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Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 12:01 PM - No Replies

alte briefe….
durch zufall sind mir briefe in die hände gefallen
alte von früher
war sofort wieder in der vergangemheit
namen kamen ins gedächnis zurück
gesichter erschienen mir wieder
war eine schöne zeit
mit vielen gesprächen
tollen erfahrungen
tollen freunden
was die jetzt wohl alle machen
aus dem auge aus dem sinn
fast….
die wahren freunde von früher
sind auch noch die freunde von heute
sie sind es geblieben
weil wir die freundschaft
gehegt und gepflegt haben
und den kontakt
nie haben abbrechen lassen
alte brief erinnern
doch die zeit ist vorbei…….

Der Brief
Der Umzug war geschafft, endlich waren alle Kartons in der neuen Wohnung. Der eigenen Wohnung wollte ich sagen, ja ich hatte es endlich geschafft bei meinen Eltern auszuziehen. Nun saß ich hier auf meinen Kartons und wusste nicht wo ich anfangen sollte.
Also lass ich erst mal was auf den Kartons stand um etwas Überblick zu bekommen. Ich sortierte sie nach den Zimmern. Zimmern ist gut. Zwei Zimmer Wohnung mit Küche und Bad. Aber es war mein Reich und dass war mir schon viel wert. Da fiel mir das Namensschild für meine Wohnungstür in die Hände.
Sweet Home – Nicolas Drehmel, dass musste ich jetzt doch gleich aufhängen, damit jeder gleich wusste wer da eingezogen war. So das war erledigt. So fing ich an ein Zimmer nach dem anderen einzuräumen, wollte ja am Abend fertig sein, falls irgendein Besuch kam. Aha – Aktuelle Sachen – stand auf dem Karton, ich öffnete ihn. Das waren die Sachen die ich am Schluss eingepackt hatte. Wecker, Papiere, die letzte Post, halt Post die hab ich ja noch nicht nachgeschaut.
Werbung, Werbung, ein Brief von Frank, holla ich hab Post von Frank. Ich riss den Umschlag auf und lass mir in Ruhe den Brief durch.
Hallo Nicolas,
heute haben wir Montag-Abend und ich sitze vor meiner Stereoanlage und denke nach. Eben gerade war ich mit Christoph und Jo (den wirst du noch kennen lernen) Eisessen. Beim Essen hab ich mich gelangweilt und so für 5 Euro Eis in mich hinein geschleckt.
Ich habe mir überlegt wie es wäre wenn du da wärst. Dabei musste ich feststellen, dass noch keine Freundschaft bei mir so fest und intensiv war, wie bei dir. Es ging alles so schnell für mich, alle anderen Bekannten finde ich jetzt so langweilig. Ich merke, dass ich bei ihnen nicht so offen sein kann, wie bei dir. Auch finde ich Offenheit und Vertrauen sehr wichtig und nur dir vertraue ich vollkommen. Übrigens dieser Brief ist kein Hohenlied auf dich, eher ein Ordnen meiner Gedanken und Verarbeiten von Eindrücken. Ich habe die Angst, dich zu stark an mich zu binden und so unsere Freundschaft zu zerstören. Auch wenn ich nicht bei dir sein kann, sind meine Gedanken bei dir und das macht dich glücklich.
Bei unserer Freundschaft fällt mir ein Gedicht ein:
Freunde muss man suchen
Nicht jeder ist ein Freund manche haben gar keinen Freund.
Ein Freund hat dich gern
Er tut alles für dich
Auch wenn es ihm schwer fällt
Er ist treu
Er macht sich net groß
Er denkt nicht an sich
Er denkt nur an dich
Manchmal gibt es Streit mit dem Freund
Aber gute Freunde
Vertragen sich immer wieder
Manchmal verlangt man viel von einem Freund
Der Freund wird es tun
Ein Freund wird sich einsetzen
Ohne ein freund zu sein ist schlimm
Ein treuer Freund
Ist wie ein starker Schutz
Wer ihn gefunden hat
Der ist reich
Danke Nicolas, das du mein Freund bist.
Frank
Oh Mann, was soll der Brief denn nun schon wieder? Er sagte er wolle keine engere Bindung, sagt wir sind nur Freunde, und dann geh ich ihm nimmer aus dem Kopf, er vermisst mich. Ich hab ihm ja geschrieben, das ich in ihn liebe.
Das er seiner Gefühle für mich nicht sicher ist, kann ich nach diesem Brief nicht verstehen, vor allem die Angst, das er mich zu arg an ihn bindet, wär mir ja mehr als recht, wenn er das tun würde. Total aufgelöst saß ich auf dem restlichen Stapel meiner Umzugskartons.
Was soll ich bloß machen, ich wäre nur zu gern sein richtiger Freund. Mir genügen die gemeinsamen Gespräche nicht mehr. Es ist zwar schön mit ihm zusammen zu sein, aber ich möchte mehr, ich möchte ihn ganz!
Ich sollte aufhören, ich höre mich egoistisch an. Es ist seine Entscheidung. Ich hab mir geschworen aufzuhören, um ihn zu kämpfen. Ich will ihm doch nicht immer hinter herrennen und zu nichts zwingen, was er nicht will.
Etwas aus der Fassung räumte ich nun auch noch die übrigen Kartons restlos aus, und brachte diese dann in meinen Kellerraum unten. Ich schob meine Dekosachen noch herum, bis ich endlich den richtigen Platz für sie fand.
Was jetzt noch fehlte, waren ein paar Bilder und Pflanzen. Als ich in die Küche kam, lag Franks Brief immer noch auf dem Tisch. Ich nahm in ihn in die Hand und lass ihn nochmals. Ich wurde einfach nicht schlau aus ihm.
Ich steckte ihn in den Umschlag und feuerte ihn in die Ecke. Ich entschloss mich endlich zu duschen, nach dieser Arbeit, war mein Geruchsfeld, sogar mir zu wider. Ich genoss die Warme Strahlen der Dusche und stand eine Weile da und lies das Wasser an mir herunterlaufen.
Der blöde Brief ging mir natürlich nicht aus dem Kopf. Ich wusch mich und war dann gerade am Abtrocknen, als der Türgong ging. Scheiße dachte ich, gerade jetzt. Halb tropfend lief ich zur Sprechanlage.
„Ja?“
„Hi Niki hier is Nadine.“
„Hallo Nadine, dass ist eine Überraschung, moment ich lass dich rein.“
„Okay.“
Ich drückte den Summer. Dann ging ich an die Tür und öffnete sei einen Spalt breit, und wartete bis Nadine raufkam. Sie kam die Treppe heraufgeschnauft und ich lies sei rein.
„Sorry ich war gerade unter der Dusche wie du siehst.“
Ich stand nur mit einem Handtuch um die Hüften gewickelt vor ihr.
„Ach Niclas, wenn du nicht schwul wärst würde ich sofort über dich herfallen. Warum müssen denn immer die süßesten Jungs schwul sein?“
„Ich habe dir schon oft genug gesagt, es gibt genug süße Jungs die hetero sind.“
„Ja hast du, aber ich glaube die verstecken sich vor mir.“
„Mir wird langsam kalt, ich zieh mir nur was geschwind drüber. Schau dich doch schon ein wenig um.“
„Ja mach ich, du kann ich Tee machen?“
„Ja gerne, musst dir es halt zusammen suchen, hab da in der Küche noch keine rechte Ordnung drin.“
„Geht in Ordnung, geht dich endlich anziehen.“
Ich lief wieder ins Bad trocknete mich notdürftig ab, und zog mir ne kurze Shorts und ein Tshirt drüber. Meine Haare ließ ich so, sie standen eh immer wir in alle Richtungen.
„Und alles gefunden?“ fragte ich Nadine, als ich die Küche betrat.
„Ja alles, auch den da,“ und wies mit dem Kopf Richtung Franks Brief der wieder auf dem Tisch lag, „ willst du darüber reden?“
„Was soll ich darüber reden, ich fehl ihm, aber als festen Freund will er mich nicht, is doch eh egal.“
„Nichts ist egal, ich seh doch Niki, wie du drunter leidest.“
„Ach Nadine ich weiß nicht was ich noch machen soll, mir ist die Lust vergangen zu kämpfen, er will nicht.“
„Dann musst du dich nach einem anderen umschauen, wie es auch jetzt klingen mag.“
„Da hab ich auch schon drüber nachgedacht, aber Frank geht mir nicht aus dem Kopf.“
„Wann warst du das letzte Mal aus, also ich meine so richtig in der Diskothek, net deine übliche Kneipentour.“
„Schon lange nicht mehr.“
„Und warum?“
„Du weißt ganz genau, das ich mit meinen dreiundzwanzig, schon zu den Opas gehöre.“
„Jetzt übertreibe doch nicht, siehst für dein Alter noch passabel aus, sagte Nadine frech grinsend.
Jetzt erst merkte ich, dass sie mich aufziehen wollte. Auch ich fing an zulachen und wir liefen mit unseren Tassen mit Tee ins Wohnzimmer.
„Weißt du was Niki, ich fahr dann schnell noch mal heim, zieh mich um und dann gehen wir gemeinsam inne Disse, ok?“
„Können wir machen, aber findest du nicht das so ein passabel aussehender Mann dir alle Chancen bei anderen Männern raubt, die denken doch ich bin mit dir zusammen.“
„Du das kann ganz schön hilfreich sein, so viele Notgeile da immer rumrennen,“ antwortete sie.
„Da hast du auch wieder recht. Also gehen wir gemeinsam auf Männerfang?“
„Ja gehen wir… du irgendwie fehlen hier noch Bilder und Pflanzen..“
„Was du nicht sagst, darauf wäre ich nie gekommen,“ sagte ich und fing zu lachen an.
Zwei Stunden später stand Nadine frisch gestylt vor der Tür.
„Wow, du bist ja fast nicht mehr zu erkennen,“ sagte ich und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wangen.
„Und bist du fertig?“
„Moment ich hol mir grad noch meine Jacke.“
„Kein Puder mehr nachlegen?“ fragte Nadine frech.
„Hab ich nicht nötig, das is alles Natur an mir.“
Nadine seufzte laut. Ich schloß meine Wohnungstür ab und sauste Nadine hinter her, die schon vorausgegangen war.
„Meinst du nicht, dein Hemd ist ein bisschen weit offen?“ fragte Nadine keck, als ich zu ihr ins Auto stieg.
„Wieso jeder kann sehen was ich zu bieten habe.“
„Hast du einen neuen Ring an?“
„Du meinst den hier?“ ich hob leicht mein Hemd auf und zeigte auf den Piercing an meiner Brust.
„Ja, ist das eine Schlange?“
„Ja, hab ich letzte Woche in nem kleine Laden inner Stadt gefunden.“
„Sieht cool aus,“ meinte Nadine und setzt ihren Wagen in Gang.
„Danke.“
„Man ist heut wieder voll hier,“ sagte Nadine die ich vor mir her schob.
„Dafür spielen sie wieder absolut geile Musik zu tanzen,“ gab ich zur Antwort.
„Holen wir uns was zum Trinken und suchen uns einen Platz.“
„Okay.“
Wir schoben uns langsam zur Theke durch als Nadine plötzlich stehen blieb.
„Was ist denn, geh doch weiter.“
„Guck mal wer da drüben tanzt,“ gab Nadine von sich.“
Ich schaute auf die Tanzfläche und entdeckte nach einer Weile Frank, der dort mit einer Blondine zu Gange war.
„Na und ich bin mit dir hier,“ sagte ich.
„Du willst nicht zu ihm?“
„Nein, hab kein Verlangen danach.“
„Gut. Was willst du trinken?“
„Ein Pils.“
„Gut setzt dich dort drüben hin, ich brings gleich mit.“
„Okay.“
Ich ließ meine Blicke durch den Raum wandern. Einige süße Jungs waren ja schon da, aber alle waren sie mit Mädels beschäftigt mit ein paar Ausnahmen. Nadine riss mich aus den Gedanken.
„Na, schon was Leckeres für mich oder dich gefunden?“
„Einige, ja.. vielleicht kommt ja noch was interessantes rein.“
In dem Augenblick sah ich, wie ein Junge den Laden betrat.
„Nici mach den Mund zu, is ja schon peinlich.“
„Sorry, hab ich nicht gemerkt.“
Ich trank von meinem Bier und Nadine grinste wieder wie ein Honigpferd.
„Jetzt kommt er auch noch in unsere Richtung,“ sagte Nadine.
„Glaub ich nicht, der hat bestimmt jemanden Bekanntes gesehen in unserer Richtung.“
„Das Gefühl hab ich nicht, so wie er dich oder mich fixiert.“
„Das bildest du dir nur ein, na ja dich vielleicht, mich doch nicht.“
Der Junge trat wirklich an unseren Tisch.
„Hallo, ich bin neu hier kann ich mich einwenig zu euch setzen.“
Nadine schaute mich grinsend an.
„Natürlich, setz dich, lernen immer gerne neue Leute kennen,“ sagte Nadine und rempelte mich unter dem Tisch an.
Endlich hörte ich auf zu starren und suchte nach passenden Worten.
„Ganz meiner Meinung, wie heißt du?“ fragte ich.
„Jost, und ihr?“
„Das ist Nicolas und ich bin Nadine.“
„Seid ihr ein Paar?“
„Nein wir sind beide noch zu haben,“ sagte ich ein wenig forsch, was mir einen Rempler in die Seite einbrachte.
„Ich hol mir mal schnell was zu trinken, ihr seid ja hoff ich noch ein wenig da?“
„Wir sind selber eben erst gekommen,“ meinte Nadine und wech war er.
„Starr den Jost doch net so an, ein wunder das er noch was anhat,“ sagte Nadine zu mir.
„Ach hör auf, so schlimm wird ich schon nicht sein,“ erwiderte ich.
„Noch schlimmer,“ grinste Nadine mir frech entgegen.
Jost kam mit einer Cola zurück und setzte sich wieder. Das neue Lied von Kate Ryan fing an zu spielen. Jost schaute mich an.
„Lust zum Tanzen Nici?“
„Gerne,“ sagte ich lächelnd.
„Wie macht ihr das?“ fragte Nadine, die unsere Blicke mitbekommen hatte.
„Was machen wir?“ fragte ich zurück.
„Wie wisst ihr das euer gegenüber auch….?“
„Das ich schwul bin,“ fragte Jost. Nadine nickte.
„Ach Nadine, mit der Zeit bekommst du einen Blick für ob jemand schwul ist oder nicht, und bei Nici wusste ich das sofort.“
Nadine schaute mich durchdringend an.
„Für mich sieht Nici ganz normal aus,“ erwiderte sie darauf.
„Komm lass uns tanzen gehen, du auch Nadine,“ sagte Jost und zog mich vom Hocker.
Seine Hand an meiner Seite versetzte mich in ein Wirrwarr meiner Gefühle. Auf der Tanzfläche angekommen, ließen wir uns von den heißen Rhythmus, und der Atmosphäre anstecken. Beim Tanzen vergaß ich alles um mich herum. Ich hörte nur noch die Musik und den Bass.
Jost drückte seinen Körper eng an mich. Er hatte sein Tshirt ausgezogen und in die Hose gesteckt. Sein Körper glänzte im Schein der Lichtanlage. Ich konnte meine Augen nicht abwenden von ihm. Die Musik tat ihr übriges. Angeheizt strich ich mit meiner Hand über seinen muskulösen Oberkörper. Seine Augen funkelten mich an und ich verlor mich in ihnen.
Jost legte einen Arm um mich, kraulte mich am Nacken. Unsere Gesichter näherten sich langsam und Jost gab mir einen Kuss.
„He ihr Schwulis, könnt ihr das nicht wo anders machen, dass ist ja ätzend,“ sagte eine Stimme hinter uns.
Schon spürte ich einen unangenehmen Druck auf den Rücken, der mich nach vorne warf. Irgendwer versuchte mich weg zu schucken. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, dass es Jost nicht anders ging.
Und ehe wir uns versahen befanden Jost und ich uns in einer Schlägerei. Fünf Typen gingen auf uns los. Nadine die mutig dazwischen gehen wollte, wurde einfach in die Ecke geworfen. Bald lag ich auf dem Boden und spürte nur noch Tritte, die meinen Körper trafen. Ich sah noch verschwommen wie das Licht anging, hörte Schreie und dann wurde es schwarz um mich.
Als ich die Augen versuchte zu öffnen, tat es höllisch weh. Alles brannte und kam mir so geschwollen vor. Ich versuchte mit meiner Hand ins Gesicht zu langen, aber irgendwer hielt meine hand fest.
„Nicolas, ganz ruhig, ich bin bei dir. Dad ist auch da.“ Die Stimme meiner Mutter.
„Wo ….., sogar das Sprechen viel mir schwer.
„Du bist im Krankenhaus,“ sagte mein Vater, „ ein paar Typen meinten sie mussten dich als Boxsack benutzen.
Auf einmal viel mir alles wieder ein. Die Disco.. Nadine Jost..
“Nadine… “
“Nadine geht es gut, sie hat nichts abbekommen,“ meinte meine Mutter.
„Und Jost….?“
„Wenn du den Jungen meinst der mit dir eingeliefert ist, um den steht es nicht so gut, ihm wurde anscheinend eine Flasche übergehauen. Er ist immer noch bewusstlos.“
Das hörte ich noch, dann viel ich wieder in einen tiefen Schlaf.
Ich lief auf einer Wiese. Die Sonnenstrahlen waren kräftig und wärmten meine Körper. Ich war nackt aber es störte mich nicht. So weit ich schauen konnte, ein Meer von Blumen und Gräsern. Vorsichtig ging ich Schritt für Schritt, um keine Blume zu zertreten. Am Rande wo ein paar Bäume standen, erspähte ich eine Person. Fröhlich lief ich auf sie zu. Auch sie war nackt, doch konnte ich immer noch nicht erkennen, wer es war. Also lief ich tanzen und unbezwungen weiter. – Frank – Ich schaute ihn an und er lächelte mich an. Er nahm mich in die Arme, aber ich spürte nicht das geringste von ihm. Fragend stand ich da und er zuckte nur mit der Schulter. – Nicolas – Nicolas – Nicolas.. irgendwo her, hörte ich meinen Namen rufen. Das Bild der Wiese wurde schwächer und Frank verschwamm mit den Farben, der Wiese…
„Da bist du ja endlich wieder mein Schatz,“ sagte meine Mutter, als ich die Augen öffnete, „du hast jetzt vier Tage lang durchgeschlafen. Wie fühlst du dich?“
Ich horchte in mich hinein, aber ich konnte nichts feststellen, dass mich behinderte.
„Gut,“ sagte ich.
„Das freut mich zu hören, Kleiner,“ die Stimme kam von meinem Paps.
Ich drehte meine Kopf und schaute ihn an. Plötzlich von einer Sekunde zu der anderen, fing ich an zu weinen, ich wusste selber nicht warum. Mein Paps nahm mich in den Arm. Es tat gut ihn zu spüren.
„Du Nicolas, Nadine und ein junger Mann stehen draußen, kann ich sie rein bitten, wir werden euch auch ein bisschen alleine lassen,“ meinte meine Mutter.
„Geht das denn?“ fragte ich verwundert.
„Du bist nicht mehr auf der Intensivstadion, sie dürfen dich besuchen, du sollst dich nur noch nicht soviel bewegen,“ gab meine Mum zur Antwort.
Ich nickte, jedenfalls versuchte ich es anzudeuten.
„Gut dann gehen dein Vater und ich einen Kaffee trinken, und lassen euch solange alleine, aber versprich mir nicht großartig bewegen.“
„Geht klar Mami.“
Sie strich mir sanft über die Wange und verließ mit meinem Dad das Zimmer. Herein kamen Nadine und .. Frank.
„Hallo ihr zwei,“ sagte ich leise.
„Hallo Nici, schau mal wen ich dir mitgebracht habe,“ sagte Nadine.
Frank sah aus als hätte er ein paar Nächte nicht mehr geschlafen.
„Sollten wir nicht die Plätze tauschen, du siehst nicht sehr gut aus Frank,“ sagte ich und versuchte es mit einem Lächeln, komisch wirken zu lassen, was mir aber nicht gelang.
„Du der Frank, hat dir sozusagen das Leben gerettet,“ meinte Nadine.
„Jetzt übertreibe nich Nadine,“ sagte Frank, der einen roten Kopf bekam.
„Doch, hättest du nicht dem einen Schläger in die Fresse gehauen, dann hätte Nici, den Stuhl voll auf den Kopf bekommen.“
„Das hast du gemacht?“ fragte ich.
„Ja, hab ich.“
„Danke Frank.“
„Nichts zu danken, war doch selbstverständlich.“
„Ist es nicht, ich weiß wie sehr du Gewalt verabscheust.“
„In dem Fall nicht.“
„Ich würde dich, ja jetzt gerne in den Arm nehmen, aber meine Mutter meinte ich solle mich nicht großartig bewegen, weis zwar nicht warum, aber ich halt mich dran. Was macht Jost?“
Betroffen schauten die beiden sich an.
„Was ist los, sagt doch einer von euch was.“
Nadine schaute auf den Boden und fing leise an zu sprechen.
„Er liegt immer noch in Koma, im künstlichen Koma. Seine Kopfverletzung war doch sehr schwer, aber sein Zustand wäre stabil, erzählte mir seine Mutter.“
„Noch nicht aufgewacht…,“ sagte ich.
„Nein, er hatte nicht soviel Glück wie du.“
Ich fing wieder an zu weinen.
„He Kleiner, er wird wieder auf die Beine kommen, da bin ich mir sicher,“ sagte Frank.
Ich versuchte mich ein wenig zu bewegen, weil es mir unbequem wurde, lies es aber sein als ich einen stechender Schmerz in der Brustgegend spürte, ich verzog mein Gesicht.“
„Du hast drei Rippen gebrochen, deswegen die Schmerzen,“ sagte Nadine und nahm meine Hand in die Ihre.
„Was noch?“ fragte ich.
Sehr viele Prellungen, Blutergüsse, na ja und dein Gesicht.. wenn es wieder abgeschwollen ist, siehst du wieder fast normal aus.“
„Wieso fast.“
„Ich denke mal die Narbe von deiner Kinnverletzung wird bleiben.“
„Oh Mann, was haben die mit mir angestellt?“
„Wären sie von den Rausschmeißern nicht aufgehalten worden, würdest du noch schlimmer aussehen.“
„Und was ist jetzt mit ihnen?“
„Sitzen, mit einer Klage auf versuchten Totschlags, hinter schwedischen Gardinen. Und du kannst sicher sein, da werden sie auch bleiben, so viele Zeugen, wie anwesend waren.“
„Ich kann mich an nichts mehr erinnern, nur noch, dass Jost mich zum Tanzen aufgefordert hat.“
„Kommt wieder.“
„Warum bist du überhaupt so gut informiert,“ fragte ich verwundert Nadine.
„Weil ich mit Frank, jeden Tag seit deiner Einlieferung hier war und deine Mutter hat mir alles erzählt.“
Frank schaute immer noch besorgt drein, hatte aber bisher, noch nichts weiter gesagt.
„Frank, dein Brief….;“ fing ich an.
„Ich weiß, ich hab dir wieder Hoffnungen gemacht…,“ antwortete Frank und schaute weg, „vielleicht wollte ich das auch.“
„Muss ich das jetzt verstehen?“ fragte ich.
„Wie soll ich sagen…, ich lieb dich Nici…, dass wurde mir so richtig bewusst, als du blutend am Boden lagst und ich dachte ich würde dich führ immer verlieren, ich hab festgestellt wie sehr ich dich brauche…“
„Du liebst mich, so richtig mit allem drum und dran?“ Ich war total aus dem Häuschen.
„Ja und ich möchte keine Sekunde mehr ohne dich sein…, wenn du mich überhaupt noch willst… da ist ja noch Jost.“
„Dummerle, ich hab mit Jost nur getanzt und vor allem ich kenne ihn ja nicht mal richtig, auch wenn wir uns geküsst haben, so genau weiß ich das nicht mehr, haben wir?“
„Ja habt ihr,“ meinte Frank.
„Ups, es war ja nur ein Kuss.“
„Hat jemand ein Tempo?“ fragte Nadine, die versuchte ihre Tränen bei sich zu behalten um nicht ihre ganze Schminke zu verschmieren.
„Ich bin so froh, dass ihr euch endlich gefunden habt.“
„Und ich erst,“ sagte ich und grinste über beide Wangen.
„Du Nici, aber trotzdem hab ich immer noch Bedenken wegen Jost,“ meinte Frank.
„Warum eigentlich?“
„Ich hatte vorgestern ein längeres Gespräch mit seiner Mutter.“
„Du hast was?“
„Es waren Schwestern in deinem Zimmer und ich durfte eine Weile nicht rein zu dir, da hat mich eine Frau angesprochen, ob ich dich kennen würde.“
„Ja und?“
„Ich bejahte die Frage, dass wir uns schon länger kennen. Dann erzählte sie, dass sie erst vor drei Monaten in unsere Stadt gezogen waren und Jost, das erstemal seit sie hier wohnten, am Abend fortging.“
Frank legte eine pause ein und atmete tief durch.
„Sie hat mir auch erzählt, dass, als Jost kurz erwachte deinen Namen rief.“
Ich schaute in Franks traurige Augen.
„Frank was hältst du davon, wenn wir uns beide um Jost kümmern, wenn er wieder fit ist?“
„Bist du dir sicher?“
„Ja bin ich, mit dir an meiner Seite, habe ich alle Kraft der Welt.“
„Und wenn du dich doch in ihn verliebst?“
Ich zog unter Schmerzen, Frank zu mir herunter.
„Hör mir mal bitte zu. Seit einem dreiviertel Jahr renne ich dir nun hinter her. Meinst du ich werfe das alles einfach über den Haufen? Frank ich liebe dich, frag Nadine, wie ich darunter gelitten habe, als du dich nicht für mich entscheiden wolltest.“
Nadine nickte ihm zu.
„Ich werde Jost meine Freundschaft anbieten, im Sinne als Freund und nicht Boyfriend, weil die Stelle hat sich jemand anders ergattert, okay?“
„Ja schon in Ordnung, entschuldige,“ meinte Frank.
„Hör auf dich zu entschuldigen, und gib mir endlich einen Kuss.“
Schüchtern drückte mir Frank ein Kuss auf meine Lippen, ich hob die Arme und drückte ihn an mich, was ich aber gleich bereute.
„Aua,“ entfleuchte es mir.
„Das geschieht dir jetzt recht, den Todkranken spielen und schon wieder Jungs abknutschen,“ meine Mum stand in der Tür.
Frank wurde rot und gesellte sich wieder zu Nadine.
„Und können wir endlich gratulieren, und den Miesepeter von Sohn endlich zu den Akten stellen?“ fragte mein Paps.
„Ihr wisst…?“
„Ja Nadine war so nett uns aufzuklären, warum unser Sohn das letzte halbe Jahr so unausstehlich drauf war,“ sagte meine Mum.
Ich schaute zu Nadine, die mich nur angrinste.
„Und was ist mit Jost?“ fragte mich Paps.
„Jetzt fängst du auch noch damit an, ich habe ihn doch nur geküsst.“
„Das habe ich bei deiner Mutter auch gesagt, und eine Woche später war ich auch weg vom Markt.“
„Und zehn Monate später warst du auf der Welt.“
„Hattet ihr es so eilig?“
„Nein nicht aufgepasst,“ kam es von meinem Paps.
„So genau wollte ich das nicht wissen, oh Mann was habe ich mir da für Eltern geangelt.“
„Die wohl verständnisvollsten und liebsten Eltern die du dir Wünschen kannst,“ kam es von Nadine, „denke nur an Yannick, wie es ihm ergangen ist.“
„Yannick, der mit dir die Schreinerlehre gemacht hat?“
„Genau der,“ beantwortete ich die Frage meine Mum.
„Was ist mit dem passiert?“
„Er wurde von seinem Vater im Bett mit einem Jungen erwischt,“ sagte Nadine.
„Und was ist da dabei?“ fragte mein Dad verwundert.
„Er ist Religionslehrer.. er hat ihn danach rausgeschmissen und gemeint er hat keine Sohn mehr.“
„Uhhh – das ist hart…“ kam es von meinem Vater.
„So viel Glück wie ich hat halt niemand, ich glaube ich sollte wieder zu meinen Eltern ziehen,“ meinte ich.
„Schade eigentlich, das man Kinder nicht zurückgeben kann,“ meinte mein Dad und meine Mum fing laut an zu lachen.
„Wie war das mit liebsten Eltern?“ fragte ich Nadine.
Jetzt stimmten alle ins Lachen ein auch ich.
Als sich alle verabschiedet hatten lag ich da in meinem Bett und meine Gedanken kreisten um Jost. Ich drückte den Schwersternknopf und es dauerte nicht lange und es kam jemand.
„Was ist mit unserem jungen Herrn,“ fragte die Schwester.
„Ich habe da eine Frage. Es wurde doch ein anderer Junge mit mir eingeliefert.“
„Du redest sicherlich von Jost, der nicht so viel Glück hatte?“
„Genau Jost, liegt der eigentlich auf der Intensivstation?“
„Nein nicht mehr, er hat sich soweit stabilisiert. Aber er bleibt unter Beobachtung.“
„Liegt er wie ich alleine im Zimmer?“
„Nein ein älterer Herr ist sein Bettnachbar.“
„Ähm.. ich weiß nicht wie ich es sagen soll. Ich weiß ich bin Privatpatienten und habe anrecht das ich hier alleine liege, besteht aber die Möglichkeit, den Jost hierher zu verlegen?“
„Bist du dir da sicher, ich weiß auch nicht ob das geht, muss erst mit dem leitenden Arzt reden.“
„Würden sie das bitte für mich machen, es wäre mir sehr wichtig.“
„Du weißt aber, das er noch ohne Bewusstsein ist.“
„Eben drum, ich wäre gern in seiner Nähe.“
„Junger Mann ich kann dir nichts versprechen, ich werde sehen was ich tun kann.“
„Danke.“
Das alles hatte mich doch jetzt ein wenig in Anspruch genommen, bald darauf schlief ich ein.
Früh morgens wurde ich geweckt. Zwei Schwestern waren in meinem Zimmer zu Gange und räumten ein wenig um.
„Morgen, was ist denn hier los?“ fragte ich noch nicht richtig wach.
„Doktor Sprengler hat ihre Idee gut geheißen, Jost zu ihnen ins Zimmer zu legen,“ kam es von der einen Schwester.
„So früh am Morgen?“
„Jetzt haben wir noch Zeit, später stehen ein paar Operationen an, und da wissen wir nicht wie wir rum kommen.“
„Darf ich auf stehen?“
„Dem steht nichts im Wege.“
Ich versuchte mich auf zurichten, bekam aber fürchterliche Schmerzen im Brustbereich.
„Nicht so,“ meinte die eine Schwester, „du belastest deine Rippen, dass ist nicht gut. Versuch dich auf die Seite zu rollen, ja genauso und nun stütz dich mit der Hand ab und drück dich hoch.“
Und schon saß ich auf meinem Bett. Ich hielt mich am Bettende fest und stand auf. Meine Beine fühlten sich ein weich an, aber es ich konnte mich fortbewegen.
„Und geht es?“
„Ja, ein wenig unsicher aber bis zur Toilette schaff ich es.“
Wenn mein Dad heute kam musste er mir helfen von diesem Leichenhemd loszukommen und vor allem unten rum was richtiges, ich fühlte mich mit eine mal so nackt. Auf der Toilette fühlte ich mich wie Gott als ich’s endlich laufen lassen konnte.
Draußen im Zimmer war ein rechter Tumult. Ich drückte die Spülung und wollte die Toilette verlassen, aber es stand jemand vor der Tür.
„Moment noch sie dürfen gleich heraus,“ hörte ich jemanden rufen.
So langsam wünschte ich mir mein Bett zurück, weil es mir irgendwie schwindlig wurde. Ich drückte noch mal die Klinke herunter, aber die Tür ging immer noch nicht richtig auf. Mir blieb nichts anderes übrig ich musste mich wieder auf die Schüssel setzen.
Plötzlich ging die Tür auf. Ein junger Mann stand vor mir.
„So jetzt können sie, oh, sie sehen aber nicht gut aus.“
„Nee, mir ist auch total schwindlig,“ sagte ich.
„Schwester Erika, helfen sie mir mal, dem Patient geht es nicht gut,“ sagte der junge Mann, ich vermutete er war ein Zivi.
„Aha, hat der Herr Drehmel, sich zu viel zugemutet,“ kam es von Schwester Erika.
Zusammen halfen sie mir aus der Toilette raus. Dann sah ich, dass Jost schon im Zimmer stand. Ich sah den dicken Verband an seinem Kopf. Mir kamen unweigerlich die Tränen, als ich ihn so liegen saß.
„Ihm geht es soweit gut Herr Drehmel, er schläft nur, er ist nicht mehr im Koma,“ meinte der junge Mann.
„Nicolas,“ sagte ich.
„Wie?“
„Ich heiße Nicolas, kannst ruhig du zu mir sagen.“
„Ach so, danke Nikolas, ich bin Benny.“
Benny und Schwester Erika halfen sich mir, mich wieder ins Bett zulegen, die Rippen schmerzten.
„Soll ich dir was gegen die Schmerzen bringen?“ fragte Benny besorgt.
„Nein danke, sie sind nur da, wenn ich mich so bewege, es geht mir gleich wieder besser.“
Benny nickte mir zu und verlies mit der Schwester das Zimmer.
Ich schaute zu Jost hinüber. Er schien tatsächlich zu schlafen, er atmete ganz ruhig. Da standen einige Geräte herum, an denen er angeschlossen war. Ich versuchte wieder aufzustehen und es gelang mir dies ohne Schmerzen hinzubekommen.
Langsam lief ich zu seinem Bett hinüber und lies mich bei ihm am Bett nieder. Ich erschrak ein wenig, als ich sein Gesicht genauer sehen konnte. Sein linkes Auge war noch geschwollen und seine Gesichtsfarbe war er blau und grün.
Mir kamen wieder die Tränen… mein Gott Jost, was haben sie nur mit dir gemacht.. Vorsichtig strich ich im über den Arm. Er regte sich und öffnete die Augen, zumindest das Rechte, mit dem Linken war das wohl nicht möglich.
„Hallo Jost..“ sagte ich leise.
„Nici,“ kam es fast nicht verständlich zurück.“
„Ja ich bin es, aber nichts sagen, dass strengt dich nur an, schlaf ruhig weiter, ich bin ja jetzt da.“
Er schloss die Augen und ich sah ein kleines Lächeln auf seinem Mund. Ich streichelte noch mal über den Arm und ging langsam zu meinem Bett zurück.
Kaum lag ich wieder in meinem Bett kam Benny wider herein. Er trug ein Tablett mit meinem Frühstück herein.
„Wo ist Schwester Isabelle, die das sonst immer bringt?“ fragte ich.
„Du musst jetzt mit mir vorlieb nehmen, ich war für Jost eingeteilt, und nun habe ich euch beide,“ sagte Benny.
„So war das nicht gemeint, sorry.“
„So habe ich es auch nicht verstanden,“ meinte Benny und stellte grinsend mein Tablett ab.
Am Mittag kam mein Dad vorbei.
„Du Dad könntest du mir helfen, was anderes an zuziehen, ich fühl mich net wohl in den Sachen.“
Er ging an den Schrank und zog ein Tshirt und Shorts heraus.
„Das hier?“ fragte er.
„Ja genau.“
Er kam zurück und half mir mich aufzurichten. Das Hemdchen war rasch vom Körper gestreift. Das Tshirt anzuziehen, war dann schon schwieriger, denn immer wenn ich die Arme hob, stach es mir in die Seite wo der Verband saß.
Meine Vater schaffte es dann doch es ohne größere Schmerzen anzuziehen. Jetzt war die Shorts dran. Ich wurde rot.
„Keine Sorge junger Mann, so was habe ich auch und bei anderen habe ich so was auch schon gesehen,“ meinte er.
Er streifte mir dieses Netzteil herunter und zog mir die Shorts an.
„Danke Dad, jetzt fühle ich mich schon wohler.“
Er schaute zu Jost hinüber.
„Ihn hat es ja ganz schön erwischt, da hattest du ja wirklich Glück. Warum steht er denn überhaupt in deinem Zimmer?“
„Weil ich darum gebeten habe.“
„Du hast darum gebeten? Warum?“
„Weil ich in seiner Nähe sein wollte. Er hat ja ständig nach mir gefragt, wenn er mal wach wurde.“
„Hast du keine Angst er könnte sich Hoffnungen machen, dass er vielleicht…?“
„Du meinst feste Freundschaft und so? Da werde ich mit ihm reden müssen. Ich bin jetzt mit Frank zusammen. Ich bitte ihm meine Freundschaft an, ihm zu helfen aber mehr nicht.“
„Das brauchst du dir keine Sorgen zu machen…,“ kam es vom Nachbarbett.
Mein Vater und ich schauten rüber, Jost war anscheinend wach geworden.
„Meine Mutter hat mir schon erzählt, das du mit Frank zusammen bist….,“ ich merkte das Sprechen fiel ihm schwer.
Mein Vater half mir auf, ich wackelte zu Josts Bett hinüber.
„Schlimm?“ fragte ich.
Jost versuchte den Kopf zu schütteln. Ich hob seine Kopf fest.
„Nicht, ich seh es an deine Augen was du sagen willst.“
„Ich werde dann mal gehen, meine Mittagspause ist bald rum,“ sagte mein Dad und verabschiedete sich von uns.
Ich nahm Josts hand und streichelte sie.
„Es tut mir leid, das es so ausgegangen ist, du bist wirklich süß, aber ich liebe Frank.“
„… macht nichts… „ kam es von Jost, „.. hätte mich auch gewundert, jemanden zu finden.“
„He du Schwarzmaler, es gibt so viele Jungs, die nur drauf warten, dich zu bekommen.“
Jost versuchte zu lächeln.
„Guck doch wie ich aussehe, wer … wer will mich denn.“
„Mensch Jost, das geht auch wieder weg, die Schwellungen. Auch die grünen und blauen Flecken.“
„Und ..und was ist mit meinem Bein?“
„Ähm was soll mit deinem Bein sein?“
„Ich kann es nicht bewegen.“
Erschrocken schaute ich ihn an. Ich stand langsam auf und schlug langsam seine Decke zurück.
„Welches, das da?“
Ich strich langsam über den Schenkel.
„Ja das, ich …. kann es nicht bewegen, aber es tut weh.“
Ich drückte den Schwesternknopf, und wenig später kam Schwester Isabelle herein.
„Ah Jost ist wach, hallo,“ sagte sie.
„Ihm tut das Bein weh aber er kann es nicht bewegen,“ sagte ich besorgt.
„Das ist leider normal, Jost war ein paar Mal ohne Bewusstsein, es kann sein, das noch nicht alle Körperglieder so gehorchen wie er möchte,“ antwortete sie.
„Es ist aber nicht gelähmt oder?“ fragte ich.
„Nein es ist alles im grünen Bereich bei Jost, er muss nur seine Prellungen und die Hirnerschütterung hinter sich bringen, dann geht alles wieder seinen gewohnten Weg.“
Ich hörte wie Jost tief ausatmete. Schwester Isabelle deckte Jost wieder zu.
„Kann ich noch irgendetwas für dich tun?“ fragte Schwester Isabelle Jost.
„.. ich hab Durst…“
„Moment ich bring dir gleich was.“
Sie verließ das Zimmer und kam mit Schwester Erika zurück. Langsam wurde sein Bett höher gestellt und Schwester Erika hob vorsichtig seinen verbunden Kopf an. Schwester Isabelle hob ihm eine Schnabeltasse an den Mund und Jost versuchte zu trinken.
Er begann zu Husten.
„Langsam trinken, ermahnte Schwester Erika.“
Ich musste mich setzten. Ich war wohl doch noch nicht fit genug, es war das zweite Mal, das mir heute schwindlig wurde.
„Was ist das für ein Zeug?“ hörte ich Jost fragen.
„Das Zeug nennt man Tee junger Mann,“ meinte Schwester Erika und ich sah wie Schw. Isabelle grinste.
„Das schmeckt ekelig.“
„Tja, Cola kann ich dir noch keins geben.“
„Wasser würde mir schon reichen.“
„Sein Kopfende wurde wieder heruntergefahren.“
„Kann ich nicht noch so ein bisschen bleiben?“ kam es von Jost.
„Ja, aber wenn deine Kopfschmerzen stärker werden, machen wir es wieder runter.“
„Okay.“
Es klopfte an der Tür. Eine Frau kam herein.
„Hallo Schatz, warum wurdest du in ein anderes Zimmer gelegt?“
„Hallo Mum,“ kam es von Jost.
Die Schwestern verließen das Zimmer.
„Auf meinen Wunsch, Frau… ,“ sagte ich.
„Ziegler, aber sag ruhig Evelyn zum mir, du bist sicher Nicolas.“
„Ja bin ich,“ und gab ihr meine Hand.
Dann legte ich mich entgültig in mein Bett zurück, bevor ich noch auf dem Boden landete.
„Und warum hast du Jost in dein Zimmer legen lassen?“
„Weil ich dachte, er soll nicht mit einem Fremden im Zimmer liegen, so hat er jemanden mit dem er reden kann. Und ich kann ihm helfen wenn er was braucht.“
„Das ist lieb von dir,“ meinte Evelyn.
Die Tür ging auf und Benny kam herein, mit dem Mittagessen.
„So die Herren es gibt was zu essen,“ meinte er und stellte mein Tablett ab.
„Und dich werde ich wohl füttern müssen,“ sagte er zu Jost und grinste dabei.
Der saß nur da und wusste nicht wie ihm geschieht.
„Jungs ich geh mal schnell in die Cafeteria und trink eine Kaffee, bis ihr fertig seid,“ meinte Evelyn und war schon verschwunden.
„So jetzt aber Mund auf, ein Löffelchen für Mami,“ sagte Benny.
„Nici hilf mir, was sitzt da auf mir?“ sagte Jost.
„Das ist nur Benny unser Zivi,“ meinte ich, während ich versuchte ohne Schmerzen mir ein paar Nudeln reinzuschieben.
„Sehen alle Zivis so süß aus?“ frage Jost.
Ich verschluckte mich am Essen und prustete alle hinaus. Schnell war die Sauerei, wieder weg gewischt.
„Du scheinst dich wirklich schnell zu erholen,“ meinte ich und wischte die Reste noch mit der Serviette weg.
„Wieso, Tatsachen darf man doch sagen.“
Benny saß mit hochroten Kopf vor Jost und hatte aufgehört ihn zu füttern. „Der Kleine ist rotgeworden, ist das nicht goldig?“
„Jost hör doch auf, es gibt Mensachen denen dass unangenehm ist.“
„Hast du das ernst gemeint?“ meldete sich Benny zu Wort.
„Was?“ fragte Jost.
„Das du… du mich süß findest.“
„Natürlich finde ich das!“
„Das hat noch niemand zu mir gesagt.“
Jost wollte gerade antworten, als die Tür aufging und Schwester Erika reinkam.
„Benjamin kannst du mal kommen, wir haben einen Notfall und jemand müsste im Schwesternzimmer bleiben.“
„Und wer füttert mich?“ fragte Jost.
„Also ich weiß junger Herr, das du zwei gesunde Arme und Hände hast und eigentlich selber essen könntest. Also komm Benjamin.“
Benny schaute Jost fassungslos an der zu Grinsen begann. Er stand auf und verlies mit Schwester Erika das Zimmer.
„Dir scheint es wirklich besser zu gehen,“ meinte ich.
„Stimmt, mir geht es heute viel besser, liegt wahrscheinlich an deiner Gesellschaft. Aber wärst du so freundlich und würdest du mein Bett runterfahren, mein Kopfweh wird wieder stärker.“
„Ähm Kleiner, das Ding das vor dir hängt…. damit kannst du es selber machen.“
„Mist du merkst auch alles.“
Wir fingen beide an zu lachen, was wir aber gleich vor Schmerzen bereuten.
Nachdem Benny das Essen abgeräumt hatte, und sich Evelyn wieder verabschiedet hatte, schliefen wir beide wieder ein. Nach dem Abendessen wurde unser Zimmer richtig voll. Meine und Jost Eltern kamen und Nadine und Frank waren ebenfalls da.
Wir hatten viel Spass miteinander, aber nach dem Jost doch schnell müde wurde, gingen sie alle. Frank verabschiedete sich sogar mit einem Kuss von mir. Irgendwie konnte ich dann doch nicht einschlafen.
Etwas später hörte ich wie dir Tür sich öffnete, ich machte mein Licht an. Vor mir stand Benny.
„Was willst du denn so spät hier,“ fragte ich.
„Mir geht, dass nicht mehr aus dem Kopf was Jost heute morgen zu mir gesagt hat.“
„Und deswegen bist du hier?“
„Ja ich bin seid her total nervös und wollte wissen ob er das ernst meint.“
„O Benny, was soll ich dazu sagen. Jost hat schon recht du siehst verdammt gut aus, und wie ich es beurteilen kann bist auch sehr lieb.“
Trotz des schwachen Lichtes meiner Lampe sah ich das Benny rot wurde.
„Und Jost hat keinen Freund?“
„Nein,“ kam es von Josts Bett und wir fuhren zusammen.
„Sorry, ich wollte dich net wecken,“ meinte Benny.
„Ist gut, ich bin wegen meiner wahnsinnigen Kopfschmerzen aufgewacht, ich hab nen Druck auf der Birne, ich glaub die platz bald.“
„Soll ich die Nachtschwester rufen?“
„Ja wäre net,“ meinte Jost.
Jost sauste hinaus, und gleich kam die Nachtschwester, nach kleinen Untersuchungen bekam Jost eine Spritze.
„Ja ist gut, ich bleib bei ihm sitzen, bis er eingeschlafen ist,“ meinte Benny zur Nachtschwester, die das Zimmer verlies.
„Und wirkt die Spritze schon?“ fragte Benny Jost.
„Ja, als würd jemand die Luft rauslassen…. auf deine Frage von vorhin zurück zukommen, nein ich habe keinen Freund und hatte noch keinen. Ich bin noch zu haben.“
„Für mich auch?“
Mein Kopf fuhr herum und ich schaute Benny erstaunt an.
„Hab ich richtig gehört?“ fragte ich
Jost schaute zu mir rüber und wirkte recht verlegen.
„Ja hast du, ich finde Jost sehr interessant und ich glaube ich hab mich in ihn verguckt.“
„Dacht ich mir es doch dass du schwul bist,“ meinte ich.
„Sieht man mir es so an?“
„Nein Benny keine Sorge. Aber so wie du mit uns umgehst, wie du dich liebevoll um Jost kümmerst, da kam mir der Gedanke.“
„Wäre toll, wenn ich mich auch nach dem Krankenhaus weiterhin um Jost kümmern könnte.“
„Jost, was meinst du dazu?“
Er antwortete nicht mehr, denn er war mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen.

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Information Leuchtturm
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 12:00 PM - No Replies

Der Andrang war groß. Immer mehr Leute strömten zum Deich. Morgen fing wieder die Schule an und auch das Wetter schien heute noch mal die letzten Kräfte in seine Sonnenstrahlen zulegen. Jeder wollte wohl den letzten Tag genießen.
Der Wind aber, hatte schon einiges zugelegt. Unsere bunten Fahnen mit dem Zeichen für Dithmarschen flatterten wie wild. Auch sonst war hier bei mir viel Betrieb, seit ich am Mittag den Dienst angetreten hatte, hatte ich einiges zutun.
Ältere Herrschaften, die ein Mitbringsel oder ein Andenken vom Urlaubsort haben wollte, oder genervte Eltern, die ihren Kindern irgendwelches Spielzeug kauften, damit sie vor den Schreihälsen Ruhe hatten.
Letztes Jahr dachte ich eigentlich, ein kleiner Ferienjob, ja, könnte mir gut tun. Nun war eine Festanstellung daraus geworden. Seither arbeitete ich mehrere Male in der Woche für Cora. Sie war die Chefin des Ladens.
„Na Tim, läuft alles?“
Cora war gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.
„Oh Cora, dich schickt der Himmel, kannst du mir kurz helfen, ich muss dringend Ware auffüllen, komm aber nicht von der Kasse weg“, meinte ich.
Sie lächelte mich an.
„Natürlich Kleiner, ich seh schon es läuft gut“, antwortete sie.
Kleiner war gut. Ich war mit meinen fast Eins Neunzig der Größte im Team, doch es hatte sich durchgesetzt, weil ich eben mit meinen achtzehn Jahren der Jüngste hier war, sozusagen, das Nesthäkchen.
Also übernahm Cora meinen Part an der Kasse und ich verschwand im Lager um Ware zu holen. Leuchttürme waren dieses Jahr der Renner, also lud ich gleich die Kiste voll um das Regal wieder damit zu befüllen.
Das gleiche Spiel mit den Bechern, Gläsern, Tellern und anderen Andenken, die wir so führten.
„Tim, draußen musst du auch noch auffüllen, hier am Regal, kann ich den Rest neben her machen“, rief Cora.
Ich nickte ihr zu und ging nach draußen, um nachzuschauen, welche Ware ich hier auffüllen musste. Es war doch ordentlich warm geworden und ich genoss die Sonne auf meinen Armen und im Gesicht.
Wieder im Lager, zog ich neue Fahnen aus dem Karton und nahm auch noch ein paar Lenkdrachen mit, die bei dem Wind schnell wieder verkauft waren. Ich war gerade damit beschäftigt, die Fahnen auszurollen und in den Halter zu stecken, als mir ein Typ an den Drachen auffiel.
Er schien vom Alter her, so in meiner Richtung zu liegen. Ebenso von der Größe her. Der Wind spielte mit seinen braunen Haaren, die er sich fortwährend aus dem Gesicht strich. Ich blickte kurz zu Cora, der meine Beobachtung nicht entgangen war.
Sie fing an zu grinsen und ermutigte mich mit wilden Gesten, den Typ anzusprechen. Ich stellte den Karton mit Fahnen zur Seite und ging auf ihn zu. Mir fiel der schöne Silberring, an seiner Hand auf, während er die Strähnen des Haares zurückstrich.
„Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“, fragte ich.
„Ja, ich suche schöne Teelichthalter“, antwortete er, ohne mich dabei anzusehen.
„Drinnen haben wir auch noch eine sehr große Auswahl“, meinte ich zu ihm.
„Auch Leuchttürme?“
Ich musste grinsen, da ich sie ja gerade aufgefüllt hatte.
„Ja, natürlich. Verschiedene Größen, Ausführungen und Farben“, antwortete ich.
Diesmal schaute er auf und ich konnte direkt in seine großen, braunen Augen schauen.
„Zeigst du sie mir?“, fragte er.
Noch immer war ich von diesem Blick in den Bann gezogen.
„Ähm, was… aber ja… mach ich doch gerne“, stotterte ich.
Ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen. Ich zeigte Richtung Laden und er folgte mir. Cora grinste mir immer noch frech entgegen, als wir den Laden betraten, was bei mir einen genervten Augendreher hervorrief.
Der Typ folgte mir zu den Leuchttürmen.
„He cool! Was für eine Auswahl!“, meinte er mit Begeisterung.
Ich nickte ihm zu und ließ ihn alleine. Wieder draußen verräumte ich noch die letzten Flaggen und verteilte die Drachen. Ich sah Richtung Deich, der mit Menschen besiedelt war. Die Flut war wieder gekommen und auch die letzten Wattläufer zurückgekehrt.
Hier und da konnte ich einige Drachen in der Luft erkennen. Wenn die Ferien vorüber waren, würde es wieder ruhig in Friedrichskoog werden, alleine die Rentner, die auch sonst das ganze Jahr, den Ort besiedelten, waren dann Vorort.
Dorfjugend gab es schon hier, aber wenn man etwas erleben wollte, war man auf Verkehrsmittel angewiesen. Das Problem hatte ich nicht mehr, denn ich konnte ein Auto mein Eigen nennen. Ich packte die restlichen Kartonagen zusammen und verstaute sie im Müllcontainer.
„So geschafft, danke für deine Hilfe Cora“, meinte ich als ich wieder den Laden betrat.
„Kein Problem, solange der Umsatz stimmt, jederzeit“, meinte sie und zwinkerte mir zu.
Sie hob noch einmal die Hand zum Gruß und dann war sie auch schon wieder verschwunden. Ich nippte kurz an meiner Cola und zeichnete noch ein paar Figuren mit Preisen aus, bevor ich sie in ihr Regal stellte.
„Könnte mir der junge Mann vielleicht bei einem Problem helfen?“, hörte ich jemanden hinter mir sagen.
Ich drehte mich um und eine etwas ältere Dame stand hinter mir, die unbemerkt den laden betreten hatte.
„Moin, moin, kann ich ihnen helfen?“, fragte ich freundlich.
Ich bin auf Urlaub hier in Friedrichskoog und möchte meiner Freundin ein Andenken von hier mitbringen“, antwortete sie.
„Haben sie da etwas bestimmtes im Sinn?“
„Nein, deswegen frage ich sie ja.“
„Soll der Name des Ortes darauf stehen, oder es was mit der Nordsee, dem Wattmeer zutun haben?“
„Gibt es etwas mit beidem?“
„Ja natürlich. Wir haben hier verschiedenen Tassen mit Motiven und Schriftzügen der Gegend.“
Ich bemerkte gleich, dass die Dame nicht von meinem Vorschlag begeistert schien, sie war wohl anspruchvolleres gewöhnt.
„Es gibt aber auch noch eine Möglichkeit, ihnen eine Glasschale zusammenzustellen“, meinte ich dann noch.
„Das ist eine gute Idee, haben sie etwas hier, wo ich mir das anschauen kann?“
„Ja, kommen sie“, sagte ich und zog meinen Schlüssel von der Kasse.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass der Typ immer noch in den Regalen stöberte und mittlerweile einen Einkaufskorb vor sich stehen hatte. Ich zeigte der Dame, die gewünschten Schalen. Sie war hellauf begeistert und suchte sich sogar direkt eine heraus.
„Ich packe ihnen die Gegenstände einzeln ein, weil sie eine längere Fahrt nicht gut überstehen würden“, meinte ich zu der älteren Frau.
„Das ist nett, ich hoffe, ich bekomme das so schön wie sie hin.“
„Das geht ganz leicht. Einfach als erstes den blauen Sand einfüllen, und dann den Rest darauf verteilen“, sagte ich.
Ich zeigte es anhand einer anderen Schale und sie nickte mir lächelnd zu. Ich packte alles in einen Karton und verklebte ihn gut. Danach stellte ich den Karton in eine Tüte und reichte ihn der Kundin, nach dem sie bezahlt hatte.
Überglücklich verließ sie wieder den Laden.
„Könntest du mir ebenso helfen?“, kam es diesmal von dem Jungen.
„Und bei was kann ich dir helfen?“, fragte ich in meiner freundlichen Art.
„Ich kann mich nicht entscheiden. Soll ich diesen süßen Bären oder die Robbe nehmen?“, fragte er.
Er stellte beides auf meine Theke.
„Für wen soll es den sein?“ Freundin?“
Ich musste innerlich schmunzeln. Legte man diese Gewohnheit, seinen Gegenüber abzuchecken, denn nie ab?
„Nein ich habe keine Freundin. Das ist für mich, besser gesagt, für meine neue Wohnung, die ich nach dem Urlaub beziehen werde.“
„Dann nimm die Robbe, Bären kannst du überall kaufen“, sagte ich.
Er stellte den Bären zurück.
„Du machst also Urlaub hier?“, fragte ich.
„Du frägst, das in so einem komischen Ton“, meinte er leise.
„Liegt daran, das unsere Altersklasse hier nicht so häufig Urlaub macht.“
„Ja, meine Eltern dachten, sie tun mir was Gutes und schleppten mich mit hierher.“
„Brauchst du noch etwas?“, fragte ich.
„Nein, dass wäre alles, aber kannst du mir das einpacken?“
„Sicherlich“, meinte ich und nahm den Korb entgegen.
Ich tippte erst die Preise ein und packte jedes einzelne Teil danach fein säuberlich ein.
„So, das macht Siebenundzwanzig Achtzig zusammen“, sagte ich.
„Kann ich mit Karte bezahlen?“, fragte mich der Typ.
Ich nickte und er gab mir seine Karte. Nachdem ich sie durch die Kasse gezogen und unsere Pinnummer eingeben hatte, ließ ich einen kurzen Blick über den Namen schweifen. „Björn Gerstner“ lass ich und gab sie ihm zurück.
Etwas nervös spielte ich mit dem Kugelschreiber in der Hand und wartete darauf, dass der Bon ausgedruckt wurde.
„Hier steht der Betrag und hier bitte unterschreiben“, sagte ich und hob den Bon hin.
Er unterschrieb und gab mir den Bon zurück. Ich nahm die Tüte und reichte sie ihm.
„Etwas unfair, finde ich“, kam es plötzlich von ihm.
„Bitte?“, fragte ich erstaunt.
„Na, du weißt jetzt meinen Namen und ich deinen nicht“, antwortete er.
„Ach so!“, sagte ich.
Ich streckte ihm meine Hand entgegen.
„Tim Classen ist mein Name.“
„Freut mich und wann hast du Feierabend? Also, ich meine… ich kenne hier noch niemand und du scheinst sehr nett zu sein.“
„Schon in Ordnung, ich weiß, wie du das meinst.“
Ach wie süß, er wurde ja rot im Gesicht.
„Eigentlich habe ich gleich Feierabend, du bist für heute mein letzter Kunde. Und wenn du nicht weißt, was anfangen, in ungefähr einer halben Stunde bin ich hier fertig und können los ziehen“, meinte ich und schloss die Kasse wieder.
„He cool, und was machen wir?“, fragte Björn.
„Nach was steht dir denn der Sinn? Etwas lautes, wie Disse oder Kneipe, oder eher etwas ruhigeres, wie ein Sparziergang am Deich?“
„Wenn es dir nichts ausmacht, würd ich heute lieber spazieren gehen.“
„Kein Problem, soll ich dich abholen?“, fragte ich.
Mir schien, als würde sich plötzlich etwas trauriges in seinem Blick zeigen. Er zog seinen Schlüsselbund aus der Tasche und ich konnte einen Regenbogenanhänger daran erkennen.
„Habe ich etwas falsches gesagt?“, fragte ich leise.
„Nein ist schon gut. Ich bewohne mit meinen Eltern ein Ferienhaus im Buchenweg, weißt du wo das ist?“
Ich fing an zu lachen.
„Du vergisst, ich komme von hier. Ich bin in einer dreiviertel Stunde bei dir und zieh dir etwas Warmes an!“, sagte ich.
„Warum?“, fragte Björn.
„Wir wollen auf den Deich, das bläst ein anderer Wind, als hier im Ort.“
„Okay, also dann bis gleich“, meinte Björn.
Ich folgte ihm nach draußen, schenkte ihm ein Lächeln und sah ihm nach, bis er Richtung Parkplatz verschwunden war. Ich ließ einen kurzen Schrei von mir und hüpfte dabei in die Luft. Durch Zufall, war mir dieser Junge über den Weg gelaufen und er war zudem auch noch schwul.
Besonders schnell schob ich alle Verkaufsständer in den Laden, kurbelte den großen Rollo vor dem Fenster herunter. Ich zählte schnell das Geld, trug es ins Kassenbuch ein und brachte es in den Tresor.
Am Hinterausgang setzte ich noch die Alarmanlage in Betrieb, bevor ich die Tür verschloss. Ich rannte zu meinem Auto und fuhr ziemlich zügig durch den Ort. Da ich, wie Björn im alten Ortsteil wohnte, musste ich erst ein großes Stück Felder hinter mir lassen, bevor ich mein zu Hause erreichte.
Friedrichskoog-Spitze wurde erst später und auch gleich Touristen gerecht bebaut. Neben den Kneipen, Restaurants und Imbissständen, gab es eben auch kleine Shops, in so Einem, wie ich auch arbeitete.
Der alte Ortteil, war um den Hafen herum gebaut, in dem heute auch noch kleiner Fischerkutter ankerten, die fast täglich bei Flut ausfuhren, um ihren Fang zu machen. Ich stellte mein Wagen in der Einfahrt ab und rannte ins Haus.
Beim Aufschließen der Haustür, hätte ich fast meine Oma über den Haufen gerannt.
„Wohin so schnell, mein Jung?“, fragte sie.
„Oma, ich muss noch wohin und mich dafür umziehen“, sagte ich zu ihr und rannte die Treppe hinauf in mein Zimmer.
„Ich halt dich nicht zurück“, meinte sie und verschwand wieder in der Küche.
Ich liebte meine Oma über alles. Sie hat mich eigentlich großgezogen, während meine Eltern, beide arbeiten waren. Sie war bisher immer für mich da gewesen und so was, wie eine gute Freundin für mich.
Ich schmiss meine Klamotten in die Ecke und öffnete meinen Kleiderschrank. Das alte Problem kam auf, was sollte ich anziehen. Ich schaute aus dem Fenster und sah auf die Wolken, die ich am Horizont aufkommen sah.
Also, etwas Warmes. Ich zog meinen Lieblingstroijer aus dem Schrank und zog ihn über. Frisch gestriegelt, rannte ich wieder nach unten in die Küche.
„Oma, ich weiß noch nicht, wann ich zurück bin, sagst du bitte Paps und Mum Bescheid?“
„In Ordnung, mein Jung“, kam nur von ihr, ohne aufzusehen.
Ich sprang wieder in meinen Wagen und rollte aus der Ausfahrt. Fast hätte ich den Nachbarjungen auf dem Rad übersehen und konnte noch bremsen. Ruhig Tim, sonst kommst du nicht heil an, dachte ich mir.
Als ich wenig später in den Buchenweg einbog, stand Björn bereits auf der Strasse und winkte mir zu. Ich hielt neben ihm an.
„Hi du, wartest du schon lange?“, fragte ich.
„Nein, ich bin eben erst rausgekommen.“
„Gut, dann mal los, schnall dich bitte aber an.“
Björn schloss die Tür und schnallte sich an. Ich startete die Tür und drehte in der Einfahrt, des gegenüberliegenden Hauses. Es war nicht zu übersehen, das Björn sich unbehaglich hier im Auto fühlte.
Er klammerte sich an den Griff der Wagentür und sah ein wenig hilflos aus. Also, beschloss ich, gegen meine Gewohnheiten, recht langsam zum Deich zu fahren. Es dauerte ja auch nicht lange, so steuerte ich den Randstreifen an und machte den Motor aus.
Wir stiegen beide aus und ich schoss meinen Wagen ab.
„Du hattest recht, es ist doch ziemlich frisch hier“, meinte Björn und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
„Kannst du den Kragen deiner Jacke nicht höher machen?“, fragte ich.
„Nein geht nicht, dafür fehlt ein Knopf.“
„Oh, ich hab da was, Moment.“
Ich schloss den Kofferraum auf und zog aus meiner Tasche, ein Halstuch heraus. Nachdem ich das Auto wieder geschlossen hatte, ging ich zu Björn hin und band ihm einfach das Halstuch um, ohne groß zu fragen.
„Danke, lieb von dir“, meinte Björn.
Dabei sah er mich schon ein wenig verwundert an. Ich grinste und ging an das Tor zur Treppe, welches eingerichtet war, die Schafe, die den Deich besiedelten, nicht entwischen konnten. Das Tor aufhaltend, beobachtete ich Björn, wie er problemlos die Stufen zum Deich hinauf nahm.
Oben angekommen, blieb ich hinter ihm stehen, weil ich merkte, dass er sich erst mal umsah.
„Wow, ist das geil“, kam es von ihm.
„Ich wusste, das gefällt dir“, sagte ich.
„Was ist das für ein Turm?“, fragte er mich und zeigte auf einen, hinter dem Deich.
„Das ist der Aussichtsturm unserer Seehundauffangstation“, antwortete ich.
„Auffangstation?“
„Du hast doch bestimmt schon einmal „Hallo Robbi“ im Fernseh gesehen. Das wird hier gedreht. Alle gestrandeten Tiere werden hier her gebracht und wieder fit gemacht.“
„Kann man sich das auch angucken?“, fragte Björn.
„Natürlich, wenn du willst können wir morgen zusammen reingehen, ich zeig dir dann alles“, antwortete ich.
„Können wir ein bisschen laufen?“
Ich nickte und wir liefen auf der Deichkrone Richtung Spitze. Die ganze Zeit lief ich neben ihm schweigend her. Ab und zu hob er den Kopf und schaute über die Gegend, aber meistens hatte er den Kopf gesenkt.
„Darf ich dich was fragen?“, begann ich.
Er schaute mich kurz an und nickte.
„Ich weiß, wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber mir ist aufgefallen, dass dich irgendetwas bedrückt. Auch, dass du vor dem Autofahren Angst hast.“
Björn atmete tief durch.
„Das liegt daran…, dass ich… ich habe vor einem halben Jahr meinen Freund, bei einem Autounfall verloren. Er meinte er holt mich ab und… er kam nie bei mir an.“
Jetzt wurde mir einiges klar, auch das ich gerade eben ganz schön ins Fettnäpfchen getreten war. Björn liefen Tränen über die Wangen.
„Es tut mir leid, dass ich dich mit meiner Frage, an das erinnert habe“, meinte ich leise.
„Du hast mich nicht daran erinnert, ich denke da die ganze Zeit daran.“
„Du hast ihn wohl sehr geliebt?“
„Ja, wir waren zwei Jahre zusammen, und er wollte mit mir unseren zweiten Jahrestag feiern.“
Ich hielt Björn ein Papiertaschentuch hin, das er nahm und sich die Nase putze.
„Deswegen haben meine Eltern mich hier hergenommen, weil mich zu Hause zu viel an ihn erinnert“, sagte Björn.
„Tut mir echt leid Björn, dass ich davon angefangen habe!“
„Schon gut Tim, zu Hause, habe ich eigentlich niemand zum Reden.“
„Willst du mir von ihm erzählen?“
„Wenn es dir nichts ausmacht?“
„Nein, tut es nicht! Wie habt ihr euch den kennengelernt?“
Björn fing an zu Lachen, anscheinend hatte er daran eine gute Erinnerung.
„Ich konnte mich nicht für ein Stofftier entscheiden“, meinte er.
„War dein Freund auch Verkäufer?“
„Nein, Nick war nur zur gleichen Zeit, wie ich im Laden und nahm sich gerade dann das Stofftier, als ich mich endlich dafür entschieden hatte.“
„Hat es nicht mehrere davon gegeben?“, fragte ich.
„Es war das Letzte. Aber ich konnte es nach vier Stunden dann doch mein Eigen nennen.“
„Wieso das?“
„Nick schien bemerkt zu haben, das ich traurig darüber war, dass er ausgerecht das Stofftier sich geholt hatte, welches ich wollte. Er begann ganz unbezwungen ein Gespräch und lud mich zu einem Kaffee ein.“
„Und da hast du es ihm abgeschwatzt?“
„Nein, nach drei Stunden wusste ich, den und kein anderen und zum Abschied hat er mir den Affen dann geschenkt.“
„Wow, wie romantisch“, meinte ich und ließ einen langen Seufzer hinter her klingen.
„Gell? Nach zwei Wochen waren wir dann fest zusammen.“
Wieder schwiegen wir, aber irgendwie hatte sich Björns Laune gebessert.
„Hast du einen Freund?“, fragte mich Björn plötzlich.
„Ähm, nein habe ich nicht.“
„Warum?“
„Wieso warum? Die Auswahl hier ist nicht so groß, die meisten kenne ich schon seit dem Kindergarten, und mein Traumtyp ist eben nicht dabei.“
Ich hatte dies anscheinend ein wenig zu stroff gesagt, denn Björn sagte darauf nichts mehr.
„Tut mir leid, ich habe es nicht so gemeint“, sagte ich.
„Schon gut.“
Eine ganze Weile schwiegen wir uns wieder an.
„Wie soll denn dein Traumtyp sein?“, fragte Björn, um anscheinend das Gespräch aufrecht zu halten.
„So genau habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Zumindest sollte er ehrlich sein…, Humor haben und auch für mich da sein, wenn ich ihn brauche.“
„Und sein Aussehen?“, kam es von ihm.
Ich atmete sehr laut aus.
„So wie du!“, flunkerte ich und lächelte dabei.
Björn wurde ein wenig rot im Gesicht. Er schaute mich verwirrt an.
„Ich meine das Ernst, du siehst sehr gut aus“, meinte ich.
„Danke, du aber auch.“
Jetzt war ich am Rot werden.
„Was machst du eigentlich beruflich?“, fragte ich um das Thema zu wechseln.
„Ich bin im dritten Lehrjahr, als Schreiner“, antwortete Björn.
„Auch ein interessanter Beruf…, mit Holz, macht sicher Spass?“
„Ja, macht es und du?“
„Ich gehe auf eine Berufsschule und werde wohl eine Lehre als Einzelhandelskaufmann beginnen.“
„Das Verkaufen gefällt dir also?“
„Ja, ich bin gerne mit Menschen zusammen, mir gefällt das wirklich.“
„Sollten wir nicht so langsam zurück laufen, es fängt an dunkel zu werden“, fragte Björn.
„Du hast recht, und morgen habe ich keinen Dienst, also wenn du willst, habe ich den ganzen Tage für dich Zeit.“
Björn schien zu überlegen.
„Wenn du nicht möchtest, ist nicht schlimm, ehrlich“, sagte ich.
„Doch ich möchte, ich habe nur bemerkt, das ich mich seit das mit Nick passiert ist, mich nicht mehr so wohl, wie heute Abend gefühlt habe, danke.“
„Nichts zu danken, Björn, tu ich doch gerne.“
Langsam liefen wir zum Wagen zurück. Wir sprachen nichts mehr, denn Björn war zu sehr im Gedanken. Ich genoss den Wind in meinem Gesicht, wie er mit meinen Haaren spielte. Draußen, auf dem Meer, sah man die Lichter großer Schiffe.
Sie zogen langsam ihre Bahn an der Küste entlang.
„Was ist das eigentlich für einen Stein da vorne?“, fragte Björn.
„Genau an dieser Stelle, verläuft der vierundfünfzigste Breitengrad“, antworte ich.
„Interessant, ich habe so was noch nie gesehen“, meinte Björn.
Wir liefen beide die Treppe des Deiches hinunter zur Strasse, wo sich mein Wagen befand. Nach dem wir das Tor hinter uns gelassen hatten, blieb Björn stehen. Er trat auf mich zu und nahm mich in den Arm.
Ich spürte einen sanften Kuss auf meiner Wange.
„Danke Tim, es war ein schöner Abend“, meinte er leise und ließ wieder los.
„Nichts zu danken, jederzeit wieder.“
Ich schloss den Wagen auf und öffnete meine Tür, während sich Björn vom Wagen entfernte.
„Willst du nicht einsteigen?“, fragte ich.
„Wenn du nichts dagegen hast, laufe ich das kurze Stück nach Hause“, antwortete er.
„Kein Problem, wann sehen wir uns morgen?“
„Hast du ein Handy?“
„Klar doch, warte ich gebe dir meine Nummer.“
Nach dem wir unsere Nummern ausgetauscht und uns verabschiedet hatten, stieg ich in meinen Wagen und fuhrt los. Ganz tief in mir spürte ich etwas, was ich bis dahin noch nicht kannte. Ich war mir sicher, dass ich für Björn mehr empfand, als ich mir eingestand.
***
Es war noch recht früh, als meine Mutter mich weckte.
„Also Tim, ich muss jetzt los, wenn du dich beeilst, kannst du noch mit Oma frühstücken“, sagte sie, als ich bei mir war.
„Mum, kann ich dich heute besuchen und jemanden mitbringen?“
„Warum fragst du, du kannst doch jederzeit kommen!“
„Ich weiß auch nicht, es erschien mir wichtig.“
„Hat mein Sohn etwas auf dem Herzen und traut es sich nicht zu sagen?“, meinte sie mit einem Lächeln.
„Ich glaube, nein ich weiß es… ich habe mich verliebt.“
Das Lächeln meiner Mutter wurde breiter.
„Und du willst ihn mitbringen?“
„Ja, möchte ich.“
„Gut, dann sehen wir uns später, ich freu mich schon, den kennen zulernen, der dir den Kopf verdreht hat.“
Ich verdrehte meine Augen.
„Schon gut, aber er weiß davon nichts.“
„Ich schweige wie ein Grab“, sagte sie immer noch lächelnd und verließ mein Zimmer.
Langsam kletterte ich aus meinem Bett und lief müde ins Bad. Unter der Dusche wurde ich dann doch richtig wach. Mit den Gedanken war ich aber die ganze Zeit bei Björn. Ich hatte mich wirklich in den Kerl verschossen.
Aber war es überhaupt gut, hatte es denn überhaupt einen Sinn? In zwei Wochen würde er wieder nach Hause fahren und dann die Sache mit Nick, die ihm doch sehr nachhing. Wieder in meinem Zimmer, zog ich mich an.
Unten angekommen, war meine Oma bereits verschwunden, also frühstückte ich eben alleine. Sie war sicher irgendwo draußen und stöberte wieder in ihrem Garten, den sie mit viel Liebe hegte und pflegte.
Als ich den Tisch abgeräumt hatte, nahm ich meine Schlüssel und ging ebenfalls in den Garten.
„Bist du zum Mittagessen da?“, fragte mich meine Oma, als sie mich kommen sah.
„Glaube nicht Oma, habe schon etwas vor.“
„Gut mein Jung, ich koche trotzdem für dich mit, falls du es dir doch anderst überlegst.“
„Danke Oma“, meinte ich und ging weiter zu meinem Auto.
Langsam im Gedanken fuhr ich zu Björn, ich hoffte ich war nicht zu früh da. Wieder kamen die Gedanken von vorhin in den Sinn. Was machte ich hier überhaupt? Ich rannte einem Jungen nach, den ich gerade einen Tag kannte und glaubte, dass ich in ihn verliebt war.
Wollte ich schon bei meiner ersten richtigen Liebe, mir einen Korb einfangen? Irgendwie war ich hin und hergerissen. Der Wunsch nach einem festen Freund, war größer, als nie zuvor. Doch ich hatte Angst, mich in etwas zu verrennen, was mir wahrscheinlich nicht gut tat.
Ich hatte nicht bemerkt, dass ich schon eine Weile vor dem Haus stand, dass Björn bewohnte. Die Rollos waren schon nach oben gezogen, so stieg ich aus und ging an die Haustür und klingelte. Es dauerte nicht lange und eine Frau öffnete vorsichtig die Tür.
„Ja?“
„Moin, moin, ich bin Tim und wollte fragen ob Björn da ist“, sagte ich zu der Frau.
„Oh, guten Morgen. Du bist also Tim?“ Björn hat uns schon von dir erzählt.“
Hat das jetzt etwas Gutes zu bedeuten oder nicht. Die Frau öffnete die Tür vollends und ließ mich herein.
„Björn ist auf seinem Zimmer, oben rechts“, sprach sie weiter.
Ich lief also die Treppe hinauf und klopfte an die besagte Tür. Von drinnen war ein Ja zu hören. Langsam öffnete ich die Tür und steckte den Kopf ins Zimmer.
„He Tim, du bist ja schon da“, meinte Björn, der noch in seinem Bett lag.
„Sorry, wenn ich zu früh bin“, sagte ich und trat ein.
Björn schlug seine Decke zurück und stand auf. Nur in Shorts stand er nun vor mir und ich musste schlucken.
„Komm rein und mach die Tür zu“, sprach er.
Mein Gott, sah der süß aus. Am Liebsten hätte ich mich jetzt in seine Arme geworfen und ihm einen Kuss gegeben. Sein Haar stand wirr, in alle Richtungen.
„Einen Tag kennen und du siehst mich schon in Shorts, hast aber ein ganz schönes Tempo drauf“, meinte er und mir stieg das Blut in den Kopf.
„Ich wollte dir die Seehundstadion zeigen und so früh ist dort noch nicht so viel los“, sagte ich.
Björn schien mein Unwohlsein zu bemerken und grinste. Er legte seine Arme um mich und zog sich zu sich heran.
„Ich weiß nicht was es ist, aber ich fühl mich pudelwohl bei dir. Heute Nacht war die erste Nacht, die ich ohne schlimme Träume durchgeschlafen habe.“
„Echt?“
„Ja, so fit war ich morgens schon lange nicht mehr.“
Ich sah ihm genau in diese wundervollen, braunen Augen, die mich nun anlächelten. In meinem Bauch fing es an zu kribbeln und ich bekam weiche Knie. Er senkte leicht den Kopf und sprach leise weiter.
„Seit dem Tod von Nick, dachte ich immer, ich würde nie wieder jemanden kennen lernen, der mir mehr bedeuten könnte.“
„Du kennst mich doch noch gar nicht richtig“, sagte ich.
Björn ließ los und setzte sich auf sein Bett.
„Ich hatte heute Nacht einen Traum. Ich habe Nick getroffen und wir führten ein langes Gespräch“, begann er.
Ich schaute ihn verwirrt an und ließ mich auf einen Stuhl fallen.
„Ja, ein Gespräch. Über mich, auch über dich.“
„Und was ist dabei herausgekommen?“, fragte ich.
Björn schwieg erst und ich dachte jetzt kommt gleich die Hammerantwort. Nervös ruckelte ich auf meinem Stuhl hin und her.
„Jeder meiner Freunde meinte, ich solle endlich loslassen. Ich weiß, dass sie alle recht haben, aber das ist nicht einfach. Ich habe Nick sehr geliebt, nein ich tue es auch heute noch, aber ich darf mich eben nicht mehr an ihn klammern.“
„Stimmt, in deinem Herzen wird immer ein Platz sein“, meinte ich unsicher, denn ich wusste immer noch nicht, worauf er hinaus wollte.
„Zudem kriegt man nicht immer das Glück, zweimal jemand so liebes kennen zulernen“, meinte er und schaute mich dabei durchdringend an.
Ich saß da und starrte nur zurück.
„He, krieg dich wieder ein, ich habe dir noch keine Liebeserklärung gemacht“, sagte Björn und lachte.
Ich schluckte.
„Na ja, trotzdem hat mir noch nie einer so etwas Liebes gesagt“, erwiderte ich.
„Hast du noch nie irgendwelche Erfahrungen mit Jungs gehabt?“
Ich wurde immer mehr verlegen.
„Nein, vor dir sitzt die perfekte Jungfrau“, antwortete ich leise.
„Eher Jungmann und ein Süßer dazu.“
Wieder starrte ich ihn kurz an, bevor ich merkte, dass er mich nur aufheitern und auch die Situation auflockern wollte.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.
„Was hast du mit mir vor, heute morgen?“, fragte er.
Ich schaute über seine fast nackten Körper und begann frech zugrinsen.
„Das kann man auch anlangen, stell dir vor“, kam es von Björn, nahm meine Hand und legte sie auf seine Brust.
Ich spürte die warme, weiche Haut auf meiner Handfläche und auch wie sein Herz schlug. Das war alles so neu für mich, ich begann am ganzern Körper an zu zittern.
„Tim, ganz ruhig, das ist was ganz Normales, ich meine Zärtlichkeiten austauschen.“
„Ich habe das eben noch nie gemacht“, sagte ich mit leiser Stimme.
„Man muss auch nichts überstürzen“, sprach Björn ebenso leise zurück und nahm wieder meine Hand von seiner Brust.
„Ich geh mal kurz ins Bad, dann bin ich auch gleich fertig“, sagte er im Rausgehen.
Ich saß immer noch bewegungslos auf meinem Stuhl neben dem Bett und blickte zur Tür, durch die gerade Björn verschwunden war. Mich hatte es eben irgendwie total erwischt. Ich spürte förmlich noch die Wärme von Björns Haut auf meiner Hand.
Ich schaute hinunter auf die Handfläche, die ebene noch auf Björns Brust lag.
„Wow“, sagte ich und begann zugrinsen.
Es klopfte an der Tür und seine Mutter streckte den Kopf herein.
„Nanu, wo ist den mein Sohnemann?“, fragte sie.
„Der ist ins Bad, sich anziehen.“
„Darf ich fragen, was ihr heute Morgen vor habt, ich sollte es wegen dem Mittagessen wissen.“
„Ich wollte mit Björn, zur Seehundstation, dort arbeitet meine Mutter“, antwortete ich.
„Oh, das ist eine gute Idee, Björn liebt Tiere.“
„Ob wir aber zu Mittagessen pünktlich da sind, weiß ich noch nicht, es gibt dort genug zu sehen“,
sagte ich.
„Gut, dann werde ich mal für ihn mitkochen, ansonsten kann er es heute Abend auch noch essen und ja Tim danke noch mal!“
„Für was?“, fragte ich verwirrt.
„Für die gute Laune meines Sohnes“, sagte sie, lächelte und verschwand wieder.
Kurz darauf ging nochmals die Tür auf und Björn kam zurück, fertig angezogen.
„Was wollte denn meine Mutter?“
„Fragen ob du zum Mittagessen wieder da bist“, antwortete ich.
„Und, bin ich?“
„Wahrscheinlich nicht“, meinte ich grinsend.
„Was hast du mit mir vor?“
„Du liebst Tiere, habe ich gesagt bekommen.“
„Ja, tue ich!“
„Dann mal los zur Seehundstation, dort arbeitet meine Mutter, da kannst du alles aus der Nähe betrachten.“
Björn schnappte sich seine Jacke.
„Worauf wartest du dann noch, heb deinen Hintern vom Stuhl“, meinte er und stürmte zum Zimmer hinaus.
Ich folgte ihm die Treppe hinunter und verabschiedete mich noch von seiner Mutter. Als ich raus kam, stand er bereits vor meinem Auto und wartete. Da es nur eine kurze Entfernung war, stand ich bereits fünf Minuten später, auf dem Parkplatz der Station.
„Die Anlage ist groß“, meinte Björn beim Aussteigen.
„Klar, einigen Platz nimmt auch das Museum und auch der Seminarraum weg, einen Shop gibt es auch noch“, sagte ich und schloss den Wagen ab.
Gemeinsam liefen wir an den Eingang.
„Moin, moin Tim, schon so früh da?“, kam es von der Frau hinter dem Schalter.
„Moin, moin Helga, ja ich möchte gern zu meiner Mutter“, meinte ich.
„Geht durch den Shop, die Tür ist offen“, sagte Helga.
Björn blieb dicht hinter mir und so betraten wir zusammen den kleinen Laden, der zur Station gehörte. Die Geschenkartikel, die hier verkauft werden, unterstützen ebenso die Station. Kaum waren wir drinnen, blieb Björn auch schon an den Regalen stehen.
„Komm Björn, einkaufen kannste später etwas“, meinte ich und zog ihn am Ärmel hinter mir her.
„Hallo Tim, hier bin ich“, rief es uns schon entgegen, als wir aus dem Laden traten.
„Da ist meine Mum, komm!“, sagte ich zu Björn.
„Man, sind die süß“, sagte er, als er die ersten Robben in einem Becken saß.
„Hinter der Absperrung sind die Kleinen“, erzählte ich ihm.
Er folgte mir wieder dicht auf. Wir durchliefen die Absperrung und waren bald bei meiner Mutter.
„Hallo Mum, dass hier ist Björn“.“
„Hallo Björn, schön dich kennen zulernen. Ihr kommt gerade richtig zum verladen.“
Björn schaute mich verwirrt an.
„Heute werden die gesunden Tiere wieder rausgebracht aufs Meer, dachte wäre interessant für dich, dass zu sehen“, erklärte ich ihm.
„Wow, dass ist ja cool und wie kann ich helfen?“
„Als erstes zieht ihr euch mal um, denke ich“, sagte Mum.
„Okay, wir sind gleich wieder da“, meinte ich und Björn hinter mir her.
Wir gingen ins Gebäude um uns wasserfeste Kleidung zu besorgen.
„Welche Schuhgröße hast du?“, fragte ich.
„Dreiundvierzig, wieso?“
„Gut, hier zieh das an“, meinte ich und gab ihm die Trockenhose.
Björn beobachtete wie ich in dieses Teil reinschlüpfte und machte es mir danach gleich.
„Ab und zu muss man eben ins Wasser, und damit dir nichts in die Schuhe läuft, gibt es diesen Trockenanzug“, erklärte ich.
„Normalerweise stehe ich nicht auf Gummizeugs“, lachte Björn .
Es dauerte etwas, bis ich ihn verstand und lachte mit. Wieder draußen liefen wir zu meiner Mum, die mit den anderen Mitarbeiter bereits begonnen hatte, Tiere in Kisten zu verladen.
„Tim, ihr könnt zusammen, den großen da drüben nehmen, aber aufpassen, dass er nicht beißen kann“, sagte sie.
„Okay Mum, machen wir.“
Björn sah mich mit großen Augen an.
„Ich darf den anlangen?“, fragte er erstaunt.
„Natürlich, oder meinst du, der hüpft alleine in die Kiste.
Ich musste Grinsen, bei dem Gedanken.
„Langsam auf ihn zugehen und ihn hinten an der Flosse packen“, sagte ich leise und zeigte auf die Robbe.
Björn ging langsam auf die Robbe zu, die sich natürlich sofort in Bewegung setzte. Gerade als Björn zugreifen wollte rutschte er aus und landete mit einem lauten Platscher im Wasser. Ich fing laut an zu lachen, wie ich Björn da am Rand im Wasser sitzen sah.
„Jetzt weiß ich, warum man den Trockenanzug braucht“, meinte Björn und stand wieder auf.
„So du kleiner Mistkäfer, dich krieg ich schon“, meinte er und startete den zweiten Versuch.
„Robbe Björn, kein Mistkäfer“, sagte ich und lachte weiter.
Diesmal bekam er das Tier zufassen.
„Und jetzt?“, fragte er nervös.
„Zieh es langsam zur Kiste“, sagte ich.
„Rückwärts?“
„Vorwärts müsstest du es schieben, klar ziehen, was sonst“, meinte ich und kam aus dem Lachen nicht mehr heraus.
Bei der Kiste angekommen half ich Björn in die Kiste reinzuheben. Es machte Björn sichtlich Spass.
„Noch ein Tier?“, fragte er mich.
„Erst müssen wir die Kiste mal auf den Lader stellen“, meinte ich.
Also half mir Björn das Tier samt Kiste auf den Lader zustellen.
„Mit ihm werden die Tiere rüber an den Hafen gefahren, damit wir sie auf den Kutter verladen können. Bist du eigentlich Seetauglich?“, fragte ich.
„Wieso?“
„Weil ich dich mitnehmen möchte, damit du siehst, wie die Tiere freigelassen werden.“
„Echt? Das ist ja cool.“
„Komm, wir helfen den anderen noch die Kisten verladen.“
Nach einer halben Stunde waren alle Tiere verladen. Wir liefen mit den anderen rüber zum Hafen, während die Tiere per Lader dort hinkamen. Die Kisten wurden eine nach der Anderen auf den Kutter verladen.
„Hier deine Schwimmweste“, sagte meine Mum, „ wir wollen ja nicht, dass du untergehst, wen du so gerne baden gehst.“
Ich bekam mich fast nicht mehr ein, als Björn eine Grimasse zog. Nachdem ich ihm gezeigt hatte, wie man die Weste anlegte, zog ich meine ebenfalls an. Alle gingen an Bord und der Motor startete. Langsam fuhr der Kapitän Richtung Schleuse, die den Hafen davor schützte, bei Ebbe, nicht sämtliches Wasser zu verlieren, damit kein Boot im Trockenen lag.
Als wir die Schleuse passiert hatten, fuhren wir auf einem kleinen Kanal, Richtung Meer. Björn stand die ganze Zeit an der Reeling und schaute interessiert zu. Der Kanal floss an der Stelle ins Meer, wo auch die Elbe in die Nordsee mündete.
Björn machte große Augen, als in unsere Nähe, ein großes Containerschiff vorbei zog.
„Ich habe so etwas noch nie gesehen“, sagte er.
Ich lächelte und beobachtete ihn weiter. Es gab mir ein so gutes Gefühl, ihn so zu sehen. Er schien richtig glücklich, weit ab von traurigen Gedanken, die ihn sonst plagten. Sein braunes Haar im Wind wirbelte wie verrückt durcheinander und er hatte einwenig Mühe, sich bei dem Seegang, richtig fest zuhalten..
Meine Mum trat zu mir und legte ihren Arm um mich.
„Netter Junge“, sagte sie leise.
Ich lächelte sie an.
„Hast du dir überlegt, wie es weiter geht, ich meine, er wird irgendwann wieder heim fahren“, kam es von ihr.
Mein Lächeln verschwand wieder und ich atmete tief durch.
„Zu erst möchte ich ihn mal auf andere Gedanken bringen, er hat vor einem halben Jahr seinen Freund bei einem Unfall verloren. Ihn jetzt hier so glücklich zu sehen, ist mir schon genug.“
„Wenn du meinst!“, sagte sie und ging wieder zu den Tieren zurück.
Björn drehte mir den Kopf zu und lächelte. Ich erwiderte das Lächeln und trat zu ihm. Er war nicht wieder zu Erkennen. Mit der Begeisterung eines kleinen Kindes zog er alles in sich auf.
„Wo bringen wir die Tiere überhaupt hin?“, fragte er plötzlich.
„Ziemlich weit draußen gibt es eine größere Sandbank, da werden sie alle ausgesetzt“, antwortete ich.
„Ist das eigentlich kein komisches Gefühl, wenn man die Tiere, die man einige Zeit gesund gepflegt hat wieder aus zusetzten?“
„Also meine Mutter hat schon öfters gesagt, das sie ein wenig darüber traurig ist, gerade bei speziellen Tieren zu denen man eine besondere Beziehung aufgebaut hat. Ich bin eben zu selten in der Station, ich kann da weniger mitreden.“
Björn sah wieder auf das Meer hinaus. Ich lief in die Kajüte um etwas zu trinken zu besorgen. Als ich zurück kam, stand meine Mutter bei Björn, sie schienen sich angeregt zu unterhalten und lachten viel.
Ich blieb ein wenig im Hintergrund und beobachtete die Beiden, nippte ab und zu an meiner Sprudelflasche.
Je länger ich mit Björn zusammen war, um so größer wurde der Wunsch ihn als Freund zu haben. Aber er lebte 500 km von mir weg, wie sollte das gehen? Ich spielte gedanklich jede Möglichkeit durch, wie es wäre ihn zu besuchen oder er mich.
Aber ich kam immer zu dem Punkt, das es einer Freundschaft nicht gerade zuträglich wäre, sie so zu führen. Etwas down, ging ich dann zu den Beiden zurück, ließ mir aber nichts anmerken.
„Du Tim, wenn du die Woche noch mal frei hast, könntest du mit Björn nach Brunsbüttel fahren, und ihm die Schleuse zeigen, die den Nord-Ostseekanal mit der Elbe verbindet“, rief mir meine Mum entgegen.
„Ja, können wir machen, gute Idee“, erwiderte ich.
Ich stellte mich neben die beide und sah hinaus. Der Wellengang war heute sehr ruhig, also ein guter Tag um die Tiere aus zusetzten. Es dauerte nicht mehr lange, dann waren wir auch schon da. Durch die geringe Tiefe des Kutters, konnte wir recht nahe an die Sandbank heran fahren.
Nacheinander wurden die Kisten ausgeladen und zur Sandbank getragen. Dort angekommen wurden die Robben aus den Behältnissen gehoben und frei gelassen. Etwas unbeholfen saßen sie erst dicht gedrängt beieinander, bis die ersten sich Richtung Wasser aufmachten und in das kühle Nass eintauchten.
Björn war die ganze Zeit hin und weg, zu viele Eindrücke, Dinge die er noch nie gesehen, so dicht miterlebt hatte. Ich half derweil wieder die Kisten an Bord zutragen. Kurz bevor wieder zurückfuhren, ging ich dann wieder zu ihm.
Wir müssen dann los, bevor die Ebbe einsetzt und wir nicht mehr in den Hafen kommen“, sagte ich.
„Ist gut, ich komme.“
Björn schien nachdenklich zu sein, denn er sagte kein weiteres Wort. Auch bei der Rückfahrt blieb er eher still. Ich überlegte, ob ich überhaupt etwas sagen sollte, so in sich gekehrt war er.
„Was ist los?“, fragte ich dann doch.
„Das Meer fasziniert mich“, antwortete er.
Er starrte hinaus aufs Wasser, lächelte ab und zu.
„Weißt du, so viele klare Gedanken hatte ich noch nie. Hier draußen fällt es einem leicht, mit sich ins Reine zu kommen. Ich denke, Nick hätte bestimmt nicht gewollt, das ich mich zermartere, weil ich ihn so vermisse.“
„Dass denke ich auch!“, sagte ich.
Björn drehte sich zu mir und lächelte. Er schaute mich durchdringend an, so das ich den Wunsch verspürte ihm einen Kuss zugeben. Natürlich war das Wunschdenken, getraut hätte ich mich das sowieso nicht.
„Du hast dich in mich verliebt, stimmt’s?“, fragte er.
Mein ganzen Blut schien in den Kopf zu strömen, ich spürte die Hitze an meinen Wangen.
„He, das ist doch nicht schlimm! Es ehrt mich sogar, dass so ein lieber Kerl wie du, sich in mich verliebt“, sprach er weiter.
Ich versuchte ein Lächeln, was aber eher gequält rüberkam. Er legte seine Hand auf meine Hand.
„Gib mir ein wenig Zeit, bitte“, sagte Björn.
„Dass hat doch eh keinen Sinn“, meinte ich und entzog ihm meine Hand.
Sein fröhlicher Gesichtsausdruck verschwand.
„Wieso das denn?“
„Björn, ja ich habe mich in dich verliebt, aber du wohnst über 500 km von hier weg, kannst du mir sagen wie das funktionieren soll. Du lernst sicher zu Hause jemanden besseres kennen und wirst dich in ihn verlieben.“
„Glaubst du das wirklich?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nicht mehr was ich denken soll!“
Ich ließ ihn stehen und lief an die Spitze des Kutters. Björn folgte mir.
„Willst du es nicht wenigstens versuchen?“, fragte er mich.
Ich spürte wie er dich hinter mir stand.
„Ich meine, wir kennen uns er sehr kurze Zeit, das stimmt. Aber ich spüre, wie wichtig du mir jetzt schon bist Tim, und ich möchte das nicht so einfach hergeben.
„Björn, seien wir doch mal ehrlich. In zwei Wochen fährst du wieder nach Hause, beziehst deine neue Wohnung und beginnst ein neues Leben. Wie soll ich in dieses neue Leben passen?“
„Tim, warum malst du so schwarz? Gut, 500 km sind ein Argument, aber das kann man doch ändern?“
„Ich will hier nicht weg, ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo ins Landesinnere zu ziehen, ich würde das alles hier sehr vermissen.“
„Wer hat gesagt, dass du hier alles aufgeben sollst?“
Ich schaute ihn an und spürte wie sich langsam einige Tränen in meinem Gesicht ihren Weg bahnten.
„Ich empfinde jetzt schon mehr für dich, als mir gut tut. Ja, ich weiß es ist ein Traum von mir, endlich auch einen Freund zu haben, aber mit den Perspektiven, ist doch alles zum scheitern verurteilt.“
„Tim ich verstehe dich, du willst nicht verletzt werden, schon gar nicht deinem Traum hinterher rennen. Aber du darfst auch nicht von vorneherein dich gegen etwas verschließen, also deinen Verstand benutzen, wo dein Herz dir was ganz anderes sagt!“
„Mein Herz sagt, ich will dich , aber mein verstand belehrt mich etwas besseres!“
Ich drehte mich wieder um und schaute auf die Gischt hinunter die der Kutter verursachte. Björns Hand machte sich auf meiner Schulter breit streichelte mit den Fingern durch mein Haar. Ich war total durch den Wind und wusste gar nichts mehr.
„Bei dem Einem verursacht das Meer klare Gedanken, bei dem Anderen verwirrt es sie“, hörte ich Björn sagen, „ gibt uns eine Chance!“
„Gibt es ein UNS?“, fragte ich weinerlich.
„Ich denke schon“, antwortete Björn sanft.
Bis wir in den Hafen einfuhren, sagte keiner mehr was von uns beiden. Wir standen beide nur dicht neben einander und schauten auf das Wasser.
„Fährst du mich nach Hause?“
„Du willst schon gehen?“
„Eigentlich nicht, aber ich weiß nicht, ob du mich bei dir haben willst“, sagte Björn.
„Bitte, nicht falsch verstehen, Björn. Ich weiß einfach nicht, wie ich mit allem umgehen soll. Es ist alles so neu für mich!“
„Ich würde dir gerne helfen Tim, aber du musst mich auch lassen“, sagte er, gab mir einen kleinen Kuss und stieg von Bord.
Ich schaute ihm nach, bis ich meine Mum hinter mir bemerkte.
„Probleme?“
„Das einzigste Problem das es gibt bin ich!“, sagte ich zu ihr und stieg ebenfalls von Bord.
An Land guckte ich sie noch mal an und zuckte kurz mit den Schultern. Björn stand ebenfalls da und schaute mich an.
„Wollen wir heute Mittag nach Brunsbüttel fahren?“, fragte ich leise.
„Willst du?“, kam es von Björn.
„Mein Herz will!“
Björn lächelte und nahm mich in den Arm und drückte mich fest an sich. Wir halfen den anderen die Kisten vom Kutter zu laden, zogen uns wieder um und verabschiedeten uns von allen, bevor wir zum Auto zurück gingen.
Am Mittag fuhr ich noch kurz an Friedrichskoog-Spitze, weil ich noch kurz bei Caro vorbei schauen wollte. Nun saß ich wieder im Auto und wollte Björn abholen. Ich war etwas im Gedanken und bemerkte zu spät, dass ein Auto des Gegenverkehrs sich auf meiner Seite befand.
Ausweichen konnte ich nicht mehr, es war zu spät. Ich riss meine Arme schützend hoch vors Gesicht, dann wurde alles dunkel um mich.
***
Von weit her konnte ich eine Melodie hören. Ich wusste nicht welche, also konzentrierte ich mich darauf. Mein Kopf tat höllisch weh, aber ich wollte erkennen was da lief.
So wie es ist und so wie du bist bin ich immer wieder für dich da ich lass dich nie mehr alleine das ist dir hoffentlich klar
In diesem Augenblick hat die Liebe uns genommen
und ist ohne uns zu fragen mit uns raus aufs Meer geschwommen
und ich lieg in deinen Armen und die Wellen wollen uns gerne tragen
und ich fühl mich so wie du und du fühlst dich so wie ich
wir sind da wo wir sind denn was andres wollen wir nicht
Ich geh mit dir wohin du willst
auch bis ans Ende dieser Welt
am Meer am Strand wo Sonne scheint
will ich mit dir alleine sein denn
So wie es ist und so wie du bist bin ich immer wieder für dich da ich lass dich nie mehr alleine das ist dir hoffentlich klar
Mit dir bin ich Zuhause angekommen ohne Ziel
was wir brauchen sind wir beide davon brauchen wir soviel
und wir geben uns neue Namen und ich schlaf so gerne mit dir ein und ich fühl mich so wie du und du fühlst dich so wie ich
und wir küssen uns bis immer denn was andres wollen wir nicht
Ich geh mit dir wohin du willst
auch bis ans Ende dieser Welt
am Meer am Strand wo Sonne scheint
will ich mit dir alleine sein denn
So wie es ist und so wie du bist bin ich immer wieder für dich da ich lass dich nie mehr alleine das ist dir hoffentlich klar
Leuchtturm – Nena
Ich spürte eine Hand auf meiner liegen, doch meine Augen ließen mich noch im Stich, ich hatte nicht die Kraft dazu.
„Ich glaube er kommt zu sich“, hörte ich eine Stimme sagen.
Ein Stöhnen entfleuchte meinem Mund.
„Tim, hörst du mich?“
Das war eindeutig Björns Stimme. Ich wollte antworten, aber es ging nicht.
„Tim, nicht sprechen, du hattest einen schweren Unfall und liegst im Krankenhaus“, hörte ich meine Mum sagen.
„Björn, ich geh meinen Mann anrufen, ich komme gleich wieder!“
„Okay Hanna, ich bleib bei Tim.“
Er duzte meine Mutter?, Was hatte ich nur verpasst?
„Ganz ruhig Tim, es wird alles wieder gut!“
Ich spürte, wie er sich über mich beugte und mir einen sanften Kuss auf den Mund gab, dann wurde alles wieder dunkel um mich herum.
***
Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen hatte, aber draußen schien es schon zu dämmern, als ich aufwachte, jedenfalls so wie ich das erkennen konnte. Langsam hob ich meinen Kopf, der immer noch höllisch weh tat.
Neben mir saß Björn, hatte den Kopf am Bettrand liegen und schlief. Wie ich erkennen konnte, hatte ich an einem Arm einen Gips, also versuchte ich mit der anderen Hand über seine Haare zu streicheln.
Björn schreckte auf.
„Wollte dich nicht erschrecken“, flüsterte ich heiser.
„He Kleiner, du bist ja wieder wach!“, sagte er und strahlte über das ganze Gesicht.
„Wie lange habe ich geschlafen?“
„Och, so zehn Tage, warst du schon weg“, antwortete Björn.
Verwirrt und fassungslos sah ich ihn an.
„Du bist, als du auf dem Weg zu mir warst, von einem überholenden Auto, von der Strasse gefegt worden. Der Typ war betrunken und es ist ihm nichts passiert. Dafür umso mehr dir. Du warst in deinem Auto eingeklemmt und hast allerhand Brüche.“
Mir wurde plötzlich klar, was Björn wegen mir durch machen musste, es wiederholte sich das gleiche bei mir, wie bei Nick, nur dass ich noch lebte. Björn schien meine Gedanken zu erraten.
„Mir geht es gut, keine Sorge Kleiner.“
„Zehn Tage? Musst du nicht zurück…?“
„Nein Tim, ich bleibe… Ich bleibe für immer!“
Wie verwirrt kann ein Mensch denn aussehen?
„Deine und meine Eltern haben alles in die Wege geleitet, dass ich meine Wohnung zu Hause wieder kündigen kann, dass ich meine Lehre hier bei eurem Schreiner fertig machen kann. Und eine kleine Wohnung habe ich auch schon für uns!“
„Uns?“
Ein Lächeln machte sich auf Björns Gesicht breit.
„Ja uns, ich will bei dir bleiben. Ich will nicht noch jemanden verlieren, der mir so lieb ist.“
Ich spürte wie sich Tränen in meinen Augen breit machten.
„Du wirst jetzt erst mal wieder gesund und dann sehen wir weiter!“
Das Bedürfnis ihn jetzt zu umarmen hatte Björn anscheinend auch bei mir, er stand wieder auf und umarmte mich sanft.
„Ich rufe deine Eltern jetzt an und sage dass du wach bist, okay?“
Ich nickte.
„Was war das mit dem Lied?“, fragte ich immer noch heiser, als er gehen wollte.
Er drehte sich wieder zu mir.
„Du lagst im Koma und die Ärzte wussten nicht warum du nicht aufgewacht bist. So kam mir die Idee mit dem Lied. Es drückt das aus, was ich für dich fühle! Ich ließ es immer wieder spielen und nach vier Tagen, bist du endlich aufgewacht!
Ich lächelte.
„Björn, ich liebe dich!“
„Ich weiß Tim! Ich dich auch!“, sagte er und verließ lächelnd das Zimmer.

