuchte ich haargenau wieder zugeben, was ich eben erlebt, oder geträumt hatte.
„Und dein Name ist da jetzt eingeritzt?“, fragte Finley fassungslos.
„Das weiß ich nicht genau“, antworte ich.
„Ich frage mich, warum gerade du das in deinen Träumen erlebst, du bist nicht mal von hier“, sagte Nick.
„Du vergisst, seine Mutter stammt von hier und kann auf eine sehr alte Familie hinweisen.“
„Habe ich etwa noch Verwandte hier?“, fragte ich.
„Da müsste ich meine Mutter fragen, das weiß ich nicht“, sagte Nick.
„Dann lass uns zurück gehen, das würde mich schon interessieren.“

* * *

„Dein Großvater hatte einen Bruder und dessen Kinder müssten noch hier leben… ich müsste Bob anrufen, der kennt sich besser mit der Geschichte unserer Stadt aus“, sagte Joyce.
Wir waren nach Hause gerannt und hatten sie regelrecht überfallen. Nun saßen wir alle vier am Küchentisch und tranken einen Tee. Joyce stand auf und ging zum Telefon.

„Hallo Bob, ich bin’s…..

… nein, es ist alles in Ordnung. Ich wollte dich nur fragen, ob die Kinder vom alten Georg noch immer in Derry leben…

… wirklich, dass wusste ich gar nicht. Ich werde mit Kevin gleich vorbei gehen und einen Besuch abstatten, er würde so gerne jemand aus seiner Verwandtschaft kennen lernen…

… gut ich werde dir heute Abend erzählen, was daraus geworden ist. Bye“

Joyce kam wieder zurück. Die ganze Zeit waren wir still, um zuhören, was sie am Telefon sagte. Sie grinste, als sie sah, dass Nick und Finley Händchen hielten.
„Gibt es etwas, wovon ich noch nichts weiß?“, fragte sie die Beiden, die nun hochrot am Tisch saßen.
Nick sah mich flehend an.
„Das solltest du ihr schon selber sagen“, meinte ich.
Joyce setzte sich wieder zu uns an den Tisch. Nick sah verschüchtert zu Boden.
„Dann seid ihr beiden, also endlich zusammen“, sagte Joyce, was die Beiden mit einem Nicken bejahten.
„Nick, hör mal zu, ich habe dich Deswegen nicht weniger lieb. Du bist und bleibst mein Ältester und für Dad gilt das genauso.“
Ich konnte ein sanftes Lächeln auf Joyces Mund entdecken und sah wie sie ihre Hand, nach Nick ausstreckte.
„Und du hast wirklich nichts dagegen?“, fragte Nick schüchtern.
„Nein, wieso sollte ich das? Du weißt ich mag Finley sehr und ich muss auch zugeben, du hast einen sehr guten Geschmack.“
Ich konnte nicht anders und begann leise zu Lachen. Nick griff nach der Hand seiner Mutter und drückte sie fest. Finley saß die ganze Zeit ruhig auf seinem Platz, er schaute mich kurz an und ich wusste, er war glücklich.
„So ihr Beiden, Kevin und ich werden euch nun alleine lassen, also stellt mir nicht soviel an und last das Haus stehen!“, sagte Joyce und stand wieder auf.
„Wo gehen wir den hin?“, fragte ich.
„Zu deiner Verwandtschaft“, antwortete sie.
Ich war zu ergriffen, um etwas zu sagen und folgte ihr einfach nach draußen. Am Auto blieb ich stehen, doch sie gab mir einen Wink, das wir laufen würden.
„Ich wusste nicht, das sie in unserer Nähe wohnen, es ist also nicht weit und wir können laufen“, sagte Joyce.
Wieder folgte ich ihr und lief bald neben ihr her.
„Ich wollte mich noch bei dir bedanken“, sagte sie plötzlich.
„Für was denn?“, fragte ich.
„Dass du das mit Nick und Finley geregelt hast.“
„Ich habe beiden lediglich nur zugehört“, sagte ich.
„Du bist sehr bescheiden, aber das spricht für dich, Kevin. Wer dich abbekommt, hat ein wahnsinniges Glück.“
„Ich glaube, der müsste erst gebacken werden.“
„Bitte?“
„Ach, das ist so ein Spruch bei uns, wenn man jemanden sucht und gewisse Vorstellungen von Einem hat.“
„Und wie sind deine Vorstellungen?“
Ich überlegte kurz, obwohl mir schon seit langem klar war, wie mein Traumtyp sein sollte.
„Ich sehe schon, darüber willst du nicht so gerne reden“, meinte Joyce.
„Nein, das ist es nicht, ich weiß nur nicht, wie ich mich ausdrücken soll.“
„Versuche es!“
„Vertrauen spielt bei mir eine große Rolle. Ehrlichkeit und Toleranz auch.“
„Also, innere Werte meinst du?“
„Ja, mir ist es eigentlich egal, wen ich da kennen lerne, aber im Herz sollte es schon stimmen.“
„Morgen backen wir“, sagte Joyce mit einem Lächeln.
„Bitte?“
„Wir backen dir morgen einen Freund!“
Beide fingen wir laut an zu lachen. Wenig später bogen wir in eine Strasse ein.
„So, wir sind da, mal sehen ob jemand zu Hause ist“, meinte Joyce und öffnete das Gartentor.
Ich lief hinter ihr her und blieb vor der Haustür stehen. Sie drückte den Klingelknopf und wir warteten, dass sich etwas tat. Etwas aufgeregt war ich jetzt schon, wer lernt schon irische Verwandte kennen, von denen man nichts wusste.
Die Tür ging auf und eine Frau trat heraus.
„Hallo, was kann ich für sie tun?“, fragte sie und beäugte mich argwöhnisch.
„Ich bin Joyce McGill. Ich habe erfahren, das sie mit Susan O`Farrel verwandt sind“, meinte Joyce.
„Ja, das ist die Cousine meines Mannes, aber die lebt schon seit langen in Deutschland und habe nichts mehr von ihr seitdem gehört“, sagte die Frau.
Den Mädchennamen von meiner Mutter hatte ich auch noch nie gehört, wie wenig ich doch meine Mutter kannte.
„Dann darf ich ihnen Susans Sohn Kevin vorstellen, er ist für ein Jahr auf der Sprachschule und solange unser Gast“, kam es von Joyce und trat zur Seite.
„Unsere Susan hat einen Sohn?“, fragte die Frau aufgeregt.
Joyce nickte und schob mich ein wenig vor sich. Wieder beäugte mich die Frau von oben bis unten, aber diesmal war es ein netter Blick.
„Kevin?“
„Ja!“, antwortete ich.
„Mir kam das Gesicht gleich so bekannt vor, du hast viel von deiner Mutter, aber kommt doch beide erst mal rein“, sagte sie und trat zur Seite.
Joyce schob mich durch den Türrahmen ins Hausinnere. Wir folgten dieser Frau ins Wohnzimmer.
„Setzt euch doch, ich rufe schnell Henry an, und erzähle ihm, dass ihr hier seid.“
Und schon war sie verschwunden. So ganz recht, fühlte ich mich jetzt doch nicht. Etwas unsicher schaute ich Joyce an.
„Jetzt hab dich nicht so, freu dich, du hast noch mehr Verwandte.“
Sie kam zurück, mit einem Tablett gefüllt mit Teetassen einer Kanne und Gebäck.
„Ich bin Ellen, habe ich ganz vergessen zu sagen, und du bist hier um unsere Sprache zu lernen?“
„Die Sprache beherrsche ich schon, nur mit dem Lesen und Schreiben, funktioniert es noch nicht so ganz“, antwortete ich.
„Und dann willst du gleich ein ganzes Jahr hier bleiben?“
„Ja, ich habe mich für drei Kurse angemeldet.“
Sie setzte sich zu uns.
„Und hast du schon euren Familienbesitz angeschaut?“
„Familienbesitz?“
Irritiert schaute ich zu Joyce, die ebenso erstaunt war wie ich.
„Ja, das alte Gutshaus mit dem Reiterhof, das Susans Vater deiner Mutter vererbt hatte“, sagte sie und schenkte den Tee ein, ohne zu fragen ob ich überhaupt einen wollte.
„Nein, davon weiß ich nichts, meine Mutter hat mir davon nichts erzählt“, antwortete ich immer noch fassungslos.
„Warte bis Henry nach Hause kommt, der kann dir da mehr erzählen.“
Wie aufs Stichwort, schloss jemand die Haustür auf und ein paar Sekunden später stand ein großer Mann im Wohnzimmer. Seine Familienähnlichkeit war Wahnsinn, ich hätte schwören können, er wäre als Bruder meiner Mutter durchgegangen.
„Hallo, ich bin so schnell nach Hause gefahren, wie ich konnte.“
Er schritt auf mich zu und ich stand auf. Er drückte mich fest an sich, klopfte mir dabei auf die Schulter, dass es wehtat. Joyce, gab er die Hand und schüttelte sie wild.
„Das Susan sich überhaupt nicht bei uns gemeldet hat, wundert mich“, sagte Ellen.
„Ich mich nicht“, warf Henry ein.
Alle drei sahen wir ihn fragend an.
„Als Susans Vater starb, bekam sie Streit mit meinem Vater, ihrem Onkel. Sie packte darauf ihre Sachen und zog aus. Wenig später erfuhren wir, das sie nach Deutschland ausgewandert war. Worum es in dem Streit ging weiß ich aber bis heute nicht“, erklärte er.
„Es wird Zeit, dass ich meine Mum mal anrufe und sie zur Rede stelle, denn ich wusste wirklich von dem hier alles nicht, ich war sogar der Meinung sie sei in England aufgewachsen“, sagte ich und nahm mir jetzt doch die Teetasse und nippte daran.
„Ich wusste ebenso nichts davon Kevin, natürlich das Susan im Gutshof aufgewachsen war, aber nicht, das sie aus diesem Grund Derry verlassen hat“, sagte Joyce.
„Und was meinte Ellen vorhin mit dem Gutshof?“
„Der Gutshof gehörte deinem Großvater, mein Vater hatte dort nur lebenslanges Wohnrecht“, erklärte Henry.
„Und nun gehört er meiner Mutter?“, fragte ich.
„Ja, und er läuft sehr gut, mit Pferden kann man eben gute Geschäfte machen und geritten wird auch gerne.“
Mir war das alles jetzt zu viel, ich entschuldigte mich kurz und ging nach draußen ins Freie und zog mein Handy heraus. Mir war es egal, wie viel das jetzt kostete, aber ich wollte zu Hause anrufen.
Es klingelte ewig, bis endlich jemand dran ging.

„Neumann.“

„Mum, endlich, wo hast du gesteckt?“

„Auch guten Tag, nett von dir zuhören, Kevin“, meinte meine Mum etwas beleidigt.

„Sorry Mum, aber ich habe eben soviel Dinge über dich erfahren…, warum hast du mir nie etwas erzählt?“

„Das tut mir leid Kevin, ich habe Irland damals den Rücken zugedreht und wollte nie wieder dahin, Deswegen auch keine Erzählungen von mir aus der Heimat.“

„Ich habe gerade dein Cousin Henry kennen gelernt und was ich da zu hören bekam…“

„Was Henry, den gibt es noch?“

„Ja, in voller Größe und mit Frau Ellen.“

„Da hat er dann doch noch jemand gefunden, gegen allen seiner Befürchtungen.“

„Und ich habe gehört, du besitzt hier einen Reiterhof.“
Jetzt war Stille am anderen Ende.

„Mum bist du noch da?“

„Ja, bin ich Schatz, Was hast du da gerade gesagt?“

„Du besitzt einen Gutshof mit Pferden.“

„Ich dachte, ich…“

„Und was machen wir jetzt?“
Wieder war nichts zu hören am anderen Ende.

„Mum?“
„Ja, ja, ich bin noch da. Ich wollte mit deinem Vater erst an Weihnachten als Überraschung dich besuchen kommen, aber ich denke ich werde früher kommen müssen. Und du bist sicher mit dem Haus?“

„Ja, Mum. Henry hat mir das gerade erzählt.“

„Ich muss jetzt erst mal dein Vater anrufen, ich melde dich später wieder bei dir.“

„Okay Mum, ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch, Sohnemann. Also bis nachher!“

„Bye Mum!“

„Bye!“
Ich drückte das Gespräch Weg und lief wieder ins Haus.
„Und? Hast du dich wieder beruhigt?“, fragte Joyce.
„Ich habe mit Mum telefoniert und sie war genauso erstaunt, wie ich über diese Nachricht.“
„Und jetzt?“
„So wie es sich angehört hat, will sie kommen“, antworte ich.
„Susan kommt her?“, fragte Henry überschwänglich.
„Ja, so hat es sich angehört.“
„Dann müssen wir ein großes Fest feiern“, meinte Henry und rannte aus dem Zimmer.
„Mir kommt es vor, als würde Henry große Stücke auf meine Mum halten“, flüsterte ich Joyce zu.
„Ich habe dir doch gesagt, sie ist hier sehr bekannt und beliebt.“
„Aber doch nicht so!“, meinte ich und bemerkte, dass ich dies wohl zu laut gesagt hatte, denn Ellen schaute mich verwirrt an.

* * *

Durch die Aufregung hatte ich meine Träumereien natürlich vergessen. Wir saßen noch eine Weile mit Henry und seiner Frau zusammen. Ich bekam noch so manches von meiner Mutter zu hören, was mich immer wieder zum schmunzeln brachte.
Auf dem Heimweg war ich ziemlich im Gedanken und hörte erst gar nicht was Joyce mich fragte.
„Kevin, hallo, wo bist du mit deinen Gedanken?“
„Schwer zusagen, alles erscheint plötzlich in einem anderen Licht. Ich meine, wenn Mum nun hier herziehen will, weil sie diesen Hof doch wieder übernehmen will, ändern sich doch auch meine ganzen Zukunftspläne.“
„Würde es dir denn hier gefallen, könntest du dir vorstellen immer hier zu bleiben?“
„Ich bin zwar erst drei Tage da, aber ich habe schon soviel erlebt, das ich denke, ich wäre schon länger hier. Ja es gefällt mir sehr gut hier!“
„Aber warte erst mal ab, was nun aus dem Besuch deiner Mutter wird. Ich hatte nie verstanden, warum sie so Hals über Kopf weggelaufen ist. In ihren Briefen bekam ich auch nie eine Antwort dafür.“
„Jetzt wissen wir es, und irgendwie verstehe ich sie auch. Ich ließe mir auch nicht gerne, durch Streitereien, mein Erbe wegnehmen.“
„Der Meinung bin ich auch, aber weißt du was? Ich freue mich riesig deine Mum wieder zu sehen. Es ist zwanzig Jahre her als ich sie zum letzten Mal hier sah und hatte auch wirklich nur noch Briefkontakt zu ihr.“
„Dann wird es auch Zeit. Willst du ein Bild von ihr sehen?“, fragte ich.
Sie nickte und ich zog meinen Geldbeutel aus der Tasche. Als ich das Bild meiner Eltern hervorziehen wollte, fiel mir ein Kleeblatt entgegen. Plötzlich war alles wieder da.
„Kevin, was ist los?“, fragte Joyce und blieb stehen.
„Das… das Kleeblatt hat mir MacConroy geschenkt…“

* * *

Als wir wieder ins Haus der McGills eintraten, war es ungewöhnlich ruhig.
„Ob die zwei noch einmal weggegangen sind?“, fragte ich.
„Normalerweise hinterlässt Nick eine Nachricht, wenn er noch mal das Haus verlässt“, antwortete Joyce.
Ich lief nach oben und klopfte an Nicks Tür. Als ich von drinnen nichts hörte, öffnete ich leise die Tür. Nick lag auf seinem Bett und schlief. Und in seinen Armen hielt er Finley, der ebenso die Augen geschlossen hatte.
Leise schloss ich wieder die Tür und lief grinsend zur Treppe. Dort angekommen wurde mir leicht schwarz vor den Augen und schwindelig. Vorsichtig lief ich runter zu Joyce in die Küche.
„Wenn du nichts dagegen hast, würde ich mich gerne ein wenig hinlegen, mir ist etwas übel!“
Joyce griff mir an den Kopf, um an meiner Stirn zu fühlen.
„Du glühst ja Kevin, ab ins Bett mit dir, ich bringe dir gleich noch einen Tee vorbei“, sagte sie und schob mich in Richtung meines Zimmers.
„War wohl heute etwas viel für mich“, sagte ich.
Es dauerte auch nicht lange und ich schlief in meinem Bett ein.
„Ah, das ist der junge Mann wieder.“
Ich schaute auf und ich lag auf einem Strohlager, in einer Hütte aus Holz und Lehm.
„MacConroy?“, sagte ich.
„Ja, junger Kevin.
Er stand an einer Feuerstelle und rührte etwas in einem Kessel.
„Was kocht ihr da?“
„Etwas um dein Fieber zu senken, es ist sehr hoch und hat euch sehr geschwächt“, antwortete er.
„MacConroy?“
„Ja?“
„Wieso braucht ihr mich, um einen Krieg zu verhindern?“
Er nahm einen Kelch und goss eine Flüssigkeit aus dem Kessel hinein. Er trat an mein Strohlager und setzte sich zu mir.
„Hier trink, junger Kevin, danach wirst du viel mehr verstehen“, sagte er nur und reichte mir den Kelch.
Als ich den letzten Schluck genommen hatte verschwamm das Bild der Hütte wieder. Ich konnte Landstriche sehen, Siedlungen mit Hütten, wie die in der ich lag. Ich sah Männer miteinander kämpften und auch Menschen, die tot auf dem Boden lagen.
Plötzlich war ich wieder bei MacConroy.
„Du siehst welche Auswirkungen dieser Patrick auf unser Volk hat. Ich werde nun die Aufgabe übernehmen, Frieden zu stiften, zwischen den Tuathen und Königen. Dich werde ich mitnehmen, weil du mein Garant bist, dass ich diese Reise unbeschadet machen kann.“
„Wieso ich?“, fragte ich.
„Ihr seid in unserer Welt ein berühmter Kämpfer, der von Jedem geachtet wird, im ganzen Land.“
„Wie bitte?“
Verwirrt richtete ich mich auf. Ich fühlte mich wieder kräftig genug um aufzustehen.
„Kommt her und schau selbst“, meinte MacConroy.
Ich schaute in ein Behältnis in dem Wasser war. Im Spiegelbild konnte ich mich selbst sehen. Ich hatte eine Art Rüstung an. Erst jetzt sah ich auf mich hinunter. An der Seite trug ich sogar ein Schwert.
Erstaunt schaute ich MacConroy an.
„Nun wisst ihr, warum ihr bei mir seid. Mit deinem Wissen über die Zukunft, bist du allen voraus. Deswegen achten dich alle und schätzen deinen Rat, so wie es nur normalerweise von einem Druiden angenommen wird.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich.
„Wir werden zu König Maghnus gehen, er wird dir einen seiner Söhne zur Seite stellen.“
„Wieso das denn?“
„Er wird dir dienen, um im Kampf ausgebildet zu werden.“
„Aber ich kann doch nicht…“
Mitten im Satz hielt ich inne, weil ich wie selbstverständlich mein Schwert hervorzog und es durch die Luft gleiten ließ.
MacConroy grinste und verließ die Hütte, ich folgte ihm. Draußen stand ein Pferd angebunden.
„Sag bloß nicht, ich kann auch noch reiten?“, fragte ich und erwartete keine Antwort, als ich MacConroy wieder grinsen sah.
Ich ging zu dem Pferd hin, dass sein Kopf zu mir drehte und zu wiehern begann, es schien mich zu kennen. Ohne Probleme stieg ich auf. MacConroy brachte mir noch ein Schild und eine Lanze.
„Das gehört dir auch noch!“, sagte er und schritt voraus.
„Habt ihr kein Pferd?“, fragte ich verwundert.
„Nein, ich laufe lieber!“
So lenkte ich mein Pferd hinter ihm her und folgte ihm im kurzen Abstand.
„Es ist herrlich hier, diese Stille tut gut, keine Autos, kein Fluglärm“, sagte ich.
MacConroy wandte den Kopf und sah mich kurz an.
„Ach so, verzeiht, ich rede nicht mehr von der Zukunft“, meinte ich.
Ich konnte ein kurzes Nicken seinerseits wahrnehmen und folgte ihm still. Der Wald lichtete sich und ich konnte eine Steinmauer in der Ferne sehen. Dahinter befanden sich wieder Hütten und ein größeres Gebäude.
„Ist das so was wie ein Palast?“, fragte ich.
Wieder nickte MacConroy, schritt aber weiter, ohne einen Ton zu sagen. Ich beschloss das Gleiche zu tun und ritt weiter hinter ihm her. Wir durchquerten eine Öffnung in diesem Steinwall und ich konnte endlich andere Menschen sehen.
Ehrfürchtig verneigten sie sich vor uns oder verschwanden sogar in ihren Hütten. Ich wusste nicht, ob ich irgendwelchen Gruß sagen sollte, so verhielt ich mich weiter still. Am großen Gebäude, ein hohes Dach, das von dicken Holzstämmen getragen wurde und mit Schnitzereien verziert war, machte MacConroy Halt.
Ich stieg von meinem Pferd und band es an einem Baumstamm fest. MacConroy betrat nun das Gebäude und ich folgte ihm. Vor uns lag ein Raum mit einem großen Tisch in der Mitte. Rechts und links standen Bänke und hinten, uns gegenüber, ein großer Holzstuhl.
Dort saß ein kleiner, dicker Mann und aß. MacConroy lief auf ihn zu.
„Sei gegrüßt edler Maghnus, ich bringe euch frohe Kunde.“
„Da seid ihr ja endlich, alter Druide, und habt ihr Kearney überreden können, euch zu begleiten?“, sagte dieser.
Mit Kearney war wohl ich gemeint, Kevin gefiel mir da besser.
„Ja, er wird mich begleiten und ich sehe ein Erfolg in ganzer Linie“, kam es von MacConroy, der einen kurzen Blick zu mir warf.
Ich schritt ein wenig vor und verneigte mich kurz vor König Maghnus.
„Ich habe gehört, guter Freund, ihr seid sehr schweigsam“, sprach Maghnus mich an.
„Ich bin kein Freund großer Worte und lasse meine Waffen sprechen!“
Hatte ich das eben wirklich gesagt?
„So ist es recht! Fendrick ruft meinen Sohn, er soll auf der Stelle herkommen.“
Ein unscheinbarer Mann, den ich nicht bemerkt hatte weil er im Schatten stand, trat hervor und verneigte sich, war aber gleich wieder verschwunden.
„Shane, wartet schon die ganze Zeit aufgeregt, wann es endlich losgeht“, erzählte König Maghnus.
„Es wird ihm gut ergehen bei uns“, sagte MacConroy.
„Da habe ich auch keine Sorge, ihr seid bei Kearney in guten Händen.“
Ich hörte schnelle Schritte und ein junger Mann kam in den Raum gerannt.
„Sind sie da?“, hörte ich ihn rufen, noch bevor er in meine Sichtweite kam.
„Ja, mein Sohn. Shane, das hier ist Kearney, er wird euch die nächsten Wochen unterweisen!“, sagte König Maghnus.
Endlich trat Shane ins Licht. Wie anscheinend alle vom Adel trug er einen wollenden Umhang gehalten von einer edlen Brosche. Er verneigte sich vor mir bevor wir den ersten Blickkontakt hatten.
Sein schwarzes Haar lag wirr auf dem Kopf und brachte seine glänzenden grünen Augen wunderschön zur Geltung.
Ich hörte ein klingelndes Geräusch, die Umgebung verschwand vor mir.
Es war mein Handy, das klingelte. Ich lag wieder auf meinem Bett und Griff danach.
„Ja?“

„Hallo Kevin, hier ist deine Mum.“

„Hallo Mum, entschuldige, aber ich habe ein wenig geschlafen.“

„Stimmt irgendetwas nicht?“

„Mir war nicht gut, da hat Joyce gemeint ich soll mich ein bisschen hinlegen.“

„Gut, ich wollte dir nur sagen, dass wir am Freitagmittag in Irland ankommen.“

„Was? Wow!“

„Ja, ich wusste, das du dich freust!“

„Natürlich freue ich mich, wenn ihr herkommt, sollen wir euch abholen, ich meine vom Flughafen?“

„Nein Kevin, dein Dad möchte einen Mietwagen nehmen.“

„Das muss ich gleich Joyce erzählen!“

„Okay, sag ihr einen Gruß von mir!“

„Mache ich, und du einen von mir an Dad!“

„Gut, wir sehen uns Freitag.“

„Ich freue mich!“

„Ich mich auch. Bye!“

„Bye Mum!“

Schon war das Gespräch beendet. Ich stand auf und lief aus meinem Zimmer. Auf halben Wegen kam mir Erin entgegen.
„Hoppla dir geht es ja wieder besser, Mum dachte schon sie muss einen Arzt holen.“
„Was, bitte? Ach so, ja ist alles wieder in Ordnung.“
„Und dein hohes Fieber?“
„Habe ich etwas bekommen!“, sagte ich und ließ Erin im Flur stehen.
„Von wem denn?“, rief sie hinter mir her.
Aber das nahm ich nur noch am Rande war. Joyce stand in der Küche und wusch Geschirr ab.
„Hallo Joyce, Mum hat eben angerufen, sie kommen am Freitag.“
Joyce sah mich entgeistert an. Sie faste mir, mit ihren feuchten Händen an die Stirn und schüttelte den Kopf.
„Wieso ist plötzlich dein Fieber weg, ich wollte eben unseren Hausarzt anrufen“, sagte sie.
„MacConroy hat mir schon was gegeben“, erwiderte ich.
„Wie bitte, wer?“
Nun wurde mir klar, wie sehr ich eben Realität mit Traum verband, aber mein Fieber war gesunken.
„Entschuldige Joyce, ich habe wieder geträumt“, antworte ich.
Sie trocknete ihre Hände ab und zog mich in das Wohnzimmer. Dort setzten wir uns auf ein großes Sofa.
„Kevin, ich mach mir so langsam Sorgen um dich“, begann sie.
„Das glaube ich dir gerne, aber ich weiß selbst nicht warum ich so intensive Träume habe und sie so real scheinen.“
„Und was hast du diesmal geträumt?“
Langsam und genau erzählte ich ihr alles, bis ich mein Handy hörte und der Traum verschwand. Joyce saß die ganze Zeit still neben mir.
„Ich weiß Kevin, es mag sich verrückt anhören, aber ich glaube wirklich an diese Zeitsprünge. So wie mir Bob erzählte, waren die Druiden sehr mächtige Männer und waren zu allerlei Dingen fähig, aber warum du plötzlich ein Krieger sein sollst, weiß ich auch nicht.“
„Ob Bob irgendetwas von einem Kearney in seine Unterlagen hat?“, fragte ich.
„Das weiß ich nicht, aber ich würde vorschlagen, du isst erst mal etwas um zu Kräften zu kommen.“
„MacConroys Trank hat mir…“, abrupt hielt ich inne.
„Du könntest deinen Druiden mal fragen, ob er mir das Rezept verraten würde. Und außerdem, sah Shane wirklich so gut aus, wie du ihn vorhin beschrieben hattest?“
Grinsend stand sie auf und ich wurde rot.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen du hast dich verguckt!“
Lachend verließ sie das Wohnzimmer und ließ mich alleine. Nick schneite herein.
„Na Kevin, ich hörte du bist wieder fit!“
„So fit, wie du nach deinem Mittagsschlaf“, erwiderte ich.
Nicks Wangen färbten sich leicht rot.
„Woher weißt du denn dass schon wieder?“
„Ich habe euch beiden friedlich schlafend gesehen, war wohl ein sehr anstrengendes Gespräch?“
„Was für ein Gespräch?“, wollte Nick wissen.
Ich begann zu lachen und folgte Joyce in die Küche.
Als Bob später nach hause kam, erzählte Joyce ihm alle Neuigkeiten. Bei meinem Traum wurde er hellhörig und verschwand gleich in sein Arbeitszimmer. Irgendwie komisch, das alle hier mir sofort glaubten, was ich träumte und mich keiner für verrückt hielt.
Trotz meines langen Schlafes am Mittag lag ich ein wenig später wieder auf meinem Bett, wo ich schnell wieder einschlief.
Ich saß auf dem Boden vor einem Lagerfeuer. MacConroy saß auf einem Baumstumpf und sah sich irgendwelche Pflanzen im Schein des Feuers an. Shane lag dich neben mir uns schlief.
„MacConroy, kann ich kurz mit euch reden?“
Er schaute auf und ließ die Pflanzen sinken.
„Ich weiß meine Bedeutung in eurem Vorhaben, und mittlerweile macht es mir auch nichts mehr aus, in meinen Träumen in eure Zeit zu reisen, aber ich bekomme Schwierigkeiten, die Zukunft und die Vergangenheit auseinander zuhalten.“
MacConroy legte die Pflanzen auf den Boden und stocherte im Feuer.
„Junger Kevin, ich weiß über deine Zwietracht deiner Gedanken Bescheid und ich kann dir versprechen, das du keinen Schaden nehmen wirst, nicht hier und auch nicht in eurer Zeit.“
Ich sah ihn lange an.
„Ihr haltet irgendetwas zurück, so fühle ich es jedenfalls!“, sagte ich.
„Das stimmt, aber ich darf euch in diesem Punkt nichts weiter sagen“, entgegnete er und schaute dabei auf Shane.
Mit meiner Hand strich ich ihm durch seine schwarzen Locken.
„Könnte er jener sein, der für mich auserwählt ist?“, fragte ich mich eher selbst, aber dennoch laut genug, dass es MacConroy hörte.
„Die Liebe ist etwas Ungewisses, unabhängig von der Zeit und dem Ort. Lass uns aber ein wenig schlafen, wir haben Morgen einen weiten Weg vor uns.“
Er stand auf und machte es sich auf einer Decke vor dem Feuer bequem. Da Shane mit seinem Kopf an mir lehnte, hielt ich es für besser sitzenzubleiben, um ihn nicht zu wecken.

* * *

Als ich meine Augen öffnete, schaute ich mich erst um, wo ich denn überhaupt war. Ich lag im Bett, war also wieder in meiner Zeit und träumte nicht. Ich entschloss mich auch, weiter nichts mehr von meinen Träumen zu erzählen und auch zu versuchen, nichts durcheinander zu bringen.
Ich stand auf und stellte mich erst mal unter die Dusche. Als ich später in die Küche kam, wartete wie gewohnt Joyce mit dem Frühstück auf mich.
„Und eine gute Nacht gehabt?“, fragte sie mich.
„Ja, ich habe sehr gut geschlafen und fühle mich wieder völlig fit“, antwortete ich.
„So fit, um mit mir in die Schule zufahren?“
„Wie in die Schule, ich dachte da muss ich erst morgen hin.“
„Ja, aber da deine Eltern morgen ankommen, habe ich mir erlaubt auf der Schule anzurufen und zu fragen ob du heute schon kommen könntest und somit den Tag morgen, voll zur Verfügung zu haben.“
„Das ist keine schlechte Idee. Wann müssen wir los?“
„In einer halben Stunde!“
„Dann werde ich wohl mein Frühstück ausfallen lassen und mich fertig machen, wir können ja danach vielleicht etwas in der Stadt essen gehen“, meinte ich.
„Auch keine schlechte Idee. Dann verräume ich hier alles und wir treffen uns draußen am Auto.“
„Okay bis gleich“, sagte ich und ging wieder auf mein Zimmer.
Etwas aufgeregt war ich schon, denn es war eine neue Schule, eine neue Situation für mich, weil ich nicht wusste, was mich erwartete. Der Leiter Mr. McConners nahm mir aber gleich zu Anfang meine Angst, in dem er mir genau erklärte, was auf mich zu kam, mit wem ich meine Kurse besuchte.
Joyce saß die ganze Zeit still neben mir, denn sie war auf meinen Wunsch mit hereingekommen. Als auch noch die letzten Formalitäten erledigt waren und ich auch schon einen Stundenplan bekommen hatte, verließen wir wieder die Schule.
Ich war doch froh, keine Schuluniform tragen zu müssen, so wie es in den normalen Schulen hier üblich war. Auch war meine Klasse gemischt, was in Irland immer noch nicht ganz Fuß gefasst hatte und es somit noch immer reine Jungen und Mädchenschulen gab.
Langsam schlenderte ich mit Joyce durch die Innenstadt und schaute mir die Auslagen in den Schaufenstern an.
„An was denkst du?“, fragte Joyce.
„Im Augenblick versuche ich an nichts zu denken, außer, dass ich alles langsam angehen lassen will um zu sehen, was kommt.“
„Gute Einstellung finde ich, hast du Hunger?“
„Ja, etwas zu Essen könnte ich schon vertragen“, meinte ich und rieb über meinen Bauch.
„Ich kenne da ein kleines Lokal, wo es Spezialitäten unseres Landes gibt, hättest du daran Interesse?“, fragte Joyce.
„Ja, natürlich, ich will ja nicht nur die Sprache kennenlernen, sondern auch das Land. Das Land meiner Urahnen“, schob ich mit einem Grinsen hinter her.
Joyce grinste ebenso, denn sie wusste wie ich das meinte. Nach dem Essen beschlossen wir Bob zu besuchen. Der war sehr erfreut, über unser Erscheinen. Wieder blieb ich vor der kleinen Steinfigur stehen und war in ihren Bann gezogen.
„Dann bin ich mal gespannt, was uns das Wochenende bringt“, sagte Bob.
„Liegt der Hof weit von hier weg?“, fragte ich.
„Nein, so wie es uns Henry erklärt habe, ist es am Stadtrand von Derry, also nicht weit von unserem Zu Hause“, antwortete Joyce.
„Meinst du wir könnten dort mal vorbei fahren?“
Joyce lächelte.
„Ich habe schon darauf gewartet, wann du mich das fragst. Aber ich muss zu geben, ich bin ebenso neugierig, wie du“, sagte sie.
Also verabschiedeten wir uns von Bob wieder und liefen zurück zum Auto. Während der Fahrt schaute ich mir wie immer die Gegend an. Ich glaube fast, Joyce fuhr jedes Mal einen anderen Weg, dass ich mehr zu sehen bekam.
„Irgendwo muss doch diese kleine Strasse sein“, fluchte Joyce neben mir und riss mich aus meinen Gedanken.
„Da ist sie ja, so, nun sind wir gleich da.“
Die Häuser wurden weniger und vor uns taten sich weite Wiesen auf.
„Bist du eigentlich schon mal geritten?“, fragte Joyce, die ein wenig Schwierigkeiten mit dem Wagen hatte, weil sie den Schlaglöchern ausweichen musste.
„Nein, bei uns zu Hause gibt es keine Möglichkeiten zu reiten.“
„Dann kannst du es ja hier ausprobieren.“
„Ein Versuch wäre es wert.“
Ein großes Holzgatter kam, dass wir durchfuhren. Auf einer Koppel neben uns sahen wir einige Pferde grasen. Hinter einer Baumgruppe kam dann ein altes Herrenhaus zum Vorschein. Joyce und ich sahen uns erstaunt an.
„Ich wusste zwar, dass Susan von einem Hof stammte, aber sie hat immer mich besucht, ich sie nie“, kam es von ihr.
Sie parkte auf einem Platz neben dem Haus und stellte den Motor ab.
„Das soll alles meiner Mum gehören?“, fragte ich.
Joyce und ich saßen noch eine Weile im Auto und schauten uns um, ohne auch nur einen Ton zusagen. Aus dem Haus kam ein Mann gelaufen, direkt auf uns zu. Er blieb an Joyces Fenster stehen, sie kurbelte es hinunter.
„Kann ich ihnen irgendwie helfen?“
„Kann ich den Inhaber sprechen?“, fragte Joyce und ich wunderte mich.
„Der Inhaber ist zurzeit nicht da, aber ich bin der Verwalter und somit, kann ich ihnen bestimmt auch Auskunft geben.
Joyce zog den Schlüssel ab und stieg aus. Ich gurtete mich ebenfalls ab und folgte ihr.
„Mein Name ist Joyce McGill. Ich habe erfahren, dass dieses Anwesen Susan O`Farrel gehört.“
„Das ist richtig ja, aber wie gesagt, die Eignerin ist nicht zugegen“, antwortete der Mann.
„Das weiß ich, Mrs. O’Farrell lebt in Deutschland, hat dort geheiratet und heißt nun Neumann!“
„Woher wissen sie?“, stotterte ihr gegenüber.
„Das hier ist ihr Sohn Kevin Neumann, der bei uns zu Gast ist.“
„Sie müssen entschuldigen, aber Mrs. O’Farrell war nicht zu erreichen, sämtliche versuche per Telefon oder schriftlich wurden abgewiesen. Ich wusste nicht, dass sie unter einem anderen Namen in Deutschland lebt.“
„Ja, etwas ungewöhnlich, ab so ist es nun mal!“, sagte Joyce.
„Wir sich Mr. Neumann hier dann auch melden?“
„Sie kommt am Wochenende vorbei“, sagte ich, was ich bereute, weil mir Joyce einen bösen Blick zuwarf.
„Oh Gott, und wir haben überhaupt nichts vorbereitet“, meinte der Mann.
„Dass sollen sie auch nicht! Lassen sie alles so wie es ist. Sind sie gut belegt?“, fragte Joyce.
„Wir können uns nicht beschweren, Evens ist übrigens mein Name“, sagte er und hob Joyce die Hand zur Begrüßung.
„Gut Mr. Evens, könnten sie Kevin hier das Anwesen etwas zeigen?“
„Natürlich, mach ich doch gerne. Ich weiß, das wir seit 20 Jahren versuchen, die rechtmäßige Eigentümerin zu finden, aber dass nun gleich der Sohn vor mir steht, ich bin noch etwas, wie soll ich sagen…“
„Von den Socken?“, fragte ich.
Mein zweiter vernichtender Blick von Joyce.
„Ja, das trifft es genau“, meinte Evens.
„Wer hat bisher, die Leitung über dieses Haus geführt?“
„Der alte Mr. O’Farrell hat in seinem Testament sehr genau beschrieben, wie er die Führung haben wollte. Sollte seine Tochter verhindert sein, und die Leitung nicht übernehmen können, war in der Verfügung ebenso eine Lösung angegeben. Eine Stiftung wurde gegründet, die das Vermögen der O’Farrells verwaltete und ein Verwalter, mich, direkt hier am Hof eingesetzt.“
„Und das läuft nun seit zwanzig Jahren so?“, fragte Joyce.
„Ja, und das erwirtschaftete Geld kommt entweder dem Gutshof oder der Familie O’Farrell zu Gute.“
„Das ist ja interessant. Da müsste sich ja ein kleines Vermögen angesammelt haben, in all den Jahren“, sagte Joyce zu mir.
„Nicht nur ein Kleines“, meinte Evens, sich selbst lobend.
„Gut, dann lass uns mal einwenig hier herumschnüffeln, Kevin“, sagte Joyce.
„Ja, dafür wäre ich auch!“, erwiderte ich.
Evens betrat vor uns das Haus. Er zeigte uns die Wirtschaftsräume, einen kleinen Esssaal, für die Gäste, die hier übernachteten. Er zeigte uns sogar eins der Zimmer, das im Augenblick nicht belegt zu sein schien.
„Sie sagten Neumann?“, fragte Evens.
„Ja, warum?“, antwortete Joyce
„Mir fällt gerade ein, dass sich ein Ehepaar namens Neumann für das Wochenende angemeldet hat.“
Ich musste grinsen, ich würde meiner Mum ohne weiteres zutrauen, dass sie sich im eigenen Haus eingemietet hat. Joyce und dieser Evens unterhielten sich weiter und ich hatte so Zeit mich doch etwas genauer und vor allem alleine umzuschauen.
Nach dem ich das Haus verlassen hatte, lief ich Richtung Stallungen. Ich sah verschiedene Pferde in ihren Boxen. Eins fiel mir ganz besonders auf, es sah aus wie das aus meinem Traum. Als ich mich ihm näherte, hob es den Kopf und schaute mich direkt an.
Vorsichtig ließ ich meine Hand über seine Nüstern wandern und es schien ihm zu gefallen.
„Vorsichtig junger Herr, Brainstone, mag das nicht, er lässt sich von fast niemand anfassen!“
Ich drehte mich um und sah einen Jungen, mir stockte der Atem. Dieser Junge sah fast so aus wie Shane. Etwas verwirrt ließ ich meine Hand sinken. Der Junge kam zu mir, aber hielt sicheren Abstand zum Pferd.
„Komisch, er macht mir nicht den Eindruck, irgendwie gefährlich zu sein. Kann man ihn reiten?“, ragte ich.
„Bisher wollte ihn niemand reiten, weil er sehr jähzornig ist und jeden abwirft.“
„Wie ist dein Name?“
„Shane heiße ich, junger Herr!“
Mir lief es kalt den Rücken herunter. Er hatte sein Aussehen, seine Stimme und er hieß auch wie er.
„Entschuldigung, ich wollte ihnen keine Angst machen“, sagte Shane, der offensichtlich mein Gesichtsausdruck so deutete, dass er mir einen Schrecken eingejagt hatte.
„Nein, ist schon gut, ich habe nur an etwas gedacht. Ich heiße übrigens Kevin und du kannst zu mir ruhig du sagen“, erwiderte ich, um ihn zu beruhigen.
„Mir ist es nicht erlaubt, unsere Kundschaft mit du anzureden“, sagte Shane leise.
„Du hast von mir die ausdrückliche Erlaubnis, und wenn sich jemand über dich ärgert, schick ihn zu mir.“
Shane sah mich fassungslos an.
„Ist es nun möglich, Brainstone zu reiten oder nicht?“, fragte ich.
„Ich habe sie… dich gewarnt, aber wenn du ihn unbedingt reiten willst, sattle ich ihn gerne für dich“, antwortete er.
Ich sah dem Pferd tief in die Augen und nickte.
Shane öffnete eine benachbarte Tür und kam wenig später mit einem großen Sattel zurück. Ich beobachtete ihn, wie er Brainstone aus der Box führte. Ihm schien das Pferd ja dann wohl zu trauen. Es begann auch nicht unruhig zu werden, als Shane ihm den Sattel auflegte und festzurrte.
„Hast du Reiterstiefel?“, fragte Shane.
„Um ehrlich zu sein, habe ich überhaupt nichts dabei“, antwortete ich.
„Welche Schuhgröße?“
„Ich habe zweiundvierzig.“
Wieder verschwand er im Haus und kam mit einem Paar Reiterstiefel zurück. Er reichte sie mir und meinte ich solle sie probieren. Gleich beim ersten Versuch schaffte ich es auch sie anzuziehen. Er hielt nun das Pferd, damit ich aufsteigen konnte.
Ich steckte meinen Schuh in den Bügel und schwang mich hinauf, so wie ich es im Traum gemacht hatte.
„Mr. Neumann, halt, sie können das Pferd nicht reiten!“
Evens kam mit Joyce um die Ecke gebogen.
„Bis jetzt ist Brainstone doch sehr ruhig, ich werde es einfach versuchen.“
„Er wird sie abwerfen“, rief Evens entsetzt.
„Das lassen sie mal meine Sorge sein!“, erwiderte ich.
„Shane, warum hast du den jungen Herrn nicht davon abgehalten, gerade dieses Pferd zu nehmen“, sagte Evens recht schroff.
„Hat er, Mr. Evens, aber ich habe es so gewünscht!“, sagte ich im selben Ton.
Joyce trat an mich heran.
„Bist du verrückt, du kannst doch gar nicht reiten“, sagte sie leise.
„Keine Sorge, in diesem Leben bin ich noch nicht geritten, dafür in einem Anderen.“
Verwundert schaute mich Joyce an und ich lächelte ihr zu.
„Lass es mich bitte probieren, Joyce!“
„Aber doch nicht gerade, auf dem wildesten Pferd, dass es auf dem Hof gibt.“
„Gerade deshalb, vertrau mir!“
Sie nickte und ich ritt los. Hinaus zum Tor Richtung Wiesen. Kurz drehte ich noch mal meinen Kopf und lächelte den Dreien zu. Im flotten Galopp verließ ich den Hof Richtung Berge. Brainstone machte keinerlei Anstalten irgendwie nicht meiner Führung zufolgen.
Pferde merken, wenn man es gut mit ihnen meint, heißt es doch immer. Der Weg begann zu steigen und Brainstone legte sich ins Zeug, um nicht an Geschwindigkeit zu verlieren. Ich brauchte ihn auch nicht besonders anzutreiben, er galoppierte einfach von selbst auf die Anhöhe.
Oben angekommen zog ich an den Zügeln und Brainstone blieb stehen. Es schien die gleiche Hügelkette zu sein, wie bei McGills hinter dem Haus. In der Weite konnte ich die kleine Lichtung sehen, an der ich nun schon ein paar Mal war.
Beruhigend klopfte ich Brainstone am Hals, der zufrieden graste.
„Na, du bist doch gar nicht so wild, wie die sagen. Wollen wir schon zurück, oder willst du noch graden?“, fragte ich.
Brainstone wieherte und graste weiter. Ich genoss die Aussicht und ließ wieder meine Blicke schweifen. Erst das Pferd, dass ich aus meinen Traum schon kannte und nun auch Shane, der dem mir anvertrauten Shane im Traum fast glich.
Etwas unheimlich war mir schon, aber ich dachte an MacConroy. Bei ihm schien alles möglich, auch Wunder. Warum er mich überhaupt dabei haben wollte, schien mir ein Rätsel, denn so ein mächtiger Mann, benötigte keinen Schutz, auch meinen nicht.
Waren es wirklich nur Träume oder war es Wirklichkeit. Ich bewegte Brainstone zur Umkehr und brav folgte er meiner Führung. Wenig später trabte ich wieder in den Hof des Gutes, wo die Drei immer noch an derselben Stelle standen.
„Brainstone gehorcht prima, und abgeworfen hat er mich auch nicht“, rief ich ihnen entgegen.
Ich kam zum stehen und ließ mich herunter gleiten. Shane nahm die Zügel entgegen und führte Brainstone wieder zu seiner Box.
„Dass ist das erste Mal, dass er niemand abwirft“, sagte Evens begeistert.
„Dann hast du anscheinend ein Pferd gefunden, dass zu dir passt“, sagte Joyce.
„Ja, Brainstone ist ein herrliches Pferd.“
Joyce zog mich zu sich ran.
„Wo hast du auf einmal reiten gelernt, du hast gesagt, du bist noch nicht auf dem Rücken eines Pferdes gesessen“, sagte sie leise zu mir.
„Habe ich auch noch nicht“, gab ich leise zurück, während ich versuchte mich von diesen Reiterstiefeln zu befreien.
„Könntest du mich mal aufklären, habe ich etwas verpasst?“
„Sozusagen schon“, meinte ich und war froh der ersten Stiefel geschafft zu haben.
„Kevin, jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“
Ich schaute mich um, ob wir alleine waren. Keiner war weit und breit zu sehen.
„Du weißt doch, dass ich von der Vergangenheit geträumt habe?“, fragte ich.
„Ja und?“
„Das blieb nicht bei dem einen Mal, praktisch immer wenn ich einschlafe, wandere ich in die Vergangenheit.“
Joyce sah mich mit großen Augen an.
„Ja und im letzten Traum habe ich ein Pferd bekommen, dass dem gleicht, das ich hier geritten bin“, beendete ich meine Ausführungen.
Joyce sagte immer noch kein Wort, sie schnappte ein wenig nach Luft.
„Du kannst mich zwar jetzt verrückt halten, aber als ich das Pferd sah, wusste ich, es tut mir nichts, weil es mich kennt!“
„Ich halte dich nicht für verrückt, aber es muss doch einen Grund geben, warum du immer in die Vergangenheit wanderst. Ich glaube zwar nicht so an das Übersinnliche, aber ich glaube dir!“
„Ich weiß es auch nicht, ich weiß nur das ich einem Druiden MacConroy helfen muss einen Krieg zu verhindern. Dort habe ich sogar einen Schüler zu Seite bekommen.“
„Einen Schüler?“
„Ja, er ist der Sohn von König Maghnus, er soll bei mir das Kämpfen lernen.“
„Du und kämpfen, woher sollst du denn das können?“
„In der Vergangenheit kann ich es, da bin ich ein geachteter Kämpfer mit namens Kearney.“
„Kearney? Der Name sagt mir was. Wenn wir zu Hause sind, dann muss ich mit Bob reden, der kann dir sicher weiter helfen.“
„Helfen?“
„Kevin, wenn es so ist, wie du erzählst, dann brauchst du wirklich jede Hilfe die du bekommen kannst. Weiß noch jemand von deinen Träumen?“
„Außer Nick und Finley, und jetzt du weiß das niemand.“
„Dabei sollten wir es vielleicht auch belassen, wer weiß, vielleicht bekommt es ja noch in den falschen Hals!“
„Kann ich kurz stören?“
Shane war zu uns getreten.
„Ja, Shane?“, meinte ich.
„Stimmt es, was die anderen sich erzählen, du bist der Sohn der Eigentümerin des Hofes?“, fragte er schüchtern.
„Ja, der bin ich, deswegen darfst du auch du zu mir sagen, ohne das du Ärger bekommst. Erlaubnis von höchster Stelle.“
Shane grinste und ging wieder seiner Arbeit nach.
„Ach so, habe ich ganz vergessen, dieser Shane, sieht dem Königssohn aus meinen Träumen sehr ähnlich und heißt auch Shane“, meinte ich leise.
„Du wirst langsam unheimlich.“
„Ich mir auch.“
„Lass uns nach Hause fahren, sonst kommen wir zu spät zum Essen.“
„Ja stimmt, seit ich da bin, habe ich euren Zeitplan ganz schön durcheinander gebracht.“
„Stimmt!“, sagte Joyce und lachte.

* * *

Sehr spät, als ich schon im Bett lag, klopfte es noch an meiner Tür. Nick streckte seinen Kopf herein.
„Können wir noch reden?“, fragte er.
„Natürlich komme herein!“, sagte ich.
Nick hatte wie ich schon seine Short und Tshirt zum Schlafen an. Etwas unbeholfen und verfroren saß er auf einem Stuhl neben meinem Bett. Ich hob die Decke und lächelte.
„Bist du sicher?“
„Jetzt komm schon, mir wird kalt“, meinte ich.
Schnell schlüpfte er unter meine Decke und machte es sich bequem.
„So, und nun erzähl, was ist los?“, fragte ich.
„Ich wollte dir eigentlich nur noch einmal danken, für die Sache mit Finley.“
„Nichts zu danken, habe ich doch gerne gemacht.“
„Und wie kann ich das gutmachen?“
„Warum willst du etwas gutmachen?“
„Es ist doch so, wenn man etwas für einen macht, dann macht der andere auch etwas für einen selbst!“
„Hör mal Nick, ich erwarte nicht, dass du etwas für mich machst. Ich konnte dir helfen und jetzt lass es gut sein.“
Nick kuschelte sich näher an mich.
„Du bist ja völlig kalt! Komm her in meinem Arm, du zitterst ja.“
Ich nahm ihn in meinen Arm. Es dauerte nicht lange und wir schliefen beide ein.
Wieder schien ich in der Vergangenheit zu sein. Ich lehnte an einem Baumstamm. Shane schmiegte sich näher an mich heran, und öffnete die Augen. Etwas erschrocken wich er zurück.
„Verzeiht mir, ich habe geträumt“, meinte er zu mir.
Ich strich ihm über sein Haar und sah ihn liebevoll an.
„Das ist doch nicht schlimm! Schlafe noch ein wenig, wir haben heute noch einen weiten Weg vor uns“, sagte ich mit sanfter Stimme.
Sein Gesicht überzog sich mit einem Lächeln. Ich zog ihn wieder zu mir heran. Es dauerte nicht lange und ich konnte wieder seinen gleichmäßigen Atem hören.
„Dir gefällt dieser Junge!“, kam es von MacConroy.
Etwas verlegen schaute ich zu dem alten Druiden hinüber. MacConroy richtete sich auf blieb aber unter seiner Decke eingehüllt. Er legte ein paar Stücke Holz auf, worauf das Feuer wieder größer wurde und es wieder genug Wärme spendete.
„Wie soll ich sagen, ich fühle mich schon jetzt zu ihm hingezogen, obwohl ich ihn noch nicht lange kenne.“
„Euch verbinden eine starke Fügung, die nicht zu trennen sein wird.“
„Über unseren Tod hinaus?“, fragte ich und wunderte mich, das ich solch ein Thema anschnitt.
„Ihr werdet euch in einem anderen Leben wiedersehen, sei gewiss, aber wird es nicht leicht werden.“
Wie meint ihr das?“
„Mehr kann ich euch nicht sagen, aber hütet Shane, wie euren Augapfel, er ist das Pfand für euer Leben.“
Mehr gab MacConroy nicht von sich. Wie soll da einer daraus schlau werden. Ich sah zu Shane hinunter und strich ihm die Haare aus seinem Gesicht, was dieser mit einem feinen Lächeln quittierte.
Ich hatte mir nie große Gedanken gemacht einen festen Freund zu haben, doch nun in dieser Zeit, was konnte ich schon tun. War der Shane in meiner Zeit ebenso? Fragen über Fragen taten sich in meinem Kopf auf.
Ich hatte beide Shanes nur wenig kennen gelernt, nicht viel mit ihnen geredet. Beide faszinierten mich aber, beide auf ihre Art. Ein Gefühl machte sich in mir breit, das ich bis jetzt noch nicht kannte.
Nicht mal das Küssen mit Nick, hat dieses Gefühl in mir erweckt. Tief in mir machte sich ein Wohlgefühl breit, eine Wärme, die mich erschaudern ließ. Shane schien davon wach zu werden.
„Ist euch auch kalt?“, fragte er.
„Nein, Shane. Schlaf weiter!“, antwortete ich.
„Ich kann nicht mehr schlafen, meine Gedanken hindern mich daran.“
„Welche Gedanken?“, fragte ich.
Shane richtete sich auf und setzte sich aufrecht neben mich.
„Es gibt sicher viele, die euch ehren?“
„Das kann sein, ich weiß es nicht.“
„Aber alle achten euch wegen eurer Kraft.“
„Sie sollten mich als Mensch achten, nicht als das, was sie in mir sehen!“
Shane sah mich mit großen Augen an. Ich legte meine Hand auf seine Schulter.
„Man soll einen Menschen nicht nach seinen Äußerlichkeiten beurteilen, sondern nach seinen inneren Werte“, versuchte ich zu erklären.
„Kevin, ihr überfordert ihn, er versteht euch nicht, wenn ihr so redet wie ihr es gewohnt seit!“, warf MacConroy ein.
Ich seufzte und wieder schaute ich zu Shane.
„Shane, du siehst den kräftigen Kämpfer in mir, oder?“
Shane nickt mir zu.
„Weißt du aber, wie ich wirklich bin? Du siehst nur meinen Umhang, meine Waffen, mein Schild, aber siehst du was sich dahinter verbirgt? Sicher nicht. Du lässt dich von meinem Äußeren blenden!“
„Ihr meint, ihr seid nicht so mutig und kräftig wie man sich erzählt?“, sagte Shane.
„Das habe ich nicht gesagt, aber du kennst eben nur diesen einen Teil, aber ich bestehe aus vielen Teilen.“
Ein großes Fragezeichen machte sich auf Shanes Gesicht breit und ich musste das erste Mal ein wenig grinsen.
„Ich grinst?“, fragte Shane erstaunt.
„Ja, ich kann sogar lachen. Shane, das meine ich damit, du kennst mich nicht von allen Seiten.“
„Ich will euch aber kennen, so wie ihr seid!“
„Dazu hast du jede Menge Zeit“, meinte ich und erhob mich.
Ich lief zu meinem Pferd das die Ohren stellte, als ich zu ihm trat.
Etwas rüttelte an mir und ich öffnete die Augen, ich lag wieder in meinem Bett bei Nick.
„Was ist denn los?“, brummte ich müde.
„Das wollte ich gerade dich fragen. Du schläfst total unruhig und redest wirres Zeug“, antwortete Nick.
Schlagartig war ich hell wach.
„Was habe ich geredet?“
„Ich habe nur ein paar Worte verstanden, wie Kämpfer, Äußerlichkeiten oder innere Werte.“
Sprach ich nun im Schlaf, was ich dort erlebte? Unsicher zog ich die Decke an mich, begann am ganzen Körper an zu zittern. Nick schien dies zu merken, rückte wieder näher und nahm mich in den Arm.
„Was macht dir so Angst?“, fragte er.
„Ich bekomme Angst vor mir selbst, was passiert mit mir, werde ich verrückt?“
„Hattest du so was schon früher?“
„Das ich von Kelten und Druiden träume?“
Nick nickte und lächelte sanft dabei. Ich schüttelte den Kopf.
„Bevor ich zu euch kam, hatte ich mit Irland und Kelten nichts im Sinn, das ist eine andere Welt für mich, etwas Neues!“
„Und doch träumst du anscheinend sehr intensiv davon?“
„Ja.“
„Darf ich dich noch etwas fragen?“
Ich schaute Nick an und nickte.
„Wer ist Shane?“
Ich fühlte die Wärme, die sich in meinem Gesicht breit machte und atmete tief durch.
„Wie soll ich das erklären…? Es gibt zwei davon…“
„Zwei?“
„Einmal den Shane in meinen Träumen, ein Königssohn, der mir anvertraut wurde, der mich wie einen Gott verehrt. Und zu anderen gibt es einen Shane, der als Pferdeknecht auf dem Gut meiner Mutter arbeitet.“
Es war zwar dunkel im Zimmer, aber ich konnte doch genau sehen, wie sich Nicks Mund zu einem frechen Grinsen verzog.
„Und in welchen davon hast du dich verliebt?“
„Ich kenn die zwei doch noch gar nicht richtig, ich weiß nur, das sie sich fast gleichen!“
„Wie gleichen?“
„Ich mache dir einen Vorschlag. Morgen wenn meine Eltern in Irland angekommen sind, werde ich zum Gutshof fahren, weil sie sich dort ein Zimmer genommen haben. Komm einfach mit, dann kann ich dir Shane zeigen, und du weißt auch, wie der Shane in meinen Träumen aussieht.“
„Ich weiß zwar nicht ob ich dass jetzt verstehen soll, aber gut, ich komme mit dir mit. Aber wir sollten nun weiter schlafen, ich muss nachher früh aufstehen und zur Schule.“
„Du willst also bei mir liegen bleiben?“, sagte ich ebenso mit einem frechen Grinsen.
„Daran könnte ich mich fast gewöhnen“, erwiderte er.
„Würde mich interessieren was Finley dazu sagt“, konterte ich.
Verlegen begann Nick wieder zu grinsen und kuschelte sich dicht an mich. Wieder fielen wir bald in einen tiefen Schlaf, der aber diesmal traumlos blieb und mir die verdiente Ruhe brachte, die ich wohl nötig hatte.