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  Leise Gedanken
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:59 AM - Replies (1)

Der Krieg war vorbei, endlich vorbei. Und ich, ich hatte alles verloren. Ich Heinrich Pflüger, fünfzehn Jahre alt, stand vor dem nichts. Meine Familie hatte ich verloren, mein Zu Hause und meinen Freund Jakob.
Ich wusste nicht ob sie noch lebten, denn ich saß hier mit anderen Jungs interniert, bis wir jeder Einzelne geprüft worden waren. Die Tür ging wieder auf und ein Soldat kam herein um einen weiteren aus unserem Kreis zu holen.
Die Stille die im Raum herrschte war kaum zu ertragen. Einige Jungen weinten leise vor sich hin, weil sie wie ich nicht wussten, was uns da draußen erwartete. Das gleiche Spiel, die Tür wurde aufgezogen und diesmal war ich dran.
Der Soldat packte mich am Arm, zog nach oben und schob mich vor sich her. Hinter ihm fiel die Tür schwer ins Schloss. Ich fing an zu zittern, was würde jetzt auf mich zu kommen. Als die Bomben über Berlin einschlugen, saß ich im Luftschutzkeller, da habe ich nicht so gezittert wie jetzt.
Ein weiterer Soldat öffnete eine Tür und ich wurde hinein geschoben. An einem großen Schreibtisch saß ein älterer Herr mit Nickelbrille.
„Setzten,“ kam es laut von ihm.
Vorsichtig setzte ich mich hin, meine Wunde am Rücken tat immer noch schrecklich weh. Der Mann mit der Nickelbrille sah auf und schien dies zu merken. Er wies den Soldaten etwas auf englisch an, worauf dieser aus dem Raum verschwand.
„Name?“
„Heinrich Pflüger.“
„Herkunft?“
„Heidelberg, ich meine ich habe in Heidelberg gewohnt.“
„Ein weiter Weg hierher. Wo sind deine Eltern?“
„Weiß ich nicht, wir wurden getrennt.“
Ich wurde ein wenig nervös, denn er macht sich fortwährend irgendwelche Notizen, auf verschiedenen Blätter.
„Alter?“
„Fünfzehn.“
„In welcher Armee?“
„Entschuldigung, ich verstehe ihre Frage nicht.“
War ich zu weit gegangen, ich erwartete, dass er jeden Augenblick explodierte.
„In welcher Armee du gedient hast welcher Zug oder Abteilung..?“
„Ich hab inner Poststelle als Botenjunge gearbeitet, wenn sie das meinen.“
„Kein bewaffneter Dienst?“
„Nein.“
„Warum nicht.“
Ich wurde rot, weil ich mich schämte.
„Warum hast du keine Dienst an der Waffe gemacht?“
„Weil ich immer … wenn es knallt in Ohnmacht gefallen bin..“ sagte ich leise.
Ein kurzes Grinsen huschte über das Gesicht des Mannes, aber wirkte so gleich wieder wie versteinert. Ich fuhr zusammen, denn die Tür wurde aufgerissen.
Der Soldat von vorhin trat herein und brachte eine Frau mit. Wieder sagte der Mann mit der Brille etwas auf englisch und der Soldat verzog sich. Nur die Frau blieb.
„Würdest du mal deinen Pullover ausziehen,“ sagte der Mann plötzlich im netten Ton.
Ich zog wie geheißen, meinen Pulli vorsichtig aus. Ich konnte es nicht verhindern, mein Gesicht vor Schmerzen zu verziehen. Zu arg war der stechende Schmerz, den ich an meinem Rücken fühlte.
Die Frau stellte ihre Tasche ab und murmelte irgendetwas, worauf der Mann aufstand und hinter mich lief. Der Mann gab irgendwelche Anweisungen, worauf die Frau verschwand.
„So Heinrich, den Pullover lassen wir mal aus, nimm ihn bitte und folge mir.“
Wieder tat ich, was ich gesagt bekommen hatte und folgte dem Mann nach draußen auf dem Flur. Kein Soldat folgte uns, wir liefen alleine weiter. Die Treppe hinunter in das nächste Stockwerk. Der Mann lief zu einer Frau und ich konnte sogar meine Namen hören.
„So junger Mann, du bleibst jetzt bei dieser Frau und befolgst ihre Anweisungen!“
Ich nickte ihm zu. Ohne Pulli fing ich jetzt an zu frieren. Der Mann mit der Nickelbrille drehte sich um und lief wieder die Treppe hinauf, die wir runter gekommen waren.
„So du bist Heinrich?“ sagte die Frau in amerikanische Akzent.
„Ja,“ sagte ich ängstlich.
„Du brauchst keine Angst zu haben, wir fahren jetzt auf die Krankenstation und werden uns mal um deinen Rücken kümmern.“
Sie hatte ihren Arm um mich gelegt und führte mich nach draußen. Dort stand ein Jeep bereit. Die Frau setzte sich zu mir nach hinten. Sie und der Fahrer unterhielten sich und ich konnte kein Wort verstehen. Ich schwor mir, diese Sprach unbedingt zu lernen.
Wir fuhren eine Weile, als der Jeep plötzlich hielt. Die Frau steig aus und streckte mir ihre Hand entgegen. Ich wollte aufstehen, merkte aber, das mir schwarz vor Augen, und ließ mich zurückfallen, nur noch Schwach fühlte ich das Stechen am Rücken.
Ich bekam noch mit, wie mich starke Arme hochhoben, aber die Augen zu öffnen, dazu war ich einfach zu schwach.

* *

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Bett, mit weißen Laken. Wie lange hatte ich schon nicht mehr in frischen Bettzeug gelegen. Ich versuchte mich um zuschauen. Ich lag in einem Raum mit einem weiteren Bett neben dran.
Zum Fenster konnte ich nicht hinaus sehen, dicke Gardinen versperrten mir die Sicht. Wieder zuckte ich zusammen als ich ein Geräusch hörte, das von einer der zwei Türen kam, die das Zimmer besaß.
Sie wurde geöffnet und ein nackter junger Mann kam heraus. Ich starrte ihn er, er mich.
„Boy, what`s wrong?“
Ich schaute verschämt weg. Noch nie hatte ich einen anderen Jungen vollkommen nackt gesehen, doch irgendwie reizte es mich auch wieder hinzugucken, denn dieser Amerikaner, sah gut aus. So gleich schämte ich mich aber meiner Gedanken, weil ich es widernatürlich empfand so was zu denken.
Ich spürte wie sich der Mann neben mich auf mein Bett setzte.
„He Boy, was ist los mit dir?“ fragte er mich diesmal auf deutsch.
„Hast du noch nie einen nackten Mann gesehen?“
Ich schaute immer noch auf die andere Seite, aber nickte.
„Da ist doch nichts dabei, wir sind doch unter uns.“
Er stand wider auf und ich traute mich in seine Richtung zu schauen, er hatte ein dickes Pflaster auf dem Rücken.
„Du hast eine Menge Glück gehabt, weißt du das?“ sagte er.
„Wieso?“ war mein erstes Wort, das ich rausbrachte, seit ich aufgewacht war.
Ich sah ihm zu wie er sich anzog und bewunderte dabei seine kräftige Muskeln.
„Sie haben dir einen Splitter aus dem Rücken entfernt, du warst nicht weit davon entfernt, die eine Blutvergiftung zu zuziehen.“
„Einen Splitter?“
„Ja muss was metallisches gewesen sein, nach dem was die Schwester gesagt hatte.“
Wie aufs Kommando ging die Zimmertür auf und eine Schwester trat herein.
„Ist er endlich aufgewacht Bob?“ fragte diese.
Also Bob hieß er, musste ich mir merken.
Sie kam zu mir ans Bett, nahm meine Hand und fingerte an meinen Handgelenk herum. Dabei schaute sie eisern auf ihre Uhr.
„Ich prüfe nur deinen Herzschlag Heinrich, keine Angst,“ sagte die Schwester.
Erneut ging die Tür auf und die Frau, die mich hergebracht hat, kam herein.
Heinrich, da bist du ja wieder, hast mir jm Wagen einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Ich soll dir übrigens von Stuart eine Gruß ausrichten.
„Wer ist Stuart?“ fragte ich verwundert.
„Der Fahrer unseres Jeeps, er hat sich wirklich Sorgen um dich gemacht, wie dich hier herein getragen hatte.“
„Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“
„Ich weiß, du warst völlig weggetreten, und Jane soweit alles in Ordnung mit ihm.“
„Ja, die Notoperation hat er gut überstanden, obwohl er ziemlich abgemagert ist.“
Ich schaute zwischen den beiden hin und her.
„Und was wird nun aus mir,“ fragte ich vorsichtig.
„Was soll aus dir werden? Wie meinst du das?“ fragte diese Jane.
„Jetzt muss ich doch bestimmt zurück zu den anderen,“ gab ich zur Antwort.
„Nein, Mr. Bringla, hat alles überprüfen lassen, du bist okay, er hatte keine Bedenken.“
„Und überhaupt, erst mal bleibst du hier, und kurierst dich aus, meinte die Frau von Jeep.
Jane setzte sich an mein Bett und schaute mich an.
„Heinrich kann ich dich was fragen?“
„Was denn?“
„Nach der Operation, bekamst du ziemlich Fieber und hast im Fieberwahn gesprochen. Wer ist Jakob? Du hast diesen Namen oft gesagt.“
Mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich habe Jakob gesagt.
„Tut mir leid wenn ich dich an was erinnert habe,“ sagte Jane.
„Jakob war mein bester Freund.“
„War?“
„Jakob, war Jude. Er wurde mit seiner Familie abtransportiert, ich weiß nicht was aus ihm geworden ist.“
Jane und die Frau schauten sich an.
„Jetzt versuchst du erst mal noch ein wenig zu schlafen, nach der Untersuchung ist ja Bob auch wieder da und du nicht alleine.“
Beide verließen sie das Zimmer. Ich hatte Jakob erwähnt, und ich dachte ich wäre darüber hin weg.

* *

Ich stand am Fenster, sah wie die Leute auf den Laster verfrachtet wurden. Und plötzlich sah ich ihn. Jakob, auch er wurde von den Herren in schwarz, mit seinen Eltern abgeführt. Ich wollte das Fenster öffnen und aus dem Fenster schreien.
Meine Mutter hielt mich zurück, sah mich traurig an und schüttelte den Kopf. Der Laster setzte sich in Bewegung und fuhr an unserem Fenster vorbei. Jakob schaute in meine Richtung unsere Blicke trafen sich. Seine Augen waren traurig, aber auch Angst erfüllt.
Immer diese Augen, sie verfolgten mich, ich schrie laut nein.

* *

„Heinrich aufwachen, du träumst.“
Ich öffnete meine Augen und hatte Bob vor mir. Die Tränen konnte ich nicht zurück halten und fing hemmungslos an zu weinen. Bob nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten.
„Yes Boy, cry…. lass alles raus.“
Ich spürte seine nackte Haut, meine Wange lehnte an seine Brust. Die Wärme, die von Bob ausging, schien mich zu beruhigen. Ich hörte den gleichmäßigen Herzschlag in seiner Brust.
„Wer ist Jakob?“ fragte mich Bob.
„Das war mein bester Freund, sie haben ihn abgeholt.“
„Why.. warum?
„Jakob war Jude, alle Juden wurden abgeholt in unserer Strasse.“
„Das habe ich auch schon mitbekommen. Und wo kommst du eigentlich her?“
„Aus Heidelberg.“
„Das trifft sich gut, wenn ich hier endlich rauskomme, werde ich nach Heidelberg verlegt.“
„Haben sie uns deswegen auf ein Zimmer zusammen gelegt?“
„Kann schon sein. Und deine Eltern?“
„Weiß ich nicht, wir wurden bei einem Bombenangriff getrennt, seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“
„And how long.. wie lange ist das her?“
„Ein paar Monate, ich weiß es nicht genau. Was für einen tag haben wir?“
„ June, den zwanzig sechsten.“
„Den sechsundzwanzigsten Juni heißt das,“ korrigierte ich Bob.
„Ich weiß, mein deutsch ist nicht das beste.“
„Gut genug um mit einander zu reden,“ meinte ich und versuchte zu lächeln.
Bob lies mich los und ich glitt auf mein Bett zurück.
„Bob, kann ich was zu trinken haben?“
„Natural… was willst du trinken?“
Ich schaute ihn fragend an.
„Was ich trinken will?“ Gibt es hier eine so große Auswahl?“
Bob hob mir eine Flasche mit braunen Inhalt hin.
„Das ist Coke, probier mal,“ sagte Bob und noch immer hielt er die Flasche vor meine Nase.
Ich nahm sie und begann zu trinken. Ich kannte diesen Geschmack nicht, aber es schmeckte süß und vor allem gut. Die Tür ging auf und Jane kam mit einem Tablett herein.
„So meine Herren, es gibt Essen.“
Sie stellte ein Tablett an mein Bett. Ich versuchte mich aufzurichten, hatte aber Schwierigkeiten, mein Rücken tat immer noch sehr weh. Jane half mir mich aufzurichten. Zum erstenmal merkte ich, das ich oben nichts anhatte.
Ein dicker Verband lag um meinen Bauch. Eine dicke Stoffhose, die aber sehr bequem war trug ich, meine Füße waren nackt. Ich schaute an mir herunter.
„Deine Klamotten habe wir leider weggeschmissen, aber keine Sorge du bekommst von uns neue,“ sagte Jane und nahm den Deckel vom Teller.
„Fleisch?“
„Ja Meat, was ist so besonders daran?“
„Ich weiß nicht wie lange ich kein Fleisch mehr gegessen habe. Oh duftet das herrlich.“
Bob und Jane sahen sich grinsend an, während ich das Essen in mich hinein schaufelte.

* *

Jane war gegangen und ich rieb mir den Bauch.
„Bob ich müsste.. mal auf die Toilette..“
Bob wies auf die zweite Tür, aus der er der nackt herausgetreten war, als ich das erstemal aufgewacht war. Er lief immer noch in einer kurzen Hose herum. Er half mir aus dem Bett und ich versuchte zu stehen.
Ich merkte aber, das meine Beine total weich waren, und ich drohte umzukippen. Ich schaute Bob hilflos an. Er kam zurück zu mir und stützte mich ab. Ziemlich wackelig, liefen wir langsam zur besagten Tür. Bob öffnete sie und half mir hinein.
Ohne was zusagen, zog Bob mir die Hose herunter und nahm mein Glied in die Hand. Ein wenig erschocken darüber, aber glücklich mir endlich Erleichterung zu verschaffen lies ich es laufen. Als ich fertig war, war es mir dann doch peinlich, denn vor allem wurde mein Glied unter der Hand von Bob größer und härter.
„Oh my God, what a nice tail.“
Mit großen Augen schaute ich Bob an.
„Sorry,“ meinte Bob und verfrachtete mein Glied wieder in die Hose.
Er führte mich zurück in mein Bett und half mir mich hin zulegen, danach lief er stumm zu seinem Bett und legte sich ebenfalls hin. Total verunsichert wusste ich nicht, was ich denken oder sagen sollte. Bald darauf schlief ich ein.

* *

Als ich wieder aufwachte, war es später Mittag, die Sonne stand schon tief. Bob war nicht da, sein Bett sah unbenutzt aus. Ich lag da und dachte über vergangene Tage nach. Tief verdrängt in meinem Kopf kamen Bilder zum Vorschein, auf die ich hätte verzichten können.
Besonders die Erinnerung an Augen. Augen die ins Leere starrten, kalt und eisig ohne Leben, zu viele davon in meinem Kopf waren. Zu viele Tote hatte ich gesehen, aber irgendwie war ich abgestumpft.
Musste ich mich am Anfang noch übergeben, so lief ich am Schluss teilnahmslos an ihnen vorbei… auch wenn es Kinder waren. Ich war nicht enttäuscht von mir wegen mangelnder Anteilnahme, aber ich lebte noch und musste um mein Leben kämpfen. Sie hatten es hinter sich.
Ich dachte an meine Eltern, an meine Geschwister. Was mag aus ihnen geworden sein, ob sie noch lebten. Auf alle Fälle musste ich hier raus. Ich konnte nicht ewig hier liegen und im Ungewissen bleiben, ob es noch jemanden gab.
Jakob. Der Gedanke war plötzlich da. Wir kannten uns schon seit dem Sandkasten. Und jetzt… jetzt waren alle weg, alleine war ich und es war ungewiss was jetzt weiter geschah. Die Tür ging auf und ich wurde aus meinen Gedanken gerissen.
„Hi,“ sagte Bob ohne mich an zuschauen und setzte sich mit dem Rücken zu mir auf sein Bett.“
„Bob?“ sagte ich, aber er reagierte nicht.
„Bitte Bob, rede mit mir..“
Er drehte sich um und schaute mich an. Wenn ich mich nicht täuschte hatte er geweint, aus welchem grund auch immer, seine Augen waren gerötet.
„Bob, was ist los?“
„Ich hätte das vorhin nicht tun dürfen,“ sagte er leise vor sich hin.
„Was hättest du nicht tun dürfen.“
„Ist jetzt zu spät es rückgängig zu machen, tut mir leid.“
„Bob könntest du mir mal erklären, was du damit meinst.“
„Das was vorhin, da drin passiert ist..“ antwortete er und wies mit dem Kopf Richtung Toilette.
Ich wurde unweigerlich rot, als das Geschehene in meinen Kopf zurück kam.
„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll..“ meinte ich.
„Ich hätte dich da nicht berühren dürfen, du bist erst fünfzehn.“
„Du bist doch auch nicht viel älter, die paar Jahre.“
„Ich werde im August zwanzig und jeder wird sagen, ich hätte dich dazu verführt.“
„Zu was hast du mich verführt, ich verstehe das nicht.“
Bob kam zu mir ans bett und setzte sich neben mich.
„Heinrich hör mir bitte mal zu. Hattest du schon eine Freundin?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich auch noch nicht, aber nicht weil ich keine bekomme sondern weil ich keine möchte.“
Erstaunt sah ich ihn mit großen Augen an.
„Ich mag lieber Jungs.“
Bob senkte sein Kopf und schaute auf den Boden.
„Bob es tut mir leid, aber davon verstehe ich nichts, wie meinst du das magst nur Jungs?“
„My God… das ist schwierig. Wurde dir nie erklärt wo die Kinder herkommen?“
„Doch das weiß ich schon..“
Bei diesem Ausspruch wurde ich wieder rot, weil dies ein Thema war, worüber man eigentlich nicht so öffentlich redete.
„Du brauchst nicht rot zu werden, es ist das normalste von der Welt, nur das ich so was nicht mache und lieber mit Jungs eben…“
„Du meinst du… wie soll das gehen…?“
Fragend aber auch neugierig schaute ich ihn an.
„Ich kann dir das doch jetzt nicht zeigen..,“ sagte Bob.
„Warum nicht..?“
Jetzt war es an Bob mich erstaunt an zugucken.
„Weil viele es für widernatürlich halten, es ist nicht normal wenn zwei Jungs… miteinander Sex haben. Es ist krank und schlecht“
„Wie gesagt, ich kenne mich da nicht aus, dies ist das erstemal, dass ich davon höre. Ich wusste nicht, dass es so was gibt. Und warum dachtest du, du bist vorhin zu weit gegangen?“
„Weil ich ohne zu fragen einfach dein Glied rausgenommen habe.“
„Aber ich musste doch dringend und außerdem weißt du selber, das ich mich nicht auf den Beinen halten konnte.“
„Aber danach..“ Bob brach den Satz ab.
„Weil mein Glied… hart wurde?“
„Ja.“
„Das passiert ab und zu, weiß nicht warum, aber es geht wieder weg.“
„Soll das heißen du hast noch nie…“
„Was hab ich noch nie?“
„Home made.. dir es selber gemacht…., oh Boy, wie soll ich dir es erklären.“
„Zeig es mir doch einfach.“
Bob schaute mich entsetzt an.
„Fuck, what …was soll ich nur tun, wenn dabei jemand rein kommt…..?“
„Mach es einfach, jetzt hast du mich neugierig gemacht.“
„Ich muss…“
Es musste Bob schwer fallen, was auch immer es sei. Er zog ein wenig meine Decke zurück. Er fuhr mit seiner Hand in meine Hose und bekam mein Glied zu fassen.
„Bleib ganz ruhig und entspann dich,“ sagte er leise.
Er zog meine Hose nach unten bis mein Glied frei lag. Unter seinen Berührungen war es ordentlich gewachsen. Er nahm wieder mein Glied in die Hand und begann es zu kneten. In mir drin fühlte ich ein Kribbeln, wie ich es zuvor noch nie gespürt hatte.
Es fühlte sich aber gut an, mein Atem ging etwas schneller. Er zog die Haut die, die Eichel bedeckte zurück, was mir ein Schauder durch den Körper fahren lies. Er umgriff jetzt mit der ganzen Hand mein Glied und lies die Haut hoch und runter wandern.
Ich sah wie sich Bob an die eigene Hose fasste und umständlich daran rieb.
„Ist deiner auch hart,“ entfuhr es mir fast heißer.
„Ja,“ sagte er kurz und knapp.
„Darf ich sehen?“
Bob lies ab von mir und zog sich aus bis er in den Boxer da stand, in denen er fast den ganzen Tag in unserem Zimmer herum lief. Deutlich sah ich wie es ihm abstand. Er setzte sich wieder neben mich und begann wieder an meinen Glied zu reiben.
Neugierig riskierte ich es und fuhr mit meiner Hand in seine Hose und spürte das heiße Stück Fleisch. Bob atmete tief durch.
„Nicht weiter machen sonst kommt es mir.“
„Was kommt dir?“ fragte ich.
„Das wirst du gleich selber bei dir sehen.“
Er drückte mich sanft in mein Kissen zurück und legte einen Zahn zu und rieb heftiger an meinem Glied. Tief in mir fing etwas an zu brodeln. Mein Atem wurde heftiger und ich spürte wie sich meine Muskeln versteiften.
Irgendwie verblasste alles um mich herum, ich spürte nur noch mein Körper. Ich fühlte etwas in mir hochsteigen und stöhnte laut auf. Aus meinem Glied spritze weiße Flüssigkeit, wieder und wieder. Ich zuckte am ganzen Körper und hatte Mühe mein Stöhnen leise zu halten.
Langsam lies das Gefühl nach und meine Muskeln schienen sich wieder zu entspannen. Ich sah wie das Zeug an Bobs Hand herunter lief. Er stand auf, nahm ein Tuch und wischte es von mir ab, bevor er seine Hand reinigte.
„Ist das jedes Mal so?“ fragte ich noch völlig außer Atem.
„Ja natürlich und zu zweit macht es mir eben mehr Spass.“
„Darf ich bei dir?“
Bob schüttelte den Kopf, er atmete tief und lang aus.
„Wenn du es unbedingt willst warten wir bis heut Abend, wenn alle zu Bett sind, ok?“
Ich nickte und spürte das allein schon der Gedanke daran, mein Glied sich wieder regen lies.

* *

Nach dem Abendessen, war Bob eine Zigarette rauchen gegangen. Mir kam Jakob wieder in den Sinn. Mir war eingefallen, wenn wir gemeinsam was unternahmen, dass ich oft ein hartes Glied bekam, wenn wir dicht beieinander waren. Sollte ich vielleicht auch… nein ich verwarf diesen Gedanken gleich wieder.
Die Tür öffnete sich und Jane kam herein.
„Heinrich ich muss deinen Verband noch einmal wechseln.“
Sie half mir auf und begann den Verband zu lösen.
„Du hast wirklich glück gehabt das dieser Splitter nicht weiter eingedrungen ist.“
„Wieso?“
„Sonst könntest du vielleicht jetzt nicht mehr laufen?“
„Kann ich doch jetzt auch nicht richtig.“
„Das kommt von der Operation, aber woher weißt du das?“
„Ich musste mal, aber ich konnte mich nicht auf den Beinen halten. Bob hat mir dann geholfen.“
„Dann müssen wir deine Beine trainieren. Bob kann ja morgen mit dir nach draußen und du kannst mit seiner Hilfe dann im Park ein paar Schritte gehen.“
„Ich darf raus?“
„Da spricht nichts dagegen.“
Jane legte den Verband auf die Seite und schaute sich wohl die Wunde genauer an.
„Das ist gut, die Wunde fängt schon an zu heilen, in ein paar tagen denke ich können wir dann auch die Fäden ziehen.“
„Es tut aber immer noch schrecklich weh , wenn ich mich bewege.“
„Das wird langsam nachlassen, wirst schon sehen.“
Die Tür ging wieder auf und Bob trat herein, seine Augen funkelten mich an. Jane legte einen frischen Verband an und half mir wieder ins Bett.
„So Bob, lass mich noch dein Pflaster wechseln, dann bin ich für heute Abend fertig.
Bob zog sein Hemd über den Kopf und setzte sich auf sein Bett. Jane löste das Pflaster vorsichtig hab und zum Vorschein kam eine runde Wunde.
„Was ist dir da eigentlich passiert?“ fragte ich Bob.
„War ein Querschläger.“
„Du bist von einer Kugel getroffen worden?“
„Ja bin ich,“ sagte Bob.
„Aber es ist schon sehr gut verheilt, mein Herr, lange wirst du uns nicht mehr mit deiner Anwesenheit beehren.“
Jane räumte ihre Sachen zusammen und wünschte uns eine gute Nacht bevor sie uns verließ. Bob ging zur Tür und löschte das Licht, nur noch meine kleine Lampe am Bett brannte noch. Fein säuberlich legte er seine Kleidung über einen Stuhl zog auch noch die restlichen Sachen aus, bis er völlig nackt vor mir stand.
„Willst du immer noch?“ fragte er leise.
Ich hob meine Bettdecke an. Er kam zu mir half mir die Hose auszuziehen und legte sich dann zu mir an meine Seite. Ich spürte seine nackte Haut an meiner, was in mir wieder diese Gefühle vom Mittag auslöste.
„Darf ich dich küssen?“ hauchte mir Bob leise ins Ohr.
Innerlich erregt und zu keinem Wort im Stande, nickte ich. Bob kam mir näher und ich spürte wie sich seine Lippen den meinen langsam näherten.

* *

„An was denkst du?“ fragte Bob.
Ich lag in Bobs Armen, an ihn geschmiegt.
„An Jakob,“ antwortete ich, „ob ich für ihn genauso empfunden habe, wie jetzt für dich.“
„Was empfindest du denn for me?“
„Ich kann es nicht genau beschreiben, irgendwie bin ich mit dir verbunden, du hast was mit mir geteilt, was ich bisher nicht kannte.“
„Bad? … schlimm?“
„Nein, es war das schönste Erlebnis das ich je hatte.“
„Noch mal?“ fragte Bob.
Er sah mich mit einem frechen lächeln an und beugte sich über mich.

* *

Am nächsten Morgen, wurde wir wie immer recht früh geweckt. Bob lag wieder in seinem Bett. Nach dem nächtlichen Abenteuer, hielt er es für besser in seinem Bett zu schlafen, nicht das die Schwester auf falsche Gedanken kam, wenn wir gemeinsam die gleiche Schlafstätte teilten.
Nach dem Frühstück und den üblichen Untersuchungen durfte ich dann mit Bob zum erstenmal nach draußen. Ich wusste nicht in welchen Krankenhaus ich war, nur das es eben hier in Berlin stand.
„Können wir gemeinsam nach Heidelberg fahren?“ fragte ich Bob, der mich gemütlich vor sich her schob.
„Wenn du entlassen wirst, werde ich schauen was ich für dich tun kann. Alleine möchte ich dich nämlich nicht lassen,“ meinte er.
Ich schaute ihn in seine grünen Augen und lächelte dankbar. An einer Bank hielt er an und meinte ich solle versuchen aufzustehen. Mit knapper Not konnte ich mich aus dem Rollstuhl hochdrücken. Bob stellte sich neben mich, um da zu sein, falls ich fallen würde.
Schritt für Schritt bewegte ich mich auf die Bank zu. Ich spürte einen leichten Schmerz im Rücken, aber das war mir egal, ich wollte es zu dieser Bank schaffen.
„Heinrich, übertreib es nicht gleich..“ meinte Bob.
Ich setzte einen Fuß vor den anderen. An der Bank angekommen, konnte ich dann doch nicht mehr, aber Bob fing mich auf und setzte mich sanft auf die Bank. Glücklich über diesen Erfolg, lehnte ich mich zufrieden an Bobs Schulter und schloss die Augen.
„Bob, erzähl mir ein bisschen von dir..“
„What can i say… was willst du wissen?”
“Wo du her kommst, was arbeitest du, wie lebst du?“
„Stop it,… das sind a many Questions.“
So langsam gewöhnte ich mich an das stetige wechseln, zwischen deutsch und amerikanisch.
„Also ich komme aus Chicago. Arbeite dort in a big Fleischfabrik. Du musst wissen, Chicago ist das größte Fleischzentrum, das es in Old Amerika gibt.“
„Und was machst du da genau?“
„Das Fleisch in , wie sagt man bei euch Dosen.. „ ich nickte, „ in Dosen füllen.“
„Und das schmeckt?“
„Ja, es schmeckt, und du kannst es länger halten, geht nicht kaputt.“
Wir saßen da noch eine ganze Weile, bis ein Mann auf uns zu gelaufen kam. Es war der Mann mit der Brille.
„Hallo Bob, how are you?“
“Fine, thank you Mr. Bringla.”
Er wandte sich zu mir.
„Und dir Heinrich, du siehst ja wirklich gut aus.“
„Ja danke, sie bemühen sich auch hier sehr um mich.“
„Ich habe eine gute Nachricht und eine schlechte Nachricht für dich.“
Ich schaute ihn starr an.
„Die gute ist, wir haben Meldung bekommen, dass deine Eltern noch leben und dich suchen, über den Suchdienst. Wir haben bescheid gegeben, das du hier in Berlin bist.“
„Und die schlechte Nachricht….,“ ich brach ab, mir schnürte es die Kehle zu.
„Karl…“
„Mein Bruder?“
„Ja, es tut mir leid, aber Karl lebt nicht mehr.“
Fassungslos, starrte ich Mr. Bringla an. Mein großer Bruder lebt nicht mehr.. ich werde ihn nie mehr wieder sehen…
„Aber wie ist… was ist passiert..?“ stammelte ich.
„Das wissen wir nicht mein Junge, wir haben nur die Meldung, dass er für Tod erklärt wurde.“
„Danke Mr. Bringla, dass sie sich so für mich eingesetzt haben. Aber ich glaube ich möchte jetzt zurück in mein Zimmer.“
Sehr unsicher, versuchte ich aufzustehen. Bob hielt mich, sonst wäre ich gefallen. Er führte mich zurück und ich konnte mich wieder in den Rollstuhl setzten. Mr. Bringla verabschiedete sich von mir und wechselte noch ein paar Worte mit Bob.
Ich starrte einfach ins Leere. Mein ältere Bruder war tot. Ich hatte ihn jetzt ein Jahr lang nicht mehr gesehen, aber ihn jetzt einfach nicht mehr sehen zu können, jede Hoffnung war zerplatzt. Bob sagte nichts, er schob mich einfach wieder rein, zu unserem Zimmer.
Jane kam uns entgegen und wollte etwas sagen, aber Bob sagte ihr etwas auf englisch, schwieg und schaute mich traurig an. Im Zimmer angekommen hob mich Bob in mein Bett und deckte mich zu. Er setzte sich neben mich und strich mir sanft durch mein Haar.
Erst jetzt fingen meine Tränen an zu laufen. Ich fing laut an zu schluchzen und konnte mich nicht beruhigen.

* *

Irgendwann in der nacht wachte ich auf, ich musste mich wohl in den Schlaf geweint haben. Bob lag neben mir hatte mich immer noch im Arm und schlief friedlich. Ich versuchte ihn ein wenig zuzudecken, weil er wie immer halb nackt oben drauf lag.
Er wachte nicht auf, aber dafür schmiegte er sich noch näher an mich. Ich genoss seine Wärme und fühlte mich geborgen und sicher. Meine Tränen begannen wieder zu rinnen. Genauso hatte sich mein Bruder immer zu mir gelegt, als ich klein war und nicht einschlafen konnte.
Ich schaute zum Fenster hinaus, wo die Laterne einen schwachen Schein hinterlies. Vereinzelt sah ich auch Sterne am Himmel. Langsam schlummerte ich wieder ein.

* *

Mein Laufen machte Fortschritte. Mittlerweile konnte ich selbst in den Park hinunter gehen. Bob war aber nach wie vor neben mir, und wir hatten uns zu guten Freunden entwickelt. Ein bisschen Englisch konnte ich auch schon.
Der Tag kam, der kommen musste, meine Entlassung stand bevor. Anscheinend hatte ich auch wieder an Gewicht zugenommen, denn Bob meinte immer was für einen schönen Körper ich jetzt hätte.
Mr. Bringla kam persönlich vorbei um sich von mir zu verabschieden. Bob hatte es so eingerichtet, dass wir gemeinsam mit dem Zug nach Heidelberg fahren konnten. Traurig verabschiedete ich mich von Jane, weil wir irgendwie beide fühlten, dass es das letzte mal sei, wo wir uns beide sehen würden.
Ich würde in Heidelberg leben und sie würde wieder nach Amerika zurück gehen, wenn sie ihren Dienst hier beendet hatte. Meine Eltern wurden gefunden, sie wohnten mit meiner kleinen Schwester auf dem land, bei meiner Großmutter.
Bei der Fahrt mit dem Zug war ich aufgeregt, endlich konnte ich meine Familie wieder in die Arme schließen und andererseits war ich auch noch nie Zug gefahren, jedenfalls nicht ein so lange Strecke.
Was mich traurig stimmte war, dass ich Bob nicht mehr sehen würde, jedenfalls nicht mehr so oft, er meinte bei seinem ersten freien Tag würde er mich besuchen kommen. Ich wusste jetzt sowieso nicht wie es weitergehen sollte.
Konnte ich weiter die Schule besuchen, oder musste ich irgendwo eine Arbeit annehmen um Geld für die Familie zu verdienen. Bob riss mich mit einem Kuss aus dem Gedanken.
„He Henry, hör auf zu denken. Es kommt alles so wie es kommen muss, dass wirst du schon noch sehen.“
Bob nannte mich neuerdings Henry, so würde man zu Heinrich in Amerika sagen, was ich nicht besonders glaubte. Aber der Name gefiel mir trotzdem. Am Bahnhof in Heidelberg stand ich erst mal hilflos da. Vieles lag in Schutt und Asche und ich konnte mich nicht recht orientieren.
Ein Kamerad von Bob, bot mir an mich zu meiner Großmutter zu fahren, eine Gelegenheit für Bob zu sehen, wo ich dann wohnte. Wir fuhren durch die Stadt und ich war entsetzt über die Zerstörungen der Stadt.
Kaum hatten wir die Stadt verlassen, konnte man meinen es hätte nie ein Krieg gegeben. Hier war alles noch so friedlich wie ich es in Erinnerung hatte. Nach einer Weile kamen wir in das Dörfchen, in dem meine Großmutter lebte und ein Häuschen besaß.
Charlie, Bobs Kamerad brachte den Jeep direkt vor dem Haus zum stehen. Irgendwie saß ich wie gelähmt in meinem Sitz. Was würde mich jetzt erwarten. Die Tür ging auf und ich traute meinen Augen nicht.
Ich sah Karl aus dem Haus rennen, genau auf mich zu. Ich war keines Wortes mächtig. Ich hob meine Arme zur Umarmung und…. Karl verschwand vor meinen Augen. Er löste sich auf.
„Heinrich wach auf wir sind da,“ hörte ich Bob, der mich am Arm zog.
Ich öffnete die Augen und wirklich wir standen vor dem Haus meiner Oma Lenchen. Ich musste wohl eingeschlafen sein, also hatte ich nur geträumt, das Karl noch am Leben war. Ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, was ich da eben geträumt hatte.
Die Tür öffnete sich und… meine Mutter trat heraus. Sie hatte ein schlichtes Kleid an. Irgendwie wirkte sie älter, abgekämpft. Ihre langen Haare waren matt und zu einem Dutt zusammengebunden. Ich schaute ihr ins Gesicht und da war das alt vertraute Lächeln auf ihrem Lippen.
Bob half mir aus dem Jeep, er hob mich regelrecht heraus. So gut und schnell ich konnte lief ich zu meiner Mutter und sie mir entgegen. Wir fielen uns um den Hals und fingen beide erst mal an zu weinen.
Alles was sich die letzten Wochen angestaut hatte, viel jetzt von mir ab. Sie strich mir mit der Hand durch mein Haar und drückte mich mit der Anderen fest an sich.
„Heinrich,“ schrie es laut aus dem Haus.
Das war meine kleine Schwester Emilie. Ich löste mich von meiner Mutter und ein kleiner Wildfang rannte mich fast über den Haufen. Kniend nahm ich auch sie in dem Arm. Ihre kleinen blonden Zöpfe standen lustig ab, und über ihrem sommersprossigen Gesicht breitete sich ein Strahlen aus.
„Heinrich, endlich bist du wieder da, und ich habe dann jemand zum spielen,“ sagte sie.
Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Langsam richtete ich mich wieder auf. Mein Vater stand im Türrahmen und ah mich an.
„Hallo mein Junge,“ sagte er.
Er war wie meine fahl im Gesicht, die Zeit die wir alle hinter uns hatten, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er war abgemagert. Vor mir stand nicht mehr der große Mann, kräftig gebaut und immer für ein Lachen gut.
Sein Haar lag wirr auf dem Kopf und unter den Augen waren dunkle Ringe zu sehen. Er schien ein paar schlaflose Nächte hinter sich zu haben.
„Wo ist Oma?“ fragte ich.
„Sie ist etwas Essen besorgen,“ kam es von meiner Mutter.
Ich drehte den Kopf und sah zu Bob. Er kam auf mich zu.
„Das ist Bob, er lag mit mir zusammen im Krankenhaus und hat mir geholfen, wieder laufen zu lernen.,“ sagte ich und legte meine Hand auf seine Schulter.
Bob begrüßte meine Eltern per Handschlag. Zu Emilie beugte er sich hinunter und zog etwas aus der Tasche.
„Schokolade?“ fragte er.
Emilie schaute schüchtern zu ihrer Mutter, die ihr aber lächelnd zunickte.
„Danke,“ sagte sie und machte einen kleinen Knicks.
„Hast mir gar nicht erzählt, dass du so eine nette Schwester hast,“ meinte Bob zu mir, „aber ich muss dann Henry, Charlie wartet schon, er muss den Wagen zurückbringen.“
Ich ging zu Bob und umarmte ihn.
„Danke Bob, danke für alles!“
Deutlich spürte ich, wie mir das Nass aus den Augen lief. Es war mir aber egal.
„Hey Kleiner, so bald ich wieder frei hab, komm ich dich besuchen, okay?“
Ich nickte und wischte mir die Tränen aus den Augen. Meine Eltern traten hinter mich und gemeinsam winkten wir Bob hinterher, als er mit Charlie davon brauste. Ich stand immer noch als der Jeep nicht mehr zu sehen war.
Mein Vater zog mich rein ins Haus um sich den neugierigen Blicken der Nachbarn, entgültig zu entziehen.
„So du heißt jetzt also Henry?“ fragte mein Vater und versuchte dabei zu lächeln.
„So haben sich mich alle im Krankenhaus am Schluss genannt, ging ihnen wohl leichter von den Lippen als Heinrich.“
„Was ist eigentlich passiert, warum musstest du ins Krankenhaus und wie bist du nach Berlin gekommen.?“ fragte meine Mutter.
Da war die Frage, die meiner Mutter bestimmt, schon seit langen auf der Zunge brannte. Ich setzte mich an den Küchentisch und begann zu erzählen. Ich begann damit, zu erzählen, als wir bei dem Bombenangriff getrennt wurden.
Ich war damals zu unserem Haus zurückgerannt, nur stand es nicht mehr. Der ganze Häuserblock bestand nur noch aus Schutt und Asche. Einer unserer damaligen Nachbarn hatte mich dann aufgelesen, weil niemand meiner Familie auftauchte.“
„Wie konnte ich denn auch wissen, das ihr im Bunker verschüttet wart.“
Gespannt hörten meine Eltern meine Erzählung weiter an. Dieser Nachbar hatte Verwandte bei Berlin und meinte, dass ich mit seinem Sohn dem Fritz, doch dort hinfahren könnte, weil dort dringend Arbeiter gesucht werden.
Und weil die Versorgung hier mehr schlecht als Recht war und wir dort mit gesicherter Verpflegung rechnen konnten, so dicht bei der Hauptstadt. So kam es, das ich und Fritz mit einem Truppentransporter Richtung Berlin unterwegs waren. In den Städten in denen wir vorbeikamen, sah es nicht anders aus als in Heidelberg.
Drei Tage später trafen wir dann in Berlin ein, wo uns der Onkel von Fritz abholte. Wir bekamen bei den Leuten in dem Vorort gemeinsam ein kleines Zimmer. Der Mann brachte uns am nächsten tag zur Post, weil es dort keine Briefträger mehr gab, weil sie alle eingezogen worden waren.
So trug ich Post aus, bis dann Berlin gefallen ist. Beim letzten Botengang kam ich an einem zerfallenen Haus vorbei, wo Kinder mit einer Bombe spielten, die anscheinend nicht los gegangen war.
Ich wollte die Kinder noch warnen, aber da ging das Ding schon in die Luft. Mir flogen Mauerreste um die Ohren, und als ich in Deckung gegangen bin, füllte ich einen Stich im Rücken. Etwas später wurde ich von Fritz`s Onkel notdürftig verarztet.
Kaum hatte ich und Fritz, das Haus seines Onkels danach verlassen, wurden wir von Amerikanern aufgegriffen und weil wir nicht von Berlin waren inhaftiert. Fritz wurde von seinem Onkel abgeholt, mich dagegen ließ er dort schmoren.
Dann wurde ich verhört, und bei dem Verhör sahen sie die Verletzung am Rücken und ich wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Tja und den Rest war ja bekannt, das ich einen Splitter im Rücken hatte, den sie dann rausgeschnitten hatten.
Meine Eltern saßen immer noch gebannt vor mir. An den feuchten Augen meines Vaters, bemerkte ich, wie sehr es ihn doch mitgenommen hatte. Keiner sprach nun ein Wort, nur irgendwo im Haus hörte man Emilie singen.
„Weiß Emilie wegen Karl….,“ brach ich den Satz ab, weil ich merkte wie sehr mir der Tod meines Bruders nachging.
Meine Mutter nickte.
„Wir haben es ihr gesagt, für sie ist Karl jetzt im Himmel und schließ in jeden Abend in ihr Nachtgebet ein,“ meinte sie, und ich merkte wie schwer es ihr fällt, dies zu sagen, ohne los zuweinen.

* *

Ein paar Tage später, am Mittag, saß ich im Garten und las in einem Buch, als meine Mutter zu mir kam.
„Hast du dich ein wenig eingelebt mein Junge?“
„Ja, habe ich.“
„Ich wollt noch mal mit dir über Karl reden,“ meinte sie und schaute zu Boden.
„Und warum?“
„Weil du nicht alles weißt.“
„Und das wäre.“
„Wir haben Karl für Tod erklären lassen, obwohl wir nicht wissen ob er wirklich gestorben ist.“
Erschrocken sah ich auf.
„Und weshalb habt ihr das gemacht, er könnte vielleicht noch leben.“
„Könnte.. Heinrich, seine ganze Abteilung wurde unter Beschuss genommen, das niemand überlebt hat.“
„Wieso war jemand dabei?“ ich bekam einen frechen Ton.
Irgendwie war ich wütend auf meine Eltern, weil sie so schnell aufgegeben hatten.
„Ich werde mich selber darum kümmern,“ meinte ich.“
„Um was? Um was willst du dich selber kümmern Heinrich?“
„Ich werde Karl schon finden.“
„Heinrich bitte, du fügst dir doch dadurch nur noch mehr Leid zu.“
„Aber was soll ich machen, in der Ungewissheit leben, ob mein Bruder vielleicht doch noch lebt. Nein Mutter das kann ich nicht.“
„Du bist so erwachsen geworden, ich erkenne dich fast nicht mehr wieder.“
„Mutter ich mag zwar erst fünfzehn, bald sechszehn sein, aber ich hab einfach zu viel gesehen und erlebt, um immer noch das naive Kind zu spielen.“
„Das habe ich auch nicht behauptet. Mich erschreckt es nur, zu sehen, wie mein Sohn zu schnell erwachsen wird.“
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, daran kann man nichts mehr ändern.“
„Und wie willst du etwas über Karl herausfinden?“
„Ich wende mich an Bob.“
„Du magst ihn sehr.“
Mir wurde schlecht, ob sie was wusste, sah mir das an, was ich mit Bob gemacht hatte.
„Ja er ist ein guter Freund.“
„Das freut mich für dich. Ich weiß wie sehr du an ….“
Sie brach den Satz ab und senkte ihren Kopf..
„Sprich es nur aus, du meinst, wie sehr ich an Jakob gehangen habe. Ja das habe ich und mir wird übel, wenn ich dran denke, was sie mit den Juden gemacht haben. Und schon der Gedanke, Jakob könnte so was widerfahren sein, lässt mich erschaudern.“
„Woher weißt du soviel?“
„In den zwei Monaten im Krankenhaus, bei den Amerikanern, habe ich sehr viel mitbekommen. Unter anderem auch was sie mit den Juden gemacht haben.“
„Ich weiß, ich habe diese schrecklichen Bilder gesehen.“
„Hoffen wir, dass es niemals wieder dazu kommt. Weil einen Menschen, als etwas niedriges an zusehen, aus welchen Grund auch immer, kann nie recht sein.“
Meine Mutter erhob sich und strich mir über den Kopf.
„Was hast du jetzt eigentlich vor? Ich meine wegen der Schule.“
„Ich würde sie gerne weiter machen und wenn sich die Möglichkeit ergibt später auf die Universität gehen.“
„Du hast weitgreifende Pläne mein Sohn.“
„Ja habe ich, weil ich genau weiß was ich will.“
Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und verlies mich. Ich lehnte mich zurück und lass weiter.

* *

Ich freute mich sehr, als ich eine Möglichkeit fand, nach Heidelberg zu fahren. Ich wollte Bob wieder sehen. Er fehlte mir. Auf der Ladefläche eines alten Lasters, holperte ich Richtung Heidelberg.
Dort angekommen musste ich mich zuerst zu recht finden. Durch die vielen Ruinen hatte sich das Bild Heidelbergs deutlich geändert, sogar das Schloss, dass hoch oben über der Stadt thronte, war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.
Aber es war ein guter Orientierungspunkt, so konnte ich die alte Straße in der ich früher wohnte leichter finden. In der Strasse war ein mächtiges Treiben. Mehrere Frau sammelten die alten Backsteine an den Ruinen zusammen und trugen sie alle zusammen.
Andere wiederum klopften Mörtelreste von ihnen ab und so gewannen sie Steine für den Wieder- aufbau.
„Heinrich bist du es?“
Ich dreht mich um. Vor mir stand Liselotte ein Mädchen aus meiner Klasse.
„Lottchen, ich wird nicht mehr.“
Wir fielen uns in die Arme und drückten uns herzlich.
„Gibt es noch mehr von uns?“ fragte ich.
„Ja einige sind noch da, und das beste ist unsere kleine Schule hat nichts abbekommen. Dort habe ich auch einige unserer Klassenkameraden wieder gefunden.“
„Und wen?“
„Den Georg und Richard, auch die Ilse.“
„Und Ilses Zwillingsschwester Sabine?“
Liselotte senkte den Kopf.
„Die hat es nicht überlebt,“ meinte Lottchen traurig.
„Das haben einige nicht,“ erwiderte ich leise und dachte an Karl und Jakob.
„Hast du Lust die anderen zu sehen, wir wollen uns alle am alten Mühlenteich treffen.“
„Gerne, ich habe aber vorher noch was zu erledigen.“
„Unser Heinrich, geschäftig wie immer.“
Wir gaben uns die Hand zum Abschied.

* *

Ich wies mich aus, und wurde von dem Soldaten in die Kaserne gelassen. Ich fragte einige Leute, wo ich Bob finden könnte, und wurde sogar von einer netten Dame direkt bis zu Bobs Büro gebracht.
Ich klopfte und wartete auf das „Come in“, dann trat ich ein.
„What can i do for you?“
“Oh, ich bin Henry und wollte zu Bob.
„Du bist Henry?“, ich nickte, „Bob hat schon viel von dir erzählt. Er ist gerade nicht da, aber müsste gleich wieder da sein.“
Ich nickte wiederum und sah mich suchend um.
„Willst du dich nicht setzten, nimm ruhig Bobs Stuhl.“
Ich lief zum Schreibtisch, und setzte mich.
„Und was führt dich zu uns?“
„Ich möchte versuchen jemanden zu finden und Bob fragen ob er mir dabei helfen kann.“
„You want find anyone? Just for a moment!” meinte der Mann zu mir.
„Geht es auch wenn jemand schon für Tod erklärt wurde?“
Er nickte. Aus einem Schrank holte er Papiere und kam zu mir.
„Fülle alles aus, soweit es geht, dann werden wir weitersehen.“
Ich vertiefte mich so in den Unterlagen, dass ich nicht merkte wie die Tür aufging.
„Henry, what do you doing here?“
Ich sah auf und Bob stand vor mir, sprang auf und fiel ihm um den Hals.
„He Kleiner, das ist aber ne Surprice. Hätte nicht gedacht dich so schnell wieder zu sehen.“
„Ja stimmt, ich habe aber ein kleines Problem, deshalb bin ich zu dir gekommen, und …“ zeigte auf den anderen Mann, „hat mir schon geholfen.“
„Das ist Hunk aus South Dakota. Und um was geht es genau.“
„Ich will meinen Bruder finden.“
„Aber der ist doch.. „
„Nein, das ist noch nicht klar, meine Eltern haben ihn einfach für Tod erklären lassen, ohne zu überprüfen ob es war ist. Es gibt kein offizielles Schreiben, er wird vermisst.“
„Schon gut Kleiner, hast du schon den Fragebogen.“
„Ja.“
„Dann füll ihn mal aus. Und was ist mit Jakob?“

* *

Es war ein bisschen später geworden als ich am Mühlenteich ankam. Schon von weitem sah ich meine Klassenlameraden am See herumtollen. Friedel bemerkte mich als erstes. Sie kam aus dem Wasser und sprang juchzend auf mich zu.
Ebenso die anderen. Bald hatte ich die dreiviertel Klasse vor mir. Jeder nahm mich in den Arm und freute sich, dass ich noch lebte. Natürlich musste ich erzählen, wie es mir ergangen war und auch die frische Narbe auf dem Rücken musste herhalten.
Als ich nach Jakob und seinem Verbleib gefragt wurde, war ich erst stumm und versuchte meine Tränen zurück zuhalten. Jakob war in unserer Klasse sehr beliebt und jeder wusste, das er mein bester Freund gewesen war.
Ich erzählte ihnen, von der Nacht als Jakob mit seinen Eltern abgeholt wurden, auch von den hilflosen Blicken von Jakob, die mich seither im Traum verfolgten. Insgesamt neun Klassenkameraden hatten es nicht überlebt.
Wir schwiegen eine Weile, bis Kalli meinte ob ich mit ins Wasser gehen würde. Da alle nur in Unterhosen dastanden, konnte ich nicht ablehnen. So wurde dieser Mittag einer der schönsten nach langer Zeit.