* * *

Auch wenn ich morgens schwer aus dem Bett kam, stand ich mit Nick auf, auch wenn er es eilig hatte, weil er in die Schule musste.
„Du Nick, wenn es dich nicht stört kannst du ja meine Dusche mitbenutzen“, sagte ich.
„Wirklich? Das würde mir sehr viel Zeit und Ärger ersparen“, kam es von ihm.
„Ärger?“
„Ja, mir bliebe die morgendlichen Streitereien mit meinen Geschwistern erspart.“
„Ich verstehe was du meinst, habe ich schon mitbekommen.“
Nick verschwand kurz aus meinem Zimmer, um wenig später wieder mit einem Knäuel von Klamotten wieder bei mir zu erscheinen. Er begann sich völlig auszuziehen und stand dann nackt vor mir.
„Da könnte man ja auf Finley richtig neidisch werden“, meinte ich, als ich Nicks Hintern taxierte.
Nick drehte sich noch einmal um, grinste mich an, bevor er in der Dusche verschwand.
„Der, der dich mal abkriegt, ist aber auch zu beneiden, bei der Beule in deiner Shorts“, hörte ich ihn von drinnen rufen.
Entsetzt sah ich nach unten und merkte jetzt erst, das ich eine ordentliche Morgenlatte schob. Verschämt ließ ich mich wieder in mein Bett fallen und vergrub mich unter meiner Decke. Irgendwie musste ich wohl eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffnete, ritt ich wieder ruhig neben MacConroy her.
„Ich sehe, der Schlaf hat dir gut getan, du siehst erholt aus“, meinte er.
„Ja, so fühle ich mich auch“, antworte ich und ließ suchend mein Blick wandern, bis ich mein Ziel gefunden hatte.
Shane lief etwas müde hinter uns her. Ich zog an den Zügeln und mein Pferd blieb stehen. Ich streckte meine Hand nach Shane aus, der aber nicht gleich begriff, was ich wollte.
„Komm steig auf, mein Pferd kann uns beide tragen!“
Verschüchtert nahm er meine Hand und ich zog ihn hoch auf den Rücken des Pferdes.
„Kevin reitet doch schon mal vor, und schau dir die Gegend an, aber sei vorsichtig, es gibt hier genug Hinterhalte“, meinte MacConroy.
Ich lächelte ihm zu und forderte den Braunen mit den Beinen auf schneller zu werden. Unbeholfen hüpfte Shane hinter mir auf und nieder, dass er fast den halt verlor.
„Halt dich ruhig an mir fest“, meinte ich.
Zögernd legte er seine Arme um meine Hüften und ich konnte endlich schneller reiten. Ich genoss die Nähe und die Wärme dieses Jungen. Es ließ mich auch unvorsichtig werden, so erschrak ich wie plötzlich jemand vor uns auf dem Weg auftauchte.
Der Braune ging kurz vorne hoch, als würde er den Fremden zertrampeln wollen, was Shane nicht gut bekam. Er rutschte vom Pferd und schlug hart auf dem Boden auf. Zornig schaute ich auf den Fremden, der sich nicht vom Fleck bewegte.
„Begrüßt man so alte Freunde?“, fragte er.
Etwas verunsichert, stieg ich ab und half Shane wieder auf die Beine.
„Ist das nicht Bevan, Sohn des König Daray Cillian?“, flüsterte mir Shane leise zu.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und drehte mich wieder zu dem Fremden.
„Bevan, seit wann tritt man als Freund aus einem Hinterhalt?“, fragte ich und setzte alles auf eine Karte.
„Ihr erinnert euch an mich, Kearney?“, sagte der Fremde und zog seine Kapuze herunter.
Ein junger Krieger, mit langen blonden Haaren kam zum Vorschein.
„Nicht jeder unscheinbare Königssohn gerät in Vergessenheit!“, sagte MacConroy der hinter mir wie aus dem Nichts auftauchte.
„MacConroy, schön euch zu sehen!“, sagte Bevan und verneigte sich.
„Was führt dich so früh in den Wald“ fragte MacConroy.
„Es sind Wilddiebe unterwegs, die, die Tiere meines Vaters erlegen, ich wollte dem Einhalt halten.“
„Menschen, die hungern“, gab MacConroy scharf von sich.
„Ich weiß, dass die Lebensweise meines Vaters euch nicht gefällt, MacConroy!“
„Es ist nicht wichtig, was ich denke! Ist dein Vater zu sprechen?“, fragte MacConroy.
„Ich denke, er wird sich freuen, euch nach so lange Zeit wieder zu sehen, MacConroy, euch Kearney, übrigens auch.“
Ich warf einen verwunderten Blick zu MacConroy, der mich aber mit einer Handbewegung beruhigte. Bevan lief an die Stelle zurück, aus der er getreten war und zog ein Pferd hervor.
„Wie ich sehe, junger Shane, hat dir dein Vater noch immer kein Pferd anvertraut“, kam es von Bevan.
Shane versuchte etwas zu sagen, aber ich hinderte ihn daran.
„Er steht unter meiner Obhut, also wenn du ihn angreifst, so greifst du mich an“, sagte ich und legte meine Hand auf den Knauf meines Schwertes.
„Nein, so war es nicht gemeint, edler Kearney“, meinte er und wich zurück.
Mir wurde bewusst, das MacConroy recht hatte, dass hier anscheinend jeder eine hohe Meinung von mir hatte. Ich stieg wieder auf mein Pferd und reichte Shane die Hand. Unsicher schaute dieser zu Bevan, bevor er meine Hand ergriff und sich hoch ziehen ließ.
„Du hast Glück, Shane, einen solchen Meister zu haben!“, meinte Bevan und stieg ebenfalls auf.
Er ritt langsam vor uns her, aber ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
„Macht dir keine Gedanken, Kevin, es wird dir niemand etwas tun“, sagte MacConroy, der neben uns herlief.
Shane, schaute fragend zwischen mir und MacConroy hin und her.
„Warum sagt ihr immer Kevin, zu Kearney“, fragte er plötzlich.
„Weil das mein Name ist!“, sagte ich.

* * *

Total quer wachte ich in meinem Bett auf. Mein Arm schmerzte, weil ich auf ihm lag. Ich richtete mich auf und fand einen kleinen Zettel neben mir liegen.

Hallo Kevin,
danke für die Nacht, sie
war wunderschön.
Dein Nick

Man könnte meinen, wir hätten etwas angestellt. Mit einem Grinsen stand ich auf und entledigte mich meiner restlichen Klamotten. Unter der Dusche kamen meine Lebensgeister wieder. Ich stand diesmal länger unter der Dusche, als gewohnt.
Ich ließ einfach das heiße Wasser über meinen Körper laufen. Heute Mittag werden ich meine Eltern wieder sehen. So schnell konnten sich die Dinge ändern. Bis sie aber ankamen, bis Nick wieder von der Schule zurückkam, hatte ich genug Zeit, mich um etwas anderes zu kümmern.
Da Joyce ebenfalls nicht da war, ließ ich kurzerhand das Frühstück ausfallen. Nach dem ich alles verräumt hatte, denn ich wollte Joyce keine unnötige Arbeit machen, ging ich in Bobs Arbeitszimmer.
Ich saß vor den Bücherwänden und studierte in den Büchern, lass die Quervermerke. Bob schien einiges gefunden zu haben und hatte mir einige Bücher zurecht gelegt. In einem Buch fand ich sogar eine Zeichnung des damaligen Kearney.
Es lief mir kalt den Rücken herunter, denn die Zeichnung dieses Herrn war recht gut getroffen, er sah mir ähnlich. Aber nirgends konnte ich etwas finden, ob nun ein Krieg ausbrach oder nicht. Sicher standen die Könige aufgelistet und ebenso waren Daray Cillian und auch sein Sohn Bevan vorhanden.
Aber ich konnte keinerlei Verbindung zu König Maghnus finden. Interessant war die Beschreibung, die ich über Shane fand. Er hatte es jedenfalls zu etwas gebracht, er wurde Nachfolger seines Vaters, aber über private Dinge konnte ich in keinem Buch etwas finden.
Nur das er alleine blieb, nie heiratete. Was ich noch interessant fand, dass sich alles hier in der Gegend um Derry abspielte. Ich war so vertieft in der Leserei, dass ich nicht mitbekam, das Joyce wieder nach Hause kam.
„Hallo Kevin, na endlich wach?“
Ich schrak ein wenig zusammen. Sie hatte sich neben mich gestellt und schaute nach dem Buch, das ich in der Hand hielt.
„Ja, schon eine Weile“, antwortete ich.
„Schon etwas gefunden?“
„Eine Menge, die Leute aus meinen Träumen, gab es alle wirklich.“
„Oha, das ist ja interessant. Hier scheint ein magischer Ort zu sein, nur verstehe ich nicht, warum das auf dich solche Auswirkungen hat“, sagte Joyce.
„Ich habe hier Stammbäume gefunden. Na ja, wenn du so willst ist meine Mutter ein Nachfahre von König Maghnus.“
„Susan ist königlicher Herkunft?“
„So wie es aussieht ja.“
„Und warum hat das Bob nie entdeckt? Ich meine, diese Bücher stehen ja nicht seit gestern erst hier.“
„Das kann ich dir auch nicht sagen. Ich habe einfach genau nach Daten gesucht, was Bob, so anscheinend nicht gemacht hat.“
„Steht auch etwas über uns drin?“
„Nein, nur die kleine Notiz deines Mannes, das ihr wahrscheinlich von Wikinger abstand“, meinte ich gelassen und ernst.
Entsetzt schaute mich Joyce an und suchte nach dem Notizzettel ihres Mannes.
„Ich wusste gar nicht, dass man dich so leicht aufs Glatteis führen kann“, meinte ich und konnte mir das Lachen nicht mehr verbeißen.“
Das Lachen wurde mit einer Kopfnuss quittiert. Aber schließlich begann auch Joyce an zu lachen.
„Hilfst du mir noch einen Kuchen backen?“, fragte sie.
„Gibt es denn typische irische Rezepte für Kuchen?“
„Sicher, du wirst über die Vielfalt staunen.“
„Gut, dann mal los, ich bin ein emsiger Lerner!“
Ich folgte Joyce in die Küche. Sie packte die Tüten aus, die sie vom Einkauf mithatte und richtete sich die Zutaten für den Kuchen hin.
„Ich dachte du wolltest einen Kuchen backen?“, fragte ich.
„Wieso, tu ich doch!“
„Und was hat dann Kartoffelpüree im Kuchen zu suchen?“
Ich hielt ihr das Päckchen unter die Nase.
„Das gehört zum Rezept.“
„Kartoffel in einem Kuchen?“, fragte ich noch einmal.
„Ja, stell doch schon mal das Wasser auf! Die komplette Menge.“
Ich tat was sie gesagt hatte, nahm ihr den Topf aus der Hand, maß das Wasser ab und stellte ihn auf die offene Flamme des Gasherds. Es dauerte nicht lange und das Wasser kochte. Sie rührte das Püreepulver ein und zog den Topf von der Flamme.
„Reichst du mir mal bitte das Mehl?“, fragte sie.
Ich tat wie geheißen und stellte mich wieder neben sie. Sie nahm das Mehl rührte ein paar Löffel unter. Danach folgten der Zucker und auch noch Backpulver. Sie nahm einen Löffel und gab mir ein wenig davon zu probieren.
„Das schmeckt nicht schlecht“, sagte ich und Joyce stellte den Teig in den Kühlschrank.
„Der muss jetzt erst mal abkühlen, derweil kannst du mir die fünf Äpfel schälen.“
„Okay, verrat mich aber bitte nicht bei meiner Mum, dass ich dir in der Küche helfe, daheim hatte ich mich bis jetzt immer davor gedrückt“, sagte ich lächelnd.
„Und warum nun, das plötzliche Interesse?“, fragte Joyce.
„Ich weiß auch nicht, vielleicht um auf andere Gedanken zu kommen!“
Nach einer Weile holte Joyce den Teig wieder aus dem Kühlschrank und trennte ihn in zwei verschieden große Teile. Denn größeren rollte sie aus und legte ihn in eine hohe runde Backform, die ich vorher einfetten durfte.
„So, nun leg die Apfelscheiben hinein“, meinte sie und reichte mir die Schüssel, mit den Äpfeln.
„Müssen die irgendwie in ein schönem Muster liegen?“, fragte ich.
„Nein, da kommt ein Teigdeckel darauf, sieht man später nicht mehr.“
Also verteilte ich die Scheiben in der Backform. Joyce streute Zucker und Zucker über die Äpfel und verteilte auch noch ein paar Löffel Honig darüber.
„Wird das nicht zu süß?“, fragte ich.
„Lass dich überraschen, er wird dir sicher schmecken!“, antwortete sie.
Nun nahm sie den Restteig und rollte ihn ebenso aus, dann legte sie ihn über die Backform, drückte den Rand fest und schnitt das Überstehende ab.
„So nun kannst du das noch mit Ei bestreichen“, meinte Joyce und fing an, das Geschirr wegzuspülen.
Es kam dann noch mal Zucker obendrauf und sie stach mit einer Gabel ein paar Löcher in den Teigdeckel, damit der Dampf besser entweichen konnte, wie Joyce mir erklärte. Dann schob sie ihn in die Röhre.
Bei einer Tasse Tee saßen wir nun zusammen und beobachteten, wie der Kuchen nach einer Weile langsam eine goldgelbe Farbe annahm.
„Da bin ich wirklich gespannt, wie das schmeckt, ich habe noch nie Kartoffelpüree in einem Apfelkuchen gegessen“, meinte ich.
„Der Kuchen wird auch gerne zu Halloween gebacken, ein absoluter Renner.“
Ich spielte mit meiner Tasse und schaute Löcher in die Luft.
„Freust du dich, dass deine Mum herkommt.“
„Schon, aber ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl im Bauch“, antwortete ich.
„Dass deine Mum vielleicht hier bleiben möchte?“
„Ja!“
„Und? Was ist daran schlimm?“
„Ich weiß es nicht, es geht plötzlich alles so schnell. Ich bin gerade eine Woche da und habe Sachen erlebt, die reichen bei anderen ein ganzes Leben.“
„Du hörst dich gerade sehr altklug an.“
Ich atmete tief durch und nippte an meiner Tasse Tee.

* * *
„Kearney, kann ich euch etwas fragen?“, meinte Shane.
Immer noch ritten wir Bevan hinter her, dicht gefolgt von MacConroy. Ich schaute zu Shane und nickte.
„Kearney, habt ihr keine Angst?“
„Vor was?“, fragte ich.
„Wir wissen nicht, was uns bei Daray Cillian erwartet. Er war noch nie ein Freund des Friedens. Aber seine Meinung zu ändern wäre gut, denn er ist mit dem größten Königreich, auch derjenige, nach dem sich die anderen richten.“
„Daray Cillian ist heimtückisch und niederträchtig“, mischte sich MacConroy ein.
„Er will also einen Krieg?“, fragte ich.
„Das glaube ich kaum, denn er hat bei seinem letzten Kampf sehr viele Krieger verloren“, antwortete MacConroy.
„Und wahrscheinlich, jede Menge Kühe abgeben müssen“, setzte ich an.
„Es gilt ihn davon zu überzeugen, dass dieser Patrick uns nichts Schlechtes bringt, trotz des Misstrauens, was die Provinzkönige gegen die Anderswelt hegen.“
„Anderswelt?“, fragte ich.
„Jene Gebiete, die nicht zu den Königreichen gehören, werden hier als Anderswelt bezeichnet“, erklärte MacConroy.
„Ihr wisst nichts von der Anderswelt“, fragte Shane verwundert.
„Doch schon, aber nicht so wie du denkst“, antwortete ich.
Ich wandte mich zu MacConroy, der dicht hinter dem Pferd lief.
„Ist es noch weit?“, fragte ich.
„Nein, wir haben bereits die Grenze zum Königreich Daray Cillian überschritten. Der Wald lichtet sich schon“, antwortete er.
Plötzlich scheute mein Pferd wieder, aber diesmal hatte ich es besser im Griff und Shane musste keine unfreiwillige Landung, auf den Boden machen. Ein weiterer Reiter kam aus dem Dickicht.
„Duncan, was willst du hier?“, rief Bevan, der den Reiter ebenso bemerkt hatte.
„Das zu beenden, zu was du nicht fähig bist, Bruder.“
Er zog sein Schwert und ritt auf uns zu. Shane glitt schnell vom Pferd und brachte sich mit MacConroy in Sicherheit. Ich zog nun ebenfalls mein Schwert, blieb aber stehen. Mit einem Urschrei, raste dieser Duncan auf mich zu.
Er holte zu einem ersten Schlag aus, doch ich konnte diesen mit meinem Schild abwehren. Das Schild schlug mir bei der Wucht, gegen meine Schulter, was höllisch schmerzte. Schnell wendete ich das Pferd um Duncan nicht im Rücken zu haben.
Wieder startete er einen Angriff. Scharf klangen die Schwerter, die hart gegeneinander schlugen. Funken sprühten durch die Luft, als ich einen weiteren Schlag mit dem Schwert abwehrte.
„Zu lange weilst du unter uns“, rief Duncan wutentbrannt und holte erneut zu einem Schlag aus.
Doch ich war schneller, ich konnte diesen Angriff nicht nur abwehren, sondern es gelang mir sogar, ihm das Schwert aus der Hand zu schlagen. Siegesgewiss hob ich die Schwertspitze an seinen Hals.
„Das wird auch noch eine Weile so bleiben“, sagte ich ruhig, auch wenn mir die Luft dazu fehlte.
„Duncan, bist du von allen guten Geistern verlassen?“, schrie Bevan, der nun zu uns kam.
Verächtlich schaute Duncan seinen Bruder an.
„Irgendwann bringe ich zu Ende, was ich nun versäumt habe“, meinte er und ritt wie gejagt davon.
Shane hob das verlorene Schwert auf und wollte es Bevan reichen.
„Nein Shane, das Schwert gehört nun dir“, sagte ich.
Shane schaute mich ungläubig an, aber auch Bevan nickte ihm zu.
„Nimm es ruhig, mein Bruder, wird nicht mehr damit kämpfen, weil es ihn so im Stich gelassen hat“, sagte Bevan und drehte sein Pferd um weiter zu reiten.
MacConroy trat zu Shane.
„Es wundert mich, dass Duncan nicht gesiegt hat“, meinte er.
„Warum?“, fragte ich.
„Das ist das Schwert von Nuadha. Wer es trägt, wird nicht besiegt, durch seine Feinde!“
„Ich bin kein Feind!“, sagte ich schaute mir das Schwert genauer an.
Wie mehrere Schlangen ineinander verschlungen zeichnete sich der Knauf ab, gefolgt von einer sehr langen und schmalen Klinge.
„Nuadha war einer der Götter, die am Anfang zu uns kamen“, sprach MacConroy weiter.
„Ein Gott?“, fragte ich.
„Ja, er kam zu uns um als menschlicher Herrscher über unser Land zu regieren und tauchte nach seinem Tod, den er im Kampf gegen Dämonen von Fomore fand, als Gott in das Elfenreich ein.“
Wieder sah ich auf das Schwert, dass Shane immer noch bewundernd in seinen Händen hielt.
„Man erzählt, er habe damit zwei Drachen auf einmal besiegt.“
„Drachen und Elfen? Ihr glaub an ihre Anwesenheit?“, fragte ich.
„So wird es überliefert“, meinte MacConroy.
Ich half Shane wieder auf das Pferd, der stolz dieses Schwert in Händen trug.
„Jetzt verstehe ich auch, warum Duncan, nicht mit diesem Schwert weiter kämpft, weil er glaubt es habe seine Kräfte verloren“, sagte Shane.
MacConroy nickte ihm zu. Langsam ritt ich weiter und folgte somit wieder Bevan, der schon einen beachtlichen Vorsprung hatte.

* * *

Ich schlug meine Augen auf und lag in meinem Bett. Wieder schien ich eingeschlafen zu sein, draußen vor der Tür hörte ich Joyce rufen.
„Kevin, deine Mum ist am Telefon, kommst du?“
„Ja, sofort“, rief ich und sprang aus dem Bett.
Meine Schulter schmerzte, ich rieb sie ein wenig. Ich kam zu Joyce, die mich ein wenig ungläubig ansah und mir den Hörer entgegenhielt.
„Mum?“, rief ich hinein.
„Ja, hallo Kevin, wir sind eben gelandet und dein Vater sucht den Schalter, wo wir unser Auto bekommen.“
„Wow ich freue mich wahnsinnig, euch zu sehen“, meinte ich.
„Du bist gerade mal fünf Tage weg“, meinte Mum.
„Ja, aber in den fünf Tagen ist schon soviel passiert, ich habe euch jede Menge zu erzählen.“
„Gut, wenn wir das Mietauto haben, werden wir gleich losfahren. Wir kommen dann direkt zu euch.“
„Du weißt wo Joyce wohnt?“
„Ja, du vergisst ich bin in Derry aufgewachsen. Gut, dein Vater winkt mich zu sich, wir sehen uns später“, meinte sie.
„Okay, ich freue mich. Bye.“
„Bye“, kam von ihr und schon hatte sie aufgelegt.
„Wie lange werden sie brauchen?“, fragte ich Joyce, die immer noch neben mir stand.
„Ungefähr eine Stunde, aber was ist mit dir passiert?“, fragte sie.
„Wieso passiert?“, fragte ich verwundert.
„Du bist total weiß im Gesicht und dein Haar steht ab, als hättest du in die Steckdose gelangt.“
„Nein, ich habe nur wieder geträumt“, sagte ich und wollte schon wieder gehen, um nicht weiter darauf eingehen zu müssen.
„Was ist denn in deinem Traum passiert?“
„Ich hatte einen Kampf gegen irgendeinen Trottel.“
„Einen Kampf?“, fragte Joyce entsetzt.
Mir tat meine Schulter immer noch weh. Ich hatte das doch nur geträumt, dass das Schild gegen meine Schulter prallte, warum tat mir das jetzt weh. Ich rieb wieder an meiner Schulter, aber es wurde nicht besser.
„Ja, so ein Königssohn wollt mir mit dem Schwert an die Gurgel, konnte ihn aber abwehren!“
„Und warum reibst du so an deiner Schulter?“, fragte sie.
Ach, ich weiß auch nicht. Im Traum hab ich das Schild gegen meine Schulter bekommen und jetzt tut es mir weh.“
„Wow, du träumst wirklich sehr realistisch, soll ich dir was zum eincremen geben? Wo tut es denn weh?“
Ich zog den Kragen meines Shirts zur Seite, so dass man auf die Schulter blicken konnte.
„Das ist ja ganz blau, Kevin“, meinte Joyce erschrocken.
„Dementsprechend tut es auch weh, ich hab nicht gesehen, dass das blau ist.“
Jetzt war ich doch erschrocken, diese Traumgeschichte nahm Ausmaße an, dir mir immer unheimlicher wurden. Konnte so was sein? Ich folgte Joyce ins Bad, die mir die Schulter eincremte. Mit nacktem Oberkörper legte ich mich dann wieder aufs Bett und wartete, bis die Creme eingezogen war.
In einer Stunde sollten meine Mutter und auch mein Dad ankommen, ich freute mich darauf, wusste aber nicht, ob ich ihnen das mit meiner Träumerei erzählen sollte. Unschlüssig stand ich wieder auf und lief zum Fenster.
Warum hatte ich diese Träume? Wurde ich jetzt verrückt? Ich beschloss mich draußen vor das Haus zu setzen, um die Ankunft meiner Eltern abzuwarten. Als ich Tür öffnete, stürmte mir Kyle entgegen.
„Hallo Kevin, ich habe früher Schule aus, wegen einem Spiel, keine Zeit zum Reden, muss mich umziehen.“
Ich schaute Kyle nach, wie er die Treppe rauf verschwand. Mit einem Lächeln im Gesicht setzte ich mich vor das Haus. Trotz der Kühle, genoss ich die Sonnenstrahlen in meinem Gesicht. Viel von Derry hatte ich noch nicht gesehen, auch das Derry am Wasser lag hatte ich außer der kühlen Luft noch nicht bemerkt.
Wenn alles hier seinen normalen Weg ging, also ich auf der Sprachschule, dann wollte ich mir Derry mal näher unter die Lupe nehmen. Jetzt aber genoss ich die Ruhe, die ab und zu von einem vorbeifahrenden Auto unterbrochen wurde.
„Möchtest du eine Tasse Tee?“
Joyce stand an der Tür, mit einem dampfenden Pott, den sie mir entgegenstreckte..
„Ja, gerne“, antwortete ich.
Sie reichte mir die Tasse und setzte sich zu mir.
„Eine aufregende Woche“, meinte sie und nippte an ihrer Tasse.
„Sie ist noch nicht vorbei, das Wochenende steht ja noch vor der Tür“, meinte ich.
Drinnen hörte ich Poltern und Kyle kam aus dem Haus gestürmt.
„Bis heute Abend Mum, bin dann weg“, sagte Kyle im Vorbeistürzen.
Er rannte die Strasse hinunter und war hinter der nächsten Biegung verschwunden.
„So hat jeder in eurer Familie seine Beschäftigung“, meinte ich.
„Ja, das stimmt, aber ich finde es auch gut so, keine langweiligen Kinder zu haben“, entgegnete Joyce.
Unweigerlich musste ich grinsen, denn auch Bob hatte sie mit dem Spruch einbezogen.
„Grins du nur, irgendwann hast du auch Familie, dann wirst du schon sehen.“
„Du, ich denke ein Freund würde mir reichen“, sagte ich und nippte an meinem Tee.
Joyce begann zu Lachen, sie verschüttete fast dabei ihre Tasse.
„Ihr könnt doch trotzdem Kinder adoptieren“, meinte sie.
„Na ja, ich weiß nicht. So ein Wirbelwind wie Kyle, wie soll man so was bändigen?“
Am Ende der Strasse tauchten Nick, Finley und Erin auf, die sich angeregt unterhielten. In ihren Schuluniformen sahen sie aus wie brave Schüler. Erin löste sich von den beiden und kam auf uns zu.
Nick und Finley dagegen blieben an der Strasse stehen.
„Na ihr zwei, die Sonne genießen?“, sagte Erin, als sie uns erreicht hatte.
„Jeden Strahl muss man mitnehmen, bald kommen wieder die kalten trüben Herbsttage, dann ist es aus damit“, antwortete Joyce.
Erin betrat das Haus und verschwand. Beide, Joyce und ich beobachteten Nick und Finley, wie sie am Straßenrand standen und etwas unbeholfen mit einander redeten.
„Wer gibt wem einen Kuss?“, fragte Joyce mich plötzlich.
„Ich weiß es nicht. Nick ist noch sehr schüchtern, vor allem steht er noch am Anfang. Finley dagegen, kenne ich noch nicht genug“, antwortete ich.
Nick beugte sich vor und gab Finley einem kleinen Kuss auf die Wange, der dann strahlend weiter lief, Richtung nach Hause.
Etwas rot im Gesicht, setzte sich Nick zu uns.
„Na du Casanova“, sagte Joyce, mit einem frechen Grinsen im Gesicht.
Auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Ihr seid doch bloß neidisch, dass ihr nicht so einen süßen Freund habt“, kam es von Nick, der immer noch Finley hinter her sah.
„Wie war die Schule?“, fragte Joyce.
„Interessant!“, sagte Nick.
„Interessant? Ist das wirklich mein Sohn?“, meinte Joyce und sah ihn genau an.
Nick begann zu kichern.
„Ich gehe schnell rein und zieh mich um, bleibt ihr hier noch sitzen?“
„Also ich schon“, meinte ich und Joyce nickte ebenfalls.
Doch kaum war Nick im Haus verschwunden, klingelte das Telefon. Joyce seufzte stellte ihre Tasse auf das Fenstersims und lief zum Telefon. Wenig später kam Nick in normalen Sachen heraus und setzte sich wieder zu mir.
Dicht an mich gelehnt, schaute er ebenfalls Richtung Sonne.
„Was war denn so interessant in der Schule?“, fragte ich.
„Du und ich“, antwortete er.
„Ich?“, fragte ich verwundert.
„Ja, unser Kuss diese Woche schien nicht unbeobachtet geblieben zu sein“, antwortete Nick.
„Und was hat das mit der Schule zu tun?“
„Man ist an mich heran getreten und gefragt ob ich schwul sei und du mein Freund bist.“
Ich schaute Nick durchdringend an.
„Ich sagte nein!“
„Du sagtest nein?“
„Ja, weil Finley gleich darauf zu mir stand und sagte er sei mein Freund.“
„Und wie wurde es aufgenommen?“
„Super, es fiel nicht ein blödes Wort, alle haben uns beglückwünscht.“
„Dann war ich ja wohl dann Geschichte.“
„Nein, warst du nicht. Dass Finley und ich zusammen sind, hat sich in der Oberstufe herum gesprochen wie ein Lauffeuer. Na ja, und irgendwann kam ein schüchterner Patrick aus der Nachbarklasse auf mich zu und fragte ob du schon vergeben wärst.“
„Bin ich es?“, fragte ich.
„Ich habe zu ihm gesagt, das weiß ich nicht, dass muss er selber heraus finden, aber ich konnte ihm versprechen, dass du ein hervorragender Küsser wärst.“
Ich verzog mein Gesicht zu einer Fratze.
„Das war ja klar, dass dies kommen musste.“
„Na ihr zwei, über was unterhaltet ihr euch denn?“
Joyce kam wieder aus dem Haus und setzte sich.
„Das Kevin unheimlich gut küssen kann“, meinte Nick und grinste mich dabei an.
„Und woher weißt du das so genau?“, fragte Joyce.
Die plötzliche Röte in Nicks Gesicht, ließ mich an meine Tee verschlucken. Laut hustend hielt ich die Tasse weit von mir weg, um nicht auch noch etwas über mich zu gießen. Ein Wagen kam die Straße entlang gefahren.
„Ich glaube unser Besuch kommt“, sagte Joyce und stand auf.
Ich konnte meine Mum am Steuer erkennen und sprang ebenso auf. Nachdem ich meine ohnehin fast leere Tasse abgestellt hatte, rannte ich zur Straße um meine Eltern in Empfang zu nehmen.
Mein Dad stieg als erstes aus und ihm fiel ich auch dann um den Hals.
„He, Junior, was für ein stürmische Begrüßung“, sagte Dad und drückte mich fest an sich.
Mein Mum kam ums Auto herum und sie wurde ebenso begrüßt. Joyce und Nick waren jetzt ebenfalls an das Auto heran getreten.
„Hallo Joyce, schön dich zu sehen“, meinte Mum.
Joyce lächelte und hob die Arme.
„Susan, altes Haus, komm her lass dich drücken, nach zwanzig Jahren bist du mir das schuldig.“
Die Frauen fielen sich in die Arme, während mein Dad seinen Arm um mich legte.
„Und das wohl scheint Andreas zu sein, von dem du mir in unzähligen Briefen vorgeschwärmt hast“, sagte Joyce und ging zu meinem Vater.
„Hat sie?“, fragte er verlegen und reichte Joyce die Hand.
„Das hier ist mein ältester, Nick“, sagte Joyce und schob ihn an sich vorbei.
„Und du sagtest, hier gibt es keine schönen Jungen“, meinte meine Mum frech zu mir, als sie Nick die Hand schüttelte.
„Mum!“, rief ich, weil es mir peinlich war.
„Keine Sorge, Mrs. Neumann, ich bin bereits vergeben“, sagte Nick selbstbewusst.
„Ja, und das hat er eurem Kevin zu verdanken, weil er sich für ihn eingesetzt hat, zwar mit einer ungewöhnlichen Methode, aber dafür effektiv“, meinte Joyce.
Wie rot kann man eigentlich in einem Gesicht werden? Alle grinsten vor sich hin.
„Wollt ihr zwei gleich auf das Gut hinaus fahren, oder habt ihr noch Zeit für einen Tee?“, schloss sie an.
„Also für mich gerne einen Tee, aber für Andreas denke ich mal einen Kaffee“, sagte Mum.
Mein Dad nickte. Gemeinsam liefen wir ins Haus, wo uns auch Erin über den Weg lief. Eine herzliche Begrüßung folgte, bei der Erin meiner Mum versicherte, dass viele ihrer Mitschülerinnen sie kennen würden, jedenfalls aus den Erzählungen der Eltern.
„Ich dachte nicht, dass ich so gut in Erinnerung geblieben bin“, sagte Mum.
„Ja und ich bin der Sohn dieser Frau“, sagte ich gespielt vorwurfsvoll.
„Du musst Höllenqualen durchlitten haben“, kam es von ihr, wobei ich an ihren Augen sah, wie höllisch sie dabei funkelten.
Ich wurde ernst.
„Das schon, aber aus einem anderen Grund“, meinte ich.
Große Fragenzeichen bildeten sich auf den Stirnen meiner Eltern. So nahm ich allen Mut zusammen und erzählte ihnen von meinen Träumen. Auch Erin, die bis jetzt noch nichts mitbekommen hatte, von dem Ganzen, saß mit offenem Mund da.
Als Beweiß meiner Geschichte, zeigte ich noch meine blaue Schulter, die nicht mal Nick zu sehen bekommen hatte. Innerlich aufgewühlt, von meiner Geschichte saßen alle um mich herum.
„Mein Großvater hat mir, als ich klein war, viel über die Kelten erzählt und das wir direkte Nachfahren von den Kelten wären“, sagte meine Mum.
„Also ich weiß nicht, ich bin nicht so gläubig, was Seelenwanderungen oder Seelenverwandtschaft betrifft“, meinte Dad.
„Ich weiß nicht warum ich das träume, aber die Personen gab es teilweise wirklich, ich habe sie in den Büchern von Bob gefunden“, sagte ich.
„Bob?“, fragte mein Dad.
„Das ist mein Mann, er hat sich den Kelten verschrieben und alles was mit ihnen zu tun hat, Nick hier auch“, meinte Joyce.
„Und jedes Mal wenn du einschläfst, findest du dich im alten Keltenreich wieder?“, fragte meine Mum.
„Ja, warum?“
Etwas unsicher schaute meine Mum in die Runde.
„Was ist?“, fragte Joyce.
„Ich habe das verdrängt, aber als ich in Kevins Alter war, hatte ich dieselben Träume.“
„Das wusste ich nicht“, meinte Joyce.
„Ich habe ja auch nie mit jemand darüber geredet.“
„Hattest du einen Namen?“, fragte ich.
„Ja, den werde ich nie vergessen, man nannte mich Rigatona.“
„Rigatona? Wirklich?“, kam es von Nick.
„Ja, wieso?“
„Rigatona galt als die Tochter des Königs der Unterwelt. Sie war die Göttin der Pferde und dem heiligen Land“, erklärte Nick.
„Das passt ja, mit den Pferden“, sagte Joyce lächelnd.
„Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich einen Mitstreiter hatte.“
„Tigernonos?“, kam es wieder von Nick.
„Ja stimmt, du bist wirklich gut in keltischen Sachen, stelle ich fest“, sagte Mum.
„Aber komisch ist es schon, dass Susan und jetzt auch Kevin, davon träumen und vor allem so realistisch“, sagte Erin.
„Ich weiß, ich habe eine Aufgabe zu erfüllen, obwohl ich meinen Namen Kearney nicht gefunden habe, ich keinem der Bücher, die ich entziffern konnte“, sagte ich.
„Alle Achtung, du liest schon in englischen Büchern“, meinte mein Vater anerkennend.
„Kearney heißt übersetzt Krieger. Du hättest ruhig etwas sagen können, ich hätte dir geholfen, etwas darüber zu finden“, meinte Nick.
„Es hilft nichts, Träume hin oder her, ich möchte jetzt zum Reiterhof, wenn ihr nichts dagegen habt“, kam es plötzlich von meiner Mum.
„Ja, gut! Dann kann ich dir mein Pferd zeigen?“, sagte ich.
„Du hast ein Pferd?“, kam es im Chor von den Anderen.
„Na ja. Sein Pferd. Er ist der Einzige den das Pferd auf sich reiten lässt?“, meinte Joyce.
„Du kannst reiten? Seit wann?“, fragte mein Vater erstaunt.
Ich begann zu grinsen.
„Seit ich weiß, dass Mum Pferde besitzt“, antwortete ich und stand auf.
„Und wer geht alles mit?“, fragte Joyce.
Dass dies eine unnötige Frage war, konnte sie sich denken. Erin und Nick wollten auch mit. Und Nick selbst legte einen Dackelblick auf, dass ich gleich wusste, was er wollte.
„Dann ruf Finley an, er soll kommen, aber schnell, wir wollen fahren“, sagte ich.
Schon war Nick verschwunden.
Ich zeigte meinen Eltern noch mein Zimmer, was Nick auch die nötige Zeit verschaffte seinen Liebling herzubringen. Als alle zusammen waren und auch Finley meinen Eltern vorgestellt wurde, konnten wir uns langsam mit zwei Wagen in Bewegung setzten.
Joyce hatte mit Bob ausgemacht, dass er später noch folgte. Ich saß bei meinen Eltern im Wagen, der Rest bei Joyce.
„Mum, darf ich dir eine Frage stellen?“
„Natürlich Kevin!“, antwortete sie während sie den Wagen durch die Strassen steuerte.
„Warum hast du mir nie etwas aus deiner Kindheit erzählt. Ich meine, von hier, von Derry, was du erlebt hast?“
„Darf ich die Frage beantworten?“, fragte mein Dad, Mum.
Sie nickte. Er drehte den Kopf zu mir.
„Als ich deine Mutter kennen lernte, war sie ziemlich am Boden zerstört. Sie erzählte mir gleich zu Anfang, was sie hier erlebt hatte und sie so fluchtartig nach Deutschland kam. Nach dem wir dann schon eine Weile zusammen waren, vereinbarten wir, das Thema Irland nicht mehr zu erwähnen, auch als du auf die Welt kamst. Sie stammt aus England und fertig.“
„Ihr wolltet mir das nie sagen?“
„Doch Kevin“, fing meiner Mum an, „sonst hätten wir dich nicht hier her geschickt. Wir dachten, du sollst dir selbst ein Bild machen und nicht irgendwie von uns, besonders von mir beeinflusst werden.“
„Aber warum wusstest du nicht, was hier los war, ich meine, der Reiterhof, das hättest du doch wissen müssen?“
„Ich habe mir ganz zu Anfang einen Anwalt genommen, es war ja nicht so, dass ich arm wie eine Kirchenmaus war. Er sollte sich um alles kümmern, damit ich nicht behelligt wurde. Das hat so auch ganz gut geklappt. Lediglich der Briefkontakt zu Joyce brachte mich Derry wieder näher.“
„Dann bin ich mal gespannt, was du zu dem Anwesen sagst“, meinte ich und lehnte mich wieder zurück.
Da Joyce vorausfuhr brauchte ich den Weg nicht zu erklären. Bald fuhren wir wieder an den Koppeln mit den Pferden vorbei. Der Parkplatz war diesmal gefüllter und wir fanden gerade noch zwei freie Plätze.
Mein Dad und Mum waren still, sie ließen alles auf sich wirken.
„Das alles gehört dir?“, fragte er.
„Uns Schatz, uns!“
„Wow. Da rackere ich mich Jahre lang ab und hier besitzen wir einen Reiterhof.“
„Das könnte sich nun ja ändern“, meinte sie.
Ich schaute beide fragend an.
„Was ist Kevin, du schaust so komisch“, meinte mein Dad.
„Habt ihr irgendetwas ausgeheckt, von dem ich noch nichts weiß?“, fragte ich.
„Würde es dir sehr gegen den Strich gehen, für immer hier zu bleiben?“, meinte meine Mum.
„Sieh mal Kevin, auf meiner Arbeit werde ich mich wohl nicht mehr verbessern. Jüngere und erfolgreicher Arbeiter werden mir vorgezogen, mir gefällt es da nicht mehr und für den Hungerlohn schon gar nicht“, erklärte Dad.
„Ihr meint also, ihr wollt zu Hause alles abbrechen und hierher ziehen?“, fragte ich.
„Wäre das schlimm?“
„Also ich muss zugeben, mich überrascht das nicht. Ich bin zwar erst eine knappe Woche hier, aber ich bin so herzlich aufgenommen worden und habe auch schon so viel erlebt, dass ich mir durch aus vorstellen könnte, hier zu leben!“, erwiderte ich.
Meine Eltern lächelten mich an und wir stiegen aus. Es dauert nicht lange und Mr. Evens kam aus der Tür gestürmt, sicher hatte er drinnen Joyce und mich erkannt.
„Mrs. Neumann?“
Meine Mum nickte und streckte ihm die Hand zur Begrüßung entgegen.
„Es freut mich sie endlich kennen lernen zu dürfen!“, sagte Evens.
Was für ein Schleimscheißer, dachte ich. Irgendwie mochte ich diesen Typ nicht, er war mir zu aalglatt.
„Ja, irgendwann musste ich ja mal dieses Anwesen anschauen“, kam es von meiner Mutter.
„Es wird sie freuen, es arbeitet sogar noch jemand hier, den sie kennen. Darf ich vorgehen?“
„Nur zu Mr. Evens“, sagte meine Mum und verdrehte die Augen, als dieser ihr den Rücken zuwandte.
Die anderen folgten uns still. Er führte uns zu den Ställen, wo ich auch gleich Brainstone erblickte, der wie das letzte Mal in seiner Box stand. Ohne abzuwarten, lief ich zu ihm. Anscheinend erkannte mich Brainstone, den er wieherte leise und hob den Kopf.
„Na, mein Alter, sollen wir wieder ausreiten?“, fragte ich ihn.
„Hallo Kevin, wieder da?“, kam es von der Seite.
Ich drehte meinen Kopf und Shane stand vor mir.
„Hallo Shane, schön dich zu sehen und wie läuft es?“, fragte ich.
„Na ja, es wird hier viel gemunkelt. Vor allem das die Chefin kommt, und ein paar Leute sicher gehen müssen“, antwortete er in einem traurigen Ton.
„Ganz langsam Shane, nicht so voreilig. Darüber wurde noch gar nicht gesprochen und ich denke meine Mum wird sicher niemand entlassen, auch dich nicht.
Shanes Gesicht hellte auf.
„Willst du Brainstone wieder ausreiten?“, fragte er lächelnd.
„Ich hätte nichts dagegen“, meinte ich.
„Gut dann sattele ich ihn schon mal.“
„Gibt es ein Pferd, das du gerne reitest?“, fragte ich.
Verschüchternd schaute er erst zu Boden und guckte dann kurz zu einer anderen Box. Ich folgte seinem Blick und sah dort ein weißes Pferd.
„Das dort?“
„Ja, das ist Faballa, sie ist wie Brainstone, schon eine Weile hier.“
„Dann sattele auch sie und komm mit, ich kenne mich hier schließlich nicht aus!“, meinte ich.
„Das kann ich nicht machen, dass ist den älteren Bediensten erlaubt, mit den Gästen auszureiten, mir nicht.“
„Das wollen wir mal sehen“, meinte ich und lief zurück zu meiner Mutter, die gerade von einem älteren Mann umarmt wurde.
„Mensch Devin, dass du noch hier arbeitest?“, hörte ich sie sagen.
„Dafür hat dein Vater gesorgt und mir hier eine Lebensstellung gegeben.“
Meine Mum war sichtlich gerührt und wischte sich die Tränen aus den Augen. Als ich fast neben ihnen stand, bemerkte man dich.
„Darf ich dir meine Sohn Kevin vorstellen, der hier seit einer Woche zur Sprachschule ist?“, fragte meine Mum und zog mich nach vorne.
„Von dir habe ich schon gehört, du bist also der, der Brainstone ohne Probleme reiten kann!“
„Hat sich das schon herum gesprochen?“, fragte ich verwundert.
„Shane erzählt von nichts anderem, seit du da warst“, meinte dieser Devin.
„Wenn wir gerade von Shane sprechen, könnte er mit mir ausreiten? Ich kenne die Gegend hier nicht“, fragte ich.
„Aber sicher, wollen die Drei auch mit reiten?“, fragte Devin und zeigte auf Nick, Finley und Erin, deren Gesichter sofort einen glücklichen Schein bekamen. Sie schauten Joyce an, die ihre Zustimmung gab.
Also ging ich wieder zurück zu Shane, mit Nick und Erin im Gefolge.
„Shane, würde es gehen, wenn noch drei weitere Pferde gesattelt werden, ich habe noch jemand, der mit uns beiden mit reitet“, sagte ich zu ihm.
„Ich darf mit?“
„Ja, natürlich.“
„Moment, da brauche ich Verstärkung“, entgegnete er mir und düste sofort in den offen Stall.
Zurück kam er mit einem Mann, der ihm dann half noch drei weitere Pferde zu satteln. Nick stand ehrfürchtig vor Brainstone.
„Keine Angst, er tut dir nichts“, meinte ich.
Nick schien mir nicht zu glauben. Nach dem uns Shane auch noch die Reiterstiefel brachte und wir diese angezogen hatten, konnte es losgehen.
„Ist das eigentlich derjenige, von dem du mir erzählt hast?“, flüsterte mir Nick zu.
Ich wurde ein wenig rot und Nick grinste.

* * *

Stolz saß Shane auf Faballa und ritt langsam neben her, dicht gefolgt von Erin und am Schluss unsere zwei Turteltäubchen.
„Und deine Mutter hat wirklich vor wieder her zuziehen?“, fragte Erin.
„Ja, aber ich denke, es wird noch bis zum Jahresende dauern, bis zu Hause alles erledigt ist, und solange bleib ich euch noch bei euch wohnen“, antwortete ich.
„Und dann ziehst du zu uns auf das Gut?“, fragte Shane.
„Du wohnst auch hier?“, fragte ich.
„Ja, ich bin Vollweise und Devin ist mein Vormund, ich wohne bei ihm in einem kleinen Häuschen am Rande des Gutes.“
„Das wusste ich nicht, tut mir leid wegen deinen Eltern“, meinte ich.
„Macht nichts, ich habe sie nie kennen gelernt.“
Von hinten kam ständiges Kichern, Nick und Finley fielen fast vom Pferd, bei dem Versuch sich zu küssen.
„Sind die beiden…?“, begann Shane seine Frage.
„Ja, die beiden sind schwul! Probleme damit?“, meinte ich.
Anscheinend hatte ich das jetzt doch ein wenig zu forsch gesagt, denn Shane wich mit dem Pferd ab und bekam einen roten Kopf.
„Nein“, kam es leise von ihm, „ich dachte nur…“, und wieder verstummte er.
Nick und Finley legten einen Zahn zu und ritten an uns vorbei, Erin folgte ihnen.
„Was ist los, Shane?“
„Ist schon gut, ich habe das nur noch nie gesehen?“
„Dass sich zwei Jungen küssen?“
„Ja.“
„Du hast eben gemeint, du dachtest nur…, was meintest du damit?“
Shane schwieg, schien sich wohl nicht zu trauen, etwas zu sagen. Ich griff ihn am Arm und hielt ihn an. Faballa und Brainstone bleiben beide stehen.
„Was ist dir so peinlich, Shane?“, fragte ich.
Er sah nach vorne, wie die Drei davon ritten.
„Shane, wenn es das ist was ich denke, brauchst du vor mir keine Scheu zu haben, denn ich bin selbst schwul.“
„Was du?“, fuhr Shane herum, „du bist doch… nein, das glaube ich nicht.“
„Ob du es glaubst oder nicht, ich bin was ich bin.“
„Du sagst dass nicht nur, um mich zu beruhigen, damit ich zugebe, genauso zu fühlen?“
Also hatte ich Recht! Mein Herz machte ein Freudensprung, ich hätte vor Freude am liebsten laut losgejohlt.
„Nein Shane, so etwas würde ich nicht tun!“
Ein weiches Lächeln zierte sein Gesicht und seine grünen Augen begannen zu Funkeln.
„Hast… hast du schon einen Freund?“, fragte er vorsichtig.
„Nein, aber ich denke, dass wird sich bald ändern“, antwortete ich.
Sein Gesicht wurde wieder Ernst und ich bemerkte, dass er mich falsch verstanden hatte.
„Shane, ich glaube du hast gerade etwas falsch verstanden“, sagte ich.
Ich griff nach seinem Gesicht, streichelte sanft über seine Wange und zog ihn zu mir. Wir schlossen beide gleichzeitig die Augen und wenige Sekunden später trafen sich unsere Lippen.
„Könntet ihr mal aufhören zu küssen, wir wollen weiter.“
Wir fuhren auseinander, denn wir hatten die anderen völlig vergessen. Die Drei standen mit ihren Pferden schon auf der nächsten Koppel.
„Wer erster bei ihnen ist“, meinte ich zu Shane.
Beide gaben wir ordentlich Zügel und Faballa und Brainstone zogen los. Ich merkte bald, dass Shane schneller war, so kam mir die Idee mit Brainstone über das Gatter zuspringen um die Strecke abzukürzen.
„Kevin, nein … nicht!“, hörte ich Nick noch schreien.
Aber da war es schon zu spät. Brainstone sprang hoch über das Gatter und kam auf der anderen Seite hart auf. Mich riss es aus dem Sattel und flog vom Pferd. Alles lief vor mir wie in Zeitlupe ab, dann kam Dunkelheit.

* * *

Ich strich mir über den Kopf und sah auf MacConroy herab.
„Kevin, Daray Cillian verletzt seine Gegenüber gerne mit Worten. Versuche deine Worte mit Bedacht zu wählen!“, sagte er zu mir im leisen Ton.
Die Menschen, die sich auf der Strasse aufhielten, sahen uns misstrauisch an. Die meisten aber, verschwanden in ihre Behausungen. Ich half Shane vom Pferd um dann selbst ab zusteigen. Ein älterer Mann kam aus dem großen Holzhaus herausgetreten. Ich vermutete ein Druide, denn er sah MacConroy ähnlich.
„MacConroy, was führt dich zu uns, und wen hast du da im Gefolge?“, fragte er.
„Mannix, dir ist sicher bekannt, warum wir hier sind“, sagt MacConroy.
„Daray Cillian hat mir nichts gesagt, doch wunderte ich mich, zu sehen, wie Duncan völlig verstört zurückkehrte.“
Sein Blick fiel auf Duncans Schwert, dass Shane in den Händen hielt.
„Duncan ist selbst schuld, wenn er sich nicht an das hält, was ihm sein Vater sagt“, meinte MacConroy.
Inzwischen hatte ich das Pferd an einen Baumstumpf festgebunden und war zu MacConroy getreten.
„Kearney ist euch sicher bekannt und Shane, Sohn des großen Maghnus auch“, sprach MacConroy weiter.
Mannix trat auf mich zu, nicht ohne das Schwert von Duncan aus den Augen zulassen.
„Kearney, eurer Ruf eilt euch voraus, und nun wundert mich auch nicht mehr, an wem Duncan scheiterte, aber warum trägt dieser Junge sein Schwert und nicht du?“
„Da müsst ihr Duncan fragen, warum er vor den Füssen des Jungen, sein Schwert fallen ließ“, gab ich im ruhigen Ton von mir.
Shane schien auch etwas sagen zu wollen, aber er beließ es, als ich ihn kurz anschaute. Mannix machte eine einladende Bewegung Richtung Haus und wir folgten ihm. Im Gegensatz zu Maghnus, hatte Daray Cillian ein paar Wachen aufgestellt, die mich untätig beäugten.
Ich ließ mich nicht davon beirren und folgte Mannix weiter. Auch hier war ein großer Raum der Mittelpunkt und ein Mann saß am Ende eines langen Tisches. Neben ihm standen Bevan und Duncan. Den dritten jungen Mann kannte ich nicht.
„MacConroy, da seid ihr ja endlich, was hat euch aufgehalten“, rief der Mann.
„Ein kleiner Zwischenfall im Wald, aber keinerlei Bedeutung Wert, Daray Cillian.“
Mit der Hand am Knauf meines Schwertes folgte ich MacConroy an das andere Ende des Tisches.
„Wie ich sehe, habt ihr Shane im Gefolge, den schwachen Sohn Maghnus“, meinte Daray Cillian.
„Er genoss nicht die gute Ausbildung eurer Söhne“, entgegnete MacConroy.
Ich spürte, wie es in Shane innerlich brodelte. Als ich meine Hand auf seine Schulter legte schien dieses Gefühl aber abzuflauen.
„Setzt euch und berichtet mir, was dich zu mir führt.“
Nun setzten wir uns alle an den langen Tisch, wobei ich immer noch misstrauisch Duncan beobachtete, ebenso den Fremden, der Daray Cillians dritter Sohn zu sein schien. Er schaute aber ebenso mürrisch zu mir herüber.
Vom Alter her schien er einwenig älter als ich zu sein. Vor allem merkte ich auch, das Shane neben mir immer wieder zu ihm sah. Ich lauschte den Worten von MacConroy, der versuchte zu erklären, was Patrick möchte.
Auch er wählte seine Worte mit Bedacht um Daray Cillian keine Angriffsfläche zu bieten. Einwände kamen immer von Mannix, der sich seiner Macht beschnitten fühlte. Aber irgendwie konnte MacConroy auch ihn überzeugen. Mein unbehagliches Gefühl blieb aber die Zeit über.
„Kearney, ihr seid so still, habt ihr etwas auf dem Herzen?“, fragte mich Mannix.
„Nein, MacConroy hat euch unser Anliegen erklärt, dazu habe ich nicht hinzuzufügen“, antworte ich klar und deutlich.
Daray Cillian stand auf und lief um den Tisch.
„Daibhaid, du wirst einen Boten schicken, ich möchte diesen Patrick kennen lernen“, meinte er zu dem Fremden.
Dieser nickte kurz und verschwand aus dem Raum. Daray Cillian lud uns noch zum Essen ein, was MacConroy dankend ablehnte, mit der Begründung sich auf den Weg zu machen.