* *

Mit Bob hatte ich ausgemacht, das ich bei ihm schlafen konnte. Voll Erwartungen auf diese Nacht lief ich zurück zur Kaserne. Aber ich wurde enttäuscht. Bob musste sein Zimmer heute mit Hunk teilen, weil in dessen Zimmer Gäste untergebracht wurden.
So lernte ich Hunk näher kennen. Er arbeitete für eine Zeitung in New York und war als Kriegsberichtserstatter abkommandiert worden. Danach hatte er aber beschlossen, nach dem Krieg noch zu bleiben um direkt aus Deutschland berichten zu können.
Gespannt hörte ich seinen Geschichten zu, bis mich Bob ermahnte langsam ins Bett zu kommen. Zumindest konnte ich mit ihm gemeinsam in einen Bett schlafen. Ich genoss seine Wärme und schlief bald darauf ein.

Ich stand auf einer Strasse. Vor mir die Männer in Schwarz die ich nicht leiden konnte. Da war Jakob und schaute mich an. Er schrie mir zu ich solle ihm doch helfen, streckte mir seine Hände entgegen. Ich rannte auf ihn zu aber die Männer hielten mich davon ab. Immer wieder schrie Jakob nach mir und entfernte sich immer weiter von mir. Die schwarzen Männer wurden zu einerdicken Masse die mich immer fester in ihrem bann hielt. Ich sah die angsterfüllten Augen von Jakob und hörte wie er schrie, Heinrich helf mir doch, lass mich nicht im Stich.

Schweißgebadet schreckte ich hoch. Ich hatte nur geträumt.
„What `s the matter? Henry?” sagte Bob, den ich anscheinend geweckt hatte.
„Tut mir leid, ich habe nur schlecht geträumt.“
„Von Jakob?“
„Ja…. hört das irgendwann mal auf?“
„Irgendwann…“
Bob zog mich zu sich hinunter und nahm mich in den Arm. Seine Lippen näherten sich den meinen und wir gaben uns einem innigen Kuss hin.

* *

Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ich alleine im Bett. Hunk war auch nicht mehr da. Schlaftrunken stand ich auf und merkte plötzlich, das ich nur noch ein Hemdchen an hatte und dafür keine Hose.
Da erinnerte ich mich an die vergangene Nacht und spürte wie mein Körper erneut zur Lust erwachte. Schnell wusch ich mich und zog mich an, weil nicht unbedingt in diesem Zustand, von jemand entdeckt werden wollte.
Ich lief zu Bobs Büro und klopfte wie immer.
„Come in.“
Ich trat ein und fand Bob und Hunk, arbeitend am Schreibtisch vor. Mein Guten Morgen wurde mit einem beidseitigen Nicken bestätigt. Beide waren sie mit Papieren beschäftigt. Neugierig schaute ich beiden über die Schulter, aber lesen konnte ich nichts, es war mal wieder in Englisch geschrieben.
Das Telefon klingelte und Hunk nahm ab. Er sprach englisch und so saß ich gelangweilt da, weil ich auch hier fast nichts verstand.
„Henry, wie geht es jetzt mit dir weiter?“ fragte mich Hunk nach dem Telefongespräch.
„Bei mir? Wie meinst du das?“
„Was hast du vor, gehst du weiter zur Schule wenn sie wieder öffnet oder suchst du dir ein Job?“
„Schule wäre gut, aber bis da alles wieder richtig läuft, das kann dauern,“ gab ich zur Antwort.
„Und wie sieht es mit einem Job aus?“
„Wenn du mir einen besorgst, gerne.“
Bob fing laut an zu lachen.
„Ich habe dich gewarnt, das ist mein Heinrich, vorlaut wie immer,“ meinte Bob.
Ein wenig verschämt schaute ich zwischen den beiden hin und her, stimmte aber dann doch in ihr Gelächter ein.
„Das mit dem Job meine ich ernst Henry, ich könnte jemanden an meiner Seite gebrauchen. Aber ich denke wir sollten darüber erst mal mit deinen Eltern reden,“ sagte Hunk.
Bob sagte kurz was auf englisch, wegen einem Auto, und telefonierte darauf kurz.
„Henry holst du deine Sachen, wirt bringen dich nach Hause, dann können wir mit deinen Eltern reden.“
„Ihr habt es aber eilig,“ meinte ich.
„Ja, dass haben wir, die Zeit drängt, aber das wirst du sehr bald selber verstehen,“ sagte Bob.
Ich lief zurück ins Zimmer der beiden und holte meinen kleinen Rucksack, und saß wenig später hinten im Jeep. Hunk fuhr recht schnittig und unterhielt sich währenddessen mit Bob. Diesmal auf deutsch so das ich alles verstand, interessiert hörte ich zu.
„Und du möchtest den Jungen wirklich mitnehmen, meinst du nicht, dass es vielleicht für ihn zuviel werden könnte. Uns reicht es ja schon ab und zu,“ meinte Bob.
„Nein, dass Gegenteil wird es bewirken, lieber Bob. Das Erlebte wird ihn prägen, dann kann er sich immer noch für eine Richtung unseres Berufszweiges entscheiden.“
„Und warum bist du dir bei ihm so sicher, dass es für ihn das Richtige ist, ich meine du kennst ihn doch wirklich erst kurz.“
„Ich habe es irgendwie im Gefühl, das aus ihm was Großes werden könnte, er hat jedenfalls das Zeug dazu zu schaffen.“
Auch jetzt verstand ich nicht, was die zwei zu bereden hatten, nur das es um mich ging. Wir verließen Heidelberg und schon bald erreichten wir das kleines Örtchen vor den Toren Heidelbergs, wo ich mit meinen Eltern lebte.
Hunk hielt den Wagen genau vor dem Haus, in dessen Vorgarten mein Vater gerade versuchte einen alte Wurzel der Eiche auszugraben. Als er uns bemerkte, richtete er sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Hallo Papa, ich bin wieder zurück und schau Bob und sein Kamerad ist auch mitgekommen.“
Mein Vater legte die Schaufel beiseite und wischte seine schmutzigen Hände an der Hose ab. Danach begrüßte er Bob und Hunk per Handschlag.
„Wird das jetzt zur Gewohnheit, dass du dich von deine freunden hier herfahren lässt,“ fragte er.
Deutlich hörte ich den misstrauischen Unterton meines Vaters. Aber bevor ich was sagen konnte, meldete sich Hunk zu Wort.
Mister Pflüger ich bin gekommen, um mit ihnen über ihren Sohn Heinrich zu reden, wegen seiner Zukunft. Ist ihre Frau auch da?“
Mein Vater nickte.
„Sie ist im Haus und kocht Marmelade ein, ich werde sie holen,“ meinte mein Vater und verschwand im Haus.
„Dein Vater traut uns wohl nicht sehr?“ fragte Hunk.
„Nein, dass hat nichts mit euch zu tun, er hat sich geändert, seit er von Krieg zurückgekommen ist, und wenn er Soldaten sieht, wird er immer komisch,“ gab ich zur Antwort.
Wenig später erschien mein Vater zusammen mit meiner Mutter. Sie versuchte ein wenig ihr Kleid zurecht zu zupfen und ihre Haare zu richten. Sie begrüßte die beiden herzlich und wuschelte mir über meine Haare.
„Wir müssen irgendwann mal wieder deine Haare schneiden, deine blonden Locken stehen wirr in alle Richtungen.“
„Ach Mama las doch ist doch nicht so wichtig.“
„Doch du solltest ein wenig gepflegter herum laufen, schon alleine wenn du oft mit Bob und ..seinen Kameraden unterwegs bist.“
„Das ist Hunk Mama.“
„Können wir uns irgendwo hinbegeben, wo wir uns in Ruhe unterhalten können,“ sagte Hunk und so war das Thema von meinen Haaren vom Tisch.
„Aber sicher, hinten im Garten haben wir eine gemütliche Laube, da können wir uns alle setzten,“ meinte meine Mutter und wies Richtung Garten, dem Steinplatten entlang.
Bob nahm mich in den Arm und schob mich hinter meinen Eltern und Hunk her. Gemeinsam setzten wir uns an den großen runden Tisch, der in der Laube stand.
„Was möchten sie den mit uns wegen unserem Sohnes denn besprechen?“ fing mein Vater an.
„Zu aller erst möchte ich mich doch mal vorstellen,“ meinte Hunk.
„Ich heiße Hunk Closster und stamme aus South Dakota in Amerika. Seit Kriegsbeginn, war ich für die Armee als Kriegsberichtserstatter tätig und nun weiterhin als freier Journalist für die Armee.“
„Sie sind also kein Soldat im herkömmlichen Sinne?“ fragte wiederum mein Vater.
„Doch eigentlich schon, ich habe genauso meine Ausbildung hinter mit wie Bob hier, aber ich wurde nicht am Dienst mit der Waffe eingesetzt. Meine Waffe sind meine Fotos und was ich dazu schreibe.“
„Und was hat das mit unserem Heinrich zu tun?“ fragte meine Mutter.
„Ich kenne Henry.. Heinrich zwar erst kurz, aber ich habe festgestellt, was für ein Potential in dem Jungen steckt.“
„Wie meinen sie dass?
„Ich würde Heinrich gerne auf meine Berichterstattungen mitnehmen. Der Junge ist ein guter Zuhörer, hat eine gesunde Neugier, und vor allem er hat einen tollen Gerechtigkeitssinn und sagt wenn ihm was nicht passt.“
„Das alles trifft auf unseren Heinrich zu, ich weiß das er in dieser Hinsicht sehr begabt ist, was auch seine bisherigen Schulnoten beweißen. Aber wie kann ihnen da Heinrich nützlich sein?“
„Ich bin Amerikaner und wir wissen, wie misstrauisch uns die Bevölkerung immer noch entgegen steht. Ist ihnen auch nicht zu verdenken. Aber wenn ich Heinrich dabei hätte, könnte er zwischen uns eine kleine Vertrauensbrücke schlagen, und es würde mir nicht so schwer fallen, Berichte über hier zusammeln.“
Ich wurde unweigerlich rot, als ich verstand was Hunk wollte.
„Dafür wäre unser Heinrich bestimmt geeignet.“
Wir drehten uns um und meine Oma kam mit einem Tablett voller Gläser zu uns gelaufen.
„Wo bleiben nur eure Manieren, wenn wir Gäste haben. Hier ist etwas zu trinken.“
„Das ist meine Oma,“ sagte ich, als sie das Tablett abstellte.
Bob und Hunk erhoben sich und gaben beide meiner Oma die Hand zur Begrüßung.
„Meine Herrn setzten sie sich doch wieder, ich bin diese Freundlichkeiten gar nicht mehr gewöhnt.“
Die beiden setzten sich wieder und Hunk fuhr fort.
„Ich fahre viel durch Deutschland, um über die Menschen und ihre Schicksale zu berichten. Sie müssen nicht denken, nur weil unsere beiden Länder im Krieg waren, will man bei uns zu Hause nichts über sie wissen. Gut mag sein, das die ganzer Geschichte mit den Juden einen bitteren Beigeschmack hinter lassen hat, aber dafür müsste man Hitler und seine Gefolgsleute zur Rechenschaft ziehen, und nicht die Bevölkerung.“
Es war ruhig geworden, keiner sagte einen Ton. Hunk hatte ein Thema angeschnitten, über das wir hier eigentlich nicht oft redeten.
„Ich wusste nichts darüber, auch nicht als mein Freund Jakob und seine Eltern abgeholt wurden. Aber seit ich die schrecklichen Bilder gesehen habe, was sie mit den Menschen angestellt haben, schäme ich mich fast ein Deutscher zu sein,“ meinte ich und sah zu Boden.
„So was darfst du nicht sagen, nicht mal denken mein Junge,“ mischte sich wiederum meine Oma ein, sag mir was hättest du oder wir machen können, viel zu spät haben wir gemerkt, was unsere liebe Regierung im Sinn hatte, und da war schon alles zu spät.“
„Mutter ich wusste nie, dass du so dachtest,“ meinte mein Vater.
„Lieber Jürgen, dein Vater sagte schon an seinem Sterbebett, man dürfe diesem Österreicher nicht trauen, und Gott hat ihn selig, ich bin froh, dass er das alles nicht mehr erleben musste, was nach seinem Tode geschah. Wenn ich aber meine Meinung frei geäußert hätte, würde ich jetzt nicht mehr hier sitzen, sondern wär auch in irgendein Lager gesteckt worden. Mag sein, dass wir uns damit schuldig gemacht haben, das wir was wussten aber uns für nichts eingesetzt haben, aber unsere Angst war eben zu groß.“
„Deswegen macht ihnen auch niemand einen Vorwurf, Misses,“ meinte Bob.
„Junger Mann, sie werden noch an meine Worte denken, in ein paar Jahren, wird immer noch mit den Fingern auf uns gezeigt. Und da heißt es nicht, Hitler hat dieses Verbrechen begangen, sondern es wird vom deutschen Volk geredet.“
„Aber du sagtest doch, was hätten wir tun können Oma,“ warf ich ein.
Eine kurze Pause entstand, weil meine Oma ein kräftigen Schluck Wasser aus ihrem Glas nahm. Meine kleine Schwester Emilie tollte im Garten umher und durchbrach die Stille, aber sie störte sich nicht an unserer Anwesenheit und spielte weiter.
„Lieber Heinrich, oder Henry, wie dich deine amerikanischen Freunde nennen, was mir sehr gut gefällt, das Einzigste was du jetzt tun kannst, dafür zu sorgen, dass so was nie wieder vorkommt und passieren kann. Ich weiß nicht wie deine Eltern darüber denken, aber ich finde du solltest die Chance nützen und mit Hunk mitgehen.
Rede mit den Leuten, öffne denen die Augen, die es noch nicht einsehen, warum wir den Krieg verloren haben. Du hast die Möglichkeit, auch wenn im Kleinen, darüber zu schreiben! Und wenn ich Hunk richtig verstehe, kannst du auch bei ihm zu Hause was bewirken, in dem du von deinen Landsleuten berichten, wie sie wirklich sind.“
Ich ließ mir die Worte meiner Oma durch den Kopf gehen, während die anderen weiter miteinander redeten. Es stimmte schon, was ich in dem letzten halben Jahr gesehen und gehört hatte, bewirkte in mir eine Veränderung. Ich sah vieles anders, vor allem kritischer.
Vor mir liefen die Bilder dieses Zeitraums wie ein kleiner Film ab. Zuviel war geschehen um alles behalten zu können oder es zu verarbeiten. Ich merkte selber, wie meine Gedanken mir einen Streich spielten.
Von den Dingen, die ich mit Bob erlebte, ganz zu schweigen, aber das war etwas, worüber ich mit niemanden reden wollte, weil es persönlich war, tief in mir drin und niemanden etwas anging. Natürlich hatte ich auch schon mitbekommen, das Hitler, auch solche Leute verfolgen lies und ebenfalls verschleppen.
In seinen Augen war es unnatürlich, krankhaft. Bei diesem Gedanken wurde ich fast wütend, weil ich nicht verstand, warum man Menschen nicht selbst entscheiden ließ, wenn sie lieben dürfen, aber wie mein Vater zu sagten pflegte, dafür wäre ich zu jung um so was zu verstehen.
Hunk bemerkte wohl, meine tiefen Gedanken und sprach mich an.
„Hast du nie darüber nachgedacht, das nieder zuschreiben was du erlebt hast oder was dich beschäftigt?“
„Nein, darüber hab ich mir noch nie gedanken gemacht, aber wie soll ich das machen?“
„Einfach so als würdest es du mir erzählen, so musst du es schreiben, denn es gibt genügend Leute, die dass auch interessieren wird.“
„Ich bin erst fünfzehn, wer interessiert schon was ich zu sagen habe.“
„Mehr als du denkst,“ meinte mein Vater, „ weißt du, als du uns erzählt hast, wie es dir das letzte halbe Jahr ergangen war und dir passierte, hing ich förmlich an deinen Lippen. Ich zog jedes einzelne Wort in mich auf.“
„Papa, jetzt übertreibst du.“
„Nein Heinrich, dein Vater hat schon recht, mir ging es nicht anderst. Und ich denke, wenn du genauso schreibst, wie du erzählst, wird es die Leute interessieren, was du zu sagen hast.
„Ihr meint also wirklich, ich soll mit Hunk mitfahren und alles was ich sehe und erlebe niederschreiben, damit andere Menschen daran teilhaben können, was ich von mir gebe?“
Ein allgemeines Kopfnicken ging durch die Runde, Bob lächelte mich an.
„Und wann soll es los gehen?“
„Sobald wir alles mit deinen Eltern und den Papieren geregelt haben. Du bist erst fünfzehn, wie du immer betontst, und ich muss ja dann die Sache mit der Beaufsichtigung klären. Weil Bob ist erst einundzwanzig und dafür nicht geeignet“
„Was Bob fährt auch mit?“ fragte ich erstaunt.
„Natürlich, hat der Bob dir wohl nicht erzählt, dass er einer unserer besten Fotografen ist, die wir haben?“
„Nein, das hat er mir nicht erzählt,“ meinte ich und schaute Bob vorwurfsvoll an.
„Langsam Kleiner, ich hätte dir das schon noch erzählt und außerdem wäre dann die Überraschung hin, die ich für dich habe,“ meinte Bob.
„Was für eine Überraschung?
Bob zog einen kleine Kamera aus der Tasche.
„Die ist für dich, wie sie funktioniert erkläre ich noch.“
„Oh Mann, das ist ja irre, die ist wirklich für mich?“
„Ja sage ich doch,“ meinte Bob.
Stolz hob ich die Kamera meinem Vater unter die Nase.
„Du Henry, wir haben da noch eine Überraschung für dich, eigentlich auch für deine Eltern,“ meinte Hunk.
„Und die wäre?“ fragte ich.
„Wir haben Nachforschungen angestellt und nach deinem Jakob gesucht.“
Mir wurde anders, als Hunk Jakob erwähnte.
„Wir haben eine gute Nachricht für dich!“
Tränen stiegen mir in die Augen.
„Du meinst…“ weiter kam ich nicht.
„Ja Jakob lebt und seine Mutter auch. Sie wohnen beide jetzt in den Staaten, sie haben die Flucht geschafft.. sein Vater leider nicht.“
„Herr Guggenheimer tot,“ meine Mutter schaute betrübt zu meinen Vater.
„Nein er hat es nicht geschafft, sie haben ihn erwischt. Als er seiner Familie half zu fliehen,“ meinte Hunk leise.
„Ich kann es nicht fassen Jakob lebt,“ meinte ich eher zu mir gesagt.
„Ja und wir wissen auch wo,“ meinte Bob grinsend.
„Und wenn wir zurück sind, kannst du mit ihm telefonieren, das haben wir alles schon eingefädelt.“
Meinte wiederum Hunk.
Fast heulend fiel ich erst Hunk und dann Bob um den Hals.
Jakob lebt und ich werde ihn wieder sehen, dass schwor ich mir, und wenn ich rüber in die Staaten muss!

* *

Nun war es doch war geworden, ich war mit Hunk und Bob unterwegs zu meiner ersten Erkundungstour, nachdem Hunk sämtlichen Schriftkram zusammen hatte, was er benötigte um mich mit nehmen zu können.
Von zu Hause konnte ich nicht viel mitnehmen und so hatte mich Bob, da wir fast die gleiche Größe hatten, mit neuen Klamotten ausgestattet. Besonders stolz war ich aber auf meinen Presseausweis.
Mit großen Lettern stand Presse drauf, darunter mein Name Heinrich Pflüger in Klammer Henry. Er war an meinem Hemd befestigt und so für jeden sichtbar. Wir hatten einen Dodge vollbeladen, und ich saß zwischen Kameras und anderen Gepäckstücken.
Viele Strassen waren immer noch schlecht befahrbar, so tat mir nach einer Stunde so alles weh, was einem weh tun konnte. Bob lag in seinem Sitz und schlief. Wie machte er das? In aller Seelen Ruhe schlafen, bei diesem Geholper.
Hunk hatte mir etwas zum Lesen gegeben. Es ging dabei um Kinder, die ihre Eltern verloren hatte. Ich war sichtlich erschrocken als ich die Zahlen sah. Ich wusste nicht, dass es so viele waren. Und vor allem nicht das sie auf so wenige Heime verteilt wurden.
Irgendwann war ich trotz der Wackelei eingeschlafen. Ich wurde erst wieder wach, als es bereits schon dunkel wurde, wir hielten vor einer kleinen Pension in den Bergen. Wir waren irgendwo in Bayern, wo wusste ich allerdings nicht.
Ich nahm meine Rucksack und folgte Hunk und Bob in das kleine Haus.
„Guten Abend, ich hab hier bei ihnen reserviert. Mein Name ist Closster, sagte Hunk zu der alten Dame.
„Ah, ich habe sie schon erwartet, würden sie sich bitte hier eintragen. Frühstück gibt es um acht.“
„Danke.“
Hunk trug sich in das kleine Buch ein, während die Frau Schlüssel vom Bord nahm.
„Wer von den Herren bekommt das Einzelzimmer?“
„Das bekomme ich,“ sagte Hunk und nahm den Schlüssel entgegen.
Immer noch seltsam müde, lief ich mit meinen beiden amerikanischen Freunden die Treppe hinauf. Oben angekommen, verschwand Hunk gleich in seinem Zimmer. Ich folgte Bob in das unsere.
Ich ließ meinen Rucksack fallen und lief zum Fenster. Außer der Lichter der wenigen Häuser, war nichts zu erkennen. Nur ein kleiner Lichtpunkt oben auf dem Berg.
„Da müssen wir morgen hin,“ meinte Bob und machte es sich auf den Bett bequem.
„Ist da das Kinderheim?“
„Ja ist es.“
Ich lief zu ihm ans Bett. Selbst hier im Halbdunkeln, sah ich wie seine Augen funkelten. Mit einem Knie auf der Bettkante beugte ich mich zu ihm herunter und gab Bob einen Kuss.
„Man hab ich das vermisst, Kleiner,“ sagte Bob und zog mich vollends zu sich herunter.
Ich konnte nichts erwidern, weil er seinerseits wieder begann, mich zu küssen.
„Kommt noch eine…..oh sorry….,“ Hunk war ohne zu Klopfen in unser Zimmer gestürmt. Es war klar, was für ein Bild sich ihm bot.
„Ich werde wieder gehen, wollte nicht stören…“
„Halt Hunk bleib da, bitte,“ meinte Bob, der aufgesprungen war und Hunk am Arm fest hielt.
Hunk schloss leise die Tür.
„Setz dich bitte, irgendwann hättest du es ja eh erfahren,“ meinte Bob, „ bist du jetzt sauer?“
„Nein bin ich nicht.“
Ich saß erschrocken am Bettrand und wusste nicht wie ich reagieren sollte. Bob zog mich zu sich und nahm mich in den Arm.
„Keine Sorge, Kleiner. Hunk wird dir schon nicht den Kopf runterreißen.“
„Ich …. tut mir leid… Hunk ich wollt dich nicht enttäuschen,“ meinte ich.
„Tust du nicht Henry, ich bin über mich selber verärgert.“
„Warum das denn?“
„Weil ich eben fast den gleichen Fehler begannen hätte, wie damals schon einmal.“
„Und welcher wäre das?“ fragte Bob.
„Ich hatte mal einen Freund, Tom, wir waren fast wie Brüder, wir sind zusammen aufgewachsen. Es war kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, da sagte er mir, dass er eben…. genauso ist wie ihr.“
„Und wie hast du darauf reagiert?“
„Ich hab mich von ihm abgewendet, als wäre er ein Aussätziger, eine Woche später fand man ihn aufgeknüpft an einem Baum.“
Bob und ich schwiegen, und Hunk sah weiterhin auf den Boden.
„Ich bin schuld am Tod eines Menschen, und eben wo ich euch sah, kam das alles wieder zurück, ich wollte einfach nur weg.“
„Weil du nicht wusstest, wie du reagieren sollst?“
„Ja, ich wollte nicht den gleichen Fehler wie damals machen, heut weiß ich, dass es ein fehler war und ich nicht so reagieren hätte sollen. Er wollte weiterhin meine Freundschaft und war nur ehrlich zu mir.“
„Ich versteh, ehrlich gesagt noch nicht viel davon, aber warum ist es so schlimm jemanden zu lieben, der nicht der Norm entspricht,“ fragte ich.
„Lieber Henry, es hat niemand etwas gegen Liebe, nur eben, das es wie in unseren Fall zwei Männer sind, und das finden viele immer noch für krank und abnormal, und ich denke daran wird sich auch lange nichts ändern.“
„Warum denn? Ich kann das nicht verstehen, es geht doch niemand was an wen ich liebe,“ sagte ich.
„Du liebst Bob?“ fragte Hunk.
Eine Pause folgte, weil ich nicht antworten wollte.
„Hunk hat dir eine Frage gestellt,“ meinte Bob.
„Und ich möchte niemand verletzten,“ antwortete ich.
„Wieso verletzten?“
„Ich hab dich sehr gerne Bob, dass weißt du, aber ich glaube, lieben tue ich jemand anderen.“
„Das weiß ich Henry, das hab ich von Anfang an gewusst. Und außerdem, irgendwann muss ich nach Amerika zurückkehren und dich kann ich nicht mitnehmen.“
„Dir ist das egal?“
„Nein egal ist mir das nicht, aber ich wusste vorher, auf was ich mich da eingelassen habe.“
Irgendwie war ich jetzt enttäuscht und froh gleichzeitig.
„Kleiner du bist eben doch erst fünfzehn, ja bald sechzehn, jeder würd sofort mitbekommen was laufen würde.“
„Schon klar. Und wie geht es jetzt weiter, ich meine wegen dir, Hunk.“
„Mach dir mal um mich keine Sorgen Henry, ich muss eben auch noch viel lernen, besonders toleranter zu werden, so wie grad in eurem Fall. Schließlich ist Bob ein guter Freund zu mir, und ich denke zwischen uns wird das auch so werden.“
„Danke Hunk.“
„Hast du den Artikel gelesen, den ich dir gegeben habe?“
„Ja habe ich.“
„Und?“
„Was und?“
„Ist dir etwas aufgefallen, findest du ihn gut?“ fragte mich Hunk.
„Doch gleich am Anfang ist mir etwas aufgefallen, es zog sich durch den ganzen Text.“
„Und das wäre.“
„Es ist alles zu gut geschrieben, ich meine alles in dem Bericht zeigt nur die schönen Seiten der Kinderheime, das gibt ein falsches Bild von den Kindern. Also ich würde berichten, wie es den Kindern geht, welche Verletzungen sie haben, oder über ihre Schicksale, nicht wie toll der Wald aussieht oder wie schön die Blumen im Vorgarten aussehen, wen soll das interessieren?“
„Das ist also deine Meinung?“
„Ja.“
Hunk nickte Bob zu.
„Hör mir mal genau zu. Morgen gehen wir das Heim da drüben auf dem Berg besuchen. Schau dir alles genau an, und danach hätte ich gerne, dass du alles aufschreibst, was dir darüber einfällt, okay?“
„Ja mache ich.“
„Good. Dann gehen wir jetzt alle to Bed.“
Hunk verlies unser Zimmer und wir begangen uns auszuziehen.

„Morgen Kleiner good sleeping?“
„Very well.“
„Du lernst schnell,“ meinte Bob.
„Wer weiß für was ich es später brauchen kann.“
„Lass uns aufstehen, damit Hunk nicht auf uns warten muss.“
Ich schlug die Decke weg und starrte auf meinen nackten Körper. Ich hatte vergessen, das ich nach der heißen Liebesnacht mit Bob sofort eingeschlafen war und mir nichts mehr angezogen hatte.
„Oh fine!“ meinte Bob.
„Starr mich nicht so an,“ sagte ich und begann zu Grinsen.
Wenig später saßen wir unten und frühstückten. Mit einem Heißhunger griff ich zu und schlang alles in mich hinein.
„Er wächst noch,“ meinte Bob zu Hunk, der mir kopfschüttelnd gegenüber saß.
„Wann fahren wir?“ fragte ich mit vollem Mund.
„Wenn du deine Tischmanieren gebessert hast,“ sagte Bob grinsend.
Ich schaute ihn erstaunt an.
„Wieso denn, es schmeckt so gut,“ meinte ich, was bei der alten Dame an der Küchentür ein Lächeln hervorzauberte. Ich schluckte die letzten Bissen herunter und schon konnte es los gehen.
„Wie, wir laufen da hoch?“ fragte ich.
„Unser Kleiner gewöhnt sich zu schnell an den Luxus,“ sagte Bob, wofür er von mir einen Hieb in die seite kassierte.
„Hilfe er schlägt mich Hunk rette mich vor ihm,“ sprach er weiter, was bei uns Dreien ein Lachen auslöste.

* *

Als wir ankamen, viel mir gleich die Ruhe auf. Kein Kindergeschrei oder Gesang. Ich lief Bob und Hunk hinterher die Steige hinauf. Die Tür war offen, so traten wir ein.
„Hallo jemand zu Hause?“ rief Bob in den Flur.
Ein älterer Herr kam aus einem Zimmer.
„Tut mir leid, aber ich habe sie nicht kommen gehört. Was kann ich für sie tun?“ meinte er
Hunk zog den Ausweis und erklärte was er wolle.
„Sie können sich gerne umschauen Herr Closster, ich muss wieder in die Küche zurück und das Mittagessen zubereiten.“
„Was gibt es denn?“ rutsche mir raus.
„Kartoffeln mit Möhren,“ gab der alte Mann zur Antwort und verschwand wieder.
„Also schauen wir uns um, kommt,“ sagte Hunk.
Langsam wanderten wir durch jedes Zimmer und mir verschlug es die Sprache, was ich zu Gesicht bekam.

Kinderhaus
Der erste Eindruck von außen, ist sehr gut, gepflegter Garten viele Blumen und einige Bäume. Es fehlt aber etwas, das Kindergeschrei und die spielenden Kinder.
Ich trete in das Haus ein, es wird irgendwie dunkel und kalt und noch immer sehe ich keine Kinder. Alles ist notdürftig eingerichtet, wie man es nach dem Krieg überall sieht. Und doch unverständlich, weil hier soviel Kinder wohnen.
Ich bin jetzt fünfzehn und hatte das Glück meine Eltern wieder zufinden. Doch hier leben lauter Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, oder von ihnen getrennt wurden.
Und nun sehe ich wie sie zusammen gepfercht in den viel zu kleinen Zimmern sitzen. Manche teilen sich zu Dritt ein Bett. Von der Sauberkeit möchte ich erst gar nicht anfangen. Ein kleines Fenster zierte jedes Zimmer, aber es war viel zu dunkel.
Manche tragen nur zerrissene Kleidung und versuchen sich mit einer Jacke zu zudecken.
Gerne würde ich helfen, aber man sieht nicht wo man anfangen soll. Aber wer kann schon helfen in so einer schweren Zeit, wo jeder versucht, das Beste daraus zu machen.
Was mich mehr bekümmert, es sind nicht nur die Kinder hier im Heim, die so leben, nein auch die Kinder die auf unseren Strassen leben, weil sie kein Zu Hause mehr haben.
Heinrich Pflüger

Hunk legte das Blatt zurück auf den Tisch.
„Wenn man das liest, glaubt man nicht, dass du erst fünfzehn bist. Aber es gefällt mir wie du schreibst.“
„Danke und was passiert jetzt?“
„Bob wird es ins Englische übersetzten und ich werde es an eine Zeitung weiterleiten,“ meinte Hunk und überflog noch mal den Text.
„Im Ernst? Ich meine das ist mein erster Text und du willst es gleich weitergeben.“
„Ja Henry, nur so werden wir erfahren, ob er angenommen wird.“
Sprachlos saß ich da und konnte es nicht glauben, was Hunk gerade gehört hatte.

* *

Zwei Wochen später, ich saß in einem Zimmer, in einer Kaserne bei München, als Hunk zu mir kam und mir eine Zeitung reichte.
„Was soll ich mit der, sie ist in Englisch geschrieben, das kann ich noch nicht richtig lesen,“ meinte ich.
„Dann schlag mal die zweite Seite auf,“ meinte Hunk.
Ich legte die Zeitung vor mir aufs Bett und schlug die erste Seite um. Hunk wies mit seinem Finger auf einen Abschnitt.
“A young german boy has writen this Journal..”
„Das ist von mir?” fragte ich Hunk.
„Ja natürlich, steht doch dein Name drunter.“
Ich überflog den Artikel und wirklich, am Schluss stand Henry Pflüger. Strahlend schaute ich Hunk an.
„Und wie geht es nun weiter?“ fragte ich.
„Das kommt ganz auf dich an, schreibe weiter so und die Zeitung veröffentlicht noch mehr deiner Artikel.“
Hunk wollte schon gehen, als er sich doch noch in der Tür drehte.
„Bevor ich es vergesse, hier ist noch etwas für dich.“
Hunk griff in seine Jackentasche und reichte mir einen Umschlag.
„Was ist da drin?“
„Mach ihn auf!“
Ich riss den Umschlag auf und mir kam Geld entgegen geflogen.
„Für was?“
„Für deinen Artikel, oder meinst du wir Menschen von der Zeitung, schreiben um sonst?“
„Das ist alles für mich?“
„Ja Henry und je mehr Artikel du ablieferst umso mehr Geld wirst du bekommen.“
„Davon kann ich soviel machen.“
Hunk merkte wohl wie mein Kopf begann zu arbeiten und lies mich alleine. Wieder ein wenig zu mir gekommen, setzte ich mich zurück an den Tisch und schrieb meinen Artikel über Dachau weiter.

Ich weiß nicht, welches Gefühl ich hegen soll. Ist es Trauer oder Wut, kann es Hass sein oder Entsetzten, ich verstehe nicht wieso man diesen Menschen, dass antun hat können.
Die Bilder, die sich mir in dem Konzentrationslager Dachau gesehen habe, sind tief in meinem Innern eingebrannt. Was tun, mit dieser Tat? Sie wird uns wahrscheinlich das ganze Leben angelastet werden. Verständlich, wo doch so viele Menschen einfach umgebracht wurde, auf eine Art, wo man nur hoffen kann, die Menschen mussten nicht viel leiden, als sie starben. Für mich ist es unfassbar, kann dies alles nicht einordnen, zu klein ist mein Horizont um zu verstehn, warum unsere Führung so was für angebracht hielt.
Die Unwissenheit meiner Mitmenschen über diese Tat, enthebt sie aber nicht der Schuld. Lange werden wir mittragen müssen.
Henry Pflüger

Die Bilder hatten sich mir in den Kopf gebrannt. Zuviel eigentlich für einen Jungen meines Alters. Aber ich hatte mir vorgenommen, den da draußen zu sagen, was ich sehe und auch fühle. So vertiefte ich mich wieder und merkte nicht das Bob rein kam.
„Hallo Kleiner, deine Bilder sind fertig.“
Ich schrak zusammen, als er direkt hinter mir stand.
„Musst du dich so heranschleichen?“
„Sorry ich dachte du hast mich gehört, hier deine Bilder.“
Er reichte mir die Bilder, die ich mit der kleinen Kamera geschossen hatte, die mir Hunk gegeben hatte. Ich sah sie durch und die Bilder in meinem Kopf wurden noch klarer.
„Könnte man zu dem Artikel die ich schreibe, auch ein oder zwei Bilder dazu geben?“
Bob sah mich fragend an und wusste nicht was ich meinte. Ich stand auf und gab ihm die Zeitung. Er überflog den Artikel und sah mich danach lächelnd an.
„Herzlichen Glückwunsch, Henry.“
Er nahm mich in den Arm.
„Ich wusste, dass du das schaffst. Also du meinst ob man da ein zwei Bilder hinzufügen könnte. Ist kein Problem, du musst nur die Negative mitschicken.“
„Die bekomme ich sicherlich von dir?“
Bob nickte.
„Gut, dann gib mir bitte von diesen zwei Bildern, das Negativ, ich bin gleich fertig mit schreiben und möchte es dann gemeinsam bei Hunk abgeben.“
„Okay, ich hole es gleich… ach so Henry, wie sieht es nächste Woche aus?“
„Was ist nächste Woche?“
„Was ist am Vierzehnten?“
„Mein Geburtstag, hätte ich jetzt fast vergessen, aber was soll damit sein?“
„Den willst du doch sicherlich daheim feiern.“
„Ja schon, aber euch möchte ich auch dabei haben.“
„Gut dann lege ich alle Termine so, dass wir gemeinsam zu dir nach Heidelberg können.“
„Danke Bob.“
„Nichts zu danken, Kleiner, tu ich gerne.“
Er gab mir noch einen Kuss und verschwand.

„Heinrich, endlich bist du da,“ meine kleine Emilie kam mir entgegengerannt, „ich habe dich so vermisst.“
Ich viel auf die Knie und meine Schwester rannte mir direkt in die Arme. Sie drückte sich ganz fest an mich. Meine Mutter trat aus dem Haus.
„Hallo Mutter,“ sagte ich und stand wieder auf. Sie sah wesentlich besser aus, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ihre Harre wiegten sich im Wind und spielte mit ihren Locken. Sie hatte ein Kleid an, das ich noch nicht kannte. Ich nahm mein Koffer und trat zu ihr.
„Hallo Heinrich,“ sagte sie und gab mir eine Kuss auf die Wange.
Ich folgte ihr ins Haus.
„Wo ist Vater?“
„Er holt gerade ein Paket für dich ab?“
„Ein Paket?“
„Ja ein Paket, seit du uns geschrieben hast, dass in einer amerikanischen Zeitung, von dir etwas geschrieben stand, bekommen wir an diese Anschrift Päckchen.“
„Was es sind noch mehr Päckchen gekommen?“
„Schau selber,“ sagte meine Mutter und öffnete die Tür zur Kammer.
Die Kammer war voller kleiner Pakete.
„Und was ist drin?“
„Wir haben noch keine aufgemacht, sie sind alle mit deinem Namen versehen,“ antwortete meine Mutter.
Ich nahm mir eine Kiste, die mir wegen ihrer roten Farbe auffiel und stellte sie auf den Küchentisch. Mit einem Messer öffnete ich die Schnurr. Ich hob den Deckel herunter, und zum Vorschein kamen Kleidungsstücke und ein Brief.
„Heute Abend kommt Bob schon zu uns, wegen meinem Geburtstag morgen, der kann uns das übersetzten,“ meinte ich.
„Warum auf Bob warten, im Haus gegenüber wohnt eine junge Frau, die kann englisch, soll ich sie holen?“
Ich nickte, worauf meine Mutter gleich verschwand. Ich nahm das nächste Paket und riss es auf. Wieder kam ein Brief zum Vorschein, aber diesmal befand sich Spielzeug in der Kiste. Es dauerte nicht lange und meine Mutter kam zurück.
„Heinrich das ist Gisela,“ sagte sie.
Ich gab Gisela die Hand und drückte ihr dann den Brief in die Hand. Sie nahm ihn entgegen und lass ihn für sich und dann laut vor.
Lieber Heinrich,
mit Interesse habe ich deinen Artikel in der Zeitung gelesen. Du fragtest, wer helfen kann. Ich für meinen Teil schicke dir einige Kinderkleider, die wir nicht mehr brauchen. Ich hoffe du kannst mit diesen kleinen Teil jemanden glücklich machen und wir ein wenig helfen.
Deine Mrs. Banater.
Mir standen die Tränen in den Augen. Sollte ich mit meinem kleinen Artikel das bewirkt haben? Wir rissen ein Paket nach dem anderen auf und immer wieder stand dasselbe in den Begleitbriefen.

* *

„Was ist denn hier los?“
Mein Vater stand an der Küchentür. In der Küche sah es aus wie in einem Warenlager. Wäsche, Spielzeug und Seifen, alles was wir in den Paketen gefunden haben auch jede Menge Schokolade.
„War das alles in den Paketen?“ fragte meine Vater.
„Ja,“ sagte ich stolz und umarmte mein Vater erst mal zur Begrüßung.
Meine Oma hatte noch ein paar Nachbarinnen zusammengeholt um alles besser zu sortieren können. Meine Mutter schrieb jeden namen auf und was in den Paketen lag. Mein Vater gab mir ein weiteres Päckchen, das er gebracht hatte.
„Und was machen wir jetzt damit?“ fragte wiederum mein Vater.
„Verteilen natürlich,“ sagte meine Oma.
Ich hörte einen Wagen vorfahren.
„Das ist sicherlich Bob, sagte ich und lief zur Haustür und öffnete sie.
Bob kam mir schon entgegen gelaufen. Mir war es egal, was die Nachbarn dachten, die neugierig auf der Strasse standen und beobachteten, wie ich Bob um den Hals viel.
„He Kleiner, du hast ja ganz schön was losgetreten,“ sagte Bob.
„Was meinst du damit?“
„In der Kaserne stapeln sich Kisten, die alle mit deiner Adresse versehen sind.“
„Noch mehr?“
„Wie noch mehr?“
„Komm mal mit!“
Bob folgte mir ins Haus und ich führte ihn in die Küche. Bob traute seinen Augen nicht.
„Das ist alles geschickt worden?“ fragte er.
„Ja antwortete meine Mutter und gab Bob eine Hand zur Begrüßung.
Meine Oma stellte ihn ihren Nachbarinnen vor und beschloss für alle eine Limonade zu machen. Draußen hielt erneut ein Wagen. Ich lief hinaus, als gerade Hunk aus dem Auto stieg.
„Hallo Hunk, weißt du schon das Neuste?“ rief ich.
Hunk nickte und lächelte, er hob mir ein Blatt entgegen.
„Was ist das?“
„Eine Genehmigung, dass ihr die Kleidungen verteilen könnt, und ihr bekommt zwei Lader zur Verfügung, das ihr die Sachen ausfahren könnt.“
Ich nahm das Blatt Papier in die Hand und schaute ungläubig darauf.
„Und hier ist noch eine neue Zeitung, dein zweiter Artikel wurde ebenfalls bereits veröffentlicht.“
Auch die Zeitung nahm ich entgegen, als ich die Hand von meinem Vater auf meiner Schulter spürte.
„Ich bin stolz auf dich,“ meinte er und strich mir übers Haar.
„Aber… aber wie sollen wir das alles bewältigen?“ fragte ich.
„Lass das unsere Sorge sein Heinrich, wir haben hier genug Nachbarn, die bestimmt gerne helfen würden. Ich werde morgen gleich zur Ortsführung gehen und fragen ob wir das leere Gebäude auf dem Nachbargrundstück verwenden dürfen.“
„Das wäre gut, morgen kommen noch drei Lader aus der Kaserne und bringen noch mehr Pakete,“ meinte Hunk, „ hallo Bob.“
Bob war ebenfalls an der Tür erschienen.
„Du warst so schnell verschwunden, sonst hätten wir gemeinsam fahren können,“ meinte Hunk.
„Tut mir leid, aber ich wollte zu Henry, da er ja morgen Geburtstag hat,“ antwortete Bob.
„Du bleibst über Nacht?“
„Ja.“
„Möchten sie nicht auch bleiben?“ bot mein Vater an, „wir haben genügend Platz.
Hunk schaute unentschlossen zwischen mir und Bob hin und her.
„Bitte,“ meinte ich und Hunk begann zu lächeln.
„Ich denke wir werden morgen ein großes Fest haben, wenn du sechzehn wirst Sohnemann,“ sagte mein Vater und verschwand im Haus.
Hunk, Bob und ich folgten ihm.

* *

Am nächsten Tag ging es morgens alles drunter und drüber. Mein Vater und einige Nachbarn luden die Lader ab, die mittlerweile vor unserem Haus standen. Meine Oma hatte irgendwie Sachen zum Backen aufgetrieben und stand mit meiner Mutter und anderen Frauen in der Küche.
Hunk und ich saßen da und überlegten wie wir die Sachen am Besten verteilen sollten und Bob war mit meiner kleinen Schwester beschäftigt, die ihn voll in Beschlag nahm. Am Abend saß die halbe Ortschaft im Garten und feierten ausgelassen meinen Geburtstag. Ich saß glücklich bei meinen Eltern und wünschte mir das dieser Abend nie vorbei gehen würde.

* *

Dass alles war vor einigen Monaten geschehen. Mein Vater nahm mit meiner Mutter die Verteilung in die Hand. Es wurden die Lader beladen, welche die sachen an die umliegenden Heime brachten, natürlich riss der Strom von Paketen aus Amerika nicht ab.
Es war soviel, das meine Eltern begannen, in den Nachbarorten die Kleidung und Spielzeug zu verteilen und auch in Heidelberg selbst.
Ich dagegen war weiterhin mit Hunk und Bob unterwegs um weiter Artikel über Gesehenes und Erlebtes zu schreiben, die mit aller Regelmäßigkeit auch in Amerika veröffentlicht wurden.
Und nun saß ich in diesem Flugzeug. Ja ich saß in einem Flugzeug, neben mir Hunk. Er hatte vor einer Woche ein Einladung bekommen, das er mit mir nach Amerika kommen sollte. Es gab einige Leute, die mich unbedingt kennen lernen wollten.
Nach der Überzeugungsarbeit von Bob, erklärte ich mich bereit mitzufliegen. Völlig aufgeregt schaute ich durch das kleine Fenster nach draußen. Die Motoren wurden gestartet und nach kurzen Zeit begann sich die Maschine in Bewegung zu setzen.
Sie rollte über die Startbahn und schließlich erhob sie sich in die Luft. Es war ein atemberaubendes Gefühl, aber auch ein beklemmendes für meinen Magen. Es dauerte einige Zeit bis sich dieser wieder erholt hatte.
Ich nahm mein Schreibblock heraus, denn ich wollte diese Erfahrungen aufschreiben. Hunk hatte die Augen geschlossen. Anscheinend war er schon öfter geflogen und fand dies alles nicht mehr so interessant wie ich.
Nach ein paar Stunden kam London ins Blickfeld. Ich hatte früher nur Bilder in der Schule gesehen, jetzt hatte ich es im Original vor mir.
„Wir müssen hier Station einlegen, die Maschine wird erst morgen früh weiter fliegen,“ meinte Hunk.
„Haben wir dann Zeit London ein wenig anzuschauen?“ fragte ich.
„Der Wagen wird schon bereit stehen,“ meinte Hunk mit einem Lachen.

* *

Ich hatte schon gehört, das auch London, von Hitlers Bomben getroffen wurden, aber die Verwüstung, war lange nicht so arg, wie bei uns zu Hause. Ich war fasziniert über die Größe der Stadt, bewunderte die Bauwerke.
Später wusste ich nicht wie ich ins Bett gekommen war, als ich aufwachte lag ich dicht an Hunk gekuschelt. Ich erschrak ein wenig und wich zurück.
„Du kannst ruhig liegen bleiben, es stört mich nicht,“ hörte ich Hunks Stimme im Dunkeln.
„Habe ich dich geweckt?“ fragte ich.
„Nein, ich kann nicht schlafen.“
„Bin ich der Grund?“
Hunk schwieg und ich traute mich nicht noch etwas zu sagen. Ich legte mich zurück auf mein Kopfkissen und lauschte in die Stille.
„Es hat eigentlich nichts mit dir zu tun, oder auch doch. Ich habe es genossen, als du die ganze Zeit neben mir lagst und ich deine Wärme spürte, aber es ist nicht richtig.“
„Wieso denn?“
„Ich fühl mich wohl in deiner Gegenwart, aber ich empfinde eben nicht mehr für dich, als das ich dich als Freund mag, da entsteht auch nicht mehr in mir.“
„Muss es das? Hunk, ich bin noch sehr jung und verstehe noch nicht sehr viel von diesen Dingen. Ich weiß nur, wie schön es ist, jemanden aufrichtig zu lieben.“
„Bob?“
„Nein, Bob ist es nicht, ich mag in sehr, aber ich liebe ihn nicht.“
„Bei dir hört sich das irgendwie komisch an.“
„Glaubst du nicht das ein Junge in meinem Alter sich richtig verlieben kann?“
„Ich weiß nicht recht, so jung und schon über so weittragende Dinge sprechen.“
„Ich kann Verantwortung übernehmen, falls du das meinst Hunk, das habe ich schon oft genug bewiesen.“
„Mag sein Henry, aber du hast noch soviel vor dir und Liebe ist ein Thema, mit so vielen Unbekannten.“
„Habe ich nicht das Recht dazu, diese Unbekannten, selber zu finden zu erkennen?“
„Doch hast du.“
„Mag sein, dass ich noch recht jung bin, aber dafür habe ich auch viel erlebt, mehr als mir ehrlich gesagt lieb ist. Aber ich habe dieselben Gefühle wie ihr Erwachsenen, etwas unreif vielleicht, dennoch fühle ich genauso ein Kribbeln im Bauch, fühle mich auch zu jemanden hingezogen, dass ist nicht den Erwachsenen vorbehalten.“
„Nein ist es nicht, du hast recht. Ist es Jakob?“
„Ja.“
„Und wie kommst du gerade auf ihn?“
„Ich kenne Jakob nun schon seid dem Kindergarten, wir waren immer unzertrennlich. Wenn etwas war, wir erzählten uns es gegenseitig. Jetzt wo er nicht da ist oder war, merke ich erst wie sehr er mir fehlt. Verstehst du Hunk, ich möchte ohne ihn nicht mehr sein. Ich habe das kribbeln im Bauch wenn ich an ihn denke, träume von ihm, ich brauche ihn einfach.“
„Ist schon recht Henry, aber hast du vielleicht schon mal den Gedanken gehabt, dass Jakob, nicht so empfindet wie du?“
„Das ist jenes, was mir die ganze Zeit zu schaffen macht, ich zerbreche mir den Kopf, wie ich ihm das alles sage.“
„Du willst ihn also in Amerika treffen?“
„Ja ich habe ihm einen Brief vor zwei Wochen geschrieben, aber wegen der Abreise keine Antwort erhalten.“
„Und wenn er dich nicht mehr sehen will?“
„Im Ungewissen bleiben kann ich auch nicht, später mache ich mir vielleicht mal Vorwürfe. Jetzt fliege ich nach Amerika und habe die Gelegenheit ihn noch mal zu sehen. Vielleicht werde ich auch diese Alpträume los, sie werden zwar weniger, aber sie sind immer noch da. Ich muss es einfach versuchen.“
„Dann wünsche ich dir mal viel Glück, little Boy.“
Hunk beugte sich herüber und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

* *

Die ganze Fahrt zum Flughafen und auch während des Fluges; war ich sehr schweigsam. Plötzlich kamen mir dann doch die Zweifel, wollte er mich wirklich sehen. Was ist wenn er mir mit Ablehnung begegnet, ob er überhaupt meine Gefühle für ihn versteht.
Über diesen Gedanken bin ich wohl eingeschlafen. Ein sanftes Schütteln weckte mich, es gab etwas zu essen. Dankbar schaute ich zu Hunk und bekam einen Teller vor mich gestellt. Erst jetzt lies ich meine Augen durch die Maschine wandern.
Hauptsächlich saßen da Männer, einige Soldaten in ihren Uniformen oder auch irgendwelche wichtigen Männer, was ich aus ihren Handlungen und Gesprächen schloss, aber im Allgemeinen war es doch sehr ruhig, bis auf das Dröhnen der Motoren.
Nach ein paar Stunden kam Amerika in Sicht. Als erstes sah ich beim Landeanflug die Freiheits-statue. Wie weggeblasen war plötzlich die Angst ich könnte einen Fehler begehen. Ich war fest entschlossen, Jakob wieder zusehen. Ich musste ihm sagen dass ich ihn liebe egal was es kostet, vielleicht sogar unsere Freundschaft.

Ich traute meinen Augen kaum, als wir den Flughafen verließen. Hunk zog mich laufend am Arm, weil ich verwundert stehen blieb. Hier war alles so groß, mächtig und unwirklich für mich.
„Henry bitte, wir haben noch genügend Zeit alles genau an zuschauen, jetzt komm aber, wir haben noch gleich einen Termin bei der Zeitung.,“ meinte Hunk und zog mich in ein Taxi.
Kaum hatte ich es mir in dem Wagen ein wenig bequem gemacht, flitzte der Taxifahrer auch schon los und wühlte sich durch den Verkehr, der hier herrschte. Noch nie im Leben hatte ich so viele Wagen auf einmal gesehen.
Einer Lawine gleich schob sich der Verkehr von Kreuzung zu Kreuzung. Hunk lies das Taxi vor einen hohen Haus, das Hunk als Wolkenkratzer bezeichnete, und wirklich es schien an den Wolken zu kratzen, so weit empor ging es, anhalten.
Auf einem Schild neben dem Eingang stand in großen Lettern >The New York Times<. Ich schaute Hunk mit großen Augen an.
„Ja hier sind alle deine Berichte veröffentlicht worden und der Redakteur, will dich unbedingt kennen lernen,“ meinte Hunk und schob mich durch die große Eingangstür.
Stumm folgte ich ihm durch die große Empfangshalle. Hunk meldete uns am Empfang an und wir liefen zu einem Aufzug. Ein Liftboy fuhr uns nach oben. Ich spürte ein wenig meinen Magen, der Lift war doch recht schnell.
Die Tür ging auf und ich trottete Hunk weiter hinter her. Ich wusste nicht wo ich zuerst hinschauen sollte. Hier war ein Treiben am Gange, wie ich es noch nicht gesehen hatte. Unzählige Schreibtische standen in diesem großen Raum, überfüllt mit Akten und Papieren, und dazwischen jede Menge Leute, die wie wild durcheinander liefen oder telefonierten.
Hunk begrüßte einige von ihnen und stellte mich vor. Bis einer der Frauen aufsprang und laut rief, „This is Henry Pflüger.“
Das war mir schon peinlich, denn alle standen auf und applaudierten. Jeder kam zu mir her und drückte mir die Hand. Ich war Hunk dankbar, das er mich aus dieser Menschenmasse herauszog. Wir kamen zu einem Zimmer. Naja Zimmer direkt konnte man nicht sagen, eher ein Glaskasten.
Auch dort stand ein Schreibtisch drin, mit einem Herrn mittleren Alters. Hunk klopfte ans Glas und der Mann winkte uns herein. Er stand auf und kam uns entgegen.

(Und wie gewohnt, steht alles wieder in deutsch da!)

„Hallo Hunk, da seid ihr ja endlich, und dass hier muss sicherlich unser Henry sein?“
„Hallo Baxter, schön dich zu sehen,“ meinte Hunk, „ ja das ist er Henry.“
Dieser Mann Baxter, schüttelte mir die Hand.
„Verzeih, wenn er so ruhig ist, aber mit unserer Sprache hat er es noch nicht so, besser gesagt er traut sich noch nicht so recht.“
„Nicht schlimm, ich freu mich dich endlich, persönlich kennen zu lernen. Als am Anfang mir Hunk von seiner Idee erzählte, dich einen Bericht schreiben zu lassen, Henry, da war ich doch mehr als misstrauisch.
Aber als ich die Reaktion auf den ersten Artikel gesehen habe und uns die Leute die Bude eingerannt haben, war ich von dir überzeugt. Seither fiebert das ganze Büro auf deinen nächsten Artikel.
„Danke,“ war das einzigste was ich heraus brachte.
„Hunk hat mir erzählt, dass du hier in New York jemanden suchst?“
Ich schaute zu Hunk und lächelte.
„Ja suche ich.“
„Ich habe ein wenig herum gehört, und denke, für dich ein paar nützliche Informationen heraus bekommen.“
„Und die wären.“
„Ist er immer so direkt?“ fragte Baxter, Hunk.
Hunk nickte und grinste mich an. Ich wurde unweigerlich rot.
„Das gefällt mir an dir mein Junge, direkt und gerade heraus. Bleib so!“
„Danke, und welche Informationen haben sie für mich?“ fragte ich neugierig.
„Du suchst einen Freund… Moment..,“ er suchte etwas auf seinem Schreibtisch, „ach ja hier. Jakob heißt er?“
„Ja Jakob, und haben sie ihn gefunden?“
„Gefunden ja, aber er ist nicht da,“ meinte Baxter.
„Wie er ist nicht da?“
„Ich habe mit seiner Mutter gesprochen, Jakob ist einfach nicht mehr aufgetaucht, sie hat nur gehört, er wäre mit ein paar anderen jungen Männer zusammen.“
In mir fing irgendetwas an weh zu tun, nun dachte ich, ich wäre so nah dran an Jakob, jetzt ist er verschwunden. Ich spürte Hunks Hand auf meiner Schulter, der anscheinend merkte, wie die Enttäuschung in mir aufstieg.
Ich versuchte das Thema zu wechseln.
„Soll ich ihnen auch meine Eindrücke von hier schildern, also wieder einen kleinen Artikel schreiben?“
„Natürlich, darauf freue ich mich sogar,“ sagte Baxter, wo seid ihr untergekommen?“
„Bei einer Tante, von mir. Sie will auch eine kleine Party zu Ehren von Henry geben,“ antwortete Hunk.
„Für mich?“
„Ja natürlich, es gibt hier einen Menge Leute, die dich kennen lernen wollen.“
„Dann will ich euch beiden mal nicht aufhalten,“ sagte Baxter.
Wir verabschiedeten uns von Baxter und verließen das Büro. Bald standen wir wieder auf der Strasse.
„Möchtest du gleich zu meiner Tante fahren, oder willst du lieber noch ein Stück laufen?“ fragte mich Hunk.
„Wenn es dir nichts ausmacht, ein bisschen laufen,“ meinte ich.
So liefen wir ein Stück die Strasse runter. Stumm liefen wir nebeneinander her, weil ich auch zu sehr damit beschäftigt war, alles zu erfassen, was um mich herum geschah. Andererseits, war ich auch mit dem Gedanken bei Jakob.
Wie sollte ich ihn in so einer großen Stadt finden, wo sollte ich überhaupt beginnen.. Ich verdrängte diesen Gedanken, weil ich spürte, wie traurig ich wurde. Später fuhren Hunk und ich zu seiner Tante, die in einem Stadtteil namens Queens wohnte.
Hier ging es bedeuten ruhiger zu, die Häuser waren nicht mehr so groß, alles hatte ein normales Maß, wie ich es von zu Hause gewohnt war. Bei Tante Ann, wie sie sich bei mir vorstellte, wurde ich sehr herzlich aufgenommen.
Der lange Flug zeigte aber bald seine Wirkung und ich wurde sehr müde. Ich musste während der Unterhaltung eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen öffnete, lag ich in einem großen weichen Bett.
Hunk schaute herein.
„Na endlich wieder aufgewacht?“
„Wie komm ich denn hier her?“
„Du bist unten eingeschlafen, wird wohl der lange Flug gewesen sein. Ich habe dich hoch getragen und hier aufs Bett gelegt.“
Ich richtete mich auf und setzte mich auf den Bettrand. Ich schaute mich ein wenig im Zimmer um.
„Und wie findest du es hier?“
„Um ehrlich zusein, überwältigend. Wenn man so was nicht selber gesehen hat, kann man sich es nicht vorstellen. Ist es überall in Amerika so?“
„Zumindest in den großen Städten.“
„Ich glaub ich werde mich einwenig ans schreiben machen,“ sagte ich.
„Gut vergiss aber nicht in einer Stunde kommen die Gäste.“
„Schon?“
„Ja, natürlich du hast den ganzen Mittag geschlafen.“
„Und was soll ich anziehen?“
„Den Anzug, den du von Bob bekommen hast.“
„Okay werde ich machen.

* *

Als ich mit umziehen fertig war, lass ich mir mein geschriebenes noch einmal durch. Ich setzte mich dazu in den Sessel.

Zum erstenmal betrete ich dieses Land, was mir vorher eigentlich so gut wie unbekannt war. Keine Spuren des Krieges sind hier zu sehen, hier steht man voll im Leben, das Leben geht weiter.
Alles ist viel größer, mächtiger, ich komme mir regelrecht klein vor, verloren. Die Menschenmassen und Vielzahl, von Wägen beeindrucken mich schwer.
Ich genieße die Freiheit, die hier durch die Strassen weht, spüre das Leben, das hier seinen Ursprung zu haben scheint.
Doch eines vermisse ich hier in dieser großen Stadt. Die Familie, die ich von zu Hause gewöhnt bin. Hier bin ich einer von vielen, gehe in der Masse unter.
Unter Tausenden alleine und doch steht man im Mittelpunkt der Welt. Aber auch das Land ist groß und ich habe nur diese Stadt gesehen. New York, etwas was mir immer, als eine Art Mittelpunkt in Erinnerung bleiben wird.
Eine Stadt, ein Herz, das schlägt und seine Menschen versorgt. Und noch etwas ist mir aufgefallen, die Vielzahl der Menschen die hier leben.
Ein bunter Reigen, den die Stadt ausmacht, sie zum blühen bringt. Ohne diese Menschen wäre New York nur ein ödes Stück Land. New York lebt von seinen Menschen, die Menschen leben von ihrem New York.
Henry Pflüger

Noch einmal stellt ich mich vor den Spiegel und richtete meine Anzug. Dann zog ich die Tür auf und lief nach unten, wo mich schon ein Stimmengewirr empfing.
„Hallo Henry, das bist du ja, darf ich dich einigen Leuten vorstellen?“
Tante Ann hatte sich meiner angenommen, stellt mich den Leuten vor die bereits angekommen waren. Hunk hielt sich im Hintergrund und unterhielt sich mit einer kleinen Gruppe von Leuten, die sich um ihn reihten.
Es wurde gegessen und ich war natürlich das Thema des Abends. Eigentlich kam ich nicht viel zu Essen, denn die Gäste hatten einfach zu viele Fragen an mich, die auch alle versuchte zu beantworten.
Sehr spät fiel ich todmüde ins Bett. Ich spürte nur noch, wie mich Hunk zudeckte und mir einen Kuss auf die Stirn gab. Doch ich konnte nicht einschlafen, Jakob spukte mir wieder im Kopf herum. Jetzt war ich so weit gekommen.
Seine Mutter zum greifen nah, von Jakob keine Spur…. Würde ich ihn je wiedersehen

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Information Leichte Kost
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:58 AM - No Replies