* * *

„Das schien mir zu leicht, MacConroy“, als wir uns schon wieder auf den Rückweg waren.
„Du hast Recht, ich traue Daray Cillian immer noch nicht, aber ich vertraue auf Patricks Stärke im Wort. Er wird auch ihn auf seine Seite ziehen!“
Shane war die ganze Zeit stumm gewesen und nicht von meiner Seite gewichen.
„Was ist Shane?“, fragte ich.
„Wirst du an meiner Seite bleiben?“, kam es von ihm.
Ich wusste, was er meinte, wollte aber nicht darauf eingehen. Mein ungutes Gefühl meldete sich wieder und ich stoppte das Pferd. Ich ließ mich vom Rücken herunter gleiten und zog mein Schwert. Und als hätte ich es geahnt, kam wie aus dem nichts Duncan auf mich zu gerannt, mit einem Dolch in der Hand.
Shane schrie auf, und ich konnte mich auch noch drehen, aber die Spitze des Dolchs durchdrang schon mein Gewand. Wo es aber verharrte und nicht weiter eindrang. Ebenso erstaunt wie ich, ließ Duncan von mir ab, um einen neuen Angriff zu starten.
Wo er plötzlich ein Schwert her hatte, war mir ein Rätsel. Hart schlugen unsere Klingen aneinander. Wieder und wieder hieb er auf mich ein. Sein Gesicht war entstellt, von Hass verzerrt. Seine Schreie wurden immer lauter.
Wieder setze er zum Schlag an doch diesmal war ich aber schneller, wehrte den Angriff mit meinem Schwert ab. Der Dolch flog im hohen Bogen durch die Luft. Mit einer schnellen Drehung schlug ich mit der Faust in Duncans Gesicht, der darauf zu Boden taumelte und dort benommen liegen blieb.
Shane war in der Zwischenzeit auch vom Pferd gesprungen und stand mit seinem Schwert in Abwehrstellung da. Mit meiner Klinge drückte ich sein Schwert hinunter.
„Es ist gut, Shane“, sagte ich, bückte mich und nahm Duncan nun auch dieses Schwert weg, blieb aber mich wachen Augen auf die Umgebung stehen.
Irgendetwas stimmt noch nicht.
„Daibhaid tritt heraus“, rief ich laut.
Sogar MacConroy fuhr zusammen, als Daibhaid dicht neben ihm aus dem Dickicht kam.
„Woher wusstest du von meiner Anwesenheit?“, fragte Daibhaid.
„Ich konnte deine Anwesenheit spüren“, antwortete ich, ohne aber mein Schwert zu senken.
„Ihr könnt beruhigt sein, ich werde nicht wie mein Bruder sinnlos auf euch losgehen, ich weiß übrigens auch, dass ihr ein Kettenhemd tragt.“
Ein Kettenhemd? Deswegen war der Dolch von Duncan nicht eingedrungen.
„Und was willst du wirklich?“, fragte ich.
„Ich möchte mich euch anschließen“, gab Daibhaid als kurze Antwort.
Ich schaute kurz zu MacConroy, der mir kurz zunickte.
„Das trifft sich gut, denn ich habe auch schon eine Aufgabe für dich“, meinte ich und ließ mein Schwert sinken.
„Eine Aufgabe?“, fragte er verwundert.
„Ja, ich vertraue euch das Leben von Shane an.“
Sein Gesicht hellte auf und ein Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
„Warum das?“, fragte Shane entsetzt.
Ich drehte mich zu dem enttäuschten Shane und legte ihm meine Hand auf die Schulter.
„Shane, ich bin ein Reisender, ich kann nicht die ganze Zeit mit dir und MacConroy durch das Land ziehen. Zu dem hast du einen treuen Gefährten in Daibhaid.“
Ich spürte, dass Shane nicht verstand was ich sagte. Mir wurde aber auch klar, dass ich mit meiner Vermutung richtig gelegen war. Es war die ganze Zeit die Absicht von MacConroy, Daibhaid und Shane zusammen zu bekommen. Zwei Königssöhne gemeinsam mit einem Druiden, diese Wirkung würde ihr Ziel nicht verfehlen.
Ich ging vor Shane auf die Knie und schaute in dieses süße Gesicht, das stark von Emotionen geprägt war.
„Shane, hör mir zu. Es ist nicht meine Aufgabe, auf dich aufzupassen und wird es auch nie sein.“
„Aber Vater hat doch gesagt…“
„Dein Vater wollte, dass ich dich in Kampfkunst unterweise, aber dafür bin ich nicht da. Ich schätze Daibhaid wird dir alles Wichtige beibringen.“
Mein Blick fiel auf Daibhaid, der immer noch lächelte.
„Ich möchte aber nicht, dass ihr mich verlasst“, kam es traurig von Shane.
„Shane, ich kann nicht bei dir bleiben. Ich lebe in einer anderen Welt, und du in deiner Eigenen! Du wirst irgendwann ein Frau finden, Kinder haben und Verbündete, so wie jetzt Daibhaid. Mach etwas daraus, das liegt nun in deine Händen.“
Eine Träne rann über die Wange von Shane, der Junge war sehr eingenommen von mir. Ich zog meinen Handschuh aus und wischte die Träne weg.
„Irgendwann werden wir uns wieder sehen, Shane, dann werden deine Wünsche in Erfüllung gehen, deine Geheimnisse dich nicht mehr quälen! Die Zeit wird kommen, das verspreche ich dir.“
Shane wollte noch etwas sagen, aber ich ließ es nicht dazu kommen. Ich nahm ihn einfach in den Arm und drückte ihn fest an mich. Danach stand ich auf und ging zu Daibhaid. Ich gab ihm das Schwert seines Bruders.
„Pass auf den Jungen auf, er wird dir ein guter Freund sein und nur das zählt!“, sagte ich zu ihm.
Er nickte und nahm das Schwert entgegen. Danach wandte ich mich noch an MacConroy, der lächelnd und still das Ganze beobachtet hatte.
„Ihr wolltet nie, dass ich euch helfe, einen Krieg zu verhindern. Ich sollte einfach nur da sein, damit die beiden sich kennen lernen!“, meinte ich zu ihm.
„Das spricht für dich junger Kevin, denn du hast Recht. Es wird nie einen Krieg geben, verzeiht mir meine kleine List.“
„Schon vergeben“, lächelte ich, „ich habe in meinem Leben nun auch das gefunden, was mir wichtig ist!“
„Also haben beide Seiten ihren Nutzen davon gezogen“, meinte MacConroy, der irgendetwas in seiner Tasche suchte.
E zog eine kleine Figur aus Stein heraus, die der, in Bobs Antiquitätengeschäft, aufs Haar glich.
„Die ist für dich, junger Kevin. Sie soll dich an unsere Zusammenkunft immer erinnern.“
Er reichte sie mir. Ich drehte sie und schaute sie mir aus allen Richtungen an.
„Danke MacConroy, ich habe auch nicht vor euch zu vergessen.“
Ich verneigte mich und lief wieder zu meinem Pferd.
„Shane, wir werden uns wieder sehen, versprochen!“, sagte ich noch einmal, bevor ich mich auf den Rücken vom Pferd schwang.
Er trat zu mir und reichte mir meine Lanze und das Schild.
„Ich werde auf den Tag mit Freude warten, an dem wir uns wieder sehen“, sagte er und trat wieder einen Schritt zurück.
„Daibhaid, bringe deine Bruder Duncan zurück, und unterweise ihn in Vernunft und Geduld, dass macht den waren Krieger aus!“, sagte ich und Daibhaid verbeugte sich ebenso vor mir wie ich mich vor ihm.
Ich hob die Hand noch einmal zu Gruß und ritt davon.

* * *

„Er scheint zu sich zu kommen, aber warum lächelt er?“, hörte ich jemand sagen.
Ich öffnete die Augen und Nick, Finley, Erin und Shane waren über mich gebeugt.
„War das Gatter wohl zu hoch für mich“, sagte ich und versuchte aufzustehen.
„Bleib liegen, du hast dich bestimmt irgendwo verletzt“, sagte Shane besorgt.
„Ja, verletzt in meiner Ehre, dass ich vom Pferd geflogen bin“, meinte ich und stand langsam auf.
„Dir tut nichts weh?“, fragte Shane.
„Doch schon, aber ich habe mir nichts gebrochen.“
„Bist du deswegen mit einem Lächeln zu dir gekommen?“
„Nein, das hat eine ganz anderen Grund, aber das erkläre ich dir ein andermal.“
Ich wandte mich zu Nick.
„Meine Träume, denke ich sie sind vorbei, ich habe meine Aufgabe erfüllt! Mein Versprechen habe ich gehalten und werde dafür fürstlich belohnt“, sagte ich zu ihm.
Nick sah mich fragend an und folgte mein Blick zu Shane. Ich glaube er verstand dann, was ich damit meinte. Brainstone kam von hinten und stupste mich mit seiner Nase an die Schulter. Ich drehte mich zu ihm
„Wollen wir weiter reiten?“, sagte ich zu ihm und kraulte ihn an seiner Stirn.
Die Vier gingen zu ihren Pferden zurück und stiegen ebenso wieder auf.
„Aber diesmal keine solche Kunststückchen mehr“, meinte Nick.
Ich bewegte mein Pferd neben Shane.
„Nein, das werde ich nicht mehr machen, denn der Kleine neben mir soll ja noch etwas von mir haben“, antwortete ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

* * *

Weihnachten stand vor der Tür, und ich erinnerte mich an die letzten vier Monate zurück. In der Sprachschule kam ich gut mit, besonders was das Lesen betraf. Abends saß ich oft mit Bob und Nick zusammen und gemeinsam lassen wir in den Büchern um neue Geheimnisse auf zudecken.
Shane und ich waren glücklich zusammen. Dank mir stieg sein Selbstbewusstsein. Er kannte sich jetzt schon besser mit den Pferden aus, wie manch anderer. Er hatte auch beschlossen zu studieren, wollte den Weg eines Tierarztes einschlagen.
Bei meinen Eltern war soweit alles geregelt, alle Möbel waren bereits hier her verfrachtet worden und ich wartete mit Freude auf sie, denn es sollte ein großes Weihnachtsfest auf dem Gut stattfinden, wo alle eingeladen waren.
Seit zwei Tagen bewohnte ich nun mein neues Zimmer auf dem Reiterhof. Ich konnte mir mit dem Geld das mir meine Eltern mir gaben, schön einrichten und Joyce war mir dabei auch eine sehr große Hilfe.
Nun stand ich am Fenster und wartete, dass meine Eltern endlich vorfuhren. Ich schaute auf die Zufahrt und wunderte mich, dass da ein Kleinbus einbog. Wir hatten doch geschlossen, warum kamen da andere Gäste.
Ich verließ mein Zimmer und lief hinunter, wo mir Mr. Evens über den Weg lief.
„Mr. Evens, kann es sein, dass wir Gäste bekommen, wir haben doch geschlossen?“, fragte ich.
„Junger Herr, davon weiß ich nichts, warum fragen sie?“
„Draußen kommt ein kleiner Bus die Auffahrt herauf“, antwortete ich.
Er zuckte mit einem komischen Lächeln und schüttelte dabei den Kopf. Ich ging nach draußen um, zu schauen wer da kam. Da es schon ein wenig dunkel war, konnte ich nicht genau erkenne wer drinnen saß.
Der Bus hielt an und die Tür öffnete sich.
„Aussteigen, wir sind da“, hörte ich von drinnen jemanden rufen.
Und dann… ich traute meinen Augen nicht, da stiegen nacheinander Meli, Lisa, Peter, Michaela, Thorsten und Bernd aus. Am Schluss folgten meine Eltern.
„Ich glaube ich werde wahnsinnig, das gibt es doch nicht“, rief ich und rannte auf die anderen zu.
Ein weiterer Wagen kam angefahren und es war Joyce. Nick und Finley waren bei ihr. Total aus dem Wind begrüßte ich erst mal meine Freunde aus Deutschland.
„Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht, das ihr mich besuchen kommt!“, sagte ich laut, und fiel auch meine Eltern in die Arme.
„Und nun, wo ist nun dein Angebeteter?“, wollte Meli wissen.
Ich brauchte nicht lange suchen, vom Lärm angelockt kann nun auch Shane.
„Da drüber kommt er“, meinte ich und drehte Meli so, dass sie genau in seine Richtung schaute.
„Wow, was für ein Schnuckel“, meinte sie.
„Seinetwegen, bist du mir also untreu geworden?“, fragte Peter gespielt schmollend.
„War doch klar“, meinte Thorsten, „ er hat keine roten Haare, wie du!“
Alle fingen wir an zu lachen.

* * *

Nach alter Tradition, feierten wir Weinachten erst am ersten Weihnachtsfeiertag, das war hier so üblich. Mum kam nicht dazu, also übernahmen meine Freunde und ich, das Schmücken des Weihnachtsbaumes.
„Irgendwie hast du dich verändert“, meinte Lisa zu mir, die gerade ein Kugel an den Baum hing.
„Wie verändert?“, fragte ich.
„Du siehst zum ersten Mal richtig glücklich aus.“
„Das bin ich auch.“
„Dass freut uns für dich, auch wenn wir ein bisschen traurig darüber sind, dass du nicht mehr nach Deutschland zurückkehrst.“
Augenblicklich wurde es still im Raum. Mein Blick sank zu Boden.
„Es war nicht leicht, diese Entscheidung zu treffen, aber ich denke, ich gehöre hierher. Gut, ich gebe alles auf, was mir mal wichtig war, aber euch nicht, ihr könnt mich jederzeit hier besuchen und ich denke, ich werde auch euch besuchen, soweit es mir möglich ist.“
Nacheinander nahm mich jeder in den Arm und drückte mich fest an sich. Mir kamen Tränen in die Augen, Peter hielt mir ein Tempo hin.
„Was ist denn hier für eine Stimmung?“, fragte meine Mum, die mit Dad vollgeladen mit Geschenken das Zimmer betrat.
„Ist alles in Ordnung“, meinte ich und putze mir die Nase.
Die Beiden stellten die Geschenke unter den Weihnachtsbaum.
„Schön ist er geworden“, sagte meine Mum und nahm mich in den Arm.
„Wann kommen die Anderen?“, fragte ich.
„Müssten eigentlich schon da sein“, antwortete Dad.
Und wie aufs Kommando kam der Rest der Truppe, ebenso mit Geschenken beladen. Ich lief schnell hoch in mein Zimmer und holte das Paket, das ich eigentlich nach Deutschland schicken wollte.
Wieder zurück stellte auch ich meine Geschenke unter den Weihnachtsbaum.
„So, sind nun alle da?“, fragte meine Mum.
„Es schien so zu sein, denn auch Shane war gekommen und sah mich freudestrahlend an.
Bob kam auf mich zu und überreichte mir eine kleine Kiste.
„Ich mache jetzt einfach mal den Anfang. Wie ich von Nick erfahren habe. gehört das wohl dir! Das ist Joyce und mein Geschenk für dich“, sagte er.
Vorsichtig wickelte ich das Geschenkpapier von der Kiste und öffnete sie. In Stroh eingebeten lag die kleine Steinfigur, die mir MacConroy in meinem Traum mir geschenkt hatte.
„Wow, die ist wirklich für mich?“, fragte ich.
„Ja, du sollst sie haben, da ist sie am richtigen Platz“, meinte Joyce.
Ich fiel den beiden um den Hals und bedankte mich. Nun kam auch Shane auf mich zu und überreichte mir sein Geschenk.
„Das ist ja wie Geburtstag, Ostern und Weihnachten zusammen“, meinte ich und öffnete sein Geschenk.
Zum Vorschein kam ein Silberring, in dem ich entziffern konnte >>Shane in Liebe<<. Auch ihm fiel ich um den Hals und gab ihm einen innigen Kuss.
„Könnt ihr nicht damit warten, bis ihr auf eurem Zimmer seid“, meinte Peter grinsend.
„Peter du wirst es nie lernen und ewig auf mich neidisch sein“, sagte ich, was bei ihm bewirkte, dass er dieses typische Schmollgesicht wieder machte.
Nun fing ein wildes Geschenke übergeben an. Jeder wurde reichlich bedacht. Später trat ich vor die Tür, es war eiskalt und es lag Schnee. Ich schaute zum Sternenhimmel hinauf und dachte kurz an MacConroy und Shane.
Mein Shane trat neben mich und nahm mich in den Arm. Gemeinsam sahen wir die vielen funkelnden Sterne.
„Über was denkst du nach?“ fragte Shane mich.
„Ich habe kurz an Shane und MacConroy gedacht. Sie sind ihren Weg gegangen und ich gehe meinen Weg jetzt auch!“.

* * Ende *

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Information Irgendwo mitten auf der Welt
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:52 AM - No Replies

Wichtige Personen:
Peter: Soldat aus Edinburgh und der Erzähler
Jonathan: Soldat
Edward: Junge, aus der Umgebung stammend
Mashari: ein Bruder

Wieder ein nervöser Blick auf die Uhr. Erst 22:30. Unser Nachtdienst scheint mal wieder kein Ende nehmen zu wollen. Zwei Soldaten mitten in der Wüste in einem Schützenpanzer sitzend, ringsum nur Sand und oben die Sterne, das kann schon auf die Dauer schon sehr langweilig sein. Wir bewachen das Sperrgebiet zwischen den verfeindeten Volksgruppen, haben Schießbefehl auf alle Personen und Fahrzeuge, die sich in diesem Bereich illegal aufhalten.
Nur manchmal ist ein verdächtiges, kurzes Rascheln zu hören: Bestimmt wieder nur eine Schlange auf der Jagd oder eine Wüstenmaus auf der Flucht. Ansonsten ist hier die absolute Stille und noch nie ist während unseres Dienstes was passiert. Ich weiß bereits alles über Jonathan, er alles über Peter, also mich. Es gibt wirklich nichts mehr Interessantes zu erzählen, außer vielleicht einigen persönlichen Geheimnissen, die man nur den wirklich allerbesten Freunden erzählt. So schweigen wir viel, wie es der Dienst auch erfordert. Viel Zeit zum Nachdenken.
Die große Neuigkeit vor wenigen Tagen war, dass mein Urlaub genehmigt wurde und ich somit Ostern in Edinburgh zu hause sein kann. Endlich wieder bei Familie und Freundin! Und einige Nächte weniger, die ich wie eine Ratte im Käfig verbringen muss. 1,96m und meine sportliche Figur für Stunden dort hinein zwängen zu müssen, ist die totale Tortur. Jonathan hat es viel besser bei seiner Größe. Der schafft es sogar, seine Beine in alle möglichen Richtungen hoch zulegen und kann sich so etwas entspannen. (Ich wusste nicht, dass Pygmäen jetzt auch Militärfahrzeuge konstruieren.)
Jonathan hat es auch nicht weit bis in sein heimatliches Dorf, dort, gleich hinter der großen Mauer und nur wenige Kilometer entfernt. Er ist ein eher stiller Junge, mit seinen erst 18 Jahren. Die großen, braunen Augen scheinen immer in eine unbestimmte Ferne zu blicken. Das kürzlich geschorene, dunkle Haar zeigt bereits wieder einige Locken, die sein Gesicht lustig einrahmen. Seine Nase allerdings, so spitz und schmal, könnte neben dem Eintrag in der Sparte Riechwerkzeug auch als Sattlereihilfsmittel Verwendung finden.
Irgendwie sind wir ziemlich gegensätzlich: Er, ziemlich zerbrechlich – ich, eher von der Gestalt ein würdiger Nachkomme eines berühmten Seefahrervolkes. Er, der große Träumer, ich, eher ein Realist und Pragmatiker. Über solche für mich sehr wichtigen Dinge wie Freundin zu reden, ist mit ihm leider nicht möglich. Ich glaube, der ist noch total unbeleckt in Liebesdingen.
Nun allerdings fuchtelt der mit seiner Nasenspitze wild vor der Gummibrille des Nachtsichtgerätes rum, was für mich gerade noch so bei der schwachen Innenbeleuchtung erkennbar ist.

„Peter, so schau doch mal. Ich glaube, da vorn bewegt sich was“, flüstert er aufgeregt.

Ich denke nicht, dass da was ist, ich kann jedenfalls nichts Außergewöhnliches erkennen. So stundenlanges Starren auf den winzigen Bildschirm ist ziemlich anstrengend und kann die Wahrnehmung schon mal verwirren.

„Lass uns besser nachschauen, was dort los ist. Nicht, dass wir wieder wegen einer Maus Meldung machen. Hab echt keine Lust, deswegen ausgelacht zu werden.“

„Gut, Jonathan. Es sind nur ein paar Meter, die können wir laufen, und wenn wir jetzt den Motor starten, gibt das nur eine prima Warnung. Falls wir uns getäuscht haben sollten, war es zumindest eine gute Gelegenheit, mal wieder die müden Knochen zu strecken.“

Uns langsam vorwärts bewegend, das Gelände aufmerksam im Helm-Nachtsichtgerät unter Kontrolle, bewegen wir uns mit schussbereiten Waffen Richtung 13 Uhr (hier als Richtungsmaß beim Militär gebräuchlich).
Das Gelände ist nicht sehr eben und überall liegen Steinbrocken unterschiedlichster Größe herum. Es ist gut möglich, sich dort mit entsprechender Ausbildung erfolgreich in einer Sandkuhle oder hinter großen Steinen zu verstecken und wir müssen sehr aufmerksam sein, um nicht als Zielscheibe benutzt zu werden.

„Jonathan, da, rechts! Schau mal, diese Mauerreste.“

Ist doch praktisch, wenn man so groß ist wie ein Leuchtturm, da entgeht einem fast nichts. In einer tieferen Mulde erkenne ich ein Mauerfragment. Ist vielleicht mal Teil eines alten Gebäudes gewesen. Im unteren Bereich erregt eine dunkle Öffnung meine Aufmerksamkeit.
Mein Herzklopfen verstärkt sich heftig, als ich im feinen Sand Fußspuren einer einzelnen Person erkenne, die, von uns unbemerkt, im gesperrten Gebiet unterwegs war. Der Eingang scheint zwar schon sehr alt zu sein, wurde offenbar aber erst kürzlich benutzt.
Wir haben den Vorgang nicht bemerkt und es ist, verdammt nochmal, unser Job und für uns sogar überlebenswichtig, genau zu wissen, was in unserer Umgebung passiert! Mein Blick ist eher skeptisch, als ich die schmale Öffnung betrachte, jedoch Jonathan schlüpft sofort mühelos hinein, wartet nicht mal mein OK ab.

„Peter, hier drin ist nur ein langer Gang zu sehen. Da passt auch Du mühelos rein – falls Du durch den Eingang kommst.“

Ich hasse diese Anspielungen auf meinen sportlichen Körperbau! Eiligst will ich den Gegenbeweis antreten und quetsche mich mühevoll hindurch. Tief ausatmen und Bauch einziehen. Dass ich in engen, unterirdischen Räumen immer Probleme bekomme, habe ich bei der Musterung vorsichtshalber verschwiegen.
Geschafft! Und hier ist es im Gegensatz zu draußen angenehm frisch. In der völligen Dunkelheit im Loch ist leider kein Restlicht und ein Nachtsichtgerät somit wirkungslos, zusätzlich erzeuge ich mit meinem Hinterteil eine völlige Abblendung des Eingangs. Es hilft nichts, wir müssen zwecks Orientierung die Taschenlampe benutzen.
„Jonathan, mir scheint diese Sache etwas unsicher zu sein. Besser ist, wir fordern Verstärkung an“, flüstere ich, meine ersten Panikanzeichen sind bereits da.

„Hast Recht, ich möchte nur eben noch die paar Meter bis zum Ende des Ganges. Ist wohl ein alter Keller, oder so was.“

Jonathan ist flinker, ich gehe schnaufend hinterher, will mir meine momentane Schwäche nicht anmerken lassen.

„Stehen bleiben!“

Gerade kann ich noch wahrnehmen, dass jemand am Gangende von rechts um die Ecke kommt. Es gibt kein Zurück und keine Deckung, vielleicht können wir den Überraschungseffekt nutzen. Meine Taschenlampe leuchtet der Person direkt ins Gesicht.
Ruckartig bleibt diese stehen, als sie uns bemerkt. Dann knallt es auch schon und ich sehe den Feuerschein einer Salve aus der Waffe von Jonathan. Vorne ist dann alles ruhig.

„Warum hast du geschossen?“

„Der hat seinen Arm so schnell bewegt. Das ging ganz automatisch. Dem habe ich einen verpasst. Lieber der, als ich.“

„OK. Dann lass uns mal nachschauen.“

„Oh. Scheiße, scheiße! Ich habe doch noch nie auf jemanden direkt geschossen. Schau mal, der sieht auch noch so gut aus… Ist der tot?“

Hat Jonathan eben „der sieht auch noch so gut aus“ gesagt – da werden wir noch drüber reden müssen. Später.

„Ja, hast du toll gemacht! Schau mal, wo der seine Waffe hat, ich sehe keine. Aber was soll’s, der Kerl hat eben nur Pech gehabt, uns zu treffen. Was macht der auch hier, der hat um diese Zeit hier nichts verloren. Wenn Du mich fragst, ist der bestimmt nicht unschuldig. Du brauchst dir wegen des Waffengebrauches keinen Vorwurf machen, ist alles laut Dienstvorschrift. Und wenn da noch eine Schlagader am Hals zuckt, heißt das meistens, dass die Person noch lebt.“

Jonathan hat sein Licht auf Maximum gestellt, seinen Verstand wohl auf Minimum. Denn wenn ich sehe, wie der sich an diesem verletzten Jungen zu schaffen macht, dem noch, muss ich leider feststellen, richtig liebevoll den Kopf verbindet – der hat sie doch nicht mehr alle!
Der Typ hat einen Streifschuss abbekommen und ist nur bewusstlos. Normalerweise verpasse ich denen einen Volltreffer dazu. Aber Jonathan ist eben noch ein Frischling in diesem Geschäft, wo Mitleid meist mit dem eigenen Tod bestraft wird. Na gut, vor zwei Jahren hätte ich noch genau so gehandelt.
Sollen sich die Vorgesetzten um den da kümmern. Scheint so in Jonathans Alter zu sein, vielleicht auch jünger.

„Schau mal, Peter, der hat sogar leicht rötliche Haare und ist eher so ein Typ wie du. Ist wohl ein Nachfahre der vielen Eroberer aus deiner Heimatgegend.“

„Oh, shit, hast Recht. Der sieht ja beinahe aus wie mein jüngster Bruder.“

Da der aber nicht mein Bruder ist und sein kann, gibt es von mir noch kräftige Binden an Arm- und Fußgelenken gratis, damit er nicht abhaut, wenn er zur Besinnung kommt.

„Gut. Dann rufe gleich nachher über Funk mal im Stützpunkt an, dass die Sanis einen Verletzten abholen können. Die sollen auch Leute für eine Durchsuchung schicken. Na, die werden sich über den da besonders freuen… Kannst dich schon mal darauf vorbereiten, im Klub einen auszugeben. Ab zum Fahrzeug!“

Jonathan ist immer noch ein Frischling, dem ich von Zeit zu Zeit ordentlich die Richtung weisen muss. Besser ist, ich gehe diesmal voraus. Ich muss mich beeilen, die volle Panik.
Gerade noch kann ich den feinen Draht nahe am Ausgang erkennen. Jedoch, es ist zu spät, ich kann die Vorwärtsbewegung meines Körpers nicht mehr bremsen! Höllenlärm, Schmerzen, dann vollkommene Dunkelheit.

*- *- *

Shit – wer krabbelt mir da am Bein rum, wo nur meine Freundin mich anfassen darf? Jemand tastet vorsichtig meinen Körper ab. Ich will laut protestieren, merke aber, dass mir dafür die Kraft fehlt.
Im Kopf dröhnt es furchtbar, ein helles Pfeifen ertönt in den Ohren, etwas drückt sehr schmerzhaft auf meine Beine. Dann versinke ich wieder in der Dunkelheit.

*- *- *

Etwas Feuchtes ist an meinen Lippen. Reflexartig öffne ich den Mund, schlucke kaltes Wasser. Mit dem Wasser kommt gleich etwas Lebenskraft in mir zurück und ich öffne die Augen.
Ich sehe nicht viel, denn es ist ziemlich finster. Nur weit oben ist ein heller Lichtschein.
Als ich die Konturen eines jungen Mannes ausmachen kann, der mir zwar bekannt vorkommt, den ich aber zunächst nicht zuordnen kann, wird mir nach etlichen misslungenen Versuchen, auf den Langzeitspeicher meines Gedächtnisses zu zugreifen, klar, dass der von uns zuvor gefangen genommene junge Mann mir gerade zu trinken gibt.
Nur langsam kommt mein Verstand wieder in die Gegenwart zurück, was mein Wohlbefinden nicht unbedingt verbessert. Ich habe unvorsichtigerweise eine Sprengfalle ausgelöst.
Ich Idiot – damit ist doch in solchen Räumen immer zu rechnen! Und was ist mit Jonathan? Habe ich durch meine Dusseligkeit etwa seinen Tod verschuldet?

„Hallo, ich bin Edward. Es ist alles gut. Ihr Kamerad lebt. Sie haben beide aber einige Verletzungen. Verstehen Sie mich?“

Verdammt, diese Stimme: Wenn ich nicht genau wüsste, dass mein jüngster Bruder nicht anwesend ist und er auch ein wesentlich besseres Englisch spricht, würde ich jetzt Marvin umarmen wollen.
Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend. Und ich habe noch ziemliches Glück, dass der mir nun zu trinken geben kann. Wäre ich an Jonathans Stelle zuerst in den Gang hinein gegangen, wäre der schon längst tot. Ich kann nur mit dem Kopf nicken.

„He, schauen Sie mal…“

Der Junge hat einen Spiegel, mit dem er das von oben durch einen schmalen Spalt einfallende Licht in die verschiedenen Ecken des Raumes reflektiert. Und er ist nicht mehr mit meinen guten Kabelbindern gefesselt.
Ich kann erkennen, dass es sich um einen ziemlich großen Raum handeln muss. Ich glaube, es ist eine Nekropole aus der Antike. Darüber habe ich schon mal was gelesen. Bestimmt zu anderen Zeiten eine sehr interessante Entdeckung, aber jetzt – hoffentlich wird sie nicht unser Grab. Dann leuchtet er weiter. Jonathan! Ich glaube, den hat es heftig erwischt.

„Versuchen Sie mal, den Spiegel zu halten und in die Richtung von ihrem Kameraden zu leuchten, damit ich ihn versorgen kann.“

Meine Arme scheinen noch gut zu funktionieren, und so kann ich diese Bitte gern erfüllen. Jonathan blutet am Bein. Ein großer roter Fleck umgibt ihn bereits. Der Junge wickelt sich die Binde vom Kopf und windet diese sehr fest um die blutende Wunde, was sofort eine stillende Wirkung hat.
Dann ist in der Ferne ein Schuss zu vernehmen. Stört mich aber nicht weiter, denn so was bin ich ja gewöhnt.

„Ihr Kamerad müsste von einem Arzt behandelt werden, so wie die Wunde aussieht. Mein Bruder weiß, wo ich bin, der wird bestimmt schon nach mir suchen.
Ich bin hier oft unter der Erde. Ich interessiere mich sehr für diese alten Gemäuer, und möchte nach dem Abitur Geschichte studieren, wenn alles klappt.
Es gibt noch viel mehr von diesen Ruinen in der Umgebung auf unserem Land. Leider hört dieser blöde Krieg wohl niemals auf…
Meine Eltern wissen nichts von diesem Ort, ich habe ihn entdeckt und ihnen nichts davon erzählt, nur mein Bruder ist eingeweiht. Wir müssen nur etwas warten, bis er kommt. Auf den ist absolut Verlass!
Ich weiß nicht, wieso ihr Kamerad auf mich geschossen hat – ich hab ihm doch nichts getan. Wir wollen nur in Frieden leben, hier auf unserem Land!“
Trotzig reißt der Junge mir den Spiegel aus der Hand und geht in eine entfernte Ecke des Raumes. Ich kann ihn deutlich weinen hören. Sehr geschwächt und mit unguten Gefühlen schlafe ich ein.

*- *- *

Als ich wieder erwache, ist es vollkommen finster. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, aber dieser Edward gibt mir wieder was zu trinken.

„Mein Bruder ist nicht gekommen. Schon zwei Tage nicht. Und das war jetzt der letzte Schluck Wasser. Ich habe mich Richtung Ausgang vorgetastet. Es ist hoffnungslos. Ihre Ausrüstung ist auch vollkommen kaputt. Keine Lampe. Kein Funk. Die schusssicheren Westen wärmen wenigstens etwas. Nur die Maschinenpistolen, die funktionieren noch. Ich habe mehrfach damit geschossen zwecks Signalgebung, sie haben es wohl nicht mal gehört. Aber wer hört schon auf Schüsse in der Wüste in diesem unsicheren Land, und dann noch die Schalldämpfung durch die Mauern…
Sie wissen sicher, wie lange man ohne Wasser und Nahrung überleben kann. Es gibt nur noch eine Hoffnung, einen Weg hinaus, und der ist oben, wo das Licht einfällt. Allein schaffe ich es nicht. Wir sollten zusammen bei Tage überlegen, wie wir an das Lichtloch oben ran kommen können. Leider ist Ihr Kamerad eher keine Hilfe.“

Das war jetzt eindeutig zu viel für mich. Ich wollte ja dringend noch was fragen, aber ich bin in meinem Zustand schnell wieder weggedöst.

*-*-*

Ich werde wach gerüttelt. Edward.

„Sag mal, wie sind mein Kumpel und ich eigentlich in diesem Raum gekommen?“

Oh, ich kann ja wieder reden.

„Guten Morgen, sagt man bei uns! Und Ihr Kumpel lebt noch, Danke der Nachfrage. Im Prinzip ganz einfach: Ich musste nur den Schuttberg von Ihnen runter räumen und Sie einzeln am Kragen hierher schleifen. Ich wurde zum Glück nur von der Druckwelle leicht gegen die Wand geworfen. Die Sprengladung war wohl außen angebracht und hat sich dort in ihrer Wirkung voll entfaltet, ansonsten hätte bestimmt keiner überlebt. Und wäre ich nicht gewesen, der Sie von dem Schutt befreit hätte, wären sie auch schon längst erstickt. Nun, wir haben jetzt keine Zeit für Debatten. Mir ist nach Dusche und ich habe Hunger. Das gibt’s hier aber nicht – also sollten wir jetzt an Lösungen arbeiten…“

„Dann leuchte doch mal den Bereich unterm Loch mit deinem Spiegel aus.“

Bis oben sind es etwa vier Meter. Ich aufgerichtet sind schon zwei. Beim Jungen ist es etwas weniger. Jonathan ist auch noch, im Diesseits, aber wohl mit einem Bein schon auf der anderen Seite, der fällt hierbei total aus. Ob ich mich aufrichten kann?

„Also, Edward, ich würde meinen, wenn ich versuche, mich aufzurichten, und Du mir dann auf die Schultern steigst, müsstest Du schon fast am Lichtloch sein. Wir sollten das mal probieren.“

Mit Hilfe der flachen Erde, dort drauf kriechend, und mich an der senkrechten Wand abstützend, stehe ich wirklich wieder aufrecht, wenn auch ziemlich wacklig. Woher sollen auch die Kräfte kommen, so ganz ohne feste Nahrung.
Wenn wir es nicht bald schaffen, können wir uns einen Platz zum Sterben suchen. Geeignete Nischen dafür sind reichlich in die Wände der Nekropole geschlagen… Mit Edward auf den Schultern merke ich mein ganzes körperliches Elend.
Ja, es würde gut gehen mit einem gesunden Peter unten, aber jetzt kann ich eben noch so signalisieren, dass ich gleich fallen werde, damit der Junge vorher runter springen kann.

„Scheiße! Mist, verdammter!“

Nach einem langen Moment gemeinsamer Traurigkeit und Mutlosigkeit habe ich eine Idee: Ja – bin ich denn total bekloppt? Ich bin zwar kein Profi auf dem Gebiet, aber ich weiß, dass man an Steilhängen im Gebirge hoch kommt, wenn man die Wand präpariert.
Und hier ist es nur Sandstein! Und ich weiß auch schon wie. Geht ganz schnell und mühelos…

„Edward, ich brauche jetzt mal die Waffen und alle Munition. Keine Angst, ich will uns nur helfen und ich tue dir wirklich nichts. Ich will hier ja auch nur raus! Ich werde versuchen, Stufen in den Sandstein zu schießen. Ich möchte oben anfangen und erzielen, dass du wenigstens mit einem Fuß unter dem Loch stehen kannst, damit du es dann von einem guten Standpunkt aus vergrößern kannst. Du leuchtest mit dem Spiegel die Zielpunkte an. Einverstanden?“

Geht wirklich sehr gut. Nur den Winkel etwas optimiert, dann müssen wir aufpassen, von den abplatzenden Bruchstücken nichts in die Augen zu bekommen, von all dem Staub mal abgesehen.
Als ich auch den Bereich rund um das Loch in Beschuss nehme, ist die Munition leider bald verbraucht. … Immerhin, wenn ich mich an die Wand hocke, kann Edward über meine Schultern recht bequem bis unter die schon fast „erschossene“ und erweiterte Öffnung steigen.
Die jetzt nutzlosen Waffen werden zu prima Steinzeitwerkzeugen zur Bearbeitung von Sandstein umfunktioniert. Edward macht seinen Job dann wirklich sehr gut. Ich merke aber, wenn er nicht bald Hilfe holen kann, wird mein Kamerad und ich diese nicht mehr benötigen. Die Dunkelheit hat mich bereits wieder gefangen…

*-*-*

Ein Gemurmel vieler Stimmen weckt mich. Als ich die Augen aufschlage, ertönt Beifall von zahlreichen Personen, die am Fußende des Bettes versammelt stehen, in dem ich liege. Zwei Frauen, eine ältere und eine ganz junge, flößen mir dann fast um die Wette Tee ein.
Was ist mit Jonathan… Meine suchenden Augen werden richtig gedeutet und ich erkenne ihn auf dem anderen Bett neben meinem liegend. Er lebt, scheint aber tief zu schlafen. Eine Frau und Edward sitzen beiderseits auf der Bettkante und kümmern sich um ihn.
Mir fällt auf, dass beide sehr bekümmert aussehen. Die Frau bekommt Weinkrämpfe und klammert sich an Jonathan. Was ist los – eindeutig kann ich Jonathan ruhig atmen sehen…
Von außen sind laute Männerstimmen zu vernehmen. Die Sprache kann ich nur sehr schlecht verstehen, aber was ich verstehe, klingt bedrohlich.

„Tötet diese Mörder! Rache für meinen jüngsten Sohn! Auge um Auge, Zahn um Zahn!“

Ängstlich verlassen alle den Raum, außer Edward und der Frau an Jonathans Bett.

„Eure Leute haben meinen Bruder getötet. Der wollte uns nur zur Hilfe eilen, dann kam die Kugel. Dein Kamerad erinnert meine Mutter und mich sehr an ihn. Sie haben zumindest die gleiche Nase und auch sonst viel gemeinsam im Aussehen. Scheiß Krieg. Ich würde Ihren Kameraden gern näher kennen lernen, wenn er wieder richtig gesund ist. Ich weiß aber nicht, ob wir noch Gelegenheit dazu bekommen. Der Stammesrat wird heute noch tagen…“

Ich kann mich noch an den Schuss zwischendurch erinnern.

„Mein Kamerad heißt Jonathan. Der stammt auch aus dieser Gegend und wohnt auf der anderen Seite der Sperrmauer.“

So richtig habe ich ja Edward noch gar nicht bei vollem Licht gesehen. Er sieht aus wie ein Teenager in dem Alter überall in der westlichen Welt, trotzdem wirkt er schon irgendwie alt, und auch schon sehr reich an Lebenserfahrungen.
Unschöne, in seinem Alter, und überhaupt… Dunkle Ringe umgeben seine Augen. Dann werden wir noch gewaschen und bekommen saubere Kleidung. Und endlich gibt es was zu futtern.
Eigentlich könnte ich jetzt beruhigt aufatmen, dank Edward, muss aber auch daran denken, dass ich den bei etwas anderen Verlauf auch hätte erschießen können… Ach, scheiß drauf, was soll die unnötige Grübelei, endlich gerettet!
Ich habe Mühe, meinen Gedanken eine vernünftige Struktur zu geben. Um wieder eine Ordnung in meinen Kopf bringen zu können, mit der ich so einigermaßen leben kann, muss ich die Struktur ändern.
Ich weiß nun, so wie ich bisher dachte und handelte, kann ich nicht weiter machen. Von den Frauen liebevoll umsorgt, schlafe ich einen unruhigen Schlaf. Bis zum nächsten Morgen.
Da wird mit lautem Gepolter die Tür aufgerissen und mehrere bewaffnete Männer stürmen rein, einschließlich Edward.

„Ihr Hunde habt meinen Sohn getötet! Dafür werdet Ihr büßen! Der Ältestenrat hat Euch einstimmig zum Tode verurteilt.“

Ich bin nicht so richtig überrascht. Klar, als Soldat habe ich den Tod immer vor den Augen. Er ist mein tägliches Geschäft, auch wenn bisher immer andere die Opfer waren.
Ich weiß nach einem Blick in die Gesichter und auf die Bewaffnung: Gnade gilt nicht und Flucht ist zwecklos. So ergebe ich mich dem Schicksal und werde versuchen, meinen letzten Weg würdig zu gehen.
Jonathan wird wohl nicht so richtig was mitbekommen in seinem Zustand. Bisher hat er noch nichts gesagt und anderweitig reagiert. Vielleicht ist es für ihn auch besser so. Von einer wütenden Menge umringt, werden wir zum Exekutionsplatz geführt, Jonathan auf einer Krankentrage neben mir. Schreiende Frauen, die wohl anderen Mutes sind, begleiten uns.
An zwei Gruben wird halt gemacht. Ruck zuck werde ich auf die Knie gezwungen, und Jonathan neben mir auf einen Stuhl gesetzt und festgebunden. Vor uns ist in Großformat ein Foto des getöteten Sohnes aufgestellt, wie ich vermute.
Der lächelt uns in seiner Schuluniform an und scheint uns viel Glück bei unserem letzten Gang zu wünschen. Er hat die gleiche Nase wie Jonathan, stelle ich nebenbei fest. Selbst an ein Rednerpult ist gedacht. Wohl für unsere Totenrede.

„Mashari! Das ist doch Mashari! Was ist mit meinem Bruder?“, ruft Jonathan plötzlich auf Englisch.

Er ist wieder sehr lebendig und zeigt aufgeregt auf das Bild.

„Du Schuft! Ja, das ist unser Mashari. Sei du bloß ruhig, du wirst gleich dein Maul für immer gestopft kriegen… Edward! Komm und tue deine Pflicht gegenüber der Familie und deinem Volk, wie wir es besprochen haben. Die Mörder deines Bruders müssen sterben. Das ist unser Gesetz. Ich befehle es dir!“

Edward bekommt von seinem Vater eine Pistole in die Hand gedrückt. Und so wie der jetzt schon zittert – als Soldat weiß ich, das wird ein scheiß langsamer Tod… Ich richte meine Augen auf den Boden und erwarte mein Schicksal.

„Haltet ein! Du, der du der Vater von Edward bist, und ihr alle – erkennst ihr denn nicht, dass ihr gerade dabei seid, noch einen Sohn zu töten, dass Ihr gerade einen von euch töten wollt? Schaut in das Gesicht dieses Jungen hier, der seinen lang vermissten Bruder auf dem Bild wieder erkannt hat, schaut in das Gesicht des anderen jungen Mannes, schaut in das Gesicht eures Sohnes auf dem Bild: Nur gemeinsam konnten sich beide aus großer Gefahr befreien und haben eine große Prüfung bestanden. Und nur gemeinsam werden sich eure Völker befreien können. Denn sie sind alle Brüder vor Gott und sollen sich künftig wie leibliche Brüder achten und unterstützen.“

Ein sehr alter Mann in einem bis an die Füße reichendem Gewand hat sich vor die Männer gestellt und spricht auf sie ein. Obwohl er schon sehr alt ist und zerbrechlich wirkt, geht von ihm eine große Kraft aus.
Seine Stimme ist mächtig wie ein Orkan, die Bedeutung der Worte trifft selbst die härtesten Männer in ihren inneren, wie es nicht mal ein präzise ausgeführter Schwerthieb vermag, lässt sie in ihrem für sie gerechten Tun innehalten.
Und er hat uns für den Moment noch das Leben gerettet, denn Edward ist die Pistole aus der Hand in den Sand gefallen. Ich müsste diese jetzt nur schnell an mich und ihn als Geisel nehmen, dann könnte sich meine Situation entscheidend verbessern.
Alles schwer trainiert während der Ausbildung und wirklich kein Problem für mich. Aber als ob der alte Mann meine Gedanken schon vorab kennen würde, sein Blick nimmt mich gefangen und meine Glieder gehorchen mir nicht mehr.
Davon, was ich dann in seinen Augen sehe, werde ich wohl noch mein ganzes Leben träumen können…
Es entspricht der Kultur dieses Volkes, Alte zu achten und ihren Anordnungen meistens Folge zu leisten. Aber so einem alten Mann ist von den Anwesenden hier bisher niemand begegnet. Die Rachsucht ist plötzlich verschwunden, große Nachdenklichkeit macht sich breit.
„So lasst uns ins Dorf zurückkehren. Am Abend wollen wir zusammen kommen und uns neu beraten.“

*-*-*

Zurück auf unsere Betten und jetzt hemmungslos dem plötzlich erweckten positiven Interesse der Dorfbewohner an uns ausgeliefert, dem der Frauen wie der Männer, und die ganz ohne Waffen, werden wir mit allem verwöhnt, was die Küche der Region zu bieten hat. Edward und dessen Eltern haben sich zu Jonathan gesetzt, der seinen Schock wohl nur durch die missglückte Erschießung überwinden konnte.
Was sie reden, davon kann ich in dem Stimmengewirr leider nichts mitbekommen. Es muss aber wohl sehr emotional sein, so wie sie sich oft umarmen und die Tränen fließen lassen. Auch wird ein Arzt aus der Stadt gerufen, der uns gründlich untersucht.
Nur Jonathan hat einige tiefe Fleischwunden, die sofort versorgt werden. Alle unsere restlichen Wunden werden mit der Zeit und bei guter Pflege von allein heilen. Ich muss die Leute nach Stunden bitten, uns und insbesondere Jonathan etwas Ruhe zu gönnen. Aber Jonathan ist viel zu aufgedreht, um gleich einschlafen zu können.

„Du, Peter, bist Du wach? Der Junge, der erschossen wurde, ist mein lang vermisster jüngerer Bruder. Wir dachten eigentlich, dass er bereits vor Jahren ums Leben gekommen ist.
Ich habe ihn sofort auf dem Foto erkannt, auch wenn ich ihn lange nicht gesehen habe.
Leider kann ich ihn nicht mehr in meine Arme schließen, was mich sehr traurig macht. Unsere Familie ist während eines Angriffs einer radikalen Einheit getrennt worden.
Das Haus war zerstört, niemand mehr aus der Familie für ihn da, und da hat er zum Glück Leute gefunden, die sich um ihn kümmerten. Und ich habe fast meinen neuen Bruder erschossen, und überhaupt – mir kommt mein bisheriges Leben jetzt ziemlich verrückt vor.
Stell dir mal vor, ich hätte bei einer Kampfhandlung auf Edward und dessen Eltern geschossen, vielleicht sogar selbst Mashari, meinen Bruder getötet! Oder die hier hätten mich getötet, und Mashari wäre am Leben geblieben. Mashari wollte uns helfen, und ist dabei umgekommen. Mein Bruder – von meinen eigenen Leuten erschossen!
Es gibt leider zu viele Leute, die immer nur gleich schießen. Und, ja, Edward ist jetzt mein Bruder. Ich werde für ihn da sein und auf ihn aufpassen, damit ich ihn nicht auch noch verliere.
Dieses verfluchte Spiel, ständig immer gleich aufeinander zu schießen und den Hass, den man uns gelehrt hat, mache ich nicht mehr mit. Morgen will ich mich an das Grab von Mashari bringen lassen. Nun, jetzt bin ich aber etwas müde.“

Und ich drehe mich um und weine heimlich einige Tränen. Ich habe ganz schön an Edwards Schilderung zu knabbern.

*-*-*

Der Abend bricht herein und die Vorbereitung zur Dorfversammlung artet eher in die Vorbereitung eines Dorffestes aus. Der sehr alte Mann geht in alle Hütten und wirklich zu jedem Bewohner, einen Teil seiner Güte und Weisheit lässt er jeweils zurück.
Dann ist er so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Sein Ehrenplatz am Abend muss leider leer bleiben. Niemand wagt es, sich dorthin zu setzen. Die Dorfältesten tauschen immer wieder bedeutungsvolle Blicke aus.
Edward, Jonathan und ich sitzen zum Sonnenuntergang in bequemen Kissen, extra für uns hergerichtet.

„Der sieht auch noch so gut aus…“, das fällt mir jetzt ein.

Dazu wollte ich Jonathan später noch was fragen, aber diese Frage könnte ich auch Edward stellen. Die denken wohl, ich bin so blöd und kriege nicht mit, wie die sich heimlich immer wieder kurz an den Händen halten und schwer anschmachten?
Frage beantwortet mit Taten. Genau wie meine Freundin und ich, stelle ich sehnsuchtsvoll fest. Liebe ist doch so etwas Schönes! Im schönsten Abendrot umarmen wir uns und schwören, immer füreinander da zu sein und für unsere Interessen zu kämpfen. Es ist Ostern, ich bin ein besserer Mensch geworden und habe wirkliche Freunde gefunden.

E-N-D-E

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Information Irgendwann
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:51 AM - No Replies

Alle waren sie gekommen, die ganze Klasse war da. Sogar meine Eltern hatten sich freigenommen, sie standen ein wenig im Hintergrund.
Meine Tränen waren versiegt, doch meine Gedanken waren bei Jason. Ich hatte ihm am Sterbebett versprochen so fröhlich zu bleiben, wie ich es immer war und so weiter zu leben, als würde er immer noch leben.
Doch jetzt war in mir die Welt zusammen gebrochen, Jason war tot, mir entrissen und ich war alleine. Ich stand vor seinem Grab und sah die vielen Leute, die um mich herum standen, aber ich hörte ihre Gespräche nur in der Ferne.
* *
Jasons Tod, war lange Gesprächsthema an der Schule. Er hatte den Kampf gegen die Leukämie verloren. Heiße Diskussionen fanden statt, was man alles hätte machen können, um ihn zu retten. Wenn ich auftauchte, verstummten die Gespräche, denn jeder wusste an der Schule, dass ich und Jason ein Paar waren.
Es war zwar durch einen dummen Zufall heraus gekommen, aber bald wurde es an der ganzen Schule akzeptiert, dass Jason und ich beide schwul waren. So ging es ein paar Wochen lang, bis auch dieses Thema vergessen wurde.
Ich stand jeden Mittag an Jasons Grab und erzählte ihm, was in der Schule los war und jeden Tag brachte ich ihm eine Rose mit. Wie auch an diesem Mittag. Ich saß am Baum gelehnt und sprach mit Jason, als würde er vor mir sitzen.
„Und Jason weißt du was, es hat sich nichts geändert. Das Versprechen der Rektorin hatte überhaupt nichts gebracht. In der Cafeteria läuft immer noch alles beim Alten. Du hattest also Recht damit, das dies alles nur leere Worte waren.“
„Cornelius?“
Ich verstummte, als ich meine Namen hörte.
„Cornelius, kann ich mit dir reden?“
Ich drehte mein Kopf und da stand Sabine. Ich legte meine Rose auf Jasons Grab und gab einen Handkuss an seinen Grabstein.
„Was ist?“ fragte ich mit belegter Stimme.
„Wir machen uns sorgen um dich.“
„Wer?“
„Die ganze Klasse. Du hast dich seit Jasons Tod total zurück gezogen. Keiner kommt mehr an dich ran.“
„Na und, kann man mich nicht in Ruhe trauern lassen?“
„Doch schon Cornelius, aber gemeinsam wäre es leichter zu ertragen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Jason gewollt hätte das du hier alleine sitzt.“
Ich schaute sie traurig an und dann zu Jasons Grab, mir fingen die Tränen an zu laufen.
„Sabine, er fehlt mir so, es tu so weh, dass er nicht mehr bei mir ist.“
Sabine nahm mich in den Arm.
„Ich werde nie jemanden mehr so lieben, wie ich Jason geliebt habe.“
„Du willst also niemanden die Chance geben, sich in dich zu verlieben?“
„Ach Sabine, ich weiß nicht was ich machen soll. Es ist alles noch so frisch.“
Sie zog mich langsam zum Ausgang vom Friedhof.
„Es verlangt niemand von dir, dass du gleich wieder einen neuen Freund hast, aber so wie du dich im Augenblick verschließt, kann das auch nicht gut sein.“
Sabine lief mit mir zu dem kleinen Spielplatz neben der Kirche, wo einige unserer Klasse anscheinend schon auf uns warteten. Ich ließ mich auf die Bank fallen und wischte mir die Tränen aus den Augen.
„Geht es wieder?“ fragte Sabine.
„Ja,“ antwortete ich.
„Habt ihr gesehen, da drüben ziehen neue Leute ein,“ kam von Maiki.
Alle schauten wir Richtung, des alten Haus, dass die ganze Zeit leer gestanden hatte.
„Oh, da scheint ein Mädchen in unserem Alter dabei zu sein“, meinte Christiane.
Ich lies mich wieder an die Lehne zurückfallen.
„Sind das Zwillinge?“ fragte Maiki.
„Wieso steigern sich dann bei dir die Chancen?“ fragte Frank, der jetzt auch aufgestanden war.
„Quatsch, das ist doch ein Junge, man sieht der süß aus“, kam es wiederum von Sabine.
Ich reckte meine Hals und konnte nur einen mit blonden kurze Haare sehen. Sabine lächelte mich an. Mit einem zaghaften Lächeln stand ich auf und gesellte mich zu ihr. Das Mädchen hatte uns anscheinend gesehen, denn sie tippte ihr Bruder an uns wies auf uns.
Der Junge sprach mit seinem Vater und schon waren die beiden auf dem Weg zu uns.
„Hallo“, kam von dem Mädchen, als sie uns erreichtet.
„Ihr seid also die Neuen“, sagte Sabine.
„Ja, sind wir. Werden wir schon sehnsüchtig erwartet?“, fragte das Mädchen.
„Wir freuen uns eben über neue Gesichter“, kam es von Frank.
„Ach so. Also ich bin die Simone und das schüchterne Etwas hinter mir, ist mein kleiner Bruder Jason.“
„Klein ist gut,“ grinste Susanne.
„Er ist immerhin vier Minuten jünger als ich.“
Keiner hatte bemerkt wie ich zusammenzuckte, als sie den Namen Jason nannte. Ich drehte mich um lief zur Bank zurück.
„Was ist denn mit dem los?“, fragte Simone leise.
Sabine schaute mir nach.
„Cornelius hat vor ein paar Wochen seinen Freund durch Leukämie verloren und er hieß.. auch Jason“, kam es von ihr.
In diesem Augenblick schauten erst alle zu Cornelius und dann zu Jason. Dieser guckte verlegen zu Boden. Keiner sagte ein Wort, bis Jason sich in Bewegung setzte und zu mir lief.
„Es tut mir leid….“, sagte er.
Ich schaute auf.
„Was tut dir leid?, fragte ich ein wenig stroff, was ich aber gleich wieder bereute.
„Das mit deinem Freund, entschuldige, wenn ich dich daran erinnert hab.“
„Ich will mich an ihn erinnern, ich möchte nichts von ihm vergessen…“
„Willst du mir von Jason erzählen?“
Jason setzte sich neben mich auf die Bank. Sabine dagegen, gab den anderen einen Wink, sich doch ein bisschen zu entfernen.
„Was soll ich dir von ihm erzählen…?“
„Wie das mit euch beiden angefangen hat…kennen lernen. Wie ihr gemerkt habt, dass ihr euch ineinander verliebt habt“, sagte Jason.
Cornelius schaute Jason lange an.
„Du bist ihm sehr ähnlich, deine Augen….“, ich stockte, „bist du auch schwul?“
„Nein, bin ich nicht Cornelius, aber einer meiner früheren Freunde war schwul. Daher kenn ich mich ein wenig aus, denn ich war mit ihm auch oft in der Szene“, antwortete Jason.
Eine gewisse Erleichterung schlich durch meinen Körper. Ich wusste nicht warum, aber es tat gut, das die Grenzen gleich zu Anfang abgesteckt waren. Ein Lächeln überzog mein Gesicht.
„He, was habe ich getan, um von dir mit so einem netten Lächeln belohnt zu werden“, kam es von Jason.
„Weil du ehrlich bist ..weil du einfach du bist.“
„Danke.“
„Ebenfalls danke.“
„Für was?“
„Für die kleine Aufmunterung.“
„Ist Jason dort auf dem Friedhof …..“, Jason verstummte.
„Ja, da ist er.“
Eine kleine Pause entstand.
„Soll ich es dir zeigen?“
„Ja…wenn es dir nichts ausmacht.“, sagte er zu mir.
Ich stand auf und Jason lief neben mir her. Die anderen standen vor dem Haus und schauten uns nach. Langsam schritt ich auf dem Friedhof zu der Stelle wo Jason begraben lag. Jason folgte mir sehr dicht. Ich konnte seine Nähe spüren.
Ich setzte mich an meinen üblichen Platz neben die große Eiche, die am Grab stand. Jason setzte sich neben mich und ich fing einfach an zu erzählen.
„Kennen gelernt habe ich Jason auf der Schule, aber so richtig gefunkt hat es erst viel später“, begann ich.
Langsam zogen an mir dir ganzen Bilder vorbei. Wie ich vor zwei Jahren mit der halben Klasse im Freibad war und der schöne Mittag, den wir alle zusammen verbrachten. Ich musste früher gehen, da ich mit meinen Eltern noch wo eingeladen war.
Also packte ich meinen Krempel zusammen, verabschiedete mich von allen und lief zu den Umkleidekabinen. Die erste, an der ich lesen konnte „Frei“ öffnete ich und blieb schlagartig stehen. Da saß Jason und holte sich einen runter.
„Shit“, kam es von ihm.
„Sorry die Tür …..war offen und….“, mir verschlug es die Sprache.
Jason saß mit gespreizten Beinen da und hatte immer noch seinen steifen Schwanz in der Hand.
„Hast… hast du Lust?“ kam es leise von Jason.
Ich brachte immer noch keinen Ton heraus. Ich betrat nur die Umkleidekabine und verschloss hinter mir die Tür. Mittlerweile war mein Schwanz auch voll ausgefahren und durch die Shorts gut zu sehen.
Gebannt schaute ich auf Jasons Schwanz. Ich ließ einfach meine Sachen zu Boden gleiten und kniete mich vor Jason hin, der mich mit großen Augen anstarrte. Ich wusste damals nicht was mich geritten hatte, aber ich nahm dieses Teil einfach in den Mund.
Ich begann kräftig über die Eichel zu lecken, was bei Jason einen lautes Stöhnen verursachte.
„O Gott Cornelius, …. dass musst du nicht…. tun…“, kam es stoßweise von Jason.
Ich ließ mich nicht beirren und schon bald merkte ich, dass Jason soweit war. Mit einem lauten Schrei entlud er sich in meinem Mund und ich hatte Probleme, alles bei der Menge zu schlucken. Als Jasons Orgasmus abgeflaut war, schaute ich zu ihm auf.
Er atmete immer noch schwer.
„Cornelius… dass war einfach nur geil..“, sagte er außer Atem.
„Jason …?“
„Ja?“
„Ich bin .. schwul..“
„Was?“ kam es entsetzt von Jason.
Ich stand auf und war schon im Begriff meine Sachen zu nehmen, als Jason mich zu sich zog und mir einen langen Kuss gab.
„He, nicht gleich eingeschnappt sein Kleiner, ich bin selber schwul. Ich war bloß erstaunt.“
Ich schmolz regelrecht hin, als ich das Lächeln in Jasons Gesicht sah.
„Kann es sein, dass du dich gerade in mich verliebst?“, fragte Jason keck.
„Ich …. ja…“, kein Wort bekam ich heraus, ich beugte mich nur noch weiter vor und gab ihm einen Kuss.
Du hast ihn beim Wichsen erwischt?“, kam es von Jason, der mich aus meinem Traum herausriss.
Natürlich hatte ich die gewissen Details bei der jetzigen Erzählung bei Jason ausgelassen, ich konnte ihm ja nicht genau erzählen was wir in der Umkleidekabine gemacht haben.
„Ja, habe ich.“
„Und seit dem Zeitpunkt ward ihr zusammen?“
„Danach verbrachten wir ein wundervollen gemeinsames Jahr.“
„Und was kam dann?“
Ich schluckte ein wenig, aber beschloss doch weiter zu erzählen.
„Da kam die Diagnose vom Arzt, das Jason Leukämie hatte.“
Jason schwieg. Auch hatte ich nicht gemerkt, dass inzwischen die Anderen uns gefolgt waren und ebenfalls unter dem alten Baum saßen und meinen Worten lauschten, Es stimmt. Keiner meiner Freunde genau wusste, was geschehen war.
Es fing alles damit an, dass Jasons Mutter ihn zur Untersuchung angemeldet hatte, weil er die letzte Zeit öfter über Unwohlsein klagte. Ich selbst machte mir da nicht soviel Gedanken, bis eben eines Mittags Jason weinend in meinem Zimmer stand.
Ich schaute in die Runde, sie saßen da und lauschten meinen Worten.
„Jason kam weinend in mein Zimmer und fiel mir um den Has, ich wusste erst gar nicht was los war, ich verstand von seinem Gemurmel kein Wort. Es dauerte einige Zeit bis er sich beruhigt hatte.
Und dann kam die Hammerbotschaft.“
„Wie hast du es aufgefasst?“, wollte Frank wissen.
„Ich war wie vor den Kopf geschlagen, natürlich. Ich konnte es nicht glauben.“
„Aber Jason war nicht sofort im Krankenhaus, oder?“ kam es von Sabine.
„Nein erst später, als die ersten Chemotherapien nicht anschlugen.“
„Gab es nicht eine Möglichkeit mit Rückenmark spenden oder so?“, wollte Simone wissen.
„Ich kenne mich da immer noch zu wenig aus, wenn ich ihm helfen gekonnt hätte, wär ich der erste der was gespendet hätte.“
Wieder merkte ich wie meine Gefühle mich überwältigen wollten.
„Cornelius, bitte rede dir nicht ein, dass du irgendwie Schuld bist, an seinem Tod. Krebs ist was schlimmes, dafür kann niemand was“, sagte Sabine.
„Schon gut… nur..“
„Was?“, fragte Sabine.
„Wir hatten soviel geplant, wollten soviel noch zusammen machen… und jetzt.“
Ich starrte auf Jasons Grabstein.
„Cornelius?“
Es war Jason. Ich wandte den Kopf zu ihm.
„Gibt es irgendetwas, was ihr beide machen wolltet, wo du dich jetzt alleine für zu schwach hältst?“, fragte Jason.
„Eins.. eins gab es….. unser ganz großer Traum.“
„Und der wäre?“
„Jason und ich haben uns vorgestellt, wie es mit einem Jugendtreff hier wäre im Ort, besser gesagt auch einen, wo sich alles Treffen könnte., für uns gibt es hier nichts. Wir hatten sogar schon die Fühler bei der Gemeinde ausgestreckt.“
„Und was hindert dich daran jetzt weiter zu machen?“, fragte Maiki.
„Irgendwie ist die Luft draußen… ich weiß nicht mehr ob es einen Sinn macht.“
„Jetzt hör aber auf Cornelius, da wo wir früher gewohnt haben, gab es auch ein Art Jugendhaus“, meinte Jason.
„Ja stimmt, Jason und ich waren oft dort, wir haben uns auch oft eingebracht und dort geholfen“, kam es von Simone.
„Und wenn wir dir helfen?“ fragte Frank.
Ich schaute alle an. Simone stand auf und ging in die Knie neben mir.
„Und wenn wir dir helfen, Cornelius. Ich denke es wär im Sinn von Jason gewesen, wenn du weiter machst.“
Ich schaute zum Grabstein. Irgendwie wartete ich auf etwas. Ein Zeichen von Jason, ich wusste nicht was ich machen sollte. Nun setzt sich auch Simones Bruder Jason neben mich und nahm mich in den Arm, ich schaute ihm in die Augen.
„Cornelius ich weiß, oder ich denke es mir jedenfalls, wie schwer hier das alles ist. Du hast nicht nur einen Freund, sondern auch dein große Liebe verloren. Das du trauern möchtest, versteht hier jeder sicher. Aber ich glaube auch nicht, dass dein Jason mit einverstanden wäre, dass du dich immer mehr zermarterst und vor die Hunde gehst.“
Ich kannte diesen Jungen jetzt eine knappe Stunde, und doch spürte ich wie ehrlich er es mit mir meinte. Nach einer kurzen Umarmung, stand ich auf.
„Leute, wenn ihr mir helfen würdet, dann schaffen wir das vielleicht gemeinsam. Nur einen Wunsch hätte ich.“
„Und der wäre?“, fragte mich Sabine.
„Wenn wir es wirklich schaffen einen Treff zu gründen, würde ich ihn gerne Jasons Treff nennen.“
„Ein schönes Andenken finde ich“, sagte Simone.
„Also dann an die Arbeit“, sagte Jason und nahm mich an der Hand.
Ein kurzen Blick zum Grabstein.. Jason ich liebe dich.. und wir verließen den Friedhof.
* *
Meine Besuche auf dem Friedhof wurden weniger. Nach den Hausaufgaben trafen wir uns oft, um unser Projekt weiter zu planen. Zu unserer Überraschung bekamen wir sogar Hilfe von unseren Eltern. Sie wurden im Rathaus tätig.
Es wurde ein leeres Haus gefunden, das der Gemeinde gehörte und was uns sehr gefiel, es erklärte sich auch ein Sozialarbeiter bereit, die Leitung zu übernehmen, den von uns war ja noch keiner achtzehn.
Es vergingen einige Wochen, in denen wir, das heißt, jetzt fast meine ganze Klasse, an einigen Mittagen oder an den Wochenenden halfen das Haus zu renovieren. Der Grundgedanke etwas für die Jugend zu schaffen, auch eine Anlaufstelle, hatte großen Anklang bei der Gemeinde gefunden.
Viele halfen durch Spenden, ob es Möbel waren oder Farbe zum Streichen. Alles konnte gebraucht werden. Und dann kam das Wochenende, an dem die Einweihung stattfinden sollte.
* *
Ich stand schon an der Haustür und wartete ungeduldig auf meine Eltern.
„Cornelius, drängle nicht so, davon wird deine Mutter auch nicht schneller fertig“, kam es von meinem Vater.
„Seid bloß ruhig da unter ihr zwei, erst stundenlang das Bad besetzten und dann meckern, weil ich nicht fertig werde.“
Ich grinste mein Vater an, er zurück.
„Schatz, Cornelius und ich gehen schon mal ans Auto“, rief mein Vater die Treppe hinauf.
„Ja, ich komme gleich“, rief sie zurück.
Gemeinsam mit meinem Vater lief ich die Einfahrt hinunter zur Straße.
„Cornelius, kann ich dir etwas sagen?“
„Was den Paps?“
Er trat zu mir und legte seine Hand auf meine Schulter.
„Ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll. Deine Mutter und ich haben uns riesige Sorgen um dich gemacht, als Jason starb. Aber jetzt legst du eine Energie an den Tag, das mir nur eins bleibt.. ich bin wahnsinnig stolz auf dich Sohnemann!“
„Danke Paps.“
Es war das erste mal seit Jasons Tod, dass mein Vater so mit mir sprach und ich genoss es von ihm in den Arm genommen zu werden.
„Was ist denn mit euch los?“
Meine Mum stand an der Haustür.
„Wir haben uns einfach nur lieb Alexandra, das ist alles“, antwortete mein Vater
„Schon gut, aber nun kommt, sonst sind wir die letzten die eintreffen.“
„Und das kam von ihr, mit einer Stunde Aufenthalt im Bad
Dad fand fast keine Parkplatz, so voll war es geworden, anscheinend war die ganze Ortschaft da. Wir hatten uns gerade einen guten Platz in der Menge gesucht, als auch schon der Bürgermeister anfing zu reden.
Wie so üblich, eine sehr langweilige Erwachsenenrede. Als er endlich zum Ende kam, rief er Sabine aufs Podium. Wir hatten uns alle vorher geeinigt, dass sie am Besten dafür geeignet wäre etwas vor allen zusagen.
Sie legte sich einen Zettel hin und schaute in die Menge.
Ich habe lange überlegt, was ich heute sagen soll. Also als altererstes möchte ich mich erst mal bei unseren Eltern bedanken, die uns so tatkräftig unterstütz haben, ebenso allen die durch ihren Spenden uns ihre Hilfe zu kommen haben lassen.
Aber ich möchte auch noch etwas anderes loswerden. Die Idee zu diesem Treff hatten zwei meiner Freunde. Sie haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, das sich hier viel änderte im Ort. Einer davon kann heute nicht bei uns sein, er starb vor fünf Monaten an Leukämie.
Ich versuchte nicht in Tränen auszubrechen, denn plötzlich schauten alle in meine Richtung.
Cornelius und Jason hatten schon lange die Idee zu einem Jugendtreff und nun ist er endlich real geworden. Und deswegen, haben wir beschlossen diesen Treff auch Jasons Treff zu nennen.
In diesem Augenblick wurde das große Tuch vom Eingang weggezogen. In Regenbogenfarben stand in großen Buchstaben „Jasons Treff“ über der Tür. Jetzt war es doch vorbei mit meiner Beherrschtheit, dicke Tränen kullerten über meine Wangen.
Die Menge fing an zu klatschen und jeder sah auf mich. Mein Vater nahm mich in den Arm und schob mich Richtung Podium. Sabine reichte mir ihre Hand und zog mich zu sich. In dem Augenblick wurde die Menge wieder ruhig und schaute gespannt auf mich.
Als ich damals, an dem Tag an dem Jason starb an seinem Bett saß, musste ich ihm versprechen, unsere gemeinsamen Träume zu verwirklichen. Nicht nur diesen Treff, nein auch für mehr Toleranz uns Schwulen gegenüber zu werben und einfach auch für andere Jugendliche da zu sein, die mit ihren Problemen zu kämpfen haben.
Ich weiß selber wie schwer es ist, sich zu outen, und ich weiß auch, das nicht jeder von ihnen, dieses Thema gut findet. Aber mit Jasons Idee haben wir eine Anlaufstelle geschaffen ,wo jeder hinkommen kann, gleich welche Probleme er ha, eben aber auch welche die Schwierigkeiten mit dem Schwulsein haben.
Jason, ich denke, dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen und jeder der dich kannte kann stolz auf dich sein.
Weiter kam ich nicht, mein Sichtfeld verschwamm vor Tränen. Sabine neben mir begann zu klatschen und Jason, Frank, Simone und Maiki in der ersten Reihe ebenso, bis irgendwann alle laut grölend Applaus gaben.
* *
Das war nun vier Jahre her. Nun war ich hier in der naheliegenden Großstadt und studierte. Das Telefon ging.
„Hier Cornelius.“
„Hallo Sohnemann.“
„Hi Paps.“
„Ich wollt dich nur fragen wann du am Freitag heimkommst.“
„Ich denke so gegen drei.“
„Gut dann kann ich dich noch einplanen.“
„Bei was?“
„Hast du etwa, den Jahrestag vergessen, im Jasons Treff gibt’s das große Grillfest.“
Ist schon wieder ein Jahr vorbei? Seit vier Jahren bestand nun der Treff und das sehr erfolgreich. Die Gemeinde hatte sogar schon einen zweiten Sozialarbeiter angestellt. Das Angebot wurde nämlich nun auch von den Nachbargemeinden genutzt. Es war sogar ein Anbau geplant.
„Stimmt, hatte ich vergessen, sorry ich hatte die letzte Zeit viel mit Lernen um die Ohren.“
„Nicht schlimm, wir wollen ja alle das du dein Studium schaffst. Übrigens ich soll dir von Jason einen schönen Gruß ausrichten, er ist dieses Wochenende auch da.“
„Wirklich, das freu ich mich, ich hab ihn seit zwei Monaten nicht mehr gesehen.“
Jason und ich waren dicke Freunde geworden. Am Anfang war er oft für mich da, wenn ich wieder ne schlechte Runde vor mir hatte und alles hinwerfen wollte. Die Idee Sozialpädagoge zu studieren, kam auch von ihm.
„So Cornelius ich muss Schluss machen, deine Mum will mich noch zum Einkaufen schleppen.“
„Stimmt überhaupt nicht“, hörte ich aus dem Hintergrund.
„Dann sag Mum mal nen schönen Gruß und wir sehen uns Freitag.“
„Okay, tschüss.“
„Tschüss.“
Tut – Tut …
Ich legte auf. Ich stand auf packte meine Tasche und machte mich auf den Weg zur Uni. Heute morgen war Bibliothek angesagt.
* *
„Ist dir nicht gut?“
„Bitte.. was?“
Ich sah etwas verwirrt meinen gegenüber an.
„Ich sitze jetzt schon eine ganze Weile hier und eben ist mir aufgefallen, dass du ganz schön blass um die Nase geworden ist“, kam von ihm leise.
„Jo stimmt, mir ist auch irgendwie nicht recht im Augenblick“, sagte ich.
„Wie lange sitzt du denn schon hier und liest?“
Ich schaute auf die Uhr.
„Schon fast drei Stunden.“
Ich rieb mir mit der Hand übers Gesicht.
„Willst du nicht kurz an die frische Luft, da drüben ist doch ein Balkon, wenn du willst geh ich kurz mit, bis dir es wieder besser geht.“
Ich schaute in die Richtung, wo er hinzeigte.
„Ist vielleicht eine gute Idee.“
Ich stand auf und merkte wie weich meine Knie waren. Mein Gegenüber sprang auf und reichte mir die Hand, denn ich merkte ja selber wie wackelig ich auf den Beinen war. Gemeinsam liefen wir zum Balkon.
„Das tut gut“, meinte ich und atmete tief durch.
„Ich bin übrigens der Jan“, kam es von ihm.
„Cornelius.“
„Hi Cornelius.“
Ich reichte ihm die Hand und schüttelte sie.
„Was studierst du?“, fragte er mich.
„Sozialpädagoge, viertes Semester.“
„Echt? Bin im zweiten Semester und warum habe ich dich hier noch nie gesehen?“
Ich schaute ihn an, da viel mir seine Halskette auf. Ein Regenbogenanhänger. Ein breites Lächeln über zog mein Gesicht.
„Ich weiß es nicht, bin nämlich oft hier in der Bibliothek, aber lass uns wieder rein gehen, ich wollte jetzt sowieso aufhören. Lust auf eine Tasse Kaffee?“
„Gerne, und wo?“
„Bei mir?“
Nun überzog sein Gesicht ein breites Lächeln.
* *
Wir hatten wirklich über das Reden die Zeit vergessen, denn fast gleichzeitig meldete sich unser Magen.
„Jan hast du auch Hunger?“, fragte ich und stellte das Geschirr auf die Spüle.
„Schon“, kam es von ihm, er war mir in meine Küche gefolgt.
Ich drehte mich um und schaute in seine braune Augen, die mich von Anfang an fasziniert hatten.
„Cornelius… darf ich dich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Du hast mir in den letzten drei Stunden, so viel von dir erzählt, aber ich weiß immer noch nicht ob irgendwer … mal wieder Platz in deinem Herz finden darf..“
Jan schaute etwas betrübt.
„Ich weiß der Tod deines damaligen Freundes hat dich sehr runter gezogen, aber es sind vier Jahre seit dem vergangen.“
„Jan…“, ich blieb gleich am Anfang hängen.
Ich ging zu Jan und zog ihn wieder ins Wohnzimmer.
„Setz dich bitte.“
Jan setzte sich wie ihm geheißen und ich mich direkt neben ihn.
„Es mag sein, dass ich mich dagegen verschlossen habe, aber dass heißt nicht, das ich mich nicht nach einem Freund sehne. Ich weiß auch, dass ich meine Messlatte sehr weit aufliegen habe, was mein gegenüber betrifft.“
„Und wie fällt meine Bewertung aus?“
„Ich lerne dich doch erst kennen.“
Jan legte seinen Kopf auf seinen Arm und schaute mich an.
„Im Flirten bist du jedenfalls großartig“, meinte ich und fing an zu lachen.
„Alles Berechnung.“
Ich ertappte mich dabei, wie ich mich in seinen Augen verlor.
„Cornelius?“
„Ja?“
„Darf ich dich küssen?“
Ich schaute ihn weiter einfach nur an ohne ihm zu antworten. Sein Gesicht näherte sich langsam meinem. Irgendwann trennten unsere Lippen nur noch Millimeter. Ich schloss die Augen und spürte seine Weichen Lippen auf den meinen.
Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Eine Wärme breitete sich in mir aus, ich fühlte mich wohl und vergaß die Zeit. Auch wenn dieser Kuss nur ein paar Sekunden dauerte, war es für mich eine Ewigkeit.
„Cornelius?“
„Ähm.. ja..?“
Ich öffnete wieder die Augen und sah in ein strahlendes Gesicht.
„Das scheint dir ja gefallen zu haben“, sagte Jan.
„Und wie“, entgegnete ich und zog Jan an mich um erneut ins seinem Kuss zu ertrinken.
* *
Aufgeschreckt spürte ich was schweres auf mir. Ich schien eingeschlafen zu sein und Jan, der mit seinem Oberkörper auf mir ruhte, ebenso. Sanft streichelte ich ihn über seinen kurzen Stoppel-schnitt.
Jan gab ein wolliges Brummen von sich.
„He Jan, aufwachen.. es ist schon dunkel.”
Jan richtete sich auf und rieb seine Augen.
„Ich muss wohl eingeschlafen sein, sorry“, sagte er.
„Brauchst dich nicht entschuldigen, ich bin auch eben erst aufgewacht.“
Ich zündete eine Kerze auf dem Couchtisch an. Und da war es wieder dieses smarte Lächeln von Jan, dass mein Herz erweichen lies.
„Kochen wir uns was?“, fragte ich, „oder musst du gleich gehen?“
„Nein ich habe heut Abend nichts vor.“
„Und auf was hättest du Lust?“
„Kommt drauf an, was du da hast.“
„Was dein Herz begehrt.“
„Dann nehm ich dich als Vorspeise, Hauptgang, und vor allem als Nachtisch, weil ich so eine Naschkatze bin.“
Ich kam nicht mehr aus dem Lachen heraus, meine Luft wurde bereits knapp. Gestützt an Jan, versuchte ich nach Luft zu ringen.
„Mach langsam kleiner, nicht dass dir wieder schwindelig wird“, meinte Jan.
Langsam ging es wieder.
„Wie wär es mit Nudeln?“, fragte ich.
„Dafür bin ich immer zu haben“, antwortete Jan.
Ich begann alles zusammen zu suchen, was ich zum Kochen brauchte. Jan blieb die ganze Zeit dicht in meiner Nähe stehen. Während ich die Zwiebeln für den Salat schnitt, wurde unser Gespräch wieder etwas ernster.
„Und warum hattest du noch nie einen Freund. Du siehst gut aus, bist intelligent, und weißt auf was es ankommt“, meinte ich.
Jan nippte an seinem Glas Rotwein.
„Ich weiß auch nicht recht. So lange bin ich ja auch noch nicht geoutet und mich richtig umgeschaut hab ich auch nicht.“
„Dann bin ich wohl deine erste Eroberung?“, fragte ich, ohne darüber nach zudenken, was ich da gerade losgelassen hatte.
„Bist du das?“
Sein Ton klang sehr ernst.
„Jan, lass mir bitte noch ein bisschen Zeit. Ich kenne dich zwar erst einen halben Tag, aber ich fühle mich bei dir wohl und geborgen. So ausgelassen, war ich schon lange nicht mehr.“
„Mir geht es doch genauso.“
„Also Zeit lassen, nichts überstürzen… okay?“
„Okay!“
Ich schmiss die Nudeln in den Topf, drehte mich zu Jan und er goss mir ein wenig Rotwein nach.
* *
„Musst du wirklich schon gehen?“, fragte ich.
„Ja Cornelius, schau auf die Uhr es ist schon fast eins und ich muss morgen früh aus dem Bett“, antwortete Jan.
„Okay.“
„Aber wir können uns ja heute Abend wieder sehen.“
„Ja können wir und morgen und übermorgen…“
„… und das ganze Wochenende.“
„Ähm.. nein das geht nicht.“
Jan Gesichtsausdruck wurde traurig. Ich überlegte kurz.
„Hast du am Wochenende schon etwas vor?“
„Nein ich habe noch nichts geplant.“
„Hättest du Lust mit mir nach Hause zu fahren?“
Jan schaute mich unschlüssig an.
„Und ich warne dich gleich vor, du wirst auch ein wenig etwas arbeiten müssen“, sagte ich mit einem Grinsen im Gesicht.
„Arbeiten?“
„Ich habe dir doch erzählt, dass wir im Jugendtreff jedes Jahr ein Grillfest veranstalten und das findet dieses Wochenende statt.“
„Ach so und ich soll dann Geschirrspülen?“
„Nein das musst du nicht, ich stehe meistens am Grill oder hinter der Getränketheke, ist aber auch immer sehr lustig. Hast ja Zeit bis Donnerstag dir das zu überlegen.“
„Da brauche ich nicht lange zu überlegen, ich will dich besser kennen lernen. Und was wäre geeigneter dafür, als dich in deiner vertrauten Umgebung zu erleben.“
„Okay abgemacht Freitag Mittag um zwei geht es los.“
„Ich werde da sein. So aber jetzt. Ich wünsch dir ne gute nacht, wir sehn uns spätestens heute Abend.“
„Okay, wünsch ich dir auch.“
Ich beugte mich ein wenig vor und Jan und ich küssten uns noch mal, bevor er meine Wohnung verlies. Ein wenig stand ich noch vor der verschlossenen Wohnungstür, dann besann ich mich wieder, dass ich noch die Küche aufräumen wollte, vor dem zu Bett gehen.
Später saß ich auf dem Bett und hatte das Bild von Jason in der Hand. …Schatz versprich mir, das du so lebensfroh bleibst, wie du es mit mir zusammen warst… die Worte vor Jasons Tod halten mir im Kopf.
Ich gab im Gedanken Tommy einen Kuss und stellte sein Bild zurück auf mein Nachttisch.
„Also gut, wenn du meinst Jason, dann werde ich mich mal in dieses Abenteuer stürzen.“
Ich legte mich hin und machte das Licht aus. Es dauerte auch nicht mehr lange bis ich dann einschlief.
* *
„Morgen Dad.“
„Morgen Sohnemann, was verschafft mir ein so frühen Anruf?“
Ich war noch nicht ganz wach, da hatte ich schon das Telefon in der Hand.
„Hättet ihr was dagegen, wenn ich am Wochenende noch jemanden mitbringe?“
„Du willst was?“
„Jemand mitbringen, tu doch nicht so überrascht.“
„Cornelius, ein wenig überrascht bin ich schon.“
„Was denn…“
„Wie heißt er denn?“
„Ähm … Jan.“
„Bist du verliebt?“
„Daaaaaad…“
„Ist ja schon gut, ich freu mich auf dich und auf deinen Gast, bin ich mal gespannt.“
„Okay Dad, ich freu mich auch auf euch.“
„Dann bis Freitag.“
„Jo, ciao.“
Verärgert legte ich auf. Was sollte das jetzt denn, nur weil ich jemand mitbrachte, ist doch nichts besonderes dabei. Mein Blick fiel auf Jeasons Bild. Und plötzlich kam mir der Gedanke, seit Jasons Tod, hatte ich nie wieder jemand mit nach Hause gebracht. Ich stand schweren Herzens auf und taperte ins Bad.
Ich wollte gerade das Wasser andrehen, als das Telefon klingelte. Also Wasser aus, zurück ins Schlafzimmer, wo ich das Telefon liegen gelassen hatte.
„Maifelder.“
„Morgen Cornelius, ich bin’s Jan.“
„Morgen.“
„Hab ich dich geweckt?“
„Nein hast du nicht, ich war grad nur im Begriff zu duschen.“
„Ich muss auch gleich weg, wollt nur noch mal deine Stimme hören.“
„Oh, doch so schlimm?“
„Was?“
„Hat es da jemand erwischt?“
„So ziemlich.“
Ich musste grinsen.
„So jetzt mach aber das du fort kommst, mir wird es langsam kalt, ich habe nichts an.“
„Bleibe so sitzen ich bin sofort bei dir.“
„Nichts da, auch noch ne Vorlesung schwänzen, das gibt es bei mir nicht.“
„Du bist gemein.“
„Nein bin ich nicht, also Jan ich wünsch dir was, wir sehn uns heut Abend.“
„Ja ist gut.. ähm wo eigentlich?“
„Das machen wir später aus, deine Handynummer habe ich ja.“
„Ja ist gut, also dann bis später, mach es gut.“
„Du auch. Ciao.
„Ciao Cornelius.”
Ich drückte das Gespräch weg. Endlich konnte ich unter die Dusche gehen. Der Tag wurde so wie ich mir ihn vorgestellt hatte.. Langweilig. Drei Vorlesungen hinter einander waren mehr als anstrengend. Einzigster Lichtblick war das Telefonat am Mittag mit Jan.
Da er in einer Wohngemeinschaft wohnte, wollte er lieber zu mir kommen, weil er meinte bei ihm hätten wir nicht die nötige Ruhe. Und wie es nicht anders sein sollte, zog sich der Mittag ebenso lange hin.
Etwas müde, kam ich zu Hause an. Ich schmiss meine Sachen ins Schlafzimmer und zog mich erst einmal aus. Eine Dusche würd mir jetzt ganz gut tun. Ich verfiel fast ins träumen unter dem heißen Wasser, als der Türgong ging.
Etwas brummig verließ ich die Dusche band mir ein Handtuch um, und ging zur Sprechanlage.
„Ja?“
„Hallo Cornelius, ich bin’s.“
Ich drückte auf den Öffner und lauschte auf die Schritte der alten Holztreppe. Als Jan bei mir oben war, öffnete ich die Wohnungstür.
„Wow, Cornelius, du hast es aber eilig.. mich so zu empfangen..“
Jan musterte mich von oben bis unten.
„Quatsch Jan, ich war grad unter der Dusche.“
„Och und ich dachte du willst was von mir.“
Jan hatte regelrecht ein Haifischgrinsen aufgesetzt.
„Komm rein und leg ab ich will hier nicht so tropfend halb im Hausflur stehen.“
Jan zog seine Jacke aus und hängte sie an die Gardarobe. Noch immer sah er mich so durchdringend an. Irgendwie war mir jetzt alles egal, ich wollte den kleinen nur noch in meinen Armen spüren. Ich ging auf ihn zu und umarmte ihn kräftig.
Ich spürte seine Hände auf meinem Rücken und wie sie zu wandern begannen. Das blieb bei mir nicht ohne Reaktion. Klein Connie meldete sich. Jans Küsse wurden fordernder, und ich versuchte ihn ins Wohnzimmer zu schieben.
Mein Handtuch hatte schon lange seinen Halt verloren und war zu Boden gerutscht. Total nackt mit steifen Schwanz stand ich vor Jan.
„Irgendwie find ich die Situation jetzt gemein, ich nackt und noch alles angezogen“, meinte ich.
Jan grinste und so schnell hatte ich noch nie sich einen Menschen ausziehen gesehen. Ich schluckte, er war atemberaubend schön. Ich strich ihn zärtlich über seine behaarte Brust.
„Gehst du mit mir duschen?“, fragte ich.
„Ich dachte du frägst nie“, meinte er.
Ich nahm ihn an der Hand und zog ihn ins Bad. Unter dem heißen Wasser bekam ich ihn dann richtig zu spüren. Das erstemal nach so langer Zeit spürte ich endlich wieder die Wärme, die mir so fehlte und dessen Haut direkt auf meiner.
Mit geschlossen Augen genoss ich einfach wie seine Hände über meinen Körper wanderten, und ich es ebenso bei ihm tat.
„Und darauf hast du jetzt vier Jahre verzichtet?“, fragte er leise.
Ich öffnete die Augen und schaute im direkt ins Gesicht.
„Ja“, sagte ich trocken und schluckte dabei.
„Kann ich mir wirklich Hoffnungen auf dich machen?“, fragte er vorsichtig.
Ich schaute in seine wunderschönen, braunen Augen.
„Ja kannst du…“
Und wieder verloren wir uns in einem endlosen Kuss.
* *
„Möchtest du nicht hier schlafen?“ fragte ich zögerlich.
Wir waren noch Essen gewesen und nach ein wenig kuscheln vor dem Fernseher, wollte er gehen.
„Bist du sicher, ich will dich zu nichts drängen Connie.“
Ich schaute ihn an.
„So liebevoll hat noch niemand Connie zu mir gesagt…“
Jan nahm mich in den Arm.
„Ich sage es so oft du es hören willst, Conny und ja ich bleibe heut nacht bei dir“, flüsterte er mir ins Ohr.
Unsere Blicke trafen sich wieder, und ich bemerkte eine kleine Unsicherheit in seinen Augen.
„Was ist?“
„…. was ist mit Jason?“
Tief atmete ich durch.
„Jason werde ich immer lieben Jan, aber er wird nicht zwischen uns stehen, das kann ich dir versprechen. Er war zu einer anderen Zeit und es war auch ein anderer Cornelius. Und es zählt das heute und das Morgen, nicht die Vergangenheit!“
„Es würde mir auch nie einfallen, von dir zu verlangen Jason zu vergessen, denn ich denke, er war was besonderes… ist immer noch was besonderes, denn er lebt in dir weiter.“
Ich stand auf und ging ins Schlafzimmer. Zurück kam ich mit dem Bild von Jason und gab es Jan.
„Er hatte die gleichen braunen Augen wie du…. keine Angst für mich bist du nicht Jason II., du bist Jan und ich bin im Begriff mich gerade in dich zu verlieben“, meinte ich und setzte mich wieder neben ihn.
Ein breites Lächeln zierte Jans Gesicht. Ich erwiderte es und strich die Träne weg, die Jan über die Wange lief. Es war ein seltsamer Moment, es knisterte förmlich zwischen uns. Ich nahm Jan an der Hand und zog ihn ins Schlafzimmer.
* *
Langsam begann ich Jan auszuziehen. Ich knöpfte sein Hemd auf und streifte es über seine starken Schultern. Keinen Moment ließ ich seine Blick aus den Augen. Langsam strich ich mit der Hand über seine nackte Brust.
Ich spürte seine Haare auf meiner Handfläche, die ein komisches Kribbeln verursachten. Jan war bisher untätig geblieben, allein sein Atem konnte ich hören. Sein Hemd flog zu Boden. Ich zog mein Tshirt aus und ließ es ebenso fallen.
Ich legte meine Arme um ihn und zog ihn an mich. Wieder überkam mich dieses schöne Gefühl, seine nackte Haut auf meiner zu spüren, die Wärme, die von ihr ausging. Und noch etwas spürte ich, wie sich Jan an meiner Hose zuschaffen machte.
Auch sie rutschte zu Boden. Ich ließ mich aufs Bett fallen. Jan zog meine Turnschuhe aus und ebenso meine Hose. Nun lag ich nur noch in Shorts vor ihm. Auch er entledigte sich seiner Hose und Schuhe und ebenfalls seiner Boxer.
Nackt und mit steifen Schwanz stand er vor mir. Ich hob die Arme und er ließ sich auf mich sinken. Irgendwann war dann auch meine Shorts aus und unsere Schwänze rieben hart aneinander. Wir versanken in einen langen innigen Kuss.
Es verschwand alles um mich herum, ich wollte nur noch Jan spüren, unser Kuss wurde intensiver. Tief grub sich seine Zunge in meinen Mund, meine Hände fuhren über seinen Rücken und dem knackigen Hintern.
Jan setzte ab und schaute mir wieder in die Augen.
„Ich weiß nicht was ich sagen soll, aber ich habe mich noch nie so wohl gefühlt wie im Augenblick“, kam es leise von Jan.
„Das geht mir genauso“, erwiderte ich.
Jan rollte von mir herunter, aber ohne den Kontakt zu mir zu unterbrechen. Meine Hand wanderte nach unten und strich über Jans Schwanz. Dieser schloss die Augen und gab einen leises Stöhnen von sich.
Langsam küsste ich mich über seine Brust, weiter über den Bauch bis hin zu seinem Schwanz. Mit der Zungenspitze fuhr ich an ihm entlang und ich spürte wie Jans Körper zu zittern begann. Als ich ihn auch noch in den Mund nahm, stöhnte Jan laut auf.
Er drehte sich ebenfalls und so hatte er bald ebenso meinen Kleinen im Mund. Im Rausch begannen wir beide wie wild zu lecken. Es kam mir vor, als würde Jans Schwanz noch größer und dicker werden.
Sein Atem stieß er immer heftiger hervor. Aber ich merkte selber, dass ich nicht mehr weit davon entfernt war. Alle Kraft sammelte sich in meinem Unterleib, alles um mich herum verschwamm. Und plötzlich und gewaltig kamen wir gemeinsam, hart stieß Jan seinen Schwanz mir in den Mund und ergoss sich.
Überwältigt von meinem Orgasmus schluckte ich soweit ich es konnte, denn die Quelle schien nicht zu versiegen.
* *
Erschöpft lagen wir Arm in Arm beieinander. Keiner von uns beiden war eines Wortes mächtig, beide zitterten wir immer noch. Jan gab mir einen kleinen Kuss auf den Mund.
„So was habe ich noch nie erlebt…“, kam es schweratmend von ihm.
„Ich auch nicht.“
Langsam beruhigten wir uns und Jan begann schon wieder meinen Körper zu streicheln.
„Connie?“
„Ja“, hauchte ich.
„Ich will dir ganz gehören….schlaf mit mir…“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
„Ähm… ich habe nichts im H…“
„Keine Sorge, ich habe so was immer bei mir. Man weiß ja nie“, sagte er mit einem süffisanten Lächeln.
Ich musste Grinsen. Jan stand auf und ich bemerkte das sein Kleiner ebenso wieder stand wie meiner. Er verschwand kurz aus dem Raum um mit einem Kondom und einer Tube wieder zurückzukehren.
Sanft ließ er sich wieder neben mich fallen.
„Ob ich noch weiß, wie man das Ding anzieht?“ sagte ich im Scherz.
„Keine Sorge, ich bin dir gerne behilflich“, meinte Jan raunend.
Er riss das Päckchen auf und zog das Gummi heraus. Langsam und genüsslich rollte er das Kondom über meine pulsierenden Schwanz. Nach dem er sich auf den Rücken gelegt hatte reichte er mir die Tube in die Hand.
„Das ist jetzt wohl mein Part“, sagte ich und musste kichern.
* *
Mit den ersten Sonnenstrahlen wachte ich auf. Meine Wange war heiß, aber nur aus dem Grund, dass ich mit dem Kopf auf Jans Brust geschlafen hatte.
„Na, endlich wach?“, fragte mich Jan.
Ich hob dem Kopf und schaute direkt in seine Augen.
„Morgen…“, sagte ich noch verschlafen.
„Und wieder fit?“
„Was heißt hier fit?“, murmelte ich.
„Du bist einfach nach der vierten Runde eingeschlafen, so wie du jetzt liegst.“
„Wirklich?“
Jan begann zu lachen.
„Keine Sorge Connie, bin ebenso eingeschlafen.“
Jan zog mich fester an sich, ich schloss die Augen und lächelte. Zärtlich strich er über mein Haar.
„Was wird jetzt werden?“
„Wie wird was werden?“ fragte ich zufrieden.
„Was wird aus uns werden, … wir haben uns am Montag kennen gelernt und schon haben wir eine Nacht miteinander verbracht, keine gute Vorraussetzung für eine Beziehung…“
Jans Stimme klang traurig und ängstlich zu gleich. Ich schaute auf, der Kleine hatte Tränen in den Augen.
„Jan, warum weinst du?“
Ich setzte mich auf und schaute besorgt zu ihm.
„Ich weiß auch nicht, es ist alles so schön um wahr zu sein, irgendwo ist doch immer ein Haken“, sagte Jan mit weinerlicher Stimme.
„Jan, warum muss denn ein Haken dran sein? Nur weil wir uns so gut von Anfang an verstanden haben? Wenn ich das nicht gewollt hätte, wäre ich der letzte der nichts sagen würde.“
„Empfindest du was für mich?“, fragte Jan leise.
„Mehr wahrscheinlich, als mir schon bewusst ist, Jan. Heute Nacht beim Sex, das war so.. wow .. unbeschreiblich, für mich war das nicht nur ne Befriedigung meiner Triebe. Ich habe einfach zu viel von dir gespürt, als das es reiner Sex gewesen sein könnte.“
„Ich liebe dich Connie.“
Er hatte dass ausgesprochen, was ich im Augenblick nicht über die Lippen gebracht hatte. Es war das, was ich seit ich ihn das erstemal gesehen hatte, in mir spürte. Ich hatte mich in ihn verliebt. Ich begann zulächeln.
„Ich weiß Jan, ich dich auch…..“
Jans Augen bekamen einen freudigen Glanz. Er zog mich zu sich hinunter und legte meine Kopf wieder auf seine Brust. Ich konnte sein Herz deutlich hören, das wie wild bummerte.
* *
Freitag Morgen.
„Schatz?“
„Ja Jan, was ist denn?“
Jan kam nur mit dem Handtuch um die Hüfte aus dem Bad.
„Was soll ich denn mit zum Anziehen nehmen, ich möchte auf keinen Fall nen falschen Eindruck machen.“
Ich fing laut an zu lachen.
„Was denn?“, fragte Jan mit eingeschnappter Mine.
Ich versuchte mich zu beherrschen. Aber ich konnte nicht innehalten, ich prustete wieder los. Jan schubste mich aufs Bett, setzte sich auf mich und begann mich zu kitzeln.
„Auslachen ist unter Kitzelstrafe verboten, dass du es nur weißt“, sagte er in einem grummeligen Ton, dass ich nur noch mehr lachen musste.
„Jan hör …bitte… haha … hör auf .. ich mach … mir gleich in die Hose..“
Mir liefen schon die Tränen.
Jan hörte auf und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.
„So kannst du mir mal sagen, was an der ganzen Sache so lustig ist?“
Ich wollte gerade wieder loslachen, als Jan bereits die Fingerspitzen zückte.
„Schon gut, schon gut. Aber wie du da gerade rausgetuckt kamst, konnte ich nicht mehr.“
Ich schaute ihn mit einem Dackelblick an und verbiss mir das Grinsen, was mir äußerst schwer fiel.
„Ich hab getuckt?“
Ich nickte und biss mir auf die Lippen um nicht wieder laut los zu lachen.
„Schatz?“
„Ja…Jan?“
„Wenn du noch mal sagst ich tucke, zieh ich dir eine mit meiner Handtasche über.“
Jetzt war es vorbei, ich konnt mich nimmer zurück halten, ich bekam meinen zweiten Lachanfall. An Jans Lächeln, sah ich, dass er mir nicht böse war, sondern dies auch als Spass verstand. Irgendwie sah er jetzt wieder total süß aus.
„Jan du brauchst dich nicht in Schale zu schmeißen, ich denke zwar, sie werden alle gucken, wenn der liebe Cornelius in Begleitung auftaucht, aber gib dich bitte so wie du bist, denn so liebe ich dich.“
„Danke Cornelius.“
„Da fällt mir noch was anderes ein…“
Jan zog sich eine Shorts an und setzte sich wieder an mein Bett.
„Und das wäre?“
„Ähm ..ich weiß wir kennen uns grad ein Woche…“, ich stockte.
„Was willst du?“, fragte Jan und setzte wieder dieses charmante Lächeln auf.
„Hättest du nicht Lust Geld zu sparen und zu mir zu ziehen?“
Jan schaute mich erstaunt an.
„Wow.“
„Und?“
„Du willst mich wirklich bei dir haben? Und das nach einer Woche?“
„Ja möchte ich. Jan du hast doch selber gemerkt, wie sehr wir uns ähneln, wie gut wir zusammen passen.“
„Da hast du recht. Und du willst wirklich das ich zu dir ziehe?“
„Ja Jan, so sicher wie noch nie in meinem Leben. Ich liebe dich und will dich bei mir haben.“
Jan sagte nichts mehr, er gab mir einfach nur einen sehr langen innigen Kuss.
* *
„Hast du auch wirklich nichts vergessen?“, fragte ich um Jan wieder aufzuziehen.
„Hätte ich nicht doch ein paar Blumen für deine Mum besorgen sollen?“
„Jan, jetzt hör auf. Man könnte meinen, du willst um meine Hand anhalten.“
„Keine schlechte Idee..“, grinste Jan.
So wie versprochen, kam ich mit meinem Auto gegen drei vor dem Haus meiner Eltern zum stehen.
„Hier verändert sich auch nie was“, sagte ich.
„Wie lange warst du nicht mehr hier?“
„Zwei Monate…“
Jan grinste und öffnete seine Tür.
„Zwei Stunden im Auto, ist anstrengend“, meinte er und streckte sich.
Die Haustür ging auf und meine Mum kam heraus.
„Hallo Cornelius, schön das du kommen konntest, dein Vater ist schon am Jugendtreff und ich soll dich gleich hinschicken.“
„Dürfen wir noch ausladen?“ fragte ich und nahm sie in den Arm.
„Hallo Mum.“
„Hallo Sohnemann.“
Jan stand hinter uns und trat von einem Fuß auf den anderen.
„Willst du mir nicht mal den jungen Mann vorstellen?“
„Doch … ja ..ähm …. Mum das ist Jan mein Freund und Jan das ist meine Mum.“
„Hallo Jan“, sagte meine Mum und schüttelte ihm die Hand.
„Hallo Frau Maifelder, freue mich sie kennen zu lernen.“
„Jan bitte, sag du und Anne zu mir, wenn du der Freund meines Sohnes bist, werden wir uns ja sicherlich noch öfter sehen.“
Ich lächelte Jan an und freute mich über meine Mutter.
„Aber jetzt kommt erst mal rein ihr zwei, ich hab extra einen Kuchen für euch gebacken, und euer Gepäck kann warten, und Jan dein vater übrigens auch.“
Wir fingen alle drei an zu lachen.
* *
Später waren ich und Jan zum Jugendtreff unterwegs.
„Jan, wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne kurz noch wo vorbei schauen.“
„Connie, ich bin hier Gast, ich richte mich ganz nach dir.“
„Du bist mein Freund, nicht ein Gast.“
„Schon gut, wo willst du denn hin?“
„Ich möchte mit dir zu Jason…“
Jan schaute mich kurz stumm an, bevor er wieder nach vorne sah.
Ich parkte auf dem Friedhofparkplatz, stellte den Motor ab. Beide verließen wir den Wagen und ich gingen Hand in Hand auf den Friedhof.
„Hier war ich wirklich schon lange nicht mehr“, sagte ich leise.
„Schlimm?“, kam es von Jan.
„Nein, ich denke nur daran, als Jason starb, war ich, die Monate drauf, jeden Tag hier.“
„Ist doch nur verständlich, Cornelius. Du hattest jemanden verloren den du liebst.“
Wir bogen um die Ecke und kamen an den großen, alten Baum, unter dem Jasons Grab lag. Ich stellte mich davor und starrte auf den Grabstein.
Jason Mühlhof
* 13.02.1983
+ 16.05.2000
Zu früh von uns genommen
unser lieber Sohn
Bruder
und Freund
Wir werden dich immer lieben
Eine einzelne Träne ran an meiner Wange herunter. Ich hob die Hand Richtung Jan. Er ergriff sie und stellte sich zu mir.
„Jason war etwas besonderes. Er war für sein Alter schon so weit voraus, hat mir Dinge beigebracht, von denen ich heut noch von profitiere.“
Jan schwieg.
„Siehst du Jason, ich habe endlich wieder ins Leben zurück gefunden. Ich habe mich wieder verliebt, hier in Jan. Endlich kann ich mein Versprechen einlösen, weiterhin so lebenslustig zu sein, wie du mich damals kanntest.“
Sichtlich ergriffen, bekam jetzt auch Jan glasige Augen. Ich ging zum Grabstein, gab meine Handkuss drauf, wie ich es immer gemacht hatte. Gemeinsam mit Jan, verließ ich schweigend den Friedhof.
„Ich beneide dich um die Freundschaft zu Jason“, sagte Jan leise.
„Wieso?“
„Ich hatte nie jemand, der mir so nahe stand. Du bist der erste Mensch, den ich so nah an mich heran lasse.“
„Danke, Jan“, sagte ich und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Cornelius?“ rief jemand ganz laut.
Ich drehte mich um.
„Jason?“ rief ich zurück.
Jan schaute ganz verwirrt. Vom Haus seiner Eltern kam wild winkend Jason entgegen gerannt. Mein Schatz stand immer noch total entrückt neben mir.
„Mensch Cornelius, du bist es wirklich,“, rief Jason und fiel mir um den Hals.
„Hallo Jason, man hab ich dich vermisst.“
Jan räusperte sich.
„Oh, entschuldige. Jason darf ich dir meine Freund vorstellen. Das ist Jan.“
Jason und Jan gaben sich die Hand.
„Zum besseren Verständnis Schatz, diesen Jason hab ich kurz nach der Beerdigung von dem Jason kennen gelernt. Wir sind schnell gute Freunde geworden und er hat mir oft geholfen, wenn ich mal wieder von Depris befallen war.“
Jason lächelte uns beide an.
„Also ist Jan derjenige, der endlich dein Herz erweichen konnte und dich vom Markt genommen hat“, sagte Jason frech grinsend.
„Ja ist er“, sagte ich stolz und lehnte mich an Jan.
„Glückwunsch ihr beiden.“
„Danke“, kam es uns wie aus einem Munde.
Ein Auto kam gefahren und hielt vor dem Elternhaus von Jason. Es war Simone. Sie hatte uns gleich gesehen und kam ebenfalls gerannt und fiel mir in die Arme.
„Oh super Cornelius, das freut mich aber, dass du kommen konntest. Und wer ist der schnuckelige Typ neben dir?“
Jason lachte laut auf.
„Typisch Schwesterchen, Simone, der ist für dich tabu. Jan ist Cornelius Freund.“
Nun grinste auch Jan.
„Na Simone, immer noch auf Männerjagd?“ fragte ich.
„Ja leider“, kam es genervt von Simone.
„Du wirst ihn schon noch finden“, sagte ich.
„Und was habt ihr jetzt vor?“ fragte uns Jason.
„Ich wollte mit Jan rüber zum Jugendtreff, mein Dad wartet auf uns. Er will ja schließlich auch mal seine Schwiegersohn kennen lernen.“
Jan wurde rot und gab mir einen Knuff in die Seite.
„Du wenn es dir nichts ausmacht, komm ich gleich mit“, meinte Jason.
„Wartet, ich bring nur schnell meine sachen rein, dann komm ich auch mit“, sagte Simone und lief zurück zum Wagen ohne eine Antwort abzuwarten.
„Fehlt dir das hier nicht?“ fragte mich Jan.
„Doch schon, aber wir sind jetzt alle in andere Städten studieren oder arbeiten, wir treffen uns eigentlich nur, wenn hier etwas Großes ansteht“, gab ich zur Antwort.
„Das ist schade, mir gefallen deine Freunde.“
„Daran kann man eben nichts ändern, aber um so schöner sind die Wiedersehen hier“, sagte Jason.
Simone kam gefolgt von ihrer Mutter aus dem Haus zu uns zurück. Auch sie begrüßte mich sehr herzlich. Nach einem kurzen Smalltalk mit ihr, fuhren wir dann zu Viert Richtung Jugendtreff.
* *
Jan schaute sich ein wenig um. Immer noch leuchtete Jasons Treff in den Regenbogenfarben über der Tür. Eins war neu, dass sogar ich noch nicht gesehen hatte. Im Eingangsbereich war eine Art Bildergalerie geschaffen worden.
Jan lächelte.
„Bist du das?“ fragte er.
„Ja, ich mit süßen siebzehn.“
„Stimmt“, grinste Jan.
Zur Vierjahresfeier, hatte man sich was besonderes überlegt und eine kleine Erinnerungswand geschaffen. Bilder von mir, Sabine, Simone und Jason, Maiki, Frank, ja auch Christiane sah man auf einigen Bilder.
Vor einem blieb ich ein wenig länger stehen. Es war das letzte Bild von Jason und mir. Er hatte damals schon keine Haare mehr, durch die Chemotherapien, und hatte seine verknautsche Basecape auf.
„Ihr wart ein süßes Paar, muss ich zugeben“, sagte Jan leise.
„Waren sie und immer voller Tatendrang.“
Ich drehte mich um.
„Dad, hallo.“
„Hallo Sohnemann“, kam es von ihm.
Wir vielen uns in die Arme und drückten uns eine Zeitlang.
„Deine Mutter hat mich vorhin angerufen und mir von ihrem zukünftigen Schwiegersohn berichtet, sie war schlichtweg begeistert…..du bist also Jan.“
Jan nickte und streckte seine Hand zur Begrüßung aus. Ich nahm ihn in den Arm.
„Aber reden kann er doch?“ fragte mein Dad und grinste sich eins.
„Ja kann ich“, meinte Jan.
„So und gleich zu Anfang ich heiße Karl und bitte du, okay?“
„Ja, danke Karl.“
Mein Dad wurde aus einem der Zimmer gerufen und verschwand in diesem.
„Du hast echt die netten Eltern, sie sind voll in Ordnung“, meinte Jan.
„Und du? Über deine Familie haben wir so gut wie noch nicht geredet“, sagte ich.
„Ich glaube ein andermal wäre besser, du wirst doch sicherlich hier gebraucht.“
„Moment..“, sagte ich und folgte meinem Vater in das Zimmer.
„Dad?“
„Ja Cornelius, was gibt’s?”
„Corneliussssssss?”
Eine schrille Stimme.
„Sabine?“
Es war tatsächlich Sabine. Stürmisch begrüßten wir uns.
„Mensch Alter, mit dir hätte ich heut am wenigsten gerechnet“, sagte sie.
„Hat mein Vater nichts gesagt?“
„Nicht die Bohne.“
Mein Vater grinste sich wieder eins.
„Und wie geht es dir? Erzähl doch.“
„Später Sabine, später. Ich möchte dir noch jemand vorstellen und danach habe ich noch etwas zu erledigen, aber wenn du willst können wir heute Abend noch ein bisschen klönen, okay?“
„Geht schon klar. Und wen willst du mir vorstellen, hast wohl einen Freund.“
„Genau den.“
„Bitte.. wirklich..“
Noch einmal fiel mir Sabine um den Hals.
„Das freut mich für dich Cornelius, wo ist der Glückliche, zeig her.“
Sie zerrte und zog an meinen Taschen herum.
„Draußen im Flur steht er.“
Sabine drehte sich um und verschwand auf den Flur.
„Ähm Dad, du brauchst mich doch erst Morgen oder?“
Er lächelte.
„Geht schon klar, verschwinde. Bis später zu Hause.“
„Danke Dad“, sagte ich und drückte ihm ein Kuss auf die Wange.
Ich folgte Sabine und fand sie in einer angeregten Unterhaltung mit Jan.
„Biene, lässt du bitte ab von meinem Schatz, bevor er mir noch wegläuft.“
Sabine fing laut an zu Lachen.
„Ich werde ihn schon nicht verkraulen. Aber du hast recht, du hast dir da was absolut nettes geangelt“, sagte sie.
„So wir beiden verschwinden noch mal“, sagte ich zu ihr.
Jan schaute mich fragend an.
„Gut wir sehen uns später“, sagte Sabine und verschwand wieder zu meinem Dad.
„Wo wollen wir hin?“, fragte mich Jan.
„Lass dich überraschen Schatz.“
* *
Am Ortsrand, stellte ich den Wagen am Waldrand ab. Ich nahm Jan an der Hand und zog ihn in den Waldweg.
„So und nun erzähl, was ist los mit deiner Familie.“
„Nichts, meine Eltern sind genauso in Ordnung wie deine..“
„Aber?“
Jan bekam wieder diesen Bitte-nimm-mich-in-die-Arme-Blick. Ich hielt an und tat ihm den Gefallen.
„Mein Bruder..“, kam es von ihm ganz leise.
„Was ist mit deinem Bruder?“
Jan lief weiter, ich folgte ihm, aber blieb nun ruhig.
„Als ich mich damals bei meine Eltern geoutet hatte, war ich froh, dass sie es so gut aufgenommen hatte. Piet mein Bruder dagegen, probte den Aufstand und fing einen Krach an, der damit endete, das ich ihm eine gepfeffert habe.“
„Und seitdem ist Sendepause zwischen euch beiden.“
„Ja. Er hatte vor zwei Wochen Geburtstag er wurde achtzehn.“
„Und bist du dort gewesen?“
„Nein?“
„Warum das denn?“
„Ich wollte nicht wieder einen Streit mit ihm haben, ich habe ihm einen Brief geschrieben.“
„Und bekamst du Antwort?“
„Nein.“
„Wundert dich das? Ich meine, ihr habt euch danach wohl auch nie ausgesprochen oder?“
Jan sah zu Boden und lief still weiter. Ich griff in meine Tasche und zog mein Handy heraus.
„Da, ruf ihn an..“ sagte ich und hielt ihm mein Handy unter die Nase.
„Ich kann doch n..“
„Doch du kannst, oder liegt dir sowenig an deinem Bruder.“
„Doch schon, aber wenn er nicht zu Hause ist.“
„Dann probierst du es immer wieder, und außerdem, wird er sein Handy ja wohl bei sich haben.“
Jan schaute mich mit glasigen Augen an.
„Komm mein Schatz … einfach wählen…“
Jan nahm mir das Handy aus der Hand und begann zu wählen. Es dauerte ein wenig und er wollte das Gespräch schon weg drücken, da meldete sich anscheinend jemand. Jan zögerte ein wenig.
„..hier ist Jan, Piet.“
Jan schluckte und ich konnte leise diesen Piet hören, der gerade wohl laut wurde.
„.. tut mir leid Piet…“
….
„… aber ich dachte…“
….
„… nein, ich wollte dir deinen Geburtstag nicht vermiesen.“
….
„… wirklich, aber ich dachte… nein wirklich nicht nur aus diesem Grund…“
Ein weiches Lächeln zeichnete sich auf Jans Gesicht ab.
„Ich bin bei meinem Freund.“
….
„Ja, es hat mich total erwischt.“
Jan lächelte mich an und seine Augen strahlten.
„Er wollte, dass ich dich anrufe…. ja kann ich machen.“
Jan hielt mir mein Handy hin, ich zog die Augenbraun hoch.
„Er will dich sprechen..“, sagte Jan und gab mir mein Handy.“
„Hallo hier ist Cornelius.“
„Hallo Cornelius, hier ist Piet. Da hab ich wohl einiges gut zumachen, oder?“
„Das kann man wohl sagen, und was wird jetzt?“
„Wie weit seid ihr von Felsstein entfernt?“
„So ca. 50 km, warum.“
„Weil ich dort gerade bin und mich jetzt gleich in meine Auto setzten werde um zu euch zu fahren.“
„Bist du sicher?“, fragte ich und lächelte dabei Jan an.
„Ja, bin ich. Ähm, wohin muss ich eigentlich?“
„Stiegringen.“
„Da war ich schon ein paar Mal mit ein paar Freunden, da ist ein toller Jugendtreff.“
Ich fing laut an zu lachen. Jan schaute mich fragend an.
„Okay Piet, wir sehn uns dort, bis nachher. Willst du noch mal deine Bruder?“
„Nein, ich werde ihn ja bald selber sehen.“
„Okay dann bis gleich.“
„Bye.“
„Bye.“
Ich drückte das Gespräch weg und steckte das Handy zurück in meine Tasche.
„Er will herkommen?“, fragte Jan.
„Ja will er, und stell dir vor, er war schon mal hier, er kennt Jasons Treff.“
Jan fiel mir um den Hals und drückte mich fest an sich.“
„Danke Connie, wenn ich dich nicht hätte.“
„Dann hättest du jemand anderen.“
„Nein will ich nicht.“
Ich gab ihm einen Kuss auf die Nase.
„Komm, sonst verpassen wir deinen Bruder“, meinte ich.
„Danke Schatz.“
„Jederzeit wieder.“
„Ich liebe dich Connie.“
„Ich dich auch Jan.“
* *
Jan war aufgeregt. Er lief vor dem Treff auf und ab. Bei jedem vorbeifahrenden Auto, reckte er den Hals. Ich saß auf einem Mauerpfosten und beobachtete ihn. Und wirklich, es kam ein Auto und parkte auf dem Parkplatz, der zum Treff gehörte.
Ein junger Mann stieg aus, der fast das Ebenbild meines Jans war. Jan selber sprang los, und als sein Bruder ihn bemerkte, fing er auch an zu rennen. Sie fielen sich in die Arme.
„Na schon wieder hier?“
Sabine, sie stand hinter mir.
„Wo ist dein Freund?“, fragte sie.
„Dort drüben.“
„Den Typen, der bei ihm steht kenn ich irgendwo her, ist das nicht Piet?“
„Du kennst Piet? Das ist Jans Bruder“, sagte ich erstaunt.
„Wie klein doch die Welt ist. Warum lassen die nicht mehr ab von einander?“
„Weil sie jetzt über ein Jahr sich nicht mehr gesehen haben.“
„Dann ist es verständlich.“
Piet und Jan waren mittlerweile zu uns gestoßen.
„Hallo Piet, es ist nett deinen Bruder auch mal kennen zu lernen, von dem du mir erzählt hast“, sagte Sabine.
„Hallo Sabine, es ist auch ein riesen Zufall, das er hier ist.“
„Naja Zufall“, sie schaute lächelnd zu mir.
„Dann bist du sicherlich Cornelius“, sagte Piet.
„Ja, das ist er“, meinte Jan, noch bevor ich antworten konnte. Piet nahm mich in die Arme und drückte mich fest an sich.
„Danke Cornelius, war eine super Idee mit dem Anruf“, meinte er.
„Nichts zu danken, denn ich will meinen Jan glücklich sehn, und das ist er so wie er jetzt strahlt.“
Jan packte mich und gab mir einen stürmischen Kuss.
„Muss Liebe schön sein“, seufzte Sabine.
„Wieso? Noch solo?“, fragte Piet.
„Ja leider.“
„Dagegen kann man ja was machen Sabine, wollen wir nicht reingehen?“ fragte Piet und zog sie ins Haus.
„Siehst du Jan, irgendwann lösen sich alle Probleme einfach auf, mit unserem Zutun oder ohne.“
„Danke Schatz, du hast recht. Das ist heut mein schönster Tag seit langem“, meinte er.
„Und es werden noch ganz viele folgen“, sagte ich und gab ihm einen Kuss