Ich stellte meine Koffer aufs Bett ab. Traurig sah ich durch das Fenster nach draußen, es regnete. Gut, ich war selbst schuld. Ohne meine Verbohrtheit wäre ich nie hier gelandet. Es klopfte und die Tür ging auf.
»Hallo Lukas!«
»Hallo.«
Das war Laura, sie war für mich zuständig, sollte auf mich acht geben. Als ob ich einen Babysitter bräuchte, bin schließlich schon siebzehn.
»Jetzt guckt doch nicht so traurig. Weißt du was, wir versuchen einfach das Beste daraus zu machen, okay?«
Ich nickte ihr zu. Magersucht, stark gefährdet hatte die Diagnose im Krankenhaus geheißen, nach dem ich beim Sport in der Schule zusammengebrochen war. Nun war ich hier, in einem Internat für Magersüchtige.
Laura trat neben mich und legte ihren Arm um mich.
»Sie es Mal so Lukas, ich weiß der Anfang hier ist schwer. Wir versuchen einfach das Beste daraus zu machen.«
Sie wiederholte sich und wieder nickte ich nur.
»Jetzt packst du erst einmal in Ruhe aus und nachher zeige ich dir ein bisschen das Haus und die Umgebung. Alexander, dein Zimmergenosse wird bestimmt auch gleich erscheinen.«
Sie schaute mich noch einmal kurz an, wuschelte durch mein Haar, bevor sie das Zimmer wieder verließ.
Im Gedanken fast mechanisch packte ich meine zwei Koffer aus, verstaute alle in meinem Schrank. Als ich die Koffer leer hatte, schob ich sie einfach unter das Bett. Ich wollte mich gerade auf mein Bett werfen, als die Tür aufflog und zwei Jungs ins Zimmer stürmten.
»Alexander, du Drecksack, gib mir meinen Brief wieder!«
Ihn schien das nicht sonderlich zu interessieren, denn er machte keinerlei Anstalten, den Brief zurückzugeben.
»Ich will doch nur lesen was dir deine Tussi schreibt.«
»Das geht dich überhaupt nichts an!«
Der andere Junge versuchte weiterhin Alexander den Brief zu entreisen, doch plötzlich hielten beide inne. Sie hatten bemerkt, dass sie im Zimmer nicht mehr alleine waren. Beide starrten mich an.
»Du bist wohl der Neue?«
Alexander kam zu mir ans Bett, ich setzte mich auf.
»Ich bin Alexander und dieses Brett neben mir ist Thomas.«
Thomas war zwar dünn, aber als Brett würde ich ihn nicht bezeichnen. Deutlich zeichnete sich die Muskulatur unter seinem Tshirt ab.
»Mein Name ist Lukas!«
»Herzlich willkommen in der Fressanstalt!«
Alexander hatte seine Hand gehoben. Zaghaft griff ich nach ihr und er schüttelte wie verrückt.
»Wie viel?«
Verwundert schaute ich Alexander an.
»Wie viel was?«
»Wie viel du drauf hast?«
»Ich weiß jetzt nicht, was du meinst.«
»Wie viel du wiegst?«
Ich musste schlucken, denn darüber redete ich eigentlich nicht gerne.
»Neunundvierzig Kilo.«
Ich hatte das sehr leise gesagt, meinen Kopf zu Boden gesenkt.
»Wow, da bist du ja absoluter Spitzenreiter, so einen leichten Jungen hatten wir hier noch nie!«
Alexander und Thomas fingen beide an zu lachen. In mir stieg die Wut auf, was war das hier. Wurden Wetten abgeschlossen, wer hier der Leichteste der Woche ist? Säuerlich sprang ich auf.
»Das kann dir doch scheiß egal sein, lass mich einfach in Ruhe, verstehst du?«
Ich lief zur Tür und wollte nach draußen laufen, aber etwas hielt mich fest. Alexander.
»He Lukas, ganz ruhig, so hatten wir das nicht gemeint! Komm, bleib hier bei uns, jeder war mal in der gleichen Lage wie du, jeder von uns!«
Traurig schaute ich ihn an und konnte nicht anders, ich fing an zu weinen.
»Ich geh dann lieber mal, wir sehen uns dann später zum Essen.«
Ohne Schwierigkeiten zog Thomas seinen Brief aus Alexanders Hand und ließ uns allein. Alexander hielt immer noch meinen Arm fest. Und nun zog er auch noch daran und nahm mich in den Arm.
»He komm her, wein dich einfach aus, dass tut dir gut!«
Die Worte, die er leise in mein Ohr gehaucht hatte, ließen wahre Sturzbäche folgen. Ich bekam nicht mit, wie wieder die Tür geöffnet wurde. Auch nicht, dass Alexander; Laura wieder wegschickte, nach dem sie von Thomas gehört hatte, was eben passiert war.
»Willst du dich nicht hinlegen, ich bleibe auch bei dir!«
Ich war nicht fähig zu reden, nickte nur leicht mit meinem Kopf. Alexander zog mir meine Lederjacke aus, die ich immer noch anhatte. Dann drückte er mich sanft auf das Bett, wo ich mich einrollte, wie ein kleines Kind.
»Ich wollte ja essen, aber ich habe es einfach nicht geschafft, spätestens fünf Minuten später war alles wieder draußen.«
»Finger im Mund?«
Ich brauchte mir nichts vorzumachen, jeder hier hatte das gleiche Problem wie ich. Benommen öffnete ich die Augen und sah Alexander verschwommen vor mir.
»Warum?«
»Was meinst du?«
Alexander sah mich fragend an.
»Warum hast du abgenommen?«
»Ich? Gute Frage! Ich könnte dir vielleicht ein Bild von mir zeigen, wie ich noch vor einem Jahr ausgesehen habe.«
Er stand auf und öffnete sein Schrank. Aus dem Privatfach, was jeder in seinem Schrank hatte, zog er etwas heraus und setzte sich wie zu mir. Er hielt mir eine Fotografie vor die Nase.
»Das war ich mit hundertfünfzehn Kilo, das Gespött der ganzen Schule.«
Ich sah vor mir einen fetten Jungen, der mit Alexander hier keine Ähnlichkeit hatte. Ein Fettring lugte hing unter dem Tshirt hervor und die Hose schien auch nicht recht zu passen.
»Das warst du?«
Ich nahm die Fotografie in die Hand und betrachtete es weiter.
»Ja! Der Grund warum ich mit dem Abnehmen begann. Am Anfang lief alles glatt. Die Kilos fielen gerade so, bis ich bei achtzig Kilo war. Dann war fenito.«
»Und dann?«
Ich hatte ihm das Bild zurückgegeben.
»Ich hörte einfach auf richtig zu essen, ich fraß wie immer und spuckte danach alles wieder hinaus. Das Resultat siehst du hier. Mit meinen 1,83 habe ich jetzt nur noch vierundfünfzig Kilo. Na gut, mittlerweile habe ich ja wieder vier Kilo zugenommen, war aber echt hart.«
Ich schaute Alexander näher an. Seine kurzen, blonden Haare waren nach vorne gegellt. Seine Stupsnase lenkte nicht von den blauen Augen ab, die mich jetzt frech anschauten.
»Was ist deine Geschichte? Was hat dich bewegt, so abzunehmen?«
Ich wurde verlegen und schaute weg.
»So schlimm?«
»Ich weiß nicht, ob ich dir das sagen kann, entweder du wirst lachen oder überhaupt nicht mehr mit mir reden wollen!«
Meine Stimme war fest, was mich verwunderte.
»Was kann so schlimm sein, dass ich nicht mehr mit dir reden wollte.«
»Ich habe das für jemanden gemacht, ich wollte gut aussehen!«
Verschämt schaute ich weiter zur Wand.
»Das ist doch kein Grund, dass man sich schämen muss. Weißt du wie viele hier sind, die den gleichen Grund haben wie du.«
»Würdest du das für einen Jungen tun?«
»Bitte?«
Klar, Alexander konnte mir nicht folgen, wie sollte er auch wissen, dass ich schwul war. Aber das war nun auch egal. Ich drehte mich von der Wand weg und schaute Alexander fest in die Augen.
»Ich bin schwul, ich wollte abnehmen, dass ich einem Kerl gefalle, der keine Notiz von mir genommen hatte.«
»Erfolgreich?«
Es schien ihm absolut nichts auszumachen, dass ich schwul war. Erstaunt sah ich ihn an.
»Warst du erfolgreich?«
»Nein!«
Wieder wurde die Tür aufgeworfen und knallte gegen meinen Schrank, der neben der Tür stand. Ein weiterer Junge war ins Zimmer getürmt.
»Erwischt!«
Alexander fuhr erschrocken herum.
»Jochen du Arsch, wie oft soll ich dir noch sagen, klopf an, bevor du in mein Zimmer kommst.«
Jochen schien das nicht zu beeindrucken, fies grinste er vor sich hin.
»Ich wollte nur wissen ob es stimmt, dass du einen neuen auf dem Zimmer hast und du gleich über ihn hergefallen bist.«
Unweigerlich musste ich grinsen. Ich lag auf dem Bett, Alexander leicht über mich gebeugt, das konnte man schon so auslegen, als hätten wir etwas gemacht. Moment, Alexander über mich herfallen, war er auch schwul?
»Klar Jochen, du weißt ja ich spring alles an, was Haare am Sack hat und bei drei nicht auf dem Baum sitzt.«
Das hatte jetzt doch etwas säuerlich geklungen.
»Ein guter Rat, schließ einfach die Tür, aber von draußen!«
Jochen schien gemerkt zu haben, dass er unerwünscht war. Schnell war er wieder verschwunden.
»So nun hast du Jochen kennen gelernt, etwas überdreht, aber doch recht lieb.«
»Bist du auch schwul? Ich meine…«
»Weil Jochen eben meinte, ich würde über dich herfallen?«
Alexander fing laut zu lachen an ließ sein Kopf nach hinten fallen. Nun wusste ich überhaupt nicht, woran ich war.
»Sagen wir mal so, ich bin so … ich bin Multiculti, von jedem etwas. Ich möchte mich da nicht festlegen.«
Zärtlich strich er mir über die Wange.
»Jedenfalls hast du dich jetzt etwas beruhigt. Hast du Lust, die hier etwas umzusehen?«
»Laura wollte mir alles zeigen.«
»Klar, dafür ist sie ja auch da. Aber ich denke, sie freut sich, wenn ich ihr den Job abnehme.«
»Mir ist schlecht!«
»Hast du etwas gegessen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Dann ist es sicher die Aufregung. Komm ich zeige dir eine schöne Stelle, draußen am Meer, dann geht es dir sicherlich gleich wieder besser.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er mich aus dem Bett und schon waren wir auf den Flur. Vor einer Tür am Ende des Flurs machte er halt und klopfte an. Er hatte immer noch meine Hand in seiner.
Die Tür öffnete sich und Laura schaute heraus.
»Ich geh mit Lukas etwas nach draußen, ist dir doch recht?«
Laura musterte mich kurz, wobei ich bemerkte, dass ihr Blick etwas länger auf unsere Hände haften blieb.
»Klar doch, aber nicht zu lange, in einer Stunde gibt es essen.«
»Keine Sorge, wir sind pünktlich zurück.«
Lächelnd verabschiedete sich Laura und verschwand wieder hinter der Tür.
»So, jetzt sind wir abgemeldet. Merke dir bitte, wenn du das Haus verlässt, dich immer bei Laura abmelden, sonst könnte es Ärger geben.«
Bevor ich nicken konnte zog mich Alexander schon die Treppe hinunter. Es begegneten uns einige Jungs auf der Treppe, aber außer einem Hallo schienen sie uns keine weitere Beachtung zu schenken.
Nur ich sah mir jeden genau an und bemerkte, dass sie alle so dünn waren. Nach einem weiteren Flur und noch einer Treppe kamen wir an eine Ausgangstür. Auch hier zog mich Alexander nach draußen, ohne mich auch nur einmal loszulassen.
Frischer Wind blies mir ins Gesicht und ich atmete erst einmal tief durch.
»Siehst du, ich wusste doch, die frische Luft tut dir gut!«
»Danke!«
»Für was?«
»Dass du für mich da warst, du kennst mich doch gar nicht!«
»Lukas, hör einmal zu. Wir sind alle hier aus demselben Grund. Keiner von uns hat etwas zu verbergen. Jeder weiß über den Anderen Bescheid. Du bist neu, total unsicher, warum sollte ich dir dann nicht helfen?«
»Ich bin das nicht gewohnt, dass sich einer für mich einsetzt.«
»Dann gewöhn dich mal ganz schnell daran, hier läuft dass immer so ab.«
Ich musste lächeln und blinzelte in die Sonne, der Regen und die Wolken hatten sich verzogen.
»So gefällst du mir schon besser!«
Alexander grinste mich an und lief mit mir einen Weg hinunter, ohne meine Hand loszulassen.
»Wohin gehst du mit mir?«
»An meinen Lieblingsplatz, der wird dir sicher auch gefallen.«
Er zog mich durch einen kleinen Waldpfad, der an dem Gründstück begann, worauf sich das Internat befand. Da die Bäume recht dicht standen, konnte ich nicht genau sehen wohin wir liefen.
Alexander blieb stehen und stellte sich vor mich.
»So und nun schließe deine Augen. Ich führe dich, vertrau mir!«
Ich erfüllte ihm seinen Wunsch und schloss meine Augen. Nun nahm er auch meine andere Hand und schien vor mir herzulaufen.
»Vorsicht. Hier kommen Steine, steig einfach auf sie drauf!«
Es war gut, dass Alexander mich gewarnt hatte, sonst wäre ich bestimmt auf die Fresse geknallt. Ich überlegte noch, ob ich nicht doch etwas blinzeln sollte, nur um zu schauen, wie der Weg jetzt war.
Doch Alexander kam mir zuvor.
»So und nun bleib stehen!«
Er lief hinter mich, lehnte sich von hinten an meine Schulter.
»Und nun öffne deine Augen.«
Langsam öffnete ich sie, blinzelte der hellen Sonne entgegen. Vor mir hatte ich ein atemberaubendes Panorama. Alexander hatte mich auf eine Klippe geführt und vor mir lag das Meer.
Wild peitschten die Wellen gegen die Felsen, ich spürte das Wasser, als feinen Sprühregen, der mein Gesicht benetzte.
»Und, was sagst du?«
Ich sah über meine Schulter in Alexanders Augen.
»Einfach nur geil!«
*-*-*
Eigentlich wollte ich mich von diesem herrlichen Anblick nicht trennen. Ich liebte das Meer, war mit meinen Eltern immer gerne dorthin gefahren. Alexander war mit mir wieder zurückgelaufen.
Es war Essenszeit und wichtig, dass alle pünktlich da waren. Ich dachte erst, wir sitzen alle in einem großen Saal auf Bänken und die Aufpasser irgendwo erhöht auf einen Potest. Aber hier wurde ich angenehm überrascht.
Alexander führte mich an eine Theke, in der das Abendessen aufgebaut war. Wir er nahm ich mir einen Teller und Besteck. Es gab schon eine größere Auswahl und ich hatte richtig Hunger.
Als ich anfangen wollte, meinen Teller voll zu schaufeln, bremste mich Alexander ab.
»Nimm nur das mit, was du wirklich essen kannst, lad nicht unnötig deinen Teller voll, denn nachher rennst du ja eh wieder auf die Toilette!«
Wenn ich eben noch im Glücksgefühl schwebte, so war ich jetzt wieder auf dem Boden. Alexander nahm sich zwei Scheiben Brot, etwas Wurst und ein Getränk, dann sah er mich an. Ich schaute mich noch mal kurz um und entschloss mich heute Abend nur einen Joghurt zu essen.
Alexander lächelte mich an und nahm einen Apfel, der er noch zu mir aufs Tablett legte. Danach gingen wir zu einem Türbogen der uns in den Speisesaal brachte. Wie schon gesagt, ein richtiger Speisesaal war es nicht.
Dieser riesige Raum war in mehrere Ebenen eingeteilt, verbunden mit kleinen Treppen.
»Hier kannst du auch deine Hausaufgaben machen, wenn du nicht alleine auf unserem Zimmer sitzen willst!«
Alexander wies auf einen Tisch und ich folgte ihm dort hin. Was mir auch sehr gefiel, waren die vielen Grünpflanzen, die alles unterteilten. Ich konnte sogar Bücherregale und mehrere Computer entdecken.
»Na wie gefällt dir unser Speisesaal?«
Thomas war zu uns gekommen und setzte sich neben Alexander. Ich wurde durch Gekicher abgelenkt. Auf einer höheren Empore saß eine Gruppe Mädchen, die auf uns herunter schaute. Was ich eben nicht wusste, dass ein Teil des Hauses auch von Mädchen bewohnt wurde.
Na ja, Haus konnte man auch nicht sagen, es war eher so etwas wie eine alte Festung, die nur modernisiert wurde. Unschlüssig sah ich auf meinen Joghurt. Thomas lächelte mich aufmunternd an
So nahm ich meinen Löffel und begann zu essen. Alexander und Thomas erklärten mir den Ablauf eines Tages. So erfuhr ich auch, dass Montag bis Samstagmorgen Schule war. Der Mittag war für Hausaufgaben, Sport oder Hobbys gedacht, wobei an einem Tag in der Woche für Therapiesitzungen vorgesehen war.
Auch erfuhr ich die Geschichte von Thomas, der wegen der vielen Streitereien seiner Eltern in einen Art Hungerstreik getreten war. Als er fertig war mit seiner Erzählung, merkte ich erst, dass ich meinen Joghurt und den Apfel bereits gegessen hatte.
Alexander war ebenso fertig.
»Und wie fühlst du dich jetzt?«
Ich hörte in mich hinein.
»Ich weiß nicht so Recht, aber schlecht ist mir nicht!«
»Das ist doch schon einmal ein Anfang!«
Wir räumten unser Tabletts zur Geschirrrückgabe und verließen den Aufenthaltsraum wieder.
»Ist es eigentlich normal, dass keiner von den Lehrern oder dem anderen Personal aufpasst, was wir essen?«
Ich hatte mich nämlich schon die ganze Zeit gewundert, dass man niemanden sah. Ich folgte Alexander in unser Zimmer.
»Nein, du sollst ja nicht wegen ihnen Essen. Hier läuft alles auf Vertrauensbasis ab, das einzigste, was sie prüfen ist jeden zweiten Tag dein Gewicht. Ansonsten siehst du sie nur zum Unterricht, oder während der Therapiestunden.«
»Und Laura?«
»Laura ist so etwas wie unsere Heimmutter, zu ihr können wir gehen, wenn wir ein Problem haben oder einfach jemanden zum Reden brauchen, da gibt es noch Karl, der sich mit Laura abwechselt, aber den wirst du noch kennen lernen.«
»Und das hilft? Ich meine, man kann die Magersucht wegbekommen?«
»Klar, schau mich an, ich bin jetzt fast zwei Monate hier und habe schon vier Kilo zugenommen!«
»Und woher weiß ich, wie viel ich zu nehmen muss?«
»Das erfährst du alles in deinen Therapiestunden!«
»Und wie ist es mit dem Unterricht?«
»Das ist ein offener Unterricht, wie es ihn nur selten in Deutschland gibt.«
»Offener Unterricht?«
»Du darfst dir das nicht so vorstellen, dass wir in einem Klassenzimmer hinter unseren Bänken sitzen und vorne zu unserem Lehrer an die Tafel schauen.«
»Wie soll dass sonst funktionieren?«
»Wir machen sehr viel in Teamarbeit, aber dass wirst du morgen ja sehen!«
Ich war etwas unruhig geworden. Im Vorfeld hatte ich das alles schon einmal vom Rektor gehört, aber da war ich noch so mit mir selbst beschäftigt, dass ich nicht richtig aufgepasst hatte.
Bücher und Stundenplan hatte ich bereits bei der Ankunft bekommen. Alles lag gestapelt auf meinem Schreibtisch. Alexander ließ sich auf sein Bett fallen. Er grinste mich dabei an.
»Was ist?«
Er begann noch mehr zu grinsen.
»Weißt du eigentlich, dass du verdammt gut aussiehst?«
Ich betrachtete mich an dem großen Spiegel der an der Zimmertür befestigt war.
»Und eitel bist du noch dazu«
Ich merkte dass mich Alexander auf den Arm genommen hatte. Ich stürzte mich kurzerhand auf ihn und kitzelte ihn durch. Aber ich hatte nicht mit seiner kraft gerechnet. Schnell lag ich unter ihm und war nun das Opfer.
Plötzlich hielt Alexander inne. Ich atmete schwer und versuchte mich von seiner Attacke zu erholen. Ich starrte auf seine blauen Augen und irgendwie versank ich darin. Langsam näherte sich Alexanders Kopf und plötzlich berührten sich unsere Lippen.
Alexander schien zu merken, wie überrascht ich war und ließ plötzlich von mir ab.
»Sorry, ich hab mal wieder nicht nachgedacht.«
Ich hielt ihn fest und zog ihn wieder auf mich.
»Was ist denn los? Ich fand das herrlich, ich wurde noch nie von einem Jungen geküsst!«
»Echt nicht? Du hattest doch sicher schon einen Freund!“
»Nein, leider nicht, der, in den ich mich verguckt hatte, wollte ja nichts von mir wissen.«
»Versteh ich nicht, du siehst doch echt voll goldig aus! Na ja vielleicht etwas zu dünn.«
Ich konnte sein Grinsen sehen, mit welchen er die Bemerkung gemacht hatte. Aber es machte mir nichts aus, ich wusste, dass ich zu dünn war.
»So ich seh gut aus und dass ist wohl der Grund, warum du meinen Lippen nicht widerstehen konntest.«
Meine Behauptung schien ihn etwas aus der Fassung zu bringen. Etwas ratlos starrte er auf den Boden.
»He Alexander, ich fand das wirklich toll!«
Unsicher schaute er mich an, aber als er merkte, wie ich lächelte, schien ihn das auch zu beruhigen.
»Ich hoffe, du denkst jetzt, ich will etwas von dir, ich hatte nur das Bedürfnis, dich zu küssen.«
»Jederzeit wieder!«
Ich streckte meine Arme aus und zog ihn zu einem weiteren Kuss zu mir herunter.
*-*-*
Zwei Wochen später… Ich hatte meine Sitzung hinter mir und öffnete die Tür zu meinem Zimmer.
Und ich düse, düse, düse im Sauseschritt,
und die bring die Liebe mit,
von meinem Himmelsritt.
Denn die Liebe, Liebe, Liebe die macht viel Spass,
viel mehr Spass, als irgendwas!
©DÖF – Codo
Alexanders Radio dudelte vor sich hin. Dies schien ein Lied aus den Achtzigern zu sein. Es saß über seinen Hausaufgaben und wippte im Takt zur Musik. Leise stellte ich meine Tasche auf meinen Tisch ab.
Er schien mich nicht zu bemerken, denn plötzlich sang er den Refrain mit. Er hatte so eine wunderschöne, klare Stimme, ich bekam eine Gänsehaut. Starr stand ich an meinem Tisch und schaute auf Alexander.
Die Melodie klang aus, es kam nur noch Text und er sang immer noch Vollhals mit. Als das Lied endete drehte er den Kopf zur Seite, er blickte in meine Richtung und fuhr zusammen.
»Oh man, hast du mich jetzt erschreckt! Stehst du schon lange hier?«
»Das ganze Lied!«
Alexander lief rot an und starrte auf seine Hausaufgaben.
»Was ist, Alexander?«
»Ich wusste nicht, dass du im Raum warst, sonst hätte ich doch nicht so laut mitgesungen.«
Sehr leise waren diese Worte über seine Lippen gekommen, ich spürte, wie er sich dafür schämte. Ich lief zu ihm hin und legte mein Arm um ihn.
»Glaubst du, du könntest für eine halbe Stunde deine Hausaufgaben unterbrechen?«
»Ich kann mich jetzt eh nicht konzentrieren, wieso, was hast du denn vor?«
»Lass uns auf die Klippe gehen!«
Alexander nickte und folgte mir aus dem Zimmer. Nachdem wir uns bei Laura abgemeldet hatten, liefen wir denselben, kleinen Pfad entlang wie auch am ersten tag meiner Ankunft. Mittlerweile hatte ich mich hier etwas eingelebt, auch Dank Alexander.
Wie gewohnt hielt Alexander meine Hand und lief voraus. Wir kicherten laufend und ich wusste nicht einmal warum. Die letzte Biegung des kleinen Wäldchens hatten wir hinter uns gelassen und da lag sie, die Klippe.
Diesmal war etwas anders wie sonst. Wir waren nicht alleine. Ein Junge saß recht weit vorne, am Abgrund, ließ sich den Wind um die Nase wehen. Alexander schaute mich an. Er kam mit seinem Mund direkt an mein Ohr und flüsterte.
»Ich glaub, dass ist der Neue, von dem Laura gestern gesprochen hat.«
Ich nickte ihm zu. Ohne auf den Boden zu sehen, wollte ich weiter laufen, was ich aber gleich bereute. Der Stein unter meinem Fuß kippte zur Seite und ich stolperte. Wäre Alexander nicht gewesen, läge ich jetzt auf der Nase.
Er bekam mich noch rechtzeitig zu fangen und so lag ich nun halb in seinen Armen. Diese Aktion war nicht ohne Geräusche abgelaufen, sprich, ich hatte einen Schrei ausgestoßen. Was natürlich zur Folge hatte, dass der Junge auf der Klippe herumfuhr.
Wortlos stand er auf und lief zum Internat zurück, der Blick der mich traf tat weh, ich hatte noch nie solche traurige Augen gesehen.
»Hallo!«
Er reagierte nicht und Alex sah mich verwundert an.
»Lass ihn, oder kannst du dich nicht erinnern, wie du dich am ersten Tag gefühlt hast?«
»Klar, aber da warst du für mich da!«
Alexander lächelte verlegen.
»Meinst du nicht, dass ich ebenso auf Neue zugehen sollte, um es ihnen leichter zu machen?«
»Lukas unser Retter!«
Alexander hatte wieder diesen schelmischen Blick drauf, ich konnte nicht anders und musste lachen.
»Lass uns zurückgehen und ihn suchen!«
»Du wolltest doch zur Klippe und ich habe extra meine Hausaufgaben unterbrochen.«
»Das ist wichtiger, Alex, komm lass uns ihn suchen!«
Alexander schaute mich an.
»So hast du mich noch nie angesprochen!«
Stimmt Alexander hatte Recht, ich hatte wirklich noch nie Alex zu ihm gesagt.
»Danke!«
Jetzt war ich irritiert.
»Für was?«
»Dass es dich gibt!«
Jetzt vollends verwirrt, folgte ich ihm zurück zum Internat.
*-*-*
»Was ich dich fragen wollte Lukas, kommt dir der Junge auch bekannt vor?«
»Nein, woher denn auch?«
Wir befanden uns auf dem Weg zu Laura.
»Ich meine sein Gesicht, ich habe den schon einmal gesehen!«
»Weiß ich, wen du alles kennst?«
»Nicht viele, dass ist schon mal klar, aber den kenne ich irgendwo her.«
»Fernseher?«
»Kann sein, ich frag jetzt Laura einfach nach dem Namen.«
»Tu das! Ich geh zurück ins Zimmer und fang mit meinen Hausaufgaben an.«
»Och komm Lukas, komm doch mit!«
»Nein, aber du kannst mir ja dann gleich erzählen, wer das ist.«
»Okay, bis gleich.«
Alexander zog von dannen und bewegte mich zu unserem Zimmer. Eben wollte ich dem Jungen noch helfen, aber als Alex anfing, er meinte er kenne den, fiel mir schlagartig ein, wo ich den schon einmal gesehen hatte, im Kino, in einem Film.
Er musste es sein, ich hatte den Film ja mindestens sechs Mal schon gesehen. Ich hatte mich auf mein Bett niedergelassen, als die Tür aufflog. Alexander.
»Weißt du wer das ist?«
»Kostja Ullmann!«
Alex starrte mich an.
»Woher weißt du das nun schon wieder?«
»Ich habe den Film Sommersturm mindestens sechs Mal gesehen.«
»Oh!«
»Ja oh, und jetzt mach bitte die Tür zu!«
Alex schloss die Tür und setzte mich zu mir.
»Und jetzt?«
»Was und jetzt, ich setz mich jetzt an meinen Schreibtisch und mache Hausaufgaben!«
»Aber eben wolltest du ihm noch helfen…«
»Alex, dass ist ein Schauspieler, der ist bekannt. Meinst du, der will mit jemandem wie mir etwas zu tun haben?«
»Jetzt mach mal halblang, nur weil Kostja in ein paar Filmen mitgespielt hat, wird er nicht so abgehoben sein, um nicht mit uns zu reden. Du vergisst, was für ein Haus dass hier ist, ohne Grund wird er nicht hier sein.«
»Vergiss es Alex!«
»Oh, der Herr ist schüchtern!«
»Arsch!«
»Ja, gestatten Tillmeier!«
Alex grinste mich schon wieder so an.
»Ich kann doch nicht einfach zu ihm so hingehen.«
»Warum nicht, was hindert dich daran?«
»Ich weiß ja nicht einmal, in welchem Zimmer er liegt.«
»Zimmer 217, den Gang runter, er bewohnt das alleine.«
Alex schaute mich an.
»Nun geh schon, sei kein Hasenfuss!«
»Du meinst wirklich?«
»Klar!«
Alex schob mich zu Tür.
»Wenn du in fünf Minuten nicht wieder da bist, gebe ich eine Vermisstenanzeige heraus!«
»Du bist so ein …«
»Arsch, ich weiß!«
Somit stand ich vor der Tür unseres Zimmers, die Alex hinter mir geschlossen hatte. Unsicher und mir immer noch nicht im Klaren, was ich eigentlich dort wollte, lief ich langsam den Flur hinunter, bis ich auf der Zimmertür 217 lesen konnte.
Ich hob die Hand und ließ sie wieder sinken. Als ich mich gerade wegdrehen wollte, öffnete sich die Tür und zwei wunderschöne, aber traurige Augen sahen mich an.
»Ja?«
»Ähm, hi«
»Ich habe etwas vor der Tür gehört und fand dich hier, wolltest du zu mir?«
»Ja!«
Ich fühlte mich auf einmal so elend, wollte am liebsten wegrennen. Ich spürte wie meine Knie weich wurden und nachgaben.
»Ist dir nicht gut?«
Kostja sah mir in die Augen.
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht belästigen.«
Ich wollte mich umdrehen, wieder in mein Zimmer zurückgehen, aber meine Beine gehorchten nicht, ich konnte mich nicht von diesem Blick, Kostjas Augen trennen.
»Tust du nicht, jedenfalls nicht so wie die Anderen.«
Mit diesen Worten ließ er mich stehen und ging zurück in sein Zimmer, ließ aber die Tür offen stehen. Langsam und unsicher folgte ich ihm und schloss die Tür hinter mir. Er hatte sich auf sein Bett fallen lasen und starrte aus dem Fenster.
»Willst du ein Autogramm?«
Diese Frage kam fast mechanisch und erschreckte mich.
»Nein Danke.«
Kostja sah mich erstaunt an.
»Warum bist du dann hier?«
Ich nahm allen Mut zusammen und setzte mich auf den Stuhl, der am Bett stand.
»Ich… ich wollte dich fragen, warum du so traurig schaust?«
»Bitte?«
Er schaute mich erstaunt an.
»Als du vorhin, an der Klippe an uns vorbei gelaufen bist, hast du so traurig geguckt.«
»Interessiert das wen?«
»Ja mich?«
»Und warum? Will jeder nur noch wissen, welch unglückliches Leben Kostja Ullmann führt?«
»Ich finde es egal ob du Kostja oder Phillip oder irgendwie heißt. Aber es macht mich traurig, dich traurig zu sehen.«
Kostja drehte seinen Kopf wieder langsam zu mir.
»Dich interessiert nicht, wer ich bin?«
»Halt, so habe ich das nicht gemeint. Ich meinte… was ich sagen will, du interessierst mich schon, aber nicht der öffentliche Kostja, sondern der Private!«
»Da wärst du der Erste!«
Meine Hände waren kalt und feucht. Nervös rieb ich sie aneinander.
»Dann bin ich eben der Erste! Und Alexander, mein Zimmerkollege wäre schon der Zweite, der denkt wie ich.«
Eine Pause entstand, Kostja sah zum Fenster hinaus, aber ich bemerkte, dass er nachdachte, angestrengt nachdachte.
»Weißt du, jeder versucht bei mir drein zureden. Jeder weiß es besser, vor allem weiß jeder alles! Ich ertrage das nicht mehr.«
»Hast du deswegen so sehr abgenommen?«
Erschrocken sah er mich an und senkte seinen Blick nach unten.
»Kostja, entschuldige, wenn ich dir zu Nahe getreten bin, aber jeder hier im Haus hat Probleme, warum er abgenommen hat.«
»Und warum bist du hier?«
Ich atmete tief durch. Jetzt war ich schon zwei Wochen hier, hatte einige Sitzungen hinter mir, doch ich spürte, dass es mir immer noch schwer viel, darüber zu reden.
»Ich habe versucht jemanden zu gefallen!«
»Und wie hat sie reagiert?«
Redeten wir jetzt noch von einer Person, oder meinte Kostja, dass ich ein Mädchen meinte. Wieder holte ich tief Luft und nahm meinen ganzen Mut zusammen.
»Er wusste nicht, dass ich für ihn schwärmte!«
Kostja sah mich kurz entsetzt an und richtete sich auf.
»Halt, bevor du dir irgendwelche Hoffnungen machst, weil ich in Sommersturm mitgespielt habe, dass war nur ein Film. Robert hat nur einen Schwulen gespielt, er ist keiner! Und ich erst Recht nicht!«
Wie vor den Kopf geschlagen sah ich ihn an. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Hatte ich gesagt, ich wolle etwas von ihm, oder gar, er wäre schwul? Ich stand auf, ohne etwas zu sagen.
Ohne mich herum zudrehen verließ ich den Raum und ging zurück zu meinem Zimmer. Ich öffnete die Tür und ein erwartungsvoller Alex sah mich von seinem Schreibtisch an. Nach dem ich kurz inne gehalten hatte, ließ ich mich auf mein Bett fallen und begann zu weinen.
Nur weit weg hörte ich wie Alex sein Suhl wegschob, aber nicht wie erwartet, kam er zu mir, die Tür zu unserem Zimmer ging auf.
»Bist du noch ganz Jeck? Was hast du mit Lukas gemacht. Meinst du, nur weil du ein berühmter Pinkel bist, kannst du jeden behandeln wie Dreck?«
Alex schien zu Kostja gegangen zu sein, er war außer sich und schrie Kostja laut an.
»Ich habe doch nichts…«
»Und warum liegt Lukas in seinem Bett und weint?«
»Ich habe doch nur gesagt, ich bin nicht schwul.«
»Na toll, meinst du er ist zu dir gekommen, weil er dachte du bist schwul?«
»Ich … ich…«
»Alexander könntest du mir vielleicht mal sagen, was hier los ist?«
Das war Laura. Ich stand auf und ging zur Tür. Dabei bekam ich so ein seltsames Gefühl in der Magengegend, wie ich es nur zu gut kannte. Postwendend drehte ich mich um, und rannte auf die Toilette.
Ich übergab mich, wie schon lange nicht mehr. Mir wurde schwindlig, versuchte mich aber trotzdem an der Klobrille fest zuhalten. Ich zitterte am ganzen Körper und Tränen quollen mir aus den Augen.
»Der kommt einfach hier her und meinte er müsse Lukas fertig machen!«,hörte ich Alex laut rufen.
Ich wusch mir mein Gesicht ab und lief wieder langsam zur Tür.
Alex war immer noch außer sich, bemerkte aber, dass ich an der Tür stand. Mitleidig sah er mich an. Laura drehte den Kopf und sah ebenso zu mir.
»Ihr beiden meldet euch in fünf Minuten an meiner Tür, klar! Und das gilt für dich, Lukas auch!«
Ich nickte und sah Laura nach, wie sie wieder zurück, zu ihrer Bleibe ging. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter und drehte meinen Kopf. Alex stand hinter mir und lächelte mich sanft an.
Kostja stand direkt hinter ihm. Er war blass im Gesicht, zeigte aber sonst keine Regung.
»Gehen wir?«
Alex schaute mich fragend an und ich nickte. Ich schloss die Tür und lief etwas unsicher gemeinsam mit ihm und Kostja zu Lauras Zimmer. Dort angekommen klopfte Alex an der Tür. Sie öffnete sich einen Spalt und wir traten ein.
Laura telefonierte noch, ließ uns aber mit einem Handwink wissen, dass wir uns setzten sollten. Dann drückte sie das Gespräch weg.
»So ihr drei, jetzt reden wir mal Klartext. Ich war von Anfang dagegen, dass Herr Ullmann zu uns ins Haus kommt. Er ist schon 21 und somit gehört er eigentlich nicht hier her. Aber der Presserummel um ihn und auch seine Magersucht, haben meine Meinung geändert.«
Laura machte eine Pause und sah jeden Einzelnen von uns an.
»Was ist eben passiert, warum hat Lukas geweint und wie ich sehe, auch anderes!«
»Daran bin ich schuld, ich habe ihn… Lukas anscheinend verletzt!«
Kostja schaute zum Boden.
»Ich dachte, wenn man ihn so einem Film mitspielt, wäre man toleranter, aber das ist bei dir wohl nicht der Fall!«
»Alexander, du bist erst mal ruhig! Ich finde es ja toll, dass du dich so für Lukas einsetzt, aber deine Art und Weise, ist nicht die Richtige!«
Betroffen schaute Alex erst zu mir, dann zu Kostja.
»Ich wollte doch nur, dass es keine Missverständnisse gibt.«
Dies kam nun von Kostja. Nun sahen alle zu mir.
»Ich wollte nur helfen… ich…«
Ich spürte, wie sich wieder neue Tränen ihren weg bahnten.
»Tut mir leid Lukas, ich habe das falsch verstanden, können wir noch einmal von Vorne anfangen?«
»Sind wir hier beim Film? Klappe, noch einmal von Vorne?«
»Alexander es reicht jetzt wirklich!«
»Ja, ist ja schon gut. Ich will nur nicht das Lukas jemand weh tut, er bedeutet mir nämlich sehr viel!«
Erstaunt sah ich Alex an, der mich verlegen anlächelte.
»Das ist mir nicht entgangen Alexander und das spricht auch für dich, aber ich finde Kostja hat Recht, versucht es doch noch einmal von Vorne! Ich denke ihr geht jetzt jeder in sein Zimmer und denkt darüber nach, später schau ich noch einmal kurz bei euch herein!«
Wir nickten alle drei und standen auf. Wenig später waren wir alle auf dem Flur. Schweigend! Alex schaute mich kurz an und nahm dann Kostjas Hand in die Seine.
»Kommst du mit, in unser Zimmer?«
Kostja nickte und ließ sich von Alex zu unserem Zimmer ziehen. Auch wenn Alexander größer als Kostja war, er war immerhin vier Jahre jünger und irgendwie sah es drollig aus, ich musste grinsen.
»So gefällst du mir schon besser! Nun komm, bevor Laura auf dem Flur auftaucht!«
Ich folgte den Beiden und es fiel mir auf, dass er überraschend ruhig auf dem Flur war. Keiner schaute aus dem Zimmer, um sich zu vergewissern, was passiert war.
Im Zimmer bot Alex, Kostja, seinen Stuhl an. Er selber setzte sich auf meinen Schreibtischstuhl. Ich dagegen stand irgendwie ratlos an der Tür. Alex schaute mich an und zeigte auf sein Knie.
Meinte er das jetzt Ernst, ich soll mich auf sein Knie setzten, er sah mich fragend an. Zögernd lief ich langsam zu ihm und setzte mich auf seinen Schoss. Er legte den Arm um meinen Bauch und zog mich näher zu sich.
»Seid ihr ein Paar?«
Erschrocken schaute ich zu Kostja.
»Nein, noch nicht!«
Nun sah ich zu Alex, dessen Mund gerade diese Behauptung aufgestellt hatte.
»Meinst du das jetzt Ernst? Ich dachte du und Thomas…«
»Thomas und ich sind Freunde, mehr nicht…«
»Soll ich lieber gehen?
Ich spürte, dass Kostja sich nun fehl am Platz vorkam.
»Nein bleib ruhig hier, mein Kleiner hier, ist jetzt nur ein wenig überrascht.«
»Überrascht ist gut, er wusste ja von nichts!«
»Könntet ihr beiden Mal aufhören nicht von mir, sondern mit mir zu reden?«
Jetzt war ich schon ein wenig genervt, obwohl dieses Gefühl schnell wieder wich, als die Worte „mein Kleiner“ in meinem Kopf nach halten. Alex grinste mich frech an.
»Lukas, ich möchte mich noch einmal bei dir entschuldigen, tut mir Leid, aber ich bin etwas neben der Rolle.«
»Versteh ich, ging mir nicht anders, als ich vor zwei Wochen hier herkam.«
»Du bist erst zwei Wochen hier, ich denke ihr… du… geht das so schnell?«
Ich verstand nicht recht, was Kostja meinte, aber Alex antwortete dafür.
»Ja, so schnell kann man sich verlieben. Wie gesagt, in zwei Wochen! Ich habe zwei Wochen Lukas jeden Tag von morgens bis abends um mich herum gehabt, durfte ihn näher kennen lernen. Wir habe sehr viel mit einander geredet und vor kurzem wurde mir bewusst, ich hab mich in Lukas verliebt!«
»Wow, dass is ja fast wie im Fernsehen!«
Nun fing ich über Kostjas Bemerkung das lachen an, gerade er, wo vom Film ist. Aber dennoch war ich auch gerührt über Alex Worte.
»Darf ich fragen, wann du es gemerkt hast, oder ist dass zu privat?«
»Hier haben wir so gut wie kein Geheimnis voreinander, da kann ich dir das ruhig erzählen, und ich denke auch Lukas würde das Gerne wissen!«
Ich konnte nur nicken, aus meinen Lippen entrann keine Silbe. Zufrieden genoss ich die Zärtlichkeiten, die mir Alex zukommen ließ. Seine Daumen strichen sanft über meinen Bauch auf und ab.
»Na ja, wir hatten uns vor kurzen einmal aus Spaß gebalgt und das endete in einem Kuss?«
»Bei diesem Kuss? Ich dachte es war dir peinlich, weil es ein Ausrutscher war?«
»Nein war es nicht, ich spürte plötzlich, was ich für dich empfinde und konnte deinen Lippen nicht wiederstehen.«
Ein Seufzer entrann aus Kostjas Kehle, erstaunt sahen wir ihn an.
»Oh Mann, ist dass schön, ich werde direkt neidisch!«
»Hast du keine Freundin?«, fragte Alex.
»Nein, liegt aber wohl an meinem Ruf!«
»Ich kenne deinen Ruf nicht, nur das was ich aus den Zeitungen kenne.«
»Eben, dass ist es ja. Und nach dem was nun alles verbreitet worden ist, über mich, meint jeder ich wäre ein eingebildeter Fatzke, der nach ein paar Erfolgen total abgehoben ist.«
»Womit sie auch Recht hätten!«, stichelte Alex, was ihn einen Stoss in die Seite meinerseits einbrachte.
»Lass nur Lukas er hat ja Recht! Irgendwie bin ich auch auf einem Trip, seit ich mehrere Filmangebote bekomme. Vielleicht war das hier nötig, um mich wieder auf den Boden der Tatsachen herunter zubringen.«
»Aber deswegen gleich so abnehmen?«, fragte ich.
»Ich weiß nicht warum…, es passierte einfach!«
Kostja schaute mich durchdringend an.
»Warum bist du vorhin zu mir gekommen?“«
»Weil ich dir einfach helfen wollte…, dass du dich nicht alleine fühlst… wie ich am Anfang… bis Alex kam.«
Alexander lächelte mich an.
»Sorry, wenn ich dir irgendwelche Hintergedanken unterstellt habe, aber irgendwie steckt das in mir drin, die… «
»Unsicherheit, dein Misstrauen?«, unterbrach ich ihn.
»Ja! Ich weiß nicht. Plötzlich ist man bekannt und jeder will etwas von einem. Ich weiß nicht mehr, wer Freund oder kein Freund ist. Ich kann es nicht mehr unterscheiden!«
»Dann musst du das wieder lernen, zum Beispiel, jetzt hast du zwei Freunde vor dir sitzen!«, sagte Alexander.
Kostja lächelte uns beide an und Alex nahm mich in seinen Arm.
*-*-*
Ich schaute auf das Meer hinaus, beobachtete die Sonne, wie sie langsam im Meer verschwand.
»Ach hier bist du, ich habe dich schon überall gesucht!«
Ich fuhr zusammen und drehte mich herum, Alexander stand hinter mir.
»Ich wollte etwas Nachdenken!«
»Soll ich wieder gehen?«
»Nein, bleib ruhig hier, es geht ja auch um dich!«
»Um mich?«
»Ja, klar! Du hast mir heute Mittag gestanden, dass du mich liebst. Und ich habe mir Gedanken gemacht, wie es weiter geht. Mit uns beiden!«
»Und zu welcher Feststellung bist du gekommen?«
»Dass ich es einfach probieren möchte. Ich weiß von dir, das du nicht weit von mir wegwohnst… ich fühle für dich das Gleiche, wie ich nach langem Nachdenken endlich erkannt habe.«
»Du willst es mit mir probieren?«
»Ja, ich weiß, ein blödes Wort. Alex, ich habe einfach Angst, es ist alles so neu für mich, ich weiß nicht was auf mich zukommt. Dann diesen Absturz heute Mittag, als ich über der Kloschüssel hing. Ich habe einfach Angst, dass ich dass nicht schaffe.«
Alex ließ sich neben mir nieder und legte den Arm um mich.
»Machst du es dir nicht vielleicht selber schwer? Ich meine, was erwartest du von deiner Zukunft?«
»Wenn ich das nur wüsste. Die Schule mich ach und Krach herum bekommen, eine Ausbildungsstelle finden und du…!«
Bei diesen Worten schaute ich in seine Augen.
»Du musst das alles langsam angehen, mein Spatz! Oder du endest wo möglich wieder hier!«
»Wenn ich nicht hier gelandet wäre, hätte ich dich niemals kennen gelernt!«
Alexander lächelte und dieses Lächeln zog mich schon wieder in seinen Bann.
»Hör mal zu Lukas! Als erstes versuchen wir mal gemeinsam das hier mit Anstand über die Bühne zu bekommen. Ich gebe ja zu, ich stehe auf schlanke Jungs, aber ich möchte doch etwas mehr, als nur Knochen oder deinem harten Teil in der Hand haben!«
Boah, jetzt wurde er auch noch frech. Ich streckte ihm die Zunge raus, was er zum Anlass nahm, mit seinem Mund danach zu schnappen und mit mir in einen Zungenkuss zu verfallen.
»Ich liebe dich, mein kleiner Spatz und keine Klobesuche mehr, die unnötig sind!«, meinte Alex.
»Versprochen! Und… und ich liebe dich auch!«
»Und jetzt gehen wir zurück, ich habe Hunger?«
»Auf was?«
»Auf dich natürlich!«
Alexanders Magen knurrte, ich musste grinsen.
»Ob du von mir satt wirst?«
»Von dir wird ich wohl nie genug bekommen.«
»Ich werde dich daran erinnern!«, meinte ich und drückte mich noch mal eng an Alex.
Danach verließen wir die Klippe und wanderten Hand in Hand ins Heim zurück.

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Information Kommt dort nicht der Weihnachtsmann?
Posted by: Frenuyum - 12-06-2025, 11:58 AM - No Replies