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Information Into the Light
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:50 AM - No Replies

Die “alte Welt” so wie wir sie kannten, existierte nicht mehr, zerstört durch Arroganz, Macht, Gier, Neid, Eifersucht und Untoleranz.
Einige haben es dennoch fertig gebracht, dem Ganzen zu entfliehen. Sie waren aus Zufall nicht vor Ort, waren unterwegs als Kundschafter, oder wie man sie in der „alten Welt“ auch gerne nannte – Sternwanderer.
Ihre Spur verlor sich schnell in den Weiten des Raumes. Sie mischten sich unter andere Völker und gerieten fast in Vergessenheit. Nur hier und da tauchten Gesichter auf, denen die Nachkommenschaft der Menschen anzusehen war.
So auch auf Harkess. Harkess einen Mond übersät mit Wäldern. Mond des Planeten Xhonton. Xhonton war unbewohnbar, aber als Wasserreserve, der ganze Planet bestand mehr oder weniger aus diesem Nass, unentbehrbar.
Alle sieben bewohnten Monde hatten ihr Anrecht auf diese blaugrünliche schimmernde Flüssigkeit, die doch jedes Leben in sich barg. Doch einige Mondvölker meinten, sie mussten mehr bekommen und versuchten über den Weg des Krieges, sich mehr Rechte ein zuräumen.
So wie das Volk des Mondes Tramkosta. Sie führten fortwährend ihren heiligen Krieg des Wassers. Doch ihre eigene Überheblichkeit, brachte sie immer wieder zum Sturz. So auch bei dem letzten großen Krieg gegen Harkess.
Der „große Krieg“ hatte beide Völker sehr geschwächt. Viele Opfer hatte es gegeben, nicht nur bei den Gefallenen, sondern auch in den Familien. Dies passierte zu einer Zeit, als auf Harkess durch den hohen Rat, die alten Schulen der ehrwürdigen Meister wieder ins Leben gerufen wurden. Der „hohe Rat“ bestand aus zwölf Regenten, die wiederum ihre Völker auf dem Mond Harkess vertraten.
So auch Christtork, Regent über das Volk der Baselen, deren Hauptsitz sich in Groslac befand. Dort befand sich auch die größte der zwölf Schulen, wo der Oberste der ehrwürdigen Meister, Meister Vondix seine Dienst verrichtete. Dort beginnt auch unsere Handlung und der Weg, auf dem wir den jungen „Dirian“ begleiten.
Der Nebel lichtete sich schwach und man konnte schon die ersten Bäume des nahen Waldes sehen. Ich schloß meine Augen und versuchte durch die Nebelwand zu schauen. Seit ich wusste, dass ich diese Kraft besaß, versuchte ich sie zu trainieren.
Ich war jetzt dreiundzwanzig Jahre alt und seit meinem fünften Lebensjahr hier in dem Orden. Meine Mutter hatte mich schweren Herzens weggeben. Doch wir waren zu arm, um für mich zu sorgen. Mein Vater war aus dem großen Krieg gegen die Tramkosta nicht zurück gekehrt.
Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren, irgendetwas störte meine Meditation. Ich öffnete die Augen und schaute zu meiner Tür.
„Gambrini komm ruhig herein, oder wie lange willst du vor meiner Tür umher schleichen?“ Die Tür öffnete sich und ein kleiner Mann schaute herein.
„Meister Dirian, ich wollte euch auf keinen Fall stören,“ kam es von ihm.
„Das hast du aber und dafür gehörtest du gerade wieder bestraft.“
„Dirian sei nicht so hart zu ihm!“
Dirian schaut zur Tür, wo der ehrwürdige Meister Vondix stand. Er verbeugte sich tief vor dem Älteren.
„Lass uns alleine Gambrini, ich möchte mit Meister Dirian alleine sprechen,“ kam es von Vondix.
Gambrini verbeugte sich und verließ das Zimmer. Vondix schloß mit einer Handbewegung die Tür hinter sich.
„Ich spüre du trainierst deine neue Kraft?“
„Ja Meister Vondix, ich versuchte es zu mindest, bis dieser..“
„Dirian nicht. Er ist der gute Geist unseres Haus und will hier niemanden etwas böses.“
„Es tut mir leid wenn ich euch enttäuscht oder gar erzürntet habe.“
„Dass hast du nicht, aber ich spüre immer noch diese Kälte, die deine Gefühle umgibt.“
Ich stand immer noch vor Vondix mit gesenktem Haupt. Vondix begab sich leisen Schrittes zum Fenster.
„Ein Schiff wird bald kommen, um dich von hier wegzubringen,“ sprach der Alte weiter im ruhigen Ton.
„Muss ich von hier weg? Meister habe ich etwas Falsches gemacht. Und meine Ausbildung…?“
„Dirian du hast nichts falsch gemacht. Deine Ausbildung ist schon lange fertig, du bist einer der ältesten unserer Trilianern, du bist schon zu lange hier.“
Trilianer waren die Schützlinge des Ordens, sie wurden zu Meistern ausgebildet, damit sie ihre Kräfte zur Hilfe für das Reich der Baselen einsetzten konnten.
Meister Vondix war der ältesten der erwürdigen Meister, und somit auch immer der Berater des hohen Rates gewesen. Er übernahm die Aufgabe des Lehrmeisters gerne. Viele waren seither zu ihm in die alte Burg von Grenovist gekommen, viele aber auch abgewiesen. Die Prüfungen waren hart. So bildete sich nur die Elite von jungen Menschen, die fähig waren Meister des Lichtes zu werden.
Dies war aber nicht nur auf männliche Teilnehmer bezogen, nein auch weibliche Trilianer gab es hier.
„Dirian ich sage dir eins noch, du wirst dich eines Tages daran erinnern. Du wirst vor dem Augenblick stehen, wo du dich entscheiden musst, eine Bindung ein zugehen, du musst deinem Herzen folgen, dass dir Verwirrung und Verzweiflung bringen wird. Aber mit deiner richtigen Entscheidung, wirst du deine Kräfte stärken können, in eine Dimension eintreten, worüber du dir jetzt noch nicht im Klaren bist.“
„Meister Vondix, ich weiß über eure Gabe in die Zukunft Bescheid, könnte ihr mir nicht genauer sagen, was auf mich zukommt?“ sagte ich, nachdem ich zu ihm ans Fenster getreten war.
„Nein, das darf ich nicht und will es auch nicht. Obere Regel unseres Ordens ist, wenn man über die Zukunft Bescheid weiß, darf man sie nicht zu seine Gunsten ändern, man darf nur einen Rat aussprechen.“
„Wie soll ich wissen, wenn dieser Augenblick naht?“
„Das wird dir dein Herz sagen.“
„Herz. Meister ihr wisst genau, ich verlasse mich nie auf mein Herz. Ihr wisst genau, das wenn man sich auf sein Herz verlässt, wird man nur fehl geleitet.“
„Hast du das bei uns gelernt, Dirian?“
„Nein, dass habe ich oft genug selber erfahren müssen.“
„Dann gibt es etwas, was du noch lernen musst, nämlich welche Entscheidung du wann mit was treffen musst. Entweder mit dem Verstand oder mit dem Herzen, erst das zeichnet dich zu einem großen Meister aus.“
Ich wusste wann ich zu schweigen hatte, wann der ehrwürdige Meister, das letzte Wort gesprochen hatte. Ich verneigte mich tief und Meister Vondix verließ das Zimmer.
Wie sollte ich das machen. Ich merkte, wie in mir die Wut aufzusteigen drohte. Meine Gefühle verwenden, womöglich noch zeigen. Nein, das werde ich nicht machen. Wer Gefühle zeigt, wird schwach. Wer Schwäche zeigt, wird angreifbar. Und angreifbar wollte ich nicht sein. Es muss auch ohne Herz gehen, sagte ich zu mir selbst.
Ich zog meine lange, schwarze Robe an und verlies mein Zimmer. Leise lief ich die Treppe herunter. Ich konnte mich nicht hinausdenken, hier in der Burg war das unmöglich, denn ich würde kläglich am Schutzschirm der Burg verenden. An anderen Orten jedoch war es ein leichtes für mich. Einfach auf einen Ort konzentrieren, und schon wechselte man dorthin.
Die alte Kraft der erwürdigen Meister, verlieh einem regelrecht Zauberkräfte, die aber nie zu eigenen Zwecken eingesetzt werden durften.
Ich verließ die Burg durch das große Tor und blieb hinter der Brücke stehen. Mit geschlossenen Augen, dachte ich an meinen Lieblingsplatz und entschwand sogleich, als würde ich mich in Rauch auflösen.
„Pentris komm gefälligst her, das ganze Gelände steht noch vor Dreck, wo treibst du dich nur herum und vernachlässigst deine Arbeit,“ meinte der Gutsbesitzer und schlug ihn, ohne auf eine Antwort zuwarten, mit der Peitsche. Pentris war ein Sohn des Feindes. Im Straflager geboren und später im arbeitsfähigen Alter verkauft.
„Wenn ich dir schon zu schaue, könnte muss ich schon an mir halten, wenn einer kommt und will dich, werde ich dich verkaufen,“ kam es von Gregtori, dessen Name Pentris noch nie ausgesprochen hatte.
Pentris nahm die Schaufel und fing an den Weg von Blättern zu befreien. Aus seinen tiefblauen Augen rannen Tränen. Musste er bis an sein Lebensende so weiterleben, was kann er für seine Herkunft? Tottraurig verrichtete er seine Arbeit so gut er konnte.
Ich lief am Ufer des Sees entlang und genoss die frische Morgenluft. Hier konnte ich so sein wie ich wollte, hier war meine Kraft am Größten. Ohne jegliche Anstrengung, vermochte ich nur mit meinen Gedanken, Dinge in Bewegung zu versetzen oder sie auch starr in der Luft stehen zu lassen.
Doch auch hier störte mich plötzlich etwas. Jemandes Anwesenheit störte mich beträchtlich. Besser gesagt, dessen negative Gefühlswelt, die sehr ausgeprägt war. Leid, Entbehrung und Sehnsucht.
Ich lies meine Blicke über die Umgebung wandern. Auf einem Stein entdeckte ich einen jungen Mann, der ungefähr in meinem Alter sein musste.
Ich schritt fast schleichend zu ihm hin, was bewirkte, dass dieser zu Tode geängstigt, erschrocken von Stein fiel.
„Es tut mir leid das ich dich so erschreckt habe,“ sagte ich zu ihm.
„Nicht schlimm, ich habe hier gar nichts verloren, dürfte eigentlich nicht hier sein. Entschuldigt wenn ich euch gestört habe,“ gab dieser zu verstehen. Er hatte das kleine Kreuz, dass an meinem Hals an einer Kette hing bemerkt, es war einer der Zeichen, das ich zum Orden gehörte und ein Meister war.
„Du hast mich nicht gestört,“ log ich, um das Vertrauen des Jungen zu erschleichen.
„Ich werde jetzt aber gehen, und euch alleine lassen,“ sagte Pentris, verbeugte sich und wollte den Rückzug antreten.
„Nein bleib noch,“ sprach ich in einem fast schon befehlenden Ton.
Pentris blieb augenblicklich stehen, und schaute mir in die Augen, und erschrak über die Kälte die von ihnen aus ging.
„Du bist nicht von hier, ich meine nicht von Harkess, oder?“ fragte ich.
„Nein ich stamme von Tramkosta, besser gesagt meine Eltern, ich bin hier geboren worden. Ich gehöre dem Guteigner dort hinter dem Hügel.“
„Ach Gregtori ist dein Herr?“
„Ja,“ antwortete Pentris und ein Schatten überzog sein Gesicht.
Ich bemerkte, wie die Gedanken um Pentris, sich wieder verfinsterten.
„Wie ist dein Name?“
„Pentris, euer Meister.“
„Und wie alt?“
„Neunzehn, glaube ich.“
„Du glaubst? Du weißt es gar nicht?“
„Nein Meister, ich hörte diese zahl rein zufällig bei einem Gespräch meines Herrn.“
„Und wie lange bist du schon in seinen Diensten?“
„Er hat mich mit fünf Jahren gekauft.“
Ich zog die Augenbraue hoch, ließ aber sonst keine weitere Gefühlsregung zu. Ich spürte etwas, was mir fremd war, irgendwie schön, aber was mir doch Angst bereitete.
„Ich muss jetzt gehen, es war nett dich kennen zu lernen.“
„Ganz auf meiner Seite, Meister …..,“ begann Pentris und stockte.
„Dirian. Meister Dirian.“
„Danke,“ sagte Pentris verbeugte sich noch vor mir, und war sofort verschwunden.
Der Gedanke des Gefühles kam zurück, und ich wusste nicht wie ich damit umgehen sollte. Es war etwas neues, aber nicht unangenehmes.
„Das wird dir dein Herz sagen.“
Das hatte Meister Vondix gesagt, meinte er das damit, was ich jetzt tief in mir fühlte, diese Verbundenheit zu diesem Jungen. Ich war verwirrt und schloss die Augen, um sie wieder zuöffnen, als ich an der alten Schule vor den Toren eintraf.
Ich trat ein und machte sich auf den Weg in mein Zimmer. …. eine Bindung eingehen…. Was meinte Meister Vondix, sollte ich mich diesem Jungen annehmen. Es war Tradition, dass wenn ein Schüler die alte Schule verlies, sich einen Art Diener suchte, den man dann ein wenig dahin geleiten konnte eine Ausbildung auf der Schule zu machen.
Nur das normalerweise diese Jungen oder Mädchen von Meister Vondix persönlich ausgesucht werden.
Ich legte seinen Umhang auf meinem Bett ab und trat ans offene Fenster. Der Wind spielte mit meinem langen blonden Haar. Ruckartig drehte ich mich um, und verließ das Zimmer. Meinen Gefühlen, meinem Verstand solle ich folgen.
Ich durchquerte das halbe Gebäude, bis ich mich vor den Gemächern von Meister Vondix befand. Ich klopfte an und die Tür, die sich wie von Zauberhand öffnete.
„Dirian. Ich habe damit gerechnet, dass du mich aufsuchst,“ kam es von Vondix, der in einem alten Sessel vor dem Kamin saß, „setz dich zu mir.“
Ich verschloss die Tür und setzte mich Vondix gegenüber.
„Meister Vondix, ich weiß zwar, dass ihr entscheidet, wen ich mitnehme, wenn ich diesen Ort verlasse, aber trotzdem meine Bitte, kann ich jemanden vorschlagen?“
Ich wollte sofort zur Sache kommen.
„Lieber Dirian, dass entspricht dir. Und ich werde mich hüten, mich deines Vorschlages zu widersetzten.“
Ich sah im mit einem verständnislosen Blick an.
„Das du dich für Pentris entschieden hast, lässt mich hoffen, dass dein Herz dir noch mehr Entscheidungen abnimmt.“
„Aber er ist doch ein Tramkoster.“
„Dirian, früher waren wir ein Volk. Im hohen Rat saßen sieben Regenten von sieben Monden, erst die Kriege haben uns zu das gemacht was wir heute sind. Ich werde einen Boten zu Gregtori schicken und Pentris auslösen lassen.“
„Danke Meister.“
Ich stand auf und verbeugte mich kurz, verließ das Zimmer und ging zurück in mein Eigenes. Ob es wirklich richtig war, so entschlossen aufzutreten. Ich bekam Zweifel.
Ich saß an meinem großen Tisch, als es an Tür klopfte.
„Kommt herein,“ sagte ich leise.
Die schwere Tür ging auf und Gambrini trat ein.
„Herr hier ist der junge Mann, den ich zu euch bringen soll.“
„Dann las ihn eintreten Gambrini.“
Gambrini verließ das Zimmer und kam mit Pentris wieder ins Zimmer. Er verbeugte sich und verschloss die Tür von außen.
„Meister Dirian, könnt ihr mir erklären, was hier geschieht?“
Pentris stand in denselben Kleidern da, wie er mich am See verlassen hatte. Ich stand auf und ging auf den Jungen zu.
„Es ist Tradition, das wenn ein Meister die Schule hier verlässt, sich einen Schüler aussucht, und meine Wahl fiel auf dich.“
„Also kein Sklave mehr?“, fragte er mit einer kaum vernehmbaren, unsicheren Stimme.
„Nein Pentris, deine Tage als Sklave sind vorbei.“
Pentris ging vor mir auf die Knie.
„Danke Herr, wie kann ich euch das jemals danken?“
„In dem du jetzt aufsteht und so was nie wieder machst.“
Ich war peinlich berührt, weil ich es nicht gewohnt war, solche Ehrerweisungen zu bekommen.
„Wo werde ich schlafen?“ fragte Pentris leise.
„Hier bei mir, solange wir noch hier sind,“ gab ich zur Antwort.
„Bei euch her Herr, ist das wirklich euer Ernst?“
„Ja wo willst du sonst schlafen, du wirst jetzt Tag und Nacht um mich herum sein. Vorbei sind die Arbeit auf dem Gut, ich werde dich schreiben und lesen lehren und noch einiges anderes.“
Pentris sah mich mit großen Augen an.
„Warum ich Herr?“, erklang erneut seine scheue Stimme.
„Das wirst du wahrscheinlich mit der Zeit selbst herausfinden.“
Pentris nickte und legte sein kleines Päckchen auf den Tisch. Ich wandte mich wieder meinem Buch zu.
„Gambrini wird gleich wieder kommen und du hast dann die Möglichkeit dich neu einzukleiden, dich waschen kannst du dann hier.“
Pentris nickte wiederum, was ich nicht sehen konnte, weil ich so tat als wäre ich in mein Buch vertieft.
„Mach dich mit dem Gedanken vertraut, das wir eine Weile zusammen sein werden, alles teilen und gemeinsam machen.“
Ich versuchte diesem Satz keine große Betonung zu geben, was mir deutlich misslang. Bei den Worten ,zusammen´ und ,gemeinsam´ zuckte ich innerlich zusammen, weil ich es bisher gewohnt war, alles alleine zumachen.
Die Worte von Meister Vondix hallten in seinem Kopf. Sollte dieser Junge mehr werden als nur ein Reisegefährte? Mir fiel meine Mutter ein, und dass ich sie noch besuchen wollte, bevor ich meine große Reise antrat.
Es klopfte an der Tür.
„Gambrini tritt ein,“ sagte ich.
Die Tür öffnete sich und es war wirklich Gambrini. Pentris schaute mich mit großen Augen an.
„Aber woher wusstet ihr, dass es,….“ Gambrini stoppte Pentris mit einem Fingerzeig.
„Junger Herr ihr müsst lernen, zu wissen, wann ihr bei den Meistern zu schweigen habt,“ sagte Gambrini fast im Flüsterton..
„Ganz recht Gambrini, aber lasst Nachsicht walten bei unserem jungen Pentris, er ist doch gerade angekommen.“
Hatte ich das eben wirklich gesagt. Ich war erstaunt über mich selbst, und beobachteten die beiden, wie sie das Zimmer verließen. Also stand ich auf und lief zum Fenster. Was hatte der Junge an sich, was mein Inneres plötzlich so veränderte?
Ohne Probleme konnte ich eben durch die Tür schauen, und sehen wie Gambrini Pentris mit einer Handbewegung die Richtung wies. Meinte Vondix dass, mit meinen Fähigkeiten kräftigen und stärken?
Sollte dieser Junge eine Art Medium für mich sein? Ich war seit langen das erste Mal verwirrt. Mein Herz meldete sich und das war mir überhaupt nicht recht. Wer Gefühle zeigt und zulässt, wird verletzbar und das hatte ich bis jetzt immer abgewiegelt.
Aber ich spürte auch eine seltsame Wärme, die von meinem Innern ausging. Eine unbekannte, aber für mich angenehme Wärme. Ich starrte auf meine Hände und instinktiv öffnete ich sie. Ein kleines helles Licht erschien auf den Innenflächen, entwickelte sich zu einer Kugel.
Es klopfte. Das Licht verschwand und die Tür öffnete sich, Pentris trat herein. Ich drehte mich zum Fenster, weil ich Angst hatte, Pentris könnte meine Unsicherheit bemerken.
„Herr was soll ich jetzt tun?“ fragte dieser.
Ich versuchte mich zu sammeln und drehte mich hin zu Pentris.
„Zieh die alten Kleider aus, Gambrini wird sie nachher holen,“ meinte ich zu ihm.
Ich schritt zu einer kleinen Tür und öffnete sie.
“Hier kannst du dich waschen,“ meinte ich und drehte mich zu Pentris um.
Dieser stand nackt vor mir. Verschämt hielt er die Hände vor. Doch ich konnte die Erregtheit des Jungen erkennen. Die vielen roten Flecken in dessen Gesicht verrieten ihn. Langsam schritt ich auf ihn zu.
Pentris schaute ein wenig ängstlich, weil er nicht wusste was ihn erwartete. Das erstemal sah ich ihn jetzt nackt. Mir gefiel was ich da sah. Bis auf ein paar Schrammen vom arbeiten hatte Pentris einen makellosen Körper.
Sein wirres schwarzes Haar gab ihm etwas Freches. Seine tiefblauen Augen hatten etwas Geheimnisvolles und ich merkte wie ich mich darin verlor. Es war als wanderte ich einen tiefen Gang hinunter.
Ich sah mich und Pentris beieinander stehen auf einer Wiese. Fest aneinander geklammert und uns küssend. Ich schrak aus dem Gedanken.
„Geh, dich nun waschen, ich möchte dich Meister Vondix vorstellen.“
Was passierte mit mir, was für ein Licht war das vorhin, und nun das eben, was hatte ich da gesehen?
„…..du musst deinem Herzen folgen, das dir Verwirrung und Verzweiflung bringen wird. Aber mit deiner richtigen Entscheidung, wirst du deine Kräfte stärken können, in eine Dimension eintreten…“
Dieser Gedanke machte mir Angst. Irgendetwas veränderte sich an mir. Pentris lief an mir vorbei und verschwand hinter der kleinen Tür, die er aber nicht verschloss.
„Dirian, du darfst dich dagegen nicht wehren!“
Ich hörte die Stimme in mir, es war Meister Vondix.
„Du erkennst deine Kräfte die in dir schlummern, lass sie frei…“
Ich wusste nicht was ich machen sollte.
„Aber Meister Vondix, was geschieht mit mir?“
Diese Frage hatte ich nicht laut ausgesprochen.
„Du kommst in eine andere Bewusstseinsebene, lieber Dirian, aber davor brauchst du dich weder zu fürchten noch zu wehren, lass es einfach geschehen.“
„Ich höre euch in meinen Gedanken und kann mit euch reden.“
„Das gehört alles dazu, entdecke deine Kräfte neu. Und Dirian, habe keine scheu vor dem jungen Pentris, er wird dir dabei helfen.“
„Pentris mir helfen? Wie soll er mir schon helfen können?“
„Mit seiner Liebe zu dir.“
Vondix hatte es ausgesprochen, was ich versuchte zu unterdrücken. Ich spürte die Liebe, die zwischen uns beiden entstand.
„Dirian wehre dich nicht dagegen, weil dies in dir die Verwirrungen und alle Fragen aufwirft. Lass es langsam angehen. Ich erwarte dich mit Pentris nachher in meinen Räumen.“
„Ich werde da sein.“
Ich trat zu Tür und beobachtete das Muskelspiel von Pentris. Eine seltsame Aura umgab ihn und ich musste es unterbinden noch weiter in den Raum einzutreten.
„Oh Herr ich hatte euch nicht bemerkt,“ kam es von Pentris, der über mein Erscheinen an der Tür überrascht war.
„Pentris, wenn wir alleine sind, lasse das „Herr“ oder „Meister“ weg, sage einfach Dirian bitte.
„Wenn ihr es so wünscht, Mei.. Dirian.“
Ich nickte.
Gelassen stieg Pentris aus dem Waschbehälter und trocknete sich ab. Er bemerkte meine Blicke, die über seinen Körper wanderten.
„Dirian, darf ich euch noch etwas sagen, bevor wir zum ehrwürdigen Meister gehen? Ich hoffe ihr seid danach nicht erbost, aber ich möchte offen und ehrlich zu euch sein.“
„Natürlich Pentris, Ehrlichkeit ist das wichtigste untereinander und Offenheit auch, ich werde drüben auf euch warten.“
Nach einer Weile kam Pentris frisch gekleidet aus dem kleinen Raum. Er trug fast dieselben Kleidungstücke wie ich, die ebenfalls mit dem Flies versehen waren, wie es auf meiner Kleidung hing. Das Flies zeigte eine Sonne und ein Schwert.
Ich schaute wieder zum Fenster hinaus, als Pentris zu sprechen begann.
„Dirian, wie gesagt möchte ich ehrlich zu euch sein. Schon als ich euch das erstemal sah, am See, spürte ich eine Kraft von euch ausgehen, die mich faszinierte. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube ich habe ich mich in euch verliebt“, erklang seine sanfte Stimme ein wenig verschüchtert.
Ich nickte langsam.
„Ich weiß Pentris, ich spüre diese Liebe die von dir ausgeht.“
„Und ihr seid nicht böse deswegen?“, seine Stimme klang unsicher.
„Nein Pentris. Im Gegenteil. Du hast etwas in mir freigelegt, das lange verschüttet war“, sprach ich leise.
„Verschüttet?“, kam von ihm ganz erstaunt.
Ich wandte mich zu Pentris, meine Augen blickten ins seine klaren und scheuen Augen.
„Pentris, ich gelte hier als Einzelgänger. Als kalt und gefühllos, aller Gefühle erhaben. Doch deine Liebe, die du mir schenkst, und das erst seit kurzen, erweckt in mir etwas Neues. Lässt neue Dinge in mir erscheinen, die mir zwar völlig unbekannt sind, aber dennoch nützlich.“
„Kann ich…. kann ich von.., ach ich weiß nicht wie ich mich ausdrücken soll.“
Ich lief auf Pentris zu legte sanft seine Hand auf Pentris Wange, welche sie sanft und warm anfüllten.
„Lass mir bitte Zeit Pentris, dies ist alles sehr neu für mich.“
Pentris nickte und schmiegte seine Wange in meiner Hand.
Wenig später waren wir auf dem Weg zu Vondix Gemächern. Pentris lief ein paar Schritte hinter mir. Er beobachtete mich, meine Haltung, meine Gangart, einfach alles an mir schien irgendwie erhaben für ihn zu sein. Ich blieb vor einer Tür stehen und klopfte.
Die Tür ging wie von Zauberhand selber auf, aber Pentris hatte aufgehört sich zu wundern, seit er hier auf der alten Schule war. Pentris trat hinter mir ein und als Vondix vor uns trat, verneigte er sich ebenso wie ich.
Er lauschte den Worten die Vondix an mich richtete, zog jedes Wort auf, die mit seinem neugewonnen Freund zu tun hatten.
„Ich wusste, dass auch du diesen Gefühlen nicht entgehen kannst, lieber Dirian.“
„Meister Vondix, das Licht…,“ ich brach seinen Satz ab.
„Ich habe gespürt wie groß deine Kraft ist, und merke mittlerweile, dass sie meine um vieles überragt. Aber ich sage dir eins, wende sie bewusst an, trainiere sie, denn eines Tages wirst du sie brauchen um eure Liebe zu retten.“
„Ihr wisst?“
„Dirian, ich habe es schon vorher gewusst, sonst hätte ich dir Pentris als Begleiter nicht zugelassen, aber ich weiß welches Potential in dem Jungen steckt, er verfügt über Kräfte, über die er sich jetzt noch nicht im Klaren ist.“
„Und wie soll ich ihm die zeigen, ehrwürdiger Meister?“
„Deine Kraft wird von alleine jeden Tag stärker und du wirst mit deinem inneren Augen sehen, was zu tun ist.“
Vondix wandte sich zu Pentris und legte seine Hand auf dessen Schulter.
„Hütte deinen Freund, wie einen Schatz, er ist das höchste, was du je besitzen wirst. Kein Reichtum kannst du gegen ihn aufwiegen.“
Pentris nickte, doch er verstand die Worte nicht recht. Vondix lief langsam zu seinem Tisch hinüber und nahm dort ein kleines Kästchen in die Hand. Heraus zog er zwei Medallione. Er streifte jedem von uns eins über dem Kopf.
„Sie zeigen eure Verbundenheit, sie bewahren eure Herzen vor Trug, sie werden euch immer wieder zusammen führen, denn sie sind eins. Im Verbund werden sie euch nützlich sein, auf eurem Weg des Lichts.“
Ich verneigte mich tief, denn Vondix setzte sich wieder in seinen großen Sessel. Pentris machte es mir gleich und verließ mit mir zusammen, das Zimmer.
„Bevor wir unsere Sachen für die Reise richten, möchte ich dir noch jemanden vorstellen,“ sagte ich zu meinem neuen Freund und Begleiter.
Pentris folgte mir hinaus ins Freie, vor der alten Schule.
„Gib mir deine Hand und schließe die Augen, übergib mir dein Vertrauen vollkommen,“ sagte ich und streckte Pentris meine offene Hand hin.
Dieser griff ohne scheu zu und schloss die Augen. Als er im nächsten Augenblick sie öffnete, befand er sich in Harkess größter Stadt. Groslac.
So viele Lebensformen verschiedener Herkunft hatte er noch nie gesehen.
„Folge mir einfach und bleibe bitte nicht stehen, unsere Zeit ist knapp bemessen,“ sagte ich, und setzte mich sogleich in Bewegung.
„So machst du das also Dirian, ich habe mich schon gewundert, wie du immer so schnell am See erschienen bist.“
„Immer?“, fragte ich, und mir gelang es etwas meine Überraschung und Verwunderung zu verbergen.
„Entschuldige, ich habe dich schon oft am seh gesehen, auch wenn du gebadet hast“, gab er etwas kleinlaut zu.
„Und ich habe deine Anwesenheit nicht gespürt“, leise mehr zu mir selbst
Ich blieb stehen und wandte mich zu Pentris.
„Du hast mich also beim Baden beobachtet?“
„Ja habe ich, ich träumte immer davon einmal in diesen starken Armen zu liegen, diesen Körper an meinem zu spüren“, gestand er mir unsicher zu Boden blickend.
„Ich schätze deine Ehrlichkeit junger Freund,“ meinte ich und setzte meinen Weg fort.
„Du hast einen schönen Körper,“ flüsterte Pentris.
Ich war Komplimente nicht gewohnt, so hielt ich für angebracht, mit einem kurzen Danke zu antworten. Ich blieb vor einem alten Verschlag stehen und klopfte an der Tür. Die Tür wurde von einer jungen Frau geöffnet.
Für Pentris auf den ersten Blick eine junge Frau, bei näherem Hinsehen, sah er, dass die Frau doch schon älter war. Und er wusste wo er mit Dirian hingegangen war. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und Dirian war unverkennbar, es musste sich um seine Mutter handeln.
Das gleiche blonde Haar und die gleichen tiefblauen Augen wie Dirian.
„Junge , warum hast du nicht gesagt, dass du zu Besuch kommst und jemand mitbringst.“
Ich umarmte meine Mutter, die ein wenig verstört, darauf Pentris anschaute.
„Das ist Pentris, mein Weggefährte, er wird mich auf meiner großen Reise begleiten,“ sagte ich.
Meine Mutter machte eine kleine Verbeugung und reichte Pentris die Hand. Ihm war das unangenehm, dass sich eine ältere Frau vor ihm verbeugte. Ich bemerkte wie nahe ihm das ging.
„Das braucht dir nicht unangenehm zu sein Pentris, du hast die Kleidung der alten Schule an, und vor der verbeugt sich jeder.“
Annalena zog Pentris in den Verschlag und ich folgte den beiden. Drinnen schien es, man wäre in einer anderen Welt. Alles feinsäuberlich aufgeräumt. Ich wies Pentris einen Stuhl und er setzte sich.
„Und wo schickt euch der ehrwürdiger Meister hin?“ fragte Annalena.
„Auf Zykronis, als Botschafter des Friedens,“ antwortete ich ruhig.
„Dann werden wir uns eine Zeit lang nicht sehen.“
Ich schüttelte den Kopf. Pentris war von meiner Mutter fasziniert. Für ihn schien es ihr nichts auszumachen, dass sie mich ihren Sohn eine Weile nicht sah, aber Pentris kannte ja auch die familiären Hintergründe nicht.
Annalena ging zu einer Lade und öffnete sie.
„Das habe ich die ganzen Jahre aufgehoben, es ist von deinem Vater Dirian.“
Ich schaute auf, zum erstenmal sah Pentris eine Gefühlsregung in meinem Gesicht. Meine Augen waren feucht. Annalena trat zurück an den Tisch und legte einen Ring vor meinen Platz.
„Das ist der Ring deines Vaters. Ich weiß nicht, zu was er alles fähig ist, aber er wird dich geleiten und beschützen.“
Pentris entdeckte die feine Gravur auf dem Ring, die Sonne und das Schwert, genauso wie es auf seinem Flies abgebildet war. Ich steckte den Ring an meinen Finger. Ein seltsames Leuchten ging von ihm aus.
„Und da dich Dirian, in unsere Familie aufgenommen hat, lieber Pentris, du trägst das Flies unserer Familie, habe ich für dich auch etwas.“
Erneut ging Annalena an die lade und holte ein kleines Amulett heraus.
„Es wird dir steht’s den Weg weisen, und dir bei Entscheidungen helfen.“
Wir drei unterhielten uns noch eine Weile, bevor Pentris und ich wieder aufbrachen. An der Tür nahm Annalena Pentris Hände.
„Pass auf ihn auf, und lass ihm Zeit, ich weiß das er dich liebt!“
Pentris war erstaunt, nichts hatten sie erwähnt, sich nichts anmerken lassen und doch wusste sie von der zarten Bande, die uns beide verband. Wir liefen den gleichen Weg zurück, wie wir gekommen waren. Es fiel kein Wort, zwischen uns beiden.
„Hast du alles eingepackt, was du brauchst?“ fragte ich.
„Ja habe ich, es ist nur wenig, aber ich habe es beisammen,“ antwortete Pentris.
Ich nahm Pentris Umhang und löste den Knoten der Kordel. Den Umhang zog ich ihm von den Schultern. Meine Hände glitten, dabei über Pentris zart geschnittenes Gesicht. Ich legte die Hand um den Nacken von Pentris und zog ihn zu mir.
Unsere Gesichter näherten sich und endeten in einen Kuss, der uns beide alles zu vergessen scheinen lies. Pentris schwebte im freien Raum und sah nur noch Sterne um sich. Die weichen Lippen von ihm öffneten sich und für kurze Zeit trafen sich unsere Zungen, bevor ich mich ganz von ihm trennte.
Pentris Hand fuhr langsam über mein Gewand. Er fuhr über meinen Oberkörper, als wolle er meine Muskeln erforschen, die mein Umhang verbarg. Er löste ebenso die Kordel von meinem Umhang, wie ich es vorher bei ihm tat. Er nahm ihn und legte ihn vorsichtig über den Stuhl.
Er löste die Schnallen und knöpfte die Bänder los. Mir rutschte das Gewand über meine Schultern, und Pentris hatte freie Sicht auf meinen nackten Oberkörper. Mit zitternden Händen zog er den Gürtel aus und das Gewand rutsche zu Boden. Nun stand ich völlig nackt vor ihm.
Ich konnte Pentris Gedanken genau lesen, für ihn glich ich einem überirdischen Wesen, eines Engels gleich. Pentris hatte in seiner Kindheit viel von ihnen in alten Geschichten gehört, so wie ich auch. Beide schwiegen wir immer noch, nur unser Atem war zu hören. Pentris bestaunte meine helle Haut, die ihm fast weiß schien.
Mit den blonden langen Haaren, und dem letzten Lichtstrahlen der drei hellen Sonnen, fing mein Körper an zu leuchten. Pentris trat an mich heran und ihre Lippen vereinigten sich wieder. Pentris merkte nicht, wie ich ihn ebenfalls langsam von seinem Gewand befreite.
Ich hob Pentris hoch, trug ihn zum Schlaflager und legte ihn sanft nieder auf die Decke und gesellte mich zu ihm. Nur mit meinen Fingerspitzen fuhr ich, meinem Begleiter über die Brust.
Pentris schloss die Augen, und genoss die Wärme die sich in seinem Körper ausbreitete. Meine Hand wanderte weiter nach unten, und Pentris entglitt in eine andere Welt.
Pentris wurde recht früh wach. Irgendetwas war anders als am Abend zuvor. Die Sonnen waren soeben erst aufgegangen und im Haus ruhte noch alles. Er hatte von Engeln geträumt, die mit ihren weit ausgebreiteten Flügeln vor ihm standen.
Ich ruhte mit meinem Kopf auf seiner Brust. Pentris streichelte sanft durch das Haar, das im Sonnenstrahl, eine goldene Farbe annahm. Ich wachte langsam auf und begann mich zu regen, fuhr mit meiner Hand über Pentris Bauch.
„Ich habe anscheinend doch nicht geträumt, du bist wirklich bei mir,“ hörte Pentris mich leise sagen.
„Ihr sagtest gestern, meine Tage als Sklave wären vorbei und trotzdem gehöre ich euch, mit jeder Faser meines Körpers,“ sagte Pentris, „weil ich euch liebe.“
„Ich liebe dich auch junger Pentris und doch ist es immer noch neu, obwohl ich genau wusste, was ich heute Nacht mit dir machte.“
„Ihr habt euch von eurem Herzen führen lassen.“
„Das du für mich geöffnet hast. Aber nicht nur das, du hast noch mehr zu Stande gebracht.“
„Und was?“
Ich richtete mich auf und ich spürte die Verwandlung die in meinem Körper vorging. Mein Körper nahm einen hellen Schein an, so hell das sich Pentris die Hand vor Augen halten musste.
„Du hast in mir das Licht erweckt und somit meine Gestalt gewählt;“ sagte ich.
„Welche Gestalt?“ fragte Pentris, der immer noch versuchte etwas zu erkennen.
„Öffne deine Augen, und du wirst es sehen.“
Pentris richtete sich auf. Die Helligkeit des Lichts veränderte sich nicht, trotzdem konnte Pentris genau sehen was ihm gegenüber stand. Seine Augen waren auf mich gerichtet und er glaubte nicht was er da sah.
Vor ihm stand ein Engel, mit großen weißen Flügeln.
Pentris saß immer noch regungslos auf dem Bett. Langsam wurde das Licht schwächer und die Flügel verschwanden.
„Was war das?“
„Das was ich durch dich geworden bin,“ sagte ich.
Ich zog mir ein Gewand über.
„Pentris, ziehe dir bitte etwas über, wir bekommen Besuch.“
Es klopft an der Tür. Ich hob meine Hand und die Tür öffnete sich wie von Geisterhand.
„Irgendwann wirst du die Hand nicht mehr brauchen, mein lieber Dirian, dann reicht die Macht deiner Gedanken alleine aus,“
„Meister Vondix,“ sagte ich und verneigte mich.
Pentris sprang auf und verneigte sich ebenso, nur mit einem schmalen Überhang verbarg er seine Blöse.
„Ich habe deine Kraft gespürt, sie ist mächtiger als ich gedacht habe. Du kannst jetzt über Leben und Tod entscheiden, wie du möchtest, aber wende es vernünftig an,“ sagte Vondix, „sonst kann es dir passieren, das sich die Macht gegen dich wendet.“
„Ihr wusstet von Anfang an über meine Bestimmung Bescheid?“ fragte ich.
„Ja natürlich, schon als deine Mutter dich damals zu mir brachte, habe ich es gleich gesehen, welche Kräfte in dir ruhen. Aber ich habe dich deswegen nicht bevorzugt, du hast deine Ausbildung genauso absolvieren müssen.“
Ich schaute sehr intensiv in Vondix` Augen. Mir war die blaue Farbe an ihm früher nicht so intensiv aufgefallen. Mein Blick blieb in Vondix` Augen haften, und ich sah mich als Engel in Ihnen.
„Warum die Engelsgestalt?“ fragte Pentris.
„Die Engelsgestalt ist das reinste Wesen, dass es im Universum gibt,“ antwortete Vondix, „sein Ruf ist von der Erde, als sie noch existierte, vorausgeeilt. Dieser Glaube an sie, hat alle Grenzen gesprengt, die es überall gibt. Noch niemand hat sie jemand gesehen, doch jeder redet mit Ehrfurcht von ihnen.“
Pentris nickte, aber war sich nicht sicher, ob er das jetzt verstanden hatte. Vondix ging auf mich zu, besser gesagt für Pentris schwebte er, und legte seine Hand auf meine Brust. Er schloss die Augen.
Wieder begann dieses seltsam Licht in den Vordergrund zu treten, und wieder verwandelte ich mich in einen Engel. Pentris traute seinen Augen nicht jetzt schien alles noch viel größer und mächtiger zu sein, als zuvor. Ich hatte jedoch meine unschuldigen Blicke verloren.
Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen.
„Passiert das alles wirklich?“ fragte ich, mit einer klaren Stimme, wie ich sie, bei mir noch nie wahrgenommen hatte.
„Vielleicht, du kannst es aber ändern, im Guten,“ antwortete Vondix.
„Ich weiß nicht, ob ich es ertragen kann, so viele Menschen sterben zu sehen, mit Schuld zu sein, an ihrem Tod.“
„Das bringt die Erfahrung mit sich. Du kannst Leben nehmen und du kannst Leben geben.“
Vondix nahm eine kleine Knospe aus seinem Umhang und reichte sie mir und lies sie in meine Handfläche fallen.
Die Knospe öffnete sich und eine wunderschöne Blume entstand aus ihr.
„Das habe ich gemeint, du kannst Leben bringen.“
„Auch Lebewesen?“
„Ja auch die, doch dabei musst du dich um deine Kräfte kümmern, Es ist leicht Leben zu schenken, aber noch viel leichter Leben zu nehmen. Du bist ein Engel der fühlt, versehen mit einer Liebe die reiner nicht sein kann, die Liebe unseres Pentris zu dir.“
„Meine Liebe zu Dirian bewirkt das?“ fragte Pentris.
„Ja deine Liebe macht Dirian stark, er schöpft seine Kraft aus dir.“
Pentris schaute mich fassungslos an.
„Ich sagte dir, mein Weggefährte, du hast diese Gestalt in deinem Traum gewählt, und so entstand ich. Und noch etwas wir sind eins in dieser Figur, du kannst sehen was ich sehe und wirst spüren was ich spüre. Du wirst genauso leiden wie ich das tue und meine Freude wird sich auch auf dich übertragen.“
Pentris lies den Kopf sinken.
„Ich weiß es, ich habe es immer irgendwie gewusst.“
Er hob seine Hand und berührte meinen Körper. Das Licht ging auf ihn über und es folgte ebenfalls eine Verwandlung wie an mir. Was mit Pentris geschah, konnte ich nicht genau ausmachen. Vondix trat ein paar Schritte zurück.
Das Licht, dass von Pentris ausging war nicht so hell gleißend wie mein Eigenes, seines wurde tief rot. Vondix hob die Hand und sagte irgendetwas Unverständliches. Pentris und ich wandelten uns in unsere Normalgestalt.
„Was ist Meister Vondix?“ fragte ich besorgt, denn so hatte ich ihn noch nicht gesehen.
„Folgt mir,“ kam es nur von ihm.
Pentris, warf sich sein Umhang über und wir beiden folgten Vondix. In diesen Teil der Schule war ich noch nie gekommen, weil er nur den Lehrern vorbehalten war. Durch eine schwere Holztür verschwand Vondix.
Er rief wir sollten ihm weiter folgen. Wir traten in eine Art Bibliothek. Voll bis unter die Decke mit Büchern. Vondix selber war vertieft ein Buch zu suchen und würde auch sehr schnell fündig. Er kam zu uns und öffnete es vor uns.
„Hört mir jetzt genau zu, denn ich werde es auch nur einmal aussprechen, danach müsst ihr es in euren Herzen verschließen, so wie ich es auch wieder verschließe!“
Wir nickten und traten zu ihm.
„In diesem Buch wird erzählt, dass es vor langer Zeit eine Urart gab, aus der alle Lebewesen dieses Universums abstammen. Beschrieben werden diese Wesen als Engel.“
Pentris und ich horchten auf und sahen uns an.
„Hier steht: sie waren in reiner Form, und die Form glich eines Engels mit Flügeln. Die zweite Art jedoch war Purpurrot ohne Flügel und waren aber ebenso mit den gleichen Kräften ausgestattet, wie die anderen ihrer Art.
Sie wandten sich den Welten zu und gründeten neue Existenten, jedes eine Andere um die Verschiedenheit hervorzuheben. Danach verschwanden sie und wurden nur noch selten gesehen. Aber irgendwann, wenn der Zeitpunkt gewählt, werden zwei Wesen in Menschengestalt geboren werden.
Sie vereint, bringt die reine Macht der Antrast zurück, sie werden alles verändern können durch ihre Liebe mit ihrem bloßen Gedanken.“
Vondix hörte auf zu lesen und mir wurde der Tragweite des Gelesenen bewusst.
„Ihr meint also Pentris und ich sind diese Genannten?“ fragte ich.
„Ich weiß es nicht, aber es spricht alles dafür, lieber Dirian. Mir aber Gewissheit zu schaffen, möchte ich schon. Weil, wenn es zu trifft, was dieser Text uns sagt, dann habt ihr andere Aufgaben.“
Pentris schaute zwischen uns her, ich merkte wie es in ihm arbeitete.
„Pentris, ich weiß, es ist alles schwer zu verstehen, aber du siehst was in uns vorgeht.“
„Dirian, es macht mir nichts aus, ich werde dir folgen, wo immer du auch hin gehst, ohne zu fragen. Mein Vertrauen ist jetzt schon unermesslich.“
Über Vondix Gesicht erschien ein leichtes Lächeln.
„Du hast deine Worte klug gewählt, junger Pentris, denn ohne dich wäre Dirian, nicht zu solcher Kraft fähig.“
Ich wunderte mich über mich selbst, denn mir war nicht bewusst, dass ich zu solcher Liebe fähig war.
„Wir werden jetzt einen letzten Test machen, und dann wird die Wahrheit ans Licht treten oder weiterhin, im Dunkeln verborgen bleiben,“ sagte Vondix und schloss das Buch.
Als ich meine Augen öffnete kam ich mir fremd vor, ich kannte diesen Ort nicht. Vondix hatte ihn ausgesucht um die letzte Prüfung vor zu nehmen. Vondix trat auf uns zu und legte uns beiden die Hand auf.
Ich spürte, wie wieder dieses warme Gefühl in mir aufstieg, und das Licht kam. Pentris selbst glühte tief rot und stand neben mir, während ich über den Boden schwebte. Vondix trat von uns zurück.
„Vereint eure Kräfte und schaut auf diesen Samen,“ sagte er.
Er legte diesen Samen auf den Boden und trat noch weiter zurück. Ich nahm Pentris in meine Arme und ich spürte wie Pentris Kraft in meine überging. Im Rausch der Gefühle, schauten wir gemeinsam auf dieses Samenkorn.
Ich sah und staunte, denn aus dem Samenkorn, wuchs in aller Schnelle ein Baum. Ich hob die Hand um ihn zu formen. Ich tat es einfach ohne zu wissen warum, es war einfach da.
„Ihr seht zu was ihr gemeinsam fähig seid,“ rief Vondix, „und nun das andere. Pentris schau auf den Baum und sammle deine Gedanken, schließe Dirian aber nicht aus.“
Pentris schaute mich kurz an und wandte seinen Kopf wieder zum Baum zurück. Wenig später, spürte ich ein Beben, das von Pentris Körper ausging. Ein roter Lichtstrahl trat aus ihm heraus und umhüllte den Baum.
Wenig später, war von diesem Baum nichts mehr zu sehen. Pentris glitt mir aus den Armen und sank leise auf den Boden zurück. Er hatte die Augen immer noch geschlossen.
Vondix trat wieder zu uns und beugte sich zu Pentris hinunter.
„Seine Kraft ist von unbeschreiblicher Größe, aber er muss damit umgehen lernen, denn er schwächt sich damit nur selbst, wenn er sie jetzt anwendet.“
Ich ließ mich herabsinken und nahm Pentris in meine Arme. Mit geschlossenen Augen spürte ich die Kraft, die von mir ausging, sie durchflutete Pentris und für kurze Zeit verschwand der rote Schein und wir wurden eins. Ein heller Lichtball umschloss uns und für einen Augenblick verschwand selbst Vondix.
Ich sah in die Ferne und es schien, dass ich weitere Lichtbälle sah. Mit einem male war alles vorbei und ich saß auf unserem Bett und hatte Pentris immer noch im Arm.
„Was habe ich gesehen?“ fragte ich Vondix, der dicht neben uns stand.
„Du hast in die Zukunft geschaut.“
„Es gibt andere, wie uns.“
„Das wird allein die Zukunft bringen, wir werden es in unserem Empfinden schon spüren.“
Wir hatten unser Quartier auf dem Schiff bezogen, es war sehr klein aber es genügte uns. Pentris hatte sich weitgehend erholt, doch mir war bewusst, dass er diese Kraft nicht all zu oft anwenden durfte.
„Dirian, wo kann ich die Sachen hinlegen, in diesem Fach ist kein Platz mehr.“
„Lege es da oben hin, ich bin sicher, dort wird es uns nicht stören.“
Pentris verstaute die restlichen Sachen unserer Habe und gesellte sich zu mir. Er legte den Arm um mich und schaute mir in die Augen.
„Dirian, ich wollte dir noch einmal danken, dass du mir diese Möglichkeit gegeben hast.“
„Pentris, ich denke es war vorbestimmt für uns beide, und es wird wohl so sein, wie es sein wird.“
Sanft hauchte Pentris mir einen Kuss auf die Wange. Liebevoll schaute ich ihn an. Am Knacken der Wände spürte ich das sich das Raumschiff in Bewegung setzte. Ich stand auf und zog Pentris ins Bett.
Ich löste seinen Umhang von ihm und befreite ihn auch von den restlichen Kleidern. Sanft drückte ich ihn auf Bett und begann ihn zu küssen. Ich ließ nichts aus, am Gesicht begonnen, wanderte ich langsam abwärts über seine Brust und Bauch.
Pentris stöhnte lustvoll auf und ich spürte wie er sich an meiner Kleidung zuschaffen machte.
„…. die letzte Vereinigung, werden eure letzten Kräfte freilegen, die ungeahnt in euch schlummern..“
Durch den engen Kontakt mit Pentris, hatte er wohl diese innere Stimme vernommen, denn seine Augen fingen an rot zu funkeln. Ich sah ihn fragend an und er nickte.
„Ich habe so etwas aber noch nie getan,“ meinte ich leise zu ihm.
„Du wirst es schon richtig machen, wenn du dich von deinem Herz leiten lässt.“
„Und die Schmerzen, die ich dir zufügen könnte.“
„Werde ich ertragen, weil sie mir das höchste Lustgefühl geben, das du mir schenken kannst.“
Langsam drang ich in ihn ein und spürte von seiner Seite keine Gegenwehr. Er ergab sich mir völlig. Sein schmerzverzehrtes Gesicht verschwand und ich hörte seine leisen Stöhnlaute an mein Ohr dringen.
In mir sammelte sich die ganze Kraft in der Lendengegend und plötzlich schien es mir, Pentris und ich schwebten im freien Raum. Um uns herum nur der weite Raum. Je mehr ich zu meinem Ende hinsteuerte, umso heller wurde die Lichtfülle die von uns ausging.
Mit einem lauten Schrei entlud ich mich in Pentris und spürte, dass es ihm ebenso gekommen war. Schwer atmend lag ich auf Pentris und sah wie ihm Tränen die Wangen herunter liefen.
„Warum weinst du, mein Freund?“ fragte ich.
„Weil ich glücklich bin, du hast mir etwas geschenkt, das ich nie für möglich gehalten hatte.“
Pentris hatte sich verändert. Seine Kindlichkeit hatte er verloren, dass man ebenso an seinem Äußerem sehen konnte. Angezogen von seiner Männlichkeit blieb ich noch auf ihm liegen, spürte seinen Herzschlag, der mir, wie es schien, eins mit meinem zu sein.
Eng aneinanderliegend schliefen wir beide ein. Erst spät wurde ich von den Geräuschen auf dem Schiff geweckt. Ein Lichtsturm hatte das Schiff ergriffen und es wurde ordentlich durchgeschüttelt. Pentris schlief tief und fest.
Ich zog mich leise an und verließ unser Quartier. Auf dem Gleiter herrschte Hektik, denn deutlich nahm ich die Angst der Crew wahr und hörte auch einige Gesprächstücke, die irgendwo im Schiff stattfanden.
Das Steigern meiner Kraft verursachte ein Unbehagen, dass sie wie ein schwarzer Schleier um mein Denken hüllte. Verwundert über die neu gewonnene Erkenntnis, machte ich mich zur Brücke auf. Auf dem großen Monitor, sah ich den Grund, der Verwirrung, denn es schien sich nicht um einen normalen Lichtsturm zu handeln.
„Ich weiß nicht was diesen Planeten zerstört hat, aber es geht nach wie vor, eine starke Druckwelle von ihm aus,“ hörte ich einen jungen Mann auf einer Konsole sagen,“ ich weiß nicht wie lange unsere Schilde halten werden.“
Ich sah die Gesteintrümmer, die auf das Schiff zuflogen und kärglich versucht wurden, mit den Schiffseigenen Geschützen, zerstört zu werden. Ich stellte mich in die Mitte des Führerstandes und erhob meine Hand.
Ein feiner Lichtstrahl, der von mir ausging, ließ den Mann an der Verteidigung ruckartig zurück schrecken. Wie ein Schutzfeld wurde das Schiff von meiner Kraft umschlossen, an der jeder noch so große Gegenstand abprahlte.
Ehrfürchtig schaute mich die Besatzung der Brücke an. Die Geschwindigkeit des Schiffes erhöhte sich fast unmerklich. Ohne Schwierigkeiten durchflogen wir das Trümmerfeld und wurden auch von keiner fremden Energiewelle erfasst.
In mir drin spürte ich aber doch etwas Neues. Ich sog förmlich die Energie in mich auf, die vom zerstörten Planeten ausging. Und plötzlich waren sie da, die Bilder. Ich sah Lebewesen, die verzweifelt um ihr Leben kämpften.
Die ganze Tragödie der Vernichtung spielte sich vor meinem inneren Auge ab. Ich ließ mich erschöpft auf einen Sitz fallen und die Schutzhülle um das Schiff löste sich auf. Vor mich stellte sich ein Mann etwas älter als ich selber war.
Er starrte mich wortlos an.
„Ihr müsst verzeihen, wenn ich mich eingemischt habe, aber ich dachte ihr könntet ein wenig Hilfe gebrauchen,“ sagte ich immer noch erschöpft.
„Dafür bedanke ich mich auch,“ sagte der Kapitän, „ich habe ja schon viel erlebt, und auch schon von den Kräften der ehrwürdigen Meister gehört, aber das hier war mir neu.“
Ich erhob mich und richtete meinen Umhang, als Pentris die Brücke betrat. Ich sah an seinen Augen, dass er geweint haben musste. Ich schaute ihn fragend an.
„Ich habe gesehen, was du gesehen hast, ich sah wie sie grauenvoll starben, ich spürte, wie ihnen jede Lebensenergie entzogen wurde,“ sagte Pentris.
Der Kapitän schaute uns fragend an.
„Der Planet wurde von einer unbekannten Macht zerstört, für mich unbekannt, aber mit solch einer Kraft, dass ich ihre Anwesendheit jetzt noch spüre,“ versuchte ich es dem Kapitän bei zu bringen, „es ist das reine Hassgefühl, das ich noch spüre, darauf aus alles zu töten, was sich ihnen in den Weg stellt.“
Irgendwie war es da, plötzlich und unerwartet. Das Gefühl der Gefahr breitet sich in mir aus. Ich erhob erneut die Hand und diesmal legte sich sofort, ein Schutzschirm um unser Schiff. Helle Blitze sah man an ihrer Außenhülle.
„Sie sind noch hier und greifen an,“ sagte ich kurz, was die Mannschaft dazu veranlasste an ihre Plätze zurück zugehen.
Ich spürte, dass dies hier noch mehr Kraft von mir forderte und spürte dass ich mich begann zu verwandeln. Geblendet von meiner Lichtfülle entfalteten sich meine Flügel. Bleich schaute mich der Kapitän an, aber begriff die Lage, in der wir uns befanden.
Ein kleiner Blick zu Pentris und ich merkte er hatte sich ebenfalls gewandelt, sein Rot schien noch intensiver zu sein, als das letzte Mal. Er stellte sich neben den Kapitän und schloss seine Augen. Von der Schiffspitze ging ein roter Strahl aus und durchdrang meine Lichthülle, die das Schiff umgab.
Er suchte seinen Weg und traf. Eine riesige Explosion folgte und dann war da die große Stille. Niemand im Raum sagte etwas. Pentris sank in die Knie und der rote Schein verschwand. Ich blieb in meiner Engelgestalt.
Noch immer sagte keiner ein Wort, bis ein Licht an einer Konsole zu blinken begann.
„Wir werden gerufen,“ sagte die junge Frau, die davor saß.
„Bauen sie die Verbindung auf,“ sagte der Kapitän und ließ sich in seinen Sitz gleiten.
Auf dem Schirm erschien Vondix, was mich nicht sehr wunderte.
„Wie ich sehe, lieber Dirian, bist du noch immer voll in Aktion,“ sagte er.
Ich schwebte immer noch ein wenig über dem Boden, doch ich spürte wie meine alte Gestalt zurückkehrte.
„Ja Meister Vondix.“
„Wir haben hier eine starke Erschütterung unserer Macht gespürt, was ist geschehen?“
Mich wunderte, dass Vondix von dem eben passierten nichts sehen konnte, oder vorher gewusst hat. Ich sandte ihm die Bilder, die sich in meinem Gedächnis eingebrannt hatten. An seinem Gesicht nahm ich wahr, wie sehr ihn das aus der Fassung brachte.
Er ließ sich in seinen Sessel fallen, sein Gesicht wurde grau.
„Ehrwürdiger Meister, ich verstehe nicht, warum ihr das nicht sehen konntet,“ sagte ich.
„Diese dunkle Macht versteht es unsere Gedanken zu verschleiern.“
„Und warum spüre ich dann ihre Gegenwart?“
Vondix schaute mich an.
„Ein weiterer Beweiß, das du ein Nachfahre der Antrasts bist,“ war das einzigste was Vondix von sich gab.
Der Kapitän schaute mich an.
„Der Antrasts?“ fragte er, „ich dachte, dass wäre nur eine Legende.“
Er schien sich wohl auch in den Mythen auszukennen.
„Nein, ist es nicht, Klaren von Nontscha,“ sagte Vondix.
„Ihr kennt mich?“ fragte Klaren und wandte sich erstaunt zu Vondix.
„Euer Ruf eilt euch voraus, niemand der so ehrvoll sein Schiff und seine Crew führen kann wie ihr.“
Klaren wurde ein wenig verlegen.
„Meister?“ sagte ich um das Thema zu wechseln, „was können wir tun?“
„Tun könnt nur ihr zwei etwas, Dirian. Du und Pentris, seid die einzigsten, die uns vor dieser Gefahr retten könnt. Wir können nur zur Seite stehen, aber eine wirkliche Hilfe sind wir nicht. Ihr müsst dem Übel selbst auf den Grund gehen.“
„Dann werden wir uns auf den Weg machen,“ sagte Pentris leise, der immer noch kniend am Boden war.
Der Kapitän stand auf und kniete sich vor mich hin.
„Ich spreche sicher für meine Mannschaft, wenn ich jetzt unsere Dienste anbiete, Meister Dirian.“
„Steht auf Klaren von Nontscha, ihr müsst nicht vor mir knien.“
Vondix verabschiedete sich und der Schirm zeigte die Sterne wieder.
„Dirian..“ Pentris lag immer noch erschöpft in seinem Lager.
Ich setzte mich zu ihm.
„Was ist mein Pentris?“
„Wie du das >mein< betonst.. ich bin einfach nur glücklich bei dir sein zu dürfen.“
„Und ich bin glücklich, dich an meiner Seite zu haben.“
„Warst du früher wirklich so eiskalt?“
„Ja war ich.“
„Warum? Ich kann mir nicht vorstellen, das du mal anderst warst.“
„Ich war aber so, Hauptsache nie Gefühle zeigen und keine zulassen.“
„Was ist so schlimm daran Gefühle zu zulassen?“
Ich setzte mich zu Pentris ins Bett und nahm ihn in dem Arm. Seine Finger spielten mit den meinen.
„Wenn du nichts von dir Preis gibst, bist du unangreifbar, keiner kann dir was anhaben.“
„Du verletzt dich doch aber damit selber.“
„Solche Gefühle habe ich auch nie zugelassen, ich war nur auf meine Schule ausgerichtet.“
„Du hattest nie Freunde?“
„Nein.“
„Ich hätte gerne welche gehabt, aber wer wollte schon etwas mit einem Sklaven zu tun haben.“
„Das ist ja jetzt vorbei, ein Lebensabschnitt, den du beruhigt vergessen kannst.“
„Nein vergessen möchte ich es nicht, denn es hat aus mir das gemacht, was ich heute bin.“
„Und du hast aus mir das gemacht was ich jetzt bin.“
„Ich bin froh darüber, den ich denke irgendwann wärst du daran zerbrochen, ohne Gefühle zu leben.“
„Du magst wohl recht haben, aber ich kann es dir nicht sagen, denn ich war es nicht anderst gewohnt, ich habe es nicht anders gekannt.“
„Meinst du den Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben, ist richtig?“ fragte Pentris und wandte seinen Kopf zu mir.
Ich schaute in seine Augen und verlor mich darin. Mir wurde ein wenig schwindlig, doch bald klarte das Bild vor mir auf. Ich kniete auf dem Boden auf einer Wiese. Ich hatte Pentris im Arm. Ich erschrak, denn er blutete aus dem Mund und war Tod.
„Dirian, was ist los, deine Augen haben eine andere Farbe angenommen.“
Ich schrak aus dem eben gesehenen heraus, und schaute Pentris an.
„Was hast du gesehen?“
Pentris war klug, er wusste sofort, dass ich eine Vision hatte. Mir stiegen Tränen in die Augen.
„Sterbe ich?“
Ich drückte ihn an mich und fing an zu weinen.
„Dirian, bleibe ruhig, du hast zwar die Zukunft gesehen, aber nur einer der vielen Möglichkeiten, die auf uns zu kommen, es gibt zu viele Dinge, die noch eine Rolle spielen werden, zwischen uns.“
Ich schaute ihn im Nebel meiner Tränen an.
„Es mag sein, das deine Visionen genau sind, aber schon morgen kann sie sich geändert haben.“
Er drückte mich fest an sich und strich mir über den Kopf.
„Wie soll es jetzt weitergehen, ich meine, wissen wir, wohin wir müssen?“
Wir saßen zusammen mit dem Kapitän und nahmen gemeinsam unser Mahl ein.
„Ich werde wohl meiner Kraft vertrauen müssen, denn ich weiß selber nicht, wo und wonach wir suchen müssen,“ sagte ich.
„Du hast doch die Macht der anderen Seite zu spüren bekommen, so wie ich auch,“ fing Pentris an zu sprechen, „wenn wir uns zusammen tun, könnten wir vielleicht sie leichter finden. Weil wenn sie hier einen Planeten vernichtet haben, werden sie sicherlich spuren hinterlassen haben.“
Ich nickte ihm zu.
Klaren und sein Team forschten über weitere Vernichtungen von Planeten nach und wurden auch fündig. Der Navigator, Matore, verglich die Daten und fand eine deutliche Route, die unser Feind zurückgelegt hatte.
Klaren ordnete an diesem Kurs an zu folgen, weil wir bestimmt irgendwo an einen Ausgangspunkt kommen würden. Pentris gesellte sich zu Matore und schaute ihm bei der Arbeit zu, während ich mich zu Klaren begab.
Ich sah ihm seine Aufregung an. Die blauen Punkte die sich auf seiner Stirn befanden, leuchteten regelrecht und das was man ansatzweise als Hals bezeichnen würde war aufgebläht.
„Klaren, ich möchte mich bei euch bedanken, dass ihr mir helfen wollt,“ sagte ich.
„Aber?“
„Es gibt kein Aber, es ist eure freie Entscheidung.“
„Gibt es eigentlich noch mehr von den Antrasts?“
„Ich weiß es nicht genau…“
„Ihr wisst es nicht genau?“
„Nein, wie soll ich es auch wissen… ich weiß erst seit kurzen, das ich dazu berufen bin…“
„Und wie habt ihr, ich meine wie kamt ihr zu der Erkenntnis?“
„Durch Pentris.“
„Dem Jungen?“
„Er ist schon lange kein Junge mehr…. er ist viel mehr als es unsere Vorstellungskraft erlaubt. Sein Dasein ist vorbestimmt, schon seit langer Zeit. Er hat das in mir erweckt, zu dem ich mich wandle.“
„Ich verstehe…ihr müsst den Jungen lieben…“
„Ja das Gefühl kommt aus der Tiefe meines Herzens, ohne ihn, würde ich immer noch kaltherzig und ohne Ziel herumirren.“
„So ward ihr früher?“
„Ja, keine Gefühle… keine Gedanken.“
„Ich könnte so nicht leben, ich brauche meine Gefühle meine Gedanken. Ich muss ein Schiff führen, ich bin für meine Besatzung verantwortlich, und dazu brauche ich beides.“
„Zu dieser Erkenntnis bin ich eben sehr spät erlangt.“
„Hauptsache, ihr habt sie erlangt,“ sagte Klaren und lächelte mich an.
„Guter Freund ich werde mich jetzt zurückziehen,“ verabschiedete ich mich.
Er nickte mir noch einmal zu und ich lief zu meinem Quartier. Dort legte ich mich in mein Lager und schloss die Augen. Ich konnte mich nicht wehren es passierte einfach. Tief fiel ich hinab, auf den Grund meiner Seele.
Als wäre ich in einer anderen Welt, versuchte ich dennoch etwas zu sehen, doch dichter Nebel umkreisten meine Gefühle. Er löste sich nur schwer von meinem Bewusstsein. Und da waren wieder die Bilder der Zerstörung.
Aber ich sah sie mit anderen Augen, nicht so wie auf der Brücke des Schiffes. Ich stand daneben und nahm alles war. Jede Einzelheit wurde mir bewusst und versank wieder. Und dann stand ich plötzlich an einen anderen Ort.
Vor mir öffnete sich ein weites Tal und ich genoss den Anblick des satten Grün der Pflanzen. Fast keine Bäume waren zu sehen, nur endlose große Wiesen mit vereinzelten Büschen und Steinen.
Ich schritt einfach los ohne mir zu überlegen, wohin ich ging.
… „ich wusste nicht, dass es noch jemand von uns gibt“…
Ich fuhr herum, konnte aber niemanden entdecken. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Ein gleißendes Lichtschein vor mir, heller als ich es von mir her kannte entstand.
„Wer seid ihr,“ fragte ich, doch keine Antwort kam.
Noch mal fragte ich, aber diesmal ohne die Lippen zu bewegen, nur mit der Kraft meines Geistes.
..ich war sicher du kennst mich…
„Woher soll ich euch kennen?“
… ich bin genauso wie du….
„Und was für eine Gestalt habt ihr?“
… es wurde noch keine Wahl getroffen, ich bin das reine Licht….
„Und was tut ihr hier?“
… das könnt ich dich fragen, du bist in meinem Traum….
„In eurem Traum?“
…ja in meinem Traum…
„Und warum habe ich euch nie vorher gesehen?“
…weil ich gefangen bin, SIE haben mich gefangen…
„Das Dunkle hat euch gefangen….“
…das spricht für dich, dass du weißt wer mich gefangen hat…
„Warum befreist du dich nicht, unsere Macht ist grenzenlos.“
…weil ich niemanden habe, der mich liebt. Ich bin nur vom reinen Bösen umgeben, so kann ich meine Macht nicht voll entfalten….
„Und warum lassen sie euch dann am Leben?“
..weil sie ohne mich nicht existieren können, ich bin ihr Gegenpol…
„Dann bist du in Gefahr.. wenn es jetzt zwei von uns gibt.“
… ich merke wie meine Kräfte, die ich schon besitze schwächer werden…
„Ich werde euch befreien!“
…,du hältst das für einen guten Gedanken…..
„Zu zweit werden wir stärker werden.“
… dann versuch dein Glück…
„Wie soll ich euch finden?“
… du wirst mich finden, folge deinem Herzen…
„Darf ich euren Namen wissen?“
… mein Name ist…. AGGATEL…..
Das Bild vor meinen Augen löste sich auf, die Stimmte hallte nach. Ich war wieder in meinem Quartier, Pentris saß am Tisch.
„Und gut geschlafen?“, fragte Pentris, als ich mich aufrichtete.
Ich schüttelte den Kopf.
„Was ist?“
„Es gibt noch jemanden wie mich, er ist Gefangener der Bösen, der dunklen Seite.“
„Woher weißt du?
„Ich habe mit im gesprochen, ich war in seinem Traum.“
Pentris setzte sich neben mich.
„Ich weiß noch nicht viel über deine Kräfte oder Begabungen, aber egal wo du auch hingehst Dirian, ich werde dir folgen.“
Ich schaute Pentris mit einem Lächeln an und gab ihm einen Kuss.

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Information I can’t stop loving you
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:49 AM - No Replies

Ich hatte mir einen Whiskey eingeschenkt und folgte Marc auf den Balkon. An der Tür blieb ich aber stehen und lauschte seinem Gespräch.
„Nein ich sehe da keine Probleme. Der Vorstand ist überzeugt, der Kauf steht unmittelbar bevor. Die Firma ist Geschichte!“
Ich traute meinen Ohren nicht, was da Marc am Telefon sagte. Ich griff nach meiner Jacke, stellte das Glas ab und verließ das Hotelzimmer. Ich blieb einen Augenblick vor der Tür stehen und atmete tief durch.
Hatte ich mich so in Marc getäuscht? Er ließ die Firma aufkaufen, um sie dann zu vernichten. Ich sah meine Freunde schon auf der Straße sitzen, ohne Geld und Arbeit. Den Kopf schüttelnd nahm ich dieses Mal die Treppe und rannte hinunter.
Sarah hinter der Rezeption sah mich komisch an, als ich schnell an ihr vorbei lief und das Hotel verließ. Ich rannte zu meinem Rover und fuhr Richtung Innenstadt.
*-*-*
In der Bar wurde es still, als Marc den Laden betrat. Alle Blicke hafteten auf ihm. Er kam direkt zu mir an die Theke.
„Bill, was ist los, ich habe dich überall gesucht…“
Ich stellte mein Glas ab und drehte meinen Kopf zu ihm.
„Mich gesucht? Entschuldige, wenn ich dir das nicht glauben kann.“
„Oh, fängt der Herr wieder an zu zicken, bekommst du deine fünf Minuten?“
„Der Herr hat einfach die Nase voll von dir. Marc zieh doch einfach Leine und verkriech dich unter den Stein zurück unter dem du vorgekrochen kamst.“
Er lachte.
„Gut, wenn du meinst. Damit hab ich keine Probleme… ich kann hier jeden haben, der auf Männer steht. Jeder ist ersetzbar.“
Das war jetzt zu viel für mich. Ich wuchtete so schnell hoch, dass mein Barhocker zu Boden krachte. Meine Sitznachbarn fuhren zusammen und wichen zur Seite. Ich holte aus und meine Faust landete direkt in seinem Visage.
Marc torkelte nach hinten und ich griff nach seinem Kragen. Ich schob ihn rückwärts, bis er gegen das kleine Stück Wand neben der Eingangstür krachte.
Mein Unterarm lag auf seiner Kehle, meine Hand krallte sich in seine Jacke. Mein Gesicht kam seinem ganz nahe und meine Augen funkelten ihn an. An seiner Lippe rann etwas Blut aus meinem Mund.
„Es gibt Menschen wie mich, die ihr ganzes Leben kämpfen müssen, damit sie etwas erreichen und es gibt Menschen, wie dich, denen immer alles zufällt…“, fuhr ich ihn an.
Überheblich sah er mich an.
„Nur eins vergisst du. Am Ende meines Lebens schaue ich auf ein erfülltes Leben zurück und was hast du?“
Sein Grinsen verging.
„Du wirst eine Leere in dir spüren, die mit nichts mehr aufzufüllen ist, keine schöne Erinnerung… und alleine sein. Erst dann wirst du merken, dass für dich der Zug abgefahren ist und einsam sterben.“
Ich ließ ihn los er sank in sich zusammen.
„Mach ruhig weiter wie bisher, zerstöre unsere Firma, bringe die Arbeiter von Barr and Stroud um ihre Arbeitsstellen. Irgendwann, wirst du die Rechnung dafür zahlen.“
Ich hatte mich in Rage gesprochen.
„Aber dann, kannst du an meine Worte denken, denn dann ist niemand da, der zu dir steht, niemand der für dich da ist… und niemand der dich liebt! Dann bist du alleine!“
Er schaute mich an und ich blickte verachtend zurück.
„Du hast mich vielleicht benutzt…, mein Herz zerbrochen…, aber damit ist jetzt Schluss, verschwinde aus meinem Leben…“
Ich atmete durch und wandte mich von ihm ab. In der Bar war es dermaßen still, das man meinen konnte, ich wäre mit Marc alleine. Aber hinter mir standen alle, die mich kannten und liebten.
Sie schauten mich an, aber keiner sagte etwas.
„Am Besten du verschwindest aus dieser Stadt. Sag deinen Bossen, hier gibt es nichts zu holen. Wir werden uns wehren!“
„Bill…“, hörte ich seine jetzt fast unscheinbare Stimme.
„WAS?“, fuhr ich ihn an, während ich mich wieder zu ihm drehte.
War das Marc, der davor mir auf dem Boden saß? Eine jämmerliche Person in sich zusammen gesunken. Er hatte feuchte Augen. Tränen liefen über seine Augen.
„WAS ist das jetzt für eine Tour…? Ich heule und krieg den doofen Bill wieder herum?“
Meine Stimme krächzte, so etwas war einfach nicht mein Ding.
„Du hasst… mich…?“, fragte er weinerlich.
„Nein!“
Verwundert schaute er mich an. Ich spürte auch, dass es den anderen im Pub nicht anders ging.
„Alle hier mögen mich vielleicht für verrückt halten, aber ich liebe dich immer noch. Ich weiß nicht, warum ich einem Scheißtypen wie dir vertrauen konnte, was mich dazu bewegt hat, mich in dich zu verlieben.“
„Dein Herz war schon immer leicht zu erobern“, hörte ich meinen Bruder hinter mir rufen.
Ein kurzer Blick zu Kevin, der den Daumen nach oben hielt, brachte mich zum Grinsen. Ein Lachen ging durch die Bar. Ich drehte mich wieder zu Marc. Er saß immer noch zusammen gekauert da.
„Fühlst du endlich selbst, was du sonst anderen an tust?“
Das Lachen verstummte wieder.
„Spürst du endlich, wie es dein Herz zusammenkrampft, als hätte es ein Bodybuilder in der Hand und würde es zerquetschten wie eine reife Frucht? Spürst du die Peinlichkeit, die sich in jeder deiner Gehirnzellen breit macht…“
„Bill… hör auf!“, unterbrach mich Sally hinter der Theke, „du bist sonst nicht besser als er.“
Ich atmete tief durch. Sie hatte Recht. Ich ging an die Bar zurück und hob meinen Hocker auf. Dann zog ich mit einem Zug mein Bier leer. Danach lief ich wieder zu Marc, der schützend seine Hände vor das Gesicht hob. Ich griff nach seinem Arm und zog ihn wieder auf die Füße.
Ängstlich schaute er mich an.
„Ich bring dich in dein Hotel zurück.“
*-*-*
Ich stand am Geländer der Brücke gelehnt. Hart blies ich den Rauch aus meiner Lunge. Wie konnte ich nur so blöd sein und auf diesen Typen herein fallen. Einzelne Tränen glitten mir über die Wange.
Nie hätte ich gedacht, dass mir meine Gefühle solche Streiche spielen. Hatten sie das? Konnte ein Mensch sich so verstellen und Gefühle vorspielen. Meine Gedanken hingen weiterhin an Marc.
Dachte ich doch, dass er der Richtige wäre. Was hatte ich mir alles ausgemalt. Gemeinsamer Urlaub und vielleicht auch zusammen ziehen. Und jetzt? Ich wischte mir die Tränen aus den Augen.
Alles vorbei. Ein Traum, der ausgeträumt war. Ich schnippte die Zigarette in den Fluss. Langsam, Schritt für Schritt, ging ich am Geländer entlang. War das alles? War das, was am Ende unter dem Schlussstrich übrig blieb.
Ein verletztes Herz und viel Traurigkeit. Schmerzen, die mir immer wieder die Tränen in die Augen trieben. Ich hielt inne und schaute in den vernebelten Himmel, der sich wie ein Schleier über der Stadt lag.
Ich griff in meine Jackentasche und zog meinen Schlüssel heraus. Minuten später war ich in der Innenstadt. Mein Parkplatz vor dem Pub war noch frei. Ich parkte ein und verließ den Wagen.
Selbst nach zwei Stunden waren alle noch da, die vorhin dieses Trauerspiel einer verlorenen Liebe mitbekommen hatten. Als ich den Pub betrat wurde es kurz still. Alle sahen mich an, bevor Kevin, mein kleiner Bruder, das Wort ergriff.
„He Bill, hier ist noch ein Platz frei.“
Schweigend drängte ich mich durch die Menge, bis ich den kleinen Stehtisch im hinteren Teil der Kneipe erreicht hatte.
„Sally, noch ein Bier für Bill“, rief Kevin, dann schaute er mich durchdringend an.
„Alles klar mit dir?“, fragte er.
Ich nickte.
„Wirklich?“
Ich schaute ihn an, während Sally mein Bier vor mich stellte.
„Kevin, es ist im Augenblick egal.“
„Das ist nicht egal…!“
Ich nahm das Glas und leerte es fast mit einem Zug.
„Was wird nun aus uns?“
„Ich weiß es nicht Bruderherz. Ich kann im Augenblick nicht klar denken.“
„Kann man nicht mit der Geschäftsleitung sprechen…?“
„… habe ich schon versucht, man glaubt mir nicht.“
„Das kann doch nicht sein…?“
„Doch kann es. Die sehen das Geld und alles andere ist egal.“
„Kann man die nicht irgendwie anzeigen? Dass ist doch sicher gegen das Gesetz?“
„Kevin, wie überall gilt hier auch fressen oder gefressen werden!“
„… und was wird dann aus uns?“
Kevin ließ seinen Blick durch das Pub schweifen. Es waren ausschließlich Kollegen da. Alle hier Anwesenden würden auf der Straße sitzen. Ich wollte gar nicht weiter denken, was dann alles folgte. Barr and Stroud war einer der größten Arbeitgeber in der Stadt.
*-*-*
Ich parkte den Rover auf meinem Parkplatz vor der Fabrik. Durch langes Zureden und Hintergrundinformationen konnte ich die Führung, kurz vor dem Verkauf davon überzeugen, einen Rückzieher zu machen.
Doch nun hatten wir wieder das alte Problem, die Firma brauchte Finanzen um modernisiert zu werden. Wir hatten im Glasbereich in England nicht viel Konkurrenz, aber die Maschinen waren veraltet und um den reibungslosen Ablauf zu gewähren, waren eben neue Investitionen nötig.
Dieses Geld fehlte aber leider. Schneeflocken bahnten sich ihren Weg. Ich schloss den Wagen und machte mich zu meinem Büro auf. Der eine oder andere begegnete mir auf dem Weg dorthin.
Ich grüßte freundlich oder nickte nur. Als ich endlich vor meinem Büro stand, atmete ich kurz durch, bevor ich die Klinke hinunter drückte. Wie jeden Morgen saß Gwenn bereits auf ihrem Platz und tippte irgendwelche Unterlagen.
„Morgen Chef.“
„Morgen Gwenn.“
„Bill, sie sollen sich nachher bei Mr. Stroud melden und hier sind noch fünf Anrufe.“
„Danke“, meinte ich, hängte Schal und Jacke über den Ständer, bevor ich die Zettel im Empfang nahm.
Fünf Anrufe von Marc. Zu Hause hatte ich kurzerhand einfach das Telefon abgestellt. Aber hier? Ich lief in mein Büro und warf die Zettel einfach in den Mülleimer. Seufzend ließ ich mich in meinen Stuhl fallen.
„Einen Kaffee…“, meinte Gwenn, die gerade ins Zimmer kam.
Sie war eine gute Seele. Mit ihren vierzig Jahren war sie ein emsiges Bienchen, dass das Räderwerk der Firma am laufen hielt. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Dutt hochgesteckt und ließ ihr ohnehin rundes Gesicht noch etwas runder erscheinen.
Aufgeregt zwinkerten ihre Augen hinter den dicken Brillengläsern hervor. Natürlich wusste sie über den gestrigen Abend Bescheid. Sie wusste generell über alles und jeden etwas, wie es sich für eine gut organisierte Sekretärin gehörte.
„Danke Gwenn, den kann ich gebrauchen.“
Ihr Blick fiel auf den Mülleimer, in dem sich die fünf Zettel befanden, dann wanderten ihre Augen zurück zu mir.
„Gehe ich recht in der Annahme, dass sie keinen weiteren Kontakt mehr zu diesem Herrn wünschen?“
Ich nickte ihr zu, während ich versuchte einen Schluck heißen Kaffee zu trinken.
„Ich habe hier zwar nichts zu sagen, Bill, aber wenn es nach mir gegangen wäre, hätte dieser Herr nie unser Haus betreten dürfen.“
Fragend schaute ich sie an. Wie aus dem nichts zauberte sie mir ein Blatt auf den Schreibtisch.
„Was ist das?“
„Daten…“
Ich nahm das Blatt auf und stellte meine Tasse ab. Stilvoll aufgeführt waren alle Firmen, die Marc in den letzten zwei Jahren für seinen Konzern aufgekauft hatte und diese dann zerschlagen wurden.
„Ich frage mal lieber nicht, wie sie da daran gekommen sind.“
„Würde ich auch nicht preisgeben“, meinte sie lächelnd und verschwand aus meinem Büro.
Die Daten legte ich in die Ablage, vielleicht könnte ich sie ja noch später gebrauchen. Im Vorzimmer klopfte es. Ich hörte die Tür gehen.
„Ist mein Bruder schon da?“
Mein lieber Bruder Kevin.
„Einen Moment Mister Savage“, hörte ich Gwenn sagen und wenige Sekunden später erschien sie an meiner Tür.
„Ihr Bruder…?“
Ich nickte lächelnd.
„Mister Savage…!“, sagte sie und machte eine einladende Bewegung zu meinem Bruder, der gleich darauf erschien.
„Bill du musst mir helfen…“
„Auch guten Morgen, Kevin.“
Gwenn verschwand und zog hinter sich die Tür zu.
„Äh… guten Morgen… ja.“
„Setz dich hin und erzähl der Reihe nach.“
Es klopfte und Gwenn kam unaufgefordert mit einer weiteren Tasse Kaffee herein.
„Danke Gwenn“, sagte ich und sie verschwand lächelnd.
Mein Blick fiel wieder auf Kevin.
„Was hat mein Bruder auf dem Herzen?“
Er schaute immer noch zur Tür, durch die gerade Gwenn entschwunden war. Gestern war mir nicht aufgefallen, dass er seinen schwarzen Wirrkopf zum Frisör getragen hatte und einen Kurzhaarschnitt verpassen hat lassen.
Er war fünf Jahre nach mir auf die Welt gekommen und war mit seinen siebenundzwanzig immer noch recht unbeholfen. Am Sterbebett unseres Vaters musste ich ihm versprechen, mich ja immer gut um ihn zu kümmern. Sein Kopf drehte sich langsam zu mir.
„Ich… äh… bräuchte deine Hilfe.“
„Um was geht es…, Geld…, Frauengeschichten?“
„NEIN! Nichts Privates.“
Oh, dass war mal etwas Neues.
„Du weißt doch, dass der alte Harrison, fehlt doch laufend und wir schaffen es einfach nicht jemanden aufzutreiben, der seine Fahrten übernimmt.“
Da musste ich ihm Recht geben. Es kam ein Artest nach dem anderen ins Haus geflattert.
„Und wie kann ich dabei helfen?“
„Wie du dich vielleicht erinnern kannst, habe ich doch einen Kumpel in Craigleith.“
Ich durchwühlte meine grauen Zellen und irgendwo am hintern Teil meines Kopfes machte es Klick und ein Bild von einem kleinen, fetten Jungen kam in die Erinnungssektion.
„Du meinst Lucas?“
„Ja, genau der. Er braucht … sucht einen Job… und ich weiß, dass er gut mit Transporter umgehen kann.“
Das konnte ich mir bei seiner Körperfülle jetzt nicht vorstellen.
„Kevin, wie kommst du darauf, dass ich jemand Neues einstellen kann? Ich konnte mit viel Glück den Verkauf abwenden, aber…“
„Dafür sind wir dir auch sehr dankbar.“
Ich schaute ihn überrascht an. Neuigkeiten gingen hier wohl wie ein Lauffeuer durch die Firma. Er legte den Kopf leicht schief, schaute mich mit seinen hellgrünen Augen bittend an. Diese fiese kleine Kröte.
„… ich kann nichts versprechen“, meinte ich und schaute auf die Uhr.
Kevin strahlte.
„Wenn du ihn erreichen kannst, er soll sich um elf bei mir vorstellen und auch gleich seine Papiere mitbringen. Wenn er keine Zeit hat, soll er die einen Termin geben!“
„Öhm, ja… danke.“
„Was anderes.“
„Ja?“
„Ist das mit deiner Grace jetzt etwas Festes?“
Kevin wurde leicht rot und nickte.
„Es sollen doch noch Zeichen und Wunder geschehen, man könnte meinen du wirst endlich sesshaft.“
„Du stellst mich gerade so hin, als hätte ich jede Woche eine andere…“
Ich grinste breit.
„Das war auch bisher so…“
Genervt rollte Kevin mit den Augen.
„Okay, ich muss zum Chef, wir sehen uns später und du kümmerst dich um Lucas.“
Kevin stand auf und verließ mit mir gemeinsam, mein Büro.
„Ich bin dann beim Chef, Gwenn.“
Sie nickte.
„Ach Gwenn, es kann sein, dass sich später ein junger Mann hier meldet. Sein Name ist Lucas…“, ich wandte mich zu meinem Bruder, „wie heißte er noch?“
„Lucas Evans“, antwortete Kevin.
„Habe ich notiert“, sagte Gwenn.
Ich schob Kevin vor mir her aus dem Vorzimmer. Ich schlug die entgegengesetzte Richtung wie er ein, als er mir noch mal hinter herrief.
„Danke Bruderherz, du hast etwas gut bei mir.“
Ich nickte grinsend und lief weiter, ich hatte sehr viel gut bei ihm. Wenig später stand ich vor der Tür meines Chefs, Mr. Stroud. Ich zupfte meine Klamotten zu Recht und klopfte an.
„Herein!“
Ich öffnete die Tür und gab den Blick auf Molly frei, die Sekretärin meines Bosses.
„Ah, Mr. Savage, sie können gleich durchgehen, Mr. Stroud erwartet sie schon.“
Ich nickte und lief direkt an ihr vorbei, an die nächste Tür, die offen stand. Noch mal klopfend trat ich ein. Mr. Stroud saß an seinem Schreibtisch in irgendwelchen Papieren vertieft und schaute auf.
Auch er war wie Gwenn ein Brillenträger. Zwar hatte sein typisch englischer grauer Tweedanzug schon bessere Tage gesehen, aber dennoch sah er wie ein gut situierter älterer Herr darin aus.
Graue Haare, die fein säuberlich und akkurat zum Seitenscheitel gekämmt waren.
„Bill, hallo! Kommen sie herein.“
„Hallo Mr. Stroud.“
Er stand auf und reichte mir die Hand.
„Setzten sie sich, Bill.“
Er tat dasselbe.
„Ich wollte mich noch einmal bei ihnen, im Namen meines Partners und mir bei ihnen bedanken, dass sie diesen Schwindel aufgedeckt haben.“
Ein Schwindel…, so nannte man das jetzt also.
„Danke, aber für mich war das selbstverständlich sich über die Praktiken dieser Firma in Kenntnis zu setzten.“
„Noch mal Danke! Aber warum ich sie zu mir gebeten habe, ist etwas Anderes.“
Ich liebte es, wenn er gleich zum Punkt kam.
„Sagt ihnen etwas die Holdinggruppe Amestist&Borger etwas?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Diese Firma möchte bei uns investieren…“
Oh, hatten die Partner so schnell jemand gefunden? Die ganzen Monate war kein Geldgeber aufzutreiben. Er reichte mir einen kleinen Hefter.
„Wo kommt diese Holding her?“
„Irland.“
„Aha…“
Ich sah mir die Broschüre an und war angenehm überrascht.
„Warum ich sie rufen ließ, ich bräuchte nochmals eine Aufstellung unseres kompletten Stammpersonal.“
„Das ist kein Problem.“
„Gut, dass war es schon.“
Schon? Komisch! Sonst hielt er mich in langen Gesprächen unnötig fest. Diese Anforderungen hätten unsere Sekretärinnen unter sich ausmachen können.
„Wann wäre denn frühestens mit einer Geldspritze zu rechnen?“, fragte ich.
„Das müssten sie meinen Partner Mr. Barr fragen, er führt die Verhandlungen.“
Mr. Barr, das große Fragezeichen. Seit ich hier arbeitete hatte ich ihn noch nie zu Gesicht bekommen, Auch Marc konnte mir nicht genau schildern, was für ein Mann er war. Marc. Da war der Gedanke wieder.
Mein Herz krampfte sich zusammen, als die Erinnerung an den Vorabend zurück kam.
„Gut ich werde alles veranlassen, damit sie die Unterlagen schnellstmöglich bekommen.“
„Danke Bill“, er stockte kurz, „… ist alles in Ordnung mit ihnen?“
Man sah mir das also an, ich musste dringend auf meine Mimik achten.
„Ja, war nur eine lange Nacht.“
Er stand auf und streckte mir seine Hand entgegen. Eine galante Aufforderung, dass man gehen sollte. Ich erhob mich ebenfalls und verabschiedete mich.
*-*-*
Ich öffnete die Tür zum Vorzimmer.
„Gwenn, der Chef benötigt dringend noch einmal die Auflistung unseres Personals.“
„Ist es jetzt soweit?“
„Mit was?“
„Mit den Kündigungen.“
„Gwenn, wenn es Kündigungen gäbe, wüssten sie dass doch noch vor mir!“
Gwenn lächelte.
„Ach, bevor ich es vergesse. Könnten ihre geheimnisvollen Quellen etwas über eine Holdinggroup Amestist&Borger herausfinden?“
Emsig wie sie war, schrieb sie lächelnd sich gleich alles auf.
„Mr. Evans hat angerufen, möchte sich gegen elf Uhr vorstellen…“
Da hatte Kevin wohl noch beim Hinunter gehen sofort angerufen.
„Wenn er da ist, einfach herein schicken.“
„Stellen wir neues Personal ein?“
„Ersatzweise…, Gwenn. Und wenn wir gerade dabei sind, fertigen sie mir doch bitte einen befristeten Arbeitsvertrag aus.“
„Welches Datum soll ich einsetzten?“
„Schwierige Frage… machen sie sechs Monate.“
Sie nickte.
„Die Daten bekommen sie dann später.“
Mit diesen Worten verschwand ich in meinem Büro.
*-*-*
Es stellte sich als Schwierigkeit heraus, etwas über den Gesundheitszustand des alten Mr. Harrison herauszubekommen. Ich kam einfach nicht weiter. Plötzlich klopfte es aus der Tür und riss mich aus meinen Gedanken.
„Ja?“
Die Tür ging auf und Gwen schaute herein.
„Mr. Evans ist da.“
Ich schaute auf meine Armbanduhr und war über die fortgeschrittene Zeit entsetzt. Ich nickte.
„Mr. Evans…“, meinte Gwenn.
Ich stand auf und wenige Sekunden später erschien Lucas in der Tür. Etwas fassungslos schaute ich ihn an. Spielte mir gerade mein Hirn einen Streich, oder hatte ich etwas mit den Augen.
„Hallo Bill“, strahlte mich ein gut aussehender junger Mann an.
Ich hob meine Hand.
„Lucas?“
Wir schüttelten uns die Hände. Seine Hand war warm und weich.
„Ja…“
„Ähm, du musst entschuldigen… ich hatte…“
„… einen kleinen, dicken fetten Jungen in Erinnerung.“
Ich lief rot an.
„… ja…“
Gwenn schloss hinter sich die Tür und ließ uns alleine. Lucas lachte.
„Das ist schon eine Weile her“, meinte Lucas und ließ meine Hand wieder los.
Vor mir stand ein junger Mann, mit dunkelbraunen, lebendigen Augen, feingelocktes Haar. Seine Figur war schlank und durch seine Klamotten konnte man den muskulösen Körper nur erahnen.
„Setz dich!“, meinte ich immer noch verwirrt.
Ein Dreitagebart rundete das Gesicht ab. Lucas setzte sich und reichte mir seine Unterlagen.
„Kevin hat zwar immer von dir geredet, aber nicht wirklich etwas über dich erzählt“, meinte ich entschuldigend.
„Kein Problem!“
Ich versuchte wieder zur Tagesordnung zurück zukommen, was mir sichtlich schwer fiel, bei so einem Schmuckstück in meinem Zimmer.
„So, du suchst also Arbeit?“
„Ja.“
Ich blätterte in seinen Unterlagen.
„Du bist ganz schön herum gekommen“, sprach ich einfach weiter.
„Man tut was man kann, um sich über Wasser zu halten, …“
Ich hob mein Kopf und sah ihm in die Augen. Diese Augen. Sie strahlten soviel aus.
„… aber leider immer nur viel zu kurz.“
„Tut mir Leid, Lucas, aber ich kann dir im Augenblick auch nur einen befristeten Vertrag anbieten.“
„So etwas hat Kevin schon verlauten lassen.“
„Ich kann dir jetzt nichts versprechen, aber…“
Das berühmte Aber.
„… es kann auch eine Festanstellung werden. Zuvor muss ich aber noch Einiges regeln, bevor ich da etwas Genaueres dazu sagen kann.“
„Alles ist besser, als auf der Straße zu stehen.“
„Das stimmt allerdings! Einen Moment bitte“, sagte ich und stand auf.
Ich lief zum Vorzimmer von Gwenn.
„Gwenn, hier sind die nötigen Unterlagen von Mr. Evans für den Zeitvertrag.“
Sie nickte und reichte mir ein Blatt.
„Hm?“
„Die Holding…“
Erstaunt schaute ich sie an.
„So schnell?“
Sie lächelte. Ich lief wieder zurück zu Lucas.
„Warum habe ich dich eigentlich nie im Pub mit Kevin gesehen?“, fragte ich und setzte mich wieder auf meine Platz.
„Ich habe zurzeit keinen Wagen und immer den von meiner Mutter zu leihen… Auf alle Fälle ist es zu weit, nur wegen eines Pubbesuches jeden Abend mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.“
Ich nickte. Er lebte also noch bei seiner Mutter.
„Zumindest bist du als Fahrer der Firma nicht auf ein privates Fahrzeug angewiesen. Du kannst den Wagen abends mit nach Hause nehmen.“
„Das hört sich gut an.“
„Bis meine Sekretärin den Vertrag fertig hat, können wir nach unten gehen und dir mal etwas von der Firma zeigen.“
„Sollte sie nicht verkauft werden?“
„Das wurde im letzten Augenblick rückgängig gemacht.“
„Aha.“
Und wieder war Marc in meinem Gedanken, ganz automatisch.
„Ist irgendetwas?“, fragte Lucas plötzlich.
Ich schrak aus meinem Gedanken.
„Nein…, wieso?“
„Du hast irgendwie… gerade sehr traurig geschaut.“
So der Herr beobachtete mich also.
„Nein, der Firmenverkauf… waren heftigen Wochen… Komm lass und nach unten gehen.“
Ich erhob mich, Lucas ebenfalls.
*-*-*
„Kevin, dann kannst du ihn ja schon etwas einweisen, oder?“
Kevin sah mich freudig an.
„Könntest du… ähm…“
„Kevin, ein Wunsch am Tag reicht, oder?“, meinte ich und hob die Augenbraue.
Er grinste.
„Danke Bruderherz.“
Lucas grinste ebenfalls.
„Bring Lucas einfach nachher wieder nach oben, damit wir seine Papiere fertig machen können.“
„Okay.“
Zurück im Büro widmete ich mich wieder meiner Arbeit. Mein Blick fiel auf das Blatt, das mit Gwenn vorhin gereicht hatte. Ich schaute auf die Namen der Firmen, die der Holding angehörten.
Irgendetwas stimmte da nicht. Es war ein Gefühl, dass mich beschlich.
„Die Papiere sind fertig“, hörte ich Gwenn sagen und schaute auf.
„Danke Gwenn.“
Sie legte sie neben mich auf den Schreibtisch und verließ mich wieder. Ganz oben auf prangte ein Bild von Lucas. Ich ertappte mich wie ich dieses Bild anstarrte, es in Einzelteile zerlegte. Jeden Millimeter von Lucas‘ Gesicht prägte ich mir ein.
Shit war der Typ geil. Aber solche Typen waren entweder hetero oder schon lange vergeben. Ich rieb mir über das Gesicht, während ich draußen bei Gwenn Stimmen hörte.
„Gehen sie einfach durch, Mr. Evans, er ist in seinem Büro“, hörte ich sie sagen.
Nanu, mal keine Privateskorte? Kevin vorne an, gefolgt von Lucas betraten mein Büro.
„Du Bill, ich hole heut Abend Lucas ab und wir treffen uns im Pub, kommst du auch?“
„Wo soll ich sonst hin?“, fragte ich.
Kevin schaute etwas geknickt. Er hatte ja Recht zu fragen. War ich doch die letzte Zeit viel mit Marc unterwegs gewesen und hatte mich selten blicken lassen. Ich spürte Lucas‘ Unsicherheit und wie er zwischen Kevin und mir hin und her schaute.
Ich atmete tief auf und nahm Lucas‘ Papiere.
„Hier müsstest du unterschreiben!“
Wieder lächelte mich Lucas an, nahm den Kugelschreiber entgegen und unterschrieb.
*-*-*
Frisch geduscht und mit Handtuch um die Hüften stand ich vor dem Spiegel. Ich fand dass mein Sixpack etwas nachließ. So entschloss ich mich dazu, abends wieder öfter laufen zu gehen.
Bell schwänzelte um mich herum.
„Du hast dein Fressen bekommen, es gibt nicht mehr“, sagte ich zu meiner Schäferhündin.
„Wenn du brav bist, bekommst du vielleicht noch einen Happen bei Sally.“
Bell trottete zufrieden und schwanzwedelnd zurück ins Wohnzimmer. Stimmt eine gute Idee, ich lass den Wagen einfach stehen und würde mit Bell zum Pub laufen. Ich wuschelte mir durch mein nasses, braunes Haar.
Und was sollte ich anziehen. Plötzlich fing ich einfach an zu lachen. Kaum war mir ein anderer hübscher Mann an mir vorbei gelaufen, machte ich mir schon wieder Gedanken über mein Aussehen.
Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich jetzt nicht mit verheulten Augen da saß und Marc nachtrauerte. Aber ich dachte, dieses Ende im Pub war richtig um mich sehr schnell und plötzlich von ihm zu lösen.
Ich lief ins Schlafzimmer zurück und zog mich an. Wenig später pfiff ich leise und sofort stand Bell im Flur.
„Komm Mädchen, wir wollen noch etwas laufen.“
Ich zog meine Jacke an, steckte alles Benötigte ein und nahm zum Schluss Bells Leine. Kurz überlegte ich, ob ich etwas vergessen hatte. Ich erinnerte mich an den Schneefall, den ganzen Tag über, so wickelte ich mir noch einen Schal um.
Komplett eingekleidet öffnete ich die Haustür und Bell sprang nach draußen. Mist! In der Zeit wo ich unter der Dusche stand, war etwas schnell liegen geblieben.
„Bell, bei Fuß!
Bell kam zurück und ich legte ihr die Leine an. Ich zog die Haustür hinter mir zu und schloss ab. Gemütlich lief ich los. Wie nicht anders zu erwarten, war der Verkehr um diese Zeit zurück gegangen.
Mit dem bisschen Schnee auf der Straße, hatte er sich völlig reduziert. Gut für mich und Bell, so liefen wir fast alleine an der Straße entlang. Es dauerte eine Weile, bis wir den Pub erreichten.
Warme, Bierhaltige Luft kam mir entgegen, als ich die Tür aufzog. Ich entledigte mich meines Schals, steckte ihn in den Ärmel meiner Jacke, die ich an die Garderobe neben der Tür hängte.
Freudig wurde ich von einigen Gästen erkannt und begrüßt. Sally umrundete den Tresen und stellte an einem Tisch vier Biergläser ab. Dann lief sie auf mich zu. Aber anstatt mich zu begrüßen, beugte sie sich nach vorne.
„Hallo Bell, du warst aber schon lange nicht mehr hier.“
Dann erst sah sie mich an.
„Hallo Bill, alles klar?“
Ich nickte.
„Falls du deinen Bruder suchst, der sitzt hinten am letzten Tisch.
„Danke Sally.“
„Wer ist der junge Mann bei Kevin? Ich habe ihn hier noch nie gesehen.“
„Ein Freund von Kevin, sie kennen sich noch schon seit Kindertage.“
Sie beugte sich zu Bell hinunter.
„Und für dich finde ich bestimmt eine Leckerei“, meinte sie zu Bell, die dies mit einem kurzen Kläffer bestätigte.
Ich drückte mich an den Leuten vorbei, bis ich den letzten Tisch erreichte. Dort saß Kevin, in Begleitung mit Lucas.
„Hallo zusammen!“, sagte ich laut und die beiden schauten von ihrer Unterhaltung auf.
Bell schnüffelte kurz an Lucas, bevor sie zu Kevin lief. Ich machte die Leine ab und setzte mich zu den beiden.
„Hallo du einer“, meinte Kevin.
Bell verkroch sich unter den Tisch und lag zu meinen Füßen.
„Du bist gelaufen?“, fragte Kevin.
„Ja und es tat richtig gut.“
Sally kam an den Tisch und brachte mir ein Bier. Für Bell hatte sie eine Knabberstange mit. Freudig schaute Bell zu mir und ich nickte. Sie schnappte kurz danach und lag dann wieder zufrieden auf dem Boden.
Lucas hatte bisher noch nichts gesagt. Er lächelte nur die ganze Zeit. Kevin prostete mir zu und auch Lucas nahm sein Glas in die Hand.
„Eigentlich wollte ich noch Grace mitbringen, aber sie hatte keine Zeit“, sagte Kevin plötzlich.
„Scheint ja wirklich sehr Ernst zu sein. Und wann gedenkst du mir sie mal vorzustellen?“
„Das wollte ich heute Abend.“
„Aha.“
„Eine nette Dame“, meinte Lucas grinsend.
Das erste, das er heute Abend von sich gab.
„Du kennst sie?“, fragte ich.
„Nur ganz grob, habe sie einmal mit Kevin zusammen getroffen.“
„Na ja, bisher bekam ich von Kevins Damenbekanntschaften nicht viel mit.“
„Du tust grad so, als wäre ich ein Schwerenöter und dass auch noch vor Lucas.“
„Hatten wir das Thema nicht schon einmal heute?“
Anstatt etwas zu sagen, trank Kevin einen kräftigen Schluck aus seinem Glas. Er stellte es ab und sah mich an.
„Wäre dein Handy nicht abgeschaltet, könnte man dich über solche Begegnungen wie heute eher informieren.“
„Begegnungen die nicht stattfinden.“
„Ja… leider.“
„Es wird schon irgendwann funktionieren und wirst deinem Bruder deine Holde vorführen“, meinte Lucas.
Ich nickte.
„Und wann lerne ich deine Eroberung kennen?“, fragte Kevin.
Lucas schaute etwas verlegen.
„Wenn ich denn eine Eroberung hätte!“
Oh er war solo. Das verstand ich gar nicht bei diesem Aussehen, äußern dazu wollte ich mich aber nicht.
„Ich versteh das nicht“, übernahm Kevin nun meinen Part, „nach dir drehen sich dutzendweise die Weiber herum.“
„Na ja“, fing Lucas an, sah dabei auf sein Glas, „war noch nichts Richtiges dabei.“
„Nichts Richtiges? Bist du blind oder was?“
„Nein…!“
Kevin wandte sich an mich.
„Du glaubst es nicht, darunter sind Traumweiber, von den wir nur träumen könnten… oh entschuldige, ich träumen könnte. Dir bleiben die Prinzen überlassen!“
Feinfühlig wie immer mein lieber Bruder. Nicht dass es mich störte, dass er mich gerade vor Lucas outete, der es wahrscheinlich eh schon wusste, aber nach dem letzten Erlebnis, war ich auf das Thema nicht so gut zu sprechen.
„Davon gibt es ja auch eine Menge“, warf nun Lucas ein, was mich erstaunte, denn er blickte mir dabei direkt in die Augen.
„Könntest du mich mal hinauslassen, ich muss mal das Bier wegtragen“, meinte Kevin.
Ich stand also auf und ließ meinen Bruder ziehen. Danach setzte ich mich wieder und war alleine mit Lucas.
„Gefällt es dir hier?“
Lucas sah sich um und nickte.
„Ruhiges Pub nicht zu voll und auch nicht so groß. Urgemütlich.“
„Stimmt.“
„Und du bist öfter hier?“, fragte Lucas.
„Na ja, die letzte Zeit nicht so, aber ich denke, dass wird sich nun ändern.“
„Gab es einen bestimmten Grund?“
Eigentlich hatte ich keine Lust jetzt von Marc zu reden, aber was machte das für einen Unterschied.
„Ich war sehr viel mit meinem Ex zusammen und habe hier meine Freunde vernachlässigt.“
„Deinem Ex?“
„Hat dir Kevin nichts erzählt?“
„Er hat nur etwas angedeutet, aber richtig heraus rücken wollte er nicht.“
Aha, man hatte sich also über mich unterhalten.
„Mein Ex Marc war derjenige, der mit unserer Firma über den Verkauf verhandelte.“
„Und wieso Ex?“
Neugierig schien Lucas überhaupt nicht zu sein.
„Ich habe heraus gefunden, dass sein Auftraggeber die Firma nur kaufen wollte, damit sie sie anschließend zerschlagen konnten. Da habe ich einen Riegel vorgeschoben und mit Marc Schluss gemacht.“
„Das ist Schei… Aber denkst du, Marc hat sich nur an dich heran gemacht, wegen der Firma?“
Darüber hatte ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht.
„Entschuldige, manchmal schlage ich mit meiner Neugier über die Stränge, ich hätte dich das nicht fragen sollen.“
Mein Blick fiel wieder auf Lucas.
„Nein, mir wurde gerade bewusst, dass ich darüber noch nicht nach gedacht habe. Aber was soll es, es ist vorbei und Marc ist Geschichte.“
„Und man soll ja bekanntlich immer nach vorne schauen.“
Das tat ich doch gerade und ich sah einen hinreißenden Kerl vor mir.
„Und du, wirklich nichts in Sicht?“
Seine Wangen färbten sich leicht rot und er schüttelte den Kopf.
„Alles Träumereien“, sagte er leise.
Bevor ich nachhaken konnte, kam Kevin wieder an den Tisch. Ich stand auf ließ ihn wieder hinsitzen. Aber kaum saß er, kam Harry an.
„Kevin? Eine Runde Pool?“
Kevin schaute zu Harry.
„Aber nur wenn du die nächste Runde zahlst!“
„Okay“, kam es von Harry und ich musste Kevin wieder heraus lassen.
„Ich glaube ich geh eine Rauchen“, meinte ich, da ich nun ja sowieso schon stand.
„Kann ich mit?“, fragte Lucas.
„Du rauchst?“
„Nein, aber ich wollte auch mal kurz an die frische Luft.“
Lucas stand auf und Bell erhob sich ebenfalls.
„Bell, Platz!“
Bell legte sich wieder nieder.
„Und sie bleibt dann wirklich liegen?“
„Ja, wenn ich nicht so lange wegbleibe…“
„Gut gezogen!“
„Wenigstens jemand der auf mich hört.“
Lucas folgte meinen Blick zu Kevin und fing an zu lachen.
*-*-*
Lucas
Ich wusste nicht was mit mir los war, aber seit ich Bill begegnet war, arbeitete mein Hirn auf Hochtouren. So trostlos die vergangenen Wochen auch waren, so super fühlte ich mich heute. Er zog an seiner Zigarette und blies den Rauch in den Himmel.
Der zog wie eine Nebelschwade langsam von uns ab. Im Schein der Laterne funkelten seine Augen, wie das Sternenmeer über uns, das jetzt aber von dicken Schneewolken verdeckt war.
Der Schnee hatte kräftig angezogen. Auf der Straße war einiges liegen geblieben und auch die Fahrzeuge waren alle bedeckt.
Ich beobachtete Bill weiter, ohne dass er etwas davon merkte. Warum zog mich dieser Mann so an. Mir war klar, dass ich schon immer einen Hang zu Dramatischen hatte, aber das schlug jetzt beim Fass den Boden durch. Ich interessierte mich für einen Mann?
„Es ist kalt geworden“, meinte Bill und zog seinen Schal enger.
„Ja und es liegt zwar nicht viel Schnee, aber unter die Schneedecke ist es glatt“, erwiderte er und rieb mit dem Schuh über den Boden.
Ich wollte etwas erwidern, als die Tür zum Pub aufgestoßen wurde. Kevin erschien und schaute sich um, bis er uns erspähte.
„Ach hier seid ihr…, scheiße, es hat ja geschneit.“
„Ja unter dem Schnee ist es spiegel glatt“, fügte ich hinzu.
„Mist und wir soll ich dich nach Hause bringen?“, fragte Kevin.
Ich zuckte mit den Schultern.
„… ihr könnt doch auch bei mir schlafen“, sagte Bill hinter mir.
Hatte ich gerade richtig verstanden?
„Das wäre nett, Brüderchen. So kann ich wenigstens noch Einen oder Zwei trinken.“
*-*-*
Es kam wie es kommen musste und mein allerbester Freund war wieder heftig besoffen. Das war ja nicht ungewöhnlich, denn ich war ja öfter mit Kevin weg. Dieses Mal war aber sein älterer Bruder Bill dabei.
Das letzte Stück hatte ich Bell übernommen und Bill kurzerhand seinen Bruder über die Schulter geworfen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Kevin leicht war, aber bei Bill sah das so leicht aus.
Vor einem kleinen Häuschen ein paar Straßen weiter, blieb Bill plötzlich stehen.
„Lucas, könntest du meinen Schüssel aus der rechten Jackentasche ziehen. Mit Kevin auf der Schulter komme ich nicht hin.“
„Kein Problem…, Moment.“
Ich trat an ihn heran, griff in die Jackentasche und wurde sofort fündig. Aber etwas anderes fand ich auch. Der Geruch der von Bill verströmte war gut. Anders konnte ich es nicht ausdrücken.
Ich zog eine Brise in mich auf und betrat dann den kleinen Vorgarten, Bell immer noch schön an meiner Seite. Bill folgte mir im gewissen Abstand. Ein Licht ging an, als ich die zwei Treppenstufen hinauflief.
Irgendwo schien ein Lichtsensor zu sitzen.
„Welcher Schlüssel ist es denn?“
„Der Größte…“
Ich schaute mir den Schlüsselbund an und fischte den Größten heraus. Bell stand neben mir und wedelte freudig mit dem Schwanz. Sie konnte es wohl auch noch kaum erwarten ins Warme zu kommen.
Mit meinen eiskalten Finger erwies es sich als kleine Schwierigkeit, den einzelnen Schlüssel richtig zu greifen und auch noch die Tür aufzuschließen. Nach ein paar missglückten Versuchen, bekam ich die Tür endlich auf.
Ich schob die Tür auf und trat zur Seite.
„Danke Lucas“, meinte Bill und zwängte sich vorsichtig in den Hausflur, „und lass Bell einfach von der Leine.“
Wie geheißen, lies ich Bell von der Leine und schloss die Haustür hinter mir. Ich knöpfte meine Jacke auf und brachte sie zur Garderobe. Auf dem Boden standen schön aufgereiht ein paar Schuhe.
Ich öffnete die Schnürsenkel und stellte meine daneben. Dann folgte ich Bill und kam zu einem Zimmer, wo der gerade dabei war Kevin abzulegen. Der war so hinüber, dass er nichts mehr mitbekommen hatte.
„Ich bin gleich bei dir“, sagte Bill, als er mich an der Tür bemerkte.
„Du brauchst mir nur zu sagen, wo ich schlafen soll.“
Bill hielt in der Bewegung inne.
„Mist?“
„Was ist?“
„Eigentlich ist das Bett hier für dich, sorry ich habe absolut nichts gedacht. Moment ich trage Kevin schnell hinüber in mein großes Bett und…“
„Lass doch“, unterbrach ich ihn, „mir reicht auch eine Couch.“
„Dass wäre ja noch schöner. Nein, ich bring Kevin hinüber zu mir.“
Er machte Anstalten Kevin wieder hochzuheben. Ich ging zu ihm und legte meine Hand auf seinen Arm.
„Lass es bitte.“
Er schaute mich durchdringend an.
„Aber auf der Couch schläfst du auch nicht… macht es dir etwas aus… ähm bei mir zu schlafen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Also ich meine… du weißt ich bin schwul und…“
Ich grinste ihn nur an.
„Okay“, meinte er und begann Kevin auszuziehen.
„Ich weiß nicht, wie oft ich dass schon gemacht habe.“
„Was?“
„Kevin ausziehen!“
Jetzt musste ich lachen und begann ihm zu helfen. Schnell waren Schuhe, Socken und Hose aus, während Bill sich mit der Oberbekleidung befasste.
„Man könnte meinen, du hast dass schon öfter gemacht“, sagte Bill.
„Kevin hat auch schon mehrere Male bei mir übernachtet“, erklärte ich.
Bill lächelte mich an. Er deckte Kevin zu und schob mich dann aus dem Zimmer.
„Noch ein Bier oder so etwas“, meinte Bill und schloss hinter sich Kevins Zimmer.
„Lieber so etwas…“
„Ich nickte.
„Tee?“
Wieder nicke ich. Er öffnete eine andere Tür und ich bekam Einblick in seine Küche. Der Boden fühlte sich warm an und so machte es mir nichts aus mit Socken herum zu laufen. Bill befüllte einen Wasserkocher und schaltete ihn an.
Es machte Spaß ihn zu beobachten. Seine Bewegungen waren so fließend. Halt, was war hier los? Ja Bill war schwul… Gott verdammt, war ich es auch? Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Es würde vieles erklären…, aber warum merkte ich das erst jetzt?
„Ist etwas?“, fragte mich Bill.
*-*-*
Bill
„Alles in Ordnung, Lucas?“
Lucas Gesicht war bleich, seine Augen glasig. Irritiert schaute er auf.
„Hast du etwas gesagt?“
„Ich fragte, ob alles in Ordnung sei?“
Lucas nickte, obwohl ich ihm dass nicht glauben konnte. Der Wasserkocher machte sich bemerkbar und so nahm ich ihn aus der Vorrichtung und füllte zwei Tassen mit heißem Wasser.
„Lebst du schon lange hier?“, fragte Lucas hinter mir.
„Seit fast zehn Jahren. Bin günstig dran gekommen und musste viel selbst renovieren.“
Ich drehte mich wieder zu ihm. Seine Gesichtsfarbe hatte sich etwas normalisiert, aber seine Augen waren immer noch glasig. Ich reichte ihm die Tasse Tee.
„Komm, lass uns rüber ins Wohnzimmer gehen.“
Er nickte und folgte mir. Ich löschte das Licht in der Küche und durchquerte den Flur. Bell war bereits im Wohnzimmer und hatte es sich in ihrem Korb bequem gemacht.
„Schön hast du es hier“, hörte ich Lucas hinter mir sagen.
„Danke.“
Ich setzte mich auf die Couch, während Lucas ließ auf einem der Sessel nieder.
„Und mit dir ist wirklich alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt.
Er nickte erneut.
„Die vergangenen Wochen und Monate waren nicht leicht… und heute ist der erste Tag, wo ich irgendwie positiv in die Zukunft blicken kann…“
„Das ist doch schon mal etwas.“
Das konnte nicht alles sein. Ich hatte seine Augen beobachtet, die die ganze Zeit starr auf die Tasse schauten. Irgendetwas schien da noch zu sein.
„Ich überlege gerade, ob ich nicht auch hier in die Gegend ziehen sollte, wenn das mit dem Job etwas Festes wird.“
„Gute Idee, aber wie heute morgen gesagt, erst mal nur sechs Monate.“
„Damit kann ich leben, aber ich muss von zu Hause heraus.“
„Kann ich mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, mit der Mutter in einem Haus zu wohnen.“
„Vorstellen? Du hast keine Ahnung wie nervend dass ist, du hast fast kein Privatleben, in alles mischt sie sich ein.“
„Und warum hast du nicht schon früher den Absprung geschafft?!“
„Das liebe Geld! Bisher habe ich eben noch keine Festanstellung gefunden. Und ein Stiefvater tut sein Übriges.“
„Stiefvater?“
„Ja, er ist arbeitslos wie ich…“
„… na ja, im Augenblick nicht.!
„Ja, aber er versäuft das wenige Geld, dass meine Mutter verdient… es ist ein Teufelskreis.“
Ich nickte. Schnarchen drang von draußen in den Raum und wir mussten beide grinsen.
„Also ich mach mich lang…“, meinte ich.
„Ich auch…, will ja morgen nicht gleich verschlafen.“
„Morgen sicherlich nicht. Dein Personalchef höchst persönlich wird dich aus den Federn schmeißen.“
Er grinste und seine Augen sahen auch nicht mehr so traurig aus. Ich brachte die Tassen kurz in die Küche zurück. Dann löschte ich alle Lichter bis auf das im Flur.
„Man folge mir“, meinte ich und lief die Treppe hinauf.
*-*-*
„Brauchst du ein Schlafshirt oder Ähnliches?“
Lucas schüttelte den Kopf.
„Hier ist es schön warm und da reicht die Shorts.“
„Welche Seite?“
„Hm?“
„Auf welcher Seite du schlafen möchtest?“
„Ach so…, da richte ich mich nach dir.“