Kommt dort nicht der Weihnachtsmann?
Wir schreiben den 25.Dezember 2007, es ist so etwa 20 vor 11 Uhr am Vormittag und ich liege am Strand, inmitten einer Runde von Leuten, die sich auf Liegestühlen in der Vormittagssonne aalen. Wir befinden uns unweit der Ortschaft Strand, die in der Nähe von Stellenbosch liegt. Das wiederum liegt etwa fünfzig Kilometer von Kapstadt entfernt in der Republik Südafrika und ist als Weinregion bekannt.
Stellenbosch ist nach Kapstadt die älteste Ansiedlung von Weißen in Südafrika und liegt in einer der fruchtbarsten Regionen des Landes. Auf Grund der sehr zahlreich angepflanzten Eichenbäume nennt man Stellenbosch auch die Stadt der Eichen. Viele grüne Täler im Umland beherbergen die zahlreichen Weingüter, die durch ihre vielfältigen Produkte in der Welt bekannt sind. Auch die Universität in Stellenbosch hat einen guten Namen über die Grenzen des Landes hinaus. Der Bezirk hat etwa einhundert tausend Einwohner und ist eine bevorzugte Wohngegend.
In etwa sechzig Meter Entfernung laufen die sanften Wellen des Meeres auf den Strand auf und wenn das Wasser ein bisschen wärmer wäre, als fünfzehn Grad, dann wäre hier der allerschönste Badestrand. So aber sieht man nur selten jemanden, der es mit der kühlen Flut aufnimmt und der dann doch meist nach ein paar Minuten schnell wieder den sonnenerwärmten Strand aufsucht, um sich bei fünfundzwanzig bis dreißig und manchmal noch mehr Graden wieder auf zu wärmen.
Ich bin Jan, Jan de Martens, einundzwanzig Jahre alt, 1,85 Meter groß, und in der Nähe von Stellenbosch auf dem Weingut meiner Eltern am 26.12.1986 als zweites Kind geboren worden. Ich bin also, wenn man so will, fast ein Christkindchen. Meine Schwester Mareike ist vier Jahre davor im Oktober geboren worden und ist im Gegensatz zu mir bereits seit drei Jahren verheiratet und wurde schon fünf Monate nach der Hochzeit Mutter von Zwillingen. Die krabbelten gerade fünfzehn Meter von mir entfernt im Sand herum und spielten mit Sieb und Förmchen
Mein Vater Chris ist auf unserem Weingut geboren und hat den Besitz von seinem Vater übernommen. Vater hat als junger Mann für eine Zeit lang in Deutschland, im Rheingau studiert und auch nebenher noch im Weinbau gearbeitet. Dabei hat er meine Mutter Susanne kennengelernt, die auf dem Weingut ihrer Eltern in Martinsthal im Rheingau lebte und ebenfalls zur gleichen Zeit Weinbau studiert hat. Sie haben dann in Deutschland geheiratet und sind dann nach Stellenbosch gezogen und haben das Weingut von den Großeltern übernommen.
Sieben Jahre nach meiner Geburt legen meine Eltern dann noch einmal nach und 17.11.1993 bekommt meine Mutter Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Die werden einen Monat später auf die Namen Jerome und Anna Maria getauft. Die zwei spielen achtzig Meter weit entfernt Federball oder Neudeutsch Badminton. Beide sind letzten Monat 14 Jahre alt geworden, sind ziemlich sportlich und sie besuchen das gleiche Gymnasium, auf das auch ich gegangen bin.
Die Sonne steht schon hoch und die Temperatur dürfte die fünfundzwanzig Grad schon überschritten haben. Wir, das sind alle aus unsrer Familie, treffen uns jedes Jahr an Weihnachten hier am Strand, um zusammen zu grillen, einen schönen Weihnachtstag zu verbringen und auch, um uns gegenseitig zu beschenken.
Der Knüller bei unserer Weihnacht hier am Strand ist der große, bunt geschmückte Tannenbaum, den meine Mutter jedes Jahr hier im Sand aufstellt. Das hat hier am Strand schon Tradition, und die anderen Familien, welche ebenfalls hier ihre Weihnachtsgrillen veranstalten, kommen mal vorbei, um den Baum zu bestaunen und ein frohes Fest zu wünschen.
Leider ist bei mir dieses Jahr die Stimmung total im Keller und ich wäre froh, wenn die ganze Weihnacht schon zu Ende wäre. Ich bin tief traurig, denn die Ereignisse der letzten Monate haben meine Zukunftspläne total durcheinander gebracht. Den totalen Absturz von Wolke 7 zurück in die harte Wirklichkeit habe ich selbst nach fast fünf Monaten noch nicht verdaut.
Das ist leider nicht das erste Mal, das mein Leben total aus den Fugen gerät und von den Auswirkungen dieses tragischen Ereignisses vor 2 Jahren habe ich mich nur sehr schwer erholt.
Trotzdem mache ich meinen Eltern zuliebe gute Miene zu dem für mich „bösen“ Spiel, wenn man denn eine Weihnachtsfeier am Strand so bezeichnen will.
Unweit von mir sitzt mein Vater Chris Marten in einem Rollstuhl, der ihm im letzten Monat wieder ein wenig Mobilität verleiht, nach dem er die zwei Monate davor in einem Krankenhausbett verbracht hatte. Wie es dazu kam, werde ich im Verlauf meiner Erinnerungen noch berichten, da ich euch letztendlich schon alles der Reihe nach näher bringen möchte. Ich tauche in Gedanken ab und beginne damit, mein Leben wie einen Film vor mir, und auch selbstverständlich vor Euch, ablaufen zu lassen.
Ich wurde, wie ich bereits eingangs erwähnte, am 26.12. 1986 im Krankenhaus in Stellenbosch geboren, werde also morgen meinen einundzwanzigsten Geburtstag „feiern“, etwas , was mir zur Zeit schwer fällt und auch keine Freude aufkommen lässt.
Auch wenn alle meine Lieben es gut mit mir meinen und bestimmt eine schöne Feier ausrichten werden, es wird mich nur wenig freuen und ich werde froh sein, wenn der Trubel vorbei ist.
Auf unserem Weingut, es liegt etwa neun km nordöstlich von Stellenbosch in einem schönen Tal, ist es schon länger so, das unsere schwarzen Mitarbeiter mit ihren Familien an unserem Weihnachtsessen teilnehmen. Das war sogar schon vor 1994, also zu Zeiten der Apartheit, so und hatte oft dazu geführt, das mein Vater von anderen als Negerfreund bezeichnet und mehr als einmal auch bedroht worden ist.
Überhaupt stellen wir unseren Mitarbeitern einen Arbeitsplatz mit für Farbigen ungewöhnlich guten Rahmenbedingungen und angemessenen Löhnen zur Verfügung. Sie werden absolut gleichberechtigt behandelt und sind in Häusern am Rande des Gutes untergebracht. Diese Häuser hat mein Großvater Albert de Martens errichten lassen, so richtig solide mit Strom und Wasser im Haus und so ist es nicht verwunderlich, das die Familien Mbete und Sisulu schon in der dritten Generation bei uns arbeiten.
Die beiden Familien gehören zum Volk der Zulu, die von den Niederländern früher Kaffer genannt und die von den Niederländern und Engländern während der Kolonialzeit beinahe ausgerottet wurden. Familie Mbete hat sechs Kinder und die Großeltern wohnen auch noch mit im Haus. Familie Sisulu hat sieben Kinder, von denen aber zwei schon nach auswärts verheiratet sind. Insgesamt sind es also siebzehn Personen, die in den beiden Häusern am östlichen Rand des Weingutes, ungefähr 300 m von unserem Haus entfernt wohnen.
Die Erwachsenen helfen alle mehr oder weniger bei der Arbeit auf dem Weingut, aber auch im Haus, und da wir für den Eigenbedarf auch noch einiges an Vieh halten, gibt es immer genügend zu tun. Auch die heranwachsenden Kinder haben immer wieder die Gelegenheit, vor allem bei der Ernte, mit zu helfen und so ein paar Rand zu verdienen.
Die Zeit mit Nelson Meine ersten Kindheitserinnerungen sind davon geprägt, das sich außer meinen Eltern auch unsere schwarze Familienhilfe, Köchin und Kinderfrau, Sarah Mbete, auch Mama Mbete genannt, liebevoll um uns kümmerte und mein erster Spielkamerad war ihr Sohn Nelson, der mit ein paar Wochen Unterschied fast genau so alt war, wie ich. Mit ihm machte ich erste Sandkastenerfahrungen, Exkursionen auf unserem Gut, und wir stellten im Laufe der Jahre so allerhand Blödsinn an, nicht immer zur Freude meiner und seiner Eltern.
Mit Nelson ging ich dann auch ab 1994 zusammen ins 3. Schuljahr, eine Neuerung, die noch wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre, durften doch während der Apartheit schwarze und weiße Kinder nicht zusammen in eine Schule gehen. Die ersten zwei Schuljahre waren wir gezwungen, in verschiedenen Schulen zu lernen.
Strand bei Strand
Eben diese Sarah, wir nennen sie immer Mama Mbete, ist gerade federführend mit der Vorbereitung des Grillfestes beschäftigt und unter dem frohen Gesang diverser Weihnachtslieder wird Feuer gemacht, Fleisch und andere Dinge wie Gemüse und Fisch zum Grillen vorbereitet. Mehrere Tische und Bänke sind aufgestellt, bereit, den vielen Essern Platz zu bieten und Weinflaschen und Gläser runden das festliche Bild ab.
Nicht zu vergessen, der phänomenale Weihnachtsbaum, der jedes Jahr von meinem Opa in Deutschland rechtzeitig zum Fest auf die Luftreise nach Südafrika geschickt wird. Opa Conrad war halt der Meinung, wenn seine Tochter Susanne schon im heißen Afrika wohnte, sollte es ihr zumindest nicht an einem deutschen Weihnachtbaum fehlen.
Schulzeit mit Nelson
Als das 3. Schuljahr beginnt, werden wir morgens immer mit dem Auto dorthin gefahren. In unserer Klasse sind etwa dreißig Kinder, erstmals Farbige und Weiße gemischt in einer Klasse und das verläuft nicht immer reibungslos. Nelson und ich sind mittlerweile die besten Freunde und setzen uns gegen jede Diskriminierung zur Wehr.
Einige Lehrer sind verunsichert und haben die neuen Gegebenheiten noch nicht realisiert und wollen auch nicht so richtig umsetzen, dass es nun keinen Unterschied mehr macht, ob ein Kind farbig oder weiß ist.
Das 3. und 4. Schuljahr geht ins Land und nach zwei Jahren wechseln wir beide, Nelson und ich, auf Grund ordentlicher Noten, auf das Gymnasium. Hier sind deutlich mehr als die Hälfte Weiße und einigen merkt man an, das sie aus einem Elternhaus kommen, das nach wie vor die Apartheid für die bessere Gesellschaftsordnung hält als die jetzige.
Es gibt eine Gruppe von sieben Schülern, alles Jungs, die den Farbigen und auch Nelson und mir als seinem Freund, deutliche Abneigung entgegen bringen. Da wir aber einen farbigen Klassenlehrer bekommen haben, trauen sie sich nicht, ihre Abneigung offen zu zeigen.
Im Laufe des ersten Schuljahres auf dem Gymnasium haben dann drei von den sieben Jungs die Schule gewechselt und sind auf eine private Anstalt gegangen, deren Bedingungen für den Besuch so formuliert sind, das es für Farbige so gut wie unmöglich ist, dort aufgenommen zu werden. Damals ahne ich noch nicht, dass mir diese drei unter anderen Umständen noch einmal begegnen werden.
Unser Alltag nach der Schule besteht aus zusammen Hausaufgaben machen, Musik üben, einen Teil des Viehs versorgen und wenn wir dann nichts Besonderes vorhaben, helfen wir auch ab und zu im Weinbau mit. Das wird von meinem Vater gerne gesehen und auch entsprechend honoriert, so das wir fast immer über ein paar Rand verfügen und uns ab und an entweder neue Klamotten oder auch mal ein paar CDs leisten können.
Die Eltern von Nelson bewohnen, ich habe das glaub ich schon einmal erwähnt, ein Haus in der Nähe, allerdings nicht geradeso komfortabel und so groß, wie es bei uns ist und so sind wir eher selten bei ihm, wenn wir Hausaufgaben machen. Darüber hinaus hat er auch noch 5 Geschwister, die alle dort wohnen und so ist dann meist auch keine Ruhe, um konzentriert arbeiten zu können. Allerdings hatte Familie Mbete schon einiges mehr an Komfort und an Errungenschaften der Zivilisation, als das bei der farbigen Bevölkerung üblich ist.
Vor gut drei Jahren hat mein Vater dann in der Nähe unseres Hauses einen ziemlich großen Schwimmingpool bauen lassen, einmal, um in den sehr heißen Monaten eine Möglichkeit der Abkühlung zu haben, andererseits aber auch als Wasserreservoir im Falle eines Feuers. Das Wasser dazu kam aus einem Bach, der aus dem oberen Teil des Tales kommend, über unser Land floss und mit ordentlichem Wasser versorgte. Hier um Stellenbosch gab es auch im Sommer keinen Wassermangel.
Dieser Pool ist an den Sommerabenden und auch an Wochenenden ein zentraler Anlaufpunkt für alle, die hier leben und manchen Abend wurde gegrillt und ausgelassen gefeiert. Der Pool ist einfach toll und trägt wesentlich dazu bei, die heißen Tage erträglicher zu machen. Der Strom für die Umwälzanlage wurde mit einer eigens dafür installierten Photovoltaikanlage produziert, die darüber hinaus noch andere Geräte mit Strom belieferte. Mein Vater war schon sehr früh der Meinung, dass man alles tun muss, um die Umwelt zu schonen.
Im Großen und Ganzen verläuft unser Leben ohne größere Aufregungen ab und so langsam kommen wir in das Alter, in dem die Pubertät beginnt. In der Schule macht sich das dahin gehend bemerkbar, dass sich die Jungs nicht mehr nur um Ihresgleichen bemühen, sondern nun auch immer öfter Mädchen mit in die Kreise aufgenommen werden. Hier und da trifft man dann auch schon auf Pärchen, die offensichtlich schon über eine normale Freundschaft hinaus verbandelt sind.
Weder Nelson noch ich gehören allerdings zu denen, die sich nun des Öfteren in weiblicher Gesellschaft sehen lassen.
Die vier Apartheitsbefürworter, die noch in unserer Klasse sind, tun sich besonders darin hervor, sich mit möglichst vielen Mädchenbekanntschaften zu brüsten, natürlich nur mit Weißen. Ihr Balz und Imponiergehabe wird immer unerträglicher. In dieser Zeit, wir sind fünfzehn, beginnt es, das ich Nelson immer öfter betrachte, ihn beobachte und anfange, ihn schön zu finden.
Das befremdet mich halt schon, weil ich zunächst mal nicht weiß, was das zu bedeuten hat. Irgendwie fühle ich mich zu ihm hingezogen, andererseits wehre ich mich, irgendwelche Schlüsse daraus zu ziehen. Es keimt eine Ahnung in mir auf, vor deren Gewissheit ich zunächst einmal nur Angst habe. Ich werde unsicher und manche Tage versuche ich, mich von ihm fern zu halten, was natürlich nur selten gelingt, und weil das niemand und vor allem er nicht verstehen würde. Ich überlege krampfhaft, mit wem ich denn mal über meinen Zustand, meine Gefühle reden könnte. Abends im Bett muss ich immer wieder an ihn denken und sogar nachts träum ich von ihm, manchmal mit feuchtem Ergebnis.
Soll ich mal versuchen, mit meiner Schwester zu reden? Oder mit meiner Mutter? Was werden sie sagen? Was soll ich ihnen sagen? Das ich mich zu Nelson hingezogen fühle? Bin ich vielleicht Schwul?? Schweiß bricht mir aus, was mach ich nur. Schwul?? Werden sie mich dann noch mögen.
Zunächst mach ich gar nichts, tue so, als wenn nichts wär. Vielleicht geht’s ja wieder vorbei, vielleicht ist es auch nur deswegen, weil ich ständig nur mit ihm zusammen bin. Ich muss was ändern! Unbedingt ! Aber was?
Während ich angestrengt überlege kommt mir plötzlich eine gute Idee in den Kopf, ich müsste sie nur meinen Eltern als einen solche schmackhaft machen. Sonntagabend, beim Abendessen, Nelson ist schon nach Hause gegangen, lasse ich die Idee heraus: „Mama, ich möchte die Ferien bei Opa Engelhardt in Deutschland verbringen, darf ich?“ Engelhardt heißt meine Mutter mit Mädchennamen.
Schweigen, erstaunte Gesichter, fragende Blicke! „Was soll das jetzt werden, wenn das fertig ist“, fragt mein Vater, ausnahmsweise mit noch halbvollem Mund.
„ Ich möchte meine Großeltern und die deutschen Verwandten endlich einmal näher kennen lernen und auch mal sehen, wo meine Mutter aufgewachsen ist“, antworte ich etwas energischer, als man es sonst von mir gewohnt ist.
„Davon abgesehen, das ich die Idee eigentlich ganz gut finde, müssen wir doch wohl Opa erst mal fragen, ob er und Oma damit einverstanden sind, das ein bald sechszehnjähriger, pubertierender Südafrikaner mit deutschem Einschlag bereits in drei Wochen zu ihnen kommst und etwa sechs Wochen dort bleiben möchtest“, sagt Mama, „ich kann mir aber gut vorstellen, das sie beide sehr erfreut sind, endlich mal wieder einen von uns zu Gesicht zu bekommen. Seit deinem fünften Lebensjahr kennen sie dich nur noch von Bildern. Aber ich sage dir gleich, da ist jetzt Winter und der ist etwas kälter als der Winter hier bei uns. Du musst dann noch warme Kleider haben, aber das kriegen wir schon hin.“
„Mensch, Mama“, kommentiere ich mit rotem Kopf ihre Ausführungen über meinen Zustand und mein Alter, was bei meinen Eltern einen kleinen Lachanfall auslöst.
Meine Schwester, die gerade das erste Mal richtig in jemanden verliebt ist, Pieter van Straaten heißt der Glückliche, macht Gott sei Dank keine Anstalten, sich ebenfalls nach Deutschland begeben zu wollen. Das würde die Sache unnötig verteuern und auch mich in meiner derzeitigen Gefühlslage nicht sonderlich begeistern.
„Ich werde mal anrufen, aber erst später, die sitzen jetzt bestimmt auch beim Abendessen“, sagt Mutter. Ich schwanke innerlich zwischen Freude und Traurigkeit. Freude darüber, endlich mal wieder meine Großeltern zu sehen und einen gewissen Abstand zu der momentanen Situation zu bekommen, Traurigkeit aber auch, weil ich „meinen“ Nelson fast sechs Wochen nicht sehen werde und er bestimmt auch sehr traurig ist, das ich ihn so ohne weiteres die ganzen Ferien allein lassen will, wo wir doch eigentlich so viel gemeinsam machen wollten.
Innerlich etwas zerrissen, gehe ich nach dem Essen auf mein Zimmer, mache meine kleine Anlage an, die ich mir vom selbstverdienten Geld geleistet habe, und lege eine CD mit meiner Lieblingsmusik ein. (50 Cent mit „In Da Club“ und „P.I.M.P.“) Ich legte mich aufs Bett, lauschte der Musik und horchte in mich rein, um Antworten zu finden auf all die Fragen, die so plötzlich auf mich einstürzen: „Bin ich schwul? Und mag ich Nelson, bin ich in ihn verliebt? Wie soll oder besser, wie gehe ich damit um? Was werden die anderen dazu sagen?“
Alles Fragen, auf die ich keine oder keine klare Antwort finden kann. Ich schwitze, und mein Herz schlägt deutlich spürbar in meiner Brust. Vor meinen Augen taucht Nelson auf, schokoladenbraun, eine gute Figur und ein liebes Gesicht, mein bester Freund, seit ich denken kann, ich sehe ihn an und erkenne in mir, dass er mir mehr bedeutet, als ich es mir eingestehen will. Was soll ich denn tun, ich weiß es nicht. Ich bin hin und hergerissen zwischen überschwänglichen Gefühlen für ihn und Unverständnis, ja sogar Verachtung für mich selber, weil ich offensichtlich schwul bin.
Bin ich echt schwul, habe ich mich wirklich in Nelson verliebt? Ich glaube es langsam, wenn ich so all die Gedanken analysiere, die ich mir über ihn mache, die Reaktionen meines Körpers, wenn wir schwimmen oder Sport haben, oder wenn ich abends im Bett liege und mich mit mir selbst vergnüge und dabei an ihn denke? Fragen über Fragen und keine wirklich klaren Antworten. Angst, Angst vor der Wahrheit, vor dem, was kommt. Warum, warum gerade ich???
Vollkommen verschwitzt steh ich auf, die Musik ist schon lange zu Ende, und gehe ins Bad. Eine heiße Dusche wird mir gut tun, oder wäre eine kalte nicht vielleicht besser? Nackt, nur mit einem Handtuch um die Hüften lege ich mich fünfzehn Minuten später wieder auf mein Bett.
Es klopft an meine Türe und auf mein „Herein“ kommt meine Mutter ins Zimmer. „Hallo, Jan, “ sagt sie, „ ich habe mit meinem Vater telefoniert und du kannst gerne kommen und auch deine gesamten Ferien da verbringen. Sie freuen sich wirklich Beide sehr und hoffen, dass du es dir nicht noch einmal anders überlegst. Was sagt denn Nelson zu deinen Plänen, ihr habt doch eigentlich schon einen großen Teil eures Urlaubs verplant?“
Ich werde rot und auch ein bisschen verlegen: „Mama, Nelson weiß noch gar nichts davon. Das ist ein Spontanentschluss und ich hoffe, dass er richtig ist. Ich würde dir das ja gerne erklären, aber ich glaube nicht, das ich das jetzt kann.“ Mittlerweile hat meine Mutter sich auf mein Bett gesetzt, nimmt meine Hand und schaut mir besorgt ins Gesicht. „Du bist schon etwas seltsam in den letzten Monaten, Jan. Was bedrückt dich? Du weißt ja, dass du uns alles sagen kannst, du brauchst keine Angst zu haben, “ sagt sie und streichelt unbewusst meine Hand. Und als ich ihr in die Augen schaue, sehe ich grenzenlose Ehrlichkeit und viel Liebe.
„Mama, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, aber ich probier’s einfach mal, selbst auf die Gefahr hin, das du und Papa mich nicht verstehen. Ich glaube, dass ich dabei bin, mich in Nelson zu verlieben, wahrscheinlich bin ich es schon. Das bedeutet aber auch, dass ich wahrscheinlich schwul bin, obwohl ich das gar nicht sein will. Deshalb will ich zu Opa, um Abstand zu gewinnen und um über diese Gefühle nachzudenken und mir Klarheit zu verschaffen, ob das nicht nur so eine Phase ist. Ich weiß im Moment nicht, wo ich wirklich stehe. Mein Herz fühlt sich zu Nelson hingezogen, während mein Verstand einfach nicht will, das ich schwul bin.“
Meine Augen habe ich geschlossen und Tränen stehlen sich unter meinen Lidern hervor. Als ich die Augen wieder aufmache, sitzt meine Mutter immer noch bei mir und streichelt meine Hand. Sie ist nicht weggelaufen, guckt mich immer noch liebevoll an. Ich richte mich auf, schlinge beide Arme um sie und fange richtig an zu weinen. Sie mag mich noch, sie liebt mich noch, trotzdem!
Ein großes Glücksgefühl macht sich langsam breit in mir und ich bin so froh, dass ich es nun doch gesagt habe zu Ihr. „Ach Junge, ich habe schon länger das Gefühl gehabt, das du ein großes Problem vor dir herschiebst. Aber selbst wenn du schwul bist, dann ändert sich nichts daran, das du unser lieber Sohn bist und es auch bleiben wirst, “ sagt sie und streichelt dabei meinen Rücken, „nun schlaf eine Nacht darüber und dann musst du dir überlegen, was du Nelson sagen willst. Ich denke, du weißt nicht, ob er deine Gefühle erwidert, ob er vielleicht auch schwul ist. Wenn nicht, musst du das akzeptieren und es wird bestimmt nicht leicht für dich werden. Na ja, und wenn er schwul wäre, heißt das ja auch noch nicht, das er dich auch liebt. Warten wir es mal ab.“
Sie gibt mir einen Kuss auf die Stirn und steht auf. „Schlaf gut und rede so bald wie möglich mit Nelson. Sag ihm offen und ehrlich, was in dir vorgeht. Er ist dein Freund und er wird dich nicht hängen lassen, auch wenn er deine Gefühle nicht erwidern kann.“ Nach dem sie gegangen ist, ziehe ich eine Shorts an, hänge das Handtuch ins Bad und lege mich zum Schlafen hin.
Meine Gedanken beruhigen sich langsam und ich bin von einer großen Last befreit. Es ist zwar weiterhin ungewiss, ob Nelson überhaupt was für mich empfindet, ich meine so liebemäßig, aber zumindest war mein Comingout keine Katastrophe. Meine Mutter hat es gut aufgenommen und mir die Gewissheit vermittelt, das sie mich genau so liebt, wie vorher auch, Mit diesem Gefühl schlafe ich ein und seit langem auch wieder mal traumlos durch, bis mich der Wecker am nächsten morgen aufschreckt.
Als ich nach dem Frühstück schulfertig aus dem Haus komme, ist Nelson bereits da. Er hat ein enges, weißes, ärmelloses Shirt an, das seinen gut proportionierten Oberkörper voll zur Geltung bringt. Dazu trägt er eine etwas weitere, quittengelbe Shorts, die einen tollen Kontrast zu seinen schönen, schokoladenfarbenen Beinen bildet. Mit anderen Worten, er sieht echt super geil aus! Ich kann mich von seinem Anblick kaum los reißen und achte auch gar nicht darauf, dass ich ihn total anstarre und auch seine Begrüßung nehme ich nicht war.
Erst als er mir einen Knuff auf die Brust gibt, wache ich auf und stottere: „Guten Morgen Nelson“. Er lacht laut und meint: „Was ist denn heute mit dir los, Kleiner?“ Er sagt öfter mal Kleiner zu mir, weil er etwa 5 cm grösser ist, als ich. „Gefällt dir mein Outfit nicht oder warum starrst du mich so an?“ fragt er.“Nee, nee, ist schon OK, ich war nur in Gedanken“, versuche ich mich raus zu reden. Mutter drückt auf die Hupe und deutet damit an, dass wir endlich einsteigen sollen, damit sie uns in die Schule bringen kann, bevor es zu spät ist.
Die Zwillinge sitzen schon im Auto, auch sie fahren jeden Morgen mit in die Schule. Nelsons Geschwister werden von ihrem Vater in die Schule gefahren, Nelson hingegen fährt schon seit ewigen Zeiten mit mir zusammen in die Stadt zum Schulbesuch.
Wir steigen ein und Mutter gibt soviel Gas, das die Räder des Landrovers ein bisschen durchdrehen. Sie lacht und ruft: „ Auf geht´s, festhalten, wir wollen doch mal sehen, ob wir Papa Mbete nicht noch einholen können.“ Ziemlich flott rast sie, eine Staubfahne hinter sich aufwirbelnd, der Hauptstraße entgegen und biegt mit einem eleganten Bogen in Richtung Stadt auf die gut ausgebaute Piste. In der Stadt angekommen, werden zuerst die Zwillinge an ihrer Schule abgesetzt und dann bringt sie Nelson und mich aufs Gymnasium.
Am Eingangstor zum Schulgelände stehen wie jeden Morgen die vier Schwachbacken, jeder hält noch eine Tussi, natürlich alles Weiße, im Arm und sie lästern über alle und alles, was an ihnen vorbei auf den Schulhof strömt.
Auch wir werden immer wieder mit irgendwelchen Kommentaren begrüßt, heute kommt der erste Satz von Frantje van Geldern. „Huch, schaut nur, da kommt der Martens und sein Niggerfreund, die sehen ja wieder so was von niedlich aus. Ob die wohl schwul sind?“ Großes Gelächter ertönt aus der Gruppe, wir beeilen uns, von diesen Idioten weg zu kommen. Heute Morgen denke ich, mit dem schwul hat er ja gar nicht so unrecht, zumindest bei mir.
Aus den Augenwinkeln sehe ich noch, wie sich eines der Mädchen von der Gruppe löst und wütend ruft: „ Ihr seid doch alle krank im Kopf, mit euch will ich nichts mehr zu tun haben.“ Sie folgt uns und auf dem Weg zu unserem Klassenraum holt sie uns ein. „He, Martens, warte doch mal“, ruft sie, „ich wollte dir und deinem Freund nur sagen, das ich nicht so denke wie diese Idioten da draußen.“ Nelson und ich bleiben stehen und schauen das Mädchen an.
Sie ist in der Parallelklasse und sieht recht nett aus. „Danke, das ist nett von Dir. Wir sind diese Frechheiten schon gewöhnt und machen uns nichts daraus, “ sage ich zu ihr und Nelson meint: „Du musst aufpassen jetzt, sie werden dich jetzt auch mobben, wo sie nur können.“ „Ich kann schon auf mich aufpassen und die da draußen wissen, dass mein großer Bruder hier bei der Polizei ist. Sie haben schon einiges mit der Polizei gehabt und wissen, dass die nicht lange fackelt, wenn Gewalt angewendet wird. Ich verstehe mich selber nicht, dass ich mich mit denen abgegeben habe, aber das kam halt wohl durch meine Freundin, die ist mit dem Frantje zusammen“, erklärt sie und reicht zuerst Nelson und dann mir die Hand, „ich heiße Esther van Breukelen und wenn ihr mal Hilfe von der Polizei braucht, oder Hinweise auf krumme Dinger habt, dann lasst es mich wissen, mein Bruder ist bei der Kriminalpolizei. So, jetzt muss ich aber los, sonst fängt der Unterricht ohne mich an und da versteht unser Pauker keinen Spaß.“
„Der Tag fängt ja wieder echtkrass an“, sage ich zu Nelson und schiebe ihn durch die Türe in unseren Klassenraum. Die erste Stunde haben wir „Afrikaans“ bei Herrn Molebatsi, einem Farbigen. Er ist der Sohn eines ziemlich bekannten ANC-Mitglieds, der im Kampf gegen die Apartheid umgekommen ist. Mit gut zwei Metern Größe und einem kräftigen, sportbetonten Körperbau strahlt er eine enorme Autorität aus und in seinen Stunden sind alle Schülerinnen und Schüler immer erstaunlich friedlich.
Molebatsi ist auch zugleich noch unser Musiklehrer und ein großer Fan vor allem der südafrikanischen Musiker. An zweiter Stelle folgt seine Vorliebe für die Italienische Musik und er spricht perfekt italienisch, verwendet in seinen Musikstunden immer viele italienische Ausdrücke und Begriffe. Ich habe, glaub ich, noch nicht erwähnt, dass auch Nelson und ich gelernt haben, ein Instrument zu spielen. Nelson spielt begeistert und gut Trompete und ich habe mich schon sehr früh in ein Saxophon verliebt. Seit unserem Wechsel aufs Gymnasium nehmen wir an der Musik-AG teil und seit fünfzehn Monaten spielen wir auch im Schulorchester mit. Darauf sind wir und ganz besonders unsere Mütter stolz und wenn wir ein Konzert geben, sind sie immer mit dabei.
Die Stunde ist schnell vorbei, weiter geht es mit Geschichte und da speziell um die Entwicklung Südafrikas von den Burenkriegen bis heute. In dieser Stunde kommen natürlich wieder einige provozierende Beiträge unserer Apartheitsfreunde, die sich sonst in anderen Fächern eher zurückhalten und die leistungsmäßig im unteren Klassendrittel angesiedelt sind.
Der Geschichtslehrer Dr.Boutolesi, ebenfalls ein Farbiger, geht souverän über die Beträge hinweg , gibt für zwei besonders üble Beiträge noch zwei Fünfer und wirft zwanzig Minuten vor dem Ende der Stunde Frantje van Geldern aus der Klasse. Das nehmen die anderen drei zum Anlass, ebenfalls den Unterricht zu verlassen. Das führt nun folgerichtig zu einem Eintrag ins Klassenbuch und da das nicht die ersten waren, wird er sie auch noch dem Direktor melden. Das könnte unter Umständen sogar zu einem Schulverweis führen, was aber in der Klasse wohl kaum jemanden traurig stimmen wird.
Es klingelt zur Pause und da es eine große Pause ist, strömt alles nach draußen. Auch Nelson und ich begeben uns auf den Schulhof und suchen uns einen schattigen Platz. Ich bin unruhig und weiß nicht, wie ich ihm erzählen soll, dass ich nach Deutschland fahren möchte. „ Du, Jann, mir ist noch etwas eingefallen, was wir im Urlaub unbedingt mal machen können. Ich habe einen Onkel, der wohnt in Soweto und den würde ich gerne mal mit dir besuchen, nicht zu Hause, sondern auf dem Flughafen, auf seiner Arbeitsstelle. Ein Besuch in Soweto ist für dich als Weißer zu gefährlich.“
Ich nehme all meinen Mut zusammen und sage: „Du, Nelson, ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Ich fahre im Urlaub zu meinem Großvater nach Deutschland. Wir haben das gestern Abend beschlossen“ Ich traue mich nicht, ihn anzuschauen.
Stille. Langsam hebe ich den Blick und schaue neben mich. Nelson sitzt da und starrt mich mit offenem Mund an. Ich komme mir richtig schäbig vor, wie ein Verräter. „Nelson, sag doch was, schrei mich an oder hau mir eine rein, aber guck mich nicht so traurig an“, sag ich zu ihm und will nach seinem Arm greifen. Er zieht den Arm weg, steht auf und geht mit hängenden Schultern von mir fort, Richtung Gebäudeeingang. Es ist als ob etwas zerreißt in mir. Ich weiß plötzlich sehr genau, was er mir wirklich bedeutet, so wie er dort geht, so unendlich traurig. Ich will ihm nachlaufen, ihn in den Arm nehmen, aber ich bin feige und trau mich nicht.
Es klingelt, die Pause ist vorbei. Ich mache mich schweren Herzens wieder auf den Weg in den Klassenraum. Es ist, als würde eine schwere Last auf mir liegen. Als ich in die Klasse komme, ist Nelson nicht da, auch seine Tasche fehlt. Ich bin erschrocken über seine Reaktion und ärgere mich über mich, weil ich ihm in der Schule schon gesagt habe, das sich in den Ferien nach Deutschland will. Hätte ich doch nur bis zu Hause gewartet. Jetzt rennt er da draußen in der Stadt rum und wer weiß, wie er sich fühlt.
Am liebsten würde ich ihn suchen, aber wo? Stellenbosch ist ja kein Dorf und wer weiß, wo er in seiner Stimmung hingelaufen ist. Total fertig, überstehe ich die noch anstehenden vier Stunden und als es zum Schulschluss klingelt, schnapp ich meine Sachen und gehe so schnell wie möglich zu dem Treffpunkt, an dem Mama uns immer abholen kommt.
Nelson ist nicht da und meine Mutter schaut mich erstaunt an und fragt: „Wo ist denn Nelson?“ „Ich habe ihm heute in der großen Pause gesagt, dass ich zu Opa fahren will in den Ferien. Daraufhin ist er aufgestanden und fortgegangen. Seine Sachen hat er aus der Klasse geholt und hat den Rest des Unterrichts geschwänzt. Ich weiß nicht, wo er hin ist. Oh Mama, ich bin so blöd! Hätt ich doch nur gewartet bis heute Nachmittag.“ „Das ist jetzt nicht mehr zu ändern“, sagt sie, „steig ein, wir fahren nach Hause. Vielleicht ist er ja mit seinem Vater nach Hause gefahren. Wenn wir zurück kommen, werden wir bei Mbete halten und du kannst nachsehen, ob er zu Hause ist.“
Ich steig ins Auto, in dem Jerome und Anna Maria bereits warten, um nach Hause zu fahren. Mama fährt zügig los und reiht sich in den Verkehr ein, der mehr oder weniger flott durch die Straßen fließt. Zwanzig Minuten später erreichen wir unser Land und Mama fährt direkt zu Mbetes Haus. Kaum das wir an dem Haus ankommen, spring ich aus dem Wagen und laufe zur Tür. Ich klopfe, warte, scheinbar endlos, bis sich die Türe langsam öffnet.
Nelson steht da und schaut mich mit geröteten Augen traurig an. Mein Herz klopft, und plötzlich macht es „Klick“ in meinem Kopf. Ich mache einen schnellen Schritt nach vorn, ergreife ihn mit beiden Händen und zieh ihn zu mir heran. Ich drücke ihn an mich, schau in seine traurigen und jetzt auch überrascht guckenden Augen. „Verzeih mir“, stammele ich und dann drücke ich meinen Mund fest auf seinen. Nur wenige Augenblicke, dann lass ich ihn los und laufe davon, nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, renne so schnell ich kann in Richtung auf unser Haus zu.
Zurück bleiben ein total verstörter Nelson, meine doch etwas überraschte Mutter und zwei total auf dem Schlauch stehenden Zwillinge. Mama geht zu Nelson und nimmt ihn in den Arm. Ein paar kleine Tränen kullern ihm über die Wangen und er schaut meine Mutter ganz verstört an. „Ich glaube, das ihr beiden mal ernsthaft miteinander reden solltet, ich habe das Gefühl, das ihr euch selber gegenseitig im Weg steht“, sagt sie, „ ich will dich in einer Stunde bei uns zu Hause sehen, und dann redet ihr solange miteinander, bis ihr eure Probleme geregelt habt. Verstanden?“ „Ja, Missis Martens“, stammelt Nelson, löst sich von ihr und verschwindet schnell im Haus.
Mama steigt kopfschüttelnd zurück ins Auto und fährt das letzte Stück bis zu unserm Haus. „So, aussteigen, ihr Beiden“, sagt sie zu den Zwillingen, „und macht euch jetzt mal nicht so viele Gedanken um Jan und Nelson. Die haben ein kleines Problem miteinander, aber ich glaube, dass sich das bald wieder einrenkt. Und nun ab, Essen und dann Hausaufgaben machen. Ich muss jetzt mal mit Mama Mbete reden und dann auch noch euren Opa in Deutschland anrufen.“
Mama Mbete ist noch in der Küche beschäftigt, als meine Mutter und die Zwillinge rein kommen. Normalerweise kommen auch Nelson und ich mit in die große Küche, in der unter der Woche auch immer gegessen wird nach der Schule. Der Tisch ist gedeckt für sieben Personen aber Papa ist auch noch nicht zurück und Nelson und ich fehlen ja auch heute, so das sie nur mit vier Personen am Tisch Platz nehmen.
„Wo sind die Jungens, „fragt Mama Mbete auf Afrikaans. Sie kann zwar auch etwas deutsch und etwas niederländisch, aber sie musste als Kind in der Schule neben ihrer Muttersprache Zulu vor allem Afrikaans lernen und das verstehen wir halt auch am besten. Zulu kann ich zwar auch, das habe ich anfangs von Nelson gelernt, in der Schule ist das Wahlfach und wird meist nur von den farbigen Kindern besucht. Seit zwei Jahren lerne ich es auch in der Schule.
„Nelson wird erst später herkommen und Jan ist, denke ich oben und wird im Moment ebenso wenig essen wollen wie Nelson“, antwortet meine Mutter. „ Die sind zerstritten“, ruft Anna Marie dazwischen. „Du hältst mal bitte den Mund, Anne Marie. Mama Mbete, wir müssen nachher mal miteinander reden, da gibt es was zwischen den Beiden und ich will von dir wissen, wie ihr damit umzugehen gedenkt.“ „Jesses, Missis, was ist denn passiert“? will Mama Mbete wissen. „Später, Mama Mbete, wenn die Zwillinge beim Aufgabenmachen sind, “ sagt meine Mutter, „dann können wir reden.“
Als der Tisch abgeräumt ist und die Zwillinge auf Ihre Zimmer gegangen sind, setzen sich beide Frauen an den großen Küchentisch. Mama Mbete hat noch Kaffee gekocht und nun sitzt sie da und schaut meine Mutter erwartungsvoll an. Draußen fährt ein Auto vor und mein Vater steigt aus. „Der kommt gerade richtig, da kann er gerade mit hören, was es für Neuigkeiten gibt“, meint meine Mutter und Mama Mbeki springt auf, um meinem Vater das Essen zu richten.
Vater betritt die Küche, gibt meiner Mutter einen Kuss zur Begrüßung und sagt: „Hallo, guten Tag ihr beiden, es ist ein bisschen später geworden, aber ich habe noch Klaas van Straaten getroffen, den Vater von Pieter. Wir haben über dem Reden die Zeit vergessen und so hab ich mich halt verspätet. Er ist von Mareike sehr angetan und würde es gern sehen, wenn sie seine Schwiegertochter würde. Ich habe ihm gesagt, das wir Pieter auch gut leiden können, aber das dass wohl die Beiden miteinander ausmachen müssen, ob mal was ernstes daraus wird.“
Mama Mbete hat meinem Vater das Essen hingestellt und setzt sich dann wieder an den Tisch. „Ich glaube, dass wir noch mehr Verliebte haben hier auf dem Gut“, sagt meine Mutter, „allerdings in einer etwas anderen Konstellation, als es allgemein erwartet wird.“ Vater schaut sie fragend an und Mama Mbete versteht offensichtlich ebenfalls nicht, was meine Mama mit ihrer Andeutung sagen will. „Geht’s auch ein bisschen genauer, Susanne“? fragt mein Vater, „im Hellsehen war ich noch nie gut. Rede mal Klartext, was ist los?“
„Also gut, dann Klartext“, fängt meine Mutter an, „ Jan ist in Nelson verliebt und wenn ich alle Anzeichen richtig deute, wird das von Nelson erwidert, auch wenn sie es beide noch nicht richtig realisiert haben. Sie hatten heute eine Differenz darüber, das Jan in den Ferien zu meinem Vater fahren will. Er und Nelson hatten schon umfangreiche Ferienpläne gemacht und Weihnachten fällt ja auch in diese Zeit. Nelson war ganz perplex und ist aus der Schule weggelaufen und ist allein nach Hause gegangen. Jan war dann ganz aufgeregt und ich musste direkt zu Mbete´s Haus fahren, damit er gucken konnte, ob Nelson zu Hause war. Dann hat er ihn in den Arm genommen, hat ihn geküsst und ist dann fortgelaufen.“
„Jessus, Jessus“, stammelt Mama Mbete, „was sollen wir denn jetzt machen. Das ist doch.., das ist doch …“ „Nicht normal, willst du sagen?“ sagt meine Mutter, „vergiss den Quatsch, Mama Mbete, „ wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert und in Südafrika ist das auch vor dem Gesetz legal und unumstritten, wenn sich zwei Männer lieben.“ „Aber schwarz und weiß und weil wir auch für Euch arbeiten, das geht doch nicht“, sagt sie und fängt an zu weinen, „Jessus, Jessus, was wird mein Mann sagen.“
Mein Vater hat jetzt offensichtlich die Neuigkeit verarbeitet und meint: „Das werden wir noch sehen, Mama Mbete, wenn sich die beiden wirklich gern haben, dann wollen wir auch nicht dagegen sein. Wenn wir damit klarkommen, dann solltet ihr das auch können. Das erwarte ich dann schon von meiner zukünftigen Verwandtschaft.“
Leicht schmunzelnd isst er weiter und meine Mutter meint: „Ich habe Nelson hierher bestellt, damit sich die Beiden mal aussprechen. Sollte meine Vermutung sich bestätigen, werden wir nicht umhin können, auch für Nelson ein Flugticket und auch Winterkleidung zu kaufen. Aber das bleibt erstmals unser Geheimnis und vorher muss ich dann auch noch ausgiebig mit meinem Vater telefonieren.“
Als Mama Mbeki sieht, wie unverkrampft und locker meine Eltern mit der Geschichte umgehen, beruhigt sie sich ein wenig, aber als ihr beim Spülen zum ersten mal seit zwölf Jahren wieder ein Teller runterfällt, weiß meine Mutter, das Mama Mbete das noch lange nicht verdaut hat, das ihr Sohn und der Sohn ihrer Arbeitgeber sich ineinander verliebt haben sollen.
Die Stunde ist fast vorbei, als meine Mutter an meine Türe klopft und ohne auf meine Antwort zu warten, ins Zimmer kommt. „ Jan, ich habe Nelson hierher bestellt, damit ihr euch aussprecht und zwar gründlich. Egal, was dabei raus kommt, deine Eltern werden es akzeptieren und Mbete’s letztendlich auch. Ich weiß, das dass nicht einfach ist für Euch, aber ich will, das ihr Klarheit schafft. Ihr seid uns beide zu lieb und zu wichtig, als das wir das nicht geklärt wissen wollen. So, ich lass dich jetzt allein, Nelson wird gleich da sein. Macht es euch nicht zu schwer.“ Sie wendet sich zum Gehen, und ich rufe ihr noch leise ein „Danke Mama“ hinterher, als sie die Türe schließt.
Nelson kommt gleich und ich liege hier verheult auf meinem Bett. Ich steh auf und geh ins Bad, um wenigstens mein Gesicht zu waschen. Als ich wieder im Zimmer bin, setz ich mich vor dem Bett auf den Boden, genau der Eingangstür gegenüber. Meine Hände zittern leicht und ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Als ich Schritte höre, steigt mein Herzschlag rasch an und mir wird warm. Es klopft und ich sage fast zu leise: „Herein“.
Langsam öffnet sich die Türe und ein um einige Nuancen dunklerer als normal aussehender Nelson kommt langsam herein, so, als hätte er zentnerschwere Gewichte an den Füssen. „Hi“ ,fast geflüstert ist sein knapper Gruß, den ich ebenso leise und zaghaft erwidere:“Hi, Nelson, setz dich“ Ich hoffe, das er sich an den Schreibtisch setzt, dann wäre eine gewisse Distanz zwischen uns aber er setzt sich direkt vor mir auf den Boden, so das ich ihm in die Augen schauen und ihn riechen kann. Er riecht gut, er riecht eigentlich immer gut und nun schaut er mich aus seinen schwarzen Augen an, mit einem Blick, der mich innerhalb von Sekunden innerlich schmelzen lässt.
Ich bin gerade sehr feige, denn ich überlasse es ihm, das Gespräch zu eröffnen. „Warum willst Du in den Ferien auf einmal zu deinem Opa fahren, nach Deutschland, und mich hier die ganze Zeit allein lassen, Jan?“, fragt er und seine Blicke dringen tief in meine Augen ein. Nach einer kurzen Pause antworte ich, den Blick auf den Boden senkend: „Ich wollte fliehen, weglaufen, allein sein um zu überlegen. Ich habe Angst!“
„Vor mir, hast du vor mir Angst und wenn ja, was habe ich, das du vor mir Angst haben muss“, fragt er leise, aber eindringlich. „Nicht vor dir, nein! Vor mir, vor mir und meinen Gefühlen. Ich bin so durcheinander und wusste nicht, was ich tun sollte und wie es weitergehen soll. Deshalb wollte ich flüchten, “ sage ich. „Ich muss dir etwas gestehen, Nelson“, fuhr ich fort, gewillt, es jetzt endlich hinter mich zu bringen, „ich bin wohl schwul, Nelson, und ich habe mich verliebt, Nelson, in dich verliebt und ich weiß nicht, ob du mich auch lieben kannst und da bin ich einfach nicht mit fertig geworden und habe mich auch nicht getraut, etwas zu dir zu sagen, Nelson!“ Jetzt war es raus und gleichzeitig kamen dann auch die Tränen, Tränen der Erleichterung, aber auch der Angst. Ich legte reflexartig beide Hände über meine Augen, lehnte mich zurück ans Bett und heulte vor mich hin.
Dann legen sich plötzlich zwei Arme um mich und sein Geruch dringt ganz intensiv in meine Nase. Meine Hände werden sanft weggezogen und zwei warme, ja eher heiße, Lippen legen sich auf meine. Nelsons Zunge beginnt über meine Lippen zu streicheln und dann küsst er meinen Tränen weg, eine nach der anderen, nicht ohne dazwischen immer „dummer Junge“ zu murmeln und „ lieb dich schon ewig“ und „ brauch dich doch“ und „du dummer, lieber Bub“ lauter solche schönen Sachen. Die Zeit steht still, ich bade in seinem Geruch, ich suche seine Lippen, seine Küsse, seine Zunge. Ich bin halb ohnmächtig vor Glück, selig, endlich wissend was mit mir, was mit uns ist. Oh Mann, welch ein Tag. Ich schlinge meine Arme um ihn, halt ihn ganz fest, erwidere seine Küsse, alles am Rande des absoluten Wahnsinns. Oh man bin ich so bin glücklich!
Am Strand bei Strand
Würziger Geruch von Gebratenem überzieht den Strand und erreicht unsere Nasen. Ein leichtes Hungergefühl beschleicht mich trotz meiner depressiven Stimmung und die gedankliche Erzählung aus der Vergangenheit hat nicht zur Besserung meiner Laune beigetragen. Ein paar von den Halbwüchsigen gehen herum und verteilen Getränke, Wein für die Erwachsenen und Saft für die Kids. Ich nehme mir einen Schoppen Roten, Shiraz 2005, ein fruchtiger, trockener und gehaltvoller Wein aus eigener Herstellung. Ich werde noch etwas warten mit dem Essen, euch erst mal noch ein bisschen teilhaben lassen an meiner Vergangenheit.
Erstmals Wolke 7
Nach etwa zehn Minuten Dauerküssen löst sich Nelson vorsichtig aus meinen Armen. Er zieht mich hoch und lässt sich mit mir auf mein relativ großes Bett fallen. Wir liegen neben einander und schauen uns in die Augen. „Wenn ich mir überlege, warum wir uns nicht schon eher getraut haben, dann muss ich sagen, das mir das alles erst seit einigen Monaten richtig bewusst geworden ist, das ich dich liebe“, sagt er und spielt mit meinen Haaren, „zuerst bin ich erschrocken, dann hatte ich Angst, genau wie du, das du meine Gefühle nicht erwidern würdest. Ich war total verunsichert und habe mich nicht getraut, etwas zu dir zu sagen. Nachts hatte ich sogar feuchte Träume von dir.“
„So ging es mir auch, Nelson“, antworte ich, „auch wohl schon etwas länger. Ich habe schon mit vierzehn gemerkt, das ich dich schön finde und das mich Mädchen überhaupt nicht so interessieren und ich muss gestehen, das ich auch an dich gedacht habe, wenn ich an meinem Ding gespielt habe.“„Du hast echt an mich gedacht, wenn du dir einen runtergeholt hast? Nun, dann bin ich ja nicht allein damit gewesen“, sagt er grinsend und küsst mich, „ich frag mich, wie das wird, wenn wir es gemeinsam machen?“
Sein Teint ist wieder sehr dunkel geworden bei der Antwort und ich kann nicht umhin, mich auf ihn zu wälzen und kurz zu kitzeln. „Das werden wir noch heraus finden, wie das wird, dazu haben wir noch viel Zeit vor uns,“ sage ich, „aber wir müssen wohl mal nach unten gehen und der wartenden Menge das Ergebnis unserer Unterredung berichten. Ich bin gespannt, wie das ankommt. Ich hoffe ja nicht, dass wir jetzt voll den Stress kriegen, aber ich glaube eher nicht. Allerdings weiß ich nicht, wie deine Eltern reagieren, Nelson, aber wenn meine Eltern nichts dagegen haben, werden sie es wahrscheinlich auch akzeptieren.“
Nach einem kurzen Umweg durch das Badezimmer zweck Aufbesserung des verheulten Gesichtsausdrucks machten wir uns auf den Weg nach unten. In der Küche sitzen immer noch Mama Mbete, meine Mutter und auch mein Vater hat seine Arbeit ein wenig länger ruhen lassen als vorgesehen. Wollte er doch den wichtigen Auftritt von uns beiden auf keinen Fall versäumen.
Als wir eintreten, beginnt meine Mutter zu lächeln, sie sieht uns an, welches Ergebnis die Unterredung mit Nelson hatte. Mama Mbetes Gesicht tendiert eher zum Weinen, allerdings gelingt es ihr, ein Schluchzen und den Tränenfluss zurück zu halten. Sie sieht aber alles andere als glücklich aus, im Gegenteil zu Ihrem Sohn, der strahlt wie eine Schokotorte übers ganze Gesicht und ich muss wohl ähnlich aussehen.
„Nun“, fragt mein Vater, „ was haben die Herrn uns mitzuteilen. Ist eine Einigung in allen strittigen Angelegenheiten erzielt worden, ist jetzt Frieden und kann man gratulieren?“ „Chris“, ruft meine Mutter, „fall doch nicht immer mit der Tür ins Haus“. Auch von mir kommt ein vorwurfsvolles: „Mensch, PAPA!“ „Wir haben uns ausgesprochen“, sagt Nelson leise und zögerlich. „Und wir sind jetzt zusammen, wir lieben uns“, kommt es etwas energischer von mir. „Dann ist ja alles in Butter“, sagt mein Vater fies grinsend, „dann könnt ihr ja jetzt eure Hausaufgaben machen, oder?“ He, bin ich denn jetzt im falschen Film, kein Kommentar, keine Vorhaltungen, Übergang zur Tagesordnung?
„Chris, ich meine, wir sollten darauf schon ein Gläschen Sekt trinken, das ist doch schon fast so, als hätten wir einen Schwiegersohn bekommen“, meldet sich meine Mutter, „ und untersteh dich und bring nicht eine Flasche vom Besten aus deinem Keller.“
Papa steht auf, klopft im Vorbeigehen Mama Mbete auf die Schulter und sagt:“Freu dich Mama, freu dich mit deinem Sohn, die beiden sind doch ein schönes Paar und ich hoffe, das sie für immer zusammen bleiben.“ Ein leises Lächeln schleicht sich auf Mama Mbete’s Gesicht und dann nimmt sie Nelsons Hand und zieht ihn zu sich. „Oh mein Junge, du hast mich sehr überrascht und ich muss mich erst mal daran gewöhnen, das du jetzt einen Freund hast, so wie andere eine Freundin. Was wird Papa nur sagen?“
Jetzt ist es an Nelson, uns alle zu überraschen:“Papa weiß es schon, Mama. Ich habe es ihm gesagt, als ich zu Hause war, nachdem Frau Martens bei uns gewesen ist. Er wollte wissen, was los ist und ich konnte ihn nicht anlügen. Er hat gesagt, wenn die Martens es akzeptieren dass Jan und ich uns lieben, dann akzeptiert er es auch. Wenn sie es nicht akzeptieren, hätte er mich nach Soweto zu Onkel Albert geschickt und ich musste versprechen, nie mehr zurück zu kommen. Aber das muss ich jetzt ja nicht.“
Ich ziehe ihn von seiner Mutter weg zurück in meinen Arm und drücke ihn an mich. „Du bleibst schön hier bei mir und gehst nicht nach Soweto, hier ist dein Zuhause und so soll es auch bleiben, wenn es nach mir geht, für immer“, sage ich und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. Zu mehr trau ich mich im Moment nicht, weil seine Mutter dabei ist und sie sich ja erste Mal daran gewöhnen muss, dass ihr Sohn jetzt von einem Jungen geküsst wird.
Papa kommt mit dem Sekt und Mama Mbete springt auf, um Gläser zu holen. Papa öffnet gekonnt die Flasche und ich stelle fest, das das eine von den allerbesten aus unserem Keller ist. Das freut mich, zeigt es mir doch auch, das er das Ereignis des heutigen Tages besonders zu würdigen weiß. Zur Feier des wohl außergewöhnlichen Ereignisses fehlt eigentlich nur noch Nelsons Vater.
„Papa, warte noch mit dem Einschenken“, sage ich und zu Nelson: „los, komm mit!“ Ich ziehe ihn an der Hand hinter mir her und laufe zum Landrover und schwing mich hinein. Der Schlüssel steckt wie immer und als Nelson sich auf den Beifahrersitz geschwungen hat, fahre ich los, Richtung Mbete’s Haus. Die dreihundert Meter sind gleich geschafft und als ich halte, springt Nelson bereits aus dem Auto und verschwindet im Haus. Kurz drauf kommt er, seinen Vater am Arm hinter sich herziehend wieder heraus. Ich habe zwischenzeitlich gewendet und mit Papa Mbete an Bord fahren wir zurück.
Wir schieben Papa Mbete durch die Tür bis in die Küche und mein Vater sagt: „Komm setz dich, Jonathan, wir haben was zu feiern.“ Papa Mbete nimmt zuerst mal seine Frau in den Arm, streichelt ihr über die Haare und fragt: „Warst du sehr erschrocken, Mama als du es erfahren hast?“ „Ja, Papa, es hat mich schon sehr getroffen im ersten Moment aber jetzt gewöhn ich mich langsam an den Gedanken.“ Beide haben Zulu miteinander gesprochen und ich habe nur die Hälfte verstanden, weil sie immer so schnell sprechen. Aber der Händedruck von Nelson und sein Gesichtsausdruck sagen mir, dass jetzt alles in Ordnung ist.
Papa füllt die Gläser und reicht jedem in er Runde eins, auch mir und Nelson, dabei zwinkert er uns mit dem Auge: „Das ihr mir danach nicht betrunken seid und allen möglichen Blödsinn macht. Und wenn es dann mal zum Nahkampf kommen sollte, dann denkt daran, dass ihr euch verantwortungsvoll verhaltet. Hier in Südafrika ist die zweithöchste Quote an HIV-Erkrankungen, nur in Indien ist die Zahl noch höher. Wir möchten Euch noch recht lange gesund bei uns haben.“
Wir werden beide rot, bzw. Nelson eher dunkler im Gesicht und von Mama Mbete kommt ein leises „Jessus, Jessus“, anscheinend hat sie über sexuelle Aktivitäten zwischen uns beiden noch gar nicht nachgedacht.
„So, dann wollen wir mal auf das junge Glück anstoßen und den Beiden alles Gute wünschen. Prost!“ Typisch mein Vater, immer ein bisschen spaßig, flapsig, aber mit ernstem Hintergrund. Ich glaube, bessere Eltern kann man nicht haben und wenn sie mich mal brauchen, dann werde ich immer für sie da sein, schwör ich mir innerlich.
Wir trinken einen Schluck von dem edlen Tropfen, Methode Traditionell, das heißt, er ist genau wie Champagner in der Flasche vergoren und gereift. Der Jahrgang, den wir jetzt gerade trinken, war einer der Besten, wenn nicht sogar der Beste überhaupt und die Flaschen, die Vater jetzt noch davon hat, die liegen extra in einem Raritätenkeller (so nennt ihn mein Vater) von dem haben nur er und Mutter einen Schlüssel. Was dort lagert, wird nicht mehr verkauft und nur bei besonderen Anlässen getrunken. Ab und an verschenkt Vater auch an besonders gute Kunden ein oder zwei der Raritäten.
„So“, sagt Mutter, „ wie geht denn das jetzt weiter mit euch Beiden, in drei Wochen fangen die Schulferien an, es ist noch sechs Wochen bis Weihnachten und du, Jan, hast dich bei Opa und Oma angemeldet.“ Ich werde rot und mein schlechtes Gewissen meldet sich wieder. „Ich weiß im Moment auch nicht mehr was ich machen soll“, sage ich zerknirscht, „wenn ich jetzt Opa und Oma wieder absage, sind sie sicher traurig und sauer auf mich, wenn ich aber hinfahre, ist mein Schatz sechs Wochen und auch an Weihnachten ganz allein. Das will ich natürlich auch nicht. Was sollen wir denn jetzt machen? Gestern wusste ich ja noch nicht, das die Dinge sich so entwickeln.“
Mama meint: „Überlasst das jetzt mal ruhig mir, ich werde mit Opa reden und wir werden wohl eine Lösung finden, die alle irgendwie zufrieden stellt. Ihr geht jetzt mal die Hausaufgaben machen, dazu müsst ihr wohl erst noch Nelsons Sachen holen. Da könnt ihr Jonathan auch gleich wieder mit zurück nehmen, wenn ihr mit dem Rover rüberfahrt.“ Da die Flasche leer ist, steht auch Papa auf und meint: „Ich geh dann auch noch ein bisschen was tun, wir wollen noch zwei Fässer Cabernet Sauvignon auf Flaschen füllen. Wir haben eine größere Lieferung in die Schweiz vorzubereiten und da muss noch einiges getan werden.“
Jonathan meint: „Die Mittagspause ist eh vorbei, die andern Kinder machen Ihre Hausaufgaben und da kann ich ja gleich mit zum Abfüllen gehen. Mama geht ja nachher auch nach Hause und schaut dann nach den Kindern.“ Zu uns beiden gewannt sagte er: „ Ihr könnt drüben Bescheid sagen, das ich gleich hiergeblieben bin, wenn ihr Nelsons Schulsachen holt.“ Wir beide gehen zum Landrover. Einsteigen und dann …erst mal umarmen, küssen, küssen, küssen …, so, jetzt können wir losfahren. Nach 100 Metern stößt Nelson einen Jubelschrei aus, knufft mich in die Seite, der dreht am Rad vor Freude und Erleichterung. Ich komme vor Mbete‘s Haus zu Stehen.
Wieder Küssen, umarmen, jetzt aber still, genießend, durchdrungen vom Gefühl, den Liebsten endlich im Arm halten zu können, in Küssen zu dürfen. Es ist schier zum Wahnsinnigwerden. „Ich liebe dich Nelson“, höre ich mich sagen, so, als würde ich neben mir sitzen. „Ich liebe dich auch, wahnsinnig, Jahn. Lass mich bitte nicht allein, nicht jetzt und auch nicht später. Ich könnte es nicht ertragen ohne dich, das Leben“. Er streichelt meinen Nacken. Ich bin richtig glücklich.
Nelson verlässt den Rover, um seine Schulsachen zu holen und seinen Geschwistern Bescheid zu geben, dass Jonathan wieder bei der Arbeit ist und dass Mama bald heimkommt. Sieben Minuten später sitzt er wieder neben mir. Ich habe in der Zeit gewendet und warte schon auf ihn. Oh man, der hat sich ja noch umgezogen, der Loser. Ein hautenges Muscleshirt, weiß, man sieht die Brustwarzen durch schimmern und eine knappe Sporthose, die den Ansatz geilen Hinterns rausgucken lässt. „He“, ruf ich, „ du bist gemein. Das halt ich ja nicht aus, willst du, das ich mit einem Dauerständer Hausaufgaben machen muss. Das kann doch nicht angehen.“ „Ich wollte mich nur hübsch machen für meinen Schatz“, entgegnet er, „das du dabei so unruhig wirst in deiner Hose, deutet auf Defizite im Sexualleben hin.“ Dabei lacht er übers ganze Gesicht und freut sich diebisch, dass meine Hose unübersehbar sehr unter Spannung steht.
„Na warte, wenn wir mit den Aufgaben fertig sind, wirst du für die Frechheiten bezahlen“, sag ich und pieke ihn in die Seite, bevor ich los fahre. „Jawohl, Massa, Nelson bezahlen muss, Massa. Muss böse bestrafen unbotmäßigen Kaffer, Massa, muss züchtigen mit große Rute, Massa“, macht Nelson nun offensichtlich auf Sklave und bei jedem „Massa“ beugt er ruckartig den Kopf nach unten. Wir müssen beide fürchterlich lachen und fast wäre ich am Haus vorbei und gegen den Schuppen gefahren, ihn dem unsere Autos und Maschinen stehen. Immer noch lachend, steigen wir aus und gehen ins Haus und dort direkt auf mein Zimmer.
Als die Tür hinter uns ins Schloss fällt, lehne ich mit dem Rücken dagegen und Nelson kommt in meine ausgebreiteten Arme, ich ziehe ihn an mich und er kuschelt sich förmlich in mich rein. „Da bin ich, Massa“, flüstert er in mein Ohr, um gleich darauf an demselben zu knabbern. Ich bekomme eine Gänsehaut, so gut fühlt sich das an und ich kriege einen kleinen Vorgeschmack auf das, was man fühlt, wenn man mit Haut und Haaren liebt.
Er löst sich, dreht sich rum und sagt:“Genug, jetzt erst mal die Arbeit, dann das Vergnügen, was haben wir denn auf an Hausaufgaben?“ „Oh Man“, sage ich, „du kannst doch jetzt nicht sofort so auf die Arbeit stürzen. Ich will noch ein bisschen Schmusen. Schließlich bin ich wahnsinnig verliebt in einen total süßen Schokoboy mit Namen Nelson.“ „Soo, das ist ja interessant“, sagt er und kommt wieder auf mich zu, „das wollen wir doch mal testen.“ Schon spüre ich wieder seine Lippen auf meinen und seine Zunge streicht über meine Lippen, die sich gerne für ihn öffnen und dann spielen die beiden Zungen miteinander, einfach irre ist das. In der, oder den Hosen ist Rebellion, Aufstand und wir pressen uns aneinander, um uns gegenseitig zu spüren.
Wieder löst sich Nelson und geht zum Schreibtisch. „Wir müssen jetzt mal tief durchatmen und vernünftig sein, Massa“, fängt er wieder mit der Sklavenmasche an, „erst die Arbeit, Massa, du weißt schon“. Er setzt sich an den Schreibtisch und packt seine Schulsachen aus. Ich trete hinter ihn, vergrabe meine Nase in seinen krausen Löckchen und sauge seinen Geruch in mich hinein. „Ich liebe dich, Nelson Mbete, wie ich vorher wohl noch nie jemanden geliebt habe“, sage ich leise und reibe zart an seinen Ohren. „ Ich liebe dich auch, Jan Martens und ich bin glücklich, das ich dass auch endlich zeigen darf. Ich hatte so eine Scheißangst, das du mich nicht mehr magst, wenn du weißt, das ich schwul bin und mich ausgerechnet in dich verliebt habe.“ Mit einem Kuss verschließe ich seine Lippen und unsere Zungen spielen zärtlich miteinander.
Am Strand bei Strand
„Essen, es gibt Essen“, laut tönt die Stimme von Mama Mbete über den Strand und alle kommen mehr oder weniger schnell herbei, um an den Tischen Platz zu nehmen. Die größeren Kinder und die Jugendlichen helfen beim Auftragen der Platten mit den gegrillten Köstlichkeiten. Lamm, Huhn und Steaks gibt es in verschiedenen Variationen und auch Fisch hat den Weg auf den Grill gefunden. Dazu gibt es Gemüse-Gravy und den für die Farbigen typischen Maisbrei.
Bevor nun das Essen beginnt, fassen wir uns alle rings um die in einer Reihe aneinander gestellten Tische an den Händen. Der Vater meines Vaters, also mein Opa Albert, der mit Oma Helene hier im Ort Strand eine Eigentumswohnung bewohnt, eröffnet das Mahl dadurch, das er allen hier ein „geseendes Kersfees“ , so heißt es auf Afrikaans, und auf Zulu ein „Kissiemus“ wünscht. Wein wird eingeschenkt, die Kinder trinken Cola oder andere alkoholfrei Sachen und das große Mahl beginnt.
Die meisten Tischgenossen sind fröhlich und ausgelassen und freuen sich, das es so viele gute Sachen zum Essen und trinken gibt. Mir, aber auch meinen Eltern und manches Mal auch Mama Mbete, sieht man aber den Kummer und auch die Sorgen der letzten Monate und oder auch Jahre an. Vieles ist geschehen, das schlimme Erinnerungen hervor ruft und die Freude des heutigen Tages trübt und die Aussichten in die Zukunft sind, jedenfalls für mich, eher trübe als rosig. Die Gründe werdet ihr im Verlauf meiner weiteren gedanklichen Erzählung erfahren und wohl auch verstehen.
Weiter im „Damals“
Nachdem wir noch ein bisschen geschmust haben, fangen wir doch mit den Hausaufgaben an und als erstes steht Mathematik auf dem Programm. Sieben Aufgaben, nicht allzu schwierig für uns lösen wir gemeinsam, jedes einzelne Ergebnis mit einem langen Kuss unterstreichend, in relativ kurzer Zeit. Nun müssen wir noch ein Referat für Geschichte machen uns zwar über die Entstehung und Entwicklung des ANC bis hin zum Ende des Apartheitsstaat vor 1994. Damit haben wir dann doch fast eineinhalb Stunden zu tun, bis das Ergebnis unseren beiden Vorstellungen entspricht. In diese Arbeit wird nun auch der Computer mit einbezogen, gilt es doch viele Informationen zu berücksichtigen und in das Referat mit einzubauen. Endlich sind wir fertig, die Schulsachen werden weg gepackt und dann noch ein bisschen ungestört geschmust.
„Gehen wir eine Runde schwimmen, Jan, ich mein so zum Abkühlen, Jan?“ fragt Nelson, nachdem ich für einen Moment seinen Mund freigegeben habe. „Oh man, dich jetzt noch weniger angezogen zu sehen, das werde ich wohl kaum aushalten, ich habe jetzt schon seit geraumer Zeit einen stehen und bei dir sieht das auch nicht so aus, als würde dich das kalt lassen“, sage ich und streichel dabei über die dicke Beule in seiner Shorts. „Wir könnten ja vorher noch hier oben Duschen gehen und die schlimmste Not ein wenig lindern, was hältst du davon“, fragt er verschmitzt grinsend und nun ebenfalls seine Hand über meine Latte wandern zu lassen.
Ich bin ganz aufgeregt und schiebe ihn in Richtung Bad: „Einverstanden, sogar sehr einverstanden“, erwidere ich, während ich in durch die Badtüre schiebe. Mit dem Fuß schließe ich die Türe und lehne mich, Nelson zu mir ziehend, von innen gegen die Tür. Das Verriegeln der Tür und das Ausziehen seines Shirts gehen fließend ineinander über und auch mein Shirt ist schnell auf dem Boden gelandet.
Die Hände gehen auf Wanderschaft, erkunden heiße Haut, stark durchblutete Brustwarzen, zarte Haare auf flachem Bauch. Elektrisierende Gefühle bauen sich zwischen uns auf. Nahezu gleichzeitig schieben wir die restlichen Textilien in Richtung Boden, erkunden die Hände das Ziel unserer Neugier, berühren wir zum ersten mal den steifen Schwanz des anderen, streichen über den Po, während die Lippen sich küssen, die Zungen miteinander spielen. Wahnsinn, der helle Wahnsinn, ein Feuerwerk der Gefühle und Empfindungen, das sich urplötzlich und ohne gezielte Handlung in glückseligen Spasmen entlädt. Unsere Bäuche werden nass, nass vom beiderseitigen Erguss und schauernd vor Lust klammern wir uns aneinander, uns erst wieder lösend, nachdem sich unser Atem beruhigt und die Anspannung gelockert hat.
„Wow, oh Jan“, meint Nelson und „oh mein Gott, das war irre“, stöhne ich leise in sein Ohr und spüre die klebrige Flut zwischen uns. „Ich liebe dich“, flüstert Nelson in mein Ohr.
Das Wasser läuft warm über uns herunter, wäscht ab, was unsere Haut klebrig und geil riechend überzog. Wir seifen uns ein, zuerst jeder sich und dann einer den anderen. Der Erfolg ist nicht zu übersehen. Steil aufragend stehen sie, die, die wir all die Zeit vorher immer schamhaft voreinander zu verbergen suchten. In voller Pracht, schön und männlich. Nelson ist beschnitten und etwas größer gebaut als ich, aber ich brauch mich auch nicht zu verstecken.
Das Einseifen und Waschen hat sich nun ausschließlich auf die Körpermitte des anderen konzentriert und zum Rauschen des Wassers gesellt sich jetzt, erst zaghaft, dann immer heftiger, unser Beider Stöhnen. Angespornt durch die Geräusche des anderen, werden die Bewegungen immer schneller, bis sich fast gleichzeitig, der Samen mit dem Schaum vermischt. Erschöpft lehne ich an der Wand, Nelson hat sich an mich gelehnt, wir haben die Augen geschlossen, fühlen einander, genießen den Augenblick, der uns bewusst werden lässt, was der Andere uns bedeutet. Unsere Lippen treffen sich erneut zu einem lieben, langen, einfach herrlichem Kuss.
Strand bei Strand
Das Essen geht in die zweite Runde und die Stimmung wird ausgelassener. Mir fällt es immer schwerer, einfach hier sitzen zu bleiben. Ich stehe auf, sage meiner Mutter: „Ich geh mal ein bisschen am Strand entlang, Mama, ich muss ein bisschen allein sein.“ Sie lächelt, fast verschmitzt, und sagt: „Geh nur ein bisschen, bleib aber nicht zu lange weg, du weißt ja, das es noch Geschenke gibt nachher und für dich ist bestimmt auch eine Überraschung dabei“. „Was soll mich schon groß überraschen, Mama, aber ich komme früh genug wieder zurück“, antworte ich und geh den Strand in südlicher Richtung entlang.
Ich gehe an der Wasserlinie entlang, so dass der ein oder andere kühle, ja fast kalte Ausläufer einer Welle meine Füße umspült. So fünfzehn bis sechszehn Grad dürfte das Wasser haben, das selten im Jahr mal neunzehn oder sogar 20 Grad Celsius erreicht. Das für fast alle Meeresstrände übliche Muschelgemisch ist auch für diesen Strand typisch und meine Augen wandern über die angespülten Teile hinweg, in der Hoffnung, ein größeres Schneckenhaus zu finden. Mit Nelson habe ich jedes Jahr hier um die Wette gesucht und wer das größte Schneckenhaus gefunden hat, der hatte gewonnen. Was würde ich jetzt geben, wenn er heute hier bei mir sein könnte.
Ferien in Deutschland
Fertig geduscht und wieder bekleidet, machen wir uns auf den Weg nach unten. Ich, das heißt, eigentlich wir, müssen mit meiner Mutter wegen der Ferien unbedingt reden. Nach der Entwicklung heute werde ich Nelson nicht alleine lassen, dann würde ich eben nicht zu Opa in den Rheingau fahren. Wir treffen Mama in der Küche, sie sitzt am Tisch, das Telefon liegt bei ihr und sie hat sich einen Kaffee gemacht. „Ihr kommt gerade richtig, ihr zwei, setzt euch mal hier hin, ich muss mit euch reden“, fordert sie uns auf, Platz zu nehmen. Wir setzen uns ihr gegenüber nebeneinander hin und schauen sie erwartungsvoll an.
„Also, ihr beiden, da ihr ja jetzt wohl eindeutig zusammen seit, muss ich euch einige Verhaltensmaßregeln aufzeigen“, fährt sie fort, „ich möchte, das ihr außerhalb des Weingutes, vor allem in der Schule, zunächst einmal nicht öffentlich rumknutscht und so weiter. Ihr wisst schon, was ich meine. Man weiß nie so recht, wie andere Leute darauf reagieren und ich möchte nicht, das ihr Ärger bekommt. Hier auf dem Gut wird es keine Probleme geben, denk ich, aber ich möchte euch bitten, euch auch hier, schon allein wegen der jüngeren Geschwister, etwas zurück zu halten.“
Nach einer kurzen Trinkpause fährt sie fort: „Ich habe ausführlich mit Opa telefoniert, habe ihm auch erzählt, wie sich das alles hier innerhalb von 24 Stunden verändert hat.“ „Mama, hast du etwa auch gesagt,..“ „Ja, was denkst du denn, das musste ich wohl und das konnte ich auch unbedenklich tun, da meine Eltern keinerlei Vorurteile in Bezug auf das Schwul sein haben. Außerdem musste er das wohl erfahren, bevor er damit konfrontiert wird, wenn ihr bei ihm Urlaub macht.“
Erst nach einer kurzen Pause realisiere ich was sie gerade gesagt hat. „Nelson darf mit??. Echt??. Oh das ist aber geil, ich werde verrückt“, und ihn hoch und in meine Arme ziehend fange ich an, zu tanzen, „Nelson darf nach Deutschland! Nelson darf nach Deutschland!“ und Freudentränen erscheinen in meinen Augen, bahnen sich einen Weg über meine Wangen, um auf meinem T-Shirt zu landen. Ich drücke ihn fest an mich und wirbele uns beide im Kreis herum, vor Freude total aus dem Häuschen.
Auch Nelson freut sich wie ein Schneekönig, tanzt mit mir im Kreis, bis er sich dann aus meinen Armen löst und sich wieder auf den Stuhl fallen lässt. Sein Gesicht ist plötzlich wieder ganz ernst, und er schaut meine Mutter an und fragt: „ Missis Marten, haben sie darüber schon mit meiner Mama gesprochen. Vielleicht ist die ja gar nicht einverstanden, das ich in den Ferien nach Deutschland fahre?“ Nun habe auch ich mich wieder hingesetzt, gespannt auf die Antwort wartend.
„Nun, natürlich habe ich Mama Mbete gefragt, ob du, wenn mein Vater damit einverstanden ist, mit Jan nach Deutschland fahren darfst und sie hat ohne lange zu zögern zugestimmt. Eurer Reise steht also nichts mehr im Wege. Allerdings müssen wir für Euch beide noch ein paar warme Wintersachen besorgen, aber ich denke, wir werden schon was Passendes finden und die Kosten werden wir übernehmen. Wir können ja nicht zulassen, das unser zukünftiger Schwiegersohn im kalten Deutschland erfriert.“
Nun ist doch wieder tanzen angesagt und auch bei Nelson sind ein paar Freudentränen sichtbar. „Ich weiß nur aus dem Atlas, wo Deutschland liegt und weiß echt nicht viel über dieses Land“, sagt er, als wir wieder einigermaßen ruhig am Tisch sitzen. „ Dann geht mal an Jans Computer und seht mal nach, bei Deutschland allgemein und dann bei Rheingau, da erfahrt ihr dann schon einiges über die Gegend, in der Opa wohnt und die ihr bald besuchen werdet“. Wir lassen uns nicht zweimal bitten:
Oben angekommen, fahre ich den Rechner hoch, Nelson hat schon einen zweiten Stuhl herbeigezogen, als der Browser auf geht. Den Google kennt ihr ja bestimmt, jetzt nur noch Rheingau eingeben und „Enter“ und schon geht die Post ab. Mehr als 10 Seiten mit je 15 Einträgen werden angezeigt: „Der Rheingau“, „Rheingauer Wein“, „Rheingau bei Wikipedia“ uns so weiter.
Wir fangen an in den Seiten zu stöbern, Bilder zu schauen, die einzelnen Orte aufzurufen, und bleiben eine Zeitlang bei „Martinsthal“, das ist der Ort, wo Opa wohnt und sein Weingut hat. Der steht sogar im Internet und ein paar Bilder sind auch dabei. Als Mutter uns zum Abendbrot ruft, wissen wir vieles über den Ort und die Region und freuen uns, dass wir zusammen dorthin fahren dürfen.
Beim Essen reden wir über unseren Ferientrip nach Deutschland, Vater erzählt von seiner Studienzeit und wie er Mutter kennen gelernt hat. Nach dem Essen meint Mama: „ Nun geht mal zu Mama Mbete und fragt, ob Nelson heute hier bei dir schlafen darf. Ich weiß zwar, das sie da wohl nichts dagegen hat, aber wenn ihr vorher fragt, macht das immer einen guten Eindruck und Nelson muss ja dann auch noch Kleider für Morgen haben.“ „OK, Mama, das machen wir“, antworte ich und will mit Nelson gleich los.
„Langsam, junger Mann, ich will euch nur noch darauf hinweisen, dass wir morgen nach der Schule in Stellenbosch noch nach ein paar Wintersachen für euch gucken müssen. Ich hoffe, das wir jetzt im Sommer auch was Passendes finden, das euch in Deutschland vor der Kälte schützt. Nelson soll Mama Mbete sagen, das sie die warmen Sachen, die er hat, mal nachguckt und raussucht, was er davon mitnehmen kann. Das muss ich mit deinen Sachen auch noch machen, Jan“, sagt sie.
Wir machen uns auf den Weg zu Mbete’s Haus, albern unterwegs rum und freuen uns riesig, das wir zusammen so eine weite Reise machen dürfen. Nur noch drei Wochen Schule, dann beginnen die Ferien und an dem ersten Montag werden wir in den Flieger steigen, den afrikanischen Kontinent teilweise überfliegen, fast über ganz Europa hinweg bis ins ferne Deutschland, es ist kaum zu fassen. Ich kann nicht anders, ich muss Nelson umarmen, ihn drücken und dann küssen wir uns schnell auf den Mund, bevor wir weiterlaufen. Wir laufen das letzte Stück um die Wette und Nelson ist mir drei Schritte voraus, als wir das Haus erreichen.
Als wir reinkommen, sitzen alle in der Küche und sind gerade fertig mit dem Essen. „Gut, das ihr kommt“, sagt Papa Jonathan: „ wir müssen mal noch ein paar Dinge besprechen miteinander. Wenn deine Geschwister nachher draußen sind, reden wir mal miteinander. Mama und ich müssen uns an die neue Situation erst mal gewöhnen, aber ich denke, das wir das hinkriegen, nicht wahr, Mama?“
Mama Mbete seufzt und meint: „Ja, Papa, wir werden uns dran gewöhnen und wenn unser Junge glücklich ist, dann bin ich es auch.“ Dabei umarmt sie Nelson von hinten und drückt ihn an ihren nicht gerade kleinen Busen. „Mein Großer wird erwachsen und ist verliebt, man, wo ist nur die Zeit geblieben“, sagt sie, „ich sehe euch Beide noch am Boden krabbeln, mit Pampers am Hintern, so, als wäre es gestern gewesen“.
Als die Geschwister die Wohnküche verlassen haben, setzt Mama sich zu uns an den Tisch. „So“, sagt sie, „jetzt wollen wir mal über alles reden. Dass ihr jetzt zusammen seid, das freut uns schon, auch wenn es wohl darauf hinaus läuft, dass ihr jetzt noch mehr zusammen sein wollt, als wie das bisher war. Dafür haben wir Verständnis, aber wir wollen auch, das wir dich, beziehungsweise Euch während einer Mahlzeit pro Tag hier bei uns haben und wir sind auch nicht traurig, wenn ihr öfter vorbei schaut.“ Papa sagt: „Wir wollen einfach, das wir euch beide täglich sehen und wissen, wie es euch geht, was in der Schule läuft und sonst noch so.“
„Papa, Mama, das ist doch selbstverständlich, wir werden das schon so machen, das ihr mit uns zufrieden seid und ich bin doch nach wie vor euer Sohn und Jan ist jetzt sowas wie ein Schwiegersohn“, ruft Nelson, „wir werden immer hier und für euch da sein, wenn ihr uns braucht.“
„Jetzt zu Eurem Urlaub, was muss denn Nelson alles mitnehmen, Jan. Müssen wir was vorbereiten, ihr fahrt ja schon in drei Wochen los. Was muss du noch kaufen, Nelson?“, will Mama Mbete wissen. „Nun, in Deutschland ist jetzt Winter, da müssen wir schon warme Sachen mit nehmen, also sollst du raus suchen, was Nelson noch hat und den Rest, der fehlt, den kaufen wir morgen in Stellenbosch mit Mama“, sage ich.
„Wir werden dir auch noch Rand geben, ich will nicht, dass Jans Eltern alles bezahlen. Das ist dann gleichzeitig unser Weihnachtsgeschenk für dich, weil ihr ja diesmal weit weg an Weihnachten seid“, sagt Mama Mbete „Danke, Mama“, sagt Nelson und freut sich, „ich habe ja auch noch Ersparnisse von meiner Mitarbeit im Wein. Das ist auch noch ein schöner Betrag, der sich da angesammelt hat.“ „Du wirst auch in Deutschland ein bisschen Geld brauchen, also gib nicht alles für Kleider aus“, meint Papa Jonathan, „wenn du ein bisschen sparsam bist, wird’s wohl reichen“. So erhalten wir in den nächsten zwanzig Minuten noch viele gute Ratschläge, bis wir dann endlich mit letzten Hinweisen über Safersex, (wir sind beide rot, das heißt, Nelson eher dunkler geworden) für den Rest des Abends und der Nacht entlassen sind.
Selbstverständlich haben wir es nicht versäumt, offiziell zu fragen, ob Nelson die Nacht bei mir verbringen darf. Das wird uns dann gestattet und so machen wir uns auf den Weg zurück. Wir sagen meiner Mutter Bescheid, dass alles Ok ist und verschwinden dann auf mein Zimmer.
Obwohl ich ziemlich sicher bin, das niemand ohne anzuklopfen herein kommen wird, schließe ich die Türe von innen ab. Nelson grinst und meint: „He, was geht denn jetzt, willst du mich verführen?“ Er nimmt mich in die Arme und küsst mich erst zart, dann immer fordernder, seine Zunge dringt in meinen Mund ein und spielt mit meiner, in meinem Bauch kribbelt es wie verrückt und noch weiter unten probt einer den Aufstand, was Nelson natürlich nicht verborgen bleibt. Es dauert nicht lange und wir liegen nackt auf meinem Bett, zärtlich schmusend und uns gegenseitig streichelnd bis die Gefühle in einem wahnsinnigen Höhepunkt über uns herein brechen.
Stoßweise geht unser Atem und nur langsam wird der Kopf wieder in das Geschehen mit einbezogen. „Wahnsinn“, flüster ich, Nelsons schlaff werdende Pracht immer noch in nasser Hand haltend, „einfach Wahnsinn!“ Seine Lippen suchen meine, ein Kuss, zärtlich und doch wie ein Stromschlag wirkend, so das ich richtig erschaure. Alles an der süßen Grenze des Erträglichen, alles bekannte weit übertreffend, einfach gigantisch. Ich schau tief in seine fast schwarzen Augen, streichel seine Brust, sein wild pumpendes Herz spürend, verreibe die Nässe auf seinem wunderschönen Körper. So dürfte es immer sein, denke ich und schließe meine Augen. Kurz darauf zeugt gleichmäßiger Atem bei uns beiden davon, das wir eingeschlafen sind.
Es ist dunkel im Zimmer und ich bin aufgewacht, weil ich mal dringend zur Toilette muss. Vorsichtig löse ich mich von meinem Schatz, mein Bauch und meine Haare unten sind verklebt und es ziept ein bisschen, als ich aufstehe. Gut, das ich ein eigenes, von meinem Zimmer aus erreichbares Bad habe, so kann ich nackt und ungestört in Ruhe pinkeln. Ich überlege, ob ich duschen soll, aber das Rauschen des Wassers kann man im nachtstillen Haus bestimmt hören und wer weiß, was meine Eltern dann daraus für Schlüsse ziehen. Das würde bestimmt einen peinlich witzigen Kommentar beim Frühstück nach sich ziehen, den ich Nelson und mir gerne erspare.
Kurz lasse ich Wasser über ein Handtuch laufen und entferne die gröbsten Spuren unserer ersten gemeinsamen Nacht, die zwar nicht sonderlich ausschweifend und lang, aber dafür einfach nur wunderschön war. Ich darf gar nicht daran denken, was wir noch so alles vor uns haben, welche Sachen wir noch miteinander und an einander machen werden.
Der „kleine“ Jan honoriert die Gedanken ungewollter weise mit einem Erheben des Hauptes, was mir jetzt eigentlich gar nicht so recht ist. Neben Nelson zu liegen mit einem Steifen, während er tief schläft, das grenzt schon an Folter, ist gar nicht prickelnd. Ich lösch das Licht im Bad und gehe leise zurück ins Bett. Dort drehe ich mich so, das mein Po an Nelsons Seite liegt und ich versuche, trotz meines steifen Gliedes wieder einzuschlafen. Der ganze Tag zieht noch einmal in Gedanken an mir vorüber, die Aufregung heute Morgen, die Freude und das Glück heute Nachmittag und heute Abend. Irgendwann bin ich dann mit einem glücklichen Lächeln wieder eingeschlafen.
Das Aufwachen, von Mutters Klopfen an der Tür und der eindeutigen Aufforderung aufzustehen eingeleitet, entpuppt sich als ein Erlebnis von bisher nicht gekannter Art. Stell dir vor, du öffnest die Augen, siehst das wunderschöne, im Schlaf glücklich lächelnde Gesicht des Menschen, den du am meisten liebst auf dieser Welt, dicht vor deinen Augen, spürst den sanften Wind seines Atems auf deinen Wangen und siehst das leichte Vibrieren seiner Nasenflügel, das ist Glück pur, ein Tagesbeginn, wie er schöner wohl kaum sein kann. Ich könnte vor Glück platzen. „Bumm, Bumm, Bumm“, dröhnen 3 Faustschläge an die Tür. Die Stimme meines Bruders ruft: „Jan, ihr sollt aufstehen, Mama wartet mit dem Frühstück. Steht auf, bevor sie sauer wird.“
Da wird es dann wohl wirklich Zeit und ich fange an, Nelson wach zu küssen. Das geht eigentlich schneller als erwartet. Er öffnet seine schwarzen Augen und strahlt mich an. „Müssen wir aufstehen“, fragt er und dreht sich auf den Rücken. Er streckt sich. „Ihhh, das klebt ja, was hast du mit mir gemacht“, sagt er und grinst spitzbübisch übers ganze Gesicht. „Los, auf wir Duschen“, sagt ich und piekst ihn in die Seite. Er wirft sich auf mich und kitzelt mich, bis mir die Tränen kommen, rollt sich über mich aus dem Bett und verschwindet im Bad. Nichts wie hinterher, denk ich und bin schon unterwegs.
In Anbetracht der Zeitnot wird schnell geduscht. Um weitere Aktionen zu vermeiden, duscht jeder für sich und nachdem ich ihm den Vortritt gelassen habe, ist er schon fertig angezogen, als ich mit dem Handtuch um die Hüften aus dem Bad komme. Ich beeile mich, bei dem schönen Wetter draußen brauch man eh nur höchstens drei Teile anzuziehen, um fertig zu sein. Noch schnell ein dicker Kuss und dann geht’s ab nach unten. Frühstück ist angesagt und alle warten schon auf uns, das heißt, nicht alle, Vater ist schon beim Abfüllen der Flaschen für einen Exportauftrag in die Schweiz. Mutter sagt, das Jonathan beim ihm ist und noch zwei Leute von der Sisule-Familie. Wir werden nach der Schule wegen der geplanten Einkaufstur nicht gebraucht, aber heute, am späten Nachmittag sollen wir auch helfen, meint meine Mutter.
Mama Mbete bringt das Frühstück auf den Tisch, gibt Nelson einen Kuss auf die Backe und streicht mir kurz über die Haare. „Habt ihr gut geschlafen“, fragt sie und schaut uns an. „Ja, Mama“, sagt Nelson und hält ihrem Blick stand, „sogar sehr gut.“ „Dann ist ja alles in Ordnung“, meint sie und lächelt leicht, bevor sie die Kanne mit dem Kaffee aus der Küche holt. Auch meine Mutter kann sich ein Lächeln, oder besser gesagt, ein Grinsen nicht verkneifen und ich, ich werde natürlich rot im Gesicht. Typisch Jan! Nelson tritt mir leicht ans Bein, kann sich aber dann auch ein Lachen nicht verkneifen und plötzlich prusten wir beide los. Gut, das wir den Mund noch leer hatten, sonst wären die Krümel jetzt überall verteilt.
Die Zwillinge verstehen natürlich nicht, warum wir so lachen müssen. Mutter wechselt geschickt das Thema und fragt die beiden, ob ihre Schulsachen vollständig sind. Nach einem etwa fünfzehn minütigen Frühstück geht’s auch schon los. „Wir müssen bei uns noch kurz halten“, ruft Nelson, „ich muss noch mein Geld holen.“ Mutter hält dann kurz, Nelson verschwindet im Haus und drei Minuten später sind wir schon wieder unterwegs. Mutter gibt Gas und biegt wie jeden Morgen gekonnt auf die Straße nach Stellenbosch ein und nach etwa zehn Minuten kommen die ersten Häuser in Sicht. Binnen kurzer zeit haben wir in der Nähe der Schule erreicht und Nelson und ich gehen über den Schulhof ins Gebäude.
Den Schultag erleben wir auf Wolke 7, sitzen wir doch schon seit ewigen Zeiten zusammen, ist es nicht auffällig, wenn wir uns berühren an den Händen oder Beinen, von der Bank verdeckt. In den Pausen verhalten wir uns wie immer und bemühen uns, unsere Gefühle im Zaum zu halten. Nach der letzten Stunde sind wir dann gleich am Treffpunkt, Mutter wartet schon mit den Zwillingen im Wagen. Los geht’s und schon bald haben auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums außerhalb der alt ehrwürdigen Innenstadt einen Platz gefunden. Wir gehen zusammen durch die große Drehtür in den Vorraum.
Wir bleiben zunächst zusammen und suchen die Kleiderabteilung auf. Bald schon stellen wir fest, dass Wintersachen im Moment fast gar nicht vorhanden sind. Nur einige wenige Stücke an warmer Oberbekleidung hängen ziemlich in der letzten Ecke auf einem Ständer und ein kleines Regal mit diversen Pullovern ist auch da.
Mit etwas Glück und nach einigen Anproben haben wir für Nelson und mich sowas wie eine Erstausstattung gefunden. „Alle, was wie hier jetzt nicht bekommen und was ihr nicht zu Hause noch habt, müsst ihr dann in Deutschland besorgen, Wintersachen könnt ihr ja dort besser kaufen, da ist ja jetzt Winter“, meint Mutter. In der Schuhabteilung finden wir dann noch mit sachkundiger Hilfe eines netten Verkäufers für jeden ein Paar gefütterte Schuhe, so dass wir für den Ansturm der ersten Kaltfront beim Verlassen des Flugzeugs in Deutschland gerüstet sind.
Während Mutter jetzt mit den Zwillingen noch ein paar Kleider kaufen will, gehen wir beide lieber in die Computerabteilung, um uns dort die Neuheiten anzusehen. Auf dem Weg dorthin liegt die Drogerieabteilung, und mir fällt ein, dass ich ja noch Gummis und Flutschi kaufen könnten. Zuerst bin ich ja noch mutig, aber als ich die etwa fünfzigjährige Dame an der Kasse sehe, erscheint es mir nicht mehr das selbstverständlichste auf der Welt zu sein, das noch nicht sechzehnjährige Teenager solche Sachen kaufen. Vielleicht sollen wir ja auch langsam an all die Sachen heran gehen, die verliebte Leute so miteinander machen können. Ich muss grinsen und Nelson stupst mich in die Seite. „Was grinst du so, Kleiner?“, fragt er. „Ich wollte Kondome und Flutschi kaufen, aber bei der Tante da hab ich mich nicht getraut“, antworte ich und wir müssen beide richtig heftig lachen
Wir haben mit Mutter eine Zeit und einen Treffpunkt abgemacht und ich habe meine Uhr so eingestellt, dass sie fünf Minuten vorher ein Signal gibt, damit wir den Zeitpunkt nicht versäumen. Gern würde ich Nelson jetzt mal in den Arm nehmen und küssen, aber bei den vielen Leuten hier am Samstagmorgen lassen wir es lieber bleiben.
Nach dem ich mir dann noch für einen günstigen Preis eine Funkmaus und eine Funktastatur gekauft habe, schlendern wir zum vereinbarten Treffpunkt und warten dort. Nach knapp zehn Minuten erscheinen Mutter und die Zwillinge und gemeinsam gehen wir zurück zum Parkplatz, um von dort zurück zum Gut zu fahren. Nach diesmal knapp zwanzig minütiger Fahrt treffen wir wieder zu Hause ein. „Ihr beiden könnt mal bei Papa reinschauen, vielleicht könnt ihr ja noch was helfen“, sagt meine Mutter, „aber bringt zuerst noch die Sachen hoch.“
Wir gehen nach oben, legen das gekaufte Zeug auf dem Bett ab und fallen uns dann zunächst mal in die Arme, zärtliche Küsse tauschend, streichelnd und schmiegend den Anderen fühlend. Es ist einfach nur wahnsinnig schön, den geliebten Freund zu spüren, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Nelson löst sich nach zwei Minuten, drückt sich von mir weg und sagt: „Schluss, sonst kann ich für nichts mehr garantieren. Ich möchte aber nicht, dass deine Eltern sauer sind auf uns, weil wir nicht helfen, erst recht heute nicht, nachdem deine Mutter mir die ganzen Kleider bezahlt hat. Wir verschieben all das, was wir uns im Moment wünschen, auf heute Abend und am späten Nachmittag gehen wir noch in den Pool, ein paar Runden Schwimmen.“
Er wendet sich von mir ab und der Tür zu und etwas verstimmt folge ich ihm nach unten, aber bereits auf der Treppe sehe ich ein, das er ja recht hat und wir noch so viel Zeit haben, unsere Liebe zu erfahren und all die Sachen zu tun, von denen wir bis heute eigentlich immer nur geträumt haben. Wir laufen beide in das Gebäude, in dem die Abfüllanlage steht und dort wird fleißig gearbeitet.
Abfüllen, verkorken, etikettieren und verpacken sind die Arbeitsgänge, die hier hintereinander ablaufen. Das geht teilautomatisch, das heißt, einer muss dafür sorgen, dass immer genug saubere Flaschen zugeführt werden. Die werden dann abgefüllt, das erfolgt maschinell und immer drei Flaschen gleichzeitig, und anschließend werden die Flaschen nacheinander verkorkt. Dann werden die Korken und der obere Flaschenhals überzogen und das Etikett auf geklebt.
Für den Überseeversand werden die Flaschen in Hüllen aus Wellpappe gesteckt, bevor sie in Kartons verpackt werden, immer sechs Stück in einen. Nach dem die Schutzhülle aus Wellpappe über die Flasche gestülpt ist müssen die Flaschen waagerecht aufs Band gelegt werden, damit sie verpackt werden können. Das Legen und das verpacken erfolgt von Hand und Nelson und ich haben das schon öfter gemacht. Im Moment machen das Papa Jonathan und Tambo Sisule, aber die werden wir jetzt mal ablösen, damit die mal eine Pause machen können. Eineinhalb Paletten sind schon fertig verpackt, so dass wir den Rest in den nächsten zwei Stunden auch noch fertig gepackt und dann alles auf unseren kleinen Lkw verladen haben.
Nach gut zwei Stunden, der Wein ist auf dem LKW, schickt uns Vater in den Feierabend. Jetzt werden schnell die Badesachen geholt und dann werden wir uns in den Pool stürzen. Wir entschließen uns, in meinem Zimmer angekommen, dazu, jeder ein möglichst weiter Badeshort anzuziehen. Ob das reicht, die optischen Reize, die wir aufeinander ausüben, im erträglichen Rahmen zu halten, muss sich erst noch zeigen. Zunächst sind wir noch allein im Pool, aber so nach und nach finden sich immer mehr Leute ein und es kommt sowas wie Partystimmung auf. Das lenkt Nelson und mich ein bisschen voneinander ab. Wir spielen mit einigen anderen Wasserball und die Zeit vergeht sehr schnell.
Papa, der mittlerweile auch gekommen ist, beginnt damit, den Grill anzumachen und bald darauf erscheinen Mama Mbete und meine Mutter mit verschiedenen Leckereien zum Grillen. Schnell sind ein paar Klapptische aufgestellt und Bänke geholt. Bald darauf zieht schon der gute Geruch von gebratenem Fleisch in unsere Nasen. Papa schickt mich und Nelson noch Getränke, Wein, Bier und alkoholfreie Sachen holen. Auch Gläser und Becher bringen wir mit und verteilen die Sache auf den Tischen. Eine zwanglose Poolparty mit vielen Leckereinen beginnt und erst spät am Abend, nach einem kurzen gemeinsamen Aufräumen gehen alle rein, beziehungsweise nach Hause.
Die nächsten Tage und Wochen sind erfüllt von Vorfreude, Vorfreude auf den Trip nach Deutschland, auf das nahende Ende des Schuljahrs, auf das Weihnachtsfest und meinen 16 Geburtstag, auf die wunderbare Liebe und die Zeit, die auf uns zukommt. Wir kennen uns seit der Pamperszeit, aber jetzt lernen wir uns aufs Neue und auf eine ganz andere Art kennen, als es jemals vorher war. Es ist alles so wunderbar schön im Moment und so neu. Täglich wird die Liebe größer, schöner, intensiver, sie wächst und macht uns zu glücklichen Menschen. Die Tage vergehen wie im Flug und die Nächte, vor allem am Wochenende, gehören uns beiden ganz allein und wir wachsen in diese neue Liebe hinein, begehren einander und schenken uns Lust und Liebe.
Der Flug ist gebucht auf den 16. Dezember 04:20 Uhr von Kapstadt noch London und von da aus nach Frankfurt. Opa will uns in Frankfurt abholen, bis in den Rheingau ist es ja nicht so weit. Am 15. packen wir im Laufe des Tages unser Gepäck, das wir mit ins Flugzeug nehmen. Einen großen Koffer hat Papa schon vor drei Tagen auf die Reise geschickt, der dürfte schon im Rheingau angekommen sein. Natürlich geht das alles nicht ohne die guten Ratschläge der Familien vorbei und Ruhe kehrt erst ein, als wir durch das Gate in den Innenbereich gehen, zu dem nur Passagiere Zutritt haben. Nacheiner Stunde etwa und einigen Kontrollen sitzen wir endlich nebeneinander in der Maschine und warten auf den Start.
Nelson ist noch nie geflogen und ich das erste und einzige Mal vor 11 Jahren, als wir Opa einmal in Deutschland besucht haben. Folglich sind wir beide etwas aufgeregt und haben auch ein wenig von dem Gefühl im Bauch, das man gemein hin als Angst bezeichnet, aber wirklich nur ein wenig. Als die Triebwerke dann hochgefahren werden, fängt die Maschine, ein großer Airbus, an zu vibrieren, es wird lauter und dann, nach Lösen der Bremsen schießt der Vogel mit einer vehementen Beschleunigung nach vorn. Nelson hat meine Hand ergriffen und schaut aus dem Fenster. Der Boden rast dahin und dann hebt der glitzernde Vogel seine Nase in den Himmel und beginnt, abzuheben. Wir fliegen! Wow, wie geil!!
Nach dem Erreichen der Flughöhe dürfen wir die Gurte lösen und ein Flugbegleiter beginnt mit der Sicherheitseinweisung. Anschließend gehen die Stewarts und Stewardessen mit Getränken durch den Flieger und wir beide nehmen eine Coke. Auf einem kleinen Bildschirm, der am Sitz des vor uns sitzenden Passagiers befestigt ist, können wir Filme gucken. Zwölf Programme stehen zur Auswahl, unter anderem auch „Herr der Ringe“. Den schauen wir jetzt erst mal an, haben wir doch über neun Stunden Zeit bis nach London zu überbrücken und schlafen können wir im Moment vor Aufregung wohl noch nicht. Der Flug verläuft ohne Zwischenfälle, nach dem wir gegessen haben, sind wir doch eingenickt und erst die Aufforderung zum Anschnallen zur Landung hat uns in die Realität zurück geholt.
Landung in London, kalt und diesig ist die Luft draußen, wir sind viel zu leicht angezogen und frieren zunächst einmal heftig. In dem Raum im Flughafen, indem wir warten müssen, ziehen wir uns dann was Warmes über. Etwa dreißig Minuten müssen wir warten, bis wir zu unserem neuen Flieger gebracht werden. Erst jetzt bekommen wir so richtig mit, wie riesig der Flughafen Heathrow ist. Auf 1600 Hektar gibt es 3 Start- und Landebahnen und 5 Terminals für Flüge in alle Welt. An Bord einer Maschine der Deutschen Lufthansa starten wir zum letzten Teil unseres Fluges und wir hoffen, dass mein Opa auch pünktlich in Frankfurt ist, um uns abzuholen.
Zwei Stunden später, gegen 16:30 Uhr, sind wir gelandet, ausgecheckt und warten auf unser Gepäck. Mutter hatte mir ein neueres Bild von Opa mitgegeben und hat auch Bilder von Nelson und mir an Opa gemailt, damit wir uns auch erkennen nach soviel Jahren. Wir haben zwar immer mal Bilder ausgetauscht über das Internet, aber hier und jetzt bin ich froh, dass ich ein Bild dabei habe. Nachdem wir unser Gepäck auf einen Trolly gepackt haben, schieben wir mit diesem in Richtung Ausgang und sobald wir die Kontrolle passiert haben, schauen wir uns nach Opa um. Gleich darauf bemerken wir einen rüstigen Mann um die Sechzig, der, ein Bild in der Hand, zügig und winkend auf uns zu kommt.
„Jan“, ruft er und die Freude ist ihm deutlich anzusehen, „und Du musst Nelson sein. Herzlich willkommen in Deutschland. Wir freuen uns, das ihr da seid.“ Opa Johannes ist richtig aufgeregt und er umarmt uns beide nacheinander. „Hattet ihr einen guten Flug und wie geht es den Anderen?“fragt er. „Langsam Opa, lass uns doch erst mal ankommen“, sage ich lachend, „ja, der Flug war OK, nur in London haben wir gefroren, weil wir noch Sommerkleidung anhatten. Ansonsten geht es allen zu Hause gut.“
Nelson beim Arm nehmend sag ich zu Opa: „Mama hat dir ja gesagt, was Nelson und mich verbindet und wir sind froh, das wir trotzdem oder aber gerade deswegen zusammen kommen durften. Dafür bedanken wir uns bei dir und auch bei Oma, aber das werden wir ihr noch selber sagen. Und nun lass uns zum Auto gehen, für heute haben wir Flughafen genug gehabt.“ „Dann los, mir nach“, sagt Opa und ab geht es in Richtung Ausgang. Draußen wundern wir uns, dass Opa einem Taxi winkt. „Fahren wir im Taxi in den Rheingau, ist dein Auto kaputt, Opa?“, frage ich.
„Nein, das heißt, wir fahren ein paar Kilometer mit dem Taxi, das Auto habe ich bei einem Bekannten abgestellt, unweit der Autobahn, das ist für mich besser, als wenn ich hier bei diesem Verkehr auch noch einen Parkplatz suchen und teuer bezahlen muss. So komme ich stressfrei zum Flughafen und auch wieder zu meinem Auto ohne mich aufzuregen, “ sagt Opa und setzt sich im Taxi nach vorn, während Nelson und ich hinten einsteigen, nach dem das Gepäck verstaut ist. Opa gibt das Fahrziel an und los geht es. In Frankfurt ist mindestens soviel Verkehr wie in Kapstadt, nur die teils abenteuerlich aussehenden Fahrzeuge, die dort fahren, sieht man hier nicht.
Nelson hat meine Hand genommen und streichelt mich. Ich bin dankbar für diese kleine Zärtlichkeit und streichel seine Hand auch. Schon viel zu lange haben wir uns nicht mehr geküsst und ich bin froh, wenn wir in Opas Auto sitzen. Nach etwa fünfzehn Minuten Fahrzeit erreichen wir den Platz, an dem Opas Auto abgestellt ist. Wir laden das Gepäck um, Opa bezahlt das Taxi und dann steigen wir in Opas Wagen. Er fährt einen Audi A6, ein nobles Auto und Nelson und ich sind von diesem Gerät echt begeistert. Opa schmunzelt und guckt in den Spiegel, als wir uns beide nach hinten setzen.
Es ist jetzt 17:25 Uhr und es ist schon fast ganz dunkel und Opa lenkt den Audi in Richtung Autobahn. Nach 15 Minuten fahren wir auf die Autobahn auf und Opa fährt jetzt im dichten Feierabendverkehr in Richtung Wiesbaden. Nelsons Hand kommt im Dunkeln und legt sich auf meinen Oberschenkel. Dort fängt sie an zu streicheln und das tut mir sehr gut. Ich revangiere mich und lehn mich gleichzeitig zu ihm rüber und lege meinen Kopf auf seine Schulter. Sein Geruch macht mich glücklich, ich bin süchtig danach, glaube ich. Er neigt seien Kopf ebenfalls herüber und nun kann ich nicht mehr anders, ich muss ihn küssen. Wir schmusen miteinander, genießen die Berührungen, die wir uns den ganzen Tag verkneifen mussten, streicheln uns. Trotz Sicherheitsgurt sind wir dicht zusammen gerückt. Das Brummen des Motors, das vibrieren lässt unsere Augen schläfrig werden und aneinander gelehnt gleiten wir in das Reich der Träume.
Das Brummen ist verstummt, die Augen öffnend registriere ich, dass wir wohl angekommen sind. Opa ist schon ausgestiegen und durch die geöffnete Wagentür strömt Eiseskälte ins Auto, die uns sofort den Schlaf aus den Gliedern scheucht. Wir rappeln uns auf, ich schaue auf die Uhr, 19:00 ist es. Wir lösen die Gurte und steigen ebenfalls aus. Vor uns steht das große Haus, beleuchtet, im Hintergrund die Wirtschaftsgebäude, ein schönes Anwesen, an dessen Einzelheiten ich mich nicht mehr so recht erinnern konnte.
Die Haustür öffnet sich und Oma Irene steht da, lacht übers Gesicht, Freude leuchtet aus ihren Augen. An ihr vorbei springt plötzlich bellend ein großer deutscher Schäferhund auf uns zu. Nelson greift nach mir und schiebt mich vor sich. Hunde hat er seit einer schlechten Erfahrung vor etwa 10 Jahren nicht mehr so gern. Der Hund will an mir hoch springen, aber Opa ruft nur „Sitz“ und der Hund setzt sich schlagartig vor mir auf den Boden. Er schaut mich an, wedelt den Schwanz über den Boden und miefert laut. Oma lacht, als sie sieht, das Nelson sich hinter mir versteckt. Sie sagt: „Der tut dir nichts, hab keine Angst. Der freut sich nur, das Besuch kommt.“ Opa ruft: „Artus, komm her“, worauf der Hund schwanzwedelnd aufsteht und zu Opa geht. „Brav“, sagt Opa und, „Platz“ und Artus legt sich neben Opa auf den Boden.
Wir gehen auf sie zu, sie kommt uns zwei Stufen herunter entgegen. Sie umarmt mich, schaut mich an, dann drückt sie mir einen dicken Kuss auf den Mund. „Jan, schön, dich endlich mal wieder im Arm zu haben. Herzlich willkommen!“, sagt sie. Dann wendet sie sich Nelson zu, nimmt auch ihn spontan in den Arm drückt ihn. „Du musst Nelson sein, sei auch du herzlich willkommen hier bei uns und fühlt euch beide wie zu Hause hier“, sagt sie und dann drückt sie im auch einen dicken Kuss auf den Mund.
„Nun aber rein mit euch in die Stube, ihr habt bestimmt Hunger nach der langen Reise. Der Tisch ist gedeckt“, sagt Oma und schiebt Nelson gleich Richtung Eingang. Während dessen hat Opa schon unser Gepäck ausgeladen und trägt die Sachen ins Haus. Bevor ich Oma und Nelson folge, nehme ich das restliche Gepäck und folge Opa ins Haus. Wir stellen das Gepäck in der großen Diele ab und gehen ins Esszimmer, das nur durch ein großes Büffet von der Küche getrennt ist. Es riecht nach Tee und geräuchertem und nach frischem Brot. Nach dem wir Platz genommen haben, fordert uns Oma auf zuzugreifen. Dem leisten wir gern Folge und essen von den aufgetischten Köstlichkeiten. Der Hund hat sich auf eine, wohl für ihn bestimmte Decke neben der Eckbank hingelegt und lauscht.
Während des Essens wird nur wenig gesprochen und erst, nachdem wir mit Oma den Tisch abgeräumt haben, geht’s ans Erzählen. Alles will Oma wissen, wie der Flug war, was Mama und Papa machen und die Geschwister, wie ich Nelson kennengelernt habe und wie es in der Schule läuft und so weiter. Wir erzählen abwechselnd, Nelson fühlt sich offensichtlich sehr wohl hier bei Oma und hat keine Berührungsängste, wie alles zu Hause läuft und das wir uns schon kennen, seit wir Pampers trugen und auch, das wir halt erst seit ein paar Tagen fest zusammen sind. Als Oma die Geschichte der letzten Tage hört, die ja damit begonnen hatte, das ich nach Deutschland flüchten und erst mal nachdenken wollte, lacht sie herzhaft und auch Opa kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen.
„Da können wir ja froh sein, Jan, das du dich in Nelson verliebt hast, sonst wärst du, und er natürlich auch, nicht hier her gekommen zu uns auf Besuch“, sagt Oma, „wir waren so froh, als deine Mutter angerufen hat und erzählt hat, das du gerne kommen willst. Trotz E-Mail und Computer mit Messenger sind wir froh, euch beide in Natura hier zu haben und dich nach so langer Zeit mal wieder in den Arm nehmen zu können, diesmal sogar mit Zugabe. Nelson, du bist in unserer Familie herzlich willkommen und es gibt glaub ich, niemanden, der ein Problem damit haben wird, das ihr beide euch liebt. In unserer Familie war und ist Toleranz immer noch eine der größten Tugenden, haben wir doch auch früher schon Verwandte und Freunde gehabt, die sich in Menschen des gleichen Geschlechts verliebt haben.“