„Okay.“
Mittlerweile waren auch die letzten Hüllen gefallen und ich stand nur noch in Shorts da. Ebenfalls Lucas, der etwas verlegen seine Klamotten über den Stuhl hängte.
„Hinter der Tür ist das Bad.“
„Danke.“
„Benutz einfach alles was du brauchst…“
Lucas verschwand im Bad, während ich ihm nachschaute. Ein absolut süßer Kerl dachte ich, aber wohl nichts für mich.
*-*-*
Der Radiowecker verrichtete seinen Dienst und weckte mich pünktlich. Lust hatte ich zwar keine zum Aufstehen, aber es half nichts. Plötzlich kam die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück und dass ich nicht alleine im Haus war.
Mein Kopf drehte sich leicht nach links. Aber was war das? Das Bett neben mir war leer. Wo war Lucas? Ich warf die Decke zurück und spürte gleich, dass ich gestern vergessen hatte, das Fenster zu schließen.
Fröstelnd zog ich mir ein Hemd über und lief in den Flur. Von unten drangen Geräusche aus der Küche. Auf Zehnspitzen lief ich die Treppen hinunter und fand Lucas in der Küche.
„Morgen Chef!“, sagte Lucas lächelnd und stellte drei Tassen auf den Tisch.
„Öhm… guten Morgen…, bist du aus dem Bett gefallen, oder warum bist du schon zu fit?“
„Nein, ich konnte nicht richtig schlafen…“
Er wollte diese Aussage wohl nicht weiter ausführen. Ich verließ die Küche und ging ins Zimmer meines Bruders. Ich blieb kurz grinsend stehen. Wie man so schlafen konnte war mir ein Rätsel.
Er lag auf dem Bauch, ein Fuß hing halb vom Bett und der Kopf lag verdreht am Betende.
„Kevin… Aufstehen!“
„… noch… eine viertel Stunde…“, bekam ich als Antwort.
„Nichts da, aufstehen aber flott!“
„… Sklaventreiber.“
„Immer wieder gerne!“
Ich verließ ihn wieder und ging zur Küchentür. Bell kam mir entgegen und ich wuschelte ihr über den Kopf.
„Ich zieh mich schnell an, du kannst schon mal den Kaffee einschenken.“
„Mach ich“, kam es lächelnd von Lucas.
Schneller als sonst war ich durchs Bad und kam wenige Minuten später wieder in der Küche an. Kevin hatte es tatsächlich fertig gebracht und saß am Küchentisch, allerdings noch in Shorts.
„Na, Bruderherz, gut geschlafen?“
„… wie ein Toter“, meinte er und stütze seinen Kopf ab.
„Tote schnarchen?“, fragte Lucas und griff sich ein Brot.
Ich musste grinsen.
„… hat wer eine Kopfwehtablette für mich“, jammerte Kevin.
Nun seufzte ich und stand wieder auf.
„Vielleicht solltest du ein paar Gläser Bier weglassen“, meinte ich und öffnete den Hängeschrank neben der Spüle.
„Soviel…, waren dass doch gar nicht.“
„Stimmt, solange du nüchtern warst, waren es nicht viele“, sagte ich und griff nach dem Päckchen mit den Schmerztabletten.
„Ich glaub ich… sollte damit aufhören.“
„Welche weiße Eingebung, Bruderherz.“
Kevin schaute auf und grinste schief.
„Kann ja nicht jeder so diszipliniert sein wie du!“
Ich befüllte ein Glas mit Wasser, stellte dies zu Kevin und legte die Tablette daneben.
„Danke!“
„Bitte.“
Lucas saß einfach nur da, kaute an seinem Brot und grinste.
*-*-*
„Gwenn, schauen sie sich das mal an“, rief ich zur offenen Tür hinaus.
Wenige Sekunden später betrat die Gerufene mein Büro.
„Um was geht es?“
„Hier ist der Bericht über Amestist&Borger.“
„Ja?“
Ich hielt ihr die Liste mit den Firmen unter die Nase, die Marc im Auftrag seiner Firma aufgekauft hatte.
„Fällt ihnen etwas auf?“
Gwenn nahm beide Blätter in die Hand und lass nachdenklich darüber.
„Warum ist mir das nicht vorher aufgefallen?“, fragte sie plötzlich.
„Ich habe es auch nur durch Zufall entdeckt.“
Sie nickte. Sämtliche Expansionen der Firma Amestist&Borger fielen mit den Firmenaufkäufen von Marc zusammen.
„Ein erneuter Angriff auf unsere Firma?“
„Ich weiß es nicht. Auf alle Fälle verschwanden diese Firmen aus dem Handelsregister und tauchen hier als Tochterfirmen der Firma wieder auf.“
Gwenn schaute mich durchdringend an.
„Kann ich mal kurz telefonieren?“, fragte sie.
Ich nickte.
Sie nahm meinen Hörer und tippte eine Nummer ein.
„Hallo Molly… ja gut und dir… hört sich gut an… ja… du, warum ich anrufe…, du hast mir doch von diesem Marc Oswald erzählt… arbeitet der noch für euch?“
Ich schaute sie verwirrt an. Woher hatte sie so gute Kontakte.
„Wie… der hat nie für euch gearbeitet…, dass verstehe ich nicht… wenn… ach so, das wusste ich nicht… okay, dass war es schon… ja danke, du auch… bye!“
Sie legte auf und sah mich an.
„Dieser Marc Oswald hat nie für Campel gearbeitet…, Campel ist eine Tochterfirma von…“
… Amestist&Borger“, beendete ich ihren Satz.
„Nicht ganz…“
Jetzt verwirrte sie mich noch mehr. Gwenn verließ kurz mein Büro, um mit einem Stapel an Papieren wieder zurück zu kommen. Diesen legte sie vor mich.
„Campel ist eine Tochterfirma der amerikanischen Dolfgroup, deren Firmenbesitzer kein anderer als Oswald ist.“
„… sein Bruder?“
„Nein sein Vater.“
„Aber was hat sein Vater mit Amestist&Borger zu tun?“
„Hier der Lebenslauf von Marc Oswald“, meinte sie und zeigte auf das Blatt vor mir.
Ich schaute sie an und sie zuckte mit den Schultern.
„Sagen wir mal so, ich bin eben gerne gut informiert, mit wem unser Haus Geschäfte macht, oder wer eventuell mein neuer Vorgesetzter gibt.“
Ich musste lächeln und schaute auf die Stelle, die mir Gwenn zeigte.
„… Marc Oswald, Sohn des Industriellen Oswald. Oswalds, Besitzer der Dolfgroup. Mutter Lauren Borger – Oswald…“
Fassungslos schaute ich Gwenn an.
„Es ärgert mich wirklich, dass mir dies nicht sofort aufgefallen ist“, gab Gwenn von sich.
„Schon gut, Gwenn. Es ist ja nicht so, als wüssten sie über alles Bescheid.“
„Was machen sie jetzt?“
„Hm, Amestist&Borger haben dreißig Prozent der Firmenanteile gekauft, um neues Kapital in unsere Firma zu schießen, damit können sie Barr und Stroud nicht übernehmen.“
„Es wurden schon mit weniger Anteilen, Firmen zum Untergang gebracht.“
„Nein Gwenn, das glaube ich nicht. Irgendetwas führen die im Schilde, weiß nur noch nicht was, aber ich werde es schon noch heraus finden. Gwen, dass bleibt erst einmal unter uns!“
Gwenn nickte. Sie verließ kurz das Büro und kam mit einem leeren Ordner zurück. Fragend schaute ich sie an.
„Da werden sicher noch mehr Unterlagen zusammen kommen, oder?“
„Stimmt“, meinte ich und gab ihr die ganzen Papiere.
*-*-*
„Nachdenklich saß ich vor dem Feuer in meinem Wohnzimmer. Das Holz knisterte. Bell lag vor meinen Füßen und hatte ihren Kopf auf ihre Pfoten gebettet. Ich nippte an meinem Whiskey.
Wie oft ich nun schon die Papiere dieser Firma durchgegangen war, wusste ich nicht mehr. Ich klappte den Ordner zu und legte ihn beiseite. Müde rieb ich mir die Augen. Ich verstand die Firmenphilosophie nicht.
Die Firmen die sie geschluckt hatten waren in so vielen unterschiedlichen Gebieten tätig. Traktormotoren, Möbel, Mode und vieles anderes, sogar eine Firma, die medizinischen Bedarf herstellte. Wie passte da die Glasfirma Barr und Stroud dazu?
Bell hob den Kopf und sah mich an. Es klingelte an der Haustür.
„Nanu, bekommst du noch Besuch?“, meinte ich grinsend zu Bell und strich ihr über den Kopf.
Ich stellte meinen Whiskey ab und erhob mich. Keine Ahnung, wer mich um die Zeit noch besuchte. Schon müde lief ich zur Haustür und öffnete sie. Geschockt schaute ich meinem Gegenüber in die Augen.
„Was willst du hier?“, fragte ich Marc säuerlich.
„Dich besuchen…?“
„Es hat dich niemand eingeladen!“
„Muss es das…?“
Ich begann zu frieren. Langsam schob ich die Haustür auf und ließ Marc eintreten. Ich schloss die Tür und er öffnete seinen Mantel.
„Hör mal Bill…, ich wollte mich…“
„Wenn du dich entschuldigen willst, bist du bei mir an der falschen Adresse“, winkte ich ab.
„Bill…, jetzt lass mich doch erklären.“
„Was soll es da noch groß zu erklären geben? Du hast versucht unsere Firma zu übernehmen und mich dazu benutzt.“
„Glaubst du… das wirklich?“
„Ich weiß gar nicht was ich glauben soll, Marc“, sagte ich nun etwas energischer, „oder willst du mir erzählen, am Anfang war es Spaß und dann kam die große Liebe?“
„Ja…“
„Marc, dass ist gequirlte Scheiße…, so etwas kommt doch nur im Fernsehen.“
„Du… hast gesagt…, dass du mich noch liebst.“
„Hatte ich…, aber mittlerweile denke ich… nein ich weiß es…“
Ich schüttelte meinen Kopf.
„Marc, das war alles nur Einbildung…, ich liebe dich nicht mehr…!“
Sein Blick wurde traurig.
„Du hast mich sehr verletzt und hintergangen.“
„Aber ich…“
„Vergiss es einfach, ich tu es auch.“
Das war zwar von mir gelogen, aber das brauchte ich ihm ja nicht gerade auf seine Nase zu binden. Ich öffnete die Haustür.
„Leb Wohl Marc…, vielleicht findest du ja jemand, der deine Spielchen mit dir teilt. Ich für meinen Teil werde jetzt meinen Whiskey zu Ende trinken und mich dann schlafen legen.“
Ohne auf Antwort zuwarten, ließ ich die Haustür ins Schloss fallen. Hatte der doch die Dreistigkeit hier aufzutauchen. Ich löschte das Licht im Flur und ging zum Wohnzimmer zurück.
Schlafen konnte ich jetzt vergessen, so aufgewühlt ich war. Ich griff nach meinem Whiskey und nahm einen Schluck. Wie konnte Marc nur denken, dass ich ihn zurück wollte? Ich schüttelte den Kopf.
*-*-*
Müde und gerädert kam ich im Geschäft an. Irgendwann musste ich wohl eingeschlafen sein, aber es war eben zu kurz. Ich betrat das Firmenhaus und wenig später mein Büro.
„Morgen Chef!“, begrüßte mich wie immer die lächelnde Gwenn.
„Morgen Gwenn.“
„Sie sehen aus, als hätten sie zu wenig Schlaf bekommen.“
Ich hängte meine Jacke an den Haken.
„Habe ich auch… ein unverhoffter Besuch hat mir den Schlaf geraubt.“
„Es handelt sich da nicht zufällig um einen gewissen Marc Oswald?“
Etwas erschrocken sah ich Gwenn an.
„Woher wissen sie?“
„Das war eine Vermutung! Was ich dagegen sicher weiß, dass seine Mutter heute hier zu einer Betriebsbesichtigung erscheint.“
„Seine Mutter?“
„Ja. Lauren Borger – Oswald. Der Chef will später mit ihr hier vorbei schauen“, antwortete Gwenn und reichte mir eine Mitteilung von Mr. Stroud.“
„Dann hat er also Verstärkung mitgebracht“, sagte ich mehr zu mir selbst.
„Könnte es sein…, dass es noch einen anderen Grund gibt…, warum Frau Borger – Lauren hier Geld ins Geschäft pumpt?“, fragte Gwen.
„Ich weiß es nicht!“
Ich zuckte mit den Schultern und lief in meinen Raum nebenan. Meine Gedanken überschlugen sich. Was hatten die vor? Ich ließ mich auf meinen Chefsessel fallen, während Gwenn ins Zimmer kam und ohne mich zu fragen, einen Kaffee servierte.
Aber anstatt mein Büro wieder zu verlassen, blieb Gwenn an meinem Schreibtisch stehen. Gedankenverloren schaute ich sie an.
„Ich will ihnen ja nicht zu Nahe treten…“
„Was…?“
„Könnte es sein, dass dieser Marc sich mütterliche Verstärkung geholt hat?“
„… ähm, wie meinen sie das?“
„Ich habe von ihrem kleinen Disput in der Kneipe gehört… und denke, dass dieser Marc doch eventuell mehr von ihnen wollte…, als sie auszunutzen.“
Etwas verzweifelt schaute ich sie an und schüttelte den Kopf.
„Dann müssten sie auch wissen, dass er vor versammelter Mannschaft…, ich zitiere: …ich kann hier jeden haben, der auf Männer steht. Jeder ist ersetzbar… gesagt hat. Das hört sich nicht danach an, als hätte er das wirklich ernst gemeint.“
„Es war auch nur so ein Gedanke…, dass vielleicht seine Mutter deswegen Geld in die Firma schießt, damit die Firma nicht schließen muss, keine Entlassungen anstehen und die Arbeitsplätze auf Dauer gesichert sind.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ich gebe ihnen Bescheid, wenn sich die hohen Herrschaften uns nähern“, sagte Gwenn und verließ mein Büro wieder.
Gut, Marc wusste, wie wichtig mir das Wohlergehen der Belegschaft war. Aber wieso diese 180 Grad Drehung, erst aufkaufen wollen und jetzt Geld zu schießen. Wollte er mich damit beeindrucken?
Er kann doch gar nicht wissen, dass ich die Zusammenhänge gefunden habe, oderdenkt ich bin einfach schlau genug, sie zu finden. Draußen klopfte es. Wenig später hörte ich Gwenn reden.
„Guten Morgen Mr. Stroud.“
„Guten Morgen Gwenn…, ist Bill da?“
„Ja, er erwartet sie schon.“
„Darf ich ihnen Mrs. Borger – Oswald vorstellen. Sie ist die neue Teilhaberin unseres Betriebes.“
Ich atmete tief durch und stand auf. Langsam lief ich zur Tür, wo auch schon Mr. Stroud und Gwenn in Sicht kamen.
„Ah Bill, guten Morgen. Darf ich ihnen Mrs. Borger – Oswald vorstellen.“
Gwenn ging zur Seite und gab mir die Sicht auf die Dame frei. Aber nicht wie erwartet, stand da eine stark geschminkte, in Designerklamotten gepresste Frau vor mir, sondern eine unscheinbar wirkende ältere Dame. Ich hob meine Hand.
„Guten Morgen, Mrs Borger Oswald.“
Sie trug eine braune Bluse auf Jeans. Ihre Haare waren kurz und grau. Das Gesicht mit einigen Kummerfalten übersät.
„Guten Morgen Mr. Savage. Endlich lerne ich sie kennen, meine Sohn hat mir schon vieles über sie erzählt.“
Stroud und Gwenn schaute mich gleichermaßen überrascht an.
„Ich hoffe nur Positives…“
Eine andere Antwort fiel mir nicht ein. Ein kleines Lächeln machte sich in Mrs. Borger – Oswalds Gesicht breit.
„Ja, er hat nur in den höchsten Tönen von ihnen geschwärmt.“
Unbehagen machte sich in mir breit. Sie musste doch wissen, dass ich mit ihm Schluss gemacht hatte.
„Jeffrey, hätte jede Firma einen so aufgeschlossenen Personalchef wie ihre Firma, müssten nicht so viele Firmen schließen.“
Sie nannte ihn schon per Vornamen, dass tat niemand hier in der Firma. Ich wusste nicht mal, ob jemand seinen Vornamen kannte. Stroud nickte ihr zu, aber ich sah ihm an, dass er nicht verstand, was sie meinte.
„Bill… ich darf sie doch Bill nennen…“, fragte sie und ich nickte, „… könnten sie mir etwas die Firma zeigen?“
Damit war mein Chef wohl aus dem Rennen.
„Aber gerne doch“, sagte ich lächelnd.
Gwenn hatte Mühe sich ein Grinsen zu verkneifen und Mr. Stroud wurde rot im Gesicht.
*-*-*
Die Führung war zu Ende und ich brachte Marcs Mutter noch zu ihrem Wagen. Ein Chauffeur hielt ihr die Tür offen.
„Bill, wir müssen uns unbedingt bei einer Tasse Tee über dieses Thema weiter unterhalten, wäre ihnen heute Mittag vier Uhr Recht?“
Das war keine Frage, sondern ich wusste, dass ich dies nicht ausschlagen dürfte.
„Kein Problem, das lässt sich einrichten“, antwortete ich.
„Gut, dann heute Mittag um vier im Balmoral.“
Ich nickte. Natürlich eine Top Adresse, auch wenn es nicht ganz zu ihr passte. Sie stieg ein und ihr Fahrer schloss die Tür. Ich dagegen blieb anstandshalber noch stehen, bis der Wagen das Gelände verlassen hatte.
„Klasse Frau!“
Ich fuhr erschrocken herum. Lucas stand hinter mir.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“
Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Dieser Mann durfte mich so oft erschrecken wie er wollte.
„Nicht schlimm! Was führt dich zu mir?“
„Ich habe dich im Hof gesehen und wollte kurz Hallo sagen.“
Mein Lächeln verstärkte sich.
„Was machst du heute Abend?“, fragte ich, selbst über mich überrascht.
„Ich habe noch nichts vor.“
„Treffen wir uns in der Kneipe?“
„… können wir…“
Ich spürte, dass ihm diese Antwort Unbehagen bereitete.
„Ist irgendetwas?“
Lucas lief rot an. Mein Gott, war der süß!
„Ich…, ich müsste dann… ich habe ja noch keinen Wagen und… wenn ich etwas trinken möchte.
Ich verstand.
„Du müsstest dann von meinem Gästezimmer Gebrauch machen.“
Er nickte.
„Das ist doch kein Problem…, okay dann sehen wir uns heute Abend.“
Wir standen dich voreinander und mein Verlangen, ihn jetzt einfach in den Arm zunehmen und zu küssen, war heftig, aber mein Verstand gebot mir Einhalt.
„Dann bis heute Abend“, meinte Lucas plötzlich und lief weiter Richtung Fertigungshalle.
Ich schaute ihm noch etwas nach, spürte aber wir mir Zusehens kälter wurde. Es fing wieder an zu schneien. Zügig betrat ich das Verwaltungsgebäude und wenige Minuten später war ich wieder in meinem Büro.
„Wie war die Führung?“, fragte Gwenn.
„Sie führte zu einer Einladung zum Tee heute Mittag“, antwortete ich.
„Oh, doch gleich so intim!“
Ich hörte den Unterton in Gwenns Stimme und musste grinsen.
„Ich muss doch wissen, welche Waffen die Gegenseite auffahren will und was gibt mir das die beste Möglichkeit dazu? Ein intimes Gespräch zu zweit!“
Gwenn grinste mich an.
*-*-*
Die heftigen Schneefälle machten es mir fast unmöglich gut durch die Straßen zu kommen. Entnervt vor dem Hotel angekommen, kam ein Boy und bat mich um meine Wagenschlüssel. Ich übergab ihm diese und sah zu, wie er den Wagen in die enge Einfahrt der Tiefgarage fuhr.
Ich lief die kleine Treppe zum Eingang hinauf und auch hier war ein Boy, der mir die Tür aufhielt.
„Herzlich willkommen im Balmoral“, ließ er verlauten und ich nickte ihm zu.
Trotz meiner Stoffhose und Hemd kam ich mir jetzt etwas deplatziert vor. Langsam kam ich zur Rezeption, die mit einer jungen Frau und einem älteren Herren besetzt war.
„Guten Tag, sie wünschen?“, fragte mich die junge Dame.
„Mein Name ist Bill Savage und ich habe eine Verabredung mit Mrs. Borger – Oswald.“
„Sie werden schon erwartet…, würden sie mir bitte folgen?“
Ich nickte. Der Blick des älteren Herren, wie er mich musterte, war mir natürlich nicht entgangen. So folgte ich der jungen Frau, die mich ins Restaurant des Nobelschuppens brachte.
Sie wies mit der Hand in eine Richtung, wo ich Marcs Mutter auch entdeckte.
„Danke!“, sagte ich, worauf mich die Frau alleine ließ.
Ich schlängelte mich durch die Tische, bis ich bei meiner Gastgeberin ankam.
„Hallo Bill, da sind sie ja endlich!“
„Entschuldigen sie Mrs. Borger – Oswald…, bei diesem vielen Schnee war ein gutes Durchkommen fast unmöglich.“
„Hauptsache sie sind sicher hier angekommen.“
Ich nickte und setzte mich zu ihr an den Tisch.
„Sie wollten mit mir über Produktionsvorschläge reden, Mrs. Borger – Oswald…, wäre da nicht Mr. Harris aus der Entwicklung besser gewesen?“
Diese Frage hatte mich schon die ganze Zeit beschäftigt.
„Zum Ersten…, Bill nennen sie mich bitte Glenda… und zum zweiten muss ich gestehen, dies war nur ein Vorwand, um sie näher kennen zu lernen. Wobei ich nicht behaupten möchte, dass ich nicht über das Wissen verfügen, welches nötig wäre, um in der Produktplanung mitzuwirken.“
Einerseits schmeichelte mir dies, aber andererseits störte es mich auch. Hatte Marc sie wirklich auf die Firma angesetzt, oder so wie Glenn vermutete auf mich? Ich beschloss zum Gegenangriff überzugehen. Wenn sie ehrlich war, wollte ich es auch sein.
„Hat dieses Treffen eventuell etwas mit ihrem Sohn Marc zu tun?“
Sie schwieg kurz, rührte in ihre Tasse Tee herum und schaute mich dann wieder an.
„Bill…, ich will nicht um den heißen Brei reden, aber ich denke, ich muss etwas weiter ausholen, damit sie verstehen, warum ich das alles hier mache.“
Ich nickte und nahm ebenso ein Schluck Tee.
„Sie müssen wissen, dass die Ehe mit meinem Mann nur noch auf dem Papier rechtskräftig ist. Er hat mich geheiratet, um einen wirtschaftliche Zweig in England zu besitzen. Wobei ich anmerken muss, es gehört nach wie vor alles mir, er ist nur ein kleiner stiller Teilhaber.“
Ich verstand nicht, warum sie mir das nun erzählte.
„Durch Marc bin ich mittlerweile über die Geschäftspraktiken informiert und möchte ihnen zusichern, dass ich mich davon distanziere. Ich halte nichts davon, Firmen aufzukaufen und sie samt Belegschaft gewinnbringend zu veräußern.“
„Aber, die meisten Firmen laufen doch jetzt unter der Dolfgroup als Tochterfirmen weiter.“
„Ich sehe Bill, sie haben ihre Hausaufgaben gemacht.“
Sollte ich darauf stolz sein?
„Aber es sind nur die Firmen, die rentabel gewesen sind.“
„Und welche Rolle spielte dabei ihr Sohn?“
Hatte ich meine Frage zu sehr mit Unterton gestellt?
„Dazu muss ich auch noch etwas erklären. Ich lebe das ganze Jahr über hier in Schottland und bin nur selten in Amerika. Mein Sohn Marc allerdings, zu meinem Leidwesen, ging in Amerika auf die Schule und studierte dort auch, so dass die Erziehung, wenn man sie so überhaupt nennen kann, meinem Mann zu fiel.“
Interessant!
„Sie müssen mir glauben, dass ich mit vielem, wie mein Sohn sich gibt, oder von sich gibt, nicht immer einverstanden war. Genauso wenig, dass er sich von meinem Mann hat einspannen lassen, um Firmen aufzukaufen.“
Ja, dass hatte ich ja am eigenen Leib zu spüren bekommen.
„Sonst ist Marc ein lieber Kerl…, solange er nicht unter dem Einfluss meines Mannes stand.“
Stand?
„Marc kam vor zwei Wochen zu mir, unerwartet, und klärte mich in einem langen Gespräch bis tief in die Nacht über alles auf.“
Also musste sie auch über die Beziehung zwischen Marc und mir Bescheid wissen.
„Nach diesem Gespräch habe ich Marc einfach alleine gelassen und bin zu Bett gegangen. Es war einfach zu viel für mich. Auch wusste ich bisher nichts darüber, wie sich das Leben meines Sohnes privat gestaltete.“
Ich spürte, wie langsam das Blut unter meine Gesichtshaut kroch. Glenda lächelte etwas.
„Ich sehe, sie wissen was ich meine. An diesem Wochenende ließ ich mir von Marc alles zeigen, welches das Geschäftsgebaren meines Mannes komplett offen legte. Auch wie die beiden bei ihrer Firma vorgingen und ich muss zugeben, ich war geschockt.“
Dies konnte ich mir gut vorstellen.
„Dann kam eben noch diese kleine Geschichte über sie und Marc heraus“, sprach sie im leisen Ton weiter, „und meine Meinung ist…, mein Sohn hat es nicht anders verdient! Ich wäre mit ihm genauso verfahren.“
O ha und dies von meiner fast angehenden Schwiegermutter. Ich konnte nicht anders und musste etwas lächeln.
„Was belustigt sie daran, Marc?“
„Dass sie in Sachen Marc die gleiche Meinung haben.“
„Nicht ganz junger Mann, denn ich bin eine Verfechterin der zweiten Chance. Jeder sollte eine zweite Chance bekommen, auch wenn er einen riesen Mist gebaut hat.“
Da konnte ich nicht mithalten. Den Schmerz, den ich immer noch empfand, war einfach zu groß. Glenda senkte den Kopf leicht nach links und schaute mich durchringend an.
„Was meinen sie dazu?“
Ich überlegte kurz, um die passenden Worte zu finden.
„Generell gebe ich ihnen Recht, Glenda…“
„… aber?“
„Es kommt auch darauf an, was derjenige gemacht hat. Nicht für alles gibt es eine zweite Chance.“
„Auch nicht für Marc?“
*-*-*
Bell lag wie immer vor meinen Füssen und wärmte sie. Zu Hause hatte ich es nicht mehr ausgehalten. Ich war Glenda am Mittag die Antwort schuldig geblieben, denn ich konnte darauf nicht antworten.
Die ganze Zeit schwirrte mir diese Frage im Kopf herum.
„Schon lange da?“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken.
Ich schaute auf und sah Lucas.
„Oh hallo Lucas…“
„Entschuldige, du musst ja meilenweit weg gewesen sein.“
Ich schüttelte den Kopf. Bell war aufgestanden und ließ sich genüsslich von Lucas kraulen. Er hing seine Jacke die Stuhllehne und setzte sich zu mir.
„Was ist los?“, fragte er mich.
Ich rieb mir über das Gesicht und atmete tief durch.
„Die Gegenseite fährt harte Bandagen auf.“
Lucas schaute mich fragend an und ich seufzte.
„Was hat dir Kevin über mich erzählt?“
Lucas hob seine Augenbraue hoch und das Fragezeichen in seinem Gesicht wurde noch größer.
„Wie meinst du das…, über dich erzählt?“
„Was du über mich weißt.“
Lucas atmete hörbar aus.
„Hm…, dass du Personalchef bei unserer Firma bist, alleine mit deinem Hund ein Häuschen bewohnst und… anscheinend vor kurzen etwas Pech in einer Beziehung hattest.“
„Etwas… ist gut.“
Lucas zuckte mit den Schultern.
„Du musst entschuldigen, ich höre mir nicht gerne Erzählungen aus dritter Hand an. Wenn mich etwas interessiert, dann möchte ich das schon im Original hören.“
„Und willst du wissen, was passiert ist?“
„Das kommt darauf an, ob du mir es erzählen willst. Wir kennen uns eigentlich noch nicht so richtig…, also ich meine… kennen schon, aber eng befreundet, ich hoffe du verstehst…?“
Ich konnte nicht anders und lächelte.
„Mir kommt es so vor, als würde ich dich schon ewig kennen…“
Nun lächelte auch Lucas.
„Okay… Kurzfassung. Eine Firma schickte einen Unterhändler, der den Kauf unserer Firma abwickeln sollte. Ich verliebte mich in ihn und fand aber heraus, dass der Interessent die Firma nur aufkaufen wollte, um sie anschließend zu zerpflücken.“
„Nicht schön und was passierte dann?“
„Ich habe ihm den Laufpass gegeben, weil mir ins den Sinn kam, dass er sich nur an mich heran gemacht hat, um es wegen der Firma leichter zu haben.“
„Glaubst du das wirklich?“
Ich nickte.
„Heftig. Und wie ging es weiter?“
„Seine Mutter tauchte auf und fragte mich, ob ich ihm nicht eine zweite Chance geben könnte?“
„…Mrs. Oswald – Borger?“, fragte Lucas ungläubig.
Wieder nickte ich. Lucas blähte seine Wangen auf und ließ langsam Luft ab. Ich sah, wie es in seinem Kopf anfing zu arbeiten.
„… und… und gibst du ihm eine zweite Chance?“
„Nein!“
„Die Antwort kam sehr schnell, du bist dir da also völlig sicher.“
„Schon.“
„Aber?“
Ich rieb mir kurz die Augen und nahm einen Schluck von meinem Bier. Sally kam an den Tisch.
„Hallo Lucas, möchtest du auch etwas trinken?“
„Ein Bier“, lächelte er.
„Kommt sofort!“
Sally lief zur Theke zurück und Lucas sah mich durchdringend an. Er wartete auf eine Antwort.
„Ich… ich weiß nicht. Wenn Glenda…“
„Glenda?“
„Glenda Oswald – Borger, die Mutter von Marc.“
„Aha.“
„Also wenn Glenda, nun ihr Geld deswegen nur in die Firma gesteckt, um bei mir für Marc Chancen einzuräumen und nicht wie behauptet einen Fehler ihres Mannes zu korrigieren…“
Nun hob Lucas beide Augenbrauen hoch.
„Das glaube ich nicht, Bill. Wegen so etwas so viel Geld auszugeben.“
„Mutterliebe…“
„Nein Bill, bei allem was Recht ist, das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen.“
„Ich will es mir auch nicht vorstellen, aber nach dem Gespräch heute Mittag, drängte sich mir der Gedanke auf. Zudem habe ich andere Dinge im Kopf, als mich in so ein Abenteuer zu stürzen.“
Bildete ich es mir nur ein, oder schaute Lucas jetzt enttäuscht.
„Also ich meine, ich werde sich nichts mehr mit Marc anfangen… es tat einfach nur höllisch weh.“
Lucas legte seine Hand auf meine. Sie fühlte sich warm und weiche an.
„Tat…?“
Wieder atmete ich scharf aus. Sally kam an unseren Tisch zurück und Lucas zog seine Hand zurück.
„So…, hier ist dein Bier.“
„Danke.“
Vorne ging die Tür auf und ich sah meinen Bruder herein laufen.
„Ich glaube, ich geh schon mal ein Bier zapfen“, meinte Sally, die wie ich ebenfalls Kevin erspäht hatte.
Lucas drehte den Kopf und schaute nun auch nach vorne.
„Oh, er hat Grace dabei“, hörte ich ihn sagen, bevor sich Lucas wieder zu mir drehte.
Nun fiel mir die junge Frau, die etwas verdeckt hinter Kevin stand ebenso auf. Er schaute sich kurz um, bevor er uns sah. Grinsend kam er auf uns zu.
„Hallo ihre beiden“, rief er uns entgegen.
„Hallo Kevin“, kam es von Lucas.
„Bruderherz!“, sagte ich.
„Bill, darf ich dir meine Freundin Grace vorstellen?“
Kevin ging etwas zur Seite und gab mir die Sicht auf Grace frei.
„Du stellst blöde Fragen! Was würdest du jetzt machen, wenn ich nein sagen würde?“
Lucas und Grace fingen an zu grinsen und Kevin lief rot an. Etwas, was ich schon lange nicht mehr an ihm gesehen hatte. Ich stand auf und reichte Grace die Hand.
„Hallo Grace! Was findest du an diesem Tunichtgut?“
Sie lachte laut auf und Kevin schaute mich entsetzt an.
„Hallo Bill, nett dich kennen zu lernen. Ich kann dir die Frage leider nicht beantworten… ich mag ihn halt.“
„… mag?“, stammelte Kevin.
Nun musste ich ebenfalls grinsen.
„Komm setzt euch, bevor mir Kevin an die Gurgel springt“, sagte ich und ließ mich wieder auf meinen Stuhl nieder.
Trotz dieses kleinem Wortaustausch, vergaß Kevin nicht Bell zu begrüßen. Die zwei setzten sich zu uns.
„Das glaube ich weniger, so wie mir Kevin immer von seinem großen Bruder vorschwärmt.“
Verblüfft schaute ich zu Kevin, der immer noch nicht seine Sprache gefunden hatte.
„… und dann die ganzen Geschichten, wie du ihm aus der Sche… ähm dem Schlamassel gezogen hast. Er kann wirklich froh sein, so einen Bruder zu haben.“
„Grace…!“, kam es nun von Kevin verlegen.
Sie grinste ich nur an und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen, du flirtest mit meinem Bruder.“
Lucas und ich fingen an zu lachen und Grace verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.
„Mein Bruder… eifersüchtig…, dass ich so etwas Mal erleben darf“, warf ich ein.
„Ja, macht euch nur lustig über mich.“
„Och Kevin“, sagte Grace und wuschelte ihm durch die Haare.
Sally kam an den Tisch und stellte Kevin ein Bier hin.
„Oh… äh… ich wollte nur eine Coke trinken“, kam es leise von Kevin, „ ich muss noch Auto fahren.
Verwundert schauten wir Kevin an.
„Eine Cola… und die junge Dame?“
„Ein Wasser bitte“, antwortete Grace.
Sally wollte das Bier wieder nehmen, doch ich winkte ab.
„Ich nehm es, meins ist eh fast leer!“, sagte ich.
Ich nahm mein Glas, leerte es und reichte es Sally.
„Danke“, meinte sie und zog ab.
Schmunzelt sah ich meinen Bruder an.
„Was?“
„Ich mag Grace…, sie scheint einen vernünftigen Menschen aus dir zu machen. Den Job, den ich die ganzen Jahre nicht fertig gebracht habe.“
Mein Bruder funkelte mich an, während Grace und Lucas wieder am Lachen waren. Sally kam mit einer Coke und einem Glas Wasser zurück und bediente die zwei.
„Danke!“, meinte Grace.
„Bill ich kann dich beruhigen, so schlimm ist dein Bruder überhaupt nicht.“
„Gut zu hören.“
Grace schaute zwischen mir und Lucas hin und her. Er nahm sein Bier und trank ein Schluck daraus.
„… und ihr zwei… seit zusammen?“, fragte Grace.
Lucas verschluckte sich am Bier und begann zu husten.
„… ähm nein…, sind wir nicht…“, sagte ich leicht verlegen.
„Kevin ließ so etwas verlauten… ihr würdet so gut zusammen passen.“
Ein kleiner Blick zu meinem Bruder verriet mir, dass er jetzt am liebsten im Boden versunken wäre.
„Oh… entschuldigt…, da war ich wohl zu voreilig.“
Lucas grinste Grace an.
„Was ja nicht ist, kann ja noch werden“, ließ er von Stapel, was mich nun verblüfte.
Die Verkupplungstheorie seitens meines Bruders nahmen Formen an. Lucas unterstrich das Gesagte damit, dass er wieder meine Hand nahm. Kevin schaute mich an.
„Habe ich etwas verpasst?“
Ich grinste ihn süffisant an.
„Nicht, dass ich wüsste“, sagte ich.
*-*-*
„Du mir macht es nichts aus in deinem Gästezimmer zu schlafen“, sagte Lucas.
„… und ich soll mich alleine in das große kalte Bett legen.“
Wir standen dicht bei einander. Er hob die Hand und streichelte sanft über meine Wange.
„Du… meintest das vorhin ernst im Pup, oder?“, fragte ich leise.
„Was?“
„Dass zwischen uns…“
Lucas nickte und zog mich sanft zu sich. Sekunden später spürte ich seine warmen, weichen Lippen und schloss die Augen. Ich ergab mich dem Kuss und erwiderte. So schnell es angefangen hatte, so schnell endete es auch wieder.
Ich öffnete wieder die Augen und Lucas‘ Gesicht war immer noch dicht bei mir. Seine Augen funkelten dunkel.
„Ich war schon damals in dich verliebt“, hauchte Lucas leise.
„Damals?“
„Ja… damals, als du mich nicht beachtet hast…, wer spielt schon mit einem fetten Jungen.“
„Was soll ich jetzt sagen?“
„Nichts!“, entgegnete Lucas und küsste mich erneut.
*-*-*
Wir lagen nebeneinander im Bett und schauten uns an.
„… du warst vierzehn…“
„Ja ich weiß! Vielleicht war es auch nur ein Schwärmen. Eigentlich habe ich erst jetzt begriffen, als ich dich wieder sah, dass da mehr ist als früher, ein anderes Gefühl. Ich fühlte mich aber immer so wohl und sicher, wenn du mit Kevn zum Spielen kamst.“
„Sicher?“
Sein Blick senkte sich leicht nach unten.
„Na ja…, ich war fett und immer das Ziel der anderen. Wenn du dabei warst, ließen sie mich in Ruhe.“
„Davon habe ich nie etwas bemerkt und Kevin hat auch nie etwas gesagt.“
„Kunststück! Ein kleiner Dicker und eine Bohnenstange…, wie Pat und Pattachon.“
Ich musste über den Vergleich grinsen.
„Und wie kam es dann, dass aus dir ein so… ansehnlicher junger Mann wurde?“
„Die Hormone? Quatsch! Ich wurde krank. Man steckte mich kurzerhand in ein Heim, wo ich nach und nach die Pfunde verlor.“
„Davon hat mir Kevin auch nie etwas erzählt.“
„Das lag an mir. Kevin musste versprechen, dass er nie jemanden etwas erzählen würde. Und zu dem, warum sollte er dir etwas über mich erzählen? Du bist vier Jahre älter als ich, was für Interessen solltest du an einem Pickligen vierzehn Jährigen haben.“
„Stimmt auch wieder. Aber dass ist ja jetzt Vergangenheit!“
Lucas nickte. Seine Augen funkelten im Schein der Nachtischlampe.
„… und was wird jetzt…, also ich meine…“, fing Lucas stotternd an.
„Was aus uns wird?“, fragte ich.
„Ja.“
Ich ließ mich nach hinten auf mein Kopfkissen fallen und atmete tief durch.
„Lucas…, ich weiß es nicht Recht. Es tut gut mit dir zusammen zu sein, es ist schön deine Nähe zu spüren…“
„… aber?“
„Kein aber. Ich will nur, das es dieses Mal langsam von statten geht. Ich will dich richtig kennen lernen, wissen wie du fühlst und denkst.“
Sanft drehte ich den Kopf Richtung Lucas und schaute ihm wieder in die Augen, doch ich konnte nichts Trauriges darin entdecken.
„… um ehrlich zu sein…, ich wollte im Augenblick auch nicht mehr… Du bist der… erste Mensch…, den ich so dich an mich heran lasse.“
„Wie der erste?“
Ich winkelte meinen Arm und stützte meinen Kopf mit der Hand ab.
„Ich hatte bisher keine… Freundin…, geschweige denn einen Freund. Einzig Kevin gab es, mit dem ich über alles reden konnte.“
„Für Kevin hast du nie geschwärmt?“, fragte ich mit einem süffisanten Lächeln.
„Kevin? Nein…“, er unterbrach und schien zu überlegen, „… Kevin war wie ein Bruder…, bei ihm kam nie ein Gedanke auf…, dass ich vielleicht mehr wollte.“
„Und bei mir ist es anders?“
„Wann hast du das letzte Mal in den Spiegel geschaut?“
„Vorhin…, beim Zähne putzen.“
Lucas grinste.
„Schau dich an, du bist der Idealmann. Eine Topfigur, gutes Aussehen und vor allem was im Kopf!“
Ich spürte, wie sich das Blut hinter meiner Gesichtshaut sammelte.
„Mister Perfekt, anders kann ich es nicht beschreiben.“
„Übertreib bitte nicht, ich habe sicher auch meine Fehler und als Modell geh ich auch nicht durch!“
„Wieso? Hast du es schon probiert?“
Lucas grinste mich hämisch an. Mein Blick fiel auf die Uhr neben der Tür.
„Es hilft nichts…, wir müssen morgen früh raus und sollten jetzt schlafen.“
„… ähm…, darf ich?“
„Was?“
„… in deinem Arm einschlafen.“
Dies sagte er mit einer so leisen Stimme, dass es fast nicht hörbar war. Seine Augen funkelten um die Wette und um mich war es geschehen. Ich lächelte und streckte meinen Arm aus. Lucas rückte etwas näher und ließ seinen Kopf auf meine Schulter sinken.
„Gute Nacht…, schlaf gut“, sagte ich ebenso leise.
„Ja…, werde ich… gute Nacht!“
*-*-*
Als ich durch Bells Tapsen erwachte, hatte sich unser Schlafarrangement etwas geändert. Lucas schlief mit dem Rücken zu mir und ich hatte meinen Arm um ihn gelegt. Ich hauchte ihm sanft einen Kuss auf den Nacken.
„Morgen“, hauchte ich leise.
Vor mir nahm ich ein sanftes Brummen war. Plötzlich drehte sich Lucas leicht und fing sich an zu strecken.
„Morgen“, brummelte er nun, bevor er seine Augen aufschlug.
Auf seine Lippen war ein sanftes Lächeln.
„Willst du als erstes ins Bad?“, fragte ich.
Er nickte und befreite sich von der Decke. Mit einem Ruck stand er auf und lief ins Bad.
„Süß!“, meinte ich.
„Hm?“, gab Lucas von sich und drehte seine Kopf zu mir.
„Du hast einen süßen Hintern meinte ich.“
Lucas schaute nach unten und stellte fest, dass er keine Shorts anhatte. Mein Hand fuhr suchend unter die Decke und wurde fündig. Langsam zog ich seine Shorts heraus und hob sie in die Luft.
„… ähm… kann passieren…, ab und zu strample ich meine Shorts ab.“
Verlegen verließ er das Schlafzimmer und ich ließ mich wieder in mein Kissen sinken. Ich musste lächeln. Was für ein Kerl. Aber mit einem Male kam mir wieder Marc in den Sinn. Hatte ich damals nicht genauso gedacht?
Wie oft konnte ich mich an seinem Körper nicht satt sehen? Ich schloss die Augen und atmete durch. Aufstehen! Das war vielleicht das einzig Vernünftige jetzt, um nicht weiter nach zu denken.
*-*-*
„Morgen Bruderherz“, kam mir Kevin entgegen.
„Morgen Kevin.“
Ich folgte Kevins Blick, der Lucas nach schaute, der gerade die Halle betrat.
„Ist da wirklich nichts Ernstes zwischen euch?“, wollte mein Bruder wissen.
Ich blieb stehen und drehte mich zu Kevin.
„Um ehrlich zu sein…, ich weiß es nicht. Ich fühl mich wohl in Lucas‘ Nähe, aber das war es auch schon.“
„… du hängst noch an Marc… oder?“
„Quatsch!“
„Sei ehrlich!“
Ich sah ihn an und seufzte.
„Ich weiß es nicht…, doch…, nein… ich will mit Marc nichts mehr zu tun haben.“
„Bill…, normalerweise gibt’s du mir immer die Ratschläge…, aber dieses Mal geb ich dir einen. Spiel nicht mit Lucas, das wäre nicht fair, das hat er nicht verdient. Er hat schon genug mitgemacht!“
„Das habe ich auch, und ich bin sicher der Letzte, der so etwas tun würde.“
„Gut!“
Wenig später betrat ich mein Büro und wunderte mich, dass Glen nicht da war. Ich ließ meine Jacke auf den Haken gleiten und betrat mein Zimmer. Auf meinem Schreibtisch lagen ein paar Unterlagen und so machte ich mich gleich ans Werk.
Oben auf lag ein Brief vom städtischen Krankenhaus. Ich öffnete ihn und zog ein Brief heraus. Ich überflog den Text. Hier wurde mir mitgeteilt, dass der alte Harrison verstorben sei.
Ich wunderte mich, weil es ja normalerweise nicht die Aufgabe des Krankenhauses war, den Arbeitgeber zu informieren, wenn jemand verstarb. Andererseits hatte er auch keine Familie, auf alle Fälle, was ich bisher heraus bekommen hatte.
Ich hörte draußen die Tür gehen und wenig später tauchte Glen in meinem Raum auf.
„Morgen Mister Savage.“
„Guten Morgen Gwenn.“
„Wie ich sehe, haben sie den Brief vom Krankenhaus schon geöffnet.“
„Ja… es wurde uns mitgeteilt, dass der alte Harrison verstorben sei.“
„Der Arme…“
Ich reichte ihr den Brief.
„Legen sie es bitte zu seinen Unterlagen.“
Sie griff danach, aber ich zog das Papier wieder zurück und überlegte kurz. Wenn Harrison nicht mehr kam, konnte ich Lucas die Vollanstellung geben. Wieder streckte ich den Arm aus und reichte Glenn den Brief erneut.
„Dann rufen sie mir Lucas Evans und ändern seinen befristeten Vertag zu einem unbefristeten.“
Sie nickte und verließ mich wieder. Ich hörte sie kurz telefonieren und ein wenig später kam sie erneut.
„Mister Evans ist gerade unterwegs und wird in ca. einer halben Stunde zurück erwartet.“
„Danke Gwenn.“
„Einen Kaffee?“
„Danke… gerne!“
Ich schaute die weiteren Unterlagen durch, die vor mir lagen. Eine Memo von Stroud ließ mich inne halten. Es ging darin um die Weiterführung der Firma. Arbeiter sollten keine entlassen werden.
Das freute mich. Weiter ging es darum, dass modernisiert werden sollte und verschiedene Arbeiter deshalb auf Kurse geschickt werden, damit sie mit dem neuen Gerät umgehen konnten und darum sollte ich mich kümmern.
Ein weiteres Blatt zeigte die Neuanschaffungen an. Ich hob meine Augenbraun und schmunzelte.
„Ihr Kaffee“, riss mich Gwenn aus dem Gedanken.
„Gwenn, hier ist eine Liste, der neuen Maschinen, die angeschafft werden sollen. Könnten sie sich bitte mit den Firmen in Verbindung setzten und erfragen, welche Möglichkeiten der Fortbildung es gibt.“
„Ja…“
Mit der Liste in der Hand verschwand sie wieder. Ich rührte in meinem Kaffee und nahm ein Schluck davon. Ich fand die Aufstellung des Personals wieder, die Gwenn Mr. Stroud zu kommen ließ.
Bei Arbeitern, die schon lange der Firma dienten, standen Vermerke über Gehaltserhöhungen. Endlich dachte ich, denn seit vier Jahren gab es keine Erhöhung mehr. Als ich meinen Namen fand, stieß ich einen kleinen Pfiff aus.
War das ein Druckfehler, oder sollte ich wirklich 500 Pfund mehr bekommen? Wie kam ich zu der Ehre. Das Telefon ging und ich hörte Gwenns Stimme.
„Ja… in Ordnung ich richte es ihm aus.“
Wenig später steckte Gwenn ihren Kopf zu mir herein.
„Bei Mr. Evans kann es etwas länger dauern. Man hat mir gerade mitgeteilt, dass er sich in einem Stau befindet.“
„Okay. Gwenn, ich bin mir sicher, dass sie die Neueinstufungen der Gehälter bereits gesehen haben.“
Sie nickte.
„Ich setzte gleich ein allgemeines Schreiben auf, dass an die betreffenden Personen weiter geleitet werden muss.“
„Kein Problem.“
*-*-*
Ich hatte Probleme mich richtig zu konzentrieren. Wieder und wieder löschte ich falsch geschrieben Worte oder Textpassagen die mir nicht gefielen.
„Chef?“
Ich hob meinen Kopf und sah Gwenn vor mir stehen.
„Ja?“
„Mr. Evans ist eingetroffen“, meinte sie und hob mir seine Unterlagen hin.
„Danke“, meinte ich.
Sie drehte sich um.
„Mr. Evans…“, sagte sie.
Wenig später trat Lucas ein und Gwenn verließ lächelnd das Zimmer.
„Du hast nach mir rufen lassen?“, fragte Lucas.
„Ja…, hier sind deine Papiere.“
„Papiere…, wieso?“
Sein Gesichtsausdruck war geschockt.
Lucas
Entsetzt sah ich ihn an. War der Traum auf Arbeit schon vorbei?
„Ich brauche da und dort eine Unterschrift, für deine Festanstellung.“
Was hatte er da gerade gesagt?
„Oder willst du nicht mehr?“
Festanstellung? Wow!
„… ähm… doch… klar, natürlich.“
Er hielt ihm seinen Kugelschreiber hin, den ich freudig entgegen nahm. Ich setzte meine Unterschrift an die mit Kreuz gekennzeichneten Stellen, dann gab ich ihm den Schreiber zurück.
„… eine Frage… Hat dass jetzt damit zu tun…“, ich schaute mich um, beugte mich vor ihn und flüsterte weiter, „…, dass wir uns etwas näher gekommen sind?“
Bill schüttelte den Kopf.
„Nein…, dein Vorgänger ist verstorben und somit die Stelle offiziell frei. Dein Gehalt wird mehr, aber sonstige Regelungen bleiben gleich.“
„Danke…“
Ich hätte ihn jetzt am liebsten in den Arm genommen. Er schaute mich durchdringend an
„Was?“, fragte Bill.
„… ich würde dich gerne umarmen“, antwortete ich flüsternd.
„Warum tust du es nicht“, grinste mich Bill an.
Etwas verlegen umrundete ich seinen Schreibtisch. Er stand auf und wir umarmten uns.
„Glückwunsch“, flüsterte er mir ins Ohr und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.
„Die Kopien werden dir zu gestellt“, meinte Bill, als er mich wieder losgelassen hatten.
„Danke… nochmal.“
„Immer wieder gerne.“
Ich gab ihm noch mal die Hand und verabschiedete mich schweren Herzens. Glen nickte mir zu, als ich ihr Vorzimmer verließ. Nachdem ich die Tür hinter mir verschlossen hatte, machte ich einen Luftsprung und jubelte laut: „Ja!“
*-*-*
„Was wollte Bill von dir?“, fragte mich Kevin, als ich in die Halle zurück kam.
Ich grinste über das ganze Gesicht.
„Ich habe eine Festanstellung bekommen!“
„Wow, wie hast du meinen Bruder so schnell herum gekriegt?“
„Du Arsch…, habe ich das nötig?“, grinste ich weiter, „mein Vorgänger ist anscheinend verstorben und nun hab ich die Stelle.“
„Der alte Harrison tot…?“, sagte er nachdenklich.
„Ja…“
„Komisch…, der hatte doch nur etwas mit den Beinen.“
Bill
„Mr. Savage, da sind zwei Herren von der Drylow Police Station, die ein paar Fragen an sie haben.“
„Polizei?“
Gwenn nickte und ich folgte ihr ins Vorzimmer.
„Guten Tag, mein Name ist Bill Savage und ich bin hier der Personalchef…, wie kann ich ihnen behilflich sein?“
Ich schüttelte beiden die Hände.
„Chief Inspektor William Holmes und mein Kollege Sergeant Alfie Whitehead“, stellte die beiden sich vor.
„Kommen sie doch in mein Büro…“, meinte ich und machte den Weg frei.
„Möchten sie einen Kaffee?“, kam es von Gwenn.
„… danke“, meinte Holmes.
Sie folgten in mein Büro.
„Nehmen sie doch Platz“, meinte ich und umrundete meinen Schreibtisch.
Als wir dann saßen, sah ich die beiden erwartungsvoll an.
„Mr. Savage, bei ihnen ist ein Finley Harrison angestellt?“
„Ja…, aber ich habe heute Morgen eine Benachrichtigung bekommen, er sei verstorben.“
„Das ist richtig. Wir haben mitgeteilt bekommen, sie hätten sich des Öfteren über seinen Gesundheitszustand erkundigt?“
„Ja, er ist ein wichtiger Fahrer und sein Fehlen ergab Probleme. Ich wollte nur wissen, wann er wieder Einsatzfähig ist. Aber man konnte oder wollte mir keine Informationen geben.“
„Und wie sind sie jetzt weiter verfahren?“
„Wir hatten jemanden als Ersatz befristet eingestellt.“
„Könnten sie und da bitte Name und Adresse geben?“
„Darf ich fragen…warum?“
„Mr. Harrison ist keinen normalen Tod gestorben.“
Ich schaute sie entsetzt an. Wie sollte Lucas über Den alten Harrison wissen? Gwenn, die gerade mit dem Kaffee herein kam, war anscheinend auch etwas geschockt, denn man hörte, wie die Tassen aneinander stießen.
„… und… und was hat das jetzt mit uns zu tun?“, fragte ich weite
„Reine Routineermittlungen…“
„Mister Lucas Evans, der Ersatzfahrer… ist noch im Haus…, da können sie gleich mit ihm selbst sprechen.“
„Wenn es keine Umstände macht“, meinte Holmes.
Gwenn stellte die Tassen ab und die zwei Beamten bedanken sich. Ich rief derweil unten im Lager an.
Kevin Savage, Lager“, meldete sich mein Bruder.
„Kevin, hier ist Bill, ist Lucas noch da.“
Kannst du Gedanken lesen?“
„Wieso?“, fragte ich.
Weil ich dich gerade anrufen wollte. Lucas ist mit dem Transporter ungebremst in das Einfahrtshäuschen gekracht.“
„Mein Gott…, ist ihm etwas passiert?“
Nein, aber der Wagen hat Totalschaden.“
„Okay…, wir sind gleich bei euch.“
Wir?“
„Wirst du gleich sehen. Bye.“
Ich legte auf.
„Meine Herren, der besagte Herr hat auf dem Firmengelände gerade einen Unfall gebaut.“
Die zwei schauten sich kurz an.
*-*-*
Wenig später trafen wir am Tor ein. Ich sah, wie Kevin neben Lucas stand, der an einem Balken lehnte. Der Wagen war wirklich hinüber und das Häuschen ebenso.
„Alles klar? Was ist denn passiert?“, rief ich den beiden entgegen.
„Die Bremsen gingen nicht mehr“, rief Kevin zurück.
Er schaute erst mich, dann die zwei Herren, die mir folgten kurz an.
„Chiefinspektor Holmes und Sergeant Whitehead“, stellte ich vor.
„Die Polizei… so schnell, aber wir haben doch erst angerufen“, meinte Lucas, noch leicht benommen.
Ich sah Sergeant Whitehead aus dem Augenwinkel heraus, wie er das Fahrzeug umrundete.
„Chief…, kommen sie mal?“
Holmes setzte sich in Bewegung und folgte seinem Jungen Kollegen. Kevin und Lucas sahen mich fragend an.
Die zwei Beamten kamen zurück.
„Mr. Evans…, wann haben sie das Fahrzeug das letzte Mal benutzt?“
„Vor ungefähr einer Stunde.“
„… und da funktionierte noch alles?“
„Ja“, antwortete Lucas.
„Jemand hat sich an der Bremsleitung zu schaffen gemacht, sie können nichts für den Unfall.“
Entsetzt sah ich Holmes an.
*-*-*
„Ich versteh das nicht“, meinte Lucas.
Wir saßen in dem kleinen Aufenthaltsraum der Arbeiter in der Halle.
„Ich habe von diesem Harrison gestern das erste Mal gehört. Wieso verdächtigen sie mich?“
Lucas war sichtlich aufgeregt, er zitterte am ganzen Körper.
„Sie gehen jeder Spur nach“, sagte ich leise.
„Ich glaube nicht, dass du zum Kreis der Verdächtigen gehörst“, meinte Kevin.
„Und warum fragten sie mich ob ich Harrison kenne, oder im Krankenhaus war?“
Kevin zuckte mit den Schultern.
„Die denken sicher nicht, dass du dir selbst die Bremsleitungen durchtrennst“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„War klar…, immer wenn ich denke, es geht bergauf… kommt mir etwas in die Quere.“
„He du bist unschuldig an dem Unfall und ich kann mir nicht vorstellen, dass dich der Personalchef gleich raus wirft“, sagte Kevin und schaute mich dabei grinsend an.
Kevin merkte schnell, dass ich mit den Gedanken wo anders war.
„Was ist?“, fragte er mich und riss mich damit aus den Gedanken.
„Wer sollte davon profitieren, dass Lucas etwas zu stößt?“, warf ich in den Raum.
„Wie kommst du darauf, dass jemand so etwas machen würde.“
„Komm Kevin, sein nicht so naiv. Erst wird Harrison umgebracht und dann werden bei Lucas die Bremsleitungen durchgeschnitten“, fuhr ich ihn an.
„Harrison umgebracht…?“
„Was denkst du…, heißt ist nicht an einen normalen Tod gestorben?“
Mein Blick fiel auf Lucas der verängstigt drein schaute.
„Aber muss es denn mit Lucas zusammen hängen…, vielleicht kann es auch wegen der Firma sein.“
„Kevin, es gibt leichtere Wege, eine Firma zu stürzen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass man zwei Fahrer nachstellt…“
„War auch nur so ein Gedanke“, kam es traurig von Kevin.
Ich atmete tief durch. Es war nicht richtig Kevin anzupflaumen, aber er hatte die Begabung mich des Öfteren mich auf die Palme zu bringen.
„Entschuldige…, ich wollte dich nicht anpflaumen…“
„Schon gut…, ich mach mir halt nur Sorgen. Wir sind fast an einer Schließung vorbei geschliddert und jetzt das…“
*-*-*
Der Gedanke, dass jemand der Firma schaden wollte ließ mich nicht mehr los. Ich hatte die Unterlagen, die Gwenn mittlerweile alle zusammen getragen hatte vor mir auf Schreibtisch ausgebreitet.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Marcs Mutter uns irgendwie an den Karren fahren wollte. Ihr Mann war eigentlich aus dem Rennen, oder gab es da doch noch Verbindungen. Ich rieb mir mit den Händen über das Gesicht.
Leicht erschöpft sammelte ich die Papiere ein und heftete sie in den Ordner zurück.
„Gwenn?“
„Ja Sir?“
„Ich werde Feierabend machen, wenn noch etwas ist…, einfach anrufen.“
„In Ordnung Mr. Savage.“
Ich ließ meinen Computer herunter fahren, griff nach meiner Jacke und verließ das Büro.
„Einen schönen Abend noch Mr. Savage.“
„Ihnen auch Gwenn, bis Montag.“
Wenig später saß ich in meinem Wagen und fuhr langsam aus der Ausfahrt. Es hatte wieder geschneit und eine leichte Schicht von Schnee bedeckte die Straße. Vor der nächsten Kreuzung verringerte ich die Geschwindigkeit.
Ich wusste nicht, wie glatt es unter dem Schnee war und bevor die Ampel plötzlich auf Rot umsprang, wollte ich lieber langsam machen. Die Ampel war grün und ich kam näher. Vor dem Blumenladen an der Kreuzung stand eine Person.
Es blieb grün und so rollte ich langsam weiter. Ein kurzer Blick nach links, ob die Person auch stehen bleiben würde, ließ mich zusammen schrecken. War das nicht Marc? Doch ich konnte mich darum nicht weiter kümmern, denn ein Fahrzeug, das mir entgegen kam, schlingerte und ich musste ausweichen.
Als ich wieder in den Rückspiegel schaute, war die Person, die ich als Marc zu erkennen glaubte weg. Hatte ich jetzt schon Halluzinationen? Ich versuchte mich weiter auf die Straße zu konzentrieren, was mir mehr schlecht als recht gelang.
Seufzend fuhr ich meine Auffahrt hinauf und stellte mein Wagen ab. Ich wusste nicht, warum ich suchend die Straße entlang schaute. Die Kälte trieb mich ins Haus, wo mich Bell schon freudig begrüßte.
Bei der Post war nichts Interessantes so ließ ich mich im Wohnzimmer in meinen Sessel nieder. Bell kam an getrottet und legte ihren Kopf auf ihren Schoss.
„Na, wie war dein Tag? Bist du mit Arnie spazieren gewesen?“
Arnie war ein Nachbarjunge, der mit dem Gassi gehen sein Taschengeld aufbesserte. Plötzlich stand Bell auf und lief knurrend zur Wohnungstür.
„Bell, was ist?“
Ich hörte sie kurz Bellen. So stand ich widerwillig auf und lief zur Wohnungstür.
„Was ist los, altes Mädchen…, ist jemand vor der Tür?“
Vorsichtig öffnete ich die Tür und Bell flutschte nach draußen.
„Bell…aus!“
Aber sie reagierte nicht. Ich trat ebenfalls nach draußen, aber ich sah niemanden.
„Bell… bei Fuß!“
Sie gehorchte und kam wieder zu mir an die Tür. Ob eine Katze ihre Aufmerksamkeit erregte, wobei Bell bei so etwas nie an die Tür rannte. Ich schaute auf den Boden und konnte keine Katzenspuren entdecken, dafür aber Spuren von Schuhen, die nicht meine waren.
*-*-*
Nervös schaute ich mich um. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich jemand verfolgte, aber jedes Mal wenn ich mich umdrehte, war ich mit Bell alleine auf der Straße. Wer sollte den auch bei dem Wetter hier draußen herum laufen.
Ich atmete tief durch und blies scharf den Atem aus. Eine kleine Nebelwolke verließ mein Gesicht und stieg langsam in die Höhe. Bell verrichtete ihr Geschäft, was für mich hieß, endlich zurück zu können.
„Komm Bell…“
Sie machte kehrt und trottete zu mir zurück. Ich wuschelte ihr kurz durch das nasse Fell und wir liefen zurück. Ob es am Schnee lag, oder die Gewissheit, dass Samstagmorgen war und sich so gut wie kein Mensch sich auf der Straße befand, konnte ich nicht ergründen.
Von hinten hörte ich ein Auto nahen und ich drehte meinen Kopf herum. Kevin. Was machte der schon so früh unterwegs? Das Auto wurde langsamer und kam schließlich mit etwas rutschen neben mir zum stehen.
Kevin ließ die Scheibe herunter.
„Morgen Bruderherz“, begrüßte ich ihn.
„Morgen Bill…, hast du dein Handy nicht dabei?“
„Warum…, das liegt zu Hause.“
„Weil man dich schon ist einer halben Stunde versucht zu erreichen. In der Firma wurde eingebrochen und…“
„Was?“
„… dann haben sie mich aus den Federn geschmissen, ob ich wüsste wo du bist. Und weil ich deine Route mit Bell kenne, bin ich einfach losgefahren.“
„Bell komm“, rief ich und umrundete das Auto.
Ich öffnete Das Heck und ließ Bell hinein springen. Selber ging ich nach vorne und setzte mich zu Kevin. Ohne große Worte gab er leicht Gas und mit einem leichten Schlingern, setzte sich der Wagen in Bewegung.
„Wo haben sie eingebrochen… Fabrikation… Lager?“
„So wie ich Gwenn verstanden habe bei dir im Personalbüro und auch in der Fabrikation.“
„Gwenn? Bei mir? Da gibt’s doch nichts zu holen…, außer die Computer vielleicht.“
„Ich weiß auch nicht, Gwenn hat nicht mehr gesagt.“
Eine viertel Stunde später ließ Kevin seinen Wagen auf dem Firmengelände ausrollen. Mehrere Polizeiwagen waren über den Hof verteilt. Kevin und ich stiegen aus und liefen direkt zur Verwaltung.
Ein Constable stand an der Tür und versperrte uns den Weg.
„Bill Savage…, Chef der Personalabteilung“, sagte ich und der Mann ließ uns vorbei.
Ich rannte die Treppe hinauf. Wenig später kam ich an die Tür zu meinem Büro. Schon von weiten sah ich, dass sie aufgebrochen war. Das Holz des Rahmens war in der Höhe des Schlosses zersplittert.
Als ich das Büro betrat wimmelte es von Menschen. Und in der Mitte Gwen.
„Morgen Gwenn“, rief ich und alles drehte sich zu mir um.
„Morgen Mr. Savage.“
Ihre Lider klimperten aufgeregt hinter den Brillengläsern und ich bemerkte, dass sie geweint haben muss.
„Hallo Mr. Savage, so schnell sieht man sich wieder.“
Chief Inspektor William Holmes baute sich vor mir auf.
„Morgen“, sagte ich.
„Da hat jemand ganze Arbeit geleistet.“
Erst jetzt sah ich, dass sämtliche Aktenschränke offen standen und jede Menge Papier auf dem Boden verteilt waren.
„Wissen sie schon, ob etwas fehlt?“
Meine Frage war an Gwenn gestellt. Sie schüttelte den Kopf.
„Wenn die Spurensicherung durch ist, können sie nachschauen ob etwas fehlt. Wir bräuchten ihre Fingerabdrücke und ebenso die ihrer Sekretärin.“
„Wieso?“
„Damit wir wissen, was sie angefasst haben und eventuell der oder die Einbrecher.“
Stimmt, war einleuchtend, wo war ich nur mit meinen Gedanken?
„Wer hat sonst noch Zutritt zu ihrem Büro?“, fragte Holmes.
Ich atmete tief durch.
„Die ganze Firma…, dass heißt, praktisch jeder der etwas Personelles erledigen muss kommt hier her, … 52 Männer und Frauen“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
Nun seufzte Holmes.
„Aber deren Fingerabdrücke werden sich nur an der Tür oder an den Stuhllehnen befinden, oder?“, mischte sich Sergeant Alfie Whitehead ein, der mir bisher noch nicht aufgefallen war.
Ich nickte.
„Hier im Büro sind nur ich und meine Sekretärin Gwenn Smith tätig.“
„Oh mein Gott“, kam es von der Tür.
Ich schaute zur Tür und konnte Mr. Stroud entdecken.
„Mein Chef, Mr. Stroud“, sagte ich leise zu Holmes, der mir zu nickte.
„Gwenn… Bill, alles in Ordnung“, fragte Stroud besorgt und trat zu uns.
Ich nickte ihm zu und lief in mein Büro. Hier sah es genauso aus. Aber beim hereinkommen viel mir gleich etwas auf.
„Gwenn?“, rief ich.
„Ja Mr. Savage?“, antworte sie und erschien in meinem Büro.
„Haben sie den Ordner über Oswalds Firma.“
Sie zwinkerte aufgeregt mit den Augen.
„Nein, Mr. Savage. Der lag, als ich gestern das Büro verließ noch auf ihrem Tisch.“
Dann hatte ich das richtig in Erinnerung, dass ich die Papiere gestern dort liegen ließ. Die Ablage war ebenfalls leer gefegt und über den Boden verteilt. Ich beugte mich hinunter, um kurz zu schauen, was da alles lag.
Entsetzt nahm ich die Papiere in die Hand. Ich fand keine Unterlagen von Lucas und ich war mit Hundert sicher, dass ich sie dort abgelegt hatte. Ich legte die Papiere auf den Tisch und griff nach meinem Telefon.
Kurz Lucas‘ Nummer gewählt, es tutete. Er meldete sich nicht.
„Sir?“, sagte jemand hinter mir.
Ich legte auf und drehte mich um.
„Könnte ich bitte ihre Fingerabdrücke nehmen?“
Eine viertel Stunde später leerte sich das Büro. Holmes und Whitehead waren die Letzten.
„Mr. Savage, mir ist nicht entgangen, dass sie eine besondere Freundschaft zu Lucas Evans haben.“
Auf was wollte er hinaus?
„Ich möchte ihnen nicht verschweigen, dass er nach wie vor in Verdacht steht, etwas mit dem Tod von Mr. Harrison zu tun hat.“
„Aber…“
„Mr. Savage, wenn sie irgendetwas über den Verbleib von Mr. Evans wissen, sagen sie es uns bitte.“
Ich senkte den Kopf. Sollte ich mich auch in Lucas getäuscht haben. Meine Gedanken drehten sich im Kreis.
„Seine Unterlagen sind weg… und ich habe versucht ihn zu erreichen…“
„Ein Wagen wurde schon an seinen Wohnsitz geschickt, dort wurde aber nur seine Mutter angetroffen. Da alle seine Sachen noch da sind, muss er noch in der Stadt sein.“
Ich sah Chief Inspektor Holmes direkt in die Augen.
„Mein Verhältnis zu Mr. Evans steht im Augenblick nicht zur Debatte…“
Ich spürte Kevins und Glens Blicke auf mir.
„…, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Lucas… Mr. Evans mit dem Tot von Mr. Harrison zu tun hat, auch nicht hier mit dem Einbruch.“
„Ich auch nicht“, kam es von Kevin, „und ich kenne ihn schon sehr lange.“
Holmes schaute zu Kevin.
„Aber dennoch spricht vieles dafür, dass er etwas damit zu tun hat.“
Stroud stand die ganze Zeit sprachlos daneben. Ob er wusste, dass ich dem männlichen Geschlecht zugetan war, war mir im Augenblick egal. Nur dass es hier jetzt breit getrampelt wurde, ging mir gegen den Strich. Es war mein Privatleben und hatte hier mit der Firma nichts zu tun.
„Mein Name ist Glenda Oswald, ich bin Mitinhaberin der Firma von Barr and Stroud.“
Nicht auch noch Marcs Mutter.
Wenig später erschien sie, gefolgt von Marc.
„Hallo Jeremy, Marc hat gehört was passiert ist, darauf bin ich sofort gekommen“, meinte Glenda zu Mr. Stroud.
Sie schüttelten sich die Hände, bevor sie sich an mich wandte. Marc mied meinen Blickkontakt.
„Wisst ihr schon, ob etwas fehlt.“
„Anscheinend ein paar Unterlagen“, meinte ich knapp, wobei ich ja bei der Wahrheit blieb.
Während ich das sagte, schaute Marc kurz auf. Seine Augen schienen traurig, doch gab ich nichts darauf.“
„Und in der Fabrikation?“
An die hatte ich nicht mehr gedacht, aber ich wunderte mich, woher Marc diese Informationen hatte, von uns hatte ihn sicher niemand angerufen.
„Das weiß ich nicht, da müsste man nachschauen.“
Fünf Minuten später betraten wir alle die Fabrikation. Auch hier war die Polizei zu Gange. Auf den ersten Blick sah alles normal aus, nichts fehlte. Auch später, als Kevin einiges kontrolliert hatte, konnten wir nichts finden.
*-*-*
Kevin hatte mich zu Hause abgesetzt. Ich stand in der Küche und schlürfte meinen Tee. Lucas… nein niemals. Ich wollte nicht glauben, dass er damit zu tun hatte. Andererseits konnte ich mich noch auf meine Menschenkenntnisse verlassen?
Bell knurrte kurz, kurz darauf klingelte es an der Wohnungstür. Leicht genervt stellte ich meine Tasse ab und lief zur Tür. Ich öffnete und Marc stand vor mir.
„Hi.“
„Hi“, murrte ich und lief in die Küche zurück.
Marc schloss die Wohnungstür und folgte mir.
„Es tut mir Leid…“, fing er an.
„Marc hör auf…, was willst du?“
„Meine Mutter wollte dich zum Essen einladen.“
Ich nahm wieder meine Tasse und trank einen Schluck.
„Ich habe Telefon…, warum bist du wirklich hier?“
Marc schaute sich in der Küche um.
„Ich war in der Nähe und dachte ich schau vorbei.“
Warum glaubte ich ihm dass nicht? Er drehte sich zum Fenster.
„Die Polizei scheint ja einen Verdächtigen zu haben…“
„Ja und…?“, fragte ich noch genervter.
„Ich frage mich, warum dieser braune Lockenkopf das gemacht hat. Jemanden umbringen, dann in eine Firma einbricht, in der er selbst arbeitet. Vielleicht brauchte er Geld.“
„Marc… überlass dass der Polizei, oder fahr doch besser gleich hin und teil denen deine Meinung mit.“
„Warum bist du immer noch so feindselig, Bill… ich dachte meinem Mutter hat dir erklärt…“
„Marc ich mag von dem all nichts mehr hören. Sag deiner Mutter Bescheid, dass ich heute nicht kann, aber ich werde mich bei ihr melden und es wäre schön, wenn du jetzt wieder gehen würdest, ich habe noch etwas vor!“
Das war zwar gelogen, aber dies war mir egal. Ich lief zur Wohnungstür.
„Du entschuldigst bitte…, ich muss mich fertig machen.“
Ich zog die Tür auf und machte eine einladende Bewegung nach draußen. Marc nickte kurz und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ich ließ hinter ihm die Tür ins Schloss fallen und atmete tief durch.
Warum machte er das? Was bezweckte er damit? Dachte er wirklich mich so zurück gewinnen zu können? Plötzlich kam mir der Gedanke zu Kevin zu fahren. Ich sprintete die Treppe hinauf, entledigte mich meiner Joggingklamotten und ging unter die Dusche.
*-*-*
„Was machst du denn hier?“
Mein Bruder schaute mich überrascht an.
„Mir war danach…“, antwortete ich und trat ein.
Kevin schloss die Tür. Verwirrt schaute in der Einzimmerwohnung umher.
„Hast du eine Putzfrau, oder warum ist hier so sauber?“, fragte ich.
„… ähm…, seit Grace öfter zu Besuch ist…“
Ich fing an zu lachen.
„Ich glaub es nicht, was ich seit Jahren verzweifelt versuche, schafft eine Frau binnen weniger Wochen.“
Kevin wusste wohl nichts darauf zu sagen und sein Gesicht wurde langsam rot. Ich klopfte ihm auf die Schulter.
„He, Kleiner, ich freu mich für dich…echt!“
„Ich bin…, na ja oder war halt nicht der Reinheitsfanatiker wie du… Aber was anderes, warum bist du wirklich hier? Du lässt dich selten hier blicken, außer es steht etwas an.“
Ich ließ mich auf Kevins Sofa fallen und atmete tief durch.
„Lucas?“, fragte Kevin leise.
Ich nickte. Kevin lief an seinen Kühlschrank, zog zwei Dosen heraus und warf mir eine davon zu.
„Glaubst du…, dass Lucas wirklich…?“
„Nein!“
„Aber warum ist er verschwunden?“
„Das weiß ich auch nicht. Ich kann dir nur erzählen, was Lucas‘ Mutter mir gesagt hat. Er hätte einen Anruf bekommen, sich dann komisch verhalten und wäre überstürzt gegangen.“
Ich schaute Kevin lange an.
„Du hast dich in Lucas verliebt…“
„Ja…“, hauchte ich leise und nickte.
„… und hast Angst davor, genauso wie bei Marc enttäuscht zu werden.“
Wieder nickte ich. Kevin ließ sich neben mich fallen.
„Tut mir Leid großer Bruder. Wegen Lucas…, ich kann mir im besten Willen nicht vorstellen, dass er damit etwas zu tun hat. Einen Menschen umbringen…, der bringt ja sogar jede Spinne einzeln aus der Wohnung, die sich unerlaubt eingenistet hat.“
Ich musste lächeln.
„Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Lucas ist ein so lieber Kerl…“
„Er war es nicht!“, meinte Kevin und stand auf.
Er lief zu seinem Telefon und wählte eine Nummer.
„Hallo Grace, ich bin es. Du, sein nicht böse, aber ich wollte unsere Verabredung heut Abend absagen…, ich möchte mich um meinen Bruder kümmern.“
Ich schaute auf.
„Ja? Danke… ja richte ich ihm aus. Ja… ich dich auch… wir telefonieren….bye.“
Er legte auf und kam zu mir zurück.
„Das hättest du jetzt wirklich nicht tun brauchen.“
„Bill! Wie oft warst du schon für mich da? Da werde ich mir doch nicht entgehen lassen, wenn ich mal meinem Bruder helfen kann.“
Ich grinste ihn an.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Kevin, „selbst nach Lucas suchen?“
„Wie willst du das machen? Das tut schon die Polizei.“
„Sein Handy orten…“
„Du schaust eindeutig zu viel Krimis im Fernsehen.“
„Tu ich nicht. Ein Freund von mir ist ein Computerfreak, der kann so etwas. Du hast doch selbst probiert ihn anzurufen. Also geht sein Handy.“
„Ich kenn mich da nicht aus.“
Kevin stellte seine Dose ab und stand auf.
*-*-*
Eine halbe Stunde später standen wir bei Kevins Freund. Wenn ich schon viel gesehen hatte, aber das übertraf alles. Jeder Platz im Zimmer war mit Technik belagert. Vier Monitore säumten den Tisch.
„Wie ist die Nummer?“, fragte Kevins Freund.
Kevin zog sein Handy vor, tippte etwas ein und gab es dem Typ. Der machte sich sogleich daran und seine Finger rasten über die Tastatur. Einer der Monitore flackerte kurz auf und das Stadtplan von Edinburgh erschien.
„Geht ja schneller als ich dachte… und da soll Lucas sein?“, fragte der Typ.
„Wieso?“, fragte Kevin.
„Das ist in eurer Firma!“
Kevin und ich schauten uns an.
„Danke Brian, du hast etwas gut bei mir“, meinte Kevin.
„Nichts zu danken, immer wieder gerne.“
Noch während wir zu meinem Wagen zurück liefen, ging mein Handy. Teilnehmer unbekannt.
„Savage“, meldete ich mich.
Sir hier ist Gwenn, hätten sie Zeit in die Firma zu kommen…, ich weiß es ist Samstag und…“
„Gwenn, ich bin schon auf dem Weg zur Firma, aber was tun sie dort?“
Ich bin geblieben und habe aufgeräumt. Dabei habe ich etwas gefunden, was sie sich anschauen sollten.“
„Wie gesagt, ich bin unterwegs… bis gleich.“
Ich drückte das Gespräch weg und öffnete den Wagen.
„Was wollte Gwenn denn?“
„Sie ist in der Firma und hat etwas gefunden.“
*-*-*
Ich steuerte den Wagen auf das Firmengelände. Von den Beamten war nichts mehr zu sehen, einzig Gwenns Wagen stand dort einsam auf dem Parkplatz. Ich ließ meinen Wagenneben ihrem ausrollen.
Der fallende Schnee hatte sämtliche Spuren von Reifen und Fußabdrücken bedeckt. Also war außer Gwenn auch niemand mehr in der Firma.
„Kevin…, ich geh hoch zu Gwenn und du suchst nach Lucas…, oder seinem Handy.“
„Und wie soll ich das machen?“
„Ruf ihn an!“
„Oh…, okay, ich habe gerade nicht nach gedacht.“
„Wir sehen uns gleich…“
Vor dem Verwaltungsgebäude trennten wir uns. Ich nahm nicht den Aufzug, sondern rannte die Treppe hinauf. Wenige Augenblicke später stand ich in meinen Räumen.
„Oh, Mr. Savage, dass ging aber schnell.“
„Ich war bei meinem Bruder…“
Das Durcheinander war behoben, nur Gwenns Schreibtisch war ein heilloser Wirrwarr.
„Was wollten sie mir zeigen?“, fragte ich und umrundete ihren Schreibtisch.
Auf ihrem Monitor waren eine Menge Seiten aufgerufen.
„Ich habe alle Fakten über Amestist&Borger und ich habe heraus gefunden, dass auch sie weitere Tochterfirmen besitzt.“
„Ja… und?“
„Diese Firmen wurden gegründet, jeweils nachdem die Dolfgroup Firmen aufgekauft und zerschlagen hat.“
Ich verglich die Papiere, der zerschlagenen Firmen von Oswald mit den gegründeten Firmen von Bogner.
„Dann hat mich Mrs. Glenda Bogner-Oswald angelogen.“
„Angelogen?“
„Ja, sie meinte, sie hätte über die Geschäftspraktiken ihres Mannes nichts gewusst und den Sohn aus den Fesseln des Bösen entrissen.“
„Eher die Arbeitsaufteilung geändert.“
„Sie sagen es…“
„Ist Barr and Stroud jetzt doch in Gefahr?“
„Das weiß ich nicht Gwenn, aber es sie so aus, dass wir anscheinend auch eine Tochterfirma vom Amestist&Borger werden sollen. Anders kann ich mir das nicht vorstellen. Sie haben wohl ihre Strategie geändert.“
„Und was hat das mit Mr. Evans zu tun…?“
„Ich glaube nicht, dass Mr. Evans mit denen unter einer Decke steckt. Das beide Dinge aber etwas miteinander zu tun haben, davon bin ich überzeugt.“
„Und wie soll es jetzt weiter gehen?“
„… Lucas… äh Mr. Evans finden.“
„Mr. Savage…, wie lange kennen wir uns jetzt schon?“
„… ähm dreizehn Jahre?“
„So ungefähr ja. Ich kenne sie gut und mir entgeht fast nichts, wie sie wissen.“
Ich spürte, wie meine Wangen leicht zu glühen begangen.
„Es ist nicht unbemerkt geblieben, dass sie und Mr. Evans doch mehr für einander empfinden, als nur eine normale Freundschaft…“
Erwischt!
„Sie mögen Recht haben, Gwenn, aber was hat das jetzt mit dem hier zu tun?“
„Ich wollte nur sagen, sie können ruhig Lucas sagen und dass ich egal was kommt, voll hinter ihnen stehe und weiterhin genauso fleißig meine Arbeit tun werde.“
„… ähm…danke Gwenn, das weiß ich sehr zu schätzen.“
Mein Handy klingelte und rettete mich aus der peinlichen Situation. Kevin.
„Ja?“
„Kannst du bitte schnell kommen?“
„Hast du ihn gefunden?“
„Nein… aber sein Handy…“
„Ja und?“
„Es ist Blutverschmiert.“
*-*-*
Gwenn hatte Mühe mir zu folgen. Ihre Schuhe waren auch nicht für dieses Wetter geeignet.
„Und wo ist ihr Bruder?“
„Im Keller hat er gesagt.“
„Da war ich noch nie.“
„Ich gebe zu, ich auch selten. Der dient eigentlich nur als Lager für ausgediente Sachen“, entgegnete ich ihr und zog die Tür zur Halle auf.
„Wo müssen wir hin?“, fragte Gwenn.
„Dahinten links, ist der Abgang.“
Wenig später waren wir im Keller angelangt.
„Kevin?“
„Hier Bill“, hörte man seine Stimme aus den hinteren Räumen.
So schnell ich konnte, folgte ich seiner Stimme und darf ihn in ehemaligen Granulatlager an.
„Oh Gwenn… hallo“, sagte Kevin, als er sie erblickte.
„Hallo Mr. Savage…“
„Wo ist das Handy?“
„DA!“, sagte Kevin und deutete auf das hintere Regal.
Ich lief hin und wollte es aufheben.
„Lass es liegen… Fingerabdrücke…“, fuhr mich Kevin an.
„Ich sagte schon… du schaust zu viel Fern, aber ich gebe dir Recht, vielleicht ist da etwas dran…“
„Soll ich die Polizei rufen?“, fragte Gwenn.
„Moment Gwenn…“, antwortete ich und wandte mich wieder an Kevin, „hast du noch etwas Anderes gefunden?“
„Nein noch nicht… die Beleuchtung ist nicht gerade gut hier.“
„… Mr. Savage, ich habe an der Kellertreppe einige Taschenlampen gesehen…“
„Gut Gwenn, holen sie die, vielleicht haben wir ja Glück und ein geht.“
Gwenn verließ den Raum, während ich mich aufrichtete.
„Was ist hier passiert?“, fragte Kevin leise.
„Ich weiß es nicht…, mein Kopf ist voller Dinge und ich krieg nichts auf die Reihe.“
„Dich hat es richtig erwischt… oder?“
„Hä?“
„… Lucas.“
„Scheint offensichtlich, wenn dass nicht mal meiner Sekretärin entgeht.“
Kevin grinste. Auf dem Flur hörte man Schritte und etwas später erschien Gwenn wieder, die Hände voller Taschenlampen.“
„Sie gehen alle noch“, meinte sie etwas stolz.
„Gut, dann suchen wir alle den Raum genau ab…“
Gwenn gab jedem eine Lampe und den Rest stellte sie in einem Regal ab.
„Und was suchen wir genau?“, wollte Kevin wissen.
„Das weiß ich auch nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass hier nur das Handy liegt.“
Unruhig und zitternd ließ ich den Schein meiner Lampe über den Boden wandern, wie die anderen beiden auch. Aber ich fand nichts, jedenfalls nichts, was mir den Verbleib von Lucas erklären könnte.
„Sir?“, meldete sich Gwenn.
„Ja?“
„Schauen sie hier…, Kratzspuren auf dem Boden…, die scheinen frisch.“
Kevin und ich liefen beide zu ihr und leuchteten ebenfalls auf ihre Fundstelle.
„Stimmt!“, meinte Kevin, „sie so aus, als hätte jemand das Regal verrückt.“
Kevin sah mich an und ich nickte ihm zu. Wir gaben Gwenn beide unsere Lampen. Ich griff an die mittlere Verstrebung, Kevin begab sich auf die andere Seite und tat dasselbe. Unser erster Versuch das Regal zu bewegen, scheiterte.
„Mist!“, ärgerte ich mich.
„Und wenn wir uns mit dem Fuß gegen die Wand stemmen?“, fragte Kevin.
„Könnte gehen…“
Wir setzten unser Vorhaben in die Tat um und stemmten uns gegen die Wand, aber das Regal, bewegte sich nicht wie erhoffte nach vorne, sondern begann zu kippen.
„Vorsicht Kevin“, rief ich und sprang zur Seite.
Mit einem lauten Knall krachte das Regal zu Boden und wirbelte ordentlich Staub auf. Automatisch fingen wir alle drei an zu husten.
„Da ist eine Tür“, rief Kevin, der sich den Staub von den Klamotten abklopfte.
Ich sah sie auch und drehte mich zu Gwenn.
„Alles in Ordnung.“
Sie nickte und befreite sich ebenso vom aufgewirbelten Staub. Kevin lief auf die Tür zu und wollte sie öffnen, was aber bei dem Versuch blieb. Er lief voll auf.
„Verschlossen…“
„Geh auf die Seite“, rief ich und lief mit voller Wucht dagegen.
Ein kurzer Schmerz durchfuhr meine Schulter, aber das Objekt gab unter meiner Wucht nach und ich flog mit der Tür nach innen.
„Bill?“, hörte ich besorgt Kevin rufen.
„… alles klar…“, rief ich zurück und versuchte mich zu Recht zu finden.
Der Raum vor mir war dunkel, ich konnte fast nichts erkennen. Es wurde noch dunkler, als Gwenn und Kevin im Türrahmen erschienen.
„Ich brauche eine Lampe“, rief ich und versuchte aufzustehen.
Einige Sekunden später flammte hinter mir ein Lichtkegel auf und wanderte durch den Raum. Er war genauso groß, wie der andere und ebenso mit Regalen voll gestellt. Kevin trat neben mich und drückte mir eine Taschenlampe in die Hand.
„Du rechts… ich links“, sagte er, während Gwenn im Türrahmen stehen blieb.
Langsam leuchte ich jedes Regal ab und lief tiefer in den Raum.
„Bill“, schrie plötzlich mein Bruder und ich eilte zu ihm.
Im Lichtkegel, sah ich einen großen Bündel Planen auf dem Boden. Darunter schaute ein Schuh heraus.
*-*-*
Mir stockte der Atem. War das Lucas. Er wird doch nicht…? Kevin begann die Planen wegzuziehen, die zerknüllt aufgehäuft waren.
„Bill hilf mir und steh da nicht wie angewurzelt da!“
Kevin riss mich aus dem Gedanken.
„Gwenn…, kommen sie, wir brauchen ihre Hilfe“, rief ich.
Zögernd kam sie zu uns.
„Leuchten sie“, meinte ich und reichte ihre meine Taschenlampe.
Wie Kevin zog ich eine Plane nach der anderen weg. Aus dem Schuh wurde ein Bein und die Gewissheit, dass es Lucas sein musste, war immer gewisser.
„…Lucas“, sagte ich leise.
Kevin erwischte eine größer Plane und legte Lucas Gesicht frei. Gwenn neben mir schrie kurz auf, weil sein Gesicht Blutverschmiert war. Ich beugte mich hinunter, während Kevin schon den Puls prüfte.
„Er lebt“, konnte ich die Stimme meines Bruder hören.
Gemeinsam entfernten wir beide die restlichen Planen, bis wir Lucas komplett befreit hatten. Ich ging zu Boden und strich sanft durch Lucas Haar.
„Lucas…?“, sagte ich leise.
Mir liefen die Tränen über die Wangen.
„Wir müssen ihn hier heraus bringen“, kam es von Kevin, der anscheinend einen kühleren Kopf wie ich hatte.
Gemeinsam versuchten wir Lucas auszurichten, der plötzlich stöhnend Laute von sich gab.
„Gwenn, gehen sie voraus und leuchten sie. Wenn wir oben sie rufen sie sofort einen Krankenwagen und die Polizei!“
„Ja Sir.“
Lucas hing an uns wie ein nasser Sack. Gelegentlich dachte man er kam zu sich, aber er knickte immer wieder weg. Oben angekommen, ließen wir ihn sanft zu Boden gleiten und ich kniete mich neben ihn.
„Lucas…? Hörst du mich?“, fragte ich leise.
Kevin sah mich an.
„Ich schau, ob ich etwas zum Verbinden finde“, meinte er, während Gwenn bereits die Halle verließ.
Mein Blick richtete sich wieder zu Lucas, dessen Kopf ich mit beiden Händen festhielt.
„Lucas?“
Er röchelte und reagierte. Seine Augen begannen zu blinzelten, bevor sie sich langsam öffneten.
„Lucas… hörst du mich?“
„…Bill…“
Er begann zu husten und sein ganzer Körper bebte. Seine Hand wanderte Richtung Kopf und fasst direkt auf die Wunde.
„Scheiß… tut das weh.“
„Lucas…, was ist passiert?“
„Marc…“
„Was?“
Lucas versuchte sich aufzurichten. Vorsichtig half ich ihm auf, bis er saß. Inzwischen kam Kevin zurück.
„Hier ist Verbandszeug…“
„… Marc… hat mich angerufen…“
„Welcher Marc?“, fragte Kevin.
„Kevin… bist du so blöd?… mein EX“, fuhr ich meinen Bruder an.
„Was wollte er von dir?“, versuchte ich deutlich ruhiger Lucas zu fragen.
Kevin ging nun ebenfalls in die Knie und versuchte sich daran ein Verbandspäckchen auf zu reisen.
„… er… meinte… dir wäre etwas passiert… ich bin so… schnell wie es ging… hier her. Ich betrat die Halle… und dann… weiß ich nichts mehr.“
„Woher hat Marc denn deine Nummer?“, wollte Kevin wissen und tupfte mit einem Tuch auf Lucas‘ Wunde herum.
„… aua… ich weiß es nicht…, ich kenn den Typ nicht mal.“
„Ihr habt euch nie gesehen?“, fragte ich verwundert.
Lucas sah mich an und schüttelte leicht den Kopf. Plötzlich fiel mit einiges wieder ein. Die Spuren im Schnee, vor meinem Haus, dass Knurren von Bell. Lucas‘ Unfall und woher wusste Marc von dem Einbruch.
Wenn Marc Lucas angeblich noch nie gesehen hatte, woher wusste er, dass Lucas braune Locken hatte. Ich richtete mich auf.
„Kevin, du bleibst bei Lucas, bis der Krankenwagen kommt.“
„Was hast du vor?“
„Ich habe etwas zu erledigen…“
*-*-*
Mein Wagen schlitterte auf den Bordstein zu. Gerade noch rechtzeitig kam ich vor dem Hotel zu stehen. Ich zog die Schlüssel ab und verließ den Wagen. Der Schnee war mehr geworden und ich hatte Mühe ohne hinzufallen ins Hotel zu kommen.
Ich riss die Eingangstür auf und betrat das Haus. An der Rezeption war niemand zu sehen und so stürmte ich die Treppe hinauf. Wenig später stand ich vor der Zimmertür von Glenda Borger-Oswald.
Etwas zu energisch klopfte ich gegen die Zimmertür, denn wenige Sekunden später öffnete sich diese. Glenda stand vor mir und sah mich entsetzt an. Ich schob die Tür auf.
„Wo ist der Scheißkerl?“, schrie ich wütend.
„Bill… ich bin dafür, sie verlassen augenblicklich meine Räumlichkeiten!“
Ich drehte mich zu ihr um.
„Ach nehmen sie ihn auch noch in Schutz?“, fuhr ich sie an.
„Ich weiß gar nicht wovon sie reden!“
„Nicht!“, meine Stimme überschlug sich, „ihr lieber Sohn Marc hat meinen Freund niedergeschlagen…“
„Das glaube ich nicht!“
Ihr Tonfall war nun auch lauter geworden.
„Das soll ich glauben!“, ich trat ein Schritt auf sie zu, „… sie wissen natürlich auch nichts von ihren Tochterfirmen, die, die zerschlagenen Firmen ihres Mannes dazu nutzen, um erfolgreich zu werden?“
Geschockt sah sie mich an.
„Sie weiß wirklich nichts davon“, hörte ich eine Stimme hinter mir und ich wirbelte herum.
Marc stand vor mir und ich sah genau in den Lauf einer Waffe.
„Marc…!“, schrie Glenda.
„Halt die Klappe Mutter!“
„Aber…, aber…“
Glenda verstummte.
„Du hast also Lucas gefunden…“
„Ja…“, sagte ich zornig.
„… und er lebt noch…, schade.“
Ich kannte den Typ vor mir nicht mehr. Er hatte mit Marc nichts mehr gemeinsam.
„Hast du noch alle im Oberstübchen? Lucas hätte draufgehen können!“
„Na und?“, Marc zuckte mit den Schultern, „wenn ich dich schon nicht haben kann…, dann soll er dich auch nicht kriegen. Aber nun bist du ja bei mir.“
Marc sagte das mit einer Gelassenheit, die mir Angst einjagte. Zu was war der Typ noch alles fähig.
„… und vielleicht hätte ich nach Lucas Verschwinden und dem erwiesenen Mord an dem alten Fahrer ja wieder Chancen bei dir gehabt…, wer weiß.“
Harrison.
„Du hast Harrison…“
„Nur etwas nachgeholfen…, er hätte so wieso nicht mehr lange zu leben gehabt. Sterbehilfe nennt man das…, oder?“
„Du tickst echt nicht mehr richtig…“
„Wieso? Das habe ich alles für dich gemacht…“
„Für mich?“
Er trat auf mich zu, ohne die Waffe sinken zu lassen. Marc hob die andere Hand und strich mir sanft über die Wange.
„Bill… ich liebe dich, dass weißt du doch!“
Ich schüttelte den Kopf. Der Typ war echt krank.
„Ich liebe DICH nicht mehr!“, fuhr ich ihn an, wohl wissend, dass er nur abdrücken brauchte, um den Ganzen ein Ende zu setzen.
„Sag nicht so ein Quatsch, natürlich liebst du mich und kannst nicht mehr ohne mich sein!“
Marc war absolut gaga. Ich wusste auch nicht, wie ich mich weiter verhalten sollte. Glenda stand dicht hinter mir, aber sagte kein Wort.
„… und was jetzt?“, fragte ich ruhiger.
„Was hältst du von einer Reise in die Staaten?“
„Was soll ich dort?“
„Mit mir leben?“
Sein Lächeln war süffisant.
„… und deine Mutter?“
„…ist überfallen wollen. Man bin ich genial, keiner wird es je erfahren.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher“, hörte ich plötzlich Chief Inspektor William Holmes Stimme.
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und Holmes und sein Kollege Whitehead stürmten mit gezogener Waffe ins Zimmer. Ich fuhr zusammen.
„Lassen sie die Waffe fallen“, schrie Holmes.
Ich schaute immer noch auf Marc, der sich seiner Lage immer noch nicht bewusst war.
„Warum?“, fragte er noch genauso gelassen und fuchtelte mit der Waffe vor meinem Gesicht herum.
„Waffe fallen lassen!“
Holmes Tonfall war noch schärfer geworden. Marc ließ die Waffe langsam sinken und schließlich zu Boden fallen. Whitehead stürmte auf ihn zu und zerrte ihn zu Boden. Ich atmete tief durch.
„Das tut weh!“, jammerte Marc, der mittlerweile mit dem Gesicht zu Boden lag.
„Warum… Marc?“
Glenda schien wohl ihre Stimme wieder gefunden zu haben.
„Warum hast du das gemacht, Marc?“, fragte sie erneut.
Die Handschellen klickten.
„… Bill ich liebe dich… du kannst alles aufklären…“
Ich sah zu Glenda und Holmes, dann wieder zu Marc, der von Whitehead hochgezogen wurde.
„Kapier es endlich. ICH… LIEBE… DICH… NICHT!
*-*-*
Ich stampfte etwas auf den Boden, um den Schnee von den Schuhen zu bekommen, während Bell sich schüttelte.
„Hallo Bill, ein Bier?“
„Hallo Sally…, ähm hast du auch etwas Warmes für mich?“
„Sicher! Die anderen sitzen im Nebenraum.“
„Danke“, meinte ich, während ich meine Jacke auf hing und Bell schon davon trottete.
Ich folgte ihr und betrat den Nebenraum.
„Bill…!“, rief Lucas und sprang auf.
Er fiel mir um den Hals und gab mir eine Kuss.
„Hallo mein Kleiner“, lächelte ich.
Seine Stirn zierte noch ein Pflaster und war alles, was an den vergangenen Vorfall erinnert.
„Hallo Bruderherz“, hörte ich Kevins Stimme.
Ich löste mich von Lucas.
„Hallo Kevin… hallo Grace.“
Ich klopfte Kevin auf die Schulter, gab Grace ein Begrüßungsküsschen auf die Wange und setzte mich zu ihnen. Während Lucas sich setzte, kam Sally herein.
„Hier ein Tee mit Schuss“, meinte sie und stellte ihn ab.
„Danke“, lächelte ich sie an.
„Kein Bier?“, fragte Kevin.
„Später vielleicht…, mir ist etwas kalt.“
Wenige Sekunden später spürte ich, wie Lucas den Arm um mich legte. Ich lächelte ihn an.
„Was wird jetzt?“, fragte Kevin.
„Was meinst du?“, fragte ich zurück.
„Ich habe zwar in der Zeitung gelesen, dass Marc des Mordes angeklagt ist…“
„… zwei versuchte Morde und, Einbruch und… und“, unterbrach ich Kevin.
„Der Kerl ist echt nicht mehr dicht“, sagte Lucas.
„Darauf wird es hinaus laufen, dass er sicher in eine geschlossene Anstalt kommt“, entgegnete ich.
„Aber was wird nun aus unserer Firma?“, wollte Kevin wissen.
„Was soll mit der sein? Wenn ihr fleißig arbeitet und die Bestellungen alle schafft geht es uns wieder gut.“
„Aber was ist mit Marcs Mutter? Ihr Geld…“
„… ist gut in unsere Firma angelegt.“
Ich beugte mich vor und rührte in meiner Tasse.
„Leider sind feindliche Übernahmen nicht strafbar. Aber Steuerhinterziehung schon. Marcs Vater hat mit seinen „sauberen“ Geschäften, die Steuerbehörde umgangen und dass ist strafbar.“
„Und bei uns?“
„Das war ein reales Geschäft mit Mrs. Bogner-Oswald. Und da sie nachweißlich wirklich nichts von diesen Geschäften ihres Mannes wusste, bleibt sie unbehelligt und unsere Firma auch.“
„Aber wie hat es Marc fertig gebracht, ihr Tochterfirmen unterzujubeln, ohne dass sie es merkte?“, wollte nun Lucas wissen.
„Marc ist oder war nur der Handlanger seines Vaters und der hat alles aus Amerika gesteuert, ohne das Wissen seiner Frau.“
„Dann können wir alle nun beruhigt schlafen“, meinte Kevin.
„Du sowieso, wenn du noch mehr Bier trinkst“, sagte Grace und wir fingen alle an zu lachen.

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