Opa hat die ganze Zeit zu Ihren Ausführungen genickt und sagt nun: „Ich unterstütze alles, was Oma jetzt gesagt hat, seid ihr selbst hier bei uns, ihr braucht euch hier auf dem Gut und bei unseren Verwandtenbesuchen nicht zu verstecken. Wie ihr das in der Öffentlichkeit handhabt, überlasse ich euch, weise aber darauf hin, das es auch in Deutschland immer noch Menschen gibt, die Schwul sein für etwas Abartiges halten und entsprechend reagieren. Eine gewisse Vorsicht an Orten, an denen sich viele Menschen aufhalten, kann nicht schaden.“
„OK, Opa“, sag ich daraufhin, „wir werden euch schon keinen Kummer machen und unser Verliebt sein in der Öffentlichkeit nicht zeigen. Wir sind schon froh, dass wir bei Euch wenigstens wir selbst sein können. Wisst ihr, für uns ist das ja auch alles so neu und aufregend, und eine gewisse Vorsicht werden wir auch zu Hause in Südafrika walten lassen, denn auch dort gibt es noch einige ewig Gestrige, die lieber heute als morgen wieder die Zustände der Apartheid mit all ihren Widerwärtigkeiten einführen möchten. Denen sind natürlich Schwule schlechthin, und dann erst solche, die in einen Andersfarbigen verliebt sind oder so, mehr als nur ein Dorn im Auge und Gewalttätigkeiten sind nicht selten.“
Wir sind satt und helfen Oma dabei, den Tisch abzuräumen. Opa meint: „Wenn ihr fertig seid, zeig ich euch das Zimmer, wir sind davon ausgegangen, das ihr nur eins braucht. Das große Zimmer oben hat ein eigenes Duschbad und ein großes Doppelbett, so das es euch an nichts fehlt.“ Dabei kann er sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, der Schlawiner. Nachdem wir fertig sind, schnappen wir unser Gepäck und Opa zeigt uns, wo wir die nächsten 5 Wochen schlafen und wohnen werden. Das Zimmer ist groß, etwa vierundzwanzig Quadratmeter, und hat außer dem großen Bett noch eine Sitzecke mit einem kleinen Tisch, einen Fernseher und einen Schreibtisch, auf dem sogar ein TFT-Monitor steht.
Der dazugehörige Computer steht untendrunter und auf meinen erstaunten Gesichtsausdruck hin meinet Opa: „Wir haben gedacht, wir stellen einen Rechner hier her, damit ihr Verbindung nach Hause halten könnt und das ihr auch so halt gerne mal am Computer seid, um zu surfen oder sonstwas zu machen. Ich nehme Opa in den Arm, drücke ihn und sage: „Mensch, Opa ihr habt ja wirklich an alles gedacht und verwöhnt uns hier nach Strich und Faden.“ Er meint:“ Ich lass euch mal auspacken, wenn ihr Lust habt, dann könnt ihr ja später noch auf ein Glas Wein herunter kommen. Ach, und bevor ich es vergesse, was ihr vielleicht sonst noch so braucht, liegt glaub ich in der Nachttischschublade.“ Dann ist er auch schon durch die Tür und man hört seine Schritte auf der Treppe verklingen.
„Was hat er jetzt wohl damit gemeint?“, fragt Nelson und geht zum Nachttisch. Neugierig zieht er die Schublade auf, wird etwas dunkler im Gesicht und fängt dann aber doch an, süffisant zu grinsen. „Oha“, sagt er, „deine Großeltern haben wirklich an alles gedacht.“ Ich bin mittlerweile auch Richtung Nachtisch gegangen und schaue Nelson über die Schulter und sehe, gleichfalls leicht rot werdend, eine große Schachtel Kondome und eine Tube mit einem Gleitmittel. Nelson hat sich umgedreht, zieht mich an sich und murmelt in mein Ohr: „Ich glaube, das werden sehr lehrreiche und unterhaltsame Ferien hier in Deutschland und wir werden den südafrikanischen Boden nicht mehr als Jungfrauen betreten.“ Ein dicker Kuss versiegelt seine Lippen und meine Hände, seine genau so, streichen über den Rücken bis runter zum Po und verweilen dort knetend und streichelnd eine Zeit lang.
Wir schauen uns tief in die Augen, ich sehe so viel Liebe in seinen, mein Herz klopft wie verrückt, wieder küssen wir uns. Er löst sich von mir schaut mich an und sagt mit dunkler Stimme: „Wir machen besser später weiter, sonst kommen wir heute nicht mehr zu einem Glas Wein. Ich denke, sie haben es verdient, das wir noch runter gehen zu Ihnen und das Andere läuft nicht weg. Wir haben ja noch so viele Tage und Nächte hier. Da kommt es auf ein, zwei Stunden nicht an und bevor wir nach her ins Bett gehen müssen wir eh noch Duschen. Also gehen wir jetzt am besten runter, wenn wir alles eingeräumt haben“. Die Sachen sind schnell verstaut und wir machen uns auf den Weg nach unten.
Opa und Oma sitzen im Wohnzimmer, der Fernseher läuft, wird aber von Oma gleich ausgeschaltet, nachdem wir erschienen sind. „Setz Euch, ihr beiden“, sagt Opa, „was möchtet ihr trinken? Wein oder lieber was anderes?“ „Zu Hause dürfen wir auch ab und zu abends ein Glas Wein trinken, Opa“, sag ich, „also ich möchte mal euren Wein probieren.“ Und du, Nelson?“ fragt Oma. „Ich möchte das gleiche trinken, wie mein Schatz hier“, antwortet der und drückt mir einen Kuss aufs linke Ohr. „Gut“, sagt Opa, „ ich habe hier einen Riesling, der heißt „Martinsthaler Wildsau“, es ist ein Kabinettwein und uns schmeckt er sehr gut“. Er schenkt uns jedem ein Glas ein und wir sind gespannt auf den Rieslinggeschmack und wie er sich von unseren Weinen in Südafrika unterscheidet.
Wir kosten, Nelson schlürft hörbar den Wein durch die Zähne, so wie es Jonathan und mein Vater immer tun und auch ich ziehe Luft und damit Sauerstoff durch den Wein in meinem Mund. Erst so entfaltet er seinen vollen Geschmack. Uns schmecken die intensiven, feinen Säuren, die den Riesling so köstlich machen und nach dem Runterschlucken schmeckt er noch lange nach. Diesen Nachgeschmack nennt der Kenner „Schwänzchen“ und spätestens jetzt weiß jeder, warum es „der“ Wein heißt. Das alles geht mir beim Trinken des ersten Schlucks durch den Kopf und ich kann mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. „Gut ist der Wein, Opa, richtig gut“, sage ich und nehme gleich noch einen Schluck. Nelson nickt, schweigt und genießt den zweiten Schluck noch intensiver, wie den Ersten.
Nun geht es los, sag ich mal ganz salopp. Oma und ab und zu auch Opa fragen uns förmlich Löcher in den Bauch. Alles, aber auch jede kleinste Kleinigkeit über uns, unsere Familie und über unser Leben in Südafrika wollen sie wissen. Oma erzählt zwischendurch davon, wie mein Vater hier um meine Mutter geworben hat und sie dann nach der Hochzeit mit ihm nach Südafrika gegangen ist. Sie hatte damals große Ängste um sie und vollkommen falsche Vorstellungen von dem fernen Land. Das ist mittlerweile ganz anders und der Kontakt über Telefon und Internet ist heute gut und regelmäßig, so das sie eigentlich fast alles, was sie uns jetzt fragt, mindestens zum Teil schon weiß. Aber ihr geht es wohl auch in erster Linie um die Unterhaltung und auch Nelson und ich erfahren einiges über die Zeit des Verliebt seins meiner Eltern vor über zwanzig Jahren hier im Rheingau.
Nach ungefähr zwei Stunden sind wir dann doch so müde, das wir ins Bett gehen wollen und auch die Großeltern haben Verständnis dafür, das wir nach dem langen Tag und der weiten Reise dringend ein paar Stunden Schlaf brauchen. „Schlaft euch aus, Jungs“, sagt Opa, „ihr habt ja Ferien und nach der Anstrengung heute habt ihr Ruhe verdient. Oma macht euch Frühstück, wenn ihr aufgestanden seid.“ Wir sagen den beiden gute Nacht und gehen zusammen nach oben. Als wir an Artus Decke vorbei gehen hebt dieser den Kopf und verabschiedet uns mit einem „Wuff“. Oben angekommen, wird jetzt zunächst mal ein bisschen geknutscht, mit dem Rücken an der Zimmertür, dann beschließen wir, beide noch schnell duschen zu gehen, bevor wir in das große Bett gehen wollen. Also ziehen wir uns beide schnell aus und nur mit einer Shorts bekleidet suchen wir das Bad auf. Nelson geht vor mir und ich ergötze mich am Anblick seines strammen Hinterns und auch Kleinjan scheint das zu Sehende gut zu gefallen. Shorts aus und dann ab, beide in die Dusche und auch Kleinnelson scheint der Anblick von Kleinjan nicht kalt zu lassen.
„Du hast ne Latte“, kichert Nelson und fährt mit seinem Zeigefinger an meine Schwanzspitze. „Du auch, du Knaller“, lache ich und greife richtig zu. Ich zieh in ganz nah an mich heran, und ihn küssend, reibe ich seinen Schwanz an meinem. Er legt einen Arm um mich, küsst mich wahnsinnig intensiv und dreht mit der freien Hand das Wasser auf. Ein zuerst eiskalter Regen rauscht auf uns hernieder und wir fahren erschrocken und nach Luft schnappend auseinander. Nelson versucht wie wild, das Waser wärmer einzustellen, während ich lachend einen Satz aus der Duschkabine mache.
Als er das Wasser dann endlich richtig eingestellt hat, steige ich wieder zu ihm in die Kabine. Wir umarmen uns und lassen die angenehm heißen Strahlen über uns herunter rieseln. Unsere Lippen finden sich und unsere Hände gehen auf Wanderschaft, und landen dort, wo der kalte Guss sie vorhin weg gerissen hat. Wir genießen die Berührungen des Andern und auch den warmen Regen und es dauert nicht allzu lange, bis das Ergebnis der Erregung mit dem ablaufenden Wasser in Richtung Rhein auf den Weg geschickt wird. Uns einander erschöpft festhaltend, macht sich die Anstrengung des Tages noch stärker bemerkbar und wir beschließen, uns abzutrocknen und schnellst möglich ins Bett zu kommen. Wir trocknen uns ab, dabei jeder den Rücken des anderen und gehen zurück ins Zimmer.
Wir ziehen unsere Nachtwäsche, ein Shirt und eine Shorts, an und kriechen unter die warmen Decken des großen Bettes. Ich habe vorher die Heizung noch etwas herunter gedreht, weil wir es nachts nicht gern so warm haben im Zimmer. Nelson hat sich schon bis zum Hals zugedeckt und hält jetzt die Decke an der Seite hoch, so dass ich direkt zu ihm krabbeln kann. Nach einem langen Gutenachtkuss und einem „Schlaf gut, mein Schatz, ich liebe dich“ lösche ich das Licht und wir kuscheln uns eng aneinander. Ich liege auf der Seite und Nelson hat sich hinten an mich geschmiegt und so liegen wir wie zwei Löffel und so schlafen wir dann auch bald ein.
Ein Kitzeln an der Nase weckt mich und das durch die Ritzen der Rollladen einfallende Licht zeigt mir, das es schon Tag ist. Das kitzeln kommt von Nelsons Haaren, liegt er doch mit dem Kopf an meiner Brust und seine Haare berühren bei jedem Atemzug meine Nase. Ich drehe mich vorsichtig zur Seite und betrachte meine große Liebe beim Schlafen. Er ist einfach wunderschön und wenn er schläft, sein Gesicht ganz entspannt ist, sieht er für mich aus, wie ein Engel – wie mein Engel.
„Dich geb ich nie mehr her, Nelson Mbete“, flüstere ich in seine Haare. „Ich dich auch nicht, Jan Martens“, flüstert er zurück und grinst mich plötzlich an. „Oh, du bist wach und belauscht mich heimlich. Na warte“, sage ich und fange an, ihn kräftig zu kitzeln. Er fängt an zu quieken, wie ein Ferkel und windet sich um dann plötzlich mit seinem ganzen Gewicht auf mich zu springen und jetzt bin ich es, der quiekt. Ich habe ja schon mal erwähnt, das Nelson etwas größer und kräftiger ist, als ich es bin und diese Überlegenheit spielt er jetzt voll aus und ich muss aufpassen, das ich mir nicht vor lauter Lachen in die Hose pinkel. „Aufhören, Stopp!“, rufe ich, „ich pinkel mir in die Hose.“ Lachend und prustend lässt er von mir ab und wälzt sich schnell aus meiner Nähe auf das andere Teil des Bettes hinüber. Ich steh schleunigst auf und renne ins Bad um erst mal den Druck los zu werden.
Nach 3 Minuten klopft es. „He, bist du fertig, ich muss auch mal da rein“, ruft Nelson von außen. „Komm doch rein, ist offen und ich habe keine Geheimnisse vor dir“, rufe ich lachend. „Na dann“, sagt er, die Türe öffnend und ,“Oh“, als er mich nackt da stehen sieht, mit einem Bein schon in der Dusche, „da komme ich ja grade noch rechtzeitig, um mit einem gewissen Herr Martens zu duschen“. „Aber erst, wenn du pinkeln warst“, antworte ich und schiebe die Kabinentüre vor seiner Nase zu. Ich drehe das Wasser auf, darauf achtend, keinen kalten Guss ab zu kriegen, so wie gestern. Als das Wasser richtig ist, geht auch die Türe auf und der nackte Herr Mbete kommt zu mir in die Dusche.
Nach einer ausgiebigen Dusche, bei der wieder bestimmte Teile sich der besonderen gegenseitigen Aufmerksamkeit erfreuen dürfen – eigentlich soll man ja am frühen Morgen den Mund noch nicht so voll nehmen – trocknen wir uns gegenseitig ab und ziehen uns warm an. Dann machen wir uns auf den Weg nach unten, jedoch nicht, ohne vorher das Bett gemacht und unsere Sachen ordentlich hingelegt zu haben. Oma soll nicht denken, das ihr Enkel und sein freund schlampig und unerzogen sind. Oma werkelt in der Küche und begrüßt uns erfreut, als wir herunterkommen. „Guten Morgen, ihr Beiden. Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen in dem fremden Bett. Setzt euch hin, ich mach Euch Frühstück.“ „Morgen Oma“, sage ich und auch Nelson hat automatisch „Oma“ gesagt. Er wird rot und sagt. „Entschuldigung, Frau..“. Er weiß im Moment nicht, wie Oma mit Nachnamen heißt. „Du kannst ruhig Oma zu mir sagen und Opa zu meinem Mann. Das würde uns sehr freuen und so abwegig ist das ja auch nicht, wo ihr doch fest zusammen seid“, sagt Oma und Nelson antwortet strahlend: „Gerne Oma, das freut mich“.
Wir setzen uns an den Tisch und Oma stellt lauter gute Sachen vor uns hin. „Wollt ihr Kaffee oder lieber Kakao?“, fragt sie. „Nelson ist eine Kaffeetante, ich möchte lieber Kakao“, sage ich. „Gut“, sagt Oma, „ das haben wir gleich“. Es dauert nur ein paar Minuten, dann sind unsere Wünsche erfüllt. „Jetzt langt mal kräftig zu, in eurem Alter muss man doch immer Hunger haben“, sagt Oma und stellt noch Milch und Zucker auf den Tisch. „Lasst es euch gut schmecken, ich geh mal noch nach der Wäsche schauen, ich habe heute morgen schon eine Maschine gewaschen, die muss ich jetzt mal aufhängen“, sagt Oma und lässt uns zwei allein.
Wir beginnen mit dem Frühstück und fangen an uns mit kleinen Stückchen gegenseitig zu füttern. „Ich sehe, die jung Verliebten sind ja endlich aus den Federn gekrochen“, kommt es von Opa, der unbemerkt von uns beiden von draußen herein gekommen ist. „Morgen Opa“, tönt es von uns beiden im Chor, wobei einige Krümel aus den vollen Mündern den Weg ins Freie finden. „Wenn ihr fertig seid mit Frühstück, dann fahren wir nach Wiesbaden“, sagt Opa, „Charlotte hat mir am Telefon gesagt, das ihr noch warme Kleider braucht. In Wiesbaden kaufen wir immer ein und das ist auch nicht so weit, wie nach Mainz. Dort findet ihr alles, was ihr noch braucht, für die kalte Zeit hier bei uns“. „Shopping, Klasse, schon wieder“, ruft Nelson, jetzt mit leerem Mund, „es ist ja auch bald Weihnachten und dann haben wir ja auch noch beide Geburtstag in der Zeit, wo wir hier sind“.
Richtig, das hätte ich ja fast vergessen, mein Geburtstag war am 26.12. und der Geburtstag von Nelson war der 7. Januar. Da die Schule erst wieder am 15. Januar beginnt, werden wir erst wieder am 10. Januar zurückfliegen, werden wir unsere Geburtstage wohl beide hier bei Oma und Opa feiern. Natürlich müssen noch einige Geschenke besorgt werden. „Das müssen wir aber dann schon ein bisschen feiern“, meint Opa, der sich zu uns an den Tisch gesetzt hat, „ bis dahin habt ihr ja dann auch noch einige Leute von der Verwandtschaft kennengelernt. Da sind auch welche in eurem Alter dabei, und wenn ihr die einladen wollt zum Feiern, dann machen wir eine Party oder vielleicht auch zwei.“
Wir sind begeistert und bedanken uns sehr bei Opa. Wir sind mit dem Frühstück fertig und räumen die Sachen vom Tisch. Das Geschirr stellen wir auf die Arbeitsplatte, Opa will das so. Er sagt: „Die Spülmaschine räumt die Oma am liebsten selber ein, sie ist der Meinung, das Männer dafür kein Geschick haben“. Die Lebensmittel räumen wir aber doch in den Kühlschrank, bevor uns Opa hochschickt, unsere Jacken und unser Geld zu holen. Da fällt mir ein, dass wir ja noch alles in Rand haben und noch auf einer Bank wechseln müssen. Das sage ich Opa, bevor wir ins Auto steigen und er meint: „Kein Problem, das machen wir am besten noch schnell hier auf der Sparkasse, bevor wir nach Wiesbaden fahren.“
Und schon geht’s los, unten im Ort in der Sparkasse ist Opa bestens bekannt und als der Angestellte hört, das ich ein Sohn von Opas Tochter Susanne bin, ist der Mensch noch mal so freundlich und im Gespräch kommt raus, das er eine Klasse über meiner Mama in die selbe Schule gegangen ist und sie sich früher gut kannten. Er wechselt uns die Rand in Euro, ungefähr 13 Rand sind ein Euro.
Wir wechseln jeder Viertausend Rand und bekommen dafür etwas mehr als 300 Euro, das ist etwa die Hälfte von dem Geld, das wir mitgenommen haben. Der größte Teil davon ist Lohn von Papa, für die Hilfe beim Wein machen. Nach einer netten Verabschiedung mit dem Auftrag, die besten Grüße von Volker Schneider, so heißt der Sparkassenmensch, an meine Mutter zu übermitteln, sitzen wir wieder im Auto und düsen mit Opa nach Wiesbaden.
Der Kleiderkauf geht relativ flott über die Bühne, die Auswahl ist groß und wir kaufen das ein, was wir für nötig erachten. Opa besteht auch auf dem Kauf von langer Unterwäsche. Zuerst waren wir skeptisch, aber dann haben wir doch was ganz passables gefunden, schwarz und eng anliegend, schon fast ein bisschen sehr erotisch. Ich stelle mir gerade Nelsons Hintern in einer dieser schwarzen engen Hosen vor.
Schnell verdränge ich den Gedanken, sehe ich doch an seinem Gesicht, das er die gleichen Gedanken hat und das es in der Lendengegend zu ersten Reaktionen kommt. Wir prusten beide los und Opa, der nichts davon mit bekommen hat, schaut uns ganz erstaunt an. Gegen unseren, ich gebe zu, schwachen Protest, hat Opa die gesamten Kleider bezahlt. Wir haben ihn umarmt und ihm einen dicken Kuss auf die Backe gegeben. Dabei haben wir festgestellt, auch Opas können noch rot werden.
Nun heißt es, nach Geschenken suchen und das geht ja wohl schlecht zusammen. Opa macht sich so seine Gedanken, wie das zu arrangieren ist. „Ich schlage vor“, sagt er, „ihr schaut euch zunächst mal hier im Kaufhaus um, jeder für sich. Ich setze mich in die Cafeteria und warte dort auf euch. Sagen wir mal, so nach einer Stunde, oder wenn ihr schon früher alles gefunden habt, kommt ihr wieder hier her. Dann sehen wir weiter. Die Kleidertüten behalte ich bei mir, dann habt ihr alle Hände frei und braucht auf nichts aufzupassen. Passt auf euer Geld auf und jetzt ab mit Euch“. Wir machen uns auf den Weg, zunächst noch zusammen, dann trennen wir uns und jeder sucht zunächst mal durch die einzelnen Abteilungen.
Als ich nach einer Stunde zurück komme, habe ich für Oma und Opa, aber auch für Nelson ein Weihnachtsgeschenk gekauft und auch gleich schön verpacken lassen. Ein Geburtstagsgeschenk für Nelson habe ich noch nicht, aber wir werden bestimmt noch mal zum Shoppen gehen, bevor er Geburtstag hat. Im Moment ist mir auch nichts Passendes eingefallen.
Nelson kommt etwa 10 Minuten später, auch mit einer Tüte und sagt: „So, Kersfees kann kommen und Geburtstag auch, Massa. Nelson ist gerüstet Massa, sehr gut gerüstet Massa Jan“. Opa lacht und auch ich kann nicht ernst bleiben, als Nelson mal wieder seine Kaffernshow abzieht. Unsere Tüten aufnehmend gehen wir dann immer noch lachend Richtung Ausgang und fünfzehn Minuten später sind wir um einige Euro leichter auf dem Rückweg nach Martinsthal. Dort wartet Oma schon mit dem Mittagessen auf uns.
Nach dem Essen, es war sehr lecker, tragen wir unsere Tüten nach oben, aber nicht, ohne Oma vorher die Kleider gezeigt zu haben. Sie ist von unserer Auswahl sehr angetan und freut sich, dass wir alles gefunden haben, was wir brauchten. Wir tragen die Sachen nach oben und ich habe jetzt nur noch einen Gedanken. Ich will meinen Nelson in einer dieser eng anliegenden schwarzen Unterhose sehen. „Schatzi“, sag ich ganz lieb, „tust du mir bitte einen Gefallen?“ „Gerne“, antwortet er, „ was soll ich denn tun?“ Ich werfe im eine von den schwarzen langen Dingern zu und sage: „ Geh mal ins Bad, zieh alles aus und dann die hier an. Ich will sehen, wie so was an dir aussieht. Allein die Vorstellung hat mir im Kaufhaus schon fast einen Steifen gemacht“.
„Du schön, groß Lüstling bist, Massa, du wollen arm Kaffer Nelson verführen, Massa, Nelson sollen anziehen schwarze Buxe, damit Massa werden geil, oh Massa was soll das werden, Massa, Oh, Nelson ahnen Schlimmes, Massa“, zieht er wieder voll die Kaffernshow ab. Sich bei jedem „Massa“ verbeugend, geht er rückwärts Richtung Bad. Ich muss so lachen, dass ich mir fast in die Hose pinkel. Die Tür hinter ihm schließt sich und ich setze mich aufs Bett, gespannt wartend, merke ich, das mich das Ganze sehr anmacht und Kleinjan reckt sich schon mal in der Vorfreude auf die folgende Show.
Als sich die Türe wieder öffnet und er herein kommt, stockt mir der Atem. Sein freier, muskulöser, sehr schön proportionierter Oberkörper und dann knapp unterm Bauchnabel beginnend dieses eng anliegende, elastische, nichts verbergende schwarze Teil, deutlich ist sein halbsteifer Schwanz zu sehen, jede Einzelheit, so als wäre er fast nackt. Er dreht sich aufreizend vor mir und zeigt mir so den von dem schwarzen Ding wie von einer zweiten Haut umspannten Hintern, der jetzt für mich noch geiler wirkt als sonst schon. Mir platzt bald die Hose und ich will mich auf ihn stürzen. Er macht eine abwehrend Handbewegung und sagt: „Stopp, mein Schatz, gleiche Waffen. Jetzt ziehst du auch so ein Ding an und dafür brauchst du auch nicht mehr ins Bad zu gehen. Also Los!“
Er geht zur Türe und dreht den Schlüssel rum, während ich mir die Kleider vom Leib reiße. Schnell bin ich nackt und greife nach dem schwarzen Ding und ziehe es an. Ich habe natürlich Schwierigkeiten, mein Teil, das sich steil nach oben reckt, mit in der Hose unter zu bringen, aber es geht. Er kommt zu mir, nimmt mich in den Arm und drückt mich feste an sich. Meine Hände wandern zu seinem Hintern, spüren die festen Backen durch den dünnen Stoff aus Elastan, der beim Darüberstreichen knistert, als wären hunderttausend Volt in der Hose.
Ich ziehe ihn ganz fest gegen mich. Unsere Schwänze berühren sich durch die Hosen und wir fangen an, uns aneinander zu reiben. Wir stöhnen beide und unsere Lippen finden sich. Die Zungen spielen miteinander und wir reiben uns gegenseitig immer wilder. Es knistert förmlich zwischen uns, als ob sich elektrische Spannung aufbaut. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, so als ob Blitze zwischen uns hin und her fahren, als ob Funken sprühen. Es dauert höchstens 3 Minuten, da geht das Stöhnen in ein Keuchen über, als die schwarzen Hosen von der weißen Flut durchtränkt werden. Zitternd sinken wir runter auf den Boden, uns aneinander klammernd, lassen wir den gewaltigen Höhepunkt abklingen, immer noch stark atmend, beruhigen sich die Körper langsam.
Er liegt jetzt auf mir und wir spüren die Nässe zwischen uns, glücklich den Mund des andern liebkosend, überwältigt von der Lust, die wir uns gegenseitig geschenkt haben, erschöpft von der Anstrengung, dem anderen alles zu schenken, alle Liebe zu geben, die man hat. „Gigantisch“, flüstert er in mein Ohr, „einfach gigantisch“. „Oh mein Gott“, murmel ich in sein Ohr, „wie geil, das ging ja ab. So was habe ich noch nie gefühlt. Wenn ich daran denke, was wir noch alles vor uns haben“.
Er liegt immer noch auf mir und wir verhalten uns beide ganz ruhig, bewegungslos. Wir hören und fühlen unsere Herzen, die pumpen jetzt wieder gleichmäßig, die Erregung ist abgeklungen. Wir genießen die Nähe, die wir uns geben, wir riechen uns und fühlen den andern intensiv und es ist einfach ein wunderbarer Moment. „Ich liebe dich Jan“, sagt Nelson, „für dich würde ich sogar sterben, so lieb ich dich“. Wir schauen uns tief in die Augen und mit den aufsteigenden Tränen verschwimmt das Gesicht des andern, werden die Konturen unscharf, verlaufen ineinander. „Ich liebe dich auch mehr als alles andere auf der Welt und möchte für immer dir gehören“, flüster ich in sein Ohr und drücke in fest an mich.
Nach etwa einer viertel Stunde hat die Anspannung einer leichten Erschöpfung Platz gemacht und wir beschließen, aufzustehen und ins Bad zu gehen. Die Hosen und die Haut darunter ist verklebt und feucht und so gehen wir mit den schwarzen Hosen unter die Dusche, waschen uns und die Hosen gründlich und spülen die Dinger, nachdem wir sie ausgezogen haben gründlich unter der Dusche aus. Die werden wir gleich mal auf die Heizung hängen zum trocknen. Wir hätten nie gedacht, dass wir mit so einem Teil mal so geilen Sex haben würden, wobei das viel mehr war als nur Sex.
Nachdem wir abgetrocknet sind, ziehen wir uns warm an, wir wollen mal die nähere Umgebung ums Haus und vielleicht auch mal den Ort selber ein wenig erkunden und kennenlernen. Es ist etwa 4 Grad plus draußen und dementsprechend angezogen gehen wir, nachdem wir Opa und Oma Bescheid gesagt haben, mit Artus los und schauen uns mal in der Gegend um. Es hat eine tolle Zeit für uns begonnen und hier, weitab von zu Hause, auf uns gestellt, erfahren wir die ersten tiefen Gefühle einer Liebe zueinander, die von Tag zu Tag grösser, mächtiger wird und uns mit ihrer ganzen Macht ergriffen hat.
Am nächsten Tag kommen die ersten Verwandten zu Besuch, wollen Susannes Sohn beschnuppern, der, damals klein und niedlich, jetzt fast stolze Sechszehn ist und mit seinem Freund zu Besuch ist. Wir lernen Mamas Schwester Charlotte kennen mit ihrer 5 köpfigen Familie, ihrem Mann Alfred, und den Kindern Silke, Karsten und Michael, letzterer ist in unserem Alter.
Die wohnen hier im Ort, auf dem Weingut von Alfreds Eltern und wir werden natürlich auch gleich eingeladen, mal vorbei zu kommen. Mit Michael hatten wir dann im Laufe des Abends noch ein Gespräch und als er dann wissen will, ob wir jetzt echt zusammen sind und wir das bestätigen, findet er das cool und hat überhaupt kein Probleme damit. Er bietet uns an, was zusammen zu unternehmen am Wochenende, im Nachbarort Eltville ist eine Jugendveranstaltung und wir sagen spontan zu, mit zu kommen.
So und ähnlich vergehe die Tage bis zum Wochenende, Opa hat uns seinen Betrieb gezeigt, wir haben die Gegend kennengelernt, und haben schon fast die ganze Verwandtschaft kennen gelernt. Zwischendurch waren wir mal noch in Mainz mit Opa und Oma, da fielen noch ein paar Kleider für uns ab und auch wir beide hatten noch mal Gelegenheit, ein paar Geschenke für Weihnachten zu kaufen. Wir hatten uns vorgenommen, für alle zu Hause eine Kleinigkeit mit zu bringen und so hatten wir schon noch einige Dinge zu besorgen.
Samstagmittag um 13:00 Uhr kommt Michael. Wir sind nach dem Essen auf unser Zimmer gegangen, haben den Computer angemacht und chatten gerade mit meiner Mutter, als es an der Türe klopft. Auf unsere Aufforderung, herein zu kommen, tritt Michael ein und wir begrüßen einander. „Ich wollte mal sehen, was ihr macht“, sagt er und holt sich eine Sitzgelegenheit und setzt sich zu uns vor den Rechner.
„Wir chatten gerade mit meiner Mama in Stellenbosch“, sage ich und wir rutschen ein bisschen zusammen, damit er auch was sehen kann. „Meine Mutter hat gestern Abend noch mit Tante Susanne gesprochen“, sagt er. Ich tippe ein, dass Michael gerade gekommen ist und Mama schreibt einen Gruß an ihn und meint dann, dass wir uns dann mal besser um unseren Besuch kümmern sollen und dass wir ja morgen Mittag um 13:30 Uhr noch mal miteinander chatten können. Nelson schreibt noch, das Mama seine Familie grüßen soll, da sie vorhin, als wir es probiert haben, nicht online waren. Dann beenden wir den Chat und fahren den PC runter..
Michael ist gekommen, um uns ein wenig auf die Veranstaltung heute Abend einzustimmen. Er erzählt uns, dass in Eltville einige junge Leute sich zusammen geschlossen haben, um für die Jugend in der Umgebung eine Wochenendfreizeitveranstaltung mit Musik, Bands und Tanz zu organisieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben sich diese Veranstaltungen, die jetzt alle 5 Wochen stattfinden, etabliert und erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Veranstalter haben es sogar geschafft, das der Verkehrsverbund jeweils an diesem Abend einige Busse zu festen Zeiten für die Anfahrt und in der Nacht ab 01:00 bis 02:00 Uhr für die Rückfahrt bereitstellt. Der Fahrpreis ist günstig und so kommen viele mit diesen Bussen und nur wenige mit dem Auto.
Er erzählt weiter, das es da außer alkoholfreien Getränken auch Wein und Bier, allerdings keinen Schnaps oder Alkopops gibt und auch Kleinigkeiten zum Essen werden angeboten. Bis heute hat es noch keine Schlägerei gegeben und die Veranstaltungen, die jetzt im zweiten Jahr laufen, werden immer so von dreihundert bis manchmal sogar vierhundert Leuten besucht. Die Preise sind human, so dass auch Leute mit geringerem Budget in der Lage sind, die Fete zu besuchen.
„Der Bus kommt hier um 19:45 Uhr und hält etwa fünf Minuten an der „Krone“, das ist das Hotel in der Ortsmitte. Wir können uns da treffen, ich kann aber auch vorher hier her kommen“, sagt Michael zu uns. „Komm doch ruhig noch ne Stunde früher hier her, dann können wir noch ein bisschen reden“, sagt Nelson in seinem etwas holprigen deutsch, auf das er mit Recht sehr stolz ist.
„Gut“, sagt Michael, „ mach ich. Ich freu mich auf heute Abend. Ihr könnt dort auch tanzen, es gibt auch Jungs dort, die zusammen Tanzen und außer ein paar Scherzen hat es noch keinen Stress deswegen gegeben“. „Haben die sich auch geküsst dort?“, will ich wissen. „Du, das weiß ich jetzt nicht so genau, ich habs jedenfalls nicht gesehen“, antwortet Michael. „Naja, das sehen wir ja heute Abend“, meint Nelson, „ wir halten uns mal zurück und schauen, was die anderen machen“.
Michael bleibt noch über zwei Stunden und wir erzählen uns gegenseitig einiges aus unserem Leben, über die Schule, die Familien, über Musik, die wir gerne hören und auch über die Liebe. Michael ist in ein Mädchen aus Eltville verliebt und hofft, dass sie heute Abend auch zur großen Fete kommt. Sie gehen beide aufs gleiche Gymnasium und er hofft, dass sie ihn auch mag. Er ist schon fast Siebzehn und ein Schuljahr weiter wie wir. Nelson und ich verstehen uns gut mit Michael und auch wir freuen uns auf den Abend heute.
Als Michael geht, er muss zu Hause noch ein wenig helfen, begleiten wir ihn noch ein Stück, bis etwa zur Ortsmitte, und verabschieden uns dort von ihm. Es ist kalt und feucht und Opa hat schon beim Frühstück gesagt, das es bestimmt bald Schnee gibt. Wir beeilen uns, wieder zurück zu kommen und bald sitzen wir im warmen Zimmer auf dem Bett und Schmusen ein bisschen miteinander. Wenn ich mir Nelson so anschaue, dann denk ich, dass es ihm ebenso gut geht, wie mir, dass er auch glücklich ist.
Wir beschließen, die Kleider für heute Abend schon mal zurecht zu legen und dann noch ein bisschen vorzuschlafen. Ich laufe runter und sage Oma Bescheid, dass wir vorschlafen wollen und das sie uns bitte um 18:30 Uhr wecken soll. „Ok“, sagt Oma. „schlaft ein bisschen, dann seid ihr fit heute Abend.“ „Michael kommt um halb acht und holt uns ab“, sag ich zur Oma und geh dann wieder hoch zu meinem Schatz, der die Kleider, auch welche für mich, fertig gemacht hat und gerade unter die Decke gekrabbelt ist. Ich ziehe schnell meine Hose aus und schlüpfe ebenfalls unter die Decke. Wir kuscheln uns aneinander und nach einem dicken Kuss versuchen wir, zu schlafen.
Als Oma uns weckt, liegen wir ineinander verschlungen im Bett und mein Arm ist eingeschlafen, kein Wunder, mein Schatz hat ja drauf gelegen. Wir stehen auf, natürlich erst nach einem Kuss und fangen an, uns an zu ziehen und fertig zu machen für die große Fete. Da wird gewaschen, geföhnt gestylt und eingesprüht, was das Zeug hält und als Michael kommt, meint er: „Oh man, hier riecht es ja wie im Puff, soviel Nuttendiesel habt ihr versprüht.“
Nelson geht dicht an ihn ran und schnuppert und meint: „Du musst was sagen, du riechst auch schwer nach Duftchemie, willst wohl auch gut riechen für deine Freundin, he“ Wir lachen und holen dann unsere Winterjacken und Schals aus dem Schrank. Auch Handschuhe nehmen wir mit und dann gehen wir runter, um uns von Oma und Opa zu verabschieden. Opa will uns hinfahren, aber Michael meint, die Busfahrt gehöre einfach zum Abend dazu und wenn keiner die Busse nutzen würde, dann wird das wieder eingestellt. Auf dem Weg zur Haltestelle blödeln wir noch ein wenig rum. Es ist kalt draußen und der Atem steigt wie Rauch aus dem Mund. 1o Minuten, bevor der Bus kommt, sind wir bei der Haltestelle und es stehen schon einige Mädchen und Jungs dort und warten. Michael wird lautstark begrüßt und stellt uns den andern Leuten vor.
Den meisten der anwesenden Jugendlichen war offensichtlich schon vorher bekannt, das Michaels Opa Besuch aus Südafrika bekommen wird, und auch, das zwei Jungs in ihrem Alter kommen werden, hatte Michael schon rechtzeitig in der Schule erzählt. Dass allerdings einer davon dunkelhäutig ist, das hat keiner geahnt und so steht Nelson zunächst mal im Mittelpunkt. Es werden Fragen gestellt und eine rege Unterhaltung kommt ihn Gang, die erst vom Eintreffen des Busses unterbrochen wird. Im Bus ist schon eine recht muntere Gesellschaft beisammen, wir zählen etwa 20 Leute und etwa noch einmal so viele steigen hier noch zu.
Nach lautstarken Begrüßungen untereinander hat bald jeder einen Platz gefunden und der Busfahrer setzt den Wagen in Bewegung und fährt Richtung Eltville. Er fährt Landstraße und die letzte Station vor Eltville ist Walluf, auch dort steigen noch etwa 10 Leute ein, die auch auf die Fete wollen. Die Straße führt jetzt am Rhein entlang direkt nach Eltville hinein und dort zu einer Mehrzweckhalle, in der die Feten alle 5 Wochen stattfinden. Es waren schon viele junge Leute in der Halle, die entsprechende Deko gefällt uns und es ist eine große Tanzfläche in der einen Hälfte der Halle. Auf der linken Seite ist eine Bühne, auf der sich gerade eine Gruppe auf ihren Auftritt vorbereitet. In der andren Hallenhälfte ist die Gastronomie aufgebaut, die aus einem Ausschank und überwiegend aus runden Stehtischen besteht. In einem offenen Anbau ist eine Bar eingerichtet, dort gibt es auch Sitzgelegenheiten.
Da an den Stehtischen schon kein Platz mehr ist, steuert Michael sofort den Barbereich an und wir belegen eine Sitzgruppe. Wir sind mit Michaels Freundinnen und Freunden 12 Leute und wir lassen uns auf die bequemen Sitze fallen, nachdem wir die Jacken ausgezogen haben. Michael und ein Freund besorgen die erste Runde Getränke, nachdem sie gefragt haben, was wer trinken will.
Nelson und ich trinken Cola, die schmeckt uns gut und wein dürfen wir hier so wieso nicht trinken, denn Alkohol wird nur an über 18 jährige ausgeschenkt. Jetzt kommt auch von der Bühne das erste Musikstück, ein Fetenhit, wohl zur Einstimmung. Das Licht ist gedämpft, die Musik kommt gut rüber, auch die Lautstärke ist OK, bis jetzt stimmt alles. Wir trinken unsere Weinschorle und berühren uns gegenseitig mit unseren Oberschenkeln. Eine lebhafte Unterhaltung ist in Gang und wir werden natürlich mit Fragen über unsere Heimat und wie es dort so ist, ausgefragt. Die Musik kommt jetzt richtig in Gang und die Tanzfläche füllt sich mit hüpfenden Teenagern, die voll auf die Musik abfahren.
Auch von unserer Gruppe gehen einige zum Tanzen rüber und auch Nelson und mir steigt die Musik ins Blut. Wir schauen uns an, dann gehen wir auch in Richtung Tanzfläche. „Wir schauen mal, ob wir andere Jungs sehen, die miteinander tanzen“, sagt Nelson auf Zulu .Jetzt stehen wir mit mehreren Leuten am Rand der Fläche und suchen Jungs, die miteinander tanzen. An der Rückwand der Halle in einem ziemlich dunklen Bereich entdecken wir zwei Jungs, die miteinander tanzen. Nelson greift meine Hand und zieht mich durch die tanzenden Teenies in Richtung der Beiden und dort angekommen, zählt nur noch die Musik und wir tanzen wild darauf ab.
Es folgen zwei weitere schnelle Stücke, dann kommt plötzlich ein Schmusestück. Wir halten inne, schauen, was die beiden anderen Jungs machen. Die tanzen jetzt eng beieinander und haben nur Augen für sich. „Los“, sagt Nelson und zieht mich an sich. Im Moment ist mir nicht so wohl dabei, aber dann lass ich mich einfach von der Musik gefangen nehmen und Nelson führt mich, eng an mich geschmiegt. „Ich liebe dich“, flüstert er in mein Ohr, um dann anschließend daran zu knabbern. Ich bekomme eine Gänsehaut und drücke ihn fest, während er mich weiter über die Tanzfläche schiebt.
Bis jetzt können wir nicht feststellen, dass wir hier unangenehm auffallen und auch die beiden anderen Jungs tanzen immer noch eng zusammen. Ihnen ist natürlich aufgefallen, dass sie nicht mehr die einzigen Jungs sind, die miteinander tanzen. Die Musik macht jetzt eine Tanzpause und die beiden kommen auf uns zu. „Hi“, begrüßt uns der Größere von Beiden, „ich bin Kevin und das ist mein Freund Dominik. Seid ihr neu hier? Wir haben euch noch nie hier gesehen, wir sind aber froh, heute Abend nicht allein hier zu sein.“ „Das ist mein Schatz Nelson und ich heiße Jan. Wir kommen aus Südafrika und sind in Martinsthal bei meinen Großeltern zu Besuch. Mein Cousin Michael hat uns mit hier her genommen und wir sind auch froh, das wir nicht die einzigen schwulen Jungs hier sind“.
„Kommt mit, wir gehen was trinken, solange wie die Musik Pause macht“, sagt Kevin und wir gehen mit den beiden in den Barbereich und setzen uns vorne an die Bar. Da nur noch zwei Hocker frei sind, nimmt mich Nelson auf den Schoss und Kevin zieht Dominik dicht an sich und schlingt seine Arme von hinten um ihn. Wir bestellen wieder Cola, Kevin trinkt ebenfalls Cola und Dominik Bier mit Cola. „Wir sind mit dem Auto von meinem Vater hier, ich habe seit 6 Wochen den Führerschein und deshalb trink ich Cola. Mein Schatz trinkt aus Solidarität auch nur Bier mit Cola“, sagt Kevin und küsst Dominik in den Nacken. Auch hier ist das Licht sehr gedämpft und die Leute um uns rum sind mehr oder weniger mit sich und ihren Partnern beschäftigt. Auch ich küsse Nelson hinterm Ohr und im Nacken, was dem sehr gefällt, so wie der stillhält
Wir unterhalten uns mit Kevin und Dominik und erzählen uns gegenseitig über uns. Dabei erfahren wir, dass sie beide in Rauenthal, einem Nachbarort von Martinsthal wohnen und wir beschließen spontan, dass wir sie am Montag mal besuchen kommen, nach dem sie uns quasi dazu eingeladen haben. Kevin gibt uns seine Adresse und wir machen als Zeit 15:oo Uhr aus. Wenn das Wetter es zu lässt, wollen wir zu Fuß kommen, wenn es regnet, wird Opa uns bestimmt gerne fahren, wenn wir ihn fragen. Jetzt fängt die Musik wieder an zu spielen, wir trinken leer und gehen alle Vier wieder zum Tanzen in den hinteren, dunkleren Bereich der Tanzfläche.
Während wir kurz darauf engumschlungen einen langsamen Tanz schieben, kommt eine von Michaels Bekannten in unsere Nähe. Sie guckt etwas erstaunt, wie wir da so engumschlungen tanzen, aber dann sehe ich förmlich auf ihrem Gesicht, das jetzt der Cent gefallen ist und sie jetzt weiß, das uns mehr als nur eine Freundschaft verbindet. Ein verstehendes Lächeln macht sich auf Ihrem Gesicht breit und sie zwinkert uns mit dem linken Auge zu, als wollte sie sagen: „Ist doch alles OK, Jungs“. Auch Nelson hat bemerkt, das sie uns durchschaut hat und um die Sache zu unterstreichen, gibt er mir einen dicken Kuss auf den Mund, deutlich sichtbar mit Zunge und ich spüre dabei sein Grinsen, das er trotz des Küssens nicht unterdrücken kann. So ist er halt, mein Schnuckel!
Als diese Runde Musik zu Ende ist, nehmen wir Kevin und Dominik mit zu Michael und seinen Freunden auf die bequemen Sessel. Anna, so heißt das Mädchen, das uns vorhin beobachtet hat, hat wohl mit Michael gesprochen, denn beide sehen uns erwartungsvoll an. Ich stupp Nelson in die Seite und schaue in fragend an. Er versteht mich auch ohne Worte und nickt nur.
„Also Leute, ich muss euch noch was sagen“, sag ich so, das mich die meisten verstehen können, die in der Runde sitzen, „Nelson und ich, wir sind fest zusammen. Ich hoffe, das hier keiner ein Problem damit hat.“ Es kommen ein paar Bemerkungen wie „Cool“, oder „Na und“, und auch noch „wenn’s schön macht“ aber eine negative Reaktion bleibt erfreulicherweise aus.
Nelson strahlt mich an und gibt mir einen Kuss, den ich nach dieser positiven Erfahrung gerne erwider. Michael guckt erleichtert, aber auch ein wenig stolz aus den Augen, sind doch seine Freunde hier durchweg als tolerant und aufgeschlossen rübergekommen und das gefällt ihm offensichtlich sehr. Das Gespräch in der Runde geht wieder normal weiter und als jetzt die Musik erneut einsetzt, streben die meisten, auch Kevin, Dominik, Nelson und ich wieder auf die Tanzfläche, um im Einklang mit der Musik zu tanzen. Die Zeit vergeht und zwischendurch haben wir auch mal mit Kevin und Dominik in einer Runde getanzt, allerdings nur bei schneller Musik. Michael und noch zwei andere Jungs haben sich uns angeschlossen und so haben wir echt viel Spaß gehabt bei dieser Tanzerei
Irgendwann sagt dann Michael zu uns: „In einer halben Stunde fährt der erste Bus in unsere Richtung und eine weitere halbe Stunde später der letzte. Den dürfen wir dann nicht verpassen, sonst müssen wir zu Fuß gehen“. Kevin sagt: „Wenn ihr zwei wollt, könnt ihr auch mit mir fahren“. „Ein anderes Mal gerne, aber wir sind mich Michael und seinen Freunden gekommen und wir möchten dann auch mit ihnen wieder nach Haue fahren. Ich denke, das verstehst du auch, oder?“, sage ich. „Klar, das verstehe ich, wäre zwar schön gewesen, weil wir uns so gut verstehen, aber wir sehen uns ja am Montag bei mir“, antwortet Kevin und Dominik nickt zustimmend. Ich freue mich, das wir die beiden kennengelernt haben und Nelson natürlich auch.
Michael, der unser Gespräch mit gehört hat, lacht mich an, unsere Entscheidung scheint ihn zu freuen. Das Mädchen, in das er verliebt ist, ist heute leider nicht gekommen, aber er hat sich trotzdem amüsiert und getanzt hat er auch, nicht nur mit uns Jungs in einer Runde, sondern auch mit verschiedenen anderen Mädchen aus der Clique. Wir beschließen spontan, den ersten Bus zu nehmen und ziehen unsere Jacken an. Von Kevin und Dominik verabschieden wir uns mit einer freundschaftlichen Umarmung, dann gehen wir mit den anderen zur Haltestelle und warten auf den Bus.
Der kommt bereits nach 5 Minuten und nachdem alle Leute eingestiegen sind, geht es am Rhein entlang Richtung Walluf und dann weiter nach Martinsthal. Einige im Bus sind angeschickert und es wird eine lustige Rückfahrt. Wir lachen viel, aber ab und zu müssen wir zwei uns einfach küssen und dann haben wir nur Augen und Ohren für den anderen. Michael beobachtet uns dabei und amüsiert sich köstlich. Knapp fünfundzwanzig Minuten später hält der Bus vor dem Hotel zur Krone und die Martinsthaler Jugend steigt aus, während die Rauenthaler noch 10 Minuten Fahrt vor sich haben.
Es war ein toller Abend und wir verabschieden uns voneinander. Michael nehmen wir zum Abschied kurz in den Arm und bedanken uns dafür, dass wir mit ihm und seinen Freunden mitfahren durften.
Mit dem Haustürschlüssel, den Oma uns mitgegeben hat, sperre ich leise auf und wir gehen so leise wie möglich auf unser Zimmer. Da in der Halle Rauchen nicht erlaubt war, die Raucher mussten nach draußen gehen, rochen unsere Kleider und die Haare nicht nach Rauch. Wir zogen uns schnell aus und krochen unter die warmen Decken. Ein bisschen kuschelten und schnäbelten wir noch miteinander, aber dann siegte die Müdigkeit und wir schliefen, aneinander geschmiegt, ein. Ein schöner Tag war zu Ende gegangen und in den Neuen schliefen wir hinein, zufrieden und glücklich.
Strand bei Strand
Ich habe ein großes, tolles Schneckenhaus gefunden, so ein großes haben wir in all den Jahren nur eins gefunden und zwar in dem Jahr, nachdem wir bei Opa und Oma eine tolle Zeit hatten. Nelson fand es und es war noch schöner als das, das ich jetzt im auflaufenden Wasser sauber wasche und ich habe es immer noch daheim auf meinem Schreibtisch als eines von vielen Andenken.
Dieses hier ist fast doppelt so groß wie meine Faust und der Sand hat es ganz blank poliert. Ich denke, es ist an der Zeit, zu den anderen zurück zu gehen und zu versuchen, doch noch ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu kommen. Mutter sprach ja vorhin noch davon, dass es noch eine Überraschung geben werde. Auch wenn ich es zuerst nicht wahrhaben will, so hat sie mich doch ein wenig neugierig gemacht.
Mit der Muschel, die eigentlich ein Schneckenhaus war, mache ich mich auf den Rückweg. Ich bin etwa 3 Kilometer gegangen, bis ich die Muschel hier gefunden habe und nun gehe ich die 3 Kilometer wieder zurück. Meine Gedanken wandern noch weiter zurück, über den Kontinent und das Mittelmeer bis in den Rheingau, dort, wo wir so glücklich waren, mein Schatz und ich
Martinsthal
Sonntag, 15.Dezember 2002 und der 3. Adventsonntag, gegen 11:00 Uhr. Nelson wird ausnahmsweise mal vor mir wach und fängt an, meine Nase mit seiner Zungenspitze zu kitzeln, was natürlich dazu führt, das auch meine Ausschlafphase zu Ende ist. Nach dem Öffnen der Augenlässt er von meiner Nase ab und küsst jetzt meinen Mund, was mir natürlich viel besser gefällt wie die Nasenwäsche. Meine Arme umschlingen ihn und ich ziehe ihn auf mich, um meine Morgenlatte an ihm zu reiben. Dabei bleibt mir natürlich seine nicht verborgen. Leises Stöhnen quittiert meine Bemühungen, ihm und mir Lust zu bereiten.
Seine Hand wandert zwischen uns und ertastet meinen Steifen, umfasst ihn und beginnt ihn zu reiben. Ich halte längst still und genieße seine Berührung und dränge mich ihm entgegen. Sein Kopf wandert nach unten und als ich seinen Mund spüre, kann ich mich nicht mehr zurück halten und komme mit einem gewaltigen Orgasmus. Nelson kichert und sagt: „Mann, das ging aber flott. Das müssen wir aber noch üben“.
„Wart nur“, sage ich und beuge mich über seinem Schwanz. Einmal in meinem Mund sauge ich und lecke ich, was das Zeug hält und in weniger als 30 Sekunden kommt auch er in kräftigen Schüben. „Soviel zum Thema üben“, sage ich, nachdem seine Erregung abgeklungen ist und dann kitzel ich ihn mal richtig durch. Wir wälzen uns auf dem Bett und jeder kitzelt den anderen, bis ich mit einem lauten Bums vor dem Bett auf den Boden falle.
Ich krieg kaum noch Luft vor Lachen und liege mit heruntergelassener Hose auf dem Boden. Mein Hintern wird kalt und so schnell es geht, rappel ich mich hoch. „Komm mit Duschen“, sag ich und gehe ins Bad. Nelson folgt mir, unterwegs schon seine Schlafkleider auf dem Boden verteilend und als er das Bad erreicht, steht sein Kleiner schon wieder steil nach oben. Der Anblick sorgt dafür, das Kleinjan ebenfalls schon wieder den Aufstand probt und so geht unter der Dusche weiter, was erst vor 10 Minuten im Bett begonnen hat. Diesmal dauert es schon länger und es ist wunderschön.
Kurz vor Mittag gehen wir beide frisch und munter runter ins Wohnzimmer, von da aus ins Esszimmer um dann letztendlich Oma in der Küche zu finden. Sie ist beim Kochen und es riecht sehr lecker. „Guten Morgen, Oma „, sagen wir beide artig und setzen uns an den Küchentisch. „Guten Morgen, ihr beiden, nun, seid ihr ausgeschlafen?“ fragt sie. „Ja, Oma wir sind munter und haben gestern auch keinen Alkohol getrunken. Es war ein toller Abend, wir haben viel Spaß gehabt, nette Bekanntschaften geschlossen und sogar viel getanzt“, erzähle ich. Nelson erzählt von Kevin und Dominik und dass wir erst getanzt haben, als wir die beiden tanzen sahen.
„Wollt ihr Kaffee trinken?“ fragt Oma, „ Frühstück gibt’s jetzt keins mehr, das Essen ist in einer halben Stunde fertig. Es gibt heute Rouladen, deine Mutter hat mir gesagt, das ihr die so gerne esst.“ „Toll, Oma, die essen wir wirklich gern““, sagt Nelson und freut sich aufs Essen. „Aber vorher Kaffee ist auch recht“, sage ich und hole zwei Tassen aus dem Schrank und bediene die Kaffeemaschine. Während wir den Kaffee genießen, erzählen wir ausführlich von gestern Abend und wie gut es uns dort gefallen hat. Auch dass wir am Montag in Rauenthal Kevin und Dominik besuchen wollen, erzählen wir. „Kevins Eltern kennen ich gut, seine Oma und ich waren zusammen in der Schule und Kevins Mutter war mit deiner Mutter in einer Klasse“, erzählt uns Oma.
Opa kommt von draußen und Artus ist bei ihm. Der Hund schnuppert vorsichtig an Nelson, dem das mal wieder gar nicht geheuer ist. „Hab keine Angst, der will dir nichts Böses“, sagt Opa, „streichel ihn, der mag dich schon.“ Nelson krault Artus vorsichtig auf dem Kopf. Als dieser sich das gefallen lässt, wird Nelson mutiger und krault ihn am Hals. „Siehst du“, sagt Opa, „der tut dir nichts.“Jetzt kommt der Hund zu mir und beschnuppert mich schwanzwedelnd. Auch ich kraule ihn und er legt sich neben mich auf dem Boden. Oma hat das Essen fertig und deckt den Tisch. Jetzt muss Artus auf seine Decke und dort legt er sich auf Opas Kommando hin und rührt sich nicht mehr vom Fleck.
Nach dem Essen, das wirklich sehr gut war, sagt Opa, das wir gegen 14:00Uhr zu Tante Charlotte fahren wollen, die uns zum Kaffee eingeladen hat. Da das die Mutter von Michael ist, freuen wir uns auf den Besuch und Opa meint: „Wir gehen zu Fuß, das ist ja nicht so weit und ein bisschen Bewegung tut Oma und mir immer gut.“ Wir gehen dann noch ein bisschen nach oben, werfen den PC an und versuchen, die Heimat zu erreichen. Beim zweiten Versuch ist Nelsons jüngerer Bruder im Internet mit MSN und wir erzählen uns gegenseitig, was es neues gibt, beziehungsweise, was wir hier in Deutschland schon erlebt haben.
Zu Hause ist es 28 Grad plus und die Vorbereitungen für das alljährliche Weihnachtsessen am Strand bei Strand sind schon angelaufen. Wir erzählen, das es hier nach Schnee aussieht und um die 2 Grad plus ist. Jetzt kommt Mama Mbete an den PC und Nelson erzählt von Deutschland, von Opa und Oma und allem, was wir schon unternommen haben. Die Zeit geht rum wie nichts und als Opa an die Tür klopft, haben wir das Gefühl, den PC gerade erst vor zehn Minuten angemacht zu haben, Mit dem Auftrag an Mama Mbete, alle schön zu grüßen, verabschieden wir uns und Nelson fährt den Rechner runter. Jetzt schnell noch Schals und Jacken an, Handschuhe nicht zu vergessen und dann runter, wo Opa und Oma mit Artus an der Leine schon bereit stehen.
„Darf ich die Leine halten?“, frage ich Opa. Der überlässt mir bereitwillig die Leine mit dem Hund dran, dieser wedelt freudig mit dem Schwanz und zieht mich richtig gehend vorwärts in den Ort hinunter. Scheinbar weiß der Hund genau, wo es lang geht. Nelson hat sich bei mir eingehängt und bremst ein bisschen mit, sonst wird mich der Hund wohl noch zum Laufen bringen. Ein Zuruf von Opa führt dazu, das Artus das starke Ziehen aufgibt und jetzt normal neben uns geht.
Wir gehen durch den ganzen Ort, die Straße in Richtung Rauenthal entlang, bis wir am anderen Ende des Orts links etwa 50 Meter höher das Haus von Michaels Familie erreichen. Auch hier kommt uns ein Hund entgegen gelaufen und Artus zieht los auf den Anderen zu. Da ertönt ein Pfiff und auch Opa hat ein Kommando gerufen. Sofort parieren die Hunde, Artus gibt Ruhe und der Andere läuft dorthin zurück, wo er her gekommen ist. Michael kommt uns entgegen und begrüßt uns alle herzlich. Opa nimmt den Hund und dann gehen wir ins Haus, wo wir schon erwartet werden.
Nach dem Kaffeetrinken, es gibt auch feinen Kuchen, gehen wir zwei mit Michael auf sein Zimmer. Er macht Musik an, und wir lassen den gestrigen Abend noch einmal an uns vorüber ziehen. Wir erzählen ihm unter anderem auch, dass wir morgen zu Kevin und Dominik wollen. Das findet aber erst am Nachmittag statt, da ja alle noch in die Schule müssen. Hier sind noch keine Ferien, die fangen erst am 19. 12. an. Wieder vergeht die Zeit wie im Flug und dann steht Tante Charlotte in der Tür und sagt uns das Opa und Oma gehen wollen. Wir verabschieden uns zunächst von Michael und dann von den anderen und gehen mit Opa, Oma und dem Hund wieder nach Hause.
Nachdem wir mit Opa und Oma noch etwas TV geguckt haben, gehen wir gegen 20:00 Uhr nach oben. Wir fahren den Rechner hoch und nehmen nochmal Verbindung mit der Heimat auf. Diesmal erreichen wir Mama, die froh ist, das es uns gut geht und auch so gut gefällt in Deutschland. Wir erzählen von gestern und auch vom Besuch heute bei Tante Susanne.
Mama erzählt, dass eine Pro-Apartheitsgruppe sieben Farbige aus einem fahrenden Auto beschossen hat und dass zwei von den Leuten gestorben sind. Die Polizei hat nach einer wilden Verfolgungsjagd zwei der Täter gefasst und einer davon war ein Martin van Geldern, der größere Bruder von Frantje van Geldern, der in unsere Klasse geht. Es war viel Aufregung in der Stadt und die Polizei hat mehrere Häuser durchsucht und einige Leute vorübergehend festgenommen. Auch der Vater von Frantje ist verhaftet worden und bei denen im Haus wurde einiges an belastetem Material gefunden.
Wir sind erstaunt, dass in der Stadt Stellenbosch eine solche Tat geschehen ist, solche Vorfälle finden sonst eher in Kappstadt oder Pretoria statt. Um 21:30 fahren wir den Rechner runter und machen uns fertig fürs Bett. Immer noch mit einem Schlafdefizit von gestern behaftet, schlafen wir nach einer Schmuseviertelstunde eng aneinander gekuschelt ein.
Am Morgen, nach dem Aufstehen gehen wir nach einer sehr befriedigenden, gemeinsamen Dusche so gegen 9:00 zum Frühstück. Ich erzähle Oma von Mamas Neuigkeiten und bestelle ihr liebe Grüße. Opa fragt uns, ob wir ihm helfen können, etwa dreißig Kartons mit je 6 Flaschen Wein nach Wiesbaden in eine Weinhandlung zu bringen und selbstverständlich sind wir dabei. Wir beladen den kleinen Lieferwagen und fahren dann gegen halb Elf mit Opa los. In der Wiesbadener Innenstadt laden wir dann die Kartons im Hof einer Weinhandlung auf eine Palette, die der Inhaber dann bequem mit einem Hubwagen in seinen Lagerraum bringt. Wir laden dann noch einige Kartons Leergut ein, bevor wir wieder nach Martinsthal zurück fahren.
Pünktlich um 12:00 Uhr sind wir wieder zurück und Oma hat das Mittagessen so gut wie fertig. Nach dem Essen haben wir noch fast zwei Stunden Zeit, bevor wir zu Kevin und Dominik nach Rauenthal gehen wollen. Wir nehmen die Leine, holen Artus und gehen ein Stück durch die Weinberge. Es ist klares, kaltes Wetter und man kann den Rhein sehen. Nach etwa 4 Kilometern drehen wir um und gehen denselben Weg wieder zurück. Nach dem wir Artus abgegeben haben, machen wir uns auf den Weg nach Rauenthal. Ungefähr eineinhalb Kilometer ist die Strecke, die wir zurücklegen müssen, um zu dem Haus von Kevins Eltern zu gelangen. Nach 2o Minuten stehen wir vor dem Haus und klingeln.
Eine Frau öffnet und sagt: „Guten Tag, ihr wollt bestimmt zu Kevin. Ich bin Kevins Mutter. Wer gibt uns denn die Ehre?“ „Ich heiße Jan Martens und das ist mein Freund Nelson Mbete, wir sind bei meinem Opa Johannes Engelhardt zu Besuch und haben Kevin und Dominik am Samstag Abend kennen gelernt und uns für heute hier verabredet“, sage ich. „Ah, dann kannst du ja nur der Sohn von Susanne sein, die nach Südafrika gezogen ist. Deine Mutter und ich sind in dieselbe Klasse gegangen. Na das ist ja eine schöne Überraschung. Kommt mal rein, ihr Beiden“, sagt sie und geht vor uns ins Haus. Wir folgen ihr und sie führt uns direkt ins Wohnzimmer. „So, ihr beiden, setzt euch mal hin, ich werde Kevin rufen“, sagt sie und geht in den Flur, bis zur Treppe und ruft laut nach Kevin.
Sie kommt zurück, setzt sich und sagt: „Er kommt. Wie geht es denn deiner Mutter so, Jan, erzähl mal ein wenig von Südafrika und von Susanne. Seit ihr vor elf Jahren hier wart, habe ich sie nicht mehr gesehen“. „Habt ihr einen Computer mit Internet und MSN“, frage ich und als sie bejaht, sage ich: „Dann kannst du ja am Tag mal mit ihr Chatten und wenn ihr eine WebCam habt, dann könnt ihr euch auch sehen“. „Das wäre ja echt toll, das muss Kevin mir später mal gleich zeigen, wie das geht“, sagt sie begeistert. Kevin kommt gerade die Türe herein und hat die letzten Sätze noch mitbekommen. „Hallo, ihr beiden“, sagt er, „schön, das ihr gekommen seid. Und zu seiner Mutter sagt er: „Mama, belege meine Gäste nicht mit Beschlag“. Er lacht und fährt dann fort, „ich richte dir das später ein und dann kannst du in aller Welt rum surfen.“
„Kommt mit nach oben“, sagt er, immer noch belustigt, „hier unten werdet ihr doch nur nach Strich und Faden ausgefragt. Oben haben wir unsere Ruhe“, „Kevin Reuter, du bewegst dich auf dünnem Eis“, kommt es von seiner Mutter, die sich allerdings ein grinsen nicht verkneifen kann. Wir gehen dann mit Kevin nach oben. „Wo ist denn Dominik?“, will Nelson gleich wissen. „Der macht eine Ausbildung zum Bankkaufmann und hat erst um 16:30Uhr Feierabend. Bis der hier ist, kann es 18:00 Uhr werden, weil er noch mit dem Bus fahren muss“, antwortet Kevin. Er macht seine Anlage an und wir hören die neusten Hits und erzählen uns gegenseitig aus unserem Leben und auch von unserem Outing und wie die Eltern sich verhalten haben.
Bei Kevin war es vor einem Jahr relativ gut gelaufen, sein Vater war zwar zuerst etwas erschrocken, hat sich aber schnell mit der Sache arrangiert und seine Mutter hatte wohl schon damit gerechnet, weil es überhaupt keine Mädchengeschichten gab und Kevin sich zu einem stillen Stubenhocker entwickelt hat. Alles ändert sich erst, als er Dominik kennen lernt. Sie haben sich getroffen, als sie jeder für sich mit dem Hund in den Weinbergen spazieren waren. Es hat geschneit und es war stellenweise ganz schön glatt. Kevin hört in der Nähe einen anderen Hund bellen und sein Hund gebärdet sich wie wild und zieht an der Leine. Er lässt sich von dem Hund ziehen und als er um die Wegebiegung kommt, sitzt da Dominik im Schnee und hält sich den Arm, der Hund sitzt bellend vor ihm.
Als er bei ihm ankommt, fragt er: „ Was ist denn passiert, kann ich dir helfen?“ „Ich bin ausgerutscht und auf dem Arm gefallen. Der tut jetzt höllisch weh und ich befürchte, das der gebrochen ist“, antwortet der unbekannte Junge. „Komm, ich helfe dir vorsichtig auf, aber vorher werden wir den Arm mir meinem Schal abstützen, damit er sich nicht so stark bewegt“, sagt Kevin, bindet seinen langen Schal zu einer Schlinge und legt diese vorsichtig um den Arm. „Ich bin übrigens Kevin Reuter und wohne hier unten im Ort“, sagt er dann und bindet den Schal um den Nacken des Jungen, der etwa in seinem Alter ist und der jetzt sagt: „Ich heiße Dominik Stadler und wir, meine Mutter und ich, sind vor 8 Wochen hier her gezogen zu meinem Opa, der hat unten hier im Ort ein kleines Weingut. Da wohnen wir jetzt.“
„OK, ich helfe dir jetzt beim Aufstehen, sag mir, wenn es zu sehr weh tut“, sagt Kevin und greift Dominik von hinten unter den Armen und zieht ihn vorsichtig hoch. Dabei kommen sie sich sehr nahe und es kribbelt stark in seinem Magen, vor allem, als er an Dominiks Haaren riecht, die direkt vor seinem Gesicht sind. Mann, riecht der gut, durchfährt es ihn und er kann es nicht lassen, seine Nase tiefer in die dunkelbraunen, gewellten Haars zu stecken.
Als Dominik wieder auf den Beinen ist, könnte Kevin ihn eigentlich los lassen, aber er genießt die Nähe des ihm unbekannten Jungen so intensiv, das er ihn einfach weiter festhält. Dominik steht ebenfalls ganz ruhig und lässt sich die Umarmung ohne Widerspruch gefallen und Kevin hat das Gefühl, das sich der Junge extra an in lehnt. „Geht’s einigermaßen?“ fragt er dicht an seinem Ohr. Dominik dreht den Kopf zu ihm herum und sagt leise: „Ja, ist OK so, danke, das du mir hilfst.“ Er macht keine Anstalten, sich aus der Umarmung zu lösen und auch Kevin möchte fast für immer so stehen bleiben.
Das Bellen der Hunde reißt sie aus ihren Träumen, die beiden Racker kommen den Weg entlang gerast und bremsen bei ihren Herrchen, erschöpft und hechelnd von der Rennerei. Schwanzwedelnd liegen sie im Schnee und warten darauf, dass es weitergeht. „ Ich begleite dich nach Hause, Dominik“, sagt Kevin jetzt zu dem Jungen und Dominik antwortet: „Das freut mich sehr, Danke. Vielleicht kannst du ja Senta an die Leine nehmen, dann kann ich den Arm abstützen beim Laufen“. Kevin nimmt beide Hunde an die Leine und greift dann unter Dominiks gesunden Arm, um ihm mehr Halt zu geben und gemeinsam gehen sie langsam den Weg zurück in den Ort.
Dort bringt er ihn dann bis zur Haustür des großväterlichen Hauses und klingelt dort. Eine etwa fünfundvierzig Jahre alte Frau öffnet und fragt erschrocken: „O Gott, Dominik, was ist denn passiert?“ „Mama, das ist Kevin, er hat mir geholfen, als ich ausgerutscht und gefallen bin. Mein Arm ist wahrscheinlich gebrochen und wir werden wohl ins Krankenhaus fahren müssen“, antwortet Dominik. „Na, dann kommt erst mal ins Warme und Danke Kevin, das du meinen Sohn hergebracht hast“, sagt Frau Stadler und nimmt mir die Leine mit Senta aus der Hand. Kevin geht dann kurz darauf mit dem Hund nach Hause und kann nur noch an Dominik denken. Dominiks Opa fährt dann mit Dominik und seiner Mutter ins Krankenhaus nach Wiesbaden, wo der Arm gerichtet und geschient wird.
Am nächsten Tag macht Kevin einen Krankenbesuch und dabei kommen sie sich näher und von diesem Zeitpunkt an waren sie zusammen. Dominik erzählt Kevin, das sein Vater in verprügelt hat, als er sich zu Haus als schwul zu erkennen gab und nur seiner Mutter verdankt er, das er keine bleibenden Schäden davon getragen hat. Frau Stadler hat die Polizei gerufen und ist am nächsten Tag mit Dominik zu ihren Eltern nach Rauenthal gezogen. Die Scheidung hat sie eingereicht und ein Kontaktverbot zwischen Dominik und seinem Vater durchgesetzt.
Über dem Erzählen ist es 18:00 geworden und Dominik kommt, von Frau Reuter rein gelassen, in Kevins Zimmer. Nach der Begrüßung von Jan und Nelson küsst er seinen Kevin lang und zärtlich. Grund für mich, es ihm gleich zu tun und Nelson ausgiebig zu küssen. Nun erzählt er kurz, wie sein Tag war und dann beginnt eine lange Unterhaltung über alles, was uns so bewegt, über unser Leben und wie wir gerne in der Zukunft leben wollen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Drei Stunden und zwei große Flaschen Cola weiter, brechen Nelson und ich auf und treten den Rückweg an. Wir haben Oma versprochen, um halb Zehn zu Hause zu sein. Wir laden Kevin und Dominik zu einem Gegenbesuch am kommenden Samstag ein und die beiden sagen zu.
Als wir zur Türe rausgehen, schneit es in feinen Flocken und die Straße sieht aus, als wäre sie gepudert. Wir gehen zügig, damit wir durch die Bewegung warm bleiben, denn es ist kalt, bestimmt minus. Nach gut 20 Minuten sind wir angekommen und klopfen Schuhe und Kleider an der Haustüre ab. Oma und Opa begrüßen uns, sie sitzen im Esszimmer, Opa liest in der Zeitung und Oma blättert in einem Katalog. „Hallo, da seid ihr ja. War es schön bei den Reuters?“, fragt Oma, „ich habe euch Schnittchen gemacht, falls ihr noch Hunger habt. Die stehen im Kühlschrank und wo die Getränke stehen, das wisst ihr ja mittlerweile.“ „Danke, Oma“, antworten wir im Chor und Nelson holt die Schnittchen während dessen hole ich zwei Flaschen Radler, den hat Oma extra für uns gekauft.
Nachdem wir uns mit den Sachen an den Tisch gesetzt haben, essen wir und zwischendurch erzählen wir den Beiden von unserem Besuch bei Reuters und auch, was wir so gesprochen und erzählt haben. Als wir erzählen, dass Dominik von seinem Vater misshandelt worden ist, weil er schwul ist, wurde Oma richtig böse und schimpfte über den Mann, den sie wohl auch von früher kannte. Sie begrüßte die Entscheidung von Frau Stadler, sich von diesem rabiaten Mann zu trennen und wieder nach Rauenthal zurück zukehren. Wir unterhielten uns noch lange an diesem Abend und gegen 23:00 Uhr gehen wir dann nach oben, um zu schlafen. Duschen wollten wir dann Morgen früh in aller Ruhe. Nach einem Gutenachtgeschmuse schliefen wir dann auch bald ein.
Die Wochentage vergehen wie im Flug, sehr oft helfen wir Opa, fahren mit ihm noch Lieferungen aus, die Kunden für die Feiertage bestellt haben oder wir machen lange Spaziergänge durch die Weinberge, natürlich mit Artus. Am Samstagnachmittag kamen dann Kevin und Dominik zu Besuch und am frühen Abend kam auch noch Michael dazu und wir verbrachten einen schönen Abend mit viel Gelächter und Kurzweil. Wir spielten Karten und amüsierten uns wirklich gut. Als die Jungs dann nach Hause gehen wollen, lade ich sie für den 26. 12. Abends zu meiner Geburtstagsparty ein. „ Wenn ihr aber schon früher kommen und ein bisschen bei den Vorbereitungen helfen wollt, ist das OK“, sage ich zum Abschied.
Nelson und ich räumen das Zimmer noch ein bisschen auf und gehen nach einer ausgiebigen Dusche müde und entspannt ins Bett. „Die sind einfach richtig nett, die drei, finde ich“, sag ich zu Nelson der meint, mal wieder in der Kaffernrolle: „Kevin und Dominik sein süßes Paar, Massa, fast so ein süßes Paar, wie Nelson und Massa, Massa. Jetzt schlafen muss Nelson, Massa. Massa auch muss schlafen, gut Massa, sehr gut lieb Massa, Nelson ganz lieb hat Massa.“ Mit einem Kuss lasse ich sein Gebrabbel verstummen und es dauert ein paar Minuten, ehe ich seine Lippen weder frei gebe. Dann kuscheln wir uns zum Schlafen aneinander.
Am Sonntag fahren wir mit Opa und Oma nach Schlangenbad, dort hat ein guter Kunde von Opa ein Restaurant und dorthin hat uns Opa zum Essen eingeladen. Heute, am vierten Adventsonntag ist nur mäßiger Betrieb in dem noblen und doch gemütlichen Restaurant. Etwa ein Drittel der Tische sind besetzt, meist Kurgäste mit ihren Angehörigen. Wir werden vom Ober zu einem bereits gedeckten Tisch geführt und ich sage leise zu meinem Schatz: „Wenn das Essen so gut ist wie die Gedecke und die Dekoration, dann haben wir was echt Gutes vor uns.“ „Lassen wir uns überraschen“, meint Nelson und grinst. Nachdem wir Platz genommen haben, beginnt für uns ein kulinarisches Erlebnis allererster Güte und als nach fast zwei Stunden der Kaffee zum Abschluss serviert wird, kann ich sagen, das keine Wünsche offen geblieben sind, das war einfach super.
Wir bedanken uns bei Opa , der schmunzelt und meint: „Drei oder vier Mal im Jahr geh ich mit Oma hier her zum Essen, einmal, weil es so unverschämt gut ist und zum anderen, weil das Haus hier zu meinen besten und treusten Kunden gehört, der unsere gesamte Produktpalette in der Karte stehen hat. Da bin ich ihm das einfach schuldig, ab und zu auch seine Produkte zu konsumieren und wenn die dann noch soo gut sind, dann ist doch alles in Ordnung.“
Opa begleicht die Rechnung, die deutlich im dreistelligen Bereich liegt, aber Opa meint, das es das wert ist und das er sicher sein kann, das hier auch weiterhin sein Wein verkauft wird. Es ist 15:00 Uhr, als wir das Restaurant verlassen, rundum satt und sehr zufrieden. Im Auto auf der Rückbank ist erst mal eine Kuschelrunde mit Knutschen angesagt. Leider dauert die Fahrt nicht allzu lange denn schon bald sind wir wieder zu Hause.
Nach einem so guten und umfangreichen Mahl tut ein Mittagsschläfchen gut und so gehen wir ach oben, um ein bisschen zu schlafen .So gegen fünf werde ich wach, weil jemand über meine Shorts streichelt und dann hör ich meinen Schatz auch schon brabbeln: „Gut Massa, müssen wach werden und Nelson helfen, Massa, Nelson hat Notstand, Massa, viel groß Notstand in schwarze Buxe, Massa“. Ich muss zuerst mal lachen, aber seine Hand an meiner Hose wird immer fordernder, fährt unter den Bund, sucht Kleinjan und findet ihn, fängt an, ihn zu streicheln. Mein Lachen macht einer wachsenden Geilheit Platz und es dauert nicht lange, da liegen wir nackt im Bett und einer schmeckt den andren. Lange dauert es nicht, bis wir beide kommen, aber diesmal streicheln, küssen und lecken wir weiter und es dauert nicht lange, bis wir wieder voll erregt sind.
Ich denke an den Inhalt der Schublade und was man damit machen könnte, aber ich will Nelson nicht drängen und solange er nicht will, werde ich warten. Vielleicht werde ich es mir zum Geburtstag wünschen, das er richtig mit mir schläft und ich dann auch mit ihm. Im Moment gibt er sich die größte Mühe, mich auszusaugen und ich meinerseits ihn auch. Es ist Wahnsinn und leider naht das Ende wieder einmal viel zu schnell. Daran werden wir noch arbeiten müssen, denke ich und muss dabei grinsen. Nachdem wir uns zum zweiten Mal glücklich gemacht haben kuscheln wir uns zusammen unter die Decken und schlafen ein wenig.
Gegen 18:30 Uhr werde ich wach und stehe vorsichtig auf, um Nelson nicht zu wecken. Ich hole frische Unterwäsche und geh ins Bad und dusche 10 Minuten so heiß, wie ich es vertragen kann. Nachdem ich mich trocken gemacht und angezogen habe, gehe ich mal runter schauen, was die Großeltern machen.
Die Beiden sitzen vor dem Fernseher und gucken Nachrichten. „Nelson schläft noch“, sag ich und setz mich dazu und gucke mit. „Und“, fragt Oma, „wie gefällt es euch im Rheingau. Haben sich eure Erwartungen erfüllt?“ „Mehr als das, Oma, wir fühlen uns hier sehr wohl“, antworte ich, „und ich könnte mir sogar vorstellen, ein paar Semester Weinbau hier bei Euch zu studieren, mit Nelson, versteht sich“. „Das soll an uns nicht scheitern, hier seid ihr herzlich willkommen, wenn ihr das wollt“, sagt Opa und Oma nickt dazu. „Vielleicht lässt euch Susanne ja wirklich, wir wären froh, wenn wieder junge Leute im Haus bei uns wohnen“, meint Oma, „ich muss mal mit ihr reden und mit deinem Vater natürlich auch, dem hat es hier gut gefallen“.
Die Tür geht auf und ein verstrubbelter Nelson kommt herein. „Hier bist du, Jann, warum hast du mich nicht geweckt“, sagt er. „Du hast so schön geschlafen, da war ich mal duschen und bin dann zu Opa und Oma gegangen. Ich konnte dich einfach nicht wecken und wir versäumen ja auch nichts, wenn du mal ein bisschen länger schläfst“, sag ich und mache im ein wenig Platz auf der Couch. Er setzt sich neben mich und gibt mir einen Kuss. Er hat noch nicht geduscht, hat nur was über gezogen und ich rieche ihn. Immer, wenn ich ihn rieche, möchte ich ihn in meine Arme ziehen, meine Nase in seine Haare stecken und in einatmen. Er macht mich einfach total verrückt, mein Nelson.
Der vierte Adventsonntag neigt sich dem Ende zu und noch drei Tage, dann ist Heilig Abend. Bei uns in Südafrika werden die Geschenke immer im Laufe des 25. Dezember verteilt, von Mama weiß ich aber, dass das in Deutschland anders ist. Hier werden die kleinen und großen Kinder bereits am Heiligen Abend beschert und dann gehen alle noch in die Kirche. Als ich Oma frage ob das so richtig ist, bejaht sie das und Opa sagt, dass sie, wenn das Wetter es zulässt, in der Nacht zu Fuß in die Kirche gehen. Dort ist eine Mette um Mitternacht.
Da wir in Südafrika einer protestantischen Kirche angehören wie viele aus den Niederlanden abstammenden Südafrikaner, kenne ich das nur aus Mamas Erzählungen. Als Oma fragt, ob wir mitgehen in die Kirche, schaue ich zuerst Nelson an und als der nickt, sage ich:“Ja Oma, wenn wir schon hier bei Euch sein dürfen, dann gehen wir auch mit Euch dahin und schauen uns die Weihnachtsfeierlichkeiten in Deutschland mal an“.
„Gut“, sagt Oma, „ Tante Charlotte mit ihrer Familie kommt so gegen 22:00 Uhr zu uns und dann gehen sie später mit uns in die Mette. Am ersten Weihnachtstag gehen wir dann zum Mittagessen zu ihnen, das ist schon Tradition hier. Am zweiten Feiertag, an deinem Geburtstag also, kommen mittags alle Kinder und Enkelkinder hier her zum Essen und in diesem Jahr ist ja auch endlich mal wieder die südafrikanische Verwandtschaft vertreten. Und für den Abend richten wir rechtzeitig den Partykeller her und dann könnt ihr jungen Leute dort deinen Geburtstag feiern. Am 7. Januar machen wir das dann für Nelson auch so.“
„Oma, danke, das ist echt lieb von Euch. Dürfen wir auch noch ein paar Leute einladen, die nicht zur Familie gehören?“, frage ich und meine damit Kevin und Dominik. „Ja, natürlich kannst du eure neu gewonnenen Freunde auch einladen. Das ist doch selbstverständlich“, antwortet Oma. „Jetzt kommt Tatort, das ist ein Krimi und den gucken wir eigentlich immer“, sagt Opa, „wollt ihr den mit gucken und wenn ja, wollt ihr vorher noch was zu trinken?“ „Ja, wir gucken mit euch und ich hätt gern ein Gläschen Wein“, sag ich. „Ich auch bitte“, sagt Nelson und Opa holt alles her, bevor der Krimi losgeht.
Siebzig Minuten später ist der Krimi vorbei und wir gehen nach oben. Nelson geht duschen und ich werfe den PC an und melde mich im Chat an. Ich probiere, eine Verbindung in die Heimat zu bekommen und nach fünf Minuten habe ich meine Schwester Mareike im Chat. Wir erzählen uns, was es neues gibt, wie es so läuft zu Hause und im Rheingau und von Mareike gerufen, kommt auch Mama an den PC.
Während wir uns alles erzählen, kommt Nelson aus dem Bad, splitternackt und zieht frische Shorts und ein Shirt für die Nacht an. Dann setzt er sich neben mich, holt mir die Tastatur ab und schreibt mit meiner Mutter. Die schreibt, dass bei Mbetes alles in Ordnung ist und das Weihnachten ohne uns zwei sie und Mama Mbete doch ein wenig traurig stimmt. Nelson schreibt, das wir an sie denken werden an Weihnachten und das wir ja in 3 Wochen schon wieder zu Hause sind. Jetzt sage ich Mama „tschüss“ und überlasse Nelson den PC ganz, weil ich jetzt duschen gehe und mich bettfertig mache, bevor ich mich wieder zu Nelson setze. Ein bisschen surfen wir noch im Internet, bevor wir uns ins Bett legen.
Wir rücken dicht zusammen und knutschen noch ein bisschen, dabei lassen wir die Zeit hier in Deutschland ein wenig Revue passieren und wir sind sehr froh, das wir hier sein dürfen, gerade jetzt in der Zeit des gegenseitigen Entdeckens, der Zeit, in der unsere Liebe wächst, in der wir einander noch besser verstehen lernen. „Bist du glücklich, Nelson“, frage ich leise und er antwortet ebenso leise: „wie nie zuvor in meinem Leben und das verdanke ich dir und deiner Liebe.“ Wir küssen uns lange, jeder in Gedanken. So viel Glück, so viel Liebe, das einem Angst werden kann. Möge es immer so bleiben. Später sind wir dann überm Kuscheln eingeschlafen.
Montagmorgen, der 22.12. 2002, Opa kommt uns um 9:00 Uhr wecken. Er will heute noch einige Präsente ausfahren und uns und Michael, der ja jetzt auch Ferien hat, dabei mitnehmen. Michael sitzt schon bei Oma im Esszimmer am gedeckten Frühstückstisch. Wir begrüßen uns und nach einem gemeinsamen Frühstück helfen wir beim Einladen der schön verpackten Weinflaschen, die Opa guten Kunden als Präsent zukommen lässt. Einen Teil der Geschenke hat er schon verschickt, an die Kunden, die weiter weg wohnen. Die Kunden im Umland bis nach Mainz und Wiesbaden sollen heute besucht und beschenkt werden. Gegen halb Elf geht’s los, in Wiesbaden haben wir dann bei Mac Donalds Mittagspause gemacht.
Opa hat es nicht so Doll geschmeckt, aber er meint, heute Abend bei Oma kann er das Versäumte ja nachholen. Wir lachen und essen unsere Burger auf, dann geht es weiter. Gegen halb sechs waren wir dann wieder in Martinsthal uns Artus begrüßt uns beim Aussteigen, besonders Nelson wird von Artus abgeschleckt. Lachend rennen wir ins Haus, der Hund und Opa kamen hinter her.
Um neunzehn Uhr gehen wir nach oben, Nelson wirft den PC an und wir gingen ins Internet. Zunächst gucken wir ein wenig bei YouTube, nach Musik und witzigen Videos, das machen wir in Südafrika auch öfter. Dann gehen wir in das von uns genutzte Chatprogramm und kontaktieren die Heimat. Leider ist aus beiden Familien keiner am PC. Wir schicken eine Mail mit Grüßen und wünschen alles Gute. Nelson schreibt noch, das wir morgen früh so um 10:00 Uhr mal reinschauen wollen und das jemand da sein soll. Jetzt wollen wir ein bisschen spielen und wir wechseln uns alle drei miteinander ab. Michael ist eindeutig der Beste bei den Spielen und er gibt zu, dass er sehr oft übt. Gegen halb elf geht Michael heim und Nelson und ich gehen jetzt erst mal ausgiebig Duschen, so mit Knutschen und anfassen und so weiter, na ja ihr wisst schon. Anschließend wurde dann brav geschlafen.
Der 23. 12. Beginnt ohne nennenswerte Höhepunkte, zu erwähnen ist nur der einsetzende Schneefall. Trotz wirbelnder Flocken machen wir am Nachmittag noch einen ausgedehnten Spaziergang mit Artus und schauen auf dem Rückweg bei Kevin und auch noch bei Michael vorbei. Wir erinnern nochmal an die Einladung zur Geburtstagsparty am zweiten Weihnachtstag, bevor wir uns schneenass und auch leicht frierend auf das letzte Stück des Heimweges machten. Oma bietet uns an, das Bad unten für ein heißes Wannenbad zu nutzen. Das nehmen wir begeistert an und holen frische Sachen von oben.
Im Bad unten steht ein Monstrum von einer Wanne, für zwei Personen, mit lauter Düsen drin, einfach irre geil. Oma hat das Bad gut geheizt und erklärt uns, wie die Wanne gefüllt und die Sprudeldüsen in der großen Wanne aktiviert werden. Diese Wanne ist einfach geil, oval mit zwei Sitzgelegenheiten, die sich gegenüber liegen. Düsen im Rücken, an der Seite und in der Mitte unten sprudeln das Wasser mit Druck auf den Körper und die Beine, einfach voll krass. Als die Wanne gefüllt ist, lässt Oma uns allein und wir ziehen die feuchten, klammen Sachen aus und hüpfen nackig in die geile Badeschüssel.
„Oh Massa, was schön gut Badewanne, Massa, Nelson auch haben will so ein Teil, Massa, wo Sprudel macht an Bauch und Bein und Po, Massa“, zieht Nelson wieder mal die Kafferntour ab und wir müssen beide viel lachen. Ich schalte die Düsen ein und Nelson jauchzt vor Vergnügen. Es ist aber auch wirklich eine tolle Wanne, die könnte mir auch gefallen. Wir genießen die Strahlen überall und es bleibt nicht aus, das wir, uns an den Düsen vergnügend, einen Steifen bekommen und wir kommen uns schnell näher. Während wir uns gegenseitig reiben, kocht das Wasser um uns und es ist ein irres Feeling, in dieser Wanne Sex zu haben.
Alles Schöne geht einmal vorbei und so ist unsere Badeorgie dann auch zu Ende, als das Wasser kühler wird. Wir steigen raus aus diesem tollen Gerät und wickeln uns in die großen Badetücher, die Oma uns gegeben hat und rubbeln uns gegenseitig trocken. Die Haut an Händen und Füssen ist etwas schrumpelig geworden vom langen Bad und jetzt, nachdem wir trocken sind, ziehen wir unsere frischen Sachen an. Ich lasse das Wasser ablaufen und spüle die Wanne mit der Brause ab. Die Handtücher und die getragenen Kleider entsorgen wir in der Wäschetruhe und gehen dann gemeinsam zu Opa und Oma in das Wohnzimmer. „Das ist ja mal eine Wanne“, schwärmt Nelson gleich, „sowas möchte ich auch mal haben“.
Opa erzählt, dass sie die vor 3 Jahren auf einer Messe gekauft haben und dass sie sie wegen des Massageeffekts auch öfter benutzen. „Wenn du abends aus dem Weinberg kommst und dir die Knochen weh tun, dann ist das eine Wohltat und man fühlt sich gleich besser“, sagt er und Oma nickt dazu, „ihr habt ja bestimmt gemerkt, wie Doll die Dinger sprudeln und die Haut massieren. Da fühlt man sich hinter her wieder fit.“Heute Abend kommt ein Film im Fernsehen, den Oma unbedingt gucken will, den wir aber nicht sehen wollen, irgendeine Sissi spielt da mit.
„Wir gehen dann hoch“, sage ich, „an den Computer und später dann ins Bett. Gute Nacht ihr beiden und viel Spaß beim Film“. Dann verschwinden wir nach oben. Nach dem wir den PC angemacht haben, geht’s erst mal wieder ein bisschen auf YouTube zum Lachen und Musikvideos anschauen. „Wie haben jetzt schon drei Wochen kein Instrument mehr in der Hand gehabt, hoffentlich verlernen wir nicht alles“, sage ich zu Nelson. „Bis zum nächsten Schulkonzert ist es noch 8 Wochen hin, da können wie noch genug üben“, sagt der und klickt das nächste Video an. „Wenn Massa wollen, Massa, Nelson noch bisschen Massa Flöte blasen später, Nelson mögen Massas Flöte sehr, Massa“, fängt er plötzlich an und lacht. „Jo“, sag ich, „gegen ein wenig Hausmusik hat der Massa nichts einzuwenden, und nach dem der PC verstummt ist, ziehen wir uns aus und verschwinden im Bett.
Gut gebadet sind wir ja, da steht einem Flötenkonzert nichts mehr im Wege. Einleitend küssen wir uns , Entrada heißt das in der italienischen Musik und nach dem Einstimmen der Instrumente , ich spiele zuerst vor, beginnt die Sinfonietto mit einem Allegretto amoroso, scorrevole Allegretto firamente, dann folgt das Finale fortissimo, übergehend in das Finale furioso, um dann in sensibile Fine auszuklingen.
Mit umgekehrten Rollen, jetzt spielt Nelson die Flöte, folgt dann da Capo al Fine, und danach ist erst mal glückliche Zufriedenheit bei den beiden Musiker, die Flöten brauchen ein wenig Erholung und eine Reinigung der Instrumente ist auch fällig. Nach dem wir uns erholt haben, gehen wir dann auch duschen und waschen uns gegenseitig zärtlich und verspielt, allerdings diesmal bewusst das Vergnügungszentrum des anderen auslassend, wirklich nur zum Zwecke der Reinigung.
Der fulminante Eindruck des „kleinen italienischen Symfoniekonzertes“ soll jetzt nicht durch ein „Volkslied“ verwischt werden. Wir küssen uns unter den Wasserstrahlen der Dusche mit geschlossenen Augen und fühlen uns so gut, das man es fast nicht in Worte fassen kann. Später, im Bett, frag ich Nelson, ob er am Morgen meines Geburtstages als Räuber meiner Unschuld zu Verfügung stehen möchte.
Er wird tatsächlich dunkler im Gesicht und etwas verlegen antwortet er: „Wenn du dazu bereit bist, ist es mir eine Ehre und auch eine große Freude, aber ich habe eine Bedingung dabei.“ Ich küsse ihn zärtlich und frage dann, „Und die wäre?“ „Ich möchte am selben Tag meine Unschuld verlieren, wie du, mein lieber Schatz, ich möchte dir ganz gehören von dem Tag an, an dem du mir ganz gehörst“, sagt er und küsst mich zärtlich, dabei meine Brust streichelnd.
„Dir kann ich doch keinen Wunsch abschlagen und den schon mal gar nicht“, sage ich, „jetzt aber möchte ich neben dir einschlafen, neben dem Menschen, den ich von allen Menshen auf dieser Welt am liebsten habe. Gute Nacht mein Schatz, schlaf gut“. Schlaf du auch gut, Stern meines Lebens. Und Danke, das du mich liebst“, antwortet mein Schatz und nach einem weiteren Kuss dreh ich mich mit dem Rücken zu ihm und kuschel mich an seinen Bauch. Ich bin voll bis obenhin mit Glücksgefühlen.
Heiligabend, schon morgens bei Zeiten, gegen 9:00 Uhr, werde ich wach, weil mein Hintern kalt wird. Meine zweibeinige Wärmflasche ist verschwunden und im Bad rauscht das Wasser. Mann, warum muss der denn so früh aufstehen, denk ich. Ich decke mich nochmal richtig zu und döse noch ein wenig vor mich hin. Weihnachten in Deutschland, weit weg von zu Hause, ein bisschen Heimweh keimt auf, aber auch Erwartungen, neues zu erfahren, andere Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. Mein Schatz kommt, mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad. Er setzt sich zu mir auf den Bettrand und sagt grinsend: „Die Vorfreude hat mich träumen lassen heute Nacht, was eigentlich erst Übermorgen passieren soll und trotz der Aktivitäten gestern Abend beim Flötenkonzert, habe ich heute morgen einen nasse Hose gehabt. Deswegen war ich jetzt auch schon duschen“. Ich muss auch grinsen, bei der Vorstellung, das im beim Traum über meine Entjungferung einer abgegangen ist. Ich spring aus dem Bett, geh duschen und zieh mich an. Dann gehen wir zum Frühstück runter Oma und Opa haben mit dem Frühstück auf uns gewartet und zusammen trinken wir Kaffe und essen warme, frische Brötchen.
Dann erzählt Oma noch einiges zum Tagesablauf. Nach dem Frühstück will Opa den Weihnachts-baum im Wohnzimmer aufstellen, dabei sollen wir ihm helfen. Das Schmücken kommt erst nach dem Mittagessen, das heute sehr klein ausfällt, an die Reihe. Am Nachmittag wird dann das festliche Abendessen vorbereitet, das wir vier heute gegen 09:30 Uhr einnehmen werden. In dieser Zeit sollen wir noch mal mit Artus rausgehen und dann ein wenig vorschlafen, da es eine lange Nacht werden wird.
Wie geplant läuft der Tag ab und nach dem ausgiebigen, guten Abendessen ist dann die Bescherung, so heißt das in Deutschland, wenn man sich zu Weihnachten beschenkt. Wir haben vorher unsere Geschenke von oben geholt und unter den Weihnachtsbaum gelegt, Opa und Oma tun das auch. Nun geht es ans Verteilen. Von Opa und Oma bekommen wir jeder ein Kuvert und jeder ein paar tolle Handschuhe und eine warme Mütze. Für Oma haben wir eine Handtasche aus Leder und die DVD-Reihe mit den Sissi-Filmen gekauft, Opa bekommt eine neue Bohrmaschine, der Tipp kam von Oma, die alte Bohrmaschine hatte vor ein paar Tagen den Geist aufgegeben.
Nelson bekommt von mir einen Ring aus Silber und eine passende Kette dazu, mit eingraviertem Namen und der Jahreszahl. Für mich hat mein Schatz einen Anhänger für meine Halskette gekauft, aus Silber mit Gravierung „In Liebe, Nelson 2002“ und im Inneren ist eine Strähne oder besser ein Löckchen von seinen schwarzen, krausen Haaren, hinter einer winzigen Scheibe zu sehen. Mir kommen fast die Tränen, so schön ist das Geschenk. Ich muss ihn sofort küssen, so froh macht mich das.
Um 22:00 Uhr kommen dann Tante Charlotte mit Familie, das heißt, auch Michael und wir sitzen alle zusammen im Wohnzimmer, die Stimmung ist weihnachtlich und wir erzählen einander, was wir denn so bekommen haben. Michael und seine Geschwister bekommen von Opa und Oma auch jeder ein Kuvert und die Erwachsenen schenken sich ein paar nette Kleinigkeiten. Um 23:15 Uhr mahnt Oma zum Aufbruch, weil die Kirche wohl immer sehr voll ist an Heiligabend und sie schon gerne einen vernünftigen Platz haben möchte.
Also machen wir uns auf und gehen in den Ort und dort zur Kirche. Dort ist schon viel Betrieb und mit Mühe bekommen wir noch Plätze, an denen man sich auch setzen kann. Dann geht die Feier los und die dauert ungefähr 2 Stunden. Wir , Nelson und ich, staunen schon ein bisschen über den Pomp und den Aufmarsch so vieler schön und einheitlich gekleideter Jungs, den ausgeprägten Geruch, der aus einer an ketten hängenden Räucherschüssel kommt und den Parfümgeruch der anwesenden Frauen überdeckt, das fulminante Orgelspiel und den Chorgesang. Bei uns in der Kirche in Südafrika läuft das wesentlich weniger aufwendig ab. Ich bin dann doch froh, als alles vorbei ist. Der lange Tag macht sich bemerkbar und ich meine, unser Bett schon rufen zu hören. Als wir endlich zu Hause sind, bedanken wir uns nochmal bei Opa und Oma, dann geht’s ab in die Falle. Ein dicker Kuss noch, ein „ich liebe dich „ und dann fallen die Augen zu.
Um 11:00 Uhr am 25.12. weckt uns Oma, in dem sie kräftig an die Türe klopft und ruft. „Aufstehen, Jungs, in eineinhalb Stunden müssen wir bei Charlotte sein, also raus aus den Federn“. Ich öffne vorsichtig meine Augen, sehe meinen Schatz und muss ihn einfach küssen. Das geht nun eine Weile so weiter, bis er „Duschen“ sagt. Als er die Bettdecke zurück macht, sehe ich, warum er unbedingt mit mir Duschen will. Bei dem Anblick will gleich noch einer und so verschwinden wir wies Gewitter in der Dusche. Nach 25 Minuten kommen wie sauber, entspannt und zufrieden wieder heraus und trocknen uns ab. Jetzt heißt es anziehen und dann ab nach unten. Wir haben gute Sachen angezogen und die Haare frisch gestylt, wobei Nelsons Locken wie immer sehr geil aussehen mit ein bisschen Gel drin.
Auch Opa und Oma sind bereits fertig und haben sich auch sehr schick gemacht. Oma sagt: „Wir waren heute morgen schon wieder um 9:00 Uhr auf, ich kann einfach nicht so lange schlafen. So, jetzt gehen wir los“. Alle zusammen verlassen wir das Haus, auch Artus darf mit und Nelson hat die Leine, er hat sich echt gut mit dem Hund angefreundet. Nach dem kleinen Spaziergang kommen wir pünktlich um 12:00 Uhr bei Tante Charlotte an und Michael wartet schon auf uns. Er hat zu Weihnachten einen neuen Computer bekommen und ist ganz heiß drauf, uns das Teil vorzuführen. Er hat heute Morgen schon alles installiert und ausprobiert.
Wir werden aber zuerst mal wieder Essen und auch Tante Charlotte har beim Kochen alle Register gezogen und es mundet fantastisch. Nach dem Nachtisch, etwas schwerfällig vom vielen Essen, suchen wir Michaels Zimmer auf und bewundern den tollen Rechner, den er bekommen hat. Es ist sein erster neuer Rechner, da er als der Jüngste immer die gebrauchten Teile der älteren Geschwister bekam. Er ist stolz und glücklich, dass er jetzt so ein Superteil bekommen hat. Wir sitzen alle drei vorn dran und ab geht’s es ins Internet. Da unsere Familien jetzt bei den Weihnachtsgrillen sind, brauchen wir zu Hause nicht anzufragen, da ist keiner da. Auf YouTube werden die neusten Hits abgehört und dann legt Michael ein neues Spiel ein.
Nach dem Laden stellt er es so ein, das 3 Spieler nacheinander spielen können und Michael fängt an zu spielen. Als er nicht mehr weiter kommt, ist Nelson dran und als der scheitert, ist es an mir, mehr Punkte zu holen als die Beiden. Im ersten Durchgang gelingt mir das nicht und Michael ist wieder dran. Es dauert nicht lange und wir sind so auf das Spiel konzentriert, das wir alles rundum vergessen.
Um halb Fünf kommt Michaels Schwester und ruft uns zum Kaffeetrinken nach unten. Schon wieder Essen, wir werden gemästet, hab ich das Gefühl. Aber der Kuchen, eine Schwarzwälder Kirschtorte mit viel Sahne, die kann man einfach nicht stehen lassen und Nelson lobt Tante Charlotte und möchte seiner Mama gerne das Rezept mitnehmen. Tante Charlotte fühlt sich geschmeichelt und sagt, das sie Morgen Mittag das Rezept mitbringt für Nelson. Der isst gerade sein drittes Stück und strahlt förmlich, weil es ihm so gut geht. Auch dieser Tag ist bald zu Ende, die Zeit vergeht wie im Flug und ich denke daran, das ich in zweieinhalb Stunden 16 Jahre alt werde und auch an Nelsons Versprechen denke ich mit Vorfreude, hoffentlich ist es so, wie ich mir das seit Wochen vorstelle.
Gegen 22:00 Uhr brechen wir auf und machen uns auf den Heimweg. Nelson hat meine Hand genommen, mit der anderen Hand hält er die Leine von Artus, der brav neben uns trottet, ich glaube, der hat wohl auch zu viel gefressen. Zu Hause angekommen, setzten wir uns noch auf ein Glas Wein ins Wohnzimmer, wir hatten bei Tante Charlotte nur Cola getrunken, so dass Opa uns ein Glas zugesteht. Wir sprechen über den morgigen Tag, meinen Geburtstag, und Opa meint, wir sollen nicht so spät aufstehen, der Partykeller muss noch ein bisschen hergerichtet werden.
Ich sage: „Opa, Michael kommt um halb Elf zum helfen, da reicht es, wenn du uns um Halb Zehn weckst. Geht das so in Ordnung?“ „Ja, Junge, das ist OK. Ich wecke euch und dann sehen wir weiter“, antwortet der Opa. „Gut“, sagt Nelson, „dann gehen wir mal ins Bett, damit wir morgen den großen Tag genießen richtig können. Wir trinken aus und machen uns auf den Weg nach oben. Wir gehen duschen, jeder für sich, haben wir ja noch was anderes vor und wir wollten unsere Kräfte schonen.
Als der Zeiger langsam auf Mitternacht zuwandert, beginnt Nelson mich zu streicheln und entfernt die Handtücher, die um unsere Hüften geschlungen sind. Auf dem Nachttisch, in Griffweite, liegen Gleitgel und Kondome bereit. Nelson fängt an, mich zu küssen und seine Lippen wandern meinen Körper entlang und er macht mich bereit für das Ereignis, das er mir zum Geburtstag versprochen hat.
Nelson ist sehr, sehr vorsichtig, immer wieder unterbricht er kurz seine Zärtlichkeit, um mich anzuschauen. „Mir geht’s gut“, sag ich, „ich bin bereit“. Nachdem er mich vorbereitet hat, passiert das, was ich mir von ihm gewünscht habe. Am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, wird es schnell schön und steigert sich bis an den Rand des Wahnsinns, ein Gefühl, wie ich es noch nie erlebt habe.
Nelson ist ein sehr einfühlsamer Liebhaber und er stellt seine Gefühle meinen hinten an. Er ist bestrebt, mich glücklich zu machen und das gelingt ihm ganz phantastisch. Erst als der Höhepunkt über mir zusammenschlägt, denkt er auch an sich und bringt sich durch ein erhöhtes Tempo ebenfalls über die Schwelle. Schwer atmend, liegt er jetzt auf mir, seine Lippen suchen meine, wir küssen uns. „Danke“, hauch ich in sein Ohr, „du warst fantastisch. Es war so geil, einfach unbeschreiblich. So habe ich es mir gewünscht und du hast mich sehr glücklich gemacht.“
Nach einer kurzen Duscheinlage ist es nun an mir, das Nelson gegebene Versprechen einzulösen und ich bemühe mich, ihm dasselbe unbeschreibare Erlebnis zu bescheren, das er mir bereitet hat. Seinen Gefühlsäußerungen nach zu schließen, gelingt mir das sehr gut. Ich will ihn von ganzem Herzen glücklich sehen und als wir nachher beide eng aneinander gekuschelt da liegen, sind wir glücklich und noch fester miteinander verbunden, als je zuvor. Nach einer Zeit, so ungefähr 2o Minuten, gehen wir noch einmal ins Bad und duschen kurz <weitere 20 Minuten später schlafen wir wie die Murmeltiere.
Opa klopft am Morgen um halb zehn und weckt uns durch Klopfen an der Tür. Da wir ja nachher noch etwas vorbereiten müssen, verschieben wir das duschen auf die zeit nach der Arbeit. Nach einem kurzen Frühstück gehen wir, nach dem auch Michael jetzt da ist, mit Opa in den Partykeller. Der Raum misst 7 mal 5 m und ist mit einem kleinen Buffet und an der Längswand mit Bänken und Tischen bestückt in dem noch freien Raum stehen drei runde Stehtische. Oma hat schon Tischdecken aufgelegt. Opa hat in einer Kiste diverse Dekorationsartikel und wir dekorieren den Raum bunt und lustig. Michael hat CDs mitgebracht, eine kleine Anlage ist vorhanden. Direkt wird mal Musik aufgelegt und gleich geht die Arbeit besser von der Hand.
Getränke müssen heran geholt und im Kühlschrank eingeräumt werden. Opa hat einiges an Getränken bereit gestellt, die wenn überhaupt, nur wenig Alkohol enthalten. Als wir alles soweit eingeräumt und vorbereitet haben, ist es Zeit, das wir uns Duschen und umziehen, denn heute ist ja der große Familientag. In einer stillen Minute hat Opa uns gebeten, nicht vor den Kindern und Enkeln rum zu knutschen. „Wenn euch nach küssen ist, dann geht hoch, da seid ihr ungestört und es gibt keine Fragerei bei den Kindern.“ OK, Opa, wir werden uns schon zurückhalten und warten, bis heute Abend“, sag ich und Nelson meint verschmitzt: „Wir können auch ein paar Stunden ohne auskommen, da leidet unsere Liebe nicht darunter“, und drückt mir schnell noch einen auf den Mund.
25 Minuten später kommen die ersten Verwandten und wir werden einander vorgestellt. Nach weiteren 30 Minuten ist das Haus voller Gäste und Opa hat alle Hände voll zu tun, alle mit Getränken zu versorgen. Wir springen ein und helfen, zusammen mit Michael, wo wir können. Nach dem alle was zum Trinken haben, hält Opa eine kurze Rede, stellt mich noch einmal vor und sagt den Leuten in unserem Alter, das sie gerne zur Geburtstagspartie heute Abend in den Keller eingeladen sind. Jetzt wollen mir alle auf einmal gratulieren und dann singen sie noch „Happy Bursday“ für mich. Mir fällt ein, dass Mama noch gar nicht angerufen hat, aber bei denen war es bestimmt auch spät gestern.
Als hätte sie auf meine Gedanken gewartet, ruft sie jetzt aus Südafrika an und gratuliert mir zum Geburtstag. Nacheinander kommen alle Familienmitglieder ans Telefon und auch Mama Mbete gratuliert mir sehr. Nelson sagt seiner Mutter kurz guten Tag und dann nimmt Oma den Hörer, um mit ihrer Tochter zu reden. Wir wenden uns jetzt den Leuten zu, die in unserem Alter sind. Das sind außer Michael noch ein Junge namens Pascal und zwei Mädchen, Esther und Heike, alle drei wohnen nicht in Martinsthal, und wir kannten sie noch nicht.
Daniel, ein 13 jähriger Sohn von einer weiteren Schwester meiner Mutter fragt, ob er auch zur Party kommen dürfe und ich sage: „Wenn du möchtest, darfst du gern kommen, aber du darfst keinen Alkohol trinken, OK?“ „Klaro“, sagt er erfreut und sagt direkt mal seiner Mutter Bescheid. Jetzt beginnt das Essen, das Oma mit Hilfe von Tante Charlotte vorbereitet hat. Es ist wieder einmal köstlich und reichlich und nach her muss einfach ein Verdauungsspaziergang sein. Die Erwachsenen trinken an Stelle des Spaziergangs lieber einen Schnaps, wir Jungen gehen aber, mit Artus versteht sich eine Runde am Weinberg entlang, bis nach Rauenthal und durch das Dorf wieder zurück nach Martinsthal.
Der Nachmittag setzt sich fort mit dem üblichen Kaffee, wir nehmen aber nicht daran teil, sondern wir setzen uns in den Partykeller und spielen ein bisschen Karten. In einer Runde mit 6 Leuten macht das einfach Spaß. Die Zeit geht schnell rum und gegen 19:00 kommen auch Kevin und Dominik und wir beginnen so langsam mit der Party. Ich bekomme sogar einige Geschenke und freue mich sehr darüber. Ab und zu kommen auch mal die älteren Geschwister von Michael herunter und wir haben eine tolle Stimmung einige der bekannten Partyspiele haben wir unter der Anleitung von Michael schon gemacht und er ist wie ein Entertainer ständig bemüht, uns alle zu unterhalten, was ihm auch echt gut gelingt.
Auch die schönste Feier geht einmal zu Ende und als die von auswärts kommenden Jugendlichen nach Hause fahren, wird es ruhiger und eigentlich ist die Luft jetzt raus. Ich habe von Opa zwei Flaschen Sekt bekommen, eigene Herstellung, den wollen wir jetzt auf meinen Geburtstag trinken, bevor er gleich schon wieder vorbei ist. Michael öffnet gekonnt die erste Flasche und nach dem Einschenken Prosten wir uns alle zu „Auf dein Wohl mein Schatz“, sagt Nelson und gibt mir einen Kuss. Michaels Bruder kommt, um ihn zu holen, aber er will noch bleiben. Letztendlich muss er doch mit nach Hause gehen, nicht, ohne noch schnell ein las Sekt zu trinken. Kevin und Dominik machen sich auch auf den Weg nach Hause. Wir wollen morgen miteinander telefonieren.
Wir zwei nehmen den restlichen Sekt mit nach oben und nachdem wir „Gute Nacht“ gesagt haben, gehen wir aufs Zimmer. Nachdem wir uns Bettfertig gemacht haben, trinken wir im Bett sitzend noch den restlichen Sekt und an geschickert, Nelson brabbelt schon undeutlich, legen wir uns schlafen, leicht beduselt und sehr glücklich.
Der nächste Tag beginnt spät, und nach dem Frühstück ist Aufräumen angesagt. Michael, die treue Seele, ist auch gekommen und hilft uns. Er bleibt bis zum Abend, wir hören Musik und spielen am PC. Zwischendurch erfolgt der schon obligatorische Spaziergang mit Artus. Am 28.Dezember gehen wir nach dem Mittagessen mit Artus nach Rauenthal zu Kevin und Dominik und verbringen einen schönen Nachmittag. Als wir gegen Abend nach Hause kommen, steht der Wagen von Tante Charlotte vor dem Haus. Als wir Artus versorgt haben, gehen wir in die Küche, wo sich Opa, Oma, Tante Charlotte und Michael aufhalten. Ich spüre sofort, dass etwas nicht stimmt und schaue Tante Charlotte an.

„Jungs“, sagt sie, „ihr müsst sofort packen gehen, Eure Maschine nach Kapstadt geht um 6:30 Uhr ab Frankfurt. Mindestens zwei Stunden vorher müssen wir dort sein.“ „He, wie das? Was ist los?“, rufe ich, sofort aufgeregt. „Nelsons Papa hatte einen schweren Autounfall und sein Zustand ist kritisch. Seine Mama will, dass er schnellstens nach Hause kommt und ich denke nicht, dass du noch hier bleiben willst“, sagt Tante Charlotte. Nelson ist grau geworden im Gesicht und lehnt sich haltsuchend an mich. Ich nehme ihn in den Arm, halt ihn fest und drücke ihn schützend an mich. „Es wird alles wieder gut, mein Schatz, ich spüre das“, sag ich ihm ins Ohr. Er zittert leicht und ich schiebe ihn zur Eckbank und setze ihn neben Opa. „Wisst ihr, was passiert ist?“, will ich wissen. „Nein, Susanne hat nichts gesagt außer was du schon weißt, aber du kannst versuchen, sie zurück zu rufen“, sagt Tante Charlotte.
„Passt auf Nelson auf, ich gehe unsere Sachen packen“, sage ich und gehe nach oben. Ich nehme die Koffer und Taschen und packe unsere Sachen ein. Zwischen durch gehe ich mal nach Nelson schauen, der immer noch neben Opa sitzt. Artus hat sich auf seine Füße gelegt, als wenn er ihn trösten wollte. Als ich alles verpackt habe, bis auf die Kleider, die wir anziehen müssen und unsere Papiere und das Geld, trage ich die zwei Taschen und die Koffer nach unten.
Opa sagt: „ Die Koffer gebe ich ihn Frankfurt auf, mit den Taschen müsst ihr einchecken. Die Tickets für den Rückflug gelten auch morgen früh und die Plätze in der Maschine nach Kapstadt über London sind auf euch gebucht. Wir essen jetzt noch was, und spätestens um 2.OO Uhr müssen wir fahren. Wir fahren das letzte Stück noch mal mit dem Taxi, das ist besser.“ Ich weiß nicht mehr so genau wie die Zeit verging, aber um 8:00 Uhr des nächsten Morgens waren wir schon in London und warteten auf das Einchecken nach Kapstadt. Nelson war aufgeregt, wir hatten noch einmal angerufen und der Zustand von Jonathan war unverändert.
Um 9:00 Uhr sind wir in der Luft und kurz nach 15:00 Uhr landet der Vogel in Kappstadt, wo Papa schon auf uns wartet. Nachdem die Koffer verstaut sind, fahren wir ins Groote Schuur Krankenhaus, um nach Jonathan zu sehen. Er liegt Intensiv und nur Familienangehörige dürfen zu Ihm. Nelson muss sich einen Kittel und Handschuhe anziehen, dann wird er von einem Pfleger zu seinem Vater ans Bett gebracht. Dort sitzt bereits Mama Mbete und sie hat Tränen ihn den Augen, als sie Nelson in den Arm nimmt. Nelson löst sich und tritt an das Bett. „Papa, Papa, hörst du mich. Hier ist Nelson, dein Großer, komm Papa, wach auf, Papa. Ich brauch dich, Mama brauch dich, wir alle brauchen dich. Der Massa Martens ist draußen und Jan., mein Jan. Papa, komm, du kannst uns nicht allein lassen“, sagt er zu ihm, nicht leise, nein gut hörbar und energisch.
Zunächst hat sich, als er mit ihm redet, zuerst kaum merklich, aber dann deutlich die Pulsfrequenz von knapp 60 auf etwas über 80 erhöht. Auch der Blutdruck ist um 15 Punkte nach oben geklettert und liegt jetzt bei 125 zu 68. Nelson redet weiter, alles was ihm gerade einfällt und immer wieder zwischendurch fordert er Jonathan auf, aufzuwachen, nicht zu sterben, und nach etwa 35Minuten flattern die Augenlieder des schwer verletzten.
Mama Mbete hat längs dem Pfleger gewunken und der kommt jetzt mit einem Arzt und beide wollen wissen, was ist. Nelson redet immer noch, der Arzt sieht die veränderten Werte und hebt ein Augenlied von Jonathan in die Höhe. Mit einer kleinen Lampe leuchtet er direkt in das Auge und man sieht ein deutliches Zucken. „Er reagiert, junger Mann, rede weiter mit ihm, ich gebe ein wenig Adrenalin, vielleicht wird er ja wach. Nelson redet und redet und die Werte bleiben jetzt oben. Als der Doktor das Adrenalin gespritzt hat, dauert es einen Moment, dann fängt Jonathan an zu stöhnen.
„Papa, Papa“, ruft Nelson jetzt etwas lauter, „ wach auf, komm zurück Papa“. Mama Mbete schluchzt tief, als Jonathan ein Auge öffnet. Der Arzt redet jetzt ebenfalls auf den Verletzten ein und dann öffnet Jonathan auch das zweite Auge. Die Augen wandern umher, immer wieder, dann bleiben sie auf Nelson hängen. Er krächzt, will was sagen, aber es kommt nur ein schwacher Ton. Trotzdem sind alle froh, dass er aufgewacht ist. Der Arzt erneuert die Infusionen und spritzt noch ein Schmerzmittel in die Flasche.
„So“, sagt der Doktor, „ das ist ja ein guter Fortschritt. Vielleicht schaffen wir dass ja jetzt, nach dem er wach ist. Sein Zustand ist seit einigen Stunden zwar stabil gewesen, aber das Koma hat uns Probleme gemacht. Es wäre gut, junger Mann, wenn du hier bleiben könntest, wie sieht es aus? Kann sein, dass dein Papa dich hier braucht. Wenn es möglich ist, wollen wir morgen einige dringend notwendigen Eingriffe machen. Was wir bis jetzt gemacht haben, waren nur Notoperationen und einige Sachen müssen wir noch machen.“
„Ich bin heute erst aus Deutschland gekommen und habe seit gestern Morgen nicht mehr geschlafen. Wenn sie mir eine Liege herstellen können, bleibe ich gerne, aber wenn ich nachher nicht ein wenig schlafen kann, kipp ich irgendwann rum“, antwortet Nelson und der Arzt nickt: „ Das dürfte gehen, ich kümmer mich drum. Und sie, Frau Mbete, sie gehen jetzt mal schön nach Hause ins Bett und kommen morgen wieder und lösen den jungen Mann hier ab.“
Nelson sagt uns Bescheid, das Jonathan aufgewacht ist, das er hier bleibt und das wir Mama mit heim nehmen sollen. „Sie soll morgen wieder kommen und mich ablösen“, sagt er. Mein Papa sagt: „OK, dann schick Mama raus, dann fahren wir und meine Frau bringt sie Morgen Nachmittag wieder her. Ich nehme an, das Jan dann mit her kommt, um dich mit ab zu holen“. Als Mama rauskommt, gehen wir zum Wagen und fahren nach Hause. Mama ist erstaunt, dass sich Nelsons Anwesenheit und sein Gerede so positiv auf Jonathan ausgewirkt haben und sie ist froh, dass der auf gewacht ist.
Jonathan kommt wieder auf die Beine und nach 3 Monaten kann er auch seine Arbeit wieder aufnehmen. Wir, Nelson und ich, sind so gut wie zusammengezogen und meine Schwester trägt sich mit Heiratsgedanken. Dann wird das Zimmer neben meinem frei und wir können ein Durchbruch machen, sagt mein Papa. Nelsons Geburtstag haben wir übrigens gefeiert, nachdem Jonathan aus dem Krankenhaus entlassen war. Die „Entjungferungsübungen“ waren mittlerweile auch zu einem festen Bestandteil unserer Liebe geworden und es fühlte sich jedesmal besser an.
So geht die Zeit ohne weitere Aufregungen dahin, in der Schule läuft es gut und wir leben meistens wie auf Wolke 7.
Das letzte Schuljahr ist schon angebrochen und die Prüfungen werden bald beginnen. Mit Michael, Kevin und Dominik, aber auch mit Opa und Oma findet ein ständiger E-Mailkontakt statt und Gespräche im Chat sind an der Tagesordnung. Michael will uns besuchen kommen und wir verabreden, das er dann kommen wird, wenn die Schule zu Ende ist und wir noch ein bisschen Ferien haben, bevor das Studium beginnt. Nelson und ich werden in Stellenbosch Weinbau studieren.
Strand bei Strand
Mit der Muschel in der Hand wandere ich langsam zurück. Eigentlich würde ich lieber allein bleiben, aber das kann ich den beiden Mamas nicht antun. Trotzdem lass ich mir jede Menge Zeit, um wieder zu der Gesellschaft zu stoßen. Noch etwa 2 Kilometer sind es bis hin zu den Andern und die Gedanken schweifen wieder ab.
Reifeprüfung mit Folgen
Die Prüfungen sind zu Ende und die Ergebnisse sollen im Rahmen einer Feierstunde im Schulsaal um 16:30 Uhr bekannt gegeben werden. Wir fahren ein wenig aufgeregt mit unseren Eltern dorthin . Einige in unserer Klasse wissen schon länger, das Nelson und ich zusammen sind und bis jetzt hat sich niemand darüber aufgeregt. Ein farbiger Schüler aus der Parallelklasse hatte über eine längere Zeit versucht, bei Nelson zu landen, ja, er hatte ihn förmlich verfolgt, wollte, dass er sich nicht mit einem Weißen abgibt. Er wollte Nelson für sich haben. Er sah gut aus und war ein hübscher Kerl, aber für Nelson existierte nur ich und umgekehrt ist es auch so. Heute, nach der Bekanntgabe wollen wir ein bisschen zusammen feiern, die ganze Klasse oder zu mindestens die meisten. Jetzt, mit fast 19 Jahren wird dabei natürlich auch manches Mal Alkohol getrunken.
Es ist 16:00 Uhr, als wir an der Aula ankommen. Einige Klassenkameradinnen und Kameraden sind schon da, auch mit Eltern und Freunden. Auch Frantje van Geldern und seine beiden Freunde haben es geschafft, sich über die Zeit zu retten und haben ihr Reifezeugnis mit Ach und Krach geschafft. Sie sind allerdings im Laufe der letzten zwei Jahre zu absoluten Außenseitern in dieser Klasse geworden und haben sich erstaunlicherweise auch sehr zurück gehalten. Nur von Esther van Breukelen wissen wir, das die Familie van Geldern in der Szene der Apartheitsbefürworter eine große Rolle spielt und auch schon in Gewaltdelikte gegenüber Farbigen verwickelt war. In wie weit Frantje da beteiligt war, kann sie aber nicht genau sagen, weil ihr Bruder, der Polizist, ihr nicht alles sagen darf.
Pünktlich eröffnet der Direx die Veranstaltung, der Schulchor singt ein Lied und dann werden die Schüler nacheinander nach vorne gerufen. Das geht in der Reihenfolge der erreichten Abschlussnoten, von weniger gut an aufwärts, und van Geldern und seine Freunde stehen mit als erstes auf der Bühne. Nelson und ich sind unter den letzten 5 und als ich an den Andern vorbei gehe, raunt mir Frantje ein verächtliches „Kaffernhure „ zu. Ich bin etwas geschockt über diesen Ausdruck und auch über den Hass, der deutlich erkennbar in dem Wort mitschwingt. Nelson wird mit einem ebenso verhassten „Kafferschwuchtel“ bedacht. Unsere Stimmung, die wegen unserer Noten recht gut ist, wird durch diese Verbalattacken etwas getrübt, aber nur für eine kurze Zeit, wissen wir doch beide, was für ein Arsch der Frantje ist.
Nachdem endlich alle auf der Bühne stehen, fasst der Direx nochmal zusammen, was es über diesen Jahrgang zu sagen gibt. Dann redet unser Klassensprecher, und dann der aus der Parallelklasse. Zum Abschluss singt noch einmal der Schulchor. Jetzt ist der offizielle Teil beendet und wir können zum gemütlichen Teil übergehen. Das ganze hat doch immerhin gut eineinhalb Stunden gedauert. wir haben vorher einen Treffpunkt abgemacht, an dem sich alle zusammen finden wollen, die mit zum Feiern in die Stadt gehen wollen. Die Abschlusszeugnisse haben wir unseren Eltern mitgegeben und gesagt, dass wir irgendwann mit einem Taxi heim kommen. Die üblichen Ratschläge hörend, schauen wir zu, dass wir zu den Anderen kommen.
Mit 17 Leuten ziehen wir los und da es jetzt schon nach 18:00 Uhr ist, wollen die meisten zuerst mal was essen. Also suchen wir ein Restaurant aus, wo man ordentlich essen kann und dort sind wir dann für die nächsten anderthalb Stunden dabei, eine gute Unterlage für die kommenden Stunden zu schaffen. Ein ausgeprägtes Nachtleben gibt es in Stellenbosch nicht und wer wirklich was erleben will, der muss schon ins 40 Kilometer entfernte Kapstadt fahren, aber das hatten wir zunächst mal nicht vor. So gehen wir nach dem Essen in ein Lokal, das auch über eine Tanzfläche und einen DJ verfügt, der Musik macht, wie sie unserer Altersgruppe wenigstens zum Teil gefällt.
Auf Grund der bestandenen Prüfung und dem damit verbundenen Schulabschluss wird doch einiges an Alkohol getrunken und schon angeheitert bemerke ich irgendwann in einer Ecke des Lokals auch Frantje von Geldern mit seinen Freunden du einigen Leuten, die ich nicht kenne. Zu Nelson sag ich: „Schau mal darüber, da sitzt unser Freund Frantje mit seinen Anhängern, sind da nicht die vier dabei, die früher mal mit auf unserer Schule waren?“ „Doch, ich glaube schon, das sie dass sind. Mir gefällt das nicht, dass die auch hier sind“, meint Nelson. „Wir sind doch nicht allein hier und wenn die unsere Klasse geht, dann gehen wir auch mit“, versuche ich seine Bedenken zu zerstreuen.
Kurz vor Mitternacht, die meisten spüren den Alkohol jetzt deutlich, werden erste Wünsche laut, den Heimweg anzutreten, für uns bedeutet das, den Taxistand zwei Straßen weiter auf zu suchen. Es dauert aber noch über 20 Minuten, bis wir alle bezahlt und unsere Garderobe geholt haben und so kommt es , das wir nur noch sieben Leute sind, die anderen haben das Lokal schon vor uns verlassen. Ein Blick in die Ecke zeigt, dass die Leute um Frantje van Geldern auch weg sind, das beruhigt mich, ich will denen im angetrunkenen Zustand, die haben auch ganz schön gebechert, nicht unbedingt begegnen. Bei den letzten sieben ist auch Esther van Breukelen, die eigentlich in der Parallelklasse ist, aber weil ihr Freund Ari van Dronten in unserer Klasse ist, ist sie mit uns gegangen.
Wir schlagen die gleiche Richtung ein, da Nelson und ich zum Taxistand müssen, während die anderen alle hier in der Stadt wohnen oder zumindest heute hier schlafen. Sie begleiten uns alle noch bis dorthin, gehen dann aber weiter. Im Moment ist kein Taxi da und Nelson versucht, über Handy ein Taxi zu erreichen. Er erhält die Auskunft, dass es noch eine viertel Stunde dauert und er macht ab, dass wir schon mal ein Stück zu Fuß gehen und uns an der Hauptstraße mit dem Taxi treffen. Dann brauchen wir hier nicht so lange rum zu stehen und zu warten.
Wir gehen los, hinter den anderen her in Richtung Hauptstraße. An einer dunklen Ecke sind wir plötzlich von sieben vermummten Gestalten umringt und einer sagt: „Hallo, da haben wir ja die Kaffernschwuchtel und seinen Stecher, das ist aber sehr schlecht für euch, das ihr jetzt hier allein im Dunkeln rumlauft. Das soll für Schwuchteln sehr gefährlich sein.“ Die anderen lachen leise und gefährlich. „Lass uns in Frieden, van Geldern“, sag ich, denn den habe ich sofort an der Stimme erkannt. „Verrecken sollt ihr, Martens, wir machen euch alle. Schwule und Negerficker haben hier nichts zu suchen“, und zu seinen Freunden sagte, „los zeigst ihnen.“
Drei stürzen sich auf Nelson und drei auf mich und wir werden mit Schlägen und Tritten traktiert. In Wut, Angst und Verzweiflung wehren wir uns wie die Berserker, aber es sind natürlich zu viele gegen uns. Van Geldern steht daneben und schaut zu. Nelson hat angefangen, so laut zu schreien wie er kann und er teilt genau so aus, wie er selber abkriegt und es gelingt ihm sogar, zwei der Angreifer nieder zu schlagen. Als er sich dem dritten zuwendet, sticht van Gelder ihn von hinten mit einem Messer in den Rücken.
Der Schrei, den mein Schatz von sich gibt, werde ich in meinem Leben nie vergessen und ich springe einfach nach vorn, um ihm bei zu stehen. Er liegt am Boden und Blut bereitet sich unter seinem Körper aus. Selbst die Angreifer halten für einen Moment inne, so schrecklich hat Nelson geschrien. Das von weiten hörbare, sich schnell nähernde Heulen einer Polizeisirene und auf unsere Gruppe zulaufende Leute veranlassen die sieben Angreifer, das Weite zu suchen. Sie verschwinden um die Ecke und ihre Schritte verhallen. Ich habe meine Schatz im Arm, unaufhörlich quillt ein starker Blutstrom aus der Stichwunde im Rücken, da wo die Leber sitzt, quillt durch meine Finger, die vergeblich versuchen, die rote Flut zu stoppen.
Leute kommen, schreien, ein Polizeiwagen hält, Stimmen und Lärm um mich rum. Ich habe nur Augen für meinen Schatz, der mich ansieht, versucht mit mir zu sprechen. Mein Ohr ist vor seinem Mund. „Leb wohl, mein Schatz, vergiss Nelson nicht“, haucht er in mein Ohr, „du musst nicht traurig sein, werde glücklich irgendwann. Küss mich Jann, noch einmal, bevor ich sterbe und pass auf meine Mama auf.“ Ich küsse ihn, sehe in seine Augen und halte ihn fest. Seine Augen brechen, Nelson stirbt in meinem Arm und er lächelt glücklich dabei. Dann wird es dunkel.
Irgendwann später, ich habe kein Zeitgefühl, ich habe überhaupt kein Gefühl in mir außer tiefe Trauer, Verzweiflung, Leere. Meine Mama ist bei mir und ich liege im Bett, in meinem Bett, in dem ich so glücklich war mit ihm. Tränen habe ich keine mehr, leer und ausgebrannt, verzweifelt bin ich. Ich will zu ihm, will nicht allein zurück bleiben. Mama Mbete kommt, grau im Gesicht, vom Kummer gezeichnet, setzt sich auf einen Stuhl, sagt: „Jan, wir wollen Nelson morgen begraben. Wenn du aber noch nicht aufstehen kannst warten wir noch ein oder zwei Tage“.
Ich fange an zu zittern, versuche mich auf zu richten, zieh mich an meiner Mama hoch, vergrabe mein Gesicht in ihrem Kleid und schluchze. „Ich werde versuchen, auf zu stehen, jetzt. Es muss gehen, Mama Mbete. Es wird morgen so weh tun wie übermorgen oder sonst wann. Wo ist er jetzt?“ „Er ist bei der Kirche in der Leichenhalle auf gebart“, sagt Mama Mbete. „Bring mich hin“, sag ich zu meiner Mutter, „ich muss Abschied nehmen, Abschied nehmen von meinem Schatz, ich kann ihn nicht so einfach in der Erde verschwinden sehen“. „Wann, Jan?“, fragt Mutter leise. „Jetzt Mama, jetzt gleich“, sag ich. „Willst du vorher Duschen und dich anziehen?“, fragt sie, „ es wäre besser“. „Ok, Mama, in einer halben Stunde, und nur wir zwei“, sag ich und stehe auf, um ins Bad zu gehen.
Ich mache mich wie unter Zwang fertig, alle Knochen tun weh und ich habe zahlreiche Blessuren am Körper. Dann geh ich nach unten, rufe Mama und setz mich ins Auto. Selber könnte ich wohl jetzt nicht fahren, weil meine Gedanken nur bei ihm sind. Ich stehe neben mir, nicht in der Lage, klar zu denken. Immer wieder der Gedanke „gleich wirst du wach und er liegt neben dir“ oder ich meine, seine Stimme zu hören und dann wieder sein Gesicht vor meinem, seine Augen, wie sie brechen. Ich werde noch wahnsinnig.
Mama fährt behutsam und spricht mich auch nicht an. An der Kirche angekommen, gehen wir an der Seite durchs Tor auf den Friedhof zu dem Gebäude, in dem die Toten auf gebart werden. In einer Kühlkammer, durch ein großes Fenster zu sehen, steht ein schlichter, mit gelben Blumen geschmückter Sarg, in dem, der Gedanke zerreißt mich fast, liegt das, was von meiner Liebe, meinem Leben, von meinem Nelson übrig geblieben ist. Mama lässt mich allein. Sie versteht meinen Schmerz, mein Leid, meine Verlust. Ich rede mit ihm.
„Mein Liebster, ich möchte dir danken, danken für deine unendliche Liebe, für die Freude, das Glück, das du mir in all den Jahren geschenkt hast. Ich weiß nicht, ob ich das, was kommt, ohne dich bestehen kann, du fehlst mir so. Mein Leben ist leer, meine Träume sind tot, Du bist tot. Ich wollte, ich wäre mit dir gestorben. Was soll ich nur ohne dich hier machen, allein, ohne deine Liebe, deine Stimme, dein Streicheln, deinen Geruch. Warum ist alles so gekommen, warum nur. Ich werde nie wieder lachen können, nie wieder fröhlich sein, nie wieder lieben.“ Ich bin auf den Boden gesunken sitze mit dem Rücken an der Scheibe, hinter der meine Zukunft darauf harrt, in der Erde Südafrikas begraben zu werden, schon morgen.
„Sei nicht so traurig, „spricht eine Stimme in meinem Kopf, „mir geht es gut und auch dir wird es wieder gut gehen, irgendwann, Jan. Es war eine glückliche Zeit mit dir und nach einer Zeit der Trauer will ich dich wieder glücklich sehen, versprich mir, das du das Leben wieder annimmst, kämpfe, bleib der Jan, den ich geliebt habe. Pass auf meine Mama auf, gib ihr Mut und Kraft, sie leidet sehr. Geh nach Deutschland studieren geh zu Opa und Oma, bleib nicht hier. Sie werden dich suchen und töten, denn nur du weißt wer mich gestochen hat. Hör ein letztes Mal auf mich. Leb wohl, meine einzige und unendliche Liebe. Ich werde über dich wachen. Leb wohl.“
„Jan“ und wieder „Jan. Steh auf, Jan, was ist denn los, ist dir schlecht?“, fragt meine Mutter. „Mama, nein, wieso fragst du?“, antworte ich und steh vom Boden auf, „ich habe das Gefühl, das Nelson mit mir gesprochen hat, Mama, und er hat gesagt, das ich nach Deutschland zu Opa gehen soll zum Studium. Ich bin hier in Gefahr, meint er“. Wir gehen zum Wagen. Jetzt, da ich mich verabschiedet habe, bin ich auch bereit ihn zu begraben. Meine Seele hat den Verlust realisiert, wie ich ohne ihn leben kann, weiß ich noch nicht. Tränen kommen wieder, ich erschrecke vor der Erkenntnis, ihn für immer verloren zu haben.
Als wir zu Hause auf den Hof fahren, steht ein fremdes Auto dort. Inder Küche sitzt Esther van Breukelen, dabei ein Mann , älter, aber an seinem Gesicht sieht man, das sie Geschwister sein müssen und mir fällt ein, das ihr Bruder ja bei der Polizei ist. Er stellt sich dann auch vor bei Mama und bei mir und erklärt, dass er den Fall bearbeitet und dass sie nur vermuten, wer für die Tat in Frage kommt. Nun will er wissen, was ich dazu aussagen kann und ob sich bewahrheitet, was seine Schwester, die ja zum Tatort zurück gekommen war in jener Nacht, vermutet.
Ich frage Esther, was sie erzählt hat und sie antwortet: „Als wir Euch am Taxistand allein gelassen haben, sind wir die Straße lang Richtung Hauptstraße und sind dann an der Ecke stehengeblieben, weil zwei von den Leuten in eine andere Richtung gehen mussten. Wie haben noch über den Abend gesprochen und was wir jetzt in der Zukunft machen wollen. Da haben wir einen Schrei, schwach, aber deutlich gehört und frag nicht, warum, aber ich habe das Wort Nelson gerufen und bin sofort zurück gelaufen. Die anderen sind ohne zu fragen hinterher gelaufen. Unterwegs habe ich schon den Notruf auf meinem Handy gedrückt und die Straße genannt und das Wort „Überfall“. Als wir bei Euch ankamen, wart ihr allein. Die Polizei traf fast gleichzeitig mit uns ein und du knietest am Boden, Nelson im Arm, der stark blutete und der dann ja kurz drauf in deinen Armen verstorben ist.“
Nach einer kurzen Pause, Mama Mbete schluchzt, erzählt Esther weiter: „Du bist ohnmächtig geworden und wir haben dann Eure Eltern verständigt. Ich habe der Polizei gesagt, das wir nicht wissen, was passiert ist, haben aber auch darauf hingewiesen, das van Geldern mit seinen Freunden in gleichen Lokal war, wie wir und das sie euch spinnefeind sind. Darauf hin hat man nach ihnen gefahndet, aber ohne Erfolg und da keine Zeugen und keine Beweise vorhanden sind, kann die Polizei nichts tun. Das Messer wurde auch nicht gefunden.“
„Es war Frantje van Geldern, der Nelson ermordet hat, er hat ihn von hinten gestochen, nachdem Nelson gerade den dritten seiner Angreifer nieder schlagen wollte. Ich selber hatte auch drei gegen mich und schon einiges abbekommen und es war nur eine Frage der zeit, wann sie uns überwältigt hätten. Ich kann alle Namen nennen, auch wenn sie vermummt waren am Anfang, so hat sich doch durch die Aktivitäten die Vermummung gelöst und es waren alles Leute, die wir kennen“, erzähle ich und erzähle dann noch einmal genau, wie es abgelaufen ist, nachdem wir uns von den anderen getrennt hatten. Auch, das Nelson ein Taxi angerufen hat und wir dann zu Fuß weitergegangen sind. Wie wichtig das noch sein sollte, ahnt zu dem Zeitpunkt noch keiner.
Esthers Bruder schreibt alles auf und gibt anschließend telefonisch Anweisung, nach den Personen zu fahnden. Er telefoniert auch mit einem Richter, damit ein Haftbefehl ausgestellt wird. Dann gibt er mir den Rat, das Weingut nach Möglichkeit nicht zu verlassen und wenn doch, immer mit mehreren Personen und schon gar nicht nachts, solange, bis die Täter festgenommen sind. Dann fahren er und Esther wieder zurück in die Stadt.
Es ist das erste Mal, das ich erzählt habe, was und wie es passiert ist. Das hat mich aufgeregt und Mama Mbete, selber von der Erzählung aufgewühlt, nimmt mich in den Arm und versucht mich zu beruhigen. Langsam begreife ich, das nicht nur ich einen furchtbaren Verlust erlitten hat, sondern alle hier und Mama Mbete und Papa Jonathan ganz besonders. Wir beide sitzen lange in der Küche und sie erzählt von der Zeit, als Nelson und ich noch klein waren und den ganzen Hof unsicher gemacht haben. Sie wusste Dinge zu erzählen, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte. Später, es war schon dunkel, ging ich nach oben, zog mich mit meiner Trauer aufs Bett zurück, dorthin, wo wir so glücklich waren. Ich vergrub mein Gesicht in sein Kissen, roch ihn, sog ihn ein fing wieder an zu heulen, warum nur, warum du, mein Schatz. Irgendwann muss ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein.
Mama weckt mich, sagt: „Komm, steh auf, wir haben Besuch, und außerdem muss du dich nachher fertig machen.“ Ein Schreck fährt in meine Glieder. Beerdigung, heute, o Gott steh mir bei, das halt ich nicht durch. Ich zieh mir was an, geh runter, will wissen wer da ist. Ich öffne die Tür, sehe, staune!
In der Küche sitzen Oma und Opa und Michael, die sind gestern Abend spät in Kapstadt angekommen und haben im Flughafenhotel übernachtet. Papa hat sie dann vor zwei Stunden in Kapstadt abgeholt. Tränen schießen in meine Augen ich umarme sie, zuerst Oma, die mir über den Kopf streichelt und „mein armer Junge“, sagt. Dann Opa, der mich drückt und dann Michael, der mich hält, auch mit Tränen in den Augen. „Das ihr gekommen seid, das werde ich euch nie vergessen, das bedeutet mir so viel“, sage ich. „Wir bleiben eine Woche“, sagt Michael, „dann kommst du mit nach Deutschland und studierst bei uns, wir denken, das ist das Beste für dich jetzt. Was hältst du davon?“.
„Darüber kann ich jetzt noch nicht nachdenken, ich muss erst mal den heutigen Tag überstehen. Ich kann an nichts anderes denken, als an die Beerdigung“, sage ich, „ich muss mich fertig machen, kommst du mit hoch?“ „Ja gerne“, sagt Michael und geht mit mir nach oben. Seine Anwesenheit lenkt mich ab, er schaut sich mein, beziehungsweise unser Zimmer an. Aus jeder Ecke kann man hier den Blick von Nelson spüren, seine und meine Bilder sind da, die Gerüche, die Kleider, einfach alles von ihm ist präsent. Ich komme aus dem Bad und ziehe mich an, schwarz, ich habe oft schwarz getragen, aber nicht aus einem solchen Anlass, Nelson trug gerne gelb oder rot. Grelle Farben standen ihm so gut. Als ich fertig bin, gehen wir wieder runter und dann fahren wir los, eine Fahrt, die mich an den Rand meiner Fähigkeiten bringt, die mir alles abverlangt und die ich nur ertrage, weil Michael meine Hand genommen hat. Ich bin nicht ganz allein.
An Einzelheiten der Trauerfeier kann ich mich nicht mehr erinnern, irgendwann, während der Pfarrer redet, schaltet mein Gehirn um, höre ich wieder seine Stimme, sehe ihn vor meinen Augen dort in den Holzkasten liegend und amüsiert schauend: „ Nicht traurig sein muss Massa, Nelson immer da ist bei Massa, muss gucken, das Massa wird glücklich, so wie mit Nelson , Massa. Wir wieder nach Deutschland gehen, Massa, Nelson auch, Massa, muss helfen Massa sein Glück suchen. Glück kommt nach Deutschland, Massa. Erst wenn Massa glücklich, dann Nelson Ruhe findet, Massa.“
Michael zieht mich am Arm mit nach vorn, unten in dem Erdloch steht der Sarg, mit Blumen geschmückt. Wie in Trance nehme ich eine Schaufel Erde, leere sie über dem Sarg aus. Polternd fallen die Brocken auf das Holz. Leb wohl, schreit mein Herz, meine Seele zittert. Dann zieht Michael mich zur Seite, wir machen Platz für all die, die sich von meinem Schatz verabschieden wollen. Meine Beine knicken ein, Dunkelheit.
Als ich wieder wach werde sitze ich auf dem Parkplatz im Auto, Papa und Michael haben mich dorthin getragen. Michael ist bei mir und Mama, sie hat mir ein paarmal an die Backen gehauen und Parfüm unter meine Nase gerieben, damit ich wieder zu mir komme. Die Beerdigung ist zu Ende und alle fahren nach Hause. Freunde und Bekannte und Verwandte fahren mit zu uns, wo wir bei einem Imbiss und einem Glas Wein zusammen sitzen.
Zögernd kommen Gespräche in Gang, wird gegessen, getrunken und die Anspannung der letzten Stunden löst sich langsam. Ich überlege, ob ich mich betrinken soll, aber dann verwerfe ich den Gedanken schnell wieder. „Schläfst du heute Nacht bei mir?“, frage ich Michael, „ich habe Angst, allein zu sein“. „Klar, kann ich machen, deine Mutter hat mir zwar schon ein Gästezimmer gerichtet, aber das macht ja nichts“, antwortet er. Wir gehen irgendwann nach oben, ziehen uns aus und machen uns bettfertig. Als wir im Bett liegen, sage ich:“Danke, das du mich gestützt hast und das du jetzt bei mir bist“. „Da nicht für, Jan“, antwortet er, „ schlaf jetzt, ich bin da, wenn du mich brauchst.“ Und dann schlafe ich wirklich ein, tief schlafe ich und doch träume ich, von Deutschland, wie wir dort waren von der Nacht an meinem Geburtstag, von unserer Liebe und immer wieder hör ich seine Stimme: „Nicht traurig sein Massa, erst wenn Massa glücklich, kann Nelson Ruhe finden“.
Als ich am morgen aufwache, ist Michael schon aufgestanden und nach unten gegangen, kein Wunder, denn als ich auf die Uhr schaue ist es schon viertel vor elf. Ich geh ins Bad, Dusche und ziehe mich dann an, mein Gesicht im Spiegel betrachtend, stelle ich fest, dass die letzten Tage Spuren hinterlassen haben. Die Spuren der Schläge sind fast verschwunden, am Körper ist aber noch deutlich zu sehen, wo Tritte und Schläge gelandet sind. Unter den Augen sind dunkle Ränder als Folge des Weinens und der Trauer. Als ich runter komme, sitzen Michael, Oma und Opa und Mama im Esszimmer und Mama Mbete wurschtelt in der Küche rum.
Ich setze mich mit an den Tisch und Mama Mbete kommt, bringt mir ein kleines Frühstück, streicht mir über die Haare, ich bin jetzt auch ein bisschen ihr Sohn, denke ich. Sie hat auch viel ertragen in der letzten Zeit uns man sieht ihr an, das sie von Trauer erfüllt ist. „Pass auf meine Mama auf“, war einer seiner letzten Sätze und auch im Traum hat er nochmal darum gebeten, ich werde es tun, und wenn ich wirklich nach Deutschland gehe, muss meine Mama es tun. Ich werde sie darum bitten und ihr auch sagen, warum. Nelson war auch schon wie ein Sohn für sie.
Die nächsten Tage vergehen, Mama zeigt Opa und Oma ein bisschen von unserem Land, Michael ist den ganzen Tag an meiner Seite, lässt nicht zu, das ich ins Grübeln komme. Hauptthema ist nach wie vor, ob ich jetzt in Deutschland studieren soll oder hier in Stellenbosch. „Ihr wisst ja gar nicht, ob da noch ein Platz frei ist in dem ersten Semester“, sage ich, als Opa wieder davon anfängt. „Lass das meine Sorge sein“, meint er, „ ich habe da so meine Beziehungen und wenn du mir jetzt zu sagst, dann hast du morgen einen Platz. Du musst dich nur entschließen, denn wir fliegen in vier Tagen zurück und würden dich dann gleich mitnehmen, damit du hier aus der Schusslinie kommst. Wir wollen alle nicht, das dir auch noch Schlimmes passiert“.
Alle stoßen in dasselbe Horn und auch Papa meint, es wäre wohl zunächst mal das Beste und wenn keine Gefahr mehr besteht, könnte ich nach jedem Semester zurück kommen und hier weiter studieren. Das ist letztendlich Ausschlag gebend dafür, dass ich einwillige und plötzlich sind alle froh.
„Mama, kann ich auf den Friedhof fahren“, sag ich. „Ja, du weißt ja, der Schlüssel steckt“, sagt Mama. Opa meint: „Charlotte, Oma und Michael und ich fahren mit Jan dort hin, wir müssen uns auch noch verabschieden, wer weiß, ob wir noch einmal hier her nach Südafrika kommen können“. Also fahr ich mit voll besetztem Auto nach Stellenbosch zum Friedhof, um meinem Schatz zu erzählen, das ich nach Deutschland fahre, so, wie er es sich gewünscht hat.
Zunächst stehen wie alle am Grab, jeder in Gedanken versunken, dann sagt Michael zu Opa und Oma: „Kommt ihr Beiden, wir gehen noch ein bisschen spazieren und lassen Jan noch ein wenig allein mit Nelson“. Dann bin ich allein, setze mich auf denn Boden, rede mit Ihm, erzähle von der Polizei, von Opa und Oma, die auch da sind, von Michael und davon, das ich nun nach Deutschland gehe und ihn so schnell nicht besuchen kann. „Massa ist kleines Dummerchen, Massa, Nelson hat gesagt Massa das mitgeht nach Deutschland, Massa, Nelson wird immer da sei, wenn Massa Nelson braucht. Nelson will sehen, wenn Massa wieder glücklich.“ Ich gehe in Richtung Ausgang, suche nach dem Rest der Familie und finde sie am Auto.
„Alles in Ordnung?“, fragt Michael und schaut mir in die Augen.“Es geht so“, antworte ich, dabei könnte ich grad wieder losheulen. Nun Fahren wir noch nach Strand, da haben die Eltern von meinem Vater eine Wohnung und genießen Ihren Ruhestand. Opa und Oma wollen sie nochmal sehn. Seit der Hochzeit waren sie nicht mehr in Südafrika und wenn sie schon mal hier sind, wollen sie sehen, wie die anderen Großeltern in ihrem Ruhestandsdomizil leben. Dort bleiben wir etwa drei Stunden, wobei ich mit Michael bereits nach einer Stunde einen Strandspaziergang mache. Dabei zeige ich ihm auch, wo wir jedes Jahr alle zusammen unser Weihnachtsgrillen machen.
Nach unserer Rückkehr auf das Weingut beginnt die Einpackphase. Es geht ja diesmal nicht um einen Urlaub, sondern um einen längerfristigen Aufenthalt in Deutschland, unter Umständen ja länger als zwei Jahre. Da werden einige Dinge in einer Kiste und in einigen Koffern verpackt, die dann gesondert als Luftfracht aufgegeben werden. Alle machen sich Gedanken, was ich mitnehmen muss und es geht alles gut voran. Einen Tag vor der Abreise gibt Papa die Kiste und die Koffer auf, die gehen per frachtmaschine nach Frankfurt.
Am Nachmittag fahre ich mit Michael noch einmal auf den Friedhof. Lange sitzen wir am Grab und halten Zwiesprache mit Nelson, still, jeder für sich. Nach unserer Rückkehr essen wir noch zu Abend, und gehen dann schlafen, denn wir müssen um 5:00 zum einchecken auf dem Flughafen sein und eine Stunde für die Fahrt dorthin muss man auch noch rechnen. Opa hatte heute in Deutschland angerufen und den Platz zum Studieren klar gemacht. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Heute Morgen kam noch ein Anruf von Herrn van Breukelen, in dem er uns mit teilte, das erst zwei der Verdächtigen gefasst worden sind. Papa, mit dem hat er gesprochen, sagte ihm, dass ich jetzt erst mal nach Deutschland zum Studieren gehe und somit aus der Schusslinie bin. Der begrüßt meine Entscheidung, weist aber auch darauf hin, wenn es zum Prozess kommt, das ich dann vor Gericht aussagen muss.
Nachts, bei Zeiten geht der Wecker und das Haus belebt sich. In fast allen Räumen, in allen Bädern herrscht Aufbruchsstimmung. Die letzten Dinge kommen ins Handgepäck, dann trifft sich alles zum letzten gemeinsamen Frühstück in diesem Kreis. Mit zwei Autos fahren wir an den Flughafen und nach einer feuchten Verabschiedung checken wir ein. Opa hat erste Klasse gebucht und wir sind fast unter uns. Mir tut das gut im Moment, denn mit den Dreien sind gerade genug Menschen um mich rum, vielmehr könnte ich jetzt nicht ertragen. Als der Flieger abhebt in Richtung Europa, kommen wir wieder Tränen. Als wir das letzte Mal hier in Richtung Europa gestartet sind, waren wir nur glücklich, jetzt bin ich allein.
Nach einem ruhigen Flug mit Zwischenlandung in London kommen wir am Nachmittag in Frankfurt an. Tante Charlotte und ihr Mann sind jeweils mit einem Auto gekommen, Michaels Papa hat Opas Audi und Charlotte die Familienkutsche, einen BMW mitgebracht. Drin wird jetzt das ganze Gepäck verstaut, Opa und Oma steigen in den Audi und Michael und ich in den BMW. Die Fahrt geht zügig von statten, ist ja auch jetzt Sommer hier und Ferien. Michael hat bereits im letzten Jahr ein Studium angefangen. Er studiert auf Lehramt in Mainz und das Mädchen, in das er damals verliebt war, ist jetzt seine Freundin.
Als wir ankommen und Oma aufsperrt, kommt der Hund, Artus, ein bisschen ergraut und nicht mehr so wild wie vor fünf Jahren und er kennt mich noch. Nach dem er uns begrüßt hat läuft er zum Auto und sucht, dann zum anderen Wagen, kommt zurück und schaut mich an. Da erst begreife ich, dass das kluge Tier geschaut hat, wo Nelson ist. Er hat ihn nicht vergessen. Tränen schießen aus meinen Augen ich schluchze laut und Artus kommt, leckt meine Hand, als ob er mich tröten wollte. Er weicht mir den Rest des Tages nicht mehr von der Seite und in der Nacht liegt er bei mir vor dem Bett. Das gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Trotzdem träume ich und schlafe sehr unruhig, schwitze und drehe mich ständig herum. Am Morgen bin ich wie gerädert.
Geweckt von einem feuchten Waschlappen, der sich als Hundezunge entpuppt, rappel ich mich hoch und sehe mich erstaunt um. Dann fällst mir wieder ein, dass ich ja jetzt in Deutschland bin und der Waschlappen heißt Artus und muss wahrscheinlich Gassi. Also ziehe ich schnell was über und schnappe mir auf dem Weg nach draußen die Leine und mach in an mir fest. Erst, als wir ein Stück weit im Weinberg sind, lasse ich ihn los, damit er sein Geschäft verrichten kann. Ich bin stehen geblieben, schau mich um und denke an die Zeit, die ich mit Nelson hier verbracht habe. Ein Weinkrampf überkommt mich „Vorbei“ schreit es in mir, „für immer vorbei“. Zusammengekauert auf dem harten Boden erreicht mich wieder seine Stimme: „Massa, aufstehen Massa, nix mehr traurig sein Massa, Nelson sein da Massa. Massa nicht mehr weinen“. Artus, wieder zurück gekommen, leckt mein Gesicht, wedelt dabei mit dem Schwanz und bellt ein bisschen. Ich stehe auf, klopf den Staub von den Kleidern, leine den Hund wieder an und gehe zurück.
Oma hat den Tisch gedeckt fürs Frühstück und Opa ist auch schon auf und ist bereits dabei, den Wagen mit Weinkisten zu beladen. Wir setzen uns an den Frühstückstisch und trinken Kaffee. Essen kann ich nur ein Brötchen, mehr geht nicht im Moment. Später geh ich dann duschen, denke an die Duschen zu zweit und schau an mir herunter, Kleinjan leidet ebenso unter dem Verlust von Nelson wie der große Jan und fristet wie sein Herr ein tristes Dasein, ohne Freude und ohne Lachen. Mein Herz ist schwer und es wollen keine freundlichen Gedanken in meinem Hirn einkehren. Zu groß ist der Verlust, zu frisch die Wunden in der Seele.
„Fahr mit mir Jan“, sagt Opa, „ich muss nach Mainz, Wein ausliefern und noch ein paar Sachen erledigen und ein paar Dinge kaufen. Bis zum Mittagessen sind wir wieder da“. „Gut“, sag ich zu Opa, „dann habe ich ein bisschen Ablenkung, es ist alles noch so frisch.“ Wir fahren los und schon bald sind wir in Mainz. Nach dem Opa den Wein abgeliefert hat, fahren wir zum Baumarkt, wo er ein paar Sachen einkauft. Dann fährt er mit mir nach Geisenheim und erst, als ich das Ortsschild lese, fällt mir ein, dass hier die Uni ist, an der ich studieren werde. Opa zeigt mir den Uni-Komplex und ich finde das alles sehr überschaubar und, na, ja, familiär würde ich jetzt mal so aus dem Gefühl heraus sagen.
Im Ort hält er dann vor einem alten, aber sehr schönen und gepflegten Haus, fordert mich auf, mit auszusteigen und geht zum Eingang. Ich folge ihm und warte, nach dem Opa geklingelt hat, darauf, das jemand kommt. Ein etwa 60 jähriger Mann mit einem freundlichen Gesicht öffnet. „Johann, das ist aber schön, das du vorbei schaust. Ist das der junge Mann, von dem du mir erzählt hast?“ „Guten Tag, Friederich, das ist mein Enkelsohn Jan, der in Südafrika, genauer gesagt, in Stellenbosch zu Hause ist. Gewisse Umstände haben nun dazu geführt, dass er zunächst mal hier in Deutschland studieren will. Genaueres dazu kann er dir bei Gelegenheit ja mal erzählen, wenn er das will“, sagt Opa und gibt Friederich die Hand.
Der wiederum reicht auch mir die Hand und sagt: „ Ich bin der Dozent für die Sparte Weinbau hier und Deine Mutter und dein Vater haben schon bei mir studiert. Ich heiße Friedrich Sägemüller und bin seit 30 Jahren hier an der Uni. In zwei Jahren werde ich wohl in den Ruhestand gehen müssen, obwohl ich das eigentlich gar nicht möchte. Ich freue mich, das du zu uns studieren kommst und wenn du bei deinen Großeltern wohnst, dann hast du ja auch nicht weit bis hier her.“ „Wir werden noch ein kleines Auto kaufen, damit er beweglich ist, seit einem Jahr hat er ja den Führerschein und den müssen wir jetzt nur noch umschreiben lassen“, sagt Opa. Der Herr Sägemüller bittet uns herein, bietet uns was zum Trinken an und erzählt ein wenig von der Uni.
Im Laufe des Gesprächs erzähle ich auch, das ich einen lieben Menschen durch ein Verbrechen verloren habe und zur Zeit zu Hause zu gefährdet bin, als das ich dort gefahrlos studieren könne. Diesem Umstand und Opas Beziehungen sei es wohl zu verdanken, das ich jetzt hier noch einen Platz bekommen habe. Nach einer Stunde Konversation, will Opa aufbrechen, damit Oma nicht mit dem Essen auf uns warten muss. „Wir sehen uns dann ja dann Anfang September, Jan, und die Unterlegen, die du brauchst, bring ich in den nächsten Tagen mal vorbei. Es wird Zeit, dass ich deine Großeltern mal wieder zu Hause besuche. Ich lass mich dann von einem Taxi bringen, dann kann ich wenigstens bei euch mal wieder von der guten „Wildsau“ probieren“, sagte Herr Sägemüller zu mir und von Opa verabschiedete er sich mit einem „bis bald, Johann“.
Zu Hause angekommen, ging es dann auch gleich zum Essen an den Tisch. Ich aß eine kleine Portion und trotzdem das es gut schmeckte, ich konnte einfach nicht so essen. Mein Körper war immer noch gestresst und meine Seele noch viel mehr. Am Nachmittag kam Kevin, der jetzt mit Dominik zusammen eine Wohnung bei Dominiks Opa hatte. Zwei Zimmer, Küche Bad, erzählt er, toll eingerichtet. Weil ja Dominik schon ausgelernt hat und Geld verdient und Kevin von seiner Mutter einen ansehnlichen betrag bekommen hat. Er lud mich auch ein, jederzeit vorbei zu kommen. Oben auf meinem Zimmer erzählte ich dann, teilweise unter Tränen unsere Geschichte und auch Kevin konnte sich ein paar Tränen nicht verkneifen, er nahm mich in den Arm und tröstete mich. Kurz vor fünf fuhr er nach Hause, Dominik würde gleich nach Hause kommen und sie wollten noch zu seiner Mutter zum Essen gehen.
Die Tage gingen dahin, Artus war fast immer bei mir, Michael kam sehr oft oder ich ging zu ihm. Seine Freundin stellte er mir vor, ein sehr hübsches und liebes Mädchen und ich kam gut mit ihr aus. Die Unterlagen von der Uni waren gekommen, alle Formalitäten erledigt und der erste Tag rückte immer näher. Jeden Abend nahm ich Verbindung mit der Heimat auf, mit den Eltern und gleichermaßen mit Familie Mbete.
Oft tauschten wir uns über eine Stunde aus und so erfuhr ich auch, das zwei weitere Tatverdächtige, für mich waren es Täter, in Pretoria gefasst wurden. Jetzt saßen bereits 4 der Verbrecher in Untersuchungshaft. Van Geldern war immer noch flüchtig und wurde weiterhin mit Hochdruck gesucht. Es bestand natürlich die Möglichkeit, dass er sich nach Namibia abgesetzt hat und van Breukelen erwirkte einen Haftbefehl auch für Namibia, das mit Südafrika bei der Kriminalitäts-Bekämpfung eng zusammen arbeitet. So bin ich immer auf dem neusten Stand und morgens beim Frühstück, dank Artus bin ich immer der Erste, erzähle ich den Großeltern, was es neues in Stellenbosch gibt.
Der erste Studientag rückt immer näher, ich bin nervös, gespannt, auf das was mich erwartet. Nachts erwische ich mich immer noch wieder dabei, dass ich im Halbschlaf meinen Schatz neben mir suche, und wenn ich dann wach bin, muss ich weinen. Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum das so passieren musste. Eine Antwort werde ich wohl nicht finden. Meine Freunde hier bemühen sich sehr um mich und ohne sie hätte ich wohl so nicht mehr leben können. Sie geben mir Halt und Trost und sie lenken mich ab, wo immer sie nur können, aber auch ihre Ferien gehen zu Ende und was auf der Uni sein wird, das weiß ich nicht.
Am Sonntag vor dem ersten Uni-Tag bin ich schon morgens aufgeregt und Oma macht sich Sorgen. „Junge, du drehst ja total am Rad, beruhige dich mal. Es wird schon alles gut werden“, sagt sie und streicht mir über die Haare. „Ich hoffe es, Oma“, sag ich und trinke meinen Kaffee. Artus liegt neben mir und ich werde jetzt eine Runde durch die Weinberge laufen. Als ich zur Leine greife, springt er schwanzwedelnd auf und nachdem wir den Weg durch die Weinberge erreicht haben, lasse ich ihn laufen und laufe hinter im her. Er kommt immer wieder zurück und man merkt ihn nicht an, da er schon 9 Jahre alt ist.
Automatisch habe ich den Weg nach Rauenthal eingeschlagen und als wir dann nach 5 Kilometren wenden, entschließe ich mich kurzer Hand, noch bei Kevin und Dominik vorbei zu schauen. Die beiden sind gerade erste aufgestanden und sitzen am Frühstückstisch. Artus legt sich in den Flur, während ich mit den beiden eine Tasse Kaffee trinke. „Morgen geht’s los und ich bin total nervös“, sag ich. „Das ging mir vor zwei Jahren genau so“, sagt Kevin und Dominik, der nach der Lehre zu einer anderen Bank gewechselt hat, sagt:“Als ich den ersten Tag in der neuen Bank hatte, hab ich ein Haufen Deo verbraucht, weil ich vor Aufregung so geschwitzt habe. Aber am nächsten Tag war es schon viel besser und die Kollegen waren auch alle sehr nett zu mir.“ „Ich hoffe, dass das hier auch so ist, und dass ich mich genügend konzentrieren kann. Alles ist noch so frisch, so grausam, das es mich immer wieder überkommt und ich weinen muss. Hoffentlich habe ich das im Griff morgen“, sage ich, „das ist meine größte Sorge.
Bereits um 5:30 Uhr bin ich wach, nass geschwitzt, kann nicht mehr schlafen. Ich ziehe was über, nehme die Leine und geh mit dem Hund eine Runde. Als ich zurück bin, gehe ich Duschen und zieh mir was an, das erste mal seit mein Schatz gestorben ist, achte ich darauf, das ich gut aussehe. Ich gehe in die Küche, mache Kaffee und hole vorn am Tor die Brötchen, die der Bäcker dort in einer bereitgestellten Tasche hin hängt.
Als ich zurück komme, ist Oma auch schon auf und schimpft mich einen „nervösen Pitter“, im Spaß natürlich. Nach dem Frühstück nehme ich meine Tasche, die habe ich mindestens dreimal ein und ausgepackt, um zu schauen, ob ich nichts vergessen habe. Opa fährt mich heute hin, aber schon morgen soll das Auto fertig sein, das Opa für mich gekauft hat. Ein Opel Corsa, 4 Jahre alt, soll mein sein, ein Auto für mich allein. Ja, leider allein, traurig und einsam, alle Freunde hier und auch das Auto können mich nicht über meinen großen Verlust hinweg trösten.
Opa ruft: „Jan, kommst du, wir müssen fahren. Du willst doch nicht gleich am ersten Tag zu spät kommen.“ „ Nein“, ruf ich zurück, „ich komme“. Die Tasche geschnappt, der Oma ein „Tschüss“, zugerufen und schon sitz ich, ziemlich nervös, neben Opa im Auto und der fährt los, Richtung Geisenheim, für mindestens zwei Semester meine Studienheimat. In der Uni angekommen, verabschiede ich mich von Opa und suche das in den Papieren ausgewiesene Gebäude. Da die Uni nicht so weitläufig ist, gelingt mir das auch relativ schnell und mit etwa vierzig anderen Studienneulingen setze ich mich in einen Hörsaal und harre der Dinge, die da kommen sollen.
Pünktlich um 8:30 Uhr erscheint der Dozent, Herr Dr. Sägemüller in Begleitung einer etwa dreißig Jahre alten Frau, die er als Frau Schneider vorstellt. Frau Schneider ist die Verwaltungsfachkraft, die für uns und unsere Belange zuständig ist, und die uns bei organisatorischen Dingen behilflich sein soll. Sie kontrolliert durch Verlesen der Namen die Anwesenheit der neuen Studenten und stellt fest, das bis auf einen Kommilitonen alle Neuen angekommen sind. Nach dem sie das festgestellt hat, sagt sie noch, in welchem Büro und zu welchen Zeiten sie dort zu finden ist, bevor sie sich verabschiedet. Durch lautes Klopfen auf die Sitzbänke wird die Dame verabschiedet.
Dr. Sägemüller gibt uns in einem fast neunzig Minuten dauernden Vortrag einen Überblick über das erste Semester, die Inhalte und Schwerpunkte des Stoffes und die zeitliche Staffelung. Nun lädt er uns ein, ihn auf einem Rundgang über den Campus zu begleiten, um die verschiedenen Gebäude und Einrichtungen und den Weinberg mit den verschiedenen Anpflanzungen kennen zu lernen. Jedes Gebäude und jede Einrichtung werden von ihm kommentiert und über alle Häuser weiß er eine Anekdote zu erzählen. Er macht das sehr anschaulich und lustig und kann manchen Lacher auf seinem Konto verbuchen. Auch ich ertappe mich dabei, mit gelacht zu haben, zum ersten Mal wieder seit der blutigen Nacht in Stellenbosch, die mir meinen Schatz für immer raubte.
Nach drei Stunden Führung, die Lehrweinberge waren sehr umfangreich und zeitraubend, weil zu jeder Abteilung ein Vortrag von Dr. Sägemüller erfolgte, in dem er erläuterte, was genau hier gepflanzt war und so weiter, kehrten wir in den Hörsaal zurück. Herr Dr. Sägemüller bittet uns nun, jeden einzeln, nach vorn zu kommen und sich dem Kurs vorzustellen. Anfangen soll der, der in der ersten Reihe links außen sitzt.
Während das geschieht und einer nach dem anderen sich vorstellt, es sind auch 7 Mädchen dabei, erscheint noch einmal Frau Schneider in Begleitung eines jungen Mannes, der durch seine dunklere Hautfarbe auffällt. Da sie nun gerade unten vor dem Hörsaal stehen, fordert Dr. Sägemüller den Neuankömmling auf, sich vor zu stellen. Mit einer dunklen, sonoren Stimme stellt sich der Junge als Raoul Gonzales-Stein vor, der aus Argentinien stammt, und hier in Geisenheim studieren will. Seine Mutter stammt aus dem Ahrtal und ist die Tochter eines Weinbauers an der Ahr. Um Deutschland näher kennen zu lernen und den Weinanbau in Deutschland zu studieren, ist er hier an die einzige Einrichtung dieser Art in Deutschland gekommen.
Nach der Vorstellung, er spricht ausgezeichnet deutsch, nimmt er oben in meiner Nähe Platz, mich mit einem netten Lächeln grüßend. Ich nicke zurück und bin dann auch irgendwann an der Reihe, gehe nach unten und stelle mich vor. „Mein Name ist Jan Martens, ich bin 19 Jahre alt und komme aus Stellenbosch in Südafrika. Ich bin hier, weil zum einen meine Mutter aus dem Rheingau stammt und meinen Vater hier auf der Uni kennen gelernt hat. Darüber hinaus waren zwingende persönliche Gründe daran schuld, dass ich an der Uni in Stellenbosch derzeit kein Studium aufnehmen kann. Während meiner Studienzeit werde ich in Martinsthal bei meinen Großeltern wohnen.“ Nach dieser, finde ich, sehr ausführlichen Vorstellung gehe ich an meinen Platz zurück und setze mich, um den noch folgenden Vorstellungen zu lauschen.
Nach der Vorstellung ist der heutige Tag an der Uni offiziell beendet. Bevor wir gehen, sagt Herr Dr. Sägemüller noch, dass wir ein Buchpaket in der Bibliothek gegen Unterschrift in Empfang nehmen können. Dort ist natürlich, als wir ankommen viel Betrieb und so bildet sich eine Schlange. Ich stehe leider im hinteren Drittel der Schlange, der Nachkömmling aus Chile steht vor mir. Als ich endlich an die Reihe komme, nehme ich den Stift, der dort liegt, unterschreibe die Entgegennahme der Bücher und mache mich mit dem Buchpaket auf den Weg nach draußen. Auf dem Gelände stehen mehrere Bänke, auf eine setze ich mich und rufe Opa an, damit er mich holen kommt.
Während ich telefoniere, fällt ein Schatten auf mich und als ich den Kopf hebe, steht Raoul Gonzales-Stein vor mir und schaut mich an. Als ich fertig telefoniert habe, sagt er: „Entschuldigung, das ich dich so einfach anspreche, aber wenn ich dich bei der Vorstellung richtig verstanden habe, wohnst du in Martinsthal?“ „Ja“, antworte ich, „bei meinen Großeltern.“ „Ich habe hier in Geisenheim ein möbliertes Zimmer gemietet, war aber nur kurz dort, um meine Sachen abzustellen, dann hat der Taxifahrer mich hier her gebracht. Kennst du dich hier aus? fragt er. „Ja, ein wenig schon, warum?“, frage ich. „Ich muss zur Wingertstrasse, weiß aber nicht, wo die ist, das ging so schnell alles heute morgen, ich konnte mir das gar nicht merken“, sagt Raoul.
„Warte, bis mein Opa kommt, der weiß bestimmt wo das ist und der fährt dann bestimmt da vorbei“, sage ich. Er setzt sich zu mir auf die Bank. „Du bist aus Südafrika, wenn ich das richtig mitbekommen habe, das ist ja auch ziemlich weit weg. Ich bin über zehn Stunden geflogen von Argentinien hier her und total geschafft, hoffentlich macht mir der Zeitsprung nicht so viel zu schaffen“, erzählt er. Opa kommt und ich frage ihn gleich, ob er hier die Wingertstrasse kennt. „Da fahren wir durch, das ist Richtung Ortsausgang“, sagt Opa und ich meine: „Das ist ja gut, da können wir Raoul mitnehmen, er hat dort ein Zimmer“. „Kein Problem“, sagt Opa, „dann steigt mal ein.“
Wir fahren los und gerade mal fünf Minuten später sind wir in der Wingertstrasse und halten bei der Hausnummer, die Raoul uns gesagt hat. „Hier ist es, das grüne Haus, hier habe ich heute Morgen nur kurz mein Gepäck abgestellt. Schönen Dank fürs mitnehmen“, sagt er und steigt aus, geht über die Straße und klingelt. Opa gibt Gas und wir fahren, aber nicht nach Martinsthal sondern nach Mainz, das neue Gebrauchtauto holen.
Meinen Führerschein haben wir schon vor zwei Wochen umschreiben lassen. In einem Industriegebiet ist eine Opel-Niederlassung, dessen Besitzer schon lange Kunde bei Opa ist. Deshalb hat Opa jetzt hier einen gebrauchten Corsa, 3 Jahre ist der alt, gekauft. Die Firma bzw. die Leute dort haben ihn durchgecheckt und zugelassen, der läuft auf Opas Weinbetrieb. Das ist natürlich sehr günstig für mich und Opa setzt die Kosten von der Steuer ab. „Die kriegen eh genug Steuern von mir, da kann das Auto die Steuerlast ein wenig mindern“, sagt er und lacht. Es ist schon ein tolles Gefühl, mobil zu sein, ein Auto zu haben, für mich allein, vor allem, weil es ja jetzt durch den Herbst und in den Winter hinein geht. Es sind praktisch noch knapp 3 Monate bis Weihnachten
Zu Hause in Südafrika bin ich auch gefahren, aber da musste ich immer fragen, wenn ich das Auto wollte. Jetzt sitze ich hinter dem Steuer und folge Opa nach Martinsthal. Zum ersten Mal seit langem habe ich ein bisschen ein positives Gefühl im Bauch und kurzer Hand entschließe ich mich, nachher noch Michael und auch Kevin und Dominik das neue Auto zu zeigen. Nach dem Oma das Auto bewundert hat, fahre ich durchs Dorf zu Michael. Dort wird der Wagen von allen anwesenden Familienmitgliedern begutachtet und mit Michael fahre ich dann weiter nach Rauenthal, zu Kevin und Dominik. Auch hier erfolgt eine Begutachtung und dann fahren wir alle gemeinsam zur Krone nach Martinsthal, um auf das neue Auto anzustoßen. Die drei trinken einen Wein, während ich brav ein Cola trinke, ihr wisst ja, der Führerschein.
Vom nächsten Tag an fahre ich nun mit dem Auto zur Uni, und wenn man früh genug da ist, findet man auch noch einen Parkplatz. Die ersten Tage gehen vorbei und so langsam erreicht uns die Fülle des dargebotenen Stoffes, das heißt auf Deutsch, das schon intensiv gelernt werden muss, was ich auch gern tue, lenkt es mich doch zu mindestens ein wenig von meiner immer noch tiefsitzenden Trauer und von meinem ungebrochenen Verlangen nach meinem geliebten Schatz ab.
Auch Michael und Kevin sowie Dominik bringen viel Abwechslung in mein Stubenhockerdasein und holen mich meist zwei bis dreimal in der Woche zu irgendwelchen Freizeitaktionen ab. Ihrer neusten Idee, Musik, oder noch besser, eine Band aufzumachen, stehe ich zunächst mit gemischten Gefühlen gegenüber, weil ich erstens, keine Musik mehr gemacht habe, seit Nelson ermordet wurde und zweitens, weil ich nicht weiß, ob ich dazu schon in der Lage sein werde, da meine Grundstimmung immer noch von der Trauer bestimmt ist.
Sie nehmen mich mit zum Schwimmen, zum Shoppen oder auch einfach nur zu einem langen Spaziergang mit den Hunden durch die zahlreichen Weinberge. Auch Opa helfe ich bei der Arbeit im Wein, das lenkt ab und ich lerne viel über die Anbaumethoden in Deutschland. Opa zeigt mir viele Tricks und gibt mir Tipps, die mir auch für das Studium mitunter sehr nützlich sind. Zwischendurch, besonders dann, wenn die Erinnerungen an unseren Aufenthalt vor Jahren hoch kommen, kriege ich regelrechte Trauerschübe mit Weinattacken und depressiven Phasen. Dann wird mir wieder der ungeheure Verlust, den ich mit dem Tod meines Schatzes erlitten habe, voll bewusst.
Langsam werden die Pausen zwischen diesen Schüben grösser und es gibt auch mal hin und wieder Situationen, in denen ich etwas Freude empfinde oder sogar mal kurz lachen kann. Ich bin jetzt schon im vierten Monat an der Uni und komme gut zurecht, aber ich tu auch viel für mein Studium.
Mit Raoul Gonzales-Stein habe ich mich ein bisschen angefreundet. Morgens nehme ich ihn an seiner Wohnung auf und nach Ende der Vorlesungen nehme ich ihn wieder mit bis zu seinem zu Hause. Manchmal trinken wir dann auch einen Kaffee dort oder machen gemeinsam etwas für das Studium. Manchmal erzähle ich dann ein wenig von zu Hause oder von früher hier beim Opa und irgendwann ist er dann wohl auch zu der Vermutung gekommen, das zwischen Nelson und mir mehr war, als das zwischen zwei Freunden eigentlich ist.
Auf seine Frage: „Warst du mit Nelson zusammen, ich meine so richtig ein Paar?“, sage ich, wenn auch etwas angespannt schlicht, „Ja, wir waren ein Paar“. Nach ein paar Sekunden Nachdenken oder besser, Verstehen, kommt ein: „Heißt das, du bist Schwul?“ „Ja, ich bin das wohl“, sage ich und füge hinzu „ich hoffe mal, du hast kein Problem damit“. „Habe ich eigentlich nicht, ich habe aber auch keinerlei Erfahrung, wie das so ist, wie sich Schwule von anderen, von Nichtschwulen unter-scheiden“.
„Nun“, sage ich, „ du kennst mich ja jetzt schon fast vier Monate und wirst wohl gemerkt haben, das ich nicht anders bin wie die meisten hier. Das ich eher auf das gleiche Geschlecht fixiert bin, das verbindet mich mit etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung und meine Mutter meint immer, das der Schöpfer das auch so gewollt hat. Wer kann sich denn schon als Gott eine Fehlerquote von 10 % erlauben, da glaubt doch keiner mehr an ihn. Einzig die Menschen sind in der Lage, daraus ein Problem zu machen und das hat meinen Schatz das Leben gekostet und ich habe nur überlebt, weil Freunde und die Polizei nicht geschlafen haben.“
Das letzte hat wohl etwas heftiger geklungen, als es gemeint war und Raoul meint: „Ich will dir nicht zu nahe treten, Jan, ich bin dein Freund, und das du schwul bist, daran werde ich mich schnell gewöhnen und das soll an unserer Freundschaft nichts ändern. Hand drauf!“ Er hält mir seine Rechte hin, die ich dann auch ergreife und drücke. Dabei schau ich in sein Gesicht und weiß, dass er es ehrlich meint. Von da ab sind wir noch öfter zusammen und auch meine Freunde Kevin und Dominik und natürlich auch Michael nehmen Raoul gerne in unsere Runde auf. Das erste Semester geht zu Ende, Weihnachten liegt schon drei Monate hinter uns und war für mich eine große Seelenqual, konnte ich oft stundenlang nur an das Weihnachtsfest mit Nelson damals hier bei Opa und Oma denken und die meiste Zeit habe ich mich in meinem Zimmer eingesperrt.
Jetzt sind es gerade noch zwei Wochen bis zum Semesterende, es geht auf Ostern zu und dann, eines Abends, kommt die Nachricht von Mama und Papa, das Frantje van Geldern in Bloemfontein festgenommen worden ist. Er soll in den nächsten Tagen nach Kapstadt ins Untersuchungsgefängnis gebracht werden.
Nach dieser Nachricht fange ich an zu zittern, muss mich legen, so weich sind meine Knie. Ich stoße ungewollt einen lauten Schrei aus, der im ganzen Haus zu hören ist und den man durchaus als Jubelschrei ansehen kann. Opa kommt die Treppe hoch, ist aufgeregt, dann aber erleichtert, als er mich auf dem Bett sieht und fragt: „Was ist passiert, was war denn das für ein Schrei?“ „Ist alles in Ordnung?“ höre ich nun auch Oma, die ebenfalls die Treppe hinauf kommt.
„Der Mörder ist gefasst, endlich gefasst“, ruft ich erregt und schau die Beiden an. „Das Ungeheuer, das meinen Schatz ermordet hat, ist eingelocht. Jetzt wird ihm der Prozess gemacht und er wird lebenslänglich kriegen. Im Gefängnis sind viele farbige Verbrecher, viel mehr, als Weiße, und da gibt’s auch Schwule. Ich glaube nicht, dass er dort auch nur einmal was zu lachen hat und ich bin gewiss, dass er Nelson in nicht allzu langer Zeit ins Jenseits folgen wird da im Knast.“
Ich bin wie aufgedreht, suche die Wagenschlüssel, als ich sie nicht gleich finde in der Aufregung, sag ich: „Ich lauf zu Michael, das muss ich dort erzählen und Kevin ruf ich an und Raoul. Mein Gott, bin ich froh, das er endlich gefasst wurde.“ Dann laufe ich aus dem Haus, durchs Dorf, um meine Neuigkeiten zu überbringen. Alle nehmen die Nachricht gut auf, freuen sich mit mir, Michael hat mich sogar umarmt und gedrückt, hat aber auch sofort ein wenig traurig gefragt, ob ich jetzt wieder nach Südafrika zurück gehe. „Das nächste Semester werde ich auf jeden Fall hier machen, und ob ich dann noch länger hier studiere, hängt davon ab, wie es mir in 7 Monaten geht“, sage ich.
Am Abend des nächsten Tages chatte ich lange mit Jonathan und Mama Mbete. Beide sind auch froh, dass der Mörder ihres Sohnes endlich gefasst ist und hinter Schloss und Riegel wandert. Sie fragen viel nach meinem Studium, vor allem aber, wie es mir geht. Mama Mbete meint, Nelson hätte bestimmt gewollt, das ich mir wieder einen Freund suche und glücklich werde. Ich kann ihr nur sagen, das ich bisher keinen Gedanken an andere junge Männer hatte, für mich gebe es auch jetzt nur einen den ich geliebt habe und noch immer liebe. In meinem Herzen ist immer noch ihr Sohn und da ist, zu mindestens zurzeit, kein Platz für irgendjemanden sonst.
Das zweite Semester beginnt für uns und wieder kommen neue Studenten für das erste Semester. Von Herrn Sägemüller weiß ich, dass 36 neue kommen werden und es sind auch wieder Leute aus dem Ausland dabei. Nach etwa einer Woche, wir, Raoul und ich und noch einige aus meinem Hörsaalgehen mittags immer in die Mensa zum Essen, stehe ich vor Raoul in der kurzen Reihe und bekomme gerade mein Essen.
Ich dreh mich rum und will zu unserem Stammplatz gehen, da seh ich…das kann doch nicht sein, der Teller ist mir beinahe aus der Hand gefallen, jetzt dreht er sich um, nein, er ist es natürlich nicht. Ich denk ich sehe Nelson, aber als ich sein Gesicht jetzt sehe, gibt es zwar eine Ähnlichkeit, aber die Haut ist heller und die Nase schlanker und die Locken nicht ganz so kraus, als das bei meinem Schatz war. Jedenfalls hat er von hinten so ausgesehen und ich starre ihn immer noch an, als wäre er ein Gespenst. Als ich merke, das er zu mir herüber sieht, werde ich rot und erst jetzt fühle ich auch, das mein Daumen ganz heiß ist. Der steckt voll in der heißen Sauce und das ist nicht angenehm.
Er bemerkt mein Malheur und hält scherzhaft seinen Daumen in die Höhe. Ich werde noch roter, falls das überhaupt geht und beeile mich, an unseren Tisch zu kommen. Ich stelle den Teller auf den Tisch, lecke zuerst mal den Daumen ab, muss aber wie im Zwang schauen, wo der junge Farbige abgeblieben ist. Er steht jetzt an der Essenausgabe und geht dann mit seinem Teller zu den Leuten, die zum neuen Semester gehören. Ich sehe, dass er auch schaut, wo ich abgeblieben bin und als sich unsere Augen treffen nickt er mir lächelnd zu. Wie in Trance schaufel ich das Essen in meine Mund und wenn mich hinter her einer fragt, was ich gegessen habe, ich weiß es nicht.
Raoul hat mich die ganze Zeit beobachtet und grinst jetzt, als ich ihn anschaue. Von der noch nachfolgenden Vorlesung bekomme ich nur einige Fragmente mit und muss immer an den Jungen denken, der meinem Schatz so ähnlich sieht. In den nächsten Tagen sehe ich ihn nur selten, meist beim Essen und er nickt mir immer freundlich zu, was ich dann auch erwidere. Nachmittags, mittlerweile mindestens zweimal in der Woche, treffen wir uns bei Opa im Partykeller zum Üben. Raoul nehme ich immer von der Uni aus mit, der isst dann mit bei der Oma und abends fahr ich ihn zurück, manchmal macht das auch Kevin oder der Micha.
Unsere Musikalischen Aktivitäten haben sich in den letzten Monaten verstärkt und wir sind nun soweit, auch ich, einmal einen Auftritt bei einem der zahlreichen Musikveranstaltungen für Nachwuchsbands zu versuchen. Da in Eltville die Jugendveranstaltungen alle 4 Wochen immer noch statt finden, will Michael sich dort mal um einen Termin für einen Auftritt bemühen. Kevin hat an Weihnachten ein neues Schlagzeug bekommen, Michael sielt Bassgitarre, Raoul ist schon fast ein Multitalent, er spielt mehrere Instrumente und ich bin mit dem Saxophon sehr gut, kann aber auch Klarinette spielen. Was uns noch fehlt, ist ein guter Gitarrist und Michael meint, wir sollten mal an der Uni nachhören, ob da keiner Lust hat, als Gitarrist bei uns mit zu machen.
Raoul und ich schreiben zusammen ein Blatt und hängen das an der Infotafel auf. Raoul, der ja im Ort wohnt, gibt an, in welchem Hörsaal er zu finden ist, aber auch, wo er wohnt und wir schreiben drauf, das wir am Freitag, heute ist es Dienstag, von 14:00 bis 18:00uhr unter der angegebenen Adresse zu erreichen sind. Eine Wegeskizze vervollständigt das Geschriebene und wir hängen es in Augenhöhe gut sichtbar aus. Die Infotafel wird erfahrungsgemäß sehr stark frequentiert und über diesen Weg werden Mitteilungen gemacht, Wohnungen vermittelt, Autos und Möbel verkauft, schlicht einfach alles, was man anderen offerieren will, wird hier aufgehängt.
Am Freitag, nach der Uni und einem kurzen Einkauf sind wir bei Raoul, wir wollen noch etwas nacharbeiten und dann will Raoul noch schnell eine Maschine waschen. Inder Zeit, in der er sich um die Wäsche kümmert, habe ich seinen Laptop hochgefahren und geh ins Internet. Mama Mbete hatte mir gestern geschrieben, das sie und meine Mama eine Seite ins Net stellen wollen, mit Bildern von Nelson und seinem Schicksal und sie hatte mich gefragt, ob ich damit einverstanden sei. Darauf hin hatte ich gesagt, dass sie mir diese Seite mal als E-Mailanhang schicken soll. Das hat sie für heute Nachmittag versprochen und mit Raouls Läppi rufe ich jetzt mein Email-Programm auf. Die Mail ist da und mit zittrigen Fingern öffne ich die Mail. Ich lade den Anhang runter und öffne ihn.
„In Memoriam Nelson Mbete“ steht dort, darunter ein Bild des etwa 14 jährigen Nelson, aufgenommen am Strand bei Strand am Weihnachtsgrillfest. Meine Augen werden bereits jetzt beim ersten Bild feucht. Meine Gedanken fliegen nach Südafrika, ich nehme nichts mehr wahr, was um mich herum geschieht. Ich klicke auf den Buttons „weiter“ und es erscheinen 3 Bilder, jedes mit einem mehrzeiligen Text unterlegt. Die Texte schildern erläuternd zu den Bildern, wie sich Nelson weiterentwickelt hat und auf dem dritten Bild bin ich mit ihm zusammen zu sehen. Die nächste Seite zeigt 5 Bilder die uns zwei zeigen, das letzte ist ein Bild, als wir in Martinstahl waren, mit Artus an der Leine.
Die Bilder verschwimmen vor meinen Augen und erst ein mehrmaliges Räuspern hinter mir lässt mich erkennen, dass ich nicht mehr allein bin. Ich minimiere hastig die Seite, wische über meine Augen und dreh mich erst um, als Raoul sagt „Jan, wir haben Besuch bekommen, jemand möchte mit uns Musik, sprich Gitarre spielen. Ich hebe den Blick, während ich mich mit dem Stuhl drehe, erblicke Raoul und neben im den jungen Mann, der mich so stark an Nelson erinnert. Alles Blut macht sich auf den Weg in die Beine, Gesicht ist weiß wie ein Kalkeimer, würde ich nicht sitzen, würde ich wohl zusammen brechen. Ich starre wieder.
„Hi, ich bin Julien, Julien Faller und ich habe eure Nachricht gelesen“, sagt er mit einer Stimme, bei der es mich überläuft. „Ha.ll.o“, kommt es eher unklar über meine Lippen, „ich bin, eh, Jan, Jan Martens.“ Er reicht mir die Hand hin und eher zögernd ergreif ich sie, kurz nur, schnell wieder los lassend, so, als wäre es mir unangenehm, sie anzufassen. Dabei ist es genau das Gegenteil, es tut gut. „Was hast du da geschaut auf dem Laptop, war das die Seite, die deine Mutter angekündigt hat, die Seite mit Nelson“, fragt Raoul und ich nicke, nicht fähig, was zu sagen, ohne das ich anfange zu heulen. „ Wir können das ja später mal zusammen ansehen“, meint Raoul und ich nicke. Ich stehe auf, entschuldige mich und geh ins Bad. Kalt wasch ich mein Gesicht, meine Hände zittern.
Als ich zurück komme, sind die beiden schon dabei, über die Musik, die wir machen wollen, zu reden. Ich setze mich, mit genügend Abstand zu Julien, und höre erst mal nur zu. Ahnung von Musik scheint er zu haben und auch er spielt wie Raoul mehrere Instrumente. „Wir haben heute Abend eine Probe in Martinsthal“, sagt Raoul, „es wäre fein, wenn du mitkommen würdest. Hast du Zeit?“ „Zeit hab ich schon, aber ich bin noch nicht so mobil und wo Martinsthal ist, weiß ich auch nicht“, antwortet Julien. Er spricht ein Deutsch mit französischem Akzent und das klingt sehr lustig, finde ich.
„Hast du denn eine Gitarre dabei und wo wohnst du überhaupt“, spreche ich ihn zum ersten Mal direkt an. „Ich wohne in dem Studentenwohnheim in der Nähe der Uni und meine Gitarre habe ich dort. Die könnte ich holen. Mobil werde ich erst im nächsten Monat, da kriege ich einen Twingo, weil mein Bruder einen neuen Wagen bekommt. Den muss ich aber nach Ribeauville im Elsass holen fahren“, antwortet er, „da wohnt meine Familie.“
Mir kommt es so vor, dass er das Wort Familie etwas gepresst ausspricht und seine Augen haben für einen Moment ihre Fröhlichkeit verloren. „Wir fahren nachher mit meinem Wagen dein Instrument holen und dann nach Martinsthal und wenn wir mit der Probe fertig sind und Raoul und du nach Hause wollt, fährt einer von uns euch zurück hier her“, sage ich und zu Raoul , „wie weit ist dann deine Wäsche, können wir bald fahren, du weißt doch, das Oma immer noch einen Imbiss vorbereitet. Die muss ich übrigens anrufen und sagen, das noch einer mehr kommt heute.“
„Die Wäsche ist fertig“, sagt Raoul, nach dem er auf die Uhr geschaut hat, „die muss ich nur noch schnell aufhängen“. Er verschwindet nach unten in den Keller, wo er die Wäsche aus der Maschine holen und aufhängen muss. In der Zeit bin ich mit Julien allein und er fragt mich: „Als wir vorhin kamen, warst du so in den Computer vertieft, das du uns nicht bemerkt hast. Wer war denn der farbige Junge, der mit dir auf dem Bild war.“
Ganz ruhig bleiben Jan, sag ich mir, keine Panik. „Das war mein Freund Nelson Mbete, der wurde im vorigen Jahr in Südafrika ermordet, er ist in meinen Armen gestorben“, sage ich mit leiser Stimme, obwohl ich eigentlich was anderes sagen will. Tränen schießen in meine Augen, am liebsten würde ich weglaufen. Ich lege beide Hände aufs Gesicht, schluchze. Dann, ich weiß nicht, wie lange ich schon weine, fühle ich seine Hände auf meinen Schultern, sie ziehen mich etwas nach hinten gegen seine Brust, halten mich. Kein Wort wird gesprochen und doch kommuniziert er mit mir. Seine Hände beruhigen mich, mein Weinen lässt nach.
Dann rieche ich ihn, fange an zu zittern, sein Geruch gleicht dem Geruch meines Schatzes sehr. Das ist kaum auszuhalten. Ich löse mich, vielleicht etwas zu heftig, bringe Abstand zwischen uns, flüchte ins Bad und sperr mich ein. Kaltes Wasser bringt mich wieder etwas in die Reihe, aber meine Augen sind gerötet und das geht auch mit dem Wasser nicht weg. „Jan, hallo“, ruft Raoul von draußen und klopft an die Tür, „komm raus bitte, wir müssen fahren“.
Ich öffne die Tür, gehe ins Zimmer und murmel Julien ein „Entschuldigung“ zu. Der lächelt mich an und sagt: „Da ist nicht zu entschuldigen, aber wenn du mal mit mir über alles reden willst, sag Bescheid. Ich stehe zur Verfügung und ich kann sehr gut zuhören“. „Ich denke darüber nach“, sage ich, suche meine Sachen zusammen und mache mich fertig. Dann gehen wir alle drei ans Auto und fahren zunächst zum Studentenwohnheim. Julien steigt aus und geht seine Sachen holen, während ich drehe und wir dann im Auto warten.
„Er gefällt dir“, Raouls Stimme trifft mich, sagt, was ich denke, seit ich ihn sah. „Vielleicht ist das so, weil er Nelson ähnelt“, entgegne ich gepresst. „Ich glaub, eher nicht. Er mag ihm gleichen, aber er ist nicht Nelson und das weißt du auch. Du gefällst ihm auch, wenn ich das richtig sehe“, sagt er. Ich sage nichts darauf und frage mich, ob ich ihm gefallen will, ob er vielleicht schwul ist und ob ich überhaupt je wieder einen Freund zum Liebhaben will.
Er kommt, mit einer Gitarre und einer schmalen Tasche, Raoul ist nach hinten umgestiegen, Julien setzt sich neben mich, die Gitarre zwischen den Beinen. Sein linkes Bein berührt den Schalthebel und beim Schalten streicht meine Hand an seinem Bein entlang. Es ist, als wenn Funken überspringen und ich bekomme eine Gänsehaut. So habe ich zum letzten Mal gefühlt, wenn Nelson mich gestreichelt hat. Was geht hier vor, Nelson, helf mir, sprich mit mir.
Ich reiße mich aus meinen Gedanken, konzentriere mich auf das Fahren, versuche krampfhaft, weitere Berührungen zu vermeiden. Auf der Schnellstraße gebe ich richtig Gas, will schnell nach Hause, wieder auf Abstand gehen wieder ruhiger werden. Die Musik wird mich ablenken. Was Opa und Oma wohl sagen, wenn sie ihn sehen. Ich schwitze, habe ein Kribbeln am ganzen Körper. Gleich sind wir da, Gott sei Dank. Als wir auf den Hof fahren, kommt Artus gelaufen, springt an mir hoch, dann begrüßt er Raoul und wendet sich dann Julien zu.
„Der Hund tut dir nichts, der will dich nur kennenlernen und begrüßen“, sage ich. Artus beschnuppert Julien ausgiebig, dann wedelt er mit dem Schwanz und leckt seine Hand ab. „Das hat er bei mir aber nicht getan“, sagt Raoul, „es hat ein paar Begegnungen gedauert, bis er mir die Hand geleckt hat. Darauf kannst du dir was einbilden, Julien.“ „Wir haben zu Hause auch einen Hund und ich kann es sehr gut mit Hunden, das merkt der hier auch“, antwortet Julien und krault Artus unterm Kinn. Wir gehen rein und gleich durch ins Esszimmer. Oma hat den Tisch schon gedeckt und kommt gerade mit Tee aus der Küche.
Um ein Haar fällt ihr die Kanne aus der Hand, als sie Julien sieht. Sie guckt ihn und dann mich an, stellt die Kanne auf den Tisch. „Oma, das ist Julien, er ist im ersten Semester, stammt aus dem Elsass und möchte mit uns Musik machen“, sage ich. Julien gibt Oma die Hand und macht einen leichten Diener. „Es freut mich, dass ich Jans Oma kennenlernen darf“, sagt er. „Setzt Euch, Jungs, Opa holt noch einen Wein aus dem Keller“, sagt Oma und wir setzen uns. Raoul schiebt Julien neben mich und setzt sich auf die andere Seite.
Als ich ihn anschaue, sehe ich ein leises Lächeln auf seinem Gesicht, das mich veranlasst, unter dem Tisch gegen sein Bein zu treten, allerdings nicht zu fest. Opa kommt und stutzt im ersten Moment auch und die Flasche wäre fast auf dem Boden gelandet. „Das ist Julien, er studiert im ersten Semester und er will bei uns mit spielen“, sage ich zu Opa, der, nachdem er die Flasche abgestellt hat, Julien die Hand gibt und ihn begrüßt. Dann wird gegessen und anschließend gehen wir noch hoch auf mein Zimmer bis die anderen kommen.
Auf dem Weg nach oben reift mein Entschluss, gleich alle Karten offen zu legen, die Webseite auf zu machen und an Hand der Bilder und Texte Julien und Raoul zu zeigen, wer Nelson war und was er für mich immer noch ist. Wenn Julien damit ein Problem hat, dann kann er ja auf das Mitmachen bei uns verzichten. Oben fahre ich den Rechner hoch und als Raoul sagt, das die anderen gleich kommen und wir dann unten proben wollen, sage ich: „Ich werde euch jetzt die Seite zeigen, von der ich bisher selber nur einen Teil gesehen habe. Das muss jetzt sein, vorher kann ich mich nicht auf das Musikmachen konzentrieren.“ Gespanntes Schweigen, bis die Seite aufgeht und als erstes Bild wieder Nelson im Alter von 14 Jahren zu sehen ist.
Nun folgen nacheinander die Seiten, die einen der schönsten Abschnitte meines Lebens dokumentieren, die gegen Ende aber auch die Bilder zeigen, die die Polizei am Tatort gemacht hat. Die ganze Brutalität der Tat wird sichtbar, trifft mich wie einen Tritt in den Bauch, lässt mich weinen. Wieder erfasst mich der Schmerz über den Verlust, über die Tat und ihre Folgen. Und wieder legen sich zwei Hände auf meine Schultern, ziehen mich sanft nach hinten, bis mein Kopf an seinem Bauch anliegt.
Meine Augen sind geschlossen, ich bin mit meinen Gedanken weit weg und dann ist seine Stimme wieder da. „Massa, Massa muss loslassen Nelson, nicht mehr traurig sein, Massa, Nelson findet keinen Frieden wenn Massa traurig ist, Massa. Nelson hat geschickt Julien bei Massa, Julien wird Massa lieben und Massa glücklich machen, dann Nelson auch glücklich und Frieden hat, Massa“. Als ich meine Augen öffne, sind die Bilder auf dem Rechner weg, Raoul hat die Seite geschlossen. Julien steht immer noch dicht hinter mir seine rechte Hand streichelt über meine Haare. Zaghaft lege ich meine rechte Hand auf seine Hand, die auf meiner linken Schulter ruht und spüre seine Wärme.
Ich werde ruhiger, fasse mich so langsam wieder, stehe auf, dreh mich um. Ich schaue in seine Augen, die mich erwartungsvoll ansehen. „Gib mir Zeit Julien, mein Freund, “ hör ich mich sagen, „gib mir einfach ein bisschen Zeit. Es ist alles noch so frisch und“, meine Stimme versagt. Meine Hand hebt sich wie von selbst und ich streiche sanft einmal über seine Wange. Er lächelt: „Du hast alle Zeit der Welt, Cherie, ich warte auf dich“, und seine Hand streichelt auch einmal zart über meine Wange.
Bauf, geht die Tür auf. „Hi, Jungs“, und dann, „Upps, stören wir“. Michael, gefolgt von Kevin und Dominik sorgen dafür, das wir wieder auf den Boden zurück kommen. Raoul stellt Julien vor, während Michael mich anstrahlt. Er hat die ganze Situation erfasst, sieht, was da gerade geschieht, und Freude strahlt aus seinen Augen. Er, der mich wohl am besten von allen hier kennt, begrüßt Julien in unserem Kreis herzlich und drückt mich dann spontan an sich. Ohne ein Wort von ihm fühle ich, was er jetzt denkt und ich bin wieder einmal mehr froh, dass es ihn gibt.
„Kommt Jungs“, sagt Raoul, „wir zeigen Julien mal, wo wir proben und was wir so spielen und er kann mal zeigen, was er drauf hat“. Und schon poltert die ganze Mannschaft zwei Treppen runter in den Partykeller, wo unsere kleine Anlage und ein Teil der Instrument schon bereitstehen. Zwei Stunden später wissen wir, das Julien unser Mann ist und wir verabreden uns für morgen Nachmittag erneut zum Üben.
Michael bietet sich an, Raoul und Julien nach Geisenheim zu fahren und nachdem sie gefahren sind, verabschieden sich Kevin und Dominik, um auch nach Hause zu fahren. Wie üblich umarmen wir uns beim Abschied und Kevin sagt mir ins Ohr: „Nelson wäre bestimmt sehr glücklich, wenn du wieder einen Schatz hättest und der wäre bestimmt der richtige für dich.“ Ich schau ihn an, dann drücke ich ihn noch einmal an mich. Ich kann jetzt keine Antwort geben und fliehe förmlich ins Haus.
Die ganze Nacht wälze ich mich im Bett, schwitze, träume wirres Zeug höre immer wieder Nelsons Stimme, die mir sagt, das er mir Julien geschickt hat und das er jetzt endlich seinen Frieden haben will. Als ich morgens um 9:00 Uhr aufstehe, bin ich wie gerädert, erschrecke, als ich in den Spiegel schaue und als Oma mich beim Frühstück sieht, ist ihre erste Frage: „Junge, bist du krank, fühlst du dich nicht wohl?“ „Ich hab nur schlecht geschlafen, Oma“, antworte ich, „ich geh jetzt mit Artus ein wenig laufen und wenn ich nach her geduscht habe, dann geht es mir wieder besser.
„Der junge Mann gestern hat sehr viel Ähnlichkeit mit Nelson und der guckt dich auch genau so an, Jan. Es würde mich und Opa auch bestimmt sehr freuen, wenn du wieder jemanden hättest, den du lieb haben kannst. Es ist für uns nicht leicht gewesen, dich so leiden zu sehen und auch Nelson würde es bestimmt gern sehen, wenn du wieder glücklich bis. Wenn du den Jungen also magst, dann sag es ihm, der wird das verstehen und auf dich warten“, sagt Oma und nimmt mich in den Arm.
„Oma, ich glaube, das ich ihn liebe und das er mich auch liebt, aber ich bin noch nicht so weit, das ich das schaffe. Nelson ist noch allgegenwärtig und auch, wenn er mir im Traum etwas Ähnliches gesagt hat wie du eben, brauch ich wohl noch Zeit. Aber ich habe Julien zu verstehen gegeben, das er mir nicht gleichgültig ist“, gebe ich ihr zur Antwort und damit ist sie dann auch zufrieden.
Von diesem Tag an treffen wir uns nicht nur auf der Uni und zum Musik machen, nein, Julien wird zu einem festen Bestandteil unserer Gruppe und wird allen zum Freund. Langsam sehe ich in ihm auch einen Freund, der mehr für mich ist und ich gestehe mir ein, das er dabei ist, Nelson in meinem Herzen Gesellschaft zu leisten, sich dort zu etablieren, ohne den anderen verdrängen zu wollen.
4 Wochen später fahren Julien und ich an einem Samstagmorgen los, ins Elsass, nach Ribeauville, um das Auto, das er von seinem Bruder bekommen soll, abzuholen. Je näher wir seiner Heimat kommen, umso nervöser wird er und als wir noch etwa 5 km zu fahren haben, bittet er mich, anzuhalten. Er nimmt sein Handy und telefoniert, aufgeregt und auf Französisch, so das ich kein Wort verstehe. Irgendwie erleichter bittet er mich weiter zu fahren und dann kommen wir endlich bei seinem Zu- Hause an.
Als wir halten, kommt eine farbige, schöne Frau in den Fünfzigern aus dem Haus, er läuft auf sie zu und umarmt sie. Dann winkt er mir und stellt mir die Frau als seine Mutter vor. Zu ihr sagt er, dass ich sein Freund bin und die Betonung lässt keine Missverständnisse aufkommen, wie er das gemeint hat. Ich werde ein bisschen rot, er hat das auf Deutsch gesagt, aber die Frau scheint sich zu freuen. Dann kommt sein Bruder, umarmt ihn und als Julien mich vorgestellt hat, umarmt er auch mich.
Dann sprechen die beiden schnell auf Französisch und Julien übernimmt die Papiere und die Schlüssel von dem kleinen Renault Twingo, der 30 Meter entfernt an der Seite steht. Julien sagt: „Fahr hinter mir her, wir müssen weg, ehe mein Vater zurück kommt“, setzt sich in das Auto und los geht’s. Ich folge ihm, erstaunt über sein Verhalten und fahre hinter ihn her. Dann denke ich, er wird es mir schon erklären, wenn ich ihn frage. Als wir Straßburg erreichen, fährt er in eine Nebenstraße. Dort ist ein Restaurant und er will dort mit mir zum Essen gehen.
Das gemütliche Lokal hat die typisch elsässischen Speisen im Angebot und wir setzen uns an einen Tisch in der Ecke, wo wir relativ ungestört sitzen und auch reden können. „ Julien, Du weist ja schon sehr viel von mir, aber ich weiß von Dir fast gar nichts. Es ist an der Zeit, das zu ändern und es wäre lieb von Dir, wenn du mir etwas über dich und deine Familie erzählen würdest“, sage ich zu ihm. Er schaut mich an und dann lächelt er mich an. „Du hast ja recht, aber ich wollte dich die ganze Zeit nicht unbedingt noch mit meinen Familienproblemen belasten. Nun hast du mein zu Hause gesehen, einen wunderschönen Ort, an dem ich aber nicht mehr sein darf. Alles war gut bis vor etwa einem Jahr. Meine Schule stand kurz vor dem Abschluss und ich hatte gute Ergebnisse vor zu weisen. Seit längerer Zeit hatte ich gespürt, dass ich so bin, wie du bist, nämlich schwul. Irgendwann habe ich mich dann entschlossen, meinen Eltern und Geschwistern mit zu teilen, das ich lieber mit einem Mann als mit einer Frau zusammen sein wollte. Das war im Nachhinein ein Fehler, denn ich hatte nicht etwa einen konkreten Grund, sondern ich wollte es einfach loswerden.
Mein Vater flippte aus, beschimpfte mich und sagte, dass wenn die Schule zu Ende wäre, für mich kein Platz mehr hier sei. Ich wollte eigentlich in Frankreich studieren, konnte aber auf Grund meiner guten Deutschkenntnisse einen Platz in Deutschland bekommen. Meine Eltern zahlen mir einen Unterhalt, der reicht gerade zum Leben. Studieren jetzt in Deutschland auch deswegen, weil hier ein Platz frei war und das Semester einen Monat früher angefangen hat wie in Frankreich.
Mein Vater hatte früher mit seinem Vater einen Streit, ging dann zur Fremdenlegion und kam so auch nach Afrika. Als seine Dienstzeit zu Ende war hat er meine Mutter kennengelernt und hat sie, als sein Vater starb, mit nach Frankreich genommen, geheiratet und Kinder bekommen. Meinen Bruder hast du gesehen, dann gibt es noch zwei Schwestern und dann noch mich. Wenn Vater mich heute gesehen hätte, hätte es bestimmt wieder sehr viel Ärger gegeben und wenn er wüsste, das mein Bruder mir das Auto umsonst überlassen hätte, hätte das auch noch Stress gegeben.
Er ist eigentlich kein schlechter Mensch, aber er hat, aus welchem Grund auch immer, einen Hass auf Schwule und will mich nicht mehr im Haus haben. Das macht mir viel zu schaffen, aber meine andere Familie mag mich genau so wie vorher und meine Mutter meint, er wird irgend wann auch einsichtig werden, wenn er merkt, das er allein ist mit seiner Meinung. Ich hoffe, dass sie recht hat und er mich so akzeptiert, wie ich bin.
Wie bestellen etwas zum Essen, trinken ein Glas Wein dazu und wir erzählen uns jetzt gegenseitig viele Ereignisse und Dinge aus unserem Leben. Nach etwa 2 Stunden und dem Begleichen der Rechnung durch Julien, er bestand darauf, fahren wir weiter Richtung Rheingau und sind am frühen Abend zu Hause. Ich bitte ihn, bei mir zu bleiben heute Nacht und freudig willigt er ein. Auch Oma lächelt froh, als ich ihr sage, das Julien bei mir bleibt über Nacht. Bei Michael und Kevin sage ich noch telefonisch, dass wir wieder zurück sind und frage, ob wir uns morgen früh zu einem ausgedehnten Weinbergspaziergang mit den Hunden treffen wollen.
Als beide zugesagt haben geh ich mit Julien nach oben. Wir gehen duschen, nacheinander und da er keine Wäsche dabei hat, gebe ich ihm von mir. Da wir die gleiche Größe haben, ist das kein Problem und so sind wir gegen 21:00 Uhr fertig für die Nacht. Da wir noch nicht gerade so müde sind, machen wir den Rechner an und Julien zeigt mir die Webseite vom Weinbaubetrieb seiner Eltern in Ribeauville. Die Seite hat er gestaltet und ins Internet gestellt. Er erzählt mir auch, dass sein Vater so gut wie nie an den PC geht, seine Mutter und sein Bruder machen das, so dass er diese Seite auch zur Kontaktpflege mit seiner Familie nutzen kann.
Er blättert mit mir die Seite durch und erklärt mir an Hand der dort eingestellten Bilder von Haus und Hof, aber auch von den Weinbergen und den technischen Anlagen den Betrieb und seine nähere Heimat. Lange, fast eineinhalb Stunden sitzen wir da. Als es dann nichts mehr dazu zu erzählen gibt, frage ich ihn, ob wir schlafen gehen wollen und er ist einverstanden.
Der Rechner wird runtergefahren und wir legen uns ins Bett. Es ist das erste Mal, das jemand das Bett mit mir teilt, der nicht Nelson heißt und es ist schon im ersten Moment ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Trauer und Angst, aber auch Freude und Hoffnung sind dabei. Julien liegt auf der Seite, auf der immer Nelson lag, als wir hier damals in Urlaub waren. Er hat sich zu mir gedreht und schaut in mein Gesicht. Seine schönen dunklen Augen versuchen, in meinem Gesicht zu lesen, wie es mir in diesem Moment geht. Diese Augen fragen mich, ob es mir gut geht jetzt, da wir hier zum ersten Mal neben einander liegen, nur durch einen Decke aus Stoff getrennt.
Und dann tue ich etwas, auf das er bestimmt schon lange gewartet hat. Ich beuge mich über sein Gesicht und gebe im einen Kuss auf den Mund und als er versucht, seine Zunge in meine Mund zu bringen, lasse ich es zu, spiele mit seiner Zunge und er mit meiner und zwei große Tränen fallen auf sein Gesicht. Er löst sich, nimmt mich in den Arm und flüstert in mein Ohr: „Cherie, mon Amur, Je t’aime“, und ich flüster zurück: „Ich liebe dich auch“ und ich halte mich an ihm fest.
Ein Gefühlssturm tobt in mir, wie ich ihn seit damals, als ich Nelson vor dem Haus der Mbete’s zum ersten mal küsste, nicht mehr erlebt habe und es ist, als ob ein stählernes Band von meinem Herzen genommen wird. Zusammengekuschelt liegen wir da, kurz darauf schläft er ein, während ich da liege und meine Gefühle genieße. „Das gut war Massa, das Nelson sehr gefallen, jetzt Nelson auch bald sehr glücklich, weil Massa Jan sehr glücklich. Massa Jan kann immer rufen Nelson, wenn traurig. Aber Julien machen Massa Jan sehr glücklich, jetzt gut schlafen Massa Jan“, er musste schon immer das letzte Wort haben.
Wenn du morgens aufwachst und der Mensch, den du liebst, liegt neben Dir, schaut in deine Augen, lächelt dich an und küsst dich dann, was kann denn dann noch fehlen, an so einem Morgen. Wir streicheln das Gesicht des anderen, ich kuschel mich an ihn, wieder küssen. So darf s jeden Morgen ein.
Opa klopft: „Wollt ihr mit uns frühstücken, bevor Oma und ich zur Kirche fahren. „Wir kommen gleich rufe ich, schlage die Decke zurück und richte mich auf. „Du bist schön, Cherie, sehr schön. Je t’aime“, sagt mein kleiner Charmeur zu mir. „Komm, mein Lieber, steh auf zieh was an. Duschen können wir später, wenn die beiden in der Kirche sind“, sage ich und ziehe mit eine Sporthose und ein Shirt über. Ich gebe Julien auch was zum überziehen und im Schlabberlook machen wir uns auf den Weg nach unten. An diesem Sonntag wird mir klar, das ich mich neu verliebt habe und das ich Nelson trotzdem nicht verlieren werde.
Julien ist sehr einfühlsam und vermeidet jede Situation, die verfänglich sein könnte. So lässt er mich wieder schön allein duschen, obwohl ein Teil in mir und auch Kleinjan vielleicht lieber mit Julien zusammen geduscht hätten. Dann denke ich aber auch, dass das ja nicht weglaufen würde. So vergehen die nächsten Tage damit, dass wir uns stetig näher kommen. Wir freuen uns, wenn wir zusammen sind, schmusen und knutschen hier und da ein wenig und verbringen immer mehr Zeit zusammen.
Die Anderen vier Freunde freuen sich mit uns und wir sind jetzt auch oft zusammen, nicht nur um Musik zu machen, sondern auch bei jeder sich bietenden anderen Gelegenheit. Immer öfter gesellt sich auch Michaels Freundin dazu und irgendwann hat Julien die Idee, das Nadine, so heißt sie, doch mal ein bisschen mit singen solle, wenn wir spielen. Das klappt weit besser, als es jeder erwartet hat und so proben wir mal ein paar Stücke mit Gesang. Wir sind echt erstaunt, wie gut das klappt und Nadine hat richtig Freude bei der Sache. Nun sind wir also Sieben, und in der Freizeit sehr oft zusammen. Eine große Freundschaft hat sich entwickelt und wir haben viel Freude miteinander.
Zwischen Julien und mir, ist bis auf Kuscheln und Knutschen noch nichts gewesen und ich wundere mich, dass er nicht aktiver wird. Soll er das alles aus Rücksicht auf meine Gefühle für Nelson unterdrücken? Oder, mir geht da ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, sollte er etwa selber noch gar keine Erfahrungen gemacht haben, wie schön die Liebe zwischen zwei Männern sein kann. Ich beschließe, während der nächsten gemeinsamen Nacht in dem Bett zu verführen, in dem ich meine Unschuld verloren habe.
Die Gelegenheit kommt am Freitag, wir haben lange geprobt und Kevin bringt Raoul nach Geisen-heim, Julien bleibt bei mir. Als es dann darum geht, wer zu erst zum Duschen geht, sage ich zu ihm: „Heute wollen wir mal einen Beitrag zum Wassersparen leisten und wir gehen einfach zusammen Duschen. Sein Teint wird etwas dunkler und er ist ein wenig verlegen, so kommt es mir jedenfalls vor und er hebt an: „aber ich..“, „Nichts aber, wir gehen jetzt zusammen unter die Dusche“, sage ich und schiebe ihn ins Bad.
Er steht verlegen da und weiß nicht so recht, was im geschieht, als ich beginne ihn und mich, immer abwechselnd ein Kleidungsstück, aus zu ziehen. Als ich seine Jeans abstreife, sehe ich, das KleinJulien mit meiner Aktion sehr einverstanden ist und er reckt sich in ansehnlicher Größe unter dem weichen Stoff einer gelben Shorts stark nach oben. Als ich jetzt auch meine Jeans abstreife, geht sein Blick automatisch, wie von einer Schnur gezogen, nach unten, wo Kleinjan nach etlichen Monaten strenger Abstinenz regelrecht den Aufstand probt. Als ich jetzt nach dem Abstreifen der letzten hindernden Kleider beide, Kleinjan und Kleinjulien zwischen meine Hände nehme und sie aneinander reibe, explodieren sie beide förmlich und wir sinken nach unten, so stark sind die Gefühle.
„Julien“, frage ich nach dem Abklingen des Höhepunktes, „das war das erste mal, das ein anderer Mann dich berührt hat, oder?“ Er wird wieder dunkler im Gesicht, schaut mich an und nickt: „Qui, mon Cherie“, und sagt dann: „Es war sehr, sehr schön, aber es war sehr schnell zu Ende.“ „ Nun, wie werden jetzt mal duschen, uns gegenseitig waschen und wenn du Lust hast, danach im Bett noch ein bisschen experimentieren, das wird dir sehr gefallen, denk ich und mir auch“, sag ich und schiebe ihn in das Duschgehäuse.
Im Anschluss an das Duscherlebnis, Julien war ein einfallsreicher Einseifer und war auch für meine schäumerischen Dienstleitungen empfänglich und sehr dankbar, gingen wir ins Bett und Kleinjulien erfuhr zum ersten mal im Leben, wie es ist, intensiv geküsst und mit dem Mund verwöhnt zu werden. Die Revanche, die folgte, bereitete mir viel Freude und als wir dann zufrieden neben einander lagen, sagte mein Schatz: „Oh Cherie, ich habe nie gedacht, das das so schön ist, Liebe mit einem Mann, den man liebt, zu haben. Ich war noch nie so glücklich wie jetzt mit dir“, und es folgt ein langer Kuss. „Auch ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich wieder jemanden lieben darf, und ich liebe dich sehr“, sage ich
Der Brief kommt am 11.August 2007, mit einer Zustellungsurkunde, aus Kapstadt, vom Schwurgericht. Ich bin vorgeladen, als Zeuge und zugleich als Nebenkläger, über die Vorkommnisse, die zum gewaltsamen Tod von Nelson Mbete auszusagen. Die Entschädigung für die entstehenden Kosten werden zugesagt. „Das sind noch knapp drei Wochen bis dahin, du musst dich rechtzeitig um einen Flug bemühen“, sagt Opa. Der Termin ist am 2. September, morgens um 9:00 Uhr in Kapstadt. Nach dem sich die erste Aufregung gelegt hat, Julien ist noch in der Uni, buche ich einen Flug ab Frankfurt für den 30.August, weil ich ja noch vorher mit unserem Familienanwalt reden muss. Dann schreibe ich sofort eine E-Mail an Mama mit Kopien an Michael und Kevin und Raoul.
Ich rufe Julien auf seinem Handy an, das er nach der Uni sofort zu uns kommen soll. Er wollte eigentlich noch ein paar Sachen aus seinem Zimmer mitbringen, denn wir sind gerade dabei, zusammen zu ziehen. Das war ursprünglich Omas Idee und wir haben sie natürlich mit Freude aufgegriffen und sind dabei, das in die Tat umzusetzen. Am Wochenende werden wir alle zusammen die wenigen Habseligkeiten meines Schatzes von Geisenheim nach Martinsthal bringen. Dann wird der Umzug mit einem Grillabend gebührend gefeiert.
Als Julien eintrifft, zeige ich ihm den Brief und erzähle, was ich bereits veranlasst habe. Er will spontan mitfliegen, aber allein der Gedanke, er könnte in eine ähnliche Gefahr hinein geraten, die meinen Nelson das Leben gekostet hat, lässt mich den Plan kategorisch ablehnen. „Du bleibst hier und du wirst nicht eher südafrikanischen Boden betreten, bis die sieben Leute hinter Gittern sitzen“, sage ich und nehm ihn in den Arm, „Bleib du schön hier bei Opa und Oma und pass auf, das alles ohne mich läuft hier.“ Auch sein Bitten kann mich nicht umstimmen.
Die restliche Zeit bis zum Flug vergeht mit Uni, Weinbau mit Opa, Musikmachen mit den Freunden, aber, und das ist die Hauptsache, mit Verliebt sein in Julien. Sein „Cherie, mon Amur, je T’aime“ macht mich glücklich und wir sind fast immer gemeinsam an zu treffen. In der Nacht zum 30. August fährt mich Julien, von Michael begleitet, nach Frankfurt und nach einer innigen Verabschiedung fliege ich über London nach Kapstadt, wo mich Papa am Flughafen abholt. Es ist schon eine große Freude, die Familie Marten und Mbete wieder zu sehen und alle, auch die Familie Sisule treffen sich am großen Pool zum Feiern, Freude über meine Rückkehr, Freude darüber, das den Verbrechern jetzt der Prozess gemacht wird und auch Freude darüber, das ich eine neue große Liebe gefunden habe.
Am nächsten Tag bin ich über drei Stunden bei unserem Anwalt in Stellenbosch, der uns in dem Prozess vertritt.
Am Morgen des Prozesses fahren wir rechtzeitig nach Kapstadt. Der Prozess beginnt mir der Verlesung der Anklage und geht dann in die Beweisaufnahmen. Da ich als Zeuge geladen bin, muss ich draußen warten, und erst nach zwei Stunden werde ich herein gerufen. Nach Aufnahme der Personalien, werde ich belehrt, dass ich die Wahrheit sagen muss. Ich schildere den Ablauf des Abends bis hin zu dem tragischen Ende und zum Schluss versagt mir das ein oder andere Mal die Stimme. Meine Freunde, die Damals an dem Abend zurück gekommen waren, sind auch geladen und sagen nach mir aus.
Ich bin nach meiner Aussage an den Tisch unseres Anwaltes gegangen und habe dort als Nebenkläger Platz genommen. Unsere Forderung lautet auf 130.000,- Rand Schmerzensgeld für meine Verletzungen, das sind etwa 10.000,- Euro. Der Prozess verläuft nicht störungsfrei und einige Sympathisanten der angeklagten werden des Saales verwiesen. Bis zum Mittag sind die Zeugen vernommen und die Beweislage ist recht klar. Der Staatsanwalt fordert für Frantje van Geldern 4o Jahre Haft, für die Mitangeklagten je 2o Jahre Haft. Nun beginnen die Verteidiger, ausnahmslos Weiße und solche, die schon Anwalt während der Apartheit waren. Jeder benötigt etwa 1o bis 15 Minuten, um die Unschuld ihrer Mandanten zu beteuern, der Anwalt von Frantje braucht sogar 20 Minuten und versucht, meine Aussage zu widerlegen. Dann ist noch mein Anwalt an der Reihe, der innerhalb von fünf Minuten klar legt, warum und in welcher Höhe mir Schmerzensgeld zusteht. Dann zieht sich das Gericht zur Beratung zurück.
Nach 50 Minuten wird die Verhandlung fortgesetzt und der Vorsitzende Richter, ein farbiger verkündet die Urteile. Das Gericht folgt weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft, geht jedoch bei van Geldern über das geforderte Strafmaß hinaus und verhängt 5o Jahre Haft. In der Begründung heißt es, dass der Angeklagte bereits 4-mal vorher wegen rassistisch motivierter Taten verurteilt worden ist und eine Besserung nicht erkennbar ist. Dann ist der Prozess zu Ende.
Am Abend, als wir heim kommen, trinken wir zusammen auf den Ausgang des Prozesses und an diesem Abend falle ich angetrunken ins Bett. Plötzlich ist er wieder mal bei mir: „Massa, Nelson ist da, Massa, jetzt böse Mann, der Nelson gestochen, eingesperrt, lange Zeit , Nelson froh ist und Massa froh ist, jetzt alles gut wird Massa“
Am übernächsten Tag fliege ich zurück, weil ja das Studium weitergeht und weil dort bei Opa mein Julien wartet, dass ich zurück komme. Julien holt mich in Frankfurt ab und wir fahren zu Opa nach Hause und freuen uns auf die gemeinsame Zukunft.
7 Tage später sitze ich total aufgelöst wieder im Flugzeug, wieder allein und in Angst und Sorge um meinen Vater. Er ist, nachdem auf sein Auto geschossen wurde, einen Hang herunter gestürzt, der Wagen überschlug sich mehrfach und Vater wurde schwer verletzt. Mutter meinte am Telefon, das er sogar gelähmt bleiben könne. Akute Lebensgefahr besteht nicht. Die Polizei vermutet einen Zusammenhang mit dem Prozess um den Tod von Nelson und van Breukelen hat den Fall übernommen. Die Ermittlungen erweisen sich als schwierig und es kann dauern, bis es Ergebnisse gibt, wenn es überhaupt welche gibt.
Auf diese Nachricht hin, nehme ich das nächst beste Flugzeug nach Kappstadt und in wenigen Minuten werde ich dort landen. Mutter wird mich abholen und ins „Groote Schur“ bringen, wo Vater liegt.

Die Abreise erfolgte Hals über Kopf und ich hatte nur wenig Zeit, mich von Julien zu verabschieden. Das Flugzeug hatte ich mit Mühe und Not erreicht und ich bin froh, dass ich gleich wieder festen Boden unter den Füssen habe. Wir setzen zur Landung an und 25 Minuten später warte ich am Fließband auf meine Tasche. Als ich die habe, gehe ich durch den Ausgang in die Vorhalle und such e Mama. Es dauert nicht lange, da hab ich sie gefunden und nach einer kurzen Umarmung geht es ab zum Auto Im Krankenhaus liegt Vater auf der Orthopädie und er freut sich, trotz seiner schweren Verletzung und der Schmerzen, mich zu sehen.
Nach ein bisschen Smalltalk kommt Vater zur Sache. „Junge“, sagt er, „du weißt, dass wir immer darauf bedacht sind, unsere Kinder glücklich zu sehen, aber in dieser ernsten Situation muss ich dich bitten, das Studium in Deutschland abzubrechen und nach Hause zurück zukehren. Ich weiß derzeit nicht, ob ich noch einmal einen Weinberg auf meinen eigenen Beinen betreten werde und das Geschäft erfordert einen gesunden Mann, der weiß, was zu tun ist. Bis zum heutigen Tag haben wir alle und auch du, die Mbete und die Sisule vom Ertrag dieses Weingutes recht gut gelebt und du musst jetzt meinen Platz ein nehmen, auch wenn es dir noch so schwer fällt, dein Studium und deine Freunde und alles in Deutschland aufgeben zu müssen. Wir waren immer für dich da und jetzt, wo unsere Existenz mit von dir abhängt, möchte ich, dass du uns nicht im Stich lässt.“
Was soll ich jetzt dazu noch sagen. Ich würde nie mehr in den Spiegel schauen können, wenn ich das nicht tun würde, was Papa von mir verlangt. „Papa, du weißt, das ich euch über alles liebe und gern habe und ich werde selbstverständlich hier bleiben und meinen Mann stehen, auch , wenn es weh tut, jetzt in Deutschland alles auf zu geben. Wir warten jetzt mal alle Untersuchungen ab und in der Zeit, in der du Krank bist, werde ich hier bei euch sein.“
Am nächsten Tag bereits nimmt mich die Arbeit auf dem gut voll in Anspruch. Nach dem ich gestern Abend noch mit Allen in Deutschland, besonders aber mit Julien telefoniert habe, wissen alle zunächst mal Bescheid. Opa geht mich auf der Uni abmelden und mit den Anderen vereinbare ich täglichen Kontakt und wir wählen ein Chatprogramm, in dem wir uns jeden Abend treffen können und uns dann alle miteinander unterhalten können.
Mit viel Arbeit auf Trab gehalten, jeden zweiten Tag Krankenbesuch und jede Menge Sehnsucht nach Julien beginnt mich das alles doch ganz schön zu fordern und ich wäre schon froh, wenn ich das Ganze hier wieder an Papa abgeben könnte, um zurück nach Martinsthal zu gehen. Julien hat im Moment auch keinerlei Möglichkeiten, hier her zu kommen, verständlich, denn es ist ja kein Katzensprung und kosten tut es auch nicht wenig.
So vergeht die Zeit, Der Dezember kommt und im neuen Jahr beginnen schon die Lesevorbereitungen. Vor lauter Arbeit komm ich kaum zum Nachdenken und das ist auch gut, aber abends im Bett, da kommt es dann knüppeldick und manche Träne versinkt im Kopfkissen und oft schlaf ich auf feuchtem Kissen ein.
Und dann kommt Papa heim, im Rollstuhl, und wer ihn kennt, weiß, was das für ihn bedeutet. Er kann nicht so, wie er gern möchte und oft ist es schwierig, ihm alles recht zu machen
Weihnachten steht vor der Tür, noch drei Tage, dann werden wir am Strand bei Strand wieder einen Weihnachtstag verleben, mit Wein und Gegrilltem und einem großen Weihnachtsbaum, den Opa immer schickt. Die Vorbereitungen laufen schon und alle sind in Weihnachtsstimmung, fast alle.
Dann ist es wieder so weit, alle sind am Strand und feiern Weihnachten 2007 und ich bin am Ausgangspunkt meiner Erzählung angelangt
Mit dem großen Schneckenhaus in der Hand kehre ich von meinem Spaziergang zu rück und geselle mich unter die Leute, die zwanglos an den Tischen sitzen oder in Liegestühlen Siesta halten. Ich hol mir einen Wein, setze mich zu Papa und stoße mit ihm an, auf das er nochmal ganz gesund wird. Mama kommt und fragt: „Was wünscht sich denn mein Jan. zum Geburtstag?“ „Mama, sag ich, „ meinen Wunsch kennst du, ich will zu meinem Julien, aber da das jetzt nicht geht, wollen wir auch nicht darüber reden.“
Anna Maria, meine Schwester, 14 Jahre jung und bildhübsch kommt und sagt: „Mama, da kommt einer von der Straße herüber, der sieht aus wie der Weihnachtsmann. Habt ihre für die Kleinen sowas bestellt?“ Wir schauen alle in die Richtung und sehen tatsächlich eine als Weihnachtsmann verkleidete Person auf unseren Strandabschnitt zu kommen. Er ist noch etwa 1oo Meter weg und ist wirklich gut verkleidet. Der muss doch schwitzen wie ein Ochse, denk ich mir. Die Kleinen sind auch aufmerksam geworden und suchen vorsichtshalber mal ihre Mütter auf.
Ich wende mich wieder meinem Wein zu, trinke einen Schluck und denke nicht weiter über den Weihnachtsmann nach, sicher ein armer Student, der sich ein paar Rand dazu verdienen will. Als er herangekommen ist, kann Mann den großen sack auf seinem Rücken sehen und er kommt bis in unsere Mitte. Stellt den Sack auf den Boden. Mama Mbete bringt ihm einen Stuhl und er setzt sich hin. Sofort bildet sich ein großer Kreis und ihn herum und dann beginnt er zu sprechen. Jetzt werde ich hellhörig, wieso spricht der denn deutsch? Gut, die meisten hier verstehen dass aber wieso kommt hier ein deutschsprechender Weihnachtsmann. Und wie der spricht, so gestelzt, so krampfhaft hochdeutsch, merkwürdig. Jetzt verteilt er kleine Geschenke an die Kinder, lässt sie zu sich kommen, fragt sie ein wenig aus. Als alle Kinder bedient sind, bedankt sich Mama beim Weihnachtsmann und will ihn verabschieden.
„Ich bin noch nicht fertig“, sagt der Weihnachtsmann, „ich habe noch eine Botschaft auszurichten an Jan, an Jan Martens.“ He, spinn ich, was will dann der jetzt von mir, ich bin eigentlich nicht in Stimmung. Gute Miene zu bösem Spielmachend, geh ich näher an ihn ran und sage: „ Ich bin Jan und welche Botschaft soll das sein?“
Er greift in den Großen Sack und holt eine Gitarre heraus, setzt sich in Positur und fängt an, einige Akkorde zu spielen. Jetzt fängt er an zu singen. „Petit Papa Noel, Petit Papa Noel. “ Diese Stimme, diese Sprache, ich mache zwei Schritte auf ihn zu, greife in den Bart, ziehe Zerre den Bart nach unten weg. Während meine linke die Mütze und den weißen Skalp greift und nach hinten abstreift, erkenne ich sein strahlendes Gesicht. „Julien, Julien“, ruf ich und dann fallen wir uns um den Hals
„Frohe Weihnachten Jan“, sagt er in mein Ohr, während um uns rum Applaus tönt und dann kommt Mama und sagt auch „Frohe Weihnachten Jan und ich drücke und küsse sie und danke für diese gelungene, alle übertreffende Überraschung. Jetzt wird Julien im Familienkreis vor gestellt und alle nehmen ihn freundlich auf. Mama Mbete schaut ihn an, dreht ihn in die Sonne schaut tief in seine Augen und sagt:“Herzlich willkommen, Julien, wir haben gehofft die letzten Monate, das du kommst. Jan braucht dich und ich bin froh, dass du jetzt da bist. Mach ihn glücklich „, dann küsst sie ihn auf die Stirn.
Mama erzählt, wie sie das alles eingefädelt hat, mit Opa und Oma , auch Michael hat mitgeholfen, alles zu organisieren. Julien ist abgemeldet in Geisenheim und wir beide sind angemeldet in Stellenbosch. Die arbeit auf dem weingut werden wir zusammen mit den anderen schaffen und Platz haben wir auch genug für uns beide.
Ich nehme in zur Seite, schenke ihm das grosse Schneckenhaus, sag ihm, das wir gegen Abend, wenn wir zurückkommen, noch in den Schwimmingpool gehen. „Danach, möchte ich in der Nacht zu meinem Geburtstag richtig mit dir schlafen und wenn du mir ein Geburtstagsgeschenk machen willst dann tu es du auch mit mir“ sage ich, „ich liebe dich, frohe Weihnachten“ „Frohe Weihnachten Cherie, Je T’aime mon Amur, mon Cherie“.

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